Rechtsextrem und katholisch: Neues von den Traditionalisten

Reaktionär-katholische „Piusbrüder“ wollen nicht zur offiziellen katholischen Kirche gehören.
Ein theologisch-politischer Hinweis von Christian Modehn am 22.2.2026

Zur Einführung:
Der römische Katholizismus, die Papstkirche, ist faktisch alles andere als eine uniforme Einheit: Es gibt die wenigen progressiven Reformgruppen, sie sind ohne reformatorischen Einfluß auf die Institution. Und es gibt die vielen konservativen, dann die sehr konservativen und dann die reaktionären, politisch stets sehr rechten, katholischen Gemeinschaften mit vielen tausend Mitgliedern und Anhängern.
Einige Gruppen sind hingegen so reaktionär, dass sie außerhalb der offiziellen Papstkirche agieren, am bedeutendsten und umtriebigsten sind dabei die sogenannten Piusbrüder, auch Traditionalisten oder Integristen genannt. Sie sind eine Gründung des katholischen Erzbischofs Marcel Lefèbvre im Jahr 1970. Diese „Lefèbvre-Katholiken“ sind theologisch auf dem Niveau des 19. Jahrhunderts stehen gebliebenen, politisch sind sie gegen alles, was mit Menschenrechten zu tun hat. Diese in vielfacher Hinsicht reaktionären Katholiken ärgern mal wieder sehr den Papst und seine vatikanischen Behörden. Durch die politische Relevanz dieser Sonder-Kirche ist unser Thema alles andere als ein bloßer Hinweis auf „vatikanische Kircheninterna“…

1.
Die international verbreitete, ca. 150.000 Mitglieder zählende Kirche der katholischen Traditionalisten, auch „Piusbrüder“ genannt und treffend als reaktionär-katholisch bewertet, ärgert seit Beginn 2026 mal wieder sehr heftig die von ihr ungeliebte, wenn nicht verachtete offizielle römisch-katholische Papstkirche. Aber der Streit hat wohl jetzt ein (vorläufiges?) Ende gefunden: Am 18. 2. 2026 verkündete der Leiter der Piusbrüder, Davide Pagliarani, dass er, nach einem Dialog mit dem Vatikan, an dem Entschluss festhält: Es werden nun eigenmächtig Bischöfe für die Piusbrüder -Kirche geweiht, und zwar am 1.7.2026! LINK

Mit anderen Worten: Die reaktionär-Katholischen, die Piusbrüder, wollen ihren eigenen Weg außerhalb der offiziellen katholischen Papstkirche fortsetzen. Theologisch und politisch ist klar: Darüber können sich alle demokratisch gesinnten Menschen nur freuen: Denn es ist nun entschieden: Es wird also nicht noch eine weitere extrem konservative Gemeinschaft die Entwicklungen des offiziellen Papstkatholizismus mitprägen oder gar mitbestimmen können. Sehr konservative und sehr rechte Positionen gibt es ohnehin schon viel zu viele im offiziellen Katholizismus, unter Kardinälen (nur ein Beispiel: Robert Sarah, LINK), in „neuen geistlichen Gemeinschaften“ (nur ein Beispiel „Opus Dei“) oder unter einzelnen, etwa Millionären, nur ein Beispiel etwa in Frankreich Vincent Bolloré: LINK 

2.
Zur Erinnerung: Worum geht es, in aller Kürze, für theologische „Laien“ nachvollziehbar, bei den Auseinandersetzungen der Piusbrüder contra Papstkirche?

3.
Die Traditionalisten, die „Piusbrüder“, gegründet 1970 durch den damals noch offiziell katholischen, aber schon reaktionären Erzbischof Marcel Lefèbvre, können sich – trotz ihrer Ablehnung dieser angeblich modernen “Reform-Päpste” und des 2. Vatikanischen Konzil – noch katholisch nennen. DENN: Sie verfügen über gültig geweihte Bischöfe. Der katholische Bischof Marcel Lefèbvre weihte vier seiner Getreuen 1988 zu Bischöfen, allerdings ohne Zustimmung des Papstes. Aber diese Weihen sind nach offiziellem katholischen Kirchenrecht GÜLTIG, so vertrackt ist das Kirchenrecht! Wegen seines eigenmächtigen Ungehorsams wurden Lefèbvre und die neu geweihten Bischöfe vom Papst sofort bestraft, nämlich exkommuniziert. Dadurch wurde die Piusbrüder – Kirche als „schismatische“, d.h. vom Papst und den Weisungen des 2. Vatikanischen Konzils „abgespaltene“ katholische Bewegung bewertet. Aber dadurch, dass sie über gültig geweihte Bischöfe verfügt, ist sie  immer noch vom Vatikan aus bewertet als katholisch einzuschätzen. Der Papst hat also keine Alleinverfügungs-Gewalt mehr über diejenigen, die sich katholisch nenne. Und das empört den Papst sehr!

Seit 1970 und besonders seit 1988 gibt es auch deswegen immer wieder Versöhnungsversuche zwischen den Päpsten und den Führern dieser reaktionär – katholischen Kirche. Wie viel Energie wurde für diese Frage im Vatikan in eigenen Kommissionen etc. aufgewendet! Hätten die vatikanischen Behörden in der Zeit Theologie studiert und endlich ernst genommen, dann hätten sie wenigstens das DiakonInnen Amt einführen können. Aber nein: Den Reaktionären und Konservativen gilt im Vatikan immer bevorzugte Aufmerksamkeit!

4.
Ein wichtiger theologischer Hinweis:
Nur gültig geweihte Bischöfe garantieren in dieser merkwürdigen Theorie des Katholizismus die engste Verbundenheit mit den ersten 12 Aposteln Jesu von Nazareth: Dieser Umstand wird in der katholischen Theologie „apostolische Nachfolge“ genannt: Nur Bischöfe können und dürfen Männer zu Priestern GÜLTIG weihen. Die absolute Aufwertung der Kleriker ist bekanntlich eine ebenso fixe Idee des Katholizismus: Nur geweihte Priester dürfen der Eucharistiefeier vorstehen. Und diese Messe, eine weitere fixe Idee des Katholizismus, wird als absoluter Höhepunkt katholischen Lebens allen Katholiken eingepaukt, selbst wenn diese Messen immer in derselben Form durchaus etwas „Langweiliges“ haben, selbst wenn die einst lateinischen Gebete etc. wortwörtlich aus dem Lateinischen in die jeweiligen Landessprachen übersetzt worden sind. Die immer geringere Teilnahme an diesen Messen im aufgeklärten Europa ist ja der beste Beleg für die fremde Welt, die befremdliche Sprache und die kaum nachvollziehbare Theologie dieser Messe…. selbst wenn die Priester heute dem “gläubigen Volk” nicht mehr den Rücken zukehren. Das ist nur noch bei den Piusbrüdern oberstes Gebot!

5.
Nebenbei: Bekanntlich gilt ein Katholik dann als „praktizierend“, wenn er an der Eucharistiefeier, der Messe, an jedem Sonntag teilnimmt. Man könnte ja auch mit viel besseren Argumenten betonen, ein Katholik sei dann „praktizierend“, wenn er sich bemüht, gemäß den Weisungen Jesu in der Bergpredigt zu leben: Erst diese, auch politische kritische Praxis hätte etwas mit den Werten im Sinne Jesu von Nazareth zu tun.…

6.
Zu den „reaktionär-katholischen“ Piusbrüdern: Es ging bei den Versuchen der „Versöhnung“ im Hintergrund immer auch um die Frage, ob und wenn ja wie die Messe in der Liturgie und Theologie des 16. Jahrhunderts heute noch von den vielen Gemeinden der Piusbrüder gefeiert werden darf. Hatte doch das 2. Vatikanische Konzil (1962-1965), das so genannte Reformkonzil, die Messe in den jeweiligen Landessprachen als oberste Norm mit überwältigender Mehrheit beschlossen. Aber die Reaktionär – Katholischen verstecken ihre wahre Ideologie/„Theologie“ nur hinter ihret leidenschaftlichen Zelebration der Messe in der Form des 16. Jahrhunderts. Und diese Messe des 16. bzs 19. Jahtrhunderts nennen sie die “ewige Messe” in völliger theologischer Blindheit.

Viel wichtiger ist: Die Piusbrüder und ihre Anhänger sind explizit und öffentlich ganz ungeniert gegen die Demokratie, sie sind auch gegen die Religionsfreiheit, gegen die Moderne im allgemeinen, gegen die philosophische Aufklärung. Sie sind leidenschaftlichste Verfechter im Pro-Life-Kampf, zum Schutz des ungeborenen Lebens vom ersten Moment der Zeugung an. Dass die reaktionär Katholischen gegen die „Ehe für alle“ sind, ist bekannt, dass sie gegen jede Form des Feminismus kämpfen, ist ebenso klar. Die enge Bindung der Piusbrüder an die politisch rechtsextremen Parteien ist etwa für Frankreich evident. Aber Bindungen an die Rechtsextremen gibt es auch bei Katholiken, die noch zum offiziellen französischen Katholizismus gehören wollen, wie der katholischen Medien-Mogul Vincent Bolloré, LINK,

Wir haben dokumentiert, dass 2024 über 40 Prozent der so genannten praktizierenden französischen Katholiken für die rechtsextremen Partei Front Nation (Rassemblement Nation) LINK oder die Partei des reaktionären Eric Zemmour gestimmt haben LINK.

7.
Die demokratische Welt sollte also jetzt aufatmen: Diese theologisch wie politisch rechtsextreme katholische Gemeinschaft der Piusbrüder wird also auch 2026 nicht Teil der offiziellen Papstkirche.

Die Päpste und ihre  Beamten haben seit Jahren schon ohnehin viele einzelne oder Gruppen dieser reaktionär Katholischen wieder in ihre Papstkirche aufgenommen, die Liste ist sehr lang, nur ein paar Beispiele: Etwa die Benediktiner- Mönche von Le Barroux bei Avignon LINK. Oder: Das „Institut du Bon Pasteur“ in Bordeaux LINK , es umfasst etwas moderat gewordene Piusbrüder, sie erkennen den Papst an, können aber ihre reaktionäre Theologie etc. weiter vertreten. Von vielen weiteren reaktionären, offiziell sehr päpstlichen Orden und Gemeinschaften wie dem „Institut Christ König“ wäre zu reden, LINK,  oder von den reaktionären sehr finanzstarken Katholiken in den USA, nicht nur von Steve Bannon, wäre zu sprechen LINK , sondern vom reaktionär-katholischen Umfeld von Vizepräsident Vance und seiner Freunde im Klerus usw…
Schließlich wäre die päpstliche Alternative zu den Piusbrüdern zu nennen: Es ist die papsttreue, aber selbstverständlich äußerst konservative „Petrusbruderschaft“ LINK

Dies nur als kleinen Eindruck, wie durchsetzt die offizielle Papstkirche von sehr konservativen Positionen ist. Dabei haben wir von vielen tausend theologisch – fundamentalistischen Neokatechumenalen oder den Legionären Christi mit dem „Regnum Christi“ oder dem internationalen Geheimclub “Opus Dei“ noch gar nicht gesprochen…Wer diese äußerst zahlreichen und einflußreichen sehr konservativen offiziell katholischen Kreise vor Augen hat und dann auch die vielen tausend Missbrauchs-Verbrechen durch Priester wahrnimmt oder etwa auch noch an die heftigen Klagen der Ordensfrauen denkt, die von Priestern in Afrika sexuell missbraucht werden und so weiter… der kommt zu dem Schluß: Eigentlich ist diese Papst-Kirche insgesamt mit ihrem Zölibatsgesetz, ihrer offensichtlichen Frauenfeindlichkeit, ihrer Ablehnung der „Ehe für alle“, ihrer Ablehnung der Geltung von umfassenden demokratischen Strukturen der Kirche … nur noch ein machtvolles Gerüst, das immer mehr wackelt. Es ist die fromme Folklore im Vatikan, in Assisi, Lourdes, Fatima, Medjugorje und so weiter, die noch den Eindruck hinterlässt: Der Katholizismus lebt noch in Europa…

8.
Noch mehr reaktionäre Katholiken innerhalb der Papstkirche wären jedenfalls für jeglichen kleine Hoffnung einer dringenden Kirchen – Reformation der Papstkirche  äußerst verderblich. Demokraten freuen sich also: Die Piusbrüder sollen doch ihre eigene Sache im eigenen Stil unabhängig weiter machen, sie bleiben eine Sekte, einflußreich zwar da und dort und mit vielen finanzstarken Gönnern ausgestattet.. Machen sie viel Blödsinn, kann man das theologisch öffentlich kritisieren; begehen ihre Mitglieder weiterhin Verbrechen im „pädophilen“ Bereich, wird sich der Staat hoffentlich kümmern und endlich für Aufklärung längst vergangener Taten sorgen…

9.
Aber auch das noch: Längst haben sich weitere reaktionärere Gruppen von diesen Reaktionären Piusbrüdern abgespalten: Denn der bekannte Leugner der Shoa, der Piusbruder Bischof Richard Williamson, musste 2009 aus diesem Club rausgeschmissen werden. Aber Bischof Williamson (ebenfalls gültig geweiht, durch Erzbischof Lefèbvre 1988) zog sich nicht zurück, Williamson gründete seine eigene reaktionäre Kirche, die „Union sacerdotale Marcel-Lefèbvre“ mit etwa 60 Priestern. LINK . Bischof Williamson redete viel wirres Zeug, auch viel Antisemitisches. Auch das ist  für den Papst noch eine Art Untat: Auch Williamson weihte sechs seiner Priester zu Bischöfen, sogar einen Polen, und gab seinen rechtsextremen, sich auch antisemitischen Gemeinschaft damit weiteren Bestand.

10. Papst Leo erkennt durchaus die politische Gefahr durch die Rechtsextremen: Er ist  ist ein aufmerksamer Beobachter der politischen Rechtsradikalen nicht nur in den USA, sondern auch in Spanien. Die Zeitung „El Pais“ berichtet am 23.2.2026: Der Papst warnte die spanischen Bischöfe vor der immer stärker werdenden rechtsradikalen Partei VOX in Spanien: Diese Partei „instrumentalisiere“ die Kirche für ihre rechtsextremen Zwecke, und: die Partei sei gefährlich, weil sie feindlich gegen Ausländer und Flüchtlinge eingestellt sei.
Tatsache ist: Gerade unter praktizierenden Katholiken ist der Anteil der Vox – Wähler und Vox-Anhänger sehr hoch, diese Katholiken stört die fremden-feindliche Politik der VOX nicht. Quelle: LINK:

Der “Religionsphilosophische Salon Berlin” hat sich mehfach, schon seit vielen Jahren, mit rechtsextremen Katholiken vor allem in Frankreich auseinandergesetzt. Etwa im Jahr 2018:LINK

Sehr ausführliche und zuverlässige, wissenschaftliche Informationen zu diesem weiten Thema „Piusbrüder“ bietet die französische Ausgabe von wikipedia unter dem Titel:  Fraternité Saint Pie X und auch der Wikipedia Beitrag zum sexuellen Missbrauch durch Priester in diesem Club: Abus sexuels dans la fraternité Saint-Pie-X.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Gerechtigkeit ist etwas Göttliches: Wenn ein katholischer Theologe den Kirchenfeind Proudhon lobt.

Ein Hinweis auf ein Buch von Henri de Lubac über Proudhon
Von Christian Modehn am 2.2.2026

„Revolution und Gerechtigkeit“: Für diese Ziele kämpft der radikale Philosoph Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) in seinem sehr umfangreichen Werk. Mit diesem rebellischen, heftig kirchenkritischen Denker beschäftigt sich objektiv, aber durchaus auch voller Sympathie der katholische Theologe Henri de Lubac in seinem Buch „Proudhon et le christianisme“.
Warum ist es wichtig, daran zu erinnern? Der Theologe veröffentlicht sein Buch unmittelbar nach dem Zusammenbruch der rechtsradikalen, faschistoiden Pétain-Diktatur. Eine denkwürdige Konstellation. Der prominente katholische Theologe zeigt den (französischen) Christen nach dem Ende des Pétain – Regimes: Die meisten Katholiken haben das Regime unterstützt. Hätten sie die Gerechtigkeit für alle als etwas Göttliches angesehen, wäre der Zusammenbruch der Republik, die Verfolgung der Juden und der Linken nicht möglich geworden. Also: Hätten sie den verschmähten antiklerikalen Philosophen Proudhon gelesen, was er über die Gerechtigkeit schreibt…

1.
Das Buch „Proudhon et le christianisme“ wird 1945 in den „Editions du Seuil“, Paris, veröffentlicht, ein Jahr nach der Überwindung der Herrschaft des Vichy-Regimes. De Gaulle ist am 26. 8.1944 in das befreite Paris einmarschiert.

Die Studie des katholischen Theologen de Lubac erscheint unmittelbar nach der Überwindung des antisemitischen, menschenfeindlichen, anti-demokratischen Pétain-Regimes. Aber die LeserInnen werden erstaunt sein, dass es nur einen einzigen winzigen Hinweis auf die Zeit dieses Nazi-ergebenen Regimes Pétain im Buch gibt: De Lubac widmet seine Studie einem Priester, einem Jesuiten, der in der Résistance aktiv war und von der Gestapo am 10.8.1944 ermordet wurde. Sein Name:  Yves de Montcheuil. Da veröffentlicht also der schon damals berühmte Theologe de Lubac ein Buch 1945 und verbindet das Thema nicht mit der politischen Aktualität. Das Buch “Proudhon et le christianisme” ist trotz dieser “politischen Abgehobenheit” wichtig. 

2.
Der Autor ist ein schon damals bekannter Theologe im Jesuitenorden: Henri de Lubac wurde geboren 20.2.1896, gestorben ist er am 4.9.1991. Im Jahr 1929 wurde er Professor für „Fundamentaltheologie“ an der Hochschule der Jesuiten in Lyon. 1938 hatte er das viel beachtete Buch „Catholicisme“ veröffentlicht. Darin plädiert er für ein großzügiges, weites Konzept des Katholischen in der heutigen Welt, „alles Menschliche in höchstmöglicher Liebe einschließend“, schreibt der Theologe Herbert Vorgrimler. (Quelle: FUßNOTE 1)
3.
Aber Liebe zu allen Menschen erfordert auch den Widerstand gegen Rechtsradikale, Antisemiten, Faschisten: De Lubac gehörte während des Vichy-Regimes des Marschall Pétain und seiner Nazi – Freunde zur Résistance in Lyon. Besonders zum „intellektuellen Widerstand“ derer, die den unmittelbar politisch Handelnden im Widerstand helfen, durch persönliche Unterstützung, auch durch theoretische Arbeiten: De Lubac war eng verbunden mit den eher kleinen Kreisen der katholischen Résistance, die sich in Lyon um die geheimen Widerstandszeitschrift „Cahiers du Témoignage Chrétien“ sammelten. Das Motto dieser – bis heute bestehenden – Zeitschrift: „Vérité et Justice quoi qu il en coute“, „Wahrheit und Gerechtigkeit, koste es, was es wolle“.
4.
De Lubac weiß aus eigener Erfahrung, dass nur ein kleiner Teil des Klerus und der „praktizierenden katholischen Laien“ das Vichy Regime aktiv bekämpfte. Die mehrheitlich „braven Christen“ (Mitläufer, Nazi-Freunde etc.) will er durch sein Buch daran erinnern: Der Philosoph Proudhon, zwar ein heftiger Feind der Kirche, stellt auf vorbildliche Weise das Thema der Gerechtigkeit für alle Menschen (zumal für die Menschen im Elend, in Armut) in den Mittelpunkt. Proudhon bewertet die Gerechtigkeit für alle Menschen so hoch ein, dass er ihr sehr deutlich in seinen zahlreichen Publikationen göttliche Qualitäten zuspricht. Die Christen haben also nach Meinung de Lubacs von einem antiklerikalen Gegner der Kirche zu lernen! Man möchte sagen: Trotz dieser Aussagen erhielt diese Proudhon-freundliche Studie des Jesuiten de Lubac die damals erforderliche „kirchliche Druckerlaubnis“.
5.
De Lubac arbeitete an seiner – übrigens leicht lesbaren – wissenschaftlichen Studie über Proudhon (316 Seiten mit zahllosen Belegen und wissenschaftlichen Verweisen) natürlich schon einige Jahre, also zu Zeiten der Herrschaft des Pétain Regimes. De Lubacs Erkenntnis ist eine Provokation für alle Katholiken, die Proudhon bisher als Feind Nr. 1, als Anarchisten, Kommunisten usw. bewerteten. Proudhon hingegen, in der Sicht de Lubacs, will die Religion keineswegs zerstören, sondern auf neue Weise retten, aber er will nicht die bestehende Kirche unterstützen: „Um die Religion wiederherzustellen, muss man die Kirche verurteilen.“ (S. 85).Und die Religion? Sie ist für Proudhon vor allem die Verehrung der göttlichen Gerechtigkeit! De Lubac schreibt ein eigenes Kapitel mit dem Titel: „Proudhon der Theologe.“ Das heißt: Er ist zwar antiklerikal, aber er verdient den Titel Theologe (S.112).
6.
Proudhon neu zu bewerten, ihn aus der üblichen oberflächlichen Interpretation eines „Anarchisten“ oder Atheisten und Kommunisten usw. zu befreien, ist für de Lubac eine theologische Verpflichtung. Denn durch die Hochschätzung der Gerechtigkeit für alle entsteht eine Art neue, große Ökumene: Sogenannte Antiklerikale haben eine tiefe, eine radikale Hochachtung für die Gerechtigkeit, das beweist die Résistance der Sozialisten, Kommunisten, Freidenker. Mit ihnen zusammen haben einige Christen in der Résistance gekämpft, warum sollte diese Gemeinschaft nicht weitergehen? Die „göttliche Gerechtigkeit“ verbindet doch unterschiedliche Menschen! Aber diese Gedanken wurden auch von einer auf sich selbst fixierten Kirche nach 1945 nicht weiter gedacht, schließlich waren ja nun die Kommunisten Feind Nr.1 der Kirche….
7.
Gerechtigkeit steht als Prinzip der Gestaltung von Welt und Gesellschaft an oberster, „göttlicher“ Stelle, betont also Proudhon. Und er zieht daraus die Konsequenz: Ein Christ, der sich nicht für die umfassende soziale Gerechtigkeit interessiert und einsetzt, handelt nicht entsprechend der Logik seines Glaubens (S. 221). De Lubac ist überzeugt: Diese Hochschätzung der Gerechtigkeit „kann man nicht anders als religiös qualifizieren“ (S.297). De Lubac meint sogar: Proudhon erlebe der Gerechtigkeit gegenüber sogar einen „Schauder des Heiligen“ (ebd.) Proudhon ist überzeugt: „Das Gerechte, das Schöne, das Wahre ist die Religion der Zukunft“ (ebd.). Letztlich will er das kirchliche Christentum in der modernen Welt durch die Idee der heiligen Gerechtigkeit ersetzen. De Lubac widmet darum ein eignes Kapitel der Bindung Proudhons an die Gerechtigkeit: „Adoration de la Justice“, „Anbetung der Gerechtigkeit“ ist der Titel (S. 294ff).
8.
De Lubac hat als Theologe durchaus Anfragen an dieses Konzept der göttlichen Gerechtigkeit. Etwa: Sollte nicht doch ein transzendenter Gott mit – bedacht werden, weil er diese Idee der Gerechtigkeit, die in allen Menschen letztlich lebt, „geschaffen“ hat? Denn Proudhon denkt selbst an den Schöpfer: „Gerechtigkeit als das Wesen der Menschheit ist förmlich etwas Angeborenes in der Seele der Menschen“ (S. 302). Angesichts dieser Erkenntnis muss Proudhon betonen: „Diese starke Idee der `angeborenen Gerechtigkeit im Menschen` bleibt ein Geheimnis“ (S. 313).
9.
Bis heute fällt auf: Katholische Autoren erwähnen NICHT in ihren Studien zu dem inzwischen offiziellen vatikanischen Theologen de Lubac dessen Buch „Proudhon et le Christianisme“: Nur ein Beispiel: LINK.
Hingegen war nicht-katholische Presse unmittelbar nach Erscheinen voller Lob: LINK.  www.persee.fr/issue/r1848_1155-8792_1946_num_37_172
10.
Die weitere theologische Entwicklung de Lubacs kann hier nicht dargestellt werden: Er hatte sich seit 1950 zu einem progressiven theologischen Störenfried entwickelt mit entsprechenden Bestrafungen durch den Vatikan (Lehrverbot etc..). Allerdings wurde er durch Papst Johannes XXIII. als theologischer Berater in das 2. Vatikanische (Reform-) Konzil berufen. Seit der Zeit allerdings verbreitete de Lubac eher offizielle, papstfreundliche akzeptable Positionen, wobei seine Interessen etwa für den Buddhismus etwas Besonderes bleiben. Papst Benedikt XVI. auch Papst Franziskus schätzten de Lubac, im hohen Alter wurde er noch zum Kardinal durch Papst Johannes Paul II. ernannt. Heute sind es eher konservative Theologen und Bischöfe, die den nun offiziell katholischen Theologen de Lubac verehren, von Auseinandersetzungen mit Proudhon und dessen Maxime „Eigentum ist Diebstahl“ ist von diesen konservativen Theologen nichts zu hören. Darum merke: Selbst anfänglich progressive Theologen (wie de Lubac anfänglich) werden zu Vertretern des offiziellen Lehr – Systems, wenn sie von Papst und Bischöfen integriert und belohnt werden…
Nun soll der Mann, der 1945 den Kirchenkritiker und Agnostiker Proudhon so sympathisch fand, auch noch „selig gesprochen“ werden, also als Fürsprecher im Himmel von Katholiken hier auf Erden angefleht werden, so beschloß es die Konferenz der französischen Bischöfe 2023. Ob dadurch auch Proudhon etwas in den Stand des Seligen gerät? Eher unwahrscheinlich!
11.
Posthum erschien eine Studie Proudhons über Jesus: „Jésus et les Origines du christianisme”, „Jesus und die Ursprünge des Christentums“. Darin interessiert sich der theologische Agnostiker und Kirchenfeind vor allem für die menschliche Person Jesu im historischen Umfeld. Schon seit seiner Jugend hat sich Proudhon für die Jesusgestalt interessiert. Ausführliche Darstellungen über Jesus bietet auch das Buch „De la justice dans la Révolution et dans l’Église” („Über die Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche“). Die Arbeiten über Jesus zeigen Proudhon als Bibelwissenschaftler, Soziologen und Philosophen. Der Theologe Gérard Bessière hat zu dem Thema ein wichtiges Buch veröffentlicht, das leider auch – in Deutschland – wenig Beachtung fand. (Fußnote 2)
12.
Unsere, von de Lubac inspirierte Erinnerung an Proudhon, an dessen Hochschätzung der Gerechtigkeit, ist natürlich keine „Seligsprechung“ Proudhons.
Wir wissen, dass er ein damals übliches, sehr enges Bild von Familie hatte, dass er die Homosexualität ablehnte und auch antisemitische Äußerungen in die Welt setzte.
Trotz dieser Begrenztheiten: Über die göttliche Gerechtigkeit lässt sich weiter nachdenken. Der Philosoph Omri Boehm zeigt in einer Interpretation des alttestamentlichen Mythos vom Untergang Sodoms: Gott ist selbst an die Gerechtigkeit gebunden, Gott steht nicht über der Gerechtigkeit: Darauf wird im Mythos Gott selbst von Abraham belehrt (etwa: Genesis 18).
In einer Besprechung des Buches „Radikaler Universalismus“ von Omri Boehm hat Christian Modehn geschrieben: „Da die Gerechtigkeit universell ist, steht sie auch über der Autorität der einen wahren Gottheit“ (zit. S. 53 in Boehms Buch). Diese über allem und allen stehende Gerechtigkeit ist entscheidender noch als Gott! Das in dieser Deutlichkeit zu sagen, ist sensationell, weil dann Gott nicht mehr der „Aller-Oberste“ ist. Es gibt eine Art „Gott über Gott“, und dies ist die universale Gerechtigkeit. Aber die zeigt sich in der Erfahrung der Menschen als eine nicht von Menschen gemachte und von Menschen verfügbare Wirklichkeit.“ Quelle: LINK
13.
Proudhon und sein Interpret de Lubac (1945) hätten sich über diese Erkenntnis des (an Kants Philosophie geschulten) Philosophen Omri Boehm sehr gefreut. Wir freuen uns, dass offenbar manche Erkenntnisse der Philosophie Proudhons doch nicht ganz verschwinden und aktuell eine Bestätigung finden.

Fußnote 1: Orientierung, Zeitschrift der Jesuiten, Zürich, 1970, S. 107
Fußnote 2: Gérard Bessière, Jésus selon Proudhon. La « messianose » et la naissance du christianisme, Paris, Éditions du Cerf, 2007, 484 p.

Fußnote 3: Zum Thema “Eigentum ist Diebstahl” (Proudhon) LINK

Fußnote 4: zum Thema: Superyachten – die obszönen Kapitalisten und Milliardäre, Hinweis auf ein wichtiges Buch:  LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Wenn Rechtsextreme die katholische Kirche lieben…

Der rechtsradikale französische Politiker Eric Zemmour will aus Frankreich Muslime rausschmeißen. Ein kritischer Hinweis auf das neue Buch Zemmours.
Von Christian Modehn. Am 9.November 2025

Dies ist ein Hinweis auf das heftige Bemühen eines Rechtsradikalen und Identitären, katholische Gläubige zu gewinnen: „Wir brauchen die Kirche als für uns hilfreiche Institution“, ist das Motto Zemmours.

Und: CSU-Politiker (Seehofer, Dobrindt) und AFD Politiker müssen wissen, wenn sie, wie so oft, verkünden: “Der Islam gehört nicht zu Deutschland”: Dann befinden sie sich in bester Gesellschaft mit dem Rechtsextremem Eric Zemmour, er verkündet: “Der Islam ist mit der französischen Republik nicht kompatibel.” (zit. S.100 im neuen Buch Zemmours “La messe n est pas dite”, Paris 2025).

1.
Sollte man wirklich die neue Publikation eines notorischen, mehrfach gerichtlich verurteilten französischen Rechtsextremen lesen und kritisch bewerten? Das hat nur Sinn, um die Lügen seiner Ideologie freizulegen, seine Unterstützer zu nennen und seine internationalen Connection.

2.
Eric Zemmours Partei „Reconquete“ gehört seit 2024 im Europa-Parlament zur rechtsextremen Fraktion „Europa der Souveränen Nationen“(ESN). Mitglied sind auch die „Alternative für Deutschland” (AFD) und weitere rechtsradikale Parteien aus Polen, Ungarn, der Slowakei usw.. Auf der “Buchmesse” der rechten und rechtsextremen Verlage in Halle am 9. Novembetr 2025 war auch ESN aus Brüssel vertreten, LINK … Bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich 2022 erhielt Zemmours Partei 7,07% der Stimmen, danach gab es Streit unter den Parteimitgliedern und Parteiauschlüsse. Momentan schwächelt also „Reconquete“: Das neue Buch Zemmours soll Wähler gewinnen, und zwar katholische Wähler, hatten doch 2022 schon 10 Prozent der katholischen Wähler für Reconquete gestimmt. LINK

3.
Der Autor hat seinem neuen, kleinen Essay den katholisch gefärbten Titel gegeben: „La Messe n`est pas dite“ (Der Titel will etwa sagen: “Die Sache ist noch nicht erledigt“). Welche Sache? Diese ist für den Autor Eric Zemmour seit vielen Jahren schon absolut klar: Die Ausgrenzung, die Verachtung und der Rauswurf von Muslimen aus Frankreich (und aus Europa): „Das“ also ist noch nicht erledigt, sollte aber alsbald erledigt werden, meint Zemmour, wenn die Rechtsextremen die Herrschaft übernehmen, was ja in absehbarer Zeit leider durchaus wahrscheinlich ist. Zemmour bläht seine Attacken, seine Polemik, im Mittelteil seines „Opus“ auf … zu einer sehr einseitigen, irgendwie religionswissenschaftlich, „kulturell“ angehauchten Reflexion. Seine heftigen politischen Forderungen fasst er in den abschließenden Kapiteln zusammen. Und betont dort erneut seine Verbundenheit mit dem reaktionären Flügel des USA-Katholizismus. Vor allem nennt er J.D.Vance einen “brillanten Geist” (S. 116). Und Zemmour lobt ausdrücklich Papst Leo XIV. für seine “friedlichen und versöhnenden Intentionen” (S. 115), im Unterschied zum verhaßten Papst Franziskus, “der versuchte, die auf Identität zielende Rückkehr junger Europäer zu ihren kulurellen Wurzeln einzudämmen.”  (S. 115).

4.
Dabei steht für Zemmour (wie heute bei allen Rechtsextremen, Identitären usw.) diese etwas kulturell-philosophisch kaschierte Anti-Islam Polemik entschieden im Dienst der aktuellen politischen Abwehr und Vertreibung von Flüchtlingen aus Frankreich und Europa. Zemmour begründet seinen Hass gegen „den“ Islam auch mit Zitaten von Autoren der alten, traditionsreichen rechtsextremen Szene wie Maurice Barrès, Joseph de Maistre…

5.
Eric Zemmour hat im Jahr 2021 die Partei „Reconquete“ („Rückeroberung“) gegründet, die der rechtsextremen Partei von Marine Le Pen („Rassemblement National“, zuvor „Front National“) Konkurrenz macht. Aber Zemmours Partei gibt sich ungeniert noch rechtsextremer als die Le Pen – Partei. Der Name der Partei „Reconquete“ sagt alles: Es geht um die Rückeroberung, also die Befreiung Frankreichs von den Zerstörern der alten französischen, und zwar der katholischen Identität: Und diese Feinde sind für Zemmour die Muslime. „Reconquista“ ist der bekannte spanische Begriff für die „erfolgreiche“ Vernichtung und Verdrängung der Muslime aus dem katholischen Spanien Ende des 15. Jahrhunderts. Dass im 11. und 12. Jahrhundert die Muslime in Andalusien die entscheidenden Vermittler von Kultur für die Christen waren, verschweigt Zemmour selbstverständlich. Aufgeklärte und gebildete Christen, ihre Theologen, sind den Muslimen dankbar für ihre kulturelle Leistung.

6.
Über Eric Zemmours Leben, geboren 1958 in der Banlieue von Paris, mit seiner Herkunft aus jüdischen Kreisen Algeriens, über seine Studien, seine journalistische Arbeit, seine vielen Bücher, seine politische Hetze usw. kann man sich sehr ausführlich und sehr treffend über die französische wikipedia Seite informieren: LINK.
Über die Prozesse gegen ihn siehe dort die Rubrik „Condamnations, relaxes et poursuites judiciaires“ („Verurteilungen, Freisprüche und Gerichtsverfahren“), gelesen am 7.11.2025.

7.
Wichtig ist zunächst: Diese Kampfschrift Zemmours mit dem theologisch wirkenden Untertitel „Für eine jüdisch-christliche Wiederbelebung“ erscheint im Verlag „Fayard“ in Paris, der früher als großer literarischer Verlag einen guten Ruf hatte: Seit einigen Jahren gehört er dem katholischen Multimillionär Vincent Bolloré, er ist mit der rechtsextremen Partei „Rassemblement National“ von Madame Le Pen sehr hilfreich verbunden. Wegen seiner rechtsextremen Bindung hat Bolloré auch Zemmours Essay veröffentlicht und zum Preis von 10 Euro förmlich unters Volk geworfen. Gleichzeitig erscheinen bei Fayard auch Publikationen weiterer rechtsextremer Politiker und Ideologen: Von Philippe de Villiers, altbekannter rechter Politiker, jetzt Mitglied der Partei von Zemmour und von Jordan Bardella, er ist jetzt Vorsitzender der rechtsextremen Partei „Rassemblement National“ (die Le Pen Partei). Da sammelt sich also in Frankreich ein finanziell bestens ausgestatteter rechtsextremer Katholizismus, und dies leider mit Erfolg: Bei der Parlamentswahl 2024 stimmten 36% der Katholiken für die rechtsextreme Parteien, also für Reconquete und für die Partei Le Pens, 2012 waren es nur 20%. …LINK 

Über den rechtsextremen katholischen Milliardär Bolloré: Siehe den schon länger vorliegenden Hinweis des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons: LINK.
Genauso wichtig ist der Slogan der Rechtsextremen: Es geht um ein Plädoyer für die „jüdisch-christliche Kultur“, die auch der Untertitel des Zemmour Buches betont: Plötzlich werden nun von Rechtsextremen, die einst Juden hassten (wie der Vater von Marine Le Pen) und Juden verfolgten (wie die faschistischen Führer im Vichy-Regime) zu Bündnispartner im Kampf gegen die schlimmen Feinde, und dies sind „die“ Muslime. Rechtsextreme schmücken sich also als Rassisten jetzt mit einer gewissen philo-semitischen Ideologie.

8.
Wie gesagt: Der rechtsextreme, explizit traditionalistisch-katholische Milliardär Bolloré und Verlagschef von Fayard ist von Zemmours angetan, weil der Autor für eine starke katholische Kirche in Frankreich und Europa plädiert. Sie soll eine religiöse Bastion gegen den Islam werden. Zemmour bekennt: Kein Katholik, kein Christ zu sein, sondern sich als Jude zu einem – bei ihm diffus wirkenden – „Judäo-Christentum“ zu bekennen (S. 19). Aber er schätzt aus politischen, machtpolitischen Gründen eine mächtige, einflußreiche konservativ-traditionalistische Kirche: Ein Vordenker für diese politisch bedingte Bevorzugung der Kirche als einer hilfreichen Institution/Organisation ist Maurice Barrès.
Barrés Motto wird von Zemmour auf Seite 15/16 zitiert: „Ich unterstütze und verteidige den bedrohten Katholizismus, weil ich Patriot bin, im Namen des nationalen Interesses. Den Katholizismus aus unserer französischen Erde herausreißen, das hieße, unser ganzes nationales Gebäude erschüttern, unser ganze Zivilisation. Zwischen dem Katholizismus und unserer Zivilisation kann man nicht mehr unterscheiden.“ In einer Art geschichtsphilosophischen Ideologie schreibt Zemmour: „Ein heiliges Land ist diesem Volk Gottes versprochen: Frankreich“ (S. 34).
Mit dieser Bevorzugung des Katholizismus wird der klassische Protestantismus (Lutheraner, Reformierte…) von Zemmour zurückgewiesen, dieser Protestantismus sei von der Aufklärungs-Philosophie verdorben und genauso so gefährlich wie die Freimaurer. Aber Zemmour schätzt, wie gesagt, den traditionalistischen Katholizismus, mit der alten Messe in Latein, dem Klerikalismus, nicht aber den Katholizismus des Zweiten Vatikanischen Reformkonzils (S. 44 f.). Denn der moderne Katholizismus pflegt den Dialog der Religionen, auch den Dialog mit dem Islam…

9.
Gegen den Islam schreibt Zemmour (S. 50): „Der Islam ist eine Unterwerfung unter eine bevormundende und überholte Regel, die aus dem 7. Jahrhundert, aus der Wüste Arabiens, stammt, sie verschließt förmlich jeden Augenblick im Leben des Individuum: Denn Individualität und Freiheit werden negiert in einer totalitären Logik.“ Zemmour behauptet, die katholische Kirche hätte die Individualität gefördert, die Individuen gepflegt….von Hexenverbrennungen und Unterdrückung von Frauen, von Minderheiten usw. ist keine Rede bei ihm. Zemmour bastelt sich seine Kirchengeschichte zusammen…

10.
Zur „Identität“ Europas, dem Hauptthema des Identitären Zemmour: „Juden und Christen haben begriffen, dass einzig diese ihre gemeinsame Verbindung Frankreich und Europa retten kann von einer unausweichlichen und verheerenden Islamisation“ (S.90). Verlogen ergänzt Zemmour an dieser Stelle einmal, dass er gegen die Islamisation Frankreichs und Europas kämpft, nicht aber gegen „alle Muslims“. Damit will er sagen: Es gebe doch einige gute Muslims, etwa die Flüchtlinge aus dem Iran oder jene afrikanischen Muslime, die den französischen Lebensstil mit seiner Trennung von Kirchen und Staat schätzen. „Diese Muslims wissen, dass allein ein französisches Frankreich, das heißt ein Frankreich, das gleichzeitig christlich und vom Geist der Trennung von Kirchen und Staat geprägt ist, sie schützen kann…etwa vor familiärer Gewalt… (S. 91). Im Grunde will Zemmour suggerieren: Diese wenigen guten Muslims sollten am besten zum Katholizismus konvertieren…
Auf Seite 100 zeigt Zemmour sein wahres Gesicht. Er will islamische Menschen aus Europa „zurückführen! Er behauptet: „Der Islam ist tatsächlich inkompatibel mit der französischen Republik, wie er auch inkompatibel ist mit den Werten aller demokratischen Staaten des christlichen Europa… Einzig die Muslime, die dieses unser eherne Gesetz akzeptieren, werden bei uns bleiben können: Die anderen werden nach nach Hause zurückkehren müssen, um dort nach ihrem islamischen Gesetz in aller Strenge und Vollkommenheit zu leben. Denn es gibt ja mehr als 50 islamische Länder auf der Welt“ (S. 100/101).

11.
Die katholische Kirche als Institution soll für diesen rassistischen Kampf gegen die Muslime in Europa und für deren Rückführung „in die Heimat“ eine Bündnisparterin werden… „indem man etwa den Bau von großen Moscheen in Frankreich verbietet“. Zemmour will verhindern, dass große Moscheen das Stadtbild in Frankreich stören, bisher sind viele Moscheen in kleinen und häßlichen Garagen auf Hinterhöfen untergebracht. Also bitte keine „mosquées cathédrales“, fordert Zemmour… Und die offizielle katholische Kirche Frankreichs sieht er jetzt auf gutem Wege, indem sie sich gegen LGBT Menschen wehrt und gegen Feminismus und die Ideologie des Genre verurteilt. Und dann wünscht sich Zemmour: Es sollen bitte die Französinnen wieder mehr Kinder gebären, bei der großen Anzahl von Kindern in islamischen Familien Frankreichs ein dringendes Gebot zur Rettung der „Identität“ Frankreichs.
Das ganze Repertoire der rechtsextremen Ideologie bietet Zemmour auf, um die „Identität Frankreichs“ „zu retten“. Denn „die Islamisierung bedroht die Seele der Europäer“ (S. 105). Und als Krönung seiner Ideologie bezieht sich der Jude Zemmour auf die Erfinderin dieser Ideologie, die Jüdin Bat Ye Or.. und fordert wie sie das „Grand remplacement“: LINK    Das „große Ersetzen“ eines Teils der Bevölkerung: Also die Muslime werden „ersetzt“, das heißt rausgeschmissen! Aber wer ersetzt die die Muslime, wenn vielleicht nur noch hochbegabte, wertvolle und unpolitische, „kompatible“ Inder ins Land gelassen werden? Wer wird alsbald den alten Zemmour pflegen, vielleicht eine nette reiche rechte französische Dame aus seiner Partei?

12.
Das Pamphlet von Zemmour braut eine Ideologie zusammen, die unsere Demokratie zerstören wird. Die Rechtsextremen erobern mit ihren Hass- Sprüchen auch die Mentalität vieler naiver (katholischer) Bürger, die meinen: Ihre berechtigte aktuelle Kritik am Zustand unserer Demokratie dadurch zu bewältigen, wenn sie rechtsextreme, identitäre Parteien (wie Zemmour, Le Pen, AFD, Wilders, VOX etc.) unterstützen und wählen. Diese naiven Leute werden sich dann bei der Herrschaft dieser rechtsextremen Politiker wundern, wenn sie Kritik an der neuen rechtsextremen Regierung nicht mehr öffentlich äußern dürfen, weil dMeinungsfreiheit und Redefreiheit längst abgeschafft wurden. Dann beginnt bei einigen vielleicht das Aufwachen der Vernunft. Aber dann ist es zu spät.

Weitere kritische Hinweis zu Rechtsextreme Katholiken in Frankreich: LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Wenn rechtsextreme katholische Milliardäre kirchliches Leben bestimmen …

Ein Hinweis zur aktuellen politisch – religiösen Entwicklung in Frankreich
Von Christian Modehn am 13.8.2025

1.
Zwei reaktionäre, rechtsradikale und libertäre Milliardäre versuchen mit ihrem sehr reichlichen Geld, mit ihren entsprechenden Netzwerken und Auftritten in den “Social-Media” das Leben der katholischen Kirche in Frankreich zu prägen und für die Zukunft zu bestimmen. Die ersten erfolgreichen Schritte dieser Herren werden wissenschaftlich dokumentiert. Wichtig ist: Diese Milliardäre unterstützen die immer stärker werdende rechtsextreme Partei „Rassemblement National“ (Le Pen). Und ihre geförderten kirchlichen Projekte sind mindestens „rechtsextrem affin“. Ein Ende dieser gefährlichen Entwicklung ist kaum absehbar: „Der Katholizismus in Frankreich ist dabei, sich neu neu zu ordnen rund um die großen Mäzene.“, schreibt die immer um Objektivität bemühte katholische Tageszeitung „La Croix“., Paris am 11. Juni 2025.

2.
Selbst die immer unbedeutender und kleiner werdende katholische Kirche in Frankreich braucht Geld. Sie überlebt seit 1905 („Trennung von Kirchen und Staat) ohnehin nur von Spenden der „Kirch-Gänger“ und paradoxerweise auch von der finanziellen Unterstützung des Staates: Die manchmal in Deutschland noch „laizistisch genannte“ Republik zahlt einen Großteil des Erhaltes derjenigen Kirchengebäude, die vor 1905 gebaut wurden. Und die „République laique“ (das bedeutet nicht: laizistisch!) unterstützt seit Jahrzehnten mit Milliarden die in katholischer Sicht immer noch so wichtigen katholischen Privatschulen. Offenbar erwarten der Staat und seine Politiker, dass dort die Kinder aus „gutem Hause“ eine entsprechende und durchaus privilegierte Ausbildung erhalten. Den Unterricht in der sehr turbulenten Banlieue mit den vielen Armen und Ausländern überlassen Kirche wie Staat gern den „öffentlichen Schulen“. (Fußnote 1)… aber dies ist ein anderes Thema.

3.
Wir legen hier Fakten vor, die in der demokratischen Presse Frankreichs seit einigen Monaten dokumentiert werden, vor allem beziehen wir uns auf einen wichtigen Aufsatz des Soziologen Pierre Louis Choquet in der Kulturzeitschrift Zeitschrift ESPRIT (Paris), man fragt sich, warum solche wichtigen erhellenden Aufsätze nicht auf Deutsch erscheinen.  (Fußnote 2).

4.
Es geht hier um zwei reaktionär- katholische Milliardären mit starker Bindung an rechtsextreme Parteien und rechtsextremes Denken.
Über den in Frankreich so genannten „Medien – Zaren“ Vincent Bolloré haben wir auf dieser website schon ausführlicher berichtet. LINK.
Zur Erinnerung: Durch sein breites vielfältiges Medien – Imperium von Paris -Match, über den Radiosender Europe 1, die Sonntagszeitung Journal du Dimanche bis zu seinem Fernsehsender CNews verbreitet er auch seine eigene, sehr konservative Theologie. Wenig informierte Leser und Zuschauer werden verführt zu denken: Was Herr Bolloré da an Katholizismus präsentiert, sei DER katholische Glaube.

5.
In der französischen, noch demokratischen Presse wird seit einigen Monaten vermehrt auch auf den katholischen Unternehmer Pierre-Eduard Stérin hingewiesen. Er ist Milliardär, „Libertarien“, wie man in Frankreich „Libertäre“ nennt (der argentinische Staatspräsident Milei ist libertär, auch sehr viele Herrschaften aus der Trump – Clique in den USA sind es). Dabei hat Stérin auch enge Verbindung zur rechtsextremen Partei „Rassemblement National“. Der Soziologe Pierre Louis Choquet schreibt in dem schon genannten Beitrag von „Esprit“: „Sterin will die extreme Rechte unterstützen in ihrem Kampf um die Macht etwa durch sein ideologisch – umfassendes Projekt `Péricles`. (Zu Péricles Fußnote3). Der Unternehmer verbirgt nicht seine Feinschaft gegenüber den Flüchtlingen, und er zögert nicht zu erklären: Flüchtlinge aufzunehmen nützt nichts“ (Übersetzung CM).
Was etlichen noch wachen und kritischen Katholiken Sorgen macht, ist die – natürlich bischöflich – gar nicht kontrollierbare – Auswahl der Wohltätigkeit Stérins für konservative katholische Institutionen: Wer spendet, kann spenden, wem und für was er will, das gilt noch überall. Es sind bei Stérin etwa Häuser für schwangere Frauen in Not (Titel „La Maison de Louise“), für den Erhalt von Heiligenfiguren in der Öffentlichkeit („Calvaires“) oder kleiner Dorfkirchen auf dem Lande.
Zu der großen Menge seines Geldes ist Stérin durch die Restaurant – Reservierungs – Website „La Fourchette“ gekommen oder durch seine „SmartBox“, eine Art Geschenk-Tasche. Er steht jetzt an der Spitze eines Investmentfonds, der ein Vermögen von einer Milliarde 300 Millionen verwaltet. Sein Vermögen hat er einem „Stiftung – Fonds des Gemeinwohls“ übertragen. 80 bis 120 Millionen Euro aus seinem Gewinn spendet er pro Jahr für Projekte – seiner politisch-katholischen Wahl – immer für „das Gemeinwohl“, wie er sagt. Stérin wird in diesem Herbst auch aus eigener Initiative eine katholische Privatschule nur für Jungen eröffnen, ganz seinem konservativen pädagogischen Konzept entsprechend.

Die viel beachtete, kirchenunabhängige französische Internetzeitschrift “Streetpress” hat am 6.3.2025 einen Beitrag veröffentlicht mit dem Titel “Wie der Milliardär der extremen Rechten Stérin die Websites katholisch – reaktionärer Influencer überschwemmt”, Autor ist Nicolas Sonnet. LINK Er weist auf das weite Netzwerk Sterins hin, erinnert an die von ihm organisierten “Nächte der Influencer” im offiziell katholischen “Collège des Bernardins” in Paris (eine Art “Katholische Akademie”). Schon mehrere solcher “Nächte” der wechselseitigen Unterstützung katholischer Rechtsextremer gab es schon, “um gemeinsam mehr zu erreichen in der Evangelisierung”, im Sinne der genannten Herren. Der Einfuß Stérins reicht bis in die Ordensgemeinschaften: Der junge Dominikaner Paul André d Hardemare ist ein äußerst erfolgreicher Prediger in den Sozialen Medien, er ließ sich einige Zeit lang von Stérin finanzieren, nimmt auch an den Wallfahrten der reaktionären Katholiken nach Chartres teil. “Jedes Jahr organisiert Stérin auch die “Nächte des Gemeinwohls”, dies sind Abende der “caritativen Versteigerungen” nach us-amerikanischer Art, dabei kommen viele führende Industrielle (“Patrons”) zusammen, ebenso die alte Aristokratie, Aktivisten katholoischer  Hilsvereine sowie Politiker aus rechten und rechtsextremen Parteien. Mit dem Ziel: Vereine zu finanzieren, die sich in der Galaxiedes Konservativen bewegen.”

Ergänzung am 23.9.2025: Stérin ist am “Institut Catholique”, einer katholischen Universität in Angers, gescheitert, berichtet die Tageszeitung Libération (Paris) am 23.9.2025:

Mise sous pression par ses étudiants, l’Université catholique de l’Ouest renonce au mécénat de Pierre-Edouard Stérin

A peine installé, déjà prié de plier bagage : l’Université catholique de l’Ouest a coupé les ponts avec Pierre-Edouard Stérin. Le milliardaire d’extrême droite, qui rêvait de faire du campus angevin son terrain de jeu idéologique, se voit renvoyé à ses chéquiers et ses acronymes grandiloquents, grâce à la mobilisation des étudiants.

 

Und auch von einer Finanzkrise des Milliardärs Stérin berichtet “Libération” am 23.9.2025.

Pierre-Edouard Stérin à court de cash : ses projets vers la casse ?

Il était censé faire gagner la droite et (surtout) l’extrême droite à coups de millions déversés dans son projet Périclès, sorte d’incubateur faf de start-ups, think-tanks et autres influenceurs identitaires. Manque de pot, le milliardaire exilé fiscal Pierre-Edouard Stérin traverse une mauvaise passe financière : son fonds d’investissement Otium a raté plusieurs ventes et manque cruellement de cash. Résultat : l’argent ne ruisselle plus, ou presque, dans les poches d’acteurs de la mouvance, qui l’ont pris, un peu trop vite, pour la poule aux œufs d’or.

………………….

6.
Für die katholische Kirche in Frankreich ist die überdimensionale Spendelust der reaktionären Katholiken eigentlich ein großes Problem.
Denn die Kirche in Frankreich kämpft tatsächlich um ihr spirituelles wie damit zusammenhängend um ihr materielles Überleben. Sie hat seit Jahren einen miserablen Ruf aufgrund der zahllosen Fälle von schwerem sexuellen Missbrauch  auch durch z.T. “ultra-prominente” Priester, wie den als “heiligmäßig“ verehrten Sozialapostel Abbé Pierre 1912-2007. Die Zahl der Gottesdienst-Teilnehmer geht (deswegen?) ständig zurück, der französische Klerus vergreist, die kleinen Gemeinden können nur durch die Anwesenheit afrikanischer oder asiatischer Priester noch halbwegs „versorgt“ werden. Angesichts dieses Niedergangs katholischen Lebens gehen auch die Spenden der „normalen“ Kirchgänger zurück. Deswegen sehen sich die Bischöfe gehalten, gute Kontakte mit den staatlichen Behörden auch in der Provinz zu pflegen, also auch mit Politikern aus der rechtsextremen Partei „Rassemblement National“. Sehr bald könnte diese Partei die Regierung in Paris stellen, das ist eine begründete Prognose von Politologen. Die katholischen Bischöfe waren so klug bzw. vorausschauend – raffiniert, bei den letzten Wahlen, die überwältigende Wahlerfolge der Rechtsextremen auch im katholischen Milieu brachten, den Mund zu halten und schon gar nicht allzu kritisch gegen Rechtsextrem zu werden… Einige der Rechtsextremen sind ja nach außen hin sehr fromm, sie machen zu Tausenden Wallfahrten nach Chartres, loben die alte lateinische Messe (nicht nur bei den traditionalistischen Pius – Brüdern!) und als Politiker schätzen sie die Kirchengebäude als Orte des nationalen Gedenkens der nationalen Traditionen, oder sie fördern die katholischen Schulen, dort sollen schließlich christliche, aber vor allem gut – bürgerliche Werte der „anständigen Leute“ (so verstehen sich die Rechtsextremen) gelehrt werden. Und dann gibt es da noch entscheidend die reaktionären katholischen Milliardäre, die ihre Form des Katholizismus ungeniert nach außen in ihren Medien vorstellen und propagieren oder Projekte fördern, die ihrer eigenen begrenzten Theologie entsprechen. Diese Herrschaften darf die Kirchenführung nicht verärgern, sie bringen noch Geld, das heilige Geld zum Überleben der insgesamt so tief ramponierten Kirche.
Die Kirche Frankreichs als verschwindende Minderheit driftet also, „not – gedrungen“ möchte man sagen, immer weiter nach rechts: Die wenigen jungen Priester in Frankreich, die am liebsten in langen Talaren durch die Straßen laufen, stammen denn auch aus dem „gut-bürgerlichem konservativen Milieu“ der Stadt Versailles…Und einzelne Bischöfe, wie in Toulouse oder Angers, sind so unverschämt, wegen sexuellen Missbrauchs verurteilte Priester jetzt mit offiziellen Aufgaben im Bistum zu betrauen. Der moralische Niedergang auch des hohen Klerus erlebt einen neuen, ganz anderen Höhepunkt. Darüber berichtet etwa die ausgezeichnete online Zeitung GOLIAS: LINK.

7.
Der Soziologe Pierre Louis Choquet fasst in der schon erwähnten empfehlenswerten Zeitschrift ESPRIT (gegründet von dem Philosophen Emmanuel Mounier, LINK) die Situation zusammen: „Aufgrund ihres großen Finanz-Vermögens versuchen diese Milliardäre die Kirche neu zu positionieren auf einer antimodernen und Pro – Business Ebene.“ Und in seiner Fußnote 21 schreibt der Autor: „Es gibt in der Kirche Herrschende und Beherrschte“. Und er meint: „Die Milliardäre sind längst zu den herrschenden Laien geworden, es sind ja in der Kirchensprache „Laien“, die da die Kirche auf ihre Weise im Sinne des Rechtsextremen durch ihr Geld bestimmen wollen. Eine einst vielleicht noch in Kirchen-Kreise naive Freude über die „Aktivität von Laien“ muss also doch sehr differenziert werden.

8.

Der Soziologe Pierre Louis Choquet beendet seinen Essay über die katholischen rechtsextremen Milliardäre mit dem Aufruf an die christlichen Gemeinden, “den unheilvollen Einfluss der `frommen Milliardäre`zu “kontern” (contrer auf Französisch). Deren identitäre Religiosität erscheint als ein Symptom des Aufruhrs unserer Epoche”. Heute investieren diese Milliardäre “nur” in ihre Medien oder in ihre sozialen Werke und beeinflussen die pastorale Arbeit der Kirche. Und in Zukunft? Darum fragt Pierre Louis Choquet in dem ESPRIT Aufsatz: “Was wird diese Leute dann hindern, wenn die Spenden für die Kirche durch die Gläubigen immer kleiner werden, so dass diese Milliardäre  dann auch die Priesterseminare und die theologischen Lehrstühle an den katholischen privaten Universitäten finanzieren?” … Und in ihrem theologisch – reaktionären Sinne dort theologisch eingreifen! Wird das Geld und die rechtsextreme Ideologie dieser Herren dann die Kirche vergiften? Man hat den Eindruck, dass die Verantwortlichen in der Kirche (nicht nur Frankreichs) an diese Zukunft nicht zu denken wagen.

Fußnote 1:
80, 5 Millionen Euro gab die französische Republik für den Erhalt der Kirchengebäude kürzlich aus. Und 10 Milliarden Euro hingegen beträgt die staatliche Unterstützung für die Privatschulen, die allermeisten sind katholische. Quelle: Siehe Fußnote 2.

Fußnote 2:
Der Beitrag wurde in der Zeitschrift „Esprit“ im September 2024 veröffentlicht. Der Titel „L Eglise catholique face à la montée de l extreme droite“. Die Zahlen in Fußnote 1 stammen aus diesem Aufsatz, dort die Fußnoten 3 und 4.

Fußnote 3:
„Péricles“ ist ein Think – Tank aus einer Mischung von Libertärem, Liberalem und sehr konservativ – Katholischem. Inspiriert wurde Péricles von der reaktionären „Heritage Foundation“ in den USA, auch zu Victor Orban in Ungarn gibt es enge Verbindungen.
Der Name „Péricles ist ein Acronym für Patriotes / Enracinés / Résistants / Identitaires / Chrétiens / Libéraux / Européens / Souverainistes), also: Patrioten, Verwurzelte, Widerständler, Identitäre, Christen, Liberale, Europäer, Souveränisten. Das heißt: Dieser Think – Tank ist nationalistisch, gegen LGBT, euroskeptisch, gegen Einwanderung usw… Siehe dazu den ausführlichen französischen Wikipedia-Beitrag:LINK.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Exzentrisch, asketisch, spirituell: Zum 100. Todestag des Komponisten Erik Satie am 1. Juli 2025

Ein Hinweis von Christian Modehn am 28.6.2025

1.
An Erik Satie (17.5.1866 – 1.7.1925) erinnern: Den Musiker und Komponisten, den Menschen, den so viele für skurril und rätselhaft hielten und halten, der aber auch so viele begeistert mit seiner Musik …. des minimalen Klangs, der irritierenden Einfachheit, der Mißachtung üblicher musikalischer Regeln. Satie zeigt sich immer wieder als eigenständiger, Ungewohntes und Ungehörtes schaffender Komponist, er ist keiner „Schule“ verpflichtet und verzichtet auf brillante oder schillernde musikalische Effekte… darüber ist viel geschrieben worden. Wir zitieren nur den einen Satz: „Die aufscheinende Skepsis Saties gegenüber etablierten Vorstellungen vom musikalischen Kunstwerk hat spätere Künstler bis hin zu John Cage nachhaltig beeinflusst.“ Zitat siehe: LINK.

2.
Wir wollen auf den Esoteriker hinweisen, und dazu gehört auch: an den eher unbekannten Kirchengründer Eric Satie erinnern. Zunächst in enger Verbindung mit den esoterischen „Rosenkreuzern“ suchte Satie seinen eigenen Weg: Er verließt diese Gemeinschaft und gründete 1893 seine eigene Kirche und gab ihr den etwas schwierigen und durchaus mysteriös klingenden Titel: „Église Métropolitaine d’Art de Jésus Conducteur“, „Metropolenkirche der Kunst von Jesus dem Lenker“. Kirchen zu gründen war in Frankreich keine Seltenheit: Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler wollten sich vom herrschenden dogmatischen und weithin monarchistisch gesinnten Katholizismus absetzen und gründeten eigene Kirchen-Gemeinschaften. Satie zeigt sich also nicht nur in seinen Kompositionen, auch in seiner Kirchen-Gründung und seiner Messe als mutiger, Konventionen sprengender Individualist. Siehe auch Fußnote 1.

3.
Es gehört zum exzentrischen Charakter Erik Saties, dass er das einzige Mitglied seiner Kirche blieb und wohl auch bleiben wollte; er gab zwar sein Gemeindeblatt heraus, aber er fand keine Mitglieder und wollte wahrscheinlich auch keine um sich sehen in seinem Haus, der „Kirchenzentrale“ in Arcueil bei Paris. Aktuelles Foto: LINK.

4.
In diesem spirituellen Erleben komponierte er um 1895 eine von ihm selbst so bezeichnete „Messe der Armen“, weil er sich selbst als Asket, als Künstler „am Rande“ verstand. Satie hatte offenbar für sich selbst ein Gelübde der Armut ausgesprochen, einer Armut, die er selbst in seinem Lebensstil zeigte.
Mit der ihm vertrauten mondänen Welt von Montmartre und ihren Vergnügungen hatte er offenbar gebrochen. Olivier Messiaen hat diese Messe zuerst aufgeführt. Sie enthält von den üblichen Gebeten (den „Ordinarien“) der römisch – katholischen Messe lediglich das Kyrie, hingegen aber auch Gebete, etwa speziell „für die Reisenden und die Seeleute in Todesgefahr“ und zum Schluß auch ein „Gebet für meine Seele“. Diese Satie – Messe hat den Untertitel, offenbar an Gott adressiert: „Intende Votis supplicum“, „Sei bedacht auf das Flehen des Gebetes.“

5.
Die spirituelle Prägung Eric Saties könnte uns inspirieren, seine Musik, seine Klaviermusik, etwa die „Gnossiennes“ auch als Ausdruck einer ungewöhnlichen, nicht – dogmatischen Frömmigkeit zu hören und zu verstehen. Und musikalisch ins Meditieren zu kommen.

Fußnote 1: LINK

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

„Notre Dame“, die Pariser Kathedrale, ist beliebt. Die Kirche nicht.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.11.2024.

Ein kulturhistorisches Monument wird am 7. und 8.12. 2024 wieder eröffnet. Und ausgerechnet Donald Trump wird am 7.12. dabeisein! Seine sehr vielen evangelikalen Fans  in den USA und anderswo werden sich über so viel katholische “Sympathien” von Mister Trump “freuen”…  LINK

Papst Franziskus meidet dieses zweitägige Spektakel …zu Ehren der “Notre Dame” und des Monsieur Macron…. Siehe Nr. 12 in diesem Hinweis.

Zum Zustand der katholischen Kirche in Frankreich heute außerhalb aller Jubelfeierlichkeiten: LINK.

Die kirchliche, die katholische Eröffnung mit der feierlichen Messe der Bischöfe fand am 8.12. statt. TeilnehmerInnen, in den Foto-Serien bestens dokumentiert, waren die übliche politische Prominenz, auch des Adels. LINK Das “fromme Volk” oder gar die religiösen Bettler (“Clochards”) wurden nicht als Teilnehmer bei diesem Ereignis der “göttlichen Dame”  gezeigt, waren sie anwesend oder waren nur die großen Spender für den Wiederaufbau willkommen? Wichtiger ist das “klerikale Spektakel” (man nennt es Liturgie) rund um den Altar mit vielleicht 70 Bischöfen und Priestern. Sie alle trugen identisch (!) gestaltete Messgewänder, alles vom Feinsten, entworfen und per Hand erarbeitet vom Team des bekannten Designers Jean-Charles de Castelbajac. LINK Er selbst habe für die Messgewänder “eineinhalb Jahre gearbeitet und beschäftige ein großes Team.” Der Reporterin des ZEIT Magazin vom 5.12. 2024 S. 32, gestand de Castelbajac auch: ein “angemessenes Honorar”  von der Kirche erhalten zu haben.

Nebenbei: Es verdient wohl eine weite theologische Aufmerksamkeit, dass alle Priester und Bischöfe bei diesem Spektakel, der Messe, wie üblich identisch klerikal gekleidet waren. Wie kann man das deuten? Bunte Vielfalt ist nicht willkommen? Wahrscheinlich ist das so. Die Kleriker gehören halt alle zur gleichen Klasse, sind hervorgehoben und anders als “das Volk”. Die protestantische französische Zeitschrift REFORME kritisierte zurecht: Dieses ganze Spektakel, also diese Liturgie am Altar von Notre Dame am 8.12., sei eine absolute Männer – Veranstaltung gewesen. Gut, dass sich Protestanten noch über den Ausschluß der Frauen vom Pastoren/Priesteramt in der katholischen Kirche wundern. Papst Franziskus gibt sich gern als heftigster Kritiker des Klerikalismus in der Kirche, aber er ist nicht bereit, und wohl nicht in der Lage, diesen absolut vorherrschenden Klerikalismus als relgiös, sakramentale Männerherrschaft zu beenden. Dass Frauen ausgeschlossen sind vom Priesteramt ist wohl der größte Skandal des Katholizismus im 21. Jahrhundert. LINK.

………………………….

1.
Am 7. und 8. Dezember 2024 finden die Feierlichkeiten der (Wieder) – Eröffnung der Kathedrale „Notre Dame“ in Paris statt. Vor 5 Jahren, im April 2019, vernichtete ein verheerendes Feuer umfangreiche Teile des mittelalterlichen Gebäudes.

2.
Über die nun fast abgeschlossene Neugestaltung der Pariser Kathedrale informieren aktuelle Berichte. Man beachte u.a.: Nicht mehr Bänke dienen als Sitzgelegenheit, sondern 1.500 bequeme Stühle…Alles andere als eine Kleinigkeit für katholische Verhältnisse.
Der religionsphilosophische Salon bietet angesichts der Wiedereröffnung – in gebotener Kürze – etwas Hintergrund zur aktuellen religiösen Situation in Frankreich sowie Hinweise auf Besonderheiten in der langen Geschichte von „Notre Dame“.

3.
„Die jetzt auferstandene „Notre Dame“ ist ein Werk des Präsidenten Emmanuel Macron“: Diesen durchaus auch zutreffenden Eindruck wollte der französische Präsident für die Geschichtsbücher hinterlassen, als er sich am 29. November 2024, noch vor der offiziellen Wieder – Eröffnung, in der Pariser Kathedrale im renovierten Gotteshaus präsentierte. LINK. Einige aktuelle Fotos: LINK Der Präsident einer in Deutschland laizistisch genannten Republik („République laique“ meint allerdings etwas andres als„laizistisch“) will zweifellos die Kathedrale als ein überkonfessionelles Monument der (erwünschten) nationalen Einheit propagieren, als ein herausragendes kulturelles, künstlerisches und ästhetisch erhabenes Erbe der „Grande Nation“. Und damit entspricht Macron durchaus einer weit verbreiteten Sehnsucht im gar nicht mehr katholisch geprägten Frankreich, nur 29 % der Franzosen nannten sich 2023 katholisch. LINK https://www.insee.fr/fr/statistiques/6793308?sommaire=6793391 . Sowie ein LINK zum Zustand des französischen Katholizismus.

4.
Aber auch die Mehrheit der Franzosen, also die Menschen die sich „sans religion“ nennen, konfessionsfrei sagen manche in Deutschland, schätzen die Kathedrale Notre Dame: Bei der Suche nach der „französischen Identität“ geht es auch ihnen um die Stärkung des jetzt wieder viel besprochenen „patrimoine“, des „Kulturerbes“. Für die „Fondation Notre Dame“ wurden zum Wiederaufbau 358 Millionen Euro – auch aus dem Ausland, auch von Atheisten, gespendet.

5.
Mit „Notre Dame“ fühlen sich sehr viele Menschen vor allem emotional verbunden, Franzosen zumal. Es gibt zahlreiche Berichte, wie die Besucher ( 13 bis 20 Millionen sollen es vor dem Brand gewesen sein, also mindestens 30.000 pro Tag) die Dunkelheit im Innenraum schätzen, das Licht, die Fenster, die Skulpturen. Als Sigmund Freud 1885 diese Kathedrale besuchte, lobte er ausdrücklich „den Ernst und die Strenge des Gebäudes“… Er konnte wohl noch in einer gewissen Beschaulichkeit die Kathedrale besuchen, heute verweilen dort die meisten Touristen (um Fotos zu schießen) im Gedränge nicht länger als 5 Minuten, sie können diesen „obligatorischen Programmpunkt“ dann „abhaken“ und weiter durch Paris eilen…Es ist schon bezeichnend, dass auch in spanischen Kathedralen inzwischen eigens kleine (sic!) Kapellen mit eigenem Eingang geschaffen wurden, für Menschen, die wirklich in einem Gotteshaus auch mal ihre persönliche spirituelle Poesie, Gebete genannt, pflegen wollen.

6.
„Notre Dame“ gilt als Nationalsymbol. Der weibliche Titel einer katholischen Kathedrale spielt sicher hinsichtlich der Beliebtheit eine Rolle: Die Pariser Kathedrale gilt vielleicht auch -undogmatisch betrachtet – als das Haus einer „Gott – Mutter“, einer „Dame“, mindestens aber der „Gottes – Mutter“ Maria, die als die einflußreiche Himmelskönigin an Gottes Thron steht, so die offiziellen Dogmen…

7.
Das „National-Symbol“ Notre Dame hat eine sehr wechselhafte Geschichte. Vor allem an die alles entscheidende und bis heute prägende Zeit der Französischen Revolution (1789…) soll hier kurz erinnert werden.
Die Revolution identifizierte zurecht den Katholizismus mit dem absolut herrschenden „Ancien Régime“ des Königshauses, und die Revolutionäre, so unterschiedlich sie auch dachten, wollten eine katholische Kirche gründen, die die Ideale der Revolution und der Republik achtete und unterstützte, als eine demokratische Kirche. Der Papst tobte deswegen … bis 1950 wurde von führenden Katholiken die Französische Revolution zum Übel aller Übel erklärt… Philosophisch hoch gebildete Revolutionäre wie Robespierre setzten alles daran, auch Teile des höheren Klerus für die Revolution zu gewinnen, das gelang zum Teil, man denke an die herausragende Person des „Abbé Grégoire. 1791 wurde der damalige Weihbischof Jean – Baptiste Gobel zum „konstitutionellen“ (also revolutionsfreundlichen) Erzbischof von Paris gewählt. Im Rahmen der Radikalisierung atheistischer Revolutionäre (Anacharsis Cloots u.a.) wurden Gobel als Atheist bezeichnet und zum Rücktritt als Erzbischof aufgefordert und schließlich dann von Robespierre als angeblicher, verdächtigter Atheist am 13.4.1794 hingerichtet.

8.
Die Revolutionäre waren über die Kirchenführer als privilegierte Stütze des ancien régime empört, sie wollten in ihrer maßlosen Wut Frankreich „entchristlichen“ (décristianiser), d.h. auch aus der auch ideologischen Herrschaft der Kirche gewaltsam lösen. Als Ersatz zur Messe und den Sakramenten inszenierten einige Revolutionäre zunächst den „Kult der Vernunft“, der als eine Art Theaterspektakel auch in der Kathedrale Notre Dame aufgeführt wurde. Eine zentrale Rolle spielte dabei eine Frau als Repräsentantin der Sieger über den religiösen Fanatismus. „Das Fest der Vernunft hatte eine zutiefst theatralischen Charakter (caractère théatral“), schreibt die Historikerin Mona Ozouf, auf S. 607 in ihrem Beitrag „Religion revolutionaire“ in: „Dictionnaire critique de la Révolution Francaise“, Paris 1988.

9.
Dieser als Theater inszenierte „Kult der Vernunft“ wurde von Robespierre als atheistisch abgelehnt. Dieser Theater – Kult hatte auch nicht die Kraft, die verbliebenen religiösen Bedürfnisse des Volkes zu befriedigen, vor allem konnte er nicht eine religiös fundierte Einheit des ideologisch zerrissenen französischen Volkes herstellen. So setzte der deistisch geprägte Robespierre alles auf den „Kult des höchsten Wesens“, einer Art deistischen Konfession: Der Schöpfergott im Himmel verlangt von den Bürgern als religiöse Übung ein ethisch korrektes Leben im Geist der Gesetze der neu geschaffenen Republik.

10.
Ende des 18. Jahrhundert wurde dann eine ethische- deistische Kirche als „Theophilanthropie“ (d.h. Menschlichkeit mit Liebe zu Gott) im ganzen Land praktiziert, LINK.
Diese Kirche, ein Produkt der Revolution, wurde nach ca. 10 jährigem Bestehen von Napoléon verboten: Er duldete als Herrscher nicht den religiösen Pluralismus, ihm war das Konkordat mit dem Papst aus politischen Gründen wichtiger… 1804 krönte sich Napoléon in Notre Dame selbst zum Kaiser, Papst Pius VII. war bei dieser pompösen Inszenierung anwesend.

11.
Religionssoziologisch betrachtet ist heute wichtig: Die Katholische Kirche verliert in Frankreich – wie in den meisten europäischen Ländern – immer mehr an Mitgliedern, sie wird zur Minderheit. Aber die Kirchenführer lieben in dieser Situation des Niedergangs nicht ohne Stolz die Pflege großer repräsentativer Gebäude. Sicher,Notre Dame wurde von vielen auch nicht – katholischen Spendern wieder aufgebaut: Aber die Kirche ist durchaus heilfroh, in Paris wie in vielen anderen Städten so prächtige Kathedralen und Klöster zu haben. Dass diese Gotteshäuser von vielen Menschen eher als prachtvolle Museen angesehen und bewertet werden, stört dabei nicht. Das bedeutet aber: Eine explizit kirchliche Wirkung geht von diesen Kathedralen eher selten aus. Tatsache ist: Es entwickelt sich in Frankreich wie in ganz Europa so etwas wie eine kulturelle Interessiertheit für alte religiöse Gebäude. Eine Art ästhetisch – kulturelle -säkulare Spiritualität. Darüber arbeiten Religionssoziologen wie Jean – Louis Schlegel und Danièle Hervieu -Léger.

12.
Die Pflege alter herausragender Kathedralen durch die Kirchenführer steht im Widerspruch zu den vielen auf dem Land, in den Dörfern, verfallenden Kirchen und den aufgegebenen Klöstern. LINK Viele hundert Dorfkirchen in Frankreich verfallen auch deswegen, weil es keine Priester mehr gibt: Nur weil Rom eine Gemeindeleitung ans Priesteramt bindet, verschwindet sozusagen das kirchliche und damit soziale Leben auf den Dörfern. Dabei könnten Laien die Messen in den kleinen Dorfgemeinden leiten, aber die haben die Bischöfe nicht ausbilden wollen, so daß jetzt auch „aktive, kompetente Laien“ fehlen.

12.
Es ist nicht ohne Bedeutung, manche sagen ein Witz, dass am 15. Dezember, also genau eine Woche nach der weltweit beachteten Eröffnung von Notre Dame de Paris, Papst Franziskus ausgerechnet Frankreich besucht: Aber nicht etwa Paris, sondern Ajaccio auf Korsika, dort findet ein Kongress statt über die „Frömmigkeit des Volkes und der einfachen Leute in der Mittelmeer – Region“, es geht also um Heiligenverehrung, Wallfahrten, Wetterprozessionen, Segnungen der Äcker usw… Veranstalter ist der sehr konservative Kardinal Bustillo von Ajaccio. Manche Beobachter in Paris deuten diesen Papst – Besuch eines nicht weltbewegenden Kongresses auf Korsika als bewussten Affront gegen den ganzen Kultur- Trubel um dieses monumentale Gebäude in Paris…Papst Franziskus bevorzugt eben bekanntlich das Abseitige, Unbedeutend – Wirkende, das Kleine und Volkstümliche. Aber Präsident Macron will den Papst auf Korsika dann treffen, vielleicht erzählt er ihm, wie schön die Kathedrale Notre Dame nach der Brand – Katastrophe geworden ist.

Copyright: Christian Modehn, religionsphilsophischer-salon.de

Das “letzte Abendmahl” der Olymischen Spiele und die klerikale Ideologie

Ein Hinweis von Christian Modehn am 4.8.2024

Ergänzung am 5.8.24: Am Sonntag, 4. August, fand vor der Kathedrale Notre Dame de Paris ein interreligiöses Treffen statt, auf Wunsch von Thomas Bach (!), dem Präsidenten des Olympischen Komitees (CIO). Von der Kritik an der Darstellung eines “letzten Abendmahles” zur Eröffnung der Spiele war direkt keine Rede mehr. Man war sich interreligiös einig, wie Thomas Bach sagte: “Sport kann die letzten Fragen der Menschheit nicht beantworten, das kann nur die Religion”. (LINK)

Ergänzung am 6.8.24: Dass es noch vernünftige Theologen in der katholischen Kirche gibt, zeigt ein Kommentar des Benediktinerpaters Martin Werlen (Schweiz) zum Abendmahl bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Paris; dieser Kommentar wurde sogar im Vatikan veröffentlicht: LINK

1.
Die Frage ist dringend: Wie dumm und begrenzt sind eigentlich katholische Oberhirten im Jahr 2024? Haben sie keine anderen Sorgen? Denn jetzt verteidigen immer mehr geistliche Herren, auch Kardinäle, inbrünstig das Gemälde „Das Abendmahl“ von Leonardo da Vinci. Aber dies ist der intellektuelle Skandal: Sie verteidigen dieses Gemälde aus dem 15. Jahrhundert, als sei es DER absolut gültige Ausdruck des letzten Abendmahls Jesu und seiner Jünger. Welch ein Wahn. Eines von vielen Kunstwerken zum Abendmahl zur theologischen Norm zu erklären! Und als DEN Ausdruck der katholischen Eucharistiefeier zu deuten.
Zur Erinnerung: Bei seinem letzten Abendmal feierte Jesus von Nazareth, so die Erzählung, mit seinen 12 Jüngern kurz vor seinem Prozess und der folgenden Hinrichtung noch einmal ein ordentliches Abendessen, selbstverständlich mit Wein…

2.
Die Herren der Kirche fühlen sich also beleidigt und zutiefst empört: Bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Paris 2024 seien ganz üble, gotteslästerliche Assoziationen geweckt worden, Erinnerungen an da Vincis Gemälde „Letztes Abenmahl“. Denn die Feiernden in Paris waren Schwule und Lesben. Queers, an einem Tisch vereint zu sehen, wie sie da ordentlich bzw., je nach Wertesytem, „unordentlich“ feierten, tanzten und tranken. Eine nur ferne Assoziation an da Vinci…

3.
Das Problem der geistlichen Herren: Was soll denn da der liebe Gott bloß denken, und vor allem der himmlische Jesus, wenn nun in Paris das da Vinci Gemälde verunreinigt und dadurch (!) die Erinnerung an Jesu Abendmahl beschmutzt wird … auch noch durch diese  “üblen” Queeren – Menschen? Die Eucharistiefeier kann nur mit einem Priester und frommen Leuten dargestellt werden…”aber doch nicht mit diesen zum Teil halbnackten Gestalten”…

Man erinnere sich: Papst Franziskus hatte erst kürzlich gefordert: “Die Olympischen Spiele sollten Frieden vermitteln, nicht Hass”. Nun aber wird Unfrieden gestiftet durch die Intoleranz klerikaler und fundamentalistischen Kreise, sie können die Freiheit der Kunst nicht ertragen und zeigen letztlich ihre Ablehung queeren Lebens.

4.
Einen freien, lockeren und deswegen künstlerisch immer freizügigen Umgang mit dem Gemälde halten die Herren der Kirche in ihrer Ideologie für Blasphemie, für Gotteslästerung.

5.
Lassen wir diese wirre Interpretation, sie ist lächerlich, weil die Herren der Kirche den  Denkfehler begehen und ein Gemälde ALS Ausdruck ihres dogmatischen Glaubens verstehen. Leonardo da Vinci wird sich freuen über so viele  „Ehre“.

6.
Das Abendmahl Jesu war sicher noch einmal ganz anders als das „Abendmahl da Vincis, denn damals haben, kulturell üblich, die Beteiligten zu Tische gelegen, nicht brav am Tisch gesessen. Die Kirche St. Petri in Seehausen, Altmark, zeigt ein solches ungewöhnliches, authentisches Wand – Gemälde, eine noch zu besprechende Rarität.

7.
Man erinnere sich: Schon einmal – wie so oft vorher – regten sich die Kirchenleute maßlos auf und die mit ihnen verbundenen reaktionären Politiker der Weimarer Republik, weil der Künstler George Grosz es wagte: Jesus am Kreuz mit einer Gasmaske angetan zu zeigen.

8.
Die Herren der römischen Kirche sollten sich, ehrlich gesagt, schämen, dass sie nun, nach diesem ihrem Blödsinn, heftige Unterstützung  von rechtsextremen Politikern (Marine le Pen) und sogar von Putins klerikalem Kriegstreiber Patriarch Kyrill I .in Moskau erhalten. (Fußnote 1) Auch der fundamentalistische Präsident Erdogan hat sich eingeschaltet und nach bekannter Sicht behauptet: Durch diese Darstellung des letzten Abendmahls sei die menschliche Würde in den Schmutz gezogen worden. Dass die sehr vielen Diktaturen weltweit die Würde der Menschen  de facto, politisch, in den Schmutz ziehen, wäre das große Thema der Kirche. Aber nein, sie sorgt sich, verblendet, um eine queere Interpretation des Gemäldes da Vincis.

9.
Der Vatikan und die römische Kirche befinden sich im weltweit großen Club der Reaktionären, der Kunst – und Freiheitsverächter. Wollen sie in dieser Position es wagen, das Evangelium des Propheten und Weisheitslehrers Jesus von Nazareth zu verkünden?

Fußnote 1: “Die russisch-orthodoxe Kirche und das Außenministerium in Moskau äußerten sich entsetzt über die Eröffnungsfeier, weil bei einer Darstellung des letzten Abendmahls die Apostel von „Transvestiten“ verkörpert worden seien. „Ein kulturell-historischer Selbstmord geht in einer der einst christlichen Hauptstädte der europäischen Zivilisation vor sich“, sagte der Geistliche Wachtang Kipschidse, der im Moskauer Patriarchat der russisch-orthodoxen Kirche für Kontakte zur Gesellschaft und zu den Medien zuständig ist.” (Quelle: Welt, 27.7.2024, LINK

PS: Wer all das hier Dokumentierte nicht glaubt, lese etwa: LINK
Und LINK.

Und am 5.8.2024 die Päpstliche Kritik am “letzten Abendmahl” in Paris: LINK

10.

Die Katholische Kirche mit ihrem exzessiven Bilder – Kult hatte trotzdem immer schon Probleme, wenn Künstler etwa  – noch recht anständig – halbnackte Jesus Christus Bilder malten. Auf Kreuzesdarstellungen erscheint Jesus sehr oft fast ganz nackt, über die homoerotisch gestylte Figur des heiligen Sebastian ist viel geschrieben worden. Und die hübschen Sebastians – Darstellungen fehlen fast in keiner Kirche in Südeuropa. Hanno Rauterberg, Redakteur in der Wochenzeitung DIE ZEIT schreibt dort am 15.2.2024, Seite 45: “Bei vielen Künstlern wird der Penis Jesu zwar verhüllt, doch notdürftig nur, denn kunstvolle Falten im Lendentuch lenken den Blick erst recht auf die mächtige Beule. Das Leben nach dem Tode – vitaler denn je”.

11.

Angesichts der so oft halbwegs tolerierten Nackheit der größten Gestalten des Christentums fragt man sich, was sollte eigentlich die Aufregung in Paris im Juli 2024 bedeuten über “Das letzte Abendmahl”, gefeiert von Queers? Die Antwort kann nur sein: Eigentlich mag die katholische Kirche offiziell die queeren Menschen ganz und gar NICHT, trotz vieler hübscher Sprüche des angeblich progressioven Papstes Franziskus. Die queeren Menschen sollen brav sein, sich etwa in einem Nebenraum der Kirchen diskret in ihrer Partnerschaft (natürlich NICHT Ehe!) segnen lassen und dann bitte wieder diskret im Untergrund oder Hintergrund verschwinden.

12.

Es reicht also, wenn die noch verbliebene katholische Öffentlichkeit mit weiblich gekleideten, in bunte Gewänder gehüllten Talar-Trägern konfrontiert wird oder den süßlich lächelnden Seminaristen, die selbst verständlich alle gar nicht Tunten sind. Nein, Respekt und Gleichberehctigung gibt es in dieser Kirche faktisch nicht.

Und von der Freiheit der Kunst und der Künstler hat diese Kirche in den allermeisten Fällen  keine Ahnung. Darüber haben schon die wenigen Kunst-gebildeten katholischen Theologen Jahre lang gesprochen. Ihre kreative, aufklärerische Arbeit ist wohl gescheitert…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophiischer Salon Berlin.