Homosexuelle Päpste und homosexuelle katholische Bischöfe – eine erste Übersicht

Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.1.2022

Das Motto: Die römisch-katholische Kirche ist eine weltweite Organisation, die gelebte Sexualität und Liebe, Partnerschaft und Ehe, bestimmten Menschen, den Homosexuellen nämlich, verbietet. Diese Menschen sollen als einzelne “keusch”, also a-sexuell, also ohne erotische/sexuelle Liebe zu anderen Menschen, sich durchs Leben quälen. Seelisch krankgemacht und  neurotisch, sollen sie sich von einer rigiden inhumanen Moral des Klerus bestimmen lassen. Es ist der die Bibel und alle Dogmen exklusiv deutende Klerus, der sein eigenes Alleinsein (“Zölibat), anderen Menschen, Homosexuellen, aufdrängt.

Das Wort Gottes, im Mythos des Schöpfungsberichtes ganz vorn in der Bibel (Genesis, 1,18), heißt: “Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei”. Dieses “Wort Gottes” gilt in der offiziellen Lehre der römischen Kirchen NICHT für alle. Diese Kirche betreibt also eine “Auswahl”, eine “Haeresis” (altgriechisch). Diese Kirche lehrt offiziell Häresie, indem sie das Wort Gottes “Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei”, nicht für alle gelten lässt. Das ist die zentrale dogmatische Lehre, an der die klerikalen Bürokraten im Vatikan und anderswo nach wie vor festhalten.

Die Prognose, die sich aufdrängt, wenn man den Film “Wie Gott uns schuf” gesehen hat: Wird sich die römisch-katholische Kirche noch zum vollständigen Respekt für queere Menschen offiziell bekehren? Meine Antwort ist NEIN… Sehen Sie selbst den Film und fragen sich, wie viel hoffnungslose Unmenschlichkeit noch offizielle Kirchenlehre und Kirchenpraxis ist. Diese Kirche zerstörte und zerstört Leben. Das ist eine Einsicht des Films.

Wer diese Hinweise nicht glauben will, lese in der Katholischen Zeitung “Tagespost” (20. Januar 2022, Seite 6) den Beitrag über Joe Biden. Darin zeigt der Autor Maxmilian Lutz Verständnis für rechte und rechtsextreme Christen, auch Katholiken, die aus Glaubensgründen LGBT Personen diskriminieren und deswegen gegen Bidens “Equality Act” agieren. Denn wenn diese gesetzliche Gleichbehandlung von Lesben und Schwulen Realität würde, dann, so wörtlich, “würden gläubige Menschen diskriminiert werden (! sic), die sich nicht mehr auf die Glaubens-und Gewissensfreiheit berufen könnten, wenn sie LGBT -Personen bestimmte Dienste wegen ihres Glaubens verweigern”.  Wie “nett”, aus religiösen Gründen die Menschenrechte den LGBT Menschen verweigern, Realität ist (niht nur) in den USA: Verweigerung von Mietsverträgen an LGBT – Menschen, Diskriminierung am Arbeitsplatz, in den Familien etc.

Dieser Beitrag in der Katholischen “Tagespost” (Würzburg), viel gelesen in Gemeinden und Klöstern, ist eine Schande für den (deutschen) Katholizismus, eine Schande, dass solche Sätze ohne Kommentar publiziert werden. Aber die “Tagespost” ist ein Kampfblatt der (katholischen) Reaktionären, die man bitte nicht als Minderheit einschätzen möge. Man forsche bitte, wie viel Geld etwa aus dem sehr katholischen “Regensburg” zur “Tagespost” fließt…

Wer noch die Kraft hat, suche das Weite…d.h. die Freiheit. Gott oder der Sinn meines/unseres Lebens ist doch auch außerhalb dieser Kirche zu erfahren…Es gibt auch einige wenige “freisinnige christliche Kirchen”.

1.

Am 24.1. 2022 sendet die ARD, 1. Programm, um 20.30 Uhr eine Dokumentation “Wie Gott uns schuf”, darin outen sich 125 katholische Priester und festangestellte MitarbeiterInnen in katholischen Gemeinden Deutschlands. LINK. Ein wichtiger Schritt, um den in der römischen Kirche immer noch vorhandenen § 175 endlich abzuschaffen, LINK !, und homosexuelle Menschen, auch homosexuelle, queere Priester, Nonnen, Pastoralreferenten als elbstverständlich normale Mitglieder der Kirche zu betrachten und zu respektieren. Homosexualität, Queersein etc., ist etwas Normales, das bei niemandem Angst erzeugen darf, das keine Verfolgung duldet, kein Verstecken der eigenen Identität erfordert usw.

Das Beispiel dieses Films in Deutschland wird in anderen Ländern sicher alsbald Nachfolge finden, etwa in Polen, Spanien, Frankreich. Schade nur, dass sich bisher so wenige Ordensleute, Frauen wie Männer, dem Outen angeschlossen haben. Da müsste es allein in Deutschland viele hundert Bekenntnisse (Outing) geben, bei den Orden von A bis Z schön alphabetisch sortiert, also etwa von den Augustinern über die Benediktiner und Dominikaner und Jesuiten und Kapuziner zu den Salesianern und Steyler Missionaren und Zisterziensern usw. Um nur einige Männerorden zu nennen.

In den Niederlanden gibt es einen allseits bekannten, also öffentlichen Kreis, eine Art Arbeitskreis, mit eigenen Studientagen, die “Homopastores”: “Werkverband vam katholieke Homopastores”, WKHP. Dieser Arbeitkreis hat sich von allen permanenten Drohungen des katholischen Episkopates in Holland nicht beirren lassen. Diese Homopastoren haben die Freiheit gelebt, den Widerstand geleistet. Viele Jahre war der Dominikanerpater Theo Koster (jetzt Rotterdam) einer der Verantwortlichen der niederländischen katholischen Homopastores: LINK

Vielleicht finden sich einmal in Deutschland Dominikaner, die den Kreis “schwuler Priester” leiten? Ein Vorbild, Pater Theo Koster, haben sie ja… Tatsache ist: Solche Kreise gibt es in Deutschland auch, aber die Herren in Deutschland bleiben unter sich, sind öffentlich nicht sichtbar. Diese Kirche macht ihnen unsäglich Angst! Wie lange wird das so bleiben … nach diesem Film?

Die Initiative, deren Mitglieder sich in dem ARD Film äußern: #OutInChurch – für eine Kirche ohne Angst

Mich erstaunt als Berliner, dass sich in der ARD Sendung keine Priester aus dem Erzbistum Berlin outen. Kommt vielleicht noch, als umfangreiche Sondersendung … oder sind die alle zu ängstlich und eingeschüchtert?

2.

Bei so vielen, die sich schon heute,24.1.2022, als homosexuelle, queere Pfarrer und Kirchenmitarbeiter outen, wird es den oft selbst schwulen Herren der Kirche schwerfallen, diese alle zu bestrafen. In dem Falle könnten ja auch mal einige Herren der Kirche geoutet werden. Anders gibt es wohl keine globale Reformation in der römischen Kirche.

Die Herren der römischen Kirche und alle anderen werden sich daran erbauen, dass Historiker längst eine Liste schwuler Päpste zusammengestellt haben. Eine Liste homosexueller Bischöfe ist natürlich viel umfangreicher, da kann man zunächst nur jene Bischöfe nennen, die wegen ihrer offenkundigen Homosexualität aus ihren Ämtern entfernt wurden…

3.

Homosexuelle Päpste: Ein Hinweis aus „Schwulengeschichte.ch”, publiziert April 2007.

Es waren sechs Päpste, die Jürg Amstein mit ihrem ho­mo­se­xu­el­len Ver­hal­ten sorg­fäl­tig re­cher­chiert und belegt vor­stell­te:  Quelle: https://schwulengeschichte.ch/epochen/6-aufbruch/soh/19751976/hey-1976-paepste/

Diese Liste ist selbstverständlich unvollständig.

Johannes XXII. (um 1245-1334)

Leo X (1475-1521)

Sixtus IV (1414-1484)

Julius II (1443-1513)

Paul II (1418-1471) 

Klemens VII (1478-1534)

Sie sind hier in der Rei­hen­fol­ge ihres Er­schei­nens im hey auf­ge­führt, die nicht mit der his­to­ri­schen Abfolge über­ein­stimm­te. Einzelne Por­traits waren auf zwei Hefte verteilt. Die ganze Serie endete mit der Sommer-Dop­pel­num­mer von 1977.

Im Mai wurde zudem ein bissiger Kom­men­tar der deut­schen Bild-Zeitung nach­ge­druckt:4 Roger Pey­re­fit­te, be­kann­ter Fran­zö­si­scher Schrift­stel­ler, hatte Paul VI selber als Ho­mo­se­xu­el­len geoutet und die un­ge­schick­te öf­fent­li­che Reaktion des be­lei­dig­ten Papstes bot na­tür­lich bestes Futter für ein Blatt wie die Bild-Zeitung.

Im Juni meldete sich die hey-Re­dak­ti­on:5

“Die Serie ‘ho­mo­se­xu­el­le Päpste’ ist eine Antwort auf die jüngste Kon­gre­ga­ti­ons-Er­klä­rung aus Rom […]. Diese Pu­bli­ka­tio­nen dienen einzig dem Zweck, auf­zu­zei­gen, dass auch die ‘Hei­li­gen’ nicht immer so sind. Wir erachten es […] als er­freu­lich, dass gleich­ge­schlecht­li­che Nei­gun­gen in jedem Winkel der Welt und auf allen Etagen zum Spielen kommen […].”

In der sicheren Annahme und Hoffnung, die römische Er­klä­rung sei ein vor­über­ge­hen­der Rückfall – was auch die Ansicht schwuler Ka­tho­li­ken und zweier meiner Pries­ter­freun­de war – erklärte ich (Ernst Ostertag) im Okotber als “Marco” und Re­dak­ti­ons­mit­glied:6

“Wir sind der Meinung, dass eine solche Pu­bli­ka­ti­on nützlich sei im kir­chen­in­ter­nen Ringen um eine weitere Öffnung und ein Zu­rück­däm­men gewisser kon­ser­va­tiv-ad­mi­nis­tra­ti­ver Kräfte. Denn sie schafft ori­en­tier­te Menschen, die […] den nötigen Druck auch von aussen heilsam ausüben und ver­stär­ken werden.”

Seine Serie schloss Jürg Amstein:7

“Mit Klemens VII endet die Zeit der spät­mit­tel­al­ter­li­chen und der Re­nais­sance-Päpste. Ihre grossen Aus­schwei­fun­gen waren trotz allem mensch­lich-na­tür­lich, sie schämten sich nicht, sich öf­fent­lich mit ihren Lieb­lin­gen zu zeigen: nichts war ver­drängt. Nun beginnt das Ver­tu­schen dessen, was sie ‘fleisch­li­che Sünde’ nennen. Die moderne Zeit bricht an und […] die Nach­fol­ger Klemens VII über­tün­chen die ‘fri­vo­len’ Gemälde im Bad (bis heute) und ver­ste­cken gar vieles in Hin­ter­ge­mä­cher, wo His­to­ri­ker kaum mehr Be­weis­ba­res finden.”

4. Homosexuelle Bischöfe:

Roman Catholic Church.  Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Gay_bishops

Further information: Homosexuality and Roman Catholic priests

Bishop Thomas Gumbleton, a retired Catholic bishop in the Diocese of Detroit, has consistently been a supporter of New Ways Ministry and has also called for homosexual priests and bishops to “come out” and be truthful to themselves and others.[citation needed] Gumbleton has acted as a keynote speaker at Call to Action conferences. In 1995 he wore a mitre at a church service on which were symbols of the cross, a rainbow and a pink triangle in solidarity with the gay community.[39] Later, he came into the public eye before the Vatican’s Instruction with regard to the ordination of homosexual men was released, arguing against Andrew R. Baker’s article on the issue in America.[40]

Francis Spellman, Cardinal Archbishop of New York, was long rumored to have been gay, according to a book by John Cooney, who said that many whom he interviewed took his homosexuality for granted.[41] In addition, a book published in 1998 claims that during the Second World War, Spellman was carrying on a relationship with a chorus boy in the Broadway revue One Touch of Venus.[42] Spellman defended Senator Joseph McCarthy‘s 1953 investigations of subversives and homosexuals in the federal government.[citation needed]

Archbishop Rembert Weakland of Milwaukee, Wisconsin, retired on 24 May 2002 following the revelation that he had used $450,000 in archdiocesan funds to settle a lawsuit accusing him of sexual harassment. In a statement one week later, he admitted the falsity of his previous assertion that income he had earned outside of his priestly occupation (and turned over to the Church) exceeded the $450,000.[43] In 2009 he confirmed that he was gay, but did not reveal any details of his relationships.[43][44][45][46]

The auxiliary Roman Catholic Bishop of Cape Town, South Africa, Reginald Cawcutt, resigned in July 2002 following allegations that he outed himself as gay on a sometimes-sexually charged website set up for gay priests. Bishop Reginald Cawcutt blamed the scandal on the conservative US organization Roman Catholic Faithful which infiltrated the now closed website, called St. Sebastian’s Angels, and traced posting addresses.[47]

In 2003, Cardinal Hans Hermann Groër was removed from office by Pope John Paul II for alleged sexual misconduct with younger men who were students in his care. Officially, the Pope accepted the resignation letter which Groër had written on the occasion of his 75th birthday. This made Groër, who had adamantly refused to ever comment in public on the allegations, one of the highest-ranking Catholic clerics to become caught up in the sexual abuse scandals.[48]

In 2005, Juan Carlos Maccarone, the Bishop of Santiago del Estero in Argentina was forced to resign after images were released of him engaged in sexual activity with another man. Suggestion was made that the former state governor Carlos Juarez had been involved in the release after criticism of the governor’s human rights record.[49]

Francisco Domingo Barbosa Da Silveira, the Bishop of Minas in Uruguay, was forced to resign in July 2009, following a gay sex scandal in which he had faced extortion.[50][51]

In February 2013, Cardinal Keith O’Brien, leader of the Catholic Church in Scotland, was forced to resign as archbishop three months ahead of planned retirement because of allegations of inappropriate acts with four priests during the 1980s, but also more recently. O’Brien had been a vocal critic of the UK Government’s plans to introduce same-sex marriage.[52]

In October 2016, a group in favour of same-sex marriage in Mexico called the Pride National Front (FON) alleged that a number of Catholic leaders were homosexual. The list included Hipólito Reyes Larios, Archbishop of Xalapa in Veracruz.[53]

Es fehlt in der Liste der Erzbischof von Posznan, Polen, Julius Paetz (dort Erzbischof von 1996-2002), CM.

Sexueller Missbrauch: Der unbekannte (?) Priester Peter H.

Sexueller Missbrauch: Der unbekannte (?) Priester Peter H.

Ein Hinweis von Christian Modehn, am 23.1.2022

Die Studie über den sexuellen Missbrauch durch Priester im Erzbistum München- Freising, veröffentlicht am 20.1.2022 in München, erstaunt mich auch hinsichtlich der Geheimhaltung des Namens eines in dem “Gutachten” oft erwähnten Priesters. Er wird in der Presse (wie etwa in der SZ am 22.1.2022, Seite 2) nur geheimnisvoll Peter H. genannt. Er spielt eine sehr zentrale Rolle für die Frage: Was wusste Erzbischof Ratzinger von München, als er Peter H. in sein Bistum aufnahm? Machte sich Ratzinger schuldig, einen schon damals bekannten Missbrauchstäter in sein Bistum auzunehmen? Bisher will EX-Papst Benedikt davon nichts gewusst haben bzw. damit nichts zu tun zu haben. “Schuld” hat, wie üblich in hierarchischen Systemen, ein Untergebener, der damalige Generalvikar, übernommen.

ABER: Man muss nur das Buch des Vatikan-Spezialisten Marco Politi lesen „Benedikt. Krise eines Pontifikats“ (auf Italienisch 2011, auf deutsch 2012), um schnell die Identität von Peter H. festzustellen.

Auf Seite 343 ff. der deutschen Ausgabe von Politis Buch wird klar von Peter Hullermann gesprochen, übrigens auch mit einem Verweis auf einen Bericht im “Spiegel” vom 22.3.2010. Politi bezieht sich auf den Übergang Kaplan Peter Hullermanns von seinem Heimatbistum Essen ins Erzbistum München, dieser Übergang wurde am 15.1. 1980 in München beschlossen.

Der Klarname von Pfarrer Peter H., also Peter Hullermann, wird auch in der umfangreichen Studie des us-amerikanischen Info-Dienstes Alchetron.com verwendet. https://alchetron.com/Peter-Hullermann

Und auch die englische Wikipedia bietet einen Peter Hullermann Beitrag https://en.wikipedia.org/wiki/Peter_Hullermann

Hat die deutsche Presse Angst vor Klarnamen?

Pressefreiheit in der katholischen Kirche? Überlegungen anlässlich von 50 Jahre „PUBLIK FORUM“.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.

Von Pressefreiheit spricht auch das „Zweite Vatikanische (Reform-)Konzil“, aber nur ganz kurz. (Siehe Fußnote 1: Über die absolute Ablehnung der Pressefreiheit durch Papst Gregor XVI. 1832). In dem offiziellen Konzils-Dekret „Über die sozialen Kommunikationsmittel“, am 4. 12. 1963 feierlich verkündet, heißt es in §12: „Die öffentliche Gewalt … hat die wahre und rechte (sic!, CM)) Freiheit der Information zu verteidigen und zu schützen… das gilt besonders für die Pressefreiheit“.

Das ist alles, was von katholischer Seite zur Pressefreiheit vom angeblich bahnbrechenden 2. Vatikanischen Konzil offiziell gesagt wird. Dieses magere Bekenntnis zur staatlichen, also auch gesetzlich geschützten Pressefreiheit, kommentieren die beiden katholischen Theologen Karl Rahner und Herbert Vorgrimler: „Aber das Recht auf Information in der Kirche wird mit Schweigen übergangen“ („Kleines Konzilskompendium“, Freiburg i.Br., 1966, S. 92).

2.

Damit wird bereits das Thema „PUBLIK -FORUM“ angesprochen. Dies ist eine Zeitschrift, deren Gründung als Widerstand begriffen werden muss gegen die Unterdrückung der Pressefreiheit im Katholizismus schon kurz nach Ende des Konzils. Deswegen ist es wichtig, an Publik-Forums „50.Geburtstag“ zu erinnern. Die deutschen „Oberhirten“ hatten so viel Mut, 1968 eine freie katholische Wochenzeitung zuzulassen und auch zu finanzierten: Die vom theologischen Anspruch, von dem Niveau wie auch vom Format her große Wochenzeitung erschien dann im September 1968, wurde aber schnell wieder eingestellt, im November 1971 erschien die letzte Ausgabe. Die relativ umfassende Freiheit der Information, die PUBLIK leistete, missfiel den allermeisten Bischöfen: Sie verweigerten dann die weitere finanzielle Unterstützung für dieses für katholische Verhältnisse ungewöhnliche Projekt (95.000 verkaufte Exemplare) … und bereiten so sein Ende. Finanzielle Unterstützung hatten die Bischöfe nach einiger Zeit plötzlich wieder für die stramm mit der CDU sehr verbundene Wochenzeitung „Rheinischer Merkur“. Ein Beispiel mehr für die klerikale Verlogenheit, „kein Geld zu haben“. Die Lehre kann nur heißen: Bischöfe wollen nicht freie Diskussionen, Pluralität der Meinungen, sondern sie wollen Propaganda, Mission, in der kirchlich finanzierten Presse.

Das wurde in der expliziten „Parteien-Presse“ in der BRD so nicht praktiziert. Der SPD – „Vorwärts“ zeigte immerhin die Pluralität der Meinungen in der Partei. Lediglich die kommunistische Presse in westlichen Demokratien, wie „L Humanité“ (PCF) in Paris oder „Unsere Zeit“ (DKP) oder „Die Wahrheit“ (SED-Westberlin) waren, genauso wie die katholische Presse, Verlautbarungsbarungsorgane des ZK der Partei.

3.

Harald Pawlowski, Redakteur bei PUBLIK, leistete Widerstand und schuf aus eigener Initiative und mit viel Mühe und Einsatz die alle 14 Tage erscheinende, vom Format her viel kleinere Zeitschrift PUBLIK – Forum. Die erste Ausgabe erschien am 28. Januar 1972. Ich lebte damals im Kloster und in der Hochschule der „Gesellschaft vom göttlichen Wort“ (SVD in St. Augustin bei Bonn und spürte auch bei einigen anderen jüngeren Ordensmitgliedern die Begeisterung: „Es geht weiter“.

Und es geht weiter. Die Zeitschrift hat jetzt eine Auflage von ca. 36.000 Exemplaren. Es handelt sich um Abonnenten, am Kiosk oder in Buchhandlungen wurde Publik- Forum nie verkauft, „Publik-Forum“ war und ist insofern nur „halb-öffentlich“. Das hat mich, etliche Jahre „ständiger Mitarbeiter“, immer verwundert. Den ursprünglichen, besseren Titel „PUBLIK“ hat die VERDI Gewerkschaft für ihre Mitgliederzeitschrift übernommen.

Dass Publik-Forum nach dem Beitritt der DDR zur BRD die Redaktionszentrale nicht in Berlin finden konnte und wollte, sondern im angestammten Oberursel (in der „Krebsmühle“) verblieb, ist mir ebenfalls nicht nachvollziehbar. Selbst das ZdK (die offizielle Vertretung katholischer Laien) hat sich nun doch nach 33 Jahren deutscher Einheit, 2022, für Berlin als „Sitz“ entschieden, für Berlin, als den Ort, wo nun zweifelsfrei „die politische und kulturelle Musik gespielt wird“. Aber das sind andere Themen, über die kaum diskutiert wird.

4.

„Publik Forum“ lebt selbst die Pressefreiheit in der katholischen Kirche. PUBLIK FORUM ist keine Kirchenzeitung (diese sind von Kirchensteuer – Geldern finanziert), befindet sich nicht in der kontrollierenden Obhut der Bischöfe bzw. der Ordensoberen.

Das ist das Schockierende: Bischöfe verstehen die katholische Presse auch heute heute (2022) als „Apostolat“, also als Medium für missionarische Aktivitäten.

Nur ein Beispiel: Mit diesem klerikalen Anspruch haben die Bischöfe im Osten Deutschlands den Tod des Kirchenzeitungsjournalisten Matthias Holluba bedauert. Holluba war Redakteur der Bistumszeitung „Tag des Herrn“. „Welches Herrn?“ , fragte mich kürzlich ein nicht- religiöser Kollege in Pankow. Dazu gehört schon etwas, in der traditionell-katholischen Ecke zu verharren, indem man noch heute ein Blatt mit dem Titel „Tag des Herrn“ herausgibt. Es war ja in den sechziger Jahren angeblich schon das Lieblingsblatt der katholischen Eichsfelder und Lausitzer, DDR.) In der Erklärung der Bischöfe also heißt es u.a.: „Matthias Holluba hat seine Arbeit auch immer als Übersetzung und – wichtiger noch – als Verkündigung verstanden. In dem Päpstlichen Dekret Inter Mirifica (gemeint ist das oben genannte Konzils-Dekret, CM) heißt es über die Sozialen Kommunikationsmittel: Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Erholung und Bildung des Geistes; sie dienen ebenso auch der Ausbreitung und Festigung des Gottesreiches“.

Da kehrt die alte Abwehr der Pressefreiheit in der Kirche wieder: Die katholischen Medien werden als Instrumente der Kirchenführung verstanden, sie dienen „Ausbreitung des Gottesreiches“, also nicht zuerst der umfassenden und damit immer kritischen Information. Wer den Konzilstext genau anschaut, stellt fest: Diese bischöfliche Überzeugung, im Jahr 2022 formuliert, entspricht ganz dem oben erwähnten Konzilstext: Dieses Dokument hat bekanntlich der Klerus und er allein damals im Vatikan verfasst. Schon in § 3 des Konzilstextes heißt es: „Die Katholische Kirche ist von Christus, dem Herrn, gegründet, um allen Menschen das Heil zu bringen, und darum der Verkündigung des Evangeliums unbedingt verpflichtet. Deshalb hält sie es für ihre Pflicht, die Heilsbotschaft auch mit Hilfe der Sozialen Kommunikationsmittel zu verkündigen und Grundsätze über deren richtige Anwendung aufzustellen.“

Die Katholischen Medien: Nichts anderes als Varianten von Predigten, deren korrekten Inhalt selbstverständlich einzig der Klerus festgelegt.

5.

Umfassende kritische Analysen zum vielfältigen Leben der Kirche und des Klerus sind in dieser „Kirchenpresse“ ausgeschlossen. Wie viel mehr Klarheit und Betroffenheit angesichts des sexuellen Missbrauchs durch Priester hätten bewirkt werden können, wenn schon seit 1970 über den Klerus umfassend kritisch berichtet worden wäre und man nicht nur von Hochwürden und Eminenzen und Heiligen Vätern lobeshymnenmäßig gesprochen hätte. Die lange Liste der Journalisten, die von den Bischöfen aus ihren Ämtern innerhalb der „Kirchenpresse“ rausgeworfen wurden, ist kaum zu überschauen. Ich erinnere als Berliner nur an Pfarrer Günter Renner, den Redakteur der Bistumszeitung für West-Berlin, mit dem hübschen Titel „Petrusblatt“ für eine Metropole wie West-Berlin… Pfarrer Renner hatte es gewagt, kritische Fragen im Blatt zu publizieren, Leserbriefe zu veröffentlichen….Er wurde deswegen seines Amtes von dem reaktionären Berliner Kardinal Alfred Bengsch enthoben. Viele weitere Beispiele der klerikalen Repression ließen sich nennen. In Italien wurden Redakteure der weit verbreiteten Zeitschrift „Famiglia Cristiana“ entfernt, in der Jesuitenzeitschrift Etudes wurde der Chefredakteur Pater Valadier entfernt, ähnliches gilt für die spanische Zeitschrift „Vida nueva“ und so weiter. Mir sagte der damalige Chefredakteur der „Stimmen der Zeit“ (bis 2009), Pater Martin Meier SJ, wie stark er unter der Kontrolle und den Drohungen vonseiten Kardinal Ratzingers in Rom leide.

6.

Es gibt also keine Pressefreiheit in der katholischen Kirche. Und wenn es sie da und dort gibt, ist sie mit Mühe und Leiden erkämpft, siehe „Publik Forum“. Jetzt, in Zeiten des totalen Schwindens des Vertrauens in diese institutionelle klerikale Kirche, können die Bischöfe öffentliche Kritik in ihren Blättern nicht mehr unterdrücken, insofern hat – paradoxerweise – der sexuelle Missbrauch durch Priester in den letzten 3-4 Jahren den Missbrauch der freien Meinung in der Kirche etwas reduziert.

Andererseits gibt es die militante „kirchentreue“ Presse als Minderheiten-Presse nach wie vor, überall in Europa, auch n Deutschland, man denke an die „Tagespost“ und den „Fels“ und ähnliche Blätter, die aber im Vatikan bei den Glaubenshütern viel Beachtung finden. Für die katholische Presse aber interessieren sich jetzt immer weniger Menschen. Die Auflagen sinken, die Bistumsblätter werden stapelweise verschenkt, weil sie keiner mehr kauft.

7.

In einer Zeit, in der die Bindung an eine insgesamt korrupte bischöfliche Kirchenführung immer schwächer wird, die Menschen wenig Vertrauen in die katholische Kirche haben, also ein tiefgreifender religiöser Umbruch Tatsache ist, kann man die Frage stellen: Wie geht es weiter mit den Print-Medien, die sich auf die Themen Religionen, Kirchen, Atheismus, Sinnfragen usw. spezialisieren wollen.

8.

Ich empfinde es als großen Verlust, dass es nicht eine große kirchenunabhängige Monats-Zeitschrift gibt etwa mit dem Titel “Religion heute“. Eine solche objektive, immer religionskritische, aber religionswissenschaftliche und religionsphilosophische Monats-Zeitschrift für „breite Leserschichten“, hätte, falls gut gemacht, mit einem weiten Netz von Korrespondenten, eine Chance. „Religion heute“ könnte dem heutigen globalen religiösen Bewusstseinswandel (und der „Entkirchlichung“) entsprechen… Man bedenke: Selbst kleinere philosophische Blätter, wie „Hohe Luft“ oder Philosophie Magazin“, haben sich inzwischen doch etwas etaliert. Und die Monatszeitschrift „Psychologie heute“, im 1974 gegründet, hat heute eine Auflage von 47.000 Exemplaren pro Monat…und ist in Zeitschriftenläden zu haben. Für eine Zeitschrift „Religionen heute“ fehlt es vielleicht nur an Mut. Und es wird schwierig sein, die völlige Unabhängigkeit von jeglicher Religion zu wahren…

9.

Die offizielle, bischöflich kontrollierte Kirchenpresse geht dem Ende entgegen. Die Auflagen sinken und sinken. Unvorstellbar ist heute für viele diese katholische Welt, die sich in den esoterischen Titeln spiegelt. Von 1960 bis ca. 1980 ist von diesen katholischen Zeitschriften zu berichten, es  waren meist Monatszeitschriften, die im Abonnement bestellt wurden, und damals noch mit Erfolg gekauft wurden.

Ich nenne als Kostprobe und Studienobjekt für Mentalitätsgeschichtler nur einige Titel:

„Im Dienste der Königin“, Montfortaner

„Gottesfreund“, Dominikaner

„Maria vom guten Rat“, Augustiner.

„Maria siegt“, Johannesbund

„Hoffnung“, Johannesbund

„Weinberg“, Oblaten

„Jesusknabe“, Steyler Missionare

„Stadt Gottes“, Steyler Missionare,

„Franziskusglocken“, Minoriten

„Hiltruper Monatshefte“, Herz Jesu Missionare

Und so weiter…. Den „Altöttinger Liebfrauenboten“ will ich nur noch erwähnen oder die ominöse „Neue Bildpost“ oder „Herz voran“ oder den „Volksmissionar“, „Nach der Schicht“ war für Arbeiter in den Gruben im Saarland bestimmt.

„Wort und Wahrheit“ war eine sehr lesenswerte katholische intellektuelle Monatszeitschrift, Mitarbeiter waru.a. Friedrich Heer, gegründet wurde sie von Otto Mauer (Wien). Das Ende von „Wort Und Wahrheit“ (Wien) wie das Ende der Jesuitenzeitschrift „Orientierung“ (Zürich) sind nur zwei Beispiele für das Ende des intellektuellen Katholizismus in deutschsprachigen Ländern. Die katholische Kirche hat definitiv Intellektuelle auch publizistisch nicht „binden“ können. Die katholische Kirche in deutschsprachigen Ländern ist auch intellektuell sehr arm, natürlich, es gibt noch TheologInnen an den Unis, aber sie sind als TheologInnen nur ein kleiner „Sektor“ von Intellektualität.  Ein Thema, das kaum debattiert wird.

10.

Viele dieser oben genannten Blätter konnten keine neuen Leser mehr gewinnen, sie waren zu dröge, zu traditionell-katholisch und abergläubisch und intellektuell meist zu anspruchslos. Die AbonnenTinnen sind allmählich verstorben … oder einige Orden geben sich alle Mühe und führen ihre Zeitschriften in neuem Gewand und Titel noch mal weiter, mit wesentlich kleinerer Auflage… bis zum baldigen Ende?

Fußnote 1:  Papst Gregor XVI. hat in seinem Lehrschreiben „Mirari Vos“ (1832) u.a. im 8. Kapitel geschrieben:
„Die Erfahrung bezeugt es und seit uralter Zeit weiß man es: Staatswesen, die in Reichtum, Macht und Ruhm blühten, fielen durch dieses eine Übel erbärmlich zusammen, nämlich durch zügellose Meinungsfreiheit, Redefreiheit, Neuerungssucht. Hierher gehört auch jene nie genug zu verurteilende und zu verabscheuende Freiheit der Presse, alle möglichen Schriften unter das Volk zu werfen, eine Freiheit, die viele mit äußerst verbrecherischem Eifer fordern und fördern. Mit Schaudern stellen Wir fest, ehrwürdige Brüder, mit welchen Ungeheuern von Lehren oder besser Ausgeburten von Irrtümern wir erdrückt werden, die überall verbreitet werden durch eine gewaltige Menge von Büchern, durch Broschüren und Schriften, an Gewicht zwar klein aber übergroß an Bosheit, aus denen Wir mit Schmerz den Fluch über die Erde ziehen sehen. Leider aber gibt es Leute, die in ihrer Vermessenheit so weit gehen, dass sie hartnäckig behaupten, diese aus der Pressefreiheit hervorgehende Flut von Irrtümern würde übergenug wettgemacht durch irgendein Buch, das inmitten dieses großen Sturmes von Schlechtigkeiten zur Verteidigung von Religion und Wahrheit herausgegeben wird. Es ist unrecht, es ist wider alles Recht, absichtlich eine offenkundige und größere Untat zu begehen, weil zu hoffen ist, dass daraus etwas Gutes entsteht. Welcher vernünftige Mensch wird je sagen, es dürfe Gift frei ausgestreut, öffentlich verkauft, mit sich getragen, ja, gebraucht werden, weil es wohl irgendein Heilmittel gibt, durch dessen Gebrauch man vor dem Tode bewahrt wird?“

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die katholische Kirche ist am Ende

Ein Hinweis von Christian Modehn am 21.1.2022

Schon 2019 habe ich darauf hingewiesen, dass die römisch katholische Kirche de facto am Ende ist. D.h. : Sie kann institutionell zwar noch fortbestehen, weil es noch sehr viele Festangestellte gibt, die sich zur Kirche nach außen hin bekennen müssen. Aber innerlich “bewegt”, geschweige denn vernünftig überzeugt, sind wohl die wenigsten.

Es ist der Ballast der KirchenLEHRE, es sind die Dogmen, die Gesetze, die das spirituelle Leben behindern. Diese Lehren und Gesetze treiben die Gläubigen aus der Kirche. Vor allem  Abergläubische und Wundergläubige (Verehrung heiliger Knochen (Reliquien), heiliger Wasser, “Heiliger Väter” etc.) bleiben noch in dieser Institution. Über die umfassende Reduzierung der Lehre, der Dogmen, wäre endlich zu sprechen! Zum Beispiel: Weg mit dem Dogma von der Erbsünde.

Aber es wird immer noch kleine fundamentalistische Gruppen geben, die sich gern dem Klerus unterwerfen. Diese Kreise meinen, Jesus von Nazareth selbst habe diese Kirche, so, wie sie ist, begründet und damit auch den Männer-Klerus als ewige Institution gewollt. Aber solche Überzeugungen und fundamentalistischen Bibelinterpretationen in katholischen Kreisen werden in Europa und Amerika minoritärer werden, aber sie bleiben einflussreich im Vatikan usw.

Die vielen Skandale zur Korruption des Klerus (sexueller Missbrauch, Bereicherung etc.) führen über die Kirchenaustritte zur globalen Veränderung des religiösen Bewusstseins, ein Thema, das genauso wichtig ist wie die Korruption des Klerus , der Korruption … bis hin zum “Ex-Papst”, der bald endlich ein Ex-Ex-Papst sein sollte.

Warum haben die Kardinäle eigentlich 2005 einen solchen “Typen”, salopp gesagt, zum Papst gewählt? Dachten sie auch so wie er? Wahrscheinlich.

Ich empfehle meinen Beitrag zur Debatte: “Die Katholische Kirche ist am Ende”. LINK

Copyright:Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der neue Roman von Houellebecq: „Vernichten“. Bekenntnisse eines Reaktionären.

Über den neuen Roman und die Religion Houellebecqs

Ein Hinweis von Christan Modehn.

1.

Der neue Roman von Michel Houellebecq liegt jetzt auch auf Deutsch vor. „Vernichten“ ist der Titel. Was oder wer vernichtet wird, erscheint erst am Ende des umfangreichen Romans, der Titel lässt Schlimmstes erahnen. Der Titel “Vernichten” bedient sich eines Verbs, einer Tätigkeit, der Eindruck ist: Es handelt sich um ein Geschehen, eben Vernichten, das zwangsläufig geschieht, schicksalsmäßig. Ein Ausrufungszeichen als Befehl findet sich hinter “Vernichten” nicht. Ein Befehl würde noch Freiheit der Täter voraussetzen.

Dabei liest sich das neue Opus des „Stars“, manche sagen „Popstars“ der gegenwärtigen Literatur auch ausnahmsweise, möchte man sagen, manchmal wie eine Art Familiengeschichte mit Einsprengseln einer Art von „Liebesroman“ und kurzen Szenen einer Naturmystik und politischen Irritationen durch Terroranschläge… wobei das Elend der menschlichen Beziehungen selbstverständlich – wie üblich – weit ausgebreitet wird.

Es ist eine elende Welt vornehmlich der Reichen, die da vorgeführt wird, elend hinsichtlich der seelischen Verfassung, der Langeweile, des Scheiterns im Miteinanderleben in Beziehungen und Ehen. Dabei ist es keine Frage: Die sprachliche Gestalt, die „Komposition“ des Romans, der Mix aus Reportage und Elementen philosophischer Reflexion, diese Analysen des seelischen Zustandes einer gewissen Oberschicht können die LeserInnen an das umfangreiche Buch durchaus binden.

Der Roman enthält viele Fakten, das ist evident…Wenn Houellebecq etwa Kirchengebäude nennt, dann sind diese nicht fiktiv, sondern real; wenn er das Kapuzinerkloster der Traditionalisten in Morgon nennt (siehe die ausführlichen Hinweise in Fußnote 1, unten), dann gibt es dieses Kloster wirklich; wenn er von der katholisch-rechtsextremen Bewegung “Civitas” Bewegung spricht, dann gibt es diese wirklich. Er kennt diese Leute! Man denke bloß nicht, dieser Text, Roman genannt, sei im ganzen Fiktion. Dieser Roman hat auch den Charakter eines religionskritischen Sachbuches. “Die Ordnung der Welt ändet sich also gerade” (S. 225) könnte als Leitwort gelten.

2.

In Frankreich ist „Anéantir“ seit dem 7.1. 2022 in den Buchhandlungen, Startauflage 300.000. Auch Raubkopien hat es vorweg gegeben. Das Interesse an Houellebecqs Werk ist enorm, trotz oder auch wegen seiner oft ins politisch Rechte und Rechtextreme abdriftenden Statements. Es ist ja bekannt, dass sich Houellebecq etwa in seinen als Essays titulierten Schriften deutlich absetzt vom Geist der modernen Aufklärung, auch vom Protestantismus und der Renaissance, so etwa erneut in seinem vierten Essayband „Ein bisschen schlechter. Neue Interventionen“(2020). „Die Linken“ sind die Feinde des Autors, das bekam einmal mehr deutlich zu spüren Daniel Lindenberg (Prof. für Politologie und Mitglied der Sozialistischen Partei P.S.), als er in seinem Buch „Le rappel à l ordre“ („Der Ruf zur Ordnung“) von 2002 Houellebecq ein diffuses reaktionäres Denken nachweisen konnte. In seiner Erwiderung anlässlich der Annahme des „Schirrmacher Preises“ 2016 fand Houellebecq äußerst scharfe und polemische Worte gegen Daniel Lindenberg. Houellebecq ist eben nicht nur Literat, schon gar nicht ein „klassischer Dichter“. Er hat sich einem gesellschaftlichen Projekt mit aller Kunst und Leidenschaft und Ironie verschrieben, und das Projekt heißt: Rückkehr zu den alten Werten, etwa der „intakten“ Familie, dem Respekt der religiösen (nicht nur der politischen!) Lehren des traditionellen Katholizismus. Das wird etwa deutlich in einem langen Interview, das Houellebecq dem Journalisten Geoffroy Lejeune von der extrem rechten Wochen-Zeitschrift „Valeurs Actuelles“ im Jahr 2019 gab. Darin sagte Houellebecq offenbar allen Ernstes: „Zu den Zeiten, als der Islam verborgen war, wo es einen Islam im Keller gab, da lief alles gut. Jetzt, machen die Muslime Probleme. Weil man ihnen sagt, sie könnten sichtbar sein. Um das zu regeln, wäre es besser, die katholische Religion würde stärker werden („reprenne le dessus“)“.

Der Schriftsteller Thomas Lang schreibt dazu: „Bemerkenswert scheint mir einerseits der grundlegende Konsens zwischen dem Journalisten und Houellebecq in der Sehnsucht nach einer unangreifbaren Institution, die im Besitz der Wahrheit ist und Trost spenden kann. Andererseits findet sich auch wieder die Konfrontationsstellung unterschiedlicher Richtungen. Rechts gegen links, christlich gegen muslimisch, das sind die besten Voraussetzungen für die Ausweitung einer Kampfzone“ (zit. in „Volltext“, Wien, Heft 4 (2020, S. 7). Die katholische Kirche braucht Houellebecq für seine politischen Ideen und Nostalgien als Stützen der Moral und des Staates. Das ist die alte, aber immer noch nicht vergessene  französische Konzeption der „Action Francaise“, die sich zu Beginn der Zwanzigsten Jahrhunderts als politische Ideologie katholischer Franzosen etablieren wollte, die keinen religiösen und biblisch geprägten Glauben hatten, wohl aber eine politische Liebe zur Institution Kirche als Hüterin der alten Ordnung. „Jesus Nein, hierarchische Kirche Ja“, war die Devise, die auch Houellebecq zentral findet, Jesus ist ihm viel zu links, viel zu revolutionär…(Siehe dazu: Yann du Cleuziou: Apologie du catholicisme dans les romans de Houellebecq, https://halshs.archives-ouvertes.fr/halshs-02296265/document).

3.

Der maßgebliche Literaturkritiker von „Le Monde“, Jean Birnbaum, hat im Dezember 2021 mit Houellebecq einige Stunden in dessen Arbeits-„Studio“ in Paris sprechen dürfen. Auf drei Seiten berichtet er ausführlich von dem Besuch, der ganz dem  neuen Buch gilt (Le Monde, 7. Janvier 2022,  Seite 1-3 in der Abteilung „Le Monde des Livres“). Der Titel des Beitrags sagt schon Entscheidendes über den neuen Roman: „Houellebecq, die Versuchung des Guten“.  Dazu passend, auf Seite 1, ein Zitat des Schriftstellers: „Mit guten Gefühlen macht man gute Literatur“. Diese Aussage mag überraschen! Houellebecq sagt: „Es gibt (bei mir) kein Bedürfnis, das Böse zu feiern, um ein guter Schriftsteller zu sein. Und es gibt wenige Übeltäter in dem Roman „Anéantir“. Damit bin ich sehr zufrieden. Der größte Erfolg wird sein, wenn es überhaupt keine Übeltäter mehr gibt“.

Während des Gesprächs mit dem Redakteur von „Le Monde“  fällt Houellebecq plötzlich ein, so heißt es dann in der Zeitung:  „Das ist verrückt, seit vier Stunden diskutieren wir und man hat noch immer nicht von Zemmour (einem der rechtsradikalen Präsidentschaftskandidaten 2022) gesprochen“. Darauf der Redakteur: „Das ist stimmt. Man kann es immer noch tun“. Aber wollen Sie das wirklich?  „Non“ antwortet Houellebecq sehr knapp „a mi-voix“, heißt es, „halblaut“. Dem Journalisten fällt nichts anderes ein als das eine Wort zu sagen: „Bon“, also: “Na gut“. Keine Nachfrage also, eine verpasste Chance mehr Klarheit über die Beziehung Houellebecq – Zemmour zu erfahren.

4.

Jean Birnbaum erwähnt im Gespräch auch die ihn emotional berührenden Aussagen im Roman. Houellebecq antwortet darauf mit einem Hinweis zum eigenen Erleben beim Schreiben: „Jene Passagen im Roman, die Sie berührt haben, die habe ich nicht gedacht, die haben sich mir aufgedrängt. Wenn Sie das ernst nehmen, was ich schreibe, dann muss man eine irrationale Voraussetzung annehmen, nach der die Personen im Roman wie von selbst handeln… Oft glaubt der Autor, die Persönlichkeiten im Roman zu kontrollieren, aber die Persönlichkeiten drängen ihr Sein dem Autor auf“. Houellebecq erlebt sich offenbar wie einer Art „Diktat“ ausgesetzt. Aber: Wer „diktiert“ da eigentlich? In den biblischen Schriften, die ja auch manche für „inspiriert“, säkular gesagt von anderem „diktiert“ halten, war es Gott, der da die Feder führte…. In jedem Fall sieht sich Houellebecq offenbar wie ein Meister der Weisheit, der Gesehenes, Gehörtes, kundtut.

5.

Über seine spirituelle Suche hat Houellebecq oft gesprochen, auch über seine Versuche, sich in den katholischen Glauben zu vertiefen. Auch in dem Roman „Vernichten“ ist oft von der Bedeutung des katholischen Glaubens die Rede: Cécile, die Schwester des Protagonisten Paul Raison, ist eine tief-fromme praktizierende Katholikin, der es sogar gelingt, ihren eher skeptischen Bruder zur Weihnachtsmesse in die Dorfkirche im Beaujolais mitzunehmen. Die Reflexionen Pauls über die Bedeutung Gottes angesichts des menschlichen Leidens könnte man wohl auch als persönliche Fragen Houellebecqs denken (S. 261)..

Der Katholizismus ist jedenfalls immer ein Thema bei Houellebecq, auch wenn er in „Vernichten“ durch ausführliche Beschreibungen des Wicca-Kultes wohl andeutet: Es könnte auch eine andere, eine neue (alte) Religion in Europa wichtig werden. Bekannt ist zudem, dass er die Gastfreundschaft der Benediktinermönche von St. Martin de Ligugé (bei Poitiers) erlebt hat (im Gästezimmer 11). Die Mönche berichteten später, sehr aufmerksam die Romane Houellebecqs zu lesen.  Und die Zeitschrift „Le Point“ schrieb  am 21.4.2015, in ihrer Klosterbuchhandlung hätten die Mönche auch die (damalige) Neuerscheinung des Houellebecq Romans „Soumission“  („Unterwerfung“) zum Kauf angeboten.

Für den Redakteur von Le Monde berichtet Houellebecq: Zu Weihnachten (2021) hätten ihm, so wörtlich, “reaktionäre Katholiken”, „die Freunde geworden sind“, Grüße und Nachrichten geschickt. „Darin sagten sie, dass sie für mich gebetet hätten, das ist bewegend, finden Sie nicht auch? Es gibt Leute, die interessieren sich für meine Seele. Das deute ich als Zeichen von sehr starker Freundschaft. Sie hoffen, dass ich von der Gnade berührt werde“. Bemerkenswert ist, dass Houellebecq selbst offenbar ohne ironischen Unterton (ohne ein “so genannte”) von seinen “reaktionären katholischen Freunden” spricht. Diese Haltung dieser Katholiken findet er offenbar gut, in diesem Freundes-Milieu fühlt er sich wohl. Hat Houellebecq endlich seine katholische Ecke gefunden, wo er sich wohlfühlt?

Ob die reaktionären Katholiken, auch in moralischer Hinsicht nicht gerade liberal, mit Houellebecqs Satz (gesprochen vom Protagonisten Paul) einverstanden sind: “Dafür waren Nutten da, um einem wieder Leben einzuhauchen” (S. 307)? Wahrscheinlich sehen reaktionäre Katholiken auch über die Sex-Szenen im Roman “Vernichten” hinweg, wichtig ist ihnen die politische Haltung Houellebecqs, da ist er wohl einer der ihren…

Tatsache ist: Reaktionäre Kreise im französischen Katholizismus sehr viel zahlreicher und “bunter” und einflußreicher als etwa im deutschen Katholizismus.  Es sind in Frankreich nicht nur die zahlreichen traditionalistischen Pius-Brüder von Mgr. Lefèbvre und deren Gemeinden, es sind die Katholiken aus den Kreisen “Manif pour tous”, von der Zeitschrift Valeurs Actuelles, die Katholiken, die von “Bevölkerungsaustausch” wegen der Muslime in Frankreich schwadronieren usw., von “Civitas” war schon die Rede.

6.

Der Schriftsteller Thomas Lang hat in der Zeitschrift VOLLTEXT manche Aussagen Houellebecqs zur Politik treffend „schwammig“ (S. 6) genannt. Schwammig sind auch einige Ausführungen des Schriftstellers in dem genannten Gespräch mit Jean Birnbaum von Le Monde. Darin ist erstaunlich, wie milde Houellebecq die bekannten Nazi-Autoren der Okkupationszeit bewertet. Er sagt: „Man war im 20. Jahrhundert fasziniert von der Transgression, dem Bösen. Von daher auch das Wohlgefallen gegenüber Autoren wie Morand, Drieu, Chardonne. Und dann das Urteil Houellebecqs: „Autoren, die ich mittelmäßig finde“.

Morand und Drieu waren von ihrer formalen schriftstellerischen, sprachlichen Leistung her gesehen sicher viel mehr als mittelmäßig. Aber sie waren viel weniger als mittelmäßig, nämlich schändlich, in ihrer antisemitischen Nazi-Ideologie. Von der Nazi-Ideologie der Autoren spricht Houellebecq vornehmerweise nicht. Oder „Le Monde“ zitiert unvollständig.

7.

Was oder wer ist also „Vernichtet“, um den Titel des neuen Romans aufzugreifen? Das werden die LeserInnen entdecken. Aber betrachtet man die Grundüberzeugung und die herrschende „Stimmung“ von Houellebecq dann steht fest: Vernichtet ist die alte europäische Ordnungswelt. PolitikerInnen, die angeblich noch diese alte Werte bzw. Unwerte -Ordnung reanimieren wollen, werden von Houellebecq in „Vernichten“ freundschaftlich mit dem Vornamen angespochen, eben Marine Le Pen, im Jahr 2022 Chefin der rechtsextremen Partei „Rassemblement National“ (früher „Front National“). Sie heißt im Roman nur freundschaftlich „Marine“.

Wichtiger als Ergänzung zum Thema „Vernichten“ dürften die Ausführungen Houellebecqs sein anlässlich der Verleihung des „Oscar-Spengler Preises“ 2018, ein Preis, der auch stark von rechten CDU und auch AFD Politikern inszeniert und finanziert wird. Bei der Entgegennahme des Preises in Brüssel sagte Houellebecq: „Bezogen auf die Demographie und die Religion ist es evident, dass ich zu den exakt identischen Schlussfolgerungen wie Spengler komme: Der Westen befindet sich in einem Zustand sehr fortgeschrittenen Niedergangs.“ Das hat man schon oft gehört von Houellebecq…

8.

… Es ist das Jammern des Reaktionären heute…Ob es weiterhilft in der umfassenden Krise der Gesellschaften und Staaten ist sehr fraglich, meine Antwort heißt nein. Trotzdem werden wieder viele tausend Menschen auch den neuen, den etwas freundlicher gestimmten Houellebecq-Roman lesen. Weiterführende Impulse für eine humanere Welt (der Menschenrechte) werden sie von dem umfangreichen Buch nicht erhalten. Politische Prognosen eines „Weisen“ oder gar prophetische Perspektiven wird man auch diesem Houellebecq – Roman nicht entnehmen können. Da verbreitet ein “weltberühmter Autor” nur auf seine Art “Stimmung” für eine autoritäre Gesellschaft und einen entsprechenden Staat der “uralten Werte”. Und viele, werden dies, leider, glauben.

Fußnote 1:

Im November 2017 hatte Houellebecq ein Interview („Testament“ genannt), ursprünglich für den SPIEGEL gegeben, das dann von der reaktionären Wochenzeitung „Valeurs actuels“ übersetzt  wurde . LINK Houellebecq betont in dem Interview: „Die Integration der Muslime könnte nur funktionieren, wenn der Katholizismus (in Frankreich) wieder Staatsreligion (Religion d Etat) wird“.  Diese Forderung „Katholizismus als Staatsreligion“ wird von der rechtsextremen Partei „Civitas“ vertreten. Ein Kapuziner aus dem traditionalistischen Kloster in Morgon ist offizieller „Partei-Kaplan“ (aumonier genannt) von „Civitas“.   Von diesem Kloster ist in „Vernichten“ die Rede, Houellebecq kennt diese Leute offenbar. Es lohnt sich, zum Studium die website dieser Mönche anzusehen! LINK: Das Houellebecq-Zitat zur katholischen Staatsreligion ist auf Deutsch erreichbar (gelesen am 15.1.2022): LINK

Die reaktionären und traditionalistischen Katholiken von Civitas gehören auch zu den heftigen „Impfgegner“ in Frankreich, sie nennen die staatliche Impfkampagne „Plandémie satanique“. Diese Tatsachen werden ausführlich ausgebreitet in der religionswissenschaftlich-politologischen Studie „Le Nouveau Péril sectaire“, von Jean-Loup Adénor und Timothée de Rauglaudre, erschienen in den Editions Laffont, 2021, 21,50 EURO.

Michel Houellebecq, “Vernichten”. Roman.  2022, Dumont – BuchVerlag Köln. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek. 621 Seiten, 28 Euro. 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Papst Franziskus – ein Papst der Widersprüche. Versuch einer Erklärung.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Inhaltsverzeichnis zu diesem Hinweis:

1.Der von Kardinal Bergoglio gewählte Papst-Name Franziskus (von Assisi) ist von vornherein ein Hinweis auf die inneren Spannungen und Widersprüche in seinem „Pontifikat“.

2. Die offenkundigen Widersprüche im Reden und Handeln von Papst Franziskus lassen sich auch mit der zentralen Ideologie seiner argentinischen Herkunft, konkret: seiner Nähe und Sympathie für die „Guardia de Hierro“, „die Eiserne Garde „des Peronismus, besonders von 1972-1974, erklären.

Das Motto:

Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie muss sich immer gleichzeitig mit der gedanklichen Entwicklung von Beziehungen des Menschen zu einer göttlichen Wirklichkeit befassen UND in gleichem Maße mit den gegenwärtigen Formen sich religiös nennender Praxis. Kritik der Religionen (auch Kritik des Glaubens, der sich „Atheismus“ nennt) und Kritik der Kirchen gelingt nur mit dem Maßstab der Vernunft. Sie ist die innere Mitte der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie. Es ist also ausgeschlossen, dass religiöse, konfessionelle Normen oder so genannte heilige Bücher das Kriterium liefern für religionsphilosophische Debatten.

Erinnerung an einige allseits bekannte Fakten:

Das wissen alle, die sich mit dem jetzigen Papst Franziskus beschäftigen: Papst Franziskus ist eine zwiespältige Gestalt. Er glaubt an den Teufel, argumentiert oft in  volkstümlicher Überzeugung mit dessen Existenz. Andererseits gibt Papst Franziskus sich theologisch ein bisschen auf der Höhe der Diskussionen: Er fordert mehr synodale Strukturen,  also eine Art bescheidene katholische Variante von Demokratie. Aber er führt als Papst synodale Entscheidungen nicht zu Ende, siehe die berühmte „Amazonas-Synode“ und die dort geforderte Aufhebung des Pflichtzölibates für Priester. Einerseits zeigt er sich als Freund der Armen und Flüchtlinge, er besucht Lampedusa, auch Lesbos usw. und diese Besuche lassen ihn in der Öffentlichkeit glaubwürdig erscheinen. Andererseits ist er als Papst schon aufgrund des Amtes autoritärer Herrscher im Vatikan (Legislative, Judikative, Exekutive alles in seiner „Hand“). Er hat nach wie vor nicht die Erklärung der Universalen Menschenrechte unterschrieben. Einerseits plädiert Papst Franziskus für „mehr Ökumene“, aber er verfügt nicht, dass die römische Kirche volles Mitglied im Ökumenischen Weltrat der Kirchen (Genf) wird. Denn so glaubt er: Die katholische Kirche ist eben doch etwas Besseres und Einmaliges, das ist die Botschaft der Päpste bis heute! Einerseits will er vieles gegen die Sexualverbrechen durch Kleriker tun, ist aber in der Realisierung dieses Vorhabens sehr zurückhaltend, gerade was den umfassenden Respekt für die Opfer angeht.

Es gibt hunderte weiterer Beispiele: Papst Franziskus sagt nicht nur mal dieses und dann mal jenes. Seine Worte und Taten sind oft widersprüchlich. Diesem Papst fehlt die innere konsequente Linie. Er jongliert. Nur gelegentlich spricht er päpstliche Allmachtsworte, wie den Rausschmiss Kardinal Müller aus dem Amt des obersten Glaubensbehörden-Verwalters, später wurde Müller wieder etwas rehabilitiert. Gegen die aktuelle Polemik Müllers schreitet er hingegen nicht ein…

1.Papst FRANZISKUS

Für die Widersprüchlichkeit im Sprechen und Handeln von Papst Franziskus (man denke nur an die elenden Debatten um Homosexuelle) gibt es eine erste Erklärung, sie wurde meines Erachtens bisher zu selten beachtet: Es ist die Spannung, wenn nicht der Widerspruch, der sich im Namen und Titel „Papst Franziskus“ zeigt. Mit anderen Worten und etwas zugespitzt gesagt: Ein Papst kann sich eigentlich nicht und darf sich nicht „Franziskus“ nennen, wenn denn mit „Franziskus“ der heilige Franziskus von Assisi gemeint ist. Bis jetzt hat sich auch kein Papst „Petrus II“ .genannt, offenbar aus Ehrfurcht (oder Aberglauben) vor diesem verheirateten Fischer, der angeblich von Jesus höchstpersönlich zum „Fels“ der Kirche ernannt wurde.

Zur Biographie des ständig idealisierten un auch verkitschten Franziskus von Assisi: Er war ein Laie, der im Mittelalter bei einer reichen Kirche in Italien für eine radikale Kirchenreform kämpfte. Er wollte eine Reform-Bewegung von Laien, die gegen die mittelalterliche Prunksucht der Päpste und Bischöfe aufbegehrten und eine andere Kirche wollten, eine Kirche im Sinne des armen Jesus von Nazareth, ohne die Allmacht des Klerus, auch die Allmacht der Päpste. Sein Zeitgenosse, Papst Innozenz III., selbst ein Allmächtiger, wusste, welche theologische „Sprengkraft“ in Franziskus von Assisi vorhanden war… und ihm gelang es, Franziskus, den Antiklerikalen, in diese bestehende Kirche einzubinden. So wurde des Franziskus` eher papstkritische Laienbewegung der Armen gestoppt … und ein klerikaler Franziskanerorden entstand.

Wenn sich ein Papst auf diesen Franziskus von Assisi bezieht, tritt er selbst automatisch in eine antiautoritäre, antiklerikale und letztlich antipäpstliche Tradition ein. Er kann sich aber als weiterhin im Vatikan-Staat mit seinen Palästen, allerdings dort bescheiden lebender Papst damit trösten, dass Franziskus von Assisi sozusagen von Innozenz III. und den Kardinälen „umgedreht“ wurde und sich auf eine „Entschärfung“ und „Ent-Radikalisierung“ seiner Botschaft einließ…in Gestalt eines strukturierten klerikalen Ordens.

Mit anderen Worten: Wenn ein Kardinal sich als Papst den Namen Franziskus (von Assisi) gibt, kündigt er eigentlich mit dieser Wahl auch das Ende des (bislang üblichen) Papsttums an.  Dieser Namenswahl könnte etwa, leicht zugespitzt, eines Tages auch der Papstname „Papst Martin Luther I.“ entsprechen. Das wäre sicher das Ende des „klassischen“ Papsttums, hoffentlich, ist aber unwahrscheinlich.

2. Bergoglio – der Peronist.

Es wurde in der theologischen und religionskritischen Forschung bis jetzt leider der wichtige Aufsatz von Colm Tóibín übersehen, den der irische Journalist und Literaturwissenschafter, Lehrbeauftragter an der Stanford University usw., in der Zeitschrift „Lettre International“, Ausgabe Frühjahr 2021, S. 68 -75, veröffentlichte.

Der Titel von Tóibíns Studie: „Das Lächeln Bergoglios. Vom peronistischen Jesuiten zum Heiligen Vater im Vatikan – Eine Karriere“.

Tatsache ist, dass Bergoglio von 1972 bis 1974 der peronistischen Bewegung „Guardia de Hierro“ („Eiserne Garde“) nahestand, das wird von Historikern überhaupt nicht bestritten. Wie sich daraus eine Nähe UND Distanz des Provinzials der argentinischen Jesuiten Bergoglio zu den mordenden Militärs in Argentinien (von 1976-1983) entwickelte, wird noch weiterhin hoffentlich umfassend studiert und diskutiert. Der Sozialist und Ökonom Roberto Pizarro H. entschuldigt förmlich die bekannte damalige „Schwäche“ („debilidad“) des führenden Jesuiten Bergoglio in dieser Zeit damit, dass Bergoglio nun als Papst so viel Gutes tut zugunsten der Armen. So kann man auch politische Fehler eines Jesuitenprovinzials reinwaschen. Quelle: https://www.eldesconcierto.cl/opinion/2018/01/13/el-papa-francisco-la-guardia-de-hierro-y-el-genocida-massera.html.

Über die undeutliche Haltung des Jesuitenprovinzials Bergoglio während der Militärdiktatur spricht auch Tóibín in seinem Artikel. Auch seine spirituelle Praxis, volkstümlicher Art („Verehrung von Heiligenbildern und der Kultus der Madonna“, S. 70) wird ausführlich behandelt. Wichtig ist die innere Verbundenheit mit „dem“ Peronismus: „Bergoglio ist ein Peronist, und die Pointe des Peronismus ist es, dass er sich niemals definieren lässt. Die Montoneros, die in den siebziger Jahren Argentinien mit einer Terrorismuskampagne überzogen, waren Peronisten. Und die Eiserne Garde, die rechte Gruppe, mit der Bergoglio in Verbindung stand, bestand ebenfalls aus Peronisten. Präsident Carlos Menem war Peronist und die Präsidenten Kirchner waren es auch. Ein Peronist zu sein, heißt alles und nichts. Es heißt, dass man zeitweise mit genau den Dingen einverstanden sein kann, die man ansonsten ablehnt. Man kann sowohl Reformer sein wie gleichzeitig ein Konservativer“ (S. 74). …“Bergoglio konnte in einem Augenblick den Anarchisten spielen und im nächsten in seine autoritäre Rolle zurückfallen“ (S. 73).

Das heißt: Es ist dieses taktische Lavieren, dieses Schwanken je nach der machtpolitischen Situation zwischen Ja und Nein, es ist diese Dialektik von Zustimmung und Widerspruch ohne zu einer neuen höheren Ebene zu führen, die den – in Deutschland weithin unbekannten – Peronismus auszeichnet…und die, wie Colm Tóibín schreibt, auch den peronistischen Jesuiten Bergoglio und Papst Franziskus prägt. So wird eine Antwort gegeben auf das widersprüchliche Verhalten dieses Papstes etwa zum Zölibat – angesichts der „Amazonas-Synode“ – oder zur konsequenten Bestrafung von sexuellen Missbrauchstätern im Klerus. Oder zum äußerst verständnisvollen und geduldigen Umgang mit den in dem Zusammenhang hoch belasteten Kardinälen (wie Woelki in Köln). Andererseits: Der rasante Rausschmiss des Pariser Erzbischofs Aupetit, der den „furchtbaren“ Makel hat, sich in eine Frau ein bisschen verliebt zu haben und das auch noch dummerweise veröffentlichte. Aber solche heterosexuellen  Makel werden wohl immer seltener, mangels heterosexueller Priester…

Das ist erstaunlich: Die katholische Wochenzeitschrift „Christ in der Gegenwart“ (Herder-Verlag) scheibt in ihrem Kommentar vom 6.1.2022, wie Papst Franziskus geradewegs ungeniert und nur aus machtstrategischen Überlegungen (dies ist auch peronistischer „Geist“ !) Kardinal Marx (München) zur Fortsetzung seines Amtes als Erzbischof verdonnert, obwohl Marx nachweislich viele Fehler begangen hat…Weil er viele pädosexuelle Verbrechen im Klerus nicht der staatlichen Justiz übergab. André Lorenz scheibt in „Christ in der Gegenwart“: „In bitterer Erinnerung bleibt der Satz von Papst Franziskus aus seinem Schreiben an Kardinal Marx, in dem er dessen Rücktrittsangebot am 10. Juni 2021 abgelehnt hatte: „Das ist meine Antwort, lieber Bruder. Mach weiter, so wie Du es vorschlägst, aber als Erzbischof von München und Freising. “Das ist das Problem…:So lange Bischöfe, in deren Zuständigkeitsbereich sexueller Missbrauch durch Geistliche systematisch vertuscht worden ist, im Amt bleiben dürfen, wird nichts mehr gut in unserer Kirche“, soweit „Christ in der Gegenwart“. .

Man wird also sagen: Trotz aller großen Worte und so sympathischer populärer Gesten (Umarmen von Kindern, Fußwaschungen von Obdachlosen etc.), ist auch Papst Franziskus ein Vertuscher, ein Machtpolitiker üblicher vatikanischer Tradition seit Jahrhunderten, und eben ein Peronist.

Und man wird dadurch erneut aufgefordert, Bergoglios Verhalten als Provinzial der Jesuiten in Argentinien zu studieren, sein zwiespältiges Verhältnis zur Militärjunta und zu so genannten linken Jesuiten, die sich seines Schutzes als Provinzial vor der Gewalt des Militärregimes nicht sicher fühlten, also etwa die Jesuiten Franz Jalics und Orlando Yorio…

Pater Jalics hat nach seiner Freilassung aus den Gefännissen der Militärs Bergoglio freigesprochen, für die erlittenen Qualen durch die Militärs mit-verantwortlich zu sein. Es war „die ständige Anrufung Jesu im Gebet“, die bei dem frommen Pater Jalics diese Läuterung des Verzeihens (gegenüber Bergoglio) bewirkte. (Fußnote 15 im wikipedia Beitrag zu Franz Jalics SJ).

Papst Franziskus wird, wenn nicht ein Wunder geschieht, als jonglierender, hin – und her zerrissener Papst in die Geschichte eingehen. Er ist eben nur zum Teil ein so genannter Progressiver. Und es sieht alles danach aus, dass die tatsächliche Allmacht der katholischen Klerus-Kirche (die manche noch verbliebenem Katholiken förmlich zur Verzweiflung bringt heute) ad aeternum fortbestehen wird. Wenn einmal ein persönlicher Hinweis erlaubt ist: Wer noch Vernunft und Mut hat, sollte darüber nachdenken, sich dem theologisch-liberalen Protestantismus anzuschließen, auch als Beitrag zur Ökumene, oder den mystischen Weg zu gehen… Man muss nur gut hinhören in all den Kommentaren aus seriösen katholischen Zeitschriften, wie „Christ in der Gegenwart“. Der Tenor ist doch klar: Dieser klerikale Katholizismus ist vorbei, inhaltlich, theologisch, spirituell, auch wenn er noch als machvolles institutionelles Skelett mit vielen alten Klerikern fortbesteht (solange das Geld fließt)…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ist Philosophie hilflos? Wenn Impfgegner und Verschwörungsideologen in eine Katastrophe führen.

Kann philosophisches Denken hilfreich sein beim Abwenden von Unheil?

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1. Was kann philosophisches Nachdenken bewirken in einer Zeit, die Katastrophen ankündigt? Von den großen Bedrohungen in der „Weltpolitik“ soll hier nicht die Rede sei. Hingegen, nahliegender, vom Auseinanderdriften der Gesellschaft und der Bedrohtheit des demokratischen Staates auch in Deutschland anlässlich der Debatten und Auseinandersetzungen über das Impfen gegen die Corona-Pandemie und wegen der Impfpflicht.

Da finden an vielen Orten, Ende Dezember 2021, kleinere und größere Straßenschlachten statt aufgrund der Ausschreitungen von Impfgegner. Unter diesem Titel verstecken sich Rechtsextreme verschiedener Couleur und auch, so scheint es, ahnungslose Leute, die einfach „nur“ ihre Haltung zum Impfen öffentlich dokumentieren wollen. Dass sie mit Feinden der Demokratie gemeinsam auf die Straße gehen, stört diese Leute offenbar bis jetzt nicht. Polizisten werden bei diesen gewalttätigen „Spaziergängen“ verletzt. Es steht fest: Die Anti-Impf-Demonstrationen sind schon zu Anti-Demokratie-Demonstrationen ausgeartet.

2. Ist diese Entwicklung auch für kritisch denkende, philosophierende Menschen, also Philosophen, ein Thema. Was wäre denn die Sache der Philosophie bei dem Thema? Hat sie etwas „Eigenes“ zu sagen? Dabei kann „das Eigene“ der Philosophie niemals nur begrenzt sein auf den verschwindend kleinen Kreis der PhilosophInnen, die professionell Philosophie betreiben!

3. GIBT ES EINEN PHILOSOPHISCHEN VORSCHLAG?

Warum kann man sich philosophisch angesichts der genannten Krisen nicht auch an die „Diskursethik“ halten, die zu Beginn der neunzehnhundertsiebziger Jahre von den Philosophen Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas vorgestellt wurde?

Um kurz an deren wesentliche Vorschläge zu erinnern: Es gilt, einen Konsens unter zerstrittenen Menschen bzw. Gruppen zu finden.

Die philosophisch begründete Methode bedeutet, daran zu erinnern: Allein die Tatsache, dass die zerstrittenen Personen überhaupt miteinander sprechen, bezeugt den Willen:  Gemeinsam soll um eine gemeinsame Basis, eine gemeinsam geteilte fundamentale Wahrheit, die beide anerkennen, gerungen werden.

Das Gespräch geht also davon aus: Die Argumentierenden, die Sprechenden, folgen bereits schon vor dem ausführlichen Miteinandersprechen und dann auch während des Miteinandersprechens dieser Voraussetzung: Wir erkennen uns als rationale und freie und gleichberechtigte Menschen an, die gemeinsam inmitten des Streites nach einer gemeinsamen Basis suchen, um den Konflikt friedlich und gerecht zu lösen. Sonst hätte es keinen Sinn, überhaupt in einer verständlichen Sprache den eigenen Unmut dem anderen mitzuteilen. Allein das Sprechen überhaupt schon ist entscheidend. Der Gesprächspartner will sich nicht schweigend aus der gemeinsamen Sprachwelt verabschieden und sich in seiner eigenen, von ihm konstruierten Welt einschließen. Nein, er sucht in der gemeinsamen Sprache das Gespräch, mit dem Ziel, gehört, verstanden zu werden.

Dabei setzt jeder voraus: Wenn der eine dem anderen zuhört, ihn zu verstehen sucht, den gilt das auch für den anderen im Verhältnis zu seinem Gegenüber. Es kann nicht sein, dass der eine Gesprächspartner dominiert. Es zählt einzig das Argument, das auch die praktischen und politischen Konsequenzen deutlich beschreibt, die aus einer Haltung und Meinung hervorgehen. Wer nach begonnenem Diskurs nur ausweicht und wer keine Wahrheit anerkennt, die über der subjektiven Meinung steht, als das beiden „Parteien“ übergreifende Gemeinsame, der zerstört den Dialog und führt zum Abbruch des Gespräches, zur Niederlage der die Menschen verbindenden Vernunft, der zerstört letztlich sich selbst!

4. Wenn aber das Gespräch abgebrochen wird, weil ein Gesprächspartner absolut auf seiner subjektiven Meinung beharrt und sich sogar naturwissenschaftlich bewiesenen Tatsachen verweigert? Gibt es dann noch einen Ausweg? Philosophisch heißt die Empfehlung, genau die Konsequenzen aufzuzeigen, die im Beharren auf der für absolut gehaltenen subjektiven Wahrheit deutlich werden: Es muss also bei extremen Überzeugungen die Frage gestellt werden: Etwa im Falle der rechtsradikalen Feinde der Demokratie, denen der Untergang der Demokratie und des Rechtsstaates offenbar willkommen ist: Da muss die Frage gestellt werden: Wollen Sie wirklich – etwa bei einem von Ihnen für möglich gehaltenen Bürgerkrieg – auch selbst dabei umkommen? Ist Ihnen das eigene Leben völlig egal? Auch das Leben ihrer Failie? Warum lieben Sie die Zerstörung, den Tod, oder etwas “milder” ausgedrückt: Warum wollen Sie in einer Herrschaft unter Führern leben, die ein Willkürregime ausüben. Bei einem Willkürregime werden Sie, wenn Sie  zur allgemein gültigen Vernunft wieder kommen, jedenfalls keine freie Meinungsäußerung mehr haben, die Ihnen jetzt gewährt wird in dem Rechtsstaat, in dem Sie leben.

5. Es hat sich die Meinung durchgesetzt, man hört sie immer wieder, sogar von Demokraten: „Mit denen (den Rechtsradikalen, den Corona-Leugnern, den Verschwörungsideologen etc.) kann man nicht reden“, also mit den Leuten, die das Thema Impfen nur als Anlass nehmen, um gegen den demokratischen Rechtsstaat zu agieren. Aber wenn man nicht mehr mit „denen“ reden kann, dann ist die menschliche Gesellschaft tatsächlich gespalten in verfeindete Lager, die sprachlos nebeneinander her leben, bevor die Wut sich gewaltsam entlädt. Das wäre sozusagen das Ende der philosophischen Lebenshaltung, die Niederlage der Vernunft, die ohne Sprache und Sprechen, gemeinsame Sprechen, nicht lebt. Es wäredie Niederlage der Menschheit.

6. Darum bleibt also doch nichts anderes übrig, als das Gespräch mit aller Kraft zu suchen und zu pflegen. Und wenn das nach langen geduldigen Versuchen nicht gelingt? Dann muss sich der demokratische Rechtsstaat mit Gesetzen und Verboten schützen.

7. Jetzt wird in Deutschland und unter den maßgebenden Politikern der Regierung endlich über die Impfpflicht sehr deutlich nachgedacht, wenigstens für bestimmte Berufe, wie Pflegende, Krankenschwestern, Lehrer etc. Wie viel Zeit wurde vergeudet, um die Impfpflicht einzufhren. Denn es geht um eine Pandemie, nicht um eine manchmal harmlose Grippe, es geht sozusagen um das hohe Gut der Rettung des Lebens. In einem solchen (eher selten vorkommenden) Falle gilt die Pflicht, das Gesetz des demokratischen Rechtsstaate …mit entsprechenden Gerichtsurteilen und Strafen.

Andreas S.Lübbe, Onkologe und u.a. auch Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, hat im “Tagesspiegel” am 9. Januar 2022 (Seite 4, Meinungsseite) sehr richtig geschrieben: “Impfunwillige dürfen keine intensivmedzinische Gleichbehandlung erwarten“, das heißt: Impfunwillige müssen mit Benachteiligungen in der eigenen medizinischen Versorgung rechnen.Dies ist keine Willkür, sondern nur eine Antwort auf die Tatsache, dass sie mit ihrer Impfverweigerung nicht nur sich selbst, sondern vor allem auch die anderen, die Mit-Menschen, die Gesellschaft gefährden. Und das geschieht bereits. Die Ansteckungen mit dem Virus geht in nur geringem Maße von Geimpften aus, sondern ganz entscheidend von Ungeimpften.

Diese Leute nehmen in ihrer unvernünfigen Haltung, sich nicht impfen zu lassen, den “normalen” Schwerstkranken förmlich die Pflegebetten weg. Unvernunft muss bestraft werden, so, wie dies auch in anderen Zusammenhängen im Staat geschieht. Zu solchen klaren Worten sind leider Politiker nicht in der Lage, aus Angst vor der radikalen Minderheit der Impfgegner? Oder, weil sie einer Idee der menschlichen Selbstbestimmung folgen, die prinzipiell richtig ist, aber in Zeiten höchster Not auch kurzfristige, gesetzlich geregelte Ausnahmen erfordert.

8. Immanuel Kant, der Philosoph der menschlichen Freiheit und der Autonomie, hat 1803, kurz vor seinem Tod, einen Beitrag verfasst mit dem Titel „Über Pädagogik“. Darin spricht er von dem Problem, wie denn Freiheit und Zwang (siehe Nr. 7 dieses Hinweises) zusammengehören. Kant hat diese Frage auf die Pädagogik bezogen, auf die Erziehung von Kindern. Aber seine Einsichten zum von ihm gewählten Thema „Wie kultiviere ich Freiheit bei dem Zwange“ sind auch im gesellschaftlichen und politischen Zusammenhang wichtig:

Immanuel KANT schreibt:

„Eines der größten Probleme der Erziehung ist, wie man die Unterwerfung unter den gesetzlichen Zwang mit der Fähigkeit, sich seiner Freiheit zu bedienen, vereinigen könne. Denn Zwang ist nötig! Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange? Ich soll meinen Zögling gewöhnen, einen Zwang seiner Freiheit zu dulden, und soll ihn selbst zugleich anführen, seine Freiheit gut zu gebrauchen. Ohne dies ist alles bloßer Mechanismus, und der, der Erziehung Entlassene, weiß sich seiner Freiheit nicht zu bedienen. Er muss früh den unvermeidlichen Widerstand der Gesellschaft fühlen, um die Schwierigkeit, sich selbst zu erhalten, zu entbehren, und zu erwerben, um unabhängig zu sein, kennen lernen. Hier muss man folgendes beobachten:

1) dass man das Kind, von der ersten Kindheit an, in allen Stücken frei sein lasse; (ausgenommen in den Dingen, wo es sich selbst schadet, etwa, wenn es nach einem blanken Messer greift,) wenn es nur nicht auf die Art geschieht, dass es Anderer Freiheit im Wege ist, z. E. wenn es schreyet, oder auf eine allzulaute Art lustig ist, so beschwert es Andere schon.

2) Muss man ihm zeigen, dass es seine Zwecke nicht anders erreichen könne, als nur dadurch, dass es Andere ihre Zwecke auch erreichen lasse, etwa dass man ihm kein Vergnügen mache, wenn es nicht tut, was man will, dass es lernen soll etc.

3) Muss man ihm beweisen, dass man ihm einen Zwang auflegt, der es zum Gebrauche seiner eigenen Freiheit führt, dass man es kultiviere, damit es einst frei sein könne, d. h. nicht von der Vorsorge Anderer abhängen dürfe. Dieses letzte ist das späteste. Denn bei den Kindern kommt die Betrachtung erst spät, dass man sich etwa nachher selbst um seinen Unterhalt bekümmern müsse. Sie meinen, das werde immer so sein, wie in dem Hause der Eltern, dass sie Essen und Trinken bekommen, ohne dass sie dafür sorgen dürfen. Ohne jene Behandlung sind Kinder, besonders reicher Eltern, und Fürstensöhne, so wie die Einwohner von Otaheite, das ganze Leben hindurch Kinder. Hier hat die öffentliche Erziehung ihre augenscheinlichsten Vorzüge, denn bei ihr lernt man seine Kräfte messen, man lernt Einschränkung durch das Recht Anderer. Hier genießt keiner Vorzüge, weil man überall Widerstand fühlt, weil man sich nur dadurch bemerklich macht, dass man sich durch Verdienst hervortut. Sie gibt das beste Vorbild des künftigen Bürgers…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

Der christliche Aberglaube kann tödlich sein. Wenn das Abendmahl Corona überwinden soll…

Ein Hinweis von Christian Modehn

1. Religionen sind auch heute immer noch vom Aberglauben durchsetzt. Dies gilt auch für die christlichen Kirchen, vor allem für die orthodoxen und evangelikalen Kirchen sowie für den Katholizismus. Ohne die Propaganda des Aberglaubens kommt die so genannte „pastorale Praxis“ im Katholizismus nicht aus. Vernunft und Kritik sind nicht oberste Werte im Katholizismus. Darauf habe ich in dem Beitrag…. ausführlicher hingewiesen.   LINK

2. Hier also ein aktuelles Beispiel für den Aberglauben im Katholizismus, hoffentlich als Eröffnung einer Dokumentation, die von Religionswissenschaftlern und Soziologen fortgeführt werden sollte.  Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie als Religionskritik kann bei dem Thema nur eine „Aufforderung“ zum weiteren Studieren und Dokumentieren sein.

3. BEISPIEL POLEN. (Siehe den Bericht im TAGESSPIEGEL, 29. Dezember 2021, Seite 3, Eine Reportage von Lena von Holt)

Berichtet wird über das Dorf Czarny Dunajec im Südosten Polens, an der Grenze zur Slowakei. Die meisten Bewohner dort sind überzeugt, Corona gibt es in ihrem Dorf nicht…Nur 23 Prozent der Einwohner sind geimpft. Im Klartext heißt das: Entsprechend dumm und unvorsichtig verhalten sich die Leute dort, man feiert in großen Gruppen selbstverständlich ohne die schützenden Masken. Geistig und geistlich unterstützt werden diese Leute in ihrer Abwehr des Impfens nicht nur von der dort vorherrschenden PIS Partei, sondern vor allem von katholischen Kirchenführern. Die Autorin berichtet: „Stimmen aus der katholischen Kirche warnen vor der Impfung, weil sie aus den Blutzellen abgetriebener Föten hergestellt werde. Im nationalkonservativ-katholischen „Radio Marya“ vergleicht ein Arzt den COVID Pass mit einem Nazi-Ausweis. Als in der Nachbargemeinde von Czarny Dunajec ein Priester in der Messe das Abendmahl als den einzigen wirksamen Schutz gegen Corona pries, löste sich die lange Schlange vor dem Impfzelt plötzlich auf.“

Polen hat mit insgesamt 54,8 Prozent Geimpfter einen der letzten Plätze im EU-Impfranking.

4. Was bei der katholischen Unterstützung der Impfgegner typisch ist:
Erstens: Die katholischen Pfarrer und die führenden Priester im Katholischen reaktionären und antisemitischen Medienimperium „Radio Marya“ wärmen auch jetzt die alten Vorurteile über den Schwangerschaftsabbruch wieder auf. Bekanntlich ist PRO LIFE als militante Anti-Abtreibungsbewegung fest in den Händen des katholischen Klerus. Das Bekenntnis zu dieser PRO LIFE-Ideologie (mit der Verfolgung feministischer Frauen und ihrer Ärzte) überlagert förmlich bei vielen konservativen bzw. reaktionären Christen das religiöse Glaubensbekenntnis.

Zweitens: Dann wird mit der „wunderbaren Wirkung“ des Abendmahls bzw. der Hostie als dem „Leib Christi“ argumentiert. Diese bekanntlich überall „Himmelsspeise“ genannte Hostie soll also wie eine Pille vor Corona schützen. Die wahnhaften Abgründe der katholischen Lehre von der „Transsubstantiation“ werden hier deutlich, also die durchaus überall vertretene dogmatische Lehre: Mit der Wandlung eines winzigen Stückchens Brot bzw. einer noch kleineren Hostie durch den Priester (nur durch den Klerus !) entstehe der Leib Christi, die wunderbare Himmelsspeise, wie die Dogmatik lehrt.

5. Mit anderen Worten: Die klassischen katholischen Lehren dienen in Corona-Zeiten als ideologische Instrumente für die Impf-Gegner, die bekanntlich nicht nur sich selbst gesundheitlich gefährden, sondern auch die Geimpften.Man kann es nur so formulieren: Es ist die Herrschaft der religiös verbrämten Dummheit, die bei diesen Leuten das Denken blockiert. Dummheit kann tödlich sein, also auch: Aberglaube kann tödlich sein. Die einzige Ärztin in Czarny Dunajec, Teresa Pirsich sagt: „Ich habe als Ärztin keine Autorität. Ich versuche es mit Bitten, mit Drohen, es funktioniert nicht. Das ist eine Mauer, die sich nicht einreißen lässt“. (Tagesspiegel, 29.12.2021)

6. Diese Mauer könnte der Klerus einreißen,wenn er nur will und Theologie KRITISCH studiert! Der Klerus könnte und sollte also aufrund seiner Autorität verkünden: „Katholiken, werdet vernünftig, lasst euch impfen. Das ist fast ein göttliches Gebot. Das Abendmahl, diese Himmelsspeise, kann nur die Seele stärken, sie heilt aber nicht im Falle von Corona.“

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die zerstörte KIndheit: Farhad Alsilo berichtet von der Verfolgung durch den “IS”, von Flucht, Zuflucht und neuem Leben.

Ein junger Jeside aus Nord-Irak erzählt seine Geschichte.

Ein Hinweis von Christian Modehn

1. Ein Buch des Grauens und… ein Buch der Zuversicht. Eine reale Geschichte, in der ein junger Mann von der mörderischen Gewalt gegen sein Volk berichtet, die Jesiden im Norden des Irak. Die Mörderbanden nennen sich „Islamischer Staat“. Sie haben mindestens 5000 Mitglieder seines Volkes getötet, auch seinen Vater und nahe männliche Verwandte. Im Kampf mit dem “IS” wird ein Jesside verletzt: “Als seine Waffe leer war, griffen ihn zwei der IS-Kämpfer, schnitten seinen Kopf ab und legten ihn auf seinen Bauch, und das alles geschah unmittelbar vor meinen Augen als Kind von elf Jahren“ (S. 35). Bis heute werden noch etwa 2000 jesidische Mädchen und Frauen vermisst seit den Vernichtungsaktionen des IS im Jahr 2014.

2. Farhad Asilo, 19 Jahre alt, hat ein Zeugnis seines jugendlichen Lebens geschrieben. Ein Zeugnis des Leidens, der Ängste, der Flucht, durch die glühend heiße Wüste sowie durch das unwegsamste Sindschar-Gebirge bis nach Kurdistan, immer am Rande der Verzweiflung, des Verdurstens, des Hungers. „Durchs Sindschar-Gebirge: Das Schlimmste war die Kälte. Es war so kalt, dass wir kaum reden konnten und unsere Augen tränten. Ohne Decken und Kissen waren wir schutzlos ausgeliefert, und keiner konnte uns helfen. Da kam meine Heldin, meine kreative und liebe Mama, auf die Idee, ihr weit geschnittenes Kleid, wie fast jede jesidische Frau eines trägt, über uns drei Kinder zu ziehen, damit es uns ein wenig vor der Kälte schützt…Für Mutter hieß das wieder einmal wachbleiben, so wie alle anderen Nächte zuvor…“ (S. 49).

3. Der junge Autor Farhad Alsilo hat ein „bewegendes“ Buch geschrieben. Es führt auch zu der Frage: Warum hat die Bundesrepublik Deutschland noch immer nicht den Völkermord an den Jesiden offiziell als Völkermord anerkannt, wie dies etwa Belgien, die Niederlande und das EU-Parlament längst getan haben. Abgesehen von dieser Irritation: Erfreulich bleibt, dass das Bundesland Baden-Württemberg im Rahmen eines „Sonderkontigents für verfolgte Jesiden“ auch Farhad Alsilo, seiner Mutter und seinen Geschwistern Asyl geboten hat. In dem Buch erzählt der junge Autor auch von den Schwierigkeiten beim Neubeginn in Deutschland im Jahr 2015. Farhad Alsilo, der deutschen Sprache als Elfjähriger  überhaupt nicht mächtig, ist mit aller Energie zu einem auf Deutsch schreibenden Autor geworden, der auch von den Chancen erzählt, in Deutschland die eigene intellektuelle Begabung frei entwickeln zu können; in den Schulen immer mit den besten Noten erfolgreich. Ein jesidisch – deutscher Autor kann sich hier frei zu Wort melden, was für eine Chance zugunsten eines kulturellen Austausches, einer Erweiterung der Perspektive, über alle Traditionen und Religionen hinaus.

4. Der Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume, der 2015 die Leitung des „Sonderkontingents Baden-Württemberg für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak“ übernahm, hat ein Vorwort zu dem Buch geschrieben: „Die Leser werden in dem Buch von Farhad Alsilo vieles, aber keinen Hass finden. Farhad liebt die Menschen trotz allem sehr. Aber sogar über den Vernichtungswillen der IS-Terroristen und den bitteren Rassismus mancher Deutscher ist er hinausgewachsen… Farhad ist ein Gewinn für unser Land, für unsere gemeinsame Zukunft. Weil er aufklärt und mitnimmt, in diesem Buch und auch auf YouTube…“ (S. 12)

5. Das Buch bietet zudem einige wichtige Hinweise zur hierzulande eher noch unbekannten Kultur, Religion und Spiritualität der Jesiden. „Sie gehören zur Volksgruppe der Kurden, sie sind jedoch keine Muslime, sondern bilden eine eigene historische gewachsene Religionsgemeinschaft mit multiethnischen Anhängern“ (S: 119).  Weltweit gibt es schätzungsweise mehr als eine Million Jesiden… die größte Diaspora ist heute in Deutschland“ (S. 36). Die spirituelle Lehre der Jesiden wird man mit Erstaunen studieren, etwa: „Am Anfang (der Welt) war nichts. Dann schuf Gott eine Perle“….“Danach schuf Gott die Seele und die Musik. Nach jesidicher Schöpfungsmythologie war am Anfang des menschlichen Lebens: MUSIK“ (S. 122). Zur religiösen Praxis:“ Beten ist keine Pflicht. Jedem Gläubigen ist aber freigestellt, wie oft und wo er betet. …Wer beten möchte, wendet sich zur Sonne, er stellt sich vor die Sonne und erzählt ihr das, was in diesem Augenblick aus seinem Herzen spricht. Vielleicht sind dies die schönsten Gebete, die die Menschheit je hervorgebracht hat“, so wird der kurdische Schriftsteller Yasar Kemal (1923-2015) zitiert, S. 133.

6. Dringende Aufgaben für demokratische Staaten bleiben: „Auch im Sindschar-Gebirge harren noch immer Tausende Jesiden in schwer zugänglichen provisorischen Lagern aus…(S.36). Von den gewaltsamen Attacken, Bombenangriffen, des Nato-Mitgliedes TÜRKEI auf Zufluchtsgebiete der Jesiden in Nord-Irak im Dezember 2021 ist in dem Buch keine Rede, da lag das Buch schon gedruckt vor. Um so dringender: Die Aggressionen der Türkei gegen die Jesiden sollten verurteilt werden, forderte die jesidische Organisation „Nadias-Initiative“, gegründet von der jesidischen Nobelpreisträgerin (im Jahr 2018) Nadia Murad.

Farhad Alsilo, Der Tag, an dem meine Kindheit endete. Mit einem Vorwort von Düzen Tekkal. Trabanten Verlag, Berlin, 2021, 150 Seiten, 14 Euro.

 Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

“Gott ist kein Christ!” Die entscheidende Einsicht von Bischof Desmond Tutu, Südafrika (7.10.1931 – 26.12.2021).

Über Desmond Tutu, den wegweisenden Menschen, den großen Theologen, den anglikanischen Bischof, den Kämpfer für die Menschenrechte, den Friedensobelpreisträger…  wird die Welt über seinen Tod hinaus hoffentlich viel sprechen und in seinem Sinne zugunsten der Menschenrechte handeln.

Welche Worte von Bischof Desmond Tutu, Südafrika, bleiben hoffentlich im Gedächtnis aller Menschen?:

1.„Gott ist kein Christ“. Siehe auch das Buch mit dem gleichen Titel, erschienen im Patmos Verlag.

2 . Ich würde nicht einen Gott anbeten/ verehren, der homophob ist […]. Ich würde mich weigern in einen homophoben Himmel zu gehen. Nein […] ich würde lieber zu dem anderen Ort gehen.“ (https://www.feinschwarz.net/dann-gehe-ich-lieber-in-die-hoelle-desmond-tutu/)

Falls eine Interpretationshilfe nötig ist zu 1.: Gott ist kein Christ, so,wie Gott auch kein Jude ist;  so, wie Gott auch kein Muslim ist; so, wie Gott auch kein Hindu usw. ist. Mit anderen Worten: Gott ist immer größer als der Gott der jeweiligen Religion und Konfession. Das sollte jedes Mitlied jeder Religion und Konfession bescheiden machen und tolerant und lernbereit.

Ein Hinweis zu 2.:Im Mai 2016 heiratete Tutus Tochter Mpho die Niederländerin Marceline van Furth. Tutu erhielt von der anglikanischen Kirche die Erlaubnis, einen „väterlichen Segen“ bei der Trauung auszusprechen. Mpho Tutu ist seit Januar 2022 Teilzeit Pastorin in der Amsterdamer Remonstranten-Gemeinde “de Vrijburg”.(siehe: www.vrijburg.nl)

 

Zusammengestellt von Christian Modehn.religionsphilosophischer-salon.de

Impfaktivitäten in Kirchen: Alles andere als eine „Profanisierung des Sakralen“.

Über die Humanisierung des „Sakralen“.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1. In einigen Kirchen, auch in einigen katholischen Kirchen, in Wien sogar im Stephansdom, wird gegen das tödliche Virus geimpft. Man muss kein Theologe sein, um diesen Impf-Initiativen aus ganzem Herzen und mit ganzer Vernunft zuzustimmen.

Ich erlebe es ständig vor der eigenen Haustür: Da stehen bei Wind und Wetter Menschen, die auf die Impfung beim Hausarzt warten und oft nur im Schein der Straßenlaternen mit Mühe Dokumente auf der Straße ausfüllen. Zur großen und mächtigen katholischen Kirche St. Matthias am Winterfeldt-Platz in Berlin-Schöneberg sind es nur 50 Schritte. Aber diese große Kirche mit ihren (fürs Impfen geeigneten) kleinen Seitenkapellen am Eingang bleibt geschlossen…

Darum meine volle Zustimmung, dass durch die vernünftige Entscheidung des Wiener Dompfarrers Toni Faber das Impfen in dieser, so sagen manche, „heiligen, sakralen Halle“, möglich wurde. An einem Wochenende allein wurden in St. Stephan 734 Menschen gegen Covid geimpft. Bravo!

2. Damit könnte ich meinen Hinweis eigentlich beenden, weil er nur von einer selbstverständlichen humanen Hilfe berichtet… und von der Selbstverständlichkeit, dass ein sogenanntes “Gottes-Haus” nur sinnvoll ist, wenn es auch Haus für die Menschen ist…

Aber diese Hilfsbereitschaft eines Pfarrers und seiner Gemeinde in Wien hat eine theologische Problematik erzeugt: Denn, man glaubt es kaum: Da gibt es einen katholischen Theologieprofessor, Jan-Heiner Tück, an der Wiener Uni, einen Theologen, der sich offiziell „Dogmatiker“ nennt: Und der diese Impfinitiative im Stephansdom eine, so wörtlich, „Profanisierung des Sakralen“ nennt. Menschliches Helfen, mehr noch: Rettung von Leben in einem “Gotteshaus”, das sich auf Jesus von Nazareth bezieht, wird als Profanisierung des Sakralen abgewertet. Ich halte diese Verurteilung dieser großartigen humanen Hilfe IM Stephansdom für eine Schande. Und es ist eine Blamage für einen Dogmatiker und katholischen Theologen, solches ernsthaft öffentlich zu sagen. Dieses unsägliche Urteil: „Profanisierung des Sakralen“ wegen Impfens in der Kirche ist kürzlich in der Grazer Tageszeitung „Kleine Zeitung“ veröffentlicht worden. Diese Nachricht wurde dann über viele Medien auch in Deutschland verbreitet. Ob der Dogmatiker Tück sein Urteil inzwischen zurückgezogen hat und sich für den Unsinn entschuldigt hat, ist bisher nicht bekannt geworden.

3. Darum der kritische Hinweis: Im Christentum, sogar im Katholizismus, sind Kirchen und Dome nicht nur Stätten der Andacht und des Gebets, der Gottesdienste und Musik-Aufführungen und Kunst-Ausstellungen. Aber diese Veranstaltungen sind kein Selbstzweck, sie sollen eigentlich den Glaubenden Orientierung bieten, also Lebenshilfe leisten, und eine hoffentlich heilende, die Seele heilende Wirkung haben, was bekanntlich nicht immer der Fall ist angesichts der vielen Dogmen und kirchenrechtlichen Ausschlüsse und Verbote.

4. Wenn nun in Kirchen gegen das Corona-Virus, in höchster Not, geimpft wird, ist dies, theologisch gesehen, nur die Fortsetzung des selbstverständlichen kirchlichen Anspruchs, heilend in diesen Kirchen-Räumen tätig zu sein. Diese theologische Aussage mag den Menschen, die sich im Stephansdom impfen lassen, auch ziemlich egal sein, Hauptsache ist: Sie werden geimpft. So wie es den Veranstaltern von Haydn und Mozartmessen auch egal ist, was sich die Zuhörer dabei so alles denken. Hauptsache: Sie erfreuen sich an der Musik und lassen sich je auf ihre Art seelisch, wie auch immer, „berühren“.

5. Eine theologische Schande bleibt aber der Satz von der „Profanisierung des Sakralen“ (Jan-Heiner Tück) durch das Impfen in einer Kirche, also in einem so genannten Gotteshaus. Impfen gegen das Virus aber ist heilendes Handeln für die Menschen, es rettet Leben. Ist dieses Geschehen theologisch betrachtet etwa “bloß” „profan“? Wenn Menschen wieder eine bessere, d.h. sehr wahrscheinlich gesunde Zukunft vor Augen haben, wenn ihnen also neuer Lebensmut und Lebenssinn erschlossen wird, dann wird Dankbarkeit geweckt, Dankbarkeit, dass die Wissenschaften diese Impfstoffe zur Verfügung stellen können. Dankbarkeit, dass man selbst, medizinisch gut versorgt ist, in einem Staat, der, zwar mit Mühe, Impfstoffe für alle zur Verfügung stellt. Im Unterschied zum “armen Süden” dieser Welt, der die reichen Staaten die Gratis-Impfstoffe vorenthalten, aus ökonomischen Gründen…. An wen soll ich aber meinen Dank für ein „gutes medizinisches Versorgtsein“ adressieren? Manche tun dies, indem sie sich auf das Göttliche, Gott, die Göttin, Jesus, beziehen oder einem guten „Schicksal“. Auch diese Haltung der Dankbarkeit ist alles andere als profan, wie der Dogmatiker Tück von der Wiener Uni behauptet.

Als Nebeneffekt, aber nur als Nebeneffekt, kann sich bei einigen Geimpften IM  Stephansdom die Idee durchsetzen: Eigentlich sollte ich als privilegierter Geimpfter alles tun, auch politisch tun, dass auch die Menschen im armen Süden dieser Welt endlich geimpft werden!

6. Heilendes Handeln, also auch Impfen gegen die Pandemie, hat in den Kirchen seinen richtigen Platz. Das Wichtige bei dieser Impfaktion in Kirchen ist: Dort wird eine heilende Wirkung durch ÄrztInnen und KrankenpflegeInnen bewirkt. Es ist nicht mehr der Priester, der da – als Kleriker – sakramental “heilend” handelt. Mit den Impfaktionen in den Kirchen wird dem männlichen Klerus die Allmacht des heilenden Handelns entzogen. Noch einmal, dies ist Stand der heutigen Theologie: Auch ÄrztInnen und KrankenpflegerInnen wirken heilend- auch im christlichen Sinne. Kleriker allein sind niemals „Heilsvermittler“. Die Zeiten, als man das machtvoll behauptete, sind vorbei!

7. Noch eine theologische Entdeckung: Heilung im christlichen Sinne, auch im katholischen Sinne, kann niemals nur eine geistige, geistliche, also sakramentale Heilung sein. Das wurde oft selbst im Vatikan behauptet, ist aber falsch: Wenn die Menschen Wesen aus Geist, Seele und Leib sind, ist auch die Rettung des Leibes, also etwa die Bewahrung vor Krankheiten, etwas Heiliges, etwas Sakramentales, das eben selbstverständlich nicht vom Klerus allein initiiert wird!

8. Falls der Dogmatiker Tück schon von der Befreiungstheologie in Lateinamerika gehört hat: Die zentrale Aussage ist: Befreiung als christliche Erlösung hat immer einen leiblichen und gesellschaftlichen und politischen Aspekt. Die menschenfreundliche, deswegen „heilende“ Gemeinde der gleichberechtigten ChristInnen kann ein Vorzeichen sein des Ewigen. Bekanntlich sprechen Befreiungstheologen zurecht von den gesellschaftlich verfassten Strukturen der Sünde: Da hat sich sozusagen das leibliche und gesellschaftliche Elend in Strukturen und Gesetzen „versteinert“. Diese Strukturen als sündige aufzulösen ist der Kern christlichen Botschaft. Materielles Wohlergehen für die Ärmsten, also auch Gesundheit in einem demokratischen Staat der Menschenrechte, ist eine (!) Gestalt dessen, was Christen hochtrabend Erlösung nennen (gerade im Umfeld zu Weihnachten).

9. Und man möchte dem Dogmatiker mal vorschlagen, die Geschichte der Kathedralen und anderer großer Kirchen zu studieren: Diese wurden im Mittelalter und der frühen Neuzeit selbstverständlich als Treffpunkte der Menschen genutzt, als Orte des Gesprächs, der Beratung, auch des Handels. Und es wäre lohnend auf die Lebensbedingungen der alten (leider von deutschen und ukrainischen Nazis zerstörten) Synagogen etwa in Galizien zu achten: Sie waren Lehrhäuser und Unterkünfte, eben Orte der Menschlichkeit. Solche “Profanisierung” gilt auch für christliche Kirchen: Nicht-profan, also heilig, ist allein Gott bzw. das Göttliche. Alles und alle anderen n dieser Welt sind in je unterschiedlicher Weise profan. Auch ein Kleriker ist profan, auch ein Papst ist profan, selbst wenn er immer noch von einigen Unentwegten “Heiliger Vater” angesprochen wird.

10. Wer die Impfaktionen in den Kirchen als Profanisierung bezeichnet, sollte ehrlich sein: Er behauptet auch implizit, dass diese angeblich “sakralen” Räume dann naturgemäß schmutzig werden, dass es mit vielen unbekannten Menschen etwas lauter zugeht, und auch dies: Dass die Menschen vielleicht Toiletten suchen, die innerhalb der katholischen Kirchen so gut wie nie vorhanden sind. Toiletten könnte man – mit einigem Organisationstalent- neben dem Eingang platzieren. Das nur nebenbei.

11. Gegen die These der „Profanisierung des Sakralen“ (Tück) möchte ich unterstreichen: Wer solches sagt, degradiert die Kirchengebäude zu sterilen Museen, in denen der Klerus Messen zelebriert und predigt (Laien dürfen nicht „predigen“) … zumal so oft in Worten und Floskeln, die heute auch für religiöse Menschen kaum noch nachvollziehbar sind.

12. Es mag ja sein, dass der Wiener Dompfarrer im Eifer des Gefechts und im Angesicht der oft (rechts)extremen Impf-Gegner (FPÖ-Kreise sind bekanntlich unbelehrbar usw…) verbal ausgerutscht ist, als er, der vielfach verbreiteten Nachricht folgend, sagte, sagte: Er habe “mit Ungeimpften kein Mitleid mehr”. Aber diesen einen Satz gleich zum Anlass zu nehmen, beim Impfen IM Dom von einer „Profanisierung des Sakralen“ zu sprechen, ist übertrieben und theologisch falsch.

13. So führt also eine falsche theologische Aussage“ über die „Profanisierung des Sakralen“ durch die humane Aktion des Impfens in Kirchen erneut zu einem erweiterten Verständnis von „Erlösung“ und „christlichem Heils-Verständnis“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Die Russisch-orthodoxe Putin-Kirche: 30 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion dem Herrscher ergeben.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 19.12.2021

1. Vor 30 Jahren, am 26. Dezember 1991, wurde offiziell die Sowjetunion beendet, die Rote Fahne wurde durch die Russische Flagge ersetzt. Verschwunden ist der Ungeist der Sowjetzeit bis heute nicht. Wie sollte auch Menschen so schnell Demokraten werden können, Menschen, die von der kommunistischen und stalinistischen Diktatur drangsaliert wurden und zuvor Jahrhunderte unter der Zarenherrschaft, als „Leibeigene“, galten. Die europäische Aufklärung hatte bekanntlich nur eine Minderheit der Russen geprägt. Selbst Dostojewski war im Alter ein Verteidiger der „russischen Idee“ zur Rettung Europas.

2. Über das offizielle Ende der UDSSR vor 30 Jahren wird viel veröffentlicht. Ein wichtiger, in Deutschland leider eher als marginal betrachteter Aspekt, ist die „Russisch-Orthodoxe Kirche“ mit dem Patriarchen von Moskau. Diese sich stolz „rechtgläubig“ nennende kirchliche Organisation hat seit 1992 eine rasante Entwicklung gestalten können: 30.000 Kirchen wurden im ganzen Land eröffnet, es gibt mehr als 50 theologische Seminare zur Ausbildung der Popen, sehr viele Russen nennen sich „russisch-orthodox“. Der Wunderglaube ist weit verbreitet. Die Reliquien des heiligen Nikolaus, als Leihgaben nach Moskau gebracht, wollten unbedingt zweieinhalb Millionen Menschen sehen. Allerdings ist der Anteil der regelmäßigen Teilnehmer an den Sonntags-Liturgien eher sehr gering (Fußnote 1, siehe unten). Kein Wunder, die weihrauch- geschwängerten Gesänge und Gebete werden in der heute kaum verständlichen  “Kirchenslawischen Sprache” vorgetragen, kaum jemand unter denGläubigen versteht das, so bleibt nur das permanente Rufen „Herr erbarme dich“ und das ständige demütige Sich-Bekreuzigen. Das Bekenntnis zur Kirche ist einerseits Folklore. Andererseits lässt sich die Russisch-orthodoxe Kirche sehr gern als ideologische- nationalistische Stütze von Putin und dem Putin-Regime gebrauchen. Zumindest die oberen Bischöfe und der Patriarch vor allem haben davon enorme finanzielle Vorteile, der Patriarch selbst gilt als Multi-Millionär (zu den Auseinandersetzungen darüber: https://g2w.eu/news/697-russland-russische-orthodoxe-kirche-weist-behauptungen-ueber-reichtum-von-patriarch-kirill-zurueck). Über die wirtschaftlichen “Akivitäten” der Russisch-Orthodoxen Kirchenführer berichtete schon im Frühjahr 2004 Aleksandr Soldatov in Lettre International, S. 78f. Von merkwürdigen kirchlichen Wirtschaftsunternehmen ist in dem wissenschaftlichen Beitrag die Rede, etwa vom kirchlchen Trinkwasser “Heiliger Quell”, es wedn Unmengen von sogen. Messwein produziert, auch habe sich ein weites Netz von “Milchkiosken”  und “orthodoxen Apotheken” in Moskau gebildet…

3. Die Russisch-Orthodoxe Kirche soll sozusagen die traditionellen Werte Russlands vertreten und verteidigen, das religiöse Opium liefern, von dem dann das Putin Regime sehr gern Gebrauch macht zur Festigung des eigenen Systems. Putin will in seiner zur Schau gestellten Nähe zur Kirche als Mann des russischen Volkes erscheinen. Darum nimmt er immer wieder an den Liturgien teil, etwa zu Ostern in “Christus Erlöser Kathedrale”. Die Freundschaft zwischen Patriarchen und Herrscher lohnen sich für die Kirche: Priester geben nun Kurse zur „Orthodoxen Kultur”  in den Schulen. Ganz sanfte Distanz deutet sich an, wenn nun der Patriarch doch davon absehen will, in Zukunft auch die Massenvernichtungswaffen Russlands zu segnen. Hingegen  sollen die Soldaten und ihre Herren Generäle den kirchlichen Segen nach wie vor erhalten.

Der Historiker Heinrich August Winkler betont den geschichtlichen Hintergrund für dieses “Kirche-Staat-Verhältnis”: “Anders als im europäischen Okzident des Mittealteres hatte es in Russland keine Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt gegeben. Vielmehr blieb die geistliche Gewalt der weltlichen stets untergeordnet, weshalb die orthodoxe Kirche nie zu einem Korrektiv der jeweiligen Staatsmacht wurde.” (“Werte und Mächte, C.H. Beck Verlag München 2019, S. 638).

Nebenbei: In Paris wurde 2016 die neue russische Kathedrale Sainte Trinité eröffnet, eine imposante Architektur mitten in Paris.

4. Leider ist die Kenntnis der aktuellen religiösen Zustände, also das Leben der Russisch-orthodoxen Kirche, in West-Europa, auch in Deutschland, sehr unterentwickelt. Diese Kirche ist Staatskirche, bzw. präziser, eine Art Putin-Kirche, ihm, dem Herrscher, fast völlig ergeben. Kürzlich wurde in Moskau eine monumentale neue Kathedrale für die Russische Armee eingeweiht. Ein riesiges Mosaik als Wandschmuck zeigt den Diktator Stalin, anlässlich der Militärparade zum Sieg der Armee über Nazi-Deutschland. Eigentlich hätte nach kirchlicher Vorstellung auch Putin auf diesem Gemälde „verewigt“ werden sollen, aber der fand dann doch diesen Ruhm im Augenblick für etwas übertrieben.(So im Artikel des Russland Spezialisten Emmanuel Grynszpan am 4. Mai 2020 für die Genfer Tageszeitung Le Temps: https://www.letemps.ch/monde/staline-va-orner-murs-dune-cathedrale-orthodoxe-moscou).

5. In jedem Fall zeigte das Moskauer Patriarchat durch die Komposition des Mosaiks eine gewisse Nähe ausgerechnet noch zum Stalinismus, was erstaunlich ist, wurden doch viele tauend Priester und Gläubige unter Stalin, dem ehemaligen Priester-Kandidaten aus Georgien, aufs übelste verfolgt und gequält und umgebracht. Aber Stalin ist bei der akuellen Verehrung seiner Person wieder „am Kommen“.

Und nebenbei: Einigen russisch-orthodoxen Kirchenführern (wie die Patriarchen Pimen I. oder Alexius II.) wurde nach 1989 mit guten Belegen eine Mitarbeit für den KGB-Agenten nachvollziehbar vorgeworfen. Die Sehnsucht der römisch-katholischen Kirche nach einer freundschaftlichen Ökumene mit “den” Orthodoxen, auch mit dem Moskauer Patriarchat, müsste hier ausfühlicher kritisch dargestellt werden. Die Führer der meisten orthodoxen Kirchen sind theologisch extrem konservativ, in der Sexual – Ethik schlicht und einfach verkalkt, sagen Beobachter. Mit diesen Herren eine tiefe, freundschaftliche und lernbereite Ökumene zu pflegen, führte die römisch-katholische Kirche noch weiter in konservative Positionen jenseits heutiger Lebenserfahrungen und Lebensdeutungen. Selbst Papst Franziskus sucht immer wieder die Nähe zum Moskauer Patriarchen. Franziskus trifft sich oft mit dem führenden Mitarbeiter des Patriarchen, mit Erzbischof Hilarion.

6. Aber “die Zeiten ändern sich”…Der Parteiführer der immer noch bedeutenden “Kommunistischen Partei Russlands”, Guennadi Ziouganov, nennt sich jetzt „gläubiger orthodoxer Christ“ und … treu ergebener Putin Oppositioneller. (Quelle: Emmanuel Grynszpan, 2020.)

7. Von Kritikern an diesem System einer regimefreundlichen orthodoxen Kirche wäre ausführlich zu berichten. Etwa von dem Diakon Andrei Kouraiev:“ Für den Patriarchen Kyrill zählt einzig sein Ansehen bei den Führern der Macht, der Sicherheit und den Ideologen des Patriotismus”. An den ermordeten oppositionellen Priester Alexander Men erinnern noch einige Oppositionelle…

8. HINWEISE AUF FRÜHERE, NACH WIE VOR RELEVANTE TEXTE des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin zum Thema “Russische Orthodoxie”:

Der Moskauer Patriarch glaubt an Putin: Veröffentlicht 2012. Siehe: LINK

Wer sind die Gotteslästerer?, Veröffentlicht 2013: LINK

Fußnote 1: In der Zeitschrift “Archives de Sciences sociales des Religions” (juillet-septembre 2021) berichtet Kristina Kovalskaya zu der Frage: Wie genau ist die Russisch-orthodoxe Kirche Russlands heute statistisch erfasst?  Bis jetzt werden von der Kirchenleitung selbst nur die Anzahl der Priester, die Anzahl der Gemeinden und die Zahl der Riten bzw. Liturgien genannt. Die Politiker der Regierung sagen einfach nur wie üblich: “Die Orthodoxie ist die Religion der Mehrheit in Russland”. Die wirkliche „innere“ Verbundenheit dieser Mehrheit mit der Kirche wird dabei nicht erfasst. Fest steht wohl: Zwischen 63 und 69 Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich als „russisch – orthodox“, dabei sind unter diesen Leuten auch Nicht-Getaufte oder Menschen, die sich als Ungläubige verstehen. Man spricht unter Religionssoziologen dabei von „kulturellen Orthodoxen“. Wirklich verbunden mit dem kirchlichen Leben (d.h. wenigstens einmal pro Monat (!) Teilnahme an der Liturgie in der Kirche) sind hingegen nur 13 Prozent der Russisch-Orthodoxen. Quelle. Religioscope, 6 décembre 2021!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

José Antonio Kast: Rechtsextrem, faschistoid, katholisch in der Schönstatt-Bewegung. Präsident in CHILE ?

Ein Hinweis von Christian Modehn. Wegen der Wahlen in Chile am 19.12. 2021 noch einmal aktualisiert mit einem Hinweis auf Frau von Storch, ihre religiöse Bindung und ihre Verbindungmit bestimmten Kreisen in Chile. In dem folgenden Link-Beitrag besonders zu beachten unter Nr.4. LINK.

1. Zu den Präsidentschaftswahlen in CHILE: Sie sind auch ein Thema der Religionskritik. Denn es muss betont werden: Der Sieger im ersten Wahlgang am 21. November 2021 ist der rechtsextreme Politiker José Antonio Kast, er erhielt 28 % der Stimmen, der Kandidat der Linken Gabriel Boric 25 %.  Beim 2. Wahlgang am 19. Dezember 2021 wird zwischen beiden entschieden.

2. In der Sicht der Religionskritik ist  es wichtig: José Antonio Kast ist nicht nur überzeugter Katholik (und als Vater von 9 Kindern verdient er sicher auch die traditionelle Wertung “ein guter Katholik”), Kast ist außerdem Mitglied der katholischen Schönstatt-Bewegung, einer internationalen konservativen geistlichen Bewegung für Priester und Laien, gegründet von Pater Kentenich, dem inzwischen sexueller Missbrauch nachgewiesen wird… Die Schönstatt-Bewegung (benannt nach einem Ort bei Koblenz) zeichnet sich durch extreme Marienverehrung aus, etwa in den weltweit üblichen Wallfahrten zur “Dreimal wunderbaren Mutter”…Diese geistliche Bewegung ist in Chile ein Sammelplatz der “guten Bürger “und der Oberschicht, wie kritische Schönstatt-Leute dort selber sagen, etwa Patricio Young, gelesen am 20.11.2021! LINK

3. José Antonio Kast jedenfalls ist wohl eher eine Schande für diese frommen und wohlhabenden Marien-Freunde, denn Kast ist bewiesenermaßen auch Freund vieler Diktatoren und Rechtsextremen, er ist ein Verteidiger des Diktators Pinochet usw, kein Freund der Menschenrechte. Man fragt sich. Was Marienfrömmigkeit so alles aus Politikern macht… Die Wochenzeitung FREITAG veröffentlichte im Heft 46/2021 einen Beitrag über den aktuellen Wahl-Kampf in Chile, daraus ein Auszug, der sich mit der rechtsexremen Position Kasts befasst und auch auf seine Bindung an Schönstatt hinweist.

4. KNA brachte auch am 21.11.2021 einen Beitrag über die Wahlen in Chile und den Präsidentschaftskandidaten Kast. Er wurde in dem Bericht nur als Katholik bezeichnet, seine Mitgiedschaft in der Schönstatt-Bewegung wurde hingegen verschwiegen, geschuldet wegen der “strengen Zeilenvorgabe für Agenturtexte”, so wörtlich die KNA Auslandsredakion in Bonn in ihrem Antwort-Schreiben an Christian Modehn. Für fünf wichtige Worte “Kast ist Mitglied der Schönstatt-Bewegung” gab es also keinen Platz??? Meine Journalisten-Kollegen haben gelacht, als sie das hörten und meinten: Diese Mitgliedschaft Kasts in der Schönstatt-Bewegung mitzuteilen, ist wohl für KNA peinlich…”

5. Ein Hinweis auf Schönstatt und die Schönstatt-Bewegung: Was glauben die Katholiken als Mitglieder in der „Schönstatt-Bewegung“?

– Er schwärmte vom „Liebesbündnis des Menschen mit Maria“: Der Gründer der Schönstatt-Bewegung Pater Josef Kentenich (1885-1968), Schönstatt ist ein Dorf bei Vallendar bzw. Koblenz. Kentenich behauptet: Maria führt zu Christus, „wir finden Christus durch Maria“. Daran glauben „Schönstatt-Katholiken“ in 130 Ländern der Erde, mit 3.000 Mitgliedern und vielen tausend Freunden von Schönstatt. Mysteriöses findet Zuspruch, wer Mysteriöses glaubt, neigt zu mysteriöser Politik, siehe den rechtsextremen Politiker José Antonio Kast in Chile, ein Schönstatt-Mitglied. Diese Marienverehrung ist konzentriert um eine winzige Kapelle in Schönstatt, sie wurde mindestens 200mal weltweit in denselben Maßen, derselbe Ausstattung errichtet, auch in Chile; eine gewisse Monotonie und europäische Dominanz also schon im Architektonischen. Was haben Chilenen mit dieser Kapelle in dem Dörfchen Schönstatt zu tun?

– Es geht Pater Kentenich und Schönstatt also zentral um ein Bündnis des Menschen mit Maria, dieses Bündnis wird dem biblischen, im Alten Testament bezeugten Bund mit Gott verglichen.

– Nebenbei: Selbst dem für mysteriöse Heiligen – und Marienverehrung aufgeschlossenen Vatikan war die Spiritualität von Pater Kentenich ein Graus, der Pater wurde aus Deutschland verbannt und erst unter Papst Paul VI „rehabilitiert“. Der Orden der Pallottiner, dem Pater Kentenich zunächst angehörte, trennte sich 1964 von ihm und dessen Marien-Kult. Jedenfalls sind die Orden und Gemeinschaften, die im Zusammenhang mit Schönstatt entstanden waren, inzwischen päpstlich anerkannt.

– Es breitet sich ein Personenkult um Kentenich aus, er wurde und wird ausdrücklich als VATER verehrt, dem man Gehorsam schuldet. Diese Bindung an einen autoritären Vater kann auch eine Erklärung dafür sein, dass sich Leute wie der Politiker Kast in Chile in autoritäres Denken versteigen. Mit anderen Worten: Diese Kentenich-Maria-Spiritualität kann zur Beeinträchtigung kritischen Denkens führen.

– Die starke Konzentration der Schönstatt Bewegung auf die klassische katholische Ehe-Lehre führt dann politisch zum Kampf gegen andere Formen des Zusammenlebens, etwa der so genannten „Homo-Ehe“, auch dagegen kämpft der Schönstatt-Katholik José Antonio Kast. Die so genannte „Schönstatt-Jugend“ ist eine nach Geschlechtern getrennte Jugendorganisation.

– Auch Bischöfe in Deutschland sind Mitglieder der Schönstatt Bewegung, wie der ehem. Chef der Bischofskonferenz, Erzbischof Zollitsch (Freiburg) oder der aktuelle Bischof von Fulda, der seine theologische Doktorarbeit an einer staatlichen deutschen Universität über das Thema schrieb: Michael Gerber: Zur Liebe berufen. Pastoraltheologische Kriterien für die Formung geistlicher Berufe in Auseinandersetzung mit Luigi M. Rulla und Josef Kentenich. Echter Verlag, Würzburg 2008, (Dissertation). Nebenbei: So erhält man einen kleinen Einblick, welche Dissertations -Themen die katholische Theologie als Wissenschaft so „durchwinkt“.

– Auch der inzwischen pensionierte Erzbischof von Santiago de Chile, Kardinal Errazuriz, ist Mitglied der Schönstattbewegung. Ihm wurde als Erzbischof von Santiago Errazuriz nachgewiesen, die Strafverfolgung eines später wegen Missbrauchs verurteilten Geistlichen (Fernando Karadima) jahrelang verhindert zu haben. Papst Franziskus entließ diesen Marienfreund und Kirchenführer aus demKardinalrat. Der Fall Karadima hat die chilenische und südamerikanische Öffentlichkeit sehr bewegt. (Siehe auch wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/Karadima_case)

– Auch der Schönstatt Bischof Francisco Cox (La Serena, Chile) wurde des sexuellen Missbrauchs überführt, er flüchtete sich nach Deutschland, nach Schönstatt, verstarb dann aber im August 2020 in Chile.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

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Aus dem wichtigen und empfehlenswerten Beitrag in der Wochenzeitung FREITAG, Heft 46/2021, von Frederico Füllgraf:

José Antonio Kasts Vater Michael Kast-Schindele war Wehrmachtsoffizier aus Bayern fürchtete nach Kriegsende, von den Alliierten verfolgt zu werden, und begab sich auf die Fluchtrouten der „Rattenlinien“ nach Südamerika, wo er mit falschem Pass des Rotes Kreuzes in Chile ankam. Hier wurde er zum erfolgreichen Unternehmer in der Fleischbranche und Förderer der rechtsradikalen Szene. Nach dem Militärputsch vom 11. September 1973 verliehen die Kasts Lieferwagen an Pinochets Polizei und waren so am Massaker an 70 Landarbeitern im Regierungsbezirk Paine beteiligt, die dem Sozialisten Salvador Allende die Treue hielten. Einem davon wurde die Zunge abgeschnitten und ein Auge ausgestochen, bevor er mit den anderen 69 den Tod im Kugelhagel fand. Über Jahrzehnte hinweg gelang es der deutschen Kolonie, die Justiz so zu behindern, dass die nachweisbare Komplizenschaft ohne Strafe blieb. José Antonios Bruder Miquel Kast war von 1980 bis 1982 Pinochets Arbeitsminister und Zentralbankchef. Seither beschwört der Clan den Geist des Diktators.

Während dem linken Bewerber Boric ein „sanfter Sozialismus“ vorschwebt und er im Bündnis mit der reformistischen KP Chiles ein Regierungsprogramm der sozialökologischen Umverteilung anbietet, setzt Kandidat Kast auf Restauration. Hirnrissige, zehnprozentige Steuersenkungen sollen die Unternehmer für seine Agenda einnehmen, auch wenn die sich mit dem Vorwurf absetzen, Kast wolle dem Land eine prekäre Staatsverschuldung bescheren. Dessen 200-Seiten-Programm nennen sie das „Œuvre eines Dilettanten“. Darin ist neben ökonomischen Versprechen der restaurierte Polizeistaat eines Pinochet-Verehrers zu finden.21

Als Aktivist des Schönstatt-Ordens aus dem pfälzischen Vallendar kämpft Millionär Kast mit Ultrarechten aus den USA, mit Spaniens faschistischer Vox-Partei und seinem Freund, Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, gegen Abtreibung, gegen die Rechte für Homosexuelle und Indigene. Er droht, das Ministerium für Frauenrechte und das staatliche Institut für Menschenrechte abzuschaffen. Kast leugnet frech die schweren Menschenrechtsverbrechen der Pinochet-Junta und verspricht, die etwa hundert verurteilten Folterknechte und Mörder aus der Haft zu entlassen. Seine Regierung – sollte sie zustande kommen – will die Bürger überwachen und zurück zu einer „internationalen Koordination zur Bekämpfung radikaler Linker“. Das erinnert an den „Plan Cóndor“ von sechs Rechtsdiktaturen in Lateinamerika, in deren Auftrag während der 1970er- und 1980er-Jahre Hunderte von Oppositionellen ermordet wurden”.

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Falls der doch etwas kritische Beitrag über die Einseitigkeiten der Schönstatt-Bewegung in Chile wieder aus der website dort verschwindet, hier der Text von Patricio Young: Man beachte, wer da “Vater” genannt wird, nicht etwa “Gott-Vater”, sondern Pater Kentenich, der als überhöhte Vater-Firgur (trotz allen Missbrauchs) verehrt wird. Und Maria, die Mutter Jesu vn Nazareth, wird als Gottes-Mutter bezeichnet.CM.

Veröffentlicht am 2019-10-28:

Proteste in Chile: Wo ist Schönstatt in all dem?  Von Patricio Young.

“Wir befinden uns in Chile in einem entscheidenden Moment unserer nationalen Geschichte. Der Boden ist uns unter den Füßen weggebrochen, wir stehen fassungslos vor dem, was auf den Straßen unseres Landes geschieht. Wir haben gesehen, wie die Forderungen von allen Seiten gestellt werden, auch mit der ausgeprägten Solidarität der jungen Menschen aus den oberen Sektoren, die vom Fernsehen interviewt, erklärten, dass ihre Privilegien ihnen weh tun und sie deshalb auf die Straße gehen. Heute scheint es einen großen Konsens darüber zu geben, dass die Ursache in der großen sozialen Ungleichheit liegt, die wir aufgebaut haben und die sich in vielerlei Hinsicht manifestiert.

Aber wo ist Schönstatt in all dem? Wir sagen, dass wir uns wegen der Mission des 31. Mai um Bindungen kümmern sollen; mit Gott, mit der Natur, mit der Gesellschaft. Das Thema der Bindungen scheint sich bei uns aber hauptsächlich auf den persönlichen und sehr wenig auf den sozialen Bereich zu konzentrieren.

Lassen Sie uns die Dinge klar sagen. Es ist notwendig, sich unserer Realität zu stellen, egal wie hart sie auch sein mag. Aber es gibt dabei keine Zeit mehr für Euphemismen, beruhigende Worte oder einfache Ausflüchte.

Wo stehen wir und was tun wir?

Wir sind eine Oberklassenbewegung. Wir bestehen hauptsächlich aus Familien aus der mittleren, oberen und höchsten Schicht. Abgesehen von Carrascal befinden sich unsere Heiligtümer in privilegierten Stadtteilen. Unser Vater hätte nur in der Pater-Kentenich-Schule in Puente Alto (sozialer Brennpunkt) zur Schule gehen können, der einzigen, die völlig kostenlos ist. Es gibt in unseren anderen Schulen einige wenige Schüler, die subventioniert werden, aber die große Mehrheit ist für Kinder der Oberschicht, obwohl das dem einen oder anderen Pater, den ich dazu öffentlich hinterfagt habe, nicht gefällt – abgestritten hat es aber auch keiner.

Trotz der finanziellen Ressourcen der Familie schwimmt Maria Ayuda nicht im Geld, sondern muss Wunder wirken, um zu überleben.

Vor einigen Jahren sagte mir ein Mitglied unserer Familie, der seit mehr als 50 Jahren bei uns ist, als wir über die Situation des Familienbundes in den Regionen Santiagos sprachen, dass es schwierig sei, Leutezu finden, die zu Führungsaufgaben bereit seien, weil dies Kosten verursche. Wir mussten schließlich hart arbeiten, um ein durchschnittliches Einkommen von 6 Millionen Pesos pro Monat zu erzielen (u$s 8245 oder € 7450 ungefähr), sagte er.

Nach diesem Gespräch kam eine tiefe Depression über mich. Wo ist unser Herz?

Solange Schönstatt sich nicht als Familie konkret sozial engagiert…

Solange Schönstatt als Familie sich nicht konkret sozial engagiert (nicht nur in der Kampagne der Pilgernden Gottesmutter oder bei den Madrugadores), sehen wir die Realität nicht in all ihren Dimensionen. Es gibt ein Chile, das wir nicht kennen und mit dem wir im Innern der Familie nicht im Dialog stehen. Einige von uns besuchen dieses andere Chile gelegentlich, zum Beispiel in den Familienmissionen. Aber dfas reicht nicht. Wir müssen für Heiligtümer in La Pintana, Chimba, Valparaiso arbeiten und nicht für noch eines in den Vierteln der Oberschicht. Wenn die Schönstätter von dort eines bauen wollen, dann sollen sie es in einem einfachen Stadtteil tun, nicht vor der Haustür.

Es ist notwendig, dieses andere Chile in die Familie zu integrieren. Andernfalls werden wir weiterhin in einer Blase leben. Wir werden weiterhin ein Ghetto sein, genau das, was unser Vater so sehr verabscheute.

Hier müssen unsere Solidarität und die Wertschätzung der Bindungen in all ihren Dimensionen gezeigt werden. Dies ist die Zeit, in der wir unseren Blick bereichern und helfen müssen, eine Gesellschaft der Solidarität aufzubauen, wie es unser Vater wollte.

Das Problem Chiles ist nicht das der anderen, es ist unseres

Lange Zeit haben wir die Probleme der Kirche vom hohen Ross aus betrachtet. Heute können wir das mit unserem Land nicht tun. Das Problem Chiles ist nicht nur das der anderen, es ist auch unseres.

Es gibt eine große Chance! Hilfe beim Aufbau einer anderen Gesellschaft, die alles, was fortgeschritten ist, schätzt, aber ihren Reichtum besser verteilt. Denn ein Land, in dem 1% der Bevölkerung ein Drittel des Reichtums besitzt, ist nicht lebensfähig.

Diese harte Realität, die wir leben, erfordert eine tiefgreifende Revision. Es reicht nicht aus zu beten, so wichtig es auch sein mag, aber wir müssen sehen, inwieweit wir Teil des Problems waren und wie wir helfen, Teil der Lösung zu sein.
Es ist der Moment der Wahrheit.

Es ist die Stunde der Wahrheit

Entschuldigen Sie die Offenheit und Härte, aber das ist die Stunde der Wahrheit. Wenn wir jetzt nicht aufwachen, wird Schönstatt kein Morgen haben, und auch kein Übermorgen.

Vater, erleuchte uns wie nie zuvor! Gottesmutter, gekommen ist die Stunde der Treue!

Patricio Young gehört zum Schönstatt-Familienbund. Er ist Sozialarbeiter an der Universität von Chile mit einem Master-Abschluss in Entwicklungswissenschaften, mit einer Nennung in Soziologie der Kommunikation. Er arbeitet als Berater im Bereich Marketing und Kommunikation.

Original: Spanisch, 25.10.2019. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

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Die katholische Nachrichtenagentur ACI Prensa schreibt über den sehr katholischen José Antonio Kast un Schönstatt-Mitglied:

21 de noviembre de 2021 – 10:10 PM | ÚLTIMA ACTUALIZACIÓN 21 de noviembre de 2021 11:57 pm

Católico provida y padre de 9 hijos pasa a segunda vuelta presidencial en Chile

POR DIEGO LÓPEZ MARINA | ACI Prensa

El candidato presidencial de Chile, José Antonio Kast Rist, quien es un abogado y político católico, provida y padre de nueve hijos, se disputará la segunda vuelta con Gabriel Boric, de ideología izquierdista, luego de ser los más votados en las elecciones de este domingo.

Kast, fundador y líder del Partido Republicano, lideraba la elección presidencial con un 28.02 % de los votos, seguido por Boric del Partido Convergencia Social, con un 25.60 % tras escrutarse un 90.19 % de los votos, informó el Servicio Electoral.

Ambos se disputarán la presidencia el próximo 19 de diciembre.

José Antonio Kast Rist, de ascendencia alemana, nació el 18 de enero de 1966 en Santiago de Chile. Actualmente tiene 55 años, es casado y padre de nueve hijos.

Fue diputado nacional entre 2002 y 2018 y candidato presidencial en las elecciones de 2017 y de 2021. Es fundador del movimiento social Acción Republicana y Partido Republicano.

Kast es católico practicante,​ perteneciente al movimiento Schönstatt.

En un artículo escrito por él en el 2011 para el diario La Tercera, reveló: “Antes de quedarme dormido, rezo. Soy católico practicante. Mi familia es del sur de Alemania, la zona católica de ese país”.

También escribió: “Me jugaría el pellejo porque no se aprobara la ley de aborto”.

En su plan de gobierno para las elecciones presidenciales de 2021, se indica: “Defendemos la vida desde la concepción hasta la muerte natural. Todos los seres humanos tenemos derechos inalienables que ninguna persona o mayoría pueden quitar”.

“Derogaremos la ley que posibilita el aborto, dictada durante el gobierno de la Expresidente Bachelet. En el intertanto, reivindicamos el derecho de personas naturales y jurídicas a la objeción de conciencia”, añade.

En un tuit de mayo de 2019, Kast escribió: “Derogar la Ley de Aborto: No importa que no tengamos la mayoría, pero el compromiso con la vida tiene que ser una acción, no solo palabras. No podemos permanecer indiferentes a que el aborto esté vigente en Chile. #Salvemoslas2vidas”.

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Die “Tagespost”  Würzburg, katholisch und sehr konservativ,  jubelt: Endlich ein praktizierender Katholik als Präsident.

https://www.die-tagespost.de/politik/aktuell/chile-praktizierender-katholik-in-stichwahl-um-praesidentenamt-art-223122

 

 

 

In Galizien und der Bukowina: Jüdisches Leben und Leiden.

Zu einem neuen Buch von Marc Sagnol.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Warum sollte man sich erneut mit dem vernichteten jüdischen Leben in Galizien, Lodomerien und der Bukowina beschäftigen?

1. Es waren Deutsche, SS-Leute, Militärs, in enger Zusammenarbeit mit ukrainischen Faschisten, die Juden in den genannten Gebieten töteten.

2. Autoren, oft gelesen in Deutschland, wie Joseph Roth, Bruno Schulz, Soma Morgenstern, Stanislaw Lem, Paul Celan, Simeon Wiesenthal, Rose Ausländer und viele andere stammen aus Galizien und der Bukowia. Wer diese AutorInnen schätzt, sollte sich für deren Herkunft interessieren.

3. Es gab einst in Berlin ein Viertel im Zentrum, zwischen dem Hackeschen Markt und dem heutigen Rosa-Luxemburg-Platz (damals „Bülowplatz“), in dem, seit 1900 , viele Juden Zuflucht fanden vor den Pogromen in ihrer Heimat Galizien. Berlin ist mit Menschen aus Galizien eng verbunden, mit den früheren Bewohnern muss man sagen: Denn Juden suchten Zuflucht und fanden letztlich Vernichtung.

4. Im Dezember 2021 ist ein neues Buch über jüdisches Leben, über Verfolgung und Auslöschung der Juden in Galizien sowie in der Bukowina erschienen. Es handelt sich natürlich nicht um eine „bunte Reisereportage“ mit den üblichen Ausblicken auf Natur und Geschichte dieser Region, es handelt sich auch nicht um einen Guide für Touristen etwa durch die angeblich noch vorhandenen „Schtetlt“.Es ist auch keine erschütternde Foto-Dokumentation, selbst wenn das Buch etliche beachtliche Schwarz-Weiß-Fotos, vom Autor realisiert, enthält: MARC SAGNOL hat über viele Jahre dieses Gebiet immer wieder besucht, er hat die Städte und Dörfer, intensiv studiert, mit Menschen gesprochen in dem Gebiet, das einst zur österreichischen Monarchie gehörte. Und dann zu Polen und zur Ukraine, ab 1945 zu Polen und der Sowjetunion. Nach 1989 gehört es wieder zu Polen und der Ukraine.

Marc Sagnol,1956 in Lyon geboren, hatte nach Studien der Germanistik und Philosophie auch Kenntnisse des Polnischen und Russischen erworben, er war u.a. als Kulturattaché in Moskau tätig und später auch als französischer Kulturbeauftragter in Erfurt. Sagnols Interesse fürs jüdische Leben in dieser Region ist auch durch die Geschichte der eigenen Familie motiviert. Sein Großvater z.B. hat seine Kindheit in Czernowitz und Kossow verbracht.

5. Der Autor beschreibt (und kommentiert zurückhaltend) das jüdische Leben in den Städten und Dörfern, er nimmt die LeserInnen mit auf seine ausführlichen Rundgänge dort. Sie beginnen in Ostgalizien, führen über Grodek und Lemberg sowie viele andere Ortschaften dann nach Brody und Kossow, er erreicht die südlicher gelegene Bukowina mit Iwano-Frankiwsk, Czernowitz und Sadagora, um dann noch einmal nach Lemberg bzw. Lwow, Lwiw oder auch Leopolis, der „Löwenstadt“ zurückzukehren (S. 185-235, wiederum mit zahlreichen Fotos).

6. Die Rundgänge des Autors sind alles andere als unterhaltsam. Sie informieren in nüchterner Sprache und wecken dennoch Erschütterung, Zorn, Trauer im Angesicht der ausführlich beschriebenen Untaten, der grausamsten Quälereien und Massenerschießungen der jüdischen Bevölkerung. An diesem Massenmord waren nicht nur Deutsche beteiligt: Die Nazis fanden willigste und grausamste Helfer in Kreisen der ukrainischen Nationalisten und Faschisten. Sagnol erwähnt, dass noch heute an den ukrainischen Nazi Stepan Bandera öffentlich sichtbar erinnert wird, seine Statuen und Denkmäler sind nicht zu übersehen. Man tut so, als handle es bei Bandera um eine Art unbescholtenes Vorbild (vgl. S. 40, S. 230, dort zeigt ein Wandgemälde Bandera, das Foto hat Sagnol 2018 aufgenommen).

Von den vielen Informationen des Buches nur diese: Man liest etwa, dass es im Lager Janowska ein Lagerorchester gab, „das von Leonid Stricks geleitet wurde. Das Lagerorchester musste Operettenmelodien wie „Die lustige Witwe“ von Franz Lehar oder Werke von Mozart und Beethoven spielen, um das Geräusch der Schüsse und Scheie während der Exekutionen zu übertönen“ (S: 218).

In Lemberg entfesselten die Deutsche gemeinsam mit dem ukrainisch-natonalistischen Bataillon Nachtigall sowie der OUN (der Ukraininisch-Nationalistischen Organisation) ein Pogron vom 30. Juni bis 3.Juli 1941, „in dessen Verlauf die Lemberger Juden dem besinnungslosen Hass einer entfesselten Bevölkerung ausgesetzt waren (S. 206). Von den ukrainischen Nationalisten wurden die Juden als Sündenböcke hingestellt, für schuldig erklärt, mit den Sowjets zu kollaborieren“. Eine Überlebende erinnert sich. “Wir sind mit ihnen (also den so genannten Christen, CM) zur Schule gegangen, tanzen gegangen und mit einem Mal waren wir für sie keine Menschen mehr“ ( S. 211)

Das antisemitische Nationalist Bandera konnte sich nach dem Krieg bis 1959 in München unter dem Namen Stefan Popel verstecken, vom KGB wurde er dort entdeckt und erschossen.

7. Und heute? Das Interesse der ukrainischen Bevölkerung (und des Staates) am Erhalt wichtiger jüdischer Gebäude als Erinnerung an jüdisches Leben einst, ist alles andere als bedeutend. Man liest mit Entsetzen, dass kulturell und architektonisch bedeutende Synagogen dem systematischen Verfall überlassen werden, so etwa in Brody (S.124 f.) oder Berezhany (S. 61). Besonders schlimm ist er Verfall der einst prachtvollen Synagoge aus dem 17. Jahrhundert in Zolkiew bzw. Schowkwa bei Lemberg (S. 44). Marc Sagnol bemerkt treffend: „Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass die Verschleppung der Restaurierung dieser Synagoge nichts anderes ist als eine stillschweigende Fortsetzung der Endlösung durch Nichtstun, eine gewaltsame Shoah der Erinnerung“. Mit Hilfe von Juden aus dem Ausland konnte die große chassidische Synagoge in Sadagora im Jahr 2016 in alter Pracht wieder eröffnet werden, in der Sowjetzeit wurde sie als Metallfabrik genutzt.

8. Von den Chassidim (also den Mitgliedern einer mystischen Strömung, die oft als ultra-orthodox bezeichnet wird), ist auch die Rede, etwa beim Besuch in dem geradezu von Legenden umwobenen Städtchen Bels. Interessant auch die Darstellungen zum Leben der Chassidim in Sadagora, Bukowina: Hier hatten die Rabbis (bzw. Rebben ode Zaddik) ihre Zentren für Gebet, Beratung, Belehrung und auch überschwängliche Verehrung des Rabbis (S.180).

9. Was Sagnol über das verbliebene jüdische Getto in Lemberg schreibt, gilt für die Region dort: „Außer den wenigen Überresten von Gebäuden der Vergangenheit gibt es kein jüdisches Leben mehr“. Der Tötungswahn der Deutschen, der Nazis, des Militärs sowie der ukrainischen Faschisten war total und hat sich total durchgesetzt. In Polen leben jetzt noch etwa 12.000 Juden, in der Ukraine wird der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung prozentual angegeben mit 0,05 Prozent! Viele Juden, die in die Ukraine als Touristen reisen, berichten von einem für sie immer noch gefährlichen Land.

Das Buch bietet in zahlreichen Fußnoten Hinweise zu spezielleren Studien.

Leider fehlt in Marc Sagnols wichtigem Buch ein Namens-Register.

Das Buch verdient weite Beachtung.

Marc Sagnol, Galizien und Lodomerien. Kulturverlag Kadmos, Berlin, 2021, 238 Seite, 24,90 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Ein katholischer Theologe gegen 2G Regeln im Gottesdienst. Für Pater Klaus Mertes hat Impfen gegen Corona keine religiöse Bedeutung.

Ein Widerspruch von Christian Modehn am 10.12.2021.

1.So oft sind wir empört und entsetzt, wie in diesen Zeiten der Pandemie die bis jetzt einzige medizinische Hilfe, das Impfen, schlecht geredet wird. Und wie diejenigen, die diesen medizinischen Schutz zum Teil gewalttätig ablehnen und dabei sich selbst und andere tödlich gefährden, öffentlich direkt oder indirekt verteidigt werden und in kirchlichen Kreisen mit einem pastoralen Gestus des Verstehens, wenn nicht der Sympathie bedacht werden.

2. Genau diesen Schock erlebt man, wenn man die Antworten des ziemlich bekannten und eigentlich angesehenen (wegen der Freilegung im Jahr 2010 der pädosexuellen Verbrechen durch Priester) Jesuiten-Paters Klaus Mertes in einem Interview mit der ZEIT vom 9.12.2021, Seite 80, liest. Pater Mertes schwebt darin auf der – außerhalb von Corona – verständlichen „liberalen“ Welle: „Die Kirche muss alle Menschen vorbehaltlos willkommen heißen in den eigenen Räumen“. Was „willkommen“ bedeutet? Dabei denkt und dachte der Jesuit bekanntlich zurecht an die katholischen Homosexuellen, die sich in den Gemeinden nicht willkommen fühlen. Hat Mertes diese seine bekannten Prämissen im Hinterkopf, wenn er die unkontrollierte gemeinsame Anwesenheit von Nicht-Geimpften und Geimpften in den katholischen Messen empfiehlt und gutheißt.

3. Das Problematische, wenn nicht das Skandalöse an den Äußerungen von Mertes in der ZEIT ist dies: Er versteht die Weisungen Jesu als oberste Norm für ein Zusammenleben in der Gesellschaft. Diese Weisungen Jesu geben also – angeblich – Antwort auf die Frage: Dürfen und sollen Nicht-Geimpfte an den Messen teilnehmen. Und die Antwort Jesu in der Interpretation von Mertes ist klar: Ja, natürlich, alle sind willkommen, nach dem Impfstatus darf nicht gefragt werden. Mit anderen Worten: Mertes glaubt, Jesus höchstpersönlich in seiner unendlichen Liebe usw… lehrt: Der Impf-status spielt im Falle eines Gottesdienstbesuches in diesen Pandemiezeiten keine Rolle.

4.Die Belege: Gleich zu Beginn des Interviews mit der ZEIT betont Pater Mertes nicht ohne einen gewissen Stolz:

„Ich habe am Nachmittag des zweiten Advents in Berlin Gottesdienst gefeiert, da kamen vor allem Obdachlose,  Flüchtlinge, Arme“. Frage: Und wer durfte rein? Mertes: „Alle!“ Punkt. Und dann: “Ich habe nicht um Erlaubnis gefragt. In einem größeren Raum ist es leicht, das Infektionsgeschehen zu beachten, ohne andere auszuschließen“. (Mertes kann also das Infektionsgeschehen in Räumen mit bloßem Auge etc. erspüren, großartig!) Und noch einmal legt Mertes nach: „Aber es gilt die Regel, dass wir Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, nicht als erstes nach der Impfung fragen. Das ist mir sehr wichtig. Ich habe Respekt vor den Ängsten anderer und finde es falsch, die Ängste zu moralisieren“. Was für eine schräge Aussage: Wer nach dem Impfstatus fragt, „moralisiert“, so Mertes. Und vor allem: Wessen „Ängste“ werden nach Mertes denn da beachtet: Die Ängste der Nicht-Geimpften offenbar, über ihren Status öffentlich Auskunft zu geben. Die Konsequenz ist: Sollen sich doch die nur 2mal Geimpften von uns anstecken… Die Ängste der nur zweimal Geimpften zählen also nicht. Die Nicht-Geimpften werden als die einzg Leidtragenden, die Ausgegrenzten, die „Armen“ gedeutet, ihnen gilt alles klerikale Mitleid. Sie von er Not-wendigkeit der Impfung zu überzeugen, sie dazu zu drängen, kommt offenbar für Mertes nicht in Frage. Ich finde diese Haltung skandalös.

Aber Mertes führt noch in weitere theologische Überzeugungen oder treffender Verirrungen: „Ich habe ein Problem mit 2G bei Gottesdiensten, weil ich es nicht zusammenkriege mit dem Evangelium. Jesus unterscheidet nicht zwischen so genannten Gerechten und so genannten Sündern, er ist für alle da“, so in der ZEIT.

Wer sollen denn die Gerechten und die so genannten Sünder sein im Zusammenhang des Impfens? Diese Frage bleibt ohne Antwort. Sind die Nicht-Geimpften (meistens Impf-Verweigerer) etwa Sünder? Dieser Schluss bietet sich nicht an im Zusammenhang der oben genannten Äußerungen Mertes in der ZEIT. Der Jesuit ist überzeugt: Weil Jesus alle Menschen liebt und in „seiner“ Kirche willkommen heißt, muss sich die Kirche jetzt nicht an die Regel 2G im Gottesdienst halten! Jesu Liebe sei größer als alle menschliche Vernunft, wie oft hat man diese Worte in Predigten gehört? Nun also wieder, unbegründet diese religiöse Weisheit.

Warum eigentlich sollen sich Theater, Kinos etc. an diese 2G-Vorschrift halten? Bieten sie in ihren Räumen etwa ein größeres Infektionsrisiko als die gut besuchten (Weihnachts-)-Gottesdienste? Bieten Messen und Gottesdienste etwa einen imaginären, man möchte sagen abergläubischen himmlischen Schutz vor dem Virus, den weltliche Häuser nicht bieten können?

5.  Diese Verteidigung von „unkontrollierten“ Gottesdiensten hinsichtlich des Impfstatus der TeilnehmerInnen ist in Pandemie Zeiten ethisch betrachtet falsch und vor allem: gesundheitlich hoch-gefährlich. Diese Haltung eines Theologen ist entschieden zurückzuweisen. Denn diese von Mertes verteidigte Überzeugung setzt ein begrenztes theologisches Prinzip (“die offene Kirche für alle”) über das viel wichtigere und universale (!) ethische Prinzip des Lebensschutzes für alle.

Ethik und Sorge um das Gemeinwohl stehen selbstverständlich über den immer begrenzten religiösen, konfessionellen Prinzipien, die bekanntlich nur für einige gelten. Aber diese Minderheit hat sich nach den universalen ethischen Prinzipien eines Rechtsstaates zu richten. Das haben selbst die Charismatiker in Frankreich eingesehen, die 2020 noch unkontrolliert (wie es Mertes praktiziert) ihre Gottesdienste feierten und dadurch die Gemeinde zum Corona-Hotspot machten.

6. Man sollte diese hier von Pater Mertes SJ ausgesprochene Überordnung theologischer Prinzipien über die ethischen Prinzipien eine Form von religiösem Fundamentalismus nennen.

Man stelle sich vor, Imame oder Rabbiner würden nach diesem von Mertes verteidigten theologischen Prinzip handeln! Also: In der Moschee oder der Synagoge würde nicht nach dem Impfstatus gefragt, was für einen berechtigten Aufschrei gäbe es!

7. So also wird einmal mehr deutlich: Es gibt auch heute, in Zeiten der Pandemie, einen versteckten Fundamentalismus in der römischen Kirche. Man muss sich nur die Mühe machen, diese Implikationen freizulegen.

8. Mertes kritisiert in dem Interview mit der ZEIT heftig, dass mit dem Impfen gegen diese Pandemie einige Menschen eine gewisse “Heilserwartung” verbinden, die „schon eine religiöse Dimension hat.” Mertes suggeriert, christliches Heilsverständnis sei nur eine rein ontologische oder nur geistige und seelische Wirklichkeit! Aber warum kann denn Impfen gegen die schreckliche Pandemie, theologisch betrachtet, nicht auch ein leibliches Heil (Gesundheit) bewirken, das zugleich ein Vorschein des umfassenden „göttlichen“ “Heils” ist? Die Zeiten sind doch vorbei, als man in einem traditionellen, starren Denken die Erlösung, das “Heil”, völlig vom irdischen, gesundheitlichen und gesellschaftlichen Wohlbefinden getrennt hatte. Skandalös ist nur, dass die Impfstoffe jetzt nicht gerecht verteilt werden und den Armen im Süden meist nicht gratis zur Verfügung stehen.

9. Jedenfalls bleibt es dabei: Die Chance, die Gesundheit und das Leben durch das Impfen zu retten und damit selbstverständlich auch für die allgemeine Impfpflicht einzutreten, kann als religiöse Dimension gedeutet werden. Das Impfgeschehen ist in dem Sinne, theologisch, ein „Heilsgeschehen“, und zwar vermittelt nicht durch Kleriker, nicht durch Priester, sondern durch Laien, Wissenschaftler, Virologen, Ärzte, Pfleger usw. Diese Erkenntnis wird den meisten Klerikern („Priestern“) nicht gefallen, die alle „Heilsvermittlung“ an ihren erhaben Kleriker-Status binden. Für die Befreiungstheologie, die Pater Mertes wahrscheinlich kennt, ist religiöses “Heil”, “Erlösung” immer auch materiell, leiblich, gesellschaftlich vermittelt. Das gilt auch in Corona-Zeiten. Insofern sind Ärzte, Krankenpflegerinnen, die impfen, auch wirksam für das religiöse „Heil“, für eine erfahrbare Erlösung.

10. Anstatt, dass Theologen hin und her schwadronieren und ein so liebvolles und offenbar herzliches Verständnis für Impfverweigerer aufbringen und dann auch für den Wahn von gemeinsamen Gottesdiensten von Nicht-Geimpften und Geimpften plädieren, sollten sie anerkennen: Die ÄrztInnen, PflegerInnen, VirologInnenen und WissenschaftleInnen sind in dem Fall die hilfreichen PriesterInnen heute. Die alles Theologische noch entscheidenden Kleriker müssen also selbstkritisch und wahrscheinlich demütig anerkennen: Das religiöse Heil wird auch außerhalb der Kirche vermittelt. Es gilt also: „Außerhalb der Kirche wird das Heil vermittelt“, um einen traditionalistischen katholischen Spruchneu zu formulieren.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin