“Willkommenskulturen. Beispiel POLEN“. Ein Gastbeitrag von Kerem Schamberger , MEDICO – International:

Für philosophische Reflexionen ist es selbstverständlich, umfassend nach den Dimensionen der Hilfsbereitschaft jetzt im Krieg gegen die Ukraine zu fragen: Wer ist der andere, die andere? Gibt es Hierarchien im Umgang mit den anderen hinsichtlich der Solidarität des Westens, etwa Polens? Dringende Fragen, zu denen der Autor Kerem Schamberger von MEDICO-International Stellung nimmt. Der Religionsphilosophische Salon Berlin dankt für die Möglichkeit, diesen wichtigen Beitrag auch hier zu publizieren. Und dadurch für eine umfassendere Aufklärung beitzutragen. Christian Modehn.

1.

In Warschau packt die ukrainische Künstlerin Yulia Krivich in einem Nebengebäude des Museum of Modern Art zusammen mit anderen Freiwilligen Lunchpakete für die Ankommenden. Sie erzählt uns von ihrer Mutter, die in der Zentralukraine lebt. Seit Russland 2014 die Krim annektierte, habe diese einen Koffer mit dem Nötigsten in der Ecke stehen, um im Zweifel schnell fliehen zu können. Ob sie das nun getan habe? Nein, schüttelt Yulia Krivich den Kopf, noch nicht. Dann widmet sie sich wieder den Lunchpaketen. Schließlich sind Millionen von Ukrainer:innen auf der Flucht Richtung Westen.
Eine Woche lang waren wir – meine medico-Kollegin Karoline Schaefer und ich – in Polen unterwegs. Zuerst in Warschau, dann an der polnisch-belarussischen Grenze und weiter im Süden an der ukrainischen Grenze. Auf mehr als 1.500 Kilometern konnten wir uns einen Einblick verschaffen, wie die polnische Gesellschaft ihre Türen geöffnet hat. Bisher sind mehr als zwei Millionen Kriegsflüchtlinge ins Land gekommen. Das Gros der Hilfe leisten Organisationen und Aktivist:innen der polnischen Zivilgesellschaft. Sie werden von Frei[1]willigen und Organisationen aus anderen Ländern unterstützt. Der Staat ist hingegen kaum präsent, auch nicht am Warschauer Hauptbahnhof. Tausende kommen hier täglich an. Im ersten Stock wurden Bettenlager errichtet, in denen Menschen oft tagelang verharren, weil sie nicht wissen, wohin. Freiwillige organisieren die Verteilung des Allernötigsten: Essen, Hygieneartikel, Powerbanks.

2. Die Regierung benutzt die Hilfe

Momentan geht eine Welle der Solidarität durch die polnische Gesellschaft. Sie schließt an den vergangenen Herbst an, als viele polnische Aktivist:innen in der Grenzregion zu Belarus Hilfe für die in den Wäldern umherirrenden Geflüchteten leisteten – gegen den Willen des polnischen Grenzschutzes und trotz der Kriminalisierungsversuche durch die rechte PiS-Regierung. Oft sind es dieselben Gruppen und Organisationen, die nun die Erstversorgung für die Flüchtenden aus der Ukraine organisieren. Viele von ihnen sind sauer: „Die Regierung benutzt die breite gesellschaftliche Solidarität für ihre eigene Agenda, für den Stolz auf die ‚polnische Nation‘. Es ist viel Propaganda“, sagt jemand. Das gehe so weit, dass die PiS nun Druck auf die EU ausübe, die gegen Polen verhängten Strafgelder aufzuheben, weil sie sich so vorbildlich um die Flüchtlinge kümmerten. Wie absurd das werden kann, erzählen uns Aktivist:innen in der Stadt Lublin im Osten des Landes. Dort unterhält die polnische Organisation Homo Faber eine Notfallhotline für Flüchtlinge aus der Ukraine. Mehr als 1.000 Anrufe täglich nehmen sie entgegen, rund um die Uhr. Die Regierung hat die Nummer ohne vorherige Rücksprache auf ihre eigenen Webseiten gestellt und nicht mal angegeben, dass Homo Faber sie zusammen mit ukrainischen Freiwilligen betreibt. „Wir sind es leid, von der Regierung benutzt zu werden“, sagt eine Mitarbeiterin. Es sei unklar, wie lange sie die enorme Arbeitsbelastung durchhalten können. Alle seien am Ende ihrer Kräfte.
Richtige und falsche Geflüchtete
Besonders sichtbar wird die humanitäre Krise in den Vereinsräumen von Ukrainski Dom, einer Organisation, die schon vor Jahren von in Polen lebenden Ukrainer:innen gegründet wurde. Vor dem kleinen Haus im Zentrum von Warschau stehen Dutzende geflohene Ukrainer:innen Schlange, um eine SIM-Karte zum Telefonieren zu erhalten oder – noch wichtiger – eine Unterkunft vermittelt zu bekommen. Das ist gerade die Hauptaufgabe des Vereins, berichten uns zwei Mitarbeiter:innen. Seit Kriegsbeginn hätten sie nur wenig geschlafen, auch aus Sorge um ihre Verwandten in der Ukraine. Und sie erzählen von Unterschieden in der Hilfsbereitschaft. Unterkünfte gebe es vor allem für ukrainische Frauen und Kinder, aber nicht für andere Gruppen von Flüchtlingen. Auch andere Aktivist:innen, mit denen wir sprechen, kritisieren, dass der Solidaritätsbegriff in der polnischen Mehrheitsbevölkerung etwa Rom:nja-Familien, Schwarze und andere People of Colour oft ausklammert. Der Fokus von LAMBDA, einer traditionsreichen queeren Organisation in Warschau, ist es deswegen, in dieser Krisensituation den „Ausgeschlossenen unter den Ausgeschlossenen“ zu helfen: Die Aktivist:innen vermitteln Wohnungen, geben Gutscheine für Kleidung und andere Dinge des täglichen Bedarfs aus und bieten kostenlosen Sprachunterricht für die Geflüchteten an – explizit für alle.

3. Wie extrem die faktische Ungleichbehandlung von Geflüchteten ist, wird im Białowieża-Wald im polnisch-belarussischen Grenzgebiet deutlich.

Dort versuchten Ende letzten Jahres mehrere Tausend Menschen aus dem Nahen Osten nach Europa zu gelangen und noch immer halten sich dort Menschen auf der Flucht versteckt. Hier ist der Staat sehr wohl präsent. Aber nicht, um zu helfen, im Gegenteil. Auf dem Weg zur Grenze passieren wir zwei Polizeikontrollen, die schauen, was oder vielmehr wen wir im Wagen haben. Am Ziel treffen wir eine Aktivistin der von medico unterstützten Grupa Granica, einer sozialen Bewegung, die Menschen­rechts­ver­letz­ungen dokumentiert und sich für Flüchtlinge einsetzt, die es auf polnischen Boden geschafft haben. Die Frau erzählt uns, dass die Notrufe von Geflüchteten aus dem Grenzwald aktuell wieder mehr werden. Auf der belarussischen Seite warten nach wie vor Hunderte Menschen. Deren Situation verschlechtert sich zusehends.
Diejenigen, die es über die Grenze geschafft haben und die Grupa Granica kontaktieren, sind total erschöpft und benötigen oftmals medizinische Versorgung. Viele kommen aus afrikanischen Ländern, einige haben zuvor in Russland oder Belarus studiert. „Es ist absurd, man wacht auf, und auf einmal sieht man zwei Menschen aus Ruanda im Wald“, sagt die Aktivistin. Wenn der Grenzschutz sie aufgreift, werden sie in eines von derzeit sieben geschlossenen Auffanglagern in ganz Polen gebracht. Die Grupa Granica nennt diese „Detention Center“, die Bedingungen seien allerdings noch schlechter als in polnischen Gefängnissen. Etwa 2.000 Menschen sitzen dort derzeit ein. Nur Psycholog:innen und Anwält:innen können die Insassen besuchen. Und davon gibt es viel zu wenige. Für die Aktivistin ist die Ungleichbehandlung von Ukrainer:innen einerseits und Menschen aus dem Nahen Osten und afrikanischen Ländern andererseits kaum auszuhalten. „Das ist purer Rassismus“, sagt sie.

4.

Fluchthilfe als Spektakel
Szenenwechsel. Der Kontrast von der Situation in den abgeriegelten Wäldern zu der Atmosphäre am Grenzübergang in Medyka an der polnisch-ukrainischen Grenze könnte kaum größer sein. Zehntausende Menschen, überwiegend Frauen und Kinder, passieren hier täglich den Schlagbaum. Fast alle sind erschöpft, tagelange Flucht liegt hinter ihnen. Was sie auf polnischer Seite erwartet, gleicht einem Jahrmarkt. Bunte Zelte, blinkende Girlanden, ein Pianist, der auf seinem Klavier „New York, New York“ spielt und an jeder Ecke Kamerateams aus der ganzen Welt. Daneben Hunderte NGO-Mitarbeiter:innen und Ehrenamtliche, die sich mit ihren Hilfsangeboten gegenseitig überbieten. Unter ihnen sind auch religiöse Sekten, Prediger:innen, messianische Christ:innen, die „den Juden dabei helfen wollen nach Israel zu kommen“, Selbstdarsteller:innen und mit Marsz Niepodległości sogar eine rechtsextreme polnische Organisation. Im vergangenen Jahr ist sie noch mit „Polen den Polen“-Transparenten aufmarschiert, die „richtigen“ Flüchtlinge aber heißt sie hier willkommen. Und dann ist da noch der polnische Grenzschutz. Anders als an der belarussischen Grenze hilft er hier den Geflüchteten beim Tragen der Koffer.
Zwei Animateure im Mickey-Maus- und Leoparden-Kostüm kommen uns entgegen. Als wir sie fotografieren, bitten sie uns, sie auf Facebook zu markieren, damit man sieht, wo sie sind. Es ist bezeichnend, dass sich am Grenzübergang Medyka als Hotspot der Medienaufmerksamkeit auch die meisten NGOs konzentrieren. Wo weniger Kameras präsent sind, sei es in Chelm oder Hrebenne, wird die Hilfe weitgehend allein von der lokalen Bevölkerung getragen. Dass es auch anders gehen kann, zeigt der Grenzübergang Budomierz. Dort arbeiten Aktivist:innen, NGOs und die örtliche Stadtverwaltung in enger Absprache zusammen. Der Bürgermeister, sein Stellvertreter und die örtlichen Stadträte kommen jeden Tag mehrmals vorbei und helfen mit. Und zwar nicht nur, wenn Fotograf:innen und Kamerateams dabei sind. Das könnte die Basis einer Hilfs- und Aufnahmeinfrastruktur sein, die auch bei andauerndem Krieg und fortgesetzter Flucht trägt und willkommen heißt.

5.

Die von medico seit Ende 2021 in Polen geförderte Grupa Granica kümmert sich seit Kriegsbeginn zusätzlich um Geflüchtete aus der Ukraine. Dabei konzentrieren sich die Aktivist:innen auf Rom:nja, Schwarze und andere People of Color ohne ukrainischen Pass, die ansonsten kaum Schutz erhalten. Gleichzeitig arbeitet die Gruppe weiter daran, die nach wie vor dramatische Situation der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten an der polnisch-belarussischen Grenze und in den geschlossenen Camps zu verbessern. Daneben unterstützt medico den Verein Asmaras World, der benachteiligten Geflüchteten ohne ukrainischen Pass sichere Transportmittel für die Weiterreise zur Verfügung stellt und ihnen in Deutschland beim Zugang zu Versorgung, bei der Suche nach Unterkünften und in asyl- und aufenthaltsrechtlichen Fragen hilft.
Spendenstichwort: Flucht und Migration

Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 1/2022. Das Rundschreiben schickt Ihnen MEDIO INTERNATIONAL gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren! Dort veröffentlicht am 05. April 2022

Kerem Schamberger:
Kerem Schamberger ist Kommunikationswissenschaftler und in der Öffentlichkeitsarbeit von medico international für den Bereich Flucht und Migration zuständig.
Twitter: @KeremSchamberg
Facebook: Kerem Schamberger
Instagram: keremschamberger
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Frankreichs Katholiken wählten am 10.4. 2022 rechtsextrem

Hinweise zum ersten Wahlgang.
Von Christian Modehn am 10.4. 2022, mit einer Ergänzung am 14.4.2022, siehe unten!

Eine Aktualisierung am 20.4.2022: LINK

1.
29 % der französischen Katholiken haben für Emmanuel Macron gestimmt, 27 % für Marine Le Pen (dagegen nur 23 % aller Wähler) und 10% der Katholiken für den sehr Rechtsradikalen Eric Zemmour (dagegen: nur 7% aller Wähler). Selbst die konservative Kandidatin Pécresse hat unter Katholiken noch 7 % der Stimmen erhalten, gegen 4,8 % im nationalen Durchschnitt. Also: Mehr als 41 % der Katholiken haben rechtsextrem bzw. sehr konservativ rechts gewählt.
2.
Interessanter noch ist das Wahlverhalten der so genannten praktizierenden Katholiken, also jener, die sonntags, einmal pro Monat, die Messe besuchen, wie man in Kirchenkreisen jetzt sagt.
Und das ist der Schock: Sogar 16 % der frommen, Messe besuchenden Katholiken haben den sehr Rechtsextremen Eric Zemmour gewählt, und das hat bestimmt nichts mit einer Sympathie für dessen jüdische Konfession zu tun, wie mir Leute in Paris berichten.
Der Religions-Soziologe Prof. Philippe Portier, Paris, betont angesichts dieses Wahlergebnisses: „ Es gibt bei den Katholiken Frankreichs jetzt eines sehr klare Entwicklung, nicht mehr zu zögern, um extrem rechts zu wählen. Früher bremste noch die Bindung an die offizielle soziale Kirchenlehre diese Wahlentscheidung. Diese Bremse der Kirchenlehre als Ablehnung des Rechtsradikalen gilt jetzt gar nicht mehr. Seit 2012 hat sich die Entscheidung für die Rechtsextremen verdreifacht“.
3.
Die extreme Rechte hat unter Katholiken also sehr viel Zustimmung gefunden, 41 % stehen rechts(extrem). Und das liegt an daran, dass es innerhalb des französischen Katholizismus seit Jahren eine breite rechte und rechtsextreme Mentalität gibt, die sich etwa zeigte bei den leidenschaftlichen Demonstrationen gegen die „Ehe für alle“, also auch für Homosexuelle. Diese von vielen Tausend Katholiken mit gestalteten und von einigen Bischöfen unterstützten Demonstrationen traten unter dem Motto auf „Manif pour tous“, Demo für alle. Aber gemeint war: Demo gegen die Ehe von Homosexuellen, gegen den Wandel der Gesetze bei dem Wandel der ethischen Vorstellungen … und der Emanzipation. Man muss daran erinnern, dass zur französischen Bischofskonferenz etliche sehr konservative, wenn nicht rechtsextreme Bischöfe gehören, wie etwa die Bischöfe von Toulon-Fréjus und Bayonne.
Tatsächlich befindet sich der französische Katholizismus seit Jahren in einem Niedergang, in einer tödlichen Krise, nicht nur, was die Anzahl der noch einsatzfähigen Priester (unter 75 Jahren!) in den Gemeinden angeht, den Rückgang in der Teilnahme an der Messe und die vielen jetzt dokumentierten und freigelegten pädo-sexuellen Verbrechen durch Priester.
4.
Interessant ist, dass angesichts dieser starken Rechtslastigkeit, dass 14 Prozent der Katholiken für den wichtigsten Kandidaten der Linken, Jean-Luc Mélenchon, gestimmt haben, 2 % für den Kommunisten Fabien Roussel und 2 % für die Sozialistin Anne Hidalgo, für den „Grünen“ Yannick Jabot stimmten 3 % der Katholiken. Betrachtet man die immer kleiner werdende Gruppe der praktizierenden Katholiken, dann haben insgesamt 24 % eher linke, sozialistische bzw. grüne Kandidaten gewählt.
5.
Wichtig ist, dass in dem von armen Leuten bewohnten Département Seine-Saint Denis z.B. der Linke Kandidat Mélenchon bis zu 6o Prozent der Stimmen erhielt. Das heißt: Die Menschen am Rande, die Armen und arm Gemachten, haben weder in Macron noch in Le Pen ein Vertrauen.
6.
Wenn Emmanuel Macron am 24. 4.2022 wieder zum Präsidenten gewählt werden sollte, dann auch von Bürgern, die ihn nur aus Abwehr gegen die Rechtsextreme Le Pen gewählt haben. Macron wird also keine breite Masse in der Bevölkerung hinter sich haben, also Leute, die seine neoliberale und durchaus auch nationale Politik explizit unterstützen. Macron ist ein Präsident der sozusagen nur das kleinere Übel ist. Das war für Präsident Hollande schon so, und es ist wahrscheinlich ein Grundübel des französischen Wahlsystems, dass Frankreich Präsidenten erlebt, die eigentlich nur von einer Minderheit explizit gewollt sind, zumal wenn man den Anteil der Nichtwähler mit berücksichtigt. Das macht viele Franzosen traurig/depressiv bekanntermaßen und ist auch die Ursache für die vielen Turbulenzen, die die Innenpolitik und Sozialpolitik dort erlebt.

Quelle: Tageszeitung „La Croix“ vom 11.4.2022. Die Statistiken beziehen sich auf eine Umfrage am Sonntag 19.4.2022 des Meinungsforschungsinstitutes IFOP.

Ergänzung am 14.4.2022:

Die oben genannte Umfrage zeigt auch: Der rechtsradikale Präsidentschaftskandidat Eric Zemmour erhielt 7 % der Stimmen der „nicht-praktizierenden“ Katholiken, 10 % von „gelegentlich praktizierenden“ Katholiken und tatsächlich 16 % der regelmässig an den Messen teilnehmenden Katholiken.
Darauf hat Yann Raison du Cleuziou, Politologieprofessor an der Universität von Bordeaux hingewiesen. LINK

Diesen Trend bewertet der Politologe: Immer mehr praktizierende Katholiken lehnen die Werte der säkularisierten Gesellschaft ab, die Kirche erlebt seiner Meinung nach eine désécularisation, eine Ent-Säkularisierung, als Rückzug aus der Moderne. Bei Zemmour und Le Pen fühlen sich diese Katholiken, national gesinnt und an alten Werten hängend, wohl, also gegen die Öffnung der Ehe für alle; gegen Neubestimmung der Euthanasie, gegen Schwangerschaftsabbruch sowieso usw..
Natürlich, es gibt noch praktizierende Katholiken, die für Macron oder Mélenchon gestimmt haben, aber diese Kreise sind erstaunlich schweigsam, so, als würden sie sich schämen, sich nicht dem neuen rechtsradikalen katholischen Trend der Ablehnung der Moderne und der säkularen Werte (repräsentiert in Le Pen und Zemmour) anzuschließen.
Yann Raison du Cleuziou weist darauf hin, dass vor der Wahl die Bischöfe offiziell Verständnis zeigten für „le vote blanc“, also für die Abgabe eines leeren Stimmzettels als Protest … und Ausdruck der Hilflosigkeit bzw. der zunehmenden Gettoisierung des Katholizismus. Vote Blanc heißt also: Authentisch Katholische Werte gibt es bei keinem Kandidaten mehr zu finden, in bischöflicher Sicht.
Der Politologe kommt zu der Erkenntnis, dass die Katholische Kirche in Frankreich insgesamt derart minoritär geworden ist, dass fast nur noch Gegner der modernen Gesellschaft sich in der Kirche als „Engagierte“ aufhalten. Darauf haben wir in verschiedenen Beiträgen in www.religionsphilosophischer-salon.de bereits seit Jahren hingewiesen.

Mit anderen Worten: Der französische Katholizismus wird langsam aber sicher zur kleinen Minorität, wertend gesagt: zur Sekte. Es ist absehbar, dass es in Frankreich insgesamt bald nur noch 2.000 Priester mehr gibt, die jünger als 65 Jahre sind. Und weil man am Klerus, am Zölibat etc. festhält, sieht es düster aus für die Kirche. Mit anderen Worten: Das Festhalten am Zölibat und der Klerusherrschaft fördert den Niedergang der Kirche und vielleicht auch das Verschwinden des christlichen Glaubens in Frankreich. “Wird die Kirche zum Grab Gottes“, fragte Nietzsche einst. Die Antwort mit Blick auf Frankreich (aber auch Holland, Irland usw.) heißt: Ja, Nietzsche hat wohl recht.

Die Bischofskonferenz selbst ist jetzt so ängstlich, dass sie nicht in der Lage ist, in ihrer Stellungnahme zur Wahl am 24.4. 2022 überhaupt die Namen der beiden Präsidentschaftskandidaten zu nennen, im Unterschied zu 2002 etwa sprechen die Bischöfe keine klare Warnung aus vor Le Pen. Man möchte meinen: Die Bischöfe halten beide Kandidaten für gleichermaßen ungeeignet – aus klerikaler Sicht. So bleiben die Bischöfe vor dem 2. Wahlgang 2022 bei der “großartigen” Empfehlung,  jeder Katholik möge doch selbst überlegen. Das ist ja grundsätzlich richtig, aber angesichts eines möglichen Sieges von Le Pen doch sehr verzagt und “diplomatisch”. LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Patriarch Kyrill muss endlich verurteilt werden.

Sind Europas Christen auch ohnmächtig gegenüber dem Putin-Ideologen Kyrill?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 11.4.2022.

Und zum orthodoxen Osterfest 2022:

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(Foto: Oleg Varov/AP)

Patriarch Kyrill, Chef der Russisch-Orthodoxen Kirche und wie Pution KGB Mitglied,  gilt als Unterstützer des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Hier beim Ostergottesdienst in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau, sie  demonstrierten ihre Verbundenheit.

…………………..

Allmählich wächst die Distanz: Einige orthodoxe Gemeinden in Europa, mit dem russischen Patriarchen verbunden, trennen sich von ihren Bindungen an diesen Kriegstreiber Kyrill., er nennt sich „seine Heiligkeit“.

Seit dem 23.2.2022 haben wir auf dieser Website sieben Beiträge über den Kriegstreiber und Putin-Freund, Patriarch Kyrill, veröffentlicht. Der Inhalt dieser Hinweise ist deutlich: Kyrill ist als Putin-Ideologe und ehemaliges KGB Mitglied ein wichtiger Kriegstreiber.

Wer gegen Putins Krieg kämpft, muss gegen Kyrill kämpfen. Das heißt: Er muss von der Ökumene angeklagt und aus der ökumenischen Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Kyrill hat nicht im entferntesten Verständnis oder oder gar Sympathien für die demokratische Welt und die Menschenrechte. Er ist, so möchte man meinen, völlig benebelt, auch von den Weihrauchschwaden die durch seine Kathedralen schweben…

In den obersten Gremien der Kirchen, im Vatikan mit Papst Franziskus, in katholischen Bischofskonferenzen, in protestantisch geprägten ökumenischen Räten (wie dem ÖRK in Genf) herrscht hingegen vornehme Sanftheit gegen ein hartes Vorgehen gegen Kyrill. Papst Franziskus will sehnsüchtig diese andere Heiligkeit (Kyrill) alsbald treffen, er träumt noch immer davon, wie wichtig eine theologischer Versöhnung mit dieser nationalistischen orthodoxen Kirche ist…

Offenbar kann man noch immer (am 11.4.2022) davon ausgehen, dass es sogar eine große russisch-orthodoxe Delegation beim Welttreffen/bei der Vollversammlung des ÖRK in Karlsruhe, Anfang September 2022, geben soll. Wahrscheinlich wollen die Ökumeniker bei dieser Tagung ganz sanft, wie üblich, die frommen Putin – Ideologen aus Moskau von ihrem Weg ein bißchen abbringen…Aber dann wird es schon zu spät sein; dann wird die halbe Ukraine von Putin zerstört sein, mit Unterstützung des Patriarchen und seiner Untergebenen.  Kyrill muss jetzt, sichtbar für die Welt, vor allem die leidende Ukraine, von den Christen weltweit angeklagt und isoliert werden. Er ist alles andere als eine Heiligkeit…

Nebenbei, aber nicht unwichtig: Die Russisch-orthodoxe Kirche zahlte 2020 und 2021 als ihren freiwlligen Beitrag dem “Ökumenischen Weltrat der Kirchen” in Genf (ÖRK) eher einen sehr bescheidenen Betrag (in Schweizer Franken umgerechnet); der finanzielle Beitrag ist bescheiden, wenn man etwa das Luxusleben des Millionärs Patriarch Kyrill betrachtet: 2020 wurden 10.229CHF an den ÖRK überwiesen ; 2021 waren es 10.618CHF. Mit anderen Worten: Wenn die Russisch.orthodoxe Kirche aus dem ÖRK ausgeschlossen wird, wäre dies für diese ökumenische Weltorganisation kein finanzieller Verlust. Quelle: LINK

Inzwischen muss am 11.4.2022 von weiteren Ungeheuerlichkeiten des Putin-Ideologen Patriarch Kyrill berichtet werden:

1.
Den kürzlich verstorbenen sehr rechtsextremen Politiker, Antisemiten und Rassisten Wladimir Schirinowski würdigte der Patriarch als „talentierten und leidenschaftlichen russischen Patrioten“. Kyrill gibt sogar zu, „gute und persönliche Beziehungen zu Schirinowski seit vielen Jahren gehabt zum haben.“ Kyrill attestierte dem Verstorbenen „Gelehrsamkeit, Kenntnisse der Weltgeschichte wie der nationalen Geschichte und der internationalen Beziehungen“. (Quelle: Tagespost, 7.4.2022).
Man lese Beiträge über Schirnowski in der kritischen, demokratischen Presse, um sich von den Lügen des Patriarchen zu überzeugen.

2.
In seiner Sonntagspredigt vom 10.4.2022 sagte der Patriarch u.a.:
“Möge der Herrgott uns allen in dieser schweren Zeit für unser Vaterland helfen, uns zu vereinen, auch um die Staatsorgane herum”, sagte das Kirchenoberhaupt .Und er fuhr fort: “Dann wird unser Volk echte Solidarität und die Fähigkeit haben, äußere und innere Feinde abzuwehren und unser Leben so zu gestalten, dass in diesem Leben so viel Gutes, Wahrheit und Liebe wie möglich gibt”, so Kyrills Predigt. (Quelle: KNA und DOM RADIO, 10.4.2022)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Putin – der Nihilist.

Ein philosophischer Hinweis von Christian Modehn am 10.4.2022.

Ergänzung am 10.5.2022. Nach der Rede Putins am 9. Mai 2022: 

– Putins Rede ist eine einzige Lüge.

– Putin zeigt einmal mehr, dass er von der Lüge total beherrscht ist. Weiß er noch, dass er lügt? Die totale Lüge ist ein Zeichen des Nihilisten.

– Putin will einen Krieg gegen die Ukraine (und den Westen), der sich in die lange Dauer, in die Länge zieht. So kommen immer mehr Menschen ums Leben. Aber das ist ihm egal. So werden immer weniger Menschen in Afrika z.B. Weizen aus der Ukraine beziehen können. So werden die Nerven aller Demokraten weltweit immer mehr strapaziert. Alle reden nur noch von Putin. Die Welt wird insofern “klein”, fixiert auf einen Verbrecher, falls Mister Trump, auch ihn nennen viele einen Verbrecher, nicht wieder das Feld beherrscht.

– So wird einmal mehr evident: Wer nach “dem” Bösen”fragt, verstehe dies bitte als eine personale Bezeichnung, bezogen auf einen Menschen, es geht um den bösen Menschen. Was denn sonst? Wer glaubt denn noch an metaphysische Kräfte DES (neutral  verstandenen) BÖSEN? Etwa an die Erbsünde? Soll den denn der Verbrecher Putin ein Beispiel für die Relevanz der Erbsünde (Adam und Eva) sein? Wie lächerlich, diese Vorstelling.

– Es sind immer nur Menschen, die sich in ihrer Freiheit entscheiden, total böse zu werden. Das erleben wir auch bei Putin. Und seinen Getreuen, auch in den Kirchen, wie dem so genannten Patriarchen Kyrill I. Er darf sich immer noch Christ und sogar seine Heiligkeit nennen. Die Kirchen des Westens sind zu schwach, zu ängstlich, diesen Kriegstreiber aus der Ökumene der Christen raus zu schmeißen.

– Und auch Papst Franziskus hat Verständnis für Putin, der in päpstlicher Sicht von der Nato bedroht ist. Sind das erste Anzeichen päpstlicher Verkalkung? Wahrscheinlich, und ein bißchen verständlich bei einem Alter von 85 Jahren… So wird eine Weltkirche, eine Organisation mit 1,4 Milliarden Mitgliedern,  “regiert”? LINK

…………..

1.
Philosophische Kommentare zu Putin, seinem Krieg gegen die Ukraine und die Demokratien der westlichen Welt insgesamt, sind zwar nicht zahlreich, können aber eigene Relevanz haben. Denn philosophierend versuchen wir die Gegenwart auf den Begriff zu bringen. Jetzt im Krieg Russlands gegen die Ukraine muss man die wichtigste ethische und menschliche Haltung des obersten Kriegsherren Wladimir Putin freilegen.
2.
Ein Begriff ist dabei entscheidend: Der Nihilismus. Dass mit Nihilismus etwas grundlegend anderes gemeint als mit dem philosophischen und religiös/mystischen Begriff NICHTS versteht sich von selbst und muss hier nicht entwickelt werden.

Ein Nihilist glaubt unbedingt an die Allmacht der Zerstörung. Wenn er andere tötet, geschieht dies in Gleichgültigkeit und Gewissenlosigkeit. Andere Menschen, alles Lebendige, sind für den Nihilisten nichts als wertlose Objekte, die dem Täter zur Verfügung stehen und vernichtet werden können. Der Nihilist gibt vor, dass ihn Ideologien leiten, wie Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus usw., tatsächlich aber ist für ihn die Lust an der Zerstörung, das Hinabstürzen von Allem ins Nichts, ins total Leere, entscheidend. Aus „diplomatischen“ Gründen bekennen das Nihilisten nicht so deutlich, sie verschleiern ihre Destruktivität noch mit vielen Worten, ein letzter Rest von moralischem Bewusstsein?
3.
Erich Fromm, der Psychoanalytiker und Philosoph, hat den Nihilisten den Nekrophilen genannt, den Menschen, der alles Tote mehr liebt als das Lebendige und die lebenden Menschen. Für Erich Fromm gibt es zwei entscheidende menschliche Existenzformen: Die Biophilie und die Nekrophilie, in ähnlicher Form lässt sich die Existenz auch im Modus des Habens (Besitzers, Herrschers) oder im Modus des Seins (Leben, Lieben) aussagen. In totalitären Systemen lebt der Herrscher seinen Sadismus aus in dem „Wunsch, andere leiden zu machen oder sie leiden zu sehen.. Das Ziel dieser Sadisten ist, andere aktiv zu verletzen, zu demütigen, in Verlegenheit zu bringen oder sie in peinlichen oder demütigenden Situationen zu sehen“ (Erich Fromm, zitiert in Rainer Funk, Mut zum Menschen, Stuttgart 1978, S. 65). Dafür gibt es zahlreiche Beispiele, zuletzt etwa den monströsen surrealen Tisch, an den sich demokratische Politiker offenbar ohne weiteres setzten, der belorussische Diktator wurde von Putin zur gleichen Zeit an einem gemütlichen runden, kleinen Tisch empfangen….
4.
Hier wird vorgeschlagen, nicht so sehr den im ganzen auch hilfreichen psychologischen Interpretationsvorschlägen von Erich Fromm zu folgen, sondern eher den philosophischen Begriffen … und Putin als einen Nihilisten zu verstehen, als einen Menschen, der von der Lust am Nichts , also von einer lange geplanten totalen Vernichtung des Lebendigen, des Demokratischen, beherrscht ist. Diese nihilistische Destruktivität als Hauptmerkmal gilt, selbst wenn Putin noch viel von der alten Ideologie der „russischen Welt“ phantasiert oder von der orthodoxen Religion oder sogar von den Werten des Christentums (gegen den angeblich atheistischen Westen) spricht.
5.
An den Taten erkennt man den Nihilisten, nicht an seinen Worten.
In Putins Angriffskrieg gegen den selbständigen Staat Ukraine fällt auf: Die von ihm heiß begehrten, angeblich russischen Regionen im Osten der Ukraine, vor allem die Städte dort, werden von ihm im Krieg total zerstört, Städte also, die er angeblich mag und für sein Imperium nutzen will. Welch ein Widerspruch!
Es sind barbarische Taten, die da sein Militär begeht.
Putin als Sadisten freut es offenbar, dass in der geplanten Zerschlagung der Ukraine zugleich auch die „Kornkammer des Planeten“, wie es treffend heißt, vernichtet wird und dadurch „ein Hurrikan des Hungers“ (so UN-Generalsekretär Guterres) erzeugt wird. Der russische Diktator verkündet gleichzeitig einen Getreide-Exportstopp aus Russland bis zum 30.6. 2022, eine weitreichende Hungerkatastrophe zumal unter den Menschen in Nordafrika (Käufer russischen Weizens) wird bewusst vorbereitet. Stalin hatte schon einmal eine der schlimmsten Hungerkatastrophen realisiert: 1933 verhungerten in der Ukraine auf seinen Befehl dreieinhalb Millionen Menschen, „Holodomor“ wird das totale Verbrechen genannt.. Auch Stalin war ein Nihilist. Dass ihm seine kommunistische Ideologie nichts bedeutete, zeigte sich an seinem Pakt mit dem Faschisten Hitler.
Diese Haltung des Zynismus hat Putin mit Stalin gemeinsam: Selbst wenn Putin von Völkerfreundschaft die Rede ist, gilt jegliche Handlung dem „Trachten nach Bereicherung und Ausweitung des eigenen politischen Einflusses“ (Mischa Gabowitsch, „Putin kaputt?“, Berlin 2013, S. 64).
Über die nihilistische Mentalität Putins und seines Regime schreibt Katja Gloger in ihrem wichtigen Buch „Putins Welt“, München 2022, S. 135. Sie zitiert die russische Journalistin Jewgenija Albaz: „Um des Geldes willen ist alles erlaubt. Dieses Regime geht davon aus, dass jeder gierig und käuflich ist. Dass niemand Ehre und Würde empfindet“.
„Die russischen Eliten nehmen sich den sadistischen Genuss heraus, den verarmten Massen ihr Dolce Vita zu demonstrieren – um ihre Dominanz zu demonstrieren. In Russland lebten 2017 russische 131 Milliardäre, 180.000 Dollar Millionäre…Acht Prozent der Russen leben unter der Armutsgrenze, im Öl – und Gas – Imperium können manche Bürger von einem Gasanschluss nur träumen…. Ein Drittel der männlichen Bevölkerung lebt nicht lange genug, um einen Rentenanspruch zu stellen…“ (zit. Liza Alexandrova-Zorina, Lettre international, Winter 2017,S.44)
6.
Der Nihilist lebt im Selbst-Widerspruch des Lügners. Angeblich liebt er Dinge und Menschen, die er aber total zerstört. Angeblich ist Putin ein in der Kindheit getaufter orthodoxer Christ, aber den Hungertod von Millionen nimmt er in Kauf, die Gräueltaten seines Militärs . Alle seine Erklärungen zu den Kriegsverbrechen der russischen Truppen in der Ukraine sind eine Lüge, sie wollen verwirren, das klare Denken kaputt machen. Lüge ist das geistige Grundübel, also das geistige Verbrechen der Nihilisten.
Die Russland-Spezialistin und Journalistin Katja Gloger schreibt über den typischen nihilistischen Umgang mit Wahrheit und Lüge im Putin Reich: „Die Grenze zwischen Fakten und Fiktion verschwimmt: Fakten sind Fiktion und Fiktion wird zu Fakten…So schaffen Russlands Medien eine neue, konfuse Realität, der sich kaum nicht jemand anziehen kann…Eine Wanne voller Blut jeden Abend im russischen Fernsehen ist eine politische Realität geworden, sagt der ehemalige Spindoktor des Kreml, Gleb Pawlowskij“, (in „Putins Welt“, München 2022,S. 107).
Immanuel Kant schreibt: „Die Lügenhaftigkeit ist an sich böse. Die Lüge ist zu nichts gut, in welcher Absicht immer; sie ist an sich selbst böse und verwerflich. Lügenhaftigkeit ist “Nichtswürdigkeit, wodurch dem Menschen aller Charakter abgesprochen wird”, zit. In Kant-Lexikon, Rudolf Eisler, https://www.textlog.de/32495.html.
7.
Noch einmal: Der Nihilismus von Putin und seinen Leuten, den Milliardären, Oligarchen und Militärs, zeigt sich in deren permanenten Lügen-Propaganda. Sie ist so dreist und irrational, dass man lachen könnte, wären die Lebensbedingungen der Menschen in dem selbständigen Staat Ukraine nicht so verheerend. An die Lügen hatte sich Putin schon früh gewöhnt und sie als seine Lebensstrategie entwickelt: Zum Putin-Krieg gegen die Ukraine 2014 hat der russische Philosoph Michail Ryklin in „Lette International“ Herbst 2014, Seite 141, geschrieben: Schon damals folgte Putin der alten, lügnerischen Masche., die er als Zögling des KGB gelernt hatte zum Zweck des Machterhalts der Diktatur: „Die Grundlage für diesen Krieg liefert die totale Desinformation mitsamt nachfolgender Bezichtigung des Gegners jener Verbrechen, die man selbst ihm gegenüber begangen hat“. Und weiter schreibt Ryklin im Jahr 2014 !: „Je schlimmer die Torturen sind, welche die Ukraine zu ertragen hat, um so größer ist in Putins Sicht die Schuld der Ukraine selbst daran… Der Putinismus tötet mit seiner Berührung all das Lebendige, was in seinen Untertanen noch enthalten ist“ (ebd).

Putins Krieg ist nicht nur ein Krieg gegen die Ukraine, es ist ein totaler Krieg, der die ganze Welt in eine Zerrüttung führt, ökonomisch, ökologisch, friedensethisch, religiös. Putin und seine “Getreuen” vernichten eine halbwegs noch geordnete Form der Ernährung selbst der ärmeren Länder, Putin zuerstört Vertrauen, beeinflusst die westlichen Demokratien, er will mit allen Tricks und aller Gewalt will diese Demokratien schädigen, etwa in seiner Unterstützung für Trum oder Marine le Pen. Kann man sagen: Mit Putin wird es nie Frieden geben? Bestenfalls einen Waffenstillstand als Pause vor dem nächsten Krieg? Wer mit diesem Putin noch heute, Ende April 2022 noch eng freundschaftlich ergeben und verbunden ist, wie ein gewisser Herr Gerhard Schröder in Hannover, sollte der nicht auch als Partner eines Kriegsverbrechers gelten, wie viele politische Beobachter zurecht sagen?

Für die Philosophie ist die Lüge, zumal die permanente Lüge, der Gipfel menschlicher Verkommenheit.
8.
Es wird jetzt immer wieder auch von Literaten darauf hingewiesen, dass sich in der geistigen Substanz von Putin und den Seinen „ein großes Nichts“ offenbart. Dies betont die tschechische Schriftstellerin Magdalena Platzová. Sie meint dann leicht ironisch, „dieses große Nichts sei etwas, das man am besten mit Wodka runterspült“. Aber: Zu dem großen Nichts in Putin kommt die Autorin durch die Beobachtung der bekannten russischen Puppe Matrjoschka: Diese Matrjoschka ist “ein Großrussland, in das die anderen Länder hübsch ordentlich nach Größe eingeordnet werden: Armenier, Georgier, Ukrainer, Kasachen, Litauer, Esten und andere. Und wenn sich die große Puppe leert, ist sie hohl wie ein Fass. Ein großes Nichts. (Quelle: iLiteratura (Tschechien), 01.04.2022, Perlentaucher, 5.4.2022). Tatsächlich wird im populären Putin Kult dieser Diktator auch schon als Matrjoschka verkauft…
9.
Noch einmal muss betont werden: Putin (und seine Getreuen) als Nihilisten zu bewerten, steht in keinem Widerspruch zu dem vom Diktator nach außen hin gezeigten Bekenntnis zur russischen Orthodoxie. Man denke nur an diese inszenierten Fotos: Putin im Gebet in der Kathedrale, im vertrauensvollen, freundschaftlichen Gespräch mit Patriarch Kyrill (auch er einst KGB-Mitarbeiter), Putins Pilgerfahrten zum heiligen Berg Athos (Griechenland), seine Bereitschaft, prächtige Kathedralen der russischen Orthodoxie in Frankreich zu finanzieren etc. Der christliche Glaube bewegt Putin jedenfalls nicht persönlich, „innerlich“, denn sonst hätte er auf sein mörderisches Treiben verzichtet. Und sein Intimus, der Patriarch Kyrill von Moskau, hat es wohl bisher versäumt, Putin an seine Christen-Pflichten zu erinnern. Vielleicht glaubt der Patriarch selbst nur an die Macht und die Macht des Geldes, über auch der reichlich verfügt. Aber die vielen gläubigen Leute auf dem Land sehen die Fernseh-Bilder des staatlichen Fernsehens, andere Informationsmöglichkeiten haben sie nicht, und sie freuen sich, wie ihr Präsident betet, von Weihrauchwolken umhüllt ist und vor allem den einstigen KGB Kollegen, Patriarch Kyrill, brüderlich umarmt.
Und die russisch-orthodoxe Kirchenführung ist mit diesem Nihilisten Putin Und das aufs engste verbunden. Und das ist der Skandal: Die westlichen Kirchen denken offenbar nicht daran, Patriarch Kyrill als den besonderen Kriegstreiber SOFORT aus der Ökumene offiziell zu werfen. Und das ist eine Schande für alle anderen Kirchen, die noch christlich sein wollen. Immerhin hat jetzt der katholische Bischof von Münster Felix Genn den Putin-Patriarchen Kyrill I. „eine Schande für unseren christlichen Glauben genannt“. (Quelle: https://www.domradio.de/artikel/bischof-genn-kritisiert-russisch-orthodoxen-patriarchen)

10.
Wenn hier also Putin als Nihilist vorgestellt wird, dann ist nicht der „russische Nihilismus“ gemeint, der unter der Regierungszeit von Zar Alexander II. (1855-1881) in Kreisen oppositioneller Intellektueller lebendig war. Für diese Kreise waren Attentate und das Projekt „Zarenmord“ in gewisser Weise die Voraussetzung, um eine neue, menschenfreundlichere Gesellschaft zu schaffen. Nihilismus als Selbstbezeichnung einiger kritischer Intellektueller war damals eine kulturell-politische Bewegung durchaus emanzipatorischer Art, sie wurden auch Radikaldemokraten genannt. Man denke an Alexander Herzen, Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski….
11.
Hingegen sieht Philosophie das Stichwort Nihilismus als Ausdruck für eine Haltung, dass alle Werte NICHTS sind, dass das Leben NICHTS ist, also sinnlos. Vor allem auf den russischen Dichter Iwan Sergejewitsch Turgenjew geht der heutige philosophische Nihilismus-Begriff zurück; man denke an seinen Roman „Väter und Söhne“ von 1862. Es ist im Roman der angehende Arzt Basarow, der betont:“Es gibt keine moralischen Prinzipien“. Basarow erkennt nichts Wertvolles an und er weiß nichts von Respekt, bewertet alles Lebendige nach Nützlichkeitserwägungen. Bei einem Spaziergang sagt er: „Hoffentlich gibt es in diesen Teichen Frösche… zum Sezieren.“ Er ist ein Mensch, der sich „vor keiner Autorität verbeugt, der kein einziges Prinzip auf Treu und Glauben gelten lässt, gleichgültig welchen Ansehen sich dieses Prinzip auch erfreuen möge“ (Turgenjew, Väter und Söhne).
12.
Putin, so wird in der Presse demokratischer Staaten berichtet, lebt jetzt immer mehr zurückgezogen, als ein Herrscher, der sich isoliert. Aber er hatte und hat ein Team von Ideologen, die ihm die Stichworte für seinen Krieg und seine nihilistische Ideologie liefern. Darauf weist „Le Monde Diplomatique“, Deutsche Ausgabe, April 2022, S. 8 hin : „Wer sind die russischen Falken. Hinter Putin politischer Radikalisierung stehen ultranationalistische Ideologen“ von Juliette Faure. Sie erwähnt einen einschlägigen politisch-religiösen Zirkel, den „Isborsk-Club“, in dem sich antiwestliche reaktionäre Ideologen und Kriegstreiber treffen.
In einem Interview betont Katharina Blum, Leiterin des OIsteuropa-Instituts der FU Berlin: „Zum Klub gehört aber auch jemand wie Tichon, der Metropolit der Russisch-Orthodoxen Kirche ist. Er gilt als Beichtvater von Putin, hat Bücher verfasst und betätigt sich als Regisseur… Orthodoxe Konservative und Monarchisten betonen vor allem die russisch-orthodoxe Kultur. Es ist demnach die Kirche, die Russland eine Identität verleiht. Sie beziehen sich auf das griechisch-orthodoxe Byzanz und sehen sich in der Tradition Dostojewskis, der Moskau als „Drittes Rom“ bezeichnet hat“. (Quelle: https://www.belltower.news/russlands-antiwestliche-ideologien-wichtig-ist-imperiales-denken-128641/ gelesen am 8.4.2022)
13
Putin (und die Seinen) als Nihilisten zu bezeichnen ist eine philosophische Erkenntnis, keine feuilletonistische Unterhaltung. Ein Nihilist geht aufs Ganze, hat den Willen zu zerstören, die anderen, die Feinde sind, zu zerstören und warum nicht auch das Volk, dem er zugehört? Wenn nur er selbst überlebt… Schließlich ist Putin entschlossen, bis 2036 im Amt zu bleiben, also bis ins Greisenalter von 84 Jahren. In der neuen Verfassung, die ihn offiziell bis 2036 regieren lässt, steckt so etwas wie sein Wille zum ewigen Leben, zur totalen Herrschaft … ad aeternum. Dieser Typ wird niemals Ruhe geben und Frieden wahren, solange er nicht mit seinen tödlichen Kriegen seine Ideologie realisiert hat, die Ideologie der totalen Herrschaft.
14.
Zum Schluss eine Erinnerung an Friedrich Nietzsche, der mit großem Elan den Nihilismus studierte und dazu publizierte. Nihilismus war für Nietzsche ein zentraler Begriff seiner Analyse der Moderne. Der Philosoph und Nietzsche Spezialist Prof. Volker Gerhardt schreibt in seinem Buch „Friedrich Nietzsche“ (München 1992), über Nietzsches Einsichten zum nihilistischen Menschen: „In diesem Willen zum Nichts leugnet der Mensch aber alles, was für sein Dasein wesentlich ist. Ja, er wendet sich gegen das Dasein selbst, indem er das durchstreicht, was dem Dasein Ziel und Inhalt gibt. Und so stellt sich hier das Leben gegen das Leben und führt zu einem elementaren Unsinn…“ (S. 155). … „Nihilismus bezeichnet für Nietzsche einen Zustand, in dem der Mensch letztlich nur das Nichts will. Ein solcher Wille zum Nichts kann aber nur ein Ausdruck äußerster Bedrohung oder Verelendung sein“ (S. 154).
15.
Putin hat zwar in seinem nationalistischen Wahn der totalen „Russischen Welt“ immer noch konkrete Ziele, die es zu erobern gilt. Aber diese Eroberung geschieht nur als totale Zerstörung, siehe die Putins Ukraine-Krieg von 2022 vorbereitenden Gräueltaten in Tschetschenien, Georgien, in Syrien oder im Osten der Ukraine und in Libyen usw.. Denn dass er einmal den Mittelmeer-Raum beherrschen will und beherrschen kann, via Syrien und Libyen und Eritrea usw. ist evident, dies macht ihn zum Herrscher des totalen russischen Reiches… Es sei denn, die demokratischen Staaten des Westens können das definitiv verhindern.
16.
Putin als Symbol-Figur des Nihilismus ist insofern auch eine Katastrophe, als er das Fühlen und Denken der Menschen der Welt bestimmt, wenn nicht determiniert: Er erzeugt Angst, nicht nur bei den Leidenden in der Ukraine und bald auch bei den Familien in Russland, die den Tod ihrer Söhne im Krieg bedauern und hoffentlich nicht noch als Helden feiern…
Putin als Nihilist fördert bewusst Irritationen, lässt an jeglicher Aussage zweifeln, sein maßloser Vernichtungswille führt dazu, dass die demokratischen Staaten immer mehr Geld für Rüstung ausgeben müssen … und Waffen sozusagen „das tägliche Brot“ werden, es kommt zu Einschränkungen in den Lebensbedingungen. Putin als Nihilist führt dazu, dass die demokratischen Staaten die Armen und arme Gemachten dieser Welt, etwa in Afrika, vergessen. Die demokratische Welt soll, so will es Putin, zerfallen, im Streit und im Hass gegeneinander, auch dies ist eine Konsequenz seines totalen Nihilismus. Wenn man Demokratie als lebendige Staatsform versteht, als Staat des Streitens um die beste Gestaltung der Menschenrechte, dann ist Putins Hass auf die Demokratie, jetzt auf die jungen Demokratie in der Ukraine, typischer Ausdruck seines Nihilismus.
Ein Nihilist ist der totale Verwirrer und Zerstörer.

Und die russisch-orthodoxe Kirche ist mit diesem Nihilisten aufs engste verbunden. Die westlichen Kirchen denken offenbar nicht daran, Patriarch Kyrill als den besonderen Kriegstreiber SOFORT aus der Ökumene offiziell zu werfen. Und das ist eine Schande für alle anderen Kirchen, die noch christlich sein wollen.
17.
Wie lässt sich Nihilismus überwinden? Diese Frage bewegt in der langen Geschichte die Philosophie. Um nur ein Beispiel zur nennen: Nietzsche sah eine Überwindung des Nihilismus in seiner Idee des „Übermenschen“, der den biederen Spießbürger, den „letzten Menschen“ („letzter Mensch“ im moralischen Sinne) überwinden soll.
Hier aber geht es um die politische und existentielle Frage: Wie kann man einen Nihilisten überwinden bzw. eine ganze Clique, die sich dem Nihilismus als moralischer Verworfenheit hingibt. Diese Nihilisten müssen ihre Macht verlieren, nur so kann die Welt in Frieden UND Demokratie leben. Es geht also im Kampf gegen Putin um einen Kampf gegen den gefährlichsten und barbarischsten unter allen Nihilisten: Dass es Nihilisten als Politiker heute auch anderswo gibt, ist eine Tatsache, und ein anderes Thema.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

Gibt es „das“ Böse“? Oder nur „den bösen Menschen“?

Für einen differenzierten Umgang mit „dem moralisch Bösen“.

Ein Hinweis als Diskussionsbeitrag von Christian Modehn.

1.

Es gibt Taten: Folter, Mord, Totschlag und Erschießen Unschuldiger im Krieg, also Taten, die von jedem Menschen verurteilt und bekämpft werden, von Menschen, die sich ihre Menschlichkeit bewahrt haben und ihrem Gewissen entsprechen.
In solcher theoretischen wie praktischen Zurückweisung von Folter, Mord, Totschlag, Erschießen Unschuldiger im Krieg usw. stellt sich, spontan, wie von selbst, bei Menschen mit Gewissen die Erkenntnis ein: Diese Taten sind böse. Sie dürfen nicht sein, sie sollen deswegen verhindert/beendet werden und sie müssen bestraft werden.

2.

Bestimmte Taten bestimmter Menschen, also der Mörder, der hemmungslos mordenden Soldaten, der Politiker und Generäle, die vom sicheren Schreibtisch aus das Morden befehlen, werden von der Vernunft und dem mit ihr korrespondieren Gewissen als böse bewertet: “Diese Taten darf es unter Menschen nicht geben“.
Und genau so wichtig ist die evidente Erkenntnis: Es sind Menschen, Täter, Mörder, die, fast umfassend bestimmt von böser Gesinnung und wegen ihrer freien Entscheidung fürs Böse, als böse Menschen bewertet werden.

3.

Es ist nicht so, dass man, wie so oft in der theologischen und philosophischen Tradition, annehmen muss: Angesichts böser Taten böser Menschen sollte man zuerst und vor allem von „dem Bösen“ sprechen. Dabei wird „das Böse“ als eine objektiv bestehende Macht angenommen, die sozusagen als solche für sich – als „Idee“ etwa – existiert und die dann bei bestimmten Menschen sichtbar wird und sich spürbar durchsetzt. Die Täter werden in diesem traditionellen Denkmodell zu Leuten, die dieses Böse als eine objektive Idee verwirklichen und sichtbar in die Welt setzen.

4.
Einen treffenden Ausdruck für diese traditionelle These bietet die immer noch bestehende Praxis des katholische Exorzismus: Dabei versucht ein speziell ausgebildeter Priester als Teufels-Spezialist durch verschiedene Gebete und Riten, einen Menschen von der (angeblichen) Gewalt des Teufels zu befreien. Der Teufel wird dann als die objektive Macht des Bösen angesehen: Der Teufel bzw. das Böse habe von dem Menschen Besitz ergriffen. Und diese objektive Macht kann durch die Kraft Gottes, vermittelt durch den Priester, aus dem Menschen vertrieben werden.

5.

Ein anderes Beispiel für die traditionelle Bewertung „des Bösen“: Der Theologe Kardinal Karl Lehmann hat auf dem Ökumenischen Kirchentag 2001 in Berlin einen sehr umfangreichen Vortrag gehalten zum Thema: „Ratlos vor dem Bösen?“ Und er begann, selbstverständlich für einen Theologen, sogleich von dem „Geheimnis des Bösen“ zu sprechen, er sprach am Anfang sogar von dem „fast undurchdringlichen Geheimnis des Bösen“, er sprach davon, „das das Böse sich gerne in seinem eigenen Ursprung verbirgt“ usw.
Also: „DAS Böse“ wurde und wird noch immer von vornherein als eine ideelle Realität angenommen, als ein metaphysisches Prinzip, das ins Menschenleben förmlich inkarniert ist.
Nicht der böse Mensch wird dann analysiert, sondern es geht um die metaphysische Frage: Wie kann Gott dieses Prinzip, „das Böse“ , neben sich als dem Allmächtigen zulassen? Ist Gott selbst vielleicht irgendwie auch „ein bißchen böse“ mit einem bösen „Neben-Gott“? Genau dies sind konsequenterweise die Themen, die der traditionell gelehrte Kardinal Lehmann dann „abhandelt“. Aber zur Klärung, der Frage: Wie umgehen mit den sichtbaren und spürbaren bösen Taten böser Menschen (!) und den sich festsetzenden bösen Mentalitäten und Strukturen, findet sich in dieser metaphysischem Spekulation nichts.
Diese traditionelle Reflexion hat für die bösen Täter nur den „Vorteil“, dass sie als solche theologisch und philosophisch gar nicht angeklagt und gegebenenfalls ausgeschaltet werden müssen. Es ist ja „das Böse“, diese „Idee,“ die in den Menschen waltet! „DAS Böse“ muss, wie auch immer, bekämpft werden, also in diesem traditionellen Denken nicht der Böse oder die Böse. Aber „DAS Böse“ zu bekämpfen, ist schon aufrgrund der Allgemeinheit und Unbestimmtheit zum Scheitern bestimmt. Trotzdem wird theologisch davon immer nich geplaudert, wenn das Böse in dieser Optik bekämpft wird, dann nach kirchlicher Vorstellung geistig, spirituell, vor allem sakramental, durch Taufe, Beichte, Kommunion.

Auch die alte theologische Ideologie der Erbsünde muss in dem Zusammenhang genannt werden, also die so genannte totale Verfallenheit aller Menschen seit Anbeginn in einen sündigen Zustand. Die Erbsünde wurde in diesem Mythos von Gott als Strafe verhängt, als die ersten Menschen im Paradies sündigten. Das ist ein Mythos, der keinerlei vernünftige Aufklärung zum Thema Böses erschließt. Man sollte ihn beiseite legen, er hat viel Unsinn bewirkt und seelisches Leiden erzeugt: Etwa: Diese Erbsünde werde in der sexuellen Begegnung und Zeugung/Empfängnis übertragen, so die offizielle Lehre der katholischen Kirche bis heute. Daran wird festgehalten, nur weil dieser heilige Greis Augustinus (gestorben 430) dies einmal gesagt und mit aller Gewalt durchgesetzt hat…Er wollte damit die Kirche und den Klerus als Macht stärken, denn nur der Klerus der Kirche kann die Taufe spenden, die von der Erbsünde befreit…

6.

Der Kampf gegen „das Böse“ wird also für die klassische Reflexion nur metaphysisch, nur religiös, geführt. Entsprechend versteht die Kirche die Bitte, an Gott gewandt, im „Vater Unser“ (Matthäus Evangelium, Kap. 6, 13): “Erlöse uns von dem Bösen“ als Bitte, von der wirksamen Idee und metaphysischen Realität DES (sachlich verstandenen) Bösen erlöst zu werden. Dabei ist diese Deutung einseitig! Auf Altgriechisch heißt es:
ἀλλὰ ῥῦσαι ἡμᾶς ἀπὸ τοῦ πονηροῦ.
O πονηρós bedeutet zweierlei: Die schlechte Eigenschaft von Dingen UND auch die moralisch schlechte, nichtswürdige, boshafte Person. Darum sollte man im Gebet „Vater Unser“ diese Bitte auch so verstehen: Erlöse uns von der bösen und nichtswürdigen Person, etwa dem Diktator, dem Henker, dem Mörder, dem Krieger. So würde Beten politisch analytisch präzise… Nebenbei: Die Bitte „Erlöse uns von dem Bösen“ fehlt in der Überlieferung des „Vater Unser“ im Lukas-Evangelium!

7.

Ich plädiere also dafür, anstelle von „Das Böse“ im ideellen, metaphysischen Sinn nun vor allem und vermehrt DEN und DIE bösen Menschen zu reflektieren und zu analysieren.
Dabei wird nicht geleugnet, dass jeder Mensch in einzelnen seiner Taten auch böse ist, aber diese alltägliche Boshaftigkeit ist etwas anderes als die grausame Tat, wie das(Kriegs-) Verbrechen usw.
Der Philosoph Martin Seel hat in seinem empfehlenswerten Buch „111 Tugenden – 111 Laster“ (Frankfurt M. 2012) gezeigt, dass alle von ihm vorgestellten Tugenden auch zu Lastern werden können und ebenso alle Laster auch zu Tugenden werden können. In diesem “Hin und Her” zwischen Tugend und Laster bewegen sich die Menschen.

Nur ein Laster wird nie eine Tugend: Die Grausamkeit (S. 30-31). „Der Grausame nimmt die Schmerzen seines Gegenüber nicht wahr, oder sie sind ihm gleich – oder er ergötzt sich daran… Er sieht nur sich und seine Begierden und Ideale: Eine Extremform der Egomanie und Bösartigkeit, von der auch staatliche wie nichtstaatliche Vereinigungen befallen sein können…Wer anderen gegenüber habituell grausam ist, ist es zugleich gegen sich selbst. Der Grausame muss eine Härte auch sich selbst gegenüber entwickeln, mit der er die eigenen Regungen under Zartheit und des Mitleids, der zugestandenen Unsicherheit und Schwäche unterdrückt…Sein Tun ist nicht einmal zu seinem Guten“ (S. 31). Hanna Arendt sagt in ihren Vorlesungen “Über das Böse” (München 2015, Seite 42) zum Sadismus als dem Tun des Bösen um des Bösen willen: “Sadismus ist das Laster aller Laster”.

8.

Jeder und jede wird bei diesen Sätzen zu den grausamen Bösen (Sadisten) konkrete Leute nennen, nicht nur Hitler oder Stalin usw., sicher heute auch die jetzige Clique der Führer in der russischen Diktatur. Und man wird sich in dem Zusammenhang fragen, ob die Politiker in Europa, vor allem in Deutschland, die geistige und moralische Kraft hatten, die Bösen (Menschen, Politiker) als solche, etwa in Russland, RECHTZEITIG zu erkennen.

Mit anderen Worten: Wer sich vor allem für DAS Böse als Idee usw. interessiert, übersieht DEN Bösen.

9.

Wer das Böse bekämpfen und überwinden will, muss also konkret den Bösen oder die Bösen verstehen, beim Namen nennen, bekämpfen und überwinden. Wer hingegen auf „DAS Böse“ fixiert bleibt, kann nur noch beten, dass das Böse, das Übel, der Teufel usw. bitte wieder verschwinden.

Wer nur „das Böse“ bekämpfen will, weigert sich, bewusst oder unbewusst, sich auf das politische Analysieren und das politische Handeln einzulassen. Nur dann wird außer Kraft gesetzt das „metaphysische Jammern“, das sich bekanntlich so äußert: „Das Böse hat sich wieder durchgesetzt“. Oder: „Gott hat uns verlassen“, „Die Apokalypse beginnt“, „Der Teufel und der Antichrist beginnen ihre Weltherrschaft“. Gegen solche diffusen Objektivierungen im Erleben böser Taten gilt es zu argumentieren. Sie verhindern den klaren Blick, und der gilt der deutlichen Analyse der bösen Tat eines bösen Menschen.

10.

Zur Erklärung und Vertiefung sollte man sich auf die Erkenntnisse von Immanuel Kant beziehen. Hier nur einige Grundlinien zu dem von Kant selbst als sehr komplex, als sehr schwierig verstandenen Thema „das Böse“.
Für Kant gilt: „Sittlich böse ist nur, was unsere eigene Tat ist“.
Der Ursprung des „Böses Tun“ zeigt sich in der Analyse der menschlichen Freiheit und der aus ihr folgenden Handlung. Es gibt für Kant keinen Naturtrieb im Menschen, böse zu sein.

Das Böses-Tun folgt vielmehr einer Maxime, die sich jemand frei wählt, also einen eigenen, bloß subjektiven Grundsatz, um dann von der allgemeinen Sittlichkeit abzuweichen. Der böse Mensch kennt also die moralischen Gesetze, die zum Guten aufrufen im Gewissen, aber setzt sich in freier Tat von diesen Grundsätzen ab und folgt seinen eigenen bösen Maximen. Dieser Mensch glaubt, für sich selbst Ausnahmen gelten zu lassen hinsichtlich der absoluten Gültigkeit des moralischen Gesetzes. Dieser Mensch, betont Kant, belügt sich selbst. Dabei bietet der kategorische Imperativ eine Art Kompass, der die Entscheidung erleichtert, was gut und was böse ist.

Das Setzen böser Maximen durch die Menschen ist für Kant nicht das Sich-Durchsetzen eines dem Menschen schon bereits vorgegebenen bösen Zustandes. Vielmehr: Das Setzen böser Maximen ist ein Gebrauch der Freiheit.

Aber wer sich für böse Maximen entschieden hat, also dann auch böse handelt und Böses in die Welt setzt, hat für Kant aber noch das Erlebnis einer Pflicht, die ihn aufruft, sich zu bessern. Diese Veränderung der Denkungsart des bösen Menschen ist so umfassend, dass sie Kant eine „REVOLUTION der Denkungsart“ nennt. Diese Änderung entspricht, so wörtlich, der „Heiligkeit der Pflicht“, die fordert, dem Gewissensspruch zu entsprechen. Wer guten Maximen folgt, also dem universalen moralischen Gesetz folgt, lebt als eine Art „neuer Mensch“ dann im Reich der Tugend, und dieses Reich ist so etwas wie das Reich Gottes auf Erden.

Es gibt für Kant also keine böse Natur des Menschen, der Mensch ist für Kant nicht wesentlich, nicht vom Wesen her böse, wie bestimmte (vor allem klassisch-protestantische) Theologen in Treue zu Augustinus aus dem 5. Jahrhundert noch heute sagen.

Es gibt aber für Kant im Menschen einen „Hang“ zur Annahme böser Maximen, einen Hang, nicht moralischen Maximen zu folgen.

11.

Diese Erkenntnisse hat Hannah Arendt vertieft, etwa auch in der genannten Vorlesung aus dem Jahr 1965 “Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik”. Sie legt allen Nachdruck darauf, dass jeder Mensch zum Gespräch mit sich selbst (auch Reflexion genannt) in der Lage ist. In diesem prüfenden Gespräch des Menschen mit seinem eigenen Denken und seinem Tun erlebt der Mensch, wie ihm der eigene Geist, die Vernunft, die Möglichkeit der guten und der bösen Entscheidung freilegt. “Das moralische Gesetz in mir (von dem Kant spricht) erhebt meinen menschlichen Wert, als einer Intelligenz, unendlich, durch meine Persönlichkeit , in welcher das moralische Gesetz mir ein von der Tierheit und selbst von der ganzen Sinnenwwelt unabhängiges Leben offenbart” (ein Zitat, das Arendt auf S. 35 f des genannten Buches bietet, es stammt von Kant selbst aus seiner “Kritik der praktischen Vernunft”, A 289).

Hannah Arendt legt allen Nachdruck darauf, dass das, was Gewissen genannt wird, heute als Bewusstsein seiner selbst verstanden werden sollte, als “die Fähigkeit, mit deren Hilfe wir uns selbst kennen und wahrnehmen” (S. 49). Nur wer zum Gespräch mit sich selbst bereit ist, hat die Chance, Gutes zu tun... “Die größten Übeltäter sind jene, die sich nicht erinnern, weil sie auf das Getane niemals Gedanken verschwendet haben und ohne Erinnerung kann nichts sie zurückhalten” (S. 77). Die schlimmsten Typen sind also “die gedankenlosen Kreaturen” (S. 76). Wer total zum Bösen abgedriftet ist, realisiert das “wurzellose Böse, dann  gibt es keine Person mehr, der man je vergeben könnte” (S. 78).

12.

Zurück zu Kant: Dies sind die Perspektiven, die Kant eröffnet: Der Mensch kann sich in seiner Freiheit entscheiden, er kann gegen sein Gewissen handeln und Böses tun, also etwa aus politischen und wirtschaftlichen Interessen Mord und Totschlag freiwillig begehen. Mit diesem Denken, das als Denken dem verbrecherischen Handeln vorausgeht, wird ein Mensch durch seine Entscheidung ein böser Mensch. Hier ist die Rede von Menschen, die zu einer eigenen Reflexion und zur eigenen freien Entscheidung in der Lage sind, das sind wohl die meisten. Nicht gemeint sind Mörder, die aufgrund einer physischen Abartigkeit etwa ihres Gehirns, zu einem zwanghaften bösen Tun getrieben sind.

13.

Das Handeln in Freiheit hat naturgemäß immer persönliche und genauso auch gesellschaftliche Voraussetzungen. Wenn etwa die Geld-Gier oberste Norm für viele Menschen in der Gesellschaft ist oder der Nationalismus und die Sehnsucht nach dem allmächtigen, starken Staat, dann kann der einzelne sich nur mit Mühe diesem Trend entziehen… und nur mit Mühe moralisch gut leben. Man denke etwa an das Eingebundenen der meisten Menschen in die kapitalistische und neoliberale „Ordnung“, an deren Verheißungen in der total gewordenen Werbung und dem Konsumismus. Unter diesen Bedingungen nicht gierig und böse zu werden, ist schwer und gelingt in alternativen Gruppen.
Diese Gewöhnung an das Böses-Tun kann so stark werden, dass für den Täter bzw. die Täter keine Umkehr zur Vernunft und Menschlichkeit möglich erscheint. Im individuellen Bereich werden solche Täter in Rechtsstaaten bestraft und eingesperrt, in der Politik muss der Rechtsstaat im äußersten Fall diese Leute isolieren und ausschalten.
Dabei steht auch fest: Wer Mörder bestraft oder mörderische Politiker ausschaltet, ist als freier Mensch auch selbst immer gefährdet, seine eigene Freiheit zu missbrauchen. Es gibt also nicht einerseits “den Bösen“ und „den Guten“ auf der anderen Seite. Wer aktuell Böse bestraft, war vielleicht selbst einmal böse oder wird böse.

14.

Wer über Böses nachdenkt, sollte den Menschen analysieren und nicht in ideelle metaphysische Welten ausweichen. Diese vernebeln nur die Klarheit im Verstehen oder sie führen zu Ausreden und Entschuldigungen, etwa: „Nicht ich war schuld am Böses-Tun, es war der Teufel, die Erbsünde, die Partei, die Kirche usw., die mich zur Tat angetrieben hat“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Jegliche Beziehung mit dem Moskauer Patriarchen abbrechen!

Der französische orthodoxe Theologe Jean-Francois Colosimo nennt Patriarch Kyrill einen Mafioso.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 1.4.2022. Siehe auch: LINK

Ergänzt am 7.4.2022: Diese Hinweise zu Patriach Kyrill von Moskau, dem Putin – Freund, sind von besonderer Aktualität: Vom 31. August bis 8. September 2022 wird eine Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (Genf) in Karlsruhe stattfinden. Das katholische DOM-Radio (Köln) berichtet am 6.4.2022, die Katholische Nachrichten Agentur KNA zitierend: “Die russisch-orthodoxe Kirche will daran teilnehmen und hat bereits eine Delegation von 22 Mitgliedern unter Führung von Außenamtsleiter Metropolit Hilarion Alfejew benannt. Dazu gehört übrigens auch der neue Patriarchalexarch von Afrika, Metropolit Leonid von Klein, der eine Parallelstruktur zum eigentlich für Afrika zuständigen orthodoxen Patriarchat von Alexandria aufbauen soll”.

1.
In der Pariser Wochenzeitung „Réforme“, einer Publikation französischer Protestanten, wird jetzt (am 30.3.2022) ein sehr wichtiges Interview veröffentlicht mir dem orthodoxen Theologen, Historiker und Schriftsteller Jean-Francois Colosimo. Er ist heute Leiter des katholischen Pariser Verlages „Les Editions du Cerf“, zuvor war er Präsident des orthodoxen Studienzentrum St. Serge in Paris. Colosimo bewertet die Verantwortung des Moskauer Patriarchen Kyrill für die Verbrechen im Putin-Krieg gegen die Ukraine als „außerordentlich und erdrückend“.

Wir übersetzen zwei Passagen des Interviews, das Jean-Luc Mouton mit Colosimo geführt hat. Deutlich wird in den Interview der Zeitschrift Réforme u.a.: Kyrill hat es akzeptiert, eine Art „heiliger Diener“ des Putin-Regimes zu sein. Kyrill vertritt die Putin-Ideologie: Der Westen sei von der Dekadenz der Sitten bestimmt, für Kyrill ist der Westen „der spirituelle Feind“, für Putin ist der Westen der militärische Feind. Diese gemeinsame religiös-politische Ideologie ist tödlich in diesem Krieg.

2.
“Der Patriarch: ein Milliardär und Mafioso”:
Der erste Teil einer Übersetzung des Interviews mit dem Orthodoxie-Spezialisten Jean-Francois Colosimo:

„Wir haben es mit Kyrill zu tun als einem kirchlichen Verantwortlichen, der schon vom kommunistischen Regime verdorben wurde und der es akzeptiert hat, Beichtvater des Geheimdienstes FSB zu werden, also der Nachfolgeorganisation des KGB. Kyrill ist der Seelsorger der Oligarchen. Er selbst hat ein Vermögen von zwei Milliarden Dollars geerbt. Er hat von einem Gesetz der Douma, dem russischen Parlament, profitiert, das ihn von Steuern auf Waren befreite, die für die Kirche Russlands importiert werden. Kyrill ist also der erste Importeur von Zigaretten, Parfum und Taschen der Marke Louis Vuitton in Russland. Es reicht, den Stempel des Patriarchats auf die Gegenstände zu setzen, wenn sie an der Grenze ankommen und alles ist von der Steuer befreit. Wir haben es also mit einem Mafioso zu tun, nicht weniger und nicht mehr. In seinen Gottesdiensten ist er umgeben von Schutzpersonal, das aus dem KGB stammt. Er liest in den Gottesdiensten das Evangelium vor Milliardären, die ihr Vermögen auf blutige Weise erworben haben, und der Patriarch spricht sie los von ihren Sünden….
3.
“Alle ökumenischen Verbindungen mit dem Patriarchen von Moskau abbrechen”:

Es wäre gut, dass die Orthodoxe Welt und die ökumenischen Kreise jegliche Beziehung mit dem Patriarchen von Moskau abbrechen. Er repräsentiert heute einen Skandal für das universelle christliche Gewissen. Er ist ist ein „Anti-Ökumeniker“ geworden.
Die gemeinsame Zurückweisung seiner Person gibt uns die Gelegenheit, eine wahre ökumenische Tat zu vollbringen und uns zu sagen: Die Orthodoxen haben Kyrill wirklich nicht verdient, das gilt genauso, dass die Russen den Putin nicht verdient haben. Kein Volk auf dieser Welt braucht Putin. Und keine Kirche dieser Welt braucht Kyrill. Beide Gestalten sind Gespenster, die hervorgegangen sind aus der stalinistischen Epoche…
Kyrill ist verrückt geworden, er hat sich in einen sinnlosen Krieg begeben, er hat Zwietracht in der Orthodoxie geschaffen, er benutzt alle Mittel des Kremls, um den Ehrenprimas Patriarch Bartholomäus von Konstantinopel zu zerbrechen.

Réforme, Hebdo protestante, 53 Av. du Maine, 75014 Paris.

www.reforme.net

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

Ostern und die Auferstehung Jesu von Nazareth vernünftig verstehen.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 30.3.2022.  Zugleich ein Versuch, das Ewige im Menschen zu denken und in Kriegszeiten zu retten.

Ein Vorwort:

Wenn hier vom “Ewigen im Menschen” gesprochen wird, bedeutet dies keine Flucht ins religiös Beliebige oder gar ins “Mystische” (im Sinne von “Opium des Volkes”). Das “Ewige im Menschen” benennt den unendlichen Wert des Menschen, von dem die universalen Menschenrechte sprechen. Wer als Kriegsherr Menschen tötet (bzw. töten lässt), leugnet den ewigen Wert eines jeden Menschen. Der aggressive Kriegsherr stellt sich damit ins Außerhalb der Menschheit und Menschlichkeit.

Wer im Krieg die Opfer des Tötens im Angriffskrieg bedauert, weiß: Diese armen Menschen, Opfer des Krieges, fallen nicht ins Nichts, sie sind mehr als eine zerstückelte Masse von Menschenfleisch, das in Plastiktüten in Massengräbern bestattet wird. Die Opfer des Krieges haben selbstverständlich Anteil am “Ewigen im Menschen”. Und dieses Ewige im Menschen muss als menschliche Lebendigkeit unbedingt gerettet und geschützt werden! Die Kriegsherren, ohne Gewissen, dem Nichts vertrauend, haben dieses Ewige in sich selbst längst getötet, zum Stillstand gebracht.

1.
Es erscheint vielen als eine Ungeheuerlichkeit, wenn Menschen von der Auferstehung Jesu von Nazareth mit vernünftigen Begriffen sprechen, also nicht, wie üblich, ins fromme Stammeln oder enthusiastische Schwärmen ausweichen. Diese Haltung ist nur die kaschierte Hilflosigkeit oder die Gedankenlosigkeit.
Die Frage nach der Auferstehung ist Teil einer christlichen Lebensphilosophie, und diese kann niemals auf ein Verstehen in Worten und Begriffen verzichten. Wer die Frage nach der Auferstehung Jesu und der anderen Menschen stellt, macht auch deutlich, wer der Mensch „wesentlich“ ist.

Dass dieser Hinweis noch Fragen offen lässt, versteht sich bei dem Thema von selbst. Siehe dazu einige Fragen am Ende dieses Beitrags (Nr.16 – 19).

2.

Natürlich bewegt die Frage nach einer erklärbaren Auferstehung nicht alle Menschen. Aber wer sich für diese Frage interessiert, ist alles andere als ein Egozentriker, der das eigene „Weiterleben“ post mortem wichtig findet. Unsere Antwort fällt bescheiden aus, wie wir sehen werden. Aber sie ist intellektuell redlich.

3.

Dass die Antworten zur Auferstehung dann im ganzen eher bescheiden ausfallen, liegt an der Kraft des vernünftigen Denkens. Hier werden nicht die alten Mythen aus dem Neuen Testament zum Tausendsten Mal einfach wiederholt, wie dies leider in vielen Predigten üblich ist. Es geht hier also überhaupt nicht darum, ob wir post mortem die Großmutter im Himmel wiedersehen usw. So viel Phantasievolles, wenn nicht Spinöses, hat in einer christlichen Lebensphilosophie keinen Platz. Damit wird nicht geleugnet, dass ein einzelner in dieser Glaubenshaltung sein privates Illusions – Glück finden kann…Vielleicht.

4.

Dieser kurze Essay zeigt also: Die Auferstehung Jesu von Nazareth, nach seiner Hinrichtung am Kreuz im Jahr 34, lässt sich in Worten, in Begriffen, aussagen. Einen unvernünftigen „Sprung des Glaubens“ ins Nichtverstehen darf es nicht geben. Es muss also heute in neuen, für viele vielleicht in ungewöhnlichen Worten von der Auferstehung gesprochen werden.

5.

Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist eine Erkenntnis von Jesu Freundinnen und Freunde: Dieser ungewöhnliche Mensch, in dem sie Gottes Güte sichtbar erlebten, kann mit seinem Tod nicht ins Nichts versunken sein. Diese geistvolle Erkenntnis der Gemeinde, der Freunde, korrespondiert mit der inneren, seelischen und geistigen Qualität Jesu von Nazareth: Die geistvollen Menschen erkennen den von Gottes Geist der Güte bestimmten Jesus von Nazareth.Sie erkennen ihn in dieser Gemeinschaft, dieser Korrespondenz des einen Geistes, und sagen dann: Jesus ist kraft des göttlichen Geistes auferstanden. Und dieser göttliche Geist lebt genauso in der Gemeinde und der Menschheit.

6.

Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist in unserer Sicht nur aufgrund einer philosophischen Einsicht zu verstehen, sie gehört zu den Grundüberzeugungen vieler nicht-religiöser Menschen: Es ist das Bild und die Metapher von der „Schöpfung der Welt und der Menschen durch Gott“. In diesem Bild wird gesagt: Gott, das Göttliche, der Ewige, der absolut Schöpferische, hat die Welt„geschaffen“, und dabei zugleich der Menschheit an seiner göttlichen Wirklichkeit Anteil gegeben. Eine Welt, die als Schöpfung eines Gottes sozusagen völlig losgelöst von ihm existierte, würde dem Begriff des Göttlichen widersprechen, das ist eine Einsicht der Metaphysik, die zwar alt, aber deswegen nicht falsch ist. Das aber heißt: Die Welt und die Menschheit sind von göttlichem, d.h. ewigen und lebensspendendem Geist geprägt. Welt ist also Welt in Gott, Menschen sind Menschen in Gott, d.h. mit Gottes Geist verbunden; wobei Gott, wie schon angedeutet, auch als Göttliches, Ewiges, Absolutes unbeholfen begrifflich benannt werden kann.

7.

Die Welt als eine Schöpfung Gottes verstehen ist das einzige Wunder fürs kritische Denken. Andere „Wunder“ braucht kein Christ, kein religiöser Mensch. Der evangelische Theologe Prof. Stefan Alkier (Uni Frankfurt.M) schreibt in seinem Buch „Die Realität der Auferstehung“ (2009) diese entscheidenden Sätze: „Die Welt, alles Leben und auch das je meinige Leben entspringen […] nicht einem blinden Zufall, sondern der intentionalen Kreativität des sich liebevoll in Beziehung setzenden Gottes…Wer diese Hypothese nicht teilt, kann auch nicht mit den Schriften des Neuen Testaments […] von der Auferweckung Jesu Christi und der Hoffnung auf die Auferweckung der Toten sprechen“ (S. 238).

8..

Die alles entscheidende Basis für ein Verständnis der Erzählung von der Auferstehung Jesu, also der Überwindung des Todes, ist: Gottes lebendiger Geist als das „Wesen“ auch des Menschen Jesus von Nazareth ist stärker als der Tod. Der Tod ist überwunden, weil der Geist und die Seele der Menschen ewig sind, d.h. weil sie Anteil haben am Ewigen, an Gott.

9.

Diese Erkenntnis wird von den 4 Autoren, den Evangelisten, im Neuen Testament, naturgemäss in einer ganz anderen Sprache, in ihrer bildhaften und enthusiastischen Sprache beschrieben. Diese Evangelien-Texten, in den Jahren 70 bis 100 verfasst, müssen selbstverständlich unter heutigen Bedingungen verstanden werden. Zum Beispiel: Das Grab Jesu war nicht leer, gerade weil er als der Auferstandene, als der auf neue Art Lebendige, erkannt wurde. In der Bildwelt der Autoren des Neuen Testaments damals gab es keine Möglichkeit, die Auferstehung nüchtern, sachlich, vernünftig zu erzählen. Heute ist dies notwendig.

10.

Der katholische Theologe Hans Kessler und Autor umfassender Studie zum Thema schreibt: „Wenn vom leeren Grab gesprochen wird, so ist dies nur eine Veranschaulichung der Auferstehung Jesu, ein Bild, ein Symbol, das die Erzählung farbiger machen soll. Der Osterglaube wird nicht vom leeren Grab begründet. Der Gedanke des leeren Grabes ist kein notwendiger Bestandteil des christlichen Auferstehungsglaubens. Eine im Grab aufgestellte Video-Kamera hätte den Auferstehungsvorgang nicht aufgenommen. Wer als religiöser Mensch auf einem leeren Grab besteht, leugnet das Menschsein Jesu Christi. Aber dass Jesus ganz Mensch ist, bleibt eine unaufgebbare Einsicht der Christenheit“.Und Karl Rahner, einer der wichtigsten Theologen des 20. Jahrhunderts betont: „Der Auferstandene darf als einer, der den Tod überwunden hat, nicht unserem menschlichen Stoffwechsel untertan sein; er darf nicht wieder in der Zeitlichkeit sein; er darf nicht von physikalischen Größen, wie dem Berührtwerden, abhängig sein“. Wäre Jesus leibhaftig greifbar auferstanden, wäre die Frage nach seinem Tod und was dann danach „geschieht“, erneut aufgekommen.

11.

Die nach dem Tod Jesu zeitlich früheste uns vorliegende Erzählung zur Auferstehung Jesu von Nazareth hat der Apostel Paulus in seinem „1. Brief an die Thessalonicher“ mitgeteilt: Verfasst wurde dieser Brief im Jahr 51, also etwa 17 Jahre nach Jesu Tod am Kreuz. Bis dahin hatten die Freundinnen und Freunde Jesu, also die erste Gemeinde, von Jesus nur gesprochen, von seinem Leben und Leiden sowie von der Einsicht: Dieser Jesus, die leibhaftige Güte Gottes, ist nicht tot. Im Kapitel 1, Vers 10, des 1. Thessalonicher – Briefes schreibt Paulus lapidar und sehr knapp von „Jesus, den Gott von den Toten auferweckt hat und der uns dem kommenden Gericht entreißt“. Lassen wir hier eine ausführliche Erläuterung der alten Vorstellung von einem Gericht beiseite, die angedeutet wird in diesen Worten: Die Auferstehung Jesu konfrontiere die Menschen auch mit dem Gericht Gottes über das Leben der Menschen… Wichtiger ist hier: Die Überzeugung von der Auferstehung Jesu von Nazareth konnte schon 17 Jahre nach seinem Tod schriftlich mitgeteilt werden. Gleichzeitig betont Paulus: Das Auferstehen aus dem Tod betrifft nicht nur Jesus allein, es betrifft alle Menschen. Im Kapitel 4, Vers 14 des 1.Thessalonicher Briefes heißt es: „Wenn Jesus gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen“.
Die Auferstehung Jesu zeigt, dass die Menschen, auch die Verstorbenen, den Tod überwinden. Noch einmal später, in seinem ersten Brief an die Korinther schreibt Paulus: „Wenn Tote überhaupt nicht auferweckt werden, dann ist auch Christus nicht auferweckt worden“ (1. Korintherbrief 15, 16). Jesus offenbart nur, dass alle Menschen, wie er vom Geist Gottes bestimmt, kraft dieses göttlichen Geistes auferstehen. Dieser Gedanke bewegt bis heute die Theologen, Giuseppe Barbaglio von der Universität Mailand betont in der Zeitschrift CONCILIUM: „Jesus Christus ist als der Auferstandene unser älterer Bruder. Was ihm widerfuhr, wird uns widerfahren. Seine Auferstehung ist das Anheben unseres neuen Lebens … und unserer Auferstehung“.
Die Auferstehungs-Erzählungen der vier Evangelisten sind sehr reichhaltig ausgeschmückte und phantasievolle Predigten, sie sind selbstverständlich KEINE historischen Berichte. Wer sie als Tatsachenberichte liest und so noch heute mit einzelnen Sätzen zitiert, irrt gewaltig! Und flüchtet sich in eine religiöse Naivität und leider auch dies: Dummheit. Aber viele Menschen meinen, sie könnten technisch-praktisch hochgebildet sein, gleichzeitig aber auf einem naiven Kinder-Glauben beharren, der letztlich auch glauben kann: Im Himmel ist Jahrmarkt.

12.

Die Auferstehung Jesu als Erfahrung und Entdeckung der Jünger Jesu hat selbstverständlich kein präzises Datum. Leider, haben viele „wunderschöne“ Gemälde großer Künstler das direkte, materiell greifbare Auferstehungsgeschehen übertrieben viel zu sachlich sachlich – drastisch geschildert, wie etwa Caravaggios bekanntes Gemälde vom „Ungläubigen Thomas“ von 1601: Thomas greift förmlich, von Jesu unterstützt, in dessen Seitenwunde der Kreuzigung. Dieses „künstlerisch großartige Gemälde“ aber ist theologisch irreführend und missverständlich. Solche Bilder, naiv interpretiert, haben den Glauben an das geistige Auferstehungsgeschehen als Bewusstseinsgeschehen eher gestört, wenn nicht ins Infantile geschoben. Die so genannte christliche, eigentlich „katholische Kunst“ des überschwänglichen Barock hat den Glauben oft verfälscht, man denke auch an die vielen maßlosen Mariendarstellungen oder an den „Gott Vater“ als alten Mann mit Bart. Man versteht in dem Zusammenhang vielleicht die Abwehr reformierter Christen gegenüber „religiöser Kunst“.

13.

Diese Reflexionen über ein vernünftiges Verstehen der Auferstehung Jesu sind alles andere eine neue Form von weltflüchtigem Mystizismus. Diese Interpretation der Auferstehung hat politische Konsequenzen: Es gibt diese Menschen, die schon jetzt wie Auferstandene leben. Sie haben sich von Ängsten um ihr eigenes kleines Leben befreit und handeln zum Wohl der Leidenden, treten für die Geltung der universalen Menschenrechte und werden zu Repräsentanten des göttlichen Geistes in dieser Welt. Zum Beispiel gehört Erzbischof Oscar Romero im zentralamerikanischen Staat El Salvador zu diesen „Auferstandenen“. Mitten im Bürgerkrieg seines Landes kämpfte er leidenschaftlich gegen die Militärs zugunsten des verarmten indianischen Volkes. Kurz vor seiner Ermordung durch die katholischen (in den USA ausgebildeten) Militärs im Jahre 1980 sagte Oscar Romero: „Ich bin schon oft mit dem Tod bedroht worden. Ich muss Ihnen sagen, dass ich als Christ nicht an einen Tod ohne Auferstehung glaube. Sollte ich umgebracht werden, so werde ich im salvadorianischen Volk auferstehen. Ich sage Ihnen dies in aller Bescheidenheit. Als Bischof bin ich aufgrund göttlichen Auftrags verpflichtet, mein Leben hinzugeben für jene, die ich liebe. Sofern Gott das Opfer meines Lebens annimmt, dann möge mein Tod zur Befreiung meines Volkes dienen und ein Zeugnis der Hoffnung auf die Zukunft sein“. Oscar Romero ist schon kurz nach seiner Ermordung in seinem Volk auferstanden, von der anderen Form der Auferstehung als Fortdauern in Gott war dann später noch einmal die Rede, als Oscar Romero heilig gesprochen wurde.

14.

Die Auferstehung Jesu wird also in eine vernünftige christliche Lebensphilosophie gestellt. Sie beschreibt die Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel: „Wenn wir aufmerksam werden auf die verwandelnden Kräfte, die schon hier unser Leben verändern, die uns anders sehen, fühlen, hören, schmecken lassen, dann können wir auch erwarten: Solche Kräfte werden nicht mit unserem biologischen Leben zu Ende sind. Wir können dem Schöpfersein Gottes zutrauen, dass es Energien gibt, die über unseren eigenen Lebenshorizont hinausreichen“.

15.

Was bedeutet also für spirituelle Menschen heute OSTERN als FEST der Auferstehung von den Toten? Es ist die Überzeugung vom bleibenden Verbundensein des Menschen mit Gott als dem lebendigen Geist über den Tod hinaus. Mehr kann nicht gesagt werden, und das ist eigentlich viel. Das Wenige, das hier gesagt wurde, erschließt sich der Vernunft. Und nicht einem willkürlichen, nur enthusiastischen – charismatischen oder autoritätsgebundenen Glauben.

Es ist das Ewige im Menschen, an das erinnert wird zu Ostern und im Gedenken an die Auferstehung Jesu von Nazareth und aller Menschen. Das Ewige im Menschen zu denken und zu leben hat weitreichende Konsequenzen fürs Zusammenleben in der globalen Welt. Mord und Krieg sollten unter der Bedingung nicht mehr möglich sein, wer Krieg führt, tötet nicht nur Menschen, vor allem tötet er das Ewige, das den Menschen als Menschen Auszeichnende,  in sich selbst. Er fällt also als Kriegsherr und Kriegsideologe aus der Gemeinschaft der Menschen heraus.

WEITERE FRAGEN:

16.

Die enge Verbindung der Auferstehung Jesu und der Menschen mit einer Idee der “Schöpfung” der Welt und der Menschen durch Gott, das Göttliche, berührt auch die Frage nach den Grenzen der Welt als Schöpfung, sie zeigen sich etwa in Naturkatastrophen. Die Welt insgesamt selbst ist nicht göttlich, sie ist vielmehr das “Andere” des Unendlichen und Ewigen, Welt ist also das Endliche und Begrenzte. Aber dieses endliche Andere, die Welt, bleibt als Anderes einbezogen in Gott, das Göttliche. Das ist eine wesentliche Einsicht Hegels, der in meiner Sicht Gültigkeit hat.

17.

Theologisch gesehen wird in diesem Hinweis die wesentliche Erkenntnis freigelegt: Die Kraft der Auferstehung beruht in der Gegenwart des Göttlichen im Menschen. Damit werden die Interpretationen der biblischen Erzählungen im Neuen Testament nicht überflüssig, aber sie sind bloß bildhafte Illustrationen für die überraschende Einsicht der ersten Christen: Jesus von Nazareth und mit ihm auch die Menschen haben den Tod überwunden. Was dann im einzelnen “post mortem” passiert, entzieht sich jeder Spekulation. Bezeichnenderweise entweicht der Auferstandene in den Himmel, “Himmelfahrt” Jesu, d.h. er erscheint nicht mehr, wie die Erzählungen ausmalen, plötzlich in der Gemeinde.

Jesus entzieht sich post mortem in den “Himmel” der göttlichen “Welt”, und in dieser Region endet alles Denken.

18.

In den Erzählungen des Neuen Testamentes werden Auferstehung (Ostern), Pfingsten (Geistsendung) und Himmelfahrt Jesu als drei verschiedene “Ereignisse” dargestellt. Dass es sich bei den genannten Erfahrungen (“Ereignisse” in der Sicht der damaligen Autoren) nicht um Tatsachen historischer Art handelt, ist selbstverständlich.

Die damaligen Autoren des Neuen Testaments, die ihre Erkenntnisse erzählten, konnten nur diese drei Erfahrungen, chronologisch als Geschehen hintereinander, aussagen. Tatsächlich aber müssen bei heutigem Wissen diese drei Erfahrungen (“Ereignisse”) als eine Einheit verstanden werden.

Das heißt: Die Freunde Jesu, die erkennen: Jesus ist auferstanden, kommen zu dieser Aussage nur, weil sie den göttlichen, den heiligen Geist bereits (seit der Schöpfung durch Gott) “in sich haben”, so wie Jesus auch schon zu seinen Lebzeiten von diesem göttlichen Geist belebt wurde. Und die “Himmelfahrt” Jesu ist nur noch einmal ein anderes Bild für die Auferstehung Jesu, also dafür, dass Jesus den Tod überwunden hat und in die Ewigkeit des Göttlichen eintritt.

19.

Dieser Hinweis zur Auferstehung Jesu und der Menschen sagt nur: Die Menschen, mit göttlichem Geist durch die Schöpfung Gottes beschenkt, haben Anteil an dem geistigen Leben des Ewigen, Gottes. Weitere Aussagen zum “post mortem” sind nicht möglich, aber diese Aussage ist schon viel.

Vor allem befreit die Erkenntnis dieses Hinweises von der Bindung an die dogmatische Ideologie der Erbsünde, eine Erfindung des heiligen Augustinus (354-430). Er deutete die Menschheit so schlecht und verdorben und gottfern, dass ihm nur die Erbsünde als Konstruktion einfiel. Tatsächlich aber wollte er mit dieser konstruierten Ideologie die Menschen drängen, sich taufen zu lassen, also eine Bindung an die Kirche und den die Taufe spendenden Klerus einzugehen. Der “Witz” ist nur: Trotz Taufe als der angeblichen Überwindung der Erbsünde haben die Menschen Böses getan. Warum also die Erbsünde?

In unserem Hinweis wird deutlich: Die Menschen, mit dem göttlichen Geist ausgestattet, können sich in ihrer Freiheit auch gegen die Erkenntnisse ihrer Vernunft und ihres Gewissens wehren und Böses tun. Aber sie können kraft des Geistes als der Vernunft und des Gewissens sowie der Gemeinschaft anderer wieder zur Menschlichkeit zurückfinden.

20.

Ostern als Fest der Auferstehung Jesu und der Menschen ist ein Fest der Besinnung in Gemeinschaften, auch der Lebensfreude, auch ein Fest der Kontemplation als der kritischen Vertiefung in biblische Einsichten und Grundlagen vernünftiger Theologie; ein Fest auch der Meditation, als Versuch, seinen Geist zu befreien von so vielem ideologisch-religiös Belastendem, das den Menschen im Laufe einer kirchlich-dogmatischen Bildung bzw.Unbildung  angetan wurde.

Literaturhinweise:
Concilium, Internationale Zeitschrift für Theologie, Themenheft Auferstehung, Dezember 2006.

Hans Kessler, Sucht den Lebenden nicht bei den Toten. Die Auferstehung Jesu Christi, 2011, Topos Taschenbücher. 2011, 526 Seiten.

Hans Kessler, Auferstehung? Matthias Grünewald Verlag Mainz, 2021, 203 Seiten, 22 Euro.

Elisabeth Moltmann- Wendel, Mit allen Sinnen glauben. Stimmen der Zeit 2005.
Karl Rahner Lesebuch. Herder 2014. 475 Seiten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 Russland und die Ukraine werden vom Papst der unbefleckten Jungfrau Maria geweiht! Eine Form des offiziellen Aberglaubens!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.3.2022.

Die zentrale Aussage der Predigt von Papst Franziskus am 25.3. 2022 im Petersdom anläßlich der Weihe der Ukraine und Russlands  an die “Gottesmutter Maria” siehe unten, am Ende dieses Beitrags.

Jeder kann sich auf seine Art von dem theologischen Niveau dieser Predigt ansprechen lassen. Merkwürdig ist nur, wenn schon der Papst so viel von Maria spricht als der Retterin in der Not: Warum verschweigt er das Magnificat, das bekannte Gebet der Mutter Jesu von Nazareth. Dort rühmt sie Gott, der, so wörtlich, “die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht”, so im Lukas Evangelium, Kapitel 1, Vers 52.  Warum wird diese politische Einsicht Marias nicht auf die heutigen Machthaber und Kriegsherren (und den Patriarchen Kyrill) in Russland bezogen? Mein Eindruck ist: Viele fromme Worte und fromme altbekannte Floskeln sind in dieser Papstpredigt. Keine politische Analyse, keine Nennung der Namen der Kriegsverbrecher, alles hübsch diplomatisch und harmlos verkleistert. CM am 3.4.2022.

…………….Am 17.3. 2022 wurde dieser Hinweis publiziert:

1.

Der Krieg Putins gegen die Ukraine ist auch als Völkermord von so ungeheurer Bedeutung, dass die demokratische Welt von einem Kulturbruch, einer prinzipiellen Wende, einer anderen Epoche spricht.

2.

Diese Zeitenwende erfordert ein anderes, ein neues Denken, ein Denken stets im Schatten eines Krieges bzw. nach einem Friedensabschluss im Schatten eines nach wie vor bedrohlichen Russland. Denn dass Russland nach einem Ende Putins eine Demokratie wird, ist wohl angesichts der historisch gewachsenen Mentalitäten dort ausgeschlossen.

3.

Was tut die katholische Kirche mit ihrem Papst in Rom in dieser Zeitenwende, inmitten dieses globalen Umbruchs? Es ist aus der Distanz und vernünftig gesehen, eher eine schwache Leistung: Der Papst greift auf die üblichen alten spirituellen Mittel zurück, die immer schon in Kriegszeiten propagiert wurden. Papst Franziskus wird am 25. März 2022 Russland und die Ukraine der unbefleckten Jungfrau und Gottesmutter weihen, und zwar in einem feierlichen Gottesdienst im Petersdom. Ein Geschehen der Weihe, das man schlicht und einfach nur noch esoterisch nennen muss. Solche Weihen bestimmter Länder oder auch der ganzen Welt (etwa schon im Jahr 2013 durch Papst Franziskus) sind Ausdruck eines zutiefst mysteriösen, manche sagen zurecht abergläubischen Denkens: Die fromme These des Papstes ist: Maria als Himmelskönigin kann von Büßenden und betenden Katholiken im Himmel bestürmt werden. Denn sie hat, so allen Ernstes in der offiziellen katholischen Theologie, viel Einfluß bei dem himmlisch herrschenden, sehr personal gedachten Gott-Vater. Maria kann als Gottesmutter Jesu Christi also förmlich Gott-Vater beeinflussen, doch bitte schön Frieden zu schaffen, in dem Fall in der Ukraine … und letztlich in Europa.

Man könnte leicht auf den Gedanken kommen, dass diese in göttlichen Sphären höchst einflussreiche Jungfrau Maria doch als eine Art Göttin verehrt wird .… Also: Endlich ein weiblicher Gott im Christentum, mütterlich ansprechbar, freundlicher als der strenge Vater-Gott. Man lese bitte in dem Zusammenhang die alten Marien-Lieder in den katholischen Gesangbüchern bis ca. 1970, da wimmelt es förmlich an Vorstellungen von Maria der Göttin…Aus protestantischer Freundlichkeit  Nachlössigkeit wurden diese Fragen ökumenisch-theologisch bis heute nicht bearbeitet. Man lese aber zur Einstimmung das wichtige Buch “Mythos Maria”, von Hermann Kurzke, C.H.Beck Verlag.  LINK.

Diese Weihe Russlands und der Ukraine durch den Papst von Rom ist natürlich auch eine imperiale Geste, denn nur er, der Nachfolger des Apostelfürsten Petrus, weiß sich befugt, einige Länder oder gar die ganze Welt Maria zu weihen und mit seinem Weihwasser den ganzen Globus zu bespritzen, mit banalem Wasser, das er in heiliges Weih – Wasser verwandelt hat.
Ob die orthodoxen Patriarchen über diese imperiale Geste des Papstes, „bloß“ des Patriarchen von Rom in orthodoxer Sicht, begeistert sind, ist sehr die Frage.

Theologisch wichtiger aber ist die Frage: Was soll Maria im Himmel an Gottes Thron bloß tun: Sie muss Gott bitten, dem Kriegstreiber Putin ein Ende zu setzen. Und sie muss Gott bitten, die Kampfbereitschaft des ukrainischen Volkes zu stärken, vielleicht auch die Unterstützung der Nato göttlich abzusegnen. Einige Freunde fragen mich: Geht `s noch, bei dieser Weihe?

4.

Was wäre aber, wenn der Papst – in seinem (Aber)glauben  –  die Ukraine und Russland aus aktuellem Anlass doch besser dem gemeinsamen, dem ukrainisch-russischen Heiligen Wladimir bzw. Wolodymyr, weihen würde? Wladimir bzw. Wolodymyr (Ukrainisch) ist doch der Vorname von Putin wie von Selenskyi. Wladimir/Wolodymyr könnte doch an Gottes Thron Gott um Hilfe bitten oder? Dabei sollte die jüdische Konfession Selenskyis keine Probleme machen? Selenskyi denkt doch inter-religiös!
Immerhin ist doch auch Wladimir/Wolodymyr auch für die katholische, die römische Kirche, ein Heiliger, sein Feiertag ist der 15. Juli.
Wir sagen also mit dem selbstverständlichen kritischen Ton: „Also, heiliger Wladimir, tu was im Himmel!“ Vergessen wir also die Mittlerin zu Gott, die Jungfrau Maria, setzen wir mal auf Wladimir! Vielleicht sollte der Papst alsbald in dessen heilige Stadt Kiew reisen, solange sich Kiew vom russischen Feind schützen kann?

5.

So wird also im 21.Jahrhundert ohne weiteres die uralte Lehre des Bittgebetes wieder belebt, diesmal richtet sich das Bittgebet der verzweifelten Menschen an die Mittlerin Maria, die die Bitten Gott Vater förmlich überreicht. Maria also doch als Mittlerin der Gnaden, eine These, die von Protestanten zurecht abgelehnt wird und manchmal auch von katholischen Theologen abgelehnt wurde. Aber Maria als Gnadenmittlerin wird aber dann doch weiterhin ganz offiziell gelehrt und geglaubt.

6.

Dass Bittgebet als Einflussnahme auf den göttlichen Willen nun längst theologisch obsolet sein sollte, hat sich bis zu Papst Franziskus leider nicht herumgesprochen. Er selbst hat bekanntlich den mysteriösen Kult von „Maria der Knotenlöserin“ aus Augsburg in seiner argentinischen Heimat als Erzbischof propagiert.

7.

Bittgebete im übertragenen, nachvollziehbaren Sinn haben nur die Bedeutung, den einzelnen und die Gruppe in die Stille zu führen, ins Nachdenken, ins Meditieren, ins Debattieren, und vor allem ins gemeinsame Handeln zugunsten der Leidenden. Es geht in der Poesie des Bittgebetes um menschliche Selbstkritik, nicht um Beeinflussung Gottes im Himmel via Maria.
Aber diese noch mögliche kritische Theologie des Betens als persönliche, kritische Poesie im „Angesicht“ des Unendlichen und Ewigen ist in der katholischen Kirche marginal. Alle Welt fleht nach wie vor Maria an, macht Prozessionen, küsst Ikonen, schmettert alte Lieder („Maria breite den Mantel aus…“), alles in der Hoffnung, dass auf diese Weise Frieden eintritt. Wenn der Russe betet, denn betet er für Frieden in Russland, fürs Überleben seiner Soldaten; der Ukrainer bittet um Frieden, also um Sieg, in seinem Land…, und die Deutschen beten vielleicht. „Lieber Gott mach alles gut und lass uns hier bloß ungeschoren davon kommen“.

Das Bittgebet ist also meistens nationalistisch gefärbt, man schaue sich die Gebetbücher der deutschen und der französischen Soldaten im 1. und 2. Weltkrieg an.

8.

Und kritische Theologen sind so wahrhaftig und sagen: Empirisch, historisch nachweisbar, haben diese Gebete und diese Weihen an die heilige Jungfrau bisher de facto keinen Frieden gebracht, sie haben den Krieg nicht verhindert, den Krieg nicht verkürzt.… Man denke daran, dass Papst Pius XII am 31.10. 1942 die ganze Welt (!) dem Unbefleckten Herzen Marias weihte. Der Krieg endete nicht, die Ermordung des europäischen Judentums ging weiter. Gott hat also geschwiegen, wenn man es klassisch-theologisch sagen will, und Marias Mittlerrolle bei Gott Vater hat versagt. Oder will man uns mysteriös einreden: Hätte diese Weihe nicht stattgefunden, dann wäre alles noch viel schlimmer gewesen? Auf diese Weise kommt man in unendliche haltlose Spekulationen, in religiösen Wahn.

9.

Diese Weihe wird am 25.3.  als Verdoppelung nicht nur in Rom, sondern auch im portugiesischen Marien-Wallfahrtsort Fatima vollzogen. In Fatima ist die Jungfrau Maria leibhaftig im Jahr 1917 kleinen Hirtenkindern erschienen, sie hat Botschaften der Bekehrung den Kindern mitgeteilt und auch zum Gebet für Russland aufgefordert. Fatima ist höchst beliebt bei Päpsten, auch bei Franziskus, aber auch höchst umstritten bei kritisch denkenden katholischen Theologen: Das ganze Szenario der so genannten Erscheinung ist zu sehr von Menschen gemacht, von rechten Politikern in Portugal damals gefördert und gewünscht. Zu viel mysteriöses Rätsel- Raten rund um die „Geheimnisse von Fatima“ hat die Jungfrau den Kindern mitgeteilt, Fatima ist ein Ort, der den Niedergang des klaren Denkens dokumentiert, ein missbrauchter Ort, nur noch für den frommen Massentourismus dort, genannt Pilgerreisen, wichtig.

10.

Natürlich kann in einer Demokratie jeder und jede privat glauben, was er/sie will, zum Beispiel: „Im Himmel ist Jahrmarkt“. Oder aktueller, was jetzt Papst Franziskus propagiert: „Die unbefleckte Jungfrau Maria möge von Himmel aus für den Frieden sorgen in der Ukraine“. Damit wird auch die politische Hilflosigkeit der Kirchen dokumentiert. Wer sagt: „Die Kirchen können nur noch Bittgebete beten und Wunder von der Jungfrau Maria im Himmel erwarten“, formuliert nur das Seufzen der elenden, unaufgeklärten, unvernünftigen Kreatur. Eine solche Kirche, die Weihen Russlands und der Ukraine an die Unbefleckte verkündet, ist schlicht und einfach vergreist, was ja vom Personal her auch stimmt.

11.

Zusammenfassend: Wenn der Katholizismus etwas Spirituelles zum Frieden anbieten will: Dann ist das die gründliche Einübung der Meditation, der Stille, des Nachdenkens, des Dialogs, der Bildung, der kritischen Lektüre kritischer Medien, der Hilfsbereitschaft. Der einzelne Fromme kann sich meditativ in seiner Not in einem absoluten Sinngrund geborgen fühlen. Man denke an das bekannte Gedicht und Lied Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen.“…
Mehr kann ein Christentum nicht sagen, wenn es vernünftig nachvollziehbar bleiben will. Und das muss es, wenn es nicht als spinöser esoterischer, aber protziger und Geld gieriger Verein gelten will.

In Kriegszeiten als Papst auf den Einfluss der Unbefleckten Jungfrau Maria im Himmel zu setzen, ist schlicht und einfach Aberglauben. Und auch das muss man wohl innerhalb einer kritischen katholischen Theologie sagen. Solche Weihen überhaupt in Erwägung zu ziehen und stolz zu propagieren, ist eine Schande für das theologische Niveau im Vatikan. Damit werden die Brücken für einen Dialog mit aufgeklärten, kritischen Bürgern noch viel weiter abgerissen.

…………………………….

Die zentrale Passage in der Papst-Predigt am 25.3. 2022 im Petersdom:

“Denn wenn wir wollen, dass sich die Welt ändert, muss sich zuerst unser Herz ändern. Dazu lassen wir uns heute von der Gottesmutter bei der Hand nehmen. Schauen wir auf ihr unbeflecktes Herz, an dem Gott geruht hat, das einzige Herz eines menschlichen Geschöpfes, auf dem kein Schatten liegt. Sie ist voll der Gnade (vgl. V. 28) und deshalb frei von Sünde. In ihr gibt es keine Spur des Bösen, und deshalb konnte Gott mit ihr eine neue Geschichte des Heils und des Friedens beginnen. Dort hat sich der Lauf der Geschichte gewendet. Gott hat die Geschichte verändert, als er an das Herz Marias klopfte.
Und auch wir klopfen heute, erneuert durch die Vergebung Gottes, an jenes Herz. Gemeinsam mit den Bischöfen und den Gläubigen in der ganzen Welt möchte ich alles, was wir gerade erleben, feierlich zum Unbefleckten Herzen Mariens tragen. Ich möchte die Weihe der Kirche und der ganzen Menschheit an sie erneuern und ihr in besonderer Weise das ukrainische und russische Volk weihen, die sie in kindlicher Zuneigung als ihre Mutter verehren. Es handelt sich dabei nicht um eine magische Formel, sondern um einen geistlichen Akt. Mit diesem Gestus vertrauen sich die Kinder ganz ihrer Mutter an; in der Bedrängnis dieses grausamen und sinnlosen Krieges, der die Welt bedroht, kommen sie zu ihrer Mutter und legen ihr all ihre Ängste und Leiden ans Herz und übereignen sich ihr. Wie Kinder, wenn sie sich fürchten: Sie gehen zu ihrer Mutter und weinen, suchen Schutz. Es geht darum, die kostbaren Güter der Geschwisterlichkeit und des Friedens, alles, was wir haben und was wir sind, in dieses reine und unbefleckte Herz hineinzulegen, in dem Gott widerscheint, damit sie, die Mutter, die der Herr uns gegeben hat, uns beschützen und behüten kann.
„Wir weihen uns Maria, um in diesen Plan einzutreten und bereit zu sein für das, was Gott vorhat“
Von Marias Lippen kam der schönste Satz, den der Engel Gott überbringen konnte: »Mir geschehe, wie du es gesagt hast« (V. 38). Die Muttergottes findet sich hier nicht passiv oder resigniert mit ihrer Situation ab, sondern hegt den lebhaften Wunsch, ganz Gott zu gehören, der »Gedanken des Heils und nicht des Unheils« (Jer 29,11) hegt. Das ist engste Teilnahme an seinem Plan für den Frieden in der Welt. Wir weihen uns Maria, um in diesen Plan einzutreten und bereit zu sein für das, was Gott vorhat. Nachdem die Mutter Gottes ihr Ja gesprochen hatte, machte sie sich auf den langen Weg in eine Bergregion, um ihre schwangere Verwandte zu besuchen (vgl. Lk 1,39). Sie eilte: Ich denke gerne daran, dass die Muttergottes eilte. So ist es immer: die Muttergottes, die eilt, um uns zu helfen und uns zu beschützen.
Möge sie uns heute bei der Hand nehmen und uns über die steilen und mühsamen Pfade der Geschwisterlichkeit und des Dialogs auf den Weg des Friedens führen.
(vatican news)volume_up

 

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

„Im blinden Glauben an die Patriarchen“. Der Philosoph Hegel kritisiert die orthodoxen Kirchen: „Sie blieben im Traum des Aberglaubens“!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 16.3.2022

1.
Kann Hegel, als “Philosoph der Religion“ und „Philosoph der Geschichte“, inspirierend sein für ein aktuelles kritisches Verständnis der orthodoxen Theologie und der orthodoxen Kirchen? Also auch zum Verstehen jener Kirche, die sich in Russland befindet und sich russisch-orthodoxe Kirche nennt?
Diese Frage kann jeder für sich prüfen angesichts der hier vorgestellten Erkenntnis Hegels. Sie trifft sicher wichtige Aspekte der orthodoxen Kirchen.
2.
Zunächst einige Vorbemerkungen:
Seine „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“ hat Hegel fünfmal in Berlin seit 1822 gehalten. Und dabei wird im Dritten Teil innerhalb der frühen Kirchengeschichte auch die Ostkirche erwähnt, bei Hegel unter den Titel „Das byzantinische Reich“ (in der Hegel-Suhrkamp Ausgabe von 1970, S. 406-412).
Entscheidend ist: Hegel weiß seit 1822: Selbst wenn er über theologische und politische Zustände dieser „Ost-Kirche“ im 4. und 5. Jahrhundert spricht, sind die dort schon sichtbaren Strukturen bis in Hegels eigene Gegenwart gültig. Darum kann Hegel betonen: „Die Christen des byzantinischen Reiches (also die Orthodoxen) BLIEBEN in dem Traum des Aberglaubens versunken, im blinden Gehorsam gegen die Patriarchen und die Geistlichen verharrend“ (S. 411).
3.
Heute können wir diese Erkenntnis Hegels gut verstehen: In einer allgemeinen Einschätzung der so genannten Orthodoxen, also der „rechtgläubigen“ Kirchen im Osten Europas, ist deutlich: Die orthodoxen Kirchen, in Russland, aber auch Serbien, Griechenland, Georgien usw. waren und sind in einer so engen Verflochtenheit mit dem jeweiligen Staat und der Regierung bzw. dem so genannten Volksgeist, dass diese Kirchen außerstande waren und sind, die universalen Menschenrechte als oberstes Prinzip kirchlichen Handelns zu akzeptieren. Es muss nun in aller Deutlichkeit betont werden: Diese orthodoxen Kirchen und ihre Patriarchen waren und sind gut bezahlte Staatsdiener ihrer jeweiligen Länder. Dass damit nicht gesagt ist, die westlichen Kirchen, also der Katholizismus und der vielfältige Protestantismus, seien immer entschiedene Verteidiger der Menschenrechte, steht fest. Aber um diesen Aspekt geht es jetzt nicht.
Andererseits ist heute auch deutlich: Es gibt vereinzelte in Russland lebende russisch-orthodoxe Priester und Theologen, die sich heute gegen die Verbundenheit ihres Patriarchen Kyrill mit Putin öffentlich wehren. Kirchenkritische russisch-orthodoxe Theologen, wie Prof.Cyril Hovorun (Stockholm), leben ist immer außerhalb des Machtbereichs der Patriarchen. Der kirchenkritische Dichter Leo Tolstoi hat sich von dieser Kirche abgewandt, bis heute ist diese Kirche nicht bereit, sich mit ihm zu „versöhnen“. Tolstoi bleibt exkommuniziert!
4.
Hegels Ausführungen zu den so genannten Ostkirchen, den „Orthodoxen“, sind ziemlich knapp, aber wertvoll hinsichtlich der mitgeteilten Perspektiven. Er spricht von dem Bilderstreit und der orthodoxen Vorliebe für die Anschaulichkeit Gottes, Christi, Marias der „Gottesmutter“ und der Trinität in den Ikonen. Hegel kennt alte Kirchenväter wie Gregor von Nazianz und zitiert ihn aus der berühmten Textsammlung „Migne“(S. 410); er zeigt, wie es bei den Auseinandersetzungen über dogmatische Sonderfragen „zu blutigen Kämpfen” unter den Orthodoxen kam; wie sie zwar von „der Idee des Geistes“ sprachen, dieses Dogma aber „völlig geistlos behandelten“ (S. 410). Das heißt für Hegel: Die Orthodoxen haben viel vom heiligen Geist gesprochen, aber nicht verstanden, was Geist meint, also kritisches Selbstbewusstsein der Menschen, sie haben also geistlos vom Geist gesprochen.
5.
Hegel wehrt sich gegen die übliche Vorstellung, im oströmischen Reich, also im Gebiet der Orthodoxie, drehe sich alles Denken und Tun um die behauptete Wahrheit und Reinheit (also „Orthodoxes“) des Christentums. Vielmehr handelt es in Hegels Sicht und Forschung um „eine tausendjährige Reihe von fortwährenden Verbrechen, Schwächen, Niederträchtigkeiten und Charakterlosigkeit, das schauderhafteste Bild…“ (S. 409).
Hegel denkt dabei an die religiösen Führer, die Bischöfe und Patriarchen.
6.
Worin sieht Hegel den Grund für das völlig unchristliche Verhalten? Die orthodoxe Theologie bleibt „abstrakt“, sagt der Philosoph. Und „abstrakt“ meint für ihn: Die Lehre der Orthodoxie verhält sich sozusagen „abgekapselt“, also: „rein und in sich nur geistig“, und das heißt für Hegel: Diese christliche Kirche hat kein Interesse, den Geist des Christentum, die universale Menschlichkeit, also die im Evangelium ausgesprochene Gleichheit aller Menschen, in die politische Wirklichkeit zu „überführen“, also dafür zu sorgen, dass die politische Welt nach gerechten Gesetzen regiert wird. Die orthodoxe Kirche also verhält sich nur „rein“, wie in einer heiligen Sonderwelt; sie kritisiert nicht die politische Welt, und sie bleibt „in sich geistig“, d.h. sie feiert ihre so genannten göttlichen Liturgien in Kirchen, die den Himmel schon symbolisieren sollen in altertümlichen Sprachen, die keiner versteht. Dem stellt Hegel die Aufgabe der Kirche gegenüber: „Der Staat muss eine vernünftige Organisation haben, „das Rechte muss zur Sitte, zur Gewohnheit werden“ (S. 409), auch durch den Beitrag der Kirche! Aber das geschieht nicht in der orthodoxen Kirche.
7.
Ist diese politische „Abstraktheit“ sozusagen der äußere Aspekt, so ist auch innerkirchlich für Hegel die Orthodoxie erstarrt. „Die Besetzung des Amtes der Patriarchen zu Konstantinopel, Antiochien und Alexandrien sowie die Eifersucht und Ehrsucht dieser Patriarchen untereinander verursachte ebenfalls viele Bürgerkriege“ (S. 411). Man denke aktuell nur daran, mit welcher Wut der Patriarch von Moskau und Putin Vertraute, Kyrill I., das Oberhaupt der Orthodoxie, den Patriarchen von Konstantinopel, kritisierte: Dieser hatte den russisch-orthodoxen Erzbischof von Kiew anerkannt, als er sich von der Herrschaft des Moskauer Patriarchen kürzlich befreite.
8.
Hegel bietet in seiner „Vorlesung über die Philosophie der Geschichte“ kein geschichtswissenschaftliches Kompendium. Er deutet auch die Geschichte und Gegenwart der Kirchen normativ, und die Normen entnimmt er den Prinzipen seiner Philosophie: Und deswegen erkennt er auch in der Geschichte der Religionen und Kirchen einen langsam sich durchsetzenden Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit. Mit anderen Worten: Die orthodoxen Kirchen lebten für Hegel in einer sehr unterentwickelten, unfreien Theologie des Christentums. Sie dachten und denken und handeln „abstrakt“, wie ich oben erläuterte.
Über den Katholizismus kam dann das christliche Denken im Sinne Hegels erst im Protestantismus zum vollen Bewusstsein der christlichen Freiheit, prinzipiell jedenfalls. Freiheit ist nun die geistige Verbundenheit des einzelnen Menschen mit Gott als Geist, also lebt der Mensch in einem Geist zu Geist-Verhältnis der Freiheit. Und die wesentliche religiöse Gleichheit aller Menschen soll in den Gesetzen des modernen Staates ihren Ausdruck finden. Erst mit der Reformation wird die Erkenntnis formuliert: Zu diesem göttlichen Geist hat der Mensch – ein Teilhaber an diesem göttlichen Geist – ein Verhältnis der Freiheit.
9.
Die Orthodoxie ist also auch eine Art Ansammlung von eifersüchtigen und ehrsüchtigen Patriarchen, die gern die Gläubigen im Aberglauben (Ikonen-Kult, Bilder-Kult) belassen oder im Nichtverstehen der Gebete in der unverständlichen alt-slawischen Sprache während der „heiligen Liturgie“ belassen? Hegel sieht das jedenfalls so!
10.
Die Führung der Russisch-orthodoxen Kirche ist meilenweit davon entfernt, eine wirksame oppositionelle Kraft gegen den Diktator Putin zu sein. Sie könnte die einzige große Opposition gegen Putin sein. Diese Orthodoxie in Moskau ist aber heute meilenweit davon entfernt, eine politisch-kritische Bedeutung zu haben, etwa so, wie sie die Evangelische Kirche in der DDR in den Jahren vor der Wende 1989 hatte. Gar nicht daran zu denken, dass die russischen Kirchen und äußerst geräumigen Kathedralen zu Orten des politisch – kritischen Beten und Diskutieren werden. Dies wäre doch mal ein test, ob Putins Soldaten in die Kirchen eindringen und auch dort Betende während des Gottesdienstes verhaften? Das wird nie passieren, weil der Patriarch vom Putin System auch materiell profitiert. Wer die so genannten Predigten von Patriarch Kyrill I. jetzt, in Kriegszeiten hört, muss erkennen: Dieser Herr, der sich allen Ernstes immer noch als „Seine Heiligkeit“ ansprechen lässt, ist ein Kriegstreiber. Welch ein Wahn, diese Heiligkeit – einst zudem, nachgewiesen, KGB-Mitarbeiter wie Putin – in ökumenischen Gremien auch des Westens noch zu belassen. Auch das muss man der Ehrlichkeit wegen sagen. Kyrill I. macht in seinen Aussagen einen ziemlich verkalkten Eindruck, etwa wenn er behauptet: „Homosexuelle sind schuld am Krieg in der Ost-Ukraine“.
Nietzsche stellte einst die richtige Frage: „Wird die Kirche zum Grab Gottes?“ Im Falle der russischen Orthodoxie und ihrer Patriarchen muss man leider den Eindruck haben. Diese Kirchenführung in Moskau glaubt, folgt man ihren Worten und Taten, nicht an den Gott des Evangeliums, den Gott des Friedens.
11.
Zu einer deutlichen kritischen Analyse der Orthodoxie kann jeder auch ohne die hier mitgeteilten Inspirationen Hegels kommen.

Aber manche tröstet es dann doch, dass schon ein bedeutender Philosoph seit 1822 eine treffende Kritik an der Orthodoxie vortrug. Man findet sich also als Kritiker der russischen Orthodoxie in guter Gesellschaft. Und auch diese Frage: Welcher deutsche oder französische Theologe hat 1822 schon eine deutliche Kritik an der (russischen) Orthodoxie formuliert?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die christlichen Kirchen können keinen Frieden stiften.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.2.2022: Putin beginnt seinen Krieg gegen die Ukraine.

Zur nationalistischen Russisch-orthodoxen Kirche von Moskau: https://religionsphilosophischer-salon.de/14618_putins-aggression-und-seine-wichtigste-stuetze-der-patrirach-von-moskau-und-seine-russisch-orthodoxe-kirche_befreiung

Man muss die Frage stellen: Warum haben sich die Kirchen und ihre Theologen so sehr auf den „inneren Frieden“, den Frieden der Seele, fixiert und Jesu Worte als Verheißung eines nicht-weltlichen, also eines nur innerlichen Friedens verstanden: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht einen Frieden wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch“. Dieses Zitat aus seinen „Jesu Abschiedsreden“, stammt aus dem Johannes Evangelium im Neuen Testament, Kap. 14, Vers 27. Die Kirchen haben aber oft nicht gesehen, dass vorher Jesus vom heiligen Geist spricht, „der wird euch lehren“… Vers 26: Aber wenn der heilige Geist auch Geist im Menschen ist, dann ist er doch auch Vernunft, und als Vernunft umfasst er auch politische Gestaltung der Welt als einer friedlichen Welt. Aber die Christen waren letztlich froh, sich nur um den inneren Frieden, den Seelenfrieden, kümmern zu müssen. Das ist bequemer.

Man muss die Frage stellen: Welche praktischen, sichtbaren Erfolge haben denn alle Gebete um Frieden gebracht, zu denen nun wieder von der Kirche aufgerufen wird. Gebet um Frieden mag als Form der psychischen Beruhigung in Krisenzeiten durchaus sinnvoll sein, genauso wie das stille Sitzen in der Meditation. Aber das meinen die Bischöfe und Päpste nicht, wenn sie zum Gebet um Frieden aufrufen: Sie wollen Gott im Himmel höchstpersönlich bewegen, den Frieden zu schaffen, den sie sich, die Menschen, wünschen. Im Augenblick beten wohl die Russen für ihren Frieden für ihr Russland, und die Ukrainer beten um Frieden für ihre Ukraine. Auf welche Nation soll Gott bloß hören? Soll er etwa dem Kriegsherrn Putin seinen Frieden bescheren, seinen Sieg? Oder sollen die Gebetswünsche der Ukraine Erfüllung finden? Man sieht, Beten um Frieden ist widersprüchlich, wenn nicht widersinnig, es sei denn man sagt: Das Gebet um Frieden soll nur die innere Stabilität in Kriegszeiten fördern. Und man will, wenn man schon glaubt, eben auch widersinnig glauben, gegen alle Vernunft sozusagen. Gott sei Dank wollen das nicht alle Menschen!

Man muss die Frage stellen: Glauben die um Frieden Betenden wirklich, dass Gott im Himmel als „Person“ das Bittgebet erhört? Welches Gottesbild steht hinter dem Bittgebet? Wird da Gott wie ein menschlicher machtvoller Kumpel vermenschlicht? Wird es nicht Zeit, sich von dem Bild Gott als Person zu verabschieden oder eher von einem tragenden Sinn-Grund der Existenz und der Welt zu sprechen?

Man muss die Frage stellen: Worin liegt eigentlich der größte Fehler, wenn die Kirchen und die Christen Jahrhunderte lang um Frieden beteten und beten, aber de facto kein Frieden entsteht oder entstanden ist? Im Gegenteil: In allen Jahrhunderten wurde eigentlich permanent Krieg geführt, Sklavenhandel betrieben, ganze Völker wurden „missioniert“ und dabei ausgerottet. Der Antisemitismus wurde wie ein permanenter Vernichtungskrieg gegen die Juden geführt. Wie lächerlich ist die Frage: Soll man für die Überwindung des Antisemitismus beten? Wer Antisemitismus besiegen will, möge bitte nicht beten, er soll bitte schön politisch wirksam handeln und z.B. rechtsradikale Täter tatsächlich verfolgen und bestrafen!

Man muss die Frage stellen: Welchen Sinn haben jetzt Friedensgebete und Friedensgottesdienste „Dona Nobis pacem“ ,zu denen die Kirchen im Krieg Russlands gegen die Ukraine auffordern? Sinnvoll ist nur, das tiefe innere Verbundensein mit den Menschen in dieser Region, ein inneres Mitgefühl mit den Leidenden, Sterbenden zu pflegen, um das eigene Denken zu weiten und das Herz in Verbindung mit diesen Menschen zu bringen. Das könnte in der Gemeinschaft eingeübt werden, wenn man auch Zeugnisse der Leiden, der Ukrainer oder der russischen Mütter hört, die von ihrem im Krieg umgekommenen Sohn erzählen.

Man muss die Frage stellen: Ist nicht die entscheidende Wurzel für alle Kriege die Bindung der Kirchen, aller Kirchen, aller Bischöfe, an ihre jeweilige Nation? Hat der Nationalismus unter den Kirchenführern und Christen nicht immer schon total den Geist vernebelt und den Krieg gefördert? Wurde Nationalismus nicht immer wichtiger als das vernünftige Nachdenken über die Menschheit und die Weltgemeinschaft? Hat der kleingeistige Nationalismus das Eintreten für die eine Menschheit, für die Brüderlichkeit und Geschwisterlichkeit aller, zerstört?

Man muss die Frage stellen: Ist der nationalistische Ungeist, der nachweislich die ideologisch verrannten und von Putin privilegierten Popen und Bischöfe der russisch-orthodoxen Kirche beherrschte und heute beherrscht, eine entscheidende Ursache für die Unterstützung im Krieg Putins gegen das so genannte „Brudervolk“. Wie maßgeblich war der Nationalismus der Bischöfe, als sie als Franzosen oder als Deutsche den 1. Weltkrieg leidenschaftlich unterstützten? Diese Herren waren mit Verlaub gesagt keine Christen, sondern kriegerische Nationalisten.

Man muss auch klar sagen: Ihr Christen, hört auf, in der altbekannten Form um Frieden zu beten. Wenn ihr zusammenkommt, sonntags, zu euren Gottesdiensten, lasst die uralten Riten und Lieder mal beiseite, strengt euren heiligen Geist an und fragt gemeinsam, wie können wir aktiv für den Frieden in der Welt, für den Frieden in Ukraine z.B. eintreten? Wie können wir uns umfassend informieren, um gar nicht mehr auf einen Typen wie Putin reinzufallen? Man muss sich also fragen: Wäre nicht politische Aufklärung eine genauso wichtige Aufgabe für die Kirchen, wenn sie sich dem Frieden widmen will? Dazu gehört die Analyse der eigenen westlichen Aggression, man denke an die Kriege, die die USA ohne Ergebnis führten: Vietnam, Libyen, Afghanistan usw., man denke an die Kriege im „Hinterhof der USA“, wie die US-Politiker sagen, in Lateinamerika…

Man muss sich fragen: Warum sind eigentlich nur einige wenige kleinere Kirchen (Quäker, Mennoniten usw.) explizit als Friedenskirchen tituliert? Warum nennen sich nicht alle großen Konfessionen, Katholiken, Protestanten, Orthodoxe ausdrücklich Friedenskirchen? Das wäre doch im Sinne Jesu Christi, den manche gern als Kirchengründer ansehen. Jesus Christus ist der Prophet und Meister auch des politischen Friedens. Wenn man das anerkennt: Dann wäre ein Christ nicht mehr römisch-katholisch, sondern friedenskirchlich-katholisch; man wäre friedenskirchlich evangelisch und vor allem auch dies: Man wäre friedenskirchlich-orthodox. Welch ein Signal wäre dies für die Welt.

Man muss sich fragen: Werden diese Vorschläge irgendeine Resonanz bei den großen Kirchen und ihren etablierten Theologen haben? Ich denke nein. Und diese bloß ganz allgemein um Frieden betenden Kirchenchristen werden auch dann, wenn die Ukraine in ein paar Monaten russisch ist oder die Mörderbanden in Syrien ihr Regime weiter aufbauen usw. Immer weiter um Frieden beten, singen und flehen: „Verleih uns Frieden gnädiglich“, adressiert an einen personalen Vater im Himmel, der aber doch nicht das Flehen seiner Kinder erhört…
Man wird also als Kirche weitermachen, wie bisher. Man wird ein paar kleine friedenspolitische Clubs in den Kirchen zulassen, wie Pax Christi bei den Katholiken oder Church and Peace bei den Protestanten, man wird weiterhin also beten und alte Lieder singen … und die Welt wird in Kriegen versinken.

Man muss sich fragen: Wann werden sich die Kirchen eingestehen: Eigentlich ist die auch empirisch spürbare Bilanz des Christentums, die Bilanz der Wirkungsgeschichte der Lehre Jesu, weitgehend eine Katastrophe. Oder mindestens ein Misserfolg oder eine Illusion. Und trotzdem werden Theologen naiv weiterhin von Erlösung schwadronieren, etwa zu Weihnachten beim Lied „Stille Nacht, alles schläft, aber auch alle schlafen“…Und das Arbeiten am Friedensreich Gottes, diese zentrale, auch politische Idee Gottes von dieser Welt, wird ebenfalls eingeschlafen sein.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Houellebecqs Roman „Vernichten“: Von katholischem Erzbischof gelobt.

Pascal Wintzer (Poitiers) als Literaturkritiker
Ein Hinweis von Christian Modehn am 8.2.2022; siehe auch den ausführlicheren Hinweis LINK.

1.
Es geschieht nicht gerade häufig, dass ein katholischer Bischof sich über einen neu erschienenen Roman eines umstrittenen Autors ausdrücklich „freut“: Erzbischof Pascal Wintzer (Poitiers) hat am 3.2.2022 in der Tageszeitung „La Croix“ (Paris) wie auch auf der Website des Erzbistums Poitiers (LINK: https://www.poitiers.catholique.fr/michel-houellebecq-aneantir/ ) eine ausführliche Leseempfehlung publiziert: Sie gilt dem kurz zuvor erschienen Roman „Anéantir“ („Vernichten“) von Michel Houellebecq. Das Buch hat eine Startauflage von 300.000 Exemplaren in Frankreich. Das Interesse ist enorm! Und Bischof Wintzer hat schon recht, wenn er Houellebecq „einen der ersten französischen Autoren von heute“ nennt, es gibt längst eine breite Houellebecq-Forschung in Frankreich.

2.
Bischof Wintzer sagt ausdrücklich, dass „man“ auch in dem neuen Roman das wiederfindet, was „man“ (also auch Wintzer) an Houellebecq schätzt: Der Autor „stellt uns vor die großen Verstörungen („dysfonctionnements) der Gegenwart“: Etwa die schlimmen Verhältnissen in den Pflegeheimen für alte und behinderte Menschen. Aber er zeigt in dem Roman auch die Kraft der familiären Bindungen, betont der Bischof. „Wie üblich, ist dies ein Roman einer inkarnierten, fleischlichen Menschlichkeit. Die Körper haben in dem Roman ihren Platz, auch das Vergnügen, der Schmerz und das Leiden…Houellebecq plädiert für das, was einzig den Menschen ehrt, die Beziehung“. Soweit der Bischof, der sogar noch schreibt: „Es ist wahrscheinlich übertrieben, Houellebecq einen Propheten zu nennen, die Zeitung Charlie Hebdo qualifizierte Houellebecq als einen Magier“. Und dann auch dieses persönliche Bekenntnis: „Warum liebt man es, Michel Houellebecq zu lesen, oder auch seinen Auftritten im Fernsehen zu folgen? Weil er Vergnügen bereitet. Zuerst das Vergnügen der Lektüre – und das ist ja auch das, was einen Geschmack am Leben schenkt, aber auch das Vergnügen an seinem schlauen und spöttischen Blick auf die Gesellschaft und auf den Leser selbst. Der Roman Anéantir (Vernichten) erfüllt diese Erwartungen!“

3.
Und am Ende seines lobenden Beitrags zu Houellebecq neuem Roman muss der Erzbischof doch noch einmal seiner Freude Ausdruck geben, den dieser wichtige Autor schreibe doch auch vieles über Religion bzw. die katholische Kirche. Und der Erzbischof zitiert aus einem gerade erschienen Sammelband über den Glauben im Werk Houellebecq, darin definiert er sein Katholischsein: „Ich bin Katholik in dem Sinne, dass ich das Entsetzen über eine Welt ohne Gott ausdrücke … aber einzig in diesem Sinne bin ich katholisch.“

4.
Erstaunlich bleibt, dass ein Erzbischof eine gewisse Berufung als Literaturkritiker entdeckt. Und dann noch seine Begeisterung über einen ja auch politisch zweifelsfrei umstrittenen Autor ausdrückt. Und dabei sogar übersieht, dass Houellebecq in einem Interview mit „Le Monde“ seine geistige Nähe und Verbundenheit mit theologisch – traditionalistischen und politisch reaktionären Kreisen offen bekannte. Dass diese Zusammenhänge Pascal Wintzer übersah, finde ich erstaunlich. Und genauso, mit welcher Leichtigkeit er als Bischof einer nicht gerade erotisch/sexuell-freizügigen Kirche dann doch die „fleischliche Lust“ einiger der Roman-Protagonisten offenbar richtig findet. Dies ist immerhin eine erfreuliche Einschätzung eines katholischen Bischofs.

5.
Bischof Pascal Wintzer wurde am 18. Dez. 1959 geboren, seit Januar 2012 ist er Erzbischof von Poitiers.

6.
Der genante Sammelband mit Studien zu Houellebecq: Misère de l’homme sans Dieu. Michel Houellebecq et la question de la foi. Champs, Essais, Flammarion, 2022, das Zitat ist auf S. 366.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ist Philosophie hilflos? Wenn Impfgegner und Verschwörungsideologen in eine Katastrophe führen.

Kann philosophisches Denken hilfreich sein beim Abwenden von Unheil?

Ein Hinweis von Christian Modehn veröffentlicht am 30.12.2021, bearbeitet am 5.2.2022

1. Was kann philosophisches Nachdenken bewirken in einer Zeit, die Katastrophen ankündigt? Von den großen Bedrohungen in der „Weltpolitik“ soll hier nicht die Rede sei. Hingegen, nahliegender, vom Auseinanderdriften der Gesellschaft und der Bedrohtheit des demokratischen Staates auch in Deutschland anlässlich der Debatten und Auseinandersetzungen über das Impfen gegen die Corona-Pandemie und wegen der Impfpflicht.

Da finden an vielen Orten, Ende Dezember 2021, kleinere und größere Straßenschlachten statt aufgrund der Ausschreitungen von Impfgegner. Unter diesem Titel verstecken sich Rechtsextreme verschiedener Couleur und auch, so scheint es, ahnungslose Leute, die einfach „nur“ ihre Haltung zum Impfen öffentlich dokumentieren wollen. Dass sie mit Feinden der Demokratie gemeinsam auf die Straße gehen, stört diese Leute offenbar bis jetzt nicht. Polizisten werden bei diesen gewalttätigen „Spaziergängen“ verletzt. Es steht fest: Die Anti-Impf-Demonstrationen sind schon zu Anti-Demokratie-Demonstrationen ausgeartet.

2. Ist diese Entwicklung auch für kritisch denkende, philosophierende Menschen, also Philosophen, ein Thema? Was wäre denn die Sache der Philosophie bei dem Thema? Hat sie etwas „Eigenes“ zu sagen? Dabei kann „das Eigene“ der Philosophie niemals nur begrenzt sein auf den verschwindend kleinen Kreis der PhilosophInnen, die professionell Philosophie betreiben!

3. GIBT ES EINEN PHILOSOPHISCHEN VORSCHLAG?

Warum kann man sich philosophisch angesichts der genannten Krisen nicht auch an die „Diskursethik“ halten, die zu Beginn der neunzehnhundertsiebziger Jahre von den Philosophen Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas vorgestellt wurde?

Um kurz an deren wesentliche Vorschläge zu erinnern: Es gilt, einen Konsens unter zerstrittenen Menschen bzw. Gruppen zu finden.

Die philosophisch begründete Methode bedeutet, daran zu erinnern: Allein die Tatsache, dass die zerstrittenen Personen überhaupt miteinander sprechen, bezeugt den Willen:  Gemeinsam soll um eine gemeinsame Basis, eine gemeinsam geteilte fundamentale Wahrheit, die beide anerkennen, gerungen werden.

Das Gespräch geht also davon aus: Die Argumentierenden, die Sprechenden, folgen bereits schon vor dem ausführlichen Miteinandersprechen und dann auch während des Miteinandersprechens dieser Voraussetzung: Wir erkennen uns als rationale und freie und gleichberechtigte Menschen an, die gemeinsam inmitten des Streites nach einer gemeinsamen Basis suchen, um den Konflikt friedlich und gerecht zu lösen. Sonst hätte es keinen Sinn, überhaupt in einer verständlichen Sprache den eigenen Unmut dem anderen mitzuteilen. Allein das Sprechen überhaupt schon ist entscheidend. Der Gesprächspartner will sich nicht schweigend aus der gemeinsamen Sprachwelt verabschieden und sich in seiner eigenen, von ihm konstruierten Welt einschließen. Nein, er sucht in der gemeinsamen Sprache das Gespräch, mit dem Ziel, gehört, verstanden zu werden.

Erst wenn etwa von Impfgegner oder von Rechtsextremen nur noch die pure Gewalt, ohne verbale Äußerungen, eingesetzt wird, begeben sich diese Leute aus der menschlichen, d.h. der immer auch verbal-sprachlich geprägten humanen Welt der erwachsenen Menschen. Sie müssen dann mit den Gesetzen des strafenden Rechtsstaates zur Räson gebracht werden.

Aber soweit ist es ja wohl noch nicht in Deutschland? Noch setzt jeder voraus: Wenn der eine dem anderen zuhört, ihn zu verstehen sucht, den gilt diese Haltung auch für den anderen im Verhältnis zu seinem Gegenüber. Es kann nicht sein, dass der eine Gesprächspartner dominiert. Nur Herrenmenschen wollen als einzige dominieren und unterdrücken. Aber Herrenmenschen sind Verbrecher, siehe etwa die Nazis.

Es zählt also für alle Gesprächsteilnehmer einzig das Argument, das auch die praktischen und politischen Konsequenzen deutlich beschreibt, die aus einer Haltung und Meinung hervorgehen. Wer also nach begonnenem Diskurs nur ausweicht und wer keine Wahrheit anerkennt, die über der subjektiven Meinung steht, als das beiden „Parteien“ übergreifende Gemeinsame, der zerstört den Dialog und führt zum Abbruch des Gespräches, zur Niederlage der die Menschen verbindenden Vernunft, der zerstört letztlich sich selbst!

4. Wenn aber das Gespräch abgebrochen wird, weil ein Gesprächspartner absolut auf seiner subjektiven Meinung beharrt und sich sogar naturwissenschaftlich bewiesenen Tatsachen verweigert? Gibt es dann noch einen Ausweg? Philosophisch heißt die Empfehlung, genau die Konsequenzen aufzuzeigen, die im Beharren auf der für absolut gehaltenen subjektiven Wahrheit deutlich werden: Es muss also bei extremen Überzeugungen die Frage gestellt werden: Etwa im Falle der rechtsradikalen Feinde der Demokratie, denen der Untergang der Demokratie und des Rechtsstaates offenbar willkommen ist: Da muss die Frage gestellt werden: Wollen Sie wirklich – etwa bei einem von Ihnen für möglich gehaltenen Bürgerkrieg – auch selbst dabei umkommen? Ist Ihnen das eigene Leben – oder mindestens das ihrer Nahestehende, Partei-“Freunde” etc, völlig egal? Warum lieben Sie die Zerstörung, den Tod, oder etwas “milder” ausgedrückt: Warum wollen Sie in einer Herrschaft unter Führern leben, die ein Willkürregime ausüben. Bei einem Willkürregime werden Sie, wenn Sie  zur allgemein gültigen Vernunft wieder kommen, jedenfalls keine freie Meinungsäußerung mehr haben, die Ihnen jetzt gewährt wird in dem Rechtsstaat, in dem Sie leben. Sie können wie im rechtlosen Stalinismus vielleicht auch in einem Straflager landen, je nach Laune des obersten Herrschers/Verbrechers.

5. Es hat sich die Meinung durchgesetzt, man hört sie immer wieder, sogar von Demokraten: „Mit denen (den Rechtsradikalen, den Corona-Leugnern, den Verschwörungsideologen etc.) kann man nicht reden“, also mit den Leuten, die das Thema Impfen nur als Anlass nehmen, um gegen den demokratischen Rechtsstaat zu agieren. Aber wenn man ÜBERHAUPT nicht mehr mit „denen“ reden kann, dann ist die menschliche Gesellschaft tatsächlich gespalten, zerfallen,  in verfeindete Lager, die sprachlos nebeneinander her leben, bevor die Wut sich gewaltsam entlädt. Das wäre sozusagen auch das Ende der philosophischen Lebenshaltung, die Niederlage der Vernunft, die ohne Sprache und Sprechen, gemeinsame Sprechen, nicht lebt. Es wäre auch die Niederlage der human sich nennenden Menschheit.

6. Darum bleibt also doch nichts anderes übrig, als das Gespräch mit aller Kraft zu suchen und zu pflegen. Und wenn das nach langen geduldigen Versuchen nicht gelingt? Dann muss sich der demokratische Rechtsstaat mit Gesetzen und Verboten schützen.

7. Jetzt wird in Deutschland und unter den maßgebenden Politikern der Regierung endlich über die Impfpflicht sehr deutlich nachgedacht, wenigstens zunächst für bestimmte Berufe, wie Pflegende, Krankenschwestern, Lehrer etc. Wie viel Zeit wurde von Politikern vergeudet, um die Impfpflicht einzuführen!.Denn es geht um eine Pandemie, nicht um eine manchmal harmlose Grippe, es geht sozusagen um das hohe Gut der Rettung des Lebens aller. In einem solchen (eher selten vorkommenden) Falle gilt die Pflicht, das Gesetz des demokratischen Rechtsstaate …mit entsprechenden Gerichtsurteilen und Strafen.

Andreas S.Lübbe, Onkologe und u.a. auch Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, hat im “Tagesspiegel” am 9. Januar 2022 (Seite 4, Meinungsseite) sehr richtig geschrieben: “Impfunwillige dürfen keine intensivmedzinische Gleichbehandlung erwarten“, das heißt: Impfunwillige müssen mit Benachteiligungen in der eigenen medizinischen Versorgung rechnen. Diese Praxis ist keine Willkür, sondern nur eine Antwort auf die Tatsache, dass die Impfgegner mit ihrer Impfverweigerung nicht nur sich selbst, sondern vor allem auch die anderen, die Mit-Menschen, die Gesellschaft gefährden. Und das geschieht bereits. Die Ansteckungen mit dem Virus geht in nur geringem Maße von Geimpften aus, sondern ganz entscheidend von Ungeimpften.

Diese Leute nehmen in ihrer unvernünfigen Haltung, sich nicht impfen zu lassen, den “normalen” Schwerstkranken die Pflegebetten weg. Diese Sturheit der Impfunwilligen ist unvernünftig. Unvernunft muss bestraft werden, so, wie dies auch in anderen Zusammenhängen im Staat geschieht, etwa, um ein eher einfaches Beispiel zu nennen, bei den Gesetzen im Straßenverkehr: An auf rot geschalteteten muss gehalten werden.

Zu solchen klaren Worten zugunsten der Impfpflicht sind leider Politiker heute nicht in der Lage, aus Angst vor der radikalen Minderheit der Impfgegner? Oder aus Angst, einigen der Leuten des FDP – Koalitionspartners zu nahe zu treten? Aber mit liberaler, individueller Freiheit hat die Impfpflicht NICHTS zu tun. Die Freiheit gilt als Freiheit des einzelnen etwa für den Fall, dass es  um das eigene inidviduelle private Leben geht. Beispiel: Jeder kann Kiloweise Schokolade täglich essen, diese Haltung gefährdet nicht die Gesundhheit einer ganzen Gesellschaft, sondern nur die eigene. Bei der Ablehung des Impfens ist das ganz anders. Diese Ablehnung gefährdet die Gesellschaft.

8. Immanuel Kant, der Philosoph der menschlichen Freiheit und der Autonomie, hat 1803, kurz vor seinem Tod, einen Beitrag verfasst mit dem Titel „Über Pädagogik“. Darin spricht er von dem Problem, wie denn Freiheit und Zwang (siehe Nr. 7 dieses Hinweises) zusammengehören. Kant hat diese Frage auf die Pädagogik bezogen, auf die Erziehung von Kindern. Aber seine Einsichten zum von ihm gewählten Thema „Wie kultiviere ich Freiheit bei dem Zwange“ sind auch im gesellschaftlichen und politischen Zusammenhang wichtig:

Immanuel KANT schreibt:

„Eines der größten Probleme der Erziehung ist, wie man die Unterwerfung unter den gesetzlichen Zwang mit der Fähigkeit, sich seiner Freiheit zu bedienen, vereinigen könne. Denn Zwang ist nötig! Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange? Ich soll meinen Zögling gewöhnen, einen Zwang seiner Freiheit zu dulden, und soll ihn selbst zugleich anführen, seine Freiheit gut zu gebrauchen. Ohne dies ist alles bloßer Mechanismus, und der, der Erziehung Entlassene, weiß sich seiner Freiheit nicht zu bedienen. Er muss früh den unvermeidlichen Widerstand der Gesellschaft fühlen, um die Schwierigkeit, sich selbst zu erhalten, zu entbehren, und zu erwerben, um unabhängig zu sein, kennen lernen. Hier muss man folgendes beobachten:

1) dass man das Kind, von der ersten Kindheit an, in allen Stücken frei sein lasse; (ausgenommen in den Dingen, wo es sich selbst schadet, etwa, wenn es nach einem blanken Messer greift,) wenn es nur nicht auf die Art geschieht, dass es Anderer Freiheit im Wege ist, z. E. wenn es schreyet, oder auf eine allzulaute Art lustig ist, so beschwert es Andere schon.

2) Muss man ihm zeigen, dass es seine Zwecke nicht anders erreichen könne, als nur dadurch, dass es Andere ihre Zwecke auch erreichen lasse, etwa dass man ihm kein Vergnügen mache, wenn es nicht tut, was man will, dass es lernen soll etc.

3) Muss man ihm beweisen, dass man ihm einen Zwang auflegt, der es zum Gebrauche seiner eigenen Freiheit führt, dass man es kultiviere, damit es einst frei sein könne, d. h. nicht von der Vorsorge Anderer abhängen dürfe. Dieses letzte ist das späteste. Denn bei den Kindern kommt die Betrachtung erst spät, dass man sich etwa nachher selbst um seinen Unterhalt bekümmern müsse. Sie meinen, das werde immer so sein, wie in dem Hause der Eltern, dass sie Essen und Trinken bekommen, ohne dass sie dafür sorgen dürfen. Ohne jene Behandlung sind Kinder, besonders reicher Eltern, und Fürstensöhne, so wie die Einwohner von Otaheite, das ganze Leben hindurch Kinder. Hier hat die öffentliche Erziehung ihre augenscheinlichsten Vorzüge, denn bei ihr lernt man seine Kräfte messen, man lernt Einschränkung durch das Recht Anderer. Hier genießt keiner Vorzüge, weil man überall Widerstand fühlt, weil man sich nur dadurch bemerklich macht, dass man sich durch Verdienst hervortut. Sie gibt das beste Vorbild des künftigen Bürgers…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

Der neue Roman von Houellebecq: „Vernichten“. Bekenntnisse eines Reaktionären.

Über den neuen Roman und die Religion Houellebecqs

Ein Hinweis von Christan Modehn.  Siehe auch: Ein katholischer Erzbischof lobt “Vernichten”: LINK

1.

Der neue Roman von Michel Houellebecq liegt jetzt auch auf Deutsch vor. „Vernichten“ ist der Titel. Was oder wer vernichtet wird, erscheint erst am Ende des umfangreichen Romans, der Titel lässt Schlimmstes erahnen. Der Titel “Vernichten” bedient sich eines Verbs, einer Tätigkeit, der Eindruck ist: Es handelt sich um ein Geschehen, eben Vernichten, das zwangsläufig geschieht, schicksalsmäßig. Ein Ausrufungszeichen als Befehl findet sich hinter “Vernichten” nicht. Ein Befehl würde noch Freiheit der Täter voraussetzen.

Dabei liest sich das neue Opus des „Stars“, manche sagen „Popstars“ der gegenwärtigen Literatur auch ausnahmsweise, möchte man sagen, manchmal wie eine Art Familiengeschichte mit Einsprengseln einer Art von „Liebesroman“ und kurzen Szenen einer Naturmystik und politischen Irritationen durch Terroranschläge… wobei das Elend der menschlichen Beziehungen selbstverständlich – wie üblich – weit ausgebreitet wird.

Es ist eine elende Welt vornehmlich der Reichen, die da vorgeführt wird, elend hinsichtlich der seelischen Verfassung, der Langeweile, des Scheiterns im Miteinanderleben in Beziehungen und Ehen. Dabei ist es keine Frage: Die sprachliche Gestalt, die „Komposition“ des Romans, der Mix aus Reportage und Elementen philosophischer Reflexion, diese Analysen des seelischen Zustandes einer gewissen Oberschicht können die LeserInnen an das umfangreiche Buch durchaus binden.

Der Roman enthält viele Fakten, das ist evident…Wenn Houellebecq etwa Kirchengebäude nennt, dann sind diese nicht fiktiv, sondern real; wenn er das Kapuzinerkloster der Traditionalisten in Morgon nennt (siehe die ausführlichen Hinweise in Fußnote 1, unten), dann gibt es dieses Kloster wirklich; wenn er von der katholisch-rechtsextremen Bewegung “Civitas” Bewegung spricht, dann gibt es diese wirklich. Er kennt diese Leute! Man denke bloß nicht, dieser Text, Roman genannt, sei im ganzen Fiktion. Dieser Roman hat auch den Charakter eines religionskritischen Sachbuches. “Die Ordnung der Welt ändet sich also gerade” (S. 225) könnte als Leitwort gelten.

2.

In Frankreich ist „Anéantir“ seit dem 7.1. 2022 in den Buchhandlungen, Startauflage 300.000. Auch Raubkopien hat es vorweg gegeben. Das Interesse an Houellebecqs Werk ist enorm, trotz oder auch wegen seiner oft ins politisch Rechte und Rechtextreme abdriftenden Statements. Es ist ja bekannt, dass sich Houellebecq etwa in seinen als Essays titulierten Schriften deutlich absetzt vom Geist der modernen Aufklärung, auch vom Protestantismus und der Renaissance, so etwa erneut in seinem vierten Essayband „Ein bisschen schlechter. Neue Interventionen“(2020). „Die Linken“ sind die Feinde des Autors, das bekam einmal mehr deutlich zu spüren Daniel Lindenberg (Prof. für Politologie und Mitglied der Sozialistischen Partei P.S.), als er in seinem Buch „Le rappel à l ordre“ („Der Ruf zur Ordnung“) von 2002 Houellebecq ein diffuses reaktionäres Denken nachweisen konnte. In seiner Erwiderung anlässlich der Annahme des „Schirrmacher Preises“ 2016 fand Houellebecq äußerst scharfe und polemische Worte gegen Daniel Lindenberg. Houellebecq ist eben nicht nur Literat, schon gar nicht ein „klassischer Dichter“. Er hat sich einem gesellschaftlichen Projekt mit aller Kunst und Leidenschaft und Ironie verschrieben, und das Projekt heißt: Rückkehr zu den alten Werten, etwa der „intakten“ Familie, dem Respekt der religiösen (nicht nur der politischen!) Lehren des traditionellen Katholizismus. Das wird etwa deutlich in einem langen Interview, das Houellebecq dem Journalisten Geoffroy Lejeune von der extrem rechten Wochen-Zeitschrift „Valeurs Actuelles“ im Jahr 2019 gab. Darin sagte Houellebecq offenbar allen Ernstes: „Zu den Zeiten, als der Islam verborgen war, wo es einen Islam im Keller gab, da lief alles gut. Jetzt, machen die Muslime Probleme. Weil man ihnen sagt, sie könnten sichtbar sein. Um das zu regeln, wäre es besser, die katholische Religion würde stärker werden („reprenne le dessus“)“.

Der Schriftsteller Thomas Lang schreibt dazu: „Bemerkenswert scheint mir einerseits der grundlegende Konsens zwischen dem Journalisten und Houellebecq in der Sehnsucht nach einer unangreifbaren Institution, die im Besitz der Wahrheit ist und Trost spenden kann. Andererseits findet sich auch wieder die Konfrontationsstellung unterschiedlicher Richtungen. Rechts gegen links, christlich gegen muslimisch, das sind die besten Voraussetzungen für die Ausweitung einer Kampfzone“ (zit. in „Volltext“, Wien, Heft 4 (2020, S. 7). Die katholische Kirche braucht Houellebecq für seine politischen Ideen und Nostalgien als Stützen der Moral und des Staates. Das ist die alte, aber immer noch nicht vergessene  französische Konzeption der „Action Francaise“, die sich zu Beginn der Zwanzigsten Jahrhunderts als politische Ideologie katholischer Franzosen etablieren wollte, die keinen religiösen und biblisch geprägten Glauben hatten, wohl aber eine politische Liebe zur Institution Kirche als Hüterin der alten Ordnung. „Jesus Nein, hierarchische Kirche Ja“, war die Devise, die auch Houellebecq zentral findet, Jesus ist ihm viel zu links, viel zu revolutionär…(Siehe dazu: Yann du Cleuziou: Apologie du catholicisme dans les romans de Houellebecq, https://halshs.archives-ouvertes.fr/halshs-02296265/document).

3.

Der maßgebliche Literaturkritiker von „Le Monde“, Jean Birnbaum, hat im Dezember 2021 mit Houellebecq einige Stunden in dessen Arbeits-„Studio“ in Paris sprechen dürfen. Auf drei Seiten berichtet er ausführlich von dem Besuch, der ganz dem  neuen Buch gilt (Le Monde, 7. Janvier 2022,  Seite 1-3 in der Abteilung „Le Monde des Livres“). Der Titel des Beitrags sagt schon Entscheidendes über den neuen Roman: „Houellebecq, die Versuchung des Guten“.  Dazu passend, auf Seite 1, ein Zitat des Schriftstellers: „Mit guten Gefühlen macht man gute Literatur“. Diese Aussage mag überraschen! Houellebecq sagt: „Es gibt (bei mir) kein Bedürfnis, das Böse zu feiern, um ein guter Schriftsteller zu sein. Und es gibt wenige Übeltäter in dem Roman „Anéantir“. Damit bin ich sehr zufrieden. Der größte Erfolg wird sein, wenn es überhaupt keine Übeltäter mehr gibt“.

Während des Gesprächs mit dem Redakteur von „Le Monde“  fällt Houellebecq plötzlich ein, so heißt es dann in der Zeitung:  „Das ist verrückt, seit vier Stunden diskutieren wir und man hat noch immer nicht von Zemmour (einem der rechtsradikalen Präsidentschaftskandidaten 2022) gesprochen“. Darauf der Redakteur: „Das ist stimmt. Man kann es immer noch tun“. Aber wollen Sie das wirklich?  „Non“ antwortet Houellebecq sehr knapp „a mi-voix“, heißt es, „halblaut“. Dem Journalisten fällt nichts anderes ein als das eine Wort zu sagen: „Bon“, also: “Na gut“. Keine Nachfrage also, eine verpasste Chance mehr Klarheit über die Beziehung Houellebecq – Zemmour zu erfahren.

4.

Jean Birnbaum erwähnt im Gespräch auch die ihn emotional berührenden Aussagen im Roman. Houellebecq antwortet darauf mit einem Hinweis zum eigenen Erleben beim Schreiben: „Jene Passagen im Roman, die Sie berührt haben, die habe ich nicht gedacht, die haben sich mir aufgedrängt. Wenn Sie das ernst nehmen, was ich schreibe, dann muss man eine irrationale Voraussetzung annehmen, nach der die Personen im Roman wie von selbst handeln… Oft glaubt der Autor, die Persönlichkeiten im Roman zu kontrollieren, aber die Persönlichkeiten drängen ihr Sein dem Autor auf“. Houellebecq erlebt sich offenbar wie einer Art „Diktat“ ausgesetzt. Aber: Wer „diktiert“ da eigentlich? In den biblischen Schriften, die ja auch manche für „inspiriert“, säkular gesagt von anderem „diktiert“ halten, war es Gott, der da die Feder führte…. In jedem Fall sieht sich Houellebecq offenbar wie ein Meister der Weisheit, der Gesehenes, Gehörtes, kundtut.

5.

Über seine spirituelle Suche hat Houellebecq oft gesprochen, auch über seine Versuche, sich in den katholischen Glauben zu vertiefen. Auch in dem Roman „Vernichten“ ist oft von der Bedeutung des katholischen Glaubens die Rede: Cécile, die Schwester des Protagonisten Paul Raison, ist eine tief-fromme praktizierende Katholikin, der es sogar gelingt, ihren eher skeptischen Bruder zur Weihnachtsmesse in die Dorfkirche im Beaujolais mitzunehmen. Die Reflexionen Pauls über die Bedeutung Gottes angesichts des menschlichen Leidens könnte man wohl auch als persönliche Fragen Houellebecqs denken (S. 261)..

Der Katholizismus ist jedenfalls immer ein Thema bei Houellebecq, auch wenn er in „Vernichten“ durch ausführliche Beschreibungen des Wicca-Kultes wohl andeutet: Es könnte auch eine andere, eine neue (alte) Religion in Europa wichtig werden. Bekannt ist zudem, dass er die Gastfreundschaft der Benediktinermönche von St. Martin de Ligugé (bei Poitiers) erlebt hat (im Gästezimmer 11). Die Mönche berichteten später, sehr aufmerksam die Romane Houellebecqs zu lesen.  Und die Zeitschrift „Le Point“ schrieb  am 21.4.2015, in ihrer Klosterbuchhandlung hätten die Mönche auch die (damalige) Neuerscheinung des Houellebecq Romans „Soumission“  („Unterwerfung“) zum Kauf angeboten.

Für den Redakteur von Le Monde berichtet Houellebecq: Zu Weihnachten (2021) hätten ihm, so wörtlich, “reaktionäre Katholiken”, „die Freunde geworden sind“, Grüße und Nachrichten geschickt. „Darin sagten sie, dass sie für mich gebetet hätten, das ist bewegend, finden Sie nicht auch? Es gibt Leute, die interessieren sich für meine Seele. Das deute ich als Zeichen von sehr starker Freundschaft. Sie hoffen, dass ich von der Gnade berührt werde“. Bemerkenswert ist, dass Houellebecq selbst offenbar ohne ironischen Unterton (ohne ein “so genannte”) von seinen “reaktionären katholischen Freunden” spricht. Diese Haltung dieser Katholiken findet er offenbar gut, in diesem Freundes-Milieu fühlt er sich wohl. Hat Houellebecq endlich seine katholische Ecke gefunden, wo er sich wohlfühlt?

Ob die reaktionären Katholiken, auch in moralischer Hinsicht nicht gerade liberal, mit Houellebecqs Satz (gesprochen vom Protagonisten Paul) einverstanden sind: “Dafür waren Nutten da, um einem wieder Leben einzuhauchen” (S. 307)? Wahrscheinlich sehen reaktionäre Katholiken auch über die Sex-Szenen im Roman “Vernichten” hinweg, wichtig ist ihnen die politische Haltung Houellebecqs, da ist er wohl einer der ihren…

Tatsache ist: Reaktionäre Kreise im französischen Katholizismus sehr viel zahlreicher und “bunter” und einflußreicher als etwa im deutschen Katholizismus.  Es sind in Frankreich nicht nur die zahlreichen traditionalistischen Pius-Brüder von Mgr. Lefèbvre und deren Gemeinden, es sind die Katholiken aus den Kreisen “Manif pour tous”, von der Zeitschrift Valeurs Actuelles, die Katholiken, die von “Bevölkerungsaustausch” wegen der Muslime in Frankreich schwadronieren usw., von “Civitas” war schon die Rede.

6.

Der Schriftsteller Thomas Lang hat in der Zeitschrift VOLLTEXT manche Aussagen Houellebecqs zur Politik treffend „schwammig“ (S. 6) genannt. Schwammig sind auch einige Ausführungen des Schriftstellers in dem genannten Gespräch mit Jean Birnbaum von Le Monde. Darin ist erstaunlich, wie milde Houellebecq die bekannten Nazi-Autoren der Okkupationszeit bewertet. Er sagt: „Man war im 20. Jahrhundert fasziniert von der Transgression, dem Bösen. Von daher auch das Wohlgefallen gegenüber Autoren wie Morand, Drieu, Chardonne. Und dann das Urteil Houellebecqs: „Autoren, die ich mittelmäßig finde“.

Morand und Drieu waren von ihrer formalen schriftstellerischen, sprachlichen Leistung her gesehen sicher viel mehr als mittelmäßig. Aber sie waren viel weniger als mittelmäßig, nämlich schändlich, in ihrer antisemitischen Nazi-Ideologie. Von der Nazi-Ideologie der Autoren spricht Houellebecq vornehmerweise nicht. Oder „Le Monde“ zitiert unvollständig.

7.

Was oder wer ist also „Vernichtet“, um den Titel des neuen Romans aufzugreifen? Das werden die LeserInnen entdecken. Aber betrachtet man die Grundüberzeugung und die herrschende „Stimmung“ von Houellebecq dann steht fest: Vernichtet ist die alte europäische Ordnungswelt. PolitikerInnen, die angeblich noch diese alte Werte bzw. Unwerte -Ordnung reanimieren wollen, werden von Houellebecq in „Vernichten“ freundschaftlich mit dem Vornamen angespochen, eben Marine Le Pen, im Jahr 2022 Chefin der rechtsextremen Partei „Rassemblement National“ (früher „Front National“). Sie heißt im Roman nur freundschaftlich „Marine“.

Wichtiger als Ergänzung zum Thema „Vernichten“ dürften die Ausführungen Houellebecqs sein anlässlich der Verleihung des „Oscar-Spengler Preises“ 2018, ein Preis, der auch stark von rechten CDU und auch AFD Politikern inszeniert und finanziert wird. Bei der Entgegennahme des Preises in Brüssel sagte Houellebecq: „Bezogen auf die Demographie und die Religion ist es evident, dass ich zu den exakt identischen Schlussfolgerungen wie Spengler komme: Der Westen befindet sich in einem Zustand sehr fortgeschrittenen Niedergangs.“ Das hat man schon oft gehört von Houellebecq…

8.

… Es ist das Jammern des Reaktionären heute…Ob es weiterhilft in der umfassenden Krise der Gesellschaften und Staaten ist sehr fraglich, meine Antwort heißt nein. Trotzdem werden wieder viele tausend Menschen auch den neuen, den etwas freundlicher gestimmten Houellebecq-Roman lesen. Weiterführende Impulse für eine humanere Welt (der Menschenrechte) werden sie von dem umfangreichen Buch nicht erhalten. Politische Prognosen eines „Weisen“ oder gar prophetische Perspektiven wird man auch diesem Houellebecq – Roman nicht entnehmen können. Da verbreitet ein “weltberühmter Autor” nur auf seine Art “Stimmung” für eine autoritäre Gesellschaft und einen entsprechenden Staat der “uralten Werte”. Und viele, werden dies, leider, glauben.

Fußnote 1:

Im November 2017 hatte Houellebecq ein Interview („Testament“ genannt), ursprünglich für den SPIEGEL gegeben, das dann von der reaktionären Wochenzeitung „Valeurs actuels“ übersetzt  wurde . LINK Houellebecq betont in dem Interview: „Die Integration der Muslime könnte nur funktionieren, wenn der Katholizismus (in Frankreich) wieder Staatsreligion (Religion d Etat) wird“.  Diese Forderung „Katholizismus als Staatsreligion“ wird von der rechtsextremen Partei „Civitas“ vertreten. Ein Kapuziner aus dem traditionalistischen Kloster in Morgon ist offizieller „Partei-Kaplan“ (aumonier genannt) von „Civitas“.   Von diesem Kloster ist in „Vernichten“ die Rede, Houellebecq kennt diese Leute offenbar. Es lohnt sich, zum Studium die website dieser Mönche anzusehen! LINK: Das Houellebecq-Zitat zur katholischen Staatsreligion ist auf Deutsch erreichbar (gelesen am 15.1.2022): LINK

Die reaktionären und traditionalistischen Katholiken von Civitas gehören auch zu den heftigen „Impfgegner“ in Frankreich, sie nennen die staatliche Impfkampagne „Plandémie satanique“. Diese Tatsachen werden ausführlich ausgebreitet in der religionswissenschaftlich-politologischen Studie „Le Nouveau Péril sectaire“, von Jean-Loup Adénor und Timothée de Rauglaudre, erschienen in den Editions Laffont, 2021, 21,50 EURO.

Michel Houellebecq, “Vernichten”. Roman.  2022, Dumont – BuchVerlag Köln. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek. 621 Seiten, 28 Euro. 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Eric Zemmour, der rechtsextreme jüdische Präsidentschaftskandidat und seine katholischen Freunde.

In Frankreich könnte 2022 ein Rechtsextremer Präsident werden.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 3.12.2021. Es ist in der religionssoziologischen Forschung üblich, bestimmte Phänomene, Parteien und Personen auch hinsichtlich ihrer weltanschaulichen, religiösen Bindung zu beschreiben.

1.

Er wird in der französischen Presse oft nur „essayiste“ genannt. Damit erinnert man an seine frühere journalistische Tätigkeit, etwa in der konservativen Tageszeitung „Le Figaro“. Aber „essayer“ bedeutet auch „versuchen“: Und das probiert Zemmour mit aller Bravour und Unverschämtheit, bisher erfolgreich: Er tritt nun an,  im nächsten Jahr, im April 2022, Staatspräsident Frankreichs zu werden. Und dies will er mit noch extremeren Forderungen erreichen, extremer, als die Positionen der extrem rechten Marine Le Pen (früher „Front National“, jetzt „Rassemblement National“). Noch extremer als Le Pen? Das funktioniert also, und zwar ziemlich erfolgreich.

2.

Rechte politische Milieus sind von Eric Zemmour fasziniert,  die Finanzwelt interessiert sich für ihn sehr und, wen wundert es bei dem Zustand des französischen Katholizismus, einflussreiche konservative Katholiken schmeicheln ihm.

Welches Frankreich will Zemmour schaffen? Es ist das nationalistische, nach außen hin katholische, anti-muslimische und ausländerfeindliche Frankreich als stolzer Nation. Der Historiker Jacques Semelin scheibt in „Le Monde“ (3. Dec. 2021, S. 33). „Zemmours Rhetorik ist die der Identität, der andere (der Fremde) soll bekämpft und ausgelöscht werden, der andere ist „zu viel“: Hier stehen also die weißen Franzosen gegenüber `denen da`, den anderen, den Fremden. Ich sehe einen analogen Diskurs in Ex-Jugoslawien, bei den nationalistischen Serben gegen die muslimischen Bosnier…Die Geschichte zeigt, dass diese identitäre Gegenüberstellung von denen da und wir, den Fremden und den Franzosen also, ein Land in den Bürgerkrieg und ins Massaker reißen kann“.

3.

Die Anhänglichkeit konservativer bzw. traditionalistischer Katholiken in Frankreich an den rechtsextremen Zemmour wird nun immer deutlicher untersucht.

Die so genannten „Eveilleurs“, Mitglieder eines katholischen Vereins, hatten am 19. Oktober 2021 Zemmour erneut zum Vortrag mit über eintausendfünfhundert Teilnehmern eingeladen, nach Versailles, in die alte französische Königsstadt, ins Zentrum des bourgeoisen Katholizismus. Laurence Trochu, Präsidentin des „Mouvement conservateur“, der mit der Partei die Republikaner verbunden ist, betont: „Erich Zemmour hat den Mut, unser ererbtes kulturelles Modell des Christentums zurückzufordern und zu verteidigen“. Das heißt: Die alte Welt des herrschenden Christentums soll wiederkehren, die vertrauten angeblichen Werte der Familie mit dem Oberhaupt „Mann“ und der häuslichen Gattin. Die „Homoehe“ ist für diese Katholiken – wie für Zemmour – eine Schande, die abgeschafft werden muss, auch der Schwangerschaftsabbruch sollte eingeschränkt werden; der unbedingte Schutz jeglichen Privateigentums (an Produktionsmitteln) ist sowie unbestritten und vor allem: Frankreich muss katholisch bleiben. Und das bedeutet: Für den Islam, also für Muslime, sollte es eigentlich nur einen sehr eingeschränkten Platz geben. Man muss die muslimische „Machtergreifung“ verhindern, heißt es bei Zemmour immer wieder. (Über die prominente Unterstützung für Zemmour durch konservative Katholiken, wie sie in Versailles am 19.Okt. 2021 sichtbar wurde: siehe Fußnote 1 am Ende dieses Beitrags)

4.

Mit etlichen Netzwerken eines „politischen Christentums“ hat sich Eric Zemmour von Anfang eng verbunden: Also mit den Parteien rund um die strengen Katholiken Philippe de Villiers oder Marion Marechal (der Nichte von Marine Le Pen) oder Jean-Frédéric Poisson oder Christine Boutin….  Auch der katholische Politiker Jean-Paul Bolufer gehört nun zu Zemmours Wahlkampf-Team, er ist eng mit den Traditionalisten verbunden aus dem Aktions-Kreis „ICHTHUS“.

Sie alle und ihre Anhänger sind mit Zemmours Zielen eng verbunden. Diese Parteien oder Gruppen sind im Umfeld der Demonstationen, „Manif pour tous“  genannt, entstanden, also der Massenbewegungen gegen die gesetzliche Einführung der Ehe für Homosexuelle. Die Demonstrationen begannen 2013, zum Teil mit offizieller Unterstützung einzelner Bischöfe (wie Msgr. Rey von Toulon). Von Anfang an kam es zu Gewalttätigkeiten der rechtsradikalen Demonstranten gegen Homosexuelle und deren Treffpunkten, rassistische Sprüche wurden dabei verbreitet… Eine gute Übersicht zur „Manif pour tous“ bietet die website: https://fr.wikipedia.org/wiki/La_Manif_pour_tous.

5.

„Jetzt sind erst einige katholische Bewegungen aus dem Umfeld der Demonstrationen „Manif pour tous“ eng mit Zemmour verbunden. Aber hinter den Kulissen fragen sich viele über ein mögliches Bündnis“, schreibt die katholische Tageszeitung La Croix, Paris, am 2.12.2021. „Die politischen Bewegungen, die aus den Aktivitäten der „Manif pour tous“ gegen die Homo-Ehe entstanden sind, die sind gescheitert in ihrem Bemühen, ihre Überzeugungen in den besehenden politischen Parteien durchzusetzen. Eric Zemmour kann für diese Gruppen nun einen glaubwürdigen politischen Ausweg bedeuten“, sagt der Politologe Emilien Houard-Vial, Paris.

6.

Für Zemmour ist das Christentum nichts anderes als eine Art Stabilisator des alten europäischen Herrschaftssystems. „Um Franzose zu werden, muss man sich prägen lassen vom Katholizismus, der Frankreich gemacht hat“, sagt etwa Zemmour, für die sehr konservative katholische Zeitschrift „France catholique“. Er betont: „Man muss sich auch vom christlichen Universalismus und von diesem Mitleid für die Schwachen bestimmen lassen, selbst wenn ich dem misstraue!“. Das moderne Christentum sieht Zemmour sehr kritisch, es sei eine „verrückte Maschine geworden der Nächstenliebe…“ Für ihn ist es eine kulturelle Katastrophe, wenn das Christentum nur noch Solidarität und Brüderlichkeit bedeutet, sagte er schon 2018 der konservativen Zeitschrift „France Catholique“. Später hat Zemmour seine heftige Kritik an Papst Franziskus geäußert, und damit wohl auch noch mal Sympathien gefunden in katholisch-reaktionären Kreisen. In der sehr rechtslastigen Zeitschrift „Valeurs actuelles“ (6. Oct. 2020) sagte er anlässlich der Enzyklika „Fratelli tutti“, „Alle sind Brüder“: Da verkünde der Papst einen naiven Idealismus, er mache linke Politik, und sei nicht mehr katholisch. Außerdem verachte der Papst Frankreich, er verteidige nicht das katholische Erbe.

Als ihn der Europa-Abgeordnete Raphael Glucksmann kritiserte, er sei doch nur für die Kirche, aber gegen Christus, antwortete Zemmour: “Ja, sicherlich, das sage ich klar und deutlich“.

Damit wird einmal mehr die Position der alten reaktionären „Action Francaise“ (ihre Zeitschrift bis 1992 „Aspects de la France“) vertreten, die zu Beginn des 20.Jahrhundert als nationalistische und antisemitische katholische Bewegung einen großen Einfluss ausübte, nicht zuletzt eben durch ihre Parole, sie finde die Kirche wichtig als Institution für die Förderung der Moral, sie finde aber nicht Jesus Christus bedeutsam. 1926 wurde die „Action francaise“ vom Papst verboten. Nebenbei: In diesen Kreisen sind auch die heftigen Feinde der staatlichen Impf-Politik gegen Corona zu finden. Es ist wohl nur als Witz zu bezeichnen, dass sich ausgerechnet der Rechtextremist Eric Zemmour, jüdischen Glaubens wie er selbst immer betont, nun auf eine antisemitische katholische Bewegung positiv bezieht. Man könnte sehr zynisch sagen, es bahne sich nun eine neue rechtsextreme jüdisch-katholische Zusammenarbeit an.

Ludovine de la Rochère, Geburtssname Ludovine Mégret d’Étigny de Sérilly, als „praktizierende Katholikin“ seit 2013 Präsidentin der Bewegung „Manif pour tous“, kann Zemmour nur zustimmen: „Er will einen Teil des  christlichen Erbes verteidigen, das mit dem Auftreten des Islam in unserer Gesellschaft fraglich wurde“…. Allerdings wollen selbst die konservativsten Katholiken darauf achten, dass Monsieur Zemmour doch bitte etwas Rücksicht nimmt auf die Schwächsten in der Gesellschaft.

7.

Der rechtsradikale jüdische „Essayist“ als Politiker ist angetreten, um Frankreich, das christliche, zu verteidigen und wieder aufzubauen, Dass dieses christliche Frankreich lange Zeit antisemitisch war, interessiert ihn als Juden offenbar kaum. Er hat sich u.a. zu der völlig unqualifizierten These verstiegen, das nazifreundliche Regime von Vichy hätte versucht, Juden zu retten…Tatsache ist: Juden in Frankreich wurden nicht dank der Vichy-Regierung gerettet, sondern trotz Pétain und seiner rechtsextremen Freunde.

8.

Marine Le Pen und ihre sich nun seit einigen Monaten etwas milder gebende Partei „Rassemblement national“ sieht sich bedroht in ihren Ansprüchen, selbst 2022 Präsidentin zu werden: Zemmour stört. „Soll er sich doch meiner, der Le Pen Partei anschließen, heißt es von ihr. Wird er aber kaum machen, dazu ist er radikaler als Madame Le Pen. Für die Demokraten ist dies vielleicht eine Hoffnung: Eine gespaltene Rechtsextreme ist eine Chance für den Sieg von Demokraten. Nur traurig, dass sich im französischen Katholizismus, anders als in Deutschland, so viele Gruppen und Parteien mit einer explizit antiislamischen Haltung organisieren in Verbindung mit einer allgemeinen Ablehnung der universal geltenden Menschenrechte, etwa für Homosexuelle. Aber in der Hinsicht folgen diese katholischen Kreise auch den aktuellen Weisungen des Vatikans zur umfassenden UN-Gleichberechtigung Homosexueller auch heute noch.

9.

Und wie reagiert die jüdische Gemeinschaft in Frankreich, mit 600.000 Juden in Frankreich sicher eine der bedeutendsten europäischen Gemeinschaften, sie debattiert natürlich heftig über den Juden Erich Zemmour. Die Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“ schrieb kürzlich (Quelle. https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/der-spalter/):

„Zemmour spaltet nicht nur die französische Zivilgesellschaft, sondern auch die jüdische Gemeinde. Etliche sefardische Juden unterstützen ihn. Sie fühlen sich bedroht in ihrer Lebensweise.

Und auch Gilles-William Goldnadel, ein franko-israelischer Anwalt und Kolumnist, verteidigt Zémmour und dessen patriotischen Widerstand. Francis Kalifat hingegen, der Präsident der französisch-jüdischen Dachorganisation CRIF (Conseil Représentatif des Institutions Juives de France), ruft dazu auf, Zemmour nicht eine einzige Stimme zu geben. Frankreichs Oberrabbiner Haïm Korsia nannte ihn vor einigen Tagen in einem Interview mit France 2 gar einen Antisemiten“.

10.

Ein Jude als Antisemit, wie der Oberrabbiner sagt, das ist gewiss eine Neuigkeit.  Beklagt wird zurecht in der französischen jüdischen Gemeinschaft vor allem, dass die „Große Synagoge“ in Paris Eric Zemmour am 1. Juni 2021 zu einer Debatte mit dem ehemaligen Großrabbiner Gilles Bernheim eingeladen hatte. (Quelle: http://www.slate.fr/story/119925/zemmour-kippa-precheur-petainiste).

11.

Seine jüdische Herkunft (aus Algerien) hat Zemmour tatsächlich nie verleugnet und auch die religiöse Bindung ans Judentum bei seinen Eltern betont, er erklärte in einem Interview etwas konfus. „Ich bin ein Mensch des Alten Testamentes, der eine Kultur des Neuen Testamentes erhalten hat. Aber zur Existenz Gottes bin ich sehr am Zweifeln, darüber weiß ich nichts. Ich bin ja nicht im Katholizismus aufgewachsen, und ohne Glauben ist es für mich schwer, dem Credo zuzustimmen. Bei den Riten aus meiner Kindheit ist dies anders. Wenn ich mich darin vertiefen und mich an meine verstorbenen Eltern erinnern will, gehe ich in die Synagoge. Dagegen, ich spüre sehr, ist es so, dass meine ganze Kultur das Christentum ist, davon bin ich imprägniert.“ (Quelle. https://www.france-catholique.fr/Zemmour-Je-suis-impregne-du-christianisme.html). Aber wie gesagt, es ist ein Christentum, das von der Degradierung und dem Ausschluss des anderen, des Fremden, bestimmt ist. Es handelt sich also doch nicht bei Zemmour um ein authentisches Christentum! Alles nur Sprüche, Fassade, Polemik, Wahlpropaganda….

Dabei gehörte doch die Familie Zemmour selbst einmal zur Gruppe der Fremden, der anderen. Das hat Eric Zemmour vergessen. Siehe dazu:

« Moi, mes parents viennent d’Algérie, comme je dis toujours, je ne suis pas un Français de souche, (…), je ne prétends pas être Français depuis 1000 ans », a-t-il déclaré. Zemmour fait savoir qu’il avait appris « à être Français ».  « Simplement, j’ai appris les codes de cette assimilation à la française et je croyais que tout le monde marchait comme moi », a indiqué le polémiste.

(Quelle: https://observalgerie.com/2020/05/28/faits-divers/france-eric-zemmour-evoque-ses-origines-algeriennes/.  28. Mai 2020)

FUSSNOTE 1:

Am Abend des 19. Oktober 2021 in Versailles eine Liste konservativer Katholiken und deren Organisationen: : „Dans le sillage de Zemmour, un élément est visible : le nombre de catholiques conservateurs qui le suivent, l’entourent et le promeuvent. Ce soir, on reconnaît aux premiers rangs Charlotte d’Ornellas, journaliste de Valeurs actuelles, Gabrielle Cluzel, rédactrice en chef du site Boulevard Voltaire, Jean-Frédéric ­Poisson, dirigeant de VIA – la voie du peuple (ex-Parti chrétien-démocrate), Laurence ­Trochu, présidente du Mouvement conservateur (anciennement Sens commun), l’essayiste Patrick Buisson et le chanteur Jean-Pax Méfret, barde de l’Algérie française et de la lutte contre le communisme dans les années 1980. Enfin, l’homme qui assure la sécurité d’Éric Zemmour est Albéric Dumont, porte-parole officiel de la Manif pour tous. À Versailles, bastion de la bourgeoisie catholique, cette présence ne doit pas surprendre : l’association locale à l’origine de l’événement, les Éveilleurs, a invité Zemmour quatre fois depuis 2015 ! Mais l’engouement pour « le Z » dépasse l’ancienne cité royale, et la question de savoir si cet intérêt ira au-delà des classes aisées pour percer dans les milieux populaires sera l’un des enjeux de la présidentielle. « De plus en plus de personnes l’écoutent », se félicite Pierre Nicolas, cofondateur des Éveilleurs“.

(Quelle: „La Vie“, 27.10.21, https://www.lavie.fr/actualite/societe/mais-qui-sont-ces-catholiques-qui-suivent-eric-zemmour-78654.php)

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

Die allgemeine Impfpflicht muss kommen: Denn: „Meine Freiheit“ ist immer „unsere Freiheit“.

Eine Evidenz in „einfacher Sprache“, also für  alle verständlich formuliert.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1. Freiheit muss man verstehen, reflektieren.

Die Auseinandersetzungen um die „Impf-Pflicht für alle“ haben auch in Deutschland zu heftigen Debatten über die Freiheit geführt, und damit die Freiheit des einzelnen im Zusammenhang der Freiheit der anderen. Wir müssen also Freiheit verstehen lernen!

2. Der pure Egoismus.

Dabei ist vor allem eine Voraussetzung explizit geworden: Viele Menschen verstehen Freiheit ausschließlich als „ihre“ Freiheit, als „ihre eigene und nur sie persönlich betreffende“ Freiheit. Das Ich als Ich weiß sich frei und will diese Einsicht und den Inhalt der eigenen subjektiven Freiheit auch gesellschaftlich und politisch als MEIN RECHT durchsetzen: Ich als Ich und nur Ich will recht haben und seine Ich-Rechte durchsetzen. Freiheit wird also nur als „mein Recht“ verstanden.

3. Die Diktatur der Egoisten.

An dieser Erkenntnis ist richtig, dass jeder Mensch als Mensch, als „Wesen der Vernunft“, in sich selbst und für sich selbst frei ist und frei sein soll. Diese eigene Freiheit des Ich ist von hohem Wert. Sie macht die Würde des Menschen, aller Menschen, aus. Darin ist die Meinungsfreiheit begründet oder die Religionsfreiheit. Und daraus folgt der Anspruch, in einem Staat zu leben, der die Freiheit schützt, meine Freiheit …aber in gleicher Weise auch die Freiheit aller anderen.

Würde ein Ich beanspruchen, dass der Staat nur seine eigene Ego-Freiheit schützt oder diese vorrangig gegenüber den anderen behandelt, lebte dieses Ego-Ich in einer Art Diktatur: Einige Leute, extreme Freiheits-Freunde des je eigenen Ich, setzten sich durch und verfügten dann über den Staat und bestimmten/missachteten seine Gesetze.

Diese Ego-Überzeugung von nur „meiner Freiheit“ muss in einem demokratischen Rechtsstaat zurückgewiesen und bekämpft werden.

4. Meine Freiheit gibt es nur mit der Freiheit und dem Leben ! der anderen.

Elementar ist also die Evidenz: Meine Freiheit kann nur realisiert werden im Respekt für die Freiheit der anderen. Dafür einzutreten, ist meine PFLICHT! Nur eine Gesellschaft und ein Staat, in dem alle Bürger in gleicher Weise frei sind, verdient den Namen, ein demokratischer Rechtsstaat zu sein, sondern auch ein humaner Staat, also keine Diktatur mit der Privilegierung einiger. Aber es kann Situation der Ausnahme, der höchsten Not, geben, in der “meine Freiheit” nur in Verantwortung für das Gemeinwohl gelebt werden kann.

5. Ich verdanke meine Freiheit immer den anderen!

Es müsste philosophisch genau gezeigt werden, dass meine Freiheitserfahrung und das Erlebnis meiner Freiheit nur möglich werden durch den Zuspruch, die Zuwendung anderer Menschen, die mich in ihrer Freiheit ansprachen und förmlich wachriefen, als ein freier Mensch zu leben und sich so zu verstehen. Vom Ursprung her ist meine Freiheit immer auf andere bezogen, z.B. eine von anderen Menschen wachgerufene Freiheit. Ich brauche andere Menschen als Gleichberechtigte, um selbst frei leben zu können. Dies ist kein funktionales Verhältnis! Sondern ich verdanke meine Freiheit den anderen, so wie diese ihre Freiheit auch der Freiheit der anderen verdanken. Freiheit ist immer auch unsere (!) Freiheit.

6. Das reflektierte Abwägen lernen.

Zur Corona-Pandemie: Alle Welt, die Wissenschaftler, die Mediziner, auch vernünftige Politiker, sprechen treffend von einer Pandemie: Und Pandemie bedeutet: Eine weltweite, alle Länder, alle Menschen, betreffende möglicherweise für sehr viele Millionen Menschen tödliche Epidemie.

In diesem total gefährlichen Geschehen der Pandemie muss ethisch abgewogen werden, also die Urteilskraft der Vernunft eingesetzt werden. Da gilt es zu prüfen: Was gilt in einer totalen Gefahrensituation mehr: Meine Ego-Überzeugung auch im gesundheitlichen Bereich? Oder hat diese Einsicht absoluten Vorrang: Impfstoffe, die diese totale Gefahr der Pandemie besser bewältigen, müssen an alle (!, auch in Afrika etc.) verabreicht werden; dieses Impfen ist wichtiger als die Geltung einzelner, subjektiver Gesundheitsüberzeugungen von Impfgegnern. Diese subjektiven Überzeugungen zu eigenen Gesundheitspflege haben in normalen Situationen ihr volles Recht, niemand muss sich bei seinem Lungenkrebs operieren lassen, das ist seine Entscheidung.

In einer konkreten Pandemie und nur in diesem Fall, gelten subjektive Gesundheits-Ideen nicht vorrangig. Da gilt der Schutz der Menschheit, also der Schutz meiner Gesundheit genauso wie der Schutz aller anderen. Und diesen Schutz bietet das Impfen gegen das Virus entschieden mehr als das Beharren auf der eigenen Therapie gegen die Pandemie ,etwa durch homöopathische Präparate oder durch den einen esoterisch-religiösen Glauben, als Frommer und Erwählter „besonders un exklusiv behütet zu sein“.  Wer dieses Spinöse für wahr hält und sich deswegen nicht impfen lässt, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern die anderen, er/sie  steckt die anderen an. Esoterik ist gefährlich heute, für den Esoteriker selbst wie für die Vernünftigen.

7. Auch Impfverweigerer wollen bald  in Intensivbetten gepflegt werden, oder nicht?

Vor allem: Die Nicht-Geimpften blockieren im Falle ihrer eigenen absehbaren Covid-Erkrankung die Intensiv-Betten, sie sind also als impfverweigerer nicht nur Egoisten, sondern sie beschädigen die übliche Gesundheitsfürsorge in den Kliniken, etwa auch schwierige Operationen vorzunehmen außerhalb einer Corona-Erkrankung. Mit anderen Worten: Indem die Impfverweigerer beanspruchen, bei eigener Corona-Erkrankung in einem Intensiv-Bett gepflegt zu werden, nehmen sie förmlich, um es drastisch und klar zu sagen, anderen Schwerkranken die entsprechende Pflege im Intensivbett weg.

8. Die Macht der Dummheit

Die Impfverweigerer sind also philosophisch und ethisch gesehen, das muss man wohl so sagen: Egoisten. Andere meinen, nicht ganz falsch: Sie sind Dummköpfe, die sich den Einsichten der Wissenschaften verweigern. Selbst wenn das Impfen keine absolute Sicherheit bringt (wo gibt es das in diesem Leben überhaupt ?), so bringt das Impfen doch bis jetzt empririsch nachgewiesen einen hohen Gesundheitsschutz für einen selbst wie für andere. Sich dem zu verweigern aus Eigensinn und  (religiöser, poliischer) Esoterik ist eigentlich eine Untat.

9. Impfen schützt, rettet Leben. Das steht fest!

Das Freiheitsverständnis der Impfverweigerer ist also philosophisch, d.h. vor den Forderungen der allgemeinen Vernunft: falsch und es ist ethisch widersprüchlich. Denn klar ist: Bisher hat nachweislich das Impfen sehr viel mehr vor dieser Pandemie geschützt als die Impfverweigerung.

10. Beim Autofahren Anschnallen: Eine selbstverständliche Pficht für alle!

Die Impfverweigerer sollten wissen: Sie haben als Bürger immer schon aus eigener einsicht schon selbstverständlich Zwänge und Pflichten respektiert, die der demokratische Rechtsstaat in einigen Fällen gesetzlich auferlegt hat. Man denke an die Verpflichtung, sich bei der Auto-Fahrt anzuschnallen. Mit der Gurt-Pflicht schützt man sich selbst und andere. Diese Pflicht, im Auto mit einem Anschnallgurt zu fahren, ist keine bloß den Körper, als etwas bloß “Äußeres” betreffende Aktion zu verstehen, wie Impfgegner gern vorhalten: Das Sich-Anschnallt im Auto führt zu einer gewissen ganzheitlichen Ruhe und Konzentration des Autofahrers: Er/sie ist sich bewusst, dass er/sie eine Verantwortung hat im Straßenverkehr.

11.Es ist eine Pflicht, Menschen in Not Hilfe zu leisten

An andere Pflichten und sinnvolle Zwänge wäre zu erinnern: An die Schulpflicht z.B., die selbst bei Verweigerern der staatlichen Schule gilt. Denn sie zwingt die Eltern dann, privat ihren Kindern zu Hause, auf den entlegenen Berghütten und wo immer, das Einmaleins beizubringen.

Ebenso gibt es die Pflicht der Hilfeleistung für andere in Gefahr und Not, siehe das Strafgesetzbuch § 323c: Unterlassene Hilfeleistung; Behinderung von hilfeleistenden Personen: „(1) Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. (2) Ebenso wird bestraft, wer in diesen Situationen eine Person behindert, die einem Dritten Hilfe leistet oder leisten will“.

Die wichtigsten Rechte und Pflichten sind leicht nachvollziehbar zusammengestellt: https://www.unserac.de/fileadmin/unserac/media/downloads/BST-Grundrechte-DE.pdf)

12. Eine philosophische Gesamteinschätzung: Impfgegner und ihre Bejahung der Demokratie?

Unter den Verweigerern des Impfens angesichts der Corona-Pandemie und den Feinden der allgemeinen und für alle (mit ganz wenigen begründeten Ausnahmen) geltenden Impf-Pflicht gibt es unterschiedliche Typen. Vielen ist gemeinsam, sozusagen als der unausgesprochene Hintergrund: Die Verachtung der Demokratie in Deutschland und überhaupt die Zurückweisung eines auf universalen Menschenrechten orientierten Regierungssystems. Daraus folgt das Misstrauen, der Verdacht, von der ohnehin pauschal verachteten demokratischen Regierung betrogen zu werden. Der verrückte Hass auf die Gesetze der Demokratie dieser meist sehr rechtslastigen Leute endet aber dann, wenn sie von diesem eigentlich verhassten System dann doch die Pflege der eigenen Gesundheit beanspruchen.  Oder wenn die Freiheit der Meinungsäußerung in der Demokratie von den Extremisten gern genutzt wird, um ihre eigene Ideologie zu verbreiten.

13. Impfgegner sind mitschuldig am Zusammenbruch des Gesundheitssystems.

Die Corona-Pandemie hat die tiefen Brüche in unserer Gesellschaft freigelegt. Schuldig an dieser Misere, etwa den immer noch zu viel geringen „Impfquoten“ in Deutschland, ist der egoistische Starrsinn einer Minderheit. Diese ist aber in ihrem Starrsinn immer noch eine Gefahr für die allgemeine Gesundheit in Deutschland. Diese Leute blockieren in ihrem Starrsinn den Aufbau von relativ freien und kommunikativen Verhältnissen in Deutschland „nach Corona“, sie fördern durch ihr dummes und egozentrisches Verhalten die Verlängerung der Pandemie.

14. Politiker haben Angst, Impfgegner klar anzuklagen.

Diese Evidenz wird leider selten von PolitikerInnen genannt. Sie haben wohl inzwischen Angst vor dem Hass der Impfgegner. Angst vor Esoterikern und (Rechts)-Extremen…

15. Der Theologe, Pater Klaus Mertes SJ,  behauptet: “Im Haus Gottes, also in der Kirche, seien (beim Gottesdienst, bei der Messe in Pandemie-Zeiten etc.) alle willkommen.” Das heißt doch wohl auf die Pandemie bezogen: Ob geimpft oder nicht geimpft, sie sind alle willkommen und werden hinsichtlich ihres Impfstatus auch nicht überprüft.. Und  weiter erzählt Mertes in einem Interview mit der ZEIT vom 9.12.2021. Seite 80: „Ich habe ein Problem mit 2G bei Gottesdiensten, weil ich es nicht zusammenkriege mit dem Evangelium. Jesus unterscheidet nicht zwischen so genannten Gerechten und so genannten Sündern, er ist für alle da“.  Wer sollen denn die Gerechten und so genannten Sünder sein im Zusammenhang des Impfens? Diese Frage bleibt offen. Pater Mertes meint wohl: Weil Jesus alle liebt, brauchen wir als Kirche nicht die Regel 2G im Gottesdienst!

Mertes verteidigt die Praxis einer für alle offenen Gottesdienst-Gemeinschaft, was prinzipiell richtig ist, aber nicht in Pandemie-Zeiten gelten kann.  Diese Verteidigung einer offenen Kirche mit gemeinsamem Gottesdienst für alle in Pandemie Zeiten, ohne zu fragen: “Bist du geimpft oder nicht?”, ist ethisch gesehen falsch und gesundheitlich schädlich!

Diese Haltung eines an sich vernünftigen Theologen überrascht , und sie ist zurückzuweisen. Denn diese von Mertes verteidigte Haltung setzt ein theologisches Prinzip (“die offene Kirche für alle”) über das viel wichtigere universale ethische Prinzip des Lebensschutzes für alle. Ethik und Sorge um das Gemeinwohl stehen selbstverständlich über nun einmal immer begrenzten religiösen, konfessionellen Prinzipen. Das ist evident.

Man nennt diese hier von Pater Mertes SJ indirekt ausgesprochene Überordnung theologischer Prinzipien über die ethischen Prinzipien eine Form von religiösem Fundamentalismus.  Man stelle sich vor, Imame oder Rabbiner würden nach diesem von Mertes verteidigten theologischen Prinzip handeln! Also: In der Moschee oder der Synagoge würde nicht nach dem Impfstatus gefragt, was für einen berechtigten  Aufschrei gäbe es!

So also wird einmal mehr deutlich. Es gibt auch heute, in Zeiten der Pandemie, versteckten Fundamentalismus in der römischen Kirche.

Mertes stört es in dem Interview mit der ZEIT auch, dass mit dem Impfen einige Menschen eine “Heilserwartung”  verbinden, die “schon eine religiöse Dimension hat.”  Das formuliert Mertes vorwurfsvoll, man sollwhl denken, als wäre christliches Heilsverständnis (nur)  eine rein ontologische und nur geistige und seelische Wirklichkeit!  Warum kann denn Impfen gegen die schreckliche Pandemie theologisch betrachtet nicht auch ein leibliches Heil (Gesundheit) bewirken, das zugleich ein Vorschein des umfassenden “Heils” ist? Seit wann ist denn in einer sich kritisch und modern nennenden Theologie die Erlösung, das “Heil”, völlig vom irdischen, gesundheitlichen und gesellschaftichen Wohlbefinden getrennt?  Schwierig und skandalös ist es nur, dass die Impfstoffe nicht gerecht verteilt weden und den Armen im Süden meist nicht zur Verfügung stehen. Jedenfalls ist doch die Chance, die Gesundheit zu retten, auch religiös zu deuten. Für die Befreiungstheologie, die Pater Mertes kennt, ist religiöses “Heil”, “Erlösung” immer auch materiell, leiblich, gesellschaftlich vermittelt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin