Religion und Religionskritik – das große Thema der Philosophen.

Zum neuen Handbuch „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und Religionskritik“ von Michael Kühnlein (Hg)

Eine Buchempfehlung von Christian Modehn

Um einmal persönlich zu beginnen:

Endlich haben wir in unserem „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ überhaupt keinen Grund mehr, uns bei der Zuspitzung unseres philosophischen Interesses irgendwie einsam oder marginal zu fühlen. Das war immer dann der
Fall, wenn fundamentalistisch Fromme aus allen Konfessionen und Religionen die kritische und freie Betrachtung des Religiösen, der Transzendenz, des Unendlichen, des Göttlichen und des atheistischen Nichts als störend für den
(naiven) Glauben (und störend für die selbstsicheren Institutionen vor allem!) abgewiesen haben.

Nun also liegt ein wichtiges Buch über „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und Religionskritik“ vor, der Titel in dieser Zusammenstellung ist glücklich gewählt: Denn immer geht es auch um Religionskritik.

Das Buch enthält 80 Beiträge zu religionsphilosophischen Texten von Platon bis Charles Taylor, wobei 47 Beiträge auf Autoren des 20. bzw. 21. Jahrhunderts bezogen sind! Deutlicher kann die breite Aktualität re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er Überlegungen kaum dokumentiert werden. Die oft vorausgesagte totale Säkularisierung als Verzicht auf „transzendenzoffene Situationen“ (M. Kühnlein) ist also im Denken (und damit auch im Leben der europäisch geprägten Kulturen) nicht eingetreten.

Jedes Kapitel stellt einzentrales Werk eines Philosophen vor. Nach sehr knappen biografischen Hinweisen wird der Kontext des jeweiligen Buches/Textes gewürdigt, dann folgt im 3.Schritt die ausführliche Darstellung des Werkes, es folgen dann Hinweise zur Rezeption und zusammenfassende Überlegungen, bevor die wichtigsten Quellen und Interpretationen genannt werden. Der Herausgeber, der Philosoph Michael Kühnlein (Frankfurt/M.), bedauert selbst, dass einige große Autoren fehlen (müssen – aufgrund des begrenzten Umfangs des Buches). Wer das Inhaltsverzeichnis studiert, wird etwa Lessing vermissen oder Hamann oder Troeltsch oder Martha Nussbaum oder Erich Fromm. Und er wird sehr bedauern, dass Religionsphilosophen aus dem asiatischen, afrikanischen oderlateinamerikanischen Raumvöllig fehlen! Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist heute ein weltweites Thema. Vielleicht wäre dies ein Thema für einen Fortsetzungsband. Auch wenn nordamerikanische Religionsphilosophen wie Taylor gewürdigt werden,das Buch ist eben doch noch euro-zentrisch angelegt.

Aber sein Wert liegt in der meistens wohl doch noch für philosophisch Nicht-Promovierte Leser meistens erreichbaren und mitvollziehbaren Lektüre. Ich habe alle Beiträge bisher nicht lesen können, mir fällt nur auf, dass etwa der hoch aktuelle Philosoph Meister Eckart („Opus tripartitum“) in einem leider sehr fachwissenschaftlich orientierten Duktus vorgestellt wird, so, als wollte man damit unter Eckart Spezialisten glänzen, wobei der Autor, Dietmar Mieth, ja durchaus allgemein zugängliche Texte zu Eckart schon anderswo geschrieben hat. Dieser Beitrag weckt dann doch wieder die Befürchtung, dass die Texte eher Fachphilosophen und Hauptfach Studenten hilfreich sein sollen,. Dabei ist etwa der Text über Ludwig Feuerbach (Das Wesen des Christentums) sehr zugänglich, verfasst von Ursula Reitemeier. Philosophieren und Philosophie sollte nach meinem Verständnis immer „Sache aller sein“. Man freut sich, dass Holger Zaborowski die vom Umfang her eher kleine (und nicht so viel beachtete) Schrift „Phänomenologie und Theologie“ (1927) von Martin Heidegger zugänglich macht, selbst wenn ich persönlich eher eine Interpretation der späteren Werke Heideggers, etwa „Vom Ereignis“ (1936), unter re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er Sicht gewünscht hätte. Aber da hätte man auf die Nazi-Verquickung im Denken Heideggers eingehen müssen…

Wie weit das Verständnis von Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie bei Michael Kühnlein als Herausgeber reicht, zeigt sich deutlich an der Auswahl der Autoren des 20. Jahrhunderts, da werden etwa die Theologen Metz und Moltmann als religionsphilosophisch relevante Autoren verstanden. Auch der äußerst schwierige, explizit katholische Jean Luc Marion ist im Buch vertreten.

Diese Hinweise machen einmal mehr deutlich, dass Religion ein ganz breites Thema ist in der Philosophie sowie der Religionssoziologie (Peter L. Berger) und Psychologie (Freud).

„Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und Religionskritik“. Ein Handbuch, hg. von Michael Kühnlein. 946 Seiten. Suhrkamp Taschenbuch, 2018, 36 €.

Christian Modehn Berlin

 

Papst Franziskus schafft einen Paragraphen 175 für den Klerus

Ein aktueller Hinweis von Christian Modehn am 2.12.2018

Am 3. Dezember 2018 erscheint als Buch, weltweit, ein Interview, das der spanische Priester Fernando Prado mit Papst Franziskus führte. Das Interview bezieht sich auf die so genannten geistlichen Berufungen, also auf Priester und Ordensleute.

Erwartungsgemäß spricht der Papst auch wieder von Homosexuellen, das heißt hier von homosexuellen Priestern und Ordensleuten (offenbar denkt er nur an Männer, lesbische Nonnen sind bislang noch nicht im päpstlichen Visier, kommt wohl noch).Was bisher als Auszug aus dem neuen Buch vorliegt, ist schlicht ein Skandal. Es hinterlässt bei gebildeten Lesern die  schon von Freunden in Spanien gestellte Frage: Dreht der Papst jetzt durch?

Was sagt der Papst?

Die Kirche muss „anspruchsvoll sein“, deswegen hätten bekennende Homosexuelle im Klerus nichts zusuchen. Anspruchsvoll soll bedeuten: Homosexuelle Priester vermindern das Niveau des Katholizismus…

Denn diese schwulen Priester können ein  „Doppelleben führen“. Wenn das so ist, so der Papst, sollten homosexuelle Priester besser, „das Priesteramt und das geweihte Ordensleben verlassen“. Also Rausschmiss und vorher die Bespitzelung durch treue Spione. In Zeiten des § 175 war es auch nicht anders: Schwule wurden von den Nazis mindestens aus ihren Ämter und angesehenen Berufen entfernt. Man kann also sagen: In der katholischen Kirche soll der § 175 fortbestehen.

Papst Franziskus hat so viel Mut, sein sexualwissenschaftliches Niveau zu dokumentieren, indem er tatsächlich, so wörtlich, meint, „Homosexualität sei in Mode“. Als würden sich homosexuelle Menschen aus einer modischen Laune heraus diese ihre Sexualität wählen. So viel Unsinn hat man schon im zurückliegenden 20. Jahrhundert kaum noch unter ernstzunehmenden Leuten gelesen.

Der Papst empfiehlt zudem erneut, wie religiöse und rechtslastige Fundamentalisten aller Couleur, dass Homosexuelle wieder „psychologisch  und affektiv gesund“ werden sollten.

Homosexualität also als Krankheit: Man glaubt zu träumen, wie ungebildet sind eigentlich diese geistlichen Herren im Vatikan?

Der Papst empfiehlt eine tief schürfende Analyse der Priesterkandidaten hinsichtlich ihrer Homosexualität. Dabei, so wörtlich, „sollte man auf die erfahrene Stimme DER Kirche hören“. Seit wann hat DIE Kirche (also die Hierarchie ist immer gemeint, wenn von DIE Kirche die Rede ist) auch nur die geringste Ahnung von dem, was Sexualitäten heute betrifft? Was weiß DIE Kirche von Gender, von Feminismus, von sexueller (normaler) Vielfalt? Der Text des Papstes ist ja der beste Beleg fürs Nichtwissen.

Der Papst gibt zu, dass Bischöfe aufgrund mangelnder Kenntnis völlig irritiert sind, wenn sich in ihrem  Klerus Priester als homosexuell zeigen. Ja, ja, so muss der Papst eingestehen, „auch im Ordensleben gibt es keinen Mangel an Fällen“. Mit „Fällen“ meint der oberste Hirte der Kirche homosexuelle Menschen. Sie sind „Fälle“! Die Verwendung dieses Wortes auf Menschen nannte man nach der Nazi –Zeit die „Sprache des Unmenschen“, aber das am Rande.

Selbst wenn dem Papst ein Ordensoberer sagt, es gebe halt eine Zuneigung zwischen Männern, hält der Papst dies, so wörtlich, für einen Fehler. Der Papst denkt wohl: Priester sind bessere Maschinen, die ohne jede noch so leise Form von Erotik, von Nähe und Freundschaft auskommen müssen. Der Papst und die oberste Clique im Vatikan wollen also Priester als neutrale Wesen, als Funktionäre.

Der Papst ist verlogen: Er verschweigt, dass viele heterosexuelle Priester ja doch auch Erotik erleben und Kinder zeugen, die sie meistens dann verbergen und verleugnen, die Alimente zahlt der Bischof oder die Ordensleitung. Das sind beträchtliche Summen an Kirchensteuern etwa… An die verstoßenen Frauen und an die Kinder, die ihren Vater nicht kennen, nicht nennen dürfen, denken die wenigsten hohen Klerus-Funktionäre. Sie zahlen ja, das ist alles. Das System bleibt erhalten…

Ein regelrechter Hass auf Homosexuelle zeigt sich erneut in der römischen Kirche bis hinauf zu diesem Papst, den einige einst noch für akzeptabel aufgeschlossen hielten, bloß weil er ein paar linke Thesen zur Ökonomie unters Volk brachte oder Obdachlosen die Füße wusch oder Erzbischof Romero heilig gesprochen hat. Nun zeigt Papst Franziskus, dass er ins reaktionäre Lager abgerutscht ist. Vielleicht aus Angst vor den machtvollen, noch „reaktionäreren“ Prälaten in der päpstlichen Kurie… Mal sehen, was er alles verbreiten wird beim Weltjugendtreffen in Panama im Januar 2019. Kondome werden bestimmt nicht offiziell verteilt, und es wird das ungeborene Leben erneut aufs höchste verteidigt und nicht das geborene Leben im Elend und der Gewalt Zentralamerikas. Dass der unsägliche Machismus auch gewalttätig, tötend, anti—schwul ist, weiß jeder Gebildete. Wird es einen päpstlichen, kirchlichen Aufstand in Panama geben gegen den Machismus – Wahn? Wohl kaum, denn dann müsste die Kirche die Frauen endlich absolut gleichberechtigt und gleichwürdig behandeln, also etwa zum Priesteramt zulassen…

Noch einmal: Der Papst schießt sich erneut auf die Homosexuellen ein, weil dies wohl auch eine Besänftigungsgeste ist bei den, sorry, völlig reaktionären Kardinälen, die so dumm sind und nicht wissen: Wer sich als Schwulen-Hasser etabliert, ist selbst schwul. Das wissen allmählich schon die Oberschüler.

Der Papst empfiehlt also dringend, wie einst schon der Ratzinger – Papst, Männer mit homosexueller Neigung nicht in den Dienst des Priestertums oder der Orden aufzunehmen.

Wird diese Weisung befolgt, sind die Priesterseminare und Ordenshäuser bald völlig leer oder nur bewohnt von Lügnern, die als Schwule ihre tiefe Zuneigung zu Frauen bekennen müssen (auch diese Zuneigung dürfen sie dann ja auch nicht ausleben).

Die römische Kirche ist eine Kirche, die es sch erlaubt, sich auf Jesus zu berufen, auf den Mann, den Liebhaber, den Freund (etwa zum Lieblingsjünger Johannes), die aber Liebe als erotische Liebe für ihre Priester und Ordensleute verbietet. Kann man sich etwas Unmenschlicheres in dieser Welt vorstellen: Du darfst nicht lieben als oberstes Gebot für Seelsorger!

Die römische Kirche sollte sich vom Zölibat befreien. Das wurde millionenfach seit Jahrhunderten gesagt von klugen Theologen und klugen Psychologen. Sie sollte sich der Wissenschaft und den Lebenserfahrungen reflektierter Menschen anschließen und lehren: Homosexualität ist eine ganz normale Variante menschlicher Sexualität. Basta!

Und die Bischöfe und der Papst sollten die Gemeinden befragen, ob sie denn so furchtbar leiden unter homosexuellen Priestern. Wahrscheinlich ist dies eher nicht der Fall. Ich kannte –als ehemaliges Mitglied eines Ordens-  tatsächlich sehr viele homosexuelle Priester und Ordensleute, sehr viele, die waren und sind wahrlich alles andere als Ungeheuer. Die Gemeinden leiden wohl mehr unter der Raffgier und den Machtgelüsten heterosexueller Priester und Bischöfe.

Das ganze System der römischen Kirche ist krank. Das ist eine Tatsache. Nicht Reformen, eine neue Reformation ist die einzige Hilfe für alle, die noch mit der römischen Kirche irgendwie (auch beruflich –finanziell) verbandelt sind. Zu diesem Kreis und zu dieser Kirche gehöre ich seit Jahren (als Theologe) nicht mehr. Ich beobachte nur aus der Ferne diese Entwicklung, weil diese machtvolle Irrlehre des Papstes meinen vielen homosexuellen Brüdern (auch den christlichen, auch den muslimischen, auch den jüdischen) weltweit das Leben schwermacht. Was soll denn ein verfolgter katholischer Homosexueller etwa in Uganda und anderswo sagen, wenn selbst der Papst Homosexualität de facto für minderwertig hält?  Der Staat kann diese armen Menschen verfolgen, quälen, alles mit gutem Gewissen: Der Papst hat doch auch sehr viel gegen Schwule, heißt es dann

Der Papst betreibt Homophobie. Und diese ist eine Form des Rassismus. Der Vatikan setzt die Politik des § 175 fort.

Es könnte die Zeit sehr bald kommen, wo etwa katholische Homosexuelle, die dermaßen diskriminiert werden von Papst und Co., zahllose Namen nennen von homosexuellen Priestern und Ordensleuten und Bischöfen und Päpsten, so dass deutlich wird: Eigentlich ist dieser Klerus immer schon schwul gewesen, er hat sich nur selbst gehasst,  weil er der offiziellen unmenschlichen Kirchen – Ideologie/Moral dann doch entsprochen hat. Und, dies sehen wir heute: Weite Kreise des Klerus sind wegen dieser Unterwürfigkeit seelisch krank geworden. Kranke Priester sind also die Seelsorger der Gemeinden…

Quelle: https://www.aciprensa.com/noticias/papa-francisco-un-homosexual-no-puede-ser-sacerdote-ni-consagrado-89755

Papa Francisco. La fuerzade la vocación. La vida consagrada hoy. Una conversación con Fernando Prado(Publicaciones Claretianas)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin


Von Schleiermacher heute lernen. Ein Hinweis von Prof. Wilhelm Gräb

Von Prof. Wilhelm Gräb, Berlin, November 2018  – anlässlich des 250. Geburtstages von Friedrich Schleiermacher

Veröffentlicht im Interview „Religion gefährlich und unentbehrlich“

Friedrich Schleiermacher wird von Theologen und Kirchenleitungen gern der „Kirchenvater des 19. Jahrhunderts“ genannt. Es gibt jetzt sogar eine Sonderbriefmarke zu Ehren seines 250.Geburtstages. Als diese im Berliner Dom vor kurzem der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, ist auch wieder an diesen angeblichen „Kirchenvater des 19. Jahrhunderts“ erinnert worden. Doch er wurde dies leider nicht und auch heute müsste sich in unseren Kirchen erst noch enorm viel ändern, bevor Schleiermacher seine Ideen zu einer Kirche, die in die moderne Zeit passt, auch nur einigermaßen verwirklicht sähe.

Gewiss, Schleiermacher ist seiner Zeit selbst auch Kompromisse mit der dem landesherrlichen Kirchenregiment unterstehenden preußischen Kirche eingegangen. Aber er hat sich doch mit dem König, Friedrich Wilhelm III., aufs heftigste angelegt als dieser im sog. Agendenstreit auch noch über die gottesdienstlichen Ordnungen bestimmen wollte. Schleiermachers Ideal war eine sich von unten, durch die Selbsttätigkeit der Gemeinden aufbauende Kirche, die radikale Trennung von Thron und Altar, Kirche und Staat. Er wollte eine christliche Gemeinde, die ihre Angelegenheiten selbst regelt, weil sie durch die Mitbeteiligung aller an einer Verständigung über die alle gleichermaßen betreffenden Belange des Lebens zusammengehalten wird. Die Religion gehörte für ihn essentiell zum Menschsein, weil ihm das Bewusstsein der Gottesbeziehung zugleich der Grund menschlicher Freiheit war. Den religiösen Glauben verstand er als eine unerschöpfliche Quelle der Lebenskraft, als Grund einer allen Menschen mitgegebenen Befähigung zu Autonomie, zur Selbstbestimmung in den religiösen wie in allen anderen Dingen des Daseins.

In seinen „Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ (1799), 10 Jahre nach der französischen Revolution, entwickelte Schleiermacher sein bis heute inspirierendes Kirchenideal. Er sprach von der Kirche als einer „vollkommenen Republik“, in der alle wechselseitig aufeinander wirken, Geben und Nehmen allen gleichermaßen eigen, die Unterscheidung zwischen Priestern und Laien aufgehoben ist. Eine Kirche, die dennoch nicht nur ein frommer Zirkel ist, sich nicht aus der Welt zurückzieht, sondern die „Anschauung des Universums“ betreibt, die Suche nach dem Sinn des Ganzen und unseres eigens Dasein zu ihrer Sache macht.

Es braucht Orte und Gelegenheiten in der Gesellschaft, wo wir uns über die existentiellen Fragen des eigenen Lebens und wie über das, was die Gesellschaft im Innersten zusammenhält, verständigen können. Dass die Kirche ein solcher Ort in der Gesellschaft sein könnte, das war Schleiermachers Traum. Ich meine seine Impulse sind aktueller denn je!

copyright: Wilhelm Gräb, Berlin.

 

Wird der Katholizismus rechtsextrem vergiftet ?

Ein Hinweis von Christian Modehn

Immer mehr aktuelle Ereignisse zeigen: Der gegenwärtige Katholizismus wird weltweit von rechtsextremen Führern und damit von rechtsextremen Ideologien durchsetzt. Das wird nicht umfassend genug wahrgenommen, weil das kritische Interesse in der Kirche wie der Öffentlichkeit – zurecht ! – auf die weltweiten Verbrechen des sexuellen Missbrauches durch Priester usw. fixiert ist. Aber es gibt viel mehr Gefährliches…

Leider gibt es seit Jahrzehnten auch rechtsextreme Gruppen in evangelischen bzw. evangelikalen und pfingstlerischen Kreisen. In den USA gehören fundamentalistisch Bibelgläubige zu den leidenschaftlichsten Anhängern des großen Lügen-Propagandisten Trump. In Brasilien haben jetzt auch dort politisch (und in den Medien) einflussreiche Evangelikale den allgemein so bezeichneten Neofaschisten Bolsonaro zum Präsidenten gewählt. Ich habe nirgendwo gehört, dass sich etwa deutsche Evangelikale oder Freikirchler von ihren brasilianischen Freunden distanziert haben. Die katholischen Bischöfe Brasiliens sahen sich außerstande, in einem gemeinsamen Wort ausdrücklich vor der Wahl Bolsonaros zu warnen. Sie zeigten sich zögerlich – sympathisch – neutral, unterstützten also indirekt die Wahl Bolsonaros.

Ergänzung am 15. November 2018 von Christian Modehn: Evangelikale – eine politische Schande für die USA und Brasilien

1.Sehr viele Europäer wussten es schon, nun bestätigen es „Nachwahlbefragungen“ erneut: So genannte praktizierende Christen, vor allem Evangelikale, haben bei den US Kongresswahlen 2018 mehrheitlich (61 %) für Trump und die Republikaner gestimmt.

Aber was heißt „praktizierend“? Sonntags an den Gottesdiensten teilnehmen; pro life Aktionen mit absolutem Eifer unterstützen; den Pastoren viel Geld spenden; die Bibeltexte wortwörtlich lesen, also fern von jeglicher theologischer Kritik. Die sehr konservative website kath.net hat das (am 9.Nov. 2018) berichtet: Atheisten und Christen, die eher selten oder nie Gottesdienste besuchen, haben Demokraten gewählt. Dabei können diese Menschen wohl noch zwischen Götzen, Führern, und Gott unterscheiden… Und sie praktizieren an der politischen Basis oft die Menschenrechte, den Schutz der Flüchtlinge usw. Eine Praxis, die dem Denken Jesu von Nazareth zweifelsfrei sehr nahe steht…Vom Tempel/Gottesdienst-Besuch hielt Jesus von Nazareth bekanntlich nicht  viel… Empathie, Nachdenken, Solidarität waren ihm wichtiger… Bei den US-Katholiken hat jeder Zweite für die Republikaner (Trump) gestimmt…

2.Mit dem Wahn und dem offenkundigen intellektuellen, politischen und theologischen Niveauverlust der Evangelikalen in Brasilien werden sich hoffentlich sehr bald auch in Deutschland Religionswissenschaftler und Soziologen befassen. In Brasilien sind die Evangelikalen die leidenschaftlichsten Unterstützer des neuen Präsidenten Bolsonaro. Darauf habe ich schon mehrfach hingewiesen. Nun wird es im „Tagesspiegel“ durch Philipp Lichterbeck, Rio de Janeiro, erneut bewiesen (am 15. November 2018). Die unflätigen Reden Bolsonaros werden dokumentiert, seine Hasstiraden, seine Politik der Ausgrenzung und Menschenverachtung, oder, wie Beobachter treffend sagen, sein „Neofaschusmus“. „Die Pastoren der konservativen evangelikalen Kirchen beten inbrünstig für Bolsonaro“, so Lichterbeck.

Wann können wir berichten: Die deutschen Evangelikalen (die Evangelikalen in den USA können es ja nicht wegen ihrer Bindung an Bolsonaros Vorbild Trump) distanzieren sich also wenigstens deutsche Evangelikale und Pfingstler explizit von ihren „Glaubensbrüdern“ in Brasilien?

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Der Religionsphilosophische Salon Berlin befasst sich auch zentral mit der Kritik der Religionen und Konfessionen.

Von daher unser Interesse an dem Thema, das ich hier nur für den katholischen Bereich andeuten will. Dies als Aufforderung, wahrzunehmen, was heute katholische Kirchenführer politisch äußern. Etwa zum Ende des 1. Weltkrieges, zur AFD, zur Partei Marine Le Pens, zur FPÖ, zu Italiens Neofaschisten oder Polens Katholiken, besonders zu dem rechtsextrem-katholischen Radiosender Maryja unter dem Redemptoristen Pater Rydzyk, der immer noch seine nationalistischen und antisemitischen Beiträge senden darf, ohne dass etwa Rom diesen rechtsradikalen Priester zum Schweigen bringt. Auch die anhaltende Bemühung um Versöhnung Roms mit den katholischen Traditionalisten der Bewegung Lefèbvre, die gerade in Frankreich oft rechtsextrem orientiert sind, gehört hierher.

Darum der erste und entscheidende Gesamteindruck: Die katholische Kirchenführung duldet rechtsextreme Positionen innerhalb der Kirche sehr viel mehr als – vergleichsweise – linksextreme Positionen. Beide Extreme sind falsch. Aber für den Katholizismus sind spätestens seit den Konkordaten mit Mussolini und Hitler Rechtsextreme bzw. Faschisten irgendwie sympathischer als etwa Kommunisten. Von den widerwärtigen Polemiken etwa Papst Gregor XVI. gegen die Menschenrechte einmal ganz abgesehen….

Diese Bevorzugung des Faschismus sah man auch in der politischen Haltung des polnischen Papstes etwa gegenüber den faschistischen Diktaturen in Chile, Argentinien, Brasilien usw. Und in dem Zerstören angeblich linksextremer Positionen in „der“ Befreiungstheologie durch die Glaubensbehörde unter Ratzinger.

Die römische Kirche hat stets den Rechtsextremen mehr verziehen als den Linksextremen. Aber diese Blindheit der Kirche muss ausführlicher studiert werden. Das liegt daran, dass die Rechtsradikalen und Faschisten eher noch von „Gott“ sprechen als die Kommunisten etwa. Die wollen, so die katholische Kirchenführer, eine antigöttliche Gegenwelt, ein gottloses „Reich Gottes“ aufbauen… Das bloße Gerede von Gott durch Faschisten und Rechtsradikale finden offenbar viele Bischöfe, Prälaten usw. also sympathisch. Man denke an Spanien, an Franco, usw… Dies gilt bis heute.

Im Focus der aktuellen Aufmerksamkeit sollte der us –amerikanische Katholik Steve Bannon stehen. Bannon ist politisch Interessierten bekannt, er war (und ist im Hintergrund?) der Chefstratege von Mister Trump, verbandelt mit US – Milliardär Robert Mercer. Ich habe 2017 schon ein rhetorische Frage gestellt: Sollt der Papst Bannon, wie Mafiabosse bereits auch, exkommunizieren? Denn Bannon ist bekennender Katholik und bemüht sich nun in zahlreichen Treffen in Europa, ein rechtsradikales Netzwerk der rechtsextremen Parteien Europas zu festigen, dieses Netzwerk heißt „The Movement“. Damit will er Einfluss nehmen auf die Europawahl 2019.

In Rom/Vatikan hat sich der rechtsextreme Katholik Bannon etablieren können. Er ist eng mit dem offiziell katholischen Institut „Dignitatis Humanae“ in Rom verbunden. Dieses Institut nennt sich unbescheiden „Denkfabrik“, zum Beirat gehören unter anderen die bekannten sehr konservativen (und Franziskus – feindlichen) Kardinäle des päpstlichen Hofes (curia) Peter Turkson, Robert Sarah und der deutsche Reaktionär Kardinal Walter Brandmüller. Dazu gehört auch der Feind des Papstes, Erzbischof Viganò.

Nun haben diese Herren ein neues Tagungshaus ausbauen können, das wunderschöne, herrlich gelegene ehemalige Karthäuserkloster „Certosa di Trisulti“. Steve Bannon hält – auch per Videoschaltung – dort Vorträge. Der Journalist Thomas Migge (Rom) berichtete im Deutschlandfunk am 25.10. 2018 über dieses rechtsextreme katholische Studienzentrum und er nennt in dem Zusammenhang auch den Priester Don Curzio Nitoglia aus den Traditionalistenkreisen: Er ist davon überzeugt, berichtet Migge, dass das „christliche Europa“ bedroht sei, von den, so der Geistliche, islamischen „Horden“ aus Afrika und von „gottlosen Kapitalisten“ und Juden aus den USA. Don Nitoglia: „Die USA gründen sich auf drei Ideen: das Freimaurertum, den Judaismus und einen liberalistischen Protestantismus. Dann sind da noch die Hochfinanz, die Banken und eben die Juden. Diese Kräfte sind die Feinde der römisch-katholischen Kirche. Sie wollen sie zerstören. Das haben sie schon mehrfach versucht: erst mit dem Proletariat in Russland, dann mit der Studentenbewegung und jetzt versuchen sie es mit den Horden aus Afrika, die das zerstören wollen, was noch vom christlichen Europa übrig geblieben ist.“ Bannon, so wird berichtet, hat sich bereit erklärt, in diesem l ehemaligen Karthäuser – Kloster als rechtsextremem Think – Tank Vorträge zu halten. Mit Italiens Innminister Salvini ist Bannon befreundet…

Befreundet ist Steve Bannon auch mit der Regensburger Prinzessin Gloria von Thun und Taxis und auch mit deren Freund Kardinal Gerhard Ludwig Müller, dem einstigen Bischof von Regensburg und abgesetzten Chef der obersten Glaubensbehörde im Vatikan. Diese drei haben sich, laut Spiegel, getroffen. Die Prinzessin begrüßte, so ist zu hören, die Initiative Bannons, die rechten, gemeint sind die rechtsextremen Parteien in Europa zu bündeln. Dadurch werde der Wahlkampf zur Europa Wahl „spannender und farbiger“. Die Nähe der Frau Thurn und Taxis zur AFD ist bekannt: „Im September 2018 hatte Gloria von Thurn und Taxis zusammen mit der rechtspopulistischen AfD und dem konservativen Bündnis „Ehe-Familie-Leben“ in Regensburg demonstriert. Das Bündnis kritisierte unter anderem den in seinen Augen zu frühen Sexualkundeunterricht von Kindern. Hunderte Regensburger hielten dagegen und traten für „Vielfalt statt Einfalt“ ein“, so die Mittelbayerische Zeitung am 20. Oktober 2018. Kardinal Müller nützt offenbar nun alle Möglichkeiten, gegen Papst Franziskus zu agieren und seine politische Haltung und Sympathie offen zu legen. Denn er weiß genau, wer Bannon ist, als er sich mit ihm traf. Geradezu lachhaft ist in dem Zusammenhang die oft von Müller selbst oft dokumentierte Freundschaft mit dem greisen Befreiungstheologen aus Peru, Gustavo Gutierrez. Kann Müller gleichzeitig Freund von Bannon und Gutierrez sein?

Mit der AFD Stiftung arbeitet auch der ziemlich bekannte, einst bloß als konservativ bekannte Dominikaner Theologe Prof. Wolfgang Ockenfels zusammen, dieser offenbar in Freundschaft wiederum verbunden mit dem einst äußerst kirchenkritischen schwulen Aktivisten, nun aber reaktionär orientierten Laien-Theologen David Berger, der seit langer Zeit mit Kreisen im Dominikanerorden verbandelt ist. Auch David Berger arbeitet mit in der AFD Stiftung zusammen. Es ist absehbar, dass alsbald ein katholischer Arbeitskreis innerhalb der AFD gegründet wird?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Zur Aktualität der Schrift „Die Anweisung zum seligen Leben“ (1806). Von Johann Gottlieb Fichte.

Ein Gastbeitrag von Wolfram Chemnitz, Hannover

Johann Gottlieb Fichtes „Die Anweisung zum seligen Leben“ ist wohl die Schrift aus der klassischen Moderne, die über das Verhältnis von Philosophie und Lebenshilfe am gründlichsten Auskunft gibt. Lebenshilfe erinnert an die Bedürftigkeit des Menschen. Fichtes Schrift ist der Versuch, aus der Philosophie heraus dem Menschen in seiner Gratwanderung zwischen Eigenliebe und Nächstenliebe nicht allein zu lassen. Es ist wohl hier der Ort, an dieses großartige Werk zu erinnern.

Von Kant herkommend hatte es Fichte zunächst abgelehnt, dessen Lehre von einer „Welt an sich“ zu übernehmen. Zu einer unerkennbaren „Welt an sich“ kann der Mensch nicht in ein freies Verhältnis eintreten. Der Bruch zwischen Mensch und Welt bleibe nach Kant fixiert. Dies sei unvereinbar mit der Freiheit, zumal nach Fichte alles, was mit dem Ich geschieht, eine Sache seines eigenen Tuns sein muss. So gibt es zunächst nur das „absolute Ich“.

Das „Ich“ bedarf aber, um sich selbst zu erkennen, eines anderen Ichs. Das freie Ich kann sich nur in einem ebenfalls freien Ich wiederentdecken. So bleibt das Ich in der Differenz bei sich selbst.

Der späte Fichte erkennt, dass auch die Idee der Freiheit einer Schranke bedarf, um da sein zu können. Im Ruf des Gewissens wird der Mensch gewahr, dass Freiheit nicht Beliebigkeit heißt. Der Ruf des Gewissens ist die stete Erinnerung, dass die Besonderung eigentlich nicht sein soll. An die Stelle des absoluten Ichs tritt der absolute Gott als das uneingeschränkte Allgemeine. Dies ist der ideengeschichtliche Ort, aus dem Fichtes Schrift „Die Anweisung zum seligen Leben“ hervorgegangen ist.

Hier sind Leben, Liebe und Seligkeit eigentlich dasselbe. Jedes Leben ist bewegt von einem Ziel oder Telos, in welchem es seine Erfüllung findet. Der Gedanke eines unseligen Lebens enthält einen Widerspruch, denn unselig ist nur der Tod, mithin der Stillstand jedweder Bewegtheit. Die Liebe teilt das an sich unbewegte, tote Sein in ein zweifaches Sein, zumal Liebe heißt: im Anderen bei sich selbst sein. Die Liebe ist von der Sehnsucht bewegt, im Gegenüber sich selbst anzuschauen und von sich zu wissen. So schafft die Liebe ein Ich oder selbst, in welchem die Wurzel seines Lebens ruht. Ohne Liebe würde das Ich sich nur kalt und ohne alles Interesse anschauen. Das durch die Liebe bewegte Leben ist selig in der Freude des Wiederentdeckens.

Nicht alles, was als lebendig erscheint, ist selig. Das Unbewegte ist allein auf sich selbst zurückgeworfen. Es ist fixiert auf die Eigenliebe und so ausschließend. Allein in der Sehnsucht, sich mitzuteilen, ist es noch mit der Welt verbunden. Das natürliche menschliche Dasein existiert in dem Streit zwischen Eigenliebe und Nächstenliebe. Es bleibt so notwendig unvollkommen. Die wahre Individualität im Sinne Fichtes gibt sich wohl einen ausschließenden Charakter; diese Besonderheit besteht aber in dem, was jeweils als liebenswert oder erstrebenswert angesehen wird: „Offenbare mir, was du wahrhaftig liebst, was du mit deinen ganzen Sinnen suchest und anstrebest, wenn du den wahren Genuss deiner selbst zu finden hoffest – und du hast mir dadurch dein Leben gedeutet.“

Das vermeintlich unbewegte Sein wird Lebendiges in der bewussten Individuation. Die Individuation geschieht, indem wir uns selbständig und selbsttätig dem zuwenden, was wir lieben.

Fichte unterscheidet das einfache, unveränderliche und ewig sich gleichbleibende Sein von dem im unaufhörlichen Wechsel zwischen Werden und Vergehen stehenden Dasein. Dem wahrhaftigen Leben ist die Liebe der Mittelpunkt; die Liebe, wie sie in dem Wechselhaften das Gleichbleibende sucht. Die Fixierung auf das Vergängliche ist ein bloßes Scheinleben, welches notwendig unselig ist, zumal ihm die Freude der Wiederentdeckung des eigentlichen Selbst verwährt bleibt.

„Jener geliebte Gegenstand des wahrhaftigen Lebens ist dasjenige, was wir mit der Benennung Gott meinen, oder wenigstens meinen sollten; der Gegenstand der Liebe des nur scheinbaren Lebens, das Veränderliche, ist dasjenige, was uns als Welt erscheint und was wir also nennen.“

Die Negation des Göttlichen ist empfindbar in der Sehnsucht und in der Reue. Indem sie bloß gefühlt wird, ist sie noch nicht verstanden. Worin die Glückseligkeit zu finden ist, wird oft nicht gewusst. Es geht hier um die Frage, wie kommt der je individuierte Mensch in ein Verhältnis zu Gott als dem uneingeschränkten Allgemeinen. Der Mensch ist sowohl denkend als auch fühlend. Im Gefühl kann jeder zufällige Inhalt sein: Gutes und Schlechtes. Entscheidend ist der Inhalt; diesen aber bringt der Gedanke hervor. Den Gegensatz von individuierter Besonderheit und Alleinheit vermag nur der Geist in der Form des Gedankens zugleich zur Einheit zu bringen. In der Natur sind die Gegensätze nacheinander. Aus dem Samen entsteht die Pflanze, aus dieser die Blüte, aus dieser die Frucht. Der Mensch aber ist Geist und Persönlichkeit, insofern er den Gegensatz von Trieb und Vernunft oder Eigenliebe und Nächstenliebe zugleich zur Einheit führt. Für Fichte ist das Element, die substantielle Form des wahrhaftigen Lebens der Gedanke.

Den seligen Gedanken einer Einheit des Menschlichen und Göttlichen vermag nur eine seiner selbst bewusste Persönlichkeit hervorzubringen und zu genießen.

Das frühe Christentum machte den Glauben zur ausschließenden Bedingung des seligen Lebens und dieser Glaube ist für Fichte dasselbe wie der hier erörterte Gedanke. Erst nach dem Verschwinden des Glaubens hatte man die Bedingung des seligen Lebens in die Tugend gesetzt „und so auf wildem Holze edle Früchte gesucht.“ Die uralte Frage, ob Seligkeit das Resultat eines Verdienstes oder einer Gnade ist, kommt hier zur Sprache.

Fichte erörtert ausführlich den Prolog zum Johannes-Evangelium: „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott.“ Somit war das Wort oder die Form vor aller Zeit.

In der Kraft zur Unterscheidung, also im Ur-teilen, sind wir selbständig und frei; wie Gott. Es ist mithin das menschliche Bewusstsein, in welchem sich die göttliche Kraft zur Unterscheidung offenbart. Das menschliche Bewusstsein ist so die Offenbarung Gottes als Logos oder sinnhafter Kosmos.

Fichte tritt der Aussage der Genesis entgegen, in welcher es heißt: „Am Anfang schuf Gott …“ Mit der Lehre von der Schöpfung wird, so Fichte, ein Ursache/ Wirkungsmechanismus behauptet. Das, was eigentlich ein überzeitliches Geschehen ist, wird als zeitliche Abfolge angesehen. Die zeitliche Kausalität, welche der menschliche Erkenntnisapparat zu seiner Orientierung in der Welt benötigt, wird hier unzulässig auf die Ewigkeit übertragen. Mit der Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf wird ein unüberwindbarer Bruch zwischen Gott und Mensch fixiert. Allein der Gedanke, dass das Wort oder die Form sowohl am Anfang der Zeit als auch in der überzeitlichen Ewigkeit, also bei Gott, ist, kann das Zugleichsein scheinbar Entgegengesetzter fassen.

Die Lehre vom allmächtigen Schöpfergott sei geeignet, so sinngemäß Fichte, als Folie für die Legitimation von Herrschaftsstrukturen gebraucht zu werden.

Die Liebe ist die Form, in welcher die Einheit des Seins (Gott) sich in das Dasein übersetzt. Diese Form war bei Gott, also schon vor der Zeit. Das menschliche Bewusstsein als der Ort der göttlichen Offenbarung bringt die Welt und in ihr Menschen, Tiere unmd Pflanzen nach der überzeitlichen Form der Liebe hervor. So wird unser reflektiertes Handeln zu einem Werkzeug der Einheit des Seins. Das Sollen ist hier nicht eine äußerliche Pflichtenlehre, sondern das Handeln entfließt still und ruhig in der Liebe. Johannes sagt: „Wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm.“

Copyright: Wolfram Chemnitz

 

Bolsonaro, Brasilien, wird von fundamentalistisch frommen Christen gewählt. …Wenn das „Opium des Volkes“ politisch wirkt.

Ein Hinweis von Christian Modehn zu der Tatsache: Dass fundamentalistische Kirchen die Politik vergiften.

Für die Arbeit des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin ist, wie der Name sagt, auch wichtig: Die Rolle der Religionen und Kirchen in der Gesellschaft, damals und heute, zu studieren und zu dokumentieren. Und Klartext zu reden. Auch über Religionen, die nicht auf dem Niveau der Menschenrechte agieren!

Und zum Wahlsieg von Jair Messias (sic!) Bolsonaro in Brasilien müssen einige, leider in Deutschland selten ausführlich dokumentierte, Erkenntnisse mitgeteilt und zur Diskussion gestellt werde.

Dabei geht es zentral um die Rolle fundamentalistisch orientierter evangelikaler Kirchen in Brasilien, die Bolsonaro, zwar nicht als die einzigen, aber sicher entscheidend die Herrschaft ermöglicht haben. Klar ist auch, es gibt sicher Minderheiten sozial engagierter und politisch reflektierter Evangelikaler und Pfingstler, etwa auch in den vielen Elendsvierteln. Nicht alle Evangelikaen haben Bolsonaro gewählt, aber eben doch eine absolute Mehrheit, angetrieben von den einflussreichen Führern (genannt Prediger).

1.Religionskritik ist also die entscheidende philosophische Reflexion. Theologie hilft bei der Kritik der Konfessionen nicht weiter. Denn die Theologie ist viel zu befangen und abhängig von den Weisungen der Chefs dieser Kirchen.

2.Bolsonaro wird übereinstimmend, international, in der demokratischen und auf Menschenrechte verpflichteten Presse, als Rassist, als Faschist, als Neofaschist oder als Wegbereiter einer Militärdiktatur in Brasilien bezeichnet. Dies sind Titel, die aus den unsäglichen Hasstiraden, dem Verhalten und dem Parteiprogramm Bolsonaros begründet entnommen werden.

  1. Noch einmal: Die Evangelikalen und Pfingstler in Brasilien haben ganz entscheidend zum Sieg Bolsonaros beigetragen. Schon im ersten Wahlgang haben fast zwei Drittel dieser fundamentalistisch Frommen Bolsonaro gewählt. Man muss sagen: Diese angeblich so Bibel treuen Frommen ermöglichen mit ihrer Bindung an Bolsonaro eine neue Ära rechtsextremer Gewalt und rechtsextremer Bündnisse in Lateinamerika und den USA vor. Religionspsychologen würden wohl von frommer Dummheit ohne Sinn für Demokratie sprechen.

4.Diese evangelikalen Kreise in Brasilien unterstützen Bolsonaro, weil ihr Wertesystem getrimmt ist auf den Schutz des ungeborenen (!) Lebens, auf das rigide Verbot von Abtreibung, auf die klassische Familie, auf die Abwehr des Feminismus, den Hass auf Homosexuelle usw. Diese Christen zeigen deutlich: Die Pflege der Menschenrechte ist nicht ihre Sache. Ob man in evangelikalen Kreisen Deutschland eine öffentliche und deutliche Distanzierung von den Glaubensbrüdern in Brasilien erlebt?

5.Diese theologisch fundamentalistisch denkenden Evangelikalen in Brasilien lieben es, wenn Bolsonaro „Gott über alles stellt“, nachdem er kurz zuvor „Brasilien über alles“ (dem Beispiel von Mister Trump folgend) predigt.

  1. Diese theologisch fundamentalistisch (d.h. unaufgeklärt denkenden Evangelikalen) sind also nicht primär an den Werten der Demokratie und der Menschenrechte interessiert. Sie sind durch die Bibellektüre und die einpeitschenden Predigten ihrer sich ständig bereichernden Chefs, „Prediger“ genannt, so verblendet, dass sie eine rassistische Führergestalt, Bolsonaro, unterstützen.

Die wortwörtliche Bibeldeutung dieser Kreise entspricht genau der wortwörtlichen also fundamentalistischen Bibeldeutung der portugiesischen Kolonialherren vom 15. bis ins 19. Jahrhundert. Die heutigen Evangelikalen und Pfingstler dort sind also die theologische Fortsetzung des Kolonialismus. Was für eine Schande, die diesen Leuten selbst wohl kaum bewusst ist. Mit Bolsonaro wird auch das kolonialistische Verhalten gegenüber den indianischen Völkern fortgesetzt werden, indem zugunsten des Profits der weißen Kapitalisten der Lebensraum dieser armen Menschen rund um den Amazonas eingeschränkt und zerstört wird.

7.Mit anderen Worten: Diese evangelikalen Menschen sind sozusagen aufgrund ihrer Religiosität politisch völlig desorientiert, wenn man die demokratischen Werte als Norm ansetzt. Dabei spielen natürlich für sie auch ökonomische Interessen mit, etwa das Versprechen der in den Kreisen üblichen Theologie des Wohlstands, die Überwindung der Gewalt in den Städten usw.

  1. Sie meinen, der Rassist Bolsonaro und seine Militärs könnte mit massivster Gewalt die bestehende Gewalt in den Städten und auf dem Land ausrotten. Diese Christen meinen auf eine Vernunft geleitete Gesellschaftsanalyse verzichten zu können, um Gewalt zu beenden, also durch Umverteilung des Reichtums, durch humane Ökologie, durch bessere Bildung für alle, würdige Wohnungen für alle usw. Dieses Projekt kann auch in Brasilien nur gelingen, wenn die Reichen sich zur Gerechtigkeit bekehren. Aber daran denken nur wenige dieser fundamentalistisch frommen Massen. Anstelle der Vernunft werden Emotionen, Hass, Neid, dumme Sprüche der Herrschenden hochgeschätzt.

9.Den evangelikalen Kreisen hat es sehr gefallen, dass der getaufte Katholik Bolsonaro offenbar aus taktischen Gründen 2017 nach Israel reiste und sich von Predigern der reaktionären, aber auch in denMedien mächtigen Pfingstkirche „Assemblies of God“ taufen ließ. Der sehr einflussreiche evangelikale Pastor Silas Malafaia sagte über seinen Freund Bolsonaro: „In Brasilien haben wir einen Macho wie ihn nötig, der alle Normen und Werte der christlichen Familie verteidigt“.

10.Die Brasilianer haben sich bereits zu mindestens 30 Prozent diesen evangelikalen und pfingstlerischen Gemeinschaften zugewendet. Brasilien ist längst nicht mehr das „stärkste“ katholische Land der Welt. Das hat Gründe. Vor allem die Zurückweisung einer echten Autonomie der katholischen Basisgemeinden durch den Vatikan, vor allem unter Ratzinger und den polnischen Papst hat für den massenhaften Exodus aus dem Katholizismus gesorgt. Die Befreiungstheologie wurde von allen reaktionären Medien, auch den katholischen, verunglimpft und wie üblich als marxistisch bzw. kommunistisch missverstanden und diffamiert. Dies reaktionären klerikalen Machthaber in Rom und Brasilien haben rigoros verboten, dass ausgebildete Laien, Frauen und Männer, in den Basisgemeinden offiziell als PriesterINNen arbeiten können, also Gemeinde bilden und die Messe feiern. Die katholischen Gemeinden verödeten also. Schuld daran ist eindeutig die katholische Kirchenführung. Und jetzt jammert man in Rom, dass Brasilien nicht mehr katholisch ist…Rom ist also mitschuldig am Sieg des Rassismus, Faschismus usw. in Brasilien jetzt.

11.Die katholische Kirchenführung begeht nun aber seit Jahren den Fehler: sie empfiehlt aus taktischen Gründen sozusagen evangelikale und pfingstlerische Elemente innerhalb der katholischen Kirche, um diese fest und fixierte Kirchen-Institution förmlich zuretten, etwa in der Bewegung der katholischen Charismatiker oder der politisch völlig uninteressierten Neokatechumenalen.

  1. Die katholische Kirchenführung kann ohnehin selbst nicht umfassend glaubwürdig für Demokratie und Menschenrechte eintreten, weil sie selbst in ihrer eigenen Verfassung und Struktur weder Demokratie praktiziert noch die Menschenrechte umfassend für alle Mitglieder respektiert (etwa am Beispiel der umfassenden Gleichberechtigung von Frauen, der Ehe von Homosexuellen). Im übrigen folgen reaktionäre Katholiken der Vorstellung, das ungeborene Leben zu schützen sei absolut wichtiger als den vor Hunger sterbenden Armen beizustehen und für eine gerechte und humane Gesellschaft zu sorgen. Ich bin ja kein Feind des Lebens, wenn ich von einem fundamentalistischen Wahn für den absolutesten Schutz des ungeborenen Lebens spreche…
  2. Die katholische Kirche in Brasilien ist nicht nur unglaubwürdig in ihrer Praxis und Lehre. Sie ist auch mitschuldig, dass so viele fromme Leute in den Wahn eines naiven, unreifen und Menschen unwürdigen fundamentalistischen Bibel-Glaubens abdriften … und nun konsequenterweise eben Bolsonaro wählen.
  3. Ein Problem ist auch, dass die brasilianischen Bischöfe überhaupt nicht mit einer einzigen gemeinsamen und dadurch massiven Stimme vor der Wahl von Bolsonaro gewarnt haben! Im Fall dieser höchsten Not hätten sie die Katholiken sozusagen einmal explizit und mit der ihnen vertrauten Macht auffordern müssen, NICHT Bolsonaro zu wählen. Diese präzisen Wahlempfehlungen sind normalerweise in demokratischen (!) Staaten völlig überflüssig und theologisch höchst problematisch. Aber in Brasilien ging es jetzt darum, wie ein Journalist schreibt, zwischen Schnupfen und der Pest zu wählen. Die Bischöfe haben die Pest mit ihrer angeblich neutralen Haltung nicht verhindert, vielleicht denken einige Bischöfe ohnehin sehr autoritär und Frauen-feindlich und Schwulen-feindlich wie Bolsonaro. Die katholische Kirche Brasiliens wird wohl sich alsbald mit sexuellem Missbrauch durch Priester auseinandersetzen müssen. Vielleicht hilft Bolsonaro dann den Bischöfen, die Fakten möglichst zu verschleiern. Denn auch den katholischen Bischöfen muss er ja dankbar sein, haben sie doch so hübsch neutral und nur in Gemeinplätzen sprechend sich letztlich doch für ihn, den Rechtsextremen und Rassisten, eingesetzt.

Nebenbei: Man stelle sich vor: Anstelle des Neofaschisten Bolsonaro wäre ein kommunistischer Kandidat an die Macht gekommen: Die gesamte katholische Weltkirche hätte einen Sturm der Entrüstung losgedonnert, wie üblich hält die katholische Kirchenführung Faschismus für weniger schlimm als den Kommunismus. Auch Bolsonaro spricht ja so viel vom lieben Gott….

  1. Diese frommen Fundamentalisten werden also erleben, wie die Grundrechte verschwinden, Oppositionelle erschossen, die Indigenas unterdrückt, die Wälder abgeholzt werden etc.
  2. Nur wenn man den Mut hat, innerhalb der weiten christlichen Ökumene auch von katastrophalen fundamentalistischen Wahngebilden zu sprechen, kann ernsthaft eine Wahrhaftigkeit entstehen. Und vielleicht noch in letzter Minute sich die Vernunft durchsetzen.
  3. Wer sich heute noch Christ nennt, muss sich oft schämen über diese verblendeten antidemokratischen Mit“christen“, wie jetzt in Brasilien. Das ganze Phänomen drückt eine unglaubliche intellektuelle und moralische Schwäche des so genannten christlichen Glaubens in dieser zerrissenen modernen Welt aus.

18.Es ist bezeichnend, dass der Meister der Lügen, Mister Trump, einer der ersten „Prominenten“ war, der seinem Schüler Bolsonaro, auch er ein Spezialist für Lügen und ein Profi für alle Unverschämtheiten, gratuliert hat. Auch die konservativen Regierungschefs in Chile, Kolumbien und Argentinien gratulierten dem Faschisten. Es bildet sich ein neuer brauner Block in Südamerika, wie einst, um 1970 bis ca. 1990.

  1. Wie die zahlreichen Mitglieder der afrobrasilianischen Candomblé Kulte gewählt haben, ist noch unbekannt; werden sie der Vernunft gefolgt sein oder den dort üblichen Emotionen? Wie haben die zahlreichen Atheisten gewählt und die dort zahlreichen Anhänger des Spiritismus? Auch das ist noch unbekannt…

Ein Literaturhinweis: Die Journalistin Lamia Oualalou hat in ihrer Studie über Kirchen in Brasilien mit dem Titel „Jésus t’aime !: La déferlante évangélique“ (Editions du Cerf, Paris, 2018) dokumentiert, wie Pastor Josué Valandro aus Rio des Janeiro seine Gläubigen um Geld bittet: „In der Bibel steht es: Gott wird seine Pforten dem öffnen, der spendet“. 500 Jahre nach Luthers The­sen­an­schlag sind es Pfingstler, die den Ablass wieder einführen.

COPYRIGHT: Christian Modehn,Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Angst der katholischen Kirche vor ihren Theologen

Von Christian Modehn am 1.11.2018. (In kürzer Form veröffentlicht in PUBLIK FORUM ONLINE am 22.10.2018)

Ein Motto, veröffentlicht am 11.11.2018: Zitate von Pater Klaus Mertes SJ, in „Die Zeit“, 11. Okt. 2018, Seite 58:

„Die penetrante Selbstsicherheit, mit der Vatikanbeamte in seriöse theologische Lehre und Seelsorge eingreifen, ist bildungsfeindlich“.

Und noch ein verstärkendes Zitat von Pater Mertes, im „Tagesspiegel“, 23. Oktober 2018, Seite : „Das Raumschiff Vatikan beherbergt zu viele Menschen, die sich im Besitz der Wahrheit wähnen. Das gibt ihnen ein Gefühl der Unverwundbarkeit“. Und dann in indirekter Rede: Diese Leute im Vatikan würden getrieben von dem zerstörerischen Wahn der Unverwundbarkeit“.

Mein Text vom 1.11.2018:

Sie entscheiden, was katholische Theologie ist und wer sie lehren darf: Vatikanische Behörden ignorieren Erkenntnisse der historisch-kritischen Bibelwissenschaft und verweigern dem Jesuiten und Bibelwissenschaftler Ansgar Wucherpfennig die Fortsetzung seines Amtes als Leiter der Hochschule St. Georgen. Die römischen Behörden erteilen ihm nicht das für katholische Theologen weltweit immer noch erforderliche »Nihil obstat«, die Unbedenklichkeitserklärung. Dabei hatte Wucherpfennig nur den allgemeinen Stand der Forschung ausgesprochen, als er in einem Interview bereits vor zwei Jahren auf die historische Bedingtheit (und damit sachliche Begrenztheit) biblischer Aussagen zur Homosexualität aufmerksam machte. Das zeigt, wie groß die Angst der Kirche vor der historisch-kritischen Arbeit ihrer Theologen ist. Denn diese Methode müsste eigentlich auch auf ethische und dogmatische Lehren angewendet werden. Und dann würde auch etwa über das Entstehen des Erbsündedogmas oder der Trinität ganz anders nachgedacht werden oder über den Anspruch, der Papst sei in Glaubens – und Sittenfragen unfehlbar. Dann müssten also auch Dogmen korrigiert, möglicherweise aufgehoben werden.

Der Vatikan und die meisten Bischöfe haben deswegen enorme Angst, dass sich die historisch – kritische Forschung umfassend durchsetzt. Darum gibt es die Zurückweisung des Bibelwissenschaftlers Wucherpfennig!

Theologen als Wissenschaftler müssen frei forschen dürfen. Wer letztlich in Deutschland die Theologie bestimmt, demonstriert gerade wieder der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki. Er verhinderte bereits 2016 durch seine Intervention im Ministerium die vorgesehene Berufung des Theologen Joachim Negel an die Universität Bonn. Für Woelki besteht der Auftrag der Theologie nur darin, so wörtlich, »die Glaubenslehre (also die in Rom) wissenschaftlich zu vermitteln«. Dabei müsste Theologie frei und umfassend das plurale Christentum studieren und dann mit der Kirchenführung in ein partnerschaftliches Gespräch eintreten. Laut Katechismus aber sollen Theologen »Helfer« des Lehramtes sein. Die Beamten im Vatikan haben also ihre eigene Theologie, die sie für absolut maßgeblich halten.

Die Hauptfrage ist also: Ist bei dieser Abhängigkeit von der Kirchenleitung katholische Theologie noch freie Wissenschaft? Man stelle sich vor, die Bundesregierung würde bei der Berufung von Politologen das letzte Wort haben! Oder das Landwirtschaftsministerium müsste seine Zustimmung geben für die Berufung von Agrarwissenschaftler und Ökologen.

Die aktuellen Ereignisse sind alles andere als Theologengezänk. Es geht um die Rolle der kritischen Vernunft. Die Forderung ist aus wissenschaftlicher und demokratischer Sicht eindeutig: Das kirchenoffizielle Berufungsverfahren muss um der Freiheit der Theologie willen verschwinden. Aber bis heute gilt das mit Hitler abgeschlossene Reichskonkordat von 1933. Darin wird den Bischöfen alle Leitungskompetenz in der universitären Theologie zugestanden. Wird das Eintreten vieler Theologinnen und Theologen für freie Forschung Erfolg in Rom haben? Wohl kaum.

Man muss also tatsächlich skeptisch bleiben, was die vernünftige Neuordnung des Verhältnisses von Theologie/TheologInnen und Lehramt heute angeht, so sehr auch einzelne Bischöfe in Deutschland jetzt eine verbale Solidarität etwa mit Pater Wucherpfennig andeuten. Würde Kardinal Marx vor die römische, die Ansgar Wucherpfennig strafende Bürokratie im Vatikan zitiert, würde er dann noch entschieden für ihn eintreten? Die eigene gut bezahlte Bischofskarriere geht bekanntlich immer vor allen Entscheidungen zugunsten einer Kirchenreformation!

Zumal: Die übliche Überordnung von Papst und Bischöfen über alle Theologen ist fest verankert im katholischen Rechts – und Lehrsystem, das ja bekanntlich Papst und Bischöfe selbst und zu eigenen Gunsten seit Jahrhunderten geschaffen haben und schaffen. Und diese Strukturen sind weltweit im ganzen Katholizismus und seinen Theologien gewichtiger als das erst in der Zukunft wohl revidierbare Reichskonkordat von 1933 und dem Vatikan für Deutschland. Denn in dem von den Vatikan-Theologen für nahezu unabänderlich gehaltenen »Codex Iuris Canonici« (Kodex des römisch-katholischen Kirchenrecht) heißt es in Kanon 812 deutlich: »Wer an einer Hochschule eine theologische Disziplin vertritt, muss einen Auftrag der zuständigen kirchlichen Autorität haben«. Es ist aber Überzeugung der vatikanischen Glaubenslehrer: Was einmal als Dogma oder wichtige Lehre definiert wurde, darf nicht korrigiert werden. Auch das viel gerühmte Zweite Vatikanische Konzil hat daran nichts geändert! Würde also das »Nihil obstat« als letzte Verfügungsmacht des Lehramtes über allen Theologen vernünftig neu geregelt, also sinnvollerweise um der Wissenschaftlichkeit der Theologie abgeschafft, würde auch das Lehramt der römischen Kirche einer Reformation (nicht bloß Reform!) unterzogen werden müssen. Wäre aber der Macht habende Klerus im Vatikan und anderswo zu diesem Machtverzicht bereit? Wo er doch alles getan hat, zu eigenen Gunsten einige Sätze aus dem Munde Jesu von Nazareth zur Stärkung eigener Macht zu deuten?

Hinzukommt: Dieses bisherige Kontrollsystem der Hierarchie über die Arbeit der Theologen erzeugt eine Ängstlichkeit, einen vorauseilenden Gehorsam unter den TheologInnen. Wer will schon seine gut bezahlte Karriere wegen eines freien Forschens gefährden? Vielleixht sind deswegen katholisch – theologische Publikationen oft so langweilig, voller Wiederhoung, wer kann noch die ins tausende gehenden Studien zählen etwa über die Confessiones des heiligen Augustinus oder die Summa des Thomas von Aquin? Und: Wer will sich schon als schwuler Theologe outen und heiraten, wenn diese normale schwule Lebensform den Herren im Vatikan absolut nicht gefällt? So wird selbst das Menschenrecht auf freie Gestaltung des eigenen Lebens durch die Glaubensbehörden eingeschränkt.

Insofern ist die Debatte um eine freie theologische Wissenschaft von einer gewissen Aussichtslosigkeit.

Der einzige Ausweg wäre meines Erachtens, über den in Deutschland nicht einmal ansatzweise diskutiert wird: Katholische Theologen, die sich als freie Wissenschaftler in einer demokratischen Kultur verstehen, gestalten ihr Fach neu: Sie betreiben eine freie, vom kirchlichen Amt unabhängige »Religionswissenschaft der katholischen Religion« mit allen Themen einer breiten Kulturwissenschaft, um auch der Enge der üblichen theologischen Disziplinen zu entkommen. In den USA und wohl auch in Nijmegen (Holland) gibt es eine solche »Religionswissenschaft katholischer Religion«, und da entstehen zum Beispiel wissenschaftliche Arbeiten von großer Relevanz für Religionen und Gesellschaft. Dann müsste allerdings die Kirchenleitung sehen, wie und wo sie ihre ohnehin wenigen verbliebenen Priesteramtskandidaten ausbildet, vielleicht in den absolut romtreuen konservativen Hochschulen wie Stift Heiligenkreuz im Wienerwald. Dann würde echte Pluralität und damit freie Debatte möglich. Und Menschen, die Katholiken zumal, könnten entscheiden, ob sie den Erkenntnissen einer freien theologischen Forschung folgen oder den Erkenntnissen, die sich aus der Abhängigkeit einiger Theologen von den Leitern der Institution Kirche ergeben.

 

Zum „Fall“ des katholischen Theologen Ansgar Wucherpfennig sowie zum Angriff von Kardinal Woelki auf die Freiheit der Wissenschaft an der Universität in Bonn.

Ein Kommentar von Christian Modehn für die Zeitschrift Publik Forum und den Online Auftritt von Publik Forum. Dieser Beitrag weist auf einige Zentrale Aspekte zur weiteren Diskussion hin.

Zur Lektüre

 

 

Schleiermachers 250. Geburtstag: „Religion ist etwas Eigenständiges im Leben des Menschen“

An Friedrich Schleiermacher denken: Vor 250 Jahren geboren (21. November 1768 – 12. Februar 1834)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die Auseinandersetzung mit dem Werk des protestantischen Theologen, Philosophen, Platon – Übersetzers und Predigers Friedrich Schleiermacher bleibt inspirierend, wichtig für ein Christentum, das sich nicht fundamentalistisch – dogmatisch einschließt, sondern in neuer Sprache die religiösen Fragen zur Diskussion stellt.

Schleiermacher war ein mutiger Theologe, indem er eher vom Unendlichen (und Universum) sprach als den klassischen Begriff „Gott“ zu verwenden.

Vor allem sein Buch „Über die Religion. Reden an die gebildeten unter ihren Verächtern“ von 1799 ist bis heute viel diskutiert, ebenso wichtig ist wohl auch seine Lehre vom Verstehen, der Hermeneutik: Verstehen gibt es nur als schöpferisches Geschehen der Sinndeutung.

Religionsphilosophisch bedeutsam ist seine zentrale These: Religion ist eine eigene Form der Wahrnehmung im Menschen, Religion ist unabhängig von Wissen und Ethik. Religion ist also etwas Eigenes und Eigenständiges im geistigen Leben des Menschen: Sie ist Anschauung und Gefühl. Diese These ist selbstverständlich keine Absage an kritische wissenschaftliche Forschung, keine Freigabe des Glaubens an oberflächliche „Gefühlsduselei“.

Schleiermacher verkehrte in den damals in Berlin sehr beliebten literarischen Salons etwa von Henriette Herz; er war zunächst Pfarrer an der Charité, später (1810) Professor an der Berliner Universität, dann auch beliebter Prediger an der Dreifaltigkeitskirche.

Ich hatte 2010 eine Ra­dio­sen­dung sozusagen als Hinweis zu einigen Aspekten im Denken Schleiermachers verfasst. Diese Zitate als Einladung, sich weiter mit Schleiermacher zu befassen einige Zitate aus der Ra­dio­sen­dung:

Der protestantische Theologe und Schleiermacher Forscher Prof. Wilhelm Gräb, Berlin betont:

„Religion ist ein Vollzug der Einkehr des Menschen in sich selbst. Wobei eben dann diese Fragen auftreten nach dem Woher und Woraufhin des eigenen Lebens, nach dem Grund, in dem ich selbst unbedingt gründe und von dem ich mich gehalten und getragen wissen kann auch in den Krisen des Lebens, die ich machen muss“.

Der Theologe Dr.Martin Schuck, Speyer: „Das religiöse Bewusstsein lebt bei Schleiermacher davon, dass es einen Sinn und Geschmack für das Unendliche gibt und das bezeichnet er später dann in der Glaubenslehre als eine „schlechthinnige Abhängigkeit“. Der Mensch kann für Schleiermacher ohne diese Dimension des Unendlichen im Grunde nicht leben. Für Schleiermacher ist Abhängigkeit von Gott durchaus etwas Positives. Für ihn wäre es im Gegenteil schlimm, wenn es diese Abhängigkeit von Gott nicht gäbe, weil der Mensch dann auf sich selbst gewiesen wäre und dann würde ihm etwas Entscheidendes fehlen. Das ist, finde ich, für die heutige Zeit ein wunderbarer Satz, der sagt: Mensch, denk immer dran, es gibt eine Dimension, die für dich unverfügbar ist und die du immer mit bedenken musst, in deinem Handeln“.

Prof. Wilhelm Gräb über die besondere Idee, Kirche zu leben „Und so hat sich Schleiermacher Kirche vorgestellt: Im Grunde als einen Ort eines religiös – geselligen Verkehrs, religiös geselligen Miteinander-Umgehens, und in Austausch kommen über das, was einzelne als religiöse Erfahrung meinen gemacht zu haben. Und er sagt, dass das uns religiös Bewegende etwas ist, was uns auch menschlicher sein und werden lässt. Und ihm schwebte eben eine offene Kirche vor, des Dialogs.

Es ist die „liberale“ Theologie, die sich von Schleiermacher nach wie vor inspirieren lässt, betont Dr. Martin Schuck: „Natürlich gibt es ein Profil liberaler Theologie, und dieses Profil besteht darin, dass man den Menschen ernst nimmt mit seinen religiösen Fragen und versucht Dinge, die dem heutigen Menschen vielleicht mit einer traditionellen Sprache nicht mehr klar zu machen sind, auf einer anderen Sprachebenen auszusagen. Man versucht die Inhalte zu retten zugunsten einer erneuerten Darstellung“.

Siehe auch auch auf Youtube die kurzen, einführenden Beiträge über Schleiermacher, die der Berliner Theologe Christian Stäblein realisiert hat: https://www.youtube.com/watch?v=kDt1ifOsG2A

Literaturhinweise:

Friedrich Schleiermacher, Reden über die Religion. Reclam Stuttgart, 6 €.

Wilhelm Gräb, Religion als Deutung des Lebens. Perspektiven einer praktischen Theologie gelebter Religion. Gütersloher Verlagshaus, 2006, 206 Seiten, 19,95€

Hermann Fischer, Friedrich Schleiermacher. Becksche Reihe, München 2001, 168 Seite; 12,50

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Gewalt und Monotheismus. Über Jan Assmann

Einige kurze Hinweise für ein Gespräch im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 28.9.2018

Von Christian Modehn

Ein Vorwort:

Man denke bloß nicht, das Thema „Gewalt und monotheistische Religionen“ im Sinne von Jan Assmann sei, auf das Christentum bezogen, nur ein Thema der weiten Vergangenheit. Man beobachte zum Beispiel jetzt, wie der evangelikale (einst katholische) Politiker Jair BOLSONARO in Brasilien beste Chancen hat, ab Oktober 2018 dort Staatspräsident zu werden. Bolsonaro ist in seinen Statements zu Frauen, Armen, „Schwarzen“, Homosexuellen, „indianischen“ Völkern absolut gewalttätig. Er ist ein Volksverhetzer. Und er wird in Brasiliens noch demokratisch verbliebener Presse wohl treffend Faschist genannt. Bolsonaro wird von den immer mächtiger und immer reicher werdenden Führern der evangelikalen Freikirchen und Pfingstkirchen heftigst unterstützt. Diese Kirchenvertreter sind ebenfalls in ihren Worten gewalttätig. Dabei ist philosophisch klar: Worte sind immer schon Taten. Die Gewalt der Evangelikalen und Pfingstkirchen in Brasilien und anderswo wäre ein dringendes Thema für Religionswissenschaftler. Und :Wem der christliche Glaube noch etwas wert ist, erlebt mindestens bei den Führern dieser Kirchen tiefste Abscheu. Wer hat als aufgeklärter und kritisch denkender Christ noch den Mut, zumindest viele der einflussreichen Führer und Verführer dieser evangelikalen Kirchen eine Schande zu nennen? Dabei muss genau verstanden werden, wie diese Welle des religiösen, des biblischen Fundamentalismus (den viele Religionskritiker Schwachsinn nennen) überhaupt entstehen konnte…

1.Jan Assmann ist ein bekannter Ägyptologe. Jahrgang 1938, lange Jahre war er Professor in Heidelberg, jetzt in Konstanz.

Die Anzahl von Jan Assmann deutschsprachigen Büchern etwa 45. Zusammen mit seiner Frau, der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, erhält er am 14. 10.2018 den „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“. Prof. Aleida Assmann, geb. 1947 hat etwa 20 Bücher über Erinnerung und Kultur veröffentlicht.

2.Jan Assmann macht seit 1997 darauf aufmerksam, in immer neuen Ansätzen nach zahllosen Gesprächen mit anderen Wissenschaftlern: Der Monotheismus (er spricht fast ausschließlich vom biblischen, also vor allem auch alttestamentlichen Monotheismus) war eine entscheidende Quelle für gewalttätiges Handeln der Frommen im Umgang mit anderen, mit Feinden. Assmann hat dafür den Begriff „mosaische Unterscheidung“ geprägt: Durch Moses, als dem Empfänger der göttlichen Offenbarung, kam der „Unterschied“ ins Bewusstsein der Menschheit: Es gibt die eine wahre Religion, also den Monotheismus. Und die vielen, in monotheistischer Sicht, falschen Religionen, die poly-theistischen Religionen.

3.Die polytheistischen Religionen haben auch einen obersten Gott, etwa Zeus. Sie sind also in gewisser Weise auch mono-theistisch strukturiert. Aber sie können etwa den Gott Zeus in andere Kulturen/Sprachen übersetzen, etwa Jupiter. Diese Übersetzung geht im strikten biblischen Monotheismus nicht. Er kapselt sich ein. Anhänger polytheistischer Religionen sind zwar auch gewalttätig, aber sie sind dies nicht aus religiösen Gründen, sondern etwa aus politischen. Polytheisten betreiben keine Mission. Konvertiten bei ihnen sind eher selten, vielleicht im Bereich der brasilianischen Religion Candomblé; aber da kann man gleichzeitig mehreren Religionen angehören…Assmann spricht auch anstelle von polytheistischen Religionen von kosmo-theistischen Religionen, weil diese Kosmisches, Weltliches, heilig und göttlich finden. „Anders als die monotheistischen Offenbarungsreligionen kennen die kosmotheistischen Religionen keine absolute Wahrheit“, („Monotheismus und Gewaltverdacht“, S. 251.

4.WARUM erhält Jan Assmann den FRIEDENSPREIS des deutschen Buchhandels: Meine Antwort: Weil Assmann in seinen jüngsten Publikationen über die Dialektik Monotheismus-Polytheismus hinaus geht: Er plädiert für eine moderate Vernunftreligion der vernünftigen Menschheit. Da hat jeder Fromme „seine“ (möglicherweise durch Offenbarung vernommene) Religion, ohne diese persönlich für diese einzig mögliche und einzig richtige zu halten. Der Fromme glaubt also noch an eine übergeordnete Religion. Dies hat keine insttutionelle Struktur, sie ist förmlich nur eine geistige Realität, so wie der Kategorische Imperativ ja auch eine geistige Realität ist.

Assmann spricht deswegen von „religio duplex“. Solch eine Vernunftreligion hat Vorbilder bei Lessing oder bei dem großen Berliner jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn: Man lese seine „Jerusalem – Schrift“ von 1783. Assmann schreibt in dem Buch „Totale Religion“ sehr richtig: „Es gibt – bezogen auf den Glauben des einzelnen – keine wahren und falschen Religionen“ (S. 172).

Maßstab hingegen für eine ins Objektive gehende Bewertung der Inhalte der verschiedenen Religionen kann nur etwas übergreifend Vernünftiges sein, nicht etwas Innerreligiöses, Konfessionelles: „Alles, was das Zusammenleben auf diesem Planeten verbessert, verschönert, erleichtert“ (ebd.) also, was die Menschenrechte befördert, ist Maßstab für die Qualität einer Religion. Hingegen Gewalt, Verfolgung und Unterdrückung, so Assmann, passen nicht zu den angenehmen, förderungswürdigen Religionen…Assmann weist darauf hin, dass Gandhi in dieser religiösen Doppelstruktur im Bewusstsein des einzelnen Frommen dachte: „Alle konkreten Religionen zielen auf die eine, noch versteckte Religion der Wahrheit“ (Monotheismus unter Gewaltverdacht, S. 259). Diese hat mystischen Charakter, betont Assmann, mit ausdrücklichen Bezug auf Jacob Böhme. Dessen Wort steht in der Tradition der negativen Theologie „Gott sei nichts und alles“ ihm entscheidend ist (im Buch „Religio Duplex“, Buch von 2010, S.127)

5.Das Plädoyer Assmanns für eine vernünftige, tolerante, friedfertige Menschheitsreligion entspricht meinen und vielleicht unseren religionsphilosophischen Interessen. Darüber hinaus stellt sich für die individuelle Lebensphilosophie die Frage: Welche absoluten Werte (meinen persönlichen „“Monotheismus“) habe ich? Wie setze ich diese durch? Meine jeweilige absolute Wahrheit kann niemals absolute Wahrheit auch für andere sein, es denn, man denkt an den formal geltenden Kategorischen Imperativ Kants. Der gilt für alle.

6.Der gewaltbereite Monotheismus ist keineswegs nur ein religiöses Phänomen, sondern auch ein politisches. Auch im Stalinismus oder im Faschismus gab es mono-„theistische“ Gewalt, indem die Führer sich für Götter hielten…

7.Assmann ist also überhaupt kein Freund des Polytheismus.

Tatsache ist: Der Polytheismus macht sich heute auch philosophisch breit, indem etwa der Philosoph Odo Marquard in dem Buch (Reclam) „Abschied vom Prinzipiellen“ einen Aufsatz über „Lob des Polytheismus“ veröffentlicht und damit u.a. meint: Die moderne Demokratie als Gewalten – Teilung sei polytheistisch. Dabei vergisst Marquard, dass die Demokratie durch die Bindung an die universal geltenden (!) Menschenrechte durchaus, wenn man so will, mono-theistisch ist. Die neue Rechte nzw. Rechtsextreme, sie stammt als philosophische Bewegung aus Frankreich, ist polytheistisch. Rechtsextreme definieren sich gern als Heiden mit entsprechenden Kulten, Ku Klux Klan etc…Da gibt es explizit Übermenschen und bedeutungslose Untermenschen.

8.Assmann verurteilt den Monotheismus nicht pauschal: Der Gedanke, dass es so etwas wie ein Einheitsprinzip im Weltganzen und im Denken der Menschheit gibt, ist eine bleibende Errungenschaft, die niemals aufgegeben werden darf. D.h.:Die Welt fällt nicht in viele unverbunden stehende Systeme auseinander, was die Postmoderne teilweise suggerierte. Wahrscheinlich war die Postmoderne eine Wiederkehr des Polytheismus…

9.Assmann weist darauf hin, wie einzelne gewaltfördernde Texte im Alten Testament im Laufe der Kirchengeschichte als ideologische Entschuldigung für Gewalt verwendet werden: etwa: Kaiser Karl V. hat im Rahmen der imperialistischen Gewalt gegen die indianischen Völker täglich aus dem Buch Deuteronomium Kapitel 20 gelesen

10.Assmann unterscheidet zwischen einem „Monotheismus der Treue“, der emotional sich auf den Gott des Bundes bezieht: JAHWE führte das Volk Israel aus Ägypten. Dieser Gott ist eifersüchtig… Ihm müssen die Israeliten absolut treu ergeben sein (Nebenbei: Moses ist für Assmann KEIN Ägypter, er kannte nicht den altägyptischen König Echnaton, den radikalen Religionskritiker zugunsten der Sonnenverehrung. Moses war wohl ein Angehöriger des israelitischen Volkes.)

Zum Monotheismus der Treue schreibt Assmann: „Diese Völker in Kanaan muss Israel vertreiben und ausrotten, um sich nicht zur Anbetung ihrer Götter verführen zu lassen“. Oder: „Was im Umgang mit den Kanaanäern gefordert wird, ist ein heiliger Vernichtungskrieg, der mit der Formel, den Bann vollstrecken bezeichnet wird“. (Totale Religion, S. 50). „In der Bundesidee wurzelt die religiöse Gewalt“, meint Assmann, nicht im Monotheismus als solchem, in „Monotheismus unter Gewaltverdacht“, S. 265.

Dann gibt es noch den „Monotheismus der Wahrheit“: Da machen sich die Propheten etwa lustig über die vielen gemachten Götter der Heiden. Etwa Jeremia, Kap. 10: „Die Gebräuche der Völker sind leere Wahn…Ihre Götzen sind nur Holz“ Es folgt dann: Die Zerstörung der Götterbilder. Heidentum ist Verblendung.

Dies war dann auch die Perspektive der missionarischen Religionen, des Christentums und des Islams.

Es gab auch eine jüdische Form der Toleranz: Etwa im Gefolge der Abraham-Tradition und in den (bei Laien kaum bekannten) jüdischen Zentren in Ägypten und Babylon (dort jüdischer Dialog mit den „Heiden“)

Es gibt im Alten Testament im Buch Genesis die auf die Schöpfung bezogene Theologie im Umgang der Israeliten mit anderen Völkern, diese Traditionen sind friedfertig. Nur ein Beispiel: Joseph wird in Ägypten zum 2. Mann im Staate, er heiratet die Tochter des Hohen priesters, „es geht um die Anbetung desselben Gottes“ (in Monotheismus… s 265).

11.Aber für Jan Assmann ist klar: Die zur Gewalt aufrufenden alttestamentlichen Texte muss man zunächst als Literatur lesen, sie sind keine unmittelbaren politischen Appelle: Denn, was die Texte als Gewalt der Israeliten gegen die im Land lebenden Kanaäer beschreiben, ist längst historisch überholt: Die Ereignisse der Landnahme waren etwa 1200, die Texte hingegen sind von ca. 500. Das heißt: Die Gewalt sollen die Israeliten eher gegen sich selbst richten, weil sie immer vom Unglauben und Heidentum bedroht sind. Dennoch hat wohl die aggressive Landnahme stattgefunden.

12.Das monotheistische Bilderverbot. Für Assmann DAS Kennzeichen des Monotheismus: Gott lässt sich in kein Bild zwingen und zwängen. Die Götter der Polytheisten haben viele Bilder. Auch in einigen protestantischen Kirche vor allem in der Tradition Calvins gibt es ein Bilderverbot. Dies war auch eine polemische Entscheidung gegen die Bilderflut im Katholizismus. Sie war eine Propaganda der Ablenkung der Frommen bei der Messe, die sie, auf Latein gefeiert, ohnehin nicht verstanden.

Dabei ist klar: Jeder Fromme denkt sich dann doch – zunächst – irgendetwas Konkretes, wenn er an Gott denkt. Innere Bilder sind nicht zu verbieten, sie sind oft wirksamer als äußere.

Das Bilderverbot ist sehr aktuell: Vor allem als Warnung, etwas Weltliches zu Göttlichem zu erklären: Geld, Nation, eine Partei, einen Menschen etc. Das ist aktuell, leben wir doch in der Zeit des heiligsten Geldes und des heiligen Finanzkapitals.

13.Zum politischen „Monotheismus“, dem Stalinismus:

Siehe etwa das Buch von Michail Ryklin, „Kommunismus als Religion“. Verlag der Weltreligionen, 2008.; „Die politische RELIGION des Bolschewismus nannte sich selbst eine wissenschaftliche Ideologie“ (S. 40) …auch der französische Soziologe Raymond Aron sprach vom Kommunismus als säkularer Religion. „Der Sozialismus (à la Moskau) ist Religion in dem Maße, in dem er Anti-Religion ist“. (S.41). Und die Pilger aus ganz Europa strömten in den dreißiger Jahren nach Moskau. Sie sahen in der UDSSR ein heiliges Land, ließen sich dort auch materiell verwöhnen und den Geist verwirren. „Clara Zetkin forderte an der sowjetischen Grenze alle Mitreisenden auf, ihre Schuhe auszuziehen, denn der Boden, den man betrete, sei, so wörtlich, heiliger Boden“ (S. 58, zit. von Karl Schlögel). Aber: Andere Reisende empfanden die UDSSR treffender als Hölle: S. 59.

Viele wurden Konvertiten zum Kommunismus: Die neue kommunistische Religion versprach besser zu sein. „Bei den inszenierten Feierlichkeiten in Moskau erweckte das System den Eindruck, die Erlösung habe bereits stattgefunden“ (S. 60)

14.Eine Frage, die Assmann nicht bearbeitet nach meiner Kenntnis: Ist das Christentum, vor allem der Katholizismus, tatsächlich selbst streng monotheistisch? Die Frage spüren moderne, kritische Theologen, wie Edward Schillebeeckx, in: „E. Schillbeeckx im Gespräch“, Luzern 1994. S. 103 ff.

Er betont seine Zurückhaltung, wenn er von der göttlichen Trinität spricht. „Wenn ich sage, dass Gott in drei Personen existiert, fürchte ich eine Art Tri–Drei -Theismus, drei Götter, drei Personen wie eine Art Familie. Ich scheue mich, eine spekulative Theologie über die drei Personen und ihre Beziehungen zueinander zu entwickeln…. Was soll die Rede von drei Personen“? „Ich bin im Hinblick auf eine Trinitätstheologie fast ein Agnostiker“ (S. 107). Da gibt es viele theologische Aufräumarbeit in den Kirchen. Auch so viele Kirchenlieder müssten umgeschrieben werden oder besser: ganz verschwinden!

15.Ist der Katholizismus monotheistisch angesichts des Marienkultes und der Heiligenverehrung? Maria als Königin, Maria als dominante all präsente Mutter und Herrscherin, als erhabene Figur über den Barockaltären.. Es gibt das Gebet zu Maria, „durch Jesus zu Maria“ als Spruch, die Orte, wo die Mutter Gottes erschien, Fatima, Lourdes etc… Wer denkt da nicht eine Göttin Maria? Das Thema wird in der Theologie und Lehre der katholischen Kirche tabuisiert und ignoriert. Was wäre schlimm, wenn es eine Muttergottheit gäbe?

Siehe etwa das beliebte Marienlied „Gegrüßet seist du Königin“… Da heißt es in der 6. Strophe „O mächtige Fürsprecherin, o Maria. Bei Gott sei unsere Mittlerin, o Maria…“ Zit aus „Mythos Maria“, S. 92, (Hermann Kurzke, Beck Verlag)… Oder aus dem Lied „Wunderschön prächtige…“ In der 6. Strophe heißt es „Du bist die Helferin, die bist die Retterin“, Kurzke S. 238.

16.Die Arbeiten von Jan Assmann über den Monotheismus führen zu mehr Klarheit im Umgang mit monotheistischen Religionen. Wichtig und wegweisend ist Assmanns Plädoyer, dass jeder religiöse Mensch gleichzeitig auch der universalen Menschheitsreligion angehören sollte. Die konkrete religiöse Bindung an eine Konfession erhält im Sinne Assmanns die Qualität eines ALS OB, es geht also um die Überzeugung: Ich binde mich an meine konkrete Konfession nur, als ob sie alles wäre. ABER sie ist eben nicht.

Was den Islam angeht, haben andere einige kritische Impulse gegeben: Etwa Prof. Mouhanad Khorchide, (lehrt in Münster), „Gott glaubt an den Menschen. Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus“, Herder Vl. 2015.

17.Aber im Christentum, also in den Kirchen, gilt doch die Erkenntnis: Wer sich heute Christ nennt, ist doch einbezogen in eine breite Gewaltgeschichte, die nur mit Mühe von offizieller Seite anerkannt wird. Diese Gewaltgeschichte erhält jetzt durch den sexuellen Missbrauch durch Priester weltweit noch ein neues Gesicht.

Angesichts dieser überwiegend äußerst dunklen Geschichte bleibt meines Erachtens für einen spirituellen Christen nur der Weg der Mystik: Der Suche nach dem Göttlichen in der eigenen Seele, dem „ewigen“ Seelenfunken“ in jedem Menschen, dieser göttliche Seelenfunken verlässt den Menschen nicht – aufgrund des Geschaffenseins durch Gott. Auch nicht im Tod: Dies ist die „Auferstehungserfahrung“.

Jesus wird in dem Zusammenhang ein wegweisender Prophet, der die allgemeine, die säkulare, vernunftgesteuerte Ethik, mit seinen eigenen Vorschlägen verstärkt bzw. noch weiter führt: Man denke an die Feindesliebe, an die wesentliche wertvolle Gleichheit ALLER Menschen als Brüderlichkeit. Man denke an die Abwehr von autoritären religiösen Meistern (Klerus etc.), an die Liebe zu den Armen als Weg der Befreiung usw… Vielleicht ist die massive Freilegung der sexuellen Gewalt durch Priester jetzt das Ende der katholischen Männer/Klerus-Kirche. Vielleicht entsteht nun eine neue Reformation, eine demokratische transparente, Frauen respektierende katholische Kirche.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Skandal der Skandale“: Ergänzungen zu einem Skandalbuch von Dr. med. Manfred Lütz

Ein Sachbuch, als Bestseller?

Ein Hinweis von Christian am 28.9.2018

1.Ob das Buch „Der Skandal der Skandale“ von Manfred Lütz tatsächlich ein Bestseller mit hohen Auflagen ist, kann ich nicht belegen. Meine entsprechenden Fragen an den HERDER Verlag wurden nicht beantwortet, ebenso wurde meine Frage nicht beantwortet, ob das Buch auch in anderen Sprachen erscheinen wird.

Warum muss man noch einmal über den „Skandal der Skandale“ sprechen, erschienen Ende Februar 2018? Man tut dies eher ungern, weil jede Kritik im letzten doch vielleicht noch der „Werbung“ für ein bestimmtes Opus dient. Trotzdem: Je länger man forscht, um so mehr wird deutlich, und das ist wichtig zu zeigen, wie heute ein Sachbuch entsteht, das zudem von Anfang an als Bestseller beworben wurde Das Lütz Buch ist dafür ein klassisches Beispiel.

Die ersten Kritiken zu dem Buch „Skandal der Skandale“ wurden geschrieben: Von dem Theologen und Journalisten Christian Modehn am 6.3. 2018, danach von Prof. Herbert Schnädelbach und dem Historiker Dr. Josef Breinbauer.

Schon zur Präsentation des Buches in Berlin am 28.2.2018 hatte ich den teilnehmenden Politiker Dr. Gregor Gysi befragt, warum denn von seiner Seite aus kein kritischer kommentar zum Buch vorkam: Gregor Gysi schreibt mir am 13.3. 2018: „Sehr geehrter Herr Modehn, herzlichen Dank für Ihre Nachricht vom 6. März. Leider kam ich nicht dazu, Lütz für die Art und Weise der Schilderung der Gewalt durch das Christentum zu kritisieren. Er bagatellisiert es und versucht es regelmäßig irgendwie zu rechtfertigen. Aber während der Podiumsdiskussion wurde darauf nicht eingegangen. Ich hatte eine Rede vorbereitet, in der ich dazu Stellung genommen hätte.   Mit freundlichen Grüßen Gregor Gysi“

2.Die Buchkritik des ev. Theologieprofessors Friedrich Wilhelm Graf in der FAZ vom 23.3. 2018, Seite 14, wurden aus der website der FAZ wieder entfernt. Geblieben ist eine Zusammenfassung von „Perlentaucher“: Darin heißt es: „Friedrich Wilhelm Graf ist bloß froh, dass das intellektuelle Niveau, das Manfred Lütz in seiner Affirmationsgeschichte des Christentums an den Tag legt, nicht repräsentativ ist im deutschsprachigen Bildungskatholizismus. Peinlich findet er, wie der Autor die Kirche vom Blut der Kreuzzüge und der Gewalt gegen die Juden reinzuwaschen versucht. Schuld war immer der Pöbel und habgierige weltliche Herrscher, lernt Graf. Dass der Autor die Verwicklungen katholischer Priester in Missbrauchsskandale kritisiert, findet Graf da schon fast erstaunlich. Im Ganzen eine dürftige Apologetik, meint er, die sich auf einen naiven Wissenschaftsglauben stützt“. Quelle: https://www.perlentaucher.de/buch/manfred-luetz/der-skandal-der-skandale.html

3.Seitdem werde ich immer wieder gefragt, wie denn dieses Skandalbuch von Manfred Lütz, Dr. med. und Dipl. Theol. sowie Arzt an den Katholischen Alexianer-Kliniken in Köln, zustande gekommen ist. Lütz ist zudem eng eingebunden in das konservative katholische Netz in Köln und Aachen, etwa durch den MM Verlag. Dort gemeinsame Publikation mit Kardinal Brandmüller, einem der ärgsten Gegner von Papst Franziskus.

Lütz hat die große Studie von Prof. Angenendt „Toleranz und Gewalt“ stark bearbeitet und gekürzt hat und dann seinen Text ohne jeden Quellenhinweis publiziert hat. Bisher hat sich Prof. Angenendt nicht öffentlich zu dem Lütz Opus geäußert.

Am wichtigsten ist wohl: Lütz nennt mehrere Theologieprofessoren und Historiker im Buch selbst (S. 15): Sie hätten sein Buch vor Veröffentlichung als Fachleute gelesen.

4.Einer von ihnen ist der bekannte Historiker Prof. em. Heinz Schilling, Berlin. Er antwortete auf meine Frage, ob er denn, wie Lütz behauptet, den Buch – Text gelesen habe, am 21.9. 2018:

„Kurz, da im Ausland auf Exkursionen: Nein, ich hab den Text NICHT gelesen, nur kleine Auszüge vor dem Druck gesehen. Als ich das Buch und insbesondere die völlig unangemessene Präsentation durch Dr. MED. Lütz sah, war ich entsetzt und habe beim Verkauf unter Protest mein „BLURB, also mein Statement auf dem Klappentext des Buches, zurückgezogen. 

Freundlich grüßend Heinz Schilling“ (siehe weiter unten: In einem Leserbrief behauptet Lütz nach wie vor: Vier protestantische und katholische Historiker haben den Text des Buches korrekturgelesen…)

Das „BLURB“ ist immer noch auf der Rückseite des Buches präsent.

Es haben auch etliche katholische Theologieprofessoren – angeblich -das Werk von Lütz vor der Drucklegung gelesen. Z.B. Prof. Bertram Stubenrauch, Uni München. Er schrieb mir zu meiner Frage, freundlich, aber eher ängstlich und etwas kryptisch: „Ich bitte im Verständnis, dass ich mich hinter dem Rücken von Herrn Lütz weder zu seiner noch zu meiner Arbeitsweise bezüglich des Buches äußere. Aber darf ich eine Bitte anschließen? Wie bei jedem Buch steht das Mittel akademischer Kritik jederzeit offen und ist ja erwünscht. Wenn Sie dazu beitragen, dass dies in aller Deutlichkeit und Fairness geschieht, wird man dem Buch sicher am Besten gerecht“.

Ich interpretiere diese Zeilen so: Entweder sind Stubenrauch und Lütz irgendwie befreundet. Oder Prof. Stubenrauch ist nicht sehr motiviert einzugestehen, dass er den Text von Lütz gar nicht oder kaum gelesen hat. So ist es nun mal mit dem Verständnis kryptischer, aber freundlichen Antworten.

5.Immerhin hat der katholische Politologe und einstige ZK Chef der deutschen Katholiken, Prof. em. Hans Maier kritische Töne zu dem Buch von Lütz in „Christ in der Gegenwart“ veröffentlicht. Nur ein Satz aus der Rezension vom 8.4.2018: „Auffällig sind zeitliche und sachliche Lücken“

Manfred Lütz hat selbst leidenschaftlich für sein Opus geworben. Auf meine knappe Kritik in PUBLIK Forum reagierte er doppelt: Durch häufiges dringendes Anrufen in der Redaktion, doch eine Gegendarstellung schreiben zu dürfen. Nach Ablehnung durch die Redakion veröffentlichte er einen Leserbrief (in Heft 7/2018, Seite 64) und entdeckte in meinem Text „böswillige Absicht“. In diesem Leserbrief schreibt Lütz ausdrücklich: „Vier protestantische und katholische Historiker haben es korrekturgelesen“, Was ja nicht ganz stimmt, siehe die Stellungnahme des Historikers Prof. Schilling Nr. 4 in diesem Text. Mit anderen Worten: Darf man sagen: Lütz lügt ?

6. Offenbar hat Lütz auch in der Wochenzeitung DIE ZEIT auf einer Rezension „bestanden“, die dann ein fast ein halbes Jahr (!) nach Erscheinen des Buches am 6. September unter dem Namen Jens Jessen veröffentlicht wurde, diese Rezension ist eine Lobeshymne, die offenbar und vermutlich Lütz selbst weitgehend verfasst hat.

7.Dokumentiert werden muss noch die Tatsache, dass es durch seine engen Kontakte zur offiziellen katholischen Kirchenführung in Köln gelungen ist, aus seinem Buch „Skandal der Skandale“ sogar im Rahmen der kirchlichen Verkündigungssendungen vorzulesen.

Dazu hat mir eine Hörerin dieser Sendungen auf WDR 2 und WDR 4 geschrieben. Nur ein Auszug aus den mails von Monika Nitsch vom 20.9. 2018 an mich: „Der WDR 2 und 4 hatte vierzehntägig freitags über sechs Wochen (Juli/August 2018)  Morgenandachten von und mit Herrn Lütz (Sprecher) zu den Themen seines Skandal-Buches. Dabei bezog er sich expressis verbis auf sein Buch und zu den jeweiligen Andachten war sein Buch im Internet auf der WDR-Seite (Kirche Im WDR) groß abgebildet. Mein Protest nach der ersten Sendung bei dem Rundfunkbeauftragten blieb ohne Resonanz, so dass ich nach der zweiten Andacht mich schriftlich wieder an den Rundfunkbeauftragten und den WDR-Rundfunkrat wandte. Eins meiner Argumente war, dass es nicht sein könne, eine Buchwerbung in einer Sendung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu machen.

Von meiner inhaltlichen Kritik an Lütz‘ Buch wollte man nichts wissen („Sind Sie Historikerin?“).  Die Morgenandachtsreihe wurde nicht aus dem Programm genommen, jedoch nannte Lütz sein Buch nicht mehr in seinen Sendungen und der WDR bildete das Buch nicht mehr an den Andachtshinweisen ab. Wie kann es angehen, dass Medien so unverhohlen Werbung für diesen Skandal machen?

Dann ergänzte Monika Nitsch später Ihre Mail, sie verwies auf Ihre (portestierende) Korrespondenz mit dem WDR Rundfunkrat… Und fährt dann fort:

„Auf die Beiträge von Lütz habe ich so direkt (und persönlich betroffen) reagiert, weil wir in unserer Arbeitsgemeinschaft der Solidarischen Kirche im Rheinland über das „Skandal“-Buch gesprochen hatten. Unser Mitglied, das darüber referiert hat, war von Günter Wallraff gebeten worden, eine Rezension zu diesem Machwerk zu schreiben. Unser Historiker und Theologe hat sich dermaßen über die Verfälschungen aufgeregt, dass er ernsthaft erkrankt ist!

Lütz‘ Morgenandachten und der darin verkündete Wahrheitsanspruche sind eine bewusste Irreführung der Öffentlichkeit, offensichtlich mit dem Segen verantwortlicher Stellen in der katholischen Kirche und im WDR.

Dieser Infiltration der veröffentlichen Meinung muss entschieden entgegen getreten werden. Monika Nitsch“.

8.Das Buch „Skandal der Skandale“ verdient doch noch journalistisch – kritische Aufmerksamkeit: Weil im Rahmen einer Recherche sichtbar wird, wie heute ein Sachbuch entstehen kann. Und wie durch allerhand z.T falsche Behauptungen („Korrekturlesen durch Historiker“) der Eindruck der Seriosität geweckt wird. Und wie ein konservativer gut etabliert – katholischer Autor sich in der tiefsten Krise des Katholizismus heute förmlich getrieben fühlt, mit aller Bravour eine Apologie des Katholizismus zu schreiben …und dieses Opus von vornherein als Bestseller darzustellen. Als wäre die Kategorie „Bestseller“ von vornherein ein Zeichen für gute Qualität.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

Ist katholische Theologie eine Wissenschaft? Gehört katholische Theologie, so, wie sie jetzt ist, an die Universität? Eher nicht!

Eine Frage und ein Hinweis

Von Christian Modehn

Eine aktuelle Ergänzung am 8. Oktober 2018:

Ich habe diesen Hinweis am 8. Oktober 2018 noch einmal ergänzt und auch vom Titel her zugespitzt: Denn der Vatikan, so ist jetzt zu hören, verweigert dem Rektor der katholischen Philosophisch – theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main, eine staatlich anerkannte Hochschule!, die Fortsetzung seines Amtes: Pater Ansgar Wucherpfennig SJ darf nach Weisung der päpstlichen, vatikanischen „Bildungskongregation“, sie ist für alle katholische Bildung weltweit zuständig, nicht Rektor der angesehenen Hochschule St. Georgen bleiben. Warum? Weil er die in der Bibel vor mehr als 2000 Jahren beschriebene Verurteilung der Homosexualität „als missverständliche Stellen bezeichnete“.

Mit anderen Worten: Kritische Forschung zur Bibel vonseiten katholischer Theologen wird vom Vatikan nicht geduldet. Der Vatikan greift ein und verhindert so, indem er zudem Angst erzeugt, freie Forschung.

Mit anderen Worten: Katholische Theologie, in ihrer Abhängigkeit vom Vatikan, ist keine freie Wissenschaft. Theologie muss den Weisungen einer,  pardon, verkalkten Theologie einiger allmächtiger Herren im Vatikan folgen. Darum: Katholische Theologie in dieser Form hat eigentlich an einer Universität oder staatlich anerkannten Hochschule nichts zu suchen.  Sie ist unfrei.

Das Pikante an dem Vorgang ist ja: Der Bischof von Limburg, Georg Bätzig, verteidigt jetzt sogar den bestraften Theologieprofessor: Der Bischof habe der Wiederwahl des Jesuiten zum Rektor in Frankfurt uneingeschränkt zugestimmt. Damit macht sich immerhin eine Kluft auf zwischen Bischöfen in Deutschland und dem Vatikan. Wer wird sich durchsetzen? Angesichts der gehorsamen Ängstlichkeit der Bischöfe, seit Jahrhunderten üblich, natürlich der Vatikan.

Quelle: SZ 8.Oktober 2018   https://www.sueddeutsche.de/panorama/katholische-kirche-hochschulrektor-verliert-posten-wegen-positiver-aeusserungen-zu-homosexualitaet-1.4160821

……..  der ursprüngliche Hinweis:

Der Beitrag spricht nur von der römisch-katholischen Theologie; bei der protestantischen Theologie an den Universitäten gelten wahrscheinlich etwas andere Verhältnisse.

Der Anlass ist aktuell: Die Frage sollte endlich öffentlich debattiert werden: Ist katholische Theologie überhaupt eine Wissenschaft, die in ihrer bisherigen kirchenrechtlichen Form und aufgrund des Konkordates an eine staatliche Universität gehört?

Demnächst wird es ein so genanntes „Zentralinstitut katholische Theologie“ an der Humboldt Universität geben, mit zunächst wohl 6 Professoren. Wer wird sie auswählen und berufen? Welche inhaltlichen Schwerpunkte werden gesetzt? Das “Zentralinstitut“ in Berlin wird wohl und will wohl, soweit man weiß, in gewisser Hinsicht etwas Neues sein, insofern es die Kulturwissenschaften in die theologische Arbeit einbeziehen will und ausdrücklich eher als für „fortgeschrittene Theologen“ ein Ort der Weiterbildung sein wird.

Es ist also doch im letzten ein katholisch – konfessionell geprägtes Institut, vom Staat bezahlt.

Es muss also vor diesem Hintergrund die in Deutschland kaum diskutierte Frage gestellt werden: Ist katholische Theologie, so wie sie in Deutschland, aber auch etwa in Österreich, betrieben wird, eine freie, unabhängige Wissenschaft, wie es die anderen Wissenschaften an einer staatlichen Universität sind oder sein sollten?

Tatsache ist in Deutschland: Die Kirchenleitung, also die Bischöfe und über diese Bindung auch an den Vatikan und die vatikanische Glaubensbehörde, haben das letzte Wort: Sie sagen, wer als Professor(IN) an einer staatlichen katholisch – theologischen Fakultät bzw. „Zentralinstitut“ lehren darf. Das sollte ins allgemeine Bewusstsein dringen! Katholische Theologie ist in Deutschland eine Herrschafts – Theologie, sie wird bestimmt vom kirchenleitenden Klerus. Noch immer gilt, was Kardinal Ratzinger im Interview mit Peter Seewald (in „Salz der Erde“, 1996) über seine Erfahrungen an der katholisch – theologischen Fakultät in Tübingen von seinen Kollegen sagte: „Der einhellige Wille, dem Glauben zu dienen, war hier zerbrochen“ (S. 82). Es gibt also für die kirchleitenden katholischen Bischöfe nur „den“ (einen) Glauben, also den offiziellen, den römischen, dem Theologen an der Universität bitte zu DIENEN haben! Unerhört findet Ratzinger in demselben Interview das Projekt einiger Theologen an der Tübinger Fakultät, „der Kirche Mitschuld an der kapitalistischen Ausbeutung der Armen “ zu geben, der „herkömmlichen Theologie also eine systemstabilisierende Funktion zuzuschreiben“(S. 83). Wie konnten auch nur katholische Theologen diese unerhörten Fragen stellen; wie konnten sie nur kreativ neue Fragen stellen, so sie doch dem römischen Glauben zu dienen hatten, in der Sicht Ratzingers und des Vatikans? Unverschämte Theologen sind sie in der Sicht Ratzingers…

Also: Katholische Theologie, auch an Universitäten, steht unter der Führung des hohen Klerus. Das ist bis heute eine Tatsache. Denn so Ratzinger, in dem genannten Interviewbuch: „Nach katholischem Glauben gibt es eine Letztentscheidungsinstanz“ (S. 194). Den Papst und die oberste Glaubensbehörde im Vatikan, einst Inquisition genannt.

Das heißt konkret heute: Gut gebildete Theologen, die ihr Priesteramt aufgegeben haben, kommen als Professoren schon gar nicht in Frage. Priester, die als Theologieprofessoren einer staatlichen katholisch – theologischen Fakultät irgendwann einmal heiraten, werden aus dieser Fakultät entlassen (wie etwa Prof. Michael Bongardt an der FU Berlin). Theologieprofessoren, die in der Sicht der Bischöfe ungewöhnliche Thesen bzw. angebliche „Irrlehren“ vertreten, fliegen aus der Fakultät raus, siehe den Rausschmiss des katholischen Theologen Hans Küng in Tübingen. Und der „Witz“ ist: Werden in der Sicht der Bischöfe „unerträgliche“ katholische Theologen von der Fakultät entlassen, muss der Staat für diese Herren neue Posten an der Uni suchen und schaffen. Der Steuerzahler zahlt also für katholische, interne dogmatische Konflikte. Das gilt etwa für Hans Küng und Michael Bongardt. Keine Berufschancen als Theologieprofessor hat, selbst wenn er kirchenrechtlich gesehen Laie ist, wenn er (sie) sich als Theologieprofessor(in) öffentlich zu seiner gelebten Liebe in der Homosexualität oder gar zu einer homosexuellen Ehe bekennt. Keine Berufschancen hat, wer als Theologieprofessor im Laienstand offiziell noch einmal heiratet: Solche in katholisch – offizieller Sicht unmoralischen Theologieprofessoren (und wohl auch die „unteren Etagen“, wie Dozenten, etc.) müsste der Staat auf bischöflichen Druck entlassen. In Karlsruhe würden dann die Fälle Jahre lang verhandelt werden. Wahrscheinlich bekäme die Kirchenführung wegen bestehender Konkordatsgesetze sogar noch Recht. Nun gibt es aber wohl homosexuelle Theologen oder „geschiedene“ Theologen, aber diese dürfen ihre Identität nicht öffentlich preisgeben, wollen sie ihren Job behalten. Das wäre ein psychologisches wichtiges Nebenthema, denn diese Herren und Damen sind also zum Verheimlichen gezwungen. Verheimlichen wird zum theologisch – beruflichen Lebensmittelpunkt.

Mit anderen Worten: Die Kirchenführung, also Papst und Bischöfe, sehen sich nach wie vor, in den entscheidenden Kirchendokumenten belegt, als die letzten Entscheider in Personalfragen und damit in Sachfragen für staatlich angestellte Theologieprofessoren. Kein Kirchenmitglied, kein Konzil, hat die rechtliche Möglichkeit und Kompetenz, diese allumfassende Macht der Kirchenführung einiger zölibatärer Männer zu korrigieren zugunsten der Vernunft und der demokratischen Entscheidungen. Denn diese sich absolut fühlenden Chefs der Kirche glauben, dass nur ihnen der arme Prophet Jesus von Nazareth die absolute Vollmacht gab, in Kirchendingen zu entscheiden. Sie müssen nämlich glauben, der arme Prophet Jesus von Nazareth, am Kreuz krepiert, hätte diese römische Hierarchen – Kirche, so wie sie jetzt ist, gewollt! Diese klerikalen Herren haben sich die Interpretation einiger Bibelstellen seit 2 Jahrtausenden förmlich angeeignet. Das Wort Jesu hingegen „Nennt euch nicht Meister“ wird gelassen ignoriert von diesen Meistern. Aber das ist ein anderes Thema.

Die Kirchenführung also bestimmt, wer in Deutschland Theologieprofessor sein darf, und sie bestimmt natürlich auch darüber, WAS theologisch inhaltlich gelehrt wird. Denn wer von Bischofsgnaden Theologieprofessor ist und dies selbstverständlich weiß, hält sich mit Kritik an theologischen Entwicklungen zurück. Der Forschergeist ist gebremst.

Man kann also sagen: Im letzten bestimmen auch Papst und Bischöfe den inhaltlichen katholisch-theologischen Betrieb. Das gilt weltweit auch für Länder, wo es keine katholische Theologie an staatlichen Universitäten gibt, sondern nur kircheneigene „Seminare“ oder theologische Hochschulen, etwa der Ordensgemeinschaften.

Man mache sich die Mühe und dokumentiere, welche, in moderner theologischer Sicht, absurden Promotions-Themen etwa an päpstlichen Universitäten in Rom entstehen. Ich würde nach oberflächlicher Lektüre langjähriger Studien behaupten: Zum 100. Mal gab es eine Promotion über den jungen Augustinus und seine Bekehrung; zum 50. Mal etwas über die Gnadenlehre Gregor des Großen oder über den missionarischen Glauben Karl d. Großen usw… Im absolut bevorzugten Fach Kirchenrecht sicher zum 1000. Mal: Warum braucht die katholische Kirche keine demokratische Grundordnung? Oder: ebenfalls zum 100. Mal: Zur Aktualität der „sanatio in radice“. Im Fach Dogmatik etwa: Die Transsubstantionslehre bei dem späten Wyclif usw. Damit bin ich absolut nicht gegen die Erforschung auch abseitiger historischer Themen, aber: Sie nehmen im römischen Theologiebetrieb nur Überhand. Wo gibt es katholische ethische Institute zur Erforschung der Nachhaltigkeit, der globalen Gerechtigkeit, zur Erforschung des Wahnsinn des Kapitalismus? Ich kenne kein Institut…

Diese genannten Promotionen dienen nur dazu, irgendwelchen künftigen klerikal– treuen und gehorsamen Prälaten einen Doktortitel zu verpassen. Rainer Maria Woelki (jetzt Kardinal in Köln) hat bekanntlich seine theologische Doktorarbeit an der römischen Opus Dei Universität (durch Vermittlung des „Opus Dei sehr zuneigenden“ Kardinal Meisner) zum schon 1000mal das Thema „Die Pfarrei“ behandelt. Der Text selbst als solcher ist übrigens selbst in der Kirchenbibliothek zu Köln unerreichbar. Ich habe darüber einst ein paar Zeilen geschrieben.

Zurück noch mal zu Deutschland mit der eigenen Situation einer Nähe von Kirchen und Staat (Konkordat).

Um da etwas – polemisch durchaus gemeint – Klarheit zu schaffen:

Die rechtliche Situation katholischer Theologie an einer staatlichen Universität wäre vergleichbar: Wenn das Justizministerium in Berlin die Professoren für Jura an den Universitäten vor Anstellung überprüft und dann „zulässt

Oder wenn der Außenminister die Professoren für Politologie vor Anstellung überprüft und dann erst an der Uni „zulässt“.

Oder wenn das Gesundheitsministerium die Professoren für Medizin an den Universitäten vor Anstellung überprüft und dann zulässt.

Sollte diese Prozedur der Fall sein, würde dies wohl um der gesetzlich garantierten Freiheit der Wissenschaft und der Wissenschaftler schnell korrigiert, weil in einer Demokratie die kritische Stimme der Öffentlichkeit eine entscheidende Rolle spielt. Die katholische Kirche ist keine Demokratie und will in zahlreichen Texten explizit dokumentiert auch keine Demokratie sein. Also kann kein öffentlicher Einspruch eine Rolle spielen. Und der Staat muss diese katholisch theologische Form der Wissenschaft an der Uni finanzieren. Man zähle bitte nach, wie viele katholisch – theologische Fakultäten an Universitäten es in Deutschland gibt, zähle die Anzahl der Professoren usw. und die (sinkende) Anzahl der Studierenden. Ich habe 19 Fakultäten gezählt. Eigentlich müsste angesichts dieser starken Präsenz die kulturell interessierte Öffentlichkeit permanent mit neuen theologischen Erkenntnissen konfrontiert werden, mit lebendigen Debatten etc. Ist dies der Fall? Wo es doch noch nicht einmal eine ernstzunehmende öffentlich, also am Kiosk erreichbare, katholisch Kulturzeitschrift gibt…

In jedem Fall gilt:

Das theologische Problem dieser Abhängigkeit einer Wissenschaft von der leitenden Instanz muss eigens angesprochen werden.

Denn im Vatikan gibt es in den dortigen absoluten Kontroll – Behörden eine eigene Theologie, die diese vatikanischen Herren für die ganze Welt durchsetzen wollen. Diese römisch/vatikanische Zentraltheologie wurde immer wieder von Theologen beklagt, etwa von Karl Rahner, aber auch von Theologen aus den USA oder Lateinamerika. Die Liste der angeklagten katholischen Theologen allein seit 50 Jahren, also nach dem so genannten Reformkonzil (2. Vatikanisches Konzil), ist endlos lang, Ratzinger hat diese Leute gern verfolgt, und man kann über google schnell fündig werden hinsichtlich des Ausmaßes der Kontrollen.

Nur ein Beispiel für viele: Der in El Salvador lehrende Theologieprofessor Prof. Jon Sobrino aus dem Jesuitenorden wurde 2007 von der römischen Glaubensbehörde mit einer so genannte „Notification“ ausgestattet: Das bedeutet: Ausdrücklich werden gegen Prof. Sobrino zwar noch keine Strafmaßnahmen ausgesprochen, hingegen wird sehr deutlich vom Vatikan aus gesagt: Einige Aspekte seiner grundlegenden Studien über Jesus Christus sind in römischer Sicht falsch. Gleichzeitig werden die Bischöfe in dem Bürgerkriegsland El Salvador (d.h. heißt konkret: Reaktionäre katholische Militärs „beseitigen“ die kritische befreiungstheologische Basis, die ausgelöscht werden muss) aufgefordert: „Maßnahmen zu ergreifen, um die kritische Sicht des Vatikans gegen Pater Sobrino durchzusetzen“. Der katholische Theologe Knut Wenzel kommentiert: „Diese Aufforderung des Vatikans stellte eine erhebliche Verletzung der Rechtssicherheit für Pater Sobrino dar“ (in: Die Freiheit der Theologie, hg. Knut Wenzel, Grünewald Verlag, 2008, S. 7).

Diese Disziplinierungsmaßnahmen des Vatikans entsprechen jedenfalls nicht den von Philosophen und Humanisten durchgesetzten Standards von Rechtsstaatlichkeit und Verfahrenstransparenz. Letztlich war der Kampf des Vatikans gegen Professor Sobrino ein Kampf (und interessierter europäischer, us – amerikanischer Politiker) gegen die Befreiungstheologie. In Deutschland wurde dieser Kampf gegen diese Theologie kaum wahrgenommen.

Was hingegen aus aktuellen Gründen wahrgenommen werden sollte in Deutschland, ist der Wandel in der katholischen Bibelwissenschaft. Wird sich dieser Trend gegen die historisch – kritische Methode sich auch in Berlin breit machen? Da hat die bisher übliche historisch kritische Methode Konkurrenz bekommen in der so genannten „kanonischen Exegese“. Sie legt u.a. wert auf die Einbindung eines einzelnen Bibeltextes in das Gesamte, „kanonische“ biblische Text-Volumen. Wichtig ist nun von vornherein die spirituelle Bedeutung der Bibelauslegung, wobei oft wohl unterstellt wird, die historisch – kritische Bibelwissenschaft „bringe nichts“ für den Glauben des einzelnen: Als sei kritische Kenntnis ein Hindernis für einen aufgeklärten Glauben! Als Beispiel für diese angeblich spirituell hilfreiche kanonische Bibelauslegung gelten die Jesus – Bücher von Benedikt XVI. Nur einige Fragen, die Prof. Ruth Scoralick, Luzern, in dem Zusammenhang stellt:

„Von exegetischer Seite wird besorgt angefragt, ob sich die kanonische Auslegung nicht (unabsichtlich) als Türöffner für Fundamentalismus und Biblizismus betätigt. Ist darüber hinaus die kanonische Auslegung in einigen ihrer Gestalten nicht einfach eine Rolle rückwärts hinter die Erkenntnisse der Auf-klärung direkt in die Arme der Kirchenväter? Werden die biblischen Texte in ihrer Vielfalt nicht tendenziell eingeebnet und vereinheitlicht? Werden außerbiblische Textbezüge noch ernst genommen oder einfach abgeschnitten? Führt die verschiedentlich anzutreffende Rede von der Überführung ursprünglich situativ gebundener Texte in eine «überzeitliche» Dimension durch ihre Aufnahme in den Kanon nicht in eine unangemessene Abstraktion?“ (Quelle: http://www.bibelwerk.ch/upload/20091127104302.pdf)

Zusammenfassend:

Es ist notwendig, die katholische Theologie aus der Bindung ans kirchliche Amt zu befreien und katholische Theologie als „Religionswissenschaft des Christentums und des Katholizismus“zu etablieren. Dadurch würden es keine theologischen Forschungsverbote mehr geben, etwa zur Unfehlbarkeit des Papstes, zum Marienkult als Ausdruck einer Mutter – Religion, zur Trinität als Frage nach dem Monotheismus, zur Gültigkeit aller einst einmal formulierten Dogmen auch für de heutige Kirche usw. Ein breites, auch kulturelles Spektrum könnte in dieser amtskirchen-unabhängigen Wissenschaft von der katholischen Religion behandelt werden. Der ausdrückliche Bezug zur pluralistischen Religionstheologie oder zu Gender – Forschungen etc. wäre problemlos und angstfrei möglich.

Wer unter diesen Bedingungen ausgebildet wird, hat einfach einen breiteren Horizont, er (sie) ist sozusagen kulturell – religiös umfassender gebildet als in der üblichen katholisch – theologischen Arbeit, die ja oft von Angst vor „schwierigen“ Themen geprägt ist. Diese neue Ausbildung würde den Religionslehrern nützlich sein so wie auch den Kandidaten für den Pfarrerberuf. Wie man gut predigt oder wie man Liturgie gestaltet, muss ja dann nicht mehr an der staatlichen Uni gelehrt werden, sondern kann in Kursen in kirchlicher Verantwortung stattfinden.

Nebenbei: Wenn es in Berlin ein Zentralinstitut katholische Theologie“, staatlich finanziert unter amtskirchlicher Regie tatsächlich geben wird: Was wird dann etwa aus dem in Berlin – Biesdorf gelegenen innerkirchlichen theologischen Ausbildungsinstitut der Neokatechumenalen, die ja bekanntlich seit vielen Jahren in ihrem sehr sehr konservativen Sinne junge Priester aus aller Welt für die Berliner katholischen Gemeinden ausbilden? Von dieser Bildungsstätte in Biesdorf hat die kulturell interessierte Öffentlichkeit in Berlin absolut nichts wahrgenommen, keinerlei theologische Impulse sind von dort in die Öffentlichkeit gelangt. Das Ganze wirkt wie eine geheime Kaderschmiede, früher hätte man gesagt: Parteihochschule. Das Biesdorfer Institut unter dem Titel Redemptoris Mater, Mutter des Erlösers, gehört den Neokatechumenalen, die weltweit 100 dieser Einrichtungen unter demselben Titel führen. Diese Institute sind ein Beispiel dafür, wie katholische Theologie aussieht, die nur im Getto der Kleriker betrieben wird. Berlin braucht keine klerikale katholische Theologie, sondern eine „Religionswissenschaft über die katholische Religion“. In Nijmegen, Niederlande, kann man sich an der dortigen Universität erkundigen, wie das funktioniert.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

„DIE ZEIT“ verbreitet Legenden und Fake News zur Kirchengeschichte

Manfred Lütz und sein Skandalbuch „Skandal der Skandale“ wird von Jens Jessen (DIE ZEIT) verteidigt.

In der Ausgabe DIE Zeit vom 6. September 2018, Seite 40.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Nun verbreitet auch die eigentlich ja oft geschätzte Wochenzeitung „DIE ZEIT“ theologische und kirchenhistorische Legenden, fake news: Offenbar nämlich durfte, so meine Vermutung, der angeblich „prominente Psychiater und Theologe“ Manfred Lütz, so diese Einschätzung durch „Die Zeit“, dort dem Redakteur Jens Jessen seine eigene Buchkritik fürs Feuilleton dieser Wochenzeitung vorlegen. Auf andere Weise kann ich als Theologe und Kritiker des Skandalbuches „Der Skandal der Skandale“, verfasst von Manfred Lütz, nicht verstehen, dass so viel Unsinn auf einer Spalte verbreitet wird, unterschrieben von Jens Jessen. Man hat den starken Eindruck, dass der Rezensent Jessen das Buch selbst nicht gelesen hat. Denn dann wäre dem Kulturjournalisten wenigstens aufgefallen, dass das Lütz Buch, das sich ja als wissenschaftliches Buch und nicht als Märchen – Buch versteht, keinen einzigen Quellenverweis bei den vielen Zitaten enthält. Wenigstens ein kleines Zitat aus dem Lützbuch hätte ein lesender Rezensent doch mal einfügen können, macht Jessen aber nicht. Zu den Quellenangaben: Lütz redet sich da raus und sagt, dann sollen die LeserInnen eben das umfangreiche Buch des Kirchenhistorikers Angenendt lesen, auf das sich Lütz ja bezieht. Wie nett.

Es ist schon komisch, dass die sonst auf Aktuelles auch im Feuilleton so fixierte ZEIT dieses Lütz Buch erst 6 Monate nach Erscheinen publiziert. Meine Vermutung ist: Offenbar ist aus dem von Anfang an als Bestseller hoch gejubelten Buch doch nicht so viel geworden an Auflagen, so dass nun kurz vor der Buchmesse in Frankfurt mit Hilfe dieser Werbung der ZEIT noch mal das Geschäft befeuert werden soll.

Der Gesamttendenz des ärgerlichen Textes:

Diese Buchbesprechung in DIE ZEIT ist eine Reinwaschung des Skandalbuches von Lütz.

Jessen (bzw. Lütz, wenn man so will) unterstellt, der Philosoph Herbert Schnädelbach würde „landläufigen Urteilen“ folgen in seiner Buchkritik zu Lütz. Was für eine Unverschämtheit, einem renommierten Philosophen eine unreflektierte Folgsamkeit zu „landläufigen Urteilen“ zu unterstellen….Die Rezenten tut weiter so, als sei der Historiker Prof. Angenendt völlig einverstanden mit diesem Lütz Opus. Ich höre von Insidern, dass Prof. Angenendt selbst gar nicht so glücklich ist mit der Reinwascherei, genannt Popularisierung, seines umfangreichen Buches, die Herr Lütz da liefert. Wusste Arnold Angendt, em. Prof. in Münster, Jahrgang 1934, überhaupt vor Drucklegung von dem Lützbuch? Das ist alles nie geklärt worden. Man frage doch mal bei Angenendt nach, wie zufrieden er denn als Wissenschaftler ist mit der Popularisierung seiner umfassend wissenschaftlichen Studie. Das wäre Aufgabe eines Recherche-Journalismus in DIE ZEIT etwa..

Selbst der erzkatholische Politologe und einstige ZK Chef der Laien in Deutschland kritisierte das Skandalbuch von Lütz in „Christ in der Gegenwart“, Ausgabe 8.4.2018.

Mir unterstellte Lütz in einem Leserbrief für PUBLIK FORUM (Heft 7/2018) „böse Absichten der Manipulation“, nur weil ich erwähnte, dass zweifelsfrei zustimmend Lütz den amerikanischen Politologen Gary Remer in seinem Skandal Buch zitiert. Remer schreibt: „Hätte im Mittelalter ein jüdischer Staat bestanden, dürften manche Heiden der Verfolgung ausgesetzt worden sein“… In einem Interview mit Joachim Frank, Frankfurter Rundschau, 28. März 2018, Seite 32, hat Lütz immerhin einen gravierenden Fehler seinerseits eingestanden, als er in dem Skandal Buch schrieb: „Manches“, was die Christen den Juden antaten, „mag skandalös gewesen sein“. Manches, und mag gewesen sein, behauptet Lütz. Gegenüber Frank sagte Lütz, er wolle diese Formulierung korrigieren…

Aber darum geht es jetzt nicht primär:

Die Rezension in DIE Zeit verfälscht die Tatsachen: Die Liste der kirchlich verursachten und von der Kirche in Gang gebrachten Verfolgungen und Tötungen ist grenzenlos. Kirchen und Staaten waren damals, bis ins 18. Jahrhundert, ideologisch eins, es ist darum nur „Weißwäscherei“ zu sagen: Die Verfolgung und Tötung hätte der Staat übernommen. Er musste es in gutem Einvernehmen mit der Kirche tun. Kirche und Staat wollten beide keine „Abweichler“ in ihrem Territorium, darum töteten sie in gutem Einvernehmen (!) die Abweichler…

Es ist auch die Kirchenführung selbst, die eine grausame Verfolgung aller Häretiker einführt, etwa im Verdammungsdekret gegen Petrus Valdès und seine Freunde, siehe dazu den nun einmal wirklich prominenten Historiker Jacques Le Goff, „Die Geburt Europas im Mittelalter“, 2004, Seite 119. Auch die tötende Gewalt der Kirche gegen Homosexuelle seit der Frühzeit der Kirche schreit förmlich zum Himmel.. “Bei den Mächtigen wurde die Sodomie mehr oder weniger (von der Kirche) geduldet“ (S. 126, ebd.) Eine interessante Parallele zur Jahrzehnte, Jahrhunderte langen kirchenoffiziellen Verschleierung des Kindesmissbrauchs durch Priester, Bischöfe, Kardinäle.

Die Hexenverfolgungen sind von den Kirchenleuten eingeleitet worden: „Eine führende Rolle bei der Einstimmung auf die Hexenjagd übernahm das Buch, der so genante Hexenhammer, der beiden Dominikaner Mönche, Jacob Sprenger und Heinrich Institoris,“ so Le Goff, ebd. 215….

Kaum Hinrichtungen habe es in Spanien gegeben, meinen Jessen/Lütz in ihrer Rezension. Welch ein Blödsinn! Wird es wirklich erst unerträglich fürs kirchliche Selbstbild, wenn keine Hinrichtungen geschehen. Sind Verfolgungen, Folter usw. noch kirchlich hinnehmbar? Man studiere nur die Geschichte der frühen Protestanten in Spanien, man studiere, wie dort Juden und selbst konvertierte Juden aufs übelste belästigt, verfolgt (Teresa von Avila, etc.) und z. T. auch getötet wurden.

Der größte Skandal in der ZEIT Rezension ist die unsägliche Behauptung: Die Kritiker, die die Verbrechen der Kirche freilegen, seien Geschichtsklitterer oder schlimmer noch, so wörtlich, moderne Religionsfeinde. Lütz wird doch wohl noch Religionskritik als Kritik von Feindschaft unterscheiden können. Hat der fromme Herr Lütz den Satz Jesu vergessen: „Die Wahrheit wird euch frei machen“?

Wenn Philosophen und kritische Theologen umfassend und ohne Apologetik die furchtbaren Seiten der Kirchen freilegen, sind sie heute in bester Gesellschaft mit Papst Franziskus, der ja wohl kein Religionsfeind ist, nur weil er die furchtbaren, tausendfachen Verbrechen des höheren und niederen Klerus im sexuellen Umgang mit Kindern und Jugendlichen offenbar langsam aber sicher freilegen will?

Ich habe in meiner ausführlichen Rezension gleich nach Erscheinen des Skandal Buches von Lütz gezeigt, in welchen theologischen Kreisen sich der angeblich prominente Herr bewegt, es ist das Gebiet des katholischen Rechtsaußen, aus dem Umfeld des Opus Dei, das ja bekanntlich gern Apologetik betreibt.

Man lese bitte anstelle der Zeit Rezension die ausführlichen Besprechungen zum Skandal-Buch von Manfred Lütz, verfasst von Christian Modehn, Herbert Schnädelbach und des Historikers Josef Breinbauer.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Weisheit – biblisch und griechisch (philosophisch)

Hinweise von Christian Modehn,  geschrieben für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 24.8. 2018

Weisheit ist der Inbegriff griechischer Philosophie, die sich, wie der Name sagt, als Liebe, als Freundschaft zur Weisheit definiert. Der Weisheit strebt der Mensch nach, das ist für Aristoteles wichtig. Aber für Platon gilt: Erreichen können Menschen die Weisheit in vollem Umfang nie. Nur Gott ist weise.

In der Neuzeit wird Philosophie als Weltweisheit verstanden: Dann wird Weisheit noch einmal eingeschränkt auf Lebensweisheit. Die Philosophie entwickelt dann zwei Wege: Die der Lebenslehre verpflichtete Weisheit außerhalb der Universitäten, man denke an Montaigne und seine Essays, vielleicht auch an Blaise Pascal, an Kierkegaard oder auch an den späten Schopenhauer: „Aphorismen zur Lebensweisheit“ von 1851. Dieses Buch hat Schopenhauer populär gemacht. Die an der Universität etablierten Philosophen seit dem 18. Jahrhundert verstehen diese als Wissenschaft, oft in Konkurrenz zu anderen Wissenschaften. Der Aspekt der Lebenshilfe durch Weisheit entfällt dann meist. Auch (den späten) Wittgenstein kann man wohl eher als Weisheitslehrer ansehen.

1.Kohelet (auch genannt der „Prediger Salomo)

Es gibt heute viele Übersetzungen ins Deutsche, man vergleiche, wie unterschiedlich die Übersetzungen gestaltet sind. Ich bevorzuge die Züricher Bibel.

Es ist erstaunlich, dass es im 3. Jahrhundert (vor Christus) in dem kleinen Tempelstaat, genannt Judaia mit der Hauptstadt Jerusalem, einen jüdischen Lehrer gab, der sich der umgebenden, allmächtig erscheinenden griechischen Kultur annäherte und von dieser kulturell vorherrschenden Kultur etwas für den eigenen Glauben lernen wollte. Die Oberschicht in Jerusalem sprach Griechisch. Das Buch Kohelet ist also ein Dokument eines gewissen Lernens einer Religion von den damaligen griechischen Popular – Philosophen aus dem Kreis der Kyniker und Skeptiker vor allem, aber auch von der Stoa und Epikur. Es gab schon vor Kohelet Weisheitslehren in der jüdischen Kultur, später dann auch in der hebräischen Bibel versammelt, wie etwa das „Buch der Sprüche“. Es enthält viele kurze Sprüche zur Alltagsgestaltung in einem bäuerlich geprägten Milieu. Es geht um Fleiß, Sparsamkeit, Redlichkeit. Alles Handeln soll auf der Gottes- Furcht gründen: Gottesfurcht ist das zentrale Ziel alles von Weisheit geprägten Denkens und Verhaltens. Also wohl Furcht vor diesem allmächtigen Gott! Wobei es interessant idt, dass der Alttestamentler Prof. Bernhard Lang darauf hinweist, dass viele Mahnungen im 22. und 3. Kapitel des „Buches der Sprüche“ Nachbildungen sind ägyptischer Lehren, etwa aus der Lehre für Amenemope, eines altägyptischen Königs. (in Die Weisheit des Alten Testaments, DTV, C. H. Beck, 2007, S. 138)

Also es gab immer schon einen gewissen Kulturaustausch und eine gewisse Lernbereitschaft zwischen der Jahwe- Religion und der „heidnischen“ Kultur, aber immer so, dass der Rahmen vom Glauben an Jahwe beherrschend bleibt, bei aller Freiheit der Lernbereitschaft. Das sieht man am Beispiel des Buches Kohelet.

Der Autor des Kohelet Buches: Kohelet ist ein „Deckname“ (wie auch der Hinweis auf König Salomo, dies soll der Aufwertung des Textes dienen). Kohelet bedeutet „Versammlungsleiter“ in einer ekklesia, wie man auf Griechisch sagt. Der Alttestamentler Norbert Lohfink schreibt: „Ekklesia bezeichnete auch philosophische Zirkel, und ein Kohelet, ein ekklesiastés, könnte dann auch Gründer und Leiter eines solchen Kreises gewesen sein“ (S. 11).

„Kohelet hat seine Lehre auf dem Marktplatz gegen Bezahlung öffentlich angeboten, das war neu in Jerusalem und hat Aufsehen erregt, von seinem Schülerkreis bekam der Marktplatz-Philosoph seinen Namen“ (Lohfink, S 12.) Nebenbei: Man bedenke, dass auch Paulus auf einem berühmten Platz sprach und mit dortigen Philosophen argumentierte, auf der Agora in Athen, und dort eine der schönsten Reden des Neuen Testaments überhaupt gehalten hat, etwa mit der Weisheit: „In Gott bewegen wir uns, leben wir und sind wir“… (Apg., Kap. 17, Verse 16 bis 34). Und noch etwas: Als Paulus in Ephesus wegen seiner Predigten dort aus der Synagoge geworfen wurde, fand er Zuflucht bei einem toleranten Philosophen (!). Paulus wohnte 2 Jahre bei ihm und lehre in seinem „Salon“, der Philosoph hatte den für ihn gar nicht zutreffenden Namen Tyrannus, Apostelgeschichte, 19, Vers 9.

Der Autor des Kohelet Buches verfasste seinen Text auf Hebräisch, aber eben in einem zeitgemäßen, umgangssprachlichen Hebräisch (gesprochen wurde Aramäisch).

Zum Buch selbst: Es wurde von vielen herrschenden Kreisen als störend wahrgenommen. Sicher auch vom Establishment im damalige Jerusalem. Denn die großen Themen jüdischen Glaubens, der Bund Gottes mit dem Volk Israel, das Einhalten der vielen Gebote, die prophetischen Lehren, auch die heftige Gesellschaftskritik, die Psalmen, das Gebet, all das kommt im Kohelet-Buch nicht vor. Viele Leser sehen eine gewisse Eintönigkeit im Text, in dem alles darauf hinausläuft, dass das Leben der Menschen, aller Menschen, in allen nur denkbaren Zuständen, Reiche, Arme usw. letztlich zum Tod führt. Alles, aber auch alles,  ist Windhauch, es verschwindet, führt ins Nichts.

Nebenbei: Die absoluten Herrscher im ancien régime ließen die Übersetzung des Kohelet, geschaffen vom Philosophen Voltaire, verbrennen, im September 1759 in Paris: Denn in der Sicht der Zensur zersetze dieses Buch Kohelet die Grundlagen der Moral. („Récits de l Ecclesiaste et Précis du Cantique des Cantiques“1759, die Urteilsschrift vom 3.9.1759. Arrest de la cour de Paralement). Wahrscheinlich waren die damaligen Machthaber entsetzt über Kritik an der Beamtenherrschaft im Buch Kohelet, im Kapitel 5, Verse 5 ff. ist die Rede von der Ausbeutung der Armen und noch aktueller geradezu die Erkenntnis: „Ein Mächtiger deckt den anderen, hinter beiden stehen noch Mächtigere“.

Zum Zentralen Begriff Häwäl: Alles ist Häwäl. Meint Windhauch, auch etwas Windiges, etwas Nichtiges, vielleicht auch Absurdes, meint der protestantische Alttestamentler Jürgen Ebach in einem Vortrag für den Evangelischen Kirchentag 2015 in Stuttgart. Interessant wäre eine genaue Untersuchung zu dem anderen hebräischen Begriff für Geist und Wind eben für RUACH. Er wird später ein Begriff für Rettung und Heiliges…Der heilige Geist kommt in der Beschreibung des Pfingstereignisses in der Apostelgeschichte als Brausen vom Himmel wie ein gewaltiger Wind. Dadurch wurde die Gemeinde vom heiligen Geist erfüllt.

Ich will auf den allgemeinen Rahmen des Textes aufmerksam machen, der die einzelnen Verse verständlicher werden lässt. Der Autor geht als gläubiger Jude im 3. Jahrhundert zur Zeit der hellenistischen Herrschaft in Jerusalem (die Herrschaft der Ptolemäer) davon aus: Es muss förmlich in dieser Kultur der Philosophien auch eine philosophisch erscheinende Lehre aus gläubiger, jüdischer Sicht geschrieben werden.

Dennoch ist für ihn gültig, und das wird im Text deutlich:  Gott ist und bleibt im Bekenntnis der Herr der Welt, derjenige, der alles vorweg bestimmt (dies ist eine Art personaler Ausdruck für den Glauben an die Macht des Schicksals). Und dieser Gott verfügt alles im voraus, alles ist sozusagen vorherbestimmt. Die Vorstellung, Gott als den allseits liebenden Vater zu denken, kommt nicht vor.

Und das ist das Neue im ganzen Alten Testament: Weisheit im Sinne Kohelets ist mit Erkenntnis identisch. Und dieser Weise im Sinne Kohelets weiß eben: Dieser unser alles verfügende und alle schon vorher bestimmende Gott ist nicht umfassend erkennbar. Einzelne „Wesens“-Aspekte Gottes werden nicht genannt. Bei Kohelet ist Gott nur die unbekannte alles bestimmende Urmacht.

Aber auch dieses gilt für Kohelet: Gott ist der Schöpfer dieser Welt und der Menschen. Und dieser Gott „hat die Ewigkeit in das Herz der Menschen gelegt“ (…“ohne dass sie herausfinden können , was Gott von Anfang bis Ende gewirkt hat“, Kap. 3, Vers 9 ff). .

Das heißt: Gott als der Ewige hat das, was er ist, was ihn auszeichnet, nämlich der Ewige zu sein, ewig zu sein, in die innerste Mitte der Menschen gelegt. Das heißt Gott und Mensch sind letztlich verbunden und eins. Auch wenn es eine wesentliche Differenz zwischen Gott und Mensch gibt…“Gott ist im Himmel und der Menschen ist hier“, sagt Kohelet.

Aber die alte Glaubenslehre bleibt: Gott ist der Richter über Weise und Törichte. Aber mehr kann der weise Mensch nicht über Gott sagen. Gott ist nicht  zu durchschauen. Er ist ein Geheimnis für den Menschen.  Aber wäre ein durchschaubarer Gott noch Gott?

Interessant bzw. höchst ungewöhnlich sind die weisheitlichen Mahnungen Kohelets in Kap. 7, Vers. 16 (in der Lutherübersetzung) „Sei nicht allzu gerecht und allzu weise. Damit du dich nicht zugrunde richtest“ )Also sehr viel Weisheit richtet zugrunde? Vers 17: „Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht sterbest vor deiner Zeit“. Also: Etwas gottlos, etwas religionskritisch soll der Weise durchaus sein. In der Katholische Einheitsübersetzung heißt Vers 17 viel milder und moderater: „Entferne dich nicht zu weit vom Gesetz…“ Auch die Züricher Bibel ist da radikal: „Sei nicht überfromm und gebärde dich nicht gar zu weise. Warum willst du dich zugrunde richten?“ Vers 17: „Sei auch nicht zu gottlos und sein kein Tor…“ Das muss erst noch theologisch bearbeitet werden: Ein biblischer Autor, dessen Buch als kanonische Schrift in der Bibel (Altes Testament) versammelt ist, gibt den Rat: „Sei nicht zu gottlos…“ Also: „Ein bisschen gottlos solltest du sein“ Aber was heißt ein bisschen?

Auch wenn immer wieder betont wird: Wie sinnlos, wie verhauchend und verschwindend alles ist: Dennoch wird da keine Sinnlosigkeit verbreitet, weil eben alles umrahmt und verbunden ist mit dem ewigen Gott. Der Gott Kohelets ist kein deistischer Gott, kein „Uhrmacher – Gott“ des 17. Jahrhunderts…

Zentral ist dann doch: Angesichts der totalen Windhauch- Struktur allen Lebens empfiehlt Kohelet der Jugend doch eine ausgelassene Freude am Leben, mit üppigem Essen und Trinken. Nirgendwo wird sonst in der Bibel so deutlich der üppige Lebensgenuss geradezu empfohlen, allerdings nur für die Jugend. Wo bleibt der Genuss für die Alten?

Aber diese kleinen Freuden des Lebens gönnen sich die Menschen in einem Bewusstsein, dass sie eigentlich nicht wissen, was das Ganze, was das Leben sinnvoll macht; nur der Glaube bleibt: dass Gott alles geschaffen hat und er alles vorherbestimmt. (Ob da Anklänge an Gnade und Prädestination – also bei Paulus im Römerbrief – durch scheinen, ist ein anderes Thema) „Wir sind Gottes Hand aufgehoben“: Das ist das zentrale Bekenntnis, „auch wenn wir mehr nicht wissen“.

Oft ist von Furcht Gottes“ die Rede. Dies ist eine Haltung, die im Alten Testament oft beschrieben wird, denn Jahwe hat in der Geschichte furchtbare Taten vollbracht, etwa die Ägypter vernichtet und wunderbar sein Volk erwählt und gerettet. Die Gottesfürchtigen sind die Frommen. Der Gottesfürchtige fühlt sich geborgen. Gottes Furcht ist Gehorsam gegenüber Gottes unergründlichem Willen. „Gottesfurcht ist der Weisheit Beginn“. Und ist eine Form der Unterwerfung unter die Allmacht Gottes. Gibt es im Neuen Testament noch diese Gottesfurcht?

2.Weisheit in der griechischen Philosophie. Ein knapper Hinweis fürs Weiterstudium.

Die griechische Philosophie in der Antike war in viele unterschiedliche Schulen gespalten. Wer in eine Schule eintrat, musste die Lehre des Meisters verinnerlichen, d.h. auswendig lernen, darauf weisen die Studien von Pierre Hadot immer wieder hin. Jeder Schüler einer Schule sollte die zentralen Lebensweisheiten immer „griffbereit“ für alle (schwierigen) Lebenslagen zur Verfügung haben.

Das wussten auch die frühen christlichen Theologen, indem sie den kirchlichen Glauben auch als SCHULE bezeichneten und ihn der Konkurrenz zu den anderen Schulen aussetzen. Durch die Kirchenpolitik der Kaiser setzte sich dann diese christliche Schule (eigentlich schon immer schon in sich selbst in Vielfalt) dann machtvoll durch und zerstörte die anderen philosophischen Schulen.

Ich will zu diesem komplexen Thema nur einige Hinweise geben:

Etwa in der Stoa und bei Epikur: Es geht beiden Schulen um die Erlangung der Ataraxia, der Ruhe im Leben, durch konkrete Übungen und Weisungen. Und man kann fragen: Ist diese ganze Windhauch Lehre von Kohelet nicht auch ein Einüben der Atarxia, der Unerschütterlichkeit? Ich denke, so ist es. Gerade dies hat Kohelet von den griechischen Philosophen gelernt!

Wenn man nur den Text „Selbstbetrachtungen“ (am Ende seines Lebens, um 172 nach Chr. geschrieben)   von Marc Aurel betrachtet, gibt es durchaus inhaltliche Anklänge an Kohelet: Etwa im 6. Buch, Nr. 15: Da ist vom ständigen Werden und Vergehen die Rede, also gewissermaßen vom Windhauch. „In diesem Strom kann man keinen festen Fuß fassen..“

Und doch ist Marc Aurel konkreter in seinen Hinweisen zum Umgang mit dieser Situation, in Nr. 16 schreibt er: „Was bleibt aber wirklich Achtungswertes übrig? Ich glaube dieses: Dich nach den dir innewohnenden Fähigkeiten zu rühren (tätig zu sein) und Zweckentsprechendes zu schaffen…“   Also in einer Situation des „Windhauches“ bzw. des ständigen Fließens kann der Mensch doch etwas konkret „aus sich machen und Gutes für die Welt tun“. Irgendwie wird der Gedanke einer verbesserlichen Welt, einer Weltgestaltung durch den einzelnen, bei den Griechen besser ausgesagt. Von einem expliziten Willen zur Weltgestaltung sehe ich bei Kohelet nicht so viele Anregungen.

Angesichts der vielen belastenden Erfahrungen, in denen so vieles, wörtlich „eitel, modernd, nichtig ist“ (N. 33 im 5. Buch, gib Marc Aurel den Ratschlag: Alles, was außerhalb deiner geistigen und körperlichen Sphäre ist, „ist nicht dein und hängt nicht von dir ab“, also kümmere und sorge dich nicht darum (Nr. 33). „Bedrückend sein kann für den Menschen nicht das Vergangene und Zukünftige, sondern nur das, was ist, was jetzt ist. (N. 36 im 8. Buch).

Nebenbei: Philosophie muss von „Sophismus“ unterschieden werden: Dies nur am Rande: Sophismus kommt vom Verb sophitestai, also ausklügeln, sich etwas ausdenken, kluge Worte machen, auch als Propaganda, auch als Irreführung: “Es gibt ja sowieso keine Wahrheit“… Ein Sophist kann jede noch so abwegige Theorie logisch scheinbar begründen und verteidigen. Darum waren sie oft auch glänzende Rhetoriker. Sie sind die „Relativisten“, die Sokrates als Ethiker verschmähte… Sokrates setzte sich mit Sophisten auseinander, etwa Kritias und Alkibiades… Sophisten arbeiteten philosophisch für Geld. Philosophen taten es gratis, wie Sokrates… Sophisten sind heute wohl viele Rechtsanwälte.

3.Welche Weisheit ist hilfreicher? Kohelet oder Marc Aurel „Selbstbetrachtungen“?

Diese Frage kann jeder für sich beantworten natürlich.

Der Eindruck ist wohl gültig: Schon aufgrund seines größeren Umfangs sind die Selbstbetrachtungen wesentlich differenzierter und konkreter als das Buch Kohelet. Das wird etwa deutlich, wenn Kohelet der Jugend empfiehlt: „Wandle, wie es deinem Herzen gelüstet und genieße, was deine Augen schauen“ (11. Kap. Ende)

Essen und Trinken als Lust wird auch in Kap. 5 empfohlen als Gabe Gottes. Aber alles wird auf die Jugend bezogen. Aber im Unterschied etwa zu Epikur wird nicht eine Lehre des reflektierten Maßhaltens geboten! Und der junge Genießer in Jerusalem soll auch schon wissen, „dass um alle diese genussvollen Dinge wird Gott dich vor Gericht ziehen“. (Ende 11. Kap.) Der Gedanke an Gottes Gericht soll vor allzu großer Üppigkeit warnen.

Da sind mir die griechischen Philosophen sympathischer und reflektierter: Sie wollen den Genuss in seinen Exzessen dadurch eingrenzen, dass sie auf das Wohl, auch das körperliche, des Genießenden acht geben. Sie argumentieren, aber drohen nicht mit einem rächenden Gott. Etwa bei Epikur ist das deutlich. Die Bibel bietet keine argumentative Weisheitslehre zur Ataraxia, zur lernbaren Unerschütterlichkeit, oder zum Gleichmut und zur Ausgeglichenheit! Dies tun die griechischen Philosophen. „Erwache und finde dich selbst wieder“, sagt Marc Aurel, Nr. 16 in Buch 6. „Erwache zu dir selbst“: Dieses Ernstnehmen der Entwicklung des eigenen Lebens fehlt mir im Buch Kohelet.

Ich meine: Kohelet spricht von einem sehr überlegenen, endgültigen Status aus, wie in einem Blick aus der Ewigkeit heraus spricht er und muss dann, sub specie aeternitatis, fast alles auf der Welt und im begrenzten Leben des Menschen, eben NICHTIG zu finden. Er sieht in dieser Sicht von oben alle Menschen eingesperrt in ein Leben zwischen (eigentlich abzulehnender) Geburt und dem Versinken in ein Nichts im Tod. Diese Beurteilung alles Lebendigen und Konkreten aus der Ewigkeit heraus ist problematisch: Dieser Standpunkt ist nur in der HINSICHT des Überblicks auf das gesamte Leben formal gültig. Es fehlt „trotzdem“ die Lust, Details zu entwickeln.

Ich finde die Aussage in Kohelet auch falsch: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“. Natürlich, alle Menschen sterben. Dennoch gibt es auch positive Entwicklungen, vielleicht sogar doch Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit. Dass heute sehr viele Menschen die universal geltenden Menschenrechte richtig finden, ist ein Fortschritt, selbst wenn sich sogar demokratische Politiker aus Egoismus etc nicht daran halten.

Ich finde die Aussage Kohelet falsch: Je mehr Wissen, desto mehr Schmerz.

Heute gar nicht annehmbar ist das Denken, auch der Krieg habe seine Zeit, also seinen Kairos. Gewöhnung an den Krieg als etwas weisheitlich Normalem ist grundlegend falsch.

Ende von Kap. 3 dieser furchtbare Satz: Der Mensch hat vor dem Tier keinen Vorzug.

Kurz und gut: Man lese manchmal das Buch Kohelet, kehre dann aber zum eigenständigen, umfassend slebstkritischen Denken der Philosophie zurück.

Wie viel seelisches (Un)Heil dieses Buch Kohelet unter den Frommen angerichtet im Laufe der Jahrhunderte der immer wiederholten Lesung im Gottesdienst und der privaten Lektüre, wäre eine interessante Studie.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Literaturhinweis:

Norbert Lohfink, Kohelet, Ein Kommentar, Echter Verlag, 3. Aufl. 1986, 86 Seiten. Antiquarisch preiswert zu haben!

Die Weisheit des Alten Testaments. DTV und C.H. Beck Verlag, 2007 (hg. Bernhard Lang) . 6 Euro.  Aus der empfehlenswerten preiswerten Kleinen BibliothekBibliothek der Weltweisheit. Nebenbei: Dort auch von Baltasar Gracian, Handorakel und Kunst der Weltklugheit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hedwigskathedrale in Berlin: Der Umbau, der eine Schande ist.

Eine Religionskritik zum Umbau der St. Hedwigskathedrale in Berlin

Ein Hinweis von Christian Modehn

Diese Zeilen, Kommentar und Protest, sind natürlich wirkungslos, wie so viele andere Stellungnahmen, die sich schon früher gegen den jetzt beginnenden Umbau der Hedwigskathedrale gewandt haben, siehe Tagesspiegel vom 2.9.2018, Seite 10.

Was wir im Kommentar versuchen, ist also sinnloses Tun, das noch einmal geleistet wird gegen alle Hoffnung auf Einsicht. Sisyphus wurde von Camus bekanntlich ein Heiliger genannt. Vielleicht wird ihm, dem heiligen Sisyphus, einmal ein Altar geweiht, eine Statue errichtet, wo doch so viele kritische Leute seinem Vorbild folgten und folgen in einer Zeit der totalen Bürokratisierung auch in der römischen Kirche: Darum vorweg: „Heiliger Sisyphus, bitte für sie alle“.

Diese Kirchenführung zeigt, wie so oft, totale Phantasielosigkeit, totale Unfähigkeit zur Aufgabe von klerikalen Lieblingsprojekten.

Sie zeigt vor allem einen Verlust der Einsicht, was HEUTE dringend geboten ist zugunsten der Menschen in dieser Stadt Berlin. Die Führer der Kirche dokumentieren nur wieder ihre Lust am Bauen, ihre Freude am Stein und Erstarrten und an der Abwehr der leisesesten Vorstellung, dass mit vielen „Bau-Geld“ sich doch so viele Menschen in Not auferbauen ließen. Das ethische Gebot der Stunde heißt doch: Geben wir als Kirche, die doch irgendwas noch mit dem armen Jesus von Nazareth zu tun haben will, die geplanten 60 Millionen Euro (für den Umbau in Steinen) lieber für Menschen in Not aus.

60 Millionen also: 20 Millionen kommen vom Erzbistum Berlin, bekanntlich alles andere als reich; 20 Millionen spenden die deutschen Bischöfe, die haben nun wirklich viele Milliarden; 12 Millionen spendiert der Bund, schließlich leben wir ja außerhalb einer Trennung von Kirche und Staat, und der Berliner Senat kann 8 Millionen locker machen. Man braucht ja in Berlin bekanntlich kein Geld für marode Schulen oder unhaltbare Zustände in Kliniken und Altenheimen. Läuft ja alles bestens, da kann man doch guten Gewissens in Steine investieren und in ein hoch umstrittenes Projekt der Zerstörung eines Kunstwerks… Eigentlich ist dies alles pervers… Bei den 60 Millionen Euroa wird es natürlich nicht bleiben, man denke bloß an die Umbauten des Palais des Bischofs von Limburg, des Herrn Tebartz van Elst, der jetzt im Vatikan sein gutes Auskommen hat…

Für die zweifelsfreie elementar notwendige Grundsanierung der Hedwigskathedrale hätten 5 Millionen ausgereicht. Und die Menschen in Berlin und anderswo hätten gesagt: „Bravo, dass die Kirche nur sehr bescheiden nur in Steine investiert und stattdessen viel Geld und damit viel Hilfe den Menschen in Not anbietet“.

Aus religionskritischer Sicht also nur der Hinweis:

Kirchliches Handeln ist immer auf die Situation der Gegenwart bezogen. Und diese Gegenwart in Deutschland und in Berlin besonders heißt: Das demokratische Leben droht auseinander zu brechen, Rassismus und Faschismus nehmen zu, die Kluft zwischen Reichen und Armen wird größer, ein enormer Bedarf an Kommunikation besteht, die Leute wollen miteinander reden, in Gruppen, unter kompetenter Moderation, aber es fehlen die geeigneten Räume und Moderatoren; Jugendliche suchen Perspektiven, Flüchtlinge brauchen eine gerechte Lebenschance, der Zustand der Altenpflege ist katastrophal, der Zustand vieler öffentlicher Schulen miserabel und so weiter und so weiter.In einer solchen dramatischen Situation können die Kirche einfach nicht weiter handeln und weiter theologisieren wie bisher. Das muss eine Unterbrechung geschehen. Etwas Neues sollte passieren in einem erneuerten, radikaleren Geist. Ist die Kirche wirklich auf repräsentative Gebäude angewiesen, muss sie ästhetisch „mithalten“ in der Konkurrenz der Opernhäusern, Bibliotheken und Luxus- Restaurants? Nein, natürlich nicht. Aber sie tut es wider besseren Wissens.

Kann man und darf man ethisch, also vom Gewissen her gesehen, in einer solchen Situation 60 Millionen Euro (mindestens) für einen überflüssigen Umbau eines Kirchengebäudes ausgeben? Bloß damit die Kleriker angemessener in der Mitte der Kirche an ihrem Altar stehen und „zelebrieren“? Abgesehen von allen kunsthistorischen und architektonischen Erwägungen bleibt die Erkenntnis, die sich ohnehin in Berlin schon herumgesprochen hat:

Dieser unnötige umfassende Umbau der Hedwigskathedrale für mindestens 60 Millionen ist in der heutigen Situation eine Schande für die Kirche, die sich natürlich als solche herumspricht.

Bleibt abzuwarten, ob sich einige Freunde des heiligen Sisyphus noch zu gelegentlichen Protesten aufraffen können. Sie werden von den Herren der Kirche natürlich ausgelacht…

Christian Modehn, Journalist und Theologe. Leiter des:  www.re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er-salon.de