Papst Leo besucht Paris, Lourdes, Metz. Seine große Show vom 25. bis 28. September 2026.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 23.9.2026

1.
Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat seit vielen Jahren über den Zustand des Katholizismus in Frankreich berichtet. Ein Beispiel: LINK.  Alle diese Beiträge sind mit Leichtigkeit auf dieser Website zu finden! Hier nur ganz wenige Hinweise, denn wir wollen uns nicht ewig wiederholen: Obwohl man angesichts des Zustandes der katholischen Kirchen zur Wiederholung gezwungen wird, weil sich nichts grundlegend verändert. Der Klerus behält die Macht.

2.
Nun wird also der reiselustige Papst Leo XIV. (er war schon in Algerien, Kamerun und Angola, im schönen und sehr reichen Monaco und dem kleinen San Marino, in Spanien…) vom 25. bis 28. September 2026 auch Frankreich besuchen (Paris, Lourdes, Metz): Auf Einladung der dortigen Bischöfe und der Regierung, d.h. die französische Regierung (Macron) hat diese Einladung unterstützt! Aber sie bezahlt von den insgesamt etwa 27 Millionen Kosten nur die Unkosten für die „offizielle Sicherheit“ des Gastes bei einem „Großereignis“. Viele Millionen Euro muss die Kirche also selbst für dieses Papst – Spektakel durch Spenden aufbringen… aber es gibt ja einige sehr katholische, aber politisch rechtsextreme katholische Millionäre, wie den Medienmogul Vincent Bolloré.

3.
Wer die sehr kleiner werdende katholische Welt in Frankreich beobachtet, ist erstaunt: Es gibt eigentlich seit Monaten kein anderes Thema, das derart heftig etwa die katholischen Medien (die Tageszeitung La Croix und viele katholische Wochenzeitungen) beschäftigt. Sie sprechen von „engouement“, also von Schwärmerei der Katholiken für den Papstbesuch. Sie schwärmen für ihren Führer.

4.
Aber die Schwärmerei für den Papst Leo hält sich dann doch in Grenzen. Das zeigt jetzt eine repräsentative Umfrage anläßlich des Papstbesuches: Nur 21% der Befragten wollen in den Medien dem Papstbesuch „folgen“. Darunter sind 56 % der praktizierenden Katholiken, eine nicht gerade überwältigende Zahl hinsichtlich einer eigentlich treuen und gehorsamen Verbundenheit dieser Kreise mit dem “heiligen Vater“. 22% der zu anderen Religionen gehörenden Befragten wollen den Papst – Besuch in den Medien „verfolgen“, und nur 16 % der – mehrheitlich – nicht-religiösen Menschen in Frankreich interessieren sich sogar für den Papstbesuch. LINK

5.
Noch ernüchternder für die katholische Führung sind weitere Aussagen der Befragten: Nur 10 % der praktizierenden Katholiken erhoffen sich eine Vertiefung der Spiritualität durch den Papstbesuch, genau so wenige erhoffen sich eine Erneuerung der Gemeinden und Gemeinschaften durch das Kommen des Papstes.

6.
Natürlich ist es für manche beeindruckend, dass etwa 600.000 Fromme an der Place de la Concorde und den Champs Elysées an der absolut riesigsten Mammut – Messe des Papstes irgendwie „teilnehmen“ und dort auch „kommunizieren“ wollen. Die stramm katholisch – konservativen Bewegungen, von denen es in Frankreich sehr viele zunehmend gibt, das haben wir alles veröffentlicht, haben offenbar alle ihre Getreuen nach Paris zur mächtigsten aller Mammut -Messen gelotst. Ob eine solche absoluten Massen -Messe noch eine Abendmahlsfeier im Sinne eines gewissen Jesus von Nazareth ist, bleibt die Frage.
Man möchte sie bei noch etwas theologischen – biblischen Verstand eindeutig mit Nein beantworten.

7.
Tatsache ist: Papst Leo wird zumal in Paris und Metz die üblichen allgemeinen, friedlichen, manchmal auch etwas kritischen Worte finden zum Zusammenleben der Menschen in einer zerstrittenen Gesellschaft, er wird, wie ständig schon im Vatikan seit Monaten, mahnen und warnen. Und warnen und mahnen, Das ist die Hauptaufgabe eines Papstes als Staatschef. Aber garantiert wird der Papst nicht explizit, konkrete Namen nennen, also nicht die rechtsextreme Partei „Rassemblement National“ oder die Partei „Reconquete“ und deren irgendwie noch katholisch bzw. jüdisch gebundenen Parteiführer beim Namen nennen und diese Rechtsextremen als für Katholiken und vernünftige Menschen sowieso als nicht wählbar bezeichnen. Das wäre ja auch nicht so erwartbar, denn der Papst ist immer auch Diplomat und Staats-Chef des staatlichen Winzlings „Heiliger Stuhl2. Und je nach Situation kann der Papst, diplomatisch klug,schwanken zwischen seiner Rolle als Staatschef und der des religiösen Führers, der vielleicht noch ein paarprophetisch – konkrete Worte sagen könnte. Hingegen wird der Papst, seinem Lieblingsthema folgend, sehr deutlich die jüngsten Gesetze des französischen Staates zum selbstbestimmten Tod aufs heftigste pauschal kritisieren. Er bläht sich dann auf als Verteidiger der Menschenrechte, verschweigt aber wie immer, dass die Menschenrechte in der katholischen Kirche und auch die Demokratie NICHT gelten. Dass er unglaubwürdig ist, wird dann bei diesem „engouement“ (d.h. Papst -Schwärmerei) von den verbleibenden Frommen gern übersehen. Sie sehen dann auch als reaktionäre Politiker den Papst auf ihrer Seite… Zum Programm des Papstes Leo in Frankreich:LINK 

8.
Wir weisen zum Schluss nur noch auf den Besuch des Papstes im Marien- Wunder Ort Lourdes hin: dass dort Maria höchst persönlich der Bernadette Soubirous erschienen ist, glaube wohl noch ein paar Leute: Aber der Papst pflegt diesen Wunderglauben, diese naive Vorstellung, Maria könnte vom Himmel herunter kommen und erscheinen und einem Mädchen irgendwelche Weisungen geben. Der Besuch in Lourdes als dem Ort, wo gelegentlich nur psychosomatisch erklärbare außergewöhnliche Ereignisse geschehen, ist bester Ausdruck einer „wunderbaren“ Frömmigkeit, die auch dieser Papst im 21. Jahrhundert noch wagt propagieren zu können: Aber: Vielleicht brauchen die meisten Menschen heute dieses Opium? Ist Aberglaube nicht immer schon Opium gewesen? I

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Rechtsextreme und Identitäre in der katholischen Kirche Frankreichs heute

Wenn die „Identitären“ das Evangelium verfälschen und die Kirche beherrschen
Ein Hinweis am 16.9.2026 von Christian Modehn auf ein neues Buch.

Ein Vorwort:
Wir bieten hier ein Beispiel dafür, wie Rechtsextreme in Frankreich auch das Leben der katholischen Kirche bestimmen; mit ihrer Ideologie das kirchliche Leben vergiften und die Gläubigen beeinflussen, d.h. zu einer gesellschaftlichen und politischen Praxis verführen, die mit den Weisungen Jesu von Nazareth UND der humanen Vernunft nichts mehr zu tun hat. Und die Kirchenführung in Frankreich ist wie üblich hilflos. Und hat nichts Dringenderes zu tun, als die massenhaften Massenkundgebungen (anders kann man das Spektakel nicht bezeichnen) mit Papst Leo zu organisieren: Welch ein Wahn, dass der Papst allen Ernstes eine Messe, Eucharistie genannt, mit 600.000 Frommen auf der Place de la Concorde „feiern“ will. Nebenbei: Wenn alle diese 600.000 Leute sich dann die Kommunion (Hostie) in den Mund stecken wollen, werden Stunden des Austeilen vergehen. Und die Place de la Concorde? Absolut kein heiliger Ort, sondern ein Ort des Mordens und Abschlachtens, etwa in der Französischen Revolution… Von den Straßenschlachten dort zwischen Rechtsextremem und der Polizei 1934 ganz zu schweigen.. Ein sehe feiner Platz halt, voller Charme und göttlichen Friedens… Hat die katholische Kirche angesichts des auch in Frankreich drohenden Faschismus (Wahl 2027, Sieg des Rassemblement National…) nichts Dringenderes? Aber die in Frankreich stets schrumpfende Anzahl der Frommen sucht Halt bei Ihrem Führer, dem Papst. Die Huldigung für einen Führer ist also nicht zu überwinden…Und: Diese Vier-Tages-Reise des Papstes als Chef des „Heiligen also Stuhls“ und PAPA aller Katholiken kostet mindestens 25 Millionen Euro…

Ein weiterer Hinweis des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin zu „Rechtsextreme Katholiken“ in Frankreich: LINK 

1.
Pünktlich zum Besuch Papst Leos in Lourdes, Paris und Metz (25. – 28. September 2026) erscheint ein Buch über den Zustand der katholischen Kirche in Frankreich. Der Essay von 155 Seiten erinnert manchmal an eine theologische Meditation voller Empörung über die rechtsextremen Tendenzen in der Kirche… Der Autor ist ein kenntnisreicher Insider, kein „Kritiker von außen“, kein „Religionssoziologe… sondern ein Priester, der die gefährliche Entwicklung in der französischen Kirche freilegt. De Sinety (Jahrgang 1968) ist ein Kleriker mit einer beachtlichen Karriere: Er war Sekretär des konservativen Kardinals Lustiger in Paris (2004), Pfarrer in sehr bürgerlichen, reichen Vierteln in Paris; jetzt hat er eine führende Stellung im Bistum Lille: Da kommt kein Verdacht einer linken häretischen Abweichung auf.

2.
Der Titel des Buches: „La Cause du Christ“, „Die Sache Christi“. Sicher ist „cause“ auch im juristischen Sinn als „Causa“ gemeint, es geht dem Autor letztlich um das Urteil, dass sich katholisch nennende Gruppen die Sache Christi verfälschen: Der Untertitel ist präzise: „L` évangile contra l` identité chrétienne“: „Das Evangelium gegen die `christliche Identität`“. Das Buch ist eine dringende Warnung vor den sich katholisch nennenden rechtsextremen Kreisen, die politisch auf der „christlichen Identität“ Frankreichs (und Europas) insistieren: Diese Kreise wollen ein strenges, intolerantes Europa bauen, das sich als christliches Bollwerk gegen den Islam versteht, ein christliches Bollwerk ohne Menschenrechte gegen alle Fremden, gegen alle, die sich gegen den Wahn eines abgeschotteten Abendland wehren. De Sinety betont: Da wird das Christentum missbraucht, da wird das Evangelium Jesu Christi verfälscht und zerstört. Auf entsprechende Tendenzen im us- amerikanischen Katholizismus weist de Sinety hin; wir stellen Frankreich in den Mittelpunkt.

3.
Das Evangelium ist für den Autor eine Botschaft der Gerechtigkeit, der Nächstenliebe, der Gastfreundschaft für Fremde, der universellen Liebe eines Gottes, der als „Vater“ aller Menschen geehrt wird. Es geht also nicht nur um humanistische Werte, diese sind Gebote Gottes, für Katholiken unverzichtbar für ein humanes Zusammenleben.

4.
Diese Feinde des Evangeliums, die sich als Freunde des abendländischen Christentums tarnen, gewinnen immer mehr Macht, urteilt de Sidney: Es gibt etwa die Gemeinden der mit Rom versöhnten Traditionalisten, wie das reaktionäre „Institut du bon Pasteur“ in Bordeaux, dort ist Abbé Matthieu Raffray für die rechtsextreme Sache heftig in den social Medien engagiert…
Es gibt die katholischen „Columbus- Ritter“ mit ihrer radikalen Forderung: Es muss wieder richtig männliche Männer geben, also die Kämpfer und Krieger so wie dann auch als Beschützer ihrer sorgenden Frauen zu Hause. „Virilität“ heißt die neue Tugend (S. 26 ff.). Zu den Columbus Rittern n Frankreich: https://www.chevaliers-de-colomb.fr/index.php/les-enjeux-de-la-masculinite/
Auch die berüchtigte rechtsextreme katholische „academia christiana“ erwähnt de Sinety, selbstverständlich ist von den vielen tausend Freunden der „alten Messe“ im Sinne der Traditionalisten die Rede: Und er weist darauf hin, dass diese alte Messe mit dem Priester im absoluten Zentrum, von den Gläubigen abgewandt zelebriert er die Messe; die Gläubigen werden zur schweigenden Masse der Ehrfürchtigen in einem für sie sprachlich unverständlichen „Mysterium“. Diese Messen sind Ausdruck der alten feudalen Ordnung, der (Un)Ordnung der Hierarchie. Dass de Sinety die neue Messe des Konzils als demokratische Form versteht, ist freilich sehr fragwürdig, gerade wenn man an den Ausschluss der Frauen vom Priesteramt denkt.

5.
Im Mittelpunkt der Ideologie, Glaube genannt, der Identitären steht: Christus ist ein Meister und Lehrer der Stärke und Macht. Christus ist ein Kämpfer für „die“ Wahrheit. Christus wurde in einem bestimmten Volk geboren, deswegen gilt: Gott liebt – nun – das christliche Volk Frankreich. Bezeichnenderweise interessiert in diesen Kreisen die Gestalt Jesu von Nazareth nicht, weder seine Gleichnis Reden noch seine Bergpredigt. Die Rede von Christus kommt – wie so oft- ohne einen Bezug zu Jesus von Nazareth aus.
Dieser Katholizismus der moralischen Strenge und politischen Macht findet immer mehr Anklang in den Kreisen, die man einst „normale, bürgerliche Gläubige“ nannte. Über die verbliebenen Mitglieder der französischen Kirche beschreibt der Autor: „Der französische Katholizismus ist jetzt soziologisch gesehen, was er niemals exklusiv sein dürfte: Bürgerlich, bourgeois, ´konsumorientiert…“
Linke, kritische Katholiken haben sich längst aus der Kirche verabschiedet. Auf Seite 64 heißt es: „En moins de vingt ans, tout a basculé“: „In weniger als 20 Jahren ist alles gekippt, befindet sich die französische Kirche also am Kipppunkt:“ Zahlreiche wissenschaftliche Umfrage zeigen bekanntlich seit Jahren: Nur noch eine Minderheit (30 %) der Franzosen nennt sich katholisch, eine verschwindende Minderheit (etwa 4 Prozent) nimmt noch an der Sonntagsmesse gelegentlich teil, die Zahl der Priester sinkt ständig, immer wieder werden neue Missbrauchsfälle im Klerus freigelegt … LINK

Angesichts des Niedergangs dieser Kirche „trösten“ auch die 20.000 Taufen von Erwachsenen und Jungendlichen im Jahr 2026 nicht.

6.
Militante rechtsextreme Kreise im französischen Katholizismus wollen diese am Boden liegende Kirche retten und als politisch machtvolle Organisation zugunsten des „christlichen Abendlandes“ aufbauen. Sie streben eine Kirche ohne Christus an, eine machtvolle Kirche, vom Evangelium entkernt. Diese Ideologie hat eine lange Tradition in Frankreich: Das Vorbild der heutigen katholischen Rechtsradikalen ist die „Action Francaise“ um 1920, sie war auch antisemitisch fixiert. Auf den Antisemitismus verzichtet jetzt die rechtsradikale Le Pen Nachfolge -Partei „Rassemblement National“ aus taktischen Gründen… Ein anderer Rechtsextremer und „Identitärer“ ist der Jude Eric Zemmour, er ist ein expliziter Feind des Islams und explizit auch ein Verteidiger der „Rückführung“, also des Rausschmeissens von störenden (muslimischen) Fremden…

7.
Benoist de Sinety, der wie gesagt, kein Religionssoziologe ist, bewertet die rechtsextremen Kreise Im französischen Katholizismus als Kräfte der Zerstörung. Diese Leute bauen Mauern aus Hass, Schlösser der Paranoia.

8.
Es ist paradox: Das Buch von Benoit de Sinety ist im Verlag Grasset in Paris erschienen. Dieser Verlag gehört dem rechtsextremen katholischen Medien- Mogul und Milliardär Vincent Bolloré, er ist ein Freund der Identitärer Politiker: LINK

De Sinety erwähnt in seinem Buch sehr vorsichtig sogar Bolloré (S. 94f.), nennt aber keine Fakten zu dessen Imperium, sondern beschränkt sich sehr schlicht (ängstlich?) darauf, an einige Lehren Jesu Christi zum Reichtum und zum Leben im Staat zu erinnern. Auch den anderen prominenten katholischen Milliardär Pierre Stérin erwähnt de Sinety: Da wird er schon etwas konkreter, wenn er daran erinnert, dass dieser Milliardär – Wohltäter leider keine Projekte unterstützt, die sich auf die Unterbringungen von Migranten, also Flüchtlingen, beziehen (S. 96).
Das Buch des Priesters de Sinety gegen die Identitäten Katholiken ist am 13. Mai 2026 erschienen: Offenbar konnte Bolloré den Druck dieses Buches und den Vertrieb nicht mehr stoppen, so landete es in den Buchhandlungen am 13. Mai. Einen Monat zuvor (am 14.4.2026) hat Bolloré den weithin geschätzten verantwortlichen Hauptlektor des Grasset – Verlages, Olivier Nora, fristlos entlassen: war es die Wut, weil Nora das Buch von de Sinety publizierte?

9.
So wertvoll auch die heftige Warnung de Sinetys vor der Umgestaltung der französischen Kirche durch die katholischen Rechtsradikalen und Identitätren in Frankreich ist: Die Argumente des Autors wirken manchmal merkwürdig schwach, etwa wenn er die bestehende Trennung von Kirchen und Staat in Frankreich, die laicité, nur als einen formalen Rahmen versteht, den die Kirche mit (ihrem) Inhalt füllen sollte: Dabei hat doch die laicité selbst ihre eigene humanistische Philosophie: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, letztlich auch die Menschenrechte als das Ideal der Republik. Mit den klassischen theologischen Argumenten des sehr frommen Autors de Sinety wird man die Rechtsradikalen und Identitären, selbst wenn sie sich katholisch geben, nicht von ihrem falschen Denken und falschen Handeln abbringen. Anders gesagt: Ohne philosophische Argumente wird man rechtsextremen Ideologien – auch katholisch rechtsextremen Ideologien – nicht begegnen können.

10.
Man muss freilich auch daran erinnern, dass auch schon 2016 der Journalist Jean-Claude Guillebaud in der Pariser Wochenzeitschrift „La Vie“ an jene Rechtsextreme erinnerte, die er «Les catholiques athées“, also die atheistischen Katholiken nannte, in Erinnerung an die genannte „Action franciase“ und ihres Gründers Charles Maurras. Auch ihm ging es um die Verteidigung der Institution Kirche als Garantie der konservativen Ordnung. Auch Mussolini war ein Anhänger dieser – vom Papst verbotenen, aber bis heute lebendigen – Ideologie. Der Schriftsteller Georges Bernannos hat der Action Francaise heftig widersprochen, in seinem Text “Scandale de la verité“, Skandal der Wahrheit, schieb er 1939 über diese „falschen Christen“, die katholischen Rechtsextremen: «Ils croiraient volontiers que le Christ est mort uniquement pour la sécurité des propriétaires, le prestige de tous les hauts fonctionnaires et la stabilité des gouvernements-: „Sie glauben ohne weiteres, dass Christus einzig für die Sicherheit der Eigentümer gestorben ist, für das Prestige der hohen Beamten und die Stabilität der Regierungen. (Der französische Text von Bernanos: LINK.  https://fr.wikisource.org/wiki/Scandale_de_la_v%C3%A9rit%C3%A9)

11. ERGÄNZUNG:

Der Essay von Benoit de Sinety „La Cause du Christ“ nennt nur wenige Gruppen, Gemeinschaften und Orden, die zu der sehr rechten, stets stärker werdenden Dimension im französischen Katholizismus gehören: Ich nenne ergänzend einige Beispiele dieser einflussreichen Kreise, sie werden unter Religionssoziologen als „intransigent“ bezeichnet, das heißt:. Sie sind „kompromisslos“, „unerbittlich“, „unnachgiebig“ hinsichtlich ihrer Treue zu ihren extrem konservativen Überzeugungen.
In einer Studie in dem Buch „Jean Paul II – la fin d` un règne“ (Edition Golias 2003) werden viele der neuen geistlichen Gemeinschaften genannt, etwa Emmanuel oder die Gemeinschaft „St. Jean“ und so weiter, alle snd seit Jahren nun bekannt auch als Orte sexuellen Missbrauchs und spirituellen Missbrauchs. Auf S. 184 wird auf die „Intransigenten Medien“ verwiesen, etwa auf „La Nef“, „L Homme nouveau“, „Familie chrétienne“, „France catholique“. oder auch auf die machtvolle Organisation „Associations familiales catholiques“ (AFC). Das Opus Dei hat auch in Frankreich einen eigenen Verlag, „Editions du Laurier“…. Diese reaktionären Kreise bestimmen weithin das Leben der katholischen Kirche in Frankreich. Aus diesen Kreisen werden die vielen tausend Papst – Bewunderer stammen anläßlich der Reise Papst Leos nach Lourdes, Paris und Metz…

Benoist de Sinety, „La Cause du Christ. `L Evangile contre l`identité chrétienne“. Paris 2026, Editions Grasset, 160 Seiten, 16 €.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Spiritueller Missbrauch: Eine neue Dimension des Missbrauchs durch Priester, Ordensleute in Frankreich

Ein Hinweis von Christian Modehn am 12.9.2026

1.
In Frankreich haben am 7. September 2026 215 Opfer von ihrem „spirituellen Missbrauch“ Papst Leo einen Brief geschrieben: Sie  fordern den Papst auf, wirksame Mittel zur Überwindung dieser Form kleriker Herrschaft  zu veranlassen.

2.
Spiritueller Missbrauch ist eine Instrumentalisierung Gottes durch die Herrschaft von kirchlichen Vorgesetzten. Diese meinen, förmlich an der Stelle Gottes stehend, ihre Untergebenen seelisch belasten und quälen zu dürfen und zu Gehorsam und Unterwürfigkeit zwingen zu können. Das Motto dieser spirituellen HerscherInnen“: Wer den OberInnen folgt, folgt Jesus Christus. Totaler Gehorsam also. „Dieses Verhalten zerstört fundamental die Seele der betroffenen Menschen“, sagt die Psychologin und Spezialistin für diese „Fälle“ Isabelle Chartier – Siben der Tageszeitung La Croix. Der spirituelle Missbrauch darf angesichts der vielen tausend Fälle des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker nicht länger ignoriert werden, zumal der spirituelle Missbrauch oft auch in einem sexuellen Missbrauch führt, betonen die Betroffenen.

3.
Eine erstaunlich große Anzahl: 215 Laien, Priester und Nonnen, gehen in die Öffentlichkeit: Den Brief an den Papst haben alle unterschrieben, in die große Öffentlichkeit (der französischen Presse) gehen drei Opfer: Fabio Barber, Priester der „monastischen Familie von Bethlehem“, Gabriel Laguarigue de Survilliers, ehemaliger Mönch der „Gemeinschaft Saint Jean“ sowie die Theologin Benedicte Nolte de Brauwere aus der „Kommunität des Lammes“.
Die übrigen Unterzeichner des Briefes an den Papst haben nach wie vor Angst vor Repressalien seitens der Chefs ihrer Gemeinschaften, und meiden deswegen die große Öffentlichkeit, berichtet die Tageszeitung La Croix. Sie hat diesen Missbrauch am 7.9.2026 publiziert. Die Autorin des Berichtes in „La Croix“ schreibt: „Warum gerade jetzt an den Papst schreiben? Die Initiative der Unterzeichner erfolgt zu einem Zeitpunkt, zu dem Rom bereits im Jahr 2024 die Auseinandersetzung mit dem Thema „geistlicher Missbrauch“ in Angriff genommen hat. Seit zwei Jahren arbeitet eine kleine gemeinsame Arbeitsgruppe des `Dikasteriums für die Glaubenslehre` und des `Dikasteriums für Gesetzestexte` daran, spirituellen Missbrauch im kanonischen Recht anzuerkennen. Dabei soll insbesondere geklärt werden, ob ein spezifischer Straftatbestand geschaffen oder bestehende Straftatbestände präzisiert werden müssen, um diese Situationen besser zu erfassen.
Gerade weil diese Überlegungen im Gange sind, wollen sich die Unterzeichner Gehör verschaffen: Soe sagen:  „In diesen Studienkreisen sind die Opfer kaum vertreten. Man betrachtet sie weiterhin als Menschen, denen man Mitgefühl entgegenbringt, aber nicht als Experten, die in der Lage sind, über das, was sie erlebt haben, nachzudenken und es zu entschlüsseln“, bedauert Fabio Barbero. Der ehemalige Ordensbruder fordert „mehr Transparenz“ und vor allem, dass die Opfer wirklich in die Arbeit einbezogen werden, „nicht nur, um eine Statistenrolle zu spielen.“ 
…Doch der Weg scheint lang und heikel zu sein, wie aus einem Interview hervorgeht, das Kardinal Victor Manuel Fernandez, Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre, im Januar 2025 der spanischen katholischen Wochenzeitung „Alfa y Omega“ gewährte.(Übersetzt durch deepl.com)

4.
Wichtig ist auch die Veröffentlichung der Namen der der betroffenen Gemeinschaften, siehe die aus La Croix übernommene Liste in Fußnote 1.

Dabei ist auffällig, dass als `Täter – Organisationen` viele offiziell so genannte „neue geistliche Gemeinschaften“ vertreten sind. Diese haben durchaus befremdliche, mysteriös – fromme Titel. Aber man unterschätze nicht den Einfluß dieser Gruppen auf die französische Kirche: Diese Gemeinschaften leiten Pfarr – Gemeinden, betreuen Wallfahrsorte, haben Priesterseminare, bieten allerlei Besinnungstage für Laien an usw… Auch etliche französische Bischöfe gehören etwa zur sehr konservativen Gemeinschaft `Emmanuel`. Zum Beispiel Bischof Dominique Rey, der von Papst Franziskus wegen allzu reaktionären Regierens „seines“ Bistums als Bischof von Toulon abgesetzt wurde. Diese genannten Gruppen, in den bisher spiritueller Missbrauch bekannt wurde, sind meist sehr konservativen, sehr papsttreuen, sehr charismatisch: Sie wurden wurden – wen wundert es – von Papst Johannes Paul II. aufs höchste gelobt: Sie seine die wahren Missionare Europas, sie seien so zuverlässig katholisch usw…

Kardinal Joseph Ratzinger sagte 2005 ganz enthusiastisch (naiv): „Diese kirchlichen Bewegungen (die neuen geistlichen Gemeinschafte)  verheißen neue Möglichkeiten: Hier kommt ein Suchen nach der Mitte zum Vorschein, das die Diagnose vom Ende des Religiösen Lügen straft und Wege neuen Lebens aus dem Glauben anbahnt, in denen sich die unerschöpfliche Fruchtbarkeit des Glaubens erneut bewährt.“ (Quelle: Joseph Ratzinger, „Theologische Prinzipienlehre“, 2005, S. 394.

„Gezeigt hat sich“ hingegen, de facto, „die unerschöpfliche Fruchtbarkeit“ sexuellen und spirituellen Missbrauchs in den meisten dieser Gemeinschaften..

Seit etwa 10 Jahren sind viele Fälle heftigen sexuellen Missbrauchs in diesen so hoch gelobten Gemeinschaften öffentlich bekannt. Diese Freilegung dieser Verbrechen führte zu einer tiefen Krise der (Glaubwürdigkeit der) katholischen Kirche in Frankreich.  Zum Niedergang der katholischen Kirche in Frankreich: LINK https://religionsphilosophischer-salon.de/16606_wenn-der-klerus-die-glaeubigen-vertreibt-der-zusammenbruch-der-katholischen-kirche-in-frankreich-heute_aktuelles

5.
Und das alles wird öffentlich wenige Tage vor dem Besuch Papst Leos in Frankreich: Vom 25. bis 28. September 2026 wird er Lourdes, Paris und Metz besuchen: Die Anmeldungen zur Teilnahme an seinen vielen Messen und Gottesdiensten dort gehen in die vielen tausend. Auf der riesigen Place de la Concorde wird es eine Messe für die 500.000 bis 600.000 frommen Massen geben… 27 Millionen Euro wird die drei-tägige so genannte “Pilgerfahrt“ kosten.

Kann mit einer halben Million Teilnehmer die Eucharistie, die Erinnerung an das Abendmahl Jesu von Nazareth, gefeiert werden? Oder wird da die Eucharistie zur Demonstration der Macht und Herrschaft der katholischen Kirche in einem weltlichen („laique“) Staat? Als Kult eines „Führers“, des Papstes?
6.
Ob der Papst einige Opfer des spirituellen Missbrauchs in Frankreich trifft, ist offen.
Das aber steht fest: Die Freilegung des spirituellen, man sollte eher sagen seelischen Missbrauchs in diesen einst offiziell so vorbildlich gepriesenen Gemeinschaften ist eine Katastrophe nicht nur für die französische Kirche. Aber die frommen Massen, offenbar die dogmatisch stabilen „Hardliner“, lassen sich davon nicht beeindrucken. „Es menschelt halt bis zu Gott“, heißt ihre tröstende (?) Weisheit.

7.

Spiritueller, geistlicher Missbrauch ist nicht nur ein Problem der Kirche in Frankreich, im Bistum Münster wird  eine entsprechende Studie veröffentlicht: LINK: https://katholisch.de/artikel/70293-studie-zu-geistlichem-missbrauch-in-muenster-wird-vorgestellt

Fußnote 1: Die Betroffenen Gemeinschaften des spirituellen Missbrauchs, entnommen von la Croix am 7.9.2026:

Alliance des Cœurs unis, Bénédictines de Montmartre, Carmel de Simacourbe, Carmel du Reposoir, Carmel de Toulouse, Carmel,
Cisterciens de Sept-Fons,
Les Communautés de L’ Agneau, de l’Emmanuel, des Béatitudes, du Chemin Neuf, du Pain de vie, du Verbe de Vie,
consacrées du Regnum Christi (Laien der Legionäre Christi),
Communautés Saint-Jean, Communauté Saint-Martin,
Communion et libération, Compagnie de Jésus province de France (Jesuiten),
Famille de Marie Œuvre de Jésus Souverain Prêtre, Religieuses de l’Assomption,
Famille missionnaire de Notre-Dame, Famille monastique de Bethléem, Focolari, Fondacio, Foyers de Charité, Fraternité Eucharistein, Fraternité de Marie Reine Immaculée,
Fraternités monastiques de Jérusalem (St. Gervais, Paris), Fraternité Verbum Spei, Institut du Christ Roi Souverain Prêtre, Institut Notre-Dame de Vie,
Légionnaires du Christ,
Maria Stella Matutina,
Opus Dei,
Point Cœur, Sœurs Missionnaires de la Charité, Séminaire Saint-Luc d’Aix-en-Provence.

Quelle: https://www.la-croix.com/religion/abus-spirituels-d-anciens-membres-de-communautes-demandent-au-pape-des-reponses-fortes-20260907

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

 

 

Kollaboration rechtsextremer Parteien mit katholisch- nationalistischen – rechtstextremen Parteien in Polen

Jordan Bardella, Präsidentschaftskandidat der äußerst rechten Le – Pen – Partei („Rassemblement National“, RN) schafft Allianzen mit Polens rechtsextremen Parteien

Ein Hinweis von Christian Modehn am 6. Juli 2026

1.
Über die aktuell regelmäßige Zusammenarbeit rechtsextremer Parteien in Europa ist schon viel publiziert worden. Und einige Erkenntnisse zu dieser europäischen Allianz der rechtsaußen Parteien haben sich herumgesprochen, hoffen wir.
Europas Staaten sind schon jetzt rechtslastig, oft rechtsextrem und es wird wohl immer schlimmer. Wir dokumentieren ein weiteres Faktum.

2.
Jordan Bardella, neben Marine Le Pen, Chef der rechtsextremen Partei „Rassemblement National“ und möglicher Präsident Frankreichs 2027, knüpft Bündnisse mit katholisch geprägten Rechtsaußen – Parteien in Polen … bei seinem Besuch in Warschau am 18. und 19.Juni. Dort wurde Bardella geradezu pompös empfangen, wie in großer Staatsmann.
Diese Rechtsaußen Parteien in Polen machen allen demokratisch Gesinnten das Leben schwer, haben aber enormen Rückhalt unter den immer noch zahlreichen praktizierenden Katholiken. Die wichtigste rechtsextrem – katholische – nationalistische – antisemitische Stimme Polens ist das Radio – Medien -Imperium „Radio Maryja“. Selbst den wenigen progressiven Bischöfen Polens ist es nicht gelungen, durch päpstlichen Druck ein Ende dieses Imperiums zu erreichen. Die Geduld der offiziellen katholischen Kirche mit rechtsextremen Katholiken (nicht nur in Polen) ist bekanntlich sehr groß.

3.
Wie gesagt, am 18.und 19. Juni 2026 besuchte Jordan Bardella Warschau, und zwar die rechtsextreme Partei „Nationale Bewegung“, die auch im Europa – Parlament vertreten ist. Vermittelt wurde das glanzvoll inszenierte Treffen von der erz-katholischen PiS Partei. Bardella hatte auch Gespräche mit dem PiS Chef Jaroslaw Kaczynski und mit dem Staatspräsidenten Karol Nawrocki, er ist PiS sehr nahestehend. Aber die sehr rechtsextreme polnische „Nationale Bewegung“, sozusagen der „Partner“ Bardellas und seiner Partei, ist dem Staatspräsidenten dann selbst doch etwas zu extrem. Deswegen wollte der Präsident keinen Medienrummel zu seiner Begegnung mit Bardella. LINK

4.
Gott sei Dank ist Bardella nicht homosexuell, in dem Falle hätten ihn die polnischen Politiker sicher erst gar nicht empfangen. Bardella ist hingegen nicht getauft, er nennt sich konfessionslos. „Dieser Makel“ spielt im politischen Kalkül der rechtsextremen Katholiken und ihrer Parteien aber offenbar keine so große Rolle.

5.
Der katholische Milliardär Vincent Bolloré hat in seinem Verlag Fayard (Paris) kürzlich eine Art politische Programmschrift Bardellas veröffentlicht: „Ce que veulent les Français“ („Was die Franzosen wollen“). Auch in Frankreich läuft die Zusammenarbeit Rechtsextremer (Millionärs-) Katholiken und rechtsextremer Politiker offenbar wie geschmiert. Zum Milliardär und Medienmogul Bolloré: LINK.
Und auch „Katholische Rechtsextreme gegen die Menschenrechte“: LINK

6.
Wer ist noch in der Lage, der Kollaboration rechtsextremer Parteien in Europa, inklusive der rechtsextremen Katholiken und ihrer finanzstarken Netzwerke, Widerstand zu leisten?
Wer kann noch wirksam zeigen: Katholizismus hat nichts mit rechtsextremen Ideologien und Parteien zu tun? Linke Katholiken wurden von der Kirchenführung ja vergrault oder rausgeschmissen. Es gibt de facto keine linken Katholiken mehr.

7.
In Frankreich sind die Bischöfe allgemein sehr zaghaft gegenüber den rechtsextremen Parteien, wahrscheinlich wissen sie aus repräsentativen Umfragen: Etwa 40 Prozent der noch praktizierenden Katholiken stimmen für Le Pen bzw. den Rassemblement National. Bekanntlich lebt die katholische Kirche Frankreichs vor allem von Spenden der praktizierenden Gläubigen. Rechtsextreme Katholiken können also den ohnehin schwach fließenden Geld- Hahn der Kirche zudrehen und kein Geld mehr spenden. Oder katholische rechtsextreme Milliardäre können helfend ein paar Millionen Euro rüberreichen, aber dabei bestimmen, für welche – ihnen günstige – Projekte ihr Geld verwendet werden soll. Sie können, mit anderen Worten, die Bischöfe und den Rest der Katholiken erpressen… So wird also der Katholizismus, nun unter Druck von rechtsaußen stehend, selbst sehr rechtslastig.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Rechtsextrem und katholisch: Neues von den Traditionalisten

Reaktionär-katholische „Piusbrüder“ wollen nicht zur offiziellen katholischen Kirche gehören.
Ein theologisch-politischer Hinweis von Christian Modehn am 22.2.2026

Zur Einführung:
Der römische Katholizismus, die Papstkirche, ist faktisch alles andere als eine uniforme Einheit: Es gibt die wenigen progressiven Reformgruppen, sie sind ohne reformatorischen Einfluß auf die Institution. Und es gibt die vielen konservativen, dann die sehr konservativen und dann die reaktionären, politisch stets sehr rechten, katholischen Gemeinschaften mit vielen tausend Mitgliedern und Anhängern.
Einige Gruppen sind hingegen so reaktionär, dass sie außerhalb der offiziellen Papstkirche agieren, am bedeutendsten und umtriebigsten sind dabei die sogenannten Piusbrüder, auch Traditionalisten oder Integristen genannt. Sie sind eine Gründung des katholischen Erzbischofs Marcel Lefèbvre im Jahr 1970. Diese „Lefèbvre-Katholiken“ sind theologisch auf dem Niveau des 19. Jahrhunderts stehen gebliebenen, politisch sind sie gegen alles, was mit Menschenrechten zu tun hat. Diese in vielfacher Hinsicht reaktionären Katholiken ärgern mal wieder sehr den Papst und seine vatikanischen Behörden. Durch die politische Relevanz dieser Sonder-Kirche ist unser Thema alles andere als ein bloßer Hinweis auf „vatikanische Kircheninterna“…

1.
Die international verbreitete, ca. 150.000 Mitglieder zählende Kirche der katholischen Traditionalisten, auch „Piusbrüder“ genannt und treffend als reaktionär-katholisch bewertet, ärgert seit Beginn 2026 mal wieder sehr heftig die von ihr ungeliebte, wenn nicht verachtete offizielle römisch-katholische Papstkirche. Aber der Streit hat wohl jetzt ein (vorläufiges?) Ende gefunden: Am 18. 2. 2026 verkündete der Leiter der Piusbrüder, Davide Pagliarani, dass er, nach einem Dialog mit dem Vatikan, an dem Entschluss festhält: Es werden nun eigenmächtig Bischöfe für die Piusbrüder -Kirche geweiht, und zwar am 1.7.2026! LINK

Mit anderen Worten: Die reaktionär-Katholischen, die Piusbrüder, wollen ihren eigenen Weg außerhalb der offiziellen katholischen Papstkirche fortsetzen. Theologisch und politisch ist klar: Darüber können sich alle demokratisch gesinnten Menschen nur freuen: Denn es ist nun entschieden: Es wird also nicht noch eine weitere extrem konservative Gemeinschaft die Entwicklungen des offiziellen Papstkatholizismus mitprägen oder gar mitbestimmen können. Sehr konservative und sehr rechte Positionen gibt es ohnehin schon viel zu viele im offiziellen Katholizismus, unter Kardinälen (nur ein Beispiel: Robert Sarah, LINK), in „neuen geistlichen Gemeinschaften“ (nur ein Beispiel „Opus Dei“) oder unter einzelnen, etwa Millionären, nur ein Beispiel etwa in Frankreich Vincent Bolloré: LINK 

2.
Zur Erinnerung: Worum geht es, in aller Kürze, für theologische „Laien“ nachvollziehbar, bei den Auseinandersetzungen der Piusbrüder contra Papstkirche?

3.
Die Traditionalisten, die „Piusbrüder“, gegründet 1970 durch den damals noch offiziell katholischen, aber schon reaktionären Erzbischof Marcel Lefèbvre, können sich – trotz ihrer Ablehnung dieser angeblich modernen „Reform-Päpste“ und des 2. Vatikanischen Konzil – noch katholisch nennen. DENN: Sie verfügen über gültig geweihte Bischöfe. Der katholische Bischof Marcel Lefèbvre weihte vier seiner Getreuen 1988 zu Bischöfen, allerdings ohne Zustimmung des Papstes. Aber diese Weihen sind nach offiziellem katholischen Kirchenrecht GÜLTIG, so vertrackt ist das Kirchenrecht! Wegen seines eigenmächtigen Ungehorsams wurden Lefèbvre und die neu geweihten Bischöfe vom Papst sofort bestraft, nämlich exkommuniziert. Dadurch wurde die Piusbrüder – Kirche als „schismatische“, d.h. vom Papst und den Weisungen des 2. Vatikanischen Konzils „abgespaltene“ katholische Bewegung bewertet. Aber dadurch, dass sie über gültig geweihte Bischöfe verfügt, ist sie  immer noch vom Vatikan aus bewertet als katholisch einzuschätzen. Der Papst hat also keine Alleinverfügungs-Gewalt mehr über diejenigen, die sich katholisch nenne. Und das empört den Papst sehr!

Seit 1970 und besonders seit 1988 gibt es auch deswegen immer wieder Versöhnungsversuche zwischen den Päpsten und den Führern dieser reaktionär – katholischen Kirche. Wie viel Energie wurde für diese Frage im Vatikan in eigenen Kommissionen etc. aufgewendet! Hätten die vatikanischen Behörden in der Zeit Theologie studiert und endlich ernst genommen, dann hätten sie wenigstens das DiakonInnen Amt einführen können. Aber nein: Den Reaktionären und Konservativen gilt im Vatikan immer bevorzugte Aufmerksamkeit!

4.
Ein wichtiger theologischer Hinweis:
Nur gültig geweihte Bischöfe garantieren in dieser merkwürdigen Theorie des Katholizismus die engste Verbundenheit mit den ersten 12 Aposteln Jesu von Nazareth: Dieser Umstand wird in der katholischen Theologie „apostolische Nachfolge“ genannt: Nur Bischöfe können und dürfen Männer zu Priestern GÜLTIG weihen. Die absolute Aufwertung der Kleriker ist bekanntlich eine ebenso fixe Idee des Katholizismus: Nur geweihte Priester dürfen der Eucharistiefeier vorstehen. Und diese Messe, eine weitere fixe Idee des Katholizismus, wird als absoluter Höhepunkt katholischen Lebens allen Katholiken eingepaukt, selbst wenn diese Messen immer in derselben Form durchaus etwas „Langweiliges“ haben, selbst wenn die einst lateinischen Gebete etc. wortwörtlich aus dem Lateinischen in die jeweiligen Landessprachen übersetzt worden sind. Die immer geringere Teilnahme an diesen Messen im aufgeklärten Europa ist ja der beste Beleg für die fremde Welt, die befremdliche Sprache und die kaum nachvollziehbare Theologie dieser Messe…. selbst wenn die Priester heute dem „gläubigen Volk“ nicht mehr den Rücken zukehren. Das ist nur noch bei den Piusbrüdern oberstes Gebot!

5.
Nebenbei: Bekanntlich gilt ein Katholik dann als „praktizierend“, wenn er an der Eucharistiefeier, der Messe, an jedem Sonntag teilnimmt. Man könnte ja auch mit viel besseren Argumenten betonen, ein Katholik sei dann „praktizierend“, wenn er sich bemüht, gemäß den Weisungen Jesu in der Bergpredigt zu leben: Erst diese, auch politische kritische Praxis hätte etwas mit den Werten im Sinne Jesu von Nazareth zu tun.…

6.
Zu den „reaktionär-katholischen“ Piusbrüdern: Es ging bei den Versuchen der „Versöhnung“ im Hintergrund immer auch um die Frage, ob und wenn ja wie die Messe in der Liturgie und Theologie des 16. Jahrhunderts heute noch von den vielen Gemeinden der Piusbrüder gefeiert werden darf. Hatte doch das 2. Vatikanische Konzil (1962-1965), das so genannte Reformkonzil, die Messe in den jeweiligen Landessprachen als oberste Norm mit überwältigender Mehrheit beschlossen. Aber die Reaktionär – Katholischen verstecken ihre wahre Ideologie/„Theologie“ nur hinter ihret leidenschaftlichen Zelebration der Messe in der Form des 16. Jahrhunderts. Und diese Messe des 16. bzs 19. Jahtrhunderts nennen sie die „ewige Messe“ in völliger theologischer Blindheit.

Viel wichtiger ist: Die Piusbrüder und ihre Anhänger sind explizit und öffentlich ganz ungeniert gegen die Demokratie, sie sind auch gegen die Religionsfreiheit, gegen die Moderne im allgemeinen, gegen die philosophische Aufklärung. Sie sind leidenschaftlichste Verfechter im Pro-Life-Kampf, zum Schutz des ungeborenen Lebens vom ersten Moment der Zeugung an. Dass die reaktionär Katholischen gegen die „Ehe für alle“ sind, ist bekannt, dass sie gegen jede Form des Feminismus kämpfen, ist ebenso klar. Die enge Bindung der Piusbrüder an die politisch rechtsextremen Parteien ist etwa für Frankreich evident. Aber Bindungen an die Rechtsextremen gibt es auch bei Katholiken, die noch zum offiziellen französischen Katholizismus gehören wollen, wie der katholischen Medien-Mogul Vincent Bolloré, LINK,

Wir haben dokumentiert, dass 2024 über 40 Prozent der so genannten praktizierenden französischen Katholiken für die rechtsextremen Partei Front Nation (Rassemblement Nation) LINK oder die Partei des reaktionären Eric Zemmour gestimmt haben LINK.

7.
Die demokratische Welt sollte also jetzt aufatmen: Diese theologisch wie politisch rechtsextreme katholische Gemeinschaft der Piusbrüder wird also auch 2026 nicht Teil der offiziellen Papstkirche.

Die Päpste und ihre  Beamten haben seit Jahren schon ohnehin viele einzelne oder Gruppen dieser reaktionär Katholischen wieder in ihre Papstkirche aufgenommen, die Liste ist sehr lang, nur ein paar Beispiele: Etwa die Benediktiner- Mönche von Le Barroux bei Avignon LINK. Oder: Das „Institut du Bon Pasteur“ in Bordeaux LINK , es umfasst etwas moderat gewordene Piusbrüder, sie erkennen den Papst an, können aber ihre reaktionäre Theologie etc. weiter vertreten. Von vielen weiteren reaktionären, offiziell sehr päpstlichen Orden und Gemeinschaften wie dem „Institut Christ König“ wäre zu reden, LINK,  oder von den reaktionären sehr finanzstarken Katholiken in den USA, nicht nur von Steve Bannon, wäre zu sprechen LINK , sondern vom reaktionär-katholischen Umfeld von Vizepräsident Vance und seiner Freunde im Klerus usw…
Schließlich wäre die päpstliche Alternative zu den Piusbrüdern zu nennen: Es ist die papsttreue, aber selbstverständlich äußerst konservative „Petrusbruderschaft“ LINK…

Dies nur als kleinen Eindruck, wie durchsetzt die offizielle Papstkirche von sehr konservativen Positionen ist. Dabei haben wir von vielen tausend theologisch – fundamentalistischen Neokatechumenalen oder den Legionären Christi mit dem „Regnum Christi“ oder dem internationalen Geheimclub „Opus Dei“ noch gar nicht gesprochen…Wer diese äußerst zahlreichen und einflußreichen sehr konservativen offiziell katholischen Kreise vor Augen hat und dann auch die vielen tausend Missbrauchs-Verbrechen durch Priester wahrnimmt oder etwa auch noch an die heftigen Klagen der Ordensfrauen denkt, die von Priestern in Afrika sexuell missbraucht werden und so weiter… der kommt zu dem Schluß: Eigentlich ist diese Papst-Kirche insgesamt mit ihrem Zölibatsgesetz, ihrer offensichtlichen Frauenfeindlichkeit, ihrer Ablehnung der „Ehe für alle“, ihrer Ablehnung der Geltung von umfassenden demokratischen Strukturen der Kirche … nur noch ein machtvolles Gerüst, das immer mehr wackelt. Es ist die fromme Folklore im Vatikan, in Assisi, Lourdes, Fatima, Medjugorje und so weiter, die noch den Eindruck hinterlässt: Der Katholizismus lebt noch in Europa…

8.
Noch mehr reaktionäre Katholiken innerhalb der Papstkirche wären jedenfalls für jeglichen kleine Hoffnung einer dringenden Kirchen – Reformation der Papstkirche  äußerst verderblich. Demokraten freuen sich also: Die Piusbrüder sollen doch ihre eigene Sache im eigenen Stil unabhängig weiter machen, sie bleiben eine Sekte, einflußreich zwar da und dort und mit vielen finanzstarken Gönnern ausgestattet.. Machen sie viel Blödsinn, kann man das theologisch öffentlich kritisieren; begehen ihre Mitglieder weiterhin Verbrechen im „pädophilen“ Bereich, wird sich der Staat hoffentlich kümmern und endlich für Aufklärung längst vergangener Taten sorgen…

9.
Aber auch das noch: Längst haben sich weitere reaktionärere Gruppen von diesen Reaktionären Piusbrüdern abgespalten: Denn der bekannte Leugner der Shoa, der Piusbruder Bischof Richard Williamson, musste 2009 aus diesem Club rausgeschmissen werden. Aber Bischof Williamson (ebenfalls gültig geweiht, durch Erzbischof Lefèbvre 1988) zog sich nicht zurück, Williamson gründete seine eigene reaktionäre Kirche, die „Union sacerdotale Marcel-Lefèbvre“ mit etwa 60 Priestern. LINK . Bischof Williamson redete viel wirres Zeug, auch viel Antisemitisches. Auch das ist  für den Papst noch eine Art Untat: Auch Williamson weihte sechs seiner Priester zu Bischöfen, sogar einen Polen, und gab seinen rechtsextremen, sich auch antisemitischen Gemeinschaft damit weiteren Bestand.

10. Papst Leo erkennt durchaus die politische Gefahr durch die Rechtsextremen: Er ist  ist ein aufmerksamer Beobachter der politischen Rechtsradikalen nicht nur in den USA, sondern auch in Spanien. Die Zeitung „El Pais“ berichtet am 23.2.2026: Der Papst warnte die spanischen Bischöfe vor der immer stärker werdenden rechtsradikalen Partei VOX in Spanien: Diese Partei „instrumentalisiere“ die Kirche für ihre rechtsextremen Zwecke, und: die Partei sei gefährlich, weil sie feindlich gegen Ausländer und Flüchtlinge eingestellt sei.
Tatsache ist: Gerade unter praktizierenden Katholiken ist der Anteil der Vox – Wähler und Vox-Anhänger sehr hoch, diese Katholiken stört die fremden-feindliche Politik der VOX nicht. Quelle: LINK:

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ hat sich mehfach, schon seit vielen Jahren, mit rechtsextremen Katholiken vor allem in Frankreich auseinandergesetzt. Etwa im Jahr 2018:LINK

Sehr ausführliche und zuverlässige, wissenschaftliche Informationen zu diesem weiten Thema „Piusbrüder“ bietet die französische Ausgabe von wikipedia unter dem Titel:  Fraternité Saint Pie X und auch der Wikipedia Beitrag zum sexuellen Missbrauch durch Priester in diesem Club: Abus sexuels dans la fraternité Saint-Pie-X.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Gerechtigkeit ist etwas Göttliches: Wenn ein katholischer Theologe den Kirchenfeind Proudhon lobt.

Ein Hinweis auf ein Buch von Henri de Lubac über Proudhon
Von Christian Modehn am 2.2.2026

„Revolution und Gerechtigkeit“: Für diese Ziele kämpft der radikale Philosoph Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) in seinem sehr umfangreichen Werk. Mit diesem rebellischen, heftig kirchenkritischen Denker beschäftigt sich objektiv, aber durchaus auch voller Sympathie der katholische Theologe Henri de Lubac in seinem Buch „Proudhon et le christianisme“.
Warum ist es wichtig, daran zu erinnern? Der Theologe veröffentlicht sein Buch unmittelbar nach dem Zusammenbruch der rechtsradikalen, faschistoiden Pétain-Diktatur. Eine denkwürdige Konstellation. Der prominente katholische Theologe zeigt den (französischen) Christen nach dem Ende des Pétain – Regimes: Die meisten Katholiken haben das Regime unterstützt. Hätten sie die Gerechtigkeit für alle als etwas Göttliches angesehen, wäre der Zusammenbruch der Republik, die Verfolgung der Juden und der Linken nicht möglich geworden. Also: Hätten sie den verschmähten antiklerikalen Philosophen Proudhon gelesen, was er über die Gerechtigkeit schreibt…

1.
Das Buch „Proudhon et le christianisme“ wird 1945 in den „Editions du Seuil“, Paris, veröffentlicht, ein Jahr nach der Überwindung der Herrschaft des Vichy-Regimes. De Gaulle ist am 26. 8.1944 in das befreite Paris einmarschiert.

Die Studie des katholischen Theologen de Lubac erscheint unmittelbar nach der Überwindung des antisemitischen, menschenfeindlichen, anti-demokratischen Pétain-Regimes. Aber die LeserInnen werden erstaunt sein, dass es nur einen einzigen winzigen Hinweis auf die Zeit dieses Nazi-ergebenen Regimes Pétain im Buch gibt: De Lubac widmet seine Studie einem Priester, einem Jesuiten, der in der Résistance aktiv war und von der Gestapo am 10.8.1944 ermordet wurde. Sein Name:  Yves de Montcheuil. Da veröffentlicht also der schon damals berühmte Theologe de Lubac ein Buch 1945 und verbindet das Thema nicht mit der politischen Aktualität. Das Buch „Proudhon et le christianisme“ ist trotz dieser „politischen Abgehobenheit“ wichtig. 

2.
Der Autor ist ein schon damals bekannter Theologe im Jesuitenorden: Henri de Lubac wurde geboren 20.2.1896, gestorben ist er am 4.9.1991. Im Jahr 1929 wurde er Professor für „Fundamentaltheologie“ an der Hochschule der Jesuiten in Lyon. 1938 hatte er das viel beachtete Buch „Catholicisme“ veröffentlicht. Darin plädiert er für ein großzügiges, weites Konzept des Katholischen in der heutigen Welt, „alles Menschliche in höchstmöglicher Liebe einschließend“, schreibt der Theologe Herbert Vorgrimler. (Quelle: FUßNOTE 1)
3.
Aber Liebe zu allen Menschen erfordert auch den Widerstand gegen Rechtsradikale, Antisemiten, Faschisten: De Lubac gehörte während des Vichy-Regimes des Marschall Pétain und seiner Nazi – Freunde zur Résistance in Lyon. Besonders zum „intellektuellen Widerstand“ derer, die den unmittelbar politisch Handelnden im Widerstand helfen, durch persönliche Unterstützung, auch durch theoretische Arbeiten: De Lubac war eng verbunden mit den eher kleinen Kreisen der katholischen Résistance, die sich in Lyon um die geheimen Widerstandszeitschrift „Cahiers du Témoignage Chrétien“ sammelten. Das Motto dieser – bis heute bestehenden – Zeitschrift: „Vérité et Justice quoi qu il en coute“, „Wahrheit und Gerechtigkeit, koste es, was es wolle“.
4.
De Lubac weiß aus eigener Erfahrung, dass nur ein kleiner Teil des Klerus und der „praktizierenden katholischen Laien“ das Vichy Regime aktiv bekämpfte. Die mehrheitlich „braven Christen“ (Mitläufer, Nazi-Freunde etc.) will er durch sein Buch daran erinnern: Der Philosoph Proudhon, zwar ein heftiger Feind der Kirche, stellt auf vorbildliche Weise das Thema der Gerechtigkeit für alle Menschen (zumal für die Menschen im Elend, in Armut) in den Mittelpunkt. Proudhon bewertet die Gerechtigkeit für alle Menschen so hoch ein, dass er ihr sehr deutlich in seinen zahlreichen Publikationen göttliche Qualitäten zuspricht. Die Christen haben also nach Meinung de Lubacs von einem antiklerikalen Gegner der Kirche zu lernen! Man möchte sagen: Trotz dieser Aussagen erhielt diese Proudhon-freundliche Studie des Jesuiten de Lubac die damals erforderliche „kirchliche Druckerlaubnis“.
5.
De Lubac arbeitete an seiner – übrigens leicht lesbaren – wissenschaftlichen Studie über Proudhon (316 Seiten mit zahllosen Belegen und wissenschaftlichen Verweisen) natürlich schon einige Jahre, also zu Zeiten der Herrschaft des Pétain Regimes. De Lubacs Erkenntnis ist eine Provokation für alle Katholiken, die Proudhon bisher als Feind Nr. 1, als Anarchisten, Kommunisten usw. bewerteten. Proudhon hingegen, in der Sicht de Lubacs, will die Religion keineswegs zerstören, sondern auf neue Weise retten, aber er will nicht die bestehende Kirche unterstützen: „Um die Religion wiederherzustellen, muss man die Kirche verurteilen.“ (S. 85).Und die Religion? Sie ist für Proudhon vor allem die Verehrung der göttlichen Gerechtigkeit! De Lubac schreibt ein eigenes Kapitel mit dem Titel: „Proudhon der Theologe.“ Das heißt: Er ist zwar antiklerikal, aber er verdient den Titel Theologe (S.112).
6.
Proudhon neu zu bewerten, ihn aus der üblichen oberflächlichen Interpretation eines „Anarchisten“ oder Atheisten und Kommunisten usw. zu befreien, ist für de Lubac eine theologische Verpflichtung. Denn durch die Hochschätzung der Gerechtigkeit für alle entsteht eine Art neue, große Ökumene: Sogenannte Antiklerikale haben eine tiefe, eine radikale Hochachtung für die Gerechtigkeit, das beweist die Résistance der Sozialisten, Kommunisten, Freidenker. Mit ihnen zusammen haben einige Christen in der Résistance gekämpft, warum sollte diese Gemeinschaft nicht weitergehen? Die „göttliche Gerechtigkeit“ verbindet doch unterschiedliche Menschen! Aber diese Gedanken wurden auch von einer auf sich selbst fixierten Kirche nach 1945 nicht weiter gedacht, schließlich waren ja nun die Kommunisten Feind Nr.1 der Kirche….
7.
Gerechtigkeit steht als Prinzip der Gestaltung von Welt und Gesellschaft an oberster, „göttlicher“ Stelle, betont also Proudhon. Und er zieht daraus die Konsequenz: Ein Christ, der sich nicht für die umfassende soziale Gerechtigkeit interessiert und einsetzt, handelt nicht entsprechend der Logik seines Glaubens (S. 221). De Lubac ist überzeugt: Diese Hochschätzung der Gerechtigkeit „kann man nicht anders als religiös qualifizieren“ (S.297). De Lubac meint sogar: Proudhon erlebe der Gerechtigkeit gegenüber sogar einen „Schauder des Heiligen“ (ebd.) Proudhon ist überzeugt: „Das Gerechte, das Schöne, das Wahre ist die Religion der Zukunft“ (ebd.). Letztlich will er das kirchliche Christentum in der modernen Welt durch die Idee der heiligen Gerechtigkeit ersetzen. De Lubac widmet darum ein eignes Kapitel der Bindung Proudhons an die Gerechtigkeit: „Adoration de la Justice“, „Anbetung der Gerechtigkeit“ ist der Titel (S. 294ff).
8.
De Lubac hat als Theologe durchaus Anfragen an dieses Konzept der göttlichen Gerechtigkeit. Etwa: Sollte nicht doch ein transzendenter Gott mit – bedacht werden, weil er diese Idee der Gerechtigkeit, die in allen Menschen letztlich lebt, „geschaffen“ hat? Denn Proudhon denkt selbst an den Schöpfer: „Gerechtigkeit als das Wesen der Menschheit ist förmlich etwas Angeborenes in der Seele der Menschen“ (S. 302). Angesichts dieser Erkenntnis muss Proudhon betonen: „Diese starke Idee der `angeborenen Gerechtigkeit im Menschen` bleibt ein Geheimnis“ (S. 313).
9.
Bis heute fällt auf: Katholische Autoren erwähnen NICHT in ihren Studien zu dem inzwischen offiziellen vatikanischen Theologen de Lubac dessen Buch „Proudhon et le Christianisme“: Nur ein Beispiel: LINK.
Hingegen war nicht-katholische Presse unmittelbar nach Erscheinen voller Lob: LINK.  www.persee.fr/issue/r1848_1155-8792_1946_num_37_172
10.
Die weitere theologische Entwicklung de Lubacs kann hier nicht dargestellt werden: Er hatte sich seit 1950 zu einem progressiven theologischen Störenfried entwickelt mit entsprechenden Bestrafungen durch den Vatikan (Lehrverbot etc..). Allerdings wurde er durch Papst Johannes XXIII. als theologischer Berater in das 2. Vatikanische (Reform-) Konzil berufen. Seit der Zeit allerdings verbreitete de Lubac eher offizielle, papstfreundliche akzeptable Positionen, wobei seine Interessen etwa für den Buddhismus etwas Besonderes bleiben. Papst Benedikt XVI. auch Papst Franziskus schätzten de Lubac, im hohen Alter wurde er noch zum Kardinal durch Papst Johannes Paul II. ernannt. Heute sind es eher konservative Theologen und Bischöfe, die den nun offiziell katholischen Theologen de Lubac verehren, von Auseinandersetzungen mit Proudhon und dessen Maxime „Eigentum ist Diebstahl“ ist von diesen konservativen Theologen nichts zu hören. Darum merke: Selbst anfänglich progressive Theologen (wie de Lubac anfänglich) werden zu Vertretern des offiziellen Lehr – Systems, wenn sie von Papst und Bischöfen integriert und belohnt werden…
Nun soll der Mann, der 1945 den Kirchenkritiker und Agnostiker Proudhon so sympathisch fand, auch noch „selig gesprochen“ werden, also als Fürsprecher im Himmel von Katholiken hier auf Erden angefleht werden, so beschloß es die Konferenz der französischen Bischöfe 2023. Ob dadurch auch Proudhon etwas in den Stand des Seligen gerät? Eher unwahrscheinlich!
11.
Posthum erschien eine Studie Proudhons über Jesus: „Jésus et les Origines du christianisme”, „Jesus und die Ursprünge des Christentums“. Darin interessiert sich der theologische Agnostiker und Kirchenfeind vor allem für die menschliche Person Jesu im historischen Umfeld. Schon seit seiner Jugend hat sich Proudhon für die Jesusgestalt interessiert. Ausführliche Darstellungen über Jesus bietet auch das Buch „De la justice dans la Révolution et dans l’Église” („Über die Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche“). Die Arbeiten über Jesus zeigen Proudhon als Bibelwissenschaftler, Soziologen und Philosophen. Der Theologe Gérard Bessière hat zu dem Thema ein wichtiges Buch veröffentlicht, das leider auch – in Deutschland – wenig Beachtung fand. (Fußnote 2)
12.
Unsere, von de Lubac inspirierte Erinnerung an Proudhon, an dessen Hochschätzung der Gerechtigkeit, ist natürlich keine „Seligsprechung“ Proudhons.
Wir wissen, dass er ein damals übliches, sehr enges Bild von Familie hatte, dass er die Homosexualität ablehnte und auch antisemitische Äußerungen in die Welt setzte.
Trotz dieser Begrenztheiten: Über die göttliche Gerechtigkeit lässt sich weiter nachdenken. Der Philosoph Omri Boehm zeigt in einer Interpretation des alttestamentlichen Mythos vom Untergang Sodoms: Gott ist selbst an die Gerechtigkeit gebunden, Gott steht nicht über der Gerechtigkeit: Darauf wird im Mythos Gott selbst von Abraham belehrt (etwa: Genesis 18).
In einer Besprechung des Buches „Radikaler Universalismus“ von Omri Boehm hat Christian Modehn geschrieben: „Da die Gerechtigkeit universell ist, steht sie auch über der Autorität der einen wahren Gottheit“ (zit. S. 53 in Boehms Buch). Diese über allem und allen stehende Gerechtigkeit ist entscheidender noch als Gott! Das in dieser Deutlichkeit zu sagen, ist sensationell, weil dann Gott nicht mehr der „Aller-Oberste“ ist. Es gibt eine Art „Gott über Gott“, und dies ist die universale Gerechtigkeit. Aber die zeigt sich in der Erfahrung der Menschen als eine nicht von Menschen gemachte und von Menschen verfügbare Wirklichkeit.“ Quelle: LINK
13.
Proudhon und sein Interpret de Lubac (1945) hätten sich über diese Erkenntnis des (an Kants Philosophie geschulten) Philosophen Omri Boehm sehr gefreut. Wir freuen uns, dass offenbar manche Erkenntnisse der Philosophie Proudhons doch nicht ganz verschwinden und aktuell eine Bestätigung finden.

Fußnote 1: Orientierung, Zeitschrift der Jesuiten, Zürich, 1970, S. 107
Fußnote 2: Gérard Bessière, Jésus selon Proudhon. La « messianose » et la naissance du christianisme, Paris, Éditions du Cerf, 2007, 484 p.

Fußnote 3: Zum Thema „Eigentum ist Diebstahl“ (Proudhon) LINK

Fußnote 4: zum Thema: Superyachten – die obszönen Kapitalisten und Milliardäre, Hinweis auf ein wichtiges Buch:  LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Wenn Rechtsextreme die katholische Kirche lieben…

Der rechtsradikale französische Politiker Eric Zemmour will aus Frankreich Muslime rausschmeißen. Ein kritischer Hinweis auf das neue Buch Zemmours.
Von Christian Modehn. Am 9.November 2025

Dies ist ein Hinweis auf das heftige Bemühen eines Rechtsradikalen und Identitären, katholische Gläubige zu gewinnen: „Wir brauchen die Kirche als für uns hilfreiche Institution“, ist das Motto Zemmours.

Und: CSU-Politiker (Seehofer, Dobrindt) und AFD Politiker müssen wissen, wenn sie, wie so oft, verkünden: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“: Dann befinden sie sich in bester Gesellschaft mit dem Rechtsextremem Eric Zemmour, er verkündet: „Der Islam ist mit der französischen Republik nicht kompatibel.“ (zit. S.100 im neuen Buch Zemmours „La messe n est pas dite“, Paris 2025).

1.
Sollte man wirklich die neue Publikation eines notorischen, mehrfach gerichtlich verurteilten französischen Rechtsextremen lesen und kritisch bewerten? Das hat nur Sinn, um die Lügen seiner Ideologie freizulegen, seine Unterstützer zu nennen und seine internationalen Connection.

2.
Eric Zemmours Partei „Reconquete“ gehört seit 2024 im Europa-Parlament zur rechtsextremen Fraktion „Europa der Souveränen Nationen“(ESN). Mitglied sind auch die „Alternative für Deutschland“ (AFD) und weitere rechtsradikale Parteien aus Polen, Ungarn, der Slowakei usw.. Auf der „Buchmesse“ der rechten und rechtsextremen Verlage in Halle am 9. Novembetr 2025 war auch ESN aus Brüssel vertreten, LINK … Bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich 2022 erhielt Zemmours Partei 7,07% der Stimmen, danach gab es Streit unter den Parteimitgliedern und Parteiauschlüsse. Momentan schwächelt also „Reconquete“: Das neue Buch Zemmours soll Wähler gewinnen, und zwar katholische Wähler, hatten doch 2022 schon 10 Prozent der katholischen Wähler für Reconquete gestimmt. LINK

3.
Der Autor hat seinem neuen, kleinen Essay den katholisch gefärbten Titel gegeben: „La Messe n`est pas dite“ (Der Titel will etwa sagen: “Die Sache ist noch nicht erledigt“). Welche Sache? Diese ist für den Autor Eric Zemmour seit vielen Jahren schon absolut klar: Die Ausgrenzung, die Verachtung und der Rauswurf von Muslimen aus Frankreich (und aus Europa): „Das“ also ist noch nicht erledigt, sollte aber alsbald erledigt werden, meint Zemmour, wenn die Rechtsextremen die Herrschaft übernehmen, was ja in absehbarer Zeit leider durchaus wahrscheinlich ist. Zemmour bläht seine Attacken, seine Polemik, im Mittelteil seines „Opus“ auf … zu einer sehr einseitigen, irgendwie religionswissenschaftlich, „kulturell“ angehauchten Reflexion. Seine heftigen politischen Forderungen fasst er in den abschließenden Kapiteln zusammen. Und betont dort erneut seine Verbundenheit mit dem reaktionären Flügel des USA-Katholizismus. Vor allem nennt er J.D.Vance einen „brillanten Geist“ (S. 116). Und Zemmour lobt ausdrücklich Papst Leo XIV. für seine „friedlichen und versöhnenden Intentionen“ (S. 115), im Unterschied zum verhaßten Papst Franziskus, „der versuchte, die auf Identität zielende Rückkehr junger Europäer zu ihren kulurellen Wurzeln einzudämmen.“  (S. 115).

4.
Dabei steht für Zemmour (wie heute bei allen Rechtsextremen, Identitären usw.) diese etwas kulturell-philosophisch kaschierte Anti-Islam Polemik entschieden im Dienst der aktuellen politischen Abwehr und Vertreibung von Flüchtlingen aus Frankreich und Europa. Zemmour begründet seinen Hass gegen „den“ Islam auch mit Zitaten von Autoren der alten, traditionsreichen rechtsextremen Szene wie Maurice Barrès, Joseph de Maistre…

5.
Eric Zemmour hat im Jahr 2021 die Partei „Reconquete“ („Rückeroberung“) gegründet, die der rechtsextremen Partei von Marine Le Pen („Rassemblement National“, zuvor „Front National“) Konkurrenz macht. Aber Zemmours Partei gibt sich ungeniert noch rechtsextremer als die Le Pen – Partei. Der Name der Partei „Reconquete“ sagt alles: Es geht um die Rückeroberung, also die Befreiung Frankreichs von den Zerstörern der alten französischen, und zwar der katholischen Identität: Und diese Feinde sind für Zemmour die Muslime. „Reconquista“ ist der bekannte spanische Begriff für die „erfolgreiche“ Vernichtung und Verdrängung der Muslime aus dem katholischen Spanien Ende des 15. Jahrhunderts. Dass im 11. und 12. Jahrhundert die Muslime in Andalusien die entscheidenden Vermittler von Kultur für die Christen waren, verschweigt Zemmour selbstverständlich. Aufgeklärte und gebildete Christen, ihre Theologen, sind den Muslimen dankbar für ihre kulturelle Leistung.

6.
Über Eric Zemmours Leben, geboren 1958 in der Banlieue von Paris, mit seiner Herkunft aus jüdischen Kreisen Algeriens, über seine Studien, seine journalistische Arbeit, seine vielen Bücher, seine politische Hetze usw. kann man sich sehr ausführlich und sehr treffend über die französische wikipedia Seite informieren: LINK.
Über die Prozesse gegen ihn siehe dort die Rubrik „Condamnations, relaxes et poursuites judiciaires“ („Verurteilungen, Freisprüche und Gerichtsverfahren“), gelesen am 7.11.2025.

7.
Wichtig ist zunächst: Diese Kampfschrift Zemmours mit dem theologisch wirkenden Untertitel „Für eine jüdisch-christliche Wiederbelebung“ erscheint im Verlag „Fayard“ in Paris, der früher als großer literarischer Verlag einen guten Ruf hatte: Seit einigen Jahren gehört er dem katholischen Multimillionär Vincent Bolloré, er ist mit der rechtsextremen Partei „Rassemblement National“ von Madame Le Pen sehr hilfreich verbunden. Wegen seiner rechtsextremen Bindung hat Bolloré auch Zemmours Essay veröffentlicht und zum Preis von 10 Euro förmlich unters Volk geworfen. Gleichzeitig erscheinen bei Fayard auch Publikationen weiterer rechtsextremer Politiker und Ideologen: Von Philippe de Villiers, altbekannter rechter Politiker, jetzt Mitglied der Partei von Zemmour und von Jordan Bardella, er ist jetzt Vorsitzender der rechtsextremen Partei „Rassemblement National“ (die Le Pen Partei). Da sammelt sich also in Frankreich ein finanziell bestens ausgestatteter rechtsextremer Katholizismus, und dies leider mit Erfolg: Bei der Parlamentswahl 2024 stimmten 36% der Katholiken für die rechtsextreme Parteien, also für Reconquete und für die Partei Le Pens, 2012 waren es nur 20%. …LINK 

Über den rechtsextremen katholischen Milliardär Bolloré: Siehe den schon länger vorliegenden Hinweis des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons: LINK.
Genauso wichtig ist der Slogan der Rechtsextremen: Es geht um ein Plädoyer für die „jüdisch-christliche Kultur“, die auch der Untertitel des Zemmour Buches betont: Plötzlich werden nun von Rechtsextremen, die einst Juden hassten (wie der Vater von Marine Le Pen) und Juden verfolgten (wie die faschistischen Führer im Vichy-Regime) zu Bündnispartner im Kampf gegen die schlimmen Feinde, und dies sind „die“ Muslime. Rechtsextreme schmücken sich also als Rassisten jetzt mit einer gewissen philo-semitischen Ideologie.

8.
Wie gesagt: Der rechtsextreme, explizit traditionalistisch-katholische Milliardär Bolloré und Verlagschef von Fayard ist von Zemmours angetan, weil der Autor für eine starke katholische Kirche in Frankreich und Europa plädiert. Sie soll eine religiöse Bastion gegen den Islam werden. Zemmour bekennt: Kein Katholik, kein Christ zu sein, sondern sich als Jude zu einem – bei ihm diffus wirkenden – „Judäo-Christentum“ zu bekennen (S. 19). Aber er schätzt aus politischen, machtpolitischen Gründen eine mächtige, einflußreiche konservativ-traditionalistische Kirche: Ein Vordenker für diese politisch bedingte Bevorzugung der Kirche als einer hilfreichen Institution/Organisation ist Maurice Barrès.
Barrés Motto wird von Zemmour auf Seite 15/16 zitiert: „Ich unterstütze und verteidige den bedrohten Katholizismus, weil ich Patriot bin, im Namen des nationalen Interesses. Den Katholizismus aus unserer französischen Erde herausreißen, das hieße, unser ganzes nationales Gebäude erschüttern, unser ganze Zivilisation. Zwischen dem Katholizismus und unserer Zivilisation kann man nicht mehr unterscheiden.“ In einer Art geschichtsphilosophischen Ideologie schreibt Zemmour: „Ein heiliges Land ist diesem Volk Gottes versprochen: Frankreich“ (S. 34).
Mit dieser Bevorzugung des Katholizismus wird der klassische Protestantismus (Lutheraner, Reformierte…) von Zemmour zurückgewiesen, dieser Protestantismus sei von der Aufklärungs-Philosophie verdorben und genauso so gefährlich wie die Freimaurer. Aber Zemmour schätzt, wie gesagt, den traditionalistischen Katholizismus, mit der alten Messe in Latein, dem Klerikalismus, nicht aber den Katholizismus des Zweiten Vatikanischen Reformkonzils (S. 44 f.). Denn der moderne Katholizismus pflegt den Dialog der Religionen, auch den Dialog mit dem Islam…

9.
Gegen den Islam schreibt Zemmour (S. 50): „Der Islam ist eine Unterwerfung unter eine bevormundende und überholte Regel, die aus dem 7. Jahrhundert, aus der Wüste Arabiens, stammt, sie verschließt förmlich jeden Augenblick im Leben des Individuum: Denn Individualität und Freiheit werden negiert in einer totalitären Logik.“ Zemmour behauptet, die katholische Kirche hätte die Individualität gefördert, die Individuen gepflegt….von Hexenverbrennungen und Unterdrückung von Frauen, von Minderheiten usw. ist keine Rede bei ihm. Zemmour bastelt sich seine Kirchengeschichte zusammen…

10.
Zur „Identität“ Europas, dem Hauptthema des Identitären Zemmour: „Juden und Christen haben begriffen, dass einzig diese ihre gemeinsame Verbindung Frankreich und Europa retten kann von einer unausweichlichen und verheerenden Islamisation“ (S.90). Verlogen ergänzt Zemmour an dieser Stelle einmal, dass er gegen die Islamisation Frankreichs und Europas kämpft, nicht aber gegen „alle Muslims“. Damit will er sagen: Es gebe doch einige gute Muslims, etwa die Flüchtlinge aus dem Iran oder jene afrikanischen Muslime, die den französischen Lebensstil mit seiner Trennung von Kirchen und Staat schätzen. „Diese Muslims wissen, dass allein ein französisches Frankreich, das heißt ein Frankreich, das gleichzeitig christlich und vom Geist der Trennung von Kirchen und Staat geprägt ist, sie schützen kann…etwa vor familiärer Gewalt… (S. 91). Im Grunde will Zemmour suggerieren: Diese wenigen guten Muslims sollten am besten zum Katholizismus konvertieren…
Auf Seite 100 zeigt Zemmour sein wahres Gesicht. Er will islamische Menschen aus Europa „zurückführen! Er behauptet: „Der Islam ist tatsächlich inkompatibel mit der französischen Republik, wie er auch inkompatibel ist mit den Werten aller demokratischen Staaten des christlichen Europa… Einzig die Muslime, die dieses unser eherne Gesetz akzeptieren, werden bei uns bleiben können: Die anderen werden nach nach Hause zurückkehren müssen, um dort nach ihrem islamischen Gesetz in aller Strenge und Vollkommenheit zu leben. Denn es gibt ja mehr als 50 islamische Länder auf der Welt“ (S. 100/101).

11.
Die katholische Kirche als Institution soll für diesen rassistischen Kampf gegen die Muslime in Europa und für deren Rückführung „in die Heimat“ eine Bündnisparterin werden… „indem man etwa den Bau von großen Moscheen in Frankreich verbietet“. Zemmour will verhindern, dass große Moscheen das Stadtbild in Frankreich stören, bisher sind viele Moscheen in kleinen und häßlichen Garagen auf Hinterhöfen untergebracht. Also bitte keine „mosquées cathédrales“, fordert Zemmour… Und die offizielle katholische Kirche Frankreichs sieht er jetzt auf gutem Wege, indem sie sich gegen LGBT Menschen wehrt und gegen Feminismus und die Ideologie des Genre verurteilt. Und dann wünscht sich Zemmour: Es sollen bitte die Französinnen wieder mehr Kinder gebären, bei der großen Anzahl von Kindern in islamischen Familien Frankreichs ein dringendes Gebot zur Rettung der „Identität“ Frankreichs.
Das ganze Repertoire der rechtsextremen Ideologie bietet Zemmour auf, um die „Identität Frankreichs“ „zu retten“. Denn „die Islamisierung bedroht die Seele der Europäer“ (S. 105). Und als Krönung seiner Ideologie bezieht sich der Jude Zemmour auf die Erfinderin dieser Ideologie, die Jüdin Bat Ye Or.. und fordert wie sie das „Grand remplacement“: LINK    Das „große Ersetzen“ eines Teils der Bevölkerung: Also die Muslime werden „ersetzt“, das heißt rausgeschmissen! Aber wer ersetzt die die Muslime, wenn vielleicht nur noch hochbegabte, wertvolle und unpolitische, „kompatible“ Inder ins Land gelassen werden? Wer wird alsbald den alten Zemmour pflegen, vielleicht eine nette reiche rechte französische Dame aus seiner Partei?

12.
Das Pamphlet von Zemmour braut eine Ideologie zusammen, die unsere Demokratie zerstören wird. Die Rechtsextremen erobern mit ihren Hass- Sprüchen auch die Mentalität vieler naiver (katholischer) Bürger, die meinen: Ihre berechtigte aktuelle Kritik am Zustand unserer Demokratie dadurch zu bewältigen, wenn sie rechtsextreme, identitäre Parteien (wie Zemmour, Le Pen, AFD, Wilders, VOX etc.) unterstützen und wählen. Diese naiven Leute werden sich dann bei der Herrschaft dieser rechtsextremen Politiker wundern, wenn sie Kritik an der neuen rechtsextremen Regierung nicht mehr öffentlich äußern dürfen, weil dMeinungsfreiheit und Redefreiheit längst abgeschafft wurden. Dann beginnt bei einigen vielleicht das Aufwachen der Vernunft. Aber dann ist es zu spät.

Weitere kritische Hinweis zu Rechtsextreme Katholiken in Frankreich: LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin