Ein christlicher Glaube, befreiend, kein Opium: Vor 50 Jahren erschien das Buch „Theologie der Befreiung“

Ein Hinweis von Christian Modehn am 19.11.2021

1.Der große Inspirator: Gustavo Gutiérrez

Die christlichen Kirchen erleben außerhalb Europas – zahlenmäßig – einen „Boom“. Sie zeigen eine bunte, verwirrende und manchmal widersprüchliche Vielfalt christlichen Glaubens. Dies betrifft vor allem die „unglaublich“ vielen charismatischen, pfingstlerischen und evangelikalen Gemeinschaften. Aber es gibt auch eine Minderheit: Christen und vor allem katholische Gemeinden, die sich dem politischen Projekt einer ganzheitlichen Befreiung der Armen aus Elend und Ausbeutung verpflichtet wissen…und entsprechend handeln! Und diese Minderheit der „links-politisch“ Frommen haben eine Theologie: Die „teologia de la liberacion“, die Befreiungstheologie. Sie ist unter diesem Namen auch mit verschiedenen neuen Ansätzen, etwa zur Ökologie oder zum Feminismus, lebendig. Ihr „Gründervater“ bzw. Initiator ist der Peruaner Gustavo Gutiérrez (geb. am 8.Juni 1929 in Lima). Zur Biografie nur ganz kurz: Gutiérrez hat neben Philosophie und Theologie auch Medizin und Sozialwissenschaften, vor allem in Lyon und Louvain, studiert, er ist katholischer Priester, Autor zahlreicher Studien zur Befreiungstheologie, vielfach mit Ehrendoktoraten geehrt, sowie im Jahr 1975 Gründer des befreiungstheologischen Studienzentrums „Bartolomé de las Casas“ in Lima-Rimac. Mit dem dort rigoros-engstirnig herrschenden Kardinal Cipriani vom Opus Dei hatte auch Gutiérrez viele heftige Konflikte durchzustehen.

2.Regionale Herkunft-universale Bedeutung

Die „teología de la liberación“, die Befreiungstheologie, ist zwar regional in Lateinamerika entstanden und verwurzelt, sie hat aber universale Bedeutung nicht für Christen, sondern für alle, denen eine gerechte Welt als politische Ziel der Menschheit wichtig ist. Begrenzter Herkunftsort und universale Bedeutung schließen sich bekanntlich nicht aus, siehe die Herkunft der universal geltenden Menschenrechte aus Europa…

Diese Theologie der Befreiung hat nun sozusagen einen Geburtstag, einen wichtigen Gedenktag: Als dieser gilt der 1. Dezember. Vor 50 Jahren wurde das grundlegende und international verbreitete Buch des peruanischen Theologen Gustavo Gutiérrez mit dem Titel „Theologie der Befreiung“ veröffentlicht. Es kann hier nicht der gesamte Inhalt dieses wichtigen Buches zusammengefasst werden, das zudem 1992 in seiner 10. Auflage gewisse Korrekturen des Autors aufweist, etwa hinsichtlich der Einschätzung der sozialwissenschaftlichen Dependenztheorie.

Anlässlich des „Gedenktages“ soll nur auf einige besonders relevante und „auffällige“ und nach wie vor aktuelle Themen hingewiesen werden, um Interesse zu wecken an der Lektüre des Buches…

3.Gutiérrez und seine vielen MitstreiterINNEN

Das erste große Werk von Gustavo Gutierrez, die „Theologie der Befreiung“ , ist 1973 auch auf Deutsch erschienen, in einer Übersetzung des Lateinamerika-Spezialisten Horst Goldstein. Inzwischen liegt das Buch in 20 Sprachen vor. Es geht auf Vorträge zurück, die Gutiérrez einige Jahre zuvor etwa in Montréal gehalten hatte und dann auch in Chimbote, Peru. Auch andere Theologen, wie der gleichermaßen bedeutende Juan Luis Segundo SJ aus Uruguay (1925-1996), hatten schon vorher von „Befreiungstheologie“ gesprochen. Aber Gustavo Gutiérrez war eben mit seinem Buch von 1971 etwas Grundlegendes, bei einem Umfang von 288 Seiten, gelungen. Seitdem ist die Liste der tatsächlich berühmten Befreiungstheologen lang, Leonardo Boff, Frei Betto, Pablo Richard, Elsa Tamez, Jon Sobrino, Franz Hinkelammert und so weiter. Wichtig ist auch: Einige Bischöfe waren mit der Befreiungstheologie verbunden, wie der in Deutschland leider unbekannte Pedro Casaldaliga, der Mystiker und Poet aus Sao Felix, Brasilien.  LINK:

4.Das zentrale Bild: Reich Gottes

Die zentrale Erkenntnis der Befreiungstheologie, auch im Sinne von Gutiérrez, heißt: Der von Jesus von Nazareth verkündete Sinn und das Ziel des Lebens der Menschen ist in dem Bild „Reich Gottes“ ausgedrückt, als eine Art erstrebenswertes Ideal der Gerechtigkeit für alle, auch und vor allem für Arme, der gelungenen Versöhnung der Menschen untereinander und mit dem, was religiöse Menschen die göttliche Wirklichkeit nennen. Die Armen und ihre Lebensrechte stehen im Mittelpunkt dieser Theologie. Den Armen gilt die Befreiung … hin zur Freiheit, zum realen Erleben der Gültigkeit der Menschenrechte auch für sie. Und dies nicht als frommer Traum oder als Vertröstung auf etwas Jenseitiges. Das Reich Gottes kann und soll reale, auch materielle, auch politische Wirklichkeit werden. Vorbei also sind die Zeiten, als Glaube nur etwas Spirituelles, nur etwas Seelisches war. Diese „innere“ Dimension bleibt bestehen, aber sie wird eingefügt (und dadurch relativiert) in den Rahmen des politischen Eintretens für Befreiung der Armen.

5.Auch die Unterdrücker müssen befreit werden

Wer den Spuren Jesu von Nazareth als seiner „Lebensphilosophie“ folgt, d.h. wer also religiös glaubt, ist berechtigt, die Erlösung schon hier, auch irdisch, in weltlichen – politischen Zusammenhängen, zu erleben, vor allem in demokratischer Verfassung, in Gleichheit der Menschen….  Das „gute Leben“ der Ernährung, der Bildung für alle, des humanen Wohnraums außerhalb der Dreckhütten, der Abwehr von krimineller Gewalt der Banden und der Herrscher, all das ist ein Anspruch, den der christliche Glaube als Heil und Erlösung predigt und fordert. Dabei ist für Gutiérrez klar: „Wer von Klassenkampf spricht, propagiert ihn nicht etwa! Nein, er stellt einfach eine Tatsache fest“ (S. 261). „Alle Menschen lieben heißt nicht, Auseinandersetzungen aus dem Wege gehen und eine fiktive Harmonie aufrechterhalten. Universale Liebe bemüht sich vielmehr, in Solidarität mit den Unterdrückten auch die Unterdrücker von ihrer Macht, ihren Ambitionen und ihrem Egoismus zu befreien“ (S. 263). „Die Befreiung von Armen und Reichen ist ein gleichzeitiger und wechselseitiger Prozess“, betont in diesem Sinne auch der katholische Theologe Jules Girardi“ (ebd.)

Aber dabei bleibt es nicht: Inmitten der zerrissenen und ungerechten Welt kann Friede und Gerechtigkeit wenigstens fragmentarisch erfahrbar werden.  Dies ist eine, man könnte sagen, optimistische Sicht, angesichts der grausam – und meist hoffnungslosen Kämpfe um eine gerechte, auch ökologisch gerechte Welt.

6.Erlösung soll – wenigstens als „Vorschein“ -materiell/politisch erfahrbar sein

Gustavo Gutiérrez schreibt (S. 148 in der deutschen Übersetzung): „Wer gegen eine Situation des Elends und der Ausbeutung kämpft und eine gerechte Gesellschaft aufbaut, hat ebenfalls teil an der Bewegung der Erlösung, die freilich erst noch auf dem Weg zur Vollendung ist…“ Und zuvor hat Gutiérrez geschrieben: „Wer arbeitet und diese Welt verändert, wird mehr Mensch, trägt zur Gestaltung einer menschlichen Gesellschaft bei und – wirkt erlösend“. Die so genannte Heilsgeschichte, also die Geschichte Gottes mit den Menschen, und die politische Geschichte sind also eng verbunden.  Für eine Trennung von „Zwei-Reichen“, das eine Reich ist weltlich, das andere, das religiöse, daneben und getrennt, gibt es also keinen Platz! Es gibt nur die eine Geschichte der Menschheit, nur die eine Geschichte von Heil und Unheil, an der die Menschen verantwortlich beteiligt sind.

7.Es gibt nur die EINE Geschichte der Menschen

Es ist entscheidend zu sehen, dass diese Theologie, die für ein materiell erfahrbares „religiöses Heil“ bzw. eine materiell historisch-politisch Erfahrung von Erlösung eintritt, auch von dem großen europäischen Theologen Edward Schillebeeckx (1914-2009) – er lehrte in Nijmegen (NL), unterstützt wird.

Dabei ist zweifelsfrei: Die umfassend und ganze heile und gerettete Menschheit ist in dieser Ganzheit eine Utopie: Sie vollständig „durchsetzen“ zu wollen, wäre ein totalitärer Wahn. Andererseits ist auch zweifelsfrei: Der religiösen Erlösung, allein als seelischen Gewinn oder fernes, himmlisches Ziel zu verkünden, widerspricht einerseits: Dass es die Erfahrungen des Guten und Erfreulichen („Heilen“) im privaten wie im gesellschaftlichen Leben – wenigstens kurzfristig – gibt. Und dass andererseits auch im politischen und ökonomischen Zusammenleben doch noch positive, humane Erfahrungen, also ein humaner Fortschritt, erlebbar sind, zwar selten, aber immerhin.

Schillebeeckx schreibt also in seinem Aufsatz „Befreiende Theologie“ (in „Mystik und Politik“, 1988): „Die Spur des Handelns Gottes muss auch auf der gesellschaftlich-politischen Ebene lesbar sein…Es besteht die Hoffnung, Fragmente des Heils hier und heute schon in unserer Geschichte anzusiedeln“ (S. 70). Mit anderen Worten: Der Katholik Schillebeeckx wehrt sich gegen die „Zwei-Reiche-Lehre“ Luthers, „die der Einheit der Geschichte widerspricht“, sagt Schillebeeckx (S. 71).

8.Die strukturelle Sünde

Dem entsprechend erhält der alte und belastete, oft nur moralisch verwendete Begriff der Sünde eine neue, politische und ökonomische Bedeutung. Gegen Sünde, das lehrten ja auch die europäischen klerikalen Theologen, soll der Glaubende kämpfen. So auch in der Theologie der Befreiung: Denn sie wissen, das inhumane Verhalten („Sünde“ ) so vieler verfestigt sich in der Welt, in den Strukturen der Gesellschaft und des Staates. Es gibt also ganz offensichtlich eine „strukturelle Sünde“. Gutiérrez schreibt: „Sünde wird greifbar in unterdrückerischen Strukturen, in der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, in der Beherrschung und Versklavung von Völkern, Rassen und sozialen Klassen“ (S. 169). Und, wie gesagt, gegen diese Strukturen, also inhumaner, „sündiger“ Strukturen, hat die Kirche und mit ihr die Theologie zu kämpfen.

9.Karl Marx und Thomas Müntzer und die anderen

Selbstverständlich wird an dieser zentralen Erkenntnis der Befreiungstheologie deutlich, wie stark sie sich auf die Gesellschaftskritik bezieht, die Karl Marx vorgetragen hat (siehe etwa die Verweise  auf Marx in den Fußnoten 96 und 98, s. 169 f.) Und dieser Hinweis auf Marx ist sehr treffend und selbstverständlich berechtigt, will doch die Befreiungstheologie anknüpfen an die großen berechtigen, philosophisch formulierten Sehnsüchte auch nach Erlösung inmitten dieser als grausam erlebten Welt. Kein Wunder, dass sich einige Befreiungstheologen auf einige Einsichten des Reformators Thomas Müntzer beziehen, wie etwa der katholische Priester und Theologe Hugo Echegaray, Lima, Peru (1960-1979): „Christus spricht nicht von Tugenden, es geht nicht um Tugendmoral, sondern um Gerechtigkeit und Barmherzigkeit“ (in: Alejandro Zorzin, „Thomas Müntzer in Lateinamerika“, 2010, S. 14). Das Thema müsste vertieft werden, auch die Beziehungen zur Philosophie von Ernst Bloch müssten erörtert werden, an die Gestalt des revolutionären kolumbianischen Priesters Camilo Torres (1929-1966) hat der Religionsphilosophische Salon Berlin kürzlich erinnert: LINK

10.Lebenserfahrungen poetisch zur Sprache bringen

Die Befreiungstheologie ist also keine Schreibtischtheologie von hochbezahlten Professoren an gut ausgestatteten Universitäten, wie üblich in Europa, viele BefreiungstheologINNEN arbeiten in sehr bescheidenen, finanziell auf Spenden angewiesenen wissenschaftlichen Instituten. Die Befreiungstheologie ist keine bürgerliche Theologie im Sinne der üblichen „Spiegelung des Glaubens gut-situierter frommer Christen“. Sondern eine Theologie, die inmitten der Armen und Arm-Gemachten lebt. Diese Theologie hat eine eigene Spiritualität, aber diese ist Ausdruck der politischen wie der religiösen Erfahrungen und der Bibel-Lektüre der Armen und Unterdrückten. Man denke etwa an das bekannte Buch „Das Evangelium der Bauern von Solentiname. Gespräche über das Leben Jesu, aufgezeichnet von Ernesto Cardenal“, Band 1, Wuppertal 1976.

Befreiungstheologen sind mit dem politischen Befreiungskampf der Armen verbunden, und sie bringen deren Lebenserfahrungen gern zum Ausdruck. Ihre theologischen Reflexionen leben von der dichten Verbindung mit dem verzweifelten Kampf um Gerechtigkeit. Deswegen wurden und werden Befreiungstheologen verfolgt wie ihre Freunde, die Armen in den Slums oder den entlegenen Dörfern, inmitten der abgefackelten Urwälder oder den Hungerzonen in den Metropolen. Diese TheologINNNEN sind genauso bedroht wie ihre Companeros/Companeras: Sie reiben sich auf im Kampf um elementare Menschenrechte, werden von Herrschenden bedrängt und …ermordet, siehe Guatemala, Honduras, Nikaragua, Brasilien usw. Zur Befreiungstheologie gehört immer auch die Märtyrer-Erfahrung. Wer als Theologe kein religiöses Opium verkauft, das den Herrschenden gefallen würde, lebt gefährlich. Man denke an die Ermordung der Jesuiten in El Salvador im November 1989, etwa an den Befreiungstheologen Pater Ignacio Ellacuria. Oder an die Ermordung des befreiungstheologischen Erzbischofs Oscar Romero schon 1980. Die Mörder waren bekennende rechtsextreme Katholiken ebenfalls aus El Salvador, die Waffen lieferten „Ausbildungszentren“ in den USA… Wer ermordete Erzbischof Romero: LINK

11. …und die TheologInnen Europas?

Die Befreiungstheologie muss als ein radikaler Einschnitt verstanden werden innerhalb der — bis 1970 – europäisch zentrierten und europäisch beherrschten Theologien bzw. klerikalen theologischen Ideologien. Europäische TheologInnen stehen meist zu den herrschenden sozio-ökonomischen Verhältnissen in einvernehmlichem oder moderat kritischem Verhältnis. Sie wollen schließlich nicht ihren gut bezahlten Job verlieren.

12.Die Angst der Hierarchie vor Basisgemeinden

Ihren inspirierenden Ort fanden und finden Befreiungstheologen in den Basisgemeinden. Sie waren und sind Zusammenkünfte von Katholiken in Städten wie auf dem weiten Land, sie fühlen sich als Christen zurecht berufen, selbst und eigenständig ihre Gemeinden zu gestalten, gerade weil kein Priester für sie zur Verfügung stehen. Indem aber der Vatikan den Laien es untersagte, Eucharistie zu feiern oder Frauen von vorrangigen Funktionen in der Gemeinde ausschloss, waren viele tausend kleinen Basisgemeinden aufgrund des rigiden Verhaltens des Papstes nicht von langer Dauer. Viele tausend frustrierte Katholiken sind zu den charismatischen evangelischen Gemeinden übergewechselt, in etlichen lateinamerikanischen Staaten (wie Guatemala oder Chile) sind Katholiken längst nicht mehr die zahlenmäßig stärkste Konfession. Dass Lateinamerika nun aufhört, als katholischer Kontinent zu gelten, ist auch die Schuld der dogmatisch rigiden katholischen Kirche. Mit ihrer Kritik an der Befreiungstheologie ging immer die Kritik an selbstständigen Laien-Basis-Gemeinden einher. Wer noch im Sinne der katholischen Kirche denkt, muss also sagen: Die Führung der katholischen Kirche ist für ihren eigenen Niedergang in Lateinamerika verantwortlich. Die große Amazonas-Synode im Vatikan (2019) hätte eine Korrektur bewirken können. Die weitrechenden Reformvorschläge wurden aber von Papst Franziskus zurückgewiesen, wie die Aufhebung des Zölibates wenigstens für Priester in der Amazonas-Region…

13.Die Feinde der Befreiungstheologie, das Opus Die, die Legionäre Christi usw.

Man muss die globalen Zusammenhänge vor Augen haben, um das Besondere der lateinamerikanischen Befreiungstheologie zu verstehen. Diese anti-bourgeoisen katholischen Theologen und Theologinnen wurden auch vom Vatikan, dem Papst und vielen Bischöfen drangsaliert, der Häresie angeklagt, als Kommunisten bezeichnet, um so die aggressive Aufmerksamkeit des antikommunistischen CIA auf diese Christen zu lenken. Das Image der Befreiungstheologie und der mit ihr verbundenen Basisgemeinden der Armen wurde jedenfalls von Anfang an ramponiert, und zwar durch die Kirchenführer selbst, allen voran von Kardinal Ratzinger und Johannes Paul II. im Verbund mit Reagan und Co. Sowie später setzte sich die Diffamierung kirchenoffiziell fort, etwa durch die den Studienkreis „Kirche und Befreiung“, gegründet 1973, inszeniert von Bischof Franz Hengsbach, Essen, und Erzbischof Lopez Trujillo, Kolumbien, später Vatikan. Von Bischof Franz Hengsbach ist das skandalöse Wort überliefert: „Die sogenannte Theologie der Befreiung führt ins Nichts. In ihrer Konsequenz liegt der Kommunismus…“ (KNA, 13.5.1977). Der Erzbischof und spätere Kardinal Lopez Trujillo war in diesem Kreis zweifelsfrei einer der übelsten Hardliner des reaktionären Flügels der römischen Kirche. Er war als definitiver Feind der Befreiungstheologen ein Freund von Johannes Paul II. und,so wird berichtet, der Drogenmafia. Über seine privaten Leidenschaften hat der Pariser Soziologe Frédéric Martel geforscht, siehe sein Buch „Sodom“, 2019, dort die Recherchen zu Kardinal Lopez Trujillo, Seite 358 und bes. S. 365. LINK

14.Zur Wirkungsgeschichte

Hier wurde mit Nachdruck an den großen Inspirator der Befreiungstheologie Gustavo Gutiérrez erinnert. Aber, wie gesagt, gehören zur Befreiungstheologie viele andere TheologInnen, sie haben weitere Akzente gesetzt, etwa zum Feminismus oder zur Ökologie (wie etwa die letzten Bücher von Leonardo Boff), auch vorsichtige Ansätze einer schwul-lesbischen lateinamerikanischen Befreiungstheologie machen sich bemerkbar, siehe etwa die Studien von André Sidnei Musskopf, Brasilien. Und vor allem: Auch in Afrika und Asien haben sich eigene Formen der Befreiungstheologie entwickelt. In Europa müsste eine Befreiungstheologie eine Befreiung der Kirche aus dem Kapitalismus sein, aber zu einer solchen Theologie ist nur sehr marginal die Rede.

15.Kritisches zu Gutiérrez

Aber bei allem Respekt vor dem Werk von Gustavo Gutierrez: Er hat sich theologisch und kirchenpolitisch weit nach vorn gewagt, aber, offenbar um zu überleben in dieser Welt feindlicher Systeme, hat er sich auch nicht zu weit nach vorn gewagt: Ein treffendes Beispiel für die Ängstlichkeit vor der klerikalen Hierarchie ist sein Verhalten anlässlich eines Vortrages 1970 in Corodoba, Argentinien, für die Gruppe der „Priester für die die Dritte Welt“. Bei diesem Vortrag hatte sich Gutierrez die Anwesenheit des inzwischen mit einer Frau zusammenlebenden EX-Bischofs von Avellaneda, Jeronimo Podestá (1920-2000 ) ausdrücklich verbeten. Jeronimo Podestas Frau, Clelia Luro, hatte sich später noch einmal klagend wegen dieses Verhaltens an Gutierrez gewandt. Quelle: https://es.wikipedia.org/wiki/Gustavo_Guti%C3%A9rrez_(te%C3%B3logo)

Im Unterschied zu dem bedeutenden und für ökologische Fragen äußerst anregenden Befreiungstheologen Leonardo Boff aus Brasilien hat sich Gutiérrez eher selten über die unterdrückerischen Strukturen der hierarchisch verformten Katholischen Kirche geäußert. Vielleicht ließ man ihn deswegen im Vatikan weithin „in Ruhe“. Deswegen muss mit Nachdruck auf Boffs Buch „Kirche – Charisma und Macht“ empfehlend hingewiesen werden.

16.Der Freund, Kardinal Gerhard Ludwig Müller

Und merkwürdig erscheint auch die von Kardinal Gerhard Ludwig Müller (Regensburg-Vatikan) viel beschworene Freundschaft mit Gustavo Gutiérrez. Natürlich kann jeder mit jedem befreundet sein, warum nicht ein sehr Rechter und ein Linker? Für katholische Verhältnisse bleibt es aber erstaunlich, wenn ein theologisch bekanntermaßen sehr europäischer und sehr konservativer Theologe, also Müller, mit einem doch eher linken und Befreiungstheologen, befreundet sein könnte. Aber vielleicht hat diese Freundschaft Gutierrez vor Verfolgungen durch den Vatikan bewahrt…

Erstaunlich ist auch, dass Gutierrez im Alter von 72 Jahren (im Jahr 2001) dem Dominikanerorden beigetreten ist, ein ungewöhnlicher Vorgang; manche vermuten, dass die Spannungen mit dem reaktionären Opus-Dei – Kardinal von Lima, Juan Luis Cipriani, zu stark wurden, so dass sich Gutiérrez förmlich in den relativ selbständigen und aufgeschlossenen Orden der Dominikaner flüchtete.

17.Ein Kongress in Lima

Vom 25. bis 29.Oktober 2021 fand in Lima, Peru, ein internationaler Kongress statt, anlässlich von „50 Jahre „teología de la liberación“. Referenten aus Europa waren nicht dabei. Siehe, auch mit einem Statement von Gustavo Gutierrez: LINK

Mensaje de Gustavo Gutiérrez al clausurar Seminario Internacional sobre Teología de la Liberación

18.Die Kirche in Deutschland hält sich ans Spenden. Nicht an die Kapitalismus – Kritik

Hat die lateinamerikanische Befreiungstheologie die römische Kirche zum Beispiel in Deutschland verändert? Schwer zu sagen, wie die indirekten Wirkungen aus Lektüre und Begegnungen zu bewerten sind. Aber das Verhältnis der Kirche in Deutschland etwa gegenüber Lateinamerika und seiner Kirche ist weiterhin vom Geist der Spenden, der begrenzten Hilfsbereitschaft und der marginal bleibenden Studien bestimmt. Die grundlegende Kritik an den Zusammenhängen von Ausbeutung (Europa) und Unterdrückung (Lateinamerika) wurden im Sinne der Befreiungstheologie auch in Deutschland artikuliert, aber die große Wende einer Parteinahme der ganzen Kirche in Deutschland für die globale Gerechtigkeit hat nicht stattgefunden. Die Kirche in Deutschland ist und bleibt ein Teil der reichen Welt, und verhält sich auch entsprechend in ihrer repräsentativen Selbstdarstellung. Die Art, katholische Kirche zu sein, bleibt eher unberührt von der Befreiungstheologie. Basisgemeinden finden in Deutschland kein Wohlgefallen in der Hierarchie, Kapitalismuskritik (etwa auch Kritik am Kirchensteuersystem) schon gar nicht. Man schämt sich als Kirchenführung nicht, über 6 Milliarden Kirchensteuer pro Jahr zu haben. Dabei erleben die Kirchenführer hilflos, wie die Katholiken zu Hunderttausenden aus dieser über Milliarden verfügenden Amts-Kirche austreten. Die offizielle Antwort der Kirchenführungen auf das Elend weltweit heißt: Spenden, Almosen geben. Diese sind natürlich angesichts des realen Elends nett, aber strukturell wirkungslos.

19.Auch in Lateinamerika jetzt eher marginal

Aber man mache sich auch keine Illusionen: Die Befreiungstheologie ist auch im lateinamerikanischen Katholizismus eher ein marginales Phänomen geworden. Die charismatischen Katholiken werden beliebter und offiziell propagiert, man schätzt eher das fromme Tralala und Alleluja-Singen, also letztlich das religiöse Opium, das für kurze Zeit Glücksmomente beschert in einer eigentlich hoffnungslosen Gesellschaft gravierender Ungerechtigkeit.

Der größte Skandal ist wohl, dass viele brasilianische Bischöfe Bolsonaro unterstützen. Ein angesehene Politiker,der wahrscheinlich künftige Präsident Luiz Inacio Lula, ist ein alter Freund der Befreiungstheologen. Er nennt Bolsonaro explizit „einen Verbrecher und Faschisten“. (Tagesspiegel, 16.11.2021). Und den unterstützen die Reichen Brasiliens, die man naiv „Eliten“ nennt.

20.Ein Hinweis zum Autor dieses Beitrags

Der Autor dieser kurzen Hinweise, Christian Modehn, hatte bereits im Juni 1973 in St. Augustin bei Bonn die erste große internationale Tagung in Deutschland über die Befreiungstheologie angeregt und mit-gestaltet, er war damals Theologiestudent innerhalb des Ordens „Gesellschaft vom göttlichen Wort“, SVD. Zum Tgungsbericht in Orientierung, Zürich: LINK. 1975 verfasste er eine erste kleine Einführung in die Befreiungstheologie „Der Gott, der befreit“, 1977 veröffentlichte er zusammen mit Karl Rahner SJ und Hans Zwiefelhofer SJ „Befreiende Theologie“, (Kohlhammer Verlag) als Sammelband mit Beiträgen u.a. von Jon Sobrino, Juan Carlos Scannone, Leonardo Boff, Michael Göpfert, Miguel Manzanera und anderen. Das Buch fand viel Interesse und die erste (und einzige) Auflage war schnell vergriffen. Vor allem Horst Goldstein (1939-2003) hat sich als einer der ersten als Übersetzer und Autor um die Rezeption der Befreiungstheologie in Deutschland verdient gemacht. Wichtig sind für den deutschen Sprachraum die zahlreichen, auch befreiungs-philosophischen Studien von Raul Fornet-Betancourt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon Berlin.de.

Für die Impfpflicht gegen die Corona-Pandemie. 57 Prozent der Deutschen sind dafür (am 5.11.2021). Siegt die Vernunft oder die Dummheit?

Zugleich philosophische Gedanken zum ständigen Thema „Was ist Pflicht“?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 4.9.2021, eine Ergänzung wurde am 5.11.2021 publiziert.

Am 5.11.2021: Welch ein Erkenntnisfortschritt: 57 Prozent der Deutschen sind jetzt für die Impflicht zum Schutz vor dem “äußerst besorgniserregenden Tempo der Corona-Erkrankungen” (so der WHO Experte Hans Kluge). Im August 2021 waren es nur 39 Prozent der Deutschen, die für die – fast ausnahmsloszu geltende – Impfpflicht eintraten. Die Klugheit unter den Deutschen nimmt also zu. Selbst die eher zurückhaltende  “Chefin” des Ethikrates, Alena Buyx, sagt im Tagespiegel (5.11.2021): “Die freie Entscheidung sich nicht impffen zu lassen, hat Effekte auf uns alle”. Wohl wahr und sehr vornehm zurückhaltend formuliert!

Anders gesagt: Wer sich weigert, sich imfpen zu lassen, gefährdet massiv seine Gesundheit, und er gefährdet die Gesundheit der anderen in der Gesellschaft. Der egoistische Impfgegner will aber dann im Ccorona-Kranheitsfall doch in den Kliniken gepflegt werden .. oder nicht? Will er zu Hause sterben? Das habe ich selbst aus Sachsen noch nicht gehört.

Also: Wer andere gefährdet, aber im eigenen Corona-Krankheitsfall gepflegt werden will, fantasiert nur von seiner persönlichen Freiheit und seinem geheimen Besserwissen. Es gilt also, endlich die Impf-Pflicht eizuführen. Wenn Politiker jetzt sagen, na ja, im Frühjahr, Sommer 2020 haben wir doch versprochen, das individuelle Urteil des einzelnen in der Sache zu respektieren, dann sind sie selbst nicht auf der Höhe des kritischen Bewusstseins. Denn auch ein FDP Poliiker kann doch Neues erkennen und Versprechen aus früheren Zeiten revidieren. Das ist der lebendige Geist, alles andere erinnert an “Nibelungentreue”.

Denn Freiheit ist und bleibt immer individuelle Lebensgestaltung! Aber in großer Not, in einer Katastrophe, muss die individuelle Freiheit vorübergehend mit genauen gesetzlichen Bestimmungen auch eigeschränkt werden. Warum? Damit die Menschen die Katastrophe überleben, das wollen wohl die meisten.

Was also ist der Unterschied zwischen der selbstverständlichen Pflicht, dass sich alle Insassen eines Autos bei der Fahrt mit einem Sicherheitsgurt anschnallen und der Impfpflicht für alle jetzt? Da ist kein Unterschied. Der Sicherheitsgurt schützt sehr wahrscheinlich und er schützt besser, als ohne Gurt loszubrausen auf deutschen Straßen, so ist auch mit der Impfpflicht. Nach eineinhalb Jahren Impfpraxis sind Geimpfte absolut sehr viel seltener krankgeworden als Nichtgeimpfte. Warum wollen das so viele Leute nicht anerkennen? Vielleicht wollen sie mit dieser Haltung nur ihre Ablehung des demokratischen Staaten ausdrücken. Man vergleiche bitte die hohe Zustimmung zur AFD und die geringe Impfquote im Bundesland Sachsen.

Am 4.9.2021 wurde dieser Text publiziert:

Es ist nicht zu spät, über die PFLICHT nachzudenken, sich gegen das Corona Virus impfen zu lassen. Die viel besprochene „Herden-Immunität“ liegt bei etwa 80 % Geimpfter. In Deutschland sind Ende August 2021 60,3% aller Bewohner zweimal geimpft; in Frankreich sind es 60,6 %, in den USA nur 54,3%, in Spanien 77,8%, in den Niederlanden 69%. Diese Statistik zeigt, dass die Regierungen der reichen Länder zuallererst an die Gesundheit ihrer eigenen NATION denken: Man vergesse nicht: In der „Demokratischen Republik Kongo“ sind bisher 0,09% der Einwohner geimpft; in Haiti 0,24%. (Ende August 2021).

Die vielfältigen Argumente gegen die Impf-Pflicht zur Begrenzung des Corona-Virus haben etwas Gemeinsames: Diese Leute wollen ihr eigenes Ego dadurch in der Öffentlichkeit beweisen und stärken, dass sie ihre individuelle Freiheit in den  Mittelpunkt stellen: „Es ist meine Freiheit. Vor allem: Ich will meine Freiheit verstehen als Freiheit VON staatlichen Verpflichtungen. Aber wenn ich an Corona erkranke, dann möchte  ich selbstverständlich trotz meiner Impf-Verweigerung umfassend medizinisch versorgt werden. Ich ignoriere die Tatsache, dass der Anteil der Geimpften an einer Corona-Erkrankung sehr gering ist“. Und weiter ist von diesen Leuten zu hören: „Man muss nicht unbedingt vernünftige Argumente gegen das Impfen haben. Es sind auch esoterische Mächte oder religiöse Gebote entscheidend für die Ablehnung der COVID Impfung.  Dieses Sich – der- Vernunft-Entziehen  ist wichtiger als die Wissenschaft“.

Deutlich ist auch: Es geht vielen Impf-Gegnern um ein Nein zur Demokratie. Das wurde inzwischen von Politologen und Soziologen empirisch bewiesen.

2.

Man sollte den Verweigerern der Impfpflicht die philosophische Erkenntnis der „Kollision von Pflichten“ erklären. Und danach wäre eigentlich unser Thema schon abgeschlossen: Wenn sich zwei Pflichten gegenüberstehen, in unserem Fall: „Die Treue zur eigenen absolut genommenen subjektiven Meinung“ UND der „Schutz der eigenen wie auch der Schutz der Gesundheit der anderen“: Dann ist die Sache klar: Es geht in dieser Entscheidungssituation um das Ja zu der „höherrangigen Rechtspflicht“, wie Philosophen und Juristen sagen, also um das Ja, die Gesundheit der anderen Menschen genauso wichtig zu nehmen wie den Schutz der eigenen Gesundheit.  Also ist dies ein Ja zur Impfpflicht.

Und man wundert sich, warum Politiker auch in Deutschland, etwa der Gesundheitsminister, sich dieser Einsicht offensiv verweigerten … und dadurch den Ideologien der Impfgegner Auftrieb gaben.

3.

Es gibt selbstverständlich in demokratischen Staaten Pflichten, die Zwangsnormen genannt werden und die auch so gemeint sind und als solche meist selbstverständlich praktiziert werden. Dass der demokratische Recht-Staat sich durchsetzen MUSS, also zur Einhaltung bestimmter Gesetze zwingen kann, ist den meisten Demokraten klar. Menschen haben zum Beispiel kein Recht, mit einem offenen Messer durch die Straßen zu rennen. Gegen die potentiellen Verbrecher gilt selbstverständlich der Zwang der Gesetze, die von der Polizei und den Gerichten durchgesetzt werden.  Der demokratische Rechtstaat hat es sich zur Pflicht gemacht, die Bürger zu schützen. Und er erwartet, dass die Bürger einander ihr Leben schützen und fördern. Nur so können alle in Freiheit leben.

4.

Es gibt in demokratischen Staaten zurecht Zwangsnormen. Die Schulpflicht für alle Kinder gehört dazu. Jedes Kind muss eine Schule besuchen. Gelegentliche Ausnahmen gibt es, wenn etwa einige wenige Familien in entlegenen Berghütten leben und privat Haus-Unterricht für ihre Kinder gestalten; dieser Unterricht wird selbstverständlich vom Staat überprüft.

Das Strafrecht bestraft alle, die nicht Hilfe leisten bei einem Unfall. Bewusste Verweigerung der Hilfeleistung ist ein krimineller Tatbestand.  Es gibt die Pflicht, Schaden zu ersetzen (Haftpflicht). Es gibt die Zwangsnorm für Verkehrsteilnehmer, die Verkehrsregeln zu beachten. Beim Autofahren gilt die Anschnall-PFLICHT, um Leben, das eigene und das der anderen, zu schützen! Es gibt die Zwangs-Verpflichtung für alle im Flugzeug Befindlichen, sich in bestimmten Situationen beim Fliegen anzuschnallen.

Damit ist deutlich: Pflichten, auch Zwangspflichten, schränken zwar die individuelle Willkür für kurze Zeit ein, sie schränken also durchaus den Willen des einzelnen ein, absolut und ohne Rücksicht auf andere die eigene Meinung in der Gesellschaft und dem Staat durchzusetzen. Diese genannten Pflichten und Zwangspflichten dienen dem humanen Zusammenleben in der Gesellschaft und dem Staat. Sie ermöglichen ein humanes Leben für den freiheitsliebenden einzelnen…

Zusammenfassend: Angesichts der universalen Corona-Pandemie wäre die Zwangsnorm der Impfpflicht für alle (abgesehen von ganz bestimmten Krankheiten eines einzelnen) eine das Leben rettende hilfreiche und not-wendige Praxis.

5.

Sich liberal und neoliberal nennende Staaten und Gesellschaften werden wieder neu entdecken müssen, was Pflichten und Zwangsnormen sind. Letztlich geht es darum, einen neuen und richtigen Begriff des Liberalen zu gewinnen:  (Neo-)liberale Freiheit ist nicht nur als Freiheit „von etwas“ (etwa vom Impfe  odervon der Idee der  sozialen Gleichheit)  zu verstehen! Sondern Freiheit ist in der gleichen Gewichtung als Freiheit FÜR etwas zu begreifen und politisch zu gestalten. Nur Freiheit als Freiheit FÜR das Allgemeinwohl entspricht dem emphatischen Verständnis von Freiheit.

6.

Man muss daran erinnern, dass schon der Verfassungsentwurf für die Französische Republik von 1795 explizit einen „Pflichtenkatalog“ kannte. Die „goldene Regel“ wurde dort  genannt, als Verpflichtung, vom Egoismus abzusehen. Es wurde die Verpflichtung des einzelnen zur Verteidigung des Landes formuliert usw.

Die Weimarer Verfassung von 1919 kannte die Verpflichtung für jeden Bürger, zur Übernahme ehrenamtlicher Tätigkeiten (Art. 132).. Es gab in der „Weimarer Verfassung“ die Verpflichtung, Eigentum nie nur egoistisch zu gebrauchen. Lapidar heißt es:„Eigentum verpflichtet“ (Art. 153 Abs.3.) Das wurde im Grundgesetz der BRD übernommen: „Der Gebrauch des Eigentums soll zugleich Dienst sein für das Gemeine (d.i. Gesellschaft, CM) Beste“. (Grundgesetz Artikel 14, Abs 2.)

7.

Ein Hinweis auf die Pflichten (auch Impfpflichten) kann nicht auf Immanuel Kants Reflexionen zum Thema verzichten.

In seiner wichtigen Studie „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ von 1793 äußert sich Kant zur Pflicht, konkret zu der These, die auch heute, im Impfzusammenhang, verbreitet wird: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (als dem Staat)“. Das betonen bekanntlich sich fromm nennende, auch esoterische Feinde des Impfens. In der Ausgabe des Meiner Verlages 2003, Seite 132, äußert sich Kant zu dieser These: „Der Satz `Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen` bedeutet nur, dass wenn die Menschen etwas gebieten, was an sich böse (dem Sittengesetz unmittelbar zuwider) ist, ihnen (den Menschen) nicht gehorcht werden darf und soll“.

Kant geht sogar noch weiter: „Wenn die gegebenen bürgerlichen Gesetze rechtmäßig sind, so ist die Beobachtung derselben zugleich göttliches Gebot“ (ebd., bzw. in der Originalausgabe: Seite B 139).

Kant spricht schon in der „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“ (1784) von der Pflicht. Das vernünftige Handeln des einzelnen muss respektieren: „Ich soll niemals anders verfahren als so, dass ich auch wollen könne, meine Maxime soll ein allgemeines Gesetz werden“ (Kant Gesammelte Schriften, hg. von der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1900ff. 4. Band, S. 403).  Dieser Grundsatz, der Kategorische Imperativ, ist in der menschlichen Vernunft eines jeden Menschen enthalten, „und somit jedem moralischen Akteur zugänglich und der Grundsatz müsse von ihm akzeptiert werden“ (Manfred Kühn, Kant, München 2004, S. 329.)

Es gibt für Kant ein vernünftiges und moralisch richtiges „Handeln aus Pflicht“, bei dem es dem Handelnden einzig darauf kommt, nur seine Pflicht als solche ohne egoistische Hintergedanken zu erfüllen. Kant gesteht, dies sei eine schwierige Haltung, einzig aus Achtung vor dem gerechten Gesetz die Pflicht zu erfüllen.

Dann spricht Kant von dem üblichen, aber für ihn moralisch eher problematischen Handeln gemäß der Pflicht: Dabei geht es um eine bloß äußerliche Pflichterfüllung, etwa aus Eigennutz, Egoismus oder wegen der Angst, bestraft zu werden.  Die meisten Menschen handeln bloß gemäß der Pflicht, das wusste auch Kant. Und die Menschen würden sich freuen, wenn wenigstens alle gemäß der Pflicht handeln würden.

9.

Freiheit ist der Güter Höchstes“, schreibt Schiller in seinem Theaterstück „Die Braut von Messina“. Dieser Satz stimmt nur in gewisser Hinsicht, wenn nämlich Freiheit treffend auch als Freiheit für etwas verstanden wird, also konkret: Als Freiheit, meinen Beitrag zu leisten, um die eigene Gesundheit zu schützen und die der anderen auch … durch Impfung. Um Schillers Spruchweisheit fortzusetzen: Direkt an den Satz „Freiheit ist der Güter Höchstes“ heißt es sehr treffend: „Der Übel Größtes aber ist die Schuld“. Mit anderen Worten: Wie schuldig machen sich Menschen, die sich weigern, sich gegen das Virus impfen zu lassen?

10.

Wenn sich in Deutschland viele Impf-Feinde hätten impfen lassen, hätte man jetzt keine Impfstoffe vernichten müssen. Die reiche Welt hortet Impfstoffe, weil die Hersteller auf ihren hochheiligen Eigentums-„Rechten der Erfindung“ (“Patentschutz”, allerdings: Forschung von Steuergeldern bezahlt, Profit für die Unternehmer usw…)  beharren … und die Regierung dem ohne Mühe entspricht und sich deswegen weigert, wenigstens die überzähligen Impfstoffe den armen Menschen, etwa in Afrika, gratis zur Verfügung zu stellen. Vom „Spenden für die Armen“ war in diesem Zusammenhang wieder einmal die Rede. Spenden war und ist der klassische Ausdruck für so genannte Hilfe vonseiten der Herrenmenschen seit dem Kolonialismus. Wenn aber die Armen in der armen Welt nicht auch sehr bald umfassend geimpft sind, wird auch die reiche Welt der Reichen weiterhin von der Pandemie bestimmt sein. Würde die reiche Welt der Reichen solidarisch sein, könnte ihre Hilfe für die Armen in den armen Ländern sogar aus egoistischen Motiven hilfreich sein.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die neuste Umfrage über „Religion/Gott in Frankreich“ (August 2021)

Ein Hinweis von Christian Modehn am 26.9.2021

Am 23.9.2021 wurden über AFP (aufgrund einer repräsentativen Umfrage, veranstaltet von IFOP am 24.und 25.8.2021) neue Informationen zu „Religion/Gott in Frankreich“, speziell angesichts der COVID 19 Pandemie, publiziert.

1.  51 Prozent der Franzosen glauben 2021 nicht an Gott.

2011 sagten nur 41 %, nicht an Gott zu glauben. 1947 sagten 66 %, sie würden an Gott glauben. Vor 64 Jahren glaubten also nur 34 % er Franzosen nicht an Gott. Am größten ist jetzt die Gruppe der Gläubigen bei Menschen über 65 Jahre. (ABER: Was heißt das konkret, inhaltlich: An „Gott“ glauben…)

2. Die aktuelle Pandemie hat keinen Einfluss auf die religiöse Praxis (gehabt). Das sagen 91 % der Befragten: Sie hätten sich wegen Corona nicht stärker den Religionen angenähert.

Das ist vielleicht die wichtigste Aussage der Umfrage: Und auch in Deutschland haben viele Beobachter die Erkenntnis, dass durch Corona die Religiosität NICHT zugenommen hat. Aber vielleicht lehrte (privat) die Not, dann doch beten im stillen Kämmerlein, wie es Jesus von Nazareth vorschlug.

3. Eine weitere Erkenntnis der Umfrage in Frankreich: In den Familien wird immer weniger über Religion gesprochen: Es sind nur 38 % der Befragten, die über Religion in der Familie sprechen.

4. Religionen können dazu beitragen, jungen Menschen Werte zu vermitteln, wie Respekt, Toleranz, Großzügigkeit, Verantwortlichkeit: Das sagen jetzt 68 % der Franzosen. Im Jahr 2009 waren es noch 77 %, die das glaubten.

5, Für 47 % der Franzosen sind die Werte und die Botschaft des Christentums immer noch von aktueller Bedeutung.

6. 41 % der Franzosen glauben, dass Papst Franziskus eher gut die Werte des Katholizismus verteidigt, 44 % meinen, er verteidige sie weder gut noch schlecht und 15 % meinen, er verteidige die katholischen Werte eher schlecht.

Quelle; REFORME, Protestantische Wochenzeitung, Paris.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Das langsame Verschwinden des Katholizismus in Frankreich

Hinweise von Christian Modehn, veröffentlicht am 25.9.2021. Über eine neueste Umfrage zu dem Thema vom August 2021, publiziert Ende Sept. 2021, siehe LINK.

Zwei Bemerkungen am Anfang, als Einführung zum neuen Buch (2021) von Guillaume Cuchet:

–„Das langsame Verschwinden des Katholizismus in Frankreich“ ist kein Sonderthema für einige Spezialisten. Wenn eine Religion aus der Praxis und dem Bewusstsein der Menschen eines ganzen Landes langsam, aber regelmäßig verschwindet, ist das ein kulturelles und soziales Ereignis, das weit über theologische Detail-Fragen hinausweist. Wenn Religionen langsam verschwinden, dann verschwinden bestimmte kulturelle Werte (und Unwerte, die bekanntlich Religionen auch verbreiten).

Es wird hier in aller Kürze gezeigt, wie in einem Land, das Kleriker immer noch gern  „die älteste Tochter der römischen Kirche“ nennen, die bist noch vorherrschende Religion, der Katholizismus, kontinuierlich schwächer wird. In vielen Regionen bzw. Départements (wie Limousin, Guéret, Burgund, Dordogne usw.) ist diese Kirche de facto bereits seit längerer Zeit verschwunden, d.h. fast niemand interessiert sich heute in lebensmäßiger Praxis für sie, bestenfalls im Fall von Bestattungen oder Riten wie Taufen und Hochzeiten. Eine historische Würdigung dieser Tatsache, die weit in die Geschichte ausgreift, hat etwa der bekannte Historiker Jean Delumeau verfasst. LINK

Das ist die Erkenntnis der gut entwickelten religionssoziologischen Forschung in Frankreich: In absehbarer Zeit wird der Katholizismus im ganzen Land zu einer verschwindenden Minderheit werden. Ob dann die von Klerikern viel beschworene „kleine Herde“ noch die Kraft hat, spirituell und sozial relevant zu sein, ist die Frage. Die vielen prächtigen Kathedralen, die romanischen Kirchen und alten Klostergebäude werden bleiben, Zeugnisse einer „anderen“ Zeit. Aber es wird in diesen Gebäuden eher selten noch katholischer Ritus mit Priestern, Mönchen und Nonnen stattfinden. Es ist wohl etwas anderes, Gesänge von wirklichen Mönchen tagaus tagein in einer Abtei mehrmals am Tag zu hören als alle zwei Monate einmal am selben Ort von einem angereisten Chor, um nur ein Beispiel zu nennen

Eine einst katholisch geprägte Kultur verschwindet, die vielen verfallenden Kirchen im ganzen Land werden fotografisch und kunstvoll bereits dokumentiert. LINK.

Und eine von vielen Fragen ist: Ob man in naher Zukunft noch – wie jetzt – ca. 90 Bischöfe mit entsprechenden Diözesen und Diözesan-Verwaltungen braucht. Das wird auch finanziell problematisch werden, weil bekanntlich ein Bischof in Frankreich ca. 1.200 Euro Monatsgehalt (aus Spenden, nicht aus Kirchensteuern oder staatlichen Zuwendungen) erhält…  und nicht wie 12.000 Euro die Erzbischöfe und Bischöfe in Deutschland…

Dieses absehbare Verschwinden des französischen Katholizismus gilt auch für viele andere Länder Europas, wie Irland, die Niederlande, Belgien, sogar Spanien, die Schweiz, die Tschechische Republik …und nun auch in Polen nimmt die Distanz der (jungen) Katholiken von der Kirche immer mehr zu. Ob dieses langsame Verschwinden des kirchlichen, des katholischen Christentums auch für Deutschland gilt, wird noch diskutiert, ist aber sehr wahrscheinlich, wenn man sich die Statistiken kirchlichen Lebens ansieht, vor allem die extrem hohen Austrittszahlen und dabei Vergleiche zieht, für die BRD, etwa von 1950 an. Solange der Katholizismus weltweit stur den zölibatären Klerus absolut ins Zentrum (der Liturgie, der Macht etc.) setzt, ist das Ende auch des Katholizismus in Deutschland allein schon wegen dieser – theologisch unsinnigen – absoluten Bindung an den Klerus sicher.

–Das Thema „Katholizismus in Frankreich“ interessiert mich als Theologe und Journalist seit mehr als 40 Jahren. Dazu habe ich etliche Publikationen vorgelegt, die alle von dem Bemühen geleitet waren und sind, breitere Kreise auf diese Fragen aufmerksam zu machen. Nur ein Beispiel: Von 1989 bis 2005 habe ich ca. 50 Halbstundensendungen fürs Kulturradio des Saarländischen Rundfunks (SR2) gestaltet mit dem Titel „Gott in Frankreich“. Diese Sendung wurde nach der Pensionierung des verantwortlichen Redakteurs Norbert Sommer „einfach so“ und „sang und klanglos“, abgesetzt.

ZUM THEMA: “Das langsame Verschwinden des Katholizismus in Frankreich”:

1. In Frankreich ist die „Die Zukunft des Katholizismus in Frankreich“ eine Art Dauerthema wissenschaftlicher Publikationen. Und es ist keine Übertreibung: Fast unüberschaubar viele Publikationen, Bücher und Zeitschriftenbeiträge, wurden zu unserer Fragestellung in den letzten 100 Jahren geschrieben, seit 1950 kam die Debatte heftig in Schwung nach der Veröffentlichung des Buches (!943) „La France – pays de mission?“, ausgerechnet während des Pétain-Regimes veröffentlicht). Etwa seit 1970 gibt es ständig Neuerscheinungen zu dem Thema….Die Frage wird diskutiert, Vorschläge werden gemacht, aber die Kleruskirche bleibt allmächtig. Laieninitiativen werden als Ausdruck der neuen Liberalität des Klerus willkommen geheißen, aber sie werden niemals die klerikale Macht zugunsten eines demokratischen Miteinanders aller einschränken.

2. Wer eine erste schnelle, zusammenfassende Antwort will: Tatsächlich ist der Katholizismus in Frankreich am Verschwinden, wenn man die Statistiken von Umfragen zur Konfessionszugehörigkeit oder die Statistiken der Teilnehmer an Sonntags-Messen oder die Anzahl der Neupriester pro Jahr studiert. Dieses Urteil bezieht sich notgedrungen auf äußere Vollzüge, „Praxis“ genannt, ins „Innere“ der religiösen oder nichtreligiösen Seele eines jeden einzelnen lässt sich bekanntlich nicht objektiv schauen, so bleiben also vor allem die statistischen Werte, um den Zustand der konfessionellen Bindung in einem Land präzise zu fassen… Wichtig zu wissen ist, dass es aufgrund der Trennung von Kirche und Staat in Frankreich seit 1905 keine vom Staat veranstalteten objektiven Konfessionsstatistiken gibt. Alle Statistiken in unserem Zusammenhang beruhen also auf repräsentativen Umfragen.

3. Pauschal gesagt heißt das Ergebnis:  Die katholische Kirche in Frankeich ist zahlenmäßig gesehen am Verschwinden. Das Ende wäre auch rein rechnerisch fast datierbar, wenn sich nur Religionssoziologen entschließen würden, genau das Durchschnitts-Alter des aus Frankreich stammenden Klerus zu ermitteln und diese Erkenntnis auf die nächsten 20 Jahre zu beziehen. Sehr wahrscheinlich ist das Ergebnis: Der aus Frankreich stammende Klerus stirbt aus, so wie die meisten Frauenorden verschwinden werden. Noch retten sich die Bischöfe, die, wie überall in Westeuropa, auf den sogenannten zölibatären Klerus setzen damit, dass sie Priester aus Afrika und Asien nach Frankreich holen und dies mit dem Euphemismus kaschieren: Diese Priester könnten die internationale Dimension des Katholizismus beweisen. Dass diese Priester in Afrika oder Asien viel eher „gebraucht“ würden, wird dabei diplomatisch verschwiegen.

4. „Hat der Katholizismus noch eine Zukunft in Frankreich?“ ist der Titel des neuesten Buches des Historikers Guillaume Cuchet (erschienen bei Seuil, Paris, im September 2021). Cuchet hat schon mehrfach zum Katholizismus in Frankreich im 19. und 20. Jahrhundert publiziert, diesmal bietet er eine Sammlung seiner Aufsätze aus den letzten Jahren.

5. Mehrfach spricht Cuchet von „rupture,“ von Bruch, der sich in der französischen Gesellschaft ereignet, wenn sich immer mehr, man möchte heute sagen: fast alle jüngeren Franzosen von der Bindung an die katholische Kirche lösen. 1965 wurden noch 94 % der Neugeboren katholisch getauft; 2021 sind es etwa noch 30 %…wobei die heutige Vorliebe für sakrale Feiern, wie Taufen, nicht auf eine dauerhafte religiöse Praxis der Beteiligten schließen lässt. In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden noch ca. 1.500 Männer pro Jahr zu Priestern geweiht; jetzt sind es jetzt etwa 80 bis 100, die in den Klerikerstand als Priester eintreten wollen. Auf Seite 67 nennt Cuchet die Prozentzahl der französischen Katholiken, die sonntags regelmäßig an der Messe teilnehmen: Es sind 2 bis 3 Prozent. Vor zwanzig Jahren waren es noch 8 Prozent, 1950 waren es noch mehr als 30 Prozent. Die meisten TeilnehmerInnen an der Sonntags-Messe sind heute bekanntlich ältere bis sehr alte Menschen. Nebenbei erwähnt Cuchet, dass es heute wohl mehr religiös praktizierende Muslime als religiös praktizierende Katholiken gibt (S.86). Der Islam wird die „zweite Religion in Frankreich“ genannt, zahlenmäßig betrachtet, aber wahrscheinlich sind die Unkirchlichen und Atheisten bereits längst die stärkste, nicht organisierte „Konfession“.

6. Cuchet bietet viele Hinweise auf diese globale rupture, diesen Bruch im religiösen Leben Frankreichs: Er nennt Formen des säkularen Glaubens, der sich äußert in einer großen Vielfalt, sogar das Joggen wird als eine Form der Askese gedeutet (S.69). Cuchet weist ferner auf die große und in sich vielfältige Gruppe der Menschen hin, die sich „sans culte“, ohne Religion, nennen, Leute also, die in England oder den USA  als „nones“ bezeichnet werden, Leute des NON, des Nein zur Religion. Bei der letzten noch staatlich veranstalteten Befragung zur Religionszugehörigkeit im Jahr 1872 (!) nannten sich von den 36 Millionen Franzosen nur 80.00 „ohne Religion“. Heute sind die Menschen mit der Konfession „Ohne Religion“ in Frankreich fast die Mehrheit. Interessant sind die Hinweise Cuchets zur Bedeutung buddhistischer Präsenz in Frankreich, die er vor allem in einer breiten Bewegung der „Meditierenden“ entdeckt. Dabei ist die Frage, welche neue Form des inhaltlich wohl reduzierten Buddhismus in Europa entsteht…Dabei wird die Frage diskutiert, welcher Unterschied heute zwischen dem ständig verwendeten Begriff „Spiritualität“ und dem der „Religion“ bzw. des Glaubens besteht. Von Spiritualität zu sprechen, deckt sozusagen alle Formen einer etwas intensiveren Lebensgestaltung ab, von Meditation über veganes Essen zu Yoga und Astrologie etc.

7. Es gibt freilich auch heute noch Zentren katholischer Präsenz, vor allem in Paris und anderen sehr großen Städten, von einigen gut besuchten Klöstern abgesehen. In Paris sind es vor allem die Angehörigen der gehobenen Mittelschicht aus dem eher vornehmen 14., 15. und 16. Arrondissement, die katholisch „aktiv“ sind, das gilt auch für die vornehmen Quartiers in Versailles, Lyon, Bordeaux usw. Der Rest-Katholizismus ist (groß)bürgerlich, die katholischen Arbeiterbewegungen sind jetzt nur noch marginal vertreten.

Es gab in letzter Zeit große politische Demonstrationen, an denen die großbürgerlichen Katholiken heftig beteiligt waren, also die “Manifestationen gegen die Ehe für alle“, gegen das Gesetz, das die so genannte „Homo-Ehe“ erlaubt. Und die französischen Bischöfe berichten 2021 stolz Papst Franziskus, dass durch die Massendemonstrationen mit heftiger Unterstützung konservativer bis reaktionärer politischer Parteien die Kirche wieder in der Öffentlichkeit sichtbar wurde. Seit 1930 gab es immer wieder linke katholische Bewegungen und linke katholische Theologen, aber die sind inzwischen fast alle … gestorben und haben keine Nachfolger gefunden. Die progressive Gemeinschaft „Mission de France“ gibt es noch oder auch den Orden „Fils de la Charité in der Banlieue, aber diese Gruppen sind fast ohne Einfluss. Angesichts einer Übermacht konservativer und reaktionärer Kräfte (man denke an den einflussreichen, auch politisch -reaktionären Bischof von Toulon, Dominique Rey von der charismatischen Gemeinschaft Emmanuel) sind die linken Katholiken fast verschwunden, sie haben das Feld geräumt. Man bedenke auch, dass die Absetzung des einzig wahrhaftigen progressiven und linken Bischofs, Jacques Gaillot, Evreux, durch den Vatikan im Jahr 1995 einen tiefen Bruch im Katholizismus erzeugt hat. Bischof Gaillot wurde nun zum Titularbischof des längst untergegangenen Bistums Partenia in Algerien ernannt, also buchstäblich in die Wüste geschickt. Und mit ihm viele tausende progressive Katholiken. LINK .Es ist der Vatikan in seinem Wahn, Pluralismus zu verbieten, der die Gläubigen aus der Kirche treibt. Dasselbe lässt sich auch für den Niedergang des holländischen Katholizismus evident zeigen.

8. Zum Ende des französischen Katholizismus: Der Abschied breiter Kreise der Katholiken begann schon vor der Französischen Revolution, begründet im Entsetzen des Volkes über den maßlosen Reichtum der Klöster und der Bischöfe, über die enge Bindung der Kirchenführer und Äbte an das absolutistische Regime der Könige; die Revolution selbst mit der inszenierten Propaganda der Entkirchlichung in vielen Regionen blieb nicht ohne Wirkung. Der gescheiterte Aufstand der Pariser Commune 1871 zeigte die enge Bindung von reaktionärer Herrschaft und reaktionärem Klerus. Im 20.Jahrhundert wurde durch den Vatikan der Versuch zerschlagen, eine aufseiten der Arbeiterklassen angesiedelte Kirche (Arbeiterpriester) zu bilden. Die Einmischung des Klerus in die gelebte Sexualität („Humae Vitae“) förderte den Abschied vom Katholizismus, um nur einige Beispiele zu nennen. Noch einmal: Der Klerus, Bischöfe, Päpste sind für die Entkirchlichung verantwortlich zu machen. Dieses Thema sollte viel stärker in den Focus der Forschung treten.

9. Der ganze Stolz des französischen Katholizismus seit etwa 1970 sind die so genannten „neuen geistlichen Gemeinschaften“, oft charismatischer „pfingstlerischer“ Prägung und mit der ganzen primitiven theologischen Schlichtheit der Evangelikalen ausgestattet. Diese zahlreichen Gemeinschaften hatten um 1980 tatsächlich noch viele jüngere Katholiken angezogen. Aber seit etwa 2015 werden „kleckerweise“ immer neue „Fälle“ von sexuellem Missbrauch durch Führergestalten dieser neuen geistlichen Gemeinschaften bekannt, so dass sich Papst Franziskus einschaltete und die Überwindung der Missstände einforderte. Nun ist also auch der gute Ruf dieser einst so gerühmten neuen geistlichen Gemeinschaften dahin.Eine ziemliche Blamage angesichts des Eifers und des Stolzes derer, die auf den Straßenmissionen ihr Alleluja schmetterten. Hinzu kommen noch die vielen Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester und des Vertuschens durch Bischöfe sowie die zunehmende Macht reaktionärer traditionalistischer Gemeinschaften und Klöster gerade INNERHALB des offiziellen Katholizismus. Es war ja Papst Benedikt XVI., dem es ein Herzensanliegen war, Klöster der Lefèbvre-Getreuen wieder mit Rom zu versöhnen. Aber diese Mönche zeigen sich nicht nur theologisch reaktionär, sie sind es auch politisch, in ihrer Verbindung mit der Partei Le Pens. Darauf habe ich mehrfach hingewiesen.LINK

10. Der französische Katholizismus versucht sich angesichts dieser vielen Probleme und Skandale irgendwie über Wasser zu halten, zum Teil durch merkwürdige Formen der Volksfrömmigkeit, indem man in diesem Jahr 2021 eine Statue des heiligen Josef durchs ganze Land schleppen lässt oder die marianischen Wallfahrtsorte wieder reaktiviert.

11. Und kein Theologe stellt die entscheidende Frage: Ist am statistisch nachgewiesenen Niedergang des Katholizismus in Frankreich auch das starre Beharren auf der uralten Lehre mit den immer selben Formeln und Floskeln der Dogmen schuld? Mit anderen Worten: Die Leblosigkeit und Erstarrung, das zwanghafte Festhalten an den immer selben Formeln des Glaubensbekenntnisses oder der Mess-Feier etwa, sind heftigster Ausdruck dafür, dass kein lebendiges Wagnis der Neuformulierung eingegangen wird, um nur ein Beispiel zu nennen: „Jesus als erlösendes Vorbild“ zu nennen. Oder: Den Abschied von der Ideologie der “Erbsünde“ zu verkünden, wagt kein katholischer Theologe, kein Bischof, kein Papst.

12. Es kann also jetzt die Situation eintreten, dass eine Religion so alt, so starr und stur geworden ist, dass sie de facto verschwindet? Rechnet man heute ernsthaft auch mit dem Tod von Religionen in bestimmten Teilen der Welt?  Etwa in Europa im 21. Jahrhundert? In Nordafrika ist auch im 6. Jahrhundert ein blühendes Christentum verschwunden, durch die Aggressionen der muslimischen Kämpfer gewiss, aber vielleicht war das Christentum dort auch schon “schwach“ gewesen, so dass die Zwangsbekehrungen zum Islam relativ schnell erfolgreich waren…. In der Tschechischen Republik, vor allem in Böhmen, ist das Christentum, auch die katholische Kirche, zahlenmäßig bereits fast verschwunden. Dazu hat Prof. Tomas Halik Wichtiges veröffentlicht…Wie gesagt, auch in Teilen Frankreichs, wie in dem Limousin oder dem Département Creuse ist die Kirche schon verschwunden… Wenn nicht afrikanische Priester nach Frankreich „eingeflogen“ würden, wäre das kirchliche Leben schon viel früher erloschen. Und wegweisende Projekte, wie die Leitung der Pfarrgemeinden durch Laien in Poitiers, haben wenig Resonanz in anderen Bistümern gefunden.

13. Theologisch betrachtet besteht wohl Die Überzeugung: Der humane Geist des Propheten Jesus von Nazareth wird auch in anderen Organisationen als den Kirchen überleben. Er lebt ja bereits, wenn auch unthematisch, unter den Aktivisten der vielen humanitären NGOs, wie Ärzte ohne Grenzen, Medico, Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer usw.

Ohne jede religiöse Vereinnahmung könnte doch einmal die Präsenz des jesuanischen Geistes unter den Mitgliedern dieser Menschenrechts-Bewegungen besprochen werden…

14. Diese Hinweise haben sich auf den französischen Katholizismus konzentriert. Ähnliche Ergebnisse gäbe es auch beim klassischen französischen Protestantismus, also unter Reformierten und Lutheranern. Zahlenmäßig wahrnehmbar ist der französische Protestantismus vor allem wegen der vielen charismatischen und evangelikalen Kirchengemeinschaften.

Eine Auswahl von wichtigen Studien, die zeigen, mit welcher Intensität die Frage nach der Zukunft der katholischen Kirche in Frankreich studiert und debattiert wird:

2018: Guillaume Cuchet, “Comment notre monde a cessé d etre chrétien. Anatomie d un effondrement”. Ed. Du Seuil, Paris.

2018: Jérome Fourquet, “A la droite de Dieu.” Ed. du Cerf, Paris

2015: “Métamorphoses catholiques”, Céline Béraud et Philippe Portier, Ed. de la Maison des sciences d homme.

2012: “A la gauche du Christ. Les Chrétiens de gauche en France de 1945 à nos jours“ (Denis Pelletier et Jean-Louis Schlegel), Ed. du Seuil Paris.

2007: Céline Béraud, “Pretres, diacres, Laics. Révolution silencieuse dans le catholicisme francais”. Presses Universitaires de France, Paris.

2003: Daniéle Hervieu-Léger, Catholicisme, la fin d un monde. Ed. Bayard, Paris.

2002: “Chretiens, tournez la page” (Autoren  R. Rémond, D. Hervieu-Léger u. andere) Ed. Bayard, Paris

1999: Hippolyte Simon (Bischof von Clermont-Ferrand). “Vers une France paienne?” Editions Cana, Paris.

1999: Danièle Hervieu-Léger,“ Le Pèlerin et le converti“. Flammarion, Paris. Auch auf Deutsch: „Pilger und Konveriten“, 2004, Ergon Verlag Würzburg.

1991: „Les Francais sont-ils encore catholique? Analyse d un sondage d opinion“ (4 Beiträge, u.a. Guy Michelat) Ed. du Cerf, Paris.

1991: Gérard Cholvy, “La religion en France de la fin du 18 siècle à nos jours“,Hachette, Paris.

1985: “La Scène Catholique”, Revue Autrement, Paris. Mit 33 Beiträgen z.T. prominenter Autoren (wie Marcel Gauchet) au seiner Zeit, als es noch viele euphorische „Aufbrüche“ im französischen Katholizismus gab.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Marx, Wagner, Nietzsche!

Über ein neues Buch von Herfried Münkler

Ein Hinweis von Christian Modehn

Herfried Münkler, Professor em. für Politikwissenschaft an der Humboldt Universität in Berlin, legt ein gleichermaßen umfangreiches wie originelles Buch vor: Die drei „Denker“, um diesen etwas pathetischen Oberbegriff für Marx, Wagner und Nietzsche zu gebrauchen, haben mit ihren Werken auf je unterschiedliche Weise den globalen Umbruch im 19. Jahrhundert und darüber hinaus mit-bestimmt. Ihr politischer, künstlerischer und kultureller Einfluss ist bis heute evident, nicht nur in Europa. Die Werke der drei Deutschen sind keineswegs „ausstudiert“. Man hätte sich wohl auch drei maßgebliche europäische, nicht-deutsche „Denker“ aus dem 19. Jahrhundert vorstellen können. Aber die Bedeutung der drei Deutschen ist unumstritten, und dies zu sagen, hat nichts mit Nationalismus zu tun..

1. Herfried Münkler bietet einen interessanten neuen Ansatz: Er präsentiert und diskutiert Marx, Wagner und Nietzsche NICHT jeweils für sich getrennt, sondern zeigt in allen Kapiteln seines 620 Text-Seiten umfassenden Buches Querverbindungen, Gemeinsamkeiten, Widersprüche. Das macht die Lektüre spannend, aber manchmal auch anstrengend, weil eben von dem einen zum anderen gesprungen wird. Münkler „bringt die Drei miteinander ins Gespräch“, selbst wenn sie, historisch gesehen, kaum Kenntnis voneinander hatten, sieht man einmal von den Beziehungen zwischen dem jungen Nietzsche und Wagner ab. Die drei können sogar, meint Münkler, Begleiter sein im 21. Jahrhundert, aber, und das ist wichtig, „wobei diese Begleitung eher eine der kritischen Infragestellung als eine der selbstsicheren Wegweisung ist“ (616).

Um das besondere Profil jedes der drei im Sinne Münkles anzudeuten: Marx „als Ökonom und Soziologe setzt auf die Revolution der sozioökonomischen Verhältnisse, Wagner auf die kulturelle Regeneration und Nietzsche auf die Schaffung eines neuen Menschen“ (ebd.)

2. Münkler berichtet, dass er sich als Politologe selbstverständlich seit langem mit Marx auseinandergesetzt hat. Neu dürfte für manche die jahrelange Beschäftigung Münklers mit Richard Wagner sein, er kommt lang und breit in dem Buch zu Wort. Nietzsche hingegen ist wohl erst anlässlich der Studien zu diesem Buch für Münkler wichtig geworden (vgl. S. 715).

3. Unter den neun Kapiteln des Buches, die sich auf gemeinsame Sachthemen der drei beziehen, möchte ich vor allem auf das 5. Kapitel „Zwischen Religionskritik und Religionsstiftung“ hinweisen (S. 209 – 289). Das 19. Jahrhundert war nach der Französischen Revolution einerseits vor allem von einer Krise des Katholizismus bestimmt mit den ersten großen Umbrüchen in Richtung Säkularisierung des religiösen Bewusstseins. Andererseits war es aber auch das Jahrhundert vieler Religionsgründungen und Abspaltungen von den großen Konfessionen im Sinne von „Sekten“-Gründungen: Um nur einige zu nennen: Man denke an die Religion des Positivismus gegründet von A. Comte oder an den Altkatholizismus, an neue religiöse Gemeinschaften in den USA, wie die Christian Science oder die Mormonen oder an sehr beliebte esoterische Bewegungen damals wie den Spiritismus. Ich finde es schade, dass Herfried Münkler in seinem Religionskapitel dieses breite und durchaus diffuse religiöse „Aufblühen“ im 19. Jahrhundert in seiner Darstellung der „drei“ nicht berücksichtigt.

4. Marx, Wagner und Nietzsche haben je verschiedene, ganz ungewöhnliche Verbindungen zum Religiösen bzw. konkret zum Christlichen/Kirchlichen. Bei Marx werden die religiösen, d.h. christlichen und jüdischen Lehren „ins Diesseits verlagert“ (211). Im 20. Jahrhundert wird dann „der Kapitalismus als Religion“ thematisiert. Vom Kommunismus als Religion, etwa mit dem Stalin-Kult, spricht Münkler nicht, weil er als Historiker meint, Karl Marx habe mit dem Staats-Kommunismus in der UDSSR nichts direkt zu tun.

Richard Wagner ist bekanntlich als Antisemit auch ein Religionsgründer, er will mit seinen Festspielen eine Art neuer Kunst-Religion etablieren. „Erst in der 1950er Jahren kam ein Prozess der Desakralisierung (von Wagners Opern) in Gang“ (214). Nietzsche benannte und verkündete in seinen Aphorismen und in seinem „Zarathustra“ das faktische geistige und spirituelle Ende des Christentums. Aber Nietzsche hat mit seiner Lehre vom Übermenschen und der Ewigen Wiederkehr des Gleichen neue religiöse Dimensionen für die „wenigen“ „freien Geister“ erschließen wollen.

In dem Religionskapitel zeigt sich Münkler besonders als Kenner der künstlerischen Welt Wagners. Auf vielen Seiten werden die Inhalte des „Ring“ dargestellt… Dabei zeigt sich „Wagners Sorge um die Zukunft der Religion in einer arelgiösen Welt“ (S. 246). „Was Wagners religiöse Vorstellungswelt durchgängig prägt, ist sein Distanz gegenüber allen Formen der Institutionalisierung des Religiösen, also gegenüber der Kirche und einer dogmatischen Theologie“ (279).

Das ist, möchte man meinen, auch ein ganz aktuelles, “heutiges“ Thema im 21. Jahrhundert, wenn Münkler Wagners Lehre referiert: „Der Theologe als Hüter des religiösen wird durch den Künstler ersetzt“. Heute gibt es neben den Künstlern und Musikern viele “Hüter” des Religiösen, nicht des explizit Christlichen, bis hin in die eher profane Welt der “heiligen” richtigen Ernährung und der “absoluten” Gesundheitspflege als Ideal der Reichen in der reichen Welt…

5. Ich möchte das Thema des Buches etwas erweitern: Was bieten die drei Religionsgründer heute an gemeinsamen Impulsen? Zu dieser Frage führt ja die Lektüre dieses Kapitels…

Die Leidenschaft und geistige Energie von Karl Marx zugunsten einer umfassenden Gerechtigkeit auch für Ausgegrenzten und Armgemachten lebt jetzt in der lateinamerikanischen Befreiungstheologie und den Basisgemeinden weiter. Es gibt also heute ein emanzipatorisches Christentum, das vielleicht Marx erfreuen würde. Weil die dogmatische Hierarchie in Rom spürt, dass in dieser Theologie „etwas Marx“ vorhanden ist, hat der Vatikan diese Theologie auch systematisch zu zerstören versucht, etwa im Bündnis von Papst Johannes Paul II. mit Reagan und dem CIA.

Die Vorstellung, Kunst könnte Religion sein, (siehe Wagner), findet sich fragmentarisch in den letzten Aktualisierungen einer „liberalen Theologie“, die sehr treffend und richtig jedem Menschen eine eigene religiöse Kreativität zutraut. Und religiöse Erfahrungen gerade durch und mit Kunst/Musik etc. für möglich hält und dazu die Chance bietet in den Räumen christlicher Kirchengebäude.

Und Nietzsche? Er ist überzeugend, dass „die Kirche zum Grab Gottes“ geworden ist (in der „Fröhlichen Wissenschaft“, bei Münkler S. 220). Das heißt: Die starren Lehren einer letztlich unwandelbaren und damit vor allem nicht mehr lebendigen Kirche wird für viele, die darin noch verweilen, zum Grab Gottes: Sie werden wegen und durch die Kirchen förmlich zu Atheisten… In dogmatisch erstarrten Kirchen und Sekten wird der Glaube an Gott vertrieben…(Siehe etwa die Studien „Religionsverlust durch religiöse Erziehung“, etwa Erwin Ringel und andere)

6. Das neue Buch von Herfried Münkler bietet überraschende Perspektiven, es ist gut geeignet für Menschen, die ihre Kenntnisse von Marx, Wagner und Nietzsche vertiefen wollen. Münkler zeigt, wie unterschiedlich diese drei Denker des 19. Jahrhunderts auf die globale, politische, ökonomische und kulturelle Krise reagieren.

Man hätte sich gewünscht, in welcher gebrochenen Form die Werke dieser drei je unterschiedlich dann im 20. und nun schon im 21. Jahrhundert rezipiert werden. Dass Marx als Sozialkritiker und Ökonom auch jetzt wieder viel gelesen und debattiert wird, deutet Münkler an. Aber es gibt heute wieder explizite Marxisten und Kommunisten, etwa unter Frankreichs Philosophen (Badiou usw.)…

Dass sich Nietzsches Nihilismus und sein Plädoyer fürs Herrenmenschentum im Bewusstsein und der sozialen/politischen Praxis der Reichen in den reichen Ländern durchgesetzt hat, steht außer Frage. Egismus ist die wichtigste Untugend der Gegenwart. Und Wagners Opern stehen unerschüttert auf den Spielplänen der Opernhäuser, Bayreuth bleibt doch ein säkularer Pilgerort, bei dem die Reichen und Schönen und Spitzenpolitiker sich gern zeigen. Ob sie wirklich von diesen germanischen Mythen innerlich bewegt sind, ist hoffentlich eine offene Frage. Das Hören der Bergpredigt in einem christlichen Gottesdienst kann einige Menschen vielleicht noch verändern, auch politisch zu mehr Solidarität bewegen. Ob dies mit den germanischen Mythen (auch à la Wagner) gelingt, wage ich sehr zu bezweifeln. Es gibt selbstverständlich auch hierzulande einen bisher kaum diskutierten Kultur-“Genuss“ aus purer Langeweile („Ich hörte nun zum 5. Mal Lohengrin“  etc.) oder aus politisch gebotener Repräsentationspflicht (Kanzlerin Merkel in Bayreuth etc).

Herfried Münkler,“ Marx, Wagner, Nietzsche. Welt im Umbruch“. Rowohlt-Verlag Berlin, 2021, 718 Seiten, 34 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Atheismus im Christentum: Das heißt: Atheismus inmitten des Glaubens.

Wer ist ein religiöser Mensch? Jemand, der auch Atheist ist.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Das Buch „Atheismus im Christentum“ von Ernst Bloch, 1968 veröffentlicht, sollten religiöse Menschen, Christen, Muslime, Juden wie auch Atheisten neu entdecken, auch Atheisten, die bekanntlich auch „nur“ glauben können, nämlich: Dass es Gott nicht gibt.

1.

Der Titel des Buches ist Programm. Man könnte ihn verwandeln in „Atheismus im persönlichen Glauben“. Oder: „Atheismus in meiner, in unserer Spiritualität“. Impulse werden freigesetzt für einen Glauben, der heutige Lebenserfahrungen respektiert, also auch den Inhalt des Glaubens neu gestaltet. Denn bekanntlich ist religiöser Glaube etwas Lebendiges, d.h. Wandelbares, und entgegen vielerlei rigider Praxis der Kirchen und Religionen nichts Versteinertes, nicht auf ewig Dogmatisches.

2.

Ernst Bloch will ein Gottesbild überwinden, um jetzt nur beim Christentum, den Kirchen zu bleiben, das dort bestimmend wurde: Gott wird als Himmels-Herrscher verehrt oder als „Rachegott“ gefürchtet. Dieser Gott bremst die Freiheit aktiver Lebensgestaltung, behindert den Elan, für die universale Gerechtigkeit unter den Menschen auf dieser Erde einzutreten. Bloch wehrt sich aber auch gegen eine andere Gestalt banalen Glaubens, den banalen Atheismus, etwa in „Gespräche mit Ernst Bloch“, 1975, Seite 170. Dieser Atheismus begrenzt sich schlicht darauf, die Materie für „alles“ zu halten und diese zu verehren und … Gott zu bekämpfen. „Mir geht es hingegen um revolutionären Atheismus in Religionen selber, insbesondere dem Christentum, wie man weiß“ (S. 170).

3.

Bloch zeigt, dass Menschen wesentlich von der geistigen Kraft des Transzendierens bestimmt sind. Das heißt: Sie haben die innere, die geistige Energie, über jeden vorfindlichen Zustand hinauszustreben, das erinnert deutlich an Hegel. Bloch denkt entschieden an politische und ökonomische Verhältnisse, die die Menschenwürde aller bekämpfen und ausschließen. Diese Energie für ein „Transzendierens nach vorne, in die bessere Zukunft der Menschheit und der Welt zu entwickeln, ist die wahre spirituelle Leistung der Menschen, vor allem derer, die sich Christen nennen.

4.

Damit wird die Dimension des „Atheismus in meinem, in unserem Glauben“, erreicht:

Wer den Herrscher – Gott im Himmel, den Rächer und wundertätigen Willkürgott, der mal hier, mal dort Wunder für diesen oder mal für jenen tut, wer also diesen Willkür-Gott ablehnt und vernünftig und emotional überwindet, gerät in eine Art Zwischenraum, in eine Leere. Die ist bestimmt von der Erfahrung des Verlustes des alten Gottes UND dem Nicht-Dasein einer neuen zentralen Lebensmitte, sagen wir eines „neuen Göttlichen“, das man in Erwartungshaltung vielleicht den neuen gründenden Sinn, das Heilige, nennen könnte. Aber eben nicht mehr den angelernten Gott aus Kindeszeiten.

Im leeren Zwischenraum ist die Stimmung des Abschieds bestimmend, auch der Angst, etwas Wesentliches und Altvertrautes verloren oder aufgegeben zu haben. Aber doch setzt sich die Einsicht und die Gewissheit durch: Das „alte, überkommene, angelernte, Gottesbild“ stört unsere gegenwärtige Lebenserfahrung und die vernünftige Einsicht. Denn das überwundene, alte Gottesbild ruhte also wie ein „erratischer Block“ in unserem Leben. Damit deutet sich schon an, dass die Leere, der Zwischenraum, um der geistigen Gesundheit willen verlassen werden sollte. Eine neue, humanere Vorstellung von dem Göttlichen oder dem Sinn-Gründenden deutet sich an.

5.

Man könnte bei Bloch also lernen: Wer als Christ diese Situation der Leere, des Übergangs, erfährt und begrifflich denkt, erlebt für sich selbst und in sich selbst den „Atheismus im Christentum“: Der religiöse Mensch, der Christ, ist also Gott „los“ geworden, d.h. gottlos geworden, befreit von einem Gott, der das Leben behindert und die Unreife der Menschen fördert. Bloch weist sehr treffend darauf hin, dass der Philosoph und Mystiker Meister Eckart im 14. Jahrhundert seinen dringenden Wunsch formulierte, er möge „Gottes quitt“ sein, also gott-los werden. Dies sagte er nicht aus einer unreflektierten Zustimmung zu einem vulgären Atheismus. Vielmehr wusste er: Das dingliche und greifbare und verfügbare allgemeine christliche Gottesbild verfälscht den „göttlichen Gott“. Und die Bindung an ihn macht den Menschen unfrei, kettet ihn an Phantome, die Angst erzeugen und verwirren.

6.

Bloch hat also einen Vorschlag, diese Phasen der Leere und des Atheismus als Phasen der Gesundung, der Reifung, des geistigen und politischen Wachstums zu verstehen. So können diese Momente und Zeiten des Übergangs, der Leere, des Atheismus, gelebt werden. Sie sind immer wieder neu sich einstellende Momente einer spirituellen Lebendigkeit. Man könnte also sagen: Wer als Christ nicht oft auch Atheist gewesen ist, hat nicht in einem lebendigen Leben, in einer lebendigen Spiritualität, gelebt. Und diese Lebendigkeit ist wesentlich das dauernde Transzendieren als das Überwinden jeglicher Fixierung. Und gerade dieses dauernde Transzendieren ist das eigentlich Feste und Bleibende im Leben.

7.

Darauf kommt es entschieden an: Religiöse Menschen, also noch einmal Christen, Juden, Muslime, Atheisten sollten diese ihre geistige Struktur, das Transzendieren, als ihren religiösen Mittelpunkt erkennen. Transzendieren ist im Sinne Blochs das  sehr weltliche und politische Transzendieren in eine bessere Zukunft für die Menschheit! Das Ziel des Transzendierens ist für Bloch nicht der vertikal zu denkende göttliche Herr des Himmels und der himmlischen Heere, sondern das umfassend humane Reich der Zukunft. Bloch sprich in dem Zusammenhang von „Transzendieren ohne Transzendenz“, also ohne göttlichen „Himmel“. Es wäre jedoch zu fragen, ob dieses Transzendieren in eine umfassend humane Zukunft („vorwärts“, wie Bloch sagt) nicht bereits schon das Göttliche im Menschen ist. Ich würde den Gedanken unterstützen. Bloch lehnt ihn ab, weil er mit der Voraussetzung einer mit der „Schöpfung“ gegebenen, sozusagen an gelegten geistigen Kraft des Transzendierens rechnet.

8.

Der Atheismus Blochs ist etwas sehr Spezielles. Für Bloch ist die Gestalt Jesu von Nazareth zentral, den er – wie viele andere auch – als „Menschensohn“ versteht, im Anschluss an das Neue Testament. Jesus als der „Menschensohn“ ist die herausragende Gestalt unter den Menschen mit einer radikalen humanen Botschaft. Bloch schreibt: „Jesu Wort: Was Ihr dem Geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan ist entscheidend: Plötzlich erscheint keine Obrigkeit mehr…hier also ist der Gott, der von oben herrscht, vollkommen weg. Und eine Rückwendung auf den Menschen ist da, und zwar zu den Armen, Erniedrigten…Man kann das schon Atheismus nennen, da der theos, der Gott (in seiner Macht) gestürzt wird“ („Gespräche mit Ernst Bloch, S. 171). Jesus wird also gerade als Zeuge einer Humanität zugunsten der Armen und Ausgegrenzten zu einer Art erlösendem, befreienden Vorbild.

9.

Wer sich von den Einsichten Blochs anregen lässt, wird auf eine philosophische und theologische Entdeckungsfahrt geschickt: Ohne Atheismus als Erfahrung inmitten des Lebens gibt es keine Spiritualität. Diese Aussage steht etwa gegen die Kirchen, die immer als Ideal predigen, nur den reinen Glauben allzeit zu leben sei Ausdruck der Heiligkeit und Vollkommenheit. Nur das Gute, nur das Fromme allein zu leben ist in der Sicht Blochs naiv: Glauben ohne in atheistische Phasen zu gelangen, ist etwas Stagnierendes. Der reflektierte Atheismus findet immer wieder zu einer neuen Glaubenshaltung. So entsteht eine geistvolle Dialektik inmitten des Lebens.

10.

Noch einmal: Auch der Atheist ist von einer Glaubenshaltung bestimmt , von der Überzeugung, dass kein Gott ist. Atheisten als Glaubende: Das wäre auch ein Aspekt, der sich aus Blochs „Atheismus im Christentum“ ergeben könnte. „Atheismus ist auch Glauben“ wäre dann der weiterführende Titel. Dieser Atheist kann sich aber von „christlichen Atheisten“ belehren lassen: „Den Gott, den ihr Atheisten ablehnt, den lehne ich als Glaubender genauso ab. Insofern sind wir, Atheisten wie Glaubende, in der Dialektik des Lebens immer in ganz neuer Weise Atheisten. Wir beide, Christen und Atheisten, sind gottlos, nämlich in unserer Ablehnung des banalen Gottesbildes.

11.

Das Nachdenken müsste natürlich Konsequenzen haben in der religiösen oder auch in atheistischen Bildung. Bleiben wir bei der religiösen, der christlichen Bildung etwa der Kinder. Kindgemäße Hinweise auf die göttliche Wirklichkeit lassen sich bestimmt nicht durch das Auswendiglernen von Sprüchen und Gebeten oder durch Kindergottesdienste mit viel kindlichem Tralala erreichen. Wichtiger wäre eine kindgemäße Einführung in das, was man die Tiefe und das Geheimnis des Lebens und der Welt nennt. Dann ist von dem unmittelbar eingreifenden wundertätigen Gott keine Rede mehr, Lehren, die so viel Verwirrung stiften bis ins hohe Lebensalter:  Da wird dann mit einem naiven kindlichen Glauben noch im reflektierten, reifen Alter behauptet: „Wenn Gott dies und das zulässt und nicht als Gott direkt eingreift, dann glaube ich nicht an ihn“.

12.

Solche religiös-kindliche Dummheit kann aber überwunden werden, wenn Kinder und Jugendliche anstelle des üblichen religiösen Tralala eben Meditationen, Achtsamkeit, sowie im Spiel das Nachgestalten bestimmter Parabeln Jesu lernen und üben. Das Verstehen der Religionen darf nie auf einer kindlichen, ich möchte sagen, infantilen Stufe stehen bleiben. Insofern ist mancher „Atheismus“ im Christentum auch oft nichts anderes als die Ablehnung des infantilen Glaubens im Christentum. Der Wiener Psychoanalytiker Erwin Ringel hat dieses Phänomen schon vor einigen Jahren auf den Begriff gebracht: „Religionsverlust durch religiöse Erziehung“, heißt sein Buch, 1985 erschienen. Oder den Titel variierend: „Atheismus durch das Sich Klammern an infantile Gottesbilder“. Dieser „Atheismus“ sollte unbedingt überwunden werden. Aber diese authentische, „sachgemäße“ religiöse Bildung kann kaum noch vermittelt werden, weil sich so viele von der Religion längst abgewandt haben. Sie meinen, es gäbe Religion, es gäbe Christentum, nur in dieser dummen, naiven, infantilen Gestalt. Die freilich die Kirchen aus Mangel an spiritueller Lebendigkeit und , dogmatischer Sturheit fortsetzen, bis zu ihrem eigenen Ende, dem Absterben des Christentums. Nietzsche hat treffend gefragt: Wird die Kirche zum Grab Gottes? (Siehe Friedrich Nietzsches, Die fröhliche Wissenschaft, 1887, III. Buch, Nr. 12).  LINK.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Afghanistan: Das Ende der „Mission des Westens“?

Nach der Kapitulation des Westens in Afghanistan.

Hinweise von Christian Modehn

1.

Der militärische Einsatz des Westens in Afghanistan hatte sich als ein humanitäres Projekt verstanden, um Menschenrechte dort durchzusetzen, vor allem für Frauen sollten sie Realität werden. Der Westen hatte dort eine Mission, sie wollte er mit Gewalt durchsetzen.

2.

Der militärische Kampf des Westens in Afghanistan hatte – in der Theorie – hohe Ziele, „Ideale“. Die Militärs des Westens, also konfessionell betrachtet meistens noch nominell Christen, waren eine Art von Missionaren, die zum Töten des Feindes bereit waren. Dieses missionarische Selbstverständnis hat im Gefühl der moralischen und ethischen (christlichen) Überlegenheit des Westens ihren Ursprung. Dass sich die immer noch christlichen und sehr kirchlichen Bürger der USA traditionell als missionarische Nation verstehen, verantwortlich für das Wohl der Welt, ist evident. Dieses ideologische und religiös gefärbte Selbstverständnis verdeckte ökonomische, geopolitische und machtpolitische Interessen, das ist ebenso evident.

3.

Tatsache ist: Diese US-Missionare sind mit ihren Missionen im Laufe dieser langen US-„Missionsgeschichte“ fast immer gescheitert. Sie haben zwar etwa in Lateinamerika ihre politischen Ziele, die Absetzung linker Regierungen mit Gewalt durchgesetzt, aber nicht dauerhaft rechtstaatliche und demokratische Regierungen „produziert“. Diese US-Missionen haben vielen tausend Menschen das Leben gekostet und viele tausend Milliarden US-Dollar verschlungen. Vom permanenten Krieg der USA in allen Teilen der Welt hat nur die US-Rüstungsindustrie profitiert. Friedlicher, humaner ist die Welt durch die vielen US-Missionen also nicht geworden, eher das Gegenteil ist wahr:Man denke an die  US Einsätze in Irak, Somalia, Vietnam, Chile, Guatemala usw…

4.

Jetzt (Ende August 2021) werden auf höchster Ebene heftige Zweifel an der missionarischen Sendung der USA laut. Der „Heilsbringer“ gerühmte Präsident Biden sagt: „Wir sollten keine amerikanischen Leben opfern, um Afghanistan zu einer Demokratie zu machen“ (SZ 28/ 29. Aug 2021 S. 2). Wenn es noch zu militärischem Handeln seitens der USA kommen soll, dann offenbar nur, um unmittelbare Attacken auf US-Bürger zu rächen. Der Katholik Joe Biden warnte die IS-Kämpfer in Afghanistan: „Wir werden nicht vergeben, wir werden nicht vergessen, wir werden euch jagen, und ihr werdet bezahlen“ (SZ 28./29. Aug 2021 S. 2). Mit anderen Worten: Die USA werden nicht auf die Sprache der Waffen verzichten. Natürlich können die USA das Abschlachten so vieler Menschen durch die IS in Afghanistan nicht ohne weiteres hinnehmen, es handelt sich wirklich beim IS um Mörderbanden. Aber jede neue militärische Antwort verlängert die Spirale der Gewalt. Gibt es bei dieser üblichen, dieser „eingefahrenen“ Politik noch ein Entkommen aus dieser stetig zunehmenden Spirale der Gewalt? Warum kontaktieren eigentlich Politiker nicht ihre so kenntnisreichen Friedensforscher? Ist Friedensforschung nichts als eine Art akademisches Beschäftigungsprogramm?

5.

An die Kraft des Geistes glaubt heutzutage kein Politiker mehr, also an Dialog, Verhandlungen mit dem Feind, ausschließlich humanitäre Hilfe und vor allem sehr gute geistige und kulturelle Vorbereitung, wenn Europäer, US-Amerikaner, also dem Namen nach Christen in muslimischen Staaten „eingreifen“. Von einer humanen, klugen, reflektierten, gebildeten Friedenspolitik ist offenbar niemand mehr überzeugt. Die Menschen, die zu Feinden erklärt wurden, also die zum Krieg entschlossenen muslimischen Krieger, sind evident auch keine reflektierten Friedensboten. Und die sich human nennende islamische Welt (die Mehrheit?) ist offenbar völlig außerstande, diesen sich islamisch nennenden Mörderbanden irgendwie Einhalt zu gebieten. Immerhin diese Worte von Aiman Mazyek, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland. “Was in Afghanistan passiert, ist ein Schlag für die weltweite muslimische Community: Denn die allermeisten Muslime – und die Afghanen ohnehin – wollen keinen Steinzeit-Islam, gepaart mit Stammes-Doktrin. Und diese Taliban finden jetzt wieder an die Macht. Und das ist deswegen ein Desaster für alle“.

6.

Auch dieses Desaster hat eine (!) entscheidende Ursache in der Überzeugung der Politiker auf beiden Seiten, im Westen wie unter Muslimen: Dies ist die Überzeugung, eine Mission zu haben.

Mission heißt: „Ich bin gesandt, den anderen meine eigene Überzeugung mitzuteilen“. Das kann solange gut gehen, wenn alle Missionare ihr Gesandtsein als Verpflichtung zum friedlichen Dialog verstehen, also als interessierten Austausch, zu dem wie bei jedem geistigen Austausch auch die Lernbereitschaft von anderen, Fremden, Gegner, ja selbst Feinden gehört. Mission hat also schon aus friedenspolitischen Gründen nur den Sinn, wenn sie als gewaltfreier Dialog geschieht. Wir wissen heute, dass diese Erkenntnis ein wahres und erstrebenswertes Ideal beschreibt. Es war unter weniger komplexen Verhältnissen eher realisierbar, ist aber heute in einer a-priori totalkriegerischen, total machtversessenen Welt fast ohne Chancen. Leider wird zu wenig über gelungene Friedensmissionen berichtet, die zwar vielleicht nur einige Jahre Bestand hatten, weil die kriegsversessene Umgebung diese Erfolge zerstörte. Man denke etwa an die gelungene Friedensmission der christlichen Aktivisten „San Egidio“ in dem von Bürgerkrieg zerrissenen Mozambique.

7.

Die ersten Christen haben in ihren Evangelien dem auferstandenen Jesus von Nazareth das Wort in den Mund gelegt, sie sollten als Gemeinde, als Kirche „allen Menschen das Evangelium (in amtskirchlicher Interpretation) verkünden“. (siehe das Markus Ev., 16, 15). Zum missionarischen Islam: Auch der Islam in seinen vielfältigen Konfessionen versteht sich als missionarische Religion, was etwa in der Koran-Sure 34,28 angedeutet wird. Mission heißt zunächst, die Vertiefung der Koran-Kenntnisse bei den ungebildeten Muslimen, aber auch die Bereitschaft, etwa Christen in die islamische Gemeinschaft aufzunehmen. Über Konvertiten ist man hoch erfreut.

8.

Dem Auftrag Jesu bzw. der ersten Gemeinde zur Mission hat die Kirche von Anfang entsprochen, selten sogar ohne Gewalt, sondern im Dialog. Man denke etwa an den Besuch des heiligen Franziskus von Assisi im Jahr 1219 beim Sultan Malik al Kamir in Ägypten, zu einem Zeitpunkt, als katholische Kreuzfahrer das „Heilige Land“ von „ungläubigen Muslims“ zu befreien suchten. Selbst wenn viele historische Details unklar bleiben: Das Treffen hat stattgefunden und ist ein Lichtblick in einer langen Missionsgeschichte der christlichen wie der islamischen Religion (zur Einführung in dieses Thema siehe: https://www.deutschlandfunk.de/franz-von-assisi-und-sultan-al-kamil-begegnen-sich-zwischen.2540.de.html?dram:article_id=455143).

Es wäre ein weites Thema der Missionsgeschichte, die wenigen Momente zu studieren, in denen etwa katholische Missionare aus Europa in „heidnischen Ländern“ auf den Dialog, die Begegnung mit den anderen setzten: Da muss an die China-Mission der Jesuiten im 17. Jahrhundert erinnert werden, etwa an Pater Ricci in Peking, der als hoch qualifizierter Gelehrter im Austausch stand mit dem Kaiser und dessen Gelehrten. Die Jesuiten gingen schon damals soweit, in Begriffe einer „heidnische“ Philosophie, der konfuzianischen Lehre, das Christentum zu übersetzen und es darzustellen. Pater Ricci befand sich in einer großen Gruppe anderer Jesuiten, die ähnlich im (wissenschaftlichen) Dialog mit Chinesen tätig waren. Diese „Dialog-Mission“ scheiterte einerseits an einer theologischen Ängstlichkeit in Rom und an den Umbrüchen innerhalb der chinesischen Dynastie (siehe dazu: Wolfgang Reinhard, Die Unterwerfung der Welt. C.H. Beck-verlag 2016, S. 646). Auch von den sogenannten „Jesuiten-Reduktionen“ etwa in Paraguay unter dem Volk der Guarani wäre zu sprechen. Aber diese „Dialog-Missionen“ sind absolute Ausnahmen geblieben. Meist wurde der christliche Glaube den „Heiden“ nur äußerlich aufgedrängt und aufgesetzt zum Nachplappern, die elementare Friedensbotschaft des Christentums wurde gar nicht verstanden und verinnerlicht. Man denke etwa an den Völkermord in Ruanda, wo vor allem mörderische katholische Hutus die ebenfalls katholischen Tutsi abschlachteten.

9.

Die sich säkular verstehenden europäischen und nordamerikanischen Staaten begreifen ihre Mission heute als Durchsetzung der universal geltenden Menschenrechte. Menschenrechte sind, wie auch Prof. Herfried Münkler betont, als Zivilreligion zu deuten. Die Menschenrechte sind zwar im Westen formuliert worden, aber diese regionale Herkunft schließt nicht universale Geltung aus, zumal auch die Menschenrechte immer ausführlicher weiter bestimmt werden, etwa als sozialpolitische Menschenrechte. Und evident ist auch: Wer Unterdrückung und Folter in den vielen Staaten erlebt, die eben nicht die Menschenrechte praktisch gelten lassen, hat nur einen Wunsch: Endlich Anteil zu haben an den selbstverständlich für alle geltenden Menschrechte. Über die Menschenrechte als universal geltende Menschenrechte dürfte es, mit Vernunft besehen, eigentlich keine Debatte mehr geben. Es gibt auch philosophische Evidenzen.

10.

Menschenrechte können erfolgreich nur vermittelt werden im Dialog, also in einer friedlichen Situation.

Im Krieg und mit tötender Gewalt Menschenrechte durchsetzen zu wollen, ist von vornherein absurd. „Militärisch kann man einen solchen Konflikt in Afghanistan allein nicht lösen, der Einsatz von Soldaten schafft der Politik Zeit, um mit anderen Mitteln an die Konfliktlösung heranzugehen“. (Oberstleutnant a.D. Rainer Glatz, in „Die ZEIT“,  26.8.2021, S. 7).

Aber wenn man schon einmal begonnen hat, Unrechtssysteme durch Kriegshandlungen zu besiegen, dann soll man als westlicher „Missionar“ auch Geduld und Nerven behalten, bis sich tatsächlich ein wirksamer Systemwandel, etwa in Afghanistan, zeigt. Mit anderen Worten: Der Abbruch der Präsenz des Westens in Afghanistan war völlig übereilt. Denn erste Erfolge hinsichtlich der Menschenrechte sind ja sichtbar, etwa hinsichtlich der Menschenrechte für Frauen, der Durchsetzung von Bildung…

Der Abzug der westlichen Truppen war also übereilt, unreflektiert, darum dumm und gefährlich sowie auch moralisch verwerflich. Denn die Versprechen der westlichen Regierungen, umfassend die vielen tausend afghanischen Mitarbeiter zu schützen und im Falle eines Abzugs der West-Truppen ins westliche Ausland zu bringen, wurden nicht erfüllt. Diese evidente Lüge wird das Ansehen des Westens unter vernünftigen islamischen Bürgern weiterhin stören und zerstören. Und der Westen hat Afghanistan als Land zwar verlassen, der Fluch dieses viel zu früh abgebrochenen Krieges, genannt Friedensmission, wird noch lange leider Wirkungen zeigen, auch im Westen.

 

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Edgar Morin: Sechs Bücher von ihm in deutscher Sprache!

Edgar Morin: Seine Bücher auf Deutsch (Stand Juli 2021)

Der Friedensforscher Werner Wintersteiner, Österreich, korrigiert zurecht meine Mitteilung, es gebe nur drei Bücher in deutscher Sprache von Edgar Morin: (Zum Beitrag von Christian Modehn: LINK)

Auf Deutsch sind tatsächlich von Edgar Morin erschienen (immer noch viel zu wenige!)
– Das Rätsel des Humanen (Le paradigme perdu), München: Piper
– Heimatland Erde (Terre Patrie), Wien: Promedia
– Die sieben Fundamente des Wissens … (Les sept savoirs), Hamburg: Krämer
– Der Weg (La voie), Hamburg: Krämer
– Die Natur der Natur / Die Methode (La méthode), Wien: Turia + Kant
– Für ein Denken des Südens. Berlin:Matthes und Seitz 2014.

Ich empfehle auch das Interview, das Constantin von Barloewen mit Edgar Morin führte, in LETTRE INTERNATIONAL, Heft 121, Sommer 2018, Seite 57 bis 62. Der Titel “Vom Verfall der Zukunft. Es geht darum, dass dieses Ende zu einem neuen Anfang führt”.

Siehe auch die Kampagne “Heimatland Erde” des österreichischen Friedensforschungsinstituts ASPR in Stadtschlaining, in deren Rahmen auch eine Würdigung Morins erschienen ist: https://www.aspr.ac.at/fileadmin/Downloads/Presse/Kommentare/Kommentar_ASPR_WW-Edgar-Morin_08-07-2020.pdf

Werner Wintersteiner hat sein neues Buch Edgar Morin zum 100er gewidmet: Werner Wintersteiner: Die Welt neu denken lernen – Plädoyer für eine planetare Politik. Lehren aus Corona und anderen existentiellen Krisen. Bielefeld: transcript 2021. Print 27.- €,

PDF open access: https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5635-0/die-welt-neu-denken-lernen-plaedoyer-fuer-eine-planetare-politik/

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Edgar Morin über die Beziehung von Poesie und Philosophie.

Ein Hinweis von Christian Modehn. Zu Edgar Morin LINK

Ein Motto von anderer Seite: „Es spricht nichts dagegen, Sophokles, Beckett, Proust und Celan als Philosophen zu bezeichnen.“ Michael Hampe, Die Lehren der Philosophie, Suhrkamp 2014, S. 19).

1.
Über die Einheit und Differenz von Poesie und Philosophie ist schon einiges publiziert worden. Die Debatte geht wohl vorwiegend um die Möglichkeiten der nun einmal immer irgendwie rational-begrifflich geprägten Sprache, die Tiefe des Lebens zum Ausdruck zu bringen. Also das, was man mit dem Wort Geheimnis umschreibt im Sinne des gründenden, nicht fassbaren Göttlichen. Dieses Thema bewegt den Poeten Yves Bonnefoy oder den Philosophen Edgar Morin, um nur zwei aktuelle Beispiele aus Frankreich zu nennen.
Wer sich um das philosophisch zentrale Thema „Philosophie der Philosophie“ bemüht, kann also nicht auf die Frage nach der Abgrenzung philosophischer Prosa von poetischen (lyrischen) Aussagen verzichten. Und wird weiter zu der Frage geführt: Wie sollte man eigentlich „poetisch sich äußernde Philosophen“ verstehen, etwa den später Heidegger oder Nietzsche. Manche neigen dazu, auch die ihnen selbst schwer verständlichen Philosophen wie Hegel oder Fichte bereits als Poesie zu betrachten, d.h. bei den Betreffenden, sie philosophisch als Poeten „abzuwerten“.
Zu einigen Hinweisen über Bonnefoy: LINK.
2.
Der Philosoph Edgar Morin, der am 8.Juli 2021 seinen 100. Geburtstag feiert, hat mehrfach zu diesem Thema Stellung genommen. Ich beziehe mich auf das leicht zugängliche Buch „Mes Philosophes“, das bei Fayard in Paris erschienen ist. In dem Buch berichtet Morin in kurzen Essays von Philosophen, Religionsstiftern und Künstlern, die ihm am meisten zu denken gaben und geben, auch Beethoven ist darunter. Über Poesie spricht Morin ausführlich in dem „Le Surréalisme“ überschriebenen Kapitel (S. 159 – 163). Ich finde Morins Überlegungen interessant und anregend, einige seiner Aussagen werde ich übersetzen.
3.
Edgar Morin entwickelt seine die Poesie lobenden Gedanken am Beispiel von Dichtern, die als „Surrealisten“ (etwa seit den 1930 Jahren) bezeichnet werden. Morin meint sogar (S. 159), der Surrealismus gehöre zu den „kulturell und sogar philosophisch reichsten Ereignissen des 20. Jahrhunderts“. Poesie, Denken, die politische Aktion, das Leben, hätten sich darin gegenseitig befruchtet. Der Surrealismus ist in der Wahrnehmung von Morin eine Revolte für die Poesie als Lebensform, wie dies schon für die deutsche Romantik gilt. Surrealistische Dichter (wie Breton, Péret, Mario Pedrosa usw.) wollten die Poesie nicht einschließen und begrenzen bloß auf das Gedicht. Poesie ist für sie treffend vielmehr umfassend „eine Quelle des Lebens“. Edgar Morin meint, diese surrealistische Überzeugung erweiternd: Der Mensch lebe gleichzeitig auf poetische wie auch auf prosaische Weise, Poesie und Prosa sind also für Morin zwei ursprüngliche und primäre Polaritäten des Lebens. (S. 161). Prosa bedeutet für ihn: Arbeit, Nützlichkeitsdenken, Alltägliches etc. Poesie hingegen Verwunderung und Erstaunen, Ekstase, Musik, Tanz, Liebe. Aber beide „Welten“ sind nicht getrennt: In die Realität des Prosaischen ist „eingewebt“ die Phantasie, ohne Phantasie, also Poesie, gibt es keine Realität (S. 161). Morin erwähnt besonders Breton, für den die Welt des Surrealen „eine tiefe und höhere Welt bedeutet“, die im Traum, in der Ekstase der Liebe, in der Poesie zugänglich wird“ (S. 162). Es gibt sozusagen für Morin wie für Breton „innere Welten der menschlichen Seele“(ebd.) Und Morin fährt fort: „Ich glaube ganz tief an eine andere Realität, sie ist ein Geheimnis, aber wir tragen diese Welt ganz tief in uns selbst. Diese andere Realität ist in uns. Wir sind in ihr“ (ebd.). Das sind Worte, die sich an die besten mystischen Traditionen anschließen.
4.
Und diese „mystische Poesie“ muss völlig frei und selbstständig bleiben, sie darf sich niemals in den Dienst einer politischen Partei stellen. „Der Poet kann niemals Partei sein“ (S. 162). Damit erinnert sich Edgar Morin an die Zeit seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Frankreichs, aus der 1951 ausgeschlossen wurde, ein Ereignis, das ihm umfassende Freiheit brachte. Poesie darf niemals Partei sein, niemals Partei ergreifen, das ist ja nicht nur im politischen Sinne gemeint. Poesie, wenn sie religiöse Dimension hat, darf niemals dogmatisch sein, sich niemals der Institution einer Kirchenbehörde unterordnen. Ein aktuelles Thema, wenn man bedenkt, wie die offizielle Katholische Kirche der Niederlande mit dem katholischen Poeten (und Theologen) Huub Oosterhuis umgeht… und seine Gedichte und Lieder in den Messen dort verbietet…
5.
Morin kommt auf die zentrale Bedeutung der Poesie auch in anderen Kapiteln seines Buches zu sprechen. Etwa in dem Kapitel über den umfassend gebildeten Gesellschaftsreformator Ivan llich (S. 167). “Die Poesie ist übrigens auch ein Aspekt der Ethik. Die Kräfte unserer Ethik kämpfen gegen die Grausamkeit der Welt, aber sie zielen gleichzeitig auf die Erfüllung des Menschen in der Lebensqualität, d.h. in dem Miteinander-Leben und der Poesie.“ Poesie und philosophische Ethik gehören zusammen. Von der Erfahrung der Schönheit also zum Guten kommen? Eine offene Frage
6.
So sehr der Philosoph Edgar Morin auch die Philosophen, unter ihnen auch die Skeptiker, schätzt: Wenn er sich etwa auf Rousseau bezieht und seine „Reveries du promeneur solitaire“( „Träumereien eines einsamen Spaziergängers) bespricht, dann gilt: „Ich spürte ein tiefes Bedürfnis nach affektiven Erfahrungen, die die Sensibilität preisen, die Gemeinschaft mit allen menschlichen Wesen und der Natur. Und das berührt mich bei Rousseau, dieser Sinn für die Poesie, der sich in „Reveries“ ausdrückt. Die wunderbaren Seiten erzählen einen Spaziergang auf der Insel Saint-Pierre, sie sind für mich ein großer Augenblick der Mystik. Mystik ist nicht notwendigerweise religiös. Mystik kann entstehen bei einem Glase Wein unter Freunden oder zusammen mit einem geliebten Menschen oder auch angesichts des Erlebens der lebendigen Natur“ (S. 68f.).
7.
Einen viel besprochenen Gegensatz von philosophischer Kritik, Skepsis, Aufklärung UND Poesie will Morin nicht gelten lassen (S. 75). Die romantischen Dichter, auch Rimbaud, integrieren, so meint er, die Botschaft der philosophischen Aufklärung sowie die Erkenntnisse Rousseaus. Und diese Dichter wie die Philosophen widmen sich dem menschlichen Fortschritt und der Emanzipation der Unterdrückten. Man muss die philosophische Aufklärung integrieren und auch hinter sich lassen. Man muss ihre kritische Energie integrieren! Aber ihre abstrakte Rationalität aufgeben (dépasser), auch das, was Hegel den Verstand (der begrenzter ist als die Vernunft, CM) nannte… Wir brauchen die Vernunft und ebenso „das Denken über die Vernunft – Hinaus. Deswegen bewahre ich Rousseau UND Voltaire zusammen in meinem Geist, sie in ihrer Gegensätzlichkeit komplementär“. (S 76).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Was ist unmittelbar? Unsere Erkenntnis und sogar die Gotteserkenntnis?

Einführende Hinweise von Christian Modehn

1.
Das Thema hat weitreichende Bedeutung, nicht nur fürs allgemeine menschliche Erkennen, sondern auch speziell fürs Erkennen dessen, was man das Göttliche, Gott, nennt. Kann ein Mensch etwa Gott „als solchen“ unmittelbar erleben und „als“ Gott erkennen und sogar in Worten „fassen“? Können Wunder als göttliches Eingreifen in die Naturgesetze unmittelbar als solche geschehen? Kann die Kirche eine unmittelbare Begegnung mit der Jungfrau Maria behaupten, die als Himmelskönigin irgendwelche historisch sehr konkreten Worte übermittelt? Etwa in Fatima, Portugal, 1917, als die Himmelskönigin sich höchst persönlich zum kommunistischen Russland äußerte? Keine Frage: Die Frage nach dem Unmittelbaren ist für die Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und die Religionskritik aktuell und eine “Pflichtaufgabe“.
2.
Für ein „alltägliches“ Leben ist die Behauptung einer unmittelbaren Erfahrung (von Weltlichem) und deren – angeblich – unmittelbaren Erkenntnis üblich. In der unmittelbaren Erfahrung, als einer Form der mit den Sinnen geschehenen Verbundenheit / Beziehung zur Welt, wird durch die Sinne eine Gewissheit erzeugt beim Menschen. Etwa der Schmerz, wenn der Mensch Feuer berührt. Der Schmerz ist zwar unmittelbar, aber er ist immer bereits im Moment des Erlebens sprachlich geprägt, selbst wenn er noch nicht in Worten gesprochen wird. In der „sinnlichen Erfahrung“ mit der durch die Sinne erzeugten sinnlichen Gewissheit (Schmerz) ist also die Sprache und damit die Vernunft immer schon anwesend. Die Unmittelbarkeit gibt es als Erleben, aber sie ist immer schon durch die Sprache und Begriffe für den Erlebenden wie die anderen Menschen vermittelt.
3.
In dieser „unmittelbaren“ Erfahrung gibt es vier Determinanten:
Es ist das JETZT (also nicht später, nicht früher) dieser Erfahrung.
Das HIER (nur an diesem bestimmten Ort) dieser Erfahrung.
Es gibt – wie gesagt – eine immer schon latent anwesende begriffliche Form der Erfahrung und
es gibt selbstverständlich ein Ich, ein Subjekt, das diesen Komplex dieser sinnlichen Erfahrung erlebt und eben auch davon weiß. Das Subjekt ist der „Ort“ der Vermittlung und Aufhebung des Unmittelbaren.
4.
Diese (in Nr. 3 genannten) Strukturen sind allgemein für alle Subjekte im Umgang mit Welt und mit sich selbst vorhanden und gültig. Welt und Objekte werden immer mit diesen „Determinanten“ erlebt und dann auch verstanden. Die menschliche Erfahrung eines einzelnen Objekts geschieht also immer in diesen allgemeinen Determinanten. Wer vom Individuellen, Besonderen, spricht, ist also immer auf den Gebrauch allgemeiner Begriffe angewiesen. Total individuelle Begriffe einer einmaligen Erfahrung könnten nur zu einer Geheimsprache gehören, die dann aber nur der Erfinder dieser Sprache versteht.
Damit wird den Behauptungen einer total einmaligen und angeblich nicht aussagbaren, „nur“ privaten Erfahrung widersprochen.
Das einzelne Unmittelbare ist also immer in allgemeinen Begriffen vermittelt. Auch Hegel hat daran erinnert, dass das Einzelne NICHT ausschließlich in seinen engen Grenzen als einzelnes, sozusagen wie ein isolierter Punkt begriffen werden kann. Das einzelne Ding steht in einem Vermittlungszusammenhang, wie in einem Netz, mit anderen, auf die es bezogen ist.
5.
Alles Wahrnehmen und Erkennen des Unmittelbaren wird sprachlich in allgemeinen Begriffen vermittelt. Wolfgang Welsch schreibt in seinem Essay „Hegel und die analytische Philosophie“ (in: „Information Philosophie“, 2000): „Jede Berufung auf unmittelbares Wissen ist epistemologisch naiv“.
6.
Wer also das Verbundensein des Menschen mit der Welt begreifen will, muss die vernünftigen Strukturen im Subjekt analysieren. Es geht darum, die Leistungen des Bewusstseins und der Vernunft im Subjekt als konstitutiv für die Verbindung mit dem Objekt zu erkennen. Schon im praktischen Verhalten ist es so: Unser Handeln in der äußeren Wirklichkeit ist dergestalt, dass es als begrifflich geprägtes, vernünftiges Handeln diese dann ebenfalls vernünftig bestimmte Wirklichkeit tatsächlich erreicht, es gibt also eine Übereinstimmung zwischen unseren Handlungsideen und der äußeren Wirklichkeit. Das hat Hegel auch aufs theoretische Erkennen übertragen. Er sah eine Kongruenz von menschlichem Begriff und äußerem Gegenstand.
Es ist wichtig, sich in dem Zusammenhang weiter mit Hegel zu befassen: Für ihn ist der unmittelbare Mensch der in Ego – Strukturen befangene Mensch. Hegel spricht von „der Partikularität, den Leidenschaften, der Eigensucht“ (Vorlesungen über die Philosophie der Religion II, Suhrkamp, 323) Diese beherrschen den Menschen, der sich als total vereinzelter, als Veräußerlichter, in dem Sinne als unmittelbarer versteht. Das wahre Wesen des Menschen ist seine Teilhabe am universalen Geist, und dieses wahre Wesen muss dieser unmittelbar lebende Mensch sich durch seine Vernunft erst noch „erarbeiten“. „Der Mensch ist nur durch diese Vermittlung, er ist nicht unmittelbar“ (303 ebd.) Aber diese Arbeit der Überwindung der Unmittelbarkeit als der falschen Lebensform geschieht nicht ohne den Schmerz des Abschieds von dieser „Leidenschaft und Eigensucht“. Von diesem „natürlichen Herzen, worin der Mensch befangen ist, dies ist der Feind, der zu bekämpfen ist“ (ebd.).
Aber der universale Geist ist auch in diesen falschen Haltungen anwesend, in seiner Energie kann der Mensch die Freiheit erreichen.
7.
Wer Religionen – auch philosophisch – verstehen will, muss sich auf die Bedeutung der „Unmittelbarkeit“ einlassen: Im Christentum ist häufig die Rede von der „unmittelbaren Erfahrung Gottes“. Glaubende, die sich Mystiker nennen und von anderen als Mystiker bezeichnet werden, betonen: Ihre besondere Spiritualität zeichne sich durch die „unmittelbare Erfahrung Gottes“ aus. Diese Erfahrung hat immer einen existentiellen Aspekt. Sie berührt den ganzen Menschen, sie ist mehr als eine theoretische Einsicht: Diese kennt nur das fremde Gegenüber von Menschen und Göttlichem. In der Mystik hingegen löst sich dieses Gegenüber in ein Gefühl der Einheit auf. Die Untersuchungen dieser drei zusammenhängenden Begriffe „unmittelbar“, „Erfahrung“ und „Gott“ füllen riesige Bibliotheken. Hier nur einige Hinweise:
8.
Die Karmeliter-Nonne Theresa von Avila (1515 – 1582) gilt in der Mystik-Forschung als Vorbild mystischer Frömmigkeit. Sie hat ein umfangreiches literarisches, spirituelles, mystisches und theologisches Opus hinterlassen. Wer bei ihr nach der Bedeutung ihrer unmittelbaren Gotteserfahrung fragt, kann sich z.B. mit einem Text ihrer „Vida“ befassen. Der Mystik-Forscher Alois M. Haas hat sich damit in seinem Buch „Mystik als Aussage“ (Suhrkamp 1996) befasst. Er zitiert (S. 54) Theresa, wenn sie von der ihr zuteil gewordenen Gnade spricht, die „von kurzer Dauer“ war, nämlich Christus erfahren zu haben. Dazu waren für Theresa aber Voraussetzungen nötig: Diese Erfahrung habe sich ereignet, als „ich mich in die Nähe Christi versetzte“ und „bisweilen auch, als ich (die Bibel) las (leyendo, auf Spanisch): In diesen Momenten „überkam“ sie „ein Gefühl der Gegenwart Gottes, so dass ich gar nicht zweifeln konnte, er sei in mir oder ich sei ganz in ihm versenkt“. „Gott“ „in“ Theresa „versenkt“, eine für sie zweifelsfreie Erfahrung also, eine offenbar unmittelbare Erfahrung.
Dieses Erleben der Vereinigung mit Gott war aber für sie kein irrationaler Rauschzustand, sondern es geschah mit Bewusstsein: Denn Theresa war danach in der Lage, in Worten zu sagen: „Er (Gott) war in mir oder ich ganz in ihm versenkt“. Sie selbst wehrt sich in dem Text ausdrücklich, ihre Gotteserfahrung sei eine, so wörtlich, „Vision“ (also eine Art „Entrückung“) gewesen! Theresa bewertet hingegen ihre Gotteserfahrung überraschend als „mystische Theologie“! Damit will Theresa ihre mystische Erfahrung mit den Begriffen, eben der Theologie, verbinden, also die Unmittelbarkeit des Erlebens in eine begriffliche und „trans-subjektive“, also allgemeine Sprache überführen. Und sie wollte mit ihrem Hinweis auf Theologie ihre dogmatischen Gegner besänftigen, die mit Mystik auch zu ihrer Zeit nur subjektive Eigenwilligkeit und Entrückungen und Verzückungen vermuteten.
Wären Theresas Geist und ihr Erinnerungsvermögen ausgeschaltet gewesen in ihrer „Versenkung“, also in ihrer Gotteserfahrung, hätte sie nicht später davon sprechen können. Entscheidend ist ihr kurzer Satz: „Der Wille liebt“ in diesem Moment der Versenkung: Liebe zu Gott ist für sie die entscheidende bleibende Voraussetzung Zugang zu Gott zu finden. Dann folgen aber diese Worte, in denen sie die Grenzen des Verstehens dieser mystischen Erfahrung anspricht: „Das Gedächtnis scheint mir beinahe verloren, der Verstand denkt nicht nach, aber er verliert sich nicht. Der Verstand ist nur untätig und wie von Staunen hingerissen über das viele, das der Verstand hier gewahrt.“ Also, der Verstand selbst nicht mehr aktiv, er ist passiv „hingerissen“ von dem, was sich ihm zeigt. Und dann folgen die das mystische Geschehen wieder relativierenden Worte, um jegliches „Wegschweben“ und das Entrücktsein auszuschließen: „Denn Gott lässt den Verstand erkennen, dass der Verstand nichts von dem begreift, was seine Majestät (Gott) ihm vorstellt.“ Die mystische Erfahrung erschließt also keinen inhaltlich breiten Gewinn an Erkenntnis Gottes, keine „Details“ seines inneren, göttlichen Lebens. Vielmehr ist das Resultat: Gott zeigte sich, aber der Verstand begreift nichts Inhaltliches. Mit anderen Worten: Die Mystikerin wurde mit dem unauflösbaren Geheimnis Gottes konfrontiert.
9.
Diese Aussage als theologische Erkenntnis ist ein wichtiger Hinweis: Eine sich unmittelbar nennende Erfahrung Gottes gibt es nicht, die Erfahrung selbst enthält schon den Verstand, der dann später die Erfahrung in Worte fassen kann. Und diese vermittelnden Worte sind jeweils historisch, von der Bildung des Erlebenden, geprägt: Wenn sich Theresa, wie sie sagt, in die „Nähe Christi versetzt“, dann ist es der konkrete bildhafte Christus, der ihr auch durch die Lehre der Kirche und der Theologie ihrer Zeit und ihrer Umgebung vermittelt wurde.
10.
Warum ist es so wichtig, darauf zu insistieren, dass in der unmittelbaren mystischen Erfahrung immer die Vermittlung durch Begriffe besteht? Weil nur mit dieser Erkenntnis die immer subjektive, einzelne Erfahrung in den Bereich des allgemeinen Gesprächs und der kritischen Debatte treten kann. Das ist heute politisch so wichtig: Wer auf einer absoluten Unmittelbarkeit der religiösen Erfahrung besteht, will sich autoritär abkapseln, will sich bedeutend machen, sich als Meister und Guru aufspielen. Es wäre zu prüfen, in wie weit diese autoritäre Unmittelbarkeit von Propheten und Aposteln usw. in der kirchlichen Bibelinterpretation oder in der Korandeutung behauptet wird. Nur wer die immer vermittelte Unmittelbarkeit bejaht und kritisch durchleuchtet, will einen freien, nicht-autoritären, einen nicht-fundamentalistischen Glauben.
11.
Es ist wichtig, noch einmal auf den Philosophen G.W.F. Hegel (1770 – 1831) zurückzukommen. Für ihn ist der christliche Glaube nicht die Bindung an eine historische Gestalt (Jesus) oder an ein Buch (Bibel) oder an eine Institution. Für ihn als Philosophen, der die Religionsgeschichte und damit auch die Christentums-und Kirchen-Geschichte auf den Begriff gebracht hat, ist der Glaube des Menschen an Gott die Beziehung zum Geist, dem göttlichen. Und dieser ist als solche (weil Gott das andere seiner selbst, die Welt „schafft“) auch im Menschen selbst anwesend, eben als „Geist des Menschen“. Diese Beziehung des Geistes im Menschen auf den in ihm auch anwesenden göttlichen Geist ist das Entscheidende. Darum sagt Hegel: „Der Glaube ist Zeugnis des Geistes vom Geist“. (Vgl. dazu Walter Jaeschke, Hegels Philosophie, Hamburg 2020, Seite 387). Hegel betont immer wieder, „dass es nicht zweierlei Vernunft und nicht zweierlei Geist geben kann, nicht eine göttliche und eine menschliche, nicht einen göttlichen Geist und einen menschlichen, die schlechthin verschieden voneinander wären. Die menschliche Vernunft ist Vernunft ÜBERHAUPT, ist das göttliche im Menschen… Gott ist gegenwärtig, allgegenwärtig und als Geist gegenwärtig im (menschlichen) Geist“. (Dieses Hegelzitat siehe S. 388, Jaeschke).
12.
Daraus zieht Hegel die Konsequenz zur Erkenntnis Gottes: „Wir wissen unmittelbar von Gott, dies ist eine Offenbarung Gottes in uns. Weder die positive Offenbarung (also die Bibel) noch die Erziehung kann Religion bewirken“, denn dann wäre Religion etwas von außen Gewirktes, sagt Hegel. Dieses unmittelbare Wissen bei Hegel überrascht! Aber auch hier gilt: Es muss vermittelt werden in Begriffen. Das ist möglich, weil im unmittelbaren Erkennen die Tendenz zum Wissen schon angelegt ist. Wichtig ist für Hegel: Wenn Religion (oder auch Sittlichkeit) im Menschen immer „vorkommt“, dann wird Religion als Geistiges „im Menschen nur erregt“. „Der Mensch ist Geist an sich, die Wahrheit liegt in ihm, und so muss ihm das zum Bewusstsein gebracht werden“. (Dieses Hegelzitat stammt aus dem genannten Buch von Jaeschke S. 390). Religion „schlummert“ also förmlich im Menschen und muss zum Bewusstsein und zum begrifflichen Wissen gebracht werden. Es gibt also eine Offenbarung Gottes in den Menschen als Menschen, weil sie vom Geist, der heilig ist, sich bestimmen lassen. Dieses unmittelbare Verbundensein des Menschen mit dem göttlichen Geist ist die Basis.
In meinem eigenen Bewusstsein bin ich mit Gott unmittelbar verbunden, er ist nichts Fremdes, sondern Geist, wie ich Geist bin. Dieses Selbstverhältnis des Geistes ist also nach Hegel Ausdruck der Freiheit.
13.
Auch in der Literatur ist das Thema Unmittelbarkeit und Vermittlung naturgemäß ständig präsent. Ich denke etwa an das neue Buch „Ein Monat in Siena“ von Hisham Matar, als Übersetzung von „A month in Siena“. Der Autor, 1970 geboren, lebt als Literaturwissenschaftler in England; seine Eltern stammen aus Libyen. Sein Vater wurde als Oppositioneller 1990 aus Ägypten entführt und von Gaddafis Mördern hingerichtet.
14.
Den Tod des Vaters versucht Hisham Matar regelmäßig durch eine „unmittelbare“ Begegnung mit Kunst, mit Gemälden, zu „bearbeiten“. Hisham Matar betont, im Dialog mit einem Gemälde zu leben, vor allem eben mit den Gemälden in Siena. Es gibt für ihn einen Austausch mit dem Gemälde. Es wird für ihn zu einem geistigen und physischen Raum. „Wie ein Zimmer, in das man von Zeit zu Zeit flüchtet, um Gespräche, zu haben, die man sonst irgendwo haben kann“. In dem Beitrag von Le Monde sagt er: „Ich spreche zu den Gemälden und sie antworten mir“.
15.
Es ist das geduldige, oft stundenlange Sich-Versenken in ein Gemälde (Theresa von Avila sprach von einem Sich – Versenken in die Gestalt Jesu Christi), die zu neuen Erkenntnissen, zu rettenden Einsichten führt. Es ist dieses Sich-Hineinbegeben in eine geistige Gestalt außer mir, die zunächst zu einer Unmittelbarkeit, zu einer Vereinigung führt, die dann aber als reflektierte Unmittelbarkeit Erkenntnisse vermittelt, vielleicht neuen Mut zum Leben.
Wir sollten also das Hineintreten in eine langdauernde Unmittelbarkeit (Beispiel: Christus-Betrachtung der Theresa von Avila oder das Sich in ein Gemälde Versenken) nicht nur zulassen, sondern für uns fördern, wenn wir denn nach dem Erfahrungserlebnis Worte finden wollen, für uns selbst wie für andere.
16.
Man spürt es etwa bei trockenen theologischen Texten: Da hat der Autor keine Unmittelbarkeit erlebt, er war nicht „versenkt“ in eine Sache, eine Person, ein Bild etc., sondern er hat Begriffe hin und her gewendet. Begriffliche Trockenheit und Öde, das bestimmt etwa dogmatische Texte.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Pfingsten, Christi Himmelfahrt, Ostern: Das EINE Gedenken, das eine Fest.

Ein Hinweis von Christian Modehn.
Der Hinweis vom 29.5.2017 wurde am 6.5.2021 überarbeitet.
1.
Was bedeuten die alten, überlieferten christlichen Glaubensbilder und Erzählungen, die unter den immer noch üblichen Namen der Feiertage „Pfingsten“, „Himmelfahrt Jesu Christi“ und „Auferstehung Jesu von Nazareth“ (Ostern) in der Alltagssprache und im alltäglichen Leben („Feiertage sind nicht mehr als freie Tage“ ?) eine Rolle spielen. Zum nachvollziehbaren Verständnis dürfen nicht alte Formeln wiederholt werden.
2.
Entscheidend ist: Man sollte mit einer Besinnung auf Pfingsten beginnen. Der theologische und religionsphilosophische Inhalt des Pfingstfestes ist also die Basis, um auch die Bedeutung von „Christi Himmelfahrt“ und „Ostern“ zu erkennen. Pfingsten ist zwar chronologisch, also in der Abfolge des so genannten „Kirchen- Jahres“ betrachtet, das letzte dieser drei Feste. Aber Pfingsten als Ereignis des „neuen, geweiteten kritischen Geistes“ steht sozusagen sachlich der Anfang. Das Pfingst – Fest hat diese Erzählung: Die Gemeinschaft der Jesus-Jünger war nach Jesu Tod überzeugt: Wir haben „plötzlich“, wie in einem Ereignis, als Überraschung, als Geschenk, ein neues, ein tiefes Verständnis gewonnen über Jesus von Nazareth. Im Blick auf diese Person gab es also eine Art neuen Ansatz des Verstehens. Die Gemeinschaft erkannte – nach langem Zweifeln und ihrer Verzweiflung über Jesus Tod – plötzlich eine neue bleibende geistige Lebendigkeit dieses Jesus.
Ihr Geist war also kritisch geworden: Kritisch im Sinne von Unterscheidenkönnen, kritisch im Sinne von Abstand nehmen von üblichen bisherigen Selbstverständlichkeiten, Ängsten und Begrenzungen. Und genau mit diesem neuen, geweiteten Geist konnten sie die Erfahrung in Worte fassen: Jesus von Nazareth ist auf geistige Art weiter zugegen, er ist präsent, hat Teil an der Ewigkeit des Ewigen, Gottes. Die Freunde Jesu konnten also von Jesus als dem Präsenten, dem Ewigen, sprechen. Diesen ihren Geist erlebten sie als Geschenk, sie sprachen vom Heiligen Geist, als einer bislang kaum bemerkten besonderen Qualität des menschlichen Geistes: Er wird sich seiner selbst als Gabe des Ewigen bewusst, er ist kritisch gegenüber einer Verschließung im Endlichen. Und aufgrund dieser Erfahrung verstärkte sich ihr Zusammenhalt als Gemeinschaft. Die katholische Kirche sieht in diesem Pfingstereignis förmlich die Gründung von „Kirche“ überhaupt.
3.
Was aber ist am wichtigsten im Erleben des neuen, des kritischen und geweiteten Geistes zu Pfingsten? Der göttliche, der heilige Geist, lebt in den Menschen, in allen Menschen. Alle sind mit dem göttlichen Geist, „begabt“. Und gefeiert wird der zumindest damals gelungene Versuch, die unterschiedlichen Menschen zu einer pluralen Gemeinschaft, einer Gemeinde der gleichberechtigt Verschiedenen, Vielfältigen, zu versammeln. Diese Erzählung ist von bleibender Aktualität: Kirche kann nur Gemeinschaft der Verschiedenen sein, und alle Verschiedenen haben die gleichen Rechte und die gleiche Würde.
4.
Und warum dann noch ein eigenes Fest Christi Himmelfahrt? Dieses seltsame Wort „Himmelfahrt“ ist eine Metapher für den Mythos, also die Erzählung: Dieser Jesus von Nazareth ist nicht im Nichts verschwunden. Jesu Leichnam liegt zwar – wie der Leichnam jedes Menschen – in einem Grab! Aber Jesu Geist als ewiger Geist ist „woanders“, er ist – bildlich gesprochen – an dem Ort, den man üblicherweise den „Ort“ des Ewigen, des Göttlichen nennt, den „Himmel“.
Die Gemeinde will mit dem Fest Christi Himmelfahrt“ also noch einmal explizit feiern, dass dieser geliebte Mensch und Prophet Jesus von Nazareth nicht mehr zur Erde, nicht mehr nur zur Welt der Menschen, gehört. Er ist leiblich entschwunden, aber nicht geistig verschwunden. Jesus ist in den Bereich des Ewigen eingetreten, den man „Himmel“ nennen kann oder „Sein beim Ewigen“.
In gewisser Weise benennt also der unbeholfene Begriff Himmelfahrt Jesu das Fest der öffentlichen und feierlichen Bestattung Jesu, verstanden als Abschied von dieser Welt und als Übergang in den Bereich des Bleibenden, Ewigen
5.
Zur vernünftigen Interpretation der Auferstehung Jesu von Nazareth, also zu Ostern, habe ich schon einige Hinweise veröffentlicht. Zentral ist der Gedanke: Wenn die Welt und die Menschen als Evolution, als sich entwickelnde Schöpfung Gottes zu verstehen sind, dann ist in der Welt und in den Menschen göttlicher, schöpferischer Geist lebendig anwesend. Dieses Göttliche in jedem Menschen kann, als Göttliches, Ewiges, nicht untergehen im Tod. Der Tod kann also auch Jesu Geist nicht vernichten und auch nicht den Geist, die Seele, der Menschen. Sie können aus der Präsenz des Ewigen sozusagen nicht herausfallen. In der Erkenntnis, dass Jesus von Nazareth, zwar im Grab als Leichnam liegend, auferstanden ist und lebt- im geistigen Sinne – ist also eine Wirkung des Geistes, des heiligen, zu sehen. Also ist schon zu Ostern “Pfingsten” geschehen.
6.
Warum werden in den christlichen Kirchen drei Gedenktage und drei Feste (Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten) in so kurzer Zeit hintereinander gefeiert? Diese drei christlichen Feste haben ja, wie gezeigt, alle einen grundlegend gleichen Inhalt: Sie feiern den Übergang Jesu (und damit aller Menschen) vom Tod in den Bereich des Ewigen.
Dass die Kirchen dreimal eigentlich das Gleiche, in kurzem zeitlichen Abstand feiern, also Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten, hängt einzig mit der sehr menschlichen Begeisterung zusammen, möglichst viele Feste gleichen Inhalts– mit unterschiedlichen Akzenten – zu feiern.
7.
Noch einmal zurück zu Pfingsten – um daran zu erinnern, dass das Gedenken an diese Feste und das Feiern dieser Feste nichts esoterisch- Merkwürdiges und Spinöses ist: Pfingsten betrifft förmlich das Selbstverständnis der Menschen. Als Fest des Geistes als des heiligen, kritischen Geistes ist Pfingsten das Fest der Dimension, die den Menschen, alle Menschen, auszeichnet. Im Geist als der Vernunft erschließt sich die Menschenwürde, erschließen sich die Menschenrechte. Pfingsten ist das Fest der Menschenwürde, der Menschenrechte, der wesentlichen Gleichheit aller Menschen, der universalen Gerechtigkeit also.
8.
Was hat das alles mit unserer Gegenwart 2021, was hat das mit der Corona-Pandemie zu tun?
Pfingsten bedeutet, wie gesagt: Alle Menschen haben die gleiche Würde. Dies ist eine evidente Einsicht, die gerade im Zusammenhang der medizinischen Versorgung der Corona-Patienten zentral ist! Nationalistischer Ehrgeiz hat jetzt keinen Platz.
Wer ist in Deutschland/Europa praktisch-solidarisch mit den vielen Tausend Corona Patienten in den armen Ländern, in Lateinamerika, Asien oder Afrika? Können wir hier stolz auf unsere „Erfolge“ sein, wenn in diesen Ländern die Kranken ohne medizinische Hilfe förmlich krepieren? Nach langen Debatten scheint jetzt etwas Bewegung in die Köpfe der Besitzenden (der Impfstoff Besitzenden) Europäer und Amerikaner zu kommen. Die permanente Kritik der Aktivisten in dieser Hinsicht war also nicht nur geistvoll, sondern sogar einmal wirksam, hoffentlich, falls nicht noch irgendein neoliberaler Politiker dazwischen geht!
9.
Die politischen Perspektiven „Pfingsten als Fest der Menschenrechte“ sprengt die enge kirchliche Welt und deren Fixiertheit auf Dogmen. Entscheidend ist im Pfingstfest die geistvolle, demokratische, menschenwürdige, gerechte Neu-und Um-Gestaltung unserer Welt. Und die Rettung der Welt – angesichts der ökologischen Katastrophen. „Eine andere, eine bessere, gerechtere Welt ist möglich“: Das ist – eigentlich – die Botschaft der uralten, aber modernen Pfingsterzählung.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Über die Verbindung der Philosophie Hegels mit Pfingsten: LINK

Wie christlich war das „christliche Europa“?

Ein zentrales Thema französischer Historiker und Religionssoziologen
Ein Hinweis von Christian Modehn

Vorwort:
Man sollte nicht vergessen, mit welchen Bravour und Penetranz der polnische Papst Johannes Paul II. (er regierte von 1978 bis 2005) sein Programm „Wir brauchen (wieder) ein christliches Europa. Wir brauchen eine Neu-Evangelisierung Europas” öffentlich überall äußerte! Das christliche Europa (gemeint war immer das katholische unter päpstlicher Leitung) beschwor er: Es war explizit nicht das liberale, also demokratische Europa! Dieses galt in päpstlicher Sicht als das relativistische und konsumistische Europa. Und es war auch NICHT das sozialistische Europa, sondern ein Europa, das sich „auf seine Wurzeln“, wie Johannes Paul II. gern sagte, besinnt … und entsprechend, vergangenheitsbezogen, handelt. Diese Wurzeln waren für den Papst das christliche Menschenbild, wie er es deutete, also der Mensch als Ebenbild Gottes. Und dieser Gott hat seine Rechte, Gottesrechte, sie waren für den Papst immer wichtiger waren als die Menschenrechte, die auf der Autonomie des Menschen (Kant) allen Wert legen. Gottesrechte kann bekanntlich allein die katholische Kirche deuten! Dieses alte Europa in der Phantasie des Papstes hat so nie bestanden, darin sind sich die Historiker einig. Aber der Papst brauchte diese Propaganda und Illusion, um kirchliche, d.h.klerikale Macht in Europa durchsetzen zu können. Die von ihm so geliebte neuen geistlichen Bewegungen (Opus Dei, Neokatechumenale, Legionäre Christi, Emmanuel, Communione e liberazione und andere) waren und sind noch immer die „Kampftruppen“ der neuen Evangelisierung Europas. (vgl. zu dem Themenkomplex die Studien in dem Buch „Le Reve de Compostelle“, Edition Centurion, Paris, 1989).
Man sieht an dem Vorwort einmal mehr auch die kirchenpolitische und religionskritische Relevanz unseres Themas…Und muss sich erinnern, wie sehr etliche der Führer und Gründer dieser neuen geistlichen Gemeinschaften inzwischen des sexuellen Missbrauchs bzw. des spirituellen Missbrauchs angeklagt und z.T. überführt wurden…

1.
Die Frage: „Wie christlich waren eigentlich die sich christlich nennenden Europäer?“ ist ein umfassendes Forschungsprojekt, wenn man die Kulturen Europas verstehen will.

Aber welche Kriterien sollen gelten, um die Christlichkeit der Europäer oder Europas „festzustellen“?
Da gibt es einerseits die Kriterien, die in den Dogmen der Kirchen vorgegeben sind: Danach ist christlich der Mensch, der an den Sakramenten teilnimmt und regelmäßig am Gottesdienst, der Hl. Messe,  und gehorsam die Weisungen der jeweiligen Hierarchie befolgt usw. Ethische Kriterien, etwa Friedfertigkeit, Toleranz für Andersdenkende, diakonisches Engagement usw. spielen dann eine untergeordnete Rolle. So kann man allen Ernstes lesen, das europäische Mittelalter und die Neuzeit seien christlich gewesen, weil Kathedralen errichtet wurden und fromme Orden durch viele tausend Mitglieder florierten und die Leute Pilgerfahrten unternahmen. Welch fromme Zeiten…Weniger Beachtung finden dabei die Kreuzzüge, die Ketzerverfolgung, die Judenverfolgung, die Missachtung und Tötung von Homosexuellen, die Degradierung von Frauen, die Hexenverbrennungen, die auch kirchlich geduldete Sklaverei und der Kolonialismus und so weiter.
Man sieht also, das Kriterium zur „Messung“ der Christlichkeit Europas, das sich an den Dogmen der Kirchenführung orientiert, ist höchst problematisch.
Aber ist eine Alternative als Kriterium so viel überzeugender, die betont: Respektieren wir die unterschiedlichen Glaubensformen und religiösen Praktiken, die etwa im Mittelalter und der Neuzeit und auch heute vorhanden sind. Und schätzen wir diese bunte und unüberschaubare Vielfalt als normal und üblich ein. Seien wir also „liberal“ und freuen uns über Astrologie und Teufelskult, über trinitarischen Glauben und antitrinitarischen Glauben, über Marienkulte und Wunderglauben, über Reliquienverehrung und Glossolalie usw. Wer als Kriterium einfach nur die bunte Vielfalt nimmt und diese gut und richtig findet als erfreuliche Pluralität aller nur denkbaren Glaubensformen, wird kaum dazu neigen, irgendeinen Augenblick der europäischen Geschichte als „Verlust des Christlichen“ bzw. als Böüte des Christlichen. zu bewerten. Religion war ja schließlich immer „irgendwie“ vorhanden.
Weiter führt und richtig ist nur ein Kriterium, das NICHT den Religionen und ihren Dogmen entnommen ist, sondern das aus der allgemeinen Vernunft stammt. Gemeint sind der auch politisch realisierte Respekt und die tatsächliche Förderung der Menschenrechte. Das ist das entscheidende Kriterium, um eine Epoche christlich oder weniger christlich zu nennen. Was als Kriterium säkular, weltlich, auf den ersten Blick erscheint, ist de facto eng gebunden an die Ethik Jesu, die im ethischen humanen Handeln den besten Gottesdienst sah und dann förmlich als Fortsetzung in der philosophischen Ethik etwa von Kant fand.

2.
Historiker und Soziologen, die noch den dogmatischen Vorgaben der Kirchen folgen, um eine Gesellschaft christlich zu nennen, verdienen trotzdem unsere Aufmerksamkeit. Denn die Ergebnisse der Historiker und Religionssoziologen müssen sich noch öffentlich, auch in den Kirchen, herumsprechen. Denn sonst besteht das Vorurteil weiter: „Früher waren die Menschen in Europa gläubiger/religiöser als heute“. Soweit man Religiosität eines Menschen überhaupt von außen „feststellen“, also an äußerer religiöser Praxis messen kann: Die These vom christlichen Abendland, bevölkert von dogmatisch und moralisch „hundertprozentigen Christen“, ist falsch. Die Leidenschaft etwa der katholischen Inquisition reagiert bereits auf diese Situation, dass in der Sicht der Kirchenführung eben nur einige als zuverlässige dogmatische Christen eingestuft werden können.
Dese Erkenntnis wirft ein ganz neues Licht auf die vielbesprochene Säkularisierung des Bewusstseins in den letzten Jahrhunderten. Aber was ist der Unterschied zwischen dem weit verbreiteten religiösen Desinteresse im 17. und 18. Jahrhundert und der Säkularisierung und dem Atheismus des 19. und 20. Jahrhunderts? Das muss noch untersucht werden.

3.
Hier geht es zunächst um Darstellung einiger wesentlicher Tatsachen, die die Geschichtswissenschaften bisher vermitteln.
Ich beginne mit Bernhard Groethuysen und seiner umfassenden Studie „Die Entstehung der bürgerlichen Welt und Lebensanschauung in Frankreich“, die zuerst 1927 in Halle erschienen, dann bei Suhrkamp 1978 veröffentlicht wurde. Nur einige zentrale Erkenntnisse können hier aus dem 2. Band dieser Studie vorgestellt werden. Groethuysen bezieht sich auf die Einschätzung des Bürgertums durch die katholische Kirche Frankreichs im 18. Jahrhundert. Und er zeigt die Verbindung, wie mit der Ablehnung des aufstrebenden Bürgertums durch die herrschende Kirche die Bürger sich in dieser Kirche nicht mehr „wohlfühlten“, verstanden fühlten und deswegen in eine radikale Distanz zur Kirche und der Kirchenlehre traten. Die Kirche hatte sich festgelegt auf „eine ein für allemal fixierte Gesellschafts – Ordnung“ (S. 195), die keinen Raum ließ für eine Verbindung des Glaubens mit den Idealen der aufstrebenden Bürger. Die Kirche verurteilte deren Willen, auch finanziell erfolgreich zu sein, etwa durch die Praxis des Geldleihens mit der Zahlung von Zinsen. Die Kirche wollte verhindern, dass der nach (ökonomischem) Erfolg strebende Bürger „über die ihm vorgezeichneten (ewigen) Grenzen hinausstrebt“ (197). Veränderungen, zumal Revolutionen, waren die größten Übel für diese Kirche. Welche Konsequenzen ergaben sich? Groethuysen schreibt: „Der Bürger braucht die Religion nicht mehr. Er hat ihre Lehren nicht eigentlich verworfen, wohl aber hat er sich ein Leben gebildet, das außerhalb des religiösen Vorstellungskreises verläuft. Religion bedeutet für ihn Vergangenheit, sie stellt sich als etwas dar, was am Leben selbst unwahr geworden ist“ (206). „Der Bürger will vor allem ein ehrlicher Mann sein, es kommt ihm nicht mehr darauf an, als frommer Mann zu gelten“ (ebd.) Und das gilt im Frankeich des 18. Jahrhunderts! Die Pfarrer und Theologen damals, so schreibt Groethuysen ausführlich, kommen zu der Überzeugung: „Die Bürger leben außerhalb des Christentums, und es könnte manchmal so scheinen, als seien sie überhaupt niemals Christen gewesen“ (S. 208). Dabei steht fest: Den Maßstab des Christlichen liefert die Kirchenführung! Aber der ehrliche Bürger könnte doch, wenn er ehrlich ist und seine Mitmenschen nicht schädigt, durchaus elementare humane und christliche Werte leben. Aber das kann und will die Kirchenführung nicht sehen und anerkennen. Groethuysen fasst die Überzeugung des nicht – kirchlichen Bürgers zusammen: „Der Bürger bedarf der kirchlichen Vorstellungswelt nicht mehr. Er findet in seinen eigenen Anschauungen und Wertungen und nur in ihnen das, dessen er bedarf, um das gesellschaftlich – wirtschaftliche Leben zu regeln und seine Ansprüche zur Geltung zu bringen.“ (210).
Damit, so müsste weiter geprüft werden, wurde der Bruch und Widerspruch eingeleitet zwischen einer Moral der kapitalistischen Wirtschaft und einer religiösen, traditionell christlichen Ethik. Weil diese sich dem Bürgertum gegenüber als total abweisend verhielt, wurde christliche Ethik später, auch selbst in reflektierter Form, als Gestaltungskraft des maßlos werdenden Kapitalismus ignoriert.

4.
Einige empirische Studien:
Wer anschauliche, eher journalistische Einschätzungen zur Religiosität der Pariser Bevölkerung wenige Jahre vor der Revolution 1789 studieren möchte, dem empfehle ich Louis Sébastien Merciers Werk „Mein Bild von Paris“, auf Deutsch, als Auswahl, als Insel Taschenbuch 1979 erschienen. Die französische Ausgabe „Tableau de Paris“ umfasst 2.400 eng bedruckte Seiten. Mercier, gesellschaftskritischer Autor und Romanschriftsteller, lebte von 1740 bis 1814 in Paris.
In der genannten deutschen Ausgabe gibt es unterschiedliche empirische Beobachtungen und Notizen. Etwa ein Kapitel mit dem Titel „Messen“. Darin beschreibt der Autor, wie die vielen und viel zu vielen Priester in Paris dort ihre (lateinischen, still gesprochenen) Messen „daher beten“ (S. 134), um Geld zu verdienen. Für die Messen müssen die Gläubigen bezahlen, die Messen gelten dem ewigen Seelenheil eines verstorbenen Angehörigen. Aber, so beobachtet Mercier, die Teilnahme an diesen Messen geschieht ohne religiöse Betroffenheit. Den ganzen religiösen Kultus hält kaum noch ein gebildeter Pariser für erwähnenswert, geschweige denn für berührend und wichtig. „Wer heute über die Messen herzieht, riskiert im schlimmsten Fall, sich lächerlich zu machen… Witze über die Messen machen höchstens noch Friseurgehilfen. Soll sie zelebrieren, soll sie hören, wer sie mag. Zu reden gibt es gar nichts mehr über die Messen“, so Mercier (S. 137). Über den sehr lebendigen Aberglauben, dem die Frommen in einem Reliquienkult anhängen, schreibt er in einem Kapitel über die „Sainte Chapelle“ (110 f). Das Niederknien selbst in schmutzigen Straßen wird als Ausdruck einer oberflächlichen Frömmigkeit beschrieben, wenn ein Priester die Straße entlanggeht, sichtbar einen Kelch vor sich hin tragend, um Todkranken die Kommunion zu reichen. Dafür kassiert der Mitarbeiter oder der Ministrant dann im Haus des Sterbenden das Honorar. Eine interessante Beschreibung über die Riten, die man Sterbenden zukommen ließ… Mercier schreibt über den damals selbstverständlichen Zwang, regelmäßig zur Beichte zu gehen, wenn man denn eine kirchliche Trauung wünscht (331). Im ganzen beobachtet Mercier: Die meisten Beichtenden sind noch teils frömmelnde teils aufrichtige Bürgersfrauen, verschiedene Greise … sowie „Dienstmägde, die – gingen sie nicht zur Beichte – von ihrer Herrschaft als Diebinnen verdächtigt würden“ (330). Aufschlussreich ist auch das Kapitel „Sonn – und Feiertage“ (235 ff). „Die Kirchen bleiben also, abgesehen von den großen Feierlichkeiten, deren prunkvolles Zeremoniell noch immer eine gewisse Anziehungskraft ausübt, ziemlich leer“ (236).

5.
Als ein universal gebildeter „Mentalitätshistoriker“ hat Jean Delumeau (1923 – 2020), zuletzt Professor am Collège de France, die „Christlichkeit“ Europas studiert. Vor allem in seinem Buch „Stirbt das Christentum?“ (Walter Verlag, Olten, 1978), hat er sich mit dem gelebten, alltäglichen Christentum an der Basis auseinander gesetzt. Er kommt zu dem Gesamtergebnis: Es geht um eine vergangene „Welt, die, obwohl faktisch fast jedermann in einer Kirche hineingeboren wurde, immer ein christliches Missionsgebiet gewesen ist“ (S. 12). Mit anderen Worten: Die getauften Christen waren de facto Heiden wie in einem Missionsgebiet. Zu der Einschätzung kann Delumeau nur kommen, weil er als praktizierender Katholik die Kriterien der Christlichkeit von der kirchlichen Dogmatik übernimmt. Und er findet Unterstützung bei dem bekannten Mittelalter-Historiker Jacques Le Goff, der betont:“ Die Christenheit um 1500 ist beinahe ein Missionsland“ (S. 32). Dieses christliche Europa „war eher eine autoritäre Konstruktion, ein gemeinsamer Rahmen für die Völker, als der bewusste Glaube der Massen an die Offenbarung“ (S. 46). In einem Vortrag über „Christenheit und Christianisierung“ im Jahr 1984 hat Delumeau erneut das Thema aufgegriffen, die katholisch-theologische Zeitschrift „Theologie der Gegenwart“ hat den Vortrag 1985 zugänglich gemacht. Die Veröffentlichung in Deutschland geschah sicher auch deswegen, weil Delumeau die besorgten Theologen des 20. Jahrhunderts beruhigen wollte. Denn seine zentrale These auch aus seinen anderen Studien lässt sich so zusammenfassen: “Heute sind eigentlich viele Europäer besser christlich gebildet als zu Zeiten der angeblich blühenden Christenheit früher“.

6.
Aber schon bald, spätestens 20 Jahre nach Delumeaus Studien, haben französische Religionssoziologen mit vielen Fakten dokumentiert gezeigt: Die Säkularisierung des Bewusstseins der Europäer spitzt sich heute förmlich zu. Während Delumeau noch ein Fragezeichen hinter seinen Buchtitel „Stirbt das Christentum?“ setzen konnte, so verwenden heute Religionssoziologen und ehrliche Theologen eher ein Ausrufungszeichen hinter diesen Titel: Ja, das Christentum, verstanden als dogmatische Organisation der großen Kirchen, stirbt langsam. Und dazu gibt es zumal in Frankreich viele sehr erhellende Studien vor allem von Religionssoziologen und Historikern. (Man denke etwa an eine Studie „Les Francais sont – ils encore catholiques?“ (hg. Von Guy Michelat u.a.), Paris 1991)

7.
Der Historiker Prof. Guillaume Cuchet hat 2018 seine Studie veröffentlicht “Comment notre monde a cessé d etre chrétien“ („Wie unsere Welt aufgehört hat christlich zu sein“). Das Buch mit dem Untertitel „Anatomie eines Zusammenbruchs“ bezieht sich auf die Situation in Frankreich, erinnert etwa an den Philosophen und Mathematiker Blaise Pascal, der schon im 17. Jahrhundert betonte: „Das authentische Christentum ist immer eine Sache einer Minderheit gewesen“. Oder an den dänischen Philosophen Kierkegaard wird erinnert, der im 19. Jahrhundert betonte: “Das Christentum existiert eigentlich nicht …Was ist das im Grunde für eine furchtbare Komödie im ganzen Land, das sich christlich nennt“ (zit. s. 12). Cuchet wendet sich dann aber sehr ausführlich einer langen Liste von Studien einer auch kirchlich orientierten Religionssoziologie zu, die alle Leidenschaft darauf verwendet(e), Statistiken zum Gottesdienstbesuch in den unterschiedlichen Regionen Frankreich während vieler Jahre zu erheben. Ausführliches Kartenmaterial wurde über all die Jahre angelegt, etwa von dem bekannten Religionssoziologen und Priester Fernand Boulard. „Keine Kirche in der ganzen Welt hat sich (wie die katholische Kirche in Frankreich CM) zu derartigen Übungen der soziologischen Selbstanalyse hingegeben“ (S. 26).
Wer versucht, angesichts der vielen, immer wieder neuen Studien eine Art Gesamteinschätzung zu formulieren, muss erkennen: Die in Frankreich viel besprochene „déchristianisation“ (Entchristlichung) hat sehr früh schon begonnen, schon vor dem Beginn der 3. Republik und den Gesetzen der laicité. Schon im 17. Jahrhundert wird dokumentiert, wie in bestimmten Regionen Frankreichs die getauften Katholiken sich von der Kirche distanzieren (vgl. S 75). Auch auf die Bedeutung der Religionsgesetze der Französischen Revolution muss hingewiesen werden. Dort, wo die Priester die “Zivilkonstitution für dem Klerus“ ablehnten, also die Revolution verurteilten, blieb die religiöse Praxis erhalten. Aber das ist nur ein Element für die Kirchenbindung. Wichtig bleiben vor allem die regionalen Unterschiede der kirchlichen Bindung in Frankreich: Es gab und gibt immer noch stark kirchlich bestimmte Gegenden, wie die Vendée oder die Bretagne UND auch Départements, in den die kirchliche Praxis de facto Null ist, wie im Département Creuse, das übrigens als einziges Département Frankreichs keinen eigenen Bischof hat (der zuständige Bischof sitzt in Limoges). Im Département Creuse “betreut” z.B. 1 Priester in 6 Pfarrgemeinden für ca. 200 Dörfer… Aber das am Rande.

8.
So sehr man auch, verglichen mit dem schwachen Stand der Religionssoziologie in Deutschland, überrascht ist, von der Fülle auch statistischer Studien und spezieller Karten in Frankreich: Die Frage, warum diese Kirche, die sich selbst „älteste Tochter der Kirche“ nennt, nun offensichtlich an ihr zahlenmäßig sichtbares Ende kommt, wird von Religionssoziologen nicht umfassend beantwortet. Dies ist eine theologische und religionswissenschaftliche Frage. Emmanuel Todd und Hervé Le Bras betonen in ihrer Studie „Le Mystère francais“ (2013), dass der französische Katholizismus als System von Glaubenshaltungen und Riten außerhalb eines begrenzten städtischen und eher auf Rentner bezogenen Milieus verschwinden könnte. (S. 83 im Buch von Cuchet). Warum? Die emanzipatorischen Bewegungen des Mai 68 werden als ein Grund genannt, auch innerkatholische Entwicklungen, wie die „Pillenenzyklika“ „Humanae Vitae“. Aber es wird nicht deutlich gesagt: Ein entscheidender Grund für das Verschwinden des katholischen Glaubens in Frankreich und anderswo in Europa sind die starre dogmatische Haltung der Kirchenführer, die Überforderungen eines vor allem alten, wenn nicht greisen Klerus, das Festhalten am klerikalen System, der Ausschluss der Frauen vom Amt sowie in den letzten Jahren: Die vielen nachgewiesenen „Fälle“ sexuellen Missbrauchs durch Priester und die Vertuschungen durch Bischöfe.

9.
Die Menschen, „ehemalige Kirchen-Mitglieder”, bleiben oft an der kulturellen, alten Welt des Katholizismus interessiert, etwa an den prächtigen gotischen Kathedralen und Klöstern, den lateinischen Gesängen und Arbeiten der Künstler. Aber wenn sich in dem Zusammenhang eine Glaubenshaltung entwickelt, dann ist sie nicht mehr oft auf die Organisation Kirche bezogen. Sondern aus solchen „kulturell – katholischen“ Erfahrungen in Kathedralen bildet sich jeder und jede dann seine individuelle Spiritualität. Die man allein lebt und bedenkt oder in kleinem privaten Kreis bespricht. Nach dem Besuch der Kathedrale kann dann selbstverständlich anschließend ein Zen-Buddhistischer Kurs besucht werden oder eine Yoga-Gruppe. Vielleicht auch einen philosophischen Zirkel, in dem die Bibel als ein Buch der Weisheit gelesen wird. So verändert sich die christliche Religion grundlegend, nicht nur in Frankreich. Verschwindet sie auch? Das sicher nicht. „Die Religion zieht um“, hat ein holländischer Theologe einmal gesagt. Nur: Die katholische Kirche beobachtet hilflos ihr eigenes langsames Verschwinden. Sie ist nicht imstande, von such aus undogmatische Gesprächskreise für die vielen Menschen anzubieten, die nach dem Sinn des Lebens fragen, vielleicht auch nach Gott, die aber keine Kirchenbindung mehr ertragen können….wohl aber dringend menschliche Gemeinschaften für ein reifes geistiges Leben suchen.
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Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Kirche in der Stadt – Ein spannungsvolles und „spannendes“ Verhältnis.

Ein Interview mit Pfarrer Michael Göpfert, München.
Die Fragen stellte Christian Modehn, Berlin

1.
Vor 40 Jahren, 1981, haben wir eine Aufsatz – und Essay – Sammlung mit dem Titel „Kirche in der Stadt“ im Kohlhammer Verlag herausgegeben. 24 Mitarbeiter aus verschiedenen europäischen Städten waren daran beteiligt. Nun sind 40 Jahre an sich noch kein denkwürdiges Jubiläum. Aber kritischer Rückblick und kritischer Vorblick sind bei dem Thema wichtig. Denn nirgendwo sonst wie in den Großstädten zeigt sich der religiöse Umbruch so deutlich: Etwa der Abschied weiter Kreise von den Kirchen und damit die neue religiöse Pluralität. Inzwischen sind etliche weitere Studien zum Thema „Kirche und Stadt“ erschienen. Blicken wir zunächst zurück: Warum war dir damals das Thema wichtig?

Ich glaube, die Idee zu dem Buch kam von dir, Christian, als Journalist warst du in vielen europäischen Städten unterwegs. Die Idee faszinierte mich, ich liebe Städte, vor allem Großstädte, schon immer. Vor Jahren hatte ich mir antiquarisch die 10 Hefte des Berliner „Großstadtapostels“ der „Zwanziger Jahre“ Carl Sonnenschein gekauft: „Notizen-Weltstadtbetrachtungen.“ In einem rasanten impressionistischen Stil und mit Tempo erzählt er von seinen Eindrücken und Erfahrungen, er taucht in die Stadt ein, weil er die Menschen in Berlin mag, beschreibt aber auch das Licht und die vielen Schattenseiten der Metropole. Und gestaltete förmlich im Alleingang eine neue Präsenz der (katholischen) Kirche in Berlin: Hilfsangebote, eine bedeutende öffentliche Bibliothek, er gestaltete ein Wohnungsbauprogramm, organisierte Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, er machte aus der Kirchenzeitung eine lesenswerte Zeitung, vernetzte sozial Engagierte und so weiter. So, dachte ich, könnte Großstadtkirche sein, als verbunden in mit der Kultur der Stadt und verbunden mit den Menschen, nicht nur den so genannten „Kirchgängern“.
Seit ich dann ab 1974 in München war, fiel mir auf, wie sehr das Thema Kirche und Stadt gleichsam in der Luft lag und von Theologen, Soziologen und Architekten diskutiert wurde. Kirchen sind immer eingebunden in bestimmte Orte, also in Wohn -, Lebens – , Arbeitskulturen. Kirchen sind wie Theologien niemals „ortlos“: Eine Citykirche „funktioniert“ anders als eine Dorfkirche, also: Entdecke den Genius loci! Glaube hat neben dem Zeitindex auch einen Ortsindex und daraus folgt eine Freilassung der Differenzen, eine Vielfalt und Buntheit von Kirchen, gerade in den Städten.

2.
Wie waren deine Erfahrungen in den ersten Jahren nach der Publikation des Buches: Zeigte sich Interesse am Thema? Von wem ging das Interesse aus? Waren es dann Debatten, die auch praktische Wirkungen zeigten?

Meine Erfahrungen nach Erscheinen des Buches waren überraschend, weil die Resonanz so gut war. Es gab Einladungen zu Tagungen, Vorträgen, Zeitungsaufsätzen. Am interessantesten für mich war die Einladung im Herbst 1981 zu einem Treffen von evangelischen Stadtdekanen und Stadtsuperintendenten in Berlin, eine Konsultation über Kirche und Großstadt. Ich schrieb darüber einen Zeitungsaufsatz und die Folge war, dass ich von da an bei fast allen Treffen dabei war und die Berichte darüber schrieb… bis 2013. Eine weitere Folge war, dass ich bei diesen Konsultationen den Hamburger evangelischen Theologen Wolfgang Grünberg kennenlernte, der dort an der Universität die Arbeitsstelle Kirche und Stadt aufgebaut hatte. Daraus entstand 1991 die Buchreihe „Kirche in der Stadt“, die ich in den Anfängen mitplante, vor allem auch mit dem Stadtsuperintendenten von Hannover Hans Werner Dannowski. Im Lauf der Zeit entstand eine Art Netzwerk der Stadtkirchen, gebildet zwischen der Konsultation, den Treffen der Citypfarrer/innen und denen der Kirchencafés.

3.
Als Leitlinien für eine Kirche, die in der Großstadt nicht als Fremdkörper erlebt werden soll, formulierten wir damals z.B. „Kreativität“, „Dialog“, „Basisorientierung“. Gibt es heute überhaupt noch ein Bewusstsein dafür, dass Kirche in der Stadt diesen Leitlinien folgen sollte?

Der Glanz der Begriffe Kreativität, Dialog, Basisorientierung ist etwas verblasst, aber faktisch leben die Stadtkirchen von dem damit signalisierten Potential. Wenn ich etwa an den Ideenreichtum von St. Maximilian in München denke oder an die frühere Kunststation St. Peter in Köln, die von dem Charisma des Jesuiten Friedhelm Mennekes lebte, wird mir deutlich, wie entscheidend die Geistesgegenwart, der Mut und die Ideen zunächst auch einzelner vor Ort sind.

4.
Ich habe den Eindruck: Die Kirchen in Deutschland und in ganz Europa setzen seit einigen Jahren schon entschieden auf das Programm „Reduzierung“ kirchlicher Präsenz in den Großstädten: Viele Kirchen – Gemeinden („Pfarreien“) werden zu großen, fast unüberschaubaren Verbänden zusammengeschlossen. Es fehlt an theologisch gut ausgebildeten Mitarbeitern, Pfarrern, Priestern. Ist „Kirche in der Stadt“ also auf dem Rückzug? Diakonie ist dabei abgespalten von den Gemeinden und als autonome Großorganisation etabliert?

Sicher wird es in den nächsten Jahren für beide Kirchen weniger finanzielle und personelle Ressourcen geben. Aber wenn Menschen von einer Aufgabe begeistert sind, arbeiten sie auch ohne Geld und wer sagt denn, dass so viele Aufgaben von bezahlten Hauptamtlichen gemacht werden müssen. Die Basis hat noch gar nicht zeigen können, was sie alles kann. Es wird wohl viel weniger große Kirchen geben, aber warum nicht viel mehr kleine Kirchenläden und Ladenkirchen in den städtischen Quartieren, in denen die Einheit von Liturgie, Diakonie vor Ort und religiöser Weiterbildung gelebt wird? Nicht Reduzierung von Präsenz von Kirche in der Stadt, sondern Verdichtung, aber eben nicht eine, die von Oben vorgeschrieben, geplant und organisiert wird. Zentralisierung ist Machtbündelung, Dezentralisierung heißt Abgeben von Macht und Vertrauen in die Basis vor Ort.

5.
Ich beobachte das in der Presse ständig: Kirche als positiv besetzter Ort der Begegnung ist eigentlich für weiteste Kreise kein Thema mehr. Im Mittelpunkt stehen die unsäglichen Skandale des Missbrauchs durch Priester oder die Zunahme fundamentalistischer Religiosität. Wo sind die theologischen Orte, die kritisches Reflektieren förmlich als „Dauerzustand“ praktizieren?

Die lange Missbrauchsdebatte ist notwendig, aber sie überlagert auch vieles. Die Sehnsucht nach Orten der Begegnung ist wohl für Menschen überlebenswichtig, sie kann nicht sterben und sie wird nach Corona vielleicht noch deutlicher werden. In vielen Städten sind die kirchlichen Stadtakademien gute Adressen für Austausch und Begegnung über Gruppenidentitäten hinweg, aber das reicht natürlich nicht. Warum nicht mehr lernen z.B. von der Tradition literarischer oder philosophischer Salons, von Treffen in Kneipen und in den Wohnzimmern. Jeder, der will, kann auf seine Weise durchaus die Initiative ergreifen und vielleicht zum Kristallisationspunkt von Begegnung werden.

6.
Wer in Spanien, Italien oder Frankreich die dortigen, meist geöffneten Kirchen besucht, fühlt sich angesichts der vieler hindurch eilenden Touristen wie in einem Museum. Werden Kirchengebäude zu Museen und Gottesdienste zu esoterischen Veranstaltungen nur für einige Eingeweihte?

Natürlich kann ich eine Kathedrale wie ein Museum benutzen, aber auch als Gottesdienstort. Ich kann mich in die Krypta verkriechen, um mit mir allein zu sein, ich kann mit dem Kinderwagen im Sommer den Schatten suchen…Die Nürnberger Lorenzkirche zum Beispiel hatte im Mittelalter nie nur religiöse Funktionen, sondern z. B. auch politische. Der Rat der Stadt oder die Stände und Zünfte trafen sich da. Die heutigen „Vesperkirchen“ verwandeln sich im Winter zu Suppenküchen und Wärmestuben für Obdachlose. Synagogen waren früher Räume des Gebets, aber auch Lernorte, Übernachtungsorte, sie boten Möglichkeiten für Mahlzeiten, und das alles unter einem Dach!
Ein für mich nach wie vor faszinierendes Beispiel für spirituelle Gemeinschaften und spirituelle Orte in der Stadt sind für mich die vielen hundert Bethäuser der Juden vor allem in Mittel-und Osteuropa. Sie wurden von 1940 bis 1945 im Wahn der Nazis und ihres verbrecherischen Antisemitismus fast vollständig ausgelöscht und vernichtet. Joseph Roth schreibt einmal über seine Heimatstadt Brody, die Stadt habe zwei Kirchen, eine Synagoge, aber 40 Bethäuser. Es gab Netzwerke der Gemeinschaft und Solidarität, Orte des Lernens der religiösen Überlieferung, der Weitergabe des kulturellen Gedächtnisses, der Einübung in die Weisheit der Bibel.
In einer schrumpfenden Volkskirche werden wir in Zukunft wahrscheinlich immer weniger Kirchen, aber immer mehr „Lese – Lern – und Versammlungsräume“ brauchen, die von diesem Geist geprägt sind, Stützpunkte der Einübung in den Geist des Christentums inspiriert aus dem Geist des Judentums. Gerade dann, wenn die Kirchen ärmer werden, könnten sie umso reicher werden durch die Vielfalt kleiner Läden und Treffpunkte, sozusagen um die Ecke in den Quartieren und Nachbarschaften. So könnte die Kultur der biblischen Traditionen entdeckt und aktuell neu gedeutet werden. Ich stelle mir solche Orte vor, wie sie Roman Vishniac kurz vor der Vernichtung noch fotografiert hat: Bücherwände, Holztische, Suppenküche, Gesichter des Lernens und der Versenkung… Grüße vom Schtetl in unsere Städte, die uns wie eine Flaschenpost erreichen.

7.
Unser Buch von 1981 hatte einen gewissen Mangel: Erfahrungen, Reflexionen, aus Asien, Afrika und Lateinamerika wurden nicht berücksichtigt. Nun sind inzwischen viele Menschen aus diesen Ländern in Europa gelandet und gestrandet, als Flüchtlinge etwa: Ist das Miteinander mit den „anderen“, etwa den Muslimen, eine zentrale neue Aufgabe für Menschen, denen „Kirche in der Stadt“ noch am Herzen liegt?

Kirche in der Stadt muss sich vor allem bewähren in der Begegnung mit dem Fremden und den Fremden, das ist ein Prüfstein nicht nur für das Christentum, sondern für alle Religionen. Gastfreundschaft mit den Fremden ist ein Schatz der religiösen und kulturellen Überlieferung und deshalb muss der Kampf gegen Abschottung, Ausgrenzung, Diskriminierung, Rassismus, Nationalismus auch von den Kirchen geführt werden. Die vielen Flüchtlingsinitiativen vor allem seit den 90er Jahren sind ein ermutigendes Vorbild. Klöster, gerade auch Nonnenklöster, gewähren Kirchenasyl, diese Klöster sind Lichtblicke in der kirchlichen Landschaft. Der persönliche Kontakt mit Fremden, mit anderen Religionen und Kulturen bedroht nicht unsere Identität, sondern fördert sie, erweitert sie, korrigiert sie, kann sie befreien von Verkrustungen, Verhärtungen, von Fanatismus und Dogmatismus. An dem Punkt sieht man auch, dass die Delegation diakonischen Handelns und Helfens an die großen Wohlfahrtsverbände, Diakonie und Caritas, gravierende Schattenseite hat: Die Fremden, Flüchtlinge, Obdachlosen, Menschen mit Handicap, werden den Augen der Gemeinde, also ihrem Erleben vor Ort, entzogen. Ich schaue unter den Bedingungen also dem Fremden und Flüchtling und Armen buchstäblich nicht mehr in die Augen. Das darf nicht sein!
Die Migrationsbewegungen werden noch anwachsen, der Fremde wird für viele ängstliche, nationalistisch Denkende als bedrohlich propagiert werden. Hier steht den Kirchen, den Religionen, der demokratischen Zivilgesellschaft eine harte Bewährungsprobe noch bevor. In den Kirchen in der Stadt stranden doch oft die „Anderen“, die Fremden zuerst, wird die Kirche noch eine Vorreiterrolle wahrnehmen wollen?

8.

Wenn wir von Kirche in der Groß – Stadt sprechen, darf man nicht vergessen, was eine zentrale Verpflichtung der Kirche ist: Von Gott zu sprechen und im Handeln deutlich zu machen. Wie sollte Kirche heute in den Metropolen Westeuropas, die zunehmend als säkularisiert gelten, von Gott sprechen und im Handeln deutlich machen?

Natürlich darf man nicht vergessen, daß es bei allem Reden über Kirche nicht um Kirche als Selbstzweck geht, sondern daß es in der Religion um Gott geht. Bei allen Struktur-und Reformdebatten wird das manchmal vergessen. Auch beim Reden über Kirche und Stadt geht es eigentlich um Gott. In der Apostelgeschichte heißt es einmal: Ich, Gott, habe ein großes Volk in der Stadt. Das ist eigentlich eine Provokation, das Volk ist nicht das Kirchenvolk, sondern es ist das Gottesvolk. In der Bibel geht es eigentlich immer um die Geschichte Gottes mit dem jüdischen Volk und mit allen Völkern und Menschen. Die biblische Literatur, das sind immer wieder neue und andere Versuche, über Gott zu sprechen, von ihm zu erzählen, in ganz unterschiedlichen Formen, in Erzählungen und Romanen, in Gedichten und Liedern, in Briefen und Predigten. Diese Sprechversuche über Gott sind radikal unterschiedlich, widersprechen sich, korrigieren sich. Man vergleiche nur einmal das hochpoetische Buch „Hohes Lied“ mit dem Josephsroman im ersten Buch Mose, oder das Hiobbuch mit seinen Anklagen gegen Gott mit dem skeptischen Buch Kohelet. Die Kirchen in der Stadt sollten endlich ihre eigenen biblischen Klassiker wiederentdecken, lesen, vorlesen, auslegen, neu inszenieren in allen möglichen Formaten, in Kooperationen mit Musik, bildender Kunst, Theater. Ich glaube, die Bibel fasziniert immer noch viel mehr Menschen als bloß das „Kirchenvolk“. Also, bei ihrem Sprechen über Gott sollten die Kirchen in die Schule der Bibel gehen und lernen, daß es sich um Sprechversuche handelt und nicht um dogmatische Statements, und sie sollten die biblischen Sprechversuche durchbuchstabieren.

Copyright: Pfarrer Michael Göpfert, München und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Wer darf übersetzen? Über Identität und allgemeine Vernunft

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Wer ist in der Lage, das Gedicht von Amanda Gorman, der schwarzen Lyrikerin, der US – Amerikanerin, zu übersetzen? Man denkt: Natürlich jemand, der kompetent ist und sehr gute Kenntnisse des amerikanischen Englisch und auch Erfahrungen im Umgang mit den Nuancen der Poesie hat und dies auch auf Deutsch z.B. vermitteln kann.
Das war bisher allgemeine Auffassung. Aber so einfach ist das nicht mehr: Jetzt darf die Poetin und Übersetzerin Marieke Lucas Rijneveld aus Holland nicht das berühmte Gedicht von Amanda Gorman übersetzen. Der in der Öffentlichkeit verbreitete, sich durchsetzende Vorwurf: Die Übersetzerin hat die Hautfarbe weiß und sie sei deswegen inkompetent, das Gedicht einer Schwarzen zu übersetzen. So behaupten autoritär die Verfechter der Identität: Nur eine Schwarze versteht den Text einer Schwarzen so gut, dass sie als Übersetzerin in Frage kommt. Dabei hatte Amanda Gorman, die Schwarze, die weiße Übersetzerin ausdrücklich begrüßt. Aber die kritische Power der auf Identität („hier Schwarz – da Weiß“) fixierten Leute setzte sich durch. Auch in Barcelona ist das so. Dort darf ein weißer Übersetzer (ein Mann noch dazu) auch nicht das Gedicht der Schwarzen Frau Gorman übersetzen.

2.
Wissen wir eigentlich, dass sich an diesem Beispiel so etwas wie eine kulturelle Wende andeutet? Grundsätzlich formuliert: Mit der Debatte um neue „identische“ Kriterien für die Qualitäten eines kompetenten Übersetzers könnte das Bewusstsein einer allen Menschen gemeinsamen, also allgemeinen menschlichen selbstkritischen Vernunft verloren gehen. Dabei steht im Hintergrund die nach wie vor universale philosophische Einsicht: „Übersetzen“ ist nur ein anderes Wort für „Verstehen“: Wer im Alltag einen anderen Menschen versteht, übersetzt also immer dessen Aussage, dessen Begriffe, in seine eigne Denk/Gefühlswelt hinein, in sein eigenes Leben. Das kann ganz alltäglich banal beginnen: Wenn mir eine Person A von ihrer „Frömmigkeit“ erzählt, verstehe ich von meinen Erfahrungen mit „Frömmigkeit“ ihren Begriff Frömmigkeit auf meine Art. Der Begriff Frömmigkeit der Person A wird durch mein Verstehen also „verändert“, und das ist notwendigerweise so. Trotzdem sind wir beide in der einen Sprachwelt verbunden.

3.
Auf die Identität von Übersetzen und Verstehen hat bekanntlich der Philosoph Hans -Georg Gadamer in seiner großen Studie „Wahrheit und Methode“ ausführlich hingewiesen. Ich nenne hier nur einige zentrale Erkenntnisse Gadamers, bezogen auf die Ausgabe von „Wahrheit und Methode“ von 1965 (Tübingen):
S. 361: „Verstehen, was einer sagt, ist sich in der Sache Verständigen und nicht: Sich in einen anderen Versetzen und seine Erlebnisse Nachvollziehen.“ Ergänzend auf S. 365: „Die Übersetzung eines Textes, mag der Übersetzer sich noch so in seinen Autor eingelebt und eingefühlt haben, ist keine bloß Wiedererweckung des ursprünglichen seelischen Vorgangs des Schreibens, sondern eine Nachbildung des Textes, die durch das Verständnis des in ihm Gesagten geführt wird. Hier kann niemand zweifeln, dass es sich um Auslegung handelt..“
S. 362:“Jede Übersetzung ist Auslegung“

4.
Wer Übersetzen in der Weise einschränkt, dass nur ein Schwarzer in der Lage ist und befugt ist, den Text eines Schwarzen zu übersetzen, der zerstört eine kulturelle Errungenschaft, die die Menschheit bislang tatsächlich als allgemein gültig bewertet hat, selbst wenn es in Einzelfällen selbstverständlich immer Debatten gab und gibt, ob diese oder jene Übersetzung treffend ist. Darum wird ja auch immer wieder neu übersetzt, einen definitiven Abschluss der Übersetzungen kann es nicht geben, weil immer neue Aspekte im Text, immer neue Nuancen entdeckt werden, die in immer neuen Nuancen dann ausgesagt werden in der Übersetzung.

5.
Wenn man das Beispiel ausdehnt: Nur Schwarze Frauen dürfen die Poesie schwarzer Frauen übersetzen, wie verhält es sich dann mit der bislang selbstverständlichen und uns eigentlich als normal vertrauten Übersetzung als Interpretation?
Ist die Interpretation (das ist Verstehen, das ist Übersetzung!) Mozarts durch einen japanischen Dirigenten etwa abwegig und aus Gründen der Identität nicht (mehr) erlaubt? Dann sollte kein russischer Pianist mehr Beethoven spielen. Kein deutscher Übersetzer dürfte einen buddhistischen Autor übersetzen und so weiter. Diese Identität konsequent gedacht, würde zu einer kulturellen Verarmung und zu einer Abkapselung der einen Menschenwelt in viele kulturelle Sonderwelten führen. Atheistische Historiker und Sprachwissenschaftler dürfen dann nicht mehr die Bibel oder den Koran übersetzen. Es wäre zu prüfen: Wie ist früher die Kirche mit Übersetzern der Bibel umgegangen, die nicht auf der „orthodoxen“ Linie waren? Da herrschte sicher auch auf Identität fixiertes Denken vor, Bekanntlich durften Katholiken nicht die Übersetzung der Bibel durch Martin Luther lesen, bloß weil der Protestant Luther der Übersetzer war. Solches identitäre Denken ist sicher noch in muslimischen Kreisen dominant: Welche muslimische Organisation benutzt etwa eine Koran – Übersetzung eines – selbstverständlich wissenschaftlich kompetenten – Christen oder eines Atheisten? Wahrscheinlich keine muslimische Organisation. Ein heilig erklärtes Buch (Koran) kann nur ein heilig erklärter frommer Muslim übersetzen…
Ein weiteres Beispiel: Die Übersetzungen der Werke des Homosexuellen James Baldwin müssten diesem Denkmodell folgend eigentlich eingestampft werden, weil die Übersetzer heterosexuell wohl waren oder gar Frauen, also sich beim Übersetzen gar nicht in die Welt Baldwins einfühlen konnten. Wenn er – möglicherweise – das Wort „Schw..z“ verwendet, meint er eben nicht „Glied“ und auch nicht „Penis“, wer diese Begriffe in der Übersetzung verwendet, übersetzt falsch. Aber die Nuancen weiß jeder gebildete heterosexuelle Übersetzer!
Diese wenigen Beispiele zeigen schon: Die geistige Welt fällt auseinander in viele isolierte kleine Sonderwelten, wenn man an dem nun offenbar üblich werdenden Prinzip der Identität im Vorgang der Übersetzung festhält.

6.
Dieses identitäre Denken und praktisch – rabiate Verhalten ist eine Ideologie, sie führt in eine furchtbare Sackgasse. Denn um noch einmal auf das Beispiel der Übersetzung des Gedichtes von Amanda Gorman zurückzukommen: Eigentlich müsste die dann korrekterweise selbstverständlich schwarze Übersetzerin vom Alter her etwa so jung sein wie Frau Gorman, die Übersetzerin hätte auch in bescheidenen Verhältnissen in Los Angeles groß werden müssen, möglichst die gleiche Schule besucht haben, möglichst ähnliche soziale Kontakte wie das junge Mädchen Amanda haben müssen und so weiter: Das führt dazu, dass eigentlich idealerweise Amanda Gorman allein, nur sie selbst, in der Lage wäre, ihr Gedicht zu übersetzen. Aber selbst wenn Amanda Gorman perfekt Deutsch, Niederländisch oder Finnisch sprechen und verstehen würde: Sie könnte aus ihrem englischen „Urtext“ eben nur nach eigenem (und damit wie bei allen Menschen begrenzten) Verstehen des eigenen Textes übersetzen und auch nur einige Aspekte, Nuancen, in den anderen Sprachen wiedergeben. Mit anderen Worten: Die Übersetzung der Autorin Gorman hätte eigentlich dieselbe Qualität wie die eines anderen Menschen, etwa eines männlichen weißen Übersetzers. Denn man vergesse nicht: Es ist keineswegs so, dass der Autor eines Gedichtes oder eines Romans selbst am besten weiß, was er da in der feinen Komposition seiner Sprache sagen will. Genauso sind die großen Künstler von Gemälden keineswegs die besten Interpreten ihrer eigenen Werke. Sie wissen oft selbst nicht, wie ihnen „das eigene Werk gelungen“ ist. Dies ist das bleibende Rätsel des schöpferischen Prozesses von Autoren, Malern, Komponisten etc.

7.
Aber es keineswegs so, dass nun wiederum nur Menschen, die selber den schöpferischen Prozess wie die Autoren, Maler, Komponisten durchgemacht haben, die Werke dieser Künstler zu übersetzen. Indem diese Werke in die Öffentlichkeit treten, geben sie sich dem allgemeinen Verstehen und das ist immer dem individuell je verschiedenen Verstehen und Übersetzen preis. Da eine exklusive, berufene Clique der mit den Autoren Identischen zu schaffen, wäre maßlos und ausgrenzend und hätte einen nicht mehr demokratischen Charakter.

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

Ostern: Die Auferstehung Jesu von Nazareth vernünftig verstehen!

Ein Essay von Christian Modehn.

Ich weise auch auf weitere Beiträge hin von Christian Modehn zu der Frage: “Was bedeutet Ostern,was bedeutet die Auferstehung?”:
A) Der Beitrag “Die Macht des Todes überwinden” wurde im RBB Kulturadio 2016 gesendet. LINK
B) Der Artikel “Die Auferstehung Jesu verstehen” geht auf einen Vortrag von Christian Modehn zurück: LINK
c) Der Beitrag “Auferstehung, das Ewige im Menschen erkennen und leben” geht auf einen Vortrag von Christian Modehn am 3.4.2018 zurück. LINK

Aus dem Inhalt dieses hier vorliegenden Essays:
Nr.2: Die eine entscheidende Hypothese; Nr.9: Die schöpferische Tat der Hinterbliebenen;
11: Jesu Grab war nicht leer; 14: Karfreitag: Das Ende eines Propheten;
18: Die Gemeinde “setzt” die Auferstehung Jesu; 20: Politische Auferstehungsgedichte von Kurt Marti; 25: Joseph Ratzingers banale Deutung der Auferstehung.

1.
Über die Auferstehung Jesu von Nazareth haben die Kirchen eine bunte Welt von Bildern, Symbolen, Metaphern, Mythen und Erzählungen erzeugt sowie, damit eng verbunden, über das „ewige Leben“ der Menschen … im „Himmel“. Bei allem Respekt, auch für die Leistungen der Künstler und Schriftsteller zum Thema in all den Jahrhunderten: Es wurden viel zu viele Glaubensinhalte, auch viel zu viele Dogmen, verbreitet. Sie setzten sich förmlich als „Auferstehungs – Bilder“ durch. Aber zeigen sie das Wesentliche?
Ich denke: Sie verdecken vielmehr den klaren, den einfachen und vernünftigen Gedanken zur Bedeutung der Auferstehung Jesu von Nazareth. Warum soll denn bei diesem Thema das klare, vernünftige Denken ausgeschaltet werden?
Hier also wird zur Auferstehung Jesu von Nazareth ein einfacher Gedanke vorgestellt, der aber gerade, weil er einfach ist, ausführlicher erläutert werden muss. Er ist nachvollziehbar.
2.
Es gilt hier nur eine Hypothese als Voraussetzung: Wenn die Welt mit den Menschen im schöpferischen Handeln einer unendlichen ewigen geistigen „Energie“ (Gott genannt) ihren Grund hat, dann ist diese Welt, sind die Menschen, mit dieser „Energie“ (Gott) bleibend – geistig – verbunden. Das Ganze ist Ergebnis der Evolution. Der biblische Schöpfungsbericht ist ein Mythos und hat philosophisch und theologisch nur Bedeutung, wenn man ihn in kritisches Denken übersetzt (das meint “Entmythologisierung)”.
Wenn man einen schöpferischen, ewigen Gott annimmt, kann seine Welt nicht von ihm getrennt sein. Denn bei einer von Gott völlig getrennten Welt ist ein einziger ewiger Gott als Gott undenkbar. Die Welt und die Menschen haben also Anteil am Ewigen, aber in dieser Verbundenheit sind die Menschen frei und autonom. Dies ist ein Thema, das hier nur angedeutet werden kann.
Noch einmal:
Dieser Zusammenhang von göttlichem Geist als Gott selbst und göttlichem, damit ewigen Geist im Menschen (als dem „anderen“ Gottes), ist die Voraussetzung dafür, dass es die Auferstehung Jesu von Nazareth „gibt“ wie damit auch die Auferstehung von allen anderen Menschen. Ohne die Annahme einer schöpferischen göttlichen „Energie“ ist Auferstehung nicht denkbar. Und sie ist vernünftig – denkbar, gehört zum menschlichen Selbstbewusstseins (des Geistes). Auferstehung ist eben nicht irgendein erratischer Klotz, der im Bewusstsein einiger Menschen schwebt, befremdlich und unverstanden.
Meine Grundthese im Anschluss an das Denken G.W.F. Hegels ist: Der Glaube an Gott kann sich der Vernunft erschließen. Auch die Erfahrung des auferstanden Jesus durch seine Jünger kann und soll sich der Vernunft erschließen, also in Worten ausgesagt werden. Der Geist des Menschen ist von Gott selbst in die Lage versetzt worden, Gott zu denken: Im 1. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth heißt von der Weisheit Gottes: „Uns aber hat diese Weisheit Gott enthüllt durch den Geist. Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes“ (Kap. 2, 9f.)
3.
Dass es Welt und Menschen gibt als Geschaffene, ist also das eine und einzige Wunder sozusagen. Diese Einsicht kann sich dem naturwissenschaftlichen Wissen gar nicht erschließen, weil es um den Grund des Ganzen der Wirklichkeit geht.
4.
Jeder Mensch hat seine eigene Meinung über Sterben und Tod nicht nur im allgemeinen, sondern auch eine Meinung über das eigene Sterben und den eigenen Tod. Zur Gestaltung eines menschenwürdigen Sterbens gibt es gute Argumente. Beim Thema Tod (und der oft gestellten Frage „Was ist danach?“) sind wir auf Überzeugungen angewiesen. Diese Überzeugungen drängen sich beim Menschen als einem geistvollen Wesen auf. Epikurs bekannte und viel zitierte radikale Abwehr dieser Frage hat kein philosophisches Niveau. Er verdrängt nur den Tod im Leben, empfiehlt förmlich den Kopf in den Sand zu stecken. Nur wenigen wird das gefallen.
Heute sagen die einen: „Mit dem Tod, ist alles zu Ende, Basta“, „Ich falle ins Nichts“. Oder die anderen: „Eine Form des Danach wird es geben“. Jeder wird sich letztlich einer dieser Meinungen anschließen und sie im Laufe seines Lebens vielleicht auch ändern. Man ist als Mensch förmlich von eigenen Fragen gezwungen, zur Bedeutung des Todes, des eigenen Todes, Stellung zu. nehmen! Auch die Abwehr, Ignoranz, gegenüber dieser sich aufdrängenden Frage ist de facto eine Antwort.
5.
Die traditionellen christlichen Lehren über den Tod und das mögliche „Danach“ sind gebunden an die neutestamentlichen Erzählungen von der Auferstehung des Menschen Jesus von Nazareth. Aber die kirchlichen Predigten waren über all die Jahrhunderte meist fixiert auf die Wiederholung, also die Nacherzählung der äußeren Ereignisse. Und viele Predigten, viele spirituelle Aufsätze der Theologen tun das noch heute.
6.
In diesem Essay wird gezeigt: Die zweifellos auch poetisch schönen, anrührenden Erzählungen von der Auferstehung Jesu von Nazareth sind als Ausdruck der Erfahrungen der Hinterbliebenen zu verstehen!
Das heißt: Es ist die Gemeinde der FreundInnen Jesu, die nach einer tiefen Depression über den Verlust des Geliebten zu der Überzeugung kommt: Der am Kreuz gestorbene Jesus von Nazareth wurde in eine bleibende, ewige geistige Präsenz gesetzt. Die Freunde, Freundinnen Jesu haben also diese Überzeugung – kraft des Geistes – förmlich „geschaffen“: Unser „Meister“ und „Lehrer“ und innig geliebte Freund lebt geistig über seinen Tod hinaus! Er ist nach seinem Tod unter uns, aber ganz anders als zuvor: Als bleibende geistige Präsenz.
7.
Diese Erweckung Jesu aus dem Tod geschieht kraft des Geistes, des universalen göttlichen, der in der Welt, in den Menschen, in der Gemeinde wirkt. Deswegen kann die Gemeinde der Hinterbliebenen auch die Überzeugung aussprechen: Diese Erweckung Jesu zu einer bleibenden, ewigen geistigen Präsenz gilt nicht nur für Jesus, sie gilt nicht nur der Gemeinde, sie gilt allen anderen Menschen, weil alle im Geist Gottes leben können.
8.
Die Gemeinde also setzt nicht nur den Glauben an den auferstandenen Jesus. Sie nimmt ihn auch als Auferstandenen wahr. Denn, noch einmal, Jesus hat teil am ewigen Geist Gottes, genauso wie die Gemeinde teil hat am ewigen Geist Gottes. Wegen dieser Korrespondenz kann es dann heißen: Jesus ist vom Tod auferstanden, so wie die anderen Menschen auch vom Tod auferstehen. Das Neue Testament nennt Jesus den „Ersten der Entschlafenen“, der durch seine Auferstehung allen zeigt: Es „gibt“ die Auferstehung – als Eintritt des menschlichen Geistes ins Ewige.
9.
Wer also die Auferstehung Jesu von Nazareth verstehen will, muss auf die Hinterbliebenen schauen, auf Jesu Angehörige, Freundinnen und Freunde. Sie haben sich nach seinem Tod wieder gefasst, aus der Verzweiflung befreit und aufgerafft, neuen Lebenssinn, auch ohne einen leibhaftig anwesenden Jesus, zu entdecken. Sie fragen inmitten der langen Trauer: „Inwiefern bedeutet Jesus von Nazareth über seinen Tod hinaus, uns und anderen Menschen etwas für unser eigenes Leben und Sterben“?
Die Antworten der Freunde Jesu, der Gemeinde, sind dokumentiert: Die erste uns vorliegende Antwort hat der Apostel Paulus in seinem „1. Brief an die Thessalonicher“ gegeben. Verfasst wurde dieser Brief im Jahr 51, also etwa 17 Jahre nach Jesu Tod am Kreuz. Im Kapitel 1, Vers 10, schreibt Paulus ganz lapidar und sehr knapp von „Jesus, den Gott von den Toten auferweckt hat und der uns dem kommenden Gericht entreißt“. Lassen wir hier eine ausführliche Erläuterung der alten Vorstellung von einem Gericht beiseite, die angedeutet wird in diesen Worten: Die Auferstehung Jesu befreie von der Angst vor dem definitiven Ende, vor dem Gericht Gottes über das Leben der Menschen… Wichtiger ist: Die Überzeugung von der Auferstehung Jesu von Nazareth war schon ca. 17 Jahre nach seinem Tod selbstverständlich für die Gemeinde, sie wurde vor allem mündlich verbreitet.
Darauf bezieht sich Paulus. Und gleichzeitig betont er schon: Das Auferstehen betrifft nicht nur Jesus allein, es betrifft alle Menschen. Im Kapitel 4, Vers 14 heißt es: „Wenn Jesus gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen“. Ein paar Jahre später werden Paulus und die 4 Evangelisten ausführlicher ihre Überzeugungen von der Auferstehung beschreiben.
10.
Die Erzählungen von der Auferstehung Jesu sind bekanntlich keine Reportagen, keine objektiven Berichte über einen historischen Vorgang, den Zeitzeugen beobachteten. Die Auferstehung Jesu ist eine Überzeugung, also als ein innerer, geistiger, seelischer Prozess, der sich langsam bildet. Für das Entstehen einer inneren Überzeugung gibt es kein fixes Datum. In den Texten spiegelt sich diese innere Überzeugung. Und die heißt: Unser lieber Freund Jesus von Nazareth ist unter uns nach seinem Tod am Kreuz geistig präsent. Und weil der Geist eine lebendige Wirklichkeit ist, kann man sagen: Jesus „lebt“.
11.
Die historisch – kritische, die wissenschaftliche Erforschung der Bibel bietet ein dem Menschen würdiges, also ein vernünftiges Verstehen auch der Texte, die von Jesu Tod und Auferstehung sprechen. Diese Forschung wird intensiv mindestens schon seit 100 Jahren an den Universitäten gelehrt. Aber viele Kirchenführer haben diesen Gebrauch der Vernunft im Umgang mit der Bibel verteufelt. So haben sich viele Leute geistig eingemauert in eine fundamentalistische Lektüre und sich allzu bescheiden auf ein bloßes Nachsprechen der Auferstehungstexte im NT begrenzt. Im Nacherzählen der Mythen von Jesu wunderbarer Auferstehung aus dem Grab, von den Engeln, den leibhaftigen Erscheinungen des Auferstandenen usw. ist ein gar nicht mehr zu bremsender, unkontrollierter Wunder – Glaube entstanden. Er hält schlechterdings alles für möglich: Etwa auch „das leere Grab“. Es wird dann als das größte aller Wunder gepriesen. Dabei ist das leere Grab völlig bedeutungslos für den Glauben an den Auferstanden und für den Glauben an die allgemeine Auferstehung: Der katholische Theologe Hans Kessler betont: „Wenn vom leeren Grab gesprochen wird, so ist dies nur eine Veranschaulichung der Auferstehung Jesu. Das leere Grab ist ein Bild, ein Symbol, das die Erzählung farbiger machen soll. Der Osterglaube wird nicht vom leeren Grab begründet. Der Gedanke des leeren Grabes ist kein notwendiger Bestandteil des christlichen Auferstehungsglaubens. Eine im Grab aufgestellte Video-Kamera hätte den Auferstehungsvorgang nicht aufgenommen. Wer als religiöser Mensch auf einem leeren Grab besteht, leugnet, dass Jesus von Nazareth auch ganz Mensch war, also körperlich sterben musste“.
Zur Erinnerung: In den Gebeten am Grab auf den Friedhöfen wird unter Christen immer schon betont: Auch wenn dieser Mensch nun als Leichnam im Sarg oder in der Urne ruht, so ist er dennoch auferstanden.
12..
Was bedeutet nun Auferstehung Jesu in einer vernünftigen, argumentierenden Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und auch Theologie: Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist in gewisser Hinsicht eine Tat, eine Handlung der Gemeinde, seiner Freunde. Sie rufen kraft ihres Geistes, der am göttlichen Geist Anteil hat, den verstorbenen Jesus für uns ins Leben. Unbeholfen und kulturell – zeitbedingt können die Freunde Jesu diese Erfahrungen nur als äußere wiederum „wunderbare“ Ereignisse aussprechen und in ihren Evangelien darstellen: Da läuft der Auferstandene in den Mythen der Evangelisten wieder in der Welt herum, er tritt plötzlich in die Wohnungen der Gemeinde ein, verschwindet aber wieder schnell, lässt aber sogar seine Wunden berühren. Dies alles sind poetische Bilder, aber eben nur Bilder, um die geistige Präsenz des Auferstandenen darzustellen.
13.
Diese starke, lebendig, präsent machende Energie der Freunde Jesu zu betonen, hat nichts mit einer Form von menschlicher Hybris zu tun. Denn das Setzen der Auferstehung durch die Gemeinde ist nur ermöglicht durch den göttlichen Geist, der in der Gemeinde lebt, aufgrund der göttlichen Schöpfung dieser Welt, wie ich oben sagte.
14..
Karfreitag, den Todestag Jesu von Nazareth, kann man nur von Jesu Lebensgeschichte her verstehen. Jesus ist keine mythische Gestalt ohne reales, weltliches, gesellschaftliches Leben. Er ist – trotz der eher geringen historischen, faktischen Überlieferungen – keine Konstruktion frommer Phantasien.
Karfreitag ist das brutale, von anderen, von den religiösen wie politischen Machthabern verfügte Ende dieses Propheten, der sich ganz der Menschlichkeit, der Menschenwürde, verpflichtet wusste. Der die Menschlichkeit als den besten Ausdruck des Vereintseins mit dem Unendlichen, mit Gott, ansah. Und der dies auch laut sagte gegenüber frommen Leuten, die auf die Einhaltung uralter religiöser Gesetze absolut allen Wert legten.
Diese wenigen Worte können nur summarisch die Lebensmitte Jesu, sein „Projekt“, andeuten. Dabei wird von mir nicht geleugnet, dass einzelne Sätze der Evangelisten, die sich als Zitate Jesu ausgeben, durchaus irritieren und weitere Fragen aufwerfen. Hier aber kommt es jetzt nur auf die große Linie an im Leben des Jesus von Nazareth. Als gläubiger Jude hatte Jesus radikal neue, man möchte sagen rebellische Auffassungen von dem, was er Gott und den richtigen Glauben als ethische Lebenspraxis nannte.
Seine Verurteilung und sein Tod am Kreuz sind kein blindes Schicksal, sondern Konsequenz seines in vielerlei Hinsicht rebellischen Lebens.
Jesus wird vom römischen Besatzungsregime verhaftet. Dann wird er von seinen Landsleuten, also etlichen führenden Theologen, verklagt. Und nach römischem Recht von Pontius Pilatus verurteilt. Jesus stirbt am Kreuz. Elend. Furchtbar. Auf den manchmal schon üblich gewordenen Hinweis auf viel schlimmere Erlebnisse beim Sterben und Hinrichtungen will ich mich hier nicht einlassen. Jesu Tod war in damaligen Zeiten sehr grausam. Was nützen Vergleiche?
15.
Wir wissen heute dank der historisch – kritischen Bibel-Wissenschaft: Jesus von Nazareth will mit seinem ungerechten Tod, mit seinem Leiden, seiner Qual, nicht irgendwelche Schuld der Menschen, gar der ganzen Menschheit seit der so genannten „Erbsünde“ bei Gott wieder gut machen. Er will überhaupt nicht, wie ein Bild sagt, mit seinem Blut die Schuld der Welt oder die Erbsünde auslöschen. Er will sich also nicht aufopfern für ein imaginäres, der Phantasie entsprungenes Projekt eines Gottes, den Jesus doch bekanntlich voller Vertrauen Vater, lieber Vater, nannte. Das Bild von Jesus als dem Lamm, das sich opfert, führt in die Irre, auch wenn es sich leider bis heute populär durchgesetzt hat. Es gibt irrige und dumme Lehren, die von den offiziellen Kirchen bis heute nicht korrigiert werden, wider besseren Wissens durch die absolute Mehrheit der Theologen. Und wie viele Karfreitagslieder besingen noch immer dieses „Lämmlein“, das sich opfert. Ist die Kirche im 21. Jahrhundert unfähig, so arm im Geiste oder nicht willens, wenigstens unsinnige, irrige Kirchenlieder beiseite zu legen? Sie verderben das religiöse Bewusstsein.
Diese verstörende „Sühne-Opfertheologie“ hat sich seit dem Mittelalter durchgesetzt. Gott ist grausam, so brutal, dass er seinen Sohn dahinschlachtet. Was für ein Wahn! Er hat mit Karfreitag nichts zu tun.
Die Wahrheit für den Menschen Jesus von Nazareth ist doch: Er weiß bei seinem Prozess, bei seiner Hinrichtung, er weiß am Kreuz hängend nur: „Mein Leben bricht ab, es wird beendet“. Und mit letzter Kraft schreit er in den für ihn leeren Himmel: “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Jesus spürte also, wie der Philosoph und Theologe Gonsalv Mainberger treffend sagte, dass nun alles „umsonst“ ist, vergeblich, vorbei. Nur ein letztes Vertrauen in einen Sinngrund bleibt ihm, er nennt ihn nach wie vor Gott, nennt ihn Vater.
Aber Jesus will seine Lehre, seine Menschenfreundlichkeit, nicht verraten, er will sich nicht aus der Affäre ziehen. Er weiß: Was ich tat und was ich lehrte, war und ist richtig, ist human, ist wahr auch im religiösen Sinne. Nicht auf religiösen Kultus kommt es ihm an, sondern auf ein Zeugnis der Menschlichkeit. Und genau daran erinnern sich später seine Hinterbliebenen, seine Freunde und Freundinnen, seine Jünger.
16.
Die offizielle dogmatische Kichen-Lehre hat sich förmlich versteift auf die Behauptungen einer „Auferstehung des Fleisches“. Mit dieser immer noch – auch in der Kunst – verbreiteten Vorstellung ist gemeint: Das „Fleisch“ ist ein Bild für die individuelle leibhaftige Person, sozusagen für ihre einmalige Identität. Und dieser präzisen Person wird eine Auferstehung verheißen. Mit allen Konsequenzen, die sich die Frömmigkeit dann ausmalte: Der Mensch muss leibhaftig vor Gottes Richterstuhl treten, muss erleben, wie der Gerichtsspruch lautet: Man denke an die schrecklichen Endgerichts – und Höllenbilder… Aber das sind Bilder, mehr nicht. Von dem Bild der leibhaftigen individuellen Auferstehung muss sich eine vernünftige Theologie verabschieden. Denn da weiß die alte Theologie einfach viel zu viel, dass es peinlich wird: Wie viele Milliarden Leibhaftiger werden sich dann im Himmel oder der Hölle tummeln? Den privaten Glauben vieler frommer Leute wird man als „Volksglauben“ respektieren, wenn Katholiken etwa auf Todesanzeigen schreiben: „Unser liebes Gemeindemitglied X.Y. ist gestorben. Wir freuen uns auf ein frohes Wiedersehen mit ihm im Himmel“. Das ist für mich Ausdruck einer hilflosen Spekulation, man könnte auch sagen eines diffusen Wunderglaubens.
17.
Es ist schon genug und anspruchsvoll genug, von der Auferstehung als einer bleibenden (!) geistigen Präsenz zu sprechen. Dabei kann sich – nach dem Tod – das individuell Geistige mit dem allgemeinen Geist, dem ewigen Geist, also Gott, vereinen. Aber auch das ist auch schon wieder eine sehr weit reichende Überlegung, weiter sollte man eigentlich bei einer intellektuellen Redlichkeit nicht gehen.
18.
Die frühen, die ersten Gemeinden, die Jesus förmlich als den Auferstandenen „setzten“, wussten: Seine Auferstehung ist nicht auf ihn allein begrenzt. Vielmehr macht Jesus bewusst, dass alle Menschen „Kinder“ des „göttlichen Vaters“ sind, also im Geist mit dem Göttlichen verbunden sind. Insofern ist etwa schon für den Apostel Paulus klar, dass die Auferstehung eine universale Bedeutung hat, allen Menschen gilt. An der Gestalt Jesu wird diese universale Auferstehung „nur“ für andere deutlich. In seinem Ersten Brief an die Korinther (Kapitel 15, Ver 12ff, bes. 16) schreibt Paulus: „Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, dann ist auch Christus nicht auferweckt worden. Und noch einmal: Wenn Tote nicht auferweckt werden, ist auch Christus nicht auferweckt worden“. Giuseppe Barbaglio, Theologe an der Universität Mailand, setzt diesen Gedanken fort: „Jesus Christus ist als der Auferstandene unser älterer Bruder. Was ihm widerfuhr, wird uns widerfahren. Seine Auferstehung ist das Anheben unseres neuen Lebens … und unserer Auferstehung“.
19.
Wie gesagt: Tatsächlich ist jeder Mensch mit dem Geist, verstanden als Geist Gottes ausgestattet und damit sozusagen von vornherein mit dem „Ewigen“ verbunden. Insofern können Menschen, deren überragende Menschlichkeit allgemein geschätzt wird, wie Gandhi oder Martin Luther King oder Bischof Oscar Romero oder Bischof Helder Camara, einen ausgezeichneten Platz haben, wenn es um die Erkenntnis der Auferstehung geht. Sie können durchaus auch erlösend wirken, wenn sich Menschen von ihnen inspirieren lassen zu einem humanen Leben. Jeder wird da weitere eigene Beispiele nennen können. Auferstehung und Auferstandene gibt es immer, weltweit. Aber es gibt auch Menschen, die ihre Seele, auch ihren göttlichen Geist in sich selbst offenbar abtöteten … und zu Lebzeiten wie in einer „Hölle“ lebten. Und anderen das Leben zur Hölle machten. Weiteres wird sich zur „Hölle“ religionsphilosophisch und kritisch-theologisch nicht sagen lassen.
20.
Diese Überlegungen sind alles andere als eine spielerische Spekulation, sie sind keine Form der „l art pour l art“. Sie haben auch politische Bedeutung. Um dies wahrzunehmen, sind auch (zeitgenössische) Dichter hilfreich. Ich denke etwa an Kurt Martis viel zitiertes Auferstehungsgedicht:
„Ihr fragt
wie ist die auferstehung der toten?
ich weiß es nicht….“ (dann folgt eine Reihe an Versen mit dem Kontinuum: ich weiß es nicht….und zum Schluss schreibt Marti)
„Ich weiß
nur
wonach ihr nicht fragt:
die auferstehung derer die leben
ich weiß
nur
wozu Er uns ruft:
zur auferstehung heute und jetzt“. (Kurt Marti, Leichenreden, 1976, S. 25)

In einem anderen Gedicht sagt Kurt Marti:
„Das könnte manchen herren so passen
wenn mit dem tode alles beglichen
die herrschaft der herren
die knechtschaft der knechte
bestätigt wäre für immer
das könnte manchen herren so passen
wenn sie in ewigkeit
herren blieben im teuren privatgrab
und ihre knechte
knechte in billigen reihengräbern
aber es kommt eine auferstehung
die anders ganz anders wird als wir dachten
es kommt ein auferstehung die ist
der aufstand gottes gegen die herren“
21.
Die Auferstehung fördert also eine Lebensphilosophie und damit eine bestimmte Lebenspraxis. Die Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel scheibt: „Wenn wir aufmerksam werden auf die verwandelnden Kräfte, die schon hier unser Leben verändern, die uns anders sehen, fühlen, hören, schmecken lassen, dann können wir auch erwarten: Solche Kräfte werden nicht mit unserem biologischen Leben zu Ende sind. Wir können dem Schöpfersein Gottes zutrauen, dass es Energien gibt, die über unseren eigenen Lebenshorizont hinausreichen“.
22.
Aufgrund der Schöpfung Gottes sind die Menschen von göttlichem Geist erfüllt, sie setzen als Gemeinde also die Auferstehung Jesu von Nazareth. Dadurch wird auch ein neues, anspruchsvolles „Bild“ vom Menschen geschaffen: Dass es Ewiges im Menschen gibt, Göttliches. Meister Eckart, der viel zitierte Philosoph des 14. Jahrhunderts, spricht bildhaft vom „göttlichen Funken in der Seele“ eines jeden Menschen. Wie viele Philosophen haben diesen Satz zurecht wiederholt, interpretiert.
Auf Hegels Philosophie haben ich anderer Stelle hingewiesen.
23.
„Der göttliche, der ewige Funken lebt im Menschen über den Tod hinaus“: Mehr brauchen wir zum Verständnis des Osterfestes eigentlich gar nicht zu wissen. Dies ist eine Erkenntnis, die tröstet, aber nicht vertröstet
24.
An zwei Beispielen heutiger Theologie zeige ich, wie sehr sich prominente Theologen heute immer noch scheuen, ein nachvollziehbares, vernünftiges Verstehen der Auferstehung Jesu von Nazareth öffentlich zu vertreten.
Joseph Ratzinger, also der spätere Benedikt XVI., widerspricht als einer von vielen „Offiziellen“ in seiner viel gelesenen „Einführung in das Christentum“ (1968) einem vernünftigen Verstehen der Auferstehung Jesu Christi: Die Jünger hätten nicht einen von ihnen selbst kommenden, eigenen Gedanken entwickelt, meint Ratzinger, dass Jesus lebe und seine Sache weitergehe. Es ist kein Gedanke, der „aus dem Herzen der Jünger aufstieg“ (S. 256). Nein, so weiß Ratzinger, der Auferstandene trat höchstpersönlich an die Jünger „von außen“ heran. Und er hat sie als von außen kommend „übermächtigt“ und er hat sie dadurch gewiss werden lassen: Der Herr (Jesus) ist wahrhaft auferstanden. Und das heißt für Ratzinger, wie üblich mysteriös – aber orthodox, wörtlich: „Der im Grabe lag, ist nicht mehr dort, sondern er – wirklich er selber – lebt…. Er steht den Jünger handgreiflich (sic!) gegenüber“, so Ratzinger S. 256 f. Auf diese Weise glaubt Ratzinger den Glauben an die Auferstehung zu erklären, im Grunde wiederholt er nur die Worte des Neuen Testaments. Wiederholungen des Textes sind bekanntlich keine Theologie. Aber so wurde und wird Theologie leider immer noch betrieben, von den entsprechenden ahnungslosen Predigten einmal angesehen.
Ratzinger sieht also nicht, dass Gott bereits in der Welt, auch in Jesus von Nazareth als das/der Ewige lebt. Dies allein ist die entscheidende „Ursache“ für die Möglichkeit einer Auferstehung überhaupt. Gott muss also gar nicht von außen noch mal extra in der leibhaftigen Gestalt des Auferstandenen an die Jünger herantreten, um sie von außen als der „handgreiflich Lebendige“ zu belehren. Jesus „hat“ das Ewige in sich, deswegen kann er „auferstehen“.
Es ist also die Scheu, die Angst, die Mutlosigkeit, die rechtgläubig erscheinende Theologen hindern, neue Gedanken und neue Vorschläge zu machen. In dieser sturen Haltung vertreiben sie nur nachdenkliche Menschen aus der Kirche. Die Krise der Kirchen heute ist nicht zuerst eine Krise der Institution. Die Krise der Kirche wird erzeugt durch den Unwillen, alte dogmatische Lehren beiseite zu lassen, und das Wesen der christlichen Religion in neuer Sprache auszusagen.
25.
Wie wenig kreativ und wie mutlos auch heute Theologieprofessoren mit führender Rolle in der „EKD Kammer für Theologie“ sein können, zeigt ein Beitrag von Prof. Christoph Markschies, Berlin, in der populären Berliner evangelischen Kirchenzeitung „Die Kirche“ vom 21. 4. 2019: Prof. Markschies beteuert bzw. behauptet erneut: „Das Grab Jesu war leer“. Also sollen wir dem leeren Grab glauben? Und dann heißt es weiter: „Der Herr ist wahrhaft auferstanden und einer größeren Zahl von Menschen nach der Auferstehung erschienen“. Das nennt Markschies dann eine historische Betrachtung des Ostereignisses. Und schummelt sozusagen einen Gedanken rein, als sei Jesus als der Auferstandene tatsächlich einer „größeren Zahl von Menschen“ erschienen, also auch irgendwelchen Zeitgenossen der Kreuzigung, etwa Römern, Heiden, Juden, wie auch immer. Dabei ist der Auferstandene doch, wenn man schon in diesen Kategorien denkt, den Evangelien folgend ausschließlich den Jüngern erschienen! So werden die braven Leser belogen und ihnen wird die alte Lehre bloß erneut vorgekaut. Damit wird ein vernünftiger Glaube nicht gefördert. Wer dem nicht folgt, gilt als „kirchenfern“ oder sogar als „Atheist“ oder als „Häretiker“.
Aber wer Häretiker und Abweichler ist, das bestimmen bekanntlich immer die Machthaber. Und die haben eher selten recht. Ihre Wahrheit beruft sich nur auf Macht, nicht auf Argumente, nicht auf den Mut, heute Neues, Nachvollziehbares, zu einem alten, aber tatsächlich „letztlich“ bewegenden Thema zu sagen.
26.
Es müsste weiter gezeigt werden, wie diese vernünftige Auferstehungstheologie auch spirituell vertieft werden kann. Von den dogmatisch geprägten Gemeinden ist da kaum Hilfe zu erwarten, diese werden ihre Osterlieder, die wenn nicht aus dem 17. Jahrhundert, so doch mehrheitlich aus dem begrenzten theologischen Denken des 19. Jahrhunderts stammen, weiterhin singen: „Das Grab ist leer, der Held erwacht“ oder „Freu dich du Himmelskönig, freu dich Maria“ und so weiter. Das kann man ja machen, wenn man die Lieder wie Chorsätze aus mythischen Opern vergangener Zeiten deutet. Aber es ist etwas anderes, sich über die Gesänge der „Zauberflöte“ zu erfreuen als sich in mythische Osterlieder zu vertiefen. „Verzauberte Stimmungen“ oder Emotionen können kurzfristig (ver)trösten, auf Dauer gibt uns vor allem die Vernunft sicheren Boden, also eine tragende Sinnerfahrung. Die Erkenntnis der Auferstehung Jesu und aller Menschen Auferstehung kann ein solcher sicherer Boden sein, der sich der Vernunft erschließt und …“im Letzten“ auch tröstet.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Es gelten, wie immer auf dieser Website, die Regeln des copyright.

LITERATURHINWEISE:

Stefan Alkier, Die Realität der Auferstehung. Tübingen 2009.

Concilium, Internationale Zeitschrift für Theologie, Themenheft Auferstehung, Dezember 2006.

Hans Kessler, Sucht den Lebenden nicht bei den Toten. Die Auferstehung Jesu Christi, 2011, Topos Taschenbücher. 2011, 526 Seiten.

Hildegund Keul, Auferstehung als Lebenskunst. Was das Christentum auszeichnet. Herder Verlag 2014.

Elisabeth Moltmann-Wendel, Mit allen Sinnen glauben. Stimmen der Zeit, 2005.

Karl Rahner Lesebuch. Herder 2014. 475 Seiten.

Dorothee Sölle, Es muss doch mehr als alles geben.1992, DTV.

Christoph Türcke, Kassensturz. Zur Lage der Theologie, darin der Beitrag Tod, Fischer Taschenbuch 1992.