Wenn die Kirchen zu viele Kirchen haben

„Leben statt Leere“: Zu einem neuen Buch (2025) über den Umgang mit „überflüssigen“ Kirchengebäuden

Hinweise von Christian Modehn am 30.9.2025

1.
Seit 1990 wurden in Deutschland 514 evangelische Kirchengebäude aufgegeben, davon wurden 128 abgerissen; bei den Katholiken wurden 603 „Gotteshäuser“ seit 1990 aufgegeben, davon 173 abgerissen. Quelle:„Plus- Minus“, Magazin der ARD/Das Erste am 24.9.2025.
Gerade der Abriss von Kirchengebäuden kann als Symbol verstanden werden für das stetige Verschwinden der Kirchen in Deutschland und Europa. Ob damit auch der christliche Glaube langsam aber „sicher“ verschwindet, ist eine andere Frage. Und: An irgendeinen Gott (vielleicht Götzen) glauben wohl die meisten, weil sie Menschen sind und immer irgendwie „gläubig“ sind, aber das ist Philosophie…

2. Immer weniger Kirchenmitglieder
Weil immer mehr Kirchenmitglieder in Deutschland aus der Kirche austreten, haben die Gemeinden und Landeskirchen bzw. die Bistümer wegen der ausbleibenden Kirchensteuern kein Geld (und kein bezahltes Personal) für den Erhalt ihrer vielen Kirchengebäude. 23.000 Kirchengebäude (oft mit Gemeinderäumen und Wohnungen) besitzt die Evangelische Kirche noch in Deutschland, 24.000 Kirchengebäude (oft mit Gemeinderäumen und Wohnungen) die katholische Kirche. Zu den großen Kirchen gehören (2024) 39 Millionen Mitglieder, für das Jahr 2060 werden schätzungsweise noch 23 Millionen Bewohner Deutschlands Kirchenmitglieder sein. Dass die Bewohner Deutschlands mehrheitlich in Zukunft wieder Kirchenmitglieder werden: Daran glauben wohl selbst die frömmsten Bischöfe nicht. Da ist also Eile angesagt, wollen die Kirchen Schließung, Verkauf, „Mischnutzung“ oder Abriss von Gotteshäusern mit den jeweiligen Kommunen sinnvoll und das heißt immer auch mit finanziellem Gewinn gestalten. PS: Über die vielen, z. T.”überflüssigen”, z.T. hübsch renovierten Dorfkirchen in Brandenburg habe ich 2020 einen provozierenden Beitrag verfasst. LINK

3. Könnten Kardinäle, Bischöfe, Pfarrer auf einen kleinen Teil ihres Gehaltes verzichten?
Man könnte denken: Zur Finanzierung des Erhalts wenigstens einiger, von den Gläubigen als sehr wichtiger angesehener bestehender Kirchen – Gebäude könnten auch die Kürzungen der Gehälter von Pfarrern, Oberkirchenräten, Erzpriestern und Bischöfen und Kardinälen beitragen, dies wäre ein schlichter solidarischer, aber öffentlich wirksamer Effekt. Kardinal Marx von München hat immerhin Ende Dezember 2020 tatsächlich 500.000 Euro aus seinem Privatvermögen (sic!) für „Betroffene des sexuellen Missbrauchs“ in seine Stiftung eingezahlt. Quelle: LINK
Kardinal Marx erhält – aus Staatsleistungen Bayerns – ein Monatsgehalt von etwa 13.600 €. Kardinal Woelki in Köln erhält ein Monatsgehalt von 13.800 €, ziemlich unbescheiden, wenn man bedenkt, dass sein Verhalten im Zusammenhang von sexuellem Missbrauch ein Hauptgrund war und ist für die große Austritts-„Welle“ im Erzbistum Köln…Quelle: LINK
Ein evangelischer Pfarrer verdient in Deutschland heute durchschnittlich 5.300€ brutto im Monat. Ähnliche Gehälter erhalten katholische Pfarrer, auch bei ihnen gilt: Oft mit freier Dienstwohnung…

4. Kirchen verkaufen und umwandeln: Alles andere als ein Nebenthema
Der vielfältige mögliche Umgang mit „überflüssig“ gewordenen, also nicht mehr klassisch für Gottesdienste/Messen zu nutzenden Kirchen bzw. Gotteshäusern ist alles andere als ein kulturelles „Nebenthema“. Diese Frage gehört ins Zentrum der Debatten über die Umbrüche der Religionen und Kirchen in Europa heute. Man beachte immer dabei: Für Protestanten sind Kirchengebäude eben nur Gebäude genutzt für Gottesdienste usw., aber eben nicht wie bei Katholiken eher verehrungswürdige „Gotteshäuser“…
Über eine umfangreiche Foto – Dokumentation von verfallenen, allmählich nur noch als Ruinen wahrnehmbaren Kirchengebäuden in einigen Ländern Europas habe ich im Jahr 2020 eine Rezension geschrieben. LINK
Dabei wird deutlich: In Frankreich wurden schon im 19.Jahrhundert viele Gotteshäuser von der Kirche aufgegeben, weil einfach die Gläubigen nicht mehr gläubig waren und die Messe nicht mehr besuchten, man sehe sich dazu etwa im Département Yonne oder in anderen Gegenden Burgunds oder des Limousin (Guéret!) um…

5. Ästhetisches – religiöses Erleben angesichts von (umgewandelten) Kirchen
Heute gilt in Deutschland die allgemeine ästhetische Überzeugung: Kirchengebäude in unseren Städten und Dörfern als Ruinen wahrzunehmen, ist nicht förderlich für einen guten Gesamteindruck und nicht inspirierend für einen letzten Rest spirituell – christlicher Stimmung unter den Bürgern. Ein schönes Kirchengebäude in einer grauen Stadtlandschaft oder in einem sonst langweiligen Dorf in Brandenburg empfinden selbst Atheisten noch als ästhetische Bereicherung. Und selbst die Kirchenleitungen sind überzeugt: Wenn bei umgewandelten Kirchengebäuden wenigstens nach außen hin eine „christliche Aura“ durch die erhaltenen Kirchen – Fassaden, Außenmauern, bunten Fenster und den Glockenturm (mit noch immer läutenden Glocken), dann sind solche Umwandlungen ein Erfolg. Der protestantische Theologen und EKD – Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen definiert den klassischen Begriff für Gottesdienst, und dies ist der Begriff Liturgie, in einem sehr weiten Sinne: Er meint, Liturgie sei als Dienst auch im allgemeinen Menschlichen zu verstehen, nicht nur als explizite Gottes – Dienst – Veranstaltung (richtig „klassisch“). So kann seiner Meinung nach eine umgewandelte Kirche, etwa als Bibliothek, noch einen guten humanen Dienst leisten, also irgendwie dem Begriff Liturgie gerecht werden (Seite 118ff.) Claussen meint zudem sehr gewagt: „Wer an dem Kirchenbau vorbeigeht, entwickelt nicht selten so etwas wie alltägliche Liturgie. Man schaut hoch auf den Turm und seine Uhr, nimmt einen Glockenschlag wahr, lässt die Architektur für einen Augenblick auf sich wirken, erinnert sich kurz an hier Erlebtes, es kann sich dabei so etwas wie eine `Religion der Religionslosen?(Robert Musil) ereignen.“ (Seite 119). Ob sich dieses weltliche punktuelle und kurzfristige irgendwie spirituelle Liturgie – Erlebnis auch im Angesicht einer umgebauten Kirche sich ereignet, ist eine offene Frage: Zudem: Dieses kurze, irgendwie noch christlich geprägte Erleben angesichts eines umgewandelten Kirchengebäudes gilt sicher nur für Menschen, die diese Kirche einst von innen gesehen haben und vielleicht an einem Gottesdienst teilgenommen haben, aber diese alten Menschen sterben leider aus…

6. Zum Gottesdienst eine umgewandelte Kirche mieten
Das ziemlich umfangreiche neue Buch mit dem sehr provozierenden Titel „Leben statt Leere. Überlegungen und Anregungen zum Umgang mit unseren Kirchen“ ist auch deswegen wichtig, weil zu den AutorInnen keineswegs nur TheologInnen gehören, sondern vor allem SpezialistInnen für Baukultur und Stadtentwicklung, für Baudenkmäler, Fachleute fürs Stiftungswesen oder Gedenkstätten usw. Die 28 Essays handeln also von rechtlichen Problemen bei der „Nutzungserweiterung“ der Kirchen, beschreiben die Vielfalt neuer „Nutzungen“ der einst nur religiösen Kirchengebäude. Die gemeinsame Nutzung durch eine Kirchengemeinde wie auch durch „weltliche“ neue Nutzer scheint mir besonders wichtig zu sein. Nebenbei: In Amsterdam etwa mieten arm gewordene Kirchengemeinden am Sonntag ihre einstige Kirche für zwei Stunden, die sonst in ein Museum bzw. ein Kulturzentrum ist. In dem genannten Buch ist vor allem der Beitrag von Leona Lynen sehr inspirierend, wenn man konkrete, schon realisierte, vielleicht erfolgreiche Projekte kennenlernen will.

7. Die noch aktiven Kirchen sind meist leer
Der Titel des Buches „Leben statt Leere“ ist sehr provokativ: Er kann nämlich suggerieren: Einst, als die Kirchengebäude noch für Gottesdienste/Messen genutzt wurden, herrschte eigentlich Leere: Das ist sogar richtig, wenn man sich die Statistiken der Teilnahme am evangelischen Gottesdienst in einigen Städten und Dörfern anschaut: Da sitzen sonntags um 10 Uhr in vielen Gemeinden Berlins, Leipzigs, Hamburgs usw. nur einige wenige, ziemlich weit voneinander, in den Bänken. 3,3% der Protestanten in Deutschland setzen sich sonntags um 10 in die Kirche. Es gibt in Brandenburgs Dörfern beheizbare „Winterkirchen“ innerhalb der großen Kirchen. „Winterkirchen“ sind die Zimmerchen gleich am Eingang: Die dort aufgestellten 20 Stühle sind treffender Ausdruck der erwarteten TeilnehmerInnen von „Sonntags um 10 oder 11“. An der katholischen Sonntags – Messe nehmen im Erzbistum Berlin etwa noch etwa 8,5 % der Gläubigen teil. Aber auch hier gilt, zumindest in Berlin: Nach den Gottesdiensten werden die Kirchen verschlossen, weil auch kein „Freiwilliger“ mehr da ist, der „aufpasst“ und mögliche Diebe vertreibt. So stehen die großen Kirchen während der Woche also leer herum, die tatsächliche „Nutzungszeit” beträgt wahrscheinlich nur etwa 4 Stunden pro Woche, wenn man Orgelkonzerte, Taufen oder Trauungen zu den Gottesdiensten mitzählt. Gäbe es nicht die immer noch sehr gut „besuchten“ Heilig – Abend Gottesdienste, sähe die Jahres – Statistik zum Gottesdienstbesuch sehr düster aus.
Darum ist der Titel „Leben statt Leer“ treffend: Die vorhandenen Kirchengebäude stehen wirklich fast immer leer herum. Und selbst tagsüber offen gehaltene Kirchen stehen zu Zeiten leer, wo sie eigentlich genutzt werden könnten: Hier in Berlin – Schöneberg, wo ich lebe, sitzen sehr viele junge Leute an jedem Sommerabend auf Grünanlagen vor der Apostel -Paulus – Kirche, sie trinken und plaudern und lachen, eine Art kleine Oase. Die Kirche, schließt um 18 Uhr. Aber dann beginnt erst das turbulente Leben im unmittelbaren Umfeld der Kirche… In Paris habe ich einst so genannte „Nacht-Kirchen“ – offen meist am langen Wochenende- kennengelernt und für die ARD dokumentiert, wie die Kirchen St. Gervais, St. Severin, St.Leu usw… Sie waren bis über Mitternacht hinaus offen. Heute zwingt der „Vandalismus“ in den Kirchen zu früher Schließung… Vielleicht sind die Kirchen sogar ein ganz kleines Bißchen froh, weil sie heute keine ehrenamtlichen MitarbeiterInnen, „Aufsicht“, mehr haben. Damals waren die Gemeindepfarrer in ihren Nachtkirchen anwesend.

8. Viele schöne Fotos umgewandelter Kirchen
Das Buch „Leben statt Leere. Überlegungen und Anregungen zum Umgang mit alten Kirchen“ enthält auf 240 Seiten 28 Essays. Genauso wichtig aber ist: Das neue „Leben“ der Kirchen wird auf mindestens 60 ganzseitigen Farbfotos so anmutig und so schön präsentiert, dass man eigentlich denken kann: Prima, dass diese Kirchen nun keine expliziten Gotteshäuser mehr sind. Die umgebauten Kirchen sind jetzt sehr lebendige Häuser, etwa prächtige Buchhandlungen oder angenehme Kindergärten oder hübsche Theater oder gar nicht so bescheidene Kleiderkammern für Arme, auch die Jugendherbergen sind beachtlich, erstaunlich, dass einige Kirchenfenster und dezent erhaltenen Kreuze den Früstücksraum schmücken. Man möchte also meinen: Endlich haben diese einst grauen, selbst sonntags fast leeren und während der Woche fast immer verschlossenen Kirchen/Gotteshäuser eine sympathische, so menschliche, durchaus progressive Ausstattung erhalten… Und man wird Theologen fragen, ob sie diese Entwicklung ebenfalls sympathisch und entzückend finden können und – normativ betrachtet – finden dürfen.

9. Wer oder was ist schuld an den Kirchenschließungen?
Wer stellt eigentlich noch in kirchlichen und theologischen Kreisen die provozierende, aber sehr berechtigte Frage: Wer oder was ist eigentlich schuld daran, dass so viele Kirchen „überflüssig“ geworden sind? Soweit ich sehe, wird dieses Thema in dem Buch bedauerlicherweise nicht bearbeitet. Wer nach einer Antwort sucht: Man wird doch theologisch nicht im allgemeinen „die“ Säkularisierung oder „die“ Moderne dafür verantwortlich machen, dass nun so viele Kirchengebäude für die Kirchen selbst überflüssig geworden sind. Denn Tatsache ist: Beide Kirchen hatten und haben immer Jahresetats von vielen Milliarden Euro aus Kirchensteuereinnahmen. Der katholische Theologe Konstantin Manthey nennt in seinem Beitrag die Zahl von „fast zwei Millionen Kirchenangestellten“ heute (S. 125). Darf man fragen, was haben diese meist gut bezahlten Damen und Herren falsch gemacht, dass es zu einem solchen stetigen Kirchenaustritt von Millionen getaufter Christen kommen konnte und kann?

10. Die alte Dogmenwelt und die unverständlichen Gebete/Gesänge
Was würde ein sehr großes Wirtschaftsunternehmen tun, wenn es einen so miserablen „Erfolg“ erzielen würde wie die Kirchen, die Millionen Mitglieder verlieren, obwohl die finanzielle Ausstattung wirklich bestens war (und bis jetzt noch immer ist)? Aber der Rücktritt von Bischöfen oder EKD – Synodalen würde in dem Zusammenhang nicht mehr als richtiges Symbol eines „Schuldbekenntnisses“ sein. Aber die eigentliche „Schuld“ an der Misere der Kirchen ins Deutschland und Europa weist auf anderes, über das öffentlich, auch in der Theologie, kaum gesprochen wird: Es ist die nicht anders als aufgeblasen zu nennende uralte dogmatische Glaubenswelt der Kirchen; es sind die meist sehr altertümlichen Kirchen – Lieder und – Gesänge: Bezeichnenderweise haben die Katholische Bischöfe der Niederlande und Deutschlands fast all Lieder des niederländischen Theologen Huub Oosterhuis als Mess-Gesänge verboten. Diese Lieder sind aber wohl die einzigem, die ein denkender Christ heute noch singen kann.. Schuld sind auch die intellektuell kaum nachvollziehbaren Gebete und Fürbitten; die erstarrten Liturgien/Messen oder das „Trallala“ mancher Kindergottesdienste, all das hat den Abschied so vieler hundert tausend kritischer und denkender Menschen aus den Kirchen beschleunigt.
Wer hat als Teilnehmer der Messe nicht schon oft den Eindruck gehabt: Das ist doch alles immer der selbe Ritus, dieses reglementierte Auf und Ab von Hinknien, Aufstehen, Sitzen, standardisiert antworten auf standardisierte Aufforderungen und Gebete des Priesters. Und dann auch dies noch: Das Sprechen eher sinnloser Texte: Etwa vor dem Empfang der Kommunion (!) müssen die Gläubigen diese Worte sprechen: „Herr ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach“… Wo bitte ist denn „mein Dach“, unter dem ich die Kommunion nun erhalte und verzehre…. Antiquierte Redeweisen in den Messen bis heute: „Der Herr sei mit euch.“ „Und mit deinem Geiste…“ Wer sagt denn so was, muss Kirchensprache derart aus der Zeit fallen? Das ertragen die Leute einfach nicht mehr. Tausend Beispiele wären möglich, aber schon diese Hinweise zeigen: Sie haben sehr wohl mit den leeren Kirchen zu tun, mit den sich ständig leerenden Kirchen besser gesagt.
Das fehlt leider in dem Buch „Leben statt Leere“: Die ausgearbeitete selbstkritische Erkenntnis: Die Kirchen sind selbst schuld, dass sie jetzt auf ihren vielen überflüssig gewordenen Kirchengebäuden sitzen und diese dann abstoßen müssen.

11. Die fixierten Holzbänke aus den Kirchen endlich entfernen!
Ein weiterer Grund für die Leere der Kirchen, für die Abweisung kirchlicher Angeboten den alten Gotteshäusern: Diese Kirchen sind als Treffpunkte der Gemeinde schon von der Anordnung der Sitzgelegenheiten eine Katastrophe: Alle schauen nach vorn, meist auch nach oben, zum Altar, zu den unersetzlichen Priestern oder dem evangelischen Pfarrer, der manchmal noch in die Höhen der Kanzel zur 30 Minuten Predigt klettert. Und „alle“ schauen in die Höhe der Wahrheit … Noch wichtiger: Es sind diese wirklich widerlichen, fest verankerten Holzbänke, die nicht das geringste Gefühl von Kommunikation oder Wohlfühlen aufkommen lassen. Ich wage die These: Hätten die Gemeinden spätestens vor 50 Jahren die fest verankerten Holzbänke aus den Kirchen rausgeworfen und durch Stühle bzw. Sessel oder Polster oder bequeme Sofas ersetzt, Sachen also, die man auch in einen Kreis hätte stellen können zum Gottesdienst, dann hätte sich Kirche als sympathischer, einladender freundlicher Raum einer Gemeinde, einer „großen Familie“, bewiesen. Warum soll man das für die Menschen oft ungemütliche, weil kritisch – störende Evangelium Jesu von Nazareth nicht auf gemütlichen Stühlen verstehen können?

12. Die Kirchenführung zerstört die Idee „Kirchengemeinde in der Nachbarschaft“
Wenn sich die Kirchen jetzt und in naher Zukunft von vielen Kirchengebäuden trennen müssen, dann wird für die noch Interessierten – und das sind oft ältere Menschen – die bequeme Erreichbarkeit von Kirchen und Gemeindezentren fast unmöglich gemacht, es sei denn man nimmt lange Busfahrten in Kauf, um noch eine Kirche zu finden, in der die Messe gefeiert wird. Die gute und bequeme Erreichbarkeit von Kirchen und Gemeindezentren ist HEUTE um so dringender, wenn man an die vielfach dokumentierte Einsamkeit sehr vieler Menschen gerade in den großen Städten denkt: Wenn es denn offene, d.h.freundliche, wenig dogmatische Gemeinden gäbe, dann wären diese Gemeinden von hohem Wert gerade für „das seelisch wie politisch Beste einer Stadt“, nämlich die Pflege des Miteinanders. Aber alles wird gerade jetzt von den Kirchen selbst zerstört: Im Erzbistum Berlin etwa gilt das Konzept mit dem höchst fragwürdigen Motto: „Wo der Glaube Raum gewinnt“: Das bedeutet in Wahrheit: „Liebe (ältere, einsame) Gläubige gewöhnt euch an große weite Räume, wenn ihr noch eine katholische Kirche oder ein Gemeindehaus sucht. Kirchliche Nachbarschaft ist ab sofort ausgeschlossen.“
So sehr man auch in umgewandelten Kirchen und deren Bücherstuben oder Cafés oder Kleiderkammern über den Sinn des Lebens beiläufig reden kann: Eigentlich sollten Kirchengemeinden Orte der qualifizierten, freien und offenen Sinnsuche sein, der Frage nach dem Sinn des Lebens, Liebens und Arbeitens, der ungerechten Gesellschaft und der Klimakatastrophe, der Frage nach dem Sinn von Leiden, Sterben und Tod. Sicher haben die Kirchengemeinden gar nicht mehr dieses qualifizierte Person für Gespräche über diese auch therapeutischen Fragen… , insofern ist wohl realistisch, wenn die Kirchen mangels qualifizierten Personals ihre Kirchen verkaufen und „umwandeln“.

13.
Obwohl die vielfältigen Formen der Umwandlung von „überflüssigen“ Kirchen beide großen Konfessionen betrifft, beziehen sich in dem Buch, soweit ich sehe, nur drei katholische AutorInnen auf entsprechende Erfahrungen und Einsichten ihrer Kirche. Dabei ist klar: An einer ökumenischen Zusammenarbeit bei Verkauf und Umwandlung der Kirchen via Internet oder Ebay mangelt es immer noch, berichtete kürzlich (September 2025) das genannte „Plus- Minus“ Magazin der ARD.

14. Erzbischöfe in Berlin setzen auf teure Repräsentativ -Kirchen.
Wir wollen hier nur auf den Beitrag des katholischen Theologen und Kunsthistorikers Konstantin Manthey, Berlin, hinweisen. Er spricht erstaunlich kritisch über das Verhalten der Kirchen, also auch der katholischen Kirche, zu unserem Thema, er spricht von „Schockstarre“ und von der Obsession der „Besitzstandswahrung“.
Sehr wichtig ist der Hinweis Mantheys: Es werden in Berlin keine neuen Kirchen oder wenigstens kleine Gemeindezentren gebaut in Berlins 23 (sic) neuen Stadtquartieren mit vielen tausend Bewohnern: „Nirgendwo ist dort bisher ein kirchlicher Ort vorgesehen, ein christlicher Raum für Zusammensein und ähnliches…“ (S. 127).

15.
Ist wirklich kein Geld da, um wenigstens einige kleine religiöse oder theologische Salons anzumieten als Treffpunkte für religiös Interessierte, die es ja sicher auch in den neuen Stadtquartieren geben wird?
Tatsache ist: Geld haben die Kirchen heute noch sehr reichlich, das lässt sich etwa am Beispiel des Erzbistums Berlin: Das wird allerdings von Konstantin Manthey nicht dokumentiert: Die Rede muss also sein über die vielen Millionen Euro, die für die – eigentlich unnötige – Total- Renovierung der St. Hedwigskathedrale ausgegeben wurden: „Mit 44,2 Millionen Euro wurden die 2016 prognostizierten Gesamtkosten für den Umbau der Bischofskirche nur um rund 4 Millionen Euro überschritten“, heißt es im Erzbistum. Konkret: Zwölf Millionen Euro kamen vom Bund und acht Millionen Euro vom Land Berlin für den Umbau der Kathedrale, 28 Millionen Euro muss also die Kirche selbst bezahlen. Und zum Neubau des Bischofshauses und eines Kirchenzentrums, direkt neben der Kathedrale, „Bernhard Lichtenberg Haus“ genannt: „Hier waren zu Beginn 17 Millionen Euro veranschlagt worden, inzwischen rechnet das Erzbistum jedoch mit nahezu verdoppelten Kosten von 33,8 Millionen Euro – für die das Hauptstadtbistum zudem allein aufkommen muss.“ Quelle: LINK.

Schon 2024 hatte der “Tagesspiegel”  nachgewiesen: In Berlin ist der Bodenbesitz aller religiösen Gemeinschaften laut Liegenschaftsplan  mit 1.206 Hektar anzugeben. Das sind 1,3% der Stadtfläche, der evangelischen und katholischen Kirche gehört der größte Teil der Liegenschaften, wie der “Tagesspiegel” erneut am 1.10.2025, Seite 4 im Berlin – Heft berichtet. 1.206 Hektar sind etwa 12 Quadratkilometer im Besitz der Religionen, der Kirchen. Der Vatikan-Staaat hat 0,44 Quadratkilometer Fläche, der Berliner Bezirk Schöneberg 12,2 Quadtratkilometer.

16. In den Wohnbezirken verschwinden katholische Gemeinden
Die angeblich arme katholische Kirche Berlin setzt also auf Repräsentativ-Bauten in der Innenstadt, interessant für Touristen vor allem, die „Unter den Linden“ flankieren oder zum Humboldt – Forum eilen… Um an das nötige Geld zu kommen, werden von den Erzbischöfen Berlins Gemeindezentren und Kirchen in den dicht bewohnten Bezirken aufgegeben oder verkauft, wie etwa nun die Gemeinde mit großer Kirche im „Katharinenstft” (mit einem Kloster der Herz – Jesu – Priester) in Prenzlauer Berg.Über den Verkauf des Katharinenstiftes, auf einem „Filetgrundstück“, hat der Journalist Patrick Pohl am 14.7.2025 auf seiner website berichtet. Oder: Die St. Albertus Magnus Kirche im bevölkerungsreichen Wilmersdorf: „Die 61 Jahre alte St. Albertus-Magnus Kirche in Wilmersdorf/Halensee wurde schon im November 2023 geschlossen, von einer neuen Nutzung ist noch immer nichts zu sehen, Quelle: „Tagesspiegel“ am 8.9.2025. Alsbald wird wohl die St. Kamillus Kirche in Charlottenburg mit einem integrierten „Altenheim“ verkauft.
Mit anderen Worten: Die Kirchenleitung nimmt den Menschen die nahe Erreichbarkeit ihrer altvertrauten Gotteshäuser und Gemeindezentren zugunsten von Millionen teuren Renovierungen und Neubauten von Repräsentativgebäuden. Die Kirche will offenbar noch groß und mächtig und modern nach außen erscheinen…
Wie viele Kirchen ließen Berlins katholische Bischöfe schon abreißen oder verkaufen? Wir nennen nur: St. Raphael in Gatow, Bezirk Spandau), St. Agnes in Kreuzberg., St. Johannes Capistran Tempelhof. Erstaunlich, dass der in der Katholischen Akademie Berlin angestellte Theologe Konstantin Manthey von all den genannten Zusammenhängen keine Silbe verliert.

Auch im Bistum Dresden – Meißen setzen die Kirchenoberen auf repräsentative Bauten: Ca. 19.000 Katholiken sind zwischen 2014 und 2024 dort aus der Kirche ausgetreten, die Zahl der Katholiken im Bistum Sachsens beträgt noch 128.000. Trotzdem die Kirchenführung baut für 49 Millionen Euro einen riesigen kirchlichen Verwaltungsneubau in Dresden, Eröffnung 2025. LINK 

Nebenbei: Es gibt inzwischen bei wikipedia einen eigenen Beitrag über die vielen „profanierten Kirchen“ im Erzbistum Berlin: LINK

17. Wann werden in Deutschland Kirchen in Moscheen umgewandelt?
Eine eigentlich dringende Frage wird überhaupt nicht öffentlich erörtert, weder in dem genannten Buch noch in anderen Publikationen oder etwa in Akademieveranstaltungen. Die Frage ist: Warum werden leerstehende Kirchen nicht muslimischen Vereinen zum Umbau als Moschee angeboten? Man könnte auch denken. Warum nicht auch jüdischen Gemeinden zum Umbau in eine Synagoge. Aber für Neubauten von Synagogen ist ja gut gesorgt.
Warum also keine zu Moscheen umgewandelten Kirchen? Man muss als Antwort nicht lange spekulieren: Weil Muslime in Deutschland immer noch unter einem ungerechten Generalverdacht des Radikalen stehen. Weil „der Islam nicht zu Deutschland gehört”, wie einzelne CSU Politiker (wie Horst Seehofer, 2018 und zuvor schon der CDU Ministerpräsident Sachsens Stanislaw Tillich schon im Januar 2015 in einem Interview mit „Die Welt“) sagten: LINK https://religionsphilosophischer-salon.de/6160_der-islam-gehoert-nicht-zu-deutschland-wenn-das-logische-denken-versagt_denkbar
Diese pauschalen und dummen Sprüche „Der Islam gehört nicht zu Europa“ war und ist wohl die beste Werbung einiger CDU CSU Politiker für die AFD…

18. In Amsterdam: Von der St. Ignatius Kirche zur Moschee
Ich kenne nur ein Beispiel dafür, dass tatsächlich einmal eine katholische Kirche in eine Moschee verwandelt wurde. Das hat sich im toleranten Amsterdam ereignet: 1971 haben die Jesuiten an der Rozengracht 150, ganz in der Nähe des Anne – Frank – Hauses, ihre St. Ignatiuskirche aufgegeben müssen: Dann geschah ein interessantes Intermezzo: Die Kirche wurde kurzfristig in einen Teppich-Laden umgewandelt und erst danach, im Jahr 1981, von der Islamischen Stiftung Fatih (Islamitische Stichting Nederland Fatih Amsterdam) erworben und als Moschee eingerichtet. Ein unmittelbarer Übergang von Kirche zu Moschee war selbst in Holland wohl „zu viel des Guten“. Dabei reden doch viele christliche Theologen eigentlich ständig von der Gemeinschaft der drei monotheistischen Religionen, aber man belässt es lieber im unverbindlichen akademischen Milieu. Seit 1981 trägt die auch von außen noch wahrnehmbar ehemalige Kirche also offiziell den Namen „Fatih-Moschee“. Die Leistung der Moschee dort hat mir selbstverständlich Filmaufnahmen für meine Dokumentation fürs Erste über die Religionen in Amsterdam gestattet. LINK

19. Kirchen werden den Buddhisten oder Humanisten überlassen.
Wenn es den Kirchen ernst ist mit einem umfassenden ökumenischen und interreligiösen Dialog: Warum bieten sie ihre überflüssigen Gotteshäuser nicht auch Buddhisten an, warum nicht auch dem „Humanistischen Verband“, der ja bekanntlich gute Sozialarbeit leistet? Aber schon diese unsere Frage werden „kirchenleitende Herrschaften“ als utopisch zurückweisen. Nebenbei: Wie viele Kirchen wurden an fundamentalistische „freie charismatische Gemeinden“ verkauft? Diese sind bekanntlich in ihrer Lehre gefährlich, “nur” für die seelische Gesundheit der “Gläubigen”??? Man schaue sich heute diese machtvollen, z. T gewalttätigen fundamentalistisch – evangelikalen Kreise in den USA des Mister Trump an….

Zur weiteren Information siehe auch die website Aktion Kirchenabriss: https://www.moderne-regional.de/listing-category/hashtag-kirchenabriss/

Das genannte Buch „Leben statt Leere. Überlegungen und Anregungen zum Umgang mit unseren Kirchen“ wurde u.a von Klaus -Martin Bresgott und Johann Hinrich Claussen herausgegeben. Das Buch ist über Kulturbüro der EKD zu beziehen: Kulturbüro des Rates der EKD, Auguststraße 80, D-10117 Berlin, https://ekd-kultur.de/. kultur@ekd.de

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

 

Religiöse Giftmischer heute

Friedrich Nietzsche über die Propagandisten „überirdischer Hoffnungen“ – aktuell interpretiert

Ein Hinweis von Christian Modehn am 4.9.2025

1.
Das Wort „Giftmischer“ werden sich Religionskritiker und Verteidiger von Demokratie und Menschenrechten einprägen, selbst wenn es von Friedrich Nietzsche stammt: In der Vorrede seines Buches „Also sprach Zarathustra“ (§ 3) lässt Nietzsche seinen Zarathustra sagen: „Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu (von Nietzsche kursiv) und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind sie, ob sie es wissen oder nicht.“

2.
Man muss kein Fan der literarischen und philosophischen Arbeiten Nietzsches sein, ich bin es auch nicht, um dem Begriff „Giftmischer” dann doch sehr treffend zu finden als Beschreibung der entscheidenden Qualität der Propagandisten „überirdischer Hoffnungen“. Dabei weiß ich, dass dieses Wort Nietzsche in seine Erörterung des „Übermenschen“ gestellt hat. Aber, ich meine, eine aktuelles Verstehen von Nietzsches Aussage kann diesen Satz aus dem ursprünglichen Kontext lösen und ihn wie einen allgemein gültigen Aphorismus betrachten. Nietzsche liebte ja sehr Aphorismen oder kurze Essays. Es ist aktuell erhellend, einzelne Worte dieser These Nietzsches näher zu betrachten.

3.
Die Propagandisten reden von „überirdischen Hoffnungen“. Dabei muss man heute nicht automatisch an religiöse oder metaphysisch begründete Hoffnungen auf ein Jenseits denken. „Überirdische Hoffnungen” sind auch die von rechten und rechtsextremen Ideologen und ihrer Parteien angezielten rückwärts gewandten Utopien, sie rühmen die Abschaffung der Demokratie und der universell geltenden Menschenrechte. Sie propagieren auch Dystopie, negative, erschreckende Zukunftsvorstellungen.

4.
Wer diese rechtsextremen Propagandisten falscher Hoffnung bekämpft und hoffentlich überwindet, der „bleibt der Erde treu“: Unsere aktuelle Nietzsche Interpretation – sozusagen gegen den Strich gebürstet, um es populär auszusagen – meint also: „Der Erde treu bleiben“ heißt: Der Welt der Menschen und der ganzen Natur mit ihrer Schönheiten und ihren Gefährdungen, dieser Welt also mit ihren Sinn stiftenden Erfahrungen und ihren menschengemachten Katastrophen verbunden bleiben, das ist: “Unserer „Erde treu bleiben.“ Und eben nicht in zerstörerischen Dystopie versinken. Die Sorge um Natur, Umwelt, Ökologie, Gerechtigkeit muss als ein “kategorischer Imperativ” angenommen werden. In diese Gedanken kann also eine ungewöhnliche, aber heute mögliche Nietzsche – Interpretation führen.

5.
Am wichtigsten ist das Urteil Nietzsches über diese Propagandisten „überirdischer Hoffnungen“: Nietzsche nennt sie sehr treffend Giftmischer. Jeder demokratisch denkende Mensch weiß heute, wo diese Giftmischer ihre Herrschaft ausüben: Und jeder und jede wird Beispiele nennen, Namen nennen: Ich denke etwa an den Patriarchen Kyrill von Moskau, er ist der russisch – orthodoxe Chefideologe Putins und heftigster Propagandist des Angriffskrieges gegen die Ukraine. Den gefallenen russischen Soldaten versprach er bezeichnenderweise den sofortigen Eintritt ins Himmelreich. Mehr „Giftmischung“ geht gar nicht. Wir haben etliche kritische Hinweise zum Putin Freund Patriarch Kyrill publiziert: LINK.

6.
Wo sind die Giftmischer in Deutschland heute? In der Lügenpropaganda der nachgewiesen in weiten Teilen rechtsextremen Partei AFD wird man fündig. Oder in konservativen Kreisen der sich christlich nennenden Parteien, die einen wahrlichen Kulturkampf einleiteten, etwa als es um die Wahl der Juristin Frauke Brosius – Gersdorf ins Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ging…. diese CDU Kreise haben ihren Kulturkampf erfolgreich bestanden…

7.
In Frankreich versuchen extrem konservative katholische Milliardäre mit ihren Massenmedien die Linie der katholischen Kirche Frankreich zu bestimmen, wir haben auf dieses in Deutschland kaum beachtete Phänomen hingewiesen: LINK.

8.
Wo sind die Giftmischer in den USA und im Umfeld des Trump – Regimes: Neben Trump und im finanzkräftigsten Hintergrund agieren Drahtzieher gegen die Demokratie und die universell geltenden Menschenrechte. Diese Giftmischer stammen vor allem aus verschiedenen Kirchen, vor allem aus evangelikalen Kreisen und aus dem finanzkräftigen reaktionären katholischen Milieu. Sie betreiben die Verfolgung von Minderheiten, von Immigranten und Homosexuellen und Transgender, „people of colour“, Flüchtlinge usw. werden schon deportiert; die Meinungsfreiheit eingeschränkt: Diese religiösen Giftmischer haben nicht nur die die Mentalitäten vergiftet, sie zerstören mit ihrem Gift Staat und Gesellschaft.

9.
Wo sind die Giftmischer in der katholischen Kirche in den USA zu suchen? Etwa in den weitgehend geheim agierenden internationalen katholischen Organisationen: Auch in den USA ist das Opus Dei eng mit den finanzkräftigen Freunden Trump verbunden. Die Theologin Prof. Hille Haker (Loyola University in Chicago) schreibt in der empfehlenswerten Zeitsxchrift “PUBLIK FORUM” (5.9.2025): „Die juristische Vereinigung `Federalist Society` wurde vom Juristen Leonard Leo gegründet, diese Gruppe ist nicht nur eine Richterschmiede, sondern auch ein Motor für die Ernennung von Richtern auf Lebenszeit. Leonhard Leo beeinflusst seit vielen Jahren das Rechtssystem. Bei ihm laufen die Fäden zusammen, und er spinnt ständig neue. Fast 30 Prozent der von Trump ernannten Richterinnen und Richter und die Wahl von drei Obersten Verfassungsrichtern gehen auf die Vorschläge der „Federalist Society“ zurück. Leonhard Leo ist nicht nur gut mit der `Koch Foundation` vernetzt, sondern auch mit dem Opus Dei, für dessen Catholic Information Center er im Vorstand sitzt. Vizepräsident Vance unterhält gute Beziehungen zu ihm. Leonhard Leos Einfluss auf die katholisch geprägte Politik und den Umbau der staatlichen Institutionen kann nicht überschätzt werden. Mithilfe der milliardenschweren Spende eines Unternehmers an ihn persönlich baut Leonhard Leo nun ein neues Netzwerk auf: »Teneo« heißt es, es soll, wie er selbst sagt, den liberalen Einfluss überall zurückdrängen: in den Medien, den Universitäten, der Unterhaltungsindustrie, im Sport und in der Politik. So wird die antiliberale, christlich-moralische Auslegung der amerikanischen Verfassung vorangetrieben und darüber hinaus die Demokratie in eine Theoautokratie verwandelt.“ LINK 

10.

Nietzsche fügt seinem Satz über die religiösen Giftmischer unmittelbar sehr Wichtiges hinzu: „Verächter des Lebens sind die Giftmischer, Absterbende und selbst Vergiftete, deren die Erde müde ist: ob sie es wissen oder nicht.“
Eine Hoffnung also formuliert hier Nietzsche: Trostvoll für Demokraten und Verteidiger der universell geltenden Menschenrechte: Diese religiösen Giftmischer sind selbst schon vergiftet von ihrem eigenen Gift. Aber für uns sind die letzten Worte Nietzsches hier leider nicht mehr als ein Wunsch.  Wollen wir hoffen, dass in diesem Falle Nietzsche recht hat.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Edvard Munch in Chemnitz: Die Angst wahrnehmen, ausdrücken! Und überwinden?

Über den großartigen Katalog zur Munch Ausstellung in Chemnitz
Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.8.2025

1.
Es ist sehr treffend, dass ausgerechnet in Chemnitz, Sachsen, eine große und bedeutende Ausstellung über ANGST gestaltet wird; sie ist bis zum 2. November 2025 in den „Kunstsammlungen Chemnitz“, Theaterplatz 1, zu besichtigen. Chemnitz hat das große Glück, 2025 eine „Kulturhauptstadt Europas“ zu sein. Und der Höhepunkt ist zweifellos die große Präsentation von etwa 90 Arbeiten des norwegischen Malers Edvard Munch, etwa 50 weitere Werke heutiger Künstler führen die Erfahrungen der ANGST über Munch hinaus … und ins Nachdenken.

2.
Es ist irgendwie auch ein merkwürdiges Zusammentreffen, dass DER moderne Maler der Angst, Edvard Munch, einige Zeit (1905 und 1926) in Chemnitz lebte. Und Tatsache ist auch, dass die Menschen in Chemnitz – wie überall auf unterschiedliche Weise – spezielle Erfahrungen mit Angst haben: Im „realen Sozialismus“ der DDR die Angst der Opposition vor der Stasi. Und dies in einer Stadt, die 1953 nach Karl Marx benannt wurde, mit der monumentalen Marx-Büste bis heute im Zentrum der nun wieder Chemnitz genannten Stadt. Karl Marx hat übrigens, wissenschaftlich erwiesen, mit der Stasi (oder dem KGB) so wenig zu tun wie die Ketzerverfolgung der Kirchen mit dem Evangelium Jesu von Nazareth.

3.
Seit einigen Jahren, nach der so genanten Wende, haben demokratisch gesinnte Chemnitzer eine ganz andere Angst, Angst vor den Aggressionen der verschiedenen rechtsextremen und rassistischen Parteien, wie der AFD: Sie gilt in Sachsen ganz offiziell als „gesichert rechtsextrem“, sie kann aber weiter Demokratie zerstören…Wird aus der Wende von 1989 die Wende Richtung 1933? Dies auch in Chemnitz eine begründete Angst. Die Erinnerung an die gewalttätigen Ausschreitungen der Rechtsextremen im Herbst 2018 in Chemnitz sind hoffentlich noch allen im Gedächtnis. Ebenso wichtig aber auch der bis heute lebhafte Widerstand von Basisgruppen der mehrheitlich noch demokratisch gesinnten Bürger von Chemnitz gegen die Rechtsextremen.

4.
Erst wer diese Zusammenhänge wahrnimmt, kann seine Freude ausdrücken, dass nun, 2025, Edvard Munch nach Chemnitz zurückgekehrt ist mit 90 seiner wichtigen Werke. Wer die Ausstellung in Chemnitz nicht besuchen kann, sollte den großartigen Katalog zur Ausstellung (erschienen im Hirmer – Verlag) studieren, die Bilder betrachten und sich vor allem von den Autoren der sechs erhellenden Essays zu der Frage anregen lassen: Warum können gerade Edvard Munchs Gemälde, seine Graphiken, den Umgang mit Angst inspirieren und vielleicht aus der Angst herausführen?

5.
Zweifellos ist Edvard Munch einer der wichtigsten Maler der Moderne. Und einige seiner Arbeiten , vor allem „Der Schrei“, (1893), gehören geradezu zum „kulturellen Gedächtnis“ sehr vieler Menschen. Angst, Einsamkeit, Verlorenheit sind die Stichworte der eigenen Lebenserfahrungen, die Munch zum Ausdruck bringt. Diana Kopra betont in ihrem Beitrag: dass die Angst im Werk von Edvard Munch stets zugegen“ sei (S. 172). Und dass Munch wesentliche Bedeutung heute darin besteht, „das existentielle Zittern der Angst ausgehalten zu haben.“ Munch sagt: „Ich male nicht, was ich sehe, sondern was ich gesehen habe“ (in dem genannten Buch S. 161), also was er selbst im Leiden seiner Seele „gesehen“ hat. Und Munch ist überzeugt: Die Darstellung der ANGST ist nicht nur die Darstellung seiner eigenen ANGST, sondern sie berührt alle Menschen – in ihrer jeweiligen Lebensangst. In den 1930 Jahren sagt er: „In meiner Kunst habe ich versucht, mir das Leben und seinen Sinn zu erklären. Ich hatte auch die Absicht, anderen zu helfen, ihr eigenes Leben zu verstehen“ (zit. S. 161).

6.
Wir weisen auf den Beitrag des Psychoanalytikers und Psychiaters Borwin Bandelow hin, er hat seinem Essay den Titel gegeben: „Edvard Munch – die Angst des Genies“. Zwei wichtige Zitate:. „Seine Kunst ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Schmerz und Angst als Quelle von Kreativität genutzt werden können.“ „Nicht trotz, sondern wegen seiner zerbrechlichen Seele gilt Munch als einer der bedeutendsten Maler in die Geschichte“ (S.26).

7.
Edvard Munch war kein politischer Künstler! Seine Arbeiten zeigen in die Seele und ihre Ängste. Sind sie deswegen heute, für Chemnitz und andere Städte, Regionen, mit starker Präsenz rechtsextremer Menschen und deren Parteien, eher irrelevant? Wir meinen: Sicher nicht: Denn Munch fordert Menschen auf, die seine Kunst betrachten und nicht nur flüchtig mal hinsehen, die zerrissene und kranke Welt der eigenen Gedanken und der eigenen Seele wahrzunehmen. Und diese Situation anzuerkennen. Dann kann eine Heilung geschehen, auch eine Heilung der irrigen rechtsextremen Bindungen.
8.
Werden die rassistischen und rechtsextremen Menschen und ihre Parteien in Chemnitz und anderswo diese ihre eigene seelische Zerrissenheit und Krankheit erkennen und anerkennen und mit Hilfe von Psychotherapie bearbeiten und möglicherweise heilen? Werden diese rechtsextremen Menschen überhaupt die Kunst Edvard Munch in Chemnitz betrachten und wahrnehmen? Offene Fragen! Genauso wie die Frage: Werden die auf andere Weise von Angst geplagten demokratischen Bürger Inspirationen von Edvard Munch erhalten? Machen Munch Arbeiten Mut zum Leben, Mut zum Kämpfen für die Menschenrechte, die Demokratie? Vielleicht auch nur in der Hinsicht: Die eigenen Ängste anzunehmen und dabei, in aller reflektierten Schwäche, TROTZDEM Ja zu einem menschenwürdigen Leben für alle in einer Demokratie zu sagen… auch wenn die Feinde dieser Demokratie so stark sind und sich weigern, in eine heilende Psychotherapie ihrer verirrten Seelen einzutreten. Erst wenn auch Rechtsextreme erkennen, dass sie seelisch und geistig krank sind und Therapien brauchen, kann Demokratie gelingen. Das heißt ja nicht, dass alle, die sich in Europa Demokraten nennen (oder “Republikaner” in den USA) seelisch und geistig gesund, geschweige denn vernünftig  sind…

9.
Der ausgezeichnete Katalog bietet alle Essays auf Deutsch und auf Englisch, er hat 336 Seiten mit 170 Abbildungen in Farbe sowie eine Liste der in Chemnitz ausgestellten Werke, zudem bietet das Buch eine ausführliche Daten – Biographie zu Edvard Munch (und einen biographischen Essay).

Der Katalog zur Ausstellung:
”Edvard Munch – Angst”
: Herausgegeben von Kerstin Drechsel, Diana Kopka, Florence Thurmes, Hirmer Verlag
, 336 Seiten, 170 Abbildungen in Farbe
, Klappenbroschur, 50 Euro.

Über die MUNCH -Ausstellung in Berlin, siehe unseren Hinweis: LINK 

Über Edvard Munch, seine Spiritualität und die norweglische Staatskirche, siehe unseren Hinweis: LINK 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Wenn rechtsextreme katholische Milliardäre kirchliches Leben bestimmen …

Ein Hinweis zur aktuellen politisch – religiösen Entwicklung in Frankreich
Von Christian Modehn am 13.8.2025

1.
Zwei reaktionäre, rechtsradikale und libertäre Milliardäre versuchen mit ihrem sehr reichlichen Geld, mit ihren entsprechenden Netzwerken und Auftritten in den “Social-Media” das Leben der katholischen Kirche in Frankreich zu prägen und für die Zukunft zu bestimmen. Die ersten erfolgreichen Schritte dieser Herren werden wissenschaftlich dokumentiert. Wichtig ist: Diese Milliardäre unterstützen die immer stärker werdende rechtsextreme Partei „Rassemblement National“ (Le Pen). Und ihre geförderten kirchlichen Projekte sind mindestens „rechtsextrem affin“. Ein Ende dieser gefährlichen Entwicklung ist kaum absehbar: „Der Katholizismus in Frankreich ist dabei, sich neu neu zu ordnen rund um die großen Mäzene.“, schreibt die immer um Objektivität bemühte katholische Tageszeitung „La Croix“., Paris am 11. Juni 2025.

2.
Selbst die immer unbedeutender und kleiner werdende katholische Kirche in Frankreich braucht Geld. Sie überlebt seit 1905 („Trennung von Kirchen und Staat) ohnehin nur von Spenden der „Kirch-Gänger“ und paradoxerweise auch von der finanziellen Unterstützung des Staates: Die manchmal in Deutschland noch „laizistisch genannte“ Republik zahlt einen Großteil des Erhaltes derjenigen Kirchengebäude, die vor 1905 gebaut wurden. Und die „République laique“ (das bedeutet nicht: laizistisch!) unterstützt seit Jahrzehnten mit Milliarden die in katholischer Sicht immer noch so wichtigen katholischen Privatschulen. Offenbar erwarten der Staat und seine Politiker, dass dort die Kinder aus „gutem Hause“ eine entsprechende und durchaus privilegierte Ausbildung erhalten. Den Unterricht in der sehr turbulenten Banlieue mit den vielen Armen und Ausländern überlassen Kirche wie Staat gern den „öffentlichen Schulen“. (Fußnote 1)… aber dies ist ein anderes Thema.

3.
Wir legen hier Fakten vor, die in der demokratischen Presse Frankreichs seit einigen Monaten dokumentiert werden, vor allem beziehen wir uns auf einen wichtigen Aufsatz des Soziologen Pierre Louis Choquet in der Kulturzeitschrift Zeitschrift ESPRIT (Paris), man fragt sich, warum solche wichtigen erhellenden Aufsätze nicht auf Deutsch erscheinen.  (Fußnote 2).

4.
Es geht hier um zwei reaktionär- katholische Milliardären mit starker Bindung an rechtsextreme Parteien und rechtsextremes Denken.
Über den in Frankreich so genannten „Medien – Zaren“ Vincent Bolloré haben wir auf dieser website schon ausführlicher berichtet. LINK.
Zur Erinnerung: Durch sein breites vielfältiges Medien – Imperium von Paris -Match, über den Radiosender Europe 1, die Sonntagszeitung Journal du Dimanche bis zu seinem Fernsehsender CNews verbreitet er auch seine eigene, sehr konservative Theologie. Wenig informierte Leser und Zuschauer werden verführt zu denken: Was Herr Bolloré da an Katholizismus präsentiert, sei DER katholische Glaube.

5.
In der französischen, noch demokratischen Presse wird seit einigen Monaten vermehrt auch auf den katholischen Unternehmer Pierre-Eduard Stérin hingewiesen. Er ist Milliardär, „Libertarien“, wie man in Frankreich „Libertäre“ nennt (der argentinische Staatspräsident Milei ist libertär, auch sehr viele Herrschaften aus der Trump – Clique in den USA sind es). Dabei hat Stérin auch enge Verbindung zur rechtsextremen Partei „Rassemblement National“. Der Soziologe Pierre Louis Choquet schreibt in dem schon genannten Beitrag von „Esprit“: „Sterin will die extreme Rechte unterstützen in ihrem Kampf um die Macht etwa durch sein ideologisch – umfassendes Projekt `Péricles`. (Zu Péricles Fußnote3). Der Unternehmer verbirgt nicht seine Feinschaft gegenüber den Flüchtlingen, und er zögert nicht zu erklären: Flüchtlinge aufzunehmen nützt nichts“ (Übersetzung CM).
Was etlichen noch wachen und kritischen Katholiken Sorgen macht, ist die – natürlich bischöflich – gar nicht kontrollierbare – Auswahl der Wohltätigkeit Stérins für konservative katholische Institutionen: Wer spendet, kann spenden, wem und für was er will, das gilt noch überall. Es sind bei Stérin etwa Häuser für schwangere Frauen in Not (Titel „La Maison de Louise“), für den Erhalt von Heiligenfiguren in der Öffentlichkeit („Calvaires“) oder kleiner Dorfkirchen auf dem Lande.
Zu der großen Menge seines Geldes ist Stérin durch die Restaurant – Reservierungs – Website „La Fourchette“ gekommen oder durch seine „SmartBox“, eine Art Geschenk-Tasche. Er steht jetzt an der Spitze eines Investmentfonds, der ein Vermögen von einer Milliarde 300 Millionen verwaltet. Sein Vermögen hat er einem „Stiftung – Fonds des Gemeinwohls“ übertragen. 80 bis 120 Millionen Euro aus seinem Gewinn spendet er pro Jahr für Projekte – seiner politisch-katholischen Wahl – immer für „das Gemeinwohl“, wie er sagt. Stérin wird in diesem Herbst auch aus eigener Initiative eine katholische Privatschule nur für Jungen eröffnen, ganz seinem konservativen pädagogischen Konzept entsprechend.

Die viel beachtete, kirchenunabhängige französische Internetzeitschrift “Streetpress” hat am 6.3.2025 einen Beitrag veröffentlicht mit dem Titel “Wie der Milliardär der extremen Rechten Stérin die Websites katholisch – reaktionärer Influencer überschwemmt”, Autor ist Nicolas Sonnet. LINK Er weist auf das weite Netzwerk Sterins hin, erinnert an die von ihm organisierten “Nächte der Influencer” im offiziell katholischen “Collège des Bernardins” in Paris (eine Art “Katholische Akademie”). Schon mehrere solcher “Nächte” der wechselseitigen Unterstützung katholischer Rechtsextremer gab es schon, “um gemeinsam mehr zu erreichen in der Evangelisierung”, im Sinne der genannten Herren. Der Einfuß Stérins reicht bis in die Ordensgemeinschaften: Der junge Dominikaner Paul André d Hardemare ist ein äußerst erfolgreicher Prediger in den Sozialen Medien, er ließ sich einige Zeit lang von Stérin finanzieren, nimmt auch an den Wallfahrten der reaktionären Katholiken nach Chartres teil. “Jedes Jahr organisiert Stérin auch die “Nächte des Gemeinwohls”, dies sind Abende der “caritativen Versteigerungen” nach us-amerikanischer Art, dabei kommen viele führende Industrielle (“Patrons”) zusammen, ebenso die alte Aristokratie, Aktivisten katholoischer  Hilsvereine sowie Politiker aus rechten und rechtsextremen Parteien. Mit dem Ziel: Vereine zu finanzieren, die sich in der Galaxiedes Konservativen bewegen.”

Ergänzung am 23.9.2025: Stérin ist am “Institut Catholique”, einer katholischen Universität in Angers, gescheitert, berichtet die Tageszeitung Libération (Paris) am 23.9.2025:

Mise sous pression par ses étudiants, l’Université catholique de l’Ouest renonce au mécénat de Pierre-Edouard Stérin

A peine installé, déjà prié de plier bagage : l’Université catholique de l’Ouest a coupé les ponts avec Pierre-Edouard Stérin. Le milliardaire d’extrême droite, qui rêvait de faire du campus angevin son terrain de jeu idéologique, se voit renvoyé à ses chéquiers et ses acronymes grandiloquents, grâce à la mobilisation des étudiants.

 

Und auch von einer Finanzkrise des Milliardärs Stérin berichtet “Libération” am 23.9.2025.

Pierre-Edouard Stérin à court de cash : ses projets vers la casse ?

Il était censé faire gagner la droite et (surtout) l’extrême droite à coups de millions déversés dans son projet Périclès, sorte d’incubateur faf de start-ups, think-tanks et autres influenceurs identitaires. Manque de pot, le milliardaire exilé fiscal Pierre-Edouard Stérin traverse une mauvaise passe financière : son fonds d’investissement Otium a raté plusieurs ventes et manque cruellement de cash. Résultat : l’argent ne ruisselle plus, ou presque, dans les poches d’acteurs de la mouvance, qui l’ont pris, un peu trop vite, pour la poule aux œufs d’or.

………………….

6.
Für die katholische Kirche in Frankreich ist die überdimensionale Spendelust der reaktionären Katholiken eigentlich ein großes Problem.
Denn die Kirche in Frankreich kämpft tatsächlich um ihr spirituelles wie damit zusammenhängend um ihr materielles Überleben. Sie hat seit Jahren einen miserablen Ruf aufgrund der zahllosen Fälle von schwerem sexuellen Missbrauch  auch durch z.T. “ultra-prominente” Priester, wie den als “heiligmäßig“ verehrten Sozialapostel Abbé Pierre 1912-2007. Die Zahl der Gottesdienst-Teilnehmer geht (deswegen?) ständig zurück, der französische Klerus vergreist, die kleinen Gemeinden können nur durch die Anwesenheit afrikanischer oder asiatischer Priester noch halbwegs „versorgt“ werden. Angesichts dieses Niedergangs katholischen Lebens gehen auch die Spenden der „normalen“ Kirchgänger zurück. Deswegen sehen sich die Bischöfe gehalten, gute Kontakte mit den staatlichen Behörden auch in der Provinz zu pflegen, also auch mit Politikern aus der rechtsextremen Partei „Rassemblement National“. Sehr bald könnte diese Partei die Regierung in Paris stellen, das ist eine begründete Prognose von Politologen. Die katholischen Bischöfe waren so klug bzw. vorausschauend – raffiniert, bei den letzten Wahlen, die überwältigende Wahlerfolge der Rechtsextremen auch im katholischen Milieu brachten, den Mund zu halten und schon gar nicht allzu kritisch gegen Rechtsextrem zu werden… Einige der Rechtsextremen sind ja nach außen hin sehr fromm, sie machen zu Tausenden Wallfahrten nach Chartres, loben die alte lateinische Messe (nicht nur bei den traditionalistischen Pius – Brüdern!) und als Politiker schätzen sie die Kirchengebäude als Orte des nationalen Gedenkens der nationalen Traditionen, oder sie fördern die katholischen Schulen, dort sollen schließlich christliche, aber vor allem gut – bürgerliche Werte der „anständigen Leute“ (so verstehen sich die Rechtsextremen) gelehrt werden. Und dann gibt es da noch entscheidend die reaktionären katholischen Milliardäre, die ihre Form des Katholizismus ungeniert nach außen in ihren Medien vorstellen und propagieren oder Projekte fördern, die ihrer eigenen begrenzten Theologie entsprechen. Diese Herrschaften darf die Kirchenführung nicht verärgern, sie bringen noch Geld, das heilige Geld zum Überleben der insgesamt so tief ramponierten Kirche.
Die Kirche Frankreichs als verschwindende Minderheit driftet also, „not – gedrungen“ möchte man sagen, immer weiter nach rechts: Die wenigen jungen Priester in Frankreich, die am liebsten in langen Talaren durch die Straßen laufen, stammen denn auch aus dem „gut-bürgerlichem konservativen Milieu“ der Stadt Versailles…Und einzelne Bischöfe, wie in Toulouse oder Angers, sind so unverschämt, wegen sexuellen Missbrauchs verurteilte Priester jetzt mit offiziellen Aufgaben im Bistum zu betrauen. Der moralische Niedergang auch des hohen Klerus erlebt einen neuen, ganz anderen Höhepunkt. Darüber berichtet etwa die ausgezeichnete online Zeitung GOLIAS: LINK.

7.
Der Soziologe Pierre Louis Choquet fasst in der schon erwähnten empfehlenswerten Zeitschrift ESPRIT (gegründet von dem Philosophen Emmanuel Mounier, LINK) die Situation zusammen: „Aufgrund ihres großen Finanz-Vermögens versuchen diese Milliardäre die Kirche neu zu positionieren auf einer antimodernen und Pro – Business Ebene.“ Und in seiner Fußnote 21 schreibt der Autor: „Es gibt in der Kirche Herrschende und Beherrschte“. Und er meint: „Die Milliardäre sind längst zu den herrschenden Laien geworden, es sind ja in der Kirchensprache „Laien“, die da die Kirche auf ihre Weise im Sinne des Rechtsextremen durch ihr Geld bestimmen wollen. Eine einst vielleicht noch in Kirchen-Kreise naive Freude über die „Aktivität von Laien“ muss also doch sehr differenziert werden.

8.

Der Soziologe Pierre Louis Choquet beendet seinen Essay über die katholischen rechtsextremen Milliardäre mit dem Aufruf an die christlichen Gemeinden, “den unheilvollen Einfluss der `frommen Milliardäre`zu “kontern” (contrer auf Französisch). Deren identitäre Religiosität erscheint als ein Symptom des Aufruhrs unserer Epoche”. Heute investieren diese Milliardäre “nur” in ihre Medien oder in ihre sozialen Werke und beeinflussen die pastorale Arbeit der Kirche. Und in Zukunft? Darum fragt Pierre Louis Choquet in dem ESPRIT Aufsatz: “Was wird diese Leute dann hindern, wenn die Spenden für die Kirche durch die Gläubigen immer kleiner werden, so dass diese Milliardäre  dann auch die Priesterseminare und die theologischen Lehrstühle an den katholischen privaten Universitäten finanzieren?” … Und in ihrem theologisch – reaktionären Sinne dort theologisch eingreifen! Wird das Geld und die rechtsextreme Ideologie dieser Herren dann die Kirche vergiften? Man hat den Eindruck, dass die Verantwortlichen in der Kirche (nicht nur Frankreichs) an diese Zukunft nicht zu denken wagen.

Fußnote 1:
80, 5 Millionen Euro gab die französische Republik für den Erhalt der Kirchengebäude kürzlich aus. Und 10 Milliarden Euro hingegen beträgt die staatliche Unterstützung für die Privatschulen, die allermeisten sind katholische. Quelle: Siehe Fußnote 2.

Fußnote 2:
Der Beitrag wurde in der Zeitschrift „Esprit“ im September 2024 veröffentlicht. Der Titel „L Eglise catholique face à la montée de l extreme droite“. Die Zahlen in Fußnote 1 stammen aus diesem Aufsatz, dort die Fußnoten 3 und 4.

Fußnote 3:
„Péricles“ ist ein Think – Tank aus einer Mischung von Libertärem, Liberalem und sehr konservativ – Katholischem. Inspiriert wurde Péricles von der reaktionären „Heritage Foundation“ in den USA, auch zu Victor Orban in Ungarn gibt es enge Verbindungen.
Der Name „Péricles ist ein Acronym für Patriotes / Enracinés / Résistants / Identitaires / Chrétiens / Libéraux / Européens / Souverainistes), also: Patrioten, Verwurzelte, Widerständler, Identitäre, Christen, Liberale, Europäer, Souveränisten. Das heißt: Dieser Think – Tank ist nationalistisch, gegen LGBT, euroskeptisch, gegen Einwanderung usw… Siehe dazu den ausführlichen französischen Wikipedia-Beitrag:LINK.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

PhilosophInnen verändern die Philosophie … und die politischen Zustände!

Ein wichtiges Buch über „Frauen, die das Denken der Moderne geprägt haben“
Ein Hinweis von Christian Modehn am 10.8. 2025

1.
Es ist ein allgemeines Vorurteil: Es gibt keine Philosophinnen. Schlimmer noch: „Philosophie ist nichts für Frauen.“ Man muss nur den Beitrag „Philosophinnen“ in Wikipedia anschauen: Da werden mindestens 180 Philosophinnen seit der Antike genannt…

2.
Jetzt ist ein Buch erschienen, das sich gut eignet, Philosophinnen kennen zu lernen: Und zwar mit dem Fokus: „Rebellinnen der Philosophie“. Und der Untertitel des Buches grenzt den zeitlichen Rahmen ein: „Frauen, die das Denken der Moderne geprägt haben“. Autorin ist die Philosophin Kristin Gjesdal, sie stammt aus Norwegen und lehrt seit einigen Jahren an der „Temple University“ in Philadelphia, USA. Die Philosophie des 19. Jahrhunderts ist vor allem ihr Schwerpunkt.

3.
Kristin Gjesdal bietet in ihrem neuen Buch keine trockene, abstrakte Geschichte der PhilosophInnen. Sie berichtet über 11 rebellische Philosophinnen in ihren Seminar-Veranstaltungen an ihrer Uni, sie berichtet also von philosophischen Frauen, die sich gegen alle Einschränkungen wehrten, die schon aufgrund ihres „Frauseins“ von der Männerwelt vorgegeben waren. Die Frauen gaben in ihren philosophischen Texten ihrer Rebellion gegen Frauenverachtung, Rassismus, Kolonialismus, Faschismus ihren reflektierten Ausdruck, viele Aspekte ihrer Kritik sind gültig bis heute.

4.
Kristin Gjesdal erzählt also anschaulich von ihren Seminaren zum Thema „Philosophinnen“, spricht von den Fragen und Problemen der StudentInnen, erläutert eigene Schwierigkeiten angesichts mancher Aussagen ihrer Protagonistinnen, stellt aber immer klar und lebendig die Position der Philosophinnen vor: Sie nennt selbst ihr Buch „populärwissenschaftlich“ (S. 285). Tatsächlich bietet sie doch zahlreiche Hinweise zum Weiterlesen, Weiterforschen.

5.
In dem 332 Seiten umfassenden Buch werden vom 18. Jahrhundert (Madame de Stael) bis ins 20/21. Jahrhundert (Angela Davis) 11 Philosophinnen vorgestellt: Germaine de Stael, die bislang weniger bekannte Karoline von Günderrode, dann Bettina Brentano von Arnim, Hedwig Dohm, Anna J. Cooper, und, was erstaunlich ist: Clara Zetkin und Rosa Luxemburg, sowie danach Lou Salomé, Gerda Walter, Simone de Beauvoir und auch Angela Davis (geb. 1944), sie ist als „Aktivistin“ auch oder gerade deswegen Philosophin geworden.

So unterschiedlich die philosophischen und politisch -ethischen Erkenntnisse dieser Frauen auch sind. Sie haben auch literarisch gearbeitet und veröffentlicht, oft Romane geschrieben, was dazu führte, dass in der Männer bestimmten Philosophie und Feuilletonwelt diese Philosophinnen „nur“ als Literaten hingestellt wurden. Alle Philosophinnen mussten sich gegen die Männerwelt behaupten.

6.
Hier können alle der elf „rebellischen Philosophinnen“ im einzelnen nicht vorgestellt werden.

Der Beitrag über Germaine de Stael (1766-1817) zeigt: Sie hat seit ihrem 20. Lebensjahr über Philosophie geschrieben, und auch ihre Romane („Corinne“, „Mirza“…) sind von philosophischen Reflexionen bestimmt. Madame de Stael ist auch wegen ihres „Bestsellers“: „Über Deutschland“ (1814) weltweit bekannt. Aber Kristin Gjesdal zeigt die politische Kritik Madame de Staels etwa zum Kolonialismus und zur Sklaverei. Über die vorgestellten und diskutierten Philosophinnen werden keineswegs „Lobeshymnen“ verbreitet: Madame de Stael etwa „war blind gegenüber ihren eigenen Privilegien“ in der reichen Clique von Paris.

LeserInnen zumal in den USA oder der BRD, die unter antikommunistischen Ideologien denken lernten, wird es verwundern, auch die deutsche Kommunistin Clara Zetkin (1857-1933) in der Reihe der Philosophinnen zu finden. Sie war die Freundin der Philosophin und Politikerin Rosa Luxemburgs. Aus ethischer Haltung zugunsten der Gerechtigkeit fand sie zur Philosophie und zur politischen Aktion. Sie verfasste Texte zur Frauenbefreiung, zum „Frauenstimmrecht“, kurz vor ihrem Tod schrieb sie noch einen antirassistischen Aufruf „Rette die Scotsboto Boys“: Zu Unrecht wurden neun afroamerikanische Männer zum Tode verurteilt, Clara Zetkin legte den Fall als Ausdruck von Rassenwahn der US – amerikanischen Gesellschaft und des Staates frei. Der international Frauentag ist ihre „Erfindung“… Bereits Anfang der 1920er-Jahre sprach sie von den Gefahren
des Faschismus. „Die extreme Rechte verspreche breiten Bevölkerungsschichten das Blaue vom Himmel, versuche aber im Wesentlichen, gute Bedingungen für einige wenige zu schaffen“, so referiert Kristin Gjesdal: „Dem Faschismus müsse mit Stärke begegnet werden , betont Zetkin und nicht mit physischer Gewalt, sondern mit organisiertem Widerstand“ (S. 147): Sozialdemokratischer Politik gegenüber war Clara Zetkin kritisch eingestellt: „Sozialdemokratie auch à la Sanders in den USA heute wäre für Zetkin und Rosa Luxemburg purer Revisionismus, also eine politische Haltung, die das Versprechen einer klassenlosen Gesellschaft zugunsten des Wunsches nach schrittweiser Verbesserung innerhalb der kapitalistischen Ordnung aufgegeben hat“, meint die Autorin (S. 147).
PS: Viele Clara Zetkin Straßen wurden nach der Wende in der ehemaligen DDR umbenannt, in 10 Orten in den „neuen Bundesländern“ gibt es noch Clara Zetkin Straßen. Und : Einige Bücher Clara Zetkins sind noch antiquarisch zu haben…

Uns freut es besonders dass der Philosophin und Sozialistin Rosa Luxemburg eine eigene Seminarstunde gewidmet war und dass Rosa Luxemburg damit in einem Kapitel ansatzweise gewürdigt wird. Rosa Luxemburg, 1871 geboren, wurde 1919 von preußischen Freikorps auf brutalste Weise ermordet. Über die Rolle der Berliner SPD in diesem Zusammenhang hat Sebastian Haffner Wesentliches und Treffendes gesagt! Was viele bis heute ignorieren: Für Rosa Luxemburg ist Sozialismus (damit ist nicht der „Sozialismus“ der SPD gemeint) wesentlich demokratisch. Dass eine Partei, die Bolschewisten Lenins sich anmaßt, die Interessen des Volkes zu vertreten, lehnt Rosa Luxemburg ab. Auch das bekannteste Werk Rosa Luxemburgs „Die Akkumulation des Kapitals“ von 1913 wird im philosophischen Seminar der „Temple University“ diskutiert (s. 165). „Mit ihrer Verteidigung der Macht des Volkes gegenüber der Macht der Partei gilt Luxemburg als Wegbereiterin eines humanistischeren Marxismus“(S. 172). Wir finden es bedauerlich, dass wie so in Publikationen über Rosa Luxemburg die spirituelle Interessiertheit der Sozialistin nicht erwähnt wird. Siehe deswegen unseren wichtigen Beitrag zu „Die Spiritualität der Rosa Luxemburg“: LINK.

Auch auf Angela Davis (geb. 1944 in Birmingham, Alabama, USA) als Philosophin weist das Buch hin. Sie studierte in Frankreich, und als sie 1963 von der Tötung von drei Mädchen in einer Kirche ihrer Heimatstadt durch den Ku-Klux-Klan hörte, kehrte sie in die USA zurück, dort traf sie den marxistischen Philosophen Herbert Marcuse. Angela Davis studierte Philosophie, in Deutschland etwa nahm sie an Vorlesungen von Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas teil.
Aber sie hat ihre philosophische akademische Karriere aufgegeben: Sie engagierte sich politisch für die Menschenrechte, wurde wegen ihres politischen Engagements aus der Uni entlassen. „Heute ist Davis eine wichtige Denkerin, deren Werke auf den Leselisten vieler amerikanischer Universitäten stehen, sie ist das bekannteste Gesicht der Linken im US-Imperium“ schreibt Kristin Gjesdal (S. 256). „Angela Davis kann und muss philosophisch gelesen werden“ (S. 259). „Sie beschreibt, wie rassistische Vorurteile eine Art erfahrungsspezifisches a priori bilden, also etwas, das schlichtweg alle Erfahrungen charakterisiert. Eingebettet in Körper und Geist bilden rassistsiche Vorurteil dann den Hintergrund, vor dem die Welt uns erscheint“ (S. 260).

7.
Das Buch „Rebellinnen der Philosophie“ zeigt, dass gerade Frauen, auch gerade weil sie unterdrückt wurden und sich befreien mussten, einen neue Dimension in die Philosophien bringen. Sie lehren: Philosophie ist kein Selbstzweck. Sie hat das Ziel, vom eigenen erlebten Leben und dem Denken inmitten dieses Lebens zu einer umfassenden politischen – befreienden Praxis zu führen… um die Welt (hoffentlich) gerechter zu gestalten. Das letzte Kapitel im Buch „Auf eigenen Beinen“ sollte mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen werden: Da reflektiert eine Philosophin über die Bedeutung der Philosophie heute, über ihre Erneuerung und Öffnung … durch das Denken von Frauen.

Kristin Gjesdal, „Rebellinnen der Philosophie. Frauen, die das Denken der Moderne geprägt haben“: Eicbborn Verlag, 2025, 322 Seiten, 24 €. Die Übersetzung aus dem Norwegischen: Sarah Schmidt. Das Buch ist zuerst in Norwegen im Jahr 2024 erschienen!

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Gefährliche Erinnerung: Die Arbeit von „Memorial“ in Russland und anderswo

Ein Hinweis auf ein wichtiges Buch

Von Christian Modehn am 3.8.2025

1. „Erinnern ist Widerstand:“ Das Motto von „Memorial“, der wichtigen NGO, gegründet in Russland. Eine Basisinitiative von Menschen, denen die Geltung der universellen Menschenrechte am wichtigsten ist: „Memorial“ legt die Verbrechen der russischen Diktatoren frei! Gibt den vielen tausend Ermordeten und Gequälten der Verbrechen Stalins sowie der folgenden Diktaturen bis zu Putin die Menschenwürde zurück, die Würde: einen Namen zu haben, nicht vergessen zu sein. Die kritische Erinnerung dient dem einzigen Zweck: Nie wieder diese Menschenquälerei durch Diktaturen. Nie mehr totalitäre Gewaltherrschaft.

2.
 Memorial ist eine in demokratischen Staaten und unter Demokraten hoch angesehene NGO. „Memorial“ studiert und dokumentiert in aller Objektivität seit mehr als 30 Jahren die Verbrechen der Sowjetherrschaft. Und Putin, der absolute Machthaber der Russischen Föderation, hat genau verstanden: Strukturen totalitärer Herrschaft werden durch die kenntnisreichen und widerständigen Mitarbeiter von „Memorial“ selbstverständlich auch in seinem Herrschaftsbereich freigelegt. Deswegen löste Putin die NGO „Memorial“ im Dezember 2021 auf, zwei Monate vor seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine. Am 10. Dezember 2022 erhielt die NGO “Memorial” den Friedensnobelpreis,  „Memorial“ hatte 80 Arbeitskreise in vielen Städten Russland.

3. 
Heute ist die Arbeit von Memorial in Russland sehr schwierig. Die Ergebnisse der aktuellen dortigen Recherchen werden im Exil publiziert.

In Berlin wurde „Memorial e.V.“ gegründet. LINK.
 Wichtig ist auch das große Angebot von Podcasts durch Memorial LINK:

4.
 Wer den Widerstand gegen das Sowjetimperium und die folgenden Diktaturen dort verstehen will, muss sich also mit Memorial befassen. Der C.H.Beck Verlag legt jetzt ein Buch vor, 14 Autorinnen bewerten einige Aspekte der Geschichte von Memorial und nennen den aktuellen Stand der Forschung und Dokumentation. Wir empfehlen das Buch ausdrücklich! Es umfasst 192 Seiten, darunter (auf mehr als 40 Seiten) kommentierte „Bilder und Fotos aus der Memorial-Sammlung“. Sie beziehen sich auf Kunst und Literatur, unter qualvollen Bedingungen in den Lagern entstanden, sowie auf Fotos der ersten öffentlichen Kundgebungen von „Memorial“ in Russland 1988. Die HerausgeberInnen des Buches “Memorial”: Irina Scherbakowa engagiert sich als Gründungsmitglied von Memorial im Exil weiter für die Arbeit Erinnerung und das Eintreten für Menschenrechte, Filipp Dzyadko und Elena Zhemkova sind als Gründungsmitglieder von Memorial in Russland jetzt in Berlin tätig.

5.
 Der Titel „Erinnern ist Widerstand“ ist sehr treffend gewählt, angesichts der von Rechtsextremen seit Jahren schon verspotteten Erinnerung – Kultur! Wer sich an die Verbrechen nicht nur in Russland erinnert, sondern weiter denkend auch an die Verbrechen gegen die Menschheit, verursacht von Staaten, Kulturen, Religionen, Parteien, legt das Negative frei, indem er auch einen Vorschein und Ausblick auf eine bessere, d.h. humane und demokratische Zukunft ermöglicht.
Die Erinnerung ist geistige wie seelische Arbeit, aber auch körperliche Arbeit… bedingt durch die weiten Reisen zu den Orten der Verbrechen und den Recherchen dort! Das Tätigkeit – Wort Gedenken erhält etwa bei Walter Benjamin die Zuspitzung des „Ein-Gedenkens“. Und damit ist wohl gemeint: Das Erinnerte sollte der Mensch in seinen eigenen Geist hin-ein-nehmen, also nicht bloß oberflächlich etwas Vergangenes zur Kenntnis nehmen, also nicht bloß historisch – faktisch an Daten und Namen erinnernd denken, sondern sie ein-gedenken, also das Erinnerte mit dem eigenen Geist eng verbinden, es in den eigenen Geist, ins eigene Leben, in die eigene Gefühlswelt hineinnehmen… und Sich Hineinversetzen…Es ist wohl diese Form des Ein – Gedenkens, die dem Erinnern durch die „Memorial“ Arbeit die wahre Bedeutung gibt.
Ein einzelner kann natürlich nicht überall und zu allen Themen Erinnerungsarbeit leisten. Jeder und jede kann nur an einer Stelle, an seinem Ort, seine Erinnerungsarbeit wählen, zu Russland eben oder zu anderen Diktaturen und autoritären Herrschaftsformen oder zu Religionen und Konfessionen, die im Fundamentalismus der Gewalt versinken.

6.
 Das neue Buch aus dem C.H. Beck Verlag dokumentiert die Rede von Jan Rachinsky anläßlich der Verleihung des Friedensnobelpreises am 10. Dezember 2022 in Oslo. Rachinsky legt allen Nachdruck darauf: Es sei das Gefühl und die Erkenntnis der bürgerlichen Verantwortung, die Menschen zur Memorial Erinnerungsarbeit führen. Es geht um die Verantwortung dafür zu sorgen, dass die leidenden und vernichteten Menschen früherer Generationen nicht dem Vergessen preisgegeben werden, „denn der Mensch empfindet seine Einheit mit vorangegangenen Generationen“ (S. 43). Interessant ist für mich, dass in einigen Beiträgen der „Memorial“ MitarbeiterInnen auf den Philosophen Karl Jaspers verwiesen wird als philosophischen Inspirator…

7.
 Irina Scherbakowa, Mitbegründerin von „Memorial“, berichtet ausführlich über den „Kampf für das Erinnern“. In den 35 Jahren der aktiven Präsenz in Russland konnten die MitarbeiterInnen von Memorial „Informationen aus Geheimarchiven öffentlich zugänglich machen und die Schicksale hunderttausender Staatsterror – Opfer aufklären…In einer Reihe von Städten wurden an Orten von Massengräbern Gedenktafeln und Gedenkzeichen für die Opfer politischer Repressionen angebracht… Das Archiv, das Memorial in den Jahren seiner Tätigkeit aufgebaut hat, umfasst hunderttausend Dokumente …Im Herbst 2021 wurde das Hauptgebäude von „Memorial“ in Moskau von Putin geschlossen, typischerweise ließ der Diktator die Eingangstür mit Handschellen verschließen! Und auch dies: Stalin erlebt in der russischen Gesellschaft seit Jahren wieder ein Come-back…In Berlin setzt Memorial seine Arbeit fort, in Paris befindet sich das Memorial Menschenrechtszentrum, es unterstützt die politischen Gefangenen…

8.
 Nur einige Hinweise zu einigen der 12 AutorInnen, die „Memorial“ kommentieren.
Alida Assmann bezieht „Memorial“ auf Repressionen außerhalb Russlands, sie nennt die Protestbewegung der „Mütter und Großmütter von der Plaza de Mayo“ in Buenos Aires gegen die Militärjunta. „Die Frauen haben für die Menschenrechte gekämpft und die Junta zu Fall gebracht, obwohl sie unbewaffnet waren und die Zivilgesellschaft repräsentierten…Ihre politische Macht lag in der Erinnerung an die Verbrechen der Militärjunta“ (S. 94).

Der Historiker Karl Schlögel zeigt, dass die Erfahrung von Terror und Gewalt in der Gegenwart die junge Generationen sensibel machen sollte für die Gewaltherrschaft, die frühere Generationen ausübten bzw. erleiden mussten. Schlögel hofft, dass durch diese intensive Konfrontation mit früheren Verbrechen „eine apolitisierte und apathische Gesellschaft aus ihrer Gleichgültigkeit herausgerissen wird.“ (S. 98).

Aus der Erfahrung des Leidens und der sinnlosen Gewalt (etwa durch den Diktator Putin) könnte dann im westlichen Europa der Wille zum Widerspruch und zum Widerstanden stehen. Eine Hoffnung!
Auf den Unterschied zwischen Widerstand und Resistenz macht Filip Dzyadko aufmerksam: Widerstand ist für ihn das direkte radikale und auch gewaltsame Vorgehen gegen eine Diktatur. Resistenz hingegen kann sich in verschiedenen noch „milderen“ Formen des Widerspruchs äußern, etwa durch öffentliche Kritik, durch sozialen Ungehorsam, Verweigerung, Ablehnung der Kooperation mit Behörden der Diktaturen…

Auch der Schriftsteller Jonathan Littell (Autor des Romans „Die Wohlgesinnten“) ist mit „Memorial“ verbunden durch seinen Einsatz zugunsten der Menschenrechte in den Tschetschenien Kriegen. Littell meint ziemlich provokativ, dass die heute inszenierten Kriege in der Ukraine, in China, in Israel usw. ablenken von der noch größeren Katastrophe, der „Zerstörung des Planeten durch die Menschheit, die sich im System des Kapitalismus verstrickt hat, in dem wir alle leben.“ ( S.160). Littell meint also, die heutigen Kriege, verursacht von Gewaltherrschern, seien so etwas wie Ablenkungsfaktoren: Sie lenken ab von dem größten aller dringenden Probleme: der Klimakatastrophe (S. 164). Tatsächlich ist das Interesse der Herrschenden an der Verhinderung der Klimakatastrophen jetzt weltweit zurückgegangen. Und fast alle großen Medien sprechen ständig  von Putin, Trump, Xi , der Hamas oder Netanjahu… Littell sagt: „Ich bin keineswegs überzeugt, dass unser Planet im Jahr 2100 noch geeignete Lebensbedingungen bieten wird. ..Ich habe keine Hoffnung, sie geht mir gegenwärtig vollkommen ab“ (S. 165, 164.).

9.
 Der „Tagesspiegel“ hat ein ausführliches Interview mit einem der Mitbegründer von Memorial publiziert: mit Oleg Orlow. Er wurde am 27.2. 2024 wegen eines Anti-Kriegs-Artikels zu zweieinhalb Jahren Lagerhaft verurteilt. Im Rahmen eines Gefangenenaustausches kam er fünf Monte später frei. Er betont, jetzt in Freiheit, in Berlin: Als 2021 Memorial „vom russischen Staat offiziell liquidiert wird, können Menschenrechtler nur noch in losen Vereinigungen tätig sein. Die Kollegen in Russland sammeln und registrieren wieder Informationen über die Menschenrechtslage in Russland. Veröffentlicht werden diese Daten aus Sicherheitsgründen dann von uns aus dem Ausstand heraus. Vor Ort bieten wir nach wie vor Rechtsbeistand für die Opfer staatlicher Repressionen an…“. („Tagesspiegel“ 1. August 2025, Seite 12.)

10.
 Solange es Menschen gibt, die so stark indoktriniert werden, dass sie sich aus Passivität, Faulheit, Bequemlichkeit die menschenfeindliche autoritäre Führung eines Führers wünschen, wird es immer Verfolgung und Unterdrückung der Mensch gebliebenen Menschen geben; wird es Lager geben, die zur umfassenden Vernichtung der so genannten Widerspenstigen, der Demokraten und Verteidiger der Menschenrechte bestimmt sind. Man fragt sich deshalb, ob nicht die Idee der „Memorial Arbeit“ als einer Basis – Initiative von Demokraten (und nicht von Historikern allein) überall wirksam werden sollte.
Die Geschichte der katholischen Kirche z.B. wird nicht umfassend nach Memorial- Art untersucht: Alle die verfolgten, gequälten und verbrannten Ketzer und Hexen, alle ohne großen Namen, alle die gemarterten Irrlehrer, die selbständig und ungehorsam Frommen, alle kirchlich Unterdrückten … sie werden bisher im großen Graben der Vergessenheit belassen. Sie finden keine Erwähnung in den großen Studien der Kirchengeschichte. Sie liebt ohnehin die großen Helden und Heiligen viel mehr als die „kleinen Leute“ in ihrer eigenen Art, ihren Glauben trotz aller Klerus-Herrschaft zu leben. 
Die vielen Namen der seelisch und körperlich Gequälten, der Mißhandelten und Getöteten, müssten natürlich auch in anderen Religionen freigelegt und öffentlich gemacht werden, etwa in der Religion der Muslime oder der Hindus oder der Buddhisten usw.
Die Philosophie und die Arbeitsweise von „Memorial“ sollte “universell” werden, wenn sich denn die Kirchenhistoriker auf diese Arbeit einlassen und vor allem in den Gemeinden entsprechende Memorial – Arbeitsgruppen entstehen. Die langsame und sehr restriktive Öffnung der Archive des Vatikans, auch der einzelnen Diözesen und vor allem der kritisch völlig unerforschten Zentralen der katholischen Ordensgemeinschaften ist bezeichnend.
Eines Tages werden auch die vielen tausend Namen der Missbrauchsopfer durch den Klerus veröffentlicht werden wie die vielen tausend Namen der klerikalen Täter.
Die „Memorial“ – MitarbeiterInnen in Russland waren auch mit heftigem Widerstand konfrontiert bei ihren Recherchen in den Lagern und Zentralen der Kommunistischen Partei usw. Diese mühevolle Arbeit kann katholische „Memorial“ – MitarbeiterInnen „trösten“, wenn sie denn etwa ihre umfassende Freilegung der Erinnerung zur weiter „vergangenen“ oder auch aktuellen Kirchengeschichte beginnen.

11. „Die Wahrheit wird euch frei machen“ sagt Jesus von Nazareth (Johannes-Evangelium 8.Kap., Vers 32). Eine treffende und aktuell bedeutsame Erkenntnis, die allerdings die meisten Hierarchen, Autokraten und alle Führer fürchten, auch in den Kirchen, selbstverständlich auch in den orthodoxen Kirchen, etwa im Patriarchat von Moskau: Dort herrscht der ehemalige KGB Mitarbeiter und Putin Freund Patriarch Kyrill als Kriegstreiber. Und … mit diesen Kirche will sich der Papst unbedingt in einer „Einheit“ zusammen schließen.
Die Kirchen haben Angst vor der Wahrheit, die frei macht. Denn durch die Freilegung von historischer Wahrheit könnten sich die Akteure sinnvollerweise auch von der Kirche als Institution befreien und … trotzdem Christen bleiben! Das würde das Ende dieser Institution befördern, die sich als katholische Kirche bekanntlich selbst und voller Stolz bis heute explizit als „nicht – demokratisch“ definiert; vielleicht will sie jetzt ein bißchen „synodal“ werden, aber ohne eine wirkliche Synode, d.h. ein Parlament mit Mehrheitsentscheidungen der Gleichberechtigten, einzuführen.

Die Adresse: “Memorial e. v. Deutschland”: Greifswalder Str. 5, 10405 Berlin

Memorial. Erinnern ist Widerstand“. C.H. Beck Verlag München, 2025, 192 Seiten, 25 €.

Copyright: Christian Mohn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Fördert die Regierung Netanjahu den Antisemitimus?

Die 28. der „Unerhörten Fragen“
Von Christian Modehn am 31.7.2025

Am 16.9.2025: Nach vielen Rückmeldungen beantworten viele LeserInnen diese Frage mit JA. Sie meinen, dass diese Regierung Netanjahus mit den Rechtsextremen in der Regierung (an die er sich aus persönlichen, egoistischen Gründen klammern muss)  tatsächlich  antisemitische Gefühle bewirkt oder fördert. Progressive Juden sind offenbar zu schwach, um diesem Netanjahu-Wahn sofort und absolut Einhalt zu gebieten!!  CM.

…………Am 31.7.2025:

Könnte es sein, dass die Netanjahu-Regierung in Israel in ihrem absolut unmenschlichen Umgang mit den Palästinensern in Gaza (und im Westjordanland) den allgemeinen Antisemitismus weltweit fördert? Antisemitismus in der westlichen Welt also verursacht durch Israels Politiker und durch die jüdischen Bürger Israels, die diese Politiker wählten?

Diese Frage wird in aller Vorsicht gestellt. In dem Wissen, dass gebildete Menschen Antisemitismus von Kritik an einer brutalen Regierung in Israel unterscheiden. Aber auch in dem Wissen, dass diese Unterscheidung bei sehr vielen Menschen leider nicht üblich ist. Und jetzt schwerfällt. Dass diese Regierung Israels de facto Antisemitismus erzeugt, wird verstärkt durch das Wissen: Dass Israel sich ursprünglich als ein „jüdischer Staat“ behauptet. Ein religiöser, biblischer Staat also, der, bei diesem Titel dem eigenen Anspruch folgend, gewisse grundlegende humane Prinzipien etwa der biblischen Propheten respektieren müsste! Der also dem entsprechend mehr auf Dialog mit den Feinden setzen müsste als auf permanente Unterdrückung des Feindes. Fördert also Israels Regierung den Antisemitismus in der “westlichen Welt”? Das ist wahrscheinlich!

Dies wird auch in dem Wissen gesagt, dass die Hamas Israel brutal angegriffen hat. Dies wird auch in dem Wissen gesagt, dass das übliche, angeblich biblisch begründete (aber nicht etwa christlich geltende) Prinzip der Rache „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ gegen den Feind maßvoll eingesetzt werden sollte.
Jetzt aber ist die tötende Gewalt Israels gegenüber dem Feind absolut maßlos geworden. Die Bilder des durch Isarel erzeugte Elends der Menschen in Gaza erinnern an leidende Menschen im KZ!
Hilfsorganisationen nennen das Elend der Palästinenser jetzt „die Hölle“ (Tagesschau 31.7.2025, 20. Uhr). Ist es also für bestimmte Juden normal geworden, dass jüdische Politiker die Hölle für andere erzeugen?
Nein, es gibt Widerspruch unter Juden in Israel und weltweit, aber leider bleibt der Widerspruch bisher wirkungslos. Woran liegt das? Wie weit darf Israel -Kritik durch Juden gehen? Die großartigen Studien des jüdischen Historikers Prof. Shlomo Sand (Tel Aviv) sind leider die Ausnahme, sie werden in Deutschland kaum beachtet, seine Studien verdienen weites Interesse! LINK  Kein deutscher TV Sender fragt Prof. Slomo Sand…Eine Rezension eines der Bücher von Shlomo Sand: siehe die Fußnote 1.

Gott sein Dank wehren sich gegen den Massenmord durch Israels Regierung einige vernünftige europäische Politiker. Deutsche sind bislang deutlich nicht dabei, wenn es jetzt um die Anerkennung eines Palästinenser Staates geht. Deutsche Politiker fördern also auch in dieser ihrer Zurückhaltung, Angst, Staatsräson, den von dieser Regierung in Israel erzeugten Antisemitismus? Darf man diese Situation paradox nennen? Das heißt: Deutsche Politiker (Merz und Co) fördern wieder in dieser ihrer genannten Zurückhaltung eine neue Form des Antisemitismus?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

……..

Fußnote 1:

Shlomo Sand
Warum ich aufhöre, Jude zu sein
Propyläen Verlag. 156 Seiten. 18 €

Von Christian Modehn , erschienen in der Zeitschrift PUBLIK – FORUM  2014.

Shlomo Sand, Professor für Geschichte in Tel Aviv, bietet mehr als ein persönliches Bekenntnis. Er kann aus objektiven Gründen nicht länger Jude sein, weil er den heutigen Staat Israel ablehnt. Dabei gibt es für ihn keinen Zweifel, als polnischer Jude, 1942 in Österreich geboren, für das Existenzrecht Israels einzutreten. In dem „jüdischen Staat“ lebt er seit 1949. Aber gerade diese Definition findet er unerträglich. Denn Israel bevorzugt die Bewohner, die dem jüdischen Volk zugehören. Dabei ist es ein Mythos, so wörtlich, über die jüdische Rasse den Staat Israel zu definieren. Die „Rasse“ der Hebräer gibt es nicht. Jude, meint Sand, sei man einzig durch sein religiöses Bekenntnis. Als Atheist möchte er aufhören, als Jude zu gelten, kann es aber nicht, weil er vom Staat unaufhebbar dem „Volk“ zugerechnet wird. In dieser „Volksideologie“ sieht Sand zudem die Wurzel der verhängnisvollen Besatzungspolitik. Er plädiert für eine „republikanische Identität“ Israels mit dem absoluten Respekt der Menschenrechte und einer Zweistaatenlösung mit Palästina. Das Buch verdient intensive Diskussionen.