Warum noch Mitglied der römisch-katholischen Kirche in Deutschland bleiben?

Hinweis auf eine „ewige“ Diskussion.
Von Christian Modehn.

1.
Über diese Frage wird auch außerhalb der Kirche heftig diskutiert: Warum noch als Katholik(in) in Deutschland Mitglied der römisch-katholischen Kirche bleiben? Und diese Frage ist hoch aktuell: Es geht darum zu erkennen, was eine sich fest strukturiert gebende globale Welt – Instuitution, die Römisch-katholische Kirche, noch im 21. Jahrhundert sein kann. Denn in vielerlei Hinsicht wird jetzt deutlich, dass kulturelle, also auch religiöse Gemeinschaften,  lebendig bleiben, wenn sie regional auf ihre eigene Art leben. Aber doch mit vielen anderen, ebenfalls regional je verschieden agierenden Organsiationen, Kirche etc., verbunden sind.

2.
Die Antworten, zumal der Hierarchen, der Bischöfe und Erzbischöfe, bedienen sich immer derselben Sprüche: Man sollte Mitglied der römischen Kirche bleiben, weil diese doch so beeindruckend universal sei mit ihren 1,2 Milliarden Mitgliedern. Vor allem wird der Begriff Einheit beschworen: Diese 1,2 Milliarden Katholiken seien unter dem Papst „EINS“. Was für eine gewagte Behauptung! Wer hat überprüft, ob der katholische Bewohner amazonischer Wälder in identischer Weise wie der katholische Börsenspekulant in New York oder der Schwule in Frankfurt an den Gott der Trinität glaubt oder an Jesu „Erlösung für uns durch seinen Kreuzestod“?
Die Erkenntnis also lautet: Diese These von der Einheit der römischen Kirche ist eine Ideologie, die den theologischen Status Quo Alas Herrschaft des Klerus stützen soll.

3.
Seit dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils (das war 1965, also vor 57 Jahren) werden von „Reformkatholiken“ immer in allen denkbaren Variationen dieselben Argumente vorgebracht: Gegen den Zölibat, für mehr Toleranz und Pluralität, für mehr Gleichberechtigung von Frauen und Schwulen, mehr ökumenische Zusammenarbeit und so weiter und so weiter. Alle diese Forderungen blieben bislang erfolglos. Aber das macht den „Reformkatholiken“ nichts aus, sie haben ewige Ausdauer und pflegen ihre ekklesiale Leidensbereitschaft, populär Masochismus genannt.
Das beste und in gewisser Weise (karrieremäßig, finanziell etc.) erfolgreichste Beispiel ist Hans Küng, der als von Rom diskreditierter katholischer Theologie-Professor nach dem „Rauswurf“ (1979) aus der katholisch-theologischen Fakultät der Uni Tübingen mit Trotz stets fürs Verbleiben in der römischen Kirche plädiert hat. Und stets (illusorische) Hoffnung auf Reformen an der katholischen Basis weckte. Und dabei wurde Küng sehr bekannt …

4.
Pater Klaus Mertes SJ wird anläßlich des Stuttgarter Katholikentages in einem längeren Interview mit der TAZ vom 25./26.Mai 2022 S. 4 f. gefragt, ob die katholische Kirche (in Deutschland, aber auch weltweit) vor einer neuen Reformation stehe. Mertes antwortet: „Wir befinden uns in der Tat in einer Zeit, die mit der Reformation vergleichbar ist. Wenn Rom sich in all diesen Sachen (gemeint sind also die Reformvorschläge des „Synodalen Weges“ etc. CM) nicht bewegt, dann wird es explodieren“.

5.
Ein erstaunliches Wort: „Dann wird es explodieren“. Wer oder was explodiert denn, es wird leider voin den Journalisten der TAZ nicht nachgefragt! Offenbar ist die katholische Kirche als Institution gemeint, vor allem der Vatikan, den Mertes vorher „hermetische Loyalitätskartelle“ nennt (S. 5). Er meint also die Allmacht des Klerus. Und dann wird „es“ „explodieren“. Was meint das Wort explodieren? Offenbar eine Reformation, die den Namen verdient, keine Reförmchen, sondern eine Reformation, die bekanntlich als Reformationsbewegung seit dem 13. Jahrhundert (Petrus Waldes, Hus, Luther, Calvin, Arminius etc.) immer eine Abspaltung von der römisch-katholischen Institution war. Nur Franz von Assisi hat sich dem Papst gebeugt! Also, dies sagt der Jesuitenpater Mertes, eine Explosion könne bevorstehen.

6.
Aber dann folgt nach dieser objektiv treffenden und richtigen Analyse: Die angstvolle Einschränkung und die Zurücknahme der „Explosion/Reformation“ durch Mertes. Er sagt: „Die Einheit der Kirche auch in ihrer institutionellen Form ist ein hohes Gut, weil die katholische Kirche nur so eine globale wirkende Institution ist, die wie kaum eine andere wirklich fähig ist, globale Themen zu setzen“ (S.5).
Kurzum: Man sollte, bitte schön, Katholik in Deutschland bleiben und bitte weiterhin leiden an der Kirche, aus dem einen Grund: Damit die universale Organisation römische Kirche weiterhin wirksam bleiben könne.

7.
In dieser Aussage ist einiges problematisch: Warum sollen Katholiken in Deutschland, wenn sie seit Jahrzehnten zutiefst unzufrieden sind mit der Kirche, nicht von ihrem Recht auf Glaubens- und Bekenntnisfreiheit Gebrauch machen? Also auch von ihrer demokratischen Freiheit, aus dieser Kirche auszutreten und möglicherweise einer anderen, etwa einer protestantischen Kirche beizutreten? Und eine „Freie katholische Kirche in Deutschland“ (FKD) aufbauen?

8.
Es wirkt schon sehr ideologisch gefärbt, zu empfehlen: Unzufriedene Katholiken sollten in dieser Kirche ausharren, bloß damit die global wirkende Institution als solche im Glanz der 1,2 Milliarden Mitglieder erhalten bleibt, natürlich auch mit dem stets reich fließenden Geld aus Deutschland.

9.
Die entscheidende Frage lautet: Wo hat denn der Vatikan globale Themen gesetzt, wie Pater Mertes behauptet? Waren die Reden der Päpste bei der UNO oder die Rede von Papst Benedikt XVI. vor dem Deutschen Bundestag so fantastisch, so politisch wirksam? Doch wohl nicht. Ist die aktuelle Russland Politik von Papst Franziskus etwa ein Glanzstück, der sich viele Wochen lang als Putin – Versteher zeigte, offenbar um so die katholische Kirche in Russland zu schützen. Genannt wird von Pater Mertes die Enzyklika „Laudatio si“ von Papst Franziskus SJ, mit der sich, so Mertes, angeblich 1,2 Milliarden Katholiken auseinandersetzen. Woher weiß das der Pater? Wie viele Kirchengemeinden haben denn, bitte nachweislich, im Sinne des Papstes Ökologie oder Friedenserziehung zum Schwerpunkt gemacht … anstelle den Römsichen Katechismus zu studieren (wie etwa die neokatechumenal geprägte Gemeinde St. Matthias in Berlin-Schöneberg)?

Mir ist bekannt, dass diese Enzyklika “Laudato si” von vielen Kennern heftig kritisiert wurde. Wo sind denn diese Ideen dieser Enzyklika von katholischen Politikern etwa in Lateinamerika real „umgesetzt“ worden, etwa von Bolsonaro oder katholischen Gewaltherrschern in Afrika oder auf den Philippinen? Ich habe den Eindruck, man erzählt ideologisch Gemachtes, um die Katholiken „bei der Stange zu halten“. Denn auch das ist Tatsache: „Global agieren“ können immer katholische Hilfswerke oder katholische Ordensgemeinschaften (etwa der wichtige „Jesuiten Flüchtlingsdienst“). Diese katholischen NGOs werden vielleicht sogar finanzielle (und personelle) Unterstützung von EX-Katholiken erhalten, weil deren humane Arbeit als wertvoll und hilfreich erlebt wird.

10.
Was wäre also so furchtbar, wenn sich wirklich eine Reformation (eine EXPLOSION, wie Mertes sgat) ereignete? Wenn sich also eine „Freie katholische Kirche in Deutschland“ (FKD) bilden würde, bestimmt von den bekannten und tausendmal besprochenen Impulsen der katholischen Reformation? Wie viele römisch-katholische Bischöfe würden auf ihre bisherigen Privilegien verzichten und sich der FKD anschließen?

Die Mitglieder hätten jedenfalls alle Freiheit, ihren Glauben auf ihre Weise nun endlich einmal frei und demokratisch zu leben. Sie hätten mehr Zeit für reife menschliche Gemeinschaft, für Spiritualität, sie könnten sich von dem ewigen katholischen Dauerthema: „Das masochistische Leiden der Katholiken wegen der Hierarchen“ befreien.
„Katholisch sein“ wäre dann etwas anderes als das ewige römisch-katholische „Sich ärgern und zornig werden über die Zustände dieser klerikalen Kirche“. Das könnte römische Katholiken weltweit inspirieren als Vorbild!

11.
Wie viele KatholikInnen in Deutschland denn tatsächlich dieser reformierten, der Freien  katholischen Kirche in Deutschland beitreten würden, ist natürlich unklar. Ich vermute, es würden nicht gerade viele Millionen sein! Denn die Angst vor einem Bruch mit der lange internalisierten „Mutter Kirche“ ist zu groß. Manche sagen doich immer noch allen Ernstes: Ich liebe diese Kirche! Man soll Gott und den Nächsten lieben, nicht aber eine weltliche Institution, eine Kirche. Solange die römisch – katholische Kirche sich immer noch als Gründung des lieben Gottes versteht, ist “nichts Vernünfrtiges zu machen”, um es mal populär auszudrücken.

Und die Festangestellten bleiben sowieso lieber an den immer noch voll gefüllten „Fleischtöpfen Ägyptens“ hängen (wegen der Kirchensteuer) als sich auf Neues einzulassen. Weil man Katholischsein mit Jammern identifiziert hat, fühlt man sich halt beim Jammern ad aeternum recht wohl. Eine Jammer-Gemeinschaft also wird wohl fortbestehen….
Noch einmal: Die Idee der behaupteten dogmatischen Einheit der Kirche unter der Herrschaft des Klerus und des Papstes ist durch diese Jahrhunderte alte Indoktrination ein so absolut hohes Gut, dass nur wenige Katholiken diese Einheitsideologie überwinden können. Pluralität wird immer als Zerstrittenheit, nicht als Chance gesehen. Man spricht in Rom und anderswo von Protestantisierung … als Schimpfwort….

12.
Dieser Beitrag ist bewusst etwas zugespitzt. Er hat nicht zum Thema gemacht, dass der Hauptgrund für die ständig zunehmende Distanz so vieler tausend gebildeter Katholiken von der römischen Kirche in Westeuropa einen theologischen Grund hat: Es ist die, pauschal gesagt, völlig veraltete fixierte Dogmatik (aus dem 4. Jahrhundert, Schwerpunkt Trinität, Erbsünde, Hierarchie) und die Fixierung auf neo-platonische – bzw. kleinbürgerliche Moral. Auch die antiquierte Sprache der ewig in gleicher Form zelebrierten Messfeier ist – schon aus sprachlichen Gründen – ein Skandal. Die Messfeier gilt für die Hierarchen nur deswegen als der „absolute“ Höhepunkt des Glaubens, weil eben nur die zölibatären Priester diese Messe feiern dürfen! Man ahnt, wie aus Theologie eine Ideologie des Machterhalts der Hierarchie wurde. Aber wird dieses Thema besprochen von den Theologen an den theologischen Fakultäten? Nein, davor hat man Angst! Denn letztlich sind katholische Theologen ,selbst an staatlichen theologischen Fakultäten, noch immer von den Herren Bischöfen (und via Nuntius auch von Rom) abhängig! Wer nicht spurt, bekommt Probleme, wird entlassen…

13.

Das Thema dieses Hinweises ist hoch aktuell: Es geht darum zu erkennen, was eine sich fest-strukturiert gebende globale Welt-Instuitution, die Römisch-katholische Kirche, noch im 21. Jahrhundert sein kann. Denn in vielerlei Hinsicht wird jetzt deutlich, dass kulturelle, also auch religiöse Gemeinschaften, nur dann lebendig und kreativ bleiben, wenn sie regional auf ihre eigene Art leben können. Aber doch mit vielen anderen, ebenfalls regional je verschieden agierenden Organsiationen, Kirchen etc., verbunden sind.

Eine Glaubensgemeinschaft, die universal für alle Menschen dieses Globus den einen und selben dogmatischen Glauben und die dogmatische Ethik, sprachlich fixiert, in Begriffen des 4. Jahrhunderts oder des Mittelalters vorschreibt, kann faktisch keine Zukunft haben.

Ein solches Weltkonstrukt mit einem jetzt 86 Jahre alten Chef (Papst genannt) für 1,2 Milliarden Katholiken, kann nicht mehr gut leben. Und es hat wohl nie konstruktiv – hilfreich funktioniert. Die Inquisition ist nur eines von vielen Beispielen für das frühe Scheitern dieses Herrschaftssystems. Eine Kirche mit einer Regierung, ausschließlich von (alten) Männern, und dann noch absolut zentriert in einer europäischen Stadt (Rom), hat keine Zukunft. Zumal es sich um eine Autokratie oder “Monarchie” (Papst als Staatschef) handelt,  die die nicht die geringsten Spuren von Demokratie aufweist.

Diese Kirche fordert von allen anderen Organisationen den Respekt der Menschenrechte, also der Werte der Demokratie, aber sie selbst als Kirche lebt diese Menschenrechte NICHT in ihrem eigenen “Innenbereich”. Das versteht kein vernünftiger Mensch mehr, zumal keine Frau. Nur wenn man als Papst sagt, das eigene kirchliche Verhalten und die kirchliche Gesetzgebung sei von Gott höchstpersönlich so gewollt, hat diese Kirche in gewissen Kreisen vielleicht noch Rückhalt. Aber je gebildeter die Menschen (auch die Katholiken) werden, um so mehr wird die Bindung an diese Kirche nachlassen. Und die Sturheit der Hierarchen fördert diesen Prozess!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Frieden schaffen: Ein kategorisch geltender Imperativ. Kant als Philosoph des Friedens!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 7. Mai 2022

„Ein bloßer Waffenstillstand, also ein Aufschub der Feindseligkeiten, ist nicht FRIEDE, der das Ende aller Feindschaft bedeutet“.

Zur Einstimmung sagt Immanuel Kant:

„Stehende Heere sollen mit der Zeit ganz aufhören“.

„Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines anderen States gewalttätig einmischen“.

„Es soll sich kein Staat im Kriege mit einem anderen solche Feindseligkeiten erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen: Als da sind: Anstellung der Meuchelmörder, Giftmischer, Brechung der Kapitulation, Anstiftung des Verrats in dem bekriegten Staat“.

„Ein Ausrottungskrieg (Vertilgung beider Seiten) würde den ewigen Frieden nur auf dem großen Kirchhof der Menschengattung stattfinden lassen können“.

Der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) hat diese Sätze geschrieben. Erstaunliche Erkenntnisse auch heute, sozusagen Negationen, die als Bedingungen für einen dauerhaften Frieden formuliert sind. Kant nennt sechs solcher „Präliminarartikel“, Hinweise also, die als Bedingungen einen dauerhaften Frieden ermöglichen.

1.
Seine außergewöhnliche und hervorragende Leistung im Denken hat Kant auch in seiner Publikation „Zum ewigen Frieden“ im Jahr 1795 einmal mehr bewiesen. Diese Schrift hat gleich nach der Veröffentlichung eine ungewöhnlich große öffentliche Aufmerksamkeit gefunden, trotz aller Einschränkungen, die die Zensurbehörden androhten. Der eher knappe „Entwurf“ Kants zeigt: Wie weit reichend er als kritischer Philosoph zu Zeiten üblicher Kriege klar Bedingungen nennen kann für einen dauerhaften Frieden. Diese Erkenntnisse waren damals und sind heute sicher provozierend, d.h aus Üblichkeiten der Denkzwänge heraus-rufend.
2.
Wenn Kant seinen Text „Entwurf“ nennt, meint er damit das „Erdenken“ der Wirklichkeit, die den Namen Frieden verdient. Kant entwickelt seinen „Entwurf“ aus den ihm eigenen philosophischen Prinzipien. Sie sollen aus dem Begriff der allen Menschen gemeinsamen Vernunft entwickelt werden, also, wie Kant sagt, „transzendental a priori“, also universal, gelten.
Wenn Kant seinenText mit dem Begriff „ewig“ aufwertet, dann will er damit nicht die himmlischen oder die göttlichen Sphären miteinbeziehen, er „meint vielmehr damit einen Frieden ohne jeden Vorbehalt, den Frieden schlechthin“ (Otfried Höffe).
3.
Kant hatte Ende des 18.Jahrhunderts für die Publikation „Zum ewigen Frieden“ wohl auch den Krieg zwischen Frankreich und Preußen vor Augen, einen Krieg, in dem auch Österreich und England involviert waren. Kant nahm dieses Geschehen zum äußeren Anlass, Prinzipien für den Frieden zu entwickeln, er äußert nicht eine politische Meinung, sondern formuliert philosophisch sich zeigende Notwendigkeiten, die Frieden ermöglichen. Es ist dieser universale Anspruch Kants, der auch heute inspirieren kann.
Kants Erkenntnisse sind zwar zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Kultur formuliert wurde, aber trotz der regionalen Herkunft beanspruchen sie als Vernunftargumente universale Gültigkeit. Einige von Kants Überlegungen können auch im Zusammenhang des von Russland inszenierten Vernichtungskrieges gegen die Ukraine relevant sein.
4.
Dies gilt um so mehr, wenn man auch den längeren „zweiten Abschnitt“ des Textes „Zum ewigen Frieden“ berücksichtigen. Er enthält die drei „Definitiv-Artikel“, also solche Hinweise, die eine Friedensordnung bestimmen sollten. Kant zeigt sich als Meister, der auf Fakten hinweist, die oft im politischen „Alltagsgeschäft“ übersehen werden. Er
macht auf etwas aufmerksam, was oft im Eifer der Debatten übersehen wird: Es gibt nämlich, wie er sagt, durchaus eine Art Huldigung eines jeden Staates dem Begriff des Rechts gegenüber. Diese Akzeptanz bzw. Hochschätzung des Rechts leiste jeder Staat „wenigstens dem Worte nach“. Aber dieses Faktum„beweist doch“, schreibt Kant weiter, „dass eine noch größere, obzwar zur Zeit schlummernde moralische Anlage im Menschen anzutreffen sei“. Das ist entscheidend: Es muss darauf gehofft werden, dass selbst im übelsten Kriegsherren noch ein Rest der allgemein menschlichen Anlage vorhanden ist. Nur unter den Bedingungen kann überhaupt ein Dialog stattfinden. Darauf weist Kant hin: Dass also das Böse im Feind nicht total ist, sondern dass das Gute, also durch die jedem Menschen gegebene moralische Anlage, auch im Feind weiter wirkt, „denn sonst würde das Wort RECHT den Staaten, die einander befehden wollen, nie in den Mund kommen“. Aber dann fügt Kant einschränkend hinzu: „Es sei denn, bloß um seinen Spott damit zu treiben“. (zit. Immanuel Kant, Zu ewigen Frieden, Fischer Taschenbuch Verlag 2008, S. 166). Eine ambivalente Situation also, die auch im „Fall Putin“ zutrifft.
5.
Frieden kann es „auf immer“ geben, betont Kant schon 1795, wenn die Menschheit im Rahmen des Völkerrechts – über alle einzelnen Friedensverträge hinaus, zum „Friedensbund“ kommt, „der alle Kriege auf immer endigen“ sollte (a.a.O., S 167).
6.
Frieden zu schaffen, dauerhaften, ewigen, ist für Kant nicht eine Art Hobby, dem sich einige Menschen widmen können, während andere eben etwas anderes tun. Frieden zu stiften (mehr als Waffenstillstand auszuhandeln) ist eine kategorische Pflicht eines jeden Menschen.
„Die Friedensstiftung hat für Kant den Rang einer rechtsmoralischen Pflicht. Es liegt jener kategorische Rechtsimperativ vor, den man den kategorischen Friedens-Imperativ nennen kann“ (Otfried Höffe, a.a.O., S. 19). Wenn „Frieden schaffen“ für jeden kategorisch gilt, dann führt die Erkenntnis dieser ethischen Pflicht auch in eine Dimension, die Kant göttlich nennt. Er schreibt: „Religion ist die Erkenntnis all unserer ethischen Pflichten als göttlicher Gebote“ (Kant in seiner „Religionsschrift, B 230). Mit anderen Worten: In den ethischen Pflichten wird die Idee Gottes also vernehmbar… „Nur ein Mensch, der sich bemüht, ethisch gut zu sein, kann hoffen, Gott wohlgefällig zu sein“. Frieden schaffen ist insofern eine göttliche Pflicht für die Vernunftreligion.
7.
Kants Schrift ist knapp und vielschichtig, sie steht im Horizont des ausgehenden 18. Jahrhunderts, das noch stark von den Ereignissen und Folgen der Französischen Revolution bestimmt ist. Etliche der von Kant angesprochenen Themen bewegen „uns“ im 21. Jahrhundert nicht mehr, aber, wie gesagt, die Schrift „Zum ewigen Frieden“ bietet Erkenntnisse, die auch heute zu denken geben. Die Schrift enthält auch einen Anhang, in dem auch heute Wichtiges gezeigt wird: Politik und Staatslehre, und damit auch Friedenspolitik, sollen Anwendung und Praxis der Vernunft-Moral sein. Politik und Moral gehören also zusammen! Die Vernunft – Moral (verstanden als selbstverständliche Bindung auch der Politiker an den Kategorischen Imperativ) darf der Politik nicht untergeordnet werden. Nur eine Rechtsordnung kann Freiheit für alle schaffen, der ewige Friede als Ideal und Ziel kann niemals ohne eine umfassende Rechtsordnung erreicht werden. Schon 1784 hat sich Kant in seinem Aufsatz „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlichen Absicht“ für einen „Völkerbund“ eingesetzt. Im zweiten Definitiv-Artikel der Schrift „Zum ewigen Frieden“ spricht dann Kant vom „Friedensbund“ (S. 166 f.). Er sucht zu zeigen, „alle Krieg auf immer zu endigen“. Ein „Völkerrecht“, das als „Recht zum Kriege“ konzipiert ist, „lässt sich eigentlich gar nicht denken“, dies ist wichtig für Kant. Wenn sich zu einem Thema gar nichts Vernünftiges denken lässt, dann ist das Thema selbst als solches unvernünftig. D.h.: Ein „Recht zum Kriege“ ist also eine Wahnvorstellung. Wenn Staaten Frieden wollen, müssen sie ihre gesetzlose wilde, wie Kant sagt, also egoistische Freiheit aufgeben. Sie müssen sich zu öffentlichen Gesetzen „bequemen“, wie Kant sagt, und diese Gesetze, die zu einem Völkerbund führen, wie eine Art Zwang zur Überwindung ihrer eigenen kriegerischen Gesinnung anerkennen. (S. 168).

PS.: Wenn hier betont wird, Moral soll das politische Handeln bestimmen, so ist hier selbstverständlich immer die Vernunft – Moral im Sinne Kants gemeint, nicht die von Kirchengeboten bestimmte konfessionelle Moral der etablierten Religionen! Diese religiösen Moralvorstellungen dürfen niemals unvermittelt einen dmokratischen Staat bestimmen!
8.
Diese Erkenntnis Kants hat sich keineswegs durchgesetzt, auch nicht unter Philosophen und Literaten.
Nur zwei Beispiele, hier nur kurz angedeutet: .
Hegel schreibt schon in seinem Naturrechtsaufsatz von 1802, dass nicht nur der Frieden, sondern auch der Krieg absolut notwendig sei.
In seiner „Rechtsphilosophie“ (§324) wiederholt Hegel diese These. „Hegel kennt kein kategorisches Gebot der Vernunft, es soll kein Krieg sein“, so Walter Jaeschke, Hegel Handbuch, Metzler Verlag, S. 367. Selbst wenn Hegel die Katastrophen des 1. und 2. Weltkrieges nicht kannte und auch nicht die totale Zerstörungskraft der Atombomben: Es ist schon erstaunlich, dass sich Hegel auch am Beispiel des Krieges in seiner „Rechtsphilosophie“ von 1821 zu der Aussage versteigt: Durch einen Krieg „werde die sittliche Gesundheit der Völker erhalten“. Und dann folgt zur Illustration dieser ungeheuerlichen abstrakten Aussage ein Bild aus der Natur, was für Hegel ungewöhnlich ist, der sonst die geistige Welt, also auch die politische Welt eines Krieges ,nur mit Begriffen des Geistes beschreibt. Nun also hier, im genannten §324, der Vergleich mit der Natur: Wie die Natur die See (das Meer) „durch die Bewegung der Winde vor der Fäulnis“ bewahrt, so könne es auch unter den Menschen und Staaten Fäulnis geben als Form „dauernder Ruhe“, eben in der Form „eines dauernden oder gar ewigen Friedens“. Frieden kann Hegel, der zwanghafte Dialektiker, nur als Stillstand denken, Lebendigkeit, so darf man schließen, gibt es für ihn nur als Dialektik, und die Dialektik ist eben auch der Krieg, der vor „Fäulnis schützt“. Ein abstoßend zwanghafter Gedanke, der Kants Erkenntnisse ablehnt.
9.
Nur ein Beispiel aus dem 20. Jahrhundert: Ernst Jünger ist ein auch von CDU Politikern, wie Helmut Kohl, hoch geschätzter Literat, der zugleich einer der leidenschaftlichsten Verteidiger des „Wertes des Krieges“ war. In seinem grundlegenden Buch „Der Arbeiter“ (1932) zeigt Ernst Jünger, dass der (Erste) Weltkrieg eine Art positives Schlüsselerlebnis für ihn wurde, der Krieg befördert den Untergang der alten bürgerlichen Welt. „Im Akt der Zerstörung (als Krieg) findet Jünger die, so wörtlich, feurige Quelle eines neuen Lebensgefühls… und es gehört zu den hohen und grausamste Genüssen unserer Zeit, an dieser Sprengarbeit beteiligt zu sein, soweit das Zitat aus Ernst Jüngers Buch „Der Arbeiter“. Das Zitat wurde dem Buch „Die Apokalypse in Deutschland“ von Klaus Vondung entnommen, DTV 1988, S. 385.
Diese Vernichtung also begrüßt Jünger, das Sich-Opfern im Krieg sieht er als Form der Erlösung. Der Mensch muss zum Blutopfer bereit sein. Helmut Kiesel schreibt in seinem Aufsatz über die Publikation „Stahlgewitter“ von Ernst Jünger: „Tatsächlich hat Jünger den Krieg als einen naturgegebenen Modus des menschlichen Zusammenlebens und der geschichtlichen Entwicklung betrachtet und zeitweilig sogar bejaht. Erst in den dreißiger Jahren wurde ihm der Glaube an die vermeintlich konstruktiven Seiten des Krieges fragwürdig“ (Quelle: https://literaturkritik.de/id/18872).
10.
Über die Wirkungsgeschichten der von Hegel eher nur am Rande propagierten Ideologie des Krieges wie vor allem der den Krieg preisenden Werke Ernst Jüngers müßte weiter geforscht werden.
In jedem Fall ist es philosophisch und auch ethisch und politisch um des Überlebens der Menschheit willen geboten, wenn man denn schon Philosophen zum Thema Krieg und Frieden bemüht, sich vor allem an einige der genannten grundlegenden Aussagen Kants zu halten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Fromme Worte und Floskeln zum Ukraine – Krieg. Die Osteransprache von Papst Franziskus am 17.4.2022.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.4.2022.

Siehe auch diesen Hinweis “Die Osteransprache des Papstes, die nicht gesprochen wurde: LINK:

Es ist die Mühe wert, die Osteransprache von Papst Franziskus am 19.4.2022 genauer anzuschauen.

Vorweg zur Einstimmung diese Frage:

Warum um Himmels willen sagt der Papst in seiner Ostersprache nicht diese wenigen Worte: “Präsident Putin, beenden Sie sofort diesen Krieg!”

Dies ist der Traum: Der Papst wiederholt dann immer wieder diese Worte in allen ihm zur Verfügung stehenden Sprachen, sogar auf Russisch sagt er sie,  selbst die alten Kardinäle an seiner Seite sprechen dann mit, solange, bis die ganze Menge auf dem Petersplatz ebenfalls brüllt und schreit und weint: “Putin, beenden Sie dieses Ihr Morden, beenden Sie sofort diesen Ihren Krieg”. Und dieses Brüllen und Schreien zusammen mit dem Papst wird zu einem großen Spektakel in ganz Rom, nun wirklich “urbi et orbi”. Auf dem Petersplatz dauert es eine ganze halbe Stunde lange, pünktlich bis 12.20 Uhr am Ostersonntag, ein Spektakel, das in die ganze Welt übertragen wird und die Welt erschüttert…Und sehr viele sagen auf einmal: Dieses Spektakel ist doch wirksamer als diese ewig selben frommen Worte und Floskeln und spirituellen Vertröstungen der üblichen Osteransprachen….Aber leider ist dies nur ein Traum!   (Siehe auch eine Kuzfassung dieser nicht gesprochenen Osteransprache des Papstes: LINK).

1.
Der Papst betont zu Beginn im Blick auf den Krieg in der Ukraine: „Wir haben zu viel Blutvergießen, zu viel Gewalt gesehen.“
Wer ist “wir“? Der Papst meint offensichtlich auch sich selbst. Denn es folgt die erstaunliche, nur angedeutete theologische Erkenntnis: „Es fällt uns (deswegen) schwer zu glauben, dass Jesus wirklich auferstanden ist, dass er den Tod wirklich besiegt hat. Ist es vielleicht eine Illusion? Das Ergebnis unserer Einbildungskraft?“
Diese bewegende und für einen Papst außergewöhnliche Frage wird von Franziskus nicht weiter vertieft. Sonst käme er zu der Erkenntnis, dass wahrscheinlich die Gottesfrage der Christen und die Deutung der „Auferstehung Jesu von Nazareth“ ganz anders als bisher dogmatisch üblich besprochen werden sollte.
2.
Davor aber schrickt der Papst zurück. Er beantwortet unmittelbar danach seine provozierende Frage in der Weise der alten, traditionellen Bibeldeutung (im Sinne der ziemlich gedankenlosen, aber so einfachen Wiederholung der biblischen Sprüche) und sagt rigoros und unvermittelt: „Nein, es ist keine Illusion! Heute erklingt mehr denn je die Osterbotschaft, die dem christlichen Osten so teuer ist: Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“
Schon zuvor hatte der Papst nach alter Art betont: “Jesus zeigt den Jüngern die Wunden an seinen Händen und Füßen, die Wunde an seiner Seite: Es ist kein Gespenst, es ist er, derselbe Jesus, der am Kreuz starb und im Grab war. Unter den ungläubigen Blicken der Jünger wiederholt er: „Friede sei mit euch!“ (Joh 20,V. 21). Wie bitte? Jesus am Kreuz ist derselbe wie der Auferstandene? Bei der Frage sind die Evangelisten ganz anderer Meinung, fundamentalistisch verstanden wandelt da der Auferstandene durch die Türen, kommt und verschwindet wie ein Geist, wann er sich der Gemeinde zeigen will. Hat der Papst Exegese studiert?
3.
Nach dieser traditionellen Predigt findet der Papst den Bogen zum Krieg in der Ukraine. Dabei fällt auf, dass er den Verursacher des Krieges, und das ist absolut eindeutig und von allen Demokraten geteilt, der russische Staatschef Wladimir Putin, mit keinem Wort erwähnt. Sondern der Papst gleitet in der Reflexion der Schuldfrage in die uralten biblischen Mythen ab und beginnt unvermittelt auch noch von Kain und Abel zu sprechen: Wir, sagt der Papst, „tragen den Geist Kains in uns, der Abel nicht als Bruder, sondern als Rivalen ansieht und darüber nachsinnt, wie er ihn beseitigen kann.“ Schwadronieren über Kain und Abel also, kein Wort zu Putin als Putin!
4.
Wer ist das „Wir“? Auch der „heilige Vater“ ? Oder bloß die auf dem Petersplatz versammelte Gemeinde, oder sogar die Welt der Menschen und damit, ungenannt, eben auch Putin?

Das „Wir“ bleibt aber unklar, eine typische nebulöse Floskel könnte man meinen. Natürlich haben alle Menschen als endliche Menschen Böses getan. Aber hier geht es um Kain, den Brudermörder, und der ist angesichts des Krieges Russland in der Ukraine klar mit einem Namen zu benennen. Davor hat der Diplomat Papst Franziskus noch Angst…
Der Papst weicht wieder ins unverbindliche Spirituelle aus, wenn er fortfährt: „Wir brauchen den auferstandenen Gekreuzigten, um an den Sieg der Liebe zu glauben, um auf Versöhnung zu hoffen. Heute brauchen wir ihn mehr denn je, der zu uns kommt und uns erneut sagt: „Friede sei mit euch!“
5.
Wieder das Übliche, Erwartbare, was schon 10 Päpste vor ihm auch hätten genauso sagen können: Jesus stiftet Frieden, er führt zum Sieg der Liebe etc.. Wie diese himmlische Hilfe Jesu im Verbund mit den Menschen hier geschehen kann, wird noch nicht einmal angedeutet. Und dann folgen sehr merkwürdige Überlegungen: Dass die Wunden Jesu eigentlich unsere (?) Wunden seien. Daraus zieht der Papst einen Schluss, der nicht anders als esoterisch genannt werden kann: „Die Wunden am Leib des auferstandenen Jesus sind das Zeichen des Kampfes, den er für uns mit den Waffen der Liebe geführt und gewonnen hat, auf dass wir Frieden haben, in Frieden sein und in Frieden leben können.“
Also müsste eigentlich angesichts der überwundenen Wunden Jesu allüberall Frieden herrschen … oder was?
6.
Nun wendet sich der Papst wieder der „leidgeprüften“ (wie sanft formuliert, CM) Ukraine zu und sagt: „Gehe bald eine neue Morgendämmerung der Hoffnung über dieser schrecklichen Nacht des Leidens und des Todes auf! Möge man sich für den Frieden entscheiden“.
Anstelle vom Kriegsverbrecher Putin spricht der Papst nur von einem neutralen MAN, das (der) sich zum Frieden bekehre. Noch einmal: Wer ist dieses Man? Doch wohl im demokratischen Verständnis eindeutig Putin und seine Kriegstreiber, wie auch der ehemalige KGB Agent Patriarch Kyrill I.von Moskau. In seiner anonymen Rede von einem „Man“ fährt Papst Franziskus er fort: „Möge man sich für den Frieden entscheiden. Man höre auf, die Muskeln spielen zu lassen, während die Menschen leiden“.
Was soll das denn nun? Wer spielt denn da mit den Muskeln, Krieg als Muskelspiel, welch ein Wahn!
7.
Zum Schluss seiner offenbar von diplomatischen Erwägungen bestimmtenRede (im Hintergrund das Übliche:. „Der Papst muss die katholische Kirche in Russland schützen“) folgt wie erwartbar die spirituelle Zusage, dass der Papst „in seinem Herzen“ (so wörtlich) all die vielen ukrainischen Opfer und die Millionen Flüchtlinge in seinem Herzen trägt… Die Ansprache endet: „Brüder und Schwestern, lassen wir uns vom Frieden Christi überwältigen! Der Frieden ist möglich, der Frieden ist eine Pflicht, der Frieden ist die vorrangige Verantwortung aller!
8.
Der Friede ist also die vorrangige Verantwortung aller, also auch der Kirchen, auch des Papstes. Das klingt gut, ist aber zu allgemein und unverbindlich. Danach hätte es interessant werden können, welchen konkreten politischen Friedensbeitrag denn der Papst, zugleich Chef des Staates Vatikanstadt, denn aktuell zu tun gedenkt. Oder auch: Wie er Friedenserziehung nicht als Blabla einer Spiritualität des Blutes Christi, sondern als politische- ethische Ausbildung aller Katholiken in den Mittelpunkt zu stellen gedenkt. Nichts davon.
9.
Es folgt zum Ende dieser vielleicht weltweit beachteten Rede die übliche Zusage des Ablasses durch einen Kardinal auf der Loggia und dann der übliche Segen des Papstes „Urbi et Orbi“. Wie oft haben Päpste die Stadt und den Erdkreis gesegnet … wurde durch den päpstlichen Segen die Stadt und der Erdkreis (urbi et orbi) nachweislich, empirisch spürbar, friedlicher, berechter? Ich fürchte nein. Diese Segen waren nur etwas sehr Spirituelles“….

10.
Die entscheidende Frage ist noch einmal formuliert:
Warum sagt der Papst nicht in seiner Oster-Ansprache vom 17.4. 2022? Hat er denn keinen politischen Mut mehr? Er hätte doch laut und deutlich sagen können:

“Lieber Patriarch Kyrill, auch du darfst dich, wie ich auch, „Heiligkeit“ nennen.
Sage doch als „Heiligkeit“ bitte deinem angeblich rechtgläubigen, orthodoxen, Weihrauchschwaden und Kerzen liebenden Mitchristen Wladimir Putin: Er solle in Gottes Namen SOFORT diesen Krieg beenden. Wenn nicht, wird er immer mehr zum Völkermörder. Zum Nihilisten, zum Zerstörer. Er stellt sich außerhalb der Humanität.

Und falls du, Kyrill, du Heiligkeit, das nicht willst, weil du aus KGB- Zeiten mit Putin bekanntlich eng verbunden bist:

Dann wende ich mich jetzt eben direkt an den rechtgläubigen Christen, Präsident Wladimir Putin: „Herr Putin, beenden Sie diesen von Ihnen inszenierten Krieg gegen die Ukraine und gegen die Demokratie SOFORT. Beenden Sie in Gottes Namen diesen Krieg!
Wir Katholiken beten ab jetzt nicht nur für den Frieden. Sondern auch: Immer wenn wir einander sehen und begegnen, rufen wir uns zu: „Putin ist ein Kriegsverbrecher. Putin, beende den Krieg.“

Quelle: https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2022-04/vatikan-wortlaut-segen-ostern-papst-franziskus.html
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Räume, wo wir SCHREIEN können…

Ein Hinweis von Christian Modehn am 14.4.2022.

1.Wir brauchen heute Orte, wo wir schreien können, brüllen, fluchen, oft auch ohne Worte. Nur diese laute Klage! Kein eleganter Klage-Gesang, sondern nur brüllendes Stammeln, weil wir Krieg, Mord, Massenmord, Völkermord, nicht mehr runterschlucken und verdrängen können.

2. Der Krieg Putins gegen die Menschen im demokratischen Staat Ukraine sprengt unsere Geduld. Wir können das Abschlachten nicht mehr ertragen und nicht die horrenden Fehler der demokratischen Politiker gegenüber Putin seit spätestens 2014. Wir möchten unsere Wut darüber auch rausbrüllen.

Das kann uns dann wieder zur Sprache zurückführen, zum Disput, zur politischen Aktion.
Aber jetzt wollen viele ihre maßlose Wut, die hilflos ist, erst mal rausbrüllen, als Zeichen eines verzweifelten Neins zu diesem Verbrecher, der sich Politiker nennt und viele Jahre hofiert wurde, auch von deutschen Politikern…Auf Demonstrationen darf eher nicht geschrieen werden.

3. Haben wir fürs Schreien noch entsprechend große Räume und Orte? Nein. Obwohl diese Gebäude herumstehen, diese leeren Kirchen, die nur ein paar Stunden pro Woche von ein paar Leuten genutzt werden, sonst aber verschlossen sind als Beweis dafür, dass Kirche eigentlich verschlossen ist für die Menschen von heute und sich nichts Neues einfallen lässt, um in Kriegszeiten den Menschen auch hier beizustehen.

4.Gewiss: Wir brauchen Gesprächsräume angesichts des Krieges, Begegnungsräume mit Flüchtlingen, Räume, die Solidarität organisieren.
Aber wir müssen auch an unser seelisches Leiden denken. Für eine Therapie wären Räume nötig, wo wir schreien dürfen.

5. Eine Erinnerung:
“Räume des Schreiens” habe ich in San Francisco Mitte der neunzehnhundertachtziger Jahre erlebt. Sie waren in Kliniken und in Hospizen eingerichtet. Hier konnten Menschen laut schreien und heulen und klagen in ihrer seelischen Qual, in den Stunden, wo sie gerade Freunde verloren hatten. Sie waren als Schwule an AIDS gestorben. Da konnten nur die hartherzigen Moralapostel fundamentalistischen evangekikalen christlichen Glaubens stumm bleiben oder die Schwulen als Schweine titulietren.
Diese Schrei-Räume waren „ehrlich“, das heißt: Sie hatten nichts von der vornehmen Verschwiegenheit der Abschiedsräume in Krematorien und auf Friedhöfen. In den Schrei-Räumen von San Francisco durfte wirklich gebrüllt werden. Schreien ist eine Sprache, die der Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit. Und auch die Sprache des Gebets, man lese bitte mal wieder die allgemein zugängliche Poesie der Psalmen.
Diese Räume des Schreiens hatten gepolsterte Wände, so dass die Außenwelt nicht gestört wurde. Sie hätte ruhig gestört werden sollen, aber die USA sind nun mal darauf bedacht, eine gewisse Sterilität zu pflegen.
Die Schreienden blieben meist unter sich, wenn nicht einige mitfühlende Freunde das Schwererträgliche mit ertragen und mit hören wollten.

6. Heute aber müssen wir schreien, angesichts des Krieges in der Ukraine, eines Krieges, der die ganze bisherige Welt-„Ordnung“ durcheinander schmeißt. Alles wird umgekrempelt, auch aller gute und vertraute Sinn geht weltweit verloren, wird bewusst vernichtet, bloß weil ein Verbrecher in Moskau sich diesen Krieg ausgedacht hat. Und dabei unterstützt wird von dem Chef der russisch-orthodoxen Kirche, dem Patriarschen Kyrill I., auch er, wie Putin, führendes KGB Mitglied und wie sein Ideal ebenfalls Multimillionär.

7. Ich habe schon vor zwei Jahren auf dieser website für Räume plädiert, wo wir schreien können als spirituell – philosophische Initiative, damals dachte ich daran wegen des Abschlachtens der Menschen in Syrien, ich dachte an die auf dem Mittelmeer krepierenden Afrikaner, an die Menschen in den Lagern in Libyen, in Nordkorea …

8. Schreien ist auch eine Therapie-Form bei Leiden im engeren, persönlichen Erleben. Auch hier ist Schreien eine Tat der Befreiung von Unerträglichem.

9. Ich empfehle, in den Städten, möglichst in Parkanlagen, „Häuser des Schreiens“ einzurichten. Vielleicht kleine Rundbauten, kahl die Wände, eher dunkel der Raum. Ohne Schmuck. Eher ein Raum „ohne alles“, ein Raum des Nichts. Und da können die Menschen, die das Unerträgliche der Politik, den Hass in der Welt, nicht länger runterschlucken können, nicht länger ersaufen können, wenigstens laut schreien. Das kann ohne Worte geschehen, vielleicht schreit man nur „Hilfe“ oder „Es ist genug“ oder „Ihr verdammten Mörder“ oder nur das flehentliche Gebet „Hört auf“. Der Raum sollte so groß sein, dass mehrere Menschen, selbstverständlich in unterschiedlichen Sprachen, dort schreien können.

10. Vielleicht treffen sich diese schreienden verzweifelten Rebellen danach, seelisch ein wenig erleichtert, in einem separaten Raum innerhalb des „Hauses des Schreiens“ wieder und verabreden sich zum Gespräch. Vielleicht auch zu einer Aktion zugunsten der besonders Leidenden. Zugunsten der Menschenrechte.

11. Natürlich wäre es, wie gesagt, viel einfacher, die vielen leerstehenden Kirchen als Orte des Schreibens einzurichten. Orte für Urnen-Bestattungen, Kolumbarien, sind manche Kirche, sogar in Deutschland, schon geworden. Warum nicht auch diese leer stehenden Kirche in etwas Lebendiges verwandeln, in Orte des Schreiens.

12. Vielleicht sollte ein Bild, als  große Kopie, in einem sonst bildlosen Schrei – Raum hängen: Ein Gemälde, das der britische Maler Francis Bacon geschaffen hat und das in verschiedenen Formen Papst Innozenz den Zehnten (gestorben 1655) zeigt, nach einem Vorbild von Velasquez gemalt. Dieser Papst sitzt wie gefesselt auf einem Stuhl und brüllt. So wie, Papst Franziskus in seinen so prophetischen Weihnachtsansprachen vor den Kardinälen der Kurie auch am liebsten brüllen würde. … Natürlich war Innozenz der X. wie so viele Kirchenfürsten und Vatikan-Prälaten damals völlig haltlos. Also jähzornig brüllend. Aber dieses großartige Gemälde eines brüllenden Papstes geht tiefer: Weil selbst der so genannte Stellvertreter Christi und die Kirchen insgesamt absolut hilflos sind, bestenfalls noch schreien und brüllen können: Die Kleriker als Kleriker können den Mörderbanden weltweit keinen Einhalt gebieten. Der Glaube ist in der traditionellen Form absolut schwach. Ein Nichts? Waghrscheinlich: Den Päpsten und den Kirchen gelingt es nicht, mit Ethos und Glauben die Mörderbanden zu besiegen. Und dann reden sie von erlösung. Da können die einzelnen nur noch schreien … und danach, seelisch erleichtert, auf die eigene Art Gutes tun. Vielleicht werden nur in kleinen Schritten Revolutionen vorbereitet.

13. Die Gemeinde der Schreienden ist ökumenisch und nicht-konfessionell. Sie ist über die etbalieretn verschlossenen Kirchen hinausgewachsen, die bekanntlich wirklich oft zum Schreien sind, nicht nur wegen der Verbrechen sexuellen Missbrauchs durch Kleriker.

Copyright: CHRISTIAN MODEHN, Religionsphilosophischer Salon Berlin.
…….
Clara F. Janning schreibt uns:
Der Text „Räume wo wir schreien können“ ist mir aus dem Herzen gesprochen! Und dann wäre da ja, zur gedanklich-therapeutischen Unterfütterung, auch noch Arthur Janov mit seiner “Urschrei”-Therapie zu lesen – wobei ich meine, dass ein solches Zu-seinem-Schmerz-Gehen der professionellen, zumindest aber emotional intelligenten bzw. kompetenten Begleitung bedarf.
Goethes Tasso begnügt sich übrigens mit Wort und Träne, dank der von “einem Gott” gegebenen Gabe, “zu  s a g e n, was [er] leide[t.
Das sei mit Dank für Ihre inspirierenden Gedanken (das utopische Denkmodell) hier zur Sache noch zitiert, mit besten Grüßen an den und in den Philosophischen Salon von Clara F. Janning
Ja, du erinnerst mich zur rechten Zeit! –
Hilft denn kein Beispiel der Geschichte mehr?
Stellt sich kein edler Mann mir vor die Augen,
Der mehr gelitten als ich jemals litt,
Damit ich mich mit ihm vergleichend fasse?
Nein, alles ist dahin! – Nur eines bleibt:
Die Träne hat uns die Natur verliehen,
Den Schrei des Schmerzens, wenn der Mensch [im Original: Mann] zuletzt
Es nicht mehr trägt – Und mir noch über alles –
Sie ließ im Schmerz mir Melodie und Rede,
Die tiefste Fülle meiner Not zu klagen:
Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott zu sagen, wie ich leide.

“Willkommenskulturen. Beispiel POLEN“. Ein Gastbeitrag von Kerem Schamberger , MEDICO – International:

Für philosophische Reflexionen ist es selbstverständlich, umfassend nach den Dimensionen der Hilfsbereitschaft jetzt im Krieg gegen die Ukraine zu fragen: Wer ist der andere, die andere? Gibt es Hierarchien im Umgang mit den anderen hinsichtlich der Solidarität des Westens, etwa Polens? Dringende Fragen, zu denen der Autor Kerem Schamberger von MEDICO-International Stellung nimmt. Der Religionsphilosophische Salon Berlin dankt für die Möglichkeit, diesen wichtigen Beitrag auch hier zu publizieren. Und dadurch für eine umfassendere Aufklärung beitzutragen. Christian Modehn.

1.

In Warschau packt die ukrainische Künstlerin Yulia Krivich in einem Nebengebäude des Museum of Modern Art zusammen mit anderen Freiwilligen Lunchpakete für die Ankommenden. Sie erzählt uns von ihrer Mutter, die in der Zentralukraine lebt. Seit Russland 2014 die Krim annektierte, habe diese einen Koffer mit dem Nötigsten in der Ecke stehen, um im Zweifel schnell fliehen zu können. Ob sie das nun getan habe? Nein, schüttelt Yulia Krivich den Kopf, noch nicht. Dann widmet sie sich wieder den Lunchpaketen. Schließlich sind Millionen von Ukrainer:innen auf der Flucht Richtung Westen.
Eine Woche lang waren wir – meine medico-Kollegin Karoline Schaefer und ich – in Polen unterwegs. Zuerst in Warschau, dann an der polnisch-belarussischen Grenze und weiter im Süden an der ukrainischen Grenze. Auf mehr als 1.500 Kilometern konnten wir uns einen Einblick verschaffen, wie die polnische Gesellschaft ihre Türen geöffnet hat. Bisher sind mehr als zwei Millionen Kriegsflüchtlinge ins Land gekommen. Das Gros der Hilfe leisten Organisationen und Aktivist:innen der polnischen Zivilgesellschaft. Sie werden von Frei[1]willigen und Organisationen aus anderen Ländern unterstützt. Der Staat ist hingegen kaum präsent, auch nicht am Warschauer Hauptbahnhof. Tausende kommen hier täglich an. Im ersten Stock wurden Bettenlager errichtet, in denen Menschen oft tagelang verharren, weil sie nicht wissen, wohin. Freiwillige organisieren die Verteilung des Allernötigsten: Essen, Hygieneartikel, Powerbanks.

2. Die Regierung benutzt die Hilfe

Momentan geht eine Welle der Solidarität durch die polnische Gesellschaft. Sie schließt an den vergangenen Herbst an, als viele polnische Aktivist:innen in der Grenzregion zu Belarus Hilfe für die in den Wäldern umherirrenden Geflüchteten leisteten – gegen den Willen des polnischen Grenzschutzes und trotz der Kriminalisierungsversuche durch die rechte PiS-Regierung. Oft sind es dieselben Gruppen und Organisationen, die nun die Erstversorgung für die Flüchtenden aus der Ukraine organisieren. Viele von ihnen sind sauer: „Die Regierung benutzt die breite gesellschaftliche Solidarität für ihre eigene Agenda, für den Stolz auf die ‚polnische Nation‘. Es ist viel Propaganda“, sagt jemand. Das gehe so weit, dass die PiS nun Druck auf die EU ausübe, die gegen Polen verhängten Strafgelder aufzuheben, weil sie sich so vorbildlich um die Flüchtlinge kümmerten. Wie absurd das werden kann, erzählen uns Aktivist:innen in der Stadt Lublin im Osten des Landes. Dort unterhält die polnische Organisation Homo Faber eine Notfallhotline für Flüchtlinge aus der Ukraine. Mehr als 1.000 Anrufe täglich nehmen sie entgegen, rund um die Uhr. Die Regierung hat die Nummer ohne vorherige Rücksprache auf ihre eigenen Webseiten gestellt und nicht mal angegeben, dass Homo Faber sie zusammen mit ukrainischen Freiwilligen betreibt. „Wir sind es leid, von der Regierung benutzt zu werden“, sagt eine Mitarbeiterin. Es sei unklar, wie lange sie die enorme Arbeitsbelastung durchhalten können. Alle seien am Ende ihrer Kräfte.
Richtige und falsche Geflüchtete
Besonders sichtbar wird die humanitäre Krise in den Vereinsräumen von Ukrainski Dom, einer Organisation, die schon vor Jahren von in Polen lebenden Ukrainer:innen gegründet wurde. Vor dem kleinen Haus im Zentrum von Warschau stehen Dutzende geflohene Ukrainer:innen Schlange, um eine SIM-Karte zum Telefonieren zu erhalten oder – noch wichtiger – eine Unterkunft vermittelt zu bekommen. Das ist gerade die Hauptaufgabe des Vereins, berichten uns zwei Mitarbeiter:innen. Seit Kriegsbeginn hätten sie nur wenig geschlafen, auch aus Sorge um ihre Verwandten in der Ukraine. Und sie erzählen von Unterschieden in der Hilfsbereitschaft. Unterkünfte gebe es vor allem für ukrainische Frauen und Kinder, aber nicht für andere Gruppen von Flüchtlingen. Auch andere Aktivist:innen, mit denen wir sprechen, kritisieren, dass der Solidaritätsbegriff in der polnischen Mehrheitsbevölkerung etwa Rom:nja-Familien, Schwarze und andere People of Colour oft ausklammert. Der Fokus von LAMBDA, einer traditionsreichen queeren Organisation in Warschau, ist es deswegen, in dieser Krisensituation den „Ausgeschlossenen unter den Ausgeschlossenen“ zu helfen: Die Aktivist:innen vermitteln Wohnungen, geben Gutscheine für Kleidung und andere Dinge des täglichen Bedarfs aus und bieten kostenlosen Sprachunterricht für die Geflüchteten an – explizit für alle.

3. Wie extrem die faktische Ungleichbehandlung von Geflüchteten ist, wird im Białowieża-Wald im polnisch-belarussischen Grenzgebiet deutlich.

Dort versuchten Ende letzten Jahres mehrere Tausend Menschen aus dem Nahen Osten nach Europa zu gelangen und noch immer halten sich dort Menschen auf der Flucht versteckt. Hier ist der Staat sehr wohl präsent. Aber nicht, um zu helfen, im Gegenteil. Auf dem Weg zur Grenze passieren wir zwei Polizeikontrollen, die schauen, was oder vielmehr wen wir im Wagen haben. Am Ziel treffen wir eine Aktivistin der von medico unterstützten Grupa Granica, einer sozialen Bewegung, die Menschen­rechts­ver­letz­ungen dokumentiert und sich für Flüchtlinge einsetzt, die es auf polnischen Boden geschafft haben. Die Frau erzählt uns, dass die Notrufe von Geflüchteten aus dem Grenzwald aktuell wieder mehr werden. Auf der belarussischen Seite warten nach wie vor Hunderte Menschen. Deren Situation verschlechtert sich zusehends.
Diejenigen, die es über die Grenze geschafft haben und die Grupa Granica kontaktieren, sind total erschöpft und benötigen oftmals medizinische Versorgung. Viele kommen aus afrikanischen Ländern, einige haben zuvor in Russland oder Belarus studiert. „Es ist absurd, man wacht auf, und auf einmal sieht man zwei Menschen aus Ruanda im Wald“, sagt die Aktivistin. Wenn der Grenzschutz sie aufgreift, werden sie in eines von derzeit sieben geschlossenen Auffanglagern in ganz Polen gebracht. Die Grupa Granica nennt diese „Detention Center“, die Bedingungen seien allerdings noch schlechter als in polnischen Gefängnissen. Etwa 2.000 Menschen sitzen dort derzeit ein. Nur Psycholog:innen und Anwält:innen können die Insassen besuchen. Und davon gibt es viel zu wenige. Für die Aktivistin ist die Ungleichbehandlung von Ukrainer:innen einerseits und Menschen aus dem Nahen Osten und afrikanischen Ländern andererseits kaum auszuhalten. „Das ist purer Rassismus“, sagt sie.

4.

Fluchthilfe als Spektakel
Szenenwechsel. Der Kontrast von der Situation in den abgeriegelten Wäldern zu der Atmosphäre am Grenzübergang in Medyka an der polnisch-ukrainischen Grenze könnte kaum größer sein. Zehntausende Menschen, überwiegend Frauen und Kinder, passieren hier täglich den Schlagbaum. Fast alle sind erschöpft, tagelange Flucht liegt hinter ihnen. Was sie auf polnischer Seite erwartet, gleicht einem Jahrmarkt. Bunte Zelte, blinkende Girlanden, ein Pianist, der auf seinem Klavier „New York, New York“ spielt und an jeder Ecke Kamerateams aus der ganzen Welt. Daneben Hunderte NGO-Mitarbeiter:innen und Ehrenamtliche, die sich mit ihren Hilfsangeboten gegenseitig überbieten. Unter ihnen sind auch religiöse Sekten, Prediger:innen, messianische Christ:innen, die „den Juden dabei helfen wollen nach Israel zu kommen“, Selbstdarsteller:innen und mit Marsz Niepodległości sogar eine rechtsextreme polnische Organisation. Im vergangenen Jahr ist sie noch mit „Polen den Polen“-Transparenten aufmarschiert, die „richtigen“ Flüchtlinge aber heißt sie hier willkommen. Und dann ist da noch der polnische Grenzschutz. Anders als an der belarussischen Grenze hilft er hier den Geflüchteten beim Tragen der Koffer.
Zwei Animateure im Mickey-Maus- und Leoparden-Kostüm kommen uns entgegen. Als wir sie fotografieren, bitten sie uns, sie auf Facebook zu markieren, damit man sieht, wo sie sind. Es ist bezeichnend, dass sich am Grenzübergang Medyka als Hotspot der Medienaufmerksamkeit auch die meisten NGOs konzentrieren. Wo weniger Kameras präsent sind, sei es in Chelm oder Hrebenne, wird die Hilfe weitgehend allein von der lokalen Bevölkerung getragen. Dass es auch anders gehen kann, zeigt der Grenzübergang Budomierz. Dort arbeiten Aktivist:innen, NGOs und die örtliche Stadtverwaltung in enger Absprache zusammen. Der Bürgermeister, sein Stellvertreter und die örtlichen Stadträte kommen jeden Tag mehrmals vorbei und helfen mit. Und zwar nicht nur, wenn Fotograf:innen und Kamerateams dabei sind. Das könnte die Basis einer Hilfs- und Aufnahmeinfrastruktur sein, die auch bei andauerndem Krieg und fortgesetzter Flucht trägt und willkommen heißt.

5.

Die von medico seit Ende 2021 in Polen geförderte Grupa Granica kümmert sich seit Kriegsbeginn zusätzlich um Geflüchtete aus der Ukraine. Dabei konzentrieren sich die Aktivist:innen auf Rom:nja, Schwarze und andere People of Color ohne ukrainischen Pass, die ansonsten kaum Schutz erhalten. Gleichzeitig arbeitet die Gruppe weiter daran, die nach wie vor dramatische Situation der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten an der polnisch-belarussischen Grenze und in den geschlossenen Camps zu verbessern. Daneben unterstützt medico den Verein Asmaras World, der benachteiligten Geflüchteten ohne ukrainischen Pass sichere Transportmittel für die Weiterreise zur Verfügung stellt und ihnen in Deutschland beim Zugang zu Versorgung, bei der Suche nach Unterkünften und in asyl- und aufenthaltsrechtlichen Fragen hilft.
Spendenstichwort: Flucht und Migration

Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 1/2022. Das Rundschreiben schickt Ihnen MEDIO INTERNATIONAL gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren! Dort veröffentlicht am 05. April 2022

Kerem Schamberger:
Kerem Schamberger ist Kommunikationswissenschaftler und in der Öffentlichkeitsarbeit von medico international für den Bereich Flucht und Migration zuständig.
Twitter: @KeremSchamberg
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Putin – der Nihilist.

Ein philosophischer Hinweis von Christian Modehn am 10.4.2022.

Ergänzung am 10.5.2022. Nach der Rede Putins am 9. Mai 2022: 

– Putins Rede ist eine einzige Lüge.

– Putin zeigt einmal mehr, dass er von der Lüge total beherrscht ist. Weiß er noch, dass er lügt? Die totale Lüge ist ein Zeichen des Nihilisten.

– Putin will einen Krieg gegen die Ukraine (und den Westen), der sich in die lange Dauer, in die Länge zieht. So kommen immer mehr Menschen ums Leben. Aber das ist ihm egal. So werden immer weniger Menschen in Afrika z.B. Weizen aus der Ukraine beziehen können. So werden die Nerven aller Demokraten weltweit immer mehr strapaziert. Alle reden nur noch von Putin. Die Welt wird insofern “klein”, fixiert auf einen Verbrecher, falls Mister Trump, auch ihn nennen viele einen Verbrecher, nicht wieder das Feld beherrscht.

– So wird einmal mehr evident: Wer nach “dem” Bösen”fragt, verstehe dies bitte als eine personale Bezeichnung, bezogen auf einen Menschen, es geht um den bösen Menschen. Was denn sonst? Wer glaubt denn noch an metaphysische Kräfte DES (neutral  verstandenen) BÖSEN? Etwa an die Erbsünde? Soll den denn der Verbrecher Putin ein Beispiel für die Relevanz der Erbsünde (Adam und Eva) sein? Wie lächerlich, diese Vorstelling.

– Es sind immer nur Menschen, die sich in ihrer Freiheit entscheiden, total böse zu werden. Das erleben wir auch bei Putin. Und seinen Getreuen, auch in den Kirchen, wie dem so genannten Patriarchen Kyrill I. Er darf sich immer noch Christ und sogar seine Heiligkeit nennen. Die Kirchen des Westens sind zu schwach, zu ängstlich, diesen Kriegstreiber aus der Ökumene der Christen raus zu schmeißen.

– Und auch Papst Franziskus hat Verständnis für Putin, der in päpstlicher Sicht von der Nato bedroht ist. Sind das erste Anzeichen päpstlicher Verkalkung? Wahrscheinlich, und ein bißchen verständlich bei einem Alter von 85 Jahren… So wird eine Weltkirche, eine Organisation mit 1,4 Milliarden Mitgliedern,  “regiert”? LINK

…………..

1.
Philosophische Kommentare zu Putin, seinem Krieg gegen die Ukraine und die Demokratien der westlichen Welt insgesamt, sind zwar nicht zahlreich, können aber eigene Relevanz haben. Denn philosophierend versuchen wir die Gegenwart auf den Begriff zu bringen. Jetzt im Krieg Russlands gegen die Ukraine muss man die wichtigste ethische und menschliche Haltung des obersten Kriegsherren Wladimir Putin freilegen.
2.
Ein Begriff ist dabei entscheidend: Der Nihilismus. Dass mit Nihilismus etwas grundlegend anderes gemeint als mit dem philosophischen und religiös/mystischen Begriff NICHTS versteht sich von selbst und muss hier nicht entwickelt werden.

Ein Nihilist glaubt unbedingt an die Allmacht der Zerstörung. Wenn er andere tötet, geschieht dies in Gleichgültigkeit und Gewissenlosigkeit. Andere Menschen, alles Lebendige, sind für den Nihilisten nichts als wertlose Objekte, die dem Täter zur Verfügung stehen und vernichtet werden können. Der Nihilist gibt vor, dass ihn Ideologien leiten, wie Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus usw., tatsächlich aber ist für ihn die Lust an der Zerstörung, das Hinabstürzen von Allem ins Nichts, ins total Leere, entscheidend. Aus „diplomatischen“ Gründen bekennen das Nihilisten nicht so deutlich, sie verschleiern ihre Destruktivität noch mit vielen Worten, ein letzter Rest von moralischem Bewusstsein?
3.
Erich Fromm, der Psychoanalytiker und Philosoph, hat den Nihilisten den Nekrophilen genannt, den Menschen, der alles Tote mehr liebt als das Lebendige und die lebenden Menschen. Für Erich Fromm gibt es zwei entscheidende menschliche Existenzformen: Die Biophilie und die Nekrophilie, in ähnlicher Form lässt sich die Existenz auch im Modus des Habens (Besitzers, Herrschers) oder im Modus des Seins (Leben, Lieben) aussagen. In totalitären Systemen lebt der Herrscher seinen Sadismus aus in dem „Wunsch, andere leiden zu machen oder sie leiden zu sehen.. Das Ziel dieser Sadisten ist, andere aktiv zu verletzen, zu demütigen, in Verlegenheit zu bringen oder sie in peinlichen oder demütigenden Situationen zu sehen“ (Erich Fromm, zitiert in Rainer Funk, Mut zum Menschen, Stuttgart 1978, S. 65). Dafür gibt es zahlreiche Beispiele, zuletzt etwa den monströsen surrealen Tisch, an den sich demokratische Politiker offenbar ohne weiteres setzten, der belorussische Diktator wurde von Putin zur gleichen Zeit an einem gemütlichen runden, kleinen Tisch empfangen….
4.
Hier wird vorgeschlagen, nicht so sehr den im ganzen auch hilfreichen psychologischen Interpretationsvorschlägen von Erich Fromm zu folgen, sondern eher den philosophischen Begriffen … und Putin als einen Nihilisten zu verstehen, als einen Menschen, der von der Lust am Nichts , also von einer lange geplanten totalen Vernichtung des Lebendigen, des Demokratischen, beherrscht ist. Diese nihilistische Destruktivität als Hauptmerkmal gilt, selbst wenn Putin noch viel von der alten Ideologie der „russischen Welt“ phantasiert oder von der orthodoxen Religion oder sogar von den Werten des Christentums (gegen den angeblich atheistischen Westen) spricht.
5.
An den Taten erkennt man den Nihilisten, nicht an seinen Worten.
In Putins Angriffskrieg gegen den selbständigen Staat Ukraine fällt auf: Die von ihm heiß begehrten, angeblich russischen Regionen im Osten der Ukraine, vor allem die Städte dort, werden von ihm im Krieg total zerstört, Städte also, die er angeblich mag und für sein Imperium nutzen will. Welch ein Widerspruch!
Es sind barbarische Taten, die da sein Militär begeht.
Putin als Sadisten freut es offenbar, dass in der geplanten Zerschlagung der Ukraine zugleich auch die „Kornkammer des Planeten“, wie es treffend heißt, vernichtet wird und dadurch „ein Hurrikan des Hungers“ (so UN-Generalsekretär Guterres) erzeugt wird. Der russische Diktator verkündet gleichzeitig einen Getreide-Exportstopp aus Russland bis zum 30.6. 2022, eine weitreichende Hungerkatastrophe zumal unter den Menschen in Nordafrika (Käufer russischen Weizens) wird bewusst vorbereitet. Stalin hatte schon einmal eine der schlimmsten Hungerkatastrophen realisiert: 1933 verhungerten in der Ukraine auf seinen Befehl dreieinhalb Millionen Menschen, „Holodomor“ wird das totale Verbrechen genannt.. Auch Stalin war ein Nihilist. Dass ihm seine kommunistische Ideologie nichts bedeutete, zeigte sich an seinem Pakt mit dem Faschisten Hitler.
Diese Haltung des Zynismus hat Putin mit Stalin gemeinsam: Selbst wenn Putin von Völkerfreundschaft die Rede ist, gilt jegliche Handlung dem „Trachten nach Bereicherung und Ausweitung des eigenen politischen Einflusses“ (Mischa Gabowitsch, „Putin kaputt?“, Berlin 2013, S. 64).
Über die nihilistische Mentalität Putins und seines Regime schreibt Katja Gloger in ihrem wichtigen Buch „Putins Welt“, München 2022, S. 135. Sie zitiert die russische Journalistin Jewgenija Albaz: „Um des Geldes willen ist alles erlaubt. Dieses Regime geht davon aus, dass jeder gierig und käuflich ist. Dass niemand Ehre und Würde empfindet“.
„Die russischen Eliten nehmen sich den sadistischen Genuss heraus, den verarmten Massen ihr Dolce Vita zu demonstrieren – um ihre Dominanz zu demonstrieren. In Russland lebten 2017 russische 131 Milliardäre, 180.000 Dollar Millionäre…Acht Prozent der Russen leben unter der Armutsgrenze, im Öl – und Gas – Imperium können manche Bürger von einem Gasanschluss nur träumen…. Ein Drittel der männlichen Bevölkerung lebt nicht lange genug, um einen Rentenanspruch zu stellen…“ (zit. Liza Alexandrova-Zorina, Lettre international, Winter 2017,S.44)
6.
Der Nihilist lebt im Selbst-Widerspruch des Lügners. Angeblich liebt er Dinge und Menschen, die er aber total zerstört. Angeblich ist Putin ein in der Kindheit getaufter orthodoxer Christ, aber den Hungertod von Millionen nimmt er in Kauf, die Gräueltaten seines Militärs . Alle seine Erklärungen zu den Kriegsverbrechen der russischen Truppen in der Ukraine sind eine Lüge, sie wollen verwirren, das klare Denken kaputt machen. Lüge ist das geistige Grundübel, also das geistige Verbrechen der Nihilisten.
Die Russland-Spezialistin und Journalistin Katja Gloger schreibt über den typischen nihilistischen Umgang mit Wahrheit und Lüge im Putin Reich: „Die Grenze zwischen Fakten und Fiktion verschwimmt: Fakten sind Fiktion und Fiktion wird zu Fakten…So schaffen Russlands Medien eine neue, konfuse Realität, der sich kaum nicht jemand anziehen kann…Eine Wanne voller Blut jeden Abend im russischen Fernsehen ist eine politische Realität geworden, sagt der ehemalige Spindoktor des Kreml, Gleb Pawlowskij“, (in „Putins Welt“, München 2022,S. 107).
Immanuel Kant schreibt: „Die Lügenhaftigkeit ist an sich böse. Die Lüge ist zu nichts gut, in welcher Absicht immer; sie ist an sich selbst böse und verwerflich. Lügenhaftigkeit ist “Nichtswürdigkeit, wodurch dem Menschen aller Charakter abgesprochen wird”, zit. In Kant-Lexikon, Rudolf Eisler, https://www.textlog.de/32495.html.
7.
Noch einmal: Der Nihilismus von Putin und seinen Leuten, den Milliardären, Oligarchen und Militärs, zeigt sich in deren permanenten Lügen-Propaganda. Sie ist so dreist und irrational, dass man lachen könnte, wären die Lebensbedingungen der Menschen in dem selbständigen Staat Ukraine nicht so verheerend. An die Lügen hatte sich Putin schon früh gewöhnt und sie als seine Lebensstrategie entwickelt: Zum Putin-Krieg gegen die Ukraine 2014 hat der russische Philosoph Michail Ryklin in „Lette International“ Herbst 2014, Seite 141, geschrieben: Schon damals folgte Putin der alten, lügnerischen Masche., die er als Zögling des KGB gelernt hatte zum Zweck des Machterhalts der Diktatur: „Die Grundlage für diesen Krieg liefert die totale Desinformation mitsamt nachfolgender Bezichtigung des Gegners jener Verbrechen, die man selbst ihm gegenüber begangen hat“. Und weiter schreibt Ryklin im Jahr 2014 !: „Je schlimmer die Torturen sind, welche die Ukraine zu ertragen hat, um so größer ist in Putins Sicht die Schuld der Ukraine selbst daran… Der Putinismus tötet mit seiner Berührung all das Lebendige, was in seinen Untertanen noch enthalten ist“ (ebd).

Putins Krieg ist nicht nur ein Krieg gegen die Ukraine, es ist ein totaler Krieg, der die ganze Welt in eine Zerrüttung führt, ökonomisch, ökologisch, friedensethisch, religiös. Putin und seine “Getreuen” vernichten eine halbwegs noch geordnete Form der Ernährung selbst der ärmeren Länder, Putin zuerstört Vertrauen, beeinflusst die westlichen Demokratien, er will mit allen Tricks und aller Gewalt will diese Demokratien schädigen, etwa in seiner Unterstützung für Trum oder Marine le Pen. Kann man sagen: Mit Putin wird es nie Frieden geben? Bestenfalls einen Waffenstillstand als Pause vor dem nächsten Krieg? Wer mit diesem Putin noch heute, Ende April 2022 noch eng freundschaftlich ergeben und verbunden ist, wie ein gewisser Herr Gerhard Schröder in Hannover, sollte der nicht auch als Partner eines Kriegsverbrechers gelten, wie viele politische Beobachter zurecht sagen?

Für die Philosophie ist die Lüge, zumal die permanente Lüge, der Gipfel menschlicher Verkommenheit.
8.
Es wird jetzt immer wieder auch von Literaten darauf hingewiesen, dass sich in der geistigen Substanz von Putin und den Seinen „ein großes Nichts“ offenbart. Dies betont die tschechische Schriftstellerin Magdalena Platzová. Sie meint dann leicht ironisch, „dieses große Nichts sei etwas, das man am besten mit Wodka runterspült“. Aber: Zu dem großen Nichts in Putin kommt die Autorin durch die Beobachtung der bekannten russischen Puppe Matrjoschka: Diese Matrjoschka ist “ein Großrussland, in das die anderen Länder hübsch ordentlich nach Größe eingeordnet werden: Armenier, Georgier, Ukrainer, Kasachen, Litauer, Esten und andere. Und wenn sich die große Puppe leert, ist sie hohl wie ein Fass. Ein großes Nichts. (Quelle: iLiteratura (Tschechien), 01.04.2022, Perlentaucher, 5.4.2022). Tatsächlich wird im populären Putin Kult dieser Diktator auch schon als Matrjoschka verkauft…
9.
Noch einmal muss betont werden: Putin (und seine Getreuen) als Nihilisten zu bewerten, steht in keinem Widerspruch zu dem vom Diktator nach außen hin gezeigten Bekenntnis zur russischen Orthodoxie. Man denke nur an diese inszenierten Fotos: Putin im Gebet in der Kathedrale, im vertrauensvollen, freundschaftlichen Gespräch mit Patriarch Kyrill (auch er einst KGB-Mitarbeiter), Putins Pilgerfahrten zum heiligen Berg Athos (Griechenland), seine Bereitschaft, prächtige Kathedralen der russischen Orthodoxie in Frankreich zu finanzieren etc. Der christliche Glaube bewegt Putin jedenfalls nicht persönlich, „innerlich“, denn sonst hätte er auf sein mörderisches Treiben verzichtet. Und sein Intimus, der Patriarch Kyrill von Moskau, hat es wohl bisher versäumt, Putin an seine Christen-Pflichten zu erinnern. Vielleicht glaubt der Patriarch selbst nur an die Macht und die Macht des Geldes, über auch der reichlich verfügt. Aber die vielen gläubigen Leute auf dem Land sehen die Fernseh-Bilder des staatlichen Fernsehens, andere Informationsmöglichkeiten haben sie nicht, und sie freuen sich, wie ihr Präsident betet, von Weihrauchwolken umhüllt ist und vor allem den einstigen KGB Kollegen, Patriarch Kyrill, brüderlich umarmt.
Und die russisch-orthodoxe Kirchenführung ist mit diesem Nihilisten Putin Und das aufs engste verbunden. Und das ist der Skandal: Die westlichen Kirchen denken offenbar nicht daran, Patriarch Kyrill als den besonderen Kriegstreiber SOFORT aus der Ökumene offiziell zu werfen. Und das ist eine Schande für alle anderen Kirchen, die noch christlich sein wollen. Immerhin hat jetzt der katholische Bischof von Münster Felix Genn den Putin-Patriarchen Kyrill I. „eine Schande für unseren christlichen Glauben genannt“. (Quelle: https://www.domradio.de/artikel/bischof-genn-kritisiert-russisch-orthodoxen-patriarchen)

10.
Wenn hier also Putin als Nihilist vorgestellt wird, dann ist nicht der „russische Nihilismus“ gemeint, der unter der Regierungszeit von Zar Alexander II. (1855-1881) in Kreisen oppositioneller Intellektueller lebendig war. Für diese Kreise waren Attentate und das Projekt „Zarenmord“ in gewisser Weise die Voraussetzung, um eine neue, menschenfreundlichere Gesellschaft zu schaffen. Nihilismus als Selbstbezeichnung einiger kritischer Intellektueller war damals eine kulturell-politische Bewegung durchaus emanzipatorischer Art, sie wurden auch Radikaldemokraten genannt. Man denke an Alexander Herzen, Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski….
11.
Hingegen sieht Philosophie das Stichwort Nihilismus als Ausdruck für eine Haltung, dass alle Werte NICHTS sind, dass das Leben NICHTS ist, also sinnlos. Vor allem auf den russischen Dichter Iwan Sergejewitsch Turgenjew geht der heutige philosophische Nihilismus-Begriff zurück; man denke an seinen Roman „Väter und Söhne“ von 1862. Es ist im Roman der angehende Arzt Basarow, der betont:“Es gibt keine moralischen Prinzipien“. Basarow erkennt nichts Wertvolles an und er weiß nichts von Respekt, bewertet alles Lebendige nach Nützlichkeitserwägungen. Bei einem Spaziergang sagt er: „Hoffentlich gibt es in diesen Teichen Frösche… zum Sezieren.“ Er ist ein Mensch, der sich „vor keiner Autorität verbeugt, der kein einziges Prinzip auf Treu und Glauben gelten lässt, gleichgültig welchen Ansehen sich dieses Prinzip auch erfreuen möge“ (Turgenjew, Väter und Söhne).
12.
Putin, so wird in der Presse demokratischer Staaten berichtet, lebt jetzt immer mehr zurückgezogen, als ein Herrscher, der sich isoliert. Aber er hatte und hat ein Team von Ideologen, die ihm die Stichworte für seinen Krieg und seine nihilistische Ideologie liefern. Darauf weist „Le Monde Diplomatique“, Deutsche Ausgabe, April 2022, S. 8 hin : „Wer sind die russischen Falken. Hinter Putin politischer Radikalisierung stehen ultranationalistische Ideologen“ von Juliette Faure. Sie erwähnt einen einschlägigen politisch-religiösen Zirkel, den „Isborsk-Club“, in dem sich antiwestliche reaktionäre Ideologen und Kriegstreiber treffen.
In einem Interview betont Katharina Blum, Leiterin des OIsteuropa-Instituts der FU Berlin: „Zum Klub gehört aber auch jemand wie Tichon, der Metropolit der Russisch-Orthodoxen Kirche ist. Er gilt als Beichtvater von Putin, hat Bücher verfasst und betätigt sich als Regisseur… Orthodoxe Konservative und Monarchisten betonen vor allem die russisch-orthodoxe Kultur. Es ist demnach die Kirche, die Russland eine Identität verleiht. Sie beziehen sich auf das griechisch-orthodoxe Byzanz und sehen sich in der Tradition Dostojewskis, der Moskau als „Drittes Rom“ bezeichnet hat“. (Quelle: https://www.belltower.news/russlands-antiwestliche-ideologien-wichtig-ist-imperiales-denken-128641/ gelesen am 8.4.2022)
13
Putin (und die Seinen) als Nihilisten zu bezeichnen ist eine philosophische Erkenntnis, keine feuilletonistische Unterhaltung. Ein Nihilist geht aufs Ganze, hat den Willen zu zerstören, die anderen, die Feinde sind, zu zerstören und warum nicht auch das Volk, dem er zugehört? Wenn nur er selbst überlebt… Schließlich ist Putin entschlossen, bis 2036 im Amt zu bleiben, also bis ins Greisenalter von 84 Jahren. In der neuen Verfassung, die ihn offiziell bis 2036 regieren lässt, steckt so etwas wie sein Wille zum ewigen Leben, zur totalen Herrschaft … ad aeternum. Dieser Typ wird niemals Ruhe geben und Frieden wahren, solange er nicht mit seinen tödlichen Kriegen seine Ideologie realisiert hat, die Ideologie der totalen Herrschaft.
14.
Zum Schluss eine Erinnerung an Friedrich Nietzsche, der mit großem Elan den Nihilismus studierte und dazu publizierte. Nihilismus war für Nietzsche ein zentraler Begriff seiner Analyse der Moderne. Der Philosoph und Nietzsche Spezialist Prof. Volker Gerhardt schreibt in seinem Buch „Friedrich Nietzsche“ (München 1992), über Nietzsches Einsichten zum nihilistischen Menschen: „In diesem Willen zum Nichts leugnet der Mensch aber alles, was für sein Dasein wesentlich ist. Ja, er wendet sich gegen das Dasein selbst, indem er das durchstreicht, was dem Dasein Ziel und Inhalt gibt. Und so stellt sich hier das Leben gegen das Leben und führt zu einem elementaren Unsinn…“ (S. 155). … „Nihilismus bezeichnet für Nietzsche einen Zustand, in dem der Mensch letztlich nur das Nichts will. Ein solcher Wille zum Nichts kann aber nur ein Ausdruck äußerster Bedrohung oder Verelendung sein“ (S. 154).
15.
Putin hat zwar in seinem nationalistischen Wahn der totalen „Russischen Welt“ immer noch konkrete Ziele, die es zu erobern gilt. Aber diese Eroberung geschieht nur als totale Zerstörung, siehe die Putins Ukraine-Krieg von 2022 vorbereitenden Gräueltaten in Tschetschenien, Georgien, in Syrien oder im Osten der Ukraine und in Libyen usw.. Denn dass er einmal den Mittelmeer-Raum beherrschen will und beherrschen kann, via Syrien und Libyen und Eritrea usw. ist evident, dies macht ihn zum Herrscher des totalen russischen Reiches… Es sei denn, die demokratischen Staaten des Westens können das definitiv verhindern.
16.
Putin als Symbol-Figur des Nihilismus ist insofern auch eine Katastrophe, als er das Fühlen und Denken der Menschen der Welt bestimmt, wenn nicht determiniert: Er erzeugt Angst, nicht nur bei den Leidenden in der Ukraine und bald auch bei den Familien in Russland, die den Tod ihrer Söhne im Krieg bedauern und hoffentlich nicht noch als Helden feiern…
Putin als Nihilist fördert bewusst Irritationen, lässt an jeglicher Aussage zweifeln, sein maßloser Vernichtungswille führt dazu, dass die demokratischen Staaten immer mehr Geld für Rüstung ausgeben müssen … und Waffen sozusagen „das tägliche Brot“ werden, es kommt zu Einschränkungen in den Lebensbedingungen. Putin als Nihilist führt dazu, dass die demokratischen Staaten die Armen und arme Gemachten dieser Welt, etwa in Afrika, vergessen. Die demokratische Welt soll, so will es Putin, zerfallen, im Streit und im Hass gegeneinander, auch dies ist eine Konsequenz seines totalen Nihilismus. Wenn man Demokratie als lebendige Staatsform versteht, als Staat des Streitens um die beste Gestaltung der Menschenrechte, dann ist Putins Hass auf die Demokratie, jetzt auf die jungen Demokratie in der Ukraine, typischer Ausdruck seines Nihilismus.
Ein Nihilist ist der totale Verwirrer und Zerstörer.

Und die russisch-orthodoxe Kirche ist mit diesem Nihilisten aufs engste verbunden. Die westlichen Kirchen denken offenbar nicht daran, Patriarch Kyrill als den besonderen Kriegstreiber SOFORT aus der Ökumene offiziell zu werfen. Und das ist eine Schande für alle anderen Kirchen, die noch christlich sein wollen.
17.
Wie lässt sich Nihilismus überwinden? Diese Frage bewegt in der langen Geschichte die Philosophie. Um nur ein Beispiel zur nennen: Nietzsche sah eine Überwindung des Nihilismus in seiner Idee des „Übermenschen“, der den biederen Spießbürger, den „letzten Menschen“ („letzter Mensch“ im moralischen Sinne) überwinden soll.
Hier aber geht es um die politische und existentielle Frage: Wie kann man einen Nihilisten überwinden bzw. eine ganze Clique, die sich dem Nihilismus als moralischer Verworfenheit hingibt. Diese Nihilisten müssen ihre Macht verlieren, nur so kann die Welt in Frieden UND Demokratie leben. Es geht also im Kampf gegen Putin um einen Kampf gegen den gefährlichsten und barbarischsten unter allen Nihilisten: Dass es Nihilisten als Politiker heute auch anderswo gibt, ist eine Tatsache, und ein anderes Thema.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

Spiritualität am Karfreitag…

Hinweise zu einer Spiritualität des Karfreitags:

Der hier publizierte Text ist die ausführliche Fassung einer Ra­dio­sen­dung aus dem Jahr 2014 im RBB, später auch im NDR und HR gesendet. Wegen etlicher Nachfragen zur Lektüre dieses Hörfunk Beitrags hier der Text in voller Länge. Vielleicht sind einige Aussagen inspirierend. Christian Modehn am 7.4.2022.

……………………………….
RBB: Gott und die Welt
Karfreitag, 18.04.2014

Elend, nackt und bloß
Jesus am Kreuz
Von Christian Modehn

1.SPR.: BerichterstatterIN
2.SPR.: Berichterstatter
3.SPR.: Zitator

21 O Töne, zus. 12 30“
7 Musikal. Zuspielungen. Die Musik Jordi Savalls über Caravaggio, bitte nicht zu knapp einsetzen. Bei jeder Musik etwa 20 Sek. nach Start reingehen!

1. Musik. Ca. 0 12“ freistehend, verwenden ab 0 18“ dort. leise im Hintergrund.

1. O TON, Bachl, 0 28“.
Ich meine das Kreuz, das in unserer christlichen Kulturwelt, in unseren Räumen, doch weithin ein Möbel geworden ist. Zwar ein Möbel, mit einer gewissen Ehrfurcht behandelt, es ist ein Möbel,
ein hübsches Ausstattungsstück für eine Wohnung. Wenn das Kreuz etwas ist in der Kultur, dann ist es der Querbalken in der Kultur.

1. Musik, ca. 0 06“ wieder freistehend

2. O TON, Sander, 0 18“
Man identifiziert sich mit jemandem, der ohnmächtig ist. Und das ist eine ganz schwierige Identifikation. Weil man sich damit mit seiner Ohnmacht auch auseinandersetzen muss. Von daher ist die Auseinandersetzung mit dem Gekreuzigten immer auch das Zu-sich-Selber-Finden in die eigenen Abgründe hinein.

1. Musik, ca. 0 06“ wieder freistehend.

3. O TON, Manfred Richter, 0 31“.
Es ist das Bewusstsein der irdischen, der kreatürlichen Hinfälligkeit, dass dieser Gottessohn selbst in erbärmlicher Nacktheit gezeigt wird. Die Nacktheit war verbunden mit gesellschaftlicher Ausgrenzung.
Und je mehr die Hinfälligkeit des irdischen Lebens bewusst wurde, hat man diesen Aspekt des ausgegrenzten Christus als Trost verstanden

1. MUSIK. 0 06“, aber Titelsprecherin freistehend.

Titelsprecherin:
Elend, nackt und bloß
Jesus am Kreuz
Eine Sendung von Christian Modehn

2. MUSIK, 0 12“ freistehend.

1. SPR.:
Der katalanische Komponist Jordi Savall, [ˈʒɔɾði səˈβaʎ] kann seinem Entsetzen über das Sterben Jesu nur musikalisch Ausdruck geben. In der Sprache der Musik äußert er die Gefühle der Freunde Jesu, erzählt von ihren Tränen, dem Schluchzen, dem Schrei des Entsetzens.

2. MUSIK, 0 08“ freistehend.

2. SPR.:
Jesus von Nazareth hängt leblos am Kreuz; ausgeblutet; qualvoll verendet an diesem Todes-Balken, der nur für Verbrecher bestimmt ist. Dabei galt Jesus unter den Armen und Ausgebeuteten in Palästina als der Gerechte, der Menschenfreund. Er war der Bote eines gütigen Gottes.

2. MUSIK, 0 06“ freistehend.

1.SPR.:
Bei der Marter der Kreuzigung war der lange hinausgezögerte Tod durch Kreislaufversagen durchaus von den Herrschern vorgesehen. Die Römer verurteilten in ihrem Imperium auf diese Weise politische Fanatiker und Rebellen. Aber Jesus von Nazareth dachte gar nicht an ein begrenztes politisches Programm. Ganz andere Projekte sind für ihn entscheidend: Die neue, geschwisterliche Gesellschaft, die in ihrer Liebe zum Nächsten und zu Gott ihren Sinn findet.

2. SPR.:
Seit mehr als tausend Jahren ist für Christen und ihre Gemeinden die Verehrung des sterbenden Jesus am Kreuz unverzichtbar. Sie sind auf das Kreuz Jesu geradezu fixiert, sie forderten ständig Künstler auf, den toten Jesus zu malen. So wird der Schmerzensmann in alle nur denkbaren Landschaften placiert, in Städte, Häuser, Kirchen. Jeder Altar braucht sein Kruzifix. Nur die Reformierten verweigern sich jeglicher bildlicher Darstellung Jesu. Aber in der frommen Phantasie entsteht dann doch ein persönliches, ein inneres Bild von Jesus.

1. SPR.:
Jeder Künstler nimmt auf seine eigene Weise das Kreuzesgeschehen wahr. Raffael und Rembrandt, Tizian und El Greco, Hieronymus Bosch und Rubens, Altdorfer und Caravaggio, um nur einige prominente Maler des 16. und 17. Jahrhunderts zu nennen, schaffen alles andere als dokumentarische, gar historisch korrekte Arbeiten. Sie bieten dem Publikum ihre Sicht des Kreuzweges; sie interpretieren ihren Kalvarienberg und ihre Kreuzesabnahme und Grablegung. So können die Gläubigen immer wieder einem neuen Antlitz des Gekreuzigten begegnen. Aber immer wird ein fast nackter Jesus gezeigt, bemerkt der Salzburger Theologe Hans – Joachim Sander:

4. O TON, Sander, 0 26“.
Der nackte Jesus am Kreuz ist eine Demonstration, und zwar die Demonstration einer Ohnmacht. Der Gekreuzigte selbst, der dann im Mittelpunkt rückt, das ist die Darstellung eines zerstörten, zerbrochenen Männerkörpers, der einer politischen, religiösen Konstellation zum Opfer gefallen ist. Und damit das Zurschaustellen, das Ausstellen, das Aussetzen eines ohnmächtigen Menschen.

3. MUSIK, 0 12“ freistehend.

1. SPR.:
Der Musiker Jordi Savall lässt sich von einem Gemälde des italienischen Meisters Caravaggio inspirieren. Es hat den Titel „Kreuzabnahme“, im Jahr 1603 wurde es für eine Kirche in Rom geschaffen. Der fast nackte Leichnam Jesu wird von Joseph von Arimathäa, einem treuen Jünger, und von Johannes, dem Apostel, sanft gehalten, bevor er ins Grab gelegt wird. Maria von Magdala verbirgt inmitten der Trauernden ihr Gesicht, sie will ihre Verzweiflung nicht zeigen. Maria, die Mutter Jesu, wendet sich, vom Schmerz bewegt, noch einmal ihrem verstorbenen Sohn zu. Dessen rechter Arm, reglos und schlaff, berührt bereits das Grab. Der Apostel Johannes ist so verwirrt, dass er beim Heben des Leichnams in Jesu offene Wunde greift. Sie wurde verursacht, als die Soldaten das Herz durchbohrten. Diese Szene wird von einem schwarzen Hintergrund beherrscht. Die Trauerden stehen wie vor einer undurchdringlichen Mauer. Der Kunsthistoriker Dominique Fernandez schreibt:

3. SPR.:
Es ist ein nicht mehr zu steigerndes, ein absolutes Schwarz. Ein solches Drama ist eigentlich unbegreiflich, unsäglich, jenseits jeglicher Form.

3. MUSIK, noch einmal 0 06“ freistehend.

1.SPR.:
Für die Christen der ersten Jahrhunderte war das Kreuz noch nicht das entscheidende Symbol ihres Glaubens. Sie hatten eine große Scheu, die Gestalt Jesu von Nazareth bildhaft darzustellen. Der Berliner Theologe und Kunst-Kenner Pfarrer Manfred Richter hat sich mit dieser Frage befasst:

5. und 6. O TON Manfred Richter, 0 51“.
Man hat nun, Jahrhundertlange, die erst zwei bis drei Jahrhunderte lang, keine Bilder gehabt. Man hatte keine gebauten Gottesdienststätten. Man ist in den Hauskirchen zusammen gekommen. Und dann hat man ganz andere Motive für Jesus verwendet, wie der gute Hirte, der das Lämmchen auf der Schulter trägt, den verlorenen Menschen. Für die Christenheit, für die Jüngerschaft, war es ein Skandal erster Ordnung, dass der, auf den sie gesetzt hatten, am Kreuz wie ein aufbegehrender Rebell hingerichtet wurde in entehrender Weise. Die Hinrichtung hat ja außerhalb der Stadt stattgefunden, also an einem unreinen Ort.

1. SPR.:
Der elend ans Kreuz Geschlagene, der soll der Erlöser sein? Er soll der Gottmensch sein, dem alle Ehre gebührt? In den ersten Jahrhunderten nach Christus stellten die Gebildeten, vor allem die Philosophen, diese Fragen. Sie fanden die positive Antwort der Christen eher unverständlich, wenn nicht abartig. Erst unter Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert gelang es, die breite Öffentlichkeit umzustimmen und für die Verehrung des Gekreuzigten zu gewinnen. In den neu gebauten Kirchen, den Basiliken, wurde dann ein Kreuz besonderer Art gezeigt: Es verzichtete auf den Corpus, den Leichnam Jesu. Die riesigen Mosaike präsentierten voller Stolz den neuen Herrscher, den Gottmenschen Jesus Christus: In der Apsis der römischen Kirche Santa Pudenziana ist ein entsprechendes Mosaik noch heute zu sehen. Der Kunsthistoriker Horst Schwebel schreibt:

3. SPR.:
Das neue Christusbild des 5. Jahrhunderts greift auf die Darstellungen des Kaiserbildes zurück. Die Kirche, Basilika genannt, wird zur Königshalle des himmlischen Kaisers Christus. In Purpur gekleidet sitzt er auf dem Globus als Symbol für den Kosmos. Bis in die Zeiten der romanischen Kunst wird Jesus hoheitsvoll dargestellt, finster blickend, aber den Sieg Gottes verheißend.

2. SPR.:
Im Mittelalter verlangten die Menschen nach anderen Bildern, seit dem 11. Jahrhundert setzte sich die Überzeugung durch: Dieser machtvoll herrschende Christus ist viel zu abweisend! Er hat kein Mitgefühl. Die Erfahrungen von Leid, Krieg und Gewalt waren so einschneidend, dass nur der mit- leidende Jesus, der Schmerzensmann am Kreuz, eine Antwort auf die letzten Lebensfragen sein konnte.

1. SPR.:
Im Neuen Testament erzählen die Evangelisten von einem demütigen Jesus von Nazareth, sie berichten von seiner Geburt in einer Krippe im Stall. So elend, nackt und bloß wie er geboren wurde, so endete er auch, einsam am Kreuz. Diesem Jesus will Franziskus von Assisi nachfolgen, der Sohn einer reichen Tuchhändlerfamilie. Er befreit sich im Italien des 12. Jahrhunderts von seinen bisherigen Überzeugungen und wirft tatsächlich alles von sich im Moment seiner Bekehrung, berichtet Pater Cornelius Bohl, der Provinzial des Franziskanerordens in München:

7. O TON, Pater Cornelius Bohl, 0 45“.
Franziskus trennt sich von seinem Vater, er gibt ihm also alles zurück, selbst die Kleider, die er hat. Und sagt eben: Bisher habe ich dich meinen Vater genannt, aber jetzt habe ich nur noch den Vater im Himmel. Er steht nackt vor dem Vater und vor der ganzen Stadt, und das wird zum äußeren Zeichen auch seiner radikalen Trennung von seinem bisherigen Leben. Also wenn er sich von den Kleidern trennt, die auch einen Stand ausgedrückt haben, die Reichtum bedeutet haben, die gesellschaftliche Stellung ausgedrückt haben, dann trennt er sich nicht nur vom Vater, sondern von diesem ganzen System, in das er hineingeboren ist; ein System, das auf Macht basiert, auf Geld, all das lässt er los, um etwas ganz Neues zu beginnen.

2. SPR.:
Franziskus von Assisi gründet eine Ordensgemeinschaft von Brüdern und Schwestern, die sich zu einem Leben in radikaler Armut verpflichten. Viel weiter noch reicht seine Anregung, die allen Christen gilt: Sie sollen den leibhaftigen, den historischen Jesus verehren, vor allem sein Leiden am Kreuz. „Nackt dem nackten Jesus nachfolgen“: So umschreibt er selbst das Grundprinzip seines Leben. Bis zu seinem Tod im Jahr 1226 hält Franziskus daran fest.

8. O TON, Pater Cornelius BOHL, 0 19“.
Als er merkt, dass er sterben wird, lässt er sich nackt auf die nackte Erde legen. Er will also ganz bloß und arm, so,wie er geboren ist, auch in den Tod gehen. Er gibt alles von sich, selbst seinen Habit, er liegt nackt auf dem Boden, um geboren zu werden für das ewige Leben.

1. SPR.:
Seit dem 14. Jahrhundert werden Kreuzesdarstellungen immer beliebter, sie zeigen einen von Schmerzen gekrümmten, halbnackten Jesus am Balken des Todes. Diese Tradition setzt sich endgültig durch. Nur einmal und bloß für kurze Zeit, präsentieren Künstler einen schönen Gekreuzigten. Michelangelo zum Beispiel will in der Renaissance, im 15. und 16. Jahrhundert, für einen anderen Christus werben: Er stellt den harmonisch schönen Jüngling am Kreuz dar, den idealen Menschen, der gelassen und vom Schmerz unberührt seinem Tod entgegen sieht. Michelangelo hat als junger Künstler für die Augustinerkirche in Florenz eine viel beachtete Skulptur eines schönen nackten Jesus geschaffen. Auch später noch hat er für die Sixtina in Rom nackte Leiber der Heiligen gemalt. Auch Michelangelo ließ sich von biblischen Impulsen leiten, meint Pater Bohl:

9. O TON, Cornelius Bohl, 0 21“.
Die Nacktheit ist eigentlich der natürliche Zustand, der paradiesische Zustand des Menschen, der Mensch, der so ist, wie er von Gott geschaffen ist, der sich nichts vormacht, der anderen nichts vormacht, der sich nicht verstecken muss, auch durch Kleider nicht verstecken muss. Weil er sich annehmen kann, auch von Gott angenommen ist. Also Nacktheit ist gut und Nacktheit ist paradiesisch.

1. SPR.:
Je mehr sich jedoch die genaue Kenntnis der biblischen Erzählungen durchsetzte, umso deutlicher wurde: Von ästhetisch gefälliger Schönheit kann bei Jesus nicht die Rede sein. Sein Lebensende heißt Leiden, Blut, Schmerz, Einsamkeit. In Zeiten von Pest und Hungersnot stand dieser Schmerzensmann den Menschen näher als ein wohlgeformter Jüngling am Kreuz. Darauf weist der Theologe Gottfried Bachl hin:

10. O TON, Gottfried Bachl, 0 43“
Das, meine ich, müsste man auch sich vergegenwärtigen: Die Hässlichkeit Jesu in ihren verschiedenen Brechungen. Ich meine damit nicht den charakterlichen Mangel oder dass er unsympathisch gewesen sei oder abstoßend gewesen sei. Ich meine damit seine wirkliche Querlage zu dem, was wir gemütlich nennen, hübsch, zu all dem, was wir mit einer gewissen Lust über unser wirkliches Leben hinweg schmieren und zumachen und verniedlichen.

1. SPR.:
Einen gefälligen Jesus, hübsch anzusehen: Davon wollten die Sterbenden im Hospiz von Isenheim im Elsass überhaupt nichts wissen. Sie suchten den verständnisvollen Freund, der im eigenen Todeskampf Vorbild ist und so Hoffnung spendet.

2. SPR.:
Wenn Matthias Grünewald im Jahr 1515 den grauenvollen Leichnam Jesu in Isenheim malte, dann wussten die Sterbenden genau: Wer an Jesus Christus glaubt, wird wie er auch den Tod überwinden. Aber schon damals musste man länger vor dem Bild verweilen, um in dem Gemälde Trost und Hoffnung zu erkennen, betont Pfarrer Manfred Richter:

11. O TON, Manfred Richter, 0 33“.
Wenn man mal beobachtet, gerade bei Grünewald, dass der Lendenschurz, zugleich geschwungen gezeigt wird, dass er nämlich quasi spricht. Das ist das Zeichen, dass sein Leiden sprechend ist und einem Zuspruch bedeutet. Als Trost ja. Als Zuspruch erst mal der Leidenden, die also da im Krankenhaus diesen Christus vor Augen hatten, dass er wie sie leidet, und durch dieses Leiden hindurch die Irdischkeit hinter sich gelassen werden kann.

1.SPR.:
In einer religiös geprägten Kultur gab es für die Menschen keine Zweifel: Die Kreuzesdarstellungen verweisen auf die Lebensgeschichte Jesu. Es gilt also, über den Jesu Tod hinauszuschauen und seinen Alltag in Palästina wahrzunehmen. Dann werden überraschende Erkenntnisse geschenkt, meint der Jesuitenpater Klaus Mertes:

12. O TON, Klaus Mertes, 0 39“
Das ist ein ganz wichtiger Punkt, also dass Jesus ganz offensichtlich jemand ist, der ich sagt. Also er predigt nicht über Dinge, sondern er spricht über sich. Wenn er zum Beispiel sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Dann sagt er nicht: Ich verkündige euch die Auferstehung und das Leben. Sondern er sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Was ich zu sagen habe, zeige ich durch das, was ich bin. Durch mein Sein. Also ich habe nicht etwas im Kopf, was ich euch sagen will, sondern ich zeige euch, was ich lebe, ich zeige euch, welche Menschen ich liebe, ich zeige euch, welche Dinge mich verletzen. Ich zeige euch, was meine Sehnsucht ist. Das ist meine Verkündigung. Es ist ein Sprechen durch Sein mehr als durch Worte. Und das ist die tiefere Nacktheit bei Jesus!

1. SPR.:
Elend, nackt und bloß lebt Jesus von Nazareth bereits während seines ganzen öffentlichen Lebens in Palästina. Da hat er den Mut, sich vorbehaltlos zu zeigen, sein Inneres preiszugeben. So wird sein Wesen klar, nämlich hüllenlos sichtbar:

13. O TON, Klaus Mertes, 0 23“
Sich in die Öffentlichkeit zu stellen, bedeutet auch immer, sich schutzlos zu machen, die Kontrolle über sich aus der Hand zu geben. Und sich aber zugleich von der Öffentlichkeit nicht diktieren zu lassen, sich zu verstecken. Da ist eine ganz starke konfrontative Dimension, einfach nur in diesem Sich Zeigen, wie ich bin, und wie ich fühle und wie ich denke.

4. MUSIK:

1. SPR.:
Vom Kreuz Jesu kommen die Künstler nicht los, selbst wenn sie nicht mehr den Glauben der Kirchen teilen. Seit dreihundert Jahren ist es eher selten, dass ein Bischof und gar ein Papst einen angesehenen, aber kirchenkritischen Maler mit einer Arbeit beauftragt. Und nur selten finden sich Gemeinden bereit, auf den üblichen Gebrauchskitsch der Kunsthandwerker zu verzichten und ein wirkliches Kunstwerk zu bestellen.

2. SPR.:
Wenn seit dem 18. Jahrhundert Künstler ihren Schmerzensmann malen, dann nur aus ihrem eigenem, individuellen spirituellen Interesse. Lovis Corinth hat die Schrecken des Ersten Weltkrieges überstanden. Er sieht das Gemetzel noch Jahre später vor sich, die Leichenberge, die zerfetzten Köpfe der Soldaten. Dann malt er 1922 ein außergewöhnliches Bild. Es zeigt einen Christus mitten der vor Blut triefenden Grausamkeit des Krieges, berichtet Manfred Richter:

14. O TON, Manfred Richter, 0 41“
Lovis Corinth: Der rote Christus, da wird der existentiell bis zum Letzten zerrissene und kaputt gemachte Mensch, wie er im Ersten Weltkrieg erlebt werden konnte, und im zweiten auch erst recht, dargestellt. Und dieser Lovis Corinth Christus ist rot und Fleisch, wie Francis Bacon in drastischerer Weise die Zerrissenheit der menschlichen Figur, darstellt. Da ist noch mal ein neuer Typus der Christusbesinnung da, die ihn aber mit uns, mit unserem zeitgenössischen Schicksal, in engste Verbindung bringt.

1. SPR.:
Lovis Corinth ist nicht der einzige Künstler, der überzeugt ist: Dieser leidende Jesus lebt heute, er ist gegenwärtig. Um nur einige bekannte Namen zu nennen: Der Schmerzensmann wird Max Beckmann oder Arnulf Rainer, Francis Bacon, Georges Rouault, Alfred Hrdlicka und Herbert Falken gemalt.

2. SPR.:
Und etliche Künstler gehen soweit, dass sie sich mit dem sterbenden Jesus identifizieren. Der Schweizer Maler Louis Soutter (sprich Sutär) war dem Ende nahe, seelisch zerrüttet, von der eigenen Familie abgeschoben in ein Heim: Dort hat er seinen persönlichen Heiland Jesus am Kreuz gemalt. Soutter kauerte sich etwa im Jahr 1935 nackt auf den Boden, um seinen nackten Christus am Kreuz zu malen. Davon berichtet der Kunstexperte Pater Friedhelm Mennekes:

15. O TON, Pater Mennekes, O 57“.
Er hat die Christusgestalt immer wieder gemalt, ans Kreuz geheftet. Aber es sind Christusgestalten von einer unglaublichen Spannung und Dichte, bei denen sich zeigt, dass hier an der Gestaltung dieser Figur ein Mensch um sein Überleben als vernünftiger Mensch kämpft, wie ein Mensch im Malen des Christus Trost und Lebensmut erringt, erzeichnet. Am Ende seiner Tage mit bloßen und sogar blutigen Händen. Wir verdanken ihm die ersten Fingermalereien, ohne Pinsel, sondern direkt mit der flachen Hand und den bloßen Fingern gemalt: Das Entscheidende an seinem Christusbild ist, dass hier ein Maler im Zeichen des Christusbildes für sich eine dauerhafte Hoffnung errungen hat und die Therapie: dass er nicht in die völlige geistige Umnachtung zurückfiel.

1. SPR.:
Gehören künstlerische Darstellungen des nackten Jesus am Kreuz in die Mitte eines Kirchengebäudes? Darüber wird kaum noch gestritten: Viele Gemeinden begnügen sich mit einem Kruzifix nach der Art der Schnitzwerkstätten von Oberammergau. Einen anderen Weg geht die evangelische Gemeinde in Berlin – Plötzensee. Ihr damaliger Pfarrer Bringfried Naumann hat den Bildmauer und Maler Alfred Hrdlicka (sprich Hríd-litzschka) aus Wien eingeladen, für diese Berliner Kirche ein umfangreiches Werk zu schaffen, den Plötzenseer Totentanz. Mit diesem Auftrag wollte die Gemeinde auch bezeugen, wie stark sie von der Nachbarschaft zur ehemaligen Hinrichtungsstätte der Nazis in Plötzensee betroffen ist. So entstanden mehrere große Tafeln, in schwarz –weiß gehalten. Auf einer Arbeit wird auch die Kreuzigung Jesu gegenwärtig. Sein Leichnam ist total nackt, berichtet der heutige Pfarrer Michael Maillard:

16. O TON, Michael Maillard, 0 55“
In dem Hinrichtungsschuppen in Plötzensee gibt es einen Stahlträger mit Haken dran. An dem wurden Hitlergegner mit einer Schlinge um den Hals herum gehängt. Ein sehr grausamer Tod. Dann hat Alfred Hrdlicka gesagt, er möchte die Kreuzigung Jesu in diesen Kontext stellen. Obwohl er ansonsten auf diesem Bild Klassisches darstellt,
Jesus in der Mitte mit Dornenkrone und anderen Zeichen, die wir aus der biblischen Überlieferung kennen, rechts und links die beiden Verbrecher, mit denen er zusammen hingerichtet worden ist.
Bei uns ist er völlig nackt dargestellt, die beiden Schächer auch. Es soll dargestellt werden, dass die Leute, die da hingerichtet wurden, aller Würde entblößt worden sind. Und das passiert heute in Gefangenenlagern, Foltercamps, immer noch.

1.SPR.:
Auch hier bricht das Grundmotiv moderner Künstler durch: Jesu Leiden ist keineswegs nur ein Ereignis der Vergangenheit; seine Kreuzigung geschah gestern und geschieht heute in den Hungerregionen Afrikas oder den Todeslagern Nordkoreas. Aber, so will Alfred Hrdlicka sagen, schaut genau hin! Dann werdet ihr Lebensmut empfangen: Denn dieser Jesus, der Gerechte, verhält sich noch sterbend wie ein Erhabener:

17. O Ton, Michael Maillard, 0 46“
Auf der Kreuzigungsdarstellung des Plötzenseeer Totentanzes fällt auf, dass die Christusfigur die Fäuste nach oben reckt, die Hände der beiden anderen Gehängten hängen schlaff nach unten. Aber die Christusfigur hat Kraft in den Händen. Das ist auch sehr wichtig. Da hat Alfred Hrdlicka, das ist überliefert, an Menschen gedacht, die nach dem Todesurteil aufrecht, ungebrochen, in den Hinrichtungsschuppen gegangen sind. Und gewusst habe, eigentlich sind sie die Sieger, und nicht der Freisler, der sie gerade zum Tode verurteilt hat, weil sie das Richtige gemacht haben und den richtigen Weg gegangen sind.

1.SPR.:
Ist das Kreuz das absolute Ende? Diese Frage kann bei der Auseinandersetzung mit dem Kreuz Jesu gar nicht ausbleiben. Aber die Hoffnung auf eine Überwindung des Todes stellt sich bei modernen Künstlern nicht so schnell ein. Hrdlicka denkt zwar an den Auferstanden. Aber er malt eine Szene der Emmausjünger, wie der lebendige, aiuferstandene Jesus mit seinen Freunden das Brot teilt– aber wiederum im Dunkel einer Gefängniszelle.

2. SPR.:
Die übliche, gefällige religiöse Gebrauchskunst mit ihren Schnitzereien vermag vielleicht beruhigendes Opium zu reichen. Aber Künstler wie Hrdlicka sind ehrlicher: Sie sagen: Inmitten des Grauens gibt es Spuren des Lichts, der Hoffnung. An dem Thema hat sich auch der weltweit bekannte Joseph Beuys abgearbeitet. Als spiritueller Mensch war er von der geistigen Präsenz des Gottmenschen Christus in der heutigen Wirklichkeit überzeugt. Selbst noch in den hässlichen Abstellkammern der Kliniken, wo Schwerkranke mit dem Tod kämpfen, gibt es für ihn Hoffnungsschimmer. Eine seiner Installationen nannte Joseph Beuys „Zeig mir deine Wunde“, berichtet Pater Mennekes.

18. O Ton, Pater Mennekes, 0 51“.
Beuys ist ja wirklich einer, der tief davon überzeugt ist, dass auch die Welt der Todeszonen, wie etwa ein Sezierraum, umgriffen ist, von einer Welt, die durchpulst, durchwebt, ist von der Christussubstanz. Beuys hat mir in einem Gespräch gesagt, eines der interessantesten Themen, die es überhaupt für ein Bilderhauer, Maler, Zeichner, gibt, ist das Unsichtbare darzustellen. Das Unsichtbare z.B. des auferstandenen Jesus. Das ist die große Herausforderung eigentlich. Was er möchte, ist, dass der Mensch die eigenen Kräfte zum Leben inmitten von Sterben als Basis der Hoffnung entdeckt.

1. SPR.:
Zu ähnlichen Einsichten gelangt im Jahr 1970 aus der Erfahrung der Philosophie Max Horkheimer. Und das ist wichtig, weil so die Verbundenheit der Künstler mit der allgemeinen Kultur der Moderne wahrzunehmen ist. Max Horkheimer betont:

3. SPR.:
Ich drücke mich bewusst vorsichtig aus: Theologie ist die Hoffnung, dass es bei dem Unrecht, durch das die Welt gekennzeichnet ist, nicht bleibe, dass das Unrecht nicht das letzte Wort sein möge.

1. SPR.:
Wer sich mit dem Kreuz Jesu meditativ betrachtend auseinandersetzt, sucht Antworten auf seine spirituellen Interessen. Es geht um die Frage, wie man angesichts des Todes persönlich reifen und wachsen kann. Die Beschäftigung mit dem nackten Jesus am Kreuz eröffnet dann Möglichkeiten, sich selbst authentisch zu wahrzunehmen, sagt Pater Klaus Mertes:

19. O TON, Klaus Mertes , 0 47“.
Ich kann dem nackten Gott nicht begegnen, wenn ich selbst bekleidet bleibe. Eigentlich habe ich immer das Christentum so verstanden, dass es ein Bekenntnis zur eigenen Nacktheit ist. Und zur Nacktheit Gottes in mir. Und nur in dieser Nacktheit begegne ich Gott. Prunk und Pomp und tolle Gewänder und so sind eben nicht einfach nur eine nette Schwäche, sondern sind ein Symptom.
Und Jesus kritisiert ja die Kleidung und die Funktion von Kleidung. Hinter dieser Fassade wird nämlich das Eigentliche versteckt, worauf es ankommt, nämlich das Leben, das Lebendige. Letztlich begegne ich dem Lebendigen immer nur in der Nacktheit.

1. SPR.:
Wer diesen Spuren folgt, kann definitive, fix und fertige Antworten in der Religion nur verschmähen; er wird im Blick auf den sterbenden Gottmenschen die Fragwürdigkeit des Daseins anerkennen, betont Pfarrer Manfred Richter:

20. O TON Manfred Richter, 0 33“.
Es ist die condition humaine, die Grundbefindlichkeit des Menschen, die und das ist die Stärke der zeitgenössischen Kunst, die darauf verzichtet, jetzt eine definitive Antwort zu geben, sondern das ist ein so lauter Schrei oder eine so totale Stille, dass du selbst aufgerufen wirst, eine Antwort zu suchen. Aber nicht zu schnell, denke erst mal nach.

1. SPR.:
Aus der Kraft des Innehaltens, der Unterbrechung und des Nachdenkens im Angesicht des Kreuzes wächst dann eine neue Spiritualität: Sie braucht keine glanzvollen, keine entzückenden Bilder und wortreiche Lehren. Sie wird als christliche Religion selbst einfach, nackt und bloß! Davon ist der Berliner Kulturwissenschaftler Thomas Macho überzeugt:

21. O TON Thomas Macho, 0 47“.
Den Begriff der nackten Religion – den finde ich ganz wunderbar, ohne historische, ohne theoretische, ohne wortgewaltige Gewänder, sondern ein Stückweit pur. Und dann sind wir bei etwas angekommen, dass wir alle Sterbliche sind. Und weil wir Sterbliche sind, können wir auch miteinander Teilen, Hoffnung, Angst, Bedürfnis nach Trost und Sicherheit und Geborgenheit und Barmherzigkeit. Und diese Gemeinschaft, die anzustreben, das wäre doch ein mögliches Ziel. Ein humanistisches Christentum, das ist ein wunderschöner Begriff und das heißt: Im Grunde eine solidarische Gemeinschaft der Menschen. Der Menschen, die guten Willens sind, die bilden so was wie eine communitas. Die Communitas heißt, wenn man es wörtlich übersetzt, das geteilte Leid. Die geteilte Last, die Last, die wir gemeinsam teilen.

Jordi Savall, Lachrimae Caravaggio. Le Concert des Nations. Hesperion XXI. Edition lia Vox.

Ostern und die Auferstehung Jesu von Nazareth vernünftig verstehen.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 30.3.2022.  Zugleich ein Versuch, das Ewige im Menschen zu denken und in Kriegszeiten zu retten.

Ein Vorwort:

Wenn hier vom “Ewigen im Menschen” gesprochen wird, bedeutet dies keine Flucht ins religiös Beliebige oder gar ins “Mystische” (im Sinne von “Opium des Volkes”). Das “Ewige im Menschen” benennt den unendlichen Wert des Menschen, von dem die universalen Menschenrechte sprechen. Wer als Kriegsherr Menschen tötet (bzw. töten lässt), leugnet den ewigen Wert eines jeden Menschen. Der aggressive Kriegsherr stellt sich damit ins Außerhalb der Menschheit und Menschlichkeit.

Wer im Krieg die Opfer des Tötens im Angriffskrieg bedauert, weiß: Diese armen Menschen, Opfer des Krieges, fallen nicht ins Nichts, sie sind mehr als eine zerstückelte Masse von Menschenfleisch, das in Plastiktüten in Massengräbern bestattet wird. Die Opfer des Krieges haben selbstverständlich Anteil am “Ewigen im Menschen”. Und dieses Ewige im Menschen muss als menschliche Lebendigkeit unbedingt gerettet und geschützt werden! Die Kriegsherren, ohne Gewissen, dem Nichts vertrauend, haben dieses Ewige in sich selbst längst getötet, zum Stillstand gebracht.

1.
Es erscheint vielen als eine Ungeheuerlichkeit, wenn Menschen von der Auferstehung Jesu von Nazareth mit vernünftigen Begriffen sprechen, also nicht, wie üblich, ins fromme Stammeln oder enthusiastische Schwärmen ausweichen. Diese Haltung ist nur die kaschierte Hilflosigkeit oder die Gedankenlosigkeit.
Die Frage nach der Auferstehung ist Teil einer christlichen Lebensphilosophie, und diese kann niemals auf ein Verstehen in Worten und Begriffen verzichten. Wer die Frage nach der Auferstehung Jesu und der anderen Menschen stellt, macht auch deutlich, wer der Mensch „wesentlich“ ist.

Dass dieser Hinweis noch Fragen offen lässt, versteht sich bei dem Thema von selbst. Siehe dazu einige Fragen am Ende dieses Beitrags (Nr.16 – 19).

2.

Natürlich bewegt die Frage nach einer erklärbaren Auferstehung nicht alle Menschen. Aber wer sich für diese Frage interessiert, ist alles andere als ein Egozentriker, der das eigene „Weiterleben“ post mortem wichtig findet. Unsere Antwort fällt bescheiden aus, wie wir sehen werden. Aber sie ist intellektuell redlich.

3.

Dass die Antworten zur Auferstehung dann im ganzen eher bescheiden ausfallen, liegt an der Kraft des vernünftigen Denkens. Hier werden nicht die alten Mythen aus dem Neuen Testament zum Tausendsten Mal einfach wiederholt, wie dies leider in vielen Predigten üblich ist. Es geht hier also überhaupt nicht darum, ob wir post mortem die Großmutter im Himmel wiedersehen usw. So viel Phantasievolles, wenn nicht Spinöses, hat in einer christlichen Lebensphilosophie keinen Platz. Damit wird nicht geleugnet, dass ein einzelner in dieser Glaubenshaltung sein privates Illusions – Glück finden kann…Vielleicht.

4.

Dieser kurze Essay zeigt also: Die Auferstehung Jesu von Nazareth, nach seiner Hinrichtung am Kreuz im Jahr 34, lässt sich in Worten, in Begriffen, aussagen. Einen unvernünftigen „Sprung des Glaubens“ ins Nichtverstehen darf es nicht geben. Es muss also heute in neuen, für viele vielleicht in ungewöhnlichen Worten von der Auferstehung gesprochen werden.

5.

Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist eine Erkenntnis von Jesu Freundinnen und Freunde: Dieser ungewöhnliche Mensch, in dem sie Gottes Güte sichtbar erlebten, kann mit seinem Tod nicht ins Nichts versunken sein. Diese geistvolle Erkenntnis der Gemeinde, der Freunde, korrespondiert mit der inneren, seelischen und geistigen Qualität Jesu von Nazareth: Die geistvollen Menschen erkennen den von Gottes Geist der Güte bestimmten Jesus von Nazareth.Sie erkennen ihn in dieser Gemeinschaft, dieser Korrespondenz des einen Geistes, und sagen dann: Jesus ist kraft des göttlichen Geistes auferstanden. Und dieser göttliche Geist lebt genauso in der Gemeinde und der Menschheit.

6.

Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist in unserer Sicht nur aufgrund einer philosophischen Einsicht zu verstehen, sie gehört zu den Grundüberzeugungen vieler nicht-religiöser Menschen: Es ist das Bild und die Metapher von der „Schöpfung der Welt und der Menschen durch Gott“. In diesem Bild wird gesagt: Gott, das Göttliche, der Ewige, der absolut Schöpferische, hat die Welt„geschaffen“, und dabei zugleich der Menschheit an seiner göttlichen Wirklichkeit Anteil gegeben. Eine Welt, die als Schöpfung eines Gottes sozusagen völlig losgelöst von ihm existierte, würde dem Begriff des Göttlichen widersprechen, das ist eine Einsicht der Metaphysik, die zwar alt, aber deswegen nicht falsch ist. Das aber heißt: Die Welt und die Menschheit sind von göttlichem, d.h. ewigen und lebensspendendem Geist geprägt. Welt ist also Welt in Gott, Menschen sind Menschen in Gott, d.h. mit Gottes Geist verbunden; wobei Gott, wie schon angedeutet, auch als Göttliches, Ewiges, Absolutes unbeholfen begrifflich benannt werden kann.

7.

Die Welt als eine Schöpfung Gottes verstehen ist das einzige Wunder fürs kritische Denken. Andere „Wunder“ braucht kein Christ, kein religiöser Mensch. Der evangelische Theologe Prof. Stefan Alkier (Uni Frankfurt.M) schreibt in seinem Buch „Die Realität der Auferstehung“ (2009) diese entscheidenden Sätze: „Die Welt, alles Leben und auch das je meinige Leben entspringen […] nicht einem blinden Zufall, sondern der intentionalen Kreativität des sich liebevoll in Beziehung setzenden Gottes…Wer diese Hypothese nicht teilt, kann auch nicht mit den Schriften des Neuen Testaments […] von der Auferweckung Jesu Christi und der Hoffnung auf die Auferweckung der Toten sprechen“ (S. 238).

8..

Die alles entscheidende Basis für ein Verständnis der Erzählung von der Auferstehung Jesu, also der Überwindung des Todes, ist: Gottes lebendiger Geist als das „Wesen“ auch des Menschen Jesus von Nazareth ist stärker als der Tod. Der Tod ist überwunden, weil der Geist und die Seele der Menschen ewig sind, d.h. weil sie Anteil haben am Ewigen, an Gott.

9.

Diese Erkenntnis wird von den 4 Autoren, den Evangelisten, im Neuen Testament, naturgemäss in einer ganz anderen Sprache, in ihrer bildhaften und enthusiastischen Sprache beschrieben. Diese Evangelien-Texten, in den Jahren 70 bis 100 verfasst, müssen selbstverständlich unter heutigen Bedingungen verstanden werden. Zum Beispiel: Das Grab Jesu war nicht leer, gerade weil er als der Auferstandene, als der auf neue Art Lebendige, erkannt wurde. In der Bildwelt der Autoren des Neuen Testaments damals gab es keine Möglichkeit, die Auferstehung nüchtern, sachlich, vernünftig zu erzählen. Heute ist dies notwendig.

10.

Der katholische Theologe Hans Kessler und Autor umfassender Studie zum Thema schreibt: „Wenn vom leeren Grab gesprochen wird, so ist dies nur eine Veranschaulichung der Auferstehung Jesu, ein Bild, ein Symbol, das die Erzählung farbiger machen soll. Der Osterglaube wird nicht vom leeren Grab begründet. Der Gedanke des leeren Grabes ist kein notwendiger Bestandteil des christlichen Auferstehungsglaubens. Eine im Grab aufgestellte Video-Kamera hätte den Auferstehungsvorgang nicht aufgenommen. Wer als religiöser Mensch auf einem leeren Grab besteht, leugnet das Menschsein Jesu Christi. Aber dass Jesus ganz Mensch ist, bleibt eine unaufgebbare Einsicht der Christenheit“.Und Karl Rahner, einer der wichtigsten Theologen des 20. Jahrhunderts betont: „Der Auferstandene darf als einer, der den Tod überwunden hat, nicht unserem menschlichen Stoffwechsel untertan sein; er darf nicht wieder in der Zeitlichkeit sein; er darf nicht von physikalischen Größen, wie dem Berührtwerden, abhängig sein“. Wäre Jesus leibhaftig greifbar auferstanden, wäre die Frage nach seinem Tod und was dann danach „geschieht“, erneut aufgekommen.

11.

Die nach dem Tod Jesu zeitlich früheste uns vorliegende Erzählung zur Auferstehung Jesu von Nazareth hat der Apostel Paulus in seinem „1. Brief an die Thessalonicher“ mitgeteilt: Verfasst wurde dieser Brief im Jahr 51, also etwa 17 Jahre nach Jesu Tod am Kreuz. Bis dahin hatten die Freundinnen und Freunde Jesu, also die erste Gemeinde, von Jesus nur gesprochen, von seinem Leben und Leiden sowie von der Einsicht: Dieser Jesus, die leibhaftige Güte Gottes, ist nicht tot. Im Kapitel 1, Vers 10, des 1. Thessalonicher – Briefes schreibt Paulus lapidar und sehr knapp von „Jesus, den Gott von den Toten auferweckt hat und der uns dem kommenden Gericht entreißt“. Lassen wir hier eine ausführliche Erläuterung der alten Vorstellung von einem Gericht beiseite, die angedeutet wird in diesen Worten: Die Auferstehung Jesu konfrontiere die Menschen auch mit dem Gericht Gottes über das Leben der Menschen… Wichtiger ist hier: Die Überzeugung von der Auferstehung Jesu von Nazareth konnte schon 17 Jahre nach seinem Tod schriftlich mitgeteilt werden. Gleichzeitig betont Paulus: Das Auferstehen aus dem Tod betrifft nicht nur Jesus allein, es betrifft alle Menschen. Im Kapitel 4, Vers 14 des 1.Thessalonicher Briefes heißt es: „Wenn Jesus gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen“.
Die Auferstehung Jesu zeigt, dass die Menschen, auch die Verstorbenen, den Tod überwinden. Noch einmal später, in seinem ersten Brief an die Korinther schreibt Paulus: „Wenn Tote überhaupt nicht auferweckt werden, dann ist auch Christus nicht auferweckt worden“ (1. Korintherbrief 15, 16). Jesus offenbart nur, dass alle Menschen, wie er vom Geist Gottes bestimmt, kraft dieses göttlichen Geistes auferstehen. Dieser Gedanke bewegt bis heute die Theologen, Giuseppe Barbaglio von der Universität Mailand betont in der Zeitschrift CONCILIUM: „Jesus Christus ist als der Auferstandene unser älterer Bruder. Was ihm widerfuhr, wird uns widerfahren. Seine Auferstehung ist das Anheben unseres neuen Lebens … und unserer Auferstehung“.
Die Auferstehungs-Erzählungen der vier Evangelisten sind sehr reichhaltig ausgeschmückte und phantasievolle Predigten, sie sind selbstverständlich KEINE historischen Berichte. Wer sie als Tatsachenberichte liest und so noch heute mit einzelnen Sätzen zitiert, irrt gewaltig! Und flüchtet sich in eine religiöse Naivität und leider auch dies: Dummheit. Aber viele Menschen meinen, sie könnten technisch-praktisch hochgebildet sein, gleichzeitig aber auf einem naiven Kinder-Glauben beharren, der letztlich auch glauben kann: Im Himmel ist Jahrmarkt.

12.

Die Auferstehung Jesu als Erfahrung und Entdeckung der Jünger Jesu hat selbstverständlich kein präzises Datum. Leider, haben viele „wunderschöne“ Gemälde großer Künstler das direkte, materiell greifbare Auferstehungsgeschehen übertrieben viel zu sachlich sachlich – drastisch geschildert, wie etwa Caravaggios bekanntes Gemälde vom „Ungläubigen Thomas“ von 1601: Thomas greift förmlich, von Jesu unterstützt, in dessen Seitenwunde der Kreuzigung. Dieses „künstlerisch großartige Gemälde“ aber ist theologisch irreführend und missverständlich. Solche Bilder, naiv interpretiert, haben den Glauben an das geistige Auferstehungsgeschehen als Bewusstseinsgeschehen eher gestört, wenn nicht ins Infantile geschoben. Die so genannte christliche, eigentlich „katholische Kunst“ des überschwänglichen Barock hat den Glauben oft verfälscht, man denke auch an die vielen maßlosen Mariendarstellungen oder an den „Gott Vater“ als alten Mann mit Bart. Man versteht in dem Zusammenhang vielleicht die Abwehr reformierter Christen gegenüber „religiöser Kunst“.

13.

Diese Reflexionen über ein vernünftiges Verstehen der Auferstehung Jesu sind alles andere eine neue Form von weltflüchtigem Mystizismus. Diese Interpretation der Auferstehung hat politische Konsequenzen: Es gibt diese Menschen, die schon jetzt wie Auferstandene leben. Sie haben sich von Ängsten um ihr eigenes kleines Leben befreit und handeln zum Wohl der Leidenden, treten für die Geltung der universalen Menschenrechte und werden zu Repräsentanten des göttlichen Geistes in dieser Welt. Zum Beispiel gehört Erzbischof Oscar Romero im zentralamerikanischen Staat El Salvador zu diesen „Auferstandenen“. Mitten im Bürgerkrieg seines Landes kämpfte er leidenschaftlich gegen die Militärs zugunsten des verarmten indianischen Volkes. Kurz vor seiner Ermordung durch die katholischen (in den USA ausgebildeten) Militärs im Jahre 1980 sagte Oscar Romero: „Ich bin schon oft mit dem Tod bedroht worden. Ich muss Ihnen sagen, dass ich als Christ nicht an einen Tod ohne Auferstehung glaube. Sollte ich umgebracht werden, so werde ich im salvadorianischen Volk auferstehen. Ich sage Ihnen dies in aller Bescheidenheit. Als Bischof bin ich aufgrund göttlichen Auftrags verpflichtet, mein Leben hinzugeben für jene, die ich liebe. Sofern Gott das Opfer meines Lebens annimmt, dann möge mein Tod zur Befreiung meines Volkes dienen und ein Zeugnis der Hoffnung auf die Zukunft sein“. Oscar Romero ist schon kurz nach seiner Ermordung in seinem Volk auferstanden, von der anderen Form der Auferstehung als Fortdauern in Gott war dann später noch einmal die Rede, als Oscar Romero heilig gesprochen wurde.

14.

Die Auferstehung Jesu wird also in eine vernünftige christliche Lebensphilosophie gestellt. Sie beschreibt die Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel: „Wenn wir aufmerksam werden auf die verwandelnden Kräfte, die schon hier unser Leben verändern, die uns anders sehen, fühlen, hören, schmecken lassen, dann können wir auch erwarten: Solche Kräfte werden nicht mit unserem biologischen Leben zu Ende sind. Wir können dem Schöpfersein Gottes zutrauen, dass es Energien gibt, die über unseren eigenen Lebenshorizont hinausreichen“.

15.

Was bedeutet also für spirituelle Menschen heute OSTERN als FEST der Auferstehung von den Toten? Es ist die Überzeugung vom bleibenden Verbundensein des Menschen mit Gott als dem lebendigen Geist über den Tod hinaus. Mehr kann nicht gesagt werden, und das ist eigentlich viel. Das Wenige, das hier gesagt wurde, erschließt sich der Vernunft. Und nicht einem willkürlichen, nur enthusiastischen – charismatischen oder autoritätsgebundenen Glauben.

Es ist das Ewige im Menschen, an das erinnert wird zu Ostern und im Gedenken an die Auferstehung Jesu von Nazareth und aller Menschen. Das Ewige im Menschen zu denken und zu leben hat weitreichende Konsequenzen fürs Zusammenleben in der globalen Welt. Mord und Krieg sollten unter der Bedingung nicht mehr möglich sein, wer Krieg führt, tötet nicht nur Menschen, vor allem tötet er das Ewige, das den Menschen als Menschen Auszeichnende,  in sich selbst. Er fällt also als Kriegsherr und Kriegsideologe aus der Gemeinschaft der Menschen heraus.

WEITERE FRAGEN:

16.

Die enge Verbindung der Auferstehung Jesu und der Menschen mit einer Idee der “Schöpfung” der Welt und der Menschen durch Gott, das Göttliche, berührt auch die Frage nach den Grenzen der Welt als Schöpfung, sie zeigen sich etwa in Naturkatastrophen. Die Welt insgesamt selbst ist nicht göttlich, sie ist vielmehr das “Andere” des Unendlichen und Ewigen, Welt ist also das Endliche und Begrenzte. Aber dieses endliche Andere, die Welt, bleibt als Anderes einbezogen in Gott, das Göttliche. Das ist eine wesentliche Einsicht Hegels, der in meiner Sicht Gültigkeit hat.

17.

Theologisch gesehen wird in diesem Hinweis die wesentliche Erkenntnis freigelegt: Die Kraft der Auferstehung beruht in der Gegenwart des Göttlichen im Menschen. Damit werden die Interpretationen der biblischen Erzählungen im Neuen Testament nicht überflüssig, aber sie sind bloß bildhafte Illustrationen für die überraschende Einsicht der ersten Christen: Jesus von Nazareth und mit ihm auch die Menschen haben den Tod überwunden. Was dann im einzelnen “post mortem” passiert, entzieht sich jeder Spekulation. Bezeichnenderweise entweicht der Auferstandene in den Himmel, “Himmelfahrt” Jesu, d.h. er erscheint nicht mehr, wie die Erzählungen ausmalen, plötzlich in der Gemeinde.

Jesus entzieht sich post mortem in den “Himmel” der göttlichen “Welt”, und in dieser Region endet alles Denken.

18.

In den Erzählungen des Neuen Testamentes werden Auferstehung (Ostern), Pfingsten (Geistsendung) und Himmelfahrt Jesu als drei verschiedene “Ereignisse” dargestellt. Dass es sich bei den genannten Erfahrungen (“Ereignisse” in der Sicht der damaligen Autoren) nicht um Tatsachen historischer Art handelt, ist selbstverständlich.

Die damaligen Autoren des Neuen Testaments, die ihre Erkenntnisse erzählten, konnten nur diese drei Erfahrungen, chronologisch als Geschehen hintereinander, aussagen. Tatsächlich aber müssen bei heutigem Wissen diese drei Erfahrungen (“Ereignisse”) als eine Einheit verstanden werden.

Das heißt: Die Freunde Jesu, die erkennen: Jesus ist auferstanden, kommen zu dieser Aussage nur, weil sie den göttlichen, den heiligen Geist bereits (seit der Schöpfung durch Gott) “in sich haben”, so wie Jesus auch schon zu seinen Lebzeiten von diesem göttlichen Geist belebt wurde. Und die “Himmelfahrt” Jesu ist nur noch einmal ein anderes Bild für die Auferstehung Jesu, also dafür, dass Jesus den Tod überwunden hat und in die Ewigkeit des Göttlichen eintritt.

19.

Dieser Hinweis zur Auferstehung Jesu und der Menschen sagt nur: Die Menschen, mit göttlichem Geist durch die Schöpfung Gottes beschenkt, haben Anteil an dem geistigen Leben des Ewigen, Gottes. Weitere Aussagen zum “post mortem” sind nicht möglich, aber diese Aussage ist schon viel.

Vor allem befreit die Erkenntnis dieses Hinweises von der Bindung an die dogmatische Ideologie der Erbsünde, eine Erfindung des heiligen Augustinus (354-430). Er deutete die Menschheit so schlecht und verdorben und gottfern, dass ihm nur die Erbsünde als Konstruktion einfiel. Tatsächlich aber wollte er mit dieser konstruierten Ideologie die Menschen drängen, sich taufen zu lassen, also eine Bindung an die Kirche und den die Taufe spendenden Klerus einzugehen. Der “Witz” ist nur: Trotz Taufe als der angeblichen Überwindung der Erbsünde haben die Menschen Böses getan. Warum also die Erbsünde?

In unserem Hinweis wird deutlich: Die Menschen, mit dem göttlichen Geist ausgestattet, können sich in ihrer Freiheit auch gegen die Erkenntnisse ihrer Vernunft und ihres Gewissens wehren und Böses tun. Aber sie können kraft des Geistes als der Vernunft und des Gewissens sowie der Gemeinschaft anderer wieder zur Menschlichkeit zurückfinden.

20.

Ostern als Fest der Auferstehung Jesu und der Menschen ist ein Fest der Besinnung in Gemeinschaften, auch der Lebensfreude, auch ein Fest der Kontemplation als der kritischen Vertiefung in biblische Einsichten und Grundlagen vernünftiger Theologie; ein Fest auch der Meditation, als Versuch, seinen Geist zu befreien von so vielem ideologisch-religiös Belastendem, das den Menschen im Laufe einer kirchlich-dogmatischen Bildung bzw.Unbildung  angetan wurde.

Literaturhinweise:
Concilium, Internationale Zeitschrift für Theologie, Themenheft Auferstehung, Dezember 2006.

Hans Kessler, Sucht den Lebenden nicht bei den Toten. Die Auferstehung Jesu Christi, 2011, Topos Taschenbücher. 2011, 526 Seiten.

Hans Kessler, Auferstehung? Matthias Grünewald Verlag Mainz, 2021, 203 Seiten, 22 Euro.

Elisabeth Moltmann- Wendel, Mit allen Sinnen glauben. Stimmen der Zeit 2005.
Karl Rahner Lesebuch. Herder 2014. 475 Seiten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

 

 

Weiterreden mit dem Kriegstreiber Patriarch Kyrill von Moskau: Ein Skandal.

Dagmar Heller, evangelische Spezialistin für die Ostkirchen, plädiert für Nachsicht für den nationalistischen Ideologen Kyrill.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Siehe auch: “Alle Kontakte mit Kyrill abbrechen”: LINK

1.
Putin führt einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Tausende sterben, Städte (Mariupol usw.) werden von seinem Militär aufs brutalste zerstört, die dort eingeschlossen Menschen krepieren.
Patriarch Kyrill (Kirill) von Moskau unterstützt Putin dabei seit langem ideologisch-religiös.
Beide, Präsident und Patriarch, sind Aggressoren und Kriegsverbrecher.

Darf man, als vernünftiger Mensch, als vernünftige Organisation, auch als religiöse Organisation (Kirche) mit solchen Leuten noch Dialoge führen? Die Antwort ist eindeutig: Nein. Man muss ihnen die Macht nehmen, um der Menschlichkeit und des Friedens willen. Diese Herren im Kreml sind ins Töten, in Kriegführung, vernarrt.

2.
Diese Analyse könnte der Ausgangspunkt sein für einen Beitrag einer evangelischen Spezialistin für die Orthodoxen Kirchen: Die Frage könnte sein: Wie isolieren westliche Kirchen diesen Patriarchen, diesen geistlichen Kriegstreiber, der sich unverschämt auch noch „Heiligkeit“ nennt. Eine solche ökumenische Verurteilung aller Kirchen würde seinen geistlichen Thron ins Wanken bringen. Der Patriarch stände förmlich nackt da. Und das würden die Russen auch erfahren und sich glaubwürdigen Geistlichen anschließen.

3.
Aber was tut die evangelische Spezialistin? Sie plädiert nach traditioneller Masche, üblich in kirchlichen Kreisen: „Weiter reden mit Kyrill“. Sie gibt ihrer Hoffnung Ausdruck, dass dieser Kriegstreiber auf „geschwisterlich mahnende Worte“, so wörtlich, der westlichen Ökumene hört.
Dabei weiß jeder bei gründlicher Zeitungslektüre, dass seine Heiligkeit in Moskau nachweislich absolut unfähig zum Dialog ist. Die Spezialistin nennt auch keine konkreten Schritte, wie denn das „Weiterreden mit Kirill“ gestaltet werden sollte. Man könnte ja auf den Gedanken kommen und fordern: Heiligkeit, öffnen sie alle ihre Kirchen für Gespräche, stellen Sie Weihrauchfässer und Ikonen beiseite, stellen Sie Stühle auf und nehmen die demokratischen Oppositionellen auf in ihren Kirchen, wie dies einst die evangelische Kirche in der DDR tat. Aber nein, soweit reicht die Phantasie nicht. So genannte „Gotteshäuser“ haben doch nur Sinn, wenn sie Häuser für Menschen sind. Oder?
Ich beziehe mich auf einen jetzt publizierten Beitrag der Theologin und Expertin für Ostkirchen (Orthodoxe) Dagmar Heller (Bensheim). Kyrill“. Der Artikel erschien in der Zeitschrift Publik – Forum vom 25.3.2022, S. 35.

4.
Das sind die Fakten: In der Presse demokratischer Staaten ist dies nachzulesen: Die Russisch-orthodoxe Kirche und ihr Patriarch Kyrill sind die ideologische Stütze der Putin Diktatur und der Putin Verbrechen. Diese Kirche und ihren Chef, den Kriegstreiber Patriarchen, auch international zu isolieren, ist eine Hauptaufgabe.
Alle Hoffnungen auf Dialog mit ihm haben sich als Ausdruck naiven Denkens erwiesen. Hätte die Kirche, vergleichsweise mit Stalin Dialoge führen können? Hätte die Kirche mit Hitler Dialoge wegen der Ermordung der europäischen Juden führen können? Nein, für solche netten naiven Dialoge war es immer schon viel zu spät.… Weil die Kirchen und ihre angeblich klugen Theologinnen auch damals vor lauter Angst träumten…

5.
Nun gibt es eine sehr interessante Aussage in dem genannten Beitrag in Publik-Forum: Welches theologische und sicher auch humane Kriterium gilt denn eigentlich, das die Mitgliedschaft einer bestimmten Kirche eines bestimmten Staates im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) in Genf begründet.
Die evangelische Theologin und Ostkirchen-Spezialistin Dagmar Heller (Bensheim) gibt jetzt darauf die Antwort:
„Kriterium für die Mitgliedschaft im ÖRK ist…das Bekenntnis zu Jesus Christus gemäß der Heiligen Schrift und das gemeinsame Erfüllen dessen, wozu Gott die Kirchen berufen hat“. Mit anderen Worten: Wer die uralten dogmatischen Bekenntnisse der Heiligen Schrift korrekt verbal wiederholt, kann als Kirche zur weltweiten christlichen Ökumene gehören. Kriterium der Mitgliedschaft einer Kirche ist also ein rein spirituelles, dogmatisches Thema.
Wenn eine Kirche sagt: Jesus ist nicht Gottes Sohn, sondern ein inspirierendes Vorbild, würde diese Kirche aus ideologisch-theologischen Gründen NICHT Mitglied im ÖKR werden. Wenn eine Kirche aber einen Kriegstreiber – Patriarchen als Chef hat, was dann? Hinzu kommt dann auch ein zweites, ultrakurz erwähntes Kriterium: nämlich „das Tun dessen, wozu Gott die Kirchen berufen hat“.

6.
Was soll das heißen? „Das Tun dessen, wozu Gott die Kirchen berufen hat“?
Alle ernstzunehmenden heutigen Theologen betonen: Gott hat die Kirchen berufen – wenn man denn fundamentalistisch Gott als Kirchengründer überhaupt ansprechen will – nicht nur feierliche Liturgien zu zelebrieren und diakonisch zu helfen, sondern auch für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einzutreten.

An dieser Stelle wird für kritische Beobachter der russischen Orthodoxen Kirche und ihre Patriarchen Kyrill klar und deutlich: Für Frieden und Gerechtigkeit tritt diese Kirche unter der Führung dieses Patriarchen jetzt nachweislich NICHT ein. Dafür gibt es viele Belege, die hier als bekannt nicht erwähnt werden müssen; am deutlichsten ist Patriarch Kyrills Brief vom 10. 3.2022, in dem dieses geistliche Oberhaupt betont: Urheber der Auseinandersetzungen jetzt mit der Ukraine seien die politischen Kräfte des Westens, der Westen will Feindschaft schaffen zwischen Russen und Ukrainern. Es sind die Kräfte des Bösen, die sich als Feinde der russischen Armee entgegenstellen, es ist der perverse, z.T. homosexuell geprägte verderbte Westen, der zum Krieg getrieben hat…. Alle diese Äußerungen des Patriarchen sind nichts anderes als ideologisch verkleisterte, lügnerische Worte, die auch Putin wortgleich verbreitet. LINK

7.
Angesichts dieser Analyse müssen kritische Beobachter und kritische Theologen denken: Bei dieser totalen Abweisung eines umfassenden Friedens – Engagements gehören weder der Patriarch noch die Russisch-orthodoxe Kirche zur Weltgemeinschaft der Ökumene. Denn sie missachten das zweite Kriterium der Mitgliedschaft im ÖKR.
Die Russisch-orthodoxe Kirche sollte also auch kirchlich, kirchlich-international-weltweit, wegen ihrer direkten und indirekten Teilnahme an der Zerstörung der Ukraine bestraft werden. Sehr viele Institutionen der demokratischen Staaten in Europa trennen sich jetzt explizit von russischen Organisationen und bestimmten Milliardären aus dem inneren Putin-Zirkel. Die Liste dieser sinnvollen Abbrüche von Zusammenarbeit und Dialog ist lang, sie kennt allmählich jeder. Nur die Kirchen setzen in ihrer Naivität auf die Illusion „Weiter reden mit Kyrill“.

8.
Eines Tages, wenn Putin einmal verschwunden ist und mit ihm sein Freund, Patriarch Kyrill, kann eine erneuerte, dann aber hoffentlich gründlich entstaubte und reformierte Russisch-orthodoxe Kirche wieder Mitglied der weltweiten Ökumene werden. Aber jetzt ist Schluss mit unseren naiven Dialogen! Nur wenn Kyrill international isoliert ist und als Kriegstreiber allüberall geächtet wird, kann eventuell seine Bekehrung zur Vernunft und zum Evangelium stattfinden?
Und auch das: Wer sich als Pope und Mönch, als ROK Mitglied, von dieser Ausgrenzung Kyrills aus der Ökumene nicht berührt sieht, kann sich ja öffentlich melden und sagen: Wir denken anders. Vielleicht wird dann die schwache Opposition in Russland etwas gestärkt.

9.
Das könnte man also denken, wenn man den Hinweis von Dagmar Heller zum Kriterium der Mitgliedschaft einer Kirche im ÖKR liest. Aber nein, es kommt ganz anders: Die Ökumene Spezialistin und Kennerin der Ostkirchen (Orthodoxie), kommt nach ihrer zitierten Aufzählung der Kriterien für eine Mitgliedschaft im ÖKR zu dem Schluss: „Davon hat sich die Russisch-orthodoxe Kirche – bisher jedenfalls – nicht entfernt“.
Solches im Ernst heute zu schreiben und zu veröffentlichen, ist schlicht und einfach und objektiv skandalös! Die Theologin und Spezialistin für die Orthodoxie glaubt allen Ernstes, dass noch immer die Russisch-orthodoxe Kirche ein gutes und braves und treues Mitglied der weltweiten Ökumene ist. „Bisher jedenfalls“, heißt ihre kurze, nicht weiter erläuterte Einschränkung. Unter welchen Bedingungen diese Einschränkung aufgehoben wird, sagt die Theologin aus Bensheim nicht.

10..
Vielleicht besinnt sich seine Heiligkeit bald nach den ersten Giftgas Angriffen seines Meisters Putin dann doch auf das Evangelium des Friedens und der Menschenwürde. Aber wahrscheinlich ist so viel kritische Einsicht bei diesem Typen Kyrill nicht, einem KGB Mann wie Putin und wie sein Meister auch an die ständige Vermehrung des privaten Reichtums gebunden. Diese Fakten wurden und werden von anerkannten und wirklichen Kennern der ROK seit Jahren betont und dokumentiert, man denke nur an die Studien von Prof.Michail Ryklin (Berlin-Moskau), etwa in „Lettre International“.

Erstaunlich: Weder vom KGB Mann Kyrill noch von dessen immensen Reichtum ist in dem Beitrag von Frau Heller die Rede. Und sie erwähnt auch nicht, wie diese orthodoxen Heiligkeiten, Patriarchen genannt, schon seit den neunzehnhundertsechziger Jahren Mitarbeiter im KGB waren und dort als solche den ÖKR bespitzelten und irgendwie auch beeinflussten? Aber das ist anderes Thema.

11.
Dagmar Heller versteigt sich dann noch zu der These, ein Ausschluss der ROK aus der Ökumene würde bedeuten: Auch die Ukraine aus der weltweiten ökumenischen Gemeinschaft auszuschließen. Wie das? Die Orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchates in der Ukraine hat sich längst aus dieser Beziehung mit dem Moskauer Patriarchat gelöst und sich dem Patriarchen von Konstantinopel angenähert, wie dies auch eine einige kritische russisch-orthodoxe Gemeinden tun, wie etwa die Gemeinde in Amsterdam.

12.
Die Argumente der Theologin sind zudem etwas verworren, denn sie schreibt auch: „Hier muss man dem Patriarchen (von Moskau) Realitätsferne, wenn nicht gar Verblendung bescheinigen“. Dieses insgesamt sehr treffende Urteil aber bleibt völlig marginal, die Autorin bezieht sich dabei nur auf die Tatsache, dass es längst keine Einheit mehr der einen, russischen Orthodoxie in der Ukraine gibt.

13.
Es muss ein Ende gemacht werden, dass die Herren des Kremls denken:“ Na ja, die Christen in Europa und Amerika sind uns und unserer „Operation“ (d.h. Krieg) so wohlgesinnt, dass wenigstens sie unseren religiösen Ideologen Kyrill schonen. Die westlichen Kirchen wollen mit unserem religiösen Ideologen Kyrill also reden, wie nett“.
Und die Herren des Kremls und seine Heiligkeit in Moskau werden deswegen mittlere Lachkrämpfe bekommen und jubeln. „Weiter so Ihr Lieben, das stärkt uns…“

14.

Es kommt alles darauf an, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden, und das heißt zunächst: Den Kriegsherrn Putin und sein Team zurückzudrängen und machtlos zu machen.

Zu diesem Putin-“Team” gehört als ideologisch-religiöser-nationalistischer Antreiber auch der Patriarsch von Moskau, seine “Heiligkeit” Kyrill. Auch dieser Kreml-Herr soll international isoliert werden, indem die Christenheit der Welt in seltener Einmütigkeit bekennt: Dieser Kyrill gehört nicht mehr zu uns, zu einem Christentum, das die Friedensbotschaft Jesu von Nazareth ernst nimmt und genauso der politischen Reflexion und Vernunftm also den universalen Menschenrechten, verpflichtet ist.

Diese Klarheit der Grenzziehung und Abwehr von Kyrill wird in dem genannten Beitrag der Theologin Dagmar Heller nicht erreicht.

Die Zeiten, auf Dialoge mit theologischen Kriegstreibern wie Kyrill zu setzen, sind vorbei. Die ökumenische Naivität ist vorbei. 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 Russland und die Ukraine werden vom Papst der unbefleckten Jungfrau Maria geweiht! Eine Form des offiziellen Aberglaubens!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.3.2022.

Die zentrale Aussage der Predigt von Papst Franziskus am 25.3. 2022 im Petersdom anläßlich der Weihe der Ukraine und Russlands  an die “Gottesmutter Maria” siehe unten, am Ende dieses Beitrags.

Jeder kann sich auf seine Art von dem theologischen Niveau dieser Predigt ansprechen lassen. Merkwürdig ist nur, wenn schon der Papst so viel von Maria spricht als der Retterin in der Not: Warum verschweigt er das Magnificat, das bekannte Gebet der Mutter Jesu von Nazareth. Dort rühmt sie Gott, der, so wörtlich, “die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht”, so im Lukas Evangelium, Kapitel 1, Vers 52.  Warum wird diese politische Einsicht Marias nicht auf die heutigen Machthaber und Kriegsherren (und den Patriarchen Kyrill) in Russland bezogen? Mein Eindruck ist: Viele fromme Worte und fromme altbekannte Floskeln sind in dieser Papstpredigt. Keine politische Analyse, keine Nennung der Namen der Kriegsverbrecher, alles hübsch diplomatisch und harmlos verkleistert. CM am 3.4.2022.

…………….Am 17.3. 2022 wurde dieser Hinweis publiziert:

1.

Der Krieg Putins gegen die Ukraine ist auch als Völkermord von so ungeheurer Bedeutung, dass die demokratische Welt von einem Kulturbruch, einer prinzipiellen Wende, einer anderen Epoche spricht.

2.

Diese Zeitenwende erfordert ein anderes, ein neues Denken, ein Denken stets im Schatten eines Krieges bzw. nach einem Friedensabschluss im Schatten eines nach wie vor bedrohlichen Russland. Denn dass Russland nach einem Ende Putins eine Demokratie wird, ist wohl angesichts der historisch gewachsenen Mentalitäten dort ausgeschlossen.

3.

Was tut die katholische Kirche mit ihrem Papst in Rom in dieser Zeitenwende, inmitten dieses globalen Umbruchs? Es ist aus der Distanz und vernünftig gesehen, eher eine schwache Leistung: Der Papst greift auf die üblichen alten spirituellen Mittel zurück, die immer schon in Kriegszeiten propagiert wurden. Papst Franziskus wird am 25. März 2022 Russland und die Ukraine der unbefleckten Jungfrau und Gottesmutter weihen, und zwar in einem feierlichen Gottesdienst im Petersdom. Ein Geschehen der Weihe, das man schlicht und einfach nur noch esoterisch nennen muss. Solche Weihen bestimmter Länder oder auch der ganzen Welt (etwa schon im Jahr 2013 durch Papst Franziskus) sind Ausdruck eines zutiefst mysteriösen, manche sagen zurecht abergläubischen Denkens: Die fromme These des Papstes ist: Maria als Himmelskönigin kann von Büßenden und betenden Katholiken im Himmel bestürmt werden. Denn sie hat, so allen Ernstes in der offiziellen katholischen Theologie, viel Einfluß bei dem himmlisch herrschenden, sehr personal gedachten Gott-Vater. Maria kann als Gottesmutter Jesu Christi also förmlich Gott-Vater beeinflussen, doch bitte schön Frieden zu schaffen, in dem Fall in der Ukraine … und letztlich in Europa.

Man könnte leicht auf den Gedanken kommen, dass diese in göttlichen Sphären höchst einflussreiche Jungfrau Maria doch als eine Art Göttin verehrt wird .… Also: Endlich ein weiblicher Gott im Christentum, mütterlich ansprechbar, freundlicher als der strenge Vater-Gott. Man lese bitte in dem Zusammenhang die alten Marien-Lieder in den katholischen Gesangbüchern bis ca. 1970, da wimmelt es förmlich an Vorstellungen von Maria der Göttin…Aus protestantischer Freundlichkeit  Nachlössigkeit wurden diese Fragen ökumenisch-theologisch bis heute nicht bearbeitet. Man lese aber zur Einstimmung das wichtige Buch “Mythos Maria”, von Hermann Kurzke, C.H.Beck Verlag.  LINK.

Diese Weihe Russlands und der Ukraine durch den Papst von Rom ist natürlich auch eine imperiale Geste, denn nur er, der Nachfolger des Apostelfürsten Petrus, weiß sich befugt, einige Länder oder gar die ganze Welt Maria zu weihen und mit seinem Weihwasser den ganzen Globus zu bespritzen, mit banalem Wasser, das er in heiliges Weih – Wasser verwandelt hat.
Ob die orthodoxen Patriarchen über diese imperiale Geste des Papstes, „bloß“ des Patriarchen von Rom in orthodoxer Sicht, begeistert sind, ist sehr die Frage.

Theologisch wichtiger aber ist die Frage: Was soll Maria im Himmel an Gottes Thron bloß tun: Sie muss Gott bitten, dem Kriegstreiber Putin ein Ende zu setzen. Und sie muss Gott bitten, die Kampfbereitschaft des ukrainischen Volkes zu stärken, vielleicht auch die Unterstützung der Nato göttlich abzusegnen. Einige Freunde fragen mich: Geht `s noch, bei dieser Weihe?

4.

Was wäre aber, wenn der Papst – in seinem (Aber)glauben  –  die Ukraine und Russland aus aktuellem Anlass doch besser dem gemeinsamen, dem ukrainisch-russischen Heiligen Wladimir bzw. Wolodymyr, weihen würde? Wladimir bzw. Wolodymyr (Ukrainisch) ist doch der Vorname von Putin wie von Selenskyi. Wladimir/Wolodymyr könnte doch an Gottes Thron Gott um Hilfe bitten oder? Dabei sollte die jüdische Konfession Selenskyis keine Probleme machen? Selenskyi denkt doch inter-religiös!
Immerhin ist doch auch Wladimir/Wolodymyr auch für die katholische, die römische Kirche, ein Heiliger, sein Feiertag ist der 15. Juli.
Wir sagen also mit dem selbstverständlichen kritischen Ton: „Also, heiliger Wladimir, tu was im Himmel!“ Vergessen wir also die Mittlerin zu Gott, die Jungfrau Maria, setzen wir mal auf Wladimir! Vielleicht sollte der Papst alsbald in dessen heilige Stadt Kiew reisen, solange sich Kiew vom russischen Feind schützen kann?

5.

So wird also im 21.Jahrhundert ohne weiteres die uralte Lehre des Bittgebetes wieder belebt, diesmal richtet sich das Bittgebet der verzweifelten Menschen an die Mittlerin Maria, die die Bitten Gott Vater förmlich überreicht. Maria also doch als Mittlerin der Gnaden, eine These, die von Protestanten zurecht abgelehnt wird und manchmal auch von katholischen Theologen abgelehnt wurde. Aber Maria als Gnadenmittlerin wird aber dann doch weiterhin ganz offiziell gelehrt und geglaubt.

6.

Dass Bittgebet als Einflussnahme auf den göttlichen Willen nun längst theologisch obsolet sein sollte, hat sich bis zu Papst Franziskus leider nicht herumgesprochen. Er selbst hat bekanntlich den mysteriösen Kult von „Maria der Knotenlöserin“ aus Augsburg in seiner argentinischen Heimat als Erzbischof propagiert.

7.

Bittgebete im übertragenen, nachvollziehbaren Sinn haben nur die Bedeutung, den einzelnen und die Gruppe in die Stille zu führen, ins Nachdenken, ins Meditieren, ins Debattieren, und vor allem ins gemeinsame Handeln zugunsten der Leidenden. Es geht in der Poesie des Bittgebetes um menschliche Selbstkritik, nicht um Beeinflussung Gottes im Himmel via Maria.
Aber diese noch mögliche kritische Theologie des Betens als persönliche, kritische Poesie im „Angesicht“ des Unendlichen und Ewigen ist in der katholischen Kirche marginal. Alle Welt fleht nach wie vor Maria an, macht Prozessionen, küsst Ikonen, schmettert alte Lieder („Maria breite den Mantel aus…“), alles in der Hoffnung, dass auf diese Weise Frieden eintritt. Wenn der Russe betet, denn betet er für Frieden in Russland, fürs Überleben seiner Soldaten; der Ukrainer bittet um Frieden, also um Sieg, in seinem Land…, und die Deutschen beten vielleicht. „Lieber Gott mach alles gut und lass uns hier bloß ungeschoren davon kommen“.

Das Bittgebet ist also meistens nationalistisch gefärbt, man schaue sich die Gebetbücher der deutschen und der französischen Soldaten im 1. und 2. Weltkrieg an.

8.

Und kritische Theologen sind so wahrhaftig und sagen: Empirisch, historisch nachweisbar, haben diese Gebete und diese Weihen an die heilige Jungfrau bisher de facto keinen Frieden gebracht, sie haben den Krieg nicht verhindert, den Krieg nicht verkürzt.… Man denke daran, dass Papst Pius XII am 31.10. 1942 die ganze Welt (!) dem Unbefleckten Herzen Marias weihte. Der Krieg endete nicht, die Ermordung des europäischen Judentums ging weiter. Gott hat also geschwiegen, wenn man es klassisch-theologisch sagen will, und Marias Mittlerrolle bei Gott Vater hat versagt. Oder will man uns mysteriös einreden: Hätte diese Weihe nicht stattgefunden, dann wäre alles noch viel schlimmer gewesen? Auf diese Weise kommt man in unendliche haltlose Spekulationen, in religiösen Wahn.

9.

Diese Weihe wird am 25.3.  als Verdoppelung nicht nur in Rom, sondern auch im portugiesischen Marien-Wallfahrtsort Fatima vollzogen. In Fatima ist die Jungfrau Maria leibhaftig im Jahr 1917 kleinen Hirtenkindern erschienen, sie hat Botschaften der Bekehrung den Kindern mitgeteilt und auch zum Gebet für Russland aufgefordert. Fatima ist höchst beliebt bei Päpsten, auch bei Franziskus, aber auch höchst umstritten bei kritisch denkenden katholischen Theologen: Das ganze Szenario der so genannten Erscheinung ist zu sehr von Menschen gemacht, von rechten Politikern in Portugal damals gefördert und gewünscht. Zu viel mysteriöses Rätsel- Raten rund um die „Geheimnisse von Fatima“ hat die Jungfrau den Kindern mitgeteilt, Fatima ist ein Ort, der den Niedergang des klaren Denkens dokumentiert, ein missbrauchter Ort, nur noch für den frommen Massentourismus dort, genannt Pilgerreisen, wichtig.

10.

Natürlich kann in einer Demokratie jeder und jede privat glauben, was er/sie will, zum Beispiel: „Im Himmel ist Jahrmarkt“. Oder aktueller, was jetzt Papst Franziskus propagiert: „Die unbefleckte Jungfrau Maria möge von Himmel aus für den Frieden sorgen in der Ukraine“. Damit wird auch die politische Hilflosigkeit der Kirchen dokumentiert. Wer sagt: „Die Kirchen können nur noch Bittgebete beten und Wunder von der Jungfrau Maria im Himmel erwarten“, formuliert nur das Seufzen der elenden, unaufgeklärten, unvernünftigen Kreatur. Eine solche Kirche, die Weihen Russlands und der Ukraine an die Unbefleckte verkündet, ist schlicht und einfach vergreist, was ja vom Personal her auch stimmt.

11.

Zusammenfassend: Wenn der Katholizismus etwas Spirituelles zum Frieden anbieten will: Dann ist das die gründliche Einübung der Meditation, der Stille, des Nachdenkens, des Dialogs, der Bildung, der kritischen Lektüre kritischer Medien, der Hilfsbereitschaft. Der einzelne Fromme kann sich meditativ in seiner Not in einem absoluten Sinngrund geborgen fühlen. Man denke an das bekannte Gedicht und Lied Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen.“…
Mehr kann ein Christentum nicht sagen, wenn es vernünftig nachvollziehbar bleiben will. Und das muss es, wenn es nicht als spinöser esoterischer, aber protziger und Geld gieriger Verein gelten will.

In Kriegszeiten als Papst auf den Einfluss der Unbefleckten Jungfrau Maria im Himmel zu setzen, ist schlicht und einfach Aberglauben. Und auch das muss man wohl innerhalb einer kritischen katholischen Theologie sagen. Solche Weihen überhaupt in Erwägung zu ziehen und stolz zu propagieren, ist eine Schande für das theologische Niveau im Vatikan. Damit werden die Brücken für einen Dialog mit aufgeklärten, kritischen Bürgern noch viel weiter abgerissen.

…………………………….

Die zentrale Passage in der Papst-Predigt am 25.3. 2022 im Petersdom:

“Denn wenn wir wollen, dass sich die Welt ändert, muss sich zuerst unser Herz ändern. Dazu lassen wir uns heute von der Gottesmutter bei der Hand nehmen. Schauen wir auf ihr unbeflecktes Herz, an dem Gott geruht hat, das einzige Herz eines menschlichen Geschöpfes, auf dem kein Schatten liegt. Sie ist voll der Gnade (vgl. V. 28) und deshalb frei von Sünde. In ihr gibt es keine Spur des Bösen, und deshalb konnte Gott mit ihr eine neue Geschichte des Heils und des Friedens beginnen. Dort hat sich der Lauf der Geschichte gewendet. Gott hat die Geschichte verändert, als er an das Herz Marias klopfte.
Und auch wir klopfen heute, erneuert durch die Vergebung Gottes, an jenes Herz. Gemeinsam mit den Bischöfen und den Gläubigen in der ganzen Welt möchte ich alles, was wir gerade erleben, feierlich zum Unbefleckten Herzen Mariens tragen. Ich möchte die Weihe der Kirche und der ganzen Menschheit an sie erneuern und ihr in besonderer Weise das ukrainische und russische Volk weihen, die sie in kindlicher Zuneigung als ihre Mutter verehren. Es handelt sich dabei nicht um eine magische Formel, sondern um einen geistlichen Akt. Mit diesem Gestus vertrauen sich die Kinder ganz ihrer Mutter an; in der Bedrängnis dieses grausamen und sinnlosen Krieges, der die Welt bedroht, kommen sie zu ihrer Mutter und legen ihr all ihre Ängste und Leiden ans Herz und übereignen sich ihr. Wie Kinder, wenn sie sich fürchten: Sie gehen zu ihrer Mutter und weinen, suchen Schutz. Es geht darum, die kostbaren Güter der Geschwisterlichkeit und des Friedens, alles, was wir haben und was wir sind, in dieses reine und unbefleckte Herz hineinzulegen, in dem Gott widerscheint, damit sie, die Mutter, die der Herr uns gegeben hat, uns beschützen und behüten kann.
„Wir weihen uns Maria, um in diesen Plan einzutreten und bereit zu sein für das, was Gott vorhat“
Von Marias Lippen kam der schönste Satz, den der Engel Gott überbringen konnte: »Mir geschehe, wie du es gesagt hast« (V. 38). Die Muttergottes findet sich hier nicht passiv oder resigniert mit ihrer Situation ab, sondern hegt den lebhaften Wunsch, ganz Gott zu gehören, der »Gedanken des Heils und nicht des Unheils« (Jer 29,11) hegt. Das ist engste Teilnahme an seinem Plan für den Frieden in der Welt. Wir weihen uns Maria, um in diesen Plan einzutreten und bereit zu sein für das, was Gott vorhat. Nachdem die Mutter Gottes ihr Ja gesprochen hatte, machte sie sich auf den langen Weg in eine Bergregion, um ihre schwangere Verwandte zu besuchen (vgl. Lk 1,39). Sie eilte: Ich denke gerne daran, dass die Muttergottes eilte. So ist es immer: die Muttergottes, die eilt, um uns zu helfen und uns zu beschützen.
Möge sie uns heute bei der Hand nehmen und uns über die steilen und mühsamen Pfade der Geschwisterlichkeit und des Dialogs auf den Weg des Friedens führen.
(vatican news)volume_up

 

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Gegen den Moskauer Patriarchen: Die Russisch-orthodoxe Gemeinde in Amsterdam befreit sich von Bindung an Kyrill/Putin.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 13. 3. 2022.
1.
In den Hinweisen kürzlich auf dieser website haben wir gefordert, dass sich die westlichen Kirchen endlich deutlich vom Moskauer Patriarchat distanzieren und besonders den Kriegstreiber Patriarch Kyrill I. in der Ökumene isolieren, d.h. seine Mitgliedschaft im “Weltrat der Kirchen” und anderen ökumenischen Gremien aussetzen. Aber die westlichen Ökumeniker sind ängstlich.
2.
In den Niederlanden sind offenbar einige russisch-orthodoxe Christen zuerst Bürger eines demokratischen Staates mit einer demokratischen Gesinung und erst an 2.Stelle Anhänger einer bestimmten Konfession. Diese Niederländer handeln also nicht nach dem sonst in kirchlichen Kreisen – auch in Deutschland – üblichen Prinzip: Zuerst gelten die religiösen, konfessionellen Gebote, erst danach kommt der Respekt der Demokratie und der Menschenrechte.
3.
Immerhin hat sich nun die russisch-orthodoxe Gemeinde „Heiliger Nikolaus von Myra“ in Amsterdam entschlossen, ihre Bindung an das Moskauer Patriarchat aufzugeben.

Vorangegangen war die richtige Entscheidung der Amsterdamer Pfarrer und der Gemeinde, in den Gottesdiensten nicht mehr den Namen des Patriarchen Kyrill von Moskau zu erwähnen, eine übliche Tradition in der Liturgie. Die Amsterdamer Gemeinde war über den Kriegstreiber Kyrill so empört, dass sie zu dieser Entscheidung kam.
Über diese sinnvolle Entscheidung war der zuständige russisch-orthodoxe Bischof Elisey (dessen weltlicher Name: Ilya Vladimirovich Ganaba), Den Hag, nun seinerseits so empört, dass er überraschend die Gemeinde besuchte, berichten verschiedene Medien auch in Deutschland. Sie beziehen sich dabei auf Mitteilungen des “Niederlands Dagblad”und der Website der Gemeinde.
Am vergangenen Sonntag (6.3.2022) hat Erzbischof Elisey die Gemeinde unangekündigt besucht, er sei kurz vor Beginn des Gottesdienstes in einem Diplomatenwagen der russischen Botschaft vorgefahren und habe dann verlangt, dass der Namen des Patriarchen Kyrill während des Gottesdienstes genannt werden muss. Daraufhin habe der Erzbischof zwei Priestern der Gemeinde mitgeteilt: “Die Haltung der Gemeinde ist nicht nur für das Patriarchat, sondern auch für das russische Außenministerium von großer Bedeutung“. Aber diese politischen Warnungen aus dem Mund eines Bischofs (!) veränderten nicht die kritische Haltung der Gemeinde.
Zuvor schon hatten etliche Gemeindemitglieder eine Petition unterschrieben, in der Kyrill aufgefordert wird, sich für ein Ende der russischen Invasion in die Ukraine einzusetzen.
4.
Gemeindemitglieder berichten, die Anwesenheit des Erzbischofs sei für sie eine Art „klerikaler Panzer“ gewesen. Die Gemeinde fühlt sich bedroht von Putin-freundlichen Leuten. Es wurden Sicherheitsmaßnahmen rund um die Kirche eingerichtet, auch die niederländische Ministerin für Justiz und Sicherheit, Dilan Yesilgöz-Zegerius, hat die Gemeinde besucht und lobte deren Engagement.
Nun will sich die russisch-orthodoxe Gemeinde in Amsterdam vom Moskauer Patriarchat lösen und sich dem toleranteren Patriarchat von Konstantinopel unterstellen, das selbst seit einigen Jahren sehr kritisch dem Patriarchen Kyrill gegenübersteht.
5.
Es ist alles andere als eine Kleinigkeit: Symbolisch ist, dass der russisch orthodoxe Bischof aus Den Hag in aller Deutlichkeit in einem offiziellen Auto der russischen Botschaft zur Gemeinde in Amsterdam kam. Deutlicher kann man die Symbiose dieser Kirche mit dem Staat nicht dokumentieren.

Quellen: Aus der Amsterdamer Gemeinde in der Lijnbaansgracht 47: https://orthodox-amsterdam.nl/nl/
Deutsche Quellen u.a.: https://www.domradio.de/artikel/konflikt-amsterdams-russischer-gemeinde-um-kyrill-i

P.S.: Diese Kirche war bis 2004 eine katholische Kirche des Kapuziner Ordens. 2006 übernahmen die Russisch-orthodoxen dieses Gebäude.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Patriarch Kyrill ist ein Kriegstreiber: Die Fratze der russisch-orthodoxen Hierarchie.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 10.3.2022. Bitte beachten Sie auch am Ende dieses Beitrags einen Kommentar von J. Danielowski. Und bitte auch diesen Link beachten: Eine Russ.-orthodoxe Gemeinde In Amsterdam trennt sich vom Moskauer Patriarchen.

Bitte beachten Sie auch den Brief des Patriarchen Kyrill, Moskau, an den Generalsekretär des Ökumenischen Rates in Genf Joan Sauc. In diesem Brief (vom 10.3.2022) hat Kyrill die Putin Ideologie völlig übenommen, siehe Fußnote 1 am Ende dieses Hinweises.

Und Kyrill beweist einmal mehr: Er ist ein Kriegstreiber, der sehr schnell aus dem “Ökumenischen Weltrat der Kirchen”  (Genf) rausgeschmissen werden sollte. Eine Forderung auch des tschechischen Theologe Pavel Cerny, Prag.  Siehe: LINK

Ergänzt am 7.4.2022: Diese Hinweise zu Patriach Kyrill von Moskau, dem Putin – Freund, sind von besonderer Aktualität: Vom 31.8. bis 8. September 2022 wird eine Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (Genf) in Karlsruhe stattfinden. Das katholische DOM-Radio (Köln) berichtet am 6.4.2022, die Katholische Nachrichten Agentur KNA zitierend: “Die russisch-orthodoxe Kirche will daran teilnehmen und hat bereits eine Delegation von 22 Mitgliedern unter Führung von Außenamtsleiter Metropolit Hilarion Alfejew benannt. Dazu gehört übrigens auch der neue Patriarchalexarch von Afrika, Metropolit Leonid von Klein, der eine Parallelstruktur zum eigentlich für Afrika zuständigen orthodoxen Patriarchat von Alexandria aufbauen soll”.

 

Der Hintergrund für diesen erneuten Hinweis auf Patriarch Kyrill, den Putin-Freund:

I.
Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist immer Religionskritik, sie ist auch Kritik der heutigen Religionen, Kirchen usw. mit dem Maßstab der universalen Menschenrechte, also der Vernunft und Freiheit. Momentan sollte die Kritik der Russisch-Orthodoxen Kirche ein aktueller Schwerpunkt sein.
II.
Es ist evident: Die westlichen Kirchen Europas sind die einzigen, die bisher (10.3.2022) keine radikalen Abgrenzungen von russischen Organisationen vorgenommen haben. D. h.: Sie haben ihre eigenen so genannten Glaubensbrüder, die russisch-orthodoxen Kleriker, für ihre unerschütterliche Verbundenheit mit Putin nicht bestraft.
Wenn die europäischen Kirchen in der Geschichte nicht als „naive Angsthasen“ im Krieg Putins gegen die Ukraine gelten und „eingehen“ wollen, dann sollten sie jetzt und sofort klare Verurteilungen der Theologie und das ist die Ideologie, des russisch-orthodoxen Klerus aussprechen.
III.
Man könnte auch meinen, dass Kyrill, der Moskauer Kirchenfürst,  auf Putin, seinen Vertrauten, einwirken könnte. Innerhalb der Krieg führenden russischen Clique könnte Kyrill sozusagen als ein letzter Retter im Krieg auftreten. Damit ist nicht aber nicht zu rechnen, denn so christlich und universal-human denkt der Herr Patriarch nicht, er ist nichts als ein polemischer Nationalist und sonntags der Haupt-Darsteller in „göttlichen Liturgien“ in der unverständlichen, altslawischen Sprache. Sonst segnet er und die seinen gern Waffen und Soldaten. Patriarch Kyrill genießt es viel zu sehr, Machtmensch zu bleiben. Kyrill ist bekanntlich nicht mit kritischem Geist, also auch nicht mit dem Geist des Widerstandes gesegnet. Die uralte katholische Lehre vom Tyrannenmord ist ihm total fremd. Dafür geht es ihm und dem hohen Klerus unter Putin materiell zu prächtig.
Diese Situation ist eine Blamage, mehr noch, eine Niederlage des Christentums insgesamt. Der christliche Glaube taugt offensichtlich nichts mehr, um faktisch Frieden zu stiften. Weil für den hohen Klerus, zumal in Russland, das eigene Wohl und der nationalistische Wahn am wichtigsten sind.

IV.

Vladimir Sorokin, der bekannte Autor der russischen Gegenwartsliteratur, hat in der Wiener Kulturzeitschrift FALTER, Nr 11, 2022, Seite 20f. an den Titel seines neuen Buches “Die rote Pyramide” (Kiepenhauwer &Witsch) erinnert: “Gemeint ist die Pyramide der Macht (des Staates), diese Pyramide wurde seit dem 16. Jahrhundert nicht mehr modernisiert, von Iwan dem Schrecklichen über Nikolai I. und Nikolai II. über Stalin …bis zu Putin. Eine Person, die alle Rechte hat, entscheidet alles“.

Diese staatliche Pyramide findet ihre volle Unterstützung und Entsprechung in der Pyramide, die die russisch-orthodoxe Hierarchie mit ihrem Patriarchen von Moskau darstellt. Kyrill hat die höchste Jurisdiktionsgewalt über die große russisch-orthodoxe Kirche, die bekanntlich nicht nur die Russische Föderation umfasst, sondern auch viele europäische Länder, sogar Japan. Vor ihm als dem obersten Chef haben die meisten ihm unterstehenden Bischöfe und Popen Angst, deswegen  gibt es (fast) gar keine wahrnehmbare Opposition innerhalb dieser russisch-orthodoxen Kirche. Lediglich im westlichen Ausland, wie Holland oder auch in Deutschland, trennen sich einzelne Popen von der Macht Kyrills. 

Die Details

1.
Die Mitwirkung des Patriarchen von Moskau, Kyrill I., im Krieg Putins gegen die Ukraine ist evident, aber zu wenig bekannt. Es steht fest und wird jetzt vom russisch-orthodoxen Theologen und besten Kenner der Verhältnisse, Prof. Cyril Hovorun (Stockholm) nachgewiesen: Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche Kyrill I. ist ein Kriegstreiber, ein Kriegstreiber auf dem Feld der Ideologie. Dass der Krieg Putins von ideologischem und theologischem Wahn befeuert ist, steht fest.

Kyrill, 1946 in Leningrad geboren, war enger Mitarbeiter des KGB, er wurde als Agent unter dem Namen “Mikhailov” geführt. Als er am 27.1.2009 zum Patriarchen von Moskau gewählt wurde: Die beiden Gegenkandidaten waren ebenfalls Mitglieder des KGB, und Putin, ebenfalls KGB Mitarbeiter,  war sehr glücklich über die Wahl: “He was Putin s Man of Choice”, schreibt Marcel H.Van Hepen in seiner Studie “Putins Propaganda Machine”, 2006 in den USA erschienen. LINK zu KGB-Kyrill.
2.
Seit Beginn der russischen Invasion in die Ukraine hat Patriarch Kyrill von Moskau den Krieg (der Patriarch spricht von „Aktionen“ etc.) unterstützt, er hat dem Krieg die spirituelle und theologisch-ideologische Legitimation zugesprochen.
Diese seine kriegerische, nationalistische, Prof. Hovorun spricht von faschistischer Ideologie verbreitet dieser höchste russische Geistliche seit vielen Jahren. Er hat Putin zu Beginn von dessen Herrschaft eine Ideologie geliefert, Putin brauchte sie, um nach dem Ende der Sowjetunion und der ideologischen Leere unter Jelzin eine Art „geistigen Überbau“ für Russland zu haben. „Die Kirche lieferte dem Putin – Regime eine Art ideales Ziel, also einen metaphysischen Sinn, eine Mission, die dieser politisch nutzt“ (Cyrill Hovorun). Quelle: Cyril Hovorun

3.
Im “Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin” wurde seit längerer Zeit schon (in den Beiträgen zu Prof.Ryklin) und seit Kriegsbeginn dann erneut an den zentralen ideologisch-kriegerischen Begriff der „Russischen Welt“ erinnert. Diese umfasst für Putin und Kyrill nicht nur das Gebiet Russlands, sondern auch die Ukraine und Belarus, zunächst. Diese „russische Welt“ muss um der moralischen Rettung der Menschen willen expandieren, das sind Thesen, die seit ca. 2010 dauernd propagiert wurden. Aber im Westen wurden sie nicht gehört. „Im Jahr 2016 hat sich Putin sehr explizit zu dem Thema geäußert während einer Gala in Moskau. Auf der Bühne fragte der russische Präsident einen Jungen: „Wo enden denn eigentlich die Grenzen Russlands?“Der Junge antwortete: „Auf der Linie der Bering-Straße“. Putin antwortete: „Nein, die Grenzen Russlands haben keine Ende“, so Prof. Hovorun.
4.
Dieses sehr große Russland, diese „russische Welt“, muss von Putin in Zusammenarbeit mit Kyrill vor den schädlichen und schändlichen Einflüssen des Westens geschützt werden.Die Feinde der russischen Welt müssen also vertrieben und ausgelöscht werden. Der Patriarch und seine Führungsclique liefert dieses ideologische Material zur Rechtfertigung des barbarischen Abschlachtens und Zerstören in der Ukraine bis heute, mit verrückt klingenden, absurden Argumenten, die aber diese Patriarch wohl selbst glaubt: Etwa wenn er sagt: Die „Aktion“, also der Krieg, müsse in der Ukraine die Leute vertreiben, die sich für die Gleichberechtigung der Homosexuellen einsetzen; die mutigen Verteidiger der alten russischen Werte (also gegen die Gleichberechtigung etc.) müssten also militärisch unterstützt werden.
5.
Zu Putins Bindung an die russisch-orthodoxe Kirche: Er nimmt bekanntlich oft an den so genannten „Göttlichen Liturgien“ in den Moskauer Kathedralen teil, er küsst die Ikonen, lässt sich mit Kyrill I. gern fotografieren, er besuchte wie ein Pilger schon zweimal den Heiligen Berg Athos, diese Mönchsrepublik in Griechenland, und hörte sich dort die Lobeshymnen der Mönche  auf seine Person an.
6.
Diese Kirche hat unter Kyrill I. hat also nicht nur allen Anstand verloren, allen Sinn für Vernunft und Menschenrechte. Man muss es als Theologe klar sagen: Die Führung der Russisch-orthodoxen Kirche hat sich vom Evangelium Jesu von Nazareth getrennt, denn zum Evangelium gehört bekanntlich zentral die Fürsorge für den anderen, den Fremden, (Barmherziger-Samariter-Gleichnis), sogar die Feindesliebe…Diese Weisungen lässt die russisch-orthodoxe Kirchenführung nicht für die Nachbarn gelten in der Ukraine, wie zuvor schon in Syrien. Die Ideologie der Kirche dient nur dazu, Putin in seinem Wahn zu bestärken.Falls Russland noch einmal demokratische Verhältnisse erleben sollte, wird dann hoffentlich die große historische Abrechnung mit diesen korrupten Patriarschen und Metropoliten usw. geschehen.
7.
Während der Corona-Pandemie haben sich viele Bischöfe und Metropoliten und Popen der russisch-orthodoxen Kirche in Russland wie auch damals noch in enger Verbundenheit die russisch-orthodoxen Bischöfe in der Ukraine (!) gegen den Gebrauch von Masken als Schutz vor dem tödlichen Corona – Virus ausgesprochen. Sie behaupteten, hinter den Schutz-Empfehlungen bzw. Vorschriften ständen Juden, wie der Amerikaner George Soros oder der Vatikan oder sogar der oberste Ehren-Patriarch von Konstantinopel. Selbst der seit einigen Tagen wegen seiner Distanz zu Kyrill gerühmte russisch-orthodoxe Metropolit Onufri (Name: Berezovskij) von Kiew (!) hat immer wieder gegen das Tragen von Schutz-Masken gewettert. Allerdings wurde er in seinem totalen Leichtsinn (manche sagen Schwachsinn) selbst krank am Corona-Virus, allerdings, die geistlichen Herren sind privilegiert:: „Metropolit Onufrij wurde in ein Elitekrankenhaus in der Nähe von Kiew eingeliefert, wo er im Geheimen behandelt wurde. Andere Kleriker und Laien, die seinen Anweisungen folgten und sich ansteckten, hatten weniger Glück. Die meisten von ihnen konnten es sich nicht leisten, in Elitekrankenhäusern behandelt zu werden, und viele starben“ (Prof. Hovorun, in: „Glaube in der 2. Welt“).
8.
Diese klerikale Hierarchie der russisch-orthodoxen Kirche in Moskau ist eine kriegerische, menschenfeindliche Fratze.

Wie kann man diese Kleriker bestrafen, in der Hoffnung, dass noch einige zur Vernunft, d.h. zum Frieden finden? Wir haben schon mehrfach auf dieser Website gefordert, die Mitgliedschaft dieser Kirche im „Weltrat der Kirchen“ (Genf) SOFORT zu beenden. So viel Mut haben die westlichen Christen nicht, in den bunten Topf der Ökumene scheinen also auch ideologische Kriegstreiber zu passen. Man muss das einen Skandal nennen. Spätestens bei der Sitzung des Weltrates der Kirchen in Karlsruhe im August 2022 wird man wohl hören, wie man mit diesen Kriegstreibern. Das Jammern und Klagen wird groß sein, zu spät diese Herren aus der Ökumene rausgeworfen zu haben. Was haben die Kirchen einst gejammert, dass sie nicht früh genug Hitler Einhalt geboten haben? Kirchen können jammern, mehr nicht?
9.
Schon in seinem Beitrag aus dem Jahr 2018 (für Mission Eurasia”) hat der ukrainische Professor Hovorun darauf hingewiesen, dass in Russland Staat und Kirche in einem Verhältnis der gegenseitigen Nützlichkeit handeln: Der Staat bedient sich kirchlicher Ideologien, die Kirche kann deswegen mit umfassenden Privilegien rechnen.
10.
Der kritische russisch-orthodoxe Theologe Prof. Hovoron fasst seine Erkenntnisse zusammen: „Die orthodoxe Theologie muss heute „entputinisiert“ werden (dépoutinisée) und ganz umfassend befreit werden von ihren faschistoiden Entartungen. Die Idee einer russischen Welt ist leider nicht die einzige autoritäre Theologie zu Beginn des 21.Jh, aber sie ist die schlimmste“.
11.
Der Nationalismus hat, wie schon so oft in der Kirchengeschichte (Hitler-Deutschland, Spanien unter Franco, Italien unter Mussolini, Frankreich unter Pétain), auch die russisch-orthodoxe Kirche (vergiftet.
Wozu sind diese Kleriker eigentlich noch gut? Sie können wie seit Jahrhunderten ihr religiöses Opium verbreiten, d.h. göttliche Liturgien in prächtigen Kirchen wie Theateraufführungen in altslawischer Sprache aufführen … und sich von Diktatoren und Zaren einst üppig verwöhnen lassen. Der große russische Schriftsteller Tolstoi wusste schon, warum er sich von diesem Verein trennte.
12.
Wird der Vatikan seine seit langem so innig gesuchte ökumenische Verbindung mit dem russischen Patriarchen abbrechen, wird der Papst sagen: Herr Kyrill, komm zur Vernunft, kehre zum Evaneglium zurück?  Eher unwahrscheinlich, weil der Vatikan vor allem daran denkt, wie üblch die eigene Kirche, die katholische, im Russland Putins zu schützen.

Und viele katholische Theologen und Bischöfe weltweit sind begeistert, dass die orthodoxen Kirchen in ihren Dogmen der katholischen Lehre so nahe stehen, im Unterschied zu den sich modern gebenden, häretischen Protestanten. Weil die russisch-orthodoxen Kirchenführer dogmatisch, in der uralten Lehre aus dem 4.Jahrhundert, so korrekt sind, übersieht Rom gern, dass sie auch Kriegstreiber sind. Sonst wäre es doch Papst Franziskus schon einmal eingefallen, nicht nur allgemein zum Frieden aufzurufen, sondern Putin einen Kriegstreiber zu nennen und Patriarchen Kyrill seine ideologische Stütze. Nein, vor Fakten hat der Vatikan, hat der Papst Angst. Die Leute in Moskau könnten der römischen Kirche ja böse werden und die Vision einer Einheit von katholischer und russischer Kirche zerstören.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

…………………………..

Der Kommentar von J. Danielowski, vom 12.3.2022:

Lieber Herr Modehn, lieber Herr Wiebus,

vielen Dank für Ihren Newsletter und für die Hintergrundbeiträge, die ich immer wieder sehr anregend finde!

Sie sprechen die Haltung der Kirchen gegenüber dem Kriegsverbrecher Putin an. Gewiss lassen sich “die” Kirchen auch in dieser Frage nicht über einen Kamm scheren. Gewiss ist aber, dass der sog. Patriarch Kyrill in Moskau kein Botschafter des Evangeliums ist. Wer wie er weder mit kritischer Vernunft in Berührung gekommen ist noch den Weisungen des biblischen Gottes folgt, der Menschen aus Sklaverei befreit und zu Recht und Gerechtigkeit führt – ein solcher Kirchenvertreter empfängt seine Botschaften aus irgendeiner Unterwelt, in der die wirren Ideen Putins die Hirne vernebelt haben. Es ist widerlich, dass sich ein Kirchenoberster als maßgeblicher Kriegstreiber betätigt, der über die Leichen seiner ukrainischen Glaubensgeschwister geht.

Einen Aufschrei darüber habe ich in den deutschen Kirchen bisher leider nicht gehört.  Vielleicht bin ich in Finnland zu weit weg. Immerhin haben die Bischöfe der finnischen lutherischen Kirche klar Position bezogen, als sie am 1.3.22 gemeinsam feststellten, dass der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine nicht nur ein Verbrechen gegen das Völkerrecht ist, sondern eine Sünde gegen Gott.  Der finnische Erzbischof hat an Kyrill appelliert, sich gegenüber Putin für ein Ende des Krieges und für den Frieden einzusetzen – was Kyrill bereits gegenüber dem ÖRK zurückgewiesen  hatte. Der russische Patriarch versündigt sich m.a.W. gegen Menschen und gegen Gott. Er muss folglich wie Putin selber als Kriegsverbrecher angeklagt werden.

Der finnische Erzbischof Luoma leitete das Ende der Beziehungen zur russisch-orthodoxen Kirche ein, indem er an Kyrill schrieb: die Kontakte könnten nur fortgesetzt werden, wenn die russisch-orthodoxe Kirche die illegale Invasion Russlands nicht unterstützt. “Ohne diese Bedingung kann die Kommunikation zwischen unseren Kirchen nicht fortgesetzt werden.”

Gott sein Dank gibt auch in der orthodoxen Kirche andere Töne. So haben lt. Medienberichten 286 russische Priester in einem offenen Brief gegen den Krieg protestiert (286 von 36.000) – sie haben mit Verfolgung durch ihren Staat und durch ihre Kirche zu rechnen. Die ukrainisch-orthodoxe Kirche steht geschlossen an der Seite des ukrainischen Volkes und seiner Widerstandskämpfer/innen – und mit ihnen die Mehrheit der Menschen auf diesem Globus.

Mit guten Wünschen

J. Danielowski

………………………………….

Brief des Patriarchen Kyrill von Moskau  an den ökumenischen Weltrat der Kirchen, Genf, beachten Sie besonders die schwarz hervorgehobenen Sätze…..

Response by H.H. Patriarch Kirill of Moscow to Rev. Prof. Dr Ioan Sauca (English translation)

In a 10 March letter, H.H. Patriarch Kirill of Moscow and all Russia responded to a letter sent 2 March by World Council of Churches (WCC) acting general secretary Rev. Prof. Dr Ioan Sauca asking Patriarch Kirill to mediate so that the war can be stopped.
Translated from the Russian
The Very Reverend Archpriest Ioan Sauca
Acting General Secretary
World Council of Churches

Dear Father Ioan,

I thank you for your letter of March 2, 2022. Having known you for many years as a faithful steward of the Church of Christ and tireless worker in the field of education and formation of younger generations, I deeply appreciate your work as Acting General Secretary of the World Council of Churches, which is aimed at promoting accord and mutual respect between representatives of different Christian confessions.
Our Church joined the WCC in 1961, having accepted is renewed basis as “fellowship of Churches” and the Toronto Statement that read, in particular, “The Council as such cannot possibly become the instrument of one confession or school <…> the member churches should recognize their solidarity with each other, render assistance to each other in case of need, and refrain from such actions as are incompatible with brotherly relationship.”
Since 1983, it has been one of the WCC’s priorities to engage its member churches in the process of acknowledging their shared responsibility for justice, peace and the integrity of creation within the world community. That is to say, our WCC membership, dialogues, discussions based on the principle of equality, and cooperation with the entire Christendom were not only an expression of our commitment to the cause of reconciliation between people, but also gave us confidence in the solidarity and support of the world Christian fellowship.
These days, millions of Christians all over the world in their prayers and thoughts turn to the dramatic developments in Ukraine.
As you know, this conflict did not start today. It is my firm belief that its initiators are not the peoples of Russia and Ukraine, who came from one Kievan baptismal font, are united by common faith, common saints and prayers, and share common historical fate.
The origins of the confrontation lie in the relationships between the West and Russia. By the 1990s Russia had been promised that its security and dignity would be respected. However, as time went by, the forces overtly considering Russia to be their enemy came close to its borders. Year after year, month after month, the NATO member states have been building up their military presence, disregarding Russia’s concerns that these weapons may one day be used against it.
Moreover, the political forces which make it their aim to contain Russia were not going to fight against it themselves. They were planning to use other means, having tried to make the brotherly peoples – Russians and Ukrainians – enemies. They spared no effort, no funds to flood Ukraine with weapons and warfare instructors. Yet, the most terrible thing is not the weapons, but the attempt to “re-educate,” to mentally remake Ukrainians and Russians living in Ukraine into enemies of Russia.
Pursuing the same end was the church schism created by Patriarch Bartholomew of Constantinople in 2018. It has taken its toll on the Ukrainian Orthodox Church.
As far back as 2014, when blood was being shed in Kiev’s Maidan and there were first victims, the WCC expressed its concern. Dr Olav Fykse Tveit, the WCC General Secretary at the time, said on March 3, 2014, “The World Council of Churches is deeply concerned by the current dangerous developments in Ukraine. The situation puts many innocent lives in grave jeopardy. And like a bitter wind from the Cold War, it risks further undermining the international community’s capacity to act now or in the future on the many urgent issues that will require a collective and principled response.”

That was also when an armed conflict broke out in the Donbas region, whose population was defending their right to speak the Russian language, demanding respect for their historical and cultural tradition. However, their voices went unheard, just as thousands of victims among the Donbas population went unnoticed in the Western world.
This tragic conflict has become a part of the large-scale geopolitical strategy aimed, first and foremost, at weakening Russia.
And now the Western leaders are imposing such economic sanctions on Russia that will be harmful to everyone. They make their intentions blatantly obvious – to bring sufferings not only to the Russian political or military leaders, but specifically to the Russian people. Russophobia is spreading across the Western world at an unprecedented pace. 

I pray unceasingly that by His power the Lord help establish the lasting and justice-based peace as soon as possible. I ask you and our brothers in Christ, united in the Council, to share this prayer with the Russian Orthodox Church.
Dear Father Ioan, I express my hope that even in these trying times, as has been the case throughout its history, the World Council of Churches will be able to remain a platform for unbiased dialogue, free from political preferences and one-sided approach.
May the Lord preserve and save the peoples of Russia and Ukraine!
With paternal love,
/+KIRILL/
PATRIARCH OF MOSCOW AND ALL RUSSIA

Patriarch Kyrill I. (Moskau) dreht durch: Jetzt ist Homosexualität Schuld an den „schweren Ereignissen“

Ein Hinweis von Christian Modehn am 7.3.2022

Der Chef der Russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill I. von Moskau, hat erneut bewiesen, dass er den Krieg Putins gegen die Ukraine unterstützt, mit Argumenten, die nun ans Wahnhafte – Verkalkte grenzen.

Am Sonntag, dem 6. März 2022, hielt er wieder eine „Homelie“, eine Art Kurzpredigt, in der „Christus-Erlöser-Kathedrale“ von Moskau. Er bezog sich auf den „Bereich der internationalen Beziehungen“, das Wort Krieg vermeidet er als treuer Verehrer Putins und spricht nur von „schweren Ereignissen“, die leider die Region Donbass treffen. Nur auf diese Region bezieht er sich. Dort leben, so sagt der Patriarch, viele Russen. Und es würde dort seit 8 Jahren versucht, diese russische Kultur zu zerstören. Putin wird so abermals als Retter der Russen und der russischen Ideen auch im Donbass präsentiert. Wie gesagt, von Krieg spricht Kyrill I. nicht, hat er Angst, in ein Putinsches Straflager zu kommen, und dabei das nachzuerleben, was Stalin einst vielen Bischöfen in seinen Lagern antat? Seine Millionen Euro teure Armbanduhr müsste er dann freilich abgeben…

Der deutlichste Ausdruck für die verworrene Denkweise des Putin-Patriarchen ist sein Hinweis auf die Ursache der „Schwierigkeiten in den internationalen Beziehungen“, also im Klartext, des Krieges: Es sind nämlich, so wörtlich am 6.3.2022, metaphysische Ursachen, nicht politische, die da maßgeblich sind, nämlich die Ablehnung des Gesetzes Gottes und die Ablehnung der Sünde.

Es ist also, wie bei Kyrill I. üblich, einmal mehr der Verlust der alten Werte, der zu dieser „Krise“ geführt hat. Die moderne Gesellschaft sei von exzessivem Konsum und der irregeleiteten Freiheit geprägt. Dabei denkt der Patriarch nicht etwa an die Milliardäre und Millionäre aus dem Putin-Freundeskreis.

Nein, es sind ausgerechnet die Homosexuellen, die ihre Gesetze auch in Russland durchsetzen wollen. „Aber diese Leute sind Sünder, sie leben in der Sünde, die von Gottes Gesetz verurteilt wird. Die Homosexuellen wollen mit Gewalt den Russen die Leugnung Gottes und seiner Wahrheit aufzwingen“, so wörtlich der Patriarch. Die „Krise“ (also de facto der Vernichtungskrieg Putins gegen die Ukraine) habe diese metaphysischen – moralischen Ursachen. Bekanntlich hat Putin in bestem Einvernehmen mit Kyrill bei der Revision der Russischen Verfassung im Jahr 2021 die Ehe als ausschließliche Sache der Heterosexuellen definiert, die homosexuelle „Propaganda“ für eine „Ehe für alle“ wird auch von Putin verurteilt. Er tut so, als sei er ein guter orthodoxer Christ, schließlich wurde er schon als Kind in Leningrad heimlich getauft, behauptet er.

Nun also sind die Homosexuelle Schuld an der „Krise“.

Und der Beobachter fragt sich: Wie viel Schwachsinn darf eigentlich ein Patriarch öffentlich verbreiten? Dieser Herr wird ja in Russland noch ernst genommen, bei den vielen Frommen auf dem Lande etwa, die oft sogar noch stolz sind auf ihre religiöse und politische Anhänglichkeit an diese Kirche und ihre Führer Kyrill und Putin…

Und der Beobachter fragt sich weiter: Wann endlich kommt der „Weltrat der Kirchen“ in Genf zu der Entscheidung, diesen Patriarchen und seine Kirche aus der ökumenischen Gemeinschaft der Christen rauszuschmeißen. Es ist eine Schande, mit diesen Leuten ökumenische Gemeinschaft zu pflegen, man denke daran, im Sommer tagt der Weltrat der Kirchen in Karlsruhe: Wird da Kyrill I. seinen Schwachsinn verbreiten?

La Croix, die Tageszeitung aus Paris, schreibt: „Diese Position des Patriarchen hat nur sehr vereinzelt Kritik gefunden. Eine Gruppe von Priestern seiner Kirche hat eine Petition verfasst, in der sie eine sofortige Feuerpause fordert und die Repression gegen gewaltfreien Demonstranten kritisiert und den Frieden fordert“, so La Croix am 7.3.2022.

Quelle. La Croix.
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die christlichen Kirchen können keinen Frieden stiften.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.2.2022: Putin beginnt seinen Krieg gegen die Ukraine.

Zur nationalistischen Russisch-orthodoxen Kirche von Moskau: https://religionsphilosophischer-salon.de/14618_putins-aggression-und-seine-wichtigste-stuetze-der-patrirach-von-moskau-und-seine-russisch-orthodoxe-kirche_befreiung

Man muss die Frage stellen: Warum haben sich die Kirchen und ihre Theologen so sehr auf den „inneren Frieden“, den Frieden der Seele, fixiert und Jesu Worte als Verheißung eines nicht-weltlichen, also eines nur innerlichen Friedens verstanden: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht einen Frieden wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch“. Dieses Zitat aus seinen „Jesu Abschiedsreden“, stammt aus dem Johannes Evangelium im Neuen Testament, Kap. 14, Vers 27. Die Kirchen haben aber oft nicht gesehen, dass vorher Jesus vom heiligen Geist spricht, „der wird euch lehren“… Vers 26: Aber wenn der heilige Geist auch Geist im Menschen ist, dann ist er doch auch Vernunft, und als Vernunft umfasst er auch politische Gestaltung der Welt als einer friedlichen Welt. Aber die Christen waren letztlich froh, sich nur um den inneren Frieden, den Seelenfrieden, kümmern zu müssen. Das ist bequemer.

Man muss die Frage stellen: Welche praktischen, sichtbaren Erfolge haben denn alle Gebete um Frieden gebracht, zu denen nun wieder von der Kirche aufgerufen wird. Gebet um Frieden mag als Form der psychischen Beruhigung in Krisenzeiten durchaus sinnvoll sein, genauso wie das stille Sitzen in der Meditation. Aber das meinen die Bischöfe und Päpste nicht, wenn sie zum Gebet um Frieden aufrufen: Sie wollen Gott im Himmel höchstpersönlich bewegen, den Frieden zu schaffen, den sie sich, die Menschen, wünschen. Im Augenblick beten wohl die Russen für ihren Frieden für ihr Russland, und die Ukrainer beten um Frieden für ihre Ukraine. Auf welche Nation soll Gott bloß hören? Soll er etwa dem Kriegsherrn Putin seinen Frieden bescheren, seinen Sieg? Oder sollen die Gebetswünsche der Ukraine Erfüllung finden? Man sieht, Beten um Frieden ist widersprüchlich, wenn nicht widersinnig, es sei denn man sagt: Das Gebet um Frieden soll nur die innere Stabilität in Kriegszeiten fördern. Und man will, wenn man schon glaubt, eben auch widersinnig glauben, gegen alle Vernunft sozusagen. Gott sei Dank wollen das nicht alle Menschen!

Man muss die Frage stellen: Glauben die um Frieden Betenden wirklich, dass Gott im Himmel als „Person“ das Bittgebet erhört? Welches Gottesbild steht hinter dem Bittgebet? Wird da Gott wie ein menschlicher machtvoller Kumpel vermenschlicht? Wird es nicht Zeit, sich von dem Bild Gott als Person zu verabschieden oder eher von einem tragenden Sinn-Grund der Existenz und der Welt zu sprechen?

Man muss die Frage stellen: Worin liegt eigentlich der größte Fehler, wenn die Kirchen und die Christen Jahrhunderte lang um Frieden beteten und beten, aber de facto kein Frieden entsteht oder entstanden ist? Im Gegenteil: In allen Jahrhunderten wurde eigentlich permanent Krieg geführt, Sklavenhandel betrieben, ganze Völker wurden „missioniert“ und dabei ausgerottet. Der Antisemitismus wurde wie ein permanenter Vernichtungskrieg gegen die Juden geführt. Wie lächerlich ist die Frage: Soll man für die Überwindung des Antisemitismus beten? Wer Antisemitismus besiegen will, möge bitte nicht beten, er soll bitte schön politisch wirksam handeln und z.B. rechtsradikale Täter tatsächlich verfolgen und bestrafen!

Man muss die Frage stellen: Welchen Sinn haben jetzt Friedensgebete und Friedensgottesdienste „Dona Nobis pacem“ ,zu denen die Kirchen im Krieg Russlands gegen die Ukraine auffordern? Sinnvoll ist nur, das tiefe innere Verbundensein mit den Menschen in dieser Region, ein inneres Mitgefühl mit den Leidenden, Sterbenden zu pflegen, um das eigene Denken zu weiten und das Herz in Verbindung mit diesen Menschen zu bringen. Das könnte in der Gemeinschaft eingeübt werden, wenn man auch Zeugnisse der Leiden, der Ukrainer oder der russischen Mütter hört, die von ihrem im Krieg umgekommenen Sohn erzählen.

Man muss die Frage stellen: Ist nicht die entscheidende Wurzel für alle Kriege die Bindung der Kirchen, aller Kirchen, aller Bischöfe, an ihre jeweilige Nation? Hat der Nationalismus unter den Kirchenführern und Christen nicht immer schon total den Geist vernebelt und den Krieg gefördert? Wurde Nationalismus nicht immer wichtiger als das vernünftige Nachdenken über die Menschheit und die Weltgemeinschaft? Hat der kleingeistige Nationalismus das Eintreten für die eine Menschheit, für die Brüderlichkeit und Geschwisterlichkeit aller, zerstört?

Man muss die Frage stellen: Ist der nationalistische Ungeist, der nachweislich die ideologisch verrannten und von Putin privilegierten Popen und Bischöfe der russisch-orthodoxen Kirche beherrschte und heute beherrscht, eine entscheidende Ursache für die Unterstützung im Krieg Putins gegen das so genannte „Brudervolk“. Wie maßgeblich war der Nationalismus der Bischöfe, als sie als Franzosen oder als Deutsche den 1. Weltkrieg leidenschaftlich unterstützten? Diese Herren waren mit Verlaub gesagt keine Christen, sondern kriegerische Nationalisten.

Man muss auch klar sagen: Ihr Christen, hört auf, in der altbekannten Form um Frieden zu beten. Wenn ihr zusammenkommt, sonntags, zu euren Gottesdiensten, lasst die uralten Riten und Lieder mal beiseite, strengt euren heiligen Geist an und fragt gemeinsam, wie können wir aktiv für den Frieden in der Welt, für den Frieden in Ukraine z.B. eintreten? Wie können wir uns umfassend informieren, um gar nicht mehr auf einen Typen wie Putin reinzufallen? Man muss sich also fragen: Wäre nicht politische Aufklärung eine genauso wichtige Aufgabe für die Kirchen, wenn sie sich dem Frieden widmen will? Dazu gehört die Analyse der eigenen westlichen Aggression, man denke an die Kriege, die die USA ohne Ergebnis führten: Vietnam, Libyen, Afghanistan usw., man denke an die Kriege im „Hinterhof der USA“, wie die US-Politiker sagen, in Lateinamerika…

Man muss sich fragen: Warum sind eigentlich nur einige wenige kleinere Kirchen (Quäker, Mennoniten usw.) explizit als Friedenskirchen tituliert? Warum nennen sich nicht alle großen Konfessionen, Katholiken, Protestanten, Orthodoxe ausdrücklich Friedenskirchen? Das wäre doch im Sinne Jesu Christi, den manche gern als Kirchengründer ansehen. Jesus Christus ist der Prophet und Meister auch des politischen Friedens. Wenn man das anerkennt: Dann wäre ein Christ nicht mehr römisch-katholisch, sondern friedenskirchlich-katholisch; man wäre friedenskirchlich evangelisch und vor allem auch dies: Man wäre friedenskirchlich-orthodox. Welch ein Signal wäre dies für die Welt.

Man muss sich fragen: Werden diese Vorschläge irgendeine Resonanz bei den großen Kirchen und ihren etablierten Theologen haben? Ich denke nein. Und diese bloß ganz allgemein um Frieden betenden Kirchenchristen werden auch dann, wenn die Ukraine in ein paar Monaten russisch ist oder die Mörderbanden in Syrien ihr Regime weiter aufbauen usw. Immer weiter um Frieden beten, singen und flehen: „Verleih uns Frieden gnädiglich“, adressiert an einen personalen Vater im Himmel, der aber doch nicht das Flehen seiner Kinder erhört…
Man wird also als Kirche weitermachen, wie bisher. Man wird ein paar kleine friedenspolitische Clubs in den Kirchen zulassen, wie Pax Christi bei den Katholiken oder Church and Peace bei den Protestanten, man wird weiterhin also beten und alte Lieder singen … und die Welt wird in Kriegen versinken.

Man muss sich fragen: Wann werden sich die Kirchen eingestehen: Eigentlich ist die auch empirisch spürbare Bilanz des Christentums, die Bilanz der Wirkungsgeschichte der Lehre Jesu, weitgehend eine Katastrophe. Oder mindestens ein Misserfolg oder eine Illusion. Und trotzdem werden Theologen naiv weiterhin von Erlösung schwadronieren, etwa zu Weihnachten beim Lied „Stille Nacht, alles schläft, aber auch alle schlafen“…Und das Arbeiten am Friedensreich Gottes, diese zentrale, auch politische Idee Gottes von dieser Welt, wird ebenfalls eingeschlafen sein.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Putins Aggression, seine wichtigste Stütze: Der Patrirarch von Moskau und die Russisch-Orthodoxe Kirche.

Wie eine Kirche zu einer nationalistischen Ideologie entartet.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 23.2.2022

Dies ist ein Hinweis auf eine christliche Kirche, die russisch-orthodoxe Kirche und ihren Patriarchen von Moskau. Diese Kirche versteht Frieden und Humanität nur als Nutzen für die eigene russische Nation.  Kann eine solche Kirche noch Kirche sein und Mitglied im Ökumenischen Weltrat der Kirchen (Genf) bleiben? Warum wird über diese Straf”maßnahme” nicht diskutiert? Dass dies geboten ist, zeigt der folgende Beitrag von Christian Modehn.

Dieser Beitrag zeigt in aktuell gebotener Kürze:

1. In der westlichen, vor allem westeuropäischen Öffentlichkeit wurde und wird kaum wahrgenommen, welche ideologische Macht die Russisch-orthodoxe Kirche als Stütze Putins hatte und hat, auch im Blick auf Putins Aggressionen gegen die Ukraine und letztlich gegen Europa. Dieser Hinweis bietet einige wichtige Details, die vor allem auf kirchenunabhängigen Forschungen in Frankreich basieren. Die Quellenangaben befinden sich am Ende dieses Beitrags.

2. Die Russisch-orthodoxe Kirche mit dem mächtigen Patriarchen und Putin-Vertrauten Kyrill I. in Moskau ist eine typische orthodoxe „Nationalkirche“. Die Führungen dieser National – Kirchen stellen das Interesse ihrer Nation über die Weisungen des Evangeliums, so auch in der Russisch-orthodoxen Kirche.
In Deutschland und anderen Ländern ist das Phänomen der Nationalkirchen (also der von politischen Herrschern bestimmten Kirchen) nicht unbekannt, man denke an die evangelischen Landeskirchen in Deutschland, die den Kaiser als Kirchenchef hatten oder an die Staatskirche in Schweden oder an die spanische katholische Kirche zur Zeit des Franco-Regimes. Dass katholische Bischöfe in Frankreich und in Deutschland begeisterte Propagandisten zugunsten des 1. Weltkrieges waren, ist eine Tatsache.

Die Abhängigkeit der Kirchen von staatlichen Herrschern zieht sich wie ein schwarzer dreckiger Strom durch die ganze Geschichte, man denke an Frankreich im ancien régime, an die Zeiten des Kolonialismus, der Sklaven“haltung“ usw…Aber bei diesem Hinweis geht es aus aktuellem Anlass nur um Russland und die Ukraine.

3. Politologen, Soziologen, Journalisten usw. haben sich in den letzten Jahren sehr viel mit den Verirrungen und Abartigkeiten von Religionen befasst, dabei aber – zurecht – vor allem den Islamismus studiert. Es wird aber Zeit, sich mit dem düsteren theologischen wie politischen Kapitel der christlichen Orthodoxie zu befassen und dringend davor zu warnen, mit diesen Kirchen enge ökumenische Einheit aufzubauen, wie es die Päpste seit Johannes Paul II. betonen. In seinem antiprotesantischen Geist wagte es Papst Johannes Paul II. sogar zu sagen, die katholische Kirche brauche als ihre „zweite Lunge“ die Orthodoxie. Nein, diese braucht die römische Kirche NICHT, sie braucht die Vernunft und die Akzeptanz der Menschenrechte. Aber das ist ein anderes Thema…

Die Russisch – orthodoxe Kirche als Putin-Ideologie. Einige Details.

4. In seiner ausführlichen Fernsehansprache am 21.2.2022 hat Putin auch kirchliche, religiöse Motive genannt für die Anerkennung der „Republiken“ im Osten der Ukraine. Er wolle den dort lebenden russisch – orthodoxen Christen zu Hilfe kommen und sie schützen. Putin sagte: „Kiew fährt fort, eine Repression gegen die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats vorzubereiten“. (Mehr dazu Nr. 10 und 11). Dass Putin dabei die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats falsch einschätzte, wurde ein paar Tage später deutlich: Diese Kirche (bzw. die meisten Bischöfe) hat sich im Krieg Putins gegen die Ukraine auf die Seite der anderen Kirchen in der Ukraine gestellt. (La Croix, 25.2.2022, Interview mit Prof. Pavlo Smytsnyk, vom Ökumene-Institut von Lviv).

5. Putin zeigt sich bei hohen orthodoxen Feiertagen gern in Moskauer Kathedralen, immer zusammen mit seinem Freund Patriarch Kyrill I., Putin küßt gern dort öffentlich Ikonen, er will als frommer Orthodoxer gelten.

6. In einer Ansprache in der „Christus-Erlöser“ Kathedrale sagte Putin im Februar 2013: „Die russisch-orthodoxe Kirche war bei ihrem Volk in der langen Geschichte. Wir hoffen, diese positive und mehrfach wertvolle Partnerschaft mit der russisch – orthodoxen Kirche vorzusetzen. Wir müssen unsere Zusammenarbeit und unsere gemeinsame Arbeit fortführen, um die Harmonie in unserer Gesellschaft zu stärken, und zwar mit hohen moralischen Werten“ (Zitat bei Dolya).

Damit wiederholt Putin seine alten Thesen, die er etwa 2013 in Valdai formulierte: “Wir (Russen) haben dieselbe Tradition, die sekbe Mentalität, dieselbe Geschichte, die selbe Kultur wie die Ukrainer. Wir haben sehr nahe verwandte Spraxchen. In diesem Sinne , ich wünsche noch einmal zu wiederholen: Wir Russen und und die Ukrainer sind ein und dasselbe Volk” (zit. bei Kathy Rousselet, L église orthodoxe et la question des frontières, 2017)

7. Diese Zusammenarbeit Putins mit der Russisch-orthodoxen Kirche und dem Patriarchen Kyrill I. hat die Basis in der Ideologie des „Russkiy mir“, der „russischen Welt“: Diese Ideologie – 2007 von Putin als eine Art Stiftung institutionalisiert – sieht die russische Welt nicht nur in den Grenzen Russlands von heute repräsentiert. Auch Belarus sowie ausdrücklich die Ukraine gehören für Putin, schon seit vielen Jahren nachweislich, zur Vorstellung des großen, wahren Russlands! Aber diese russische Welt muss sich noch ausdehnen auf „Eurasien“ hin, also Richtung Ost-Europa vor allem. Das eurasische Projekt wird vor allem von dem Rechtsextremen Alexander Dugin vertreten, „Die Welt“ nannte ihn am 16.6.2014 einen „Einflüstere Putins“.
Die Pariser Historikerin und Politologin Anna Dolya schreibt: „Tatsächlich unterstützt der Kreml die Vorstellung einer nationalen russischen Idee auf dem Territorium der Ukraine, besonders auf der Krim und im Osten der Ukraine. Russland insistiert darauf, dass die Menschen dort zur „Russkiy mir“ gehören“. Das schrieb Anna Dolya schon im Jahr 2015! Warum würde das von Politikern nicht wahrgenommen?
Über Anna Dolya: „Ukrainienne, résidant en France. Titulaire d’une Licence en Lettres modernes et d’un Master en Affaires européennes de la Sorbonne. Chargée de mission pour différentes entreprises“.

8. Das ist heute ganz wichtig:
Im Jahr 1992 trennte sich ein Teil der in der Ukraine lebenden Orthodoxen von der bis zu diesem Zeitpunkt für sie allein zuständigen Kirche des Moskauer Patriarchats. Sie gründeten die „Ukrainisch – orthodoxe Kirche des Patriarchats von Kiew“. Da nicht alle orthodoxen Ukrainer sich dieser ihrer ukrainischen Kirche anschlossen, besteht der Einfluß des Moskauer Patriarchen in der Ukraine noch weiter!
Initiator der Ukrainisch Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats ist Metropolit Philaret, der in Zeiten der Sowjetunion eng mit pro-kommunistischen Friedenskreisen, wie der Christlichen Friedenskonferenz CFK, zusammenarbeitete. Theologisch ist er – wie Kyrill I. in Moskau konservativ bis reaktionär.
Philarets Nachfolger in Kiew ist der Metropolit Epiphanius, er ist jetzt das Oberhaupt der „Ukrainisch-orthodoxen Kirche“.  Er genießt in der Ukraine hohes Ansehen, zum Kriegsbeginn am 24.2. sagte er: “Wir glauben, dass die Gewalt und die Waffen, die heute rechtswidrig gegen uns gerichtet werden, sich in Gottes Zorn und Schwert gegen den Angreifer verwandeln werden”, so Epipanius. Man müsse den Feind abwehren und die Ukraine vor der Tyrannei schützen, die der Angreifer bringen wolle. (Quelle: Dom Radio, 24.2.2022). Auch Bischof Onufri, der Metropolit der mit Moskau verbundenen orthodoxen Kirche in der Ukraine sagte am 24.2. in Richtung Putin und Co.: “Stoppt den Bruderkrieg”.

9. Diese Ukrainisch-orthodoxe Kirche hat 2019 die höchste Aufwertung des Ehren-Primas der ganzen orthodoxen Welt, des Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomäus, erhalten. Er hatte diese Kirche als „vollständig orthodoxe und vollständig ukrainisch“ anerkannt, mit dem Titel eines Patriarchen von Kiew. Diese Entscheidung war für die russisch – orthodoxe Kirche ein extremer Schock und ein Machtverlust. Das Moskauer Patriarchat dachte sogar daran, die Gemeinschaft mit dem Ehren-Vorsitzenden, dem Patriarchen Bartholomäus in Konstantinopel, abzubrechen. Der für die Auslandsbeziehungen zuständige russische Bischof Hilarion (er hält sich oft bei Papst Franziskus auf) warnte schon damals: Die Schismatriker, also die Ukrainisch-Orthodoxen, könnten sich der hoch verehrten traditionellen heiligen Stätten in der Ukraine bemächtigen. „Die dem Moskauer Patriarchen treuen ukrainischen Orthodoxen würden diese heiligen Stätten verteidigen. „Also können wir ein Blutbad deswegen erwarten“. Auch die Kosaken-Truppen in Donbass erklärten sich bereit, die heiligen Stätten der Ukraine gegen die abtrünnigen Orthodoxen zu verteidigen, im Sinne Moskaus natürlich. (Siehe Denis Jacqmin)
Somit hat die russisch-orthodoxe Kirche mit dem Patriarchen von Moskau die Allmacht über die Ukraine verloren. 58 % der sich orthodox nennenden Ukrainer sind mit der neuen ukrainisch-orthodoxen Kirche verbunden (La Croix, 22.2.2022).

10. Wenn es jetzt zum Krieg in weiten Teilen der Ukraine durch die Aggressionen Putins kommen sollte, ist die orthodoxe Kirche der Ukraine, und damit das sich mehrheitlich orthodox fühlende Volk, gespalten. „Es kann sein, dass die Moskau-treuen orthodoxen Ukrainer sich patriotisch für Moskau zeigen“, sagte (bzw. drohte) der mit dem Moskauer Patriarchen verbundene Bischof Victor Kotsaba, er sagte weiter: „Unsere Kirche ist bereit im Falle eines totalen Krieges die Leute zu segnen für die Verteidigung ihres Vaterlandes. („La Croix, 22.2.2022)

11. Wenn es also zum Krieg in weiten Gebieten der Ukraine kommen sollte, wäre dies auch ein Krieg zwischen verfeindeten orthodoxen Christen der Ukraine, die einen pro Moskau, die anderen pro Kiew. Ein Religionskrieg unter Christen?
Daran denkt auch das Oberhaupt der selbständigen, also der nicht vom Moskauer Patriarchen abhängigen Ukrainisch-orthodoxen Kirche, Metropolit Epiphanias: „Der Kreml weitet seine Aggression aus, indem er die Rhetorik der Verteidigung der Orthodoxie gebraucht. Ich wende mich an die orthodoxen Christen hier, die dem Moskauer Patriarchen unterstehen: Warten Sie nicht, bis ihre Führer (Bischöfe) es wagen ihr Schweigen zu brechen und endlich etwas sagen, um den Frieden zu verteidigen, um die Ukraine zu verteidigen. Beginnt damit persönlich! Der Aggressor muss sehen, dass ihr orthodoxen Christen des Moskauer Patriarchats kein Bedarf habt an seinen Truppen und seiner Macht. Das ist die Bürgerpflicht und die Pflicht des Christen“. Bisher hat Patriarch Kyrill I. von Moskau zu den neuesten “Aktionen” (.d.h. dem Krieg) Putins gegen die Ukraine geschwiegen. (Siehe dazu ein Zitat von Regina Elsner, Wiss. Mitarbeiuterin im Zentrum für Osteuropoa in Berlin, im DOM-Radio Köln gesendet am 23.2. 2022, siehe Fussnote 1)

12. Metropolit Epiphanias von der Ukrainisch-orthodoxen Kirche wandte sich dann an alle Ukrainer: Unsere Kirche appelliert daran, der Gewalt vorzubeugen, die sich gegen die Güter der Gemeinden des Moskauer Patriarchats richten. Der Feind sucht nur einen Grund, um im Falle von Gewalt seine eigene Aggression zu rechtfertigen. Unsere gemeinsame Aufgabe ist die es, die Pläne des Feindes zu zerstören“ (Zitate in: La Croix, Paris, 22.2.2022, Beitrag von Marguerite de Lasa).

13. Es ist wichtig zu wissen, dass der Moskauer Patriarch Kyrill I. offiziell Putin unterstützt hat bei der Annexion der Krim und der Gebiete im Osten der Ukraine. Diese Unterstützung Kyrills für Putin hat, so Anna Dolya, viele Orthodoxe mit Bindungen ans Moskauer Patriarchat dann doch zur Ukrainisch – orthodoxen Kirche geführt.

14. Die ukrainische – orthodoxe Kirche mit dem Patriarchat in Kiew hat während der Proteste auf dem Maidan Ende 2013 Partei zugunsten der Demonstranten ergriffen und z.B. das Kloster St. Michael als ein Krankenhaus für die Verletzten umgebaut. Die orthodoxen Christen, die sich als Ukrainer dem Moskauer Patriarchat verpflichtet fühlen, haben zum Teil heftig gegen die Maidan-Demonstranten agiert. Popen in der Ostukraine haben sich auch geweigert, gefallene ukrainische Soldaten zu bestatten, Bischöfe wie Thykon oder der Erzpriester Vsevolod Chaplin haben groß und breit die „zivilisatorische Mission der russischen Soldaten in der Ukraine” gelobt (so Denis Jacqmin).

15. Was ich schon in früheren Beiträgen auf der website des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin betont habe: Die orthodoxe Kirche in Russland kann unter den jetzigen Bedingungen kein Ort gesellschaftlicher Kritik am Staat sein. Sie ist viel zu eng mit dem Staat, mit Putin, verbunden, als dass sie als Opposition überhaupt in Frage käme.
Es wäre ja denkbar, dass angesichts der Unterdrückung jeglicher politischer Opposition die Kirche die Rolle der Opposition übernehmen könnte, wie etwa die Evangelische Kirche in der DDR vor der und während der „Wende“.
Aber damit ist nicht zu rechnen, zumal auch die finanzielle Bereicherung der orthodoxen Kirchenführer „vom System“ so groß ist, dass kein Weg dahin führen könnte, dass diese Organisation von prächtiger Liturgie in uralter Sprache jemals wieder authentische Kirchen werden, die den Namen christliche Gemeinschaft im Sinne Jesu von Nazareth verdienen. Man denke daran, dass der große Dichter Leo Tolstoi einer der heftigsten Kritiker dieser Staats-Kirche damals schon war! Er wurde – natürlich wie üblich im Umgang mit Andersdenkenden – exkommuniziert.

Siehe auch die früheren Hinweise zur Russisch-orthodoxen Kirche auf dieser website des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin, LINK: https://religionsphilosophischer-salon.de/14346_eine-putin-kirche-zur-russisch-orthodoxen-kirche-30-jahre-nach-dem-ende-der-sowjetunion_aktuelle-buchhinweise

Fussnote 1:

Zum Schweigen des Moskauer Patriarchen Kyrill I. zu Putins Kriegserkläerung vom 21.2.2022 sagt die Osteuropa-Expertin Regina Elsner am 23.2.2022: “Bis jetzt schweigt der Patriarch tatsächlich komplett zu dieser ganzen Situation. Es gibt keine einzige Äußerung von ihm. Und das liegt vermutlich genau an diesen Faktoren. Zum einen ist er in die Enge getrieben, einfach auch durch seine jahrelange Unterstützung der russischen Politik. Wenn Putin kirchliche Argumente nutzt, dann ist es für ihn natürlich unmöglich, hier zu widersprechen. Nachdem man seit Jahren genau diese Erzählung mit gefördert hat. Und zum anderen hat er natürlich die große Gefahr vor Augen, dass er die Gläubigen in der Ukraine endgültig verliert, sobald er sich auf die Seite der russischen Argumentation stellt. Das ist die gleiche Situation, wie mit der Annexion der Krim. Auch in diesem Fall gibt es, glaube ich, bis heute keine offizielle Äußerung der “Russischen Orthodoxen Kirche”. Das erklärt sein Schweigen bis jetzt. Und ich bin gespannt, oder ich erwarte ehrlich gesagt nicht, dass es da irgendeine kritische oder in irgendeiner Hinsicht distanzierte Äußerung vom Patriarchen geben wird.

(Das Interview für DOM Radio Köln führte Renardo Schlegelmilch.

Quellen:
Dolya: Anna Doly, L Eglise orthodoxe russe au Service du Kremlin. Dans: Revue Défense Nationale, Paris, 2015/5, pages 74-78.

Denis Jacqmin, Tremblement de terre dans l église orthodoxe, Forschungszentrum GRIP, Bruxelles, 14. Dez. 2018, (https://grip.org/wp-content/uploads/2018/12/EC_2018-12-14_FR_D-JACQMIN.pdf)

La Croix, Comment Poutine instrumentalise la rivalité entre les église orthodoxes en Ukraine, von Marguerite de Lasa, La Croix, Paris, 22.2.2022

Putin kaputt? Von Mischa Gabowitsch, Edition Suhrkamp, 2013, zur orthodoxen Kirche S. 205 – 223.

Kathy Rousselet, “l Eglise orthodoxe russe et le territorie canonique”, in: “Les Etudes du CERI”, Nr. 228-229, Fevrier 2017.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin