Armin Laschet, ein katholischer Politiker und Opus-Dei-Versteher…

Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 6.2.2021.

Am 15.7.2021 diese Ergänzung: Uns freut es sehr, dass unser kritischer Hinweis zum Kanzlerkandidaten der CDU, Armin Laschet, verfasst Anfang Februar 2021, viele tausend Klicker und hoffentlich Leser gefunden hat. Und wir hoffen, dass auf diese Weise ein kleiner Beitrag geleistet wird, dass Deutschland und der Welt Armin Laschet als Kanzler erspart bleibt!
Dass Laschet jetzt mit seinen Sprüchen („Leistung muss sich lohnen“) immer mehr ins FDP-Milieu abdriftet, macht unser Thema noch aktueller: Denn offenbar hat der Katholik und Opus-Dei-Freund Laschet mit katholischer Soziallehre nicht allzu viel im Sinn, trotz seines großen Helfers und Beraters, des „strammen“ konservativen Katholiken Nathanael Liminski.

Der Pressedienst queer.de berichtet am 12.7.2021 über eine denkwürdige Zusammenarbeit von Ministerpräsident Laschet mit einem de facto homophoben und ausländerfeindlichen Verein, der nun offensichtlich auf Betreiben des katholischen Poltikers Laschet und seines engsten Mitarbeiters Nathanel Liminski in den Rundfunkrat des WDR gehieft wurde. Liminski stammt aus einer Familie mit 10 Kindern, für die sich der Verein explizit einsetzt. Interessant ist, dass der katholische Politologe Manfred Spieker in diesem Verein „DEMO FÜR ALLE“ führend aktiv ist … und Spieker ist zudem Mitglied des Opus Dei. LINK
Kenner wissen natürlich, dass der Titel „Demo für alle“ dem Vorbild des reaktionären Flügels im französischen Katholizismus folgt. Dort gabe es 2013 Demonstrationen gegen das Gesetz „Ehe für alle“, diese Demos,genderfeindlich und homophob und klerikal, hieß „Manif pour tous“, die „Demo für alle.“

1.
Für Armin Laschet, den CDU Vorsitzenden, ist „C“ wohl eher ein „K“ im Sinne von „Katholisch“, und zwar deutlich konservativ katholisch. Doppel „K“, KKDU also. Wir werden sehen, falls Laschet denn Kanzler wird, was nicht auszuschließen ist, welche Minister er einstellt, etwas liberale und etwas links Denkende werden es sicher nicht sein. Dafür wird schon sein engster Mitarbeiter sorgen, Nathanael Liminksi, jetzt noch in Düsseldorf. Er gehört zum sehr konservativen, man möchte sagen militanten Flügel im deutschen Katholizismus und der CDU. Dies muss wohl so sein, bei dem überaus katholisch-eifrigen Vater Jürgen Liminski, der ganz offen dem Geheimclub „Opus Dei“ angehört und für die sehr rechtslastige Zeitung „Junge Freiheit“ über Catholica schreibt oder die reaktionäre Kirchenzeitung „DER FELS“. Es wird sich zeigen, ob Nathanael Liminski dann seinem Vater folgt und die „Neue Rechte“ unter Laschet als Kanzler durchsetzt…

2.
Dass Armin Laschet aus einem tiefen katholischen Milieu in Aachen stammt, ist bei vielen Bürgern eher „im allgemeinen“ etwas bekannt.

3.
Es lohnt sich aber für alle Interessierten, zum Thema „Der Katholik Armin Laschet“ Details zu studieren, freizulegen und öffentlich zu machen. Hier nur ein erster Ansatz, der von Journalisten fortgesetzt werden sollte, die noch ein Interesse an Recherche und Investigation bewahrt haben.

4.
Der „Religionsphilosophische Salon“ muss sich mit diesem Thema („Laschet“) befassen, weil Religionskritik zweifelsfrei zum Kern der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie gehört.Und Religionskritik muss immer auch bezogen sein auf aktuelle Ereignisse, genau dann, wenn ein mit dem sehr konservativen katholischen Milieu verbundener Politiker, wie Herr Laschet, immer mächtiger wird…

5.
Armin Laschet wurde 1961 in der Nähe von Aachen als Sohn eines Steigers geboren. Über den Katholizismus von Laschets Jugend schreibt „Die Welt“: „Forscht man in der frühen Lebenswelt Laschets nach, meint man schnell, sich in einem Roman von Heinrich Böll zu befinden: überlebensgroß die Kirche, überlebensgroß die Herren Honoratioren, viel Klüngel, viel Chuzpe und Schlitzohrigkeit. Sowie jede Menge Doppelmoral“. (Beitrag von Thomas Schmidt am 30.1.2021, https://www.welt.de/debatte/kommentare/article225280253/Armin-Laschet-rheinischer-Katholik-und-sanfter-Reformer.html

Armin Laschet heiratet Susanne Malangré, ihr Vater ist Heinz Malangré. Laschets Schwiegervater arbeitet u.a. als geschäftsführender Gesellschafter im katholischem „Einhard-Verlag“. Für ihn wird Laschet tätig. Der Verlag besteht bis heute, er gibt u.a. die katholische Kirchenzeitung fürs Bistum Aachen heraus.
Heinz Malangré, Laschets Schwiegervater, war u.a.auch Vorsitzender des „Diözesanrates im Bistum Aachen“, er förderte Sozialprojekte im so genannten „Heiligen Land“ und wurde durch Kardinal Jaeger, Paderborn, innerhalb des von Laien wie Priestern geprägten „Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem“, zum „Großkreuzritter“ ernannt.
Zu Kardinal Jaeger und dem „Ritterorden“ ist wichtig zu wissen: Jaeger leitete im November 1954 die erste Zusammenkunft aller deutschsprachigen „Statthaltereien“ der Grabesritter in Oberwald/St. Gallen. Während einer “Investiturfeierfeier“ sagte der Kardinal: „Die Spielregeln der Demokratie haben das Denken weithin verbogen.“ Es brauche „eine religiöse Führerschaft, die sich den ewigen Wahrheiten verschrieben hat.“ In der Abendländischen Aktion, die der konservativen “Abendländischen Bewegung“ nahestand, hatte Jaeger als Mitglied des Kuratoriums eine maßgebliche Funktion. (Quelle: https.//de.wikipedia.org.wiki/Lorenz_Jaeger. Zur Nazi- Vergangenheit des Kardinals und Kreuzritters hat Peter Bürger publiziert.)

6.
Schwiegervater Heinz ist der Bruder von Kurt Malangré, Rechtsanwalt, der von 1973 bis 1989 (!) Bürgermeister in Aachen war. Und, das ist entscheidend: Von Kurt Malangré gibt das Opus Dei Deutschland in seltener Offenheit zu: Der Oberbürgermeister war seit 1955 (!) hochrangiges Mitglied des Opus Dei. Mit salbungsvollen Worten erinnert das Opus Dei an ihr prominentes Mitglied Kurt Malangré, der die Ehre hatte, sogar noch den inzwischen heilig gesprochenen Gründer dieses Geheimclubs, den „Vater“, Josefmaria Escrivá, persönlich zu sprechen. Und der gab fromme Wünsche, man sage Floskeln, weiter an die damals leidende Gattin Malangrés…
LINK https://opusdei.org/de-de/article/kurt-malangre-ist-mit-84-jahren-verstorben/

7.
Der weltweit agierende Opus Dei Geheimbund (ca. 80.000 Mitglieder) mit seiner reaktionären Theologie sowie das „Ritterliche“ der Ritterorden spielen eine Rolle in der Spiritualität des Herrn Laschet.
Anläßlich des Rücktritts Benedikt XVI. vom Papstamt betonte er: „Die Schriften von Papst Benedikt XVI. würden für die Grundsatzprogrammberatung in der CDU NRWs ein „wichtige Begleiter“ sein. (Quelle: WDR https://www1.wdr.de/dossiers/religion/christentum/papstruecktritt100.html).
Das heißt im Klartext: Zum Grundsatzprogramm der CDU soll ein Papst mitreden, „Ultramontanismus“ nannte man das früher. Man stelle sich vor, Muslime in Deutschland würden sagen, ihre politische Haltung richten sie nach einem Mullah oder einem hochkarätigen Imam. Ein Aufschrei würde beginnen … auch in der CDU.

8.
Über den „Fall“ Woelki schweigt NRWs Ministerpräsident Laschet, bis jetzt, diplomatisch klug, um nicht die konservativen klerikalen Katholiken und CDU Wähler in NRW zu verschrecken. (Stand 6.2.2021) „Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) will sich in die Rücktrittsdebatte um den Kardinal Woelki nicht einmischen. Das sei keine Frage, die der Staat beantworten könne,“ sagte Laschet am Dienstag vor Journalisten in Düsseldorf.“ (Quelle
https://www.katholisch.de/artikel/28098-laschet-vorwuerfe-gegen-kardinal-woelki-innerkirchlich-klaeren)
Diese Zurückhaltung des Ministerpräsidenten Laschet von NRW (Düsseldorf „gehört“ zum Erzbistum Köln) ist ein gewisser Widerspruch: Denn Laschet weiß als informierter Katholik, dass doch auch ein „Laie“ sich zum Wohl der Kirche äußern darf, um das Wohl der Kirche geht es doch auch im „Fall“ Woelki.
In vielen anderen „Fällen“ folgen katholische CDU Politiker gern den Weisungen der Kirche, etwa im Falle von Pro Life oder der „Homoehe“. Warum schweigt Laschet zu Woelki? Hat dies etwas mit dem Schweigen des Opus Dei zu Woelkis „Fall“ zu tun, das Opus Dei hat bekanntlich seine Deutschland-Zentrale in Köln. Oder hängt es mit dem beratenden Einfluss seines engsten Mitarbeiters in der Staatskanzlei in Düsseldorf zu tun, mit Nathanael Liminski, der dem rechten Spektrum des Katholizismus eng verbunden ist.

9.
Über Nathanael Liminski wird wohl in den nächsten Monaten viel zu sprechen sein, wenn denn Laschet Kanzler werden sollte. Ihm wird wohl sicher ein anderer Job als der des Verkehrsministers angeboten werden… Es gibt bereits jetzt einige kritische journalistische Untersuchungen zu Nathanael Liminski, dem Sohn des schon erwähnten Opus-Dei-Mitglieds und „Junge Freiheit“ Autors Jürgen Liminski. (Ein Liminiski Artikel vom 12. Mai 2020: https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2020/der-gute-ruf-2/)

Also zu Nathanael Liminski, einem der 10 Kinder (sic!) einer „im guten alten Sinne“, „vorbildlichen“ katholischen Familie: Das einzige Buch, das von Nathanael Liminski vorliegt, hat den Titel „Generation Benedikt“, es ist nach den katholischen „Weltjugendtagen“ im Jahr 2007 erschienen, als werbender Impuls, dass junge Leute den Weisungen von Papst Benedikt XVI. doch folgen mögen…

Auch die SPD interessiert sich für Nathanel Liminski:
„Der NRW Landesverband „SPDqueer“ macht sich Sorgen um den Einfluss eines homophoben Beraters auf den neuen CDU-Bundesparteichef Armin Laschet. Der 35-jährige Ministerialbeamte Nathanael Liminski, der als Leiter der NRW-Staatskanzlei als wichtigster Akteur im Hintergrund. Liminski
war in der Vergangenheit immer wieder durch radikalreligiöse und homophobe Äußerungen aufgefallen. So hatte er etwa 2007 gegenüber dem „Spiegel“ gesagt: „Ich kenne viele Homosexuelle, und einige tun mir leid. Der Staat muss schon aus reiner Selbsterhaltung die natürliche Form der Ehe und Familie fördern….Mit seiner Nähe zu Nathanael Liminski begibt sich Armin Laschet in einen gefährlichen Einfluss der erzkonservativen und fundamental-christlichen Rechten. Diese ist ein aktiver Teil einer frauenfeindlichen, homophoben und rückwärtsgewandten Rollback-Bewegung“, erklärte Fabian Spies, der NRW-Landeschef von SPDqueer. …Spies äußerte die Befürchtung, dass Liminskis Einfluss noch steigen werde, je mehr Laschet in der Bundespolitik eine Rolle spiele….Im Kampf um die Ehe für alle stand Laschet stets auf der Seite der Reaktionären – und beugte dabei auch die Wahrheit: So behauptete er etwa als NRW-Oppositionsführer wiederholt, dass es im Grundgesetz ein verstecktes Ehe-Verbot für Schwule und Lesben gebe und Deutschland daher am diskriminierenden Ehe-Recht festhalten müsse. Auf Druck der Laschet-CDU weigerte sich das schwarz-gelbe Nordrhein-Westfalen 2017, dem Gesetz zur Ehe für alle zuzustimmen. Quelle: https://www.queer.de/detail.php?article_id=38055 Vom 2.2.2021)
Siehe auch: https://www.katholisch.de/artikel/28492-nathanael-liminski-von-der-generation-benedikt-zu-armin-laschet

10.
Nathanael Liminski wird wegen seiner absolut diskreten Art, immer im Hintergrund, aber einflussreich, eine große Zukunft vorausgesagt. Wenn er älter wird, könnte er als Opus-Dei-Freund und Erzkatholik bald die Geschicke der Bundesrepublik in Richtung eines katholischen klerikalen Staates führen, falls dann nach all den Affären um Priester und Woelkis überhaupt noch Katholiken auffindbar sein sollten.
„An Laschets Kabinettstisch in Düsseldorf ist Liminski der einzige, der gerne unsichtbar bleibt. Obwohl das achte von zehn Kindern eines ehemaligen Deutschlandfunk-Redakteurs druckreif spricht, schlagfertig ist und gewitzt, lässt er sich ungern zitieren. Unserer Redaktion stand er für dieses Porträt zwar für ein Hintergrundgespräch zur Verfügung. Aus dem Gespräch durften wir jedoch keinen einzigen Satz verwenden.(Rheinische Post, 4.9.2018)…„Keinen einzigen Satz verwenden“…. Diese Maxime kennen wir aus einer Pressekonferenz Kardinal Woelkis im Februar 2021…

11.
Die Frage ist: Hätte es wirklich keinen anderen als Nathanael Liminski für das hohe Amt in Düsseldorf gegeben? Wenn das so ist, dann sehe ich darin nur ein Beispiel dafür, wie wenige freie Intellektuelle in der CDU überhaupt noch „vorhanden“ sind.Offenbar ist bei Laschet der Wille da, einen Opus-Dei-affinen engsten Mitarbeiter zu haben, er selbst kennt sich ja schon bei den „Grabesrittern“, familiär bedingt, gut aus…

12.
Bleibt zu hoffen, dass der Politik in Deutschland ein Erzkatholik Nathanael Liminski erspart bleibt. Klerikalistische Politik brauchen wir nicht, schon gar nicht eine vom Opus-Dei ferngesteuerte Politik.
Dies ist selbstverständlich eine Meinungsäußerung.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Edgar Morin: Sechs Bücher von ihm in deutscher Sprache!

Edgar Morin: Seine Bücher auf Deutsch (Stand Juli 2021)

Der Friedensforscher Werner Wintersteiner, Österreich, korrigiert zurecht meine Mitteilung, es gebe nur drei Bücher in deutscher Sprache von Edgar Morin: (Zum Beitrag von Christian Modehn: LINK)

Auf Deutsch sind tatsächlich von Edgar Morin erschienen (immer noch viel zu wenige!)
– Das Rätsel des Humanen (Le paradigme perdu), München: Piper
– Heimatland Erde (Terre Patrie), Wien: Promedia
– Die sieben Fundamente des Wissens … (Les sept savoirs), Hamburg: Krämer
– Der Weg (La voie), Hamburg: Krämer
– Die Natur der Natur / Die Methode (La méthode), Wien: Turia + Kant
– Für ein Denken des Südens. Berlin:Matthes und Seitz 2014.

Ich empfehle auch das Interview, das Constantin von Barloewen mit Edgar Morin führte, in LETTRE INTERNATIONAL, Heft 121, Sommer 2018, Seite 57 bis 62. Der Titel „Vom Verfall der Zukunft. Es geht darum, dass dieses Ende zu einem neuen Anfang führt“.

Siehe auch die Kampagne „Heimatland Erde“ des österreichischen Friedensforschungsinstituts ASPR in Stadtschlaining, in deren Rahmen auch eine Würdigung Morins erschienen ist: https://www.aspr.ac.at/fileadmin/Downloads/Presse/Kommentare/Kommentar_ASPR_WW-Edgar-Morin_08-07-2020.pdf

Werner Wintersteiner hat sein neues Buch Edgar Morin zum 100er gewidmet: Werner Wintersteiner: Die Welt neu denken lernen – Plädoyer für eine planetare Politik. Lehren aus Corona und anderen existentiellen Krisen. Bielefeld: transcript 2021. Print 27.- €,

PDF open access: https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5635-0/die-welt-neu-denken-lernen-plaedoyer-fuer-eine-planetare-politik/

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Marcel Proust zum 150. Geburtstag: Auf der Suche nach meiner verlorenen Zeit.

Für eine „Suche nach der verlorenen Zukunft“. Anlässlich des 150. Geburtstag von Marcel Proust (am 10.Juli 2021)
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Den Titel des großen Romans von Marcel Proust kann man auch frei variieren, vielleicht ein bisschen spielerisch, sicher aber provozierend. „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ wurde in den Jahren 1906 bis 1922 verfasst, wobei die drei letzten Roman – Teile erst nach dem Tode Prousts (1922) veröffentlicht wurden. Die aktuelle Titel – Variante – für eine philosophische Meditation etwa – könnte heißen: „Auf der Suche nach meiner verlorenen Zeit“. Oder: „Auf der Suche nach deiner bzw. unserer verlorenen Zeit“.
Meine, deine, unsere gelebte Vergangenheit könnte befragt werden: Ist sie „verloren“?
2.
Das Thema verwickelt uns in eine Reflexion über unsere Lebenszeit und über die Zeit „im allgemeinen“, in die wir unabwerfbar, sozusagen absolut, hineingestellt oder hineingeworfen sind.
Der Gebundenheit an die Zeit entkommt niemand. Aber diese Zeit wird vom Menschen immer auf irgendeine Art gestaltet, geformt. Zeit wird von Menschen „verbracht“. Selbst in der Langeweile können wir, entgegen einer populären Behauptung, die Zeit nicht „totschlagen“. Zeit verschwindet nicht.
„Autonom“ bzw. selbstbestimmt sind wir der Zeit gegenüber nur, weil wir die als „unabwerfbar“ verfügte, heteronom uns gegebene Zeit dann aber doch kraft unserer Freiheit, d.h. der Vernunft, für uns konkret gestalten können. So wird Zeit zu meiner, unserer Zeit, also Lebenszeit. Aber immer bleibt die Zeit „im allgemeinen“ auch diese nie endgültig zu definierende Gegebenheit – Verfügtheit in unserer Existenz. Aber es ist die menschliche Vernunft, die die Zeit als Dimension der Vernunft selbst und des Geistes wahrnimmt.
3..
Marcel Prousts Titel kann man als Aufforderung verstehen, bestimmte Momente unserer Vergangenheit zu suchen, nach ihr zu fragen und zu forschen. Denn Proust zeigt am Beispiel seines Ich-Erzählers, dass Momente unserer eigenen Lebenszeit verloren gegangen sind, nicht mehr präsent sind im Gedächtnis. Und selbst wenn wir sie in der Erinnerung dann wiederfinden, weil sie sich wenigstens als ein Moment zeigen und als Augenblick aufblitzen, können sie dann noch das gegenwärtige Leben prägen, korrigieren, bestimmen? Oder ist selbst auch die wieder entdeckte vergangene Zeit eine verlorene Zeit, verloren im Sinne von nicht mehr relevant, nicht mehr gültig? Sozusagen „passé“? Denn in diesen wieder erweckten Momenten unserer Vergangenheit sind immer auch andere und anderes „involviert“, und diese sind in weitem Rückblick meist passé, untergangen. Die Suche nach der verlorenen Zeit offenbart dann doch, dass Lebenszeit verloren ist.
4.
Für Marcel Proust gibt es nicht nur die aus einer vernünftigen Entscheidung entspringende Suche nach der eigenen Vergangenheit. Diese Suche ist freie Tat, absichtlich gesetzt, sagt Proust. Und sie kann Taten und Ereignisse und Namen aus dem Abstand auch wissenschaftlich fixieren. Dabei sollte aber nie vergessen werden, dass diese vernünftigen, in freier Entscheidung entstandenen Erinnerungen in der politischen Kultur absolut wichtig sind. Sie eher zweitrangig zu nennen, widerspricht jeder humanen Erinnerungskultur. Man denke nur an die absolute politische Verpflichtung, auch in immer größerem zeitlichen Abstand an den Holocaust zu erinnern
Aber: Viel wichtiger und hilfreicher ist für Proust in seinem Roman die unwillkürlich geschehende Suche nach der verlorenen Zeit, diese Suche geschieht von selbst und führt zu einer sich plötzlich einstellenden Erinnerung.
5.
Die von Proust hoch geschätzte „unfreiwillige Erinnerung“ (mémoire involontaire) wird dem Menschen förmlich geschenkt, wenn er die Botschaften seiner Sinne beachtet und sich von den Erfahrungen mit dem Sinnen überraschen lässt. Der Gesichtssinn (die Augen) spielt dabei für Proust keine große Rolle. Viel wichtiger sind ihm das Hören, vor allem das Schmecken und Riechen auch von Gegenständen: Im Umgang mit den Dingen kann dann unfreiwillig und wie von selbst als ein „Blitz“ eine Verbindung zu einem Moment der eigenen Vergangenheit erscheinen. Bekannt ist das so oft zitierte Beispiel aus dem ersten Roman(teil) seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“. Der Protagonist Marcel (der Roman ist ja keineswegs eine Art Autobiographie Prousts!) erlebt, als er an einem Wintertag das Gebäck „Madelaine“ in eine Teetasse tunkt, eine ihn tief berührende und glücklich stimmende Erinnerung an die Kindheit bei Tante Léonie in Combray/Illiers.
„In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Mit einem Schlage waren mir die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmlosen Missgeschicken, seine Kürze zu einem bloßen Trug unsrer Sinne geworden; es vollzog sich damit in mir, was sonst die Liebe vermag, gleichzeitig aber fühlte ich mich von einer köstlichen Substanz erfüllt: oder diese Substanz war vielmehr nicht in mir, sondern ich war sie selbst. Ich hatte aufgehört mich mittelmäßig, zufallsbedingt, sterblich zu fühlen. Woher strömte diese mächtige Freude mir zu“? (Zu diesem Zitat, siehe: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“; 10 Bde. Frankfurt am Main 1979, Bd. 1, S. 63–67).
6.
Die unfreiwillige Erinnerung erleben selbstverständlich alle. Vielleicht wird die Erinnerung an diese Form der Erinnerung verdrängt oder in ihrer Bedeutung nicht wahrgenommen. Dass sie sich überhaupt einstellt, dafür gibt es keine „machbare“ Voraussetzung. Hilfreich könnte sein: Wohl eher in einer stressfreien Situation können uns unsere Sinne zu Erinnerungen an frühere Momente, etwa der Kindheit, führen. Ein persönliches Beispiel: Ich höre in meiner Wohnung regelmäßig den Klang der Glocken, morgens um acht, mittags und abends um sechs. Aus dem üblichen „überhörenden Hören“ aus Gewohnheit wurde ich kürzlich herausgerissen: Ich fühlte mich einmal in ruhiger Stimmung, auf dem Sofa liegend, durch die Glocke versetzt in einen Moment meiner Kindheit: Ich spiele im Garten, höre aus der Ferne, mittags um zwölf, die Glocke unserer Kirchengemeinde. Meine Mutter schaut aus dem Fenster, ruft mich, ich laufe zu ihr. Wir berühren uns voller Liebe und beginnen, wie vom Geist bewegt, zu beten, wie öfter schon früher, ein „Vater Unser“ und ein „Ave Maria“. Dieser Augenblick meiner Kindheit, dessen Datum mir die Erinnerung natürlich nicht mitteilte, was auch bedeutungslos wäre, wurde mir im Abstand vieler Jahre präsent. Ein durchaus heilsamer, beruhigender Moment, eine Form des Behütetseins von irgendwoher stellte sich ein. Ich spielte dann nach dem Gebet weiter, der Tag hatte eine Unterbrechung gefunden, es gab eine erneute Nähe zur Mutter und, so würde ich heute sagen, ein Innewerden der spirituellen, vielleicht der göttlichen Dimension im Menschen.
Marcel Proust nennt im Roman manche dieser geschenkten Erinnerungen „glücklich“. Ich denke, wir sollten dieses unwillkürliche Suchen nach der Vergangenheit ernst nehmen. Können wir es vielleicht pflegen, üben, einüben, vorbereiten, selbst wenn diese unwillkürliche Erinnerung, wie Proust vermutet, Geschenk bleibt?
7..
Die „verlorene Zeit“ ist ein mehrdeutiges Wort: Wie viele Bedeutungen hat „verloren“? Zeit kann als begrenzte Zeiteinheit, etwa als eine ferne Reise, tatsächlich im Bewusstsein der Erinnerung “verloren“ gehen. Und wer sagt, er hätte den Inhalt eines gelesenen Buch aus dem Gedächtnis „verloren“, hat wahrscheinlich die Erwartung oder Hoffnung, dass der Inhalt nicht verloren ist, sondern ihm wieder präsent wird. Es muss aber wohl auch damit gerechnet werden, dass Menschen sagen: Diese meine bestimmten Lebensjahre waren verlorene Zeiten, verlorene Jahre, im Sinne einer letztlich störenden, wenn nicht zerstörenden Wirkung auf das eigene Leben. Diese eigenen verlorenen Lebenszeiten können aber in der Therapie mit dem Lebensganzen wieder verbunden werden, in Form einer Versöhnung mit sich selbst. Eine andere Frage ist, wie die Gesellschaft, die Proust ausführlich schildert, ihrerseits so weit verloren ist, dass sie nahezu hoffnungslos und sinnlos dahinlebt… dies würde für die Künstlergestalten im Roman nicht gelten…
8.
Proust sucht die verlorene Zeit in der Vergangenheit. Diese Suche ist üblich. Ich behaupte aber: Es gibt tendenziell auch verlorene Zeiten in der Zukunft. Das mag paradox klingen, weil ja Zukunft per definitionem noch nicht als gestaltete Ganzheit vorliegt. Gemeint sind die verdrängten und unterlassenen , „verlorenen“ Projekte zugunsten einer guten Zukunft, etwa die Idee einer Welt ohne Atomwaffen, ohne Krieg oder auch nur eine Welt, die ohne die ungerechte Spaltung in wenige Milliardäre und viele sehr Arme und Hungernde gestaltet wird. Wir haben von heute aus zurückblickend viele „verlorene Zukünfte“ wahrzunehmen, also die übersehenen und verdrängten Chancen, Besseres zu tun; die Nachlässigkeiten, den Egoismus. Den Gedanken wird man denken können, wenn nicht bald denken müssen: Wir haben unsere gute Zukunft für diese Welt, die Natur und alle ihre Menschen de facto schon verloren. Wir haben uns unsere Zukunft aus eigener freier Entscheidung sozusagen „vermasselt“. Wer wagt dies zu sagen? Wer noch diese verlorene Zeit im Sinne der verlorenen, durch Menschentat ignorierten guten Zukunftszeit sucht, wird sich an sich selbst erinnern, an die Politik, die neoliberale Unordnung usw. Und wird er sich schuldig fühlen?
9.
Marcel Proust hat in seinem großen Roman diese ethischen, normativen Bewertungen nicht ausgesprochen, darauf hat die Romanistin, Prof. Barbara Vinken (München) in einem Interview, veröffentlich in der „ZEIT“ am 8. Juli 2021 (Seite 52f.) hingewiesen, „Dieses Gefühl von Verbot und Überschreitung habe ich bei Proust nie. Dort herrscht eine interessante Zensurlosigkeit…Ist es nicht beunruhigend, dass es gar kein Über-Ich zu geben scheint?“ (dort S. 53). Darf man sagen, dass Proust nicht nur eine gewissenlose Gesellschaft der Aristokratie und des Adels beschreibt, eine Gesellschaft, die in den Untergang hinein feiert. Sondern auch, dass er als Berichterstatter dem „ohne Über-Ich“ sozusagen hilflos zuschaut. Und was soll man daraus schließen, dass dieser 4000 (viertausend) Seiten lange Roman offenbar doch von vielen gelesen wird? Ist es das Studium der untergehenden dekadenten Gesellschaft damals interessiert, vielleicht mit einem Blick auf eine untergehende dekadente neokapitalistische Gesellschaft im Westen wie in der arabischen Welt? Das Massensterben von Verhungernden in Afrika r ist uns nur noch 30 Sekunden in den Nachrichten wert, Bilder aus der Ferne, die nicht berühren und bewegen. Danach wird in 3 Stunden dem allerhöchsten aller Götter, dem Fußball, die Ehre erwiesen, um nur ein Beispiel für dekadent erscheinende „Kulturen“ der Demokratien zu nennen.
10.
So sehr also der 4000 Seiten – Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zu denken gibt, so sollten doch auch seine philosophischen und speziell ethischen Grenzen besprochen werden. Solches zu sagen hat gar nichts mit Prüderie zu tun. Eine dieser Begrenzungen ist die totale Fixierung des Erzählers auf Vergangenheit, auf Erinnerung. Insofern fehlt dem großen Roman doch sehr viel. Und es wäre zu fragen, warum gerade anlässlich des 150. Geburtstages von Proust dessen lustvoll-quälerisch-kritischer Blick auf Vergangenes so beliebt ist. Entspricht diese Liebe zu Vergangenem vielleicht der Angst, dass sich unsere „Suche nach einer verlorenen Zukunft nicht mehr lohnt? Dies würde der eher skeptischen, manche sagen der nihilistischen Grundhaltung Prousts entsprechen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Eine aktuelle Anmerkung zur katholischen Gemeinde in Illiers/Combray bei Chartres:
Dieses Städtchen spielt in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust eine gewisse Rolle. Wer den versteinerten Katholizismus des 19. Jahrhunderts heute noch sucht, hätte am 4. Juli 2020 in der dortigen Pfarrkirche „Saint Jacques“ fündig werden können: Dort hat der römisch-katholische Bischof von Kopenhagen (sic), der Pole Czeslaw Kozon, sechs Diakone zu Priestern geweiht, sie gehören der bekannten, traditionalistisch orientierten, aber mit Rom „versöhnten“ Bruderschaft „Institut du Bon Pasteur“ an, der „Bruderschaft vom Guten Hirten“. Die beiden Gründer – Priester vom „Guten-Hirten“ gehörten zuerst zur traditionalistischen Gemeinschaft „Pius X.“, von Erzbischof Marcel Lefèbvre gegründet. Aber diese beiden Priester haben Papst Benedikt überzeugen können, dass sie nun doch wieder treu zum Papst stehen… ihre reaktionäre Theologie mussten sie dabei nicht aufgeben. Die Priester „vom guten Hirten“ haben international „Nachwuchs“…
In dem Ort des Proust-Romans, in Villiers bzw. Combray, wurde nun 2020 bei der Priesterweihe die total klerikale Kirche von damals reanimiert, so wie sie der getaufte Katholik Marcel Proust noch erlebte, mit viel Weihrauch und lateinischen Messen und viel jungem hübschen Klerus in alten feinen Mess-Gewändern. Siehe: https://www.institutdubonpasteur.org/2020/07/04/photos-des-ordres-majeurs-2020/

Edgar Morin über die Beziehung von Poesie und Philosophie.

Ein Hinweis von Christian Modehn. Zu Edgar Morin LINK

Ein Motto von anderer Seite: „Es spricht nichts dagegen, Sophokles, Beckett, Proust und Celan als Philosophen zu bezeichnen.“ Michael Hampe, Die Lehren der Philosophie, Suhrkamp 2014, S. 19).

1.
Über die Einheit und Differenz von Poesie und Philosophie ist schon einiges publiziert worden. Die Debatte geht wohl vorwiegend um die Möglichkeiten der nun einmal immer irgendwie rational-begrifflich geprägten Sprache, die Tiefe des Lebens zum Ausdruck zu bringen. Also das, was man mit dem Wort Geheimnis umschreibt im Sinne des gründenden, nicht fassbaren Göttlichen. Dieses Thema bewegt den Poeten Yves Bonnefoy oder den Philosophen Edgar Morin, um nur zwei aktuelle Beispiele aus Frankreich zu nennen.
Wer sich um das philosophisch zentrale Thema „Philosophie der Philosophie“ bemüht, kann also nicht auf die Frage nach der Abgrenzung philosophischer Prosa von poetischen (lyrischen) Aussagen verzichten. Und wird weiter zu der Frage geführt: Wie sollte man eigentlich „poetisch sich äußernde Philosophen“ verstehen, etwa den später Heidegger oder Nietzsche. Manche neigen dazu, auch die ihnen selbst schwer verständlichen Philosophen wie Hegel oder Fichte bereits als Poesie zu betrachten, d.h. bei den Betreffenden, sie philosophisch als Poeten „abzuwerten“.
Zu einigen Hinweisen über Bonnefoy: LINK.
2.
Der Philosoph Edgar Morin, der am 8.Juli 2021 seinen 100. Geburtstag feiert, hat mehrfach zu diesem Thema Stellung genommen. Ich beziehe mich auf das leicht zugängliche Buch „Mes Philosophes“, das bei Fayard in Paris erschienen ist. In dem Buch berichtet Morin in kurzen Essays von Philosophen, Religionsstiftern und Künstlern, die ihm am meisten zu denken gaben und geben, auch Beethoven ist darunter. Über Poesie spricht Morin ausführlich in dem „Le Surréalisme“ überschriebenen Kapitel (S. 159 – 163). Ich finde Morins Überlegungen interessant und anregend, einige seiner Aussagen werde ich übersetzen.
3.
Edgar Morin entwickelt seine die Poesie lobenden Gedanken am Beispiel von Dichtern, die als „Surrealisten“ (etwa seit den 1930 Jahren) bezeichnet werden. Morin meint sogar (S. 159), der Surrealismus gehöre zu den „kulturell und sogar philosophisch reichsten Ereignissen des 20. Jahrhunderts“. Poesie, Denken, die politische Aktion, das Leben, hätten sich darin gegenseitig befruchtet. Der Surrealismus ist in der Wahrnehmung von Morin eine Revolte für die Poesie als Lebensform, wie dies schon für die deutsche Romantik gilt. Surrealistische Dichter (wie Breton, Péret, Mario Pedrosa usw.) wollten die Poesie nicht einschließen und begrenzen bloß auf das Gedicht. Poesie ist für sie treffend vielmehr umfassend „eine Quelle des Lebens“. Edgar Morin meint, diese surrealistische Überzeugung erweiternd: Der Mensch lebe gleichzeitig auf poetische wie auch auf prosaische Weise, Poesie und Prosa sind also für Morin zwei ursprüngliche und primäre Polaritäten des Lebens. (S. 161). Prosa bedeutet für ihn: Arbeit, Nützlichkeitsdenken, Alltägliches etc. Poesie hingegen Verwunderung und Erstaunen, Ekstase, Musik, Tanz, Liebe. Aber beide „Welten“ sind nicht getrennt: In die Realität des Prosaischen ist „eingewebt“ die Phantasie, ohne Phantasie, also Poesie, gibt es keine Realität (S. 161). Morin erwähnt besonders Breton, für den die Welt des Surrealen „eine tiefe und höhere Welt bedeutet“, die im Traum, in der Ekstase der Liebe, in der Poesie zugänglich wird“ (S. 162). Es gibt sozusagen für Morin wie für Breton „innere Welten der menschlichen Seele“(ebd.) Und Morin fährt fort: „Ich glaube ganz tief an eine andere Realität, sie ist ein Geheimnis, aber wir tragen diese Welt ganz tief in uns selbst. Diese andere Realität ist in uns. Wir sind in ihr“ (ebd.). Das sind Worte, die sich an die besten mystischen Traditionen anschließen.
4.
Und diese „mystische Poesie“ muss völlig frei und selbstständig bleiben, sie darf sich niemals in den Dienst einer politischen Partei stellen. „Der Poet kann niemals Partei sein“ (S. 162). Damit erinnert sich Edgar Morin an die Zeit seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Frankreichs, aus der 1951 ausgeschlossen wurde, ein Ereignis, das ihm umfassende Freiheit brachte. Poesie darf niemals Partei sein, niemals Partei ergreifen, das ist ja nicht nur im politischen Sinne gemeint. Poesie, wenn sie religiöse Dimension hat, darf niemals dogmatisch sein, sich niemals der Institution einer Kirchenbehörde unterordnen. Ein aktuelles Thema, wenn man bedenkt, wie die offizielle Katholische Kirche der Niederlande mit dem katholischen Poeten (und Theologen) Huub Oosterhuis umgeht… und seine Gedichte und Lieder in den Messen dort verbietet…
5.
Morin kommt auf die zentrale Bedeutung der Poesie auch in anderen Kapiteln seines Buches zu sprechen. Etwa in dem Kapitel über den umfassend gebildeten Gesellschaftsreformator Ivan llich (S. 167). “Die Poesie ist übrigens auch ein Aspekt der Ethik. Die Kräfte unserer Ethik kämpfen gegen die Grausamkeit der Welt, aber sie zielen gleichzeitig auf die Erfüllung des Menschen in der Lebensqualität, d.h. in dem Miteinander-Leben und der Poesie.“ Poesie und philosophische Ethik gehören zusammen. Von der Erfahrung der Schönheit also zum Guten kommen? Eine offene Frage
6.
So sehr der Philosoph Edgar Morin auch die Philosophen, unter ihnen auch die Skeptiker, schätzt: Wenn er sich etwa auf Rousseau bezieht und seine „Reveries du promeneur solitaire“( „Träumereien eines einsamen Spaziergängers) bespricht, dann gilt: „Ich spürte ein tiefes Bedürfnis nach affektiven Erfahrungen, die die Sensibilität preisen, die Gemeinschaft mit allen menschlichen Wesen und der Natur. Und das berührt mich bei Rousseau, dieser Sinn für die Poesie, der sich in „Reveries“ ausdrückt. Die wunderbaren Seiten erzählen einen Spaziergang auf der Insel Saint-Pierre, sie sind für mich ein großer Augenblick der Mystik. Mystik ist nicht notwendigerweise religiös. Mystik kann entstehen bei einem Glase Wein unter Freunden oder zusammen mit einem geliebten Menschen oder auch angesichts des Erlebens der lebendigen Natur“ (S. 68f.).
7.
Einen viel besprochenen Gegensatz von philosophischer Kritik, Skepsis, Aufklärung UND Poesie will Morin nicht gelten lassen (S. 75). Die romantischen Dichter, auch Rimbaud, integrieren, so meint er, die Botschaft der philosophischen Aufklärung sowie die Erkenntnisse Rousseaus. Und diese Dichter wie die Philosophen widmen sich dem menschlichen Fortschritt und der Emanzipation der Unterdrückten. Man muss die philosophische Aufklärung integrieren und auch hinter sich lassen. Man muss ihre kritische Energie integrieren! Aber ihre abstrakte Rationalität aufgeben (dépasser), auch das, was Hegel den Verstand (der begrenzter ist als die Vernunft, CM) nannte… Wir brauchen die Vernunft und ebenso „das Denken über die Vernunft – Hinaus. Deswegen bewahre ich Rousseau UND Voltaire zusammen in meinem Geist, sie in ihrer Gegensätzlichkeit komplementär“. (S 76).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Peter Sloterdijk will den Himmel zum Sprechen bringen.

Das neue Buch Sloterdijks zeigt: Religionen sind nichts als Machwerk der Menschen.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
Das neue Buch von Peter Sloterdijk „Den Himmel zum Sprechen bringen“ (2020) ist die Langfassung eines Beitrags für eine Festschrift zu Ehren des Ägyptologen Jan Assmann im Jahr 2018. Nun können sich die LeserInnen durch 20 Kapitel auf 344 Seiten durchbeißen. Als Leser hat man oft den Eindruck, ständig an den assoziativen Sprüngen in den Ausführungen des Autors teilzunehmen. Und man ist erstaunt, wie ausführlich Einsichten der Philosophie Platons in nahezu allen Kapiteln lang und breit ausgeführt werden, so dass manchmal der Eindruck entsteht, in ein Buch „Philosophie-Geschichte“ geraten zu sein. Und man fragt sich, wurde dieser nun sehr umfassend gewordene Beitrag für Jan Assmann doch etwas zu schnell geschrieben…
2.
Aber das Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“ verdient ein gewisses kritisches Interesse, weil es auch die dogmatischen Absonderlichkeiten, normativ gesprochen: die zahlreichen dogmatischen Verirrungen der Kirchen (aber auch anderer Religionen) freilegt. Diesen religionskritischen Focus wird man bei einem ersten Blick auf den Titel kaum vermuten: Manche denken dabei vielleicht an die Poesie, die Gebete, die Lyrik, die ja oftmals behaupten, den „Himmel zum Sprechen bringen“ zu können. Aber es geht Sloterdijk auch um viel Grundsätzlicheres. Und von Lyrik und Poesie im engen Sinne ist eher wenig die Rede.
3.
Entscheidend ist der Untertitel: „Über Theopoesie“. Das Wort Poesie bezieht sich hier umfassend auf das altgriechische Verb „poiein“, es bedeutet: Machen, schaffen, tun. Poiesis ist das entsprechende Substantiv. Natürlich ist zum Beispiel Lyrik „Poiesis“, von Menschen Gemachtes. Aber auch die Welt Gottes und der Götter ist nur Poesis, nur von Menschen Gemachtes, so die zentrale These Sloterdijks. Man bewegt sich also, bei Gott und den Göttern im „Bereich des Erfundenen, Ausgedachten, Übersteigerten“ (S. 63). Und weil Religion als Institution durch Mythen, Erzählungen, Reflexionen und verbale oder schriftliche Theologien konstituiert und öffentlich greifbar wird, ist Religion also auch wesentlich Poesie, d.h. Poiesis, Werk und Tat der Menschen.
Ein Urteil, das sich seit den griechischen Philosophien herumgesprochen hat und durch Feuerbach im 19. Jahrhundert sehr populär wurde und in Nietzsche einen Verteidiger fand. Sloterdijk belebt es neu.
4..
Er betont: Die Texte der Evangelien oder des Koran wurden absolut zur Geltung gebracht, sie haben dabei „ihren poetischen, d.h. fiktionalen bzw. mythischen Charakter unsichtbar gemacht“ (S. 277). Das heißt, diese heiligen Texte wurden zum Wort von Gott selbst definiert, dieses Verhalten ist also in der Sicht Sloterdijks geradezu „lügnerisch“ und es versteckt so den wahren, „bloß menschlichen“ Charakter der dann nur noch so genannten göttlichen Offenbarung, wir haben es also in Sloterdijks Sicht mit einem Betrugssystem zu tun. Die Auswirkungen sehen wir bis heute im religiösen Fundamentalismus.
5.
Wenn man nun in Sloterdijks Deutung die christliche Religion als Theo – Poesie zusammenfassend darstellen soll: Dann ist das Christentum (und damit die Kirchen) für den philosophischen Schriftsteller „erschreckend inhuman und eigentlich ein Fall für die Psychiatrie“. Das macht Sloterdijk mehrfach deutlich, etwa in seinem lobenden Hinweis auf die Erzählung von Pierre Gripari „Der kleine Jehova“, eine Erzählung, die, wie Sloterdijk schreibt, „auf engem Raum die theo-psychiatrische Verfassung des Christentums als klug lancierte Schuldgefühlsepidemie offenlegt“. (S. 88).
Das Christentum (als dogmatisches System) ist also krank, und die Kirchen und ihre Führer, die das Christentum repräsentieren, sind ebenfalls krank, wenn nicht pervers, siehe den massenhaften sexuellen Missbrauch durch Priester. Das ist der durchgehende Tenor der Ausführungen Sloterdijks. Und er bietet als Belege seitenweise Auszüge aus den offiziellen katholischen Verurteilungen so genannter Irrlehrer, die das einschlägige Sammelwerk „Denzinger“ äußerst umfangreich dokumentiert (bei Sloterdijk die Zitate auf den Seiten 128 bis 133). Dieses langatmige Dokumentieren der Verurteilungen, die inzwischen sehr bekannt sind, erinnert an den in der Hinsicht ebenso rührigen sich atheistisch nennenden Autor Karlheinz Deschner, er hat seine „Kriminalgeschichte des Christentums“ auf 10 umfangreiche Bände ausdehnen können.
Diese Krankheiten und Perversionen in den Kirchen sind – in Sloterdijks Sicht – von Theo-Poeten gemacht und belebt, vor allem auch von gebildeten Theologen und Bischöfen, wie etwa dem „Kirchenvater“ Augustinus: Sie haben in einer Herrscherposition wahnhafte Gebilde christlicher Dogmatik formuliert, diese durchgesetzt und zelebriert. Der Wortschöpfer Sloterdijk nennt frühe Theologen „Irrkirchenlehrer“ (S. 288), wenn sie als christliche Platoniker an der Vergöttlichung Jesu arbeiteten (ebd). Die Wende von Jesus von Nazareth zum Christus Imperator (etwa in Ravenna sichtbar) ist ein zentrales Thema kritischer Theologie, an das sich Sloterdijk anschließt.
6.
Über die Darstellung christlicher Dogmen und Überzeugungen durch Sloterdijk wäre ausführlich zu reden. Der gebotenen Kürze, die sich bei dieser Rezension aufdrängt, nur ein Hinweis: Wie Sloterdijk vom Glauben an die Auferstehung Jesu von Nazareth spricht, gleich im 1. Kapitel (S. 31 f) seines Buches. Die Hinweise Sloterdijks auf die von ihm studierte Literatur zu dem wahrlich äußerst umfassend erforschten Thema „Auferstehung Jesu“ ist äußerst dürftig, um nicht zu sagen für einen Autor wie Sloterdijk blamabel: Da nennt er nur ein Buch von einem gewissen Frank Morison alias Albert Henry Ross „Wer wälzte den Stein?“ (erstmals auf Englisch 1930 erschienen als Bekenntnis eines fundamentalistisch Bekehrten). Dieses Buch spielt heute in der Forschung zur Auferstehung Jesu de facto überhaupt gar keine Rolle. Und geradezu lustig ist dann Sloterdijks zweiter, wohl aber ernst gemeinter Hinweis auf den phantastischen Roman des zum literarischen Schwadronieren neigenden frommen Bestseller Autors Eric-Emmanuel Schmitt mit dem Titel „Das Evangelium nach Pilatus“. Sloterdijk bezieht sich vor allem auf das Thema „die abwesende Leiche im Grab Jesu“ am Ostermorgen und schreibt dann: „Dürfte man sagen, das Christentum beginne als Kriminalroman, in dem das negative corpus delicti in diversen Versionen wiederauftauchte, zuerst als spukender Ätherkörper am Rand von Jerusalem“, und dann springt Sloterdijk, assoziierend, in sachlich völlig unzutreffende Dimensionen, wenn er anschließend fortfährt: … „dann als Hostie, als Fronleichnamskörper und allenthalben als Kruzifixus?“ (S. 32). Der Fronleichnamskult ist bekanntlich ca. 1.300 Jahre „nach dem Entstehen des Auferstehungsglaubens entstanden. Sloterdijk spricht auch von den „40 Tagen „zwischen Ostern und Christi Himmelfahrt“ („falls es solch einen Tag gab“, schreibt er, wohl ahnend, dass man da doch sich besser an Metaphern und Bilder als an Daten halten sollte) gab es dann doch in der ersten Gemeinde, so wörtlich „Gerüchte, Delirien, Überhöhungen“ (S. 32). Da sind sie wieder, diese Sloterdijkschen Delirien, unter den Christen schon pauschal schon von Anbeginn leiden….
7.
Die Kirchengeschichte wird pauschal nichts als Heilgeschichte, sondern als Verbrecher-Geschichte von Sloterdijk bewertet. Es zeigt sich, dass Sloterdijk alles andere als ein objektiver religionswissenschaftlicher Beobachter ist, er hat durchaus seine eigene normative Meinung.
Sloterdijk warnt in seiner Schilderung der kirchlichen Verbrechen eher sanfte LeserINNen, wenn er in allen Details die Folter, verordnet von Kirchenoberen, ausführlich zu dokumentiert (S. 230 ff.). Diese LeserInnen sollten gegebenenfalls „die folgenden vier Seiten zu überblättern“ (ebd.).
8.
Sloterdijk ist bekannt für sein Ausfindigmachen entlegener Studien, seine Fußnoten sind oft eine Art Entdeckungsreise, nur der populäre und von ihm geschätzte Nietzsche wird mit einzelnen Sätzen (!) in „Den Himmel zu Sprechen bringen“ sehr oft zitiert (im Buch wird Nietzsche der vielen Erwähnungen wegen einfach nur kollegial F.N. genannt). Aber Sloterdijk verweist auf S. 129, Fußnote 137, ausnahmsweise ohne Quellenangabe auf einen Brauch in Österreich einst, „bei den in utero verstorbenen Föten diesen das geweihte Taufwasser von katholischen Hebammen per vaginam“ zuzuführen“, die Föten also per vaginam noch zu taufen. Aber diese nicht belegte Story erzählt Sloterdijk wohl nur, um dann gleich anzufügen: “Hatte Lenin doziert, die Wahrheit ist konkret, antwortet die religionsgeschichtliche Empirie: Das Delirium ist konkreter“. Das Delirium, d.h. die „geistige Verwirrung“ kennzeichnet für Sloterdijk sehr pauschal betrachtet das Christentum und den christlichen Glauben.
9.
Sloterdijk, als Zyniker bekannt, (sein erstes erfolgreiches Buch handelte von der zynischen Vernunft), gibt offen zu, auch in dem Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“, „ironische Züge“ (S. 141) zu verbreiten. Und diese seine Ironie deutet er – gar nicht ironisch, sondern dogmatisch argumentierend – sei „besser als das Theologie-übliche Zuviel-Sagen und letztlich-doch-alles-besser-Wissen“ (S.141). Der Philosoph Holger Freiherr von Dobstadt hat in seiner durchaus auch kritischen Sloterdijk Studie „Das Sloterdijk-Alphabet“ (Würzburg 2006) unter dem Stichwort „Ambivalenz“ (Seite 15 f) über Sloterdijks Denken geschrieben. Er spricht von dessen „doppelter Buchführung“, also: „Alles und das das Gegenteil lässt sich über die Welt aussagen, alle Wahrheiten lösen sich in Perspektivik auf und seine Deskriptionen des Zynismus finden sich in seinem eigenen Bewusstsein, das er im übrigens schonungslos decouvriert“ (ebd.).
Auch in dem Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“ freut sich wohl Sloterdijk über seine zynischen Formulierungen zu katholischen Merkwürdigkeiten, wie dem Fegefeuer: Er beschreibt in seinem sprachschöpferischen („poetischen“) Enthusiasmus das Fegefeuer als „einen transzendenten Waschsalon“, der „die Flecken des Erdenlebens in sieben Reinigungsgängen von der Stirn der Seele tilgt“ (S. 85). Luther kämpfte also gegen Waschsalons, wie hübsch! Wie originell!
Wortschöpferisch – zynisch ist Sloterdijk auch im Fall des Wüstenmönches Antonius (ca. 251 – 356) tätig, den zölibatären Mönch nennt er angesichts der heftigen sexuellen Versuchungen „einen Patriarchen der Psychopornographie“ (245). Die LeserInnen sollen lachen und wohl denken: Bei diesen Theo – Poeten wird kein Himmel zum Sprechen gebracht, Sloterdijk verdirbt jegliche Laune, sich mit dieser üblen Theopoesie, diesem Machwerk Religion bzw. Christentum, auseinanderzusetzen.
Hinsichtlich der Verkündigung der christlichen Lehre, die in Rom tatsächlich einer Dienststelle mit dem lateinischen Titel „Propaganda fidei“ unterstellt war, geht Sloterdijk assoziativ zur kirchlichen „Öffentlichkeitsarbeit“ im allgemeinen über und schreibt nicht ohne „Thymos“, wie er wohl sagen würde, also nicht ohne Wut: “Es bleibt die Familienähnlichkeit mit römisch-katholischen, jakobinischen, Goebbelschen und leninistisch-maoistischen Prozeduren zur Konformitätserzeugung nicht zu verkennen“ (S. 202). Römisch-katholisch, Goebbels, Lenin, alles wird in einen Eintopf geworfen. Solches erzeugt bei einem noch differenzierenden Leser doch etwas „Thymos“, würde Sloterdijk sagen, also durchaus berechtigt: Wut.
Die zweifellos zu kritisierenden Reformatoren Luther und Calvin und ihre Gnaden-Erwählungslehren beschreibt er so: „Die moderne Welt (der Reformatoren, CM) war anfangs nichts anderes als ein Netzwerk von schnellen Brütern für Erwählungsideen“ (304). Und man(n) soll wohl zur Abwechslung beim Lesen ins Schmunzeln geraten, wenn Sloterdijk über die Mutter von Kaiser Konstantin schreibt: Helena sei, so wörtlich, „eine postmenopausich frömmelnde Mutter“ gewesen (S 160).
10.
An diesen Albernheiten werden sich einige LeserInnen erfreuen…Und Religionen albern finden…
Wer das Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“ aber ins kritische Nachdenken einbezieht, muss tiefer ansetzen. Es geht um die schwierige Frage nach dem schöpferischen, auch Religionen und religiöse Texte „schaffenden“ Menschen. Es gibt bekanntlich eine breite philosophische Tradition, die schöpferisches Tun (der Musiker, der Dichter, der religiös Kreativen) nicht einseitig nur als Tat des Menschen versteht, sondern auch als Gabe, als Geschenk, „Geschick“ „des Himmels“ bzw. des Gottes. Mit anderen Worten: Im schöpferischen Tun, auch im Schaffen von Religion, wirkt auch Göttliches mit. Dies ist eine Erkenntnis, die etwa Hegel in seinem ganzen Werk der Geist – Philosophie zentral setzte. Die Voraussetzung dafür war wohl die Erkenntnis, dass ohne eine Art “Schöpfer“ der evolutive Gesamtzusammenhang der Welt und der Menschen nicht zu verstehen ist. Kurz und gut: Hegel zeigte, dass im Menschen als Geist – Kreatur das Unendliche, das Göttliche, wie auch immer man diesen nicht definierbaren, d.h. total zu umfassenden Bereich nennt, anwesend und mit-wirksam ist im Tun und Handel der Menschen. Aber Sloterdijk weist diesen Gedanken sicherlich – wieder zynisch ? – als spinös zurück, so wie er, wenn er in dem Buch von Hegel spricht, dessen Denken verkürzt. Nur ein Beispiel: Im Zusammenhang mit dem Leiden am Karfreitag behauptet Sloterdijk, Hegel habe sozusagen nur die, so wörtlich, „hinfällige Individualität“ gesehen. Der Mensch müssen also, wieder wörtlich, „den unendlichen Schmerz über sich empfinden“ (S. 30) und dabei ausharren. Aber Sloterdijk unterlässt es, darauf hinzuweisen, dass Hegel in seiner Philosophie, auch in seiner Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, bei dieser Position nicht stehen bleibt! In dem auch von Sloterdijk zitierten Band 17 der Suhrkamp-Gesamtausgabe der Hegel Werke heißt es auf S. 269: Das Subjekt sei gerade nicht hinfällig, weil es in sich die „unendliche Kraft der Einheit“ (mit Gott) weiss“. Der Mensch, das Subjekt, ist also die „unendliche Kraft der Einheit“ (von Gott und Mensch), es ist alles andere als die „hinfällige Individualität“, als die sie Sloterdijk festlegen will. Hegel denkt die innere wesentliche Einheit von Mensch und Gott, aber die schließt Sloterdijk aus. Insofern übersieht er wohl gern die Hegelsche Aussage.
11.
Der Mensch ist auch für Sloterdijk, wie so oft gesagt wird in der banal wirkenden Formulierung des „nichts anderes als“ ein von jeglichem Göttlichen getrenntes Wesen. Es ist der Mensch ohne Mysterium, dem nichts als Zynismus übrig bleibt in seiner Situation.
Der große Literaturwissenschaftler George Steiner, wahrlich alles andere als ein kirchenfrommer Theologe, vertritt in seinem Buch „Grammatik der Schöpfung“ die Erkenntnis: Es kann nur ein Miteinander von Göttlichem und Menschlichem im schöpferischen Prozess geben, also in der Poiesis. „Über die Gott-Hypothese lässt sich nicht ohne Kosten spotten“ (S. 343), sagte der umfassend gebildete George Steiner in den genannten Buch, (München 2004).
12.
Viele Hinweise Sloterdijks zu den Verirrungen der Kirche, um nur bei dieser Religion zu bleiben, sind zweifellos richtig. Dennoch muss doch der Objektivität wegen ein starres Schwarz-Weiß-Schema aufgebrochen werden. Das mit der Kolonialherrschaft verbundene Missionssystem etwa der Spanier seitdem dem 16. Jahrhundert war eine Katastrophe, eine Katastrophe, was die Lebensrechte der „indianischen“ Bevölkerung angeht. Mission als Teil der spanischen Kolonisation war insofern auch Teilnahme am Morden. Aber es muss auch der Ausnahmegestalten gedacht werden, die sich – wie begrenzt auch immer – für die Menschenrechte der „indianischen Bevölkerung“ eingesetzt haben, ich nenne nur Pater Bartolomé de Las Casas, er überzeugte sogar mit seiner humanen Botschaft den spanischen Hof, aber der konnte sich bei den selbstherrlichen Eroberern nicht durchsetzen. Deswegen wurde weiter gemordet.
Das Christentum und die Kirchen waren also nie nur ganz total schwarz-weiß malend Mörderbanden.
Was waren denn die Forscher und Mathematiker etwa unter den Jesuiten des 17. Jahrhunderts für Menschen, die tatsächlich als Wissenschaftler anerkanntermaßen Großes leisteten? Haben die „Poeten“, also etwa auch die Schöpfer von barocken Kunstwerken oder die Komponisten von Messen und Oratorien etc., nicht oft genug von sich selbst gesagt, dass inmitten des schöpferischen Prozesses doch etwas „anderes“ („Göttliches“) und Geschenktes in ihnen mit dabei tätig war? Warum hören manche Leute noch voller Begeisterung diese Musik? Sind diese musikalischen Leistungen von Bach, Mozart, Beethoven etc. Ausdruck von Wahn oder „Delirium“? Wer solches behaupten würde, wäre selbst nicht mehr ganz auf der Höhe…
13.
Sloterdijks Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“ ist im wesentlichen religionswissenschaftliches Feuilleton, es ist kein Buch, das auch die aktuelle Entwicklung der Religionen berücksichtigt und diese in die Analyse einbezieht. Sloterdijk sieht nicht den tiefen Wandel im Christentum. Er sieht nicht und weiß nicht oder will es nicht wissen, dass etwa in Lateinamerika viele katholische Kreise, auch Bischöfe, entschieden die Menschenrechte verteidigen, aber auch in Afrika und Asien. Da lebt eine christliche Religion, die eben kein Delirium ist. Von Theologie der Befreiung hat Sloterdijk offenbar nie etwas gehört, nichts von christlichen Friedensbewegungen, von katholischen Menschenrechtsaktivisten, die im Engagement für die Armen ihr Leben lassen. Sloterdijk hat offenbar nichts von der Diakonie oder Caritas gehört, die etwa in den Slums der USA nach wie vor Millionen Menschen mit Essen versorgen, von Suppenküchen und Kleiderkammern von Klöstern in Europa hat er nichts gehört, nichts davon, dass viele Klöster so beliebt sind, dass dort Menschen Ruhe und Meditation suchen und finden.
Damit will ich keine Apologetik betreiben, sondern nur der gebotenen Objektivität willen sagen: Selbst in Kirchen, die sich heute noch auf eine göttliche Wirklichkeit, auf ein ungreifbares und nicht machbares Lebensgeheimnis in aller Offenheit beziehen, lebt sehr viel humane und vernünftige Energie, für die Menschenrechte ALS „göttliche Gebote“ einzutreten.
14.
So bleibt nach der Lektüre die Frage: Warum wurde eigentlich dieses Buch geschrieben? Die alten Thesen von Feuerbach und Co. sind ja bekannt. In seinem 20., dem Schlusskapitel, überschrieben „Religionsfreiheit“, deutet Sloterdijk, diesmal recht knapp und kurz, an: Religion ist für ihn „Beihilfe zur Auslegung des Daseins… bis hin zur Aufhellung des Unverfügbaren und zur Domestikation des Unheimlichen“ (S. 331). Religion geht darin auf, gemachte, „poietische“ (poetische) Funktion der Menschen zu sein. Aber, damit er nur ja nicht der Religion eine allzu wichtige Rolle zuweist, betont Sloterdijk schon mehrfach zuvor: Und das ist wohl der Sinn all der über 300 Seiten des Buches: Religion ist in der säkularen Welt nichts als ein kleiner „Rest“. Ein Rest, der „nach Abzug von alldem übrigbleibt, was in die Wissenschaften und in alle nur denkbaren Bereiche von Weltgestaltung „abgewandert“ ist (S. 330). Vielleicht verschwindet beim Fortschritt der Wissenschaften etc. dann auch Religion? Die Religion ist also NOCH der verschwindend kleine Rest, der, so betont Sloterdijk, selbstverständlich frei gelebt werden kann. „Religion ist überflüssig wie Musik“, schreibt Sloterdijk tröstend all jenen, die noch diesem letzten Rest, wie er schreibt, dem letzten Rest aus den „archaischen und hochkulturellen Weltbildern“ (S. 330) anhangen. Aber wie Musik ist für Sloterdijk Religion „Luxus“ (S. 335). Aber er muss doch zugeben als ein Zitat von einem Ungenannten: “Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“. Aber weil nun einmal Religion, so wörtlich, Luxus ist, also kein Grundnahrungsmittel für die meisten, ist ihre Leistung auch „durch weltliche Prägungen substituierbar“, wie er schreibt (S. 335). Substituierbar bedeutet bekanntlich „austauschbar“, „ersetzbar“.
Was aber kann dieser religiöse Luxus heute noch sein? Sloterdijks Antwort: Es sind die „Schriften, Gesten, Klangwelten, die noch den einzelnen unserer Tage gelegentlich helfen, sich mit aufgehobenen Formeln auf die Verlegenheit ihres einzigartigen Daseins zu beziehen“ (S. 336). Möge also der einzelne als einzelner, offenbar außerhalb jeglicher Gemeinschaft, aus den Verlegenheiten des Daseins herausfinden. Von dem „Berührtsein“ von einer außerhalb des Menschen wie gleichzeitig IN ihm unbedingt sich zeigenden „Kraft“ des Mysteriums ist keine Rede. Aber gerade davon lebt ja bekanntlich die Musik, auf die sich Sloterdijk in seinem Hinweis auf die Ähnlichkeit mit Religion bezieht. So endet also das Buch mit einer doch wieder noch viel zu kurz greifenden „Auslegung der Existenz“. Aber gerade dann hätte das Buch wichtig werden können. Alles andere ist tausendmal gesagt.
15.
Und was soll der Titel des Buches wohl bedeuten? Kommt irgendwann ausführlich „der Himmel zum Sprechen“? Werden also naheliegend Gedichte und Psalmen, Lieder und Gebete, selbst unter der Sloterdijkschen Prämisse, dass es Gott nicht gibt, ausführlicher und angemessener vorgestellt und interpretiert? Eher nicht! Es werden einzelne Bibel-Verse gedeutet, etwa die Hiob-Geschichte, auch Psalmen werden kurz erwähnt und sogar das Kirchenlied „Großer Gott wir loben dich“ wird „abgehandelt“. Aber im ganzen darf man von dem Buch keine ausführlichen Hinweise zur Poesie und Lyrik und Gedichten „im engeren Sinne“ erwarten.
16.
Wer dieses umfassende Thema vertiefen will, auch die Frage nach dem schöpferischen Miteinander und Ineinander von menschlichem und göttlichem Geist, sollte das inhaltlich viel differenziertere Buch von George Steiner lesen, “Grammatik der Schöpfung“, DTV, 2004, 351 Seiten, 12,50 Euro.

Peter Sloterdijk, Den Himmel zum Sprechen bringen. Über Theospoesie. Suhrkamp Verlag, 3. Aufl. 2020, 344 Seiten, 26 Euro.
Das Buch enthält weder ein eigentlich zu erwartendes Stichwort-Register noch eine Liste der zitierten Bücher. Das erschwert ungemein die kritische Arbeit am Text. Aber auch in den anderen Bücher Sloterdijks fehlen die für kritische Auseinandersetzungen üblichen Stichwort-Register und Listen der zitierten Bücher. Dieses Fehlen unterstreicht nur den „Feuilleton-Charakter“ der Schriften von Sloterdijk.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Edgar Morin wird 100: Ein universaler Geist. „Ich bin immer störend gewesen“.

Ein Hinweis von Christian Modehn auf einen Denker, der endlich auch in Deutschland bekannt werden sollte! Siehe unten den Hinweis auf das Edgar Morin Forschungszentrum.

(ARTE sendet in der Nacht vom 8. zum 9.Juli, um 1.15 nachts einen einstündigen Film über das Leben und das Werk von Edgar Morin).

Wie Edgar Morin die Beziehungen sieht von Poesie und Philosophie, LINK

1.
Wie können die äußerst vielfältigen Interessen und Forschungen des Philosophen, Anthropologen, Soziologen und politisch Engagierten Edgar Morin zunächst an einem Beispiel deutlich werden?
2.
Wieder einmal verwirrten antisemitische Gerüchte in Frankreich die Geister. In Orléans und anderen Kleinstädten, wird 1969 (und später noch) das Gerücht verbreitet: In Geschäften jüdischer Eigentümer würden plötzlich junge Frauen entführt, sie verschwinden „einfach so“. Die jüdischen Inhaber der Läden werden aufs übelste beschimpft und bedroht. Die Polizei ist machtlos… und sie kann keine verschwundenen Personen melden.
Es gibt einen Soziologen, der diesen Wahn mit einer Equipe genau untersucht und seine Forschungsergebnisse publiziert hat: Edgar Morin. Seine Studie hat den Titel „La Rumeur d Orléans“ „Das Gerücht von Orléans“: Auch wenn sich der „alte“ Antisemitismus mit den üblichen rassistischen Klischees (Juden haben eine komische Nase, sind geldgierig etc.) 1969 nicht mehr öffentlich zeigt, ein anderer Antisemitismus macht sich breit: Im Focus des Hasses steht etwa der Jude als jüdischer Geschäftsmann, der zwar jedem anderen Franzosen gleicht, der also integriert ist, der aber doch „als Jude“ bekannt ist und trotz der Integration diffamiert wird. Dies ist auch das heutige Problem in Europa: „Der“ Jude scheint integriert, wenn nicht assimiliert zu sein, er/sie wird aber immer noch als „anders“ wahrgenommen und wegen der Andersheit drangsaliert und verfolgt.
3.
Das Buch „La Rumeur d Orléans“ ist eines von (tatsächlich) 115 Büchern, (gezählt auf der französischen wikipedia-Seite), des französischen Universalgelehrten. Sein Werk wird in Frankeich zurecht „monumental“ bezeichnet, seine Studien wurden in 28 Sprachen übersetzt und 42 Ländern verbreitet. In Deutschland ist Edgar Morin eher noch unbekannt, keine deutsche Universität hat ihm einen Dr. hc. verliehen. Von seinen 115 Büchern sind sechs Bücher auf Deutsch erschienen LINK. Manchmal wundert man sich sehr über die Grenzen des deutsch-französischen Kulturaustausches. Als sein Hauptwerk gilt das sechs Bände umfassende Werk „La Methode“ (erschienen in den Jahren 1977 bis 2006).
4.
Am 8. Juli 1921 wurde Edgar Morin in Paris 1921 als Kind säkularer jüdischer Eltern (ursprünglich aus Saloniki stammend) geboren unter dem Namen Edgar Nahum, der Tod seiner viel geliebten Mutter 1931 war für das Kind eine Katstrophe.
Wegen seiner Mitarbeit in der Résistance (als Mitglied des PCF 1942) gab sich Nahum den Decknamen Morin, den er seitdem behalten hat. 1951 wird er aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen. Morin kam immer wieder auf seine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Frankreichs zu sprechen. Für sehr viele (bis heute prominente) französische Intellektuelle während und nach der Okkupation war eine Mitgliedschaft in dem PCF eine Art sich humanistisch verstehende Protesthaltung gegen den Faschismus, verbunden mit einer naiven Idealisierung der Sowjetunion und einer begründeten Abscheu vor dem Kapitalismus.
Morins politische Option blieb auch nach dem Ende seiner Tätigkeit in den intellektuellen Zirkeln der KP links. Er gründete 1956 die Zeitschrift „Arguments“, damals sehr angesehen, unter seiner Chefredaktion wurde der Stalinismus analysiert und kritisiert. Das Erscheinen von „Arguments“ wurde leider 1962 eingestellt.
In seinem Buch „Autocritique“ (1959) reflektiert Morin seine vor allem auf intellektueller Ebene durchaus beträchtliche Mitwirkung in der Kommunistischen Partei. 1983 erschien sein Buch „Was war der Kommunismus“. Die Antwort Morins: „Kommunismus war auch ein religiöser Glaube, eine große Religion mit Heiligen, Helden, Schlächtern, Märtyrern, Eiferern, war eine irdische Heils-Religion“.
5.
Morin ist bestimmt von dem Willen, sich persönlich zu befragen und politisch zu verändern, vor allem: zu lernen: Als Professor war er viele Jahre an dem berühmten Studienzentrum CNRS (=Forschungszentrum der Wissenschaften) tätig. Mit ihm ist Morin immer noch, auch publizistisch verbunden: https://lejournal.cnrs.fr/articles/edgar-morin-ou-leloge-de-la-pensee-complexe. Das CNRS weist zurecht auf die wichtigste Qualität des Wissenschaftlers Morin hin: Er sieht die Komplexität der sozialen, politischen und philosophischen Wirklichkeit, aber er sucht im Komplexen den inneren Zusammenhalt.
Seit vielen Jahren ist Ökologie eines seiner Hauptthemen, mit dem französischen Öko-Aktivisten Pierre Rabhi hat er beispielsweise ein Buch herausgegeben. Auch die Enzyklika von Papst Franziskus („Laudato si)“ zugunsten eines grundlegenden ökologischen Wandels hat Morin sehr positiv besprochen. „Der Papst verwendet eine Formulierung, wie ein Zitat von Gorbatschow, das Wort von dem Gemeinsamen Haus, in dem die Menschheit lebt. Der Papst zeigt, dass die Ökologie ganz tief heute unser Leben, unsere Zivilisation, unsere Weise zu Handeln und unser denken bestimmen muss“. Es ist die Selbstkritik, die Morin auszeichnet, diese Bereitschaft zu fragen und zu lernen, die auch an seinem Lob für eine päpstliche Enzyklika sichtbar wird. Das ständige Lernen und Sich-Befragen ist förmlich Morins Prinzip…
6.
Das politische Engagement zugunsten der sozialen Gerechtigkeit ist die Leidenschaft im Denken Morins. Sie gilt den armen Menschen in den Ländern der Armut, wie in Lateinamerika. Sie gilt in anderer Form auch in seinem Einsatz zugunsten von Edward Snowden und Julian Assange … mit Stéphane Hessel hat er gemeinsam publiziert. Auch der Dialog mit islamischen Intellektuellen ist ihm wichtig: Selbst mit einem muslimischen Intellektuellen, der umstritten ist, mit Tariq Ramadan, hat Morin im Jahr 2017 das Buch „L urgence et l essentiel“ publiziert: „Ich verabscheue die Polemik gegen Menschen und liebe die Polemik der Ideen“, hat Morin in dem Zusammenhang gesagt.
7.
Das explizit philosophische Werk Morins ist umfassend: Er betont: „Zweifel ist die Basis des menschlichen Lebens“ und sagt gleichzeitig: „Das Leben ist ein Mysterium: Sich verwundern über den Glanz des Lebens und darin die Energie finden gegen alle Greuel“.
Morin nennt sich Agnostiker, er hat aber viel Verständnis für religiöses Suchen nach einer Transzendenz. „Alles, was wir vom Universum gelernt haben, hat ein tiefgründiges Mysterium der Wirklichkeit offenbart. Mysterium des Lebens auf der Erde! So verblüffend bei seinem Entstehen und nicht weniger verblüffend in den Evolutionen: das Mysterium des Menschlichen, das Mysterium des Bewusstseins. Wir sind eingebettet in unergründliche Geheimnisse, die sich verbinden zu einem großen und obersten Geheimnis Die Poesie des Lebens passt zu der Präsenz des Mysteriums“.
8.
In seinem Buch „Mes Philosophes“ (2012) zeigt er zum Beispiel, warum er den Mathematiker und Mystiker Blaise Pascal schätzt, warum er in dem Buch auch von Jesus und Buddha spricht. „Jesus ist eine Art jüdischer Schamane, er hat der Menschheit den Sinn für die Vergebung beigebracht, die in seiner Sicht höher ist als die Gerechtigkeit. Ich bin ebenfalls sehr bewegt von einem Satz des Apostels Paulus: „Ohne die Liebe, bin ich nichts“. Ich glaube nicht an ein himmlisches Heil. Aber wegen der Vergebung und der Lehre von der Liebe fühle ich mich wie eine Art „Neo-Chrétien“, also ein Neu-Christ. Und was Marx angeht: Seine materialistische und eindimensionale Lehre von der Welt ist überholt und vorbei, aber viele seiner Ideen bleiben lebendig und stark. Im übrigen glaube ich, wie der spanische Mystiker Johannes vom Kreuz, dass jede Kenntnis zu einer neuen Unkenntnis führt. Und alles Licht kommt von einer dunklen Quelle“.
9.
„Was ich glaube“:
Morin lehnt es ab, sich Christ zu nennen, auch wenn ihm die Jesus-Gestalt viel bedeutet und die christliche Mystik (Johannes vom Kreuz) ebenso. In seinem Buch „Mes Philosophes“ (Seite 42) schreibt Morin: „Ich bin für eine Religion der Verbindung: Wir Menschen sind verbunden mit dem Leben, mit der Erde, die mit ihrer Sonne verbunden ist, wir sind verbunden mit dem Kosmos. Wir sind schließlich auch mit allen Wesen verbunden, die in uns sind, Vorfahren, Eltern. Und wir müssen uns verbunden mit allen anderen Menschen durch die Bindungen der fraternité. Das ist also eine Religion ohne Idole, aber mit dem Sinn für das Mysterium, in dieser Religion sind Glauben und Zweifel gleichzeitig vorhanden. Dies ist die Religion der verlorenen Menschen, eine Idee, die ich in meinem Buch „Evangile de la perdition“ ausgedrückt habe. Wir Menschen sind zusammen verloren, wir haben keine strahlende Zukunft der Vorsehung. Aber wir sind gemeinsam verbunden in einem unbekannten Abenteuer, das ungewiss ist und geheimnisvoll“.

10.
WIDERSTEHEN!
Edgar Morin ist überzeugt:
„Wogegen muss man heute Widerstand leisten? Man muss gegen zwei Formen der Barbarei Widerstand leisten: Eine Barbarei kennen wir alle: Sie zeigt sich im so genannten Islamischen Staat mit ihren Attentaten und dem Wahn. Die andere Barbarei ist kalt, eisig, die Barbarei des Kalküls, des Geldes, der Zinsen. Gegen diese beiden Formen der Barbarei müsste jedermann heute Widerstand leisten“.

Wer Französisch lesen kann, dem empfehle ich dringend als Einführung in das Denken Edgar Morins sein Buch „Mes Philosophes“. Reihe „Pluriel“ im Verlag Editions Germina, 185 Seiten, 7,50 Euro.

Es gibt eine offizielle website mit einer kompletten Bibliographie, gestaltet vom „Centre Edgar Morin“: LINK
https://www.iiac.cnrs.fr/spip.php?page=rubrique&id_rubrique=2

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Zu Peter Sloterdijk: Kritik des zynischen A-Humanismus: Von Herrenmenschen und solchen, „mit denen man fast nichts gemeinsam hat“.

Eine Meinungsäußerung zu Ausführungen Peter Sloterdijks in dem Blatt CICERO
Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin am 3.2.2016.

Dieser Beitrag wurde noch einmal am 27.6.2021 publiziert, um eine gewisse Ernüchterung zu fördern angesichts der zum Teil euphorischen Bewertungen des Sloterdijk Buches „Den Himmel zum Sprechen bringen“ (Suhrkamp, 2020).

In dem vor 5 Jahren publizierten Beitrag wurde irrütmlich Sloterdijk als Philosoph tituliert. Diesen Titel lehnt Sloterdijk aber selbst ab, so etwa in seinem Vortrag „Absoluter und kategorischer Imperativ“ (Paris, 2009, in: „Nach Gott“, 2018, Seite 300). Dort nennt sich Sloterdijk, ausnahmsweise bescheiden, „Autor philosophischer Arbeiten“. Und in dem Buch „Das Sloterdijk-Alphabet“ von Holger Freiherr von Dobeneck, (Würzburg, 2006), wird mehrfach darauf hingewiesen, dass Sloterdijk kein Philosoph ist, sondern eher ein „philosophischer Zeitdiagnostiker und Ideenhistoriker als ein kritisch-systematischer Philosoph“ (Seite 269).

Das Interview mit dem Philosophen Peter Sloterdijk in der Monatszeitschrift CICERO, Februar 2016, Seite 19 ff., hat viele Kommentare gefunden. Zum Teil wurden die Aussagen Sloterdijks schlichtweg für unverschämt, polemisch, viel zu pauschal, hetzend usw. empfunden. Diese Meinungsäußerungen sind im Großen und Ganzen sicher treffend.

1.
Tatsächlich sind die Ausführungen Sloterdijks für philosophisch interessierte Leser seiner Bücher ein gewisser Schock. Manchmal hat Sloterdijk doch Vernünftiges gesagt. In welchen Kreisen fühlt sich Sloterdijk nun wohl?
Nebenbei muss gefragt werde: Sind die eigenen schriftstellerisch-philosophischen Äußerungen Sloterdijks auch von seinem Zorn und seiner Laune, je nach dem, bestimmt? Wie stark sind bei ihm nicht weiter überprüfte Glaubenshaltungen, etwa im Fall der beiden jüngsten Bücher zur Gottesfrage: Schlicht die leitende Überzeugung, dass es eine göttliche Wirklichkeit nicht „gibt“?

2.
Einerseits weckt Slozerdijk beim Lesen des CICERO-Interviews Sympathien, wenn er zu Beginn angesichts des Terrors zu „Gelassenheit“ auffordert als einer „moralischen Aufgabe“, also für den reflektierten d.h. doch wohl kritischen Abstand vom Ereignis (Terror) wirbt. „Wir haben keine anderen Waffen als Aufklärung und Ruhe“, heißt es auf Seite 20 oben. Treffende Worte für einen Philosophen. Wenn er nur das Thema vertieft hätte….
Aber diese Einsichten werden förmlich von Sloterdijk selbst zerstört, wenn er sich zu pauschalen und unbegründeten Aussagen hinreißen lässt. Man fragt sich dann, ob er die Mahnung zu Ruhe und Aufklärung zuvor überhaupt ernst gemeint hat.
Unsinnig und unbegründet ist es, wenn er behauptet, dass der Islam „von seiner inneren Gestalt her nicht wirklich staatsfähig ist“, Seite 20. Warum soll denn „der“ Islam sich nicht entwickeln, wie einst das gar nicht so demokratie-staatsfähige Christentum? Warum ist es ausgeschlossen, dass der islamische Glaube als private Frömmigkeit in einer Demokratie gelebt wird? Wer will darauf verzichten zu hoffen (und daran zu arbeiten), wenn denn diese Welt noch eine insgesamt friedliche und tolerante Zukunft haben soll?

3.
Woher weiß Sloterdijk, dass, so wörtlich, der Islam „fast ohne Theologie auskommt“? Er will „den“ Islam offenbar für blöd erklären, für frommes Gesäusel halten und eine Sache der Gewalt… Dass es islamische Mystik, also eine Form der Theologie, gibt, hat er wirklich nie gehört? Hat Sloterdijk von den zahlreichen theologischen Schulen etwa seit dem 10. Jahrhundert gehört, ohne die christliche Theologie (und Philosophie !) später kaum möglich wäre? Hat er erfahren, dass es heute in vielen europäischen Ländern muslimische TheologInnen und entsprechende Lehrstühle an Universitäten gibt? Woher kommt diese Ignoranz? Warum verbreitet eine Zeitschrift wie CICERO unbesehen und ohne Korrektur so viel Unsinn? Will sie mit diesen falschen Behauptungen die LeserInnen aufhetzen? Will sie ihrem Ruf, sehr rechts und sehr konservativ zu sein, einmal mehr entsprechen? Diese Fragen sind Meinungsäußerungen!

4.
Über die klug zwischen den Zeilen angedeutete Vorliebe Sloterdijks für Carl Schmitt (gegen den jüdischen Philosophen Walter Benjamin) wäre vieles zu sagen. Schlimm ist, wenn ein doch eigentlich reflektierender Philosoph wie Sloterdijk die wirre Behauptung, sehr ähnlich den populistischen Sprüchen von Pegida und AFD, in die Welt setzt: “Die deutsche Regierung hat sich in einem Akt des Souveranitätsverzichts der Überrollung preisgegeben“ (Seite 21). Wir werden also überrollt? Herr Sloterdijk sollte also besser auswandern, um sein Leben zu retten vor den muslimischen Horden, am besten zu seinen Gesinnungsgenossen unter den Regierenden in Ungarn oder Polen? Im Ernst: Wir werden zerstört, vernichtet, bloß weil die Kanzlerin früher einmal, jetzt schon wieder, die Menschenrechte aller, aber auch aller Menschen Recht auf Leben und Schutz höher schätzte als die materiellen Wohlstands-Interessen der eigenen Nation? Menschenrechte stehen über den Gesetzen einer jeden Nation, das sollte ein Philosoph eigentlich wissen. Aber Sloterdijk denkt offenbar die Gedanken des 19. Jahrhunderts, als alle Welt die Nationen so toll fand, die Staaten, mit ihren Grenzen, um die man national(istisch) selbstverständlich kämpfen muss, siehe Erster Weltkrieg: Die Verteidigung des alten und stets zur Kriegshetze neigenden eng umgrenzten National-Staates lässt sich Sloterdijk nicht entgehen. Er liebt die Grenze, die Staaten von Staaten trennen: Man wehrt sich von einander ab, man hasst sich, man ist neidisch, man führt ganz selbstverständlich um der Grenzen willen Krieg. Führende AFD Damen sprachen bereits konsequenterweise vom Schusswaffen-Gebrauch an der deutschen Grenze gegen Flüchtlinge, selbstverständlich nicht gegen Kinder, sondern humanerweise nur gegen die Mütter. Eigentlich sollte es für Sloterdijk hoch blamabel sein, sich de facto in solchen Kreisen zu bewegen.

5.
Über den grundlegenden philosophischen Sinn von Grenzen wäre weiter zu sprechen, bekanntlich gab es für den Philosophen Hegel und andere Philosophen die Grenzen nur, um sie zu überschreiten. Das eingegrenzte, d.h. eingepferchte Dasein in eine Art Insel des Eigenen ist purer philosophischer Blödsinn. Wir leben als nun einmal zwar als individuell-begrenzte endliche Menschen, sind aber doch immer auch grenzenlos: Allein schon durch die Sprache, die wir mit allen Menschen teilen, durch die gemeinsame Kunst, die Kommunikation, in der wir über uns hinauswachsen, uns transzendieren, also Grenzen überschreiten.

Wahrlich verstörend und eine Beleidigung für Humanisten sind die Sätze auf Seite 22, zweite Spalte, in denen der Philosoph Sloterdijk offenbar in der ihm zugewiesenen Rolle des großen Meisters und Alles-Wissers pauschal die Integration für ein „unerreichbares Ziel“ hält, so wörtlich. Er plädiert für eine gleichgültig nebeneinander her lebende „Koexistenz“, „eine freundliche Gleichgültigkeit gegenüber der Tatsache, dass es zu viele Leute gibt, mit denen fast nichts gemeinsam hat“. Von friedlicher Koexistenz sprach man zu Zeiten des Kalten Krieges, als es Feindbilder gab.

Der Leser denkt: Mit diesem Sloterdijk will ich nichts gemeinsam haben. Bestenfalls diese von ihm beschriebene Koexistenz. Aber schwerwiegender ist die Arroganz des besseren, des wervolleren Menschen, des Herrenmenschen, der da spricht: Etwa: Mit diesen blöden Leuten, den Flüchtlingen, den Muslims, den anderen, den Ungebildeten und Armen, Kranken, Stinkenden, will ich bitte schön fast nichts gemeinsam haben und eben in einer Koexistenz nebeneinander her leben, nebeneinander, d.h. in Ignoranz, in Verachtung ohne Tätlichkeiten, bloß nicht im Dialog, schon gar nicht in Hilfsbereitschaft. Dieser zentrale, verstörend-unvernünftige Satz ist zu deuten als Ausdruck eines zynischen A-Humanismus. Von christlichen Traditionen, den guten, den wahrlich humanen trotz aller Verfehlungen, wollen wir nicht reden. Dafür hatte Sloterdijk pauschal ja nie viel übrig in seinem Denken. Dem sich im Menschen zeigenden Gottes-Bezug entspreche keine Wirklichkeit, dies ist nichts anderes als GLAUBENSBEKENNTNIS des Philosophen Sloterdijk.

6.
Heftig wird der Schlusssatz der genannten Sloterdijk Äußerung, der sich auf den elitär-herrschaftlichen Autor Stefan George beruft und noch einmal zeigt, wie tief die Verachtung Sloterdijks für die Flüchtlinge (und ihre dummen Helfer und ihre menschlich denkenden, vielleicht noch christlich angehauchten Politiker) ist: Sloterdijk sagt tatsächlich: “Wer kennt nicht die Momente, in denen man mit Stefan George sagen möchte: `Schon eure Zahl ist ein Frevel`? Eine antihumane Ungeheuerlichkeit! Aus der esoterischen Sprache Stefan Georges übersetzt: „Ihr Flüchtlinge seid schon in eurer großen Anzahl ein Frevel für uns Herrenmenschen. Ihr nehmt uns unseren Luxus. Ihr stört. Weg mit euch, Ihr Armen, Gequälten, Geschundenen. Geht zurück, nach Syrien, in den Iran usw. Lasst euch dort oder auf dem Rückweg und Hinweg erschießen, ist doch egal. Ersauft doch im Mittelmeer. Ihr frevelhaft Überzähligen. Wir haben als Herrenmenschen mit euch nichts gemein“.
Sloterdijk, der ja immer noch eine gewisse Beachtung findet in der Öffentlichkeit, wirkt mit seinen Hetzreden in der Zeitschrift CICERO in die Regierungskreise, CDU-CSU vor allem, hinein. Die ängstlichen, auf Wählerstimmenden schielenden Politiker haben längst begonnen, ihre Grenzen zu sichern, sich einzumauern, Angst zu verbreiten und den alten Nationalstaat wieder auferstehen zu lassen. Wie es mit den auf Grenzen fixierten Nationalstaaten einmal zuging, möge man bitte den Geschichtsbüchern entnehmen, und vorzugsweise die Jahre 1914 bis 1918 studieren oder 1933 bis 1945.

7.
Schon in dem oben genannten Buch „Sloterdijk-Alphabet“ (2006) gibt es eine kurze Erläuterung zum Sloterdijk Stichwort „arabische Kultur“ (S.154 f.). Der Autor dieses Buches, der Philosoph Holger Freiherr von Dobeneck schreibt: „Sloterdijk bezieht sich in seiner Charakterisieung der arabischen Kulur auf die Kulturmorphologie Spenglers. Nach ihm bildet die arabische Kultur einen tiefen Gegensatz zur Kultur des Westens, so dass eigentlich der islamische Kulturkampf gegen den Westen immunitätspolitisch in der Tiefenstruktur dieser Kultur schon angelegt ist….“.

8.
In dem „Sloterdijk-Alphabet“ gibt es auch ein Stichwort „Visionen“. Sloterdijk „fordert die Einrichtung eines Büros für Visionen“. Dann fährt der Autor des „Sloterdijk-Alphabets“ fort: „Ansatzeise gibt es das (alsodie Visionen) schon im Institut für Staatspolitik im Rittergut Schnellroda…“(Seite 260). Das Rittergut zu Schnellroda in Thüringen ist bekanntlich das Zentrum des sehr rechstlastigen Götz Kubitschek und seines Antaios Verlages, mit dem der rechtsextreme Politiker der AFD, Björn Höcke, eng verbunden ist. Und in der bekannten, für alles sehr Rechtslastige offenen „Bibliothek des Konservatismus“ in Berlin sind 32 Werke von Sloterdijk, selbstverständlich möchte man sagen, vertreten.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon

Unerhörte Fragen: Warum haben Menschen das deutliche Kriterium für die Qualität ihres Lebensstils (ihrer Moral) vergessen?

Die 4. Frage unserer Reihe „Unerhörte Fragen“:Warum haben wir den „Kategorischen Imperativ“ vergessen?

Was bedeutet „unerhört“?
1.Unerhört werden außerordentliche Themen (auch Dinge) genannt.
2.Als unerhört gilt, wenn ein Wort, ein Vorschlag, von anderen nicht gehört und nicht beachtet wird, also un-erhört

Über Moral und Ethik kann man natürlich ewig diskutieren und dann sagen: Ja, ja, jeder und jede hat irgendwie recht. Also soll jeder – auch politisch und ökonomisch – so leben, wie es ihm passt. Egal, was dann weiter passiert.

Immanuel Kant hat die menschlichen, die sozialen und politischen Gefährdungen dieser simplen Haltung erkannt und ihr mit Gründen vernünftiger Einsicht, die DEN Menschen auszeichnet, widersprochen.

Kant wusste: Mit äußeren Befehlen und Gesetzen ist einer banalen moralischen Haltung allein nicht beizukommen. Einzig die innere Überzeugung, also eine Leistung der Vernunft, hilft auf Dauer weiter und führt zu einer menschenwürdigen und freien Gesellschaft, also einer, in der alle Menschen ihrer Würde entsprechend leben können. Dass Moral dabei nicht den Mief einer spießbürgerlichen Sexualmoral hat, ist sowieso klar.

Man sollte sich fragen, warum die verschiedenen Formulierungen des Kategorischen Imperativs von Kant so wenig bekannt und noch viel weniger respektiert werden? Sie sind doch so einfach zu verstehen. Liegt die Unkenntnis an dem etwas schwierigen Titel? Liegt es an der allgemeinen Unbildung vor allem auch in Fragen der vernünftigen Lebensgestaltung, und dies ist ja die Philosophie? Wahrscheinlich ist das so. Indem man Philosophie als „schwierige Disziplin“ in die Ecke des Marginalen stellt, entledigt man sich auch der Grundsätze einer universalen humanen Lebensgestaltung.

Zwei Formulierungen des „Kategorischen Imperativs“ von Immanuel Kant, die sich auf die Grundsätze der individuellen Lebensgestaltung beziehen, folgen gleich.

Zunächst: Diese unbedingt (also kategorisch) geltenden Imperative beziehen sich auf die zahllosen Maximen, also die Leitlinien individueller Lebensgestaltung, die jeder und jede, irgendwie, mehr oder weniger bewusst, „hat“ und lebt.
Heute wäre eine aktuelle Maxime etwa: „Zuerst muss ich mich als Teil der reichen Länder um mein eigenes materielles Wohlergehen kümmern“.
Oder: „Die Frage der Klimapolitik überlasse ich künftigen Generationen“.
Oder: „Wir als deutsche Unternehmer (etwa Bayer) haben moralische Doppelstandards und akzeptieren, dass unsere Gifte für den Acker (mit Pestiziden) im reichen Europa nun verboten sind, um so mehr sind wir dankbar, dass wir unsere Gifte an anderen Orten, etwa im armen Lateinamerika, auf den Markt bringen können.“
Oder: „Ich als Agrar-Unternehmer (etwa in Spanien) brauche für meine Obstplantagen Menschen, die als Ungelernte und zudem noch als Flüchtlinge aus Afrika eben schlechter als andere bezahlt werden dürfen und in eher primitiven Unterkünften leben können“.
Jeder und jede kann weitere, seine eigenen Maximen formulieren. Diese Maximen hätten im Denken der Vernunft, im Sinne Kants, keinen Bestand in der Moral.

Kant macht es uns insofern einfach, als er für die denkbare Fülle von Maximen Kriterien hinsichtlich ihrer Vernunft formuliert, also Prüfsteine ihrer moralischen und allgemein menschlichen Qualität,

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
Oder:
Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.
In heutige Alltagssprache übersetzt könnte man diesen Kategorischen Imperativ so verstehen: „Handle so, dass du die allgemeine menschliche Würde aller Menschen sowohl für dich selbst und für jeden anderen Menschen niemals instrumentalisierst. Du sollst dich selbst und auch keinen anderen Menschen als Mittel, als Ding, verstehen und behandeln. Sondern: Du selbst und jeder andere Mensch ist Selbstzweck, hat also unendlichen Wert an sich selbst. Kein Mensch darf für irgendetwas wie ein Instrument behandelt werden“.

Werden diese Imperative mit den jeweiligen Maximen verbunden, kann die Qualität der Maxime beurteilt werden. Aber die Erkenntnis stellt sich der Freiheit eines jeden, der Erkenntnis zu folgen.

In sehr vielen religiösen Kulturen setzte sich die so genannte „Goldene Regel“ durch: Als Sprichwort ist sie sehr weit verbreitet, etwa:
„Was du nicht willst, dass man es dir tut, das füg auch keinem anderen zu“. Oder auch „moderner“ formuliert:
“Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst“.

Über diese traditionsreichen „Goldene Regel“ wurde viel geschrieben, oft wurden die Grenzen dieses Weisheitsspruches dargestellt. Etwa etwas spitzfindig: „Wenn ich geschlagen werden will, dann kann ich auch andere schlagen“…

Wegweisend ist die aktuelle Formulierung des Kategorischen Imperativs durch den Philosophen Hans Jonas: Er hat einen ökologischen Imperativ vorgeschlagen: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Oder auch: „Handle so, dass die Folgen deines Tuns mit einem künftigen menschenwürdigen Dasein vereinbar sind, d.h. mit dem Anspruch der Menschheit, auf unbeschränkte Zeit zu überleben.“

Jeder kann sich weitere kategorische Imperative überlegen, auch: „Welche Maxime ist mir wichtig?

Für die Bildungspolitiker könnte man formulieren: „Handle so als Bildungspolitiker, dass die SchülerInnen ethische Grundkenntnisse wie den Kategorischen Imperativ nicht nur auswendig lernen, sondern auch für ihr Leben verstehen. Denn moralisches Leben ist ohne Reflexion der Vernunft nicht möglich“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Albert Camus – „Ein Atheist aus göttlicher Gnade“

Camus – „Wir müssen helfen, das Leiden der Menschen zu verringern“

Ein Hinweis von Christian Modehn, geschrieben 2010
Dieser Hinweis zu Albert Camus hat, trotz seiner Kürze, ein ungewöhnlich großes Interesse bei den LeserInnen gefunden. Bei dem anhaltenden Interesse habe ich diesen Beitrag über Camus, einer von mehreren im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin, „datumsmäßig“ nach vorn gerückt, am 3. Juni 2021.

Er glaubte nicht an Gott. Er war aber auch kein „Atheist“.
Bitte beachten Sie auch den ausführlicheren Text, klicken Sie hier.
1.
Vor 50 Jahren, am 4. Januar 1960, ist der Philosoph (und Schriftsteller) ALBERT CAMUS gestorben, er kam bei einem Autounfall ums Leben. Geboren 1913 in Algerien, lebte er zuerst in seiner dortigen Heimat, dann in Paris und in der Provence.
2.
Er wird bis heute hoch geschätzt als Autor, der die persönliche Wahrhaftigkeit über alles stellte. Er lädt seine Leser ein, mit ihm auf die Suche nach einem authentischen menschlichen Leben zu gehen, in dem es keine Tabu Themen geben darf, in dem alles „Wesentliche“ ausgesprochen werden kann.
3.
Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon wurde und wird die Frage diskutiert: Wie kam Albert Camus dazu, sich auf die Basis eines radikalen Nichtwissens in Bezug auf metaphysische Fragen zu stellen? Das “Absurde“ war für ihn unbezweifelbar. Ein „Sprung“ in eine religiöse Geborgenheit kam für ihn nicht in Frage. Dennoch oder gerade deswegen entwickelte er eine ausdauernde Kraft menschlicher Solidarität gerade mit den Menschen am Rande, den Armen, den Proletariern. Er nahm an der Résistance teil. Um das Leiden zu verringern, seien größte menschliche Anstrengungen nötig, Gott kann nicht helfen….
4.
Ausdrücklich kritisierte Camus das Verhalten der katholischen Hierarchie unter den Faschisten Franco und Hitler. Dennoch blieb er an einem Dialog zwischen Atheisten und einzelnen Christen interessierrt. Aber Camus wusste: Frieden kann er weder mit dem Gott der Kirche noch in der Gesellschaft (Geschichte) finden. Nach der Veröffentlichung seines Romans „La Chute“ hatte er erklärt, nicht an Gott zu glauben, aber auch nicht dem (institutionalisierten) Atheismus verpflichtet zu sein. Sein Ziel war, der Erde treu zu bleiben, das Leben zu lieben, das Sein zu schätzen. Eine dualistische Trennung der Wirklichkeiten kam für ihn nicht in Frage. “Die Sonne lehrt mich, dass die Geschichte nicht alles ist“. Deswegen konnte er schreiben: „Die Massen sind der Arbeit, des Leidens und des Sterbens müde, es sind Massen ohne Gott. Unser Platz ist an ihrer Seite“ (A. Camus in: „L Homme Revolté“).
5.
Die französischen Arbeiterpriester haben diese Botschaft gut verstanden. Aber sie wurden zu Lebzeiten von Albert Camus kirchenoffiziell diffamiert, ausgegrenzt, verfolgt. Und Theologen, die Verständnis hatten für diesen Philosophen, der aus Gründen der Wahrhaftigkeit nicht glauben konnte, wie der Dominikaner Marie Dominique Chenu, wurden zum Schweigen verurteilt.

In der katholischen Tageszeitung La Croix, Paris, veröffentlicht der Schriftsteller Ariq Rahimi (geboren in Kabul, Afghanistan, lebt seit 1985 im Exil in Paris) am 28. Juli 2011 auf Seite 18 einen Beitrag über den Roman „Der Fremde“ von Camus. Atiq Rahimi schreibt: „Das Denken von Camus enthält ich eine beachtliche religiöse Dimension. Er ist offenbar ein Anhänger Blaise Pascals. Man kann von Camus sagen: Er ist Atheist geworden dank der Gnade Gottes“.

copyright:Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Georg Lukács – was sagt er über die Religionen und seine „Conversion“ zum Marxismus?

(Unvollständige) Hinweise von Christian Modehn anlässlich des 50. Todestages von Georg Lukács am 4. Juni 2021.

1.
Vor 50 Jahren, am 4. Juni 1971, ist der Philosoph Georg Lukács in Budapest gestorben, geboren wurde er ebenfalls in Budapest am 13.4.1885. Das sehr umfangreiche Werk des marxistischen Philosophen ist, wie Axel Honneth schreibt (in: Georg Lukács, „Ästhetik, Marxismus, Ontologie“, Suhrkamp, 2021, S. 7, in den folgenden Zitaten hier nur die Seitenangaben) „voller Höhen und Tiefen“, nicht zuletzt wegen seiner Jahre langen engen Bindung an die Kommunistische Partei Ungarns. Zur Zeit seines Aifenthalts in Moskau (dorthin geflohen seit 1933) fiel er 1941 in Ungnade Stalins …und überlebte trotzdem: „Glück in Katastrophenzeit“, sagte er (G.L. Ästhetik, S. 557).
Lukács hat sich seit 1919 bis zu seinem Tod sehr deutlich als Marxist verstanden. Aber deswegen ist Lukács alles andere als ein Denker, der nur für Historiker des angeblich bedeutungslos gewordenen Marxismus wichtig ist. Im Gegenteil, es gibt bleibende und gültige Erkenntnisse des Marxisten Lukács, man denke nur an den Begriff der „Verdinglichung“, dargestellt in dem Buch „Geschichte und Klassenbewusstsein“. Der Soziologe Hartmut Rosa bezieht sich in seinem viel beachteten Buch „Resonanz“ ausführlich auf die Verdinglichung im Sinne von Lukacs.
2.
In der ersten Phase seines äußerst umfangreichen nicht nur philosophischen, sondern auch literaturwissenschaftlichen Publizierens hingegen war er „vormarxistisch“ (A. Honneth, S.8) orientiert. Seine „Konversion zum Kommunismus“ (so Axel Honneth, S. 13) fand Ende 1919 statt. „Lukács wird 1918 scheinbar urplötzlich Kommunist und zumal orthodoxer Marxist“, ergänzt Rüdiger Dannemann, Lukács Spezialist und Mit-Herausgeber des genannten Buches (S. 24f.). Die Gründe für dieses „urplötzliche Konversion“ wird vielleicht eine sehr ausführliche Biographie erklären können. War es die Erschütterung über die Verwüstungen des Ersten Weltkrieges? Die Flucht in eine Doktrin, die die „Erlösung“ der Menschheit politisch durchsetzen kann?
3.
Der theologisch konnotierte Begriff „Konversion“ macht wie schon die von Lukács selbst verwendete Behauptung von der „welterlösenden Rolle des Sozialismus“ (in: G.L., „Ästhetik…“ S .205) neugierig: Wird eigentlich heute – endlich, möchte man fast sagen – auch gründlich das Thema „Georg Lukács und die Religion“ untersucht?
4.
Nun findet im „Aufbau-Haus“ in Berlin am 4. Juni 2021 eine internationale Lukács Konferenz statt – live gestreamt! Unter den zahlreichen Vorträgen (Höhepunkt dürfte wohl der Vortrag von Axel Honneth sein über „Lukács‘ Gratwanderung zwischen philosophischem Argument und parteilichem Engagement“) sucht man das Thema Religion, jedenfalls explizit, vergebens, vielleicht kommt es ja irgendwie am Rande „implizit“ dann doch noch vor. Die Frage nach der Religion im philosophischen Denken ist keineswegs ein persönlicher „Spleen“. Dieses Interesse entspricht nicht nur den Traditionen philosophischen Denkens, sondern im Fall von Georg Lukacs selbst gibt es allein schon in dem genannten Buch einige zum Teil kurze, zum Teil ausführlichere Hinweise zur Bedeutung der Religion in seinem Denken aus allen unterschiedlichen „Denk – Epochen“ von Lukács.
5.
Für mich ist sehr aufschlussreich der kurze Text über „Jüdischen Mystizismus“ von 1911, also noch aus der vormarxistischen Phase. Der kurze Text ist eine Buchbesprechung zu den „Geschichten des Rabbi Nachman“ aus der mystischen Chassidim-Bewegung, in einer Übersetzung Martin Bubers. Interessant ist, welche Kenntnisse der Mystik Lukacs in dem kurzen Text (Seite 108 und 109) zeigt. In einem gewissen kritischen Abstand spricht er nicht von Mystik, sondern von Mystizismus, was auf seine Distanz hinweist. Aber Lukács weiß auch, dass „Mystizismus“ wenig an etablierte Religions-Systeme gebunden ist, er weiß, dass es sozusagen interreligiöse inhaltliche Übereinstimmungen zwischen verschiedenen „Mystizismen“ gibt. Im Jahr 1933, als Marxist und Kommunist, kommt Lukács noch einmal auf „Mystik“ zurück. In seinem inzwischen etwas berühmten Aufsatz „Grand Hotel Abgrund“ behauptet er, dass ein skeptischer Relativismus eine nicht-kommunistische, liberale und sozialdemokratische intellektuelle „Elite“ hinübergleiten lässt in eine „reaktionäre Mystik“, (so wörtlich S. 333). Diese reaktionäre Mystik im Sinne von Lukács hält sich nicht mehr an die „objektive Wirklichkeit“ in seinem Sinne, also an die alles bestimmende Macht der materiellen Gegebenheiten. Diese reaktionäre Mystik gleitet in ihrer Ignoranz ab „in das fingierte Absolute des religiösen Mythos“ (332). Also, man könnte sagen: Wer nicht als Kommunist die Partei ergreift für die Unterdrückten, ergreift Partei für die Unterdrücker und gleitet ab in einen religiösen Glauben, der förmlich nur über allem Materiellen schwebt.
6.
Der christliche Begriff des Märtyrers als „Blutzeugen“ ist Lukács natürlich bekannt. Darum kann er in seiner Hommage für Rosa Luxemburg aus dem Jahr 1920 (!) diese ja durchaus Lenin-kritische Sozialistin eine „wahre Blutzeugin“ nennen (S. 294). Ist dies eine Art säkularer Heiligsprechung der Blutzeugin Rosa Luxemburg?
7.
Seine Studien über den jungen Hegel hat Lukacs auch in Moskau unter Stalin fortgeführt. Und Axel Honneth schreibt wohl sehr treffend: „Es fällt ein bestürzend erbarmungsloses Licht auf die Widersprüchlichkeiten, in die sich Lukacs inzwischen bei seinem Versuch verstrickt hat, gleichzeitig Partei für den Geist (also Hegel, CM) und Partei für die Partei zu ergreifen“( 21). Vorher, 1922, hatte Lukács schon einen Beitrag „Die Jugendgeschichte Hegels“ verfasst. Der „junge Hegel“ ist sozusagen ein Dauerthema für Lukács. In diesen Arbeiten ist – wie es sich für Hegel gehört – auch von Religion die Rede. Darin sieht er Hegel auf einer Linie mit der bürgerlichen Klasse, die sich damit abgefunden hatte, die feudalen Reste der Gesellschaft zu akzeptieren. Auf die Religion im Sinne Hegels bezogen: Hegel wollte nur noch das bestehende, gegebene „positive“ Christentum durch die Vernunftreligion rechtfertigen. Er wollte als Bürgerlicher aber nicht das Christentum abschaffen zugunsten nur einer Vernunftreligion. (S. 304). Das hätte Lukács treffend gefunden
8.
Sehr religiös klingen einige Formulierungen, wenn Lukács, 1918 also noch sehr kurz vor seiner Konversion zur kommunistischen Partei, von der erlösenden Kraft des Proletariates schwärmt: Das „Wollen“ einer demokratischen Weltordnung durch die Sozialisten (also SPD) „macht das Proletariat zum sozialistischen Erlöser der Menschheit“ (S. 205). Kann man sich, philosophisch gesehen, Erlösung in einer engeren, begrenzteren Definition vorstellen?
9.
In seinem Aufsatz von 1933 „Grand Hotel Abgrund“ fordert er hingegen die Abkehr von der Sozialdemokratie, er fordert den mutigen „Sprung“ angesichts des politischen Abgrundes dieser Welt in die kommunistische Partei. Diesen Sprung nennt er hübsch „salto vitale“ (S. 329). Lukács verwendet tatsächlich den Begiff „Sprung“, (S. 328) um die entscheidende Leistung des zum Kommunismus Entschlossenen zu beschreiben. Dieser Begriff Sprung erinnert mich daran, was Kierkegaard oder der Theologe Karl Barth für die entscheidende Leistung des Glaubenden hielten. Sie müssen gegen alle Vernunft in den Glauben und seine Dogmen springen. Über den Begriff Sprung sehe ich eine intime Nähe der kommunistischen Religion zur dogmatischen Religion der christlichen Kirche. In beiden Religionen muss „gesprungen“ werden. Und der Begriff „salto vitale“, also ein lebendiges, wenn nicht erst gar Leben spendendes salto, erinnert mich von fern an den „Sprung „des Menschen, wenn er sich zur Taufe entschließt, und ursprünglich in das tiefe Taufbecken einst gestoßen wurde.
Für viele Kommunisten, zumal unter Stalin, wurde ihr „salto vitale“ dann doch zu einem salto mortale, für Millionen anderer Menschen ebenso, die dieses sich nur im „Glauben“ zu erschließende kommunistische „salto vitale“ aus Vernunftgründen gar nicht vollziehen konnten und wollten. Sie wurden zu tausenden dann auch in den Lagern Stalins oder der sozialistischen „Bruderländer“ gequält, ausgebeutet als Arbeitstiere und umgebracht
10.
Ausführlich über das Christentum spricht Lukács in der Einleitung seiner Studie „Zur Ontologie des gegenwärtigen Seins“(von 1964) (S. 458 ff.). Darin weist er nicht nur auf das Eingebundensein des Christentums in die antike und mittelalterliche Philosophie hin, er zeigt sich dabei als Kenner der Kirchengeschichte, wenn er etwa sagt: „Paulus, der das Christentum über die engen Schranken einer jüdischen Sekte hinausführt“ (S. 459).
11.
Die Erinnerung an Georg Lukács also bleibt zwiespältig: Für mich stellt sich die Frage: Wie kann man sozusagen bleibende Erkenntnisse (etwa „Verdinglichung“) aus dem Gesamtkorpus seines nun einmal seit 1919 kommunistischen, später aber in jedem Fall sozialistischen Denkens „herausbrechen“? Und eine Debatte über das „Bleibende“ und nach wie vor „Inspirierende“ des Sozialismus ist heute alles andere als obsolet.
12.
Eine Frage bleibt: Wie hat Georg Lukács den Antisemitismus und den Holocaust verstanden und beschrieben, auch den Antisemitismus in den kommunistischen Parteien (Polen, Ungarn, DDR) nach 1945?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Philosophische Salons – die neuen Orte für Spiritualität, Lebenskunst und Religion

Anregungen anlässlich des 250. Geburtstages der ersten Saloninère in Berlin, Rahel Varnhagen.

Von Christian Modehn

1.
Gedenktage sind nicht nur Tage des Rückblicks und der kritischen Erinnerung, sondern auch Tage des Vorblicks: Der Blick in die (nahe) Zukunft soll von der Begrenztheit des Gegenwärtigen befreien und Neues soll konzipiert werden, Besseres, das die Routine traditioneller kultureller Praxis überwindet.
2.
So auch beim Denken an Rahel Varnhagen (17.5.oder 19.5.1771 bis 7.3.1833). Ihr großartiges Lebenswerk ist bekannt, wer es noch nicht kennt, sollte seine Bildungslücke alsbald schließen, Gelegenheiten gibt es ausreichend, auch im www. Dabei wird man sich auch auf die vielfältigen großartigen schriftstellerischen Leistungen Varnhagens konzentieren.
3.
Ich möchte hier nur an ihre bleibende Leistung erinnern, die mir von aktueller Bedeutung erscheint: Es ihre Gründung und Gestaltung von Gesprächsrunden, die dann später “Salons“ genannt wurden, also gesellige Zusammenkünfte mit hohem Gesprächsniveau, an dem sich unterschiedliche Menschen, meist Männer, beteiligten. Die Liste der „berühmten“ TeilnehmerInnen ist lang: Jean Paul, die Brüder Humboldt, Friedrich Schlegel, Heinrich Heine, Schleiermacher, Hegel usw. Die Gastgeberin, Rahel Varnhagen, leitete ihre Salons von 1790 bis 1806, und dann noch einmal von 1820 bis 1833. Die Zusammenkünfte in der Privatwohnung waren geprägt vom Geist der Aufklärung und damit der Vernunft, und damit auch der Toleranz: Diese Lebensphilosophie war bester Ausdruck ihrer zeitgemäßen jüdischen Spiritualität.
4.
An Rahel Varnhagen denken – das heißt heute: Nachdenken, wie denn diese offenen und von Vielfalt und Toleranz geprägten SALONS heute eine große Rolle spielen können. Dass es sozusagen „objektiv“ in der Gesellschaft einen Bedarf gibt an niveauvollem Gespräch und Austausch der verschiedenen Meinungen, braucht nicht bewiesen zu werden. Zumal die großstädtische Gesellschaft zerfällt förmlich in Inseln der Kommunikation der Gleichen, wenn nicht ohnehin die Isolierung und Einsamkeit des einzelnen beherrschend ist.
5.
Der Theologe Friedrich Schleiermacher hat in seinem 1799 veröffentlichten Text mit dem Titel „Versuch einer Theorie des geselligen Betragens“ sich von den Berliner Salons inspirieren lassen und mit großer Dringlichkeit die Bedeutung der Salons unterstrichen.Vor allem werden dem Teilnehmer an Salon-Gesprächen „andere und fremde Welten nach und nach bekannt“ und „auch die fremdesten Gemüter und Verhältnisse würden dem Menschen befreundet und nachbarlich“.
6.
Ich will nur daran erinnern, dass de facto in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern, die alte Struktur der Kirchengemeinde sich auflöst: Gottesdienste werden gefeiert mit stets abnehmender Teilnehmerzahl. Aber wichtiger noch: Die Gesprächsangebote, die „Gruppen“, die Bildungsveranstaltungen in den Kirchengemeinden sind eher marginal. Und wenn sie noch stattfinden, müsste das intellektuelle und kritische Niveau geprüft werden. In den meisten Fällen bleiben diese Gruppen eher „homogen“ unter sich: Welcher Atheist, welcher Skeptiker, welcher Flüchtling, welcher ausländische Student usw. verirrt sich schon in einen üblichen Gemeindekreis? Der Theologe Friedrich Schleiermacher hat eine christliche Gemeinde als Ort des Gesprächs und der Begegnung definiert, daran sollte man sich erinnern.
Nebenbei: Heute hat der herrschende Klerus in der katholischen Kirche Europas die Gemeinde zu Orten des Messelesen degradiert: Ein Priester eilt sonntags von einer Kirche zur anderen, um die Messe feiern, weil nur er, als Kleriker, beansprucht in der Lage zu sein, Eucharistie feiern zu können und zu dürfen. Und die wenigen verbliebenen Katholiken in den Gemeinden nehmen diesen Klerikalismus (noch) hin.
7.
In dieser Situation des kirchlichen Niedergangs haben die offenen Debatten über Spiritualität, Lebenskunst, Religion, Philosophie in Salons eine große Chance. Sie finden nicht unter einem Dach einer Kirche oder einer Religion statt, diese Salons sind undogmatisch, offen, plural, an der Vielfalt und dem Streitgespräch interessiert.
8.
Wer kann solche Salons eröffnen? Jeder und jede, der/die sich für kompetent hält, nicht nur einen angenehmen Gesprächsraum anzubieten, sondern auch thematisch die Abende zu gestalten. Ein Künstler lädt zu Gesprächen über Kunst ein, warum nicht auch zu religiöser Kunst? Ein Kenner der Romane oder eine geduldige Leserin von Poesie lädt zu literarischen Gesprächen ein, die ohnehin die grundlegenden Sinnfragen berühren. Ein Naturwissenschaftler lädt ein, über Natur, Naturschutz, Naturgesetze und Evolution oder gar „Schöpfung“ usw. zu sprechen.
9.
Nun leben in den großen Städten zumal auch viele TheologInnen, die noch als solche tätig sind oder längst andere Berufe (Coach etc.) haben: Warum laden sie nicht zu Gesprächen über „Gott und die Welt“ ein? Und die vielen Leute, die Philosophie studiert haben: Der philosophische Salon wäre in meiner Sicht die beste Form der Erinnerung an Rahel Varnhagen.
10.
Die Frage ist, ob die entsprechenden Herren und Damen des kulturellen Establishments die enorme Bedeutung der Salons erkannt haben. Interessieren sie sich mehr für die Opernhäuser und Theater als für die eher „kleinen“, aber feinen kulturellen Basisinitiativen, wie die Salons? Falls dies der Fall ist, sollten die kulturell verantwortlichen Politiker und auch die Hochschulen und Universitäten überlegen: Wie kann man in einer Art Grundkurs Salonnièren ausbilden und fördern? Wie können die Organisatoren auch finanziell unterstützt werden, ohne dass dabei die Salons in Abhängigkeit geraten?
11.
Über den seit 2007 bestehenden (wegen Corona seit einem Jahr „ruhenden“) „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ kann man sich informieren und vielleicht inspirieren lassen: LINK.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Pfingsten – Fest der Philosophen? Ein Vorschlag von G.W.F.Hegel

Ein Hinweis von Christian Modehn.
Dieser Beitrag erschien in kürzerer Form im Jahr 2013 und wurde im Mai 2021 noch einmal bearbeitet..

Das gehört zu unserer Kultur: Das christliche Pfingstfest, wie alle anderen „Ereignisse“ des Christentums, können selbstverständlich Philosophen interpretieren. Zum Beispiel Hegel.

1.
Der Beitrag versucht, Pfingsten, das Fest des Geistes, des heiligen, vernünftig zu erklären: Pfingsten ist nicht das Fest, das dem charismatischen Trallala von Charismatikern und Pfingstlern überlassen werden darf. Pfingsten ist ein Fest der absoluten Bedeutung eines jeden Menschen und deswegen auch ein Impuls, politisch Gerechtigkeit zu gestalten: Im Sinne der wesentlichen Gleichheit und Würde aller Menschen.
2.
Für den Philosophen Hegel (1770 – 1831) ist Pfingsten als Fest des Geistes von höchster Bedeutung. Pfingsten kann im philosophischen Sinn ein Tag des geistvollen Gesprächs sein, ein Tag der Debatte, der Feier (für Hegel niemals ohne Wein !) und der Reflexion darüber, wie eine geistvolle, also menschenwürdige Gesellschaft mit einem Rechtsstaat gestaltet werden kann. Pfingsten also: Ein Fest der Vernunft.
3.
Wer philosophisch nach der Bedeutung des Pfingst-Festes fragt, also jenes Feiertages der Erinnerung an die Gabe des „heiligen Geistes“ an die Gemeinde nach dem Tod und der Auferstehung Jesu von Nazareth, der sollte sich auch an den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel erinnern.
Er ist der Philosoph des Geistes: Seine Philosophie hat den Geist als ihr Thema und sonst eigentlich nichts, könnte man sagen. Diese Erfahrung der alles gründenden Bedeutung des Geistes könnte man auch „Voraussetzung“ des Denkens Hegels nennen. Dabei ist es selbstverständlich: Eine reflektierte und kritisch betrachtete Voraussetzung als Philosoph zu haben ist an und für sich jeder Philosophie eigen, auch für die „Materialisten“. Vielen Menschen ist, wie schon einige Jahre nach Hegels Tod, der Geist, auch das Erleben des eigenen Geistes, so fern und fremd, dass es einer neuen Anstrengung bedarf, sich auf die Geist-Philosophie einzulassen und sie als Hilfe zu sehen, das eigene Leben transparenter werden zu lassen.
4.
Um gleich den Kern der Hegelschen Geist – Philosophie anzudeuten: Die Philosophie hat im Hegelschen Selbstverständnis „keinen anderen Inhalt als die christliche Religion. Aber die Philosophie (Hegels) gibt (d.h. gestaltet C.M.) den christlichen Inhalt in der FORM DES DENKENS. Die Philosophie stellt sich so nur über die Form des Glaubens, der Inhalt ist derselbe“ (in: „Vorlesungen über die Philosophie der Religion“, II., Suhrkamp, S. 341).
Mit anderen Worten: In der Philosophie wird der christliche Glaube in die Klarheit und Systematik des Denkens und des Gedankens geführt, der Glaube wird nur der gedanklichen Form nach verwandelt und „aufgehoben“, also bewahrt und auf eine neue Ebene gehoben. Unter dieser Bedingung schaut Hegel die überlieferten Begriffe und Ereignisse der christlichen Religion an. Dabei wird der Begriff, das Denken, zum Kriterium in der „philosophischen Übersetzung“ christlicher Ereignisse: Hegel schreibt: „Das Denken ist der absolute Richter, vor dem der Inhalt (auch der Religionen) sich bewähren und beglaubigen soll“ (ebd., S. 341).
5.
In seiner „Philosophie der Religion“, in Berlin als Vorlesung mehrfach vorgetragen, spielt deswegen auch das philosophisch zu verstehende Pfingst–Ereignis eine zentrale Rolle. Hegel erörtert dieses Thema ausführlich im Kapitel „Die Idee im Element der Gemeinde: Das Reich des Geistes“, in dem es – theologisch formuliert – um die Wirklichkeit der Kirche, der Gemeinde, geht. Das heißt: Nach der unmittelbaren Erfahrung der historischen Gestalt Jesu ereignet sich also mit dem Pfingstfest der Übergang des Verstehens weg vom äußeren, historischen Ereignis hin zu einem „geistigen Element“, wie Hegel schreibt (ebd., S. 301). Indem das Neue Testament lehrt, der Geist sei „ausgegossen“ in die Gemeinde und letztlich über alle Menschen, übersetzt der Philosoph diese Erfahrung in die Worte: “Die Subjektivität erfasst nun ihren unendlichen Wert: Vor Gott sind alle Menschen gleich“: Damit werden auch politische Perspektiven der freien Gestaltung von Staat und Gesellschaft eröffnet, die Hegel ausführlich entwickelt. Die vernünftige Freiheit muss die Welt bestimmen, wahre Versöhnung, also „Erlösung“ im christlichen Sinne, „besteht in dem sittlichen und rechtlichen Staatsleben“ (S. 332).
Aber entscheidend bleibt: Pfingsten ist das Symbol dafür, dass Gott und Mensch, Gott und die Menschheit, sich nicht mehr als Fremde und Ferne entfremdet und unversöhnt gegenüberstehen. Pfingsten ist das Symbol für die innerste Einheit von Göttlichem und Menschlichen, von Gott und Welt. Dies allein könnte man sagen ist der Focus, auf den sich Hegels Philosophie ALS Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie konzentriert.
6.
Uns interessiert hier im Zusammenhang des Pfingstfestes Hegels deutlicher Hinweis auf die in den Menschen „gegenwärtige Göttlichkeit“ (durch den Heiligen Geist) (S. 305). In der Gemeinde (Kirche) sammeln sich diese nun mit dem göttlichen Geist beschenkten Menschen.
Man muss als philosophischer Leser den anspruchsvollen philosophischen Aussagen tatsächlich standhalten, etwa wenn Hegel sagt: „Dies ist der Glaube der Gemeinde: Der einzelne Mensch wird gewusst als Gott und (d.h. präziser, CM) mit der Bestimmung, dass er der Sohn Gottes sei, mit all dem Endlichen befasst, das der Subjektivität als solcher in ihrer Entwicklung angehört“ (S. 312). Der Mensch ist als endlicher Mensch zugleich Sohn Gottes, ein gewaltiger Anspruch, der schon im Neuen Testament grundgelegt ist. Und den Hegel nur philosophisch reflektiert.
7.
Im Gedenken an Pfingsten wird der Mensch, jeder Mensch, zu einem mit Gott verbundenen Wesen erhoben. So ist, wie Hegel schreibt, „die Versöhnung an und für sich vollbracht“ (S. 318). Gott und Mensch sind nicht länger Fremdes. Sie sind – in gewisser Hinsicht – eins.
8.
Aber Versöhnung ist für Hegel stets praktisch-politisch, es geht entschieden um die Gestaltung der Freiheit in der Welt (Staat, Gesellschaft). Pfingsten ist insofern ein politisches Fest der Freiheit. Dabei traut Hegel diese Leistung, den Rechtsstaat mit zu gestalten, ausschließlich der protestantischen Religion zu. Der römische Katholizismus ist für ihn nach wie vor zu stark in der mittelalterlichen Welt befangen und in seinem Glauben zu veräußerlicht (Wunderglauben, Reliquien…) und als klerikale Organisation auch korrupt. Das heißt nicht, dass Hegel nicht auch die Engstirnigkeit des zeitgenössischen Protestantismus kritisiert hätte oder gar am Katholizismus wichtige erfreuliche Elemente gesehen hätte, wie etwa eine gewisse Vorliebe fürs philosophische Denken im Mittelalter.
9.
Trotz der Erkenntnis, dass „an sich“ die Versöhnung, also die innere Einheit von Gott und Mensch, geschehen ist, bleibt doch die Tatsache: Dass in der weltlichen, der politischen Wirklichkeit (auch zur Zeit der Vorlesungen Hegels in Berlin) noch Verwirrung, Zwiespalt und Entfremdung fortbestehen. „Diese Versöhnung ist selbst nur eine partielle, ohne äußere Allgemeinheit“ (S. 343, Vorlesungen über die Philosophie der Religion II.). Dies muss Hegel am Ende seiner Vorlesungen mit Melancholie, wenn nicht Hilflosigkeit eingestehen. Mit anderen Worten: Der Geist von Pfingsten als Geist der Versöhnung und Freiheit muss sich erst noch umfassend durchsetzen!
10.
Uns interessiert noch ein Aspekt, der bisher in der Hegel-Forschung nicht so starke Berücksichtigung findet: Die eher versteckt, implizit anwesende mystische Dimension seines Denkens. 1830 sagte Hegel in einer Rede anlässlich der „Erinnerung an die Augsburgische Konfession von 1530“: „Gott wollte den Menschen zu seinem Ebenbild und seinen Geist, der ein Funke des ewiges Lichts ist, diesem (göttlichen) Licht zugänglich machen“. (S. 33, in den „Berliner Schriften“, Ausgabe Meiner, S 33).
Der menschliche Geist als „Funke des ewigen Lichtes“: Diese Formulierung erinnert an den mittelalterlichen Philosophen und „Mystiker“ Meister Eckhart, für den sich die Verbindung des Menschen an Gott in dem Begriff “göttlicher Funke“ ausdrückt. In seinen „Vorlesungen über die Philosophie der Religion“ erwähnt Hegel Meister Eckart ausdrücklich als Vorbild im Verstehen der christlichen Religion als einer Lehre, die die Einheit von Göttlichem und Menschlichen entfaltet. Diese Einheit ist „das Innerste“ des Christentums. „Meister Eckart, ein Dominikanermönch, sagt unter anderem in einer seiner Predigten über dies Innerste: Das Auge, mit dem mich Gott sieht, ist das Auge, mit dem ich ihn sehe…“ (S. 209). Und Hegel legt allen Wert darauf zu betonen, dass diese Einheit von Gott und Mensch alles andere als „Pantheismus“ sei.
In seinen Vorlesungen zur „Geschichte der Philosophie“ bietet Hegel nach der Darstellung der in seiner Sicht oberflächlichen und verstandesmäßig abstrakt argumentierenden mittelalterlichen Scholastik auch ein knappes Kapitel zur „Mystik“ (in der Suhrkamp Werkausgabe II, S. 583 ff.) Dabei nennt er Meister Eckart nicht, hingegen z.B. ausführlicher Raimundus Lullus. Im Unterschied zur Scholastik sieht Hegel in den Mystikern „edle Männer, die der scholastischen Sucht nach Verendlichung aller Begriffe „gegenüberstanden“ (S. 583). Er nennt Mystiker „fromme, geistreiche Männer“, die „echtes Philosophieren betrieben haben“.
Dieser „göttliche Funke“ führt, so Hegel in seinem Vortrag im Jahr 1830, nicht nur in eine höhere Erkenntnis, sondern vor allem in die Liebe zu Gott.
Die mystische Erfahrung bleibt für Hegel immer bedenkenswert.
11.
Eine Zusammenfassung: Hegel hat also zu Pfingsten einen vernünftigen Vorschlag zu unterbreiten: „Pfingsten ist das Fest der Anwesenheit des Göttlichen, des Ewigen, modern formuliert: der tragenden Sinnerfahrung, in jedem Menschen“. Pfingsten ist das Fest des Ewigen, anwesend in einem jeden. Das Ewige als das Göttliche überdauert das Endliche, auch der Geist des endlichen Menschen hat dadurch „ewige Dauer“.
Aber diese geisterfüllte Lebensform muss der Mensch sich „erarbeiten“: „Ich soll mich dem gemäß machen, dass der Geist in mir wohne, das ich geistig sei. Die ist meine, die menschliche Arbeit. Dieselbe ist Gottes von seiner Seite. Er bewegt sich zu dem Menschen und ist in ihm durch Aufhebung des Menschen. Was als mein Tun erscheint, ist alsdann Gottes Tun. Und ebenso auch umgekehrt“ (Vorlesungen über die Philosophie der Religion, I, Suhrkamp Verlag, S. 219).
12.
Nebenbei: Es ist bemerkenswert, dass Voltaire, wahrlich alles andere als ein Verteidiger der alten kirchlichen Dogmatik, in seinem Buch „Philosophisches Wörterbuch“ (1764) schreibt: „Möglicherweise gibt es in uns etwas UNZERSTÖRBARES, das empfindet und denkt, ohne dass wir die geringste Vorstellung davon haben, wie dieses Etwas beschaffen ist“ (Reclam, Leipzig, 1967, S. 82).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Napoléon: Wenn sich ein gewaltiger Herrscher seine Kirche schafft und seinen Kult begründet.

Der Autokrat und seine Religion.

Ein Hinweis von Christian Modehn anlässlich des 200. Todestages Napoléon Bonapartes.

1.
Die Kirche des napoleonischen Staates
Die Beziehungen Napoléons zur Religion bzw. vor allem zur katholischen Kirche sind zwar nur ein Thema unter vielen „Napoléon-Themen“ anlässlich seines 200. Todestages am 5. Mai 2021.
Seiner politischer Leidenschaft und seinem unendlichen Streben nach Macht ist es gelungen, dem Kirche-Staat–Verhältnis in Frankreich eine neue rechtliche Struktur zu geben. Diese war zwar vor allem innerhalb der Kirche stets umstritten, sie blieb aber bis zur Trennung von Kirche und Staat im Jahr 1905 bestimmend.
Napoléon war mit einer katholischen Kirche konfrontiert, die nach dem Ende der Herrschaft der Revolutionäre gespalten war. Nur ein Beispiel: Unter den Priestern gab es viele, die den „Treueid“ auf die Revolution und ihre Ideale geschworen hatten und im Rahmen der neuen revolutionären Kirchengesetze auch das Zölibatsgesetz als für sie ungültig erachteten. Und es gab Priester und deren Gemeinden, die antirevolutionär eingestellt waren und die alte Kirchenordnung mit ihren Gesetzen, vor der Revolution von 1789 respektierten.
Eine einheitliche Kirche in dem zentralistischen Staat Frankreich erachtete der Herrscher Napoléon als notwendig für die Sicherung des so genannten inneren Friedens. Hinzu kam, dass die oft verwüsteten Kirchengebäude mit staatlicher Hilfe wieder in einen brauchbaren Zustand versetzt werden mussten. Die Ausbildung von Priestern musste neu gestaltet werden genauso wie die finanzielle Sicherheit der Geistlichen. Und es musste geklärt werden, wer denn das letzte Wort zu sagen hat in der Ernennung der Bischöfe: Der Papst oder er, der Herrscher und spätere Kaiser Napoléon. Napoléon legte allen wert darauf, dass selbstverständlich er wie immer das letzte Wort habe.

2.
Das Konkordat
Diese Fragen wurden in dem Konkordat von 1801 entschieden, das Napoleon mit den päpstlichen Beamten ausgehandelt hatte. An diesem Vertragstext lag Napoléon sehr viel, weil er darin den Ausbau seiner Vormacht als politischer Herrscher gegenüber der geistlichen Gewalt des Papstes sichern konnte. Napoléon konnte so die alte französische Konzeption einer „Gallikanischen Kirche“ (also der von der politischen Herrschaft in Frankreich gesteuerten Kirche) durchsetzen. Die von der Revolutionsregierung 1790 beschlossene „Constitution civile du Clergé“ hatte der Papst 1791 verurteilt, sie war eine Art Zuspitzung der sozusagen „gallikanisch – revolutionären“ Kirche. Der Papst zur Zeit von Napoléons Herrschaft, Pius VII., hingegen stimmte im Konkordat mit Napoleon zu, dass er, der Herrscher, Bischöfe ernennt, die der Papst zur Ernennung bestätigt. Zu diesem Kompromiss war Pius VII. bereit, um das (Über)Leben der katholischen Kirche in Frankreich überhaupt zu sichern. Der päpstliche Unterhändler damals, Kardinal Consalvi, hatte sich mit seiner Forderung nicht durchsetzen können, dass der Katholizismus offiziell zur Staatsreligion erklärt wird. Napoleón bestimmte mit seiner Formel „Der Katholizismus ist die Religion der großen Mehrheit der Franzosen“ eine moderatere Form von Staatskirche, ließ aber Raum für andere Religionen und Kirchen, die gesetzlich geschützt waren. Die materiellen Güter des Klerus, die von der Revolutionsregierung eingezogen wurden, durften von der Kirche nicht zurückverlangt werden. Der Staat sicherte sich seinen Einfluss auf die Kirche durch die Gründung eines „Ministeriums für die (religiösen) Kulte“. Es koordinierte die Beziehungen des Staates zu den Bischöfen und zum Klerus, dieses Ministerium bestand bis zur Trennung von Kirche und Staat 1905. In der Zeit der Restauration unter Karl X., dem Bruder Ludwig XVIII., war sogar ein Bischof Minister, Mgr. Frayssinous. Höhepunkt des Strebens nach Allmacht war die Kaiserkrönung Napoléons in Paris 1804. Die Welt war Zeuge, wie Napoléon förmlich den Papst rufen darf, damit er dem Wunsch des Herrschers entspricht. Und Napoléon krönte sich selbst während der Papst – Messe in der Kathedrale Notre Dame zum Kaiser. Der Papst setzte ungerührt die Messe fort. Aber Pius VII. war nicht bereit, Napoléons Machtpolitik zu akzeptieren, als dieser Rom zum Teil des Französischen Staates erklärte. Der Papst bewies seine Macht, als er den Kaiser 1809 exkommunizierte…Förmlich als Bestrafung wurde der Papst als Gefangener nach Savona, dann 1812 nach Fontainebleau verschleppt. Nach der Abdankung Napoléons 1814 konnte Pius VII. nach Rom zurückkehren, dies wurde von der Bevölkerung wie ein Triumph gefeiert. Pius VII. war ein ungewöhnlich großzügig denkender Papst: Der Familie Bonaparte gewährte er in Rom Asyl, bei den Engländern setzte er sich für Napoléon ein. Pius VII., durchaus ein bemerkenswerter Papst!

3.
Der demokratische Priester Abbé Grégoire
Ein eigenes Thema, der Vertiefung wert, ist die Gestalt des Abbé Grégoire(1750-1831), der als hoch gebildeter philosophischer Theologe und Priester während der Revolution zum Bischof von Blois gewählt (!) wurde. Er kämpfte gegen das Konkordat, das Napoleón aushandelte, er war gegen Napoléon, aus seiner demokratischen Grundüberzeugung heraus. Aber der ließ den demokratischen Priester und Vorkämpfer der Rechte der Sklaven leben…

4.
Der Katholizismus stiftet die Einheit im Staat
Entscheidend ist: Für Napoleon als unumschränktem Herrscher, als Kaiser, als Diktator, als Militarist, war die katholische Kirche nur als Dienerin des Staates, seines Staates, wichtig und interessant. Die Kirche sollte sich ums Jenseits kümmern, meinte er und sich aus politischen Themen heraushalten. Für ihn galt absolut das Primat des Politischen. Es kam ihm auf die ideologische Einheit im Staat an, und diesen Zusammenhalt sollte auch die katholische Religion als „die Religion der meisten Franzosen“ befördern. Spaltungen innerhalb des französischen Katholizismus lehnte er ab. Darum unterdrückte er die „Petite Eglise“, verbreitet vor allem in der Vendée, die sich den Bestimmungen des Konkordates widersetzte und an der alten Kirchenordnung vor der Revolution festhalten wollten Deswegen lehnte Napoleon den Atheismus ab, denn der würde den Zusammenhalt im Staat zerstören. Auch jede Form eines wirren, unvernünftigen Aberglaubens war ihm suspekt. „Nur durch religiöse, d.h. katholische Bindungen kann die Anarchie im Staat verhindert werden“. Darin war er durchaus religionspolitischen Positionen der Reaktionäre, wie Metternich, verwandt. Auch die philosophisch geprägte religiöse Gemeinschaft der Theophilanthropen, die eine deistische, stark die Ethik betonende Position vertrat, konnte er nicht dulden. Und die Protestanten waren ihm nicht zuverlässig genug … wegen der protestantischen Vielfalt. Insgesamt fühlte er sich, auch darin sehr unbescheiden, von Gott selbst in diese höchste politische Führung berufen.

5.
Napoléon – ein frommer Katholik?
Napoleons persönlicher Glaube war vom Katholizismus geprägt, auch wenn er viele Sakramente, Riten, Gebräuche des Katholizismus für sich selbst ablehnte, erst auf der Insel Sankt Helena soll er wieder die Beichte geschätzt haben.
Zu dem Thema hat der Historiker Hannes Liebrandt (Helikon, 2014) einen längeren Aufsatz publiziert.
Liebrandt folgt der biographischen Entwicklung: Bonaparte wurde von einer sehr religiösen, katholischen Mutter erzogen, als Jugendlicher und während der militärischen Ausbildung schätzte er eine allgemeine, wenig katholisch bestimmte Verehrung Gottes. Wenn er später, als Kaiser, an der katholischen Messe teilnahm, dann wohl eher, um einen guten Eindruck als Politiker zu machen und nicht aus innerer katholischer Bewegtheit. Im ganzen gesehen, so Liebrandt, kann zwar von einer Grundtendenz der katholischen Bindung und Frömmigkeit Napoléons gesprochen werden, aber ein definitives Urteil ist unmöglich. Wie so oft im Falle Napoléons, der insgesamt eine zwiespältige Person ist, egozenrischstes Machtstreben ist wohl seine einzige eindeutige Qualität.

6.
Der kaiserliche Katechismus
Ausdruck des maßlosen Wahns Napoléons, sich auch als religiöser Führer zu präsentieren, ist die Veröffentlichung des „Kaiserlichen Katechismus“ (1806), der als katholisches Lehrbuch überall in Frankreich Verwendung finden und zu einer exzessiven Verehrung des Kaisers führen sollte: Die Priester waren verpflichtet etwa diese widersinnigen Sprüche zu Ehren des Diktators zu lehren: „Les chrétiens doivent aux princes qui les gouvernent et […] en particulier à Napoléon Ier, notre Empereur, l’amour, le respect, l’obéissance, la fidélité, le service militaire, les tributs ordonnés pour la conservation et la défense de l’Empire et de son trône ; nous lui devons encore des prières ferventes pour le salut et pour la prospérité spirituelle et temporelle de l’Etat […] Honorer et servir notre Empereur est donc honorer et servir Dieu lui-même. […]“ „Die Christen schulden den Fürsten, die sie regieren und besonders Napoléon I., unserem Kaiser, Liebe, Respekt, Gehorsam, Treue, den Militärdienst, schulden ihm die befohlenen Abgaben zur Erhaltung und Verteidigung des Kaiserreiches und seines Thrones. Wir schulden ihm glühende Gebete für seine Gesundheit und Gebete für das spirituelle und zeitliche Glück des Staates. Unseren Kaiser zu ehren und ihm zu dienen bedeutet iatsächlich Gott selbst zu ehren und ihm zu dienen“.
Quelle: https://archives.var.fr/article.php?laref=11129&titre=decret-du-19-fevrier-1806-instaurant-la-fete-de-la-saint-napoleon-et-le-retablissement-de-la-religion-catholique-1-k-48-
Dieses religiöse Lehrbuch ist ein politischer Katechismus, er erinnert an ähnliche Lobeshymnen religiöser Art, die andere Diktatoren zu ihrem Ruhm anordneten, etwa die Gebete, die zum Wohl Marchall Pétains formuliert wurden oder die politisch – religiöse Verehrung, die bei jeder Messe zugunsten des widerwärtigen Diktators Trujillo in der Dominikanischen Republik geleistet werden musste. Das Thema „theologische Selbsterhöhung der Diktatoren“ zu vertiefen, wäre spannend und wichtig.

7. Der heilige Napoléon
Das staatliche Fest des heiligen Napoléon (ein Märtyrer unter Kaiser Diokletian) wurde auf Befehl des Kaisers Napoléon eingeführt, selbstverständlich am Geburtstag von Napoléon Bonaparte, also am 15.8. (Quelle: https://fr.wikipedia.org/wiki/Saint-Napol%C3%A9on).
Napoléon bezog sich bei diesem seinem Fest (mit Prozessionen im Freien) auf einen Heiligen Neopol bzw. Neopulus. Rom hingegen hat abgelehnt, diesen wirklichen Heiligen mit einem eher konstruierten Heiligen „Napoléon“ in Verbindung zu bringen. Darum wurde dieser Kult um den Heiligen Napoléon endgültig 1870 abgeschafft, lediglich in Ajaccio auf Korsika, dem Geburtsort von Bonaparte, soll es noch eine gewisse Verehrung für den heiligen Napoléon geben.
Es ist in gewisser Weise eine Ironie, dass Napoléon Bonaparte den Kult um einen heiligen Napoléon einführte, der als Widerstandskämpfer gegen den Kaiser ermordet wurde! Eins steht fest: Ein heiliger Napoléon ist eine politisch – theologische Erfindung! Aber die führenden Bischöfe und ihre Priester in Frankreich damals machten diesen theologischen Blödsinn gern und unterwürfig mit!(Quelle:https://www.cairn.info/revue-historique-2012-3-page-609.htmhttps://www.cairn.info/revue-historique-2012-3-page-659.htm, ein Beitrag von Vincent Petit).

Wichtig ist auch das Buch von Werner Telesko, Wien 1998:, „Napoleon Bonaparte. Der moderne Held und die bildende Kunst“. 1811 als Buch, 513 Seiten.

8.
„Napoléon und Jesus
Im März 2021 ist in Paris ein erstaunliches Buch erschienen, mit dem Titel „Napoléon et Jésus“, der Untertitel, ins Deutsche übersetzt: „Die Thronbesteigung eines Messias“. Autorin ist die junge Philosophin Marie-Paule Raffaeli-Pasquini, erschienen ist das Buch in dem katholischen Verlag (des Dominikanerordens) Editions du Cerf, Paris. Die Autorin will zeigen, dass sich Napoléon selbst in der Rolle eines Messias sah, dessen Werk ewig währt. Unterstützt wurde er in dieser maßlosen Selbsteinschätzung auch von der Verehrung, die ihm, wie einem heiligen Objekt, entgegengebracht wurde. Zahlreiche Gemälde, auch viele populäre Chansons und literarische Hymen bestätigen diesen Trend. Dass dabei auch von katholischer Seite Widerspruch kam, ist selbstverständlich. Einige Pfarrer verglichen den maßlosen Anspruch des „Christus – Napoléon“ mit drohenden Aussagen des biblischen Buches der Apokalypse (etwa zum Antichristen).
In jedem Fall: Napoléon wollte mit sich selbst als Monarchen noch einmal den von Gott gesandten Herrscher lebendig werden lassen. Die Autorin bezieht sich in ihrer ausführlichen Analyse auf ein so genanntes Mémorial, das auf St. Helena von Emmanuel Las Cases, Politiker und Napoléon – Freund verfasst wurde. Zu der genannten Neuerscheinung: Ein Interview mit der Autorin, veröffentlicht von der „Fondation Napoléon“ : https://www.napoleon.org/magazine/interviews/marie-paule-raffaelli-pasquini-napoleon-et-jesus-avril-2021/

9.
Sein bürgerliches Gesetzbuch
Es mag ja sein, dass sich Napoléon für eine Art zweiten Christus gehalten hat oder der Nachwelt dies bloß einreden wollte. Tatsache ist aber auch, dass er ein Egomane, eine Gewaltherrscher war, ein Freund des Krieges und des Mordens. Dass er die Ideen der Freiheit verbreitete, zumal in Deutschland, ist eine Tatsache. Einige zentrale Ideale der Französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, hat er in Deutschland und Holland durchsetzen können aufgrund seines „Code civil“, des bürgerlichen Gesetzbuches, das 1804 in Frankreich in Kraft trat. Dieses Gesetzbuch enthielt bürgerliche Freiheitsrechte für männliche (!) Bürger, es sicherte die Gleichheit vor dem Gesetz, den Schutz des Privateigentums usw. Wegen dieser Haltung, der Vollendung der Ideale der Französischen Revolution, wurde Napoléon auch von G.W.F. Hegel geschätzt, selbst wenn er seine jugendliche Begeisterung für den französischen Herrscher im Alter bremste…

10.
Ein rassistischer Gewaltherrscher
Es ist eine Tragik in der Menschheitsgeschichte, dass einige richtige Ideen manchmal von Gewalttätern vertreten werden. Und es ist eine Schande, dass diese Herrscher nicht in der seelischen Reife leben, sich selbst, persönlich, an die propagierten Ideale zu halten. Dadurch werden die politischen strukturellen Beschädigungen nur fortgesetzt. Und es ist wohl auch, gelinde gesagt, hoch problematisch, wenn eine Nation, Frankreich, auch heute noch meint, sich immer noch in dem dunklen Glanz dieses Napoléon sonnen zu können. Äußerliche Größe des Autokraten wird als nationale Größe verstanden, was für ein Wahn. Die Debatten um die Dekolonisierung werden das rassistische Gesicht Napoléons deutlicher machen. Man wird die Menschen zum Beispiel in Haiti fragen, was sie vom brutalen Kolonialherren denkenn

11.
Wann verschwindet der Text der „Marseillaise“?
Die maßlosen Feierlichkeiten, gewundenen Festreden und offiziellen Erinnerungen (Ausstellungen) an den Autokraten Napoléon jetzt, die ebenso maßlose Begeisterung der vielen Napoléon Forscher und Napoléon Publizisten, allein in diesem Jahr werden mindestens 100 neue Bücher über ihn in Frankreich erscheinen, all das zeigt: Es gibt eine gewisse Erstarrung in der französischen Kultur. Es ist dieses Sich-Klammern an alten, falschen Glanz der angeblich großen Nation. Das deutlichste Beispiel dafür ist für mich immer noch die selbstverständliche Praxis, diese Nationalhymne, die „Marseillaise“ auch mit dem unsäglichen Text heute noch zu singen bzw. zu schmettern. Warum nur sind alle Versuche selbst „prominenter“ Leute gescheitert, diese Marseilaise mit diesem verrückten Text in den Kellern histoischer Museen verschwinden zu lassen? Darauf gibt es bisher keine Antwort. Es ist wohl diese Macht der Gewohnheit, die so verstörend, so gefährlich ist. LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Wie christlich war das „christliche Europa“?

Ein zentrales Thema französischer Historiker und Religionssoziologen
Ein Hinweis von Christian Modehn

Vorwort:
Man sollte nicht vergessen, mit welchen Bravour und Penetranz der polnische Papst Johannes Paul II. (er regierte von 1978 bis 2005) sein Programm „Wir brauchen (wieder) ein christliches Europa“ öffentlich überall äußerte! Das christliche Europa (gemeint war immer das katholische unter päpstlicher Leitung) beschwor er: Es war explizit nicht das liberale, also demokratische Europa, dieses galt in päpstlicher Sicht als das relativistische und konsumistische Europa. Und es war auch NICHT das sozialistische Europa, sondern ein Europa, das sich „auf seine Wurzeln“, wie Johannes Paul II. gern sagte, besinnt und entsprechend, vergangenheitsbezogen, handelt. Diese Wurzeln waren für den Papst das christliche Menschenbild, wie er es deutete, also der Mensch als Ebenbild Gottes. Und dieser Gott hat seine Rechte, Gottesrechte, sie waren für den Papst immer wichtiger waren als die Menschenrechte, die auf der Autonomie des Menschen (Kant) allen Wert legen. Gottesrechte kann bekanntlich allein die katholische Kirche deuten! Dieses alte Europa in der Phantasie des Papstes hat so nie bestanden, aber der Papst brauchte diese propagierte Illusion, um kirchliche Macht in Europa durchsetzen zu können. Die von ihm so geliebte neuen geistlichen Bewegungen (Opus Dei, Neokatechumenale, Legionäre Christi, Emmanuel, Communione e liberazione und andere) waren und sind noch immer die „Kampftruppen“ der neuen Evangelisierung Europas. (vgl. zu dem Themenkomplex die Studien in dem Buch „Le Reve de Compostelle“, Edition Centurion, Paris, 1989).
Man sieht an dem Vorwort einmal mehr auch die kirchenpolitische und religionskritische Relevanz unseres Themas…

1.
Die Frage: „Wie christlich waren eigentlich die sich christlich nennenden Europäer?“ ist ein umfassendes Forschungsprojekt, wenn man die Kulturen Europas verstehen will. Aber welche Kriterien sollen gelten, um die Christlichkeit der Europäer oder Europas „festzustellen“?
Da gibt es einerseits die Kriterien, die in den Dogmen der Kirchen vorgegeben sind: Danach ist christlich der Mensch, der an den Sakramenten teilnimmt und regelmäßig am Gottesdienst und gehorsam die Weisungen der jeweiligen Hierarchie folgt usw. Ethische Kriterien, etwa Friedfertigkeit, Toleranz für Andersdenkende, diakonisches Engagement usw. spielen dann eine untergeordnete Rolle. So kann man allen Ernstes lesen, das europäische Mittelalter und die Neuzeit seien christlich gewesen, weil Kathedralen errichtet wurden und fromme Orden florierten und die Leute Pilgerfahrten unternahmen. Weniger Beachtung finden dabei die Kreuzzüge, die Ketzerverfolgung, die Judenverfolgung, die Missachtung und Tötung von Homosexuellen, die Degradierung von Frauen, die Hexenverbrennungen, die auch kirchlich geduldete Sklaverei und der Kolonialismus und so weiter.
Man sieht also, das Kriterium zur „Messung“ der Christlichkeit Europas, das sich an den Dogmen der Kirchenführung orientiert, ist höchst problematisch.
Aber ist eine Alternative als Kriterium so viel überzeugender, die betont: Respektieren wir die unterschiedlichen Glaubensformen und religiösen Praktiken, die etwa im Mittelalter und der Neuzeit und auch heute vorhanden sind. Und schätzen wir diese bunte und unüberschaubare Vielfalt als normal und üblich ein. Seien wir also „liberal“ und freuen uns über Astrologie und Teufelskult, über trinitarischen Glauben und antitrinitarischen Glauben, über Marienkulte und Wunderglauben, über Reliquienverehrung und Glossolalie usw. Wer als Kriterium einfach nur die bunte Vielfalt nimmt und diese gut und richtig findet als erfreuliche Pluralität aller nur denkbaren Glaubensformen, wird kaum dazu neigen, irgendeinen Augenblick der europäischen Geschichte als „Verlust des Christlichen“ bzw. als Böüte des Christlichen. zu bewerten. Religion war ja schließlich immer „irgendwie“ vorhanden.
Weiter führt und richtig ist nur ein Kriterium, das NICHT den Religionen und ihren Dogmen entnommen ist, sondern das aus der allgemeinen Vernunft stammt. Gemeint sind der Respekt und die Förderung der Menschenrechte, das ist entscheidende Kriterium, um eine Epoche christlich oder weniger christlich zu nennen. Was als Kriterium sehr säkular, weltlich, auf den ersten Blick erscheint, ist de facto eng gebunden an die Ethik Jesu, die im ethischen humanen Handeln den besten Gottesdienst sah und dann förmlich als Fortsetzung in der philosophischen Ethik etwa von Kant fand.

2.
Historiker und Soziologen, die noch den dogmatischen Vorgaben der Kirchen folgen, um eine Gesellschaft christlich zu nennen, verdienen trotzdem unsere Aufmerksamkeit. Denn die Ergebnisse der Historiker und Religionssoziologen müssen sich noch öffentlich, auch in den Kirchen, herumsprechen. Denn sonst besteht das Vorurteil weiter: „Früher waren die Menschen in Europa gläubiger/religiöser als heute“. Soweit man Religiosität eines Menschen überhaupt von außen „feststellen“, also an äußerer religiöser Praxis messen kann: Die These vom christlichen Abendland, bevölkert von dogmatisch und moralisch „hundertprozentigen Christen“, ist falsch. Die Leidenschaft etwa der katholischen Inquisition reagiert bereits auf diese Situation, dass in der Sicht der Kirchenführung eben nur einige als zuverlässige dogmatische Christen eingestuft werden können.
Dese Erkenntnis wirft ein ganz neues Licht auf die vielbesprochene Säkularisierung des Bewusstseins in den letzten Jahrhunderten. Aber was ist der Unterschied zwischen dem weit verbreiteten religiösen Desinteresse im 17. und 18. Jahrhundert und der Säkularisierung und dem Atheismus des 19. und 20. Jahrhunderts? Das muss noch untersucht werden.

3.
Hier geht es zunächst um Darstellung einiger wesentlicher Tatsachen, die die Geschichtswissenschaften bisher vermitteln.
Ich beginne mit Bernhard Groethuysen und seiner umfassenden Studie „Die Entstehung der bürgerlichen Welt und Lebensanschauung in Frankreich“, die zuerst 1927 in Halle erschienen, dann bei Suhrkamp 1978 veröffentlicht wurde. Nur einige zentrale Erkenntnisse können hier aus dem 2. Band dieser Studie vorgestellt werden. Groethuysen bezieht sich auf die Einschätzung des Bürgertums durch die katholische Kirche Frankreichs im 18. Jahrhundert. Und er zeigt die Verbindung, wie mit der Ablehnung des aufstrebenden Bürgertums durch die herrschende Kirche die Bürger sich in dieser Kirche nicht mehr „wohlfühlten“, verstanden fühlten und deswegen in eine radikale Distanz zur Kirche und der Kirchenlehre traten. Die Kirche hatte sich festgelegt auf „eine ein für allemal fixierte Gesellschafts – Ordnung“ (S. 195), die keinen Raum ließ für eine Verbindung des Glaubens mit den Idealen der aufstrebenden Bürger. Die Kirche verurteilte deren Willen, auch finanziell erfolgreich zu sein, etwa durch die Praxis des Geldleihens mit der Zahlung von Zinsen. Die Kirche wollte verhindern, dass der nach (ökonomischem) Erfolg strebende Bürger „über die ihm vorgezeichneten (ewigen) Grenzen hinausstrebt“ (197). Veränderungen, zumal Revolutionen, waren die größten Übel für diese Kirche. Welche Konsequenzen ergaben sich? Groethuysen schreibt: „Der Bürger braucht die Religion nicht mehr. Er hat ihre Lehren nicht eigentlich verworfen, wohl aber hat er sich ein Leben gebildet, das außerhalb des religiösen Vorstellungskreises verläuft. Religion bedeutet für ihn Vergangenheit, sie stellt sich als etwas dar, was am Leben selbst unwahr geworden ist“. (206). „Der Bürger will vor allem ein ehrlicher Mann sein, es kommt ihm nicht mehr darauf an, als frommer Mann zu gelten“ (ebd.) Und das gilt im Frankeich des 18. Jahrhunderts! Die Pfarrer und Theologen damals, so schreibt Groethuysen ausführlich, kommen zu der Überzeugung: „Die Bürger leben außerhalb des Christentums, und es könnte manchmal so scheinen, als seien sie überhaupt niemals Christen gewesen“ (S. 208). Dabei steht fest: Den Maßstab des Christlichen liefert die Kirchenführung! Aber der ehrliche Bürger könnte doch, wenn er ehrlich ist und seine Mitmenschen nicht schädigt, durchaus elementare humane und christliche Werte leben. Aber das kann und will die Kirchenführung nicht sehen und anerkennen. Groethuysen fasst die Überzeugung des nicht – kirchlichen Bürgers zusammen: „Der Bürger bedarf der kirchlichen Vorstellungswelt nicht mehr. Er findet in seinen eigenen Anschauungen und Wertungen und nur in ihnen das, dessen er bedarf, um das gesellschaftlich – wirtschaftliche Leben zu regeln und seine Ansprüche zur Geltung zu bringen.“ (210).
Damit, so müsste weiter geprüft werden, wurde der Bruch und Widerspruch eingeleitet zwischen einer Moral der kapitalistischen Wirtschaft und einer religiösen, traditionell christlichen Ethik. Weil diese sich dem Bürgertum gegenüber als total abweisend verhielt, wurde christliche Ethik später, auch selbst in reflektierter Form, als Gestaltungskraft des maßlos werdenden Kapitalismus ignoriert.

4.
Einige empirische Studien, Reportagen:
Wer Einschätzungen zur Religiosität der Pariser Bevölkerung wenige Jahre vor der Revolution 1789 studieren möchte, dem empfehle ich Louis Sébastien Merciers Werk „Mein Bild von Paris“, auf Deutsch, als Auswahl, als Insel Taschenbuch 1979 erschienen, die französische Ausgabe „Tableau de Paris“ umfasst 2.400 eng bedruckte Seiten. Mercier, gesellschaftskritischer Autor und Romanschriftsteller, lebte von 1740 bis 1814 in Paris.
In der genannten deutschen Ausgabe gibt es unterschiedliche empirische Beobachtungen und Notizen. Etwa ein Kapitel mit dem Titel „Messen“. Darin beschreibt der Autor nach journalistischer Recherche, wie die vielen und viel zu vielen Priester in Paris dort ihre (lateinischen, still gesprochenen) Messen „daher beten“ (S. 134), um Geld zu verdienen. Für die Messen müssen die Gläubigen bezahlen, die Messen gelten dem ewigen Seelenheil eines verstorbenen Angehörigen. Aber, so beobachtet Mercier, die Teilnahme an diesen Messen geschieht ohne religiöse Betroffenheit. Den ganzen religiösen Kultus hält kaum noch ein gebildeter Pariser für erwähnenswert, geschweige denn für berührend und wichtig. „Wer heute über die Messen herzieht, riskiert im schlimmsten Fall, sich lächerlich zu machen… Witze über die Messen machen höchstens noch Friseurgehilfen. Soll sie zelebrieren, soll sie hören, wer sie mag. Zu reden gibt es gar nichts mehr über die Messen“, so Mercier (S. 137). Über den sehr lebendigen Aberglauben, dem die Frommen in einem Reliquienkult anhängen, schreibt er in einem Kapitel über die „Sainte Chapelle“ (110 f). Das Niederknien selbst in schmutzigen Straßen wird als Ausdruck einer oberflächlichen Frömmigkeit beschrieben, wenn ein Priester die Straße entlanggeht, sichtbar einen Kelch vor sich hin tragend, um Todkranken die Kommunion zu reichen. Dafür kassiert der Mitarbeiter, Ministrant, dann im Haus des Sterbenden das Honorar. Eine interessante Beschreibung über die Riten, die man Sterbenden zukommen ließ… Mercier schreibt über den damals selbstverständlichen Zwang, regelmäßig zur Beichte zu gehen, wenn man denn eine kirchliche Trauung wünscht (331). Im ganzen beobachtet Mercier: Die meisten Beichtenden sind noch teils frömmelnde teils aufrichtige Bürgersfrauen, verschiedene Greise … sowie „Dienstmägde, die – gingen sie nicht zur Beichte – von ihrer Herrschaft als Diebinnen verdächtigt würden“ (330). Aufschlussreich ist auch das Kapitel „Sonn – und Feiertage“ (235 ff). „Die Kirchen bleiben also, abgesehen von den großen Feierlichkeiten, deren prunkvolles Zeremoniell noch immer eine gewisse Anziehungskraft ausübt, ziemlich leer“ (236).

5.
Als ein universal gebildeter „Mentalitätshistoriker“ hat Jean Delumeau (1923 – 2020), zuletzt Professor am Collège de France, die „Christlichkeit“ Europas studiert. Vor allem in seinem Buch „Stirbt das Christentum?“ (Walter Verlag, Olten, 1978), hat er sich mit dem gelebten, alltäglichen Christentum an der Basis auseinander gesetzt. Er kommt zu dem Gesamtergebnis: Es geht um eine vergangene „Welt, die, obwohl faktisch fast jedermann in einer Kirche hineingeboren wurde, immer ein christliches Missionsgebiet gewesen ist“ (S. 12). Mit anderen Worten: Die getauften Christen waren de facto Heiden wie in einem Missionsgebiet. Zu der Einschätzung kann Delumeau nur kommen, weil er als praktizierender Katholik die Kriterien der Christlichkeit von der kirchlichen Dogmatik übernimmt. Und er findet Unterstützung bei dem bekannten Mittelalter-Historiker Jacques Le Goff, der betont:“ Die Christenheit um 1500 ist beinahe ein Missionsland“ (S. 32). Dieses christliche Europa „war eher eine autoritäre Konstruktion, ein gemeinsamer Rahmen für die Völker, als der bewusste Glaube der Massen an die Offenbarung“ (S. 46). In einem Vortrag über „Christenheit und Christianisierung“ im Jahr 1984 hat Delumeau erneut das Thema aufgegriffen, die katholisch-theologische Zeitschrift „Theologie der Gegenwart“ hat den Vortrag 1985 zugänglich gemacht. Die Veröffentlichung in Deutschland geschah sicher auch deswegen, weil Delumeau die besorgten Theologen des 20. Jahrhunderts beruhigen wollte. Denn seine zentrale These auch aus seinen anderen Studien lässt sich so zusammenfassen: “Heute sind eigentlich viele Europäer besser christlich gebildet als zu Zeiten der angeblich blühenden Christenheit früher“.

6.
Aber schon bald, spätestens 20 Jahre nach Delumeaus Studien, haben französische Religionssoziologen mit vielen Fakten dokumentiert gezeigt: Die Säkularisierung des Bewusstseins der Europäer spitzt sich heute förmlich zu. Während Delumeau noch ein Fragezeichen hinter seinen Buchtitel „Stirbt das Christentum?“ setzen konnte, so verwenden heute Religionssoziologen und ehrliche Theologen eher ein Ausrufungszeichen hinter diesen Titel: Ja, das Christentum, verstanden als dogmatische Organisation der großen Kirchen, stirbt langsam. Und dazu gibt es zumal in Frankreich viele sehr erhellende Studien vor allem von Religionssoziologen und Historikern. (Man denke etwa an eine Studie „Les Francais sont – ils encore catholiques?“ (hg. Von Guy Michelat u.a.), Paris 1991)

7.
Der Historiker Prof. Guillaume Cuchet hat 2018 seine Studie veröffentlicht “Comment notre monde a cessé d etre chrétien“ („Wie unsere Welt aufgehört hat christlich zu sein“). Das Buch mit dem Untertitel „Anatomie eines Zusammenbruchs“ bezieht sich auf die Situation in Frankreich, erinnert etwa an den Philosophen und Mathematiker Blaise Pascal, der schon im 17. Jahrhundert betonte: „Das authentische Christentum ist immer eine Sache einer Minderheit gewesen“. Oder an den dänischen Philosophen Kierkegaard wird erinnert, der im 19. Jahrhundert betonte: “Das Christentum existiert eigentlich nicht …Was ist das im Grunde für eine furchtbare Komödie im ganzen Land, das sich christlich nennt“ (zit. s. 12). Cuchet wendet sich dann aber sehr ausführlich einer langen Liste von Studien einer auch kirchlich orientierten Religionssoziologie zu, die alle Leidenschaft darauf verwendet(e), Statistiken zum Gottesdienstbesuch in den unterschiedlichen Regionen Frankreich während vieler Jahre zu erheben. Ausführliches Kartenmaterial wurde über all die Jahre angelegt, etwa von dem bekannten Religionssoziologen und Priester Fernand Boulard. „Keine Kirche in der ganzen Welt hat sich (wie die katholische Kirche in Frankreich CM) zu derartigen Übungen der soziologischen Selbstanalyse hingegeben“ (S. 26).
Wer versucht angesichts der vielen, immer wieder neuen Studien eine Art Gesamteinschätzung zu formulieren, muss erkennen: Die in Frankreich viel besprochene „déchristianisation“ (Entchristlichung) hat sehr früh schon begonnen, schon vor dem Beginn der 3. Republik und den Gesetzen der laicité. Schon im 17. Jahrhundert wird dokumentiert, wie in bestimmten Regionen Frankreichs die getauften Katholiken sich von der Kirche distanzieren (vgl. S 75). Auch auf die Bedeutung der Religionsgesetze der Französischen Revolution muss hingewiesen werden. Dort, wo die Priester die “Zivilkonstitution für dem Klerus“ ablehnten, also die Revolution verurteilten, blieb die religiöse Praxis erhalten. Aber das ist nur ein Element für die Kirchenbindung. Wichtig bleiben vor allem die regionalen Unterschiede der kirchlichen Bindung in Frankreich: Es gab und gibt immer noch stark kirchlich bestimmte Gegenden, wie die Vendée oder die Bretagne UND auch Départements, in den die kirchliche Praxis de facto Null ist, wie im Département Creuse, das übrigens als einziges Département Frankreichs keinen eigenen Bischof hat (der zuständige Bischof sitzt in Limoges). Im Département Creuse arbeiten noch 1 Priester in 6 Pfarrgemeinden für ca. 200 Dörfer… Aber das am Rande.

8.
So sehr man auch, verglichen mit dem schwachen Stand der Religionssoziologie in Deutschland, überrascht ist, von der Fülle auch statistischer Studien und spezieller Karten in Frankreich: Die Frage, warum diese Kirche, die sich selbst „älteste Tochter der Kirche“ nennt, nun offensichtlich an ihr zahlenmäßig sichtbares Ende kommt, wird von Religionssoziologen nicht umfassend beantwortet. Dies ist eine theologische und religionswissenschaftliche Frage. Emmanuel Todd und Hervé Le Bras betonen in ihrer Studie „Le Mystère francais“ (2013), dass der französische Katholizismus als System von Glaubenshaltungen und Riten außerhalb eines begrenzten städtischen und eher auf Rentner bezogenen Milieus verschwinden könnte. (S. 83 im Buch von Cuchet). Warum? Die emanzipatorischen Bewegungen des Mai 68 werden als ein Grund genannt, auch innerkatholische Entwicklungen, wie die „Pillenenzyklika“ „Humanae Vitae“. Aber es wird nicht deutlich gesagt: Ein entscheidender Grund für das Verschwinden des katholischen Glaubens in Frankreich und anderswo in Europa sind die starre dogmatische Haltung der Kirchenführer, die Überforderungen eines vor allem alten, wenn nicht greisen Klerus, das Festhalten am klerikalen System, der Ausschluss der Frauen vom Amt sowie in den letzten Jahren: Die vielen nachgewiesenen „Fälle“ sexuellen Missbrauchs durch Priester und die Vertuschungen durch Bischöfe.

9.
Die Menschen, „ehemalige Kirchen-Mitglieder, bleiben oft an der kulturellen, alten Welt des Katholizismus interessiert, etwa an den prächtigen gotischen Kathedralen und Klöstern, den lateinischen Gesängen und Arbeiten der Künstler. Aber wenn sich in dem Zusammenhang eine Glaubenshaltung entwickelt, dann ist sie nicht mehr oft auf die Organisation Kirche bezogen. Sondern aus solchen „kulturell – katholischen“ Erfahrungen in Kathedralen bildet sich jeder und jede dann seine individuelle Spiritualität. Die man allein lebt und bedenkt oder in kleinem privaten Kreis bespricht. Nach dem Besuch der Kathedrale kann dann selbstverständlich anschließend ein Zen-Buddhistischer Kurs besucht werden oder eine Yoga-Gruppe. Vielleicht auch einen philosophischen Zirkel, in dem die Bibel als ein Buch der Weisheit gelesen wird. So verändert sich die christliche Religion grundlegend, nicht nur in Frankreich. Verschwindet sie auch? Das sicher nicht. „Die Religion zieht um“, hat ein holländischer Theologe einmal gesagt. Nur: Die katholische Kirche beobachtet hilflos ihr eigenes langsames Verschwinden. Sie ist nicht imstande, undogmatische Gesprächskreise für die vielen Menschen anzubieten, die nach dem Sinn des Lebens fragen, vielleicht auch nach Gott, die aber keine Kirchenbindung mehr ertragen können….wohl aber dringend menschliche Gemeinschaften für ein reifes geistiges Leben suchen.
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Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Elend, nackt und bloß. Jesus am Kreuz. Der Text einer Ra­dio­sen­dung von Christian Modehn.

Der TEXT der Ra­dio­sen­dung „Elend, nackt und bloß. Jesus am Kreuz. von Chrostian Modehn

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GOTT UND DIE WELT
Elend, nackt und bloß – Jesus am Kreuz Sendung am 2.4.2021
Eine Sendung von Christian Modehn

Redaktion: Anne Winter
Sprecher: Markus Hoffmann
Regie:Roman Neumann

1. Musik, Statio I, 1 Lachrimae tristes (Jordi Savall)

1. O TON, Bachl
Das Kreuz ist in unserer christlichen Kulturwelt, in unseren Räumen, doch weit-hin ein Möbel geworden. Zwar ein Möbel mit einer gewissen Ehrfurcht behandelt, es ist ein Möbel, ein hübsches Ausstattungsstück für eine Wohnung. Wenn das Kreuz etwas ist in der Kultur, dann ist es der Querbalken in der Kultur.

1. Musik

2. O TON, Sander
Man identifiziert sich mit jemandem, der ohnmächtig ist. Und das ist eine ganz schwierige Identifikation. Weil man sich damit mit seiner Ohnmacht auch aus-einandersetzen muss. Von daher ist die Auseinandersetzung mit dem Gekreuzigten immer auch das Zu-sich-Selber-Finden in die eigenen Abgründe hinein.

1. Musik

3. O TON, Manfred Richter
Die Nacktheit war verbunden mit gesellschaftlicher Ausgrenzung.
Und je mehr die Hinfälligkeit des irdischen Lebens bewusst wurde, hat man diesen Aspekt des ausgegrenzten Christus als Trost verstanden

1. Musik

Titelsprecherin:
Elend, nackt und bloß – Jesus am Kreuz
Eine Sendung von Christian Modehn

2. Musik, Statio VI, Spiritu Morientis

Sprecher:
Der katalanische Komponist Jordi Savall kann seinem Entsetzen über das Sterben Jesu nur musikalisch Ausdruck geben. In der Sprache der Musik äußert er die Gefühle der Freunde Jesu, erzählt von ihren Tränen, dem Schluchzen, dem Schrei des Entsetzens.

2. Musik

Sprecher:
Jordi Savall lässt sich von einem Gemälde des italienischen Meisters Caravaggio inspirieren. Es hat den Titel „Kreuzesabnahme Christi“ und wurde im Jahr 1603 für eine Familienkapelle in der Kirche Santa Maria in Vallicella zu Rom geschaffen: Der fast nackte Leichnam Jesu wird von Joseph von Arimathäa, einem treuen Jünger, und von Johannes, dem Apostel, sanft gehalten, bevor er ins Grab gelegt wird. Maria von Magdala verbirgt inmitten der Trauernden ihr Gesicht, sie will ihre Verzweiflung nicht zeigen. Maria, die Mutter Jesu, wendet sich, vom Schmerz bewegt, noch einmal ihrem verstorbenen Sohn zu. Dessen rechter Arm, reglos und schlaff, berührt bereits das Grab. Der Apostel Johannes ist so verwirrt, dass er beim Heben des Leichnams in Jesu offene Wunde greift. Sie wurde verursacht, als die römischen Soldaten das Herz durchbohrten. Diese Szene wird von einem schwarzen Hintergrund beherrscht. Die Trauerden stehen wie vor einer undurchdringlichen Mauer. Der Kunsthistoriker Dominique Fernandez schreibt:

Zitator.:
Es ist ein nicht mehr zu steigerndes, ein absolutes Schwarz. Ein solches Drama ist eigentlich unbegreiflich, unsäglich, jenseits jeglicher Form.

Sprecher:
Jesus von Nazareth hängt leblos am Kreuz, ausgeblutet, qualvoll verendet an diesem Todes-Balken, mit dem die Römer in ihrem Imperium gewöhnliche Verbrecher, politische Fanatiker und Rebellen hinrichteten. Seit mehr als tausend Jahren beherrscht diese Szene das Christentum und seine Kirchen. Jeder Altar braucht sein Kruzifix. Christen verehren den geschundenen Heiland in seiner Todesstunde, ein Motiv, das auch Künstler immer wieder beschäftigt. So wird der Schmerzensmann in alle nur denkbaren Landschaften platziert, in Städte, Häuser, Kirchen.

3. Musik Statio I, Deploratio I,

Sprecher:
Jeder Künstler nimmt auf seine Weise das Kreuzesgeschehen wahr. Raffael und Rembrandt, Tizian und El Greco, Hieronymus Bosch und Rubens, Altdorfer und Caravaggio, um nur einige prominente Maler des 16. und 17. Jahrhunderts zu nennen, schaffen alles andere als dokumentarische, gar historisch korrekte Arbeiten. Sie bieten dem Betrachter ihre Sicht des Kreuzweges; sie interpretieren ihren Kalvarienberg und ihre Kreuzesabnahme und Grablegung. So können die Gläubigen immer wieder einem neuen Antlitz des Gekreuzigten begegnen. Aber immer wird ein fast nackter Jesus gezeigt, bemerkt der Salzburger Theologe Hans – Joachim Sander:

4. O TON, Sander
Der nackte Jesus am Kreuz ist eine Demonstration, und zwar die Demonstration einer Ohnmacht. Der Gekreuzigte selbst, der dann im Mittelpunkt rückt, das ist die Darstellung eines zerstörten, zerbrochenen Männerkörpers, der einer politischen, religiösen Konstellation zum Opfer gefallen ist. Und damit das Zurschaustellen, das Ausstellen, das Aussetzen eines ohnmächtigen Menschen.

3. Musik

Sprecher:
Für die Christen der ersten Jahrhunderte war das Kreuz noch nicht das entscheidende Symbol ihres Glaubens. Sie hatten vielmehr eine große Scheu, die Gestalt Jesu von Nazareth bildhaft darzustellen. Der Berliner Theologe und ehemalige Leiter des Kunstdienstes der evangelischen Kirche Manfred Richter hat sich mit dieser Frage befasst:

5. O TON Manfred Richter
Man hat nun, jahrhundertlang, also die erst zwei bis drei Jahrhunderte lang, keine Bilder gehabt. Man hatte keine gebauten Gottesdienststätten. Man ist in den Hauskirchen zusammen gekommen. Und dann hat man ganz andere Motive für Jesus verwendet, wie der gute Hirte, der das Lämmchen auf der Schulter trägt, den verlorenen Menschen. Für die Christenheit, für die Jüngerschaft, war es ein Skandal erster Ordnung, dass der, auf den sie gesetzt hatten, am Kreuz wie ein aufbegehrender Rebell hingerichtet wurde in entehrender Weise. Die Hinrichtung hat ja außerhalb der Stadt stattgefunden, also an einem unreinen Ort.

Sprecher:
Der elend ans Kreuz Geschlagene, der soll der Erlöser sein? Er soll der Gottmensch sein, dem alle Ehre gebührt? In den ersten Jahrhunderten nach Christus stellten die Gebildeten, vor allem die Philosophen, diese Fragen. Sie konnten die positive Antwort der Christen nicht nachvollziehen und fanden sie eher merkwürdig. Erst unter Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert gelang es, die breite Öffentlichkeit umzustimmen und für die Verehrung des Gekreuzigten zu gewinnen. In den neu gebauten Kirchen, den Basiliken, wurde dann ein Kreuz besonderer Art gezeigt: Es verzichtete auf den Corpus, den Leichnam Jesu. Die riesigen Mosaike präsentierten voller Stolz den neuen Herrscher, den Gottmenschen Jesus Christus: In der Apsis der römischen Kirche Santa Pudenziana ist ein entsprechendes Mosaik noch heute zu sehen. Der Kunsthistoriker Horst Schwebel schreibt:

Zitator:
Das neue Christusbild des 5. Jahrhunderts greift auf die Darstellungen des Kaiserbildes zurück. Die Kirche, Basilika genannt, wird zur Königshalle des himmlischen Kaisers Christus. In Purpur gekleidet sitzt er auf dem Globus als Symbol für den Kosmos. Bis in die Zeiten der romanischen Kunst wird Jesus hoheitsvoll dargestellt, finster blickend, aber den Sieg Gottes verheißend.

3. Musik

Sprecher:
Im Mittelalter verlangten die Menschen nach anderen Bildern. Seit dem 11. Jahrhundert setzt sich die Überzeugung durch: Dieser machtvoll herrschende Christus ist viel zu abweisend! Er hat kein Mitgefühl. Die Erfahrungen von Leid, Krieg und Gewalt waren so einschneidend, dass nur der mitleidende Jesus, der Schmerzensmann am Kreuz, eine Antwort auf die letzten Lebensfragen sein konnte. Ein demütiger Mann, wie ihn die Evangelisten beschreiben, in einer armseligen Krippe im Stall geboren. So elend, nackt und bloß wie er auf die Welt gekommen war, so endete er auch, einsam am Kreuz. Diesem Jesus will Franziskus von Assisi nachfolgen, der Sohn einer reichen Tuchhändlerfamilie. Er befreit sich im Italien des 12. Jahrhunderts von seinen bisherigen Überzeugungen und wirft im Moment seiner Bekehrung tatsächlich alles von sich, sagt Pater Cornelius Bohl, der Provinzial des Franziskanerordens in München:

7. O TON, Pater Cornelius Bohl,
Franziskus trennt sich von seinem Vater, er gibt ihm also alles zurück, selbst die Kleider, die er hat. Und sagt eben: Bisher habe ich dich meinen Vater genannt, aber jetzt habe ich nur noch den Vater im Himmel. Er steht nackt vor dem Vater und vor der ganzen Stadt, und das wird zum äußeren Zeichen auch seiner radikalen Trennung von seinem bisherigen Leben. Also wenn er sich von den Kleidern trennt, die auch einen Stand ausgedrückt haben, die Reichtum bedeutet haben, die gesellschaftliche Stellung ausgedrückt haben, dann trennt er sich nicht nur vom Vater, sondern von diesem ganzen System, in das er hineingeboren ist; ein System, das auf Macht basiert, auf Geld, all das lässt er los, um etwas ganz Neues zu beginnen.

Sprecher:
Franziskus von Assisi gründet eine Ordensgemeinschaft von Brüdern und Schwestern, die sich zu einem Leben in radikaler Armut verpflichten. Viel weiter noch reicht seine Anregung, die allen Christen gilt: Sie sollen den leibhaftigen, den historischen Jesus verehren, vor allem sein Leiden am Kreuz.

4. Musik

Sprecher:
Seit dem 14. Jahrhundert werden Kreuzesdarstellungen immer beliebter, sie zeigen einen von Schmerzen gekrümmten Jesus, festgenagelt am Balken des Todes, nackt bis auf ein Lendentuch. Diese Darstellung setzt sich endgültig durch. Nur einmal und bloß für kurze Zeit, präsentieren Künstler einen schönen Gekreuzigten. Michelangelo zum Beispiel will in der Renaissance, im 15. und 16. Jahrhundert, für einen anderen Christus werben: Einen wunderschönen Jüngling, einen idealen Menschen, der gelassen und vom Schmerz unberührt am Kreuz seinem Tod entgegen sieht. Michelangelo hat als junger Künstler für die Augustinerkirche in Florenz eine viel beachtete Skulptur eines schönen nackten Jesus geschaffen und später für die Sixtina in Rom nackte Leiber der Heiligen gemalt. Dabei ließ sich auch Michelangelo von biblischen Impulsen leiten, meint Pater Cornelius Bohl:

8. O TON, Cornelius Bohl
Die Nacktheit ist eigentlich der natürliche Zustand, der paradiesische Zustand des Menschen, der Mensch, der so ist, wie er von Gott geschaffen ist, der sich nichts vormacht, der anderen nichts vormacht, der sich nicht verstecken muss, auch durch Kleider nicht verstecken muss. Weil er sich annehmen kann, auch von Gott angenommen ist. Also Nacktheit ist gut und Nacktheit ist paradiesisch.

Sprecher:
Je mehr sich jedoch die genaue Kenntnis der biblischen Erzählungen durchsetzte, umso deutlicher wurde: Von ästhetisch gefälliger Schönheit kann bei Jesus nicht die Rede sein. Sein Lebensende heißt Leiden, Blut, Schmerz, Einsamkeit. In Zeiten von Pest und Hungersnot stand dieser Schmerzensmann den Menschen näher als ein wohlgeformter Jüngling am Kreuz, sagt der emeritierte Professor für katholische Dogmatik Gottfried Bachl:

09. O TON, Gottfried Bachl
Das, meine ich, müsste man auch sich vergegenwärtigen: Die Hässlichkeit Jesu in ihren verschiedenen Brechungen. Ich meine damit nicht den charakterlichen Mangel oder dass er unsympathisch gewesen sei oder abstoßend gewesen sei. Ich meine damit seine wirkliche Querlage zu dem, was wir gemütlich nennen, hübsch, zu all dem, was wir mit einer gewissen Lust über unser wirkliches Leben hinweg schmieren und zumachen und verniedlichen.

Sprecher:
Ein hübscher Jesus, der selbst am Kreuz noch eine gute Figur macht – das hätte den Sterbenden im Hospiz von Isenheim im Elsass wohl kaum gefallen. Sie suchten den verständnisvollen Freund, ein Vorbild auch im Leiden. Sie waren überzeugt: Wer an Jesus Christus glaubt, wird wie er den Tod überwinden. Matthias Grünewalds Wandelbild des Gekreuzigten des Isenheimer Altars von 1515 zeigt Jesu’ ganze grauenvolle Qual. Doch wenn die Kranken den Hingerichteten genauer betrachteten, konnten sie in dem Gemälde durchaus Trost und Hoffnung erkennen, erklärt Pfarrer Manfred Richter:

10. O TON, Manfred Richter
Wenn man mal beobachtet, gerade bei Grünewald, dass der Lendenschurz, zugleich geschwungen gezeigt wird, dass er nämlich quasi spricht. Das ist das Zeichen, dass sein Leiden sprechend ist und einem Zuspruch bedeutet. Als Trost ja. Als Zuspruch erst mal der Leidenden, die also da im Krankenhaus diesen Christus vor Augen hatten, dass er wie sie leidet, und durch dieses Leiden hindurch die Irdischkeit hinter sich gelassen werden kann.

Sprecher:
In einer religiös geprägten Kultur gab es für die Menschen keine Zweifel: Die Kreuzesdarstellungen verweisen auf die Lebensgeschichte Jesu. Es gilt also, sich bewusst zu machen, wie er in Palästina aufgetreten ist. Dann werden überraschende Erkenntnisse geschenkt, meint der Jesuitenpater Klaus Mertes:

11. O TON, Klaus Mertes
Das ist ein ganz wichtiger Punkt, also dass Jesus ganz offensichtlich jemand ist, der ich sagt. Also er predigt nicht über Dinge, sondern er spricht über sich. Wenn er zum Beispiel sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Dann sagt er nicht: Ich verkündige euch die Auferstehung und das Leben. Sondern er sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Was ich zu sagen habe, zeige ich durch das, was ich bin. Durch mein Sein. Also ich habe nicht etwas im Kopf, was ich euch sagen will, sondern ich zeige euch, was ich lebe, ich zeige euch, welche Menschen ich liebe, ich zeige euch, welche Dinge mich verletzen. Ich zeige euch, was meine Sehnsucht ist. Das ist meine Verkündigung. Es ist ein Sprechen durch Sein mehr als durch Worte. Und das ist die tiefere Nacktheit bei Jesus!

5. Musik: Spiritum Morientis

Sprecher:
Vom Kreuz Jesu kommen die Künstler nicht los, selbst wenn sie nicht mehr im Dienst der Kirchen stehen. Seit dem 18. Jahrhundert kommt es kaum noch vor, dass ein Bischof oder gar ein Papst einen angesehenen, aber kirchenkritischen Maler mit einer Arbeit beauftragt. Und auch die Kirchengemeinden sind selten bereit, auf den üblichen Gebrauchskitsch der Kunsthandwerker zu verzichten und sich ein wirkliches Kunstwerk zu leisten. Wenn seit dem 18. Jahrhundert Künstler ihren Schmerzens-mann malen, dann nur aus ihrem eigenem, individuellen spirituellen Interesse. Lovis Corinth hat die Schrecken des Ersten Weltkrieges überstanden. Er sieht das Gemetzel noch Jahre später vor sich, die Leichenberge, die zerfetzten Köpfe der Soldaten. 1922 malt er ein außergewöhnliches Bild. Es zeigt einen völlig blutbespritzten Christus mit Dornenkrone, dem ein Mann eine Lanze in die Brust rammt.

12. O TON, Manfred Richter
Lovis Corinth: Der rote Christus, da wird der existentiell bis zum Letzten zerrissene und kaputt gemachte Mensch, wie er im Ersten Weltkrieg erlebt werden konnte, und im zweiten auch erst recht, dargestellt. Und dieser Lovis Corinth Christus ist rot und Fleisch, wie Francis Bacon in drastischerer Weise die Zerrissenheit der menschlichen Figur, darstellt. Da ist noch mal ein neuer Typus der Christusbesinnung da, die ihn aber mit uns, mit unserem zeitgenössischen Schicksal, in engste Verbindung bringt.

Sprecher:
Lovis Corinth ist nicht der einzige Künstler, der überzeugt ist: Dieser leidende Jesus lebt heute, er ist gegenwärtig. Auch andere Künstler wie Max Beckmann oder Arnulf Rainer, Francis Bacon, Georges Rouault, Alfred Hrdlicka und Herbert Falken haben den Schmerzensmann gemalt. Und etliche gehen soweit, dass sie sich mit dem sterbenden Jesus identifizieren. Der Schweizer Maler Louis Soutter war dem Ende nahe, seelisch zerrüttet, von der eigenen Familie abgeschoben in ein Heim. Nackt und auf dem Boden kauernd, hat er dort 1935 seinen persönlichen Heiland Jesus am Kreuz gemalt, sagt der Kunstexperte Pater Friedhelm Mennekes:

13. O TON, Pater Mennekes
Er hat die Christusgestalt immer wieder gemalt, ans Kreuz geheftet. Aber es sind Christusgestalten von einer unglaublichen Spannung und Dichte, bei denen sich zeigt, dass hier an der Gestaltung dieser Figur ein Mensch um sein Über-leben als vernünftiger Mensch kämpft, wie ein Mensch im Malen des Christus Trost und Lebensmut erringt, erzeichnet. Am Ende seiner Tage mit bloßen und sogar blutigen Händen. Wir verdanken ihm die ersten Fingermalereien, ohne Pinsel, sondern direkt mit der flachen Hand und den bloßen Fingern gemalt: Das Entscheidende an seinem Christusbild ist, dass hier ein Maler im Zeichen des Christusbildes für sich eine dauerhafte Hoffnung errungen hat und die Therapie: dass er nicht in die völlige geistige Umnachtung zurückfiel.

Sprecher:
Kann man sich ein solches Christusbild über dem Altar vorstellen? Gehören künstlerische Darstellungen des nackten Jesus am Kreuz in die Mitte eines Kirchengebäudes? Darüber wird kaum noch gestritten: Viele Gemeinden begnügen sich mit einem Kruzifix nach der Art der Schnitzwerkstätten von Oberammergau. Anders die evangelische Gemeinde in Berlin – Plötzensee. In den 1960er Jahren hatte ihr damaliger Pfarrer Bringfried Naumann den Bildhauer und Maler Alfred Hrdlicka aus Wien eingeladen, für diese Berliner Kirche ein umfangreiches Werk zu schaffen, den Plötzenseer Totentanz. Mit diesem Auftrag wollte die Gemeinde auch bezeugen, wie stark sie von der Nachbarschaft zur ehemaligen Hinrichtungsstätte der Nazis in Plötzensee betroffen ist. So entstanden mehrere große Tafeln, in schwarz –weiß gehalten. Auf einer Arbeit wird auch die Kreuzigung Jesu gegenwärtig. Sein Leichnam ist total nackt, erläutert der heutige Pfarrer Michael Maillard:

14. O TON, Michael Maillard
In dem Hinrichtungsschuppen in Plötzensee gibt es einen Stahlträger mit Haken dran. An dem wurden Hitlergegner mit einer Schlinge um den Hals herum gehängt. Ein sehr grausamer Tod. Dann hat Alfred Hrdlicka gesagt, er möchte die Kreuzigung Jesu in diesen Kontext stellen. Obwohl er ansonsten auf diesem Bild Klassisches darstellt, Jesus in der Mitte mit Dornenkrone und anderen Zeichen, die wir aus der biblischen Überlieferung kennen, rechts und links die beiden Verbrecher, mit denen er zusammen hingerichtet worden ist. Bei uns ist er völlig nackt dargestellt, die beiden Schächer auch. Es soll dargestellt werden, dass die Leute, die da hingerichtet wurden, aller Würde entblößt worden sind. Und das passiert heute in Gefangenenlagern, Foltercamps, immer noch.

Sprecher:
Auch hier bricht das Grundmotiv moderner Künstler durch: Jesu Leiden ist keineswegs nur ein Ereignis der Vergangenheit; seine Kreuzigung geschah gestern und geschieht heute in den Hungerregionen Afrikas oder den Todeslagern Nordkoreas. Aber, so will Alfred Hrdlicka sagen, schaut genau hin! Dann werdet ihr Lebensmut empfangen: Denn dieser Jesus, der Gerechte, verhält sich sogar sterbend noch wie ein Erhabener:

15. O Ton, Michael Maillard
Auf der Kreuzigungsdarstellung des Plötzenseeer Totentanzes fällt auf, dass die Christusfigur die Fäuste nach oben reckt, die Hände der beiden anderen Gehängten hängen schlaff nach unten. Aber die Christusfigur hat Kraft in den Händen. Das ist auch sehr wichtig. Da hat Alfred Hrdlicka, das ist überliefert, an Menschen gedacht, die nach dem Todesurteil aufrecht, ungebrochen, in den Hinrichtungsschuppen gegangen sind. Und gewusst haben, eigentlich sind sie die Sieger, und nicht der Freisler, der sie gerade zum Tode verurteilt hat, weil sie das Richtige gemacht haben und den richtigen Weg gegangen sind.

6. Musik: Lacrimae Tristes

Sprecher:
Ist der irdische Tod das absolute Ende? Diese Frage kann bei der Auseinandersetzung mit dem Kreuz Jesu gar nicht ausbleiben. Aber die Hoffnung auf eine Überwindung des Todes stellt sich bei modernen Künstlern nicht so schnell ein. Hrdlicka denkt zwar an den Auferstandenen. So malt er eine Szene der Emmausjünger: der lebendige, auferstandene Jesus teilt mit seinen Freunden das Brot – doch das tut er im Dunkel einer Gefängniszelle. Ein optimistisches Bild ist das nicht. Und dennoch scheint auch Hrdlicka zu sagen: Inmitten des Grauens gibt es Spuren des Lichts, der Hoffnung. An dem Thema hat sich auch der weltweit bekannte Joseph Beuys abgearbeitet. Als spiritueller Mensch war er von der geistigen Präsenz des Gottmenschen Christus in der heutigen Wirklichkeit überzeugt. Selbst noch in den hässlichen Abstellkammern der Kliniken, wo Schwerkranke mit dem Tod kämpfen, gibt es für ihn Hoffnungsschimmer. Eine seiner Installationen nannte Joseph Beuys „Zeig mir deine Wunde“, sagt der Jesuitenpater Friedhelm Mennekes.

16. O Ton, Pater Mennekes
Beuys ist ja wirklich einer, der tief davon überzeugt ist, dass auch die Welt der Todeszonen, wie etwa ein Sezierraum, umgriffen ist, von einer Welt, die durchpulst, durchseelt ist, ist von der Christussubstanz.

Sprecher:
Wer sich mit dem Kreuz Jesu meditativ betrachtend auseinandersetzt, sucht Antworten auf seine spirituellen Interessen. Es geht um die Frage, wie man angesichts des Todes persönlich reifen und wachsen kann. Die Beschäftigung mit dem nackten Jesus am Kreuz eröffnet dann Möglichkeiten, sich selbst authentisch wahrzunehmen, sagt Pater Klaus Mertes:

17. O TON, Klaus Mertes
Ich kann dem nackten Gott nicht begegnen, wenn ich selbst bekleidet bleibe. Eigentlich habe ich immer das Christentum so verstanden, dass es ein Bekenntnis zur eigenen Nacktheit ist. Und zur Nacktheit Gottes in mir. Und nur in dieser Nacktheit begegne ich Gott.

Sprecher:
Wer dieser Sichtweise folgt, wird im Blick auf den sterbenden Gottmenschen die Fragwürdigkeit des Daseins erkennen, meint Pfarrer Manfred Richter:

18. O TON Manfred Richter
Es ist die condition humaine, die Grundbefindlichkeit des Menschen, die und das ist ja die Stärke der zeitgenössischen Kunst, die darauf verzichtet, jetzt eine definitive Antwort zu geben, sondern das ist ein so lauter Schrei oder eine so totale Stille, dass du selbst aufgerufen wirst, eine Antwort zu suchen. Aber nicht zu schnell, denke erst mal nach.

Sprecher:
Aus der Kraft des Innehaltens, der Unterbrechung und des Nachdenkens im Angesicht des Kreuzes wächst dann eine neue Spiritualität: Sie braucht keine glanzvollen, keine entzückenden Bilder und wortreichen Lehren. Sie wird als christliche Religion selbst einfach, nackt und bloß!

Titelsprecherin:
Elend, nackt und bloß – Jesus am Kreuz
Sie hörten eine Sendung von Christian Modehn
Es sprachen: Markus Hoffmann und Steffen Brück
Ton: Martin Seelig
Redaktion: Anne Winter
Regie: Roman Neumann

Das Manuskript der Sendung können Sie telefonisch bei unserer Service-Redaktion bestellen, aus Berlin oder Potsdam unter 97993-2171. Oder per email: religion@rbb-online.de. Und zum Nachhören oder Lesen finden Sie die Sendung auch im Internet unter Kulturradio.de