Pfingsten: Der Geist ist heilig. Der Leib natürlich auch…

Pfingsten ist leider ein philosophisch und theologisch weithin unbekanntes Fest. Es sollte darum in nachvollziehbaren Worten erklärt werden. Dabei wird an den zwei Pfingstfeiertagen die Erfahrung und die Einsicht gefeiert: Der Geist  (also auch die Vernunft) ist ein göttliches Geschenk. Etwas Heiliges. Und der Geist weiß: Der ganze Mensch, die ganze Person, jeder und jede, ist von sakraler Würde: “Unanstastbar”, sagen die Menschenrechts – Erklärungen. Und: Ostern und Pfingsten gehören inhaltlich zusammen: Weil zu Ostern die Gemeinde nach Jesu Tod entdeckte:  Es gibt das Ewige und über den Tod Bleibende im Menschen. Auch Jesus hatte dieses Ewige, Unzerstörbare, “in sich”, deswegen lebt er auf unbekannte Art weiter. Wie alle anderen Menschen auch wissen können: Auch wir haben wie Jesus das Ewige “in uns”. Diese Erkenntnis wird zu  Pfingsten gefeiert. Und Gemeinde ist jene weite und immer internationale Gruppe, die aus dieser Überzeugung frei leben kann…Und hoffentlich das Feiern nicht verlernt hat…

Ich habe einige Beiträge zu dem zentralen philosophischen und religiösen Fest notiert, klicken Sie hier.

Die AFD und der Front National, Frankreich

Hinweise von Christian Modehn nicht nur anläßlich des Katholikentages in Münster

Dieser Beitrag zeigt:

Die Verbindungen zwischen Katholiken und rechtsextremen Gruppierungen und deren Ideologien sind in Frankreich sehr viel ausgeprägter als in Deutschland. Das ist hier kein Grund zum Jubeln, sondern nur eine Art Mahnung: Was in Frankreich heute in weit verzweigten rechtsextrem – katholischen Netzwerken geschieht, kann bald auch in Deutschland (oder Österreich, der Schweiz usw.) bestimmend werden. Dabei ist historisch vorausgesetzt: Rechtslastiges und rechtsextremes Denken spielt im französischen Katholizismus seit der Französischen Revolution eine ungebrochen große Rolle. Der Kollaborateur Marschall Pétain etwa verstand sich als praktizierender Katholik. Und viele Bischöfe standen an der Seite Pétains. Die Résistance war bekanntlich nur die Sache einer Minderheit, von linken Katholiken, Sozialisten und Kommunisten.

Die freundschaftlichen Verbindungen zwischen der AFD und der rechtspopulistischen, rechtsradikalen Partei Front National sind spätestens seit dem Treffen dieser Parteien in Koblenz im Januar 2017 evident. Deutschland ist anders als Frankreich. Aber leidenschaftliche Verteidiger der Demokratie mit aller Hingabe zugunsten der Menschenrechte sind bekanntlich hier eher die Ausnahme.

Im Umfeld des Katholikentages von Münster im Mai 2018 wird viel über die „Christlichkeit“ der AFD und ihrer Grundsätze diskutiert. Immerhin haben bei der Bundestagswahl 2017 zehn Prozent der Christen in Deutschland die AFD gewählt; sie glaubten also, in der AFD auch ihrer Kirchlichkeit Ausdruck geben zu können. Viele kritische Beobachter sprechen hingegen treffend vom Verachten explizit christlicher Grundsätze im Parteiprogramm der AFD. Vor allem im verbalen Umgang dieser Politiker (und deren oft rabiater Anhänger) mit politischen Gegnern bzw. Feinden ist wenig von Toleranz und selten etwas von vernunftgesteuerter Debatte zu spüren. Toleranz und Vernunft sind bekanntlich die ins Weltliche, in Humanistische, übersetzten Prinzipien einiger Weisheits – Lehren Jesu von Nazareth. Menschenrechte als unantastbare Basis des Zusammenlebens haben humanistische Wurzeln, sind aber auch christlich inspiriert, aber das nur nebenbei.

Diese Debatten über die (Un)Christlichkeit der AFD wirken relativ“ milde“, wenn man an die Bindung von Katholiken an rechtsradikales Denken und rechtsradikale Parteien in Frankreich denkt.

Ich nenne einige Aspekte im weiten Netzwerk rechtsextremer Katholiken und deren Ideologien.

1.Rechtsextreme Katholiken in Frankreich sind – seit langem – sehr zahlreich. Soziologen unterscheiden in Umfragen zwischen den so genannten praktizierenden und den nicht mehr an Gottesdiensten teilnehmenden Katholiken: Beim 2. Wahlgang zur Präsidentenwahl 2017 haben 38 Prozent der praktizierenden (!) Katholiken für die rechtsextreme Kandidatin Marine Le Pen gestimmt! (Quelle:http://www.lemonde.fr/election-presidentielle-2017/article/2017/05/09/les-catholiques-pratiquants-ont-vote-le-pen-a-38_5124530_4854003.html).

Diese Kreise benutzen jetzt die Ermordung des greisen Priester Jacques Hamel während der Messe in St. Etiénne du Rouvray bei Rouen am 26. Juli 2016 durch zwei islamistische Mörder des IS als Beweis für die Schwäche des französischen Christentums: Das Bild wird verbreitet: Der uralte Priester inmitten einer winzigen Gemeinde alter Menschen, die dem bedrohten Pfarrer nicht beistehen konnten. Es gibt eine katholische Gruppe mit dem Titel „Optimum“, die der katholischen charismatischen Bewegung Emmanuel nahe steht (sie ist auch in Deutschland sehr aktiv). Der „Optimum“ Gründer Gabriel Morin sagte im Zusammenhang der Ermordung des greisen Priesters: „Der Islam entwickelt sich bei uns, weil uns die Männlichkeit (virilité) fehlt. Die Muslime fragen uns: Warum sei ihr Christen nicht stärker? Sie können unsere Resignation/Schwäche nicht verstehen“. Dahinter verbirgt Gabriel Morin die Behauptung: Die Katholiken „müssen die Weichheit und Weiblichkeit aufgeben und männlicher und stärker werden, um dem Werben des Islams in Frankreich zu widerstehen“, so deutet der Politologe Jérome Fourquet in seiner neuesten Studie „à la droite de Dieu“, Paris 2018, S. 46, diese Aussage des „Optimum“ – Gründers. Er organisiert für Männer eine Art Sommerlager, damit diese wieder die Stärke ihrer (selbstverständlich) heterosexuellen Männlichkeit entdecken und pflegen. Diese Sommerlager mit der Männlichkeitsschulung stammen ursprünglich aus evangelikalen Kreisen der USA, aber sie finden in Frankreichs rechtslastiger katholischer Kirche Zuspruch (siehe: https://psyzoom.blogspot.de/2016/12/des-catholiques-veulent-rendre-leglise.html)

2. Die “starken katholischen Männer” sollen sich gegen die sehr männlichen, aber als aggressiv wahrgenommenen islamischen Männer und ihr missionarisches Werben behaupten: Dies ist auch das Ziel des Vereins „Pater“, gegründet von Pfarrer Simon Chouanard: „Gott (der katholische Gott, CM) will nicht freundliche Knaben; er will (echte) Männer“. Dies ist das Motto seines Vereins. Selbstverständlich tritt der Verein „Pater“ (Vater) für die Trennung der Geschlechter in der Erziehung ein. In entsprechenden „Lagern“ (camps-retraites) werden junge Männer den Initiationsriten unterzogen. Von dieser Idee ließ sich der allgemein als reaktionär eingeschätzte Bischof von Toulon, Dominique Rey, Mitglied der in Frankreich mächtigen charismatischen Bewegung Emmanuel, begeistern: Er veranstaltet „Sommerlager der Virilität“ seit 2014 in seinem Bildungshaus in Sainte Baume, Département Var. Nebenbei: Über Bischof Rey wurde schon vieles publiziert: Ich habe kürzlich geschrieben: Dem Front National eher zugeneigt ist neben anderen Bischöfen vor allem Dominique Rey vom Bistum Fréjus-Toulon: Im August 2015 hatte er die FN Politikerin Marion Maréchal-Le Pen zu einer Akademieveranstaltung nach Sainte-Baume eingeladen. Dort konnte sie ungehindert ihre Ideologie kurz vor den Regionalwahlen verbreiten: Für den FN stimmten dann in der Provence und Umgebung 45 % aller Wähler. „Bischof Rey hat auch zur Banalisierung des FN beigetragen“, schreibt treffend der Theologe Christian Terras Quelle: https://re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er-salon.de/9039_die-rechtsradikale-partei-front-national-und-marine-le-pen-sprechen-von-christlichen-wurzeln-europas-hinweise-auf-gefaehrliche-propaganda_religionskritik

3.Diese katholischen Initiativen zur Stärkung einer militanten katholischen Männlichkeit sind eng verbunden mit der seit Jahren bestehenden katholisch geprägten Massenbewegung „La Manif pour tous“, also der landesweiten Massen – Demonstrationen gegen die so genannte Homo-Ehe. Das Gesetz für die Homo-Ehe wurde vom Parlament im Mai 2013 beschlossen; aber die Proteste gehen weiter und haben das ganze Land aufgewühlt und gezeigt: Wie viele Massen von rechtslastigen katholischen Organisationen auf die Straße zur Demo gebracht werden können. Auf diese Weise wurde die Hetero- Ehe sozusagen neben Gott und der Kirche zum obersten Wertund Halbgott für Katholiken. Mit all der üblichen Abwehr von Gender – Akzeptanz! Die „heilige Hetero – Familie“ mit der Frau in der Küche erlebt nicht nur unter Frankreichs Katholiken einen Boom.

4.Selbstverständlich gibt es auch eigene katholische Vereine und Ordensgemeinschaften, die sich ausdrücklich um die Bekehrung der Muslims zum katholischen Glauben bemühen. Am 4. Februar 2017 fand etwa in der Gemeinde Notre Dame de Bellecombe von Lyon ein noch eher geheimes Treffen statt unter dem Thema: „Jesus der Messias. Wie kann man sich bilden, um die Frohe Botschaft Christi den Muslims zu verkünden“. Dabei waren Konvertiten aus dem Islam, wie etwa der bekannte Mohammed Christophe Bilek, 66 Jahre alt, er stammt aus Algerien und ist der Gründer des Vereins „Unsere liebe Frau von Kabylien und die Mutter Quabel“. Ausdrücklich wird angesichts der angeblichen totalen Bedrohung durch den Islam in Frankreich das Recht verteidigt, dass Muslime Christen werden sollten. Gegen Religionsfreiheit und freie Wahl der Konfession ist überhaupt nichts zu sagen! Auffällig ist nur der Rahmen, in dem für Konversionen aus dem Islam geworben wird! (vgl. die entsprechende Werbung: http://www.eleutheros.eu/prier/priere-du-dimanche-de-la-communion).

Und es bilden sich immer mehr Gruppen, die speziell die Muslims bekehren wollen, wie die „Kleinen Brüder und kleinen Schwestern vom Lamm“ (sic!) oder die Gemeinschaft Rocher, die betont: „Die Banlieue (mit ihren zahlreichen islamischen Bewohnern) ist eine unglaubliche Chance für die Evangelisierung“, so Cyrill Tisserand, Gründer von „Le Rocher“. Mit anderen Worten: Es setzt sich unter Katholiken die Meinung durch: Nur ein bekehrter Muslim ist ein akzeptabler Muslim, weil er dann „ungefährlich“ ist.

5.Auf der Linie der Werbung für Konversionen liegt auch der Orden „Missionare des göttlichen Erbarmens“, von Pfarrer Loiseau vor 12 Jahre gegründet, bezeichnenderweise hat dieser Orden mit vielen jungen Mitgliedern sein Zentrum im Bistum von Bischof Rey von Toulon. Pfarrer Loiseau betont: „Der Islam hat immer von Situationen profitiert, in denen das Christentum sehr schwach und gespalten war. Deswegen ist es eine Pflicht für Katholiken, den Islam als eine missionarische Priorität anzusehen“ (zit. aus dem Buch von Fourquet, Seite 50). Dieser Ideologie folgend will „der“ Islam will also wieder Europa erobern, eine Ideologie, die vor allem von der viel schreibenden jüdischen Autorin Bat Ye Or (Pseudonym für Gisèle Littmann) in zahlreichen Publikationen verbreitet wird, diese finden in reaktionären Kreisen heftige Begeisterung. Der norwegische Massenmörder Anders Breivik war, nebenbei gesagt, ein eifriger Leser von Bat Ye Or. Einige ihrer Bücher sind auch auf Deutsch erschienen. Ich habe über die Ideologie von Bat Ye Or schon mehrfach publiziert (https://re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er-salon.de/?s=bat+ye+or).

6.Von daher gibt es ein leidenschaftliches Interesse rechtslastiger und rechtsextremer Christen für die heute verfolgten Christen in den islamischen Ländern. Dabei wird unterstellt: Wenn die Katholiken nicht aufpassen, wird auch bald in Frankreich und in Europa das Christentum von Muslims verfolgt. Die Ermordung des greisen Priesters Hamel dient dabei als Beleg. Komisch nur, dass Katholiken und Kirchenführer darauf reinfallen und Pater Hamel am liebsten im Schnellverfahren selig und heilig sprechen wollen. Selbst Papst Franziskus nennt den greisen Priester Hamel sehr vorschnell, bloß weil er von Islamisten ermordet wurde, einen Seligen (Quelle: http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/franziskus-nennt-jacques-hamel-einen-seligen). Es wird nun eine neue rechtsextreme Ideologie verbreitet: In der Gesellschaft würde, durch Muslims vor allem eine „Christianophobie“ erzeugt, gegen die es sich katholischerseits zu wehren gilt. Es erstaunt darum nicht, dass Bernard Antony, ein rechtsextremer Politiker, lange Jahre führendes Mitglied in der Partei Front National, nun eine „Allgemeine Allianz gegen den Rassismus (gemeint ist der Rassismus gegen die Christen!) und für den Respekt der französischen und christlichen Identität“ (AGRIF abgekürzt) gegründet hat. Dieser rechtsextreme katholische Verein steht wiederum in enger Verbundenheit mit dem katholischen Club „Civitas“ von Alain Escada, er ist mit den erz-katholischen Traditionalisten nahe. Escada hat die Demos gegen die Homo- Ehe heftig mit organisiert. Seit 2007 gibt es sogar ein „Observatorium der Christianophobie“, finanziert von Guillaume de Thieulloy, einem Philosophen, der in seinem eigenen rechtsextremen Verlag die „Erinnerungen“ des Gründers des rechtsextremen Front National, Jean Marie Le Pen, als Buch herausgegeben hat. Ein toller Verkaufserfolg übrigens! De Thieulloy ist zudem mit dem ebenfalls rechtsextremen und sehr mobilen Club dem „Salon beige“ (also hell braun) verbunden.

7.Es ist evident: Es bildet sich in Frankreich ein breiter Strom rechtsradikalen Denkens und Agierens unter den Katholiken. Man spricht etwas zu milde von einem „christlichen Populismus“ (siehe das Buch von Fourquet, Seite 54).

8.Die Rechtsextremen und mit ihnen die rechtsextremen Katholiken instrumentalisieren das tatsächliche Leiden vieler Christen in der islamischen Welt für ihre eigenen innenpolitischen Zwecke. An vorderster Stelle ist da die Organisation „SOS Chrétiens d Orient“ zu nennen, gegründet von Leuten, die aus dem Umfeld der Partei Front National stammen, wie die objektive katholische Wochenzeitung La Vie, Paris, am 4. Januar 2017 nachgewiesen hat (zum Ganzen: https://fr.wikipedia.org/wiki/SOS_Chr%C3%A9tiens_d%27Orient). Mit dieser rechtslastigen SOS Organisation arbeitet auch das sehr katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ (vom „Speckpater“ gegründet) in Frankreich zusammen. Man veranstaltete gemeinsam eine Nacht des Gebets (ausgerechnet) im „Invalidendom“ zu Paris, berichtete die Tageszeitung La Croix am 23.6.2016. Dieses SOS – Hilfswerk arbeitet in mehreren Ländern, etwa in Syrien, im Irak…und entsendet auch Freiwillige. Selbst der offizielle Vertreter des offiziellen bischöflichen Hilfswerkes für die Kirche im Orient, Prälat Pascal Gollnisch, beschwerte sich über diese rechtsextremen SOS – Leute, er warnte ausdrücklich vor den Verbindungen zur Partei Front National und zu ihrer Verteidigung mit Bachar el Assad.

9.Es wäre weiter zu berichten über die Publikationen, die die hier genannten Ideen/Ideologien verbreiten, etwa die Wochenzeitungen „Valeurs actuelles“ (Auflage 163.000) oder sogar „Famille Chrétienne“ (Auflage 55.000). Es ist bezeichnend, dass der Chefredakteur von „Famille Chrétienne“, Samuel Pruvot, am 5. 6. 2017 in „Figarovox“ schrieb: „Das Gefühl herrscht vor, dass das Christentum dabei ist zu verschwinden. Dann kommt zweitens hinzu: Die wachsende Religion ist von nun an der politische Islam unter seiner radikalsten Gestalt“. Angst machen vor „dem“ Islam: Darin kommen rechte Katholiken und rechtsextreme Parteigenossen und Wähler überein.

10.Es wäre weiter zu sprechen über Bischöfe, die explizit politische wie theologisch reaktionäre Positionen beziehen, von Bischof Rey von Toulon war die Rede, über ihn habe ich vielfach publiziert. Interessant ist auch die Position des einstigen Militärbischofs und jetzigen Erzbischofs von Straßburg, Luc Ravel, der Positionen vertritt, die denen von Bat Ye Or nahe stehen (Quelle: https://re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er-salon.de/?s=Bischof+in+Stra%C3%9Fburg+)

11.Es wäre weiter zu berichten von den Klöstern, die ursprünglich traditionalistisch orientiert waren und damit der Le Pen Partei nahe standen. Die nun aber mit Rom offiziell versöhnt sind, aber die uralte Theologie und die Vorliebe fürs politisch Rechtsextreme bewahrt haben, man denke nur an Le Barroux, dessen heutige Abt Dom Louis Marie de Geyer d Orth explizit den bekannten rechtsextremen Journalisten Jean Madiran lobte. Und er erklärte: „Der Islam kann an sich nicht eine Chance für Frankreich sein. Der Islam ist in Frankreich zu integrieren“. (Quelle: https://www.lesalonbeige.fr/pere-abbe-du-barroux-la-montee-de-lislam-ne-peut-pas-etre-une-chance-en-soi-pour-la-france/). Sein Vorgänger, Dom Calvet, war tief verwurzelt in rechtsextremen Kreisen, auch noch nachdem ihn Kardinal Ratzinger wieder von den Lefèbvre Bindungen befreite und offiziell mit Rom versöhnte…

12.Zusammenfassend: Es gibt bis heute auch unter Frankreichs praktizierenden Katholiken eine breite, offenbar stabile sehr rechtslastige und meist rechtsextreme Bewegung: Sie tritt ein für die Nation, den Stolz auf Frankreich als Nation, die Abwehr der Fremden, vor allem der Muslims und der Flüchtlinge. Sie tritt ein für das alte klassische römisch katholische Kirchenmodell mit der Führung durch die Bischöfe, sie tritt ein für das alte Familienmodell. Und es sind sogar junge Leute, vor allem aus wohlhabenden Kreisen in Paris und Versailles, die diesen Ideologien folgen. Ob diese Kreise (immerhin haben ja, wie oben erwähnt, 38 Prozent der praktizierenden Katholiken 2017 Marine Le Pen als Präsidentin gewünscht) nun durch Präsident Emmanuel Macron eines besseren belehrt werden ist, fraglich.

13.Die Bindung an (anti-muslimische und fremdenfeindliche) Ideologien unter rechten und rechtsextremen Katholiken ist auch eine Flucht vor der Realität der eigenen Kirche, d.h. die zunehmende Schwäche des Katholizismus selbst: Es ist bezeichnend, dass 2018 (wie schon so oft vorher, man denke an die viel beachteten Studien der Religionssoziologin Prof. Danièle Hervieu- Léger) wieder eine große Studie erschien über den zahlenmäßigen Niedergang des französischen Katholizismus: „Comment notre Monde a cessé d etre chrétien“, erschienen im Verlag du Seuil, Paris. Verfasst von dem Historiker Prof. Guillaume Cuchet. Nur ein Beispiel: Im Jahr 1961 nahmen 25 Prozent der Katholiken jeden Sonntag an der Messe teil; 2012 waren es noch 5 Prozent. Heute sind es noch viel weniger angesichts der Altersstruktur der „praktizierenden Katholiken“. Etwa 55 Prozent der Franzosen nennen sich noch katholisch. Vor 50 Jahren waren es 90 Prozent. Die Zahl der sich „atheistisch, agnostisch“ nennenden Franzosen steigt stetig.

14.Wenn die Kirche in Frankreich also in wenigen Jahren so klein geworden ist wie eine „Sekte“, liegt das vor allem an der bis dahin geltenden All-Macht des Klerus, am Fehlen ernstzunehmender demokratischer Strukturen und an der mangelnden Bereitschaft, auf überholte Dogmen und moralische Prinzipien zu verzichten. Solange die katholische Kirche an allen, auch sprachlich kaum noch nachvollziehbaren Dogmen festhält, die irgendwann einmal definiert wurden, ist und bleibt sie eine starre, leblose, nicht der Kritik und Korrektur fähige Organisation. „Lebendigsein heißt Sich Korrigieren können“, sagt der Psychologe Erich Fromm. Auf die Reduzierung der dogmatischen„Inhalte“ also kommt es an, auf mehr Jesuanisches und weniger Dogmatisches: Diese Rückkehr zur einfachen, nur wesentlichen Lehre ist nicht nur in Frankreich am wichtigsten. Sonst werden die Kirche zu Gräbern Gottes, wie Friedrich Nietzsche voraussah…

15.Ich verdanke viele Informationen dem wichtigen Buch des Politologen Jérome Fourquet, à la droite de Dieu. Erschienen in den Editions du Cerf, Paris, 2ß18. 174 Seiten, 18 Euro. Dieser Verlag wird vom Dominikaner Orden geleitet.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

Die Irrtümer des Manfred Lütz in seinem Buch „Skandal der Skandale“: “Auf hohem Ross reitend und besserwisserisch”…

Ein Beitrag des Historikers Dr. phil. Josef Breinbauer.

Das von einigen Stellen mit viel Lorbeeren bedachte Buch von Manfred Lütz, kann nicht unwidersprochen bleiben. Sein durch fromme Scheuklappen eingeengter Blick lässt ihn viel, was er mit seiner Argumentation nicht als kompatibel empfindet, unter den Teppich kehren.

Im Lob von Toleranz und Gewaltlosigkeit der Christen (S. 35 ff.) kann sich Lütz kaum eingrenzen. Doch nicht einmal untereinander kamen die Christen ohne Gewalt aus. Natürlich bleibt daher bei ihm unerwähnt, dass bei der Papstwahl im Jahre 366 die Leute des dann erfolgreichen Damasus eine Kirche stürmten und darin 137 Anhänger seines Rivalen Ursinus umbrachten. Auch die sog. „Räubersynode“ von Ephesos (449) kann nicht gerade als Muster des respektvollen Umgangs der Christen miteinander gewertet werden. Skandale gibt es für Lütz aber erst nach der Jahrtausendwende. “Und wenn das Ende der Welt damals gekommen wäre, müssten wir uns bei der Bilanz des Christentums nicht mit den klassischen Skandalen aufhalten, denn es gab sie nicht. Es gab in den ersten tausend Jahren des Christentums weder Kreuzzüge noch Inquisition oder Hexenverfolgungen, auch keine Pogrome und eben so wenig eine dauerhafte Kirchenspaltung mit der Ostkirche. Man erwarb sich Verdienste bei der Humanisierung der Barbarei…..”( S.63 f.). Allein schon das frevelhafte Handeln von Papst Stephan VI. gegen seinen Vorgänger Formosus auf der Leichensynode von 896/97 macht eine solche Behauptung unglaubwürdig. Fehlanzeige auch der kirchliche Rangstreit 1062/63, als sich in Goslar die Leute des Bischofs von Hildesheim und die des Abtes von Fulda in der Kirche gegenseitig die Köpfe einschlugen, bis feststand, wer neben dem Mainzer Erzbischof sitzen darf. Lampert von Hersfeld, Annalen a. 1063: …multi utrimque vulnerati, multi occisi sunt…Mit der Solidarität der Glaubensbrüder untereinander war es also noch nicht so gut bestellt wie es uns Lütz glaubhaft machen will. Und wenn es ums Geld geht, hört die Friedensliebe der Christen auch gegenüber anderen Christen rasch auf: Siehe Eroberung von Zara beim Kreuzzug (1202).

Auf Seite 44 unterstellt Lütz dem Kaiser Konstantin, der sich erst am Ende seines Lebens taufen ließ, dass dieser im Sinne der Gewaltlosigkeit des Christentums handeln wollte. Ob das Licinius, Fausta und Crispus, denen er zu einem vorzeitigen Tod verholfen hat, auch so sehen, dürfte fraglich sein. Nicht zu vergessen, dass der Christengott für Konstantin zunächst ein Schlachtenhelfer war. Bei der Regelung der Osterfrage hatte Konstantin auch ein paar „Streicheleinheiten“ für die Juden übrig: „Nichts sei uns gemein mit dem feindlichen Volk der Juden!“

Bei der Ketzer- und Hexenverfolgung (Kapitel IV bzw. VI) hält Lütz den Anteil der Päpste möglichst gering, obwohl diese den Inquisitoren die gewünschte Autorität verliehen. Konrad von Marburg (S. 109 f.) wütete demnach eigenmächtig gegen Ketzer und sei auf die geschlossene Gegenwehr der Bischöfe gestoßen. Nach Konrads Ermordung 1233 sei Papst Gregor entsetzt gewesen, auch über das Vorgehen des Inquisitors. Dass ihm der Papst zuvor am 11.10.1231 die volle Gewalt, ohne Zulassung einer Appellation mit Prozessen gegen die Häretiker in Deutschland vorzugehen, übertrug, fällt bei Lütz unter den Tisch. Vgl. NDB, Bd.12, S. 545. Auch die päpstlichen litterae „Vox in Rama audita est“ von 1233, in denen die „luziferianischen“ Initiationsriten geschildert werden, bleiben unerwähnt. Konrad hatte die Phantasiekonstruktionen dem Papst übermittelt. Dem Handeln nach muss Gregor IX. diese für wahr gehalten haben. Ähnlich sparsam mit Informationen geht Lütz (S. 153) beim Hexenhammer (1487) um. Heinrich Kramer, „ein windiger deutscher Dominikaner“ habe sich vorher geschickt bei der päpstlichen Bürokratie ein „routinemäßiges Dekret“ besorgt und dann sein Machwerk gebastelt. Jetzt darf der Leser raten. War das nicht die berüchtigte Bulle „Summis desiderantes affectibus“ des Papstes Innozenz VIII., der sich zum Eingreifen verpflichtet fühlte ? Die in diesem Dokument von 1484 aufgeführten Untaten erklärte Innozenz als Tatsachen, deren Realität man nicht bezweifeln durfte. Für Lütz ist all das keinen Federstrich wert.

Sicherlich ist de Las Casas ein rühmliches Beispiel für die kath. Kirche. Gerne habe ich schon als Schüler Reinhold Schneider, Las Casas vor Karl V. gelesen. Stolz schreibt Lütz auf S. 188: „Die Päpste blieben bei ihrer strikten Verurteilung der Sklaverei.“ Er nennt dabei Urban VIII. (1568-1644) als seinen ersten Gewährsmann. Kein Wort fällt allerdings zu Nikolaus V, der gut hundert Jahre früher dem König von Portugal in der Bulle „Dum diversas“ (leicht im Internet zugänglich) die Vollmacht verlieh, heidnische, ungläubige Reiche, Ländereien… anzugreifen, zu erobern oder zu unterjochen, die Personen für immer in Knechtschaft zu halten…“ Erwähnen können hätte man in diesem Zusammenhang auch den römischen, also nichtchristlichen Philosophen Seneca, der in seinen Epistolae morales 47 entgegen dem damaligen mainstream die Sklaven als Menschen ansah (servi sunt, immo homines).

Das Kapitel um die Unfehlbarkeit des Papstes wird ziemlich flach abgehandelt (S. 198-202). Lütz kommt dabei aus ohne Konstantinische Schenkung, ohne Honorius-Frage, ohne Sutri (1046) und ohne Konziliarismus, welcher 1417 mit Martin V. dem Papsttum einen Neustart ermöglichte. Dieses war dann bedacht, konziliare Fesseln alsbald abzustreifen. Nach katholischer Lehre könne ein Papst nicht eine neue Lehre, die ihm irgendwie gefällt, zum Dogma erheben (S. 200). Da wäre nun eine Erläuterung fällig zu Kapitel IV der dogmatischen Constitution „Pastor aeternus“, wo es heißt: „..ideoque ejusmodi Romani Pontificis definitiones ex sese, non autem ex consensu Ecclesiae, irreformabiles esse“. In diese Zeit von Pius IX. gehört auch dies hinein: Der Skandal um die Nonnen von Sant’ Ambrogio. Was Hubert Wolf ausführlich beschrieben hat, kann natürlich bei Lütz keine Erwähnung finden. Der Gipfel von Heuchelei aber ist es, wenn Joseph Kleutgen, der sich als Beichtvater der Nonnen zu deren hübschesten ins Bett gelegt hatte, sich später in einer Predigt an die studierende Jugend wendet und die Unkeuschheit als Weg zur Hölle anprangert (Predigten von Joseph Kleutgen, Zweite Abtheilung, Pustet Verlag 1874, S. 99-117). Unbequemen Wahrheiten muss man einfach aus dem Weg gehen.

Beim Thema „Frau“ ist der Autor voll des Lobes für die emanzipatorischen Leistungen der kath. Kirche. Zunächst heißt es auf S. 29 ganz allgemein : “Noch ein anderer Keim ist im Monotheismus angelegt. In den kosmologischen Religionen der Vorzeit entspricht der Mann gewöhnlich der Sonne und die Frau dem Mond, womit Letztere immer nur ein Abglanz ist und nie Gleichberechtigung erhält. Hingegen spricht ihr der Monotheismus dieselbe Menschenwürde zu.”  Gegen Frauen im Dienst am Altar schritten Papst Gelasius (ep. 14,26) und später das Konzil von Paris (829) vehement ein. Logischerweise übergeht Lütz bei seiner Zitation von Paulusstellen jene in 1Kor11,7, wonach der Mann Abglanz Gottes ist, die Frau aber nur Abglanz des Mannes. Dementsprechend heißt es im maßgebenden Decretum Gratiani C.XIII. …ideoque mulier non est facta ad Dei imaginem…Diese nachgeordnete Gottebenbildlichkeit begegnet auch noch beim Brautsegen im Schott/ Das vollständige Römische Meßbuch, mit imprimatur von 1958, [125]. Was der heilige Abt Odo von Cluny, gest. 942, in diffamierender Weise über das weibliche Geschlecht sagt, ist schon mehr als skandalös. Könnte man unter die Haut sehen, würde man sich ekeln, da man nur Schmutz und Schleim vorfände (PL 133, Sp. 556). Nach Lütz sei aber die Kirche keineswegs sexualfeindlich (S. 261) und habe immer wieder prüde Sexualitätsgegner bekämpft (S. 263). Ob für ihn Abt Odo und Petrus Damiani zu diesen gehörten, erfahren wir leider nicht. Letzteren vermisst der kundige Leser auf S. 259. Dieser Heilige und auch Kirchenlehrer war energischer Vertreter der Kirchenreform und gestrenger Verfechter einer restriktiven Sexualmoral, nicht nur im Sinne der Durchsetzung des Zölibats für Priester. Mit seinen putzigen, am Tierreich orientierten Vorstellungen von Sexualität ( PL 145, Sp.777:…admiremur fecundam in vulturibus virginitatem. Perhibentur enim vultures caeterum avium more concubitui nullatenus indulgere, sed absque ulla prorsus masculini sexus admistione concipere…) passt er nicht in die Behauptung von Lütz. Auf S. 266 gelangt der Autor zu der erstaunlichen Feststellung, der hl. Alphons von Liguori, der Patron der Beichtväter, habe dazu geraten, „dass die Priester bei der Beichte in sexuellen Dingen nicht weiter nachfragen sollten.“ Wozu aber hat dieser dann sein großes Werk, die „Theologia moralis“, geschrieben? 1748 erstmals erschienen und dann über 70mal wieder aufgelegt! Sein Ziel war es, gute Beichtväter heranzubilden, die den Grad der Sündhaftigkeit aller möglichen sexuellen Handlungen beurteilen können. Mit Details wird bei Liguori nicht gespart. Seine Einstellung zum Sextum wird schon im ersten Band deutlich: „Nur mit Widerwillen schreiten wir jetzt zur Behandlung jenes Gegenstandes, dessen Name schon die Geister der Menschen unangenehm berührt….Doch diese Sünde muss nur allzu häufig und allzu reichlich Gegenstand der Beichten werden. Gerade ihretwegen wird der größte Teil der Verdammten in die Hölle gestürzt.“(zitiert nach Karl-Heinz Kleber, De parvitate materiae in sexto, S. 275). Dass die Kirche keineswegs sexualfeindlich und prüde sei, lässt sich nach Lütz (S. 261) an Papst Johannes XXI. aus dem 13. Jahrhundert ablesen, der für das Edelste, was es in der Ehe gebe, den Geschlechtsverkehr, offen ins Detail geht. Etwa 400 Jahre später verurteilt aber Innozenz XI. folgenden Satz: Opus conjugii ob solam voluptetem exercitum omni penitus caret culpa ac defectu veniali.“ Inwieweit das nun eine lässliche oder schwere Sünde ist, auch darüber muss Alphons von Liguori Rat geben.

Was Lütz zum Nationalsozialismus schreibt, bleibt ebenfalls geschönt. Von Brückenbauern wie Karl Adam, Joseph Lortz oder Michael Schmaus nimmt er natürlich Abstand. Um sein Bild des Katholizismus in der NS-Zeit nicht trüben zu müssen, liest man bei ihm weder vom „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“, welches die Philosophisch – Theologischen Hochschulen Bayerns 1933 unterzeichneten, noch vom „Handbuch der religiösen Gegenwartsfragen“, hrsg. mit Empfehlung des deutschen Gesamtepiskopats von Erzbischof Conrad Gröber (1937). Vom kath. Feldgesangbuch von 1939 und diversen Hirtenbriefen deutscher (Erz-)Bischöfe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs hat Lütz offensichtlich keine Ahnung Am Erscheinungsort seines Buches hat 1940 der damalige Erzbischof ein Hirtenwort an die Soldaten im Feld gerichtet unter dem Motto: „Arbeite als ein guter Kriegsmann Christi“. Dessen Paderborner Amtskollege stellt zu Beginn der Fastenzeit 1942 in einem Hirtenwort die rhetorische Frage, ob nicht das arme, unglückliche Russland Tummelplatz von Menschen sei, „die durch ihre Gottfeindlichkeit und durch ihren Christenhaß fast zu Tieren entartet sind.“ Das liest sich konträr zu dem, was Lütz auf S. 213 hervorhebt: „Den Christen verbot die Überzeugung von der Gottebenbildlichkeit jedes Menschen den Gedanken „minderwertiger Rassen:“ “

Fazit: Manchmal fragt man sich schon, wie klar oder unklar der Kenntnisstand von Herrn Lütz ist. Es ist tröstlich, dass sich viele seiner Aussagen problemlos zurechtstutzen lassen. Von dem hohen Ross, auf dem er besserwisserisch durch die Kirchengeschichte reitet, kann man ihn leicht herunterholen.

Manfred Lütz, Der Skandal der Skandale Die geheime Geschichte des Christentums, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2018, 286 S. , ISBN 978-3451-37915-4, gebundene Ausgabe 22 €.

COPYRIGHT: Dr. phil. Josef Breinbauer

Manfred Lütz und die Juden in seinem Buch „Skandal der Skandale“

Ein Hinweis von Christian Modehn am 16. 4. 2018

Einige LeserInnen meines Beitrags auf dieser website haben mich gefragt, was denn eigentlich der problematisch wirkende Satz von Lütz auf Seite 31 in seinem Buch „Skandal der Skandale“ bedeuten könnte.

Sie zitierten dann diesen Satz: „Der amerikanische Politologe Gary Remer ist sogar der Meinung, hätte im Mittelalter ein jüdischer Staat bestanden, dürften manche Heiden der Verfolgung ausgesetzt worden sein“. Nur das von mir kursiv Gesetzte stammt von Gary Remer. Der erste Teil des Satzes, der Hauptsatz, stammt von Herrn Lütz.

Mein Hinweis: Die Interpretation dieses Satzes erschließt sich wie so oft nur aus dem Kontext: ENTSCHEIDEND ist der Gesamtzusammenhang, in dem das Zitat von Gary Remer steht:

Denn einige Zeilen vor dem Zitat von Gary Remer spricht Lütz von der politischen Rolle des Judentums in der Geschichte: Das Judentum war als Minderheit nirgendwo eine dominante Religion, schreibt Lütz. Dann schreibt er wörtlich „Wie aber die jüdische Existenz stets eine geschlagene war, so blieb sie doch lange vor einer Herausforderung bewahrt: Der Toleranz-Gewährung“. Das heißt also: Die Juden kamen historisch nie in die Lage, anderen Toleranz zu gewähren… Diesen Hauptgedanken variiert Lütz noch einmal wörtlich: „Nicht weniger absolut als die beiden anderen Monotheismen, musste das Judentum den Rahmen einer „Erlaubten Religion“ nie selbst aktiv bestimmen.“ Das Judentum hat in der Sicht von Lütz also keinen Beweis seiner eigenen Toleranzpolitik vorgelegt. Das schwache Judentum brauchte nie und konnte nicht als Minderheit politisch die Grenzen der Toleranz in den Staaten bestimmen. Das Judentum hat also keine Ahnung und keine praktische Vorstellung von Toleranz. Diese Behauptung will dann Lütz durch eine spekulative Frage verschärfen, indem er fragt: Hätten denn unter anderen Bedingungen die Juden etwa den Heiden gegenüber sich tolerant verhalten? Diese Frage verneint Lütz selbst, lässt aber diese Verneinung einen Juden sagen, den amerikanischen Juden Gary Remer.  Wo genau Herr Remer diesen Halbsatz in welchem Buch sagt, verrät uns der angeblich wissenschaftlich arbeitende Herr Lütz nicht. Ob Herr Remer und jüdische Freunde von Lütz über diese seine Inszenierung eines möglichen intoleranten Judentums froh sind, ist die Frage…

Noch einmal: ERST nachdem Lütz die mögliche Intoleranz der Juden freigelegt hat, schließt Lütz den ominösen halben (!) Satz an, der in dem Gesamtzusammenhang eindeutig als Fortführung des eigenen, Lützschen Denkens zu verstehen ist, also als spekulative Interpretion der These von Lütz: Dass Juden politisch keine Ahnung von Toleranzgesetzen haben können.

Und dann folgt der Halbsatz, als Bruchstück, von Gary Remer, in den Lützschen Gedanken eingebau. Er ist in der Funktion des Halbsatzes eindeutig eine Verdeutlichung des Lützschen Denkens. Den Nebensatz von Remer baut Lütz also evident in seine eigene Interpretation ein. Es ist also förmlich Lütz selbst, der das sagt, was Remer in den acht Worten sagen darf.

Lütz schreibt also: „Der amerikanische Politologe Gary Remer ist sogar der Meinung, hätte im Mittelalter ein jüdischer Staat bestanden…., UND JETZT erst beginnt das Remer Zitat: “dürften manche Heiden der Verfolgung ausgesetzt worden sein“.

Lütz hätte in einem anschließenden Satz diesen Halbsatz von Remer kritisch kommentieren können. Macht er aber nicht. Stattdessen springt er sofort in die Gegenwart. Er schreibt: „Erst heute steht der Staat Israel vor der Aufgabe der Regelung religiöser Vielfalt“. Ob der Staat Israel als Staat der Juden nun endlich mal politisch Toleranz lebt (etwa gegenüber den Palästinensern) oder nicht, lässt Lütz offen.

Im ganzen ist dieser Gedanke von Lütz eigentlich auch skandalträchtig: Mit dem ins eigene Argumentieren eingebauten halben Satz von Remer suggeriert Lütz: Juden wären auch intolerant gewesen, wenn sie denn politsch über andere hätten herrschen können.

Damit wird das intolerante Bild „der“ Christen relativiert. Das nennt man christliche Apologie, sogar noch mit den Mitteln einer spekulativen Frage nach der Gewalt durch Juden gegenüber Heiden. Auch dieses Beispiel zeigt: Lütz hat oberflächlich und polemisch gearbeitet. Einmal musste er sich schon, ebenfalls im jüdischen Zusammenhang, öffentlich einen gravierenden Fehler eingestehen: In der Frankfurter Rundschau vom 28.3. 2018, Seite 32. Der FR  Journalist zitiert Lütz aus seinem Buch zum Thema Holocaust: „Manches im christlichen Verhalten (im Holocaust) mag skandalös gewesen sein“. Joachim  Frank weist auf dieses unpräzise Gerede hin. Darauf Lütz: „So steht das? Oh! Da bin ich für Ihren Hinweis dankbar. Da muss –ist- stehen. Wird in der 2. Auflage nach gebessert“.

Ich bleibe dabei und bitte den Herder Verlag um öffentliche Auskunft, warum gerade er als doch etwas theologisch ambitionierter Verlag dieses Buch von Lütz herausgebracht hat. Und so viele Käufer fallen offenbar auf dieses “”Opus”  rein. Geht es wirklich nur ums Geld?

Vor allem: Haben die sechs im Buch genannten hochkarätigen Theologieprofessoren wirklich dieses Opus vorweg gelesen?  Falls Ja, wäre auch diese eine Blamage.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

Glauben als Lebenskraft: Ein Vortrag von Wilhelm Gräb über Paul Tillich

Vom 23.bis 25.März 2018 fand in der evangelischen Akademie von Hofgeismar eine Tagung statt über einen der wichtigsten Texte des Theologen und Religionsphilosophen PAUL TILLICH (1886 – 1965). „Der Mut zum Sein“ erschien 1952, das Buch fand und findet vielfache Beachtung. Denn, so Tillich, Glaube ist keine Bindung an Dogmen, sondern eher der existentiell erlebte und vollzogene MUT, das eigene Leben anzunehmen, trotz aller Widrigkeiten dieses Lebens.

Der protestantische Theologe Prof.Wilhelm Gräb hielt in Hofgeismar den Abschlussvortrag mit dem Titel „Glaube als Lebenskraft“. Sie können den Vortrag nachlesen:  Glauben-als-Lebenskraft-Tillich-Hofgeismar-Gräb.pdf

Das Buch „Der Mut zum Sein“ ist bei de Gruyter erschienen mit einem Vorwort des Theologieprofessors Christian Danz (Wien)

Auferstehung: Das Ewige im Menschen erkennen und leben

Ein Hinweis von Christian Modehn.  Am Ende dieses Beitrags finden Sie ein Gedicht von Clara F. Janning.

Die Kirchen feiern eine lange Osterzeit bis Pfingsten: Von daher gibt es Wochen lang Gelegenheit, sich über die Auferstehung des Lebens Gedanken zu machen…

Man könnte den folgenden Text nur als TROST mißverstehen; dies ist er vielleicht auch, zumal möglicherweise für die Milliarden Menschen, die im Laufe der Geschichte immer als Untermenschen, als Unwichtige, Überflüssige, als “Menschenmaterial” mißhandelt wurden und werden. Etwas “Ewiges” hatten und haben sie trotzdem! Über das “Ewige im Menschen” auch in Verbrechern (auch Verbrechern als “Politiker”, Stalin, Hitler usw.) kann sich jeder Leser, wie bei allen Vorschlägen hier, selbst Gedanken machen.

Wie die Emmaus -Erzählung heute neu – im Horizont gegenwärtiger Politik – verstanden werden kann, habe ich zu erklären versucht.

Über Ostern und die Auferstehung Jesu von Nazareth und damit unsere menschliche „Auferstehung“ können wir und sollten wir nur in nachvollziehbaren, des gemeinsamen nachdenklichen Gesprächs würdigen Formulierungen reden. Und nicht, wie so oft (in Predigten) üblich, einfach nur eine der Geschichten von Jesu Auferstehung bilderreich aus dem Neuen Testament nacherzählen. Dann können wir nichts verstehen. Oder wir glauben nur, dass die Bilder des Neuen Testaments irgendwie doch „historische Wunder“ sind, die uns zwar zum Verzicht auf jegliche Vernunft verpflichten, aber doch das (falsche) Gefühl geben, irgendwie etwas Mysteriöses berührt zu haben. Es gibt zweifelsfrei das Geheimnis im Leben, aber es nicht gebunden an Bilder und Vorstellungen des 1. Jahrhunderts und an Sprachen, die wir heute nicht mehr nachvollziehen können. Die förmlich einen Riss in unser Leben bringen und uns zur gläubigen Dummheit verdonnern. Das wollen bekanntlich immer weniger Menschen. Gott sei Dank.

Wie also von Ostern und der Auferstehung Jesu Christi sprechen?

Entscheidend ist, meine ich, die vielen bunten und hübschen Bilder und mysteriösen Ereignisse (der Auferstandene erscheint leiblich, verschwindet dann wieder unleiblich etc…) auf etwas zugänglich Menschliches zurückzubeziehen. Sie also nicht historisch ernst zu nehmen. Von der Auferstehung Jesus gibt es keinen Zeitungsbericht. Wie sollte das auch gehen?

Ostern und die Auferstehung Jesu sind als Angebot einer Daseinsdeutung zu verstehen, die eine menschliche Qualität erschließt, über die aber man sprechen kann. Ostern macht also eine besondere Qualität des Menschen offenbar, die man „Auferstehung“ nennt. Indem Jesus schon sehr früh „der Erste der Auferstandenen“ genannt wurde, offenbart er nur, was alle anderen Menschen an bleibender, „auferstandener“ Qualität, also ewiger Qualität „haben“. Dieses „Haben“ ist kein von Menschen Gemachtes, sondern etwas mit der „Schöpfung“ der Welt und der Menschen Gegebenes. Über die Schöpfung also muss man reden, wenn man von der Auferstehung als der Erkenntnis des Ewigen im Menschen spricht. Dies ist die Grundlage.

Ich biete jetzt noch einmal den Text an, den ich den Abonnenten des newsletters zu Ostern 2018 geschickt hatte:

Ich wurde kürzlich gefragt, ob ich für Zweifelnde und Skeptiker, zu denen auch ich gehöre, zum Weiterdenken inspirierend, Hinweise für ein kritisches Verstehen der Auferstehung und damit zu Ostern vorschlagen kann. Was jetzt folgt, sind einige Thesen… Vielleicht nehmen Sie sich die Zeit, diese Zeilen zu lesen. Heute wird gern im Internet die Lesedauer eines Beitrags genannt: Gelesen also ca. 10 Minuten. Bedacht ca. 1 Stunde. Klingt arrogant, ist aber wahr. Wer keine Denkzeit hat, lese bitte etwas anderes!

Tatsache ist: Nichts ist schwieriger als in Begriffen über eine ungewöhnliche Erfahrung zu sprechen, die einige Menschen nach dem Tod Jesu hatten: Sie sprachen von der Auferstehung Jesu von Nazareth, sein Befreitsein aus dem Tod in eine andere Form des Bleibens, des unanschaulichen Daseins und der Lebendigkeit.

Nichts ist schwieriger, als über die vielfältigen (!) Auferstehungs-Erzählungen im Neuen Testament zu sprechen, die alltägliches Denken und Sprechen sprengen. Denn wir sind auch heute (leider) gewöhnt, in unserer Konsumgesellschaft, uns ganz aufs Gegenständliche und Greifbare zu beziehen und von daher unser Denken und unseren ganzen, umfassenden Lebensentwurf bestimmen zu lassen. Wir leben in gewisser Weise in eindimensionalem Denken.

Andererseits: Es gibt nichts Dringenderes, als tatsächlich von dem zu sprechen und sprachlich darum zu ringen, was unser Dasein betrifft im Blick auf die Endlichkeit und Begrenztheit unseres Lebens. Der Tod ist ja immer mein Tod, der mich vor die Frage stellt: Und die Frage nach dem Tod ist eine andere als die des guten Sterbens, diese steht heute völlig im Mittelpunkt. Zurecht, aber nur in gewisser Hinsicht. Die Frage bleibt irgendwie doch bei einigen: War es mit dem Tod dann alles? Die Asche wird verstreut. Ende. Aus. Basta. ?

So sehr ich materialistische Lebensentwürfe versuche zu verstehen: Ich bleibe doch immer auch der sehr Tiefes sehenden metaphysischen Denk – Tradition verpflichtet. Weil sie eben gerade heute inspiriert! „Alt“ in der Philosophie bedeutet ja niemals vergangen und passé!

Es wäre in diesem Sinne zu sprechen über zentrale Lebens – Erfahrungen, die wiederum schwer in Worte zu bringen sind, nichts desto weniger aber in jedem Leben real sind und deswegen wachgerufen werden können. Es sind dies Lebenserfahungen, die zeigen: Es „gibt“ Ewiges in unserem Leben.

Viele Menschen erleben unerwartet Augenblicke des grundlegenden Getragenseins und Geborgenseins als ein Geschenk. Viele erleben einen kürzeren schönen, aber gar nicht „opium – mäßigen“ Ausstieg aus der Alltäglichkeit, etwa im Hören von verschiedenen Formen der Musik, immer wieder: Bach. Beim Hören der Matthäus Passion weinen ja bekanntlich auch Atheisten, aus welchen Gründen auch immer. Wir erleben Momente des absolut Sich Verpflichtetfühlens, also im ethischen Leben. Es gibt Ekstasen in der Erotik, wo Menschen spüren, sich selbst zu überschreiten. Es gibt Einsichten, dass wir mit allen Menschen das Hineingestelltsein teilen in die von uns unabwerfbare Erfahrung, dass es Gutes als Gutes gibt, Wahres als Wahres, Schönes als Schönes. Dies ist eine nicht zu tötende formale Erfahrung im Lebendigsein. Es gibt Erfahrungen des solidarischen Handelns, in den wir über die engen Grenzen unseres Ich hinauswachsen. Dieses „Mehr“ ist gemeint, das nicht von uns manipuliert werden kann, das da ist und nur mit Gewalt zum Schweigen gebracht werden kann.

Die Liste der Erfahrungen, die auf Unbedingtes und allen Menschen Gemeinsames hinweisen, auf allgemeine und bleibende Strukturen des Geistes, möge jeder und jede fortsetzen: Es gibt in einer bestimmten Form der Daseinsinterpretation die Einsicht: Es gibt in mir etwas Bleibendes, Nicht Zerstörbares, man könnte sagen: Ewiges IM MENSCHEN, das nicht aus dem individuellen Leben entspring!

Warum sage ich das alles? Gerade das erschließt das Verständnis von Auferstehung.

Genau diese Erfahrung des Ewigen, des Bleibenden, des Tragenden, des Wesentlichen wie auch immer: Genau diese Erfahrung ist philosophisch gesehen ein Kennzeichen der Menschen: Sie haben Ewiges, Bleibendes, Erhebendes in sich selbst, in ihrem Geist oder in der Seele sprechen. Schließlich sind wir Menschen sicher nicht ein plumper Klumpen purer Materie.

Diese Erkenntnis (des Ewigen im Menschen) gilt nicht nur für die guten reichen Bürger im satten Europa. Diese Erfahrung trägt letztlich auch die Lebensenergie der Armen weltweit. Die natürlich einen absoluten Anspruch auf menschenwürdige Verhältnisse haben. Aber nur aus der genannten inneren Erfahrung können Sie überhaupt um Gerechtigkeit kämpfen, auf Gerechtigkeit hoffen, auf die Bekehrung der Reichen zur Solidarität mit den Armen. Man denke an die Spiritualität Gandhis oder des heiligen Erzbischof Oscar Romero El Salvador…

Was hat das mit der Auferstehung zu tun? Genau diese Erfahrung des Ewigen, Bleibenden, im Menschen IST Auferstehung: Es gibt etwas, das nicht vergeht von mir und von keinem Menschen. Nicht das Ich als konkrete Gestalt bleibt ewig; aber ein Funke, ein Glanz, der mich im Dasein beschenkt hat, ist unzerstörbar und ewig. Ob darin etwas Persönliches bewahrt ist? Darüber kann man nur spekulieren. Mystiker und philosophische Mystiker sprachen jedenfalls vom ewigen göttlichen Funken. Dies ist eine Erkenntnis aus einer Theologie der Schöpfung der Welt und damit des Menschen durch Gott(Göttliches). Das kann hier nur angedeutet werden. Und die Sprache ist hilflos, weil wir Dimensionen berühren, die da sind, aber die wir selten artikulieren in unser aufs Platte und Pragmatische eingeschränkten Sprache…

Genau dieser ewige göttliche Funken in jedem Menschen wird zu Ostern gefeiert. Man merkt, wie schwer sich die Sprache tut, diese Dimension überhaupt in Worte zu bringen. Aber: Diese Einsicht ist Ostern. Das ist unglaublich viel. Eine universale menschliche Botschaft, ein Vorschlag zur Daseinsdeutung. Das heißt: Jesus von Nazareth hat als der gerechte Mensch nach seinem grausamen Tod diese Erkenntnis unter seinen Freundinnen und Freunden wachgerufen: Sie haben erkannt: Dieser geliebte Jesus von Nazareth, ein Mensch wie wir, lebt in gewisser Weise nach seinem Tod. Denn er hatte diesen göttlichen Funken, den auch wir haben. Das hat er uns offenbart! Mit ihm sind wir auferstanden, weil wir den göttlichen Funken als Gabe des Göttlichen in uns nun wissen.

Natürlich lag der tote Mensch Jesus von Nazareth nach seinem Tod im Grab. Seine Leiche verweste. Aber er lebte, das wussten die Menschen um ihn, die mit ihm den göttlichen Funken als das Ewige in jedem Menschen entdeckt hatten. Diese Ewigkeit im Menschen lebt selbstverständlich in allen Menschen aller Religionen.

Das Drama ist: Die Kirchen haben die bildhaften Erzählungen des Neuen Testaments von der Auferstehung Jesu ebenso anschaulich und in gewisser Weise naiv permanent weiter – und nacherzählt, die Bilderwelten nur nach – gesprochen, aber dadurch kaum tiefes Verstehen des Auferstehungsgeschehens bewirkt. Die Texte des Neuen Testaments sind Bilder. Nicht mehr und nicht weniger. Sie sagen das Eine: Das Ewige im Menschen ist unzerstörbar. Wie konkret dann dieses Ewige post mortem bewahrt bleibt, muss naturgemäß offen bleiben.

Wer diesen Hinweis mit – gedacht hat, kann gern noch über ein Wort von Plotin nachdenken: Auf dem Sterbebett  sagte Plotin: “Ich versuche gerade, das Göttliche in mir zum Göttlichen im Universum zu bringen” (Porphyrius, Das Leben des Plotin).

——-Wer sich mit dem Thema weiter befassen will, kann meine 24 Minuten dauernde Ra­dio­sen­dung hören: Am Ostersonntag um 9.04 RBB KULTUR oder nachlesen im Programm RBB. Der Titel: Auferstehung für Aufgeklärte. (Siehe auch: https://www.kulturradio.de/programm/schema/sendungen/gott_und_die_welt/archiv/20180401_0904.html

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ich hatte die LeserInnen des newsletters eingeladen, Ihre eigene Weise der Auferstehungs – Erfahrung mitzuteilen für eine Publikation auf dieser website. Clara F. Janning schickte mir ein Gedicht, geeignet als Gesang, eine Poesie, die sie schrieb, inspiriert von Willigis Jäger, auch Hermann Hesse und musikalischen Gedanken aus dem ABBA Song „arrival“:

Komm, komm, wenn die Zeit zur Ankunft gekommen ist, dann komm.

Scheu die Mühe nicht, wir warten voll Freude, darum komm.

Mit dem, was du mitbringst, ist für dich ein Platz bei uns bereit.

Komm und teil‘ ein Stück von deinem Weg und ein Stück von deiner Zeit. ://

Woher kommen wir, wer sind wir, wohin führt unser Weg?

All dies fragen wir, indem wir ihn gehen, unsern Weg,

fließen mit im Strom des Lebens und „verbringen“ unsre Zeit,

sind ein Teil der Sinfonie des Lebens in aller Jahreszeiten Kleid. ://

Geh, geh, wenn die Zeit zum Abschied gekommen ist, dann geh.

Trauer hält dich nicht, der Fluss fließt zum Meer, und dahin geh.

Geh in Liebe, und geh im Vertrau’n auf eine Wiederkehr.

Allem Ende wohnt ein Zauber inne, der Anfang ist, ein Mehr. ://

Clara F. Janning

 

 

 

 

 

Gott finden im Kloster der Rechtsradikalen von Le Barroux. Die Zeitung “Christ und Welt” (Die ZEIT) riskiert eine Blamage

Ein Hinweis auf einen verstörenden Artikel in der Wochenzeitung „Christ und Welt“

Von Christian Modehn. Einen zweiten, weiterführenden Beitrag (6.4.2018) finden Sie hier.

Dieser Artikel von Tobias Haberl ist eine theologische Verführung: Er will zeigen, welch ein ästhetischer religiöser Genuss entstehen kann in einer Benediktiner Abtei, die man als Zentrum rechtsextremen Denkens bezeichnet. Nur wird diese rechtsextreme Position des Klosters in “Christ und Welt”  absolut verschwiegen. 

Prinzipiell gilt: Jeder und jede kann seinen/ihren Gott oder das Göttliche oder das „Nichts“ suchen und vielleicht „finden“, wo immer man will. Das gilt selbst für den Gott, den man in einem Benediktiner Kloster rechtsextremer Franzosen findet. Nur soll man den Ort der Gottesbegegnung bitte als Journalist dann auch als solchen benennen und sagen, was in diesem Kloster sonst alles so „los ist“. Dies verlangt die journalistische Sorgfalt und verhindert den Anschein, fake news oder Verschwiegenes und Halbwahrheiten zu verbreiten.

So viel Unkenntnis oder Dummheit eines Journalisten, möchte man fast sagen, wurde selten in einem angesehenen Blatt publiziert: Unter dem Titel „Auf Reisen ins Innere“ schreibt der Autor Tobias Haberl einen Bericht über seinen Klosteraufenthalt, publiziert in der – nur für einen kleinen Kreis von Abonnenten erreichbaren – Beilage „Christ und Welt“ innerhalb der Wochenzeitung DIE ZEIT, veröffentlicht am 28. März 2018. Es handelt sich um einen auf zwei großen Zeitungs – Seiten gedruckten Artikel. Also etwas von vermutlich großem Gewicht.

Tobias Haberl folgte, wie er schreibt, der Empfehlung eines katholischen Freundes: Er solle doch einmal als Gast eine Woche in dem wunderschön, in Einsamkeit gelegenen Benediktinerkloster „Sainte Madelaine du Barroux“ bei Avignon verbringen. Im Laufe des Textes wird der nicht genannte, “mein einziger katholischer Freund”, wie Haberl sagt, dann doch deutlich: Es ist kein Geringerer als der katholische Ästhet und Liebhaber der uralten lateinischen Messe Martin Mosebach. Dessen Buch “Häresie der Formlosigkeit” hat Haberl tatsächlich in seinem Gepäck und er liest im Kloster der “authentischen Mönche” dieses Mosebach Buch.Wenn das so ist, und alles spricht für Mosebach als den katholischen Freund: Bloß warum wird dieser Mosebach dann schamhaft namentlich verschwiegen, hat Herr Haberl Angst, Mosebach öffentlich zu nennen ? Eher ist es wohl umgekehrt: Mosebach weiß längst, welche theologische und rechtsextrem –  politische Haltung (man denke an die Verbindung des Abtes Dom Calvet mit J.M. Le Pen und an des Abtes Abneigung gegen “den” Islam) die Mönche von Le Barroux haben. Deswegen will er klugerweise doch lieber im Hintergrund bleiben. Jedenfalls ist die Liebe zum Lateinischen in alter prächtiger Form, wie sie in le Barroux zelebriert wird, “haargenau” Mosebachs Liebhaberei genannte Spiritualität. Hier jedenfalls wird deutlich, in welchen Klöstern mit einer expliziten politischen Färbung sich Mosebach wohlfühlt. Liturgisch reaktionär und politisch reaktionär verbinden sich gern.

Der Autor Tobias Haberl notiert also, fast in Mosebachschen Schwärmereien, was er in diesen Tagen dort in Le Barroux an spirituellen und alltäglichen Erfahrungen machen konnte: Er schreibt über den Rückzug in eine geschlossene Welt ohne Fernsehen, über die Stille dort, das eher bescheidene Essen, die kleine Klosterzelle für Gäste, das Verweilen in der Kirche, die Begegnungen mit Gott im ästhetischen Erleben der Kunstwerke dort und so weiter. Alles Dinge, die man als Gast in jedem anderen Benediktinerkloster oder Trappistenkloster oder Zisterzienserkloster erleben kann.

Nur: Das Erstaunliche und in dem Falle das Skandalöse ist: es wird vom Autor völlig ausgeblendet in den spirituellen Tagesnotizen jegliche Information über dieses Kloster Le Barroux. Das besondere politische und theologische Profil wird verweigert bzw. verschwiegen, ob bewusst oder unbewusst aus Uninformiertheit, ist eine Frage.

Denn, dass weiß, mit Verlaub gesagt, jeder, der sich mit Benediktiner Klöstern in Frankreich befasst und sich dann auch in einem solchen aufhält: Le Barroux ist ein Nest theologisch reaktionärer Mönche und zudem ein Zentrum rechtsradikaler Mönche, die der Partei Front National nicht nur nahe stehen, sondern auch diese Partei mit größter Wahrscheinlichkeit wählen. Das haben seit Jahren demokratisch besorgte Bürgerinitiativen in der Umgebung dokumentiert, die genau die Wahlen in Le Barroux beobachteten und immer feststellten: Diese Mönche, es sind dort etwa 50, wählen laut Wahlergebnissen in diesem kleinen Ort Front National.

Die unbezweifelbaren Tatsachen sind bekannt und können sogar auf der website der Mönche von Le Barroux nachgelesen werden. Warum verschweigt Tobias Haberl, der sonst so viel emails und websites liest, dass er auch die website vom Kloster gelesen hat, diese gibt es ja auch auf Englisch, falls man kein Französisch versteht. Auf der offiziellen Website des Klosters kann man etwa die jungen Mönche bewundern mit welcher prächtigen Tonsur sie ihr asketisches Gesicht zeigen. Sieht man ja eher selten…

Erstaunlich ist die Aussage des Autors: „In dieser Abtei hat das Satanische keine Macht. Alles ist streng und sanft zugleich. Endlich, endlich Authentizität, die wir alle suchen…“

Natürlich hatte der Gründer der Abtei, Abt Gerard Calvet, nichts Satanisches, jedenfalls würde es niemand wagen, solches zu sagen. Um es kurz zu machen: Calvet (1927 bis 2008) hatte sich und sein Kloster den Traditionalisten rund um Erzbischof Lefèbvre angeschlossen. Leute aus dem politischen Umfeld von Lefèbvre gehör(t)en zu den Freunden und Dauergästen im Kloster: Etwa Jean Madiran oder Bernard Antony, beide führende Mitglieder des rechtsradikalen Front National. Wenn der „Christ und Welt“ Autor einmal in die Buchhandlung des Klosters gegangen wäre, die jeden Tage einige Stunden geöffnet ist, hätte er die Bücher der genannten Rechtsextremen (etwa die Polemiken von Jean Madiran über das Abendland und gegen „den“ Islam“) dort gefunden oder die Biographie von Dom Calvet. Auf der website des Klosters, Stichwort boutiques, werden zahlreiche Bücher aus dem rechtsextremen Milieu zum Kauf angeboten. Theologisch werden uralte, aber neu (!) aufgelegte Sachen angepriesen, etwa der Katechismus von Papst Pius X. (gestorben 1914) oder vom Trientiner Konzil im 16. Jahrhundert.

Das Kloster findet bei jungen Mönchen offenbar aus einschlägigen rechtslastigen Kreisen so viel Zuspruch, (denn kein anders Denkender hält es in einem solchen Milieu aus…) dass tatsächlich ein weites Netz von Klosterneugründungen erwähnt wird. Viele dieser Neugründungen gehören explizit zu den Lefèbvre Traditionalisten, wie etwa das Kloster Reichenstein bei Monschau, Eifel.

Tatsache ist: Dom Calvet stand als Lefèbvre Freund in enger Verbindung mit dem damaligen Chef der obersten vatikanischen Glaubensbehörde, mit Kardinal Ratzinger. Dieser sah es als sein dringendstes Anliegen, darin treu folgend dem polnischen Papst, dass die schismatischen Traditionalisten wieder in den Schoß der römischen Papst Kirche zurückkehren, also den schismatischen Club der Traditionalisten und Lefèbvre Leute verlassen. Und diese „Versöhnung“ mit Rom ist dem Kardinal Ratzinger auch gelungen: Nur mit dem Ergebnis: die reaktionären Mönche und FN Freunde von le Barroux erkennen den Papst zwar an. Aber das ist alles. Sonst folgen sie ihrer alten Liturgie, der alten Theologie, kurz, allem was den Traditionalisten wichtig ist. Le Barroux ist also eine Art „trojanisches Pferd“: nach außen hin römisch, päpstlich; de facto reaktionär. Darum sind auch alle reaktionären Medien in Frankreich förmliche Liebhaber des Klosters. Man lese etwa „Le salon beige“ oder „Riposte catholique“, das sind heftigste Websites aus der rechtsextremen katholischen Ecke, die, wie alle wissen, in Frankreich sehr zahlreich und sehr einflussreich sind, jedenfalls mehr als in Deutschland bisher. Diese Kreise haben etwa die Massen – Demonstrationen gegen die Ehe für alle in Frankreich mit organisiert.

Dass der neue Abt, er stammt aus altem Adel, Père Louis Marie de Geyer d Orth, ebenfalls rechtslastige Vorlieben hat, zeigt etwa seine Ansprache anlässlich der Bestattung des Klosterfreundes und Rechtsextremen Jean Madiran (man lese: http://www.nd-chretiente.com/dotclear/public/documents/2013_Documents/2013.08.08_Jean_Madiran_obseques_Dom_Louis-Marie.pdf). Dort ist der jetzige Abt de Geyer d Orth so offen, die tiefe Verbundenheit des Klosterfreundes Madiran mit dem rechtsextremen Vordenker und Schriftstellers Charles Maurras (1868 – 1952) zu betonen.

Ich breche hier die Hinweise zum Kloster der Rechtsextremen Mönche Le Barroux ab, ich habe darüber vielfach publiziert, etwa auch in dem empfehlenswerten Buch „Rolle rückwärts mit Benedikt“ (hg Norbert Sommer und Thomas Seiterich, 2009, dort S 143 ff, besonders S.156 f)

Nur zum Schuss: Der ungenannte bayerische Freund, der den „Christ und Welt“ Autor, also indirekt dann auch „ZEIT“ Autor, ins schöne le Barroux lockte, hatte ihm auch noch einen Buchtipp gegeben: Er solle das Buch des im Vatikan tätigen Kardinals Robert Sarah „Kraft der Stille“ lesen. Jeder kann lesen, was er will: man sollte nur wissen, dass dieser Autor und Kardinal ebenfalls theologisch rechtsaußen steht und einer der definitiven Feinde von Papst Franziskus ist. Ich habe über die Äußerungen Sarahs kürzlich einen Kommentar publiziert: Nur ein Zitat dieses Vatikan Kardinals: „Die Gender-Ideologie und der islamische Staat teilen beide denselben dämonischen Ursprung. Was der Nazismus und der Kommunismus im 20. Jahrhundert waren, das ist heute die westliche Homosexualität, die Abtreibungs-Ideologie und der islamische (!) Fanatismus“.

https://re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er-salon.de/?s=Kardinal+Sarah

Ob unser Autor auch diese Zeilen gelesen hat und dann Gott fand??

Und noch etwas sehr Wichtiges zum Schluss: Was ist in der Redaktion von „Christ und Welt“ los? Recherchiert man die Texte der Autoren nicht? Oder will man Rechtslastiges sanft unters Volk bringen? Schaut man da gar nicht mehr hin, wo die Autoren ihren Gott suchen und finden? Natürlich, kann man möglicherweise überall finden. Aber wenn man schon Gott in aller Schönheit und Stille ausgerechnet in Le Barroux findet, sollte man auch sagen: Ich habe den lieben Gott in einem Kloster gefunden, in dem sich theologisch wie politisch Mönche von der rechtsextremsten Seite treffen. Wahrscheinlich könnte dies dann zu einem Pilgerort für fromme AFD Anhänger und Pegida Seelen werden. Da könnte die deutsch – französische Freundschaft im Schatten von Petain, Maurras und Madiran ganz neue Aspekte bekommen. Es sind gefährliche Aspekte.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Ein Katholik wird “ungläubig”: Reinhold Schneider vor 60 Jahren gestorben

Vor 60 Jahren, am 6.4.1958, dem Ostersonntag,  ist der Schriftsteller Reinhold Schneider in Freiburg i.Br. gestorben.

Ich habe an Schneider erinnert, als Glaubenden, der als Glaubender aus dem Glauben heraus geführt wurde in eine Gott- Ferne, die man mystischen Atheismus nennen könnte, wenn man überhaupt “Einordnungen” mag… Von diesen Tiefen – Erfahrungen  handelt sein letztes Buch “Winter in Wien”. Inzwischen sind die freundlichen Stellungnahmen von Heinrich Böll über Schneider wieder ins allgemeine Bewusstsein gekommen. Klar istnun einmal mehr: Reinhold Schneider, der Pazifist, wurde auch von der Klerus-Kirche nach 1945 kaputt gemacht, die keine Hemmungen kannte, für die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik einzutreten. Die Gestalt des Nazi – Bischof Gröber in Freiburg wurde dabei klerikal oft und gern übersehen.

Zu meinem Beitrag über Reinhold Schneider klicken Sie hier.

Halt finden im Leben

Wo finden wir Halt?

Zu unserem Gespräch im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 23.3. 2018. Diese Hinweise bieten kein umfassendes „Protokoll“, sie sind eher meine Impulse zum Weiterdenken.

Von Christian Modehn

Viele haben den Eindruck, angesichts der Erfahrungen heute in Politik, Ökologie, Klima, sozialer Ausgrenzung, Kriegen usw., den eigenen seelischen und geistigen HALT zu verlieren. Viele verlieren zudem auch den Halt aus Unsicherheit, materiell, körperlich zu überleben, falls ihnen dieser Halt nicht schon seit Jahrzehnten von der kapitalistischen Weltordnung genommen wurde.

Was früher „stützte“, ist nun zerbrochen. Viele glauben, seelisch und geistig ins Schwanken und Wanken gelangt zu sein.

Was Halt meint, könnte auch mit „Sinn“ übersetzt werden.

Jeder Mensch hat als Mensch einen Anspruch, für sich selbst seinen Halt zu finden. Selbst der Hungernde denkt wohl noch über sein materielles Überleben hinaus; er denkt, dass er einen Anspruch hat, in seinem Leben Halt, Sinn, (nicht nur Speise) zu finden.

Die Frage nach dem Haltfinden ist also unabhängig von jedem materiellen Zustand. Sie gehört zur „Struktur“ des menschlichen Geistes und seiner Seele.

1.Eine „phänomenologische“ Alltags – Erfahrung und dann auch Erkenntnis:

In besonderen Situationen des Lebens als Unterwegsseins brauchen wir Halt und erleben Halt, und deuten dies nicht als Fremdbestimmung oder als Einmischung in unser individuell freies Leben: Etwa beim Anstieg oder Abstieg in schmalen Treppen, etwa bei Turmbesteigungen: Da grei wir nach dem Geländer; brauchen wir stützende, Halt gebende Geländer. Oder bei Bergbesteigungen brauchen wir Stützen, Seilschaften… Leitplanken/Schutzplanken sind auf abschüssigen Autostraßen sehr hilfreich. Nur wer FREI laufen und FREI leben will, sucht Halt. Wer wie auf einer Schiene läuft – oder auf eine Schiene gesetzt wurde – und so sein Leben von anderen bestimmt förmlich „leben lässt“, fragt nicht nach Halt. Er hat ihn ja und will diesen zwingenden, nicht frei gewählten Halt nicht loswerden.

Die Suche nach Halt bestimmt uns dauernd, auch wenn wir oft ohne Halt auskommen und uns, reflektierend, an Halte-Stellen aufhalten. An Haltestellen verweilt man nur kurzfristig. Aber sie sind Orte für Denk – Pausen.

Die Frage nach Halt ist förmlich eine Ehre für den freien, suchenden, fragenden Menschen. Diese Frage nach Halt ist also nichts Krankhaftes

2.Hannah Arendt gab einem Buch den Titel „Denken ohne Geländer“. Also Denken ohne materiellen Schutz. Das heißt: Denken schützt sich selbst, weil es sich selbst prüft, was im Denken und durch das Denken als geistiger Halt erreicht wird. Denken erzeugt nicht – materielle, unsichtbare Geländer. Das kann die Klarheit im Denken sein, Respekt für Logik und Differenzierung. (Darum ist ja der undifferenzierte CSU Satz: „Der“ Islam gehört nicht zu Deutschland, so pauschal dumm). Es gilt, die kritische Prüfung und das selbstkritische Fragen beständig zu pflegen. Da werde ich in einen neuen Denkraum geführt und zur Aufgabe bisheriger Stützen und Halte aufgefordert.

3.Was zeigt sich als Halt, das sich im Denken und Erfahrungen offenbart?

Wir können Halt nur finden bei etwas, das über den momentanen Gebrauch, kurzfristig oder zerbrechlich, hinausreicht und insofern erhaben ist. Ich will damit nicht sagen, dass das, was Halt gibt, immer das Ewige ist. Aber es muss auch etwas anderes sein als das Greifbare und Sich – Schnell – Auflösende und Schnell-Verschwindende. Konsumgüter sind Wegwerfprodukte, sie bieten fast immer keinen Halt. Also, halt bietet etwas oder jemand, das bzw. der (die) mich für eine gewisse Zeit begleitet, mit mit geht, mit mir lebt. Das kann auch eine schöne, immer wieder gehörte geliebte Musik sein, ein Kunstwerk, Literatur, Menschen, Freunde …Die uns Halt gebende Gemeinschaft von Menschen, die sich um einen reifen Umgang mit einander bemühen, ist ein weiteres Thema.

Halt ist für uns eben tatsächlich etwas Bleibendes; das sich als einzelnes Bleibendes natürlich im Laufe der Geschichte unseres Daseins je neu zeigen kann…

4.Warum erschließen Stimmungen einen Halt im Leben?

Was ist etwa die Melancholie als eine Stimmung, die viele Menschen bestimmt? Es gibt eine lange Geschichte der Melancholie-Forschung, vielleicht zentral schon bei Aristoteles, in den „Problemata physica“. Darin fragt Aristoteles eher rhetorisch: „Warum erweisen sich alle außergewöhnlichen Männer in Philosophie oder Politik oder in den Künsten als Melancholiker?“ Warum wohl: Weil diese Stimmung der Melancholie über das oberflächliche Dahinleben in die Tiefe des eigenen Daseins führt. Melancholie vermittelt ja immer die Erfahrung, dass ich mit meinem jetzigen Zustand nicht zufrieden bin; dass es anderes gibt als dieses momentane Leben; oft wird dieses andere, bessere Leben in der Vergangenheit gesucht oder es wird erträumt und scheint nicht (mehr) erreichbar zu sein. Der Melancholiker sagt nicht so schnell: „Dieses Leben ist so, wie es jetzt ist, immer sinnvoll und schön und sollte auch so, wie es jetzt ist, immer bleiben“. Es gibt also einen versteckten, oft impliziten Willen zur Veränderung im Melancholiker, eine Suchbewegung nach einer Wahrheit, die größer sein sollte als die gegenwärtige Alltags – Wahrheit. Trauer hingegen ist fixiert auf ein Ereignis, auf einen Verlust etwa eines Menschen. Trauer kann nachlassen, vielleicht verschwinden, weil wir den verlorenen Menschen in einer neuen nichtweltlichen Wirklichkeit wissend – glauben…Melancholie hält an; sie ist eine oft dem einzelnen gar nicht bewusste, dunkle, manchmal schmerzhafte Beziehung zur Wirklichkeit. Im Unterschied zur Depression als Krankheit bietet Melancholie die Chance, zur tieferen Wirklichkeits- Erfahrung zu kommen. Und damit auch zu einer Lebensfreude… Melancholie ist etwas Gesundes!

5.Durch die Wahrnehmung der Stimmungen werden wir in die Tiefe unseres Daseins geführt. Wir erleben uns selbst in unserer Tiefe über alle Oberflächlichkeiten des Alltags hinausgewiesen. Martin Heidegger hat in seinem großen Werk „Sein und Zeit“ von 1926, dann aber auch in den Vorlesungen „Die Grundbegriffe der Metaphysik“ (von 1929) gezeigt: Stimmungen haben einen offenbaren, einen erschließenden Charakter, wenn der Mensch die Tiefe seines Daseins ausleuchten und verstehen will. Die Vorlesungen über die „Grundbegriffe der Metaphysik“, sind, geschrieben vor der viel besprochenen philosophischen „Wende“ im Denken Heideggers um 1933, anregende und mitvollziehbare philosophische Vorlesungen.

Wenn wir fragen: Wie gelangt der Mensch, das Dasein, zur tieferen Seins-Erfahrung: Dann ist die überraschende Antwort Heideggers in Sein und Zeit: Durch die Stimmungen: „In den Stimmungen wird das Dasein vor sein Sein (also seine unverfügbare Tiefe) gebracht“. (Heidegger, S.U.Z. S. 134).

Stimmungen und Gefühle werden insofern von Heidegger philosophisch aufgewertet. Sie sind „Organe des Erkennens“. Aber Heidegger wehrt sich dagegen, dass nun Philosophie in ihrem Respekt für Stimmungen ins Irrationale der Stimmungs-Begeisterung sich drängen lässt.

Heidegger sagt: Immer ist der Mensch irgendwie gestimmt. Uns prägen Stimmungen. Sie sind immer meine Befindlichkeit. Besondere Stimmungen überkommen uns, sie stellen sich ein, sie überfallen und beschleichen uns. Wir sind nicht Herr dieser Stimmungen. Unsere Selbstbestimmung ist insofern eingeschränkt.

6. Langeweile als Stimmung, die „man“ durchlebt, wenn eine offene Zeit uns überfällt. Das ist das Thema der Vorlesungen „Die Grundbegriffe der Metaphysik“. In der Langeweile werde ich konfrontiert mit der unabwerfbaren Tatsache, dass ich in der Zeit stehe, also in einer Art Zeitlinie. Und dieser nicht entkomme. Diese Zeit bin ich gewohnt auszufüllen durch allerlei Aktivitäten. Wenn es dann unvorhergesehen Momente gibt, wo es für mich nichts zu tun gibt, dann entsteht die Leere in mir. Dann falle ich förmlich ins Bodenlose. Ich habe den üblichen Halt, meinen alltäglichen Zeit – Rhythmus Verloren. Ich stehe orientierungslos da.

Heidegger meint: Diese Leere, die sich in der Langeweile zeigt, sollte ich nicht überspielen, sondern als Chance nützen, mich auf die Tiefendimensionen meines Daseins einzulassen. Also, etwa zu fragen: Was ist eigentlich Zeit? Warum will ich bloß immer Zeit füllen, also beschäftigend gestalten und mich dabei oft des Nachdenkens begeben? Warum möchte ich im Gefühl einer leeren Zeit die leere Zeit „totschlagen“. Die aggressive Sprache sagte alles, wie ich mich meiner Zeit gegenüber selbst als aggressiv verhalte…

7. In der Stimmung (Melancholie oder Langeweile) kann ich, wenn die Stimmung aushalte, also auch reflektiere, in die Tiefe des Daseins geführt werden. Vielleicht zeigt sich da ein Halt: In „Sein und Zeit“ ist klar:

Der Mensch versteht sich selbst so: es gibt etwas ihn Übersteigendes, Größeres, (Tieferes), der Mensch ist mit diesem eng verbunden. Das sind wie so oft in der Philosophie, hilflose Begriffe, die etwas über das Greifbar – Sagbare hinausweisen. Aber Menschen können auf diese Worte und Begriffe für das Unanschauliche nicht verzichten. Machen die Mathematiker ja auch nicht: Welche Zahl als Zahl ist schon anschaulich. Wir haben den Sinn für das Nicht – Anschauliche verloren.

Man merkt philosophisch, wie schwer es ist, das Sein angemessen sprachlich auszudrücken. Dieses Größere ist „im“ Menschen, aber es ist nicht Werk des Menschen. Heidegger spricht vom Sein, das der Mensch versteht und in dem er sich, das Sein verstehend, immer schon bewegt: Das Sein erschließt sich dem Menschen, er „IST“ Da – Sein. Der Mensch ist DA — SEIN. Das Sein ist in ihm „da“.

Das Sein ist das nicht Manipulierbare, das nicht Zu-Umgreifende, das nicht definitorisch Festgelegte und Vorhandene, aber es ist das alles Prägende und im Dasein das Stützende. Es offenbart sich in der Stimmung.

Stimmung erkennen und Halt finden gehören also eng zusammen.

8.Wenn der Mensch sich auf etwas stützen will, das dauerhaft Halt bietet, dann ist es das Nicht Verfügbare, das Nicht Dinghafte, sondern das Sein. Religiöse Menschen sprechen von dem nicht dinglich zu verstehenden Gott. Dem Göttlichen. Dem, der im Innern des Menschen als das Ewige lebt. Oder den die Menschen hilflos beim Namen anrufen und nennen, als den großen Gott, der in der Wüste des Lebens Halt gibt. Mit ihm und in ihm, den göttlichen, nicht dinghaften Gott, finden viele Halt. Als Geborgensein. Als Beschütztsein. Als Getragensein, wie auch immer: Dies und nur dies ist der wahre Kern von Spiritualität und Religion. Alles andere, alles „Konfessionelle“ und Dogmatische, ist nettes (leider oft belastendes) Beiwerk, oft allerdings störend, weil den göttlichen Gott verstellend und verdeckend.

9. Dieses alles umgreifende Sein können Menschen je nach ihrer Lebensgeschichte je anders interpretieren. Gott, ewige Natur, Buddha, Jesus. Immer aber muss es etwas sein, das den Charakter des Ungreifbaren, aber Umgreifenden hat. Ohne solche paradoxen Formulierungen kommen wir in der denkenden Lebensorientierung kaum weiter.

Dieses Stützende und Halt Gebende ist förmlich wie ein Nichts gegenüber der Dingwelt.

10.Ich komme jetzt zum Schluss auf das Buch des niederländischen Theologen Koen Holtzapffel aus Rotterdam:

Wer Halt sucht in seinem Leben, sollte sich nicht festklammern an Ideologien und offizielle Wahrheiten. Er (oder sie) sollte das Fragen aushalten, die eigenen Fragen! Natürlich zeigen sich dann jeweils Antworten. Aber diese Antworten rufen nur wieder weitere Fragen hervor: Das ist das Leben des Geistes. Das Fragen befragt sich selbst und entdeckt dabei die Kraft des lebendigen Geistes, der über alle einzelne Fragen stark erhaben ist. Die Skepsis betrachtet die Skepsis eben skeptisch und gelangt so über eine dumme, weil dogmatische Skepsis – Bindung hinaus: Skepsis: ja! Aber skeptisch zur Skepsis, um in das ewige Fragen des Geistes zu gelangen.

Und diese Lebendigkeit des Geistes ist sicher das einzige, was Halt gibt und fest ist in unserem Leben: Getragen sein, belebt sein, von der ewigen Fragebewegung des Geistes und von den immer relativen Antworten, die zu neuen, aber wieder nur vorläufigen Antworten leiten: Das ist die Größe des Menschen, auch des religiösen Menschen.

Dieser tragende Lebenssinn, dieser Halt, erschließt sich, so der Theologe, gerade dann, wenn alle Bilder Gottes, die man als den Lebenssinn deutete, verschwinden und nach diesem (persönlichen) „Bildersturm“, wie Holtzapffel sagt (S. 120) eigentlich nur Leere bleibt. „Man kann es Leere nennen, aber dann vielleicht als eine wohltuende Leere, als Flüstern einer sanften Brise, die man genießen kann als Schönheit einer leeren Landschaft“ (ebd.)

Der Autor zitiert dann zustimmend den Philosophen Cornelis Verhoeven (1928 – 2001): „Gerade in der Frage besteht Gott und nirgendwo anders. Gottes Existenz wird in der Frage förmlich fest „gehalten“. Warum? Weil Gott – im Bild als Schöpfer der Welt und des Menschen gedacht, den Menschen als Leib- Geist- Wesen meint, der als Geist eben unendliche Fragebewegung ist.

Und Koen Holtzapffel beschließt sein sehr inspirierendes Buch: „Leere ist leer, aber sie schafft auch einen mystischen Raum, ohne einen vorstellbaren und voraussagbaren Gott“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Gott essen. Über das christliche Abendmahl

Hinweis auf ein originelles, wichtiges Buch von Anselm Schubert

Von Christian Modehn

Der Kirchenhistoriker Anselm Schubert (Universität Erlangen) hat sich ein wichtiges Thema vorgenommen, nur auf den ersten Blick wirkt es marginal. Und er schreibt darüber, nach großartiger, umfassender Forschungsleistung, auch so zugänglich, dass es eine Freude ist, sich mit der so vielfältigen Geschichte des Abendmahls zu befassen. Selbst säkulare Menschen in Deutschland wissen noch ungefähr, was die christliche Abendmahlsfeier als Gottesdienst, katholisch auch Eucharistiefeier genannt, bedeutet. Und Christen haben sich weltweit daran gewöhnt, dass Abendmahls/Eucharistiefeiern darin bestehen, dass nach einem Segen bzw. einer „Wandlung“ durch den Priester der Gemeinde kleinste, papierdünne Hostien gereicht werden und in protestantischen Kirchen auch ein Schlückchen Wein bzw. Fruchtsaft getrunken wird. Dieser auf ein absolutes Minimum an „Speis und Trank“ im Sinne einer Mahl – Feier reduzierte Ritus gilt als das Zentrum christlicher Riten und soll an ein wahrscheinlich doch etwas üppigeres Mahl erinnern, das Jesus von Nazareth mit seinen Jüngern einst feierte. Die Darstellungen der Abendmahlsszene durch große und weniger große, jetzt auch ironisierende Zeichner sind kaum zu überschauen. Kaum ein Ereignis aus dem Leben Jesu von Nazareth wurde so oft zum Sujet der Kunst. Und dies mit gutem Grund: Denn diese Mahlfeier ist eine weitere sympathische, menschliche Seite dieses vor allem den Armen, auch den Frauen, zugewandten Menschen Jesus von Nazareth. Aber dieses Bild eines gemeinsamen Mahls als Kern einer menschlichen (!) christlichen Religion hat nicht die absolute Dominanz der Kreuzesdarstellungen korrigieren können. Mit dieser Fixierung aufs Kreuz ist es in meiner Sicht „ein Kreuz“: So wurde aus dem Christentum eine Kreuzesreligion…

Um so wichtiger, dass Anselm Schubert uns provozierend ins Thema „Gott essen“ einführt, und, wie der Untertitel des Buches sagt, „eine kulinarische Geschichte des Abendmahls“ bietet.

Ich will nur auf einige wichtige Erkenntnisse hinweisen, die das Buch vermittelt:

1.Der Titel „Gott essen“ ist tatsächlich nicht übertrieben, Anselm Schubert führt uns auch in die mittelalterliche Eucharistie – Theologie, die allen Ernstes die Frage stellt, was denn mit dem Leib des gott-menschlichen Christus in der Gestalt der Hostie im menschliche Körper passiert, auch im Moment der Verdauung.

Wenn dem Priester bei aller Eile der Messfeiern Hostien auf den Boden fielen, musste dieser Boden aufs gründlichste aufgewischt werden, der Putzlappen musste verbrannt werden, dessen Asche förmlich bestattet werden. Warum? Weil ja der Gott-Mensch in Gestalt der Hostie in den Schmutzgefallen war. „Jeder verschüttete Tropfen des Blutes musste mit eigener Zunge aufgeleckt werden…“ (S. 60)

Wenn Gott in den Dreck fällt, entsteht eine Art apokalyptischer Notstand. Nebenbei: Ich erinnere mich an eine Messe in der St. Ansgar Kirche in Berlin, Mitte der sechziger Jahre, wo dem Pfarrer Johannes Weismüller einige Hostien auf den Boden fielen. Und der Organist Reinsch auf der Orgel sofort das Dies Irae spielte.

2.Schubert zeigt klar, dass die katholische Eucharistiefeier seit dem 4. Jahrhundert zur ausschließlichen Angelegenheit des Klerus wurde. Der Klerus fühlt(e) sich allen Ernstes als Repräsentant Christi, der für das Laien-Volk, die Eucharistie feiert. Die Messe wurde überhöht „zum priesterlichen Opferritus“ (S. 67 und 65). Der Klerus übernahm auch die Produktion der Hostien und er kontrollierte die Qualität des Weines. Man traute den Laien, den Bäckern etc. nicht so richtig…

3.In der Fixierung auf Weizenbrot und Wein, die angeblich Jesus von Nazareth verwendete, zeigt sich überdies eine fundamentalistische Bibellektüre: Es muss Weizenmehl sein und es muss Trauben – Wein sein. Dass sich die Kirche dann in Regionen verbreitete, wo es Weizenmehl und Wein nicht gab, wie in Asien oder in Nordeuropa, da wurde ausnahmsweise auch Bier oder Reiswein gestattet. Die Protestanten (Ökumen. Weltrat der Kirchen, Genf) zeigten sich da ab Mitte der neunzehnhundertachtziger Jahre großzügiger. Der Vatikan jedenfalls verbietet bisher glutenfreies Weizenmehl für die Hostienproduktion (200), während man dem alkoholkranken Klerus durchaus alkoholfreien Wein für die Messe gestattet. „Klerus first“, ist das Motto des römischen Katholizismus.

4.Besonders interessant, wie schon in der frühen Kirche die Grenzen zum Judentum auch in der Abendmahlsfeier gezogen wurden: Es durfte in christlichen Gottesdiensten keine ungesäuerten Brote verwendet werden. Das wäre, so mehrfach ausdrücklich, ein Rückfall ins Judentum und ein Ungehorsam gegenüber Jesus Christus, der – angeblich – normales Weizenbrot verzehrte…(S. 16, 51…) Fundamentalistische, also wortwörtliche Deutung einzelner Sprüche und Riten, dem Neuen Testament entnommen, führt zu Antijudaismus…

5.Wichtig sind auch die Studien zur frühen christlichen Abendmahlsfeier, also der ersten christlichen Generationen. Sie wurden nämlich, so Schubert, wie die damals üblichen „heidnischen“ Symposien als Gesprächs – und Sättigungsmahl gefeiert. Jedes Gemeindemitglied brachte sich Speisen und Getränke zu dieser Eucharistiefeier mit. Das gab dann bald Konflikte, weil die reichen Christen tolles Essen mitbrachten und für sich selbst verzehrten und die armen Christen eben sehr bescheiden ihr gesäuertes (!) Brot aßen. Die so oft beschworene Brüderlichkeit und Gleichheit in der frühesten Kirche bestand also nicht, wie schon Paulus in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth feststellen muss.

6.Viele weitere Themen wären zu besprechen, aber die LeserInnen mögen bitte das Buch selbst lesen! Über die blutigen Debatten über den Laienkelch (Jan Hus!) wäre zu sprechen, über die große Toleranz, die tatsächlich Calvin hatte in der Verwendung von Wein oder auch Wasser in der Abendmahlsfeier (130), von den Problemen der Missionare in Indien, China und Japan in der neurotisch wirkenden Suche nach Weizenmehl dort und Traubenwein (145 ff.) wäre zu schreiben, alle diese Themen werden von Schubert bearbeitet.

7.Was nach der Lektüre bleibt: Es gab (und gibt zumal in der römischen Kirche) eine enorme theologische und kirchenrechtliche Energie, die angeblich von Jesus von Nazareth verwendeten Elemente Weizenmehl und Traubenwein in allen nur denkbaren Hinsichten zu studieren und zu debattieren. Psychologen mögen in dieser – von Schubert eindringlich beschriebenen – Fixierung neurotische klerikale Strukturen sehen. Als gäbe es nicht Dringenderes, als sich über Hostien und Wein und Wandlung durch den Priester ständig Gedanken zu machen. Die Priester haben ständig gewandelt, also Brot in den Leib Christi und Wein in das Blut Christi gewandelt: Aber der große Wandel, die ständige Erneuerung, die Reformation blieb und bleibt aus. Ich möchte darum gern auf ein Gedicht des katholischen Theologen und Priesters Lothar Zenetti (geb. 1926) aufmerksam machen:

„Frag hundert Katholiken,
was das Wichtigste ist in der Kirche.
Sie werden antworten: Die Messe.

Frag hundert Katholiken,
was das Wichtigste ist in der Messe.
Sie werden antworten: Die Wandlung.

Sag hundert Katholiken,
dass das Wichtigste in der Kirche die Wandlung ist.
Sie werden empört sein: Nein, alles soll bleiben wie es ist“.

8. Zu sprechen wäre über die Tendenz in der römischen Kirche, das Anschauen und Anbeten der Hostie in der goldenen Monstranz seit dem Mittelalter zu pflegen, eine Frömmigkeitsform, die in den Fronleichnamsprozessionen in der Öffentlichkeit ihren Ausdruck findet und die von einigen römischen Ordensgemeinschaften permanent gepflegt wird, wie von den Steyler Anbetungsschwestern, die ununterbrochen in der Kirche vor der Hostie knien und diese anbeten… Sie backen übrigens in ihrem Berliner Kloster Hostien!

9.Das Buch von Anselm Schubert ist ein Exempel dafür, wie Theologie und Kirchengeschichte als kritische Wissenschaft heute aussehen kann. Ich würde mir ähnliche Studien wünschen zur Frage: Seit wann ist das Kreuz das Symbol der Christen? Wie ist das Dogma der Trinität entstanden, warum wird der heilige Geist als Taube dargestellt. Noch dringender finde ich eine mehr praktische Frage:

10.Wann wird das christliche Abendmahl jetzt wieder regelmäßig auch an anderen Orten, warum nicht auch Kulturzentren, Restaurants etc. ähnlich wie einst in der frühen Kirche als „Symposion“ gefeiert? Als Mahl, in dem sich unterschiedliche Menschen unterschiedlicher sozialer Klassem etc. versammeln und dabei Jesu von Nazareth und seiner Botschaft gedenken? Die frühchristlichen Symposien wurden aufgegeben, weil die Gemeinden damals so viele Mitglieder hatten und ein Symposion mit vielen eben nicht gestaltet werden konnte. Jetzt sind viele Gemeinden sehr klein, also kann die Zeit der Symposien neu beginnen. Das würde dem Christentum gut tun, könnte seine menschenfreundliche Praxis zeigen.

Anselm Schubert, Gott essen. Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls. 2018. C.H.Beck Verlag, 271 Seiten, 19,99 Euro.

Copyright: christian modehn, re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er-salon.de

 

 

 

 

 

 

Auferstehung für Aufgeklärte! Eine Ra­dio­sen­dung.

Die Macht des Todes überwinden

Eine Ra­dio­sen­dung von Christian Modehn, RBB Kulturradio, am Ostersonntag, den 1.4.2018. Von 9.04 bis 9.30 Uhr

Wer Ostern verstehen will, sollte sein gewohntes Denken zurückstellen. Denn die unterschiedlichen Erzählungen von der Auferstehung Jesu Christi bieten keine griffigen Informationen, sie sind vielmehr anspruchsvolle religiöse Poesie. Die Evangelien wurden von Freunden Jesu geschrieben; sie erlebten ihn nach seinem Tod auf verwandelte Art und „ungeahnt neu“ als einen Lebendigen. Auch wenn aufgeklärte Menschen heute nicht an die leibhaftige Auferstehung Jesu glauben, kann Ostern durchaus inspirierend sein. Etwa, wenn die Ur-Gemeinden Jesus als den „Ersten der Auferstandenen“ erlebten. So erklärten sie Ostern zum Symbol für den Glauben, dass nun alle Toten auf immer „in Gott geborgen“ sind. Mystiker haben diese Erfahrung vertieft: Sie sprechen von der „Dimension des Ewigen“ in jedem Menschen.

 

„In Polen stirbt jetzt auch der christliche Glaube“

Über das Verschwinden des authentischen Christentums in Polen

Ein Hinweis von Christian Modehn

Über die aktuellen politisch – kulturellen Zustände in Polen, über den offensichtlichen empörenden Abbau demokratischer Grundwerte, wird in Deutschland relativ viel berichtet. Eher sehr selten wird in diesem Zusammenhang auch ausführlich die Rolle der katholischen Kirche (insbesondere des katholischen Klerus) vorgestellt und kritisch gewürdigt. Die bekannten „Polen Analysen“ des „Deutschen Polen Instituts in Darmstadt“ haben jetzt (am 22. 2. 2018) zwei aktuelle Beiträge veröffentlicht: Eine Übersicht, verfasst vom dem seit vielen Jahren das katholische Polen beobachtenden Theo Mechtenberg und einen Beitrag des überaus mutigen und allein auf weiter Flur stehenden kritischen Theologen Ludwik Wisniewski (Lublin) aus dem Dominikaner Orden. Beide Beiträge sind sehr zur Lektüre empfohle:  http://www.laender-analysen.de/polen/pdf/PolenAnalysen213.pdf.

Es bleibt abzuwarten, wie beide Beiträge auch in der sich katholisch nennenden Presse in Deutschland beachtet werden, etwa auch in Kreisen des deutschen Dominikaner Ordens…Wird es Solidaität mit Pater Wisniewski im internationalen Dominikaner Orden geben?

Ich zitiere aus dem Text, den die “Polen Analysen” veröffentlicht haben, nur zwei typische Sätze von Pater Wisnieswski, die deutlich zeigen mit welcher berechtigten Bravour er seine Argumente veröffentlicht (in der immehin immer noch bestehenden demokratisch gesinnten Wochenzeitung “Tygodnik Powszechny” vom 21.1. 2018):

“Das Christentum rotten wir selbst aus, (durch unser rechtsextrem – ideologisch verseuchtes Denken), wir, die Geistlichen und die eifrigsten Mitglieder der katholischen Kirche”.

“Ich klage Radio Maryja sowie die mit diesem Presseimperpium verbundenen Zeitschriften an, dass sie das Christentum und die Kirche in Polen vernichten”. (Radio Maryja ist ein sich katholisch nennendes rechtsextremes Radio des Redemptoristen  Paters Tadeuz Rydzyk, der ein engster Freund des PIS Regimes ist).

Eine regelmäßige Besucherin und Freundin unseres „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin“ hat ergänzend zwei Beiträge zum Thema für uns aus dem Polnischen übersetzt: Einen Beitrag von Pater Wisniewski und einen Beitrag des international bekannten polnischen Autors Andrzej Stasiuk.

Die acht Krankheiten des polnischen Katholizismus

Von Ludwik Wisniewski, Theologie im Dominikanerorden, Lublin, verfasst im Jahr 2017.

Die Krankheiten des polnischen Katholizismus

  1. Wir ertrinken im Manichäismus (radikale Gegenüberstellung von Gutem von Bösen, CM)
  2. Wir haben den Dialog vergessen
  3. Es wuchert das Sektierertum
  4. Wir sind in äußersten Klerikalismus verfallen
  5. Wir haben die Kirchen politisiert
  6. Wir haben die Kirche nationalisiert
  7. Wir akzeptieren intellektuelle Sterilität
  8. Wir haben uns am Triumphalismus berauscht.

Unser polnischer und katholischer Triumphalismus besteht darin, dass wir uns verhalten, als wir Besitzer der Wahrheit, Besitzer der Religion, die Besitzer Gottes und der Kirche.

Das Evangelium ist für uns Science-Fiction“:

Eine Kritik des Autors Andrzej Stasiuk (2015)

„Polnische Bischöfe lehren immer noch, dass Onanie eine Sünde ist und die Muttergottes die Königin von Polen. Mit der unterschwelligen Drohung, dass, wenn du nicht an den polnischen Gott glaubst, du deine Identität verleugnest. So, als wäre polnische Identität irgendein Superideal der Menschheit. Und wenn sie es nicht ist, was dann? Der Schöpfer bietet uns größere und wichtigere Dinge an als Polnischsein. Aber es stellt sich heraus, dass wir, sobald wir etwas anderes denken, schlicht und einfach Ungläubige sind. Wir stecken immer noch in so einem nationalen Stammestotemkult. Das ist natürlich interessant, weil sehr archaisch, heidnisch. Aber sie sollen uns nicht einreden, dass das Christentum ist. Das ist der Kult der Vorfahren. Anstelle von Kommunion aus dem Leib und Blut Christi ist es das Essen von Leichen. Das Evangelium ist für uns Science-Fiction“.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

Hans Küng wird 90: Ein theologischer Meister!

Ein Hinweis von Christian Modehn –

Anlässlich des 90. Geburtstages von Hans Küng am 19. März

Ergänzung am 19.3.2018: Wie habe ich den 90. Geburtstag von Hans Küng gefeiert? Indem ich einige Sachen von ihm erneut gelesen habe. Da fällt mir auf, etwa bei der Lektüre von Küngs Buch „Umstrittene Wahrheit“ (2009): In welcher Weise sich der jetzt so hoch gelobte, beinahe heiligmäßig genannte Kardinal Karl Lehmann dem eigentlich befreundeten Theologen Hans Küng gegenüber in dem einen entscheidenden Moment (und vorher) verhalten hat. Also im Umfeld dessen, als Hans Küng 1979 der Titel “Katholischer Theologe” vom Vatikan und den deutschen Bischöfen entzogen wurde. Es ist bezeichnend, dass Küng keine Angst hat, Fakten zu nennen. Zur Diffamierung von Küng durch den Vatikan im Jahr 1979 heißt es in „Umstrittene Wahrheit“ auf Seite 598: „Wer ist für die komplexe theologische Logistik der kompetente Komplize (also für die Aberkennung des Titels Katholischer Theologe CM): Zu meiner großen Betrübnis nach seinem eigenen Zeugnis Karl Lehmann. Nach seiner Wende von der (progressiven theologischen Zeitschrift) CONCILIUM zu der (eher konservativen theologischen Zeitschrift) Communio (mit Joseph Ratzinger) war Lehmann immer mehr auf die amtskirchliche Linie eingeschwenkt. Er strebt offensichtlich das Bischofsamt an….“ Das ist Karl Lehmann ja dann auch mal gelungen.  Noch einmal bewegt mich nur als kritisch beobachtender Journalist die Frage: Was hat Kardinal Lehmann denn nun wirklich an Wirkungen seines angeblich so progressiven Handelns und Denkens hinterlassen? Oder erinnert man sich heute an ein moderates progressives Phantom, das nur bedeutsam ist, wenn man an Dyba, Meisner und die anderen Konservativen denkt.

……………Mein Text vom 22.2. 2018………………….:

Unmöglich ist es, in wenigen Worten die Leistungen von Hans Küng für die Theologie, vor allem auch für die Kultur insgesamt zu würdigen. Ja, es ging Hans Küng um die kritische Reflexion der Kulturen, auch der außereuropäischen. Er fordert angesichts der Globalisierung und der ungerechten Verhältnisse ein „Weltethos“, eine konkrete Utopie, der es zu entsprechen gilt, sollte die Menschheit überleben wollen.

Hans Küng ist tatsächlich (jetzt noch) bekannt. Seinen Namen kennt etwa in Deutschland noch beinahe jeder über 50 Jährige. Sehr fern erscheinen jedoch die Zeiten, als sich Küngs theologisch gut lesbaren Bücher in den Buchhandlungen förmlich stapelten, etwa „Christsein“ von 1974. Heute, 44 Jahre später, ist die Zeit einer öffentlich auch sichtbaren Relevanz von (katholischer) Theologie wie weggewischt. Theologie ist jetzt im Getto, die theologischen Neuerscheinungen sind marginal. Theologie hat die Bedeutung einer Alterstumwissenschaft, vergleichbar der Archäologie. In Berlin z.B. gibt es seit Jahren keine Buchhandlung mehr, die überhaupt noch Theologisches in großer Fülle und Bedeutung anbietet, wahrscheinlich gibt es auch nicht so viele nachvollziehbare Bücher mehr, die sich auf dem Niveau von Hans Küng bewegen. Esoterik gilt nun als religiös, oder treffender, spirituell. Daran sind die Kirchen, vor allem die katholische Kirche, selbst schuld, sie haben sich mit ihrem Dogmatismus und ihrer Anti – Moderne ins Abseits begeben. Zugespitzt gesagt: Nur noch die vielen katholischen Kirchenangestellten tun so, als würden sie innerlich von den offiziellen Lehren dieser Kirche bewegt sein. Sie „müssen“die formal und inhaltlich ewig selben Messen besuchen. Sie darf nur der zölibatäre Klerus feiern, das ist seine einzige verbliebene Macht, an der niemand kratzt, Hans Küng hat es erfolglos versucht.

Was ist wichtig im Lebenswerk von Hans Küng? Sehr vieles: Sicher dies: Er war im deutschen Sprachraum derjenige Meister, der Reflexion und Glauben in eine für viele Zeitgenossen nachvollziehbare (immer lesbare) Einheit gebunden hat. Wer sagt ihm jetzt dafür tausend Dank? Welcher römische Bischof, vielleicht wagt es Kardinal Lehmann? Gibt es nun ein paar Zeilen von Papst Franziskus, den Küng schätzt?

Ich jedenfalls sage Hans Küng danke. Danke für seine Bücher (etwa über Hegel!) und für seine Initiativen, zugunsten einer freien und unabhängigen katholischen Presse, etwa für „Publik Forum“. Und für seine offenen Worte zur Sterbehilfe werden ihm viele andere auch danken, oder auch für seine Dialoge über Literatur mit Walter Jens etc.

Man schaue sich die Liste von Küngs Veröffentlichungen (in wie vielen Sprachen eigentlich ?) an! Man beachte sein jetzt neu herausgegebenes Gesamtwerk, das auf 24 Bände angelegt ist. Die Gesamtausgabe erscheint im Herder Verlag, der sonst auch als Verlag der letzten Bücher von Joseph Ratzinger bekannt ist. Die Bücher beider Autoren werden sich als äußerst kontrastreiche Werke wohl in den Regalen hoffentlich etwas vertragen, die Käufer mögen um ihrer eigenen geistigen Weiterentwicklung wegen zu Küng greifen: Küng, der Mutige, der lebendig Fragende und allseits für Neues Aufgeschlossene, der Ökumenische….und Ratzinger, der ewig Zurückblickende, der Nostalgische, der Papst mit den roten Schuhen, der Ängstliche und Zauderer, Liebhaber der Väter (gemeint sind die Kirchenväter aus dem 3. und 4. Jahrhundert), dessen einzige große Tat sein Rücktritt als Papst Ende Februar 2013 war. Wird er Küng gratulieren zu seiner Lebensleistung? Das wäre ein kleines Wunder. Leider aber ist die Gesamtausgabe der Werke Küngs im Herder Verlag für normal Verdienende und damit auch für Studenten unerschwinglich teuer. Man kann durch maßlos teure Bücher auch ein Werk „einsargen“, fürs Einstauben in Bibliotheken bestimmen, ins Vergessen treiben. Wollen wir hoffen, dass alsbald preiswerte Studienausgaben folgen.

Küng ist wohl der bislang letzte umfassend gebildete katholische Theologe, ein systematischer Geist, der Mann des großen (Ent)Wurfes. Das ist überhaupt keine Frage. Andere, selbst sich verbal politisch gebende, aber nie unmittelbar politisch – praktisch engagierte katholische Theologen, sehen da eher blass aus, ihre Aufsätze sind nicht mehr als gute Essays. Fragmentarisches in allen Ehren: Küng hat sozusagen noch einmal eine religiöse „Summe“ des Christlichen (nicht des konfessionell Römisch – Katholischen) vorgelegt, selbst wenn er den politischen Ort seines eigenen Denkens meines Erachtens nicht oder zu selten reflektiert hat. Er hatte für dieses Mammutprojekt auch hervorragende Mitarbeiter, Assistenten, das wird eher selten genannt; auch sie haben mit ihrem Meister Theologiegeschichte geschrieben, man denke nur an Hermann Häring oder Karl – Josef Kuschel.

Ich will nur an einige Tatsachen erinnern, die absolut gravierend noch heute alle katholische Theologie belasten – im Zusammenhang der Theologiegeschichte von Hans Küng:

Am 18. Dezember 1979 hatte der polnische Papst Johannes Paul II. Hans Küng die kirchliche Lehrbefugnis als katholischer Theologe an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen entzogen. Das heißt: Küng durfte nicht mehr an dieser Fakultät lehren und er durfte sich nicht mehr „katholischer Theologe“ (im Sinne des Vatikans und der Bischöfe) nennen. Der Grund für diese Verurteilung: Dem Vatikan und den Bischöfen gefielen die Vorschläge Küngs ganz und gar nicht, für eine insgesamt eher noch vorsichtige Neu-Interpretation des Dogmas von der Unfehlbarkeit der Päpste einzutreten. Unfehlbarkeit bezogen auf die Entscheidungen zu Glauben und Moral. An der, in römischer Sicht unwandelbaren, förmlich leblos versteinerten Formulierung der päpstlichen Unfehlbarkeit durfte nicht gerüttelt werden. Einige prominente Theologen wie Karl Rahner SJ haben damals sich sogar gegen die Neuinterpretation Küngs gewandt, und Rahner hat mit dieser (Auftrags-) Schrift (?) gegen Küng einen gewissen Zwiespalt in seinem Werk hinterlassen.Über Rahners Mut und seine gelegentlich heftig römischen Bindungen wäre eigens zu sprechen…

Wegen einer Neuinterpretation eines ohnehin schon im Moment der Formulierung hoch umstrittenen Dogmas von 1870 wurde also Hans Küng 1979 aus der sich katholisch nennenden Theologie rausgeschmissen. Diese Tatsache ist eines der gravierendsten Ereignisse in der neueren Geschichte des Katholizismus! Dieses Datum ist ein weiteres Ereignis innerhalb der Geschichte der Unfreiheit der katholischen Theologie als Wissenschaft – in einem System von Bischöfen und Päpsten, die sich ohne biblische Begründung anmaßen, Herren der Theologie zu sein. An den Fall Leonardo Boff wäre zu erinnern, an Theologen aus Indien oder Sri Lanka , die ebenfalls noch bis in unsere Tage den Furor römischer Rausschmiss -Lust durch Kardinal Ratzinger erfuhren, von feministischen Theologinnen, die degradiert wurden, wäre zu sprechen: Bis in unsere Tage übt der Vatikan eine brutale Kontrolle des Denkens aus. Der Vatikan beansprucht eine totale Sonderrolle in der Welt: Er verteidigt verbal Menschenrechte, ohne diese selbst für die eigene Kirche geltend zu lassen..Und jetzt machen zur Abwechslung reaktionäre Kardinäle den etwas aufgeschlossenen Papst Franziskus SJ theologisch fertig. Es ist eine ewige Tragödie des Ausgrenzens im Vatikan lebendig. Diese Kirche ist krank. Das hat Hans Küng auch gesagt. Die alten Herren in Rom und die Bischöfe bilden sich ein, zu viel Genaues von Gott usw. zu wissen…

Diese vatikanische Entscheidung gegen Küng 1979 hat die nachdenkliche und frei denkende, aber nicht nur akademische Welt erschüttert. Sie hat die letzten noch gut willigen Katholiken zumindest in Westeuropa und Amerika aus der Kirche getrieben bzw. den Abschied von ihr vorbereitet.

Ich will jetzt die insgesamt ja durchaus noch vorsichtige Unfehlbarkeits – Interpretation von Küng nicht wiederholen. Wichtiger ist: Durch diese akademische und religiöse (Un-)Tat des Papstes und seines klerikalen Kreises ist das Ansehen der katholischen Theologie als einer “freien Wissenschaft” (manche glaubten ja noch daran) auf einen Nullpunkt gesunken. Mit anderen Worten: Selbst wenn heute noch an staatlichen Universitäten katholische Theologie gelehrt wird, wie etwa in Deutschland, ist doch sehr die Frage: Wie kann diese Wissenschaft, die letztlich durch die Berufungspraxis der Professoren durch die Bischöfe (!) bestimmt ist, noch Wissenschaft genannt werden? Denn bei den Berufungen haben die Bischöfe in Deutschland das letzte entscheidende Wort mitzureden. Die „Exekutive“, wenn man so will, bestimmt die also „Rechtsprechung“, wenn man so will, also die Theologie. Wie wäre es, wenn das Außenministerium die Berufung aller Politologie-Professoren bestimmt? Oder das Landwirtschaftsministerium die Professoren für Ökologie und Agronomie? Das geschieht bloß in Diktaturen. Und Küng hat treffend den Vatikan eine Diktatur genannt.

Die katholische Theologie selbst an den Universitäten wird darum schnell vergleichbar den einstigen Parteihochschulen: In der DDR bestimmte die herrschende SED, wer Professor werden durfte. So ist es heute noch in der Berufung katholischer Theologen an den Universitäten und staatlich anerkannten theologischen Hochschulen. Wer da Professor wird, ist den Bischöfen zeitlebens dankbar, den Job zu haben; ist deswegen automatisch ängstlich usw… Das ist weithin die Situation katholischer Theologie heute, abgesehen von der historisch kritischen Bibelwissenschaft oder der Kirchengeschichte beispielsweise. Dass Dogmen aus alter Zeit, weil vom heutigen Wissen als falsch und als willkürliche Macht-Setzung des Klerus durchschaut, selbstverständlich auch beiseite gelegt werden können und sollten, behauptet meines Wissens kein katholischer Theologe. Er/sie  sagt es nicht, aus Angst. Dabei wäre eine dogmatische Entrümppelung dringende Tat spiritueller Befreiung. Die Ablehnung von dogmatischem Wandel durch den Vatikan hat morbide Züge, man lese bitte Erich Fromm über nekrophile Charakterstrukturen…

Was hat alles das mit Hans Küng zu tun? Sehr viel, er wagte es, an dem unsinnigen Unfehlbarkeitsdogma etwas zu kratzen. Und tut das noch heute! Nach ihm kratzte fast kein katholischer Theologe mehr an dem verheerenden, unsinnigen (auch unbiblischen) Dogma.

Küng hatte das Glück, dass der deutsche Staat ihm einen Ersatzlehrstuhl in Tübingen einrichten musste (auf Kosten auch der nicht-katholischen Steuerzahler). So macht es der deutsche Staat ja immer, wenn ein katholischer Theologieprofessor (als Priester)  der Hierarchie nicht mehr würdig genug erscheint, wenn er etwa heiratet, wie dies im Falle des Theologen und Priesters Michael Bongardt an der FU Berlin geschah. Solche „Leute“ müssen verschwinden aus den theologischen Fakultäten. Und der Staat spielt dieses unglaubliche Skandal-Spielchen noch mit. Wie lange noch? Jetzt soll ja allen Ernstes in Berlin eine katholisch – theologische Fakultät errichtet werden, eine „Parteihochschule“ mehr, fragen kritische Beobachter, die die Abhängigkeit der theologischen Forschung und Lehre von den Bischöfen kennen. Auch über diese Zusammenhänge spricht kaum jemand, auch nicht in journalistischen Kreisen…

Wie passt ein solches System noch in eine offene, demokratische Gesellschaft. Kardinal Ratzinger hatte einst empfohlen, katholische Theologie solle nur noch an Privathochschulen gelehrt werden und die Theologieprofessoren sollten beim Studium bitte schön knien. Ja, wirklich, sie sollten voller Demut knien. Aber der kritische Verstand kniet nicht.

Für Hans Küng war die Degradierung durch den Vatikan letztlich auch bei allem Schmerz für ihn selbst eine große Beförderung: Er wurde deswegen noch berühmter. Er wurde auch zum Impulsgeber einer kritischen, katholischen Bewegung, etwa der Kirche von unten.

Er hat Mut gemacht, in dieser Kirche um Reformen zu kämpfen, weil er ja selbst diese Kirche nicht verlassen wollte. Diese Empfehlungen, in der Kirche zu bleiben, als Opposition, als “Kirche von unten” etc. hat den Beteiligten viel Energie gekostet, vielleicht sinnlos verbrauchte Lebensenergie: Denn die erwarteten Reformen grundlegender Art sind ja bekanntlich ausgeblieben.  Eher schmückte sich noch die offizielle Kirche mit diesen Grüppchen der Opposition”, um die eigene angeblich Liberalität zu zeigen. Aber “Kirchenreform von unten” hat im römischen System keine Chancen! Das hat wohl auch Hans Küng jetzt auch eingesehen.

Auch Papst Franziskus bleibt bei allen ungewöhnlichen Äußerungen doch immer noch Papst. Er könnte als Papst etwa das verrückte Zölibatsgesetz aufheben, aber er tut es nicht. Er könnte das Unfehlbarkeitsdogma annullieren als Papst, aber er tut es nicht. Er könnte eine synodale Verfassung für die römische Kirche durchsetzen, aber er tut es nicht. So sind also die vielen Durchhalteparolen an so genannte progressive Katholiken, auch von Hans Küng ausgegeben, eher Aufforderungen zur Frustrationsbereitschaft, manche sprechen von Masochismus.  Aber diese Kreise sterben aus. Der Katholizismus in Europa hat die Jugend verloren, die Frauen sowieso und die Homosexuellen auch, die Arbeiter, die Akademiker, die Armgemachten usw. Das klerikale System ist hier personell fast am Ende und wird nur durch klerikale „Flüchtlinge“ aus Indien, Kongo, Nigeria oder Polen noch etwas aufrechterhalten.

Man bräuchte heute einen weiteren Hans Küng, der eine „Theologie am Ende des vatikanischen Katholizismus“ schreibt. Aber der müsste nicht nur ein freier Geist sein jenseits der Hierarchie, der müsste auch Soziologe und Psychologe sein. Solche Leute sind leider nicht in Sicht. Das Getto lebt noch und manche machen es darin bis zum Ende gemütlich! Denn das katholische Getto in Deutschland hat noch sehr viel Geld und sehr viele Immobilien etc..

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Was gibt uns (noch) Halt im Leben? Fragen melancholischer Zeitgenossen

Ein re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er Salon am Freitag, den 23. März 2018, in der Kunstgalerie Fantom, Hektorstr. 9 in BerlinWilmersdorf, um 19 Uhr. Dieser Salon ist – angesichts der begrenzten Plätze – ausgebucht. Bisherige Anmeldungen sind natürlich gültig.

Angesichts allgemeinener (welt)- politischer Irritationen bzw. Ängste und Spaltungen im sozialen Leben bewegt viele die Frage: Was gibt uns/mir eigentlich noch die Energie in diesen Situationen zu leben, Situationen, die viele als Hilflosigkeit empfinden. Philosophisches Fragen und Nachdenken können dann wenigstens Klarheit bringen und mögliche Auswege zeigen.

Woran können wir uns halten? Diese Frage ist das Jahresthema der protestantischen Remonstranten Kirche in den Niederlanden. Der Theologe Koen Holtzappfel (Rotterdam) gibt darauf die Antwort: “Halt” gibt uns das unermüdliche und konsequente Fragen! Eine provozierende Aussage, die wir untersuchen werden.

Angesichts der Tage von Karfreitag und Ostern wollen darüber hinaus fragen: Welche Bedeutung hat im Suchen nach “innerem Halt” eigentlich die Musik, speziell, naheliegenderweise, die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach. Wir erinnern in diesem Salongespräch auch an das Buch “Matthäuspassion” des Philosophen Hans Blumenberg. Er tritt als kirchenferner Philosoph, einst Christ, für die tiefe Bedeutung der Musik von Bach trotz der befremdlichen Texte der Matthäus-Passion ein. Ein perspektiverreicher Abend also, zumal zwei Gäste aus Amsterdam dabei sein werden, Margrit und Dik, die vielen Berliner Freunden unseres Salons schon bekannt sind.

Ein Link zu dem Buch von Koen Holtzappfel “Fragen geben Halt im Leben”

Herzliche Einladung also mit der Bitte um schriftliche Anmeldung an: christian.Modehn@berlin.de

Für die Raummiete allein: 5 Euro “Teilnahmegebühr”. Für Studenten ist die Veranstaltung selbstverständlich gratis.

Das Heilige ist umgezogen: Zur Situation der Kirchen und des Glaubens in den Niederlanden heute

Zur Situation der Kirchen und des Glaubens in den Niederlanden heute

Ein Hinweis von Christian Modehn

Ich denke manchmal, die religiöse Situation in Holland entspricht auch der dortigen Landschaft, den weiten, flachen Ebenen, auf denen sich Erde, Wolken und Himmel berühren und manchmal verschmelzen, wenn denn der Blick freigegeben ist und nicht – wie in der Randstad heute so oft – von Häusern und Fabriken, Autobahnen und Schnellzügen verstellt wird  Es gibt aber, von alters her möchte ich sagen, in den Niederlanden eine besondere Transzendenz, die man die horizontale Transzendenz nennen könnte. Und das macht die Religionsgeschichte der Niederlande auch für religionsphilosophisch Interessierte so wichtig: In Holland ist der religiöse Blick nicht zuerst nach oben, in die Höhen möglicher Hierarchien gerichtet, sondern in die Weite der Erde, in der es um den Menschen geht und die individuell so vielfältigen Formen des Transzendierens mitten im Leben, in der Menschlichkeit, der Kunst, der Stille. Es ist damit das klare Licht, das die Niederländer (und ihre Freundelieben), die hellen Fenster in den Kathedralen und Kirchen, da ist nichts schummrig, vom Weihrauch verdüstert…

Dieses Transzendieren in die Weite kann eine geistige Bewegung sein, die eher selten bei einem transzendenten Ziel, etwa beim Göttlichen oder bei Gott, ankommt. Wer wird diese Perspektiven nicht entdecken, schon in den vielen wunderbaren Gemälden aus dem 17. und 18. Jahrhundert? Sie präsentieren leibhaftige Individuen (!)  mit einer eigenen Geschichte, aber normale Menschen, sehr selten Heilige. Es ist die Freude am Menschen, am Mitmenschen, die diese Transzendenz auszeichnet.

Daran muss ich denken, wenn ich die neueste Statistik zur Kirchenbindung der Niederländer lese: Da zeigt sich wieder ein Abschied von der vertikalen Transzendenz: Konkret: Im Jahre 2015 waren noch 11,7 Prozent aller Holländer Mitglieder der römisch –katholischen Kirche. Zum Vergleich: Im Jahre 1960 waren es 35 Prozent, im Jahr 2006 noch 16 Prozent.

Heute sind noch 8,6 Prozent Mitglieder der Protestantischen Kirche der Niederlande (PKN genannt, ein Zusammenschluss großer reformierter, calvinistischer Kirchen und der Lutheraner). Zum Vergleich: 1966 waren es 25 Prozent und 2006 noch 14 Prozent. Gewachsen bzw. zahlenmäßig stabil geblieben sind sehr kleine evangelische Kirchen, streng calvinistische und evangelikal – pfingstlerische Gemeinden. Dieser Exodus aus den Kirchen hat mindestens auch soziale Nachteile: Orte der Kommunikation verschwinden, gerade die Gezelligheid ist Niederländern so wichtig.  Gemeinden sind, das sagte doch der Theologe Schleiermacher, sollten Orte des geselligen Miteinanders sein, in aller Vielfalt natürlich, nicht nur als Treffpunkte biederer Kleinbürgerlichkeit, wie in Deutschland jetzt….

Der Philosoph Taede A. Smedes hat in seinem neuesten Buch „God iets of niets“ („Gott etwas oder nichts“) diesen Weg der einst großen Kirchen in die Minderheiten-Positionen bewertet: „Besonders junge Menschen haben nichts mehr mit der Römisch – katholischen und der PKN Kirche zu tun. Die Kirchen haben damit auch definitiv keine Bedeutung mehr in unserem Zusammenleben“ (S. 49). Aber das heißt ja nicht, dass damit jegliches spirituelle Interesse verloren gegangen ist. Aber die dogmatisch starren Kirchen mit ihrer gewissen amtlichen Bürokratie wirken auf heutige Niederländer einfach befremdlich, man erwartet von diesen Kirchen offenbar eher sehr selten noch Orientierung im Leben. Beim Katholizismus spielt die konservative Wende (vom polnischen Papst immer unterstützt) durch reaktionäre Bischöfe (Gijsen und co) seit 1971 sicher eine große Rolle, dass so viele Holländer der römischen Kirche den Rücken gekehrt haben. Soziologen sprechen also bereits von einem „nach – christlichen Land“, Taede A. Smedes nennt diese Bewertung „revolutionär“ (S. 50). Auch die Leiter der neuesten Untersuchung „God in Nederland“ nennen diese Situation neu, als „ohne histroisches Vorbild“ („zonder precedent“).

Unter allen europäischen Ländern werden die Kirchen in den Niederlanden sicherlich am gründlichsten (und schon am längsten) von Religionssoziologen erforscht. Die umfassenden Studien „God in Nederland“ begannen 1966, seit der Zeit wird alle 10 Jahre ein ausführliches Ergebnis der repräsentativen Umfragen veröffentlicht, 2016 erschien wieder im Verlag Ten Have ( Utrecht) die neueste Studie, sozusagen zum 50 jährigen Jubiläum, diesmal auch mit Interviews mit Vertretern der unterschiedlichen Glaubensorientierungen. Es ist schade, dass dieser Band nicht ins Deutsche übersetzt wurde. So wie es ein ziemlicher Skandal ist, dass sich keine Akademie der Kirchen in Deutschland mit der Entwicklung in Holland befasst: Was da passiert, passiert bald auch hier…

Der Trend hat sich fortgesetzt: Die Mitglieder der Kirchen verlassen sozusagen scharenweise ihre Kirchengemeinden, indem sie einfach den jährlich geforderten freiwilligen Kirchenbeitrag nicht mehr zahlen. Sie gelten damit in der Sprache der Religionssoziologen als „außerkirchlich“, und diese Beschreibung der spirituellen Befindlichkeit bedeutet in Holland eben nicht automatisch „atheistisch“ oder ungläubig. Zur Gruppe der „Außerkirchlichen“ gehören „ungebunden gläubige“ und auch „ungebunden spirituelle“. Allerdings verstehen sich 41 % der „Außerkirchlichen“ als „säkular“, was einer atheistischen Orientierung schon nahe kommt. Aber der Kirchenferne ist in Holland eben anders als in der ehemaligen DDR oder in Tschechien!

Bemerkenswert ist auch, wenn man die Glaubensinhalte der Kirchenmitglieder betrachtet: Als Theisten, also als Gläubige an einen persönlichen Gott, bezeichnen sich 51 Prozent der Mitglieder der vereinigten protestantischen Kirche PKN, 34 % sagen, sie würden an „etwas Höheres“ glauben. Allerdings nennen sich nur 17 Prozent der Katholiken theistisch, hingegen sagen 46 %, sie würden nur an eine höhere Macht oder „etwas über uns“ glauben, 30 Prozent der Katholiken nennen sich Agnostiker. Es ist überraschend, dass sogar 7 Prozent der Katholiken, also der zahlenden Mitglieder der römischen Kirche in Holland, sich „Atheisten“ nennen (vgl. dazu Smedes, S. 51). Der Kommentar von Taede Smedes, (ein angesehener Religionsphilosoph übrigens, der auch lange Zeit im Studienzentrum des Dominikanerordens in Holland mitarbeitete) ist sehr klar:“ Heute scheint in den Niederlanden der theistische Gottesglaube seine längste Zeit schon hinter sich zu haben. In 50 Jahren ist der Theismus immer marginaler geworden, auch unter Gläubigen“ (S. 62).

Zu den Teilnehmern am Sonntagsgottesdienst unter Katholiken: 2003 nahmen bei 4,5 Millionen Katholiken 385.000 Gläubige an der Sonntagsmesse teil; 2015 sind es bei 3,88 Millionen Katholiken noch 186.000, also etwa 5 Prozent sind regelmäßige Teilnehmer der Messe. Diese sehr geringe Anzahl so genannter „praktizierender“ Katholiken hat sicher einen Grund: Die Zahl der Pfarrgemeinden wird – wie in Deutschland und überall in Europa – immer mehr reduziert, aus dem einfachen Grund einer klerikalen Kiche: es fehlen die Priester, ohne die in römischer Sicht einfach „nichts Wesentliche“ geht. Also: 2003 gab es in Holland noch 1.525 Pfarreien, 2015 waren nur noch 726, also nur noch die Hälfte. (Quelle: http://www.ru.nl/kaski/onderzoek/cijfers-rooms/virtuele_map/kerkgebouwen_en/ ). Meine These ist: Der absolute Klerikalismus der römischen Kirche verursacht den Exodus der  -nachdenklichen – Gläubigen aus dieser Kirche. Ein Ende dieses Exodus ist in Holland und in Europa nicht absehbar, trotz aller aus Indien oder Nigeria eingeflogener Priester nach Holland oder Deutschland…Diese sind wie im Mittelalter die Leutpriester, die Herren, die die Messe lesen können, jetzt auf Holländisch, was kaum ein Holländer versteht…

Die Abwendung der Holländer von den klassischen Gottesbildern, sehr persönlicher Art und oft in einer schlichten Lehre verbreitet, ist ja auch theologisch und religionsphilosophisch gesehen von Vorteil. Die Menschen in den Kirchen haben sich spirituell weiterentwickelt, nur die kirchlichen Lehren und Dogmen sind in der Entwicklung nicht mit gegangen, so kam es zur unüberbrückbaren Differenz von persönlichem Glauben und offizieller Lehre. Nebenbei: Nur die protestantische Kirche der Remonstranten ist mit der religiösen Entwicklung der Menschen mit gegangen, sie sagt ausdrücklich „Der Glaube beginnt bei dir“ und sie respektiert diese persönliche Glaubensentwicklung … bis dahin, dass sie als Kirche selbst die Bindung an offizielle Dogmen eher gering schätzt und auf das wesentliche reduziert hat.

Viele “Außer-Kirchliche” haben auch keine esoterische Überzeugungen wie Astrologie oder new-age, das war noch vor 20 Jahren stärker. Heute verstehen sich diese Menschen vor allem als Fragende und Zweifler, Suchende, unterwegs zu einem tragenden Lebenssinn. Aber immer unter der Voraussetzung: Spiritualität und Religion bestimme ich! Religion ist absolut Privatsache. Die religiöse Orientierung ist zudem fließend geworden. Es gibt Katholiken, die sich gleichzeitig als Buddhisten verstehen…

Aufgeschlossene christliche Theologen können den Abschied von einer oberflächlichen Kirchen – Bindung sogar gut verstehen. Sie wissen: Nur die freie persönliche Entscheidung für Gott und eine Kirchengemeinde ist wertvoll. Vor allem evangelischen Gemeinden lassen sich nicht entmutigen und gestalten in neuer Form und mit neuen Inhalten kirchliches Leben. So wird die protestantische Kirche der Remonstranten in den kommenden Wochen einige Gemeinden ausdrücklich als offener Ort präsentieren und Menschen einladen, die am Zustand dieser Welt zweifeln und verzweifeln und gemeinsam, in kleinen Gruppen, nach einem Sinn im Leben fragen. Typisch für den religiösen Umbruch in Holland ist auch, dass regelmäßig ein Monat der Spiritualität und auch ein Monat der Philosophie veranstaltet werden. Ein großer einflussreicher Fernsehsender nennt sich Evangelischer Rundfunk. Fernsehbeiträge etwa zur Leidensgeschichte Jesu erleben am Gründonnerstag einen absoluten Rekord der Einschaltquoten. Pilgerfahrten werden immer beliebter, die Gastfreundschaft in den wenigen verbliebenen Klöstern wird gern angenommen. Das Verschwinden der Klöster ist schon vom Kommunikativen und Spirituellen her betrachtet ein großer Verlust: In 20 Jahren wird es vielleicht noch fünf Klöster geben. Die Orden sterben aus, nur wenige sind in der Lage, interessierte Laien mit der Fortführung der einst (klerikal bestimmten) Traditionen zu beauftragen. Auch diese Entwicklung wird in Holland genau studiert und auch veröffentlicht, etwa in dem religionssoziologischen Studienzentrum KASKI an der Radbout Universität in Nijmegen: http://www.ru.nl/kaski/onderzoek/cijfers-rooms/

Man könnte sagen: Das Heilige ist heute in Holland sozusagen umgezogen. Gott wird auch in der Kultur, in der Kunst, der Musik, der Natur gesucht. Ein Benediktinerpater sagte mir: „Wer sich Atheist nennt, stellt oft die besten religiösen Fragen“.

Wichtige Literaturhinweise:

„God in Nederland“. Herausgegeben von Ton Bernts und Joantine Berghuijs. Ten Have Uitgeverij, Utrecht, 2016, 222 Seiten, 20 Euro.

Taede A. Smedes, „God iets of Niets“. (Gott – Etwas oder Nichts). De postseculiere maatschappij tussen Geloof en ongeloof. 2. Auflage 2016, Amsterdam University Press, 312 Seiten, 19,95 Euro.

Copyright: Christian Modehn Berlin