Reliquien, alte Knochen, des heiligen Franziskus von Assisi werden jetzt in Assisi öffentlich ausgestellt

Die Verehrung des Toten im Katholizismus findet kein Ende
Ein Hinweis von Christian Modehn am 18.2.2026

1.
Nun werden also auch die Knochen des heiligen Franziskus von Assisi, gestorben vor 800 Jahren, öffentlich der Verehrung feilgeboten. Uraltes Gebein und sicher auch mittelalterlicher Staub können ab kommendem Wochenende in Assisi bestaunt, bewundert, verehrt werden. 350.000 Menschen haben sich bereits zur „Knochen-Show“ angemeldet, sie werden dann in der Basilika San Francesco zu Assisi angesichts der Reliquien ihre Bittgebete in den Himmel senden. (Siehe “Tagesspiegel”, 18.2.2026)

2.
Keine Frage: Franziskus von Assisi ist eine der ganz großen Gestalten der christlichen Geschichte; seine Biografie zu studieren, ist immer inspirierend, zumal sein freundschaftliches Interesse für islamische Gläubige. Wichtig auch seine Kritik an einer viel zu reichen und viel zu mächtigen, gewaltigen Kirche der Päpste. Franziskus wollte arm sein, er lebte in seiner Person und mit der ersten radikalen Brüder-Gemeinschaft eine Kirche der Armen. Er musste sich dann aber dem päpstlichen Druck ergeben und integrierte sich als Ordensgründer offizieller Art ins päpstliche System…Nur die Waldenser hielten gegen die Päpste stand und wurden selbstverständlich verfolgt, aber ihre radikale Kirche lebt bis heute!
Franziskus jedenfalls hat auch als Poet einen Namen, man denke an seinen „Sonnengesang“.

3.
Dieser äußerst ungewöhnliche Mensch verdient also wirklich viel Beachtung. Aber nun, wieder, wie üblich im Katholizismus, werden Knochen und Staub-Reste, genannt Reliquien, den Neugierigen feilgeboten. Dieser Kult bringt kirchlichen und staatlichen Behörden viel Geld ein, man denke etwa auch an die Millionen Euro, die in San Giovanni Rotondo gespendet werden, am Grab, am offenen Sarg, des heiligen Scharlatans Padre Pio, des angeblich Stigmatisierten, der so gern seine angeblich blutigen Hände der verzückten Öffentlichkeit zeigte…LINK 

4.
Die katholische Kirche kann vom Folklorekult der Reliquien – Zurschaustellung genauso wenig lassen wie vom immer noch üblichen Ablass-UnWesen. Im Heiligen Jahr 2025 gab es den immer nich begehrten Ablass, im Jahr des Franziskus – Jubiläums 2026 wird es ihn ebenso wieder geben… Der etwas ramponierte Petersdom soll alsbald repariert werden, tatsächlich!

5.
Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) führt ausführlich ins kritische Nachdenken über den Katholizismus! Wir haben mehrfach auf die sehr richtige und nach wie vor gültige Katholizismus-Kritik Hegels hingewiesen. Einige Zitate aus einem unserem Hegel-Beiträge zum Thema bieten wir in Nr. 7.

6.
Unsere kritischen Hinweise sind natürlich innerhalb des Katholizismus wirkungslos, also eigentlich ziemlich sinnlos. Albert Camus tröstet mit seinem Wort: „Man muss sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen“…
Die Päpste und Prälaten machen also den alten blöden Zauber weiter, weil er immer noch Geld einspielt. Anstatt sich als Kirche und Kirchenführung, als Klerus, öffentlich intensiv zu fragen: Wie kann die Kirche im Sinne des Franz von Assisi heute arm werden, also sich kritisch aus den Klammern des Kapitalismus und Neoliberalismus auch in ihren eigenen Reihen befreien… da werden uralte Knochen feilgeboten, wie einfallslos und intellektuell erbärmlich ist das alles. Natürlich später werden, im Laufe des langen Franziskus – Jubeljahres, wie üblich viele sehr feierliche Messen gelesen und erbauliche Worte gesprochen, „wie immer“…

7..
Nun aber ein Auszug aus unserem Beitrag: Hegel und der Katholizismus:

Zentral ist für Hegel die Erkenntnis: Der Katholizismus ist für Hegel „stehen geblieben“. Er ist noch immer machtvoll vorhanden, aber er ist nicht „wirklich“, im emphatischen, im Hegelschen Sinn von Vernünftigsein! Der Katholizismus ist also durchaus „veraltet“, überholt, weil noch eingebunden in eine vom Geist und der Vernunft längst überwundene Erfahrung von Gott, Mensch und Freiheit.

Laien wurden im katholischen Mittelalters minderwertig betrachtet! Zentral für Hegels Katholizismus Kritik ist auch die Verehrung bzw. Anbetung der Hostie: Diese ist der verwandelte, trans-substituierte Jesus Christus, verwandelt in ein winziges Stückchen Brot. Und diese Hostie ist in eine goldene Monstranz gesetzt. Die Hostie als äußere und äußerliche also veräußerlichte Präsenz des Göttlichen hat für Hegel weit reichende Bedeutung: “Wenn aber einmal zugegeben ist, dass Gott in äußerlicher Gegenwart ist, so wird zugleich dieses Äußerliche zu einer unendlichen Mannigfaltigkeit…dass Christus da und dort, in diesem und jenen, erschienen ist…Allerorten werden also in höher begnadeten Erscheinungen, Bluteindrücken von Christus sich Vergegenwärtigungen des Himmlischen begeben…Die Kirche ist daher eine Welt voller Wunder… Das Göttliche erschient als ein vereinzeltes Dieses, also ein Ding, eine Reliquie etwa“. („Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte“, Meiner Verlag, Hamburg, 1968, Seite 823 f.).

Die Konsequenzen dieser veräußerlichten Frömmigkeit, die sich an wundersame Dinge, heilige Gegenstände, heilige Orte, heilige Personen, heilige Leichen, Reliquien usw. hält, sind für Hegel gravierend: Es gibt dann die entzückten, aber ungebildeten, dumm gehaltenen Laien, die sich an diese heiligen Dinge gewöhnen sollen. Und es sind die Kleriker, die diese veräußerlichte Form der Frömmigkeit fördern. Damals, im 19. Jahrhundert, begannen die umstrittenen Wallfahrten zum „Heiligen Rock“, der angeblichen Kleidung Jesu Christi.
Es wird also in der Sicht Hegels den Laien verwehrt, im eigenen Geist die unmittelbare Verbindung mit Gott zu leben. In seinen „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ sagt Hegel in dem Zusammenhang die durchaus bis heute aktuellen Worte: „Die Menschen sind keine Laien“ (S. 297), „die Laien sind (im Katholizismus) aber dem Göttlichen fremd“ (S. 454) und vor allem: “Denkende Menschen als Laien behandeln ist das Härteste“ (S. 297). („Theorie Werkausgabe“, Band 20, Suhrkamp, 1970). Großartige, aktuell relevante Wirte, man denke an das Hin und Her, an die bescheidenen Erfolge und die vielen Frustrationen des „Synodalen Weges“. Diese Katholiken laufen in ihrer Forderung nach einer wenigstens etwas demokratischen Kirche gegen die allerdicksten Mauern seit Jahrzehnten…

In der katholischen Frömmigkeit erscheint für Hegel „das Verderben, der Aberglauben überhaupt“ in der Verehrung von heiligen Orten, von heiligen Knochen. „Das ist Wunderglaube der ungereimtesten und läppischsten Art. Denn das Göttliche wird auf eine ganz vereinzelte und endliche Weise für ganz endliche und besonders Zwecke da zu sein gemeint…“ (S. 873). Hegels richtige Reliquien – Kritik – Erich Fromms Erkenntnis zur „Nekrophilie“ vorausgreifend – findet förmlich Unterstützung durch Jesus Christus selbst: Der Philosoph zitiert die Frage des „Auferstandenen“: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten“? („Vorlesung über die Philosophie der Geschichte“, S. 471, bezogen auf Lukas Kap. 24).

Das Geistvolle, das Lebendige, ist einzig eben nur beim Geistigen, beim Vernünftigen, zu suchen und auch zu finden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Aschermittwoch und das Aschenkreuz: Auch die Mächtigen werden zu Asche. Ein Trost.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 14.2.2026

1.
In vielen katholischen und auch in einigen lutherischen Kirchen wird am „Aschermittwoch“ das “Aschenkreuz” den Gläubigen von einem Pfarrer auf die Stirn gezeichnet, und zwar sichtbar, es verschwindet schnell nicht von selbst. Die Asche soll eine Weile das Gesicht auszeichnen. Wer nach dem Empfang des Aschenkreuzes in die Öffentlichkeit geht, bleibt ein Gezeichneter: Einer, der seine Sterblichkeit für einen Moment wahrscheinlich akzeptiert hat. Beim Ritus sagt der Liturge, die Pfarrerin: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und zum Staub’ zurückkehrst“ (Buch Genesis, 3,19, ein Spruch Gottes bei der Vertreibung der Menschen aus dem Paradies). Dieser Spruch ist ziemlich bekannt, aber er unterscheidet leider nicht zwischen dem toten Körper, der Staub wird, und dem Geist, der teilhat am Ewigen!

