Die „Erklärung der Menschenrechte“ (1948) gehört zum Glaubensbekenntnis der Christen!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 18.4.2026

ZUR EINFÜHRUNG:

Wir haben schon vor kurzem erneut für die Aufnahme der „Erklärung der Menschenrechte“ der UN von 1948 in das Glaubensbekenntnis der Christen heute plädiert. Wir dachten dabei an die niederländische Kirche der Remonstranten. Sie ist wohl als einzige christliche Kirche dogmatisch nicht gebunden und bekanntlich aufgeschlossen für neue theologische Vorschläge. (Siehe unten.)

Dieser Hinweis hier ist ein weiterer Versuch, das Thema der Öffentlichkeit vorzustellen und theologisch zu begründen, als Thesen, denen weitere Erläuterungen folgen.

Hier geht es nur um die enge Verbundenheit von Menschenrechten und christlichem Glauben. Auf andere Religionen bezogen müsste das Thema weiter reflektiert werden.

Die Erklärung der Menschenrechte ist zwar Ausdruck der universell geltenden menschlichen Vernunft. Aber eine solche Erklärung ist zugleich ein Aufruf zum gemeinsamen Handeln. Deswegen bedarf sie zur Realisierung auch einer geistigen, spirituellen Haltung, also eines Überzeugtseins, dass die Menschenrechte richtig und wichtig und unersetzlich sind. So, wie etwa der „Kategorische Imperativ“ von Kant ein Faktum der Vernunfteinsicht ist, aber zur Realisierung eine emotionales Betroffenheit braucht, so werden die Menschenrechte auch durch eine innere Bindung der Menschen lebendig und wirksam. Die Menschenrechte sind als Rechte und Pflichten etwas grundlegend Anderes als die vielen „positiven“ Gesetze in unseren Gesellschaften und Staaten.

Erstens: Die klassischen, bis heute weithin üblichen Glaubensbekenntnisse der Kirchen stammen aus dem 4. und 5. Jahrhundert, diese Bekenntnisse versteht kein denkender Mensch heute ohne ausführliche Interpretationen und Kommentare. Schlimmer noch: Diese Bekenntnisse sprechen vor allem vom Leben Gottes im Himmel, von seiner Trinität, vom Herabstieg eines Logos auf Erden, der dann als Jesus den grausamen Willen des Vaters erfüllt und sich ans Kreuz schlagen lässt und so weiter…
Zweitens ist entscheidend: Die Lehre und Lebenspraxis Jesu von Nazareth entspricht den Idealen der Erklärung der Menschenrechte. Zugespitzt gesagt: Christen wissen heute aus der Botschaft des Weisheitslehrers Jesus von Nazareth: Das Göttliche, Gott, der Ewige, der Schöpfer der Welt…., wie auch immer, gebietet geradezu als Lebensorientierung die Menschenrechte.

Damit ist nicht gesagt, dass die Menschenrechte der Kirche entstammen, das Gegenteil ist der Fall. Die Menschenrechte sind Resultat der Aufklärung, sie haben sich gegen die Kirchen langsam durchsetzen müssen. Erst als der kirchliche, etwa der katholische Widerstand gegen die Menschenrechte geradezu lächerlich wirkte und blamabel, hat etwa das 2. Vatikanischen Konzil die Menschenrechte, etwa die Religionsfreiheit, offiziell als wichtig und richtig anerkannt. Trotzdem hat der „Heilige Stuhl“, also der Papststaat Vatikan, als einer der wenigen Staaten die Menschenrechtscharta der UNO formell nicht unterzeichnet.

Das ZIEL dieses Vorschlags ist: Die „Erklärung der Menschenrechte“ als „Orientierung für die Praxis der Christen“ in ein christliches Glaubensbekenntnis einzufügen. Dabei wird das Bekenntnis, auf eine göttliche Wirklichkeit und auf Jesus bezogen, selbstverständlich neu formuliert werden müssen. Ein Beispiel ist das Glaubensbekenntnis der niederländischen Remonstranten – Kirche aus dem Jahr 2006. (Text siehe unten)

 

DIE THESEN:

1.
Der Vorschlag ist neu: „Menschenrechte sind der Kern des Evangeliums Jesu von Nazareth.“ Der mutige brasilianische Befreiungstheologe Kardinal Evaristo Arns von Sao Paulo (1921-2016) hat diese Einsicht mehrfach öffentlich geäußert! LINK

Diese Erkenntnis freizulegen und zu beweisen macht Mühe, angesichts der vielen Bilder und Symbole und Wundermythen, die im Neuen Testament von Jesus von Nazareth berichtet werden und sein Profil als humanen Weisheitslehrer verdunkeln und verzerren. Aber: Die Gleichnisse Jesu (etwa der „Barmherzige Samaritan“) oder Jesu Reden vom „End-Gericht Gottes über die guten und weniger guten Menschen“ zeigen: Einzig menschliche Qualitäten wie Liebe, Güte, Hilfsbereitschaft sind für einen Menschen, der authentisch leben will, entscheidend. Religion und Kultus und religiöse Gesetze sind für Christen zweitrangig. Die oberste Orientierung heißt: Menschlichkeit zu allererst: Das ist die Botschaft und die Praxis Jesu von Nazareth. Und die sind im Kern die Botschaft der Menschenrechte.

2.
Die „Erklärung der Menschenrechte“ von 1948 spricht nicht von Gott, das wird ihr von bestimmten frommen Christen als Mangel vorgeworfen. Aber die Menschenrechte als Ausdruck der philosophischen Vernunft, können Christen als gültig und allgemein anerkennen, weil sie als Christen wissen: Die Vernunft ist eine Gabe des schöpferischen Geistes Gottes…

3.
Die Menschenrechte werden heute, 2026, wie schon seit Jahren von autoritären, populistischen, faschistischen, kommunistischen und diktatorischen Kreisen verachtet, ignoriert, für Spinnereien ausgegeben. Weil sie die totale Herrschaft der Autokraten und Diktatoren stören. Und in Demokratien werden Menschenrechte als störende Elemente betrachtet im Rahmen einer immer üblicher werdenden „Realpolitik.“ Aber für Demokratien und Demokraten sowie demokratisch sich nennende Politiker sind die Menschenrechte in einem Rechtsstaat der unverzichtbare geistige Boden und der politische Horizont in allem Handeln. Wer als Demokrat und demokratischer Politiker gegen die Menschenrechte handelt, muss sich korrigieren, muss sich entschuldigen.

4.
Theologen und Kirchenführer wissen: Die Menschenrechte sind zwar in Europa nach langen Auseinandersetzungen auch mit den Kirchen formuliert worden: Aber die Menschenrechte sind nicht europäisch. Sie kann niemand deswegen diskreditieren, weil sie an einem bestimmten Ort – in Europa – entstanden sind. Universelle Geltung hat mit geografischer Herkunft nichts zu tun. Die Menschen in den Lagern und Gefängnissen der Diktaturen heute schreien geradezu nach der Geltung der Menschenrechte. Das Bewusstsein von er absoluten Würde eines jeden Menschen ist im menschlichen Geist verwurzelt. Menschenrechte entwickeln sich nach langen Diskussionen auch heute weiter: Sie werden im Zusammenhang der Klimakatastrophen neu formuliert. Oder die Rechte der Flüchtenden werden explizit verstärkt oder die Geschlechter-Gerechtigkeit…

5.
Wenn die Kirchen die Menschenrechte als zentralen Teil ihres eigenen Bekenntnisses wahrnehmen und auch leben, werden sie unterstützt werden von einer großen Gruppe von zivilgesellschaftlicher progressiver NGOs, die sich seit Jahren um die Durchsetzung der Menschenrechte kümmern. In der Diakonie und Caritas vieler Länder engagieren sich die Kirchen tatsächlich schon zugunsten der Menschenrechte. Sie sehen diesen Dienst als Ausdruck der gebotenen christlichen Nächstenliebe: Würden sie diesen Dienst auch explizit als politischen Dienst an den Menschenrechten sehen, hätten die Kirchen neue, ungewöhnliche Bündnispartner: Diese könnten die manchmal sehr eng konfessionell geprägte christliche Nächstenliebe ins Universelle erweitern, mit der Bereitschaft, gemeinsam POLITISCH gegen die Herrschaft der Diktatoren und Autokraten einzutreten.

6.
Das Probleme ist nur: Die Kirchen müssen sich selbst in der Gestaltung ihres „Innenlebens“ nach den Menschenrechten richten. Für den Katholizismus muss dann gelten: Die Menschenrechtserklärung der UN von 1948 muss der Vatikan formell anerkennen. Und zweitens: Der Papst muss die rechtliche Diskriminierung der Frauen in der Kirche, etwa Ausschluss von den Ämtern in der Kirche, sofort aufheben. Nur unter diesen Voraussetzungen wird das Engagement der katholischen Kirche für die Menschenrechte überhaupt glaubwürdig. Wie die Evangelikalen und fundamentalistischen Kreise sich zu den Menschenrechten verhalten, ist noch ein eigenes Thema. Ihre Verbundenheit mit der MAGA Bewegung des Donald Trump lässt starke Zweifel aufkommen, ob diese Kreise überhaupt von den universell geltenden Menschenrechten schon einmal gehört haben…

7.
Wird die Erklärung der Menschenrechte als Teil des Christlichen Bekenntnisses – etwa von Lutheranern, Reformierten, Katholiken, Anglikanern – anerkannt: Dann geschieht eine globale theologische Wende, die einer weiteren Reformation gleichkommen könnte. Diese Christen und ihre Kirchen befreien sich von den erstarrten Glaubensbekenntnissen voller fremder Formeln und Floskeln aus Nizäa und Konstantinopel im 4. und 5.Jahrhundert: Christen verstehen sich nun als Menschen, denen die universelle Gerechtigkeit für alle bester Ausdruck der Einsichten ihres Weisheitslehrers Jesus von Nazareth ist. Nun können sich Christen mit Atheisten und mit kritischen Menschen aller Religionen zu einem gemeinsamen Engagement vereinen, zugunsten der universellen Menschenrechte…

………………

Zu unserem früher schon publizierten Vorschlag: Die Kirche der Remonstranten, als offene, weithin undogmatische Kirche, könnte die Erklärung der Menschenrechte als Teil ihres Bekenntnisses aufnehmen: LINK

Das Glaubensbekenntnis der Remonstranten aus dem Jahr 2006: LINK

Sehr deutlich hat sich der protestantische Theologe Wilhelm Gräb (Berlin) für die Menschenrechte als Teil des christlichen Glaubensbekenntnisses eingesetzt: Etwa in seinem Buch „Vom Menschsein und der Religion.“ Tübingen 2018, S 213 ff.

