Ist ein böser Gott heute in den USA allmächtig?

Die 28. der „unerhörten Fragen“ des “Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin”

Von Christian Modehn am 14.1. 2026

Unerhörte Fragen haben eine provokative Kraft. Aber sie werden von den Herrschenden nie „erhört“, d.h. sie haben nur selten eine verwandelnde Kraft. Weil die unverschämt Handelnden unbeirrt unverschämt bleiben. Aber: Unerhörte Fragen müssen erläutert werden. Dies ist Ausdruck von Hoffnung.

Auch diese unerhörte Frage weiß genau: Ohne Sinn für die Verirrungen der Theologie und der christlichen Religion ist Mister Trump nicht zu verstehen. Und wir müssen diesen Mister verstehen, um ihm noch einen letzten Widerspruch entgegen zu werfen!  Ohne theologische Begriffe und Kategorien kann man die Allmacht des nihilistischen Herrschers und “Gottes” Donald Trump nicht verstehen. 

……………….

„Böse Götter“ leben unter uns. Aber es sind Menschen, die sich in ihrem Wahn für Gott halten und von anderen Verblendeten („Frommen“) auf den Thron Gottes gesetzt werden.

Diese böse Götter gelten als böse, weil sie die menschenfreundlichen Eigenschaften des guten, des transzendenten Gottes völlig verdrehen. Sie sind pervers: Die bösen Götter reden sich ein, allmächtig wie Gott zu sein. Aber ihre gewaltige Macht dient einzig ihrem Ego.

Die bösen Götter verachten das göttliche Gebot und die Moral der Nächstenliebe. Für sie gilt nur die Macht des Stärkeren. Und sie bauen sich als die Stärksten auf.

Die bösen Götter hassen alles Mitleid. Alle Versöhnung, selbst die Kompromisse. Nur ihr „Deal“ zu ihren Gunsten „zählt“.

Die bösen Götter sind heute Autokraten, Plutokraten, Diktatoren. Sie toben sich in allen Kontinenten aus.

Mister Donald Trump verbreitete als Video auf „truth social“. Er zeigt sich als dabei als intimer Kenner des wahren Gottes: „Gott sagte mir: Ich brauche einen Verwalter. Ich brauche jemanden, der eine Axt formen ein Schwert schwingen kann.“ Quelle: LINK

Wenn Trump eine seiner vielen Verordnungen und Gesetze unterschrieben hat, dann zeigt er das Dokument, hoch haltend, auch drehend, damit jede Kamera es wahrnimmt: Trump will so religiöse Vorstellungen wecken von Moses, der die Gesetzesstafeln Gottes dem Volk zeigte. Dies ist ein beliebtes Motiv der Künstler, man denke an Valentin de Bourgognes Gemälde (1628). Diese Unterschriften-Riten Trumps im Beisein seiner ihn bewundernden “Gemeinde” (Vance und Co.) sind eine bewusst eingesetzte öffentliche  Zeremonie, die direkten Bezug hat zu tiefsten religiösen Traditionen von Judentum und Christentum.

Moses hatte die Gesetzestafeln empfangen, er stand UNTER Gott. Trump hingegen formuliert die Gesetze, er ist Herr der Gesetze, er ist Gott. Siehe: LINK

Und Trump schwingt sein Schwert, ständig: gegen die Demokratie, gegen die eigenen Bürger, wenn sie zur Opposition, gehören. Diese betrachtet er explizit als Feinde und … auf die er in seinem offiziellen Video Scheiße von oben wirft. Tiefer kann ein so genannter Präsident nicht sinken…Quelle: LINK

Trump schwingt sein Schwert gegen Flüchtlinge, gegen Staaten und Regierungen, die sich seiner Allmacht widersetzen.

Als ein böser Gott tobt er sich aus: Und hinterlässt bei allen Vernünftigen, die mit ihm notgedrungen zu tun haben (auch bei hilflosen PolitikerInnen Europas) die Gewissheit: Bei dem „lieben Gott im Himmel“ wissen wir nie genau, ob er unsere Bitten erhört. Bei Trump im Capitol wissen wir noch nicht einmal, ob er uns zuhört, geschweige denn dass er unsere Anliegen erhört…

Der böse Gott kann permanent Lügen verbreiten und jegliches Gefühl für Wahrheit und humane Werte zerstören. Den bösen Gott zeichnet eine Ignoranz gegenüber der ökologischen Zukunft der Menschheit aus.

Der böse Gott ist der Gott, der systematischen Zerstörung der Demokratie, der Pressefreiheit, der Unabhängigkeit der Gerichte usw.

Der böse Gott kann sich nur deswegen austoben und sein „Schwert schwingen“, weil sehr viele Verblendete an ihn wie an einen Gott und Erlöser und Heilsbringer glauben, mag er selbst unmoralisch und verkommen sein, also alles andere als „göttlich“ sein. Aber vielleicht gibt es eine perverse Lust der „Trump-Frommen, einem perversen Gott zu folgen?

Diese Trumpgläubigen sind lautstark evangelikale oder katholische Christen, stolz katholisch, wie der Trump Nachfolger und schon jetzt als Halbgott auftretende JD Vance. Diese Leute, die nie hätten Politiker werden dürfen, haben das Erste Gebot der „Zehn-Gebote“ vergessen. Der gute, der transzendente Gott der Bibel lehrt: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“

Wie kann sich die Welt von einem bösen Gott befreien? Kennzeichen des bösen Gottes ist und bleibt die eigene Endlichkeit, die Sterblichkeit. Das ist der letzte, niemals erlöschende Trost der vielen, die unter diesem bösen Gott leiden. Aber, wie gesagt, der böse Gott hat längst für entsprechende Nachfolger gesorgt.

Wie lange können Demokraten (und deren Politiker) nach außen hin den bösen Gott verehren, aber “im Innern“ verachten?

Wird der Gedanke ernsthaft gedacht: Wie kann sich die kleine verbliebene demokratische Welt von dem bösen Gott und seinen schon bereit stehenden Nachfolgern befreien?

Auf die oft besprochene „internationale moralischen Autorität“ des Papstes sollte niemand vertrauen: Der us-amerikanische (!) Bürger, Papst Leo XIV. , ist alles andere als ein entschiedener, ein kritischer und kämpferischer Prophet, einer, der falsche Götter vom Thron stürzen kann und dies auch will.
Päpste können offenbar nur hilflos mahnen und zum Bittgebet aufrufen oder kluge Worte vor der UN sagen. „Mehr“ ist politisch nicht „drin“. Aber: Warum dann noch der ganze Kult um den „heiligen Vater“, den Monarchen, im explizit nicht – demokratischen Staat „Vatikan-Stadt“? Im Vatikan wird doch stets die prächtige barocke Show zelebriert, im Petersdom mit bunt gewandeten greisen Kardinälen? Viele der Teilnehmerinnen dort sehen in diesem und anderem liturgischenSpektakel nicht mehr als vatikanische Folklore.

Ein Wort der Hoffnung: Wir sprachen zu Beginn vom ständig dokumentierten  Unterschriftenritus des Gottes Trump, wie er seine Gesetze der Welt zeigt!

Uns tröstet ein Bild Rembrandts von 1659: “Moses zerschmettert die Gesetzestafeln”.LINK

Wer wird dieser Moses sein, der die wahnhaften Gesetzestafeln des Gottes Trump alsbald zerschmettert? Und Demokratie wiederherstellt und Menschenrechte und Menschlichkeit für alle, nicht für diese Milliardäre, diese Plutakraten FreundeTrumps. (Wie schön, dass sich unsere philosophische Kritik manchmal auf eindringliche biblische Mythen und auf die Kunst als Hoffnung beziehen kann).

…………

Diese unerhörte Frage wurde vom Dokumentar-Film der ARD am 12.1.2026 angeregt: „Trump & us“. Die drei Teile dieses ins Denken führenden Films sind bis 10.1.2028 in der Mediathek verfügbar. LINK

Wir haben schon 2025 ein viel beachtetes Gebet formuliert, das die Trump-Gläubigen jeden Tag sprechen, eine Neufassung des Songs „Ich bete an die Macht der Liebe“… : LINK:

PS: Unsere unerhörte Frage zum „bösen Gott“ hätte sich auch anderen Regionen zuwenden können,, etwa Russland oder dem Iran oder oder …Wir haben uns zunächst für die „sehr christlichen“ USA entschieden…

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

 

Die eine Religion für die plurale Menschheit

Wie die Begrenztheit der dogmatischen Konfessionen überwunden wird und die Vernunftreligion in den Mittelpunkt rückt!
Ein Vorschlag von Christian Modehn am 11. Januar 2026

1.
„Jede Religion GILT nur in einem bestimmten Gebiet. Sie wird in dem angrenzenden Gebiet schon als Aberglaube angesehen“.    Das Wort “gilt“ meint hier: „Bestimmend sein, vorherrschend, prägend sein.“ (CM)
Dies ist eine These des französischen Philosophen Claude Adrien Helvétius, er ist als Philosoph der Aufklärung (1715 – 1771) zugleich auch Religionskritiker (Fußnote 1).

2.
Die These des Helvétius ist auch heute eine Herausforderung: Warum „gilt“ das sich universal nennende, weltweit missionierende Christentum aber auch heute tatsächlich nur in europäisch geprägten Kontinenten, Ländern und Regionen? Und weiter: Angesichts der vielfältigen Krisen der Religionen und Konfessionen sollte da nicht endlich die Idee einer den universellen Menschenrechten verpflichteten Vernunft-Religion neu diskutiert werden.

3.
Die These des Helvétius führt uns also dazu, die von Kirchenführern stets behauptete Universalität des Christentums in Frage zu stellen. Und es muss geprüft werden, wie es denn mit den Missionserfolgen anderer „Weltreligionen“, etwa des Islam oder des Buddhismus, in Europa und Amerika, bestellt ist.

4.
Zunächst zur Weltreligion Christentum, das sich plural in einigen hundert verschiedenen Konfessionen präsentiert und in allen Ländern Mitglieder hat.
Innerhalb des Christentums ist die römisch – katholische Kirche die zahlenmäßig stärkste Konfession mit 1,4 Milliarden Getauften in allen Ländern. Diese weltumspannende Verbreitung soll die offizielle Behauptung der „Katholizität“ (d.h. die universale „Allumfassendheit“) der katholischen Kirche beweisen. Sie sieht sich von Gott berufen, alle Menschen, immer, überall, zu Christus zu führen, d.h durch die Taufe in die katholische Kirche einzugliedern. Aber in die Kirche, so wie sie von ihrer Tradition nun einmal bestimmt ist, und diese universale Kirche ist bleibend europäisch geprägt.

Aber es gilt für die Päpste und deren Theologen schon als Beweis der Katholizität, wenn sich heute zum Beispiel 2.000 Mongolen in der Mongolei zur römisch-katholischen Kirche bekennen oder einige tausend Inuit in Kanada oder einige hundert Indigenas in den Wäldern des Amazonas: Sie müssen wie alle Katholiken der nun gar nicht zu leugnenden europäisch bestimmten Kirchenlehre und Liturgie gehorchen.

Erfahrungen von politischem und sozialen Frieden oder anderer Formen der behaupteten „Erlösung“ hat dieses Christentum diesen Völkern aber nicht gebracht, von der nicht objektiv zu dokumentierenden seelischen Beruhigung (religiöses „Opium“) einzelner Frommer abgesehen.

5.
Wenn man die griechische Welt und auch das damalige Italien (Rom) des 1. Jahrhunderts als der Beginn des Katholizismus ansieht und die weitere Kirchengeschichte betrachtet, dann ist die katholische Kirche immer eine europäische Kirche geblieben. Sie ist dann durch die europäischen Kolonisten/Missionare in Amerika, Australien und Afrika als europäische Kirche verbreitet worden. Man denke an die überall gleiche Liturgie der von Priestern gefeierten Messe, das überall geltende römische Kirchenrecht, die überall geltenden Dogmen und Moralgebote, formuliert in Abhängigkeit von europäischen Sprachen, Kulturen und Philosophien.

6.
Zur faktischen Bedeutung der christlichen Kirchen, auch der katholischen Kirche, in Ländern der klassischen „Hochkulturen“:  Dort sind Christen, auch die Katholiken, trotz der nun schon Jahrhunderte dauernden Missionsbemühungen eine kleine Minderheit:
Das gilt für Indien mit einem machtvollen, zum Teil fundamentalistischen Hinduismus. In Indien sind heute nur ca. 2,5 Prozent der Bevölkerung Christen. LINK
Im buddhistisch und shintoistisch bestimmten, aber zugleich auch weitgehend säkularisierten Japan sind etwa 1,1 Prozent der Bevölkerung Christen. LINK
In China sind etwa 5,1 Prozent der Bevölkerung Christen. LINK
Im buddhistischen Thailand sind 0,9 Prozent der Einwohner Christen. LINK
Die verschiedenen indigenen Völker der heutigen „Philippinen“ haben sich schon früh dem Katholizismus der Eroberer angeschlossen. Seit der spanischen Mission im 16. Jahrhundert sind die Philippinen ein sich katholisch nennender Staat, eine Ausnahme in Asien. LINK
Im arabischen Raum sind Christen und ihre Kirchen eine extrem kleine Minderheit, die „Gast“ – ArbeiterInnen von den Philippinen sind dort die einzigen Christen, sie arbeiten unter unmenschlichen Bedingungen der Ausbeutung durch sich muslimisch nennende Herrscher.
Die These des Philosophen Helvetius: „Jede Religion `gilt` nur in einem bestimmten Gebiet…“ wird also auch heute bestätigt: Das Christentum hat eine prägende Bedeutung und „Geltung“ nur in europäisch bestimmten Kontinenten.

7.
Amerika ist europäisch bestimmt – seit der Kolonisierung.
Im (Sub-) Kontinent Lateinamerika herrsch(t)en einheimische, „indianische“ Religionen, aber im Zusammenhang von Eroberung und Missionierung wurden diese „Heiden“ getauft, viele „Einheimische“ hatten die Europäer gewaltsam bedrängt und ermordet. Der Statistik nach sind die Lateinamerikaner heute christlich, meist sogar katholisch, viele nennen sich inzwischen aber evangelikal oder sind Anhänger von eher fundamentalistischen Pfingstgemeinden… Wobei die im „katholischen Kontinent“ herrschende soziale Ungerechtigkeit, die himmelschreiende Armut in den Slums etc. völlig dem christlichen Bekenntnis der dort herrschenden Politiker und „Eliten“ widerspricht. Weil die katholische Kirche in ihrer Struktur explizit nicht-demokratisch sein ist und auch so sein will, als „absolute Monarchie“ mit dem Papst an der Spitze,  fällt es der Kirche sehr schwer, für Menschenrechte und Demokratie wirksam und glaubwürdig einzutreten.  Selbst Kardinal Reinhard Marx, München, wundert sich offenbar, dass er als katholischer Kirchenchef nun für die Demokratie eintreten muss, er sagte:  “Eindringlich rief der Kardinal zur Verteidigung der Menschenwürde auf… Von vielen Seiten würden die Errungenschaften der Moderne inzwischen infrage gestellt, beklagte der Erzbischof von München und Freising. Er habe sich zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn nicht träumen lassen, dass Kirche einmal zur Verteidigerin von Freiheit und Aufklärung werden müsse.” Quelle: LINK 

8.
Die Menschen in den religiös bestimmten Kulturen der Quechua, etwa in Peru und Bolivien, lassen sich seit Jahrhunderten schon katholisch taufen, sie praktizieren aber – mit Duldung der katholischen Kirche (!) – ihre eigenen traditionellen Religionen und Riten sozusagen parallel weiter. Ihr Motto ist: „Nach dem Besuch der Sonntags-Messe folgt der gemeinsame Ritus der alten religiös-kulturellen Traditionen…“ Auch in Mexiko und Zentralamerika (z.B. in Guatemala, dort etwa in Quetzaltenango) gestattet bzw. duldet die katholische Kirche die religiösen Riten der dortigen katholisch getauften Indigenas.
Damit ist deutlich: Diese Völker haben den christlichen Glauben nur „zum Teil“ annehmen können bzw.annehmen wollen, die „Macht“ ihrer uralten Riten etc. ist nach wie vor für sie gültig. Mit anderen Worten: Das europäisch bestimmte Christentum, etwa der Katholizismus mit seiner europäischen Liturgie, Dogmatik usw., ist für diese Menschen dort etwas Fremdes, Befremdliches, geblieben. Die These des Helvétius gilt also auch hier: Das Christentum kann auch in Hochkulturen Südamerikas sich nicht umfassend durchsetzen, „gelten“.

9.
Auch das heutige Christentum „Afrika südlich der Sahara“ muss angeschaut werden, also die von Engländern und Franzosen, Deutschen, Portugiesen kolonialistisch beherrschten und „missionierten“ Gebiete.

In vielen dieser Kulturen sind die Kirchen die zahlenmässig stärkste Konfession. Die Frage ist trotz der zahlenmäßigen Stärke: Bestimmt das von Europäern gepredigte und mit europäisch formulierten Dogmen verbreitete Christentum der europäischen Kirchen tatsächlich das Leben der getauften Afrikaner? Das ist sehr fraglich, etwa wenn man sich nur die moralische Qualität und politische Ethik (Korruption) der sich katholisch nennenden Politiker und deren Herrschaftscliquen anschaut, etwa in Kamerun, Gabun, Simbabwe, in der Demokratischen Republik Kongo, einst Zaire genannt mit dem katholisch getauften Diktator Mobutu usw…

Es sind in vielen afrikanischen Staaten vor allem Ordensleute, auch Bischöfe und Gruppen von Laien, die das Wesen des christlichen Glaubens, das Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden und Solidarität praktisch oft vorbildlich leben.
Es darf auch nicht übersehen werden: Die vielen von Afrikanern für ihre Völker und Kulturen gegründeten „christlichen afrikanischen Unabhängigen Kirchen“ zeigen deutlich: Das europäisch implantierte Christentum findet keine ungebrochene Zustimmung. Erwähnt wird hier nur die Kimbangu – Kirche in der Demokratischen Republik Kongo, LINK; 10 Prozent der Einwohner bekennen sich zu dieser Kirche. Es gibt – bislang wenig beachtet – auch zahlreiche unabhängige katholische afrikanische Kirchen, nur ein Beispiel für viele: LINK. Diese unabhängigen katholischen Gmeinden und Kirchen  haben als erstes das Zölibatsgesetz der Römisch – katholischen Kirche abgeschafft. Der Zölibat ist für die allermeisten Afrikaner schlicht und einfach eine „Unmöglichkeit“, die zu leben aber der Papst weiterhin – auch für Afrikaner – fordert. Und dabei wird von Bischöfen gern übersehen, dass de facto auch römisch-katholische Priester das Zölibatsgesetz (heimlich?) ignorieren. Dadurch wird allgemeine Verlogenheit zu einer Art üblichen Haltung im Katholizismus. Über einen wichtigen dokumentarischen literarischen Text eines afrikanischen Autors: LINK

10.
Sind die nichtchristlichen Weltreligion heute außerhalb ihrer Stammländer missionarisch tätig?

Die verschiedenen Traditionen des Buddhismus haben in Europa, Amerika und Australien zweifellos tausende Freunde und Anhänger gefunden. Aber zur Mehrheitsreligion ist der Buddhismus in Europa und Amerika nicht geworden. Viele Europäer meinen etwa, bereits Buddhisten zu sein, wenn sie nur auf ihre europäische Art bestimmte Regeln etwa der Zen – Mediation beachten.. Der Dalai Lama Tenzin Gyatso rät Europäern eher von einer Konversion zum Buddhismus ab. LINK

11.
Auch der Hinduismus konnte sich über den indischen Raum hinaus nicht als „Weltreligion“ etablieren, selbst wenn es in Europa, Amerika, Australien einige Hindu – Tempel gibt. Die YOGA – Praxis vieler Europäer bedeutet keine Bindung an den Hinduismus als Religion und Ideologie. Und die modernen Formen des westlich beeinflußte „Neo-Hinduismus“ (Sami Vivekananda, Mahatma Gandhi usw.) sammeln in Europa eher kleinere Gruppe, selbst wenn der „Neo-Hinduismus“ über seine Publikationen weite Verbreitung findet.

12.
Auch dem monotheistischen Islam haben sich in der Neuzeit, seit der Vertreibung des Islam aus Spanien 1492 – nur wenige Menschen in Europa, Amerika, Australien zugewandt.  Zu Konversionen zum Islam kommt es in den christlichen Staaten meist wegen der Eheschließung mit einem Muslim aus der Türkei oder der arabischen Welt. In Deutschland leben etwa 40.000 Konvertiten zum Islam. LINK
Der Islam in Europa ist, sogar in sehr stark säkularisierten („entchristlichen“) Staaten wie den Niederlanden oder Tschechien, nicht zur zahlenmäßig stärksten Religion aufgerückt. In Holland und Tschechien bilden die weiten Kreise der„Konfessionslosen” die stärkste Konfession.
Etwa 1 Prozent der Bevölkerung der USA bekennt sich zum Islam. LINK
Wer einen “europäischen Islam“ gestalten will, sieht sich erheblichen Problemen und Attacken von islamisch-fundamentalistischer Seite ausgesetzt, siehe den Versuch einer „Ibn-Rushd-Goethe-Moschee“ in Berlin.

13.
Zusammenfassend: Weder der Hinduismus noch der Buddhismus noch der Islam haben sich zu  tatsächlichen Weltreligionen entwickelt, also zu Religionen mit auch zahlenmäßig starker Bedeutung außerhalb ihres angestammten Kulturkreises. Explizite Konversionen zum Buddhismus, Islam, Hinduismus werden heute in Europa ersetzt durch die begrenze Integration einiger (weniger) bestimmter religiöser Lehren, Praktiken, Übungen in die ursprünglich „angestammte“ eigene Religion oder Weltanschauung. Diese begrenzte Integration – etwa der Zen -Meditation in die christliche Spiritualität oder auch der Sufi-Traditionen — geschieht oft willkürlich, d.h. je nach subjektiver Stimmung des einzelnen… Dadurch entstehen „multireligiöse Bindungen“ in einer Person. Über diesen neuen „Trend“ hat der Theologe und Religionswissenschaftler Prof. Perry Schmidt – Leukel mehrfach publiziert. Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat schon 2009 in einer Hörfunksendung für den WDR auf dieses Thema hingewiesen: LINK.

14.
Das Christentum ist offensichtlich  die einzige Religion, die ihren expliziten Auftrag zur Mission „aller Völker“ nicht nur immer noch lebt, sondern auch, wie gezeigt, mit  geringem – zahlenmäßig feststellbarem – Erfolg in allen ländern präsent ist.

Immer deutlicher aber nimmt die Säkularisierung als religiöse Skepsis den Platz der bestimmenden, vorherrschenden Weltanschauung bzw. Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ein. Darauf reagieren die Weltreligionen, indem sie an ihren uralten Traditionen, Dogmen, Lehren, unbeirrt festhalten, selbst wenn die religiöse Praxis oft den Charakter von Folklore hat und eine reine Äußerlichkeit bleibt: Welcher Katholik glaubt im Ernst, dass der Papst der Nachfolger des heiligen Petrus ist und unfehlbar der Stellvertreter Christi auf Erden? Aber noch machen viele Tausend Katholiken den Papst-Kult mit und erleben die Messen mit vielen alten, bunt gekleideten Bischöfen etwa im Petersdom als eine Art großartige barocke Theater-Inszenierung. Aber ernsthafte Reformen finden nicht statt, Reformen im Sinne der vernünftigen Verinnerlichung einiger Glaubensweisheiten und der tatsächlichen materiellen Erfahrung von dem, was das theologische Reden von Erlösung usw. wirklich spürbar bedeutet.

15.
Säkularisierung ist also weltweit die entscheidende Philosophie bzw. Weltanschauung, auch im einst sich christlich nennenden Europa bzw. Nordamerika. Die These des Helvétius führt also in weitere Reflexionen:  In allen Ländern Europas, selbst in Polen, selbst in Irland, selbst in Spanien geht die Bindung an den Katholizismus stetig zurück. Und noch weitergehend: Ist die Zukunft der Menschen in Japan, China, Indien, Amerika, also überall, religionsfrei, säkularisiert, ohne eine Dimension des Heiligen und Erhabenen, auch des Göttlichen?

16.
Wir erinnern in diesem Zusammenhang, für uns geradezu eine philosophische Pflicht, an die allgemeine und universale Vernunftreligion.

Wir schlagen eine Vernunftreligion vor, sie versteht die universell geltenden Menschenrechte als Maßstab humanen Lebens, auch für alle faktisch bestehenden Religionen. Und diese Vernunftreligion kennt durchaus den Charakter des Heiligen, wobei „heilig“ verstanden wird: Auf diese universellen MenschenRechte und MenschenPflichten soll unter keinen Umständen verzichtet werden, sie können zwar durch Diskussionen erweitert werden durch soziale und ökologische und feministische Perspektiven.
Die theoretische wie praktische Verbindung mit diesen Menschenrechten hat durchaus religiösen Charakter, also, was ja „religiös“ meint, einen „bindenden“ und einander verbindenden Charakter.

Die universell geltenden Menschenrechte sind der Verfügung der Menschen, auch der Machthaber, entzogen. Denn sie sind, um es klassisch zu sagen, „in eines jeden Menschen Herz und Vernunft unzerstörbar eingeschrieben.“ Darin wird offenkundig das Religiöse dieser universellen Vernunftreligion ausgesprochen: Der Respekt für das Unzerstörbare, manche sagen auch das „Ewige“, das in jedem Menschen als Menschen lebt. Es ist die Vernunft, die die Vernunftreligion entdeckt und formuliert, aber sie ist kein willkürliches Produkt menschlicher Einfälle.
Der Vernunftreligion können sich prinzipiell alle Menschen aller Kulturen anschließen, sie wird zur Weltreligion, weil sie allgemeine universell geltende menschliche Haltungen in den Mittelpunkt der religiösen Lebensorientierung stellt: Gerechtigkeit, Friede. Solidarität, Nächstenliebe, Bewahrung der Schöpfung, Demokratie als entschiedenes Nein zur Alleinherrschaft und Diktatur. Diese „Tugenden“, wie die alten Philosophen treffend sagten, haben tatsächlich die Bedeutung einer Heiligkeit. Und heilig bedeutet, wie gesagt: Diese Tugenden sollen unter allen Umständen respektiert und gelebt werden.

17.
Die Menschenrechte wurden zwar im europäischen Kontext formuliert, aber ihre fragmentarischen Vorläufer, etwa die uralte Weisheit der „Goldenen Regel“, sind in allen Kulturen und Religionen verbreitet… Diese europäische Herkunft der Menschenrechte impliziert also überhaupt KEINE Begrenztheit dieser Menschenrechte nur für den europäischen Raum. Wenn Oppositionelle etwa in den Lagern und Gefängnissen Chinas, Russlands, Indiens, in der arabischen Welt um ihr Leben und Überleben kämpfen und schreien: Dann tun sie das, weil sie wissen: Es gibt heilig zu respektierende Menschenrechte, die auch für sie in China, Indien, Saudi-Arabien, Uganda, in den USA, in Russland usw. gelten.

18.
Die Verteidiger der Heiligkeit der Menschenrechte beziehen sich auf die Vernunftreligion, die Immanuel Kant ausführlich dargestellt hat in seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1794), darauf haben wir mehrfach hingewiesen. LINK
Nur so viel als Erinnerung an Kant: Das moralische gute Leben (also das dem „Kategorischen Imperativ“ entsprechende Leben) nennt Kant tatsächlich den wahren Gottes-Dienst im Sinne der Vernunftreligion: „Der gute Lebenswandel ist alles, um Gott wohlgefällig zu sein.“ („Die Religion…“ Ausgabe B, dort S. 261). „Die Religion des guten Lebenswandels ist das eigentliche Ziel der allgemeinen, für alle geltenden Vernunftreligion“. (Ebd. B, S 269).

19.
Die universale Menschheits-Religion der Menschenrechte kann als eine Art Dach über jeder einzelnen Religion verstanbden werden. Dieses „Dach“ schwebt natürlich nicht über den Religionen, sondern ist mit ihren Strukturen, Lehren etc. verbunden.
Die Kirchen, die Religionen, werden zwar weiter bestehen, aber sie werden erkennen und bekennen: „Die Religion der Menschenrechte bestimmt als oberste Norm auch die Gestalt unserer Konfessionen.“

Dass der Einsatz für die Menschenrechte stets politisch ist, kritisch gegenüber Neoliberalismus und Kapitalismus, ist selbstverständlich. So wird also die nur fromme, nur aufs „Jenseits“ bezogene Spiritualität der Religionen korrigiert.
Diese Vernunftreligion muss natürlich gelebt werden und verbreitet werden, vor allem durch Informationen in den Räumen der etablierten Konfessionen und Religionen selbst, aber auch in Schulen und öffentlichen Medien, in Bildungskursen, in Veranstaltungen der humanen NGOs …

20.
Aber dieser Zukunft eröffnende Entwurf einer universellen Vernunftreligion der Menschenrechte ist heute konfrontiert mit kämpferischen fundamentalistischen Tendenzen. Sie propagieren die eine gemeinsame Lehre „Göttliche Gebote sollen herrschen als oberste Gesetze.“ Im Christentum, zumal in evangelikalen und katholischen Kreisen (die darin vieles gemeinsam haben!) versuchen „Identitäre“ die Macht in ihren Kirchen(gemeinden) und für ganze Nation zu erobern: Sie treten für ein politisch rechtsextrem konzipierten Glauben ein, sie schwadronieren von „jüdisch-christlicher Tradition“, um nur auf diese Weise den Islam und damit Flüchtlinge und Ausländer aus islamischen Ländern in Europa und Amerika zu diffamieren. Diese ostentative, politisch inszenierte Judenfreundlichkeit dieser rechtsextremen christlichen Kreise ist nur aufgesetzter, taktischer Philosemitismus, und der ist, weil verlogen, bekanntlich genauso verwerflich wie Antisemitismus.

21.
Unsere Überlegungen haben die Wahrheit der Thesedes Helvétius erwiesen.

Wir wurden durch dieThese des Helvetius erneut zur Notwendigkeit der universellen Vernunftreligion der Menschenrechte geführt. Sie ist eine weltumfassende universale Religion. Und weil sie auch eine Spiritualität voraussetzt und pflegen muss der Hinweis: Nur in der spirituellen Haltung eines leidenschaftlichen Eintreten für die universelle Wahrheit der Menschenrechte kann sich die Vernunftreligion durchsetzen.

22.
Eine Utopie wurde hier formuliert, ein neuer Blick in die Zukunft der Religionen …  angesichts der nach wie vor machtvoll erstarrten Weltreligionen. Aber dieses Erstarrtsein wird sich lösen, weil sich immer mehr Menschen von diesen Religionen befreien und diese bestenfalls als Folklore betrachten oder als Weisungen für esoterische Verzückungen und Entrückungen.

Die bestehenden Religionen und Konfessionen sind – in globo betrachtet – unglaubwürdig geworden: Macht und Gewalt im Islam, Missbrauch unter Mönchen im Buddhismus wie unter Klerikern im Katholizismus und Protestantismus, rechtslastige Ideologien sind für die Evangelikalen das Evangelium, afrikanische Christen verfolgen Homosexuelle und so weiter…

In dieser Situation ist die Vernunftreligion der Menschenrechte ein Weg ins Freie…

 

Fußnote 1:
Diese provozierende Erkenntnis hat der französische Philosoph Claude-Adrien Helvétius formuliert, er ist als Philosoph der Aufklärung (geb. 1715, gest. 1771), zugleich auch Religionskritiker. Er betont also in seinem Buch „Vom Menschen, seinen geistigen Fähigkeiten und seiner Erziehung“ (S. 73): „Es gibt keine Religion, die mehr als eine Religion einiger Gegenden wäre“. Diese These wird auch in der Studie „Politische Theorie und Ideengeschichte“ (von Herfried Münkler und Grit Straßenberger, München 2016, S. 406) erwähnt und auch kurz für politische Zusammenhänge kommentiert.

Nebenbei: 
Eine Volksreligion als die Religion eines (von der Anzahl her eher kleinen) Volkes haben von sich aus kein Interesse, „Weltreligion“ zu werden: Konversionen sind unerwünscht oder nur unter sehr schweren Bedingungen möglich, wie etwa im Judentum. Oder Konversionen „aus anderen Völkern“ sind ausgeschlossen, wie etwa bei den Jesiden.

Siehe auch unseren Essay vom 15.11.2023 zur “Allmacht des europäischen ChristentumsLINK 

Unter unseren zahlreichen Interviews mit dem protestantischen Theologen Wilhelm Gräb (+2023), Prof. an der Humboldt Universität zu Berlin, hat sich ein Interview mit der Frage befasst: Ist die Religion der Menschlichkeit am wichtigsten? Wir empfehlen diesen Text – aus dem Jahr 2016. LINK 

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-salon.de

 

Mit Boccaccio in die Religionskritik

Erinnerungen an den Dichter anläßlich seines 700.Todestages am 21. Dezember

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.

Die Erinnerung an den Dichter Giovanni Bocaccio anläßlich seines 700. Todestages am 21. Dezember 2025 führt uns zu seinem Werk, vor allem zum „Decameron“ und dort besonders zu seiner Kirchen – und Kleruskritik und von dort aus weiter zur Erkenntnis der Historiker: Die „Christenheit“ im (Spät-) Mittelalter und der Renaissance war überhaupt nicht vorbildlich fromm, wie die Idealisierer der mittelalterlichen katholischen Welt stets gern behaupten. Dabei erinnern wir zugleich an die grundlegenden Erkenntnisse des Mentalitäts – Historikers Jean Delumeau in seiner grundlegenden Studie „Stirbt das Christentum“ (1978): „Von einer mittelalterlichen Christenheit kann man nur sprechen, indem man sich an den Mythos eines goldenen Zeitalters klammert.“ (S. 36) 

2.

Erotische Liebe, selbstverständlich nicht die „platonische“, sondern die ganzheitliche, also körperliche, nicht nur verstehen, sondern in aller Leidenschaft praktizieren: Davon ist der Dichter Giovanni Boccaccio überzeugt und so erzählt er voller Lust – im Spät-Mittelalter! 

Giovanni Boccaccio  wurde am 16.6.1313 in oder bei Florenz geboren, vor 700 Jahren ist er gestorben. Boccaccio ist einer der Meister italienischer Dichtung im Übergang vom Spätmittelalter in die Renaissance und den Humanismus. Und er ist aktuell, wird neu übersetzt und wohl auch gelesen bis heute, man denke an den Film „Decameron“ von Pasolini im Jahr 1970. 

Wir erinnern an Boccaccio, weil er die erotische Liebe als Lebenskraft versteht – und dies ausgerechnet in Zeiten tiefer existentieller Bedrohung: Von 1346-1353 wurde Italien, wurden große Teile Europas, von der Pest, dem „schwarzen Tod“, heimgesucht. Etwa 25 Millionen Menschen starben an der Seuche.

3.

„Decameron“ hat Boccaccio während der Pest entwickelt und 1351 vollendet. Er erzählt von jungen Leuten, die 1348, während der Pest, die Stadt verlassen und in der Umgebung von Florenz Sicherheit und Zuflucht suchen. Zwei Wochen erzählen sie sich Geschichten, Novellen.

„Boccaccio empfiehlt die Liebe als Lebenskraft in der Todeszeit der Epidemie. Er zeigt, „wie gefährdet die Liebe ist in der realen Welt der Familie, der Geschäfte und der feudalen Herrschaftsverhältnisse“, schreibt der Philosoph und Mittelalter – Spezialist Kurt Flasch in der „Süddeutschen Zeitung“ am 20./21. Dezember 2025, Seite 20. Boccaccio erzählt, „wie nach dem Ausbruch der Pandemie viele Einwohner seiner Heimatstadt Florenz ihren sozialen Verpflichtungen nicht mehr nachkamen, wie das soziale Leben zerstört wird.“ 

4.

Ein anderer der großen italienischen Dichter, Dante Alighieri (1265-1321) muss in dem Zusammenhang erwähnt werden. Dante ist noch stark an den katholischen Glauben und seine Dogmen gebunden, ist aber doch ein heftiger Kritiker des Klerus. Also: Kirchenkritik ist in Italien im 14. Jahrhundert in Kreisen „gebildeter Laien“ üblich. Auch Boccaccio leistet dazu einen wichtigen Beitrag, religionsphilosophisch bedeutend und aktuell für die Gegenwart: Er kritisiert den Lebenswandel des Klerus, dessen Verlogenheit, dessen sexuelle Gier bei einer scheinheilig betonten Keuschheit und Armut, oft in einem ironischen, in einem unterhaltsamen Ton. Man denke an die Geschichte des damals ziemlich berühmten „Ser Ciappelletto“ , wie die Franzosen sagen, in Italien ist es der Cepperello, ein Bösewicht sondergleichen: Betrügen, morden, huren… und darauf ist er noch stolz: Auch Lügen ist seine große Stärke. Er erzählt einem Mönch so viele Unwahrheiten von sich selbst, dass dieser arme, aber dumme Geistliche alles glaubt und dafür sorgt, dass die Frommen, ebenfalls als die Dummen dargestellt, diesen bösen Typ als einen Heiligen verehren. Allein schon mit dieser Geschichte der leichtgläubig Gläubigen, im Klerus wie unter den Laien, zeigt Boccaccio seine Skepsis gegenüber der kirchlichen, vom Klerus bestimmten  Welt der Naivität, Lüge, Verführbarkeit durch Unwissen. 

5.

Der Philosophiehistoriker Georges Minois hat seinem Standardwerk „Geschichte des Atheismus“ (2000,  S. 169 ff., auch S. 95 ff.) in einem Kapitel „Der Unglaube in Italien“ auf Boccaccio hingewiesen: „Das Dekameron wimmelt von Bildern und Porträts , die eine liederliche und ungläubige Gesellschaft zeigen….“ (S. 98). In seinem Text „De genealogia deorum“ , „Über die Genealogie der Götter“ (1360), weist Boccaccio förmlich schon auf Ludwig Feuerbach (1804-1872), wenn er die Götter als Konstrukte der Menschen versteht.  Die kirchenkritischen Autoren am Ende des Mittelalters und am Beginn der Neuzeit „dürfen alles schreiben, nur nicht, was die Macht des Papstes angreift. Weil man in Rom den Atheisten, den Sodomiten , den Freigeistern und vielen anderen Schurken verzeiht, niemals aber denen, die den Papst oder jene päpstliche Allmacht in  Zweifel zu ziehen scheinen“, so zitiert der Philosophiehistoriker Minois (S. 265) den französischen Philosophen Gabriel Naudé (1600-1653), Naudé hatte sich damals mit der Kirchenkritik ausführlich auseinandergesetzt.

6.

Frühe Interpreten Boccaccio, wie Prosper Marchand ,behaupteten 1759: Boccaccio sei ein „vollkommener Atheist gewesen“ (Minois, S. 98): Er denkt dabei an eine Erzählung im „Decameron“: Dort wird die Geschichte der Gleichwertigkeit der drei monotheistischen Religionen in einem Mythos erzählt, der später von Lessing als „Ringparabel“ allgemeine Aufmerksamkeit fand. Aber Boccaccio hat den Mythos schon erzählt. Aber wegen dieses Textes Boccaccio einen „vollkommenen Atheisten“ zu nennen, ist maßlos und falsch, Ausdruck christlicher Überlegenheit und Herrschaft damals, kein Wunder, dass Boccaccio Werke vom Papst auf den Index der für Katholiken verbotenen Bücher gesetzt wurde. 

7.

Im Blick auf die Geschichte der Kirche und des üblichen Sprechens von der „gläubigen Christenheit“ vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit schreibt der Historiker Jean Delumeau in „Stirbt das Christentum?“: „Diese Christenheit war eher eine autoritäre Konstruktion, ein gemeinsamer Rahmen für die Völker, als der bewusste Glaube der Massen an die Offenbarung…Die Christenheit wurde nie in übereinstimmender Überzeugung  oder gar des Verhaltens gelebt… Von diesem Standpunkt aus war die Christenheit ein Traum, den man für Realität gehalten hat.“ (S. 46f.). 

8.

Geträumt hat auch die Christenheit, unter der Herrschaft der Päpste, als der kritische italienische Theologe Lorenzo Valla (1406-1457) in seiner Schrift „Über die falsch geglaubte und erlogene Konstantinische Schenkung“ (Übersetzung des lateinischen Titels) aus dem Jahr 1440 beweisen konnte: Die Ansprüche der Päpste auf weltliche Macht mit einem Kirchenstaat durch eine Schenkung Kaiser Konstantins beruhen auf einer Lüge und Fälschung: Kaiser Konstantin (er hatte das Konzil von Nizäa 325 einberufen) hatte nie, wie die Päpste behaupten, die weltliche Macht der Päpste begründet. „Valla liefert die durchschlagenden historisch-philologischen Beweise“, dass die Konstantinische Schenkung eines Kirchenstaates eine Lüge ist. (T.S. Hoffmann, „Philosophie in Italien“, Wiesbaden 2007, S. 219). 

9.

Was also denken wir in einer eher knappen Erinnerung an Boccaccio: Eine von allen respektierte katholische Welt, vom Klerus zwar beherrscht, gab es schon im Mittelalter nicht. Einige Katholiken hatten den Mut, die verheerende  Sexuallehre der Kirche durch eine freie erotisch-sexuelle Praxis zu überwinden. Die Päpste konnten ihre politischen Machtansprüche durch Fälschungen und Lügen („Konstantinische Schenkung“) Jahrhunderte lang – auch durch Kriege, von Päpsten geführt, etablieren; der Vatikanstaat konnte sich bis 1870 als politische Macht halten! Wo sind heute im katholischen System Lügen und fundamentalistische Fehlinterpretationen der Bibel zu finden? Ein weites Feld. Der niemals akzeptable Ausschluss der Frauen aus den kirchlichen Ämtern ist das deutliche Beispiel für eine fundamentalitische Deutung von Jesu Worten und Praxis („Er hat ja nur Männer zu Aposteln erwählt“ heißt es dann im Rahmen des vatikanischen Klerikalismus. 

Sogar eine Erinnerung an den Dichter Boccaccio führt in die Tiefen aktueller philosophischer Religionskritik… 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Mit Kompromissen leben. Aber nicht mit „faulen Kompromissen“

Ein Hinweis von Christian Modehn …   zu einem aktuellen Thema: Dem Krieg Russlands/Putins gegen die Ukraine und einem möglichen Frieden.Wird da ein “fauler Kompromiss” ausgehandelt? Sehr wahrscheinlich! 

1.
Über Kompromisse wird jetzt wieder oft (nicht nur von Politikern) gesprochen. Mehr Klarheit über Kompromisse zu finden, ist sicher eine dringende Aufgabe. Dabei wird über Kompromisse in der Philosophie, der Ethik oder der Politologie eher selten diskutiert.

2.
Ein treffender Einstieg in die Diskussion über Kompromisse ist die Erkenntnis: Das menschliche Leben ist von vornherein und von Beginn des individuellen Lebens an von Kompromissen bestimmt. Schon allein die Entscheidung für einen Vornamen des Neugeborenen ist oft Ausdruck eines Kompromisses. Daher wohl die vielen Doppelnamen, „Rolf-Sebastian“ nimmt Bezug auf die Verwandten von Mutter und Vater…
Oft wird über die Kinder durch Kompromisse verfügt. Etwa: Wann der Vater das Kind besuchen kann im Fall einer Trennung von der Ehefrau. Auch die Entscheidung für eine Schule ist oft Ausdruck eines Kompromisses. In unserem Leben werden uns ständig Kompromisse zugemutet, die wir als „Alltags-Kompromisse“ explizit so gar nicht benennen. Etwa: Wenn der eine in der Partnerschaft/Ehe eher seinen Urlaub am Meer, der andere in den Bergen verbringen will: Anstatt die kurze Urlaubszeit auf verschiedene Orte aufzuteilen, wird man entscheiden: In diesem Jahr ans Meer, im nächsten Jahr in die Berge. Das schlichte Kompromiss – Beispiel soll nur zeigen: Wir machen ständig Kompromisse, und wir müssen sogar ständig Kompromisse machen, um ein halbwegs harmonisches Miteinander erleben zu können.

3.
Der Philosoph Avishai Margalit (lehrte an Unis in Jerusalem und Princeton) schreibt in seiner Studie „Über Kompromisse und faule Kompromisse“ (Suhrkamp, 2011): „Der Kompromiss, der sich etymologisch von co-promissum, dem gegenseitigen Versprechen, herleitet, ist eine auf gegenseitigem Versprechen basierende Kooperation“ (S. 49). Und: „Der Kompromiss ist ein wesentliches Element bei der Verringerung der Spannung zwischen Kooperationen und Konkurrenz.“ (ebd.). Kein Mensch erreicht in seinem Lebensentwurf und seinem Zusammenleben mit anderen, die völlige Durchsetzung bzw. Realisierung seiner eigenen Werte und Vorstellungen. „Die Umstände zwingen uns dazu, uns mit weit weniger zufrieden zu geben, als wir eigentlich wollen. Wir schließen einen Kompromiss.“ (Margalit, S. 14). Und genau diese Kompromisse als Notwendigkeit eines humanen, gleichberechtigten Zusammenlebens, sind ein Gewinn, Kompromisse sind kein Verlust für die TeilnehmerInnen des Kompromisses. Sie können mit der teilweisen Realisierung ihrer Werte leben … und zwar freundschaftlich mit anderen, die um meinetwillen auch mit der teilweisen Realisierung ihrer Werte zufrieden sind bzw. sich zufrieden geben müssen. Will ich total meine Werte immer und überall durchsetzen, bin ich schnell allein und isoliert. Nur Anhänger von Sekten oder fundamentalistischen Organisationen können im Ernst diese Position vertreten.

4.
In Demokratien bilden mehrere Parteien oft eine Koalition: Und diese kommt durch Kompromisse zustande: „Einen Kompromiss einzugehen heißt also, ein bestimmtes Ergebnis unter bestimmten Bedingungen für vorzugswürdig zu halten, nicht jedoch, es zu seiner eigenen Meinung machen zu müssen. Kompromiss ist eine Technik des gegenseitigen Nachgebens: Von den 100 Prozent des Parteiprogramms zu den X-Prozent der Koalitionsvereinbarung. Alle, die nachgeben, kriegen nicht, was sie wollten, aber alle kriegen eine Durchsetzungschance für Teile ihres Programms,“ so Oliver Lepsius in der Monatszeitschrift Merkur, Heft 919, Dez.2025.

5.
Demokratie lebt nur durch Kompromisse. Wer den Erhalt der Demokratie will, muss seinem demokratischen politischen Gegner nachgeben, weil er Demokratie will, dadurch bleibt er beteiligt an der Regierung und kann auch politisch mitgestalten. „Ohne Kompromisse besäßen wir als politisch handelnde Gemeinschaft keine Einigung, Orientierung und Handlungsgewissheit.“ (Oliver Lepsius). Ein Kompromiss ist also kein Verlust, kein Defizit, sondern ein Gewinn, schreibt Oliver Lepsius, „um politische Meinungen und Überzeugungen in Entscheidungen zu verwandeln“, um etwa zu einer handlungsfähigen Koalition in einer Demokratie zu kommen.

6.
Ein Kompromiss ist mit einem Konsens NICHT identisch: Ein Konsens ist eine Übereinstimmung aller Beteiligten, die zu einer und demselben Überzeugung gelangt sind, also einer einzigen Meinung sind. Bei einem Kompromiss hingegen hat jeder, der mit dem anderen diese Entscheidung für den Kompromiss eingeht, nach wie vor seine eigene, seine von dem anderen verschiedene Meinung. Aber die totale Durchsetzung der eigenen Meinung stellen beide Parteien für die gemeinsame Arbeit oder für die Zeit des gemeinsamen Lebens zurück. Jeder Kompromiss kann neu verhandelt werden.

7.
Es gibt auch die „faulen Kompromisse“, die – wie der Name sagt – widerlich sind und „stinken“. Und faul heißen sie auch, weil die eine Seite und deren Verbündete offenbar auch „faul“ im Nachdenken waren, so dass der Gegner über den anderen sich durchsetzen konnte. Tatsächlich sind „faule Kompromisse“ Realität im Umgang mit Diktatoren und anderen politischen Verbrechern, etwa Aggressoren im Krieg.
Ein fauler Kompromiss ist eine Übereinkunft, „die um jeden Preis vermieden werden muss“, schreibt Avishai Margalit (S. 109). Und auf S. 108: „Ein Kompromiss ist nur dann faul, wenn er ein unmenschliches Regime etabliert oder stützt.“

8.
Man denkt bei dieser Bewertung naheliegend an den Krieg, den die Russische Föderation, mit ihrem Präsidenten Putin, gegen die Ukraine schon vor Jahren begonnen hat (Krim-Annexion 2014), und den Russland seit dem 24.2. 2022 noch umfassender und brutaler führt.
Eines Tages wird es wohl Frieden geben. Und Demokraten und Putin-Feinde in aller Welt, vor allem das ukrainische Volk, werden dann ihre vertraute Ukraine in den ihnen vertrauten und selbstverständlichen Grenzen von 2003 nicht mehr erleben. Denn: Dass die Ukraine und ihre Verbündeten dieses Russland, Putin, besiegen und dadurch zur Rückgabe der besetzten ukrainischen Gebiete zwingen können, ist leider eher unwahrscheinlich. Zumal wenn man an die völlig unklare Russland-Politik von Mister Trump denkt.
Es wird also – leider – einen faulen Kompromiss als Friedensvertrag geben, der allein deswegen vereinbart wird, um der tötenden und zerstörerischen Gewalt Russlands ein Ende zu setzen.

9.
In dieser durchaus abstrakt erscheinen Überlegung ist es wichtig: Dieser faule Kompromiss zwischen Russland und der Ukraine hatte als Voraussetzung schon faule Kompromisse vor Kriegsbeginn im Jahr 2022: Als nämlich Jahre zuvor schon die westlichen Demokratien, die EU, besonders Deutschland, um des eigenen ökonomischen Vorteils willen, Verträge mit Russland abgeschlossen hatten, bezogen auf die „günstigen“ Öl -und Gas-Lieferungen Russlands. Aus ökonomischem Egoismus der europäischen Staaten wurden die kriegerischen Aggressionen Russlands gegen Georgien (die georgischen Territorien Abchasien und Südossetien sind seit 2008 von Moskau abhängig) und gegen die Krim (2014) dann aus ökonomischen Gründen übersehen. Dies waren bereits faule Kompromisse mit Putin, in denen sich Demokratien auf den Diktator Putin einließen, diese faulen Kompromisse stärkten den Diktator und ermöglichten ihm den Krieg seit 2022… Und eines Tages wird zu einem noch viel umfassenderen „faulen Kompromiss“ kommen, zum Schaden der Ukraine und letztlich zum Schaden des von Russland bedrohten Europa.

10.
Man muss fragen, ob es Kompromisse auch für Gesellschaften und Organisationen geben kann, die behaupten, „die“ Wahrheit total auf ihrer Seite zu haben. Etwa die göttliche Wahrheit in den Religionen, zum Beispiel auch im Katholizismus. Damit sind wir bei der Frage: Gibt es, gab es, Kompromisse innerhalb der katholischen Kirche? Einer Kirche, die von sich selbst offiziell behauptet, „allein selig-machend“ zu sein. Ist eine solche Organisation zum Kompromiss fähig?
Kompromiss setzen in unserem Fall gegenüber dem Papst usw. die kritischen Katholiken voraus, die Kompromisse als Reförmchen fordern. Bestenfalls kann dann von sehr bescheidenen Kompromissen die Rede sein: Zum Beispiel: In vielen Ländern dürfen seit einigen Jahren, durch bischöfliches Entgegenkommen gegenüber den „Laien“, nun auch Mädchen als Ministrantinnen dem Priester am Altar zu Diensten sein. War es ein Kompromiss, als der Papst auch die Feuerbestattung den Katholiken erlaubte? War es ein Kompromiss, als im 2. Vatikanischen Konzil die Religionsfreiheit offiziell anerkannt wurde? Sicher waren es Kompromisse, weil die Kirchenführung spürte, ohne solche Zugeständnisse würden noch mehr Leute die Kirche verlassen oder die Kirchen stände sehr sehr blamabel in der Moderne da. Weil aber die katholische Kirche keine Demokratie ist, in der Kompromisse üblich und angesehen sind, nannte also diese Kirche ihre Kompromisse Reformen. Aber eben nicht eine „Reformation“, denn diese würde das System dieser Kirche erschüttern.

Sehr ausführlich äußert sich zu diesem philosophisch vernachlässigten Thema „Kompromiss“ Véronique Zanetti, in „Spielarten des Kompromisses“, Suhrkamp, 2022.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Weihnachten kritisch feiern: Ein aussichtsloser Vorschlag?

Ein Hinweis von Christian Modehn

1. Zur Einstimmung:
Auch religiöse Feste, selbst wenn sie jetzt mehr säkular als christlich sind, bleiben Thema der Philosophie und Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, kritische Reflexion gilt selbstverständlich auch dem Weihnachtsfest. Dabei will Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie nicht die Freude am Fest zerstören. Wir sind aber sicher: Bewusste und das ist immer kritische Kenntnis dessen, was wir da zu Weihnachten feiern, kann das Fest auf ein geistvolles, auf vernünftiges Niveau heben und die „Weihnachtsemotionen“ mit dem üblichen „Weihnachts-Kaufrausch“ etwas korrigieren… um mit Verstand zu feiern.

2. Das Übliche
Beim Feiern von Weihnachten glaubt jeder und jede, was er, was sie, persönlich hübsch und beruhigend findet, was alles die „Gemütlichkeit“ fördert. Oder was Kindheitserinnerungen weckt im Gedenken an „Leise rieselt der Schnee“, oder an die „Stille Nacht, in der alles schläft..“ bis zum schnell daher gesungenen Bekenntnis „Christ der Retter ist da“. Wobei wahrscheinlich fast niemand unter den Singenden diese Rettung hier und jetzt schon sieht und spürt… in dieser verrückten Welt der Kriege mit einigen so genannten „Spitzenpolitikern“ der „Weltmächte“, die viele Beobachter ehrlicherweise Verbrecher nennen. Gedankenlos besingt man also weiter das „Kind, zu Bethlehem geboren“. Bestenfalls kommen dann ein paar Tränen der Sehnsucht nach Frieden. Dass Bethlehem heute im Westjordanland liegt, wird bei diesem Kindlein vergessen, also in einer Region, in der jüdisch-ultra-orthodoxe Siedler ungehindert die muslimischen und manchmal noch christlichen Palästinenser attackieren und vertreiben.

3. Weihnachten ist ein MARKT
Wie umfassend, vielleicht: wie unentrinnbar total hat eigentlich die Kommerzialisierung von Weihnachten das „Eigentliche“ des Weihnachtsfestes verdorben? Bester Ausdruck dafür sind die kaum nicht zu zählenden allüberall…Der Markt ist bekanntlich Inbegriff des Kapitalismus: Weihnachts-Märkte mischen also Restbestände des Heiligen, die Erinnerung an die Geburt eines göttlichen Kindes, mit den offenbar unbesiegbaren Interessen des Kapitals. So werden Geschenk-Zwänge geweckt und gefördert. Und einige Kirchenführer schätzen den weihnachtlichen Kaufrausch des Marktes offenbar hoch ein, indem sich etwa die Berliner Bischöfe, katholisch und evangelisch, ökumenisch diesmal ganz einer Meinung, dazu hergeben, seit Jahren schon die Weihnachtsbeleuchtung in Berlin oder nun auch in Potsdam an zentraler Stelle der Einkaufs-Boulevards „einzuschalten“, in vertrauter Gemeinschaft mit dem Präsidenten des Handelsverbands Berlin-Brandenburg. LINK.

4. Weihnachtsmarkt als Rummel
Treffender Ausdruck für das Verschwinden von Weihnachten im Marktgeschehen ist das Spektakel „Winterzeit” in Berlin -Lichtenberg 2025. Es ist von jeglichem Hauch der Erinnerung an einen christlichen oder religiösen Restbestand von Weihnachten befreit. Man könnte sich theologisch weit vorwagen und kapital/marktfreundlich behaupten: „Die Freude an diesem Rummel ist eine anonyme Freude über die Geburt Jesu von Nazareth.“

5. Maria ist keine a-sexuelle Jungfrau
Der Religionsphilosophische Salon hat früher schon darauf hingewiesen, dass die im Neuen Testament erzählten Geschichten von Jesu Geburt kritisch erforscht und gedeutet werden müssen. Wir haben darauf hingewiesen, dass Bibelwissenschaftler sehr genau etwa die Erzählungen des Evangelisten Markus betrachten: Das älteste Evangelium des Autors Markus deutet an, dass Josef nicht der leibliche Vater Jesu sein kann. Im 6. Kapitel berichtet Markus , wie Jesus von seinen Landsleuten in aller Öffentlichkeit als „der Sohn der Maria“ bezeichnet wird. Diese Aussage ist sensationell: Einen Mann nicht nach dem Vater, sondern nach der Mutter zu benennen, war in der damaligen Kultur Ausdruck für eine uneheliche Herkunft. Nur illegitime Söhne wurden damals nach der Mutter benannt. Noch weiter gehen die Erkenntnisse der Bibelwissenschaftlerin Prof. Luzia Sutter-Rehmann von der Uni Basel: „Da gibt es auch Forschungen von Jane Schaberg, die gezeigt hat, dass es zu Zeit der römischen Besatzung in Palästina sehr gut möglich wäre, sich Maria als, ja sag ich mal, Opfer von Soldaten vorzustellen. Junge Mädchen wurden da irgendwie schwanger, man weiß nicht von wem. Da waren keine geordneten Verhältnisse, da waren Landbesitzer oder Beamte oder Männer, die das junge Mädchen sexuell überwältigt haben. Die Lebensumstände im 1. Jahrhundert in Palästina waren nicht einfach für junge Mädchen. Das ist sicher.“
Wenn man diesem Forschungsergebnis folgt: Dann ist Jesus als uneheliches Kind anzusehen, und Josef ist sein Stiefvater. Diese Erkenntnis klingt in den Ohren einiger Christen vielleicht befremdlich, aber für die Bibelwissenschaftlerin Luzia Sutter-Rehberg wird die so „un-bürgerliche“, eher randständige Herkunft Jesu“ gerade entscheidend für einen Jesus, der die Armen und Ausgegrenzten besonders liebte. (Quelle: Ra­dio­sen­dung über Maria im RBB von Christian Modehn am 25.12.2009. )
Wir haben mehrfach auf Studien hingewiesen, die zeigen: dass der Titel „Jungfrau Maria“ überhaupt nicht auf eine sexuelle Unberührtheit Marias hinweist, sondern schlicht Maria als junge Frau bewertet, die mit ihrem Mann Josef selbstverständlich sexuelle Kontakte hat. Sonst gäbe ja nicht die im Neuen Testament genannten Geschwister Jesu von Nazareth.

6. „Befreien wir das Weihnachtsfest von kolonialem Denken.“

Selbstverständlich wurde die Weihnachtsgeschichte der Evangelien auch von Missionaren im kolonialen Zusammenhang den „Heiden“ erzählt oder missionarisch eingepaukt. Man spreche mit alten Missionaren etwa aus Chile, die Weihnachten zur dortigen Sommerzeit feiern und die aus Europa importierten (kolonisierten) Weihnachtslieder sangen mit dem nun mal dort besungenen Schnee oder mindestens der Kälte in der Hütte zu Bethlehem. Genauso wichtig ist es, dass Christen wissen: Auch in der islamischen Tradition, im Koran, ist von dem Propheten Jesus und seiner Mutter Maria die Rede. Um so erfreulicher, dass in der Baptisten-Gemeinde in Berlin – Charlottenburg ein Projekt, eine Ausstellung mit Interviews usw., im Dezember 2025 gestartet wurde mit dem sehr treffenden Auftrag: „Decolonizing Christmas“, also „Befreien wir das Weihnachtsfest kolonialem Denken.“ Es wird also zurecht gefordert: Vergessen wir das kritische Nachdenken nicht, wenn wir uns mit den Weihnachtserzählungen befassen und Weihnachten feiern. Die Tageszeitung TAZ hat über diese Initiative ausführlich und objektiv berichtet: Es handelt sich um ein gemeinsames Projekt der Friedensgemeinde der Baptisten, dort besonders des Referenten für „Kirche und Gesellschaft“, des christlichen Theologen Bastian Schmidt und der islamischen Theologin Gökçe Aydın vom Institut für Islamische Theologie der Humboldt-Universität (HU). Das angesehene „Berliner Forum der Religionen“ hat dieses Projekt unterstützt. LINK .Dieses „Berliner Forum der Religionen“ schreibt: „Warum ist das Projekt wichtig? 
Weihnachten ist mehr als nur Tradition, es ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. In einer Zeit, in der Religion oft trennt, wollen wir zeigen: Dialog verbindet. Lasst uns gemeinsam herausfinden, wie wir koloniale und diskriminierende Bilder hinterfragen und neue politische Wirklichkeiten schaffen können, voller Respekt, Humor und Offenheit. Gemeinsam wollen wir die christliche Geschichte reflektieren und sie gesellschaftlich nutzbar zu machen.“
Die Veranstaltung der Friedenskirche wird sinnvollerweise durch die „Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt“ gefördert.

7.Die Springer – Presse mit WELT-TV vernichtet dieses Projekt.
Leider hat die Springer – Presse heftig und pauschal gegen dieses Projekt Stellung genommen, es erstaunt, dass die eigentlich liberale Gründerin der liberalen Moschee in Berlin heftig gegen dieses Projekt in Springer -. Medien austeilt. Ein Freund fragt: Ist Frau Seyran Ates etwa böse, dass nicht sie an dem Projekt mitwirken durfte? Es wurden dann ungeheuerliche Behauptungen verbreitet, etwa: Weihnachten solle abgeschafft werden durch dieses Projekt usw… Auch der Tagesspiegel berichtete am 12. Dezember 2025 darüber: Berlins Ober-Bürgermeister Kai Wegner (CDU) schaltete sich ein und bedauerte, dass dieses sehr wichtige und der Aufklärung dienende Projekt vom Senat finanziell unterstützt wurde. Selbst die „Süddeutsche Zeitung“ hat am 13./14. Dezember 2025, Seite 19, von dem Projekt der Charlottenburger Gemeinde berichtet und treffend geschrieben: Der Fernsehsender WELT-TV sei „immer bereit, sich auf Kulturkämpfe einzulassen“. Wohl wahr: Es passt den Rechten und sehr Rechten (Medien und Politikern etwa in der CSU) nicht, wenn das christliche Weihnachtsfest auch in Beziehung zu islamischer Theologie in Beziehung gesetzt wird. Man darf niemals vergessen, dass der gegenwärtige Innenminister Alexander Dobrindt, ein Katholik, den Islam schon 2018 aus Deutschland ausgrenzte, weil „er nicht prägend und sei und es auch nicht werden solle“. Wir zitieren aus der Evangelischen Zeitung „Sonntagsblatt“ vom 20. Mai 2025, Oliver Marquart schreibt: „Dobrindt stellte die pauschale Behauptung auf, Werte wie Toleranz oder Nächstenliebe fänden sich in der “islamischen Welt” (was auch immer das sein mag) “so nicht wieder”.  Nun beinhaltet eine derart starke Aussage zum einen stets ein sehr hohes Risiko, an der Realität zu scheitern. Zum anderen spricht er damit Muslim*innen in Deutschland und weltweit eiskalt demokratische Reife ab und widerspricht jeder Form religiöser Gleichbehandlung. Wieder einmal nutzte also ein Politiker das Christentum im Sinne eines Kulturkampfes, um es gegen andere Religionsgemeinschaften in Stellung zu bringen.“ Wenn die „Süddeutsche Zeitung“ wie gesagt von Kulturkampf spricht im Umgang mit der wichtigen und richtigen Veranstaltung „Decolonize Christmas“, dann muss eben auch Dobrindt als einer der Kulturkämpfer an vorderster Front erwähnt werden, der sozusagen die Mentalitäten der Offenheit, der freien Forschung, des Respektes vor dem Islam und islamischer Theologie verdorben hat…

8.
Zum Projekt „Decolonize Christmas“ gehörte eigentlich auch die Kritik an den Handelsbedingungen der westlichen Kakao-Giganten mit den Kakao-Produzenten etwa in der Elfenbeinküste, die nur einen verschwindenden Anteil am Verkauf des Kakaos in der Schokolade-konsumierenden reichen Welt erhalten. Zum Projekt „Decolonize Christmas“ würde auch gehören, dass wie Reichen (auch die reichen Christen Deutschlands) auf die verheerende Armut der Menschen im globalen Süden nach wie vor nur mit Almosen antworten,Spenden genannt. Gerechtigkeit und Respekt vor dem in Armut geborenen Jesu von Nazareth sieht anders aus. Aber die Kirchen fordern nach wie vor Spenden – wie in Kolonialzeiten schon (man denken an die Statue des bei jedem Groschen dankbar “nickenden Negers“). Das System, das die globale Armut erzeugt und die Politiker, die das ungerechte System unterstützen und von ihm profitieren, werden von den Kirchen heute viel zu selten benannt. Sie sind hierzulande von der Gunst der Politiker abhängig … und die Gunst der Politiker und ihrer Lobbyisten ist ihnen wichtiger als radikale, aber treffende Kritik am ausbeuterischen hiesigen Wirtschaftssystem.

9. Die veranstaltende Gemeinde der Baptisten resigniert und unterwirft sich der Macht der Springer – Presse.

Das Projekt „Decolonize Christmas“als Diskussions – und Bildungsveranstaltung in der Charlottenburger Baptistenkirche ist erst mal gestoppt un damit gescheitert. Die Leitung der Friedenskirche, eingeschüchtert von der in Berlin immer noch mächtigen Springer – Presse, distanziert sich sogar öffentlich von dem eignenen Projekt, auch wenn sie das Thema irgendwie noch wichtig findet. „Als Friedenskirche Charlottenburg bekennen wir uns ausdrücklich zum theologischen Kern der Weihnachtsbotschaft, wie er in der Heiligen Schrift bezeugt ist. Von allen Aussagen, die dem entgegenstehen, distanzieren wir uns klar.“ In den weiteren Aussagen der Baptisten der Friedensgemeinde wird deutlich: Die sehr Bibel-gläubige (im wortwörtlichen Verstehen der Texte)  Baptisten -Gemeinde  hat Angst vor ihrer eigenen Courage. Und das ist schon eine Katastrophe, weil einzig die kritische Bibellektüre und die kritische, vom Dialog mit anderen Religionen lernende christliche Theologie als Wissenschaft heute angemessen ist. Bedauerlich ist auch, dass offenbar andere christliche Kirchen in Berlin dieses Projekt jetzt nicht öffentlich unterstützen.  LINK

10. Zu Weihnachten bitte nichts Kritisches über Weihnachten
Was lernen wir daraus? Die bürgerlichen, sich christlich nur noch nennenden PolitikerInnen und ihre rechten Medien wollen sich ihre Weihnachtslaune durch kritische Ausstellungen und Veranstaltungen nicht nehmen lassen, und sie werden dabei ausgerechnet noch von einer liberalen Imamin unterstützt. Diese Leute meinen, über Weihnachten verfügen zu können, sie wollen keine kritischen, nachdenkliche Gedanken, sie wollen Weihnachten offenbar weiterhin als Fest des Konsums, des Trallala der alten, fast immer irgendwie infantilen Weihnachtslieder usw…

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

 

Papst Leo trifft im Vatikan sehr rechtslastige, rechtsradikale Politiker aus ganz Europa!

Der Beitrag des Papstes zum Fall der „Brandmauer“ gegen Rechtsextreme?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 11.12.2025

1.
Papst Leo hat am 10. Dezember 2025 PolitikerInnen in seinem Apostolischen Palast im Vatikan getroffen und mit einer freundlichen, leicht mahnenden Rede unterhalten. Die Papst – begeisterten PolitikerInnen sind Mitglieder der Fraktion ECR („European Conservatives and Reformists“.) Dazu gehören (Stand Dez. 2025) 79 Abgeordnete aus 18 Ländern. Die Fraktion nennt sich selbst „konservativ und demokratisch.“ Und diese eher normal und seriös wirkende Selbstbezeichnung glauben auch einige Leute, selbst im Vatikan, ganz offensichtlich selbst der Papst. Mit einem umfassenden kritischen politischen Wissen über diese Leute hätte der Papst – bei seiner kostbaren Zeit – den Empfang im wunderschönen „Salle Clementine“ ablehnen können … und statt dessen die sehr vielen frustrierten katholischen Frauen ins Gespräch eingeladen, Frauen, denen der Papst stur und steif immer noch den Zugang zum Diakonat verweigert, entgegen aller (!) theologischen Vernunft. So empfängt Papst Leo nun entgegen aller politischen Vernunft diese rechtsextremen Politikerinnen, die sich diplomatisch üblich-normal, aber verlogen „europäische Konservative und Reformer“ nennen.

2.
Die meisten dieser ECR Parteien sind in ihrer politischen Praxis und Theorie explizit z.B. gegen liberale, also humane und vernünftige Abtreibungsgesetze, sie verteidigen natürlich die hetero – normative Ehe, sie wehren sich gegen die umfassende Gleichberechtigung von queers, sie sind gegen die grüne Umweltpolitik und vor allem: Sie wollen mit aller Bravour ihre Länder von Flüchtlingen und Fremden, vor allem aus dem muslimischen Raum, absolut freihalten … mit ihrer restriktiven „Rückführungspolitik“. Aber, und das ist wichtig, diese PolitikerInnen geben sich als sehr christlich. Sie plustern sich auf als Verteidiger ihres christlichen Europa, ihres „Abendlandes“, dessen Werte sehen sie ausschließlich vom Christentum bestimmt. Neuerdings sind viele dieser sehr rechten, rechtsextremen Politikerinnen ganz offensiv plötzlich judenfreundlich geworden und nennen ihr kulturelles Ideal „jüdisch-christlich“, aber das behaupten sie nur, um ihre Ablehnung auf den Islam zu kaschieren. Eine verlogene Juden-Freundlichkeit wird benutzt gegen die Islamophobie!

3.
Die Begegnung des Papstes mit diesen Leuten fand am 10.Dez. 2025 statt, weil Giorgia Meloni, die Ministerpräsidentin Italiens, ihre FreundInnen vom ECR zu einer Konferenz nach Rom eingeladen hatte. Um sich die Gunst der vielen sehr konservativen, z.T. rechtsextremen Wähler zu erhalten, ist ein Besuch der Parlamentarier beim Papst immer hilfreich. Man bedenke, dass die polnische, sich sehr katholisch gebende PIS-Partei zum Club der ECR gehört, auch französische Politiker dieser Fraktion, wie Madame Maréchal, sind tief verwurzelt im katholischen Milieu. Zur rechtsextremen französischen Partei Reconquete und ihres Führers Eric Zemmour: LINK.

4.

Die katholische Ministerpräsidentin Italiens Giorgia Meloni gehört zur Partei „fratelli d Italia“, auch diese Partei ist Mitglied im Club der ECR. Madame Meloni war bekanntermaßen einst Mitglied der neofaschistischen Jugendorganisation der neofaschistischen Partei MSI; auch die Partei Fratelli d Italia gilt unter objektiven Politologen als „post-faschistisch“ und „rechtsextrem.“ Auch die „Schwedendemokraten“ gehören zur ECR Fraktion, auch sie gelten als rechtsextrem. Dasselbe gilt für die Partei „Wahre Finnen“, um nur einige weitere rechtsradikale Parteien im ECR zu nennen.

5.
Diese sehr rechtslastigen alles andere als Menschenrechts-freundlichen politischen Herrschaften also hat Papst Leo zu sich in den Apostolischen Palast geladen. Allein seine Bereitschaft, diese Leute ernst zu nehmen und mit einem Empfang beim Papst zu beehren, ist sicher hoch problematisch. Denn solch ein „Empfang beim Papst” wertet diese Parteien auf. Aber wenn der Papst schon die Chance hat, sozusagen dem sehr rechtslastigen Flügel Europas zu begegnen, dann nur unter der Bedingung: Diesen Leuten nicht nur behutsam und verständnisvoll ins Gewissen zu reden, sondern sie an die absolute Gültigkeit der Menschenrechte zu erinnern, also aller Welt deutlich freizulegen, dass diese Parteien und Politiker eine Ethik vertreten, die mit den zentralen Aussagen des Evangeliums und vor allem der Menschenrechte nicht zu vereinbaren ist.

6.
Aber nein, Papst Leo hat freundliche Worte gefunden, sogar den politischen Einsatz dieser Leute gelobt und vorsichtig Kritik geübt. Dabei ließ er keinen Zweifel, dass er mit diesen Rechtsextremen hinsichtlich der Abtreibungsgesetze und der Familien- Politik übereinstimmt! Der Papst stimmte auch mit diesen Leuten überein, als er – wie sie – die Wurzeln Europas ausschließlich im Christentum sah. Kein Wort also von den viel wichtigeren „Wurzeln“ Europas in der Philosophie der Aufklärung (Kant!) Und der absolut für alle geltenden Menschenrechte. Aber nichts davon sagte der Papst diesen sehr rechten und rechtsextremen Herrschaften. Und vor allem: Sind denn nicht die christlichen Wurzeln Europas vergiftet, durch Ketzerverfolgung, Judenverfolgung, Muslimverfolgung, Hexenverbrennung, Kolonialismus, Mord und Totschlag der christlichen Kolonialherren an indigenen Völkern, der Massenmord an den Juden durch die Christen und so weiter…Weiß dieser Papst überhaupt, was er da schwadroniert, wenn er mit den Rechtsradikalen von christlichen Wurzeln Europas phantasiert?

7.
Der vatikanische Pressedienst berichtet nur mit einigen Zitaten von der Ansprache des Papstes an die Rechtslastigen, Rechtsextremen; der vatikanische Pressedienst nennt wie die katholischen Medien kath.de diese Leute falsch und irreführend: Konservativ, mag ja sein, dass sie sich selbst so nennen. De facto sind sie es nicht… : LINK

Wir zitieren aus dem Bericht: „Namentlich erinnerte Leo XIV. an den Schutz des Lebens „von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod“ wie auch in der Mitte des Lebens. Hier verwies der Papst auf arme und ausgegrenzte Menschen und auch auf jene, die von „der anhaltenden Klimakrise, Gewalt und Krieg“ betroffen sind; das Wort Immigration vermied er.“ Soweit das Zitat. Angesichts dieser oft rechtsextremen Politiker, der Feinde einer humanen Flüchtlings- und Einwanderungspolitik, spricht der Papst selbst das Wort „Immigration“ nicht aus. Das kann man wohl nur Feigheit nennen oder soll das etwa als kluge Diplomatie des Staatschefs (des Papstes!) des Staates Vatikanstadt gelten ?
Wir zitieren weiter aus dem Vatikanischen Pressedienst: „Sicherzustellen, dass die Stimme der Kirche, nicht zuletzt durch ihre Soziallehre, weiterhin Gehör findet, bedeutet nicht, eine vergangene Epoche wiederherzustellen, sondern zu gewährleisten, dass wichtige Ressourcen für die zukünftige Zusammenarbeit und Integration nicht verloren gehen“, erklärte der Papst allgemein und verschwommen. Darüber hinaus rief Leo XIV. die „rechtskonservativen” Europa-Abgeordneten zu respektvoll geführten politischen Debatten auf.“ Wie nett und wie freundlich! Bitte, bitte, Rechtsradikale sollen doch respektvoll sein…

8.
Immer wieder also diese netten, harmlosen Worte aus päpstlichen Munde. Der Papst hat offenbar seine Rolle entdeckt als hilfloser und wirkungsloser Mahner, als freundlicher „Aufrufer“, als Verkünder abstrakter Weisheiten, als permanent irgendwelche Bittgebete Sprechender bei allen möglichen kleinen und großen schlimmen Ereignissen. Und er weiß offenbar nicht, dass er vor sehr rechtslastigen, de facto dem Evangelium und den Menschenrechten abgeneigten PolitikerInnen klare, harte Position eines Demokraten hätte zeigen müsste. Aber Moment mal: Der Papst und seine Kirche verstehen sich ja in ihrer Gesetzgebung explizit als nicht – demokratisch. Und die Erklärung der Menschenrechte hat der Vatikan nicht unterschrieben: Fühlen sich Päpste und hohe Kleriker im Milieu von demokratieskeptischen, also rechtslastigen Politikern besonders wohl? Historisch stimmt das: Mit Mussolini hat sich Pius XI. recht gut verstanden und Pius XII. war letztlich doch sehr zurückhaltend in seiner öffentlichen Kritik am Nazi-Regime. Er hielt den Kommunismus für gefährlicher …oder war das nur seine päpstliche Ausrede?…

9.
Wenn man den Empfang des Papstes für die Politikerinnen rechtslastiger und rechtsextremer Parteien für einen Augenblick nach Deutschland überträgt: Der Papst hat am 10.Dez. 2025 die berühmte „Brandmauer“ ein bißchen zerstört, die Brandmauer, die zurecht in Deutschland von demokratischen PolitikerInnen gegenüber der weithin rechtsextremen Partei AFD „gebaut“ wurde. Ich glaube, Papst Leo hat mit dem offiziellen Empfang dieser Politiker in seinem Palast die rechtsextreme Bewegung leider aufgewertet. Das sollte jeder Demokrat eigentlich eine Schande nennen. Und Katholiken, die kritisch denken, ebenso.

10.
Es ist bezeichnend, dass die Ansprache des Papstes vor diesen sehr rechtslastigen Politikern aus ganz Europa im sonst sehr umfassend dokumentierenden vatikanischen Pressearchiv bis jetzt nicht zu finden ist. War das Treffen dann doch dem Papst peinlich? Hoffentlich! Gesteht ein Papst Fehler ein? Hoffentlich, aber äußerst unwahrscheinlich. Lediglich die katholische Tageszeitung „La Croix“, Paris, hat über dieses Treffen am 10.12.2025 ein bißchen kritisch berichtet. LINK

Siehe auch unseren Hinweis: Papst Leo XIV.- Entscheidungen eines Allein-Entscheiders LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Hoffnung denken und Hoffnung leben. Wider die Gesellschaft der Angst…

Hoffnung denken und Hoffnung leben

Der Philosoph Byung- Chul Han: Seine Essays über den „Geist der Hoffnung“ .
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
In unserer Gegenwart ist die Hoffnung bedroht, jene Hoffnung, die bekanntlich als „letzte stirbt“, wenn alles andere längst schon vernichtet wurde. Nicht nur die Hoffnung als die unverzichtbare philosophische und religiöse Idee ist bedroht, sondern die Hoffnung als die unverzichtbare „geistige Energie“ (oder „Elan“) in uns, die Mut zum Leben gibt, sie ermuntert uns zur Zukunft, sie erschließt uns Zukunft.

2.
Der Philosoph Byung-Chul Han legt vier philosophische Essays unter dem Titel „Der Geist der Hoffnung“ vor. Han ist in Deutschland als „südkoreanisch-deutscher“ Autor längst gut bekannt; seine Studien und Essays sind Ausdruck eigenständigen philosophischen Denkens. Sie nehmen die LeserInnen mit ins eigene Denken, ins Philosophieren, denn Philosophieren ist die lebendige Praxis „der“ Philosophie.

3.
Byung-Chul Hans Essays argumentieren stets vor dem politisch-kulturellen Hintergrund der Angst als der vorherrschenden Stimmung unter den Menschen nicht nur in Europa. Darum der Untertitel „Wider die Gesellschaft der Angst“.

4.
Der erste Essay, „Auftakt“ genannt, zeigt in unserer Sicht deutlich Byung-Chul Hans eigenes Hoffnungs-Denken. Ausgangspunkt ist die allgemeine Angst vor einem vernichtenden Ende von allem. So wird für sehr viele Menschen ihr Leben zu einem bloßen Über-Leben. Han schreibt: „Doch erst die Hoffnung läßt uns jenes Leben zurückgewinnen, das mehr ist als Überleben. Sie spannt den Horizont des Sinnhaften auf, der das Leben wieder belebt und beflügelt. Sie schenkt Zukunft.“ (S. 12). Dabei macht Han von vornherein klar: Hoffnung hat für ihn nichts mit Optimismus zu tun, jener zur allgemeinen Floskel geratenen `Blauäugigkeit` der unreflektierten Heiterkeit. „Im Gegensatz zum Optimismus, dem jede Entschlossenheit fehlt, zeichnet die aktive Hoffnung ein Engagement aus.“ (S. 17). Und dies ist zentral: Hoffen kann der Mensch nur mit anderen. „Das Subjekt der Hoffnung ist ein Wir.“ (S. 18). Aber die herrschende Politik und Ökonomie, Han spricht treffend und zurecht von einem „neoliberalen Regime“(S. 21), vereinzelt den Menschen, „in dem es den Menschen zum Unternehmer seiner selbst macht.“ (ebd.). Gerade dieser erste Essay ist sehr treffend von einer Gesellschaftskritik bestimmt. Etwa: „Soziale Medien bauen paradoxerweise das Soziale ab. Sie führen letztlich zur Erosion des sozialen Zusammenhaltes. Wir sind bestens vernetzt, ohne jedoch verbunden zu sein.“ (S. 23). Sätze, die man als kritische Weisheit in jedes Schulbuch schreiben sollte… Oder diese treffende Erkenntnis: „Die Hoffnung ist das Ferment der Revolution, das Ferment des Neuen…Wenn heute keine Revolution möglich ist, dann deshalb weil wir nicht hoffen können, weil wir in Angst verharren, weil das Leben zum Überleben verkümmert.“ (S. 27). Ich hätte mir hier weitere Ausführungen gewünscht: Etwa: Welche Politiker zerstören in uns die Hoffnung systematisch? Welche Politiker sind längst – durch ihre kriegerischen Aggressionen (Russland), ihren rechtsextremen Rassismus, ihre MAGA-Wahnsinns-Ideologien, ihre sture und versteinerte Förderung der Millionäre und Milliardäre – diejenigen, die unser „Leben zum Überleben verkümmern“…

5.
Die drei weiteren, ausführlicheren Essays denken der Hoffnung nach als „Handeln“, als „Erkenntnis“ und als „Lebensform“. Diese Essays entwickeln die Notwendigkeit der lebendigen Hoffnung in Auseinandersetzung mit anderen PhilosophInnen. Byung-Chul Han stellt die Hoffnungs-Philosophie etwa von Albert Camus, Nietzsche, Ernst Bloch oder auch Hannah Arendt vor, er zeigt deren originellen Ansatz, unterstützt etwa den Tagtraum, weil er Hoffnung gebiert“ (S. 45)…Han lobt Ernst Blochs und mit ihm Pastor Martin Luther Kings Position: “AlleinTagträumer sind fähig zur Revolution“(S. 46). Han kann Hannah Arendt nur zustimmen, wenn sie das Geborenwerden zum Ausgangspunkt ihrer Hoffnungsphilosophie nimmt, er kritisiert aber Arendt, weil sie nicht sieht: „Hoffnung geht der Handlung voraus .. Es ist nicht die Handlung, sondern die Hoffnung, die Wunder bewirkt.“ (S. 53). Ohne Hoffnung also keine neue, gerechte Gesellschaft, ohne Hoffnung keine Revolution des Neuen, des Besseren…
Aber auch dies ist für den Philosophen Han wichtig: Hoffnung hat bei aller Notwendigkeit des tatkräftigen Engagements doch immer auch eine „kontemplative Dimension“ (S. 45). Dass Han auch Dichter einbezieht, wie Paul Celan, Franz Kafka, Ingeborg Bachmann und den Dichter (Politiker) Václav Havel. Gerade die Hinweis zu Václav Havel sind mir wichtig: „Havel verortet die Hoffnung nicht in der Immanenz der Welt. Ihre tiefsten Wurzeln hat sie im `Transzendenten`!“ (S.68) Diese Weite der Auseinandersetzung mit der Hoffnung ist bei Han ein deutliches Statement: Philosophieren lebt nicht nur von sich explizit philosophisch nennenden Texten der sich Philosophen nennenden Denker. Und man hätte gern gewusst, in welcher expliziten Beziehung Han die im Buch abgedruckten Arbeiten Anselm Kiefers sieht…Es sind doch philosophische Bilder, oder?

6.
Byung Chul Han, der auch katholische Theologie in Freiburg studiert hat, kennt natürlich die drei Lebensformen, die der Apostel Paulus ins Zentrum seines Denkens stellt: Glaube-Hoffnung-Liebe. In der zweifellos berühmten Stelle im Ersten Brief an die Korinther, Kap. 13, Vers 13 schreibt Paulus: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“. Natürlich ist es philosophisch nicht nur reizvoll, sondern dringend, den Zusammenhang dieser menschlichen Lebenshaltungen und ihr Miteinander-Verbundensein zu erörtern. Denn die Abfolge der drei Begriffe hat Paulus nicht zufällig so gesagt. Und es eines der Resultate der Lektüre des Buches „Der Geist der Hoffnung“ von Byung-Chul Han, dass sich die LeserInnen selbst die Mühe machen, den Zusammenhang und das Aufeinander-Verwiesensein dieser drei Begriffe bzw. Lebensformen zu bedenken.

7.
In dem Sinne verweist für mich „Glaube“ auf die Beziehung des Geistes der Menschen zum Grund der Welt und der Menschen. Diesen Grund kann man göttliche, schöpferische Kraft nennen. Weil Menschen auf diesem „Grund“ leben, können sie die Hoffnung entwickeln, die zum Einsatz führt, etwa als Widerstand gegen die politisch – extremen Kräfte, die diese Welt inhuman gestalten. Und dann die Liebe, die Paulus als „die größte“ Lebensform in einem Leben des Glaubens und Hoffens herausstellt. Also: Liebend glauben und liebend hoffen (dann auch handeln), darauf kommt es an, wenn wir die Liebe zu uns und den anderen gestalten wollen.

8.
Ich halte die Abfolge der drei Begriffe im Sinne von Paulus: „Glaube – Hoffnung – Liebe“ für sinnvoll, wenn nicht geboten. Han scheint eher Wert zu legen auf diesen Zusammenhang : „Hoffnung, Glaube und Liebe“ (S. 109). Die Hoffnung ist also für ihn das Erste, die zentrale, grundlegende Lebensform…

9.
Der vierte Essay (S. 95 – 112) ist vor allem eine Auseinandersetzung mit Martin Heideggers „Sein und Zeit“. Han beschreibt Heideggers Position sehr klar und deutlich, diese Seiten empfehlen sich förmlich für bislang Unkundige als Einstieg in „Sein und Zeit“. Aber Han, dessen frühe Arbeiten explizit auf Heidegger bezogen sind, kritisiert das Denken in „Sein und Zeit“ grundlegend:“Heideggers Denken ist insofern griechisch, als es sich am Gewesenen, am Wesen, orientiert. So definiert er selbst das Mögliche vom Wesen her. Es ist nicht das Kommende, das Noch-Nie-Dagewesene…Nicht Elpís (Hoffnung), sondern Mnemosyne (Erinnerung) lenkt Heideggers Denken“ (S. 111). Insofern ist von Heidegger keine Wegweisung zur humaneren Zukunft der Gerechtigkeit mit weniger dominierender Angst zu erwarten. „Heideggers Denken hat keinen Zugang zum Kommenden, nämlich zur Zukunft als Avenir…nicht das Heideggersche Vorlaufen zum Tod,(in „Sein und Zeit“), sondern das Vorlaufen zur neuen Geburt ist die Gangart des hoffenden Denkens. In die Welt kommen als Geburt ist die Grundformel der Hoffnung.“ (S. 112).

10.
In dem wichtigen, inspirierenden, ins Weiter – Denken führende Buch Byung-Chul Hans vermisse ich Hinweise zur Frage: Welche Hoffnung bleibt angesichts des Todes? Gibt es eine begründete Hoffnung auf irgendeine Form eines wie auch immer gearteten Lebens des Geistes über den Tod hinaus? Wer sich etwa an den Aufsatz „Tod“ in Byung-Chul Hans Studie „Philosophie des Zen-Buddhismus“, Reclam Verlag, 2002), S. 96 ff. erinnert: Da beschreibt Han eindringlich, wie sich im Zen- Buddhismus eine deutliche Verkapselung des Menschen in seine erlebte Endlichkeit zeigt: „Die Endlichkeit kommt zum Leuchten ohne den Glanz des Unendlichen, ohne den Schein der Ewigkeit“ (S. 107). Und Han scheint sich der zen-buddhistischen Überzeugung anzuschließen, sie mindestens philosophisch sehr hoch zu schätzen. „Erst nach dem Töten des Todes im Zenbuddhismus ist man ganz lebendig, d.h. man lebt ganz, ohne den Tod als das andere des Lebens anzustarren. Ganz lebendig … fällt mit ganz sterblich zusammen. Die zen-budhistische Wendung des Tode geschieht ohne Trauerarbeit. Sie wendet das Endliche nicht ins Unendliche. Sie arbeitet nicht gegen die Sterblichkeit.“ (S. 113).
Wobei die grundlegende Frage bleibt: Wenn der Zen-Budhismus sich selbst als an die Immanenz gebunden weiß, dann weiß er mindestens umthematisch auch um eine Transzendenz, sonst wäre die Rede von Immanenz sinnlos.
Fragen, die über das neue Buch „Der Geist der Hoffnung“ hinausweisen, aber auf die Entwicklung der Philosophie Byung-Chul Hans aufmerksam machen.

Byung-Chul Han, Der Geist der Hoffnung. Wider die Gesellschaft der Angst. Mit Abbildungen von Anselm Kiefer. Ullstein Verlag, 2024, 2. Aufl., 128 Seiten, 22,99€.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de