Kann Lektüre heilen? Durch Bücher gesund werden?

Notizen zur Bibliotherapie und anderen Formen geistiger Therapien…

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Kürzlich diskutierten wir über das Buch von Fabio Stassi „Die Seele aller Zufälle“, erschienen in der Edition Converso; ein Buch, das sich mit Sinn und Unsinn der „Bibliotherapie“ unterhaltsam auseinandersetzt. LINK.
„Die Seele aller Zufälle“ steht übrigens auf der Hotlist 2024 der „Bücher aus unabhängigen Verlagen“.

2.
Diese Form der Buch – Lesen – Therapie gibt es wirklich, dies sei allen therapeutisch noch etwas Unkundigen gesagt. In Kanada, etwa in der Provinz Québec, ist die Bibliotherapie weit verbreitet und offenbar wirksam, auch therapeutisch akzeptiert, die Pariser Tageszeitung „La Croix“ berichtete am 12.3.2024 darüber. LINK.

3.
Grundsätzlich kann man zu der Überzeugung neigen: Eigentlich ist jede Lektüre von Romanen, Erzählungen, Poesie etc. immer auch Ausdruck einer Suche nach Therapie, elementar als Hilfe vermutet gegen Langeweile und Einsamkeit, dann aber auch explizit als Suche nach Orientierung und als Impuls zum Weiter – Denken und in die Weite denken. Diese allgemeine Erwartung „Lesen hilft mir auch therapeutisch“ ist meist umthematisch, unreflektiert.

4.
Was ist die Grundsituation einer Bibliotherapie? Der Therapeut ist ein guter Kenner vieler „großer (aber auch eher unbekannter) Werke“ der Literatur,. Er empfiehlt nach einem eingehenden Gespräch mit einem Patienten (Klienten?) ein bestimmtes, ihm bekanntes Buch zur privaten Lektüre. Die Leitlinie der Therapie heißt wohl: „Wenn Sie dieses Buch, diesen Roman, diese Novelle, dieses Drama, dieses Gedicht usw. lesen, gründlich und in Ruhe meditieren, kann sich ihre spezielle seelische Problematik, vielleicht ihr seelisches Leiden (Melancholie, Hemmung im Umgang mit anderen, Genusssucht usw.) nicht nur klären, sondern auch abmildern, vielleicht heilen … eben durch reflektiertes Nachdenken über den Text des Buches, über das Schicksal der Protagonisten, deren Hoffnung und Lebenssinn… Vielleicht wird dann der heilende Gedanke sozusagen irgendwann „geschenkt“, und vielleicht sieht man sieht klarer und hoffnungsvoller in die Welt und auf das eigene Leben.

5.
Jede Therapie lebt wohl von der Ungewissheit, ob Heilung des Patienten möglich ist. Aber es gibt wohl Unterschiede: In den Psychotherapien etwa begegnet der Patient immer wieder einem leibhaftigen Menschen, einem „Spezialisten“ für seelische Leiden, zu dem der Patient und mit dem er – manchmal sehr oft – sprechen kann.
In der Bibliotherapie ist der einzelne mit einem Text konfrontiert, der eben nur ein „Gesprächspartner“ im übertragenen Sinne sein kann. Der Patient wie jeder Leser bestimmt die Deutung, die Interpretation, in der Auseinandersetzung mit dem Text selbst. Es ist eines der Grundgesetze der Hermeneutik, der Verstehenslehre von Texten, dass immer der Lesende seine subjektiven Verstehensbedingungen, seinen geistigen Horizont, nicht nur „mitbringt“. Sondern oft wird der Text einseitig, allzu subjektiv, förmlich überwältigt und fehl interpretiert. Allzu subjektive Deutungen können und sollten im Laufe der Lektüre korrigiert werden, erst dann kann von einem Verstehen die Rede sein. Bibliotherapie ist aufgrund dieser Stellung: „der einzelne Leser und sein Buch“, also auch ein anspruchsvolles, aber oft auch ein scheiterndes Unternehmen.

6.
Die Bibliotherapie aber erinnert an die Vielfalt reflektierender, geistiger Therapien: Über „Philosophie als Therapie“ haben Damian Peikert und Sam Adhar Ball ein Buch im angesehenen philosophischen Karl Alber Verlag (Freiburg) publiziert und dabei mit gutem Grund an die Überzeugung antiker Philosophen erinnert: Philosophie sei ursprünglich als Hilfe zum Leben und im Leben zu verstehen, ein Thema, das der Pariser Philosoph Pierre Hadot in den Mittelpunkt seiner Studien stellte. LINK. Über die Beziehung zwischen der therapeutischen Praxis etwa in der Stoa oder bei Epikur und der modernen Logo – Therapie (Viktor E. Frankl 1905-1997) wäre ebenfalls weiter nachzudenken.

7.
Von den verschiedenen Formen der Musiktherapie wäre zu sprechen. Musiktherapie im weiten Sinne, also Musik (und Singen ) ALS Therapie, bezieht sich nicht nur auf die seelische „Stärkung“ der einzelnen. Musik ALS Therapie, verstanden als Einheit von Sängern/Musikern und teilnehmenden Zuhörern, die in den Stadien auch Mitsingende waren, hat immer einen politischen Charakter: Eintreten für die Demokratie, „gegen die Konsumgesellschaft, gegen die apolitische Zerstreuung, den American Way of life…Die Musik schuf politische Identifikationen“, so Antonis Liakos in „Lettre International Nr 145, S. 21, Sommer 2024). Diese (!) Musik stärkt die einzelnen, gibt neuen Lebenssinn: Der Autor erinnert u.a. an Mikis Theodorakis, Ioannis Makropoulos, Christos Leonies und andere…“ Antonis Liakos schreibt: „Diese Konzerte, zu denen Menschenmassen strömten, waren selbst politische Ereignisse, Quellen eines aufrührerischen Geistes und eines grenzenloses Optimismus“ (ebd.).
Zu sprechen wäre auch von der Kunst-Therapie, d.h. auch der Mal – Therapie oder der Arbeit mit Collagen, die direkt in guten Kliniken (etwa speziell bei Krebskranken) schon eingesetzt wird.

8.
Noch einmal zur Bibliotherapie:
Johann Wolfgang von Goethe hat sehr persönlich gesprochen, als er von seinen melancholischen und depressiven Phasen in jungen Jahren berichtete: Aus der tiefen Krise (Suizid-Gedanken) konnte er sich nur befreien, wie er gesteht, als er weiter seine Texte verfasste: Literarisches Schreiben als Therapie also, dies ist sicher eine Praxis, die nicht nur hochbegabten Autoren wie Goethe vorbehalten ist. Anja Höfer schreibt in ihrem Essay über Goethes Kunstanschauung (in „Philosophie der Freude“, Leipzig 2003, S. 131).“ Goethe schildert, wie seine poetische Produktion einen inneren Heilungsprozess einleitet, in dem der Dichter sein eigenes Leiden in ästhetischer Form objektiviert und das Leiden so zugleich überwindet. Das Ergebnis dieses Prozesses bezeichnet Goethe nicht zufällig mit dem Wort Heiterkeit“. Und auf Seite 132 heißt es: „Für Goethe wird die dichterische Produktion zum probaten Mittel, um sich selbst immer wieder die rettende Heiterkeit abzunötigen… er spricht vom poetischen Talent mit seinen Heilkräften.“

9.
Inmitten des alltäglichen Lebens können und sollten also Formen geistiger Therapie entdeckt werden, wobei zur Überraschung wohl erkannt wird: Hilfen zur Gesundung durch bestimmte Formen geistiger/geistvoller Praxis stehen uns eigentlich immer in der genannten Vielfalt zur Verfügung. Leider kann man den Gottesdiensten der christlichen Kirchen diesen heilsamen Charakter eher selten zusprechen, sie sind meist Routine und das Dahersagen von frommen Stereotypen und alten, veralteten dogmatischen Sprüchen…

10.
Und selbst der größte Skeptiker wird erkennen: Er kann sich zu seiner eigenen skeptischen Lebenshaltung noch einmal selbst skeptisch verhalten, in der Kraft des reflektierenden Geistes eben: Inmitten dieser Skepsis-skeptischen Haltung wird der Skepsis sozusagen ihre Allmacht genommen. Es bleibt der Geist, dies ist auch die Vernunft, die Fixierungen und Ideologien durchschaut und überwindet… und – etwas metaphysisch gesagt – in die Weite des Geistes führt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Warum Rechtsradikale noch für Meinungsfreiheit eintreten

Die große Lüge der Rechtsradikalen und Faschisten

Ein Hinweis von Christian Modehn am 26.Mai 2024

1.
Rechtsextreme Politiker, auch rechtsextreme Katholiken, streben mit aller Gewalt nach der Herrschaft über die Medien (aller Art). Auf den äußerst rechtslastigen französischen Katholiken und Milliardär und Medienmogul Vincent Bolloré haben wir im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin schon vor einiger Zeit hingewiesen. Bolloré wird in Deutschland bislang kaum wahr – genommen. LINK:

2.
Solange diese Rechtsextremen, die von Politologen und Kulturwissenschaftlern auch heute Faschisten genannt werden, nicht die Herrschaft übernommen haben: So lange plädieren und werben diese Rechtsextremen, wie jetzt die AFD, ungeniert, mit Parolen im Wahlkampf (Mai 2024) „Meinungsfreiheit schützen“. Ja, diese rechtsextremen Führer leben von der demokratischen Meinungsfreiheit, solange, bis sie die Macht übernommen haben. Diese Leute sind nichts als Lügner, und alle, die diese Lügner wählen und unterstützen, kann man wegen ihrer geringen Urteilskraft bedauern oder besser noch gesprächsweise zur Vernunft bringen? Für die Philosophin Hannah Arendt ist das Fehlen von kritischer Urteilskraft (etwa der Nazi – Anhänger) Hinweis auf irregeleitetes, nur noch banales Denken und banales Leben. Zu diesem Urteil kam Hannah Arendt beim Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem.

3.
Der Wiener Kulturwissenschaftler Andreas Gerlach veröffentlicht in „Geschichte der Gegenwart“ vom 26. Mai 2024 eine Studie (von Umberto Eco angeregt) über heutigen Faschismus. Wir zitieren aus den Ausführungen Gerlachs zur Kampf der rechtsextremen um die totale Medien – Herrschaft:

„So lange für Meinungsfreiheit sorgen, bis sie sie abschaffen können. Bis zur Übernahme der Medien ist ein scheinbares Eintreten für Meinungsfreiheit das wichtigste Mittel der Faschisten zur Erzwingung, in den Medien aufzutauchen. Sie wollen als Meinung wie alle anderen auch wahrgenommen werden. Sobald dann irgendwelche rechten Milliardäre oder Parteien ein Medium wie Twitter, eine Zeitung wie die NZZ oder öffentlich-rechtliche Sender gekauft haben oder die Gremien besetzen können, bricht diese scheinbare Begeisterung für den freien Markt der Meinungen, wie am Beispiel Polens, an der Übernahme eines ganzen Medienimperiums in Frankreich oder an Elon Musks Übernahme von Twitter gesehen werden kann. Die modernen rechten, reaktionären und oftmals völlig offen faschistischen Bewegungen haben viele Eigenschaften, aber eine wichtige, die Umberto Ecos Liste als fünfzehntes Element hinzugefügt werden kann, ist die ewige Fixierung des Faschismus auf seine mediale Repräsentation. Deswegen ist dort gerade das wichtigste Kampffeld gegen die Faschismen des 21. Jahrhunderts. Man darf den Faschisten nicht die Medien überlassen.“ (Quelle: LINK ) 

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

Sinn (und Unsinn) der Verehrung Marias, der „Gottesmutter“…

Nicht nur im Monat Mai…

Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.4.2024

Eine aktuelle ERGÄNZUNG am 27.5.2024:

Auch heute leben viele Katholiken, zumal in den romanischen Ländern, in einer äußersten innigen Verbundenheit mit Maria, der Mutter Jesu von Nazareth. Für diese Frommen ist Maria nicht die selbstbewusste Frau und Mutter vieler Kinder und Gattin ihres Mannes Josef, sondern die ins Jenseits der Spekulation geschickte Himmelskönigin, sie ist sogar die Mutter Gottes, wenn nicht gar – uneingestanden – eine göttliche Mutter. Also eine Mutter Gottheit: Gerade dies ist ein peinliches Thema für die Kirchenführung: Wie umgehen mit maßlosem Überschwang frommer Phantasien so vieler? Ökumenisch hält man sich zu diesem Thema in Rom sozusagen „unbefleckt – bedeckt“.

Weltweit, vor allem auch in Italien, „wollen heute mehr Menschen als jemals zuvor Maria gesehen haben“, Maria ist ihnen also „erschienen“, berichtet „Christ und Welt“, Beilage von „Die Zeit“ am 23. Mai 2024. „In den Berichten – es sind Dutzende allein aus den vergangenen drei Jahren – geht es um Blut weinende Statuen der Muttergottes, es geht um Weissagungen, welche die Gläubigen von der Jungfrau erhalten haben wollen“…, schreibt Tobias Asmuth. Die Kirchenführung hat jetzt ihre große Mühe, diese ins Maßlose, ins Spinöse und Groteske und Betrügerische abrutschende Maria – Verehrung in dogmatisch korrekte Bahnen zu lenken.

Im folgenden Beitrag wird diese maßlose, irrationale Maria – Verehrung begründet: Sie hat einen Grund in vielen ebenso maßlosen, irrationalen Marien-Liedern der katholischen Gesangbücher. Diese Lieder – meist aus dem 18.und 19. Jahrhundert – hat die offizielle Kirche bis heute nicht nur geduldet, sondern explizit gepflegt. Nur langsam werden offiziell Revisionen vorgenommen, die aber wenig nützen, denn allzu stark sind die Bilder von der Himmelskönigin und der makellosen Jungfrau in den Seelen der Frommen verankert.

…………………………

1.
Die religiösen und durchaus esoterischen Phantasien der Katholiken und der nicht nur katholischen Künstler haben seit Jahrhunderten ein großes Thema: Maria, die Frau, die auch in offizieller katholischer und orthodoxer Lehre „Gottesmutter“ genannt wird, die aber, jenseits aller theologischen Spekulationen, eigentlich vor allem die leibliche Mutter Jesu von Nazareth war. Eine Mutter übrigens, mit der ihr Tischler – Sohn und spätere Prophet Jesus, laut neutestamentlichem Befund, allerhand Schwierigkeiten hatte. Familie war ohnehin nicht das dringende Thema Jesu von Nazareth.

2.
Weil aber die Herren der Kirche etwa im 4. Jahrhundert aus dem armen Propheten Jesus von Nazareth den Christus, den göttlichen Weltenherrscher, gemacht haben, wurde dann selbstverständlich aus der „armen Magd des Herrn mit Namen Maria“ die Gottes – Mutter: So hat es das Konzil von Ephesus im Jahr 431 beschlossen. Seit der Zeit wird die Mutter Gottes in Gebeten und Litaneien gelobt, gepriesen, vor allem aber angefleht um mutter-göttlichen Beistand. Bei so viel Enthusiasmus für die arme Frau aus Nazareth als Mutter Gottes lag es nahe, immer überschwänglicher zur werden: 1950 verfügte Papst Pius XII. das Dogma von der leiblichen (!) Aufnahme Marias in den Himmel. Als hätte die Welt nach dem Holocaust und dem 2. Weltkrieg keine anderen Sorgen! Aber kirchentreu wie die Regierungen damals waren, wurde dieses Fest (Feiertag am 15. August) sogar zum Staatsfeiertag erklärt, etwa in Bayern, in NRW, Baden – Württemberg… in Frankreich, Spanien und so weiter.

3.
Wichtiger ist: Die Gläubigen können sich in ihrem frommen Umgang mit Maria förmlich austoben in ihrer Phantasie: Nicht nur die Orte, in denen Maria als Jungfrau höchst persönlich „erschien“, wie Lourdes oder Fatima usw., sind Schöpfungen frommer und politisch-rechtslastiger Einbildungskraft. Tausend Namen wurde Maria zugewiesen, die „Lauretanische Litanei“ nennt 50, zuerst natürlich den Titel „Mutter Gottes“. Wenn man schon eine Gottes Mutter verehrt, dann liegt es doch der Phantasie folgend nahe: Maria auch neben Jesus Christus als Miterlöserin anzuerkennen und entsprechend zu verehren. Papst Pius XI. dachte daran und auch der Marien-Fan, der Pole Papst Johannes Paul II. Es ist wohl nur die Angst vor Auseinandersetzungen mit den Protestanten, dass Maria noch nicht offiziell als Miterlöserin neben Jesus Christus gestellt wird. Es gibt immer wieder Versuche extremer Katholiken, Maria als Miterlöserin zu deklarieren. LINK

4.
Auch wenn die Päpste bis jetzt nicht so weit gehen und Maria den Titel „Miterlöserin“ offiziell zusprechen: Tatsache ist doch wohl, dass de facto viele Marien-FreudInnen in ihrem eigenen spirituellen Sehnen und Klagen Maria (fast) wie eine Göttin verehren. Diese Tatsache ist unangenehm für die katholische Kirchenführung und wird deswegen auch nicht umfassend untersucht. Wer aber nur die vielen tausend Barock – Gemälde über den Altären anschaut, wird oft Maria als Himmelskönigin gleichberechtigt neben Gott – Vater und Christus thronend sehen. Maria also die Göttin im Christentum? In der katholischen Kirche? Das würde die Gesamtstruktur dieser Kirche erschüttern, nicht nur dem Monotheismus ein neues Gesicht geben, vor allem aber die männliche Klerus – Herrschaft beenden. Also: Bloß keine Göttin Maria im Katholizismus, ist die Devise der Kirchenführer. Dabei sind sie selbst die eifrigste Verehrer der idealisierten Frau, der Gottesmutter Maria, sie verpassen keinen Gedenktag in Lourdes oder Fatima. Auch der progressive Papst Franziskus liebt diese Orte, wo die Jungfrau höchstpersönlich angeblich wunderbar erschien.
Aber… Maria als Göttin: Das wäre eine Konkurrenz zum strengen männlich – göttlichen Gesetzgeber. Eine Maria als Göttin würde Sanftheit ausstrahlen, Zuversicht, Geduld, Hilfsbereitschaft, um einmal die klassischen „Frauen – Klischees“ auch hier zu bedienen. Klerikale Härte lässt sich mit einem männlich geprägten Gott besser durchsetzen…

5.
Gegen so vielen offenbar ungebremsten katholischen Überschwang im Religiösen ist religionswissenschaftlich und philosophisch zunächst nichts zu sagen. Jeder und jede kann glauben, was er oder sie glauben will oder was einem alles so einfällt, wenn er/sie der Phantasie freien Lauf lässt beim Gedanken an Maria, die Gattin des Joseph. Dann wird aber klassisch liberal immer hinzugefügt: Dies gilt, solange dieser Glaube andere Menschen nicht einschränkt in ihrer Freiheit.

6.
Darüber wäre eigens nachzudenken und zu forschen, dass der extreme Marien – Glaube in der spanischen Welt (auch Lateinamerikas) zu einer mystischen Überhöhung dieser Frau führt: Der die Männer sich „hingeben“ wollen, weil sie nur diese imaginäre Frau Maria wirklich verehren wollen. Dieser Kult kostet nichts, erzeugt keine Verantwortung, etwa für eine Familie. Gleichzeitig führt dieser oberflächliche männliche Glaube an die reine göttliche Jungfrau zu einer Degradierung der lebendigen Frauen und Partnerinnen in der Gesellschaft … und der Kirche… Frauen sind in dieser „Marien-Welt“ letztlich die Dienerinnen, die Gehorchenden, die „zur Verfügung Stehenden“, wenn nicht gar bloß die eher „schmutzigen Weiber“, die man unterdrücken darf. Die Abwehr des katholischen Lehramtes, Frauen zu katholischen Priesterinnen zuzulassen, beruht auf diesem uralten, mythischen Wahn der „schmutzigen“, der „unreinen“ Frau, die für den heiligen Dienst am Altar ungeeignet ist. Dieser Zusammenhang wurde hundertmal historisch nach – gewiesen.
Wie schmutzig jetzt männliche katholische Priester erkannt sind, im Rahmen des sexuellen Missbrauchs durch Priester weltweit, ist eine neue traurige Variante zum Thema „katholischer Schmutz“.

7.
Es müsste also endlich der Zusammenhang untersucht werden, zwischen veräußerlichtem Marien – Kult und Gewalt und Degradierung von Frauen. Die von Papst Franziskus viel gerühmte „Volksreligion“ in Lateinamerika enthält also viel Gift, das theologisch freigelegt werden müsste.

8.
Wir wollen hier daran erinnern, dass fromme Marien – Phantasien und Marien – Ideologien die seelische Entwicklung der Menschen einschränken können. Der hilflose Mensch steht einer willkürlichen Gottheit gegenüber selbst wenn diese ein freundliches weibliches Gesicht hat. Diese Frömmigkeit kann politisch lähmen, zur Resignation führen, es sei denn man liest das Gebet Marias, das „Magnificat“. Darin rühmt sie ihren Gott, der die Mächtigen vom Thron stürzt. Aber diesen Text singen die Mönche lieber auf Lateinisch als in der Landessprache. Zu „gefährlich“ … für Kirchen und Staat…und neoliberale Ökonomen, wenn sie sich darauf einließen.

9.
Wir haben auch – inspiriert von Hermann Kurze und Christiane Schäfer (Fußnote 1) – die bis heute üblichen Marien- Lieder untersucht. Alle diese alten Songs, auch heute noch im Gebrauch in Deutschland, haben diesen flehentlichen Charakter: Maria hilf, Maria die Barmherzige, Du bist die Königin, die Mutter Gottes… Das kann man ja glauben. Man muss nur wissen, welche Konsequenzen sich aus einer solchen Haltung ergeben: Das Gefühl der Abhängigkeit von irgendwie überirdischen Mächten, die selbstverständlich als göttliche Mächte tun und lassen können, was sie wollen im Umgang mit den Menschen. Zu unserem ausführlichen Hinweis zum Inhalt vieler üblicher Marien-Lieder: LINK.

10.
Eine christlich inspirierte Lebensphilosophie, Glauben genannt, hält nur eine Erkenntnis für wichtig, weil einsichtsvoll und vernünftig nachvollziehbar: Der Mensch lebt „trotz allem“ in einem Raum „göttlicher“, d.h. von keinem Menschen zerstörbarer transzendenter Geborgenheit. Diese Erfahrung kann trösten, darf aber nicht vertrösten. Sie gibt eine innere Ruhe auch in Krisenzeiten, sie ist aber nicht egozentrisch, sondern lebt vom Impuls, für die materielle Befreiung und politische Gleichberechtigung der anderen Menschen zu kämpfen. Im Sinne der Poesie des „Magnificat“. LINK:

Fußnote 1: Hermann Kurze, Christiane Schäfer, „Mythos Maria. Berühmte Marienlieder und ihre Geschichte“. C.H.Beck Verlag, 2014, 303 Seiten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Russisch – orthodoxe Kirche noch immer Mitglied des “Weltrates der Kirchen” (ÖRK).

Eine Notiz zur offenbar ewigen Geduld des ÖRK mit dem Kriegstheologen Patriarch Kyrill I.

Von Christian Modehn am 12.4.2024.

Ergänzung von Christian Modehn am 25.4.2024: Der Herrscher, Patriarsch Kyrill, bestraft den Priester Dmitiri Safronow, der in der Gedenkliturgie für Nawalny den Mut hatte, für Nawalny zu beten.  LINK

Ergänzung am 30.4.2024: Wie Theologen, darunter der weltbekannte Prof. Tomas Halik, Prag, auf die kriegerische Haltung des russisch – orthodoxen Patriarchen Kyrill reagieren und den Rauswurf dieser Kirche aus dem “Weltrat der Kirchen” fordern: LINK:

Schon am 23. Juli 2022 haben viele Theologen aller Kirchen den Ausschluss der Russisch-orthodoxen Kirche aus dem “Weltrat der Kirchen” (Genf) gefordert. LINK.

1.
Der eigentlich angesehene Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) in Genf hat jetzt den russisch – orthodoxen Patriarchen Kyrill I. von Moskau ein bißchen kritisiert: Er solle doch bitte nicht den Krieg Putins als „heiligen Krieg“ bezeichnen. LINK.

2.
Wie nett, wie vorsichtig, diese Äußerungen; wie immer, wenn der ÖRK etwas gegen diesen Ideologen Putins, den Patriarchen Kyrill I., äußert. Kyrill war einst wie Putin Mitarbeiter des kommunistischen KGB. Alte Freunde also.

3.
Wir wiederholen uns seit Monaten in unseren Publikationen des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin: : Der Ökumenische Weltrat der Kirchen (ÖRK) hat nicht die Kraft, nicht den Mut, nicht die Einsicht… endlich diese sehr überwiegend Putin-bestimmte Kirche, also die Russisch – orthodoxe Kirche, als Mitglied aus ihrem Weltrat der Kirchen rauszuschmeißen, und zwar solange Putin diesen Krieg führt und sein Ideologe Kyrill I. Kriegerisches und Unsinniges und theologisch völlig Verfehltes, Perverses, sagt.

4.
Es wird zurecht immer wieder – auch in Deutschland – betont: Mit bestimmten Rechtsradikalen kann die kleine, demokratisch verbliebene Welt nicht mehr reden, diese Leute seien eben total dialogunfähig, lernunfähig. Das ist ein trauriges, aber realistisches Eingeständnis der Demokraten.

5.
Aber der ÖRK spricht immer noch von Dialogen mit dem Ideologen Kyrill I. Dabei sollte der ÖKR doch mal testen, was denn passiert, wenn Patriarch Kyrill und seine absolut mehrheitlich auf seiner Seite stehenden Kirche aus dem ÖRK ausgeschlossen wird. Zumindest hätte man dann in Genf das Bewusstsein, das ethisch und theologisch absolut Erforderliche getan zu haben.
Warum verhängen denn die demokratischen Sanktionen gegen die Kriegstreiber und Verbrecher in Russland? Weil Strafe sein muss gegen Kriegstreiber.

6.
Warum bleibt der ÖKR immer noch russlandfreundlich und tatenlos? Der Eindruck könnte entstehen, als sei diese ethisch wie theologisch verrückte Position Kyrills doch auch eine mögliche christliche, ökumenische Position.
Nur ein Rausschmiss des Patriarchen und seiner Kirche schafft Klarheit. Offenbar sind doch alle (ja welche und wie viele und wie oft eigentlich?) Dialogbemühungen vonseiten des ÖRK in Genf ergebnislos gewesen.

7.
Die Frage sollte diskutiert werden: Hat denn dieser Kyrill, der schon seit Jahrzehnten, auch in anderen klerikalen Funktionen, in diesem ÖRK agiert, nichts, aber auch gar nicht gelernt bei seinen theologisch doch wohl inspirierenden Aufenthalten in Genf und den ÖRK-Weltkonferenzen? Offenbar hat er gar nichts gelernt, vielleicht waren alle diese Konferenzen in bestimmter Hinsicht zu moderat.

8.
Nebenbei: Der heutige Generalsekretär des ÖRK, Pastor Jerry Pillay, stammt aus Südafrika, und die Politik seines Landes ist insgesamt eher russlandfreundlich und damit auch putin-freundlich. Ein delikates Thema? LINK

Und bisher kaum beachteter Hintergrund zum Thema: LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Papst Franziskus erzählt so einiges aus seinem Leben und will das Papsttum als “absolute Monarchie” abschaffen?

Warum einige Themen seines Buches „Leben“ dennoch wichtig sind.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 2.4.2024

———

Ergänzung am 5.4.2024: Wer sich mit den vielen Stellungnahmen, Büchern, auch der Autobiographie von Papst Franziskus befasst, hat es schwer: Nach der hier vorgestellten Autobiographie hat der Papst gleich schon wieder ein Interviewbuch veröffentlicht, meldet der BR am 5.4.2024: Der spanische Titel “El Sucesor”, die Fragen stellte Javier Martinez-Brocal, der als Journalist und “Vatikanologe” seine Ausbildung an der bekannten “OPUS-Dei -Universität” in Pamplona, Spanien erhielt. Martinez Brocal arbeitet für die bekannte sehr katholische und sehr konservative (PP- Partei) spanische Tageszeitung “ABC”. In diesem Buch “El Sucesor” LINK rechnet Papst Franziskus mit Benedikt XVI. Privatsekretär Erzbischof Georg Gänswein ab, lobt – wider Erwarten? – Ex-Papst Benedikt XVI, der sich bekanntlich als unmittelbarer Nachbar von Franziskus im Vatikan eingenistet hatte. Das Buch “El Sucesor” ersxcheint in dem großen Verlag Planeta, der auch über Bücher des Opus Dei Gründers veröffentlicht…LINK

Man darf fragen: Ist sich der angeblich so progressive Papst Franziskus bewusst, dass er sich mit diesem Buch dieses Journalisten in diesem Verlag in sehr konservative Kreise begibt, die dem OPUS DEI  nahestehen? Braucht er nun sogar Hilfe vom Opus Dei und einer der PP – Partei (gegen Ehe für alle, absolut gegen Schwangerschaftsabbruch etc.) nahestehenden Zeitung (ABC)?

Jedenfalls gilt: Die von Papst Franziskus früher schon genannten üblen “Schlammschlachten” im Vatikan gehen also nun auch von seiner päpstlichen Seite in aller Öffentlichkeit jetzt weiter. Ein bißchen wie in der Politik Argentiniens, damals wie heute, oder?
——–

1.
Einige Journalisten haben das neue Buch von Papst Franziskus mit dem Titel „Leben“ eine Autobiographie genannt. Für einen solchen Anspruch ist das vorliegende Buch wahrscheinlich nicht umfangreich genug, es hat nur 272 Seiten. Der Untertitel des international verbreiteten Werkes ist: „Meine Geschichte in der Geschichte“. Der Papst versucht also, in persönlicher Erinnerung an einige wichtige Ereignisse seine Sicht der erlebten Geschichte mitzuteilen. Geboren wurde Jorge Mario Bergoglio am 17. Dezember 1936 in Argentinien. Er ist Papst seit März 2013.

2.
Die LeserInnen sind wohl erstaunt, in welcher Ausführlichkeit sich Papst Franziskus in dem Buch seiner Jugendzeit zuwendet und wie bewegt er seine Meinungen über den (argentinischen) Fußball mitteilt. Offenbar will der Argentinier Papst Franziskus erneut seine oft bezeugte Nähe zum einfachen Volk, zu den eher ärmeren Leuten, ausdrücken. Die päpstliche Erinnerung an den Fußball mag zwar menschlich sympathisch sein, aber es gibt für einen Papst in einer „Autobiographie“ vielleicht dringendere Themen.

3.
Dennoch werden Historiker dieses Buch unter den vielen anderen immer wieder neuen Publikationen, Enzykliken und Interviews mit Papst Franziskus beachten müssen.

4.
Zunächst sind zwei eher beiläufig mitgeteilte Aussagen sehr erstaunlich:
Papst Franziskus äußert sich zur Psyche vieler Argentinier: „Anfangs begeistert man sich für etwas, kommt dann aber aus Mangel an Durchhaltevermögen nur mühsam bis ans Ende..Uns Argentiniern fehlt das Durchhaltevermögen nicht nur beim Fußball, sondern im täglichen Leben. Bevor wir etwas zu Ende führen, trödeln wir zu lange herum und erzielen deshalb vielleicht nicht das gewünschte Ergebnis“ (Seite 122).
Die Leser, zumal in Deutschland, denken bei diesen Worten an den – gelinde gesagt – sehr „mühsamen“ Umgang des Papstes mit dem „Synodalen Weg“ in Deutschland oder sie denken an des Papstes Nachlässigkeit, mit der er die „Causa Kardinal Woelki“ seit Jahren verschleppt.
Der Papst machte sich selbst aber etwas Mut, wenn er diesen Gedanken abschließt: „ Zu guter Letzt schaffen wir es zum Glück aber doch“ (ebd). Ein schwacher Trost… für deutsche Katholiken.

– Erstaunlich eine weitere, eher nebenbei formulierte Aussage von Papst Franziskus, die eigentlich, wenn man sie ernst nimmt, zur Abschaffung des Papsttums führen müsste: Auf Seite 255 heißt es: „Es stimmt, dass der Vatikan die letzte absolute Monarchie in Europa ist, und dort werden in seinem Inneren Grabenkämpfe ausgefochten und Hofintrigen gesponnen. Doch das müssen wir dringend überwinden“. Müssen “wir“ also die „Grabenkämpfe“ des vatikanischen klerikalen Beamtenwesens überwinden oder müssen wir sogar die absolute Monarchie abschaffen? Das bleibt in der Aussage des Papstes offen. Die „absolute Monarchie“ ist ja nichts anderes als die Wahlmonarchie des alle demokratischen Gewalten auf sich vereinigenden Papstes. Für diese Interpretation scheint zu sprechen, dass ein paar Zeilen weiter (S. 255) der Papst von den abzulehnenden „Zeiten eines Papst – Königs, einer Monarchie“ spricht. Man darf sich fragen, ob Papst Franziskus eigentlich weiß, was er da so alles fordert. Angeblich hat er alle seine Worte gut bedacht in diesem Buch! Siehe Nr. 13 in diesem Hinweis.

Man fragt sich weiter, ist sich Papst Franziskus der Konsequenzen seiner theologisch richtigen, aber eher nebenbei formulierten Aussage bewusst? Er will wohl – endlich – das Papsttum oder mindestens diese Form des Papsttums abschaffen! Nur ein Vorschlag: Ein modernes Papsttum der katholischen Kirche könnte sich ja aus mehreren gleichberechtigten Patriarchen etwa in Rom, Sao Paulo (Brasilien), Kinshasa und Seoul usw. gestalten…

5.
Diese Aussage „Papsttum ist keine absolute Monarchie“ (also vielleicht doch ein bißchen Demokratie) steht in einem gewissen Widerspruch zu der Aussage des Papstes in selben Buch: „Die Kirche ist doch, wie ich häufig genug sage, kein Parlament“ (S. 64). Also keine Demokratie. Aber auch keine Monarchie. Wieder eine offenbar schnell formulierte Aussage…

6.
Wenn HistorikerInnen und TheologInnen und unabhängige Katholizismus – ForscherInnen eines Tages das theologische Profil von Papst Franziskus kritisch fundiert herausstellen: Dann werden sie von diesen Themen sprechen müssen, das ist jetzt schon sicher:

– Die ausgeprägte und sehr intensive Verehrung Marias, der Mutter Jesu, die Papst Franziskus oft als „Gottes-Mutter“ bezeichnet. Sogar die volkstümliche Verehrung „Maria als der Knotenlöserin“ (in Augsburg ursprünglich verehrt) findet in dem Buch wieder eine Bestätigung. Papst Franziskus mag zwar in seiner Sorge um Arme und Flüchtlinge unter den Päpsten vorbildlich sein, er ist in seinem theologischen und spirituellen Denken konservativ. Man lese etwa S. 123: „Maria und ihr Sohn Jesus (in dieser Reihenfolge formuliert !, C.M. ) müssen immer an erster Stelle stehen“. Und S. 73: „Ich betete zur Muttergottes“ . Und auch der eher obskure Marien-Wallfahrtsort Fatima (Portugal) wird von dem Jesuiten – Papst gelobt und geliebt (S. 153). Manchmal fragt man sich, ob nicht Jorge Bergoglio besser in den Orden der Maristen oder Marianisten als in den Jesuiten – Orden eingetreten wäre.

Nebenbei: Bekanntlich sind die Jesuiten einem besonderen Gehorsam dem Papst gegenüber verpflichtet! Man spricht von dem “vierten Versprechen bzw. Gelübde (neben Armut, Ehelosigkeit und Gehorsm). Welchem Papst gehorcht dann aber besonders ein Papst, der selbst dem Jesuitenorden angehört? Hat der Jesuit Papst Franziskus vielleicht noch – unbewusst? – dem Papst emeritus Benedikt XVI. gehorcht? Und fühlte sich Papst Franziskus erst richtig frei, als Benedikt XVI. verstorben war? Und gehorcht Papst Franziskus sozusagen jetzt seinem “inneren Papst”, “nur noch” seinem Gewissen? Eine interessante Frage…

Ein weiteres Thema:
Die oft im Buch bekundete Liebe zum Gebet, zum Bittgebet und damit zur Bitte um Wunder, etwa, dass doch Christus (oder auch Maria) eingreifen möge und die Wünsche des Glaubenden (Papstes) erfülle. Wer die letzten Predigten desPapstes etwa im März 2024 gelesen hat: immer wird das Gebet als DIE Lösung beschworen, als die Lösung der Katholiken im Krieg, in Konflikten, Katastrophen usw. Als würde nicht besser eine konkrete, differenzierte politische Analyse etc. wirksam weiterhelfen. Diese totale und ständige Überbetonung des Gebets als tatsächloiches Wundermittel in allen Konflikten kann man theologisch nicht anders als Aberglauben bezeichnen. Der Putin – Freund Patriarch Kyrill betet auch für den Frieden aber als Sieg Putins; reaktionäre Katholiken in den USA beten für den baldigen Tod von Papst Franziskus; Evangelikale dort beten für den Sieg von Donald Trump; militante Gegner jeglicher Abtreibung beten für die „Mörder-Frauen“ etc. Wie soll der „liebe Gott“ da noch alle Gebets – Wünsche sortieren und gerecht beantworten? … Diese naive Bettelei bei Gott ist in Zeiten reflektierter Spiritualität nicht ernst zu nehmen. Ein Papst, der doch irgendwie ahnt, was beten theologisch heute bedeuten könnte, sollte etwa öffentlich sagen: Liebe Leute, denkt mehr nach, meditiert, handelt politisch im Sinne der der Menschenrechte, vertraut euch einem letztlich tragenden Sinn – Grund an…

Ein weiteres Thema:
Palast Franziskus wohnt bekanntlich nicht im prachtvollen und „pompösen”, wie er sagt, „Apostolischen Palast“ wie seine Vorgänger! Mit der interessanten Begründung: „Hätte ich mich entschieden, dort zu wohnen, hätte ich vermutlich über kurz oder lang einen Psychiater gebraucht!“ (S. 221). Darf man daraus schließen, dass eigentlich die Vorgänger – Päpste, die dort viele Jahre wohnten, wie Johannes Paul II. oder wie Papst Benedikt XVI., einen Psychiater vielleicht brauchten und sich dessen Hilfe erfreuten?

Mit der nun von Papst Franziskus erlaubten bescheidenen Segnung von Homosexuellen Paaren wird selbstverständlich NICHT eine Ehe für Homosexuelle angedacht oder gar gefeiert. Darauf legt der Pontifex Maximus wert! Denn die Homosexuellen bleiben ALS Homosexuelle in der Sicht des Papstes Sünder (S. 256, 258), dies ist ein theologischer Unsinn: Als wären nicht alle Menschen Sünder, aber die Homosexuellen sind doch nicht als Homosexuelle Sünder, sondern wie alle anderen Menschen auch, wenn man schon in diesen Kategorien noch denken will.

7.
Papst Franziskus mag offenbar das Bild der Urkirche, das weithin verbreitet wird, er schreibt: „In den christlichen Urgemeinden gab es kein Privateigentum. Das ist kein Kommunismus. Sondern das Christentum in reinster Form“ (S. 64). Trotz des Lobes der Urgemeinden meint Papst Franziskus, natürlich dürfe man die Urkirche heute NICHT als Modell verstehen.

8.
Über den Umgang von Pater Jorge Bergoglio als Provinzialoberer der Jesuiten in Argentinien während der Militärdiktatur dort (1976 – 1983) ist viel geschrieben und diskutiert worden. Argentinische Beobachter meinen, Pater Bergoglio habe zwei seiner linken, der Befreiungstheologie verpflichteten Mitbrüder im Jesuitenorden nicht wirklich geholfen, sondern habe sie sogar an die Militärjunta ausgeliefert. Eine Aussage, die Papst Franziskus immer entschieden zurückgewiesen hat. Auch in dem Buch „Leben“ geht er auf diese bis heute undurchsichtigen Zusammenhänge ein und bietet eine neue, bisher nicht bekannte Interpretation seines Umgangs mit den beiden linken, rebellischen Patres Orlando Yorio SJ und Francisco (Franz) Jalics SJ: Papst Franziskus schreibt diese ungewöhnlichen Worte in „Leben“: „Die Priester waren dabei, eine eigene Kongregation (also einen eigenen Orden, C.M.) zu gründen. Und als Provinzial der Jesuiten musste ich sie im Namen des Ordensgenerals darauf aufmerksam machen, dass sie in diesem Fall den Jesuitenorden verlassen müssten“. Dann folgt der nebulöse Satz: “Ein Jahr später war es (?, was ist „es“) tatsächlich so weit“. (S. 99). Was soll denn das heißen? Einen Orden haben die beiden ja nicht gegründet, sie wurden nach fünf Monaten der Inhaftierung und Folter durch die Militärs („Todesschwadrone“) zunächst ins Ausland abgeschoben…
Mit anderen Worten: Über die Nähe und Distanz von Pater Bergoglio zu den Militärs wird wohl noch weiter geforscht werden, trotz aller bekundeten Versöhnung des verfolgten Pater Jalics mit dem Papst, Pater Yorio starb schon 2000 in Uruguay.    Zu Bergoglio in Argentinien: LINK.

Ein weiterer Link auf einen unserer Hinweise zum Thema “Bergoglio in Argentinien” 2013 publiziert: LINK.

9.
Die weitere Forschung über Pater Bergoglio SJ und die Militärdiktatur wird durch eine winzige Äusserung von Papst Franziskus in seinem Buch „Leben“ angeregt: Pater Bergoglio, so berichtet der Mitautor des Buches „Leben“, Fabio Marchese Ragona, habe „desaparecidos“ (Verschwunde) betreut und er „steht für ihre Fälle in ständigem Austausch mit dem Apostolischen Nuntius in Argentinien“ (S.102).
Und dieser Nuntius ist ein Freund des Diktators Videla: Monsignore Pio Laghi war von 1974 -1980 päpstlicher Nuntius in Argentinien, also zu Zeiten der Militärdiktaturen (Jorge Videla) wie auch zu Zeiten des Leitungsamtes der argentinischen Jesuiten durch Pater Bergoglio. Wikipedia schreibt über den Diktatoren freundlichen Nuntius Laghi: „Er sah davon ab, gegen die Verbrechen (Morde, Verschwindenlassen, Folter, Kindesraub und andere Verbrechen) öffentlich zu protestieren. Stattdessen sagte der Nuntius bei einem Besuch der Garnison in Tucumán, Argentinien: „Was das Vaterland ist, wissen Sie, tun Sie gehorsam, was man Ihnen befiehlt, und bewahren Sie ruhig Blut.“ (Zitat: von dem Lateinamerika – Spezialisten Francois Houtard, der Titel seines Beitrags: „Johannes Paul II. als Restaurator der Weltkirche. In: Le Monde diplomatique, 14. Juni 2002. Wikipedia gelesen am 1.4.2024.)

10.
Auf S. 97 erwähnt Papst Franziskus den merkwürdigen Zusammenhang, dass der linke Bischof Enrique Angelelli (von La Rioja, Argentinien) Morddrohungen erhielt. „Angelelli, der auch den apostolischen Nuntius in Argentinien, Pio Laghi, über die erhaltenen Morddrohungen informiert hatte, wurde dann tatsächlich am 4. August 1976 am Steuer seines Wagens ermordet… Der Fall wurde noch am selben Tag (von den Diktatoren) als Unfall eingestuft und zu den Akten gelegt.“ Also der Nuntius konnte seinen Bischof nicht schützen, oder wollte er das gar nicht? Hatte doch doch auch der damalige Erzbischof von Buenos Aires, Kardinal Aramburu, „diese Version des Geschehens (Unfall des Bischofs) anstandslos akzeptiert“, berichtet der Papst in dem Buch Leben“. Und er fügt hilflos hinzu: „Das hat mich sehr geschmerzt“ (S. 97). Und genauso hilflos, eher kühl und unbestimmt der folgende Satz: „Aber auch für die Kirche waren das schwere Zeiten“ (ebd.). Die Auftrags – Mörder von Bischof Angelelli wurden erst 2014 zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt…
Auch über die zwei Aufenthalte Pater Bergoglio in Cordoba, Argentinien, (1990 und 1992) erfährt man nichts Genaues: War es eine Art Bestrafung, dass ihn seine damaligen Ordensoberen aus der Hauptstadt zu einer untergeordneten Funktion nach Cordoba versetzten?

11.
Weitere interessante, eher nebenbei erwähnte Tatsachen können hier ebenfalls nur nebenbei für weitere historische Forschungen erwähnt werden: Papst Franziskus sieht seit 1990 kein Fernsehen mehr (S. 139). Er bekennt auch, erwartungsgemäß, wie eigentlich alle befragten Bischöfe und Kardinäle und Päpste, dass er einmal, zweimal in ein „schönes und intelligentes Mädchen“ verliebt war (S. 72). Aber wie alle zölibatären Kleriker in solchen Fälle immer betonen, wollte er dem HERRN dienen. Nach einer Woche hatte der junge Jorge Bergoglio die plötzliche Liebe zum „sehr süßen Mädchen“ (S. 72) dann doch überwunden. Der Papst schreibt im Rückblick Worte, die von erotischer Begeisterung nicht gerade erfüllt sind. „Eine Woche ging mir ihr Bild nicht aus dem Kopf, und es fiel mir schwer zu beten. Doch dann habe ich es (?, CM) überwunden und gab mich mit Leib und Seele meiner Berufung (als Priester) hin“. Einige LeserInnen wird das „es“ stören, was ist ES, das Bild, das Mädchen, die Liebe? Eine merkwürdige, irritierende Formulierung…

12.
Papst Franziskus hat im Rahmen seiner Reformvorschläge 2018 dafür gesorgt, dass die Todesstrafe nicht mehr Teil der katholischen Lehre des Offiziellen katholischen Katechismus ist. 1992 hatte es noch im offiziellen Katechismus geheißen, die Todesstrafe könne in schwerwiegendsten Fällen angewendet werden“ (§ 2266 des Katechismus). Ausdrücklich wird dort geschrieben, dies sei die „überlieferte Lehre der Kirche“!! Papst Franziskus macht aus dieser traditionellen Bejahung der Todesstrafe (bis 2018) eine allgemeine, nicht differenzierende Aussage: „Die Kirche lehnt die Todesstrafe ab“ (Seite 63).Na ja, seit 2018 ist das offiziell, vorher nicht.

13.
Das Buch „Leben“ hat zweifellos einen hohen Anspruch, es will doch so etwas wie Autobiografie sein. Schließlich wurde das Buch lange und gründlich vorbereitet, wie der Mitarbeiter, der Journalist und Vatikanologe Fabio Marchese Ragona erwähnt. LINK.

14.
Um so schlimmer ist, dass wesentliche Themen des heutigen Leben des römischen Katholizismus von Papst Franziskus gar nicht diskutiert werden: Nur einige Beispiele: Sinnund vor allem Unsinn des Zölibats; Frauenpriestertum; Mangel an Priestern in Europa und damit der Niedergang der Gemeinden; die Bedeutung des Protestantismus; Kirche und synodale Leitung; Kirche und Reichtum, Eigentum (nicht nur in Rom). Wie war das Verhältnis zu dem sogenannten Papst emeritus Benedikt XVI. wirklich, er hatte sich ja in der unmittelbaren Nachbarschaft von Papst Franziskus eingenistet. Und sogar dessen Sekretär Georg Gänswein hatte Papst Franziskus als seinen „Präfekten des päpstlichen Haushaltes bis 2020 (!) beschäftigt. Hatte Franziskus Angst davor, sich ganz von Benedikt XVI. zu trennen, als er nun ausgerechnet noch den Intimus und treuen Freund von Ratzinger in sein eigenes engstes Umfeld holte?

15.
Diese Hinweise zeigen: Unter welchen sehr schwierigen Bedingungen Papst Franziskus im Vatikan lebt(e). Man denke an die heftigen und zweifelsfrei begründeten Attacken von Papst Franziskus in seiner Weihnachtsansprache gegen die Kurie schon am 22.12. 2014, solche heftigen kritischen Worte verdienen bis heute viel Beachtung. LINK

Ein Link auf einen unserer Hinweise zum Thema “Bergoglio in Argentinien” 2013 publiziert: LINK.

16.
Man vergesse nicht: Dieser Papst ist wohl der erste, der den Klerikalismus öffentlich aller heftigst kritisiert. Der Klerikalismus muss überwunden werden, betont er oft, der Klerikalismus sei, so wörtlich eine Pest“ („eine wahre Krankheit“, Seite 256), oder: “der Klerikalismus ist eine Geißel, eine Perversion,“ die das “Potential hat, die Kirche zu zerstören“. Bei der nächsten Papstwahl wird der Klerikalismus wie gewohnt wieder seine Macht zelebrieren. Und der nächste Papst wird wieder ein Kleriker sein. Der Klerikalismus wird erst verschwinden, wenn  auch Frauen Priesterinnen sind.

17.
Papst Franziskus ist vielleicht doch ein wütender Papst, ein Empörter, nicht nur über den Kapitalismus und Neoliberalismus, sondern auch und vor allem über die „Perversion und die Pest des Klerikalismus“, wie er sagt!!
Aber, leider, leider, reflektiert er nicht die Ursachen dieses Klerikalismus: Eine Ursache ist das völlig sinnlose Zölibats- Gesetz, ist die nach Außen hin geforderte Gehorsams- Struktur innerhalb der nur männlichen Priesterschaft in einer Kirche … als Pyramide organisiert.
Empörung ist das eine, Analyse das andere. Mit Empörung wird der Klerikalismus als tödliche Pest der katholischen Kirche nicht verschwinden. Mit anderen Kirchengesetzen und einer Kirchenreformation, die den Namen verdient, sicher schon.

Papst Franziskus. „Leben. Meine Geschichte in der Geschichte.“
HarperCollins Verlag, Hamburg 2024, 272 Seiten, 24€. Aus dem Italienischen übersetzt von Friederike Hausmann und Stefanie Römer. Das Buch mit dem Journalisten Fabio Marchese Ragona verfasst.

Copyright: Christian Modehn, Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin.

 

Karl Rahner – ein Modernist und liberaler Theologe ?

Gott als Geheimnis. Der christliche Glaube ist einfach. Die Liebe ist alles.

Ein Hinweis von Christian Modehn … anläßlich der Rahner Gedenktage 2024: Am 5. März 1904 geboren, Karl Rahner starb am 30. März 1984.

Wegen einiger Nachfragen ein kurzes Vorwort, förmlich eine Zusammenfassung des ganzen Hinweises, verfasst am 27.2.2024:

Man beachte bitte das ungewöhnliche Profil des theologischen Denkens Karl Rahners: Es fällt förmlich aus dem Rahmen des Üblichen-Katholischen in der Mitte des 20. Jahrhunderts; selbst wenn Rahner sich in einigen seiner Aufsätze doch als klassischer, dogmatisch üblich-korrekter Theologe zeigte. Aber der entscheidende Grundansatz von Karl Rainers Theologie ist ungewöhnlich und neu und bleibend wegweisend. Darum in diesem kurzen Vorwort eine Art theologische Leitlinie zur Theologie Karl Rahners:

—„Das Christentum ist in seinem Wesen die Subjektivität des begnadeten Menschen von Gott her und auf Gott hin.“ (So Rahner, etwa im Lexikon Sacramentum Mundi, Stichwort: Christentum).
Rahner will sagen: Wer den christlichen Glauben verstehen will, muss die Strukturen und Dimensionen des menschlichen, subjektiven Geistes verstehen. In ihm ist alles „Inhaltliche“ schon enthalten, was der christliche Glaube bedeutet.
Diese Position erinnert an die theologische Schule des „Modernismus“ obwohl Rahner natürlich aus Furcht vor Verfolgungen durch Rom alles tat, um den Eindruck zu vermeiden, er sei ein – in römischer Sicht immer noch häretischer – Modernist. Aber, so meine These, er war es de facto in gewisser, seiner Weise. Und war gerade deswegen kreativ!

—Man beachte hier die Bindung Rahners an die Transenzendentalphilosophie, auch Immanuel Kants. „Rahner und Kant“ wäre ein wichtiges und vielleicht mal neu zu gestaltendes Thema im Jahr 2024, dem großen „Kant – Gedenken“.

—Diese Einordnung und Bindung der katholischen Theologie in die neuzeitliche Subjekt-(Transzendental)-Philosophie ist die entscheidende originelle Leistung Rahners.

— Der christliche Glaube ist also für Karl Rahner nicht eine große dogmatische Lehre, sondern zuerst eine innere, subjektive Erfahrung des einzelnen.

Entscheidend ist für Rahner: Der Mensch kann sein Dasein metaphysisch (philosophisch) und mystisch erfahren und deuten. Und als Christ kann er dann erkennen: Die in der Bibel beschriebenen Gotteserfahrungen sind nur geschichtliche, in Worte der damaligen Zeiten gefasste Auslegungen dieser immer gegebenen metaphysisch – mystischen Grunderfahreungen der Menschen überhaupt. Das ist auch eine Kernaussage einer liberalen, auch modernistisch zu nennenden Theologie. Wir halten dies für eine großartige Leistung Karl Rahners, der sich unter den strengen Bedingungen des damaligen päpstlichen Lehramtes natürlich nie “modernistisch” oder “liberal” hätte nennen dürfen, weil er an seinem Überleben im katholischen System damals dann doch interessiert war. So war Rahner – in gewisser, aber grundlegender Hinsicht – ein “liberaler” und “modernistischer” Theologe.

– Karl Rahner wollte die universale Dimension des christlichen Glaubens darstellen, die gegründet ist in der Verbundenheit mit dem Göttlichen in jedem Menschen.

Deswegen wird auch verständlich, dass Karl Rahner – nach dem Eindruck der Lesenden – sehr wenig Bibelzitate nennt in seinen Aufsätzen und Beiträgen und Büchern: Das ist meines Erachtens überhaupt kein Mangel, denn Rahner denkt aus dem Ereignis, dass die frühe Kirche Jesus von Nazareth als Menschen der ganz besonderen Verbundenheit mit Gott verstand. Und dieser Mensch Jesus mit der besonderen Verbundenheit mit Gott zeigt: Alle Menschen immer und überall sind auch mit Gott ewig verbunden. Und die Auferstehung Jesu zeigt nur: Das Ewige im Menschen – die geistige Verbundenheit mit Gott – ist stärker als die Macht des Todes. LINK

…………

1.
An einen katholischen Theologen, der tatsächlich auch heute das Prädikat bedeutend verdient, muss erinnert werden, an Karl Rahner.
Warum gerade an ihn? Weil Karl Rahner als einer der wenigen europäischen Theologen des 20. Jahrhunderts einen eigenen theologischen Ansatz hatte, weil er also kreativ war in Zeiten katholisch – theologischer Versteinerungen und Verdächtigungen, er eröffnete neue Dimensionen des theologischen Denkens, also er ermöglichte geistvolles Leben und er gab Impulse für (religions-)philosophisches Denken. Denn Rahner war philosophisch nicht nur gebildet, sondern hoch begabt. Und wer seine Beiträge liest, weiß: Da spricht ein philosophisch Denkender, man möchte sagen ein spekulativ denkender Theologe. Auch deswegen interessiert uns nach wie vor Karl Rahner.

2.
Dabei wissen wir: Karl Rahner hat nicht nur ein äußerst umfangreiches Werk hinterlassen, in dem auch seine eigener „typischer“ und nach wie vor theologisch wegweisender Ansatz enthalten ist, davon wird gleich nach einmal die Rede sein. Dass viele seiner Texte manchen viel Mühe machen bei der Lektüre, ist bekannt.
Vor allem auch dieser kritische Hinweis: Karl Rahner war als Jesuit eben auch immer dem Aufbau dieser faktischen römisch-katholischen Kirche eng verbunden und damit auch dem Lehramt, so sehr er auch die Macht Roms öffentlich heftig kritisierte. War es Hass – Liebe? Das würde ein Jesuit niemals zugeben… Aber Rahner wollte als ein Seelsorger dann doch die Katholiken sozusagen auferbauen in allerhand spirituellen Meditationen oder vielen Reflexionen etwa zu Maria oder zum Ablass oder zu Detailfragen der katholischen Messe und so weiter.
Karl Rahner gönnte sich kaum Erholung, man erinnere sich an sein Wort, dass er eben sein Leben arbeitend verbracht habe …1984 erschien das Buch “Bekenntnisse. Rückblick auf 80 Jahre”, darin wird Rahner am Ende eines längeren Interviews gefragt: “Was bedeutet Ignatius von Loyola (der Gründer des Jesuoitenordens) für Ihr persönliches Leben?”. Rahner antwortet: “Ich weiß nicht, was mit meinem Leben ist. Ich habe kein Leben geführt, ich habe gearbeitet, geschrieben, doziert, meine Pflicht zu tun und mein Brot zu verdienen versucht, ich habe in dieser üblichen Banalität versucht, Gott zu dienen, fertig” (S. 58, Herold-Verlag, Wien).

3.
Uns geht es hier nicht um den spirituellen Schriftsteller, sondern um den kreativen Theologen Karl Rahner. Wir haben schon früher zu zeigen versucht, dass Rahner durchaus im Grundansatz seines Denkens, der transzendentalen Theologie, ein Modernist genannt werden kann. Modernist ist ein katholischer Theologe, der die Moderne und ihre Ideen anerkennt und theologisch realisiert, sehr kurz gesagt.
Diese Denker pflegten die Päpste des 20. Jahrhunderts zu exkommunizieren, so geistlos waren diese vatikanischen Herrscher…
Rahner muss den Vorwurf, selber „Modernist zu sein, empfunden haben: Denn immer wieder wehrt er sich (aus Angst vor Prozessen im Vatikan), als Modernist bezeichnet zu werden: So unter anderem auch in „Herders Theologisches Taschen Lexikon“, 1973, Band 5, S. 240: Dort wehrt er sich, seine Ausführungen zur transzendentalen Offenbarung seien ein „Irrtum des Modernismus“. Dass einige seiner kompetenten und mutigen Interpreten, wie der Jesuit Prof. Philip Endean (Oxford), Rahner als durchaus als „liberalen Theologen“ interpretierten, also fast als Modernisten, ist bekannt und wird in meinem Beitrag erwähnt. LINK

4.
Was „transzendentale Offenbarung“ im Sinne Rahners bedeutet, wurde von ihm selbst oft lang und breit, schwer verständlich manchmal, erläutert. Nur so viel für „theologische Laien“: Rahner ist überzeugt, dass in jedem Menschen, also nicht nur unter Christen, der eine Geist Gottes lebendig ist. Dieser göttliche Geist drückt sich in religiösen Vollzügen und Texten aus, also auch in so genannten „nicht- christlichen“ Religionen. Dieser göttliche Geist in allen Menschen bestimmt deren geistiges Leben insgesamt, das Göttliche gehört sozusagen zum unabwendbaren Horizont jeder menschlichen Erkenntnis. Dass da Anklänge an Hegel sichtbar werden, ist klar.
Mit dieser universellen Präsenz Gottes (Rahner meint immer die Präsenz des Gottes, den die Bibel vielfältig beschreibt), wird sozusagen einerseits die Pluralität der Gottesverehrungen und andererseits die Einheit aller Religionen (Einheit durch die Stiftung in dem einen Geist) herausgearbeitet. Ob dieses Denken in heutiger Sicht zu stark euro-zentrisch ist, müsste diskutiert werden.
Wichtiger aber ist: Für diese transzendentale Theologie sind auch die christlichen Lehren, die biblischen Bücher, also das „Objektive“ der Lehren, Ausdruck der geistigen Verfassung der Menschen, sie sind sozusagen Produkt des in den Menschen anwesenden göttlichen Geistes. Die Bibel – ein Produkt frommer Menschen: großartig dieser Gedanke.

5.
Leider wird nach meinem Eindruck diese kreative Dimension im Denken Rahners eher selten heute von Theologen herausgearbeitet. Meine These: Rahner ist eigentlich ein sich ängstigender Modernist. Und er sollte sich darüber freuen und nicht schämen, das wird leider nicht diskutiert.
Nur Prof. Endean erkennt die Bedeutung, was die Modernisten im Denken Rahners angeht: „Rahners Vorhaben war im Grunde genommen dasselbe wie das ihre (der Modernisten)“, (zit. in „Stimmen der Zeit“, Spezial I 2004, S 67.)

In „Herder Theologisches Taschen-Lexikon“, Band 5, Seite 240 schreibt Rahner unter dem Stichwort Offenbarung: „Jeder (!) Mensch ist durch die Gnade Gottes in seiner transzendentalen Geistigkeit unreflex erhoben“, d.h. Jeder Mensch ist durch die Gnade Gottes „vergöttlicht“, Rahner verwendet das Wort „Vergöttlichung“ !: Jeder Mensch – also immer und überall, auch außerhalb der Kirche – hat also Anteil am göttlichen Leben, ohne dabei in irgendeiner Weise in seinem freien Menschsein beeinträchtigt zu sein oder dabei reflektiert diese seine „Vergöttlichung“ ALS „Vergöttlichung“ zu erleben und zu deuten. (a.a.O. S. 240).
Rahner meint – etwas ins Umgangssprachliche übersetzt: Das geistvolle Leben der Menschen vollzieht sich immer im Horizont des Unendlichen, das Rahner Gott zu nennen meint. Wenn nun Menschen diese ihre Lebenserfahrungen in diesem Horizont des Unendlichen aussagen und von Gott sprechen, dann ereignet sich eine kategoriale, d.h. sprachlich, begrifflich, satzhafte Aussage von gott, die man Offenbarung nennen kann. Die weite Religionsgeschichte mit ihren religiösen Schriften ist also Offenbarungsgeschichte. Dabei betont Rahner als katholischer Theologe: Diese Erkenntnisse gewinnen wir erst in der Kenntnis der jüdisch-christlichen Offenbarung. Diese Offenbarung meint Rahner auch deswegen als den Höhepunkt der Offenbarungsgeschichte deuten zu können und verstehen zu wollen.

6.
Prof.Philip Endean (+ 2023) schreibt treffend: „Rahners zentrale Botschaft wurde zwar gehört. Aber die damit verbundenen Herausforderungen für das konventionelle Denken waren so groß, dass die Botschaft nur in einer verkümmerten Form verstanden wurde.“ (zit. ebd.)

7.
Zur theologischen Meditation:
Wenigstens einige zentrale, kurz gefasste Erkenntnisse Rahners, die in gewöhnlichen römisch- katholischen Kreisen natürlich als Provokation wahrgenommen wurden und werden, zur theologischen Meditation:

– „Mein Christentum ist der Akt eines Sichloslassens in das unbegreifliche Geheimnis hinein. Mein Christentum ist darum alles andere als eine Erklärung der Welt und meiner Existenz. Der Christ hat weniger als jeder andere letzte Antworten. Seinen Gott kann der Christ nicht als einen durchschauten Posten in die Rechnung seines Lebens einsetzen, sondern nur als das unbegreifliche Geheimnis annehmen …“ (Karl Rahner, Warum ich heute Christ bin, zit. in Beitrag Philip Endean, a.a.O., s. 70 f.).

– „Die Kirche sagt eigentlich ganz wenig: nämlich, dass es ein unüberholbares Geheimnis realster Art in unserem Dasein gibt: Gott. Und dass dieser Gott uns nahe ist und sich in Jesus gezeigt hat. In diesem eigentlich ganz Einfachen haben Sie im Grunde schon das ganze Christentum“ . (Karl Rahner, Schriften zur Theologie, Band X, Benziner Verlag 1972, S. 283).

– „Es ist nicht auszuschließen, dass die normale Verkündigung Gottes das Gottesbild primitivisiert und unglaubwürdig macht, zumal eine Verkündigung, die nur lehramtliche Dogmen über Gott wiederholt… Es gibt einen Kampf gegen die Unzulänglichkeit unseres eigenen Theismus“ („Kirche und Atheismus“, in Schriften zur Theologie, Band XV. Benziner Verlag 1983. S. 149)

– „Nach der Lehre des Christentums ist die Nächstenliebe nicht bloß ein Gebot, das erfüllt werden muss, sie ist nicht bloß eine der vielen Verpflichtungen des Menschen und des Christen, sondern der Vollzug des Christentums schlechthin“ (zit, Karl Rahner, „Ich glaube an Jesus Christus, Benziger Verlag. 1968.)

Sechs Wochen vor seinem Tod hielt Karl Rahner einen bemerkenswerten Vortrag zum Thema Tod, darin zeigt sich der Theologe, der Philosoph, der Mystiker vor allem: LINK 

Weiterführend siehe auch: LINK.

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

Sexueller Missbrauch durch Kleriker – Hinweise zur Geschichte einer verdrängten und verleugneten katholischen Tradition.

Von Christian Modehn am 22.7.2023

1.
Die sexuelle Missbrauch durch katholische Kleriker ist kein neues Ereignis des 21. Jahrhunderts. Es wird Zeit, einige historische Tatsachen öffentlich zu machen. Und zu zeigen, dass der Schutz der angeklagten Kleriker schon damals vorrangiges Ziel der Hierarchie war. Und das ist mehr als ein „nur-historisches Thema“.

2.

Die Kirchenführung und die Theologen hatten – spätestens seit Einführung des Zölibatsgesetzes im 12. Jahrhundert – das abstrakte Ideal eines keuschen, und deswegen (!) heiligen Klerus vor Augen.
Von pädosexuellen Klerikern sind bis ins 20. Jahrhundert nur wenige Dokumente überliefert. In seiner Studie über die Geschichte der Sexualität des Klerus spricht der Spezialist, der Historiker Georg Denzler, nur undifferenziert von “Homosexualität im Klerus”. Das Thema der so genannten „Pädophilie“ bzw. „Pädosexualität“ unter Priestern und Ordensleuten wird nicht eigens erwähnt. Dabei ist klar, dass das Wort „Pädophilie“ erst Ende des 19. Jahrhunderts verwendet wird. Aber es liegt nahe, dass „Pädophilie“ auch „mit-gemeint“ ist, wenn etwa Konzilien von „Sodomie“ im Klerus sprechen, wie etwa das III. Laterankonzil schon im Jahr 1179. Dort wurde in Kanon 11 bestimmt: Wenn ein Kleriker der „Unzucht wider die Natur verfallen ist, dann soll er aus dem Klerus ausgestoßen und in ein Kloster verbannt werden, um dort Buße zu tun“. (Quelle: Das Buch „Kreuzfeuer“. München 1991, darin der Beitrag von Prof. Denzler, S.106.).
Man erinnere sich: Eine andere milde Strafe fiel auch Papst Benedikt XVI.nicht ein, als er den bekannten pädosexuellen Verbrecher, den Ordensgründer der „Legionäre Christi“, Pater Marcial Mariel, aller seiner hohen Funktionen enthob, aber ihn NICHT den Gerichten übergab, sondern… in ein Kloster zur Buße schickte, aus dem sich der Verbrecher nach Florida (USA) flüchtete…LINK

Da war selbst Papst Pius V. (1572) schon weiter, als er verlangte, dass „sodomitische Priester von der weltlichen Obrigkeit verurteilt werden sollen…“

Frühes Mittelalter: Der heilige Petrus Damiani.

3.

Zunächst muss der heilige Petrus Damiani (geboren 1006 in Ravenna – gestorben 1072 in Faenza, Italien) vor allem wegen seines Buches „Liber Gomorrhianus“ („Das Gomorrah Buch“) aus dem Jahr 1050 erwähnt werden.
Petrus Damiani war Mitglied eines Eremitenordens innerhalb der benediktinischen Tradition, er war Theologe, später auch Bischof von Ostia und dann auch führender Kardinal. In dieser Funktion setzte er sich leidenschaftlich für eine strenge Kirchenreform vor allem für eine „moralische Reinigung“ des Klerus ein. Er zog sich aber im Jahr 1061 aus der Kirchenpolitik in ein Kloster zurück, frustriert angesichts der fortbestehenden „amoralischen Zustände“ im Klerus. „Vielleicht war damals das `Laster` (gemeint ist Homosexualität im allgemeinen) unter dem Klerus so weit verbreitet, dass ein energisches Durchgreifen, wie Petrus Damiani es für notwendig hielt, zu einer spürbaren Dezimierung des Klerus geführt hätte“, so Prof. Denzler, S . 105.

4.

Im Titel seines Buches nimmt Petrus Damiani Bezug auf den alttestamentlichen Mythos von Sodom und Gomorra, in diesem Buch verurteilt Petrus Damiani offenbar auch pädosexuelle Praktiken durch Priester, selbst wenn er diesen Begriff nicht verwendet. Petrus Damiani spricht im 8. Kapitel seines Buches vom Umgang des Beichtvaters mit seinen „spirituellen Söhnen“, die vom Priester selbst missbraucht wurden. So Pierre J. Prayer, in seinem Buch, erschienen in Waterloo, Ontario, 182, S. 14. LINK
Im katholischen „Dom-Radio“ (Köln) schreibt Anselm Verbeek am 23.2.2022: „Gegenüber Papst Leo IX. prangerte Petrus Damini,`das höchst unflätige Leben im Klerus` an. Er empörte sich über `Unzucht und Missbrauch von Minderjährigen unter dem Deckmantel der Religion`.”

5.

Die Hinweise des Petrus Damiani zu sexuellem Missbrauch an „Spirituellen Söhnen“ dienten nicht der Aufklärung in der damaligen klerikal bestimmten Gesellschaft. Sie sind dem Autor Petrus Damiani wichtig, weil er jegliche praktizierte Sexualität, mehr noch: jegliche Akzeptanz von Leiblichkeit im Klerus aufs schärfste verurteilt. Wäre Petrus Damiani ein objektiver (und damit kirchenkritischer) „Aufklärer“ gewesen über die Vertuschungen der Pädokriminaliät im Klerus, dann wäre er gewiss nicht 1828 zum katholischen Kirchenlehrer feierlich ernannt worden und zu einem Heiligen, den übrigens Kardinal Ratzinger sehr lobte. Petrus Damiani gilt heute als der radikale Feind jeglicher Sexualität außerhalb der Ehe.

6.

Aber der Heilige empfiehlt dann die in Klerikerkreisen übliche Geheimhaltung des Missbrauchs: In einem Schreiben an Papst Nikolaus II. behauptet Petrus Damiani: „Würde die Unzucht bei den Priestern geheim betrieben, so sei es zu ertragen, aber die öffentlichen Konkubinen, ihre schwangeren Leiber, die schreienden Kinder, das sei das Ärgernis der Kirche“, berichtet wikipedia.

7.

Es ist ein Beleg für die Oberflächlichkeit katholischer Theologie und katholischer Geschichtsforschung, wenn in dem durchaus repräsentativen umfangreichen Band „Reformer der Kirche“ (Mainz 1970) ein Beitrag des katholischen Theologen und Historikers Jean Leclercq über Petrus Damiani erscheint. Und darin mit keinem Wort dessen Buch „Liber Gomorrhianus“ erwähnt wird (S. 540 f.). Hingegen wird berichtet: Er sei „ein Fürsprecher der freiwilligen Geißelung“ gewesen (S. 541) und habe diese Form des frommen Masochismus auch selbst praktiziert.
Nebenbei: Wen wundert es dann noch, dass dieser strenge Masochist heute in der katholischen Kirche offiziell als „Patron und Helfer gegen Kopfschmerzen” verehrt werden darf, so der Wikipedia Beitrag (Deutsch) über Petrus Damiani.

Missbrauch im Orden der Schulpriester, auch „Piaristen“ genannt, im 17. Jahrhundert.

8.

Der sexuelle Missbrauch durch Priester hat eine lange Tradition auch im 17. Jahrhundert. Sie wird deutlich greifbar in der umfassenden historischen Forschung von Karen Liebreich, sie studierte die Frühgeschichte des Ordens der “Piaristen”, der „Schulpriester“, gegründet vom heiligen Joseph Calasanz, 1617 von Papst Paul V. offiziell in Rom als Orden bestätigt. Calasanz lebte von 1557 – 1648.

Die Historikerin Karen Liebreich hat im Jahr 2004 ihre Studie „Fallen Order“ in New York, publiziert. Sie hatte Zugang zu entsprechenden Archiven in Rom, Florenz usw… Der Orden der Schulpriester hatte sich zu Beginn vor allem für den Unterricht armer Kinder (Jungen) in eigenen Ordensschulen engagiert. Und unter den Lehrern, den Ordenspriestern, sammelten sich bald – bei dieser „Spezialisierung“ auf den Unterricht von Knaben – tatsächlich Pädophile. „Bekannte pädophile Priester wurden von einer Ordens – Schule der Piaristen in die andere versetzt und so wurde Ihnen Zugang zu Kindern ermöglicht. „Der Ordensgründer Calasanz wusste doch, was geschieht, wenn Männer und Jungen miteinander allein gelassen werden, seine Schriften und seine Regeln für die Schule zeigen das“, schreibt Karen Liebreich auf S. 269. Aber die pädophilen Priester im Orden vernetzten sich, versuchten erfolgreich, Einfluss und Macht im ganzen Orden zu gewinnen: „Der Ordensgründer Joseph Calasanz wusste, was da an Missbrauch geschah, ebenso wie die Kardinäle, die Bischöfe und letztlich auch der Papst“ (ebd.). „Aber der Skandal der pädophilen Schulpriester wurde ignoriert, um den Ruf eines wichtigen Klerikers mit einflußreichen familiären Beziehungen zu schützen“. Und der Ordenspriester Stefano degli Angeli Cherubini (geb. 1600) wurde sogar noch mit vollem Wissen des Papstes sogar im Jahr 1643 oberster Chef des Ordens.

9.

Der Ordensgründer Calasanz deckte den pädophilen Verbrecher nun auch als seinen Vorgesetzten im Orden. „Kindesmissbrauch durch Ordenspriester wurde von Calasanz ignoriert und „zugedeckt“, und in jedem Fall „war immer seine erste Priorität der gute Rufe des Ordens und die Reputation der betroffenen Mitbürger“ (S. 257). „Erst als die Tatsachen auch in der Öffentlichkeit bekannt wurden, wurde der Orden der Schulpriester als Orden verboten, eine noch nie dagewesene Aktion der Kirche“ (ebd.). Das geschah 1646, immerhin hatte Papst Innozenz X. den Mut, einen von pädophilen Klerikern durchsetzten Orden zu verbieten. Aber 10 Jahre später konnte der Orden natürlich mit päpstlicher Erlaubnis (durch Alexander VII.) seine Aktivstem wieder aufnehmen… er hat seitdem eine nach außen hin erfolgreiche Geschichte mit vielen prominenten Schülern…
Roland Machatschke (Wien), Journalist und Mitarbeiter der Wiener Piaristen, hat einen ausführlichen Vortrag über die frühe Geschichte des Piaristen-Ordens veröffentlicht: LINK

10.

In dem umfassenden Lexikon  „Reformer der Kirche“ (hg. von Peter Manns, Mainz 1970), wird in dem Beitrag über den heiligen Joseph Calasanz, Seite 904-907) mit keinem Wort der sexuelle Missbrauch etwa durch Pater Cherubini erwähnt. Er wird nur als ein „Ehrgeiziger“ beschrieben, der „reiche Gönner hatte“ (S. 906). Als Ordensgeneral (1643) wurde Cherubini entlassen, aber die Autorin Hilde Firtel nennt als Grund nur „Unterschlagungen“, nicht sexuellen Missbrauch. Der Herausgeber Peter Manns, Mainz, war Professor für Kirchengeschichte in Mainz… er galt als „katholischer Luther-Spezialist“…

11.

Zu einer Auflösung eines korrupten Ordens waren die Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus nicht bereit oder nicht in der Lage, als es darum ging, wegen der pädosexuellen Verbrechen Pater Marcial Maciels von den „Legionären Christi“ diesen Orden zu verbieten und aufzulösen, ein Vorschlag, der vielfach von Opfern Pater Maciels vorgebracht wurde… Aber der Einfluß des Ordensgründers unter den Kardinälen, seine öffentlich bekannte Freundschaft mit Papst Johannes Paul II., sein bekannter finanzieller Reichtum, seine vielen einsatzbereiten jungen Priester usw. verhinderten wohl die Auflösung dieses von vielen für korrupt gehaltenen Ordens…Verschiedene Studien zu den “Legionären Christi”:
LINK

Missbrauch im „Merzedarier-Orden“ im Spanien des 17. Jahrhunderts

12.
Über einen pädosexuellen Ordenspriester im Spanien des 17. Jahrhunderts liegt eine kleine historische Studie vor, sie hat Prof. Raphael Carrasco verfasst unter dem Titel „Sodomiten und Inquisitoren im Spanien des 16. und 17. Jahrhunderts“. Die Studie ist erschienen in dem Sammelband „Die sexuelle Gewalt in der Geschichte“, hg. von dem Historiker Alain Corbin, Wagenbach Verlag, 1992, dort S. 45-58. Die französische Ausgabe erschien 1989. Das Buch ist auf Deutsch nur noch antiquarisch verfügbar…Raphael Carrasco (Montpellier) geht der Frage nach: Wie konnte sich ein hoher Kleriker, des sexuellen Missbrauchs angeklagt, im Spanien des 17.Jahrhunderts aus der Affäre ziehen, nur weil er ein Kleriker war und „der gute Rufe der Kirche bewahrt werden musste“.

13.

Prof. Raphael Carrasco stellt in seinem Aufsatz den sexuellen Missbrauch eines Mönchs zunächst in den größeren Zusammenhang der Homosexualität (damals Sodomie genannt) im „Inquisitionsbezirk Valencia“ im 16. und 17. Jahrhundert. Schon 1497 hatten die „Katholischen Könige“ dort für Sodomiten die Strafe des Feuertodes festgelegt. In einem grundlegenden Text der katholischen Könige heißt es: „Es handelt sich um die Bestrafung des abscheulichen Delikts, das schon der namentlichen Erwähnung unwürdig ist, das Delikt zerstört die natürliche Ordnung, es wird durch Gottes Urteil gestraft, etwa durch Pestilenzen und andere Plagen“ (S. 46).
Im Gericht von Valencia war mit „19 Prozent der wegen Sodomie Angeklagten die Gruppe der Kleriker (die nicht weniger als 1 % der Bevölkerung repräsentierte), mit Abstand der höchste Anteil…Von 1575 bis 1590 wurden in Valencia vier Kleriker verbrannt, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurden schwere Strafen gegen Kleriker, Galeere und Zwangsarbeit, verhängt“ (S. 54).

14.

Auch damals setzte sich der Schutz der Kleriker als oberstes Prinzip im Umgang mit sexueller Gewalt durch Priester durch: „Das Tribunal handelte allerdings mit äußerster Vorsicht, denn die verschiedenen Orden zeigten sich in der Verteidigung ihres guten Rufes ganz besonders aktiv“ (S. 54). Damals wie heute: Die Orden behaupten, sie müssen zuerst und vor allem ihre Mitglieder schützen … und nicht die Opfer…

15.

Raphael Carrasco konzentriert sich dann in seinem Aufsatz auf den Fall des Paters Joan Nolasco Risón aus dem Orden der „Merzedarier“ (dieser Orden besteht noch heute mit der Ordensabkürzung O.de.M.).
Pater Joan Nolasco Risón war Novizenmeister, also offiziell zuständig für die die Förderung der Spiritualität der jungen Männer, die damals im Alter von 16 Jahren in die Orden als Kandidaten und mögliche Mtglieder eintraten. „Der Novizenmeister hatte in seinem Konvent unaufhörlich und erfolgreich sexuellen Druck auf die jungen Leute ausgeübt, die ihm anvertraut waren“.
Pater Nolasco Risón hatte in seinem Kloster durch seine offensichtlichen „Aktivitäten“ eine Spaltung bewirkt: Es gab seine Komplizen, „die er anderswo auf günstigen Posten unterbrachte und die bis dahin seltsame Vorrechte genossen, und auf der anderen Seite die Reinen, die Schamhaften, Empörten sowie alle, die verfolgt und tyrannisiert wurden, weil sie dem Werben des Meisters widerstanden hatten“ (S. 55).
Es gab etwa einen kritischen Ordensbruder, Pater Jeronimo Ramirez, der dem sexuellen Missbrauch des Paters Nolasco Rison Einhalt gebieten wollte. Und was passierte? Der ganze Orden wollte den „guten Ruf“ bewahren, man beeinflusste den kritischen Pater Jeronimo Ramirez und versuchte, ihn zu überzeugen, doch bitte den prominenten Mitbruder im Orden nicht zu denunzieren. Aber die sexuell missbrauchten Novizen rebellierten. Und was tat der Beschuldigte? Pater Risón „versuchte die Novizen mit einer heftigen Rede voller unterschwelliger Drohungen einzuschüchtern“. (S. 55). Aber die Einschüchterungen nützen nichts. Die Inquisition hatte die Novizen zu Zeugenaussagen vorgeladen. „Diese Zeugenaussagen sind heute eine ganz außergewöhnliche Quelle für das Leben in den Novizinnen der Klöster am Ende des 17. Jahrhunderts.“ (S. 55).

16.

Die kirchliche Inquisitionsbehörde gab aber 1687 dem staatlichen Gericht die Zustimmung, Pater Risón (damals 54 Jahre alt) zu verhaften, allerdings „unter größter Geheimhaltung“, betont der Autor des Aufsatzes Raphael Carrasco (S.55). Wie zu erwarten: „Der Prozess gegen Pater Nolasco Rison versandte im Ermittlungsverfahren. Der Oberste Rat (der Inquisition) dachte, die zwangsläufig skandalöse Arznei, also die Bestrafung des Paters – sei schlimmer als die Krankheit (der sexuelle Missbrauch von Kindern“, S. 55. Der Verbrecher wurde also frei gesprochen, er u.a. war danach ein beliebter Prediger, im Jahr 1700 ist er verstorben.
In einem Lexikon Beitrag der „Königlichen Akademie der Geschichte“ in Madrid (verfasst von Manuel Alvar Lopez) ist von den Verfehlungen des Priesters Rison keine Rede.

Missbrauch durch einen Jesuiten im Frankreich des 18. Jahrhunderts

17.
Es geht um den Missbrauch durch den Jesuitenpater Jean-Baptiste Girard (1680-1733). Er wurde 1731 angeklagt, das Mädchen Marie-Cathérine Cadière im Beichtstuhl zum Sex verführt zu haben mit späterer Anstiftung zur Abtreibung. Der Skandal war damals in Frankreich sehr oft besprochen worden. “Die Aussagen anderer Beichtkinder Girards stützten die Anklage, doch wurde der Angeklagte am 10. Oktober 1731 in Toulon freigesprochen. Er musste allerdings in seine Geburtsstadt Dole zurückkehren, wo er bereits zwei Jahre später starb“ (Quelle: Wikipedia Beitrag, deutsch, über Jean-Baptiste Girard).

18.

Der philosophisch gebildete Schriftsteller Jean-Baptiste d` Argens ( 1703-1771) hatte über dieses Ereignis einen dicht am Ereignis orientierten Roman geschrieben, er wurde 1748 veröffentlicht unter dem Titel „ Thérèse Philosophe. Memoiren zu Ehren der Geschichte von Pater Dirrag und Mademoiselle Eradice“. Noch wird darüber debattiert, ob d` Argens tatsächlich der Autor des Romans ist. Der Marquis de Sade war von d` Argens als Autor überzeugt. Der Romanautor hatte den Jesuitenpater dann Dirrag genannt, die Leser wussten, wer gemeint ist.

19.

Der Historiker und Spezialist für die Literatur im Frankreich des 18. Jahrhunderts Robert Darnton hat diesen Roman als pornographischen Text gewürdigt. (Quelle: „Denkende Wollust“, Frankfurt am Main 1996, S. 7 – 44). Interessant ist der Hinweis Darntons: Die großen (staatlichen) Bibliotheken damals verwahrten diesen und andere “Porno”-Romane unter der Rubrik „l` Enfer“, „Die Hölle“, unter Schloss und Riegel.
Die “Porno”-Romane (hinsichtlich der Darstellungen sicher weit entfernt von entsprechenden Texten des 20. und 21. Jahrhunderts) waren im 18.Jahrhundert in Frankreich weit verbreitet und es gab viele entsprechende Publikationen, sie zeigten die sexuelle Freiheit einer bestimmten (hohen) Gesellschaftsschicht. Und sie waren in der Darstellung der Freiheiten, die sich einzelne Männer nahmen, auch ein versteckter Impuls an die Leser, sich auch die Freiheiten, vielleicht auch politische Freiheiten zu nehmen.

20.

Im Roman „Thérèse Philosophe“ verführt und missbraucht der Jesuitenpater und geistliche Betreuer Dirrag (Pater Girard) das fromme Mädchen durch seine spirituellen Geschichten, die auf Wahn beruhen: Etwa, dass die sexuelle Hingabe des Mädchen zu einer Erhebung der Seele führe oder dass Wunderwerkzeuge des heiligen Franziskus bei der Penetration zur Anwendung kommen. Interessant ist, dass damals schon der sexuelle Missbrauch durch Priester mit der Erfindung „heilsamer” religiöser Zusammenhänge begründet wurde, auch Pater Marcial Maciel argumentierte so, als er Jungen und Jugendliche missbrauchte…

21.

Es gab zu Zeiten des ancien régimes (aber auch schon vorher) die “prisons ecclésiastiques“, also die kirchlichen und kircheneigenen Gefängnisse, die in Klöstern untergebracht waren oder auch in Priesterseminaren. Es ist meines Wissens bisher nicht untersucht worden, ob in diesen “Klostergefängnissen” auch Priester eingesperrt wurden, die sich des sexuellen Missbrauchs schuldig machten. Vieles deutet darauf hin, dass auch Kleriker von ihren Oberen eingesperrt wurden, die sich der “libertinage” schuldig gemacht hatten…

Diese “Kirchlichen Gefängnisse” in Klöstern sind ein Thema, das bisher in Deutschland wenig Beachtung fand. In Frankreich hat etwa der Historiker Bernard Plongeron in seiner Studie”La vie quotidienne du clergé francais au 18. Siecle” (Hachette, Paris 1974, S. 65 f.) auf dieses Thema hingewiesen; eine größere Studie ist “À propos de la prison ecclésiastique sous l’Ancien Régime” von Jean-Pierre Gutton, erschienen in “Presses universitaires François-Rabelais” (1995).

Kurze Zusammenfassung

22.

Diese Beispiele sind nur Fragmente aus einer langen Geschichte des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch katholische Kleriker. Es sind eben nur Fragmente, weil die Hierarchie entsprechende Dokumente meist umfassend vernichtete und Spuren verwischte, „um den guten Ruf der Kirche zu schützen“, wie es im Laufe der langen Missbrauchsgeschichte immer heißt. Und der Zölibat des Klerus bot Pädophilen einen Schutzraum, in dem sie sich, zur Ehelosigkeit verpflichtet, als sexuelle Einzelgänger förmlich ausleben und austoben konnten … und können.

Leider ist eine wichtige Studie vergriffen: Hertha Busemann: „Der Jesuit (Girard) und seine Beichttochter. Die Faszination eines Sittenskandals in drei Jahrhunderten“. BIS, Bibliotheks- u. Informationssystem d. Univ. Oldenburg. Mit e. Vorw. von Ernst Hinrichs. Oldenburg 1987.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin