Ist ein böser Gott heute in den USA allmächtig?

Die 28. der „unerhörten Fragen“ des “Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin”

Von Christian Modehn am 14.1. 2026

Unerhörte Fragen haben eine provokative Kraft. Aber sie werden von den Herrschenden nie „erhört“, d.h. sie haben nur selten eine verwandelnde Kraft. Weil die unverschämt Handelnden unbeirrt unverschämt bleiben. Aber: Unerhörte Fragen müssen erläutert werden. Dies ist Ausdruck von Hoffnung.

Auch diese unerhörte Frage weiß genau: Ohne Sinn für die Verirrungen der Theologie und der christlichen Religion ist Mister Trump nicht zu verstehen. Und wir müssen diesen Mister verstehen, um ihm noch einen letzten Widerspruch entgegen zu werfen!  Ohne theologische Begriffe und Kategorien kann man die Allmacht des nihilistischen Herrschers und “Gottes” Donald Trump nicht verstehen. 

……………….

„Böse Götter“ leben unter uns. Aber es sind Menschen, die sich in ihrem Wahn für Gott halten und von anderen Verblendeten („Frommen“) auf den Thron Gottes gesetzt werden.

Diese böse Götter gelten als böse, weil sie die menschenfreundlichen Eigenschaften des guten, des transzendenten Gottes völlig verdrehen. Sie sind pervers: Die bösen Götter reden sich ein, allmächtig wie Gott zu sein. Aber ihre gewaltige Macht dient einzig ihrem Ego.

Die bösen Götter verachten das göttliche Gebot und die Moral der Nächstenliebe. Für sie gilt nur die Macht des Stärkeren. Und sie bauen sich als die Stärksten auf.

Die bösen Götter hassen alles Mitleid. Alle Versöhnung, selbst die Kompromisse. Nur ihr „Deal“ zu ihren Gunsten „zählt“.

Die bösen Götter sind heute Autokraten, Plutokraten, Diktatoren. Sie toben sich in allen Kontinenten aus.

Mister Donald Trump verbreitete als Video auf „truth social“. Er zeigt sich als dabei als intimer Kenner des wahren Gottes: „Gott sagte mir: Ich brauche einen Verwalter. Ich brauche jemanden, der eine Axt formen ein Schwert schwingen kann.“ Quelle: LINK

Wenn Trump eine seiner vielen Verordnungen und Gesetze unterschrieben hat, dann zeigt er das Dokument, hoch haltend, auch drehend, damit jede Kamera es wahrnimmt: Trump will so religiöse Vorstellungen wecken von Moses, der die Gesetzesstafeln Gottes dem Volk zeigte. Dies ist ein beliebtes Motiv der Künstler, man denke an Valentin de Bourgognes Gemälde (1628). Diese Unterschriften-Riten Trumps im Beisein seiner ihn bewundernden “Gemeinde” (Vance und Co.) sind eine bewusst eingesetzte öffentliche  Zeremonie, die direkten Bezug hat zu tiefsten religiösen Traditionen von Judentum und Christentum.

Moses hatte die Gesetzestafeln empfangen, er stand UNTER Gott. Trump hingegen formuliert die Gesetze, er ist Herr der Gesetze, er ist Gott. Siehe: LINK

Und Trump schwingt sein Schwert, ständig: gegen die Demokratie, gegen die eigenen Bürger, wenn sie zur Opposition, gehören. Diese betrachtet er explizit als Feinde und … auf die er in seinem offiziellen Video Scheiße von oben wirft. Tiefer kann ein so genannter Präsident nicht sinken…Quelle: LINK

Trump schwingt sein Schwert gegen Flüchtlinge, gegen Staaten und Regierungen, die sich seiner Allmacht widersetzen.

Als ein böser Gott tobt er sich aus: Und hinterlässt bei allen Vernünftigen, die mit ihm notgedrungen zu tun haben (auch bei hilflosen PolitikerInnen Europas) die Gewissheit: Bei dem „lieben Gott im Himmel“ wissen wir nie genau, ob er unsere Bitten erhört. Bei Trump im Capitol wissen wir noch nicht einmal, ob er uns zuhört, geschweige denn dass er unsere Anliegen erhört…

Der böse Gott kann permanent Lügen verbreiten und jegliches Gefühl für Wahrheit und humane Werte zerstören. Den bösen Gott zeichnet eine Ignoranz gegenüber der ökologischen Zukunft der Menschheit aus.

Der böse Gott ist der Gott, der systematischen Zerstörung der Demokratie, der Pressefreiheit, der Unabhängigkeit der Gerichte usw.

Der böse Gott kann sich nur deswegen austoben und sein „Schwert schwingen“, weil sehr viele Verblendete an ihn wie an einen Gott und Erlöser und Heilsbringer glauben, mag er selbst unmoralisch und verkommen sein, also alles andere als „göttlich“ sein. Aber vielleicht gibt es eine perverse Lust der „Trump-Frommen, einem perversen Gott zu folgen?

Diese Trumpgläubigen sind lautstark evangelikale oder katholische Christen, stolz katholisch, wie der Trump Nachfolger und schon jetzt als Halbgott auftretende JD Vance. Diese Leute, die nie hätten Politiker werden dürfen, haben das Erste Gebot der „Zehn-Gebote“ vergessen. Der gute, der transzendente Gott der Bibel lehrt: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“

Wie kann sich die Welt von einem bösen Gott befreien? Kennzeichen des bösen Gottes ist und bleibt die eigene Endlichkeit, die Sterblichkeit. Das ist der letzte, niemals erlöschende Trost der vielen, die unter diesem bösen Gott leiden. Aber, wie gesagt, der böse Gott hat längst für entsprechende Nachfolger gesorgt.

Wie lange können Demokraten (und deren Politiker) nach außen hin den bösen Gott verehren, aber “im Innern“ verachten?

Wird der Gedanke ernsthaft gedacht: Wie kann sich die kleine verbliebene demokratische Welt von dem bösen Gott und seinen schon bereit stehenden Nachfolgern befreien?

Auf die oft besprochene „internationale moralischen Autorität“ des Papstes sollte niemand vertrauen: Der us-amerikanische (!) Bürger, Papst Leo XIV. , ist alles andere als ein entschiedener, ein kritischer und kämpferischer Prophet, einer, der falsche Götter vom Thron stürzen kann und dies auch will.
Päpste können offenbar nur hilflos mahnen und zum Bittgebet aufrufen oder kluge Worte vor der UN sagen. „Mehr“ ist politisch nicht „drin“. Aber: Warum dann noch der ganze Kult um den „heiligen Vater“, den Monarchen, im explizit nicht – demokratischen Staat „Vatikan-Stadt“? Im Vatikan wird doch stets die prächtige barocke Show zelebriert, im Petersdom mit bunt gewandeten greisen Kardinälen? Viele der Teilnehmerinnen dort sehen in diesem und anderem liturgischenSpektakel nicht mehr als vatikanische Folklore.

Ein Wort der Hoffnung: Wir sprachen zu Beginn vom ständig dokumentierten  Unterschriftenritus des Gottes Trump, wie er seine Gesetze der Welt zeigt!

Uns tröstet ein Bild Rembrandts von 1659: “Moses zerschmettert die Gesetzestafeln”.LINK

Wer wird dieser Moses sein, der die wahnhaften Gesetzestafeln des Gottes Trump alsbald zerschmettert? Und Demokratie wiederherstellt und Menschenrechte und Menschlichkeit für alle, nicht für diese Milliardäre, diese Plutakraten FreundeTrumps. (Wie schön, dass sich unsere philosophische Kritik manchmal auf eindringliche biblische Mythen und auf die Kunst als Hoffnung beziehen kann).

…………

Diese unerhörte Frage wurde vom Dokumentar-Film der ARD am 12.1.2026 angeregt: „Trump & us“. Die drei Teile dieses ins Denken führenden Films sind bis 10.1.2028 in der Mediathek verfügbar. LINK

Wir haben schon 2025 ein viel beachtetes Gebet formuliert, das die Trump-Gläubigen jeden Tag sprechen, eine Neufassung des Songs „Ich bete an die Macht der Liebe“… : LINK:

PS: Unsere unerhörte Frage zum „bösen Gott“ hätte sich auch anderen Regionen zuwenden können,, etwa Russland oder dem Iran oder oder …Wir haben uns zunächst für die „sehr christlichen“ USA entschieden…

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

 

Die eine Religion für die plurale Menschheit

Wie die Begrenztheit der dogmatischen Konfessionen überwunden wird und die Vernunftreligion in den Mittelpunkt rückt!
Ein Vorschlag von Christian Modehn am 11. Januar 2026

1.
„Jede Religion GILT nur in einem bestimmten Gebiet. Sie wird in dem angrenzenden Gebiet schon als Aberglaube angesehen“.    Das Wort “gilt“ meint hier: „Bestimmend sein, vorherrschend, prägend sein.“ (CM)
Dies ist eine These des französischen Philosophen Claude Adrien Helvétius, er ist als Philosoph der Aufklärung (1715 – 1771) zugleich auch Religionskritiker (Fußnote 1).

2.
Die These des Helvétius ist auch heute eine Herausforderung: Warum „gilt“ das sich universal nennende, weltweit missionierende Christentum aber auch heute tatsächlich nur in europäisch geprägten Kontinenten, Ländern und Regionen? Und weiter: Angesichts der vielfältigen Krisen der Religionen und Konfessionen sollte da nicht endlich die Idee einer den universellen Menschenrechten verpflichteten Vernunft-Religion neu diskutiert werden.

3.
Die These des Helvétius führt uns also dazu, die von Kirchenführern stets behauptete Universalität des Christentums in Frage zu stellen. Und es muss geprüft werden, wie es denn mit den Missionserfolgen anderer „Weltreligionen“, etwa des Islam oder des Buddhismus, in Europa und Amerika, bestellt ist.

4.
Zunächst zur Weltreligion Christentum, das sich plural in einigen hundert verschiedenen Konfessionen präsentiert und in allen Ländern Mitglieder hat.
Innerhalb des Christentums ist die römisch – katholische Kirche die zahlenmäßig stärkste Konfession mit 1,4 Milliarden Getauften in allen Ländern. Diese weltumspannende Verbreitung soll die offizielle Behauptung der „Katholizität“ (d.h. die universale „Allumfassendheit“) der katholischen Kirche beweisen. Sie sieht sich von Gott berufen, alle Menschen, immer, überall, zu Christus zu führen, d.h durch die Taufe in die katholische Kirche einzugliedern. Aber in die Kirche, so wie sie von ihrer Tradition nun einmal bestimmt ist, und diese universale Kirche ist bleibend europäisch geprägt.

Aber es gilt für die Päpste und deren Theologen schon als Beweis der Katholizität, wenn sich heute zum Beispiel 2.000 Mongolen in der Mongolei zur römisch-katholischen Kirche bekennen oder einige tausend Inuit in Kanada oder einige hundert Indigenas in den Wäldern des Amazonas: Sie müssen wie alle Katholiken der nun gar nicht zu leugnenden europäisch bestimmten Kirchenlehre und Liturgie gehorchen.

Erfahrungen von politischem und sozialen Frieden oder anderer Formen der behaupteten „Erlösung“ hat dieses Christentum diesen Völkern aber nicht gebracht, von der nicht objektiv zu dokumentierenden seelischen Beruhigung (religiöses „Opium“) einzelner Frommer abgesehen.

5.
Wenn man die griechische Welt und auch das damalige Italien (Rom) des 1. Jahrhunderts als der Beginn des Katholizismus ansieht und die weitere Kirchengeschichte betrachtet, dann ist die katholische Kirche immer eine europäische Kirche geblieben. Sie ist dann durch die europäischen Kolonisten/Missionare in Amerika, Australien und Afrika als europäische Kirche verbreitet worden. Man denke an die überall gleiche Liturgie der von Priestern gefeierten Messe, das überall geltende römische Kirchenrecht, die überall geltenden Dogmen und Moralgebote, formuliert in Abhängigkeit von europäischen Sprachen, Kulturen und Philosophien.

6.
Zur faktischen Bedeutung der christlichen Kirchen, auch der katholischen Kirche, in Ländern der klassischen „Hochkulturen“:  Dort sind Christen, auch die Katholiken, trotz der nun schon Jahrhunderte dauernden Missionsbemühungen eine kleine Minderheit:
Das gilt für Indien mit einem machtvollen, zum Teil fundamentalistischen Hinduismus. In Indien sind heute nur ca. 2,5 Prozent der Bevölkerung Christen. LINK
Im buddhistisch und shintoistisch bestimmten, aber zugleich auch weitgehend säkularisierten Japan sind etwa 1,1 Prozent der Bevölkerung Christen. LINK
In China sind etwa 5,1 Prozent der Bevölkerung Christen. LINK
Im buddhistischen Thailand sind 0,9 Prozent der Einwohner Christen. LINK
Die verschiedenen indigenen Völker der heutigen „Philippinen“ haben sich schon früh dem Katholizismus der Eroberer angeschlossen. Seit der spanischen Mission im 16. Jahrhundert sind die Philippinen ein sich katholisch nennender Staat, eine Ausnahme in Asien. LINK
Im arabischen Raum sind Christen und ihre Kirchen eine extrem kleine Minderheit, die „Gast“ – ArbeiterInnen von den Philippinen sind dort die einzigen Christen, sie arbeiten unter unmenschlichen Bedingungen der Ausbeutung durch sich muslimisch nennende Herrscher.
Die These des Philosophen Helvetius: „Jede Religion `gilt` nur in einem bestimmten Gebiet…“ wird also auch heute bestätigt: Das Christentum hat eine prägende Bedeutung und „Geltung“ nur in europäisch bestimmten Kontinenten.

7.
Amerika ist europäisch bestimmt – seit der Kolonisierung.
Im (Sub-) Kontinent Lateinamerika herrsch(t)en einheimische, „indianische“ Religionen, aber im Zusammenhang von Eroberung und Missionierung wurden diese „Heiden“ getauft, viele „Einheimische“ hatten die Europäer gewaltsam bedrängt und ermordet. Der Statistik nach sind die Lateinamerikaner heute christlich, meist sogar katholisch, viele nennen sich inzwischen aber evangelikal oder sind Anhänger von eher fundamentalistischen Pfingstgemeinden… Wobei die im „katholischen Kontinent“ herrschende soziale Ungerechtigkeit, die himmelschreiende Armut in den Slums etc. völlig dem christlichen Bekenntnis der dort herrschenden Politiker und „Eliten“ widerspricht. Weil die katholische Kirche in ihrer Struktur explizit nicht-demokratisch sein ist und auch so sein will, als „absolute Monarchie“ mit dem Papst an der Spitze,  fällt es der Kirche sehr schwer, für Menschenrechte und Demokratie wirksam und glaubwürdig einzutreten.  Selbst Kardinal Reinhard Marx, München, wundert sich offenbar, dass er als katholischer Kirchenchef nun für die Demokratie eintreten muss, er sagte:  “Eindringlich rief der Kardinal zur Verteidigung der Menschenwürde auf… Von vielen Seiten würden die Errungenschaften der Moderne inzwischen infrage gestellt, beklagte der Erzbischof von München und Freising. Er habe sich zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn nicht träumen lassen, dass Kirche einmal zur Verteidigerin von Freiheit und Aufklärung werden müsse.” Quelle: LINK 

8.
Die Menschen in den religiös bestimmten Kulturen der Quechua, etwa in Peru und Bolivien, lassen sich seit Jahrhunderten schon katholisch taufen, sie praktizieren aber – mit Duldung der katholischen Kirche (!) – ihre eigenen traditionellen Religionen und Riten sozusagen parallel weiter. Ihr Motto ist: „Nach dem Besuch der Sonntags-Messe folgt der gemeinsame Ritus der alten religiös-kulturellen Traditionen…“ Auch in Mexiko und Zentralamerika (z.B. in Guatemala, dort etwa in Quetzaltenango) gestattet bzw. duldet die katholische Kirche die religiösen Riten der dortigen katholisch getauften Indigenas.
Damit ist deutlich: Diese Völker haben den christlichen Glauben nur „zum Teil“ annehmen können bzw.annehmen wollen, die „Macht“ ihrer uralten Riten etc. ist nach wie vor für sie gültig. Mit anderen Worten: Das europäisch bestimmte Christentum, etwa der Katholizismus mit seiner europäischen Liturgie, Dogmatik usw., ist für diese Menschen dort etwas Fremdes, Befremdliches, geblieben. Die These des Helvétius gilt also auch hier: Das Christentum kann auch in Hochkulturen Südamerikas sich nicht umfassend durchsetzen, „gelten“.

9.
Auch das heutige Christentum „Afrika südlich der Sahara“ muss angeschaut werden, also die von Engländern und Franzosen, Deutschen, Portugiesen kolonialistisch beherrschten und „missionierten“ Gebiete.

In vielen dieser Kulturen sind die Kirchen die zahlenmässig stärkste Konfession. Die Frage ist trotz der zahlenmäßigen Stärke: Bestimmt das von Europäern gepredigte und mit europäisch formulierten Dogmen verbreitete Christentum der europäischen Kirchen tatsächlich das Leben der getauften Afrikaner? Das ist sehr fraglich, etwa wenn man sich nur die moralische Qualität und politische Ethik (Korruption) der sich katholisch nennenden Politiker und deren Herrschaftscliquen anschaut, etwa in Kamerun, Gabun, Simbabwe, in der Demokratischen Republik Kongo, einst Zaire genannt mit dem katholisch getauften Diktator Mobutu usw…

Es sind in vielen afrikanischen Staaten vor allem Ordensleute, auch Bischöfe und Gruppen von Laien, die das Wesen des christlichen Glaubens, das Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden und Solidarität praktisch oft vorbildlich leben.
Es darf auch nicht übersehen werden: Die vielen von Afrikanern für ihre Völker und Kulturen gegründeten „christlichen afrikanischen Unabhängigen Kirchen“ zeigen deutlich: Das europäisch implantierte Christentum findet keine ungebrochene Zustimmung. Erwähnt wird hier nur die Kimbangu – Kirche in der Demokratischen Republik Kongo, LINK; 10 Prozent der Einwohner bekennen sich zu dieser Kirche. Es gibt – bislang wenig beachtet – auch zahlreiche unabhängige katholische afrikanische Kirchen, nur ein Beispiel für viele: LINK. Diese unabhängigen katholischen Gmeinden und Kirchen  haben als erstes das Zölibatsgesetz der Römisch – katholischen Kirche abgeschafft. Der Zölibat ist für die allermeisten Afrikaner schlicht und einfach eine „Unmöglichkeit“, die zu leben aber der Papst weiterhin – auch für Afrikaner – fordert. Und dabei wird von Bischöfen gern übersehen, dass de facto auch römisch-katholische Priester das Zölibatsgesetz (heimlich?) ignorieren. Dadurch wird allgemeine Verlogenheit zu einer Art üblichen Haltung im Katholizismus. Über einen wichtigen dokumentarischen literarischen Text eines afrikanischen Autors: LINK

10.
Sind die nichtchristlichen Weltreligion heute außerhalb ihrer Stammländer missionarisch tätig?

Die verschiedenen Traditionen des Buddhismus haben in Europa, Amerika und Australien zweifellos tausende Freunde und Anhänger gefunden. Aber zur Mehrheitsreligion ist der Buddhismus in Europa und Amerika nicht geworden. Viele Europäer meinen etwa, bereits Buddhisten zu sein, wenn sie nur auf ihre europäische Art bestimmte Regeln etwa der Zen – Mediation beachten.. Der Dalai Lama Tenzin Gyatso rät Europäern eher von einer Konversion zum Buddhismus ab. LINK

11.
Auch der Hinduismus konnte sich über den indischen Raum hinaus nicht als „Weltreligion“ etablieren, selbst wenn es in Europa, Amerika, Australien einige Hindu – Tempel gibt. Die YOGA – Praxis vieler Europäer bedeutet keine Bindung an den Hinduismus als Religion und Ideologie. Und die modernen Formen des westlich beeinflußte „Neo-Hinduismus“ (Sami Vivekananda, Mahatma Gandhi usw.) sammeln in Europa eher kleinere Gruppe, selbst wenn der „Neo-Hinduismus“ über seine Publikationen weite Verbreitung findet.

12.
Auch dem monotheistischen Islam haben sich in der Neuzeit, seit der Vertreibung des Islam aus Spanien 1492 – nur wenige Menschen in Europa, Amerika, Australien zugewandt.  Zu Konversionen zum Islam kommt es in den christlichen Staaten meist wegen der Eheschließung mit einem Muslim aus der Türkei oder der arabischen Welt. In Deutschland leben etwa 40.000 Konvertiten zum Islam. LINK
Der Islam in Europa ist, sogar in sehr stark säkularisierten („entchristlichen“) Staaten wie den Niederlanden oder Tschechien, nicht zur zahlenmäßig stärksten Religion aufgerückt. In Holland und Tschechien bilden die weiten Kreise der„Konfessionslosen” die stärkste Konfession.
Etwa 1 Prozent der Bevölkerung der USA bekennt sich zum Islam. LINK
Wer einen “europäischen Islam“ gestalten will, sieht sich erheblichen Problemen und Attacken von islamisch-fundamentalistischer Seite ausgesetzt, siehe den Versuch einer „Ibn-Rushd-Goethe-Moschee“ in Berlin.

13.
Zusammenfassend: Weder der Hinduismus noch der Buddhismus noch der Islam haben sich zu  tatsächlichen Weltreligionen entwickelt, also zu Religionen mit auch zahlenmäßig starker Bedeutung außerhalb ihres angestammten Kulturkreises. Explizite Konversionen zum Buddhismus, Islam, Hinduismus werden heute in Europa ersetzt durch die begrenze Integration einiger (weniger) bestimmter religiöser Lehren, Praktiken, Übungen in die ursprünglich „angestammte“ eigene Religion oder Weltanschauung. Diese begrenzte Integration – etwa der Zen -Meditation in die christliche Spiritualität oder auch der Sufi-Traditionen — geschieht oft willkürlich, d.h. je nach subjektiver Stimmung des einzelnen… Dadurch entstehen „multireligiöse Bindungen“ in einer Person. Über diesen neuen „Trend“ hat der Theologe und Religionswissenschaftler Prof. Perry Schmidt – Leukel mehrfach publiziert. Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat schon 2009 in einer Hörfunksendung für den WDR auf dieses Thema hingewiesen: LINK.

14.
Das Christentum ist offensichtlich  die einzige Religion, die ihren expliziten Auftrag zur Mission „aller Völker“ nicht nur immer noch lebt, sondern auch, wie gezeigt, mit  geringem – zahlenmäßig feststellbarem – Erfolg in allen ländern präsent ist.

Immer deutlicher aber nimmt die Säkularisierung als religiöse Skepsis den Platz der bestimmenden, vorherrschenden Weltanschauung bzw. Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ein. Darauf reagieren die Weltreligionen, indem sie an ihren uralten Traditionen, Dogmen, Lehren, unbeirrt festhalten, selbst wenn die religiöse Praxis oft den Charakter von Folklore hat und eine reine Äußerlichkeit bleibt: Welcher Katholik glaubt im Ernst, dass der Papst der Nachfolger des heiligen Petrus ist und unfehlbar der Stellvertreter Christi auf Erden? Aber noch machen viele Tausend Katholiken den Papst-Kult mit und erleben die Messen mit vielen alten, bunt gekleideten Bischöfen etwa im Petersdom als eine Art großartige barocke Theater-Inszenierung. Aber ernsthafte Reformen finden nicht statt, Reformen im Sinne der vernünftigen Verinnerlichung einiger Glaubensweisheiten und der tatsächlichen materiellen Erfahrung von dem, was das theologische Reden von Erlösung usw. wirklich spürbar bedeutet.

15.
Säkularisierung ist also weltweit die entscheidende Philosophie bzw. Weltanschauung, auch im einst sich christlich nennenden Europa bzw. Nordamerika. Die These des Helvétius führt also in weitere Reflexionen:  In allen Ländern Europas, selbst in Polen, selbst in Irland, selbst in Spanien geht die Bindung an den Katholizismus stetig zurück. Und noch weitergehend: Ist die Zukunft der Menschen in Japan, China, Indien, Amerika, also überall, religionsfrei, säkularisiert, ohne eine Dimension des Heiligen und Erhabenen, auch des Göttlichen?

16.
Wir erinnern in diesem Zusammenhang, für uns geradezu eine philosophische Pflicht, an die allgemeine und universale Vernunftreligion.

Wir schlagen eine Vernunftreligion vor, sie versteht die universell geltenden Menschenrechte als Maßstab humanen Lebens, auch für alle faktisch bestehenden Religionen. Und diese Vernunftreligion kennt durchaus den Charakter des Heiligen, wobei „heilig“ verstanden wird: Auf diese universellen MenschenRechte und MenschenPflichten soll unter keinen Umständen verzichtet werden, sie können zwar durch Diskussionen erweitert werden durch soziale und ökologische und feministische Perspektiven.
Die theoretische wie praktische Verbindung mit diesen Menschenrechten hat durchaus religiösen Charakter, also, was ja „religiös“ meint, einen „bindenden“ und einander verbindenden Charakter.

Die universell geltenden Menschenrechte sind der Verfügung der Menschen, auch der Machthaber, entzogen. Denn sie sind, um es klassisch zu sagen, „in eines jeden Menschen Herz und Vernunft unzerstörbar eingeschrieben.“ Darin wird offenkundig das Religiöse dieser universellen Vernunftreligion ausgesprochen: Der Respekt für das Unzerstörbare, manche sagen auch das „Ewige“, das in jedem Menschen als Menschen lebt. Es ist die Vernunft, die die Vernunftreligion entdeckt und formuliert, aber sie ist kein willkürliches Produkt menschlicher Einfälle.
Der Vernunftreligion können sich prinzipiell alle Menschen aller Kulturen anschließen, sie wird zur Weltreligion, weil sie allgemeine universell geltende menschliche Haltungen in den Mittelpunkt der religiösen Lebensorientierung stellt: Gerechtigkeit, Friede. Solidarität, Nächstenliebe, Bewahrung der Schöpfung, Demokratie als entschiedenes Nein zur Alleinherrschaft und Diktatur. Diese „Tugenden“, wie die alten Philosophen treffend sagten, haben tatsächlich die Bedeutung einer Heiligkeit. Und heilig bedeutet, wie gesagt: Diese Tugenden sollen unter allen Umständen respektiert und gelebt werden.

17.
Die Menschenrechte wurden zwar im europäischen Kontext formuliert, aber ihre fragmentarischen Vorläufer, etwa die uralte Weisheit der „Goldenen Regel“, sind in allen Kulturen und Religionen verbreitet… Diese europäische Herkunft der Menschenrechte impliziert also überhaupt KEINE Begrenztheit dieser Menschenrechte nur für den europäischen Raum. Wenn Oppositionelle etwa in den Lagern und Gefängnissen Chinas, Russlands, Indiens, in der arabischen Welt um ihr Leben und Überleben kämpfen und schreien: Dann tun sie das, weil sie wissen: Es gibt heilig zu respektierende Menschenrechte, die auch für sie in China, Indien, Saudi-Arabien, Uganda, in den USA, in Russland usw. gelten.

18.
Die Verteidiger der Heiligkeit der Menschenrechte beziehen sich auf die Vernunftreligion, die Immanuel Kant ausführlich dargestellt hat in seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1794), darauf haben wir mehrfach hingewiesen. LINK
Nur so viel als Erinnerung an Kant: Das moralische gute Leben (also das dem „Kategorischen Imperativ“ entsprechende Leben) nennt Kant tatsächlich den wahren Gottes-Dienst im Sinne der Vernunftreligion: „Der gute Lebenswandel ist alles, um Gott wohlgefällig zu sein.“ („Die Religion…“ Ausgabe B, dort S. 261). „Die Religion des guten Lebenswandels ist das eigentliche Ziel der allgemeinen, für alle geltenden Vernunftreligion“. (Ebd. B, S 269).

19.
Die universale Menschheits-Religion der Menschenrechte kann als eine Art Dach über jeder einzelnen Religion verstanbden werden. Dieses „Dach“ schwebt natürlich nicht über den Religionen, sondern ist mit ihren Strukturen, Lehren etc. verbunden.
Die Kirchen, die Religionen, werden zwar weiter bestehen, aber sie werden erkennen und bekennen: „Die Religion der Menschenrechte bestimmt als oberste Norm auch die Gestalt unserer Konfessionen.“

Dass der Einsatz für die Menschenrechte stets politisch ist, kritisch gegenüber Neoliberalismus und Kapitalismus, ist selbstverständlich. So wird also die nur fromme, nur aufs „Jenseits“ bezogene Spiritualität der Religionen korrigiert.
Diese Vernunftreligion muss natürlich gelebt werden und verbreitet werden, vor allem durch Informationen in den Räumen der etablierten Konfessionen und Religionen selbst, aber auch in Schulen und öffentlichen Medien, in Bildungskursen, in Veranstaltungen der humanen NGOs …

20.
Aber dieser Zukunft eröffnende Entwurf einer universellen Vernunftreligion der Menschenrechte ist heute konfrontiert mit kämpferischen fundamentalistischen Tendenzen. Sie propagieren die eine gemeinsame Lehre „Göttliche Gebote sollen herrschen als oberste Gesetze.“ Im Christentum, zumal in evangelikalen und katholischen Kreisen (die darin vieles gemeinsam haben!) versuchen „Identitäre“ die Macht in ihren Kirchen(gemeinden) und für ganze Nation zu erobern: Sie treten für ein politisch rechtsextrem konzipierten Glauben ein, sie schwadronieren von „jüdisch-christlicher Tradition“, um nur auf diese Weise den Islam und damit Flüchtlinge und Ausländer aus islamischen Ländern in Europa und Amerika zu diffamieren. Diese ostentative, politisch inszenierte Judenfreundlichkeit dieser rechtsextremen christlichen Kreise ist nur aufgesetzter, taktischer Philosemitismus, und der ist, weil verlogen, bekanntlich genauso verwerflich wie Antisemitismus.

21.
Unsere Überlegungen haben die Wahrheit der Thesedes Helvétius erwiesen.

Wir wurden durch dieThese des Helvetius erneut zur Notwendigkeit der universellen Vernunftreligion der Menschenrechte geführt. Sie ist eine weltumfassende universale Religion. Und weil sie auch eine Spiritualität voraussetzt und pflegen muss der Hinweis: Nur in der spirituellen Haltung eines leidenschaftlichen Eintreten für die universelle Wahrheit der Menschenrechte kann sich die Vernunftreligion durchsetzen.

22.
Eine Utopie wurde hier formuliert, ein neuer Blick in die Zukunft der Religionen …  angesichts der nach wie vor machtvoll erstarrten Weltreligionen. Aber dieses Erstarrtsein wird sich lösen, weil sich immer mehr Menschen von diesen Religionen befreien und diese bestenfalls als Folklore betrachten oder als Weisungen für esoterische Verzückungen und Entrückungen.

Die bestehenden Religionen und Konfessionen sind – in globo betrachtet – unglaubwürdig geworden: Macht und Gewalt im Islam, Missbrauch unter Mönchen im Buddhismus wie unter Klerikern im Katholizismus und Protestantismus, rechtslastige Ideologien sind für die Evangelikalen das Evangelium, afrikanische Christen verfolgen Homosexuelle und so weiter…

In dieser Situation ist die Vernunftreligion der Menschenrechte ein Weg ins Freie…

 

Fußnote 1:
Diese provozierende Erkenntnis hat der französische Philosoph Claude-Adrien Helvétius formuliert, er ist als Philosoph der Aufklärung (geb. 1715, gest. 1771), zugleich auch Religionskritiker. Er betont also in seinem Buch „Vom Menschen, seinen geistigen Fähigkeiten und seiner Erziehung“ (S. 73): „Es gibt keine Religion, die mehr als eine Religion einiger Gegenden wäre“. Diese These wird auch in der Studie „Politische Theorie und Ideengeschichte“ (von Herfried Münkler und Grit Straßenberger, München 2016, S. 406) erwähnt und auch kurz für politische Zusammenhänge kommentiert.

Nebenbei: 
Eine Volksreligion als die Religion eines (von der Anzahl her eher kleinen) Volkes haben von sich aus kein Interesse, „Weltreligion“ zu werden: Konversionen sind unerwünscht oder nur unter sehr schweren Bedingungen möglich, wie etwa im Judentum. Oder Konversionen „aus anderen Völkern“ sind ausgeschlossen, wie etwa bei den Jesiden.

Siehe auch unseren Essay vom 15.11.2023 zur “Allmacht des europäischen ChristentumsLINK 

Unter unseren zahlreichen Interviews mit dem protestantischen Theologen Wilhelm Gräb (+2023), Prof. an der Humboldt Universität zu Berlin, hat sich ein Interview mit der Frage befasst: Ist die Religion der Menschlichkeit am wichtigsten? Wir empfehlen diesen Text – aus dem Jahr 2016. LINK 

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-salon.de

 

Papst Leo XIV. propagiert die Gestalt des katholischen Priesters von vorgestern für heute

Ein Hinweis von Christian Modehn am 6.1.2026

Über die andauernden problematischen Stellungnahmen, “apostolische Texte” usw. des Alleinentscheiders Papst Leo XIV. siehe: LINK.

1.

Die Menschen, die sich nach Gerechtigkeit und Frieden sehnen und entsetzt sind über den kriegerischen „Gott“ der USA mit dem Namen Trump, also die Menschen, die jetzt noch versuchen, bei Vernunft zu bleiben, sie haben ganz andere Sorgen, als sich mit dem offiziellen katholischen Priesterbild zu befassen. Aber Papst Leo fordert dazu auf. Er sollte stattdessen  sehr viel dringender die Bande katholischer Politiker rund um „Gott“ Trump exkommunizieren… aber nein, der Papst muss das alte Klerus – Image aufpolieren. Um es einmal nach aller Art “drastisch  – katholisch” zu sagen…

2.

Papst Leo XIV. hat kürzlich, am 8.12.2025,  ein so genanntes „Apostolisches Schreiben“ veröffentlicht, in dem er das veraltete „Priesterbild“ erneut beschwört, obwohl sehr viele ernst zu nehmende katholische Theologen sehr viel weiter sind. Aber Päpste und Bischöfe erlauben sich ständig, die Ergebnisse der theologischen Forschung zu ignorieren. Welche Großinstitution könnte es sich erlauben, so ignorant mit der Wissenschaft umzugehen?  Der Titel dieses Schreibens: “EINE TREUE, DIE ZUKUNFT SCHAFFT.” Apostolisches Schreiben DES HEILIGEN VATERS LEO XIV. (Siehe auch Fußnote 1)

Aber die Päpste sind die Herren der Kirche, sie können sagen und schreiben, was sie wollen, und die meisten Katholikinnen nicken ehrerbietig unterwürfig, sie sind die braven Schäfchen… 

3.

Wir haben seit Beginn der Herrschaft Leo XIV. am 8.Mai 2025 immer wieder auf dessen theologisch sehr konservativen Tendenzen hingewiesen. LINK 

Nun also ein offizieller päpstliche Text zum Thema Priestertum, den sogar die eher offizielle Website katholisch.de ziemlich mutig kommentiert, Fabian Brand schreibt:. LINK 

4.

Zunächst noch für alle „theologischen Laien“ unter den LeserInnen unseres Hinweises: Man muss immer wissen, dass in der offiziellen katholischen Lehre bis heute der Priester absolut im Mittelpunkt steht. Die Eucharistie, angeblich das Wichtigste nach der Taufe im Katholizismus, darf nur der zölibatäre geweihte männliche Priester feiern. In der von den Päpsten als notwendig behaupteten Verknüpfung von Priesteramt und Eucharistie liegt das ganze Elend der (gegenwärtigen) Kirche, nämlich der Ausschluss der Frauen vom Priesteramt und das Festhalten des meist nur noch pro forma bestehenden Zölibats-Gesetzes.

Diese behauptete totale Unersetzbarkeit des zölibatären Priesters zeigt sich jetzt vermehrt in Europa in der Form der Schließung von Gemeinden und Pfarreien: Und zwar nur deswegen: Weil die zölibatären Priester fehlen und die noch in Europa lebenden vergreisen. Da werden von der klerikalen   Bürokratie einfach Gemeinden zusammengelegt und die wenigen Priester reisen dann sozusagen von einer Kirche zur anderen, um schnell die Messe zu lesen…dabei könnten Laien, junge LaientheologInnen, diese Aufgabe der Gemeindeleitung und des „ Messefeierns“ leisten. Aber nein, es werden viele hundert Filippinos, Inder, Afrikaner aus ihren „Missionsländer“ nach ganz Europa als Lückenbüßer geschickt, um hier den Klerus zu ersetzen. Dabei gibt es in den genannten „Missionsländern“ genug zu tun. 

5. 

Wir zitieren aus dem Beitrag von Fabian Brand über den Schrieb des Papstes Leo XIV. zum katholischen Priesteramt heute:

 „Besonders auffällig ist, dass Leo XIV. in seinem `Apostolischen Schreiben` wieder auf den Pfarrer von Ars verweist. Jean-Marie Vianney verkörperte als Priester das Kirchenbild des 19. Jahrhunderts: strenge Fixierung auf die Eucharistie, der Priester als tüchtiger Beichtvater, der Dorfpfarrer als Ideal. Noch bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde Vianney gern in den Schreiben der Päpste zitiert.

….Zwar hebt der Papst (Leo XIV.) in seinem neuen Schreiben immer wieder die hohe Bedeutung der Welt von heute und der sich veränderten Zeit hervor. Im Blick auf das Priesteramt bleibt er jedoch immer wieder dahinter zurück. Gerade die wichtigen Erkenntnisse der letzten Jahre zu den Themen sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch werden nicht beachtet. Stattdessen werden spirituell stark aufgeladene Theoreme rezipiert, die höchst anfällig sind für Missbrauch. Die wirklichen Fortschritte des 2. Vatikanischen Konzils, nämlich die starke Relativierung des Priesteramts durch alle Getauften und die Realisierung der Sendung des Priesters in der Welt von heute bleiben dabei außen vor. 

So schreibt Fabian Brand in katholisch.de aufgerufen am 6.1.2025

6.

Im Rahmen der Revitalisierung verstaubter Theologien durch Leo XIV. wird als Nächstes durch ihn iwohl nszeniert werden: Die verstärkte Zulassung der alten lateinischen Messe allüberall: mit dem leise Lateinich nuschelten Priester am Altar, sich dem Volk manchmal zuwendend, das „Dominus Vobiscum“ dann hauchend … und die traditionalistische Kirche der Pius-Brüder wird jubeln: Sie haben mit der alten lateinischen Messe auch die veraltete Theologie ins 21. Jahrhundert gerettet. Denn diese Theologie ist reaktionär, gegen Religionsfreiheit, gegen Ökumene, gegen Menschenrechte. Warum wird Papst Leo die lateinische Messe wieder umfassend zulassen? Weil er die jungen Priester so  mdringend braucht, die es in der Lefèbvre – Kirche, also der traditionalistischen Priesterbruderschaft `PIUS X`.bis jetzt noch so sehr zahlreich gibt. Aber längst haben sich andere, sehr papsttreue traditionalistische katholische Priestergemeinschaften innerhalb der offiziellen Kirche stark gemacht, wie etwa die Gemeinschaft „Christus König und Hoher Priester“ (sic) … sie haben doch so viele strahlend – sympathische Kleriker vorzuweisen, die so gern auf die Gemeinden des 21. Jahrhunderts losgelassen werden wollen. Auch die „Petrus-Bruderschaft“ wäre zu in der langen Liste offiziell katholisch -reaktionärer Priestergemeinschaften zu nennen. Diese Priester warten förmlich darauf, bestimmend zu werden in der Kirche.  Dass es jetzt so viele reaktionäre Bewegungen und Priestergruppen in der katholischen Kirche gibt, ist begründet in der Liebe von Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. zu diesen Leuten und ihrer Theologie von vorgestern.

7.

Wir haben schon mehrfach den natürlich total utopischen Wunsch vorgetragen: Papst Leo möge als Mitglied des Augustinerordens (von den anderen, den Reform – Augustinerorden, den Rekollekten und Unbeschuhten, spricht niemand) …  von der Kirchenlehre seines Augustiner-Mitbruders Dr. theol. Martin Luther lernen. Das macht Leo XIV. aber gar nicht.

Genauso wäre es ein utopischer Wunsch, als Papst nicht nur regelmäßig ins prächtige Castel Gandolfo zum Ausruhen zu fahren; sondern auch die benachbarte Evangelisch -Lutherische Kirche in Rom, nahe dem Vatikan, zu besuchen. Die TheologInnen dort könnten ihm vieles beibringen zum Thema “Pastoren/Priesteramt der Frauen im Protestantsimus”  und zur Aufhebung des sinnlosen Zölibats-Gesetzes. 

Papst Leo ist Mitglied des so genannten Bettel-Ordens der Augustiner (wie die Franziskaner, Dominikaner…) Aber so richtig arm, geschweige denn bettelarm – wie es einst bei der Gründung des Ordens 1256 gewünscht und sicher auch gelebt  wurde – will Leo nun gar nicht leben. Bald wird er in dem für ihn renovierten Apostolischen Palast sein hübsches geräumiges Zuhause haben und es mit einem Augustiner aus Nigeria teilen.

Nebenbei: Das Zentrum des Augustinerordens, das “Generalat”, ist nur wenige Meter vom “Apostolischen Palast” entfernt. In diesem Kloster könnte  man als Papst aus dem Augustinerorden ja auch – bescheiden? – wohnen? Aber inzwischen wurden dort viele der leerstehenden Zimmer in ein Luxushotel umgewandelt, der Bettelorden bettelt jetzt eben etwas auf “höherer Ebene”. Info zum Hotel im Kloster: https://www.residenzapaolovi.com/de/

8.

Aber die Augustiner schämen sich wahrscheinlich als römische Katholiken, dass ausgerechnet aus ihrem Orden „dieser“ Martin Luther hervorgegangen ist. Dabei sollten sie stolz sein, dass ein großer Reformator, Luther, – natürlich auch mit seinen Verirrungen, Antisemitismus etc.  dem Orden einige Jahre angehörte. Aber dann erkannte Luther sehr richtig,  dass der Zölibat doch eher eine Verirrung ist als eine Chance für die allermeisten… Aber auch in dieser Frage hat die römisch – katholische Kirche gar nichts von dem Augustinerpater Martin Luther gelernt…

Fußnote 1:  Als Beispiel die Nr 29 dieses päpstlichen Textes: „Ich vertraue alle Seminaristen, Diakone und Priester der Fürsprache der Unbefleckten Jungfrau Maria, der Mutter vom Guten Rat, (dies ist die Lieblingsmadonna des Augustinerordens !, CM) und dem heiligen Johannes Maria Vianney, dem Patron der Pfarrer und Vorbild aller Priester, an. Wie der Pfarrer von Ars zu sagen pflegte: »Das Priestertum ist die Liebe des Herzens Jesu«. [30] Eine Liebe, die so stark ist, dass sie die Wolken der Gewohnheit, der Entmutigung und der Einsamkeit vertreibt, eine vollkommene Liebe, die uns in der Eucharistie in ihrer ganzen Fülle geschenkt wird. Eucharistische Liebe, priesterliche Liebe.” Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 8. Dezember, dem Hochfest der Unbefleckten Empfängnis der seligen Jungfrau Maria, im Heiligen Jahr 2025, dem ersten meines Pontifikats. Leo XIV. 

Ein Freund aus Rom hat uns seinen ergänzenden Text zu diesen frommen warmen Worten des Papstes geschickt. Er meinte, noch vieles mehr könnte er im ähnlichen Stil schreiben: Also nur diese eine kleine Ergänzung zum Schreiben des Papstes:

Als Sohn des heiligen Augustinus, der ich ja bin, wie ich schon am 8.5.2025 sagte, bitte ich unseren heiligen Augustinus und Kirchenleerer: Er möge Christus, den ewigen Hohen Priester bitten, mehr Arbeiter, also mehr Priester, aber bitte keine linken “Arbeiterpriester”, in seinen Weinberg senden. Also gesunde, kräftige und hübsche junge Männer, bitte nicht alle homosexuell, die den Zölibat wenigstens nach außen hin hoch – halten und den traditionellen Gang unserer Kleriker-Kirche mit voller Hingabe und üblichem Gehorsam unterstützen. Auch verheiratete konvertierte Priester von den Anglikanern sind uns wie bekannt sehr willkommen, ebenso verheiratete katholische Priester, die nun Witwer sind, die sich auch willkommen…”

Hier hat unser Freund aus Rom mit seiner Aktualisierung Schluß gemacht. Er fragte nur noch angesichts des  “Apostolischen Schreibens”: In welcher Zeit lebt eigentlich Leo XIV., um solches zu schreiben?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Albert Camus: Seine Spiritualität!

Anläßlich des Films „L`Etranger“, „Der Fremde“, von Francois Ozon, 2025, fragen einige LeserInnen und FreundInnen unseres „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon“: Habt Ihr etwas über „Camus und die Religion“ oder „Camus und die Spiritualität“ publiziert?
Wir bieten einen Beitrag von 2013, nach wie vor aktuell und inspririerend.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 4.1.2026

Albert Camus: Seine Spiritualität.
Von Christian Modehn.

Von dem Gott, wie ihn die Kirchen predigen, hielt Albert Camus nichts: Etwa, an den „gerechten Herrscher“, der gleichzeitig noch ein barmherziger Vater sein soll, aber „Kinder leiden lässt“, konnte er nicht glauben.
Gott ist für Camus das göttliche Geheimnis des Lebens. 1954 notiert er in seinem Tagebuch: „Ich glaube nicht an Gott, bin aber kein Atheist“. In der Zeitung „Le Monde“ sagt er zwei Jahre später: „Ich halte das Nichtreligiöse für etwas Vulgäres und Überholtes“.
Camus ist „fromm“ auf seine eigene Art. Gefühle anderer nachzuplappern und abstrakte dogmatische Lehren als die seinigen auszugeben, das liegt ihm fern. Camus ist spirituell, weil er achtsam das Leben des einzelnen Menschen, auch sein eigenes, wahr – nimmt. Definitive Antworten auf den Sinn „des“ Lebens passen für ihn nicht zur begrenzten Vernunft des sterblichen Menschen. Aber der Mensch soll stolz sein, mit seinem Geist der Freiheit den Zwängen dieser Welt doch überlegen zu sein, selbst wenn alle Sterblichen „zum Tode verurteilt sind.“
Solange der Mensch lebt, muss er wie Sisypus den Stein immer wieder den Berg hinauf wälzen. Aber er weiß, wenn der Stein wieder herunter rollt: Ich bin diesem unabwendbaren Geschehen durch die Kraft meines Selbstbewusstseins überlegen. In Freiheit kann ich mein Schicksal annehmen und es für mich gestalten. Die Alternative wäre der Selbstmord, davon spricht Camus ausdrücklich. Aber der Suizid wäre für ihn ein Sieg des Nihilismus, abzulehnen ist vor allem der Verzicht, Nein zu sagen gegenüber allem Widerwärtigen.
Wenn es ein „Wesen“ des Menschen gibt, dann ist es bei Camus dieses Rebellische. „Bleibt kritische Rebellen, aber werdet nie gewalttätige, tötende Revolutionäre“, schärft er ein.
Die Kirchen lernte Camus schon als Jugendlicher in Algerien kennen. Aber sie können sein eigenes Erleben gar nicht deuten. Sie richten im allgemeinen den Blick der Frommen in die ferne Zukunft der Erlösung, den Himmel: „Später wird alles besser“. Für Camus ist diese Haltung den Christen wie den Kommunisten gemeinsam. Beide können den glücklichen Augenblick inmitten des Lebens nicht lieben, nicht bei ihm verweilen, in der Gegenwart leben.
Camus schätzt über alles die Momente des Glücks in einer kontemplativen Haltung. Die kleinen Essays unter dem Titel „Hochzeit des Lichts“ geben Zeugnis davon. Sie sind eine Einladung, inmitten der (noch verbliebenen) Schönheit der Natur das Geheimnis des Lebens zu entdecken: Etwa das Gefühl der Transzendenz, das sich bei einem Sonnenaufgang am Mittel – Meer ereignet. „Ich lauschte in mir einem fast vergessenen Klang, als finge mein Herz nach langem Stille-Stehen ganz sachte wieder zu klopfen an.“ Selbst Meursault, der durch einen eher lächerlichen Zufall zum Mörder und in Algerien zum Tode verurteilt wird, wie der Roman „Der Fremde“ beschreibt, liebt in seiner Gefängniszelle vor seiner Hinrichtung „die Sterne über dem Gesicht“, „den wunderbaren Frieden dieses schlafenden Sommers“. Meursault öffnet sich „angesichts dieser Nacht voller Zeichen und Sterne zum ersten Mal der zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt.“

Nur in kontemplativer Haltung entwickelt sich das „Bewusstsein vom Heiligen, also vom Geheimnis, das es im Menschen gibt“, sagt Camus, kurz nachdem er den Literaturnobelpreis 1957 erhalten hat.
Die katholische Kirche ist für ihn vor allem an politischen Vorteilen interessiert. Um klerikaler Herrschaft willen werden die Regime Francos, Hitlers, Mussolinis, Pétains unterstützt. Der Gott dieser Herrenmenschen sollte den Menschen tatsächlich „genommen werden“.
Aber Camus weiß, dass es einige „andere Christen“ gibt, Demokraten, Verteidiger der Republik. Mit den Dominikanern in Paris hat Camus – etwa 1946 – gern debattiert, dort sagte er: „Ich werde niemals von dem Prinzip ausgehen, dass die christliche Wahrheit illusorisch ist, sondern nur von der Tatsache, dass ich in diese Wahrheit nicht eintreten konnte“ (zit. In „Dictionnaire Albert Camus“, Ed. Laffont, Paris, 2009, S. 140).
Mit dem katholischen Schriftsteller Georges Bernanos ist er seit der Résistance befreundet. Die Päpste fordert er auf, in ihren Enzykliken klipp und klar Unrecht zu benennen. Er will neue Gemeinschaften von Ungläubigen und Gläubigen gestalten; sie sollen gemeinsam für die Gedemütigten und Elenden eintreten. Das ist die neue Ökumene. Im Engagement wird neue spirituelle Kraft spürbar: “Ich rebelliere, also sind wir“! So heißt das paradoxe Glaubens – Bekenntnis von Albert Camus. Wenige Tage vor der Übergabe des Literatur – Nobelpreises im Dezember 1957 in Stockholm formulierte er noch einmal seine Spiritualität: „Wie viele andere Menschen von heute bin ich des Mäkelns und der Bosheit, mit einem Wort, des Nihilismus müde. Was zu verurteilen ist, sollte verurteilt werden! Aber kurz und bündig. Was hingegen noch gelobt zu werden verdient, sollte ausführlich gelobt werden. Schließlich bin ich ja deswegen Künstler. Denn selbst das Werk, das verneint, bejaht doch noch indirekt etwas und ehrt auch so das armselige und herrliche Leben, unser Leben.“

Dieser Beitrag erschien 2013 in der Zeitschrift PUBLIK-FORUM.

Siehe auch: Albert Camus – ein „Atheist aus göttlicher Gnade“ : LINK

„Rupert Neudeck und Albert Camus“: LINK

Literaturhinweis: 
Unter den Arbeiten Albert Camus` verdient die Übersetzung von „Hochzeit des Lichts“ (übersetzt von Peter Gan und Monique Lang), erschienen im Arche Verlag, Hamburg – Zürich, 2013, besondere Beachtung, zumal im Blick auf das Thema Spiritualität.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Kant sollte jetzt Kirchenlehrer sein! Unser Wunsch für 2026!

Von Christian Modehn am 2. Januar 2026

1.
Der Wunsch des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ für 2026 ist eine Provokation. Sie führt, wie der Name „Provokation“ sagt, aus bestehenden dogmatischen Verirrungen der Kirchen und Religionen heraus, ins Freie, ins Menschliche, das wichtiger und hilfreicher ist als der traditionelle Dogmenglaube.

2.
Im Jahr 2026 darf es den Religionen und Kirchen nicht zuerst um ihre eigenen Dogmen, moralischen Behauptungen und Bindungen an nationale Ideologien (siehe Russland, Israel, USA, Iran usw.) gehen.
Der Papst zum Beispiel muss nicht mehr – irgendwie hilflos – bei jedem Anlass zu Bittgebeten auffordern, so, als würde Gott im Himmel je nach Laune mal die einen, mal die anderen Wünsche erfüllen. Naiver Wunderglaube wird da verbreitet…, den gilt es mit der Vernunftreligion zu überwinden. Nur mit der Vernunftreligion werden Menschen reif und „erwachsen“.

3.
Der Papst, um bei ihm zu bleiben, muss auch nicht mehr ständig seinen geliebten Augustinus zitieren, jenen Heiligen des 5. Jahrhunderts, der die Christen mit seinem gräßlichen Erbsünden – Dogma verrückt gemacht hat. Nein, der Papst könnte oft Erkenntnisse des Philosophen Immanuel Kant zitieren – als Aufforderung, die universell geltende Vernunft-Religion zu respektieren: Sie ist für alle Menschen, auch für alle Religionen und Konfessionen gültig, sie ist die allen und allem übergeordnete Religion.

4.
Wir haben im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin mehrfach auf die Erkenntnis der universellen Vernunftreligion im Sinne Kants hingewiesen. Siehe etwa diesen Beitrag: LINK. Dabei beziehen wir uns auf „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ von 1793 (in der Ausgabe des Meiner Verlages, 2003, die Seitenangabe beziehen sich auf dieses Buch). Es ist falsch, Kant als „Überwinder“ der Idee Gottes oder als „Zerstörer“ des vernünftig begründbaren Glaubens an Gott zu interpretieren. Kant hat als Philosoph erkannt, dass es eine göttliche Wirklichkeit gibt. Er betont aber: Gott ist kein Objekt wissenschaftlicher Beweise, wenn man wissenschaftlich im Sinne der Naturwissenschaften versteht. Aber die göttliche Wirklichkeit als Idee, vielleicht als Ursprung der Schöpfung, muss der Mensch denken, will er seine Existenz umfassend geistig verstehen.

5.
Nicht die Erfüllung religiöser Vorschriften ist für die Vernunftreligion entscheidend, sondern die Pflege der „moralischen Herzensgesinnung“, das lehrt schon Jesus Christus, betont Kant (Seite 214). Nicht gottesdienstliche Handlungen können den Menschen von Verfehlungen befreien, sondern nur die praktische Wiedergutmachung des Unrechts. Nicht das „süße Gefühl der Rache“ darf vorherrschen, sondern die Duldsamkeit…Dies sind Weisungen des Lehrers Jesu von Nazareth in der Sicht Kants. Vor allem: Die Erfüllung der ethischen Pflichten ist der wahre Dienst an Gott, der wahre Gottesdienst! Der Gottesdienst ist die Erfüllung der ethischen Pflichten, also der Menschenrechte: Das muss das beständige Leitmotiv der Predigten und der Praxis in allen Religionen sei. Kant betont: Es ist bloßer „Religionswahn und Aberglaube“ zu glauben, für ein gottgefälliges Leben könne der Mensch noch etwas anderes tun, als den guten Lebenswandel zu praktizieren (Seite 230). Es gibt also für Kant nur „die Religion des guten Lebenswandels, sie ist „das einzige religiöse Ziel der Menschen“ (Seite 236). Solange die Kirchen mit ihren eigenen Lehren noch bestehen, muss die Vernunftreligion allmählich diesen Kirchenglauben durchdringen und überwinden.“ (ebd.)
6.
Die Vernunftreligion lebt im Sinne Kants in einer „unsichtbaren Kirche“, sie braucht keine Herrschafts-Strukturen, aber sie braucht durchaus Lehrer, die herrschaftsfrei die Vernunft-Religion erklären.
„DIESE VERNUNFTRELIGION SOLL ALS WELTRELIGION AUSGEBREITET WERDEN“ (S. 212).
7.
Die geoffenbarte, also die in Sätzen, in Dogmen formulierte, mit Büchern der Offenbarung ausgestattete Religion, wird von Klerikern beherrscht. Diese Religion/Konfession soll letztlich überwunden werden, fordert Kant. In diese faktisch bestehenden Konfessionen sollte aber – wie gesagt – die Vernunftreligion wie ein kritisches, befreiendes Element eindringen, also die konfessionellen Religionen heilen, korrigieren. Auch in der kirchlich geprägten, der geoffenbarten Religion, gibt es für Kant vernünftige Elemente. Der allgemeine Vernunftglaube hat also Elemente, „Keime“ in der Kirchenreligion, die zur Vernunftreligion führen können. Es gibt für Kant eine langsame Annäherung an die von ihm erstrebte „unsichtbare Vernunft – Kirche aller guten Menschen“. Man könnte meinen: Je mehr die faktischen Kirchen und Religionen die Menschenrechte als wesentliche eigene Botschaft und Praxis erkennen, um so mehr nähern sie sich der universellen Vernunftreligion bereits an.
8.
Unser religionsphilosophischer Wunsch für das Jahr 2026 ist alles andere als ein schöner Traum oder bloß ein „frommer Wunsch“. Unsere Provokation ist eine Utopie, die ins Weite führt, in eine friedlichere Welt, in der nicht mehr fundamentalistische Religionen und Kirchen herrschen und ihren Unsinn politisch – kämpferisch durchsetzen. Ohne diese Hoffnung auf einen bessere Zustand der Religionen und Konfessionen stirbt das geistige Leben. Diese hier im Sinne Kants vorgestellte gute Utopie kann für uns und unsere Welt lebenserhaltend sein. Diese Utopie verhindert, dass unbedacht und undifferenziert alle Religionen und Konfessionen angesichts so vieler ihrer Irrungen und Verbrechen pauschal und „einfach so“ total „beiseite gelegt werden“.
9.
Die Vernunftreligion der Menschenrechte lebt bereits, sie ist als gute Utopie „nicht tot zu kriegen“… Die Vernunftreligion wird also die Religion der globalen Zukunft sein: weil sich immer mehr religiöse Menschen von den unverständlichen Dogmen und erstarrten Riten und infantilen Gebeten, Kirchenliedern abwenden … und die fundamentalistischen Verirrungen ihrer Religionen und Konfessionen schlicht und einfach nicht mehr ertragen können! Der “Atheismus” ist selbst eine Art Religion, meist eine fundamentalistische, also abzulehnen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Der christliche Glaube ist einfach – Auch das Bekenntnis ist einfach!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.12.2025 … nicht nur zum Weihnachtsfest aktuell…

1.

Anläßlich des Gedenkens an das Konzil von Nizäa vor 1.700 Jahren wurde viel über das dort formulierte christliche Glaubensbekenntnis gesprochen, es wurde später noch ausführlicher propagiert … gegen allerlei Ketzer … immer in einer Sprache der griechischen Philosophie: Für die meisten Menschen – zumal außerhalb Europas – sind dies eher unverständliche, existentiell nicht berührende Thesen. Aber die Kirchenführer und die ihnen ergebenen Theologen wärmen förmlich diese alten Texte immer wieder auf … um ihre klerikale Macht zu beweisen. Alte Dokumente haben bekanntlich nur Bedeutung, wenn sie zu neuen Interpretationen auffordern…

2.

In den zahlreichen Ra­dio­sen­dungen von Christian Modehn können immer wieder wichtige Hinweise entnommen werden, die eine moderne und vernünftige christliche Spiritualität inspirieren. 

3.

Im März 2014 sendete der Hessische Rundfunk in seiner Reihe „Camino“ (Red. Klaus Hofmeister) das Feature von Christian Modehn mit dem Titel „Glauben ist einfach“. 

Wir dokumentieren einige O Töne zum Thema „Glauben ist einfach“: Gemeint ist: Der christliche Glaube lässt sich auch heute in wenigen Worten nachvollziehbar sagen, er braucht nicht das ständige Beschwören und Wiederholen der uralten Bekenntnisse vor 1.700 Jahren. Damals hatten diese Christen den Mut, in ihrer Sprache der Philosophie den Glauben zu sagen, heute haben Theologen selbstverständlich die Freiheit, auf ihre Art, in ihrer Sprache, ihre christliche Spiritualität zu sagen. 

3.

Der katholische Theologe Karl Rahner ist sicher einer der wegweisenden Denker des Christelichen, er ist 1984 im Alter von 80 Jahren verstorben. Er legte in seinen zahlreichen Publikationen allen Nachdruck auf  den einen, entscheidenden Mittelpunkt des Glaubens: 

 O TON Karl RAHNER: 

Weil wir alle Religionsunterricht gehabt haben, kann es vielleicht so aussehen, als ob das Christentum, gerade das katholisch- kirchliche Christentum, eine ungeheure Menge von Dingen sagt, einen indoktriniert und zu glauben befiehlt. In Wirklichkeit sagt das Christentum das Selbstverständlichste, das gleichzeitig unbegreiflich ist: In deinem Leben ist immer schweigend,  umfassend bergend, liebend das namenlose Geheimnis am Werk, ein Christentum, das eigentlich sehr einfach ist. 

Alle subtile Theologie, alles Dogma, alles Kirchenrecht, alle Institution, alles Amt und alle seine Vollmacht; alle heiligen Liturgie und alle mutige Mission, haben nur das einzige Ziel: Glaube und Hoffnung und Liebe zu Gott und dem Menschen. Alle anderen Pläne und Taten der Kirche aber würden absurd und pervers, wollten sie sich dieser Aufgabe entziehen und allein sich selbst suchen.“

4.

Dem Projekt, auf neue Art einen einfachen, insofern armen Glauben zu formulieren, folgte etwa auch der Theologe Pater Heiner Wilmer, ihn konnten wir 2014 als Provinzial seines Ordens interviewen, inzwischen ist Wilmer Bischof von Hildesheim.

O TON, Heiner Wilmer,

Ich bin fest davon überzeugt, dass der Glaube der Zukunft nur ein armer Glaube sein kann in einer armen Kirche. Und arm verstehe ich hier als Selbstbescheidung, als Konzentration auf das Wesentliche, und ich verstehe darunter ein Zurückdrängen von Nebensächlichkeiten. Auch nebensächlichen Schauplätzen, auf die wir uns immer zu sehr getummelt haben. 

Also Glaube ist Vertrauen. Und der Gegenbegriff von Glaube ist nicht Unglaube, sondern Angst. Der gläubige Mensch ist jemand, der ein tiefes Vertrauen hat ins Leben, das Geheimnis seines eigenen Lebens. Zur Ethik: 

Wenn du dich um andere kümmerst, wirst du selbst groß. Wenn du auf andere zugehst, wächst du innerlich. Wenn du deinen eigenen Horizont sprengst und die Welt offen siehst, und auch auf Unbekanntes mutig zugehst, wirst du selbst in ungeahnter Weise wachsen und zu einer erstaunlichen Größe gelangen, die dich selbst verblüfft.

5.

Der protestantische Theologe Professor an der Humboldt Universität in Berlin war als „liberaler Theologe“ immer offen für neue Formulierungen des Glaubens. Er sagt uns in einem Interview 2013: Wilhelm Gräb von der Berliner Humboldt Universität betont:  

O TON, Wilhelm Gräb:

Das Wesen des christlichen Glaubens ist, dass das Christentum die Menschwerdung Gottes behauptet, in dem Sinne, dass wir die Entgrenzung dieser Aussage verstehen: Nicht nur in dem einen Individuum des Jesus von Nazareth ist Gott Mensch geworden. Er wird es in jedem Menschen. Jedem Menschen wohnt eine göttliche Dimension inne, dass jeder Mensch in sich selbst unendlich wichtig ist, das ist das Wesen des Christlichen. 

Wilhelm Gräb ist leider 2023 gestorben im www.religionsphilosophischer-salon.de sind zahlreiche Interviews mit Prof. Gräb nachzulesen, die Fragen stellte Christian Modehn. 

6.

Frido Pflüger hat als Jesuit viele Jahre in Uganda und Kenia gearbeitet. Im Rahmen des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes hat er dort für ein menschenwürdiges Leben ausgehungerter, sterbenskranker Flüchtlinge aus den benachbarten Krisengebieten gekämpft. Inzwischen leitet Pater Pflüger den Jesuitenflüchtlingsdienst in Berlin. Pater Pflüger ist 2021 an Covid in Uganda gestorben. 

Inmitten eines aufreibenden politischen Engagements hat Frido Pflüger das Grundlegende, das Wesentliche des christlichen Glaubens entdeckt: 

O TON, Frido Pflüger. 

Das erste Wesentliche ist für mich in meinem eigenen Leben,  dass ich diese Grundüberzeugung habe, dass mein Leben sinnvoll ist, dass mein Leben getragen oder gegründet ist auf einen Ursprung, der hält. Und das ist das Wesentlichste am christlichen Glauben, dass ich davon auch Sicherheit für mein eigenes Leben verspüre. Das heißt, das ist die Basis dafür, dass ich auch ausgreifen kann, dass ich was tun kann, dass ich einfach keine Angst haben muss um mein Leben. Egal, was ich mache. Ich sag es mal einfach so: Ich kann mein Leben auch in die Pfanne hauen für andere. Ich mach mir auch nicht viel Gedanken über das Spätere. Ich hab einfach so große Zuversicht, dass mein Leben nicht scheitern wird, dass mir das eine große Lebensgewissheit ist und Sicherheit für jetzt gibt.  Was mir diese Sicherheit dann gibt, ist mein Glaube an die Auferstehung.  

O TON, Für Frido Pflüger ist in dem Zusammenhang das Thema Beten wichtig: 

Auf der einen Seite kommt natürlich durch die Erfahrung von Leid und Not, auch Tod, andere Dimension ins Gebet. Weil das einfach Anliegen meines Gebets wird.  Dass ich die Menschen, die ich kenne und die in diesen Situationen leben, dass ich für sie bete. Das Beten heißt: Dass sie in meinem Herzen sind, in meinem Herzen mit Gott verbunden. Und auf der anderen Seite gibt das Gebet natürlich trotzdem dann auch für mich Bestärkung, meinen Weg weiterzugehen. Und den Sinn für mein Leben zu bestärken, dass ich diese Dinge zugunsten der Armen mit den Armen tun kann. Denn manchmal ist man auch einfach müde, und da brauche ich diese Kraft, dass ich mein Herz öffne für die Leute.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Mit Boccaccio in die Religionskritik

Erinnerungen an den Dichter anläßlich seines 700.Todestages am 21. Dezember

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.

Die Erinnerung an den Dichter Giovanni Bocaccio anläßlich seines 700. Todestages am 21. Dezember 2025 führt uns zu seinem Werk, vor allem zum „Decameron“ und dort besonders zu seiner Kirchen – und Kleruskritik und von dort aus weiter zur Erkenntnis der Historiker: Die „Christenheit“ im (Spät-) Mittelalter und der Renaissance war überhaupt nicht vorbildlich fromm, wie die Idealisierer der mittelalterlichen katholischen Welt stets gern behaupten. Dabei erinnern wir zugleich an die grundlegenden Erkenntnisse des Mentalitäts – Historikers Jean Delumeau in seiner grundlegenden Studie „Stirbt das Christentum“ (1978): „Von einer mittelalterlichen Christenheit kann man nur sprechen, indem man sich an den Mythos eines goldenen Zeitalters klammert.“ (S. 36) 

2.

Erotische Liebe, selbstverständlich nicht die „platonische“, sondern die ganzheitliche, also körperliche, nicht nur verstehen, sondern in aller Leidenschaft praktizieren: Davon ist der Dichter Giovanni Boccaccio überzeugt und so erzählt er voller Lust – im Spät-Mittelalter! 

Giovanni Boccaccio  wurde am 16.6.1313 in oder bei Florenz geboren, vor 700 Jahren ist er gestorben. Boccaccio ist einer der Meister italienischer Dichtung im Übergang vom Spätmittelalter in die Renaissance und den Humanismus. Und er ist aktuell, wird neu übersetzt und wohl auch gelesen bis heute, man denke an den Film „Decameron“ von Pasolini im Jahr 1970. 

Wir erinnern an Boccaccio, weil er die erotische Liebe als Lebenskraft versteht – und dies ausgerechnet in Zeiten tiefer existentieller Bedrohung: Von 1346-1353 wurde Italien, wurden große Teile Europas, von der Pest, dem „schwarzen Tod“, heimgesucht. Etwa 25 Millionen Menschen starben an der Seuche.

3.

„Decameron“ hat Boccaccio während der Pest entwickelt und 1351 vollendet. Er erzählt von jungen Leuten, die 1348, während der Pest, die Stadt verlassen und in der Umgebung von Florenz Sicherheit und Zuflucht suchen. Zwei Wochen erzählen sie sich Geschichten, Novellen.

„Boccaccio empfiehlt die Liebe als Lebenskraft in der Todeszeit der Epidemie. Er zeigt, „wie gefährdet die Liebe ist in der realen Welt der Familie, der Geschäfte und der feudalen Herrschaftsverhältnisse“, schreibt der Philosoph und Mittelalter – Spezialist Kurt Flasch in der „Süddeutschen Zeitung“ am 20./21. Dezember 2025, Seite 20. Boccaccio erzählt, „wie nach dem Ausbruch der Pandemie viele Einwohner seiner Heimatstadt Florenz ihren sozialen Verpflichtungen nicht mehr nachkamen, wie das soziale Leben zerstört wird.“ 

4.

Ein anderer der großen italienischen Dichter, Dante Alighieri (1265-1321) muss in dem Zusammenhang erwähnt werden. Dante ist noch stark an den katholischen Glauben und seine Dogmen gebunden, ist aber doch ein heftiger Kritiker des Klerus. Also: Kirchenkritik ist in Italien im 14. Jahrhundert in Kreisen „gebildeter Laien“ üblich. Auch Boccaccio leistet dazu einen wichtigen Beitrag, religionsphilosophisch bedeutend und aktuell für die Gegenwart: Er kritisiert den Lebenswandel des Klerus, dessen Verlogenheit, dessen sexuelle Gier bei einer scheinheilig betonten Keuschheit und Armut, oft in einem ironischen, in einem unterhaltsamen Ton. Man denke an die Geschichte des damals ziemlich berühmten „Ser Ciappelletto“ , wie die Franzosen sagen, in Italien ist es der Cepperello, ein Bösewicht sondergleichen: Betrügen, morden, huren… und darauf ist er noch stolz: Auch Lügen ist seine große Stärke. Er erzählt einem Mönch so viele Unwahrheiten von sich selbst, dass dieser arme, aber dumme Geistliche alles glaubt und dafür sorgt, dass die Frommen, ebenfalls als die Dummen dargestellt, diesen bösen Typ als einen Heiligen verehren. Allein schon mit dieser Geschichte der leichtgläubig Gläubigen, im Klerus wie unter den Laien, zeigt Boccaccio seine Skepsis gegenüber der kirchlichen, vom Klerus bestimmten  Welt der Naivität, Lüge, Verführbarkeit durch Unwissen. 

5.

Der Philosophiehistoriker Georges Minois hat seinem Standardwerk „Geschichte des Atheismus“ (2000,  S. 169 ff., auch S. 95 ff.) in einem Kapitel „Der Unglaube in Italien“ auf Boccaccio hingewiesen: „Das Dekameron wimmelt von Bildern und Porträts , die eine liederliche und ungläubige Gesellschaft zeigen….“ (S. 98). In seinem Text „De genealogia deorum“ , „Über die Genealogie der Götter“ (1360), weist Boccaccio förmlich schon auf Ludwig Feuerbach (1804-1872), wenn er die Götter als Konstrukte der Menschen versteht.  Die kirchenkritischen Autoren am Ende des Mittelalters und am Beginn der Neuzeit „dürfen alles schreiben, nur nicht, was die Macht des Papstes angreift. Weil man in Rom den Atheisten, den Sodomiten , den Freigeistern und vielen anderen Schurken verzeiht, niemals aber denen, die den Papst oder jene päpstliche Allmacht in  Zweifel zu ziehen scheinen“, so zitiert der Philosophiehistoriker Minois (S. 265) den französischen Philosophen Gabriel Naudé (1600-1653), Naudé hatte sich damals mit der Kirchenkritik ausführlich auseinandergesetzt.

6.

Frühe Interpreten Boccaccio, wie Prosper Marchand ,behaupteten 1759: Boccaccio sei ein „vollkommener Atheist gewesen“ (Minois, S. 98): Er denkt dabei an eine Erzählung im „Decameron“: Dort wird die Geschichte der Gleichwertigkeit der drei monotheistischen Religionen in einem Mythos erzählt, der später von Lessing als „Ringparabel“ allgemeine Aufmerksamkeit fand. Aber Boccaccio hat den Mythos schon erzählt. Aber wegen dieses Textes Boccaccio einen „vollkommenen Atheisten“ zu nennen, ist maßlos und falsch, Ausdruck christlicher Überlegenheit und Herrschaft damals, kein Wunder, dass Boccaccio Werke vom Papst auf den Index der für Katholiken verbotenen Bücher gesetzt wurde. 

7.

Im Blick auf die Geschichte der Kirche und des üblichen Sprechens von der „gläubigen Christenheit“ vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit schreibt der Historiker Jean Delumeau in „Stirbt das Christentum?“: „Diese Christenheit war eher eine autoritäre Konstruktion, ein gemeinsamer Rahmen für die Völker, als der bewusste Glaube der Massen an die Offenbarung…Die Christenheit wurde nie in übereinstimmender Überzeugung  oder gar des Verhaltens gelebt… Von diesem Standpunkt aus war die Christenheit ein Traum, den man für Realität gehalten hat.“ (S. 46f.). 

8.

Geträumt hat auch die Christenheit, unter der Herrschaft der Päpste, als der kritische italienische Theologe Lorenzo Valla (1406-1457) in seiner Schrift „Über die falsch geglaubte und erlogene Konstantinische Schenkung“ (Übersetzung des lateinischen Titels) aus dem Jahr 1440 beweisen konnte: Die Ansprüche der Päpste auf weltliche Macht mit einem Kirchenstaat durch eine Schenkung Kaiser Konstantins beruhen auf einer Lüge und Fälschung: Kaiser Konstantin (er hatte das Konzil von Nizäa 325 einberufen) hatte nie, wie die Päpste behaupten, die weltliche Macht der Päpste begründet. „Valla liefert die durchschlagenden historisch-philologischen Beweise“, dass die Konstantinische Schenkung eines Kirchenstaates eine Lüge ist. (T.S. Hoffmann, „Philosophie in Italien“, Wiesbaden 2007, S. 219). 

9.

Was also denken wir in einer eher knappen Erinnerung an Boccaccio: Eine von allen respektierte katholische Welt, vom Klerus zwar beherrscht, gab es schon im Mittelalter nicht. Einige Katholiken hatten den Mut, die verheerende  Sexuallehre der Kirche durch eine freie erotisch-sexuelle Praxis zu überwinden. Die Päpste konnten ihre politischen Machtansprüche durch Fälschungen und Lügen („Konstantinische Schenkung“) Jahrhunderte lang – auch durch Kriege, von Päpsten geführt, etablieren; der Vatikanstaat konnte sich bis 1870 als politische Macht halten! Wo sind heute im katholischen System Lügen und fundamentalistische Fehlinterpretationen der Bibel zu finden? Ein weites Feld. Der niemals akzeptable Ausschluss der Frauen aus den kirchlichen Ämtern ist das deutliche Beispiel für eine fundamentalitische Deutung von Jesu Worten und Praxis („Er hat ja nur Männer zu Aposteln erwählt“ heißt es dann im Rahmen des vatikanischen Klerikalismus. 

Sogar eine Erinnerung an den Dichter Boccaccio führt in die Tiefen aktueller philosophischer Religionskritik… 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin