Geiz und Hab-Gier: Die herrschenden Laster der (politischen) Gegenwart

Ein Hinweis auf „Hauptsünden“, Laster genannt, von Christian Modehn am 3. April 2026

1.
Die Inszenierung des „Geizigen“ („L` Avare“, von Molière) der „Schaubühne“ in Berlin im April 2026 (Regie: Thomas Ostermeier, mit Lars Eidinger in der Hauptrolle) führt in eine Reflexion über den Geiz, aber auch über die Gier: Beide Laster sehen wir in engem Zusammenhang. In klassischen Reflexionen werden Geiz und Habsucht (Gier) ohnehin oft verbunden, der lateinische Name „Avaritia“ bedeutet beides, Geiz und Habgier. Wer von Geiz spricht, sollte also immer auch an Habgier denken. Mag der „Geizige“ von Molière auch eine Komödie sein: Lustig ist Geiz eigentlich gar nicht, zumal für jene, die unter dem Geiz des Geizigen zu leiden haben, zumal, wenn denn die Geizigen auch noch die Gierigen sind.

2.
Ohne hier eine umfassende Tugend/Untugend-Lehre aufzumachen:
Geiz bedeutet: Sparsamkeit um der Sparsamkeit willen. Geiz zielt auf die Anhäufung von Reichtum, Geld, Eigentum jeder Art, nur mit dem einzigen Ziel: damit diese Dinge meine Dinge werden.
Den Geizigen beglückt einzig das Nehmen, das Sich-Aneignen, das Bei-Sich-Halten des Eigentums. Diesen angehäuften Reichtum kann der Geizige – schon wegen der Menge – selber gar nicht genießen. Geben, Verteilen, Gerechtsein, Soldarischsein sind für den Geizigen geradezu selbstzerstörerisch.

3.
Der Geizige braucht für sein Lebensmodell eine starke innere Kraft, man möchte sagen: eine verdorbene „Spiritualität“: die Gier, die Sucht zu Haben. Der Geizige will auch über immer mehr Eigenes verfügen. Die Geizigen werden dann die Habgierigen, die können nie genug über Eigentum verfügen. Darum brauchen die Gierigen eine enorme Durchsetzungskraft gegen die anderen. Sie werden nur als Konkurrenten gedacht, mit denen man einen „Deal“ zu eigenem Vorteil machen muss. Hat der Hab-Gierige (der Hab – Süchtige) wieder etwas erobert, gekauft, vereinnahmt, freut er sich über die Anhäufung seines Eigentums, das er, geizig, für sich behält und mit allen Mitteln schützt und auf „Teufel komm raus“ verteidigt, natürlich auch mit Waffen. Nationalismus in allen Spielarten Habgier. Geiz und Habgier führen zum Krieg, und habgierigen Politikern gelingt es immer, ideologisch verblendete, man möchte sagen dumm gemachte Massen, für die Zwecke ihrer Habsucht einzuspannen, also etwa als „Kanonenfutter“ für die Eroberungskriege zu „verwenden.“ Menschen sind für den Geizigen wie für den geizig – Habsüchtigen nur Dinge, nur „Menschen-Material“ – ein Wort aus dem Wörterbuch der Unmenschen der Nazis – damals und heute.

4.
„Der Geizige“ ist also alles andere als „nur“ eine Komödie. Das Thema führt in die Politik. Das sagt Intendant Thomas Ostermeier in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“, 30. März 2026, S, 12, deutlich: „Die Gegensätze verschärfen sich in Berlin. Das Kapital hat die Stadt übernommen, die Mieten steigen ins Astronomische. Alternative oder künstlerische Milieus , die früher den Wert dieser Stadt ausmachten, werden verdrängt. Es gibt wesentlich mehr Armut und das Kleinbürgertum kämpft gegen seine Abstiegsängste…Der Ton wird rauer und die bürgerliche Mitte igelt sich ein.“ Man kann etwa durch ein Beispiel ergänzen: Die individuellen Geschäfte, Läden, von Privat geführt, sehr beliebt bei den Menschen, die mehr sein wollen als „Konsumenten“, werden durch die Gier der Vermieter von Gewerbe-Immobilien zugunsten von finanzstarken, anonymen, neutral erscheinenden „Ketten“ verdrängt: So wird den Menschen in ihrem Kiez ein Stück Vertrautheit und Nähe, man möchte sagen auch ein Stück Heimat genommen … durch die Gier der Kapitalisten! Und die Politikerinnen sehen dem machtlos zu. Sie sind ja oft genug mit entsprechenden Lobbyisten eng verbunden…

5.
Darüber gibt es unter Demokraten Konsens: Unsere Welt wird heute von absolut gierigen Herrschern beherrscht. Sie sind diejenigen, die gegenüber anderen, den Milliarden Armen und vom Kapital arm Gemachten, ihr eigenes Ding, ihren „Deal“ rücksichtslos durchziehen.
Und die Bürger sowie die Politiker der wenigen bis jetzt noch verbliebenen demokratischen Staaten sind hilflos dieser Gewalt und der verrückten Laune der Politik – Milliardäre und deren hilfreichen Milliardärs- Freunde ausgesetzt: Das gilt für die USA, die durch den Multi – Milliardär Trump ins Diktatorische abdriften, wie für Russland, dort sind Putin und die Seinen bekanntlich Multi-Milliardäre. Auf Bolsonaro (Brasilien) und die vielen arabischen Milliardäre wollen wir nur hinweisen oder den König von Thailand, erwähnen wir hier schon die Millionäre unter afrikanischen „Politikern“, sehr heftig etwa in Simbabwe. Auf den Milliardär und jetzt erneut wieder-gewählten (!) Ministerpräsidenten Herrn Andrej Babis in Tschechien weisen wir nur hin… Immerhin wird auch Herr Netanyahu (Israel) als ein Multi-Millionär in der Presse gewürdigt: Sehr bescheiden hingegen der deutsche Kanzler Friedrich Merz, er hat nur ein Vermögen „um die 12 Millionen“ Euro (Quelle:LINK . Bescheiden dagegen auch der CDU – Politiker Jens Spahn:Sein geschätztes Vermögen beträgt nur 3 Millionen (Quelle: LINK
Damit wollen wir überhaupt nicht andeuten, dass die genannten deutschen Politiker geizig oder gar habgierig seien. Nein, sie sind als christliche Politiker bekanntlich die bewährten Verteidiger der sozialen Gerechtigkeit für die Armen und der Großzügigkeit für Flüchtlinge – in enger Verbundenheit mir dem sehr „liberal“ denkenden Christlich (!) -Sozialen (!) Innenminister Alexander Dobrindt, ein wahrer Freund der Flüchtlinge? Sie alle sind doch auch die entschiedenen Befürworter einer Reichensteuer ….. oder irre ich mich da? Muss man sich bei diesem dringenden Thema ins Utopische flüchten?

6.
Wohin also führen diese wenigen unvollständigen Überlegungen anläßlich der Inszenierung des „Geizigen“ in der „Schaubühne“, Berlin, im April 2026?
Sie führen zur Erkenntnis, dass die Menschen der meisten Staaten, tatsächlich von Plutokraten beherrscht werden. Plutokraten – das ist nur ein anderer Name für die absolut Gierigen und Geizigen. Und die treffende Anrede von Staatspräsidenten sollte immer sein: „Der Herr Plutokrat Trump, der Herr Plutokrat Putin, der Herr Plutokrat Babis usw…auch für Mohammed VI. (Marokko) gilt dies, auch: Herr Plutokrat Teodoro Obiang Nguema Mbasogo (Präsident von Äquatorialguinea), Herr Plutokrat Paul Biya (Präsident von Kamerun), Herr Plutokrat João Lourenço (Präsident von Angola) die treffende Anrede…
Es ist irgendwie verwunderlich, dass genau diese drei von extremen Plutokraten regierten afrikanischen Staaten Papst Leo im April 2026 auf seiner apostolischen Reise besucht, er will dort die Armen treffen, heißt es im Vatikan. Vielleicht hofft der Papst auf eine milde Gabe, einen üblichen „Peterspfennig“, der Plutokraten für seinen so bettelarmen“ Heiligen Stuhl“..

7.
Merke also: Umfassende gerechte Sozialpolitik, die diesen Namen verdient, ist von diesen Milliardärs-, Millionärs – Politiker Herren überhaupt nicht zu erwarten. Es sei denn, sie bekehrten sich von ihrer Hab – Gier und ihrem Geiz. Das ist nahezu ausgeschlossen. Und eine gerade jetzt dringend gebotene gerechte Reichensteuer ist von diesen Herren auch nicht zu erwarten: Welcher Gierige, Geizige, schneidet sich mit einer humaner Politik des Teilens und der Solidarität in das eigene, bestens gepflegte Fleisch?

8.
Von Enteignung der Milliardäre zur Rettung der Welt und zugunsten einer humaneren, d.h. gerechteren Welt, wagt heute kaum jemand zu sprechen. Warum sitzen, um Gottes Willen, so viele Menschen ungestraft und eben nicht ein bißchen enteignet auf ihren so vielen hunderten von Milliarden Dollar oder Euro oder Schweizer Franken? Warum empört sich keine Massenbewegung gegen diesen Wahn der Ungerechtigkeit? Einige wenige Milliardäre sind ja mit menschlichem Vorbild aufgetreten – und haben etwas Geld verteilt, weil sie Mit – Menschen geblieben sind.

9.
Ist das Thema Enteignung wirklicher nur ein Thema des radikalen Sozialismus? Dabei passieren doch Enteignungen vieler Millionen Menschen ständig vor aller Augen: Da werden viele Millionen ArbeiterInnen in den Fabriken um ihr eigenes gesundes Leben enteignet … durch horrende Arbeitsbedingungen; da schuften Kinder in den Goldgruben Afrikas… Arbeitssklaven auf den Baustellen der arabischen Welt und so weiter: Millionen Menschen werden längst ent-eignet, um das Eigene ihres eigenen freien, menschenwürdigen Lebens gebracht.
Enteignung, durch die Plutokraten und ihre Freunde, gibt es also längst und seit langem. Geht auch mal der umgekehrte Weg? Der von der Enteignung der Enteignenden handelt? Eine interessante, aber nur spekulative und selbstverständlich völlig sinnlose, wenn nicht verbotene Frage einiger Demokraten.

10.
Es sieht also für die Bürger düster aus, wenn man sich vom „Geizigen“ (Molière) ins weitere Reflektieren führen lässt. Vielleicht kann man anläßlich dieser Komödie aus dem 17. Jahrhundert und dem geizigen Harpagon (d.i. jetzt Lars Eidinger) dann doch wenigstens für ein paar Minuten schmunzeln, um dann wieder, leicht verzweifelt, in die Welt der verrückt gewordenen Plutokraten zurückkehren zu müssen. In die Stadt Berlin etwa, von der Intendant Ostermeier treffend sagt: „Das Kapital hat die Stadt übernommen“. Man lebt zudem in einer Stadt, in der es kritische Propheten aus christlichen Kreisen längst nicht mehr gibt! Bischöfe und Theologen sind eher Verwalter ihrer eigenen gut bezahlten Stellung geworden. Einst waren manchmal einige christliche Theologen und Bischöfe noch so etwas wie Propheten.
Sollen sich doch mal Berliner TheologInnen und Bischöfe mit der treffenden These des Künstlers Thomas Ostermeiers auseinandersetzen: „Das Kapital hat die Stadt übernommen“. Sollen sie doch mal eine Berliner-Theologie in diesem Zusammenhang entwickeln.
Ein großer Künstler hat den Mut, den menschlichen Niedergang (nicht nur) dieser Stadt zur Sprache zu bringen. Es ist ein Niedergang – von der Demokratie zur Herrschaft des Kapitals … verursacht von Geiz und Habgier.

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

Die „unsichtbare Religion“ – lebt in der säkularisierten Gesellschaft

Ein Hinweis auf ein ungewöhnliches Thema des Soziologen Thomas Luckmann
Von Christian Modehn am 30.3.2026

Vorwort:
Der Soziologe Thomas Luckmann hat den engen Begriff „Religion“ erweitert, wenn nicht gesprengt, durch seine These der „unsichtbaren Religion“. Darauf vor allem wird hier hingewiesen. Diese Öffnung des Religionsbegriffes über die engen Grenzen der religiösen, der kirchlichen Institutionen hinaus hat bereits Immanuel Kant geleistet, nicht zuletzt aber der Weisheitslehrer Jesus von Nazareth oder aktuell der große Theologe Karl Rahner. Darauf wird am Ende dieses Beitrags hingewiesen (Nr. 14 ff.)

1.
Thomas Luckmann hat als Soziologe schon 1967 eine neue, ziemlich gewagte These publiziert: Eine von ihm „unsichtbar“ genannte, das heißt „außerhalb der kirchlichen Institutionen“ lebendige, nur individuell je verschieden geprägte Religion sei heute in Europa bestimmend. Wenn das Zerbrechen institutioneller religiöser Bindungen in individuelle Vielfalt gilt, wenn also sehr viele Menschen ihre je eigene Religion, ihren je eigenen „transzendenten Mittelpunkt“ und „Gott“ selber entwickeln, dann muss man an der gängigen sozialwissenschaftlichen und philosophischen These zweifeln: Unsere westliche Gesellschaft sei grundlegend „säkularisiert“, also ohne Bindungen an oberste, für göttlich gehaltene Werte. Es lohnt sich also, über diese „unsichtbare Religion“ nachzudenken… Aber auch die Grenzen dieser liberalen These zu erkennen.

2.
Der vielseitig gebildete Soziologe Thomas Luckmann hat mit seiner “unsichtbaren Religion“ eine heftige Diskussion eröffnet. Er hat gezeigt, dass Religionssoziologie umfassender, durchaus auch philosophisch interessierter ist als die populäre, eher schlichte Kirchensoziologie: Sie ist seit etwa 1945, zumal in Frankreich, etwa auf Statistiken zur „religiösen Praxis“ am Sonntag fixiert oder auf die Anzahl der Priester in ländlichen Gegenden usw. Französische Religionssoziologen hatten einst dieses Hauptinteresse, sie erforschten die religiöse Welt nicht umfassend, sie meinten, angesichts der Teilnehmer – Zahlen an der Sonntagsmesse in allen Regionen Frankreichs Rückschlüsse auf die so genannte „Entchristlichung“ („Säkularisierung“) der jeweiligen Regionen bzw. Bistümer ziehen zu können. Heute ist die französische Religionssoziologie (im Unterschied zu Deutschland) sehr lebendig und viel breiter aufgestellt. Man denke etwa an die zahlreichen wegweisenden Arbeiten von Prof. Danièle Hervieu-Léger in Paris, an ihre Forschungen zur Dominanz subjektiver Religion, die sie unter dem etwas provozierenden Stichwort „Bricolage“, also „Basteln“, „Etwas selber zusammenstellen“ diskutiert. Dies ist nur ein Beispiel für die aktuelle Wirkungsgeschichte der These der „unsichtbaren Religion“ Luckmanns……

3.
Ein Anlass unseres Hinweises ist auch der 10. Todestag Thomas Luckmanns, er ist am 10.Mai 2016 im Alter von 88 Jahren in seiner „Wahlheimat“ Kärnten gestorben, geboren wurde er in Jesenice, Slowenien, am 14.Oktober 1927. Thomas Luckmann ist einer der bedeutenden Soziologen des 20. Jahrhunderts, 1969 wurde er mit entscheidenden Studie „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ (gemeinsam mit Peter L. Berger) weltbekannt.

4.
Uns interessiert hier Luckmanns Essay „Die unsichtbare Religion“, er wurde 1967 in New York unter dem Titel „The Invisible Religion“ veröffentlicht, aber erst seit 1991 liegt eine deutsche Ausgabe vor.
Wir können hier nur auf Luckmanns entscheidende Einsichten zur Entwicklung der christlichen Kirchen hinweisen. Sie zielen auf die schon genannte stark individualisierte, nicht mehr an kirchliche Institutionen gebundene Religion. Die Zitate hier beziehen sich auf die deutsche Ausgabe, erschienen im Suhrkamp Verlag. Das ausführliche Vorwort hat der Soziologe Prof. Hubert Knoblauch, Berlin, verfasst. Zentral ist also Luckmanns These: „Ich halte die Ansicht für falsch, das moderne Leben sei bar jeder Religion, sie sei im Kern areligiös“.( S. 164.) Die Religion könne gar nicht verschwunden sein, denn, so Luckmann: „Die grundlegend religiöse Verfassung des menschlichen Lebens ist nicht verloren gegangen“.( ebd.). D.h.: Zum Menschsein gehört also Religion…Diese heute lebendige, aber „unsichtbare Religion“ lebt überall dort, wo „aus dem Verhalten der Menschen moralisch beurteilbare Handlungen werden.“ (S. 165). Religion ist also ein moralisches Leben, ein Leben, das den Einsichten des Kategorischen Imperativs entspricht, dies kann man weiterführend im Sinne Kants sagen. Zu Kant siehe Nr. 14.

5.
Hubert Knoblauch betont in seinem Vorwort, dass der Begriff „unsichtbare Religion“ lediglich im Titel des Buches genannt wird (S.11). Aber die Idee einer „unsichtbare Religion“ bestimmt das ganze Buch, ist sozusagen das entscheidende Thema. Diese unsichtbare Religion (man sollte angesichts ihrer Pluralität eher den Plural Religionen verwenden) ist faktisch eine Alternative und eine Konkurrenz zu den etablierten Kirchen geworden.

6.
Deswegen weitere zentrale Aspekte zur „unsichtbaren Religion“ im Sinne Luckmanns: Die „unsichtbare Religion äußert sich in verschiedenen menschlichen Verhalten, immer dann, wenn inmitten des Alltags eine bestimmte Praxis zur einer Art absolutem Mittelpunkt des Lebens wird: Dieser „Mittelpunkt“ kann Sport sein, Fußball zumal, dem alle Interessen gelten; er kann auch der Beruf sein; oder können Erotik und Sexualität sein, alles kann zum absoluten Mittelpunkt im Leben werden. Viele Menschen werden sogar gleichzeitig einige Mittelpunkte in ihrem Leben haben, denen sie Zeit, Energie zuwenden, wenn nicht „opfern“.

7.
Allgemein verbindliche, universell für alle geltende Religionen bestimmen nicht mehr das Leben der Menschen von heute, betont Luckmann: „Die traditionellen, institutionell spezialisierten Kirchen konnten ihr Monopol nicht einmal für die spezifisch religiösen Themen aufrechterhalten.“ (S 180.). „Die Kirchen sind Institutionen unter anderen geworden.“ (S. 182).
Die verschiedenen Gestalten unsichtbarer, d.h. also institutionell nicht-gebundener Religion, setzen sich durch, weil „die religiöse Repräsentation durch die Kirchen zu einem System bloßer Rhetorik geworden ist.“ (S. 139). Das heißt: Die religiöse Botschaft der Kirchen ist für die meisten Menschen nicht mehr nachvollziehbar, nicht mehr glaubwürdig, sie wird nicht mehr hilfreich im individuellen Leben erlebt. Weil die Führer dieser Kirchen, die Theologen offenbar und die Prediger etc. zur bloßen „Rhetorik“ neigen. Das heißt wohl: Leere, seit Jahrhunderten identische Worthülsen dogmatischer Art verbreiten…

9.
Thomas Luckmann hat also schon vor 60 Jahren den weitreichenden Bruch in der religiösen Praxis wahrgenommen. Der einzelne Mensch baut sich, „bastelt“ sich, wie französische Religionssoziologen sagen, sein persönliches System für ihn gültiger Werte und Orientierungen, oft vorläufig, für bestimmte Lebensphasen. Die individuelle inhaltliche Aussage dieses je von mir „gebastelten“ Glaubens kann sich im Laufe des Lebens bei immer neuen Lebenserfahrungen selbstverständlich wieder ändern. Früher gab es z.B. Konversionen vom Katholizismus zum Protestantismus, jetzt gibt es ganz andere Konversionen, etwa: Ein älterer Mann konvertiert von seiner Sport- Trainings – „Vergottung“ zur Yogapraxis und zum veganen Leben in vegan verpflichteten (dogmatischen?) Lebensgemeinschaften…

10.
Die „unsichtbare Religion“ im Sinne Luckmanns trifft eine wesentliche Tendenz in der Veränderung dessen, was seit etlichen Jahren in Europa als Religion oder „höchstes Gut“ oder „Göttliches“ wahrgenommen und gelebt wird. Dennoch bleibt die Frage offen, ob es ein normative Kriterien dafür gibt, was man also mit guten Gründen unter den wichtigen Präferenzen im Leben Religion oder Religionen tatsächlich dann nennen sollte. Denn es kann nicht jeglicher vom einzelnen hoch geschätzter Wert als religiös bezeichnet werden.

11.
Dann ist es auch problematisch, wenn im Sinne der totalen Individualisierung der Religion der Aspekt der Gemeinschaft eher vernachlässigt wird. Menschen brauchen immer und überall den Austausch über Lebenserfahrungen und über den Mittelpunkt im jeweiligen Leben. Sie brauchen also Gemeinschaften. Aber gibt es im Ernst etwa SportlerInnen, die sich so intensiv über Sport austauschen, dass damit auch die klassischen religiösen Themen (Sinn des Lebens, Liebens Sterbens, Todes…) zur Sprache kommen und diese Themen auch irgendwie rituell „bearbeitet“, zelebriert werden? Das müsste man empirisch untersuchen. Ich bezweifele, ob man dabei nicht die Sportgemeinschaften oder der Opernliebhaber oder der Vegetarier-Fans usw. sozusagen religiös „überfordert“.

12.
Im ganzen habe ich den Eindruck, dass Luckmanns These der „unsichtbaren Religionen“ in eine Hochphase liberalen Denkens passt, als die Individualisierung sozusagen heilig gesprochen wurde. Bernt Schneller bezeichnet in seiner Studie „Thomas Luckmann“, (UVK, Konstanz 2006, S. 119) die Idee der „Sakralisierung des Individuums“ als eine entscheidende Leistung Luckmanns,. Schneller nennt als neue „religiöse Gemeinschaften“ im Sinne Luckmanns nach dem Ende der kirchlichen Institutionen: „ Selbsthilfegruppen, Cliquen (sic) und andere sinnstiftende Gemeinschaften.“ (S. 119). Den religiösen Aspekt von Selbsthilfegruppen oder zivilgesellschaftlichen NGOs wissenschaftlich herauszustellen, wäre tatsächlich ein interessantes Projekt. Bei den „Anonymen Alkoholikern“ hat bekanntlich ein Gottesbezug und sogar die Hochschätzung des „Vater Unser“ eine hilfreiche Bedeutung… Und: Wie die stark etwa die engagierten, oft im Einsatz gefährdeten Mitarbeiter der „Ärzte ohne Grenzen“ eine Spiritualität leben (müssen, um durchzuhalten), ist manchmal von ihnen selbst beschrieben worden.

13.
Wahrscheinlich ist die These Luckmanns von der „unsichtbaren Religion“ heute zu ergänzen, wenn nicht zu ersetzen durch den Begriff der Vielfalt der Spiritualität, ohne die nun kein Menschen als geistiges (das heißt immer auch „spirituelles“ )Wesen zu leben vermag. Die Kirchen als Institutionen von Dogma und Klerus haben diesen Wandel in der Bindung der Menschen nicht grundlegend verstanden: Die Menschen suchen heute Spiritualität, eher nicht die von den Kirchen klassisch angebotene dogmatische Lehre.

14.
Die „unsichtbare Kirche“ ist auch ein Begriff für die eine zentrale Erneuerung des engen dogmatischen Kirchenbegriffs durch den Philosophen Immanuel Kant in seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1793). Diese „unsichtbare Kirche“ nennt Kant „eine Idee von der Vereinigung aller Rechtschaffenden unter der göttlichen unmittelbaren (also nicht durch die Kirche vermittelten, CM), aber moralischen Weltregierung…“ (im Text Kants auf Seite B 142). Wir haben zu Kant und auch zu seinem wichtigen und aktuellen Religionsbegriff etliche Hinweise publiziert, siehe etwa: LINK

15.
Auch der Mensch Jesus von Nazareth hat als freier, radikal – kritischer Weisheitslehrer im damaligen Judentum, in seinen Predigten (und seinem provozierenden Handeln) ausdrücklich die engen Grenzen einer Gesetzes-rigiden Religion gesprengt und dadurch ein anderes, sozusagen reformiertes Verständnis für ein gottgefälliges Leben geöffnet über die Religionsgrenzen hinaus. Man denke etwa an die Bergpredigt Jesu: Dort werden mit den Forderungen eines humanen Lebens die „Einlassbedingungen“ der Menschen für die Zugehörigkeit zum universellen „Reich Gottes“ als Reich des Friedens und der Gerechtigkeit dargelegt. Siehe dazu das Evangelium nach Matthäus, 5. Kapitel. Noch wichtiger für diese Zurückweisung enger religiöser konfessioneller Normen für ein authentisches religiöses Leben ist die Rede des Weisheitslehrers Jesus über das „Weltgericht“, Matthäus, 25. Kapitel, 31 ff. besonders ab Vers 34. Deutlicher kann die alle Grenzen der eigen Religion (der jüdischen wie der christlichen) sprengenden humanistisch – weiten Spiritualität Jesu nicht mitgeteilt werden. Wenn Matthäus diese Rede Jesu unter dem Stichwort „Weltgericht“ darstellt, dann will er nur mit den Mitteln seiner damals zur Verfügung stehenden Sprache sagen: Weltgericht bedeutet die alles entscheidende Norm für eine Praxis und Lebensorientierung der Menschen, die sich menschlich nennen darf…Aktuell – provozierend ist etwa die Aussage des Weisheitslehrers Jesus: „ Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen“, denn in den Fremden wird Jesus, wird sogar Gott repräsentiert, das ist die humane, menschliche Weisheit des Neuen Tetamentes. (Siehe Matthäus Kap. 25, Vers 35).

16.
Auf das alle engen konfessionellen Grenzen sprengende Denken des großen katholischen Theologen Karl Rahner soll hier noch kurz hingewiesen werden. Sehr häufig hat Rahner ausführlich argumentiert: Der christliche Glaube ist eigentlich eine – vom Umfang der Lehrmeinungen her gesehen – sehr einfache, insofern „bescheidene“ Weisheitslehre. Gott (als letztlich niemals zu definierendes Geheimnis, so Rahner ) ist allen Menschen nahe, ob innerhalb der Kirche oder außerhalb. Gemeint ist der bergende, der nur unbeholfen göttlich zu nennende menschenfreundliche Sinn-Grund, auf den sich alle Menschen sbeziehen können, im Leben, Lieben, Schmerz, im Sterben. Dieser Verbindung mit Gott als dem bergende Geheimnis entspricht die menschliche Praxis der – immer auch politisch zu gestaltenden – Nächstenliebe. So einfach ist der christliche Glaube, universell verstanden als gelebte Möglichkeit für viele auch außerhalb der Kirchen: Gottesliebe und Nächstenliebe sind eins, untrennbar verbunden. Wer entsprechend zu leben versucht, fügt Rahner hinzu, gehört dann auch zur unsichtbaren Kirche… Die Idee der „unsichtbaren Kirche“ im Sinne Kants klingt wieder an…(Siehe unter vielen Beiträgen Rahners zum Thema etwa den Aufsatz „Der Glaube der Christen und die Lehre der Kirche“, 1971, in „Schriften zur Theologie, Band X., S. 262, bes. S. 283 f.)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

Ein Glaubensbekenntnis eines Atheisten: Über Julian Barnes

Ein Hinweis von Christian Modehn am 25.3.2026

1.
Bei der Lektüre des Buches von Julian Barnes „Abschied(e)“ (englischer Originaltitel „Departure(s)! “) stolpert der Leser über das Glaubensbekenntnis des Autors. Auf Seite 111 heißt es: “Wir kommen aus dem ewigen Nichts, und dorthin kehren wir zurück.“

2.
Eine starke Behauptung, das Glaubensbekenntnis eines Autors, der sich in dem Buch meist Atheist, manchmal nur Agnostiker nennt (S. 237 ). In diesem seinen Bekenntnis zeigt sich Barnes als Atheist, der offensichtlich sehr genau weiß, woher er kommt und wohin er nach dem Tod geht.

3.
Wer sich philosophisch – kritisch mit diesem Bekenntnis befasst, muss feststellen: Der Satz: “Wir kommen aus dem ewigen Nichts, und dorthin kehren wir zurück“ ist eine von vielen existentiellen Überzeugungen. Der Satz ist nichts als ein Ausdruck eines Glaubens, den heute viele Leute, nicht ohne Stolz, als „meine Lebensweisheit“ daher sagen, oft mit dem Anspruch: „Dies ist doch wohl auch eine wissenschaftliche Wahrheit“.

4.
Jeder kann natürlich sagen und behaupten, was er will, solange andere existentiell nicht gefährdet sind. Für letzte metaphysische Wahrheiten gibt es in Demokratien stets freie Rede. Aber jeder und jede muss selbstverständlich bereit sein, das eigene Glaubensbekenntnis kritisch zu befragen oder von anderen befragen zu lassen. Das gilt selbstverständlich auch für die christlichen Glaubensbekenntnisse und Überzeugungen, aber die sind hier nicht unser Thema.
Hier geht es darum, mit philosophischen Argumenten zu dem Bekenntnis “Wir kommen aus dem ewigen Nichts, und dorthin kehren wir zurück“ kritisch Stellung zu nehmen. Dabei ist klar: Dieses atheistische Glaubensbekenntnis öffnet weite philosophische und religionsphilosophische Horizonte für ausführliche Reflexionen. Hier sollen nur einige, wesentliche Anmerkungen mitgeteilt werden.

5.
„Wir kommen aus dem ewigen Nichts“ ist der Teil des Barnes – Bekenntnisses. Woher weiß der Autor, dass wir aus einem Nichts kommen? Es ist faktisch, auch wissenschaftlich eviden, dass wir Menschen aus der Verschmelzung einer Eizelle unserer Mutter und der Samenzelle unseres Vaters „kommen“, also nicht aus dem Nichts in die Welt gesetzt wurden. Und diese unsere Eltern haben selbstverständlich ihre Eltern und diese Eltern wieder ihre Eltern und so weiter: Unsere Geburt und unsere Existenz führt uns in eine endlose Linie der Evolution. Sicher sind wir Menschen auch Nachfahren der Affen, aber auch diese haben Nachfahren usw..

6.
Der erste Teil des Glaubensbekenntnisses von Julian Barnes und der vielen anderen, die diesen Spruch dahersagen, führt uns in die Evolution, die sicher nicht als „ewiges Nichts“ bezeichnet werden kann. Und von der Evolution aus stellt sich die Frage: Wie kommt diese Evolution zustanden? Und da gibt es die eine Erkenntnis: Die Evolution kann ein ewiger und nur erstaunlich zu nennender Prozess sein, dessen Ursprung wir nicht kennen. Oder auch, wie etliche Philosophen und Wissenschaftler sagen: Es gibt durchaus eine andere ernsthaft zu diskutierende Erkenntnis: Irgendwie ist durch einen „Urknall“ das Ganze entstanden. Das ist eine naturwissenschaftliche Erklärung zu der Frage, WIE das Universum entstanden ist. Warum und wodurch das Universum (und damit auch „wir“) entstanden ist, darüber kann und will Naturwissenschaft selbstverständlich keine Erkenntnis mitteilen.

7.
Die sehr relevante Frage „Warum und durch welche Kräfte ist das Universum und mit ihm die Evolution entstanden?“ führt also notwendigerweise in die Philosophie oder auch die Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie. Sie hat die Aufgabe, das klassische wie auch aktuell – moderne Thema „Schöpfung durch eine göttliche Wirklichkeit“ zu reflektieren. Auch diese weiter zu bedenkende Hypothese einer „Schöpfung“ ist angesichts dieses globalen Themas Ausdruck eines Glaubens, der als Glaube selbstverständlich die gleiche Würde und Wertung hat wie der erste Teil des Glaubens – Satzes von Julian Barnes “Wir kommen aus dem ewigen Nichts“…

8.
Man muss weiterfragen: Mit welcher Erkenntnis begründet Barnes sein Bekenntnis, das Nichts wäre seiner Behauptung nach „ewig“? Damit bedient er sich einer Qualifizierung des Nichts, nämlich des „ewigen Nichts“, das führt in die von ihm als Atheisten eigentlich gar nicht verwendbare oder relevante Metaphysik. Kommt eine Atheist also ohne Metaphysik („ewig“) vielleicht nicht aus?

9.
Wir sind philosophisch überzeugt: Der erste Teil des Satzes “Wir kommen aus dem ewigen Nichts“ ist angesichts der sehr lebendigen, alles andere als „nichtigen“ Evolution schlicht und einfach falsch. Er könnte unsrer Überzeugung nach nur Ausdruck eines beliebten, weit verbreiteten Geredes, vielleicht einer bequemen Ideologie heute sein.

10.
Was bedeutet der zweite Teile des Barnes Satzes: „Und dorthin (also ins Nichts) kehren wir zurück.“ Auch hier wird ein Glaubensbekenntnis ausgesprochen. Denn woher weiß der jetzt noch lebendige Julian Barnes, dass er im Tod ins ewige Nichts geht bzw. „zurückkehrt“ wie Barnes sagt? Berichte von Verstorbenen über eine postmortale „Seinsweise“ liegen Barnes und allen anderen Menschen nicht vor, um allen Ernstes und als Ausdruck von gedanklicher Reife behaupten zu können: Wir versinken mit dem Tod in einem „ewigen Nichts“…Das ist pure Glaubenssache.

11.
Barnes will wohl seinen LeserInnen beweisen, so möchte ich vermuten, dass auch er sich als Atheist den populären Sprüchen seiner weithin sich säkular nennenden Umgebung anschließt. Der Autor, der zweifellos viele körperliche Leiden und manche seelische Schmerzen erlebt hat, bekennt in dem Buch selbst, „dass ich mit meiner Lebenszeit Glück gehabt habe….und in der zweiten Hälfte meines Lebens beruflich erfolgreich war.“ (S. 237). Dann sagt er noch freundlicherweise: „Ich sage Ihnen nicht, was sie denken und wie sie leben sollen. Ich schreibe nicht ex cathedra“. Barnes betont also: Es ist nur sein privates atheistisches Glaubensbekenntnis, das er da mitteilt. Auf Seite 235 bekennt Barnes: Er habe „den Verfall seines Körpers akzeptiert“. Also ist sein Abschied dann doch von der Stoa geprägt? Immerhin lehrten aber die meisten Stoiker: Wir Menschen sind ein Bestandteil des Kosmos, dem wir entstammen und in den wir zurückkehren, als kleiner Teil eines ewigen Kreislaufs…

12.
Barnes nennt sein Glaubensbekenntnis, das zu kritischen Nachfragen führt. Und auch Christen haben ihre eigene Philosophie zur Frage „Woher kommen wir – wohin gehen wir.“ Dieses Thema wird leider sehr oft durch Dogmen und uralte, verstaubte Überzeugungen der Klerus-Kirchenleitungen irritierend und sogar falsch gelehrt. Man denke nur an die fundamentalistischen Vorstellung einer „leiblichen Auferstehung eines toten Menschen“… Das ist ein anderes Thema.

13.
Ein kritischer Schöpfungsbegriff, der die Evolution einbezieht, kann zeigen: Mit der Schöpfung von allem und allen durch eine „göttliche Wirklichkeit“ ist der göttliche „Geist“, die „Vernunft“, also die ewige göttliche Wirklichkeit in allem und allen lebendig. Und dieser „ewige“ Geist, diese „ewige Vernunft“ in allem und allen, bedeutet: Dieser göttliche Geist in allen wird auch den Tod des einzelnen menschlichen Körpers überleben, weil der Mensch in seinem Geist Teil des Ewigen selbst ist. Man lese den Philosophen Hegel in dem Zusammenhang. Es gibt also für diese christliche Glaubenshaltung kein Verschwinden des Toten in einem Nichts. Es sei denn, man ist philosophisch so gebildet, und kann sich das „Nichts“ auch als göttlich denken. Dieses Nichts ist für Mystiker (Meister Eckhart) und einige Religionsphilosophen als das „göttliche Nichts“ das letztlich bergende helle Licht, um es in der Sprache der (westlichen) Mystik zu sagen.

14.
Natürlich hat niemand etwas dagegen, dass Julian Barnes an seiner atheistischen Überzeugung festhält. Er will ja auch gar nicht „ex cathedra“ sprechen, ist also offenbar froh und dankbar für kritische Anfragen; nur dies haben wir hier in aller Kürze versucht.

15.
In seinem – angeblich letzten – Buch „Abschied(e)“ erinnert er sich an einige offenbar für ihn entscheidende Stationen seines Lebens, es sind sehr persönliche und dann auch stolz erzählte literarische Erinnerungen. Politische Erinnerungen oder gar Erinnerungen an seine (möglichen?) Hilfen und Leistungen für die bedrohte Menschen auch in der Ferne (Stichwort: Solidarität) sucht man allerdings vergebens. Ein gewisser Egozentrismus wird sichtbar. Es verabschiedet sich in dem Buch – in unserer Sicht – ein ziemlich egozentrischer, aber berühmter alter Mann, der vor allem als Autor gelten will. Und der nun gern und offenbar angstfrei (?) ins „ewige Nichts“ schreitet…

16.
In einigen Gegenden Deutschlands und der Schweiz sagte man früher oft: „Adieu“ bei der Verabschiedung: „A – Dieu“ also, d.h. zu Gott. Und in Spanien gibt es noch heute die gängige Abschieds-Formel „Adios“, „zu Gott“ wörtlich, aber mit der Bedeutung. „Leb wohl“…weil das Wohlleben doch irgendwas mit Gott (dem Schöpfer von allem) zu tun hat.

17.

2022 hat sich Julian Barnes mal zur Abwechslung zum „Polytheismus“ bekannt, der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ hat das dokumentiert:LINK 

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

 

 

Wenn die Philosophie schläft. Ein kritischer Hinweis des Philosophen Wolfram Eilenberger

Ein Beitrag von Christian Modehn am 18.3.2026

1.
Der Philosoph und Buchautor Wolfram Eilenberger hat in der „ZEIT“ vom 12.3.2026, Seite 49, eine kurze provozierende Analyse zum Zustand der Philosophie in Deutschland verfasst. Der sehr ausführliche Titel seines Beitrags: „Ist da jemand noch wach? Das Jahrhundert bebt, doch die zeitgenössische Philosophie scheint zu schlafen. Eine Ermunterung zur Geistesgegenwart“. Die Ausführungen Eilenbergers sind provozierend gemeint. Er ist wohl überzeugt, nur auf diese Weise, die PhilosophInnen (denn nur durch PhilosophInnen gibt es „die“ Philosophien) aus dem Schlaf aufwecken zu können. Philosophen schlafen in der Sicht Eilenbergers, weil sie sich zu wenig mit dringenden und drängenden Problemen und Katastrophen der Gegenwart befassen.

2.
Zum Mittelpunkt der Kritik an der mangelnden kritischen Präsenz der Philosophie in der heutigen Welt nennen wir nur einige zentrale Stichworte Eilenbergers:
Die „analytische Philosophie“ hat die klassischen Philosophien, also die „Liebe zur Weisheit“, wie der Name sagt, verdrängt; die „analytische Philosophie“ ist für Eilenberger „eine reine – nicht zuletzt gegenwartsgereinigte – Begriffswissenschaft. Man glänzt durch öffentliche Abwesenheit.“
Diese analytische Philosophie dominiert, sie ist hoch spezialisiert, extrem ausdifferenziert, es gibt bei ihr „kein geteiltes Fundament, nirgendwo“, so Eilenberger.

3.
Er kritisiert auch die „scheußliche Art“ der PhilosophInnen in ihrer traditionell arroganten Art zu schreiben, in dieser wohl sehr oft zutreffenden Erkenntnis schließt sich Eilenberger dem Urteil der us-amerikanischen Philosophin Christine Korsgaard an.

4.
Eilenberger kritisiert die Publikationsfluten zumal der analytischen PhilosophInnen; viele dieser hoch spezialisierten Publikationen werden „auch fünf Jahre nach ihrer Veröffentlichung kein einziges Mal zitiert.“ Dass die analytische Philosophie ein Versuch ist, an den Universitäten sozusagen wissenschaftlich mit den anderen Wissenschaften „mithalten“ zu können, erwähnt Eilenberger nicht.
Es ist bekanntlich eine lange Geschichte, dass die Philosophen sich mit ihrem Auftrag, die Liebe, die Freundschaft, zur Weisheit zu verbreiten, nur abfinden konnten, indem sie ins Mathematische, Begriffliche, Logische allein abdrifteten. Über Husserl wäre in dem Zusammenhang zu sprechen.

Unsere Mweinung: Das Eigene, Einmalige der Philosophie als „Liebe zur Weisheit“ könnte und sollte zu Kooperationen mit Literaturwissenschaften, Kunstwissenschaften, Theologien, Religionswissenschaften, Sozialwissenschaften, Biologie, Medizin führen. Philosophie wird es wohl nur in Kooperation mit diesen Wissensformen geben. Jürgen Habermas, der jetzt hoch gerühmte „große Philosoph“, war ja auch Soziologe und politisch, politologisch hoch gebildet, das machte die exzellente Qualität seines Denkens aus. Darauf weist Eilenberger nicht hin, aber gerade das wäre wichtig: Philosophie sollte bei diesen Kooperation niemals auf sich selbst verzichten, sie sollte sozusagen „tonangebend“ auch normativ bleiben!

5.
Der zentrale, uns sehr wichtig und treffend erscheinende Vorschlag Wolfram Eilenbergers: Die Philosophie sollte wieder ganz deutlich und stark „Liebe zur Weisheit“ werden. Eilenberger kann bei diesem seinen Plädoyer leider nicht auf ein Wort-Ungetüm verzichten und spricht also von, so wörtlich, „mündigkeitserhöhender Daseinstransformation“.
Nebenbei: Da wird also die aufklärerische Mündigkeit mit dem an Heidegger erinnernden „Dasein“ verbunden. Also arbeiten wir bitte an „mündigkeitserhöhender Daseinstransformation“. Das heißt: Denken wir, treffender gesagt, nach, was Philosophien jenseits der analytischen Begriffswissenschaft sein könnten und sein sollten. Vor allem doch wohl auch Orientierung im Leben, „Daseinstransformation“ ist da noch weitreichender, das Wort erinnert an Rilkes „Du musst dein Leben ändern“… Und das kann nur eine Philosophie, die sich als Liebe zur Weisheit versteht. Pure Logik oder Begriffsanalysen sind da nicht kompetent.

6.
Eilenberger deutet am Schluß seines provozierenden, aus dem „Schlaf der Vernunft“ (aus dem bekanntlich Ungeheuer hervorgehen, siehe Goya) heraus-weisenden Beitrags auf das in unserer Sicht Wichtige hin:
Es ist die „wache Sorge um das eigenen Selbst sowie das der Mitwesen“. Dieser Satz klingt ein bißchen nach dem Populärphilosophen Wilhelm Schmid. Eilenberger plädiert im Sinne der Philosophie für die meditative Lektüre der alten philosophischen „Gründungstexte“, auf die niemals verzichtet werden darf. Und auch das ist wichtig: Die knappe Andeutung wenigstens, dass es auf eine Öffnung „für außerweltliche Weisheitstraditionen ankomme.“ In dieser Rezeption asiatischer, afrikanischer und lateinamerikanischer Philosophien erhielte die neue Aufklärung – verbunden mit Weisheit – einen wichtigen Durchbruch. Aber wo wird in Deutschland asiatische oder afrikanische Philosophie gelehrt und entsprechend unters Volk gebracht? Philosophie in Deutschland ist doch sehr deutsch und manchmal europäisch bzw. us-amerikanisch….

7.
Die eigene philosophische Meinung für eine „wache Philosophen heute“ teilt uns leider Eilenberger nicht ausführlich mit, also wie Philosophie sich verhält zu dieser gegenwärtigen Welt der Kriege, der Gewaltherrscher, der Diktatoren, des total unbeherrschten, moderat gesagt „unklugen“ Präsidenten der USA, der reaktionären permanent nur ans Töten der Feinde denkenden Politiker in Israel, der Verirrungen der Religionen in Richtung Fundamentalismus, der Abwehr der rettenden Klimapolitik durch neoliberale Politiker etwa in der CDU, die Zunahme des Faschismus in ganz Europa usw. Erst wenn diese Themen sehr gut nachvollziehbar philosophisch gedacht und entsprechend publiziert werden, kann die Philosophie aus dem Schlafzustand befreit werden. Insofern ist dann Eilenbergeres Beitrag etwas „verschlafen“. 

8.
Die Frage ist natürlich, ob es nicht auch PhilosophInnen heute auch in Deutschland gibt, die diese in Nr. 7 genannten Themen nachvollziehbar bearbeiten und publizieren. Ich habe den Eindruck, diese gibt es. Eilenberger nennt leider keine Beispiele. Ich nenne nur: Lea Ypi oder Rahel Jaeggi oder Bettina Stangneth oder Eva von Redecker….

9.
Absolut wichtig für uns im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon ist:
Von Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie oder Metaphysik spricht Eilenberger nicht! dDes sind aber die klassischen Themen der Philosophien, die sich als Liebe zur Weisheit verstehen. Angesichts der viel besprochenen Säkularisierung in Europa und dem rasanten Niedergang der Kirchen in Europa ist doch Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie (auch im Plural natürlich) dringend, auch dringend als Orientierung not – wendig.

Leider gibt es nicht in allen Städten religionsphilosophische Salons, also kleine Schulen der Liebe zur Weisheit. Das Interesse der etablierten Universitätsphilosophie an dem Projekt praktischer Philosophie ist überhaupt nicht dokumentiert, also wohl nicht vorhanden. PhilosophInnen bleiben in ihren Seminarbibliotheken hocken… Die schrumpfenden Kirchen könnten erkennen, dass sie noch hilfreich sein können, wenn sie mit ihrme immer noch reichlich vorhandenen ihrerseits freie Orte des philosophischen und theologischen Austauschs schaffen und wieder mehr offene, undogmatische geistige Präsenz zeigen, gerade in Gegenden, in denen sich der kritische Geist verabschiedet, wie in vielen Bundesländern im Osten Deutschlands. ….Abschied von den Kirchen wird dann das philosophische Thema einer philosophischen Zeitanalyse.

10.
Warum spricht Eilenberger, warum sprechen Uni – Philosophen, nicht von neuen philosophischen Studiengängen: Etwa den Beruf der philosophischen Praktiker, die in freien philosophischen Salons, in der Erwachsenenbildung, in den Schulen, in Galerien, in den Medien usw. diese Liebe zur Weisheit lehren und verbreiten?

11.
Der Beitrag von Wolfram Eilenberger in der „ZEIT“ ist nach unserem Eindruck  inspirierend und – wie gezeigt – weiter führend. Wirklich ins Weite führend wäre eine sehr breite Diskussion über Hegels Verständnis von Philosophie als „Erkenntnis, die ihre Zeit in Begriffen aussagt“. Also: Geschichtsphilosophie wäre doch wohl auch hilfreich. Anläßlich des 150. Geburtstages von Martin Heidegger könnte man die ins Weite führende Frage erörtern: Was gewinnt Philosophie, wenn sie sich intensiv mit Dichtung, Poesie und Kunst befasst?

Vielleicht haben Philosophie  eine Zwischenstellung: Zwischen Wissenschaften und Kunst und Religion? Und trotzdem gehört sie an die Universitäten… wegen ihrer „besonderen Bedeutung“ als Verteidigerin der universell geltenden Vernunft (Kant).

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

Jon Fosse: Das wundersame Leben

Über die Trilogie „Vaim“ von Jon Fosse

Ein Hinweis von Christian Modehn am 27.1.2026

Dieser Hinweis will durch seine knappen Erläuterungen eine Ermunterung und Anregung sein, „Vaim“ von Jon Fosse zu lesen.

1.
Der neueste Roman des norwegischen Literaturnobel – Preisträgers Jon Fosse hat den Titel „Vaim“: Er bezieht sich auf ein fiktives Fischerdorf in Norwegen. Die drei Kapitel der Erzählung von nur 145 Seiten stellen vier Personen in den Mittelpunkt: die beiden Fischer Jatgeir und Frank sowie Eline, die Frau, die die beiden Männer beherrscht und bestimmt. Von Elias, einem Freund von Jatgeir, handelt das eher kürzere zweite Kapitel.

2.
Der Roman „Vaim“ berichtet vom Leben dieser Menschen in Norwegen, aber sie ist keine begrenzte „norwegische Heimat-Story“.
Vaim ist vielmehr ein Text, der auf das „Wundersame“ im menschlichen Leben aufmerksam macht. Das „Wundersame“ im Sinne Fosses ist nicht das Wunderbare. „Wundersam“ ist für ihn das Erstaunliche, Überraschende, Zufällige, sogar Schicksalhafte im menschlichen Leben. Darauf will Fosse aufmerksam machen: Dieses „Wundersame“ ereignet sich in einem schlichten Alltag schlichter, einfacher Menschen. Sie sind selbst erstaunt und verwirrt, welche überraschenden, nicht geplanten, nicht erwarteten Konstellationen sich in ihrem gewöhnlichen Alltag ereignen. Und sie erleben als Fischer auf ihren Booten oft das erstaunliche Schöne und Friedvolle der Natur. Zu ihren Booten haben die beiden Fischer ein geradezu liebevolles Verhältnis, offenbar dankbar für die hilfreichen und sicheren Dienste der Boote.

3.
Der Text ist für einige LeserInnen vielleicht etwas schwierig zu lesen: Fosse setzt keine Punkte, lediglich Kommas strukturieren den Redefluss: Tatsächlich wird der Leser dadurch wie in einen Text-Fluss hineingezogen. Die Personen sprechen unmittelbar wie im O-Ton life ihre Gedanken und Gefühle aus. In einer schlichten Sprache schlichter Leute, die sich gern wiederholen und den Leser unmittelbar teilhaben lassen an ihrem Denken, ihrer Angst, ihrer Zweifel. Und mancher Gedanke wird, weil erstaunlich oder wundersam, oft hin und her gewendet und wiederholt.

4.
Die beiden Männer, beide Fischer, Jatgeir und Frank verdienen besonders Aufmerksamkeit der LeserInnen.
Jatgeir steht im Mittelpunkt des 1. Kapitels. Er ist als Jugendlicher in Eline aus seinem Dorf verliebt, ohne ihr dieses Verliebtsein offen zu gestehen. Aber er gibt einem seiner Boote den Namen Eline. Nach dem Tod seiner Eltern lebt er allein in dem ererbten Haus, er fährt mit dem Boot in die nächst größere Stadt. Dort hofft er die seine Nähutensilien, Faden und Nadel, kaufen zu können: Er landet schließlich in einem Modehaus, dessen Besitzer sich ihm gegenüber, dem etwas unbeholfenen Mann vom Lande, arrogant zeigen.Und sie sind so unverschämt und verkaufen ihm ihm die gewünschten Sachen zu einem Wucherpreis: Jatgeir ist darüber hoch erstaunt und wütend. Aber er hat nicht die Kraft, diesen Handel abzulehnen oder einen angemessenen Preis zu verlangen.

5.
Hier soll nicht die Erzählung nach-erzählt werden: Wichtig ist: Jatgeir ist ein schwacher Mann, er kann nicht Nein sagen. Als er wie im zwanghaften Verhalten dann auch in einem anderen Ort noch einmal Garn und Nähnadel kauft, wird wieder ein Wucherpreis verlangt: Jatgeir akzeptiert diese Unverschämtheit, er ist schwach, man möchte sagen, er ist existentiell ermüdet. Das gilt vor allem auch, als er plötzlich die alt gewordene Eline trifft, die heimliche Liebe aus der Jugend. Sie tritt unwiderstehlich fordernd auf, will unbedingt mit dem Boot Jatgeirs in dessen Dorf reisen und dort bei ihm einziehen. Sie hat sich ganz plötzlich von ihrem Mann („Frank“) getrennt … und will unbedingt zu Jatgeir. So fährt Eline also mit Jatgeir auf dessen Boot davon, mit dem Namen Eline…Und Jatgeir beugt sich seinem Schicksal, das ihm diese Frau zuweist. Wundersame Konstellationen…

6.
Eline, die alles bestimmende Frau, die keine Widerrede duldet, die wie eine Art Schicksalsengel auftritt: Das gilt auch für die Begegnung mit Olaf in einer Kneipe in der großen Stadt, davon spricht das dritte Kapitel. Ein Olaf sitzt mit seinen Fischer – Kollegen in der Kneipe, Eline stürzt förmlich auf ihn zu und nennt ihn einfach Frank. Olaf erhält also von Eline den neuen Namen: Frank! Olaf kann sich dagegen nicht wehren. Er gilt von nun als Frank, wird also mit dem neuen Namen förmlich eine andere Person, auf Befehl Elines. Mehr noch: Eline befiehlt Frank, die Kneipe zu verlassen und mit ihr in Franks Haus zu fahren: Denn sie hat beschlossen, mit Frank zu leben. Und Frank hat keine Kraft, Nein zu sagen. Wundersame Dinge geschehen mit diesen beiden Männern, wundersam, was sie alles so mit sich machen lassen. Sie sind förmlich dem „Schicksalsengel“ Eline hilflos ausgesetzt… Auf S. 150 heißt es in den Worten Franks über das wundersame Verhalten Elines, die nun plötzlich doch wieder mit ihm zusammenleben will: Frank also denkt sich:„Ich versteh, dass das, was ich will oder nicht will, nichts zu bedeuten hat, Elines Wille herrscht, jetzt wie früher, jetzt wie immer, was ich auch meinen und sagen sollte, ja es zählt nicht im geringsten, so war es, und sie ist es, und so wird es wohl auch bleiben, denke ich.“ Eine Art unveränderbarer Ewigkeitsaspekt wird da im Verhalten Elines angedeutet, fast eine göttliche, eine nicht zu korrigierende Allmacht. Das Wundersame im Sinne von Fosse kann auch furchtbar sein…Wobei man sicher nicht darauf abheben sollte, dass nun eine furchtbare Frau herrscht über existentiell müde, erschlaffte Männer. Es wird die Realität der Herrschaft angesprochen, die Menschen „so einfach“, mitten im Alltag über andere ausüben, wenn diese anderen denn müde und erschlafft sind und nicht mehr Nein sagen können. Das ist auch ein Stück Gesellschaftskritik, nicht nur Kritik an gehorchenden, müden Männern oder tyrannisch wirkenden Frauen.

7.
Wundersam ist das ganze zweite Kapitel: Da steht Elias im Mittelpunkt, der sehr einsam und ziemlich verwahrlost in seinem Häuschen, in Vain, dort wohnt auch Jatgeir, der Freund. Die LeserInnen haben Anteil an der tiefen Irritation des Elias: Er hört das ständige Klopfen an seiner Tür, will nicht aufmachen, öffnet nach langem Hin und Her schließlich doch: Dann tritt sein Jatgeir ein, ein seltener Gast, der aber schnell wieder sich verabschiedet: Elias ist total irritiert über diesen wundersamen Besuch. Schließlich hört er später von Leuten am Hafen, dass Jatgeir längst tot aus dem Meer geborgen wurde. Hat Elias also geträumt, hatte er Halluzinationen? Der Autor lässt das offen, er will den Sinn wecken für das Ungewöhnliche mitten im Alltag einsamer Menschen, es geht auch hier um das plötzliche Eintretende, das Erstaunliche…das „Wundersame“.

8.

Dieses Interesse des Autors Jon Fosse am „Wundersamen“ hat nichts mit spinöser Esoterik zu tun. Es werden nur Erfahrungen im Alltagsleben existentiell – ermüdeter Menschen (Männer) ausgebreitet, die hilflos neurotisch – autoritären, übergriffigen Menschen ausgesetzt sind. Und diese Erfahrungen müssen einmal mehr dargestellt werden. Als Aufklärung, als Warnung. 

9.
Jon Fosse äußert sich öffentlich explizit als Christ, in Norwegen ist er im Jahr 2012 zum Katholizismus konvertiert. Von daher ist es für uns nicht erstaunlich, dass am Rande auch das Gebet in der Erzählung Vaim erwähnt wird. Jatgeir erzählt etwa, das Vater Unser regelmäßig zu beten. Und vor allem Elias ist mit der Kirche in Vaim verbunden, mehr aber mit dem „Bethaus“, was immer „Bethaus“ bedeuten soll. Vielleicht will Fosse sagen: In den großen Kirchengebäuden der lutherischen Staatsreligion in Norwegen wird eher zu wenig gebetet, „wirklich“ gebetet wird in den kleinen Kapellen, den Bethäusern der eher am Rande lebenden kleinen Konfessionen.
Und Frank, der sich selbst nicht als „besonders gottgläubig“ (S. 156) versteht, setzt dann doch als seinen Erben das Bethaus zu Vain ein. Im Rückblick sagt der alte Frank, nachdem auch Eline gestorben ist: „Ich bin nie zu einem anderen Schluss gekommen, als das all das wundersam war“. Und er wollte diese seine Weisheit sogar auf seinen Grabstein setzen lassen, entschied sich dann für etwas Schlichteres: Nur ein Kreuz sollte auf dem Grabstein sichtbar sein und sein eigentlicher, sein wahrer Name Olaf darauf stehen.

10. ERGÄNZUNG am 29.1.2026:

Einige LeserInnen dieses Beitrags haben gefragt: Ist es denn nicht etwas sehr Fremdes, Fernes, ja sogar Konstruiertes, wenn Jon Fosse unser Interesse auf das Wundersame, Erstaunliche mitten im Leben lenkt? Ich will diese Frage weiterführen mit einem Hinweis auf eine zentrale Aussage der belarussischen Oppositionellen Maria Kalesnikava.

In einem Gespräch mit Sandra Maischberger am 28.1.2026 in der ARD äußerte sich Maria Kalesnikava über die sechs Jahre in den Gefängnissen des belarussischen Diktators Lukashenko, auch über ihre Einzelhaft.
Maria Kalesnikava wurde nach Verhandlungen (einem Wirtschaftsdeal mit Trump) überraschend im Dezember 2025 entlassen, sie lebt jetzt in Deutschland.
Erstaunlich bleibt ihr Bekenntnis, in welcher Weise sie die Jahre der strengen Einzelhaft, ohne direkten Kontakt zur „Außenwelt“, überleben konnte. Maria Kalesnikava sagt u.a.:
„Ich habe auch in der kompletten Isolationshaft mich nie allein gefühlt. Ich habe immer Unterstützung von der Familie, von Freunden, von Kollegen weltweit gespürt. Ich war sicher, dass wir Menschen bleiben immer zusammen, egal, dass es nun diese Grenze, diese Wände (der Zelle) gibt. Das trennt uns nicht, macht Liebe, Freundschaft, nicht kaputt. Ich hab mich nie allein gefühlt.“

Maria Kalesnikava hat sich in ihrer Isolationshaft durch die Kraft ihres Geistes gestärkt gefühlt, weil sie fest der Überzeugung war: Es gibt liebe Menschen, die an mich denken. Es gibt mit ihnen eine geistige Verbundenheit, die mein Leben rettet. Soll man diese Erfahrung nicht auch wundersam nennen?

Zum TV Beitrag selbst:   LINK 
Jon Fosse, „Vaim, Roman.“ Rowohlt Verlag ,2025, 156 Seiten, 24€. Aus dem Norwegischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Über Musik philosophieren: Ein Weg in eine andere, eine geistvolle Welt

Aspekte einer „Philosophie der Musik“. Von Christian Modehn

Ein Vorwort:
Über das eigene Musik – Erleben, die eigene Verbundenheit mit Musik in meinem, in unserem Leben kritisch und selbständig nachzudenken, also zu philosophieren, ist kein belangloses Hobby.
Wer über Musik philosophiert, versucht nach dem Hören der Musik, diese andere geistige Welt der Musik zu denken und zu beschreiben: Aber in fixierenden Begriffen lässt sich Musik als Erfahrung nicht „fassen“. Sie transzendiert die übliche Welt sprachlicher Äußerungen.
Unsere übliche Alltagswelt mit ihren üblichen Sprachen ist nicht alles. Im Hören der Musik als einem „Eintauchen“ in die Musik transzendieren wir die Alltagswelt.

Eine weitere philosophische Frage stellt sich: Bestimmt diese Fähigkeit des Transzendieren den Menschen wesentlich? Aber das ist ein anderes Thema.

1.
Philosophieren ist die lebendige Tätigkeit der Philosophie. Ohne Philosophieren keine Philosophie. Das gilt auch für eine Philosophie der Musik. Sie lebt als eigenes, „subjektives“ Nach-Denken über meine Erfahrungen mit der Musik und „in“ der Musik.

2.
Dieses immer subjektive Philosophieren über Musik ist etwas anderes, als global eine „Philosophie der Musik“ zu beschreiben und dabei, wie von außen, „die“ Musik zu analysieren, sie historisch zu betrachten, zu vergleichen, zu bewerten usw.
Philosophie der Musik heißt also: „Mein Philosophieren über meine „Musik – Erfahrungen“.

3.
Aber „meine Musik“ bedeutet bei jedem Menschen Unterschiedliches. Es geht um den Menschen als Musizierenden (Violine-, Piano-spielend usw.), als Sänger, im Chor oder als Solist; als Komponist oder als Dirigent, „nur“ als Musik – Hörender, im Konzertsaal, in der Oper, in der Kirche usw… Oder: Ein Mensch, Musik hörend und zugleich Musiker sehend in einer Life – Sendung im Fernsehen. Ob dieser Fernsehzuschauer die Musik „wahrnimmt“ oder abgelenkt ist von den Musikern, ist eine Frage…
Für mich gilt: Ich bin ein Musik-Hörender, CD – Einspielungen hörend, auf meinem Sofa liegend und: Die Augen sind geschlossen. Nur um diesen „Typ“ eines Musik – Erlebenden geht es hier.

4.
Unter allen geistigen „Produkten“ des Geistes in der Welt, die wir Kunst nennen, ist Musik etwas Besonderes, „aus der begrifflichen Welt“ Fallendes. Eine Sinfonie etwa ist zunächst etwas Fernes, durchaus Fremdes und Befremdliches. Wer im Hören der Musik mit der Musik mitlebt, kann aber Erfreuliches, Hilfreiches, vielleicht Tröstendes wahrnehmen, hören, erleben.

5.
Eine Komposition, etwa eine Mozart – Symphonie, lässt sich als Musik nicht mit Hilfe Künstlicher Intelligenz in irgendeine menschliche, begriffliche Sprache übersetzen! Während es natürlich möglich ist, einen deutschen Text ins Paschtunisch oder Tatarisch zu übersetzen.
Musik als Musik – Klang kann von KI nicht in begriffliche Sprache übersetzt werden.

6.
Die oft behauptete „Sprache“ der Musik gehört nicht in die Kategorie üblicher verbaler Sprache.
Musik in allen ihren Ausdrucksformen bildet eine einmalige, eine abgesonderte Kategorie von Sprache, wenn denn Sprache verstanden wird als Ausdruck, als „Objektivation“, des menschlichen Geistes.
Es wäre eine denkbare Möglichkeit, wenn ein Musiker auf den Vortrag einer Piano-Sonate musikalisch antwortet. Nur müßte dann die Bestätigung der Korrektheit der Antwort wieder musikalisch geschehen. Das wäre insgesamt ein sehr esoterisches Geschehen; es wäre für eine allgemeine Vernunft nicht mitzuvollziehen. Dieser innere-musikalische Dialog hätte und hat etwas Spielerisches. Musiker spielen ja ihre Musik…Wer Musikspiel hört, „spielt mit“…

7.
Bildet die Musik – als ganz eigene Art geistigen Ausdrucks – eine von allen sonstigen geistigen Aktivitäten getrennte Sonderwelt?
Dies ist sicher nicht der Fall. Denn Musik ist immer ein Erzeugnis menschlichen Geistes, Musik ist mit der geistigen und vernünftigen, allgemeinen Menschenwelt verbunden. Im schöpferischen Prozess des Komponierens handelt immer auch der begrifflich bestimmte menschliche Geist. Der Komponist zeichnet sich dadurch aus: Er hat die Gabe und die Fähigkeit zu einer über-begrifflichen Aussage, zu einer musikalischen „Aussage“. Jetzt kommt also das Wort „Aussage“ wie von selbst in das Beschreiben des musikalischen schöpferischen Prozesses. Auch Musik ist dann doch nicht fern oder absolut getrennt von allen denkbaren „Aussagen“ des menschlichen Geistes

8.
Über den schöpferischen Prozess der Komposition wäre weiter nachzudenken. Komponisten haben die Fähigkeit, in die eigene, selbst für den Komponisten abgesonderte Welt der Musik ganz einzutreten, in ihr zu leben und schöpferisch zu arbeiten („komponieren“). Ohne dass dabei der Komponist, etwa Beethoven im Komponieren der 5. Sinfonie, begrifflich denkt: So, jetzt muss ich mal ordentlich auf die Pauke hauen lassen, um meine Botschaft deutlich zu machen: „Das Schicksal klopft an die Tür.“ Mit diesen schlichten Worten wird ja manchmal populär das erste Motiv des ersten Satzes der Fünften den Unkundigen nahegebracht.
Der Komponist tritt in seine Musik-Welt und verweilt in ihr, er korrigiert bekanntlich seine Kompositionen oft, nach Kriterien, die den Ansprüchen seiner eigenen Musik – Welt selbst entstammen.

9.
Schwieriger ist es, über „Musik im Zusammensein mit begrifflichen Worten“ zu sprechen. Über „Kunstlieder“ oder Opern also. Wie passen Musik und Wort zueinander, wer dominiert da? Wir unterstellen den Komponisten der “Kunstlieder“, dass sie die Worte der Dichter treffend in Musik übersetzen. Dabei kann es von außen keine Kritik an dieser musikalischen Übersetzung geben: Denn der Komponist, etwa Franz Schubert, wird schon den richtigen Ton (die musikalische Übersetzung des Wortes) in seiner „Winterreise“ getroffen haben. Das müssen wir geradezu glauben, wenn wir Schubert hören.

10.
Ich begrenze mich im folgenden auf europäische, klassische Instrumentalmusik, die ohne Texte und Programme gestaltet ist.

11. Die entscheidende Frage ist für mich:
Wie und wann entsteht in meinem Hören dieser Musik meine Philosophie dieser Musik? Um einer Antwort nahe zu kommen: Zunächst sollten äußere Umstände beachtet werden: Bequemes Liegen oder Sitzen, möglichst keine Lärm – Störung von außen. Nur so kann der innere, der geistige-hörende Mitvollzug der Musik gelingen.

12.
Ich muss mit dem Beginn der musikalischen Aufführung hörend in die Musik eintreten, gesammelt, konzentriert, und in der Musik verweilen, die musikalische Aufführung als meine Gegenwart annehmen.
Ich muss jeglicher Versuchung widerstehen, begrifflich, also in Worten meines Bewusstseins, das Gehörte schon im Moment des Hörens zu beschreiben oder zu bewerten.
Ein einfaches Beispiel: Ich darf beim Hören starker Trompetentöne NICHT ins begriffliche Denken überwechseln und fragen: Was will der Komponist damit denn nun mit den Paukenschlägen sagen? Begriffliche Gedanken inmitten des Hörens zerstören den Mitvollzug der Musik. Ich verliere dann sozusagen den Anschluss im immer weiter nach vorn strebenden Gang der Komposition, ich kann also bei den begrifflichen Unterbrechungen schnell den „Anschluss“ verpassen.
Ein Musikstück aufgeführt und gespielt, ist immer eingebunden in die Zeit. Niemals kann das Eingebundensein der Musik in die Zeit-Struktur überwunden werden. Das macht Musik so ungewöhnlich und so schwierig, aber auch so einmalig unter allen Gestalten der Kunst.

13.
Ich kann beim Hören meine CD stoppen, und eine Stelle zweimal, dreimal wiederholend „nach“-hören. Aber dieses „Nachhören“ eines einzelnen Themas sollte nur nachträglich geschehen, wenn ich das ganze Stück gehört habe. Wichtig ist das Erst-„Erlebnis“ des ganzen Musikstückes. Nur wer das Ganze gehört hat, hat es wirklich wahrgenommen.
Das Eintauchen in das Ganze gilt bekanntlich für alle Kunst, auch für die Literatur, für die Teilnahme an einer Theateraufführung oder das Betrachten eines Gemäldes.
Das Betrachten eines Gemäldes unterliegt einer anderen Bindung an die Zeit: Das Gemälde als Gemälde, als starr hängendes Objekt, erscheint unverändert, es kann immer wieder je nach meiner Laune angeschaut werden. Es ist nicht ganz trivial zu sagen: Ein Musik-Stück ist als solches nie stets akustisch verfügbar. Bestenfalls ist es in meinem Gedächtnis stets präsent und „abrufbar“.

14.
Worte zur gehörten Musik finde ich erst, wenn das Musikstück beendet ist. Es entsteht eine Pause, eine Art Lücke zwischen gehörter Musik und meinen begrifflichen Gedanken. Diese stellen sich ein, weil mein Selbstbewusstsein, mein Geist eben nicht ganz „ausgeschaltet“ ist beim Hören der Musik. Selbstbewusstsein und Geist sind sozusagen nur etwas beruhigt, etwas stillgelegt, aber nach wie vor lebendig.
Die Kunst des Mitlebens mit der Musik im Hören eines Klavierkonzerts etwa, ist das musikalische „Mitgehen“ mit der Musik, es wäre vielleicht treffend, von einem Verschmelzen mit der Musik zu sprechen, das sich jeder begrifflichen Aussage entzieht. Erst wenn die Musik verklungen ist, vielleicht erst nach einigen Stunden, können wir begrifflich sagen, was sich mit uns im Hören der Musik ereignete,

15.
Manche Musikhörer begnügen sich in ihrer Musik – Interpretation mit kurzen, zweifellos irgendwie hilflosen Sätzen: „Das war aber erhebend“ oder nur „Das war toll“. „Gerade der Schlusssatz hat mich berührt“.
Können wir mehr und Tieferes über die gehörte Musik sagen? Manche professionelle, musikwissenschaftlichen Musik – Kritiker versuchen etwas Eigenes und schreiben: Die erste Geige hat ganz am Anfang viel zu leise eingesetzt und auch das Cis von der Oboe wurde nicht ganz getroffen. Solches zu sagen gehört nicht zu meiner Musik- Philosophie.
Worte zur gehörten Musik, die auf die eigene Existenz bezogen sind, gelingen erst, wenn ich dieselbe Musik mehrfach gehört habe. Wenn sie „meine Musik“ geworden ist. Erst dann gelingen manchmal Worte, die sich förmlich aus der Musik – Erfahrung selbst entwickeln oder sich an die Musik anschmiegen, immer aber von der Musik „erzeugt“ sind. Jeder und jede wird in dem Fall seine eigenen, besonders ans Herz gewachsenen und beschreibbaren Musikstücke nennen.

16.
Ich denke etwa an die „Gnossiennes“ von Erik Satie: Wie oft war ich überrascht, manchmal glücklich, über diese wenigen Töne, die ich schon gedanklich „mitspielte“. Nach dem Verklingen der Gnossiennes von Satie atme ich auf. Begeistert von diesen wenigen, bescheidenen Tönen, die freien Raum öffnen, etwas Weites zum Atmen, Raum zum Denken: Ich weiß dann durch diese Musikerfahrung der wenigen, der geringen Töne: Wie großartig ist das Wenige! Wie beruhigend das Minimale! Man möchte sagen: Vertreiben wir das Viele, das Bombastische, das Aufgeblasene, das Falsche…Dies muss ich sagen, auch wenn allmählich die Kompsitionen Erik Saties viel zu viel „abgegriffen“ sind als Hintergrund-Sound in Filmen etc…
Manche Themen von Musikstücken bleiben in in mir, erklingen manchmal wie von selbst in unterschiedlichen Situationen: Nur ein weiteres Beispiel:Die ersten Sätze der beiden Cello-Konzerte (C-Dur und D-Dur) von Joseph Haydn melden sich bei mir oft, beruhigend, ermunternd.

In Stunden der Trauer, des hilflosen Zorns, etwa über verbrecherische Politiker, über den Wahnsinn der Rechtsextremen … höre ich gern: Die Sympohonie Nr. 3, op. 36, von Hendryk Gorecki, sein Werl hat den Titel „Symphonie der Klagelieder“…

Musikhören also eine Hilfe im Leben? Gewiss! Musik ist auf die Menschenwelt bezogen, sie wurde inmitten der Probleme dieser Welt erschaffen.

17.
Ruhiges, stetes, wiederholtes Musikhören der selben Werke hat eine heilsame Wirkung. Diese heilsame Wirkung stellt sich im Moment des Hörens ein und gilt bis zum Ende, wenn es still wird nach der Musik. Musik-Philosophie und Musik – Therapie treffen sich.
Aber erst, wenn ich nach dem Hören denke und sage: „Diese Musik führt mich ins Weite. Sie tröstet. Sie mahnt zur Einfachheit“:, erst dann, kommt das Eintreten in die eigene Welt der Musik an ihr Ziel. Und so entsteht die Leidenschaft, auch andere Musik, endlich auch „außereuropäische Musik“ zu hören.

18.
Es wird heute in Europa viel Musik, viel Klang, viel „Geräusch“, erzeugt und auch gehört, oft nur nebenbei gehört. Das „Nebenbei-Hören“ ist die Spezialität der Unterhaltungsmusik oder was man einst „Schlager“ nannte.Aber es ist der Lärm, die Aggressivität der vielen Geräusche, das Brüllen und Bohren und Hupen und Schreien, das ständige Plappern, das heute das Hören als Wahr- Nehmen von Musik so schwer macht.
Trotz oder eher wegen permanenter Musik – „Berieselung“ allerorten ist Musik heute sogar bedroht. Und die vielen hoch gefeierten Festivals und Sonderkonzerte, die Festspiele und die nur noch von Millionäre bezahlbaren Opern-Premieren in Wien, Paris, Zürich, New York…. zeigen: Musik ist auch vom Markt und dessen Gesetzen verdorben, weil Musik heute vorwiegend als „Event“ der Gesellschaft, also meist der angeblich sehr feinen Gesellschaft, zelebriert und als „Gewinn“ erachtet wird. Aber wie viel tiefe Langeweile ist die Voraussetzung für die Teilnehmer der Premieren, wenn sie denn zum fünften Mal wieder den „Tannhäuser“ in Bayreuth oder die „Entführung“ in Salzburg hören. Eine Musik-Philosophie wird als weiteres Thema eine Kritik des Musik – Konsums werden müssen.

19.

„Meine Musik -Philosophie“ kann, wenn sie denn explizit wird, eine Orientierung werden in dem heute (und immer ?) verworrenen Zustand dieser verrückten Welt voller verrückt gewordener Politiker. Die die Menschen groß werden ließen, weil sie als Menschen und Gesellschaft nicht achtsam auf ihr eigenes Leben und das der anderen achteten, auf die Mensxchenrechte. Musik kann, in der Stille gehört, wieder an die Basis des menschlichen Daseins erinnern.

Unser Hinweis zu „Voices“  von Max Richter: LINK

Unser Hinweis zur Komponistein Claire M. Singer: LINK

Es gilt das Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ist ein böser Gott heute in den USA allmächtig?

Die 28. der „unerhörten Fragen“ des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“

Von Christian Modehn zuerst am 27.1.2026 veröffentlicht, erweitert am 6.2.2026

„Unerhörte Fragen“ haben eine provokative Kraft. Aber sie werden von den Herrschenden kaum „erhört“, d.h. sie haben nur selten eine verwandelnde Kraft. Weil die unverschämt Handelnden unbeirrt unverschämt (unerhört) bleiben.
Aber: Unerhörte Fragen müssen erläutert werden. Dies ist Ausdruck von Hoffnung.

1.
Trump inszeniert sich ständig gern als allmächtig. Nur sein Wille zählt. Vor ihm haben alle gefälligst niederzuknien…
Trump ist absolut launisch, nur auf sein Ego (und sein Geld bzw. die entsprechenden Deals) fixiert; er sei bösartig und hinterhältig, sagen viele, die ihn kennen, gerade aus Kreisen kritischer amerikanischer JournalistInnen. Sie werden von Trump aufs übelste beschimpft. Pressefreiheit will er auch auf diese Weise bekämpfen.

2.
Weil die Bürger der USA und die klein gewordene demokratische Weltgemeinschaft Trump nicht definitiv fassen können, also aus dem Amt entfernen können, um Schlimmstes zu verhindern, suchen viele kompetente Beobachter Zuflucht zu Definitionen, die ihn wenigstens in der Theorie zu „fassen“. So wird die Unfähigkeit der demokratisch gesinnten Menschen etwas beruhigt und man hofft etwa als Philosoph, dass die Stimmen der Kritik irgendwann die Verhältnisse zum Besseren wenden, zur Wiederkehr der Demokratie.

3.
So sehen die wichtigsten Trump – Kritiken aus:
Timothy Snyder meint: Der Trumpismus ist Faschismus.
Felix Sassmannshausen nennt den Trumpismus einen „Cäsarismus“.
Gustav Seibt zieht es vor, Trump mit Nero zu vergleichen.

4.
Der Trumpismus sei aber vor allem ein Neo – Royalismus, betonen die amerikanischen Politologen Stacie Goddard und Abraham Newman in der Zeitschrift „Le Grand Kontinent“. LINK.

Der Trumpismus zeichne sich durch die strikte Leugnung zweier Grundprinzipien der aktuellen Weltordnung aus: Trump leugnet die „gegenseitige Anerkennung der äußeren Souveränität der Staaten und den Vorrang des Rechts als Grundlage der politischen Legitimität und als Grenze der Machtausübung“, so fasst „Perlentaucher“ am 5.2.2026 eine zentrale Erkenntnis zum „Neo – Royalismus“ zusammen.

5.
Trump der neue allmächtige, willkürliche König („Neo-Royalismus“):
Von da aus ist es naheliegend, auch den Titel „Gott“ aus der Bibel und der kirchlichen Tradition auf Trump zu beziehen, zumal ja Trump und die Seinen so oft vom Biblischen schwadronieren. Der auferstandene Christus wird von Katholiken als Christ – König verehrt und vor allem: „Alten Testament“ gibt es zentral das Bekenntnis: „Gott ist König“, siehe etwa die Psalmen, Jesaja, Jeremias etc…

6.
Trump also: der oberste „Neo -Royal“, er deutet öffentlich sein Amt als von Gott gegeben. Er verkündet: Als Präsident wurde er von Gott selbst im Attentat am 14.7.2024 gerettet. „Monate später, im Mai 2025, organisierte der Verteidigungsminister einen christlichen Gebetsgottesdienst im Pentagon, bei dem laut der New York Times ‚Präsident Trump als von Gott bestimmter Führer` gefeiert wurde’“, berichtet „Le Grand Continent“.

7.
Fest steht. Trump gilt unter den „(weißen) Christlichen US – Nationalisten“ als „Messias“. Und der „Messias“ wird von christlichen Theologen als göttliche Gestalt, als Gottmensch, als Erlöser, verstanden und propagiert.
Von da aus kann man sich gut in Trumps Wahn hineindenken, er sei der Messias, also etwas Göttliches. Spätestens seit dem Philosophen Ludwig Feuerbach (1804-1872) wissen wir: Es sind die Menschen, die sich ihre Götter schaffen: Den naiven lieben Opa im Himmel genauso wie den bösen Gott, der als Neurotiker nur eine bestimmte Gruppe von Menschen als die „Seinen“ fördert und alle anderen schikaniert. Der aber als der oberste regierende Gott einen Hofstaat von Halb -Göttern um sich schart.

8.

Es sind die Milliardäre, die Halbgötter, die diesen obersten Gott zu eigenem finanziellen Nutzen unterstützen.
Es ist der Wahn so vieler nationalistisch verdorbener Menschen, die diese Präsenz dieses Gottes für sich als Vorteil ansehen und ihn durch Wahlen an die Macht bringen.
Es ist die systematisch und total ausgebaute Macht – Gewalt des Gott – Herrscher…

9.
Jeder und jede unter Trump Leidende kann diese Liste der Eigenschaften des bösen Gottes fortsetzen.

10.
Aufgrund seiner oben genannten „Qualitäten“ können kritische Beobachter Trump als einen bösen Gott verstehen. Der ägyptische Gott Seth gilt als typisches Beispiel für den bösen Gott, er ist verantwortlich für Chaos, Vernichtung, Krieg und Leiden…In der griechischen Mythologie werden böse Götter genannt, etwa Kronos: Er frisst seine eigenen Kinder.

11.
Beachtlich auch der göttliche Ritus: Wenn Trump eine seiner vielen Verordnungen und Gesetze unterschrieben hat, zeigt er das Dokument, hoch haltend, auch drehend, damit jede Kamera auch seine viel zu lange, künstlich aufgeblähte spitze Unterschrift wahrnimmt: Trump will in dieser Zeremonie religiöse Vorstellungen wecken … etwa Erinnerungen an Moses, als er die Gesetzestafeln Gottes dem Volk zeigte. Dies ist ein beliebtes Motiv der Künstler, man denke an Valentin de Bourgognes Gemälde (1628). Diese Unterschriften – Riten Trumps im Beisein seiner ihn bewundernden „Gemeinde“ (Vance und andere Halbgötter; Vance wird bald der neue Gott sein) sind also eine bewusst eingesetzte religiöse Zeremonie, die direkten Bezug hat zu tiefsten religiösen Traditionen von Judentum und Christentum. Der Gott zeigt sich seinem Volk.

12.

ABER, dies ist der entscheidende Unterschied: Moses hatte die Gesetzestafeln empfangen, nicht selbst geschrieben, Moses stand UNTER dem einen, dem befreienden Gott. Trump hingegen formuliert selbst diese verheerenden Gesetze, er maßt sich an, Herr aller Gesetze, allen Rechts, zu sein.

13.

Und Trump „schwingt sein Schwert“, ständig: gegen die Demokratie, gegen die eigenen Bürger, wenn sie zur Opposition, gehören. Die USA werden allmählich zur Diktatur. Wer es sich leisten kann, flieht, etwa nach Kanada.

14.
Die demokratischen Mitbürger seines Landes betrachtet der böse Gott explizit als Feinde, auf die er in seinem offiziellen KI- Video tatsächlich Scheiße von oben wirft. Tiefer kann ein so genannter Präsident nicht sinken…Quelle: LINK. https://www.sueddeutsche.de/kultur/ki-video-donald-trump-fake-no-kings-koenig-faekalien-li.3327809
15.
Im biblischen Mythos rettet Gott das unterdrückte Volk aus der Herrschaft des Pharaos in Ägypten. Er beruft Moses als den Befreier des Volkes.
Der wahre Gott ist der befreiende, der menschliche Gott…Der Prophet Jesus von Nazareth brachte definitiv Klarheit: Gott ist der liebende Vater eines jeden Menschen.  Das ist die humane Botschaft des christlichen Monotheismus.

16.
Wie lässt sich der genannte biblische Mythos in die Sprache der säkularen Welt übersetzen? Als wahres Göttliches können heute nur die universellen Menschenrechte gelten. Sie fordern Respekt, Gerechtigkeit, Gleichbehandlung vor dem Gesetz für einen jeden Menschen. In dem Sinne: Demokraten weltweit leisten Widerstand in Gruppen, Parteien, Organisationen, in NGOs, sicher auch in einigen Kirchen-Gemeinden, die öffentlich und lautstark, trotz aller Medien – Herrschaft durch diesen Gott und seine Halbgötter, für die Befreiung kämpfen, für die Befreiung von Göttern und Halbgöttern.

17.
Das ist die verstörende Erkenntnis dieser Wochen und Tage: Wir leben tatsächlich in einer poly-theistisch bestimmten Welt der vielen bösen Götter (sie haben auch den Namen „Neoliberalismus“). Die vielen bösen Götter der Gewaltherrschaft sind Produkte der „Theologie“, der Ideologie, der Rechtsextremen, der Nazis, der Faschisten usw. Als die „Neue Rechte“ („La Nouvelle Droite“) sich um 1970 in Frankreich und von da aus in ganz Europa und Amerika etablierte, war der Polytheismus Mittelpunkt ihrer Ideologie. Die wahren Monotheisten, die Verteidiger der universell gelten Menschenrechte, waren und sind ziemlich hilflos bis jetzt.

PS 1.:
Diese unsere unerhörte Frage wurde von einem wichtigen Dokumentar-Film der ARD am 12.1.2026 angeregt: „Trump & us“. Die drei Teile des Films sind bis 10.1.2028 in der Mediathek verfügbar. LINK

Wir haben schon 2025 ein viel beachtetes Gebet formuliert, das die Trump-Gläubigen jeden Tag sprechen, eine Neufassung des Songs „Ich bete an die Macht der Liebe“… : LINK:

Dieser Beitrag wurde am 27.1.2026 zuerst publiziert, dem Gedenken an die „Befreiung von Auschwitz 1945“, dem Gedenken also an das vorläufige Ende der Nazi-Herrschaft in Europa; die Nazi-Herrschaft  ist Inbegriff der Herrschaft böser Götter, denen so viele Menschen folgten.

Die ständige Verführbarkeit der so genannten Monotheisten, also der Verehrer des wahren, des humanen Gottes durch die bösen Götter ist ein dringendes Thema der  Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phien und kritischen Theologien.

PS 2.:Der Spiegel (online) nennt am 15.2.2026 „Trump- einen SATANISCHEN Wettermacher“, ein Kommentar vin Dirk Kurbjeweit. Sozusagen eine Zuspitzung bzw. Variation unserer These: „Trump als böser Gott“.  Wwr stürzt einen „Satan“, wer stürzt einen „bösen Gott“? Falls das gelingt: Welcher „Satan“ kommt danach, welcher „böse Gott“ kommt danach, wenn die vernünftigen demokratischen Menschen nicht SEHR aufpassen!

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