Man beachte, dass Immanuel KANT in seiner Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie die ethische Praxis (der Menschenrechte) als den alles entscheidenden Kern des christlichen Glaubens angesehen hat. Siehe dazu etwa unseren Hinweis zu Kant: LINK

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Papst Leo in Algerien: Über Augustinus nur die halbe Wahrheit

Ein Hinweis von Christian Modehn am 16.4.2026

Ein Vorwort:
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen und gehässige Kommentare abzuwehren:
Für den „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ ist die Kritik Papst Leos an der Kriegspolitik von Donald Trump absolut berechtigt. Diese deutliche Zurückweisung des us-amerikanischen Papstes an Trumps nur noch verrückt zu qualifizierender Außen-(Kriegs-) Politik wie auch der antidemokratischen Innenpolitik, hätte schon mit etwas mehr Mut vor einigen Monaten öffentlich geäußert werden müssen, aber immerhin..
Unsere Zustimmung zur Kritik des Papstes an Trump schließt aber überhaupt nicht aus, kritisch auf die Stellungnahmen Papst Leos etwa in Algerien hinzuweisen. Dieser kritische Blick auf seine Stellungnahmen in Algerien, zumal in Annaba, „Hippo“ einst, der Wirkungsstätte des heiligen Bischofs und Kirchenlehrers (!) Augustinus, fehlt in den Medien, in den katholisch bestimmten Medien sowieso.

1.
Papst Leo versteht sich als Mitglied des Augustiner-Ordens explizit als ein „Sohn des heiligen Augustinus“. Und dieser „Sohn“ des vor etwa 1.600 Jahren gestorbenen heiligen Augustinus ist wirklich sehr berührt und total begeistert („es war eine Gnade in Annaba zu weilen“) von des „Vaters“ Wirkungsstätte. Man lese das ebenso enthusiastische, aber einseitige Resümee der Algerien-Reise von vaticannews LINK
2.
In höchsten Tönen preist Papst Leo wieder einnmal den heiligen Augustinus als eine für „uns“ heute relevante Gestalt, er sei Brückenbauer, er habe das Streben nach Gemeinschaft gefördert, habe den Respekt unter den Völkern trotz aller Unterschiede gelobt und geliebt und so weiter. Papst Leo kennt offenbar nicht die vielen richtigen kritischen theologischen und historischen Forschungen über den gestrengen Bischof von Hippo. Oder der Papst will die Leute besänftigen? Fast hätte ich geschrieben, in die Irre führen.
3.
Diese Lobeshymnen auf Bischof Augustinus durch Papst Leo sind theologisch und historisch gesehen schlicht und einfach falsch. Es gibt den absolut kämpferischen, gar nicht dialogbereiten, sehr eigensinnigen und gegen seine theologischen Feinde äußerst kämpferischen Bischof Augustinus. Es gibt den Augustinus einer rigorosen, mit Jesus von Nazareth kaum noch vermittelbaren Gnadenlehre: Nach der nur wenige Erwählte gerettet werden. In dem Zusammenhang entwickelt der alte Bischof von Hippo die theologische Ideologie der Erbsünde. Ja, wirklich eine Ideologie, denn dieses Dogma ist ein willkürliches, völlig unbiblisches Konstrukt eines kämpferischen greisen Bischofs Augustinus. Von diesem unangenehmen, eher häßlichen Augustinus spricht der Sohn Augustins, Papst Leo, leider nicht. So wird eine Art Augustinus – Ideologie verbreitet.
4.
Hier kann nicht das weite Thema der Gnadenlehre Augustins und seiner Erbsünden – Ideologie ausführlich beschrieben werden, das haben wir an anderer Stelle früher schon getan. LINK   Wer die Geschichte studiert und eben nicht als ein „Sohn des heiligen Augustinus“ in Verzückung gerät, wenn er an den einstigen Bischof im damaligen Hippo denkt und die Ruinen dort bewundert, muss feststellen, und das ist gängige Überzeugung unter Historikern: Dieser Bischof Augustinus war zwar hoch begabt und theologisch gebildet. Aber Augustinus war als Bischof und sehr-vielschreibender Autor nicht nur ein heftiger Verfolger der damaligen nicht-katholischen „Sekten“. Er hatte sich einen Mitbruder seiner katholischen Kirche als Erzfeind ausgesucht, den katholischen Bischof Julian von Eclanum. Ihn hat Bischof Augustinus aufs heftigste bekämpften erfolgreich ausgeschaltet. Von „Brückenbauen“ also keine Spur.
5.
Bischof Julian war ein theologisch gebildeter „ebenbürtiger Gegenger Augustins“ (Kurt Flasch, „Kampfplätze der Philosophie“, Frankfurt am Main, 2008, S. 13). Seit 418/419 hat Augustinus auf Bischof Julian eingeschlagen. Augustin nannte seinen Mitbischof einen „Patron der Esel“, Bischof Julian, klug und mutig, nennt den hoch angesehenen Bischof Augustin einen „asthmatischen Greis“ (ebd.).
Mit seiner polemischen Kraft gelang es Augustinus in den heftigsten Auseinandersetzungen mit Julian als Sieger hervorzugehen: Die Lehre von der Erbsünde hatte Augustinus durchgesetzt: „Augustinus hatte behauptet, Sünde und Schuld seien vererbbar. Er hatte die Übertragung der Erbsünde an den Geschlechtsverkehr gebunden und damit den Vorrang des jungfräulichen Lebens begründet. Er hatte die geschlechtliche Begierde als das Böse verteufelt…“ (Kurt Flasch, S. 14 f.)
Es war allen Gebildeten zumal außerhalb der offiziellen rigiden dogmatischen Kirche klar: Augustinus Erbsünden Doktrin zerstörte die Freiheit des Willens der Menschen. Gott wurde wie ein Tyrann konzipiert. Niemand weiß bis heute, wie denn Erbsünde als solche im Menschen erlebt und erfahren wird. Fast alle heutigen TheologInnen fragen sich: Kann es wirklich sein, dass die christliche Erlösung mit der Befreiung von dieser imaginären Erbsünde identisch ist???
6.
Diesen Augustinus erwähnt der Papst nicht. Wäre auch blamabel für einen Sohn des heiligen Augustinus, den Vater weitgehend zu kritisieren und als irrelevant für die heutigen Christen (Katholiken) darzustellen.
7.
Wir wollen dieses unsägliche Thema Erbsünde hier nicht fortsetzen. Die Erbsünden- Ideologie der Kirchen, nicht nur der katholischen, auch der lutherischen, auch der reformierten, calvinistischen Kirche, ist ein Fehler, mehr noch ein giftiger Irrsinn. Das sagen, wie schon betont, die meisten heute denkenden TheologInnen. Papst Leo sollte in freier Zeit in seinem neu renoviertem apostolischen Palast mit seinen Augustinern dort die Studie des großen objektiven Kenners Augustins Prof. Kurt Flasch lesen: „Die Logik des Schreckens. Augustinus von Hippo. Die Gnadenlehre von 397“, Mainz 1995.
8.
Die bis heute alles kirchliche Leben bestimmende Erbsündelehre ist, zusammenfassend, eine Ideologie Augustins, sie stellt die absolute Schwäche des Menschen gegenüber Gott heraus. An der Erbsünden – Ideologie halten die Kirche fest, um ein theologisches längst überwundenes Modell der Erlösung zu propagieren. Denn nur weil es die Erbsünde „gibt“, ist die Taufe eines jeden Menschen heilsnotwendig. Und die Taufe vollzieht sich innerhalb der Kirche, die vom Klerus bestimmt ist. Erbsündenlehre und Klerusherrschaft gehören also eng zusammen.
9.
Was eigentlich noch viel schlimmer ist: Soweit wir lesen, hat Papst Leo XIV. vor lauter Verzückung für seinen Vater Augustinus, inmitten der Ruinen von Annaba, Hippo, vergessen, auch ein Wort zu den nicht geduldeten Menschenrechten in Algerien zu sagen. Der Papst hat sich wohl von der viel besprochenen „Demokratie- Fassade“ der Regierung dort verführen lassen. Von dem großartigen, verfolgten algerischen Schriftsteller Boualem Sansal hat Papst Leo sicher schon einmal gehört…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Der neue päpstliche Botschafter in Berlin, der Niederländer Bert van Megen

Deutschlands Katholiken bleiben weiter unter konservativer Beobachtung!
Ein Hinweis von Christian Modehn am 10.4.2026

Papst Leo XIV. hat am 9.4.2026 für Deutschland einen neuen „Apostolischen Nuntius“, also einen Botschafter des „Heiligen Stuhls“, mit Sitz der „Nuntiatur“ in der Hauptstadt Berlin ernannt: Bischof Hubertus van Megen. Sein Vorgänger, Bischof Eterovic, wird am 22.4. feierlich aus Berlin verabschiedet, selbstverständlich mit einer feierlichen Messe… „Endlich geht er“ sagen einige Katholiken, die den sehr konservativen Nuntius Eterovic kennen.

Ob der Niederländer van Megen eine etwas progressivere Linie im Umgang mit den mehrheitlich eher progressiven Katholiken in Deutschland lebt, wird sich zeigen, ist aber sehr unwahrscheinlich. Denn es ist lange her, dass Bischöfe aus den Niederlanden oder in den Niederlanden als progressiv bewertet wurden. Heute ist diese Kirche dort eine kleine konservative klerikale Gemeinschaft. Auch der neue Nuntius in Berlin wurde in dem extrem konservativen Priesterseminar (in Rolduc) des extrem konservativen Bischofs Gijsen (Roemond) ausgebildet. Deutliches Beispiel für van Megens reaktionäre Theologie ist seine Ansprache in Afrika aus dem Jahr 2024, Quelle: LINK 

Diese Ansprache liegt als Übersetzung vor, in Fußnote 1 unten.  Unter Nr. 6 dieses Hinweises wird auf diese theologische reaktionäre Rede van Megens bereits kurz hingewiesen.

1.
Ein päpstlicher „Nuntius“ ist nicht nur als „Botschafter“ hoher Diplomat des winzigen Staates „Heiliger Stuhl“, er ist weltweit sehr oft auch Doyen des diplomatischen Corps des jeweiligen Landes. In der Funktion des Nuntius wird die doppelte Rolle des Papstes deutlich: Er ist einerseits so genanter spiritueller Führer, heiliger Vater, Papst, der Katholiken weltweit. Und er ist zweitens absoluter Monarch des Zwergstaates Vatikan bzw Heiliger Stuhl, er kann so über die üblichen diplomatischen Wege auch politischen Einfluss nehmen auf die Politik der Staaten. Zu 184 Staaten unterhält der Papst -Staat diplomatische Beziehungen: Der Vatikan entsendet und der Vatikan erhält von den Staaten Botschafter, und ist manchmal empört, wenn denn der Vatikan-Botschafter eines Staates homosexuell ist. Etwa im Fall des Vatikan – Botschafters aus Frankreich Laurent Stefanini, der 2015 vom Papst abgelehnt wurde. Homosexuelle päpstliche Botschafter gibt es in demokratischen Staaten selbstverständlich, man denke etwa an den pädophilen Nuntius in der Dominikanischen Republik Bischof Jozef Wesolowski (dort Nuntius von 2008-2013) LINK oder an den speziell junge Männer (Polizisten) belästigenden Nuntius Bischof Luigi Ventura in Paris (2018 – 2019), er wurde von einem Pariser Strafgericht zu einer 8-monatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Darum merke: Auch der Papst entsendet homosexuelle Botschafter, Nuntien…(Zur Situation in Frankreich und auch zu Nuntius Ventura siehe einen Beitrag von Christian Modehn LINK
2.
Ein Päpstlicher Nuntius ist vor allem immer auch verschwiegener Beobachter im Sinne des Papstes und seiner vatikanischen Behörden: Er beobachtet, bewertet, kritisiert die jeweilige Kirche und auch die Politik. Schwerpunkt der politischen Interessen der Nuntien ist immer das gesetzliche Verbot der Abtreibung, der Ehe für alle, der aktiven gesetzlichen Sterbehilfe usw. in den jeweiligen Staates.
Der Nuntius hat starken Einfluss auf die Bischofsernennungen des jeweiligen Landes, dies alles geschieht in Abwehr von Öffentlichkeit und Transparenz. Katholiken der jeweiligen Länder haben selbstverständlich keinerlei Einfluss auf die Auswahl der jeweiligen Nuntius. Hingegen Bischöfe, die dem Papst und dem vatikanischen Apparat treu ergeben snd, haben auch Einfluss auf den Vatikan, selbstverständlich immer ohne öffentliche Transparenz. Welcher objektive, d.h. nicht kirchenabhängige Forscher macht sich noch die Mühe, etwa den Einfluss des Opus Dei (und dessen vieler Adepten, wie Kardinal Woelki,) auf die Auswahl der Nuntien und Bischöfe zu machen?
3.
Der Niederländer Hubertus Matheus Maria van Megen (65 Jahre alt), kurz Bert van Megen, ist also der neue Nuntius in Deutschland mit Amtssitz in Berlin. Biografische Details über van Megen sind etwa über wikipedia erreichbar.
Wir können hier nur einige entscheidende Stichworte zur Theologie des neuen Nuntius in Berlin zur weiteren Forschung nennen. Diese Stichworte können hilfreich sein, wenn es angesichts der Theologie und Kirchenpolitik des neuen Nuntius van Megen zu einer Bewertung der Reformbemühungen im deutschen Katholizismus kommen wird, etwa zum „Synodalen Prozess“, jenem zaghaften Versuch, etwas Demokratie in der römischen Kirche in Deutschland durchzusetzen und etwas gegen den totalen Ausschluss von Frauen von den kirchlichen Ämtern zu tun. In einigen Monaten wird man deutlicher sehen, warum Papst Leo XIV. ausgerechnet einen theologisch konservativen und streng – dogmatischen Niederländer zum Nuntius in Berlin ernannt. Diese Entscheidung wird auch hilfreich sein, um deutlicher zu sehen, ob denn nun Papst Leo eher etwas reformfreudig ist oder sehr am alten, versteinerten klerikal – dogmatischen System festhalten will.
4.
Der neue Nuntius Van Megen gehört zum konservativ bzw. sehr konservativen Flügel der katholischen Kirche in den Niederlanden. Sofern man dort überhaupt noch von „Flügeln“ sprechen kann, denn progressive bzw. reformorientierte Flügel gibt es seit etwa 20 Jahren nicht mehr. Die Progressiven haben das Weite gesucht… Die katholische Kirche der Niederlande ist also faktisch eine aussterbende konservative Klein-Kirche, manche sagen eine Sekte. Schuld daran sind die Päpste selbst, spätestens seit 1970 setzten der Papst und die vatikanische Bürokratie alles daran, die damals sehr progressive niederländische Kirche kaputt zu machen, und zwar durch die Ernennung von reaktionären Priestern zu Bischöfen, zuerst Bischof Adrian Simonis (ernannt 1970 zum Bischof von Rotterdam), dann Bischof Johannes Gijsen (ernannt 1972 zum Bischof von Roermond), andere ähnlich orientierte Bischöfe folgten.
Die progressiven Katholiken der Niederlande hatten nichts anderes vor, als die viel besprochene, durchaus offiziell geltende Inkulturation des katholischen Glaubens in ihrem demokratischen Land zu realisieren. Eben mit den Forderungen: Abschaffung des Zölibats-Gesetzes, neue Sprache für Dogmen und Moral, demokratische Strukturen in der Kirche der Niederlande….Sehr viele Priester und die meisten Bischöfe, wie Kardinal Alfrink (Utrecht) oder Bischof Ernst (Breda), teilten diese richtige Option. Aber sie wurde vom Vatikan systematisch zerschlage, und die Gläubigen wurden aus der Kirche vertrieben.
5.
Mit dem reaktionären Bischof von Roermond Johannes Gijsen und dessen neu errichtetem Priesterseminar in Rolduc ist der heutige Nuntius van Megen seit langem verbunden: An diesem Priesterseminar Gijsen studierte er: Rolduc galt von vornherein zurecht als extrem konservative Ausbildungsstätte für Priester, die sich total dem päpstlichen System verpflichten. An dieser kirchlichen Hochschule Rolduc, studierte auch Wim Dijk, der später Erzbischof und Kardinal von Utrecht wurde, auch er gilt unter objektiven Beobachtern der Kirchenszene Hollands als sehr konservativ.
1987 wurde van Megen von Bischof Gijsen zum Priester für das Bistum Roermond geweiht. Da lohn sich noch mal raufzuschauen: Leider (für die Opfer zumal) wurde erst post mortem von der niederländischen Kirche anerkannt, dass Johannes Gijsen als Kaplan damals zwischen 1958 und 1961 sexuellen Missbrauch an Knaben begangen hat. Nach seinem Rücktritt als Bischof von Roermond schon 1993 zog sich Gijsen zunächst in ein österreichisches Nonnen-Kloster zurück, er hatte wohl – angesichts seiner Unbeliebtheit – etwas Angst in Holland zu bleiben, dann wurde er durch den polnischen Papst auch noch zum Bischof von Island (Sic!) ernannt, so wurde Gijsen hin und her geschoben als reaktionärer Problemfall der Kirche, gestorben ist er 2013 in einem Nonnenkloster.

PS: Über den Niedergang des Katholizismus in den Niederlanden, verursacht auch durch den rigiden Umgang des Vatikans mit dieser Kirche: siehe etwa die große Studie „Tot vrijheid geroepen. Katholieken in Nederland 1945 – 2000“, Ten Have Verlag, 1999. Als Motto der nun zerstörten progressiven Kirche der Niederlande (sie war bis etwa 1985 sehr lebendig) kann das Wort des progressiven Kardinals Alfrink (Utrecht) gelten:  „Ich meine im Laufe der vergangenen Jahre gelernt zu haben: Dass die Kirche, will sie denn glaubwürdig sein für die Menschen von heute, eine menschliche Form von Machtausübung sichtbar machen muss, und dies muss so wahrnehmbar sein, dass sie ihre Basis hat in der Liebe zum Menschen  und in der Ehrfurcht vor der menschliche Würde.“ (Zit. in „Tot vrijheid geroepen, S. 311). Der Autor dieses Buches, Prof. Walter Goddijn, kommentiert diesen Satz gleich anschließend in dem selben Buch:“Eine schärfere Abweisung der Strategie von Bischof Gijsen, eine schärfere Abweisung auch des Eingriffs in die niederländische Kirchenprovinz durch die päpstliche Kurie in Rom hätte Kardinal Alfrink nicht geben können.“

6. Reaktionäre Positionen des Nuntius van Magen in Afrika:
1990 begann van Megen seine Karriere der diplomatischen Laufbahn für den Vatikan. 1996 wurde er – wie üblich bei diesen Karrieren – in katholischem Kirchenrecht promoviert mit dem Thema: „The concept of perfect society from Pius IX to the second Vatican council“.
Wichtig ist vor allem: von 2019 bis 2024 war van Megen päpstlicher Nuntius in Kenia. Das theologische Profil van Megens, wie es sich Afrika zeigt, beschreibt wikipedia sehr treffend: „Bei einer Tagung der Vereinigung der Bischofskonferenzen Ostafrikas (Amecea) in Nairobi im September 2019 warnte van Megen die Bischöfe der ostafrikanischen Länder vor westlichen Einflüssen und übte dabei Kritik an den westlichen Gesellschaften. Die Menschen im Westen hätten den Sinn für Gemeinschaft verloren und zeigten sich sowohl in der Politik als auch in ihren Familien verantwortungslos, sie kümmerten sich „nicht einmal um ihre eigenen Kinder“. Die Afrikaner sollten dagegen das in ihren Gesellschaften traditionell verankerte Miteinander stärken, um den Gefahren des Kapitalismus, Individualismus und Hedonismus zu trotzen, die in anderen Teilen der Welt zu Ungerechtigkeit und mangelnder Wertschätzung für das menschliche Leben geführt hätten. (Quelle: Nuntius warnt Ostafrikas Bischöfe vor westlichem Einfluss. In: Vatican News. 10. September 2019, abgerufen am 9. April 2026.).

Was die Abwehr der Gender-Theorie durch die Kirche und ihre Bischöfe bedeutet: „Die Mobilisierung gegen die Gender-Ìdeologie` reicht von von der deutschen AFD über us-amerikansiche Gouverneure bis zu brasilianischen Evangelikalen oder der im Umfeld Putins betriebenen Propaganda, in der Verwestlichung mit Verweichlichung und Entmännlichung gleichgesetzt wird“. So die Philosophin Rahel Jaeggi in „“Fortschritt und Regression“, Berlin 2025, S. 232, Fn. 38. In solchen Kreisen also bewegen sich Bischöfe, wenn sie die Gender-Theorie verurteilen.
7.
Auch bei einer Bischofsweihe in der kenianischen Diözese Eldoret im Mai 2024 äußerte sich Nuntius van Megen strak europakritisch, und er machte sich eine Aussage des Erzbischofs von Kinshasa, Fridolin Ambongo Besungu, zu Eigen, wonach die Kirche in Europa geschwächt sei und für die Kirche in Afrika kein Vorbild mehr sein könne. Dabei bezeichnete van Megen die „Lehren der westlichen Gesellschaft über Abtreibung, Euthanasie und Gender-Theorie als „klare Symptome einer Gesellschaft, die ihren inneren Kompass verloren hat“. (Quelle: https://katholisch.de/artikel/68050-hubertus-van-megen-papst-leos-neuer-mann-in-berlin. In: Katholisch.de. 9. April 2026, abgerufen am 9. April 2026).
8.
An diesen Aussagen des Niederländers van Megen in Afrika, in Kenia, ist vieles empörend: Er als Europäer will eine Moral für Afrika durchsetzen, die selbst in Europa nur noch von reaktionären Randgruppen vertreten.
Er will wohl meinen, mit dieser Position etwas für die Inkulturation des katholischen Glaubens in die afrikanischen Kulturen tun zu können, was Unsinn ist, wenn man sich diese seine „Werte“ anschaut. Nur zur Erinnerung: Inkulturation (dialogbereite, vernünftige Einfügung) des katholischen Glaubens in ein demokratischen Land wie Holland wird von diesen Herren der Kirche abgelehnt. Nun wird sie inkompetent in Afrika von einem Nuntius propagiert. Da gilt die vatikanische Versteinerung des „Immer so weiter“…
Noch schlimmer: Mit der Ablehnung der Gender-Theorie ist auch die Ablehnung der EHE für alle gemeint und damit auch das Menschenrecht für homosexuelle Menschen. Das sagt ein päpstlicher Nuntius in Kenia, wo die Lebensbedingungen LGBTQI+-Personen in Kenia von starker Homofeindlichkeit, rechtlicher Kriminalisierung und gesellschaftlicher Stigmatisierung bestimmt sind. Im Nachbarstaat Uganda ist die Feindseligkeit gegenüber homosexuellen Menschen äußerst drastisch, bei „schwerer Homosexualität“ droht sogar die Todesstrafe.
So viel Unsinn wagt also ein päpstlicher Nuntius in Ostafrika zu sagen, solche Äußerungen dienen überhaupt nicht dem demokratischen Miteinander oder der Durchsetzung der Menschenrechte. Es ist schon merkwürdig, dass ausgerechnet ein solchermaßen bornierter päpstlicher Botschafter und Bischof dann 2019 vom Papst zum „ständigen päpstlichen Beobachter“ von Menschenrechtsorganisationen der UN ernannt wird, zum Umweltprogramm der Vereinten Nationen oder zum UN-Programm für menschliche Siedlungen (Habitat). Da wird sich der neue Nuntius in Berlin sicher alsbald stark zur Mieter-Debatte oder der Reichensteuer äußern…
9.
Die Homo-feindlichen und als solche also menschenrechts-feindlichen Äußerungen des Nuntius van Megen in Kenia liegen in gewisser Weise auf einer Linie mit den Stellungnahmen des ultra- reaktionären Kurien- Kardinals Robert Sarah aus Guinea, Westafrika, wir haben dazu einiges dokumentiert. LINK

Kardinal Sarah: Über den Liebling von EX-Papst Benedikt


10.
Das Gebäude des päpstlichen Botschafters in Berlin befindet sich bekanntlich an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln, also mittendrin in Problemvierteln. Botschafts-Gebäude sind ja eigentlich öffentlich zugänglich, etwa für Visa Anträge etc. Die Vatikan – Botschaft ist wie eine verschlossene Burg, nur für Erwählte oder bei gelegentlichen Führungen in der Kapelle zugänglich. Aber wer will, wer darf schon einen Antrag stellen, um Bürger des Vatikan – Staates zu werde? Wenn sich das bei den zur Ausreise verpflichteten Flüchtlingen rumsprechen würde … dann wären die Palazzi des Vatikans auf einmal von anderen Menschen, von Laien, vielleicht von Muslims, bewohnt und belebt…
Aber die päpstlicher Nuntiatur ist und bleibt eine großzügige, aber immer verschlossene moderne Wohnanlage mit einigen dienenden Prälaten und einigen Nonnen, die dort kochen, putzen, waschen und den hübschen Park pflegen dürfen.

FUßNOTE 1: ( https://cisanewsafrica.com/2024/05/kenya-archbishop-bert-van-megen-warns-against-inflexible-ideologies-says-the-church-in-europe-is-weakened-the-church-in-africa-ever-stronger/ )

Der Apostolische Nuntius in Kenia und im Südsudan, S.E. Hubertus Maria van Megen, hat vor den Gefahren starrer Ideologien sowohl in der Kirche als auch in der Welt insgesamt gewarnt. Er hob hervor, wie solche Starrheit und Säkularismus dazu geführt haben, dass die tiefgründigen Lehren des Glaubens vernachlässigt wurden, und wie sie die Fähigkeit der Kirche beeinträchtigt haben, sich in den Komplexitäten der modernen Gesellschaft zurechtzufinden und dabei ihren grundlegenden Überzeugungen treu zu bleiben.

S.E. Hubertus Maria van Megen, Apostolischer Nuntius in Kenia und im Südsudan.
In seiner Predigt anlässlich der Bischofsweihe von Bischof John Kiplimo Lelei am 25. Mai in Eldoret erklärte der päpstliche Diplomat, dass es der heutigen Gesellschaft schwerfalle, die Lehren der Kirche – die Lehren Christi – anzunehmen, da diese Lehren ihren Wünschen und Bedürfnissen zuwiderliefen.
„Unsere Gesellschaft empfindet das Ideal, das Christus lehrt und lebt, als für normale Menschen unerreichbar und sollte es daher ablehnen, da es die Menschen in ihrer Freiheit einschränkt und sie an Erwartungen fesselt, die sie niemals erfüllen können“, erklärte er und fügte hinzu: „Die Lehren der Kirche, so die Argumentation, schränken die Freiheit des Menschen ein und sollten daher abgelehnt oder sogar verboten werden.“

Der aus den Niederlanden stammende Nuntius forderte die Gläubigen auf, aus den Fehlern der westlichen Gesellschaft zu lernen, die seiner Meinung nach ein eklatantes Beispiel dafür seien, was eine Abkehr von den Lehren Christi für eine Gesellschaft und die Kirche bedeute.
Er sagte, die „Denkweise“ der westlichen Gesellschaft habe zu sozialer Zersplitterung, einer Kultur des Materialismus und Konsumdenkens sowie zu geistiger Blindheit geführt, wodurch die Menschen den Kontakt zu ihrem angeborenen Sinn für Moral und Gewissen verloren hätten.
„In der westlichen Gesellschaft sehen wir deutlich, zu welcher Verirrung diese Denkweise führt. Wenn wir versuchen, die Lehren Christi an die Schwäche des Menschen anzupassen, rutschen wir unweigerlich immer tiefer in den Abgrund. Die Lehren der westlichen Gesellschaft zu Abtreibung, Euthanasie und Gender-Theorie sind klare Symptome einer Gesellschaft, die ihren inneren Kompass verloren hat und hilflos auf dem stürmischen Meer menschlicher Begierden treibt, in jeder Hinsicht erschüttert und geschwächt“, erklärte er.
Er führte aus: „Es ist für jeden offensichtlich, wie der Westen, eine säkulare Gesellschaft, seine Kraft verloren hat und immer selbstbezogener wird. Einst ein Licht für die Völker, hat sie nun ihre Lampe unter den Scheffel gestellt. Ihr Licht wird immer schwächer. Wie der Erzbischof von Kinshasa, Kardinal Ambongo, vor einigen Monaten sagte: ‚Die Kirche in Afrika wurde immer als Tochter der Kirche in Europa betrachtet. Doch nun kann man sie aus gutem Grund als Schwesterkirchen bezeichnen.‘ Die Kirche in Europa ist geschwächt, die Kirche in Afrika immer stärker.“

Erzbischof van Megen betonte, dass die Lehren Christi unverzichtbar seien und dass sie der einzige akzeptable Maßstab für alle Menschen seien, „so wie der Kompass das einzige verlässliche und unverzichtbare Instrument für einen Kapitän ist, der seinen Weg durch die dunklen und stürmischen Meere findet (Leo Tolstoi).“

Kommentar von Christian Modehn: Wenn, so Bischof van Megen,  die Lehren Christi unverzichtbar seien und dass sie der einzige akzeptable Maßstab für alle Menschen seien, dann ist damit heftigster Fundamentalismus gesagt. Man tausche nur „die Lehren Christi“ mit „den Lehren des Koran“ aus…
Übersetzt mit DeepL.com (kostenlose Version)

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Christliche Dogmen dürfen nicht die Wissenschaften bestimmen: Francis Bacon

Über den Wissenschaftler und Philosophen Francis Bacon, vor 400 Jahren gestorben
Ein Hinweis von Christian Modehn am 9.April 2026

Das Motto:
Es gibt noch immer fundamentalistische Christen (oft Evangelikale), auch fundamentalistische ultra-orthodoxe Juden, die die Mythen des biblischen Schöpfungsberichtes („in 6 Tagen hat Gott die Welt erschaffen“) als gültige Aussagen für die Naturwissenschaften verstehen. Man möchte sagen: Diese Leute sollten die Werke des Naturforschers und Philosophen Francis Bacon studieren, um von ihrem Wahn loszukommen. Er war, vor 400 Jahren gestorben, weiter im Denken und vernünftiger als die heutigen Fundamentalisten.

1.
Der englische Natur-Wissenschaftler, Politiker und Philosoph Francis Bacon (geboren am 22.1.1561, gestorben am 9.4.1626) lebt in einer Zeit, die von radikalem religiösen Umbruch bestimmt ist.
Wir konzentrieren uns hier auf Bacons richtiges Verständnis des Zusammenhanges von Wissen und Glauben sowie auf seine kirchlichen Bindungen und religiösen Interessen; sie werden oft nicht explizit dokumentiert und ausführlich bewertet. Wir bieten einige Hinweise.

2.
Zunächst:
Francis Bacon, vielseitig begabt, ist Jurist und Staatsmann (Lordkanzler, Generalstaatsanwalt), er erforscht die Natur, ohne dabei religiös vermittelte Weisheiten anzuwenden. Und das war neu und sensationell. Man kann durchaus sagen, in seinem wissenschaftlichen Denken, philosophisch begründet, beginnt die Neuzeit. Religiöse Weisungen haben für Bacon in der Forschung nichts zu suchen. Keine Vermischung von religiösen Lehren und wissenschaftlicher Erforschung der Welt! Das war langfristig inspirierend und orientierend, man denke an die Naturforschungen Newtons.
Gott spricht für Bacon förmlich in zwei Sprachen: Durch die Bibel und die Welt, wenn man die Welt, wie Bacon, als Schöpfung versteht. Aber diese Welt selbst muss in ihren vielen Details und Aspekten wissenschaftlich, durch Experiment und empirische Erfahrung, erforscht werden. Und diese wissenschaftliche Arbeit wiederum verstand Bacon als Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen, und genau dies wiederum entspricht für ihn dem Willen Gottes.
Aber immer wieder hat sich Bacon, zumal in persönlichen Lebenskrisen, explizit zu seiner eigenen christlichen Spiritualität geäußert – und dabei gezeigt, dass er sich weithin im Rahmen der englischen Staatskirche orientiert.
Auch die Auseinandersetzung mit Atheisten war ihm wichtig. Er meinte, Atheisten blieben in ihrem Denken und Forschen der Vielfalt der weltlichen Wirklichkeit verhaftet. Sie fragen also nicht nach der schöpferischen Kraft von allem, Gott genannt.
Diese Verbindung von naturwissenschaftlicher Forschung und dem philosophisch eingegrenzten religiösem Glauben finden wir dann auch – auf radikalere, heterodoxe – Art bei Newton.

3.
1617 sollen in England 900.000 Atheisten gelebt haben, erwähnt Georges Minois in seiner großen Studie „Geschichte des Atheismus“, Weimar 2000, Seite 159. Auch zahlreiche Adlige, Wissenschaftler und Philosophen bekannten sich explizit zu ihrem Unglauben. Die menschliche Vernunft begrenzt sich förmlich auf ihre wissenschaftlichen , empirischen Erfahrungen mit der Welt. Nach Gott, der „Erstursache“ dieser Welt, wird nicht gefragt.
Francis Bacon will als Philosoph eine vermittelnde Stellung einnehmen. Denn wenn der Forscher im Verlauf seiner Forschung, auch in die Tiefe der letzten Begründung geführt wird, kann der Mensch durchaus Gott durch die Welt als Schöpfung Gott erkennen.
Diese Fragen sind dann nicht mehr Teil der religionsfreien naturwissenschaftlichen Forschung, sondern gehören in die Philosophie. Bacon war nie als Philosoph an einer Universität angestellt. Er blieb sozusagen ein unabhängiger, freier Philosoph.

4.
Es gibt zahlreiche Stellungnahmen Francis Bacons zur Religion, zum Atheismus oder zur Bedeutung des christlichen Glaubensbekenntnisses für ihn selbst. Einige ausführliche Zitate hier sind in dem Buch „Francis Bacon, Pensées sur la religion“ in der Alicia Editions veröffentlicht. 2019 ist das Buch erschienen, ein Herausgeber oder Übersetzer aus dem Englischen wird nicht genannt; erwähnt wird lediglich, dass dieses Buch (112 Seiten) „by Amazon Distribution“ GmbH, Erfurt und „Printed in Germany“ realisiert wurde.
In seinen Reflexionen zu Glaube und Atheismus bezieht sich Bacon auch auf Philosophen der Antike (Epicur, Demokratit…) oder auch auf Texte der Bibel. Das Buch versammelt oft einzelne Thesen zum Thema.

5.
Als eine Art Motto ist dem Buch ein Zitat Francis Bacons voranstellt: „Es ist wahr, dass ein Bißchen Philosophie die Menschen zum Atheismus geneigt macht. Aber eine vertiefte Kenntnis der Natur führt die Menschen zur Religion zurück“. (Alle Übersetzungen aus dem Französischen von Christian Modehn)

6.
In seinem Essay „Betrachtungen über den Atheismus“ schreibt Bacon: „Gott hat niemals Wunder getan, um einen Atheisten zu überzeugen…. Der Mensch, der die Zweitursachen (innerhalb der Welt) betrachtet, wie sie getrennt und ohne Ordnung sind, kann sich manchmal auf diese Betrachtung beschränken und dann nicht weiter forschen. Aber wenn der Mensch wirklich dazu kommt, die Zweitursachen so zu betrachten, wie sie verbunden und verkettet sind miteinander, dann ist der Mensch gedrängt, eine (göttliche) Vorsehung anzunehmen und eine Erstursache (von allem), um die wechselseitige Abhängigkeit und dieser bewundernswürdigen Verkettung (der Zweitursachen) zu begründen.“ (S. 1).
PS: Ein Hinweis zur klassischen Metaphysik, deren Denk-Modell Francis Bacon hier respektiert: Die eine Erstursache von allem ist selbst nicht von anderem verursacht, sie ist also höchstes Prinzip, Gott… Die Zweitursachen (Plural) sind alle Dinge dieser Welt, sie verursachen im Umgang mit anderen Dingen wieder Neues, Dinghaftes etc., aber eben Endliches, das dann aber auch als Zweitursache wieder für anderes zu betrachten ist…Das gründliche., differenzierende Studium der Natur führt also zur Erkenntnis Gottes.

7.
Für den Atheismus nennt Bacon verschiedene Ursachen. „Die vielfältigen Spaltungen innerhalb der Religion, die aus der Religion selbst hervorgehen, könnten zum Atheismus führen. Eine andere Ursache für den Atheismus, ist das skandalöse Leben der Priester. Und eine dritte Ursache ist die Gewohnheit zu scherzen und Witze zu machen über heilige Dinge. Nichts schadet so deutlich dem Respekt vor der Religion mehr als diese Gewohnheit. Leute, die die Gottheit ablehnen, zerstören das, was im Menschen am wertvollsten ist. Wenn der Mensch – wie für die Atheisten – in seiner Seele überhaupt nicht Gott ähnlich ist, dann ist er nur eine gemeine und schändliche Kreatur…“ (S. 4). Das Zitat ist entnommen dem Buch „Fideles Sermonen ethici…“, eine posthume Übersetzung (von 1644) des grundlegenden, wichtigen Buches „Essays“ von Francis Bacon, zuerst 1597 veröffentlicht.

8.
In seinen Glaubensbekenntnissen (etwa „a confession of faith“, 1641 posthum veröffentlicht) zeigt sich Bacon als überzeugter Christ der „Church of England“. Bacon hat auch persönliche Gebete verfasst. Einen sehr persönlich, demütig gestimmten Text, verfasste Francis Bacon, während der Zeit seiner politischen „Schwierigkeiten“ und seines Machtverlusts im Jahr 1621. Sein Gebet ist eine Reflexion über sein Leben, seine Sünden, seinen Sturz aus der politischen Gunst und sein Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit.
Das Gebet zeigt einen Mann, der nach dem Verlust seiner politischen Macht Trost bei Gott sucht.
Auch Psalmen des Alten Testaments hat Bacon übersetzt, darin zeigt er seine poetische Begabung. Bacon hat etwa die Psalmen 1, 12, 90, 104 ins Englische übersetzt.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Ostern als Auferstehung der Menschen vernünftig verstehen.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 26.3.2026

Ein Vorwort, erster Teil:
Wir haben im religionsphilosphischen-salon.de  schon mehrfach Ostern, die Auferstehung des Menschen Jesus von Nazareth und damit die Auferstehung der Menschen insgesamt zu erklären versucht, jenseits aller üblichen Floskeln in Oster – Predigten, jenseits aller bloß gedankenlosen Zitiererei aus den Evangelien. Verstehen in Worten, in Begriffen, eben mit der Vernunft ist etwas anderes als das routinierte Predigen. „Wunderbare“ Einsichten in frohlockenden Worten gelten für uns nicht. Auch nicht esoterisches Gestammel. Wir wollen ein behutsames, vernünftiges Erklären von Ostern und der Auferstehung Jesu zeigen. Es geht bei dem Thema um eine mögliche Orientierung im Leben wie im Sterben, angesichts des Todes.

Ein Vorwort, zweiter Teil:
Ostern, die Auferstehung des Menschen Jesus von Nazareth beziehen sich auf existentielle Erinnerungen und Erfahrungen. Sie gehören also in eine allgemeine, eine nachvollziehbare vernünftige Sprache. Aussagen können bei dem Thema selbstverständlich keine evidenten Beweise liefern, schon gar nicht mathematische Eindeutigkeit. Was hätten Mathematik und Beweise bei diesem Thema existentieller Erfahrungen und Erinnerungen auch an Orientierung zu bieten? Hier sind nur plausible Hinweise und vernünftige Vorschläge relevant … fürs Weiterdenken, Weiterforschen und meditatives Vertiefen und für weiterführende Ergänzungen.

Wir haben schon mehrfach ausführlichere Hinweise zum Thema publiziert.
Wegen verschiedener Nachfragen bieten wir nun noch einmal nur einige zentrale Erkenntnisse … in einer ebenso gewünschten überschaubaren Länge. Wir zeigen: Eine Spiritualität zu Ostern und zur Auferstehung ist nicht auf die klassischen, bekannten und meist fundamentalischen Predigten der dogmatischen Klerus-Kirchen angewiesen. Eine vernünftige Oster/Auferstehungsspiritualität kann jeder für sich entdecken: Das Neue Testament ist überall zur Lektüre verfügbar, ebenso historisch-kritische Erläuterungen zu den Erzählungen über die Auferstehung Jesu im Neuen Testament… 

Bitte beachten Sie das Kapitel Nr. 10:  Die Reflexionen zur Auferstehung sind alle andere als philosophische, metaphysische Überlegungen oder bloß-spirituelle Hinweise. Unsere Reflexion über ein vernünftoges Verstehen der Auferstehung  sollen unseren Widerstand stärken gegen die üblen Machthaber und Kriegsherren, gegen die Rechtsextremen alleroren, gegen die Herrscher der neoliberalen Welt- Unordnung. Ohne spirituelle Kraft ist dieser Widerstand überhaupt nicht zu leisten…

1.
Ostern ist bis heute als Festtag und Feiertag eine ziemlich ungewöhnliche, durchaus verstörende wie überraschende Erinnerung, eine Erinnerung an die Erkenntnis einiger Freundinnen Jesu von Nazareth: „Dieser Jesus, der den Tod am Kreuz erlitt, der lebt – mit seinem Geist – weiter über den Tod hinaus, er ist geistig unter uns. Denn: Geistige Präsenz ist genauso stark und bedeutend wie körperliche Anwesenheit.

2.
Diese Einsicht der Freundinnen Jesu heißt also „Auferstehung bzw. Auferweckung Jesu“. Die Freundinnen und Jünger Jesu waren einige Wochen und Monate nach dem Tod Jesu (etwa im Jahr 30 oder 33) sprachlos und schockiert, aber sie haben ihr Entsetzen über Jesu Tod überwinden können und in überschwänglichen Worten und Bildern später vom „auferstandenen Jesus“ in den vier Evangelien erzählt. Eine durchaus übertriebene Begeisterung, wie sie in den Auferstehungserzählungen deutlich ist, war üblich in den Erzählungen der damaligen Kultur. Die Autoren der Evangelien haben also in bilderreichen Sprache ziemlich übertrieben, etwa indem sie erzählten, der Auferstandene habe mit ihnen zusammen gespeist. Oder wenn erzählt wird, der Apostel Thomas habe dem auferstandenen Gekreuzigten in dessen Wunde gefasst… Die vier Evangelisten – im Abstand von ca. 30 – 50 Jahren nach Jesu Tod – ihre Erzählungen verfasst.

3.
Wichtig ist: Die in den Evangelien erzählten Erlebnisse der Freundinnen Jesu mit dem auferstandenen Jesus sind keine historischen Berichte. Es lässt sich auch kein Datum der „Auferstehung“ angeben, es war kein neutraler journalistischer Beobachter dabei, der irgendwelche Ereignisse im und am Grab Jesu notierte. Die Erzählungen der Evangelien sind in existentieller Erfahrung geschriebene persönliche Bekenntnisse, und diese merkwürdigen Texte, fast 2000 Jahre alt, müssen übersetzt und neu erzählt werden in nachvollziehbarer, selbstverständlich vernünftiger Sprache. Was denn auch sonst ? Sogar Poesie wird in allgemein-zugänglichen Worten geschrieben und kann nur deswegen verstanden werden.

4.
Jesus wurde verurteilt, weil er die Menschenfreundlichkeit Gottes lebte, eines Gottes, also – übersetzt – eines letzten bergenden Sinn-Grundes, und den sprach Jesus an als „Abba“, also sehr herzlich und intim als „lieber Vater“. Jesus kritisierte die rigorose Gesetzes-Religion der herrschenden jüdischen Eliten – um der Menschlichkeit willen und auch um die Güte Gottes, des Ewigen, zu bezeugen. Jesu JüngerInnen und Freundinnen hatten also einen außergewöhnlichen Menschen erlebt. Ein solcher Mensch darf eigentlich nicht sterben, das ist ja allgemeine Erfahrung im Erleben herausragender Menschlichkeit.

5.
Die Erkenntnis heißt: Jesus, der Gekreuzigte, „lebt geistig unter uns“, traditionell gesprochen: Er ist „auferstanden“, er ist geistig unter uns lebendig. Diese Einsicht, so betonen die Freundinnen Jesu, sei für sie erstaunlich und überraschend: So ungewöhnlich, dass dieser Geist mit seiner Erkenntnis der Auferstehung nur heilig genannt werden kann. Dieser göttliche Geist ist die bestimmende Lebenskraft der Menschen seit der Schöpfung. Und es ist derselbe heilige, göttliche Geist, der auch den Menschen Jesus zu seinem außergewöhnlichen Leben der Liebe und Solidarität bewegte. In diesem Sinne kann diese Gemeinde also sagen: Der Mensch Jesus von Nazareth wurde in der Kraft des ewigen göttlichen Geistes aus dem Tod befreit. Und in eine bleibende geistige Präsenz geführt.

6.
Ostern ist also das Fest, an dem Christen sich der Bedeutung des göttlichen Geistes in allen Menschen vergewissern; es ist der Geist des Ewigen, Gottes, der in der Menschheit leben will, wenn es die Menschen in ihrer Begrenztheit, in ihren Fehlern und falschen Entscheidungen ihrer Freiheit zulassen. Die Freundinnen Jesu sind frei und ohne Angst vor Repressalien der herrschenden Eliten der Einsicht ihres Geistes gefolgt. Sie erkannten: Jesus als geisterfüllter Mensch lebt – „auferstanden“- in bleibender geistiger Präsenz..

7.
Die ersten Christen wussten: Alle Menschen haben Anteil an diesem Geist des Ewigen, am Geist Gottes. Der Apostel Paulus verfasste den zeitlich frühesten Text im Neuen Testament, im Jahre 50 schon, 20 Jahre nach Jesu Tod, es ist der 1. Brief man die Gemeinde in Thessaloniki. Im 4. Kapitel, Vers 14, spricht Paulus die schon damals erkannte universelle Bedeutung der Auferstehung Jesu aus: „Wenn Jesus gestorben ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zu Herrlichkeit führen“. Und etwas später schreibt Paulus im 1. Brief an die Gemeinde in Korinth: Jesus sei als der „Erstling“ (der Erste) von den Toten auferstanden, so im 15. Kapitel, Vers 20. Die Gemeinde weiß also: Jesu Auferstehung hat universelle Bedeutung: Er ist „der Erste“, an dem die Auferstehung deutlich wird, Jesus ist also „nur“ der erste Auferstandene… alle anderen Menschen werden diese Auferstehung erfahren können.

8.Die einzige philosophische Voraussetzung für unseren Vorschlag, die Auferstehung Jesu und der aller anderen Menschen zu verstehen: Die Überzeugung von einer „Schöpfung“ durch eine göttliche schöpferische  Wirklichkeit. Der evangelische Theologe Prof. Stefan Alkier (Uni Frankfurt.M) schreibt in seinem Buch „Die Realität der Auferstehung“ (2009, Seite 238) diese entscheidenden Sätze: „Die Welt, alles Leben und auch das je meinige Leben entspringen […] nicht einem blinden Zufall, sondern der intentionalen Kreativität des sich liebevoll in Beziehung setzenden Gottes…Wer diese Hypothese nicht teilt, kann auch nicht mit den Schriften des Neuen Testaments von der Auferweckung Jesu Christi und der Hoffnung auf die Auferweckung der Toten sprechen“. Denn die schöpferische göttliche Wirklichkeit als eine selbstverständlich geistige Wirklichkeit verbindet sich mit seinen Geschöpfen, indem er ihnen an seinem Geist seinen Geschöpfen Anteil gibt. Hegel hat mit überzeugenden Gründen daraufhin gewiesen: Wenn der schöpferische Gott seine Schöpfung ohne geistige Verbindung mit ihm, sozusagen parallel, neben ihm, ohne Verbindung mit ihm gestaltet hätte, dann wäre Gott also, klassisch verstanden, nicht mehr der unversale Gott. Das sind philosophische Spekulationen, gewiss…Dass die Geschöpfe als Wesen der Freiheit erschaffen wurden, versteht sich von selbst.

9.
Jesus ist als Mensch wie alle Menschen gestorben und seine Körper lag bis zum endgültigen Verfall im Grab. Es erscheint als albern, wenn ungebildete Theologen die Bildersprache der Evangelisten fundamentalistisch „einfach so“ übernehmen und behaupten: Jesus sei leiblich auferstanden… Aber dann hätte er noch ein zweites Mal sterben müssen oder als Alternative behaupten diese Kreise: Jesus sei leiblich in den Himmel aufgefahren: Ein hübsches Bild, in der Ikonographie seit Jahrhunderten verbreitet, aber ein Bild, das wir heute nicht mehr akzeptieren können. Jesu Grab ist nicht leer! Das ist die entscheidende Aussage zum auferstanden Menschen Jesus von Nazareth, auferstanden in eine bleibende geistige Präsenz nach dem Tod.

10.
Dieser Hinweis konzentrierte sich bisher auf einige zentrale Aspekte eines nachvollziehbaren, vernünftigen Verständnisses der Auferstehung. Dieser Hinweis kann zur Meditation anregen, zur Kritik, zur Zustimmung, der Hinweis ist jedenfalls als Möglichkeit der Lebens-Orientierung gemeint.

Wird diese Lebensorientierung in der Lebenspraxis angenommen, wird die christliche „Lebens-Philosophie“ also gelebt, dann zeigen sich Konsequenzen auch inmitten des politischen Lebens. Ostern ist insofern alles andere als ein Fest, das sich nur mit dem „Weiterleben nach dem Tod“ befasst. Auferstehung bedeutet immer auch Aufstand für ein Leben in Gerechtigkeit und Frieden, für alle natürlich, nicht nur für einige Privilegierte….
Die Auferstehung Jesu und der Menschen hat politische Konsequenzen, wir nennen hier nur ein Beispiel: Ein Gedicht von Kurt Marti (1970).

Kurt Marti
ANDERES OSTERLIED

Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
wenn erst nach dem Tode Gerechtigkeit käme,
erst dann die Herrschaft der Herren,
erst dann die Knechtschaft der Knechte
vergessen wäre für immer, vergessen wäre für immer.
Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
wenn hier auf der Erde stets alles so bliebe,
wenn hier die Herrschaft der Herren,
wenn hier die Knechtschaft der Knechte
so weiterginge wie immer, so weiterginge wie immer.
Doch ist der Befreier vom Tod auferstanden,
ist schon auferstanden und ruft uns jetzt alle
zur Auferstehung auf Erden,
zum Aufstand gegen die Herren,
die mit dem Tod uns regieren, die mit dem Tod uns regieren.

Wir weisen noch auf unsere Publikation zu einem wichtigen Buch des katholischen Theologen Prof. Hans Kessler hin: LINK.

Und wir weisen auf unsere Publikation hin, dass sich auch Immanuel Kant mit dem Thema Ostern befasste: LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Damit der Krieg erfolgreich wird: Evangelikale beten mit Trump im Oval Office am 6. März 2026.

Beispiel für eine nationalistisch-kriegerisch verdorbenen Glauben.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 7.3.2026

1.
Es ist eine äußerst verstörende Szene evangelikalen Glaubens, man sollte deutlich und klar sagen: evangelikal-nationalistischen Schwachsinns:

2.
Etwa 20 der bekanntlich Trump – ergebenen US – Evangelikalen scharen sich eng und inniglich verbunden am 6. März 2026 um ihren Präsidenten im Oval Office. Ein entsprechendes authentisches Video wird verbreitet: Der Führer Donald Trump sitzt gesammelt (oder tut er nur so?) am Schreibtisch; evangelikale Pastoren (nur zwei Frauen sind dabei) umringen ihren Meister, legen segnend ihre Hände auf ihn. Sie erflehen den Segen Gottes für die amerikanischen Truppen und beten um weitere kriegerische Kraft ihres Meisters Trump.

3.
Unter den Betenden sind führende Evangelikale: Tom Mullins, Robert Jeffers, der Historiker David Barton; organisiert hat das Gebetstreffen die Fernsehpredigerin Paula White Cain vom „Büro für Glauben“ in der Trump Administration.

4.
Pastor Tom Mullins leitet das Gebetstreffen, er erbittet für Trump und die amerikanischen Truppen Gottes Hilfe: „Ich bete um deine Gnade und deinen Schutz für ihn. Ich bete um deine Gnade und deinen Schutz für unsere Truppen und alle Männer und Frauen, die in unseren Streitkräften dienen. Und Vater, wir bitten dich, unserem Präsidenten weiterhin die Kraft zu geben, die er braucht, um unsere Nation zu führen, während wir zu einer einzigen Nation unter Gott zurückkehren.“

5.
Dieses Gebet ist – wenn man noch die richtigen theologischen Normen ernst nimmt – eine Gotteslästerung. Das Gebet ist nichts als Ausdruck einer nationalistischen Ideologie! Gott (gemeint ist immer der Gott des Christentums, des Neuen Testaments) soll die amerikanischen Truppen schützen. Die Truppen anderer Völker, vor allem die Menschen im Kriegsgeschehen („Kollateralschäden“ von Kriegsherren genannt), werden nicht erwähnt. Trump wird als religiöser Führer aufgewertet, unter seinen Herrschaft werden die USA „zu einer einzigen Nation unter Gott“. Gott soll dann herrschen in den USA, aber das bedeutet bekanntlich: Ausländer raus, Abtreibung absolut verbieten, sexuelle Vielfalt auslöschen, die Demokratie abschaffen, die Pressefreiheit zerstören usw.: Diese Evangelikalen beten und bitten letztlich, dass nun, wenn ihre Bitten erfüllt werden, alsbald in den USA ein Bürgerkrieg beginnt im Kampf um die Durchsetzung der genannten evangelikalen Ideale.
Nebenbei: Eine „Nation unter Gott“ – das ist bekanntlich auch das Prinzip der islamischen Fundamentalisten, etwa im Iran. Da befinden sich die betenden Amerikaner in „feiner“ Gesellschaft.

6.
Es fällt auf, dass die sonst absolut der Regierung Israels ergebenen Evangelikalen nicht auch für Israel beten. Bekanntlich lieben viele Evangelikale Israel und die Juden nur deswegen, weil ihr Christus nur dann wiederkehren kann auf Erden: Wenn die Juden im ganzen verheißenen Land (mit Gaza, Westjordanland) leben und ganz Jerusalem jüdisch ist. Die angebliche Liebe der Evangelikalen zu Israel ist also nur eine evangelikale Ideologie.

7.
Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat auf den russisch – orthodoxen Kriegstreiber Patriarch Kyrill I. von Moskau immer wieder ausführlich hingewiesen. Nun gibt es eine weitere kriegstreibende Kirche, die (meisten) Evangelikalen in den USA. Man ist gespannt, wie lange es es dauert, bis sich die Evangelikalen etwa in Deutschland von ihren Evangelikalen „Mit-Christen“ distanzieren.

8.
Was aber passiert, wenn der liebe Gott der Evangelikalen ihre Gebete NICHT erhört, sondern der liebe Gott die Gebete der Schiiten erhört und keinen Regime Change im Iran durchsetzt? Was aber wenn der liebe Gott der Sunniten deren Gebete erhört und die Ölpreise wieder sinken. Oder gar, was passiert, wenn der Gott der Juden deren Gebete erhört und die Verwüstung des Libanons durch Israel nun total gelingt usw.?
Jedenfalls hat der liebe Gott die Gebete Trumps und der Seinen (Stand 21.3.2026) NICHT erhört.

9.
Dieser kranke, wahnhafte Glaube öffnet jedenfalls alle Schleusen nicht nur für den kriegerischen Nationalismus, vor allem auch der offenbar unheilbaren religiösen Dummheit, die sich in diesen Bittgebeten äußert. Welchen sehr begrenzten, aber vernünftig nachvollziehbaren Sinn „Bittgebete“ noch haben können, haben wir an anderer Stelle gezeigt. LINK.

10.
Für Menschen, denen die Weisheit Jesu von Nazareth und die humane Lehre des Christentums noch wichtig ist: Diese TRUMP – Ergebenen Evangelikalen in den USA sind eine Schande für das Christentum. Man erinnere sich an die „Deutschen Christen“ im Nazi – Regime, an die sehr faschistischen Katholiken (Priester, Bischöfe) im Franco-Regime Spaniens, an die Mussolini begeisterten Katholiken Italiens und so weiter. An die Katholiken in Frankreich heute muss erinnert werden, die bis zu 40 % die rechtsradikalen Parteien (Front National bzw. Rassemblement National, Recoquete etc.) wählen. Diese Katholiken nehmen als „praktizierende Katholiken“ sonntags an den Messen teil, lieben Weihrauch und alte Gesänge, verehren den Klerus, haben aber nichts verstanden von der humanen Weisheit des Jesus von Nazareth. Eine Blamage eigentlich für die Kirchenführung, ihre Predigten, ihre Lehren usw. Aber von dieser ihrer Niederlage sprechen die Herren Bischöfe nicht.

Zum Video dieses „Gebets“ – Treffens: LINK
https://www.religiondigital.org/america/grupo-pastores-evangelicos-reza-trump_1_1445292.html?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=estas_son_las_principales_noticias_de_rd&utm_term=2026-03-07

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

Bittgebete: Unsinn … und gelegentlich Sinn: Über Beten als Poesie.

Bittgebete verstehen. Sie sind meist unsinnig, manchmal noch hilfreich!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 1. März 2026

Vorwort:
Beten ist eine persönliche Poesie inmitten des Lebens und Leidens. Und Bitt – Gebete können hilfreich sein, wenn ich mich meiner persönlichen Poesie vergewissere, einer Poesie, die in aller Vielfalt den tragenden Sinns des Lebens und Sterbens in Worte fasst. Dieser bergende Sinn ist für christlich orientierte Menschen eine göttliche Wirklichkeit: „Die gute, wunderbare, ewige Wirklichkeit, in der wir geborgen sind“, um an Dietrich Bonhoeffers Satz – leicht variierend- zu erinnern. Aber: Bittgebete sind niemals Wundermittel.

1.
Es wird jetzt, wie immer in Krisen-Kriegszeiten, offenbar viel gebetet, viele Aufforderungen zum Bittgebet werden, von den religiösen „Führern“, dem Klerus, als hilfreich empfohlen. Papst Leo redet ständig von Bittgebeten. Er meint wohl, nach uralter „klassischer“ Spiritualität, Gott als „Person“ im Himmel förmlich „bestürmen“ zu können mit unseren auch politischen Wünschen. Wie Gott im Himmel dann die eingehenden unterschiedlichen Wünsche koordiniert, d.h.“erfüllt“, wissen die Frommen mit ihrer ganz unterschiedlichen Wunschliste natürlich nicht. Und niemand kann das wissen. Das heißt: Die frommen Bittenden glauben eigentlich selbst nicht daran, dass ihre Wünsche erfüllt werden. Sie gehen dann mit den immer wiederkehrenden Enttäuschungen relativ gelassen um: Es ist wie beim Lotto-Spiel: Niemand ist erschüttert, wenn er auch diesmal nicht die richtigen sechs Zahlen getippt hat. „Dann halt beim nächsten Mal.“ Und es wird weiter um Frieden gebetet. Beten und Bitten kann gedankenlos werden…

2.
Das Bild eines allmächtigen und allwissenden Gottes im Himmel, der je nach Laune ins Weltgeschehen eingreift und plötzlich aus einem Kriegsverbrecher einen Pazifisten macht, dieses Gottes – Bild ist verstaubt und vergangen. Es macht aus dem Unendlichen und Ewigen förmlich einen Hampelmann, der sich abhängig macht von den jeweiligen Launen der Frommen: Fromme Russen beten für Putins Sieg, fromme Europäer beten zurecht für die Menschen in der Ukraine und die Niederlage Putins. Mein Gott, möchte man sagen, was soll Gott da alles erhören und richtig stellen, was Menschen in ihrer Freiheit zerstören.

3.
Bittgebete sind oft auch Ausdruck existentieller Hilflosigkeit. Aber diese Hilflosigkeit inmitten von Kriegen ist von Menschen verursacht, nicht von Gott im Himmel. Eine schöpferische göttliche Wirklichkeit hat die Menschen als freie Menschen erschaffen, das heißt mit Vernunft ausgestattet. Nur so können Menschen ihr Leben gestalten, sich aber auch aufgrund der Freiheit unsinnig und kriegerisch zerstörend austoben. Kriege sind Ausdruck von Freiheit. Wenn die Menschen, die Bürger aufpassen würden, könnten sie Kriegsherren wie Putin, Trump usw. doch wohl verhindern oder früh genug absetzen…
Das ist der Preis der Freiheit… Aber sind Menschen als Menschen denkbar, wenn sie unfrei wären?

4.
Und nun beten auch die Führer der US-Evangelikalen erwartungsgemäß wieder mal für ihren Führer und mit ihrem Führer Donald Trump, sie beteten vor laufender Kamera am 5. März 2026 für das Wohlbefinden der US Truppen und den Sieg der US Streitkräfte im Iran. Für das Leiden der „einfachen Menschen“ im Iran, im Libanon, in Israel usw. beteten sie explizit wohl nicht, diese Menschen sind als Opfer der Kriege doch nur „Kollateralschäden“, wie es in der Sprachen der Krieger heißt. LINK

5.
Beten für den Frieden kann nur bedeuten: Nachdenken, wie Frieden wieder möglich wird. Ausbildung zum Frieden und Lernen des gewaltfreien Widerstandes in den Gemeinden weltweit muss man als zentrale christliche Aufgabe verstehen. Diese ständige Arbeit am Frieden sollte auch ein Papst lehren und vorleben. Der Papst betet und bittet … und formuliert permanent sympathische diplomatische Friedens – Forderungen, oft verbrauchte Floskeln, als Chef des Staates Vatikan, genannt Heiliger Stuhl. Diesen „Heiligen Stuhl“ respektieren die meisten Diplomaten mit freundlichem Lächeln, aber dieser „Stuhl“ steht den Mächtigen immer nur im Wege, wenn sie ihre kriegerischen Untaten begehen. Kurz gesagt: Der Papst kann sich politisch nicht mehr durchsetzen, das Mittelalter ist vorbei. Ob der Papst als Papst das weiß? Als Papst müßte er sich um Wichtigeres kümmern: Christen zu Aktivisten des Friedens und der gewaltfreien Aktion ausbilden…
Die internationale katholische Friedensbewegung „PAX Christi“ hat in der Kirche einen marginalen Status, „Pax Christi“ gilt als eine Versammlung von Utopisten… und Spinnern.

6.
Wenn wir Bittgebete sprechen oder Bittgebete anderer uns berühren, dann sollten wir aufmerken: Was kann ich, was können wir tun, um aus dem konkreten Elend herauszufinden? Bittgebete sind Aufrufe zur Reflexion, zur Selbstreflexion wie zum Nachdenken der vielen, die einen Hilferuf als Bitte, als Bittgebet, hören.

7.
Manches Leid und viele Leiden lassen sich nicht – zumal bei Krankheiten oder im Erleben von Naturkatastrophen – überwinden oder aufheben. In solchen Situationen haben Bittgebete vielleicht eine heilende Wirkung und Bedeutung: Sie erinnern die Bittenden, die Christen zumal, an die eine, alles entscheidende Basis (!) ihres Glaubens: Gott ist der tragende, der gründende Sinn im Leben, trotz allem. Gott oder die schöpferische Kraft ist „die gute Macht, in der wir Menschen uns geborgen glauben“, wie es Dietrich Bonhoeffer ähnlich formulierte. Das heißt: Der Christ weiß, dass er immer von Gott behütet ist, da braucht er nicht dieses oder jenes von Gott zu erflehen. Der Christ soll handeln – zugunsten des Friedens, der universellen Gerechtigkeit. Und nicht so viel Beten. Seine poetischen Talente kann der Christ auch anderweitig ausprobieren…

8.
Wann könnte trotzdem ein Bittgebet als meine Poesie sinnvoll und hilfreich sein? Wenn wir die Gewissheit haben: Alles droht unterzugehen, Humanität droht zerstört zu werden und mein Leben und unser Leben ist am Kipppunkt, also christlich gesprochen am Übergang in eine andere Wirklichkeit ohne leibliches Dasein. Also: Unter solchen Bedingungen können Bittgebete als Poesie hilfreich sein. Sie vergewissern den einzelnen seiner Verbundenheit mit dem Ewigen, das Neue Testament oder auch Meister Eckart und Hegel würden sagen: Sie geben dem einzelnen die Gewissheit, mit dem göttlichen Geist, dem ewigen Geist des Ewigen, verbunden zu bleiben. Das Bittgebet als persönliche Poesie hat also auch in einem neuen, vernünftigen theologischen und religionsphilosophischen Verständnis eine begrenzte, hilfreiche Bedeutung. Bittgebet, so verstanden, führt in eine Form von bleibender Geborgenheit, als Hoffnung über den Tod hinaus. Aber Hoffnung bedeutet immer: Handeln im Sinne der universellen Gerechtigkeit.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin