Lügen zerstören den menschlichen Zusammenhalt

Von Christian Modehn. (Anlässlich eines Gesprächskreises am 5. November 2018)

Einige Hinweise zu einer „Philosophie der Lüge:

Unsere Kultur lebt von der Ehrlichkeit, also der Wahrhaftigkeit, eines jeden. In einer humanen Kultur geht jeder und jede davon aus, dass Zusagen und Versprechen gelten: Verabredungen zu Treffen werden als gültig angenommen. Der andere stellt sich darauf ein. Berichte über Erlebtes werden als gültig und als wahr angenommen. Ebenso, wenn ich jemanden um die Mitteilung der Uhrzeit bitte, erwarte ich keine Lüge. Im Alltag ist die Erwartung üblich, dass Wahres gesagt wird. Wenn ich skeptisch bin, muss ich auch der Skepsis gegenüber skeptisch sein.

Eine Gesellschaft, die sich bei einer mentalen Bearbeitung durch Lügenpropaganda darauf einstellt, von Mächtigen mit Fakes und Lügen konfrontiert zu sein, zerfällt. Sie wird durch Lügen vergiftet. Es entsteht totale Verirrung. Es entstehen Parteien, die einander die Unwahrheit vorwerfen, und keiner kann es kontrollieren. Dies sind Situationen des Bürgerkrieges.

Bestes Beispiel ist dafür Mister Trump als Präsident der USA: Er behauptet erlogene Dinge und verbreitet sie mit aller Macht, wenn nicht Gewalt. Trump ist der Inbegriff des Lügners, das schreiben alle ernstzunehmenden demokratischen Zeitungen. In dieser Etablierung einer systematischen Lügen-Unkultur (es geht ja nicht um diplomatisches Verschweigen oder Notlügen, sondern um ideologische Propaganda) ist er ein Verwandter aller Diktatoren. Man denke an Stalin, Hitler („die Juden sind unser Untergang“ , verbrecherischen Aussagen, die zu Verbrechen führten), man denke an die KP Führer Chinas, die Familie der Herrscher in Nord-Korea, jetzt an den Neofaschisten und Präsidenten Brasiliens (und „Schüler“ von Tump), Mister Bolsonaro.

Mit anderen Worten: Die Unkultur der Lügen, von den Machthabern mächtig verbreitet, ist keine, bloß intellektuell relevante Nachlässigkeit. Sie ist der Wille zur Zerstörung der Demokratie, der Zerstörung elementarer MenschlichkeiDie heutige Unkultur der Lüge vergiftet die Welt, vergiftet die Restbestände der Kultur der Ehrlichkeit.

Man bedenke: Unser humanes Leben und Zusammenleben ist ohne den je gegebenen, förmlich vom Geist her selbst kommenden Vertrauensvorschuss gar nicht möglich.

Wird alles zur möglichen Lüge, zerbricht der soziale Zusammenhang.

Hinzukommt: Wahrheit beanspruchende Aussagen tieferer, bedeutenderer Art sind auf ihren Wahrheitsgehalt gar nicht empirisch zu prüfen: Etwa „Ich liebe dich“, „ich bin mit dir traurig“, „mein Beileid“, „ich verspreche dir meine Solidarität“ etc.: Sie leben vom Basis-Vertrauen, vom Grundvertrauen, dass der andere die Wahrheit sagt; dies ermöglicht erst das Leben eines jeden in der Gesellschaft.

Darum sind Lügner wie Trump usw. ein enormes Unheil für die Menschheit. Sie sollten um der Kultur der Menschlichkeit willen „eingeschränkt“ (pensioniert) werden.Man bedenke die Kriterien, die Kant in seinen kategorischen Imperativen vorlegt: Für meine Maximen muss gelten: Sie sind universalisierbar für alle Menschen! Konkrete Lügen als Maximen sind nicht universalisierbar, es sei denn, man redet allen ein, der Untergang sei das Beste. Die Nazi-Propaganda gerade in ihren antisemitischen Aspekten war in dieser Weise „erfolgreich“ mörderisch.

Etwas problematischer ist: Wenn ich um der Rettung eines bedrohten Menschen willen die verfolgenden Verbrecher (das kann etwa die Nazi-Polizei sein) belüge: Dann rette ich das Leben eines Menschen mit der Lüge. Dieses Verhalten aber kann genau dem kategorischen Imperativ entsprechen: Denn meine Lebensmaxime der Rettung eines unschuldig Verfolgten kann ein Imperativ werden. Nebenbei: Wenn ich einen Verbrecher verstecke, und dies auch weiß, darf ich die Polizeibehörden nicht behindern.

Aber auch in den Kontexten des alltäglichen Lebens kann es um des menschlichen Zusammenhaltes sinnvoll und ethisch geboten sein, einander nicht immer meine selbstverständlich immer subjektiv gefärbte Wahrheit über den anderen zu sagen. Die Forderung einer totalen Transparenz der Menschen voreinander und füreinander ist abzulehnen, um des höheren Gutes eines halbwegs friedlichen Miteinanders willen. Denn: Wenn jeder jedem immer die (eigene) Wahrheit sagt, kann das aufgrund von immer möglichen kommunikativen Missverständnissen zu heftigen Auseinandersetzungen führen. Totale Transparenz im Wahrheit zu sagen, ist also in gewissem Sinne sozial, gesellschaftlich, gefährlich: Denn jede meiner Äußerungen von Wahrheit (über einen anderen etc.) ist immer von meiner Lebensgeschichte, meinen Werten, meiner Sprache geprägt. Jede meine „Wahrheitsäußerung im Alltag“ ist zeitgebunden: Morgen denke ich über den kritisierten Verwandten vielleicht wieder ganz anders. Darum: Nur selten, nach längeren Dialogen in wirklich wichtigen Fragen, definitiv und absolut in alltäglichen Zusammenhängen dem anderen meine Wahrheit, die ich als „die“ Wahrheit verstehe, sagen. Der Umgang mit „Wahrheitsagen“ und mit „Lügen“ muss immer genau differenziert werden

Das Ziel bleibt: Der große Rahmen einer Kultur und Gesellschaft des Wahrheit-Sagens muss unbedingt erhalten bleiben. Nur innerhalb dieser Kultur der Wahrheit gibt es dann den begrenzten und reflektierten Raum für die Rücksichtnahme aufeinander im persönlichen Umfeld, auch mal die Lüge oder die Notlüge zu praktizieren oder das Verschweigen einer Wahrheit, weil „die Stunde“ dafür noch nicht da.

Durch Mister Trump oder Putin wird hingegen der grundlegende Rahmen der Geltung der Wahrheit zerstört und eine Beliebigkeit der Lügen, Fakes, erzeugt. Diesem Verbrechen, die Lüge als den Rahmen der Kultur zu setzen, muss sich jeder widersetzen. Die Unkultur der offiziellen Lügen der Offiziellen darf sich nicht durchsetzen, um der Menschheit willen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Vielfalt des Bösen. Ein Sonderheft des Philosophie Magazins

Eine Lektüre Empfehlung von Christian Modehn: Das neue Sonderheft des „Philosophie Magazin“

Von Christian Modehn

Die Frage nach dem Bösen ist eine der besonders komplexen Themen der Philosophie. Und eine der ganz dringenden auch politischen Fragen!

Wer sich auf die neue, sehr lesenswerte Sonderausgabe des „Philosophie – Magazin“ einlassen will, bringt ja Fragen mit: Sollen Philosophen zuerst von „den“ Bösen sprechen, bevor sie über den sachlichen Begriff „das“ Böse reflektieren? Drängt sich dann aber die Gefahr auf, einen anderen Menschen deswegen böse zu nennen, weil man sich selbst gut findet? Und wo sind die begrifflichen Grenzen zwischen schlecht und böse?

Wer wäre denn „der Böse“ oder „die Böse“? Setzt diese Qualifizierung bereits die Kenntnis von „dem“ sachlich Bösen voraus? Wahrscheinlich. Aber auch dieser Begriff ist wohl entstanden im Angesicht der Bösen, d.h. der als böse wahrgenommenen Menschen. Sind sie zahlreich? Sind vielleicht alle Menschen irgendwie manchmal, in erträglichem Maße, böse? Jemanden böse zu nennen, ist nichts Leichtfertiges. Und dies darf nicht kultisch – religiös – rituell noch gefeiert werden: Siehe Hexenverbrennungen.

Gibt es Abstufungen unter „den“ Bösen? Hitler, Stalin, den Massenmörder aus den Kliniken von Oldenburg und Delmenhorst, Anders Breivik in Norwegen, um nur einige extreme Beispiele zu nennen? Darf man einen Menschen als „den Bösen“ qualifizieren und auf diese Qualität sogar definitiv festlegen? Wohl kaum, denn in einem demokratischen Rechtsstaat gibt es keine Todesstrafe für den absolut großen Verbrecher, schon gar nicht eine Hexenverfolgung. Demokratische Verhältnisse rechnen immer noch mit einer Besserung „der Bösen“. Total böse, gibt es das also? War es Hitler, waren es die Leute von der SS und SA? Gab es bei diesen Bösen noch einen Funken „Gutes“? Welcher Mensch will das beurteilen?

Zeigten die Akteure in dem Film von Pasolini „Salo oder die hundert Tage von Sodom“ absolut böse Menschen? Man möchte es meinen, wenn man den Film bis zum schrecklichen Ende ausgehalten hat. Pasolini wollte die Bösen, also die durch und durch bösen Menschen, böse geworden durch das faschistische System, also die Sadisten, vorführen; wohl als Lehrstück der Warnung vor dem immer wieder auftretenden Faschismus. Die bekannte US-amerikanische Philosophin Susan Neiman (Potsdam) findet – durchaus provozierend – ein aktuelles Beispiel, an das sicher schon viele andere zustimmend gedacht haben: “Kein Mensch ist an sich böse. Bei Donald Trump habe ich ehrlich gesagt meine Zweifel. Das klingt wie ein Witz, aber das ist es nicht. Da haben wir einen Menschen vor uns auf der Weltbühne, der anscheinend keine Moralprinzipien versteht – dem schlicht das Verständnis für Gut und Böse fehlt“ (Seite 14). Leider sagt Susan Neiman nicht, wie man diesen Bösen von der „Weltbühne“ wieder herunternimmt und ihn in eine dauerhafte Pension schickt. Mit dem demokratischen Mitteln wird dies angesichts all der Lügen – Kampagnen und Twitter Attacken von Trump und seinen Freunden kaum gelingen. Ein Theologe hat vorgeschlagen: Vielleicht sollte man die Lehre vom Tyrannenmord des heiligen Thomas von Aquin neu debattieren? Nebenbei: Die Vater-Unser Bitte „Erlöse von =dem= Bösen“ erhält angesichts der treffenden Hinweise von Susan Neiman einen neuen, einen personal – politischen Inhalt. Aber die Frommen werden dann auch Putin, die Machthaber in Saudi-Arabien, Pakistan oder Nord – Korea und anderswo in ihr Gebet einbeziehen müssen…

In jedem Fall macht Susan Neiman erneut aufmerksam, welche Gefährdung von diesem, von Psychiatern längst als krank bezeichneten Herrn Trump in Washington ausgeht.

Ich möchte dieses graphisch sehr lesefreundlich gestaltete Heft empfehlen, es bietet in gewisser Weise einen vielseitigen Einstieg in die Debatten. Besonders einige Interviews finde ich großartig: Etwa das Gespräch mit der Psychologin Francoise Sironi (sie ist auch Expertin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag) über ihre Erfahrungen mit Folterknechten der Roten Khmer. „Dieses System – wie auch die Nazis – rekrutierte nicht in erster Linie Sadisten oder nachweislich brutale Kerle. Das wichtigste Kriterium war das Bedürfnis dieser Leute nach Anerkennung, also die Fähigkeit zu gehorchen“ (S. 60). Sironi weist darauf hin, dass auch der häufige Wechsel von Aufenthaltsorten, bedingt durch globale geopolitische Umbrüche die Gewaltbereitschaft (der Flüchtlinge?) steigert (S. 61). Sehr erhellend, weil differenziertes Verstehen fördernd, auch der Beitrag des englischen Philosophen Julian Baggini über „Zehn Figuren des Bösen“ (S. 34 ff), etwa über das Böse der Mittäterschaft, das gleichgültige Böse, das selbstgerechte Böse usw. „Mehrheitlich liegt subjektiv sogar die Absicht vor, Gutes zu tun. Einzig der sadistisch Böse handelt böse aus völlig bewusster böser Absicht (S. 39). Erwartungsgemäß wird auch die Einsicht Hannah Arendts diskutiert: Sie hatte als Beobachterin des Eichmann Prozesses in diesem Verbrecher eher einen Ausdruck für die Banalität des Bösen gesehen. Für sie ist Gedankenlosigkeit auch eine Ursache des Bösen. Diese Erkenntnis zu Eichmann wurde inzwischen durch die Arbeiten von Bettina Stangneth korrigiert.(„Eichmann in Jerusalem“, 2011).

Kritisch möchte ich meinen, dass etwa Texte des Kirchenvaters Augustinus präsentiert werden, ohne dass auf das Wichtigste in unserem Zusammenhang, auf dessen Konstruktion der bis heute gültigen Erbsündenlehre hingewiesen wird. Es wird nicht der Wahn dieses offiziellen Kirchen-Dogmas auseinander genommen, wonach alle Menschen durch den Geschlechtsverkehr der Eltern Anteil haben an der Erbsünde. Die Menschen sind also für den späten Augustinus von Anfang an böse, nur durch die Taufe kann die Kirche in ihrer Allmacht von dieser Erbsünde befreien. Siehe meine kleine Studie zur Erbsündenlehre.

 

Kritisch möchte ich meinen, dass das ganze Heft doch sehr eurozentrisch ist. Philosophisches Nachdenken über das Böse findet doch wohl auch in Afrika, Asien und Lateinamerika statt. Was denken Guerillas in Kolumbien über das Böse? Was denken die braven und reichen Bürger in Kolumbien, wenn sie ganz selbstverstädnlich Guerillas töten? War der leider fast vergessene katholische Guerillo Priester Camillo Torres aus Kolumbien etwa ein Böser? Er war alles andere als dies! Dem Heft würde im ganzen insgesamt eine Öffnung auf die „Weltphilosophie“ gut tun! Wie wird sich der neu gewählte Präsident Brasiliens, Bolsonaro, als böse zeigen: Böse sind seine Worte schon. Und Worte sind bereits Taten…

Und noch etwas: Es ist löblich, sozusagen zentrale Basistexte von berühmten Philosophen zum Thema zu präsentieren. Mühe haben wohl alle, die nicht über Immanuel Kant promoviert wurden, die eine Seite „Ein natürlicher Hang zum Bösen“ aus Kants schöner Religionsschrift zu verstehen, weil schlicht und einfach der Text ziemlich unverständlich ist. Kant selbst hat über seinen eigenen Stil geklagt! Zurecht!!!! Da wäre mein Vorschlag: Auf einer anderen Seite sollte ein philosophischer Dolmetscher Satz für Satz diesen unglaublich wichtigen Kant Text in der Alltagssprache wiedergeben, Satz für Satz. Wäre auch eine schöne Übung für Profi-Philosophen. Philosophen sollten ohnehin Dolmetscher sein, gerade die Leute des „Philosophie Magazins“… Denn dieser Text von Kant z.B. wird so oft auch theologisch missverstanden, etwa: Kant sei für die Erbsündenlehre usw. Siehe meine kleine Studie zur Erbsündenlehre.

Abdrucken allein genügt nicht, selbst wenn es gut gemeint und natürlich sehr bequem ist.

Noch etwas: Die meisten Bösen sind offenbar Männer! Historisch stimmt das ja wohl. Gibt es und gab es auch böse Frauen? Gibt es eine feministische philosophische Interpretation „der“ Bösen?

Das Böse. Sonderausgabe des Philosophie Magazin. Oktober 2018. 100 Seiten. 9,90€. Herausgegeben von Catherine Newmark. www.philomag.de

Am Kiosk finden: www.mykiosk.com

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Tod. Trauer. Abschied. Für eine Philosophie des Lebens. Ein re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er Salon am Freitag, den 23. November 2018

Ein re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er Salon am Freitag, den 23. November 2018. Diese Veranstaltung ist ausgebucht. Alle Anmeldungen, die bis zum 14. November mitgeteilt wurden, werden selbstverständlich respektiert. C.M.

Wenn ein philosophischer Salon zwischen dem „Volkstrauertag“ und dem „Totensonntag“ bzw. „Ewigkeitssonntag“ stattfindet, können wir eigentlich diese förmlich vorgegeben Themen nicht ignorieren. Zumal auch die Erinnerungen an das Ende des Ersten Weltkriegs niemals verschwinden dürfen.

Für eine eigene, reife und selbstkritische Philosophie steht die je eigene Auseinandersetzung mit dem Tod, auch mit dem eigenen Tod, im Mittelpunkt. Mein Tod ist die einzige absolute Sicherheit, die wir in diesem Dasein haben.

Wir wollen am Freitag, den 23. November 2018, über dieses Thema sprechen. Diesmal ist dabei als Referent der Philosoph und Theologe Prof. Johan Goud aus Den Haag, Niederlande. Darüber werden sich viele TeilnehmerInnen unseres Salons freuen, denn schon vor 2 Jahren war Prof. Goud einmal bei uns zum Thema „Meine Biographie und meine je eigene Theologie“.

Wir treffen uns wieder in der Kunstgalerie Fantom, in der Hektorstr. 9 in Berlin – Wilmersdorf.

Herzliche Einladung zu diesem sicher intensiven und herausfordernden Gespräch!

Mit der Bitte um Anmeldung an: christian.modehn@berlin.de

Diese Anmeldung ist nötig, weil die Anzahl der Plätze bekanntermaßen begrenzt ist….

Die Teilnahmegebühr: 5 Euro (Studenten gratis).

Eliten, welche Eliten? Die Oktoberausgabe des „Philosophie Magazins“

Ein Hinweis von Christian Modehn

Das „Philosophie Magazin“ für die Monate Oktober und November 2018 bietet wieder vielfache Anregungen. Sie zeigen: Dass philosophierend, also z.B. ins Grundsätzliche denkend und vieles selbstkritisch hinterfragend, förmlich alle Themen bearbeitet werden können, etwa „Arbeit und Asyl“, die „Rechtsextremen auf der Buchmesse in Frankfurt“ usw.

Ich weise nur auf drei weitere Themen im Heft etwas ausführlicher hin:

Ein Hauptartikel setzt sich mit der Frage auseinander: „Brauchen wir Eliten?“

Man nennt gewohnheitsmäßig Eliten solche Menschen(gruppen), die aufgrund von hohen Ämtern oder beträchtlichem Eigentum an der Spitze in der Lage sind, globale Entwicklungen zu bestimmen: Etwa Richter, Politiker, Manager etc. Leider sind diese Eliten oft, individuell – ethisch betrachtet, alles andere als „herausragend“. Sie sind eher Totengräber der Demokratie, wie Mister Trump, Viktor Orban oder die Leute der PIS Partei in Polen oder die FPÖ Clique. Ihr Verständnis vom eigenen „Elitedasein“ zu untersuchen, wäre interessant, von den Autokraten Putin oder Erdogan ganz zu schweigen. Oder den Autokraten in vielen Staaten Afrikas usw. Das heißt: Wir leben in einer Welt voller falscher Eliten, von Leuten, die sich selbst und, von den von ihnen gesteuerten Medien hoch gepuscht, nur Eliten nennen; das einzige, was diese Herren wirklich leisten, ist viel Geld in die eigene Tasche (bzw. in die Schweiz) zu bringen. Diese Autokraten herrschen zwar elitär, sind aber keine Eliten, um nur im Bereich der Politik zu bleiben, von den Banken, „Lehman Brothers“ etc.. wollen wir hier schweigen…

Diese Fragen berührt das Heft Philosophie Magazin eher am Rande.

Philosophisch könnte ich auch als andere Möglichkeit, als kritische Alternative, sagen: Eliten sind in unserer demokratischen Gesellschaft Menschen, die als Menschen so überzeugend menschlich sind, z.B. so wegweisende, „ethisch gute“ Taten vollbringen, dass sie Vorbilder sind. Genau dadurch werden sie zur Elite. Und durch ihr Engagement fordern sie andere auf, selbst auf ihre je eigene Art für die Menschen Gutes zu tun. In diesem Engagement tun die Akteure, nebenbei gesagt, sich selbst Gutes: Sie erfahren Sinn.

Im sprachlichen Ursprung ist Elite auf das lateinische Verb eligere bezogen, „auswählen“. Diese noch „neutrale“ wertfreie Bezeichnung wurde dann mit einem Maßstab der herrschenden Gesellschaft ausgestattet: Zu den (Aus)Erwählten gehörten dann nur die hoch geachteten, sich selbst in den Mittelpunkt stellenden Herrscher. Die Erwählten waren ja in Feudalzeiten eben nicht gewählt. Man redete sich ein, sie seien aufgrund ihrer adligen Herkunft „erwählt“.

Wer ein humanistisches Kriterium für den Elitenbegriff anwendet, könnte man treffende Beispiele nennen: Etwa die MitarbeiterInnen von „Ärzte ohne Grenzen“ sind Elite. Oder die MitarbeiterInnen von Obdachlosenspeisungen in den steinreichen Städten Europas. Oder die HausbesetzerInnen, die gegen eine ungerechte Wohnungspolitik protestieren. Oder die vielen „Mutter Theresas“, die es auch heute gibt. Oder die RentnerInnen, die ihre Freizeit für Sprachkurse der Flüchtlinge einsetzen.

Diese Menschen werden nicht öffentlich zur Elite gezählt, sie gehören aber zweifelsfrei zur humanen Elite, die nun wirklich den Titel Vorbild verdient. Das gilt etwa für Helfer, die Flüchtlinge aus dem Mittelmeer retten vor der Gewalt der EU-Politiker, die per Vorschrift Menschen ertrinken lassen. Natürlich ist Kritik an Eliten heute besonders gefährlich, weil sich Rechtsextreme und Populisten auch in der Elitenkritik heftig groß tun und dabei selbst vergessen, dass ihre eigenen Führer selbst sich als Elite des rechtsextremen und populistischen Denkens fühlen und gebärden. Dennoch muss sich grundlegend etwas ändern in unserer demokratischen Eliten-Herrschaft: Es müssen Menschen von unten, es müssen „Ausländer“ und Flüchtlinge Zugang haben zu Karrieren, die in eine leitende Stellung führen. Und es bedarf der gesellschaftlichen Kontrolle, ob die Eliten tatsächlich qualifiziert für das Gemeinwohl der Menschen arbeiten oder egoistisch nur für die eigene (Finanz) Karriere.

Man wird das Interview mit dem bekannten Elitenforscher Michael Hartmann im Heft mit großem Gewinn lesen. Volker Weiß weist darauf hin, dass die neue Rechte auch von Eliten schwärmt und dabei ausgerechnet die Elite über das rechte und richtige „Blut“ definiert. Carl Schmitt sollte auch in dem Zusammenhang „auseinander genommen“ werden von demokratischen Historikern und Philosophen. Der bekannte Soziologe Hartmut Rosa fordert die „intellektuellen Eliten“, also Professoren und Schriftsteller, sich viel stärker zu profilieren: Indem sie ihre Arbeiten verbinden mit der eigenen Biografie, wie dies etwa Didier Eribon oder Annie Ernaux in Frankreich tun, oder auch der junge Schriftsteller Edouard Louis. Sascha Lobos Diagnose für die Bundesrepublik (Seite 63) sollte breit diskutiert werden: „Wir taumeln elitenschwach in eine digitale Zukunft“.

Indirekt gehört zum Thema der „reichen Elite“ das Interview mit Luc Boltanski und Arnaud Esquerre über die Bereicherung, das ist etwas anderes als reich werden durch eigene Tätigkeit! Zu Bereicherung haben beide Soziologen ein Buch publiziert, sehr umfangreich, fast immer sind die Argumente auf Frankreich bezogen. Aber auch in Deutschland gibt es die Bereicherung: Sie findet heute nicht mehr durch die Produktion von Waren statt (diese Produktion wurde in Billigländer „verlagert“), sondern im Profitmachen „von Gütern und Waren, die schon da sind oder in bezug zur Vergangenheit stehen: Also touristisch hoch gepriesene Landschaften, Antiquitäten, Denkmäler, Kulturerbe, Kunst usw“ (Seite 22). Der geldgierige Kapitalismus sucht neue Profite im Vergangenen, Traditionellen.

Eine schwierige Philosophin stellt das neue Heft vor, die Französin Simone Weil (1909 bis 1943). Jacques Julliard, Historiker und Autor der eher religionskritischen politischen Zeitschrift „Marianne“ (Paris) nennt einige Aspekte zum letzten Buch von Simone Weil, es hat den Titel „Die Verwurzelung“. Ein, wie so oft bei Weil, sehr schwieriger Text, weil Simone Weil selbst ganz eigene Wurzeln suchte, sie war Jüdin, fühlte sich als Christin, Katholikin, stand mit einem Dominikanerpater in engem Kontakt, konnte und wollte aber keine „institutionelle Konversion“ vollziehen: Weil sie, wie so viele, das Evangelium Jesu wichtig, die (katholische) Kirche aber abstoßend und arrogant fand. Über Weils heftige Kritik am Judentum waren die Rabbiner usw. alles andere als erfreut. Jacques Julliard schreibt zusammenfassend über das Buch: „Verwurzelung ist nichts anderes als die Summe der Verankerungen hier unten, im Irdischen. Verankerungen, die uns unmerklich zum Absoluten führen, indem sie dem, was wir sind und was wir tun, einen Sinne geben“. In einem kleinen Beiheft, Booklet, kann man sich etwas vertiefen in das komplexe Denken der Simone Weil. Und ihr politisches, leidenschaftliches humanes Engagement kennen lernen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aus aktuellem Anlass verschoben: Wo finden wir (noch) Halt. Eine Ra­dio­sen­dung NDR Kultur am 30.9.2018 um 8.40 Uhr

Wegen der aktuellen und hoffentlich umfassenden Debatten in der katholischen Kirche über sexuellen Mißbrauch durch Priester wird die Sendung auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

 

Wenn immer mehr unsicher wird…. Wo finden wir noch Halt? Was und wer gibt noch Sicherheit in unserem Leben?

Ein Essay bzw. eine philosophische Meditation von Christian Modehn auf NDR Kultur am Sonntag, 30.9.2018, von 8.40 bis 9.00 Uhr. ein Beitrag für die Reihe Glaubenssachen.

 

Wenn der Dialog heute verweigert wird

Die Philosophie und das Verschwinden vernünftiger Kommunikation heute

Ein Hinweis von Christian Modehn zur Philosophie von Karl-Otto Apel

Die Krise der Kommunikation heute, als Verleumdung, Lügenpropaganda, Abbruch des Dialogs, Niveauverlust in den Gesprächen usw. ist auch eine Krise der Demokratie heute. Zu diesem Krankheitssyndrom kann die Philosophie hilfreiche Hinweise geben, wenn sie auf die unaufgebbaren Voraussetzungen der Kommunikation aufmerksam macht. Wer sie nicht beachtet, schädigt sich selbst auf Dauer.

Philosophieren als Praxis der Philosophie kann die Welt zwar nicht unmittelbar, nicht sofort, nicht „ad hoc“, verbessern. Aber Philosophie bringt Klarheit in die von Menschen verwendeten Begriffe und Werte bzw. Unwerte: Wer will schon selber in einem widersprüchlichen Wirrwarr von Meinungen und Behauptungen leben, wie im Nebel orientierungslos herumirren? Philosophie zeigt Irrtümer und Lügen auf und stellt die Frage: Ob Menschen mit der Lüge leben wollen.

Die Stärke der Philosophie ist die tief greifende Analyse der Sprachwelten, in denen die Menschen sich heute bewegen. Philosophie klärt auf über das, was wir sagen und tun und welche Konsequenzen das hat.

Philosophen sagen also eher selten, was denn konkret jetzt im einzelnen zu tun ist. Sie sind dem Allgemeinen verpflichtet, der Reflexion auf das allen Gemeinsame, die Vernunft. Aber gerade darin liegt die Bedeutung der Philosophie bzw. einer bestimmten Form des Philosophierens. Philosophie hat Wesentliches in der Krise zu sagen. Leider sagen das so wenige PhilosophInnen heute. Die demokratischen Gesellschaften haben heute ein tief greifendes Kommunikationsproblem. Man könnte sagen: Menschen unterschiedlicher Herkunft, Bildung, Parteienzugehörigkeit, Religionsbindungen usw. verstehen einander nicht mehr. Und das ist in dieser radikalen Dimension neu. Heute haben sich die Feinde der immer zu verbessernden (!) Demokratie innerhalb der Demokratie auch in Europa breit gemacht, das ist das Besondere und Gefährliche.

Jetzt reden Menschen aneinander vorbei, auch wenn sie noch die gleich klingenden Begriffe verwenden. Einen gemeinsamen sachlichen verbindenden und verbindlichen Inhalt gibt es oft nicht mehr: „Demokratie“, „Rechtsprechung“, „Gleichheit vor dem Gesetz“ usw. werden in widersprüchlichen Bedeutungen verwendet. Und die Kontrahenten sehen nicht mehr, was ein gemeinsames inhaltliches Verstehen leisten könnte.

Mister Trump erschüttert das Zusammenleben vernünftiger Menschen durch sein von Psychologen auch bestätigtes verrückt zu nennendes Agieren. Er sieht sich, der Autokrat, als der Herr der Wahrheit (ebenso Putin und die vielen anderen, die sich in Europa Politiker nennen): Um bei Mister Trump zu bleiben: Er kann heute die Wahrheit A und schon ein paar Stunden später die der Wahrheit A völlig widersprechende Wahrheit B verkünden. Die Bürger bzw. wenigstens seine Getreuen sollen gehorsam dem herrschaftlichen Umgang mit seiner Wahrheit folgen. Trump etabliert sich so als „der Führer“. Durch diese krankhafte Weise permanenter Verwirrung werden Menschen auf Dauer dann müde und zermürbt. Ihr Vertrauen in Erkenntnisse und Sätze mit Wahrheitsanspruch schwindet; ebenso wird das elementare Vertrauen in einen Mann, der sich Präsident nennt, zerstört. So bilden sich feinselige Fraktionen in ein und derselben Gesellschaft: Die einen halten sich an Wahrheit A, die anderen an Wahrheit B, und einige noch an die tatsächliche Wahrheit; vielen aber wird dieses ganze Thema dann doch ganz egal: Sie überlassen den Führern das Feld. Die permanente Verwirrung angesichts der Fakes und der Fakes – Behauptungen zerstört letztlich die letzten Reste von Demokratie. Und das wollen diese Herren, man befasse sich intensiver mit dem rechtsradikalen Freund von Mister Trump, mit Steve Bannon, der jetzt sein Netz knüpft zwischen allen rechtsradikalen Parteien Europas, auch die AFD hat Kontakte zu Bannon. Angesichts dieser eher hoffnungslos stimmenden Situation fragen sich einige: Und was haben Philosophen zu diesen Verhältnissen zu sagen? Philosophie hat es bekanntlich mit den „allgemeinen“ Fragen zu tun. Sie beschäftigt sich kritisch reflektierend mit der Vernunft und weiß, dass es tatsächlich nur eine gemeinsame Vernunft der Menschen geben kann. Selbst wer als Philosoph etwa in der Postmoderne von der Vielfalt verschiedener historisch – kulturell differenter „Vernünfte“ spricht oder sprach, verbindet doch die Vielfalt dieser „regional“ verschiedenen Vernünfte in seiner vernünftigen, von allen Lesern nachvollziehbaren Beschreibung zu einer gemeinsamen Verständlichkeit zusammen; d. h. wer von vielen Vernünften spricht, MUSS sich doch wieder einer gewissen „einheitlichen“ Sprache zur Erklärung dieser Behauptung bedienen. Noch einmal: Alle Interpretationen der vieler Vernünfte gelingen nur in der Verwendung dann doch einer gemeinsamen Sprache, der sich der darstellende Philosoph bedient.

Eine Privatsprache, die nur ich und vielleicht ein Freund verwenden und verstehen, kann man ja als Hobby entwickeln, nur wird sie als Privatsprache nie allgemeine Sprache werden (dürfen). Darauf hat der späte Wittgenstein bekanntlich hingewiesen.

Selbst wenn man die, kulturell bedingt, inhaltlich differenten Begriffe respektiert, etwa die unterschiedliche Bedeutung von „Welt“ oder „Transzendenz – Immanenz“ in Westeuropa und in China, wird man doch bei aller Differenz dann in einer gemeinsamen (englischen ?) Sprache die kulturell bedingten inhaltlichen Verschiedenheiten herausstellen. Man wird sich also verständigen, weil es eben doch eine allgemeine Verstehensmöglichkeit auch begrifflicher Art gibt. Selbst wenn große kulturelle Errungenschaften wie die Menschenrechte in einem bestimmten Teil dieser Erde entstanden sind, eben in Westeuropa, haben die Menschenrechte doch als solche universale Gültigkeit. Die regionale Herkunft einer Erkenntnis schließt nicht die universale Geltung aus! Das verstehen leider viele immer noch nicht! Alle, die die Menschenrechte sozusagen auf den europäischen Raum begrenzen wollen (auch aus machtpolitischen Gründen), müssen sehen: Selbst die heutigen Chinesen wollen sich für den allgemeinen Respekt der Menschenrechte einsetzen, man denke an die Dissidenten, an das Nein der Leidenden zum Regime. Im Nein der Leidenden zeigt sich die Universalität der Empfindung für die Menschenrechte und in der Empfindung dann für die Inhaltlichkeit der Menschenrechte und deren universeller Geltung. Dass die Menschenrechte heute in den Ländern, in denen sie einst formuliert wurden, nicht praktisch umfassend genug gelebt werden, ist ja kein Widerspruch zu ihrer universalen Gültigkeit. Menschnrechtler aber protestieren gegen den Verfall der Humanität etwa im neuen nationalistischen Wahn in Europa. Aufgrund des Nichtrespekts der Menschenrechte durch Herrscher und Autokraten in der westlichen Welt zu behaupten: Dann gelten in dieser Situation die Menschenrechte eben nicht mehr, wäre eine Art Suizid der Menschheit.

Diese hier nur kurz in Erinnerung gerufenen Tatsachen sind allgemein bekannt oder sollten allgemein bekannt sein.

Wichtiger ist es, sich in dieser Situation allgemeiner Kommunikationsverwirrung mit der Diskursphilosophie von Karl-Otto Apel (1922 – 2017) wieder intensiver zu beschäftigen. Er ist zweifellos einer der ganz großen Philosophen der Gegenwart, sein Einfluss auf das Denken von Jürgen Habermas ist eine Tatsache. Nachteilig ist nur für viele nicht so geübte Leser philosophischer Autoren: Karl-Otto Apel schreibt eher sehr anspruchsvoll, die Mühe des denkenden Lesens sollte man aber unbedingt wagen. Empfehlenswert ist die Einführung in sein Denken von Walter Reese-Schäfer erschienen im Junius Verlag.

Um den Kern der Sache, um die es Apel und uns in dieser Krise der Kommunikation geht, kurz zu skizzieren:

Apel geht davon aus, dass mit dem Eintritt verschiedener Menschen in ein gemeinsames Gespräch, in einen Disput oder Diskurs, bestimmte Voraussetzungen von selbst (!) mit – gegeben sind; diese müssen philosophisch freigelegt werden. Nur so kann jeder Sprechende wissen, was er/sie eigentlich im Argumentieren schon mit-bringt an nicht thematisierten Voraussetzungen. Philosophie wird so bei Apel – in der Bindung an Kant – zu Implikationsforschung bzw. Freilegung von Implikationen, die immer schon in unserem geistigen Handeln, im Reden etwa, mitgegeben sind. „Apels Weg ist die hermeneutische Besinnung auf die notwendigen Voraussetzungen der Argumentation“, schreibt Reese-Schäfer, S. 56.

Diese Voraussetzungen sind nicht in erster Linie Voraussetzungen äußerer Art, etwa ein angenehmes Gesprächsklima mit entsprechenden Räumen oder die Entscheidung für eine allen Gesprächsteilnehmern gemeinsame Sprache.

Entscheidend sind vielmehr die „unsichtbaren“ Voraussetzungen im Sprechen und Zuhören und Antworten selbst. Diese unsichtbaren Voraussetzungen (Aprioris im Sinne von Kant, er spricht von transzendentalem Apriori) ) bringen die Menschen IMMER SCHON mit, als mit Geist/Vernunft ausgestattete Wesen, ob sie das wollen oder nicht, ob sie diese apriorischen Voraussetzungen für sich bejahen oder nicht. Man entkommt diesen Voraussetzungen förmlich gar nicht. Es geht also um Dimensionen de Vernunft „die man nicht bestreiten kann“ (Reese- Schäfer, S. 47). Wer diese immer schon mitgebrachten Voraussetzungen bestreitet, bedient sich aber ihrer noch einmal gerade im Bestreiten selbst; er wird diese Voraussetzungen nicht los. Sie sind „unhintergehbar“, wie Apel sagt. Im Reflektieren auf sie kommt der Geist/die Vernunft auf etwas Letztes, das er als Geist/Vernunft nicht noch einmal tiefer begründen kann.

Im Gespräch/Diskurs gehen die Redner, Zuhörer, Antwortenden immer schon de facto davon aus, dass sie einander verstehen wollen. Der Eintritt in den Diskurs ist freiwillig, es sei denn, es handelt sich um Friedensverhandlungen etwa nach einem Krieg. Wenn in Krisenzeiten Menschen sich dem Diskurs entziehen, kann dies Ausdruck von Misstrauen, Schwäche, Ablehnung von kommunikativer Nähe sein, diese Haltung wäre eigens zu bedenken.

Aber: Im allgemeinen gilt: Wer in die Kommunikation eintritt, will tatsächlich kommunizieren. Will verstehen, will sich selbst und andere verstehen in Richtung auf ein gemeinsames Ziel.

Dies ist die Voraussetzung ihrer Zusammenkunft. Selbst wenn ein Gesprächsteilnehmer an dem Diskurs teilnimmt, um sein Nichtverstehen und Nichteinverstandensein bald zu dokumentieren, so sagt er das in Worten, die alle anderen verstehen. Er will sich gerade als „Nichteinverstandener“ ja für andere verständlich etablieren. Selbst wenn er seine Haltung (nur) durch symbolisches Agieren dokumentiert, muss dieses symbolische Agieren, etwa durch Schreien, Aufstehen, den Raumverlassen usw. als symbolische Tat von den anderen verstanden werden. Ein symbolisches Handeln in einer „Privatsprache“, die nicht allgemein verstanden würde, wäre total sinnlos auch für diesen Agierenden.

Das heißt: Alle Gesprächsteilnehmer binden sich, meist unbewusst, aber doch gültig und tatsächlich, an die gemeinsam geteilte Überzeugung: zu einer einzigen Kommunikationsgemeinschaft zu gehören. Sie bekennen förmlich: Wir sind eine sich verstehende bzw. verstehen wollende Gemeinschaft. Nur aus diesem Grund kommen wir ja zusammen, nur aus diesem Grund sprechen wir miteinander.

Inhaltlich kann natürlich wirklich alles Mögliche gesagt werden. Nur: Formal steht das inhaltlich Gesagte immer unter einem nicht abzuwerfenden Apriori: Alles Gesagte darf nicht dem formal festzustellenden inneren Widerspruch unterliegen. Wenn jemand sagt: “Alle Sätze, alles Urteilen, sind sinnlos“, dann ist in diesem einfachen Beispiel natürlich auch sein Satz sinnlos und bedarf keiner weiteren Debatte. Dieser Redner lebt in einem Selbstwiderspruch, der für ihn nicht nur blamabel, sondern wohl auch seelisch schädlich ist. Der Selbstwiderspruch im Denken und Sprechen muss kommunikativ gelöst werden.

Wenn jemand sagt: „Jetzt behaupte ich als Faktum: Die Einwohnerzahl von Berlin beträgt zur Zeit 3,7 Millionen Menschen“. Was wissenschaftlich betrachtet korrekt ist. Wenn dieselbe Person dann aber ein paar Stunden später sagt: „Jetzt sage ich als Faktum, die Einwohnerzahl von Berlin beträgt zur Zeit nur 2 Millionen Einwohner“, dann ist das nicht nur ein dummer, autoritärer Umgang mit Fakten. Diese Person, die ja Kenntnis hat von der Einwohnerzahl hat, also durchaus gebildet ist, fühlt sich überhaupt nicht gebunden an die innere Verpflichtung des Geistes, der Vernunft, die Wahrheit zu sagen. Anders formuliert: Diese Willkür im Umgang mit Fakten kann vor dem universalen Wahrheitskriterium des Kategorischen Imperativs nicht bestehen. Eine Person, die die formale Bindung eines jeden Menschen an den Anspruch der Wahrhaftigkeit autoritär überspringt, muss zudem damit rechnen, dass Menschen auftreten und sagen: Jetzt ist diese Person noch der Präsident, ein paar Stunden später ist er es nicht mehr, weil wir Bürger ihn in ein Altersheim einweisen…Subjektive Willkür im Umgang mit Wahrheit rächt sich also.

Die große Frage ist: Wie gehen vernünftig und selbstkritisch argumentierende Gesprächsteilnehmer mit einem Menschen um, der gar nicht ernsthaft argumentieren will? Es ist ja im persönlichen, privaten Bereich möglich, sich vernünftigen Argumenten zu entziehen. Schwierig wird es, wenn diese Person auch politisch sehr einflussreich ist und etwa über das berühmte Knöpfchen verfügt, um einen Atomkrieg anzuzetteln…Walter Resse- Schäfer behauptet sogar, die Diskurstheorie von Apel enthalte „die stille Drohung , diese Irrationalisten in eine Heilanstalt zu sperren“ (Seite 51), was ja im Falle der für Atombomben Verantwortlichen, aber unvernünftigen Politiker so falsch wohl nicht wäre… Reese – Schäfer verweist auf Seite 157, Fn. 17, auf Apels Aussage in „Diskurs und Verantwortung“, S. 336 und er weist auf eine ähnliche Position bei Habermas hin, „Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln“, S. 109ff.

Wie auch immer man dieses schwere Problem weiter diskutiert: Wie Demokratie mit den inneren Zerstörern der Demokratie umgeht, ist eine der Hauptfragen der Zukunft. Der Krieg im Innern der Demokratie ist ja seit dem Faschismus und dem Nazi-Wahnsinn bekannt. Damals handelten nur sehr wenige rechtzeitig gegen die „Feind im Innern“, der letztlich ein Feind der vernünftigen Kommunikation war: Wenn Goebbels 1943 rief: „Wollt ihr den totalen Krieg“, war das, philosophisch betrachtet, auch der Wille von Goebbels, selbst in diesem totalen (!) Krieg unterzugehen. Es waren Massen, die manipuliert wurden und schon im nationalistischen rassistischen Wahn lebten, sie waren von kritischer Reflexion nicht mehr erreichbar. Solche Niederlage der Vernunft geschieht durch populistische Agitatoren immer wieder. Widerstand muss rechtzeitig sein!

Wenn Philosophie etwas beitragen kann in dieser Krise, dieser Zerstörungssucht der Demokratien in Europa von innen her: Dann ist es das umfassende kritisches Nachdenken für alle und mit allen pflegen. Auf die inneren Widersprüche der Feinde der Demokratien aufmerksam machen. Wer den dummen Spruch sagt „Merkel muss weg“, muss sich logischerweise auch gefallen lassen. „Auch du rechtsextremer Politiker musst als Politiker weg“. „Denn du passt mit diesen brutalen Sprüchen nicht in eine demokratische Gesellschaft“. Diese rechtsradikale Argumentationsstruktur, falls sie noch den Namen verdient, lebt von inneren Widersprüchen. Philosophen müssen mit Psychologen zeigen, was es bedeutet, wenn Menschen mit logischen und inneren Widersprüchen leben. Wir sind wieder beim Thema, das schon in Punkt 6 angesprochen wurde.

10 Wenn der Mensch sich doch wesentlich noch als Wesen des Geistes, des Verstandes, der Empathie versteht, denn nur dann ist er Mensch und eben kein irrational agierendes Tier, dann muss er offen sein für Argumente, Diskussion, Ringen um die gemeinsame Wahrheit. Oder er verweigert sich und will eben Krieg aller gegen alle (siehe die zerstörerisch – apokalyptischen Visionen von Steve Bannon).

Es geht um die Frage: Wollen wir wirklich noch menschlich bleiben, wollen wir mental gesund bleiben? Wollen die allen Menschen gemeinsame Vernunft, die sich in den Menschenrechten äußert, als oberste Instanz anerkennen, wirklich als oberste Instanz, also auch über allen verschiedenen Religionen und sonstigen Weisheitslehren stehend. Über die Versöhnung der Differenzen in den unterschiedlichen Religionen können ja bekanntlich nicht die einzelnen Religionen befinden: Das Gemeinsame, Friedvolle, Humane kann nur die übergeordnete Philosophie entdecken und freilegen. Es ist also die Aktualität eines Hegelschen Gedankens, dass die Philosophie ÜBER den Religionen steht, die beachtet werden sollte. Womit nicht gesagt ist, dass nicht religiöse Menschen ihre Religion leben dürfen, im Rahmen der Menschenrechte, d.h. der allen gemeinsamen Vernunft.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Gegen das Entgleisen der Moderne und das Verschwinden des demokratischen Rechtsstaates

Ein Salonabend zur Aktualität von Jürgen Habermas am 20.7. 2018

Hinweise von Christian Modehn

Diese Hinweise sind bestimmt für Menschen, die sich bisher eher beiläufig oder fast gar nicht mit dem Denken von Jürgen Habermas befasst haben. Es werden hier sozusagen elementare Verstehenshilfen zu zwei zentralen Begriffen vorgeschlagen, mit dem Zweck: Selbst Habermas zu lesen und die Habermas Texte zu bedenken.

Jürgen Habermas (geb.1929) ist Philosoph und Sozialwissenschaftler.

Sein leidenschaftliches Interesse gilt einer Philosophie, die Kants Erkenntnisse neu formuliert und die dabei die Ethik in den Mittelpunkt stellt. Moralphilosophie, Ethik, wird deutlich durch vernünftiges, allen Denkenden zugängliches Argumentieren.

Habermas hält sich gegen die postmodernen Philosophen an eine universal geltende Ethik: Diese hat nichts mit willkürlichen Entschlüssen, nichts mit Befolgung von Machtsprüchen oder mit unreflektierter Realisierung religiöser Weisheiten zu tun. Die Vernunft prüft – wie Kant – alle inhaltlichen ethischen Weisungen auf ihre vernünftige formale Geltung (siehe „Kategorischer Imperativ“). Die Vernunft will dann jeweils historisch – konkret inhaltliche vernünftige Normen erzeugen. Dabei stellt Habermas Mythos gegen Philosophie. Die Wahrheiten der Mythen müssen, falls sie – auch weltlich, politisch, relevant sein sollen – in Vernunft-Sätze übersetzt werden.

Das ist grundlegend: Die Vernunft steht im Dienst der Bewahrung und Rettung des menschlichen Miteinanders in demokratischen Rechtsstaaten. Nur in einer „Mobilisierung“ der Vernunft, zu der auch Empathie, Gefühle gehören, kann die Moderne vor der „Entgleisung“ bewahrt werden.

Habermas prangert gerade in seinen Stellungnahmen der letzten Jahre den „unverfrorenen Wirtschaftsegoismus“ an, er fürchtet den „Zerfall Europas“, will die Solidarität mit vernünftigen Gründen in den Mittelpunkt stellen.

Habermas ist ein politischer Philosoph, ein engagierter Philosoph. Er weiß: Der Mensch ist nicht ein in sich verkapseltes (egoistisches) Individuum, sondern zuerst „Sein mit anderen“, also inter-subjektitiv von vornherein bestimmt. Nur durch das Mitsein mit anderen entsteht individuelles Selbstbewusstsein. Es ist also auch vernünftig, solidarisch zu sein. Wer unsolidarisch ist und nur das Ego pflegt, widerspricht der Struktur seines eigenen Menschseins.

Dabei darf man das persönliche Profil von Jürgen Habermas nicht vergessen: Er ist ein aufmerksamer Dialog – Partner, er versucht, den anderen vorbehaltlos zu verstehen, er äußert sich gern in der Öffentlichkeit: Sein philosophisches Profil begann wohl damit, als er 1953 die bruchlose Ausgabe von Heideggers Vorlesungen „Einführung in die Metaphysik“ von 1935 kritisierte, die Veröffentlichung nach dem Krieg war bruchlos deswegen, weil Heidegger ohne jeden Hinweis einen in der Nazizeit veröffentlichten Text „einfach so“ publizierte. Habermas zeigte, wie in dem Text versteckt Nazi – Ideologie enthalten ist. Überhaupt reagierte der junge Habermas sehr früh empört über die Tatsache, wie sich in den frühen Jahre der BRD unter Adenauer Nazi – „Größen“ in führender Stellung etablieren konnten.

Ein Hinweis zur Diskursethik:

Hier wäre vom Einfluss des mit Habermas befreundeten Philosophen Karl-Otto Apel zu sprechen.

Die These ist: Durch den Diskurs, d.h. das vernünftige Gespräch möglichst mit allen, kann die Demokratie gerettet werden. Weil der Diskurs von der Erkenntnis ausgeht, dass im Sprechen und Miteinander Diskutieren implizit eine (formale) Wahrheit anerkannt wird: Eben, dass wir einander verstehen können (wenn wir die gleiche Sprache sprechen…) Zum Diskurs selbst: „Alle relevanten Stimmen finden Gehör“. Alle „beim gegenwärtigen Wissensstand besten Argumente gelangen ins Gespräch und damit zu einer Geltung“.

Wenn es Ja und Nein Stellungnahmen, also Entscheidungen, der Teilnehmer gibt, dann unter dem „zwanglosen Zwang (Habermas) des besseren Arguments“.(J.H., Diskursethik, Studienausgabe, S. 162). Es zählt nur das Argument, unabhängig von sozialen Status etc. Es geht um die Vorrangstellung des kommunikativen Handelns (anders als das instrumentelle Handeln, also Arbeit). Kommunikatives Handeln ist vor aller Arbeit das durch gemeinsames Sprechen ermöglichte Schaffen einer gemeinsamen vernünftigen Welt.

Sprechen IST Handeln.

Sprechen ist nicht nur faktischer Informationsaustausch („es ist 10 Uhr“), sondern eine Tathandlung, die in der Zusage den anderen verändert („Ich wünsche dir gute Gesundheit“)

Noch einmal: Allem Sprechen „wohnt“ als implizites, nicht abzuschaffendes Ziel die Verständigung mit anderen inne. Wir sind im Sprechen a priori auf Verständigung mit anderen aus. Auch auf die Erzeugung von einem gemeinsamen Projekt. Etwa ist das Urteil „Alles ist sinnlos“ ein Selbstwiderspruch, denn dieses Urteil ist dann selbst sinnlos. Wer dies leugnet, lebt in einem Selbst-Widerspruch. Wie ein jeder mit Selbstwidersprüchen umgeht, ist ein anderes Thema. Mit der eigenen (Lebens)Lüge (bequem) leben, wäre ein Ansatz dafür, welche Krankheitsbilder sich dabei zeigen, ein anderes Thema.

Jeder Gesprächsteilnehmer sieht sich genötigt im Diskurs, die Perspektive des anderen zu übernehmen, um zu prüfen, wie dadurch ein vernünftiges Miteinander gefunden werden kann. Diese Vernunft findet – sehr schnell verkürzt gesagt -in ihren Ausdruck in gerechten Gesetzen.

Zum wechselseitigen Lernen von säkularen (also explizit nicht-religiösen) Menschen und religiös/konfessionell gebundenen Menschen.

Habermas geht davon aus, dass in den Lehren, Weisheiten, der (meist uralten) Religionen Erkenntnisse enthalten sind, die heute wichtig sein können auch für die Rettung der Demokratie. Habermas spricht oft von der Gefahr der „Entgleisung der Moderne“, die nur durch die vernünftige Einbeziehung religiöser Ideen und religiöser Energien verhindert werden kann.

Für Habermas sind Religionen Ausdruck des „objektiven Geistes“, darin folgt er Hegel: Kunst, Religionen, Philosophien sind Ausdruck (Aussage), je unterschiedlich, des einen universalen Geistes. Auch Religionen haben auf ihre Art Wesentliches zu sagen. Ein Beispiel für eine Übersetzung religiöser Weisheit von der Sicht von Habermas: „Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative.’ (Jürgen Habermas, Zeit der Übergänge, Suhrkamp, 173 ff)

Habermas sieht heute „knapper werdende Sinn -, Solidaritäts- und Gerechtigkeitsressourcen“ (S. 99) Darum sein Interesse an der vernünftigen Pflege religiöser Weisheiten und deren reflektierte Einbeziehung ins gesellschaftliche Miteinander. Diese Weisheiten will er aktuell retten, dadurch, dass er die religiösen Menschen auffordert, ihre eigenen religiösen Weisheiten allgemein verständlich, vernünftig, auszudrücken.

Dies ist wichtig, um das Entgleisen der Moderne zu verhindern: Denn die Philosophie selbst zeigt, auch in der Bindung an Kant, „es gibt eine motivationale Schwäche der Vernunftmoral“ (J.H.: „Ein Bewusstsein von dem, was fehlt“, Suhrkamp, S. 97). „Die säkulare Moral ist nicht von Haus aus in gemeinsame Praktiken eingebettet. Demgegenüber bleibt das religiöse Bewusstsein wesentlich mit der fortdauernden Praxis des Lebens in einer Gemeinde verbunden und mit der im Ritus vereinigten Glaubensgenossen“ (ebd.). (Meine Frage: Wenn Kirchengemeinden verschwinden, verschwindet auch die hilfreiche solidarische Praxis? Und: Sind pauschal alle sich Religion nennenden Religionen in der Hinsicht relevant ? Wer unterscheidet die religiöses Qualität von Mystikern von Scientology oder den Zeugen Jehovas? Das kann nur die mit eigenen Massstäben argumentierende, allen Religionen übergeordnete Philosophie. Diesem Satz würde Habermas nicht zustimmen.

Aber darüber hinaus: Schon Kant sah ein Defizit der praktischen Vernunft. Er sah, dass kollektive Ziele etwa in der Gesellschaft mit der Kraft der Vernunft eher schwach nur verwirklicht werden (Die Religion, meinte er, habe kräftige Begriffe der Sittlichkeit… Kritik der Urteilskraft, S 603). Ob diese Einschätzung heute noch so stimmt, ist die Frage…

Habermas fordert jedenfalls von den säkularen Menschen Respekt vor den religiösen Weisheitslehren. Der barmherzige Samariter praktiziert als Fremder die Fernsten/Fremden Liebe, indem er spontan einen Fremden umfassend pflegt. Das heißt: Nächstenliebe ist immer Fernsten/Fremdenliebe. So viel Verständnis für Religiöses haben säkulare Kritiker dem erklärtermaßen „religiös unmusikalischen“ Habermas übel genommen. Habermas verteidigte sich angesichts seiner Dialoge mit Kardinal Ratzinger und den Jesuiten, es sind ja Exempel gelebter Dialgpraxis und zudem sagte er: Er sei nicht im Alter auch noch fromm geworden. Obwohl er bekennt, manches doch in seiner Herkunft aus einer liberal – protestantischen Familie gelernt zu haben. Nach meinem Eindruck hat sich Habermas zu diesem wechselseitigen Lernen zwischen muslimisch Frommen und säkularen Menschen nicht sehr ausführlich geäußert.

Wichtig ist jedenfalls: Religiöse Menschen übersetzen ihre religiösen Glaubensweisheiten nur für die und in der Gesellschaft! Um ein besseres Verstehen in der pluralen Gesellschaft zu erzeugen. Sollten aber religiöse Menschen in den Dienst des säkularen Staates treten, und Rechtsstaaten sind immer säkular !, dann müssen sie sich strikt an die allgemeinen säkularen Überzeugungen halten. Religiöse Menschen dürfen also nicht ihre religiösen Weisungen als solche etwa zum staatlichen Gesetz machen wollen. Ein religiöser Staatsbeamter handelt insofern als säkularer Bürger wie alle anderen Beamten. Dass das gerade sehr schwierig ist gerade in der ideologischen Bindung so vieler Richter in Deutschland ist klar. Darum fallen ja auch Urteile so unterschiedlich aus, weil die Richter eben doch bestimmte Vorlieben haben… Das heißt grundsätzlich: Der religiöse Bürger muss seine religiösen Weisheiten im staatlichen Bereich als sekundär wahrnehmen und entsprechend säkular handeln.

Habermas ist überzeugt: Entgegen früherer Prognosen von Soziologen: Religionen verschwinden nicht. Darum nennt er sein Denken „post—säkular“, also einer Zeit zugehörig, die die Dominanz des Säkularen überwunden hat.

Gleichzeitig nennt er sein Denken nach–metaphysisch, um den Abschied von der alten metaphysischen Traditionen und Systemen deutlich zu machen. Dabei hält an der Qualität philosophischer Reflexion selbstverständlich fest.

Es gibt also eine neue gemeinsame Basis in der zersplitterten Gesellschaft von säkularen und religiösen Menschen: Säkulare Menschen lernen von religiösen Weisheiten, SOFERN diese in allgemein zugängliche vernünftige Sprache übersetzt werden und praktisch fruchtbar gemacht werden: Man denke etwa auch an praktisches Tun religiöser Menschen, etwa an die Praxis des Kirchenasyls, dies ist eine moderne, säkulare Form der biblischen Forderung, den Fremdling als Nächsten zu behandeln… Man denke aber auch andererseits an die Lernschritte einiger fundamentalistischer Christen, Homosexuelle zu respektieren bis hin zur entsprechenden Ehe: Dies haben diese Christen gelernt durch die von säkularen Wissenschaftlern vorgetragenen Argumente, dass zum Thema der modernen Homosexualität die Bibel nichts, aber auch gar nichts zu sagen hat, das selbe gilt für den Koran etc.)

„Die Säkularisten haben das Verdienst, energisch auf der Unverzichtbarkeit der gleichmäßigen zivilgesellschaftlichen Inklusion aller Bürger zu bestehen. Weil eine demokratische Ordnung ihren Trägern nicht einfach auferlegt werden kann, konfrontiert der Verfassungsstaat seine Bürger mit Erwartungen eines Staatsbürgerethos, das über bloßen Gesetzesgehorsam hinauszielt. Auch religiöse Bürger und Religionsgemeinschaften dürfen sich nicht nur äußerlich anpassen. Sie müssen sich die säkulare Legitimation des Gemeinwesens unter den Prämissen ihres eigenen Glaubens zu eigen machen“. (Jürgen Habermas, 2007, in: Blätter für deutsche und intern. Politik…)

In der Einleitung seines Bandes „Zwischen Naturalismus und Religion“ (Frankfurt 2005) nennt Habermas wichtige Ressourcen und Potenziale von Religionen: „Religiöse Überlieferungen leisten bis heute die Artikulation eines Bewusstseins von dem, was fehlt. Sie halten eine Sensibilität für Versagtes wach. Sie bewahren die Dimensionen unseres gesellschaftlichen und persönlichen Zusammenlebens, in denen noch die Fortschritte der kulturellen und gesellschaftlichen Rationalisierung abgründige Zerstörungen angerichtet haben, vor dem Vergessen. Warum sollten sie nicht immer noch verschlüsselte semantische Potenziale enthalten, die, wenn sie in begründende Rede verwandelt und ihres profanen Wahrheitsgehaltes entbunden werden, eine inspirierende Kraft entfalten können? Religion verfügt offenbar über eine Sprache, welche zum Ausdruck zu bringen vermag, was einerseits noch fehlt, weil es noch nicht realisiert beziehungsweise was fehlt, weil es verschwunden, verdrängt oder verloren ist. Mit dem Bewusstsein für das Unabgegoltene, Unrealisierte oder Unversöhnte verbindet sich eine Sensibilität für das Vorenthaltene. Religion hält Intuitionen für verweigertes Recht, verwehrte Solidarität sowie vorenthaltene Lebensmöglichkeiten wach. Religiöse Überlieferungen bewahren elementare Erfahrungen und Perspektiven des persönlichen Lebens und gesellschaftlichen Zusammenlebens, welche durch „entgleisende“ Modernisierungs- und Rationalisierungsprozesse bedroht sind, vor dem Vergessen und Verschwinden“.

Zur weiteren Lektüre von einigen Habermas-Texten:

Zur politischen Krise Deutschlands und Europas heute: Rede am 5. 7. 2018 in Berlin (Die ZEIT hat den Text veröffentlicht!)

„Dass sich eine Bundesregierung, die mit dem Rücken zur Wand steht, ihren zähen Widerstand gegen jeden einzelnen Integrationsschritt scheibchenweise abkaufen lässt, ist skurril. Ich kann mir nicht erklären, warum die deutsche Regierung glaubt, die Partner zur Gemeinsamkeit in Fragen der für uns wichtigen Flüchtlings-, Außen- und Außenhandelspolitik gewinnen zu können, während sie gleichzeitig in der zentralen Überlebensfrage des politischen Ausbaus der Euro-Zone mauert… Die Bundesregierung steckt ihren Kopf in den Sand, während der französische Präsident den Willen deutlich macht, Europa zu einem globalen Mitspieler im Ringen um eine liberale und gerechtere Weltordnung zu machen….

Heute werden die nationalen Bevölkerungen von politisch unbeherrschten funktionalen Imperativen eines weltweiten, von unregulierten Finanzmärkten angetriebenen Kapitalismus überwältigt. Darauf kann der erschrockene Rückzug hinter nationale Grenzen nicht die richtige Antwort sein“.

Eine Einschätzung des Theologen und Habermas Kenners Edmund Arens, Prof. in Luzern „Habermas bleibt bei aller respektvollen Annäherung an Religion ein auf Abstand bedachter Beobachter, der sich gegen Vereinnahmung wehrt. Er bleibt ein scharfsinniger Diagnostiker der postsäkularen Gesellschaft, der gegen religiös-fundamentalistische Selbstabkapselung ebenso dezidiert Stellung bezieht wie gegen säkularistisch-bornierte Selbstgewissheit. Er bleibt ein verständigungsorientierter Anwalt der öffentlichen Vernunft, der sich dafür stark macht, dass die Religion in die gesellschaftliche und politische Öffentlichkeit gehört, dass sie darin ihre Beiträge einzubringen und im Diskurs zu prüfen, zu präzisieren und nötigenfalls zu korrigieren hat. Er bleibt ein nachmetaphysischer Denker, der der Theologie hilft, sich ihres eigenen Vernunftpotenzials ohne metaphysische Aufblähung einerseits und postmoderne Schwächung andererseits zu vergewissern. Er bleibt ein zugleich lernbereiter und herausfordernder Gesprächspartner, der in seinem der Wahrheit und Gerechtigkeit, der Solidarität und Gleichheit verpflichteten Denken unberechtigte Macht- und unbegründete Geltungsansprüche einschließlich religiöser, kirchlicher und theologischer kritisiert und gleichzeitig zur wechselseitigen Verständigung über begründete und gerechtfertigte Geltungsansprüche aufruft“. (Herder – Korrespondenz, 2009)

Habermas unterstützt den zivilen Ungehorsam:

Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas hat zivilen Ungehorsam folgendermaßen definiert:

„Ziviler Ungehorsam ist ein moralisch begründeter Protest, dem nicht nur private Glaubensüberzeugungen oder Eigeninteressen zugrunde liegen dürfen; er ist ein öffentlicher Akt, der in der Regel angekündigt ist und von der Polizei in seinem Ablauf kalkuliert werden kann; er schließt die vorsätzliche Verletzung einzelner Rechtsnormen ein, ohne den Gehorsam gegenüber der Rechtsordnung im Ganzen zu affizieren; er verlangt die Bereitschaft, für die rechtlichen Folgen der Normverletzung einzustehen; die Regelverletzung, in der sich ziviler Ungehorsam äußert, hat ausschließlich symbolischen Charakter – daraus ergibt sich schon die Begrenzung auf gewaltfreie Mittel des Protests.“ (Jürgen Habermas, Ziviler Ungehorsam – Testfall für den demokratischen Rechtsstaat, in: Peter Glotz (Hrsg.), Ziviler Ungehorsam im Rechtsstaat, Frankfurt/M. 1983, S. 35.)

Quelle: http://www.bpb.de/apuz/138281/ziviler-ungehorsam-ein-umkaempfter-begriff?p=all

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Der 17. Juni 1953: Für Albert Camus ein Tag der „Revolte“ in Berlin

Der 17. Juni 1953 in Berlin: Für den Philosophen Albert Camus ein Tag der Revolte
Ein Hinweis von Christian Modehn

Ein merkwürdiges Zusammentreffen: 65 Jahre Erinnerung an die Revolte der Arbeiter in Ost – Berlin am 17. Juni 1953 und 105 Jahre Erinnerung an den Geburtstag der Schriftstellers und Philosophen Albert Camus (geb. am 7. November 1913).

Albert Camus hat sich schon früh, seit Ende der vierziger Jahre, von den französischen Freunden kommunistischen Denkens und kommunistischer Parteien, vor allem der taktischen Hochschätzung der Sowjetunion, etwa durch Jean Paul Sartre, abgesetzt. 1934 war Camus selbst für kurze Zeit Mitglied der KP gewesen, weil er meinte, diese Partei könne die Autonomisten in Algerien unterstützen; darin hatte er sich gewaltig getäuscht, die KP folgte blind den Weisungen Stalins.
Camus hat seit seiner „Übersiedlung“ nach Paris 1944 die sich links (meist kommunistisch) nennenden Pariser Intellektuellen eher gemieden, später verachtet, was entsprechende Polemiken von deren Seite hervorrief. Die Camus – Spezialistin Brigitte Sändig schreibt in „Albert Camus“, Rowohlt Monographie, Hamburg, 2000, Seite 109, dass in der Sicht von Camus die kommunistenfreundlichen Literaten in Paris „für jede totalitäre Maßnahme der russischen Regierung eine vorgefertigte Entschuldigung bereithielten“. Camus hingegen setzte auf die offene Opposition, auf die intellektuelle Unterstützung der Opposition in Ost – Europa. Seine Texte, die der Unterstützung der Aufständischen in der DDR, Polen und Ungarn galten, wurden in Dissidentenkreisen dort herumgereicht. Insofern ist Camus einer der wenigen, die damals schon an das größere Europa, eben auch an ein Europa MIT Ost – Europa, glaubten.
Von daher ist auch selbstverständlich, dass Camus zur Revolte des 17. Juni 1953 in Ost – Berlin klar Stellung nahm:
In einer Rede am 18. Juni 1953 wandte sich Camus gegen die eher oberflächliche Meinung der Tageszeitung „Figaro“, die voller Beredsamkeit von einem revolutionären Volk in Berlin sprach wie auch gegen die Meinung der kommunistischen Tageszeitung L Humanite, die die Ereignisse des 17. Juni auf die Taten einiger Rädelsführer herunterspielen wollte. Dagegen sagte Albert Camus: „Wir können nicht mehr ignorieren, dass es sich zuerst um eine Arbeiter- Revolte (révolte ouvrière) gegen die Regierung und gegen eine Armee handelt, die vorgaben und so taten, als ob sie im Dienst der Arbeiter stehen“.
Camus forderte auf, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und wahrzunehmen, dass auch Arbeiter in Ost – Berlin, so wörtlich, „massakriert“ wurden. Allen, die diese Wahrheit nicht sehen wollten, rief Camus zu: „Bevorzugt nicht länger eure Vernünfteleien und eure Träume diesem Elend gegenüber, das nun schon seit Wochen uns entgegen schreit. Entschuldigt nicht länger das Blut und den Schmerz von heute dadurch, dass ihr – ideologisch – die (große) historische Zukunft erwägt, die ohne jeden Sinn ist zumindest für die Menschen, die jetzt getötet wurden. Glaubt uns, zum letzten Mal, wenn wir euch sagen: Kein Traum des Menschen, so groß er auch sein mag, rechtfertigt, dass man jemanden tötet, der arbeitet und der arm ist“. Wenige Tage nach dem 17. Juni 1953 organisierte Albert Camus „einen Grand Meeting“ im berühmten Saal Mutualité in Paris; Camus war der Chef, der „Präsident“, der Veranstaltung, das Motto war „Les Ouvriers insurgés de Berlin-Est“, bei dem auch ein Film über den Aufstand gezeigt wurde; die Redner waren Gewerkschaftsführer (CGT – FO) und CFTC (christliche Gewerkschaft), Politiker der Sozialistischen Partei sowie ein Vertreter der „Revolution prolétarienne“.
In ähnlicher Weise hat sich Albert Camus auch für den Aufstand in Poznan, Polen, am 28. Juni 1956 eingesetzt und für jene, die dem Totalitarismus in Ungarn 1956 Widerstand leisteten. „Die Oppositionellen in den osteuropäischen Staaten haben diese Unterstützung dankbar als eine Ausnahmeerscheinung inerhalb der westeuropäischen Linken wahrgenommen“, so Brigitte Sändig, a.a.O. 110. (Im übrigen empfehlen wir dringend allen, die sich erstmals oder wieder mit Albert Camus befassen wollen, diese ausgezeichnete Arbeit von Brigitte Sändig im Rowohlt Verlag).
Es ist interessant, dass sich erst in den letzten Jahren deutsche Historiker der Einschätzung von Camus anschließen, den 17. Juni 1953 als Revolte, wenn nicht gar als Revolution zu deuten. Und noch ein Hinweis für eher unbedarfte Camus – Leser, eigentlich überflüssig zu betonen: Albert Camus hat sich mit seinem Eintreten etwa für die Rebellen des 17. Juni 1953 alles andere als „ein konservativer Denker“ gezeigt. Er behielt sich als „linker, aber unabhängiger“ Denken die Freiheit auch im Handeln, sich nicht Parteidoktrinen zu unterwerfen…Und Camus machte seit 1944 einen Unterschied zwischen Revolte und Revolution, 1953 erklräte er: „Das große Ereignis des 20. Jahrhunderts war das Aufgeben der Werte der Freiheit durch die revolutionäre Bewegung und der Rückzug des Sozialismus der Freiheit vor dem imperialen und militärischen Sozialismus“ (zit. in „Dictionnaire Albert Camus“, ed. par Jeanyves Guérin, Edition Robert Laffont, Paris 2009, Seite 789).

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-salon.de (Berlin)

Berliner Realismus: Über das unsoziale Berlin um 1925. Eine Ausstellung im Bröhanmuseum

Eine Ausstellung im Berliner Bröhan Museum, die man nicht versäumen sollte.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Bis zum 17. Juni 2018 haben alle an der Berliner „sozialen (Un-)Kultur“ Interessierten noch eine Chance, die sie nicht verpassen sollten: Das schöne Bröhan Museum in Charlottenburg, Schloßstr.1a., bietet bis zum 17. Juni noch die – ohne Übertreibung – hervorragende Ausstellung “Berliner Realismus“ in den zwanziger Jahren, also in den angeblich goldenen Zwanzigern, die für so viele, wohl die meisten Berliner, lebensmäßig und sozial gesehen eher düstere Jahre des Elends, der Ausgrenzung, waren. Jahre, in denen sich Rechtsradikale immer mehr breit machten und die Demokratie auslöschten.

Zwischen den beiden Weltkriegen also wird das Berliner Armuts – Leben dargestellt, von Künstlern, die angeblich alle schon von Kennern tausendmal „besichtigt“ wurden; aber diese Arbeiten müssen immer wieder neu entdeckt werden: Um der eigenen Erweiterung und Sprengung des Horizonts willen. George Grosz also, Käthe Kollwitz, Otto Dix, Hans Baluschek und auch Heinrich Zille sind da vertreten und mit anderen Künstlern in etwa 200 Exponaten zu studieren! An die asoziale Schmäh Kaiser Wilhelm des Zweiten wird erinnert, der sozialkritische Kunst dumm und arrogant „Rinnsteinkunst“ nannte: Damit wird schon das Feld eröffnet, das Feld des Gegeneinanders von wenigen herrschenden, sich abkapselnden Etablierten und den allzu vielen, minderwertig genannten, den „Arbeitskräften“, den Proletariern, Armen, Bettelnden, Hungernden in einer Stadt, die vor Luxus und Dekadenz auch damals -in Mitte, Wilmersdorf etc.  – nur so strotzte. Wie heute. Nebenbei: Wie kommt es, dass auf diese WILHELM Kaiser („Rinnsteinkunst“) immer noch dem Titel nach eine zentrale evangelische Kirche in Berlin benannt ist, selbst wenn sie heute oft nur neutralisiert und fast schon schamhaft „Gedächtniskirche“ heißt. Aber wem gilt das Gedächtnis? Wohl kaum den arm Gemachten damals und heute. War denn Kaiser Wilhelm (1.) ein so vorbildlich Heiliger, dass man heute noch ihm zu Ehren eine Kirche benennen muss? Aber das ist ein anderes Thema. Ich empfinde jedenfalls diesen offiziellen Titel dieser Kirche heute als theologische Schande. Hoffentlich bin ich nicht der einzige… Es ist eine theologische und spirituelle Ignoranz, an diesem Titel dieser Kirche immer noch festzuhalten! Denn Kaiser Wilhelm der Erste war alles andere als ein Friedensfreund und ein Kämpfer gegen Kolonialismus und Rassismus.

Eine philosophische und deswegen gar nicht überflüssige Frage im Zusammenhang der Ausstellung: Waren die Armen damals ärmer als die Armen heute? Geht es also den Armen in Deutschland, in Berlin, heute besser als den Armen im Jahr 1925? Diese philosophische Frage drängt sich förmlich auf: Man könnte ja sagen, die Armen heute haben doch ihr Hartz IV, schlimmstensfalls ihre Suppenküchen und Kleiderkammern, sie haben ihre (engen) Wohnungen sehr fern ab von der City. Aber sie hungern nicht, meistens. Der Sozialstaat kümmert sich und überlässt den Ehrenamtlichen die soziale praktische Hilfe. Und die Kirchen (die Freiwilligen) machen da gern mit der Entlastung des eigentlich geforderten „Sozial – Staates“…Die Kirchen helfen also mit,  dass der Staat so bleibt wie er ist…Sozial? (Nebenbei: Stadtentwicklungssenatorin Kathrin Lompscher teilte Anfang Juni 2018 in einer Studie mit: „Berlin ist für die Studie in 447 Gebiete aufgeteilt. Für etwa zehn Prozent(44 Gebiete) ergibt sich im Untersuchungszeitraum ein sehr niedriger sozialer Status. Sie gelten als „Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf und sollen in der Stadtentwicklungsplanung besonders berücksichtigt werden. Überraschend ist dabei, dass lediglich vier der 44 genannten Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf im Osten Berlins liegen. Quelle: Audio: Inforadio RBB | 07.06.2018 | Sebastian Schöbel)

Noch einmal: Der Vergleich damals – heute muss sich auf die unterschiedlichen Lebensverhältnisse und die sozialen, ökonomischen Bedingungen beziehen: Da sind die heutigen Armen auch aktuell vergleichsweise gegenüber den „Wohlhabenden heute“ sehr benachteiligt. Denn es ginge ja prinzipiell auch anders in einer sozialen Sozialpolitik in diesem an sich ultra reichen Land. Die Armen (und ihre Kinder) könnten heute prinzipiell bessere Lebenschancen haben, wenn die Politiker es nur möchten….Und so sind die heutigen Armen, beim Respekt der historischen Differenz zum Berlin von 1925, letztlich „genauso“ arm wie die Armen damals, die Kollwitz, Baluschek und andere in ihren Werken darstellten. Mit anderen Worten: Es ist bei einem reflektierten Vergleich kein Fortschritt zu sehen hinsichtlich der Armut damals und heute.

Und das ist  wichtig: Man darf die Ausstellung nicht also verlassen in der frohgemuten Überzeugung: Gott sei Dank sind die heutigen Armen nicht mehr so arm wie die Armen damals. Die heutigen Armen bräuchten so wenig wie die damaligen Armen arm sein, wenn es eine gerechte Sozialordnung in einer Demokratie gäbe. Die gibt es aber weder heute noch damals. Nur mit dem Unterschied, dass uns die heutigen Künstler und Maler Kollwitz, Dix und Grosz einfach fehlen, sie sind nicht da: Oder kann mir jemand einen prominenten und teuer gekauften Maler nennen, der Armut und Arme und Klassenkampf in Berlin und Deutschland heute darstellt? Bitte melden, falls dies der Fall ist. Die meisten „teuren“ und deswegen angesehenen Künstler, was nicht auf ihre Qualität schließen lässt, malen anderes, etwa Farbwogen und Farbwellen, Kleckse und verschlüsselte Symbole, um es mal etwas durchaus polemisch – zugespitzt zu sagen: Auch zu solchen Gedanken führt wie von selbst die Ausstellung im Bröhan Museum.

Was mir immer auffällt: Natürlich kann eine Kunstausstellung nicht auch eine literarische, philosophische oder theologische Ausstellung sein, die auch diese Aspekte kulturellen Lebens mit berücksichtigt. Aber weiter führend wäre es doch, wenn dies gerade an dem Thema sichtbar geworden wäre: Was taten eigentlich die Kirchen mit den Armen und für die Armen in Berlin damals? Nach meiner Kenntnis recht wenig, abgesehen von Sonderorganisationen wie der „Stadtmission“ oder dem einzigartigen katholischen Pfarrer Dr. Carl Sonnenschein. Ihn schätzte Elsa Lasker Schüler oder Kurt Tucholsky! Warum erwähnt man das nicht zur Vervollständigung wenigstens am Beispiel zweier Kunstwerke, Fotos etc. Immerhin hatte der junge evangelische Theologe Paul Tillich eine Sensibilität  für die materielle Armut der Armen in Berlin….Aber das Ausblenden dieses Themas (Religionen, Kirchen, Philosophien) fällt mir immer mehr auf. Das Ausblenden des explizit Religiösen oder Philosophischen ist, sorry,  sicher auch Ausdruck der Mentalität der „Macher“: Bei diesen explizit „religiösen“ Sachen sei ohnehin nichts zu „holen“, meinen sie. Aber diese Überzeugung, aus Unkenntnis und Vorurteil, ist falsch!

Die Kirchen jedenfalls waren wohl selbst in den Arbeiterbezirken eher bürgerlich, eher fürsorglich, nicht sozialkritisch mit Armen beschäftigt. Man schreibe einmal die Geschichten der Kirchengemeinden in Wedding, Friedrichshain oder Neukölln, wäre spannend. Macht leider auch niemand…

Von der Philosophie in Berlin damals in dieser Hinsicht  (!) wollen wir lieber schweigen: Mir ist kein prominenter Philosoph der Berliner Universität bekannt, der Armut als Thema einer sozialkritischen Theorie gemacht hätte. Der immer noch so verehrte, bald „selig gesprochene“ (d.h. Katholiken dürfen ihn dann im Himmel um Beistand bitten!) katholische Theologe und Religions-Philosoph Romano Guardini redete an der Uni Unter den Linden lieber feinsinnig über Rilke als über den „Charme“ der dunklen krankmachen Hinterhöfe… Und Marxisten waren damals eher nur in den Parteien zu finden. Da hat sich heute einiges verändert, man denke an das weite vielfältige Umfeld der „Frankfurter Schule“. Vielleicht gibt es also doch einen ganz kleinen Fortschritt…Vielleicht  auch mal in der Berliner Welt der Ausstellungsmacher…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Junge PhilosophInnen philosophieren auf der Straße in Berlin – Reinickendorf

Berlin hat am 21. Jui 2018 eine „Allee der Fragen“

Ein Hinweis von Christian Modehn

Ein philosophisches Ereignis in Berlin: Aber was ist ein philosophisches Ereignis? Vielleicht dies: Ein lange dauernder prägender Moment, wo Menschen mit einander in ein tieferes Gespräch kommen voller Fragen, die weiterführen und ins Weite führen.

Ein philosophisches Ereignis gibt es am 21. JUNI 2018 ab 16 Uhr in Berlin Reinickendorf: Da schlagen philosophisch interessierte und gebildete Schüler eine, wie sie sagen, „Denkachse“ durch den Alltag Berlins: Auf 200 Plakaten werden Resultate philosophischer Gespräche mit Leuten auf der Straße dargestellt: Sokrates philosophierte ja bekanntlich auch auf der AGORA von Athen. Die Schüler der Max-Beckmann-Oberschule in Reinickendorf wollen anlässlich dieser Plakate, Ergebnisse von Gesprächen,  mit den Menschen ins Philosophieren kommen: Denn jeder Mensch philosophiert „immer schon“, ob er das weiß oder nicht.

Die Schüler, die für die Philosophien ihre Leidenschaft haben, sprachen also mit Menschen in Kirchen, Seniorenzentren, Schulen, Büchereien usw. sogar in Kneipen und Supermärkten: Bravo, genau dort überall lebt Philosophie, weil Philosophie auch alltäglich ist und nicht nur eine akademische Disziplin an der Uni. Die Philosophie Lehrerin Melanie Heise hat das Projekt begleitet, sicher ein Vorbild für weitere ähnliche Unternehmungen an anderen Schulen. Hoffentlich nehmen auch viele andere Lehrerinnen anderer Schulen teil. Eigentlich ja ein Muss!

Ab 16 Uhr kann man also auf der Auguste Viktoria Allee in Reinickendorf, gut erreichbar mit der U Bahn, nicht nur die Plakate mit ihren philosophischen Fragen studieren, sondern auch mit den SchülerInnen debattieren, vielleicht bleibt mancher stundenlang nachdenkend stehen wie Sokrates einst in Athen.

Das Projekt „Allee der Fragen“ verdient alle Aufmerksamkeit. Denn Philosophie kommt wieder unter die Menschen, weil sie als ständiger kritischer Impuls zum Menschen gehört. Und es sind Schüler, die uns das zeigen! Vielleicht wird die „Allee der Fragen“ bald einmal ins Regierungsviertel verlegt, oder in die Nähe vieler großer religiöser (dogmatischer) Zentren oder in die Nähe eines gescheiterten Flughafens oder in die Nähe der großen Ausflugsgebiete, etwa am Wannsee:

Die Philosophie kommt unter die Leute. Was für eine Chance! Lassen wir uns also im Fragen verunsichern. Diese Unsicherheit ist heilsam, man muss es nur mal im Denken probieren… Wenn die Mitglieder vieler populistischer Parteien philosophisch, also selbstkritisch, sich selbst kritisch zuhören würden in ihren erbärmlichen Schimpftiraden und Hassattacken gegen seriöse PolitikerInnen, würden sie endlich vor intellektueller Scham den Mund halten und weiter nachdenken.

Also: Kritisches Reflektieren auf sich selbst ist politisch. Philosophie kann vergiftete Atmosphären und vergiftete Mentalitäten etwas heilen…Hoffentlich.

„Spiritus rector“ des Projekts ist der Schulleiter Matthias Holtmann, der sich auch überzeugt zeigt, dass es so etwas wie einen philosophischen „Urinstinkt“ gibt, den alle teilen. Die Philosophie Dozentin Melanie Heise, Initiatorin und Koordinatorin des Projekts, betont: „Die Tatsache, dass alle Menschen solche Fragen in sich tragen zeigt uns, dass wir uns oft näher sind als wir wissen und uns mehr verbindet als uns trennt. Und gerade heute, in nervösen Zeiten in einer schnelllebigen Welt, die von vielen existentiellen Erschütterungen verunsichert wird, bietet es sich an, die Kraft und die Weisheit der uralten philosophischen Praxis zu nutzen.“

Die „Allee der Fragen“ ist ein Projekt des Quartiersmanagement Auguste-Viktoria-Allee und wird aus Mitteln des Städtebauförderungsprogramms „Soziale Stadt“ der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen finanziert.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Wahrheit sagen: Der Schriftsteller Michael Köhlmeier legt die Ideologie der FPÖ frei: Ein Vorbild im Umgang mit der AFD

Ein Hinweis von Christian Modehn

Beim Katholikentag in Münster (10. bis 13. Mai 2018) wird heftig über die AFD debattiert werden. Werden da auch öffentlich die tatsächlich verstörenden Erkenntnisse formuliert über die Ideologie der AFD, ihre Vernetzung mit rechtsextremen Parteien, etwa mit Österreichs FPÖ und Frankreichs Front National?

Es gibt ein Vorbild, mit welcher Kompetenz, auch das muss man in diesen rechtslastigen Zeiten schon sagen: mit welchem Mut in Wien der bekannte, international geschätzte Schriftsteller Michael Köhlmeier eine Rede gehalten hat, anläßlich des Holocaust Gedenkens am 5. Mai 2018: Köhlmeier hat präzise und schonungslos, mit großer Kraft, die Ideologie der dort mit – regierenden FPÖ freigelegt. Er geißelte die Partei, „deren Mitglieder den Nationalsozialismus verharmlosen“.

Wird man solche Worte auch in Münster beim Katholikentag in der Auseinandersetzung mit der AFD vernehmen?

Die Rede Köhlmeiers dauerte nur 6 Minuten. Sie sollte hier nachgelesen werden.

Die SZ hat mehrfach über diese durchaus historisch bedeutende Rede Köhlmeiers berichtet.

Über die widerwärtigen Formen des Umgangs sehr vieler Österreicher mit Verbrechern aus der Nazi -Zeit ist wieder einmal eine Studie über den „Schlächter von Wilna“ erschienen, sein Name: Franz Murer. 1955 nach Unterzeichnung des Staatsvertrages wieder freigelassen, wurde er in seiner Heimat Gaishorn begeistert begrüßt. Ebenso 1963, als er in einem erneuten Prozess freigesprochen wurde: Die Zeugen wurden von Murers Verteidiger der Lüge bezichtigt; man glaubte dem Täter, nicht denwenigen überlebenden Opfern. Wie ein Held konnte Murer den Gerichtssaal verlassen…(Johannes Sachlehner, Rosen für den Mörder. Die zwei Leben des SS Mannes Franz Murer. Molden Verlag, Wien 2017, 288 Seiten). In der Steiermark, der Heimat von Murer, wurde die FPÖ (nach der ÖVP) die zweistärkste Partei mit fast 28 % der Stimmen.

 

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon, Berlin.

 

Die CSU gehört nicht zu Deutschland (auch nicht zu Bayern).

Ein ernster ironischer Kommentar von Christian Modehn

Einige besorgte LeserInnen haben mich gefragt, ob ich denn die These meines „ernsten ironischen Kommentars“ kurz zusammenfassen kann: Die CSU mit dieser jetzt heftig verbreiteten Behauptung, „der“ Islam, „in welcher Form auch immer“ (Dobrindt CSU), gehöre nicht zu Deutschland, tritt mit dieser undifferenzierten, pauschalen und deswegen dummen Propaganda aus dem Konsens der in Deutschland gültigen Kultur: Denn dies ist die Kultur des differenzierten Denkens und abwägenden Argumentierens. Dies ist die Kultur, dass Parteien nicht um des eigenen Überlebens willen sich rechtsextremen Positionen anschließen. Politiker sollen in der in Deutschland doch schon etwas bewährten demokratischen Kultur nicht zu Propagandisten und zu Verhetzern des Volkes werden.

Also: Die CSU als Partei tritt in dem genannten Fall aus der demokratischen, von Vernunft geprägten Kultur in Deutschland heraus. Die CSU ist ganz offensichtlich ein Freund des ungarischen Populisten Orban und so (zer)stört die CSU jetzt die demokratische, von Toleranz, Differenzierungsvermögen und damit von Vernunft bestimmte Kultur in Deutschland. Über Strömungen des Fundamentalismus im Islam muss man reden, natürlich, genauso differenziert wie über zweifelsfrei vorhandene fundamentalistsiche Strömungen im römischen Katholizismus, in evangelikalen Kreisen usw…

Aktualisierung am 21.3.2018: Die pauschalen Urteile über „den“ Islam in Deutschland und Europa werden von undifferenziert denkenden Politikern, vor allem der CSU, immer wieder weiter verbreitet, wie von Alexander Dobrindt. Er wollte sein „Unterscheidungsvermögen“ über den vielfältig geprägten Islam dadurch beweisen, als er sagte: In allen Formen des Islam gehöre der Islam nicht zu Deutschland. Kennt der christliche Bayer „alle Formen des Islam“? Wohl kaum. Seine Worte und die früheren, ebenso pauschalen Äußerungen des Innenministers Seehofer können in einem Kommentar und Meinungsbeitrag nur als Volksverhetzung gelten. Und als taktische Anbiederung der CSU an AFD und Pegida und co. Diese CSU – Herren verbreiten undifferenzierten Unsinn, nur um des Wahl-Erfolges ihrer eigenen Partei willen. Wer nennt solches Verhalten demokratisch? Oder christlich? Oder sozial?

……..Der Text vom 19. März 2018:

Der neue Innen- und Heimat – Minister Horst Seehofer CSU unternimmt sofort nach Amtsübernahme alles, um die Stimmung in Deutschland heftigst anzuheizen, zu polarisieren. Seine Worte wecken den Rassismus, dies ist eine Meinungsäußerung. Wann kommen die Klagen wegen Volksverhetzung? Seehofer will eine Religion, den Islam, aus Deutschland ausgrenzen und damit vertreiben und auslöschen. Dabei aber will er freundlicherweise die Mitglieder dieser Religion, die Menschen, die Muslime, in irgendeiner Weise dann doch hier leben lassen. Geht ja auch – zunächst ? – nicht anders, sind doch viele Muslime deutsche Staatsbürger.

Also, der Vernunft und damit der Logik verpflichtete Menschen sollten den Seehofer – Spruch variieren:

Etwa: Der „Bundes-Verband der deutschen Sicherheits – und Rüstungsindustrie“ gehört nicht zu Deutschland und seiner christlichen und friedlichen Kultur!  Die Rüstungsproduzenten dürfen als Menschen in Deutschland weiter leben… falls sie umrüsten und in die ökologische Landwirtschaft oder die Krankenpflege investieren. Das wäre eine zeitgemäße Variante der Seehoferschen Weisheit.

Aber der Seehofer Spruch „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ widerspricht jeglicher Logik. Die rechtsextremen populistischen Kreise in der AFD und Pegida werden sich in ihrer Unlogik über so viel Beistand aus der angeblich demokratischen Ecke der CSU freuen. Nun haben die Gegner „des“ Islam allen Grund, heftig gegen Institutionen „des“ Islam vorzugehen. Seehofer spielt von daher mit dem Feuer, er hetzt mit seinem dummen Spruch das Volk auf. Wann wird er abgelöst und etwa nach Altötting in Pension geschickt? Aber werden seine Nachfolger und Freunde, Amigos, etwa aus Ungarn, denn anders denken? Die CSU pflegt ja bekanntlich ein sehr inniges und freundschaftliches Verhältnis zu dem alles andere als „lupenreinen Demokraten“ Viktor Orban, dem Staatschef  von Ungarn, bekanntermaßen ebenfalls sehr „ausländerfreundlich“ und sehr „muslim -freundlich“… Wird sich etwa Herr Alexander Dobrindt CSU zum Islam als zu Deutschland gehörend bekennen? Wird Seehofer und die offizielle CSU Muslim – Politik in den Kirchen heftigsten Widerspruch finden? Bei den Katholiken sicher nicht. Denn die denken auf ihre Art – andere ausschließend – wie Seehofers CSU:

Die katholische Kirche praktiziert dieselbe irre Logik, wenn sie im offiziellen und immer noch gültigen Katechismus (Vatikan 1993) behauptet (§ 2357 folgende): Homosexualität als solche ist Sünde und ein Irrweg („in keinem Fall zu billigen“), während der/die einzelne Homosexuelle respektvoll behandelt werden soll. Und dann kommt der Hammer: Vorausgesetzt, der Homosexuelle lebt als Homosexueller enthaltsam, also verzichtet darauf, als Mensch andere Menschen erotisch/sexuell zu lieben. (§ 2359 in dem genannten Opus, in der deutschen Ausgabe auf Seite 596). Nur Platonisches erlaubt die römische Kirche den Homosexuellen, platonische Liebe, die ja bekanntlich alle zölibatären, heterosexuellen, homosexuellen oder pädophilen Priester als Platoniker vorbildlich praktizieren. Siehe dazu auch meinen Beitrag: „Der § 175 in der römisch – katholischen Kirche“. LINK

Konsequenterweise sollte, der vatikanischen „Einsicht“ folgend, Herr Seehofer also sagen: Muslime in Deutschland sollten ihre Religion nicht praktizieren, sondern am besten konvertieren, zum Christentum oder zum Judentum, denn diese beiden Religionen hält ja Seehofer für den Kern der deutschen Kultur! Von Humanismus und Aufklärung als den entscheidenden Quellen demokratischen Denkens und demokratischen Lebens in Europa, auch in Deutschland, hat der Bayer Seehofer nichts gehört. Tragisch ist es, mit welcher Selbstverständlichkeit da Christlich und Jüdisch in einer Formel zusammengebunden wird. Das würde stimmen, gäbe es nicht die Geschichte christlich motivierter Judenverfolgung und Judenausrottung, noch vor 85 Jahren auch durch Deutsche! Wer heute jüdische Wurzeln Deutschlands anspricht, bezieht sich leider auf Vergangenes, darauf, dass Deutsche, Christen, Millionen Juden getötet haben. Darum ist das Wort „christlich – jüdisch“ als Kennzeichnung deutscher Kultur eine große Verlogenheit. Würde sich Seehofer freuen, wenn Tucholsky noch lebte oder Walter Benjamin, sie würden ihm als Humanisten heftig widersprechen.

Ich behaupte also: Die CSU als Partei passt weder nach Bayern noch nach Deutschland. Ihre Ideologie zeigt gewisse Verkalkungen. Denn diese Partei ist auch so verfilzt in Amigo – und Korruptionsaffären, dass sie einfach nicht dem christlich – jüdischen Niveau in Deutschland entspricht. Die einzelnen CSU Herrschaften mögen als einzelne Menschen respektabel sein, aber es wäre besser, wenn sie aus diesem verfilzten Club, CSU genannt, austreten würden und sich etwa der SPD oder wenigstens der CDU anschließen. So sollen es ja auch die Muslime am besten machen: Raus aus „dem“ Islam, und rein in die christlichen Kirchen.

Dieses ausgrenzende,  durchaus rassistische Denken kommt übrigens von weit her; in Spanien etwa war es seit dem 16. Jahrhundert bis in Francos Zeiten gültig. Staatschef Franco wollte keine protestantischen Kirchen -Institutionen in seinem total katholischen Spanien haben. Einzelne zurückhaltende Protestanten wurden als Menschen freundlicherweise ertragen. Das heißt: Seehofer sollte mit seinem Vorstoß „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ eine Ehrenmedaille der alten Franco – Garde in Spanien erhalten, die da analog sagte: „Protestanten, Juden und Muslime gehören nicht zu Spanien“.

Zusammenfassend: Die CSU betreibt offensichtlich eine widersinnige ANTI- Muslim Propaganda: Um der AFD zu entsprechen und um mit dieser Position die Sache der eigenen Partei zu retten. Für den Sieg der eigenen, der christlichen Partei, opfert man gern die vernünftige Debatte in Deutschland. Und nähert sich rechtsextremen Positionen…

Als Lesetipp empfehle ich die Bücher von Wilhelm Schlötterer, dem kritischen Forscher zur CSU: Die Wochenzeitung „Die ZEIT“ schreibt: (Quelle: http://www.zeit.de/angebote/buchtipp/schloetterer/index)

„In der CSU gehören politische Intrigen, Machtmissbrauch und Korruption zur Tagesordnung, weiß Wilhelm Schlötterer und legt neue Fakten und Beweise für seine Vorwürfe vor. Aber nicht nur die kriminellen Machenschaften von Strauß, sondern auch der despotische Regierungsstil von Edmund Stoiber wie das überhebliche Verhalten von Horst Seehofer den entsprechenden Konsequenzen für das Land und den Bund werden in „Wahn und Willkür“ von Wilhelm Schlötterer analysiert“

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Fünf Jahre Papst Franziskus – progressiv, aber zwiespältig

Ein Hinweis von Christian Modehn

Franziskus ist ein Papst, der bei aller Zustimmung, auch einen zwiespältigen Eindruck bietet. Und das liegt auch an ihm selbst, an seiner progressiven sozialen Theorie und Praxis einerseits und seiner konservativen Theologie auf der anderen Seite.

1. So genannte progressive theologische katholische Kreise, die vor kurzem noch das Papsttum beinahe bekämpften (etwa in den Gestalten des polnischen Johannes Paul II. und des deutschen Benedikt XVI.) sind nun förmlich enthusiastische Papst – Fans geworden und fast schon wieder ultra-montan, wenn man an die Kritik an Bischöfen „zu Haus“ und das Lob für diesen Papst denkt. Und die Konservativen und Reaktionären, die früher Papsttreue und Papstliebe zur obersten Glaubenssache machten, sind nun entschieden gegen diesen Papst. Durch die Anwesenheit eines pensionierten Papstes im Vatikan (Benedikt) wird die Sache noch komplizierter. Der Pensionierte hat seine eigene Fan-Gemeinde. Und die Konservativen machen Franziskus das Leben schwer, wollen ihn wohl am liebsten kaltstellen. Dies ist eine Tatsache, und muss hier nicht seitenlang belegt werden. Es sind diese ewigen Sticheleien der reaktionären Besserwisser, von denen der Benedikt XVI.- Fan, Kardinal Müller, nur der harmlosere unter denen ist, die Papst Franziskus zusetzen.

2. Ist Franziskus wirklich rundum eine Gestalt des progressiven Durchbruchs? Stimmt das so pauschal? Man kann zur Entschuldigung für seine reformerische Halbherzigkeit daran erinnern: Er habe eben auch Angst vor der Allmacht der vatikanischen und sonstigen Reaktionären. So ist Franziskus gezwungen, zu jonglieren, ein bisschen gibt er mal recht den Konservativen, ein bisschen gibt er mal Grund den Progressiven, etwas zu frohlocken. Kurz, Franziskus will den äußerst pluralistischen „Laden“ irgendwie beisammen halten, will keine zahlenmäßigen Rückgänge im Weltkatholizismus hinnehmen. Tatsache aber ist, die Hierarchie als Hierarchie wird von ihm nicht angekratzt. Der Klerus hat immer noch total das Sagen. Am Klerus allein orientiert sich etwa die „Gemeindereform“, etwa jetzt hier in Deutschland: Da wird wegen der wenigen Priester eine permanente Zusammenlegung von Gemeinden praktiziert. Proteste der Laien, wenn noch vorhanden, sind wirkungslos. Der Klerus herrscht solange, bis er hierzulande ausgestorben ist.

3.  Hätte der Papst als Papst die Möglichkeit, das Zölibatsgesetz für Priester abzuschaffen? Ja, das Zölibatsgesetz ist eine kirchliche Verfügung, kein unfehlbares Dogma. Nur an einem (angeblich unbedingt zu glaubenden) Dogma darf auch kein Papst rühren. Das Zölibatsgesetz könnte Franziskus jedenfalls abschaffen. Er tut es nicht, hat er Angst? Wahrscheinlich. Also wird die Zölibatskirche weiter betrieben und letztlich in manchen Gegenden wid die Kirche gegen die Wand gefahren. In Lateinamerika haben viele Millionen Katholiken die katholische Kirche verlassen, weil schlicht und einfach keine zölibatären Priester für die Gemeinden zur Verfügung stehen. Es gibt keine „Seelsorge“, keine Eucharistiefeiern etc… Die Basisgemeinden einst wollten Frauen und Männer zu Priestern berufen und selbstverständlich ordinieren. Das hat Rom, vor allem der polnische Papst, ein Liebhaber des Klerus, verboten. So muss die Kirche in Lateinamerika sehen, wie die Evangelikalen und die Pfingstgemeinden immer stärker werden, manchmal sind schon mehr als die Hälfte der Bewohner nicht mehr katholisch, wie etwa in Guatemala. Dort sind nur noch 45 % der einst insgesamt katholisch getauften Guatemalteken katholisch. Es sind nicht nur übermütige Kirchenkritiker, die sagen: Dieser Niedergang schadet der katholischen Kirche gar nichts. Sie wird, wenn sie klerikal so weitermacht, sogar noch schwächer. Mit anderen Worten: Die Klerus – Fixierung, die auch Papst Franziskus prägt, kann sich als das Ende des Katholizismus in manchen Regionen zeigen. In Frankreich ist das sehr sichtbar. Dort stirbt die Kirche, weil der Klerus stirbt. Darüber haben angesehene Religionssoziologenin Paris  dicke Bücher geschrieben, die natürlich nicht zu einer Korrektur der kirchlichen Praxis führten.

4. Zwiespältig ist Papst Franziskus auch in der Ernennung von Bischöfen, die ja bekanntlich seine, nämlich seine päpstliche Sache letztendlich ist. Es wäre viel zu berichten, etwa über Frankreich, wo ein erklärter Konservativer (Michel Aupetit) vor kurzem Erzbischof von Paris wurde. Oder, von Strasbourg, wo der neue Erzbischof Luc Ravel, einst sogar in Militärkreisen höchst unbeliebter Militärbischof, bekannt für konservative Aussagen, behauptet: „Die Muslime werden eines Tages die Christen in Frankreich verdrängen“… Warum musste Franziskus ausgerechnet einen Opus-Dei – Mann zu seinem Pressesprecher machen? Sind das Gesten, um diese mächtige Organisation irgendwie bei Laune zu halten? Wahrscheinlich. Fehlt noch, dass er einen „Legionär Christi“ in die Studiengruppe zur Verhinderung des sexuellen Missbrauchs durch Priester und Ordensobere beruft…

5. Wer die private, sozusagen die innere Theologie von Papst Franziskus kennen lernen will, studiere bitte die Ansprachen, die er werktäglich in der Kapelle seiner Wohnung, dem Marta-Haus, hält. Es wäre ein eigenes Forschungsprojekt, in diesen Predigten die ständigen Bezüge auf den furchtbaren Teufel herauszuarbeiten. Dass der Papst auch Maria als „Knotenlöserin“ (so ein Andachts – Bild in Augsburg, das er dann in Argentinien populär machte, als Erzbischof von Buenos Aires) verehrt, ist seine persönliche Sache. Nur ist ein übertriebener Marien – Kult, auch in Richtung Knotenlösung, etwa für die Ökumene mit Protestanten nicht sehr hilfreich, vermute ich. Dass Franziskus immer noch auch im Luther – Gedenken 2017, fest an die Ablässe glaubt, ist niemandem entgangen. Genauso, dass er den ultra populären und viel Geld einspielenden Kult um Pater Pio unterstützt, den viele kritische Theologen und einige Leute im Vatikan für einen Scharlatan hielten mit seinen angeblichen Wundmalen, ist doch sehr erstaunlich. Dass er die argentinische „Theologie des Volkes“ hochschätzt und nicht die eher linke und theologisch schärfere Befreiungstheologie, ist ebenfalls bekannt. Wieweit er die umfassend kritischen Studien zur Zusammenarbeit von argentinischer Militärditatur und Kirche (auch Bischöfen !) unterstützt, müsste noch herausgefunden werden…

6. Papst Franziskus hat vieles Wegweisende getan und auch (vor)gelebt in seinem Lebensstil. Der Umzug aus dem Barockpalast in ein Appartement eines Gästehauses, ist wohl das deutlichste Symbol, dass er anderes und Richtiges will und dies auch tut. Er will den kirchlichen Ortswechsel. Die Bischöfe in den reichen Ländern, auch in Deutschland sind ihm darin nicht gefolgt, anstelle von Mercedes fahren sie jetzt vielleicht Audi oder so. Aber ihre riesigen Papp – Mützen, Mitren genannt, tragen sie permanent weiter als Zeichen ihrer besonderen „Berufung“. Solche Mützen liebt Franziskus nicht sehr. Dabei handelt es sich gewiss um Äußerlichkeiten, aber nicht um Kleinigkeiten. Einige Wirkungen hat Franziskus durch sein praktisches Engagement erzielt, für Flüchtlinge, Obdachlose usw. Etwa auch durch den Besuch im November 2015 in der von der Weltöffentlichkeit völlig vergessenen Zentralafrikanischen Republik. Ausgerechnet in der Elends –Hauptstadt Bangui eröffnete er die erste heilige Pforte im „weltweiten Jahr der Barmherzigkeit“…. und eben nicht im heiligen barocken Rom. Es ist die Liebe zur Peripherie und damit zu den Armen und Vergessenen, die sich in dieser Praxis ausdrückt.

7. Wenn man auf Franziskus leider einmal post mortem zurückblickt, werden viele, auch kritische Beobachter wohl sagen: Was war der doch für ein toller Papst, welche Ausnahme – Erscheinung, welch ein Vorbild in der Nähe zu den Armen. Oder werden einige auch sagen: Mit Papst Franziskus ist die grausige Vorherrschaft des Klerus in der römischen Kirche allmählich in die Endphase geführt worden: Das „allgemeine Priestertum“ aller Gläubigen ist nun in dieser Kirche nicht mehr bloß eine harmlose Behauptung, sondern praktische Realität, auch und vor allem für Frauen. Diese Erwartung habe ich nicht.

Vielleicht war Franziskus ein erfreuliches Intermezzo, so wie Johannes XXXIII. ein kurzes erfreuliches Intermezzo war… in einer aber grundlegend wandlungsunfähigen Kirche.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Schöne unbekannte Klänge: Chinesische Musik in Berlin

Ein Konzert zum Chinesischen Neujahrsfest 2018 mit Muhai Tang in Berlin

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wie viele interessierte, gebildete Europäer kennen und schätzen die chinesische Musik, die klassische Gestalt dieser Musik? Also nicht die aktuellen Songs, Schlager (?), die man in chinesischen Restaurants in Deutschland als Geräuschkulisse nebenbei hört? China wird auch ökonomisch immer wichtiger. Aber wer kennt die Kulturen Chinas? Die Kenntnis der Philosophien soll jetzt auch an der FU Berlin vertieft werden mit einem „deutsch – chinesischen Alumni – Netzwerk“.

Aber bleiben wir bei der Musik: Wer etwa das durchaus kompetente und gut gestaltete großformatige „Das Reclam Buch der Musik“ , 514 Seiten stark, Ausgabe von 2001, aufschlägt, wird mit 50 (fünfzig) Zeilen über „Musik in China“ abgefertigt, S. 478 f. Der viel besprochene „Eurozentrismus“ ist hier einmal mehr sichtbar.

Umso mehr verdient es viel Anerkennung und Beachtung, dass anlässlich des Chinesischen Neujahrsfestes das berühmte „Shanghai Chinese Orchestra“ in mehreren Städten Deutschland chinesische Musik präsentierte unter Leitung des hierzulande bekannten Dirigenten Muhai Tang. Das Programm in der Berliner Philharmonie am 19.2. 2018 hat zweifellos viele Besucher begeistert. Leider blieben etliche Sitzplätze leer, Ausdruck des eurozentrischen Vorurteils?

Die musikalische Leistung fand ich hervorragend, mich überraschte, wie schnell es Wechsel und Sprünge gab von einer eher meditativ sanften Phase in eine beinahe bombastisch erscheinende, durchaus dröhnende Lautstärke. Ist das chinesische Dialektik, musikalisch ausgedrückt? Mit Fragen verließ ich das Konzert, und das ist auch gut so für weiteres Forschen.

Vom Moderator hätte ich mir mehr musikwissenschaftliche Erklärungen gewünscht. Denn viele Besucher werden die alten Instrumente wohl nicht nur zum ersten Mal gesehen, sondern als sichtbar vor Augen auch gehört haben. Was für ein Erlebnis, allein die Solisten an diesen Instrumenten zu erleben. Ich fragte mich, welche Rolle denn der – im Konzert eingesetzte – (europäische ) Flügel in der (klassischen) chinesischen Musik spielt? Die Jesuiten am Pekinger Kaiserhof im 17. Jahrhundert haben dieses Instrument noch nicht mitbringen können. Aber sie machten dort eine Melange aus chinesischer und europäischer Musik, die leider (hier) kaum aufgeführt wird…

Der glanzvolle Dirigent war der auch in Deutschland, vor allem in Berlin, schon bekannte Dirigent Muhai Tang. Geboren in Shanghai, begann er seine internationale Karriere mit Herbert von Karajan 1983 in Berlin, seitdem ist er in vielen Ländern hoch geschätzt. Muhai Tang dirigierte das berühmte „Shanghai Chinese Orchestra“. Er betonte in einem Interview zu diesem aktuellen Anlass: „Tatsächlich habe ich durch mein Studium in Europa auch eine neue Perspektive auf meine eigene Kulturgeschichte entwickelt. Als chinesische Künstler sollten wir ein neues Selbstverständnis entwickeln, wenn wir uns mit Europäern über Kunst und Kultur austauschen, wir sollten Wissenslücken gegenseitig stopfen, das Verständnis untereinander pflegen und voneinander lernen. Es gibt noch nicht viele westliche Musiker, die sich in der chinesischen Musik auskennen – aber wir selbst dürfen auch nicht das Gefühl haben, der Westen sei uns überlegen. Die letzten Jahrzehnte haben da schon einen Riesenfortschritt gebracht. Die vor uns liegenden Konzerte der aktuellen Tournee zum chinesischen Neujahr sind da ganz wichtig, der Welt auch ein neues kulturelles Selbstverständnis Chinas darzustellen“.

Die Musik zum Chinesischen Neujahrsfest 2018 wurde von den „China Tours“, Deutschlands wichtigem Spezialisten für China-Reisen, und der Wu Promotion, Chinas führender Konzertagentur, präsentiert.

Im kommenden Jahr, so mein Wunsch, sollte vielleicht schon im Umfeld der Aufführungen über die Vielfalt klassischer chinesischer Musik informiert werden.

Dabei kann man sich schon heute auf einige wesentliche Worte von Konfuzius über die Musik einstimmen, Worte des chinesischen Philosophen, die in China und in der ganzen Welt Beachtung finden sollen: „Die Musik ist es, woran die Heiligen sich freuen, und man kann damit die Gesinnung der Menschen bessern! Sie beeinflusst die Menschen tief, sie ändert die Bräuche und wandelt die Gewohnheiten. Darum bewirkten die früheren Könige durch sie ihre Erziehung“.

Das Zitat ist dem Buch „Weisheit und Ritual. Die Geschichte des Konfuzianismus“ von Daniel K. Gardner entnommen, erschienen im Reclam Verlag 2016, als Übersetzung aus dem Englischen. Das Zitat steht auf Seite 41f.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Gibt es Fortschritt? Ein Salongespräch am 23.2.2018.

Gibt es Fortschritt in meinem Leben?

Hinweis von Christian Modehn zum Salongespräch am 23.2.2018

Einige Hinweise zur Diskussion: Es ist fast obszön, gerade heute von Fortschritt zu sprechen, auch als Fortschritt im ethischen Verhalten der Menschheit. Wenn man das permanente Grauen von Krieg und Verletzung der Menschenrechte vor Augen hat.

Selbst wenn der Fortschritt als dauernde, maßlose Steigerung und Optimierung des Technischen (immer “bessere” Atombomben) philosophisch zurecht heftig kritisiert wird, bleibt doch die Frage: Kann eine kritische philosophische Ethik diesen “Fortschrittsrausch” noch steuern und bremsen? Gibt es also auch “guten” Fortschritt? Wie sollen wir den unterstützen?

Vor allem: Gibt es so etwas wie “Fortschritt” auch in unserem individuellen Leben? Wären dann die Begriffe Reifen und Erwachsenwerden hilfreich? Warum ist es gut und fortschrittlich, auch einmal stillzustehen, nicht mehr „weiter zu gehen“, sondern zu verweilen und nicht permanent auf der ewig weiter in die Zukunft strebenden Zeitlinie weiter zu schreiten. Warum wird der Begriff Fortschritt heute so diskriminiert? Weil die großen Organisationen, Parteien, die ständig von Fortschritt sprachen, die Grundidee eines auch ethischen Fortschritts verraten haben? Dies ist keine Frage mehr, sondern etwa im Blick auf den Kommunismus eine Tatsache.

Warum gibt es Fortschritt in den Religionen? Etwa in der Akzeptanz der historisch-kritischen Forschung bei der Interpretation von Bibel und Koran? Vor allem: Wie hoch ist der Fortschritt einzuschätzen, wenn sich immer mehr Menschen, auch religiöse, von infantilen Gottesbildern lösen? Ist der aktuelle Bezug, Rückgang,  auf die alte, auch mittelalterliche Mystik in dem Falle auch Fortschritt? Ist also der Rückgang in die Vergangenheit also nicht immer Regression? Warum ist die heute übliche rechtspopulistische und rechtsradikale Regression als Überwindung demokratischer Errungenschaften so gefährlich? Leben wir bereits in politisch regressiven Zeiten? Wer leistet da Widerstand? Selbst wenn viele TeilnehmerInnen seit Jahren den Begriff Fortschritt nicht mehr verwendet haben, so lohnt sich doch die Mühe einer grundlegenden, philosophisch fragenden Auseinandersetzung. Fortschritt geschieht in bewusster Entscheidung, ist also von der eher naturwüchsigen “Entwicklung” zu unterscheiden. Deutlich also ist: Auf die Idee des Fortschritts als Realisierung des ethisch Besseren können wir nicht verzichten, wissen dabei aber, dass es den “totalen”, insgesamt guten Weltzustand durch “Fortschritt” erzeugt nicht gibt. Religiös wird dieser insgesamt heilsame und rettende Zustand mit dem Bild „Reich Gottes“ beschrieben, auch Walter Benjamin spricht vom Kommen des Messias und der messianischen Zeit. Das Reich Gottes bleibt theologisch und religionsphilosophisch also eine zentrale anzustrebende Idee, aber mit dem Wissen, dass dieses Reich Gottes nie von uns „total“ geschaffen werden kann UND gleichzeitig jedoch in dem Wissen, dass wir (und jeder Mensch!) den Auftrag haben , danach dann doch tätig zu streben. Dieses stetige Streben hat mit “Sisyphus” nichts zu tun. Weil allein schon dieses  Streben (also dieses gute, also fortschrittlich – gute Handeln) erlösende, befreiende, Sinn stiftende Momente in sich birgt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.