Die „unsichtbare Religion“ – lebt in der säkularisierten Gesellschaft

Ein Hinweis auf ein ungewöhnliches Thema des Soziologen Thomas Luckmann
Von Christian Modehn am 30.3.2026

Vorwort:
Der Soziologe Thomas Luckmann hat den engen Begriff „Religion“ erweitert, wenn nicht gesprengt, durch seine These der „unsichtbaren Religion“. Darauf vor allem wird hier hingewiesen. Diese Öffnung des Religionsbegriffes über die engen Grenzen der religiösen, der kirchlichen Institutionen hinaus hat bereits Immanuel Kant geleistet, nicht zuletzt aber der Weisheitslehrer Jesus von Nazareth oder aktuell der große Theologe Karl Rahner. Darauf wird am Ende dieses Beitrags hingewiesen (Nr. 14 ff.)

1.
Thomas Luckmann hat als Soziologe schon 1967 eine neue, ziemlich gewagte These publiziert: Eine von ihm „unsichtbar“ genannte, das heißt „außerhalb der kirchlichen Institutionen“ lebendige, nur individuell je verschieden geprägte Religion sei heute in Europa bestimmend. Wenn das Zerbrechen institutioneller religiöser Bindungen in individuelle Vielfalt gilt, wenn also sehr viele Menschen ihre je eigene Religion, ihren je eigenen „transzendenten Mittelpunkt“ und „Gott“ selber entwickeln, dann muss man an der gängigen sozialwissenschaftlichen und philosophischen These zweifeln: Unsere westliche Gesellschaft sei grundlegend „säkularisiert“, also ohne Bindungen an oberste, für göttlich gehaltene Werte. Es lohnt sich also, über diese „unsichtbare Religion“ nachzudenken… Aber auch die Grenzen dieser liberalen These zu erkennen.

2.
Der vielseitig gebildete Soziologe Thomas Luckmann hat mit seiner “unsichtbaren Religion“ eine heftige Diskussion eröffnet. Er hat gezeigt, dass Religionssoziologie umfassender, durchaus auch philosophisch interessierter ist als die populäre, eher schlichte Kirchensoziologie: Sie ist seit etwa 1945, zumal in Frankreich, etwa auf Statistiken zur „religiösen Praxis“ am Sonntag fixiert oder auf die Anzahl der Priester in ländlichen Gegenden usw. Französische Religionssoziologen hatten einst dieses Hauptinteresse, sie erforschten die religiöse Welt nicht umfassend, sie meinten, angesichts der Teilnehmer – Zahlen an der Sonntagsmesse in allen Regionen Frankreichs Rückschlüsse auf die so genannte „Entchristlichung“ („Säkularisierung“) der jeweiligen Regionen bzw. Bistümer ziehen zu können. Heute ist die französische Religionssoziologie (im Unterschied zu Deutschland) sehr lebendig und viel breiter aufgestellt. Man denke etwa an die zahlreichen wegweisenden Arbeiten von Prof. Danièle Hervieu-Léger in Paris, an ihre Forschungen zur Dominanz subjektiver Religion, die sie unter dem etwas provozierenden Stichwort „Bricolage“, also „Basteln“, „Etwas selber zusammenstellen“ diskutiert. Dies ist nur ein Beispiel für die aktuelle Wirkungsgeschichte der These der „unsichtbaren Religion“ Luckmanns……

3.
Ein Anlass unseres Hinweises ist auch der 10. Todestag Thomas Luckmanns, er ist am 10.Mai 2016 im Alter von 88 Jahren in seiner „Wahlheimat“ Kärnten gestorben, geboren wurde er in Jesenice, Slowenien, am 14.Oktober 1927. Thomas Luckmann ist einer der bedeutenden Soziologen des 20. Jahrhunderts, 1969 wurde er mit entscheidenden Studie „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ (gemeinsam mit Peter L. Berger) weltbekannt.

4.
Uns interessiert hier Luckmanns Essay „Die unsichtbare Religion“, er wurde 1967 in New York unter dem Titel „The Invisible Religion“ veröffentlicht, aber erst seit 1991 liegt eine deutsche Ausgabe vor.
Wir können hier nur auf Luckmanns entscheidende Einsichten zur Entwicklung der christlichen Kirchen hinweisen. Sie zielen auf die schon genannte stark individualisierte, nicht mehr an kirchliche Institutionen gebundene Religion. Die Zitate hier beziehen sich auf die deutsche Ausgabe, erschienen im Suhrkamp Verlag. Das ausführliche Vorwort hat der Soziologe Prof. Hubert Knoblauch, Berlin, verfasst. Zentral ist also Luckmanns These: „Ich halte die Ansicht für falsch, das moderne Leben sei bar jeder Religion, sie sei im Kern areligiös“.( S. 164.) Die Religion könne gar nicht verschwunden sein, denn, so Luckmann: „Die grundlegend religiöse Verfassung des menschlichen Lebens ist nicht verloren gegangen“.( ebd.). D.h.: Zum Menschsein gehört also Religion…Diese heute lebendige, aber „unsichtbare Religion“ lebt überall dort, wo „aus dem Verhalten der Menschen moralisch beurteilbare Handlungen werden.“ (S. 165). Religion ist also ein moralisches Leben, ein Leben, das den Einsichten des Kategorischen Imperativs entspricht, dies kann man weiterführend im Sinne Kants sagen. Zu Kant siehe Nr. 14.

5.
Hubert Knoblauch betont in seinem Vorwort, dass der Begriff „unsichtbare Religion“ lediglich im Titel des Buches genannt wird (S.11). Aber die Idee einer „unsichtbare Religion“ bestimmt das ganze Buch, ist sozusagen das entscheidende Thema. Diese unsichtbare Religion (man sollte angesichts ihrer Pluralität eher den Plural Religionen verwenden) ist faktisch eine Alternative und eine Konkurrenz zu den etablierten Kirchen geworden.

6.
Deswegen weitere zentrale Aspekte zur „unsichtbaren Religion“ im Sinne Luckmanns: Die „unsichtbare Religion äußert sich in verschiedenen menschlichen Verhalten, immer dann, wenn inmitten des Alltags eine bestimmte Praxis zur einer Art absolutem Mittelpunkt des Lebens wird: Dieser „Mittelpunkt“ kann Sport sein, Fußball zumal, dem alle Interessen gelten; er kann auch der Beruf sein; oder können Erotik und Sexualität sein, alles kann zum absoluten Mittelpunkt im Leben werden. Viele Menschen werden sogar gleichzeitig einige Mittelpunkte in ihrem Leben haben, denen sie Zeit, Energie zuwenden, wenn nicht „opfern“.

7.
Allgemein verbindliche, universell für alle geltende Religionen bestimmen nicht mehr das Leben der Menschen von heute, betont Luckmann: „Die traditionellen, institutionell spezialisierten Kirchen konnten ihr Monopol nicht einmal für die spezifisch religiösen Themen aufrechterhalten.“ (S 180.). „Die Kirchen sind Institutionen unter anderen geworden.“ (S. 182).
Die verschiedenen Gestalten unsichtbarer, d.h. also institutionell nicht-gebundener Religion, setzen sich durch, weil „die religiöse Repräsentation durch die Kirchen zu einem System bloßer Rhetorik geworden ist.“ (S. 139). Das heißt: Die religiöse Botschaft der Kirchen ist für die meisten Menschen nicht mehr nachvollziehbar, nicht mehr glaubwürdig, sie wird nicht mehr hilfreich im individuellen Leben erlebt. Weil die Führer dieser Kirchen, die Theologen offenbar und die Prediger etc. zur bloßen „Rhetorik“ neigen. Das heißt wohl: Leere, seit Jahrhunderten identische Worthülsen dogmatischer Art verbreiten…

9.
Thomas Luckmann hat also schon vor 60 Jahren den weitreichenden Bruch in der religiösen Praxis wahrgenommen. Der einzelne Mensch baut sich, „bastelt“ sich, wie französische Religionssoziologen sagen, sein persönliches System für ihn gültiger Werte und Orientierungen, oft vorläufig, für bestimmte Lebensphasen. Die individuelle inhaltliche Aussage dieses je von mir „gebastelten“ Glaubens kann sich im Laufe des Lebens bei immer neuen Lebenserfahrungen selbstverständlich wieder ändern. Früher gab es z.B. Konversionen vom Katholizismus zum Protestantismus, jetzt gibt es ganz andere Konversionen, etwa: Ein älterer Mann konvertiert von seiner Sport- Trainings – „Vergottung“ zur Yogapraxis und zum veganen Leben in vegan verpflichteten (dogmatischen?) Lebensgemeinschaften…

10.
Die „unsichtbare Religion“ im Sinne Luckmanns trifft eine wesentliche Tendenz in der Veränderung dessen, was seit etlichen Jahren in Europa als Religion oder „höchstes Gut“ oder „Göttliches“ wahrgenommen und gelebt wird. Dennoch bleibt die Frage offen, ob es ein normative Kriterien dafür gibt, was man also mit guten Gründen unter den wichtigen Präferenzen im Leben Religion oder Religionen tatsächlich dann nennen sollte. Denn es kann nicht jeglicher vom einzelnen hoch geschätzter Wert als religiös bezeichnet werden.

11.
Dann ist es auch problematisch, wenn im Sinne der totalen Individualisierung der Religion der Aspekt der Gemeinschaft eher vernachlässigt wird. Menschen brauchen immer und überall den Austausch über Lebenserfahrungen und über den Mittelpunkt im jeweiligen Leben. Sie brauchen also Gemeinschaften. Aber gibt es im Ernst etwa SportlerInnen, die sich so intensiv über Sport austauschen, dass damit auch die klassischen religiösen Themen (Sinn des Lebens, Liebens Sterbens, Todes…) zur Sprache kommen und diese Themen auch irgendwie rituell „bearbeitet“, zelebriert werden? Das müsste man empirisch untersuchen. Ich bezweifele, ob man dabei nicht die Sportgemeinschaften oder der Opernliebhaber oder der Vegetarier-Fans usw. sozusagen religiös „überfordert“.

12.
Im ganzen habe ich den Eindruck, dass Luckmanns These der „unsichtbaren Religionen“ in eine Hochphase liberalen Denkens passt, als die Individualisierung sozusagen heilig gesprochen wurde. Bernt Schneller bezeichnet in seiner Studie „Thomas Luckmann“, (UVK, Konstanz 2006, S. 119) die Idee der „Sakralisierung des Individuums“ als eine entscheidende Leistung Luckmanns,. Schneller nennt als neue „religiöse Gemeinschaften“ im Sinne Luckmanns nach dem Ende der kirchlichen Institutionen: „ Selbsthilfegruppen, Cliquen (sic) und andere sinnstiftende Gemeinschaften.“ (S. 119). Den religiösen Aspekt von Selbsthilfegruppen oder zivilgesellschaftlichen NGOs wissenschaftlich herauszustellen, wäre tatsächlich ein interessantes Projekt. Bei den „Anonymen Alkoholikern“ hat bekanntlich ein Gottesbezug und sogar die Hochschätzung des „Vater Unser“ eine hilfreiche Bedeutung… Und: Wie die stark etwa die engagierten, oft im Einsatz gefährdeten Mitarbeiter der „Ärzte ohne Grenzen“ eine Spiritualität leben (müssen, um durchzuhalten), ist manchmal von ihnen selbst beschrieben worden.

13.
Wahrscheinlich ist die These Luckmanns von der „unsichtbaren Religion“ heute zu ergänzen, wenn nicht zu ersetzen durch den Begriff der Vielfalt der Spiritualität, ohne die nun kein Menschen als geistiges (das heißt immer auch „spirituelles“ )Wesen zu leben vermag. Die Kirchen als Institutionen von Dogma und Klerus haben diesen Wandel in der Bindung der Menschen nicht grundlegend verstanden: Die Menschen suchen heute Spiritualität, eher nicht die von den Kirchen klassisch angebotene dogmatische Lehre.

14.
Die „unsichtbare Kirche“ ist auch ein Begriff für die eine zentrale Erneuerung des engen dogmatischen Kirchenbegriffs durch den Philosophen Immanuel Kant in seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1793). Diese „unsichtbare Kirche“ nennt Kant „eine Idee von der Vereinigung aller Rechtschaffenden unter der göttlichen unmittelbaren (also nicht durch die Kirche vermittelten, CM), aber moralischen Weltregierung…“ (im Text Kants auf Seite B 142). Wir haben zu Kant und auch zu seinem wichtigen und aktuellen Religionsbegriff etliche Hinweise publiziert, siehe etwa: LINK

15.
Auch der Mensch Jesus von Nazareth hat als freier, radikal – kritischer Weisheitslehrer im damaligen Judentum, in seinen Predigten (und seinem provozierenden Handeln) ausdrücklich die engen Grenzen einer Gesetzes-rigiden Religion gesprengt und dadurch ein anderes, sozusagen reformiertes Verständnis für ein gottgefälliges Leben geöffnet über die Religionsgrenzen hinaus. Man denke etwa an die Bergpredigt Jesu: Dort werden mit den Forderungen eines humanen Lebens die „Einlassbedingungen“ der Menschen für die Zugehörigkeit zum universellen „Reich Gottes“ als Reich des Friedens und der Gerechtigkeit dargelegt. Siehe dazu das Evangelium nach Matthäus, 5. Kapitel. Noch wichtiger für diese Zurückweisung enger religiöser konfessioneller Normen für ein authentisches religiöses Leben ist die Rede des Weisheitslehrers Jesus über das „Weltgericht“, Matthäus, 25. Kapitel, 31 ff. besonders ab Vers 34. Deutlicher kann die alle Grenzen der eigen Religion (der jüdischen wie der christlichen) sprengenden humanistisch – weiten Spiritualität Jesu nicht mitgeteilt werden. Wenn Matthäus diese Rede Jesu unter dem Stichwort „Weltgericht“ darstellt, dann will er nur mit den Mitteln seiner damals zur Verfügung stehenden Sprache sagen: Weltgericht bedeutet die alles entscheidende Norm für eine Praxis und Lebensorientierung der Menschen, die sich menschlich nennen darf…Aktuell – provozierend ist etwa die Aussage des Weisheitslehrers Jesus: „ Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen“, denn in den Fremden wird Jesus, wird sogar Gott repräsentiert, das ist die humane, menschliche Weisheit des Neuen Tetamentes. (Siehe Matthäus Kap. 25, Vers 35).

16.
Auf das alle engen konfessionellen Grenzen sprengende Denken des großen katholischen Theologen Karl Rahner soll hier noch kurz hingewiesen werden. Sehr häufig hat Rahner ausführlich argumentiert: Der christliche Glaube ist eigentlich eine – vom Umfang der Lehrmeinungen her gesehen – sehr einfache, insofern „bescheidene“ Weisheitslehre. Gott (als letztlich niemals zu definierendes Geheimnis, so Rahner ) ist allen Menschen nahe, ob innerhalb der Kirche oder außerhalb. Gemeint ist der bergende, der nur unbeholfen göttlich zu nennende menschenfreundliche Sinn-Grund, auf den sich alle Menschen sbeziehen können, im Leben, Lieben, Schmerz, im Sterben. Dieser Verbindung mit Gott als dem bergende Geheimnis entspricht die menschliche Praxis der – immer auch politisch zu gestaltenden – Nächstenliebe. So einfach ist der christliche Glaube, universell verstanden als gelebte Möglichkeit für viele auch außerhalb der Kirchen: Gottesliebe und Nächstenliebe sind eins, untrennbar verbunden. Wer entsprechend zu leben versucht, fügt Rahner hinzu, gehört dann auch zur unsichtbaren Kirche… Die Idee der „unsichtbaren Kirche“ im Sinne Kants klingt wieder an…(Siehe unter vielen Beiträgen Rahners zum Thema etwa den Aufsatz „Der Glaube der Christen und die Lehre der Kirche“, 1971, in „Schriften zur Theologie, Band X., S. 262, bes. S. 283 f.)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

Warum lassen wir `gestrandeten` Menschen und ertrinkenden Flüchtlingen nicht genauso viel Aufmerksamkeit und Hilfe zukommen wie diesem Buckelwal?

Die 30. unserer „Unerhörten Fragen“

Von Christian Modehn am 28. März 2026

1.
Diese Frage ist unerhört, also hoffentlich irritierend für Leute, denen ihre Tier“liebe“ über alles geht. Und die aber gern zusehen, wenn von Frontex Flüchtende im Mittelmeer wieder zurück nach Libyen geschickt werden.

2.
Wir leben in einer Menschheit, in der Buckelwale – bei allem Respekt für diese Tiere, die sich in der Klimakrise verirren – sorgsamer behütet und täglich in den allen großen Fernsehnachrichten aufmerksamer mit allen Details der Hilfe gewürdigt werden als die krepierenden Menschen im Mittelmeer oder im Atlantik, auf dem verzweifelten Weg nach Spanien.

3.
Wir halten dieses übermäßige, schon extreme Interesse für diesen so „süßen“, so armen, so hilflosen Buckelwal angesichts der vielen tausend bewusst dem Ertrinken überlassender Boots – Flüchtlinge für eine Schande. Mindestens 20.000 Flüchtlinge sind bisher im Mittelmeer krepiert.

4.
Für das nicht gerade menschenfreundliche Frontex-Regime ist es bezeichnend: Der ehemalige Frontex Chef Fabrice Leggeri wird vom Pariser Ermittlungsrichter wegen möglicher Beihilfe zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit untersucht und hoffentlich angeklagt und genauso hoffentlich auch verurteilt. Dieser einstige Frontex Chef war bezeichnenderweise inzwischen in der rechtsextremen und einst explizit rassistischen Partei Marine Le Pens, dem Rassemblement National, zu führender Stellung gekommen und 2024 auf Listenplatz drei für die Wahl zum Europaparlament gesetzt worden. Darf man vorsichtig sagen: Ein Rassist war Chef der Frontex zur Abwehr der Flüchtlinge. (Siehe als Beleg: Süddeutsche Zeitung, 27. 3. 20926, Seite 6.)

5.

Zum aktuellen Sterben der Flüchtlinge im Mittel-Meer vor Kreta am 29.3.2026:LINK

Zur riesigen Rettungsaktion des Wals in der Ostsee und der riesiegen Aufmerksamkeit der Medien, erneut am 29.3.2026: LINK 

6.

Unsere westliche Kultur, sie behauptet manchmal noch christlich zu sein, wird als „tier-liebend“ und „flüchtlings-feindlich“ bewertet werden. Diese „Tierliebe“ gilt  (für Fleich-Esser natürlich nicht) angesichts der Millionen  gequälter „Nutztiere“, in den überfüllten Stall-Anlagen oder den grausamen „Viehtransporten“… Tierliebe gilt für die Millionen Haustiere bei uns zu Hause und die exotischen Tiere („Danke“ dir, rechtsextreme Brigitte Bardot, für deinen so frühen, so „vorbildichen“Einsatz)… Nebenbei: Wann werden Haifische das lustige Baden in der Nordsee stören?

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

Ein christlicher Glaube, der befreit. Denn die Kirchendogmen sind relativ!

Das neue Buch des Theologen Peter Trummer
Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.3.2026

Das Motto: „ Religionen können ihre Qualität einzig damit ausweisen, ob und wie weit sie Menschen helfen, ihre endliche, begrenzte Existenz mit Sinn zu füllen, Mitgefühl für einander zu empfinden und Solidarität mit allen zu leben.“ (S. 21 in dem genannten Buch).

1.
Peter Trummer zeigt in seinem Buch sehr treffend: Die entscheidende humane Basis der Religionen wird sehr oft, auch im Katholizismus, ignoriert und verraten: wegen der nicht zu überwindenden Klerusherrschaft und des Festhaltens an Dogmen, die verstaubt sind und nicht den Weisungen des Weisheitslehrers Jesus Christus entsprechen.

2.
Es ist eher selten, dass ich ein Buch eines katholischen Theologen aus dem deutschsprachigen Raum sehr dringend empfehle. Peter Trümmer, emerit. Theologieprofessor an der Uni Graz, Spezialist für Studien des Neuen Testaments, legt ein neues Buch vor: Der Titel ist provokativ gemeint: „Jesus ohne Opfer“. Diese Forderung will sagen: Katholiken und ihre klerikalen Führer sollen Jesus nicht länger als den „Sohn Gottes“ der Trinität lehren und propagieren, der als „Opferlamm“ von einem grausamen Gott – Vater in den blutigen Kreuzestod auf Erden geschickt wird: Um so leidend und blutig die Erlösung der Menschen zu bewirken. Erlösung bedeutet aber offiziell-klerikal: Überwindung der „Erbsünde“! Diese „Erbsünde“ ist eine auch biblisch gesehen eine abwegige, nur mit Macht und Gewalt durchgesetzte Behauptung des heiligen Augustinus. Der Witz sozusagen Die Erbsünde wird – im Unterschied zu den vielen anderen Sünden, Fehlern, Verbrechen, als solche von Menschen gar nicht erlebt und als solche erfahren…

3.
Jedenfalls steht fest: „Solange Opfer-Ideologien (sic !) den Glauben verdunkeln, kann sich keine Einsicht einstellen, dass Gott sehr viel anders ist als wir bisher dachten und gelehrt bekommen haben, er gar keine beamtete Vermittlung und rituelle Manipulationen braucht, weil alle Menschen ausnahmslos und unmittelbar seine `Töchter und Söhne` sind, um die sich Gott mit hingebungsvoller Elternliebe kümmert.“ (S. 184).

Zu dieser Aussage wünscht man sich nähere Differenzierungen: Ist die „hingebungsvolle Elterliebe Gottes“ letztlich für die leidenden und ungerecht behandelten Menschen eine Art letzter metyphysischer Trost? Kommen eigentlich die Menschen insgesamt, auch die wohlernährten und gesunden und lange Lebenden, ohne metaphysischen Trost aus? Dabei übersetze ich  „die hingebungsvolle Elterliebe Gotttes“ mit metyphysischem Trost…

4.
Der bis heute in Predigten und Vorlesungen propagierte und auch besungene (Karfreitags-Lieder, bitte Fußnote 1 beachten) Wille Gott-Vaters zur Hinrichtung seines Sohnes hat trotz aller heiligen mittelalterlicher Kirchenlehrer nichts mit dem Neuen Testament zu tun. Das zeigt der Spezialist für ein historisch – kritisches Verstehen des Neuen Testaments sehr deutlich. Hilfreich, befreiend, zum Leben ermunternd sind allein Leben und Lehren des Weisheitslehrers Jesus von Nazareth: Jesus wird hingerichtet, weil er konsequent die unendliche Liebe Gottes zu allen lebte und predigte. Ebenso ließ Jesus nicht ab von seiner radikalen Kritik an der Übermacht des jüdischen religiösen Gesetzes, verteidigt von der Elite damals … Jesus wurde als ein religiöser Erneuerer in Zusammenarbeit mit den römischen Machthabern hingerichtet.

5.
Der katholische Theologe Peter Trümmer versteht zurecht die herausragende und bis heute inspirierende Gestalt Jesu als WEISHEITSLEHRER. Dies ist auch der Sinn des Untertitels, den ich fast wie einen Schrei wahrnehme angesichts einer nach wie vor sturen klerikalen Dogmen – Kirche. „Glaube, der befreit“ heißt der Untertitel. Wovon befreit der hier vorgestellte christliche Glaube: Von Aberglauben, von unsinnigen, verstaubten Dogmen und auch von der Macht des Klerus: „Im traditionellen, zu überwindenden Kirchenbild geht es fast ausschließlich um die Selbstdarstellung des eigenen (Klerus-) Amtes, das sich mithilfe der Gottheit Jesu erheblich àufwertet`.“ (S. 182).

6.
Es wird also erneut sehr energisch und mutig für einen christlichen, speziell katholischen Glauben plädiert, der auch heute für reife, vernünftige, kritische Menschen hilfreich ist. An dem Thema haben sich bekanntlich sehr viele kritische katholische Theologen schon seit vielen Jahren die Finger – erfolglos – „wundgeschrieben“.. Ich nenne nur die Kritik von Hans Küng, Hermann Häring oder Hermann Baum (dessen wichtiges Buch „Die Verfremdung Jesu“ ist leider nur antiquarisch zu haben)…Nun also reiht sich Peter Trummer in die Riege der an Sisyphus erinnernden Theologen ein…

7.
Diese überaus anregende Buch „Jesu ohne Opfer“ aus dem Herder – Verlag stellt Jesus von Nazareth als Norm katholischen Lebens in den Mittelpunkt, als bestimmenden Maßstab für die Lehren und Theologie der (katholischen) Kirche. Aber für Peter Trümmer ist auch die universell geltende Vernunft (bekanntlich eine Schöpfung Gottes!) das zweite entscheidende Kriterium, um bisherige Kirchenlehren zu korrigieren. Ein Beispiel für den Zusammenhang des normativen Jesus – Gestalt und der universellen Vernunft: Peter Trummer deutet das “Kreuzesopfer“: „Der Abba, der liebe Vater Jesu, fordert kein Kreuzesopfer, denn ein Gott, der strafen muss (nämlich den grauenvollen Tod seines „Sohnes“ ans Kreuz will, CM), um lieben zu können, wäre ein Widerspruch in sich.“ (S. 147). Weil dieser Gott einem menschlich immer gebotenen vernünftigen Verstehen der göttlichen Wirklichkeit, die diesen Namen verdient, total widerspricht…
Noch deutlicher zum selben Thema schreibt Trummer: „Würde ein irdischer Vater so abwegig handeln (also den eigenen Sohn zum grauenvollen Tod ans Kreuz schicken, CM), er könnte als Vater nur in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher landen. Für eine solche ver – rückte Glaubensdeutung können wir bei unseren Gesprächspartnerinnen wenig Verständnis erwarten, auch nicht dafür, dass wir dies mit unseren Mess-Opfern auch noch so oft feiern wollen.“ (S. 157.)
Damit wird sehr richtig deutlich gesagt: Auch Gott selbst untersteht als absolute geistige Wirklichkeit dem universell geltenden Vernunft – Prinzip der Liebe und Gerechtigkeit, eine Erkenntnis, die der israelisch -deutsche Philosoph Omri Boehm für das Alte Testament beschrieben hat. LINK. https://religionsphilosophischer-salon.de/15297_auch-gott-untersteht-dem-recht-und-der-gerechtigkeit_buchhinweise/philosophische-buecher

8.
Unter den viele anregenden Themen des Buches ein Hinweis: Peter Trummer kritisiert mit guten Gründen sehr treffend die bis heute üblichen, ausschließlich vom männlichen Klerus zelebrierten „Mess- Opfer – Feiern“. Den wahren und den Intentionen Jesu entsprechenden katholischen Gottesdienst sieht er eher in schlichten Mahl-feiern. Wer das Neue Testament sehr gut kennt, wie Trummer, weiß: Das Miteinanderspeisen in einer offenen, schlichten Tischgemeinschaft ,mit der Erinnerung an Jesus von Nazareth, ist das „Wesen des Christentums“, was ja schon der katholische Theologe Franz Mußner um 1970 betonte.

9.
Peter Trummer weist mehrfach in diesem Buch auf die Mängel der ersten Einheitsübersetzung des Neuen Testaments unter Leitung der katholischen Bischöfe hin. Viele Beispiele werden genannt, dabei geht es um grundlegende Übersetzungsfehler, die sich in scheinbaren „Nuancen“ verstecken. (S. 105, 167, 183 usw..) Nur ein Beispiel: Die Übersetzung des Verses im Galaterbrief des Apostels Paulus (Gal. 1,15f.) heißt in der Ausgabe der „Einheitsübersetzung“ von 1980: „Es gefiel Gott mir seinen Sohn zu offenbaren“. Richtig heißt es in der Ausgabe von 2018: „ Es gefiel Gott… IN MIR seinen Sohn zu offenbaren“. (S. 167). Durch dieses „in mir“ wird der innere, unmittelbare Vorgang der Offenbarung betont. Welch ein wichtiger Unterschied!

10.
Es fehlt mir in dem Buch eine ausführliche Auseinandersetzung mit der unsinnigen Erbsünden-Lehre als Dogma, sie ist direkt oder als immer präsenter Hintergrund entscheidend verantwortlich für die Irrwege der (nicht nur katholischen, sondern auch reformierten, lutherischen) Kirchenlehre und Kirchenpraxis. Die Erbsünden-Ideologie bestimmt bis heute die meisten Kirchen. Und weil ein Dogma nun einmal angeblich für ewige Zeiten umkorrigierbar besteht, so will es der diese Dogmen erfindende Klerus, gibt es also wenig Aussichten, dass sich die Kirchen von dieser Ideologie des Augustinus befreien.

11.
Einer weiteren Klärung bedürftig finde ich Peter Trummers Aussage, der Apostel Paulus „ist … der älteste Zeuge der Ostererfahrung…“ (S. 141). Ich möchte meinen, die ältesten Zeugen der Osterfahrung sind die Apostel und JüngerInnen, die nach dem Schock des Todes Jesu nach einiger (längerer) Zeit wieder Hoffnung fanden und erkannten: Jesus liegt wie alle anderen Menschen als Körper zwar im Grab, aber sein Geist lebt, ist „auferstanden“, so wie der Geist, die Seele aller Menschen – in irgendeiner Weise – aufersteht.

12.
Man freut sich angesichts dieses Buches, dass es die „Kirchliche Druckerlaubnis“ (meist durch „General – Vikare“ ausgesprochen) nicht mehr gibt, und auch der Index ist abgeschafft, so kann Peter Trummer seine richtigen Vorschläge unters Volk bringen. Wie viele herzliche Dankesbriefe er von katholischen Bischöfen schon erhalten hat, wird er uns in seinem nächsten Buch mittteilen, hoffen wir.

Fußnote 1:
  Ich erinnere an das grausige ideologische Karfreitags – Lied des eigentlich manchmal noch nachvollziehbaren Theologen und Poeten Paul Gerhardt, aus dem Jahr 1647:

„Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt ..“, Evangelisches Gesangbuch, 1993, dort die Nr. 83).

Dort heißt es in den ersten drei Strophen ziemlich brutal:

1. Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld
der Welt und ihrer Kinder;
es geht und büßet in Geduld
die Sünden aller Sünder;
es geht dahin, wird matt und krank,
ergibt sich auf die Würgebank,
entsaget allen Freuden;
es nimmet an Schmach, Hohn und Spott,
Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod
und spricht: „Ich will’s gern leiden.“

2. Das Lämmlein ist der große Freund
und Heiland meiner Seelen;
den, den hat Gott zum Sündenfeind
und Sühner wollen wählen:
“Geh hin, mein Kind, und nimm dich an
der Kinder, die ich ausgetan
zur Straf und Zornesruten;
die Straf ist schwer, der Zorn ist groß,
du kannst und sollst sie machen los
durch Sterben und durch Bluten.“

3. „Ja, Vater, ja von Herzensgrund,
leg auf, ich will dir’s tragen;
mein Wollen hängt an deinem Mund,
mein Wirken ist dein Sagen.“
O Wunderlieb, o Liebesmacht,
du kannst – was nie kein Mensch gedacht –
Gott seinen Sohn abzwingen.
O Liebe, Liebe, du bist stark,
du streckest den in Grab und Sarg,
vor dem die Felsen springen…..

Wann wird sich die Evangelische Kirche dafür entschuldigen, dass sie diesen theologischen Schrott noch heute in den Gemeinden singen lässt, am evangelischen Hochfest, dem Karfreitag! Wann wird dieses Lied aus dem Gesangbuch verschwinden?

Auch die Katholische Kirche hat zahllose Kirchen-Lieder „im Einsatz“, die Jesus als Opferlamm, als „Agnus Dei“usw. ständig ansprechen und preisen.

Sehr drastisch ist das Schlusslied aus der Messe von Michael Haydn, sein Schlusslied hat den Titel: „Nun ist das Lamm geschlachtet, das Opfer ist vollbracht„. Der katholische Priester hat förmlich – geistig, symbolisch,  real wie auch immer – am Altar in der Messe das Lamm Christus „geschlachtet und das Opfer (Christi) noch mal vollbracht…“. Welch ein Wahn eines Klerikalismus, eines  Priester-Verständnisses, das an uralte jüdische oder heidnisch – römische Priester in den jeweiligen Tempeln mit allerhand Schlachtereien erinnert…PS: Vegetarier damals sollen sich geweigert haben, diesen Unsinn zu singen…

Die erste Stophe:

Nun ist das Lamm geschlachtet,
das Opfer ist vollbracht.
Wir haben jetzt betrachtet,
Gott, deine Lieb’ und Macht.
Du bist bei uns zugegegen;
aus deinem Gnadenmeer
ström’ uns dein Vatersegen
durch dieses Opfer hier…. (Michael Haydn).

.

Peter Trummer, Jesus ohne Opfer. Glaube, der befreit. Herder Verlag, 2026, 192 Seiten, gebundene Ausgabe 22 €, eBook 16,99 €.

In der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ hat sich Peter Trummer im Februar 2026 zum Thema des Buches zusammenfassend geäußert. LINK 

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

 

 

Bittgebete: Unsinn … und gelegentlich Sinn: Über Beten als Poesie.

Bittgebete verstehen. Sie sind meist unsinnig, manchmal noch hilfreich!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 1. März 2026

Vorwort:
Beten ist eine persönliche Poesie inmitten des Lebens und Leidens. Und Bitt – Gebete können hilfreich sein, wenn ich mich meiner persönlichen Poesie vergewissere, einer Poesie, die in aller Vielfalt den tragenden Sinns des Lebens und Sterbens in Worte fasst. Dieser bergende Sinn ist für christlich orientierte Menschen eine göttliche Wirklichkeit: „Die gute, wunderbare, ewige Wirklichkeit, in der wir geborgen sind“, um an Dietrich Bonhoeffers Satz – leicht variierend- zu erinnern. Aber: Bittgebete sind niemals Wundermittel.

1.
Es wird jetzt, wie immer in Krisen-Kriegszeiten, offenbar viel gebetet, viele Aufforderungen zum Bittgebet werden, von den religiösen „Führern“, dem Klerus, als hilfreich empfohlen. Papst Leo redet ständig von Bittgebeten. Er meint wohl, nach uralter „klassischer“ Spiritualität, Gott als „Person“ im Himmel förmlich „bestürmen“ zu können mit unseren auch politischen Wünschen. Wie Gott im Himmel dann die eingehenden unterschiedlichen Wünsche koordiniert, d.h.“erfüllt“, wissen die Frommen mit ihrer ganz unterschiedlichen Wunschliste natürlich nicht. Und niemand kann das wissen. Das heißt: Die frommen Bittenden glauben eigentlich selbst nicht daran, dass ihre Wünsche erfüllt werden. Sie gehen dann mit den immer wiederkehrenden Enttäuschungen relativ gelassen um: Es ist wie beim Lotto-Spiel: Niemand ist erschüttert, wenn er auch diesmal nicht die richtigen sechs Zahlen getippt hat. „Dann halt beim nächsten Mal.“ Und es wird weiter um Frieden gebetet. Beten und Bitten kann gedankenlos werden…

2.
Das Bild eines allmächtigen und allwissenden Gottes im Himmel, der je nach Laune ins Weltgeschehen eingreift und plötzlich aus einem Kriegsverbrecher einen Pazifisten macht, dieses Gottes – Bild ist verstaubt und vergangen. Es macht aus dem Unendlichen und Ewigen förmlich einen Hampelmann, der sich abhängig macht von den jeweiligen Launen der Frommen: Fromme Russen beten für Putins Sieg, fromme Europäer beten zurecht für die Menschen in der Ukraine und die Niederlage Putins. Mein Gott, möchte man sagen, was soll Gott da alles erhören und richtig stellen, was Menschen in ihrer Freiheit zerstören.

3.
Bittgebete sind oft auch Ausdruck existentieller Hilflosigkeit. Aber diese Hilflosigkeit inmitten von Kriegen ist von Menschen verursacht, nicht von Gott im Himmel. Eine schöpferische göttliche Wirklichkeit hat die Menschen als freie Menschen erschaffen, das heißt mit Vernunft ausgestattet. Nur so können Menschen ihr Leben gestalten, sich aber auch aufgrund der Freiheit unsinnig und kriegerisch zerstörend austoben. Kriege sind Ausdruck von Freiheit. Wenn die Menschen, die Bürger aufpassen würden, könnten sie Kriegsherren wie Putin, Trump usw. doch wohl verhindern oder früh genug absetzen…
Das ist der Preis der Freiheit… Aber sind Menschen als Menschen denkbar, wenn sie unfrei wären?

4.
Und nun beten auch die Führer der US-Evangelikalen erwartungsgemäß wieder mal für ihren Führer und mit ihrem Führer Donald Trump, sie beteten vor laufender Kamera am 5. März 2026 für das Wohlbefinden der US Truppen und den Sieg der US Streitkräfte im Iran. Für das Leiden der „einfachen Menschen“ im Iran, im Libanon, in Israel usw. beteten sie explizit wohl nicht, diese Menschen sind als Opfer der Kriege doch nur „Kollateralschäden“, wie es in der Sprachen der Krieger heißt. LINK

5.
Beten für den Frieden kann nur bedeuten: Nachdenken, wie Frieden wieder möglich wird. Ausbildung zum Frieden und Lernen des gewaltfreien Widerstandes in den Gemeinden weltweit muss man als zentrale christliche Aufgabe verstehen. Diese ständige Arbeit am Frieden sollte auch ein Papst lehren und vorleben. Der Papst betet und bittet … und formuliert permanent sympathische diplomatische Friedens – Forderungen, oft verbrauchte Floskeln, als Chef des Staates Vatikan, genannt Heiliger Stuhl. Diesen „Heiligen Stuhl“ respektieren die meisten Diplomaten mit freundlichem Lächeln, aber dieser „Stuhl“ steht den Mächtigen immer nur im Wege, wenn sie ihre kriegerischen Untaten begehen. Kurz gesagt: Der Papst kann sich politisch nicht mehr durchsetzen, das Mittelalter ist vorbei. Ob der Papst als Papst das weiß? Als Papst müßte er sich um Wichtigeres kümmern: Christen zu Aktivisten des Friedens und der gewaltfreien Aktion ausbilden…
Die internationale katholische Friedensbewegung „PAX Christi“ hat in der Kirche einen marginalen Status, „Pax Christi“ gilt als eine Versammlung von Utopisten… und Spinnern.

6.
Wenn wir Bittgebete sprechen oder Bittgebete anderer uns berühren, dann sollten wir aufmerken: Was kann ich, was können wir tun, um aus dem konkreten Elend herauszufinden? Bittgebete sind Aufrufe zur Reflexion, zur Selbstreflexion wie zum Nachdenken der vielen, die einen Hilferuf als Bitte, als Bittgebet, hören.

7.
Manches Leid und viele Leiden lassen sich nicht – zumal bei Krankheiten oder im Erleben von Naturkatastrophen – überwinden oder aufheben. In solchen Situationen haben Bittgebete vielleicht eine heilende Wirkung und Bedeutung: Sie erinnern die Bittenden, die Christen zumal, an die eine, alles entscheidende Basis (!) ihres Glaubens: Gott ist der tragende, der gründende Sinn im Leben, trotz allem. Gott oder die schöpferische Kraft ist „die gute Macht, in der wir Menschen uns geborgen glauben“, wie es Dietrich Bonhoeffer ähnlich formulierte. Das heißt: Der Christ weiß, dass er immer von Gott behütet ist, da braucht er nicht dieses oder jenes von Gott zu erflehen. Der Christ soll handeln – zugunsten des Friedens, der universellen Gerechtigkeit. Und nicht so viel Beten. Seine poetischen Talente kann der Christ auch anderweitig ausprobieren…

8.
Wann könnte trotzdem ein Bittgebet als meine Poesie sinnvoll und hilfreich sein? Wenn wir die Gewissheit haben: Alles droht unterzugehen, Humanität droht zerstört zu werden und mein Leben und unser Leben ist am Kipppunkt, also christlich gesprochen am Übergang in eine andere Wirklichkeit ohne leibliches Dasein. Also: Unter solchen Bedingungen können Bittgebete als Poesie hilfreich sein. Sie vergewissern den einzelnen seiner Verbundenheit mit dem Ewigen, das Neue Testament oder auch Meister Eckart und Hegel würden sagen: Sie geben dem einzelnen die Gewissheit, mit dem göttlichen Geist, dem ewigen Geist des Ewigen, verbunden zu bleiben. Das Bittgebet als persönliche Poesie hat also auch in einem neuen, vernünftigen theologischen und religionsphilosophischen Verständnis eine begrenzte, hilfreiche Bedeutung. Bittgebet, so verstanden, führt in eine Form von bleibender Geborgenheit, als Hoffnung über den Tod hinaus. Aber Hoffnung bedeutet immer: Handeln im Sinne der universellen Gerechtigkeit.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Mitschuldig am Krieg gegen die Ukraine: Die Russisch-orthodoxe Kirche

Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.2.2026

1.
Wer ist schuld am Krieg des russischen All-Herrschers Putin gegen die Ukraine? Da sind viele Argumente zu nennen, auch die bewussten oder unbewussten politischen Fehler westlicher (auch deutscher) Politikerinnen, sie haben u.a. aus ökonomischen Interessen Putin unterstützt und Geschäfte gemacht.

2.
Eine Organisation, die ohne Zweifel und sehr deutlich mitschuldig ist an den Verbrechen des Krieges Putins gegen die Ukraine ist die Russisch-orthodoxe Kirche mit ihrem Patriarchen Kyrill I. von Moskau an der Spitze. Das wurde vielfach nachgewiesen, auch im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin, auch von zahlreichen Religionswissenschaftlern und Politologen. Es ist der vor allem der oberste Führer dieser Kirche, der durch seine radikale Kriegs-Hetze für Putin die Glaubwüridgkeit dieser sich christlich nennenden Kirche beschädigt.

3.
Die Russisch-orthodoxe Kirche als mitschuldig am Krieg gegen die Ukraine zu nennen, ist unsere Pflicht, gerade am 22.4.2026, vier Jahre nach dem Kriegsbeginn Putins gegen die ganze Ukraine.

4.
Das zu betonen ist uns wichtig. Denn deutlich ist:
Diese Russisch – orthodoxe Kirche könnte grundsätzlich als einzige Groß-Organisation im Reich Putins ein starke Opposition sein und für das Ende dieses Angriffskriegs eintreten. Das macht sie aber nicht, von einzelnen Priestern dieser Kirche abgesehen, die sich kritisch äußern: Dann werden sie von ihrem Kirchen-Chef Kyrill bestraft oder müssen ins Ausland flüchten.

5.
Warum ist die Russisch-orthodoxe Kirche keine Opposition?
Diese Kirche ist zuerst russisch, das heißt gebunden an die Werte und Unwerte der russischen Nation und Kultur. Diese Kirche hat als obersten Wert also die Bindung an die Nation, und diese Bindung an die russische Nation wird seit Jahrhunderten von den russischen Herrschern definiert und durchgesetzt, von den Zaren, den Verbrechern des Stalinismus, von dem All-Herrscher und Kriegsherrn Vladimir Putin. Diese Kirche ist also eine Art kirchliche Folklore für die russische Nation. Ihre Liturgien werden von Popen (immer Männer natürlich) in der für die Allgemeinheit unverständlichen Sprache Kirchen-Slawisch zelebriert. Was man so Predigten nennen kennen kann: Die werden auf Russisch gehalten, haben aber nie einen kritischen Bezug zur politischen-sozialen Situation der Russen. Diese Kirche hat die Gläubigen nie gebildet, dass die Menschenrechte Teil des Glaubensbekenntnisses sind. Dass Demokratie die einzige politische Option der Christen ist…

6.
Diese Russische Kirche nennt sich ganz offiziell und ungeniert „orthodox“, das heißt rechtgläubig: Dabei könnte man ja denken bei dieser anspruchsvollen Selbstbezeichnung: Sie hält sich an die humanen, friedlichen Weisungen Jesu Christi hinsichtlich seines universellen Liebesgebotes. Aber der Titel „orthodox“ ist ein schöner Schein, wenn etwas Diakonie zugunsten der Armen geleistet wird, dann für Russen in Russland Wenn Missionsarbeit in Afrika gestartet wird, dann, um Putins Regime ideologisch zu stützen und zu „verschönern“. Patriarch Kyrill war einst Mitglied im kommunistischen KGB, wie sein Freund und Gönner Putin.

7.
Wir erleben in der Bindung der Russisch – orthodoxen Kirche an den Kriegsherrn Putin den totalen Niedergang jeglicher christlicher Werte. Diese Kirche ist also unorthodox, sie ist nicht christlich, wenn man an die Weisungen Jesu Christi denkt, diese Kirche ist eine hübsche vergoldete Fassade, eine staatlich gestützte nationalistische Propaganda-Maschine.
Dieses Abrutschen einer christlichen Kirche ins Nationalistische ist den West-Europäern bekannt, man denke an die „Deutschen Christen“ unter Hitler, an die total dem Faschisten Franco ergebene katholische Kirche Spaniens, an die Bindung französischer Katholiken – auch Bischöfe- an das Pétain – Regime usw. Wer viel weiter historisch ausholen will, denke an die Verquickung europäischer Kirchen mit den Kolonialreichen und dem Sklavenhandel. Mit anderen Worten: Diese sich christlich nennenden Kirchen sind stets in der großen Gefahr, ihr christliches Profil aufzugeben zugunsten des immer auch kriegerischen Nationalismus. Der ist für die Kirchenführer bequem und lukrativ, aber eine Katastrophe für die Menschen, die sich eigentlich noch als Gläubige und als Demokraten verstehen.

8.
Man glaube nur nicht, dass nun in der Russischen Föderation die kleine Minderheit der römischen Katholiken aktiv sich zur Opposition bekennt. LINK. Und man glaube auch nicht, dass die kleine Minderheit der evangelikalen Gruppen in der Russischen – Föderation oppositionelle Ambitionen hätte.

9.
Und man glaube auch nicht, dass der ökumenische Weltrat der Kirchen auch nur im entferntesten daran denkt, der Russisch-orthodoxe Kirche die Mitgliedschaft in diesem eigentlich ja doch wohl angesehenen ökumenischen Weltrat zu entziehen. Der Generalsekretär schwärmt seit Jahren vom Dialog mit dem Kriegstreiber KyrillI. Bewirkt hat er nichts, diese Kirche wurde aus dem Ökumenischen Weltrat nicht rausgeschmissen. Alle großen Organisation bestrafen Russland und seine Kriegstreiber, der Weltrat der Kirchen macht das nicht. Und nur wenige Christen in Europa scheint das stören. Dies ist auch eine Schande, die an diesem 24.2.2026 genannt werden muss.

10.
Wir haben am 8.2.2026 einen Beitrag publiziert mit dem Titel „Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist eine Putin-Sekte“, wir weisen noch einmal darauf hin. LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-salon.de

Reliquien, alte Knochen, des heiligen Franziskus von Assisi werden jetzt in Assisi öffentlich ausgestellt

Die Verehrung des Toten im Katholizismus findet kein Ende
Ein Hinweis von Christian Modehn am 18.2.2026

1.
Nun werden also auch die Knochen des heiligen Franziskus von Assisi, gestorben vor 800 Jahren, öffentlich der Verehrung feilgeboten. Uraltes Gebein und sicher auch mittelalterlicher Staub können ab kommendem Wochenende in Assisi bestaunt, bewundert, verehrt werden. 350.000 Menschen haben sich bereits zur „Knochen-Show“ angemeldet, sie werden dann in der Basilika San Francesco zu Assisi angesichts der Reliquien ihre Bittgebete in den Himmel senden. (Siehe „Tagesspiegel“, 18.2.2026) Die offizielle päpstliche Mitteilung zur Knochenverehrung  des h. Franziskus von Assisi: LINK

2.
Keine Frage: Franziskus von Assisi ist eine der ganz großen Gestalten der christlichen Geschichte; seine Biografie zu studieren, ist immer inspirierend, zumal sein freundschaftliches Interesse für islamische Gläubige. Wichtig auch seine Kritik an einer viel zu reichen und viel zu mächtigen, gewaltigen Kirche der Päpste. Franziskus wollte arm sein, er lebte in seiner Person und mit der ersten radikalen Brüder-Gemeinschaft eine Kirche der Armen. Er musste sich dann aber dem päpstlichen Druck ergeben und integrierte sich als Ordensgründer offizieller Art ins päpstliche System…Nur die Waldenser hielten gegen die Päpste stand und wurden selbstverständlich verfolgt, aber ihre radikale Kirche lebt bis heute!
Franziskus jedenfalls hat auch als Poet einen Namen, man denke an seinen „Sonnengesang“.

3.
Dieser äußerst ungewöhnliche Mensch verdient also wirklich viel Beachtung. Aber nun, wieder, wie üblich im Katholizismus, werden Knochen und Staub-Reste, genannt Reliquien, den Neugierigen feilgeboten. Dieser Kult bringt kirchlichen und staatlichen Behörden viel Geld ein, man denke etwa auch an die Millionen Euro, die in San Giovanni Rotondo gespendet werden, am Grab, am offenen Sarg, des heiligen Scharlatans Padre Pio, des angeblich Stigmatisierten, der so gern seine angeblich blutigen Hände der verzückten Öffentlichkeit zeigte…LINK 

4.
Die katholische Kirche kann vom Folklorekult der Reliquien – Zurschaustellung genauso wenig lassen wie vom immer noch üblichen Ablass-UnWesen. Im Heiligen Jahr 2025 gab es den immer nich begehrten Ablass, im Jahr des Franziskus – Jubiläums 2026 wird es ihn ebenso wieder geben… Der etwas ramponierte Petersdom soll alsbald repariert werden, tatsächlich!

5.
Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) führt ausführlich ins kritische Nachdenken über den Katholizismus! Wir haben mehrfach auf die sehr richtige und nach wie vor gültige Katholizismus-Kritik Hegels hingewiesen. Einige Zitate aus einem unserem Hegel-Beiträge zum Thema bieten wir in Nr. 7.

6.
Unsere kritischen Hinweise sind natürlich innerhalb des Katholizismus wirkungslos, also eigentlich ziemlich sinnlos. Albert Camus tröstet mit seinem Wort: „Man muss sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen“…
Die Päpste und Prälaten machen also den alten blöden Zauber weiter, weil er immer noch Geld einspielt. Anstatt sich als Kirche und Kirchenführung, als Klerus, öffentlich intensiv zu fragen: Wie kann die Kirche im Sinne des Franz von Assisi heute arm werden, also sich kritisch aus den Klammern des Kapitalismus und Neoliberalismus auch in ihren eigenen Reihen befreien… da werden uralte Knochen feilgeboten, wie einfallslos und intellektuell erbärmlich ist das alles. Natürlich später werden, im Laufe des langen Franziskus – Jubeljahres, wie üblich viele sehr feierliche Messen gelesen und erbauliche Worte gesprochen, „wie immer“…

7..
Nun aber ein Auszug aus unserem Beitrag: Hegel und der Katholizismus:

Zentral ist für Hegel die Erkenntnis: Der Katholizismus ist für Hegel „stehen geblieben“. Er ist noch immer machtvoll vorhanden, aber er ist nicht „wirklich“, im emphatischen, im Hegelschen Sinn von Vernünftigsein! Der Katholizismus ist also durchaus „veraltet“, überholt, weil noch eingebunden in eine vom Geist und der Vernunft längst überwundene Erfahrung von Gott, Mensch und Freiheit.

Laien wurden im katholischen Mittelalters minderwertig betrachtet! Zentral für Hegels Katholizismus Kritik ist auch die Verehrung bzw. Anbetung der Hostie: Diese ist der verwandelte, trans-substituierte Jesus Christus, verwandelt in ein winziges Stückchen Brot. Und diese Hostie ist in eine goldene Monstranz gesetzt. Die Hostie als äußere und äußerliche also veräußerlichte Präsenz des Göttlichen hat für Hegel weit reichende Bedeutung: “Wenn aber einmal zugegeben ist, dass Gott in äußerlicher Gegenwart ist, so wird zugleich dieses Äußerliche zu einer unendlichen Mannigfaltigkeit…dass Christus da und dort, in diesem und jenen, erschienen ist…Allerorten werden also in höher begnadeten Erscheinungen, Bluteindrücken von Christus sich Vergegenwärtigungen des Himmlischen begeben…Die Kirche ist daher eine Welt voller Wunder… Das Göttliche erschient als ein vereinzeltes Dieses, also ein Ding, eine Reliquie etwa“. („Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte“, Meiner Verlag, Hamburg, 1968, Seite 823 f.).

Die Konsequenzen dieser veräußerlichten Frömmigkeit, die sich an wundersame Dinge, heilige Gegenstände, heilige Orte, heilige Personen, heilige Leichen, Reliquien usw. hält, sind für Hegel gravierend: Es gibt dann die entzückten, aber ungebildeten, dumm gehaltenen Laien, die sich an diese heiligen Dinge gewöhnen sollen. Und es sind die Kleriker, die diese veräußerlichte Form der Frömmigkeit fördern. Damals, im 19. Jahrhundert, begannen die umstrittenen Wallfahrten zum „Heiligen Rock“, der angeblichen Kleidung Jesu Christi.
Es wird also in der Sicht Hegels den Laien verwehrt, im eigenen Geist die unmittelbare Verbindung mit Gott zu leben. In seinen „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ sagt Hegel in dem Zusammenhang die durchaus bis heute aktuellen Worte: „Die Menschen sind keine Laien“ (S. 297), „die Laien sind (im Katholizismus) aber dem Göttlichen fremd“ (S. 454) und vor allem: “Denkende Menschen als Laien behandeln ist das Härteste“ (S. 297). („Theorie Werkausgabe“, Band 20, Suhrkamp, 1970). Großartige, aktuell relevante Wirte, man denke an das Hin und Her, an die bescheidenen Erfolge und die vielen Frustrationen des „Synodalen Weges“. Diese Katholiken laufen in ihrer Forderung nach einer wenigstens etwas demokratischen Kirche gegen die allerdicksten Mauern seit Jahrzehnten…

In der katholischen Frömmigkeit erscheint für Hegel „das Verderben, der Aberglauben überhaupt“ in der Verehrung von heiligen Orten, von heiligen Knochen. „Das ist Wunderglaube der ungereimtesten und läppischsten Art. Denn das Göttliche wird auf eine ganz vereinzelte und endliche Weise für ganz endliche und besonders Zwecke da zu sein gemeint…“ (S. 873). Hegels richtige Reliquien – Kritik – Erich Fromms Erkenntnis zur „Nekrophilie“ vorausgreifend – findet förmlich Unterstützung durch Jesus Christus selbst: Der Philosoph zitiert die Frage des „Auferstandenen“: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten“? („Vorlesung über die Philosophie der Geschichte“, S. 471, bezogen auf Lukas Kap. 24).

Das Geistvolle, das Lebendige, ist einzig eben nur beim Geistigen, beim Vernünftigen, zu suchen und auch zu finden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Aschermittwoch und das Aschenkreuz: Auch die Mächtigen werden zu Asche. Ein Trost.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 14.2.2026

1.
In vielen katholischen und auch in einigen lutherischen Kirchen wird am „Aschermittwoch“ das „Aschenkreuz“ den Gläubigen von einem Pfarrer auf die Stirn gezeichnet, und zwar sichtbar, es verschwindet schnell nicht von selbst. Die Asche soll eine Weile das Gesicht auszeichnen. Wer nach dem Empfang des Aschenkreuzes in die Öffentlichkeit geht, bleibt ein Gezeichneter: Einer, der seine Sterblichkeit für einen Moment wahrscheinlich akzeptiert hat. Beim Ritus sagt der Liturge, die Pfarrerin: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und zum Staub’ zurückkehrst“ (Buch Genesis, 3,19, ein Spruch Gottes bei der Vertreibung der Menschen aus dem Paradies). Dieser Spruch ist ziemlich bekannt, aber er unterscheidet leider nicht zwischen dem toten Körper, der Staub wird, und dem Geist, der teilhat am Ewigen!

2.

Mich freut an diesem Ritus, weil ich nun materiell, durch die Asche auf meinem Leib, an die eigene Sterblichkeit und das Ende meines Körpers erinnert werde. Mein Körper wird Asche. Der Körper eines Verstorbenen ist bekanntlich nur noch Materie. Der alles belebende Geist ist entschwunden. Wohin? Darüber kann man meditieren und philosophieren. Ein anderes Thema: Siehe Fußnote 1 mit Link zur Erläuterung dieses Thema.

3.
Mich freut und tröstet der Aschenkreuz – Ritus, weil auch die so genannten „Herren dieser Welt“, die sich heute allmächtig wie böse Götter durchsetzen zum Schaden der Menschheit, dass also auch der Körper dieser Herren eines Tages Asche sein wird. Das Aschenkreuz lassen sich diese politischen, ökonomischen, neoliberalen „Götter“ und „Halbgötter“ natürlich nicht in einem christlichen Gottesdienst auf ihre Stirn zeichnen. Dafür sind sie viel zu sehr Nihilisten, sie lieben die Zerstörung, dass wirklich alles Leben zu Asche wird, mindestens das Land ihres Feindes.
Aber auch der Körper dieser „Herren der Welt“ wird bald nichts als Asche sein. Das tröstet manche Menschen, die hilflos unter diesen bösen Göttern zu leiden haben. Aber es werden neue Herren dieser Welt nachfolgen. Wer wird sie verhindern?

4.
Das Bedenken des Aschenkreuzes führt also wie von selbst mitten in politische Überlegungen. Und diese sind inspiriert von der Weisheit der großen Propheten im „Alten Testament“: Bekanntlich beginnt mit „Aschermittwoch“ die Fastenzeit. Und bei dem Thema hat der Prophet Jesaja eine klare Weisung ( Jes. 58, 6-8): Jesaja schreibt „Das ist das Fasten, wie ich es liebe: Die Fesseln des Unrechts lösen, die Versklavten freilassen, jedes Joch zerbrechen, den Hungrigen das Brot austeilen, die obdachlosen Armen im Haus aufnehmen, die Nackten bekleiden…“

5.
Erst wenn beim Ritus des Aschenkreuzes auch diese politische Botschaft bewusst gesagt und erlebt wird, hat er seinen Sinn erreicht. Dies ist der „politische Aschermittwoch“ der Christen, die sich auf die Bibel beziehen. DIESER politische Aschermittwoch ist anders, radikaler als die daher geredeten Propaganda-Sprüche der verschiedenen Parteien bei ihrem „politischen Aschermittwoch“. Ob dieser christliche – politische Aschermittwoch etwas bewirkt, ist natürlich eine andere Frage.

6.
Es wird bekanntlich die Asche nicht irgendwie diffus über das Haupt der Gläubigen verstreut, nein: Es wird aus Asche ein Kreuz auf die Stirn gemalt. Das Kreuz aber ist das Symbol Jesu von Nazareth, des Gerechten, des radikalen Menschenfreundes, des Kritikers sinnloser religiöser Gesetze, des Weisheitslehrers :„Gott ist unser lieber Vater“…Die genannte Weisheit des Propheten Jesaja hat auch Jesus gelehrt. Aber auf das religiös damals vorgeschriebene Fasten legte er keinen Wert…

7.
Die Feier des Aschenkreuzes ist also auch eine politische Feier. Ein Moment, den rebellischen Geist der Hoffnung wieder zu beleben. Wer das Aschenkreuz empfängt, weiß: Der Geist bleibt lebendig, er lebt weiter… auch über den Ritus des Aschenkreuzes hinaus.

8.
Und auch das tröstet jene KatholikInnen, die gegen die Allmacht der klerikalen Hierarchen endlos kämpfen um die volle Gleichberechtigung auch der Frauen in der katholischen Kirche und gegen die Allmacht des Klerus: Auch die Päpste und Bischöfe lassen sich im feierlichen Ritus das Aschenkreuz auf ihre Stirn zeichnen. Das will sagen: Auch die Körper der Päpste und Prälaten werden zu Asche. Ein Trost für alle, die an die Gleichheit aller Gläubigen glauben, diese Gleichheit aber in der Kirche nicht erleben dürfen. Aber: Die nächsten Kleriker und Päpste kommen bestimmt, vielleicht wird dann alles besser. Hoffnung hat immer auch einen utopischen Charakter…

Siehe auch unseren viel beachteten Beitrag als „Unerhörte Frage“: Was heißt philosophisch fasten? LINK 

Fußnote 1: Die Auferstehung Jesu und der anderen Menschen Auferstehung vernünftig verstehen: LINK:

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.