Sehr rechts(extrem): Frankreichs Katholiken im Juni 2024.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 14.6.2024

Das Motto:
„Gott ist nicht konservativ“ erklärte der Pariser Kardinal Francois Marty in einem Interview mit Christian Modehn für „Publik – Forum“ 1980.
Gott ist konservativ, sogar sehr rechtslastig“.
Das glauben heute die meisten Katholiken Frankreichs.

Zur Vertiefung: Der katholische Medien-Mogul und praktizierende Katholik, der Milliardär Vincent Bolloré, hat sich für die Zusammenarbeit der rechten mit den rechtsextremen Parteien ausgesprochen. LINK:

1.
Bis zum 13.6.2024 (gelesen um 23.00), hat die Französische Bischofskonferenz noch keine Erklärung, keine Stellungnahme, keinen Kommentar zu den Ergebnissen der Europawahl in Frankreich am 9.6.2024 auf Ihrer Website publiziert LINK
Hingegen hat die Bischofskonferenz am 12.Juni 2024, drei Tage nach der Wahl, drei Dokumente zu Fragen der Ehe und Heirat veröffentlicht. Man darf sich fragen: Wie weltfremd sind diese Oberhirten eigentlich! Oder: Bereitet sich die Kirche auf eine „Ehe“ von Katholizismus mit den rechten bzw. rechtsaußen Parteien vor?

2.
Lediglich drei Bischöfe aus Nordfrankreich, aus Lille, Arras, Cambrai, wo die Le Pen Partei RN sehr starke Erfolge erzielte, zum Teil über 50 Prozent, haben einen Text publiziert. Und sie haben sehr weise und milde ihre Landsleute „zu politischer Weisheit“ („sagesse politique“) aufgefordert.

3.
Die katholische Kirche in Frankreich ist jetzt de facto schon eine Minderheit: 29 Prozent der Franzosen bezeichneten sich 2023 als Katholiken. LINK (Quelle: https://www.insee.fr/fr/statistiques/6793308?sommaire=6793391), gelesen 14. Juni 2024. Die Religionsstatistiken werden durch repräsentative Umfragen erzeugt, offizielle Religionsstatistiken gibt es in Frankreich nicht… wegen der Trennung von Kirchen und Staat seit 1905.

Zum Vergleich: Im Jahr 1950 nannten sich 90 Prozent der Franzosen katholisch. Der starke Mitgliederschwund der katholischen Kirche ist sicher auch den sexuellen Missbrauch von zahlreichen französischen Priestern und Bischöfen bedingt!

1965 wurden noch 87% aller Kinder – bis zu drei Monate nach der Geburt – katholisch getauft. Heute wird nur ein Viertel der Kinder katholisch getauft … in den ersten sieben Lebensjahren.
Und eine wichtige Zahl zum langsamen Verschwinden des Katholizismus in Frankreich: Im Jahr 2000 lebten und arbeiteten 25.300 Priester in Frankreich, im Jahr 2022 sind es noch 11.600, über das Durchschnittsalter schweigen sich die offiziellen Kirchenstatistiken aus, nur ca. 20 Prozent sind nach zuverlässigen Schätzungen jünger als 65! LINK  (Quelle: https://eglise.catholique.fr/guide-eglise-catholique-france/statistiques-de-leglise-catholique-france-monde/statistiques-de-leglise-catholique-france/ministres-ordonnes-religieux/)
50.000 Ordensfrauen, Nonnen, lebten im Jahr 2000 in Frankreich, 17.300 sind es 2022. Die Klöster sind jetzt de facto meist Heime für alte und sehr alte Nonnen.

4. Das Wahlverhalten der Katholiken im Juni 2024:
Das Meinungsforschungsinstitut IFOP (Paris) hat für die angesehene katholische Tageszeitung LA CROIX (Paris) festgestellt: 42 Prozent der sogenannten praktizierenden Katholiken (d.h. sie nehmen gelegentlich an der Messe teil…) haben bei der Europawahl 2024 für die beiden rechtsextremen Parteien gestimmt: 32 Prozent für Marine Le Pens Partei „Rassemblement National“ (RN) (Von ALLEN Wählern erhielt RN „NUR“ 31 Prozent!) und 10 Prozent der praktizierenden Katholiken stimmten für die noch rechtsextremere Partei „Reconquete“ von Eric Zemmour und der Nichte Marine Le Pens, Madame Maréchal. (Von allen Wählern erhielt Reconquete „NUR” 5,5 Prozent).

5.
Die Entschiedenheit der praktizierenden Katholiken für linke und sehr linke Parteien bei der Europa-Wahl 2024 ist eher unbedeutend. Eine aktuelle Begründung: Weil für die meisten Katholiken (auch weltweit) der Glaube an Gott und Jesus immer mit dem Glauben an den höchsten moralischen Wert „Pro LIFE“ verbunden ist, wurde Staatspräsident Macrons Politik abgelehnt: Er hat sich bemüht,
Gesetzesvorlagen zum „Ende des Lebens“ vorzulegen, also zur aktiven Sterbehilfe. Da hat sich eine ideologisch moralische Einheit gebildet von rechten, rechtsextremen Parteien mit den katholischen Bischöfen und konservativen katholischen Laienorganisationen. Wir nennen nur die „Alliance Vita“, sie führt auch seit Jahren einen Kampf auch gegen die Abtreibung, zusammen mit „Associations Familiales Catholiques“ (AFC). Noch wichtiger im Kampf gegen die individuelle Freiheit, über das eigene Lebensende selbst zu bestimmen, ist die „Société française d’accompagnement et de soins palliatifs (SFAP)“. Sie wehrt sich gegen die Selbstbestimmung im Sterben, sie verfügt über viele finanziellen Mittel und ist verantwortlich für die Ausbildung der Pflegekräfte im Palliativ – Bereich. Die Präsidentin diese Vereins, Claire Fourcade, ist eng mit den katholischen Universitäten verbunden, sie hat sich auch gegen die Gültigkeit der objektiven Forschungsergebnisse einer neutralen Studiengruppe zum sexuellen Missbrauch durch Priester (die Studie hat den Namen „Commission Sauvé) ausgesprochen. Sie ist mit dem sehr konservativen Bistum Versailles verbunden.

6.
Eine kurze Erinnerung: In Frankreich gibt es seit 1789 (Beginn der Großen Revolution) eine sehr enge Verbindung der allermeisten Katholiken Frankreichs und auch ihrer Führer, der Priester und Bischöfe, mit rechten und rechtsextremen Parteien. Antirevolutionär sein bedeutet immer: Die Werte der Demokratie und der Republik ablehnen, in Frage zu stellen, die Bindung an Autoritäten mehr zu schätzen als die Autonomie des einzelnen; Sympathien für den Antisemitismus zu haben, die klassischen Werte der Familie und der Frauen (als Mütter und Hausfrauen) zu verteidigen, gegen die „Ehe für alle“ öffentlich zu kämpfen…

7.
Diese Kreise sind auch im 20.Jahrhundert immer aktiv gewesen, und sie sind auch heute aktiv. Selbst wenn sie zahlenmäßig eher von bescheidenem Umfang sind, haben sie doch eine breite, auch öffentliche Wirkung in der Kirche und der Gesellschaft. Diese konservativen, reaktionären, rechtsextremen katholischen Gruppen sind im Vergleich zu Deutschland sehr viel zahlreicher, sie können auf eine lange Tradition seit 1789 verweisen. Diese Gruppen prägen auch heute das Profil des französischen Katholizismus. Bedeutende linke, theologisch – reformerische Kreise gab es einmal im französischen Katholizismus in einem beträchtlichen Umfang, man denke nur an die vielen hundert Arbeiterpriester in Frankreich einst. Nur noch 15 Priester sind aktiv als „Arbeiterpriester“ tätig. 1976 waren 800 Priester „Arbeiterpriester“…Heute sind die linken katholischen Kreise und ihre Zentren und ihre einst bedeutenden Zeitschriften („Témoignage Chrétien“ etc.) marginal.

8. Le Pen
Die Le Pen Partei, von Jean – Marie Le Pen gegründet und bis 2011 von ihm geführt, hatte immer eine enge Verbindung mit den traditionalistischen Pius – Brüdern. Diese von dem reaktionären katholischen Erzbischof Marcel Lefèbvre gegründete Protestbewegung (d.h. Ablehnung des 2. Vatikanischen Konzils) ist in Frankreich von einer zahlenmäßig bedeutenden Stärke.
Die Le Pen – Partei „Front National“ hat damals mit diesen Priestern immer zusammengearbeitet und sie betrachtete förmlich die Hauptkirche der Lefèbvre Leute, St. Nicolas du Chardonnet in Paris, als ihr spirituell – politisches Zentrum. Le Pen Tochter Marine Le Pen, hat dem „Front National“ ein neues Äußeres gegeben und auch einige rechtsradikale Elemente aus ihrer Partei ausgeschlossen, wie den Antisemitismus. Diese neue Le Pen Partei heißt seit einigen Jahren „Rassemblement National“, Nationale Sammlung. Die Nation zuerst steht nach wie vor im Mittelpunkt. „Frankreich zuerst“ ist das Motto, das sich vor allem gegen muslimische Einwanderer und besonders Flüchtlinge richtet.

9.

Der traditionalistische Katholik Renaud Labaye, die „graue Eminenz“ des Rassemblemnet National.

Der wichtigste Mann „im Hintergrund“ der Le Pen Partei, des Rassemblement National (RN), ist Renaud Labaye (39 Jahre alt). Er ist offiziell zwar nicht Mitglied des RN, aber „er fühlt sich der Nationalen Rechten immer nah“, wie er gegenüber dem „Spiegel“ (15.6.2024, Seite 61) bekennt, und zwar seit 2014, wie die Zeitung Journal du Dimanche betont, LINK  .
Labaye ist Generalsekretär der Partei RN und gehört zum Kreis der so genannten “Horaces“, des geheimen Beratergremiums von Marine Le Pen.

Renaud Labaye bekennt sich offen zum Katholizismus, allerdings in der Form des Traditionalismus: Er sei regelmäßiger Teilnehmer der traditionalistischen Wallfahrt Paris – Chartres unter dem Zeichen der militanten Organisation „Chrétienté“, also der alten, abgeschotteten katholisch zu verstehenden „Christenheit“, berichtet das politische Magazin EXPRESS am 23.6.2022.

10. Römisch-katholische Traditionalisten!
Schon Papst Johannes Paul II. und mit ihm sein „rechter starker Arm“, Kardinal Ratzinger, gaben sich alle Mühe, die politisch rechtsextreme Lefèbvre Bewegung zu spalten und traditionalistische Organisationen im Innern der offiziellen römisch – katholischen Kirche zuzulassen. Das ist den beiden auch gelungen. Papst Benedikt XVI. setzte diese Spaltung der Pius – Brüder – Kreise fort. Diese einstigen Papstfeinde und Traditionalisten haben aber ihre reaktionäre Theologie beibehalten dürfen, dem Vatikan kam es nur auf die Anerkennung des Papstes als des obersten Chefs an!
Darüber wurde auch auf der website des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin ausführlich berichtet. LINK.

11.
Wichtig ist in dem Zusammenhang, an die von einem ehemaligen Lefèbvre Priester, Philippe Laguerie, gegründete Priester – Gemeinschaft „Institut du Bon Pasteur“ mit dem Zentrum in Bordeaux zu erinnern. Diese traditionalistische, aber mit dem Papst versöhnte Gemeinschaft ist inzwischen international aktiv.

12.
Mit dem traditionalistisch – römisch katholischen „Institut du Bon Pasteur“ ist der in Frankreich in rechten und rechtsextremen Kreisen sehr bekannte Priester Matthieu Raffray als Mitglied verbunden. 1979 geboren, hat er als Philosoph alle Vorliebe fürs Mittelalter entwickelt und deswegen die Metaphysik des heiligen Thomas von Aquin studiert, auch in Rom, an der Universität des Dominikaner Ordens! Er ist jetzt mit mehreren Organisationen der „katholischen Identitären“ verbunden. Und ist attraktiv bei jungen Leuten, auch wegen seiner heftigen Worte und Prinzipien wie etwa: «Bagarre, bagarre, prière.» , also: „Schlägerei, Streit, Gebet“, wie die Tageszeitung Liberation (Paris) berichtet.

13. Pater Raffrays “männliche Katholiken”
Der Priester Matthieu Raffray ist eine zentrale Gestalt im rechten und rechtsextremen katholischen Milieu, also bei praktizierenden Katholiken, die Marine Le Pens Partei „Rassemblement National“ (RN) gewählt haben. Raffray ist im Internet äußerst aktiv, er fordert dort einen „spirituellen Kreuzzug“, er verlangt, alter rechter Ideologie folgend, die Stärkung “männlicher Katholiken“, er sagt explizit: „former des catholiques virils ». Auf seiner You – Tube Seite sammelt er 800.000 Leute, die sich seine Predigten anschauen, 74.000 folgen ihm auf Instagram.
Nebenbei darf er auch an der Päpstlichen Universität Sankt Thomas von Aquin in Rom lehren sowie am Katholischen Institut in Toulouse, er ist also auch fest integriert in den offiziellen, sich moderat nennenden Katholizismus.
Die Ministerin Aurore Bergé, verantwortlich im staatlichen Kampf gegen Diskriminierungen, hat Pater Raffray angeklagt wegen öffentlicher Diskriminierung Homosexueller. In einem Interview sagte Raffray, Homosexualität solle durch Therapie überwunden werden. Schließlich sei für ihn Homosexualität nichts als eine Schwäche, eine Krankheit, die „weg – therapiert“ werden sollte.

14.
Eine Art Demonstration der sehr konservativen und traditionalistischen, politisch meist rechtsextremen Katholiken ist – seit 1983 – die jährliche Wallfahrt zu Pfingsten von Paris nach Chartres LINK . Diese sehr populäre Wallfahrt wird von jenen katholischen Organisationen organisiert und begleitet, die zwar traditionalistisch sind, aber mit dem Papst – pro forma möchte man sagen – versöhnt und verbunden sind. Diese Kreise sind also offiziell „traditionalistisch – römisch katholisch“. Man sehe sich sich die Website an, wie viele Gemeinschaften und Ordensgemeinschaften mit dieser Organisation mit dem Titel „Notre Dame de Chrétienté“ verbunden sind. Siehe LINK oben. In diesem Jahr (2024) waren 18.000 TeilnehmerInnen, also Wallfahrer, dabei, meist jüngere Leute. Die Messe am Zielort Chartres wurde in lateinischer Sprache gefeiert, ausgerechnet von Kardinal Gerhard Ludwig Müller, dem heftigsten Gegner von Papst Franziskus.

Die inzwischen sehr bekannten, gut besuchten jährlichen „Wallfahrten Paris – Chartres“ wurden 1982 gegründet, vom rechtsextremen, der Le Pen Partei nahestehendem Zentrum „Henri et André-Charlier“ (wenn man diesen rechtsextremen Club näher studieren muss: LINK). Der damalige traditionalistische Benediktiner-Abt von Le Barroux, Dom Gérard Calvet, war auch an der Gründung beteiligt (später wurde er ohne weiteres in die offizielle römisch – katholische Kirche aufgenommen.)
Diese Wallfahrten sollten, so wörtlich im Sinne der Initiatoren, ein Zeichen des christlichen und nationalen Widerstandes sein … mit dem Ziel der christlichen Rückeroberung (reconquete chrétienne). Rückeroberung also schon damals das entscheidende Stichwort, berichtet die offiziell-katholische Wochenzeitung „Pèlerin“ am 17.5.2024.

15.
Auch Pater Matthieu Raffray predigte bei dieser Wallfahrt. Schon 2023 polemisierte er in seiner Predigt vor 16.000 Teilnehmern während der Wallfahrt nach Chartres: Zuerst das französische Zitat, das die katholische Tageszeitung La Croix (Paris am 16.5. 2024 dokumentiert) « Une foule d’ennemis voudront vous faire taire (…). Les communistes, les francs-maçons, les mondialistes, les wokistes, les libéraux, les progressistes, les sans-Dieu et ceux qui adorent de faux dieux, les hérétiques et les schismatiques, les socialistes, de droite comme de gauche. »  Also: „Eine Menge von Feinden wird euch zum Schweigen bringen: Die Kommunisten, die Freimaurer, die Freunde der Dritten Welt -Solidarität, die woke-Leute, die Liberalen, die Progressisten, die Häretiker, die Schismatiker, die Sozialisten von rechts wie von links“… Paul Colrat, katholischer Philosoph und Autor, über die Aktivitäten des rechtslastigen Priesters Raffray: „Seine Rolle ist es, offiziell die Jugend der extremen Rechten zu evangelisieren. Aber ich fürchte, aber er versteht es eher, eine Art seelische Bestätigung für diese rechtsextreme Strömung in Frankreich zu geben, die in Frankreich stärker wird“ ( La Croix, 16.5.2024). Den TeilnehmerInnen und den klerikalen Organisatoren dieser Wallfahrt geht es jedenfalls, wie der Titel der Wallfahrt ja sagt, um die Chrétienté, die alte stolze, herrschende Christenheit von einst, und das bedeutet theologisch: Christus soll als König herrschen, d.h. Christus (das Neue Testament) soll die Politik bestimmen. Das darf man mit gutem Grund Fundamentalismus nennen. Extreme Muslim-Kreise wollen in Europa ein Kalifat errichten, der Koran soll herrschen, was ist da der Unterschied?

16.
Es gibt viele weitere rechtslastige katholische Organisationen aus dem Umfeld der Traditionalisten, kritische Katholizismus-Forscher und Theologen sollten sich um das Thema kümmern: Die Organisation „Civitas“ muss genannt werden, genauso die „Academia Christiana“ mit ihren „Sommeruniversitäten“ in der Normandie mit etwa 400 Teilnehmern. Dort wurde schon 2021 für die „Remigration“ geworben, und sehr rechte Rockgruppen gehörten zum Programm, berichtet die Tageszeitung Libération, Paris, 11.Dez 2023. Innenminister Gerald Darmanin plant, diese „academia“ zu verbieten.
Die rechtsextremen katholischen Kreise versöhnen sich jetzt mit ihren einstigen Gegnern, den explizit heidnisch sich nennenden rechtsextremen Kreisen, die oft einer speziellen Rassen – Ideologie anhängen: Aber diese Differenzen seien jetzt nicht mehr wichtig, heißt es, es gelte, die rechtsextremen Kräfte für den Sieg zu bündeln. Und das ist diesen militanten katholischen Kreisen ja auch bei der Europawahl 2024 schon mal gelungen. Wie werden die Wahlergebnisse zur vorgezogenen Parlamentswahl Anfang Juli 2024 aussehen?

17. Nichts verstehen – aber “Sinn fürs Heilige”
Auch viele der „klassischen“ „normalen“ Katholiken französischen Katholiken schätzen immer entschiedener die alten theologischen Lehren und die Bevorzugung der alten lateinischen Messe. In der alten lateinischen Messe werde der Sinn fürs Heilige erlebt und geschärft, sagen diese Gläubigen. Der Sinn fürs Heilige besteht für sie also im Nicht-Verstehen der Sprache und der Riten in diesen lateinischen Messen. Selbstverständlich wird die Kommunion von ihnen gern noch kniend empfangen, der Priester legt die Hostie nach alter Art auf die Zunge des Gläubigen, das alles stärke den „Sinn fürs Heilige“…

18.
Untersuchungen haben gezeigt: Junge Priester sehen es jetzt für sich selbst am wichtigsten an, die Messe als „schöne Zelebration” zu feiern und die Sakramente zu spenden. Dies halten viele auch für wichtiger als die Predigt. Junge Priester und schon die Priesterstudenten, Seminaristen genannt, bevorzugen ganz überwiegend die klassische schwarze Priester – Soutane, berichtet La Croix am 21.12.2023. Und aus der sehr konservativen Gemeinschaft St. Martin hießt es deutlich: „Durch das Tragen der Soutane werden die Priester identifizierbar… Soutane ist ein Zeichen dafür, dass es noch eine andere Welt gibt.“
Äußerlichkeiten wie Gewänder und Soutanen als Wegweiser zu Gott? Das ist eine gewagte These. Wahrscheinlich sollten diese Priester ehrlich sagen: Wir wollen mit unseren Soutanen nur auffallen, als besondere Gestalten angesehen und geachtet werden, eben als Kleriker, die dem Volk, den Laien, gegenüber stehen. Und wichtiger sind als die Laien.

19. Das Ende des französischen Katholizismus ist absehbar
Die französische katholische Kirche wird zahlenmäßig immer kleiner, im Denken und politischen Handeln immer rechter, und die wichtigsten Akteure dieser Kirche, das sind die Priester, die Kleriker, sie sterben langsam aber sicher aus. So viele Priester aus dem Französisch sprechenden Afrika können als Ersatz auch nicht mehr einspringen, einige Hundert tun dies bereits! Und Klöster werden immer mehr zu Museen, wenn man sie nicht abreißt: Einige konservative Gruppen übernehmen diese Klöster, wie etwa in Lagrasse, im Süden Frankreichs. Aber so viel Personal haben die Reaktionären auch nicht…

Der kulturelle Bruch, der sich in Frankreich abspielt, ist unübersehbar. Und man kann bedauern, wie gering die Phantasie der verbliebenen Katholiken ist, noch an einer modernen, von „Laien“ geprägten Kirche zu arbeiten. Oder endlich ökumenisch mit den Reformierten und den Lutheranern in großem Umfang zusammenzuarbeiten…
Kritische Beobachter glauben manchmal, der immer noch allmächtige Klerus stolpert bewusst in einen Suizid dieser Kirche. Oder der Klerus will, dass die katholische Kirche definitiv auf Sekten – Niveau landet.

Wer nur die Pariser Kirchenszene betrachtet, wird noch immer viele z.T. neue Kirchengebäude treffen und Gemeinden. Aber man sehe ich in Limoges um, in Guéret, in Sens-Auxerre, in Nevers, in Troyes, in Verdun usw. … Dort und in anderen Provinzbistümern kann man das Ende des französischen Katholizismus schon jetzt erleben… Aber eine seriöse umfassende Reflexion über das Ende findet kirchlicherseits nicht statt. Offizielle Ignoranz kann man das nennen.

20.
Wer noch Sinn für moderne kritische Theologie hat, muss wohl sagen: Was ist das alles für eine Schande der Unvernunft. Haben für diesen miserablen Zustand die modernen kritischen Theologen Frankreichs (Chenu, Congar…) einst gekämpft? Schließlich haben sie das 2. Vatikanische Reform-Konzil entscheidend mit gestaltet.

PS: 1993 hat Christian Modehn das Buch “Religion in Frankreich” (GTB, Gütersloher Verlagshaus, 160 Seiten) veröffentlicht, “Darstellung und Daten zu Geschichte und Gegenwart” war der Untertitel. 1993 gab es noch, trotz der sehr rigiden, konservativen Theologie von Kardinal Lustiger, Paris, einige progressive, wegweisende Versuche, eine moderne katholische Kirche zu gestalten. Das Buch ist noch in Antiquariaten verfügbar.

21.
Über die Frage: Wer ist Schuld an diesem Zustand ? wäre lange zu debattieren: Es ist auch die Kirchenführung in ihrem Dogmatismus, die die nachdenklichen, progressiven Katholiken in Scharen aus der Kirche getrieben hat. Die entscheidende theologische Einsicht heißt: Dogmatismus und Klerikalismus machen nicht nur in Frankreich die katholische Kirche allmählich zur Sekte. Mit sehr rechtslastigem, rechtsextremen Einschlag, wie in Frankreich jetzt.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

42 Prozent der praktizierenden Katholiken in Frankreich wählen 2024 rechtsextreme Parteien

42 Prozent der praktizierenden Katholiken in Frankreich stimmen zur Europa- Wahl 2024 für rechtsextreme Parteien.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 10.Juni 2024. Siehe auch unseren ausführlicheren Beitrag zu diesem Thema vom 14.6.2024: LINK:

1.
Das Meinungsforschungsinstitut IFOP (Paris) hat für die angesehene katholische Tageszeitung LA CROIX (Paris) festgestellt:

2.
42 Prozent der sogenannten praktizierenden Katholiken (d.h. sie nehmen gelegentlich an der Messe teil…) haben bei der Europawahl 2024 für die beiden rechtsextremen Parteien gestimmt:

32 Prozent für Marine Le Pens Partei „Rassemblement National“ (RN) (Von ALLEN Wählern erhielt RN „NUR“ 31 Prozent! )

und

10 Prozent der praktizierenden Katholiken stimmten für die noch rechtsextremere Partei „Reconquete“ von Eric Zemmour und der Nichte Marine Le Pens, Madame Maréchal. (Von allen Wählern erhielt Reconquete „NUR” 5,5 Prozent). (Madame Maréchal hat sich inzwischen von Zemmours Partei offiziell getrennt (14.6.2024) und will ihre Tante Marine Le Pen und ihr nach außen hin etwas rechtsradikal – moderateres “Rassemblement National” (RN) unterstützen…

Diese Partei “Reconquete”, obwohl von dem jüdischen Journalisten Eric Zemmour gegründet, hat offensiv für eine „christliche Identität“ geworben, um die Muslime auf diese Weise zu diskriminieren und einzuschüchtern. Denn reconquete bedeutet Rückeroberung, wie damals 1492, als die katholischen Könige Spaniens die Muslime vertrieben und die Juden zur Konversion zwangen….Reconquista auf Spanisch…

Diese Fakten berichtet La Croix am 10. 6.2024: LINK.

3.
Die Katholiken und ihre Oberhirten sind dann doch vielleicht noch etwas beruhigt: Denn nur 18 Prozent der regelmäßigen (!) TeilnehmerInnen an der Sonntagsmesse (das bedeutet in Frankreich wenigstens einmal pro Monat!) haben eine der beiden rechtsextremen Parteien gewählt, berichtet “La CROIX”.

4.
Für die sehr linke Partei „La France Insoumise“ haben 5 % der praktizierenden Katholiken gestimmt, für die Sozialisten 10 %, für die Grünen 4 %, für die Macron – Parteien (nur) 12 % und 14 % für die traditionellen Konservativen, genannt „Les Republicains“.

5.
Kommentar der Soziologen in Paris: Marine Le Pen ist mit ihrem milden Auftreten und ihren eher milden Sprüchen dann doch bei katholischen Publikum angekommen. Und hat sie verführt, ist unser Kommentar. Wer glaubt im Ernst, dass Marine Le Pen “eine lupenreine Demokratin” ist?

Sicher hat die praktizierenden Katholiken auch der Gesetzesentwurf Macrons in die rechtstextremen Parteien geführt, denn der Präsident ist für eine gesetzliche Form der aktiven Sterbehilfe eingetreten. Die rechtsextremen Parteien waren selbstverständlich dagegen. Diese Rechtsextremen lassen es lieber zu, dass im Mittelmeer Flüchtlinge aus Afrika aktiv/passiv das eigene Sterben erleben…

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Sehr rechtslastige und rechtsextreme Katholiken

Ein Hinweis von Christian Modehn

Erstens:
Die rechtslastigen und rechtsextremen Organisationen im Katholizismus. Dazu im folgenden einige Hinweise unter „Erstens“.

Zweitens:
Kann die katholische Kirche, auch heute, überhaupt demokratische Werte fördern und unterstützen, wenn sie selbst, als Kirche, als Hierarchie, in ihrer offiziellen Lehre, explizit nicht – demokratisch sein will. Wenn also die theologische Lehre immer noch betont wird: Jesus Christus als Stifter dieser Kirche will gar keine demokratischen Strukturen und demokratischen Werte, will gar keine Menschenrechte als oberste Orientierung. Jesus Christus will auch keine Gleichberechtigung der Frauen (in der Kirche).
Das behaupten Kleriker, Bischöfe, Päpste seit ca. 1.600 Jahren, Kleriker, die in keiner Weise vom „Kirchenvolk“ gewählt wurden. Papst Franziskus selbst nannte kürzlich den Vatikan eine „absolute Monarchie“. So verstand sich auch der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV.
Der demokratisch nicht legitimierte Klerus beansprucht die absolute Deutungshoheit der Bibel, der katholischen Lehre, der Dogmen. Diese Ablehnung freier theologischer Forschung kann man nur fundamentalistisch nennen. Diese fundamentalistische Gesinnung „färbt“ natürlich auch ab, sie prägt die stark katholisch – kirchlich Gebundenen, die Praktizierenden. Und diese antidemokratische Struktur und Denkform der „heiligen“ Kirche kann Gläubige ins rechte und rechtsextreme Lager führen.
Die katholische Kirche ist also eine Organisation, die als Hüterin, als Förderin der Demokratie und des demokratischen Geistes und der Menschenrechte von Demokraten und Verteidigern der Menschenrechte NICHT ernst genommen werden kann. Wenn in dieser Kirche heute demokratisches Bewusstsein (etwa in sozialen und kulturellen Initiativen) da und dort gefördert wird, dann leisten diese Arbeit Katholiken als weltliche Staatsbürger in Demokratien, nicht aber primär motiviert als gläubige Katholiken.
Die Frage nach den rechtslastigen, rechtsextremen antidemokratischen Kräften im Katholizismus darf sich also nicht auf die zahlenmäßig eher kleinen, expliziten katholisch rechtsextremen Gruppen und Gemeinden fixieren. Es ist der antidemokratische Geist der Kirche selbst, der rechtslastiges Denken und Handeln fördert. Über die protestantischen Kirchen in Deutschland wäre eigens zu sprechen. Sie sind erst seit 1945 demokratisch organisiert.

……………….

Erstens: Die rechtslastigen und rechtsextremen Organisationen im Katholizismus. Einige wichtige Hinweise.

1.
Über die politische Rechtslastigkeit und vor allem den Rechtsextremismus in der Welt der katholischen Traditionalisten heute berichtet Raoul Löbbert in einer Reportage in „Christ und Welt„ (Beilage von „Die Zeit“) vom 6. Juni 2024. Darum diese Vertiefung des Themas hier.

2.
Es geht in der Reportage etwas durcheinander und hin und her. Wichtig ist für unsere Sicht als Ausgangspunkt die zentrale Erkenntnis: Die „katholischen Traditionalisten“ sind eine vielfältige, sehr unterschiedliche und untereinander durchaus auch verfeindete internationale (!) „Gemeinschaft“. Und es gelten viele historische und vor allem theologische Nuancen.

3.
Die Reportage nennt ausführlich das Priorat St. Afra in Berlin – Wedding mit seinem Gründer Prälat Gerald Goesche. Die Kirche St. Afra mit dem umgebenden Gemeindezentrum wurde offiziell, im Jahr 2002, von Kardinal Georg Sterzinsky, Erzbischof von Berlin, Gerald Goesche überlassen. Zuvor trafen sich dort die spanisch sprechenden Katholiken Berlins. Goesche und seine kleine Priestergemeinschaft, die sich nach St. Philipp Neri nennt, ist also offiziell Mitglied der römischen – katholischen Kirche und als „Priestergemeinschaft“ „päpstlichen Rechts“. Zu Besuch waren dort schon hochrangige Kardinale, wie der reaktionäre Kardinal Medina.
Goesche und sein Priesterteam dürfen also offiziell mit Zustimmung des Berliner Erzbischofs erlaubt die Messe in lateinischer Sprache im alten Stil des 16. Jahrhunderts feiern. Und in der theologischen wie politischen Lehre, wie die Reportage zeigt, kann Goesche sehr deutlich machen, wo er (rechts) steht. Und diese Orientierung findet einen gewissen Anklang unter Berlins Katholiken, die nie zu den Fortschrittlichsten im deutschen Katholizismus gehörten, begründet auch durch die reaktionäre theologische Haltung von Kardinal Bengsch, danach ebenso von Kardinal Meisner. Kardinal Sterzinsky war eher theologisch unbegabt, aber auch kein Reformer. In einem solchen Berliner Milieu, in dem es bis vor kurzem keine katholisch _ theologische Fakultät gab, ist reaktionäres Verhalten vieler Katholiken also eher normal.

4.
Bis zur Jahrtausendwende war der Priester Gerald Goesche eng verbunden mit der „Priesterbruderschaft St. Pius X“, mit einer eigenen Kapelle in Berlin -Kreuzberg, er war sehr verbunden mit jener Gemeinschaft, die Alterzbischof Marcel Lefèbvre gegründet hatte. Lefèbvre hatte die Reformbeschlüsse des 2. Vatikanischen Konzils rigoros abgelehnt. Er steht am Beginn der auch jetzt breit und vielfältig aufgestellten, wenn nicht unübersichtlichen Welt der„katholischen Traditionalisten-Bewegungen“. Weil Lefèbvre ohne Erlaubnis des Papstes 1988 vier seiner Priester zu Bischöfen für seine Gemeinschaft weihte, wurde er von Papst Johannes Paul II. exkommuniziert. Diese Bischofsweihen sind nach vatikanischem Recht zwar unerlaubt, aber gültig.
Diese Lefèbvre Priestergemeinschaft nennt sich „Bruderschaft St. Pius X.“, sie ist international verbreitet mit vielen tausend Gläubigen. LINK.
Sie gilt nach vatikanischem Recht als schismatisch, also als „spalterisch“, sie gilt in vatikanischer Sicht aber nicht als häretisch, also nicht Irrlehren verbreitend!
Die vier unerlaubt geweihten Bischöfe wurden vom Papst exkommuniziert, diese Exkommunikation wurde nach einigen Jahren aber wieder aufgehoben, obwohl einer dieser Bischöfe, Williamson, sich offen und öffentlich antisemitisch geäußert hatte. Als Kardinal in Rom, dann als Papst Benedikt XVI., wollte Ratzinger – selbst ein Konservativer – unbedingt eine Versöhnung mit diesen Schismatikern, denn sie haben sehr viele junge Priester „im Angebot“… Und Kirchenspaltungen vom Katholizismus sind immer ein Makel für den Machtanspruch des Papstes.

5.
Besonders Kardinal Ratzinger, dann Papst Johannes Paul II. und später Papst Benedikt XVI. betrieben aber auch eifrig die Spaltung dieser schismatischen Priestergemeinschaft St. Pius X.: Wenn etwa Klöster der Lefèbvre Bewegung den jetzigen Papst als obersten Chef wieder anerkennen wollten – was weite Kreise der Lefèbvre Anhänger allerdings nicht tun – dann konnten sie sich mit Rom (dem Papst) offiziell versöhnen: Das heißt: Ihre reaktionäre Theologie im Sinne Lefèbvres durften sie beibehalten, ebenso selbstverständlich ihre lateinische Messe im Ritus des 16. Jahrhunderts. Berühmtes Beispiel für diese bloß formal zu nennende “Versöhnung“ mit dem Papst ist das Kloster Le Barroux in Südfrankreich, deren Mönche – und deren Abt (z.B. Gérard Calvert) stark der rechtsextremen Le Pen – Partei anhängen bzw. anhangen.

In der Europa Wahl im Juni 2024 haben in Frankreich 42 Prozent der praktizierenden Katholiken rechtsextreme Parteien gewählt.  LINK

6.
Als päpstlich anerkannte reaktionäre Alternative wurde von Papst Johannes Paul II. schließlich die „Priesterbruderschaft St. Petrus“ gegründet: Dies war durchaus als Attacke zu verstehen gegen die stark werdende Lefèbvre Bruderschaft Pius X.. Traditionalistischer Geist mit päpstlicher Unterstützung und Förderung auch bei den “Petrusbrüdern“, sie feiern ebenso die uralte lateinische Messe. Formale Anerkennung des Papstes als obersten Chef. Die Petrusbrüder bedienen in ihren Kirchen weltweit reaktionäre Katholiken. Diese St. Petrus – Bruderschaft erfreut sich auch in Deutschland eines regen „Nachwuchses“ an Priestern, in Wigratzbad bei Lindau ist das Priesterseminar. Mit welchen reaktionären, aber offiziell römisch -katholischen Bischöfen die Petrus – Bruderschaft in Verbindung steht, kann man auf deren Website bequem nachlesen. .

7.
Zu diesen päpstlich anerkannten traditionalistischen Bewegungen gehört eben auch Prälat Goesche in Berlin – Wedding mit seinem Zentrum St. Afra. Das Erzbistum Berlin erwähnt Goesches Gemeinde auf der offiziellen Website: LINK

8.
Diese offiziell römisch – katholischen, also durch aus päpstlich anerkannten traditionalistischen Kreise sind sehr vielfältig auch unter der Laien: Fürstin Gloria von Thurn und Taxis wäre zu erwähnen, die in enger Verbindung steht mit sehr konservativen Bischöfen und Kardinälen, wie etwa Kardinal Müller oder Kardinal Sarah, beide heftige öffentliche Feinde von Papst Franziskus. Überall, wo Katholiken als leidenschaftliche Verteidiger von „Pro Life“ auftreten, etwa auch auf Demonstrationen gegen die „Ehe für alle“, sind Traditionalisten in enger Einigkeit mit AFD Anhängern verbunden oder – etwa in Frankreich – mit der Le Pen Partei.
Aus Frankreich kommt nun auch nach Deutschland die sehr konservative, durchaus traditionalistische Priestergemeinschaft „Christus König“. Frankreich als Zentrum traditionalistischer und damit katholisch – rechtsextremer Kreise wäre ein eigenes Thema. Da wäre auch über die Bischöfe von Toulon oder von Bayonne zu reden, die jetzt nach vielen Jahren ihrer sehr rechtslastigsten Agitation vom Papst Franziskus eingeschränkt und kontrolliert werden. LINK RPS. Es wäre zu reden von den vielen neuen kleineren Ordensgemeinschaften und zahlenmäßig starken charismatischen Gruppen, wie „Emmanuel“, die alles andere als einem offenen, liberalen, demokratischen Geist der modernen Theologie folgen.

9.
Die Akzeptanz des katholischen Glaubens und die Bindung an die römische Kirche nimmt in Europa rapide ab. Eher progressive Katholiken verlassen in Scharen diese Kirche, der sexuelle Missbrauch durch viele hundert Priester weltweit hat das Ansehen des Katholizismus massiv auf Dauer beschädigt. Aber an ein Ende der Klerus- Herrschaft denken nur einige Theologen und Laien. Eher lässt sich Papst Franziskus wie Ende Mai 2024 zu der populistischen Aussage hinreißen, „Schwuchteln gehören nicht ins Priesterseminar“. Als ob die wenigen verbliebenen heterosexuellen Priester den Bischöfen nicht auch Probleme bereiten, etwa offene Beziehungen zu Frauen und deren gemeinsamer Kinder… Für seine populistische, unreflektierte Aussage zu den “Schwuchteln im Priesterseminar” hat sich der Papst nach internationalem Protest entschuldigt.

10.
Da sind es dann eben die treuen Seelen, die sozusagen gegen besseres Wissen noch glauben: Diese katholische Kirche, so wie ist, soll ewig so bleiben, denn sie habe der liebe Gott persönlich gegründet. Diese reaktionären und zum Teil rechtsextremen Katholiken fühlen sich als die Retter des angeblich unwandelbaren katholischen Glaubens. Und sie fühlen sich unter der autoritären Herrschaft des Klerus wohl, sie sind sozusagen die „Führer“.
Ihre Theologie ist eher fundamentalistisch, sie ist zudem faktisch völlig unmaßgeblich in der Breitenwirkung nach außen in die Öffentlichkeit hinein, schlicht ist diese Theologie und aus der zeit gefallen. Aber das finden diese Leute ja gut. Diese Gruppen haben eigene zum Teil noch sehr gut besuchte Priesterseminare, sie sind streng klerikal – männlich strukturiert. Offene Debatten etwa über den Zölibat oder die Akzeptanz von Homosexualität sind tabu.

10.
Prälat Goesche betont selbst ausdrücklich, wo er sich theologisch -politisch aufgehoben fühlt: :
„Wir haben freundliche Kontakte zu traditionellen Instituten wie etwa den Benediktinern von Le Barroux, dem Institut Christus König und der Petrusbruderschaft. Besondere Beziehungen bestehen zum „Brompton Oratory“ in London, das uns in vieler Hinsicht ein Vorbild ist.“  Quelle: http://www.institut-philipp-neri.de/institut.html

11.
Die Reportage von Raoul Löbbert bezieht sich oft auf Berlin, auf St. Afra. Leider wird ein anderes Zentrum traditionalistischen katholischen Lebens in Berlin übersehen: In Berlin – Friedenau, am Breitenbach – Platz, hat die Lefèbvre – Piusbruderschaft ihr Priorat und ihre eigene Kirche. Diese Leute sind nicht offiziell römisch – katholisch. Aber Häretiker – wie die Protestanten – sind sie in päpstlicher Sicht eben auch nicht! Sie sind also doch „noch“ katholisch. Diese Leute warten auf bessere Zeiten in ihrer Sicht: Wenn der Priestermangel in Deutschland und in Europa so groß wird, kann es geschehen: dass der Papst, den Klerus überall als unverzichtbar schätzend, dann doch auf die vielen traditionalistischen Lefèbvre – Priester zurückgreift: Um die klerikale Struktur der Kirche irgendwie noch zu retten. Für ein paar Jahre wenigstens.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

 

 

Warum ist die Vernunftreligion von Kant die Religion der Menschheit für heute und morgen?

Die 21. unerhörte Frage:
Warum ist die Vernunftreligion von Kant die Religion der Menschheit für heute und morgen?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 4.Juni 2024.

1.
In unserer Rubrik „Unerhörte Fragen“ ist diese 21. Frage vielleicht wirklich unerhört: Sie ist erstens, wie alle früheren, provozierend und also auch etwas theologisch frech. Aber diese 21. unerhörte Frage ist auch unerhört in dem Sinne: Sie wird wohl kaum gehört, nicht wahrgenommen werden. Unerhört bleiben. Denn kaum jemand unter den religiösen und theologischen Herrschern in den etablierten Religionen des Christentums, Judentums, Islams und des Hinduismus wird sich über diese Frage freuen, sich mit ihr positiv und dann auch zustimmend auseinandersetzen. Dennoch muss diese Frage gestellt werden. Kant zu Ehren einerseits. Vor allem aber aufgrund der Erkenntnis: Wenn Kirchen und Religionen in dieser Zeit noch eine Chance des Überlebens und des Respektes haben: Dann eben als Vernunftreligionen. Nur dann können sie als die eine Religion der Menschheit dem Frieden dienen.

2.
Wie bei allen unerhörten Fragen wird nur kurz der Hintergrund der Frage ausgeleuchtet: Und dabei bemühen wir uns, möglichst nachvollziehbar „für viele“ den wichtigen Gedanken darzustellen.

3.
Kant hat sich immer mit der Frage nach einer vernünftigen Religion auseinandergesetzt, auch in seinen bekannten und berühmten „drei Kritiken“. Besonders ausführlich äußert sich Kant – mutig bei der damaligen Zensur unter König Friedrich Wilhelm II .von Preußen – zu unserem Thema in seinem Buch von 1793 „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“.

4.
Kant „legt” diese Vernunft – Religion mit ihren Inhalten„frei“, weil sie eben in der Vernunft eines jeden Menschen ihren Grund und ihre Bedingungen der Möglichkeit bereits hat. Die Prinzipien, also unumstößliche Vernunfteinsichten im Sinne Kant, werden durch die Reflexion der Vernunft „offenbart“, wie Kant ausdrücklich in der “Religionsschrift“ schreibt. Offenbarung im Sinne Kants ereignet sich auch und vor allem durch die Reflexion eines jeden Menschen auf die Vernunft: Da wird offenbar, dass die Vernunft des Menschen eine „Schöpfung“ des göttlichen Wesens ist, also selbst Anteil hat am Göttlichen, dem Ewigen..

5.
Und was wird dann deutlich: Der Mensch ist durch die Vernunft auf Gott bezogen. Der Mensch ist frei in seinem Handeln und Denken. Und der Mensch kann aufgrund der göttlichen Vernunft im Menschen hoffen, dass seine Seele in irgendeiner Weise ewig sein wird. Gott – Freiheit – Unsterblichkeit der Seele können also als die drei „unerschütterlichen Ideen“ der Vernunftreligion gelten. Diese Einsichten kann jeder Mensch mitvollziehen, gleich welcher Religion auch immer. Diese Menschen bilden dann im Denken Kants eine Art, „unsichtbare Kirche“. Diese kommt ohne große Organisation aus, ohne Hierarchie, ohne Klerus, ohne „Pfaffen“ sagt Kant ausdrücklich. Kant empfiehlt einzig diese „Religion des guten Lebenswandels“, also der Mitmenschlichkeit, des Respekts… „Die Gebote des sittlichen Lebens sind göttliche Gebote“.

6.
Diese Vernunftreligion mit ihren drei zentralen Einsichten wehrt ab allen Aberglauben, allen Wahn des üblichen religiösen Überschwangs, wie Wallfahrten, Wunderglauben, Heiligenverehrung, Bindung an heilige Bücher, die für Gottes Wort gehalten werden, tatsächlich aber nur subjektiver Ausdruck religiöser Erfahrungen von Menschen vor vielen hundert Jahren sind.

7.
Und wie sieht das praktische religiöse Leben der Vernunftreligion aus?
Der wahre Gottesdienst ist für den einzelnen Vernunftgläubigen und seine Freunde das ethische Leben, das die Kriterien respektiert, die der Kategorische Imperativ vorlegt zur Entscheidung: Ist meine Maxime, meine Lebensphilosophie, mein Handeln, mit dem Kategorischen Imperativ konfrontiert, gut oder nicht. Diese „einfache“ Religion/Kirche ist auch äußerlich von großer Schlichtheit: Sie kann sich an schönen Kirchengebäuden erfreuen, an Kathedralen und alter religiöser Musik, aber diese sind für den „Vernunftgläubigen“ nicht wesentlich.

8.
Kant sieht durchaus, dass die genannten Prinzipen der Vernunftreligion auch in den faktischen Kirchen z.B. (etwas) gelehrt wurden. Aber sie sind dort umgeben von einer Fülle von Sonderlehren und wahnhaften, d.h.den einzelnen auch seelisch krank machenden Praktiken (wie Ablasshandel, Teufelsglaube, Glaube an eine Erbsünde, Bindung an willkürlichen Hierarchen, die etwa den Ausschluss von Frauen vom Priesteramt wider besseren theologischen Wissens durchsetzen, Insistieren auf konfessionellen Identitäten, auf das politische Durchsetzen religiöser Werte, wie das Kalifat usw.

9.
Kant sieht auch: Für die Vernunftreligion werden sich noch nicht viele Menschen entscheiden können. Zu stark sind die durch Erziehung etc. vermittelten emotionalen Bindungen an die faktischen Kirchen und Religionen. Viele lieben die autoritäre Bindung an männliche Herrscher, und katholische Frauen gehen im wahrsten Sinne des Wortes eben nicht auf die Barrikaden, um für ihre Rechte zu kämpfen. Gehorsam ist für religiöse Menschen wichtiger als Autonomie.

10.
Es wird die Zeit kommen, und sie ist wohl schon da, dass weiterhin hunderttausende Gläubige aus den dogmatisch verfassten Kirchen austreten (oder sich vom dogmatischen Islam oder Judentum oder dem Hinduismus abwenden) und sich fragen: Sind wir nun als „Ausgetretene“ gleich auch Atheisten? Oder wollen wir einer „einfachen“ Religion folgen, die die göttliche Schöpferkraft in Vernunft und Seele gelegt hat und die jeder Mensch im Denken entdecken kann?

11.
Mit anderen Worten: Wollen wir frei sein, autonom sein, auch in der Religion und Spiritualität? Darauf hat Kant eine Antwort gegeben. Und dies ist eine kreative und eine mutige Leistung in der konservativen, dogmatisch aggressiven Kirchenwelt Ende des 18. Jahrhunderts.
Die Utopie einer humanen Weltreligion ist also für Kant und seit Kant nicht aus dem Denken zu vertreiben, trotz aller Dominanz des Fundamentalismus in allen Religionen.

12.
Eine allen Menschen im Denken selbst sich offenbarende Vernunftreligion ist der entscheidende Beitrag für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt. In dem Sinne: Der Abschied von dogmatischen und fundamentalistischen Religionen wäre eine entscheidende Aufgabe der heutigen Menschen. Man muss wohl diese etwas pathetisch klingenden Worte gebrauchen, um die Bedeutung von Kants Vernunftreligion überhaupt zu erklären.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

Marienlieder: Die Frommen wissen nicht, was sie singen.

Unverständliches, Merkwürdiges, Entfremdendes in Marien-Lledern
Ein Hinweis von Christian Modehn am 13.5.2024.

Warum dieser Hinweis? Weil die immer noch üblichen Marien – Lieder der beste Beweis sind, dass die katholische Kirchenführung sich der vernunft-gestützten Inhalte von Liedern und Gebeten verweigert, von der Verweigerung, feministische Dimensionen in den Marien – Liedern zu entwickeln, ganz zu schweigen. Diese üblichen Marien – Lieder sind der Beweis: Diese Kirche setzt auf volksreligiöse, intellektuell unkontrollierte Frömmigkeit und unsinnigen Wunder – Glauben. Die Kirchenführung will die Vernunft vor den Kirchentüren zum Stillstand bringen. Sie demonstriert also ihre Zurückweisung gegen die Moderne. Weiteres Beispiel: Ablehnung der Demokratie (also auch umfassende Synodalität der Gleichberechtigung aller) in der Kirche.

EINE aktuelle ERGÄNZUNG am 27.5.2024

Auch heute leben viele Katholiken, zumal in den romanischen Ländern, in einer äußersten innigen Verbundenheit mit Maria, der Mutter Jesu von Nazareth. Für diese Frommen ist Maria nicht die selbstbewusste Frau und Mutter vieler Kinder und Gattin ihres Mannes Josef, sondern die ins Jenseits der Spekulation geschickte Himmelskönigin, sie ist sogar die Mutter Gottes, wenn nicht gar – uneingestanden – eine göttliche Mutter. Also eine Mutter Gottheit: Gerade dies ist ein peinliches Thema für die Kirchenführung: Wie umgehen mit maßlosem Überschwang frommer Phantasien so vieler? Ökumenisch hält man sich zu diesem Thema in Rom sozusagen „unbefleckt – bedeckt“.

Weltweit, vor allem auch in Italien, „wollen heute mehr Menschen als jemals zuvor Maria gesehen haben“, Maria ist ihnen also „erschienen“, berichtet „Christ und Welt“, Beilage von „Die Zeit“ am 23. Mai 2024. „In den Berichten – es sind Dutzende allein aus den vergangenen drei Jahren – geht es um Blut weinende Statuen der Muttergottes, es geht um Weissagungen, welche die Gläubigen von der Jungfrau erhalten haben wollen“…, schreibt Tobias Asmuth. Die Kirchenführung hat jetzt ihre große Mühe, diese ins Maßlose, ins Spinöse und Groteske und Betrügerische abrutschende Maria – Verehrung in dogmatisch korrekte Bahnen zu lenken.

Im folgenden Beitrag wird diese maßlose, irrationale Maria – Verehrung begründet: Sie hat einen Grund in vielen ebenso maßlosen, irrationalen Marien-Liedern der katholischen Gesangbücher. Diese Lieder – meist aus dem 18.und 19. Jahrhundert – hat die offizielle Kirche bis heute nicht nur geduldet, sondern explizit gepflegt. Nur langsam werden offiziell Revisionen vorgenommen, die aber wenig nützen, denn allzu stark sind die Bilder von der Himmelskönigin und der makellosen Jungfrau in den Seelen der Frommen verankert.

……………………………

1.
Theologie, die den Anspruch hat, kritisch zu sein, kann im Jahr 2024 nicht darauf verzichten, auch kritisch die in den katholischen Gottesdiensten auch heute noch üblichen Lieder, zum Beispiel die Marien – Lieder hinsichtlich ihres Textes zu untersuchen. Über die musikalische Qualität wollen wir schweigen.

2.
Wenn der christliche Glaube eine begründete Lebensorientierung sein will, kann er nicht darauf verzichten zu prüfen, mit welchen Inhalten denn die Menschen etwa in den Liedern konfrontiert sind, die zu singen sie in Gottesdiensten aufgefordert werden.

3.
Wir konzentrieren uns hier nur auf katholische Kirchenlieder, evangelische kann man später vom Inhalt untersuchen und auch dort fragen: Was ist nachvollziehbare, aber anspruchsvolle religiöse Poesie auch im Jahr 2024 in West – Europa? Was ist schlicht und einfach mitgeschleppter religiöser Wahn aus dem 16. bis 20. Jahrhundert.

4.
Unsere Analysen fallen knapp aus, sind eben Hinweise für weitere Forschungen und es können längst nicht alle Marien – Lieder untersucht werden.

5. BEISPIELE:
„Freu dich du Himmelskönigin“, Gotteslob Nr. 576.

Da werden die singenden Gläubigen im Text dieses sehr beliebten Liedes aufgefordert: Sie sollen Maria im Himmel („Himmelskönigin“) zurufen: Maria freu dich im Himmel, darüber, dass alles Leid, also auch das Leid Marias, „hin ist“, wie es im Text heißt. Nicht die Gläubigen sollen sich primär freuen, dass Jesus von Nazareth „auferstanden“ ist, nein: Maria im Himmel soll sich freuen über ihres Sohnes Auferstehung. Bei so viel Freuden – Zuspruch der Irdischen an die Himmelsköngin fehlt nicht das Flehen am Schluss: Sie solle doch im Himmel, bei Gott, „für uns (Menschen) bitten…

6.
„Lasst uns erfreuen herzlich sehr“, Gotteslob Nr. 585.

Da sollen sich die Gläubigen über die Auferstehung Jesu von Nazareth freuen. Warum? Wieder ein befremdlicher Gedanke: Weil Maria nicht mehr „seufzt und weint“. Nicht die Gläubigen sollen sich freuen, nicht sie sollen aufhören zu weinen, sondern bestenfalls über den Umweg, dass sich Maria im Himmel freut. Darf man ein solches Denken „entfremdend“ nennen? Gewiss!
Nebenbei: Als ich einst im Kloster war, haben kritische „Mitbrüder“ eher in leisen, ängstlichen Tönen anstelle von „Maria seufzt und weint nicht mehr“ gesungen: „Maria säuft, aber weint nicht mehr“. Das war natürlich etwas blasphemisch, aber der Beginn eines frommen religionskritischen Bewusstseins.
Ganz schlimm wird es in Strophe 5, wo die Frommen singen: „Aus seinen Wunden fließen her, Halleluja, fünf Freudenseen, fünf Freudenmeer, Halleluja“! Verstehe es, wer Laune hat: Jedenfalls gehören solche Liedchen zur „Denken beim Singen bitte abschalten“. Kann man ja noch machen, wer will, es werden immer weniger, die dieses Lied im Ernst mit – singen wollen und können.
Schon komisch, dass solch ein Gesangbuch 1975 (sic) noch erscheinen konnte. Haben die Theologen damals geschlafen?

7.
„Meerstern, sei gegrüßt“, Gotteslob Nr. 578.

Maria als Meeres- Stern zu verehren, ist ein alter Glaube aus Seefahrerzeiten.
Aber der Text in Strophe 1 geht weiter: „Gottes hohe Mutter, allzeit reine Jungfrau, selig Tor zum Himmel“.
Da werden Behauptungen gemacht, die viele Christen heute nicht mehr nachvollziehen können: Maria als Gottes Mutter: Gott hat also eine Mutter. Ist dann diese Frau eben als Mutter früher gewesen als Gott, der Ursprung von allem. Ist dann Maria eine Art Ur-Göttin?
Maria als allzeit reine Jungfrau finden viele, als Formel verwendet, doch sehr problematisch: Maria als wirkliche Frau ist viel näher bei den Menschen… Und ist Maria das „Tor zum Himmel“, also zur Erlösung als „Sein mit Gott“. Kann an ernsthaft auch nicht singen. Denn wenn es eines (von vielen!) Toren zum Himmel gibt, dann wohl die humane Gestalt des Jesus von Nazareth.
Und dieser „Meeresstern“ soll in Strophe auch noch „der Schuldner Ketten lösen“…Das wäre aktuell wirklich wichtig. Macht Maria als Maria im Himmel aber nicht. Als Frau in Nazareth hat sie Schuldner unterstützt? Vielleicht!

8.

„Die Schönste von allen, von fürstlichen Stand“…(Nr. 864)

Jedes Bistum hat noch einen eigenen regionalen, Bistums – speziellen Anhang von Liedern. Und da wird das Nachdenken noch öfter ausgeschaltet. Den BerlinerInnen 2024 wird etwa zugemutet zu singen: „Die Schönste von allen, von fürstlichem Stand, kann Schönres nicht malen ein englische Hand“.
Wollen wir Demokraten wirklich eine Fürstin verehren? Die Dame aus Regensburg, Fürstin G. Von T. Und T. reicht uns völlig. Und auch diese Frage ist wichtig: :Was ist eine „englische Hand“ ? Kommen da die Briten zu Ehren? Die englische Hand bezieht sich auf die Hände der Engel. Seit wann Engel als totale Geistwesen denn nun Hände haben, fragt sich manch ein Sänger und fasst sich an den Kopf.
Diese himmlisch Frau, so wird behauptet, hat zudem „eine goldene Krone“, ein „Zepter“ führt sie, sie ist zudem „eine starke Heldin“. Wirklich beeindruckend! Und schon wieder geht s auch in der 2. Strophe ums Englische, da heißt es: „mit englischem Schritt der höfischen Schlange den Kopf sie zertritt“. Natürlich hat der englische Schritt wieder nichts mit Great Britain zu tun, man denke also nicht an das rüstige Gehen der greisen Königin Elisabeth II., nein: Maria soll mit dem Schritt eines Engels die höllische Schlange zertreten…
„Die Phantasie der Frommen gebiert Ungeheuer“ möchte man nun in Abwandlung des bekannten Capriccios (Nr. 43) von Francisco Goya sagen mit dem Titel. „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“.

9.
Wir wollen diese Hinweis auf nun wirklich sehr befremdliche Texte abbrechen, mit einigen sprachlichen Hinweisen noch aus anderen Marienliedern, die noch speziell im Gesangbuch für die Menschen im Bistum Berlin (1975 veröffentlicht) zum Singen anempfohlen werden.
In Nr. 866 „Wunderschön prächtige…“ wird Maria die „Sonnenumglänzete, die Sternumkränzete“, sogar „die Leuchte“ genannt, in Strophe 3 wird Maria gleichzeitig „Du Gottes Tochter und Mutter und Braut“ genannt…ja was denn nun: Tochter Gottes oder Mutter Gottes oder Braut .. von wem, vielleicht vom heiligen Josef? In Strophe 4 wird ein neues Wort erfunden, Maria sei der „Spiegel der Reinigkeit“ (sic)…Bitte erklärt mir, liebe Herausgeber dieses Gesangbuches, was ein „Spiegel der Reinigkeit“ ist. Doch wohl kein neues Presse – Erzeugnis aus dem Hause Augstein?

10.
Die Frage soll diskutiert werden: Wie oft und wie schnell wird in vielen offiziell katholischen Marien – Songs die Grenze von Glauben zum Aberglauben überschritten? Kaum zu zählen!
Braucht die katholische Kirchenführung diese Art von vertrackter Marien – Frömmigkeit, um die Frauen ins Mysteriöse abzuschieben, um ihnen nicht Gleichberechtigung (etwa Zugang zum Priesteramt) zu gewähren? Sehr wahrscheinlich. Solange solcher Schmarren gesungen wird, wird sich für Frauen nichts ändern in der katholischen Kirche.
Maria als Frau, als mutige Frau, als leibliche Mutter Jesu und dessen Geschwister, von ihrem Mann Josef gezeugt, könnte doch TheologInnen inspirieren … auch zum Lieder Komponieren, wenn man denn das noch will. Passiert aber nicht, oder eher sehr am Rande.

11. Zusammenfassung:
Die Autoren dieser Lieder damals wussten in ihrem totalen spirituellen Überschwang nicht, was sie da alles sich so zusammen reimten. Hauptsache das Reimen, wie dumm auch immer, stimmte, Theologie war egal. Und die – naturgemäß – wenig nachdenklichen Frommen jubelten mit und wussten gar nicht, was sie da alles so singen. Das ist ja ein weit verbreitetes Phänomen, man denke daran, dass der widerwärtige Text der Nationalhymne Frankreichs immer noch geschmettert wird, sicher ganz laut, wenn denn die rechtsextreme Marine Le Pen Präsidentin wird…

Die Herausgeber solcher offiziellen katholischen Lieder für Menschen im Jahr 1975 wussten gar nicht, wie viel Aberglauben sie den heutigen Katholiken zumuten können.

Und die Singenden heute? „Sie wissen nicht, was sie da singen“. Kann man ja machen, bei vielen Schlagern wird auch heute noch viel Unsinn und Blödsinn gesungen. Aber ist das eine Entschuldigung dafür, dass in Gottesdiensten nicht nachvollziehbare Texte gesungen werden? Gottesdienste sollen als geistliche Dienste an den Menschen einen reifen, einen denkenden, einen kritischen Gläubigen unterstützen und pflegen wollen. Diese Lieder sind eine geistige und theologische Katastrophe. Kann man diese Katastrophe noch bewältigen oder wenigstens einschränken: Aufklärung tut not. Wird aber nicht passieren in dieser Kirche, die, wie Papst Franziskus kürzlich richtig sagt, eine „absolute Wahl – Monarchie“ ist.

Zu den Marienliedern: LINK.

Zur Marseillaise: LINK.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

 

Über „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (Immanuel Kant,1793).

WARUM sollen wir uns mit Kants Religionsschrift auseinandersetzen und von ihr lernen?

Einige unvollständige Hinweise von Christian Modehn, geschrieben am 30.4.2024

Vorwort:
Weil Kant argumentierend sich gegen kirchlichen und sonstigen religiösen Fundamentalismus wendet, sollen wir jetzt die „Religionsschrift“ lesen und diskutieren.
Weil Kant zeigt: Religiöses Leben ist – auch im Sinne der Lehren Jesu von Nazareth – ethisches Leben, das den Grundsätzen der Vernunft entspricht.
Kant zeigt, nur ein hinsichtlich der Dogmen stark reduzierter Glaube, lässt eine menschenwürdige Form eines religiösen Lebens zu.
Kant zeigt: Es gibt die Möglichkeit, in dieser verrückten gewalttätigen religiösen Welt eine Art vernünftige Weltreligion aller Menschen zu denken und auch realisieren. Kant spricht von der „unsichtbaren Kirche“, die alle Menschen vereint.
Kant wehrt sich gegen die Vorstellung, religiös oder gar christlich seien jene Menschen, die an Wunder glauben, sich wie Kinder naiv an den herrschenden Klerus binden („Pfaffen“ sagt Kant) und meinen, mit religiösem Trallala in Gesängen und Riten, Wallfahrten etc. irgendetwas Sinnvolles für sich selbst und ihre seelische Reife zu tun: Das ist Entfremdung von der freien Selbstbestimmung des eigentlich vernünftigen Menschen. Er kann ja religiösen Trallala sehr moderat zum Spaß praktizieren, aber immer wissen: Religiöses Leben im Sinne des Lehrers Jesus von Nazareth ist etwas anderes: Ein ethisches Leben allein ist Gott wohlgefällig. Moralisch meint bei Kant: Den Grundsätzen der Freiheit und des Kategorischen Imperativs entsprechend

1.
Einige LeserInnen haben uns gebeten, angesichts der Lektüre unserer Texte zu Kants Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie eine, für weite Kreise bestimmte, hoffentlich dann auch zugängliche Hinführung zur Lektüre vor allem des 4. Kapitels dieses Buches zu schreiben.

2.
Kant plädiert, oft in mühsamen Formulierungen, für die Vernunftreligion, die sich dem Menschen aus der Reflexion auf die Vernunft selbst ergibt … mit ganz wenigen Grundsätzen, wenigen elementaren Glaubenslehren.
„Von dieser natürlichen“, d.h. vernünftigen, „Religion kann jedermann durch seine Vernunft überzeugt werden“ (B 232). Schon im „Dritten Stück“ des Buches heißt es: „Reiner Vernunftglaube beweist sich selbst“ (B 194)

3.
Zwei zentrale Erkenntnisse sind entscheidend für den Vernunftglauben: „Gott ist Urheber der moralischen Welt“. Und: „Es gilt der Vernunftbegriff der Unsterblichkeit.“ Davon kann man jeden „praktisch hinreichend überzeugen“ (B 236.)
Die Kirchenreligion der etablierter Art ist eine „gelehrte Religion“, d.h eine solche, deren Dogmen nur durch Prediger eingepaukt“ werden kann, also von außen indoktriniert wird. Kant spricht in dem Zusammenhang auch von (belastenden, entfremdenden) „Fronglauben“. Er bezieht sich auf Statuten der Religion, ist also ein „statuarischer Glaube.“

4.
Es geht Kant in dieser Schrift also um die Beförderung der entscheidenden Tugendgesinnung durch die Religion (das Christentum). Und Tugendgesinnung wird sichtbar in (moralisch) gutem Lebenswandel. Der wahre religiöse Mensch für Kant ist nicht jemand, der göttliche Gebote bloß äußerlich verehrt, (B 312), ohne dabei „den Willen des himmlischen Vaters tut (ebd.).

5.
Der vernünftige „natürliche ehrliche Mensch“ „auf den man in Geschäften und in Nöten vertrauen kann“ (B 313), wird von Kant gelobt als Beispiel der gelebten Tugendgesinnung. Der „ehrliche Mensch“ wäre also auch der säkulare Humanist oder der „vernünftig Religiöse.“ Ein solcher Mensch ist für Kant dem religiösen Menschen, der auf Gottes himmlische Gnaden vertraut, ebenbürtig. Die Frommen können den Vergleich mit den ehrlichen einfachen Menschen kaum aushalten, meint Kant.

6.
Am Ende seiner Religionsschrift spricht Kant vom WAHN des dogmatischen Glaubens. (B 301) . Wahn ist etwa der Glaube an Wunder.
Auch „das zur Kirche gehen“ als Gnadenmittel zu gebrauchen ist ein Wahn. (B 308.) Wahn gibt es auch bei der Taufe: Alle Sünden werden abgewaschen, heißt es in der griechischen Kirche. Dieser Wahn ist „fast mehr als ein heidnischer Aberglaube“. (B 310.)

7. Wesentlich ist:

Es geht zentral um die Erkenntnis des Unterschiedes :
– Die geoffenbarte, satzhafte, mit Büchern der Offenbarung, ausgestattete Religion wird von Klerikern beherrscht. Diese Religion soll letztlich überwunden werden.
– Und die sich aus der Reflexion der Vernunft selbst ergebende „natürliche“ Vernunftreligion. Diese ist allen Menschen zugänglich. Sie soll gefördert werden.

Beide Religionsformen sind im Christentums durchaus miteinander verbunden: Es kann in der geoffenbarten Religion etwas an Einsicht sein, das mit der allgemeinen Vernunft korrespondiert. Kant spricht vom „Keim“ des wahren Religionsglaubens. Auch in der kirchlich geprägten, der geoffenbarten Religion gibt es vernünftige Elemente, auf die die Menschen von selbst hätten kommen können. Darum kann Kant sagen, religiös gesehen sei seine Zeit die beste: Denn der allgemeine Vernunftglaube habe Keime in der Kirchenreligion, es gibt für Kant also eine Annäherung an die von ihm angezielte „unsichtbare Kirche aller guten Menschen“.

8.
Die Vernunftreligion lebt in einer „unsichtbaren Kirche“, diese ist ohne Strukturen, aber sie kennt durchaus Lehrer, die herrschaftsfrei die Vernunft-Religion erklären. DIESE VERNUNFTRELIGION SOLL ALS WELTRELIGION AUSGEBREITET WERDEN (B 237). Sie braucht eine Dienerschaft, aber keine Kirchenbeamten. Die Vernunftreligion der einzelnen existiert nicht als feste Organisation.

9.
Warum hat Kant diese Schrift verfasst, wo er doch stark von der Zensur des preußischen Staates bedroht war:
Kant zeigt, das er alles andere als eine Vernichter der metaphysischen, also der aufs Göttliche bezogenen Reflexionen ist.
Er spricht argumentierend von Religion. In seinen Hauptschriften hatte Kant den Begriff der Erkenntnis auf die begriffliche Wahrnehmung der Objekte der Außenwelt bezogen. Seine Darstellungen zur Religion sind also streng genommen, im Kantischen Sinne, keine „Erkenntnisse“, sondern eher in Begriffen gefasste Denk – Notwendigkeiten. Aber sofern sie begründet sind, kann man über Kant hinaus gehend diese seine Aussagen durchaus auch im weiteren Sinne Erkenntnisse nennen, denke ich.

10.
Es geht Kant auch in dieser Schrift um einen Durchbruch in der Religions- und der Kirchengeschichte: Es geht ihm um die Förderung der natürlich genannten Vernunft – Religion. Diese ist tatsächlich die in aller Menschen Herz geschriebenen Religion (B 239. ) Sie hat in Jesus einen Lehrer. Jesus ist das Ideal der gottwohlgefälligen Menschheit. Aber Jesus ist für Kant kein Gott-(Mensch).

11.
Nur die „reine moralische Herzensgesinnung“ (B 240) ist religiös und menschlich entscheidend. Diese Forderung des praktischen moralischen Lebenswandels ALS gelebte Religion entspricht den Vorstellungen Jesu von Nazareth: Für ihn ist das menschlich gute Leben Kriterium für ein Gott wohlgefälliges Leben (B 242). Insofern zeigt Jesus selbst schon eine vernünftige Religion, die allen Menschen durch ihre eigene Vernunft verständlich vorgelegt werden kann. (B 246.)

Der Text Immanuels Kants: LINK

Siehe auch diese weiteren Hinweise zu Kant von Christian Modehn:

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Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Christi Himmelfahrt – Mystik und Gerechtigkeit

Ein Hinweis von Christian Modehn.
 Am 2.5.2024

Der Titel des Festes „Christi Himmelfahrt“ kann verstaubt, verschroben, spinös erscheinen. Was das Fest eigentlich meint, hat aber mit Mystik und mit Politik zu tun, genauer: Mit dem Eintreten für die gleiche Würde aller Menschen. Und das können Menschen realisieren. Denn sie haben Vernunft, haben Geist, der heilig ist.

1.
Die neue und – für Dogmatiker und Fundamentalisten – etwas gewagte Erkenntnis lässt sich zusammenfassen: Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten, diese drei Feste, beziehen sich auf eine einzige Erzählung von religiösen Menschen. Die drei Festtage sind also ein einziges “Fest”, das in den Berichten des Neuen Testaments folgend, in eine zeitlich gedehnte chronologische Erzähl – Struktur gesetzt wurde.
Tatsächlich haben die drei „Feste“ einen Mittelpunkt: Es ist die Erkenntnis des göttlichen Geistes in allen Menschen. Und genau diese Erfahrung meint Pfingsten.
Wer also Christi Himmelfahrt verstehen will, muss sich zuerst mit Pfingsten befassen.

2.
Das Pfingst – Fest ist diese Erzählung: Die Gemeinschaft der Jesus-Jünger war nach Jesu Tod überzeugt: Wir haben „plötzlich“, wie in einer Überraschung, als Geschenk, ein neues, ein tiefes Verständnis gewonnen über Jesus von Nazareth. Die Freunde Jesu, die Gemeinschaft der „Urkirche“, erkannte – nach langem Zweifeln und in ihrer Verzweiflung über Jesu Tod – plötzlich eine neue, bleibende geistige Lebendigkeit ihres Freundes Jesus von Nazareth. Er ist über seinen Tod hinaus geistig, nur in der Poesie sagbar, präsent, er hat Teil am Ewigen. Die Freunde Jesu konnten also von Jesus als dem Präsenten, dem Ewigen, sprechen. Diesen Geist, der den lebendigen Jesus von Nazareth erkennt, erlebt die Gemeinde als Geschenk, sie spricht vom Heiligen Geist, als einer bislang kaum bemerkten besonderen Qualität ihres eigenen menschlichen Geistes: Die Menschen erkennen: Der Geist ist heilig!

3.
Und warum gibt es noch über Ostern hinaus ein eigenes Fest Christi Himmelfahrt? Dieses seltsame Wort „Himmelfahrt“ ist eine Metapher für den Mythos, die Erzählung: Dieser Jesus von Nazareth ist nicht im Nichts verschwunden. Jesu Leichnam liegt zwar – wie der Leichnam jedes anderen Menschen – in einem Grab! Aber Jesu Geist als ewiger Geist ist „woanders“, er ist – bildlich gesprochen – an dem Ort des Ewigen, des Göttlichen, in dem „Himmel“.
Die Gemeinde will mit dem Fest Christi Himmelfahrt“ also noch einmal explizit feiern, dass dieser geliebte Mensch und Prophet Jesus von Nazareth nicht mehr nur zur Erde, nicht mehr nur zur Welt der Menschen, gehört. Er ist leiblich verschwunden, aber geistig nicht entschwunden. Jesus ist in den Bereich des Ewigen eingetreten, den man „Himmel“ nennen kann oder „Sein beim Ewigen“.

4.
Warum werden in christlichen Kirchen drei Gedenktage und drei Feste (Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten) in so kurzer Zeit hintereinander gefeiert? Diese drei christlichen Feste haben, wie gezeigt, alle einen grundlegend gleichen Inhalt: Sie feiern den Übergang Jesu (und damit aller Menschen) vom Tod in den geistigen Bereich des Ewigen.
Dass die Kirchen dreimal (Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten) eigentlich das Gleiche, in kurzem zeitlichen Abstand feiern, ist einzig in der sehr menschlichen Begeisterung begründet, möglichst viele Feste – mit unterschiedlichen Akzenten – zu feiern. Be-geisterung kennt oft keine Grenzen…

5.
Noch einmal zurück zur Basis des Festes Christi Himmelfahrt: Pfingsten betrifft das Selbstverständnis der Menschen. Als Fest des Geistes als des heiligen, kritischen Geistes ist Pfingsten das Fest der Dimension, die „den“ Menschen, alle Menschen, auszeichnet. Im Geist als der Vernunft erschließt sich die Menschenwürde, erschließen sich die Menschenrechte. Pfingsten als Fest des Geistes, der heilig ist, macht die Vernunft stark, Pfingsten ist deshalb das politisch sehr präzise Fest der Menschenwürde, der Menschenrechte, der wesentlichen Gleichheit aller Menschen, der universalen Gerechtigkeit also. Pfingsten ist alles andere als ein gedankenloses, fundamentalistisch geprägtes Fest eines frommen, charismatisch sich nennenden Trallala.

6.
Christi Himmelfahrt ist kein Gedenktag an einen ins Unendliche – in himmlische Ferne Entrückten. Christi Himmelfahrt als Erzählung lässt die Welt der Menschen nicht gottlos erscheinen. Vielmehr ist der Geist der Menschen als der göttliche Geist die Anwesenheit des Ewigen im Irdischen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin