Papst Leo trifft im Vatikan sehr rechtslastige, rechtsradikale Politiker aus ganz Europa!

Der Beitrag des Papstes zum Fall der „Brandmauer“ gegen Rechtsextreme?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 11.12.2025

1.
Papst Leo hat am 10. Dezember 2025 PolitikerInnen in seinem Apostolischen Palast im Vatikan getroffen und mit einer freundlichen, leicht mahnenden Rede unterhalten. Die Papst – begeisterten PolitikerInnen sind Mitglieder der Fraktion ECR („European Conservatives and Reformists“.) Dazu gehören (Stand Dez. 2025) 79 Abgeordnete aus 18 Ländern. Die Fraktion nennt sich selbst „konservativ und demokratisch.“ Und diese eher normal und seriös wirkende Selbstbezeichnung glauben auch einige Leute, selbst im Vatikan, ganz offensichtlich selbst der Papst. Mit einem umfassenden kritischen politischen Wissen über diese Leute hätte der Papst – bei seiner kostbaren Zeit – den Empfang im wunderschönen „Salle Clementine“ ablehnen können … und statt dessen die sehr vielen frustrierten katholischen Frauen ins Gespräch eingeladen, Frauen, denen der Papst stur und steif immer noch den Zugang zum Diakonat verweigert, entgegen aller (!) theologischen Vernunft. So empfängt Papst Leo nun entgegen aller politischen Vernunft diese rechtsextremen Politikerinnen, die sich diplomatisch üblich-normal, aber verlogen „europäische Konservative und Reformer“ nennen.

2.
Die meisten dieser ECR Parteien sind in ihrer politischen Praxis und Theorie explizit z.B. gegen liberale, also humane und vernünftige Abtreibungsgesetze, sie verteidigen natürlich die hetero – normative Ehe, sie wehren sich gegen die umfassende Gleichberechtigung von queers, sie sind gegen die grüne Umweltpolitik und vor allem: Sie wollen mit aller Bravour ihre Länder von Flüchtlingen und Fremden, vor allem aus dem muslimischen Raum, absolut freihalten … mit ihrer restriktiven „Rückführungspolitik“. Aber, und das ist wichtig, diese PolitikerInnen geben sich als sehr christlich. Sie plustern sich auf als Verteidiger ihres christlichen Europa, ihres „Abendlandes“, dessen Werte sehen sie ausschließlich vom Christentum bestimmt. Neuerdings sind viele dieser sehr rechten, rechtsextremen Politikerinnen ganz offensiv plötzlich judenfreundlich geworden und nennen ihr kulturelles Ideal „jüdisch-christlich“, aber das behaupten sie nur, um ihre Ablehnung auf den Islam zu kaschieren. Eine verlogene Juden-Freundlichkeit wird benutzt gegen die Islamophobie!

3.
Die Begegnung des Papstes mit diesen Leuten fand am 10.Dez. 2025 statt, weil Giorgia Meloni, die Ministerpräsidentin Italiens, ihre FreundInnen vom ECR zu einer Konferenz nach Rom eingeladen hatte. Um sich die Gunst der vielen sehr konservativen, z.T. rechtsextremen Wähler zu erhalten, ist ein Besuch der Parlamentarier beim Papst immer hilfreich. Man bedenke, dass die polnische, sich sehr katholisch gebende PIS-Partei zum Club der ECR gehört, auch französische Politiker dieser Fraktion, wie Madame Maréchal, sind tief verwurzelt im katholischen Milieu. Zur rechtsextremen französischen Partei Reconquete und ihres Führers Eric Zemmour: LINK.

4.

Die katholische Ministerpräsidentin Italiens Giorgia Meloni gehört zur Partei „fratelli d Italia“, auch diese Partei ist Mitglied im Club der ECR. Madame Meloni war bekanntermaßen einst Mitglied der neofaschistischen Jugendorganisation der neofaschistischen Partei MSI; auch die Partei Fratelli d Italia gilt unter objektiven Politologen als „post-faschistisch“ und „rechtsextrem.“ Auch die „Schwedendemokraten“ gehören zur ECR Fraktion, auch sie gelten als rechtsextrem. Dasselbe gilt für die Partei „Wahre Finnen“, um nur einige weitere rechtsradikale Parteien im ECR zu nennen.

5.
Diese sehr rechtslastigen alles andere als Menschenrechts-freundlichen politischen Herrschaften also hat Papst Leo zu sich in den Apostolischen Palast geladen. Allein seine Bereitschaft, diese Leute ernst zu nehmen und mit einem Empfang beim Papst zu beehren, ist sicher hoch problematisch. Denn solch ein „Empfang beim Papst” wertet diese Parteien auf. Aber wenn der Papst schon die Chance hat, sozusagen dem sehr rechtslastigen Flügel Europas zu begegnen, dann nur unter der Bedingung: Diesen Leuten nicht nur behutsam und verständnisvoll ins Gewissen zu reden, sondern sie an die absolute Gültigkeit der Menschenrechte zu erinnern, also aller Welt deutlich freizulegen, dass diese Parteien und Politiker eine Ethik vertreten, die mit den zentralen Aussagen des Evangeliums und vor allem der Menschenrechte nicht zu vereinbaren ist.

6.
Aber nein, Papst Leo hat freundliche Worte gefunden, sogar den politischen Einsatz dieser Leute gelobt und vorsichtig Kritik geübt. Dabei ließ er keinen Zweifel, dass er mit diesen Rechtsextremen hinsichtlich der Abtreibungsgesetze und der Familien- Politik übereinstimmt! Der Papst stimmte auch mit diesen Leuten überein, als er – wie sie – die Wurzeln Europas ausschließlich im Christentum sah. Kein Wort also von den viel wichtigeren „Wurzeln“ Europas in der Philosophie der Aufklärung (Kant!) Und der absolut für alle geltenden Menschenrechte. Aber nichts davon sagte der Papst diesen sehr rechten und rechtsextremen Herrschaften. Und vor allem: Sind denn nicht die christlichen Wurzeln Europas vergiftet, durch Ketzerverfolgung, Judenverfolgung, Muslimverfolgung, Hexenverbrennung, Kolonialismus, Mord und Totschlag der christlichen Kolonialherren an indigenen Völkern, der Massenmord an den Juden durch die Christen und so weiter…Weiß dieser Papst überhaupt, was er da schwadroniert, wenn er mit den Rechtsradikalen von christlichen Wurzeln Europas phantasiert?

7.
Der vatikanische Pressedienst berichtet nur mit einigen Zitaten von der Ansprache des Papstes an die Rechtslastigen, Rechtsextremen; der vatikanische Pressedienst nennt wie die katholischen Medien kath.de diese Leute falsch und irreführend: Konservativ, mag ja sein, dass sie sich selbst so nennen. De facto sind sie es nicht… : LINK

Wir zitieren aus dem Bericht: „Namentlich erinnerte Leo XIV. an den Schutz des Lebens „von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod“ wie auch in der Mitte des Lebens. Hier verwies der Papst auf arme und ausgegrenzte Menschen und auch auf jene, die von „der anhaltenden Klimakrise, Gewalt und Krieg“ betroffen sind; das Wort Immigration vermied er.“ Soweit das Zitat. Angesichts dieser oft rechtsextremen Politiker, der Feinde einer humanen Flüchtlings- und Einwanderungspolitik, spricht der Papst selbst das Wort „Immigration“ nicht aus. Das kann man wohl nur Feigheit nennen oder soll das etwa als kluge Diplomatie des Staatschefs (des Papstes!) des Staates Vatikanstadt gelten ?
Wir zitieren weiter aus dem Vatikanischen Pressedienst: „Sicherzustellen, dass die Stimme der Kirche, nicht zuletzt durch ihre Soziallehre, weiterhin Gehör findet, bedeutet nicht, eine vergangene Epoche wiederherzustellen, sondern zu gewährleisten, dass wichtige Ressourcen für die zukünftige Zusammenarbeit und Integration nicht verloren gehen“, erklärte der Papst allgemein und verschwommen. Darüber hinaus rief Leo XIV. die „rechtskonservativen” Europa-Abgeordneten zu respektvoll geführten politischen Debatten auf.“ Wie nett und wie freundlich! Bitte, bitte, Rechtsradikale sollen doch respektvoll sein…

8.
Immer wieder also diese netten, harmlosen Worte aus päpstlichen Munde. Der Papst hat offenbar seine Rolle entdeckt als hilfloser und wirkungsloser Mahner, als freundlicher „Aufrufer“, als Verkünder abstrakter Weisheiten, als permanent irgendwelche Bittgebete Sprechender bei allen möglichen kleinen und großen schlimmen Ereignissen. Und er weiß offenbar nicht, dass er vor sehr rechtslastigen, de facto dem Evangelium und den Menschenrechten abgeneigten PolitikerInnen klare, harte Position eines Demokraten hätte zeigen müsste. Aber Moment mal: Der Papst und seine Kirche verstehen sich ja in ihrer Gesetzgebung explizit als nicht – demokratisch. Und die Erklärung der Menschenrechte hat der Vatikan nicht unterschrieben: Fühlen sich Päpste und hohe Kleriker im Milieu von demokratieskeptischen, also rechtslastigen Politikern besonders wohl? Historisch stimmt das: Mit Mussolini hat sich Pius XI. recht gut verstanden und Pius XII. war letztlich doch sehr zurückhaltend in seiner öffentlichen Kritik am Nazi-Regime. Er hielt den Kommunismus für gefährlicher …oder war das nur seine päpstliche Ausrede?…

9.
Wenn man den Empfang des Papstes für die Politikerinnen rechtslastiger und rechtsextremer Parteien für einen Augenblick nach Deutschland überträgt: Der Papst hat am 10.Dez. 2025 die berühmte „Brandmauer“ ein bißchen zerstört, die Brandmauer, die zurecht in Deutschland von demokratischen PolitikerInnen gegenüber der weithin rechtsextremen Partei AFD „gebaut“ wurde. Ich glaube, Papst Leo hat mit dem offiziellen Empfang dieser Politiker in seinem Palast die rechtsextreme Bewegung leider aufgewertet. Das sollte jeder Demokrat eigentlich eine Schande nennen. Und Katholiken, die kritisch denken, ebenso.

10.
Es ist bezeichnend, dass die Ansprache des Papstes vor diesen sehr rechtslastigen Politikern aus ganz Europa im sonst sehr umfassend dokumentierenden vatikanischen Pressearchiv bis jetzt nicht zu finden ist. War das Treffen dann doch dem Papst peinlich? Hoffentlich! Gesteht ein Papst Fehler ein? Hoffentlich, aber äußerst unwahrscheinlich. Lediglich die katholische Tageszeitung „La Croix“, Paris, hat über dieses Treffen am 10.12.2025 ein bißchen kritisch berichtet. LINK

Siehe auch unseren Hinweis: Papst Leo XIV.- Entscheidungen eines Allein-Entscheiders LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Hoffnung denken und Hoffnung leben. Wider die Gesellschaft der Angst…

Hoffnung denken und Hoffnung leben

Der Philosoph Byung- Chul Han: Seine Essays über den „Geist der Hoffnung“ .
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
In unserer Gegenwart ist die Hoffnung bedroht, jene Hoffnung, die bekanntlich als „letzte stirbt“, wenn alles andere längst schon vernichtet wurde. Nicht nur die Hoffnung als die unverzichtbare philosophische und religiöse Idee ist bedroht, sondern die Hoffnung als die unverzichtbare „geistige Energie“ (oder „Elan“) in uns, die Mut zum Leben gibt, sie ermuntert uns zur Zukunft, sie erschließt uns Zukunft.

2.
Der Philosoph Byung-Chul Han legt vier philosophische Essays unter dem Titel „Der Geist der Hoffnung“ vor. Han ist in Deutschland als „südkoreanisch-deutscher“ Autor längst gut bekannt; seine Studien und Essays sind Ausdruck eigenständigen philosophischen Denkens. Sie nehmen die LeserInnen mit ins eigene Denken, ins Philosophieren, denn Philosophieren ist die lebendige Praxis „der“ Philosophie.

3.
Byung-Chul Hans Essays argumentieren stets vor dem politisch-kulturellen Hintergrund der Angst als der vorherrschenden Stimmung unter den Menschen nicht nur in Europa. Darum der Untertitel „Wider die Gesellschaft der Angst“.

4.
Der erste Essay, „Auftakt“ genannt, zeigt in unserer Sicht deutlich Byung-Chul Hans eigenes Hoffnungs-Denken. Ausgangspunkt ist die allgemeine Angst vor einem vernichtenden Ende von allem. So wird für sehr viele Menschen ihr Leben zu einem bloßen Über-Leben. Han schreibt: „Doch erst die Hoffnung läßt uns jenes Leben zurückgewinnen, das mehr ist als Überleben. Sie spannt den Horizont des Sinnhaften auf, der das Leben wieder belebt und beflügelt. Sie schenkt Zukunft.“ (S. 12). Dabei macht Han von vornherein klar: Hoffnung hat für ihn nichts mit Optimismus zu tun, jener zur allgemeinen Floskel geratenen `Blauäugigkeit` der unreflektierten Heiterkeit. „Im Gegensatz zum Optimismus, dem jede Entschlossenheit fehlt, zeichnet die aktive Hoffnung ein Engagement aus.“ (S. 17). Und dies ist zentral: Hoffen kann der Mensch nur mit anderen. „Das Subjekt der Hoffnung ist ein Wir.“ (S. 18). Aber die herrschende Politik und Ökonomie, Han spricht treffend und zurecht von einem „neoliberalen Regime“(S. 21), vereinzelt den Menschen, „in dem es den Menschen zum Unternehmer seiner selbst macht.“ (ebd.). Gerade dieser erste Essay ist sehr treffend von einer Gesellschaftskritik bestimmt. Etwa: „Soziale Medien bauen paradoxerweise das Soziale ab. Sie führen letztlich zur Erosion des sozialen Zusammenhaltes. Wir sind bestens vernetzt, ohne jedoch verbunden zu sein.“ (S. 23). Sätze, die man als kritische Weisheit in jedes Schulbuch schreiben sollte… Oder diese treffende Erkenntnis: „Die Hoffnung ist das Ferment der Revolution, das Ferment des Neuen…Wenn heute keine Revolution möglich ist, dann deshalb weil wir nicht hoffen können, weil wir in Angst verharren, weil das Leben zum Überleben verkümmert.“ (S. 27). Ich hätte mir hier weitere Ausführungen gewünscht: Etwa: Welche Politiker zerstören in uns die Hoffnung systematisch? Welche Politiker sind längst – durch ihre kriegerischen Aggressionen (Russland), ihren rechtsextremen Rassismus, ihre MAGA-Wahnsinns-Ideologien, ihre sture und versteinerte Förderung der Millionäre und Milliardäre – diejenigen, die unser „Leben zum Überleben verkümmern“…

5.
Die drei weiteren, ausführlicheren Essays denken der Hoffnung nach als „Handeln“, als „Erkenntnis“ und als „Lebensform“. Diese Essays entwickeln die Notwendigkeit der lebendigen Hoffnung in Auseinandersetzung mit anderen PhilosophInnen. Byung-Chul Han stellt die Hoffnungs-Philosophie etwa von Albert Camus, Nietzsche, Ernst Bloch oder auch Hannah Arendt vor, er zeigt deren originellen Ansatz, unterstützt etwa den Tagtraum, weil er Hoffnung gebiert“ (S. 45)…Han lobt Ernst Blochs und mit ihm Pastor Martin Luther Kings Position: “AlleinTagträumer sind fähig zur Revolution“(S. 46). Han kann Hannah Arendt nur zustimmen, wenn sie das Geborenwerden zum Ausgangspunkt ihrer Hoffnungsphilosophie nimmt, er kritisiert aber Arendt, weil sie nicht sieht: „Hoffnung geht der Handlung voraus .. Es ist nicht die Handlung, sondern die Hoffnung, die Wunder bewirkt.“ (S. 53). Ohne Hoffnung also keine neue, gerechte Gesellschaft, ohne Hoffnung keine Revolution des Neuen, des Besseren…
Aber auch dies ist für den Philosophen Han wichtig: Hoffnung hat bei aller Notwendigkeit des tatkräftigen Engagements doch immer auch eine „kontemplative Dimension“ (S. 45). Dass Han auch Dichter einbezieht, wie Paul Celan, Franz Kafka, Ingeborg Bachmann und den Dichter (Politiker) Václav Havel. Gerade die Hinweis zu Václav Havel sind mir wichtig: „Havel verortet die Hoffnung nicht in der Immanenz der Welt. Ihre tiefsten Wurzeln hat sie im `Transzendenten`!“ (S.68) Diese Weite der Auseinandersetzung mit der Hoffnung ist bei Han ein deutliches Statement: Philosophieren lebt nicht nur von sich explizit philosophisch nennenden Texten der sich Philosophen nennenden Denker. Und man hätte gern gewusst, in welcher expliziten Beziehung Han die im Buch abgedruckten Arbeiten Anselm Kiefers sieht…Es sind doch philosophische Bilder, oder?

6.
Byung Chul Han, der auch katholische Theologie in Freiburg studiert hat, kennt natürlich die drei Lebensformen, die der Apostel Paulus ins Zentrum seines Denkens stellt: Glaube-Hoffnung-Liebe. In der zweifellos berühmten Stelle im Ersten Brief an die Korinther, Kap. 13, Vers 13 schreibt Paulus: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“. Natürlich ist es philosophisch nicht nur reizvoll, sondern dringend, den Zusammenhang dieser menschlichen Lebenshaltungen und ihr Miteinander-Verbundensein zu erörtern. Denn die Abfolge der drei Begriffe hat Paulus nicht zufällig so gesagt. Und es eines der Resultate der Lektüre des Buches „Der Geist der Hoffnung“ von Byung-Chul Han, dass sich die LeserInnen selbst die Mühe machen, den Zusammenhang und das Aufeinander-Verwiesensein dieser drei Begriffe bzw. Lebensformen zu bedenken.

7.
In dem Sinne verweist für mich „Glaube“ auf die Beziehung des Geistes der Menschen zum Grund der Welt und der Menschen. Diesen Grund kann man göttliche, schöpferische Kraft nennen. Weil Menschen auf diesem „Grund“ leben, können sie die Hoffnung entwickeln, die zum Einsatz führt, etwa als Widerstand gegen die politisch – extremen Kräfte, die diese Welt inhuman gestalten. Und dann die Liebe, die Paulus als „die größte“ Lebensform in einem Leben des Glaubens und Hoffens herausstellt. Also: Liebend glauben und liebend hoffen (dann auch handeln), darauf kommt es an, wenn wir die Liebe zu uns und den anderen gestalten wollen.

8.
Ich halte die Abfolge der drei Begriffe im Sinne von Paulus: „Glaube – Hoffnung – Liebe“ für sinnvoll, wenn nicht geboten. Han scheint eher Wert zu legen auf diesen Zusammenhang : „Hoffnung, Glaube und Liebe“ (S. 109). Die Hoffnung ist also für ihn das Erste, die zentrale, grundlegende Lebensform…

9.
Der vierte Essay (S. 95 – 112) ist vor allem eine Auseinandersetzung mit Martin Heideggers „Sein und Zeit“. Han beschreibt Heideggers Position sehr klar und deutlich, diese Seiten empfehlen sich förmlich für bislang Unkundige als Einstieg in „Sein und Zeit“. Aber Han, dessen frühe Arbeiten explizit auf Heidegger bezogen sind, kritisiert das Denken in „Sein und Zeit“ grundlegend:“Heideggers Denken ist insofern griechisch, als es sich am Gewesenen, am Wesen, orientiert. So definiert er selbst das Mögliche vom Wesen her. Es ist nicht das Kommende, das Noch-Nie-Dagewesene…Nicht Elpís (Hoffnung), sondern Mnemosyne (Erinnerung) lenkt Heideggers Denken“ (S. 111). Insofern ist von Heidegger keine Wegweisung zur humaneren Zukunft der Gerechtigkeit mit weniger dominierender Angst zu erwarten. „Heideggers Denken hat keinen Zugang zum Kommenden, nämlich zur Zukunft als Avenir…nicht das Heideggersche Vorlaufen zum Tod,(in „Sein und Zeit“), sondern das Vorlaufen zur neuen Geburt ist die Gangart des hoffenden Denkens. In die Welt kommen als Geburt ist die Grundformel der Hoffnung.“ (S. 112).

10.
In dem wichtigen, inspirierenden, ins Weiter – Denken führende Buch Byung-Chul Hans vermisse ich Hinweise zur Frage: Welche Hoffnung bleibt angesichts des Todes? Gibt es eine begründete Hoffnung auf irgendeine Form eines wie auch immer gearteten Lebens des Geistes über den Tod hinaus? Wer sich etwa an den Aufsatz „Tod“ in Byung-Chul Hans Studie „Philosophie des Zen-Buddhismus“, Reclam Verlag, 2002), S. 96 ff. erinnert: Da beschreibt Han eindringlich, wie sich im Zen- Buddhismus eine deutliche Verkapselung des Menschen in seine erlebte Endlichkeit zeigt: „Die Endlichkeit kommt zum Leuchten ohne den Glanz des Unendlichen, ohne den Schein der Ewigkeit“ (S. 107). Und Han scheint sich der zen-buddhistischen Überzeugung anzuschließen, sie mindestens philosophisch sehr hoch zu schätzen. „Erst nach dem Töten des Todes im Zenbuddhismus ist man ganz lebendig, d.h. man lebt ganz, ohne den Tod als das andere des Lebens anzustarren. Ganz lebendig … fällt mit ganz sterblich zusammen. Die zen-budhistische Wendung des Tode geschieht ohne Trauerarbeit. Sie wendet das Endliche nicht ins Unendliche. Sie arbeitet nicht gegen die Sterblichkeit.“ (S. 113).
Wobei die grundlegende Frage bleibt: Wenn der Zen-Budhismus sich selbst als an die Immanenz gebunden weiß, dann weiß er mindestens umthematisch auch um eine Transzendenz, sonst wäre die Rede von Immanenz sinnlos.
Fragen, die über das neue Buch „Der Geist der Hoffnung“ hinausweisen, aber auf die Entwicklung der Philosophie Byung-Chul Hans aufmerksam machen.

Byung-Chul Han, Der Geist der Hoffnung. Wider die Gesellschaft der Angst. Mit Abbildungen von Anselm Kiefer. Ullstein Verlag, 2024, 2. Aufl., 128 Seiten, 22,99€.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Die Literatur – Nobelpreis – Rede von László Krasznahorkai am 7.12.2025: WENIG HOFFNUNG!

Einige wichtige Zitate des Vortrags von László Krasznahorkai in Stockholm.

Ausgewählt von Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de      Diese Zitate ersetzen nicht die Lektüre des vollständigen Textes des Vortrags: www.nobelprize.org

In seiner großen Rede am 7.12.2025 anläßlich der Ehrung mit dem Literaturnobelpreis hat der ungarische Dichter László Krasznahorkai zum Thema Hoffnung Stellung genommen. Er hat sich zunächst (I) auf die Götterboten, die Engel, bezogen, die einst – wie im Neuen Testament – „Frohe Botschaft“ überbrachten. Heute aber leben unter uns Engel ohne Flügel, sie sind förmlich flügel-amputiert, wie verloren und hilflos gehen sie durch unsere Welt. Die von Menschen zerstörten Gottes – Boten führen László Krasznahorkai weiter (II) zur Frage: Worin besteht eigentlich die Würde der Menschen heute – bei dieser offensichtlichen Zerstörung der Verbindungen zwischen Gott und der Menschen – Welt? Und III.erinnert sich László Krasznahorkai an ein für ihn ganz zentrales Erlebnis, an eine ihn erschütternde Erfahrung in Berlin, während einer U – Bahn – Fahrt: Er sieht, wie ein kranker, irritierter Obdachloser, Clochard genannt, in seiner Not öffentlich auf einem U-Bahnhof uriniert: Dabei wird er von einem Polizisten beobachtet, der Polizist als Hüter der „guten Gesetze“ und der „guten Ordnung“, will den Armen bestrafen, er setzt zur Verfolgung des Hilflosen an… László Krasznahorkai beschließt seinen Vortrag mit einem Hinweis auf die Aussichtslosigkeit der Rebellion heute. (CM)

I Nachdenken über Engel.

Mir wird klar, dass diese neuen Engel in ihrer unendlichen Stummheit vielleicht gar keine Engel mehr sind, sondern Opfer, Opfer im ursprünglichen, heiligen Sinne des Wortes, schnell hole ich mein Stethoskop heraus, denn ich habe es immer dabei….
Denn mein Stethoskop erkennt die schreckliche Geschichte dieser neuen Engel, die vor mir stehen, die Geschichte, dass sie Opfer sind, Opfer: und nicht für uns, sondern wegen uns, für jeden einzelnen von uns, wegen jedem einzelnen von uns, Engel ohne Flügel und Engel ohne Botschaft, und dabei wissen sie, dass es Krieg gibt, Krieg und nur Krieg, Krieg in der Natur, Krieg in der Gesellschaft, und dieser Krieg wird nicht nur mit Waffen geführt, nicht nur mit Folter, nicht nur mit Zerstörung…. :Engel sind wehrlos angesichts dessen, wehrlos gegen Zerstörung, wehrlos gegen Niedertracht, angesichts zynischer Gnadenlosigkeit gegenüber ihrer Harmlosigkeit und Keuschheit, eine einzige Tat reicht aus, aber schon ein einziges böses Wort reicht aus, um sie für alle Ewigkeit zu verwunden – was ich nicht einmal mit zehntausend Worten wieder gutmachen kann, denn es ist jenseits aller Wiedergutmachung.

II. Ach, genug der Engel.
Sprechen wir stattdessen über die Würde des Menschen.
Mensch – erstaunliches Wesen – wer bist du?
Ihr seid ins All geflogen, habt die Vögel verlassen, dann seid ihr zum Mond geflogen und habt dort eure ersten Schritte gemacht, ihr habt Waffen erfunden, die die ganze Erde um ein Vielfaches in die Luft jagen könnten, und dann habt ihr Wissenschaften auf so flexible Weise erfunden, dass das Morgen Vorrang vor dem hat, was man sich heute nur vorstellen kann, und es demütigt es, und ihr habt Kunst geschaffen, von den Höhlenmalereien bis zu Leonardos Abendmahl, vom magischen dunklen Zauber des Rhythmus bis zu Johann Sebastian Bach, und schließlich, im Einklang mit dem historischen Fortschritt hast du Mensch völlig plötzlich begonnen, an gar nichts mehr zu glauben, und dank der Geräte, die du selbst erfunden hast und die die Vorstellungskraft zerstören, bleibt dir jetzt nur noch das Kurzzeitgedächtnis, und so hast du den edlen und gemeinsamen Besitz von Wissen und Schönheit und moralischem Gut aufgegeben, und jetzt bist du bereit, dich auf die Ebenen zu begeben, wo deine Beine einsinken werden, beweg dich nicht, willst du zum Mars? Stattdessen: Bleib stehen, denn dieser Schlamm wird dich verschlingen, er wird dich in den Sumpf ziehen, aber es war schön, dein Weg durch die Evolution war atemberaubend, nur leider: Er kann nicht wiederholt werden.

III. Genug von der Menschenwürde. Sprechen wir stattdessen über Rebellion.

…Hier blieb meine Aufmerksamkeit stehen, und hier ist sie bis heute geblieben, wenn ich an dieses Bild denke, an diesen Moment, in dem der wütende Polizist, seinen Schlagstock schwingend, beginnt, dem Clochard hinterherzulaufen, nämlich an den Moment, in dem das obligatorische Gute auf das Böse zuläuft, das wieder einmal in der Verkleidung eines Clochards auftaucht, und zwar nicht einfach auf das Böse, sondern aufgrund des Bewusstseins und der Absicht dieser Handlung auf das Böse selbst, und so sehe ich in diesem eingefrorenen Bild immer wieder, und ich sehe es sogar heute noch, den einen, der auf dem entfernten Bahnsteig vorwärts eilt, seine schnellen Schritte tragen ihn Meter für Meter voran, und auf unserer Seite sehe ich den Schuldigen, stöhnend, zitternd, machtlos, fast gelähmt vor Schmerz, denn wer weiß, wie viele Tropfen Urin noch in diesem Körper waren…
und selbst wenn dieser Polizist diesen Clochard packen könnte, während der Zug in den Bahnhof donnert, sind diese zehn Meter Abstand in meinen Augen ewig und unüberwindbar, denn meine eigene Aufmerksamkeit spürt nur, dass das Gute niemals das um sich schlagende Böse einholen wird, denn zwischen Gut und Böse gibt es keine Hoffnung, überhaupt keine.
Mein Zug brachte mich nach Ruhleben, und ich konnte dieses Zittern und diese Zappelei nicht aus meinem Kopf bekommen, und plötzlich, wie ein Blitz, schoss mir die Frage durch den Kopf: Dieser Clochard und all die anderen Ausgestoßenen, wann werden sie endlich rebellieren – und wie wird diese Revolte aussehen? Vielleicht wird sie blutig sein, vielleicht gnadenlos, vielleicht schrecklich, wie wenn ein Mensch einen anderen massakriert – dann schüttle ich den Gedanken ab, denn ich sage mir: Nein, die Rebellion, die ich mir vorstelle, wird anders sein, denn diese Rebellion wird sich auf das Ganze beziehen.
Meine Damen und Herren, jede Rebellion steht in Beziehung zum Ganzen, und jetzt, blitzt in mir wieder diese einmalige Berlinreise mit der U-Bahn nach Ruhleben auf. Eine beleuchtete Station gleitet nach der anderen vorbei, ich steige nirgendwo aus, seitdem fahre ich mit dieser U-Bahn durch den Tunnel, denn es gibt keine Haltestelle, an der ich aussteigen könnte, ich beobachte einfach nur, wie die Stationen vorbeigleiten, und ich habe das Gefühl, dass ich über alles nachgedacht habe und alles gesagt habe, was ich über Rebellion, über Menschenwürde, über die Engel und ja, vielleicht sogar über alles – sogar über Hoffnung – denke.

(Übersetzt von deepL)

Wenn Rechtsextreme die katholische Kirche lieben…

Der rechtsradikale französische Politiker Eric Zemmour will aus Frankreich Muslime rausschmeißen. Ein kritischer Hinweis auf das neue Buch Zemmours.
Von Christian Modehn. Am 9.November 2025

Dies ist ein Hinweis auf das heftige Bemühen eines Rechtsradikalen und Identitären, katholische Gläubige zu gewinnen: „Wir brauchen die Kirche als für uns hilfreiche Institution“, ist das Motto Zemmours.

Und: CSU-Politiker (Seehofer, Dobrindt) und AFD Politiker müssen wissen, wenn sie, wie so oft, verkünden: “Der Islam gehört nicht zu Deutschland”: Dann befinden sie sich in bester Gesellschaft mit dem Rechtsextremem Eric Zemmour, er verkündet: “Der Islam ist mit der französischen Republik nicht kompatibel.” (zit. S.100 im neuen Buch Zemmours “La messe n est pas dite”, Paris 2025).

1.
Sollte man wirklich die neue Publikation eines notorischen, mehrfach gerichtlich verurteilten französischen Rechtsextremen lesen und kritisch bewerten? Das hat nur Sinn, um die Lügen seiner Ideologie freizulegen, seine Unterstützer zu nennen und seine internationalen Connection.

2.
Eric Zemmours Partei „Reconquete“ gehört seit 2024 im Europa-Parlament zur rechtsextremen Fraktion „Europa der Souveränen Nationen“(ESN). Mitglied sind auch die „Alternative für Deutschland” (AFD) und weitere rechtsradikale Parteien aus Polen, Ungarn, der Slowakei usw.. Auf der “Buchmesse” der rechten und rechtsextremen Verlage in Halle am 9. Novembetr 2025 war auch ESN aus Brüssel vertreten, LINK … Bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich 2022 erhielt Zemmours Partei 7,07% der Stimmen, danach gab es Streit unter den Parteimitgliedern und Parteiauschlüsse. Momentan schwächelt also „Reconquete“: Das neue Buch Zemmours soll Wähler gewinnen, und zwar katholische Wähler, hatten doch 2022 schon 10 Prozent der katholischen Wähler für Reconquete gestimmt. LINK

3.
Der Autor hat seinem neuen, kleinen Essay den katholisch gefärbten Titel gegeben: „La Messe n`est pas dite“ (Der Titel will etwa sagen: “Die Sache ist noch nicht erledigt“). Welche Sache? Diese ist für den Autor Eric Zemmour seit vielen Jahren schon absolut klar: Die Ausgrenzung, die Verachtung und der Rauswurf von Muslimen aus Frankreich (und aus Europa): „Das“ also ist noch nicht erledigt, sollte aber alsbald erledigt werden, meint Zemmour, wenn die Rechtsextremen die Herrschaft übernehmen, was ja in absehbarer Zeit leider durchaus wahrscheinlich ist. Zemmour bläht seine Attacken, seine Polemik, im Mittelteil seines „Opus“ auf … zu einer sehr einseitigen, irgendwie religionswissenschaftlich, „kulturell“ angehauchten Reflexion. Seine heftigen politischen Forderungen fasst er in den abschließenden Kapiteln zusammen. Und betont dort erneut seine Verbundenheit mit dem reaktionären Flügel des USA-Katholizismus. Vor allem nennt er J.D.Vance einen “brillanten Geist” (S. 116). Und Zemmour lobt ausdrücklich Papst Leo XIV. für seine “friedlichen und versöhnenden Intentionen” (S. 115), im Unterschied zum verhaßten Papst Franziskus, “der versuchte, die auf Identität zielende Rückkehr junger Europäer zu ihren kulurellen Wurzeln einzudämmen.”  (S. 115).

4.
Dabei steht für Zemmour (wie heute bei allen Rechtsextremen, Identitären usw.) diese etwas kulturell-philosophisch kaschierte Anti-Islam Polemik entschieden im Dienst der aktuellen politischen Abwehr und Vertreibung von Flüchtlingen aus Frankreich und Europa. Zemmour begründet seinen Hass gegen „den“ Islam auch mit Zitaten von Autoren der alten, traditionsreichen rechtsextremen Szene wie Maurice Barrès, Joseph de Maistre…

5.
Eric Zemmour hat im Jahr 2021 die Partei „Reconquete“ („Rückeroberung“) gegründet, die der rechtsextremen Partei von Marine Le Pen („Rassemblement National“, zuvor „Front National“) Konkurrenz macht. Aber Zemmours Partei gibt sich ungeniert noch rechtsextremer als die Le Pen – Partei. Der Name der Partei „Reconquete“ sagt alles: Es geht um die Rückeroberung, also die Befreiung Frankreichs von den Zerstörern der alten französischen, und zwar der katholischen Identität: Und diese Feinde sind für Zemmour die Muslime. „Reconquista“ ist der bekannte spanische Begriff für die „erfolgreiche“ Vernichtung und Verdrängung der Muslime aus dem katholischen Spanien Ende des 15. Jahrhunderts. Dass im 11. und 12. Jahrhundert die Muslime in Andalusien die entscheidenden Vermittler von Kultur für die Christen waren, verschweigt Zemmour selbstverständlich. Aufgeklärte und gebildete Christen, ihre Theologen, sind den Muslimen dankbar für ihre kulturelle Leistung.

6.
Über Eric Zemmours Leben, geboren 1958 in der Banlieue von Paris, mit seiner Herkunft aus jüdischen Kreisen Algeriens, über seine Studien, seine journalistische Arbeit, seine vielen Bücher, seine politische Hetze usw. kann man sich sehr ausführlich und sehr treffend über die französische wikipedia Seite informieren: LINK.
Über die Prozesse gegen ihn siehe dort die Rubrik „Condamnations, relaxes et poursuites judiciaires“ („Verurteilungen, Freisprüche und Gerichtsverfahren“), gelesen am 7.11.2025.

7.
Wichtig ist zunächst: Diese Kampfschrift Zemmours mit dem theologisch wirkenden Untertitel „Für eine jüdisch-christliche Wiederbelebung“ erscheint im Verlag „Fayard“ in Paris, der früher als großer literarischer Verlag einen guten Ruf hatte: Seit einigen Jahren gehört er dem katholischen Multimillionär Vincent Bolloré, er ist mit der rechtsextremen Partei „Rassemblement National“ von Madame Le Pen sehr hilfreich verbunden. Wegen seiner rechtsextremen Bindung hat Bolloré auch Zemmours Essay veröffentlicht und zum Preis von 10 Euro förmlich unters Volk geworfen. Gleichzeitig erscheinen bei Fayard auch Publikationen weiterer rechtsextremer Politiker und Ideologen: Von Philippe de Villiers, altbekannter rechter Politiker, jetzt Mitglied der Partei von Zemmour und von Jordan Bardella, er ist jetzt Vorsitzender der rechtsextremen Partei „Rassemblement National“ (die Le Pen Partei). Da sammelt sich also in Frankreich ein finanziell bestens ausgestatteter rechtsextremer Katholizismus, und dies leider mit Erfolg: Bei der Parlamentswahl 2024 stimmten 36% der Katholiken für die rechtsextreme Parteien, also für Reconquete und für die Partei Le Pens, 2012 waren es nur 20%. …LINK 

Über den rechtsextremen katholischen Milliardär Bolloré: Siehe den schon länger vorliegenden Hinweis des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons: LINK.
Genauso wichtig ist der Slogan der Rechtsextremen: Es geht um ein Plädoyer für die „jüdisch-christliche Kultur“, die auch der Untertitel des Zemmour Buches betont: Plötzlich werden nun von Rechtsextremen, die einst Juden hassten (wie der Vater von Marine Le Pen) und Juden verfolgten (wie die faschistischen Führer im Vichy-Regime) zu Bündnispartner im Kampf gegen die schlimmen Feinde, und dies sind „die“ Muslime. Rechtsextreme schmücken sich also als Rassisten jetzt mit einer gewissen philo-semitischen Ideologie.

8.
Wie gesagt: Der rechtsextreme, explizit traditionalistisch-katholische Milliardär Bolloré und Verlagschef von Fayard ist von Zemmours angetan, weil der Autor für eine starke katholische Kirche in Frankreich und Europa plädiert. Sie soll eine religiöse Bastion gegen den Islam werden. Zemmour bekennt: Kein Katholik, kein Christ zu sein, sondern sich als Jude zu einem – bei ihm diffus wirkenden – „Judäo-Christentum“ zu bekennen (S. 19). Aber er schätzt aus politischen, machtpolitischen Gründen eine mächtige, einflußreiche konservativ-traditionalistische Kirche: Ein Vordenker für diese politisch bedingte Bevorzugung der Kirche als einer hilfreichen Institution/Organisation ist Maurice Barrès.
Barrés Motto wird von Zemmour auf Seite 15/16 zitiert: „Ich unterstütze und verteidige den bedrohten Katholizismus, weil ich Patriot bin, im Namen des nationalen Interesses. Den Katholizismus aus unserer französischen Erde herausreißen, das hieße, unser ganzes nationales Gebäude erschüttern, unser ganze Zivilisation. Zwischen dem Katholizismus und unserer Zivilisation kann man nicht mehr unterscheiden.“ In einer Art geschichtsphilosophischen Ideologie schreibt Zemmour: „Ein heiliges Land ist diesem Volk Gottes versprochen: Frankreich“ (S. 34).
Mit dieser Bevorzugung des Katholizismus wird der klassische Protestantismus (Lutheraner, Reformierte…) von Zemmour zurückgewiesen, dieser Protestantismus sei von der Aufklärungs-Philosophie verdorben und genauso so gefährlich wie die Freimaurer. Aber Zemmour schätzt, wie gesagt, den traditionalistischen Katholizismus, mit der alten Messe in Latein, dem Klerikalismus, nicht aber den Katholizismus des Zweiten Vatikanischen Reformkonzils (S. 44 f.). Denn der moderne Katholizismus pflegt den Dialog der Religionen, auch den Dialog mit dem Islam…

9.
Gegen den Islam schreibt Zemmour (S. 50): „Der Islam ist eine Unterwerfung unter eine bevormundende und überholte Regel, die aus dem 7. Jahrhundert, aus der Wüste Arabiens, stammt, sie verschließt förmlich jeden Augenblick im Leben des Individuum: Denn Individualität und Freiheit werden negiert in einer totalitären Logik.“ Zemmour behauptet, die katholische Kirche hätte die Individualität gefördert, die Individuen gepflegt….von Hexenverbrennungen und Unterdrückung von Frauen, von Minderheiten usw. ist keine Rede bei ihm. Zemmour bastelt sich seine Kirchengeschichte zusammen…

10.
Zur „Identität“ Europas, dem Hauptthema des Identitären Zemmour: „Juden und Christen haben begriffen, dass einzig diese ihre gemeinsame Verbindung Frankreich und Europa retten kann von einer unausweichlichen und verheerenden Islamisation“ (S.90). Verlogen ergänzt Zemmour an dieser Stelle einmal, dass er gegen die Islamisation Frankreichs und Europas kämpft, nicht aber gegen „alle Muslims“. Damit will er sagen: Es gebe doch einige gute Muslims, etwa die Flüchtlinge aus dem Iran oder jene afrikanischen Muslime, die den französischen Lebensstil mit seiner Trennung von Kirchen und Staat schätzen. „Diese Muslims wissen, dass allein ein französisches Frankreich, das heißt ein Frankreich, das gleichzeitig christlich und vom Geist der Trennung von Kirchen und Staat geprägt ist, sie schützen kann…etwa vor familiärer Gewalt… (S. 91). Im Grunde will Zemmour suggerieren: Diese wenigen guten Muslims sollten am besten zum Katholizismus konvertieren…
Auf Seite 100 zeigt Zemmour sein wahres Gesicht. Er will islamische Menschen aus Europa „zurückführen! Er behauptet: „Der Islam ist tatsächlich inkompatibel mit der französischen Republik, wie er auch inkompatibel ist mit den Werten aller demokratischen Staaten des christlichen Europa… Einzig die Muslime, die dieses unser eherne Gesetz akzeptieren, werden bei uns bleiben können: Die anderen werden nach nach Hause zurückkehren müssen, um dort nach ihrem islamischen Gesetz in aller Strenge und Vollkommenheit zu leben. Denn es gibt ja mehr als 50 islamische Länder auf der Welt“ (S. 100/101).

11.
Die katholische Kirche als Institution soll für diesen rassistischen Kampf gegen die Muslime in Europa und für deren Rückführung „in die Heimat“ eine Bündnisparterin werden… „indem man etwa den Bau von großen Moscheen in Frankreich verbietet“. Zemmour will verhindern, dass große Moscheen das Stadtbild in Frankreich stören, bisher sind viele Moscheen in kleinen und häßlichen Garagen auf Hinterhöfen untergebracht. Also bitte keine „mosquées cathédrales“, fordert Zemmour… Und die offizielle katholische Kirche Frankreichs sieht er jetzt auf gutem Wege, indem sie sich gegen LGBT Menschen wehrt und gegen Feminismus und die Ideologie des Genre verurteilt. Und dann wünscht sich Zemmour: Es sollen bitte die Französinnen wieder mehr Kinder gebären, bei der großen Anzahl von Kindern in islamischen Familien Frankreichs ein dringendes Gebot zur Rettung der „Identität“ Frankreichs.
Das ganze Repertoire der rechtsextremen Ideologie bietet Zemmour auf, um die „Identität Frankreichs“ „zu retten“. Denn „die Islamisierung bedroht die Seele der Europäer“ (S. 105). Und als Krönung seiner Ideologie bezieht sich der Jude Zemmour auf die Erfinderin dieser Ideologie, die Jüdin Bat Ye Or.. und fordert wie sie das „Grand remplacement“: LINK    Das „große Ersetzen“ eines Teils der Bevölkerung: Also die Muslime werden „ersetzt“, das heißt rausgeschmissen! Aber wer ersetzt die die Muslime, wenn vielleicht nur noch hochbegabte, wertvolle und unpolitische, „kompatible“ Inder ins Land gelassen werden? Wer wird alsbald den alten Zemmour pflegen, vielleicht eine nette reiche rechte französische Dame aus seiner Partei?

12.
Das Pamphlet von Zemmour braut eine Ideologie zusammen, die unsere Demokratie zerstören wird. Die Rechtsextremen erobern mit ihren Hass- Sprüchen auch die Mentalität vieler naiver (katholischer) Bürger, die meinen: Ihre berechtigte aktuelle Kritik am Zustand unserer Demokratie dadurch zu bewältigen, wenn sie rechtsextreme, identitäre Parteien (wie Zemmour, Le Pen, AFD, Wilders, VOX etc.) unterstützen und wählen. Diese naiven Leute werden sich dann bei der Herrschaft dieser rechtsextremen Politiker wundern, wenn sie Kritik an der neuen rechtsextremen Regierung nicht mehr öffentlich äußern dürfen, weil dMeinungsfreiheit und Redefreiheit längst abgeschafft wurden. Dann beginnt bei einigen vielleicht das Aufwachen der Vernunft. Aber dann ist es zu spät.

Weitere kritische Hinweis zu Rechtsextreme Katholiken in Frankreich: LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Eine philosophische Anklage gegen die heutige Gesellschaft: Byung-Chul Han

Der Philosoph Byung-Chul Han hat am 24. Oktober 2025 in Oviedo, im „Teatro Campoamor“, den „Prinzessin von Asturien – Preis“ in der Kategorie „Kommunikationen Humanwissenschaften“ erhalten.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 28.10.2025

1.
Die zahlreichen Studien des südkoreanisch – deutschen Autors finden auch in Spanien und Lateinamerika viel Interesse. Über die Vielfalt der Titel der Publikationen Hans kann man sich leicht etwa über wikipedia informieren. Man bedenke, dass die ersten Veröffentlichungen des Philosophen Han Fragen rund um Heidegger und den Zen- Buddhismus handeln. Die jüngste Publikation (2025) „Sprechen über Gott“ (Verlag Matthes und Seitz) als ein Dialog mit der Philosophin und Christin Simone Weil fehlt allerdings im Wikipedia Beitrag. Im Vorwort zu seinem neuen Buch “Sprechen über Gott” schreibt Han: “Ich empfinde eine tiefe Freundschaft, ja eine Seelenfreundschaft für Simone Weil. So kann ich, selbst fast nach  100 Jahren, von ihren Gedanken Gebrauch machen, um zu zeigen, dass es jenseits der Immanenz der Produktion und des Konsums, jenseits der Immanenz der Information und der Kommunikation eine andere, höhere Wirklichkeit, ja eine Transzendenz gibt, die uns aus dem ganz sinnentleerten Leben, aus dem bloßen Überleben, aus dem quälenden Seinsmangel herauszuführen und uns eine beglückende Seinsfülle zu geben vermag.”

2.
Seine Rede anläßlich der Preisverleihung in Oviedo hielt Byung – Chul Han auf Deutsch, sie ist eine heftige Verteidigung der Bedeutung der Philosophie in der neoliberalen Gesellschaft. Sie ist anregend und aufregend, wie es sich für Philosophie gehört.

3.
Wir zitieren einige Ausführungen aus dieser Rede, die wir der Website der Stiftung in spanischer Sprache entnehmen und über deepl.com ins Deutsche übersetzen. Hans Rede in Oviedo ist zugleich eine Verteidigung seiner philosophischen Positionen, die in Deutschland kritisiert wurden.
Die Website der „Princesa de Asturias Stiftung“ bietet den ganzen spanischen Text des Vortrags: LINK

…………..

4. Aus der Rede von Byung-Chul Han in Oviedo, 24.10.2025:
„In der Apologie, dem berühmten Dialog von Platon, erklärt Sokrates, nachdem er zum Tode verurteilt wurde, in seiner Verteidigungsrede, was die Aufgabe eines Philosophen ist. Die Aufgabe des Philosophen bestehe darin, die Athener aufzurütteln und wachzurütteln, sie zu kritisieren, zu irritieren und zu tadeln, so wie eine Bremse ein edles Pferd sticht und aufregt, dessen eigene Körperfülle es passiv macht, und es so anspornt und stimuliert. Sokrates vergleicht dieses Pferd mit Athen…

Ich bin Philosoph. Als solcher habe ich diese sokratische Definition der Philosophie verinnerlicht. Auch meine Texte zur Sozialkritik haben Irritationen hervorgerufen, Nervosität und Unsicherheit gesät, aber gleichzeitig viele Menschen aufgerüttelt. Bereits mit meinem Essay Die Gesellschaft der Müdigkeit habe ich versucht, diese Aufgabe des Philosophen zu erfüllen, indem ich die Gesellschaft ermahnte und ihr Gewissen aufrüttelte, damit sie aufwacht. Die These, die ich darlegte, ist in der Tat irritierend: Die unbegrenzte individuelle Freiheit, die uns der Neoliberalismus verspricht, ist nichts weiter als eine Illusion. Auch wenn wir heute glauben, freier denn je zu sein, leben wir in Wirklichkeit in einem despotischen neoliberalen Regime, das die Freiheit ausbeuten…

Ich habe auch mehrfach auf die Risiken der Digitalisierung hingewiesen. Nicht, dass ich gegen Smartphones oder die Digitalisierung wäre. Ich bin auch kein Kulturpessimist. Das Smartphone kann ein sehr nützliches Werkzeug sein. Es wäre kein Problem, wenn wir es als Instrument nutzen würden. Tatsächlich sind wir jedoch zu Instrumenten der Smartphones geworden. Das Smartphone nutzt uns, und nicht umgekehrt. Nicht das Smartphone ist unser Produkt, sondern wir sind seine Produkte. Oftmals wird der Mensch zum Sklaven seiner eigenen Schöpfung. Soziale Netzwerke hätten auch ein Mittel für Liebe und Freundschaft sein können, aber was dort vorherrscht, sind Hass, Falschmeldungen und Aggressivität. Sie sozialisieren uns nicht, sondern isolieren uns, machen uns aggressiv und rauben uns unsere Empathie…

Soziale Netzwerke ermöglichen eine grenzenlose Kommunikation. Dank der Digitalisierung sind wir miteinander verbunden, aber es fehlen uns echte Beziehungen und Bindungen. Das Soziale erodiert. Wir verlieren jegliches Einfühlungsvermögen, jegliche Aufmerksamkeit für unseren Nächsten. Ausbrüche von Authentizität und Kreativität lassen uns glauben, dass wir immer mehr individuelle Freiheit genießen. Gleichzeitig spüren wir jedoch diffus, dass wir in Wirklichkeit nicht frei sind, sondern vielmehr von einer Sucht zur nächsten, von einer Abhängigkeit zur nächsten taumeln. Ein Gefühl der Leere überkommt uns. Das Erbe des Liberalismus ist die Leere. Wir haben keine Werte und Ideale mehr, mit denen wir sie füllen könnten.

Etwas läuft nicht gut in unserer Gesellschaft.
Meine Schriften sind eine, manchmal sehr energische Anklage gegen die heutige Gesellschaft. Nicht wenige Menschen haben sich durch meine Kulturkritik irritiert gefühlt, wie jener sokratische Hornisse, die das passive Pferd stach und anspornte. Aber wenn es keine Irritationen gibt, wiederholt sich immer nur das Gleiche, und das macht eine Zukunft unmöglich. Es stimmt, dass ich die Menschen verärgert habe. Aber glücklicherweise haben sie mich nicht zum Tode verurteilt, sondern ich werde heute mit diesem wunderschönen Preis geehrt. Dafür danke ich Ihnen von ganzem Herzen. Vielen Dank.
………..

Die Presse in Spanien hat ziemlich ausführlich über die Ehrung Byung – Chul Hans berichtet, etwa die linksliberale Zeitung “El Pais” LINK   . Oder auch „la Vanguardia“ LINK
oder, in der Beilage zur eher konservativenn katholischen Tageszeitung „ABC“: LINK

Das neueste Buch Byung-Chul Hans befasst sich mit dem “Sprechen über Gott”, so der Titel (Matthes und Seitz Verlag 2025). Darin zeigt der Philosoph, wie er sich von der französischen Philosophin Simone Weil (1909 – 1943) innerlich bewegen und inspirieren lässt. Bemerkenswert, dass sich ein prominenter Philosoph mit der Frage nach Gott in einem jüdischen und christlichen Kontext berühren lässt. Byung-Chul Han sagt gleich zu Beginn: “Simone Weil hat sich in meiner Seele eingerichtet. Nun lebt und spricht sie in mir weiter…” Eine philosophische Meditation eines Philosophen, dessen erste Publkiationen Heidegger und dem Zen- Buddhismus galten! Nun sind die meisten seiner 252 Anmerkungen, “Fußnoten”, Zitate von Simone Weil, einer politisch hoch engagierten Frau, die sich aber in ihrer spirituellen Suche scheute, dem Christentum, der katholischen Kirche, durch die Taufe beizutreten.

Zusammenstellung durch den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin.

 

 

 

 

Offene Kirchen als Kommunikationsorte: Ein Gastbeitrag von Dr. Christian Tietze

OFFENE KIRCHEN ALS KOMMUNIKATIONSORTE

Ein Gastbeitrag von Christian Tietze, Weimar, am 9.9.2025.

In Deutschland gibt es etwa 43000 Kirchen. Die meisten stehen im Kern der Städte, der Dörfer und der Siedlungen. Sie bilden häufig das Wahrzeichen eines Ortes, stehen im Schnittpunkt von Straßen, oder auf Plätzen, oder werden zu weithin sichtbaren Landmarken. Sie sind in der Regel die ältesten Gebäude eines Ortes, dienen als Denkmal oder der Orientierung und wirken nach außen als Namensgeber für Landschaften, für Persönlichkeiten oder historische Ereignisse. Ihre Bauweise unterscheidet sich in der Regel von den Gebäuden ihrer Umgebung. Sinngebung und Bedeutung sind eindeutig und einprägsam und werden auch so empfunden. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist unumstritten. In Thüringen sind 50% der Kirchen ungenutzt, ein Teil soll abgerissen werden.
In unserer Zeit, in der Bodenwerte höchste Priorität besitzen, sich Gebäude an ihrem Wiedererkennungswert messen lassen und Stadtzentren als Zeichen von Prosperität, Erfolg und Kommunikation gelten, wirken Kirchen wie aus der Zeit gefallen. Aber jeder kennt sie. Sie sind Orte der Erinnerung einer Gemeinschaft, gelten als Zeichen eines Ordens, später eines selbstbewussten Bürgertums oder eines Herrschers. Heute sind sie nur noch Teil der weitgehenden Diversifizierung der Gesellschaft. Die vielfältigen Möglichkeiten der Medien lassen die Menschen nicht mehr zur Ruhe kommen. Gleichzeitig wird festgestellt, dass ein Drittel der Bevölkerung – das sind 28 Millionen Menschen – einsam ist. Warum?

Die Gemeinschaft hat sich verändert. Sie fällt auseinander. Großen Teilen der Gesellschaft mangelt es an wirklicher Kommunikation, an persönlicher Begegnung. Warum nutzen wir nicht die im Zentrum der Städte liegenden geschichtsträchtigen Gebäude, die Kirchen? Sie müssen offen sein, nicht nur die Türen bei Gottesdiensten, sondern für Musik und Versammlung, Film und Gespräch und anregende Ausstellungen. Es fehlen besonders große Ausstellungen, die über das Gemeindeleben hinausgehen: Krieg und Frieden, Ungerechtigkeit und Hunger, Nachbarschaftshilfe und Weiterbildung, Solidarität und Isolation sind die Themen unserer Zeit.

Ausstellungen können historische Entwicklungen erläutern, persönliche Leistungen als Vorbild darstellen, kritische Themen ans Licht bringen, politische Fehlentwicklungen benennen, kritisieren und zum Protest aufrufen. Die Mittel hierfür sind Texte, Bilder, Kunstwerke und Filme. Die Vielfältigkeit der Mittel kann und muss überraschend wirken und wird vielleicht eine neue Nachdenklichkeit erzeugen.
Gegenwärtig zeigen viele Gemeinden, dass sie ihre Kirchen für diese Zwecke nutzen wollen. Aber die meisten verlassen mit ihrem Angebot kaum die Grenzen ihres Sprengels. Sie berichten über die Erhaltung der Gebäude oder über Partnerschaften. Aber um ihre Möglichkeiten zu erweitern, müssen sie sich zusammenschließen, neue Kontakte knüpfen und Probleme der Gesamtgesellschaft ins Auge fassen. Der Blick nach außen fehlt oft, die Kritik an der Gesellschaft kommt zu kurz, die Natur und der Umweltschutz werden nicht genug ernst genommen. Und es fehlen für die Dauer von Ausstellungen begleitende Möglichkeiten des Zuhörens, der Ansprache und der Diskussion.

Aber dabei ist es doch so einfach an einem Gebäude Themen zu benennen, die alle angehen: Armut und Arbeitslosigkeit, Migration und Krieg, Natur und Umweltschutz – die Bewahrung der Schöpfung. Auch die Ausplünderung unseres Planeten, der Schutz der Menschenrechte, die Entstehung und Verbreitung von Diktaturen und der Hunger, der inzwischen Millionen Menschen quält. Wir haben mit den Kirchen einen Hintergrund und ein Mahnmal, das immer für Hilfe und Nächstenliebe stand, und doch allzu oft nur versagt hat.
Ausstellungen können alle Sinne berühren, können Bilder in unsere Welt zaubern, können die Kirche beim Wort nehmen und jeden Besucher in die Pflicht. Und sollten wir nicht hier, die Probleme dieser Welt und unserer Gesellschaft kritisch reflektieren? Es geht nicht nur um das Anschauen einer Ausstellung, sondern um Diskussion, vielleicht auch Streit, Erkenntnis und um Konsequenzen. Alles das kommt nicht von allein: Die Kirchen müssen gefunden werden, die Bereitschaft und Unterstützung erbeten und erkämpft werden, die Ausstattung muss verändert und flexibel gestaltet werden, die Sicherheit gewährleistet werden. Es gibt eine Fülle von Aufgaben.

Und auch an Kompetenz fehlt es, denn mit gutem Willen ist nur wenig geholfen und eher Anarchie geschaffen. Kooperation ist erforderlich: mit den Museen in der Nachbarschaft, mit Geldgebern, mit einem sensiblen Gestalter, einem erfahrenen Techniker, einer erfahrenen Pädagogin und einer begabten Sozialarbeiterin. Und es darf nicht an Aufsicht und geschulten Führern fehlen. Man wird freundliche Unterstützung erfahren und häufig Desinteresse, sogar Hass – aus Gründen der Konkurrenz. Und das alles in schnellem Wechsel. Mut und Ausdauer sind hier unabdingbar.
Hier soll als Beispiel die Ausstellung: „ERNST BARLACH – Fragen an unsere Zeit“ genannt werden, die in der Liebfrauenkirche in Halberstadt und in Erfurt zu sehen war. Es wurde nicht nur der Künstler Barlach mit seinen beeindruckenden Werken gezeigt, sondern auch das Zeitgeschehen, das in Bildern und Texten festgehalten wurde. Zudem wurden die persönlichen Auseinandersetzungen und das Leiden an seiner Zeit thematisiert. Die Verursacher des Geschehens, die Mitläufer und Profiteure, die Gewinner und die Opfer, die Ohnmächtigen und die Gewalttätigen, die Flüchtlinge und die Verführten werden sichtbar. Durch einen einstündigen Film werden die Lebensorte Barlachs in Erinnerung bleiben.
Schließlich sollten Ausstellungen nicht einmalig sein, sondern weitergereicht werden. Das Design der Ausstellung sollte weiter genutzt, die Themen könnten – je nach Möglichkeiten ergänzt, erweitert oder begrenzt werden. Ursprüngliche Rechte müssen dabei gewahrt werden.

Wie kann man solche Ausstellungen organisieren? Die Zeiten sprechen gegen größere und große Ausstellungen: Die Museen scheuen größere Ausstellungen, weil die Finanzierung aufwendig ist, die Qualitätsanforderungen an die Ausstellungsräume hoch sind, die Versicherungen eigene Forderungen stellen und die Objekte von Kurieren begleitet werden sollen. Aber braucht man das alles? Sind nicht Briefe und Texte, Stellungnahmen und Zeugnisse – natürlich gut recherchiert – auch von derselben Wirklichkeit wie Originale?
Die Arbeit an Ausstellungen ist Teamarbeit, vielleicht der Kirchenmusik vergleichbar. Sie erfordert Kooperation mit Museen. Die Themen sollten nicht direkt in Konkurrenz zur üblichen Museumsarbeit stehen. Soziale Probleme sind hier gefragt. Aktuelle Ereignisse erfordern eine Antwort. Und plötzlich kommen wieder Bilder in die Kirche; es sind Bilder der Gegenwart: Flucht und Vertreibung, blinde Zerstörungswut, Hass, das Quälen und Foltern von Gefangenen, Hunger und Krankheit. Wir haben heute die Leiden der Welt im Bild oder Film, aber wir brauchen auch einen Raum der Stille, der uns das Geschehen reflektieren lässt. Es sind die Kirchenräume, die Gespräche und Diskussionen fördern, um Hilfe und Veränderung zu bewirken.

copyright: Dr. Christian Tietze, Weimar,  christian.tietze@gmx.net

Die Rede Karl Schlögels in der Frankfurter Paulskirche am 19.10.2025

Bitte lesen: Die Rede des Historikers Prof. Karl Schlögel in Frankfurt, Pauls-Kirche, am 19. Oktober 2025, anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels. LINK.

Am Ende seiner Rede in der Paulskirche sagt Karl Schlögel: Dass die UkrainerInnen  “uns beibringen, dass Landesverteidigung nichts mit Militarismus zu tun hat.”

Der “Religionsphilosophische Salon Berlin” hat sich seit langer Zeit schon für die Studien Karl Schlögels interessiert. Und ihm zu Ehren zu seinem  70. Geburtstag ein kleines, bescheidenes Dankeschön publiziert. LINK