2.

Mich freut an diesem Ritus, weil ich nun materiell, durch die Asche auf meinem Leib, an die eigene Sterblichkeit und das Ende meines Körpers erinnert werde. Mein Körper wird Asche. Der Körper eines Verstorbenen ist bekanntlich nur noch Materie. Der alles belebende Geist ist entschwunden. Wohin? Darüber kann man meditieren und philosophieren. Ein anderes Thema: Siehe Fußnote 1 mit Link zur Erläuterung dieses Thema.

3.
Mich freut und tröstet der Aschenkreuz – Ritus, weil auch die so genannten „Herren dieser Welt“, die sich heute allmächtig wie böse Götter durchsetzen zum Schaden der Menschheit, dass also auch der Körper dieser Herren eines Tages Asche sein wird. Das Aschenkreuz lassen sich diese politischen, ökonomischen, neoliberalen „Götter” und „Halbgötter” natürlich nicht in einem christlichen Gottesdienst auf ihre Stirn zeichnen. Dafür sind sie viel zu sehr Nihilisten, sie lieben die Zerstörung, dass wirklich alles Leben zu Asche wird, mindestens das Land ihres Feindes.
Aber auch der Körper dieser „Herren der Welt“ wird bald nichts als Asche sein. Das tröstet manche Menschen, die hilflos unter diesen bösen Göttern zu leiden haben. Aber es werden neue Herren dieser Welt nachfolgen. Wer wird sie verhindern?

4.
Das Bedenken des Aschenkreuzes führt also wie von selbst mitten in politische Überlegungen. Und diese sind inspiriert von der Weisheit der großen Propheten im „Alten Testament“: Bekanntlich beginnt mit „Aschermittwoch“ die Fastenzeit. Und bei dem Thema hat der Prophet Jesaja eine klare Weisung ( Jes. 58, 6-8): Jesaja schreibt „Das ist das Fasten, wie ich es liebe: Die Fesseln des Unrechts lösen, die Versklavten freilassen, jedes Joch zerbrechen, den Hungrigen das Brot austeilen, die obdachlosen Armen im Haus aufnehmen, die Nackten bekleiden…“

5.
Erst wenn beim Ritus des Aschenkreuzes auch diese politische Botschaft bewusst gesagt und erlebt wird, hat er seinen Sinn erreicht. Dies ist der „politische Aschermittwoch“ der Christen, die sich auf die Bibel beziehen. DIESER politische Aschermittwoch ist anders, radikaler als die daher geredeten Propaganda-Sprüche der verschiedenen Parteien bei ihrem „politischen Aschermittwoch“. Ob dieser christliche – politische Aschermittwoch etwas bewirkt, ist natürlich eine andere Frage.

6.
Es wird bekanntlich die Asche nicht irgendwie diffus über das Haupt der Gläubigen verstreut, nein: Es wird aus Asche ein Kreuz auf die Stirn gemalt. Das Kreuz aber ist das Symbol Jesu von Nazareth, des Gerechten, des radikalen Menschenfreundes, des Kritikers sinnloser religiöser Gesetze, des Weisheitslehrers :„Gott ist unser lieber Vater“…Die genannte Weisheit des Propheten Jesaja hat auch Jesus gelehrt. Aber auf das religiös damals vorgeschriebene Fasten legte er keinen Wert…

7.
Die Feier des Aschenkreuzes ist also auch eine politische Feier. Ein Moment, den rebellischen Geist der Hoffnung wieder zu beleben. Wer das Aschenkreuz empfängt, weiß: Der Geist bleibt lebendig, er lebt weiter… auch über den Ritus des Aschenkreuzes hinaus.

8.
Und auch das tröstet jene KatholikInnen, die gegen die Allmacht der klerikalen Hierarchen endlos kämpfen um die volle Gleichberechtigung auch der Frauen in der katholischen Kirche und gegen die Allmacht des Klerus: Auch die Päpste und Bischöfe lassen sich im feierlichen Ritus das Aschenkreuz auf ihre Stirn zeichnen. Das will sagen: Auch die Körper der Päpste und Prälaten werden zu Asche. Ein Trost für alle, die an die Gleichheit aller Gläubigen glauben, diese Gleichheit aber in der Kirche nicht erleben dürfen. Aber: Die nächsten Kleriker und Päpste kommen bestimmt, vielleicht wird dann alles besser. Hoffnung hat immer auch einen utopischen Charakter…

Siehe auch unseren viel beachteten Beitrag als “Unerhörte Frage”: Was heißt philosophisch fasten? LINK 

Fußnote 1: Die Auferstehung Jesu und der anderen Menschen Auferstehung vernünftig verstehen: LINK:

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Papst Leo besucht im März 2026 Monaco: Das sehr katholische Nest der Millionäre…

Was will der Papst ausgerechnet in Monaco? Etwa andere Millionäre bestaunen? Oder den letzten Staat erleben, in dem der Katholizismus Staatsreligion ist.  Warum eigentlich fährt der Papst nicht alsbald in die Ukraine?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 11.2.2026

Zur Sache:
Es gibt für kritische Religionsphilosophen sehr viel dringendere Themen. Dennoch muss wieder einmal auf die Politik des Papstes Leo XIV. hingewiesen werden, der sich alle Mühe gibt, zwischen „konservativ“ und „in bißchen aufgeschlossen, progressiv“ hin und her zu schwanken. LINK.

Warum um Himmels willen besucht Papst Leo XIV. im März 2026 ausgerechnet das Fürstentum Monaco? Das Fürstenhaus selbst versinkt in einem Sumpf von Finanzskandalen, wie Le Monde 2025 berichtete. Was hat der Papst in diesem Luxus-Nest der Millionäre und Milliardäre zu suchen?

Wenn der Papst, wie er selbst öffentlich macht, so viel und so oft für den Frieden betet und permanent in politisch nachweislich erfolglosen Bittgebeten Gott um Beistand bestürmt und auch nette Friedens-Deklarationen zum Krieg Russlands gegen die Ukraine von sich gibt: Warum besucht er nicht alsbald die Ukraine persönlich, so lange es die Ukraine noch gibt angesichts der entsetzlichen Verbrechen Putins? Aber nein, da muss er die Milliardäre in Monaco beehren. Die wiederum noch mal Riesen – Profit machen, durch die vielen Touristen, die aus Folklore – Gründen den Papst nun auch mal in Monaco sehen und bewundern wollen.

Eine solche Reise („Pilgerfahrt“) in die Ukraine wäre eine tolle politische Tat … und viel mehr als nur ein Symbol. Der Papst könnte bis in die ukrainische Grenze in Polen fliegen und dann direkt mit dem Zug nach Lemberg und Kyiv fahren. Warum macht er das nicht? Unsere Antwort: Der Papst will den Patriarchen Kyrill I. von Moskau, den Putin – Theologen (- Ideologen), nicht verärgern. Denn für die römische Kirche sind Verständigungen mit den theologisch in allermeisten Fällen verkalkten orthodoxen Kirchenführern auch jetzt immer höchst wichtig…Da will Rom sich nichts verderben. Und auch die Katholiken in der Russischen Föderation dürfen nicht in Not geraten durch eine deutliche Solidarisierung mit der Ukraine. Es ist auch bei Leo die alte päpstliche Masche lebendig, man denke an Pius XII.: Zuerst die Kirche retten, dann an zweiter Stelle, etwas, die bedrohten (nicht-katholischen) Menschen.

Einige Details zur Reise des Papstes ins Nest der Millionäre Monaco:

1.
Die nächste apostolische Reise wird Papst Leo XIV. Ende März 2026 ins Fürstentum Monaco unternehmen, so berichtet das „Presseamt des Heiligen Stuhls. LINK

2.
Im Fürstentum Monaco wird sich der Papst bestimmt sehr wohl fühlen: Der absolute Monarch Papst Leo XIV. wird sich bestens verstehen mit einem anderen Monarchen, mit dem sehr konservativen, sehr katholischen Fürsten Albert II. und seiner Familie. Dies wird also ein Treffen zweier bedeutender Herrscher von Kleinst – Staaten: Zwei Quadratkilometer „groß“ ist das Fürstentum, nach dem Vatikan der zweitkleinste Staat der Erde. Aber Monaco ist ein Steuerparadies mit 38.000 Einwohnern, von denen nur wenige gebürtige „Monegassen“ sind, viele Millionäre tummeln sich im engen Monaco und dem 4 km langen Küstenstreifen an der Cote d` Azur.

3.
Das weiß hoffentlich der Papst: Monaco ist ein bevorzugtes Land für Geldwäsche. „Im Juni 2025 wurde bekannt, dass die EU-Kommission plant, Monaco auf die Liste der „Hochrisiko-Drittländer“ zu setzen, Länder also, die die Anforderungen zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung nicht erfüllen – allen Bemühungen Alberts zum Trotz um ein besseres, „sauberes“ Image für den Ministaat an der Côte d’Azur, ein erklärtes Paradies für Reiche.“ Quelle: LINK: https://www.augsburger-allgemeine.de/panorama/monaco-gate-enthuellungen-ueber-fuerst-alberts-geheime-finanzgeschaefte-109210948
Die Augsburger Allgemeine berichtet weiter: „Der einstige engste Mitarbeiter des Fürsten, Claude Palmero, sagte laut Le Monde außerdem aus, dass das Vermögen der Fürstenfamilie über mehrere Umwege in Unternehmen mit Sitz in Panama angelegt sei: „Jedes Mitglied hat seine eigene panamaische Firma.“ Weitere solcher Unternehmen auf den Namen von Albert sowie seinen Schwestern Caroline und Stéphanie befänden sich auf den britischen Jungferninseln.
Darüber hinaus gibt es den Verdacht eines „Systems der Berechnung fiktiver Leistungen“, um Geld zu veruntreuen. Claude Palmero (lange Jahre engste Finanzberater des Fürsten) zufolge habe der Albert II. „häufig Bedarf an Bargeld“, um verschiedene Probleme auf diskrete Weise zu lösen, etwa „den Aufkauf kompromittierender Fotos“. Auch berichteten Le Monde sowie das Investigativmagazin Mediapart bereits über die mögliche Überwachung von Ministern, Beratern des Fürsten wie auch von Journalisten und einem Richter, der inzwischen Klage eingereicht hat.“

4.
„2018 betrug das Bruttoinlandsprodukt Monacos 6,087 Milliarden Euro und pro Arbeitnehmer 108.112 Euro. Damit ist Monaco nach Katar das zweitreichste Land der Welt. Die Immobilienpreise sind sehr hoch. 2018 betrug der durchschnittliche Kaufpreis 53.000 Euro pro Quadratmeter, bei einigen Luxusobjekten 100.000 Euro pro Quadratmeter.“ (Wikipedia, Monaco, gelesen am 11.2.2026)

5.
Ob der Papst auch die sehr vielen sehr luxuriösen Luxusyachten dort segnet, ist noch offen. Segnungen von Objekten aller Art sind ja bekanntlich eine beliebte Beschäftigung des katholischen Klerus.
Ist ein Treffen des Papstes mit Milliardären ausgeschlossen? Will der Papst Stellung nehmen zur These des Franzosen Proudhon: „Eigentum ist Diebstahl“? Vielleicht kommt Mister Trump mit einer Luxusyacht angerauscht? Offene, aber utopische Fragen…

6.
Von diesen Spekulationen abgesehen: Der Papst kann sich als Stellvertreter Christi auf Erden beim Fürsten Albert II. so richtig wohlfühlen: Der Katholizismus ist noch immer Staatsreligion, allerdings mußte trotzdem doch Religionsfreiheit zugestanden werden, damit sich der internationale Tummelplatz für die Sehr-Reichen nicht blamiert. Der Erzbischof von Monaco hat höchstes Ansehen und wichtige Aufgaben. Schließlich muss er am Nationalfeiertag (19. November) das „Te Deum“ in der Kathedrale anstimmen und dem großen Gott danken für den soooo katholischen Fürsten. Der Erzbischof hat auch die schöne Pflicht, die Kinder der fürstlichen Familie zu taufen. Die Fürstenfamilie hat übrigens einen eigenen Hof- Kaplan zu ihren Diensten, Symbol der Erinnerung, etwa an französische Könige im „ancien régime“.…
Jedenfalls gibt es bei so viel katholischer Privilegierung natürlich auch einen „apostolischen Nuntius“ in Monaco und einen Monaco-Botschafter im Vatikan.
Aber so hundertprozentig folgte Albert II. doch nicht der katholischen Moral: Albert hatte eine Geliebte, Nicole Costa, mit ihr hat er einen unehelichen Sohn Alexandre, für beide sorgt der Fürst sehr fürstlich, etwa durch ein luxuriöses Appartement in London, Kostenpunkt 8,5 Millionen Euro…Des Fürsten wahre Gattin Charlene durfte davon nichts wissen:
Das alles ist nicht Klatsch und Tratsch aus Fürstenhäusern, sondern nur ein kritischer Hinweis, welche Implikationen die Reise des Papstes in dieses Nest der Superreichen hat.

7.

Weitere Beispiele, die zeigen, dass der katholische Staat Monaco doch nun wirklich nicht total der katholischen Lehre folgt …, wenn es nämlich ums Geld geht:

Durch das in Monaco sehr gern gesehene Geld-Spiel und die Casinos wurden 530,5 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet, etwa in der Saison 2021-22 LINK: Monaco Hebdo: https://monaco-hebdo.com/actualites/societe/catholicisme-a-monaco/

Die Wochenzeitung „Monaco Hebdo“ berichtet am 12.9.2022 weiter: „Jede erwachsene Frau ist tatsächlich in Monaco autorisiert, sich zu prostituieren. Unter der Bedingung: Dass sie das auf diese Weise verdiente Geld nicht an Dritte weitergibt“ (so nennt man wohl die Zuhälter-Banden vornehm im Fürstenstaat) und :„unter der Bedingung, Kunden nicht in der Öffentlichkeit anzuwerben.“ Quelle: LINK:

Weder die Casinos werden nach dem Papstbesuch geschlossen noch die Prostitution aus dem soooo katholischen Fürstentum verschwinden.

Jedenfalls ist der Fürst so nett, sich an den Herrn Erzbischof von Monaco zu wenden, wenn es um die Anerkennung einer nicht – katholischen Glaubensgemeinschaft im katholischen Monaco geht. Denn so ökumenisch – tolerant ist man ja dort doch, schon der internationalen (atheistischen?) Besucher, Casino-Besucher und Prostituerten Kunden wegen.
Der Generalvikar des Erzbistums Monaco sagt in dem genannten Beitrag von „Monaco Hebdo“: „Wenn Vereinigungen mit religiöser Ausrichtung gegründet werden, informiert die Regierung das Erzbistum, das eine fachliche Stellungnahme abgibt, um die Entwicklung von sektiererischen Entgleisungen zu verhindern. Das ist jedoch nur sehr selten der Fall“.

Und wie finanziert sich die katholische Staatskirche in Monaco: Aufgrund der engsten Verbundenheit mit dem Fürsten zahlt der Staat, etwa für den Erhalt der Kirchengebäude. Kirchensteuern gibt es nicht. Die frommen und reichen Bürger und Freunde Monacos spenden aber gern. Die Spendefreudigkeit bei Kollekten, etwa in der Kathedrale, sei extrem hoch, berichten Augenzeugen.
Der Klerus wird vom Fürstentum bezahlt, viel besser als im bachharten Frankreich!!
„Caritas – Monaco“, die gibt es wirklich, diese Caritas hatte 2023 ein bescheidenes Budget von 224.000 Euro. Die offizielle Website: www.caritas-monaco.com.
Die Kirche der Millionäre und Milliardäre wird freundlicherweise 6.400 Euro für die Armen in Burkina-Faso spenden.

Nach dem Besuch im Luxus – Monaco kann der Papst dann wieder sehr leicht von der kirchlichen und päpstlichen Option für die Armen, etwa in Peru, schwadronieren…

8.
Jedenfalls nach außen ist das Fürstentum sehr katholisch, und der äußere schöne, korrekte, fromme Schein ist ja das Wichtigste im Katholizismus. Noch wichtiger für den Papst: Die zivile Ehe -Scheidung ist noch immer stigmatisiert, trotz gewisser Erleichterungen seit 1970. Bis 2009 war Abtreibung unter allen Bedingungen verboten. Trotz dieser „Liberalisierungen“ ist die Realisierung einer Abtreibung in Monaco selbst verboten, Frauen müssen ins Ausland ausweichen.

9.
Und vor allem wird sich Papst Leo XIV. so richtig freuen: In Monaco gilt die alte Hetero – Normativität, Ehe gibt es nur die zwischen Mann und Frau, die heute bei vernünftigen Menschen selbstverständliche „Ehe für alle“ ist ausgeschlossen. Damit steht Monaco im Kreis anderer „illustrer“ reaktionärer katholischer Staaten, etwa in Lateinamerika oderfundamentalistischer islamischer Staaten. Eine nette Gemeinschaft, in der sich die katholische Kirche bei diesem Thema befindet, aber das stört diese Kirche nicht…
Homosexuelle in Monaco können lediglich einen Partnerschaftsvertrag unterzeichnen, aber nur vor einem Notar, nicht im Standesamt!

10.
Am allermeisten wird sich der Papst freuen, dass in Monaco aktive Sterbehilfe aufgrund der politisch endlich einmal vollumfänglich realisierten katholischen Moral absolut verboten ist.

11.
Warum also diese Reise des Papstes ins Nest der Superreichen? KI weiß darauf eine Antwort: Die beiden sehr kleinen Staaten wollen wohl ihre -hoffentlich seriöse – finanzielle Zusammenarbeit verstärken, Denn beide verwenden den Euro, ohne zur Eurozone zu gehören. Beide Kleinst-Staaten unterliegen den Bewertungen von „Moneyval“, was sie dazu führt, ihre Bankvorschriften an die gerechten Normen anzupassen…(„Moneyval“ ist der Expertenausschusses des Europarates mit dem Thema: Bewertung von Geldwäsche und Terrorismus – Finanzierung).

11.
In jedem Fall sieht man bei dieser Reise des Papstes wieder deutlich: Das ist diese „Doppelrolle“, die geistige Spaltung, in der er sich befindet: Er soll als angeblicher, aber hoch verehrter „Stellvertreter Christi“ eine eminente spirituelle und theologische Wegweisung für die Glaubenden haben. ABER:Der Papst ist zur gleichen Zeit immer auch Staatschef, dem es in dieser Rolle eben nicht um Glaubenslehren im engeren Sinne gehen kann, sondern um knallharte Auseinandersetzungen mit Finanzen, klerikaler politischer Macht in den Staaten und immer auch um Geld.
Wer auch nur etwas die Papstgeschichte der letzten 800 Jahre kennt, der weiß: Meist ging es all den Päpsten zuerst um Geld und politische Macht und öffentliches Ansehen.

Die bisherigen spirituellen Äußerungen des Christus-Nachfolgers Leo XIV. kann man nur kläglich und floskelhaft und wenig kreativ nennen: Alles dreht sich letztlich bei ihm ständig um Bittgebete, die bekanntlich den Charakter des Aberglaubens haben und vor allem auch um seinen sooo hoch geliebten „Vater“ Augustin aus dem 5. Jahrhundert. Aber dessen Theologie sollte wegen der verheerenden dogmatischen Erfindung der Erbsünden-Theologie nun wirklich ad acta gelegt werden.

Das wird selbst ein Augustiner als Papst in einigen Jahren erkennen, hoffen wir. Schließlich dürfen ja die vielen wissenschaftlichen, auch theologischen Forschungen zum Wahnsinn/Unsinn der Erbsünde nicht völlig umsonst gewesen sein. Irgendwann wird auch der Vatikan die theologische wissenschaftliche kritische Forschung respektieren…. Doch wer wird sich in den Jahren dann in Europa noch für Kirche etc. interessieren?

12.

Wollen Sie eine vorläufige Einschätzung zu dieser Pilgerfahrt des Papstes ins Nest der Millionäre, nach Monaco?:

Diese Reise, selbstverständlich wie üblich als “päpstliche Pilgerfahrt” frisiert, ist überflüssig, falsch, unnötig, der falsche Ort, an dem sich ein Papst aufalten sollte, erholen kann sich Leo ja bekanntlich regelmäsißg bestens im Schloß Castel Gandolofo und seinen barocken Gärten… Mn sollte also also sagen: Diese Reise ist ein Skadal. Aber vielleicht bekehren sich ja die Millionäre und Milliardäre Moncaos nach dem Papstbesuch zum christlichen Glauben?  Im ganzen ist allein der Plan des Papstes, diesen winzigsten Luxus staat zu besuchen, eine Blamage für Papst Leo XIV. Wior schkagen als nächstes Reiseziel vor: Nicht nur die Jungferninseln, vor allem zunächst das hübsche Liechtentein, auch sehr, sehr katholisch…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Gerechtigkeit ist etwas Göttliches: Wenn ein katholischer Theologe den Kirchenfeind Proudhon lobt.

Ein Hinweis auf ein Buch von Henri de Lubac über Proudhon
Von Christian Modehn am 2.2.2026

„Revolution und Gerechtigkeit“: Für diese Ziele kämpft der radikale Philosoph Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) in seinem sehr umfangreichen Werk. Mit diesem rebellischen, heftig kirchenkritischen Denker beschäftigt sich objektiv, aber durchaus auch voller Sympathie der katholische Theologe Henri de Lubac in seinem Buch „Proudhon et le christianisme“.
Warum ist es wichtig, daran zu erinnern? Der Theologe veröffentlicht sein Buch unmittelbar nach dem Zusammenbruch der rechtsradikalen, faschistoiden Pétain-Diktatur. Eine denkwürdige Konstellation. Der prominente katholische Theologe zeigt den (französischen) Christen nach dem Ende des Pétain – Regimes: Die meisten Katholiken haben das Regime unterstützt. Hätten sie die Gerechtigkeit für alle als etwas Göttliches angesehen, wäre der Zusammenbruch der Republik, die Verfolgung der Juden und der Linken nicht möglich geworden. Also: Hätten sie den verschmähten antiklerikalen Philosophen Proudhon gelesen, was er über die Gerechtigkeit schreibt…

1.
Das Buch „Proudhon et le christianisme“ wird 1945 in den „Editions du Seuil“, Paris, veröffentlicht, ein Jahr nach der Überwindung der Herrschaft des Vichy-Regimes. De Gaulle ist am 26. 8.1944 in das befreite Paris einmarschiert.

Die Studie des katholischen Theologen de Lubac erscheint unmittelbar nach der Überwindung des antisemitischen, menschenfeindlichen, anti-demokratischen Pétain-Regimes. Aber die LeserInnen werden erstaunt sein, dass es nur einen einzigen winzigen Hinweis auf die Zeit dieses Nazi-ergebenen Regimes Pétain im Buch gibt: De Lubac widmet seine Studie einem Priester, einem Jesuiten, der in der Résistance aktiv war und von der Gestapo am 10.8.1944 ermordet wurde. Sein Name:  Yves de Montcheuil. Da veröffentlicht also der schon damals berühmte Theologe de Lubac ein Buch 1945 und verbindet das Thema nicht mit der politischen Aktualität. Das Buch “Proudhon et le christianisme” ist trotz dieser “politischen Abgehobenheit” wichtig. 

2.
Der Autor ist ein schon damals bekannter Theologe im Jesuitenorden: Henri de Lubac wurde geboren 20.2.1896, gestorben ist er am 4.9.1991. Im Jahr 1929 wurde er Professor für „Fundamentaltheologie“ an der Hochschule der Jesuiten in Lyon. 1938 hatte er das viel beachtete Buch „Catholicisme“ veröffentlicht. Darin plädiert er für ein großzügiges, weites Konzept des Katholischen in der heutigen Welt, „alles Menschliche in höchstmöglicher Liebe einschließend“, schreibt der Theologe Herbert Vorgrimler. (Quelle: FUßNOTE 1)
3.
Aber Liebe zu allen Menschen erfordert auch den Widerstand gegen Rechtsradikale, Antisemiten, Faschisten: De Lubac gehörte während des Vichy-Regimes des Marschall Pétain und seiner Nazi – Freunde zur Résistance in Lyon. Besonders zum „intellektuellen Widerstand“ derer, die den unmittelbar politisch Handelnden im Widerstand helfen, durch persönliche Unterstützung, auch durch theoretische Arbeiten: De Lubac war eng verbunden mit den eher kleinen Kreisen der katholischen Résistance, die sich in Lyon um die geheimen Widerstandszeitschrift „Cahiers du Témoignage Chrétien“ sammelten. Das Motto dieser – bis heute bestehenden – Zeitschrift: „Vérité et Justice quoi qu il en coute“, „Wahrheit und Gerechtigkeit, koste es, was es wolle“.
4.
De Lubac weiß aus eigener Erfahrung, dass nur ein kleiner Teil des Klerus und der „praktizierenden katholischen Laien“ das Vichy Regime aktiv bekämpfte. Die mehrheitlich „braven Christen“ (Mitläufer, Nazi-Freunde etc.) will er durch sein Buch daran erinnern: Der Philosoph Proudhon, zwar ein heftiger Feind der Kirche, stellt auf vorbildliche Weise das Thema der Gerechtigkeit für alle Menschen (zumal für die Menschen im Elend, in Armut) in den Mittelpunkt. Proudhon bewertet die Gerechtigkeit für alle Menschen so hoch ein, dass er ihr sehr deutlich in seinen zahlreichen Publikationen göttliche Qualitäten zuspricht. Die Christen haben also nach Meinung de Lubacs von einem antiklerikalen Gegner der Kirche zu lernen! Man möchte sagen: Trotz dieser Aussagen erhielt diese Proudhon-freundliche Studie des Jesuiten de Lubac die damals erforderliche „kirchliche Druckerlaubnis“.
5.
De Lubac arbeitete an seiner – übrigens leicht lesbaren – wissenschaftlichen Studie über Proudhon (316 Seiten mit zahllosen Belegen und wissenschaftlichen Verweisen) natürlich schon einige Jahre, also zu Zeiten der Herrschaft des Pétain Regimes. De Lubacs Erkenntnis ist eine Provokation für alle Katholiken, die Proudhon bisher als Feind Nr. 1, als Anarchisten, Kommunisten usw. bewerteten. Proudhon hingegen, in der Sicht de Lubacs, will die Religion keineswegs zerstören, sondern auf neue Weise retten, aber er will nicht die bestehende Kirche unterstützen: „Um die Religion wiederherzustellen, muss man die Kirche verurteilen.“ (S. 85).Und die Religion? Sie ist für Proudhon vor allem die Verehrung der göttlichen Gerechtigkeit! De Lubac schreibt ein eigenes Kapitel mit dem Titel: „Proudhon der Theologe.“ Das heißt: Er ist zwar antiklerikal, aber er verdient den Titel Theologe (S.112).
6.
Proudhon neu zu bewerten, ihn aus der üblichen oberflächlichen Interpretation eines „Anarchisten“ oder Atheisten und Kommunisten usw. zu befreien, ist für de Lubac eine theologische Verpflichtung. Denn durch die Hochschätzung der Gerechtigkeit für alle entsteht eine Art neue, große Ökumene: Sogenannte Antiklerikale haben eine tiefe, eine radikale Hochachtung für die Gerechtigkeit, das beweist die Résistance der Sozialisten, Kommunisten, Freidenker. Mit ihnen zusammen haben einige Christen in der Résistance gekämpft, warum sollte diese Gemeinschaft nicht weitergehen? Die „göttliche Gerechtigkeit“ verbindet doch unterschiedliche Menschen! Aber diese Gedanken wurden auch von einer auf sich selbst fixierten Kirche nach 1945 nicht weiter gedacht, schließlich waren ja nun die Kommunisten Feind Nr.1 der Kirche….
7.
Gerechtigkeit steht als Prinzip der Gestaltung von Welt und Gesellschaft an oberster, „göttlicher“ Stelle, betont also Proudhon. Und er zieht daraus die Konsequenz: Ein Christ, der sich nicht für die umfassende soziale Gerechtigkeit interessiert und einsetzt, handelt nicht entsprechend der Logik seines Glaubens (S. 221). De Lubac ist überzeugt: Diese Hochschätzung der Gerechtigkeit „kann man nicht anders als religiös qualifizieren“ (S.297). De Lubac meint sogar: Proudhon erlebe der Gerechtigkeit gegenüber sogar einen „Schauder des Heiligen“ (ebd.) Proudhon ist überzeugt: „Das Gerechte, das Schöne, das Wahre ist die Religion der Zukunft“ (ebd.). Letztlich will er das kirchliche Christentum in der modernen Welt durch die Idee der heiligen Gerechtigkeit ersetzen. De Lubac widmet darum ein eignes Kapitel der Bindung Proudhons an die Gerechtigkeit: „Adoration de la Justice“, „Anbetung der Gerechtigkeit“ ist der Titel (S. 294ff).
8.
De Lubac hat als Theologe durchaus Anfragen an dieses Konzept der göttlichen Gerechtigkeit. Etwa: Sollte nicht doch ein transzendenter Gott mit – bedacht werden, weil er diese Idee der Gerechtigkeit, die in allen Menschen letztlich lebt, „geschaffen“ hat? Denn Proudhon denkt selbst an den Schöpfer: „Gerechtigkeit als das Wesen der Menschheit ist förmlich etwas Angeborenes in der Seele der Menschen“ (S. 302). Angesichts dieser Erkenntnis muss Proudhon betonen: „Diese starke Idee der `angeborenen Gerechtigkeit im Menschen` bleibt ein Geheimnis“ (S. 313).
9.
Bis heute fällt auf: Katholische Autoren erwähnen NICHT in ihren Studien zu dem inzwischen offiziellen vatikanischen Theologen de Lubac dessen Buch „Proudhon et le Christianisme“: Nur ein Beispiel: LINK.
Hingegen war nicht-katholische Presse unmittelbar nach Erscheinen voller Lob: LINK.  www.persee.fr/issue/r1848_1155-8792_1946_num_37_172
10.
Die weitere theologische Entwicklung de Lubacs kann hier nicht dargestellt werden: Er hatte sich seit 1950 zu einem progressiven theologischen Störenfried entwickelt mit entsprechenden Bestrafungen durch den Vatikan (Lehrverbot etc..). Allerdings wurde er durch Papst Johannes XXIII. als theologischer Berater in das 2. Vatikanische (Reform-) Konzil berufen. Seit der Zeit allerdings verbreitete de Lubac eher offizielle, papstfreundliche akzeptable Positionen, wobei seine Interessen etwa für den Buddhismus etwas Besonderes bleiben. Papst Benedikt XVI. auch Papst Franziskus schätzten de Lubac, im hohen Alter wurde er noch zum Kardinal durch Papst Johannes Paul II. ernannt. Heute sind es eher konservative Theologen und Bischöfe, die den nun offiziell katholischen Theologen de Lubac verehren, von Auseinandersetzungen mit Proudhon und dessen Maxime „Eigentum ist Diebstahl“ ist von diesen konservativen Theologen nichts zu hören. Darum merke: Selbst anfänglich progressive Theologen (wie de Lubac anfänglich) werden zu Vertretern des offiziellen Lehr – Systems, wenn sie von Papst und Bischöfen integriert und belohnt werden…
Nun soll der Mann, der 1945 den Kirchenkritiker und Agnostiker Proudhon so sympathisch fand, auch noch „selig gesprochen“ werden, also als Fürsprecher im Himmel von Katholiken hier auf Erden angefleht werden, so beschloß es die Konferenz der französischen Bischöfe 2023. Ob dadurch auch Proudhon etwas in den Stand des Seligen gerät? Eher unwahrscheinlich!
11.
Posthum erschien eine Studie Proudhons über Jesus: „Jésus et les Origines du christianisme”, „Jesus und die Ursprünge des Christentums“. Darin interessiert sich der theologische Agnostiker und Kirchenfeind vor allem für die menschliche Person Jesu im historischen Umfeld. Schon seit seiner Jugend hat sich Proudhon für die Jesusgestalt interessiert. Ausführliche Darstellungen über Jesus bietet auch das Buch „De la justice dans la Révolution et dans l’Église” („Über die Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche“). Die Arbeiten über Jesus zeigen Proudhon als Bibelwissenschaftler, Soziologen und Philosophen. Der Theologe Gérard Bessière hat zu dem Thema ein wichtiges Buch veröffentlicht, das leider auch – in Deutschland – wenig Beachtung fand. (Fußnote 2)
12.
Unsere, von de Lubac inspirierte Erinnerung an Proudhon, an dessen Hochschätzung der Gerechtigkeit, ist natürlich keine „Seligsprechung“ Proudhons.
Wir wissen, dass er ein damals übliches, sehr enges Bild von Familie hatte, dass er die Homosexualität ablehnte und auch antisemitische Äußerungen in die Welt setzte.
Trotz dieser Begrenztheiten: Über die göttliche Gerechtigkeit lässt sich weiter nachdenken. Der Philosoph Omri Boehm zeigt in einer Interpretation des alttestamentlichen Mythos vom Untergang Sodoms: Gott ist selbst an die Gerechtigkeit gebunden, Gott steht nicht über der Gerechtigkeit: Darauf wird im Mythos Gott selbst von Abraham belehrt (etwa: Genesis 18).
In einer Besprechung des Buches „Radikaler Universalismus“ von Omri Boehm hat Christian Modehn geschrieben: „Da die Gerechtigkeit universell ist, steht sie auch über der Autorität der einen wahren Gottheit“ (zit. S. 53 in Boehms Buch). Diese über allem und allen stehende Gerechtigkeit ist entscheidender noch als Gott! Das in dieser Deutlichkeit zu sagen, ist sensationell, weil dann Gott nicht mehr der „Aller-Oberste“ ist. Es gibt eine Art „Gott über Gott“, und dies ist die universale Gerechtigkeit. Aber die zeigt sich in der Erfahrung der Menschen als eine nicht von Menschen gemachte und von Menschen verfügbare Wirklichkeit.“ Quelle: LINK
13.
Proudhon und sein Interpret de Lubac (1945) hätten sich über diese Erkenntnis des (an Kants Philosophie geschulten) Philosophen Omri Boehm sehr gefreut. Wir freuen uns, dass offenbar manche Erkenntnisse der Philosophie Proudhons doch nicht ganz verschwinden und aktuell eine Bestätigung finden.

Fußnote 1: Orientierung, Zeitschrift der Jesuiten, Zürich, 1970, S. 107
Fußnote 2: Gérard Bessière, Jésus selon Proudhon. La « messianose » et la naissance du christianisme, Paris, Éditions du Cerf, 2007, 484 p.

Fußnote 3: Zum Thema “Eigentum ist Diebstahl” (Proudhon) LINK

Fußnote 4: zum Thema: Superyachten – die obszönen Kapitalisten und Milliardäre, Hinweis auf ein wichtiges Buch:  LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Papst Leo XIV. propagiert die Gestalt des katholischen Priesters von vorgestern für heute

Ein Hinweis von Christian Modehn am 6.1.2026

Über die andauernden problematischen Stellungnahmen, “apostolische Texte” usw. des Alleinentscheiders Papst Leo XIV. siehe: LINK.

1.

Die Menschen, die sich nach Gerechtigkeit und Frieden sehnen und entsetzt sind über den kriegerischen „Gott“ der USA mit dem Namen Trump, also die Menschen, die jetzt noch versuchen, bei Vernunft zu bleiben, sie haben ganz andere Sorgen, als sich mit dem offiziellen katholischen Priesterbild zu befassen. Aber Papst Leo fordert dazu auf. Er sollte stattdessen  sehr viel dringender die Bande katholischer Politiker rund um „Gott“ Trump exkommunizieren… aber nein, der Papst muss das alte Klerus – Image aufpolieren. Um es einmal nach aller Art “drastisch  – katholisch” zu sagen…

2.

Papst Leo XIV. hat kürzlich, am 8.12.2025,  ein so genanntes „Apostolisches Schreiben“ veröffentlicht, in dem er das veraltete „Priesterbild“ erneut beschwört, obwohl sehr viele ernst zu nehmende katholische Theologen sehr viel weiter sind. Aber Päpste und Bischöfe erlauben sich ständig, die Ergebnisse der theologischen Forschung zu ignorieren. Welche Großinstitution könnte es sich erlauben, so ignorant mit der Wissenschaft umzugehen?  Der Titel dieses Schreibens: “EINE TREUE, DIE ZUKUNFT SCHAFFT.” Apostolisches Schreiben DES HEILIGEN VATERS LEO XIV. (Siehe auch Fußnote 1)

Aber die Päpste sind die Herren der Kirche, sie können sagen und schreiben, was sie wollen, und die meisten Katholikinnen nicken ehrerbietig unterwürfig, sie sind die braven Schäfchen… 

3.

Wir haben seit Beginn der Herrschaft Leo XIV. am 8.Mai 2025 immer wieder auf dessen theologisch sehr konservativen Tendenzen hingewiesen. LINK 

Nun also ein offizieller päpstliche Text zum Thema Priestertum, den sogar die eher offizielle Website katholisch.de ziemlich mutig kommentiert, Fabian Brand schreibt:. LINK 

4.

Zunächst noch für alle „theologischen Laien“ unter den LeserInnen unseres Hinweises: Man muss immer wissen, dass in der offiziellen katholischen Lehre bis heute der Priester absolut im Mittelpunkt steht. Die Eucharistie, angeblich das Wichtigste nach der Taufe im Katholizismus, darf nur der zölibatäre geweihte männliche Priester feiern. In der von den Päpsten als notwendig behaupteten Verknüpfung von Priesteramt und Eucharistie liegt das ganze Elend der (gegenwärtigen) Kirche, nämlich der Ausschluss der Frauen vom Priesteramt und das Festhalten des meist nur noch pro forma bestehenden Zölibats-Gesetzes.

Diese behauptete totale Unersetzbarkeit des zölibatären Priesters zeigt sich jetzt vermehrt in Europa in der Form der Schließung von Gemeinden und Pfarreien: Und zwar nur deswegen: Weil die zölibatären Priester fehlen und die noch in Europa lebenden vergreisen. Da werden von der klerikalen   Bürokratie einfach Gemeinden zusammengelegt und die wenigen Priester reisen dann sozusagen von einer Kirche zur anderen, um schnell die Messe zu lesen…dabei könnten Laien, junge LaientheologInnen, diese Aufgabe der Gemeindeleitung und des „ Messefeierns“ leisten. Aber nein, es werden viele hundert Filippinos, Inder, Afrikaner aus ihren „Missionsländer“ nach ganz Europa als Lückenbüßer geschickt, um hier den Klerus zu ersetzen. Dabei gibt es in den genannten „Missionsländern“ genug zu tun. 

5. 

Wir zitieren aus dem Beitrag von Fabian Brand über den Schrieb des Papstes Leo XIV. zum katholischen Priesteramt heute:

 „Besonders auffällig ist, dass Leo XIV. in seinem `Apostolischen Schreiben` wieder auf den Pfarrer von Ars verweist. Jean-Marie Vianney verkörperte als Priester das Kirchenbild des 19. Jahrhunderts: strenge Fixierung auf die Eucharistie, der Priester als tüchtiger Beichtvater, der Dorfpfarrer als Ideal. Noch bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde Vianney gern in den Schreiben der Päpste zitiert.

….Zwar hebt der Papst (Leo XIV.) in seinem neuen Schreiben immer wieder die hohe Bedeutung der Welt von heute und der sich veränderten Zeit hervor. Im Blick auf das Priesteramt bleibt er jedoch immer wieder dahinter zurück. Gerade die wichtigen Erkenntnisse der letzten Jahre zu den Themen sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch werden nicht beachtet. Stattdessen werden spirituell stark aufgeladene Theoreme rezipiert, die höchst anfällig sind für Missbrauch. Die wirklichen Fortschritte des 2. Vatikanischen Konzils, nämlich die starke Relativierung des Priesteramts durch alle Getauften und die Realisierung der Sendung des Priesters in der Welt von heute bleiben dabei außen vor. 

So schreibt Fabian Brand in katholisch.de aufgerufen am 6.1.2025

6.

Im Rahmen der Revitalisierung verstaubter Theologien durch Leo XIV. wird als Nächstes durch ihn iwohl nszeniert werden: Die verstärkte Zulassung der alten lateinischen Messe allüberall: mit dem leise Lateinich nuschelten Priester am Altar, sich dem Volk manchmal zuwendend, das „Dominus Vobiscum“ dann hauchend … und die traditionalistische Kirche der Pius-Brüder wird jubeln: Sie haben mit der alten lateinischen Messe auch die veraltete Theologie ins 21. Jahrhundert gerettet. Denn diese Theologie ist reaktionär, gegen Religionsfreiheit, gegen Ökumene, gegen Menschenrechte. Warum wird Papst Leo die lateinische Messe wieder umfassend zulassen? Weil er die jungen Priester so  mdringend braucht, die es in der Lefèbvre – Kirche, also der traditionalistischen Priesterbruderschaft `PIUS X`.bis jetzt noch so sehr zahlreich gibt. Aber längst haben sich andere, sehr papsttreue traditionalistische katholische Priestergemeinschaften innerhalb der offiziellen Kirche stark gemacht, wie etwa die Gemeinschaft „Christus König und Hoher Priester“ (sic) … sie haben doch so viele strahlend – sympathische Kleriker vorzuweisen, die so gern auf die Gemeinden des 21. Jahrhunderts losgelassen werden wollen. Auch die „Petrus-Bruderschaft“ wäre zu in der langen Liste offiziell katholisch -reaktionärer Priestergemeinschaften zu nennen. Diese Priester warten förmlich darauf, bestimmend zu werden in der Kirche.  Dass es jetzt so viele reaktionäre Bewegungen und Priestergruppen in der katholischen Kirche gibt, ist begründet in der Liebe von Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. zu diesen Leuten und ihrer Theologie von vorgestern.

7.

Wir haben schon mehrfach den natürlich total utopischen Wunsch vorgetragen: Papst Leo möge als Mitglied des Augustinerordens (von den anderen, den Reform – Augustinerorden, den Rekollekten und Unbeschuhten, spricht niemand) …  von der Kirchenlehre seines Augustiner-Mitbruders Dr. theol. Martin Luther lernen. Das macht Leo XIV. aber gar nicht.

Genauso wäre es ein utopischer Wunsch, als Papst nicht nur regelmäßig ins prächtige Castel Gandolfo zum Ausruhen zu fahren; sondern auch die benachbarte Evangelisch -Lutherische Kirche in Rom, nahe dem Vatikan, zu besuchen. Die TheologInnen dort könnten ihm vieles beibringen zum Thema “Pastoren/Priesteramt der Frauen im Protestantsimus”  und zur Aufhebung des sinnlosen Zölibats-Gesetzes. 

Papst Leo ist Mitglied des so genannten Bettel-Ordens der Augustiner (wie die Franziskaner, Dominikaner…) Aber so richtig arm, geschweige denn bettelarm – wie es einst bei der Gründung des Ordens 1256 gewünscht und sicher auch gelebt  wurde – will Leo nun gar nicht leben. Bald wird er in dem für ihn renovierten Apostolischen Palast sein hübsches geräumiges Zuhause haben und es mit einem Augustiner aus Nigeria teilen.

Nebenbei: Das Zentrum des Augustinerordens, das “Generalat”, ist nur wenige Meter vom “Apostolischen Palast” entfernt. In diesem Kloster könnte  man als Papst aus dem Augustinerorden ja auch – bescheiden? – wohnen? Aber inzwischen wurden dort viele der leerstehenden Zimmer in ein Luxushotel umgewandelt, der Bettelorden bettelt jetzt eben etwas auf “höherer Ebene”. Info zum Hotel im Kloster: https://www.residenzapaolovi.com/de/

8.

Aber die Augustiner schämen sich wahrscheinlich als römische Katholiken, dass ausgerechnet aus ihrem Orden „dieser“ Martin Luther hervorgegangen ist. Dabei sollten sie stolz sein, dass ein großer Reformator, Luther, – natürlich auch mit seinen Verirrungen, Antisemitismus etc.  dem Orden einige Jahre angehörte. Aber dann erkannte Luther sehr richtig,  dass der Zölibat doch eher eine Verirrung ist als eine Chance für die allermeisten… Aber auch in dieser Frage hat die römisch – katholische Kirche gar nichts von dem Augustinerpater Martin Luther gelernt…

Fußnote 1:  Als Beispiel die Nr 29 dieses päpstlichen Textes: „Ich vertraue alle Seminaristen, Diakone und Priester der Fürsprache der Unbefleckten Jungfrau Maria, der Mutter vom Guten Rat, (dies ist die Lieblingsmadonna des Augustinerordens !, CM) und dem heiligen Johannes Maria Vianney, dem Patron der Pfarrer und Vorbild aller Priester, an. Wie der Pfarrer von Ars zu sagen pflegte: »Das Priestertum ist die Liebe des Herzens Jesu«. [30] Eine Liebe, die so stark ist, dass sie die Wolken der Gewohnheit, der Entmutigung und der Einsamkeit vertreibt, eine vollkommene Liebe, die uns in der Eucharistie in ihrer ganzen Fülle geschenkt wird. Eucharistische Liebe, priesterliche Liebe.” Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 8. Dezember, dem Hochfest der Unbefleckten Empfängnis der seligen Jungfrau Maria, im Heiligen Jahr 2025, dem ersten meines Pontifikats. Leo XIV. 

Ein Freund aus Rom hat uns seinen ergänzenden Text zu diesen frommen warmen Worten des Papstes geschickt. Er meinte, noch vieles mehr könnte er im ähnlichen Stil schreiben: Also nur diese eine kleine Ergänzung zum Schreiben des Papstes:

Als Sohn des heiligen Augustinus, der ich ja bin, wie ich schon am 8.5.2025 sagte, bitte ich unseren heiligen Augustinus und Kirchenleerer: Er möge Christus, den ewigen Hohen Priester bitten, mehr Arbeiter, also mehr Priester, aber bitte keine linken “Arbeiterpriester”, in seinen Weinberg senden. Also gesunde, kräftige und hübsche junge Männer, bitte nicht alle homosexuell, die den Zölibat wenigstens nach außen hin hoch – halten und den traditionellen Gang unserer Kleriker-Kirche mit voller Hingabe und üblichem Gehorsam unterstützen. Auch verheiratete konvertierte Priester von den Anglikanern sind uns wie bekannt sehr willkommen, ebenso verheiratete katholische Priester, die nun Witwer sind, die sich auch willkommen…”

Hier hat unser Freund aus Rom mit seiner Aktualisierung Schluß gemacht. Er fragte nur noch angesichts des  “Apostolischen Schreibens”: In welcher Zeit lebt eigentlich Leo XIV., um solches zu schreiben?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Albert Camus: Seine Spiritualität!

Anläßlich des Films „L`Etranger“, „Der Fremde“, von Francois Ozon, 2025, fragen einige LeserInnen und FreundInnen unseres „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon“: Habt Ihr etwas über „Camus und die Religion“ oder „Camus und die Spiritualität“ publiziert?
Wir bieten einen Beitrag von 2013, nach wie vor aktuell und inspririerend.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 4.1.2026

Albert Camus: Seine Spiritualität.
Von Christian Modehn.

Von dem Gott, wie ihn die Kirchen predigen, hielt Albert Camus nichts: Etwa, an den „gerechten Herrscher“, der gleichzeitig noch ein barmherziger Vater sein soll, aber „Kinder leiden lässt“, konnte er nicht glauben.
Gott ist für Camus das göttliche Geheimnis des Lebens. 1954 notiert er in seinem Tagebuch: „Ich glaube nicht an Gott, bin aber kein Atheist“. In der Zeitung „Le Monde“ sagt er zwei Jahre später: „Ich halte das Nichtreligiöse für etwas Vulgäres und Überholtes“.
Camus ist „fromm“ auf seine eigene Art. Gefühle anderer nachzuplappern und abstrakte dogmatische Lehren als die seinigen auszugeben, das liegt ihm fern. Camus ist spirituell, weil er achtsam das Leben des einzelnen Menschen, auch sein eigenes, wahr – nimmt. Definitive Antworten auf den Sinn „des“ Lebens passen für ihn nicht zur begrenzten Vernunft des sterblichen Menschen. Aber der Mensch soll stolz sein, mit seinem Geist der Freiheit den Zwängen dieser Welt doch überlegen zu sein, selbst wenn alle Sterblichen „zum Tode verurteilt sind.“
Solange der Mensch lebt, muss er wie Sisypus den Stein immer wieder den Berg hinauf wälzen. Aber er weiß, wenn der Stein wieder herunter rollt: Ich bin diesem unabwendbaren Geschehen durch die Kraft meines Selbstbewusstseins überlegen. In Freiheit kann ich mein Schicksal annehmen und es für mich gestalten. Die Alternative wäre der Selbstmord, davon spricht Camus ausdrücklich. Aber der Suizid wäre für ihn ein Sieg des Nihilismus, abzulehnen ist vor allem der Verzicht, Nein zu sagen gegenüber allem Widerwärtigen.
Wenn es ein „Wesen“ des Menschen gibt, dann ist es bei Camus dieses Rebellische. „Bleibt kritische Rebellen, aber werdet nie gewalttätige, tötende Revolutionäre“, schärft er ein.
Die Kirchen lernte Camus schon als Jugendlicher in Algerien kennen. Aber sie können sein eigenes Erleben gar nicht deuten. Sie richten im allgemeinen den Blick der Frommen in die ferne Zukunft der Erlösung, den Himmel: „Später wird alles besser“. Für Camus ist diese Haltung den Christen wie den Kommunisten gemeinsam. Beide können den glücklichen Augenblick inmitten des Lebens nicht lieben, nicht bei ihm verweilen, in der Gegenwart leben.
Camus schätzt über alles die Momente des Glücks in einer kontemplativen Haltung. Die kleinen Essays unter dem Titel „Hochzeit des Lichts“ geben Zeugnis davon. Sie sind eine Einladung, inmitten der (noch verbliebenen) Schönheit der Natur das Geheimnis des Lebens zu entdecken: Etwa das Gefühl der Transzendenz, das sich bei einem Sonnenaufgang am Mittel – Meer ereignet. „Ich lauschte in mir einem fast vergessenen Klang, als finge mein Herz nach langem Stille-Stehen ganz sachte wieder zu klopfen an.“ Selbst Meursault, der durch einen eher lächerlichen Zufall zum Mörder und in Algerien zum Tode verurteilt wird, wie der Roman „Der Fremde“ beschreibt, liebt in seiner Gefängniszelle vor seiner Hinrichtung „die Sterne über dem Gesicht“, „den wunderbaren Frieden dieses schlafenden Sommers“. Meursault öffnet sich „angesichts dieser Nacht voller Zeichen und Sterne zum ersten Mal der zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt.“

Nur in kontemplativer Haltung entwickelt sich das „Bewusstsein vom Heiligen, also vom Geheimnis, das es im Menschen gibt“, sagt Camus, kurz nachdem er den Literaturnobelpreis 1957 erhalten hat.
Die katholische Kirche ist für ihn vor allem an politischen Vorteilen interessiert. Um klerikaler Herrschaft willen werden die Regime Francos, Hitlers, Mussolinis, Pétains unterstützt. Der Gott dieser Herrenmenschen sollte den Menschen tatsächlich „genommen werden“.
Aber Camus weiß, dass es einige „andere Christen“ gibt, Demokraten, Verteidiger der Republik. Mit den Dominikanern in Paris hat Camus – etwa 1946 – gern debattiert, dort sagte er: „Ich werde niemals von dem Prinzip ausgehen, dass die christliche Wahrheit illusorisch ist, sondern nur von der Tatsache, dass ich in diese Wahrheit nicht eintreten konnte“ (zit. In „Dictionnaire Albert Camus“, Ed. Laffont, Paris, 2009, S. 140).
Mit dem katholischen Schriftsteller Georges Bernanos ist er seit der Résistance befreundet. Die Päpste fordert er auf, in ihren Enzykliken klipp und klar Unrecht zu benennen. Er will neue Gemeinschaften von Ungläubigen und Gläubigen gestalten; sie sollen gemeinsam für die Gedemütigten und Elenden eintreten. Das ist die neue Ökumene. Im Engagement wird neue spirituelle Kraft spürbar: “Ich rebelliere, also sind wir“! So heißt das paradoxe Glaubens – Bekenntnis von Albert Camus. Wenige Tage vor der Übergabe des Literatur – Nobelpreises im Dezember 1957 in Stockholm formulierte er noch einmal seine Spiritualität: „Wie viele andere Menschen von heute bin ich des Mäkelns und der Bosheit, mit einem Wort, des Nihilismus müde. Was zu verurteilen ist, sollte verurteilt werden! Aber kurz und bündig. Was hingegen noch gelobt zu werden verdient, sollte ausführlich gelobt werden. Schließlich bin ich ja deswegen Künstler. Denn selbst das Werk, das verneint, bejaht doch noch indirekt etwas und ehrt auch so das armselige und herrliche Leben, unser Leben.“

Dieser Beitrag erschien 2013 in der Zeitschrift PUBLIK-FORUM.

Siehe auch: Albert Camus – ein „Atheist aus göttlicher Gnade“ : LINK

„Rupert Neudeck und Albert Camus“: LINK

Literaturhinweis: 
Unter den Arbeiten Albert Camus` verdient die Übersetzung von „Hochzeit des Lichts“ (übersetzt von Peter Gan und Monique Lang), erschienen im Arche Verlag, Hamburg – Zürich, 2013, besondere Beachtung, zumal im Blick auf das Thema Spiritualität.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Kant sollte jetzt Kirchenlehrer sein! Unser Wunsch für 2026!

Von Christian Modehn am 2. Januar 2026

1.
Der Wunsch des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ für 2026 ist eine Provokation. Sie führt, wie der Name „Provokation“ sagt, aus bestehenden dogmatischen Verirrungen der Kirchen und Religionen heraus, ins Freie, ins Menschliche, das wichtiger und hilfreicher ist als der traditionelle Dogmenglaube.

2.
Im Jahr 2026 darf es den Religionen und Kirchen nicht zuerst um ihre eigenen Dogmen, moralischen Behauptungen und Bindungen an nationale Ideologien (siehe Russland, Israel, USA, Iran usw.) gehen.
Der Papst zum Beispiel muss nicht mehr – irgendwie hilflos – bei jedem Anlass zu Bittgebeten auffordern, so, als würde Gott im Himmel je nach Laune mal die einen, mal die anderen Wünsche erfüllen. Naiver Wunderglaube wird da verbreitet…, den gilt es mit der Vernunftreligion zu überwinden. Nur mit der Vernunftreligion werden Menschen reif und „erwachsen“.

3.
Der Papst, um bei ihm zu bleiben, muss auch nicht mehr ständig seinen geliebten Augustinus zitieren, jenen Heiligen des 5. Jahrhunderts, der die Christen mit seinem gräßlichen Erbsünden – Dogma verrückt gemacht hat. Nein, der Papst könnte oft Erkenntnisse des Philosophen Immanuel Kant zitieren – als Aufforderung, die universell geltende Vernunft-Religion zu respektieren: Sie ist für alle Menschen, auch für alle Religionen und Konfessionen gültig, sie ist die allen und allem übergeordnete Religion.

4.
Wir haben im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin mehrfach auf die Erkenntnis der universellen Vernunftreligion im Sinne Kants hingewiesen. Siehe etwa diesen Beitrag: LINK. Dabei beziehen wir uns auf „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ von 1793 (in der Ausgabe des Meiner Verlages, 2003, die Seitenangabe beziehen sich auf dieses Buch). Es ist falsch, Kant als „Überwinder“ der Idee Gottes oder als „Zerstörer“ des vernünftig begründbaren Glaubens an Gott zu interpretieren. Kant hat als Philosoph erkannt, dass es eine göttliche Wirklichkeit gibt. Er betont aber: Gott ist kein Objekt wissenschaftlicher Beweise, wenn man wissenschaftlich im Sinne der Naturwissenschaften versteht. Aber die göttliche Wirklichkeit als Idee, vielleicht als Ursprung der Schöpfung, muss der Mensch denken, will er seine Existenz umfassend geistig verstehen.

5.
Nicht die Erfüllung religiöser Vorschriften ist für die Vernunftreligion entscheidend, sondern die Pflege der „moralischen Herzensgesinnung“, das lehrt schon Jesus Christus, betont Kant (Seite 214). Nicht gottesdienstliche Handlungen können den Menschen von Verfehlungen befreien, sondern nur die praktische Wiedergutmachung des Unrechts. Nicht das „süße Gefühl der Rache“ darf vorherrschen, sondern die Duldsamkeit…Dies sind Weisungen des Lehrers Jesu von Nazareth in der Sicht Kants. Vor allem: Die Erfüllung der ethischen Pflichten ist der wahre Dienst an Gott, der wahre Gottesdienst! Der Gottesdienst ist die Erfüllung der ethischen Pflichten, also der Menschenrechte: Das muss das beständige Leitmotiv der Predigten und der Praxis in allen Religionen sei. Kant betont: Es ist bloßer „Religionswahn und Aberglaube“ zu glauben, für ein gottgefälliges Leben könne der Mensch noch etwas anderes tun, als den guten Lebenswandel zu praktizieren (Seite 230). Es gibt also für Kant nur „die Religion des guten Lebenswandels, sie ist „das einzige religiöse Ziel der Menschen“ (Seite 236). Solange die Kirchen mit ihren eigenen Lehren noch bestehen, muss die Vernunftreligion allmählich diesen Kirchenglauben durchdringen und überwinden.“ (ebd.)
6.
Die Vernunftreligion lebt im Sinne Kants in einer „unsichtbaren Kirche“, sie braucht keine Herrschafts-Strukturen, aber sie braucht durchaus Lehrer, die herrschaftsfrei die Vernunft-Religion erklären.
„DIESE VERNUNFTRELIGION SOLL ALS WELTRELIGION AUSGEBREITET WERDEN“ (S. 212).
7.
Die geoffenbarte, also die in Sätzen, in Dogmen formulierte, mit Büchern der Offenbarung ausgestattete Religion, wird von Klerikern beherrscht. Diese Religion/Konfession soll letztlich überwunden werden, fordert Kant. In diese faktisch bestehenden Konfessionen sollte aber – wie gesagt – die Vernunftreligion wie ein kritisches, befreiendes Element eindringen, also die konfessionellen Religionen heilen, korrigieren. Auch in der kirchlich geprägten, der geoffenbarten Religion, gibt es für Kant vernünftige Elemente. Der allgemeine Vernunftglaube hat also Elemente, „Keime“ in der Kirchenreligion, die zur Vernunftreligion führen können. Es gibt für Kant eine langsame Annäherung an die von ihm erstrebte „unsichtbare Vernunft – Kirche aller guten Menschen“. Man könnte meinen: Je mehr die faktischen Kirchen und Religionen die Menschenrechte als wesentliche eigene Botschaft und Praxis erkennen, um so mehr nähern sie sich der universellen Vernunftreligion bereits an.
8.
Unser religionsphilosophischer Wunsch für das Jahr 2026 ist alles andere als ein schöner Traum oder bloß ein „frommer Wunsch“. Unsere Provokation ist eine Utopie, die ins Weite führt, in eine friedlichere Welt, in der nicht mehr fundamentalistische Religionen und Kirchen herrschen und ihren Unsinn politisch – kämpferisch durchsetzen. Ohne diese Hoffnung auf einen bessere Zustand der Religionen und Konfessionen stirbt das geistige Leben. Diese hier im Sinne Kants vorgestellte gute Utopie kann für uns und unsere Welt lebenserhaltend sein. Diese Utopie verhindert, dass unbedacht und undifferenziert alle Religionen und Konfessionen angesichts so vieler ihrer Irrungen und Verbrechen pauschal und „einfach so“ total „beiseite gelegt werden“.
9.
Die Vernunftreligion der Menschenrechte lebt bereits, sie ist als gute Utopie „nicht tot zu kriegen“… Die Vernunftreligion wird also die Religion der globalen Zukunft sein: weil sich immer mehr religiöse Menschen von den unverständlichen Dogmen und erstarrten Riten und infantilen Gebeten, Kirchenliedern abwenden … und die fundamentalistischen Verirrungen ihrer Religionen und Konfessionen schlicht und einfach nicht mehr ertragen können! Der “Atheismus” ist selbst eine Art Religion, meist eine fundamentalistische, also abzulehnen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin