Benedikt XVI. und Leonardo Boff: “Ein Papst der vergangenen europäischen Christenheit, 
mit ihrem Pomp und ihrem politisch-religiösen Machtanspruch”. Ein Beitrag von Leonardo Boff.

Von Leonardo Boff, Brasilien. Am 5. Januar 2023.

Ein neuer Text, von Norbert Arntz, Kleve, übersetzt.

(Zur Erinnerung: Der Brasilianer Leonardo Boff (Geb. 1938) ist einer der wegweisenden, international hoch geschätzten katholischen Befreiungstheologen, er wurde von Kardinal Ratzinger als Chef der vatikanischen Glaubensbehörde zuerst 1985, dann 1991 von Kardinal Ratinger ausgegrenzt und mit Rede -und Schreibverbot bestraft. Ins Abseits des Vergessens konnten ihn Ratzinger und auch Papst Joahnnes Paul II. nicht drängen, im Gegenteil: Als offiziell von Rom Diskriminierter, als Ketzer, entfaltet er eine große kreative Theologie und Religionsphilosopie. Christian Modehn.)

“Jedes Mal, wenn ein Papst stirbt, ist die gesamte weltweite kirchliche Gemeinschaft und die Weltgemeinschaft bewegt, weil sie in ihm den sieht, der im christlichen Glauben bestärkt und die Einheit zwischen den verschiedenen Ortskirchen gewährleistet. Das Leben und die Taten eines Papstes können auf vielfältige Weise interpretiert werden. Ich werde eine Interpretation aus Brasilien (Lateinamerika) anbieten, die wahrscheinlich unvollständig ist.

Es ist wichtig zu wissen, dass nur 23,18 % der Katholiken in Europa und 62 % in Lateinamerika leben, die übrigen in Afrika und Asien. Die katholische Kirche ist eine Kirche der zweiten und dritten Welt. Künftige Päpste werden wahrscheinlich aus diesen Kirchen kommen, voller Vitalität und mit neuen Möglichkeiten, die christliche Botschaft in nicht-westlichen Kulturen zu verkörpern.
Wenn man sich auf Benedikt XVI. bezieht, muss man zwischen dem Theologen Joseph Ratzinger und dem Papst Benedikt XVI. unterscheiden.

Der Theologe Joseph Alois Ratzinger war ein typischer mitteleuropäischer Intellektueller und Theologe, brillant und gelehrt. Er war kein kreativer Geist, konnte aber hervorragend die offizielle Theologie erklären. Das wurde besonders in den verschiedenen öffentlichen Dialogen deutlich, die er mit Atheisten und Agnostikern führte.
Er entwickelte keine neuen Gesichtspunkte, sondern vermittelte die traditionellen Ansichten in einer anderen Sprache, die sich vor allem auf den heiligen Augustinus und den heiligen Bonaventura stützte. Ein wenig neu war vielleicht seine Vorstellung von der Kirche als einer kleinen, sehr treuen, heiligmäßigen Gruppe, die das Ganze „repräsentiert“. Für ihn war die Zahl der Gläubigen nicht entscheidend. Die kleine, zutiefst spirituelle Gruppe, die stellvertretend für alle da ist, genügte. Das führte dazu, dass sich in dieser Gruppe von Reinen und Heiligen auch Pädophile und in Finanzskandale verwickelte Personen befanden. Damit zerschlug sich seine Repräsentationsidee.

Benedikt XVI. träumte von einer Re-Christianisierung Europas unter der Führung der katholischen Kirche. Dieser Traum aber galt als unrealistisch, weil das heutige Europa mit seinen verschiedenen Revolutionen und der Einführung demokratischer Werte nicht mehr der Vorstellung des Mittelalters mit seiner Synthese von Glaube und Vernunft entspricht. Sein Ideal fand keine Resonanz, weil es seltsam aus der Zeit gefallen schien.

Eine andere eigenartige Position, die zum Gegenstand endloser Polemik mit mir wurde und breite Resonanz in der Kirche hervorrief, war die Behauptung, dass die „allein die katholische Kirche die Kirche Christi“ sei. Die Debatten während des Konzils und der ökumenische Geist hatten das Wort “ist” durch das Wort “besteht in” verändert. Damit wurde der Weg frei für die Vorstellung, dass die Kirche Christi auch in anderen Kirchen „bestehen“ konnte. Ratzinger dagegen behauptete stets, das „besteht in“ sei nur ein Synonym für das „ist“. Das wurde jedoch durch eine detaillierte Erforschung der theologischen Akten des Konzils nicht bestätigt. Aber er bestand weiterhin auf seiner These. Ferner behauptete er, dass die anderen Kirchen keine Kirchen seien, sondern nur über kirchliche Elemente verfügten.
Er ging sogar so weit, mehrfach zu behaupten, man habe meine Position unter den Theologen als Gemeingut verbreitet, so dass sich der Papst zu weiterer Kritik an mir veranlasst sah. Allerdings geriet er zunehmend in die Isolation, denn er hatte die anderen christlichen Kirchen wie die Lutheraner, Baptisten, Presbyterianer und weitere schwer enttäuscht dadurch, dass er die Türen zum ökumenischen Dialog verschloss.

Er verstand die Kirche als eine Art Festung gegen die Irrtümer der Moderne und machte den rechten Glauben zum entscheidenden Bezugspunkt, der stets an die Wahrheit gebunden sei (sein tonus firmus). Obwohl man ihn persönlich als nüchtern und höflich charakterisieren kann, war er als Präfekt der Glaubenskongregation äußerst hart und unnachgiebig. Etwa hundert Theologinnen und Theologen, darunter einige der bedeutendsten, wurden entweder verurteilt und verloren ihren Lehrstuhl, oder ihnen wurde verboten, Theologie zu lehren bzw. theologische Texte zu veröffentlichen, bzw. ihnen wurde, wie in meinem Fall, „ein Schweigegebot“ auferlegt. Dazu gehören in Europa bekannte Namen wie Hans Küng, Edward Schillebeeckx, Jacques Dupuis, Bernhard Häring, José Maria Castillo und andere. In Lateinamerika sind es der Begründer der Befreiungstheologie, der Peruaner Gustavo Gutiérrez, der spanisch-lateinamerikanische Theologe Jon Sobrino, die Theologin Ivone Gebara, die man mit Zensur belegte, sowie der Autor dieser Zeilen. In den Vereinigten Staaten gab es weitere, wie Charles Curran und Roger Haight. Sogar die Bücher des verstorbenen indischen Theologen Pater Anthony de Mello wurden verboten, ebenso wie die von Tissa Balasurya aus Sri Lanka, der exkommuniziert wurde.
Wir Theologinnen und Theologen Lateinamerikas haben nie ganz verstanden, warum er die auf 53 Bände angelegte Sammlung „Theologie und Befreiung“ verbot. Dutzende Theologen waren daran beteiligt (etwa 26 Bände wurden veröffentlicht). Das Ziel dieser Text-Sammlung war es, Seminare, kirchliche Basisgemeinschaften und christliche Gruppen, die sich für die Menschenrechte einsetzen, zu unterstützen. Zum ersten Mal hatte man hier außerhalb Europas ein großes theologisches Werk zustande gebracht, das weltweite Resonanz fand. Doch das Projekt wurde sehr bald abgebrochen. Der Theologe Joseph Ratzinger erwies sich als Feind der Freunde der Armen. Das wird in die Theologiegeschichte eingehen.
Viele Theologinnen und Theologen behaupten, er sei vom Marxismus besessen gewesen, obwohl dieser in der Sowjetunion gescheitert war. Er veröffentlichte ein Dokument über die Befreiungstheologie, Libertatis nuntius (1984), voller Warnungen, aber ohne ausdrückliche Verurteilung. Ein späteres Dokument, Libertatis conscientia (1986), hebt zwar mehr die positiven Elemente hervor, allerdings mit erheblichen Einschränkungen.

Wir können sagen, dass er den Markenkern dieser Theologie nie verstanden hat: die „Option für die Armen gegen ihre Armut und für ihre Befreiung“. Sie machte die Armen zu Protagonisten ihrer Befreiung statt zu bloßen Empfängern von Wohltätigkeit und Paternalismus. Das eben war die Auffassung der Tradition und die von Papst Benedikt XVI. Er hatte den Verdacht, dass sich in diesem Protagonismus der historischen Macht der Armen der Marxismus verbarg.
Als Papst leitete Benedikt XVI. die „Rückkehr zur strengen Disziplin“ ein, mit einer eindeutig restaurativen und konservativen Tendenz, bis hin zur Wiedereinführung der Messe in Latein und mit dem Rücken zum Volk. In der Kirche selbst sorgte er für allgemeines Erstaunen, als er im Jahr 2000 das Dokument „Dominus Iesus“ veröffentlichte. Darin bekräftigte er die alte, mittelalterliche, vom Zweiten Vatikanischen Konzil beendete Lehre, dass es „Außerhalb der katholischen Kirche kein Heil“ gebe. Nichtchristen waren in großer Gefahr. Erneut verweigerte er den anderen Kirchen die Bezeichnung „Kirche“, sie seien nur kirchliche Gemeinschaften. Das rief allgemein Irritationen hervor. Bei all seiner Scharfsinnigkeit polemisierte er mit Muslimen, Evangelikalen, Frauen und der fundamentalistischen Gruppe, die gegen das Zweite Vatikanum war.

Seine Art, die Kirche zu führen, hatte nicht das Charisma, das Papst Johannes Paul II. so stark auszeichnete. Er war mehr von Rechtgläubigkeit und wachsamem Eifer für die Glaubenswahrheiten geprägt als von Weltoffenheit und Zärtlichkeit für die einfachen Christen, wie es Papst Franziskus deutlich zeigt.
Er war ein echter Repräsentant der alten europäischen Christenheit mit ihrem Prunk und ihrer politisch-religiösen Macht. Aus der Perspektive der neuen Phase der Planetarisierung hat sich die auf so vielen Gebieten reiche europäische Kultur in sich selbst verschlossen. Nur selten hat sie sich als offen gegenüber anderen Kulturen erwiesen wie z.B. für die alten Kulturen Lateinamerikas, Afrikas und Asiens. Das wurde im Prozess der Evangelisierung bewiesen, den man als Okzidentalisierung des Glaubens betrieb. Man hat sich nie von einer gewissen Arroganz befreit, der Beste zu sein, und mit diesem Anspruch die ganze Welt kolonisiert. Diese Tendenz ist immer noch nicht ganz überwunden.
Trotz aller Begrenzungen wird er aufgrund seiner persönlichen Tugenden und seiner Demut, mit der er auf das Papstamt verzichtet hat, als er die Grenze seiner Kräfte verspürte, gewiss zu den Seliggepriesenen zu zählen sein.”

Quelle: https://leonardoboff.org/2023/01/05/benedicto-xvi-un-papa-de-la-vieja-cristiandad/
Übersetzung aus dem Spanischen: Norbert Arntz, Kleve

Annie Ernaux: Ihre Spiritualität, ihr Glaube und ihr Unglaube…

… Annie Ernaux und der Katholizismus.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
Annie Ernaux hat den Literaturnobelpreis 2022 erhalten. In Frankreich werden ihre Arbeiten schon seit längerer Zeit nicht nur gelesen, sondern auch vielfach kritisch untersucht. Ihre Werke erscheinen bei Gallimard, eine Auszeichnung! Zur Geschichte von Annie Ernaux gehört auch zweifelsfrei, wie sie selbst schreibt, ihre Verbindung mit der katholischen Kirche seit der Kindheit. Ihre Ausbildung erhielt sie bei Nonnen in Yvetot; als sie in Rouen an der Universität studierte, wohnte sie in einem Wohnheim der Nonnen. Ihre Verbundenheit mit Kirche, Religion und Spiritualität ist also kein Nebenthema im Werk der Autorin. Ein Mittelpunkt ihrer Bücher bleibt die Darstellung der französischen Gesellschaft radikal aus der Sicht einer Frau, die aus „einfachen Verhältnissen“ kommt, für die Rechte der Frauen kämpft, die beruflichen Erfolg hat… und den totalen Konsum heute heftig attackiert.

2.
Es ist für deutsche Verhältnisse schon erstaunlich: Als bekannt wurde, dass Annie Ernaux den Literaturnobelpreis erhält, nahm sogar ein ziemlich prominenter katholischer Erzbischof, Pascal Wintzer von Poitiers, Stellung: In der katholischen Tageszeitung „La Croix“ (Paris) am 6.10.2022 sowie auch zuvor in der Presse des Bistums Poitiers. Nun ausgerechnet einen Bischof als einen Literaturkritiker zu erwähnen, soll hier nur bedeuten, dass der hohe Klerus in Frankreich sich offenbar nicht nur permanent mit sich selbst beschäftigen muss, vor allem wegen des sexuellen Missbrauchs auch in den eigenen bischöflichen Reihen. Pascal Wintzer, Jahrgang 1959, wurde wie Ernaux in der Normandie geboren, als bischöflichen Wahlspruch wählte er: „Löscht den Geist nicht aus“. Wintzer schreibt in dem genannten Artikel: „In ihren Büchern gebraucht Annie Ernaux eine direkte Sprache, oft roh, geradeheraus („cru“). Es geht ihr darum, eine Sprache abzuwehren, die von dem Realen, Wirklichen, distanziert oder die (nur) den sozialen Abstieg betont. Sondern Ernaux bevorzugt eine „écriture plate“, eine flache Schreibweise, also einfache Worte aus dem Alltag und von jedermann, diese Worte verlangen keine abstrakte Hermeneutik“.
Dann erinnert der Bischof weiter an das Buch „L` Evénement“ (veröffentlicht 2000), in dem Annie Ernaux auch von einer Beichte spricht, in der sie ihre Abtreibung dem Priester bekennt. “Ich fühlte mich im Licht, in der Wahrheit („dans la lumière“), für den Priester war ich eine Verbrecherin. Als ich die Kirche verließ, wusste ich, dass die Zeit der Religion für mich vorbei war“. (Übers. C.M.) Der katholische Bischof beendet seine Würdigung des Werkes Annie Ernaux`: „Sie ist eine kämpferische Schriftstellerin, sie kann Ablehnung hervorrufen, sie hat Verleumder; mir scheint indessen, dass sie eine der großen französischen Autoren der Gegenwart ist – damit drücke ich meine normannische Solidarität vielleicht auch aus – … Sie spricht zu den Frauen; sie kann die Männer über die Frauen aufklären (éclairer à leur propos“)“. Nebenbei: Erzbischof Wintzer hatte schon wohlwollend kritisch das Werk des Schriftstellers Michel Houellebecq gewürdigt. LINK

3.
Annie Ernaux beschreibt nicht nur ihren individuellen Abschied von der Religion., d.h von der katholischen Kirche in ihrem „Hauptwerk“ genannten Buch „Les années“. Erschienen ist dieses Buch 2008 in Frankreich, seit 2017 liegt eine deutsche Übersetzung vor. Ernaux` Erinnerungen und Einschätzungen des Katholizismus Anfang und Mitte der neunzehnhundertachtziger Jahre sind etwas ausführlicher (in der Suhrkamp Ausgabe S. 161 f.) Annie Ernaux beginnt mit dem klaren und soziologisch treffenden Urteil: „Der Katholizismus verschwand aus dem Alltag. In den Familien wurden Bibelkenntnisse und die religiösen Bräuche nicht mehr überliefert. Man benötigte die Religion nicht mehr, um die eigene Rechtschaffenheit unter Beweis zu stellen und so blieb außer ein paar Ritualen nichts von ihr übrig… Außerhalb des Philosophieunterrichts konnte man nicht mehr ernsthaft über Gott und den Glauben diskutieren“. Wenn Ernaux von Religion/Katholizismus spricht, tritt sie, so sagt sie, „ins Museum unserer Kindheit“ ein (S. 223). Geblieben ist ihr trotz allem „eine Vorliebe für Bach und Kirchenmusik“ (S. 186).
Und Annie Ernaux fügt als gute Beobachterin und Gesellschaftskritikerin hinzu: Es gab 1984 bekanntlich große, man möchte sagen, gewaltige Demonstrationen für den Erhalt der katholischen Privatschulen. Ernaux kommentiert sehr zutreffend … und ihre Worte gelten auch für die Verteidiger der konfessionellen Privatschulen in Deutschland und anderswo: „Nicht der Glaube trieb die Eltern auf die Straße, sondern die weltliche Überzeugung, sie hätten ein Produkt (katholische Privatschule) erworben, das den Erfolg ihrer Kinder garantierte“ (S. 162).
Annie Ernaux kennt die katholische Kirche genau: Sie wurde von ihrer Familie, besonders der Mutter, kirchlich unterwiesen, die werktags zur Abendmesse geht (S. 104). „Der Kirchenkodex stand über allem“ (S. 46), sie erwähnt Wallfahrten (S. 25), sie spricht von der Erstkommunion (S. 46), nennt einen in Frankreich durchaus zurecht berühmten Jesuiten, Père Michel Riquet, (S. 38), sie beklagt die eher rassistisch gefärbten Unterweisung zum Islam (S. 46).
Schon in der Einführung zum Buch „Les Années“ betont sie, dass der Verlust der Religion für den einzelnen wie für die Gesellschaft nicht umstandslos Ausdruck eines „Fortschritts“ sein kann. Sie schreibt ganz Anfang, in dieser „Einleitung“: „Der Welt fehlt es am Glauben an eine transzendentale Wahrheit“ (S. 17). Wahrscheinlich könnte eine lebendige, z.B. nicht-frauenfeindliche Religion wie der Katholizismus, einen Beitrag leisten, die totale Konsumwelt einzuschränken, die Ernaux in „Les Années“ heftigst beklagt.
Man lese nur ihre Einschätzung des kommerzialisierten Weihnachten und die dabei sichtbare völlige Hilflosigkeit der Kirche, Weihnachen prägend spirituell zu gestalten: „Weihnachten war ein Fest voller Verlangen auf Dinge und Hass auf Dinge, „der jährliche Höhepunkt des Konsums … als wäre man zum Geldausgeben verpflichtet, als müsse man irgendeinem Gott ein Opfer bringen und am Ende ließ man sich doch darauf ein, Weihnachten zu feiern…“ (S. 240). Es war unmöglich „dem Würgegriff durch den höchsten Feiertag Weihnachten, zu entkommen. Wenn man daran dachte, hatte man Lust, im November einzuschlafen und Anfang des nächsten Jahres wieder aufzuwachen“ (ebd.)
Etwas kryptisch bleiben ihre Worte, wenn sie an die Auseinandersetzungen mit dem Islamismus denkt: „Die Religion war zurück, aber es war nicht mehr unsere, nicht die, an die man nicht mehr glaubte, die man nicht weitergegeben hatte und die letztlich die einzig richtige war, oder wenn man so wollte die beste…“ (S. 223).

4.
Ihre eigene Geschichte, auch ihren Abschied vom Katholizismus, deutet Ernaux als typisch für die heutigen Menschen, die Frauen zumal. Entscheidend ist für Ernaux: Die Kirche bestimmt nicht mehr das Denken über die Sexualität, sie bestimmt nicht mehr die Praxis der Sexualität, „der Bauch der Frauen ist von der Herrschaft der Kirche befreit. Die Kirche hat ihr wichtigstes Aktionsfeld, die Herrschaft über die Sexualität, verloren. Dadurch hat sie alles verloren“ (Gallimard, Quarto, P. 1025). Das weiß Rom, und deswegen führt der Vatikan den sinnlosen Kampf, irgendwie noch die allerletzte Bastion, die Vorherrschaft über die Sexualität zu behalten, etwa im Verbot der Ehe für Homosexuelle oder wenigstens der Segnung von homosexuellen Paaren. Sehr gern segnet der katholische Klerus seit Jahrzehnten hingegen Autos, Pferde, Handys, natürlich auch Waffen, darauf hat der religionsphilosophische Salon schon vor Jahren hingewiesen, Erzbischof Heße aus Hamburg hat sogar ein Walross im Zoo gesegnet. Zu Erzbischof Heße: LINK.

5.
Ihre bleibende Spiritualität – außerhalb der Kirchen – deutet Annie Ernaux an: Sie wollte mit dem Buch („Les Années) „ihren Beitrag zur Revolte leisten. Von diesem Vorhaben ist sie zwar nicht abgerückt, aber mittlerweile ist es ihr wichtiger, das Licht einzufangen, das jetzt auf unsichtbare Gesichter fällt…ein Licht, das schon in den Erzählungen ihrer Kindheit da gewesen war…“(S. 254).
Das Licht“ einfangen“, es bewahren, sich an das Licht halten…la lumière, dieses große französische Wort, das nicht nur (philosophische) Aufklärung und philosophische Kritik bedeutet, sondern eben hier auch „Licht, das bleibt“, „Licht, in dem wir stehen und leben“. Als Gabe (vom wem?) sozusagen.

6.
Aber es wäre natürlich viel zu einschränkend, die Spiritualität von Annie Ernaux nur in einem explizit religiösen oder gar dogmatischen Zusammenhang zu bedenken. Man muss sagen: Ihre Spiritualität ist ihr Eintreten als Schriftstellerin für die Rechte und die Würde der Frauen vor allem. Und ihr Kampf gegen die bornierte Männer-Welt IST geistvoll, also spirituell. Und darin zeigt sich Ernaux` umfassender sozialer Humanismus: Als trotzige geistige Haltung, die sich als letztlich dann doch hilflose Kritik des Konsumismus äußert, aber auch in ihrer Sehnsucht nach den gelungenen Feiern im Kreis der Familie, dem gemeinsamen Essen, dem Sprechen und Reden und Streite und eben auch der vielen banalen Worte, auch der Langeweile, die bei solchen Familienfeiern bekanntlich nahezu üblich sind.

7.
Zum Schluss ein politischer Hinweis: Anders als viele führende PolitikerInnen, auch in Deutschland, erkannte Annie Ernaux schon beim Schreiben von „Les Années“ (also in den Jahren 2006, 2007, veröffentlicht wurde das Buch 2008) den wahren Charakter von Wladimir Putin. Sie nennt ihn (S. 219) einen „kleinen, eiskalten Mann mit undurchschaubaren Ehrgeiz“, „sie blickt jetzt nur noch mit Verzweiflung auf Russland“. Eine kluge vorausschauende Einschätzung, die man sich von angeblich kompetenten Politikerinnen Europas gewünscht hätte, sie haben aus ökonomischen Gründen Putins Sprüchen geglaubt… und preisen ihn gar im Zustand geistiger Verwirrung als einen „lupenreinen Demokraten“ bis heute. Und diese „Verwirrten“ werden dafür nicht bestraft…

Annie Ernaux, “Die Jahre”. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp Verlag, 2022 (7.Auflage), 256 Seiten, 11€

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Advent – eine Erfahrung in Kiew, Ende November 2022.

Über ein Foto aus Kyjiw (Kiew), Ende November 2022.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

1. Das Foto

Es ist eines von drei Fotos aus Kyjiw (Kiew) Ende November 2022, veröffentlicht in „Die Zeit“ am 1. Dezember 2022 auf Seite 8.
Der Titel des Beitrags auf einer ganzen Seite: „Eine Stadt macht weiter“. Der Artikel enthält zehn Zeugnisse von Menschen inmitten der Bombardements der russischen Verbrecher. Ein Zitat: „Egal, wie Russland eskaliert, die Bereitschaft, sich zu ergeben, liegt bei null“, sagt Anastasia Radina, Abgeordnete der Selensky Partei Sluha naradu.
„Sich nicht ergeben“ und „Weitermachen“: Man muss nur auf der Seite etwas nach links schauen, um in der Mitte ein Foto zu entdecken mit dem Titel „Kerzenschein im 16. Stock. Ein Journalist und seine Mutter beten gemeinsam in ihrer Wohnung“. Die beiden sitzen in der Stube bei einem Licht aus drei bescheidenen Kerzen. Die Stimmung verführt, an die friedlichen Gemälde Rembrandts zu denken, wegen der auch dort vorherrschenden ins Feierliche führenden Farbe Hellbraun. Aber auf historische Beziehungen soll es hier nicht ankommen. Man sollte dieses aktuelle, politische Foto betrachten und bedenken. Ich will versuchen, etwas von der Atmosphäre in Worte zu übersetzen.

2. Zwei Menschen beten.

Dies ist eine Provokation für das säkularisierte Westeuropa: Zwei Menschen beten bei Kerzenlicht. Das praktizieren spirituelle Menschen öfter. Hier aber beten Menschen in größter Not, wegen der Angriffe der Russen fällt die Versorgung mit Elektrizität aus. Die beiden sitzen am Tisch. Gesammelt, man möchte sagen ruhig und beruhigt. Die Mutter hört zu, wie der Sohn aus einem Buch, einem Gebetbuch, einer Bibel vielleicht, laut vorliest. Inmitten der Wohnung gibt es eine Art bescheidenen Hausaltar, mit einer Ikone an der Wand. Der Sohn ist ganz ins Buch vertieft, in die Botschaft, die Gebete, die die Mutter still, mit verschränkten Armen, in einer meditativen Haltung, vernimmt. Wieder eine Erinnerung an den Rembrandt friedlichen Zeiten: Es gibt ein Rembrandt Gemälde aus dem Jahre 1641, darin erklärt der Mennonitenprediger Cornelis Claes seiner Frau Aalte die Bibel. Förmlich eine Idylle dieses Bild.
An die Bibel denken, sie lesen oder gemeinsam beten: Das führt in eine andere Welt. Keine illusorische Welt, sondern eine Welt, die über die alltägliche hinausweist. Die von der Bindung an die gegenwärtige Welt befreit. Die Fenster in der Wohnung von Kyjiw sind mit Vorhängen verdeckt, der kleine Raum wirkt wie eine Krypta. Dass es die 16. Etage ist, spielt keine Rolle: Krypten als Orte der Zuflucht kann es auch in großer Höhe geben. Sie sind Schutzräume eigener Art. Sie schützen nicht materiell, nicht körperlich, sondern geistig. Sie führen ins Weite, ins Andere, das Friedliche wenigstens für ein paar Minuten.

3. Beten inmitten der Zerstörung.

Vielleicht wird ihr Haus bald von den Russen attackiert. Vielleicht werden sie von den Russen weggebombt. Die beiden harren aus in ihrer Krypta in der 16. Etage. Sie sind nicht naiv, auch nicht selbstmörderisch aufs Sterben fixiert. Sie harren aus, weil sie eine andere Sicherheit spüren, weil sie einen Grund im Leben kennen, einen Grund, der trägt, im Leben wie im Sterben. Christen nennen diesen Grund Gott. Und an ihn wenden sich die beiden inmitten der Dunkelheit. Das bedeutet ja Beten: Die eigene Lebenserfahrung im Angesicht des Unendlichen und des Ewigen zur Sprache bringen. Nicht verstummen, sondern die Tiefe des eigenen Lebens, die Angst und die Verzweiflung, aussagen: Das ist Beten. Vielleicht auch Schreien. Vielleicht nur noch Schweigen, auch das ist Beten. Dies tun Mutter und Sohn, nicht weil sie sich in Illusionen flüchten, sondern weil sie selbst in den Katastrophen des Krieges nicht im Alltäglichen aufgehen wollen.

4. Ein Foto, das den Advent zum Vorschein bringt.

Mutter und Sohn leisten sich im Gebet die Sehnsucht nach einer besseren Welt. Sie verzweifeln nicht, selbst wenn ihr Haus von Bomben bedroht ist.  Sie wollen sich sich behütet wissen, trotz allem. Klammern sich im Gebet an den Frieden, der alsbald oder irgendwann beginnen wird. Vielleicht denken sie an Helfer, nah und fern. An Deutsche vielleicht, die noch in relatuv warmen Stuben wohlgenährt sitzen, die in ihrer naiven Russland-Politik vor wenigen Jahren (Merkel usw.) das ganze Unheil des Putin-Krieges irgendwie (?) zugelassen haben.

Sehnsucht ist die Haltung von Menschen, die Advent spirituell und christlich verstehen: Advent ist ein Name für den Wunsch: Möge sie doch kommen, die freundliche Herrschaft des menschlichen, des friedfertigen Gottes! Übersetzt für jene, die das Wort Gott schon nicht mehr hören können: Möge sie doch kommen, die umfassende Friedens-Welt eines sinnvollen Lebens, der Brüderlichkeit, der gleichberechtigten Geschwisterlichkeit im Frieden

Die beiden, Mutter und Sohn, im Halbdunkel vor der Ikone, sammeln sich, sie konzentrieren ihren Geist auf das Kommende hin, das sie ersehnen, das aber heute und morgen nicht Realität sein wird: Ihre Lebenspoesie, das heißt: ihr gemeinsames Beten, ist ein Ausgriff auf diese Zukunft, auf die bessere, die friedliche Zukunft, in der der Feind vertrieben ist, damit dann eine neue Gemeinschaft der Versöhnten entstehen kann. Manche mögen beim Betrachten dieses Fotos (es ist mehr, es erscheint als ein Gemälde) selber beten: „Mögen die beiden, Mutter und Sinn, in ihrer Stube, vor ihrem Hausaltar, doch behütet bleiben. Wie auch immer.”

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Das genannte Foto wie auch zwei weitere Fotos wurden realisiert von Johanna Maria Fritz, Agentur Ostkreuz.
Der Text des Artikels in der „ZEIT“ wurde verfasst von Alice Bota, Simone Brunner, Olivia Koras und Michael Thumann.

„Wir brauchen eine ökologische Klasse, die für die Rettung der Welt kämpft“.

Der Philosoph Bruno Latour und der Soziologe Nikolaj Schultz verfassen ein Memorandum zugunsten eines neuen, eines ökologischen Klassenkampfes.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Eine Buchempfehlung, für Menschen, die noch an eine Zukunft der Menschheit glauben. Also für alle, für die Vernunft noch eine Bedeutung hat!

1. Klassenkampf.

Jetzt also das letzte Buch des französischen Philosophen Bruno Latour, verfasst zusammen mit dem jungen dänischen Forscher Nikolaj Schulz. Und sicher ist es keine nur „theoretische“ Studie, sondern ein wegweisendes Buch, weil es praktische Vorschläge macht, die ökologische Katastrophe vielleicht doch noch „kämpferisch“ zu verhindern. Ein Memorandum eben, eine Denkschrift, die ins Handeln führen will. Ein Memorandum als Aufruf, gemeinsam, in einer neuen, breit aufgestellten ökologischen Bewegung politisch die Welt zu retten. Die Autoren verwenden den alten sozialistischen Begriff der Klasse, einer Klasse allerdings, die diesmal nicht aus Proletariern zusammengefügt ist, sondern aus allen Menschen „guten Willens“. Sie verbünden sich in einem alle Ideologien übergreifenden Klassenkampf zugunsten der Rettung dieser Welt.
Als Erinnerung: Für Bruno Latour gilt wahrlich das Prädikat „bedeutend“ oder „weltbekannt“. Latour, Autor zahlreicher Studien aus den weiten Fragen der Soziologie und Philosophie ist am 9. Oktober 2022 in Paris im Alter von 75 Jahren gestorben. Seine besondere Liebe galt immer der Philosophie, dies betonte er kürzlich noch ausdrücklich.

2. Die ERDE.

Latour und Schulz legen also ein Memorandum vor, einen dringenden Appel. Er besteht aus 76 Kurz-Texten und einem Nachwort, das Ganze überschaubar auf 90 Seiten dargestellt. Die Autoren schreiben von der noch möglichen Rettung der Erde. Um dem allen Nachdruck zu verleihen, erscheint ERDE im Buch immer in Großbuchstaben. ERDE: Das Wort erinnert an den spirituell wichtigen Begriff Gaia: Er spielt nicht nur in esoterischen Sondertraditionen eine Rolle, sondern auch für viele andere, die an eine gewisse Heiligkeit dieser den Menschen anvertrauten „Mutter Erde“ denken.

3. Einen neuen Sinn des Lebens entdecken.

Der Klassenkampf der vielen Menschen guten Willens muss die bisher übliche Fixierung auf Ökonomie, aufs Produzieren und auf das stetige Wachstum überwinden. Es geht also um eine andere Emanzipation, um das Wahrnehmen: Wir Menschen leben nicht nur VON der Erde, sondern wir vor allem IN der Erde, sind Teil der Erde. Diese Erkenntnis soll sich durchsetzen, was nicht einfach ist, das wissen Bruno Latour und Nikolaj Schultz. Aber die Verheißung dieser neuen Erkenntnis und der ihr folgenden Praxis, dem ökologischen Klassenkampf, heißt: Es wird ein neuer Sinn des Lebens für diese ökologischen Klassenkämpfer sichtbar, durchaus auch – so die Autoren – ein neuer Sinn der Geschichte.

4. Das Christentum muss sich inmitten des ökologischen Klassenkampfes neu definieren.

Für unseren Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon ist es von besonderer Bedeutung, dass die Autoren in Nr. 46 (Seite 56) auch von den Religionen bzw. speziell vom Christentum leider nur kurz sprechen. Latour und Schultz zeigen, dass die Ökologie jetzt der Gesamtrahmen des Weltverstehens ist. Alles Denken, Fragen, Forschen ist von ökologischen Themen „durchdrungen“. Das gilt auch für das Christentum, die Kirchen und die Christen. „Nun sehen sie in der Ökologie einen Appell, der ihre Dogmen erneuern könnte“, schreiben die Autoren (S. 56). Die alte Position der Herrschaft des Menschen (des Mannes) über die Natur, im Buch Genesis von Gott selbst vorgeschrieben, wird also hinfällig. Die Autoren nennen keine Details, sie sind aber überzeugt, dass die Kirchen und die Theologien „Faden für Faden“ bisheriger Stränge der Dogmen „ganz neu entwirren“ müssen (ebd.). Zu einem ökologischen Weltbild des Miteinanders passt ohnehin die Hierarchie gar nicht mehr. Hierarchisches Verhalten, wie in der römischen Kirche üblich, die ohne jeden Respekt für die Demokratie nach wie vor agiert, hat keine Zukunft mehr. Auch dagegen wendet sich der ökologische Klassenkampf.

Nebenbei: Bruno Latour war in seiner Jugend aktives Mitglied der politisch linken katholischen Studentenbewegung “Jeunesse étudiante chrétienne” und ein eifriger Leser der Werke Charles Péguys, Sozialist und Katholik (siehe dazu Le Monde, 11.oct. 2022, Seite 28 und 29).

5. Die „letzte Generation“.

Die Autoren sprechen nicht unmittelbar von der Bewegung der „letzten Generation“, sie schreiben aber in voller Sympathie für junge Menschen, die sich ganz dem ökologischen Klassenkampf verschrieben haben: „Die plötzliche Revolte der Jugendlichen, die sich von den Alten verraten fühlen, besteht darin, die Babyboomer (die einstigen Jugendlichen) als verwöhnte und unreife Teenies zu betrachten“ (S. 54). Oder noch einmal: Die jungen Menschen haben den Eindruck, „von den Alten verraten zu sein“. Sie finden sich als junge Menschen „im buchstäblichen Sinn ohne Zukunft wieder“ (ebd.).

6. Vom ökologischen Klassenkampf.

Manche gut bürgerlichen Leute werden sich an dem Begriff Klassenkampf stören. Aber ohne die Schärfe, die in diesem Begriff aus sozialistischen Zeiten aufscheint, hätten die beiden Autoren, alles andere als die „letzten Kommunisten“, die Radikalität der ökologischen Herausforderung nicht ausdrücken können. Es geht wirklich um ein neues Klassenbündnis, das Mitglieder der vielen bisherigen, „traditionellen“ Klassen neu vereint. Wozu denn eigentlich? Zum Kampf gegen die Ideologien der alten Welt, die von der Herrschaft der Produktion, des Wachstums und der Ungerechtigkeit bestimmt ist. Dabei wissen die Autoren, dass die alten, immer noch etablierten herrschenden Klassen „einen Höllenlärm veranstalten, den gesamten Medienraum in Beschlag nehmen“ (S. 59), um die neue ökologische Bewegung zu schädigen. Man denke jetzt, Ende November 2022, an die Polemik etablierter Kreise vor allem aus dem Lager der CDU, FDP und SPD gegen die Aktionen der Mitglieder der letzten Generation. Es muss noch die Hegemonie der ökologischen Klasse errungen werden, das wissen die Autoren des sehr lesenswerten Memorandums „Zur Entstehung einer ökologischen Klasse“.

7. Einige Merk-Sätze.

„Die ökologische Klasse ist also diejenige, die sich der Frage der Bewohnbarkeit der Erde annimmt“ (S. 31).

„Eigentum ist nicht das Eigentum der Menschen an der Welt, sondern das Eigentum einer Welt an den Menschen“ (S. 41).

„Wir Menschen sind die Natur, die sich verteidigt“ (S. 42).

„Man hat den fatalen Eindruck, dass der Kampf (der ökologische Kampf) noch gar nicht richtig begonnen hat“ (S. 59).

„Die einfachen. Leute haben immer schon als erste zum Widerstand gegriffen. Sie sind es, die mit voller Wucht die Folgen des (kapitalistischen)
Zerstörungssystems zu erleiden haben“ (S. 84).

„Es wäre so tröstlich, wenn Ökologie und Zivilisation gleichbedeutend sind“. (S. 92).

Bruno Latour, Nikolaj Schultz
Zur Entstehung einer ökologischen Klasse
Ein Memorandum
Aus dem Französischen von Bernd Schwibs
Suhrkamp Verlag
Broschur, 93 Seiten, 14 euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Superyachten – Obszöne Kapitalisten.

Ein Buch über Milliardäre, die auf den Weltmeeren den Normen der Menschheit entgleiten.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Zur Einstimmung:
Es gibt ganz wenige Leute, die stellen sich allen Ernstes die Frage: Wie kann am besten aus den Duschen ihrer Superyacht außer Wasser auch Champagner sprudeln? Um dieses Problem kümmern sich spezielle Firmen, die ausgefallene Wünsche von Eigentümern der Luxusyachten gewöhnt sind. Die Fachleute für Luxus-Duschen fragen dann nur: Wie stark gekühlt oder wie warm soll denn der Champagner sein, mit dem sich die nackten Herren und Damen Milliardäre erfrischen wollen.
Davon berichtet der Soziologe Grégory Salle in seiner Studie „Superyachten“ auf Seite 24. (Suhrkamp Verlag 2022).

1.
Der Wahnsinn des Neoliberalismus, d.h. der Wahnsinn in der ungerechten Verteilung des Eigentums, ist ein philosophisches Thema. Über die These Proudhon „Eigentum ist Diebstahl“ wurde schon ein viel beachteter Beitrag auf dieser website publiziert. LINK.

2. Das Obszöne ist ethisch und deswegen politisch
Nun wird es noch spannender und von der Lektüre-Erfahrung durch viele Fakten anschaulicher und deswegen schockierender, aber auch fast unterhaltsamer, weil die Tatsachen an eine absurde, surreal wirkende Welt erinnern.
Das Thema ist die Gegenwart des Obszönen in unserer Welt. Das Obszöne ist, ästhetisch gesehen, das Ekelhafte, Abstoßende. Und zugleich für die klassische Moral vor allem das sexuell definierte Schamlose. Die bürgerliche Ethik war bisher so begrenzt und legte das Obszöne auf angebliche oder tatsächliche sexuelle Verfehlungen fest.
Nebenbei: Die heutige Fixierung auf die schamlosen sexuellen Übergriffe durch den Klerus ist zwar notwendig, aber sie lässt auch keine Zeit, sich mit dem Schamlosen des Kapitalismus, etwa mit dem Obszönen der Milliardäre, kritisch zu befassen.
Ein neues Buch sorgt dafür, das Obszöne in dieser Welt des totalen Kapitalismus wahrzunehmen.

3. Eintausend Quadratmeter Wohnfläche
Eine sachlich dokumentierende Recherche berichtet vom schamlosen, schon üblichen Verhalten unter Multi-Milliardären. Es geht nicht um deren sexuelles Vorlieben, es geht um deren SUPERYACHTEN. Diese sind obszöne Symbole des Exzesses einiger Milliardäre.

Superyachten müssen als Symbole gedeutet werden, als Symbole dafür, dass Exzesse, die sich kaum noch steigern lassen, das Lebensgefühl der Milliardäre sichtbar machen. Die eher noch bescheidene Superyacht „Octopus“ hat 235 Millionen Euro gekostet. (S. 35), eine Kleinigkeit für Multi-Milliardäre.
Superyachten – ein Phänomen also, das wahrscheinlich sehr vielen schon irgendwie aufgefallen ist, die sich an der Cote d Azur (speziell St-Tropez) oder in der Ägäis oder im spanischen Mittelmeer aufgehalten haben. Sie sahen Luxusyachten … oder auch vom Untergang bedrohte Kähne von Flüchtlingen aus Afrika. Auf den Luxusyachten von 75 bis 100 Meter Länge mit ca. 1000 Quadratmeter Wohnfläche auf mehreren Etagen wohnen ca. 30 Personen, davon 20 Angestellte in Kabinen, auf den Kähnen aus Afrika kauern manchmal 70-100 Menschen zusammen, alle in Gefahr, kurz vor dem Ertrinken. An eine Champagner-Dusche denken sie nicht. Die Luxusyachten steuern mit Selbstverständlichkeit Häfen an, wo die Luxusrestaurants die internationalen Gäste mit Freuden begrüßen und als alte Bekannte umarmen. Die Flüchtlinge, kurz vor dem Verdursten, sind froh, wenn sie von NGO – Schiffen gerettet werden, die auf der Suche sind nach einem Hafen. Aber am liebsten würden etwa die jetzt regierenden rechtsextremen Politiker Italiens diese „störenden Menschen“ wieder in die „schöne“ afrikanische Heimat zurückschicken…

4. Endlich: Beschlagnahmen!
Manchmal wird von dem eher hilflosen Versuch der westlichen Demokratien berichtet, nach dem Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine die Superyachten der russischen Milliardäre zu beschlagnahmen. Beschlagnahmen: Was für ein Wort für die biedere Öffentlichkeit: Die Beschlagnahme! Unerhört, dieses Wort, wo wir doch alle immer an das heilig verstandene Privateigentum glauben.
Der Krieg Putins hat zumindest den bescheidenen positiven Aspekt, dass nun über „Beschlagnahmung von Milliardärs-Eigentum“, also der Superyachten, öffentlich und zwar zustimmend die Rede ist. Welch ein Gewinn! Welch eine Chance, dadurch die Umrisse unserer Zeit als Epoche des finanziellen Exzesses zu verstehen. Die Plutokratie wird zwar fortbestehen, aber eben noch kritischer betrachtet als vorher. Beschlagnahmung also als gerechte Handlungsform eines demokratischen Staates, wenn er sich denn in dem Wirrwarr seiner eigenen Gesetze zum Thema Superyachten auskennt.. In der geistigen Nähe zu diesem Stichwort befindet sich bekanntlich das noch umstrittenere Wort „Enteignung“…Wird man darüber in absehbarer Zeit differenziert diskutieren können, ohne gleich von konservativen und sich FDP-liberal nennenden Herren – auch Herren der Kirche – als Kommunist verdammt zu werden?

5. KAPITALOZÄN
Der französische Soziologe Grégory Selle hat jetzt eine gut lesebare und sehr gut dokumentierte Recherche zu den Luxusyachten von Milliardären vorgelegt, Suhrkamp Verlag, 150 Seiten, 16 Euro. Das Buch verdient viel Aufmerksamkeit vieler Leser. Der Untertitel deutet den Wandel an in der Deutung der globalen Weltstruktur: Grégory Salle spricht von „Kapitalozän“, anstelle des üblichen Begriffs „Anthropozän“: „Luxus und Stille im Kapitalozän“ ist also der Untertitel dieses Buches, das man durchaus eine politische, ökonomische Variante eines authentischen Kriminalromans nennen könnte. Luxus und Stille – ein merkwürdiger Untertitel: Gibt’s diesen Luxus „Superyachten“ vielleicht nur, weil es um ihn bisher in der Öffentlichkeit so viel Stille herrschte, weil die Öffentlichkeit sich um diesen Wahn der Superyachten nicht kümmerte?

6. Grenzenlose Freiheit
Das Buch handelt also von notorischen (nicht nur russischen) Kleptokraten, die ihre Milliarden gern in letztlich bescheidene Multi-Millionen-Objekte investieren, wie eben die Luxusachten mit den hübschen Namen „Graceful“ oder „Scherzende“. Der Vorteil dieser Millionen-Fahrzeuge für ihre Eigentümer: Mit einer Luxusyacht ist man auf den Meeren überall und nirgendwo zuhause, man lebt förmlich außerhalb überschaubarer nationaler Gesetze, kann Steuern enorm sparen, Geldwäsche betreiben, kann zusätzlich Geld machen, wenn man denn die Yacht später teuer vermietet. Und man hat nette gleichgesinnte Milliardärs-Menschen um sich, wenn man sich auf Messen trifft, wie im Amsterdamer „Global Superyacht Forum“.

7. Milliardäre als Zerstörer der Umwelt
Mit einer Luxusyacht kann man ungestraft auch viele gravierende Umweltschäden anrichten, die Natur im Meer zerstören und die Klimakatastrophe beschleunige. Aber das ist den Herrenmenschen, den Plutokraten, völlig egal, dass sie mehr als 20 Liter Treibstoff für ihre Superyachten pro Kilometer verbrauchen, ist ihnen völlig schnuppe. Ihre Öko-Verbrechen werden nicht untersucht und bestraft.

8. Verantwortungslos
Das Buch Superyachten mag zunächst wie ein bizarres Sonderthema erscheinen in der so drängenden Frage nach extremem Reichtum und extremer Armut in dieser neoliberalen globalisierten Welt. Aber die Superyachten sind ein Symbol für die obszöne Mentalität der totalen Verantwortungslosigkeit, der Gier nach „immer mehr“, der ungebremsten egoistischen Haltung der Milliardäre (man lese, wie diese Herrenmenschen mit den Untergebenen umgehen).
Es ist ein Buch, das zu der philosophischen Einschätzung führt: Diese Welt der Eigentümer der Superyachten ist eine nihilistische, von Sinnlosigkeit zersetzte und zerfressene Welt einiger Herrenmenschen. Ihnen steht die demokratische Welt leider bis jetzt weitgehend hilflos gegenüber.

8.
Das Buch „Superyachten“ ist auch ein denkwürdiges Weihnachtsgeschenk.

9. Über die Angestellten auf den Superyachten:
„Das wenige, was durchsickert, entlarvt die Kehrseite dieser Traumwelt: Disziplin, Sonderregelungen bei Arbeitszeiten, strikte Folgsamkeit, beengte Unterbringung in winzigen Kabinen und ein eng getakteter Arbeitsrhythmus, um ständige Verfügbarkeit zu gewährleisten. Und das lächelnd, selbst bei den abstrusesten Aufgaben. In der Karibik verlangte eine Frau einmal auf der Stelle 1000
weiße Rosen, um die Superyacht ihres Ehemanns zu schmücken. Das Personal ließ die Blumen von Miami mit dem Hubschrauber einfliegen“. (S. 60).

Was eine humane Menschheit mit den Ausgaben für die Superyachten machen könnte? 
„In einem Artikel vom Mai 2018 wies der Journalist Rupert Neate darauf hin, dass die kumulierten jährlichen Ausgaben für die ungefähr 6000 in Betrieb befindlichen Superyachten die gesamten Schulden der sogenannten »Entwicklungsländer« tilgen könnten“. (S. 54).

Grégory Salle, „Superyachten. Luxus und Stille im Kapitalozän“, Suhrkamp Verlag, 150 Seiten, 16€. Übersetzt von Ulrike Bischoff.

Grégory Salle ist Soziologe und Politikwissenschaftler.
Er ist Research Fellow am Centre national de la re-cherche scientifique.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der orthodoxe Bischof von Wien, Arsenios Kardamakis, plädiert für die Absetzung des Kriegstreibers Patriarch Kyrill, Moskau.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Endlich, möchte man sagen, plädiert eine prominente Stimme der Orthodoxie für die Absetzung des Putin-Ideologen Patriarch Kyrill I. Wann endlich wird das geschehen? Will das auch der Ökumenische Rat der Kirchen in Genf? Die suchen immer noch das Gespräch mit Kyrill…

Metropolit Arsenios Kardamakis, Wien, sagt u.a.:

“Die weltweite Orthodoxie muss sich zusammenfinden und entscheiden, ob etwas gegen den russischen Patriarchen unternommen werden soll. Meiner Meinung nach, ja!”, so der Metropolit, also der Erzbischof. Dazu könnte Patriarch Bartholomaios (Konstantinopel) alle Häupter der orthodoxen Kirchen einberufen, um eine Amtsenthebung vorzuschlagen. Jedoch müssten in der Orthodoxie alle Entscheidungen einstimmig getroffen werden. “Aber auch, wenn nicht alle einverstanden sind oder manche politisch nicht zustimmen können, so wissen doch alle, dass dieser Krieg nicht legitimiert werden kann und dass jener, der diesen Krieg rechtfertigt, außerhalb des Geistes der orthodoxen Kirche ist”, unterstrich Kardamakis.

Die russische Kirche brauche “Umkehr, Buße und Neuevangelisierung, so der Metropolit weiter. Sie soll nicht an die Macht oder an das Geld glauben. Eine Kirche, die im Luxus lebt und sich wie die politische Klasse präsentiert, hat ihren Ruf verloren”, so der Geistliche. Die Erneuerung der Kirche werde von den einfachen Menschen kommen, die an Christus glauben”. (Quelle: https://www.domradio.de/artikel/metropolit-kardamakis-sieht-wende-russland-kommen)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Was bringen Gespräche mit Kyrill I., dem Patriarchen von Moskau und ideologisch – theologischem Kriegstreiber Putins? Gar nichts!

Ausführliches über ein Treffen von führenden Theologen des Ökumenischen Weltrates der Kirchen (ÖRK in Genf) mit dem Patriarchen Kyrill in Moskau am 17. Oktober 2022.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Am 27.10.2022 plädiert ein prominenter orthodoxer Erzbischof, Arsenios Kardamakis von Wien, für die Absetzung von Patriarch Kyrill. Es kommt also Bewegung im Umgang mit diesem Putin-Kriegstreiber… wenn sogar ein orthodoxer Amtsbruder, Erzbischof Kardamakis, für die Absetzung von Kyrill plädiert, dann ist das wohl ein Zeichen: Mit diesem Kriegstreiber kann man nicht mehr reden. Er gehört in ein bescheidenes Altersheim …. den Vorschlag der Absetzung Kyrills könnte der Weltrat der Kirchen ÖRK in Genf auch unterstützen …   LINK:

Am 26.10. 2022 wurde noch ein “Exklusives Interview mit Prof. Ioan Sauca” vom ÖRK veröffentlicht: LINK

Sauca ignoriert auch in diesem Interview vom 26.10.2022, dass Kyrill während dieser Begegnung in Moskau am 17.Okt. 2022 seine Kriegsideologie deutlich verteidigt hat: In einem leicht zu überlesenden Zwischensatz sagte Kyrill Wesentliches: „Krieg kann niemals heilig sein. Wenn jemand aber sich selbst und sein Leben verteidigen muss oder sein Leben zum Schutz anderer Menschen geben muss, sieht das anders aus“. WIE anders das dann aussieht, sagt Kyrill nicht explizit, aber der Schluss ist klar: In einem solchen Verteidigungsfall ist der Krieg eben doch heilig: Der Angegriffene muss sich verteidigen. Die früheren Stellungnahmen des geistlichen PUTIN-Ideologen lassen ohnehin keinen Zweifel: Kyrill meint, Russland müsse sich gegen den „Angreifer“ Ukraine verteidigen, dann wird der Krieg also durchaus heilig. Auf diesen entscheidenden Zwischensatz Kyrills ist die Delegation des ÖRK nicht eingegangen und geht auch Sauca am 26.10.nichrt ein. (vgl.Nr. 6 in diesem Hinweis).

1.
Man sollte mit Kriegstreibern und Kriegsherren im Krieg reden, sagen einige. Vielleicht bekehren sie sich zum Frieden, der den Namen verdient?
Unter vernünftigen Bedingungen ist Dialog immer eine gute Lösung.
ABER: Eine Dialog-Begegnung mit Patriarch Kyrill und führenden Vertretern des Ökumenischen Rates ÖRK (Genf) am 17.10.2022 zeigt: Man trifft sich, und Kyrill I. als theologischer Kriegsideologe verbreitet nur banale Freundlichkeiten. Und die Delegation aus Genf reagiert freundlich und milde. Deutlich wird: Zur Kritik an Putin bekehrt sich „Seine Heiligkeit“ , ehemaliger KGB Mann, natürlich nicht. Er denkt gar nicht daran, aus seiner Kirche eine oppositionelle Bewegung zugunsten der Anerkennung der Ukraine als eigenständigem Staat zu machen. Er redet vom Frieden, meint aber den Sieg Russlands über die Ukraine.

Man muss sich die Mühe machen, das nach dem „Dialog“ veröffentlichte offizielle Kommuniqué aus Genf, ÖRK, gründlich zu lesen. Link: https://www.oikoumene.org/de/resources/documents/wcc-communique-his-holiness-patriarch-kirill-meets-with-wcc-acting-general-secretary

2.
Dieser Hinweis hier ist alles andere als marginal. Er zeigt, dass die obersten Gremien der Ökumene in Genf gar nicht daran denken, mit der russisch-orthodoxen Kirche zu brechen, d.h. diese Kirche als Mitglied aus der weltweiten Ökumene derer, die sich Christen nennen und als Christen zu handeln versuchen, rauszuwerfen. Solche ein Schritt würde der weltweiten Isolierung des Putin Regimes nützen und später helfen, auch diese Kirchenführer (Kyrill I)…) zusammen mit Putin und Co. vor das alsbaldige Kriegsverbrecher – Tribunal zu stellen.
Aber der sogenannte Dialog in Moskau am 17.10.2022 mit Vertretern des ÖRK zeigt, soweit aus dem Kommuniqué ersichtlich, dass der oberste Boss dieser russisch-orthodoxen Kirche (und nicht nur er) ein Ideologe Putins ist, selbst wenn er sich geschickt verbal zu verstecken vermag.
Wenn man kritisch wäre in christlichen Kreisen würde man diesen Multi-Millionär nur noch Herrn Wladimir Michailowitsch Gundjajew nennen, geboren in Leningrad am 20.November 1946. Solche Ansprache macht die Delegation aus Genf aber nicht, sondern nennt ihn„seine Heiligkeit“. Wie ehrerbietig! Interessant ist, dass die offizielle Website des Moskauer Patriarchats diesen Herrn Gundjajew sogar wie Gott selbst als seine „allerhöchste Heiligkeit“ anspricht. Ein Skandal der Gotteslästerung, allein schon ein Grund, diesen Patriarchen aus dem ÖRK zu werfen.
Zur Anrede von Herrn Gundjajew als „Heiligster Patriarch“ siehe die offizielle Website: https://mospat.ru/de/news/89724/

3.
Es ist schon erstaunlicherweise so weit gekommen, selbst unter immer politisch-staatlich mild gesinnten Orthodoxen, dass jetzt der Ehrenprimas der christlichen Orthodoxie, Patriarch Bartholomäus, diesen Herrn Gundjajew alias seine Heiligkeit (offiziell in Moskau: Heiligstkeit !) Kyrill zum Rücktritt auffordert. (Link: https://www.domradio.de/artikel/bartholomaios-appelliert-erneut-kyrill). Diese Tatsache darf man sensationell nennen, wollen wir hoffen, dass die Dialog bereiten Herren und Damen im ÖRK in Genf sich dieser Position mit allen Konsequenzen anschließen.

4.
Die Tatsachen: Theologen der Ökumene aus Genf (ÖRK) fahren nach Moskau, sprechen am 17.10. 2022 mit Kyrill I. und „seinen Leuten“, wie er sagt. Dann wird am 20.10.2022 in Genf vom ÖRK ein offizielles Kommuniqué veröffentlicht.
Wer das Dokument liest, ist erstaunt und empört: Über die diplomatisch verschleiernden Worte Kyrills und über die fast angstvoll wirkenden, von Ehrerbietung bestimmten Worte und Fragen der Delegation aus Genf.
Kyrill I. spricht bei der Begegnung oft und freundlich vom Frieden und vom Dialog, sowie, ach das ist zu erwarten, von den üblichen „Missverständnissen“ seiner früheren kriegerischen Worte gegen die Ukraine und den moralisch angeblich total verdorbenen Westen.

5.
Kyrill I. spricht überhaupt nicht vom Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Er schwadroniert hingegen von einer „sehr kritischen Lage“, einer „schwierigen Lage“, von einer „schwierigen Situation am Donbas“, er spricht nur vom „politischen Kontext“, den „man beachten“ solle. Wenn der Patriarch und eindeutige Putin-Ideologe die Ukraine erwähnt, dann spricht er, alle wahren Kausalitäten in diesem Krieg verschweigend, von einem „Konflikt in Bezug auf die Ukraine“ oder von einem „Konflikt IN der Ukraine“. Dieses nur Nebel erzeugende Jonglieren mit Begriffen hat er zweifellos mit seinem gemeinsamen KGB Kollegen Putin beim sowjetischen Geheimdienst einst gelernt.

6.
Die „Schaffung von Frieden“ wird von Kyrill mehrfach erwähnt, es sei, klar und eindeutig gesagt: Da redet einer das übliche Bla-Bla, das man etwa aus Zeiten der vorwiegend kommunistisch-gesteuerten „Prager Friedenskonferenz“ schon seit 1960 kennt. In einem leicht zu überlesenden Zwischensatz sagt Kyrill dann doch Wesentliches: „Krieg kann niemals heilig sein. Wenn jemand aber sich selbst und sein Leben verteidigen muss oder sein Leben zum Schutz anderer Menschen geben muss, sieht das anders aus“. WIE anders das aussieht, sagt Kyrill nicht, aber der Schluss ist klar: In einem solchen Verteidigungsfall ist der Krieg eben doch heilig: Der Angegriffene muss sich verteidigen. Die früheren Stellungnahmen des geistlichen PUTIN-Ideologen lassen ohnehin keinen Zweifel: Kyrill meint, Russland müsse sich gegen den „Angreifer“ Ukraine verteidigen, dann wird der Krieg also durchaus heilig.
Komisch ist nur, dass diese Worte Kyrills eigentlich auch auf die von Russland angegriffene Ukraine passen, aber daran denkt der Russe Kyrill „dummerweise“ wohl gar nicht. Denn er ist überzeugt, dass es auch einen von ihm so genannten „metaphysischen Krieg“ gibt, einen Krieg „gegen böse Mächte und Gewalten“, und diese sind ja bekanntlich im dekadenten Westen sehr lebendig, wie Kyrill schon seit langem predigt. Und der Patriarch bezieht sich dabei sogar auf eine Stelle aus dem Neuen Testament, in der der Autor, Paulus genannt, im Epheserbrief – angesichts des nahenden Weltendes – „vom Krieg gegen dunkle Mächte und Gewalten“ spricht (6,12). Den Krieg führt also Russland „metaphysisch“, aber durchaus physisch tötend. Und ich möchte hier nur daran erinnern, wie viel Unsinn diese fundamentalistische Bibellektüre à la Kyrill I. erzeugt. Diese genannten Sätze des Autos Paulus im Epheserbrief werden heute von jedem vernünftigen Theologen beiseite gelegt.
Skandalös ist, dass, soweit aus dem Genfer Kommuniqué ersichtlich, diese Herren vom ÖRK auf diese Worte Kyrills gar nicht reagieren. Haben sie diese Worte überhört? Wollten sie diese Worte überhören?

Zur theologischen Wahnidee des “metaphysischen Krieges” schreibt der Publizist Peter Lachmann (Warschau) in “Lettre International”, 2022, Heft 138, S. 126:” Zu Putin steht denn auch bedingungslos das Moskauer Patriarchat, für das auch die Grausamkeiten der Zaren niemals ein Ärgernis darstellten, weil ihre Herrschaft von Gott komme, so wie des neuen Para-Zaren Putin. Patriarch Kyrill interpretiert Putins Aggression ganz in diesem Sinne: Der Krieg um das heilige Russland habe metaphysische Bedeutung, die Rückeroberung der Ukraine sei eine Sache der ewigen Erlösung“.

Auf diesen Blödsinn fällt der Ökumenische Rat der Kirchen rein und huldigt den metaphysischen Krieger Kyrill, genannt Patriarch,  allein schon durch ihren Besuch am 17.10.2022.

7.
Die Kirchen des Westens, die sich vor allem im ÖRK versammeln, haben nach Meinung Kyrills im Falle des „Konflikts“ sehr löblich “aktiv, aber neutral“ gedacht und gehandelt, sie haben „keine politische Seite gewählt“. Ob man sich als Demokrat darüber freuen soll, ist sehr die Frage. Jedenfalls freut sich Kyrill sehr, dass der ÖRK einstimmig beschlossen hat, die Russisch-orthodoxe Kirche als Mitglied im ÖRK zu belassen. Darüber wurde und wird ja gestritten, leider hat die Führung des ÖRK in Genf das letzte Wort. Genauso groß ist Kyrills Freude darüber, dass diese seine Kirche, die so eindeutig auf Seiten des Kriegstreibers Putins steht, bei der 11. Generalversammlung des ÖRK in Karlsruhe Anfang September 2022 mit einer Delegation vertreten sein durfte, trotz sehr berechtigter Widerstände gegen deren Anwesenheit.
Aber auch schweigt die Delegation aus Genf.

8.
Im ganzen gesehen meint Kyrill I.: Alle Kirchen sollten zusammenarbeiten, den Dialog pflegen, gemeint ist: im Sinne Putins. Kyrill sagte einige Worte, bleibt aber bei seiner kriegerischen Ideologie.
Man fragt sich, müssen zur Entgegennahme solcher bekannter Behauptungen ökumenische Delegationen nach Moskau zum Dialog reisen, lohnt wegen solchen Blablas der Aufwand? Dadurch soll nur der Eindruck geweckt werden: Wir Christen vom ÖRK sind doch soooooo dialogbereit, auch mit theologischen Kriegstreibern.
Seine ganze Verlogenheit fasst Kyrill in seinem Schlusswort zusammen: „Möge Gott uns dabei helfen, dass die christlichen Kirchen der Versuchung widerstehen, Teil einer politischen Macht zu werden“.
Zum Lachen dieser Satz: Die Russisch – orthodoxe Kirche ist unter seinem allmächtigen Chef Kyrill I. alias Gundjajew de facto längst „Teil einer politischen Macht“, nämlich Putins, aber auch diese Tatsache wird nach KGB Art weggelogen.
Aber das wissen doch alle kritischen Beobachter. Nur: Die ökumenische Delegation aus Genf (ÖRK) geht darauf überhaupt nicht weiter ein, jedenfalls berichtet das offizielle Kommuniqué davon nichts. Aber was nutzen mögliche Geheimabsprachen hinter verschlossenen Türen, falls es sie denn in einem Nebenraum des Palastes des Milliardärs und Patriarschen gegeben hat?

9.
Interessant sind die in dem Kommuniqué mitgeteilten Stellungnahmen des „geschäftsführenden Generalsekretärs des ÖRK“, des Rumänisch – Orthodoxen Priesters und Theologen Prof. Ioan Sauca. Im ganzen hat der Leser des offiziellen Kommuniqués den Eindruck: Da spricht ein devoter orthodoxer Theologe der rumänischen Kirche zu dem fast einen Ehrenprimat beanspruchenden Moskauer Patriarchen. Sauca ist sich nicht zu schade, den KGB Mitarbeiter und Putin Ideologen Kyrill mit „seine Heiligkeit“ anzusprechen. Sauca aus Genf spricht selbst nur diplomatisch (freundlich und „neutral“ für Kyrill) von einem „Krieg zwischen Russland und der Ukraine“, von russischem Angriffskrieg traut sich der Herr aus Genf nicht zu sprechen.
Sauca freut sich, dass die Erklärungen zum Krieg durch seine Genfer Kirchenorganisation sogar “unter Mitwirkung der jeweiligen Delegationen der Russisch-orthodoxen Kirche formuliert worden seien, wie nett, die Aggressoren formulieren Friedenserklärungen mit. Sauca betont, durch diese Begegnung in Moskau herauszufinden, was die russische Kirche und der ÖRK tun können, „um dem Blutvergießen ein Ende zu setzen“. Weiter oben habe ich gezeigt, dass Sauca und die Seinen auf diese Frage keine konkrete Antwort vom Herrn Patriarchen erhalten haben. So bleiben den Herren aus Genf nur die freundlichen Worte an die Moskauer Clique: „Wir schätzen die Russisch-orthodoxe Kirche. Sie ist eine der größten Mitgliedskirchen im ÖRK. Und wir alle wollen, dass die Russische Orthodoxe Kirche auch weiterhin Teil des ÖRK bleibt, denn Ihr Beitrag für die ökumenische Bewegung und auch die Einheit der orthodoxen Kirchen ist über die Jahre immer sehr wichtig gewesen.“ Wenigstens ein Hinweis hätte gut getan, welche theologischen, spirituellen, ökologischen Beiträge denn diese russisch-orthodoxe Kirche für die Weltchristenheit bisher geleistet hat. Es sind keine bekannt. Hat nicht die damalige Bischöfin Margot Käßmann im Jahr 2002 ihre Mitarbeit im ÖRK aufgegeben, weil sie förmlich angewidert war von der Frauenfeindlichkeit dieser Moskauer Herren-Patriarchen Clique? (Siehe dazu: https://www.landeskirche-hannovers.de/evlka-de/presse-und-medien/nachrichten/2002/09/04-679)

10.
Was bedeuten also diese demütigen Worte vonseiten Saucas? Will er etwa den Kriegstreiber Kyrill umstimmen? Nein, er will diese Kirche im ÖRK behalten, denn die russisch-orthodoxe Kirche hat im ganzen Bereich Osteuropas ca. 160 Millionen Mitglieder. Wird diese Kirche aus dem ÖRK geworfen, hat dieses oberste ökumenische Gremium dann nur noch bescheidene 400 Millionen Mitglieder weltweit, ein Ungleichgewicht gegenüber der römisch-katholischen Kirche, die jetzt 1,4 Milliarden Mitglieder hat. Das ist für Genfer Ökumeniker vielleicht unerträglich?! Die finanziellen Leistungen der Russisch-orthodoxen Kirchen für den Betrieb des ÖRK in Genf sind äußert bescheiden, wenn man den grandiosen Reichtum allein des Patriarchen Kyrill berücksichtigt: Im Jahr 2020 zahlte die Russisch orthodoxe Kirche 10.229 Schweizer Franken sozusagen als Mitgliedsbeitrag in Genf ein. Im Jahr 2021 waren es 10.618 Schweizer Franken. (Quelle. https://www.oikoumene.org/resources/documents/wcc-financial-report-2020).

11.
Nebenbei: Die „Begegnung Genf-Moskau fand in der „Residenz“ Kyrills, im Danilow Kloster statt, die Barock-Schloss ähnlichen Räumlichkeiten sind absolut glanzvoll und extrem opulent, so richtig passend für Christen, die behaupten, Christen zu sein und dem armen Jesus von Nazareth zu folgen. Und so richtig passend zu den armen Mütterchen, die immer noch in den armseligen Dörfern dem orthodoxen Glauben und seinem Patriarchen -auch noch Geld spendend – anhangen. Das sind Beispiele für die Erkenntnis: „Religion ist Opium des Volkes“…
Und auch dies nebenbei: Wer bei der Begegnung Moskau-Genf diese orthodoxen Gestalten in diesen Prunk-Räumen betrachtet, muss sehr an sich halten, um nicht zu fordern: Mögen doch diese so genannten orthodoxen „Geistlichen-Herren“ für längere Zeit zum Zwecke von geistlichen wie leiblichen Übungen die Lager Putins in Sibirien von Innen erleben. Und den Oppositionellen Nawalny dort treffen. Und mit ihm in aller Lager – Armut und Not debattieren. Dieser Wunsch wird nicht in Erfüllung gehen, selbst wenn, wie schon gesagt, der oberste „Ehren-Chef“ der Orthodoxen, Patriarch Bartholomäus von Konstantinopel, den Rücktritt seines Mitbauer Kyrill I. bzw. Gundjajew, fordert. Aber dieser Herr in Moskau wird dochnicht auf seinen Luxus verzichten, oder diesen ins Ausland, warum nicht nach Deutschland oder nach Zürich, mitnehmen.
Einige hübsche Fotos von der Residenz Kyrills kann man sich anschauen: https://mospat.ru/de/news/89724/. Über den Reichtum des Moskauer Patriarchen: Siehe den Beitrag, Nr. 13.

12.
Diese abstoßenden Gestalten, die sich Patriarchen oder Metropoliten und so weiter zu nennen erlauben, sind, summa summarum, eine Schande für die Christenheit. Auch diese russischen Kleriker vertreiben die letzten Menschen, die noch glauben, in einer christlichen Kirche, auch in der russisch-orthodoxen Kirche, eine Art geistliche, spirituelle und humane Heimat zu finden.
Der Klerus ist, so das Gesamtresultat, das sich auch aus den vielfachen Skandalen der römischen Kirche ergibt, eine Schande für die Christen geworden. Wer diese Schande überwinden will, muss die totale Herrschaft des Klerus, in Moskau wie in Rom und Köln und so weiter überwinden. Und den Leuten in Genf im ÖRK muss man mindestens dies sagen: Seid bitte nicht länger so naiv.

13.
Die beste und sehr lesenswerte Zusammenfassung zur Rolle Kyrills I. als theologischem Ideologen Putins und seines Krieges hat das „Zentrum der liberalen Moderne“ in Berlin verfasst mit allen genauen Details. Siehe den hervorragenden Beitrag von Armin Huttenlocher: https://russlandverstehen.eu/ukraine-krieg-kyrill-huttenlocher/

Nur eine „Kostprobe“als Zitat aus dieser hervorragenden Studie:
Macht­stre­ben und Luxus­le­ben hinter mit­tel­al­ter­li­cher Fassade:
Hinter einer kir­chen­sei­tig gepfleg­ten Fassade vor­mo­der­nen – um nicht zu sagen: spät­mit­tel­al­ter­li­chen – Auf­tre­tens ver­birgt sich ein Apparat, der sich nicht auf eine Pflege des See­len­heils beschränkt: Die Rus­sisch-Ortho­doxe Kirche (ROK) zählt zu den größten nicht­staat­li­chen Land­be­sit­zern in Russ­land, Belarus und der Ukraine. Neben Kirchen, Klös­tern und Land­gü­tern verfügt sie zudem über ein statt­li­ches Immo­bi­lien-Impe­rium. Exper­ten schät­zen die Ein­nah­men allein aus diesem Bereich auf umge­rech­net bis zu 1 Mil­li­arde US-Dollar jähr­lich. Hinzu kommen Gelder, die der ROK ver­fas­sungs­ge­mäß aus der Staats­kasse zuste­hen, und Spenden von Pri­vat­leu­ten und Wirt­schafts­un­ter­neh­men. Das Pres­se­büro von Kyrill I. sah sich vor einigen Jahren ver­an­lasst, nach­träg­lich auf einem bereits ver­öf­fent­lich­ten Foto eine goldene Luxus­uhr vom Hand­ge­lenk des Patri­ar­chen zu retu­schie­ren. Die Ein­kaufs­tou­ren seiner Entou­rage bei Besu­chen von Metro­po­lien (Diö­ze­sen) der ROK in New York, Chicago, London, Paris, Berlin oder Wien sind legendär.
Für aus­rei­chend Beweg­lich­keit des Klerus sorgt eine beein­dru­ckende Flotte aus Fahr­zeu­gen, vor­zugs­weise der geho­be­nen Klasse, Hub­schrau­bern und, Berich­ten zufolge, sogar Flug­zeu­gen. Bei Aus­lands­be­su­chen ist man stets Gast der jewei­li­gen Bot­schaft der Rus­si­schen Föde­ra­tion, wohnt in Vier‑, lieber noch Fünf-Sterne-Hotels und genießt den dazu­ge­hö­ri­gen Service. Die Ver­wal­tung der Besitz­tü­mer und der allein in Russ­land unge­fähr 115 Mil­lio­nen, welt­weit rund 150 Mil­lio­nen Gläu­bi­gen erfolgt ebenso wie die enga­gierte Offline- und Online-Kom­mu­ni­ka­tion der ROK mit­hilfe kirch­li­cher Medien samt eigener Trolle in Sozia­len Netz­wer­ken – soge­nann­ten „Kyrill-Bots“.
Per­so­nell ist die Rus­sisch-Ortho­doxe Kirche seit den 1970er Jahren eng mit den Geheim­diens­ten ver­bun­den. Seit der Bre­schnew-Ära gibt es keinen Patri­ar­chen der ROK, der nicht auch Wurzeln beim KGB bzw. dessen Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­tion FSB gehabt hätte. „Glei­ches gilt für die meisten Metro­po­li­ten (Erz­bi­schöfe) und für min­des­tens ein Drittel aller Pries­ter und Anwär­ter auf ein Pries­ter­amt bei uns“, sagt ein füh­ren­des Mit­glied der ROK im ver­trau­li­chen Gespräch. Und fügt hinzu: „Die Anwer­bung erfolgt im Pries­ter­se­mi­nar. Berichte für den FSB zu ver­fas­sen, gehört so selbst­ver­ständ­lich zum Leben als Pries­ter unserer Kirche, wie die Beichte zum Leben der Gläubigen.“ (https://russlandverstehen.eu/ukraine-krieg-kyrill-huttenlocher/).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der religiöse Bruch in Spanien heute: 40 Prozent der SpanierInnen nennen sich heute „nicht-gläubig“, „ungläubig“, „atheistisch“.

Spanien ist nicht mehr katholisch.

Einige Hinweise von Christian Modehn.

Spanien ist der „Ehrengast“ der Frankfurter Buchmesse 2022. Wie schon in den Jahren zuvor, erinnert der Religionsphilosophische Salon Salon Berlin an die religiöse Situation des jeweiligen Gastlandes. So etwa 2019 Hinweise zum “Ehrengast” Norwegen. LINK.

1.
Ohne Statistiken in diesem Fall keine Klarheit: Tatsachen, die den religiösen und damit insgesamt auch kulturellen Bruch im heutigen Spanien deutlich zeigen:

Das Studienzentrum „Centro de Investigaciones Sociologicas“ (CIS) hat im Oktober 2021 diese Statistik veröffentlicht:
Im Oktober 2021 nannten sich noch 55,4% der SpanierInnen katholisch, 1978 waren es 90,5%.
„Ungläubig“ oder „atheistisch“ nannten sich im Oktober 2021 39,9%, also mehr als ein Drittel der Bevölkerung.1978 nannten sich nur 8,5% atheistisch.
Unter den Jugendlichen bezeichneten sich 2021 nur noch 28,2% als katholisch. Die Zukunft der katholischen Kirche ist also düster…
Auch die Teilnahme an der Messe unter den Katholiken wurde untersucht: Im Jahr 2021 sagten 56,8%, niemals an der Sonntagsmesse teilzunehmen, im Jahr 1983 waren es nur 22,2%.
Die Zahl der „Praktizierenden“ (das sind jene, die regelmäßig an der Sonntagsmesse teilnehmen, das also ist „Praxis“) ist heute je nach Region verschieden. In manchen Gegenden Kataloniens (wie Barcelona) mit der Tendenz gegen Null. Das wissen allmählich auch viele Touristen: Wer in Spanien Klosterkirchen, Kathedralen, Pfarrkirchen besucht, kann sich – angesichts des immer leicht angestaubten Alters dieser Gebäude – nicht des Eindrucks erwehren: Man betritt eigentlich Museen, in die die Menschen kurz mal reinschauen oder in denen sie – oft gelangweilt – hin – und her-wandern.

2.
Es gibt immer weniger Priester. Nach Informationen der spanischen Bischofskonferenz gibt es im ganzen Land 22.993 Pfarreien, die aber nur von 16.960 Priestern „betreut“ werden. 1980 waren es noch 24.000 „Diözesanpriester…Es gibt viele Dorfgemeinden ohne einen Priester als „Seelsorger“. In den siebziger Jahre gab es noch 24.500 Priester.
Immer weniger junge Männer wollen sich auf das Zölibatsgesetz festlegen und Priester werden, 2021 waren es insgesamt 1.066 so genannte „Seminaristen“, vor 10 Jahren waren es noch 1.736. Ein Beispiel: Die Ausbildungsstätte für den Klerus in Mérida-Badjoz hat vor kurzem geschlossen, auch das Priesterseminar in Almeria hat – mangels Interessierter – geschlossen.
Das heißt: Das klerikale System bricht auch in Spanien, wie überall in Europa, zusammen.

3.
3,2 % der SpanierInnen sagten im Oktober 2021, sie seien Mitglieder anderer Religionen.
Religiös pluralistisch kann man Spanien heute eher in einem eher begrenzten Sinn nennen: Es gibt eigentlich nur zwei dominante „Bekenntnisse“: Entweder zur katholischen Kirche oder zum individuell gelebten Unglauben bzw. Atheismus.

Nur 3,2% der SpanierInnen sind Mitglieder einer “anderen Religion:
Zu den Protestanten: https://iee-protestante.org/. Es gibt viele evangelikale und pfingstlyrische Gemeinden, vor allem LateinamerikanerInnen sind Mitglieder dieser Freikirchen, sie haben sich oft schon in Lateinamerika vom Katholizismus abgewandt. Aber die Zahlen schwanken: Die Naumann Stiftung veröffentlicht 2022: 1,7 Millionen Evangelische, darunter etwa 900.000 Migranten aus Lateinamerika. (Quelle: https://www.freiheit.org/de/spanien-italien-portugal-und-mittelmeerdialog/migration-und-religioese-vielfalt-spanien).
Zu den Juden: https://www.fcje.org/, heute leben in Spanien ca. 45.000 Juden.
Zu den Muslims: Mindestens 16.000 „herkömmliche Spanier“ (so der katholische Theologe Mariano Delgado) sind zum Islam konvertiert, als ihrer ursprünglichen Religion, insgesamt leben mehr als zwei Millionen Muslims in Spanien.

4.
Spaniens Gegenwart ist nicht mehr von der katholischen Kirche und der Bindung der Spanier an diese Kirche bestimmt. Ein kultureller Bruch wird sichtbar, es ist ein radikaler, aber seit Jahrzehnten regelmäßiger Abschied von der Jahrhunderte alten Selbstverständlichkeit des „100 prozentig katholischen Spanien“. Der von dem rechtsextremen General Franco geförderte Einfluss der Kirche war geradezu total, besonders im Gesetzgebung, im Schulwesen, in den Medien usw. Und die Kirchenführung war sehr froh und dankbar, unter diesem antidemokratischen Franco Regime zu leben und Vorteile zu genießen. In der starren Dialektik Rechtsradikale gegen Republikaner war die Verfassung der kurzzeitigen Republik von 1931 extrem antikirchlich, die meisten Republikaner sahen im Klerus ihren Erzfeind. Nicht ohne Grund, auch die Päpste hatten zuvor jegliche Demokratie verurteilt.
Jedenfalls gilt: „Während der ersten 2 Dekaden der Regierung Francos war die katholische Kirche die deutlichste ideologische Stütze der Diktatur. Die Herrschaft der spanisch- faschistischen Diktatur war ein Klerikal-Faschismus“, so Antonio Gomez Movellán in seinem Buch „La Iglesia catolica y otras religiones en la Espana de hoy”, Editionen Visa 1999, Seite 49, Übersetzung von mir)

5. Ein Blick auf Francos Kirche
Der katholische Theologe Mariano Delgado schreibt in der Jesuitenzeitschrift Stimmen der Zeit 2009: „1948 schrieben die spanischen Bischöfe, erstmals seit dem Bürgerkrieg, einen gemeinsamen Hirtenbrief gegen die Religionsfreiheit. Die spanischen Bischöfe waren der Syllabus-Mentalität (d.h. der antidemokratischen Ideologie der Päpste seit Gregor XVI., CM) verhaftet und dachten folglich, daß nur der wahren Religion, nicht jedoch dem Irrtum Freiheit zustehe, und sie wurden darin von Rom (dem Papst) unterstützt. Denn im selben Jahr 1948 betonte die einflußreiche Jesuitenzeitschrift “La Civiltà cattolica” dieses Prinzip unter ausdrücklichem Bezug auf die Ansprüche spanischer Protestanten: “Aber die katholische Kirche, die aufgrund ihres göttlichen Privilegs davon überzeugt ist, die einzig wahre Kirche zu sein, muß für sich allein das Recht auf Freiheit reklamieren; denn dieses kann allein der Wahrheit, niemals aber dem Irrtum zustehen.“ Mit dieser Mentalität nahmen die spanischen Bischöfe am Zweiten Vatikanischen Konzil teil. Sie lehnten noch 1964 einen zweiten Gesetzesentwurf der Regierung über die Religionsfreiheit ab. Nach dem Konzil, das sich am 7. Dezember 1965 – einen Tag vor dem Abschluß (!) – zur Religionsfreiheit bekannt hatte, konnten sie, der ultramontanen (d.h. der total PAPST – ergebenen Ideologie, CM) Logik folgend, Konzil und Papst ihre Gefolgschaft nicht verweigern. So war der Weg für das spanische Gesetz über die Religionsfreiheit von 1967 frei“. Aber wirkliche umfassende Religionsfreiheit fand Spanien erst mit der Verfassung von 1978, da definierte sich der spanische Staat als a-konfessionell, d.h.er will weder katholisch noch laizistisch im Sinne von antireligiös sein.

Die Erinnerung an die Franco-Diktatur bestimmt noch heute die leidenschaftlichen Debatten der Spanier, wobei viele Republikaner bedauern, wie schwach noch die „Aufarbeitung“ der Franco-Diktatur und der mit ihr eng verbundenen katholischen Kirche bis heute ist. ( Quelle: https://maldita.es/malditodato/20211018/espana-catolicos-creyentes-cis/) Einige hundert Priester haben die Päpste inzwischen selig und heilig gesprochen, die unter Francos Diktatur gegen die linken Republikaner kämpften und dabei ihr Leben verloren. Für heutige Demokraten ist diese Auszeichnung problematisch, weil es ja auch Katholiken unter den Republikanern gab, die ihr Leben im Kampf gegen die Franco-Diktatur ließen.

6.
Das Ende der katholisch bestimmten Francos Herrschaft wurde von den meisten als Befreiung erlebt, aus dieser Befreiung sind neue demokratische Formen des Zusammenlebens entstanden, die Menschen lassen sich ihr moralisches Verhalten nicht mehr von der Kirche vorschreiben! Nur ein Beispiel: Der oft als „typisch spanisch“ geltende Machismo wird in der Demokratie jetzt stark eingeschränkt und durch Gesetze entsprechend gesteuert. Sex kann es für Männer nur noch geben mit ausdrücklicher Zustimmung der Frauen. Es wurden schon 2004 Gesetze beschlossen zum Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt. Die Rechte der Frauen sind unter der Gleichstellungsministerin Irene Montero endlich etwas mehr Realität geworden. Ohne Zustimmung ihrer Ehemänner konnten Frauen unter Franco weder ein eigenes Bankkonto eröffnen noch ihre eigenen Arbeitsverträge abschließen.
Zusammenfassend: Spanien ist ein säkularer Rechtsstaat, und für Religionssoziologen zeigt sich: Nur im Abschied vom ideologischen, moralischen Einfluss des Klerus und seiner Dogmen ist diese Modernisierung möglich. Mit anderen Worten: Der Abschied von der Kirchenbindung ist der Weg in die Freiheit der Gleichberechtigung für Frauen und Homosexuelle. Werte und Lebensorientierungen müssen von jedem einzelnen, von jeder einzelnen selbst gesucht werden. Das ist nicht immer einfach in einer Kultur, die bis 1975 absolut kirchlich, klerikal und autoritär bestimmt war.

Und dass die säkulare Kultur auch eine “Kultur” der Herrschaft, der Männer-Herrschaft, der Herrschaft des Kapitals ist, das sollte man in den vielfach preisgekrönten feministischen Romanen nachlesen, die in den vergangenen Monaten publiziert wurden. Etwa: “Leichte Sprxche” von Cristina Morales (Mattthes & Sweitz Verlag)  oder “Eine Liebe” von Sara Mesa (Wagenbach Verlag).  Besondere Beachtung verdient sicher der Roman von Elena Medel, “Die Wunder” (Suhrkamp Verlag).  Hier wird von den dunklen Jahren der Franco Diktatur erzählt UND der Gegenwart Spaniens, die von sozialer Ungerechtigkeit und Ungleichheit bestimmt ist. Es sind die Frauen, die – auch im heutigen Spanien – ums Überleben kämpfen müssen.

7.
Der sexuelle Missbrauch durch Priester wurde in Spanien durch die Kirchenführung erst spät untersucht, 2021 erklärte Kardinal Omella, dass etwa 1.200 Priester (vor allem in den Jahren 1960-1980) Kinder sexuell missbraucht haben, Betroffene halten diese Zahl für viel zu niedrig.
In jedem Fall haben diese Informationen, Recherchen und Studien zum klerikalen Missbrauch die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche weiter erschüttert. Manche Spanier sagen: Der Klerus treibt die Gläubigen aus den Kirchen.
Schon bemerkenswert: Die Kirchenführung reagierte erst, nachdem die Tageszeitung „El Pais“ intensive Recherchen zu mehr als 250 „Fällen“ sexuellen Missbrauchs dokumentiert hatte…Dabei haben die Spanier nicht vergessen, dass der in Spanien einflussreiche Orden „Legionäre Christi“ seit den ausführlich dokumentierten Verbrechen ihres Ordensgründers Marcial Mariel im Focus der Recherchen zum sexuellen Missbrauch stand und steht. Aber die Recherchen von „El Pais“ zeigen auch, dass andere Ordensgemeinschaften, wie die Salesianer Don Boscos, viele klerikale Täter sexuellen Missbrauchs aufweisen. Auch zum häufigen Missbrauch an den Kollegien der Maristen-Brüder gibt es viele Studien. (https://elpais.com/sociedad/2021-07-31/los-maristas-investigan-acusaciones-de-abusos-a-otros-dos-profesores-en-el-colegio-de-granada-hasta-2007.html#?rel=listaapoyo)

8.
Dieser Beitrag musste sich beim Thema Spanien auf die katholische Kirche stark beziehen. Hinzuweisen ist auch auf ein menschenfreundliches Gesicht dieser Kirche, auf die in Spanien sehr lebendige CARITAS. Sie ist in sehr vielen Pfarrgemeinden mit eigenen Gruppen und Basis-Hilfsangeboten lebendig, 73.000 Freiwillige engagieren sich für diese Caritas-Arbeit, die von Obdachlosen-Hilfen über Hilfen wegen der Corona-Krise bis zu Beratungen für Flüchtlinge reicht. Der Caritas Etat ist beträchtlich: Im Jahr 2022 beträgt der Etat ca 400 Millionen Euro, davon sind nur 31 Prozent Zuweisungen aus öffentlicher, staatlicher Hand. Siehe: https://www.caritas.es/

9.
Neuigkeiten, kreative Thesen, Refomationsvorschläge aus den Kreisen der zahlreichen katholischen Theologie -Professoren Spaniens sind auf kleinere Studienkreise und Basisgemeinden begrenzt.
Man darf gespannt sein, welche neuen theologische Erkenntnisse aus Spanien sich auch in Frankfurt präsentieren.
Meines Wissens werden kaum noch Bücher aktueller spanischer Theologen in andere Sprachen, etwa ins Deutsche, übersetzt. Die katholisch-theologischen Verlage, die es ja zahlreich in Spanien gibt, veröffentlichen im ganzen eher fromme meditative Erbauungsbücher. Das liegt daran, dass der Kreis der noch „praktizierenden“ Katholiken vor allem aus den so genannten neuen geistlichenBewegungen stammt, also aus dem in Spanien überaus einflussreichen Neokatechumenat oder dem Opus Dei.

Beachtung verdient idie Übersicht über die „Theologien des Südens“, ein Buch des in Spanien sehr bekannten Theologen Juan José Tamayo, die spanische Ausgabe erschien 2017.
Wichtig auch die Studien von Evaristo Vilar (https://independent.academia.edu/EvaristoVillar)

Nahezu unbekannt ist in Deutschland die „Asociación de Teólogos Juan XXIII.“, diese Organisation hat vom 9. bis 11.September 2022 ihren 41. theologischen Kongress „online“ veranstaltet, die Vorträge sind nachzuzulesen: https://congresodeteologia.info/, darunter auch ein Vortrag des brasilianischen Theologen Leonardo Boff: https://congresodeteologia.info/wp-content/uploads/2022/09/BOFF-HACIA-UNA-IGLES-SAMARITANA.pdf.

10.
Der Skandal: Die Gier der Bischöfe:
Die katholische Kirche verliert immer mehr vMitglieder, nur wenige haben das Bedürfnis (und entsprechen der Pflicht) Sonntags an der Messe teilzunehmen.
Und was tun die Bischöfe: Sie verhalten sich ziemlich raffgierig, wenn sie darauf bestehen, dass Kirchen und Gebäude, ja selbst Garagen, Schulen, Wohnhäuser, die 1946 vom rechtsradikalen Staatschef Franco der Kirche als Eigentum übergeben wurden, nun wieder Eigentum der Kirche bzw. der Bistümer werden. Dieses Privileg hatte der damalige PP Präsident AZnar 1994 eingeleitet. So ist die Mezquita, einst Moschee, dann wieder Kathedrale von Cordoba, Eigentum des Erzbistums Cordoba. Der Eintrittspreis in diese Kathedrale beträgt 15 Euro. Über diese Gier des Klerus in Spanien wird heftig gestritten … und die Mitgliederzahlen der Kirche sinken…Inzwischen aber hat die Kirchenführung, ihrer Gier wohl bewusst, 965 von insgesamt 34.000 Eigentums – Objekten den wahren Eigentümern zurückgeben. Der Erzkatholik und Faschist Franco war nämlich so nett: „Jede Immobilie, mit Ausnahme der Gotteshäuser, konnte die Kirche ohne Vorlage von Papieren und nur mit der Unterschrift eines Bischofs als kirchliches Eigentum ins Grundbuch eintragen lassen. Das Gesetz blieb bis 2015 in Kraft.(Quelle:https://www.diepresse.com/6090172/spanische-kirche-will-965-immobilien-an-rechtmaessige-besitzer-uebergeben)

11. Erinnerung an die Philosophin Maria ZAMBRANO.

Zur Buchmesse veröffentlicht der Suhrkamp Verlag ein Buch der leider in Deutschland bislang eher unbekannten Philosophin Maria Zambrano, der Titel “Waldlichtungen”. Einen Hinweis auf Maria Zambrano hat der religionsphilosophische Salon schon 2019 veröffentlicht. LINK.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Abschied vom klassischen Herrscher – Gott in der Höhe. Und dabei den schwachen Gott entdecken.

Ein Hinweis auf ein neues Buch von John D. Caputo.
Von Christian Modehn.

Das Buch von John D. Caputo „Die Torheit Gottes“ ist sicher eines der besonders anregenden (und „zugänglichen“) Bücher über Religion und Glauben in diesem Herbst 2022. Endlich ein theologisches Buch (von einem Philosophen !), das etwa die ewigen Debatten über Strukturreformen der katholischen Kirche beiseite setzt, weil es zeigt: Auf etwas ganz anderes kommt es an: Auf die Korrektur des Gottesbildes, also auf die Korrektur der üblichen herrschenden Dogmatik der klerikalen Herrscher.
Es geht in diesen jetzt existentiell hoch belastenden Zeiten also um viel Wichtigeres, es geht um die Frage: An welchen Gott (des Christentums) kann ich und will ich vielleicht noch glauben? Welcher Gott erdrückt mich nicht mit seiner absoluten Last der Gesetze, welcher Gott ist förmlich sanft und machtlos, welcher ruft in ein Leben der Freiheit? Dies ist der Ausgangspunkt des Buches „Die Torheit Gottes“ von John D. Caputo.

1.
Darüber besteht für Caputo – und nicht nur ihn – völlige Gewissheit: Wer heute mit klarer Vernunft an Gott glauben will, sollte sich von den klassischen Gottesbildern befreien. Das tun Gott sei Dank allmählich viele. Denn eine dauerhafte Bewusstseinsspaltung zwischen einem naiven Kinder – Glauben und einem kritischen Bewusstsein wollen nur die vielen Evangelikalen, Pfingstler, konservativen Katholiken und Putin-gläubigen Orthodoxen hinnehmen. Vor allem das Bild von Gott als oberstem Sein selbst, als Gott in der Höhe, an der obersten Spitze aller denkbaren Hierarchien, allmächtig und von Engeln umgeben und so weiter, kann ein Mensch mit klarer Vernunft nicht akzeptieren. Dort startet Caputo mit seinen Reflexionen, die in 10 Kapiteln immer wieder die eine Grund-These umrunden: Nur ein schwacher Gott eröffnet heute lebendiges, freies Leben.

2.
Dabei ist der „schwache Gott“ für jene Leute, die immer noch an einen göttlichen Tyrannen im Himmel glauben, die größte Provokation. Caputos Buch ist insofern der Aufruf zur Reform, mehr noch: Zur Reformation des christlichen Denkens und Handelns. Alles kommt darauf an, die materiell gar nicht greifbare Stimme des schwachen Gottes im Gewissen (im Geist) zu vernehmen. Dort und nur dort ereignet sich der Unbedingte, der Gott, der leise die Menschen zum ethisch guten Leben und politischen Handeln aufruft. Diese Stimme des schwachen Gottes ist unbedingt, kann aber vom Menschen ignoriert und überhört werden, was ja faktisch ständig geschieht bei so vielen Verbrechern in der Politik in dieser verrückten Welt.
Das ist der Mittelpunkt des Plädoyers Caputos für den schwachen Gott. Wer dieses Zentrum erreichen will, lese zu Beginn die letzten Zeilen unter dem Titel „Genug gesagt“ in dem Buch, S. 149 bis 152.

3.
Hier aber noch einige weitere Hinweise und Bemerkungen zu dem Buch mit dem provozierenden Titel „Die Torheit Gottes. Eine radikale Theologie des Unbedingten“.
Der US-Amerikaner John D. Caputo wurde 1940 geboren, er ist katholisch gebildet, er war einige Jahre Mitglied des Ordens der „La Salle-Schul-Brüder“ (Quelle: Revista Hispanoamericana T.O.R., Num. 2, 2021, P. 69 ff)
Eine lange Liste Englisch sprachiger Bücher dokumentiert die philosophische Leidenschaft Caputos, die Bibliographie nennt 13 Titel (S. 153).

4.
Caputos Buch„Die Torheit Gottes“ hat den Untertitel „Eine radikale Theologie des Unbedingten“. Und auf S. 100 werden wir informiert: „Die Torheit Gottes besteht darin, dass Gott nicht existiert“. Das ist ein typischer Caputo-Satz. Der Philosoph mit einer starken Kompetenz für theologische Probleme neigt auch zu sperrigen Formulierungen, manchmal sind sie etwas flapsig, leicht ironisch, so auch hier: Der gerade zitierte Satz könnte (von mir) also übersetzt werden, leicht provozierend wie bei Caputo selbst: „Der klassisch verehrte Gott ist so dumm (so töricht, Torheit!), dass dieser klassische Gott gar nicht existiert“. Auf S. 67 stellt Caputo die eher rhetorische Fragen: „Was ist Gott anderes als die Möglichkeit des Unmöglichen, das Wort für das Ereignis des (Un)Bedingten?…“ Das „Ereignis“ ist das überraschende Geschehen der Öffnung des Daseins aus den Verklemmtheiten und Versperrungen im Denken: Im Ereignis spricht uns etwas Unbedingtes zu, „die Aussicht auf etwas, das im Kommen ist und das den Horizont der Gegenwart erschüttert“ (S. 119).

Im „Ereignis“ also zeigt sich das Unbedingte, ein Wort, das Caputo sehr schätzt in seiner Hochachtung für den Theologen Paul Tillich! Und dieses Unbedingte als das lebendig Göttliche existiert nicht, sondern, und das ist mehr als ein Sprachspiel: Dieser Gott in-sistiert, d.h. er drängt sich auf inmitten des Lebens. Er ruft – im Gewissen, so interpretiere ich – den Menschen auf, lebendiger als bisher zu leben, Verantwortung zu übernehmen, zu lieben… Aber es ist keine objektiv greifbare Wesenheit, die da ruft, betont Caputo etwas verschlüsselt, sondern eine „nicht-existierende Unbedingtheit“ (S.151). Es ist ein niemals zu greifender Gott, der in seinem sanften In-sistieren im Geist der Menschen „auftritt“ und insgesamt schwach ist und nicht herrschend und mächtig. Der schwache Gott ist DAS Thema Caputos, ein Thema, das ihn mit dem italienischen Philosophen Gianni Vatttimo verbindet (vgl. etwa Gianni Vattimo, „Glauben-Philosophieren“, Reclam 1997).

5.
Dieser Gott, der nicht „greifbar“, nicht definierbar ist, der nicht existiert, führt die glaubenden Christen zur Einsicht: Sie, die den nicht-existierenden („objektiv vorhandenen“) Gott ablehnen, sind eigentlich auch Atheisten, weil sie den klassisch – dogmatisch vermittelten Gott zurückweisen. Und die klassischen, „aufklärerischen“ Atheisten, die gerade diesen angeblich objektiv existierenden Gott ablehnen, müssen sich nun auch neu orientieren, wenn denn der „wahre Gott“ der jeweils neu mitten im Leben insistierende schwache Gott ist!
Man möchte fast den Gedanken in Formulierungen der etwas flapsiger Art fortführen, ein Stil, den auch Caputo in dem Buch schätzt und dann sagen: Vielleicht werden angesichts des schwachen Gottes auch die Atheisten schwach und… beginnen an den schwachen Gott zu glauben?

6.
Caputo ist einer der wenigen katholischen Philosophen und Theologen, die sich explizit zustimmend und lernend auf den Philosophen Jacques Derrida beziehen. Auch in diesem Buch! Caputo hatte zuvor intensiv Heidegger studiert, Thomas von Aquin ebenso und Augustinus und Kierkegaard… Derrida ist (neben Tillich) sozusagen die wichtigste Quelle der Inspiration für Caputo. Über Derrida hat Caputo mehrere Tagungen an der Villanova-Universität (Philadelphia, USA, geleitet vom Augustiner-Orden) organisiert.

7.
Caputo liebt die philosophische Spekulation, das Hin und Her der Begriffe, er begibt sich auf seine Art in die Abgründe der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, die ewig die Frage diskutiert: Welcher Gott ist denn nun wirklich göttlich und kann als solcher von den kritischen Menschen akzeptiert werden. Auch den Menschen in Indien, in Tokio, am Amazonas? Diese Frage stellt Caputo nicht. Er ist als westlicher, klassisch gebildeter Philosoph mit seiner Liebe zur Postmoderne und zur „Dekonstruktion“ (die wichtigste philosophische Aktivität von Jacques Derrida) immer noch auf der alten europäischen Fährte der Suche nach einem göttlichen Gott, dem ganz Anderen, der alle Begriffe sprengt.
So will Caputo im Denken freien Raum schaffen, er muss alte Gottesbilder entfernen, nur so kann er auch neu über den Zentralbegriff der biblischen Botschaft nachdenken, das Reich Gottes. Bei dem Thema kommen dann zum ersten Mal etwas politisch bestimmte Aspekte zur Sprache.

8.
Letztlich ist für Caputo das Reich Gottes eine Welt der Menschen, die sich ganz der Nächstenliebe verschrieben haben. Nur darauf kommt es an! Wahrscheinlich hat Caputo dieses Buch vor allem geschrieben, um zu dieser Einsicht die Glaubenden, auch die Kirchen, aufzufordern: Menschlichkeit ist das Wichtigste, sie zu fördern ist die einzige und wahre Antwort auf den „schwachen“ Ruf des Unbedingten im Menschen. Denn wenn der Ruf des schwachen Gottes im Gewissen eines jeden Menschen sich ereignet, ist ja – wie gesagt – die universelle humane Dimension des Gewissens gemeint. Denn es wäre ja verfehlt, den Ruf des Gewissens als ein explizit religiöses Ereignis zu verstehen, der Ruf des Unbedingten im Gewissen ist etwas Humanes. Wer Caputo so versteht, muss ihm förmlich eine notwendige Säkularsierung des göttlichen Rufes zugestehen. Mit anderen Worten: Es geht in dem langen Text nur um die eigentlich schlichte Einsicht: Die Menschen sollen – um Gottes willen – endlich ihrem Gewissen praktisch folgen. Kant sprach vom Kategorischen Imperativ, viele religiöse Traditionen sprechen von der „Goldenen Regel“.

9.
Es wäre weiterführend und hilfreich gewesen, wenn Caputo noch Stellung genommen hätte, zu der Frage: Wenn die Menschen diesem Ruf des Unbedingten überhaupt nicht folgen, sich also in Kriegen abschlachten und wenn die reiche kapitalistische Welt das Verhungern von Millionen Menschen einfach so hinnimmt mit wortreichen Statements, was bedeutet dann der schwache Gott? Ist er also schwach mit den (moralisch, geistig, politisch) schwachen Menschen? Von der Klimakatastrophe, von Menschen gemacht, hätte Caputo auch ein paar Worte sagen können, als Beispiel, wie der schwache Gott im Menschen wirkt oder eben nicht gehört wird.
Man möchte meinen: Vielleicht ist der schwache Gott mit seinem stillen Ruf, wie Caputo lang und breit immer wieder umschreibt, doch hoffnungslos zu schwach… und lässt es zu, dass sich die Menschen ihr eigenes und der Welten Ende bewirken. So könnte man förmlich von einer Art neuen negativen Theodizee sprechen, also von einer ungewöhnlichen Rechtfertigung Gottes angesichts des Elends der Welt!
Wer dann aber noch an dem Mythos der Schöpfung der Welt und der Menschen durch einen Gott festhält, muss angesichts des schwachen Gottes sagen: Der schwache Gott hat schwache Menschen erschaffen, die in der Lage sind, die Welt in den Abgrund zu stürzen. Könnte man das ganze Geschehen eine göttliche Katastrophe nennen? Ein tröstlicher Gott ist der schwache Gott, der Gott als Torheit, jedenfalls nicht. Beruhigendes Opium ist dieser schwache Gott nun absolut gar nicht. Der Mensch steht nun angesichts des schwachen Gottes nackt und schutzlos da. Wird diese Einsicht viele Menschen, auf göttlichen Trost fixiert sind, bewegen, d.h. zur Zustimmung zu Caputos Corsxchlägen führen?

10.
Der frühere allmächtig genannte Gott, so laut und innig in so vielen theologisch dummen Kirchenliedern besungen („Großer Gott wir loben dich, Herr wir preisen deine Stärke“, oder: „Ein feste Burg ist unser Gott…“ usw. usw.) war ja auch schon schwach. Er hat sich gegenüber den damals schon schwach glaubenden Menschen auch nicht „stark“ durchgesetzt. Alle Lieder und Bekenntnisse waren Trallala, nette naive Poesie zur Abwechslung in den ewigen Kriegszeiten. Der Große Gott im Himmel hat das Elend der Welt auch nicht überwunden. Diese Lieder vom allmächtigen Gott waren also Ideologie der Herrscher, Beruhigung, Opium…

11.
Nebenbei: „Großer Gott wir loben dich“ wurde auf Befehl der Kaiserin Maria Theresia 1774 ins „katholische Gesangbuch“ aufgenommen. Maria Theresia war eine innenpolitisch reaktionäre, intolerante Herrscherin, sie führte drei Kriege und pries dann den großen Gott für ihre Siege… Auch Angela Merkel schätzte übrigens sehr den Song „Großer Gott wir loben dich“, siehe Zapfenstreich…Heute wissen wir, dass so vieles Löbliches bei Angela Merkel auch nicht übrig bleibt, angesichts ihrer jetzt offenkundigen Naivität und Nachlässigkeit im Umgang mit dem schon seit 2006 bekannten Diktator und Kriegstreiber Putin.

13.
Noch einmal gefragt: Kurz gesagt: Welchen Sinn hat der Glaube an einen schwachen oder auch an einen starken Gott eigentlich, wenn die Menschen diese Welt (eine Schöpfung Gottes?) In vielfacher Hinsicht systematisch zerstören und vernichten. Und die Kirchenführer sind hilflos, dem Faschismus, dem Rechtsextremismus usw. Parole zu bieten und ihre frommen Schäfchen zur politischen Vernunft, also zum praktischen Respekt der universal geltenden Menschenrechte, zu bringen.

14.
Die Übersetzer des Buches „The Folly of God“ (2016) bieten im Buch zusammen mit dem Theologen Prof. Michael Schüßler, Tübingen, noch „Resonanzen“, Reflexionen persönlicher Art, zu Caputos Einsichten (S. 157 – 166)

John D. Caputo, „Die Torheit Gottes. Eine radikale Theologie des Unbedingten“. Übersetzt von Helena Rimmele und Herbert Rochlitz, Grünewald-Verlag, 2022. 167 Seiten, 19€.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Der neue Faschismus – die Gefahr für die Menschheit heute.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 20.9.2022.

Das Motto: „Der Faschismus – auch der Post-Faschismus – ist die organisierte Ablehnung des menschlichen Lebens. Er ist eine Anti-Moral“ (Paul Mason).

Nun also auch die Niederlande: Eine F-Partei, eine faschistoide Partei um ihren Führer Theirry Baudet: Siehe den Link aus der Süddeutschen Zeitung vom 30.Okt. 2022. LINK.  https://www.sueddeutsche.de/politik/niederlande-baudet-faschismus-1.5683879

1.
Man spricht diskret von „Post-Faschismus“. Um etwa die Partei „Fratelli d Italia“ zu bewerten.

Giorgia Meloni, Chefin dieser Partei, bekennt sich öffentlich als Katholikin. Sie hat Kontakte mit den extrem konservativen, traditionalistischen Kreisen im Vatikan und in Italien: Sie besuchte noch kurz vor den Parlamentswahlen am 25.9.2022 aus Sympathie den bekannten reaktionären Kardinal Robert Salah im Vatikan . Sie hielt auf dem katholischen “Weltfamilienkongress” in Verona (29.-31.3.2019) eine militante, von den TeilnehmerInnen begeistert aufgenommene Rede (Nein zur “Gender-Ideologie”, Ende der Abtreibungen, Lob der Frömmigkeit im Mittelalter usw.), mit der Pro-Life-Bewegung ist Meloni eng verbunden. An die Zeit des Faschismus erinnert ihr persönliches und politisches Motto: “Gott, Vaterland, Familie”. Dieser katholische Familienkongress in Verona war ein Höhepunkt in der Bündelung reaktionärer und katholischer Ideologen und “Bewegungen”, so dass sogar einige Bischöfe sich vorsichtig distanzierten, wie Kardinal Parolin. Am Kongress nahm Fürstin Gloria von Thun und Taxis teil, auch der rechtsextreme LEGA-Chef Salvini hielt eine Rede. Diese regelmässigen katholischen Weltkongresse, genannt “Familienkongresse” , sind mit der katholisch geprägten internatioanlen Pro-Life -Bewegung ein Zentrum katholisch-reaktionären Denkens und politischen Handelns.

2.
Diese „Fratelli“, diese „Brüder Italiens“, bewegen sich in der Einschätzung der Politologen in der Grauzone zwischen Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und Faschismus.
Diese „rechtsextreme Grauzone“ setzt sich überall in Europa durch:
Von der Le Pen Partei „Rassemblement National“ und der Partei von Eric Zemmour in Frankreich, über die Rechtsextremen in Schweden (SD, „Schwedendemokraten“) und Griechenland („Goldene Morgenröte“) und Spanien („Vox) und Ungarn („Jobbik“ und z.T. sicher auch „Fidesz“ von Herrn Orban) und Polen („Nationale Bewegung“ und „Freiheit“ und Teile der PIS) und Österreich (FPÖ) und Deutschland (AFD und viele kleinere Parteien) und den Niederlanden („Partei für die Freiheit“, Wilders, und „Forum für Demokratie“ usw.) und Belgien („Vlaams Belang“) und Vereintes Königreich („British National Party“) und Slowenien „Slowenische Nationale Partei“) und Kroatien („Kroatische Partei des Rechts“, HSP) und Dänemark ( Danske Folgepartei) und Finnland („Wahre Finnen“) . usw.
Überall in Europa (und in den USA und Lateinamerika) finden rechtsextreme Parteien immer mehr Zuspruch mit ihrer wirren Ideologie. Um es klar zu sagen: Diese Parteien sind zerstörerisch, sie zerstören Demokratie und Menschenwürde und Menschenrechte und Frauenrechte, sie werden in der Politikwissenschaft oft „postfaschistisch“ genannt.

3.
Ein erster Schritt des Widerstandes: Die zerstörerischen Ideologien dieser rechtsextremen, postfaschistischen Parteien kritisch studieren und mit anderen debattieren. Dabei darf es nicht bleiben: Politische Aktionen müssen dann folgen.
Alle demokratischen Organisationen, auch die Kirchen, sollten das Studium des Rechtsextremismus und Post – Faschismus in den Mittelpunkt stellen.
Ein provozierendes, aber mögliches Beispiel: Anstelle der Predigten sollten regelmäßig in den Sonntags-Gottesdiensten Informationen über den neuen Faschismus stattfinden, über die seelische und materielle Disposition, ins Faschistische abzurutschen: Dann wären die Kirchen und ihre Prediger auf der erforderlichen Höhe der Zeit und vom Ritus des „Immergleichen“ (Predigens) befreit. Das hätte den Vorteil, dass sich die Pfarrer und Prediger genau politisch bilden müssen. Diese Neuorientierung des Predigens ist um so dringlicher, weil viele „praktizierende Katholiken“ – etwa in Frankreich – post-faschistische Parteien wählen. Und die Diskussionen nach dem Gottesdiensten wären sicher sehr lebendig.

4.
Der Begriff „Post-Faschismus“ bedeutet mehr als eine Zeitangabe, also, nach („post“) dem Faschismus von Mussolini und nach der Nazi-Ideologie Hitlers. „Post“ benennt den aktuellen Wandel des Faschismus, förmlich sein modernisiertes Versteckspiel. „Neo-Faschismus“ würde die Bürger vielleicht doch noch stören.“Post-“ weckt den Eindruck des Harmloseren.
Aber die Verwendung des „Post-“ ist alles andere als harmlos:

5.
Heutiger Faschismus bedient sich – wie der frühere Faschismus – einer Mythologie, einer Erzählung, also der ideologischer Propaganda, um die Demokratie zu zerstören.
Paul Mason hat in seiner großen Studie „Faschismus“ (Suhrkamp Verlag, 2022) darauf aufmerksam gemacht und fünf Strukturelemente herausgearbeitet:
Heutiger „Postfaschismus“ verkündet: Es findet in der Welt der Reichen Europas ein „Austausch der Bevölkerung“ statt. Durch die Zuwanderung von Fremden, von Muslimen, Afrikanern, Lateinamerikanern etc. werde ein „Genozid“ an der weißen Bevölkerung Europas und Nordamerikas betrieben. Minderwertige übernehmen also die Macht der Wertvollen Menschen, und das sind dieser postfaschistischen Ideologie folgend, die weißen Europäer.
Es sind die Menschenrechte, also die universalen (!) humanen Ideen der Moderne, die diesen Genozid zulassen und befördern. Menschenrechte werden von Demokratien verteidigt. Also müssen Demokratien verschwinden, so die postfaschistische Ideologie.
Die Idee der Menschenrechte als Eintreten für die Rechte der Armen und Ausgebeuteten wurde von westlichen marxistischen Denkern vertreten. Darum bekämpfen die Post-Faschisten entschieden „den“ Marxismus und alles „Linke“, wie schon die früheren Faschisten, etwa Mussolini.
Durch die sogenannten, angeblich „harmlos“ erscheinenden „normalen“ rechtspopulistischen Parteien in den noch halbwegs funktionierenden Demokratien wird Druck auf die Demokratie ausgeübt, es werden Netzwerke von Unzufriedenen gefördert, die massiv die liberale Demokratie zum großen Übeltäter erklären und symbolisch zerstörerisch und gewaltsam zu agieren beginnen.
Es wird in den post-faschistischen Führer-Kreisen auf einen „Tag X“ hin gearbeitet, an dem die genannten post-faschistischen Projekte durchschlagen und in Form von Bürgerkriegen die liberale und sozial eDemokratie ausschalten. In Brasilien droht der post-faschistische Präsident Bolsonaro etwa mit einem Bürgerkrieg, für den Fall, dass er nicht wieder zum Präsidenten gewählt wird.

6.
Die stärker werdende Welle der post-faschistischen Bedrohung in ganz Europa wird durch die aggressive Einmischung von Putin noch weiter verstärkt. Der Krieg Russlands bzw. des Diktators Putins gegen die Ukraine gehört zu einem großen Plan: Die Demokratien zu zerstören, auch die Demokratien in Europa. Sein Mittel: Diese postfaschistischen Parteien finanziell unterstützen. „Dies ist die erste Säule der Theorie der extremen Rechten: die Erwartung einer globalen Katastrophe, welche die Moderne, die Aufklärung, vollkommen rückgängig machen wird. Dies soll nicht wie in den Projekten Hitlers oder Mussolinis in einem einzelnen Staat geschehen oder durch Eroberungen verwirklicht werden. Sondern in Form eines simultanen globalen Zerfalls von Staaten und Institutionen“ (Paul Mason, a.a.O., S. 63). (Siehe auch Nr. 9. in diesem Hinweis)

7.
Der Faschismus bzw. jetzt der Post-Faschismus drückt sich gern mit einem international verbreiteten Slogan aus: Immer ist darin das Wort ZUERST enthalten: „Amerika first“. Oder „La France d abord“ oder „Les Francis d abord“. „Deutsche den Deutschen….“ „Gli Italiani primo“ (Motto von Matteo Salvini und anderen Rechtsextremen).
Diese Slogans mit dem Wort „zuerst“ (first, d abord, primo usw). ziehen Grenzen und Wertungen zwischen den Menschen: Es gibt in dieser Ideologie die Wertvollen, die „zuerst“ gut leben sollen. Dies sind die weißen Europäer, christlich geprägt oder jüdisch, wie Rechtsextreme jetzt gern sagen, um Muslime abzuwerten und minderwertig zu finden. Und die anderen, eben diese Minderwertigen, die bestenfalls den Wertvollen (Weißen) zu billigen Diensten zur Verfügung stehen dürfen. Selbst die rechtsextremen „brauchen“ also doch zum Funktionieren ihrer Wirtschaft noch die Armen, die Flüchtlinge, die Gestrandeten, die Hilflosen, weil diese das sklavenähnliche Hilfspersonal für die weiße Elite stellen.

8.
Zu Giorgia Meloni (geb. 1977), ein mögliche Regierungschefin, und ihre Partei „Fratelli d Italia“: Dieser Titel bezieht sich auf die ersten Worte der italienischen Nationalhymne, ein deutlicher Hinweis auf die nationale Fixierung der Partei.

Die Umfrage zur Akzeptanz der Wähl für diese Partei:
August 2019: 6,1 %
Juli 2022: 22 %.

Sofia Ventura, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Bologna. schreibt in einer Studie der „Friedrich Ebert Stiftung“:

„Melonis kulturelle und politische Auffassungen zeugen unter anderem vom Fortbestand eines zweideutigen Verhältnisses zum
italienischen Faschismus und Postfaschismus, von der Vision einer illiberalen und organizistischen Gesellschaft, auf der sie eine reaktionäre Lesart der Rechte des Individuums aufbaut – wobei der oder die Einzelne stets der Familie und der Gemeinschaft verpflichtet ist – , sowie von einem essenzialistischen und ethnozentrischen Begriff von Nation und von einer Interpretation des 20. Jahrhunderts, die die Werte relativiert, die nach der Niederlage des nationalsozialistischen Totalitarismus entstanden sind, von einer manichäischen Gegenüberstellung von Volk und Elite und von einer verschwörungs-theoretischen Auslegung der Wirklichkeit“…. „Der Hass auf Einwander_innen geht Hand in Hand mit dem so genannten welfare chauvinism, das heißt der Auffassung, dass die Vorteile des Sozialstaates nur bestimmten Gruppen, etwa den Einheimischen des jeweiligen Landes, vorbehalten sein sollten.
In diesem Zusammenhang betont Meloni stets, dass es erforderlich sei, Italiener_innen beim Bezug von Sozialleistungen zu bevorzugen…”
“Melonis FdI bewegt sich in eine weniger konservative als vielmehr reaktionäre, souveränistische, nationalistische und illiberale Richtung. Mit diesen Positionen tritt Meloni zu den Wahlen am
25.9.2022 an, die nach dem von der 5-Sterne-Bewegung und den mit ihr regierenden Rechtsparteien Forza Italia und Legaprovozierten Sturz der Regierung Draghi (21.7.2022) angesetzt wurden. Anders als 2018 ist Fratelli d’Italia diesmal die in Umfragen stärkste Partei der Rechten und ihre Vorsitzende die natürliche Kandidatin für das Amt der Ministerpräsidentin im Falle eines Sieges. Von ihrem Erfolg oder Misserfolg wird mit Sicherheit das Wohl der italienischen Demokratie abhängen. Er wird sich als Gradmesser der italienischen Demokratie erweisen“.

Zit. eines Beitrages von Sofia Ventura, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Bologna. Quelle:    LINK

9.
Siehe auch den Beitrag von Christian Modehn vom Mai 2022 „Putin der Faschist“.  LINK

Der “Tagesspiegel” hat am 18.9.2022 auf S. 4 eine Dokumentation publiziert über „Putins beste Freunde“, darin wird die finanzielles Unterstützung Putins (den einige Beobachter einen Faschisten nennen) für seine Freunde in den post-faschistische Parteien in (West)Europa dargestellt.
„Fest steht, dass Meloni von den „Fratelli d Italia“ im Falle eines Wahlsiegs am 25.9.2022 mit den beiden Putin-Freunden Salvini und Berlusconi regieren würde – ein Ergebnis, das dem Kreml-Herrscher sehr genehm wäre. Denn dann könnte Italien innerhalb der EU auf ein Ende der Sanktionen gegen Russland hinarbeiten“. (den Tagesspiegel Beitrag schrieb Claudia von Salzen).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

“Es ist ein Wahn, dass der Papst und die Kirchenführung noch am Zölibat festhalten“.

Ein Hinweis auf einen wichtigen Film von ARTE

Von Christian Modehn

1. Man denke bloß nicht, das Thema Pflichtzölibat für den katholischen Klerus sei heute ein Randthema. Das Thema Zölibat gehört ins Zentrum, wenn man die katholische Kirche verstehen will. Etwa 400.000 katholische Priester gibt es heute weltweit. Solange es die römisch-katholische Kirche in West-Europa noch gibt, wird man sich als philosophisch Interessierter mit dieser Institution befassen müssen, schon um der Pflicht zur Religionskritik zu entsprechen.

2. Eine ausführliche Dokumentation von ARTE beweist: Es sind die wenigsten Priester, die dem Zölibatsgesetz Folge leisten. Bischöfe und Päpste wissen das, aber sie unternehmen nichts, um den Gegensatz zwischen offiziellem Kirchengesetz und lebensmäßiger Realität unter den Priestern aufzuheben: Das heißt, das Zölibatsgesetz aufzuheben. In dem ARTE Film nennen diesen Zustand gebildete, d.h. kritische Theologen die „katholische Schizophrenie“.

3. Papst Franziskus wird in die Geschichte eingehen, als ein Papst, der – nach der so genannten „Amazonas-Synode“ in Rom (im Oktober 2019) – das Zölibatsgesetz hätte aufheben können. Aber er tat es nicht. Weil er Angst hat vor der Macht der reaktionären Vatikan-Kardinäle. Oder weil er viel zu sehr selbst noch traditioneller Kleriker ist?

4. Das Thema Pflichtzölibat für Priester führt tatsächlich in die Abgründe der Verlogenheit, in die Abgründe der offiziell-klerikalen Ignoranz zu (weiblicher) Erotik und Sexualität und der maßlosen Sturheit alter Herrscher im Vatikan und in den Bistumsleitungen: Das ist der Tenor aller Interviewpartner aus zahlreichen Ländern, den der ARTE FILM „Zölibat – der katholische Leidensweg“ vorstellt. Sehr oft haben einige vernünftige katholische Bischöfe gefordert, das Zölibatsgesetz abzuschaffen? Aber sie jammerten nur, und taten nichts. Was würde denn passieren, wenn Bischof X in seinem Bistum verheiratete Männer und Frauen einfach so zu PriesterInnen weiht? Das kann er doch tun. Würde Rom einen aufmüpfigen Bischof gleich wieder exkommunizieren? Wäre eine mögliche Spaltung der Kirche so schlimm, die doch de facto längst gespalten ist?

5. Die Leidenswege von Priestern werden in der ARTE Dokumentation in vielen ausgezeichneten O-Tönen dargestellt, von Priestern, die die Liebe zu einer Frau oder einem Mann entdecken und auch leben, und die dann entweder permanent ein Doppelleben führen, was von den Kirchenoberen geduldet wird. Denn die Bischöfe brauchen jeden verfügbaren Priester, um das System zu erhalten. Wenn die Priester aber den Klerusstand verlassen, wenn sie ihre Liebe also endlich offen leben…kommen sie oft materiell oft ins Schleudern. Denn welchen „weltlichen“ Beruf können denn Männer ausüben, die nur katholische Theologie (recht und schlecht) studiert haben? Auch der Leidensweg der Kinder des katholischen Klerus wird in der ARTE Dokumentation dargestellt.

6. Das Festhalten am Pflichtzölibat führt dazu, dass immer weniger Männer sich ein solches verlogenes Leben im Verzicht auf sexuelle Liebe antun wollen. Diese Entwicklung ist an sich positiv zu bewerten. Der Nachteil ist: Katholische Gemeinden ohne Priester sind bis jetzt kaum vorstellbar. Denn allein die zölibatären Priester haben das Privileg, die Eucharistie zu feiern. Indem die Dogmatik des Vatikans lehrt, die Eucharistie sei das Wichtigste im katholischen Leben, macht sich der Klerus selbst zum Wichtigsten und Unersetzbaren! So zerfällt aufgrund des Priestermangels nicht nur das spirituelle Leben einer Gemeinde, es zerfällt oft auch das soziale Miteinander der Gemeindemitglieder, wenn Gemeinden aufgegeben werden.

7. So kann man durchaus treffend von einem moralischen Niedergang der offiziellen katholischen Kirchenführung auf verschiedenen „Ebenen“ sprechen, verursacht durch das theologisch längst als Unsinn erwiesene Zölibatsgesetz. In einem Interview für ARTE bezeichnet ein Jesuit aus Belgien das päpstliche Festhalten am Zölibat, diese permanente klerikale Verlogenheit, als Todsünde. Der Jesuit wusste schon, was er sagen durfte…
Allen, die den moralischen Niedergang der katholischen Kirche verstehen wollen, sei diese umfassende, objektive Dokumentation von Eric Colome und Rémi Benichou empfohlen: Der Film (100 Minuten) wurde auf ARTE am 13.9.2022 zum ersten Mal gesendet, er liegt noch bis 11.11. 2022 in der ARTE-Mediathek vor.vor: https://www.arte.tv/de/videos/097605-000-A/zoelibat-der-katholische-leidensweg/. LINK

8. Leider zeigt der Film nicht die wahren historischen Wurzeln des Zölibatsgesetzes. Ausschlaggebend dabei ist nicht nur die Verachtung von Frauen und von weiblicher Sexualität durch den Klerus. Genauso wichtig: Dieses Zölibatsgesetz wurde einst aus ökonomischen Gründen von Päpsten eingeführt, aus Geldgier könnte man sagen.
Das Zölibatsgesetz wurde in der westlichen, der römischen Kirche in den Bestimmungen des 2. Laterankonzils von 1139 offiziell verfügt, faktisch aber selten respektiert. Den Päpsten kam es nur darauf an, Priesterkinder nicht als Erben der Priester gelten zu lassen. „Die Kirchengüter sollten über das Zölibatsgesetz bewahrt und vermehrt werden. Das Hab und Gut alleinstehender Kleriker fiel nach deren Tod der Kirche zu.“ Quelle<: https://www.planet-wissen.de/kultur/religion/das_christentum/pwiederzoelibat100.html

Der Kirchenhistoriker Prof. Hubert Wolf schreibt in seinem empfehlenswerten Buch „Zölibat“ (München 2019) in dem Kapitel „Ökonomische Wurzeln“: „Die entscheidende Frage lautet: Wie kann man legitime Priesterkinder und damit die Existenz erbberechtigter Nachkommen am wirkungsvollsten verhindern? Indem man der Zeugung solcher Kinder die Voraussetzung entzieht … und Ehe und Priesteramt für unvereinbar erklärt“ (S. 58). Also das heißt: Indem man das Zölibatsgesetz erfindet … und behauptet, Gott und Jesus Christus wollen das. Dadurch konnte sich die päpstliche Macht gegenüber der weltlichen Macht materiell stark entwickeln. Von dem vielen Geld und Eigentum profitierten nur Päpste, Bischöfe, Äbte und Prälaten, nicht aber die „einfachen“ Pfarrer auf dem Lande.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Die Russisch-orthodoxe Kirche ist seit Jahren schon eine Putin-Kirche. Sie sollte also nicht länger Mitglied sein in „Ökumenischen Räten“ Europas und dem „Weltrat der Kirchen” in Genf.

DAS MOTTO: Das es ist eine Schande der Christen und der Kirchen, wenn die Russisch-Orthodoxe Kirche noch länger Mitglied der weltweiten christlichen Ökumene ist.

Ein  Hinweis von Christian Modehn. Zuerst veröffentlicht im März 2022. Überarbeitet am 24.8.2022, wegen des 11. Welt-Treffens des „Ökumenischen Weltrates der Kirchen” (ÖRK)  in Karlsruhe (31.8. bis 8.9.2022.)

Erstens: Zunächst einige Fakten  zur Teilnahme der russisch-orthodoxen Kirche an der Vollversammlung des Ökumenischen Rates ÖRK in Karlsruhe:

1.
Die Russisch-orthodoxe Kirche wird eine Delegation nach Karlsruhe senden, dem Tagungsort der 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen. Konkrete Namen wurden bis jetzt (Stand: 25.8.2022) nicht genannt. Wie sich die Teilnehmer aus der Ukraine in Karlsruhe zu ihren russischen Glaubensbrüdern verhalten, könnte spannend werden.
Einige Beobachter sprechen davon, dass etwa 20 (zwanzig) Delegierte der Russisch – orthodoxen Kirche in Karlsruhe dabei sein werden. (Quelle. https://www.sonntagsblatt.de/artikel/kirche/osteuropa-expertin-russische-kirche-weltkirchenrat-nicht-isoliert)

2.
Die EKD Ratsvorsitzende Annette Kurschus sagt:
“Wie die Delegation der russisch-orthodoxen Kirche zusammengesetzt ist, können wir nicht beeinflussen. Aber wir hoffen sehr, dass Menschen dabei sind, die der russischen Kriegsführung kritisch gegenüberstehen, die also nicht die Haltung des Moskauer Patriarchen Kyrill vertreten“. Und weiter sagt die EKD Vorsitzende: “Ich erhoffe mir, dass auf kirchlicher Ebene eine Kommunikation möglich wird, die auch politisch etwas austrägt“. (Quelle: https://www.ekmd.de/aktuell/nachrichten/praeses-annette-kurschus-oekumene-gipfel-soll-friedensimpuls-in-ukraine-senden.html, vom 22.8.2022.

Nebenbei: Wenn diese von Frau Kurschus erwarteten kritischen Russen in Karlsruhe tatsächlich Klartext reden, also die Verbrechen Putins und seines ideologischen Hefters Kyrill benennen, können sie als Asylsuchende gleich in Karlsruhe bleiben. Dann hätte Frau Kurschus noch eine weitere Aufgabe, diese kritischen Russen unterzubringen.

3.
Klare und deutliche Worte, unseres Erachtens sehr richtige Worte, äußert Magdalena Zimmermann, von der weltweiten Organisation „Mission 21“ der Reformierten Kirche in Basel und Basel Land: „Die russische Orthodoxie bildet unter Kyrill ein System mit Putin. Der Patriarch unterstützt das autokratische System und erhält dafür Privilegien. Einem solchen System kann man mit Vermittlung nicht beikommen. Man kann es nur klar ablehnen“.
Der Moskauer Patriarch Kyrill ist zur Vollversammlung in Karlsruhe eingeladen. Doch ob er kommt, bleibt fraglich. Magdalena Zimmermann findet es falsch und realitätsfremd, mit Kyrill das Gespräch zu suchen. «Die russische Orthodoxie bildet unter Kyrill ein System mit Putin. Der Patriarch unterstützt das autokratische System und erhält dafür Privilegien. Einem solchen System kann man mit Vermittlung nicht beikommen. Man kann es nur klar ablehnen.» Der Weltkirchenrat habe eine prophetische Aufgabe, betont sie. «Eine Kirche, die sich auf das Evangelium beruft, kann nicht schweigen und auch nicht neutral sein, wenn ein wesentlicher Repräsentant einer grossen Kirche wie Kyrill die Religion instrumentalisiert und missbraucht.» (Quelle: https://reformiert.info/de/recherche/oekumenische-vollversammlung-klare-worte-gegen-den-krieg-in-der-ukraine-21297.html) publiziert am 22.8.2022.

4.
Die russisch-orthodoxe Kirche mit mehr als 160 Millionen Mitgliedern ist seit 1961 Mitglied im ökumenischen Dachverband des Wellrades der Kirchen in Genf, dazu gehören 352 verschiedene Kirchen mit über 580 Millionen Christen.

5.
Jede Mitgliedskirche zahlt in den großen Topf des Budgets des ÖRK in Genf einen Beitrag ein,:
Im Jahr 2020 zahlte die Russisch orthodoxe Kirche 10.229 Schweizer Franken sozusagen als Mitgliedsbeitrag in Genf ein.
Im Jahr 2021 waren es 10.618 Schweizer Franken. (Quelle. https://www.oikoumene.org/resources/documents/wcc-financial-report-2020)
Wenn man bedenkt, dass Patriarsch Kyrill von Moskau nachweislich Multi-Millionär ist, sind diese Einzahlungen seiner Kirche doch sehr bescheiden.
Es kann also nicht sein, dass der ÖRK in Genf unbedingt aus finanziellen Gründen an der Mitgliedschaft der russisch – orthodoxen Kirche hängt. Warum aber dann?

6.
Ist ein ÖRK ohne die russisch-orthodoxe Kirche etwa nicht denkbar, vielleicht, weil russische Metropoliten schon in der Zeit des Sowjetkommunismus gern gesehene Vertreter ihrer Kirche waren. Nur ein Hinweis:
Die 3. Vollversammlung fand vom 19.11.-5.12.1961 in Neu-Delhi / Indien unter dem Thema statt:
“Jesus das Licht der Welt”. Diese Vollversammlung brachte vielfältige Veränderungen. 23 neue Mitgliedskirchen konnten aufgenommen werden. Unter ihnen die Russisch-Orthodoxe Kirche. Die theologisch konservativen Kirchen des Ostblocks vertraten politisch die Interessen der Sowjetregierung. Fortan wurden die politischen Stellungnahmen immer einseitiger zugunsten der Sowjets. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wurde die von Kritikern der Ökumene schon lange ausgesprochene Vermutung bewiesen, daß viele orthodoxe Mitarbeiter, die im Stab des Ökumenischer Rat der Kirchen in Genf tätig waren, dem KGB angehörten. Quelle: https://handbuch.bibel-glaube.de/Oekumenischer_Rat_der_Kirchen.html. Gelesen am 25.8.2022.

7.
Die Russisch – orthodoxe Kirche aus dem ÖRK ausschließen? Ist das rechtlich möglich? 
Auf die Frage, ob der ÖRK die russisch-orthodoxe Kirche aufgrund der Haltung des Patriarchen als Mitglied ausschließen oder die Mitgliedschaft suspendieren könne, erklärte Peter Prove vom ÖRK
“Nur der ÖRK-Zentralausschuss kann so etwas unter ganz bestimmten Bedingungen beschließen. Wenn die theologischen Positionen einer Mitgliedskirche nicht mit der fundamentalen theologischen Grundlage für die ÖRK-Mitgliedschaft vereinbar sind, dann liegt ein solcher Fall vor“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Zweitens: Das Plädoyer für den Ausschluss der Russisch Orthodoxen Kirche aus den ökumenischen Gremien der demokratischen Welt:

Ich habe auf dieser website seit etlichen Jahren die Entwicklung dieser Putin-Kirche (d.h. der Russisch-Orthodoxen Kirche –  mit dem einstigen KGB Mann, Patriarch Kyrill I.) dokumentiert, siehe am Ende dieses Beitrags die entsprechende Liste!

Die Erkenntnis und die Forderungen:

1.
Die Russisch-orthodoxe Kirche mit ihrem allmächtigen Patriarchen Kyrill I. an der Spitze ist seit Jahrzehnten schon eine „Putin-Kirche“. Auch im Krieg Putins gegen die Ukraine hat die Russisch-orthodoxe Kirche als eine einflußreiche Organisation in Russland (ca. 60 % der Russen gelten als Mitglieder) bisher nur allgemeine Floskeln zum Krieg Putins geäußert. Die Russisch-Orthodoxe Kirche in der Ukraine hat sich von ihrem Moskauer Patriarchen inzwischen getrennt! Einige wenige russisch-orthodoxe Popen im Ausland, etwa in Frankreich und Holland, denken wohl anders als der Patriarch und seine gehorsamen Bischöfe.

2.
Die Forderung ist klar: Eine Kirche, die sich – wie üblich – nur in Worten und feierlicher Liturgie auf das Evangelium Jesu Christi bezieht, aber de facto zur nationalistischen Putin-Kirche entartet ist, gehört nicht mehr in repräsentative christliche ökumenische Gremien (in Genf, auf Landesebene in Europa oder in Landeskirchen/Bistümern).

Diese Kirche kämpft – sehr gut seit Jahrzehnten wissenschaftlich dokumentiert – gegen alle Freiheiten der Bürger, der Frauen, der sexuellen Vielfalt, der Künstler. Und einige ihrer Popen wollen sogar „Väterchen“ Stalin in den Rang eines Heiligen erheben. Das ist kein Witz! Eine solche Organisation sollte von demokratischen und christlich gesinnten Kirchen nicht mehr zu einer christlichen Ökumene gehören, falls diese noch den Anspruch Evangeliums und der Menschenrechte praktisch respektieren will.

3.
Die Forderung also ist: Die Russisch-orthodoxe Kirche sollte – mindestens bis zu der von Russland ausgesprochenen Garantie des unabhängigen Staates Ukraine durch Putin oder dessen alsbaldigem Nachfolger – aus allen ökumenischen, christlichen Gremien entfernt werden.

4.
Ich weiß, Christen schätzen heute nicht den Bruch, die Trennung von einer Kirche aus der Ökumene, denn viel zu lange wurden Ketzer verfolgt von den herrschenden Kirchen. Man könnte – etwas polemisch – meinen, heute herrscht in der evangelisch-bestimmten Ökumene (Genf etc.) das Motto. „Friede-Freude-Eierkuchen“. “Immer nur lächeln, immer nur nett sein“… auch zu Kriegstheologen und Kriegstreibenden Bischöfen. Aber übermäßiges und langes Hoffen auf die Kraft der Vernunft in dieser Putin Kirche Kirche ist naiv. Haben denn die Dialoge in Genf und anderswo mit den Vertretern der Russisch-orthodoxen Kirche nachweislich konstruktive Ergebnisse in Richtung Frieden und Respekt der Menschenrechte gebracht?? Mir ist das nicht bekannt. Fall diese Dialoge stattfanden, sie waren wohl eine Art Dialog-Spielerei.

5.
Es kann also nicht sein, dass die Ökumene der christlichen Kirchen in der demokratischen Welt eine kriegerisch – nationalistische orthodoxe Kirche als Teil der christlichen Welt gelten lässt. Die Sanktionen gegen Putin Russland durch die Wirtschaft, Kulturinstitutionen etc. sind bekannt, sie wirken zum teil, sie isolieren Russland und fördern dadurch hoffentlich den Widerstand der nachdenklichen Russen gegen das Putin Regime. Warum sollte dies bei einer Isolation der Russisch Orthodoxen Kirche anders sein, vielleicht trennen sich dann einige vernünftig gebliebene Fromme von dem einstigen KGB Mitarbeiter Patriarch Kyrill?

6.
Die zentrale Erkenntnis ist: Es muss ein neues Denken beginnen, was Ökumene der vielen verschiedenen Kirchen eigentlich bedeutet, es muss genau gefragt werden, wer dazu gehört und wer eben nicht. Kriterium der Mitgliedschaft einer Kirche kann nicht einfach nur sein, dass diese sich christlich nennt. Kriterium muss sein, dass die Praxis dieser Kirche auch dem Geist und dem Buchstaben der Menschenrechte entsprechen. Nicht nur der Bezug auf das Neue Testament also ist ökumenisch entscheidend, sondern vor allem auch der praktische Respekt der universalen Menschenrechte.

7.
Der Hintergrund: Alle demokratischen Staaten und Gesellschaften bewerten heute den Krieg Putins gegen die Ukraine als eine „Zeitenwende“, als ein Bruch mit bisherigen Üblichkeiten, Mentalitäten und Denkzwängen in den Demokratien.
Die frühere Naivität im Umgang mit Putin wird von den demokratischen Gesellschaften und Staaten überwunden. Sie wissen jetzt: Aus dem Gegner Putin von einst ist jetzt der Feind Putin geworden. Und dieser Feind darf keine Macht mehr behalten.

8.
Ich weiß, bei dem Zustand der Ökumene mit dem Motto „Immer nur lächeln und alles verzeihen“ sind diese Vorschläge natürlich illusorisch. Die Christen und die Kirchen weltweit sind eingeschüchtert und irenisch, d.h. sie wollen Streit und Distanz und Rauswurf um jeden Preis vermeiden, sie werden es doch ihren „Brüdern“ und „Schwestern“ nicht antun, auch einmal eine Strafe auszusprechen. Der Rauswurf der Russisch-orthodoxen Kirche aus den ökumenischen Gremien würde eher dem Frieden dienen, also den Zusammenbruch des Putins Regimes befördern.

9.
ABER: Bei der Mentalität der Kirchen werden diese die einzige gesellschaftliche Gruppe bleiben, die angesichts des Mordens durch Putin keine praktischen Konsequenzen ziehen; sie werden jammern und klagen, aber keine Konsequenzen ziehen, die wirklich den Titel „Zeitenwende“ verdienen. Von Zeitenwende, von einem Umschwung und Umbruch, reden alle Organisationen in den demokratischen Staaten. Nur die Kirchen verschlafen diese Zeitenwende. Sie sind ja, wie sie so gern sagen, mit der Ewigkeit verbunden. Was ist da schon die Zeit?

10. Am Rande noch notiert:
Die Krise der Theologie des Bittgebetes ist evident!
Es kann deutlich werden, welchen Sinn und auch welchen Unsinn bedeuten die Bitt-Gebete und die Bitt-Gottesdienste um Frieden. Verändert der liebe Gott im Himmel die Weltpolitik, je nachdem wie intensiv da Gebete wird? Was für eine blasphemische Vorstellung! Wem soll Gott denn folgen, etwa den betenden Russen oder den betenden Ukrainern?
Gebete um Friede können einzig und allein den einzelnen seelisch stärken, um ihn zur politischen Aktion zugunsten der Menschenrechte zu motivieren. Aber bloße Bitt – Gebete um Frieden werden niemals politischen Frieden bewirken. Zu diesem kritischen Bewusstsein müssen die Kirchen endlich finden.

11.
Und was passiert, wenn Papst Franziskus auch noch einmal (wie schoin einmal in Kuba) Patriarch Kyrill treffen wird? Das ist ja nicht ausgeschlossen, dass die beiden Greise sich in Kasachstan irgendwann im Herbst treffen. Und einander uzmarmen, wie üblich, mit einem Küßchen… Die Päpste lechzen förmlich nach einer „Versöhnung“ mit der Orthodoxie, diese Sehnsucht hatte unter Papst Johannes Paul II. einen Höhepunkt, er sprach von den zwei „Lungen“ „der“ Kirche, die eine Lunge eben katholisch, die andere orthodox. Die protestantischen Kirchen hielt er wohl er für den Blinddarm. Aber Ironie beiseite: Die Versöhnung mit den orthodoxen Kirchen ist gefährlich für Kirchen, die noch den Anspruch haben, dass Menschenrechte genauso wichtig sind wie die Weisheiten der Bibel.

DAS MOTTO: Das es ist eine Schande der Christen und der Kirchen, wenn die “Russisch-Orthodoxe Kirche” noch länger Mitglied der weltweiten christlichen Ökumene ist.

Hinweis auf ältere Studien, “Hinweise” genannt:

Am 11.4.2022: Patriarch Kyrill muss endlich verurteilt werden:

Patriarch Kyrill muss endlich verurteilt werden.

Am 1.4.2022: Jegliche Beziehung mit dem Moskauer Patriarchen abbrechen:

Jegliche Beziehung mit dem Moskauer Patriarchen abbrechen!

Am 10.3.2022: Patriarch Kyrill ist ein Kriegstreiber:

Patriarch Kyrill ist ein Kriegstreiber: Die Fratze der russisch-orthodoxen Hierarchie.

Am 23.2.2022: Putins Aggression: Seine wichtigste Stütze, der Patriarch von Moskau:

Putins Aggression, seine wichtigste Stütze: Der Patriarch von Moskau und die Russisch-Orthodoxe Kirche.

Am 19. Dez. 2021: Russisch orthodoxe Kirche, 30 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion – dem Herrscher ergeben:

Die Russisch-orthodoxe Putin-Kirche: 30 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion dem Herrscher ergeben.

Unter den zahlreichen älteren Beiträgen nenne ich hier noch den

Beitrag vom 3. Okt. 2013:
Wer sind denn die Gotteslästerer? – Zu den Pussy Riots… :

Wer sind die Gotteslästerer? Zu einer Stellungnahme des Moskauer Patriarchats.

Am 19.8.2012: Der Moskauer Patriarch glaubt an Putin:

“Der Moskauer Patriarch glaubt an Putin”: Religionskritische Hinweise zum Moskauer Schauprozeß im August 2012

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ein “Legionär Christi” wird am 27. August 2022 feierlich zum Kardinal ernannt.

……Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist immer Kritik der Religionen, der Kirchen, deswegen dieser Hinweis:

Unter den neu ernannten Kardinälen (feierliche Ernennungszeremonie am 27.8.2022 im Petersdom) ist auch ein Mitglied des immer noch hoch umstrittenen Ordens “Legionäre Christi”.  Sein Name: Bischof Fernando Vérgez Alzaga, ein Finanzfachmann im Vatikan! Der äußerst finanzstarke Orden, gegündet von Pater Marcial Maciel, den sogar viele Kirchenleute wegen sehr vieler heftiger sexueller Schandtaten als Verbrecher bezeichnen, wird durch diese Kardinalsernennung sozusagen “normalisiert”, also ins Übliche des Klerikalen erhoben.

An ihren verbrecherischen Ordensgründer erinnern die “Legionäre Christi” (und die Laien vom “Regnum Christi”) explizit auch nicht mehr, die vielen Fotos ihres “Vaters” wurden aus den vielen Legionäre-Christi-Residenzen längst entfernt. Sozusagen eine Art “Entstalinisierung” auf Katholisch.

Vielleicht ist der nächste Papst ein “Legionär Christi”? Prinzipiell ist dies nun möglich, ausreichend Geld steht dem Legionär Christi ja im “Vorfeld” zur Verfügung…

Es ist Papst Franziskus persönlich, der ausgerechnet einen Legionär Christ zum Kardinal ernennt, ist dies ein Ausdruck der Dankbarkeit für die Finanzgeschäfte des spanischen Legionärs?

Wer wagt es noch, Papst Franziskus einen Progressiven, einen Reformer zu nennen? Er ist eher ein Jongleur, der es allen Tendenzen im Vatikan und der römischen Kirche irgendwie recht machen will.

LINK

Copyright: Christian Modehn,. Religionsphilosophischer Salon Berlin

Struktur und Verfassung der katholischen Kirche sind Menschenwerk. Und deswegen wandelbar und korrigierbar.

Kritik und Zurpückweisung der klerikalen Ideologie, vertreten durch Kardinal Ludwig Müller.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
Kardinal Ludwig Müller (Rom) behauptet im Juli 2022: „Der Grund (meiner Ablehnung tiefgreifender Kirchen-Reformen) ist, dass die Kirche von Jesus Christus eingesetzt und entworfen worden ist. Wir haben keine Vollmacht, diese Ordnung zu verändern“.

2.
Das sagt Kardinal Ludwig Müller (74 Jahre), von Papst Franziskus als Chef der obersten Glaubensbehörde im Juli 2017 abgesetzt. Seitdem ist er heftiger Gegner von Papst Franziskus.
Müller wohnt in der einstigen großzügigen Wohnung seines alten Gönners, Kardinal Joseph Ratzinger, ganz dicht am Vatikan. Er verbreitet seine Theologie, die vor wissenschaftlichen Standards keinen Bestand hat. Müller will tiefgreifende Reformen des römischen klerikalen Systems mit einer falschen Theologie bremsen und verhindern.
Theologisch nicht gebildete Leute fallen auf Müllers Sprüche rein. Sie wissen nicht, dass die oben zitierten Aussagen des Kardinals, der als Theologieprofessor in München arbeitete und Priester ausbildete, schlicht und einfach überholt und falsch sind. Es steht fest: Die katholische Theologie ist eine kritische Wissenschaft, falls sie sich nicht gängeln lässt von uralten Vorgaben und Kontrollen der kirchlichen Herrschaft. Auch eine freie und umfassend kritische katholische Theologie also erkennt Falsches und Wahres, wissenschaftlich Erwiesenes und in der Phantasie Erdachtes.
Müllers oben zitierte Abweisung von tiefgreifenden Kirchenreformen, wie sie der Synodale Weg in Deutschland vorschlägt, sind also Ausdruck einer uralten klerikalen Ideologie, die nur dazu dient, den Status quo zu schützen und zu erhalten. Trotz der theologisch – wissenschaftlichen Inkompetenz Ludwig Müllers lässt er sich als Kardinal „Eminenz“ anreden, in der offiziellen Vatikan-Sprache ist er also ein „Herausragender“, eine „Hoheit“. Und diese Eminenz äußerte sich also in dem genannten Zitat, es wurde veröffentlicht im „Tagesspiegel“, 1.8.2022, S. 4 oder in der „Süddeutschen Zeitung“, 1.8.2022, Seite 6.

3.
Die theologischen Fehler in der Argumentation Müllers wenigstens in Grundzügen darzustellen, ist alles andere als eine theologische Spitzfindigkeit, und keineswegs nur wichtig für einige Spezialisten. Daran sollten doch weite Kreise interessiert sein: Es geht um ein wissenschaftlich korrektes, also ein vernünftiges Verstehen von dem, was katholische Kirche eigentlich ist. Sie ist ein Werk von Menschen und deswegen stets reformierbar, also korrigierbar. Nur wenn man, wie die Klerus-Herrschaft es versucht, die katholische Kirche als Gottes Werk ( oder auch Christi Werk) versteht, wird sie wie Gott in die Ewigkeiten der Unwandelbarkeit erhoben. Und der Klerus kann seine Allmacht bewahren. Um dieses Problem also geht es!

4.
„Jesus Christus“ also soll – so Eminenz Ludwig Müller – die katholische Kirche „eingesetzt und entworfen haben“.
Der Fehler beginnt ganz entschieden damit, dass Müller von „Jesus Christus“ in einer Weise spricht, als wären beide Namen, also Jesus wie auch Christus, Eigennamen für eine historische Person, so, wie man etwa von einem „Hans Peter“ oder einem „Friedrich Wilhelm“ spricht.
Hingegen ist wahr: Eigenname als Vorname für eine historische nachweisbare Person ist allein der Name Jesus. Es ist Jesus von Nazareth, der jüdische Wanderprediger, der um 5 vor unserer Zeitrechnung geboren und im Jahre 30 in Jerusalem am Kreuz gestorben ist.
Die Bezeichnung „Christus“ ist hingegen kein Name, der eine historische Person nennt! Sondern Christus benennt nur eine besondere Qualität, in dem Fall die Qualität dieses Menschen Jesus von Nazareth. Die besondere Qualität „Christus“ bzw. „Messias“ im jüdischen Sinne meint keine göttliche Qualität, wie später die Kirchenführer behaupteten, sondern „Christus“ bzw. „Messias“ benennt nur eine besondere Auszeichnung eines Wanderpredigers als einem „Gesandten Gottes“ oder einem „König, der Heil bringt“.
Wer die Formel „Jesus Christus“ verwendet, meint also NICHT eine historische Person unter diesem Doppel-Namen. Sondern: Jesus von Nazareth, der nach etliche Jahre nach seinem Tod von Menschen gedeutet wurde als der „Christus“ bzw. (synonym) „Messias“ bzw. „der Gesalbte“. Aber diese Qualitäten werten diesen Jesus von Nazareth NICHT als Gott oder Gottes Sohn auf.

5.
Paulus, einst der Pharisäer Saulus, hat Jesus von Nazareth nicht persönlich gekannt, die 4 Evangelien konnte er nicht kennen, weil sie zu seinen Lebzeiten noch nicht verfasst waren. Paulus spricht in seinen authentischen Briefen vom Messias Jesus oder auch von Jesus Christus, im Sinne, wie oben beschrieben, also von Jesus als dem Christus, als dem von Gott Gesalbten. „Wenn Paulus in Jesus Christus einen Gott (oder Gott-Sohn) gesehen hätte, wäre es völlig widersinnig, wenn Paulus wörtlich zugleich auch von einem „Gott unseres Herrn Jesus Christus“ sprechen würde. Denn das hieße zu behaupten, dass dieser (angebliche) Gott Jesus noch einen Gott über sich haben würde. (Hermann Baum, „Die Verfremdung Jesu und die Begründung kirchlicher Macht“, Düsseldorf 2006, S. 59). Jesus von Nazareth sah sich selbst nicht als ein ein göttliches Wesen oder gar als eine zweite Person einer göttlichen Trinität.

6.
Der historische Jesus von Nazareth hatte, wissenschaftlich eindeutig erwiesen, keine Ambition, eine Kirche zu gründen. Jesus war so sehr auf ein baldiges Ende der Welt fixiert, dass ihn eine Kirchenorganisation mit Klerus und Sakramenten gar nicht in den Sinn kam. „Mit der Naherwartung Jesu – also der Erwartung eines bevorstehenden Welten-Endes – lässt sich die Absicht, eine Kirche zu gründen nicht vereinbaren“ (Hermann Baum, a.a.O., S 80).

7.
Es sind Menschen, die ersten Gemeinden, die sich auf Jesus Nazareth als Messias beziehen und sich dabei als eigene Gruppe zuerst versuchsweise innerhalb des Judentums, dann neben dem Judentum explizit konstituieren, die ihren „Meister“ Jesus von Nazareth als eine besondere und einmalige Gestalt deuten …. bis hin zum Johannes Evangelium, das Jesus mit dem göttlichen (himmlischen) Logos identifiziert, Jesus als Logos und damit als Wirklichkeit des transzendenten Gottes. Diese ins Göttliche weisende Interpretation des Johannes -Evangeliums wurde 60 Jahre nach Jesu Tod verfasst. Der Theologe Tertullian (ca.160-220) spricht bereits explizit von „Jesus Christus unserem Gott, der die Apostel sandte zu predigen…“ (zit. in Maurice Sachot, „L Invention du Christ“, Paris 2011, S. 211).

8.
Mit dieser von Menschen geleisteten absoluten Höchststellung Jesu von Nazareth geht auch der Ausbau der Kirche- Institutionen einher, die immer mehr vom Klerus bestimmt und beherrscht werden bzw. In den ersten Jahrhunderten von den theologisch einflussreichen, christlich, kirchlich, gewordenen römischen Kaisern.
Diese Interpretation (Jesus als Gott) ist Ausdruck einer Machtpolitik: Indem die Hierarchie beanspruchte, einzig kompetent die Bibel zu deuten und die Dogmen zu lehren, zog sie ihren Gott Christus als ideologische Stütze auf ihre Seite, also den ewigen Gott innerhalb der Trinität, der als der Ewige (d.h. damals Unwandelbare) natürlich keine Veränderungen und Reformen „seiner“ Kirche wünscht. „Wie es war im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit, Amen“, heißt es so schön in einer beliebten Gebets-Formel, die eigentlich nur den göttlichen Stillstand und die Unwandelbarkeit formuliert. Erst wenn Menschen Jesus zum Gott Christus erklären, hat die Hierarchie Chancen, ihre Macht auszuüben.
Der Klerus, die Priester, verstehen sich in besonderer Nähe zu der göttlichen Wirklichkeit, nur sie allein können (und dürfen) Brot und Wein in Jesu Leib und Blut verwandeln, wie die katholische Kirche lehrt.

9.
Die Kirchenführer sind so klug, diese ihre Auszeichnung Jesu von Nazareth als des göttlichen Christus nicht als ihre menschliche Verfügung und Tat hinzustellen. Sie sagen: Jesus als den Gott-Menschlichen Jesus Christus zu bezeichnen ist gnadenhafte Tat des göttlichen Geistes, also Gottes selbst. Sie haben sich vorher theologisch abgesichert, indem sie behaupten: Gott selbst will, dass der Klerus dogmatischen Traditionen schafft, also das Dogma formuliert: „Jesus von Nazareth ist der Gott-Mensch Jesus Christus“.
Ob nun mit heiligem Geist oder bloß mit menschlichem Geist erdacht: Die Kirche ist ein Werk von Menschen. Sie ist nicht Tat einer imaginären Person „Jesus Christus“, Christus ist nur ein schlichter Ehrentitel, mehr nicht, Christus ist keine einzelne Person unter diesem Namen.

10.
Aber im Laufe der Kirchengeschichte hat sich populär und offiziell die Meinung durchgesetzt, Jesus von Nazareth sei von vornherein kein anderer als der Gott-Mensch Jesus Christus, oft nur Christus genannt. Man denke nur an den theologischen Unsinn populärer Weihnachtslieder mit ihrer Behauptung: Jesus sei in seiner Krippe zu Bethlehem ein „göttliches Kind“. „Des ewigen Vaters einig Kind, jetzt man in der Krippe findet“ usw…
Aber diese Theologie, die meint, es gebe eine historische Person mit dem Namen Jesus Christus wird auch bis heute offiziell verbreitet, etwa in der „Dogmatischen Konstitution über die Kirche“ des 2. Vatikanischen Konzils (1962-65). Dieser zentrale Text stellt von Anfang an klar, dass eine Person, hier sogar nun kurz „Christus“ genannt, „das Reich der Himmel auf Erden begründet hat“ (§ 3). Unmittelbar daran anschließend ist von „Kirche“ (auch von dieser nur „Christus“ genannten Gestalt gegründet) die Rede. „Die Kirche, das heißt das im Mysterium schon gegenwärtige Reich Christi….“ (§ 3).

11..
Noch einmal zur Behauptung von Kardinal Müller.
Diese Analyse der Behauptung Müllers zeigt: Die katholische Kirche, wie alle anderen christlichen Kirchen, sind Werk von Menschen. Es ereignete sich keine Geheimoffenbarung in den Vatikanischen Gärten oder sonst wo, in der Gott selbst gesprochen hat, bestimmte auf ewig fixierte Kirchenstrukturen zu schaffen. Das Kardinalskollegium wie das Papsttum und die Sakramente und die Gestalt der Gottesdienste sind Menschenwerk, entstanden im Laufe der Kirchengeschichte.
Kardinal Müller aber behauptet in dem oben genannten Zitat: Dieser menschlich – göttliche Jesus Christus habe „DIE“ Kirche „eingesetzt“. Das Datum der „Einsetzung“ als angeblich historisches Ereignis wird nicht genannt und kann auch nicht genannt werden. Pfingsten hat kein Datum innerhalb der Weltgeschichte, die so genannte „Himmelfahrt Jesu“ auch nicht, in den fromm erdachten „Erlebnissen“ wurde jedenfalls noch nicht an die Struktur einer Klerus-Kirche gedacht.
Das Wort „Einsetzen“ wird von Müller verwendet, ein merkwürdiges Wort für die Kirchengründung. Müller hat offenbar doch Angst zu sagen, die Person Jesus Christus habe die Kirche gestiftet bzw. gegründet. Das kann selbst Müller als Theologieprofessor nicht meinen, er weiß doch in gewisser Weise: Jesus von Nazareth dachte nicht im entferntesten an eine Kirchengründung…
Die Behauptungen Kardinal Müllers werden noch irritierender:: Jesus Christus habe die Kirche, so wörtlich, ENTWORFEN. Was ist ein Entwurf? Eine Vorlage, der dann die Bauleute folgen. Also sind die gebauten Strukturen dieser römischen Kirche, so wie sie sind, von diesem Jesus Christus (wer immer das sein mag) irgendwie implizit doch gewollt? Damit wird wieder Tür und Tor geöffnet für die schon beschriebene Vorstellung: Diese Person, nun Jesus Christus genannt, wollte also diese faktische Klerusherrschaft, Jesus Christus wollte also diese Zölibats-Strukturen, die auch zu dem tausendfachen sexuellen Missbrauch durch Kleriker führten und führen? Jesus Christus wollte allen Ernstes, dass Frauen keine priesterlichen Ämter in dieser Kirche ausüben, nur weil die theologisch ungebildeten Kardinäle glauben: Aus der Berufung von 12 Männern zu Aposteln durch Jesus von Nazareth seien Frauen als Apostel ausgeschlossen…Das war Jesu „Entwurf“?

12.
Man denkt manchmal, wenn man die Texte Müllers liest, an Dogmen der neoliberalen Herrscher heute erinnert zu werden, vor allem an deren Aussage „There ist no Alternative“. Kardinal Müller scheint an diese Ideologie gebunden zu sein, wenn er allen Ernstes behauptet: „Wir (also Müller und der Klerus ) haben keine Vollmacht, diese Ordnung zu verändern“. Das ist es wieder: „There is no alternative!“. Eine erbärmliche Welt, eine erbärmliche Kirche, die keine Alternative sieht zu ihrer jetzigen Gestalt und Struktur.

13.
Man sollte daran erinnern, dass Eminenz Müller sich auch nicht dazu hinreissen lässt, zukünftige Reformen der Römischen Kirche als „Zugeständnisse an den Zeitgeist“ zu nennen. Aber: Was ist denn der Zeitgeist? Es ist der Geist dieser Zeit des 21. Jahrhunderts, ein Geist, eine Form von Mentalitäten und Überzeugungen, von denen Christen und theologisch Gebildete wissen: Es ist der Geist Gottes, der auch im 21. Jahrhundert irgendwie wirkt und „weht“. Demokratie, Menschenrechte, Frauenemanzipation, gleiche Rechte für Homosexuelle, Lebensrechte für die Armen, Aufteilung des Kirchenbesitzes zugunsten der Armen usw. sind der gute Geist der Zeit, theologisch gesehen: Ausdruck des heiligen Geistes.
Wer aber, wie seine Eminenz, Herr Müller, in Abrede stellt, dass jede Zeit, auch unsere Zeit, irgendwie und irgendwo doch noch vom göttlichen Geist durchweht ist, der wurde einst und wird heute Atheist genannt, also ein Mensch, der nicht mehr an die Wirkkraft des göttlichen Geistes in allen Zeiten glaubt.

14.
Diese Kleruskirche beansprucht eine „heilige Kirche“ zu sein.
Im offiziellen katholischen Glaubensbekenntnis, dem „Apostolischen Glaubensbekenntnis“ müssen die Glaubenden bekennen:“Ich glaube an die HEILIGE katholische Kirche“. Das genauso offizielle Glaubensbekenntnis des ökumenischen Konzils von Konstantinopel (381) formuliert: „Wir glauben an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“. Auch die Evangelische Kirche (EKD) hält fest am Apostolischen Glaubensbekenntnis, und formuliert: „Ich glaube an die heilige (!) christliche Kirche… Das „katholisch“ wurde ökumenisch weit durch „christlich“ ersetzt, das „heilig“ blieb erhalten..
Tatsache ist für jeden Christen: Heilig ist einzig und allein Gott. Außer Gott noch etwas oder jemanden heilig zu nennen, ist eigentlich eine Gotteslästerung. Aber diese Grenzüberschreitungen sind üblich, zumal im Katholizismus: Da gibt es den „heiligen Vater“, den Papst oder „die heilige Kirche“: Davon spricht das 2. Vatikanische Konzil ständig: In § 8 der „Dogmatischen Konstitution über die Kirche“ wird Christus (nicht etwa Jesus Christus, sondern, Christus behauptet als selbständige Person ) als Gründer der Kirche wieder einmal genannt: „Christus hat seine HEILIGE Kirche hier auf Erden verfasst…“ Eine sehr mysteriös anmutende Erklärung für die Heiligkeit der Kirche bietet der offizielle katholische Katechismus (Vatikan 1993) im § 823 mit Verweis auf das genannte Dokument des 2. Vatikanischen Konzils: Als Begründung heißt es im Katechismus. „Christus der Sohn Gottes, hat die Kirche als seine Braut geliebt, indem er sich für sie (offenbar am Kreuz, C.M.) hingab, um sie zu heiligen“. Die Heiligkeit des Sohnes Gottes als Kirchengründer überträgt sich auf die Institution der Kirche, hier mal eine „Braut“ genannt. Die Institution, die Verfassung mit der Hierarchie usw., soll also heilig sein und heilig ist im klassischen Verständnis immer unwandelbar! Überhaupt nicht heilig sind hingegen die allermeisten Mitglieder dieser Kirche, sie sind Sünder, das wird offen von den Päpsten seit Johannes Paul II. zugegeben. Aber diese sündigen Mitglieder der Kirche belasten oder verstören bzw. zerstören diese Kirche als Institution ganz und gar nicht, so die offizielle Lehre. Die Kirche als Institution, als göttliches Projekt oder gar als „Idee“, bleibt ewig heilig, und das heißt immer auch unveränderlich., siehe die einschlägige Meinung Kardinal Müllers. Mit anderen Worten: Diese Art von Theologie als Ideologie des herrschenden Klerus kann eigentlich nicht aufgebrochen werden, sie ist in sich verschlossen, erratisch. In dem Sinne auch: Sie macht hoffnungslos.

15. Zusammenfassung:
„Das Christentum ist eine Religion, die nicht bereits von Jesus gestiftet und festgeschrieben worden ist, sondern das Ergebnis einer zweitausend jährigen Entwicklung, geprägt von Menschen, deren grundsätzliche Irrtumsfähigkeit außer Zweifel steht“ ( Prof. Hermann Baum, a.a.O., S. 221).

16. Ausblick:
Nur eine grundlegende Transformation der katholischen Kirche zu einer demokratisch verfassten Gemeinschaft, ohne allmächtige, angeblich gottgewollte Hierarchie, hat eine Zukunft. Natürlich, diese Kirche in der jetzigen Struktur kann wie ein steinernes Skelett noch lange fortbestehen, solange Menschen diese Herrschaft aus Autoritätshörigkeit und Angst finanziell unterstützen.
Aber: Diese neue Gemeinschaft wird im Rahmen der Transformation viele ihrer Glaubensinhalte endlich beiseite legen und dies als Befreiung erleben. Der offizielle katholische Katechismus wird von jetzt 2865 Paragraphen zu Dogma und Moral (2875 Paragraphen in der Ausgabe des Vatikans, 1993) auf vielleicht 50 reduziert. Viele nebulöse, mythologische, d.h. unwissenschaftliche Interpretationen der Bibel, die im Dienst der Klerusherrschaft stehen, werden dann ausgelöscht sein. Und diese Gemeinschaft hat dann vielleicht noch Chancen, Menschen spirituelle Impulse, politische Ideen zugunsten der lebendigen Menschenrechte, also Hilfe und umfangreiche Befreiung und Heilung anzubieten.

17. Weitreichende Konsequenzen
Wenn Jesus von Nazareth als der Messias, aber nicht als der zum Gott gemachte Christus, anerkannt wird:
Dann muss u.a. die Trinitätstheologie neu bestimmt werden, siehe auch die Abwehr dieser 3 Personen – Trinitätslehre durch den katholischen Theologen Edward Schillebeeckx…
Dann muss die klassische, sich orthodox nennende Erlösungslehre („erlöst durch Jesus Christus“) neu bestimmt werden. In keinem Fall ist dann noch Jesus Christus als der von Gott zum erlösenden Kreuzestod zu den Menschen entsandte Sohn Gottes relevant. Vielmehr: Jesus als der Messias (nicht der göttliche Christus !) ist in der neuen Theologie erlösend, befreiend, zum Frieden inspirierend als das befreiende Vorbild.
Dann wird auch die sich orthodox nennende Lehre von der Erbsünde („totale Verfallenheit aller Menschen an eine sich durch die Sexualität immer fortsetzende Sünde Adam und Evas) beiseite gelegt.
Dann wird neu nachgedacht werden über die spirituellen Versammlungen der Gläubigen (Gottesdienste, Messen, genannt), die selbstverständlich jeder und jede gut ausbildete Gläubige leiten kann…

18. Finis: Ein Zitat für bibelfeste und bibeltreue LeserInnen:

Im Zusammenhang der Klerus – Kritik lohnt es sich immer, das 23. Kapitel des Matthäus-Evangeliums zu lesen „Worte gegen die Schriftgelehrten und die Pharisäer“, also übersetzt gegen den heutigen Klerus und seine Theologen.
Ich zitiere zum Schluss den Vers 4: „Sie (die Kleriker) schnüren schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, wollen selber aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen“.
Und Vers 13 heißt. „Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verschließt den Menschen das Himmelreich. Ihr selbst geht nicht hinein; aber ihr lasst auch die nicht hinein, die hineingehen wollen“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

„Wie die Lepra zerfraß die Gier die Kirche“

Die aktuelle Kirchenkritik des französischen Schriftstellers Joris-Karl Huysmans
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
„Gegen den Strich“ („A rebours“) ist das wichtigste und bis heute am weitesten verbreitete Werk des französischen Schriftstellers Joris-Karl Huysmans (1848-1907). Er wollte, wie er später sagte, mit dem Roman „um jeden Preis etwas Neues schaffen“, einen Text, der die Mentalität des „Fin de Siècle“ widerspiegelt und reflektiert.
Der Roman, 1884 veröffentlicht, wurde mit vielen Begriffen “eingeordnet”, darunter „Literatur der Dekadenz“… Michel Houellebecq hat sich in seinem Roman „Unterwerfung“ mehrfach auf Huysmans bezogen und durchaus eine Huysmans-„Renaissance“, auch in Deutschland, angestoßen… Der Roman hat autobiographischen Charakter.

2.
Manche haben „Gegen den Strich“ („A rebours“) einen Anti-Roman genannt, und sie können sich dabei auf Huysmans Äußerungen beziehen. Er sagte 1903 (im Vorwort zur zweiten Auflage des Buches), die „Romanform hätte er nur als Rahmen benutzt für ernstere Themen“. Das heißt: Der Roman enthält auch sozusagen Fragmente sachlicher Essays.

3.
Eines dieser „ernsteren Themen des Romans“ mit 16 Kapiteln ist die katholische Kirche. 1884 hatte sich Huysmans noch nicht explizit der katholischen Kirche angeschlossen, das wurde erst deutlich in seinem Roman „Unterwegs“ (1895). Von 1899 bis 1901 lebte er als Laienmitglied („Oblate“) in einem Haus des Benediktinerklosters Ligué bei Poitiers. Aber er war schon als junger Autor 1884 stark an religiösen Fragen interessiert, die ihn auch zu esoterischen Erfahrungen führten, dargestellt etwa in dem Roman „Là-Bas“, der auch sein Interesse am Satanismus dokumentiert.

4.
Zu den „ernsten Themen“ des Romans „Gegen den Strich“ gehört also die Kirchenkritik im 16. Kapitel, sie äußert der Protagonist des Romans, Des Esseintes, aber in dessen Urteil wird die Position Huysmans sichtbar. An dessen Kirchenkritik heute, 2022, zu erinnern ist wichtig, weil es immer noch überraschend ist, wie spirituell interessierte Autoren in Frankreich vor der radikalen Trennung von Kirchen und Staat dort (1905) den Katholizismus grundlegend kritisierten. Huysmans hat seine heftige Kirchenkritik im Roman „Gegen den Strich“ auch nach seiner „katholischen Wende“ verteidigt, deutlich im Vorwort zur zweiten Auflage 1903. (vgl. das Nachwort von Ulla Komm in der deutschen Ausgabe des Romans, DTV 2021, S. 264).

5.
Aus aktuellen Gründen also ist es interessant zu sehen, wie Elemente heutiger Kirchenkritik sich schon in einem Roman von 1884 wiederfinden. Trotz einiger Reformen des 2. Vatikanische Konzils (1962-65) wurde keine grundlegende Reformation eingeleitet: Die Allmacht des männlichen Klerus ist bis heute ungebrochen.
Die kritische Position Huysmans ist sogar eher konservativ geprägt! Huysmans verabscheut die „Gewinnsucht“, „diesen pekuniären Juckreiz“ des Klerus (S. 255). „Die Klöster hatten sich in Fabriken für Pillendreher und Likörhändler verwandelt“. (Man denke heute an die Brauereien mancher Klöster)….Der Autor geht förmlich, als empirischen Beleg, fast alle Orden und Klöster durch, also nennt er etwa (S. 255) die Schokolade aus dem Kloster Citeaux, den Likör der Trappisten, den Likör der Benediktiner, den „Chartreuse“ der “Ordensbrüder des heiligen Bruno“, also der Kartäuser, usw.

6.
„Wie die Lepra zerfraß die Gier die Kirche, beugte die Mönche über Verzeichnisse und Rechnungen“… „Der Handel war in die Kirche eingedrungen, wo „anstelle der Choralbücher dicke Rechnungsbücher auf den Pulten lagen“ (S. 255).
Man schaue sich heute, zum Studium der aktuellen Lage, etwa die Etats der großen Klöster und Stifte in Deutschland oder Österreich oder Belgien an, falls überhaupt Informationen zur „Finanzlage“ dieser sich „arm“ nennenden Mönche publiziert werden. (Fußnote 1) Man denke daran, dass etwa der Orden der „Legionäre Christi“, gegründet von dem allgemein als Verbrecher bewerteten Pater Marcial Maciel, in der spanischen Welt treffend und zurecht als „Millionarios Christi“ bezeichnet usw…
Und man lese als eine aktuelle Fortsetzung zur Gier des (vatikanischen usw.) Klerus die faktenreiche Studie des italienischen Vaticanologen Emiliano Fittipaldi „Avaricia“ („Habsucht“) über die Finanz-Skandale im heutigen Vatikan (Editionen Akal, Madrid 2015).

7.
Huysmans schreibt die entscheidenden, heute gültigen Worte: „Es sind nicht einmal die Physiologen (Naturwissenschaftler und Materialisten, CM) oder die Ungläubigen, die den Katholizismus zertrümmern, es sind die Priester persönlich, deren ungeschickte Werke noch den festesten Glauben ausrotteten“ (S. 257).

8.
Diese Zitate sind Reflexionen des Protagonisten Des Esseintes im Roman „Gegen den Strich“. „Für ihn (den Suchenden, Verzweifelten, sicher auch seelisch Belasteten) gab es entschieden „keinen Ankerplatz, kein Ufer“ mehr, heißt in den letzten Zeilen des Romans (S. 258).

9.

Angedeutet wird in dem Roman eine gewisse,  im allgemeinen sich eher verklemmt äußernde Homosexualität des Protagonisten. Im 9.Kapitel des Romans hingegen wird deutlich von einer Begegnung des Esseintes mit einem jungen Mann in Paris berichtet: “Aus dieser zufälligen Begegnung war eine fordernde Freundschaft entstanden, die monatelang anhielt” (S. 133). Aber an diese erotisch geprägte Freundschaft kann  des Esseintes nur “mit Erschauern” zurückdenken. Sie war für ihn ein “verlockendes und unerbitterliches Joch”, weil er als frommer Katholik und Jesuitenschüler die Abhandlungen der Theologie “über die Verstöße gegen das sechste und neunte Gebot” (S. 133) verinnerlicht hatte. Die sexualethischen Forderungen der Kirche und ihrer Theologen erscheinen ihm als “außermenschliches Ideal”, das keine Befreiung bringt, sondern sogar eher  “das gesetzeswidrige Ideal der Wolllust nährt” (ebd.).

Nebenbei: Der Literaturwissenschaftler Hans Mayer weist in seiner Studie  “Außenseiter” (Suhrkamp 1981, S. 262) , darauf hin, dass es durchaus Anregungen Huysmans auf Oscar Wilde in dessen Konzeption von “Dorian Gray” gegeben hat. Ausführlicher zur Homosexualität im Werke Huysmans und  im Roman “Gegen den Strich”: Ein Beitrag von Patrick Mimouni:     LINK

 

Fußnote 1:
Einen Hauch von Transparenz bieten einige der großen Klöster in Österreich. Die Prämonstratenser in Schlägl beziffern ihren Waldbesitz mit 6.500 Hektar (also 65 Quadratkilometer). Einnahmen bietet ihnen auch die Brauerei, ein Hotel, und die Produktion von Ökostrom in Wasserkraftwerken usw. Das Augustiner-Chorherren-Stift Klosterneuburg nennt selbst als Eigentum 8000 Hektar Wald! Es hat 108 Hektar Weinanbau, 700 Wohnungen sind Stifts-Eigentum und 4.000 Pachtverträge für Immobilien. Natürlich kostet der Erhalt des prachtvollen Kloster-Palastes viel Geld, allerdings hilft bei Renovationen kräftig der österreichische Staat.
Das sehr wohlhabende Klosterneuburg hat z.B. 2013 15.000 Euro für Hochwasseropfer gespendet, auch der Armen in Rumänien wird mit relativ gesehen bescheidenen Spenden gedacht (Quelle: Spenden des Klosterneuburg:
http://www.stift-klosterneuburg.at/suche/
Zu Saft Schlägl: Der Waldbesitz beträgt derzeit ca. 6500 ha. Damit liegt das Stift auf dem 6. Rang der Stifte Österreich: http://www.stift-schlaegl.at/prodon.asp?peco=&Seite=373&UID=&Lg=1&Cy=1

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Widerspruch zu der These:„Es gibt keinen (christlichen) Glauben ohne einen ihn tragende Institution“.

Diese These wird behauptet in PUBLIK FORUM, Ausgabe 8.Juli 2022, Seite 10. Sie ist im Zusammenhang der Kirchenaustritte in Deutschland formuliert, der Titel des Beitrags „Das große Kirchensterben“.

Diese These finde ich in mehrfacher Hinsicht falsch:

1.
Der Glaube (gemeint ist im Beitrag immer der christliche) wird theologisch in allen Konfessionen als ein Geschenk Gottes an die Menschen, also als Gnade, bezeichnet. Aber auch, und das ist genau so wichtig: Christlicher Glaube wird zugleich möglich durch das Bemühen der Menschen, als Fragen und Suchen nach Gott.

2.
Für die Zurückweisung der These ist der zweite Aspekt entscheidend: Denn Suchen und Fragen nach Gott kann der Mensch immer auch ohne eine kirchliche Institution. Von „tragender Institution“ ist ja in der These die Rede. Was auch immer das Bild von der „tragenden Institution“ meinen mag: Eine Institution (wer denn innerhalb der Institution?) soll unseren Glauben „tragen“…

3.
Ich betone: Wer den Gott der Christen und die Bindung an ihn, den Glauben an ihn sucht, kann die Bibel lesen, vor allem mit Kommentaren der Bibelwissenschaft die Texte richtig und zeitgemäss verstehen. Er oder sie kann Texte der Mystiker lesen (Meister Eckart, Thomas Merton, Dietrich Bonhoeffer usw.) und sich auf neue Denk – und Lebensweg führen lassen.
Wer sich von der Weisheitslehre, der „Lebensphilosophie“ des Neuen Testaments ansprechen lässt, kann, als Experiment sozusagen, eine Glaubenspraxis beginnen, also die Nächstenliebe leben und meditativ beten. Durch das Studium und das Leben nach den praktischen Weisungen des Neuen Testaments kann sich dann die Kraft oder auch die Kraftlosigkeit des christlichen Glaubens erschließen. Und der Mensch kann sich dann auch sagen: Dieser Lebensweisheit, in Vielfalt formuliert im Neuen Testament) will ich gern folgen: Dann beginnt das, was man „christlichen Glauben“ nennt.

4.
Der christliche Glaube hat nicht tausendundeinen Inhalt oder gar hunderte von Paragraphen eines Katechismus. Der christliche Glaube hat nur die eine Erkenntnis: Der Mensch sieht sich in seinem Geist verbunden mit einem unendlichen Geheimnis, das viele spirituelle Menschen mit dem Symbol „Gott“ nennen. Dieses Verbundensein mit einem unendlichen Lebensgeheimnis wird immer wieder fragmentarisch entdeckt in der Nächstenliebe, im Eintreten für Gerechtigkeit und in der meditativen Praxis, auch in der Poesie des Gebetes, aber auch im Hören von Musik, in der Auseinandersetzung mit Kunst usw.

5.
Es wäre in meiner Sicht verheerend, gerade in diesen Zeiten des radikalen kirchlichen Umbruchs, also des Auszugs vieler hunderttausend Christen aus den Kirchen, der These folgend, die Bindung des Glaubens an eine „ihn tragende Institution“ zur notwendigen Bedingung des Glaubens und des Glaubenskönnens zu machen.

6.
Diese These ist auch deswegen falsch, weil die Institution, also die römische Kirche, insgesamt als „tragende Institution“ überhaupt nicht mehr glaubwürdig ist, weil sie nicht mehr den freien Glauben eines reifen Menschen ermöglicht und fördert. Diese Kirche wird auch unter dem unentschiedenen, manchmal etwas reformerischen, manchmal etwas traditionell-volkstümlichen Papst Franziskus eher als unbelehrbarer, nicht reformierbarer klerikaler Verein erlebt. Die vielen Belege dafür müssen hier nicht wiederholt werden.

7.
Darum gilt diese Ermunterung, persönlich formuliert: „Du brauchst als glaubender Christ keine tragende Institution. Wenn dich „einer“ trägt, dann ist es das „göttliche Lebensgeheimnis“. Es kann aber sein, dass du Menschen triffst, mit denen du über deine religiösen Lebenserfahrungen sprechen kannst.“
Dann sind dies die „zwei oder drei versammelt“, von denen Jesus sprach, suchende, zweifelnde, glaubende Menschen, die sich in seinem Namen versammeln, das heißt an ihn denken, die Texte des Neuen Testaments kritisch lesen, Jesus von Nazareth als einen Lehrer der Weisheit schätzen und in seinem Sinne zur meditativen Stille finden, zu einem unzeitgemäßen Leben in dieser verrückten Welt und zur bescheidenen gemeinsamen Feier bei Brot und Wein, natürlich ohne herrschenden Klerus…

9.
Nein, liebe „Ausgetretene“ und Fragende, Zweifelnde…ihr braucht wirklich NICHT diese tragende kirchliche Institution. Die römische Kirche als System trägt euch spirituell nicht, sie ignoriert euch, besonders die Frauen und die Homosexuellen, die Armen zumal, denen man caritativ spendet, aber oft nicht politisch zur Befreiung beisteht. Das schließt nicht aus, dass innerhalb der Kirche doch viele authentische Christen leben, deren Interesse mehr am Wohl der Menschen, der Armen zumal, liegt als am Befolgten von Dogmen und moralischen Weisungen der angeblich „tragenden Institution Kirche“.

10.
Viele sprechen jetzt zurecht von einer grundlegenden, grundstürzenden Zeitenwende. Diese Zeitenwende ist nach den vielen Skandalen, der Reformationsunfähigkeit der Römischen Kirche, der bleibenden Allmacht des Klerus usw. im Katholizismus längst geschehen.
Diese Zeitenwende ist DA, man muss sie nur erkennen und als solche aussagen. Diese Zeitenwende bedeutet inhaltlich: Es gibt christlichen Glauben auch ohne eine „tragende Institution“. Wer zu glauben versucht, findet im Alltag Menschen (vielleicht eine Gemeinschaft), mit denen er Lebens – und Glaubenserfahrungen austauschen kann.
Andererseits sollte es als Antwort auf die Zeitenwende viele offene Gesprächsforen geben, „philosophische Salons“ außerhalb der Kirchenmauern, wo sich unterschiedlich suchende und fragende Menschen zum Gespräch, zur „Begegnung“ treffen. Und diese Gesprächsforen können sich dann zu kleinen „Gemeinden“ entwickeln, zu Kreisen der Freundschaft und des Dialogs und der Hilfsbereitschaft. Diese Gruppen werden sich vernetzen mit sozialkritischen NGOs oder auch spirituellen Gruppen, etwa des Buddhismus, um die Begrenztheiten eines nur christlichen Lebens zu überwinden.

11.
Angesichts der radikalen Zeitenwende sind also radikale Formen des spirituellen Neubeginns wichtig. Die alten kirchlichen katholischen Institutionen erscheinen oft nur noch als finanziell gutausgestattete, aber noch halbwegs zusammengeflickte Skelette einer Institution, die gerade nicht mehr trägt, nicht mehr tragen kann, sondern die die Menschen fallen lässt, weil diese von Männern beherrschte Institution Antworten gibt, die keiner mehr versteht. Diese Kirchen-Institution reicht viel zu oft Steine statt Brot als spirituelle, d.h. menschlich-hilfreiche Nahrung.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

Widerspruch zu der These: „Politiker müssen keine besonders guten Menschen sein. Es reicht, wenn sie gute Politik machen”.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Dies behauptet Mark Schieritz, in: „Die Zeit“ vom 14. Juli 2022, Seite 10. Die These: „Politiker müssen keine besonders guten Menschen sein. Es reicht, wenn sie gute Politik machen”.

Das Zitat bezieht sich auf den Beitrag mit dem Titel „Viele Politiker rufen zum Sparen auf. Sollten sie selbst mal damit anfangen“….

1.
Der erste Widerspruch gegen diese These lautet:
Kann ein Mensch „besonders gut“ genannt werden, wie vom Autor Schieritz behauptet wird?
Nein, diese Behauptung „besonders gut“ ist viel zu diffus, viel zu wenig präzise, viel zu schwammig, Was wäre denn schon „besonders gut“? Ist vielleicht ein genau so wenig Präzises „sehr gut“, sogar „heilig“ gemeint?

2.
„Gut“ hingegen ist etwas Klares, Eindeutiges, oft auch Überprüfbares. Mit „gut“ als Kriterium für die Qualität eines Menschen sollten wir uns begnügen. Wobei alle moralischen Beurteilungen eines anderen Menschen, von außen gesehen, problematisch bleiben. Das lehren Philosophen.

3.
Philosophen lehren aber auch: Gut als Qualität eines Menschen bezieht sich auf dessen gelebte Moral, also auf sein gelebtes Leben. Gut ist also  ein Mensch, der z.B. den Einsichten des Kategorischen Imperativs folgt: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Also: Wer als Politiker das Sparen als Maxime von anderen Menschen fordert, kann vor sich selbst ethisch nur bestehen, wenn er selbst diese Maxime lebt. Also als Politiker nachweislich spart. Und selbst als FDP Politiker z.B. das Tempolimit auf Autobahnen respektiert und dies per Gesetz gestaltet!

Politiker, die keine gute Politik machen, zum Beispiel  eine solche, die tatsächlich spürbare Veränderungen einleitet zu der von Menschen gemachten Klimakatastrophe, können schwerlich als besonders gute Politiker und gute Menschen gelten. Ein guter Mensch würde eine Klimakatastrophe nicht nur ewig in zahllosen Konferenzen besprechen, sondern entsprechend politische Reformen realisieren.

4.
Nur gute Menschen, solche, die z.B. dem Kategorischen Imperativ mit aller geistigen und politischen Energie zu entsprechen versuchen, können gute Politik machen. Nur Gute können Gutes im emphatischen Sinne tun. Das ist der ideale Begriff, der aber reflektiert werden muss.
Natürlich kann auch ein Mafia-Boss einen schönen Kindergarten oder ein Krankenhaus bauen, aber ist dies eine „gute Tat“ oder nur ein politischer – ökonomischer Schachzug?

5.
Noch einmal: Gute Politik, die diesen Namen verdient, die also am Gemeinwohl orientiert ist und nicht nur Superreichen Vorteile bringen will, kann nur von einem Politiker gestaltet werden, der selbst als moralischer Mensch nachweislich sich bemüht, gut zu sein und nicht bloß gut zu scheinen.
Es gilt: Gute Politik können nur gute Menschen machen. Man denke an Gandhi, Lumumba, Salvador Allende, aber selbstverständlich sind gute Politiker niemals „Heilige“.

Auffällig ist: Es gibt offenbar sehr wenige moralisch gute Politiker. Schlechte Politik als erfahrbar unmenschliche Politik sollte den Rückschluss erlauben, dass dann die handelnden Politiker nicht gerade moralisch gut sind, man denke an Trump, oder Putin, jeder kennt viele weitere Namen.

Henry Kissinger, Berater aller us-amerikanischen Präsidenten seit Kennedy, schreibt in seinem neuesten voluminösen Buch “Staatskunst”: Der absolute, durchaus rücksichtslose Wille zur Macht ist vielen Politikern gemeinsam…Wenn sie die eigene Gesellschaft spalten, so nehmen sie dies in Kauf.  Sie erwarteten dabei keinen Konsens und bemühten sich auch nicht darum” (So der Bericht zu dem Kissingerbuch in DIE ZEIT vom 7.7.2022, S. 58. ) Kissinger bezieht sich dabei auf Adenauer, de Gaulle, Nixon, Thatcher und andere.

6.
Darum steht die grundlegende Frage im Raum: Ist Politik nur ein Geschäft? Ein Geschäft, in dem man als “politischer Manager” für ein paar Jahre schnell Geld machen kann, um sich danach etwa „lupenreinen Demokraten“ in Russland sehr freundschaftlich anzuschließen, um noch mehr Geld zu erlnagen?

Oder ist die notwendige Voraussetzung für das Amt eines Politikers nicht auch ein nachweisliches Bemühen um moralische Qualität im Sinne des Kategorischen Imperativs z.B.

Politikersein ist jedenfalls kein „Job“, wie der eines erfolgreichen Geschäftsmannes. Politik ist aber zum Job geworden.

7.
Dieser Hinweis ist selbstverständlich kein Plädoyer für eine klerikale Politik, etwa im Sinne der Pro – Life – Bewegungen. Kirchengebote oder Gesetze der Thora oder Sprüche des Koran können niemals politische Leitlinien für Politiker sein. Religiöse Sprüche sind viel zu begrenzt, als dass sie universalen Anspruch für eine plurale Welt-Gemeinschaft sein könnten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

„Wenn das Christentum nicht mehr liebenswürdig ist“…

Immanuel Kant deutet das „Ende aller Dinge“, also den „Untergang der Welt“.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
Aktuell wird über die Zukunft der Kirchen in Europa heftiger als je zuvor nicht nur debattiert; es gibt Kirchenaustritte von mehreren hunderttausend Gläubigen seit vielen Jahren; es gibt sexuellen Missbrauch durch den Klerus; unverminderten Anspruch des katholischen Klerus, in allen relevanten Fragen herrschend und allbestimmend zu bleiben; nicht zu leugnen ist die Schwäche des Christentums, tatsächlich Frieden zu schaffen trotz der vielen „Friedenssprüche“; der theologische Fundamentalismus in weiten Kreisen aller Kirchen wird politisch immer gefährlicher, siehe USA usw.

2.
Ist das Ende der Kirchen in Europa und Nordamerika absehbar? Religionssoziologen schließen das nicht aus, und sie sehen, dass einstige Großkirchen langsam, aber sicher verschwinden: Man denke etwa an die Entwicklungen in den Niederlanden.

3.
Das Ende aller Dinge, also den Untergang der Welt und das End-Gericht Gottes, hat Immanuel Kant, der Philosoph der Aufklärung, mit dem Niedergang des Christentums, der Kirchen, verbunden. In seiner wenig beachteten Schrift von 1794 mit dem Titel „Das Ende aller Dinge“ kommt er zu dem Ergebnis: Der definitive Untergang der Welt kann bevorstehen, wenn das Christentum, wenn die Kirchen, aufhören, wenigstens noch Spuren des „Liebenswürdigen“ in sich zu haben.

4.
Mit anderen Worten: Hören die Kirchen auf, noch liebenswürdig zu sein, können und sollen die Menschen „eine Abneigung und Widersetzlichkeit
gegen das Christentum“ als ihre „herrschende Denkart“ praktizieren, d.h. sie könnten und sollten sich von diesem Christentum befreien. (I.K., „Zum ewigen Frieden“, Fischer-Taschenbuch, 2008, S. 150f.).

5.
Noch schimmert die Liebenswürdigkeit des Christentums durch, meint Kant (S. 150). Er versteht Liebenswürdigkeit nicht im populären Sinne etwa als Aufopferung eines Menschen für andere, sondern als menschliche Haltung, die sich ganz der Sittlichkeit verpflichtet weiß, als Resultat der freien Entscheidung, dem kategorischen Imperativ zu folgen. Der wahre Christ folgt – so Kant – nicht aus Angst vor göttlichen Strafen den ethischen Prinzipien des Christentums; er folgt den Weisungen des Christentums aus freier Einsicht, weil sie human, weil sie menschlich vernünftig sind und mit den vernünftigen ethischen Prinzipien identisch sein müssen.

6.
Ein „liebenswürdiges Christentum“ ist also ein Christentum der Freiheit, ohne Zwang, ohne entfremdenden Dogmen-Glauben, ohne „Befehlshaber“, wie Kant sagt (S. 149), ein Christentum also „des sanften Geistes“ „ohne gebieterische Autorität“ (S. 150). Und wenn dieses liebenswürdige Christentum aufhört lebendig zu sein, dann… ist das “Ende der Zeiten“ nahe, das schreibt Kant in einer seiner letzten Publikationen überhaupt. Dabei sollte man die Formel Kants „Ende der Zeiten“ nicht wortwörtlich verstehen, sondern als Hinweis darauf, dass dann die Welt, selbst wenn sie fortbesteht, flach, geistlos und eindimensional (ohne Spuren des Transzendieren) wird.

7.
Kant hat sich mit der Reflexion über das kirchliche Symbol „Ende der Zeiten“ noch einmal in seine bekannte Religions – und Kirchenkritik begeben. Sein Urteil fällt auch diesmal deutlich aus, wenn man seine Jahre langen, heftigen Auseinandersetzungen mit der sich orthodox, rechtgläubig, nennenden Theologie vor Augen hat: Dem kirchlichen Glauben, der auf die Macht der Dogmen und Gebote setzt, gab er keine Zukunft. Und eine gewisse Trauer bleibt bei einigen, dass das Christentum – trotz aller Sprüche – dann doch nicht liebenswürdig war…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Das Massaker in Mellila (Spanien) am 24.Juni 2022

Lesen Sie bitte diesen Bericht von Alexander Kern (UNI Frankfurt/M.), veröffentlicht auf der website “Geschichte der Gegenwart” ,über das Massaker in Melilla am 24.6.2022, um den Umgang des “demokratischen” (“christlichen” ???…..) Europa mit Flüchtlingen aus Afrika zu verstehen. LINK

Sowie den Hinweis des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin vom 13.6.2022 auf die sehr “merkwürdige”, d.h. skandalöse Flüchtlingspolitik der EU, eine Buchbesprechung: LINK:

“Kirchenaustritte sind eine Erlösung für die Kirche”

Über steile Thesen aus offiziellem protestantischen Munde.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

Der Ausgangspunkt:
Eine maßgebliche protestantische Theologin, Dr. Kristin Jahn, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, bewertet jetzt die zunehmenden Kirchenaustritte als „Erlösung“. Dabei versteht sie Erlösung als Befreiung vom System der Volkskirche. …hin zu einer Minderheitenkirche. Sehr optimistisch wird diese Minderheitenkirche „Freiwilligenkirche“ des „mündigen Bekennens“ genannt, Frau Jahn schreibt:. „Heute erleben wir einen Erlösungsprozess durch Austritte hin zu einer Kirche der Freiwilligkeit und des mündigen Bekennens“, so Kristin Jahn am 30.6.2022 in Fulda. (Quelle: Pressemeldung des Ev. Kirchentages vom 1.7.2022)

Hinter dieser These der Theologin Kristin Jahn steht die (unausgesprochene) Überzeugung: Die gegenwärtige Kirche ist selbst reformunfähig, sie kann ihre eigenen Mitglieder nicht mehr in der Kirche „halten“, geschweige denn für die Kirche begeistern.
So bleibt also der irgendwie „gelähmten“ Kirchen – Führung und – Institution und – Bürokratie nichts anderes übrig, als sich über die Kirchenaustritte von hunderttausenden Christen pro Jahr zu freuen – als Erlösung sogar.

Erlösung gibt es für eine reformatorische, kritische Theologie nur dann, wenn sich nun die „Ausgetretenen“ von den vielen belastenden Dogmen und Kirchengesetzen, den veralteten Liedern und unverständlichen Gebeten befreien. Das sollten die verbliebenen Mitglieder auch tun.

Eine kritische Reflexion:
1. „Kirchenaustritt als Erlösung“
Die großen Kirchen in Deutschland schrumpfen und schrumpfen … und wahrscheinlich werden sie, hält dieser Trend an, in etwa 40 Jahren fast verschwunden sein, zahlenmäßig betrachtet. Die Zahl der Austritte aus diesen trotz allem noch machtvollen Organisationen, mit ihren Milliardenetats bis heute, nimmt zu. Und was tun Verantwortliche dieser schrumpfenden Großorganisation: Sie zeigen sich geradezu glücklich über diese Entwicklung: So sagte Dr. Kristin Jahn, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, am 30.6.2022 in Fulda auf einem Podium mit dem Titel “Wohin steuern die christlichen Kirchen?“: „Die evangelische Kirche steht sich aus meiner Sicht oft selbst im Weg mit ihrem Amtsverständnis und Kirchenordnungen, die noch aus einer Zeit resultieren, in der man durch Sitte und Tradition in Kirche war. Diese Zeiten sind vorbei. Heute erleben wir einen Erlösungsprozess durch Austritte hin zu einer Kirche der Freiwilligkeit und des mündigen Bekennens.”

2.
Kirchenaustritte als Erlösungsprozess zu deuten: Eine steile These. Konservative, evangelikale Christen, zu denen ich absolut nicht gehöre, könnten einwenden: Erlösung im klassischen Sinne kann doch einzig durch Jesus Christus kommen und nicht durch Kirchenaustritte.

3. “Die  nicht immer jugendlichen Freiwilligen“
„Erlöst“, so denkt die Kirchentagsgeneralsekretärin, sollen sich aber nicht etwa die Millionen EX-Kirchenmitglieder fühlen, weil sie, „ausgetreten“, nun keine Kirchensteuer mehr zahlen müssen.
Nein, „erlöst“ soll sich die Institution Evangelische Kirche fühlen, das „System“, wie Frau Jahn sagt. Freude also darüber, dass sich die Kircheninstitution nun – endlich – auf dem Weg hin zu einer Kirche der Freiwilligkeit befindet. Aber worin ist diese Hoffnung begründet? Die verbliebenen evangelischen Kirchenmitglieder sind, wenn sie öfter als am Heiligabend in die Kirche zum Gottesdienst gehen, eher „ältere Semester“. Wie lange kann man mit Senioren die „Kirche der Freiwilligkeit“ gestalten?
Diese Hoffnungen auf „Erlösung“ sind deswegen haltlos, weil man immer noch nicht im Detail weiß, welche Altersgruppen aus den Kirchen ausgetreten sind, man weiß nichts über deren ökonomischen Status, nichts über deren Bildungsniveau. Es gibt keine präzise soziologische Forschung der „Ausgetretenen“.

4.
Wer jetzt aus der katholischen Kirche in Deutschland austritt, hat sicher andere Gründe und Motive als die austretenden Protestanten. Es ist bereits ein Zeichen für die geringe Kenntnis der eigenen Konfessionalität, wenn Protestanten aus ihrer Kirche austreten, weil sie den Papst nicht hochschätzen oder den zölibatären Klerus….

5. „Wenn Kirchenleute sich den Ast absägen, auf dem sie sitzen“
Auf der genannten Tagung konnte der protestantischen Erlösungsthese der katholische Theologe Prof. Thomas Söding zustimmen: “Wir werden eine Kirche der freiwilligen Entscheidung sein müssen.“ Ob es dann, bei den realistisch gesehen wenigen freiwillig Entschiedenen noch Kirchentage/Katholikentage und gut bezahlte Generalsekretärinnen oder gut bezahlte Domherren und bestens bezahlte TheologieprofessorInnen an staatlichen Universitäten geben wird, ist wohl eher ausgeschlossen. Man könnte also diese Ausführungen in Fulda deuten als „das begeisterte Sägen auf dem Ast“, auf dem es sich für Kirchenangestellte bisher materiell sehr gut leben ließ.

6. „Das Lämmelein (Jesus) will gern leiden“
Aber das ist nicht mein zentrales Thema. Wenn man schon das hochwertige Wort „Erlösung” im Zusammenhang der zunehmenden Kirchenaustritte verwenden will: Erlöst wird durch den erlösenden Kirchenaustritt die Menschheit, speziell die Christenheit, von der Macht eines dogmatischen und moralischen Glaubenssystems, das auf alle Fragen, die irgendwie mit Gott zu tun haben, umfassende Antworten hatte und hat.
Eine solche Befreiung vom Wahn der allwissenden Dogmen und tausend Kirchengesetzen ist tatsächlich eine Erlösung, von der allerdings keine Generalsekretärin, kein Bischof, kein Theologieprofessor zu sprechen wagt. Sie genieren sich, endlich das Wort „Zeitenwende“ auch auf die kirchliche dogmatische Verfasstheit ihrer Kirchensysteme anzuwenden.
Die globale Zeitenwende findet aber durch die Kirchenaustritte schon seit langem statt. Christen verabschieden sich nicht nur von den Dogmen, sondern, um nur ein nahe liegendes Beispiel aus den Gottesdiensten zu nennen, auch von den Kirchenliedern: Diese muten als Text dem heutigen Menschen Unsägliches an Gedankenwirrwarr zu, die tausend Beispiele kann ich hier nicht dokumentieren. Zu den katholischen immer noch üblichen Marienbildern habe ich das exemplarisch gezeigt. LINK.
Man lese bitte auch die theologisch befremdliche Theologie der evangelischen Passions – und Karfreitagslieder , etwa: „Ein Lämmlein (gemeint ist Jesus von Nazareth, CM) geht und trägt die Schuld der Welt und ergibt sich auf die Würgebank … und spricht ich wills gern leiden“ (Nr. 83 Ev. Gesangbuch, Text von Paul Gerhardt 1647!) Auch die heute irritierenden Texte von Bachs Kantaten wären ein eigenes Thema, schön ist da nur die Musik….

7. „Die Reihen fest geschlossen“
Man denke im katholischen Bereich auch daran, dass bis 1975, also bis zur Herausgabe eines neuen katholischen Gesangbuches, die 6. Strophe des sehr beliebten und oft in überfüllten Messen geschmetterten katholischen Liedes „Ein Haus voll Glorie schauet“ heißt:“ Viel tausend schon vergossen mit heilger Lust ihr Blut. Die Reihen stehen fest geschlossen in hohem Glaubensmut, Gott wir loben dich, Gott wir preisen dich….“ usw.
Die 7. Strophe verstärkt dann den Charakter eines Kampfliedes „Auf eilen liebentzündet auch wir zum heilgen Streit, der Herr, ders Haus gegründet, uns ewigen Sieg verleiht“….
Fraglich ist, ob der Nazi Horst Wessel für seine Lied-Zeile „die Reihen fest geschlossen“, Anregungen von diesem sehr oft gesungenen katholischen „Kampflied“ aus dem Jahr 1877 empfing. Für die katholische Kirche aber gilt nach wie vor: Die „Reihen fest geschlossen“ : Dies ist eine Art Ideal des herrschenden Klerus…Häretiker, Abweichler und Reformer wissen ihr trauriges „Lied davon zu singen“…
Und das ist vielleicht der größte Skandal bei diesem Sing-Sang: Die erste Strophe des Liedes (Gotteslob Nr. 639) darf immer noch gesungen werden, trotz aller Missbrauchsskandale durch Priester, trotz aller Macht des Klerus nach wie vor, trotz aller immer noch vorhandener Benachteiligung der Frauen in der Römischen Kirche: Da heißt es also: „Ein Haus VOLL GLORIE SCHAUET, weit über alle Land. Aus engem Stein erbauet, von Gottes Meisterhand…“ Theologisch zudem falsch: Hat Gott, der Ewige, höchstpersönlich diese römisch-katholische Kirche gegründet und so wie sie ist, aufgebaut?

8.
Was bedeutet nun Erlösung für Christen, die durch ihren Kirchenaustritt spirituelle Freiheit erlangen:Sie werden von Lasten befreit, von einer Institution die „Steine statt Brot“ den Glaubenden reicht, ihnen das Leben schwer macht… Ich will das nur am Beispiel der katholischen Kirche zeigen: Da umfasst der Inhalt des zu Glaubenden tatsächlich 717 Seiten im offiziellen „Katechismus der katholischen Kirche”, herausgegeben von der damaligen Ratzinger Behörde, der „Glaubenskongregation“, im Jahr 1993.

9. Der christliche Glaube ist einfach und undogmatisch
Erlösung inmitten der aktuellen theologischen Zeitenwende (Kirchenaustritte, Zusammenbruch kirchlicher Glaubwürdigkeit usw.) bedeutet: Der christliche Glaube als religiöse Lebenshaltung und Lebenspraxis kann auf einigen wenigen DINA4 Seite dargestellt werden als Anregung und Impuls. Wichtig ist: Der christliche Glaube ist in seiner Lehre einfach.
Konfessionelle Verschiedenheiten verschwinden bei einer kontemplativen Lebenshaltung: Sie wird der göttlichen Wirklichkeit im Menschen, in jedem Menschen, inne. Wenn von Gott die Rede sein soll, dann nur: Gott ist Geist, präsent in der Welt und in Menschen. Diese Erfahrung ist keine billige Vertröstung, sondern eine Einladung, geistvoll (d.h. vernünftig, den Menschenrechten praktisch folgend) in der Welt zu handeln, zugunsten des Gemeinwohls und immer unter dem Anspruch des Kategorischen Imperativs.
Dieses „einfache Christentum“ sieht Jesus von Nazareth als ein Vorbild der Lebendigkeit, die Bibel wird bei kritischer Lektüre als Buch von Weisheit empfohlen, neben anderen religiösen Texten. Und man kann sich als Christ mit anderen versammeln, um Jesu zu gedenken, in der Mediation, im Dialog, beim gemeinsamen Mahl der Solidarität. Und dieses einfache Christentum sucht das gleichberechtigte und lernbereite Gespräch mit anderen (nicht nur religiösen) Menschen.

10. Lektüre Empfehlungen
Die hier nur skizzierte These der Erlösung als Befreiung von der starren klerikalen Dogmenwelt könnte für die „Ausgetretenen“ inspirierend sein, selbständig zu suchen und neue spirituelle Dimensionen zu entdecken.
Dabei können Texte von Philosophen und Mystikern hilfreich sein. Unter anderem auch die Spiritualität des mittelalterlichen und zugleich modernen Meister Eckart, für den Einheit des Menschen mit der göttlichen Wirklichkeit im Zentrum des Glaubens steht. Mehr braucht der Mensch eigentlich nicht, meint Eckart!! Als Einstieg für Anfänger: „Vom Wunder Seele. Eine Auswahl aus den Traktaten und Predigten“, Reclam Verlag 2,60 Euro.
Wer die Mühe der Eckart-Lektüre jetzt noch nicht so will: Dem empfehle ich die kontemplativen und gleichzeitig politischen Texte des us-amerikanischen Mönchs Thomas Merton, etwa das leicht zugängliche Buch: „Sich für die Welt entscheiden“, Arbor Verlag, Freiburg, 2009.

Zu den Austrittszahlen

Für die katholische Kirche:
2012 haben 118.300 Katholiken die Mitgliedschaft in der Kirche gekündigt.
2021 waren es 359.200 Katholiken.

Weitere umfassende Informationen: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/4052/umfrage/kirchenaustritte-in-deutschland-nach-konfessionen/

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.