Ein Hinweis von Christian Modehn am 11.8.2026
1.
Kontemplation ist ein Begriff, der sich auf die religiöse Praxis im Sinne der mystischen Traditionen in den Kirchen bezieht. Kontemplation meint das Sich – Versenken der Frommen in die göttlichen Geheimnisse, die in der Bibel überliefert oder von der Kirchenführung gelehrt werden. Die Karmeliterorden nennen bis heute die Kontemplation als die wichtige Praxis ihrer Mitglieder, inspiriert von Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz. Aber auch für die Schweigeorden der Trappisten und Kartäuser ist Kontemplation zentral. Für „normale“ (Laien)-Christen ist Kontemplation in dem Sinne eine ferne Welt…
2.
Kontemplation wird im 20. Jahrhundert, mit einem säkularen, weltlichen Inhalt, eine Art Leitidee der PhilosophieTheodor W. Adornos. Dieser Wandel des Begriffs Kontemplation und der mit ihm gemeinten Praxis ist ein weiteres Element für das
Verstehen unserer Gegenwart, also auch für uns kein Nebenthema.
3.
Die Säkularisierung von Begriffen aus der metaphysischen und religiösen Tradition interessiert uns sehr. Der Philosoph Martin Seel machte auf „Adornos Philosophie der Kontemplation“ schon 2004 (Suhrkamp Verlag) aufmerksam. Seel betont: Kontemplation ist für Adorno alles andere als ein Nebenthema.
Als junger Philosoph hat Adorno die Kontemplation zurückgewiesen und allen Wert darauf gelegt, dass Philosophie niemals einer „selbstgenügsamen Kontemplation“ verfallen sollte. Er dachte dabei an eine Kontemplation, die sich – abgeschieden vom Geschehen der Welt – der Betrachtung des Ewigen, Himmlischen etc. hingibt.
4.
Später, so Martin Seel, entwickelte Adorno die Kontemplation als das normative Kriterium für sein Philosophieren überhaupt. „Die These unseres Beitrags lautet, das es sich hierbei um das für Adornos Denken zentrale Kriterium der Bewertung menschlicher Zustände handelt. Kontemplative Erfahrung stellt die normative Grundlage seines Philosophierens dar.“ (S. 13).
Mit seinem Plädoyer, kontemplativ zu denken und kontemplativ zu leben, meint Adorno eine entscheidende Haltung: Menschen und Dinge in ihrer individuellen Besonderheit wahrnehmen, Sinn entwickeln für das Unwiederholbare im Leben, und den Tendenzen widerstehen, Menschen und Dinge nach dem Kriterium der Zweckmäßigkeit anzusehen und entsprechend „technisch“ zu verwenden.
5.
Kontemplation ist also, ein Geltenlassen und Sein -Lassen der anderen, der Menschen und der Welt. Vorausgesetzt ist dabei auch der Abstand von den Zwängen des Alltags und seines Tuns, also die Möglichkeit, auf die Dinge und Menschen kritisch zu schauen, ihre Einmaligkeit wahrzunehmen, mit ihnen in Kommunikation zu treten ohne den Gedanken an Herrschaft: Menschen und Dinge also zu pflegen und zu behüten. Martin Seel schreibt: „Die Fähigkeit, andere und anderes in ihre Sonderheit sein zu lassen, bildet der Prüfstein, an dem Adorno den gesellschaftliche Zustand misst.“ (S. 25). Ein sehr aktuelles, dringendes Thema: Wir denken an die Abwehr der Flüchtlinge, die Mauern, die Europa umgeben; die Rechtlosigkeit von Queers nicht nur in christlichen Staaten Afrikas.
6.
Martin Seel betont: Man solle nun bloß nicht Adorno insgesamt so interpretieren, als lasse er nur noch kontemplatives Verhalten gegenüber den Menschen und den Dingen als einzige menschliche humane Praxis gelten. Als bräuchten der Mensch und die Gesellschaft nicht immer auch das technische Tun, die Gestaltung von Welt und Gesellschaft, also das, was die Kritische Theorie „instrumentelles Verhalten“ nennt: Aber: diese Welt der Technik und Verwaltung muss immer von dem genannten Kriterium der Kontemplation kritisiert und in ihrer Allmachts – Tendenz zurückgewiesen werden!
7.
Die von Adorno beschriebene Kontemplation ist also eine jedem Menschen innewohnende „korrektive Kraft“ , betont Martin Seel (S. 38).
8.
Darin können sich die klassische metaphysisch – religiöse Kontemplation und die säkulare Kontemplation Adornos treffen: Kontemplation ist eine dem Menschen immer gegebene Möglichkeit, aus seinem Egoismus, seiner Fixierung auf instrumentelles Handeln herauszutreten. Kontemplation ist also klassisch wie für Adorno eine aus dem engen Ego herausführende, eine transzendierende Bewegung.
Nur: Die Klassische Kontemplation in den Kirchen, zumal in den „beschaulichen Orden“, meint eher die soziale und politische Aktion zurückweisende Haltung der Versenkung: Bitte immer im Schweigen, so die Ordensregel – in eine göttlich gedachte Wirklichkeit. Aber diese Tradition wird jetzt langsam überwunden.
9.
Man denke an die Erfahrungen des us-amerikanischen Trappistenmönchs Thomas Merton (1915-1968) , bis heute ein vielfach geachteter spiritueller Autor: Er konnte sich von den strengen Klosterregeln etwas befreien und ein Einsiedler – Leben auf seinem Klostergelände führen, das ihm dann gerade politisches Engagement für die Friedensbewegung in den USA gegen den Vietnam – Krieg erlaubte.
Der Trappistenönch Merton schreibt: „Kontemplation ist der höchste Ausdruck des intellektuellen und spirituellen Lebens des Menschen … Es ist spirituelles Wunder. Es ist eine spontane Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Lebens, des Seins. Es ist eine lebendige Erkenntnis der Tatsache, dass das Leben und das Sein in uns von einer unsichtbaren, transzendenten und unendlich reichlich vorhandenen Quelle ausgehen. Kontemplation ist vor allem das Bewusstsein für die Realität dieser Quelle“ (in Thomas Merton: New Seeds of Contemplation, Quelle: https://www.thomasmertonnyc.org/about-merton/explore/2016/7/5/the-contemplative
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In der Befreiungstheologie (teología de la liberacion) heute wird die Kontemplation als politische Kraft entdeckt: Sie zeigt den Christen und den Kirchen, in den Armen und Unterdrückten eine göttliche Präsenz wahr – zunehmen: Also den absolute Bedeutung eines jedes Menschen, auch des Armen, politisch zu fördern. „Die Kontemplation Christi im leidenden Ausgestoßenen und geknechteten Bruder ist ein Appell zu tätigem Einsatz. Dies bildet den geschichtlichen Inhalt der christlichen Kontemplation in der lateinamerikanischen Kirche“, schreibt der chilenische Theologe Segundo Galilea 1974, zit. siehe Fußnote 1:
11.
Wenn sich die christliche Kontemplation erneuert und auf die übliche Weltflucht verzichtet, kann sie in lernbereite Kommunikation mit der säkularen Kontemplation treten: Ihr geht es auch um die von instrumentellen Interessen befreite Anerkennung der Menschen als Menschen… Kontemplatives Leben ist in beiden Gestalten von Kontemplation immer ein Kampf für die Menschenwürde und die Menschenrechte…Vielleicht sollten Christen öfter mal Texte von Theodor W. Adorno lesen.
Fußnote 1: Zit in: Christian Modehn, „Kampf – Kontemplation -Theologie. Eine Skizze“. In dem Sammelband „Befreiende Theologie“, hg. von Karl Rahner, Christian Modehn, Hans Zwiefelhofer, Stuttgart 1977, S. 27.
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin
