Über den Egoismus der Bürger und betrügerische Kaufleute in Amerika: Der Philosoph Hegel blickt auf die USA.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 6.5.2026

Was die Menschen in den USA, was deren  politische und religiöse Mentalität prägt und bestimmt, hat der Philosoph Hegel schon 1822 erkannt. Seine Erkenntis gilt bis heute. 

1.
Anläßlich der Feierlichkeiten „250 Jahre Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten“ am 4. Juli 2026 ist es sicher interessant wahrzunehmen, wie schon wenige Jahrzehnte nach der „Unterzeichnung der Unabhängigkeits-Erklärung“ 1776 der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich HEGEL das Wesentliche und Typische dieses Amerika (USA) analysierte und bewertete.
Seine „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“ hat Hegel in Berlins Universität seit 1822 insgesamt fünf mal gehalten, posthum wurden die Vorlesungen 1837 veröffentlicht. In dieser seiner Philosophie der Geschichte spricht HEGEL auch von „Nordamerika“, seine Aussagen beziehen sich, wie er sagt, auf die „nordamerikanischen Freistaaten“ (S. 111), also auf das, was wir heute USA nennen.

2.
Hegel hat allen Wert darauf gelegt, die empirischen historischen Fakten mit seinem philosophischen Begriff der Geschichte zu verbinden, also die empirische Geschichte mit der für ihn grundlegenden Einsicht zu harmonisieren: Dass in der Geschichte die Vernunft in eine greifbare, weltliche, politische Existenz tritt. Diese Einsicht kann hier nicht vertieft werden. Hier geht es um einige Erkenntnisse zum „Wesen“ des nordamerikanischen Menschen durch Hegel.
Dazu bieten wir einige Zitate aus Band 12 der „Theorie Werkausgabe“ des Suhrkamp Verlages (1970):

3.
Puritaner und Mitglieder anderer Glaubensgemeinschaften „wanderten nach Nordamerika aus, um die Freiheit der Religion zu suchen“ (S. 111)

Sie bauten dort ein Gemeinwesen auf, „das von den Atomen (isolierten einzelnen) der Individuen ausging, so dass der Staat nur ein Äußerliches zum Schutz des Eigentums war“ (S. 112).
Hegel erwähnt die republikanische Verfassung: „Allgemeiner Schutz des Eigentums und beinahe Abgabenlosigkeit sind Tatsachen, die beständig angepriesen werden“ (ebd.). „Abgabenlosigkeit“, also vergleichsweise geringe Steuern, bestimmen auch heute die USA.
Wichtig auch Hegels Insistieren auf dem ganz zentralen Schutz des Privateigentums in Amerika ..
Der „Grundcharakter der amerikanischen Republik“ besteht für Hegel „in der Richtung (Hauptinteresse) des Privatmannes auf Erwerb und Gewinn, in dem Überwiegen des partikulären Interesses, das sich dem Allgemeinen nur zum Behufe des eignen Genusses zuwendet.“(S. 112).
Also: Egoismus der Privatleute, Unternehmer, wird schon 1822 angesprochen, gilt bis heute
Und, auch das betont Hegel, zum Respekt der Händler und Unternehmer vor den Gesetzen in Nordamerika (USA): Hegel schreibt: „Diese Rechtlichkeit ist eine Rechtlichkeit ohne (persönliche) Rechtschaffenheit, und so stehen denn die amerikanischen Kaufleute in dem üblen Rufe, durch das Recht geschützt zu betrügen.“ (ebd.) Sehr treffend erkannt, bis heute gültig…

4.
Weil für Hegel alle politische Organisation immer auch mit der Religion, bzw. hier mit dem Christentum, zu tun hat, schreibt er: „In Amerika kann jeder seine eigene Kirche haben“… „Das Zerfallen in so viele Sekten, die sich bis zum Extrem der Verrücktheit steigern und deren viele einen Gottesdienst haben, der sich in Verzückungen und mitunter in den sinnlosesten Ausgelassenheiten kundgibt…“ (S. 113). Gültige Erkenntnis bis heute, siehe die Evangelikalen, Pfingstler, die Megachurches usw…

5.

Hegel betont also: Die vielen, nicht von Vernunft bestimmten Kirchen und Sekten in den USA sind auch mitverantwortlich für die allgemeine politische Verwirrung in den USA hinsichtlich einer humanen, vernünftigen, den Menschenrechten verpflichteten Gesellschaft und Rechtsstaatlichkeit..

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

Ein Jahr Papst Leo XIV.: Freundlich-lächelnd, konservativ, ängstlich

Ein Hinweis von Christian Modehn anläßlich der Papstwahl am 8. Mai 2025.

1.
Vor einem Jahr, am 8.Mai 2025, wurde der us-amerikanische Kardinal mit einem peruanischen Pass Robert Prevost aus dem Augustinerorden (OSA) zum Papst gewählt.
Obwohl wir im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin wissen, dass es sehr viel dringendere Themen gibt für die bedrohte Menschheit heute, als an einen noch relativ frisch im Amt herrschenden Papst zu erinnern: Wir wollen entgegen den meisten offiziellen Trends der Presse und der Kirchenleute, die Papst Leo XIV. als „geistlichen Führer“ oder mutigen Trump – Kritiker hinstellen, doch dringend darauf aufmerksam machen:

Dieser Papst mag für weltpolitische Fragen, sozusagen nach außen, gewisse Sympathien der Nachdenklichen wecken.

Innenpolitisch, also für die innere Gestalt der römisch – katholischen Kirche ist dieser Papst ein Konservativer, er ist überhaupt nicht interessiert, mit dieser Kirche, über die er als unfehlbarer Papst herrscht, alsbald eine grundlegende Reformation (und nicht oberflächlichen Reförmchen) zu gestalten.
Die Liste der Forderungen ist lang und seit mindestens 70 Jahren permanent von sehr reflektierten Theologen vorgebracht, das alles zu wiederholen ermüdet total die kritischen Journalisten: Kurzum, mit diesem Papst ist – bis jetzt – ein weiterer Stillstand in der Kirche zu erwarten: Hinsichtlich der Anerkennung der versöhnten Verschiedenheit der getrennten Kirchen, hinsichtlich der nun auch von katholischen Bischöfen permanent geforderten Aufhebung des Pflichtzölibates für Priester, hinsichtlich der dringend (!) zu realisierenden Zulassung von Frauen zum DiakonInnen – und PriesterInnenamt. Nichts tut sich, d.h. nicht tut der Papst, er lächelt die großen Themen freundlich weg…

Auch dieser Papst denkt mehr an das zahlenmäßige Wachstum der Kirche in Afrika als an die noch verbliebenen nachdenklich – krischen Katholiklen etwa in Europa, die die Moderne und den katholischen Glauben endlich versöhnen wollen. Bei dem Thema wird die Frage dringend: Kann ein einziger Papst von Rom aus die katholische Kirche (1,4 Milliarden Mitglieder) regieren, d.h. beherrschen, oder bräuchte es nicht mehrere „PatriachInnen“, jeweils auf allen Kontinenten präsent. Das Ein – Mann Papsttum würde damit verschwinden… Aber solche Gedanken werden nicht öffentlich diskutiert! Vielleicht weil die klerikalen Fundamentalisten Im Vatikan und anderswo  denken: Christus hat nur den einen Petrus als Papst berufen…Also darf es nur einen Papst geben… so ticken wirklich manche Leute…

Aber wenn das so weitergeht mit dem Papst – Regime: Es wird bald niemanden mehr geben, der sich öffentlich noch für eine Reformation (sic) der römischen Kirche heute und jetzt sofort einsetzt. Vernünftige Katholiken haben diese Kirche längst verlassen… Aber es gilt: Katholisch-Sein und Sisyphus – Sein ist nicht identisch! Denn: Es gibt die Freiheit des Evangeliums des Weisheitslehrers Jesus von Nazareth…

Wir haben keine Erwartungen, dass Leo zum Papst der grundlegenden katholischen Reformation wird: Siehe unseren LINK

Von einer bestimmtem Veränderung der Kirche als Institution spricht Leo hingegen am 5. Mai, ein kleines Zeichen der Reform-Bereitschaft? Sicher nicht, denn von einer entscheidenden Veränderung, Reform, der dogmatischen und moralischen Lehren spricht der Papst nicht, es geht ihm um Strukturen…: LINK 

Siehe auch den Gastbeitrag des Theologen, Journalisten und Publizisten Michael Meier, Zürich LINK

2.
Hingegen wird versucht, Papst Leo in einer populistischen Ecke noch beliebter zu machen:
„Das Modemagazin „Vogue“ hatte Papst Leo XIV.  zu einer der bestgekleideten Persönlichkeiten des Jahres 2025 gewählt. Dabei wurde der „Bruch mit dem bescheidenen Geschmack seines Vorgängers Papst Franziskus“ betont. Filippo Sorcinelli ( der offen homosexuelle italienische Designer, der unter anderem auch die Päpste Benedikt XVI. und Franziskus einkleidete) erklärte dazu (ausgerechnet der populären englischen Daily Mail), Franziskus habe eine „überraschende Einfachheit, fast schon eine evangeliumsgemäße Provokation“ gewählt. Bei Benedikt XVI. sei es hingegen die Verwurzelung in der Tradition. Doch Leo XIV., so der Designer, verkörpere ein Gleichgewicht zwischen Benedikt und Franziskus.“ Quelle: LINK

Auch aufgrund der Liebe Leo XIV. zu den alten, aber durchaus chicen Papstgewändern und den Gemächern in Castel Gandolfo wird man sagen: Leo XIV. ist gern Papst und er genießt auch die äußeren Privilegien des Stellvertreters Christi auf Erden (bitte beachten: Es heißt nicht: Des Stellvertreters Jesu von Nazareth auf Erden…Denn Christus ist der dogmatisch verkirchlichte Jesus von Nazareth)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Ein Jahr Papst Leo XIV: Theologisch konservativ, kein Reformer, Stillstand in der katholischen Kirche

Ein unvollständiger Rückblick auf ein Jahr der PAPST-Herrschaft seit dem 8. Mai 2025.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.4.2026

Siehe auch den wichtigen Gastbeitrag des Theologen, Journalisten und Publizisten Michael Meier, Zürich, LINK

1.
Wir haben am 19.9.2025 auf dieser website begonnen, einige wichtige Entscheidungen und Äußerungen Papst Leos vor allem im Bereich der Theologie zu sammeln und selbstverständlich, wie es sich für Journalisten gehört, kritisch zu kommentieren. LINK

2. Unsere Liste wurde seit dem 24.4. 2026 weitergeführt, insgesamt ist unser Rückblick unvollständig, aber sehr deutlich ist: Niemand sollte ernsthaft behaupten, Papst Leo XIV. sei irgendwie ein Papst der Reformer und Reformen, die den Namen verdienen. Er ist theologisch konservativ, auch theologisch schüchtern und ängstlich und .. politisch manchmal etwas mutig, ein Mut, den er dann aber im Falle seiner TRUMP/USA Kritik wieder relativiert.

3.
Wie weit dieses konservative Verhalten mit der absoluten Vorliebe des Papstes für (das poetische fromme Frühwerk des heiligen) Augustinus („Confessiones“) zu tun hat, darauf haben wir aufmerksam gemacht. Der späte sture, verbissene, Gegner vernichtende, kurz der unsympathische Augustin, vor allem dessen Ideologie der Erbsünde, wird von Leo verschwiegen.

4.
Unsere Aufstellung anläßlich „ein Jahr Papst Leo“ konzentriert sich auf theologische Aussagen, wobei man theologische Überzeugungen und politische/ökonomische Präferenzen auch bei Päpsten niemals trennen darf.

5.
Man müßte eine lange Liste des prinzipiellen theologischen Stillstands unter Papst Leo anführen: Nur einige Beispiele für diesen üblichen, von Angst bestimmten und von Klerus-Herrschaft bestimmten Stillstand im Katholizismus:
– Nichts Neues, Erforderliches, Richtiges,  in der Ökumene mit Protestanten
– Nichts Neues zur Aufhebung des Zwangszölibates
– Absolut nichts Neues zur Zulassung von Frauen zum DiakonInnen und Priesteramt, auf diese Weise begibt sich die Papstkirche in eine Art Verachtung von gebildeten Frauen und Männern weltweit.

– Kann ein Papst in seiner Allmacht machen, nur führt er damit die Kirche weiter ins Getto…Selbst wenn noch Millionen Katholiken in Afrikas Diktaturen ihm als Führer zujubeln…
– Nichts Neues zur veralteten Theologie etwa der Bittgebete, des Wunderglaubens, des Glaubens an heilige Knochen (Reliquien)…
– Keine Relativierung der Klerus-Macht: „Die Messe, Eucharistie, darf nur von männlichen Priester allein gefeiert werden“: Eucharistie durch Priester gefeiert gilt nach wie vor als absoluter Mittelpunkt des katholischen Glaubens, und niemand protestiert dagegen… UND SO WEITER:

6.
Man könnte ja auch mal lange die berechtigte Frage stellen: Kann ein einzelner alter Mann, Papst genannt ,spiritueller und politischer Chef (Vatikanstadt!) für 1,4 Millionen Katholiken, diese riesig große und sehr differenzierte Gemeinschaft leiten?? Eigentlich nein!
Mit anderen Worten: Wären nicht wenigstens 5 Päpste, je ein Papst (Päpstin) auf einem Kontinent, eine Lösung? Aber das wird offiziell natürlich alles als Quatsch abgetan. Sollen diese Katholiken in Europa halt zur Sekte werden…

7.
Hier einige neue (Stand 29.4.2026) von uns dokumentierte (!) Fakten:

Am 29.April 2026 veröffentlicht: Weitere Opfer der linken Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg werden von Papst Leo selig gesprochen:

Papst Leo XIV. hat jetzt 49 Ordensbrüder und einen Priester als zu verehrende Selige ausgezeichnet, diese Ordensleute wurden Opfer der Republikaner im spanischen Bürgerkrieg. Das offizielle Datum der Seligsprechungen ist noch nicht bekannt. Diese Seligen können nun an Gottes Thron Fürsprache einlegen für die Frommen…, so die immer noch gültige, milde gesagt esoterische, offizielle katholische Theologie.

Wichtiger ist: Die nun auch von Papst Leo seliggesprochenen Märtyrer gehören zu den bereits 2.100 selig gesprochenen spanischen Priestern als Märtyrer der Republikaner im Bürgerkrieg! Diese Seligsprechungen waren immer schon ein politisches Votum der Päpste: Gegen die Linken! Es gibt eine extreme Vorliebe für die von linken Republikanern getöteten Geistlichen durch die Päpste, vor allem durch den exzessiv anti-linken polnischen Papst Johannes Paul II, ist offensichtlich.   Im LINK, besonders die Nr. 10.

Der Historiker Benoit Pellistarndi weist darauf hin, dass diese erneute Seligsprechung von Opfern der linken, demokratischen Republikaner im Krieg des Faschisten Franco heute politisch sehr problematisch ist: Die regierende Linke und die anderen Demokraten haben in Spanien gegen die Rechten und die Attacken der Rechtsextremen („VOX-Partei“) zu kämpfen. Diese Vox – Partei sieht sich als Erbe des Faschisten Franco, sie ist glücklich sein über die neuen seligen Opfer der „bösen Republikaner“: „Die politische Situation macht die Seligsprechung durch Papst Leo besonders schwierig.“ (zit. in „La Croix“, Paris, 29.4.2026.) Proteste gegen Leos Entscheidung wird es hoffentlich geben, aber sie werden aussichtslos bleiben, angesichts des Einflusses des Vatikans und der Kirche im heutigen Spanien noch…

Am 23. April 2026 sagte Post Leo auf dem Rückflug aus Afrika nach Rom auf eine Frage der Journalistin Verena Schälter, dass der Heilige Stuhl nicht einverstanden sei mit einer ritualisierten Segnung homosexueller Paare, die über das hinausgehe, „was Papst Franziskus erlaubt hat“.

Im Klartext: Segnungen ja, aber möglichst ohne viel würdevolle Feierlichkeit, möglichst in einer Seiten- Kapelle, und bitte nur schlichte Zeremonien, die auch nur entfernt an eine Hetero-Ehe-Schließung erinnern. Das heißt: Homosexuelle Paare werden als Katholiken und als Menschen zweiter Klasse behandelt. Lieber segnet der Klerus bekanntlich ja Autos, Yachten, Motorräder, Tiere, Handys, sogar Walrosse, wir haben seit Jahren diesen Blödsinn (aber er bringt der Kirche etwas Renommée beim Volk und viele Spenden…) dokumentiert. Zum Wahn des Klerus, alle möglichen Dinge zu segnen, bloß NICHT diese Menschen „zweiter Klasse“ in päpstlicher Sicht, also , die Homosexuellen, siehe unseren leicht satirischen Beitrag, den wir seit 2010 immer wieder mal aktualisiert haben: LINK:

Am 16.4.2026: Papst Leo in Algerien: „Über Augustinus nur die halbe Wahrheit“. LINK

Am 9. April 2026 hat die kluge ZEIT Autorin Elisabeth von Thadden einen wichtigen Vorschlag in DIE ZEIT, Seite 40, veröffentlicht: Papst Leo sollte überlegen, on nicht katholische Spitzenpolitiker und einflußreiche Milliardäre als Berater des Trump Regimes EXKOMMUNIZIERT werden sollten. Diese Leute denken und handeln absolut und ständig gegen die katholische Moral. Einst hatte ja auch im Jahr 2014 Papst Franziskus katholische Mafia – Bosse in Italien exkommuniziert. Natürlich war diese Verurteilung direkt nicht wirkungsvoll, aber ein wichtiges Symbol.

Am 28.3. 2026: Papst Leo besucht das Nest der Superreichen: Monaco. LINK. https://religionsphilosophischer-salon.de/21590_papst-leo-besucht-im-maerz-2026-monaco-das-nest-der-superreichen_befreiung

Weitere Belege für das theologisch konservative Denken Papüst leos unter: LINK

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

Papst Leo in Algerien: Über Augustinus nur die halbe Wahrheit

Ein Hinweis von Christian Modehn am 16.4.2026

Ein Vorwort:
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen und gehässige Kommentare abzuwehren:
Für den „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ ist die Kritik Papst Leos an der Kriegspolitik von Donald Trump absolut berechtigt. Diese deutliche Zurückweisung des us-amerikanischen Papstes an Trumps nur noch verrückt zu qualifizierender Außen-(Kriegs-) Politik wie auch der antidemokratischen Innenpolitik, hätte schon mit etwas mehr Mut vor einigen Monaten öffentlich geäußert werden müssen, aber immerhin..
Unsere Zustimmung zur Kritik des Papstes an Trump schließt aber überhaupt nicht aus, kritisch auf die Stellungnahmen Papst Leos etwa in Algerien hinzuweisen. Dieser kritische Blick auf seine Stellungnahmen in Algerien, zumal in Annaba, „Hippo“ einst, der Wirkungsstätte des heiligen Bischofs und Kirchenlehrers (!) Augustinus, fehlt in den Medien, in den katholisch bestimmten Medien sowieso.

1.
Papst Leo versteht sich als Mitglied des Augustiner-Ordens explizit als ein „Sohn des heiligen Augustinus“. Und dieser „Sohn“ des vor etwa 1.600 Jahren gestorbenen heiligen Augustinus ist wirklich sehr berührt und total begeistert („es war eine Gnade in Annaba zu weilen“) von des „Vaters“ Wirkungsstätte. Man lese das ebenso enthusiastische, aber einseitige Resümee der Algerien-Reise von vaticannews LINK
2.
In höchsten Tönen preist Papst Leo wieder einnmal den heiligen Augustinus als eine für „uns“ heute relevante Gestalt, er sei Brückenbauer, er habe das Streben nach Gemeinschaft gefördert, habe den Respekt unter den Völkern trotz aller Unterschiede gelobt und geliebt und so weiter. Papst Leo kennt offenbar nicht die vielen richtigen kritischen theologischen und historischen Forschungen über den gestrengen Bischof von Hippo. Oder der Papst will die Leute besänftigen? Fast hätte ich geschrieben, in die Irre führen.
3.
Diese Lobeshymnen auf Bischof Augustinus durch Papst Leo sind theologisch und historisch gesehen schlicht und einfach falsch. Es gibt den absolut kämpferischen, gar nicht dialogbereiten, sehr eigensinnigen und gegen seine theologischen Feinde äußerst kämpferischen Bischof Augustinus. Es gibt den Augustinus einer rigorosen, mit Jesus von Nazareth kaum noch vermittelbaren Gnadenlehre: Nach der nur wenige Erwählte gerettet werden. In dem Zusammenhang entwickelt der alte Bischof von Hippo die theologische Ideologie der Erbsünde. Ja, wirklich eine Ideologie, denn dieses Dogma ist ein willkürliches, völlig unbiblisches Konstrukt eines kämpferischen greisen Bischofs Augustinus. Von diesem unangenehmen, eher häßlichen Augustinus spricht der Sohn Augustins, Papst Leo, leider nicht. So wird eine Art Augustinus – Ideologie verbreitet.
4.
Hier kann nicht das weite Thema der Gnadenlehre Augustins und seiner Erbsünden – Ideologie ausführlich beschrieben werden, das haben wir an anderer Stelle früher schon getan. LINK   Wer die Geschichte studiert und eben nicht als ein „Sohn des heiligen Augustinus“ in Verzückung gerät, wenn er an den einstigen Bischof im damaligen Hippo denkt und die Ruinen dort bewundert, muss feststellen, und das ist gängige Überzeugung unter Historikern: Dieser Bischof Augustinus war zwar hoch begabt und theologisch gebildet. Aber Augustinus war als Bischof und sehr-vielschreibender Autor nicht nur ein heftiger Verfolger der damaligen nicht-katholischen „Sekten“. Er hatte sich einen Mitbruder seiner katholischen Kirche als Erzfeind ausgesucht, den katholischen Bischof Julian von Eclanum. Ihn hat Bischof Augustinus aufs heftigste bekämpften erfolgreich ausgeschaltet. Von „Brückenbauen“ also keine Spur.
5.
Bischof Julian war ein theologisch gebildeter „ebenbürtiger Gegenger Augustins“ (Kurt Flasch, „Kampfplätze der Philosophie“, Frankfurt am Main, 2008, S. 13). Seit 418/419 hat Augustinus auf Bischof Julian eingeschlagen. Augustin nannte seinen Mitbischof einen „Patron der Esel“, Bischof Julian, klug und mutig, nennt den hoch angesehenen Bischof Augustin einen „asthmatischen Greis“ (ebd.).
Mit seiner polemischen Kraft gelang es Augustinus in den heftigsten Auseinandersetzungen mit Julian als Sieger hervorzugehen: Die Lehre von der Erbsünde hatte Augustinus durchgesetzt: „Augustinus hatte behauptet, Sünde und Schuld seien vererbbar. Er hatte die Übertragung der Erbsünde an den Geschlechtsverkehr gebunden und damit den Vorrang des jungfräulichen Lebens begründet. Er hatte die geschlechtliche Begierde als das Böse verteufelt…“ (Kurt Flasch, S. 14 f.)
Es war allen Gebildeten zumal außerhalb der offiziellen rigiden dogmatischen Kirche klar: Augustinus Erbsünden Doktrin zerstörte die Freiheit des Willens der Menschen. Gott wurde wie ein Tyrann konzipiert. Niemand weiß bis heute, wie denn Erbsünde als solche im Menschen erlebt und erfahren wird. Fast alle heutigen TheologInnen fragen sich: Kann es wirklich sein, dass die christliche Erlösung mit der Befreiung von dieser imaginären Erbsünde identisch ist???
6.
Diesen Augustinus erwähnt der Papst nicht. Wäre auch blamabel für einen Sohn des heiligen Augustinus, den Vater weitgehend zu kritisieren und als irrelevant für die heutigen Christen (Katholiken) darzustellen.
7.
Wir wollen dieses unsägliche Thema Erbsünde hier nicht fortsetzen. Die Erbsünden- Ideologie der Kirchen, nicht nur der katholischen, auch der lutherischen, auch der reformierten, calvinistischen Kirche, ist ein Fehler, mehr noch ein giftiger Irrsinn. Das sagen, wie schon betont, die meisten heute denkenden TheologInnen. Papst Leo sollte in freier Zeit in seinem neu renoviertem apostolischen Palast mit seinen Augustinern dort die Studie des großen objektiven Kenners Augustins Prof. Kurt Flasch lesen: „Die Logik des Schreckens. Augustinus von Hippo. Die Gnadenlehre von 397“, Mainz 1995.
8.
Die bis heute alles kirchliche Leben bestimmende Erbsündelehre ist, zusammenfassend, eine Ideologie Augustins, sie stellt die absolute Schwäche des Menschen gegenüber Gott heraus. An der Erbsünden – Ideologie halten die Kirche fest, um ein theologisches längst überwundenes Modell der Erlösung zu propagieren. Denn nur weil es die Erbsünde „gibt“, ist die Taufe eines jeden Menschen heilsnotwendig. Und die Taufe vollzieht sich innerhalb der Kirche, die vom Klerus bestimmt ist. Erbsündenlehre und Klerusherrschaft gehören also eng zusammen.
9.
Was eigentlich noch viel schlimmer ist: Soweit wir lesen, hat Papst Leo XIV. vor lauter Verzückung für seinen Vater Augustinus, inmitten der Ruinen von Annaba, Hippo, vergessen, auch ein Wort zu den nicht geduldeten Menschenrechten in Algerien zu sagen. Der Papst hat sich wohl von der viel besprochenen „Demokratie- Fassade“ der Regierung dort verführen lassen. Von dem großartigen, verfolgten algerischen Schriftsteller Boualem Sansal hat Papst Leo sicher schon einmal gehört…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Wenn politische Regression unser Leben bedroht

Hinweise von Christian Modehn am 15. April 2026

1.
Wenn Philosophieren noch die gegenwärtige Zeit auf den Begriff bringen will, ist es angebracht, diese Gegenwart als Zeit der Regression zu verstehen. Manche Soziologen sprechen auch von „Großer Regression“, allerdings in einem Buch aus dem Jahr 2015. (Fußnote 1). Die Zeitdiagnose des Politologen Giuliano da Empoli, zehn Jahre später publiziert, ist deutlich heftiger, schonungsloser: Wir leben in der „Stunde der Raubtiere“ (Fußnote 2). Wahrlich defätistisch seine Erkenntnis: „Die Weltuntergangs-Uhr in Manhattan… zeigt seit 2023 Mitternacht minus 90 Sekunden an – seit diese Uhr 1947 geschaffen wurde, waren wir dem Ende noch nie so nahe.“(S. 33).
2.
Die Raubtiere da Empolis können uns alle zerfetzen. Wer noch Regressionen feststellt, spricht nicht von Tieren, sondern von Menschen, also von „eigentlich“, „grundsätzlich“, „wesentlich“ doch immer noch etwas vernünftigen Menschen. Aus Gier, aus Bequemlichkeit, Nationalismus sinken sie in einen unvernünftigen Zustand zurück. Aber wer noch Regression festzustellen meint, hat immerhin noch den Begriff der Heilung, der Überwindung von Regression im Hinterkopf, also letztlich noch die Idee eines Fortschritt. Wer sich aber von Raubtieren umzingelt sieht, muss sich verstecken, aus Angst einmauern, bis dann doch die Raubiere alles zerfleischen. Wer die Übeltäter, die Kriegstreiber, noch für regressive Typen hält, kann noch handeln, versuchen, die Wende zur Demokratie, zu den Menschenrechten, zur Humanität zu probieren.
3.
Mit der Wahlniederlage des nationalistischen, antidemokratischen, populistischen Herrschers Viktor Orban in Ungarn, hat dort und für die EU wahrscheinlich die Demokratie wieder eine Chance. Es waren Kämpfe der noch demokratisch orientierten Bürger gegen die Allmacht Orbans, die zum Erfolg führten. Orban ist – hoffentlich – definitiv entmachtet und … er wird bestraft…
4.
Die Herrschaft Orbans war eine Zeit der Regression, der radikalen Rückkehr zu nationalistischer Willkür und zur Zerschlagung demokratischer Werte und Strukturen. Dieser Herrscher der Regression war eng verbunden mit anderen Herrschern der Regression, vor allem mit dem allmählich ins Wahnsinnige abirrenden Donald Trump und mit Putin sowie den nationalistischen Ministerpräsidenten der Slowakei und Tschechiens sowie mit den reaktionären erz-katholischen PiS Politikern in Polen. Vielleicht beginnt die Mauer der Regressiven in Europa nun etwas zu bröckeln.
5.
Es könnten andere Beispiele besprochen werden: Das entschiedene, kämpferische demokratische Handeln der Demokraten kann noch regressive Regime zu Fall bringen: An Brasilien wäre zu denken, an den Sieg des linken Demokraten Inacio Lula da Silva über den Verbrecher Bolsonaro. Oder: In den Niederlanden konnte bei den Parlamentswahlen 2025 die rechtsradikale Partei PVV von Herrn Wilders auf Position zwei – nach dessen Wahlsieg 2023 – gedrückt werden durch die linksliberale Partei D66.
6.
Regression ins Rechtsradikale und Rechtsextreme ist also kein Schicksal. Obwohl heute vielfach der Eindruck vorherrscht, der Aufstieg der rechtsradikalen AfD etwa in Sachsen-Anhalt sei eine Art von Schicksal. Wenn die CDU dort mit den Linken zusammenarbeiten würde und auch mit den anderen demokratischen Parteien eine Art „demokratische Front“ bilden würde, wäre die AfD erstmal stark eingeschränkt. Man erinnere sich: Die total regressive, rechtsradikale Partei „Front National“ von Le Pen konnte die Präsidentschaftswahl 2002 nicht gewinnen, weil sich alle demokratischen Parteien dort für die Wahl des konservativen Chirac im 2. Wahlgang entschieden hatten und ihm ein Wahlergebnis von 82 Prozent bescherten. Das ist gemeinsamer, überparteilicher Widerstand von Demokraten gegen regressive, rechtsradikale Politiker.
7.
Zum Begriff Regression. Er bezieht sich erstens auf die seelische, geistige Verfassung vieler Menschen. Und dann, im weiteren Sinne, auch auf die politische, ökonomische, soziale, kulturelle, religiöse Situation dieser Welt. Diese Regression ist immer das bewusst eingesetzte Aufgeben bisher errungener Standards demokratischen Lebens und des Respektes der Menschenrechte.
8.
Regression ist also erstens eine krankhafte Verirrung des einzelnen Menschen: „Regression psychoanalytisch betrachtet, bezeichnet einen Vorgang, in dem ein Individuum oder eine Gruppe ein schon erreichtes psychisches Struktur – und Funktionsniveau verlässt und zu einem früheren, und /oder niedriger strukturierten Niveau des Denkens, Fühlens und Handelns zurückkehrt.“ (Rachel Jaeggi, „Fortschritt und Regression“, Berlin 2025, S. 215.). Nebenbei: Es gibt allerdings auch gelegentlich die kurzfristige, etwa die spielerisch ausgelebte und gestaltete Regression, etwa, wenn Erwachsene ihre Kindheit nachspielen… Darum geht es hier nicht.
9.
Regression ist dann auch politisch das bewusste Abdriften in unvernünftigere, längst überwundene und eher offiziell minderwertig eingeschätzte Formen der Lebensgestaltung, des Zusammenlebens, der Gesetze, der internationalen Kooperationen usw.
Politiker und die ihnen folgenden Wähler handeln im Sinne der Regression, etwa in der MAGA-Bewegung der USA, für den autoritären Staat der Weißen in einem System, das nur noch den Namen Demokratie hat. Regression ist, etwa in den USA, unter den Bewohnern auch der Verzicht auf immer mühsames kritisches Nachdenken über eine bessere, gerechtere Zukunft für alle Menschen.
Wir sind deswegen geneigt zu sagen: Regression ist auch das Sich – Durchsetzen von Dummheit. Wobei die Dummen zu verstehen sind als die von despotischen Herrschern und ihren Staats-Medien Dumm-Gemachten. Skepsis und Selbst-Denken werden in diesen despotischen Regimen zu Un-Werten.
10.
Regression ist mit Rückschritt identisch, mit der Entscheidung einzelner oder Gruppen, mit einer Leidenschaft für Nostalgie, hinter die Standards demokratischer Prinzipien der Gegenwart zurückzugehen. Rückschritt, Regression, ist ein Zurückdrehen der Zeit auf einen früheren, angeblich glorreich imaginierten Zustand. Rückschritt als Nostalgie ist Flucht aus der belastend empfundenen Gegenwart. Regression führt bei den politischen Akteuren zu seelischer Erstarrung, maßloser Polemik und Feindschaft gegen die Verteidiger des Neuen und Richtigen. Regression führt oft zum (Bürger)Krieg.
11.
Noch einmal: Regressive PolitikerInnen leben und handeln unter dem Niveau heutiger Menschlichkeit. Die unflätige, unverschämte Sprache etwa von Präsident Trump liefert den Beweis: Regressive Politik wird von seelisch – geistig regressiven Herrschern betrieben. Weitere Beispiele lassen sich leicht finden, in Russland, Iran, Belarus, Israel etc..
12.
Wer von Regression und Rückschritt spricht, muss immer auch an den schwierigen Begriff Fortschritt denken: Fortschritt verstanden als Überwindung der für den einzelnen wie für Gesellschaften tödlichen Fixierung auf überlebte, überholte Lebensmodelle. Der Philosoph G.W.F. Hegel ist bekanntlich einer der deutlichsten Verteidiger des Begriffs Fortschritts in der Philosophie der Weltgeschichte. Er behauptete nicht, dass alles im Laufe der Weltgeschichte global und überall immer besser und „fortschrittlicher“ wird. Hegel wollte lediglich darauf aufmerksam machen, dass Fortschritt zu verstehen lediglich in der bescheiden wirkenden Dimension als „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“. Lediglich das Wissen der Menschen hat sich im Laufe der Geschichte ziemlich universell verbreitet: dass der Mensch wesentlich frei sein sollte. Und die geistige, im Bewusstsein nie auszulöschende Überzeugung drückt sich „materiell“ aus, wie Hegel betont, sie wird Welt, gestaltet also Gesellschaft, Staat, Kultur, Religionen. Diese Realisierungen der Freiheit sind aufgrund der Willkür der Menschen immer wieder bedroht. Aber nie mehr abzuschaffen…„Fortschritt ist Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ ist selbstverständlich überhaupt keine „europäische (`kolonialistische`) Idee“, also nur für den Ort ihres Entstehens gültig. Die Idee „Fortschritt ist Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit der Menschen“ wird nach langen Kämpfen endlich heute weltweit geschätzt, in den Diktaturen Afrikas oder Asiens mindestens von den Oppositionellen in den Gefängnissen und Lagern. Sie alle fordern nicht nur in ihrem Bewusstsein, nicht nur ihrem Denken: Freiheit. Und mit dieser Forderung meinen sie letztlich die Geltung der Menschenrechte für sich selbst und für alle. Und die Bestrafung der Herrscher, die sich Politiker nennen.
13.
Regression ist die Ablehnung der Menschenrechte für alle. Fortschritt die Geltung von Freiheit und Menschenrechten für alle. Die „Stunde der Raubtiere“ kann vielleicht noch im Kampf für die Demokratie etwas hinausgezögert werden. Auch wenn man nach der Lektüre dieses Buches skeptisch bleibt. Aber den Elan des Widerstandes – selbst gegen die „Raubtiere“ – erhalten wir nur in einer Philosophie der Vernunft. Und die sammelt Menschen des Widerstandes gegen die Populisten, Rechtsradikalen und Faschisten heute, nicht nur in Deutschland…

Fußnote 1:
Die große Regression. Edition Suhrkamp, Berlin 2017.

Fußnote 2:
Giuliano da Empoli, Die Stunde der Raubtiere. C.H.Beck Verlag 2025.

COPYRIGHT: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-salon.de

Geiz und Hab-Gier: Die herrschenden Laster der (politischen) Gegenwart

Ein Hinweis auf „Hauptsünden“, Laster genannt, von Christian Modehn am 3. April 2026.

Die These: Der Geizige ist der Habgierige, der Habgierige wird zum Nationalisten und der Nationalist führt Kriege .. um seinen Luxus zu verteidigen und die anderen, die zu Feinden erklärt werden, „auszuschalten“.

1.
Die Inszenierung des „Geizigen“ („L` Avare“, von Molière) der „Schaubühne“ in Berlin im April 2026 (Regie: Thomas Ostermeier, mit Lars Eidinger in der Hauptrolle) führt in eine Reflexion über den Geiz, aber auch über die Gier: Beide Laster sehen wir in engem Zusammenhang. In klassischen Reflexionen werden Geiz und Habsucht (Gier) ohnehin oft verbunden, der lateinische Name „Avaritia“ bedeutet beides, Geiz und Habgier. Wer von Geiz spricht, sollte also immer auch an Habgier denken. Mag der „Geizige“ von Molière auch eine Komödie sein: Lustig ist Geiz eigentlich gar nicht, zumal für jene, die unter dem Geiz des Geizigen zu leiden haben, zumal, wenn denn die Geizigen auch noch die Gierigen sind.

2.
Ohne hier eine umfassende Tugend/Untugend-Lehre aufzumachen:
Geiz bedeutet: Sparsamkeit um der Sparsamkeit willen. Geiz zielt auf die Anhäufung von Reichtum, Geld, Eigentum jeder Art, nur mit dem einzigen Ziel: damit diese Dinge meine Dinge werden.
Den Geizigen beglückt einzig das Nehmen, das Sich-Aneignen, das Bei-Sich-Halten des Eigentums. Diesen angehäuften Reichtum kann der Geizige – schon wegen der Menge – selber gar nicht genießen. Geben, Verteilen, Gerechtsein, Soldarischsein sind für den Geizigen geradezu selbstzerstörerisch.

3.
Der Geizige braucht für sein Lebensmodell eine starke innere Kraft, man möchte sagen: eine verdorbene „Spiritualität“: die Gier, die Sucht zu Haben. Der Geizige will auch über immer mehr Eigenes verfügen. Die Geizigen werden dann die Habgierigen, die können nie genug über Eigentum verfügen. Darum brauchen die Gierigen eine enorme Durchsetzungskraft gegen die anderen. Sie werden nur als Konkurrenten gedacht, mit denen man einen „Deal“ zu eigenem Vorteil machen muss. Hat der Hab-Gierige (der Hab – Süchtige) wieder etwas erobert, gekauft, vereinnahmt, freut er sich über die Anhäufung seines Eigentums, das er, geizig, für sich behält und mit allen Mitteln schützt und auf „Teufel komm raus“ verteidigt, natürlich auch mit Waffen. Nationalismus in allen Spielarten Habgier. Geiz und Habgier führen zum Krieg, und habgierigen Politikern gelingt es immer, ideologisch verblendete, man möchte sagen dumm gemachte Massen, für die Zwecke ihrer Habsucht einzuspannen, also etwa als „Kanonenfutter“ für die Eroberungskriege zu „verwenden.“ Menschen sind für den Geizigen wie für den geizig – Habsüchtigen nur Dinge, nur „Menschen-Material“ – ein Wort aus dem Wörterbuch der Unmenschen der Nazis – damals und heute.

4.
„Der Geizige“ ist also alles andere als „nur“ eine Komödie. Das Thema führt in die Politik. Das sagt Intendant Thomas Ostermeier in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“, 30. März 2026, S, 12, deutlich: „Die Gegensätze verschärfen sich in Berlin. Das Kapital hat die Stadt übernommen, die Mieten steigen ins Astronomische. Alternative oder künstlerische Milieus , die früher den Wert dieser Stadt ausmachten, werden verdrängt. Es gibt wesentlich mehr Armut und das Kleinbürgertum kämpft gegen seine Abstiegsängste…Der Ton wird rauer und die bürgerliche Mitte igelt sich ein.“ Man kann etwa durch ein Beispiel ergänzen: Die individuellen Geschäfte, Läden, von Privat geführt, sehr beliebt bei den Menschen, die mehr sein wollen als „Konsumenten“, werden durch die Gier der Vermieter von Gewerbe-Immobilien zugunsten von finanzstarken, anonymen, neutral erscheinenden „Ketten“ verdrängt: So wird den Menschen in ihrem Kiez ein Stück Vertrautheit und Nähe, man möchte sagen auch ein Stück Heimat genommen … durch die Gier der Kapitalisten! Und die Politikerinnen sehen dem machtlos zu. Sie sind ja oft genug mit entsprechenden Lobbyisten eng verbunden…

5.
Darüber gibt es unter Demokraten Konsens: Unsere Welt wird heute von absolut gierigen Herrschern beherrscht. Sie sind diejenigen, die gegenüber anderen, den Milliarden Armen und vom Kapital arm Gemachten, ihr eigenes Ding, ihren „Deal“ rücksichtslos durchziehen.
Und die Bürger sowie die Politiker der wenigen bis jetzt noch verbliebenen demokratischen Staaten sind hilflos dieser Gewalt und der verrückten Laune der Politik – Milliardäre und deren hilfreichen Milliardärs- Freunde ausgesetzt: Das gilt für die USA, die durch den Multi – Milliardär Trump ins Diktatorische abdriften, wie für Russland, dort sind Putin und die Seinen bekanntlich Multi-Milliardäre. Auf Bolsonaro (Brasilien) und die vielen arabischen Milliardäre wollen wir nur hinweisen oder den König von Thailand, erwähnen wir hier schon die Millionäre unter afrikanischen „Politikern“, sehr heftig etwa in Simbabwe. Auf den Milliardär und jetzt erneut wieder-gewählten (!) Ministerpräsidenten Herrn Andrej Babis in Tschechien weisen wir nur hin… Immerhin wird auch Herr Netanyahu (Israel) als ein Multi-Millionär in der Presse gewürdigt: Sehr bescheiden hingegen der deutsche Kanzler Friedrich Merz, er hat nur ein Vermögen „um die 12 Millionen“ Euro (Quelle:LINK . Bescheiden dagegen auch der CDU – Politiker Jens Spahn:Sein geschätztes Vermögen beträgt nur 3 Millionen (Quelle: LINK
Damit wollen wir überhaupt nicht andeuten, dass die genannten deutschen Politiker geizig oder gar habgierig seien. Nein, sie sind als christliche Politiker bekanntlich die bewährten Verteidiger der sozialen Gerechtigkeit für die Armen und der Großzügigkeit für Flüchtlinge – in enger Verbundenheit mir dem sehr „liberal“ denkenden Christlich (!) -Sozialen (!) Innenminister Alexander Dobrindt, ein wahrer Freund der Flüchtlinge? Sie alle sind doch auch die entschiedenen Befürworter einer Reichensteuer ….. oder irre ich mich da? Muss man sich bei diesem dringenden Thema ins Utopische flüchten?

6.
Wohin also führen diese wenigen unvollständigen Überlegungen anläßlich der Inszenierung des „Geizigen“ in der „Schaubühne“, Berlin, im April 2026?
Sie führen zur Erkenntnis, dass die Menschen der meisten Staaten, tatsächlich von Plutokraten beherrscht werden. Plutokraten – das ist nur ein anderer Name für die absolut Gierigen und Geizigen. Und die treffende Anrede von Staatspräsidenten sollte immer sein: „Der Herr Plutokrat Trump, der Herr Plutokrat Putin, der Herr Plutokrat Babis usw…auch für Mohammed VI. (Marokko) gilt dies, auch: Herr Plutokrat Teodoro Obiang Nguema Mbasogo (Präsident von Äquatorialguinea), Herr Plutokrat Paul Biya (Präsident von Kamerun), Herr Plutokrat João Lourenço (Präsident von Angola) die treffende Anrede…
Es ist irgendwie verwunderlich, dass genau diese drei von extremen Plutokraten regierten afrikanischen Staaten Papst Leo im April 2026 auf seiner apostolischen Reise besucht, er will dort die Armen treffen, heißt es im Vatikan. Vielleicht hofft der Papst auf eine milde Gabe, einen üblichen „Peterspfennig“, der Plutokraten für seinen so bettelarmen“ Heiligen Stuhl“…

Ergänzt am 4.4.2026: Gefährlicher als Trump sind gewiss die Tech-Giganten, auch sie sind selbstverständlich Multi-Milliardäre. Sie sind bedrohlich, denn sie können mit ihrer offenbar unkontrollierbaren (??) All-Macht die wenigen demokratischen Regierungsformen zerstören. Die Tech – Oligarchen kölnnten immer deutlicher die entscheidenden Machthaber der Zukunft sein, wenn nicht die Demokraten und ihre demokratischen Politiker wirksam noch um Menschenrechte und Menschenwürde auch in diesem Zusammenhang kämpfen.

7.
Merke also: Umfassende gerechte Sozialpolitik, die diesen Namen verdient, ist von diesen Milliardärs-, Millionärs – Politiker Herren überhaupt nicht zu erwarten. Es sei denn, sie bekehrten sich von ihrer Hab – Gier und ihrem Geiz. Das ist nahezu ausgeschlossen. Und eine gerade jetzt dringend gebotene gerechte Reichensteuer ist von diesen Herren auch nicht zu erwarten: Welcher Gierige, Geizige, schneidet sich mit einer humaner Politik des Teilens und der Solidarität in das eigene, bestens gepflegte Fleisch?

8.
Von Enteignung der Milliardäre zur Rettung der Welt und zugunsten einer humaneren, d.h. gerechteren Welt, wagt heute kaum jemand zu sprechen. Warum sitzen, um Gottes Willen, so viele Menschen ungestraft und eben nicht ein bißchen enteignet auf ihren so vielen hunderten von Milliarden Dollar oder Euro oder Schweizer Franken? Warum empört sich keine Massenbewegung gegen diesen Wahn der Ungerechtigkeit? Einige wenige Milliardäre sind ja mit menschlichem Vorbild aufgetreten – und haben etwas Geld verteilt, weil sie Mit – Menschen geblieben sind.

9.
Ist das Thema Enteignung wirklicher nur ein Thema des radikalen Sozialismus? Dabei passieren doch Enteignungen vieler Millionen Menschen ständig vor aller Augen: Da werden viele Millionen ArbeiterInnen in den Fabriken um ihr eigenes gesundes Leben enteignet … durch horrende Arbeitsbedingungen; da schuften Kinder in den Goldgruben Afrikas… Arbeitssklaven auf den Baustellen der arabischen Welt und so weiter: Millionen Menschen werden längst ent-eignet, um das Eigene ihres eigenen freien, menschenwürdigen Lebens gebracht.
Enteignung, durch die Plutokraten und ihre Freunde, gibt es also längst und seit langem. Geht auch mal der umgekehrte Weg? Der von der Enteignung der Enteignenden handelt? Eine interessante, aber nur spekulative und selbstverständlich völlig sinnlose, wenn nicht verbotene Frage einiger Demokraten.

10.
Es sieht also für die Bürger düster aus, wenn man sich vom „Geizigen“ (Molière) ins weitere Reflektieren führen lässt. Vielleicht kann man anläßlich dieser Komödie aus dem 17. Jahrhundert und dem geizigen Harpagon (d.i. jetzt Lars Eidinger) dann doch wenigstens für ein paar Minuten schmunzeln, um dann wieder, leicht verzweifelt, in die Welt der verrückt gewordenen Plutokraten zurückkehren zu müssen. In die Stadt Berlin etwa, von der Intendant Ostermeier treffend sagt: „Das Kapital hat die Stadt übernommen“. Man lebt zudem in einer Stadt, in der es kritische Propheten aus christlichen Kreisen längst nicht mehr gibt! Bischöfe und Theologen sind eher Verwalter ihrer eigenen gut bezahlten Stellung geworden. Einst waren manchmal einige christliche Theologen und Bischöfe noch so etwas wie Propheten.
Sollen sich doch mal Berliner TheologInnen und Bischöfe mit der treffenden These des Künstlers Thomas Ostermeiers auseinandersetzen: „Das Kapital hat die Stadt übernommen“. Sollen sie doch mal eine Berliner-Theologie in diesem Zusammenhang entwickeln.
Ein großer Künstler hat den Mut, den menschlichen Niedergang (nicht nur) dieser Stadt zur Sprache zu bringen. Es ist ein Niedergang – von der Demokratie zur Herrschaft des Kapitals … verursacht von Geiz und Habgier.

11.

Erleben die Geizigen und Habgierigen, dass ihr Wohlstand sinkt, dass ihre Privilegien bedoht sind, versammeln sie sich unter der Ideologie des Nationalismus. Sie wollen ihre Nation und die kapitalistische Unordnung, die sie ultrareich macht, unter allen Umständen verteidigen. So entstehen Kriege. Nationalismus ist absolut gefährlich, führt zu Krieg und Zerstörung anderer, die zu Feinden erklärt werden. Sie Orban in Ungarn, die ultra-rechte Regierung in Israel unter Netanjahu, die Kriege des geradezu verrückt gewordenen US-Nationalisten und Multi-Milliardärs Trump und seiner Milliardärs-Clique (MAGA -Ideologie etc.). 

12,

Wer über den „Geizigen“ nachdenkt, muss über den Habgierigen nachdenken und damit auch über Nationalisten und den Kriegstreiber. 

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

Die „unsichtbare Religion“ – lebt in der säkularisierten Gesellschaft

Ein Hinweis auf ein ungewöhnliches Thema des Soziologen Thomas Luckmann
Von Christian Modehn am 30.3.2026

Vorwort:
Der Soziologe Thomas Luckmann hat den engen Begriff „Religion“ erweitert, wenn nicht gesprengt, durch seine These der „unsichtbaren Religion“. Darauf vor allem wird hier hingewiesen. Diese Öffnung des Religionsbegriffes über die engen Grenzen der religiösen, der kirchlichen Institutionen hinaus hat bereits Immanuel Kant geleistet, nicht zuletzt aber der Weisheitslehrer Jesus von Nazareth oder aktuell der große Theologe Karl Rahner. Darauf wird am Ende dieses Beitrags hingewiesen (Nr. 14 ff.)

1.
Thomas Luckmann hat als Soziologe schon 1967 eine neue, ziemlich gewagte These publiziert: Eine von ihm „unsichtbar“ genannte, das heißt „außerhalb der kirchlichen Institutionen“ lebendige, nur individuell je verschieden geprägte Religion sei heute in Europa bestimmend. Wenn das Zerbrechen institutioneller religiöser Bindungen in individuelle Vielfalt gilt, wenn also sehr viele Menschen ihre je eigene Religion, ihren je eigenen „transzendenten Mittelpunkt“ und „Gott“ selber entwickeln, dann muss man an der gängigen sozialwissenschaftlichen und philosophischen These zweifeln: Unsere westliche Gesellschaft sei grundlegend „säkularisiert“, also ohne Bindungen an oberste, für göttlich gehaltene Werte. Es lohnt sich also, über diese „unsichtbare Religion“ nachzudenken… Aber auch die Grenzen dieser liberalen These zu erkennen.

2.
Der vielseitig gebildete Soziologe Thomas Luckmann hat mit seiner “unsichtbaren Religion“ eine heftige Diskussion eröffnet. Er hat gezeigt, dass Religionssoziologie umfassender, durchaus auch philosophisch interessierter ist als die populäre, eher schlichte Kirchensoziologie: Sie ist seit etwa 1945, zumal in Frankreich, etwa auf Statistiken zur „religiösen Praxis“ am Sonntag fixiert oder auf die Anzahl der Priester in ländlichen Gegenden usw. Französische Religionssoziologen hatten einst dieses Hauptinteresse, sie erforschten die religiöse Welt nicht umfassend, sie meinten, angesichts der Teilnehmer – Zahlen an der Sonntagsmesse in allen Regionen Frankreichs Rückschlüsse auf die so genannte „Entchristlichung“ („Säkularisierung“) der jeweiligen Regionen bzw. Bistümer ziehen zu können. Heute ist die französische Religionssoziologie (im Unterschied zu Deutschland) sehr lebendig und viel breiter aufgestellt. Man denke etwa an die zahlreichen wegweisenden Arbeiten von Prof. Danièle Hervieu-Léger in Paris, an ihre Forschungen zur Dominanz subjektiver Religion, die sie unter dem etwas provozierenden Stichwort „Bricolage“, also „Basteln“, „Etwas selber zusammenstellen“ diskutiert. Dies ist nur ein Beispiel für die aktuelle Wirkungsgeschichte der These der „unsichtbaren Religion“ Luckmanns……

3.
Ein Anlass unseres Hinweises ist auch der 10. Todestag Thomas Luckmanns, er ist am 10.Mai 2016 im Alter von 88 Jahren in seiner „Wahlheimat“ Kärnten gestorben, geboren wurde er in Jesenice, Slowenien, am 14.Oktober 1927. Thomas Luckmann ist einer der bedeutenden Soziologen des 20. Jahrhunderts, 1969 wurde er mit entscheidenden Studie „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ (gemeinsam mit Peter L. Berger) weltbekannt.

4.
Uns interessiert hier Luckmanns Essay „Die unsichtbare Religion“, er wurde 1967 in New York unter dem Titel „The Invisible Religion“ veröffentlicht, aber erst seit 1991 liegt eine deutsche Ausgabe vor.
Wir können hier nur auf Luckmanns entscheidende Einsichten zur Entwicklung der christlichen Kirchen hinweisen. Sie zielen auf die schon genannte stark individualisierte, nicht mehr an kirchliche Institutionen gebundene Religion. Die Zitate hier beziehen sich auf die deutsche Ausgabe, erschienen im Suhrkamp Verlag. Das ausführliche Vorwort hat der Soziologe Prof. Hubert Knoblauch, Berlin, verfasst. Zentral ist also Luckmanns These: „Ich halte die Ansicht für falsch, das moderne Leben sei bar jeder Religion, sie sei im Kern areligiös“.( S. 164.) Die Religion könne gar nicht verschwunden sein, denn, so Luckmann: „Die grundlegend religiöse Verfassung des menschlichen Lebens ist nicht verloren gegangen“.( ebd.). D.h.: Zum Menschsein gehört also Religion…Diese heute lebendige, aber „unsichtbare Religion“ lebt überall dort, wo „aus dem Verhalten der Menschen moralisch beurteilbare Handlungen werden.“ (S. 165). Religion ist also ein moralisches Leben, ein Leben, das den Einsichten des Kategorischen Imperativs entspricht, dies kann man weiterführend im Sinne Kants sagen. Zu Kant siehe Nr. 14.

5.
Hubert Knoblauch betont in seinem Vorwort, dass der Begriff „unsichtbare Religion“ lediglich im Titel des Buches genannt wird (S.11). Aber die Idee einer „unsichtbare Religion“ bestimmt das ganze Buch, ist sozusagen das entscheidende Thema. Diese unsichtbare Religion (man sollte angesichts ihrer Pluralität eher den Plural Religionen verwenden) ist faktisch eine Alternative und eine Konkurrenz zu den etablierten Kirchen geworden.

6.
Deswegen weitere zentrale Aspekte zur „unsichtbaren Religion“ im Sinne Luckmanns: Die „unsichtbare Religion äußert sich in verschiedenen menschlichen Verhalten, immer dann, wenn inmitten des Alltags eine bestimmte Praxis zur einer Art absolutem Mittelpunkt des Lebens wird: Dieser „Mittelpunkt“ kann Sport sein, Fußball zumal, dem alle Interessen gelten; er kann auch der Beruf sein; oder können Erotik und Sexualität sein, alles kann zum absoluten Mittelpunkt im Leben werden. Viele Menschen werden sogar gleichzeitig einige Mittelpunkte in ihrem Leben haben, denen sie Zeit, Energie zuwenden, wenn nicht „opfern“.

7.
Allgemein verbindliche, universell für alle geltende Religionen bestimmen nicht mehr das Leben der Menschen von heute, betont Luckmann: „Die traditionellen, institutionell spezialisierten Kirchen konnten ihr Monopol nicht einmal für die spezifisch religiösen Themen aufrechterhalten.“ (S 180.). „Die Kirchen sind Institutionen unter anderen geworden.“ (S. 182).
Die verschiedenen Gestalten unsichtbarer, d.h. also institutionell nicht-gebundener Religion, setzen sich durch, weil „die religiöse Repräsentation durch die Kirchen zu einem System bloßer Rhetorik geworden ist.“ (S. 139). Das heißt: Die religiöse Botschaft der Kirchen ist für die meisten Menschen nicht mehr nachvollziehbar, nicht mehr glaubwürdig, sie wird nicht mehr hilfreich im individuellen Leben erlebt. Weil die Führer dieser Kirchen, die Theologen offenbar und die Prediger etc. zur bloßen „Rhetorik“ neigen. Das heißt wohl: Leere, seit Jahrhunderten identische Worthülsen dogmatischer Art verbreiten…

9.
Thomas Luckmann hat also schon vor 60 Jahren den weitreichenden Bruch in der religiösen Praxis wahrgenommen. Der einzelne Mensch baut sich, „bastelt“ sich, wie französische Religionssoziologen sagen, sein persönliches System für ihn gültiger Werte und Orientierungen, oft vorläufig, für bestimmte Lebensphasen. Die individuelle inhaltliche Aussage dieses je von mir „gebastelten“ Glaubens kann sich im Laufe des Lebens bei immer neuen Lebenserfahrungen selbstverständlich wieder ändern. Früher gab es z.B. Konversionen vom Katholizismus zum Protestantismus, jetzt gibt es ganz andere Konversionen, etwa: Ein älterer Mann konvertiert von seiner Sport- Trainings – „Vergottung“ zur Yogapraxis und zum veganen Leben in vegan verpflichteten (dogmatischen?) Lebensgemeinschaften…

10.
Die „unsichtbare Religion“ im Sinne Luckmanns trifft eine wesentliche Tendenz in der Veränderung dessen, was seit etlichen Jahren in Europa als Religion oder „höchstes Gut“ oder „Göttliches“ wahrgenommen und gelebt wird. Dennoch bleibt die Frage offen, ob es ein normative Kriterien dafür gibt, was man also mit guten Gründen unter den wichtigen Präferenzen im Leben Religion oder Religionen tatsächlich dann nennen sollte. Denn es kann nicht jeglicher vom einzelnen hoch geschätzter Wert als religiös bezeichnet werden.

11.
Dann ist es auch problematisch, wenn im Sinne der totalen Individualisierung der Religion der Aspekt der Gemeinschaft eher vernachlässigt wird. Menschen brauchen immer und überall den Austausch über Lebenserfahrungen und über den Mittelpunkt im jeweiligen Leben. Sie brauchen also Gemeinschaften. Aber gibt es im Ernst etwa SportlerInnen, die sich so intensiv über Sport austauschen, dass damit auch die klassischen religiösen Themen (Sinn des Lebens, Liebens Sterbens, Todes…) zur Sprache kommen und diese Themen auch irgendwie rituell „bearbeitet“, zelebriert werden? Das müsste man empirisch untersuchen. Ich bezweifele, ob man dabei nicht die Sportgemeinschaften oder der Opernliebhaber oder der Vegetarier-Fans usw. sozusagen religiös „überfordert“.

12.
Im ganzen habe ich den Eindruck, dass Luckmanns These der „unsichtbaren Religionen“ in eine Hochphase liberalen Denkens passt, als die Individualisierung sozusagen heilig gesprochen wurde. Bernt Schneller bezeichnet in seiner Studie „Thomas Luckmann“, (UVK, Konstanz 2006, S. 119) die Idee der „Sakralisierung des Individuums“ als eine entscheidende Leistung Luckmanns,. Schneller nennt als neue „religiöse Gemeinschaften“ im Sinne Luckmanns nach dem Ende der kirchlichen Institutionen: „ Selbsthilfegruppen, Cliquen (sic) und andere sinnstiftende Gemeinschaften.“ (S. 119). Den religiösen Aspekt von Selbsthilfegruppen oder zivilgesellschaftlichen NGOs wissenschaftlich herauszustellen, wäre tatsächlich ein interessantes Projekt. Bei den „Anonymen Alkoholikern“ hat bekanntlich ein Gottesbezug und sogar die Hochschätzung des „Vater Unser“ eine hilfreiche Bedeutung… Und: Wie die stark etwa die engagierten, oft im Einsatz gefährdeten Mitarbeiter der „Ärzte ohne Grenzen“ eine Spiritualität leben (müssen, um durchzuhalten), ist manchmal von ihnen selbst beschrieben worden.

13.
Wahrscheinlich ist die These Luckmanns von der „unsichtbaren Religion“ heute zu ergänzen, wenn nicht zu ersetzen durch den Begriff der Vielfalt der Spiritualität, ohne die nun kein Menschen als geistiges (das heißt immer auch „spirituelles“ )Wesen zu leben vermag. Die Kirchen als Institutionen von Dogma und Klerus haben diesen Wandel in der Bindung der Menschen nicht grundlegend verstanden: Die Menschen suchen heute Spiritualität, eher nicht die von den Kirchen klassisch angebotene dogmatische Lehre.

14.
Die „unsichtbare Kirche“ ist auch ein Begriff für die eine zentrale Erneuerung des engen dogmatischen Kirchenbegriffs durch den Philosophen Immanuel Kant in seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1793). Diese „unsichtbare Kirche“ nennt Kant „eine Idee von der Vereinigung aller Rechtschaffenden unter der göttlichen unmittelbaren (also nicht durch die Kirche vermittelten, CM), aber moralischen Weltregierung…“ (im Text Kants auf Seite B 142). Wir haben zu Kant und auch zu seinem wichtigen und aktuellen Religionsbegriff etliche Hinweise publiziert, siehe etwa: LINK

15.
Auch der Mensch Jesus von Nazareth hat als freier, radikal – kritischer Weisheitslehrer im damaligen Judentum, in seinen Predigten (und seinem provozierenden Handeln) ausdrücklich die engen Grenzen einer Gesetzes-rigiden Religion gesprengt und dadurch ein anderes, sozusagen reformiertes Verständnis für ein gottgefälliges Leben geöffnet über die Religionsgrenzen hinaus. Man denke etwa an die Bergpredigt Jesu: Dort werden mit den Forderungen eines humanen Lebens die „Einlassbedingungen“ der Menschen für die Zugehörigkeit zum universellen „Reich Gottes“ als Reich des Friedens und der Gerechtigkeit dargelegt. Siehe dazu das Evangelium nach Matthäus, 5. Kapitel. Noch wichtiger für diese Zurückweisung enger religiöser konfessioneller Normen für ein authentisches religiöses Leben ist die Rede des Weisheitslehrers Jesus über das „Weltgericht“, Matthäus, 25. Kapitel, 31 ff. besonders ab Vers 34. Deutlicher kann die alle Grenzen der eigen Religion (der jüdischen wie der christlichen) sprengenden humanistisch – weiten Spiritualität Jesu nicht mitgeteilt werden. Wenn Matthäus diese Rede Jesu unter dem Stichwort „Weltgericht“ darstellt, dann will er nur mit den Mitteln seiner damals zur Verfügung stehenden Sprache sagen: Weltgericht bedeutet die alles entscheidende Norm für eine Praxis und Lebensorientierung der Menschen, die sich menschlich nennen darf…Aktuell – provozierend ist etwa die Aussage des Weisheitslehrers Jesus: „ Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen“, denn in den Fremden wird Jesus, wird sogar Gott repräsentiert, das ist die humane, menschliche Weisheit des Neuen Tetamentes. (Siehe Matthäus Kap. 25, Vers 35).

16.
Auf das alle engen konfessionellen Grenzen sprengende Denken des großen katholischen Theologen Karl Rahner soll hier noch kurz hingewiesen werden. Sehr häufig hat Rahner ausführlich argumentiert: Der christliche Glaube ist eigentlich eine – vom Umfang der Lehrmeinungen her gesehen – sehr einfache, insofern „bescheidene“ Weisheitslehre. Gott (als letztlich niemals zu definierendes Geheimnis, so Rahner ) ist allen Menschen nahe, ob innerhalb der Kirche oder außerhalb. Gemeint ist der bergende, der nur unbeholfen göttlich zu nennende menschenfreundliche Sinn-Grund, auf den sich alle Menschen sbeziehen können, im Leben, Lieben, Schmerz, im Sterben. Dieser Verbindung mit Gott als dem bergende Geheimnis entspricht die menschliche Praxis der – immer auch politisch zu gestaltenden – Nächstenliebe. So einfach ist der christliche Glaube, universell verstanden als gelebte Möglichkeit für viele auch außerhalb der Kirchen: Gottesliebe und Nächstenliebe sind eins, untrennbar verbunden. Wer entsprechend zu leben versucht, fügt Rahner hinzu, gehört dann auch zur unsichtbaren Kirche… Die Idee der „unsichtbaren Kirche“ im Sinne Kants klingt wieder an…(Siehe unter vielen Beiträgen Rahners zum Thema etwa den Aufsatz „Der Glaube der Christen und die Lehre der Kirche“, 1971, in „Schriften zur Theologie, Band X., S. 262, bes. S. 283 f.)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.