Edgar Morin: Sechs Bücher von ihm in deutscher Sprache!

Edgar Morin: Seine Bücher auf Deutsch (Stand Juli 2021)

Der Friedensforscher Werner Wintersteiner, Österreich, korrigiert zurecht meine Mitteilung, es gebe nur drei Bücher in deutscher Sprache von Edgar Morin: (Zum Beitrag von Christian Modehn: LINK)

Auf Deutsch sind tatsächlich von Edgar Morin erschienen (immer noch viel zu wenige!)
– Das Rätsel des Humanen (Le paradigme perdu), München: Piper
– Heimatland Erde (Terre Patrie), Wien: Promedia
– Die sieben Fundamente des Wissens … (Les sept savoirs), Hamburg: Krämer
– Der Weg (La voie), Hamburg: Krämer
– Die Natur der Natur / Die Methode (La méthode), Wien: Turia + Kant
– Für ein Denken des Südens. Berlin:Matthes und Seitz 2014.

Ich empfehle auch das Interview, das Constantin von Barloewen mit Edgar Morin führte, in LETTRE INTERNATIONAL, Heft 121, Sommer 2018, Seite 57 bis 62. Der Titel „Vom Verfall der Zukunft. Es geht darum, dass dieses Ende zu einem neuen Anfang führt“.

Siehe auch die Kampagne „Heimatland Erde“ des österreichischen Friedensforschungsinstituts ASPR in Stadtschlaining, in deren Rahmen auch eine Würdigung Morins erschienen ist: https://www.aspr.ac.at/fileadmin/Downloads/Presse/Kommentare/Kommentar_ASPR_WW-Edgar-Morin_08-07-2020.pdf

Werner Wintersteiner hat sein neues Buch Edgar Morin zum 100er gewidmet: Werner Wintersteiner: Die Welt neu denken lernen – Plädoyer für eine planetare Politik. Lehren aus Corona und anderen existentiellen Krisen. Bielefeld: transcript 2021. Print 27.- €,

PDF open access: https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5635-0/die-welt-neu-denken-lernen-plaedoyer-fuer-eine-planetare-politik/

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Edgar Morin über die Beziehung von Poesie und Philosophie.

Ein Hinweis von Christian Modehn. Zu Edgar Morin LINK

Ein Motto von anderer Seite: „Es spricht nichts dagegen, Sophokles, Beckett, Proust und Celan als Philosophen zu bezeichnen.“ Michael Hampe, Die Lehren der Philosophie, Suhrkamp 2014, S. 19).

1.
Über die Einheit und Differenz von Poesie und Philosophie ist schon einiges publiziert worden. Die Debatte geht wohl vorwiegend um die Möglichkeiten der nun einmal immer irgendwie rational-begrifflich geprägten Sprache, die Tiefe des Lebens zum Ausdruck zu bringen. Also das, was man mit dem Wort Geheimnis umschreibt im Sinne des gründenden, nicht fassbaren Göttlichen. Dieses Thema bewegt den Poeten Yves Bonnefoy oder den Philosophen Edgar Morin, um nur zwei aktuelle Beispiele aus Frankreich zu nennen.
Wer sich um das philosophisch zentrale Thema „Philosophie der Philosophie“ bemüht, kann also nicht auf die Frage nach der Abgrenzung philosophischer Prosa von poetischen (lyrischen) Aussagen verzichten. Und wird weiter zu der Frage geführt: Wie sollte man eigentlich „poetisch sich äußernde Philosophen“ verstehen, etwa den später Heidegger oder Nietzsche. Manche neigen dazu, auch die ihnen selbst schwer verständlichen Philosophen wie Hegel oder Fichte bereits als Poesie zu betrachten, d.h. bei den Betreffenden, sie philosophisch als Poeten „abzuwerten“.
Zu einigen Hinweisen über Bonnefoy: LINK.
2.
Der Philosoph Edgar Morin, der am 8.Juli 2021 seinen 100. Geburtstag feiert, hat mehrfach zu diesem Thema Stellung genommen. Ich beziehe mich auf das leicht zugängliche Buch „Mes Philosophes“, das bei Fayard in Paris erschienen ist. In dem Buch berichtet Morin in kurzen Essays von Philosophen, Religionsstiftern und Künstlern, die ihm am meisten zu denken gaben und geben, auch Beethoven ist darunter. Über Poesie spricht Morin ausführlich in dem „Le Surréalisme“ überschriebenen Kapitel (S. 159 – 163). Ich finde Morins Überlegungen interessant und anregend, einige seiner Aussagen werde ich übersetzen.
3.
Edgar Morin entwickelt seine die Poesie lobenden Gedanken am Beispiel von Dichtern, die als „Surrealisten“ (etwa seit den 1930 Jahren) bezeichnet werden. Morin meint sogar (S. 159), der Surrealismus gehöre zu den „kulturell und sogar philosophisch reichsten Ereignissen des 20. Jahrhunderts“. Poesie, Denken, die politische Aktion, das Leben, hätten sich darin gegenseitig befruchtet. Der Surrealismus ist in der Wahrnehmung von Morin eine Revolte für die Poesie als Lebensform, wie dies schon für die deutsche Romantik gilt. Surrealistische Dichter (wie Breton, Péret, Mario Pedrosa usw.) wollten die Poesie nicht einschließen und begrenzen bloß auf das Gedicht. Poesie ist für sie treffend vielmehr umfassend „eine Quelle des Lebens“. Edgar Morin meint, diese surrealistische Überzeugung erweiternd: Der Mensch lebe gleichzeitig auf poetische wie auch auf prosaische Weise, Poesie und Prosa sind also für Morin zwei ursprüngliche und primäre Polaritäten des Lebens. (S. 161). Prosa bedeutet für ihn: Arbeit, Nützlichkeitsdenken, Alltägliches etc. Poesie hingegen Verwunderung und Erstaunen, Ekstase, Musik, Tanz, Liebe. Aber beide „Welten“ sind nicht getrennt: In die Realität des Prosaischen ist „eingewebt“ die Phantasie, ohne Phantasie, also Poesie, gibt es keine Realität (S. 161). Morin erwähnt besonders Breton, für den die Welt des Surrealen „eine tiefe und höhere Welt bedeutet“, die im Traum, in der Ekstase der Liebe, in der Poesie zugänglich wird“ (S. 162). Es gibt sozusagen für Morin wie für Breton „innere Welten der menschlichen Seele“(ebd.) Und Morin fährt fort: „Ich glaube ganz tief an eine andere Realität, sie ist ein Geheimnis, aber wir tragen diese Welt ganz tief in uns selbst. Diese andere Realität ist in uns. Wir sind in ihr“ (ebd.). Das sind Worte, die sich an die besten mystischen Traditionen anschließen.
4.
Und diese „mystische Poesie“ muss völlig frei und selbstständig bleiben, sie darf sich niemals in den Dienst einer politischen Partei stellen. „Der Poet kann niemals Partei sein“ (S. 162). Damit erinnert sich Edgar Morin an die Zeit seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Frankreichs, aus der 1951 ausgeschlossen wurde, ein Ereignis, das ihm umfassende Freiheit brachte. Poesie darf niemals Partei sein, niemals Partei ergreifen, das ist ja nicht nur im politischen Sinne gemeint. Poesie, wenn sie religiöse Dimension hat, darf niemals dogmatisch sein, sich niemals der Institution einer Kirchenbehörde unterordnen. Ein aktuelles Thema, wenn man bedenkt, wie die offizielle Katholische Kirche der Niederlande mit dem katholischen Poeten (und Theologen) Huub Oosterhuis umgeht… und seine Gedichte und Lieder in den Messen dort verbietet…
5.
Morin kommt auf die zentrale Bedeutung der Poesie auch in anderen Kapiteln seines Buches zu sprechen. Etwa in dem Kapitel über den umfassend gebildeten Gesellschaftsreformator Ivan llich (S. 167). “Die Poesie ist übrigens auch ein Aspekt der Ethik. Die Kräfte unserer Ethik kämpfen gegen die Grausamkeit der Welt, aber sie zielen gleichzeitig auf die Erfüllung des Menschen in der Lebensqualität, d.h. in dem Miteinander-Leben und der Poesie.“ Poesie und philosophische Ethik gehören zusammen. Von der Erfahrung der Schönheit also zum Guten kommen? Eine offene Frage
6.
So sehr der Philosoph Edgar Morin auch die Philosophen, unter ihnen auch die Skeptiker, schätzt: Wenn er sich etwa auf Rousseau bezieht und seine „Reveries du promeneur solitaire“( „Träumereien eines einsamen Spaziergängers) bespricht, dann gilt: „Ich spürte ein tiefes Bedürfnis nach affektiven Erfahrungen, die die Sensibilität preisen, die Gemeinschaft mit allen menschlichen Wesen und der Natur. Und das berührt mich bei Rousseau, dieser Sinn für die Poesie, der sich in „Reveries“ ausdrückt. Die wunderbaren Seiten erzählen einen Spaziergang auf der Insel Saint-Pierre, sie sind für mich ein großer Augenblick der Mystik. Mystik ist nicht notwendigerweise religiös. Mystik kann entstehen bei einem Glase Wein unter Freunden oder zusammen mit einem geliebten Menschen oder auch angesichts des Erlebens der lebendigen Natur“ (S. 68f.).
7.
Einen viel besprochenen Gegensatz von philosophischer Kritik, Skepsis, Aufklärung UND Poesie will Morin nicht gelten lassen (S. 75). Die romantischen Dichter, auch Rimbaud, integrieren, so meint er, die Botschaft der philosophischen Aufklärung sowie die Erkenntnisse Rousseaus. Und diese Dichter wie die Philosophen widmen sich dem menschlichen Fortschritt und der Emanzipation der Unterdrückten. Man muss die philosophische Aufklärung integrieren und auch hinter sich lassen. Man muss ihre kritische Energie integrieren! Aber ihre abstrakte Rationalität aufgeben (dépasser), auch das, was Hegel den Verstand (der begrenzter ist als die Vernunft, CM) nannte… Wir brauchen die Vernunft und ebenso „das Denken über die Vernunft – Hinaus. Deswegen bewahre ich Rousseau UND Voltaire zusammen in meinem Geist, sie in ihrer Gegensätzlichkeit komplementär“. (S 76).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Was ist unmittelbar? Unsere Erkenntnis und sogar die Gotteserkenntnis?

Einführende Hinweise von Christian Modehn

1.
Das Thema hat weitreichende Bedeutung, nicht nur fürs allgemeine menschliche Erkennen, sondern auch speziell fürs Erkennen dessen, was man das Göttliche, Gott, nennt. Kann ein Mensch etwa Gott „als solchen“ unmittelbar erleben und „als“ Gott erkennen und sogar in Worten „fassen“? Können Wunder als göttliches Eingreifen in die Naturgesetze unmittelbar als solche geschehen? Kann die Kirche eine unmittelbare Begegnung mit der Jungfrau Maria behaupten, die als Himmelskönigin irgendwelche historisch sehr konkreten Worte übermittelt? Etwa in Fatima, Portugal, 1917, als die Himmelskönigin sich höchst persönlich zum kommunistischen Russland äußerte? Keine Frage: Die Frage nach dem Unmittelbaren ist für die Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und die Religionskritik aktuell und eine “Pflichtaufgabe“.
2.
Für ein „alltägliches“ Leben ist die Behauptung einer unmittelbaren Erfahrung (von Weltlichem) und deren – angeblich – unmittelbaren Erkenntnis üblich. In der unmittelbaren Erfahrung, als einer Form der mit den Sinnen geschehenen Verbundenheit / Beziehung zur Welt, wird durch die Sinne eine Gewissheit erzeugt beim Menschen. Etwa der Schmerz, wenn der Mensch Feuer berührt. Der Schmerz ist zwar unmittelbar, aber er ist immer bereits im Moment des Erlebens sprachlich geprägt, selbst wenn er noch nicht in Worten gesprochen wird. In der „sinnlichen Erfahrung“ mit der durch die Sinne erzeugten sinnlichen Gewissheit (Schmerz) ist also die Sprache und damit die Vernunft immer schon anwesend. Die Unmittelbarkeit gibt es als Erleben, aber sie ist immer schon durch die Sprache und Begriffe für den Erlebenden wie die anderen Menschen vermittelt.
3.
In dieser „unmittelbaren“ Erfahrung gibt es vier Determinanten:
Es ist das JETZT (also nicht später, nicht früher) dieser Erfahrung.
Das HIER (nur an diesem bestimmten Ort) dieser Erfahrung.
Es gibt – wie gesagt – eine immer schon latent anwesende begriffliche Form der Erfahrung und
es gibt selbstverständlich ein Ich, ein Subjekt, das diesen Komplex dieser sinnlichen Erfahrung erlebt und eben auch davon weiß. Das Subjekt ist der „Ort“ der Vermittlung und Aufhebung des Unmittelbaren.
4.
Diese (in Nr. 3 genannten) Strukturen sind allgemein für alle Subjekte im Umgang mit Welt und mit sich selbst vorhanden und gültig. Welt und Objekte werden immer mit diesen „Determinanten“ erlebt und dann auch verstanden. Die menschliche Erfahrung eines einzelnen Objekts geschieht also immer in diesen allgemeinen Determinanten. Wer vom Individuellen, Besonderen, spricht, ist also immer auf den Gebrauch allgemeiner Begriffe angewiesen. Total individuelle Begriffe einer einmaligen Erfahrung könnten nur zu einer Geheimsprache gehören, die dann aber nur der Erfinder dieser Sprache versteht.
Damit wird den Behauptungen einer total einmaligen und angeblich nicht aussagbaren, „nur“ privaten Erfahrung widersprochen.
Das einzelne Unmittelbare ist also immer in allgemeinen Begriffen vermittelt. Auch Hegel hat daran erinnert, dass das Einzelne NICHT ausschließlich in seinen engen Grenzen als einzelnes, sozusagen wie ein isolierter Punkt begriffen werden kann. Das einzelne Ding steht in einem Vermittlungszusammenhang, wie in einem Netz, mit anderen, auf die es bezogen ist.
5.
Alles Wahrnehmen und Erkennen des Unmittelbaren wird sprachlich in allgemeinen Begriffen vermittelt. Wolfgang Welsch schreibt in seinem Essay „Hegel und die analytische Philosophie“ (in: „Information Philosophie“, 2000): „Jede Berufung auf unmittelbares Wissen ist epistemologisch naiv“.
6.
Wer also das Verbundensein des Menschen mit der Welt begreifen will, muss die vernünftigen Strukturen im Subjekt analysieren. Es geht darum, die Leistungen des Bewusstseins und der Vernunft im Subjekt als konstitutiv für die Verbindung mit dem Objekt zu erkennen. Schon im praktischen Verhalten ist es so: Unser Handeln in der äußeren Wirklichkeit ist dergestalt, dass es als begrifflich geprägtes, vernünftiges Handeln diese dann ebenfalls vernünftig bestimmte Wirklichkeit tatsächlich erreicht, es gibt also eine Übereinstimmung zwischen unseren Handlungsideen und der äußeren Wirklichkeit. Das hat Hegel auch aufs theoretische Erkennen übertragen. Er sah eine Kongruenz von menschlichem Begriff und äußerem Gegenstand.
Es ist wichtig, sich in dem Zusammenhang weiter mit Hegel zu befassen: Für ihn ist der unmittelbare Mensch der in Ego – Strukturen befangene Mensch. Hegel spricht von „der Partikularität, den Leidenschaften, der Eigensucht“ (Vorlesungen über die Philosophie der Religion II, Suhrkamp, 323) Diese beherrschen den Menschen, der sich als total vereinzelter, als Veräußerlichter, in dem Sinne als unmittelbarer versteht. Das wahre Wesen des Menschen ist seine Teilhabe am universalen Geist, und dieses wahre Wesen muss dieser unmittelbar lebende Mensch sich durch seine Vernunft erst noch „erarbeiten“. „Der Mensch ist nur durch diese Vermittlung, er ist nicht unmittelbar“ (303 ebd.) Aber diese Arbeit der Überwindung der Unmittelbarkeit als der falschen Lebensform geschieht nicht ohne den Schmerz des Abschieds von dieser „Leidenschaft und Eigensucht“. Von diesem „natürlichen Herzen, worin der Mensch befangen ist, dies ist der Feind, der zu bekämpfen ist“ (ebd.).
Aber der universale Geist ist auch in diesen falschen Haltungen anwesend, in seiner Energie kann der Mensch die Freiheit erreichen.
7.
Wer Religionen – auch philosophisch – verstehen will, muss sich auf die Bedeutung der „Unmittelbarkeit“ einlassen: Im Christentum ist häufig die Rede von der „unmittelbaren Erfahrung Gottes“. Glaubende, die sich Mystiker nennen und von anderen als Mystiker bezeichnet werden, betonen: Ihre besondere Spiritualität zeichne sich durch die „unmittelbare Erfahrung Gottes“ aus. Diese Erfahrung hat immer einen existentiellen Aspekt. Sie berührt den ganzen Menschen, sie ist mehr als eine theoretische Einsicht: Diese kennt nur das fremde Gegenüber von Menschen und Göttlichem. In der Mystik hingegen löst sich dieses Gegenüber in ein Gefühl der Einheit auf. Die Untersuchungen dieser drei zusammenhängenden Begriffe „unmittelbar“, „Erfahrung“ und „Gott“ füllen riesige Bibliotheken. Hier nur einige Hinweise:
8.
Die Karmeliter-Nonne Theresa von Avila (1515 – 1582) gilt in der Mystik-Forschung als Vorbild mystischer Frömmigkeit. Sie hat ein umfangreiches literarisches, spirituelles, mystisches und theologisches Opus hinterlassen. Wer bei ihr nach der Bedeutung ihrer unmittelbaren Gotteserfahrung fragt, kann sich z.B. mit einem Text ihrer „Vida“ befassen. Der Mystik-Forscher Alois M. Haas hat sich damit in seinem Buch „Mystik als Aussage“ (Suhrkamp 1996) befasst. Er zitiert (S. 54) Theresa, wenn sie von der ihr zuteil gewordenen Gnade spricht, die „von kurzer Dauer“ war, nämlich Christus erfahren zu haben. Dazu waren für Theresa aber Voraussetzungen nötig: Diese Erfahrung habe sich ereignet, als „ich mich in die Nähe Christi versetzte“ und „bisweilen auch, als ich (die Bibel) las (leyendo, auf Spanisch): In diesen Momenten „überkam“ sie „ein Gefühl der Gegenwart Gottes, so dass ich gar nicht zweifeln konnte, er sei in mir oder ich sei ganz in ihm versenkt“. „Gott“ „in“ Theresa „versenkt“, eine für sie zweifelsfreie Erfahrung also, eine offenbar unmittelbare Erfahrung.
Dieses Erleben der Vereinigung mit Gott war aber für sie kein irrationaler Rauschzustand, sondern es geschah mit Bewusstsein: Denn Theresa war danach in der Lage, in Worten zu sagen: „Er (Gott) war in mir oder ich ganz in ihm versenkt“. Sie selbst wehrt sich in dem Text ausdrücklich, ihre Gotteserfahrung sei eine, so wörtlich, „Vision“ (also eine Art „Entrückung“) gewesen! Theresa bewertet hingegen ihre Gotteserfahrung überraschend als „mystische Theologie“! Damit will Theresa ihre mystische Erfahrung mit den Begriffen, eben der Theologie, verbinden, also die Unmittelbarkeit des Erlebens in eine begriffliche und „trans-subjektive“, also allgemeine Sprache überführen. Und sie wollte mit ihrem Hinweis auf Theologie ihre dogmatischen Gegner besänftigen, die mit Mystik auch zu ihrer Zeit nur subjektive Eigenwilligkeit und Entrückungen und Verzückungen vermuteten.
Wären Theresas Geist und ihr Erinnerungsvermögen ausgeschaltet gewesen in ihrer „Versenkung“, also in ihrer Gotteserfahrung, hätte sie nicht später davon sprechen können. Entscheidend ist ihr kurzer Satz: „Der Wille liebt“ in diesem Moment der Versenkung: Liebe zu Gott ist für sie die entscheidende bleibende Voraussetzung Zugang zu Gott zu finden. Dann folgen aber diese Worte, in denen sie die Grenzen des Verstehens dieser mystischen Erfahrung anspricht: „Das Gedächtnis scheint mir beinahe verloren, der Verstand denkt nicht nach, aber er verliert sich nicht. Der Verstand ist nur untätig und wie von Staunen hingerissen über das viele, das der Verstand hier gewahrt.“ Also, der Verstand selbst nicht mehr aktiv, er ist passiv „hingerissen“ von dem, was sich ihm zeigt. Und dann folgen die das mystische Geschehen wieder relativierenden Worte, um jegliches „Wegschweben“ und das Entrücktsein auszuschließen: „Denn Gott lässt den Verstand erkennen, dass der Verstand nichts von dem begreift, was seine Majestät (Gott) ihm vorstellt.“ Die mystische Erfahrung erschließt also keinen inhaltlich breiten Gewinn an Erkenntnis Gottes, keine „Details“ seines inneren, göttlichen Lebens. Vielmehr ist das Resultat: Gott zeigte sich, aber der Verstand begreift nichts Inhaltliches. Mit anderen Worten: Die Mystikerin wurde mit dem unauflösbaren Geheimnis Gottes konfrontiert.
9.
Diese Aussage als theologische Erkenntnis ist ein wichtiger Hinweis: Eine sich unmittelbar nennende Erfahrung Gottes gibt es nicht, die Erfahrung selbst enthält schon den Verstand, der dann später die Erfahrung in Worte fassen kann. Und diese vermittelnden Worte sind jeweils historisch, von der Bildung des Erlebenden, geprägt: Wenn sich Theresa, wie sie sagt, in die „Nähe Christi versetzt“, dann ist es der konkrete bildhafte Christus, der ihr auch durch die Lehre der Kirche und der Theologie ihrer Zeit und ihrer Umgebung vermittelt wurde.
10.
Warum ist es so wichtig, darauf zu insistieren, dass in der unmittelbaren mystischen Erfahrung immer die Vermittlung durch Begriffe besteht? Weil nur mit dieser Erkenntnis die immer subjektive, einzelne Erfahrung in den Bereich des allgemeinen Gesprächs und der kritischen Debatte treten kann. Das ist heute politisch so wichtig: Wer auf einer absoluten Unmittelbarkeit der religiösen Erfahrung besteht, will sich autoritär abkapseln, will sich bedeutend machen, sich als Meister und Guru aufspielen. Es wäre zu prüfen, in wie weit diese autoritäre Unmittelbarkeit von Propheten und Aposteln usw. in der kirchlichen Bibelinterpretation oder in der Korandeutung behauptet wird. Nur wer die immer vermittelte Unmittelbarkeit bejaht und kritisch durchleuchtet, will einen freien, nicht-autoritären, einen nicht-fundamentalistischen Glauben.
11.
Es ist wichtig, noch einmal auf den Philosophen G.W.F. Hegel (1770 – 1831) zurückzukommen. Für ihn ist der christliche Glaube nicht die Bindung an eine historische Gestalt (Jesus) oder an ein Buch (Bibel) oder an eine Institution. Für ihn als Philosophen, der die Religionsgeschichte und damit auch die Christentums-und Kirchen-Geschichte auf den Begriff gebracht hat, ist der Glaube des Menschen an Gott die Beziehung zum Geist, dem göttlichen. Und dieser ist als solche (weil Gott das andere seiner selbst, die Welt „schafft“) auch im Menschen selbst anwesend, eben als „Geist des Menschen“. Diese Beziehung des Geistes im Menschen auf den in ihm auch anwesenden göttlichen Geist ist das Entscheidende. Darum sagt Hegel: „Der Glaube ist Zeugnis des Geistes vom Geist“. (Vgl. dazu Walter Jaeschke, Hegels Philosophie, Hamburg 2020, Seite 387). Hegel betont immer wieder, „dass es nicht zweierlei Vernunft und nicht zweierlei Geist geben kann, nicht eine göttliche und eine menschliche, nicht einen göttlichen Geist und einen menschlichen, die schlechthin verschieden voneinander wären. Die menschliche Vernunft ist Vernunft ÜBERHAUPT, ist das göttliche im Menschen… Gott ist gegenwärtig, allgegenwärtig und als Geist gegenwärtig im (menschlichen) Geist“. (Dieses Hegelzitat siehe S. 388, Jaeschke).
12.
Daraus zieht Hegel die Konsequenz zur Erkenntnis Gottes: „Wir wissen unmittelbar von Gott, dies ist eine Offenbarung Gottes in uns. Weder die positive Offenbarung (also die Bibel) noch die Erziehung kann Religion bewirken“, denn dann wäre Religion etwas von außen Gewirktes, sagt Hegel. Dieses unmittelbare Wissen bei Hegel überrascht! Aber auch hier gilt: Es muss vermittelt werden in Begriffen. Das ist möglich, weil im unmittelbaren Erkennen die Tendenz zum Wissen schon angelegt ist. Wichtig ist für Hegel: Wenn Religion (oder auch Sittlichkeit) im Menschen immer „vorkommt“, dann wird Religion als Geistiges „im Menschen nur erregt“. „Der Mensch ist Geist an sich, die Wahrheit liegt in ihm, und so muss ihm das zum Bewusstsein gebracht werden“. (Dieses Hegelzitat stammt aus dem genannten Buch von Jaeschke S. 390). Religion „schlummert“ also förmlich im Menschen und muss zum Bewusstsein und zum begrifflichen Wissen gebracht werden. Es gibt also eine Offenbarung Gottes in den Menschen als Menschen, weil sie vom Geist, der heilig ist, sich bestimmen lassen. Dieses unmittelbare Verbundensein des Menschen mit dem göttlichen Geist ist die Basis.
In meinem eigenen Bewusstsein bin ich mit Gott unmittelbar verbunden, er ist nichts Fremdes, sondern Geist, wie ich Geist bin. Dieses Selbstverhältnis des Geistes ist also nach Hegel Ausdruck der Freiheit.
13.
Auch in der Literatur ist das Thema Unmittelbarkeit und Vermittlung naturgemäß ständig präsent. Ich denke etwa an das neue Buch „Ein Monat in Siena“ von Hisham Matar, als Übersetzung von „A month in Siena“. Der Autor, 1970 geboren, lebt als Literaturwissenschaftler in England; seine Eltern stammen aus Libyen. Sein Vater wurde als Oppositioneller 1990 aus Ägypten entführt und von Gaddafis Mördern hingerichtet.
14.
Den Tod des Vaters versucht Hisham Matar regelmäßig durch eine „unmittelbare“ Begegnung mit Kunst, mit Gemälden, zu „bearbeiten“. Hisham Matar betont, im Dialog mit einem Gemälde zu leben, vor allem eben mit den Gemälden in Siena. Es gibt für ihn einen Austausch mit dem Gemälde. Es wird für ihn zu einem geistigen und physischen Raum. „Wie ein Zimmer, in das man von Zeit zu Zeit flüchtet, um Gespräche, zu haben, die man sonst irgendwo haben kann“. In dem Beitrag von Le Monde sagt er: „Ich spreche zu den Gemälden und sie antworten mir“.
15.
Es ist das geduldige, oft stundenlange Sich-Versenken in ein Gemälde (Theresa von Avila sprach von einem Sich – Versenken in die Gestalt Jesu Christi), die zu neuen Erkenntnissen, zu rettenden Einsichten führt. Es ist dieses Sich-Hineinbegeben in eine geistige Gestalt außer mir, die zunächst zu einer Unmittelbarkeit, zu einer Vereinigung führt, die dann aber als reflektierte Unmittelbarkeit Erkenntnisse vermittelt, vielleicht neuen Mut zum Leben.
Wir sollten also das Hineintreten in eine langdauernde Unmittelbarkeit (Beispiel: Christus-Betrachtung der Theresa von Avila oder das Sich in ein Gemälde Versenken) nicht nur zulassen, sondern für uns fördern, wenn wir denn nach dem Erfahrungserlebnis Worte finden wollen, für uns selbst wie für andere.
16.
Man spürt es etwa bei trockenen theologischen Texten: Da hat der Autor keine Unmittelbarkeit erlebt, er war nicht „versenkt“ in eine Sache, eine Person, ein Bild etc., sondern er hat Begriffe hin und her gewendet. Begriffliche Trockenheit und Öde, das bestimmt etwa dogmatische Texte.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Pfingsten, Christi Himmelfahrt, Ostern: Das EINE Gedenken, das eine Fest.

Ein Hinweis von Christian Modehn.
Der Hinweis vom 29.5.2017 wurde am 6.5.2021 überarbeitet.
1.
Was bedeuten die alten, überlieferten christlichen Glaubensbilder und Erzählungen, die unter den immer noch üblichen Namen der Feiertage „Pfingsten“, „Himmelfahrt Jesu Christi“ und „Auferstehung Jesu von Nazareth“ (Ostern) in der Alltagssprache und im alltäglichen Leben („Feiertage sind nicht mehr als freie Tage“ ?) eine Rolle spielen. Zum nachvollziehbaren Verständnis dürfen nicht alte Formeln wiederholt werden.
2.
Entscheidend ist: Man sollte mit einer Besinnung auf Pfingsten beginnen. Der theologische und religionsphilosophische Inhalt des Pfingstfestes ist also die Basis, um auch die Bedeutung von „Christi Himmelfahrt“ und „Ostern“ zu erkennen. Pfingsten ist zwar chronologisch, also in der Abfolge des so genannten „Kirchen- Jahres“ betrachtet, das letzte dieser drei Feste. Aber Pfingsten als Ereignis des „neuen, geweiteten kritischen Geistes“ steht sozusagen sachlich der Anfang. Das Pfingst – Fest hat diese Erzählung: Die Gemeinschaft der Jesus-Jünger war nach Jesu Tod überzeugt: Wir haben „plötzlich“, wie in einem Ereignis, als Überraschung, als Geschenk, ein neues, ein tiefes Verständnis gewonnen über Jesus von Nazareth. Im Blick auf diese Person gab es also eine Art neuen Ansatz des Verstehens. Die Gemeinschaft erkannte – nach langem Zweifeln und ihrer Verzweiflung über Jesus Tod – plötzlich eine neue bleibende geistige Lebendigkeit dieses Jesus.
Ihr Geist war also kritisch geworden: Kritisch im Sinne von Unterscheidenkönnen, kritisch im Sinne von Abstand nehmen von üblichen bisherigen Selbstverständlichkeiten, Ängsten und Begrenzungen. Und genau mit diesem neuen, geweiteten Geist konnten sie die Erfahrung in Worte fassen: Jesus von Nazareth ist auf geistige Art weiter zugegen, er ist präsent, hat Teil an der Ewigkeit des Ewigen, Gottes. Die Freunde Jesu konnten also von Jesus als dem Präsenten, dem Ewigen, sprechen. Diesen ihren Geist erlebten sie als Geschenk, sie sprachen vom Heiligen Geist, als einer bislang kaum bemerkten besonderen Qualität des menschlichen Geistes: Er wird sich seiner selbst als Gabe des Ewigen bewusst, er ist kritisch gegenüber einer Verschließung im Endlichen. Und aufgrund dieser Erfahrung verstärkte sich ihr Zusammenhalt als Gemeinschaft. Die katholische Kirche sieht in diesem Pfingstereignis förmlich die Gründung von „Kirche“ überhaupt.
3.
Was aber ist am wichtigsten im Erleben des neuen, des kritischen und geweiteten Geistes zu Pfingsten? Der göttliche, der heilige Geist, lebt in den Menschen, in allen Menschen. Alle sind mit dem göttlichen Geist, „begabt“. Und gefeiert wird der zumindest damals gelungene Versuch, die unterschiedlichen Menschen zu einer pluralen Gemeinschaft, einer Gemeinde der gleichberechtigt Verschiedenen, Vielfältigen, zu versammeln. Diese Erzählung ist von bleibender Aktualität: Kirche kann nur Gemeinschaft der Verschiedenen sein, und alle Verschiedenen haben die gleichen Rechte und die gleiche Würde.
4.
Und warum dann noch ein eigenes Fest Christi Himmelfahrt? Dieses seltsame Wort „Himmelfahrt“ ist eine Metapher für den Mythos, also die Erzählung: Dieser Jesus von Nazareth ist nicht im Nichts verschwunden. Jesu Leichnam liegt zwar – wie der Leichnam jedes Menschen – in einem Grab! Aber Jesu Geist als ewiger Geist ist „woanders“, er ist – bildlich gesprochen – an dem Ort, den man üblicherweise den „Ort“ des Ewigen, des Göttlichen nennt, den „Himmel“.
Die Gemeinde will mit dem Fest Christi Himmelfahrt“ also noch einmal explizit feiern, dass dieser geliebte Mensch und Prophet Jesus von Nazareth nicht mehr zur Erde, nicht mehr nur zur Welt der Menschen, gehört. Er ist leiblich entschwunden, aber nicht geistig verschwunden. Jesus ist in den Bereich des Ewigen eingetreten, den man „Himmel“ nennen kann oder „Sein beim Ewigen“.
In gewisser Weise benennt also der unbeholfene Begriff Himmelfahrt Jesu das Fest der öffentlichen und feierlichen Bestattung Jesu, verstanden als Abschied von dieser Welt und als Übergang in den Bereich des Bleibenden, Ewigen
5.
Zur vernünftigen Interpretation der Auferstehung Jesu von Nazareth, also zu Ostern, habe ich schon einige Hinweise veröffentlicht. Zentral ist der Gedanke: Wenn die Welt und die Menschen als Evolution, als sich entwickelnde Schöpfung Gottes zu verstehen sind, dann ist in der Welt und in den Menschen göttlicher, schöpferischer Geist lebendig anwesend. Dieses Göttliche in jedem Menschen kann, als Göttliches, Ewiges, nicht untergehen im Tod. Der Tod kann also auch Jesu Geist nicht vernichten und auch nicht den Geist, die Seele, der Menschen. Sie können aus der Präsenz des Ewigen sozusagen nicht herausfallen. In der Erkenntnis, dass Jesus von Nazareth, zwar im Grab als Leichnam liegend, auferstanden ist und lebt- im geistigen Sinne – ist also eine Wirkung des Geistes, des heiligen, zu sehen. Also ist schon zu Ostern „Pfingsten“ geschehen.
6.
Warum werden in den christlichen Kirchen drei Gedenktage und drei Feste (Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten) in so kurzer Zeit hintereinander gefeiert? Diese drei christlichen Feste haben ja, wie gezeigt, alle einen grundlegend gleichen Inhalt: Sie feiern den Übergang Jesu (und damit aller Menschen) vom Tod in den Bereich des Ewigen.
Dass die Kirchen dreimal eigentlich das Gleiche, in kurzem zeitlichen Abstand feiern, also Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten, hängt einzig mit der sehr menschlichen Begeisterung zusammen, möglichst viele Feste gleichen Inhalts– mit unterschiedlichen Akzenten – zu feiern.
7.
Noch einmal zurück zu Pfingsten – um daran zu erinnern, dass das Gedenken an diese Feste und das Feiern dieser Feste nichts esoterisch- Merkwürdiges und Spinöses ist: Pfingsten betrifft förmlich das Selbstverständnis der Menschen. Als Fest des Geistes als des heiligen, kritischen Geistes ist Pfingsten das Fest der Dimension, die den Menschen, alle Menschen, auszeichnet. Im Geist als der Vernunft erschließt sich die Menschenwürde, erschließen sich die Menschenrechte. Pfingsten ist das Fest der Menschenwürde, der Menschenrechte, der wesentlichen Gleichheit aller Menschen, der universalen Gerechtigkeit also.
8.
Was hat das alles mit unserer Gegenwart 2021, was hat das mit der Corona-Pandemie zu tun?
Pfingsten bedeutet, wie gesagt: Alle Menschen haben die gleiche Würde. Dies ist eine evidente Einsicht, die gerade im Zusammenhang der medizinischen Versorgung der Corona-Patienten zentral ist! Nationalistischer Ehrgeiz hat jetzt keinen Platz.
Wer ist in Deutschland/Europa praktisch-solidarisch mit den vielen Tausend Corona Patienten in den armen Ländern, in Lateinamerika, Asien oder Afrika? Können wir hier stolz auf unsere „Erfolge“ sein, wenn in diesen Ländern die Kranken ohne medizinische Hilfe förmlich krepieren? Nach langen Debatten scheint jetzt etwas Bewegung in die Köpfe der Besitzenden (der Impfstoff Besitzenden) Europäer und Amerikaner zu kommen. Die permanente Kritik der Aktivisten in dieser Hinsicht war also nicht nur geistvoll, sondern sogar einmal wirksam, hoffentlich, falls nicht noch irgendein neoliberaler Politiker dazwischen geht!
9.
Die politischen Perspektiven „Pfingsten als Fest der Menschenrechte“ sprengt die enge kirchliche Welt und deren Fixiertheit auf Dogmen. Entscheidend ist im Pfingstfest die geistvolle, demokratische, menschenwürdige, gerechte Neu-und Um-Gestaltung unserer Welt. Und die Rettung der Welt – angesichts der ökologischen Katastrophen. „Eine andere, eine bessere, gerechtere Welt ist möglich“: Das ist – eigentlich – die Botschaft der uralten, aber modernen Pfingsterzählung.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Über die Verbindung der Philosophie Hegels mit Pfingsten: LINK

Wie christlich war das „christliche Europa“?

Ein zentrales Thema französischer Historiker und Religionssoziologen
Ein Hinweis von Christian Modehn

Vorwort:
Man sollte nicht vergessen, mit welchen Bravour und Penetranz der polnische Papst Johannes Paul II. (er regierte von 1978 bis 2005) sein Programm „Wir brauchen (wieder) ein christliches Europa“ öffentlich überall äußerte! Das christliche Europa (gemeint war immer das katholische unter päpstlicher Leitung) beschwor er: Es war explizit nicht das liberale, also demokratische Europa, dieses galt in päpstlicher Sicht als das relativistische und konsumistische Europa. Und es war auch NICHT das sozialistische Europa, sondern ein Europa, das sich „auf seine Wurzeln“, wie Johannes Paul II. gern sagte, besinnt und entsprechend, vergangenheitsbezogen, handelt. Diese Wurzeln waren für den Papst das christliche Menschenbild, wie er es deutete, also der Mensch als Ebenbild Gottes. Und dieser Gott hat seine Rechte, Gottesrechte, sie waren für den Papst immer wichtiger waren als die Menschenrechte, die auf der Autonomie des Menschen (Kant) allen Wert legen. Gottesrechte kann bekanntlich allein die katholische Kirche deuten! Dieses alte Europa in der Phantasie des Papstes hat so nie bestanden, aber der Papst brauchte diese propagierte Illusion, um kirchliche Macht in Europa durchsetzen zu können. Die von ihm so geliebte neuen geistlichen Bewegungen (Opus Dei, Neokatechumenale, Legionäre Christi, Emmanuel, Communione e liberazione und andere) waren und sind noch immer die „Kampftruppen“ der neuen Evangelisierung Europas. (vgl. zu dem Themenkomplex die Studien in dem Buch „Le Reve de Compostelle“, Edition Centurion, Paris, 1989).
Man sieht an dem Vorwort einmal mehr auch die kirchenpolitische und religionskritische Relevanz unseres Themas…

1.
Die Frage: „Wie christlich waren eigentlich die sich christlich nennenden Europäer?“ ist ein umfassendes Forschungsprojekt, wenn man die Kulturen Europas verstehen will. Aber welche Kriterien sollen gelten, um die Christlichkeit der Europäer oder Europas „festzustellen“?
Da gibt es einerseits die Kriterien, die in den Dogmen der Kirchen vorgegeben sind: Danach ist christlich der Mensch, der an den Sakramenten teilnimmt und regelmäßig am Gottesdienst und gehorsam die Weisungen der jeweiligen Hierarchie folgt usw. Ethische Kriterien, etwa Friedfertigkeit, Toleranz für Andersdenkende, diakonisches Engagement usw. spielen dann eine untergeordnete Rolle. So kann man allen Ernstes lesen, das europäische Mittelalter und die Neuzeit seien christlich gewesen, weil Kathedralen errichtet wurden und fromme Orden florierten und die Leute Pilgerfahrten unternahmen. Weniger Beachtung finden dabei die Kreuzzüge, die Ketzerverfolgung, die Judenverfolgung, die Missachtung und Tötung von Homosexuellen, die Degradierung von Frauen, die Hexenverbrennungen, die auch kirchlich geduldete Sklaverei und der Kolonialismus und so weiter.
Man sieht also, das Kriterium zur „Messung“ der Christlichkeit Europas, das sich an den Dogmen der Kirchenführung orientiert, ist höchst problematisch.
Aber ist eine Alternative als Kriterium so viel überzeugender, die betont: Respektieren wir die unterschiedlichen Glaubensformen und religiösen Praktiken, die etwa im Mittelalter und der Neuzeit und auch heute vorhanden sind. Und schätzen wir diese bunte und unüberschaubare Vielfalt als normal und üblich ein. Seien wir also „liberal“ und freuen uns über Astrologie und Teufelskult, über trinitarischen Glauben und antitrinitarischen Glauben, über Marienkulte und Wunderglauben, über Reliquienverehrung und Glossolalie usw. Wer als Kriterium einfach nur die bunte Vielfalt nimmt und diese gut und richtig findet als erfreuliche Pluralität aller nur denkbaren Glaubensformen, wird kaum dazu neigen, irgendeinen Augenblick der europäischen Geschichte als „Verlust des Christlichen“ bzw. als Böüte des Christlichen. zu bewerten. Religion war ja schließlich immer „irgendwie“ vorhanden.
Weiter führt und richtig ist nur ein Kriterium, das NICHT den Religionen und ihren Dogmen entnommen ist, sondern das aus der allgemeinen Vernunft stammt. Gemeint sind der Respekt und die Förderung der Menschenrechte, das ist entscheidende Kriterium, um eine Epoche christlich oder weniger christlich zu nennen. Was als Kriterium sehr säkular, weltlich, auf den ersten Blick erscheint, ist de facto eng gebunden an die Ethik Jesu, die im ethischen humanen Handeln den besten Gottesdienst sah und dann förmlich als Fortsetzung in der philosophischen Ethik etwa von Kant fand.

2.
Historiker und Soziologen, die noch den dogmatischen Vorgaben der Kirchen folgen, um eine Gesellschaft christlich zu nennen, verdienen trotzdem unsere Aufmerksamkeit. Denn die Ergebnisse der Historiker und Religionssoziologen müssen sich noch öffentlich, auch in den Kirchen, herumsprechen. Denn sonst besteht das Vorurteil weiter: „Früher waren die Menschen in Europa gläubiger/religiöser als heute“. Soweit man Religiosität eines Menschen überhaupt von außen „feststellen“, also an äußerer religiöser Praxis messen kann: Die These vom christlichen Abendland, bevölkert von dogmatisch und moralisch „hundertprozentigen Christen“, ist falsch. Die Leidenschaft etwa der katholischen Inquisition reagiert bereits auf diese Situation, dass in der Sicht der Kirchenführung eben nur einige als zuverlässige dogmatische Christen eingestuft werden können.
Dese Erkenntnis wirft ein ganz neues Licht auf die vielbesprochene Säkularisierung des Bewusstseins in den letzten Jahrhunderten. Aber was ist der Unterschied zwischen dem weit verbreiteten religiösen Desinteresse im 17. und 18. Jahrhundert und der Säkularisierung und dem Atheismus des 19. und 20. Jahrhunderts? Das muss noch untersucht werden.

3.
Hier geht es zunächst um Darstellung einiger wesentlicher Tatsachen, die die Geschichtswissenschaften bisher vermitteln.
Ich beginne mit Bernhard Groethuysen und seiner umfassenden Studie „Die Entstehung der bürgerlichen Welt und Lebensanschauung in Frankreich“, die zuerst 1927 in Halle erschienen, dann bei Suhrkamp 1978 veröffentlicht wurde. Nur einige zentrale Erkenntnisse können hier aus dem 2. Band dieser Studie vorgestellt werden. Groethuysen bezieht sich auf die Einschätzung des Bürgertums durch die katholische Kirche Frankreichs im 18. Jahrhundert. Und er zeigt die Verbindung, wie mit der Ablehnung des aufstrebenden Bürgertums durch die herrschende Kirche die Bürger sich in dieser Kirche nicht mehr „wohlfühlten“, verstanden fühlten und deswegen in eine radikale Distanz zur Kirche und der Kirchenlehre traten. Die Kirche hatte sich festgelegt auf „eine ein für allemal fixierte Gesellschafts – Ordnung“ (S. 195), die keinen Raum ließ für eine Verbindung des Glaubens mit den Idealen der aufstrebenden Bürger. Die Kirche verurteilte deren Willen, auch finanziell erfolgreich zu sein, etwa durch die Praxis des Geldleihens mit der Zahlung von Zinsen. Die Kirche wollte verhindern, dass der nach (ökonomischem) Erfolg strebende Bürger „über die ihm vorgezeichneten (ewigen) Grenzen hinausstrebt“ (197). Veränderungen, zumal Revolutionen, waren die größten Übel für diese Kirche. Welche Konsequenzen ergaben sich? Groethuysen schreibt: „Der Bürger braucht die Religion nicht mehr. Er hat ihre Lehren nicht eigentlich verworfen, wohl aber hat er sich ein Leben gebildet, das außerhalb des religiösen Vorstellungskreises verläuft. Religion bedeutet für ihn Vergangenheit, sie stellt sich als etwas dar, was am Leben selbst unwahr geworden ist“. (206). „Der Bürger will vor allem ein ehrlicher Mann sein, es kommt ihm nicht mehr darauf an, als frommer Mann zu gelten“ (ebd.) Und das gilt im Frankeich des 18. Jahrhunderts! Die Pfarrer und Theologen damals, so schreibt Groethuysen ausführlich, kommen zu der Überzeugung: „Die Bürger leben außerhalb des Christentums, und es könnte manchmal so scheinen, als seien sie überhaupt niemals Christen gewesen“ (S. 208). Dabei steht fest: Den Maßstab des Christlichen liefert die Kirchenführung! Aber der ehrliche Bürger könnte doch, wenn er ehrlich ist und seine Mitmenschen nicht schädigt, durchaus elementare humane und christliche Werte leben. Aber das kann und will die Kirchenführung nicht sehen und anerkennen. Groethuysen fasst die Überzeugung des nicht – kirchlichen Bürgers zusammen: „Der Bürger bedarf der kirchlichen Vorstellungswelt nicht mehr. Er findet in seinen eigenen Anschauungen und Wertungen und nur in ihnen das, dessen er bedarf, um das gesellschaftlich – wirtschaftliche Leben zu regeln und seine Ansprüche zur Geltung zu bringen.“ (210).
Damit, so müsste weiter geprüft werden, wurde der Bruch und Widerspruch eingeleitet zwischen einer Moral der kapitalistischen Wirtschaft und einer religiösen, traditionell christlichen Ethik. Weil diese sich dem Bürgertum gegenüber als total abweisend verhielt, wurde christliche Ethik später, auch selbst in reflektierter Form, als Gestaltungskraft des maßlos werdenden Kapitalismus ignoriert.

4.
Einige empirische Studien, Reportagen:
Wer Einschätzungen zur Religiosität der Pariser Bevölkerung wenige Jahre vor der Revolution 1789 studieren möchte, dem empfehle ich Louis Sébastien Merciers Werk „Mein Bild von Paris“, auf Deutsch, als Auswahl, als Insel Taschenbuch 1979 erschienen, die französische Ausgabe „Tableau de Paris“ umfasst 2.400 eng bedruckte Seiten. Mercier, gesellschaftskritischer Autor und Romanschriftsteller, lebte von 1740 bis 1814 in Paris.
In der genannten deutschen Ausgabe gibt es unterschiedliche empirische Beobachtungen und Notizen. Etwa ein Kapitel mit dem Titel „Messen“. Darin beschreibt der Autor nach journalistischer Recherche, wie die vielen und viel zu vielen Priester in Paris dort ihre (lateinischen, still gesprochenen) Messen „daher beten“ (S. 134), um Geld zu verdienen. Für die Messen müssen die Gläubigen bezahlen, die Messen gelten dem ewigen Seelenheil eines verstorbenen Angehörigen. Aber, so beobachtet Mercier, die Teilnahme an diesen Messen geschieht ohne religiöse Betroffenheit. Den ganzen religiösen Kultus hält kaum noch ein gebildeter Pariser für erwähnenswert, geschweige denn für berührend und wichtig. „Wer heute über die Messen herzieht, riskiert im schlimmsten Fall, sich lächerlich zu machen… Witze über die Messen machen höchstens noch Friseurgehilfen. Soll sie zelebrieren, soll sie hören, wer sie mag. Zu reden gibt es gar nichts mehr über die Messen“, so Mercier (S. 137). Über den sehr lebendigen Aberglauben, dem die Frommen in einem Reliquienkult anhängen, schreibt er in einem Kapitel über die „Sainte Chapelle“ (110 f). Das Niederknien selbst in schmutzigen Straßen wird als Ausdruck einer oberflächlichen Frömmigkeit beschrieben, wenn ein Priester die Straße entlanggeht, sichtbar einen Kelch vor sich hin tragend, um Todkranken die Kommunion zu reichen. Dafür kassiert der Mitarbeiter, Ministrant, dann im Haus des Sterbenden das Honorar. Eine interessante Beschreibung über die Riten, die man Sterbenden zukommen ließ… Mercier schreibt über den damals selbstverständlichen Zwang, regelmäßig zur Beichte zu gehen, wenn man denn eine kirchliche Trauung wünscht (331). Im ganzen beobachtet Mercier: Die meisten Beichtenden sind noch teils frömmelnde teils aufrichtige Bürgersfrauen, verschiedene Greise … sowie „Dienstmägde, die – gingen sie nicht zur Beichte – von ihrer Herrschaft als Diebinnen verdächtigt würden“ (330). Aufschlussreich ist auch das Kapitel „Sonn – und Feiertage“ (235 ff). „Die Kirchen bleiben also, abgesehen von den großen Feierlichkeiten, deren prunkvolles Zeremoniell noch immer eine gewisse Anziehungskraft ausübt, ziemlich leer“ (236).

5.
Als ein universal gebildeter „Mentalitätshistoriker“ hat Jean Delumeau (1923 – 2020), zuletzt Professor am Collège de France, die „Christlichkeit“ Europas studiert. Vor allem in seinem Buch „Stirbt das Christentum?“ (Walter Verlag, Olten, 1978), hat er sich mit dem gelebten, alltäglichen Christentum an der Basis auseinander gesetzt. Er kommt zu dem Gesamtergebnis: Es geht um eine vergangene „Welt, die, obwohl faktisch fast jedermann in einer Kirche hineingeboren wurde, immer ein christliches Missionsgebiet gewesen ist“ (S. 12). Mit anderen Worten: Die getauften Christen waren de facto Heiden wie in einem Missionsgebiet. Zu der Einschätzung kann Delumeau nur kommen, weil er als praktizierender Katholik die Kriterien der Christlichkeit von der kirchlichen Dogmatik übernimmt. Und er findet Unterstützung bei dem bekannten Mittelalter-Historiker Jacques Le Goff, der betont:“ Die Christenheit um 1500 ist beinahe ein Missionsland“ (S. 32). Dieses christliche Europa „war eher eine autoritäre Konstruktion, ein gemeinsamer Rahmen für die Völker, als der bewusste Glaube der Massen an die Offenbarung“ (S. 46). In einem Vortrag über „Christenheit und Christianisierung“ im Jahr 1984 hat Delumeau erneut das Thema aufgegriffen, die katholisch-theologische Zeitschrift „Theologie der Gegenwart“ hat den Vortrag 1985 zugänglich gemacht. Die Veröffentlichung in Deutschland geschah sicher auch deswegen, weil Delumeau die besorgten Theologen des 20. Jahrhunderts beruhigen wollte. Denn seine zentrale These auch aus seinen anderen Studien lässt sich so zusammenfassen: “Heute sind eigentlich viele Europäer besser christlich gebildet als zu Zeiten der angeblich blühenden Christenheit früher“.

6.
Aber schon bald, spätestens 20 Jahre nach Delumeaus Studien, haben französische Religionssoziologen mit vielen Fakten dokumentiert gezeigt: Die Säkularisierung des Bewusstseins der Europäer spitzt sich heute förmlich zu. Während Delumeau noch ein Fragezeichen hinter seinen Buchtitel „Stirbt das Christentum?“ setzen konnte, so verwenden heute Religionssoziologen und ehrliche Theologen eher ein Ausrufungszeichen hinter diesen Titel: Ja, das Christentum, verstanden als dogmatische Organisation der großen Kirchen, stirbt langsam. Und dazu gibt es zumal in Frankreich viele sehr erhellende Studien vor allem von Religionssoziologen und Historikern. (Man denke etwa an eine Studie „Les Francais sont – ils encore catholiques?“ (hg. Von Guy Michelat u.a.), Paris 1991)

7.
Der Historiker Prof. Guillaume Cuchet hat 2018 seine Studie veröffentlicht “Comment notre monde a cessé d etre chrétien“ („Wie unsere Welt aufgehört hat christlich zu sein“). Das Buch mit dem Untertitel „Anatomie eines Zusammenbruchs“ bezieht sich auf die Situation in Frankreich, erinnert etwa an den Philosophen und Mathematiker Blaise Pascal, der schon im 17. Jahrhundert betonte: „Das authentische Christentum ist immer eine Sache einer Minderheit gewesen“. Oder an den dänischen Philosophen Kierkegaard wird erinnert, der im 19. Jahrhundert betonte: “Das Christentum existiert eigentlich nicht …Was ist das im Grunde für eine furchtbare Komödie im ganzen Land, das sich christlich nennt“ (zit. s. 12). Cuchet wendet sich dann aber sehr ausführlich einer langen Liste von Studien einer auch kirchlich orientierten Religionssoziologie zu, die alle Leidenschaft darauf verwendet(e), Statistiken zum Gottesdienstbesuch in den unterschiedlichen Regionen Frankreich während vieler Jahre zu erheben. Ausführliches Kartenmaterial wurde über all die Jahre angelegt, etwa von dem bekannten Religionssoziologen und Priester Fernand Boulard. „Keine Kirche in der ganzen Welt hat sich (wie die katholische Kirche in Frankreich CM) zu derartigen Übungen der soziologischen Selbstanalyse hingegeben“ (S. 26).
Wer versucht angesichts der vielen, immer wieder neuen Studien eine Art Gesamteinschätzung zu formulieren, muss erkennen: Die in Frankreich viel besprochene „déchristianisation“ (Entchristlichung) hat sehr früh schon begonnen, schon vor dem Beginn der 3. Republik und den Gesetzen der laicité. Schon im 17. Jahrhundert wird dokumentiert, wie in bestimmten Regionen Frankreichs die getauften Katholiken sich von der Kirche distanzieren (vgl. S 75). Auch auf die Bedeutung der Religionsgesetze der Französischen Revolution muss hingewiesen werden. Dort, wo die Priester die “Zivilkonstitution für dem Klerus“ ablehnten, also die Revolution verurteilten, blieb die religiöse Praxis erhalten. Aber das ist nur ein Element für die Kirchenbindung. Wichtig bleiben vor allem die regionalen Unterschiede der kirchlichen Bindung in Frankreich: Es gab und gibt immer noch stark kirchlich bestimmte Gegenden, wie die Vendée oder die Bretagne UND auch Départements, in den die kirchliche Praxis de facto Null ist, wie im Département Creuse, das übrigens als einziges Département Frankreichs keinen eigenen Bischof hat (der zuständige Bischof sitzt in Limoges). Im Département Creuse arbeiten noch 1 Priester in 6 Pfarrgemeinden für ca. 200 Dörfer… Aber das am Rande.

8.
So sehr man auch, verglichen mit dem schwachen Stand der Religionssoziologie in Deutschland, überrascht ist, von der Fülle auch statistischer Studien und spezieller Karten in Frankreich: Die Frage, warum diese Kirche, die sich selbst „älteste Tochter der Kirche“ nennt, nun offensichtlich an ihr zahlenmäßig sichtbares Ende kommt, wird von Religionssoziologen nicht umfassend beantwortet. Dies ist eine theologische und religionswissenschaftliche Frage. Emmanuel Todd und Hervé Le Bras betonen in ihrer Studie „Le Mystère francais“ (2013), dass der französische Katholizismus als System von Glaubenshaltungen und Riten außerhalb eines begrenzten städtischen und eher auf Rentner bezogenen Milieus verschwinden könnte. (S. 83 im Buch von Cuchet). Warum? Die emanzipatorischen Bewegungen des Mai 68 werden als ein Grund genannt, auch innerkatholische Entwicklungen, wie die „Pillenenzyklika“ „Humanae Vitae“. Aber es wird nicht deutlich gesagt: Ein entscheidender Grund für das Verschwinden des katholischen Glaubens in Frankreich und anderswo in Europa sind die starre dogmatische Haltung der Kirchenführer, die Überforderungen eines vor allem alten, wenn nicht greisen Klerus, das Festhalten am klerikalen System, der Ausschluss der Frauen vom Amt sowie in den letzten Jahren: Die vielen nachgewiesenen „Fälle“ sexuellen Missbrauchs durch Priester und die Vertuschungen durch Bischöfe.

9.
Die Menschen, „ehemalige Kirchen-Mitglieder, bleiben oft an der kulturellen, alten Welt des Katholizismus interessiert, etwa an den prächtigen gotischen Kathedralen und Klöstern, den lateinischen Gesängen und Arbeiten der Künstler. Aber wenn sich in dem Zusammenhang eine Glaubenshaltung entwickelt, dann ist sie nicht mehr oft auf die Organisation Kirche bezogen. Sondern aus solchen „kulturell – katholischen“ Erfahrungen in Kathedralen bildet sich jeder und jede dann seine individuelle Spiritualität. Die man allein lebt und bedenkt oder in kleinem privaten Kreis bespricht. Nach dem Besuch der Kathedrale kann dann selbstverständlich anschließend ein Zen-Buddhistischer Kurs besucht werden oder eine Yoga-Gruppe. Vielleicht auch einen philosophischen Zirkel, in dem die Bibel als ein Buch der Weisheit gelesen wird. So verändert sich die christliche Religion grundlegend, nicht nur in Frankreich. Verschwindet sie auch? Das sicher nicht. „Die Religion zieht um“, hat ein holländischer Theologe einmal gesagt. Nur: Die katholische Kirche beobachtet hilflos ihr eigenes langsames Verschwinden. Sie ist nicht imstande, undogmatische Gesprächskreise für die vielen Menschen anzubieten, die nach dem Sinn des Lebens fragen, vielleicht auch nach Gott, die aber keine Kirchenbindung mehr ertragen können….wohl aber dringend menschliche Gemeinschaften für ein reifes geistiges Leben suchen.
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Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Kirche in der Stadt – Ein spannungsvolles und „spannendes“ Verhältnis.

Ein Interview mit Pfarrer Michael Göpfert, München.
Die Fragen stellte Christian Modehn, Berlin

1.
Vor 40 Jahren, 1981, haben wir eine Aufsatz – und Essay – Sammlung mit dem Titel „Kirche in der Stadt“ im Kohlhammer Verlag herausgegeben. 24 Mitarbeiter aus verschiedenen europäischen Städten waren daran beteiligt. Nun sind 40 Jahre an sich noch kein denkwürdiges Jubiläum. Aber kritischer Rückblick und kritischer Vorblick sind bei dem Thema wichtig. Denn nirgendwo sonst wie in den Großstädten zeigt sich der religiöse Umbruch so deutlich: Etwa der Abschied weiter Kreise von den Kirchen und damit die neue religiöse Pluralität. Inzwischen sind etliche weitere Studien zum Thema „Kirche und Stadt“ erschienen. Blicken wir zunächst zurück: Warum war dir damals das Thema wichtig?

Ich glaube, die Idee zu dem Buch kam von dir, Christian, als Journalist warst du in vielen europäischen Städten unterwegs. Die Idee faszinierte mich, ich liebe Städte, vor allem Großstädte, schon immer. Vor Jahren hatte ich mir antiquarisch die 10 Hefte des Berliner „Großstadtapostels“ der „Zwanziger Jahre“ Carl Sonnenschein gekauft: „Notizen-Weltstadtbetrachtungen.“ In einem rasanten impressionistischen Stil und mit Tempo erzählt er von seinen Eindrücken und Erfahrungen, er taucht in die Stadt ein, weil er die Menschen in Berlin mag, beschreibt aber auch das Licht und die vielen Schattenseiten der Metropole. Und gestaltete förmlich im Alleingang eine neue Präsenz der (katholischen) Kirche in Berlin: Hilfsangebote, eine bedeutende öffentliche Bibliothek, er gestaltete ein Wohnungsbauprogramm, organisierte Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, er machte aus der Kirchenzeitung eine lesenswerte Zeitung, vernetzte sozial Engagierte und so weiter. So, dachte ich, könnte Großstadtkirche sein, als verbunden in mit der Kultur der Stadt und verbunden mit den Menschen, nicht nur den so genannten „Kirchgängern“.
Seit ich dann ab 1974 in München war, fiel mir auf, wie sehr das Thema Kirche und Stadt gleichsam in der Luft lag und von Theologen, Soziologen und Architekten diskutiert wurde. Kirchen sind immer eingebunden in bestimmte Orte, also in Wohn -, Lebens – , Arbeitskulturen. Kirchen sind wie Theologien niemals „ortlos“: Eine Citykirche „funktioniert“ anders als eine Dorfkirche, also: Entdecke den Genius loci! Glaube hat neben dem Zeitindex auch einen Ortsindex und daraus folgt eine Freilassung der Differenzen, eine Vielfalt und Buntheit von Kirchen, gerade in den Städten.

2.
Wie waren deine Erfahrungen in den ersten Jahren nach der Publikation des Buches: Zeigte sich Interesse am Thema? Von wem ging das Interesse aus? Waren es dann Debatten, die auch praktische Wirkungen zeigten?

Meine Erfahrungen nach Erscheinen des Buches waren überraschend, weil die Resonanz so gut war. Es gab Einladungen zu Tagungen, Vorträgen, Zeitungsaufsätzen. Am interessantesten für mich war die Einladung im Herbst 1981 zu einem Treffen von evangelischen Stadtdekanen und Stadtsuperintendenten in Berlin, eine Konsultation über Kirche und Großstadt. Ich schrieb darüber einen Zeitungsaufsatz und die Folge war, dass ich von da an bei fast allen Treffen dabei war und die Berichte darüber schrieb… bis 2013. Eine weitere Folge war, dass ich bei diesen Konsultationen den Hamburger evangelischen Theologen Wolfgang Grünberg kennenlernte, der dort an der Universität die Arbeitsstelle Kirche und Stadt aufgebaut hatte. Daraus entstand 1991 die Buchreihe „Kirche in der Stadt“, die ich in den Anfängen mitplante, vor allem auch mit dem Stadtsuperintendenten von Hannover Hans Werner Dannowski. Im Lauf der Zeit entstand eine Art Netzwerk der Stadtkirchen, gebildet zwischen der Konsultation, den Treffen der Citypfarrer/innen und denen der Kirchencafés.

3.
Als Leitlinien für eine Kirche, die in der Großstadt nicht als Fremdkörper erlebt werden soll, formulierten wir damals z.B. „Kreativität“, „Dialog“, „Basisorientierung“. Gibt es heute überhaupt noch ein Bewusstsein dafür, dass Kirche in der Stadt diesen Leitlinien folgen sollte?

Der Glanz der Begriffe Kreativität, Dialog, Basisorientierung ist etwas verblasst, aber faktisch leben die Stadtkirchen von dem damit signalisierten Potential. Wenn ich etwa an den Ideenreichtum von St. Maximilian in München denke oder an die frühere Kunststation St. Peter in Köln, die von dem Charisma des Jesuiten Friedhelm Mennekes lebte, wird mir deutlich, wie entscheidend die Geistesgegenwart, der Mut und die Ideen zunächst auch einzelner vor Ort sind.

4.
Ich habe den Eindruck: Die Kirchen in Deutschland und in ganz Europa setzen seit einigen Jahren schon entschieden auf das Programm „Reduzierung“ kirchlicher Präsenz in den Großstädten: Viele Kirchen – Gemeinden („Pfarreien“) werden zu großen, fast unüberschaubaren Verbänden zusammengeschlossen. Es fehlt an theologisch gut ausgebildeten Mitarbeitern, Pfarrern, Priestern. Ist „Kirche in der Stadt“ also auf dem Rückzug? Diakonie ist dabei abgespalten von den Gemeinden und als autonome Großorganisation etabliert?

Sicher wird es in den nächsten Jahren für beide Kirchen weniger finanzielle und personelle Ressourcen geben. Aber wenn Menschen von einer Aufgabe begeistert sind, arbeiten sie auch ohne Geld und wer sagt denn, dass so viele Aufgaben von bezahlten Hauptamtlichen gemacht werden müssen. Die Basis hat noch gar nicht zeigen können, was sie alles kann. Es wird wohl viel weniger große Kirchen geben, aber warum nicht viel mehr kleine Kirchenläden und Ladenkirchen in den städtischen Quartieren, in denen die Einheit von Liturgie, Diakonie vor Ort und religiöser Weiterbildung gelebt wird? Nicht Reduzierung von Präsenz von Kirche in der Stadt, sondern Verdichtung, aber eben nicht eine, die von Oben vorgeschrieben, geplant und organisiert wird. Zentralisierung ist Machtbündelung, Dezentralisierung heißt Abgeben von Macht und Vertrauen in die Basis vor Ort.

5.
Ich beobachte das in der Presse ständig: Kirche als positiv besetzter Ort der Begegnung ist eigentlich für weiteste Kreise kein Thema mehr. Im Mittelpunkt stehen die unsäglichen Skandale des Missbrauchs durch Priester oder die Zunahme fundamentalistischer Religiosität. Wo sind die theologischen Orte, die kritisches Reflektieren förmlich als „Dauerzustand“ praktizieren?

Die lange Missbrauchsdebatte ist notwendig, aber sie überlagert auch vieles. Die Sehnsucht nach Orten der Begegnung ist wohl für Menschen überlebenswichtig, sie kann nicht sterben und sie wird nach Corona vielleicht noch deutlicher werden. In vielen Städten sind die kirchlichen Stadtakademien gute Adressen für Austausch und Begegnung über Gruppenidentitäten hinweg, aber das reicht natürlich nicht. Warum nicht mehr lernen z.B. von der Tradition literarischer oder philosophischer Salons, von Treffen in Kneipen und in den Wohnzimmern. Jeder, der will, kann auf seine Weise durchaus die Initiative ergreifen und vielleicht zum Kristallisationspunkt von Begegnung werden.

6.
Wer in Spanien, Italien oder Frankreich die dortigen, meist geöffneten Kirchen besucht, fühlt sich angesichts der vieler hindurch eilenden Touristen wie in einem Museum. Werden Kirchengebäude zu Museen und Gottesdienste zu esoterischen Veranstaltungen nur für einige Eingeweihte?

Natürlich kann ich eine Kathedrale wie ein Museum benutzen, aber auch als Gottesdienstort. Ich kann mich in die Krypta verkriechen, um mit mir allein zu sein, ich kann mit dem Kinderwagen im Sommer den Schatten suchen…Die Nürnberger Lorenzkirche zum Beispiel hatte im Mittelalter nie nur religiöse Funktionen, sondern z. B. auch politische. Der Rat der Stadt oder die Stände und Zünfte trafen sich da. Die heutigen „Vesperkirchen“ verwandeln sich im Winter zu Suppenküchen und Wärmestuben für Obdachlose. Synagogen waren früher Räume des Gebets, aber auch Lernorte, Übernachtungsorte, sie boten Möglichkeiten für Mahlzeiten, und das alles unter einem Dach!
Ein für mich nach wie vor faszinierendes Beispiel für spirituelle Gemeinschaften und spirituelle Orte in der Stadt sind für mich die vielen hundert Bethäuser der Juden vor allem in Mittel-und Osteuropa. Sie wurden von 1940 bis 1945 im Wahn der Nazis und ihres verbrecherischen Antisemitismus fast vollständig ausgelöscht und vernichtet. Joseph Roth schreibt einmal über seine Heimatstadt Brody, die Stadt habe zwei Kirchen, eine Synagoge, aber 40 Bethäuser. Es gab Netzwerke der Gemeinschaft und Solidarität, Orte des Lernens der religiösen Überlieferung, der Weitergabe des kulturellen Gedächtnisses, der Einübung in die Weisheit der Bibel.
In einer schrumpfenden Volkskirche werden wir in Zukunft wahrscheinlich immer weniger Kirchen, aber immer mehr „Lese – Lern – und Versammlungsräume“ brauchen, die von diesem Geist geprägt sind, Stützpunkte der Einübung in den Geist des Christentums inspiriert aus dem Geist des Judentums. Gerade dann, wenn die Kirchen ärmer werden, könnten sie umso reicher werden durch die Vielfalt kleiner Läden und Treffpunkte, sozusagen um die Ecke in den Quartieren und Nachbarschaften. So könnte die Kultur der biblischen Traditionen entdeckt und aktuell neu gedeutet werden. Ich stelle mir solche Orte vor, wie sie Roman Vishniac kurz vor der Vernichtung noch fotografiert hat: Bücherwände, Holztische, Suppenküche, Gesichter des Lernens und der Versenkung… Grüße vom Schtetl in unsere Städte, die uns wie eine Flaschenpost erreichen.

7.
Unser Buch von 1981 hatte einen gewissen Mangel: Erfahrungen, Reflexionen, aus Asien, Afrika und Lateinamerika wurden nicht berücksichtigt. Nun sind inzwischen viele Menschen aus diesen Ländern in Europa gelandet und gestrandet, als Flüchtlinge etwa: Ist das Miteinander mit den „anderen“, etwa den Muslimen, eine zentrale neue Aufgabe für Menschen, denen „Kirche in der Stadt“ noch am Herzen liegt?

Kirche in der Stadt muss sich vor allem bewähren in der Begegnung mit dem Fremden und den Fremden, das ist ein Prüfstein nicht nur für das Christentum, sondern für alle Religionen. Gastfreundschaft mit den Fremden ist ein Schatz der religiösen und kulturellen Überlieferung und deshalb muss der Kampf gegen Abschottung, Ausgrenzung, Diskriminierung, Rassismus, Nationalismus auch von den Kirchen geführt werden. Die vielen Flüchtlingsinitiativen vor allem seit den 90er Jahren sind ein ermutigendes Vorbild. Klöster, gerade auch Nonnenklöster, gewähren Kirchenasyl, diese Klöster sind Lichtblicke in der kirchlichen Landschaft. Der persönliche Kontakt mit Fremden, mit anderen Religionen und Kulturen bedroht nicht unsere Identität, sondern fördert sie, erweitert sie, korrigiert sie, kann sie befreien von Verkrustungen, Verhärtungen, von Fanatismus und Dogmatismus. An dem Punkt sieht man auch, dass die Delegation diakonischen Handelns und Helfens an die großen Wohlfahrtsverbände, Diakonie und Caritas, gravierende Schattenseite hat: Die Fremden, Flüchtlinge, Obdachlosen, Menschen mit Handicap, werden den Augen der Gemeinde, also ihrem Erleben vor Ort, entzogen. Ich schaue unter den Bedingungen also dem Fremden und Flüchtling und Armen buchstäblich nicht mehr in die Augen. Das darf nicht sein!
Die Migrationsbewegungen werden noch anwachsen, der Fremde wird für viele ängstliche, nationalistisch Denkende als bedrohlich propagiert werden. Hier steht den Kirchen, den Religionen, der demokratischen Zivilgesellschaft eine harte Bewährungsprobe noch bevor. In den Kirchen in der Stadt stranden doch oft die „Anderen“, die Fremden zuerst, wird die Kirche noch eine Vorreiterrolle wahrnehmen wollen?

8.

Wenn wir von Kirche in der Groß – Stadt sprechen, darf man nicht vergessen, was eine zentrale Verpflichtung der Kirche ist: Von Gott zu sprechen und im Handeln deutlich zu machen. Wie sollte Kirche heute in den Metropolen Westeuropas, die zunehmend als säkularisiert gelten, von Gott sprechen und im Handeln deutlich machen?

Natürlich darf man nicht vergessen, daß es bei allem Reden über Kirche nicht um Kirche als Selbstzweck geht, sondern daß es in der Religion um Gott geht. Bei allen Struktur-und Reformdebatten wird das manchmal vergessen. Auch beim Reden über Kirche und Stadt geht es eigentlich um Gott. In der Apostelgeschichte heißt es einmal: Ich, Gott, habe ein großes Volk in der Stadt. Das ist eigentlich eine Provokation, das Volk ist nicht das Kirchenvolk, sondern es ist das Gottesvolk. In der Bibel geht es eigentlich immer um die Geschichte Gottes mit dem jüdischen Volk und mit allen Völkern und Menschen. Die biblische Literatur, das sind immer wieder neue und andere Versuche, über Gott zu sprechen, von ihm zu erzählen, in ganz unterschiedlichen Formen, in Erzählungen und Romanen, in Gedichten und Liedern, in Briefen und Predigten. Diese Sprechversuche über Gott sind radikal unterschiedlich, widersprechen sich, korrigieren sich. Man vergleiche nur einmal das hochpoetische Buch „Hohes Lied“ mit dem Josephsroman im ersten Buch Mose, oder das Hiobbuch mit seinen Anklagen gegen Gott mit dem skeptischen Buch Kohelet. Die Kirchen in der Stadt sollten endlich ihre eigenen biblischen Klassiker wiederentdecken, lesen, vorlesen, auslegen, neu inszenieren in allen möglichen Formaten, in Kooperationen mit Musik, bildender Kunst, Theater. Ich glaube, die Bibel fasziniert immer noch viel mehr Menschen als bloß das „Kirchenvolk“. Also, bei ihrem Sprechen über Gott sollten die Kirchen in die Schule der Bibel gehen und lernen, daß es sich um Sprechversuche handelt und nicht um dogmatische Statements, und sie sollten die biblischen Sprechversuche durchbuchstabieren.

Copyright: Pfarrer Michael Göpfert, München und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Wer darf übersetzen? Über Identität und allgemeine Vernunft

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Wer ist in der Lage, das Gedicht von Amanda Gorman, der schwarzen Lyrikerin, der US – Amerikanerin, zu übersetzen? Man denkt: Natürlich jemand, der kompetent ist und sehr gute Kenntnisse des amerikanischen Englisch und auch Erfahrungen im Umgang mit den Nuancen der Poesie hat und dies auch auf Deutsch z.B. vermitteln kann.
Das war bisher allgemeine Auffassung. Aber so einfach ist das nicht mehr: Jetzt darf die Poetin und Übersetzerin Marieke Lucas Rijneveld aus Holland nicht das berühmte Gedicht von Amanda Gorman übersetzen. Der in der Öffentlichkeit verbreitete, sich durchsetzende Vorwurf: Die Übersetzerin hat die Hautfarbe weiß und sie sei deswegen inkompetent, das Gedicht einer Schwarzen zu übersetzen. So behaupten autoritär die Verfechter der Identität: Nur eine Schwarze versteht den Text einer Schwarzen so gut, dass sie als Übersetzerin in Frage kommt. Dabei hatte Amanda Gorman, die Schwarze, die weiße Übersetzerin ausdrücklich begrüßt. Aber die kritische Power der auf Identität („hier Schwarz – da Weiß“) fixierten Leute setzte sich durch. Auch in Barcelona ist das so. Dort darf ein weißer Übersetzer (ein Mann noch dazu) auch nicht das Gedicht der Schwarzen Frau Gorman übersetzen.

2.
Wissen wir eigentlich, dass sich an diesem Beispiel so etwas wie eine kulturelle Wende andeutet? Grundsätzlich formuliert: Mit der Debatte um neue „identische“ Kriterien für die Qualitäten eines kompetenten Übersetzers könnte das Bewusstsein einer allen Menschen gemeinsamen, also allgemeinen menschlichen selbstkritischen Vernunft verloren gehen. Dabei steht im Hintergrund die nach wie vor universale philosophische Einsicht: „Übersetzen“ ist nur ein anderes Wort für „Verstehen“: Wer im Alltag einen anderen Menschen versteht, übersetzt also immer dessen Aussage, dessen Begriffe, in seine eigne Denk/Gefühlswelt hinein, in sein eigenes Leben. Das kann ganz alltäglich banal beginnen: Wenn mir eine Person A von ihrer „Frömmigkeit“ erzählt, verstehe ich von meinen Erfahrungen mit „Frömmigkeit“ ihren Begriff Frömmigkeit auf meine Art. Der Begriff Frömmigkeit der Person A wird durch mein Verstehen also „verändert“, und das ist notwendigerweise so. Trotzdem sind wir beide in der einen Sprachwelt verbunden.

3.
Auf die Identität von Übersetzen und Verstehen hat bekanntlich der Philosoph Hans -Georg Gadamer in seiner großen Studie „Wahrheit und Methode“ ausführlich hingewiesen. Ich nenne hier nur einige zentrale Erkenntnisse Gadamers, bezogen auf die Ausgabe von „Wahrheit und Methode“ von 1965 (Tübingen):
S. 361: „Verstehen, was einer sagt, ist sich in der Sache Verständigen und nicht: Sich in einen anderen Versetzen und seine Erlebnisse Nachvollziehen.“ Ergänzend auf S. 365: „Die Übersetzung eines Textes, mag der Übersetzer sich noch so in seinen Autor eingelebt und eingefühlt haben, ist keine bloß Wiedererweckung des ursprünglichen seelischen Vorgangs des Schreibens, sondern eine Nachbildung des Textes, die durch das Verständnis des in ihm Gesagten geführt wird. Hier kann niemand zweifeln, dass es sich um Auslegung handelt..“
S. 362:“Jede Übersetzung ist Auslegung“

4.
Wer Übersetzen in der Weise einschränkt, dass nur ein Schwarzer in der Lage ist und befugt ist, den Text eines Schwarzen zu übersetzen, der zerstört eine kulturelle Errungenschaft, die die Menschheit bislang tatsächlich als allgemein gültig bewertet hat, selbst wenn es in Einzelfällen selbstverständlich immer Debatten gab und gibt, ob diese oder jene Übersetzung treffend ist. Darum wird ja auch immer wieder neu übersetzt, einen definitiven Abschluss der Übersetzungen kann es nicht geben, weil immer neue Aspekte im Text, immer neue Nuancen entdeckt werden, die in immer neuen Nuancen dann ausgesagt werden in der Übersetzung.

5.
Wenn man das Beispiel ausdehnt: Nur Schwarze Frauen dürfen die Poesie schwarzer Frauen übersetzen, wie verhält es sich dann mit der bislang selbstverständlichen und uns eigentlich als normal vertrauten Übersetzung als Interpretation?
Ist die Interpretation (das ist Verstehen, das ist Übersetzung!) Mozarts durch einen japanischen Dirigenten etwa abwegig und aus Gründen der Identität nicht (mehr) erlaubt? Dann sollte kein russischer Pianist mehr Beethoven spielen. Kein deutscher Übersetzer dürfte einen buddhistischen Autor übersetzen und so weiter. Diese Identität konsequent gedacht, würde zu einer kulturellen Verarmung und zu einer Abkapselung der einen Menschenwelt in viele kulturelle Sonderwelten führen. Atheistische Historiker und Sprachwissenschaftler dürfen dann nicht mehr die Bibel oder den Koran übersetzen. Es wäre zu prüfen: Wie ist früher die Kirche mit Übersetzern der Bibel umgegangen, die nicht auf der „orthodoxen“ Linie waren? Da herrschte sicher auch auf Identität fixiertes Denken vor, Bekanntlich durften Katholiken nicht die Übersetzung der Bibel durch Martin Luther lesen, bloß weil der Protestant Luther der Übersetzer war. Solches identitäre Denken ist sicher noch in muslimischen Kreisen dominant: Welche muslimische Organisation benutzt etwa eine Koran – Übersetzung eines – selbstverständlich wissenschaftlich kompetenten – Christen oder eines Atheisten? Wahrscheinlich keine muslimische Organisation. Ein heilig erklärtes Buch (Koran) kann nur ein heilig erklärter frommer Muslim übersetzen…
Ein weiteres Beispiel: Die Übersetzungen der Werke des Homosexuellen James Baldwin müssten diesem Denkmodell folgend eigentlich eingestampft werden, weil die Übersetzer heterosexuell wohl waren oder gar Frauen, also sich beim Übersetzen gar nicht in die Welt Baldwins einfühlen konnten. Wenn er – möglicherweise – das Wort „Schw..z“ verwendet, meint er eben nicht „Glied“ und auch nicht „Penis“, wer diese Begriffe in der Übersetzung verwendet, übersetzt falsch. Aber die Nuancen weiß jeder gebildete heterosexuelle Übersetzer!
Diese wenigen Beispiele zeigen schon: Die geistige Welt fällt auseinander in viele isolierte kleine Sonderwelten, wenn man an dem nun offenbar üblich werdenden Prinzip der Identität im Vorgang der Übersetzung festhält.

6.
Dieses identitäre Denken und praktisch – rabiate Verhalten ist eine Ideologie, sie führt in eine furchtbare Sackgasse. Denn um noch einmal auf das Beispiel der Übersetzung des Gedichtes von Amanda Gorman zurückzukommen: Eigentlich müsste die dann korrekterweise selbstverständlich schwarze Übersetzerin vom Alter her etwa so jung sein wie Frau Gorman, die Übersetzerin hätte auch in bescheidenen Verhältnissen in Los Angeles groß werden müssen, möglichst die gleiche Schule besucht haben, möglichst ähnliche soziale Kontakte wie das junge Mädchen Amanda haben müssen und so weiter: Das führt dazu, dass eigentlich idealerweise Amanda Gorman allein, nur sie selbst, in der Lage wäre, ihr Gedicht zu übersetzen. Aber selbst wenn Amanda Gorman perfekt Deutsch, Niederländisch oder Finnisch sprechen und verstehen würde: Sie könnte aus ihrem englischen „Urtext“ eben nur nach eigenem (und damit wie bei allen Menschen begrenzten) Verstehen des eigenen Textes übersetzen und auch nur einige Aspekte, Nuancen, in den anderen Sprachen wiedergeben. Mit anderen Worten: Die Übersetzung der Autorin Gorman hätte eigentlich dieselbe Qualität wie die eines anderen Menschen, etwa eines männlichen weißen Übersetzers. Denn man vergesse nicht: Es ist keineswegs so, dass der Autor eines Gedichtes oder eines Romans selbst am besten weiß, was er da in der feinen Komposition seiner Sprache sagen will. Genauso sind die großen Künstler von Gemälden keineswegs die besten Interpreten ihrer eigenen Werke. Sie wissen oft selbst nicht, wie ihnen „das eigene Werk gelungen“ ist. Dies ist das bleibende Rätsel des schöpferischen Prozesses von Autoren, Malern, Komponisten etc.

7.
Aber es keineswegs so, dass nun wiederum nur Menschen, die selber den schöpferischen Prozess wie die Autoren, Maler, Komponisten durchgemacht haben, die Werke dieser Künstler zu übersetzen. Indem diese Werke in die Öffentlichkeit treten, geben sie sich dem allgemeinen Verstehen und das ist immer dem individuell je verschiedenen Verstehen und Übersetzen preis. Da eine exklusive, berufene Clique der mit den Autoren Identischen zu schaffen, wäre maßlos und ausgrenzend und hätte einen nicht mehr demokratischen Charakter.

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

Ostern: Die Auferstehung Jesu von Nazareth vernünftig verstehen!

Ein Essay von Christian Modehn.

Ich weise auch auf weitere Beiträge hin von Christian Modehn zu der Frage: „Was bedeutet Ostern,was bedeutet die Auferstehung?“:
A) Der Beitrag „Die Macht des Todes überwinden“ wurde im RBB Kulturadio 2016 gesendet. LINK
B) Der Artikel „Die Auferstehung Jesu verstehen“ geht auf einen Vortrag von Christian Modehn zurück: LINK
c) Der Beitrag „Auferstehung, das Ewige im Menschen erkennen und leben“ geht auf einen Vortrag von Christian Modehn am 3.4.2018 zurück. LINK

Aus dem Inhalt dieses hier vorliegenden Essays:
Nr.2: Die eine entscheidende Hypothese; Nr.9: Die schöpferische Tat der Hinterbliebenen;
11: Jesu Grab war nicht leer; 14: Karfreitag: Das Ende eines Propheten;
18: Die Gemeinde „setzt“ die Auferstehung Jesu; 20: Politische Auferstehungsgedichte von Kurt Marti; 25: Joseph Ratzingers banale Deutung der Auferstehung.

1.
Über die Auferstehung Jesu von Nazareth haben die Kirchen eine bunte Welt von Bildern, Symbolen, Metaphern, Mythen und Erzählungen erzeugt sowie, damit eng verbunden, über das „ewige Leben“ der Menschen … im „Himmel“. Bei allem Respekt, auch für die Leistungen der Künstler und Schriftsteller zum Thema in all den Jahrhunderten: Es wurden viel zu viele Glaubensinhalte, auch viel zu viele Dogmen, verbreitet. Sie setzten sich förmlich als „Auferstehungs – Bilder“ durch. Aber zeigen sie das Wesentliche?
Ich denke: Sie verdecken vielmehr den klaren, den einfachen und vernünftigen Gedanken zur Bedeutung der Auferstehung Jesu von Nazareth. Warum soll denn bei diesem Thema das klare, vernünftige Denken ausgeschaltet werden?
Hier also wird zur Auferstehung Jesu von Nazareth ein einfacher Gedanke vorgestellt, der aber gerade, weil er einfach ist, ausführlicher erläutert werden muss. Er ist nachvollziehbar.
2.
Es gilt hier nur eine Hypothese als Voraussetzung: Wenn die Welt mit den Menschen im schöpferischen Handeln einer unendlichen ewigen geistigen „Energie“ (Gott genannt) ihren Grund hat, dann ist diese Welt, sind die Menschen, mit dieser „Energie“ (Gott) bleibend – geistig – verbunden. Das Ganze ist Ergebnis der Evolution. Der biblische Schöpfungsbericht ist ein Mythos und hat philosophisch und theologisch nur Bedeutung, wenn man ihn in kritisches Denken übersetzt (das meint „Entmythologisierung)“.
Wenn man einen schöpferischen, ewigen Gott annimmt, kann seine Welt nicht von ihm getrennt sein. Denn bei einer von Gott völlig getrennten Welt ist ein einziger ewiger Gott als Gott undenkbar. Die Welt und die Menschen haben also Anteil am Ewigen, aber in dieser Verbundenheit sind die Menschen frei und autonom. Dies ist ein Thema, das hier nur angedeutet werden kann.
Noch einmal:
Dieser Zusammenhang von göttlichem Geist als Gott selbst und göttlichem, damit ewigen Geist im Menschen (als dem „anderen“ Gottes), ist die Voraussetzung dafür, dass es die Auferstehung Jesu von Nazareth „gibt“ wie damit auch die Auferstehung von allen anderen Menschen. Ohne die Annahme einer schöpferischen göttlichen „Energie“ ist Auferstehung nicht denkbar. Und sie ist vernünftig – denkbar, gehört zum menschlichen Selbstbewusstseins (des Geistes). Auferstehung ist eben nicht irgendein erratischer Klotz, der im Bewusstsein einiger Menschen schwebt, befremdlich und unverstanden.
Meine Grundthese im Anschluss an das Denken G.W.F. Hegels ist: Der Glaube an Gott kann sich der Vernunft erschließen. Auch die Erfahrung des auferstanden Jesus durch seine Jünger kann und soll sich der Vernunft erschließen, also in Worten ausgesagt werden. Der Geist des Menschen ist von Gott selbst in die Lage versetzt worden, Gott zu denken: Im 1. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth heißt von der Weisheit Gottes: „Uns aber hat diese Weisheit Gott enthüllt durch den Geist. Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes“ (Kap. 2, 9f.)
3.
Dass es Welt und Menschen gibt als Geschaffene, ist also das eine und einzige Wunder sozusagen. Diese Einsicht kann sich dem naturwissenschaftlichen Wissen gar nicht erschließen, weil es um den Grund des Ganzen der Wirklichkeit geht.
4.
Jeder Mensch hat seine eigene Meinung über Sterben und Tod nicht nur im allgemeinen, sondern auch eine Meinung über das eigene Sterben und den eigenen Tod. Zur Gestaltung eines menschenwürdigen Sterbens gibt es gute Argumente. Beim Thema Tod (und der oft gestellten Frage „Was ist danach?“) sind wir auf Überzeugungen angewiesen. Diese Überzeugungen drängen sich beim Menschen als einem geistvollen Wesen auf. Epikurs bekannte und viel zitierte radikale Abwehr dieser Frage hat kein philosophisches Niveau. Er verdrängt nur den Tod im Leben, empfiehlt förmlich den Kopf in den Sand zu stecken. Nur wenigen wird das gefallen.
Heute sagen die einen: „Mit dem Tod, ist alles zu Ende, Basta“, „Ich falle ins Nichts“. Oder die anderen: „Eine Form des Danach wird es geben“. Jeder wird sich letztlich einer dieser Meinungen anschließen und sie im Laufe seines Lebens vielleicht auch ändern. Man ist als Mensch förmlich von eigenen Fragen gezwungen, zur Bedeutung des Todes, des eigenen Todes, Stellung zu. nehmen! Auch die Abwehr, Ignoranz, gegenüber dieser sich aufdrängenden Frage ist de facto eine Antwort.
5.
Die traditionellen christlichen Lehren über den Tod und das mögliche „Danach“ sind gebunden an die neutestamentlichen Erzählungen von der Auferstehung des Menschen Jesus von Nazareth. Aber die kirchlichen Predigten waren über all die Jahrhunderte meist fixiert auf die Wiederholung, also die Nacherzählung der äußeren Ereignisse. Und viele Predigten, viele spirituelle Aufsätze der Theologen tun das noch heute.
6.
In diesem Essay wird gezeigt: Die zweifellos auch poetisch schönen, anrührenden Erzählungen von der Auferstehung Jesu von Nazareth sind als Ausdruck der Erfahrungen der Hinterbliebenen zu verstehen!
Das heißt: Es ist die Gemeinde der FreundInnen Jesu, die nach einer tiefen Depression über den Verlust des Geliebten zu der Überzeugung kommt: Der am Kreuz gestorbene Jesus von Nazareth wurde in eine bleibende, ewige geistige Präsenz gesetzt. Die Freunde, Freundinnen Jesu haben also diese Überzeugung – kraft des Geistes – förmlich „geschaffen“: Unser „Meister“ und „Lehrer“ und innig geliebte Freund lebt geistig über seinen Tod hinaus! Er ist nach seinem Tod unter uns, aber ganz anders als zuvor: Als bleibende geistige Präsenz.
7.
Diese Erweckung Jesu aus dem Tod geschieht kraft des Geistes, des universalen göttlichen, der in der Welt, in den Menschen, in der Gemeinde wirkt. Deswegen kann die Gemeinde der Hinterbliebenen auch die Überzeugung aussprechen: Diese Erweckung Jesu zu einer bleibenden, ewigen geistigen Präsenz gilt nicht nur für Jesus, sie gilt nicht nur der Gemeinde, sie gilt allen anderen Menschen, weil alle im Geist Gottes leben können.
8.
Die Gemeinde also setzt nicht nur den Glauben an den auferstandenen Jesus. Sie nimmt ihn auch als Auferstandenen wahr. Denn, noch einmal, Jesus hat teil am ewigen Geist Gottes, genauso wie die Gemeinde teil hat am ewigen Geist Gottes. Wegen dieser Korrespondenz kann es dann heißen: Jesus ist vom Tod auferstanden, so wie die anderen Menschen auch vom Tod auferstehen. Das Neue Testament nennt Jesus den „Ersten der Entschlafenen“, der durch seine Auferstehung allen zeigt: Es „gibt“ die Auferstehung – als Eintritt des menschlichen Geistes ins Ewige.
9.
Wer also die Auferstehung Jesu von Nazareth verstehen will, muss auf die Hinterbliebenen schauen, auf Jesu Angehörige, Freundinnen und Freunde. Sie haben sich nach seinem Tod wieder gefasst, aus der Verzweiflung befreit und aufgerafft, neuen Lebenssinn, auch ohne einen leibhaftig anwesenden Jesus, zu entdecken. Sie fragen inmitten der langen Trauer: „Inwiefern bedeutet Jesus von Nazareth über seinen Tod hinaus, uns und anderen Menschen etwas für unser eigenes Leben und Sterben“?
Die Antworten der Freunde Jesu, der Gemeinde, sind dokumentiert: Die erste uns vorliegende Antwort hat der Apostel Paulus in seinem „1. Brief an die Thessalonicher“ gegeben. Verfasst wurde dieser Brief im Jahr 51, also etwa 17 Jahre nach Jesu Tod am Kreuz. Im Kapitel 1, Vers 10, schreibt Paulus ganz lapidar und sehr knapp von „Jesus, den Gott von den Toten auferweckt hat und der uns dem kommenden Gericht entreißt“. Lassen wir hier eine ausführliche Erläuterung der alten Vorstellung von einem Gericht beiseite, die angedeutet wird in diesen Worten: Die Auferstehung Jesu befreie von der Angst vor dem definitiven Ende, vor dem Gericht Gottes über das Leben der Menschen… Wichtiger ist: Die Überzeugung von der Auferstehung Jesu von Nazareth war schon ca. 17 Jahre nach seinem Tod selbstverständlich für die Gemeinde, sie wurde vor allem mündlich verbreitet.
Darauf bezieht sich Paulus. Und gleichzeitig betont er schon: Das Auferstehen betrifft nicht nur Jesus allein, es betrifft alle Menschen. Im Kapitel 4, Vers 14 heißt es: „Wenn Jesus gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen“. Ein paar Jahre später werden Paulus und die 4 Evangelisten ausführlicher ihre Überzeugungen von der Auferstehung beschreiben.
10.
Die Erzählungen von der Auferstehung Jesu sind bekanntlich keine Reportagen, keine objektiven Berichte über einen historischen Vorgang, den Zeitzeugen beobachteten. Die Auferstehung Jesu ist eine Überzeugung, also als ein innerer, geistiger, seelischer Prozess, der sich langsam bildet. Für das Entstehen einer inneren Überzeugung gibt es kein fixes Datum. In den Texten spiegelt sich diese innere Überzeugung. Und die heißt: Unser lieber Freund Jesus von Nazareth ist unter uns nach seinem Tod am Kreuz geistig präsent. Und weil der Geist eine lebendige Wirklichkeit ist, kann man sagen: Jesus „lebt“.
11.
Die historisch – kritische, die wissenschaftliche Erforschung der Bibel bietet ein dem Menschen würdiges, also ein vernünftiges Verstehen auch der Texte, die von Jesu Tod und Auferstehung sprechen. Diese Forschung wird intensiv mindestens schon seit 100 Jahren an den Universitäten gelehrt. Aber viele Kirchenführer haben diesen Gebrauch der Vernunft im Umgang mit der Bibel verteufelt. So haben sich viele Leute geistig eingemauert in eine fundamentalistische Lektüre und sich allzu bescheiden auf ein bloßes Nachsprechen der Auferstehungstexte im NT begrenzt. Im Nacherzählen der Mythen von Jesu wunderbarer Auferstehung aus dem Grab, von den Engeln, den leibhaftigen Erscheinungen des Auferstandenen usw. ist ein gar nicht mehr zu bremsender, unkontrollierter Wunder – Glaube entstanden. Er hält schlechterdings alles für möglich: Etwa auch „das leere Grab“. Es wird dann als das größte aller Wunder gepriesen. Dabei ist das leere Grab völlig bedeutungslos für den Glauben an den Auferstanden und für den Glauben an die allgemeine Auferstehung: Der katholische Theologe Hans Kessler betont: „Wenn vom leeren Grab gesprochen wird, so ist dies nur eine Veranschaulichung der Auferstehung Jesu. Das leere Grab ist ein Bild, ein Symbol, das die Erzählung farbiger machen soll. Der Osterglaube wird nicht vom leeren Grab begründet. Der Gedanke des leeren Grabes ist kein notwendiger Bestandteil des christlichen Auferstehungsglaubens. Eine im Grab aufgestellte Video-Kamera hätte den Auferstehungsvorgang nicht aufgenommen. Wer als religiöser Mensch auf einem leeren Grab besteht, leugnet, dass Jesus von Nazareth auch ganz Mensch war, also körperlich sterben musste“.
Zur Erinnerung: In den Gebeten am Grab auf den Friedhöfen wird unter Christen immer schon betont: Auch wenn dieser Mensch nun als Leichnam im Sarg oder in der Urne ruht, so ist er dennoch auferstanden.
12..
Was bedeutet nun Auferstehung Jesu in einer vernünftigen, argumentierenden Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und auch Theologie: Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist in gewisser Hinsicht eine Tat, eine Handlung der Gemeinde, seiner Freunde. Sie rufen kraft ihres Geistes, der am göttlichen Geist Anteil hat, den verstorbenen Jesus für uns ins Leben. Unbeholfen und kulturell – zeitbedingt können die Freunde Jesu diese Erfahrungen nur als äußere wiederum „wunderbare“ Ereignisse aussprechen und in ihren Evangelien darstellen: Da läuft der Auferstandene in den Mythen der Evangelisten wieder in der Welt herum, er tritt plötzlich in die Wohnungen der Gemeinde ein, verschwindet aber wieder schnell, lässt aber sogar seine Wunden berühren. Dies alles sind poetische Bilder, aber eben nur Bilder, um die geistige Präsenz des Auferstandenen darzustellen.
13.
Diese starke, lebendig, präsent machende Energie der Freunde Jesu zu betonen, hat nichts mit einer Form von menschlicher Hybris zu tun. Denn das Setzen der Auferstehung durch die Gemeinde ist nur ermöglicht durch den göttlichen Geist, der in der Gemeinde lebt, aufgrund der göttlichen Schöpfung dieser Welt, wie ich oben sagte.
14..
Karfreitag, den Todestag Jesu von Nazareth, kann man nur von Jesu Lebensgeschichte her verstehen. Jesus ist keine mythische Gestalt ohne reales, weltliches, gesellschaftliches Leben. Er ist – trotz der eher geringen historischen, faktischen Überlieferungen – keine Konstruktion frommer Phantasien.
Karfreitag ist das brutale, von anderen, von den religiösen wie politischen Machthabern verfügte Ende dieses Propheten, der sich ganz der Menschlichkeit, der Menschenwürde, verpflichtet wusste. Der die Menschlichkeit als den besten Ausdruck des Vereintseins mit dem Unendlichen, mit Gott, ansah. Und der dies auch laut sagte gegenüber frommen Leuten, die auf die Einhaltung uralter religiöser Gesetze absolut allen Wert legten.
Diese wenigen Worte können nur summarisch die Lebensmitte Jesu, sein „Projekt“, andeuten. Dabei wird von mir nicht geleugnet, dass einzelne Sätze der Evangelisten, die sich als Zitate Jesu ausgeben, durchaus irritieren und weitere Fragen aufwerfen. Hier aber kommt es jetzt nur auf die große Linie an im Leben des Jesus von Nazareth. Als gläubiger Jude hatte Jesus radikal neue, man möchte sagen rebellische Auffassungen von dem, was er Gott und den richtigen Glauben als ethische Lebenspraxis nannte.
Seine Verurteilung und sein Tod am Kreuz sind kein blindes Schicksal, sondern Konsequenz seines in vielerlei Hinsicht rebellischen Lebens.
Jesus wird vom römischen Besatzungsregime verhaftet. Dann wird er von seinen Landsleuten, also etlichen führenden Theologen, verklagt. Und nach römischem Recht von Pontius Pilatus verurteilt. Jesus stirbt am Kreuz. Elend. Furchtbar. Auf den manchmal schon üblich gewordenen Hinweis auf viel schlimmere Erlebnisse beim Sterben und Hinrichtungen will ich mich hier nicht einlassen. Jesu Tod war in damaligen Zeiten sehr grausam. Was nützen Vergleiche?
15.
Wir wissen heute dank der historisch – kritischen Bibel-Wissenschaft: Jesus von Nazareth will mit seinem ungerechten Tod, mit seinem Leiden, seiner Qual, nicht irgendwelche Schuld der Menschen, gar der ganzen Menschheit seit der so genannten „Erbsünde“ bei Gott wieder gut machen. Er will überhaupt nicht, wie ein Bild sagt, mit seinem Blut die Schuld der Welt oder die Erbsünde auslöschen. Er will sich also nicht aufopfern für ein imaginäres, der Phantasie entsprungenes Projekt eines Gottes, den Jesus doch bekanntlich voller Vertrauen Vater, lieber Vater, nannte. Das Bild von Jesus als dem Lamm, das sich opfert, führt in die Irre, auch wenn es sich leider bis heute populär durchgesetzt hat. Es gibt irrige und dumme Lehren, die von den offiziellen Kirchen bis heute nicht korrigiert werden, wider besseren Wissens durch die absolute Mehrheit der Theologen. Und wie viele Karfreitagslieder besingen noch immer dieses „Lämmlein“, das sich opfert. Ist die Kirche im 21. Jahrhundert unfähig, so arm im Geiste oder nicht willens, wenigstens unsinnige, irrige Kirchenlieder beiseite zu legen? Sie verderben das religiöse Bewusstsein.
Diese verstörende „Sühne-Opfertheologie“ hat sich seit dem Mittelalter durchgesetzt. Gott ist grausam, so brutal, dass er seinen Sohn dahinschlachtet. Was für ein Wahn! Er hat mit Karfreitag nichts zu tun.
Die Wahrheit für den Menschen Jesus von Nazareth ist doch: Er weiß bei seinem Prozess, bei seiner Hinrichtung, er weiß am Kreuz hängend nur: „Mein Leben bricht ab, es wird beendet“. Und mit letzter Kraft schreit er in den für ihn leeren Himmel: “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Jesus spürte also, wie der Philosoph und Theologe Gonsalv Mainberger treffend sagte, dass nun alles „umsonst“ ist, vergeblich, vorbei. Nur ein letztes Vertrauen in einen Sinngrund bleibt ihm, er nennt ihn nach wie vor Gott, nennt ihn Vater.
Aber Jesus will seine Lehre, seine Menschenfreundlichkeit, nicht verraten, er will sich nicht aus der Affäre ziehen. Er weiß: Was ich tat und was ich lehrte, war und ist richtig, ist human, ist wahr auch im religiösen Sinne. Nicht auf religiösen Kultus kommt es ihm an, sondern auf ein Zeugnis der Menschlichkeit. Und genau daran erinnern sich später seine Hinterbliebenen, seine Freunde und Freundinnen, seine Jünger.
16.
Die offizielle dogmatische Kichen-Lehre hat sich förmlich versteift auf die Behauptungen einer „Auferstehung des Fleisches“. Mit dieser immer noch – auch in der Kunst – verbreiteten Vorstellung ist gemeint: Das „Fleisch“ ist ein Bild für die individuelle leibhaftige Person, sozusagen für ihre einmalige Identität. Und dieser präzisen Person wird eine Auferstehung verheißen. Mit allen Konsequenzen, die sich die Frömmigkeit dann ausmalte: Der Mensch muss leibhaftig vor Gottes Richterstuhl treten, muss erleben, wie der Gerichtsspruch lautet: Man denke an die schrecklichen Endgerichts – und Höllenbilder… Aber das sind Bilder, mehr nicht. Von dem Bild der leibhaftigen individuellen Auferstehung muss sich eine vernünftige Theologie verabschieden. Denn da weiß die alte Theologie einfach viel zu viel, dass es peinlich wird: Wie viele Milliarden Leibhaftiger werden sich dann im Himmel oder der Hölle tummeln? Den privaten Glauben vieler frommer Leute wird man als „Volksglauben“ respektieren, wenn Katholiken etwa auf Todesanzeigen schreiben: „Unser liebes Gemeindemitglied X.Y. ist gestorben. Wir freuen uns auf ein frohes Wiedersehen mit ihm im Himmel“. Das ist für mich Ausdruck einer hilflosen Spekulation, man könnte auch sagen eines diffusen Wunderglaubens.
17.
Es ist schon genug und anspruchsvoll genug, von der Auferstehung als einer bleibenden (!) geistigen Präsenz zu sprechen. Dabei kann sich – nach dem Tod – das individuell Geistige mit dem allgemeinen Geist, dem ewigen Geist, also Gott, vereinen. Aber auch das ist auch schon wieder eine sehr weit reichende Überlegung, weiter sollte man eigentlich bei einer intellektuellen Redlichkeit nicht gehen.
18.
Die frühen, die ersten Gemeinden, die Jesus förmlich als den Auferstandenen „setzten“, wussten: Seine Auferstehung ist nicht auf ihn allein begrenzt. Vielmehr macht Jesus bewusst, dass alle Menschen „Kinder“ des „göttlichen Vaters“ sind, also im Geist mit dem Göttlichen verbunden sind. Insofern ist etwa schon für den Apostel Paulus klar, dass die Auferstehung eine universale Bedeutung hat, allen Menschen gilt. An der Gestalt Jesu wird diese universale Auferstehung „nur“ für andere deutlich. In seinem Ersten Brief an die Korinther (Kapitel 15, Ver 12ff, bes. 16) schreibt Paulus: „Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, dann ist auch Christus nicht auferweckt worden. Und noch einmal: Wenn Tote nicht auferweckt werden, ist auch Christus nicht auferweckt worden“. Giuseppe Barbaglio, Theologe an der Universität Mailand, setzt diesen Gedanken fort: „Jesus Christus ist als der Auferstandene unser älterer Bruder. Was ihm widerfuhr, wird uns widerfahren. Seine Auferstehung ist das Anheben unseres neuen Lebens … und unserer Auferstehung“.
19.
Wie gesagt: Tatsächlich ist jeder Mensch mit dem Geist, verstanden als Geist Gottes ausgestattet und damit sozusagen von vornherein mit dem „Ewigen“ verbunden. Insofern können Menschen, deren überragende Menschlichkeit allgemein geschätzt wird, wie Gandhi oder Martin Luther King oder Bischof Oscar Romero oder Bischof Helder Camara, einen ausgezeichneten Platz haben, wenn es um die Erkenntnis der Auferstehung geht. Sie können durchaus auch erlösend wirken, wenn sich Menschen von ihnen inspirieren lassen zu einem humanen Leben. Jeder wird da weitere eigene Beispiele nennen können. Auferstehung und Auferstandene gibt es immer, weltweit. Aber es gibt auch Menschen, die ihre Seele, auch ihren göttlichen Geist in sich selbst offenbar abtöteten … und zu Lebzeiten wie in einer „Hölle“ lebten. Und anderen das Leben zur Hölle machten. Weiteres wird sich zur „Hölle“ religionsphilosophisch und kritisch-theologisch nicht sagen lassen.
20.
Diese Überlegungen sind alles andere als eine spielerische Spekulation, sie sind keine Form der „l art pour l art“. Sie haben auch politische Bedeutung. Um dies wahrzunehmen, sind auch (zeitgenössische) Dichter hilfreich. Ich denke etwa an Kurt Martis viel zitiertes Auferstehungsgedicht:
„Ihr fragt
wie ist die auferstehung der toten?
ich weiß es nicht….“ (dann folgt eine Reihe an Versen mit dem Kontinuum: ich weiß es nicht….und zum Schluss schreibt Marti)
„Ich weiß
nur
wonach ihr nicht fragt:
die auferstehung derer die leben
ich weiß
nur
wozu Er uns ruft:
zur auferstehung heute und jetzt“. (Kurt Marti, Leichenreden, 1976, S. 25)

In einem anderen Gedicht sagt Kurt Marti:
„Das könnte manchen herren so passen
wenn mit dem tode alles beglichen
die herrschaft der herren
die knechtschaft der knechte
bestätigt wäre für immer
das könnte manchen herren so passen
wenn sie in ewigkeit
herren blieben im teuren privatgrab
und ihre knechte
knechte in billigen reihengräbern
aber es kommt eine auferstehung
die anders ganz anders wird als wir dachten
es kommt ein auferstehung die ist
der aufstand gottes gegen die herren“
21.
Die Auferstehung fördert also eine Lebensphilosophie und damit eine bestimmte Lebenspraxis. Die Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel scheibt: „Wenn wir aufmerksam werden auf die verwandelnden Kräfte, die schon hier unser Leben verändern, die uns anders sehen, fühlen, hören, schmecken lassen, dann können wir auch erwarten: Solche Kräfte werden nicht mit unserem biologischen Leben zu Ende sind. Wir können dem Schöpfersein Gottes zutrauen, dass es Energien gibt, die über unseren eigenen Lebenshorizont hinausreichen“.
22.
Aufgrund der Schöpfung Gottes sind die Menschen von göttlichem Geist erfüllt, sie setzen als Gemeinde also die Auferstehung Jesu von Nazareth. Dadurch wird auch ein neues, anspruchsvolles „Bild“ vom Menschen geschaffen: Dass es Ewiges im Menschen gibt, Göttliches. Meister Eckart, der viel zitierte Philosoph des 14. Jahrhunderts, spricht bildhaft vom „göttlichen Funken in der Seele“ eines jeden Menschen. Wie viele Philosophen haben diesen Satz zurecht wiederholt, interpretiert.
Auf Hegels Philosophie haben ich anderer Stelle hingewiesen.
23.
„Der göttliche, der ewige Funken lebt im Menschen über den Tod hinaus“: Mehr brauchen wir zum Verständnis des Osterfestes eigentlich gar nicht zu wissen. Dies ist eine Erkenntnis, die tröstet, aber nicht vertröstet
24.
An zwei Beispielen heutiger Theologie zeige ich, wie sehr sich prominente Theologen heute immer noch scheuen, ein nachvollziehbares, vernünftiges Verstehen der Auferstehung Jesu von Nazareth öffentlich zu vertreten.
Joseph Ratzinger, also der spätere Benedikt XVI., widerspricht als einer von vielen „Offiziellen“ in seiner viel gelesenen „Einführung in das Christentum“ (1968) einem vernünftigen Verstehen der Auferstehung Jesu Christi: Die Jünger hätten nicht einen von ihnen selbst kommenden, eigenen Gedanken entwickelt, meint Ratzinger, dass Jesus lebe und seine Sache weitergehe. Es ist kein Gedanke, der „aus dem Herzen der Jünger aufstieg“ (S. 256). Nein, so weiß Ratzinger, der Auferstandene trat höchstpersönlich an die Jünger „von außen“ heran. Und er hat sie als von außen kommend „übermächtigt“ und er hat sie dadurch gewiss werden lassen: Der Herr (Jesus) ist wahrhaft auferstanden. Und das heißt für Ratzinger, wie üblich mysteriös – aber orthodox, wörtlich: „Der im Grabe lag, ist nicht mehr dort, sondern er – wirklich er selber – lebt…. Er steht den Jünger handgreiflich (sic!) gegenüber“, so Ratzinger S. 256 f. Auf diese Weise glaubt Ratzinger den Glauben an die Auferstehung zu erklären, im Grunde wiederholt er nur die Worte des Neuen Testaments. Wiederholungen des Textes sind bekanntlich keine Theologie. Aber so wurde und wird Theologie leider immer noch betrieben, von den entsprechenden ahnungslosen Predigten einmal angesehen.
Ratzinger sieht also nicht, dass Gott bereits in der Welt, auch in Jesus von Nazareth als das/der Ewige lebt. Dies allein ist die entscheidende „Ursache“ für die Möglichkeit einer Auferstehung überhaupt. Gott muss also gar nicht von außen noch mal extra in der leibhaftigen Gestalt des Auferstandenen an die Jünger herantreten, um sie von außen als der „handgreiflich Lebendige“ zu belehren. Jesus „hat“ das Ewige in sich, deswegen kann er „auferstehen“.
Es ist also die Scheu, die Angst, die Mutlosigkeit, die rechtgläubig erscheinende Theologen hindern, neue Gedanken und neue Vorschläge zu machen. In dieser sturen Haltung vertreiben sie nur nachdenkliche Menschen aus der Kirche. Die Krise der Kirchen heute ist nicht zuerst eine Krise der Institution. Die Krise der Kirche wird erzeugt durch den Unwillen, alte dogmatische Lehren beiseite zu lassen, und das Wesen der christlichen Religion in neuer Sprache auszusagen.
25.
Wie wenig kreativ und wie mutlos auch heute Theologieprofessoren mit führender Rolle in der „EKD Kammer für Theologie“ sein können, zeigt ein Beitrag von Prof. Christoph Markschies, Berlin, in der populären Berliner evangelischen Kirchenzeitung „Die Kirche“ vom 21. 4. 2019: Prof. Markschies beteuert bzw. behauptet erneut: „Das Grab Jesu war leer“. Also sollen wir dem leeren Grab glauben? Und dann heißt es weiter: „Der Herr ist wahrhaft auferstanden und einer größeren Zahl von Menschen nach der Auferstehung erschienen“. Das nennt Markschies dann eine historische Betrachtung des Ostereignisses. Und schummelt sozusagen einen Gedanken rein, als sei Jesus als der Auferstandene tatsächlich einer „größeren Zahl von Menschen“ erschienen, also auch irgendwelchen Zeitgenossen der Kreuzigung, etwa Römern, Heiden, Juden, wie auch immer. Dabei ist der Auferstandene doch, wenn man schon in diesen Kategorien denkt, den Evangelien folgend ausschließlich den Jüngern erschienen! So werden die braven Leser belogen und ihnen wird die alte Lehre bloß erneut vorgekaut. Damit wird ein vernünftiger Glaube nicht gefördert. Wer dem nicht folgt, gilt als „kirchenfern“ oder sogar als „Atheist“ oder als „Häretiker“.
Aber wer Häretiker und Abweichler ist, das bestimmen bekanntlich immer die Machthaber. Und die haben eher selten recht. Ihre Wahrheit beruft sich nur auf Macht, nicht auf Argumente, nicht auf den Mut, heute Neues, Nachvollziehbares, zu einem alten, aber tatsächlich „letztlich“ bewegenden Thema zu sagen.
26.
Es müsste weiter gezeigt werden, wie diese vernünftige Auferstehungstheologie auch spirituell vertieft werden kann. Von den dogmatisch geprägten Gemeinden ist da kaum Hilfe zu erwarten, diese werden ihre Osterlieder, die wenn nicht aus dem 17. Jahrhundert, so doch mehrheitlich aus dem begrenzten theologischen Denken des 19. Jahrhunderts stammen, weiterhin singen: „Das Grab ist leer, der Held erwacht“ oder „Freu dich du Himmelskönig, freu dich Maria“ und so weiter. Das kann man ja machen, wenn man die Lieder wie Chorsätze aus mythischen Opern vergangener Zeiten deutet. Aber es ist etwas anderes, sich über die Gesänge der „Zauberflöte“ zu erfreuen als sich in mythische Osterlieder zu vertiefen. „Verzauberte Stimmungen“ oder Emotionen können kurzfristig (ver)trösten, auf Dauer gibt uns vor allem die Vernunft sicheren Boden, also eine tragende Sinnerfahrung. Die Erkenntnis der Auferstehung Jesu und aller Menschen Auferstehung kann ein solcher sicherer Boden sein, der sich der Vernunft erschließt und …“im Letzten“ auch tröstet.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Es gelten, wie immer auf dieser Website, die Regeln des copyright.

LITERATURHINWEISE:

Stefan Alkier, Die Realität der Auferstehung. Tübingen 2009.

Concilium, Internationale Zeitschrift für Theologie, Themenheft Auferstehung, Dezember 2006.

Hans Kessler, Sucht den Lebenden nicht bei den Toten. Die Auferstehung Jesu Christi, 2011, Topos Taschenbücher. 2011, 526 Seiten.

Hildegund Keul, Auferstehung als Lebenskunst. Was das Christentum auszeichnet. Herder Verlag 2014.

Elisabeth Moltmann-Wendel, Mit allen Sinnen glauben. Stimmen der Zeit, 2005.

Karl Rahner Lesebuch. Herder 2014. 475 Seiten.

Dorothee Sölle, Es muss doch mehr als alles geben.1992, DTV.

Christoph Türcke, Kassensturz. Zur Lage der Theologie, darin der Beitrag Tod, Fischer Taschenbuch 1992.

Agnes Heller reflektiert über das Ende der Geschichte

Ein Hinweis auf den letzten Essay der Philosophin
Von Christian Modehn

1.
Diesen Essay konnte die aus Ungarn stammende, international geschätzte Philosophin nicht mehr vollenden. Sie verstarb 90jährig, im Jahr 2019, beim Schwimmen im Balaton. Viele Familienmitglieder hatten den Holocaust nicht überlebt. Die junge Philosophin Heller wandte sich dem Marxismus zu, wurde dann Regimekritikerin und im Westen Verteidigerin der Demokratie: Sie ist, trotz Orban, nach Budapest zurückgekehrt. Mit diesem Essay beweist Heller noch einmal ihre profunden philosophischen und vor allem auch literarischen Kenntnisse. Selbst wenn die Argumentation in diesem unvollendeten Werk manchmal sprunghaft wirkt, ins Weiterdenken führt das Buch allemal. Der Titel von Agnes Hellers Überlegungen verweist auf eine zentrale These der Hegel Interpretation: Mit seinem Denken seien die Philosophie und die Geschichte selbst sogar an ihr Ende gekommen. So meinten Hegels Schüler nach dem Tod ihres „Meisters“: Wenn „alles“ Wesentliche als erkannt gelten soll, komme auch die Entwicklung der Geschichte zu einem Stillstand. Das hat Hegel nie behauptet, er sprach immer von der weiteren mühsamen „Durchbildung“ bzw. der „Gestaltung“ der Welt/Gesellschaft/Staat mit den Erkenntnissen der Vernunft. Und für dieses unendliche Projekt bleiben Philosophen wichtig!
2.
Agnes Heller verbindet ihre, wie gesagt, oft sprunghaften Reflexionen zur Philosophie mit den Leistungen der Tragödie und des Dramas. Dadurch wird sichtbar, wie in der Literatur (etwa bei Ibsen, Tschechow, Beckett) Philosophie lebt. Andererseits meint Agnes Heller: Die Tragödie und die Philosophie seien zwar in Europa entstanden, jetzt aber seien sie in Europa an ihr Ende gekommen. Hellers Resumée heißt: Das „Ende der Geschichte“ ist das Ende der „historischen Mission Europas“. „Es ist vorbei (mit der Vorherrschaft) Europas (S. 175). Die Moderne Europas habe sich nun auf die ganze Welt ausgebreitet, so habe „Europa seinen alten zentralen Platz als soziale/politische Macht verloren“ (170). Dass dadurch die Frage der pluralen, „interkulturellen“ Philosophien wichtig wird, konnte Agnes Heller leider nicht mehr zeigen.
3.
Manche ihrer Thesen wirken philosophisch betrachtet verstörend, etwa wenn sie schreibt: „Die Moderne gründet sich auf Freiheit, aber die Freiheit ist ein Fundament ohne Basis, eine Grundlage ohne festen Grund“ (S. 172). Man hätte Agnes Heller gern daran erinnert, , dass Freiheit durchaus eine Basis hat, diese Basis ist die Vernunft. Im Sinne Kants ist Vernunft (als Gestaltungsprinzip von Freiheit) ein für den Menschen „unbestreitbares“, „unleugbares“ und auch unabwerfbares „Faktum“, also eine unbezweifelbare (natürlich nicht empirisch- beweisbare) Gegebenheit, sie zeigt sich in der Selbstanalyse der „praktischen Vernunft“. Von Kant ist leider in Hellers Buch „Vom Ende der Geschichte“ keine Rede!

Agnes Heller
Vom Ende der Geschichte
Edition Konturen, Wien – Hamburg, 2020.
176 Seiten. 19,80 €

Christian Modehn

Die Ambivalenz der Ausnahmen

Hinweise zu einem dringenden philosophischen Thema
Von Christian Modehn

1.
Die Ausnahmen kritisch., d.h. philosophisch zu denken, sollte keine Ausnahme bleiben. Bis jetzt haben Philosophen diesen Begriff und die gemeinte Realität wenig beachtet. In der dreibändigen umfangreichen „Enzyklopädie Philosophie“ (Felix Meiner Verlag) z.B. gibt es keinen eigenständigen Artikel „Ausnahmen“. Dabei bestimmen Ausnahmen das menschliche Leben, also in Ethik und Moral, im Recht, in den Religionen, der Wissenschaftsphilosophie usw.
Zu diesem umfangreichen und, wie man heute ständig sagt, „komplexen“ Thema also ausnahmsweise nur einige eher knappe Hinweise.
2.Ausnahmen in der Alltagssprache
Der Ausgangspunkt: Menschliches Leben ist von Regelmäßigkeiten, Bestimmungen, gleichbleibenden Riten, Gesetzen bestimmt. Und das ist auch gut so, wenn denn die Regelmäßigkeiten, Bestimmungen, Gesetze usw. Ausdruck von Gerechtigkeit, d.h. im Sinne der universal geltenden Menschenrechte inhaltlich bestimmt sind und ein gutes Leben ermöglichen. Aber weil diese Gesetze usw. nie total alle nur denkbaren und möglichen Situationen umfassen können, gibt es de facto dann doch immer Ausnahmen. Die Alltagssprache wäre zu analysieren: „Mit dir mache ich mal eine Ausnahme“, „in der Situation gilt das Gesetz ausnahmsweise nicht“, „ein Ausnahme – Zustand ist ausgerufen worden“, „Zugang verboten, ausnahmsweise nur für Bewohner erlaubt“.
3. Ausnahmen werden im Alltag „gewährt“
Im üblichen bürgerlichen Alltag werden manchmal dem Einzelnen Ausnahmen gewährt, als Steigerung des eigenen Wohlbefindens. Diese gewährte Ausnahme ist rechtlich in einer Art „Grauzone“ angesiedelt. Freundschaft, Kungelei oder auch Barmherzigkeit können da als Motive gelten für den, der Ausnahmen gewährt.
Die „Ausnahme Gewährenden“ können auch „die über mich bestimmenden anderen“ sein, also etwa Beamte, Politiker, Polizisten, Lehrer, Priester, Ärzte, Eltern, Chefs usw.. Sie sind es, die dem einzelnen eine Ausnahme gewähren, also eine gewisse Lebenszeit außerhalb der üblichen Regeln und Bestimmungen, Riten, Gebote, Gesetzen. „Ausnahmsweise brauchst du am Montag nicht zu arbeiten“, „Ausnahmsweise kann der Bischof dir als Katholiken deine Ehe auflösen, so dass du erneut heiraten kannst“ usw.
4. Ich selbst gewähre mir Ausnahmen
Es sind nicht nur andere, die mir Ausnahmen gestatten, dieser Aspekt ist genauso wichtig: Ich gestatte mir selbst Ausnahmen. Etwa: Ich habe mir selbst als Verpflichtung vorgenommen, jeden Tag eine Stunde Gymnastik zu machen. Aber dann kommt der Moment: „Heute mache ich mal eine Ausnahme, weil ich leichte Kopfschmerzen habe oder einfach faul bin.“
Die mir selbst gewährte Ausnahme ist ethisch plausibel und menschlich üblich und normal, vertretbar, aber wohl nur, wenn die Ausnahme einmalig ist, zumindest, wenn sie nicht üblich wird oder zum Dauerzustand. Wird hingegen zum Dauerzustand, keine Gymnastik zu machen, dann st die gelegentliche Übung die Ausnahme. So können sich also die die Werte verdrehen. Die Welt der Faulheit gibt dann also die Normen vor, abweichendes Verhalten wird dann eher pejorativ als „bloße Ausnahme“ tituliert.
5. Ausnahmen für Privilegierte und Reiche
Wer kennt das nicht: Bestimmte Menschen werden in bestimmten Situationen gegenüber der großen Mehrheit bevorzugt behandelt. Privatpatienten müssen nicht so lange warten wie Kassenpatienten. Wer dicke Trinkgelder dem Personal beim Eintritt zusteckt, bekommt schnell einen Tisch im überfüllten Restaurant. Für einen als Bischof gekleideten Mann oder einen „Spitzenpolitiker“ ist immer noch irgendwo in einem Flugzeug ein Platz frei. Hier gilt der Spruch: “Wer hat, dem wird gegeben, d.h. eine Ausnahme gewährt“.
6. Die politische Ausnahmesituation
Es kann Situationen geben, in denen nicht die Üblichkeiten, Regeln, Gesetze vorherrschen, sondern die Ausnahmen. Wer etwa die früheren oder auch aktuellen politischen Verhältnisse in manchen Staaten Zentralamerikas anschaut, könnte zu dieser Überzeugung kommen: An die geltenden Gesetze und die einmal als Ausdruck von Gerechtigkeit formulierte Verfassung halten sich ganz wenige Politiker, Richter, Staatsanwälte, Journalisten usw. Die Ausnahme ist also normal geworden. Und wer gegen diese von Unmenschlichkeit bestimmten Verhältnisse einklagt, gilt als Ausnahme-Erscheinung und wird verfolgt, ausgegrenzt, getötet. Normal also werden Folter, Unterdrückung, Gewalt. Man studiere die Verhältnisse unter Diktatoren, im Nationalsozialismus oder im Stalinismus. Wenn nicht sehr früh dieser verkehrten Welt und ihrer perversen Logik politisch Widerstand geleistet, gibt es die allgemeine Gewöhnung an die „Ausnahme“ Situation der Unmenschlichkeit.
Aktuell versuchen populäre Politiker, das wahre Verständnis von Gerechtigkeit und Wahrheit zu vernichten, und Fakes, Lügen, Unterstellungen, Märchen-Erzählungen als allgemeine und richtige Welt-Interpretation durchzusetzen.
Mister Trump ist das in den vier Jahren seiner nur auf Lügen gebauten Herrschaft weitgehend gelungen: Er hat zur großen Verwirrung, zur Etablierung einer zweiten, parallelen Welt der Fakes und Monstergeschichten wirksam beigetragen. Die Voraussetzung für diese Etablierung einer verrückten „zweiten“ Welt war freilich, weil viele Leute schon disponiert waren, diesen Wahn zu übernehmen. Ausnahmeregelungen werden dort von den Herrschern der (armen) Mehrheit der Bevölkerung aufgezwungen, immer zugunsten der Herrschenden, der Militärs, der neoliberalen Ökonomen etc.
Normativ betrachtet haben dort die dauerhaften Ausnahmeregelungen und Notstandsgesetze den Charakter des Willkürlichen, des Unmoralischen, immer auch des Gewaltsamen.
7. Ausnahmen in der Demokratie
Korrupte Staaten und korrupte Organisationen kommen also ohne Ausnahme-Regelungen, die die Herrschenden eigenmächtig erlassen, nicht aus. Demokratisch regierte Staaten können manchmal auch nicht auf Ausnahme – Regelungen verzichten. Aber Demokratien verhandeln darüber nach demokratischen, parlamentarischen Gesetzen und begrenzen die zeitliche Geltung der Ausnahmebestimmungen. Staatlich verfügte, demokratisch beschlossene Ausnahmebestimmungen bedeuten meist eine Einschränkung der individuellen Freiheit des einzelnen. Sie sind nur durchzusetzen, weil die Ausnahmebestimmungen ein höheres Gut schützen als etwa die Reisefreiheit des einzelnen, Ausnahmeregelungen schützen das höhere Gut der Gesundheit der Menschen eines ganzen Landes. Für den einzelnen bleiben die Ausnahme – Bestimmungen zweifellos oft eine gewisse Einschränkung der individuellen (individualistischen) Freiheit, sie haben also für den einzelnen einen gewissen „negativen Beigeschmack“. Und der einzelne muss nicht nur plausible Begründungen, sondern auch den demokratisch fundierten Charakter dieser Ausnahmen einfordern.
8. Ausnahmen dürfen kein Dauerzustand werden
Gewährte Ausnahmen werden einmalig gegeben und sind zeitlich begrenzt: Wer ausnahmsweise einmal am Montag von der Arbeit befreit ist, darf daraus nicht schließen, immer montags zu Hause zu bleiben. Die rechtliche und demokratische Ordnung wird erschüttert, wenn ständig vielen einzelnen Ausnahmen gewährt werden und diese dann meinen, die Ausnahme können sich doch zum Dauerzustand entwickeln, für den Gewährenden wie für den die Ausnahme Empfangenden.
9. Das absolute Verbot von Ausnahmen: „Du sollst nicht töten“. „Du sollst nicht lügen“
In der Ethik sind Prinzipien und universale Imperative formuliert, die sich auch gegen Ausnahmen in bestimmten „Fällen“ aussprechen. An die klassischen Zehn Geboten wäre zu erinnern, etwa an das 5. Gebot: „Du sollst nicht töten“ oder an das 8. Gebot „Du sollst nicht lügen“. Diese Gebote werden unterstützt von der universal geltenden „Goldenen Regel“, die nicht nur im Bereich der biblischen Offenbarungen ausgesprochen wurde.
10. Du sollst nicht töten … und der Tyrannenmord?
Die Kirche hat im Mittelalter das 5. Gebot mit einer Ausnahme ausgestattet: Etwa Thomas von Aquin, der den Tyrannenmord ethisch für vertretbar hielt. Tatsache ist, seit dem Mittelalter wurden von katholischen Theologen und katholischen Ethikern ermuntert, relativ wenige Tyrannen ermordet, es gab also eine Scheu der Untertanen, dies den Tyrannen anzutun. Bekanntlich wurde der Mönch Savonarola als religiöser Tyrann eingestuft und hingerichtet, nicht aber der ihn bekämpfende extrem unmoralische Papst Alexander VI. in Rom.
Als dann während der Französischen Revolution König Ludwig XVI. hingerichtet wurde, gab es einen totalen Aufschrei unter den frommen, selbstverständlich königstreuen Katholiken. Es war wohl mehr die maßlose Wut der Revolutionäre, gegen das Königtum im „Ancien Régime“ als der Hass auf die Person Ludwig XVI., die zur Hinrichtung des Königs führte.
Hinrichtungen im Rahmen der Todesstrafe sind bis heute nicht nur in den sehr frommen muslimischen Staaten üblich, sondern auch in einigen Staaten der „christlichen“ USA erlaubt und üblich.
Heute ist die Lehre vom Tyrannenmord ethisch – theologisch zurecht umstritten, wenn nicht obsolet, weil die Frage nicht zu beantworten ist: Wer unter all den Politikern ist denn nun der größere Tyrann? Und was ist, wenn man den größten Tyrannen tötet, dann kommt der nächste. Weil die Deutschen (vor allem die konservativen Militärs) viel zu spät auf die Idee kamen, den Tyrannen Hitler zu töten, waren Attentate gegen ihn am 20.Juli 1944, förmlich in letzter Minute, nicht ohnehin zum Scheitern verurteilt? Der Tyrannenmord ist also auch eine Frage des richtigen (frühen) Augenblicks. Hätte die Republikanische Partei Mister Trump schon vor dreieinhalb Jahren aus dem Amt gefegt, wäre der Welt viel Übles erspart geblieben. Jetzt (Mitte Januar 2021) kommen alle Aktionen gegen den eigentlich nur als absolut unmoralisch und undemokratisch zu bezeichnenden Präsidenten (warum wagt es eigentlich niemand, ihn einen Verbrecher zu nennen?) sehr spät, wahrscheinlich zu spät.
Du sollst nicht töten: Dieses Gebot wie auch der Appell zur Feindesliebe durch Jesus von Nazareth wurden im Laufe der Kirchengeschichte, und diese war ja eine Geschichte von Menschen, nie realisiert, es wurde umgedeutet, hin und her gewendet: Und dies lag daran, dass die Theologie damals besonders im Dienst der Herrschenden stand, die natürlich ein enormes Interesse daran hatten, als Tyrannen nicht „vom Thron gestürzt zu werden“. Diesen Vers aus dem bekannten Gebet „Magnificat“, gesprochen von Maria, haben die Nonnen und Mönche zu Tausenden täglich 1.500 Jahre gesungen und geschmettert. Aber es waren wohl leere Worte, Lippenbekenntnisse, daher gesagte Floskeln, der Bibel entnommen, wie viele Tyrannen haben denn die Mönche und ihre Bischöfe und Päpste vom Thron gestürzt? Und wenn, dann nur zum eigenen klerikalen Vorteil, nicht aus Gründen der Gerechtigkeitauch für die Armen.
11. „Du darfst niemals lügen“ betont KANT
Selbst in dem sehr umfangreichen „klassischen“ KANT – Lexikon von Rudolf Eisler kommt das Stichwort „Ausnahme“ nicht vor. Dabei wäre es naheliegend, gerade im Zusammenhang des absoluten Gebotes, nicht zu lügen, doch einmal nach möglichen Ausnahmen zu forschen. Kant lehnt entschieden die Lüge als eine ethisch wertvolle Haltung ab. Und das mit guten Gründen: Die Lüge, einmal vollzogen, verdirbt nicht nur das menschliche Miteinander, sie schafft förmlich eine neue Schein-Welt. Die Lüge stört und zerstört auch die „Menschheit in mir selbst“, wie Kant sagt, also das, was man klassisch, aber nach wie vor gültig, die Seele nannte. Wer Lüge zur Gewohnheit macht, zerstört sich selbst, er weiß dann nicht mehr, wer er ist.
Immer wieder und ständig wird in Debatten über „Lüge und Kant“ dieses Beispiel genannt: Soll ich lügen, wenn die Nazis an meiner Tür klingeln und mich nach einem bei mir versteckten Juden fragen. Tatsächlich habe „ich“ ihn ja versteckt. Lüge ich, rette ich wohl das Leben des Versteckten. Er und ich als Verstecker bin erst mal „gerettet“. Aber der Versteckte weiß: Mein Helfer kann lügen, er hat es ja getan. Fördert diese Einsicht das Vertrauen? Sicher nicht. Aber immerhin, zunächst einmal ist der Versteckte gerettet, eine einmalige Ausnahme hätte wohl auch Kant verziehen.
Aber dieses ständig zitierte Beispiel („Die Nazis suchen bei mir den versteckten Juden“) ist nicht nur extrem selten, weil bekanntlich viele Tausend Deutsche ihre deutschen Mitbewohner, Juden, eben nicht versteckt hatten. Lassen wir uns also bessere, uns selbst betreffende Beispiele einfallen. Wie die Lüge Beziehungen und damit Leben kaputt macht, können wir in der großen Literatur lesen, ich erinnere an Flaubert oder Fontane. Die Lügen haben bekanntlich auch die römische Kirche kaputt gemacht, wenn so viele tausend Priester gelogen haben: „Wir begehen keine Verbrechen mit Kleinen Kindern“. Viele tausend Namen müssen jetzt nicht genannt werden, nur ein beinahe schon klassisches Beispiel: Der mexikanische Ordensgründer und Multi-Millionär, Pater Marcial Maciel, Gründer des Ordens der „Legionäre Christi“. Er ist der große prominente Lügner und Freund des heiligen Papstes Johannes Paul II. Er hat die Kirche verdorben. Alles war Lüge an ihm, „Christus ist mein Leben“ nannte er unverschämt sein international verbreitetes Buch.
Also merke: Wenn Kant die Lüge das schlimmste im menschlichen Leben bezeichnet, dann hat er viele gute Gründe.
12. „Lügen müssen sein, sie dienen der Selbsterhaltung“ behauptet Nietzsche
Für die Lüge als Lebensform zu plädieren, war Nietzsche schon sehr früh wichtig, man denke an seine schon 1873 verfasste Schrift „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ , aber erst veröffentlicht von Nietzsches Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche 1896.
Verstellung und Täuschung und Lügen bewertet Nietzsche als existentielle Notwendigkeiten. Wahrheiten sind für Nietzsche nichts anderes als Konventionen und Illusionen. „Wir haben Lüge nötig…Die Lüge ist die Macht“ (vgl. Nietzsche Handbuch, Verlag Metzler,2000, Seite 278).
Wenn das tatsächlich der Fall ist, dann sind wohl auch diese Sätze Nietzsches als Lügen zu bewerten. Aber diese Erkenntnis der Selbstwidersprüchlichkeit“ wehrt Nietzsche ab: Ihm kommt es unbedingt als Dogma auf die auch leiblich wahrnehmbare „Steigerung“ des Lebens an, und da ist die Lüge und Selbsttäuschung nicht nur hilfreich, sondern notwendig.
Tatsache ist: In seinem Plädoyer für die Lüge als Üblichkeit und Ausdruck des Lebenswillens betreibt Nietzsche die „Zersetzung moralischer Rangordnungen“ (so Vittorio Hösle, „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“, Beck Verlag, München 2013, s. 195). Aber auch diese „Zersetzung“ wird von Nietzsche noch einmal als Wahrheit propagiert, so dass die Bindung an Wahrheit, die der menschliche Geist einfach nicht „los“ wird, Thema bleibt… nd Kants Ethik („Kategorischer Imperativ“) wieder eine neue Bedeutung erhält.
13. Lüge und Wahrheit und „postmodernes Denken“
Es wäre weiter zu untersuchen, wie die Beliebigkeit gegenüber Lüge und Wahrheit durch die so genannte postmoderne Philosophie verstärkt wurde.
Diese philosophische Denkweise, besonders in Frankreich seit 1970 verbreitet, ist zwar als philosophische Schule seit Beginn des 21. Jahrhunderts nicht mehr präsent und als solche kaum noch aktuell greifbar. Aber Postmoderne wird in einem gewissen populären Sinne immer noch mit der „wunderbaren Beliebigkeit“ gleichgesetzt, also mit einem Pluralismus der Wahrheiten, die ihrerseits keine gemeinsame Basis haben und so ein Universum paralleler, unvermittelter Wahrheiten erzeugen: „Suche sich jeder seine Wahrheit, die ihm gerade passt“.
14. Die von esoterischen Wahrheiten besessenen Frommen
Die Postmoderne hat den Eifer der Traditionalisten hervorgerufen, die nun angeblich göttliche Wahrheiten aus angeblich heiligen Büchern auch mit Gewalt durchsetzen wollen. Die totale Subjektivität der egozentrischen Beliebigkeit wird auch sichtbar in der Begeisterung für die eigenen Waffen, die fast jeder US-Bürger, und ein frommer zumal, in mehreren Varianten in seinem Haus hat, wenn er sie nicht ständig mit sich rumschleppt. Diese Verhältnisse bündeln sich in der unmoralischen Gestalt von Mister Trump: Dieser gefährliche, allein am Geld und an seinem Ego interessierte Typ ist aber nur möglich geworden auf einem geistigen „Boden“, in dem die Sehnsucht nach ganz anderen Wahrheiten, Fakes, und seien sie spinös, auch religiös geweckt wurde. Man könnte Trump also einen Halunken der Postmoderne und ihrer Beliebigkeit und ihrer Fakes nennen, und dies in einem Staat, dessen Einwohner alles andere als rundum gebildete demokratische Bürger sind. Mag ja die uralte Verfassung der USA als demokratisch gelten, die Mehrheit der US-Bürger ist jedenfalls nicht demokratisch gesinnt, man denke auch an das riesige Desinteresse, an Wahlen teilzunehmen. Und an dieser Verblendung sind die Religionen und vor allem die christlichen Kirchen mitschuldig. Sie haben ihre religiösen Lehren wie esoterische Geheimnisse mit viel charismatischem Tralala gelehrt und verbreitet, aber nicht als vernünftigen Ausdruck von Lebenserfahrungen. Aber dies ist ein anderes Thema.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin. www.religionsphilosophischer-salon.de

Der religiöse Beethoven – ein Meister für heute und morgen.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.12.2020

Die Geburtstagsfeiern zu Ehren Ludwig van Beethovens werden ins kommende Jahr 2021 verlängert. Das steht fest angesichts der Corona – Beschränkungen in diesem Jahr. Also können sich auch alle philosophisch und theologisch Interessierten weiterhin auf den „religiösen Menschen“ Beethoven beziehen. Im „Blick zurück“ ist eine heutige Perspektive leitend: Beim geistigen Zusammenbruch der alten christlichen Konfessionen in Europa (der sich als Zusammenbruch aber noch lange hinziehen kann) gilt es, sich religiöser Gestalten zu erinnern, die sich als „freie Geister“ in religiösen Fragen zeigten. Da muss Ludwig van Beethoven genannt werden! Als selbstbewusster Überwinder konfessioneller Üblichkeiten, zugunsten einer Spiritualität, die Musik als Weg zur Transzendenz entdeckt. Genau deswegen ist die philosophische und theologische Auseinandersetzung mit Beethoven und seinem Werk ( 772 Werke sind es!) so wichtig. Er gehört als „freier Geist“ in unsere Zeit.

Dieser Hinweis kann nur ein bescheidener Impuls sein für jene, die in der Musik und durch die Musik die Tiefe ihres Daseins erleben und, gelegentlich wohl, im Hören (oder im schöpferischen „Nach“-Schaffen der Musik), das Göttliche als das gleichermaßen Tragende und Bergende sowie als das Herausfordernde und Unheimliche erleben.

1.
Auf ausführliche biographische Hinweise will ich hier verzichten.Nur so viel: Schon mit 13 Jahren spielt Beethoven die Orgel in der Bonner Hofkirche. Dort hört er („berufsbedingt“, möchte man sagen) viele Predigten, auch von Universitätsprofessoren, er lernt also die populären Darstellungen katholischer Dogmatik und Moral kennen. Angesichts der vielen Messen an vielen Orten in Bonn und sogar in Siegburg ist er als Organist ausgelastet und muß sich wohl gegen die religiöse Routine wehren, die alle überkommt, die berufsmäßig mehrfach am Sonntag Orgel spielen müssen oder, im Falle der Priester, beten und lesen und predigen müssen, eben in der Routine der immer selben liturgischen Formen der Messe. Das führt bekanntlich zu spirituellen „Abnutzungserscheinungen“. Hat die Routine der vielen Messen, an denen der junge Beethoven teilnehmen musste, hoch oben, an der Orgel, seinen Abstand vom offiziellen Katholizismus befördertet? Das ist wohl so.

2.
Mit 22 Jahren zieht Beethoven als freier Musiker und Komponist nach Wien. Dort geht er auch religiös seinen eigenen Weg! Er entwickelt sich allmählich zu einem „multireligiös denkenden und empfinden“ Musiker, lässt sich also nicht auf eine einzige Glaubenshaltung und auf die angestammte (katholische) Konfession festlegen. Es gibt eine Notiz in einem seiner „Konversationshefte“, die er wegen seiner Ertaubung nutzen musste: „Sokrates und Jesus waren mir Muster“. Und er bezieht sich dabei auf seine große Messe, an der er viele Jahre arbeitete…
Auch Sokrates war für ihn ein Vorbild in spirituellen Fragen. Genauso wie Kant. Und Jesus schätzte Beethoven mehr als die ferne und nur erhabene Christus-Gestalt.Jesus war für ihn ein Mensch, leiblich, greifbar, voller Emotionen. In seinem Oratorium „Christus am Ölberge“ will Beethoven Jesus als Menschen näherbringen …und wahrscheinlich das eigene Leiden an der Taubheit mit dem Leiden Jesu von Nazareth vor seinem Tod zu verbinden.

3.
Explizit religiöse Kompositionen hat Beethoven in nur geringer Zahl geschaffen. Er hat etwa neben dem Oratorium „Der Sieg des Kreuzes“ eine „kleine Messe“ in C Dur als Auftragsarbeit 1807 geschrieben: Dies ist keine Messe, die der volkstümlichen Frömmigkeit in „bewährter Manier“ dienen soll, also in einer Gestalt, wie sie noch Haydn pflegte. Vielmehr zeigt Beethoven in der Komposition dieser Messe seinen eigenen individuellen Glauben, er lässt hören, was ihm persönlich wichtig ist. Glaube kann also sehr treffend nur als Wechselspiel zwischen dem einzelnen und den objektiv vorgegebenen Texten bzw. Organisationsformen verstanden werden. Bei Beethoven kommt meines Erachtens sein einzelnes Fühlen und Denken in gebührender und starker Weise zum Ausdruck. So soll es ja sein, weil Glauben nur als „mein Glauben“ überhaupt möglich ist, diesen Imperativ hat die offizielle Kirche in ihrer Bevorzugung des Objektiven, „Amtlichen“, „Dogmatischen“ allzu oft vergessen. Jan Assmann, der bekannte Ägyptologe, den als Protestanten die Theologie „am meisten interessiert“, hat eine große Studie über Beethovens Missa solemnis geschrieben „Kult und Kunst“ (C.H. Beck Verlag). In einem Interview mit der Zeitung Christ und Welt, Heft 53/2020, Seite 3 sagt Assmann kurz und bündig, aber sicher treffend, bezogen auf das Benedictus der missa solemnis:„Beethoven schwelgt in der Präsenz Gottes. Das zeigt mir, dass er den Gottesdienst nur noch musikalisch feiern will. Er braucht keine Priester mehr“.

4.
Ein Wort zur Vielfalt der Bedeutungen, die für Beethoven das Wort Gott hat: Beethoven spricht auch von Gottheit, von dem Vater oder dem Allerhöchsten, dem Himmel oder dem Schöpfer. Diese transzendente, aber gleichermaßen in der Seele lebendige Wirklichkeit kann für Beethoven nicht nur in der Musik, sondern auch in der Natur vor allem erfahren werden.
Auf seine Krankheiten hat Beethoven musikalisch geantwortet. Man denke an das Opus 132, das späte Streichquartett aus dem Jahr 1825, der 3. Satz hat den Titel „Heiliger Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit, in der lydischen Tonart“, also in der Oktavgattung des altgriechischen Systems. Theologisch gesehen beachte man: Beethoven nennt diesen Satz eine Dankgesang an die „Gottheit“. Im Jahr 1825 war der Komponist von einer schweren Krankheit heimgesucht worden.
Seine Verzweiflung inmitten des Lebens hat er auf Gott bezogen: „Ich habe schon oft den Schöpfer und mein Dasein verflucht“ (Brief vom 29. Juni 1801). Er war auch empört über die groben Missverständnisse seiner Verwandten: Davon schreibt er in dem „Heiligenstädter Testament“, das er allerdings niemals als Brief absandte. Angesichts der Feindseligkeit und der Verletzungen gesteht er: „Es fehlte wenig und ich endigte selbst mein Leben.. Nur die Kunst, sie hielt mich zurück“.

5.
Für unser Interesse ist die „Missa solemnis“ wichtig: Sie ist eigentlich als eine wirkliche Konkurrenz zu einer Messe gemeint, die in einer Kirche während des katholischen Gottesdienstes, der Messe, aufgeführt wird. Im 19. Jahrhundert entstanden die Konzerthallen in Berlin und Wien, in denen auch religiöse Musik aufgeführt wurde, etwa in der „Singakademie“, dem heutigen Gorki Theater in Berlin. Die christliche Musik wurde aus den Kirchenräumen befreit und erreichte dadurch ein anderes Publikum, das die Messe eher als religiöses Ereignis der individuellen Gefühlswelt wahrnahm denn als Vertiefung in die vorgegebene dogmatische Lehre der Kirche. Die große Weitung der Spiritualität gelingt dann Beethoven in seiner 9. Symphonie, vor allem im Schlusschor, der Ode „An die Freude“ von Friedrich Schiller. Ein Bekenntnis zur Freundschaft unter den Menschen, ein Bekenntnis zur Menschlichkeit, das über alle konfessionellen (und ideologisch – politischen) Bekenntnisse als gemeinsame und universale humane Basis hinausweisen kann. Und sollte. Aber was hat die Musik „bewirkt“? Darf man so fragen? Was haben alle die vielen tausend, wenn nicht Millionen Hörer „gemacht“ mit ihrem Erleben der Ode „An die Freude“. Hier wird die Beziehung von ästhetischem Erleben zur ethischen Praxis berührt. Wie wird ein Ästhet zum Ethiker? Eine grundlegende Frage.

6.
Beethoven bleibt für spirituell Interessierte gegenwärtig. Er ermuntert durch sein Beispiel, den eigenen spirituellen Weg zu gehen. Die so „eigene“ errungene Spiritualität zu leben und zu denken und dann auch anderen zu sagen, darauf kommt es wohl an. Wer die eigene Spiritualität sagt, sucht den Dialog, nimmt teil an der Lebendigkeit des Geistes, der sich überall „Ausdruck schafft“ und damit die Kultur belebt. So könnte die Kirche eine große Gesprächsgemeinschaft werden, die den spirituellen Austausch lebt und alle bequeme Routine von sich weist. Die Hörer der Ode „An die Freude“ in aller Welt hätten sich viel zu sagen. Sie müssten nur die starre Haltung des „Kulturkonsumenten“ aufgeben.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Weihnachten: „Christus, der Retter, ist da…“ Oder: „Jesus der Retter ist da?

….alles andere als eine subtile theologische Frage
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
In Krisenzeiten, auch heute, neigen Menschen dazu, sich in (angeblich) altbewährte Traditionen zu flüchten, wenn sie sich denn gleich irren Wahnvorstellungen und Verschwörungstheorien hingeben.
Um beim Weihnachtsfest zu bleiben: Es gibt das Bedürfnis in unserer „durchrationalisierten“ und digitalisierten Welt der totalen Ernüchterung, in die „verzauberte“ Welt der Kindheit, der Märchen und Legenden einzutauchen, um dort – wie im Traum – etwas Halt und seelische Wärme zu empfinden: Weihnachten ist der Inbegriff der Ergriffenheit, der Traditionspflege, des „Einst war es so schön“. Der ganze Kommerz – Wahn zu Weihnachten hat diese Wunschvorstellung nicht nur nicht kleingekriegt, der Kommerz hat diffuse Sehnsüchte wohl noch beflügelt…
2.
Also bleiben wir realistisch: Man kann wirklich nicht sagen, dass die Weihnachtsgefühle inklusive der obligaten Weihnachtslieder tatsächlich eine spürbare Verbesserung der Lebensverhältnisse gebracht haben. Man hat „Christus der Retter ist da“, gesungen, vielleicht mit Tränen in den Augen voller Wehmut der Kindheit gedenkend und ist dann drei Tage später wieder in die übliche Alltagsroutine zurückgefallen, die Alltagsroutine aus Egoismus, Hass, Neid, Gier. Weihnachten und seine humane Botschaft hat zu keiner Neuorientierung, zur Abkehr vom üblich gewordenen Inhumanen geführt. Das über alle die Jahrzehnte und Jahrhunderte empirisch zu belegen, wäre eine tolle Aufgabe. Die Kirchen würden solche Forschungen bestimmt nicht unterstützen…Also: Wer will im Ernst der Erkenntnis widersprechen, dass Weihnachten gefeiert und Weihnachtslieder gesungen hat nicht spürbar zu einer menschlicheren Welt beigetragen. Das ist die traurige Bilanz einer Religion, die sich als Heil, als Rettung selbst versteht. Bestenfalls fand diese Erlösung, Rettung, dann im Innern der privaten Seele statt. Man denke an die christlichen Soldaten in den Weltkriegen, die kurz bevor sie erschossen wurden, durch christlichen Soldaten von der feindlichen Nation, noch ein „Stoßgebet“ zum Himmel stammelten. Immerhin. Aber ist dieses Beispiel eine praktische Konsequenz aus der Botschaft von „Christus, der Retter ist da“.
3.
Manche „Optimisten“ werden auf die Bereitschaft zum Spenden für die hinweisen, die gerade in den Kirchen seit den sechziger Jahren praktiziert werden, von „Brot für die Welt“ oder „Adveniat“. Aber Spenden für die Armen sind nun einmal der hilflose Ausdruck dafür, dass „wir Erlöste“ strukturell die Welt nicht verbessern können: Der Hunger besteht weiter weltweit seit Jahren, die Kriege sind Alltagsrealität, die Rüstungsindustrie floriert, die Zahl der Milliardäre nimmt zu, die der Armgemachten ebenso.. Da sind Spenden ein Alibi für die Hilflosigkeit der Kirche, wirklich praktisch und politisch und sozial spürbar durchzusetzen, dass „Christus der Retter da ist“. Es blieb und bliebt also beim Singsang. Wirkungslos. „Ohne Resonanz“ würde der Soziologe Hartmut Rosa treffend sagen.
4.
Mein Vorschlag zu einer wirklichen wirksamen Resonanz von Weihnachten zu kommen: Singen wir zum Beispiel nicht länger „Christus, der Retter ist da“, sondern „Jesus, der Retter ist da“. Das ist mehr als eine theologische Spitzfindigkeit. Da geht es um Wesentliches. Aber das muss erklärt werden.
5.
Wie sich tragender und gründender Sinn auch in dieser Corona-Pandemie zu Weihnachten erschließt, ist eine offene Frage.
Mir geht es um ein Thema, das nicht nur religionsphilosophisch Interessierte bewegt: Wenn der christliche Glaube, auch im Falle von Weihnachten im Leben des einzelnen noch eine Rolle spielen soll, dann ist Glaube sinnvoll nur zu definieren als eine Form der Lebensorientierung, als eine Gestalt einer bestimmten Lebensphilosophie. Der christliche Glaube als Lebensphilosophie mit der entsprechenden Lebenspraxis: Dann ist immer – wie bei jeder Philosophie – gemeint das vernünftige Verstehen, das Reflektieren, also auch logischerweise die Kritik der „Inhalte“ dieser Lebensphilosophie, die da als kirchlicher Glaube verbreitet wird.
6.
Wer die uralten Weihnachtslieder betrachtet oder singt und eben darin einen hilfreichen Ausdruck seiner Lebensphilosophie sehen will, sollte sich also fragen: Was singe ich da eigentlich, welche Inhalte singe ich und summe ich dann mit? Wenn es mir auf den Inhalt, den „Text“ der Lieder gar nicht mehr ankommt und diese für mich verständlicherweise veraltet wirken, dann reicht es, einige Weihnachtslieder einzig instrumental zu inszenieren. Und ich kann beim Hören der Melodie mir meine eigenen Gedanken machen jenseits von „O Kindelein von Herzen“ und den „himmlischen Heeren, die Ehre jauchzen“ usw. Nebenbei: Eines der wenigen, auch vom Inhalt her noch singbare alte Weihnachtslied ist das von Paul Gerhardt: „Ich steh an deiner Krippen hier“…
7.
Das beliebte Lied „Stille Nacht…“ verdient eine besondere kritische Aufmerksamkeit. Da heißt es in der 2. Strophe: „Christus der Retter ist da“? Christus ist der Retter. Und er soll also „da“ sein.
Wer das singt, hat irgendwie verschwommen einen oder seinen „Christus“ vor Augen, eine Art hoheitlicher Heilsgestalt, einen Gottessohn, der sich am Ende seines Lebens blutend und leidend für die Sünden der Menschen hingibt und dadurch seinen zornigen Vater(gott) versöhnt. Ist diese Überzeugung von Christen aus dem Mittelalter heute noch glaubwürdig und nachvollziehbar? Wie viele andere Theologen und Religionsphilosophen sage ich Nein. Es geht Weihnachten um Jesus von Nazareth, geboren als Kind von Obdachlosen in der Krippe zu Bethlehem, im Stall, inmitten seiner Eltern Maria und Josef. Dann war Jesus in Nazareth als Tischler tätig, später als Prophet und Prediger. Und er wurde umgebracht und später wussten seine Freunde: „Er ist der „Auferstandene“.
8
Und jetzt kommt in meiner Sicht – ein theologisches Ereignis! Ein spiritueller Umbruch. Dabei geht es nur dem Schein nach um etwas Subtiles für „Spezialisten“: Es geht um den Unterschied zwischen „Christus“ und „Jesus“. Christus ist der himmlische Herr oder der Sühne leistende Sohn Gottes. Dies gilt, selbst wenn oft von „Jesus Christus“ die Rede ist: Da tritt aber die Gestalt des Jesus immer in den Hintergrund gegenüber dem allmächtigen Christus. Jesus von Nazareth hingegen ist eben der Mann mit einer bestimmten Geschichte, mit einem Lebensentwurf, einer bestimmten Lebensphilosophie. Er ist ein Mensch mit einem Gesicht, einer Geschichte, er wird zum Propheten, den viele für einen Lehrer, einen Weisen halte.
9.
Und was ist das „theologische Ereignis“? In der heute üblichen katholischen Version heißt es seit 1975 im Lied „Stille Nacht“ sehr treffend: „Jesus der Retter ist da“. Im katholischen Gesangbuch „Gotteslob“, (Lied Nr. 145, in „Gotteslob“, Berlin, Morus-Verlag, 1975, Seite 219) rettet also Jesus. Die Evangelische Kirche in Deutschland und alle volkstümlichen Songs singen hingegen nach wie vor: „Christ(us) der Retter ist da“. In einer kritischen heutigen Theologie hat die katholische Version zweifellos recht: Jesus ist der Retter, Jesus ist da ALS Retter: Warum ist Jesus für uns der Retter? Und nicht die abgehobene Christus-Gestalt?
10..
Natürlich kann diese einzelne, konkrete Person aus Nazareth nicht die Welt, nicht alle Menschen dieser Welt seit Anbeginn der Welt, retten, umkrempeln, zum Besten führen, allen Schmerz und alles Leiden auslöschen. Aber er als Person, mit einem Gesicht, einer Geschichte, mit seiner Liebe zur Gemeinschaft, zum gemeinsamen Speisen, seiner Praxis der Meditation und des gelegentlichen Rückzugs in die Wüste, seine Liebe zu den Frauen, seine Liebe zu seinem Lieblingsjünger Johannes usw.: Dieser Mann Jesus weckt eine Resonanz! Da wird Leben geweckt – anders als bei der abstrakten Christusgestalt, dem Himmelherrn, dem Logos, dem sich aufopfernden Gottessohn etc.
11.
Jesus von Nazareth kann Welt und Menschen nur insofern als „Retter“ angesprochen werden, als sich Menschen einigen Aspekten seiner Lebensphilosophie, der des Menschen und Propheten Jesus von Nazareth im Geist, in der Seele, in der Praxis anschließen. Also: Nächstenliebe, Solidarität, Gerechtigkeit, Freundlichkeit als oberste Werte anerkennen. Wie bei jedem Menschen können wir einiges von dem, was er lehrte, problematisch finden und heute zurückweisen: Wie etwa Jesu Vorstellung seiner alsbaldigen Wiederkunft…
Jesus, der Retter ist da: Aber bitte differenziert betrachtet, als Vorbild und damit als Einladung, den Weg der Humanität mit ihm zu gehen. Diese humane Praxis war für Jesus von Nazareth der einzig wahre Gottesdienst, wie alle wissen, die das Neue Testament lesen (vgl. Matthäus, Kap. 25, Verse 31-46).
12.
Jesus von Nazareth als Vorbild für eine individuelle, aber auch politische Lebensgestaltung, die allen Wert auf Dialog, Versöhnung, Gerechtigkeit legt: Aber für das soziale und politische Zusammenleben bleibt das entscheidende Kriterium unsere Bindung an die universalen Menschenrechte, die in mancher Hinsicht auch einiges den Lehren des Jesus von Nazareth verdanken.
13.
Man denke daran, dass der große katholische Theologe Edward Schilllebeeckx (Nijmgen, NL) von Jesus als dem erlösenden Vorbild sprach. Insofern befinde ich mich hier in bester theologischer Gesellschaft. Und Jesus als Vorbild führt weiter zu der argumentierenden Frage: Wo sind heute weitere Vorbilder? Wahrscheinlich Gandhi oder Martin Luther King? Oder Bonhoeffer? Oder Erzbischof Romero aus El Salvador? Oder bestimmte Werke der Musik, vielleicht die Missa Solemnis von Beethoven? Oder manches von Literaten oder von Malern, etwa von van Gogh? Wie auch immer: „Jesus der Retter ist -in gewisser Hinsicht – da“. Rettung erhält so ein Angesicht, eine historische Konkretheit. Rettung ist dann etwas anderes als ein transzendentes, als ein nur innerliches Geschehen der Versöhnung, das sich abstrakt „himmlisch-irdisch“ zwischen Gott – Vater und seinem „eingeborenen“ Sohn „abspielt“.
14.
Rettung der Welt, auch ökologisch, auch friedenspolitisch… wird zur Aufgabe der Menschen, die Weihnachten feiern. Nicht als Last, nicht als Fremdbestimmung, sondern als Form, das eigene Wesen zu leben, lebendig zu sein. Vorbilder und ethische Reflexionen stehen uns zur Verfügung.
Weihnachten hat also nichts mit Nostalgie zu tun, sondern mit Lebensenergie. Weihnachten ist das „Eingedenken“ an Jesus von Nazareth, den Lehrer der Weisheit, den Propheten. Das „Eingedenken“ an diesen Menschen kann inspirieren und „Resonanz erzeugen“.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Friedrich Engels – der Verteidiger des Proletariats. Ein Philosoph, der nur ein verdorbenes Christentum kennenlernte: Friedrich Engels

Ein Hinweis von Christian Modehn

Friedrich Engels, der als „reicher Jüngling“ begann, wurde durch die Vernunft, durch philosophische Reflexionen, durch Freundschaft (mit Karl Marx), durch Mitleiden und Empörung angesichts des himmelschreienden Elends (in England) zu einem die Welt-bewegenden Menschen. Aber im 20. Jahrhundert wurde sein Denken missbraucht in den realsozialistischen Regimen.

1.
Der Religionsphilosophische Salon Berlin kann den 200. Geburtstag von Friedrich Engels am 27. November 2020 nicht übersehen (Engels hat Marx überlebt, er ist am 5. August 1895 in London gestorben).
Zu unserem Focus „Philosophie der Religion“ sollen hier einige Stichworte genannt werden. Dabei wird heute von Engels – Forschern immer deutlicher betont: Die eigene intellektuelle, philosophische Leistung Friedrich Engels darf überhaupt nicht zugunsten von Karl Marx heruntergespielt werden. Nur im Zusammenhang mit Engels kann also von einer „marxistischen Philosophie“ gesprochen werden. Dabei bleiben die wichtigen, auch philosophischen Beiträge Friedrich Engels, zumal nach dem Tod von Karl Marx (1883), hier weithin unberücksichtigt.

2. Das fromme Elternhaus und die pietistischen Pastoren

In Wuppertal -Barmen wuchs Friedrich Engels in einer frommen pietistischen Unternehmer – Familie auf. Sie gehörte der calvinistisch – reformierten Tradition an, die Mutter hatte einen niederländischen Hintergrund. Ohne diese tiefe Bindung des jungen Engels an diese pietistischen Kirchen-Praxis ist dessen spätere Kritik an der christlichen Religion und den Kirchen nicht zu verstehen. Andererseits hat die frühe Kenntnis der Lehren der Urkirche, etwa in den Evangelien, durchaus bleibende Spuren bei Engels hinterlassen, nur so wird das ethische und politische Engagement Engels für das Proletariat verständlich.
Wuppertal – Barmen: Diese Stadt war also ein Zentrum extrem frommer Gemeinden und entsprechender Prediger, wie Friedrich Wilhelm Krummacher, den der junge Engels kannte, er schreibt: „Da heißt es: Der und der liest Romane, aber der Pastor Krummacher hat gesagt: Romanenbücher seien gottlose Bücher. Da werden komplette Ketzergerichte gehalten. Da wird der Wandel eines Jeden, der diese nicht besucht, recensiert. Jemand ist vorgestern im Concert gesehen worden – und sie schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Und was sind das für Leute, die so reden? Unwissendes Volk, die kaum wissen, ob die Bibel chinesisch oder hebräisch geschrieben. Ich habe eine rasende Wut auf diese Wirtschaft, ich will mit dem Pietismus und dem Buchstabenglauben kämpfen, solange ich kann.“ (Quelle: Deutschlandfunk vom 13.5.2013, Beitrag von Manuel Gogos).
Als Friedrich Engels in Bremen weitere pietistische Pfarrer kennenlernt, schreibt er: „Ich begreife nicht, wie die orthodoxen Prediger so orthodox sein können, da sich doch offenbare Widersprüche in der Bibel finden. Worauf gründet sich die alte Orthodoxie? Auf Nichts, als auf – den Schlendrian. Wo fordert die Bibel wörtlichen Glauben an ihre Lehre? Das ist ein Tödten des Göttlichen im Menschen, um es durch den todten Buchstaben zu ersetzen.“(ebd.)

3. Die Kirche in England in der Kritik

Vor der wichtigen Publikation „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ (1845) hatte Engels im Jahr 1844 Beiträge für die Zeitung „Vorwärts“ verfasst über „Die Lage Englands“. Darin spricht Engels auch über die Bedeutung bzw. die schwindende Relevanz der englischen Staatskirche, die ja ihre armen und ausgehungerten Untertanen zum Sonntagsgottesdienst gezwungen hatte. Engels erinnert etwa an das Gesetz, „dass jeder, der sonntags ohne gehörige Entschuldigung aus der Kirche bleibt (also nicht am Gottesdienst teilnimmt, CM) mit Geldstrafe und respektive Gefängnis dazu anzuhalten ist… Selbst hier im zivilisierten Lancashire, ein paar Stunden von Manchester, gibt es einige bigotte Friedensrichter, die eine Menge Leute wegen unterlassenen Kirchenbesuchs zu mitunter sechswöchentlichem Gefängnis verurteilten“. Aber Engels sieht genau, dass diese rigiden Religionsgesetze auch im Falle von Gotteslästerung allmählich „veralten“, wie er sagt, während nur die christlichen Gruppen noch an den Gesetzen festhalten, „damit das Damoklesschwert der christlichen Gesetzgebung wenigstens über dem Haupt der Ungläubigen schweben bleibe und vielleicht als Drohung und Abschreckung fortwirke.“ (Quelle. http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_569.htm)

Theologisch ist es klar: Diese verrückten autoritären Verhältnisse in der rigiden Staatskirche erzeugen erst die religiöse Distanz, verursachen also den Atheismus der Arbeiterklasse. Das gilt sicher nicht nur für England, sondern überall, wo Arbeiter in der Profit-Gier-Wirtschaft als „Sachen“ behandelt wurden und werden.
Um den moralischen, politischen und sozialen Verfall in England zu begreifen, der die Armen zur Teilnahme am Gottesdienst zwang, lese man einige Passagen des Buches „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“: „Mir ist nie eine so tief demoralisierte, eine so unheilbar durch den Eigennutz verderbte, innerlich zerfressene und für allen Fortschritt unfähig gemachte Klasse vorgekommen wie die englische Bourgeoisie. […] Für sie existiert nichts in der Welt, was nicht nur um des Geldes willen da wäre, sie selbst nicht ausgenommen, denn sie lebt für nichts, als um Geld zu verdienen, sie kennt keine Seligkeit als die des schnellen Erwerbs, keinen Schmerz außer dem Geldverlieren. […] Und wenn der Arbeiter sich nicht in diese Abstraktion hineinzwängen lassen will, […] wenn er sich einfallen läßt zu glauben, er brauche sich nicht […] als Ware im Markte kaufen und verkaufen zu lassen, so steht dem Bourgeois der Verstand still. Er kann nicht begreifen, daß er mit den Arbeitern noch in einem anderen Verhältnis steht als in dem des Kaufs und Verkaufs, […] er erkennt keine andere Verbindung zwischen Mensch und Mensch an, als die bare Zahlung.“

4. Engels und das Urchristentum

1883 und noch einmal 1894 befasst sich Engels mit der Geschichte des Urchristentums. Die frühe Kirche und die Texte des Neuen Testaments interessieren ihn wieder, aber unter ganz anderen Bedingungen als zu seiner Jugendzeit in Wuppertal – Barmen. Nun sieht Engels, dass es zwischen der Geschichte des Urchristentums und der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts viele Verbindungen gibt. Das Urchristentum ist „im Ursprung eine Bewegung Unterdrückter: Es trat zuerst auf als eine Religion der Sklaven und Freigelassenen, der Armen und Rechtlosen […]. Beide, Urchristen und Arbeiter, werden verfolgt und gehetzt, ihre Anhänger geächtet, unter Ausnahmegesetze gestellt.“ In einem eigenen Beitrag befasste sich Engels im Juli 1883 mit dem neutestamentlichen Buch der Offenbarung des Johannes (die sogen. Apokalypse). Dabei fällt auf, wie stark Engels die damals entstehende historisch-kritische Bibelforschung kennt und respektiert. Indem Engels das Urchristentum als eine tendenziell revolutions – bereite Bewegung verstand, wurden Perspektiven eröffnet für ein aktuelles Christentum, das mehr ist als eine Ideologie der Bourgeoisie.

5. „Das Zeitalter des heiligen Geistes“

Bemerkenswert ist auch das frühe Interesse Friedrich Engels an der Geschichtstheologie des mittelalterlichen Theologen und Abtes Joachim von Fiore: Für dessen Spekulationen hatte Engels Sympathien (im Jahr 1842), auch er meinte, es könnte eine dritte, vom heiligen Geist allein geleitete Epoche anbrechen, nach den Epochen des „himmlischen Vaters“ und des „Sohnes“… „Das ist unser Beruf“, schrieb Engels, „dass wir dieses Grals Tempeleisen werden, für ihn das Schwert um die Lenden gürten und unser Leben förmlich einsetzen in den letzten heiligen Krieg, dem das tausendjährige Reich der Freiheit folgen wird“ (zit. in Wolfgang Eßbach, „Religionssoziologie I“, Paderborn 2014, S. 619).

6. „Das ökonomische Moment ist nicht das einzig bestimmende…“

Noch etwas, das mir wichtig erscheint: In einem Brief an Joseph Bloch vom 21.9.1890 teilt Engels eine interessante grundlegende Nuance mit im Verstehen dessen, was “man“ bis heute gewöhnlich in der dogmatischen Marx-Engels-Interpretation der sogenannten sozialistischen Staaten verbreitet hat. Joseph Bloch war Redakteur der „Sozialistischen Monatshefte“ in Berlin. Engels wollte in dem Brief zeigen, so der Kulturszoziologe Prof. Wolfgang Eßbach, dass sich nach dem Tod von Karl Marx Verkürzungen der Marxschen Theorie in der deutschen Arbeiterbewegung und somit auch in der Wahrnehmung ihrer gesellschaftlichen Opponenten festgesetzt hatten. Diese Verkürzungen wollte Engels „korrigieren“ (ebd. S. 722). Zum Engels – Text selbst: http://library.fes.de/sozmon/pdf/1895/1895_19.pdf .
In dem hoch interessanten Brief schreibt Engels u.a.: „Die ökono¬mische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus – politische Formen des Klassenkampfs und seine Resultate – Rechtsformen, und nun gar die Reflexe aller dieser wirklichen Kämpfe im Gehirn der Beteiligten, politische, juristische, philosophische Theorien, religiöse Anschauungen und deren Weiterentwicklung zu Dogmensystemen, üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form…“

7. Das unchristliche Christentum

Die Erinnerung an Friedrich Engels anlässlich seines 200. Geburtstages führen zu einem Menschen, der sich christlich nennende Gesellschaften und einen sich christlich nennende Staaten erlebt, wahrnahm und analysierte. Dieses Christentum bewies in der Praxis nicht die geringste Spur von Menschlichkeit gegenüber den Armen und Unterdrückten, der absoluten Mehrheit der Menschen. Engels wurde auch durch philosophische Reflexionen zu einem Atheisten. Aber der Gott, den er zurecht seit der Jugend ablehnte, hatte mit dem Gottesbild Jesu und dem zentralen Gebot der Nächsten-Liebe nichts zu tun. Insofern ist der Atheismus von Engels auch kirchlich bedingt: Kirchlich verursachter Atheismus – das ist ein Thema, das der Religionsphilosophische Salon schon häufig debattiert hat – auch aus aktuellem Anlass.
Dabei wird nicht geleugnet, dass es auch zu Zeiten von Engels vereinzelt Pastoren, Theologen, kirchliche Gemeinschaften gab, die den Armen Beistand und Hilfe leisteten. Aber sie waren – was ja zunächst nicht zu verachten ist – nur fürsorglich – diakonisch tätig. Sie hatten keinen Mut, keine kritische Intelligenz, die Gesellschaft, auch die Ökonomie, zu untersuchen, die diese elenden Verhältnisse erzeugt. Die Kirchen und ihre Kirchenleitungen waren Teil der herrschenden Oberschicht, die jede kritische Gesellschaftsanalyse unterdrückte und Parteien verfolgte, die die Armen und die Arbeiter organisierten.

8.Ausblick
Der Politologe und Autor Prof. Michael Krätke über Friedrich Engels: „Engels erfand den Marxismus und war doch kein richtiger Marxist. Er war ebenso gut ein Revisionist und damit in guter Gesellschaft“.

Siehe auch die interessante website aus Wuppertal: Engels2000-hotline (LINK: https://www.wuppertal.de/microsite/engels2020/index.php)

Copyright: Christian Modehn. www.religionsphilosophischer-salon.de

Langeweile – Eine Chance, sich selbst wahrzunehmen

Langeweile – Eine Chance, sich selbst wahrzunehmen
Von Christian Modehn

Der folgende Beitrag wurde im Mai 2013 in der Zeitschrift PUBLIK FORUM veröffentlicht. Der Beitrag bleibt anregend, ist nicht veraltet. Denn Langeweile mag sich ja bei vielen mal einstellen in diesen Corona – Zeiten…(Siehe am Ende dieses Beitrags einen Hinweis auf das künstlerische Werk von Edward Hopper).

1.
Ich habe den Zug verpasst. Der nächste wird erst in zwei Stunden fahren. Die Bahnhofskneipe ist geschlossen, sie „lohnt“ sich nicht mehr an der Strecke der »Regionalbahn«. Weit und breit kein Mensch. Die Sonne bringt die Wälder und Wiesen fast zum Glühen. Was kann ich bloß machen, wo ich meine Zeitung schon längst »ausgelesen« habe. Ich gehe auf dem Bahnsteig hin und her, betrachte immer wieder den Fahrplan, als könnte er plötzlich Änderungen verheißen. Dann beginne ich die Kiefern vor mir zu zählen, schaue auf die Gleise, blicke in die Ferne: Wann kommt endlich der Zug? Die Minuten dehnen sich, sie werden zur Qual: Was versäume ich bloß alles zu Hause? Ich fühle mich wie aus dem Leben geschleudert.
2.
Als ich dann endlich im Zug sitze, habe ich schon nach einigen Minuten die beiden Stunden verdrängt; mich interessieren nur noch die nächsten Verabredungen, die Familie, die Arbeit. Das Erlebnis der Langeweile wird schnell aus dem Bewusstsein vertrieben. Denn eine leere Zeit ohne jegliche Aktivität sei nicht lebenswert, das haben wir verinnerlicht. So wird dann sofort die Routine des Alltags fortgesetzt. Die Frage wird nur selten gestellt: Kann Langeweile nicht vielleicht auch ein Segen für uns sein?
3.
Aber wir gehorchen offenbar unerschütterlich den »Dogmen« der Moderne, die da heißen: »Es muss etwas geschehen!« Oder: »Du hast nur Bedeutung, wenn du Beschäftigungen hast.« Langeweile darf kaum besprochen werden, sie gilt in unserer Kultur nicht nur als peinlich, sondern von vornherein als schändlich.
4.
Wenn sich mehrere Menschen, vor allem Männer, auch noch als Gruppe langweilen, kann es gefährlich werden. Kriminologen wissen: Gewalttätigkeiten, Überfälle, Einbrüche und Ähnliches entstehen auch aus dem Gefühl der Orientierungslosigkeit und Unfähigkeit, mit der eigenen freien Zeit etwas Sinnvolles anfangen zu können. Davon ist der Psychologe und Sozialarbeiter Kazim Erdogan überzeugt. Er ist als »türkischstämmiger« Berliner seit etlichen Jahren bemüht, sinnvolle Freizeitaktivitäten besonders für Jugendliche und junge Männer im »Problembezirk« Berlin-Neukölln anzubieten: »Ich höre immer wieder von den jungen Leuten, wenn sie negativ auffallen und gewalttätig werden: Das hat mit meiner Langeweile zu tun. Sie hätten halt nicht gewusst, was sie am Samstag machen, und haben sich dann mit anderen auf der Straße getroffen. Und dann sind wir auf ›komische Ideen‹ gekommen, haben dies und jenes angestellt.“ Kazim Erdogan bietet Alternativen: Er gründet Gruppen und Gesprächskreise, die sich bemühen, die eigenen Lebensfragen einmal in Ruhe zu besprechen, auch die Erfahrung der Langeweile. Wer mit einer leeren Zeit ohne »Action« und »Betrieb« nicht umgehen kann, fragt sich dann notgedrungen, wie man die freie Zeit totschlagen kann: Aber wer die eigene Lebenszeit totschlagen, auslöschen möchte, der verhält sich, wie die Sprache verrät, aggressiv zum Leben, zu seinem eigenen wie dem Leben der anderen.
5.
Schon die Mönche im frühen Mittelalter wussten, dass Langeweile gefährlich werden kann: Wenn die Ordensbrüder ihre Arbeit in den Klostergärten getan hatten und die Zeit des Studiums beendet war, beteten sie zur Mittagszeit nicht ohne Grund den Psalm 91. Einen Vers sangen sie mit besonderer Inbrunst: »Des Herrn Wahrheit ist Schirm und Schild vor der Pest, die im Finstern schleicht und die am Mittag Verderben bringt.« Diese Pest »am Mittag« nannten Mönche den »Mittagsdämon«. Und den hielten sie für den großen Verführer, der den braven Mönchen einredet: »Gönn dir doch mal die Langeweile, sie ist doch nicht so schlimm, du musst nicht immer nur beten und arbeiten.« Aber nein! Das passte wenig in die Klosterordnung, die auf ständige spirituelle Konzentration fixiert war. Zeigte sich Langeweile, musste der Mönch tätig werden. Abt Cassian hatte schon im fünften Jahrhundert eine Empfehlung parat: »In solcher Anfechtung von Langeweile durch den Mittagsdämon besucht der Mönch die anderen Klosterbrüder. Er besucht die Kranken in der Ferne; er legt sich religiöse Pflichten auf; er beschließt, Verwandte wieder zu sehen und die Menschen in der Umgebung zu begrüßen.«
6.
Das weithin unbefragte Motto heißt: Langeweile gilt es zu verdrängen. Auch viele christliche Philosophen halten sich daran, etwa Blaise Pascal (1623-1662). Er hat in seinem noch heute viel zitierten Hauptwerk, den fragmentarisch hinterlassenen »Pensées«, gelehrt: Nichts sei für den Menschen unerträglicher, als ohne Aufgaben zu leben. Dann stelle sich das Gefühl der Verlassenheit ein, Düsternis und Trauer machten sich breit. Es entstehe die Langeweile, und dies sei eine elende Situation, die nur in einem mutigen Sprung in den Glauben überwunden werden kann, meinte der fromme Pascal. Nur Gott befreie von der »furchtbaren« Langeweile. Gleichzeitig kritisiert Pascal aber alle, die nicht glauben wollen, sondern sich im Amüsement »zerstreuen« (Pensée Nr. 131).
7.
Auch die gläubigen Schriftsteller der Romantik verbreiten dann zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihre tiefe Verachtung der Langeweile. Der Dichter Ludwig Tieck (1773-1853) schreibt in seinem Roman »William Lovell«: »Langeweile ist gewiss die Qual der Hölle. Nenn mir eine Pein, die diesem Krebse gleichkäme: So wie ich dasitzen und im Zimmer die Nägel betrachten, auf- und niedergehen, aus dem Fenster sehen, um sich wieder hin zu setzen, um sich auf etwas zu besinnen … und man weiß nicht worauf: Nenn mir eine Pein, die diesem Krebse gleichkäme. Der nach und nach die Zeit verzehrt, wo die Tage so lang und der Stunden so viele sind.«
8.
Aber weder Abt Cassian noch Pascal oder Tieck kamen auf den Gedanken, die Erfahrung der Langeweile als solche erst einmal anzunehmen und in Ruhe anzuschauen. Und dann zu fragen: Könnte es nicht eine sinnvolle Aufgabe sein, dieses Lebensphänomen Langeweile auch einmal ohne Vorurteile gedanklich auszuhalten?
9.
Mit Nachdruck weist die Psychotherapeutin Verena Kast (Zürich) heute darauf hin: »Wir können von der Langeweile ›profitieren‹, also Nutzen ziehen für unser weiteres Leben, wenn es uns gelingt, uns darauf zu konzentrieren und zu sagen: Ja, es spricht uns jetzt gar nichts mehr an, wir erleben die Langeweile. Wenn man das aushält, dann kann auch eine neue Idee auftauchen. Dann merken wir plötzlich, wo eigentlich unsere Interessen wären, was uns von innen her wirklich ansprechen würde. Aber dazu braucht man eben einen Mut zur Langeweile, sie aushalten zu wollen. Und das wissen Menschen verhältnismäßig gut, die kreativ sind. Sie haben vorher etwas geschaffen, haben eine Idee ausgearbeitet. Und dann fällt ihnen zunächst mal nichts ein. Eine Leere entsteht, sie langweilen sich. Aber sie wissen aus Erfahrung: Wenn ich mich auf diese Langeweile konzentriere, sie aushalte, dann wird wieder etwas Neues entstehen.«
10.
Philosophen unterstützen diese Empfehlung. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855) machte da einen Anfang, betont der Theologe Professor Michael Bongard: »Kierkegaard nennt Langeweile ausdrücklich eine Kunst, nämlich die Kunst, sich selbst zu langweilen! Und das ist schon wieder ein bewusster Akt. Die Langeweile ist dann eine Form des Menschseins, die für sich selbst wertvoll ist. Und wenn sie dann auch nur damit gefüllt wird, dass einem spontan Bilder, Ideen, Gedanken kommen, die man für nichts brauchen kann, die einfach aber auch ihre Qualität darin haben, dass sie für mich bereichernd sind.«
11.
Im 20. Jahrhundert ist dann der Philosoph Martin Heidegger noch viel weiter gegangen. Er ist da ganz radikal: Ohne die ausgehaltene und dann auch reflektierte Langeweile kann es kein wahres menschliches Leben geben. Er hat die Langeweile von der so tief sitzenden negativen, unheilvollen Färbung befreit. Vor allem sein Buch »Die Grundbegriffe der Metaphysik« ist in dem Zusammenhang wichtig. In diesem Text wird deutlich, dass Philosophie durchaus helfen kann, das eigene Leben sinnvoller zu gestalten, wenn wir nur nicht die Langeweile verdrängen! Um den schwierigen Text allgemein zugänglich zu »übersetzen«, könnte man sagen, Heidegger legte den Menschen nahe: Nimm die Langeweile als eine wichtige Grundstimmung an. Dabei ist die Achtsamkeit auf die so genannte »tiefe Langeweile« entscheidend, wo du sozusagen tief erschüttert »den Boden unter den Füßen« verlierst. Die tiefe Langeweile findet ihren sprachlichen Ausdruck in der Alltagssprache, etwa in der Formel »Es ist einem langweilig geworden«. Wer so spricht, nimmt sich in der Langeweile gar nicht mehr als »Ich« oder als Person wahr. Der Mensch ist dann nur noch »einer«, also ein anonymes Wesen, dem es da langweilig wird. Der Mensch erlebt, wie die ganze bisherige vertraute Welt »einem entgleitet«, wie sich das bedrängende Gefühl der Sinnlosigkeit breitmacht. Aber gerade an dem Punkt gilt es, die Widerstandsreserven des Denkens zu aktivieren, meint Heidegger. Gerade im tiefsten Moment der Leere und Langeweile, so hat es der Philosoph selbst erlebt, kann der Mensch noch so viel Energie wecken, dass er diese tiefe Langeweile überwinden kann. Der Mensch muss nur in der tiefsten Not der Langeweile die »Wachheit« des Fühlens und Denkens weiter pflegen. »Höre auf das, was die Langeweile zu sagen hat«, heißt Heideggers Aufforderung. Langeweile ist dann nichts »Schlimmes«, im Gegenteil: Im Sinne Heideggers »spricht« die Langeweile, sie sagt, wieder in freier Übersetzung aus dem Buch »Die Grundlagen der Metaphysik«: »Du bist jetzt mit dem Grund deines Lebens, deines Daseins, konfrontiert. Du siehst, wie du in die stetig weiter laufende Zeit hineingestellt bist. Du kannst der Zeit nicht entkommen. Aber du bist ihr nicht hilflos ausgeliefert: Wenn du Langeweile erlebst, mach daraus eine lange Weile, also eine lange Gegenwart. Erfreue dich der Dinge um dich herum. Etwa auf dem Bahnhof: Zähle nicht die Bäume, sondern bedenke das Geschenk der Natur. So kannst du deine Lebenszeit selbst gestalten. Du merkst: Auch meine Zukunft kann ich mir formen, ich bin nicht der Sklave meines Terminkalenders. Du musst nicht ein Leben führen, das andere dir vorschreiben.
ür Heidegger wird die akzeptierte und bedachte Langeweile zur Chance im Leben, wenn er betont: »Es geht um die äußerste Zumutung an den Menschen. Was ist das? Es ist dieses, dass dem Menschen das Dasein (sein eigenes Leben) als solches zugemutet wird, dass ihm aufgegeben ist – da zu sein.« Mit anderen Worten: In der eigentlich belastenden Langeweile wird mir augenblicklich klar, mir ist mein eigenes Leben übergeben, ich habe es selbst zu leben, nur ich sollte der Gestalter meines Lebens sein. Oder wie Heidegger sagt: »Ich habe mein Dasein auf meine Schultern zu werfen«, muss also mein eigenes Leben wie eine Gabe tragen und manchmal auch ertragen, aber immer bin ich es, der mein Leben selbst gestaltet.
12.
Aber der immer weiter fragende Philosoph Heidegger bleibt auch da noch nicht stehen: Wenn ich mein Leben in der tiefsten Not der Langeweile ergreife, dann nehme ich auch den unergründlichen Grund meines Lebens wahr und sehe: Ich bin in diese Welt hineingesetzt, bin aber getragen und umfangen von einem gar nicht greifbaren Geheimnis allen Seins. Der Weg in eine philosophisch zu denkende Welt der Transzendenz eröffnet sich hier, dank einer neuen, radikal positiven Deutung der Langeweile.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin
…….
Ein NACHTRAG: Zu Edward Hopper:
Viele Interpreten der Arbeiten des us – amerikanischen Künstlers Edward Hopper (1882 – 1967) weisen darauf hin, dass seine Gemälde zur us – amerikanischen Lebenswelt (und damit wohl auch der westeuropäischen des 20. Jahrhunderts) das herrschende Lebensgefühl kritisch bearbeiten. Langeweile ist dabei ein häufiges Thema der dargestellten Lebenswelt, etwa die Arbeit „Room in New York“ von 1932. Es „liefert einen voyeuristischen Einblick durch ein Fenster. Im Zimmer sitzt ein Mann auf einem Polstersessel, über eine Zeitung gebeugt. Im rechten Bidrand schlägt eine Frau auf einem Klavier eine Taste an…Hopper hat offensichtlich Degas`Bild „Bouderie“ zum Vorbild genommen, dieses aber umgedeutet. Nicht Missstimmung ist nunmehr der Tenor des Bildes, sondern Langeweile, =ennui=“, so Ivo Kranzfelder in „Edward Hopper“, Taschen Verlag 206, S. 129. Die beiden Personen, nebeneinander und ohne jegliche Verbundenheit, langweilen sich, weil sie ihren eigenen „ennui“ nicht als solchen wahrnehmen, sich also ihrer Langeweile nicht bewußt stellen, sondern im Dämmerzustand des „Zeitvertreibens“ nebeneinander hockend verharren. Erst die bewusste Langeweile kann hilfreich sein.

……

Die Brüderlichkeit (Geschwisterlichkeit) – eine politische Tugend und eine weltliche Spiritualität

Ein Hinweis von Christian Modehn (Siehe auch einen Kommentar zur Enzyklika „Fratelli tutti“ vom 7.10.20: https://religionsphilosophischer-salon.de/13031_die-neue-enzyklika-fratelli-tutti-unglaubwuerdig-und-ueberfluessig_religionskritik)

1.
Von Brüderlichkeit sollte wieder öffentlich debattiert werden, weil sie in Vergessenheit geraten ist oder „obsolet“ wurde: Sie ist eine schwierige Tugend, schwer zu realisieren, sie kann nicht in Gesetze geformt werden wie die „Ideale“ der Freiheit oder die Gleichheit. Brüderlichkeit ist eine Art der Gesinnung, als weltliche. Allgemeine, säkulare Spiritualität, möchte man sagen, in der Vernunft erreichbar für alle, nicht nur für besonders spirituelle oder fromme Menschen. Als die Revolutionäre 1789 eine gerechte Gesellschaft, einen besseren Staat, durchsetzen wollten, schwebte ihnen ja nichts „Technokratisches“ vor, sondern eine neue, eine geistvolle humane Welt ohne Hierarchien, eine Welt, die spirituell geformt sein sollte… durch die Erkenntnis: Jeder Mensch ist des anderen Bruder…Dazu später mehr…
2.
Brüderlichkeit sieht heute jeden anderen Menschen als Bruder und Schwester, als zugehörig zu der einen Familie der Menschheit. Genau so müsste eigentlich jeder und jede betrachtet und entsprechend gewürdigt werden. Bei diesem Denkmodell wird freilich vorausgesetzt, dass es unter den Brüdern/Geschwistern keine Konkurrenz gibt, sondern lautere Eintracht herrscht. Man sieht an diesem Hinweis schon, dass der Begriff der Brüderlichkeit etwas Forderndes, Wegweisendes enthält, etwas, das den Menschen größer macht, als er de facto jetzt ist. Brüderlichkeit ist jedenfalls keine Zustandsbeschreibung!
3.
Das Prinzip der goldenen Regel könnte das Miteinander der vielen gleichberechtigten Brüder/Geschwister bestimmen und als Basistext angesehen werden für den Umgang der Menschen untereinander als Brüder/Geschwister. Aber die tiefe Zuneigung zum anderen, zur anderen, als Bruder (Schwester), ist mit dieser eher bloß respektvollen Haltung, die die „Goldene Regel“ beschreibt, nicht erreicht. Brüderlichkeit weist also auf die enge Verbundenheit, das Mitfühlen und das Besorgtsein um den anderen… Der Philosoph Ernst Bloch hätte wohl Brüderlichkeit in seiner Sprache eine Art „Wärmestrom“ genannt in dieser Zeit emotionaler Kälte, bedingt durch den egoistischen Wahn der Diktatoren und verrückt gewordenen Präsidenten und der populistischen Lügner allerorten sowie durch die neoliberalen Milliardäre und deren erkaltete Seele. Brüderlichkeit kann die notwendigerweise „warme“ Energie liefern, in aller vernünftigen Freiheit gegen den genannten Wahn heute vorzugehen.
4.
Nun wird auch Papst Franziskus eine Enzyklika, also ein offizielles Lehrschreiben, zum Thema veröffentlichen.
Auch wenn man den päpstlichen Text über die „Brüderlichkeit“ noch nicht lesen konnte, er wird erst am 3. Oktober 2020 in Assisi, der Stadt des heiligen Franziskus, publiziert, klar ist: Die Wahl des Ortes in Umbrien/Italien ist nicht zufällig, weil der heilige Franziskus (1182 – 1226) mit seinem Orden dort ein Modell der Brüderlichkeit gelebt hat, so die offizielle Interpretation. Dabei wird vergessen, dass die Päpste den armen Mann (einen „Laien“) aus Assisi damals zwangen, seine radikale Bruderschaft, bestehend „nur“ aus Laien, zu verändern zugunsten eines klerikalen, in die Hierarchie eingebundenen „Bettelordens“. Der Historiker Friedrich Heer (Wien) schreibt: “Franz von Assisis Leben ist der größte, gewagteste Versuch, im Jahrtausend der Herren-Väter die Brüderlichkeit in allen Dimensionen zu praktizieren. Die Päpste brechen diese lebendige Achse (radikale Armut und Friedensbewegung) aus seiner Ordensregel heraus. Der verfolgte, geschändete Franziskus irrt, halb blind, seelisch zutiefst versehrt, in langer Agonie durch die umbrischen Lande…“ (In: „Brüderlichkeit, die vergessene Parole, Gütersloh, 1976, Seite 23).
5.
Aber abgesehen davon: Es ist zu vermuten, dass mit viel Enthusiasmus ein päpstlicher Text über die Brüderlichkeit sowieso nicht aufgenommen werden kann. Zurecht klagen feministische katholische Frauen in den USA gegen diesen männlich bestimmten Titel. Wenn schon, dann also bitte eher von Geschwisterlichkeit sprechen oder von Schwesterlichkeit. Man sieht aber an diesen neu geschaffenen Begriffen, wie mühsam sich die gemeinte Haltung, die Tugend „Brüderlichkeit“, sprachlich und sachlich erweitern bzw. neu übersetzen lässt. Aber wenn mal ein Papst den versucht wagte, von Schwesterlichkeit zu schreiben, dann würde es wohl bald endlich PriesterInnen geben. Passiert aber nicht in dieser erstarrten Männer-Institution. Erst wenn die letzte katholische Frau aus der Kirche ausgetreten ist, wird von Schwesterlichkeit im ergreisten Vatikan die Rede sein… Aber lassen wir das…
6.
Schwerer wiegt: Dass eigentlich kaum noch jemand aus vatikanischem Munde etwas über Brüderlichkeit hören und lesen und lernen will: Es ist ja, gelinde gesagt, ein bisschen komisch, wenn ausgerechnet der Papst Brüderlichkeit für alle Gesellschaften und alle Staaten fordert, aber in der eigenen Institution Kirche alles tut, dass das Ideal Brüderlichkeit gerade NICHT gelebt wird. Auf politischer Eben ist es ja so, dass der Vatikan als Staat die Menschenrechtserklärung von 1948 nicht unterzeichnet hat und auch die universal geltenden Menschenrechte in der eigenen Kirchen-Institution nicht realisiert. Man denke an die nicht vorhandene umfassende Gleichberechtigung der Frauen oder an die Degradierung von Homosexuellen. Über das Fortbestehen des § 175 in der römischen Kirche siehe diesen Link: (https://religionsphilosophischer-salon.de/8029_der-175-besteht-noch-in-der-katholischen-kirche_religionskritik )
7.
Kurzum: Die nachdenklichen Leute glauben einfach nicht mehr, dass ein solcher päpstlicher Text von Papst Franziskus noch ernst genommen werden kann. Das ist sozusagen das gar nicht abzuweisende Vorverständnis für den päpstlichen Text! Man glaubt zu recht einfach nicht mehr, dass diese Kirche als machtvolle „Mega-Institution“ und ebenso machtvolle Bürokratie tatsächlich Brüderlichkeit in den eigenen Reihen verwirklichen kann und will. Denn alles, was entscheidend ist in der römischen Kirche, entscheiden nach wie vor Männer, Kleriker, Priester, Kardinäle, Päpste usw. Und die kleben an ihrer Macht, an ihren Privilegien, die ihnen angeblich der liebe Gott selbst gegeben hat. Welch ein theologischer Unsinn, der sich ungebrochen seit Jahrhunderten hält! Mag sein, dass diese Herren im Vatikan sich untereinander wie Brüder ansehen und untereinander wie Brüder behandeln, Papst Franziskus hingegen sprach ja schon früh von widerwärtigen Intrigen dieser Kirchenfürsten. Bei den Vertuschungen des tausendfachen sexuellen Missbrauchs durch Priester haben sich ja diese „Mitbrüder“ gegenüber den mitbrüderlichen Tätern oft sehr brüderlich, eben familiär-solidarisch-vertuschend, verhalten. Und brüderlich alles „unter den Teppich“ kehren wollen.
8.
Aber das ist nur ein Grund, dem Reden von Brüderlichkeit in der Kirche zu misstrauen: Denn sonst wären ja die Ober-Brüder in Rom auch mal in der Lage, den kleinen Brüdern, also den Katholiken in der Kirche in Deutschland z.B., brüderlich-freundlich-großzügig zu begegnen und etwa die Kommunion unter Katholiken und Protestanten zu gestatten und den anderen Brüdern, den kompetenten theologisch gebildeten Laien, auch die Leitung einer Pfarrgemeinde anzuvertrauen. Aber nein, die großen bürokratischen Brüder im Vatikan verachten die kleinen Brüder in Deutschland und anderswo. In Holland z.B. haben die großen Brüder seit 1970 dermaßen auf die „kleinen Brüder“, die ihre kleinen Brüder, die niederländischen Katholiken eingeprügelt, dass diese Kirche dort de facto heute scheintot ist. Die ist die Schuld der maßlos herrschsüchtigen großen Brüder. Darin sind sich Historiker einig. Aber das ist ein anderes Thema: Das vatikanische System zerstört den lebendigen Glauben.
9.
Alle wissen, dass die Brüderlichkeit, die fraternité, zum ersten Mal von den Revolutionären der Französischen Revolution als Stichwort verbreitet wurde. Hingegen gehörte die fraternité nicht von vornherein zur offiziellen Revolutionsparole! Diese bestand weitgehend nur aus „liberté“ und „égalité“. Lediglich in Grußformeln, etwa in Briefen, war die Rede von „Salut et Fraternité“. Allerdings hat Robespierre am 18. Dezember 1790 erklärt: „Les gardes nationale porteront sur leur poitrine ces mots gravés : LE PEUPLE FRANÇAIS, et, en dessous : LIBERTÉ, ÉGALITÉ, FRATERNITÉ. Les mêmes mots seront inscrits sur leurs drapeaux, qui porteront les trois couleurs de la nation“. Also: „Die Nationalgarden werden auf ihrer Brust graviert diese Worte tragen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Dieselben Worte werden auf die Fahnen geschrieben…“
Erst in der Verfassung der Zweiten Republik vom November 1848 wurde die „fraternité“ den beiden anderen revolutionären und republikanischen Prinzipien beigefügt. Weite Kreise des Klerus schlossen sich dieser – so kurzen – Zweiten Republik an, sie segneten die „Bäume der Freiheit“, sie waren eingeladen zu den „banquets patriotiques“: Einige wenige Kleriker entdeckten 1848 in der Revolution von 1789 eine bleibende, hoch zu schätzende Bedeutung. Abbé Couchoud veröffentlichte am 10.5. 1848 in der Zeitschrift „Voix de l Eglise“ einen Text über die Fraternité: „Wir sind Kinder aus dem einfachen Volk. Aber sind wir denn nicht auch Kinder des himmlischen Vaters? Die Bande des Blutes verbinden uns mit allen, die arbeiten, die leiden, sie sich verloren fühlen“ (zit. in Pierre Pierrard, „L Eglise et la Revolution 1789 – 1889“, Paris 1988, S. 154):
Seit 1880 wird diese „revolutionäre-republikanische“ „Trinität“ etwa auf den Fassaden der Rathäuser als Bekenntnis zur „laicité“ ganz groß sichtbar. Diese Devise wird so zum französischen Kulturerbe, auf Briefmarken und münzen verbreitet, aber nicht immer, eher selten bis heute in die politische Praxis „umgesetzt“. Man denke an den offenen und latenten Rassismus (gegen „Schwarze“) und den Antisemitismus.
Alle wissen zudem: Die katholische Kirche hat die republikanischen Prinzipien seit der Französischen Revolution nicht nur immer ablehnt, sondern auch mit allen Mitteln der ideologischen Propaganda und der Bestrafung von republikanischen Katholiken bekämpft. Erst im 2. Vatikanischen Konzil 1974 wurde etwa die Religionsfreiheit von der Kirche als Wert anerkannt.
10.
Die wohl mögliche Förderung der Brüderlichkeit durch Papst Franziskus kommt also mindestens 231 Jahre zu spät. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ (Gorbatschow).
11.
Nur eines von vielen Beispielen, wie Brüderlichkeit in der katholischen Kirche praktiziert wird, und zwar in den Orden und Kongregationen. Diese Praxis habe ich selbst von 1968 bis 1973 in einem großen Kloster als „Frater“, also als Theologie studierendes Ordensmitglied, erlebt:
Im Kloster gelten offizielle Mitglieder als, so wörtlich, „Mit – Brüder“.
Tatsächlich haben die Leitung im Orden immer die Patres.
Aber: Die Patres, sind wörtlich die Väter. Manche Patres waren wohl auch wirkliche Väter. (Alimente zahlt üblicherweise die Ordensleitung bzw. bei Weltpriestern der Bischof)
Dann gibt es die Brüder. Diese Brüder sind Laienbrüder, gehören also nicht zum Klerus, wie die Patres. Sie verrichteten die handwerklichen (oft Dreck) Arbeiten. Nur einige wenige Brüder konnten sich aus dem Bruder/Laienstatus erheben und entweder Diakone werden, also zu einer unteren Stufe des Klerus gehört oder sogar Priester, „Pater“, werden..
Und dann gibt immer noch die fratres. Der lateinische Titel deutet schon die höhere Dimension als „die Laien-brüder“ an, denn eines Tages, nach ca. 7 Jahren, werden diese Fratres auch Patres, falls sie das Klosterleben durchhalten…
Übrigens gab es auch in den Frauenorden diese Hierarchie unter den „Schwestern“. In den alten Orden gab es die so genannten „Chorschwestern“, die beteten und studierten. Und dann gab es die „Laienschwestern“, die sich um alles Praktische kümmerten, Landwirtschaft, Hausputz etc. Es gab und gibt also sogar unter Frauenorden die „besseren“ und die „dienenden“ (wirklich arbeitenden) Nonnen….
Brüderlichkeit ist also selbst in den sich explizit brüderlich nennenden Orden oft nur ein schönes Wort…
12.
Eigentlich ist es, schon soziologisch betrachtet, schade, dass die Kirche als glaubwürdiges „Vorbild“ der Brüderlichkeit auch heute ausfällt. Die ganze innere Krise der Kirche wird da sichtbar: Sie ist, so wie sie ist, einfach nicht mehr glaubwürdig. Nicht schöne erbauliche Enzykliken helfen weiter, sondern eine neue Praxis, die aus der üblichen katholischen Nicht-Brüderlichkeit endlich Brüderlichkeit, Geschwisterlichkeit, Schwesterlichkeit als Basis-Haltung lebt.
Sonst bleiben Enzykliken nur „Druckerzeugnisse“…
13.
Manch einer wünscht sich Gemeinschaften der realen Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit. Aber diese Gemeinschaften sind wohl auch außerhalb der großen Kirchen noch zu finden, vielleicht in den Formen gemeinschaftlichen alternativen ökologischen oder friedenspolitischen Miteinanders. Vielleicht in NGOs? Wie stark diese Gruppen eine Spiritualität leben und zur Sprache bringen, wäre ein interessantes Projekt…

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