Aberglaube im Katholizismus – auch heute noch!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 27.11.2021.

Zur Einstimmung:

„Der Aberglaube hat die christliche Kirche von Anfang an verpestet. Die Kirche hat die Magie immer verdammt, aber immer an sie geglaubt“. (Voltaire, 1694 – 1776, „Philosophisches Wörterbuch“, Frankfurt am Main, 1985, S. 48.)

„Es wird (in der Kirche) eine eigenwillige Frömmigkeit der Ignoranz rhetorisch stark gemacht, so, als ob Gott tatsächlich irgendwie unmittelbar in den Lauf der Dinge eingriffe… Auch der christliche Gottesbegriff weist Konstruktionsfehler auf“. (Oliver Wintzek, Kathol. Theologe und Privatdozent an der Uni Freiburg, Herder-Korrespondenz 2021, S. 47).

„So will Gott nicht trotz seiner Unbegreiflichkeit, sondern gerade in seiner Unbegreiflichkeit die Seligkeit des Menschen sein“. Karl Rahner SJ, „Über die Verborgenheit Gottes“, Gesammelte Schriften 1975, s. 300).

1.
Dieser Beitrag ist „pro-vozierend“, also „heraus-rufend, heraus-fordernd“. Befreiend von einem verfehlten christlichen Denken und Handeln. Der Beitrag will also stören, bei dem bedenkenlosen Gerede in der katholischen Kirche heute, dass Gott und die Heiligen überall je nach Laune wirken und walten, vor allem in der Hierarchie, die über die absolute Interpretationsgewalt zu Gottes Anwesenheit verfügt. Als These zusammengefasst: Der katholische Glaube und die katholische Kirchenpraxis sind auf weiten Gebieten auch heute noch Aberglaube. Und Aberglaube sollte eigentlich nicht das spirituelle Leben der Menschen bestimmen. Ob diese Erkenntnis bei den allseits bekannten katholischen Erstarrungen eine Chance hat, wirksam und verändernd zu sein?

2.

Aberglaube wird hier in einem umfassenden Sinn verstanden. Gedacht ist natürlich nicht an populäre Meinungen und schlichte Irritationen etwa anlässlich des Auftretens schwarzer Katzen oder an das mehrfache Klopfen auf den Tisch, um Böses zu verhindern, vom „Freitag, den 13.“ ganz zu schweigen.

3..

Hier wird Aberglaube als weit verbreitete religiöse Haltung und Praxis vieler frommer Katholiken und ihrer Führer verstanden. Dieser Aberglaube wird als der grenzenlose Überschuss an Frömmigkeit und „Spiritualität“ gedeutet, mit dem Ziel, alles religiös, spirituell, „mystische und mythische Ahnbare“ mit dem christlichen Glauben zu verbinden. Etwa das Einsalben der Körper von Menschen und Tieren mit heiligen Ölen als Hilfe bei Krankheit, man denke an das St. Rita-Öl oder an das das heilige Wasser des Marienwallfahrtsortes Lourdes. Oder an die propagierten „Gebetsstürme“ der Fatima-Freunde einst, um im Gebet den Kommunismus zu besiegen. Er wurde ja besiegt, aber sicher nicht von Gebetsstürmen… Oder man denke an den Wahn, irgendwelche kleine Schnipsel des Kreuzes Jesu von Nazareth oder gar von Jesu Vorhaut als Objekte der Verehrung im Besitz einer Kirchengemeinde zu haben.

Die Praxis des Katholizismus war und ist durchsetzt von diesen wahnhaften Vorstellungen, die sich gegen jegliche, der allgemeinen Vernunft zugängliche Argumente sperren. Das Problematische ist, dass fromme Katholiken im Vollzug der genannten „volkstümlichen“ Praktiken meinen, wirklich mit Gott verbunden zu sein bzw. in dem Unendlichen/Ewigen geborgen zu sein. Das kann ja subjektiv so gefühlt werden, warum aber der schwierige Umweg über diese Praktiken, die an Magie erinnern und nichts mit einem reifen, kritisch reflektierten Glauben zu tun haben. Das bekannte Bonmot „Im Himmel ist Jahrmarkt“ passt gut in diesen Zusammenhang. Auf theologisch noch problematischere Formen des katholischen Aberglaubens wird später noch ausführlicher hingewiesen.

4.

Die Kleriker, vor allem die Glaubensbehörden im Vatikan, tun alles, damit diese phantasievollen und oft wahnhaften Überzeugungen und Praktiken beibehalten werden, etwa das Segnen von Autos und Tieren und Handys, schließlich profitieren sie als Kleriker finanziell von diesen Segnungshandlungen. Denn Segnen als feierlichen offiziellen Ritus darf bekanntlich nur der Kleriker…Auch die Überzeugung, dass Maria die Mutter Jesu, selbst unbefleckt empfangen wurde, könnte man in diesen der Vernunft nun schon nicht mehr vermittelbaren Aberglauben einordnen. Schließlich sind ja selbst die Eltern dieser Maria, also Anna und Joachim, erfundene, „mythische“ Gestalten, aber natürlich selbst als erfundene Heilige werden sie sehr verehrt! Die Überzeugung, dass es eine Hierarchie der Engel im Himmel gibt, Cherubim und Seraphim, dass es eine spezielle Vorhölle für ungetaufte Kinder gibt, dass der „liebe Gott“ durch den Mund Jesu den Zölibat der Priester (Männer!) persönlich wünscht. All das wird ein Mensch, der die kritisch reflektierte Vernunft als Maßstab der Lebensorientierung nimmt,  als Aberglauben bezeichnen.

5.

Manchmal wird dieser fromme Wahn des Aberglaubens selbst den Herren im Vatikan zu viel, wenn sie etwa die Idee zurückweisen, Maria die Mutter Jesu von Nazareth, sei durchaus als Mit-Erlöserin zu verehren. Das würde dann doch stark an eine „heidnische“ (?) Muttergottheit erinnern, aber zu viel Weiblichkeit wollen die zölibatären Kleriker ohnehin nicht.

6.

Deutlich ist jedenfalls geworden: Die Hierarchie lässt im großen und ganzen diesen wild wuchernden Glauben, den katholischen Aberglauben, zu, weil man die so genannten „einfachen Gläubigen“ in ihrer „Volksreligion“ nicht kritisch bilden will und kann. Sowie: Weil der Klerus davon auch finanziell  profitiert – siehe das Geschäft mit den und in den Wallfahrten, den „Wunderorten“!

Oder man denke daran, dass Katholiken immer noch und weltweit – auch in Deutschland – für 5 oder 10 Euro eine Messe beim Priester „bestellen“ können, der dann im Anliegen des Geldgebers die Messe feiert und speziell etwa für einen bestimmten Verstorbenen betet (dass dieser doch alsbald aus dem Fegefeuer entlassen wird…) Man nennt diesen Handel üblicherweise „Messstipendien“ für Priester. Die Gelder, die der Priester entgegennimmt, sollten in Deutschland der Gemeinde, nicht der Person des Priesters, zugutekommen. Das betont auch eine Information der Benediktinerabtei Münsterschwarzach, der Abtei, in der der erfolgreiche Vielschreiber Pater Anselm Grün wirkt. LINK https://www.abtei-muensterschwarzach.de/beten/messstipendien

Die Benediktiner verlangen nur 5 Euro pro bestellte Messe. Die sehr wohlhabenden Ordensleute von den „Legionären Christi“ verlangen unbescheiden 10 Euro, so heißt es auf ihrer Website. Sie empfiehlt auch die „Gregorianische Messe“, diese wird von den „Legionären“ 10mal gelesen, kostet bei ihnen allerdings 350 Euro. (https://www.messintentionen.de/messe/unterstuetzen-sie-uns-mit-einem-mess-stipendium.html)

Aber abgesehen vom finanziellen Handel: Nicht nachvollziehbar ist die Vorstellung, dass ein Priester, der die Messe (Eucharistie) liest/feiert, mit diesem seinen Kultus Gott im Himmel bewegen könnte, doch etwas Besonderes für die Seele etwa des Herrn Fritz Schulz (im Fegefeuer) zu tun. Welches infantile Gottesbild wird da noch am Leben erhalten?

Man sieht: Wenn man einmal anfängt, sonderbare und heute schrullig wirkende, unvernünftige Überzeugungen und Praktiken im Katholizismus aufzulisten, kommt man mit diesen Formen eines katholischen Aberglaubens an kein Ende.

Es herrscht diese diffuse, schwammige Mischung auch im heutigen Katholizismus, diese Mischung von etwas Progressivem, von etwas religiös Seriösem, auch ursprünglich Jesuanischem, „Evangelischem“ UND eben diese Anwesenheit von vielem Abstrusen, Konstruiertem, Neurotischem, Krankhaften und Abergläubischen.

7.

In dieser Kritik am Aberglauben im Katholizismus hat man sogar ein wenig auch die offizielle Kirchenlehre auf seiner Seite. In einer allgemein gehaltenen Formulierung des offiziellen katholischen Katechismus (von 1993) lehren sogar die Herren im Vatikan: „Der Aberglaube ist gewissermaßen ein abartiges Zuviel an Religiosität“ (§ 2110).

8.

Dieses „Zuviel an katholischer Religiosität“ wird in diesem Beitrag nur in einigen Umrissen untersucht. Das Kriterium, das Aberglauben von einem reifen, kritischen religiösen Glauben unterscheidet, kann nicht aus den Glaubenslehren selbst stammen! Dies sind in sich zu verwirrend. Das Kriterium kann nur die allgemeine selbstkritische Vernunft sein und die von ihr als universal einsichtig formulierten Menschenrechte. Dabei spielt auch ein vernünftiger Bezug des Menschen zu einer transzendenten Wirklichkeit eine Rolle!

9.

Das Thema ist alles andere als eine intellektuelle Spielerei oder bloß eine Spezialfrage für Theologen oder Philosophen. Denn die Bedeutung des Aberglaubens für die seelische Gesundheit eines sich religiös nennenden Menschen ist offensichtlich. Wer in wichtigen Fragen seiner Lebensphilosophie (z.B. auch „Glauben“ genannt) beginnt, spinös zu werden, zerstört langfristig sein klares, argumentierendes, selbstkritisches Denken. Auch Demokratie kann nur (über)leben, wenn es möglichst wenig politischen-ideologischen-religiösen Aberglauben gibt, siehe jetzt den Wahn der Verschwörungstheoretiker angesichts der Corona-Epidemie oder den Reinkarnationsglauben etwa in Anthroposophen-Kreisen als Abwehr gegen die Corona-Impfung. Im katholischen Bereich denke man an die gewaltsamen Attacken von Marien-Fans gegen den Film „Je vous salue Marie“ in den Pariser Kinos oder die gewaltsamen Attacken derer, die PRO LIFE als Verbot jeglichen Schwangerschaftsabbruches verstehen und deswegen Abtreibungs-Klinken und Ärzte in den USA oder Polen schikanieren.

10..

Der Philosoph Voltaire hat in seinem „Philosophischen Wörterbuch“ klar gesagt: „Der Abergläubische wird vom Fanatiker beherrscht und wird selbst zum Fanatiker. Kurz, je weniger Aberglaube, desto weniger Fanatismus, und je weniger Fanatismus, desto weniger Unheil“ (Voltaire, Philosophisches Wörterbuch, Frankfurt am Main, 1985, S.48 und 51).  Es sind also bereits Fanatiker, auch religiöse Führer, Kleriker und fundamentalistische Katholiken, die ihren eigenen Aberglauben anderen aufdrängen, das sagt Voltaire! Im Zusammenhang des sexuellen Missbrauchs durch Priester wurde vielfach deren propagierte abergläubische Theologie freigelegt…Etwa so: Ein Engel soll es dem pädophilen Ordensgründer der Legionäre Christi, Marcial Maciel, befohlen haben, dass ein Knabe ihn sexuell im Kloster befriedigt, angeblich sollte so Maciels Krankheit geheilt werden…, das redete der Chef des Ordens der Legionäre Christi den Knaben, ein, die er nachts in sein Bett lockte…So berichten die Opfer… Zum sexuellen Missbrauch durch Priester: LINK

11.

Hier geht es um den Aberglauben in der katholischen Kirche heute. Und selbstverständlich müsste das Thema auch in den evangelikalen Kirchen und Pfingstgemeinden diskutiert werden, selbstverständlich auch in allen orthodoxen Kirchen oder auch in allen anderen Religionen und Ideologien und Weltanschauungen. Vor allem ist niemand und keine Organisation geschützt, in Aberglauben zu versinken. Und Psychologen müssten untersuchen, ob Aberglauben irgendwie zur strukturell bedingten seelischen Verführbarkeit „des“ Menschen gehört. Ein weites Feld…

12.

Um noch einmal auf den offiziellen katholischen Katechismus (1993 im Vatikan in sehr vielen Sprachen erschienen) zurückzukommen: Er spricht anlässlich der Bestimmungen zum „Ersten Gebot“ merkwürdigerweise nur sehr allgemein von „dem“ Aberglauben , und dieser wird in einem Atemzug mit dem „Unglauben“ bzw. dem Atheismus verbunden. „Das erste Gebot („Du sollst neben mir keine anderen Götter haben“) untersagt Aberglauben und Unglauben“… „Der Aberglaube ist gewissermaßen ein abartiges Zuviel an Religiosität“ (§ 2110).

Damit wird überraschend eine interessante Perspektive eröffnet. Denn von einem „Zuviel“ an Religiosität kann im Katholizismus damals wie heute die Rede sein. Man denke, wie schon angedeutet, an die Wallfahrten und Gelübde, den Kult mit den Heiligen; man denke an die besondere, oft neurotische Verehrung, („Hochwürden“, „Exzellenz“, „Heiliger Vater“…), die immer noch Priester und Ordensleute als „besondere Katholiken“ „genießen“; man denke die überschwänglichen und jeder Vernunft entbehrenden Lieder zu Ehren Marias der „Gottesmutter“, die offiziell üblichen Segnungen von Autos und Tieren und Handys (aber nicht von Homosexuellen) usw.

Aber dieser maßlose Überschwang, der zum Aberglauben führt, wird im Katechismus selbst nicht ausführlicher thematisiert. Kardinal Ratzinger, damals als Glaubens-Behörden-Chef oberster Verantwortlicher für dieses Buch, in der deutschen Ausgabe mit 816 Seiten, ahnte wohl, dass es diplomatisch klüger ist, nicht zu konkret die Irrwege des Aberglaubens im heutigen Katholizismus zu beschreiben. Immerhin: In § 2111 wird Aberglauben „als Entgleisung verstanden, als Entgleisung des religiösen Empfindens und der Handlungen. Aberglaube kann sich auch in die Verehrung einschleichen, die wir dem „wahren Gott“ erweisen. Im Katechismus heißt es weiter: „So wenn z.B. bestimmten, berechtigten oder notwendigen Handlungen eine magische Bedeutung beigemessen wird“. Auch das bloß äußerliche Verrichten von Gebeten ohne „innere Haltungen“ wird im Katechismus Aberglaube genannt. Aber wie gesagt, all dies wird nicht weiter vertieft und mit Beispielen belegt. Ob im Katechismus bei den „bei dem bloß äußerlichen Verrichten von Gebeten“ etwa auch an den beliebten „Rosenkranz“ gedacht ist, den man/frau bekanntlich wie im Dämmerzustand herunterplappern kann? Aber vielleicht ist gerade dieses Dämmern im Religiösen heilsam und genauso viel wert wie die „esoterische Musik zur Entspannung?

13.

Bei der Dokumentation des umfassend praktizierten Aberglaubens im Katholizismus sollt man selbstverständlich auch vom Ablass sprechen, den der Katechismus immer noch verteidigt (§ 1471)! Oder vom Bittgebet (§ 2629ff.). Aber beides wird leider im Katechismus nicht mit Aberglauben in Verbindung gebracht. Und das ist theologisch falsch!

14..

Eher zufällig ein Beispiel aus der Fülle der Möglichkeiten, um Aberglauben förmlich als universale Dimension im Katholizismus zu belegen: Da laden z.B. der evangelische und der katholische Bischof von Berlin zu einem ökumenischen Gottesdienst ein – anlässlich der konstituierenden Sitzung des Berliner Abgeordneten-Hauses am 4.November 2021: Sie sprechen dabei, wie selbstverständlich, als ob man vom Wetter redetet, von Gott, dem Herrn, und er wird ausdrücklich wie ein zuhörender Teilnehmer angesprochen und gebeten, den Abgeordneten beizustehen: „Schenke ihnen Kraft, Mut und gute Ideen für das Gemeinwohl, und stärke sie, sich für eine Kultur des Miteinanders einzusetzen.“

Man stelle sich das vor: Gott als Gott wird als ein personaler Himmelsherr gedacht, der – wie ein Übermensch – „Kraft, Mut und gute Ideen schenken“ kann. Dieser Gott wird von den Herren der Kirche gar nicht weiter erklärt, zumal in dieser Stadt Berlin, in der bekanntlich sehr viele säkulare Menschen (und sich säkular verstehende PolitikerInnen) leben. Dieser allzu menschlich erscheinende und aktuell verfügbare Gott soll also in seiner willkürlichen Freiheit in den Geist der Abgeordneten „Kraft, Mut und gute Ideen“ einfügen. Ein Geschehen, das an die klassischen Erklärungen der „unbefleckten Empfängnis“ Jesu erinnern. Der Heilige Geist soll nach alter Lehre durch ein Ohr (!) Mariens irgendwie mysteriös in Mariens Leib geraten sein. Man vergleiche dazu den Beitrag im katholischen Pressedienst CNA aus den USA am 25.3.2021: Quelle: https://de.catholicnewsagency.com/article/empfaengnis-durch-durch-das-ohr-1292

15.

Auch das populäre Bittgebet sollte viel ausführlicher als Form des Aberglaubens, im angedeuteten “weiten Sinne“, diskutiert werden. Wenn Christen glauben: Gott ist Person, mit leicht relativierenden Anführungszeichen oder auch nicht gemeint, dann betonen sie: Der Glaubende könne diese göttliche Person direkt ansprechen. Und viele meinen sogar, in einen Dialog mit Gott eintreten zu können und fürs eigene Wohlergehen um Gottes hilfreiches Eingreifen bitten. An den leidenden Nächsten wird dabei oft nicht gedacht, hier hat das Ego alle religiöse Bedeutung.

Ich weiß, die reflektierte und kritische Theologie in Europa hält inzwischen nicht mehr viel von dem fordernden Bittgebet der Frommen, die mit Gott wie mit einem Kumpel auf Du stehen. Tatsache aber ist, dass die populäre und manchmal gedankenlose Gebets-Praxis immer noch üblich ist. Zeigt sich darin etwa, dass „der“ Mensch unheilbar naiv-religiös ist?

16..

Ein weiteres, eher zufällig aus vielen anderen Beispielen gefundenes Exempel: Eine Äußerung von Pater Klaus Mertes SJ im Kölner DOM-Radio: „Ich nenne ein Beispiel: Eine Freundin, die nicht glaubt, ruft mich an und fragt mich: Kannst du bitte für mich beten? Ich bin an Krebs erkrankt, ich kann selbst nicht beten. Auf diese Frage kann ich ja nur mit “ja” antworten, wenn ich tatsächlich glaube, dass es so etwas wie eine Stellvertretung anderer vor Gott geben kann“ (Quelle:  Interview im Dom-Radio 26.10.21).

Was folgt daraus: Der Fromme kann also aufgrund seiner Qualität der Gottes-Verbundenheit seine Beziehungen mit Gott sozusagen spielen lassen und für eine offenbar atheistische Freundin eintreten: Das ist nur eine Art Rechnerei innerhalb der göttlichen Welt. Der “Stellvertreter“, der Fromme, wird’s schon richten… Wie weit dürfen theologische „Spekulationen“ eigentlich gehen, wäre die Frage.

17.

Es wird also zu Beginn des 21. Jahrhundert  noch eine katholische Religion praktiziert, die niemals auf Wunder verzichten kann und Unmögliches für möglich hält und dieses dann als Religion verkauft! Wer sich etwa mit dem weltbekannten Marienwallfahrtsort Lourdes in Frankreich befasst, wird dort im Jahr 1858 mit dem angeblichen Auftreten Marias, der Mutter Jesu von Nazareth, konfrontiert. Sie ist vom 11. 2. bis zum 16. 7.1858 in dem französischen Dorf höchstpersönlich in Gestalt einer weiß gekleideten Frau 18mal „erschienen“ und hat dem Kinde, dem „Seher-Kind“, der 14 Jahre jungen Bernadette Soubirous, (1844-1879), auf Französisch gesagt: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“. Maria selbst also befahl nicht in ihrer Muttersprache Aramäisch, sondern auf Französisch, Buße zu tun, eine Kapelle am Ort ihres Auftretens zu errichten (mit Blick auf späteren Wallfahrer-Tourismus) und „dass man in Prozessionen hierher kommen solle“. Und diesem „Ereignis“ als Wunder gedeutet, glauben viele Millionen Menschen bis heute: Es ist eine mysteriöse Traumwelt, die da mit dem Glauben an eine göttliche Wirklichkeit  verwechselt wird. Ähnliches spielte sich in Fatima (Portugal) oder La Salette (Frankreich) und an vielen Orten ab. Und viele sind bis heute entzückt. Sie lieben die „Romantik“ solcher Orte, lieben die Anwesenheit des Wunderbaren, des mysteriös Überweltlichen. Mag ja sein, dass dieser Marien-Glaube als ein erfreulicher, heilsamer Zustand wahrgenommen wird! Aber: Ist er nicht eher das Opium des Volkes? Das „Rauschmittel“, das auch Papst Franziskus gern verabreicht, wenn er selbst besonders „Maria als Knotenlöserin“ verehrt, ein Marienbild, das er einst aus Augsburg in seine argentinischen Heimat erfolgreich „importierte“.

Noch ein Detail zu Lourdes: Maria also erscheint persönlich, spricht Französisch und zeigt sich als himmlische Unterstützerin des gerade ganz frisch verkündeten Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis Maris, das Papst Pius IX, am 8. Dezember 1854 verordnete. Welch ein göttlicher Zufall!. Himmlische Unterstützung für ein umstrittenes Dogma! In jedem Fall hat Maria persönlich dem bescheidenen Dorf Lourdes eine große religiös-touristische Karriere bereitet.  Zum Marien/Mutter-Gottes-Kult in den absonderlichen Marienliedern siehe diesen LINK

Man denke an viele weitere Beispiele etwa der Heiligenverehrung, an die absurde, aber auch von Papst Franziskus direkt unterstützte Verehrung des heiliggesprochenen angeblich stigmatisierten Kapuziner- Paters Pio, den viele Kenner für einen Scharlatan halten, zum Pater PIO Kult siehe: LINK.

18.

Es muss mit allem Nachdruck darauf hingewiesen werden, dass 500 Jahre nach Luthers Kritik der Ablass in der katholischen Kirche offiziell noch praktiziert und auch Papst Franziskus empfohlen wird. Er spricht häufig von der Wirkkraft des Teufels. Und es ist bekannt, dass in Italien, Frankreich, Spanien usw. selbstverständlich die Exorzisten-Priester alle Hände voll zu tun haben. Der Exorzist ist ein offiziell angestellter Spezialist in vielen Bistümern, Exorzisten werden ausdrücklich in offiziellen Publikationen mit Telefon Nr. etc. erwähnt. Der Glaube an den Teufel ist also nicht „totzukriegen“, und er scheint akzeptiert zu sein von den offiziellen Herren der Kirche. Entsprechende Fortbildungen der Exorzisten veranstaltet regelmäßig ausgerechnet die Universität der „Legionäre Christi“ in Rom, vielleicht wollen diese Herren sich dadurch auch vom Ungeist ihres verbrecherischen Ordens-Gründers Pater Marcial Maciel befreien. Nur ein Beispielfür die Aktivitäten von Exorzisten, etwa in der Erzdiozese Paris, über die website gut erreichbar:https://www.paris.catholique.fr/service-de-l-exorcisme.html.

19.

Eine absolut geltende zentrale Gottesvorstellung des Katholizismus hat sich spätestens seit dem 3. Jahrhundert durchgesetzt. Diese Gottesvorstellung ist religionsphilosophisch und kritisch theologisch naiv bzw. abergläubisch zu bewerten. Sie ist eine Ursache, dass immer mehr Christen die Kommunikationsgemeinschaft einer Gemeinde verlassen. Sie wollen spirituell leben und glauben, ohne dabei auf die kritische Vernunft zu verzichten. Was ist diese uralte, für heilig und unantastbar gehaltene offizielle Gottesvorstellung der Kirche? Der Gott der Christen wird oft wie eine menschliche Person gedacht und verkündet und in Gebeten und Liedern auch wie eine greifbare und verfügbare Person verehrt. Göttliche Person besonderer Art wird in der alten Glaubenslehre Jesus von Nazareth genannt, der als wahrer Gott und wahrer Mensch verehrt werden soll. Jesus von Nazareth „ist“ also auch „wahrer Gott“…Ein religionsphilosophisch und kritisch-theologische nicht akzeptabler Gedanke. Die Alten mussten bekanntlich bei ihren theologischen Prämissen Jesus von Nazareth zum Gott erklären, um ihre eigene verschrobene Erlösungslehre plausibel machen zu können: „Nur ein Gott zugleich als Mensch kann die von Erbsünde zerstörte Menschheit retten…“ Diese „Theologie“ kann man getrost beiseite lassen, sie sollte als Aberglaube bewertet werden, der nicht ohne die Konstruktion einer Erbsünde auskommt….Jesus ist im Bild, als Metapher gesprochen, „Gottes Sohn“, aber nur, so wie alle anderen (!) Menschen ebenfalls sich als Söhne und Töchter Gottes betrachten können.

Bekanntlich wird in der göttlichen Trinität sehr missverständlich von drei Personen gesprochen. Dieser Gott als Person gedacht und verehrt kann also je nach persönlicher Laune ins Weltgeschehen eingreifen, ER kann z.B. den Seuchen ein Ende setzen oder den Feind („die anderen“) im Krieg besiegen. Wenn ER dies nicht wunschgemäß tut, sind die Menschen böse und verzweifelt. Trotzdem glaubt man: ER wirkt Wunder, wann und wo immer Er es will.  Die Frommen flehen ihn an, ER erhört sie oder auch nicht, ER fördert in seinen angeblich heiligen Texten die Angst vor dem Weltenende usw. „Es ist der launische Fatalismus der antiken Gottheiten“, der sich da noch am Leben erhält“, schreibt der Historiker Vito Fumagalli („Wenn der Himmel sich verdunkelt“, Berlin, 1988, S. 16).

20.

Unser Thema „Aberglauben in der katholischen Kirche“ berührt also das Zentrum biblischer Gottesvorstellungen und Gottesbilder: Im Mittelpunkt steht dabei, tausendmal in der Bibel beschrieben, die Vorstellung: Gott schließt einen Bund mit den Menschen, ER wird also in diesem Bund persönlich präsent als greifbarer Bundespartner; er tritt nahe, erhält individuelle Züge, ER spricht und flucht und straft, ER lässt verlauten und offenbart sich verbal. Die Zurückhaltung Gottes in den uralten Geschichten und Erzählungen gegenüber seinem “Profil“ ist bekannt: Etwa Gottes Selbstbezeichnung: „Ich bin der ich bin“. Aber die Frommen konnten sich damit nicht begnügen und hängten Gott alle möglichen „persönlichen“ Eigenschaften an.

Das also ist die Herausforderung: An dieser Gottesvorstellung des allzu menschlichen und bildreichen BUNDES-Gottes muss Kritik geübt werden, um eines reflektierten Glaubens willen…Und um die Menschen vor Verirrungen und Wahnvorstellungen zu bewahren. Die Befreiung von einem allzu menschlichen Gottesbild ist freilich für viele noch ein Skandal, die in Gebeten und Liedern und Kult-Bildern (Ikonen) den greifbaren Gott, „ihren“ zurechtgemachten Gott über alles lieben. Da blüht die Phantasie, die romantische Vorstellung, so bezaubernd in dieser Zeit der rationalen Kühle und menschlichen Kälte. Ist dann dieses Opium „Aberglaube“ eine beruhigende Wohltat, wenigstens für die kurze Zeit religiöser Verzückungen?

21.

Worauf läuft dieser religionskritische Hinweis hinaus?

Das Bild des irgendwie willkürlich und launisch handelnden und immer ansprechbaren Gottes sollte einem reifen, reflektierten Gottesbild Platz machen, das sich der Mystik und Philosophie verdankt.   Nur so kann der Aberglaube überwunden werden, falls die Frommen und die Hierarchie dies überhaupt wünschen!

Ein interessantes historisches Beispiel: Ende des 18. Jahrhunderts war es dem Klerus in Tarbes, Südfrankreich, sogar gelungen, die Gläubigen von einem Aberglauben zu befreien: Bei Gewitter verlangten sie, dass der Pfarrer die Glocken läute: „Das Volk erwartete vom Ritual des Läutens als einer Beschwörung eine unmittelbare Wirkung…Bei einem Misserfolg (also Blitzeinschlag und Hagel) nimmt die Gemeinde gegen ihren Pfarrer  eine aggressive Haltung ein, weil er kein Hagelvertreiber ist“. (zit. in „Der Mensch der Aufklärung“, Beitrag „Der Priester“, Fischer Taschenbuch 1998, S. 316f.) Der Priester führte dann den Blitzableiter ein, den Benjamin Franklin erfunden hatte …und das Glockenläuten bei Gewitter erschien eher albern und überflüssig. Wer baut weitere „Blitzableiter“ gegen den herrschenden Aberglauben?

22.

Gott oder das Göttliche wahrnehmen als den tragenden, freundlichen Sinn des Lebens und der Welt: Das ist religiös gesehen eigentlich alles, was geübt, gelehrt, besprochen, gefeiert werde sollte. Diesen Gott bzw. Göttlichen können Menschen nicht manipulieren, sie können ihn NUR berühren, ihn also NICHT und niemals umgreifen und definieren. Die ganze Last der Theologie, die sich dreht und windet hinsichtlich der Frage, wo und wie und warum handelt Gott, entfällt also. Eine Ernüchterung wird geltend, eine Befreiung von der Lst der Dogmen, die der Klerus im Laufe der Jahrhunderte aufgehäuft hat – als Last für die Glaubenden.

Christlich (auch katholisch) Glauben heißt dann: Inmitten eines erhofften und gelegentlich erlebten Sinn-Grundes als Menschen einfach „da sein“ zu dürfen mit anderen, die auch nichts anderes verlangen als das, was man selbst auch für zentral hält: Die Nächsten – und Selbst-Liebe, Gerechtigkeit und Friede. Daraus folgen politische, ökonomische und ökologische Forderungen, nach Gerechtigkeit und Frieden. Glauben wird in dem Sinne einfach, im guten Sinn reduziert auf einige elementare Erkenntnisse und Imperative.

23.

Noch einmal: Der authentische christliche Glaube sollte sich auf die einfache Lehre Jesu von Nazareth beziehen UND genauso deutlich auf die Verwirklichung der Menschenrechte: Also Gottesliebe und Nächsten/Fernsten-Liebe sowie die Selbstliebe sind im Sinne des Propheten Jesus als Einheit zu verstehen. Dabei muss zur Vertiefung von der Religions-Philosophie und der Mystik gesprochen werden, etwa von Meister Eckart oder Johannes vom Kreuz, die wissen: Gott ist unergründliches, aber vom Menschen kaum berührbares Geheimnis. Der große katholische Theologe Karl Rahner hat in dem eingangs genannten Aufsatz „Über die Verborgenheit Gottes“ geschrieben: „Da ursprüngliche Erkennen Gottes ist das Angerufensein von dem, was keinen Namen mehr hat; das Sich-Einlassen auf, was nicht bewältigt wird; das Sagen des Namenlosen, über das sich nicht klar reden lässt, der letzte Augenblick vor dem Verstummen, der notwendig ist, um das Schweigen zu hören und Gott liebend anzubeten“ (S. 297). Dieses Geborgensein in einem tragenden Lebenssinn braucht keine Wunder, keine besonderen göttlichen Eingriffe, keine egoistischen Wünsche zur Gebetserhörung: Der Mensch ist in einer im Göttlichem gründenden Welt, dem unfassbaren SINN, geborgen, von einem Gott, der ewiger schöpferischer Geist ist. Wer inhaltlich mehr behauptet und entwickelt, gelangt wieder schnell … in den Aberglauben.

24.

Ausblick

Hier konnten nur einige Lehren und Praktiken der katholischen Kirche als Aberglauben genannt werden, sozusagen als Impuls für eine Fortsetzung der religionskritischen Forschung, weiter zu fragen: Etwa: Inwiefern ist die Institutionalisierung des katholischen Glaubens als einer hierarchischen Männer- Kirche und deren Eingliederung in die politischen Systeme der Herrschaft seit dem 4. Jahrhundert verantwortlich für die Ausbildung des christlichen Glaubens zu einem zum Teil abergläubischen Dogmen-System? Dies geschah sicher auch mit Rücksichtnahme auf vorhandenen volkstümlichen Überzeugungen, derer, die da bekehrt werden mussten.

Weitere Strukturen der dogmatischen Lehre des Katholizismus müssten untersucht werden:

Das ungebrochene Festhalten der heutigen Hierarchie an einer fundamentalistischer Bibeldeutung: Dies betrifft die skandalöse Abwehr von Frauen im Priesteramt.

Dies betrifft vor allem das Papsttum selbst, verbunden mit der Arroganz der jeweils herrschenden Päpste, selbst die miserabelsten Verbrecher auf dem Papst-Thron (mit den vielen Gegenpäpsten etc.) noch als Teilhaber an der „apostolische Sukzession“ zu verstehen. Man lese dazu die Studie des katholischen Theologen Hermann Baum, „Die Verfremdung Jesu“, Patmos Verlag Düsseldorf, 2006, etwa das Kapitel „Die Kirche der Kaiser“, S. 130 ff.  Auch Papst Franziskus reiht sich ein – offenbar ohne Probleme – in diese große Gruppe „apostolischer“, aber verbrecherischer Päpste…Man muss dabei nicht nur an Papst Alexander VI. denken oder Leo X., sondern etwa ans 10. Jahrhundert, wie Hermann Baum schreibt: “Intrigen (unter den Päpsten und den Adelsfamilien) enden mit Totschlag und Mord. Und in diese Gräuel und Untaten sind die Päpste engstens verwickelt, als Opfer und Täter“, S. 135.

Diese ganze ,immer auch politische – ökonomische Papst-Geschichte beruht einzig auf einem fundamentalistischen, also wort-wörtlichem Verstehen eines erst viele Jahre nach Jesu Tod konstruierten Wortes Jesu von Nazareth an einen Fischer und Apostel namens Petrus:  „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“. (Matthäus, 16. Kap., Vers 18)

Dabei wissen kritische Exegeten heute, dass Jesus von Nazareth – zu Lebzeiten, wann denn sonst?  – nicht im entferntesten an eine Kirchengründung dachte. Jesus war absolut eingestimmt auf ein baldiges Ende der Welt. Es war die frühe Gemeinde der Petrus-Freunde, die Jesus dieses Wort an den Fischer Petrus in den Mund legte. Aber diese Erkenntnis wird von den sich zu Herren der Kirche erklärenden Klerikern ignoriert, schließlich wollen nur sie allein authentisch die Bibel deuten. Und diesen Machtanspruch halten allerdings jetzt einige Katholiken für erlogen und konstruiert. Immerhin…:

Auch der Anspruch der Päpste, Nachfolger des armen Fischers Petrus zu sein, ist schlicht und einfach Aberglaube.

Weiter wäre zu sprechen von der Lüge der „Konstantinischen Schenkung“: Gemeint ist die von Päpsten seit dem 8. Jahrhundert verbreitete Behauptung, Kaiser Konstantin hätte den Päpsten weltliche Macht übergeben und ihnen auch den so genannten Kirchenstatt geschenkt. Diesen Wahn der Päpste, einen eigenen Staat beanspruchen zu dürfen, hat der Philosoph Lorenzo Valla schon im Jahr 1440 wissenschaftlich korrekt beschrieben und als LÜGE der Päpste dargestellt. (siehe etwa in kurzer Form: Thomas Sören Hoffmann, Philosophie in Italien, dort das Kapitel über Lorenzo Valla, bes. S. 219). Selbstverständlich wurde gegen Lorenzo Valla ein Inquisitionsprozess eingeleitet. Auch durch Vermittlung des Kardinals Nikolaus von Kues konnte Valla die Inquisition überleben, er ist 1457 eines natürlichen Todes gestorben. Aber an das Recht, einen eigenen, wenn auch jetzt winzigen, aber einflussreichen Staat haben zu dürfen, glauben die Päpste und mit ihnen die Katholiken bis heute.

Nur aufgrund der Lüge der Konstantinischen Schenkung, also wegen des Vatikanstaates, ist der Nachfolger des Fischers Petrus bis heute sowohl Staatschef UND spiritueller Führer. Ein Staatschef freilich, dessen Regime Politologen übereinstimmend als eine „absolute Monarchie“ bezeichnen. Und die Päpste sind stolz darauf, KEINE demokratische Kirche zu leiten und NICHT die „UN-Menschenrechts-Charta“ unterzeichnet zu haben. Der Grund: „Der Vatikan-Staat ist kein normaler Staat und auch nicht Mitglied der Vereinten Nationen. Und er bezieht sich auf eine grundsätzlich andere, von Gott her definierte Rechtsgrundlage. So gelten im kleinen vatikanischem Staatsgebiet bis heute auch weder die Religionsfreiheit noch die Rechte-Gleichheit von Mann und Frau“. (Das schreibt unverblümt eine offizielle katholische Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/19912-warum-die-kirche-gegen-die-menschenrechtserklaerung-war), gelesen am 28.11.2021.

Das ist nun ein Beweis für den herrschenden Aberglauben im Katholizismus: Die Herren der Kirche behaupten explizit: Gott selbst habe die Rechtsgrundlage für diese Kirche geschaffen…Bei einem solchen Denken steht die Kirche den religiösen Fundamentalisten im Islam, Judentum, Hinduismus usw. sehr nahe.

 Vorläufiges Schlusswort: „Der Schlaf der Vernunft zeugt Ungeheuer“ (Francisco Goya, 1797).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

Ein Befreiungstheologe spricht wie ein Mystiker: Pater Gerhard Pöter, El Salvador.

Ein Befreiungstheologe spricht wie ein Mystiker: Pater Gerhard Pöter, El Salvador.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 26.11.2021

Befreiungstheologen sprechen eine vielfältige Sprache, sie haben selbstverständlich auch Einsichten, die üblicherweise eher religionsphilosophisch oder mystisch genannt werden. Dazu ein Zitat aus einem Vortrag, den der Dominikanerpater Gerhard Pöter (1939-2019) etwa im Jahr 2000 in Graz gehalten hat zum Thema „Von Gott reden im Angesicht des Götzen `Freier Markt“.  Dass die Kritik Gerhard Pöters am Götzen “freier Markt” hier nicht weiter zitiert wird, ist einfach den Pressegesetzen des kurzen Zitates geschuldet. Aber der ganze Beitrag von Gerhard Pöter kann nachgelesen werden, siehe unten.

Die Zeitschrift des Dominikanerordens „Wort und Antwort“ (die Redaktion ist in Berlin) hat 2019 den Vortrag von Gerhard Pöter publiziert. Er lebte viele Jahre im zentralamerikanischen Staat El Salvador, er war dort eng mit den Gemeinden der Armen und vom Militär Verfolgten verbunden, zahlreiche Sozialprojekte zugunsten der Armen hat er dort geschaffen. Er hatte einen großen Freundeskreis in Deuschland. Weitere Informationen zum Leben Gerhard Pöters: LINK:

Der Auszug aus Gerhard Pöters Vortrag:

„Wie von Gott reden, ohne in die Netze einer unterdrückenden, ausbeutenden und manipulierenden Gesellschaft zu geraten, die nur das Reden eines angepassten Götzen zulässt? Wie Gott hören, ohne dass der Filter des Fernsehens maßgebend wird, durch den nichts hindurch fallen darf, was nicht zum Nutzen der Reichen und Mächtigen ist, nichts, was nicht mit dem heute angeblich einzig möglichen Denken harmonisiert?

Mir scheint notwendig zu sein, uns daran zu erinnern, dass Gott transzendent ist, immer weit hinaus über all unser Denken, Fühlen und Handeln, immer jenseits aller menschlichen Realisationen von Wahrheit, Schönheit und Gerechtigkeit. Den transzendenten Gott können wir niemals besitzen, wir können über ihn keine Aussagen machen, die absolut gewiss sind. Den Gott, wie er in der besten Tradition erscheint, können wir nur suchen, ersehnen, ständig aufs Neue ihm entgegengehen, uns von ihm überraschen lassen. Ein Gott, der nicht mehr überrascht, ist ein perfekt eingepasster Götze.
Spirituelles Leben, Gebet bedeutet in dieser Linie nicht nur Sprechen, sondern mehr noch Hören, auch und besonders denen zuzuhören, die dessen gemeinhin nicht für würdig gehalten werden. Als Christen suchen wir nach Gott im Hören auf die Armen und Verlassenen und in permanenter Auseinandersetzung mit der jüdisch-christlichen Tradition. In ihr finden wir den Kampf der Propheten und Jesu gegen die Götzen, gegen die Schein-Götter, im Falle Jesu vor allem gegen die religiösen. Ein Götze ist etwas, was wir Menschen selber produziert haben, vor dem wir später aber auf den Knien liegen. Es scheint so, als gäbe es keine andere Wahl, als uns dem selbstgemachten Gott zu unterwerfen.“  (Seite 176).

Das Heft 4/2019 von „Wort und Antwort“ über die Befreiungstheologie wird, wie viele andere Hefte dieser Zeitschrift, im Internet in voller Länge gratis präsentiert! Dafür gebührt der Redaktion höchste Anerkennung. Welche katholische Kulturzeitschrift ist denn sonst so großzügig? „Diese Zeitschriften denken doch auch bloß ans Geld“, könnte man meinen. Danke also „Wort und Antwort“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

José Antonio Kast: Rechtsextrem, faschistoid, katholisch in der Schönstatt-Bewegung. Präsident in CHILE ?

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Zu den Präsidentschaftswahlen in CHILE: Sie sind auch ein Thema der Religionskritik. Denn es muss betont werden: Der Sieger im ersten Wahlgang am 21. November 2021 ist der rechtsextreme Politiker José Antonio Kast, er erhielt 28 % der Stimmen, der Kandidat der Linken Gabriel Boric 25 %.  Beim 2. Wahlgang am 19. Dezember 2021 wird zwischen beiden entschieden.

In der Sicht der Religionskritik ist  es wichtig: José Antonio Kast ist nicht nur überzeugter Katholik (und als Vater von 9 Kindern verdient er sicher auch die traditonelle Wertung “ein guter Katholik”), Kast ist außerdem Mitglied der katholischen Schönstatt-Bewegung, einer internationalen konservativen geistlichen Bewegung für Priester und Laien, gegründet von Pater Kentenich, dem inzwischen sexueller Missbrauch nachgewiesen wird… Die Schönstatt-Bewegung (benannt nach einem Ort bei Koblenz) zeichnet sich durch extreme Marienverehrung aus, etwa in den weltweit üblichen Wallfahrten zur “Dreimal wunderbaren Mutter”…Diese geistliche Bewegung ist in Chile ein Sammelplatz der “guten Bürger “und der Oberschicht, wie kritische Schönstatt-Leute dort selber sagen, etwa Patricio Young, gelesen am 20.11.2021!: LINK

José Antonio Kast jedenfalls ist wohl eher eine Schande für diese frommen reichen Marien-Freunde, denn Kast ist bewiesenermaßen auch Freund vieler Diktatoren und Rechtsextremen, er ist ein Verteidiger des Diktators Pinochet usw, kein Freund der Menschenrechte. Man fragt sich. Was Marienfrömmigkeit so alles aus Politikern macht… Die Wochenzeitung FREITAG veröffentlichte im Heft 46/2021 einen Beitrag über den aktuellen Wahl-Kampf in Chile, daraus ein Auszug, der sich mit der rechtsexremen Position Kasts befasst und auch auf seine Bindung an Schönstatt hinweist.

KNA brachte auch am 21.11.2021 einen Beitrag über die Wahlen ind Chile und den Präsidentschaftskandidaten Kast. Er wurde in dem Bericht nur als Katholik bezeichnet, seine Mitgiedschaft in der Schönstatt-Bewegung wurde hingegen verschwiegen, geschuldet wegen der “strengen Zeilenvorgabe für Agenturtexte”, so wörtlich die KNA Auslandsredakion in Bonn in ihrem Antwort-Schreiben an Christian Modehn. Für fünf wichtige Worte “Kast ist Mitglied der Schönstatt-Bewegung” gab es also keinen Platz??? Meine Journalisten-Kollegen haben gelacht, als sie das hörten und meinten: Diese Mitgliedschaft Kasts in der Schönstatt-Bewegung mitzuteilen, ist wohl für KNA peinlich…”

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

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….. Aus dem wichtigen und empfehlenswerten Beitrag in der Wochenzeitung FREITAG, Heft 46/2021, von Frederico Füllgraf:

José Antonio Kasts Vater Michael Kast-Schindele war Wehrmachtsoffizier aus Bayern fürchtete nach Kriegsende, von den Alliierten verfolgt zu werden, und begab sich auf die Fluchtrouten der „Rattenlinien“ nach Südamerika, wo er mit falschem Pass des Rotes Kreuzes in Chile ankam. Hier wurde er zum erfolgreichen Unternehmer in der Fleischbranche und Förderer der rechtsradikalen Szene. Nach dem Militärputsch vom 11. September 1973 verliehen die Kasts Lieferwagen an Pinochets Polizei und waren so am Massaker an 70 Landarbeitern im Regierungsbezirk Paine beteiligt, die dem Sozialisten Salvador Allende die Treue hielten. Einem davon wurde die Zunge abgeschnitten und ein Auge ausgestochen, bevor er mit den anderen 69 den Tod im Kugelhagel fand. Über Jahrzehnte hinweg gelang es der deutschen Kolonie, die Justiz so zu behindern, dass die nachweisbare Komplizenschaft ohne Strafe blieb. José Antonios Bruder Miquel Kast war von 1980 bis 1982 Pinochets Arbeitsminister und Zentralbankchef. Seither beschwört der Clan den Geist des Diktators.

Während dem linken Bewerber Boric ein „sanfter Sozialismus“ vorschwebt und er im Bündnis mit der reformistischen KP Chiles ein Regierungsprogramm der sozialökologischen Umverteilung anbietet, setzt Kandidat Kast auf Restauration. Hirnrissige, zehnprozentige Steuersenkungen sollen die Unternehmer für seine Agenda einnehmen, auch wenn die sich mit dem Vorwurf absetzen, Kast wolle dem Land eine prekäre Staatsverschuldung bescheren. Dessen 200-Seiten-Programm nennen sie das „Œuvre eines Dilettanten“. Darin ist neben ökonomischen Versprechen der restaurierte Polizeistaat eines Pinochet-Verehrers zu finden.21

Als Aktivist des Schönstatt-Ordens aus dem pfälzischen Vallendar kämpft Millionär Kast mit Ultrarechten aus den USA, mit Spaniens faschistischer Vox-Partei und seinem Freund, Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, gegen Abtreibung, gegen die Rechte für Homosexuelle und Indigene. Er droht, das Ministerium für Frauenrechte und das staatliche Institut für Menschenrechte abzuschaffen. Kast leugnet frech die schweren Menschenrechtsverbrechen der Pinochet-Junta und verspricht, die etwa hundert verurteilten Folterknechte und Mörder aus der Haft zu entlassen. Seine Regierung – sollte sie zustande kommen – will die Bürger überwachen und zurück zu einer „internationalen Koordination zur Bekämpfung radikaler Linker“. Das erinnert an den „Plan Cóndor“ von sechs Rechtsdiktaturen in Lateinamerika, in deren Auftrag während der 1970er- und 1980er-Jahre Hunderte von Oppositionellen ermordet wurden”.

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Falls der doch etwas kritische Beitrag über die Einseitigkeiten der Schönstatt-Bewegung in Chile wieder aus der website dort verschwindet, hier der Text von Patricio Young:

 

Veröffentlicht am 2019-10-28 In Neue Gesellschaftsordnung, Themen – Meinungen, Zeitenstimmen

Proteste in Chile: Wo ist Schönstatt in all dem?

CHILE, Patricio Young •

Wir befinden uns in Chile in einem entscheidenden Moment unserer nationalen Geschichte. Der Boden ist uns unter den Füßen weggebrochen, wir stehen fassungslos vor dem, was auf den Straßen unseres Landes geschieht. Wir haben gesehen, wie die Forderungen von allen Seiten gestellt werden, auch mit der ausgeprägten Solidarität der jungen Menschen aus den oberen Sektoren, die vom Fernsehen interviewt, erklärten, dass ihre Privilegien ihnen weh tun und sie deshalb auf die Straße gehen. —

Heute scheint es einen großen Konsens darüber zu geben, dass die Ursache in der großen sozialen Ungleichheit liegt, die wir aufgebaut haben und die sich in vielerlei Hinsicht manifestiert.

Aber wo ist Schönstatt in all dem? Wir sagen, dass wir uns wegen der Mission des 31. Mai um BIndungen kümmern sollen; mit Gott, mit der Natur, mit der Gesellschaft. Das Thema der Bindungen scheint sichbei uns aber hauptsächlich auf den persönlichen und sehr wenig auf den sozialen Bereich zu konzentrieren.

Lassen Sie uns die Dinge klar sagen. Es ist notwendig, sich unserer Realität zu stellen, egal wie hart sie auch sein mag. Aber es gibt dabei keine Zeit mehr für Euphemismen, beruhigende Worte oder einfache Ausflüchte.

Wo stehen wir und was tun wir?

Wir sind eine Oberklassenbewegung. Wir bestehen hauptsächlich aus Familien aus der mittleren, oberen und höchsten Schicht. Abgesehen von Carrascal befinden sich unsere Heiligtümer in privilegierten Stadtteilen. Unser Vater hätte nur in der Pater-Kentenich-Schule in Puente Alto (sozialer Brennpunkt) zur Schule gehen können, der einzigen, die völlig kostenlos ist. Es gibt in unseren anderen Schulen einige wenige Schüler, die subventioniert werden, aber die große Mehrheit ist für Kinder der Oberschicht, obwohl das dem einen oder anderen Pater, den ich dazu öffentlich hinterfagt habe, nicht gefällt – abgestritten hat es aber auch keiner.

Trotz der finanziellen Ressourcen der Familie schwimmt Maria Ayuda nicht im Geld, sondern muss Wunder wirken, um zu überleben.

Vor einigen Jahren sagte mir ein Mitglied unserer Familie, der seit mehr als 50 Jahren bei uns ist, als wir über die Situation des Familienbundes in den Regionen Santiagos sprachen, dass es schwierig sei, Leutezu finden, die zu Führungsaufgaben bereit seien, weil dies Kosten verursche. Wir mussten schließlich hart arbeiten, um ein durchschnittliches Einkommen von 6 Millionen Pesos pro Monat zu erzielen (u$s 8245 oder € 7450 ungefähr), sagte er.

Nach diesem Gespräch kam eine tiefe Depression über mich. Wo ist unser Herz?

 

Solange Schönstatt sich nicht als Familie konkret sozial engagiert…

Solange Schönstatt als Familie sich nicht konkret sozial engagiert (nicht nur in der Kampagne der Pilgernden Gottesmutter oder bei den Madrugadores), sehen wir die Realität nicht in all ihren Dimensionen. Es gibt ein Chile, das wir nicht kennen und mit dem wir im Innern der Familie nicht im Dialog stehen. Einige von uns besuchen dieses andere Chile gelegentlich, zum Beispiel in den Familienmissionen. Aber dfas reicht nicht. Wir müssen für Heiligtümer in La Pintana, Chimba, Valparaiso arbeiten und nicht für noch eines in den Vierteln der Oberschicht. Wenn die Schönstätter von dort eines bauen wollen, dann sollen sie es in einem einfachen Stadtteil tun, nicht vor der Haustür.

Es ist notwendig, dieses andere Chile in die Familie zu integrieren. Andernfalls werden wir weiterhin in einer Blase leben. Wir werden weiterhin ein Ghetto sein, genau das, was unser Vater so sehr verabscheute.

Hier müssen unsere Solidarität und die Wertschätzung der Bindungen in all ihren Dimensionen gezeigt werden. Dies ist die Zeit, in der wir unseren Blick bereichern und helfen müssen, eine Gesellschaft der Solidarität aufzubauen, wie es unser Vater wollte.

Das Problem Chiles ist nicht das der anderen, es ist unseres

Lange Zeit haben wir die Probleme der Kirche vom hohen Ross aus betrachtet. Heute können wir das mit unserem Land nicht tun. Das Problem Chiles ist nicht nur das der anderen, es ist auch unseres.

Es gibt eine große Chance! Hilfe beim Aufbau einer anderen Gesellschaft, die alles, was fortgeschritten ist, schätzt, aber ihren Reichtum besser verteilt. Denn ein Land, in dem 1% der Bevölkerung ein Drittel des Reichtums besitzt, ist nicht lebensfähig.

Diese harte Realität, die wir leben, erfordert eine tiefgreifende Revision. Es reicht nicht aus zu beten, so wichtig es auch sein mag, aber wir müssen sehen, inwieweit wir Teil des Problems waren und wie wir helfen, Teil der Lösung zu sein.
Es ist der Moment der Wahrheit.

Es ist die Stunde der Wahrheit

Entschuldigen Sie die Offenheit und Härte, aber das ist die Stundeder Wahrheit. Wenn wir jetzt nicht aufwachen, wird Schönstatt kein Morgen haben, und auch kein Übermorgen.

Vater, erleuchte uns wie nie zuvor! Gottesmutter, gekommen ist die Stunde der Treue!

 


Patricio Young gehört zum Schönstatt-Familienbund. Er ist Sozialarbeiter an der Universität von Chile mit einem Master-Abschluss in Entwicklungswissenschaften, mit einer Nennung in Soziologie der Kommunikation. Er arbeitet als Berater im Bereich Marketing und Kommunikation.

Original: Spanisch, 25.10.2019. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

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Die katholische Nachrichtenagentur ACI Prensa schreibt über den sehr katholischen José Antonio Kast un Schönstatt-Mitglied:

21 de noviembre de 2021 – 10:10 PM | ÚLTIMA ACTUALIZACIÓN 21 de noviembre de 2021 11:57 pm

Católico provida y padre de 9 hijos pasa a segunda vuelta presidencial en Chile

POR DIEGO LÓPEZ MARINA | ACI Prensa

El candidato presidencial de Chile, José Antonio Kast Rist, quien es un abogado y político católico, provida y padre de nueve hijos, se disputará la segunda vuelta con Gabriel Boric, de ideología izquierdista, luego de ser los más votados en las elecciones de este domingo.

Kast, fundador y líder del Partido Republicano, lideraba la elección presidencial con un 28.02 % de los votos, seguido por Boric del Partido Convergencia Social, con un 25.60 % tras escrutarse un 90.19 % de los votos, informó el Servicio Electoral.

Ambos se disputarán la presidencia el próximo 19 de diciembre.

José Antonio Kast Rist, de ascendencia alemana, nació el 18 de enero de 1966 en Santiago de Chile. Actualmente tiene 55 años, es casado y padre de nueve hijos.

Kast es católico practicante,​ perteneciente al movimiento Schönstatt.

En un artículo escrito por él en el 2011 para el diario La Tercera, reveló: “Antes de quedarme dormido, rezo. Soy católico practicante. Mi familia es del sur de Alemania, la zona católica de ese país”.

También escribió: “Me jugaría el pellejo porque no se aprobara la ley de aborto”.

En su plan de gobierno para las elecciones presidenciales de 2021, se indica: “Defendemos la vida desde la concepción hasta la muerte natural. Todos los seres humanos tenemos derechos inalienables que ninguna persona o mayoría pueden quitar”.

“Derogaremos la ley que posibilita el aborto, dictada durante el gobierno de la Expresidente Bachelet. En el intertanto, reivindicamos el derecho de personas naturales y jurídicas a la objeción de conciencia”, añade.

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Die “Tagespost”  Würzburg, katholisch und sehr konservativ,  jubelt: Endlich ein praktizierender Katholik als Präsident.

https://www.die-tagespost.de/politik/aktuell/chile-praktizierender-katholik-in-stichwahl-um-praesidentenamt-art-223122

 

 

 

Ein christlicher Glaube, befreiend, kein Opium: Vor 50 Jahren erschien das Buch „Theologie der Befreiung“

Ein Hinweis von Christian Modehn am 19.11.2021

1.Der große Inspirator: Gustavo Gutiérrez

Die christlichen Kirchen erleben außerhalb Europas – zahlenmäßig – einen „Boom“. Sie zeigen eine bunte, verwirrende und manchmal widersprüchliche Vielfalt christlichen Glaubens. Dies betrifft vor allem die „unglaublich“ vielen charismatischen, pfingstlerischen und evangelikalen Gemeinschaften. Aber es gibt auch eine Minderheit: Christen und vor allem katholische Gemeinden, die sich dem politischen Projekt einer ganzheitlichen Befreiung der Armen aus Elend und Ausbeutung verpflichtet wissen…und entsprechend handeln! Und diese Minderheit der „links-politisch“ Frommen haben eine Theologie: Die „teologia de la liberacion“, die Befreiungstheologie. Sie ist unter diesem Namen auch mit verschiedenen neuen Ansätzen, etwa zur Ökologie oder zum Feminismus, lebendig. Ihr „Gründervater“ bzw. Initiator ist der Peruaner Gustavo Gutiérrez (geb. am 8.Juni 1929 in Lima). Zur Biografie nur ganz kurz: Gutiérrez hat neben Philosophie und Theologie auch Medizin und Sozialwissenschaften, vor allem in Lyon und Louvain, studiert, er ist katholischer Priester, Autor zahlreicher Studien zur Befreiungstheologie, vielfach mit Ehrendoktoraten geehrt, sowie im Jahr 1975 Gründer des befreiungstheologischen Studienzentrums „Bartolomé de las Casas“ in Lima-Rimac. Mit dem dort rigoros-engstirnig herrschenden Kardinal Cipriani vom Opus Dei hatte auch Gutiérrez viele heftige Konflikte durchzustehen.

2.Regionale Herkunft-universale Bedeutung

Die „teología de la liberación“, die Befreiungstheologie, ist zwar regional in Lateinamerika entstanden und verwurzelt, sie hat aber universale Bedeutung nicht für Christen, sondern für alle, denen eine gerechte Welt als politische Ziel der Menschheit wichtig ist. Begrenzter Herkunftsort und universale Bedeutung schließen sich bekanntlich nicht aus, siehe die Herkunft der universal geltenden Menschenrechte aus Europa…

Diese Theologie der Befreiung hat nun sozusagen einen Geburtstag, einen wichtigen Gedenktag: Als dieser gilt der 1. Dezember. Vor 50 Jahren wurde das grundlegende und international verbreitete Buch des peruanischen Theologen Gustavo Gutiérrez mit dem Titel „Theologie der Befreiung“ veröffentlicht. Es kann hier nicht der gesamte Inhalt dieses wichtigen Buches zusammengefasst werden, das zudem 1992 in seiner 10. Auflage gewisse Korrekturen des Autors aufweist, etwa hinsichtlich der Einschätzung der sozialwissenschaftlichen Dependenztheorie.

Anlässlich des „Gedenktages“ soll nur auf einige besonders relevante und „auffällige“ und nach wie vor aktuelle Themen hingewiesen werden, um Interesse zu wecken an der Lektüre des Buches…

3.Gutiérrez und seine vielen MitstreiterINNEN

Das erste große Werk von Gustavo Gutierrez, die „Theologie der Befreiung“ , ist 1973 auch auf Deutsch erschienen, in einer Übersetzung des Lateinamerika-Spezialisten Horst Goldstein. Inzwischen liegt das Buch in 20 Sprachen vor. Es geht auf Vorträge zurück, die Gutiérrez einige Jahre zuvor etwa in Montréal gehalten hatte und dann auch in Chimbote, Peru. Auch andere Theologen, wie der gleichermaßen bedeutende Juan Luis Segundo SJ aus Uruguay (1925-1996), hatten schon vorher von „Befreiungstheologie“ gesprochen. Aber Gustavo Gutiérrez war eben mit seinem Buch von 1971 etwas Grundlegendes, bei einem Umfang von 288 Seiten, gelungen. Seitdem ist die Liste der tatsächlich berühmten Befreiungstheologen lang, Leonardo Boff, Frei Betto, Pablo Richard, Elsa Tamez, Jon Sobrino, Franz Hinkelammert und so weiter. Wichtig ist auch: Einige Bischöfe waren mit der Befreiungstheologie verbunden, wie der in Deutschland leider unbekannte Pedro Casaldaliga, der Mystiker und Poet aus Sao Felix, Brasilien.  LINK:

4.Das zentrale Bild: Reich Gottes

Die zentrale Erkenntnis der Befreiungstheologie, auch im Sinne von Gutiérrez, heißt: Der von Jesus von Nazareth verkündete Sinn und das Ziel des Lebens der Menschen ist in dem Bild „Reich Gottes“ ausgedrückt, als eine Art erstrebenswertes Ideal der Gerechtigkeit für alle, auch und vor allem für Arme, der gelungenen Versöhnung der Menschen untereinander und mit dem, was religiöse Menschen die göttliche Wirklichkeit nennen. Die Armen und ihre Lebensrechte stehen im Mittelpunkt dieser Theologie. Den Armen gilt die Befreiung … hin zur Freiheit, zum realen Erleben der Gültigkeit der Menschenrechte auch für sie. Und dies nicht als frommer Traum oder als Vertröstung auf etwas Jenseitiges. Das Reich Gottes kann und soll reale, auch materielle, auch politische Wirklichkeit werden. Vorbei also sind die Zeiten, als Glaube nur etwas Spirituelles, nur etwas Seelisches war. Diese „innere“ Dimension bleibt bestehen, aber sie wird eingefügt (und dadurch relativiert) in den Rahmen des politischen Eintretens für Befreiung der Armen.

5.Auch die Unterdrücker müssen befreit werden

Wer den Spuren Jesu von Nazareth als seiner „Lebensphilosophie“ folgt, d.h. wer also religiös glaubt, ist berechtigt, die Erlösung schon hier, auch irdisch, in weltlichen – politischen Zusammenhängen, zu erleben, vor allem in demokratischer Verfassung, in Gleichheit der Menschen….  Das „gute Leben“ der Ernährung, der Bildung für alle, des humanen Wohnraums außerhalb der Dreckhütten, der Abwehr von krimineller Gewalt der Banden und der Herrscher, all das ist ein Anspruch, den der christliche Glaube als Heil und Erlösung predigt und fordert. Dabei ist für Gutiérrez klar: „Wer von Klassenkampf spricht, propagiert ihn nicht etwa! Nein, er stellt einfach eine Tatsache fest“ (S. 261). „Alle Menschen lieben heißt nicht, Auseinandersetzungen aus dem Wege gehen und eine fiktive Harmonie aufrechterhalten. Universale Liebe bemüht sich vielmehr, in Solidarität mit den Unterdrückten auch die Unterdrücker von ihrer Macht, ihren Ambitionen und ihrem Egoismus zu befreien“ (S. 263). „Die Befreiung von Armen und Reichen ist ein gleichzeitiger und wechselseitiger Prozess“, betont in diesem Sinne auch der katholische Theologe Jules Girardi“ (ebd.)

Aber dabei bleibt es nicht: Inmitten der zerrissenen und ungerechten Welt kann Friede und Gerechtigkeit wenigstens fragmentarisch erfahrbar werden.  Dies ist eine, man könnte sagen, optimistische Sicht, angesichts der grausam – und meist hoffnungslosen Kämpfe um eine gerechte, auch ökologisch gerechte Welt.

6.Erlösung soll – wenigstens als „Vorschein“ -materiell/politisch erfahrbar sein

Gustavo Gutiérrez schreibt (S. 148 in der deutschen Übersetzung): „Wer gegen eine Situation des Elends und der Ausbeutung kämpft und eine gerechte Gesellschaft aufbaut, hat ebenfalls teil an der Bewegung der Erlösung, die freilich erst noch auf dem Weg zur Vollendung ist…“ Und zuvor hat Gutiérrez geschrieben: „Wer arbeitet und diese Welt verändert, wird mehr Mensch, trägt zur Gestaltung einer menschlichen Gesellschaft bei und – wirkt erlösend“. Die so genannte Heilsgeschichte, also die Geschichte Gottes mit den Menschen, und die politische Geschichte sind also eng verbunden.  Für eine Trennung von „Zwei-Reichen“, das eine Reich ist weltlich, das andere, das religiöse, daneben und getrennt, gibt es also keinen Platz! Es gibt nur die eine Geschichte der Menschheit, nur die eine Geschichte von Heil und Unheil, an der die Menschen verantwortlich beteiligt sind.

7.Es gibt nur die EINE Geschichte der Menschen

Es ist entscheidend zu sehen, dass diese Theologie, die für ein materiell erfahrbares „religiöses Heil“ bzw. eine materiell historisch-politisch Erfahrung von Erlösung eintritt, auch von dem großen europäischen Theologen Edward Schillebeeckx (1914-2009) – er lehrte in Nijmegen (NL), unterstützt wird.

Dabei ist zweifelsfrei: Die umfassend und ganze heile und gerettete Menschheit ist in dieser Ganzheit eine Utopie: Sie vollständig „durchsetzen“ zu wollen, wäre ein totalitärer Wahn. Andererseits ist auch zweifelsfrei: Der religiösen Erlösung, allein als seelischen Gewinn oder fernes, himmlisches Ziel zu verkünden, widerspricht einerseits: Dass es die Erfahrungen des Guten und Erfreulichen („Heilen“) im privaten wie im gesellschaftlichen Leben – wenigstens kurzfristig – gibt. Und dass andererseits auch im politischen und ökonomischen Zusammenleben doch noch positive, humane Erfahrungen, also ein humaner Fortschritt, erlebbar sind, zwar selten, aber immerhin.

Schillebeeckx schreibt also in seinem Aufsatz „Befreiende Theologie“ (in „Mystik und Politik“, 1988): „Die Spur des Handelns Gottes muss auch auf der gesellschaftlich-politischen Ebene lesbar sein…Es besteht die Hoffnung, Fragmente des Heils hier und heute schon in unserer Geschichte anzusiedeln“ (S. 70). Mit anderen Worten: Der Katholik Schillebeeckx wehrt sich gegen die „Zwei-Reiche-Lehre“ Luthers, „die der Einheit der Geschichte widerspricht“, sagt Schillebeeckx (S. 71).

8.Die strukturelle Sünde

Dem entsprechend erhält der alte und belastete, oft nur moralisch verwendete Begriff der Sünde eine neue, politische und ökonomische Bedeutung. Gegen Sünde, das lehrten ja auch die europäischen klerikalen Theologen, soll der Glaubende kämpfen. So auch in der Theologie der Befreiung: Denn sie wissen, das inhumane Verhalten („Sünde“ ) so vieler verfestigt sich in der Welt, in den Strukturen der Gesellschaft und des Staates. Es gibt also ganz offensichtlich eine „strukturelle Sünde“. Gutiérrez schreibt: „Sünde wird greifbar in unterdrückerischen Strukturen, in der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, in der Beherrschung und Versklavung von Völkern, Rassen und sozialen Klassen“ (S. 169). Und, wie gesagt, gegen diese Strukturen, also inhumaner, „sündiger“ Strukturen, hat die Kirche und mit ihr die Theologie zu kämpfen.

9.Karl Marx und Thomas Müntzer und die anderen

Selbstverständlich wird an dieser zentralen Erkenntnis der Befreiungstheologie deutlich, wie stark sie sich auf die Gesellschaftskritik bezieht, die Karl Marx vorgetragen hat (siehe etwa die Verweise  auf Marx in den Fußnoten 96 und 98, s. 169 f.) Und dieser Hinweis auf Marx ist sehr treffend und selbstverständlich berechtigt, will doch die Befreiungstheologie anknüpfen an die großen berechtigen, philosophisch formulierten Sehnsüchte auch nach Erlösung inmitten dieser als grausam erlebten Welt. Kein Wunder, dass sich einige Befreiungstheologen auf einige Einsichten des Reformators Thomas Müntzer beziehen, wie etwa der katholische Priester und Theologe Hugo Echegaray, Lima, Peru (1960-1979): „Christus spricht nicht von Tugenden, es geht nicht um Tugendmoral, sondern um Gerechtigkeit und Barmherzigkeit“ (in: Alejandro Zorzin, „Thomas Müntzer in Lateinamerika“, 2010, S. 14). Das Thema müsste vertieft werden, auch die Beziehungen zur Philosophie von Ernst Bloch müssten erörtert werden, an die Gestalt des revolutionären kolumbianischen Priesters Camilo Torres (1929-1966) hat der Religionsphilosophische Salon Berlin kürzlich erinnert: LINK

10.Lebenserfahrungen poetisch zur Sprache bringen

Die Befreiungstheologie ist also keine Schreibtischtheologie von hochbezahlten Professoren an gut ausgestatteten Universitäten, wie üblich in Europa, viele BefreiungstheologINNEN arbeiten in sehr bescheidenen, finanziell auf Spenden angewiesenen wissenschaftlichen Instituten. Die Befreiungstheologie ist keine bürgerliche Theologie im Sinne der üblichen „Spiegelung des Glaubens gut-situierter frommer Christen“. Sondern eine Theologie, die inmitten der Armen und Arm-Gemachten lebt. Diese Theologie hat eine eigene Spiritualität, aber diese ist Ausdruck der politischen wie der religiösen Erfahrungen und der Bibel-Lektüre der Armen und Unterdrückten. Man denke etwa an das bekannte Buch „Das Evangelium der Bauern von Solentiname. Gespräche über das Leben Jesu, aufgezeichnet von Ernesto Cardenal“, Band 1, Wuppertal 1976.

Befreiungstheologen sind mit dem politischen Befreiungskampf der Armen verbunden, und sie bringen deren Lebenserfahrungen gern zum Ausdruck. Ihre theologischen Reflexionen leben von der dichten Verbindung mit dem verzweifelten Kampf um Gerechtigkeit. Deswegen wurden und werden Befreiungstheologen verfolgt wie ihre Freunde, die Armen in den Slums oder den entlegenen Dörfern, inmitten der abgefackelten Urwälder oder den Hungerzonen in den Metropolen. Diese TheologINNNEN sind genauso bedroht wie ihre Companeros/Companeras: Sie reiben sich auf im Kampf um elementare Menschenrechte, werden von Herrschenden bedrängt und …ermordet, siehe Guatemala, Honduras, Nikaragua, Brasilien usw. Zur Befreiungstheologie gehört immer auch die Märtyrer-Erfahrung. Wer als Theologe kein religiöses Opium verkauft, das den Herrschenden gefallen würde, lebt gefährlich. Man denke an die Ermordung der Jesuiten in El Salvador im November 1989, etwa an den Befreiungstheologen Pater Ignacio Ellacuria. Oder an die Ermordung des befreiungstheologischen Erzbischofs Oscar Romero schon 1980. Die Mörder waren bekennende rechtsextreme Katholiken ebenfalls aus El Salvador, die Waffen lieferten „Ausbildungszentren“ in den USA… Wer ermordete Erzbischof Romero: LINK

11. …und die TheologInnen Europas?

Die Befreiungstheologie muss als ein radikaler Einschnitt verstanden werden innerhalb der — bis 1970 – europäisch zentrierten und europäisch beherrschten Theologien bzw. klerikalen theologischen Ideologien. Europäische TheologInnen stehen meist zu den herrschenden sozio-ökonomischen Verhältnissen in einvernehmlichem oder moderat kritischem Verhältnis. Sie wollen schließlich nicht ihren gut bezahlten Job verlieren.

12.Die Angst der Hierarchie vor Basisgemeinden

Ihren inspirierenden Ort fanden und finden Befreiungstheologen in den Basisgemeinden. Sie waren und sind Zusammenkünfte von Katholiken in Städten wie auf dem weiten Land, sie fühlen sich als Christen zurecht berufen, selbst und eigenständig ihre Gemeinden zu gestalten, gerade weil kein Priester für sie zur Verfügung stehen. Indem aber der Vatikan den Laien es untersagte, Eucharistie zu feiern oder Frauen von vorrangigen Funktionen in der Gemeinde ausschloss, waren viele tausend kleinen Basisgemeinden aufgrund des rigiden Verhaltens des Papstes nicht von langer Dauer. Viele tausend frustrierte Katholiken sind zu den charismatischen evangelischen Gemeinden übergewechselt, in etlichen lateinamerikanischen Staaten (wie Guatemala oder Chile) sind Katholiken längst nicht mehr die zahlenmäßig stärkste Konfession. Dass Lateinamerika nun aufhört, als katholischer Kontinent zu gelten, ist auch die Schuld der dogmatisch rigiden katholischen Kirche. Mit ihrer Kritik an der Befreiungstheologie ging immer die Kritik an selbstständigen Laien-Basis-Gemeinden einher. Wer noch im Sinne der katholischen Kirche denkt, muss also sagen: Die Führung der katholischen Kirche ist für ihren eigenen Niedergang in Lateinamerika verantwortlich. Die große Amazonas-Synode im Vatikan (2019) hätte eine Korrektur bewirken können. Die weitrechenden Reformvorschläge wurden aber von Papst Franziskus zurückgewiesen, wie die Aufhebung des Zölibates wenigstens für Priester in der Amazonas-Region…

13.Die Feinde der Befreiungstheologie, das Opus Die, die Legionäre Christi usw.

Man muss die globalen Zusammenhänge vor Augen haben, um das Besondere der lateinamerikanischen Befreiungstheologie zu verstehen. Diese anti-bourgeoisen katholischen Theologen und Theologinnen wurden auch vom Vatikan, dem Papst und vielen Bischöfen drangsaliert, der Häresie angeklagt, als Kommunisten bezeichnet, um so die aggressive Aufmerksamkeit des antikommunistischen CIA auf diese Christen zu lenken. Das Image der Befreiungstheologie und der mit ihr verbundenen Basisgemeinden der Armen wurde jedenfalls von Anfang an ramponiert, und zwar durch die Kirchenführer selbst, allen voran von Kardinal Ratzinger und Johannes Paul II. im Verbund mit Reagan und Co. Sowie später setzte sich die Diffamierung kirchenoffiziell fort, etwa durch die den Studienkreis „Kirche und Befreiung“, gegründet 1973, inszeniert von Bischof Franz Hengsbach, Essen, und Erzbischof Lopez Trujillo, Kolumbien, später Vatikan. Von Bischof Franz Hengsbach ist das skandalöse Wort überliefert: „Die sogenannte Theologie der Befreiung führt ins Nichts. In ihrer Konsequenz liegt der Kommunismus…“ (KNA, 13.5.1977). Der Erzbischof und spätere Kardinal Lopez Trujillo war in diesem Kreis zweifelsfrei einer der übelsten Hardliner des reaktionären Flügels der römischen Kirche. Er war als definitiver Feind der Befreiungstheologen ein Freund von Johannes Paul II. und,so wird berichtet, der Drogenmafia. Über seine privaten Leidenschaften hat der Pariser Soziologe Frédéric Martel geforscht, siehe sein Buch „Sodom“, 2019, dort die Recherchen zu Kardinal Lopez Trujillo, Seite 358 und bes. S. 365. LINK

14.Zur Wirkungsgeschichte

Hier wurde mit Nachdruck an den großen Inspirator der Befreiungstheologie Gustavo Gutiérrez erinnert. Aber, wie gesagt, gehören zur Befreiungstheologie viele andere TheologInnen, sie haben weitere Akzente gesetzt, etwa zum Feminismus oder zur Ökologie (wie etwa die letzten Bücher von Leonardo Boff), auch vorsichtige Ansätze einer schwul-lesbischen lateinamerikanischen Befreiungstheologie machen sich bemerkbar, siehe etwa die Studien von André Sidnei Musskopf, Brasilien. Und vor allem: Auch in Afrika und Asien haben sich eigene Formen der Befreiungstheologie entwickelt. In Europa müsste eine Befreiungstheologie eine Befreiung der Kirche aus dem Kapitalismus sein, aber zu einer solchen Theologie ist nur sehr marginal die Rede.

15.Kritisches zu Gutiérrez

Aber bei allem Respekt vor dem Werk von Gustavo Gutierrez: Er hat sich theologisch und kirchenpolitisch weit nach vorn gewagt, aber, offenbar um zu überleben in dieser Welt feindlicher Systeme, hat er sich auch nicht zu weit nach vorn gewagt: Ein treffendes Beispiel für die Ängstlichkeit vor der klerikalen Hierarchie ist sein Verhalten anlässlich eines Vortrages 1970 in Corodoba, Argentinien, für die Gruppe der „Priester für die die Dritte Welt“. Bei diesem Vortrag hatte sich Gutierrez die Anwesenheit des inzwischen mit einer Frau zusammenlebenden EX-Bischofs von Avellaneda, Jeronimo Podestá (1920-2000 ) ausdrücklich verbeten. Jeronimo Podestas Frau, Clelia Luro, hatte sich später noch einmal klagend wegen dieses Verhaltens an Gutierrez gewandt. Quelle: https://es.wikipedia.org/wiki/Gustavo_Guti%C3%A9rrez_(te%C3%B3logo)

Im Unterschied zu dem bedeutenden und für ökologische Fragen äußerst anregenden Befreiungstheologen Leonardo Boff aus Brasilien hat sich Gutiérrez eher selten über die unterdrückerischen Strukturen der hierarchisch verformten Katholischen Kirche geäußert. Vielleicht ließ man ihn deswegen im Vatikan weithin „in Ruhe“. Deswegen muss mit Nachdruck auf Boffs Buch „Kirche – Charisma und Macht“ empfehlend hingewiesen werden.

16.Der Freund, Kardinal Gerhard Ludwig Müller

Und merkwürdig erscheint auch die von Kardinal Gerhard Ludwig Müller (Regensburg-Vatikan) viel beschworene Freundschaft mit Gustavo Gutiérrez. Natürlich kann jeder mit jedem befreundet sein, warum nicht ein sehr Rechter und ein Linker? Für katholische Verhältnisse bleibt es aber erstaunlich, wenn ein theologisch bekanntermaßen sehr europäischer und sehr konservativer Theologe, also Müller, mit einem doch eher linken und Befreiungstheologen, befreundet sein könnte. Aber vielleicht hat diese Freundschaft Gutierrez vor Verfolgungen durch den Vatikan bewahrt…

Erstaunlich ist auch, dass Gutierrez im Alter von 72 Jahren (im Jahr 2001) dem Dominikanerorden beigetreten ist, ein ungewöhnlicher Vorgang; manche vermuten, dass die Spannungen mit dem reaktionären Opus-Dei – Kardinal von Lima, Juan Luis Cipriani, zu stark wurden, so dass sich Gutiérrez förmlich in den relativ selbständigen und aufgeschlossenen Orden der Dominikaner flüchtete.

17.Ein Kongress in Lima

Vom 25. bis 29.Oktober 2021 fand in Lima, Peru, ein internationaler Kongress statt, anlässlich von „50 Jahre „teología de la liberación“. Referenten aus Europa waren nicht dabei. Siehe, auch mit einem Statement von Gustavo Gutierrez: LINK

Mensaje de Gustavo Gutiérrez al clausurar Seminario Internacional sobre Teología de la Liberación

18.Die Kirche in Deutschland hält sich ans Spenden. Nicht an die Kapitalismus – Kritik

Hat die lateinamerikanische Befreiungstheologie die römische Kirche zum Beispiel in Deutschland verändert? Schwer zu sagen, wie die indirekten Wirkungen aus Lektüre und Begegnungen zu bewerten sind. Aber das Verhältnis der Kirche in Deutschland etwa gegenüber Lateinamerika und seiner Kirche ist weiterhin vom Geist der Spenden, der begrenzten Hilfsbereitschaft und der marginal bleibenden Studien bestimmt. Die grundlegende Kritik an den Zusammenhängen von Ausbeutung (Europa) und Unterdrückung (Lateinamerika) wurden im Sinne der Befreiungstheologie auch in Deutschland artikuliert, aber die große Wende einer Parteinahme der ganzen Kirche in Deutschland für die globale Gerechtigkeit hat nicht stattgefunden. Die Kirche in Deutschland ist und bleibt ein Teil der reichen Welt, und verhält sich auch entsprechend in ihrer repräsentativen Selbstdarstellung. Die Art, katholische Kirche zu sein, bleibt eher unberührt von der Befreiungstheologie. Basisgemeinden finden in Deutschland kein Wohlgefallen in der Hierarchie, Kapitalismuskritik (etwa auch Kritik am Kirchensteuersystem) schon gar nicht. Man schämt sich als Kirchenführung nicht, über 6 Milliarden Kirchensteuer pro Jahr zu haben. Dabei erleben die Kirchenführer hilflos, wie die Katholiken zu Hunderttausenden aus dieser über Milliarden verfügenden Amts-Kirche austreten. Die offizielle Antwort der Kirchenführungen auf das Elend weltweit heißt: Spenden, Almosen geben. Diese sind natürlich angesichts des realen Elends nett, aber strukturell wirkungslos.

19.Auch in Lateinamerika jetzt eher marginal

Aber man mache sich auch keine Illusionen: Die Befreiungstheologie ist auch im lateinamerikanischen Katholizismus eher ein marginales Phänomen geworden. Die charismatischen Katholiken werden beliebter und offiziell propagiert, man schätzt eher das fromme Tralala und Alleluja-Singen, also letztlich das religiöse Opium, das für kurze Zeit Glücksmomente beschert in einer eigentlich hoffnungslosen Gesellschaft gravierender Ungerechtigkeit.

Der größte Skandal ist wohl, dass viele brasilianische Bischöfe Bolsonaro unterstützen. Ein angesehene Politiker,der wahrscheinlich künftige Präsident Luiz Inacio Lula, ist ein alter Freund der Befreiungstheologen. Er nennt Bolsonaro explizit „einen Verbrecher und Faschisten“. (Tagesspiegel, 16.11.2021). Und den unterstützen die Reichen Brasiliens, die man naiv „Eliten“ nennt.

20.Ein Hinweis zum Autor dieses Beitrags

Der Autor dieser kurzen Hinweise, Christian Modehn, hatte bereits im Juni 1973 in St. Augustin bei Bonn die erste große internationale Tagung in Deutschland über die Befreiungstheologie angeregt und mit-gestaltet, er war damals Theologiestudent innerhalb des Ordens „Gesellschaft vom göttlichen Wort“, SVD. Zum Tgungsbericht in Orientierung, Zürich: LINK. 1975 verfasste er eine erste kleine Einführung in die Befreiungstheologie „Der Gott, der befreit“, 1977 veröffentlichte er zusammen mit Karl Rahner SJ und Hans Zwiefelhofer SJ „Befreiende Theologie“, (Kohlhammer Verlag) als Sammelband mit Beiträgen u.a. von Jon Sobrino, Juan Carlos Scannone, Leonardo Boff, Michael Göpfert, Miguel Manzanera und anderen. Das Buch fand viel Interesse und die erste (und einzige) Auflage war schnell vergriffen. Vor allem Horst Goldstein (1939-2003) hat sich als einer der ersten als Übersetzer und Autor um die Rezeption der Befreiungstheologie in Deutschland verdient gemacht. Wichtig sind für den deutschen Sprachraum die zahlreichen, auch befreiungs-philosophischen Studien von Raul Fornet-Betancourt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon Berlin.de.

„Große Freiheit“: Nur ein Traum für homosexuelle Katholiken. Der § 175 besteht nach wie vor in der römischen Kirche.

Ein Hinweis von Christian Modehn.   Um die wichtigste Erkenntnis kurz, aber wahr vorweg zu sagen: Es sind die maßgeblichen Herren der Kirche(n), die in Europa und Amerika und Afrika bis jetzt immer noch und unverschämt gegen die völlige Gleichberechtigung homosexueller Menschen (abgekürzt bekanntlich: LGBT) agieren und hetzen.  Der demokratische Staat sollte diesen Herren eine Kinokarte schenken, damit sie sich möglichst gemeinsam den Film “Große Freiheit” ansehen und wenigstens mal kurz zu Tränen gerührt werden. Um menschlich und christlich zu werden…Ist aber unwahrscheinlich…

1. Jetzt (am 18.11.2021) kommt der Film „Große Freiheit“ von Sebastian Meise in die Kinos. Der Film erzählt das Leben eines Homosexuellen,  er heißt Hans, der viele Jahre seines Lebens, in der Nazi-Zeit und danach in der BRD, in Gefängnissen zubringen musste. Aus dem „einfachen“ Grund: Er liebte Männer, diese Liebe durfte nicht sein, sie störte die Hetero-Moral und den Männlichkeitswahn….die Liebe galt als „widernatürliche Unzucht“. Liebende Männer wurden zu Verbrechern erklärt. Die BRD – Gesetzgeber und Richter, bekanntlich oft noch Nazis, hatten die Nazi-Gesetze ziemlich unverändert übernommen. Erst 1994 wurde in der BRD dieser verbrecherische Paragraph aufgehoben.

2. Der Film „Große Freiheit“ wurde schon in Cannes ausgezeichnet; er ist ein Meisterwerk, nicht zuletzt durch die großartige Leistung von Hans Rogowski („Hans“) und Georg Friedrich (als „Viktor“, Zellennachbar von Hans).

Der Film wird hoffentlich über das individuelle Schicksal und das Leiden hinaus das Thema Homosexualität in den Mittelpunkt der Diskussionen stellen, hoffentlich. Denn Wichtiges gibt es zu besprechen, zu analysieren, zu kritisieren, anzuklagen. Etwa die Unterdrückung und Ermordung von Homosexuellen weltweit, vor allem in den meisten Staaten Afrikas und Asiens, im arabischen Raum vor allem, in Regimen, die sich islamisch nennen, also angeblich den barmherzigen Gott Allah verehren. Diese, nach außen hin religiösen Regime sind besonders mörderisch gegenüber Homosexuellen. „In 69 Staaten wird gleichgeschlechtliche Sexualität noch strafrechtlich verfolgt, in einigen Ländern sogar mit der Todesstrafe bedroht“, berichtet die Website des Lesben – und Schwulenverbandes LSVD. (https://www.lsvd.de/de/ct/1245-LGBT-Rechte-weltweit-Wo-droht-Todesstrafe-oder-Gefaengnis-fuer-Homosexualitaet). Genauso schlimm ist die Diskriminierung Homosexueller mit Gewaltattacken in so genannten westlichen Staaten, wie Brasilien unter dem de facto-Diktator Bolsonaro (er nennt sich katholisch, aber gleichzeitig auch evangelikal!).

3. Aber man mache sich nichts vor: Auch in Europa, dem freiheitlichen, gibt es noch vielfältige versteckte oder offene Repression gegenüber Homosexuellen. Für den „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“  ist besonders interessant: Um von den genauso anzuklagenden evangelikalen, sich evangelisch nennenden Kirchen gar nicht zu sprechen: Der Vatikan und mit ihm die oberste katholische Zentrale der Glaubenslehre und Moralverbreitung kennt bis heute de facto den § 175: Das heißt: Priester und Gemeindemitarbeiter, etwa Pastoralreferenten, die sich als schwul outen, werden entweder gar nicht erst in einem Dienstverhältnis zugelassen. Oder sie werden, etwa als junge Priesteramts-Studenten oder junge Ordensmitglieder, sofort entlassen. Selbst Priester, die sich nach etlichen Jahren der Gemeindearbeit outen, haben es schwer und sind bedroht, aus dem Priesteramt gedrängt zu werden, mit all den finanziellen Problemen, die sich dann ergeben.

4. Der § 175 wirkt in der katholischen Kirche auf subtile, aber skandalöse Weise: Wer sich noch für den geistlichen Beruf entscheidet, verschweigt diplomatischerweise seine Homosexualität, er verleugnet seine eigene Identität, lügt und lebt bis zum Lebensende in ständiger Angst, irgendwann dann doch entdeckt und bestraft zu werden. Die versteckten, also nicht offen homosexuell lebenden Priester und Ordensleute sind dann oft nach außen hin, etwa in Predigten, die größten Feinde von selbstverständlich frei gelebter Homosexualität. Der Soziologe Frédéric Martel hat in seiner großen empirischen Studie „Sodom“ diese Zusammenhänge aufgezeigt, besonders in dem verlogenen Verhalten zahlreicher Priester im Vatikan und in hohen klerikalen Kreisen, man denke an den theologisch reaktionären Kardinal Lopez Trujillo aus Kolumbien. LINK

5. Papst Franziskus, den einige immer noch für insgesamt progressiv halten, fährt auch in dieser Frage einen Zickzack-Kurs, mal sagt er dies, mal jenes zum Thema Homosexualität. Das ist bekannt. Besonders ärgerlich war sein Nein zur Segnung homosexueller Partnerschaften, wohl gemerkt, es ging um eher schlichte, freundliche Segnungen, so, wie die katholische Kirche seit Jahrzehnten Autos segnet und Hunde, Rinder und Handys, selbst ein Walross im Hamburger Zoo hat Bischof Hesse gesegnet.  LINK . Aber nein: Diese eher bloß freundliche Geste einer Segnung darf für Menschen, für Homosexuelle, NICHT sein. Sie sind (als Untermenschen?) weniger wert als Walrösser und Handys, welch ein Skandal für das ohnehin total ramponierte Ansehen der römisch-katholischen Kirche. Bei den Orthodoxen ist es nicht anders… Wie weit diese verkrampften, verlogenen Homo-Prälaten, Kardinäle und der Papst aus der Gegenwart der Vernunft gefallen sind, sieht man daran: Es ging bei den aktuellen Debatten doch gar nicht um das eigentlich heute gebotene Thema der kirchlichen Segnung (katholisch: ein Sakrament) der Ehe, also der Homo-Ehe. Allein diese Homo-Ehe-Debatte wäre interessant gewesen angesichts der Tatsache, dass einige demokratischen Staaten längst per Gesetz die Homo-Ehe eingeführt haben. Bei den gegebenen Verhältnissen also wird die römische Kirche, um nur diese zu nennen, nach wie vor zu den Verteidigern des §175 zählen. Was diese Haltung mit Menschlichkeit, geschweige denn mit der Lehre des Propheten Jesus von Nazareth zu tun, ist klar: gar nichts!

6. Ich habe früher schon zu dem Thema einige Hinweise veröffentlicht, sie zeigen: Fast nichts bewegt sich in der katholischen Kirche.

Am 2. Dezember 2018: LINK :

Am 20.6.2019: LINK

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Unsere Kirche ist ein Ort schwerer Verbrechen“: Die katholischen Bischöfe in Frankreich finden zur Vernunft und zu etwas Mitgefühl.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 10.11. 2021.

1. Sie haben doch noch „die Kurve geschafft“, die katholischen Bischöfe in Frankreich: Das heißt: Sie haben die traditionelle und Jahrzehnte übliche Verleugnung und Vertuschung der Tatsachen aufgegeben, der Tatsachen, dass es in ihrer französischen Kirche nachweislich und bewiesen seit 1950 etwa 300.000 Opfer von sexuellem Missbrauch durch Priester und Ordensleute gibt bzw. gegeben hat. Vom 2. bis zum 8. November 2021 trafen sich alle französischen Bischöfe im Marienwallfahrtsort Lourdes, am letzten Sitzungstag hat die Bischofskonferenz hoch offiziell sehr Erstaunliches erklärt. Man kann dies – verglichen mit den Bischofskonferenzen anderer Länder – als kleinen Sieg der Vernunft und des Mitgefühls deuten.

2. Die Bischöfe erkennen unumwunden die Freilegung der Verbrechen an, die eine neutrale Studien-Kommission, abgekürzt CIASE, unter Leitung des Juristen Jean-Marc Sauvé, erarbeitet hat. Von den freigelegten Tatsachen erschüttert, konnte die Bischofskonferenz gar nichts andres sagen: „Es gilt ein kirchliches System zu reparieren, das sich pervertierte und das derartige Fakten möglich gemacht hat, die nicht gesehen und nicht gehört sein sollten“, sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Eric de Moulins-Beaufort.

3. Eine halbe Million Euro wollen die Bischöfe den Opfern „pädokrimineller Gewalt durch Kleriker“ als Entschädigung zur Verfügung stellen, eine Summe, die bei der viel besprochenen Armut der französischen Kirche erstaunt. Aber die Bischöfe wollen ausdrücklich auf Kollekten, also Spenden der Laien in dieser Sache, verzichten und stattdessen Kirchen-Immobilien verkaufen oder aus irgendwelchen „Reserven“ Geld locker machen.

Außerdem soll es eine unabhängige „nationale Instanz“ geben, unter Leitung eines Juristen, eines Laien, diese Instanz soll im Gespräch mit den Opfern die Entschädigung bestimmen, ausdrücklich spricht die Bischofskonferenz von „Entschädigung“. Der kirchlich übliche Wille zu „kleinen Schritten“ der Hilfe, eher widerwillig geleistet hat, scheint zumindest in Frankreich vorbei zu sein. Zu umfassend sind die pädokriminellen Verbrechen, die gerade in letzter Zeit im kirchlich einst so hoch gelobten Milieu der ganz frommen Katholiken, der Charismatiker und der neuen geistlichen Gemeinschaften, freigelegt wurden.

Ihre Neuorientierung bewerten die französischen Bischöfe, so wörtlich, als Befreiung, sie sehen ihre „institutionellen Verantwortlichkeit und auch die systemische Dimension im Auftreten sexueller Gewalt“… „Unsere Kirche ist ein Ort schwerer Verbrechen“, so die Bischofskonferenz!

4. Die Sensation also ist: Die französische Kirche, die sich seit der Revolution von 1789 sehr weitgehend in einer Anti-Haltung zur Republik (und damit zur Demokratie) befunden hat, folgt nun den Weisungen der neutralen, nicht klerikal besetzen und nicht klerikal gesteuerten Forschungsgruppe CIASE. Kirchliche Erneuung folgt sozusagen republikanischen Erkenntnissen! Diese Tatsache ist sensationell. Schon jetzt melden sich Katholiken, etwa aus Chile, sie loben die französischen Bischöfe wegen ihrer Vernunft und verlangen dies auch von ihren Bischöfen. Ob sich polnische Bischöfe so verhalten wie ihre französischen Kollegen? Wohl kaum.

Die französischen Bischöfe bitten sogar um eine vatikanische Equipe von Visitatoren, sie sollen den Fortgang beim Schutz vor klerikaler Pädokriminalität überprüfen und die geleisteten Entschädigungen für die Opfer.

Am 9. Dezember 2021 wird Papst Franziskus die mutigen, zur Vernunft bekehrten französischen Bischöfe empfangen: Wird er sie weltweit als entscheidendes Vorbild loben oder als „regionale Besonderheit“ abtun? Bei Papst Franziskus ist alles möglich, je nach Laune bzw. Angst vor seinen Feinden im Vatikan, möchte man sagen.

5. Denn eines ist klar: Die tausendfachen pädokriminellen Verbrechen durch Kleriker in Frankreich von 1950 bis 2020 sind systembedingt, sie haben mit dem System der katholischen Kirche zu tun, mit der nach wie vor absoluten Hochschätzung des immer männlichen Klerus, mit dem schlicht und einfach nur verrückt zu nennenden Ausschluss von Frauen vom Priesteramt, der absolutistischen Entscheidungsgewalt eines sehr alten Herren, des Papstes, und natürlich… des Zölibat-Gesetzes, das eben junge Männer in den Priesterberuf zieht, die insgesamt unreife Personen sind, und diese gibt es unter Heterosexuellen wie Homosexuellen.

6. Beklagt wird, dass die Debatten und Entscheidungen der Bischofskonferenz in Lourdes hinter verschlossenen Türen, ohne Öffentlichkeit, stattfanden, dass nur gelegentlich die eingeladenen Laien und einige wenige Opfer den Debatten folgen konnten. Die katholische Kirchenführung als klerikale Hierarchie bevorzugt es halt immer noch, unter sich zu bleiben und unter sich Entscheidungen zu treffen. Demokratie sieht anders aus. Aber die katholische Kirche beharrt ja bis heute voller Stolz darauf, eben alles andere als eine Demokratie zu sein. Wie lange sie in dieser Haltung noch Respekt und Zustimmung erlangen kann unter Menschen, die aufgeklärt und demokratisch denken und handeln, ist die Frage: Die Antwort heißt: Wohl nicht mehr lange.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Neues Denken könnte die Welt noch retten. Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2021!

Die Rede von Tsitsi Dangarembga anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels am 24.10.2021 in Frankfurt/Main.

Die Autorin, Schriftstellerin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga aus Simbabwe hat am 24.10.2021 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten!

Dazu möchten die Initiatoren und Leiter des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin ihren herzlichen Glückwunsch aussprechen und ihre Hochschätzung betonen: Denn Tsitsi Dangarembga ist nicht nur eine wichtige Autorin wegweisender kritischer Romane, sie hat sich in ihrer Rede in Frankfurt erneut explizit als Kritikerin des globalen kapitalistischen und imperialen Weltsystems gezeigt. Darüber hinaus hat Tsitsi Dangarembga in ihrer Rede eine philosophische Kritik vorgestellt, die an die Wurzeln neuzeitlichen europäischen Denkens geht. Die Autorin zeigt, dass das viel besprochene Wort des Philosophen Descartes – fast wie eine Floskel verbreitet : „Ich denke also bin ich“ tatsächlich, ursprünglich viel komplexer verstanden, bedeutet: „Ich zweifele, also bin ich! Gerade weil ich am Zweifeln selbst noch einmal zweifeln kann, ist der Zweifel als Denkform also die „Grundmelodie“ des reflektierenden Daseins“. Aber: Für die westliche Welt des Imperiums war Zweifeln  niemals eine Tugend des Imperiums.

Die ganze Rede von Tsitsi Dangarembga können Sie hier nachlesen: LINK.

Hier einige Hinweise und zentrale Zitate aus der Rede:

Tsitsi Dangarembga spricht zu Beginn von der vielfachen Gewalt des Imperiums, die sich auch in Simbabwe als physische, psychische und metaphysische (also religiöse) Gewalt zeigte und zeigt:

„Diese Arten der Gewalt sind in die Strukturen der globalen Ordnung, in der wir leben, integriert und wurzeln in den Strukturen des westlichen Imperiums, dessen Anfänge sich vor über einem halben Jahrtausend bildeten. Das heißt, dass der Westen mit all seiner Technologie, seinen Überzeugungen und seiner Praxis auf vielfachen weiterhin praktizierten Formen der Gewalt aufgebaut ist, die er in den Rest der Welt exportiert hat und die jetzt in postkolonialen Staaten so eifrig praktiziert werden wie zuvor in imperialen und kolonialen Staaten.“

Etwas später betont die Autorin:

„Ein System, das auf Profit basiert, darauf, mehr zu erhalten, als man gibt, ist ein System der Ausbeutung. Ein System, das einerseits Konzentration und andererseits ein Defizit erzeugt, ist ein System des Ungleichgewichts. So ein System ist notwendigerweise instabil und deshalb auch nicht nachhaltig. Wie ist es möglich, dass wir in ein instabiles, nicht nachhaltiges System investieren, das uns zwangsläufig in den Untergang führt?“

Eine Veränderung dieser imperialen Gewaltstrukturen wäre möglich, durch die Entscheidung, neu zu denken:

„Hier ist eine Antwort, und ich glaube, dass die Antwort einfacher ist, als wir denken. Die gewaltsame Weltordnung, in der wir heute leben, wurde von gewissen hierarchischen Denkweisen etabliert. Die Lösung ist, ethnisch determinierte und andere hierarchische Denkweisen abzuschaffen, die auf demografischen Merkmalen wie sozialem und biologischem Geschlecht, Religion, Nationalität, Klassenzugehörigkeit und jedweden anderen Merkmalen beruhen, die in der gesamten Geschichte und überall auf der Welt die Bausteine des Imperiums waren und noch immer sind.“

Die Ego-Fixierung der typisch europäischen Maxime „Ich denke also bin ich“ haben schon europäische Philosophen zu überwinden versucht, wie Martin Buber oder Emmanuel Lévinas. Der andere Mensch muss von vornherein einbezogen werden, wenn das Ich zu denken beginnt. Tsitsi Dangarembga betont:

Da jemand, der »Ich denke, also bin ich« denkt, sich selbst als Mensch betrachtet, wird jemand anders, der anders denkt, als nicht wie ich oder nicht als Mensch wahrgenommen. Wie wir wissen, hat die Aberkennung des menschlichen Werts anderer Menschen den Effekt, den menschlichen Wert zu erhöhen, den wir uns selbst zuschreiben; und wir wissen auch, dass dieser Mechanismus der differenziellen Zuschreibung von Menschlichkeit für einen Großteil der Gewalt verantwortlich ist, mit der die Menschen einander heimsuchen.“

Es muss ein Paradigmen-Wechsel des Denkens stattfinden, wenn die Welt sich von Umweltkatastrophen, zunehmender Verarmung, zunehmender Etablierung von Unrechtsstrukturen und Ausbeutung befreien will. Tsitsi Dangarembga geht deswegen soweit, eine neue Aufklärung zu fordern, also eine neue Epoche neuen, aufgeklärten Denkens.

Über das »Ich« hinauszuschauen zum »Wir« könnte zu horizonterweiternden Neuformulierungen des Satzes des Franzosen führen, zum Beispiel zu »Wir denken, also sind wir« oder sogar zu »Wir sind, also denken wir« und mit letzterem den Ort der Hochschätzung vom rationalen »denken« zum empirischen »sein« verschieben….Unsere Entscheidung, was und wie wir denken, ist letztlich eine Entscheidung zwischen Gewalt oder Frieden fördernden Inhalten und Narrativen. Das gilt, ob wir diese Inhalte und Narrative in Gedanken nur für uns selbst formulieren oder ob wir sie anderen um uns herum mitteilen. Beides ist fruchtbar.“

Für die Hinweise und die Zusammenstellung verantwortlich: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

800 Millionen Menschen hungern heute. Das ist Mord!

Anlässlich des „Welttages gegen Hunger“ am 16. Oktober 2021

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.Selten hat ein deutscher Politiker, noch dazu ein CSU-Minister, so deutlich, so wahr und radikal gesprochen, wie jetzt Gerd Müller, der bald ausscheidende und sehr vernünftige Minister für „Entwicklungshilfe“ der Regierung Merkel. „Hunger ist Mord“ heißt seine Erkenntnis. Sie sollte sich wie ein Mantra überall und bei jedem festsetzen. “Eigentlich”, wenn es den Willen für eine gerechte Weltwirtschaft gäbe, bräuchte niemand zu hungern.

Besser wäre es, die sachliche Ebene „Hunger“ zugunsten der persönlichen Ebene „Hungernde“ zu ersetzen. Also zu sagen: „Hungernde werden ermordet“. Dann muss die Frage beantwortet werden: „Von wem werden denn Hungernde ermordet?“

Bei der Suche nach Antworten darauf sind wir wieder bei dem leidigen Stichwort gelandet, das so oft als Entschuldigung dient für konkretes politisches Handeln: Es ist der Begriff „Komplexität“. Natürlich ist es ein komplexes Phänomen, dass zurzeit (Herbst 2021) mehr als 800 Millionen Menschen ,vor allem in Afrika, hungern. Wie auch immer die Gründe aussehen: Eines ist klar: Hungern heißt für diese Elenden eben nicht, ein bisschen Bauchweh zu haben, weil der Magen leer ist oder, wie üblich dort, kein sauberes Wasser zur Verfügung zu haben. Hungern heißt für die 800 Millionen Menschen: Sich Im Zustand des langsamen, aber sicheren Krepierens zu befinden.

Minister Gerd Müller sagte also vor wenigen Tagen: „Hunger ist Mord, da wir dies heute ändern können“. Worte, die jeder mindestens zweimal lesen und sprechen sollte: HUNGER IST MORD, da wir dies heute ändern könnten“. Der Hunger und das Verhungern sind also kein Schicksal, ist nichts Unabwendbares, wenn auch die Klimakatastrophe eine Rolle spielt, aber die ist von Menschen vor allem im reichen Norden dieser Erde gemacht.

Gerd Müller also sagt: „Hunger ist Mord, da wir dies ändern können“. Wer ist wir? Sicher nicht die Hungernden in der Sahelzone, sondern eben wir, auch wir Europäer, auch wir Deutsche.

2. Aber WIR haben absolut andere Sorgen: Nur ein Beispiel: Der 16. Oktober ist bekanntlich der „Welttag gegen Hunger“. Wenn man abends im ZDF das Heute-Journal sieht, wird etwa 6 Minuten über das Treffen der „Jungen Union“ in Münster lang und breit berichtet und etwa 40 Sekunden über die Tatsache, dass 800 Millionen Menschen hungern. Es werden dabei die üblichen Bilder gezeigt und einfallslos wie immer werden die ZuschauerInnen zum Spenden aufgerufen. Also: Ein paar Euro locker machen, spenden und schon haben einige Hungernde eine Schale Reis. Von der Aufforderung, sich politisch zu informieren, warum denn die Anzahl der Hungernden schon wieder zugenommen hat, vor 2 Jahren waren es „nur“ 690 Millionen“, also keine Spur davon in der Nachrichtensendung. Laschet und Söder und die JU sind absolut wichtiger für uns, wir sind begrenzte Nationalisten geworden, vielleicht sogar blind für die „fernen Nächsten“, die Mitmenschen in Hunger und Dreck…Mit Spenden sollen wir also unser Gewissen beruhigen und es hinnehmen, wie gering etwa der Etat des Miniserums für „Entwicklungshilfe“ ist. Dabei ist es fraglos, dass Spenden oft eine letzte Rettung sind für die Elenden. Gerd Müller (CSU!) sagt es selbst: „Schauen Sie, allein für Rüstung werden weltweit jedes Jahr 1700 Milliarden Euro ausgegeben. Für Entwicklung nur 170 Milliarden. Dies ist ein inakzeptables Missverhältnis.“

Aber die meisten finden das normal. Weil sie auch die kapitalistische Gesellschaft normal finden und die neoliberale WirtschaftsUNordnung normal finden. Wo und wann wurde denn bei diesem Bundestagswahlkampf von Entwicklungshilfe gesprochen, welcher der so genannten Spitzenpolitiker sprach davon, setzte sich für mehr Gerechtigkeit in der kommenden Regierung? Mir ist davon nichts begegnet.

Um beim Thema „Hunger ist Mord“ bzw.: „Wenn 800 Millionen Menschen jetzt hungern, sind wir die Mörder“, die richtige Erkenntnis präziser zu fassen: Dieses Thema ein philosophisches, es muss die Frage aufgeworfen werden: Wie „wir“ denn endlich zu einem menschenwürdigen Verständnis von Gerechtigkeit auf dieser einen Welt („Mutter Erde“ ?) kommen können. Wollen „wir“ das überhaupt? Oder brauchen wir die Elenden, um unseren Wohlstand zu halten und auszubauen? Brauchen wir moderne Sklaven? Etwa doch einige Flüchtlinge aus Afrika?

Philosophisch ist eindeutig in dieser grausamen Situation: „Wir“ sind Mörder, ein schwieriger Gedanke, aber wir sind meist Mörder durch Unterlassung von wirksamer Hilfe, weil uns die eigene kleine bürgerliche oder spießbürgerliche Welt, der eigene begrenzte Horizont, der in der Merkel Regierung so heilig war, selbstverständlich geworden ist. Wer wagt das Eingeständnis: „Wir sind totale Egoisten“?

3. Wir müssen uns also angesichts der fast einer Milliarde Hungernder Menschen eingestehen: Unser Reden von Menschenrechten, von Solidarität, von Herrschaft der Vernunft etc. ist oft nur ein Ausstoßen von leeren Wort-Blasen. Denn sonst würden wir doch aufstehen und massenhaft „Fridays for hungry peoples“ organisieren und vor den Verteidigungs-, Finanz-und Wirtschaftsministerien protestieren.  Dass immer mehr so genannte demokratische Regierungen, wie in Polen, Ungarn oder jetzt in Österreich wider den Geist der Demokratie handeln und in der Korruption versinken, ist bezeichnend: Korrupte Politiker kümmern sicher eher um das nächste Staats-Bankett als um die 800 Millionen Hungernde.

Und die Kirchen in Deutschland? Vor einigen Jahren waren sie manchmal noch ein bisschen der öffentlichen sozialen und prophetischen Kritik verpflichtet, sie sind jetzt absolut mit allen ihren Missbrauchsfällen befasst oder mit synodalen Prozessen oder dem Zölibat…Woelki und Co. wurden den Katholiken viel wichtiger als die Menschenrechte! Und den Hilfswerken fällt auch nichts anderes ein, wie schon seit Jahrhunderten, als um Spenden zu betteln, also um die berühmten „Tropfen auf die heißen Steine“. Zur politisch-prophetischen Rebellion für die Hungernden sind die Kirchen in den reichen Ländern gar nicht in der Lage. Sie sind müde und schwach und geldgierig für eigene Zweck.

Es werden vielleicht politisch noch viele kluge Worte zum Hunger gesagt. Aber wir haben uns längst daran gewöhnt, dass es Untermenschen (Hungernde, „Schwarze“) und gut genährte Übermenschen bzw. Herrenmenschen, dies sind die Europäer, Amerikaner, Japaner, Saudis und andere sich islamisch – scheinheilig fromm nennende Gewaltherrscher in ihrem absoluten Saus und Braus … gibt. Die Kategorie Untermenschen contra Herrenmenschen hat ja bekanntlich schon seit Urzeiten gegolten und in der Nazizeit zum Massenmord an den Juden und anderen geführt…

In der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ sagte Müller weiter: „Man kann kaum glauben, zu welchen Verbrechen Menschen in der Lage sind.“ In einem Flüchtlingslager in Myanmar habe er mit Frauen gesprochen, deren Babys von Regierungstruppen in brennende Hütten geworfen wurden. Im Camp von Moria lernte er Frauen kennen, die auf der Flucht vergewaltigt wurden. Im Tschad haben wir ein Krankenhaus in einem Slum besucht: abgemagerte Kleinkinder, deren Mütter sie nicht stillen konnten, weil sie selbst unterernährt waren. Die eigene Regierung hat seit Jahren keine Mittel gegeben. Und drei Kilometer weiter saß der Präsident in seinem Palast aus Gold und Marmor. Er kannte das Krankenhaus nicht und sagte, wenn man krank ist, dann fliegt man in die USA. Vollkommene Ignoranz. Er wollte öffentliche Entwicklungszusammenarbeit von uns. „Ich habe ihm gesagt, das kann er vergessen. Stattdessen unterstützen wir das Krankenhaus direkt. Da war der Präsident stinksauer und hat sich bei der Bundeskanzlerin über mich beschwert“.

4. Wie kommt man philosophisch weiter? Im Denken allein sicher nicht. Es braucht wohl eine Revolution des politischen Handelns. Aber dafür gibt es keine Subjekte. Und keinen Willen, keine „Umkehr“, unter den Reichen.

Philosophen und die wenigen noch dem befreienden Evangelium Jesu von Nazareth verpflichteten Menschen müssen sich eingestehen: „Wir sind gescheitert“: Die Philosophie als Gesellschaftskritik und die christliche Religion, in ihrem humanen, nicht gewalttätigen Kern. Sie sind gescheitert. Die Bilanz des Christentums ist – historisch gesehen – katastrophal. Das weiß jeder.

Nur wer das Scheitern eingesteht, hat die Chance, irgendwo und irgendwie neu zu beginnen. Wenn einem dazu die Kraft nicht genommen wurde…

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

Sexueller Missbrauch durch einen hochrangigen Priester im Spanien des 17.Jahrhunderts: „Der Prozess versandete“.

Eine seltene historische Studie zum traditionsreichen sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche.

Ein Hinweis von Christian Modehn

 

1. Pater Joan Nolasco Risón war Provinzial seines Ordens, der „Mercedarier“, also in einer hohen Leitungsfunktion für die spanischen Klöster. Zuvor war er Novizenmeister, zuständig für die jungen Männer, die in den Orden eintreten wollten. „Er hatte in seinem Konvent unaufhörlich und erfolgreich sexuellen Druck auf die jungen Leute ausgeübt, die ihm anvertraut waren“. Das schreibt der Historiker Rapahael Carrasco, Professor für Hispanistik an der Universität der Franche Comté (Frankreich), in seinem Beitrag „Sodomiten und Inquisitoren im Spanien des 16. und 17. Jahrhunderts“ (in dem Buch „Die sexuelle Gewalt in der Geschichte“, hg. Alain Corbin, Berlin 1992, zit. Seite 55.)

2. Als der Priester Joan Nolasco Risón 1687 wegen des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen und wegen Homosexualität (damals kirchlich Sodomie genannt) verhaftet wurde, geschah dies „unter größter Geheimhaltung“, betont der Autor aufgrund seiner Quellenstudien. Der angeklagte Priester hatte in seinem Kloster eine Spaltung bewirkt: Seine Komplizen, „die er anderswo auf günstigen Posten unterbrachte und die bis dahin seltsame Vorrechte genossen, auf der anderen Seite die Reinen, die Schamhaften, Empörten sowie alle, die verfolgt und tyrannisiert wurden, weil sie dem Werben des Meisters widerstanden hatten“ (ebd.)

3. Es gab einen kritischen Ordensmann aus diesem Kloster und Orden, Pater Ramirez, der dem sexuellen Missbrauch Pater Nolascos Einhalt gebieten wollte. Und was passierte? Der ganze Orden wollte den „guten Ruf“ bewahren, man beeinflusste den kritischen Pater Jeronimo Ramirez und versuchte, ihn zu überzeugen, doch bitte den prominenten Straftäter im Orden nicht zu denunzieren.

Aber, und das ist erstaunlich, die Inquisition widersetzte sich dem Wunsch des Ordens nach „Gut-Erscheinens“ und setzte einen Prozess an, bei dem auch die betroffenen Novizen vorgeladen und gehört wurden. Für den Historiker Raphael Carrazco zeigen sich da ungewöhnliche ausführliche Quellen über das Leben in den Klöstern und speziell unter Novizen im 17.jahrhundert. Aber: Wie üblich, möchte man sagen: Auch dieser Prozess „versandete im Ermittlungsverfahren: Der oberste Rat dachte, die zwangsläufig skandalöse Arznei sei schlimmer als die Krankheit. Mit anderen Worten: Gegen den Provinzial wurde juristisch nichts weiter unternommen, der „gute Ruf des Klerus sollte gerettet werden“…

4. Es gibt also einige wenige seriöse Studien von Historikern, die an einzelnen, mühsam recherchierten Beispielen zeigen: Der sexuelle Missbrauch durch Priester hat eine lange Tradition. Und wenn das so ist, dann wird erneut ein „Systemfehler“ in der Kirche offenbar. Die katholische Kirche zieht aufgrund ihres Zölibatsgesetzes immer auch Männer an, die ihre Sexualität, d.h. oft ihre Homosexualität verleugnen und in der zölibatären Kleruskirche ihre eigene Homosexualität oder auch Pädosexualität verstecken, aber auch gleichzeitig heimlich ausleben.

Mit anderen Worten: Solange das Zölibatsgesetz besteht, wird es immer wieder Männer geben, die ihre pädosexuellen Orientierungen in der Kirche als Priester ausleben wollen und können.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Kaiser Wilhelm I. und II. und ihre Kirche in Berlin, „KWG“ genannt.

Die Evangelische Kirche in Berlin sollte auf den problematischen Titel ihres prominenten „Gotteshauses“ verzichten.

Ein Hinweis von Christian Modehn. (Ich habe schon 2016 und dann noch einmal 2020 für die Umbennung der Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche plädiert. Hier nun der wahrscheinlich letzte Hinweis zu dem Thema). Siehe also auch  LINK 

Die Umbennungen von Straßen etc. in Deutschland wegen des sexuellen Missbrauchs von Priestern ist in vollen Gange. Warum dann nicht auch endlich einem Gotteshaus einen Namen geben ohne Verbindungen zu rassistischen, kolonialistischen und antirepublikaischen Herrschern? LINK

1. Die neue, große Studie von Stephan Malinowski, „Die Hohenzollern und die Nazis. Geschichte einer Kollaboration“, (Propyläen-Verlag Berlin 2021, 752 Seiten) führt erneut zum Thema „Umbenennung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche“ in Berlin. Und diese Forderung wird gleichzeitig heftig unterstützt durch die deutliche Bindung der Kaiser Wilhelm I. und II. an den Kolonialismus. Will sich die Kirche wirklich an kolonialistische Herrscher und antirepublikanische Kaiser auf Dauer binden? Das ist die Frage. Und man bedenke: Wenn die Verbrechen des Kolonialismus, des Antisemitismus und des Antirepublikanismus durch deutsche Könige/Kaiser erkannt sind, dann muss man sich die Mühe machen, auch Kirchen umzubenennen, das gilt auch für Straßen und Plätze, man denke an die 67 „Hindenburg Straßen“ in Deutschland.

2.Diese „Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche“, eine Mischung aus Denkmal/Ruine und erstaunlichem Gebäude (eingeweiht 1961, Architekt Egon Eiermann), wird auch kirchlicherseits „schamhaft“ und verlogen oft nur „KWG“ genannt oder, vielleicht angesichts der allgemeinen historischen Vergesslichkeit der Kirchen, nur kurz als „Gedächtniskirche“ bezeichnet. Eine Aufforderung förmlich, das kritische Gedenken zu pflegen. In diesem Hinweis bewahren wir es.

3. Die heftige Debatte über den Kolonialismus der Deutschen, seit König/Kaiser Wilhelm I. , erinnert insgesamt an die rassistisch geprägte Zeit der Herrschaft der Hohenzollern. Diese Debatte wird nicht zur Ruhe kommen, zumal angesichts der Exponate im „Humboldt-Forum“ im wieder aufgebauten Schloss in Berlin, direkt, in theologisch-politischer Eintracht, neben dem monumentalen „Berliner Dom“.

Die postkolonialen Studien werden langfristig die Mentalität der Deutschen zur Wahrheit verändern und in absehbarer Zeit auch zur Umbenennung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche führen.

4. Aber: Noch ist es leider so, dass die zentrale Kirche in West-Berlin, am Ende des Kurfürsten-Damms, „Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche“ heißt. Die Evangelische Kirche in Berlin/Brandenburg schämt sich nicht, immer noch an diesem abstoßenden und theologisch allmählich unsinnigen Titel für ein GOTTES-Hauses festzuhalten. Sie ist sich wahrscheinlich ihrer Engstirnigkeit und Verkrampfung bewusst und nennt dieses zentrale Kirchengebäude nur noch mit drei Buchstaben KWG, und dies klingt so ähnlich wie AOK, KFZ oder BVG oder XYZ. Manchmal nennt die Kirche dieses Gotteshaus auch noch „Gedächtniskirche“, offenbar allen gewidmet, die mit dem Gedächtnis oder mit dem Gedenken starke Probleme haben…An die unselige enge Verquickung von preußischem Königtum und evangelischer Kirche kann man auch denken, ohne dass diese Kirche im Titel Kaiser Wilhelm führt.

5. Die Neutralisierung des offiziellen Titels „Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche“ zu KWG ist Ausdruck der Angst der Kirchenführung und ihrer Charlottenburger KWG-Gemeinde: Sie haben vielleicht Angst vor der bekannten Prozessfreudigkeit des Hauses Hohenzollern („man stiehlt uns unser Gotteshaus“) und Angst vor dem Protest der Springerpresse und ihrer vielen alten, aber kirchengebundenen LeserInnen in Berlin: „Wie kann die Kirchenführung nur diesen ehrwürdigen und sooo beliebten Namen aufgeben wollen?“ Wahrscheinlich hat die Kirchenführung Angst vor Kirchenaustritten wohlhabender Protestanten…

6. Tatsache ist und das belegt auch die neue Studie von Stephan Malinowski: König / Kaiser Wilhelm I. (1861-1888) war ein nationalistischer Kriegsherr, er war ein Förderer des Kolonialismus (Siehe Kongo-Konferenz 1884-85). Dadurch wurde Deutschland zum drittgrößten Kolonialreich der Welt. „Zur Sicherung der wirtschaftlichen Rentabilität der Kolonien wurde auf ein System der Zwangsarbeit zurückgegriffen. Widerstand wurde brutal unterdrückt, wovon neben dem Völkermord an den Herero und Nama auch die Niederschlagung des Maji-Maji-Aufstandes (1904-1908) in Deutsch -Ostafrika mit geschätzten 300.000 Opfern zeugt“. (Prof. Sebastian Pittl, Tübingen, in „Stimmen der zeit 2020, Seite 908f.).

7. Bei dem Titel Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche denken viele BesucherInnen, nachweislich durch spontane Umfragen, auch an Kaiser Wilhelm II. Tatsache ist ja, dass der Titel dieses Gotteshaus im Rahmen der bekannten protestantischen Verquickung mit dem Kaiserhaus zunächst Kaiser Wilhelm I. meinte…Aber welcher Tourist, welcher Berliner kennt dieses Detail, zumal Kaiser Wilhelm II. diese Kirche unbedingt bauen und einweihen wollte. Man denkt also immer auch an Kaiser Wilhelm II., dann kommt die erschütternde Erkenntnis:  Dieser Kaiser Wilhelm II. war ein Anti-Republikaner und ein Antisemit., auch das zeigt die Studie von Prof. Stephan Malinowski. Ihm geht es nicht nur um die erwiesene Kollaboration der Hohenzollern mit den Nazis, sondern um deren Antirepublikanismus. Der Ex-Kaiser Wilhelm II. ließ bekanntlich den Sekt in Strömen fließen, als er von der Ermordung des demokratischen, auf Frieden hin orientierten Politikers Matthias Erzberger erfuhr.

8. Es wird Zeit also Zeit, dass sich in Berlin eine breite Bewegung der Bürger bildet, um die Abschaffung des Namens Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche durchzusetzen. Und das wird angesichts der bestehenden Mentalitäten nicht einfach… Aber das wäre ein treffender Abschied von der für üblich gehaltenen Unkultur einer Nähe von Kirche und Staat, von Kirche und Hohenzollern, von Kirche und antirepublikanischem, antisemitischem Denken und Handeln.

Weil der Name „Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche“ ohnehin obsolet geworden ist durch die offiziell gern verwendeten Kürzel KWG oder Gedächtniskirche, ist nun die Zeit gekommen, diesem Gebäude einen treffenden, einen tatsächlich für ein kirchliches Gebäude eben spirituellen und religiösen Namen zu geben. Die Debatte über den neuen Namen dieses schönen, neu gebauten Gotteshauses sollte also beginnen. Es wäre ein Zeichen von Selbstkritik, wenn sich die Kirchenleitung für die Umbenennung einsetzt. Aber, meine Skepsis bleibt: Entsprechende frühere Beiträge zu diesem Thema wurden kirchlicherseits ignoriert. Man glaubte, es nicht nötig zu haben, überhaupt darauf zu reagieren. Diese Ignoranz ist vorbei, angesichts der nicht mehr zu stoppenden Debatten über das kolonialistische Erbe Deutschlands und der Kirchen in Deutschland.

9. Ein neuer Name für die Kirche am Breitscheidplatz in Berlin (ehem. KWG) wäre ein Akt der Befreiung, ein Eingeständnis schuldhafter Verquickung der Kirche mit einem Regime, das definitiv vorbei ist.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Verhüllung des Arc de Triomphe sollte weitergehen. Die französische Nationalhymne muss “verhüllt” werden!

Ein Hinweis von Christian Modehn

1. Der „Arc de Triomphe“ in Paris, der „Bogen des Triumphes“ ist nicht der Bogen des „Triomphe de l ésprit, des Geistes, sondern des französischen Militärs. Und der ist jetzt verhüllt. Wunderbar! Leider dauert diese Verhüllung nur bis zum 3. Oktober 2021. Christo hat sein letztes großes Meisterwerk geschaffen. Ihm ist es gelungen, mit seiner Kunst das Symbol des Militarismus und der Kriege, also den Inbegriff des Nationalismus, in gewisser Weise zum Verschwinden zu bringen. Napoléons Geist und der aller Feldherren wird förmlich versteckt von einfachen Elementen der Kunst Chistos. In höchsten Tönen wird die Verhüllung des „Arc de Triomphe“ gerühmt, im Tagesspiegel ist gar von religiösen Anmutungen die Rede… Ein Kunstwerk wird zum Weltereignis. Alle staunen. Sind begeistert. Zurecht.

2. Aber darf man bei dieser durchaus spirituellen Begeisterung so vieler für Christos Werk einfach wieder in den gleichen Politikbetrieb zurückkehren und verzückt oder angewidert vor diesem imposanten Siegerdenkmal der Generäle stehen und staunen? Staunen darüber, dass so viele tausend Soldaten wie üblich als Kanonenfutter ihr Leben lassen mussten. Der säkulare Kult des „ewigen Lichtes“ für den unbekannten Soldaten im Innern des „Arc de Triomphe“ hat bekanntlich die Militärs und ihre Politiker bis heute nicht erleuchtet. Die Hinterbliebenen aus den Schlachten werden von diesem angeblich ewigen Licht nicht getröstet. Für die abgeschlachteten Soldaten ist nichts „glorreich“, wie dieses Monument verspricht. Es ist ein Monument nationalistischer Siegergeschichte. Im 21. Jahrhundert eigentlich blamabel, sich damit noch aufzuwerten, mindestens in Staaten, die sagen, den Menschenrechten verpflichtet zu sein.

3. Eine erste Erleuchtung als Konsequenz von Christos Tat wäre es, wenn die Franzosen auf ihre kriegerische und blutige Nationalhymne verzichteten. Aber nicht ganz: Sie könnten diesen unsäglichen Text, so oft von geistvollen Franzosen kritisiert und abgelehnt, „verhüllen“. Ja, man kann auch Gesang und Musik VERHÜLLEN, indem man die unsäglichen, verbrauchten und unmenschlichen Texte verhüllt, sozusagen ins Nichts überführt, und nur die Melodie bewahrt. Die klingt zwar  auch kriegerisch, ist aber ohne Text langfristig gesehen erträglich.. Also  die Konsequenz wäre: Im Falle von irgendwelchen staatlichen Feierlichkeiten nur noch die Melodie zu summen, welch ein Wohlklang könnte am 14. Juli, dem Nationalfeiertag, entstehen, wenn viele tausend Bürger summend bei einander stehen, wenn sie erbauliche Reden mehr oder weniger erbaulicher Politiker anhören.

4. Übrigens gibt es eine enge historische Verbindung zwischen dem Arc de Triomphe und der Marseillaise, der Nationalhymne. Auf der Seite der Champs-Elysées blickend, gehört zu diesem Monument eine große Skulptur, die den „Auszug der französischen Armee 1792“ darstellt, bekannt unter dem Namen „Marseillaise“.  Wenn schon nicht diese und die anderen Skulpturen, Verherrlichungen von Kriegen und Siegen, verhüllt bleiben. Dann könnte wenigstens musikalisch eine „Text-Verhüllung“ die kriegerischen Geister, bekanntlich immer noch vorhanden, etwas besänftigen. Und die Menschen könnten sich schuldbewusst eingestehen: Was für einen verrückten Text haben wir eigentlich so viele Jahre gesungen. Summen ist doch viel schöner..

Nebenbei: Von der traditionsreichen Nationalhymne Deutschlands wird auch nur noch eine Strophe (mit Text) gesungen. In der DDR hat man auf den Text der Hymne, ebenfalls aus politischen Gründen, verzichtet und in den letzten Jahren nur noch die Melodie der Hymne  “Auferstanden aus Ruinen…” gespielt. Es gibt für Frankreich also Vorbilder…

Befremdlich ist nach wie vor, dass der eigentlich hoch geschätzte Autor Stefan Zweig 1927 in seinem Buch “Sternstunden der Menschheit” unter den Erzählungen auch eine Art Lobeshymne auf den Erfinder der “Marseillaise”, Rouget de Lisle., veröffentlichte.  Der Titel dieser kriegsbegeisterten Hymne von Stefan Zweig ist “Das Genie einer Nacht. Die Marseillaise, 25.April 1792”.  Diese begeisterte Verklärung dieses Mord-und Totschlag Liedes durch Stefan Zweig bleibt sehr befremdlich, selbst wenn jetzt seine politischen Äußerungen ihn in ein erfreuliches, fast pazifistisches Licht rücken. Man möchte angesichts dieses hymynischen Textes meinen, Stefan Zweig, im Ersten Weltkrieg bekanntlich kriegsbegeistert, habe die Ereignisse des Tages 25.April 1792 zum Anlass genommen, seine große Kunst der einfühlsamen, stilistisch feinen Erzählung erneut zu beweisen…Ästhetik und ästhetischer Genuss (des Autors selbst) ging also vor historischem Wissen und moralischem Gewissen?

Ich habe schon früher auf den verrückten Blut- und Kriegs- Text der nationalistischen Nationalhymne Frankreichs hingewiesen: LINK 

Der Text des Kriegsliedes, Marseillaise genannt:

Es lohnt sich, den Text aufmerksam zu lesen. Und sich dabei zu fragen: In welcher Welt leben wir eigentlich, dass solche Worte noch als offizielle Hymne in einer Republik gesungen und … eingepaukt werden!

Auf, auf Kinder des Vaterlands!
Der Tag des Ruhmes, der ist da.
Gegen uns wurde der Tyrannei
Blutiges Banner erhoben. (zweimal)
Hört ihr im Land
Das Brüllen der grausamen Krieger?
Sie kommen bis in eure Arme,
Eure Söhne, Eure Gefährtinnen zu erwürgen!
Refrain:
Zu den Waffen, Bürger!
Formt Eure Schlachtreihen,
Marschieren wir, marschieren wir!
Bis unreines Blut
unserer Äcker Furchen tränkt!
(zweimal)
Was will diese Horde von Sklaven,
Von Verrätern, von verschwörerischen Königen?
Für wen diese gemeinen Fesseln,
Diese seit langem vorbereiteten Eisen? (zweimal)
Franzosen, für uns, ach! welche Schmach,
Welchen Zorn muss dies hervorrufen!
Man wagt es, daran zu denken,
Uns in die alte Knechtschaft zu führen!
Refrain
Was! Ausländische Kohorten
Würden über unsere Heime gebieten!
Was! Diese Söldnerscharen würden
Unsere stolzen Krieger niedermachen! (zweimal)
Großer Gott! Mit Ketten an den Händen
Würden sich unsere Häupter dem Joch beugen.
Niederträchtige Despoten würden
Über unser Schicksal bestimmen!
Refrain
Zittert, Tyrannen und Ihr Niederträchtigen
Schande aller Parteien,
Zittert! Eure verruchten Pläne
Werden Euch endlich heimgezahlt! (zweimal)
Jeder ist Soldat, um Euch zu bekämpfen,
Wenn sie fallen, unsere jungen Helden,
Zeugt die Erde neue,
Die bereit sind, gegen Euch zu kämpfen
Refrain
Franzosen, Ihr edlen Krieger,
Versetzt Eure Schläge oder haltet sie zurück!
Verschont diese traurigen Opfer,
Die sich widerwillig gegen uns bewaffnen. (zweimal)
Aber diese blutrünstigen Despoten,
Aber diese Komplizen von Bouillé,
Alle diese Tiger, die erbarmungslos
Die Brust ihrer Mutter zerfleischen!
Refrain
Heilige Liebe zum Vaterland,
Führe, stütze unsere rächenden Arme.
Freiheit, geliebte Freiheit,
Kämpfe mit Deinen Verteidigern! (zweimal)
Unter unseren Flaggen, damit der Sieg
Den Klängen der kräftigen Männer zu Hilfe eilt,
Damit Deine sterbenden Feinde
Deinen Sieg und unseren Ruhm sehen!
Refrain
Wir werden des Lebens Weg weiter beschreiten,
Wenn die Älteren nicht mehr da sein werden,
Wir werden dort ihren Staub
Und ihrer Tugenden Spur finden. (zweimal)
Eher ihren Sarg teilen
Als sie überleben wollen,
Werden wir mit erhabenem Stolz
Sie rächen oder ihnen folgen.
Refrain

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Erzbischof Heße bleibt im Amt.

Wo das Mittelalter lebt und man(n) mittelalterlich denkt. Ein Hinweis auch zur Sprachphilosophie

Von Christian Modehn

Heutige Philosophie und damit auch Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie befasst sich mit der Analyse der Sprache, also der gesprochenen und geschriebenen Sprache in verschiedenen kulturellen Milieus.

1. Um den LeserInnen einen Eindruck zu vermitteln, wie und wo das mittelalterliche Denken heute noch lebt, dokumentiere ich eine aktuelle offizielle Mitteilung der Apostolischen Nuntiatur in Berlin. Die Apostolische Nuntiatur ist ein frommer Titel für „Botschaft der Vatikan-Stadt“, auch „heiliger Stuhl“ genannt. Man bedenke, dass mit dem mittelalterlichen Titel „Apostolische Nuntiatur“ angedeutet, wenn nicht unterstellt wird: Die ersten Apostel, etwa der Fischer Petrus, wären froh, wenn es zu ihren Ehren weltweit pompöse Papst-Botschaften (Nuntiaturen) gibt… Aber das ist ein anderes Thema.

2. Zum Text selbst: Inhaltlich geht es darum, dass Papst Franziskus jetzt das Rücktrittsangebot des Hamburger Erzbischofs Stefan Heße NICHT angenommen hat. Heße wurden bekanntlich von der Anwaltskanzlei Gercke Wollschläger elf Pflichtverletzungen im Zusammenhang mit der Aufklärung von sexueller Gewalt durch Priester im Erzbistum Köln nachgewiesen. Am 18. März 2021 hatte Heße deswegen den Papst gebeten, seinen Rücktritt als Erzbischof von Hamburg anzunehmen. Ein Bischof tritt bekanntlich einfach zurück und verschwindet dann in einer Privatwohnung, sondern er bittet den „Heiligen Vater“ in Rom, dass er ihm die Freiheit des Rücktritts doch bitte bitte lassenmöge.  Bischöfe sind also wie Kinder, die den Papi bitten, darf ich mal auf die Straße gehen… Auch dies ein anderes Thema.

Und dieser angeblich so progressive und aufgeschlossene Papst sagte abermals NEIN, wie schon im Falle von Kardinal Marx in München. Offenbar gibt es so wenige Kleriker, die diesen Job eines Bischofs heute noch ausüben wollen und (meist nicht) können…

3. Zur Lektüre des Textes der Apostolischen Nuntiatur: Der letzte und wichtigste Teil des Schreibens besteht aus einem ultra-langen Satz, eine Sprache, die typisch ist für Bürokratien und Behörden.

Und der daran anschließende Satz schleudert uns in eine mittelalterliche Welt zurück.

Aber lesen Sie selbst den ersten Lang-Satz:

„In Anbetracht der Tatsache, dass der Erzbischof seine in der Vergangenheit begangenen Fehler in Demut anerkannt und sein Amt zur Verfügung gestellt hat, hat der Heilige Vater, nach Abwägung der über die Visitatoren und durch die einbezogenen Dikasterien der Römischen Kurie zu ihm gelangten Bewertungen, entschieden, den Amtsverzicht S.E. Mons. Heßes nicht anzunehmen, sondern ihn zu bitten, seine Sendung als Erzbischof von Hamburg im Geist der Versöhnung und des Dienstes an Gott und den seiner Hirtensorge anvertrauten Gläubigen fortzuführen.“

So „verschwurbelt“ sprechen und schreiben nur Bürokraten.

Inhaltlich gesehen bedenke man weiter: Wenn ein Bischof also mal demütig ist und auch mal Fehler anerkennt, und noch pro forma sein Amt zur Verfügung stellt, dann hat er als möglicher Täter und Vertuscher alle Chancen, seinen exzellenten und gut bezahlten Job fortzuführen. Die Opfer sind selbstverständlich nicht so wichtig. „Grob gesagt bekommen Erzbischöfe etwa 12.000 Euro Grundgehalt im Monat, Auch hier kommen Dienstwohnungen und –wagen dazu, inklusive Chauffeur. Bischöfe, Weihbischöfe und Domkapitulare werden in der Regel auch aus der Staatskasse entlohnt“. (Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/21935-was-verdient-man-eigentlich-als-priester)

4. Und nach diesem Lang-Satz der Absprung ins mittelalterliche Denken durch den Botschafter des Heiligen Stuhls in Berlin, genannt Nuntius: „Dazu erbittet der Heilige Vater Erzbischof Heße und dem Erzbistum Hamburg, auf die Fürbitte der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria und des Heiligen Ansgar, Gottes reichen Segen.” (Quelle: https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2021/Mitteilung-Heiliger-Stuhl.pdf)

5. Und ich möchte religionskritisch und sanft zynisch den Hinweis auf dieses unsägliche Geschehen beenden, und dabei noch einmal mit dem mittelalterlichen Aberglauben spielen, der ja wie gesehen in den Köpfen vatikanischer Beamter und Prälaten herumspukt. Denn all diese himmlischen Fürsprachen etc. sind doch, sorry, Aberglauben oder vornehmer Mittalter…

In diesem Sinne schlage ich vor als fromme mittelalterliche Schlußfloskel zum Brief des Nuntius zum Fall  Heße:  „Und wir bitten den Heiligen Geist, die dritte Person der Trinität im Himmel, dass er mit all seiner Kraft die Gehirne von Prälaten und Päpsten zur Vernunft hin bewege. Und dies alles möge geschehen unter der himmlischen Fürsprache des heiligen Franziskus von Assisi, des Namensgebers unseres heiligen Vaters,  und unter dem Beistand des heiligen Josef, des Pflegevaters Jesu, in dessen Gedenken wir dieses Jahr 2021 fromm gestalten und die Josefs-Ehen fördern… und so weiter und so weiter ad aeternum…! ABER: Möge um Himmels willen der so großartige zölibatäre Klerus immer fortbestehen, auch wenn es in bald (seinetwegen) keine katholischen Gläubigen mehr gibt”.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Armin Laschets Lügen und sein Opus Dei.

Ein Hinweis auch zur widerwärtigen Rote-Socken Kampagne der CDU im Jahr 2021.  Siehe unten auch den aktuellen, per email versendeten Kommentar von Heribert Prantl über “Stinkstiefeleien im Wahlkampf” (am 19.9.2021 von H. Prantl veröffentlicht)

Von Christian Modehn

1.Der Kanzlerkandidat der UNION Armin Laschet kämpft mit allen Mitteln, auch mit unanständigen, um seinen Wahlsieg. So auf dem CSU-Parteitag am 11.9.2021. Ich zitiere den  Deutschlandfunk: „Laschet hatte in seiner Rede gesagt, in allen Entscheidungen der Nachkriegsgeschichte hätten die Sozialdemokraten immer auf der falschen Seite gestanden. Laschet hatte die Warnung vor einer Regierung aus SPD und Grünen in den Mittelpunkt seiner Rede gestellt. Steuererhöhungen und mehr Bürokratie würden den Wohlstand gefährden, sagte der CDU-Chef in Nürnberg. Dem SPD-Kanzlerkandidaten und Finanzminister Scholz warf Laschet vor, sich eine Hintertür für eine Koalition mit der Linken offenzuhalten“.

2.Führende Vertreter der SPD äußerten sich zu Laschets Polemik, dies berichtet etwa der Deutschlandfunk am 11.9.2021: „Bundesarbeitsminister Heil erklärte, den Beitrag der Sozialdemokratie zum Aufbau des Landes und der Demokratie zu leugnen, sei nicht nur geschichtsvergessen, sondern unanständig und würdelos. SPD-Generalsekretär Klingbeil äußerte sich ähnlich und meinte, die Union unter Laschet gehöre in die Opposition“.

3.Angesichts dieser „unanständigen und würdelosen Äußerungen“ Laschets könnte man erneut reflektieren über die Bedeutung des „C“ für den Vorsitzenden dieser C Partei und die C – Partei insgesamt.  Vom C ist in diesen Parteien nichts mehr übrig geblieben, heißt die bekannte Erkenntnis.

4.Naheliegend ist es, Herrn Laschet an einige theologisch-ethische Auffassungen zum Thema Lüge zu erinnern, die sogar in OPUS-DEI Kreisen verbreitet werden. Das könnte Herrn Lachet interessieren, wo doch seine Familie bekanntermaßen eine familiäre Bindung an das Opus Dei hat. LINK.

5.Die Lügen und das Opus Dei:

Der Wiener Psychiater Dr. Raphael Bonelli hat auf einer Opus-Dei-Veranstaltung im Münchner Opus-Dei-Zentrum „Weidenau“ über die „Lüge als schreckliches Drama“ im Oktober 2010 referiert. Bonelli ist bekanntermaßen eng verbunden mit sehr konservativen katholischen Institutionen, wie kath.net oder der theologischen Hochschule in Heiligenkreuz usw., Bonelli ist Opus Dei Mitglied (Belege dafür unten, Fußnote 1)

6.Die Opus Dei-Website fasst den Vortrag des Opus Dei -Mitgliedes Bonelli zusammen.

Der Inhalt dürfte dem Opus Dei affinen Herrn Laschet und seinen C Wähler vielleicht noch zu denken geben, vielleicht folgen sie den Opus-Dei-Weisungen?

„In den Sitzungen mit seinen Patienten stelle er (Bonelli) immer wieder fest, dass die Unwahrheit wie ein Gift wirke, das alle menschlichen Beziehungen zerstöre. Die Lügner würden in der Regel höchstens ein wenig Schwindelei zugeben und überdies für sich in Anspruch nehmen, damit ihren Mitmenschen nur Unbehagen ersparen zu wollen. Wörtlich sagte Bonelli: „Der Lügner lügt aber nicht aus Nächstenliebe. Sein Problem ist vielmehr die Feigheit vor kleinen Schwierigkeiten. Es geht ihm um eine momentane Unlustvermeidung. Was morgen kommt, ist ihm egal“, beschrieb der Referent einen Prozess, der in einen Gewöhnungseffekt des allmählichen Wegschauens einmünde. Je tiefer der notorische Lügner in seinen Unwahrheiten versinke, desto weniger sei er sich dessen bewusst. Daher lautet Bonellis dringende Empfehlung: „Ich darf niemals etwas sagen, was nicht stimmt“. Und dann berief sich  Bonelli auf die „kluge“ Opus-DEI-Praxis: „Das heißt aber auch, dass ich nicht immer die volle Wahrheit sagen muss.“ (Quelle: https://opusdei.org/de-de/article/die-luge-ist-ein-schreckliches-drama/)

Fußnote 1 zur Opus Dei-Mitgliedschaft von BonellI:: https://www.falter.at/zeitung/20070912/raphael-bonelli/1836150010;; https://www.biologie-seite.de/Biologie/Raphael_M._Bonelli; https://www.aargauerzeitung.ch/verschiedenes/bischof-huonder-holt-mitglied-von-opus-dei-als-referenten-ld.1617745

Copyright: Christian Modehn. Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der aktuelle Kommentar von Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung vom 19.9.2021

 

 

STINKSTIELEIEN IM WAHLKAMPF:
Heribert Prantl beleuchtet ein Thema, das in der kommenden Woche wichtig ist – und manchmal auch darüber hinaus am 19.9.2021

 

In den letzten wilden Wahlkampftagen kam mir der alte Spruch vom Zeigefinger in den Sinn. Er stammt von Gustav Heinemann, dem dritten Bundespräsidenten, der ein unbequemer Demokrat war, ein nachdenklicher Jurist und ein engagierter Christ. Heinemann hat 1968, es war in einer Zeit heftiger innenpolitischer Auseinandersetzungen und er war noch Justizminister im Kabinett von Willy Brandt, an eine anatomisch-moralische Tatsache erinnert: “Wer mit dem Zeigefinger allgemeiner Vorwürfe auf den oder die vermeintlichen Anstifter oder Drahtzieher zeigt, sollte bedenken, dass in der Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger zugleich drei andere Finger auf ihn selbst zurückweisen.”

In diesen letzten Wahlkampftagen gilt dies für Armin Laschet und seine Parteifreunde. Der CDU-Kanzlerkandidat versucht, unter Hinweis auf staatsanwaltschaftliche Durchsuchungen im Bundesfinanzministerium seinem Konkurrenten Olaf Scholz einen Skandal anzuhängen – irgendwas mit Geldwäsche. Ja, es gibt einen Skandal, aber dieser Skandal ist kein Scholz-Skandal, sondern ein Justizskandal. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück hat ihre Ermittlungen gegen die Geldwäsche-Zentralstelle des Zolls in Köln so in Szene gesetzt: Sie hat einen von ihr erwirkten richterlichen Durchsuchungsbeschluss so unsauber und verfälscht in die Öffentlichkeit getragen, dass der Eindruck entstehen musste, es würde gegen Scholz ermittelt. Und damit nicht genug: Als Scholzens Staatssekretär Wolfgang Schmidt diesen Eindruck zu korrigieren versuchte, indem er das einschlägige richterliche Dokument auf Twitter präsentierte, wurde er von der Staatsanwaltschaft Osnabrück deswegen mit einem weiteren strafrechtlichen Ermittlungsverfahren gegen ihn persönlich traktiert.

Chefermittler und CDU-Funktionär

Sind das nur merkwürdige Zufälle? Oder sind das Aktionen, um dem SPD-Kanzlerkandidaten bewusst zu schaden oder eine solche Schädigung zumindest billigend in Kauf zu nehmen? Der Chef der Osnabrücker Ermittler, also der Betreiber dieser Aktionen heißt Bernard Südbeck. Er ist nicht nur Leitender Oberstaatsanwalt, sondern auch CDU-Mitglied und CDU-Funktionär, nämlich Chef der CDU in Cloppenburg. Ist der ein Schelm, wer Böses dabei denkt? Egal, welcher Partei Staatsanwälte angehören, sie haben unvoreingenommen zu ermitteln und dabei verhältnismäßig vorzugehen. Daran darf man im vorliegenden Fall zweifeln.

Wie man mit Presseerklärungen Geschichte schreibt

Historisch interessierte Menschen wissen, dass man durch missverständliche, dass man durch Presseerklärungen, die die Tatsachen verfälschen, nicht nur einen Wahlkampf beeinflussen, sondern sogar einen Krieg auslösen kann. Bismarck hat 1870 ein Telegramm des preußischen Königs Wilhelm I., der im Kurort Bad Ems weilte, so schroff als Pressemitteilung umformuliert, verkürzt und dann verbreiten lassen, dass aus einer eher harmlosen diplomatischen Auseinandersetzung mit Frankreich eine giftige Provokation wurde. Napoleon III. sah in dieser Provokation, wie von Bismarck gewollt, den Grund für seine Kriegserklärung an Preußen. So begann mit der “Emser Depesche” der deutsch-französische Krieg von 1870/71. Eine solche Bedeutung hat nun der deutsche Wahlkampf von 2021 ganz gewiss nicht und die Presseerklärung der Staatsanwaltschaft Osnabrück ist keine Emser Depesche im Miniformat. Aber eine Stinkstiefelei ist die ganze Sache schon. Sie sollte wohl auch die Erinnerung an alte Skandale wachrufen, in denen Scholz nicht besonders gut aussah. Mit bloßem Verfolgungseifer ist das nicht zu erklären. Aber mit solchem Verfolgungseifer ist Staatsanwalt Südbeck schon einmal aufgefallen, als er – wie die SZ es am 15. Mai 2009 -beschrieb (“Jagdszenen aus Oldenburg“), seine Kompetenzen überschritt, um an einer anonymen Strafanzeige mitzuwirken.

Das Recht dient nicht dem Wahlkampf

Nicht nur Heinemanns Satz vom Zeigefinger kam mir in diesen Laschet/Scholz/Baerbock-Tagen in Sinn, sondern auch ein berühmter juristischer Vortrag: Rudolf von Jhering, ein hochgelehrter Starjurist des 19. Jahrhunderts, hat ihn vor fast 150 Jahren gehalten, im Jahr 1872. Der Vortrag trug den Titel: “Der Kampf ums Recht”. Das gedruckte Manuskript wurde eines der erfolgreichsten juristischen Bücher, die in Deutschland je erschienen sind – es gab zwölf Auflagen in zwei Jahren; das Buch wurde in 26 Sprachen übersetzt. In diesem Buch findet sich der markige Satz: “Das Leben des Rechts ist ein Kampf”; der Kampf ums Recht sei “ein Akt der ethischen Selbsterhaltung”. So ein Paragraphen-Militarismus ist heute nicht mehr ganz so angesagt wie damals. Gleichwohl: Sollte der Leiter der Osnabrücker Staatsanwaltschaft das Buch gelesen und goutiert haben, dann hat er es missverstanden. Da steht: “Das Recht ist ein Kampf”. Da steht nicht: “Das Recht ist ein Wahlkampf”, da steht auch nicht “Das Recht dient dem Wahlkampf”. Seit meinem Newsletter vom vergangenen Sonntag sind einige einschlägige Merkwürdigkeiten hinzugekommen, die den Verdacht des Rechtsmissbrauchs nähren.

Schauen wir uns die Sache näher an: Die für Geldwäsche zuständige Behörde heißt FIU (Financial Intelligence Unit), sie sitzt in Köln und steht seit längerer Zeit im Verdacht, Hinweise von Banken oder Notaren auf Geldwäsche nicht an Polizei und Staatsanwaltschaft weitergeleitet zu haben. Die FIU gehörte ursprünglich zum BKA; der Vorgänger von Scholz als Finanzminister, Wolfgang Schäuble, hat die Geldwäsche-Zentralstelle dann dem Zoll zugeschlagen; lege artis war das nicht. Nicht nur Banken und Notare, auch die Compliance-Abteilungen großer Konzerne wunderten sich immer wieder, dass ihre Anzeigen bei der FIU im Sande verliefen. Insofern war und ist es zunächst einmal begrüßenswert, dass die Staatsanwaltschaft Osnabrück seit 2020 in Fällen ermittelt, in denen es konkrete Hinweise gibt, dass die FIU dem Verdacht der Geldwäsche nicht nachgegangen ist.

Verwunderliches, Merkwürdiges, Suspektes

Ein wenig verwunderlich war freilich, dass die Staatsanwaltschaft sich Korrespondenzen zwischen der FIU und dem Finanz- sowie dem Justizministerium von den beiden Ministerien nicht einfach hat vorlegen lassen. Vielleicht haben die Ermittler befürchtet, dass die Ministerien von sich aus nicht alles offenlegen. Angesichts der schon länger dauernden Ermittlungen ist aber bemerkenswert, dass die Staatsanwaltschaft einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss erst so spät, nämlich am 10. August, also in der heißen Wahlkampfphase, erwirkt und dann, in der heißesten Phase, zwei Wochen vor der Bundestagswahl vollstrecken lässt. Diese Vorgehensweise hatte zwar ein Gschmäckle, ließ sich jedoch damit begründen, dass die Staatsanwaltschaft als Ermittlungsbehörde nicht auf Wahlkämpfe Rücksicht nehmen muss – ja möglicherweise dazu beiträgt, dass neue, gewichtige Fakten auf den Tisch kommen, die den Wählern bei ihrer Beurteilung der Kandidaten nicht vorenthalten werden sollten.

Spätestens von da an wird es aber suspekt: Die Staatsanwaltschaft teilt in ihrer Presseerklärung etwas Anderes über den von ihr erwirkten richterlichen Durchsuchungsbeschluss mit, als es dieser Durchsuchungsbeschluss vorsieht und erlaubt: Die Presseerklärung spricht nämlich von Ermittlungen auch in Richtung der Leitung der Ministerien, also potentiell gegen Finanzminister Scholz. Der richterliche Beschluss erlaubt aber lediglich die Suche nach Korrespondenzen zwischen Mitarbeitern der FIU und solchen des Finanzministeriums. Dieser Unterschied war und ist gravierend. Mit diesen von der Staatsanwaltschaft falsch dargestellten Fakten geriet Scholz in die politische Schusslinie.

Und nun kommen wir vom Suspekten zum Anrüchigen: Finanzstaatssekretär Schmidt, ein sehr enger Vertrauter von Scholz, der durch Veröffentlichung von Auszügen beider Dokumente (also Presseerklärung und Durchsuchungsbeschluss) auf diese Ungereimtheit hinweist, wird deswegen von der Staatsanwaltschaft Osnabrück mit einem Ermittlungsverfahren wegen der angeblichen Begehung einer Straftat nach Paragraf 353 d Strafgesetzbuch überzogen. Nach diesem Paragraf 353 d StGB wird mit Geldstrafe oder Haft bis zu einem Jahr bestraft, wer amtliche Dokumente eines Strafverfahrens in wesentlichen Teilen öffentlich mitteilt, bevor sie in öffentlicher Gerichtsverhandlung erörtert worden sind oder das Verfahren abgeschlossen ist. Mit dieser Strafnorm soll der Beschuldigte vor Vorverurteilungen bewahrt und die Laienrichter, die im Strafverfahren keine Einsicht in die Strafakten erhalten, sollen in ihrer Unvoreingenommenheit geschützt werden. Auch wenn die Strafnorm, weil pressefeindlich, umstritten ist, hat sie das Bundesverfassungsgericht bisher in seinen Entscheidungen für verfassungsgemäß erklärt. So weit, so gut.

Ein böser Witz

Aber wer ist hier als Erster an die Öffentlichkeit getreten? Es war die Staatsanwaltschaft mit einer Presseerklärung, in der sie den Durchsuchungsbeschluss unrichtig wiedergegeben hat! Mit dieser Unrichtigkeit hat sie die Voreingenommenheit der Öffentlichkeit selbst präpariert – und der Staatssekretär hat mit seiner Veröffentlichung des Durchsuchungsbeschlusses dazu beigetragen, die Unvoreingenommenheit wieder herzustellen. Das ist nicht strafbar, das wird vom Schutzzweck der Strafnorm nicht erfasst. Das Ermittlungsverfahren ist daher rechtsmissbräuchlich. Es bleibt auch rechtsmissbräuchlich, wenn die Staatsanwaltschaft Osnabrück es nun an die Staatsanwaltschaft in Berlin abgegeben hat. Es ist auf dem Mist des Osnabrücker Staatsanwaltschaft gewachsen. Mit solchen Rechtsmissbräuchlichkeiten sollte sich Armin Laschet nicht munitionieren.

Laschet muss auf seinen Zeigefinger achten. Die drei Finger, die auf ihn selbst zeigen, weisen ihn darauf hin, dass sein Parteifreund erstens eine verfälschte Presseerklärung in die Welt gesetzt hat, zweitens denjenigen, der das aufklärt, mit Strafverfolgung überzieht, und drittens dabei jede Verhältnismäßigkeit vermissen lässt. Das Recht mag ein Kampf sein. Ein Wahlkampf ist es nicht.

Ich wünsche Ihnen eine gute letzte Wahlkampfwoche – und die Kraft der Erkenntnis, die man beim Wählen braucht.

Ihr
Heribert Prantl,
Kolumnist und Autor der Süddeutschen Zeitung

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

Atheismus im Christentum: Das heißt: Atheismus inmitten des Glaubens.

Wer ist ein religiöser Mensch? Jemand, der auch Atheist ist.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Das Buch „Atheismus im Christentum“ von Ernst Bloch, 1968 veröffentlicht, sollten religiöse Menschen, Christen, Muslime, Juden wie auch Atheisten neu entdecken, auch Atheisten, die bekanntlich auch „nur“ glauben können, nämlich: Dass es Gott nicht gibt.

1.

Der Titel des Buches ist Programm. Man könnte ihn verwandeln in „Atheismus im persönlichen Glauben“. Oder: „Atheismus in meiner, in unserer Spiritualität“. Impulse werden freigesetzt für einen Glauben, der heutige Lebenserfahrungen respektiert, also auch den Inhalt des Glaubens neu gestaltet. Denn bekanntlich ist religiöser Glaube etwas Lebendiges, d.h. Wandelbares, und entgegen vielerlei rigider Praxis der Kirchen und Religionen nichts Versteinertes, nicht auf ewig Dogmatisches.

2.

Ernst Bloch will ein Gottesbild überwinden, um jetzt nur beim Christentum, den Kirchen zu bleiben, das dort bestimmend wurde: Gott wird als Himmels-Herrscher verehrt oder als „Rachegott“ gefürchtet. Dieser Gott bremst die Freiheit aktiver Lebensgestaltung, behindert den Elan, für die universale Gerechtigkeit unter den Menschen auf dieser Erde einzutreten. Bloch wehrt sich aber auch gegen eine andere Gestalt banalen Glaubens, den banalen Atheismus, etwa in „Gespräche mit Ernst Bloch“, 1975, Seite 170. Dieser Atheismus begrenzt sich schlicht darauf, die Materie für „alles“ zu halten und diese zu verehren und … Gott zu bekämpfen. „Mir geht es hingegen um revolutionären Atheismus in Religionen selber, insbesondere dem Christentum, wie man weiß“ (S. 170).

3.

Bloch zeigt, dass Menschen wesentlich von der geistigen Kraft des Transzendierens bestimmt sind. Das heißt: Sie haben die innere, die geistige Energie, über jeden vorfindlichen Zustand hinauszustreben, das erinnert deutlich an Hegel. Bloch denkt entschieden an politische und ökonomische Verhältnisse, die die Menschenwürde aller bekämpfen und ausschließen. Diese Energie für ein „Transzendierens nach vorne, in die bessere Zukunft der Menschheit und der Welt zu entwickeln, ist die wahre spirituelle Leistung der Menschen, vor allem derer, die sich Christen nennen.

4.

Damit wird die Dimension des „Atheismus in meinem, in unserem Glauben“, erreicht:

Wer den Herrscher – Gott im Himmel, den Rächer und wundertätigen Willkürgott, der mal hier, mal dort Wunder für diesen oder mal für jenen tut, wer also diesen Willkür-Gott ablehnt und vernünftig und emotional überwindet, gerät in eine Art Zwischenraum, in eine Leere. Die ist bestimmt von der Erfahrung des Verlustes des alten Gottes UND dem Nicht-Dasein einer neuen zentralen Lebensmitte, sagen wir eines „neuen Göttlichen“, das man in Erwartungshaltung vielleicht den neuen gründenden Sinn, das Heilige, nennen könnte. Aber eben nicht mehr den angelernten Gott aus Kindeszeiten.

Im leeren Zwischenraum ist die Stimmung des Abschieds bestimmend, auch der Angst, etwas Wesentliches und Altvertrautes verloren oder aufgegeben zu haben. Aber doch setzt sich die Einsicht und die Gewissheit durch: Das „alte, überkommene, angelernte, Gottesbild“ stört unsere gegenwärtige Lebenserfahrung und die vernünftige Einsicht. Denn das überwundene, alte Gottesbild ruhte also wie ein „erratischer Block“ in unserem Leben. Damit deutet sich schon an, dass die Leere, der Zwischenraum, um der geistigen Gesundheit willen verlassen werden sollte. Eine neue, humanere Vorstellung von dem Göttlichen oder dem Sinn-Gründenden deutet sich an.

5.

Man könnte bei Bloch also lernen: Wer als Christ diese Situation der Leere, des Übergangs, erfährt und begrifflich denkt, erlebt für sich selbst und in sich selbst den „Atheismus im Christentum“: Der religiöse Mensch, der Christ, ist also Gott „los“ geworden, d.h. gottlos geworden, befreit von einem Gott, der das Leben behindert und die Unreife der Menschen fördert. Bloch weist sehr treffend darauf hin, dass der Philosoph und Mystiker Meister Eckart im 14. Jahrhundert seinen dringenden Wunsch formulierte, er möge „Gottes quitt“ sein, also gott-los werden. Dies sagte er nicht aus einer unreflektierten Zustimmung zu einem vulgären Atheismus. Vielmehr wusste er: Das dingliche und greifbare und verfügbare allgemeine christliche Gottesbild verfälscht den „göttlichen Gott“. Und die Bindung an ihn macht den Menschen unfrei, kettet ihn an Phantome, die Angst erzeugen und verwirren.

6.

Bloch hat also einen Vorschlag, diese Phasen der Leere und des Atheismus als Phasen der Gesundung, der Reifung, des geistigen und politischen Wachstums zu verstehen. So können diese Momente und Zeiten des Übergangs, der Leere, des Atheismus, gelebt werden. Sie sind immer wieder neu sich einstellende Momente einer spirituellen Lebendigkeit. Man könnte also sagen: Wer als Christ nicht oft auch Atheist gewesen ist, hat nicht in einem lebendigen Leben, in einer lebendigen Spiritualität, gelebt. Und diese Lebendigkeit ist wesentlich das dauernde Transzendieren als das Überwinden jeglicher Fixierung. Und gerade dieses dauernde Transzendieren ist das eigentlich Feste und Bleibende im Leben.

7.

Darauf kommt es entschieden an: Religiöse Menschen, also noch einmal Christen, Juden, Muslime, Atheisten sollten diese ihre geistige Struktur, das Transzendieren, als ihren religiösen Mittelpunkt erkennen. Transzendieren ist im Sinne Blochs das  sehr weltliche und politische Transzendieren in eine bessere Zukunft für die Menschheit! Das Ziel des Transzendierens ist für Bloch nicht der vertikal zu denkende göttliche Herr des Himmels und der himmlischen Heere, sondern das umfassend humane Reich der Zukunft. Bloch sprich in dem Zusammenhang von „Transzendieren ohne Transzendenz“, also ohne göttlichen „Himmel“. Es wäre jedoch zu fragen, ob dieses Transzendieren in eine umfassend humane Zukunft („vorwärts“, wie Bloch sagt) nicht bereits schon das Göttliche im Menschen ist. Ich würde den Gedanken unterstützen. Bloch lehnt ihn ab, weil er mit der Voraussetzung einer mit der „Schöpfung“ gegebenen, sozusagen an gelegten geistigen Kraft des Transzendierens rechnet.

8.

Der Atheismus Blochs ist etwas sehr Spezielles. Für Bloch ist die Gestalt Jesu von Nazareth zentral, den er – wie viele andere auch – als „Menschensohn“ versteht, im Anschluss an das Neue Testament. Jesus als der „Menschensohn“ ist die herausragende Gestalt unter den Menschen mit einer radikalen humanen Botschaft. Bloch schreibt: „Jesu Wort: Was Ihr dem Geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan ist entscheidend: Plötzlich erscheint keine Obrigkeit mehr…hier also ist der Gott, der von oben herrscht, vollkommen weg. Und eine Rückwendung auf den Menschen ist da, und zwar zu den Armen, Erniedrigten…Man kann das schon Atheismus nennen, da der theos, der Gott (in seiner Macht) gestürzt wird“ („Gespräche mit Ernst Bloch, S. 171). Jesus wird also gerade als Zeuge einer Humanität zugunsten der Armen und Ausgegrenzten zu einer Art erlösendem, befreienden Vorbild.

9.

Wer sich von den Einsichten Blochs anregen lässt, wird auf eine philosophische und theologische Entdeckungsfahrt geschickt: Ohne Atheismus als Erfahrung inmitten des Lebens gibt es keine Spiritualität. Diese Aussage steht etwa gegen die Kirchen, die immer als Ideal predigen, nur den reinen Glauben allzeit zu leben sei Ausdruck der Heiligkeit und Vollkommenheit. Nur das Gute, nur das Fromme allein zu leben ist in der Sicht Blochs naiv: Glauben ohne in atheistische Phasen zu gelangen, ist etwas Stagnierendes. Der reflektierte Atheismus findet immer wieder zu einer neuen Glaubenshaltung. So entsteht eine geistvolle Dialektik inmitten des Lebens.

10.

Noch einmal: Auch der Atheist ist von einer Glaubenshaltung bestimmt , von der Überzeugung, dass kein Gott ist. Atheisten als Glaubende: Das wäre auch ein Aspekt, der sich aus Blochs „Atheismus im Christentum“ ergeben könnte. „Atheismus ist auch Glauben“ wäre dann der weiterführende Titel. Dieser Atheist kann sich aber von „christlichen Atheisten“ belehren lassen: „Den Gott, den ihr Atheisten ablehnt, den lehne ich als Glaubender genauso ab. Insofern sind wir, Atheisten wie Glaubende, in der Dialektik des Lebens immer in ganz neuer Weise Atheisten. Wir beide, Christen und Atheisten, sind gottlos, nämlich in unserer Ablehnung des banalen Gottesbildes.

11.

Das Nachdenken müsste natürlich Konsequenzen haben in der religiösen oder auch in atheistischen Bildung. Bleiben wir bei der religiösen, der christlichen Bildung etwa der Kinder. Kindgemäße Hinweise auf die göttliche Wirklichkeit lassen sich bestimmt nicht durch das Auswendiglernen von Sprüchen und Gebeten oder durch Kindergottesdienste mit viel kindlichem Tralala erreichen. Wichtiger wäre eine kindgemäße Einführung in das, was man die Tiefe und das Geheimnis des Lebens und der Welt nennt. Dann ist von dem unmittelbar eingreifenden wundertätigen Gott keine Rede mehr, Lehren, die so viel Verwirrung stiften bis ins hohe Lebensalter:  Da wird dann mit einem naiven kindlichen Glauben noch im reflektierten, reifen Alter behauptet: „Wenn Gott dies und das zulässt und nicht als Gott direkt eingreift, dann glaube ich nicht an ihn“.

12.

Solche religiös-kindliche Dummheit kann aber überwunden werden, wenn Kinder und Jugendliche anstelle des üblichen religiösen Tralala eben Meditationen, Achtsamkeit, sowie im Spiel das Nachgestalten bestimmter Parabeln Jesu lernen und üben. Das Verstehen der Religionen darf nie auf einer kindlichen, ich möchte sagen, infantilen Stufe stehen bleiben. Insofern ist mancher „Atheismus“ im Christentum auch oft nichts anderes als die Ablehnung des infantilen Glaubens im Christentum. Der Wiener Psychoanalytiker Erwin Ringel hat dieses Phänomen schon vor einigen Jahren auf den Begriff gebracht: „Religionsverlust durch religiöse Erziehung“, heißt sein Buch, 1985 erschienen. Oder den Titel variierend: „Atheismus durch das Sich Klammern an infantile Gottesbilder“. Dieser „Atheismus“ sollte unbedingt überwunden werden. Aber diese authentische, „sachgemäße“ religiöse Bildung kann kaum noch vermittelt werden, weil sich so viele von der Religion längst abgewandt haben. Sie meinen, es gäbe Religion, es gäbe Christentum, nur in dieser dummen, naiven, infantilen Gestalt. Die freilich die Kirchen aus Mangel an spiritueller Lebendigkeit und , dogmatischer Sturheit fortsetzen, bis zu ihrem eigenen Ende, dem Absterben des Christentums. Nietzsche hat treffend gefragt: Wird die Kirche zum Grab Gottes? (Siehe Friedrich Nietzsches, Die fröhliche Wissenschaft, 1887, III. Buch, Nr. 12).  LINK.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Afghanistan: Das Ende der „Mission des Westens“?

Nach der Kapitulation des Westens in Afghanistan.

Hinweise von Christian Modehn

1.

Der militärische Einsatz des Westens in Afghanistan hatte sich als ein humanitäres Projekt verstanden, um Menschenrechte dort durchzusetzen, vor allem für Frauen sollten sie Realität werden. Der Westen hatte dort eine Mission, sie wollte er mit Gewalt durchsetzen.

2.

Der militärische Kampf des Westens in Afghanistan hatte – in der Theorie – hohe Ziele, „Ideale“. Die Militärs des Westens, also konfessionell betrachtet meistens noch nominell Christen, waren eine Art von Missionaren, die zum Töten des Feindes bereit waren. Dieses missionarische Selbstverständnis hat im Gefühl der moralischen und ethischen (christlichen) Überlegenheit des Westens ihren Ursprung. Dass sich die immer noch christlichen und sehr kirchlichen Bürger der USA traditionell als missionarische Nation verstehen, verantwortlich für das Wohl der Welt, ist evident. Dieses ideologische und religiös gefärbte Selbstverständnis verdeckte ökonomische, geopolitische und machtpolitische Interessen, das ist ebenso evident.

3.

Tatsache ist: Diese US-Missionare sind mit ihren Missionen im Laufe dieser langen US-„Missionsgeschichte“ fast immer gescheitert. Sie haben zwar etwa in Lateinamerika ihre politischen Ziele, die Absetzung linker Regierungen mit Gewalt durchgesetzt, aber nicht dauerhaft rechtstaatliche und demokratische Regierungen „produziert“. Diese US-Missionen haben vielen tausend Menschen das Leben gekostet und viele tausend Milliarden US-Dollar verschlungen. Vom permanenten Krieg der USA in allen Teilen der Welt hat nur die US-Rüstungsindustrie profitiert. Friedlicher, humaner ist die Welt durch die vielen US-Missionen also nicht geworden, eher das Gegenteil ist wahr:Man denke an die  US Einsätze in Irak, Somalia, Vietnam, Chile, Guatemala usw…

4.

Jetzt (Ende August 2021) werden auf höchster Ebene heftige Zweifel an der missionarischen Sendung der USA laut. Der „Heilsbringer“ gerühmte Präsident Biden sagt: „Wir sollten keine amerikanischen Leben opfern, um Afghanistan zu einer Demokratie zu machen“ (SZ 28/ 29. Aug 2021 S. 2). Wenn es noch zu militärischem Handeln seitens der USA kommen soll, dann offenbar nur, um unmittelbare Attacken auf US-Bürger zu rächen. Der Katholik Joe Biden warnte die IS-Kämpfer in Afghanistan: „Wir werden nicht vergeben, wir werden nicht vergessen, wir werden euch jagen, und ihr werdet bezahlen“ (SZ 28./29. Aug 2021 S. 2). Mit anderen Worten: Die USA werden nicht auf die Sprache der Waffen verzichten. Natürlich können die USA das Abschlachten so vieler Menschen durch die IS in Afghanistan nicht ohne weiteres hinnehmen, es handelt sich wirklich beim IS um Mörderbanden. Aber jede neue militärische Antwort verlängert die Spirale der Gewalt. Gibt es bei dieser üblichen, dieser „eingefahrenen“ Politik noch ein Entkommen aus dieser stetig zunehmenden Spirale der Gewalt? Warum kontaktieren eigentlich Politiker nicht ihre so kenntnisreichen Friedensforscher? Ist Friedensforschung nichts als eine Art akademisches Beschäftigungsprogramm?

5.

An die Kraft des Geistes glaubt heutzutage kein Politiker mehr, also an Dialog, Verhandlungen mit dem Feind, ausschließlich humanitäre Hilfe und vor allem sehr gute geistige und kulturelle Vorbereitung, wenn Europäer, US-Amerikaner, also dem Namen nach Christen in muslimischen Staaten „eingreifen“. Von einer humanen, klugen, reflektierten, gebildeten Friedenspolitik ist offenbar niemand mehr überzeugt. Die Menschen, die zu Feinden erklärt wurden, also die zum Krieg entschlossenen muslimischen Krieger, sind evident auch keine reflektierten Friedensboten. Und die sich human nennende islamische Welt (die Mehrheit?) ist offenbar völlig außerstande, diesen sich islamisch nennenden Mörderbanden irgendwie Einhalt zu gebieten. Immerhin diese Worte von Aiman Mazyek, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland. “Was in Afghanistan passiert, ist ein Schlag für die weltweite muslimische Community: Denn die allermeisten Muslime – und die Afghanen ohnehin – wollen keinen Steinzeit-Islam, gepaart mit Stammes-Doktrin. Und diese Taliban finden jetzt wieder an die Macht. Und das ist deswegen ein Desaster für alle“.

6.

Auch dieses Desaster hat eine (!) entscheidende Ursache in der Überzeugung der Politiker auf beiden Seiten, im Westen wie unter Muslimen: Dies ist die Überzeugung, eine Mission zu haben.

Mission heißt: „Ich bin gesandt, den anderen meine eigene Überzeugung mitzuteilen“. Das kann solange gut gehen, wenn alle Missionare ihr Gesandtsein als Verpflichtung zum friedlichen Dialog verstehen, also als interessierten Austausch, zu dem wie bei jedem geistigen Austausch auch die Lernbereitschaft von anderen, Fremden, Gegner, ja selbst Feinden gehört. Mission hat also schon aus friedenspolitischen Gründen nur den Sinn, wenn sie als gewaltfreier Dialog geschieht. Wir wissen heute, dass diese Erkenntnis ein wahres und erstrebenswertes Ideal beschreibt. Es war unter weniger komplexen Verhältnissen eher realisierbar, ist aber heute in einer a-priori totalkriegerischen, total machtversessenen Welt fast ohne Chancen. Leider wird zu wenig über gelungene Friedensmissionen berichtet, die zwar vielleicht nur einige Jahre Bestand hatten, weil die kriegsversessene Umgebung diese Erfolge zerstörte. Man denke etwa an die gelungene Friedensmission der christlichen Aktivisten „San Egidio“ in dem von Bürgerkrieg zerrissenen Mozambique.

7.

Die ersten Christen haben in ihren Evangelien dem auferstandenen Jesus von Nazareth das Wort in den Mund gelegt, sie sollten als Gemeinde, als Kirche „allen Menschen das Evangelium (in amtskirchlicher Interpretation) verkünden“. (siehe das Markus Ev., 16, 15). Zum missionarischen Islam: Auch der Islam in seinen vielfältigen Konfessionen versteht sich als missionarische Religion, was etwa in der Koran-Sure 34,28 angedeutet wird. Mission heißt zunächst, die Vertiefung der Koran-Kenntnisse bei den ungebildeten Muslimen, aber auch die Bereitschaft, etwa Christen in die islamische Gemeinschaft aufzunehmen. Über Konvertiten ist man hoch erfreut.

8.

Dem Auftrag Jesu bzw. der ersten Gemeinde zur Mission hat die Kirche von Anfang entsprochen, selten sogar ohne Gewalt, sondern im Dialog. Man denke etwa an den Besuch des heiligen Franziskus von Assisi im Jahr 1219 beim Sultan Malik al Kamir in Ägypten, zu einem Zeitpunkt, als katholische Kreuzfahrer das „Heilige Land“ von „ungläubigen Muslims“ zu befreien suchten. Selbst wenn viele historische Details unklar bleiben: Das Treffen hat stattgefunden und ist ein Lichtblick in einer langen Missionsgeschichte der christlichen wie der islamischen Religion (zur Einführung in dieses Thema siehe: https://www.deutschlandfunk.de/franz-von-assisi-und-sultan-al-kamil-begegnen-sich-zwischen.2540.de.html?dram:article_id=455143).

Es wäre ein weites Thema der Missionsgeschichte, die wenigen Momente zu studieren, in denen etwa katholische Missionare aus Europa in „heidnischen Ländern“ auf den Dialog, die Begegnung mit den anderen setzten: Da muss an die China-Mission der Jesuiten im 17. Jahrhundert erinnert werden, etwa an Pater Ricci in Peking, der als hoch qualifizierter Gelehrter im Austausch stand mit dem Kaiser und dessen Gelehrten. Die Jesuiten gingen schon damals soweit, in Begriffe einer „heidnische“ Philosophie, der konfuzianischen Lehre, das Christentum zu übersetzen und es darzustellen. Pater Ricci befand sich in einer großen Gruppe anderer Jesuiten, die ähnlich im (wissenschaftlichen) Dialog mit Chinesen tätig waren. Diese „Dialog-Mission“ scheiterte einerseits an einer theologischen Ängstlichkeit in Rom und an den Umbrüchen innerhalb der chinesischen Dynastie (siehe dazu: Wolfgang Reinhard, Die Unterwerfung der Welt. C.H. Beck-verlag 2016, S. 646). Auch von den sogenannten „Jesuiten-Reduktionen“ etwa in Paraguay unter dem Volk der Guarani wäre zu sprechen. Aber diese „Dialog-Missionen“ sind absolute Ausnahmen geblieben. Meist wurde der christliche Glaube den „Heiden“ nur äußerlich aufgedrängt und aufgesetzt zum Nachplappern, die elementare Friedensbotschaft des Christentums wurde gar nicht verstanden und verinnerlicht. Man denke etwa an den Völkermord in Ruanda, wo vor allem mörderische katholische Hutus die ebenfalls katholischen Tutsi abschlachteten.

9.

Die sich säkular verstehenden europäischen und nordamerikanischen Staaten begreifen ihre Mission heute als Durchsetzung der universal geltenden Menschenrechte. Menschenrechte sind, wie auch Prof. Herfried Münkler betont, als Zivilreligion zu deuten. Die Menschenrechte sind zwar im Westen formuliert worden, aber diese regionale Herkunft schließt nicht universale Geltung aus, zumal auch die Menschenrechte immer ausführlicher weiter bestimmt werden, etwa als sozialpolitische Menschenrechte. Und evident ist auch: Wer Unterdrückung und Folter in den vielen Staaten erlebt, die eben nicht die Menschenrechte praktisch gelten lassen, hat nur einen Wunsch: Endlich Anteil zu haben an den selbstverständlich für alle geltenden Menschrechte. Über die Menschenrechte als universal geltende Menschenrechte dürfte es, mit Vernunft besehen, eigentlich keine Debatte mehr geben. Es gibt auch philosophische Evidenzen.

10.

Menschenrechte können erfolgreich nur vermittelt werden im Dialog, also in einer friedlichen Situation.

Im Krieg und mit tötender Gewalt Menschenrechte durchsetzen zu wollen, ist von vornherein absurd. „Militärisch kann man einen solchen Konflikt in Afghanistan allein nicht lösen, der Einsatz von Soldaten schafft der Politik Zeit, um mit anderen Mitteln an die Konfliktlösung heranzugehen“. (Oberstleutnant a.D. Rainer Glatz, in „Die ZEIT“,  26.8.2021, S. 7).

Aber wenn man schon einmal begonnen hat, Unrechtssysteme durch Kriegshandlungen zu besiegen, dann soll man als westlicher „Missionar“ auch Geduld und Nerven behalten, bis sich tatsächlich ein wirksamer Systemwandel, etwa in Afghanistan, zeigt. Mit anderen Worten: Der Abbruch der Präsenz des Westens in Afghanistan war völlig übereilt. Denn erste Erfolge hinsichtlich der Menschenrechte sind ja sichtbar, etwa hinsichtlich der Menschenrechte für Frauen, der Durchsetzung von Bildung…

Der Abzug der westlichen Truppen war also übereilt, unreflektiert, darum dumm und gefährlich sowie auch moralisch verwerflich. Denn die Versprechen der westlichen Regierungen, umfassend die vielen tausend afghanischen Mitarbeiter zu schützen und im Falle eines Abzugs der West-Truppen ins westliche Ausland zu bringen, wurden nicht erfüllt. Diese evidente Lüge wird das Ansehen des Westens unter vernünftigen islamischen Bürgern weiterhin stören und zerstören. Und der Westen hat Afghanistan als Land zwar verlassen, der Fluch dieses viel zu früh abgebrochenen Krieges, genannt Friedensmission, wird noch lange leider Wirkungen zeigen, auch im Westen.

 

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin