Gegen den Wahn, sich in „Identitäten“ abzukapseln. Für einen radikalen Universalismus.

Über ein wichtiges neues Buch des Philosophen Omri Boehm.
Von Christian Modehn.

1.
Nun haben sich schon wieder Nationalisten als stärkste Parteien durchsetzen können: die Rechtsextremen und die Post-Faschisten in Italien bei den Wahlen am 25.9.2022. Ihnen gemeinsam ist die Fixierung auf die „Identität“, die sich immer über das entscheidende Wort „zuerst“ definiert: Also nun auch „Italien zuerst“, wie die postfaschistische Girorgia Meloni betont, wie früher schon Madame Le Pen mit ihrem „Frankreich zuerst“ (Le Pen) oder auch „America first“ von Mister Trump.

2.
In dieser Situation einer zunehmenden nationalen und ins Faschistische abgleitenden Identitäts-Politik ist das neue Buch des Philosophen Omri Böhm von besonderer aktueller Bedeutung. Der Titel „Radikaler Universalismus. Jenseits von Identitäten“ (Propyläen-Verlag, 2022) beschreibt sein philosophisches Programm, das Boehm mit aller Schärfe und Klarheit der Argumentation vorträgt. Boehm, Jahrgang 1979, ist israelischer und deutscher Staatsbürger, er lehrt als Associate Professor für Philosophie an der „New School of Social Research“ in New York.

3.
Die heutige Betonung einer angeblich absoluten Geltung der Identitäten betrifft nicht nur die nationalistischen und faschistischen politischen Strömungen. Identitäts-Fixierungen werden sichtbar, so Boehm, in zahlreichen aktuellen Theorien und Ideologien. Etwa, wenn behauptet wird, dass vorrangig die Identitäten von Geschlechtern oder sozialen und politischen Minderheiten respektiert werden müssen, dass also „meine Bindung“ an „meine besondere Gruppe“ (bzw. Nation) wichtiger sei als mein Respekt der universalistischen Werte der Menschheit.
Jedoch gilt: An dieser „allgemeinen“ Menschheit mit ihren universalen Rechten und Pflichten hat aber jeder einzelne Mensch als Mensch Anteil. Und diese allen gemeinsame Bindung an die Menschheit mit ihren rechten und Pflichten muss bestimmender und vorrangiger sein als die begrenzten Werte, die aus meiner/unserer immer begrenzten Identität (etwa als Homosexueller, als Indigener usw.) folgen. Boehm tritt also in aller Schärfe für einen „universellen Humanismus“ ein, das betont er schon in seinem „Prolog“ auf S. 12. Boehm zeigt, dass der moralische Universalismus die unbedingte Pflicht eines jeden Menschen bedeutet, für die universale Gerechtigkeit und für alle geltende Gleichheit einzutreten und diese zu leben und auch politisch zu gestalten.

4.
Die Kämpfer für die „identischen“ Rechte von bestimmten, abgegrenzten Gruppen (etwa „LGBTQ-Menschen, S. 13) will Boehm keineswegs diffamieren. Er will nur beweisen, dass sie in ihrem Einsatz für ihre Identitäten durchaus die Verbindung mit den universalen Grundrechten benötigen, soll denn das Engagement zum Ziel führen, also für sie selbst erfolgreich sein. Der universelle Humanismus soll also für Boehm „ein Kompass, sogar eine Waffe“ sein (14). Und Boehm weiß, dass es viele „falsche Universalisten“ gibt, die mit ihren Sprüchen und Taten nur die westliche Vorherrschaft meinen, etwa: Von Menschenrechten groß schwadronieren, aber sich selbst nicht an sie binden. Das trifft etwa für die katholische Kirchenführung zu, dieses Beispiel nenne ich, konsequenterweise, nicht Boehm.

5.
Immanuel Kant ist für Omi Boehm „der unverzichtbare Denker“ (16). Kant hat, sage ich nun mit einem klassischen Begriff, „Wesentliches“ vom Menschen gedacht. Boehm meint dasselbe, wenn er betont: Kant habe den Menschen „frei von jeder Beimischung biologischer, zoologischer, historischer und soziologischer Tatsachen“ (16) erkannt. Diese Konzentration Kants auf das Allgemeine, „Wesentliche“ des Menschen bzw. der Menschheit, nennt Boehm durchgehend in seinem Buch „abstrakt“. Der entscheidende Begriff „des“ Menschen, muss also Kant folgend, „abstrakt bleiben“ (16), das betont Boehm immer wieder.
Ich möchte fragen, ob es geschickt ist, diesen universalen „Wesensbegriff“ des Menschen „abstrakt“ zu nennen. „Abstrakt“ hat oft eine negative Konnotation.
Aber abgesehen davon: Durch Kant wird die Menschlichkeit des Menschen nicht durch natürliche Bestimmungen festgelegt, sondern durch die geistigen Leistungen der Freiheit, zu der auch die Pflicht gehört, das moralische Gesetz in mir als unbedingt auch für mich geltend wahrzunehmen und ihm zu folgen. Denn der Mensch kann in seiner Freiheit dem moralischen Gesetz in seiner Lebenspraxis folgen, betont Kant, warum sonst würde sich dieses moralische Gesetz denn sonst im Menschen überhaupt unbedingt zeigen?
Wenn der Mensch sich von sich distanzieren kann, wenn er also fragen kann, was er tun soll, dann zeigt er sich darin als freie Person. Er kann dem kategorischen Imperativ prinzipiell folgen!
Dieser „kategorische Imperativ“ ist eine geistige Wirklichkeit, diese ist „nicht von Menschen gemacht“ (17), sie kann also auch nicht von Menschen ausgelöscht werden. D.h.: Der kategorische Imperativ ist also nicht an bestimmte Konventionen gebunden oder historische Umstände, er gilt universell. Nur im Respekt vor einem „höheren Gesetz“ (20), also dem Kategorischen Imperativ, kann der einzelne darauf hoffen, dass seine persönlichen Wünsche (etwa hinsichtlich der Bindung an eine Identität) von anderen respektiert werden. Jeder, der ernsthaft seine eigenen Identitäten verteidigt, braucht als argumentative Unterstützung notwendigerweise die universalen Menschheitswerte der Freiheit, der Gleichheit, der Gerechtigkeit. „Die abstrakte, absolute Verpflichtung auf die Menschheit (durch die universalen Rechte, CM) löscht die Identitäten ja nicht aus; ganz im Gegenteil sind es die Identitäten, die sich gegenseitig auslöschen. Letztlich wird nur der Universalismus sie verteidigen können“. (155).

6.
Boehm ist mit der jüdischen Spiritualität bestens vertraut. Seine besondere Leistung ist, dass er auch in seinem neuen Buch alt vertraute biblische Erzählungen korrigiert, etwa die Erzählungen der hebräischen Bibel, des Alten Testaments, die sich auf die Gestalt Abrahams beziehen. Abraham ist für Boehm die entscheidende und prägende Figur der Bibel: Abraham hat als gläubiger Mensch den Mut, Gott zu widersprechen und sogar noch weiter zu gehen, wenn er betont: Dass es für Gott eine noch über ihm stehende Gerechtigkeit gibt, der auch Gott unterworfen ist. Gerechtigkeit, durch die Vernunft der Menschen erkannt, steht nicht über den göttlichen Geboten, mehr noch: Gott selbst steht in der Erfahrung Abrahams unter dem universalen Gebot der Gerechtigkeit! Was für eine Aussage, deren Konsequenzen leider Boehm nicht weiter entwickelt! Diese Erkenntnis führt zu einer radikalen Kritik des überlieferten und konfessionell immer nicht prägenden Begriff Gottes!

7.
In seiner Auseinandersetzung mit Gott angesichts der Bestrafung von Sodom und Gomorrah betont Abraham: „Sollte der Richter aller Welt, Gott, nicht gerecht richten“? (Genesis, 18., Vers 25). Die universelle Gerechtigkeit, die eben auch die Rettung der wenigen Unschuldigen in Sodom und Gomorrha betrifft, ist also wichtiger und größer als Gott selbst! Gort muss sich an das Prinzip der Gerechtigkeit binden!
Diese Erkenntnis bezieht Boehm auch auf die bekannte Geschichte von Abraham und seinem Sohn Isaac. Boehm zeigt: Abraham widerspricht Gott, und er opfert seinen Sohn gerade NICHT, wie es Gott anfänglich verlangte. Boehm hat zu dieser biblischen Erzählung ausführliche Studien betrieben. In der „Jüdischen Allgemeinen“ hat er schon am 24.2. 2015 darüber kurz berichtet: „Ich versuche nun, zu zeigen, dass zwei Verse dieser biblischen Geschichte in Wirklichkeit nachträgliche Hinzufügungen zum Originaltext sind. Es handelt sich um die Verse 11 und 12 in Genesis, Kapitel 22, in denen der Engel des Herrn Abraham im letzten Moment davon abhält, seinen Sohn zu töten. Wenn man diese Verse – eine spätere Einfügung – wieder herausnimmt, bekommt man eine in sich geschlossene, aber völlig andere Geschichte. Das heißt: Abraham entscheidet selbst und auf eigene Verantwortung – ohne das Eingreifen des Engels –, Gottes Weisung nicht zu befolgen“.
Noch einmal: In seinem neuen Buch betont Boehm: „Da die Gerechtigkeit universell ist, steht sie auch über der Autorität der einen wahren Gottheit“ (53). Diese über allem und allen stehende Gerechtigkeit ist entscheidender noch als Gott! Das in dieser Deutlichkeit zu sagen, ist sensationell, weil dann Gott nicht mehr der „Aller-Oberste“ ist. Es gibt noch eine Art „Gott über Gott“, dies ist die universale Gerechtigkeit. Aber die zeigt sich in der Erfahrung der Menschen als eine nicht von Menschen gemachte und von Menschen verfügbare Wirklichkeit.

8.
Ist diese oberste Gerechtigkeit also selbst „wahrhaftig“ göttlich zu nennen, sozusagen der „oberste Gott“? Sollte sie, diese universale Gerechtigkeit, dann nicht auch – in welcher Form – verehrt werden?
Diese Frage wird leider von Boehm nicht erörtert. Nebenbei: Es gab ja bei dem protestantischen Theologen Paul Tillich schon den Gedanken, dass es einen „Gott über Gott“ gibt. Und auch Meister Eckart hat unterschieden zwischen Gott und der Gottheit, die er allerdings für unerkennbar bzw. undefinierbar hielt. Eine weitere Frage: Ist nicht diese oberste Gerechtigkeit („über Gott“ noch stehend) auch notwendigerweise dann doch (allzu) menschlich gedacht? Wenn ja, was sicher ist: Wie kann man dann aber noch an einem „eigentlich“ unerkennbaren, bildlosen Gott des Alten Testaments festhalten?

9.
Boehm zeigt weiter in seinem Buch, wie der Bürgerrechtler Pastor Martin Luther King ebenfalls die universalen Menschenrechte in seinem Kampf zugunsten der Rechte der Schwarzen an die erste Stelle setzte.
Eher auf die US-amerikanische Situation bezogen sind Böhms Auseinandersetzungen mit dem dort überaus populären Philosophen Richard Rorty: Er entwickelt eine eher „liberal“ genannte Philosophie, die sich auch nicht scheut, die Bedeutungslosigkeit der Philosophie für die Politik öffentlich zuzugeben. Auch der us-amerikanische Philosoph Dewey wird von Boehm heftig kritisiert, weil er eine kategorisch geltende Wahrheit ablehnt.

10.
Omi Boehm, geboren in Haifa, setzt sich seit einigen Jahren auch mit der Politik des Staates Israel auseinander, vor allem was den Aufbau gerechter Verhältnisse mit den Palästinensern angeht. Er kritisiert auch in seinem neuen Buch, so wörtlich, „die Apartheitstruktur“ (S. 150), die die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland „seit vielen Jahren betreibt“. Wie alle westlichen liberalen Demokratien ist in Böhms Sicht auch der Staat Israel „auf der gewaltsamen Unterdrückung anderer gegründet“ (S. 152). Diese Identitätspolitik der Palästinenser wie der Juden kann nur, so Boehm, „jeweils zur Auslöschung der anderen führen“. Boehm plädiert für die „Einstaatenlösung“.

11.
So wird Omi Boehm durch seine erneute Auseinandersetzung mit Israel zu der Erkenntnis geführt: „Die einzige Möglichkeit, die Antinomien von Identitäten aufzulösen, die einander nihilistisch auslöschen, besteht darin, auf dem Universalismus als Ursprung zu beharren statt auf Identität. Darin, die eigen Politik mit der Verpflichtung auf die Gleichheit aller Menschen zu beginnen und die Ansprüche von Identität an dieser Verpflichtung zu prüfen“ (154).

12.
Das Buch „Radikaler Universalismus“ verlangt eine konzentrierte Lektüre, es ist aber nicht für die wenige Fachphilosophen“ geschrieben. Ausnahmsweise muss man als Rezent einmal sagen: Ich hätte mir sogar noch ausführlichere Darstellungen und Begründungen und Ausweis von Konsequenzen gewünscht.

13.
Kants Studie „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ sollte in dem Zusammenhang viel mehr gewürdigt werden. Vielleicht gelingt das zum Kant Jubiläum 2024 (300. Geburtstag). Kants Vorschläge könnten den Christen (auch den Juden und Muslime) Möglichkeiten zeigen, ohne dogmatische Bindungen und ohne religiöse fixierte Institutionen ein vernünftiges religiöses Leben zu gestalten. Eben in der Überordnung des Ethischen (des moralisch guten Lebens) über die religiösen Gebote und Gesetze, über die kirchlichen Lehren sowieso, wie Kant dringend fordert! Ausführliche Hinweise, siehe: LINK.

Omri Boehm, „Radikaler Universalismus. Jenseits von Identitäten“. Propyläen Verlag, Berlin, 2022, Aus dem Englischen übersetzt von Michael Adrian. 175 Seiten, 22 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

Der neue Faschismus – die Gefahr für die Menschheit heute.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 20.9.2022.

Das Motto: „Der Faschismus – auch der Post-Faschismus – ist die organisierte Ablehnung des menschlichen Lebens. Er ist eine Anti-Moral“ (Paul Mason)

1.
Man spricht diskret von „Post-Faschismus“. Um etwa die Partei „Fratelli d Italia“ zu bewerten.

2.
Und diese „Fratelli“, diese „Brüder Italiens“, bewegen sich in der Einschätzung der Politologen in der Grauzone zwischen Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und Faschismus.
Diese „rechtsextreme Grauzone“ setzt sich überall in Europa durch:
Von der Le Pen Partei „Rassemblement National“ und der Partei von Eric Zemmour in Frankreich, über die Rechtsextremen in Schweden (SD, „Schwedendemokraten“) und Griechenland („Goldene Morgenröte“) und Spanien („Vox) und Ungarn („Jobbik“ und z.T. sicher auch „Fidesz“ von Herrn Orban) und Polen („Nationale Bewegung“ und „Freiheit“ und Teile der PIS) und Österreich (FPÖ) und Deutschland (AFD und viele kleinere Parteien) und den Niederlanden („Partei für die Freiheit“, Wilders, und „Forum für Demokratie“ usw.) und Belgien („Vlaams Belang“) und Vereintes Königreich („British National Party“) und Slowenien „Slowenische Nationale Partei“) und Kroatien („Kroatische Partei des Rechts“, HSP) und Dänemark ( Danske Folgepartei) und Finnland („Wahre Finnen“) . usw.
Überall in Europa (und in den USA und Lateinamerika) finden rechtsextreme Parteien immer mehr Zuspruch mit ihrer wirren Ideologie. Um es klar zu sagen: Diese Parteien sind zerstörerisch, sie zerstören Demokratie und Menschenwürde und Menschenrechte und Frauenrechte, sie werden in der Politikwissenschaft oft „postfaschistisch“ genannt.

3.
Ein erster Schritt des Widerstandes: Die zerstörerischen Ideologien dieser rechtsextremen, postfaschistischen Parteien kritisch studieren und mit anderen debattieren. Dabei darf es nicht bleiben: Politische Aktionen müssen dann folgen.
Alle demokratischen Organisationen, auch die Kirchen, sollten das Studium des Rechtsextremismus und Post – Faschismus in den Mittelpunkt stellen.
Ein provozierendes, aber mögliches Beispiel: Anstelle der Predigten sollten regelmäßig in den Sonntags-Gottesdiensten Informationen über den neuen Faschismus stattfinden, über die seelische und materielle Disposition, ins Faschistische abzurutschen: Dann wären die Kirchen und ihre Prediger auf der erforderlichen Höhe der Zeit und vom Ritus des „Immergleichen“ (Predigens) befreit. Das hätte den Vorteil, dass sich die Pfarrer und Prediger genau politisch bilden müssen. Diese Neuorientierung des Predigens ist um so dringlicher, weil viele „praktizierende Katholiken“ – etwa in Frankreich – post-faschistische Parteien wählen. Und die Diskussionen nach dem Gottesdiensten wären sicher sehr lebendig.

4.
Der Begriff „Post-Faschismus“ bedeutet mehr als eine Zeitangabe, also, nach („post“) dem Faschismus von Mussolini und nach der Nazi-Ideologie Hitlers. „Post“ benennt den aktuellen Wandel des Faschismus, förmlich sein modernisiertes Versteckspiel. „Neo-Faschismus“ würde die Bürger vielleicht doch noch stören.“Post-“ weckt den Eindruck des Harmloseren.
Aber die Verwendung des „Post-“ ist alles andere als harmlos:

5.
Heutiger Faschismus bedient sich – wie der frühere Faschismus – einer Mythologie, einer Erzählung, also der ideologischer Propaganda, um die Demokratie zu zerstören.
Paul Mason hat in seiner großen Studie „Faschismus“ (Suhrkamp Verlag, 2022) darauf aufmerksam gemacht und fünf Strukturelemente herausgearbeitet:
Heutiger „Postfaschismus“ verkündet: Es findet in der Welt der Reichen Europas ein „Austausch der Bevölkerung“ statt. Durch die Zuwanderung von Fremden, von Muslimen, Afrikanern, Lateinamerikanern etc. werde ein „Genozid“ an der weißen Bevölkerung Europas und Nordamerikas betrieben. Minderwertige übernehmen also die Macht der Wertvollen Menschen, und das sind dieser postfaschistischen Ideologie folgend, die weißen Europäer.
Es sind die Menschenrechte, also die universalen (!) humanen Ideen der Moderne, die diesen Genozid zulassen und befördern. Menschenrechte werden von Demokratien verteidigt. Also müssen Demokratien verschwinden, so die postfaschistische Ideologie.
Die Idee der Menschenrechte als Eintreten für die Rechte der Armen und Ausgebeuteten wurde von westlichen marxistischen Denkern vertreten. Darum bekämpfen die Post-Faschisten entschieden „den“ Marxismus und alles „Linke“, wie schon die früheren Faschisten, etwa Mussolini.
Durch die sogenannten, angeblich „harmlos“ erscheinenden „normalen“ rechtspopulistischen Parteien in den noch halbwegs funktionierenden Demokratien wird Druck auf die Demokratie ausgeübt, es werden Netzwerke von Unzufriedenen gefördert, die massiv die liberale Demokratie zum großen Übeltäter erklären und symbolisch zerstörerisch und gewaltsam zu agieren beginnen.
Es wird in den post-faschistischen Führer-Kreisen auf einen „Tag X“ hin gearbeitet, an dem die genannten post-faschistischen Projekte durchschlagen und in Form von Bürgerkriegen die liberale und sozial eDemokratie ausschalten. In Brasilien droht der post-faschistische Präsident Bolsonaro etwa mit einem Bürgerkrieg, für den Fall, dass er nicht wieder zum Präsidenten gewählt wird.

6.
Die stärker werdende Welle der post-faschistischen Bedrohung in ganz Europa wird durch die aggressive Einmischung von Putin noch weiter verstärkt. Der Krieg Russlands bzw. des Diktators Putins gegen die Ukraine gehört zu einem großen Plan: Die Demokratien zu zerstören, auch die Demokratien in Europa. Sein Mittel: Diese postfaschistischen Parteien finanziell unterstützen. „Dies ist die erste Säule der Theorie der extremen Rechten: die Erwartung einer globalen Katastrophe, welche die Moderne, die Aufklärung, vollkommen rückgängig machen wird. Dies soll nicht wie in den Projekten Hitlers oder Mussolinis in einem einzelnen Staat geschehen oder durch Eroberungen verwirklicht werden. Sondern in Form eines simultanen globalen Zerfalls von Staaten und Institutionen“ (Paul Mason, a.a.O., S. 63). (Siehe auch Nr. 9. in diesem Hinweis)

7.
Der Faschismus bzw. jetzt der Post-Faschismus drückt sich gern mit einem international verbreiteten Slogan aus: Immer ist darin das Wort ZUERST enthalten: „Amerika first“. Oder „La France d abord“ oder „Les Francis d abord“. „Deutsche den Deutschen….“ „Gli Italiani primo“ (Motto von Matteo Salvini und anderen Rechtsextremen).
Diese Slogans mit dem Wort „zuerst“ (first, d abord, primo usw). ziehen Grenzen und Wertungen zwischen den Menschen: Es gibt in dieser Ideologie die Wertvollen, die „zuerst“ gut leben sollen. Dies sind die weißen Europäer, christlich geprägt oder jüdisch, wie Rechtsextreme jetzt gern sagen, um Muslime abzuwerten und minderwertig zu finden. Und die anderen, eben diese Minderwertigen, die bestenfalls den Wertvollen (Weißen) zu billigen Diensten zur Verfügung stehen dürfen. Selbst die rechtsextremen „brauchen“ also doch zum Funktionieren ihrer Wirtschaft noch die Armen, die Flüchtlinge, die Gestrandeten, die Hilflosen, weil diese das sklavenähnliche Hilfspersonal für die weiße Elite stellen.

8.
Zu Giorgia Meloni (geb. 1977), ein mögliche Regierungschefin, und ihre Partei „Fratelli d Italia“: Dieser Titel bezieht sich auf die ersten Worte der italienischen Nationalhymne, ein deutlicher Hinweis auf die nationale Fixierung der Partei.

Die Umfrage zur Akzeptanz der Wähl für diese Partei:
August 2019: 6,1 %
Juli 2022: 22 %.

Sofia Ventura, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Bologna. schreibt in einer Studie der „Friedrich Ebert Stiftung“:

„Melonis kulturelle und politische Auffassungen zeugen unter anderem vom Fortbestand eines zweideutigen Verhältnisses zum
italienischen Faschismus und Postfaschismus, von der Vision einer illiberalen und organizistischen Gesellschaft, auf der sie eine reaktionäre Lesart der Rechte des Individuums aufbaut – wobei der oder die Einzelne stets der Familie und der Gemeinschaft verpflichtet ist – , sowie von einem essenzialistischen und ethnozentrischen Begriff von Nation und von einer Interpretation des 20. Jahrhunderts, die die Werte relativiert, die nach der Niederlage des nationalsozialistischen Totalitarismus entstanden sind, von einer manichäischen Gegenüberstellung von Volk und Elite und von einer verschwörungs-theoretischen Auslegung der Wirklichkeit“…. „Der Hass auf Einwander_innen geht Hand in Hand mit dem so genannten welfare chauvinism, das heißt der Auffassung, dass die Vorteile des Sozialstaates nur bestimmten Gruppen, etwa den Einheimischen des jeweiligen Landes, vorbehalten sein sollten.
In diesem Zusammenhang betont Meloni stets, dass es erforderlich sei, Italiener_innen beim Bezug von Sozialleistungen zu bevorzugen…”
“Melonis FdI bewegt sich in eine weniger konservative als vielmehr reaktionäre, souveränistische, nationalistische und illiberale Richtung. Mit diesen Positionen tritt Meloni zu den Wahlen am
25.9.2022 an, die nach dem von der 5-Sterne-Bewegung und den mit ihr regierenden Rechtsparteien Forza Italia und Legaprovozierten Sturz der Regierung Draghi (21.7.2022) angesetzt wurden. Anders als 2018 ist Fratelli d’Italia diesmal die in Umfragen stärkste Partei der Rechten und ihre Vorsitzende die natürliche Kandidatin für das Amt der Ministerpräsidentin im Falle eines Sieges. Von ihrem Erfolg oder Misserfolg wird mit Sicherheit das Wohl der italienischen Demokratie abhängen. Er wird sich als Gradmesser der italienischen Demokratie erweisen“.

Zit. eines Beitrages von Sofia Ventura, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Bologna. Quelle:    LINK

9.
Siehe auch den Beitrag von Christian Modehn vom Mai 2022 „Putin der Faschist“.  LINK

Der “Tagesspiegel” hat am 18.9.2022 auf S. 4 eine Dokumentation publiziert über „Putins beste Freunde“, darin wird die finanzielles Unterstützung Putins (den einige Beobachter einen Faschisten nennen) für seine Freunde in den post-faschistische Parteien in (West)Europa dargestellt.
„Fest steht, dass Meloni von den „Fratelli d Italia“ im Falle eines Wahlsiegs am 25.9.2022 mit den beiden Putin-Freunden Salvini und Berlusconi regieren würde – ein Ergebnis, das dem Kreml-Herrscher sehr genehm wäre. Denn dann könnte Italien innerhalb der EU auf ein Ende der Sanktionen gegen Russland hinarbeiten“. (den Tagesspiegel Beitrag schrieb Claudia von Salzen).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Propaganda für den Polytheismus und das Heidentum: Julian Barnes Bekenntnisse!

Der neue Roman von Julian Barnes „Elizabeth Finch“
Ein Hinweis von Christian Modehn

Eine neue religionsphilosophische und theologische Debatte steht bevor: Die Diskussionen werden sich – wie manchmal schon zuvor – mit dem Rühmen des Polytheismus (Heidentum) befassen und der schon üblichen Verurteilung „des“ Monotheismus, also auch der christlichen Kirchen.

1.
Julian Barnes, weltweit bekannter englischer Autor und Essayist, hat einen neuen Roman publiziert: “Elizabeth Finch“ ist der Titel, auf Deutsch soll er am 3.November 2022 erscheinen, auf Französisch schon am 1. September. Deswegen hat „Le Monde“ Barnes in London besucht, einen langen Artikel veröffentlicht mit wichtigen Zitaten von Barnes (am 26. August 2022, S. 12, in der Beilage „Le Monde des Livres“.)

2.
Barnes zeigt sich in dem Beitrag als leidenschaftlicher Verteidiger des Polytheismus, für ihn identisch mit dem Heidentum. Und konsequenterweise als leidenschaftlicher Gegner „des“ Monotheismus. Das Christentum erwähnt er ausdrücklich, er denkt aber wohl auch an die beiden anderen monotheistischen Religionen, das Judentum und das Islam. Aber es ist wohl auch die Verachtung der gegenwärtigen Kirchen (auch der Kirche in England), die ihn zur Verurteilung des Monotheismus motiviert.

3.
Im Roman ist die Protagonistin, Elizabeth Finch, eine Kulturwissenschaftlerin, eine explizite Verehrerin des römischen Kaisers Julian Apostata: Er wandte sich als Christ wieder dem alten römischen und griechischen Glauben des Polytheismus bzw. dem Heidentum zu und wollte die sich herausbildende Vormachtstellung des Christentums zurückdrängen. Er lebte von 331 bis 363, als Kaiser regierte er von 360 bis 363, er starb am Tigris, damals im persischen Reich, im Kampf gegen das Sassanidenreich.
Die Begeisterung der Professorin Finch für den „abtrünnigen“ („Apostat“) Kaiser Julian wird von ihrem Schüler Neil erzählt. Er erinnert sich, wie Elizabeth Finch davon öffentlich sprach, wie der Monotheismus (gemeint ist das Christentum) eine Katastrophe für die Menschheit war, wie der Monotheismus als „Herrschaft und Korruption zur Auszehrung des europäischen Geistes führte“. Auch dies: Dass Julian Apostata moralisch viel höher stand als die ganze Reihe der Päpste. Und dass mit dem Ende des Heidentums, mit seinem Propagandisten Kaiser Julian, die Lebensfreude aus Europa verschwand…

4.
Sehr verwunderlich ist, dass Julian Barnes in dem Interview mit „Le Monde“ selbst sehr heftig Partei ergreift für den Polytheismus und das Heidentum. Zu Beginn gesteht Barnes: „Ich bin überhaupt nicht religiös, alle Religionen sind Fiktionen. Aber ich glaube, unter allen Religionen sind diejenigen, die sich auf den Polytheismus gründen, am besten erfolgreich“. Kaiser Julian Apostat habe mit seiner Toleranz gegenüber allen bestehenden, also heidnischen Religionen, so wörtlich, einen „Supermarkt der Religionen“ erfunden. Das findet Barnes gut, deutet das als Toleranz, laut „Le Monde“.
Das ist der Gipfel der Phantasie: Wenn Kaiser Julian Apostata länger gelebt hätte, dann hätte unsere Welt eine andere, eine bessere Richtung genommen. Julian hätte dann, so der Wunsch des Autors Barnes, das Christentum marginalisiert. Christliche Priester hätten nur noch „eine bescheidene Rolle gespielt neben den Heiden und Druiden, den Anbetern der Bäume usw.“ Dann „träumt“ (so wörtlich) sich der weltbekannte Autor Barnes laut „Le Monde“ in eine heidnische Welt, in der es dann aufgrund der angeblichen Toleranz des Heidentums keine Kriege gegeben hätte, eine bessere Förderung der Wissenschaft ebenso, behauptet Barnes. Und vor allem hätten die Menschen in einer Hoffnung gelebt, die sich ganz ausschließlich aufs irdische Dasein bezieht und nicht, so wörtlich, dem „absurden himmlischen Disneyland im Jenseits nach dem Tod“ geglaubt.
Julian Barnes erinnert sich in dem Gespräch mit Le Monde an die Romanschriftstellerin Anita Brookner (1928-2016), sie hätte so hübsch gesagt: „Monotheismus. Monomanie. Monogamie. Monotonie: Nichts Gutes im menschlichen Zusammenhang beginnt mit der Vorsilbe MONO“.

5.
Die Auseinandersetzung mit diesen Lobeshymnen auf Kaiser Julian Apostata und die angeblich enormen menschlichen und wissenschaftlichen Vorzüge des Heidentums, des Polytheismus, muss ausführlich geführt werden.
Es ist bekannt, dass der Polytheismus auch in philosophischen Kreisen ein gutes Ansehen genießt, man denke an an den Philosophen Odo Marquard, der 1978 einen vielbeachteten Vortrag hielt „Lob des Polytheismus“ (in: „Abschied vom Prinzipiellen“, Reclam, 1981, S. 91 -116). Man denke an die Vordenker der „Neuen Rechten“, etwa an den Franzosen Alain de Benoît, der auf Deutsch 1982 sein Buch „Heidesein. Zu einem neuen Anfang. Eine europäische Glaubensperspektive“ veröffentlichte (Graber Verlag in Tübingen). Zuvor war schon in dem genannten Verlag der Sammelband „Das unvergängliche Erbe“ erschienen, mit dem bezeichnenden Untertitel „Alternativen zum Prinzip der Gleichheit“ (herausgegeben von Pierre Krebs). Damit wurde schon im Untertitel angedeutet: Der zu überwindende Monotheismus, etwa das Christentum, setze stark auf das Prinzip der prinzipiellen rechtlichen Gleichheit aller Menschen. Und das wollen die genannten Herren rund um Alain de Botton nun gar nicht. Antisemitismus und Heidentum/Polytheismus gehören oft zusammen…

6.
Auch das gilt: Der Monotheismus kann selbstverständlich nicht pauschal verteidigt werden. Monotheistisch-fromme Menschen, etwa Christen, Theologen, Päpste usw .haben im Laufe der Kirchengeschichte ihre Haltung bewiesen: „Wir besitzen die absolute Wahrheit, und wir drängen diese unsere absolute Wahrheit allen anderen auf, durch Kolonialismus, Mission, Bekehrung“. Da hat sich also die Überzeugung durchgesetzt, subjektiv etwas Wahres erkannt zu haben, total auf objektive Welt, in die Gesellschaft, die Staaten übertragen. Und die Kirchen als Institutionen haben die nur für den einzelnen Menschen privat mögliche absolute Wahrheit ins Objektive, ins Allgemeine, als allgemeine Lehre, übertragen. Und dann begann die Katastrophe des Kolonialismus usw.

7.
Es muss hier nicht ausführlich besprochen werden, dass selbstverständlich innerhalb des Monotheismus, also der Kirchen, einzelne und Gruppen lebten und leben, die den Respekt der universalen Menschenrechte über ihre subjektive Glaubensform stellen. Man denke an Franz von Assisi oder auch an den Verteidiger der Indigenas, Pater Bartolome de las Casas.
Eine pauschale Verurteilung des Monotheismus, wie sie Julian Barnes versucht, ist schlicht und einfach historisch falsch. Genauso, wie es auch falsch ist, den Polytheismus pauschal gut und prächtig zu finden. Tatsache ist, dass heidnische Religionen, man denke an die Azteken, in ihrer rituellen Praxis nicht gerade ein Inbegriff der Menschlichkeit und Sanftheit waren. Ob der polytheistische Hinduimsus pauschal so menschenfreundlich ist, bleibt angesichts der jetzigen Hindu-Nationalisten sehr fraglich. Und ob die germanischen heidnischen Stämme einst nun große wissenschaftliche Leistungen hervorgebracht hätten, wie Barnes hofft, ist auch fraglich.
Und kann man heute gar nicht davon davon absehen, dass viele Soziologen und Politologen von den neuen Göttern des Kapitalismus und Neoliberalismus sprechen, Götter, die das permanente Wachstum gebieten und die Herrschaft der „Alternativlosigkeit“ predigen. Diese neuen materiellen Götter des polytheistischen Kapitalismus haben bei vielen jedenfalls keine gute Presse. Gott sei Dank, oder den Göttern sein Dank!

8.
Allein differenzierendes Argumentieren hilft bei dem Thema weiter und eine genau Kenntnis der Geschichte des spätrömischen Reiches, als es um das Zusammenleben von Heiden und Christen (und Juden) ging. Dazu gibt es vorzügliche historische Studien von bedeutenden Historikern, ich nenne nur den Engländer E.R. Dodds, Gräzist in Oxford, von ihm liegt auf Deutsch u.a.vor: „Heiden und Christen in einem Zeitalter der Angst“ (Suhrkamp, 1985).

9.
Es wäre im einzelnen zu zeigen, dass die universal geltenden Menschenrechte erst im Zusammenhang des Monotheismus möglich wurden. Die Menschenrechte sind ein Produkt der philosophischen Aufklärung, aber diese lebte von dem Gedanken, dass es ein oberstes Prinzip (manche nannten es noch Gott, die Deisten) geben muss als schöpferische Kraft fürs Entstehen aller Menschen. Über diese oberste schöpferische Kraft (Monotheistisch) sind also alle Menschen über die eine gemeinsame Herkunft miteinander verbunden, als Brüder und Schwestern.

10.
Es muss weiter untersucht werden, wie sich vor allem im Katholizismus eine offiziell nicht eingestandene polytheistische Tradition entwickelt hat, man müsste also ernsthaft über den Marienkult reden als Form der Verehrung einer weiblichen Gottheit; man müsste über den Kult der Engel sprechen, heute sehr beliebt, nicht nur bei den geschätzten 20 Engelbüchern von Pater Anselm Grün, sondern auch bei „kirchenfernen“ Leuten. Man müsste sprechen die Heiligenkulte, die Reliquienkulte, die Segnungen von Bäumen und Autos und Handys und Tieren im Katholizismus. Und vor allem: Allen Ernstes müsste endlich gezeigt werden, wie polytheistische Inhalte im Glauben an die Trinität enthalten sind, der Theologe Edward Schilleeeckx hat drauf hingewiesen. Für Kirchenchefs ein peinliches Thema!

11.
Man ist aber insgesamt sehr erstaunt, wie ein „weltbekannter“ Autor wie Julian Barnes (40 Bücher, übersetzt in 30 Sprachen und vielfach mit Preisen überschüttet) sich derart fürs Heidentum heute einsetzen kann.
Aber Religionsphilosophen können auch dankbar sein, dass durch die ziemlich oberflächlichen Behauptungen und „Träume“, wie Barnes selbst sagt, das Thema „Wie böse ist denn nun =der= Monotheismus“ gründlicher diskutiert wird. Und deutlich werden muss auch: Alle rechtsextremen Kreise heute wie damals schmücken sich gern mit heidnischen Ideologien oder Versatzstücken von Edda und Wotan usw. Und sie sind oft Antisemiten!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Ludwig Feuerbach, vor 150 Jahren gestorben: „Der Mensch erschafft sich Gott“!

Wie aktuell ist der radikale Überwinder einer christlichen Theologie? Ludwig Feuerbach am 13.9.1872 gestorben.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

Der Ausgangspunkt:
In der Erinnerung an den Philosophen Feuerbach wird deutlich: Philosophische Reflexionen, zugespitzt auf griffige Formeln, werden weit über die kleine philosophische Fachwelt hinaus verbreitet, sie können dann das Denken und Fühlen weiter Kreise bestimmen. Ludwig Feuerbachs Ethik mit der Formel „Der Mensch ist dem Menschen ein Gott“ gehört zu diesen Slogans wie auch seine Behauptung: „Die Vernunft, die an Gott glaubt, glaubt nur an sich selbst, also an die Realität ihres eigenen unendlichen Wesens“. Solche Sprüche haben sich durchgesetzt und wurden – wie sollte es anders sein – auch wiederum nur geglaubt und als allgemeiner Glaube wie für selbstverständlich gehalten. Die Wirkungsgeschichte gerade des Buches „Das Wesen des Christentums“ ist paradox, betonte doch Feuerbach darin ausdrücklich, sein sehr umfangreiches Werk sei vor allem für die gebildeten Kreise bedeutsam. Dennoch haben sich bestimmte publikumswirksame Thesen der Religionskritik Feuerbachs schnell weit verbreitet …und werden wie Dogmen geglaubt.

1. Der große Umbruch der Mentalitäten!
Nach dem Tod G.W.F. Hegels im Jahr 1831 spürten die Intellektuellen, wie sich der geistige Horizont veränderte, wie sich ein Umbruch in der Mentalität ereignete, nicht nur unter den genanten gebildeten Kreise in Deutschland, sondern darüber hinaus. Was Feuerbach inszenierte, war eine Revolution des Denkens, der Normen, der Werte, des politischen Handels, der Bindung an die Kirchen usw. Diese grundstürzende Veränderung nahm ihren Ausgangspunkt an der Kritik der von ihm erlebten spekulativen Philosophie, zumal der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie Hegels. Dieser geistige, philosophische und religiöse Umbruch fand statt inmitten der Etablierung der politischen Reaktion im so genannten „Vormärz“ (1815-1848). Vielleicht war Feuerbachs philosophisches Bemühen der Versuch, etwas – mindestens philosophisch Revolutionäres – der reaktionären Welt entgegen setzen.

2. War Hegel ein Pantheist? Feuerbach behauptet dies.
Hegel wusste, dass die christliche Religion, auch der in den Kirchen gelehrte Glaube, in der Form der dogmatischen Behauptungen mit ihren historischen Details keine Überlebenschancen („Akzeptanz der Menschen“) mehr hat. Er wusste: Die dogmatischen Formeln wurden noch nachgesprochen, aber sie fanden kein Echo im Denken der sich noch nach außen hin kirchlich gebenden Leute. Hegel zeigte in den Berliner Jahren an der Universität einen Ausweg: Der Inhalt der christlichen Lehre (Dogmatik) wurde in seiner Philosophie „aufgehoben“, wurde also in wesentlichen Aussagen bewahrt, aber eben auch verändert („erhoben“): D.h.: Die dogmatischen Lehren wurden aus der Anschaulichkeit der Gottesdienste und Bilder, der Wallfahrten und der Überordnung des Klerus über die Laien befreit: Die dogmatischen Glaubensbekenntnisse wurden in die Form philosophischer Begriffe erhoben und deswegen für alle Vernünftigen auch vernünftig erklärt. Gott ist dann also kein heiliger „Gegenstand im Himmel“, auch keine „Person“, sondern er ist absoluter Geist, der sich aber in das Andere seiner selbst, in Welt und Mensch, entäußert, also als göttlicher Geist in Welt und Mensch lebt.
An dem göttlichen Geist hat also jeder Mensch Anteil. Der göttliche Geist ist in der Welt, aber die Welt ist nicht Gott. Hegel war kein Pantheist, wie Feuerbach behauptete, darauf hat der Philosoph Wilhelm Weischedel (in: „Der Gott der Philosophen. Erster Band“, Darmstadt 1972, Seite 390) hingewiesen. Hier liegt der entscheidende Fehler in Feuerbachs Verständnis der Philosophie Hegels: Feuerbach behauptet, Hegel sei als Pantheist ein Denker, der „das göttliche, absolute Wesen nicht als ein von der Welt Verschiedenes, als jenseitiges, himmlisches Wesen, sondern als ein Wirkliches mit der Welt identisches Wesen erfasst“ (Band II der Gesamtausgabe Feuerbachs, S 379). Hegel denkt hingegen Gott als absoluten Geist sozusagen auch „außerhalb“ der Welt, aber eben doch auch in der Welt, in der Lebendigkeit endlicher Menschen. Wenn man schon einen griffigen Begriff will: Hegel war Pan – en -Theist. Das heißt: Hegel dachte auch die Gestalt der Religionen in der Welt als Ausdruck des göttlich-menschlichen Geistes, also auch als Ausdruck der göttlichen Schöpferkraft, die sich mit den Menschen „äußert“, also institutionelle „äußere“ Realität wird.

3. Hegel – Feuerbach – Marx
Hegels Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie fand den leidenschaftlichen Widerspruch unter seinen Schülern. Sie litten förmlich unter der Übermacht der Geistphilosophie und der Degradierung des Sinnlichen, des Leiblichen, also dessen, was sie die wirkliche Welt nannten. Wirklichkeit sollte ausschließlich die empirische und über die Sinne erfahrene Realität sein. Dass diese irdische Realität in geistigen Begriffen ausgesagt werden musste, störte die Leidenschaft dieser Verteidiger der ausschließlich irdischen Wirklichkeit gar nicht.
Ludwig Feuerbach, einer aus dem Kreis der Anti-Hegelianer, auch „Linkshegelianer“ (oder „Junghegelianer“) genannt, setzte sich mit rigorosem Nachdruck für das Irdische, Menschliche, Sinnliche als Prinzip der Philosophie ein. Er wurde dadurch zum „Freund der Menschen“. Der übliche christliche Gott der Tradition wurde von ihm als Illusion abgetan, als Produkt des noch nicht zum richtigen Verstand gekommenen Menschen gedeutet. Den Begriff „Illusion“ wird später Freud in dem Zusammenhang verwenden! Das Christentum und seine Theologie wurde also wirklich abgeschafft, als Wunsch-Projektion der Menschen disqualifiziert. Aber Feuerbach wusste, dass seine radikale Leidenschaft für die Welt und den Menschen nur ein Ausgangspunkt, ein Anfang, einer neuen Epoche sein konnte.
In der Hinsicht entwickelten Karl Marx und Friedrich Engels nach ihrer Lektüre von Feuerbach ihre politische und ökonomische Gesellschaftskritik. Nicht vom abstrakten Menschen und seiner Sinnlichkeit (wie bei Feuerbach) war bei ihnen die Rede, sondern von der Überwindung der ungerechten politischen und ökonomischen Verhältnisse, in denen Menschen leben müssen. Revolutionär war also nicht mehr die Behauptung Feuerbachs, Gott sei eine Illusion des Menschen. Revolutionär war nun die Lehre, dass Menschen, die Proletarier, im politischen Kampf ihr Leiden zugunsten einer gerechten Gesellschaft überwinden sollen. Philosophie als Form der vernünftigen Selbstverständigung konnte es unabhängig vom Klassenkampf nicht mehr geben. Und die Gottesfrage war für Marx und Engels durch Feuerbach ohnehin „erledigt“.
Diese Skizze des großen Umbruchs der Mentalitäten in der Mitte des 19. Jahrhunderts führt also zu Feuerbach, der in der Mitte steht zwischen dem Philosophen Hegel, der das Christentum denkend retten wollte und den Gesellschaftskritikern Marx und Engels, für die Religion und Kirchen bestenfalls noch „Opium des Volkes“ waren.

4. Das Zentrum der Philosophie Feuerbachs:
Ludwig Feuerbach ist in „weiten Kreisen“ noch heute bekannt: Mit einer gewissen Leichtigkeit verbreitete sich seine These, die dann geradezu populär wurde: Was die Menschen Gott nennen, ist kein Urgrund, keine himmlische Person, sondern ein Bild des idealen, des vollkommenen Menschen. Die Erkenntnis Gottes ist nichts anderes als die Selbsterkenntnis des Menschen. Theologie wird also für Feuerbach zur Anthropologie, der Mensch ist für ihn das höchste Wesen. „Das Höchste ist für den Menschen der Mensch“, so Karl Löwith, einer der frühen Feuerbach-Spezialisten im 20. Jahrhundert („Von Hegel zu Nietzsche“, Fischer Verlag 1969, S. 95).
Die Feuerbach Spezialistin Prof.Ursula Reitemeyer schreibt: „Ist Gott aber nur das Produkt menschlicher Phantasie, die Projektion einer Allmachtsidee im Angesicht menschlicher Ohnmacht, dann verkünden das Dogma und die sie stützende spekulative Logik, nur relative, vom Zeitgeist abhängige Meinungen, aber keine absolute Wahrheit. So trennt sich im Zuge von Feuerbachs Hegelkritik die Philosophie nicht nur ein weiteres Mal von der Theologie, sondern zugleich von der Macht der Meinungsmonopole. Dadurch wird Religionskritik zur Ideologiekritik.“ (https://www.uni-muenster.de/EW/forschung/forschungsstellen/feuerbach/ueber/index.html).
Gott als personales Wesen als Idee, absoluter Geist außerhalb der Menschenwelt wird von Feuerbach beseitigt, aber die Prädikate, die Gott einst schon auszeichnen, Güte, Liebe, Gerechtigkeit, Weisheit bleiben als absolute Werte erhalten, auch wenn es Gott als Person, dem einst diese Prädikate zugesagt wurden, nicht mehr „existiert“. Es geht Feuerbach also um ein merkwürdiges Fortleben göttlicher Prädikate bei einem verstorbenen Gott. So kann Feuerbach behaupten, Atheist sei nur der, der die Bedeutung der Prädikate Gottes (Güte, Liebe etc. ) leugnet. „Güte und Gerechtigkeit sind keine Chimären, selbst wenn die Existenz Gottes eine Chimäre ist“ (VI. Band der Sämtlichen Werke Feuerbachs, S. 26). Tugenden werden also von Feuerbach vergöttlicht, und dies kann der Mensch durchaus leisten, meint er, weil im Menschen doch noch eine gewisse Unendlichkeit lebt: „Es gibt eine Unendlichkeit des Denkvermögens“… „fühlst du das Unendliche, so fühlst und betätigst du das Unendliche“ (VI. Band, S 10). Diese Ambivalenz (als Ja und Nein zum Unendlichen, Ja und Nein zum Göttlichen….) ist typisch für Feuerbach.

5. Biographischer Hinweis:
Ludwig Feuerbach starb vor 150 Jahren, am 13.9.1872, in Rechenberg bei Nürnberg, geboren wurde er am 28.7.1804 in Landshut. Er hat ein umfangreiches religionskritisches Werk verfasst, er war auch ein kenntnisreicher Theologe, vor allem: er war ein Schüler Hegels an der Berliner Universität. Wenige Jahre nach Hegels Tod (1831) setzte sich Feuerbach entschieden von seinem Lehre ab, den er bis dahin seinerseits auch in Vorlesungen erklärte. In seiner Schrift „Zur Kritik der Hegelschen Philosophie“ (1839) behauptet Feuerbach, Hegel verbreite den „Unsinn des Absoluten“ , die Philosophie Hegels sei völlig haltlos, ohne Verbindung mit der realen Welt, sie bewege sich in einer reinen Welt der Begriffe. Nun aber, so Feuerbach, sei eine neue Epoche angebrochen, in der die Welt, die Natur, die realen, leibhaftigen Menschen nicht nur Ausgangspunkt der Philosophie sein müssen, sondern auch oberste Prinzipen und Normen darstellen.
Feuerbach war ein Gegner der politischen Restauration in Deutschland, die im „Vormärz“ das Leben bestimmte, einschränkte, kontrollierte.
Die reaktionären Fürstenstaaten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts legitimierten sich durch theologische Argumente. In Preußen gab es eine starke Verbindung von Thron und Altar, protestantische Theologen hatten einen enormen Einfluss auf die Gestaltung der Bildung, auch in den Universitäten. Wer evangelischer Theologe wurde, hatte die Gewissheit, berufliche Karriere im Staat zu machen.

Schon Feuerbachs frühe Schrift „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ von 1830 brachten ihm Probleme mit der Obrigkeit, im Revolutionsjahr 1848 musste er wegen seiner politischen Haltung alle Hoffnungen auf eine Professur aufgeben, er starb zurückgezogen und verarmt.

6. Was ist Wirklichkeit?
Mit allem Nachdruck muss unterstrichen werden, dass der Übergang von Hegel zu Feuerbach sich an der unterschiedlichen Erfahrung und Wertung des Wirklichen festmachen lässt. Das Christentum und seine klassische Theologie war bis ins 19. Jahrhundert (und darüber hinaus) durchaus ein Feind der sinnlichen, irdischen, leiblichen und sexuellen Erfahrung. Die entsprechenden moralischen Weisungen (bzw. Abweisungen des Irdischen, Sexuellen etc. ) des Apostels Paulus und seiner Schüler, formuliert in den zum Neuen Testament gehörenden Briefen, sind bekannt. Die Philosophin Ursula Reitmeyer fasst Feuerbachs Position zusammen: „Erst mit der Etablierung des sinnenfeindlichen Christentums, das den Verlust der sinnlichen Vernunft durch eine Ästhetik des Übersinnlichen kompensiere, habe sich formelhaftes Wissen an die Stelle eines lebensweltlichen Materialismus gesetzt. Folge sei, daß der wirkliche, real arbeitende Mensch, ebenso entmündigt wie entleiblicht, seine Existenz kaum fristen könne, während sich das System und mit ihr die Elite permanent reproduziert. (Ursula Reitemeyer, in dem Beitrag „Über Feuerbach“, https://www.uni-muenster.de/EW/forschung/forschungsstellen/feuerbach/ueber/index.html).

7. Kritische Hinweise zu Ludwig Feuerbachs Philosophie:
Feuerbach hat das leidenschaftliche Interesse, an die Stelle der Theologie die Anthropologie zu setzen, und dabei musste er bei seinem auf Sinnlichkeit fixierten Anthropologie – Begriff unbedingt auf metaphysische Spekulationen – etwa im Sinne der Vernunftphilosophie seines Lehrers Hegel – verzichten. Bei diesem radikalen Bruch in der Geschichte des Denkens hat Feuerbach bestimmte Differenzierungen und Nuancen übersehen. Abgesehen davon, dass Feuerbach Aussagen in „Das Wesen des Christentums“ durchaus sehr langatmig und gedehnt erscheinen, der Philosoph Walter Schulz nennt sie vornehm „weitausholend“ („Philosophie in der veränderten Welt“, Neske Verlag, 1980, S. 371). Wichtiger sind inhaltliche, philosophische Vorbehalte zu einigen zentralen Thesen Feuerbachs im „Wesen des Christentums“: „Feuerbach hat die (zentrale) These, dass der Mensch ein sinnliches Wesen sei, zwar propagiert – seine Schriften sind, wie die Titel zeigen, zumeist überhaupt Programmentwürfe – aber nicht wirklich reflektiert“ (, so Walter Schulz a.a.O., S 376). Walter Schulz meint, Feuerbach habe einfach die traditionelle Überzeugung, dass die Vernunft das Herrschende sei, in ihr Gegenteil verkehrt: “Der Mensch ist wesentlich NICHT von der Vernunft, sondern vom nichtvernünftigen Willen, dessen Träger der Leib ist, bedingt“ (a.a.O.).
Eine allgemein geteilte philosophische Erkenntnis ist, dass auch die sinnlichen Erfahrungen im Menschen eben Begriffe, Sprache, werden müssen, wenn sie denn als relevant im Menschen sein sollen: Das heißt die Sinnlichkeit, wenn sie denn als solche Erkenntnis befördert, muss sich eben doch in vernünftiger, also geistiger Sprache äußern.
Von Gott kann sich Feuerbachs Theorie der gottlosen Anthropologie auch nicht ganz befreien, auch daran muss noch einmal nachdrücklich erinnert werden: Feuerbach muss zur Bewertung des Menschen und die Bindung des einzelnen an die Gattung des Menschen dann doch auf Qualitäten des Göttlichen zurückgreifen: Der abgeschaffte Gott hinterläßt der gottlosen Menschheit die Bindung an die göttlichen und heiligen Prädikate des göttlichen Wesens. Denn bestimmte gute Eigenschaften hatte die Menschheit Gott zugeschrieben, jetzt sollen diese Eigenschaften allein als göttlich gelten. Der Mensch kommt also für Feuerbach nicht vom Göttlichen los, das kann daran liegen, dass, wie Hegel richtig sah, das schöpferische Göttliche (absoluter Geist) eben doch im Menschen wirkt. Religionen sind dann also Ausdruck der Geistigkeit des Menschen. Das deutet Feuerbach selbst an, wenn er Vernunft, Wille, Liebe, als Kräfte bezeichnet, die der Mensch nicht gemacht hat, also „göttliche, absolute Mächte sind, denen der Mensch keinen Widerstand entgegensetzen kann“ (zit in Weischedel,a.a.O, S. 400, auch Feuerbach Sämtliche Werke, Band VI 3f.).
Karl Löwith schreibt in seinem Buch „“Von Hegel zu Nietzsche“ (S. 96). „Gemessen mit dem Maß von Hegels Geschichte des Geistes muss Feuerbachs massiver Sensualismus gegenüber Hegels begrifflich organisierter Idee als ein Rückschritt erscheinen, als eine Barbarisierung des Denkens , die den Gehalt durch Schwulst und Gesinnung ersetzt“ .

8. Das Ende der Philosophie ?
Feuerbach selbst betonte, sein Denken als ein Denken der Sinnlichkeit, der sinnlichen Wirklichkeit von Welt und Mensch, sei bereits eine Negation der Philosophie, also der klassischen, Hegelschen Philosophie. Feuerbach meinte sogar, „sein Denken sei gar keine Philosophie mehr“. Die spekulative Philosophie sei – so wörtlich- eine betrunkene Philosophie. „Die Philosophie muss daher wieder nüchtern werden“, also nicht spekulativ, sondern sinnlich werden. (zit bei Weischedel, a.a.O., S. 392). Dabei sind viele Formulierungen Feuerbachs, leidenschaftlich und polemisch, alles andere als Ausdruck einer „nüchternen Philosophie“.
Nur in dieser Haltung glaubte Feuerbach, den „Menschen zur Sache der Philosophie zu machen“, eine Philosophie, die wie gesagt, die ihr eigenes Ende einläutet, also explizit sich selbst aufheben will und dies behauptet. Feuerbach sagt: „Die wahre Philosophie ist die Negation der Philosophie, ist keine Philosophie“ (Feuerbach Sämtliche Schriften, II, 409 f., zit auch bei Weischedel, a.a.O. 395). Tatsächlich aber waren die Gedanken Feuerbach dann doch wieder eine Gestalt von Philosophie, wie sollte es auch anders sein, man denke an Feuerbachs Reden von der Unendlichkeit des menschlichen Bewusstsein oder von der Göttlichkeit der menschlichen Prädikate Gottes.
Ludwig Feuerbach ist der durchaus irritierende, wenn nicht verwirrende Philosoph bzw., wie er selbst sagt „Nicht-Philosoph“, der wegen seiner populär verbreiteten Slogans eine enorme Wirkungsgeschichte hat. Aber eins ist sicher: Atheist – als heftiger Feind alles Göttlichen- war Feuerbach sicher nicht, wie auch Vittorio Hösle betont, und Feuerbach war kein heftiger Feind des Christentums und der Kirche, wie Nietzsche. Feuerbach bleibt ein Denker der „Zwischenstellung“, zwischen klassischer, sich noch fürs Christliche interessierenden Philosophie und der radikalen Gesellschaftskritik bzw. dem radikalen Atheismus. Für ihn ist Gott keine „himmlische Person“, die Abwehr der göttlichen Person verbindet ihn zwar mit Hegel, hingegen hielt Hegel bekanntlich an einer eigenständigen Wirklichkeit des „absoluten Geistes“ fest.

9. Gott ist die Liebe. Die Liebe ist göttlich.
Man darf niemals vergessen: Feuerbachs Grundsatz war: „Gott ist die Liebe“, verstanden als „Die Liebe ist göttlich“. Die Liebe sei zudem der Maßstab im Leben Jesu Christi. „Wer also den Menschen um des Menschen willen liebt … der ist Christ, der ist Christus selbst“ (zit. In Vittorio Hösle, Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“, S. 172). Diese Liebe zum Menschen, die bei Feuerbach göttliche Qualitäten hat, zeichnen diesen immer wieder irritierenden Denker Ludwig Feuerbach besonders aus. Er versuchte im 28. Kapitel seines „Wesen des Christentums“ die anthropologisch relevante Dimension der kirchlichen Sakramente aufzuzeigen, etwa das christliche Abendmahl, verstanden als das Essen und Trinken als ein „Mysterium“ (S. 409 ff, in Reclam Ausgabe., 1971).
Feuerbach beendet diese seine umfangreiche Studie mit einer Übersetzung des christlichen Abendmahls in eine noch mögliche weltliche Bedeutung mit den Worten: „Heilig sei darum das Brot, heilig der Wein, aber auch heilig das Wasser! Amen.“ Das Amen beendet dieses grundlegende religionskritische Werk! Der Philosoph Vittorio Hösle findet dieses „Amen am Ende des Buches nicht aufgesetzt“ (a.a.O. . 172). Das Amen ist Ausdruck des irritierend frommen wie religionskritischen Denkers Feuerbach. Glaubte er mit seinem Opus amsterdam2
eine neue, anthropologische Predigt gehalten zu haben? Vielleicht!

Ich empfehle die Studien der „Arbeitsstelle Internationale Feuerbach-Forschung“ in Münster zu beachten, mit der Prof. Ursula Reitemeyer. Siehe: https://www.uni-muenster.de/EW/forschung/forschungsstellen/feuerbach/index.html.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

Struktur und Verfassung der katholischen Kirche sind Menschenwerk. Und deswegen wandelbar und korrigierbar.

Kritik und Zurpückweisung der klerikalen Ideologie, vertreten durch Kardinal Ludwig Müller.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
Kardinal Ludwig Müller (Rom) behauptet im Juli 2022: „Der Grund (meiner Ablehnung tiefgreifender Kirchen-Reformen) ist, dass die Kirche von Jesus Christus eingesetzt und entworfen worden ist. Wir haben keine Vollmacht, diese Ordnung zu verändern“.

2.
Das sagt Kardinal Ludwig Müller (74 Jahre), von Papst Franziskus als Chef der obersten Glaubensbehörde im Juli 2017 abgesetzt. Seitdem ist er heftiger Gegner von Papst Franziskus.
Müller wohnt in der einstigen großzügigen Wohnung seines alten Gönners, Kardinal Joseph Ratzinger, ganz dicht am Vatikan. Er verbreitet seine Theologie, die vor wissenschaftlichen Standards keinen Bestand hat. Müller will tiefgreifende Reformen des römischen klerikalen Systems mit einer falschen Theologie bremsen und verhindern.
Theologisch nicht gebildete Leute fallen auf Müllers Sprüche rein. Sie wissen nicht, dass die oben zitierten Aussagen des Kardinals, der als Theologieprofessor in München arbeitete und Priester ausbildete, schlicht und einfach überholt und falsch sind. Es steht fest: Die katholische Theologie ist eine kritische Wissenschaft, falls sie sich nicht gängeln lässt von uralten Vorgaben und Kontrollen der kirchlichen Herrschaft. Auch eine freie und umfassend kritische katholische Theologie also erkennt Falsches und Wahres, wissenschaftlich Erwiesenes und in der Phantasie Erdachtes.
Müllers oben zitierte Abweisung von tiefgreifenden Kirchenreformen, wie sie der Synodale Weg in Deutschland vorschlägt, sind also Ausdruck einer uralten klerikalen Ideologie, die nur dazu dient, den Status quo zu schützen und zu erhalten. Trotz der theologisch – wissenschaftlichen Inkompetenz Ludwig Müllers lässt er sich als Kardinal „Eminenz“ anreden, in der offiziellen Vatikan-Sprache ist er also ein „Herausragender“, eine „Hoheit“. Und diese Eminenz äußerte sich also in dem genannten Zitat, es wurde veröffentlicht im „Tagesspiegel“, 1.8.2022, S. 4 oder in der „Süddeutschen Zeitung“, 1.8.2022, Seite 6.

3.
Die theologischen Fehler in der Argumentation Müllers wenigstens in Grundzügen darzustellen, ist alles andere als eine theologische Spitzfindigkeit, und keineswegs nur wichtig für einige Spezialisten. Daran sollten doch weite Kreise interessiert sein: Es geht um ein wissenschaftlich korrektes, also ein vernünftiges Verstehen von dem, was katholische Kirche eigentlich ist. Sie ist ein Werk von Menschen und deswegen stets reformierbar, also korrigierbar. Nur wenn man, wie die Klerus-Herrschaft es versucht, die katholische Kirche als Gottes Werk ( oder auch Christi Werk) versteht, wird sie wie Gott in die Ewigkeiten der Unwandelbarkeit erhoben. Und der Klerus kann seine Allmacht bewahren. Um dieses Problem also geht es!

4.
„Jesus Christus“ also soll – so Eminenz Ludwig Müller – die katholische Kirche „eingesetzt und entworfen haben“.
Der Fehler beginnt ganz entschieden damit, dass Müller von „Jesus Christus“ in einer Weise spricht, als wären beide Namen, also Jesus wie auch Christus, Eigennamen für eine historische Person, so, wie man etwa von einem „Hans Peter“ oder einem „Friedrich Wilhelm“ spricht.
Hingegen ist wahr: Eigenname als Vorname für eine historische nachweisbare Person ist allein der Name Jesus. Es ist Jesus von Nazareth, der jüdische Wanderprediger, der um 5 vor unserer Zeitrechnung geboren und im Jahre 30 in Jerusalem am Kreuz gestorben ist.
Die Bezeichnung „Christus“ ist hingegen kein Name, der eine historische Person nennt! Sondern Christus benennt nur eine besondere Qualität, in dem Fall die Qualität dieses Menschen Jesus von Nazareth. Die besondere Qualität „Christus“ bzw. „Messias“ im jüdischen Sinne meint keine göttliche Qualität, wie später die Kirchenführer behaupteten, sondern „Christus“ bzw. „Messias“ benennt nur eine besondere Auszeichnung eines Wanderpredigers als einem „Gesandten Gottes“ oder einem „König, der Heil bringt“.
Wer die Formel „Jesus Christus“ verwendet, meint also NICHT eine historische Person unter diesem Doppel-Namen. Sondern: Jesus von Nazareth, der nach etliche Jahre nach seinem Tod von Menschen gedeutet wurde als der „Christus“ bzw. (synonym) „Messias“ bzw. „der Gesalbte“. Aber diese Qualitäten werten diesen Jesus von Nazareth NICHT als Gott oder Gottes Sohn auf.

5.
Paulus, einst der Pharisäer Saulus, hat Jesus von Nazareth nicht persönlich gekannt, die 4 Evangelien konnte er nicht kennen, weil sie zu seinen Lebzeiten noch nicht verfasst waren. Paulus spricht in seinen authentischen Briefen vom Messias Jesus oder auch von Jesus Christus, im Sinne, wie oben beschrieben, also von Jesus als dem Christus, als dem von Gott Gesalbten. „Wenn Paulus in Jesus Christus einen Gott (oder Gott-Sohn) gesehen hätte, wäre es völlig widersinnig, wenn Paulus wörtlich zugleich auch von einem „Gott unseres Herrn Jesus Christus“ sprechen würde. Denn das hieße zu behaupten, dass dieser (angebliche) Gott Jesus noch einen Gott über sich haben würde. (Hermann Baum, „Die Verfremdung Jesu und die Begründung kirchlicher Macht“, Düsseldorf 2006, S. 59). Jesus von Nazareth sah sich selbst nicht als ein ein göttliches Wesen oder gar als eine zweite Person einer göttlichen Trinität.

6.
Der historische Jesus von Nazareth hatte, wissenschaftlich eindeutig erwiesen, keine Ambition, eine Kirche zu gründen. Jesus war so sehr auf ein baldiges Ende der Welt fixiert, dass ihn eine Kirchenorganisation mit Klerus und Sakramenten gar nicht in den Sinn kam. „Mit der Naherwartung Jesu – also der Erwartung eines bevorstehenden Welten-Endes – lässt sich die Absicht, eine Kirche zu gründen nicht vereinbaren“ (Hermann Baum, a.a.O., S 80).

7.
Es sind Menschen, die ersten Gemeinden, die sich auf Jesus Nazareth als Messias beziehen und sich dabei als eigene Gruppe zuerst versuchsweise innerhalb des Judentums, dann neben dem Judentum explizit konstituieren, die ihren „Meister“ Jesus von Nazareth als eine besondere und einmalige Gestalt deuten …. bis hin zum Johannes Evangelium, das Jesus mit dem göttlichen (himmlischen) Logos identifiziert, Jesus als Logos und damit als Wirklichkeit des transzendenten Gottes. Diese ins Göttliche weisende Interpretation des Johannes -Evangeliums wurde 60 Jahre nach Jesu Tod verfasst. Der Theologe Tertullian (ca.160-220) spricht bereits explizit von „Jesus Christus unserem Gott, der die Apostel sandte zu predigen…“ (zit. in Maurice Sachot, „L Invention du Christ“, Paris 2011, S. 211).

8.
Mit dieser von Menschen geleisteten absoluten Höchststellung Jesu von Nazareth geht auch der Ausbau der Kirche- Institutionen einher, die immer mehr vom Klerus bestimmt und beherrscht werden bzw. In den ersten Jahrhunderten von den theologisch einflussreichen, christlich, kirchlich, gewordenen römischen Kaisern.
Diese Interpretation (Jesus als Gott) ist Ausdruck einer Machtpolitik: Indem die Hierarchie beanspruchte, einzig kompetent die Bibel zu deuten und die Dogmen zu lehren, zog sie ihren Gott Christus als ideologische Stütze auf ihre Seite, also den ewigen Gott innerhalb der Trinität, der als der Ewige (d.h. damals Unwandelbare) natürlich keine Veränderungen und Reformen „seiner“ Kirche wünscht. „Wie es war im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit, Amen“, heißt es so schön in einer beliebten Gebets-Formel, die eigentlich nur den göttlichen Stillstand und die Unwandelbarkeit formuliert. Erst wenn Menschen Jesus zum Gott Christus erklären, hat die Hierarchie Chancen, ihre Macht auszuüben.
Der Klerus, die Priester, verstehen sich in besonderer Nähe zu der göttlichen Wirklichkeit, nur sie allein können (und dürfen) Brot und Wein in Jesu Leib und Blut verwandeln, wie die katholische Kirche lehrt.

9.
Die Kirchenführer sind so klug, diese ihre Auszeichnung Jesu von Nazareth als des göttlichen Christus nicht als ihre menschliche Verfügung und Tat hinzustellen. Sie sagen: Jesus als den Gott-Menschlichen Jesus Christus zu bezeichnen ist gnadenhafte Tat des göttlichen Geistes, also Gottes selbst. Sie haben sich vorher theologisch abgesichert, indem sie behaupten: Gott selbst will, dass der Klerus dogmatischen Traditionen schafft, also das Dogma formuliert: „Jesus von Nazareth ist der Gott-Mensch Jesus Christus“.
Ob nun mit heiligem Geist oder bloß mit menschlichem Geist erdacht: Die Kirche ist ein Werk von Menschen. Sie ist nicht Tat einer imaginären Person „Jesus Christus“, Christus ist nur ein schlichter Ehrentitel, mehr nicht, Christus ist keine einzelne Person unter diesem Namen.

10.
Aber im Laufe der Kirchengeschichte hat sich populär und offiziell die Meinung durchgesetzt, Jesus von Nazareth sei von vornherein kein anderer als der Gott-Mensch Jesus Christus, oft nur Christus genannt. Man denke nur an den theologischen Unsinn populärer Weihnachtslieder mit ihrer Behauptung: Jesus sei in seiner Krippe zu Bethlehem ein „göttliches Kind“. „Des ewigen Vaters einig Kind, jetzt man in der Krippe findet“ usw…
Aber diese Theologie, die meint, es gebe eine historische Person mit dem Namen Jesus Christus wird auch bis heute offiziell verbreitet, etwa in der „Dogmatischen Konstitution über die Kirche“ des 2. Vatikanischen Konzils (1962-65). Dieser zentrale Text stellt von Anfang an klar, dass eine Person, hier sogar nun kurz „Christus“ genannt, „das Reich der Himmel auf Erden begründet hat“ (§ 3). Unmittelbar daran anschließend ist von „Kirche“ (auch von dieser nur „Christus“ genannten Gestalt gegründet) die Rede. „Die Kirche, das heißt das im Mysterium schon gegenwärtige Reich Christi….“ (§ 3).

11..
Noch einmal zur Behauptung von Kardinal Müller.
Diese Analyse der Behauptung Müllers zeigt: Die katholische Kirche, wie alle anderen christlichen Kirchen, sind Werk von Menschen. Es ereignete sich keine Geheimoffenbarung in den Vatikanischen Gärten oder sonst wo, in der Gott selbst gesprochen hat, bestimmte auf ewig fixierte Kirchenstrukturen zu schaffen. Das Kardinalskollegium wie das Papsttum und die Sakramente und die Gestalt der Gottesdienste sind Menschenwerk, entstanden im Laufe der Kirchengeschichte.
Kardinal Müller aber behauptet in dem oben genannten Zitat: Dieser menschlich – göttliche Jesus Christus habe „DIE“ Kirche „eingesetzt“. Das Datum der „Einsetzung“ als angeblich historisches Ereignis wird nicht genannt und kann auch nicht genannt werden. Pfingsten hat kein Datum innerhalb der Weltgeschichte, die so genannte „Himmelfahrt Jesu“ auch nicht, in den fromm erdachten „Erlebnissen“ wurde jedenfalls noch nicht an die Struktur einer Klerus-Kirche gedacht.
Das Wort „Einsetzen“ wird von Müller verwendet, ein merkwürdiges Wort für die Kirchengründung. Müller hat offenbar doch Angst zu sagen, die Person Jesus Christus habe die Kirche gestiftet bzw. gegründet. Das kann selbst Müller als Theologieprofessor nicht meinen, er weiß doch in gewisser Weise: Jesus von Nazareth dachte nicht im entferntesten an eine Kirchengründung…
Die Behauptungen Kardinal Müllers werden noch irritierender:: Jesus Christus habe die Kirche, so wörtlich, ENTWORFEN. Was ist ein Entwurf? Eine Vorlage, der dann die Bauleute folgen. Also sind die gebauten Strukturen dieser römischen Kirche, so wie sie sind, von diesem Jesus Christus (wer immer das sein mag) irgendwie implizit doch gewollt? Damit wird wieder Tür und Tor geöffnet für die schon beschriebene Vorstellung: Diese Person, nun Jesus Christus genannt, wollte also diese faktische Klerusherrschaft, Jesus Christus wollte also diese Zölibats-Strukturen, die auch zu dem tausendfachen sexuellen Missbrauch durch Kleriker führten und führen? Jesus Christus wollte allen Ernstes, dass Frauen keine priesterlichen Ämter in dieser Kirche ausüben, nur weil die theologisch ungebildeten Kardinäle glauben: Aus der Berufung von 12 Männern zu Aposteln durch Jesus von Nazareth seien Frauen als Apostel ausgeschlossen…Das war Jesu „Entwurf“?

12.
Man denkt manchmal, wenn man die Texte Müllers liest, an Dogmen der neoliberalen Herrscher heute erinnert zu werden, vor allem an deren Aussage „There ist no Alternative“. Kardinal Müller scheint an diese Ideologie gebunden zu sein, wenn er allen Ernstes behauptet: „Wir (also Müller und der Klerus ) haben keine Vollmacht, diese Ordnung zu verändern“. Das ist es wieder: „There is no alternative!“. Eine erbärmliche Welt, eine erbärmliche Kirche, die keine Alternative sieht zu ihrer jetzigen Gestalt und Struktur.

13.
Man sollte daran erinnern, dass Eminenz Müller sich auch nicht dazu hinreissen lässt, zukünftige Reformen der Römischen Kirche als „Zugeständnisse an den Zeitgeist“ zu nennen. Aber: Was ist denn der Zeitgeist? Es ist der Geist dieser Zeit des 21. Jahrhunderts, ein Geist, eine Form von Mentalitäten und Überzeugungen, von denen Christen und theologisch Gebildete wissen: Es ist der Geist Gottes, der auch im 21. Jahrhundert irgendwie wirkt und „weht“. Demokratie, Menschenrechte, Frauenemanzipation, gleiche Rechte für Homosexuelle, Lebensrechte für die Armen, Aufteilung des Kirchenbesitzes zugunsten der Armen usw. sind der gute Geist der Zeit, theologisch gesehen: Ausdruck des heiligen Geistes.
Wer aber, wie seine Eminenz, Herr Müller, in Abrede stellt, dass jede Zeit, auch unsere Zeit, irgendwie und irgendwo doch noch vom göttlichen Geist durchweht ist, der wurde einst und wird heute Atheist genannt, also ein Mensch, der nicht mehr an die Wirkkraft des göttlichen Geistes in allen Zeiten glaubt.

14.
Diese Kleruskirche beansprucht eine „heilige Kirche“ zu sein.
Im offiziellen katholischen Glaubensbekenntnis, dem „Apostolischen Glaubensbekenntnis“ müssen die Glaubenden bekennen:“Ich glaube an die HEILIGE katholische Kirche“. Das genauso offizielle Glaubensbekenntnis des ökumenischen Konzils von Konstantinopel (381) formuliert: „Wir glauben an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“. Auch die Evangelische Kirche (EKD) hält fest am Apostolischen Glaubensbekenntnis, und formuliert: „Ich glaube an die heilige (!) christliche Kirche… Das „katholisch“ wurde ökumenisch weit durch „christlich“ ersetzt, das „heilig“ blieb erhalten..
Tatsache ist für jeden Christen: Heilig ist einzig und allein Gott. Außer Gott noch etwas oder jemanden heilig zu nennen, ist eigentlich eine Gotteslästerung. Aber diese Grenzüberschreitungen sind üblich, zumal im Katholizismus: Da gibt es den „heiligen Vater“, den Papst oder „die heilige Kirche“: Davon spricht das 2. Vatikanische Konzil ständig: In § 8 der „Dogmatischen Konstitution über die Kirche“ wird Christus (nicht etwa Jesus Christus, sondern, Christus behauptet als selbständige Person ) als Gründer der Kirche wieder einmal genannt: „Christus hat seine HEILIGE Kirche hier auf Erden verfasst…“ Eine sehr mysteriös anmutende Erklärung für die Heiligkeit der Kirche bietet der offizielle katholische Katechismus (Vatikan 1993) im § 823 mit Verweis auf das genannte Dokument des 2. Vatikanischen Konzils: Als Begründung heißt es im Katechismus. „Christus der Sohn Gottes, hat die Kirche als seine Braut geliebt, indem er sich für sie (offenbar am Kreuz, C.M.) hingab, um sie zu heiligen“. Die Heiligkeit des Sohnes Gottes als Kirchengründer überträgt sich auf die Institution der Kirche, hier mal eine „Braut“ genannt. Die Institution, die Verfassung mit der Hierarchie usw., soll also heilig sein und heilig ist im klassischen Verständnis immer unwandelbar! Überhaupt nicht heilig sind hingegen die allermeisten Mitglieder dieser Kirche, sie sind Sünder, das wird offen von den Päpsten seit Johannes Paul II. zugegeben. Aber diese sündigen Mitglieder der Kirche belasten oder verstören bzw. zerstören diese Kirche als Institution ganz und gar nicht, so die offizielle Lehre. Die Kirche als Institution, als göttliches Projekt oder gar als „Idee“, bleibt ewig heilig, und das heißt immer auch unveränderlich., siehe die einschlägige Meinung Kardinal Müllers. Mit anderen Worten: Diese Art von Theologie als Ideologie des herrschenden Klerus kann eigentlich nicht aufgebrochen werden, sie ist in sich verschlossen, erratisch. In dem Sinne auch: Sie macht hoffnungslos.

15. Zusammenfassung:
„Das Christentum ist eine Religion, die nicht bereits von Jesus gestiftet und festgeschrieben worden ist, sondern das Ergebnis einer zweitausend jährigen Entwicklung, geprägt von Menschen, deren grundsätzliche Irrtumsfähigkeit außer Zweifel steht“ ( Prof. Hermann Baum, a.a.O., S. 221).

16. Ausblick:
Nur eine grundlegende Transformation der katholischen Kirche zu einer demokratisch verfassten Gemeinschaft, ohne allmächtige, angeblich gottgewollte Hierarchie, hat eine Zukunft. Natürlich, diese Kirche in der jetzigen Struktur kann wie ein steinernes Skelett noch lange fortbestehen, solange Menschen diese Herrschaft aus Autoritätshörigkeit und Angst finanziell unterstützen.
Aber: Diese neue Gemeinschaft wird im Rahmen der Transformation viele ihrer Glaubensinhalte endlich beiseite legen und dies als Befreiung erleben. Der offizielle katholische Katechismus wird von jetzt 2865 Paragraphen zu Dogma und Moral (2875 Paragraphen in der Ausgabe des Vatikans, 1993) auf vielleicht 50 reduziert. Viele nebulöse, mythologische, d.h. unwissenschaftliche Interpretationen der Bibel, die im Dienst der Klerusherrschaft stehen, werden dann ausgelöscht sein. Und diese Gemeinschaft hat dann vielleicht noch Chancen, Menschen spirituelle Impulse, politische Ideen zugunsten der lebendigen Menschenrechte, also Hilfe und umfangreiche Befreiung und Heilung anzubieten.

17. Weitreichende Konsequenzen
Wenn Jesus von Nazareth als der Messias, aber nicht als der zum Gott gemachte Christus, anerkannt wird:
Dann muss u.a. die Trinitätstheologie neu bestimmt werden, siehe auch die Abwehr dieser 3 Personen – Trinitätslehre durch den katholischen Theologen Edward Schillebeeckx…
Dann muss die klassische, sich orthodox nennende Erlösungslehre („erlöst durch Jesus Christus“) neu bestimmt werden. In keinem Fall ist dann noch Jesus Christus als der von Gott zum erlösenden Kreuzestod zu den Menschen entsandte Sohn Gottes relevant. Vielmehr: Jesus als der Messias (nicht der göttliche Christus !) ist in der neuen Theologie erlösend, befreiend, zum Frieden inspirierend als das befreiende Vorbild.
Dann wird auch die sich orthodox nennende Lehre von der Erbsünde („totale Verfallenheit aller Menschen an eine sich durch die Sexualität immer fortsetzende Sünde Adam und Evas) beiseite gelegt.
Dann wird neu nachgedacht werden über die spirituellen Versammlungen der Gläubigen (Gottesdienste, Messen, genannt), die selbstverständlich jeder und jede gut ausbildete Gläubige leiten kann…

18. Finis: Ein Zitat für bibelfeste und bibeltreue LeserInnen:

Im Zusammenhang der Klerus – Kritik lohnt es sich immer, das 23. Kapitel des Matthäus-Evangeliums zu lesen „Worte gegen die Schriftgelehrten und die Pharisäer“, also übersetzt gegen den heutigen Klerus und seine Theologen.
Ich zitiere zum Schluss den Vers 4: „Sie (die Kleriker) schnüren schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, wollen selber aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen“.
Und Vers 13 heißt. „Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verschließt den Menschen das Himmelreich. Ihr selbst geht nicht hinein; aber ihr lasst auch die nicht hinein, die hineingehen wollen“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

„Wenn das Christentum nicht mehr liebenswürdig ist“…

Immanuel Kant deutet das „Ende aller Dinge“, also den „Untergang der Welt“.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
Aktuell wird über die Zukunft der Kirchen in Europa heftiger als je zuvor nicht nur debattiert; es gibt Kirchenaustritte von mehreren hunderttausend Gläubigen seit vielen Jahren; es gibt sexuellen Missbrauch durch den Klerus; unverminderten Anspruch des katholischen Klerus, in allen relevanten Fragen herrschend und allbestimmend zu bleiben; nicht zu leugnen ist die Schwäche des Christentums, tatsächlich Frieden zu schaffen trotz der vielen „Friedenssprüche“; der theologische Fundamentalismus in weiten Kreisen aller Kirchen wird politisch immer gefährlicher, siehe USA usw.

2.
Ist das Ende der Kirchen in Europa und Nordamerika absehbar? Religionssoziologen schließen das nicht aus, und sie sehen, dass einstige Großkirchen langsam, aber sicher verschwinden: Man denke etwa an die Entwicklungen in den Niederlanden.

3.
Das Ende aller Dinge, also den Untergang der Welt und das End-Gericht Gottes, hat Immanuel Kant, der Philosoph der Aufklärung, mit dem Niedergang des Christentums, der Kirchen, verbunden. In seiner wenig beachteten Schrift von 1794 mit dem Titel „Das Ende aller Dinge“ kommt er zu dem Ergebnis: Der definitive Untergang der Welt kann bevorstehen, wenn das Christentum, wenn die Kirchen, aufhören, wenigstens noch Spuren des „Liebenswürdigen“ in sich zu haben.

4.
Mit anderen Worten: Hören die Kirchen auf, noch liebenswürdig zu sein, können und sollen die Menschen „eine Abneigung und Widersetzlichkeit
gegen das Christentum“ als ihre „herrschende Denkart“ praktizieren, d.h. sie könnten und sollten sich von diesem Christentum befreien. (I.K., „Zum ewigen Frieden“, Fischer-Taschenbuch, 2008, S. 150f.).

5.
Noch schimmert die Liebenswürdigkeit des Christentums durch, meint Kant (S. 150). Er versteht Liebenswürdigkeit nicht im populären Sinne etwa als Aufopferung eines Menschen für andere, sondern als menschliche Haltung, die sich ganz der Sittlichkeit verpflichtet weiß, als Resultat der freien Entscheidung, dem kategorischen Imperativ zu folgen. Der wahre Christ folgt – so Kant – nicht aus Angst vor göttlichen Strafen den ethischen Prinzipien des Christentums; er folgt den Weisungen des Christentums aus freier Einsicht, weil sie human, weil sie menschlich vernünftig sind und mit den vernünftigen ethischen Prinzipien identisch sein müssen.

6.
Ein „liebenswürdiges Christentum“ ist also ein Christentum der Freiheit, ohne Zwang, ohne entfremdenden Dogmen-Glauben, ohne „Befehlshaber“, wie Kant sagt (S. 149), ein Christentum also „des sanften Geistes“ „ohne gebieterische Autorität“ (S. 150). Und wenn dieses liebenswürdige Christentum aufhört lebendig zu sein, dann… ist das “Ende der Zeiten“ nahe, das schreibt Kant in einer seiner letzten Publikationen überhaupt. Dabei sollte man die Formel Kants „Ende der Zeiten“ nicht wortwörtlich verstehen, sondern als Hinweis darauf, dass dann die Welt, selbst wenn sie fortbesteht, flach, geistlos und eindimensional (ohne Spuren des Transzendieren) wird.

7.
Kant hat sich mit der Reflexion über das kirchliche Symbol „Ende der Zeiten“ noch einmal in seine bekannte Religions – und Kirchenkritik begeben. Sein Urteil fällt auch diesmal deutlich aus, wenn man seine Jahre langen, heftigen Auseinandersetzungen mit der sich orthodox, rechtgläubig, nennenden Theologie vor Augen hat: Dem kirchlichen Glauben, der auf die Macht der Dogmen und Gebote setzt, gab er keine Zukunft. Und eine gewisse Trauer bleibt bei einigen, dass das Christentum – trotz aller Sprüche – dann doch nicht liebenswürdig war…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Das Massaker in Mellila (Spanien) am 24.Juni 2022

Lesen Sie bitte diesen Bericht von Alexander Kern (UNI Frankfurt/M.), veröffentlicht auf der website “Geschichte der Gegenwart” ,über das Massaker in Melilla am 24.6.2022, um den Umgang des “demokratischen” (“christlichen” ???…..) Europa mit Flüchtlingen aus Afrika zu verstehen. LINK

Sowie den Hinweis des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin vom 13.6.2022 auf die sehr “merkwürdige”, d.h. skandalöse Flüchtlingspolitik der EU, eine Buchbesprechung: LINK:

Katholische Theologie an deutschen Universitäten kann keine freie Wissenschaft sein

Zum neuen „Staatsvertrag Berlin – Katholische Kirche“

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
Nun gibt es seit einigen Monaten ein so genanntes „Zentral-Institut für katholische Theologie“ an der Berliner Humboldt-Universität. Um den Lehrbetrieb rechtlich zu gestalten, haben das Land Berlin und die katholische Kirchenführung einen Vertrag geschlossen, der am 30.Juni 2022 ohne jeglichen Einwand vom Abgeordnetenhaus „zur Kenntnis“ genommen wurde.
Der nächste Schritt ist bedeutsam: Die regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) und der Apostolische Nuntius in Deutschland (also der Botschafter des Vatikanstaates) Bischof Nikola Eterovic können also den Vertrag dann unterzeichnen.

Es ist also der päpstliche Nuntius, der den Vertrag von katholischer Seite unterzeichnet, die Macht des Papstes greift bis nach Berlin in ein Institut der staatlichen Universität.

2.
Der Staatsvertrag, bezogen auf das Zentralinstitut für katholische Theologie sieht – wie sonst auch in Deutschland üblich – vor: Die Katholische Kirchenführung, also die Bischöfe, sind mit exklusiven Rechten ausgestattet: Bei der Berufung der Professoren können sie mitentscheiden, das gleiche gilt für die inhaltliche Gestaltung der Studiengänge usw. Vor allem: Ein katholischer Theologe kann nicht mehr in dem genannten Institut tätig sein, wenn er – in der entscheidenden Sicht der klerikalen Kirchenführung – gegen die offizielle Dogmatik (die die Kirchenführung formuliert und einzig kompetent beurteilt) verstößt oder einen Lebenswandel führt, der von der klerikalen Kirchenführung als „unkatholisch“ abqualifiziert wird. Man denke etwa daran, dass ein dort beschäftigter Priester abgesetzt werden muss, wenn er heiratet. Ähnliches gilt, wenn ein homosexueller katholischer Theologieprofessor mit seinem Mann den Ehevertrag schließt. Oder wenn eine katholische Theologin offen bekennt: ich habe abgetrieben….

3.
Unter diesen allseits schon seit Jahren bekannten Bedingungen für das Funktionieren katholischer Theologie an den deutschen staatlichen Universitäten kann man nur noch einmal betonen: Eine solche katholische Theologie, abhängig von der Leitungsstruktur einer Großorganisation, ist keine freie Wissenschaft und kann niemals eine freie Wissenschaft sein.

4.
Was würde die Öffentlichkeit sagen, wenn die Slawistik – Professoren mit dem Schwerpunkt Russische Sprache an deutschen Universitäten nur im Einvernehmen mit der russischen Staatsführung berufen werden könnten, wenn der russische Staat die Lehrpläne an deutschen Universitäten etc. mitbestimmen würde…
Der jetzt in Berlin lehrende katholische Theologe Georg Essen war am 19.10.2018 zu einem Interview im Deutschlandfunk eingeladen. Christoph Heinemann stellte diese Frage: „Könnte man nicht auch sagen, der Bundesverband der Deutschen Industrie muss bei der Berufung von Professorinnen und Professoren für Wirtschaftswissenschaft ein Wort mitreden?“ Darauf antwortete der katholische Theologe Essen: „Wenn man das so miteinander vergleichen könnte, dann hätten Sie recht. Man kann es aber nicht und das liegt daran, dass das Zueinander von Staat und Kirche das Selbstbestimmungsrecht der Kirche kennt, und das bedeutet auch dann rechtlich und staatskirchenrechtlich vereinbart dieses Mitspracherecht.“

Mit anderen Worten: Die katholische Kirche spielt als gesellschaftliche Gruppe eine exklusive Sonderrolle, ihr wird vom Staat ein „Selbstbestimmungsrecht“ zuerkannt, d.h. die Kirchenführung kann auch an einer katholisch – theologischen Fakultät einer staatlichen Universität prinzipiell schalten und walten, wie sie es will.

Prof. Georg Essen hatte in dem genannten Interview dieses System zu verteidigen versucht, weil die staatlichen katholischen Fakultäten eben Mitarbeiter der Kirche ausbilden, Religionslehrer, Pastoralreferenten usw. Das stimmt: Aber müsste dann nicht auch der Justizminister ein Wort in den juridischen Fakultäten mitreden, weil doch dort eben Richter, Anwälte usw. ausgebildet werden, das Beispiel ließe sich auf die medizinischen Fakultäten usw. leicht übertragen.

5.
Noch einmal: Katholische Theologie an staatlichen Universitäten – auch in Berlin – kann aufgrund des Einflusses der Leitung der Organisation Kirche keine freie und eigenständige Wissenschaft sein.  Frei wäre katholische Theologie an einer staatlichen Universität erst, wenn die Kirchenführung keine Privilegien der Mitentscheidung an der Uni mehr hat. Das aber setzt eine Veränderung der Kirche-Staat-Gesetze in Deutschland voraus, also eine Trennung von Kirchen und Staat, die den Namen verdient. Aber: Die katholische Kirche könnte aus eigener Einsicht auf ihre Mitentscheidung an katholisch-theologischen Fakultäten offiziell verzichten… Dazu wird es bei den Machtinteressen der Kirchenführung aber sicher nicht kommen.

Über Religionen, Kirchen, Sekten usw. forschen in Deutschland (leider viel zu wenige) kirchlich unabhängige Religionswissenschaftler, Religionssoziologen, Religionsphilosophen.
Mitarbeiter der Kirche sollten an eigenen kirchlichen Hochschulen ausgebildet werden, die ganz von der Kirche finanziert werden. Dort können dann etwa so viele Opus-Dei-Professoren oder Mitglieder des “Neokatechumenalen Weges” etc… lehren und forschen, wie es der Kirchenführung gefällt. Also eine Hierarchie-hörige Theologie betreiben.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

“Kirchenaustritte sind eine Erlösung für die Kirche”

Über steile Thesen aus offiziellem protestantischen Munde.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

Der Ausgangspunkt:
Eine maßgebliche protestantische Theologin, Dr. Kristin Jahn, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, bewertet jetzt die zunehmenden Kirchenaustritte als „Erlösung“. Dabei versteht sie Erlösung als Befreiung vom System der Volkskirche. …hin zu einer Minderheitenkirche. Sehr optimistisch wird diese Minderheitenkirche „Freiwilligenkirche“ des „mündigen Bekennens“ genannt, Frau Jahn schreibt:. „Heute erleben wir einen Erlösungsprozess durch Austritte hin zu einer Kirche der Freiwilligkeit und des mündigen Bekennens“, so Kristin Jahn am 30.6.2022 in Fulda. (Quelle: Pressemeldung des Ev. Kirchentages vom 1.7.2022)

Hinter dieser These der Theologin Kristin Jahn steht die (unausgesprochene) Überzeugung: Die gegenwärtige Kirche ist selbst reformunfähig, sie kann ihre eigenen Mitglieder nicht mehr in der Kirche „halten“, geschweige denn für die Kirche begeistern.
So bleibt also der irgendwie „gelähmten“ Kirchen – Führung und – Institution und – Bürokratie nichts anderes übrig, als sich über die Kirchenaustritte von hunderttausenden Christen pro Jahr zu freuen – als Erlösung sogar.

Erlösung gibt es für eine reformatorische, kritische Theologie nur dann, wenn sich nun die „Ausgetretenen“ von den vielen belastenden Dogmen und Kirchengesetzen, den veralteten Liedern und unverständlichen Gebeten befreien. Das sollten die verbliebenen Mitglieder auch tun.

Eine kritische Reflexion:
1. „Kirchenaustritt als Erlösung“
Die großen Kirchen in Deutschland schrumpfen und schrumpfen … und wahrscheinlich werden sie, hält dieser Trend an, in etwa 40 Jahren fast verschwunden sein, zahlenmäßig betrachtet. Die Zahl der Austritte aus diesen trotz allem noch machtvollen Organisationen, mit ihren Milliardenetats bis heute, nimmt zu. Und was tun Verantwortliche dieser schrumpfenden Großorganisation: Sie zeigen sich geradezu glücklich über diese Entwicklung: So sagte Dr. Kristin Jahn, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, am 30.6.2022 in Fulda auf einem Podium mit dem Titel “Wohin steuern die christlichen Kirchen?“: „Die evangelische Kirche steht sich aus meiner Sicht oft selbst im Weg mit ihrem Amtsverständnis und Kirchenordnungen, die noch aus einer Zeit resultieren, in der man durch Sitte und Tradition in Kirche war. Diese Zeiten sind vorbei. Heute erleben wir einen Erlösungsprozess durch Austritte hin zu einer Kirche der Freiwilligkeit und des mündigen Bekennens.”

2.
Kirchenaustritte als Erlösungsprozess zu deuten: Eine steile These. Konservative, evangelikale Christen, zu denen ich absolut nicht gehöre, könnten einwenden: Erlösung im klassischen Sinne kann doch einzig durch Jesus Christus kommen und nicht durch Kirchenaustritte.

3. “Die  nicht immer jugendlichen Freiwilligen“
„Erlöst“, so denkt die Kirchentagsgeneralsekretärin, sollen sich aber nicht etwa die Millionen EX-Kirchenmitglieder fühlen, weil sie, „ausgetreten“, nun keine Kirchensteuer mehr zahlen müssen.
Nein, „erlöst“ soll sich die Institution Evangelische Kirche fühlen, das „System“, wie Frau Jahn sagt. Freude also darüber, dass sich die Kircheninstitution nun – endlich – auf dem Weg hin zu einer Kirche der Freiwilligkeit befindet. Aber worin ist diese Hoffnung begründet? Die verbliebenen evangelischen Kirchenmitglieder sind, wenn sie öfter als am Heiligabend in die Kirche zum Gottesdienst gehen, eher „ältere Semester“. Wie lange kann man mit Senioren die „Kirche der Freiwilligkeit“ gestalten?
Diese Hoffnungen auf „Erlösung“ sind deswegen haltlos, weil man immer noch nicht im Detail weiß, welche Altersgruppen aus den Kirchen ausgetreten sind, man weiß nichts über deren ökonomischen Status, nichts über deren Bildungsniveau. Es gibt keine präzise soziologische Forschung der „Ausgetretenen“.

4.
Wer jetzt aus der katholischen Kirche in Deutschland austritt, hat sicher andere Gründe und Motive als die austretenden Protestanten. Es ist bereits ein Zeichen für die geringe Kenntnis der eigenen Konfessionalität, wenn Protestanten aus ihrer Kirche austreten, weil sie den Papst nicht hochschätzen oder den zölibatären Klerus….

5. „Wenn Kirchenleute sich den Ast absägen, auf dem sie sitzen“
Auf der genannten Tagung konnte der protestantischen Erlösungsthese der katholische Theologe Prof. Thomas Söding zustimmen: “Wir werden eine Kirche der freiwilligen Entscheidung sein müssen.“ Ob es dann, bei den realistisch gesehen wenigen freiwillig Entschiedenen noch Kirchentage/Katholikentage und gut bezahlte Generalsekretärinnen oder gut bezahlte Domherren und bestens bezahlte TheologieprofessorInnen an staatlichen Universitäten geben wird, ist wohl eher ausgeschlossen. Man könnte also diese Ausführungen in Fulda deuten als „das begeisterte Sägen auf dem Ast“, auf dem es sich für Kirchenangestellte bisher materiell sehr gut leben ließ.

6. „Das Lämmelein (Jesus) will gern leiden“
Aber das ist nicht mein zentrales Thema. Wenn man schon das hochwertige Wort „Erlösung” im Zusammenhang der zunehmenden Kirchenaustritte verwenden will: Erlöst wird durch den erlösenden Kirchenaustritt die Menschheit, speziell die Christenheit, von der Macht eines dogmatischen und moralischen Glaubenssystems, das auf alle Fragen, die irgendwie mit Gott zu tun haben, umfassende Antworten hatte und hat.
Eine solche Befreiung vom Wahn der allwissenden Dogmen und tausend Kirchengesetzen ist tatsächlich eine Erlösung, von der allerdings keine Generalsekretärin, kein Bischof, kein Theologieprofessor zu sprechen wagt. Sie genieren sich, endlich das Wort „Zeitenwende“ auch auf die kirchliche dogmatische Verfasstheit ihrer Kirchensysteme anzuwenden.
Die globale Zeitenwende findet aber durch die Kirchenaustritte schon seit langem statt. Christen verabschieden sich nicht nur von den Dogmen, sondern, um nur ein nahe liegendes Beispiel aus den Gottesdiensten zu nennen, auch von den Kirchenliedern: Diese muten als Text dem heutigen Menschen Unsägliches an Gedankenwirrwarr zu, die tausend Beispiele kann ich hier nicht dokumentieren. Zu den katholischen immer noch üblichen Marienbildern habe ich das exemplarisch gezeigt. LINK.
Man lese bitte auch die theologisch befremdliche Theologie der evangelischen Passions – und Karfreitagslieder , etwa: „Ein Lämmlein (gemeint ist Jesus von Nazareth, CM) geht und trägt die Schuld der Welt und ergibt sich auf die Würgebank … und spricht ich wills gern leiden“ (Nr. 83 Ev. Gesangbuch, Text von Paul Gerhardt 1647!) Auch die heute irritierenden Texte von Bachs Kantaten wären ein eigenes Thema, schön ist da nur die Musik….

7. „Die Reihen fest geschlossen“
Man denke im katholischen Bereich auch daran, dass bis 1975, also bis zur Herausgabe eines neuen katholischen Gesangbuches, die 6. Strophe des sehr beliebten und oft in überfüllten Messen geschmetterten katholischen Liedes „Ein Haus voll Glorie schauet“ heißt:“ Viel tausend schon vergossen mit heilger Lust ihr Blut. Die Reihen stehen fest geschlossen in hohem Glaubensmut, Gott wir loben dich, Gott wir preisen dich….“ usw.
Die 7. Strophe verstärkt dann den Charakter eines Kampfliedes „Auf eilen liebentzündet auch wir zum heilgen Streit, der Herr, ders Haus gegründet, uns ewigen Sieg verleiht“….
Fraglich ist, ob der Nazi Horst Wessel für seine Lied-Zeile „die Reihen fest geschlossen“, Anregungen von diesem sehr oft gesungenen katholischen „Kampflied“ aus dem Jahr 1877 empfing. Für die katholische Kirche aber gilt nach wie vor: Die „Reihen fest geschlossen“ : Dies ist eine Art Ideal des herrschenden Klerus…Häretiker, Abweichler und Reformer wissen ihr trauriges „Lied davon zu singen“…
Und das ist vielleicht der größte Skandal bei diesem Sing-Sang: Die erste Strophe des Liedes (Gotteslob Nr. 639) darf immer noch gesungen werden, trotz aller Missbrauchsskandale durch Priester, trotz aller Macht des Klerus nach wie vor, trotz aller immer noch vorhandener Benachteiligung der Frauen in der Römischen Kirche: Da heißt es also: „Ein Haus VOLL GLORIE SCHAUET, weit über alle Land. Aus engem Stein erbauet, von Gottes Meisterhand…“ Theologisch zudem falsch: Hat Gott, der Ewige, höchstpersönlich diese römisch-katholische Kirche gegründet und so wie sie ist, aufgebaut?

8.
Was bedeutet nun Erlösung für Christen, die durch ihren Kirchenaustritt spirituelle Freiheit erlangen:Sie werden von Lasten befreit, von einer Institution die „Steine statt Brot“ den Glaubenden reicht, ihnen das Leben schwer macht… Ich will das nur am Beispiel der katholischen Kirche zeigen: Da umfasst der Inhalt des zu Glaubenden tatsächlich 717 Seiten im offiziellen „Katechismus der katholischen Kirche”, herausgegeben von der damaligen Ratzinger Behörde, der „Glaubenskongregation“, im Jahr 1993.

9. Der christliche Glaube ist einfach und undogmatisch
Erlösung inmitten der aktuellen theologischen Zeitenwende (Kirchenaustritte, Zusammenbruch kirchlicher Glaubwürdigkeit usw.) bedeutet: Der christliche Glaube als religiöse Lebenshaltung und Lebenspraxis kann auf einigen wenigen DINA4 Seite dargestellt werden als Anregung und Impuls. Wichtig ist: Der christliche Glaube ist in seiner Lehre einfach.
Konfessionelle Verschiedenheiten verschwinden bei einer kontemplativen Lebenshaltung: Sie wird der göttlichen Wirklichkeit im Menschen, in jedem Menschen, inne. Wenn von Gott die Rede sein soll, dann nur: Gott ist Geist, präsent in der Welt und in Menschen. Diese Erfahrung ist keine billige Vertröstung, sondern eine Einladung, geistvoll (d.h. vernünftig, den Menschenrechten praktisch folgend) in der Welt zu handeln, zugunsten des Gemeinwohls und immer unter dem Anspruch des Kategorischen Imperativs.
Dieses „einfache Christentum“ sieht Jesus von Nazareth als ein Vorbild der Lebendigkeit, die Bibel wird bei kritischer Lektüre als Buch von Weisheit empfohlen, neben anderen religiösen Texten. Und man kann sich als Christ mit anderen versammeln, um Jesu zu gedenken, in der Mediation, im Dialog, beim gemeinsamen Mahl der Solidarität. Und dieses einfache Christentum sucht das gleichberechtigte und lernbereite Gespräch mit anderen (nicht nur religiösen) Menschen.

10. Lektüre Empfehlungen
Die hier nur skizzierte These der Erlösung als Befreiung von der starren klerikalen Dogmenwelt könnte für die „Ausgetretenen“ inspirierend sein, selbständig zu suchen und neue spirituelle Dimensionen zu entdecken.
Dabei können Texte von Philosophen und Mystikern hilfreich sein. Unter anderem auch die Spiritualität des mittelalterlichen und zugleich modernen Meister Eckart, für den Einheit des Menschen mit der göttlichen Wirklichkeit im Zentrum des Glaubens steht. Mehr braucht der Mensch eigentlich nicht, meint Eckart!! Als Einstieg für Anfänger: „Vom Wunder Seele. Eine Auswahl aus den Traktaten und Predigten“, Reclam Verlag 2,60 Euro.
Wer die Mühe der Eckart-Lektüre jetzt noch nicht so will: Dem empfehle ich die kontemplativen und gleichzeitig politischen Texte des us-amerikanischen Mönchs Thomas Merton, etwa das leicht zugängliche Buch: „Sich für die Welt entscheiden“, Arbor Verlag, Freiburg, 2009.

Zu den Austrittszahlen

Für die katholische Kirche:
2012 haben 118.300 Katholiken die Mitgliedschaft in der Kirche gekündigt.
2021 waren es 359.200 Katholiken.

Weitere umfassende Informationen: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/4052/umfrage/kirchenaustritte-in-deutschland-nach-konfessionen/

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

Pfingsten – Fest der Philosophen? Ein Vorschlag von Hegel!

Ein Hinweis von Christian Modehn.
   Dieser Beitrag wurde im Mai 2021 publiziert, aus aktuellem Anlass im Juni 2022 noch einmal.

1.

Der Beitrag versucht, Pfingsten, das Fest des Geistes, des heiligen, vernünftig zu erklären: Pfingsten ist nicht das Fest, das dem charismatischen Trallala von Charismatikern und Pfingstlern überlassen werden darf. Pfingsten ist ein Fest der absoluten Bedeutung und Würde eines jeden Menschen und deswegen auch ein Impuls, politisch Gerechtigkeit zu gestalten: Im Sinne der wesentlichen Gleichheit und Würde aller Menschen.

2.

Für den Philosophen Hegel (1770 – 1831) ist Pfingsten als Fest des Geistes von höchster Bedeutung. Pfingsten kann im philosophischen Sinn ein Tag des geistvollen Gesprächs sein, ein Tag der Debatte, der Feier (für Hegel niemals ohne Wein !) und der Reflexion darüber, wie eine geistvolle, also menschenwürdige Gesellschaft mit einem Rechtsstaat gestaltet werden kann. Pfingsten also: Ein Fest der Vernunft.

3.

Wer philosophisch nach der Bedeutung des Pfingst-Festes fragt, also jenes Feiertages der Erinnerung an die Gabe des „heiligen Geistes“ an die Gemeinde nach dem Tod und der Auferstehung Jesu von Nazareth, der sollte sich auch an den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel erinnern.
Er ist der Philosoph des Geistes: Seine Philosophie hat den Geist als ihr Thema und sonst eigentlich nichts, könnte man sagen. Diese Erfahrung der alles gründenden Bedeutung des Geistes könnte man auch „Voraussetzung“ des Denkens Hegels nennen. Dabei ist es selbstverständlich: Eine reflektierte und kritisch betrachtete Voraussetzung als Philosoph zu haben ist an und für sich jeder Philosophie eigen, auch für die „Materialisten“. Vielen Menschen ist, wie schon einige Jahre nach Hegels Tod, der Geist, auch das Erleben des eigenen Geistes, so fern und fremd, dass es einer neuen Anstrengung bedarf, sich auf die Geist-Philosophie einzulassen und sie als Hilfe zu sehen, das eigene Leben transparenter werden zu lassen.

4.

Um gleich den Kern der Hegelschen Geist – Philosophie anzudeuten: Die Philosophie hat im Hegelschen Selbstverständnis „keinen anderen Inhalt als die christliche Religion. Aber die Philosophie (Hegels) gibt (d.h. gestaltet C.M.) den christlichen Inhalt in der FORM DES DENKENS. Die Philosophie stellt sich so nur über die Form des Glaubens, der Inhalt ist derselbe“ (in: „Vorlesungen über die Philosophie der Religion“, II., Suhrkamp, S. 341).
Mit anderen Worten: In der Philosophie wird der christliche Glaube in die Klarheit und Systematik des Denkens und des Gedankens geführt, der Glaube wird nur der gedanklichen Form nach verwandelt und „aufgehoben“, also bewahrt und auf eine neue Ebene gehoben. Unter dieser Bedingung schaut Hegel die überlieferten Begriffe und Ereignisse der christlichen Religion an. Dabei wird der Begriff, das Denken, zum Kriterium in der „philosophischen Übersetzung“ christlicher Ereignisse: Hegel schreibt: „Das Denken ist der absolute Richter, vor dem der Inhalt (auch der Religionen) sich bewähren und beglaubigen soll“ (ebd., S. 341).

5.

In seiner „Philosophie der Religion“, in Berlin als Vorlesung mehrfach vorgetragen, spielt deswegen auch das philosophisch zu verstehende Pfingst–Ereignis eine zentrale Rolle. Hegel erörtert dieses Thema ausführlich im Kapitel „Die Idee im Element der Gemeinde: Das Reich des Geistes“, in dem es – theologisch formuliert – um die Wirklichkeit der Kirche, der Gemeinde, geht. Das heißt: Nach der unmittelbaren Erfahrung der historischen Gestalt Jesu ereignet sich also mit dem Pfingstfest der Übergang des Verstehens weg vom äußeren, historischen Ereignis hin zu einem „geistigen Element“, wie Hegel schreibt (ebd., S. 301). Indem das Neue Testament lehrt, der Geist sei „ausgegossen“ in die Gemeinde und letztlich über alle Menschen, übersetzt der Philosoph diese Erfahrung in die Worte: “Die Subjektivität erfasst nun ihren unendlichen Wert: Vor Gott sind alle Menschen gleich“: Damit werden auch politische Perspektiven der freien Gestaltung von Staat und Gesellschaft eröffnet, die Hegel ausführlich entwickelt. Die vernünftige Freiheit muss die Welt bestimmen, wahre Versöhnung, also „Erlösung“ im christlichen Sinne, „besteht in dem sittlichen und rechtlichen Staatsleben“ (S. 332).
Aber entscheidend bleibt: Pfingsten ist das Symbol dafür, dass Gott und Mensch, Gott und die Menschheit, sich nicht mehr als Fremde und Ferne entfremdet und unversöhnt gegenüberstehen. Pfingsten ist das Symbol für die innerste Einheit von Göttlichem und Menschlichen, von Gott und Welt. Dies allein könnte man sagen ist der Focus, auf den sich Hegels Philosophie ALS Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie konzentriert.

6.

Uns interessiert hier im Zusammenhang des Pfingstfestes Hegels deutlicher Hinweis auf die in den Menschen „gegenwärtige Göttlichkeit“ (durch den Heiligen Geist) (S. 305). In der Gemeinde (Kirche) sammeln sich diese nun mit dem göttlichen Geist beschenkten Menschen.
Man muss als philosophischer Leser den anspruchsvollen philosophischen Aussagen tatsächlich standhalten, etwa wenn Hegel sagt: „Dies ist der Glaube der Gemeinde: Der einzelne Mensch wird gewusst als Gott und (d.h. präziser, CM) mit der Bestimmung, dass er der Sohn Gottes sei, mit all dem Endlichen befasst, das der Subjektivität als solcher in ihrer Entwicklung angehört“ (S. 312). Der Mensch ist als endlicher Mensch zugleich Sohn Gottes, ein gewaltiger Anspruch, der schon im Neuen Testament grundgelegt ist. Und den Hegel nur philosophisch reflektiert.

7.

Im Gedenken an Pfingsten wird der Mensch, jeder Mensch, zu einem mit Gott verbundenen Wesen erhoben. So ist, wie Hegel schreibt, „die Versöhnung an und für sich vollbracht“ (S. 318). Gott und Mensch sind nicht länger Fremdes. Sie sind – in gewisser Hinsicht – eins.

8.

Aber Versöhnung ist für Hegel stets praktisch-politisch, es geht entschieden um die Gestaltung der Freiheit in der Welt (Staat, Gesellschaft). Pfingsten ist insofern ein politisches Fest der Freiheit. Dabei traut Hegel diese Leistung, den Rechtsstaat mit zu gestalten, ausschließlich der protestantischen Religion zu. Der römische Katholizismus ist für ihn nach wie vor zu stark in der mittelalterlichen Welt befangen und in seinem Glauben zu veräußerlicht (Wunderglauben, Reliquien…) und als klerikale Organisation auch korrupt. Das heißt nicht, dass Hegel nicht auch die Engstirnigkeit des zeitgenössischen Protestantismus kritisiert hätte oder gar am Katholizismus wichtige erfreuliche Elemente gesehen hätte, wie etwa eine gewisse Vorliebe fürs philosophische Denken im Mittelalter.

9.

Trotz der Erkenntnis, dass „an sich“ die Versöhnung, also die innere Einheit von Gott und Mensch, geschehen ist, bleibt doch die Tatsache: Dass in der weltlichen, der politischen Wirklichkeit (auch zur Zeit der Vorlesungen Hegels in Berlin) noch Verwirrung, Zwiespalt und Entfremdung fortbestehen. „Diese Versöhnung ist selbst nur eine partielle, ohne äußere Allgemeinheit“ (S. 343, Vorlesungen über die Philosophie der Religion II.). Dies muss Hegel am Ende seiner Vorlesungen mit Melancholie, wenn nicht Hilflosigkeit eingestehen. Mit anderen Worten: Der Geist von Pfingsten als Geist der Versöhnung und Freiheit muss sich erst noch umfassend durchsetzen!

10.

Uns interessiert noch ein Aspekt, der bisher in der Hegel-Forschung nicht so starke Berücksichtigung findet: Die eher versteckt, implizit anwesende mystische Dimension seines Denkens. 1830 sagte Hegel in einer Rede anlässlich der „Erinnerung an die Augsburgische Konfession von 1530“: „Gott wollte den Menschen zu seinem Ebenbild und seinen Geist, der ein Funke des ewiges Lichts ist, diesem (göttlichen) Licht zugänglich machen“. (S. 33, in den „Berliner Schriften“, Ausgabe Meiner, S 33).
Der menschliche Geist als „Funke des ewigen Lichtes“: Diese Formulierung erinnert an den mittelalterlichen Philosophen und „Mystiker“ Meister Eckhart, für den sich die Verbindung des Menschen an Gott in dem Begriff “göttlicher Funke“ ausdrückt. In seinen „Vorlesungen über die Philosophie der Religion“ erwähnt Hegel Meister Eckart ausdrücklich als Vorbild im Verstehen der christlichen Religion als einer Lehre, die die Einheit von Göttlichem und Menschlichen entfaltet. Diese Einheit ist „das Innerste“ des Christentums. „Meister Eckart, ein Dominikanermönch, sagt unter anderem in einer seiner Predigten über dies Innerste: Das Auge, mit dem mich Gott sieht, ist das Auge, mit dem ich ihn sehe…“ (S. 209). Und Hegel legt allen Wert darauf zu betonen, dass diese Einheit von Gott und Mensch alles andere als „Pantheismus“ sei.
 In seinen Vorlesungen zur „Geschichte der Philosophie“ bietet Hegel nach der Darstellung der in seiner Sicht oberflächlichen und verstandesmäßig abstrakt argumentierenden mittelalterlichen Scholastik auch ein knappes Kapitel zur „Mystik“ (in der Suhrkamp Werkausgabe II, S. 583 ff.) Dabei nennt er Meister Eckart nicht, hingegen z.B. ausführlicher Raimundus Lullus. Im Unterschied zur Scholastik sieht Hegel in den Mystikern „edle Männer, die der scholastischen Sucht nach Verendlichung aller Begriffe „gegenüberstanden“ (S. 583). Er nennt Mystiker „fromme, geistreiche Männer“, die „echtes Philosophieren betrieben haben”.
Dieser „göttliche Funke“ führt, so Hegel in seinem Vortrag im Jahr 1830, nicht nur in eine höhere Erkenntnis, sondern vor allem in die Liebe zu Gott.
Die mystische Erfahrung bleibt für Hegel immer bedenkenswert.

11.

Eine Zusammenfassung: Hegel hat also zu Pfingsten einen vernünftigen Vorschlag zu unterbreiten: „Pfingsten ist das Fest der Anwesenheit des Göttlichen, des Ewigen, modern formuliert: der tragenden Sinnerfahrung, in jedem Menschen“. Pfingsten ist das Fest des Ewigen, anwesend in einem jeden. Das Ewige als das Göttliche überdauert das Endliche, auch der Geist des endlichen Menschen hat dadurch „ewige Dauer“.
Aber diese geisterfüllte Lebensform muss der Mensch sich „erarbeiten“: „Ich soll mich dem gemäß machen, dass der Geist in mir wohne, das ich geistig sei. Die ist meine, die menschliche Arbeit. Dieselbe ist Gottes von seiner Seite. Er bewegt sich zu dem Menschen und ist in ihm durch Aufhebung des Menschen. Was als mein Tun erscheint, ist alsdann Gottes Tun. Und ebenso auch umgekehrt“ (Vorlesungen über die Philosophie der Religion, I, Suhrkamp Verlag, S. 219).

12.

Nebenbei: Es ist bemerkenswert, dass Voltaire, wahrlich alles andere als ein Verteidiger der alten kirchlichen Dogmatik, in seinem Buch „Philosophisches Wörterbuch“ (1764) schreibt: „Möglicherweise gibt es in uns etwas UNZERSTÖRBARES, das empfindet und denkt, ohne dass wir die geringste Vorstellung davon haben, wie dieses Etwas beschaffen ist“ (Reclam, Leipzig, 1967, S. 82).
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Buddhismus und Christentum: Was beide Religionen miteinander verbindet. Ein neues Buch von Perry Schmidt-Leukel.

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Bestimmte populäre Klischeevorstellungen (auch „Generalisierungen“ genannt) über das angebliche „Wesen“ „der“ Religionen haben sich leider durchgesetzt: Zum Beispiel: „Der“ Buddhismus sei eigentliche eine atheistische Weltanschauung, die „Erlösung des Menschen“ werde für Buddhisten in einem „Nichts“ enden. Hingegen sei das Christentum gebunden an den „personalen“ Gott, der als Heil und Erlösung ein Leben im Himmel verspricht.

2.
Gegen diese Klischee-Vorstellungen hat der Religionswissenschaftler Prof. Perry Schmidt-Leukel (Universität Münster) vielfach schon wichtige Publikationen vorgelegt. Sein neues Buch hat den Titel „Das himmlische Geflecht“, ein vielleicht auch leicht ironisch zu verstehender Titel, der andeuten soll: Wenn man den Blick in die himmlische, göttliche und alles gründende Sphäre lenkt, dann sind die verschiedenen Religionen viel stärker miteinander verbunden, als man populär annimmt. Darum der Untertitel: „Buddhismus und Christentum – ein anderer Vergleich“. In dem Buch geht es um überraschende, durchaus der Sache angemessen anspruchsvolle Überlegungen, die vom Leser hohe Konzentration erfordern.

3.
„Anders“ ist dieser Religionsvergleich, weil er die innere Pluralität der jeweiligen Religionen stark herausstellt. Und dabei entdeckt: Zwischen einzelnen Lehren bestimmter buddhistischer Traditionen und einzelnen Lehren bestimmter christlicher Traditionen besteht (trotz der kulturell und sprachlich bedingten Distanz) doch eine Nähe, eine überraschende Verbundenheit, wenn nicht Gleichheit der Überzeugungen! Dabei ist dem Autor klar: Traditionell bestimmte und begrenzte Interpretationen der jeweiligen Religion können auch zur Einsicht „unversöhnlicher Gegensätze“ führen. Aber Schmidt-Leukel ist es wichtiger, Komplementaritäten in den lehrmäßigen Überzeugungen beider Religionen herauszuarbeiten!

4.
Das neue Buch Schmidt-Leukels ist also ein neuer Vergleich zwischen Christentum und Buddhismus, der sich allerdings auf die objektiv greifbare Ebene der Lehren und Schriften begrenzt. Und da präsentiert der Autor eine große Fülle und Vielfalt. Es geht ihm also nicht um den von konkreten Menschen gelebten Glauben, der sich als je eigener Glaube oft als eine sehr persönliche „Synthese“ von Christentum und Buddhismus versteht. Also etwa: „Ich bin katholisch und gleichzeitig Zen-Buddhist“. Diese religiöse bzw. spirituelle „Doppel-Identität“ (ein „persönliches Oszillieren zwischen den Unterschieden“, S. 355) ist eines der seit langem schon diskutierten Themen Schmidt-Leukels.

5.
Das Buch zeigt also ausführlich: „Es steckt immer irgendein Stück Christentum im Buddhismus und irgendein Stück Buddhismus im Christentum“ (S. 350).

6.
Diese Forschungslinie nennt Schmidt-Leukel mit einem eher ungewöhnlichen, schwierigen, aus der Mathematik stammenden Begriff „fraktal“. Aber die mit diesem schwierigen Begriff gemeinte Sache erschließt sich auch, wenn man sich nicht auf den Begriff fixiert und die einführenden, sehr anspruchsvollen methodischen oder „Meta“-Überlegungen (S. 18-89) den Spezialisten erst mal überlässt.

7.
Es bleibt also interessant, wie diese Linie (siehe Nr. 5) an sechs zentralen Lehren beider Religionen konkretisiert wird, also: „Weltflucht oder Weltzuwendung?“, „Impersonales Absolutem oder personaler Gott?“, „Verblendung oder Sünde?“, „Erwachter Lehrer oder inkarnierter Gottessohn?“, Selbsterlösung oder Fremderlösung?, „Glückseliges Entwerden oder glückselige Gemeinschaft?“.

8.
Nur auf eines dieser Kapitel soll hier etwas ausführlicher hingewiesen werden: Gibt es Gemeinsamkeiten in der buddhistischen Lehre von Buddha als dem erwachten Lehrer und der christlichen Überzeugung von Jesus als dem inkarnierten Gottessohn?
Schmidt-Leukel weiß: Bisher wurde zwischen dieser genannten populären Deutung Buddhas und Jesus Christus „ein Gegensatz“ (S. 225) gesehen. Der manchmal noch gelesene katholische Theologe Romano Guardini habe in seinem Werk „Der Herr“ (veröffentlicht in der Nazi-Zeit 1937) ein gewisses Verständnis für Buddha gehabt, erläutert Schmidt-Leukel. Aber, so Guardini, Buddhas „Wert“ stehe doch hinter Christus zurück. Buddha sei bestenfalls wie Johannes der Täufer als ein Vorläufer Christi zu verstehen (S. 227). Schmidt-Leukel zeigt hingegen, dass Gautama (der Buddha) häufig als Lehrer, großer Lehrer bezeichnet wird und dabei eine „autoritative Verkündigung der Wahrheit“ (S. 237) gelebt hat, wie in einem Akt der Offenbarung“ (ebd.). Jesus wird in den vier Evangelien „41 mal Lehrer genannt wird, kein anderer Titel wird ihm häufiger beigelegt, Jesus ist der Lehrer der Wahrheit (S. 235). Wenn beide, der Buddha und Jesus, also Lehrer sind und als Lehrer verehrt werden, ist Jesus Christus dann noch einmalig, wie Christen oft behaupten? Man muss wohl die sehr deutliche Aussage des großen Zen-Meisters Thich Nat Hanh respektieren: Er sagte: „Natürlich ist Christus einmalig, aber wer ist nicht einmalig? Sokrates, Mohammed, der Buddha, Sie und ich, wir alle sind einmalig“ (S. 245)

9.
Das neue Buch Schmidt-Leukels „Das himmlische Geflecht“ bietet ausführlich neue Erkenntnisse für ein neues Verständnis des Miteinanders von Buddhismus und Christentum. Schmidt-Leukel befreit also von dem Eindruck, beide Religionen würden sich fremd oder gar feindlich oder als Konkurrenten gegenüberstehen.
Beide Religionen stehen einander nahe, sie sind viel ähnlicher als oft angenommen, sie haben eine interne Vielfalt, bei der sich gerade die beiden Religionen gemeinsamen Lehren zeigen. Eine solche Religions-Theologie kann auch politische Wirkungen haben und eher das friedliche Miteinander fördern.

10.
Die Verbundenheit von Lehren bestimmter buddhistischer Traditionen und bestimmter christlicher Traditionen ließe sich auch auf andere Religionen ausweiten, etwa auf den Islam oder bestimmte Formen des Hinduismus. Und wie sieht es im Verhältnis der vielen christlichen Kirchen untereinander aus? Da ist es längst erwiesen, dass ein so genannter Reform-Katholik (des „synodalen Weges“) einem progressiven Lutheraner oder Reformierten näher steht als etwa einem Katholiken des Opus Dei oder der Legionäre Christi. Und ein liberal-theologischer Remonstrant kann einem Humanisten oder einem Unitarier (Anti-Trinitarier) näher stehen als einem „rechtgläubigen“ Calvinisten.
Aber da spielen dann doch normative Kategorien eine Rolle: Bisher ist offensichtlich niemand auf den Gedanken kommen, etwa gemeinsame Glaubensinhalte etwa zwischen den Zeugen Jehovas und den Pfingstgemeinden oder dem Katholizismus herauszuarbeiten? Oder gemeinsame Glaubensinhalte von Mormonen und Anglikanern? Offenbar haben im allgemeinen religionswissenschaftlichen und theologischen Bewusstsein etwa die „Zeugen Jehovas“ oder die „Mormonen“ a priori gar nicht den „Wert“, in einen interreligiösen Vergleich gezogen zu werden. Ist dieses Urteil gerecht, spielen da die Definitionen von „Sekte“ eine Rolle? Aber können nicht auch Teile, oft maßgebliche Teile einer Großkirche eine „Sekte“ sein? Ist etwa das Selbstverständnis des Papstes und des vatikanischen Klerus (auch in der totalen Ablehnung des Priestertums für Frauen) nicht auch Ausdruck einer Sekten-Mentalität? Aber dieses Faktum wird im Interreligiöser Disput nicht benannt. Warum? Weil eben die Institution römische Kirche oder auch orthodoxe Kirche so alt ist und als so „ehrwürdig“ propagiert wird. Da kann nichts von einer Sekte sein…

11.
Noch einmal zu den Unterschieden und den Gemeinsamkeiten im Buddhismus und Christentum. Man müsste philosophisch nach dem einen gemeinsamen Geist der Menschen fragen, der über alle verschiedenen Kulturen und Sprachen hinaus sich im Laufe der Geschichte Ausdruck schafft in verschiedenen Religionen und religiösen Lehren. Wenn das so ist: Dann stehen die sich aufgrund des „letztlich“ einen schöpferischen Geistes sehr nahe, trotz aller sprachlichen Differenzen und zeitlichen „Abstände“.

12.
Die vielen Religionen als Ausdruck des EINEN, allen Menschen gemeinsamen Geistes zu verstehen, war die Leistung Hegels. An ihn wäre in dem Zusammenhang zu erinnern. Und Hegels Thema, dass es einen gedanklichen Fortschritt in der Geschichte der (Lehren der) Religionen gibt, wäre neu zu stellen. Fortschritt war ja für Hegel immer ein Fortschritt im Bewusstsein (!), also im Wissen, der Freiheit. Er meinte, es gebe auch in der Religionsgeschichte (des einen Geistes) einen Fortschritt hinsichtlich des Erkennens und Wissens der göttlichen Wirklichkeit.
Kriterium war für ihn: Stiftet und fördert eine Religion die Freiheit und Würde des religiösen Menschen? Ich halte dieses Kriterium der Unterscheidung in der pluralen religiösen Welt für sehr wichtig. Falls nicht, dann möchte man auf jede Religionskritik verzichten. Das aber wäre eine Form einer post-modernen Religionstheorie, einer Theorie, für die alle Religionen gleich gut, gleich hübsch, gleich human sind. Dass dies faktisch nicht der Fall ist, dürfte klar sein. Wer also faktische Religionen kritisiert, verurteilt sie nicht, will sie nicht bekämpfen. Er will nur für ein differenziertes Denken sorgen. Und hoffentlich für die ständige Reform, „Weiter-Entwiocklung“ dieser Religionen.
Dies sind Fragen, die sich mir nach der Lektüre des sehr empfehlenswerten, höchst anspruchsvollen Buches von Perry Schmidt-Leukel ergeben.

Perry Schmidt-Leukel, „Das himmlische Geflecht. Buddhismus und Christentum – ein anderer Vergleich“. Gütersloher Verlagshaus, 2022, 415 Seiten, viele Literaturangaben auch zu vielen lesenswerten Arbeiten des Autors, ein Personenregister, 26 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Der schwierige Gott der Christen: Drei Personen als dreifaltige Einheit?

Ein Hinweis zur göttlichen Dreifaltigkeit, der Trinität.
Von Christian Modehn.

Vorwort: Warum ist dieses schwierige Thema wichtig?

Es wird den spirituell Interessierten, den spiritituell Fragenden, den Christen usw. gezeigt: Der Begriff eines “trinitarischen Gottes” als Einheit, als “ein dreifaltiger Gott”, hat im Laufe der Kirchengeschichte nie zu einem einheitlichen Verständnis geführt, sondern immer zu einer Pluralität unterschiedlicher Lehren und Entwürfe. Diese Pluralität wurde von herrschenden Groß-Kirchen nie geduldet, sondern oft unterdrückt.

An diese “trinitarische” Pluralität innerhalb des Christentums zu erinnern ist wichtig: Diese objektive Vielfalt widerspricht aller Herrschaftsdogmatik der großen Kirchen. Diese Pluralität der Vorstellungen von dem “einen Gott der Christen” ermuntert, den eigenen spirituellen Weg zu gehen … im Dialog mit anderen, die auch den je – eigenen Glauben suchen.

Und es werden Theologen angesichts der Pluralität ermuntert: Neben das alte trinitarische Glaubensbekenntnis aus dem 4. Jahrhundert, das als solches im unmittelbaren Sprechen und Lesen seit Jahrhunderten unverständlich ist, endlich eine Vielzahl neuer Glaubensbekenntnisse zu setzen. Wie sollte es auch bei dem Thema “Wer ist das Unendliche, das Ewige, das Göttliche” etc. auch anders sein?

Ob diese Pluralität der Vorstellungen von dem einen Gott (als Trinität ?) von den großen Kirchen mit ihrer Herrschaftsdogmatik unterstützt wird, ist allerdings zweifelhaft. Bekanntlich gilt für die katholische Kirche: Alles, was einmal, also auch im 4. Jahrhundert in Nikäa und Konstantinopel als Dogma beschlossen wurde, kann nicht beiseitegelegt und revidiert werden. Es ist dieses sture Sichklammern an Uraltes, diese starre Haften an angeblich Heiligem, angeblich Ewigem, das die katholische Kirche immer mehr in Getto führt.

Zum Text selbst:

1.
Dieser Hinweis zeigt: Welche „Sorgen“ die frühe Kirche (4. Jahrhundert) hatte, als sie sich Jahrzehnte lang in höchsten metaphysischen Spekulationen um den „einen Gott in drei Personen“ stritt und dann hoch spekulative, heute aber nur mit höchster Anstrengung nachvollziehbare Glaubensbekenntnisse als Verpflichtung formulierte.
Dieser Hinweis zeigt aber auch, dass diejenigen, die heute noch im Rahmen einer christlichen Tradition von Gott sprechen wollen, diese Antworten des 4. Jahrhundert beiseite lassen sollten. Das tun viele Menschen sowieso… Sie finden in diesen Hinweisen eine Verstärkung ihrer Distanz.
Hier wird ein nachvollziehbares Verständnis des EINEN Gottes vorschlagen. Sicher gibt es jetzt dringendere Themen. Aber der grundsätzliche Abschied von der alten, esoterisch anmutenden Trinitätslehre könnte auch eine Zeiten-Wende sein, als Wende zu einem einfachen, einem nicht arrogant platonisch-spekulativen Glauben. Diese Reformation des Denkens wird vielen Herren der großen „orthodoxen“ Kirchen nicht gefallen, sie wollen doch gern als Spezialisten für alles religiös und kirchlich Unverständliche und Überholte auftreten.

2.
Nur eine „Kostprobe“ aus der noch Ende des 20. Jahrhunderts katholischerseits vorgestellten Lehre von der Trinität. Als Beispiel wird auf den im allgemeinen ja sehr verdienstvollen und doch modern gesinnten Theologen Karl Rahner SJ hingewiesen. Aber ließ Rahner, der theologische Alleskönner“, ließ es sich nicht nehmen, die uralte Trinitätslehre mit aller großen Mühe, kaum nachvollziehbar, zu verteidigen. So geschehen in dem eigentlich für breite Kreise bestimmten „Herders Theologisches Taschenlexikon“, Band 7, Freiburg 1973, S. 339 bis 352. In dieser quantitativen Breite zeigt sich schon die Mühseligkeit der Erläuterungen…zum Vergleich: Das ungleich aktuellere Thema „Unglaube“ wird nur auf viereinhalb Seiten, ebenfalls von Karl Rahner, „abgehandelt“ (S. 383-387). Ich will den Trext den LeserInnen eher für besondere spekulative Momente reservieren und biete den Text nur in einem kurzen Auszug aus Rahners Text als Fußnote an (1).

3.
Noch immer dreht sich das dogmatisch Entscheidende in den großen Kirchen um die Trinität. Ein einfaches Beispiel: Wer noch mit dem speziellen Kalender der Kirchen vertraut ist, weiß: Nach dem Pfingstfest folgt der Dreifaltigkeitssonntag, auch Trinitatis genannt bzw. der „Erste Sonntag nach Pfingsten“… Danach werden alle Sonntage„nach Trinitatis“ durchnummeriert. So tat es auch Johann Sebastian Bach mit seinen Kantaten. Mit dem ersten Adventssonntag endet diese Definition der „Sonntage nach Trinitatis“, dann beginnt ein neues „Kirchenjahr“.

4.
Aber was kann in einem nachvollziehbaren, vernünftigen Sinn die dogmatische Aussage „Gott ist dreifaltig“ heute überhaupt noch bedeuten? Was ist das für ein Gott, der als der EINE verehrt wird, der aber zugleich in drei Personen existiert … selbst wenn Theologen betonen: Die begrenzte menschliche Person ist nicht mit der göttlichen Person zu vergleichen. Schon vor der Definition des Dogmas der Trinität im 4. Jahrhundert (Konzil von Nikäa 325 und Konzil von Konstantinopel 391) und danach um so mehr gab es Widerspruch. Diese andersdenkenden Theologen wurden ausgegrenzt, verfolgt, hingerichtet. In der Gegenwart melden sich prominente Theologen zu Wort, die ihre Vorbehalte gegen diesen einen Gott in drei Personen (Vater, Sohn und Geist) artikulieren.

5.

Wie ist die frühe Kirche auf diese Idee der Trinität gekommen? Eine Antwort heißt: Die frühe Kirche war auf die zeitlich gedachte Abfolge der biblischen Erzählungen über Gott fixiert. Gott als Vater ist „am Urbeginn“ der Schöpfer der Welt und der Menschen. Jesus ist dann später als der Auferstandene der Gott-Mensch von außergewöhnlichen Qualitäten. Und die Fähigkeit der Menschen, diesen Zusammenhang zu erkennen, ist die Erfahrung des Heiligen Geistes. Damit werden drei verschiedene auch zeitlich denkbare „Präsenzen“ Gottes angesprochen: Warum sollen diese Präsenzen nicht Gestalten Gottes selbst sein, war die Frage, als Drei-Personen-Haushalt sozusagen in der Einheit des einen himmlischen Gottes? Daraus ist dann im 4.Jahrhundert das hoch spekulative Trinitätsdogma entstanden, das in seiner feinen Nuanciertheit mit griechisch-philosophischen Begriffen bestenfalls noch ein Thema für philosophische oder theologische „Oberseminare“ ist.
Dieses Thema ist alles andere als eine akademische Spielerei. Wenn Menschen im 21. Jahrhundert noch den christlichen Glauben als ihre Lebensphilosophie ansehen wollen: Dann doch nur unter der Bedingung: Dass man versteht, was die Glaubensgemeinschaft als Orientierung, Bekenntnis genannt, vorschlägt.

6.
Wir sind bis heute umgeben von Bildern und Ikonen, in denen die göttliche Trinität aufs Anschaulichste propagiert wird. Zahllose Gemälde sind in den Barockkirchen zu „bewundern“: Da wird der Gott-Vater, immer als eine Art Opa vorgestellt mit langem Bart, hoch oben am Hauptaltar als Allherrscher sichtbar. Er hält in seinen väterlichen Armen seinen von ihm ins erlösende Leiden geschickten Sohn. Und dieser Sohn der Trinität, himmlisch auch Logos genannt, hängt dann als Jesus von Nazareth am Kreuz. Dazwischen oder ganz oben im Gemälde wird die dritte „Person“ dargestellt, der Heilige Geist. Und beim Heiligen Geist wurden die Künstler phantasievoll: Sie haben ihn meist als Taube dargestellt. Es gab ja in den biblischen Büchern schon früh Assoziationen, den heiligen Geist Gottes mit der Gestalt einer sanften Taube zu verbinden! Der Geist, so die Botschaft, soll sanft und friedlich sein. Die Taube wurde dann als Symbol des Friedens wiederentdeckt, man denke an die Friedenstaube von Picasso (gemalt 1949). Das tat Picasso als Kommunist in Frankreich! Vielleicht haben deswegen die Kirchen große Scheu, ihre ureigene Taube, den heiligen Geist, als Symbol ihrer eigenen, allzu oft vergessenen Friedenslehre, etwa der Bergpredigt, einzusetzen?.

7.
Welchen Sinn hat also der christliche Monotheismus, der sich in drei Personen darstellt. Der katholische Theologe Edward Schillebeeckx (1914-2009) hat da die Fenster der Freiheit geöffnet: Er war Mitglied im Dominikaner-Orden und lehrte viele Jahre als Professor an der Universität in Nijmegen, Niederlande. Er betont: „Wenn ich sage, dass Gott in drei Personen existiert, fürchte ich eine Art Tritheismus. Also drei Götter, drei Personen, wie eine Art Familie. Ich scheue mich, eine spekulative Theologie über die drei Personen und ihre Beziehungen zueinander zu entwickeln“ („Edward Schillebeeckx im Gespräch“. Hg. von Francesco Strazzari, Luzern 1994, S. 103). Die klassische Trinitätslehre sei zudem nicht hilfreich für eine moderne Lebensgestaltung, betont Schillebeckx. Er ist so mutig einzugestehen: „Ich bin also hinsichtlich der Trinität sehr zurückhaltend, ich bin im Hinblick auf eine Trinität-Theologie fast ein Agnostiker“ (S. 107).

8.
Es würde hier zu weit führen, die lange Geschichte der so genannten Anti – Trinitarier in der Kirchengeschichte darzustellen. Schon Erasmus von Rotterdam hatte da seine Probleme! Der Humanist und Theologe, der Spanier Michael Servet verfasste eine Schrift über „Die Irrtümer der Trinität“, 1553. „Servet will mit seiner Ablehnung der Trinität Muslimen wie Juden ein wichtiges Argument gegen den christlichen Glauben nehmen. Denn aus beiden Religionen sind Polemiken zu hören: Die Christen würden eigentlich an drei Gottheiten glauben, heißt es. Zu Recht, meint Servet. Ein Dialog zwischen den drei verschwisterten Religionen könne nur gelingen, wenn alle an eine – und nicht an mehrere – Gottheiten glauben würden. Im Alter von zwanzig Jahren präsentiert also Michael Servet seine Argumente in Buchform. “De trinitatis erroribus”, lautet der Titel, “der Irrtum der Dreifaltigkeit“. Auf heftiges Betreiben Calvins wurde Servet am 27. Oktober 1553 sehr grausam auf dem Scheiterhaufen geröstet. (Quelle: https://www.evangelisch.de/inhalte/89393/27-10-2013/der-vergessene-reformator-michael-servet)

9.
Wichtig wurde auch der italienische Theologen Fausto Sozzini (1539-1604). Der bekannte Philosophiehistoriker Kurt Flasch hat erneut auf diesen hoch gebildeten Theologen und Reformatoren Sozzini hingewiesen, in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Christentum und Aufklärung“, Frankfurt/M., 2020, bes. : 356 ff.und 411 ff.). Sozzini lehnte das klassische Trinitätsdogma aus guten Gründen ab, wissenschaftlich, historisch begründet. Andere, wie „Lorenzo Valla und Erasmus entdeckten, dass eine Reihe traditioneller Glaubensinhalte im Neuen Testament nicht vorkamen. Dort war weder von Trinität die Rede noch von konsubstantialer Gottesohnschaft Jesu…“ (S. 352 f.) Es bildeten sich kirchliche Gruppen von Gläubigen, die dann Sozzinianer genannt wurden bzw. „Polnische Brüder“: Sozzini konnte sich nach Polen flüchten konnte, das damals tolerant war. Dort errichtete diese christliche Gemeinschaft eine viel beachtete Hochschule in Raków. Bekannt ist der polnische Theologe und Philosoph, der Sozzinianer Andreas Wissowatius (Andrzej Wiszowaty) (1608 in Filipów – 1678 in Amsterdam). Kurze Flasch betont, dass auch Newton ein Sozzinianer war (S. 411), „er war Aufklärer und Christ“. Die niederländischen Remonstranten halten die Erinnerung an Sozzini lebendig, auch sie sind eine humanistische Kirche, ihr Glaubensbekenntnis ist nicht trinitarisch! LINK.

Auch von den unterschiedlichen Unitariern (vor allem in Siebenbürgen und später in den USA) wäre zu sprechen. An der Erfurter Universität gibt es eine spezielle Forschungsgruppe zum Soziniamismus. LINK.

Die Geschichte des Widerstandes gegen diese klassische dogmatische Lehre der Trinität ist lang. Aber die großen Kirchen lassen sich nicht beirren, sie halten an dem Dogma aus dem 4. Jahrhundert fest und sorgen dafür, dass in ihren Gottesdiensten/Messen/ Göttlichen Liturgien mit jedem klassischen Glaubensbekenntnis der eine Gott in drei Personen angesprochen wird. Ob das Bekenntnis jemand versteht, interessiert offenbar nicht.

10.
Hier wird vorgeschlagen: Es geht nur darum zu erkennen: Gott als schöpferische Energie „am Ursprung“ ist nur als Geist denkbar, und doch wohl nicht als materielle Masse! Der Geist wirkt freilich in der Materie, das wissen wir aus der Evolution….Das Göttliche oder Gott wird als Metapher „geistige Energie“ genannt, als der „Schöpfer von Welt und Mensch“. Das heißt: Gott als absoluter Ursprung ist in der Welt als geistige Wirklichkeit lebendig. „Er“ selbst als Geist schöpferisch, kreativ, sich mitteilend, in den so genannten Propheten, vielleicht und manchmal.

11.
Trinität meint nur das eine: Gott ist in dem Symbol Geist denkbar. Gott als Geist: Darum ringen auch die verschiedenen Autoren des Neuen Testamentes. Im Johannes Evangelium wird meines Erachtens Klarheit geschaffen, im 4. Kap., Vers 24 heißt es, dass Jesus lehrte: „Gott ist Geist. Und alle, die Gott anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten“. Hegel folgte dieser Spur und sagte in seiner Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie sehr treffend: „Die christliche Religion ist die Religion des Geistes, nicht in dem trivialen Sinne einer geistigen Religion“ (Theorie Werkausgabe, Suhrkamp, Band 17, s. 305.) Das heißt für Hegel: Gott ist Geist, aber als Geist lebendig, kurz gesagt, ein absoluter Geist, der in den Menschen, in der Welt, anwesend ist. Damit wird die Hegelsche Dialektik des Geistes angesprochen.

12.
Wer sich vom Geist, der sich reflektiert, leiten lässt, wird kritisch und selbstkritisch, er wird vom Geist befreit, wird zur Kritik ermuntert, die genau erkennt, welche Imperative ethisch die vielen Maximen der Menschen bestimmen sollten.
Die Erkenntnis: Gott ist Geist hat also eine politische Dimension: Insofern ist der Sonntag der „Dreifaltigkeit“ als das Fest des lebendigen Geistes ein Plädoyer für das geistvolle und vernünftige Miteinander der Menschen. Die Menschheit hat den einen, den wertvollen göttlichen Geist der Vernunft. Der Mensch ist kraft seiner Vernunft, seines Geistes, also des göttlichen Geistes in ihm, in der Lage, Frieden zu schaffen. Der Mensch muss sich nur in seiner freien Entscheidung für den Frieden, für das Wohl aller Menschen entscheiden. Das Böse, das wir jetzt im totalen Krieg Putins erleben, ist Resultat von freien Entscheidungen, seiner freien Entscheidung. Es gibt kein “Böses”, als eine Art “Materie, das wie eine metaphysische Macht plötzlich sich durchsetzt. Das Böse ist immer freie Tat des Menschen, Resultat seiner Entscheidung. Aber damit ist nicht gesagt, dass die Freiheit des Menschen etwas Böses ist.

Fußnote 1:Die „spekulative Kostprobe“ aus dem genannten Lexikonbeitrag von 1973: Nachdem Rahner die Lehre der Heiligen Schrift zur Dreifaltigkeit kurz dargestellt hat, wendet er sich der kirchenamtlichen, bis heute propagierten Trinitätslehre zu und versucht dann eine systematische Lehre. Dort schreibt er u.a.. „Mit der Dreifaltigkeit der göttlichen Selbstmitteilung ist auch gegeben, dass den zwei immanenten Hervorgängen in Gott zwei Sendungen (in Identität) entsprechen und die in formaler Kausalität – nicht durch Effizienz – durch die Sendungen als Hervorgänge konstituierten Verhältnisse zu geschöpflichen Wirklichkeiten (Hervorgang des Logos: hypostatische Union – Hauchung des Geistes: vergöttlichende Heiligung des Menschen) keine Appropriationen sind, sondern Eigentümlichkeiten dieser Personen“ (Zitat Karl Rahner , S. 344). Das dürfte erst mal reichen, und man darf sich nebenbei fragen, wie etwa Missionare in Japan oder am Amazonas diese Lehre ihren Leuten beibringen. Wir trösten uns mit einem anderen Zitat (S. 350): „Der eine Gott subsistiert in drei distinkten Subsistenzweisen. Der Vater, der Sohn, der Geist sind distinkt als gegenläufige Relationen und darum sind diese drei selbst nicht derselbe, wohl aber dasselbe….“ Feine Nuancen also…Zur Rahner sah selbst die äußerste Mühe seiner Erklärung, die rein sprachlich für viele ins Alberne abrutschen kann. Er sprach dann selbst von der Last, wie er, so wörtlich, „mit dem genannten Problem FERTIG werden könne“. (S. 350). Sprachlich gesehen gilt: Man will nur mit großen, manchmal sinnlos erscheinenden Lasten „fertig werden“…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Putin – der Faschist. Und die neue Form eines totalen Krieges.

Der Diktator und seine Ideologie.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 22.5.2022.

1.
Eine allgemeine philosophische Erinnerung: Jegliches politisches Tun, also auch jede Untat, also ein Krieg, hat den Ursprung in einer geistigen Haltung, in einer Option bzw. Präferenz für bestimmte Werte und Unwerte. Diese „fügen“ Politiker in reflektierter und freier Entscheidung in die Wirklichkeit „ein“, wie Hegel sagte. Diese Werte bzw. Unwerte werden also politisch bzw. auch kriegerisch verwirklicht.
Diese Einstellungen und Überzeugungen kann man Ideologien nennen. Dabei ist in der demokratischen Welt der Begriff „Ideologie“ eher negativ geprägt, von einer „demokratischen Ideologie“ würde kein Demokrat sprechen, hingegen von einer kommunistischen oder einer faschistischen Ideologie. Kommunisten oder Faschisten würden ihre eigene inhaltliche Überzeugung nicht Ideologie nennen, sondern „Wissenschaft“ bzw. „Weltanschauung“; die Nazis wehrten sich etwa gegen den Einbeziehung ihrer eigenen Ideologie in den allgemeinen Ideologiebegriff. Sie haben deswegen „ideologisch“ durch „theoretisch“ zu neutralisieren versucht.

Hier soll der Begriff Ideologie erneut darauf aufmerksam machen, dass alles Handeln der Politiker und Kriegsherren, von geistigen Konzepten bestimmt ist. Also auch der Krieg Putins gegen die Ukraine oder eben auch die westliche Demokratie und universal geltenden Menschenrechte.

2.
Putin ist von einer Ideologie bzw. von einem Gemisch verschiedener ideologischer Elemente beherrscht. Selbst wenn es in seinem Russland noch eingeschränkt Wahlen gab und bis vor kurzem eine gewisse scheinbare und begrenzte Pressefreiheit, war sein Regime nie eine Demokratie im emphatischen Sinne. Putins alles bestimmende Werte-Ordnung (bzw. Unwerte-Ordnung) als Ideologie formuliert, heißt Faschismus. Ich habe früher schon von Putins Nihilismus gesprochen, LINK, aber Nihilismus ist wohl eher ein zentraler Teilaspekt der umfassenden faschistischen Haltung und Praxis Putins.

3.
Putin – der Faschist: Diesem Urteil stimmen längst viele Politologen und Russland-Kenner (wie etwa der deutsche Politiker und Russland-Kenner Werner Schulz, Bündnis 90/Die Grünen, siehe „Phoenix“ am 20.5. 2022 um 18.00 bis 18.30) zu. Der us-amerikanische Historiker Prof. Timothy Snyder spricht in der ZEIT (vom 19. Mai 2022, Seite 10) eine deutliche Sprache: Auf die Frage, inwiefern und seit wann das russische Regime faschistisch sei, antwortet Snyder: „Seit Februar dieses Jahres 2022 führt Russland einen Zerstörungskrieg mit dem Ziel der Vernichtung eines anderen Volkes. Zudem gibt es immer stärkere Unterdrückung im Innern und einen Kult des Anführers, des Sieges, des Todes…. Putin sprach seit 2010 von kulturellem Raum, Russland müsse andere Räume absorbieren.“ Damit werden wichtige Elemente faschistischen Denkens und Handelns genannt.
Putin ist für Snyder aber mehr als ein „einfacher Faschist“. Vielmehr: Putin denkt und handelt in einer extremeren Form, als „Schizofaschist“. Das heißt: Er handelt selbst nach den Maximen des Faschismus, nennt aber seine nicht-faschistischen Feinde Faschisten, um von seinem eigenen Faschismus abzulenken. Um die Kriegsbegeisterung der Russen gegen die Ukraine zu entfachen und zu stärken, war es für ihn naheliegend, den Feind Ukraine (und sogar den jüdischen Präsidenten der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj), faschistisch zu nennen. Eine solche Zuweisung beeindruckt immer in Russland: „Antifaschist“ zu sein, war im Sowjetkommunismus (auch in der DDR) die höchste Tugend.

“Der Spiegel” berichtet  am 22.5.2022, dass zahlreiche Neo-Nazis für Russland und für Putin in der russischen Armee gegen die Ukraine kämpfen. LINK.

In seinem Buch “Über Tyrannen” (C.H.Beck Verlag München, 8. Auflage 2022) betont Timothy Snijder, wie Putin 2015 dem verängstigten Frankreich ein “Cyberkalifat” vorgaugelte, “damit die Franzosen den Terror noch mehr fürchteten, als sie es ohnehin berteits taten. Ziel war es vermutlich, dem rechten (rechtsextremen !, CM) Front National Wähler in die Arme zu treiben, einer Partei, die von Russland finanziell unterstützt wird” (S. 107). Putin hat also als Faschist das ideolohgisch naheliegende Ziel,”ein demokratisches System zu destabilisieren und der extremen Rechten (also seinen Freunden, CM) Rückenwind zu verschaffen” (S. 108).

4.
Weitere Kennzeichnen des Faschismus: Sie nennt der vielfach ausgezeichnete britische Journalist Paul Mason in seinem Buch „Faschismus. Und wie man ihn stoppt“ (Suhrkamp, Berlin, 2022) etwa S. 322 ff. „Da die Entmenschlichung den Kern seiner Ideologie darstellt, beginnt der Faschismus im Verlauf seiner Radikalisierung und Mobilisierung für den Krieg, über einen Genozid nachzudenken…“ (S. 324). Das trifft auf Putin zu…Wer als Faschist denkt und handelt, betont Mason, hat vor allem „Angst vor der Freiheit, die durch eine Ahnung von Freiheit geweckt wird“.Das heißt: Auch der Faschist spürt ansatzweise, was Freiheit (demokratische Freiheit etwa) für ihn bedeuten könnte: Aber davor hat er Angst und schließt sich in einem repressiven und totalitären System ein. Hinweise, die an Putins Angst erinnern vor der demokratischen Freiheit, wie sie die Ukraine und die westliche Welt lebt. Diese demokratischen Werte sollen niemals Russland bestimmen! Das steht für Putin fest, dafür kämpft er. Paul Mason schließt sich der Definition des Faschismus des Historikers Robert Paxton an: „Man muss nicht zusammenfassen, was der Faschismus ist, sondern was er tut“ (S. 326).
Putin als Faschist – diese Erkenntnis wird, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, auch von der Internetzeitung „Infosperber“ aus der Schweiz unterstützt. LINK

Dort wird Jason Stanley zitiert, Professor für Philosophie an der Yale-Universität, USA. Auch er „bezeichnet Putin als faschistischen Autokraten und anerkannten Anführer der weltweiten extremen Rechten“.
Weitere Beispiele: Der „russische Ökonom Wladislaw Inosemzew, Gründer und Direktor des Zentrums für postindustrielle Studien in Moskau, sagt in der NZZ: Putin ist «ein lupenreiner Faschist». LINK

Wikipedia berichtet: Im Frühjahr 2022 erklärte Inosemzew, Putin erfülle „mustergültig den Katalog dessen, was Faschismus ausmacht“ und nannte in diesem Zusammenhang vier Säulen: „Militarisierung als Kernstück der Ideologie; eine fortschreitende Etatisieren der russischen Wirtschaft im Sinne einer durch Bürokraten beherrschten Wirtschaft; eine Umstrukturierung der Verwaltung hin zu einem absoluten hierarchischen Durchgriff von Macht und Gewalt sowieSymbolik und Propaganda“.
Und weiter: Der Historiker Zee Sternhell hat mehrere Studien zum Faschismus veröffentlicht. In der Zeitschrift „Philosophie Magazine“ (Paris) sagte Sternhell schon im Mai 2014: „Der Faschismus will die Welt verändern, (d.h. die Demokratie abschaffen, CM), eine moralische Revolution bewerkstelligen, eine Nation errichten mit Hilfe der Mythen, dabei aber will der Faschismus die ökonomischen Strukturen intakt lassen. Es geht nicht mehr darum, die Bourgeoisie niederzuschlagen, sondern sie in den Dienst der Nation zu stellen“ (S. 44). Sternhell fährt fort: „Die faschistische Ideologie lebt bis heute weiter. Es gibt keinen Grund zu denken, der Faschismus sei mit den Trümmern in Berlin 1945 begraben worden“ (S. 45).

5.
Für den Faschismus (bzw. der Schizo-Faschismus) Putins ist auch auch eine religiöse Überzeugung und eine philosophische Ideologie wichtig: Die Bindung an die zwanghafte Vorstellung, dass allein Russland noch die Welt retten könne angesichts der angeblich moralisch verkommenen westlichen demokratischen Gesellschaften. Diese Überzeugung bindet Putin auch an die Russisch-Orthodoxe Kirche und ihren gleiches denkenden Patriarchen Kyrill I. von Moskau. „Eine der Haupt­quellen Putins sind auch faschistische Denker der russischen Gegenrevolution, insbesondere die Schriften des Philosophen Iwan Iljin. Er war ein adliger russischer Emigrant, der in den Zwanziger- und Dreissiger­jahren in Berlin und danach bis zu seinem Tod 1954 in der Schweiz lebte. Er war ein glühender Verehrer von Mussolini und Hitler und pflegte auch in der Schweiz Verbindungen zu prominenten Nazis.»
„In wichtigen, programmatischen Reden hat sich Putin immer wieder auf Iljin berufen“ (Infosperber).
Iljin (1883-1954) ist sozusagen der beliebte und viel zitierte „Hausphilosoph“ Putins, Iljin hat von Russlands Unschuld geträumt, das von westlichen Herrschern missbraucht wird, er fantasierte, dass Russland ohne die Erbsünde belastet ist usw. Er kann das Trauma Putins überwinden helfen, das er mit dem Zusammenbruch des Sowjetreiches – in Dresden – erlebte. Siehe dazu den instruktiven Beitrag von Norbert Matern: LINK
Timothy Sneijder sagt in der „Zeit“ vom 19.5.2022: „Putins Lieblingsautor Iwan Iljin beschreibt eine verworrene und zerbrochene Welt, die Russland mit Gewalt heilen müsse, und zwar mithilfe eines starken Führers, der die Demokratie zum reinen Ritual macht. Das Projekt heißt: Die Welt ist nicht sie selbst, solange sie nicht russische Werte lebt.“
Das ist interessant und wird viel zu wenig beobachtet: Etliche Bücher von Iljin sind in der Edition „Hagia Sophia“ in Wachtendonk erschienen, ein Verlag, der sich auf der Linie der christlichen Orthodoxie befinden will: Gregor Fernbach Verlag Hagia Sophia in 47669 Wachtendonk, dort erscheinen auch Titel unter der bekannten Putinschen Ideologie „Eurasia“. Das Buch von Georg Redete aus dem Verlag Hagia Sophia wird auch in dem rechtsextremen Antaios Verlag vertrieben. Der Leiter des Verlages „Hagia Sophia“ ,Gregor Fernbach, war ein Referent einer Tagung über Russland, organisiert von der neurechten Zeitschrift „Eigentümlich frei“ am 15. Nov. 2014 in Zinnowitz/Ostsee.

6.
Warum ist es wichtig, Putin als einen Faschisten eigener Prägung zu wissen? Dadurch werden Illusionen endgültig zerstört, die lange Jahre das Denken westlicher Politiker und Bürger bestimmten: Putin sei nur eine Art Nachfolger Jelzins und damit befasst aus dem großen russischen „Reich“ ein demokratisches System zu schaffen. Anders lassen sich auch die in heutiger Sicht total naiven Beifallsstürme im Deutschen Bundestag nach der auf Deutsch gesprochenen, sich demokratisch gebenden Rede Putins nicht bewerten (am 25.9.2001). Später haben westliche Politiker eine Art Putin – Blindheit praktiziert – allein weil sie sich ökonomische Vorteile von guten Beziehungen zu dem „guten Putin“ erhofften. Jetzt sollte Klarheit herrschen: Putin ist ein Faschist, sein Regime ist faschistisch. Entsprechend deutlich und heftig muss er bekämpft werden auch als Kriegstreiber gegen die Ukraine. Die Frage ist also: Wie können demokratische Staaten eine faschistischen Diktator besiegen, der über all die Jahre Krieg in Tschechenien, Georgien, Syrien, Krim, Donbas) führte? Wie kann ein die Ukraine und die ganze westliche Welt bedrohender „infamer“ (sagt Bundeskanzler Olaf Scholz) Diktator besiegt werden? Putin muss immer als KGB Mann verstanden werden, zu den obersten indoktrinierten Untugenden des KGB und seiner Nachfolge-Organisation gehört die Lüge.

7.
Die demokratische Welt erkennt: Dieser Krieg Putins gegen die Ukraine ist nicht regional begrenzt! Dieser Krieg Putins ist ein totaler Krieg, der die ganze Welt durcheinander wirbelt, ökonomisch, ruinös für die Volkswirtschaften mit immer höheren Ausgaben für Waffen, mögliches Ansteigen eines Rechtsradikalismus, Sehnsucht nach dem starken Führer allerorten. Die Hungersnöte in Afrika wegen fehlender Weizenlieferungen werden hoffentlich auch diese bislang sich neutral gegen Putin verhaltenden Staaten zu Putin-Kritikern werden lassen! Sicher aber ist: Putin will in seinem eigenen Krieg, der nur als auf neue Weise totaler Krieg genannt werden kann, Hunger-Flüchtlinge aus Afrika in die westlichen Länder treiben. Auf diese Weise, durch Hungersnöte, von Putin inszeniert, sollen die westlichen Gesellschaften, selbst in finanzieller Bedrängnis wegen der enormen Rüstungsausgaben und der Inflationen, verunsichert werden, d.h. Putin will den Rechtspopulismus und den Rechtsextremismus und den Faschismus in Europa fördern. Und Demokratie auf diese Weise zerstören. In den USA sind faschistische Tendenzen schon jetzt mächtig, bekanntlich auch in Frankreich, Italien, Spanien, Schweden, Österreich, Brasilien … und Deutschland usw…

8.
Für die eher explizit philosophischen Debatten ist wichtig: Paul Mason nennt in seinem genannten Buch „Faschismus. Und wie man ihn stoppt“ als einen philosophischen „Ursprung“ des Faschismus auch die Haltung des „Irrationalismus“ (S. 170 f.) und er denkt dabei vor allem auch an den Philosophen Friedrich Nietzsche. „Nietzsches Werk stellt das umfassendste Bekenntnis zum Irrationalismus dar, das je verfasst wurde“ (S. 173). Irrationalismus bedeutet bei Nietzsches: Es gibt keine allgemeine, universale und kategorisch geltende Wahrheit, es gibt keinen Fortschritt, keinen Sinn in der Geschichte, keine Begründung für die Gleichberechtigung der Frauen, keine Begründung für einen Widerstand gegen den Kolonialismus. „Nietzsche gelangt wieder und wieder zu dem Ergebnis: Die Gewalt der Elite ist gerechtfertigt“ (ebd.) Aber Mason betont: „Wir können Nietzsche – und anderen Philosophen wie Spengler oder Bergson – nicht die Schuld am Faschismus geben… Aber diese philosophische Bewegung des Irrationalismus gab der reaktionären Politik einen modischen, rebellischen Anstrich“. (183).
Diese Interpretation Paul Masons, Nietzsche könne als ein Wegbereiter des Faschismus verstanden werden, wird übrigens von Philosophen unterstützt, etwa von Prof. Vittorio Hösle (Indiana, USA). In seinem Buch „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“ (C.H. Beck Verlag München, 2013) ist ein Kapitel Nietzsche gewidmet mit dem Titel „Die Revolte gegen die universalistische Moral: Friedrich Nietzsche“ (S. 185-207). Hösle schreibt: „Warum Nietzsche ein langes Kapitel widmen? Weil dieser Mensch wirklich Dynamit war. Kein anderer Denker hat so viel zerstört wie dieser philosophische Terrorist“ (S. 186). „Ein Widerwillen gegen Demokratie und soziales Denken ist eine der wenigen Konstanten Nietzsches“ (S. 189). „Es liegt nahe, den Nationalsozialismus als Versuch des Heroismus im Bösen zu deuten, von dem Nietzsche auch inhaltlich einige Ideen vorwegnimmt“ (S. 199).

9.
Anstelle eine vorläufigen Schlusswortes: Was können wir gegen den Faschismus (Putins) tun? „Es braucht eine wehrhafte Demokratie mit Gesetzen, die es erlauben, faschistischen Bestrebungen Grenzen zu setzen. Außerdem brauchen wir eine neue Version der Volksfront – ein Bündnis zwischen der Mitte und der Linken ist Erfolg versprechender, als wenn diese einzeln kämpfen. Und es braucht ein antifaschistisches Ethos aller Kräfte. Das ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft. Den Linken, die Olaf Scholz und Emmanuel Macron als ihre größten Feinde sehen, will ich sagen: Wacht auf! Der Feind steht schon vor der Tür. Der Feind sind die Leute, die unsere Demokratie zerstören wollen“. Das sagt der Faschismus-Forscher Paul Mason in einem Interview mit der TAZ vom 21.5.2022.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Russisch-Orthodoxe Kirche und ihr Patriarch Kirill I. von Moskau. Ein Gastbeitrag.

Ein Gastbeitrag von Edgar Dusdal, verfasst Ende April 2022.

Edgar Dusdal ist Pfarrer der Evangelischen Gemeinde in Berlin-Karlshorst. Dort befindet sich auch das „Deutsch-Russische Museum“. Seit Beginn des Krieges Russlands bzw. Putins gegen die Ukraine heißt das Haus „Museum Berlin-Karlshorst“. Am Museum wurde mit Kriegsbeginn die Ukrainische Flagge gehisst.

„Russland, Ukraine, Belarus, das ist die Heilige Rus!“ So betont es seit Jahren immer wieder das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, der Patriarch Kyrill I. Sogar auf Rockkonzerten tritt er, für uns ungewöhnlich, mit dieser Botschaft auf und wird dafür von seinen Zuhörern gefeiert.
Die russisch-orthodoxe Kirche meint ihre historische Rolle wieder wahrnehmen zu müssen, die sie vor der Oktoberrevolution 1917 innehatte. Aus ihr leitet sie den Anspruch ab, das heilige Russland vor den Versuchungen des Antichristen zu bewahren und die Einheit von Orthodoxie, Autokratie und Volkstümlichkeit zu garantieren – eine Formel, die unter Zar Nikolaus I. erstmals artikuliert wurde und seit Mitte des 19. Jahrhunderts die drei Säulen bezeichnet, auf denen das russische Imperium ruhe: ein starker Staat, eine starke kirchliche Stütze desselben und die Gemeinschaft des gläubigen Volkes.

Die liberale Kirchenhistorikerin Jelena Beljakowa formuliert es für die Entwicklung Ruslands seit dem Ende der Sowjetunion so: „Es hieß immer, Russland brauche eine nationale Idee, die alle eint. Nun ist sie gefunden. Es ist die Orthodoxie. Die Macht nutzt die Kirche als ideologische Basis: Die Idee des Isolationismus, des russischen Sonderweges, der Gegenüberstellung zu Europa. Die Kirche in Person von Patriarch Kirill vertritt diese Ideen aktiv.“

In einer Rede vor der Staatsduma Anfang 2015 sprach Kirill von einer „großen politisch-religiösen Synthese“, die es zu verwirklichen gelte. Den westlichen Gesellschaften stellte er das Ideal einer „Solidargesellschaft“ gegenüber. In diesem Rahmen rief er die politischen Parteien auf, ihren Wettbewerb einzustellen. Kirche und Politik hätten mit einer Stimme zu sprechen. Mit Putin hat Kyrill diese einheitliche Stimme gefunden.
Die westliche Zivilisation sieht Kyrill an sich selbst zugrunde gehen. Dem Kult um eine Freiheit, die alles verspricht, aber nichts hält, stattdessen in ihrem Namen durch Gay Pride-Paraden, eine vorgegaukelte Emanzipation der Frau und die Auflösung der Familie bereit ist, alle moralischen Werte zu zerstören, steht positiv die russisch-orthodoxe Kirche gegenüber. Dazu führte Kyrill aus:
„Den Tendenzen zu Chaos und Konflikt setzten wir eine große religiös-politische Synthese entgegen, ein soziales Ideal. In dieser Synthese arbeiten die verschiedenen ethnokulturellen, sozialen, beruflichen, religiösen Altersgruppen um des Allgemeinwohls willen zusammen. Auch das Volk und die Macht arbeiten zusammen, statt Konflikte auszutragen. Die Ethnien und die Religionen und selbst die politischen Parteien verzichten auf Konflikte. Ich bezeuge und danke Gott, dass die heutige Zusammensetzung der Staatsduma praktisch das verkörpert, wovon ich jetzt gesprochen habe.“
Dass Putin zuvor verhinderte, dass oppositionelle Parteien überhaupt zur Wahl antreten konnten, wird durch Kyrill mit diesen Worten noch einmal religiös legitimiert.

Und so wie Kyrill die Politik Putins religiös beglaubigt, räumt Putin im Gegenzug der Kirche eine wichtige Rolle in der Gesellschaft ein. In einer Rede zur Lage der Nation betont er:
„Die moralischen Grundlagen des orthodoxen Glaubens haben unseren nationalen Charakter und die Mentalität der Völker Russlands in vieler Hinsicht geprägt, haben die besten schöpferischen Eigenschaften unseres Volkes geweckt und Russland geholfen, einen würdigen Platz in der europäischen und in der Weltzivilisation einzunehmen. Für die russische Staatlichkeit, für unser Nationalbewusstsein, ist die Orthodoxie eine geistige Stütze geworden.“ Und weiter: „Wir müssen jene Institute, die für traditionelle Werte stehen und historisch bewiesen haben, dass sie in der Lage sind, sie von Generation zu Generation weiterzugeben, mit allen Mitteln unterstützen.“

Auf dem Allrussischen Weltkongress 2016 in Moskau  betonte Kyrill I. dazu noch: „Die traditionellen Werte des heiligen Russland haben Vorrang vor dem Konzept allgemeingültiger Menschenrechte. Russland befindet sich im Kriegszustand mit dem Westen.“ Seinen Bischöfen gegenüber äußerte Kyrill: „Gegen das russische Volk werde ein gut geplanter, unblutiger Krieg geführt, der seine Vernichtung zum Ziel hat. Im Westen ist eine gewaltige Industrie der moralischen Verkommenheit am Werke. Die russische Orthodoxie ist die einzige Kraft, die dem etwas entgegensetzen kann.“
Putin begrüßt das gedeihliche Wirken der Kirche. Wenn er in Kirchen Kerzen anzündet, für die im Donbass für Neurussland gefallenen Soldaten, dann ermutigt er auch die Freiwilligen, die dort auf russischer Seite kämpfen. Es gibt sogar einen Zusammenschluss von Kämpfern, die sich als „Armee der russischen Orthodoxie“ bezeichnen und meinen, in einem heiligen Krieg zu stehen.

Die Allianz zwischen Kirche und Staat hat also, wie wir gerade sehen, auch außenpolitische Konsequenzen. Denn die russische Führung zieht die Religion heran, um damit Russlands Anspruch auf die orthodoxen Nachbarländer Weißrussland und die Ukraine zu erheben. Besonders auf Kiew, wo einst die heilige Rus, das mittelalterliche russische Reich gegründet wurde. Präsident Putin begründet auch den Anspruch auf die im Frühjahr 2014 annektierte Halbinsel Krim unter anderem mit der Orthodoxie. In seiner Rede zur Lage der Nation Ende 2014 sagte er:
„Auf der Krim befindet sich der geistige Quell der russischen Nation und des zentralisierten Russischen Staates aus den unterschiedlichen Stämmen der slawischen Welt. Denn auf der Krim nahm Fürst Wladimir das Christentum an und taufte dann die ganze Rus. Für Russland hat die Krim eine sakrale Bedeutung. So wie der Tempelberg in Jerusalem für Muslime und Juden. Und ebenso werden wir uns dazu verhalten. Heute und für immer.“
Allerdings, und das muss man wissen, handelt es sich bei der Taufe von Fürst Wladimir I., durch die er 988 auf der Krim den byzantinischen Glauben annahm, eher um eine Legende. Wahrscheinlicher ist es, dass er im Dnepr getauft wurde und im Anschluss an seine eigene Taufe seine Untertanen prügeln ließ, damit auch sie die Taufe annahmen. Es ist erst Katharina die Große, die die Krim 1783 für Russland eroberte.
Bei Kyrill I. liest sich das so: „Die heilige Taufe am Dnepr hat ein großes christliches Volk geboren, das Volk zu dem wir gehören, die heilige Rus, das ist die Kiewer Rus.“
Der ursprüngliche Name des Fürsten Wladimir lautet übrigens Valdamarr Sveinaldsson, handelt es sich bei ihm doch um einen schwedischer Wikinger, oder Waräger, wie sie in Kiew genannt wurden. Denn bei der Kiewer Rus handelt es sich um eine Gründung der Waräger, Kriegshändlern aus Schweden, die in die weitverzweigten Flussnetze Russlands eindrangen und ein riesiges Tribut-Imperium errichteten.
Diese Leute aus dem Land jenseits des Meeres wurden die Rus genannt. Das Wort wurde (wahrscheinlich) von „Ruotsi“ – die Ruderer – abgeleitet. Doch von dieser sogenannten „normannistischen These” möchte Putin nichts wissen. Er renationalisiert diese verrufene Gründungsgeschichte der Kiewer Rus. Deshalb legt er besonders großen Wert auf das Bekenntnis zur Orthodoxie. Denn in ihr findet er die entscheidende Klammer für seine These von der historischen Einheit von Russland, der Ukraine und Belarus, die auch Kyrill I. zu behaupten nicht müde wird.
Der Historiker Leonid Reschetnikow, immerhin Direktor des russischen Instituts für strategische Forschung, äußert sich in einem Film über die Bedeutung der Krim für Russland wie folgt:
„Hier begann die historische Mission des russischen Volkes, das Licht Christi, unser Verständnis vom Leben um unsere orthodoxe Zivilisation der ganzen Welt zu bringen. In dieser Kapelle wurde Fürst Wladimir getauft.  Wir haben diese Quelle lange vergessen und müssen sie säubern, sonst begreifen wir die Mission Christi nicht, mit der er das russische Volk betraut hat, und die durch die Wiedervereinigung mit der Krim  unter Präsident Wladimir erfüllt wurde. Putin ist nicht nur ein geopolitisches Ereignis, es ist ein göttliches Ereignis, ein Neubeginn der göttlichen Mission, die das russische Volk seit 1000 Jahren erfüllt.“
Dass sich Putin ähnlich geschichtstheologisch äußert, konnten wir bereits oben lesen. Es sind diese Elemente, die die Eroberung der Krim legitimieren, ja zu der es sogar einen göttlichen Auftrag gibt: Es ist eine göttliche Mission, mit der Russland betraut ist, denn wie Putin bemerkte, hat die Krim für Russland eine sakrale Bedeutung. Und um die Qualität dieser Bedeutung zu charakterisieren, zieht Putin den Vergleich mit dem Tempelberg und dessen Bedeutung für Juden und Moslems heran.
Und es wirkt wie eine Steilvorlage, dass der Direktor des russischen Instituts für strategische Forschung durch die Namensgleichheit den ersten Wladimir als Begründer der orthodoxen Mission bezeichnet und den zweiten Wladimir (Putin) zum Erneuerer dieser göttlichen Mission stilisieren kann.
Doch nicht die Krim, sondern Kiew ist die Wiege der russisch-orthodoxen Kirche. Dort befindet sich das Patriarchat, Kiew wird zum neuen Jerusalem. Als das ostslawische Reich, die Kiewer Rus, durch die Mongolen zerstört wird, ist das der Anfang für den Aufstieg der Moskowiter, die bald auch das Patriarchat 1589 übernehmen. Russland, Weißrussland und die Ukraine gehen seit der Zerstörung der Kiewer Rus unterschiedliche Wege, die nachzuzeichnen hier nicht der Ort ist.
Der Mönch Filofei formuliert den neuen religiösen Anspruch Russlands und Moskaus 1520 mit folgender Theorie: „Der Zar ist auf der ganzen Erde der einzige Herrscher über die Christen, der Lenker der heiligen göttlichen Throne, der heiligen Kirche, die statt in Rom und Konstantinopel in der gesegneten Stadt Moskau ist. Sie allein leuchtet auf der ganzen Welt heller als die Sonne. Denn wisse: Alle christlichen Reiche sind vergangen gemäß den prophetischen Büchern. Zwei Rome sind gefallen, aber das dritte steht. Und ein viertes wird es niemals geben.“ Moskau ist also das Dritte Rom. Zentrum des wahren Christentums und Erbe und Verfechter des Glaubens in der Welt. Bis 1917 spielte diese Idee eine große Rolle für das Sendungsbewusstsein der Orthodoxie, wie für das Zarentum. Im 19. Jahrhundert verband sich die Rom-Idee mit dem Panslawismus, der Befreiung aller slawischen Völker vom osmanischen Joch durch Russland. Selbst der Sowjetkommunismus kann noch als säkulare Form dieses Sendungsbewusstseins angesehen werden. Der russische Imperialismus speiste sich also schon immer auch aus den Quellen der Orthodoxie. An diese Traditionen knüpfen sowohl Putin als auch Kyrill I. an.
Einen Tag vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine, also am Mittwoch den 23.Februar, fand in Russland der „Tag des Verteidigers des Vaterlandes“ statt. Patriarch Kyrill I. gratulierte Putin aus diesem Anlass: Versehen mit der Anrede „Exzellenz, lieber Wladimir Wladimirowitsch“ schreibt der Patriarch: „Heute ehren wir die Leistung derer, die einen verantwortungsvollen Militärdienst leisten, über die Grenzen ihres Heimatlandes wachen und sich um die Stärkung seiner Verteidigungsfähigkeit und nationalen Sicherheit kümmern.“ Eigenschaften wie Tapferkeit, Mut und Entschlossenheit, „glühende Liebe zum Vaterland und Bereitschaft zur Selbstaufopferung“ hätten jahrhundertelang das russische Volk ausgezeichnet, „das durch den Schmelztiegel vieler Prüfungen“ gegangen sei.
Die russisch-orthodoxe Kirche habe immer versucht, einen bedeutenden Beitrag zur patriotischen Erziehung der Landsleute zu leisten, betonte der Patriarch und hebt hervor: „Die Kirche sieht im Militärdienst eine aktive Manifestation der Nächstenliebe,… ein Beispiel für die Treue zu den hohen moralischen Idealen der Wahrheit und Güte.“
Kyrill I. bekundete zwar   seinen „tiefen Schmerz“ über den Krieg, doch äußerte er kein Wort dazu, dass Putin einen ungerechten Angriffskrieg führt. Statt dessen gehören für ihn die ukrainischen Soldaten zu den „Kräften des Bösen“.
So bleiben weiterhin seine Worte bestehen, in denen er die Wahl Putins zum Präsidenten als „Wunder Gottes“ bezeichnete und dessen „Aufmerksamkeit für das spirituelle Leben der Menschen, für Ihr Verhältnis zwischen Politik und Moral“ würdigte. Dass Putin ein auf Geschichtsverfälschungen und Lügen aufgebautes Politikverständnis praktiziert, werden wir von Kyrill wohl kaum erfahren.
Stattdessen betonte er, sich an Putin wendend:
„Sie haben für sich den Weg des spirituellen und moralischen Dienstes gewählt und Sie gehen ihn mit Würde, Weisheit und einem tiefen Verständnis der Verantwortung für das Schicksal unseres Volkes, für das Schicksal Russlands.“ Putin, so Kyrill, sei von Gott gesandt und habe „die schiefe Kurve der russischen Geschichte begradigt“.
In der Christ-Erlöser Kirche nannte Kyrill den Krieg, der Sprachregelung Putins folgend, nicht Krieg, sondern einen Kampf, allerdings einen „Kampf, der keine physische, sondern eine metaphysische Bedeutung hat“. Das heißt, das was wir vor unseren Augen physisch sehen, ist nicht die eigentliche Realität. Diese liegt hinter den Kampfhandlungen verborgen und zeigt sich nur den Wissenden. Und denen offenbart sich, dass hier das Volk Christi gegen die Anhänger des Antichristen kämpft. Damit wird für Kyrill der Krieg zu einem heiligen Krieg, in dem die höchsten Werte der Orthodoxie auf dem Spiel stehen.
Wissen sollte man noch, dass nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Kirche, nach dem Soziologen Detlef Pollack „zum Hoffnungsträger einer gedemütigten Nation“ wurde. „Demnach stieg die Zahl derer, die sich mit der Orthodoxie identifizieren, von 1990 bis 2020 von einem Drittel auf mehr als zwei Drittel der Bevölkerung, die Zahl der Gläubigen wuchs von 44 auf 78 Prozent. Die orthodoxe Kirche sei zur Trägerin nationaler Identität geworden. „Seit Jahrzehnten meint eine Mehrheit, um ein wahrer Russe zu sein, müsse man orthodox sein“.
Zu Putins und Kyrills Weltbild gehört es, dass Russland das angegriffene Opfer westlicher Mächte sei. „Kultureller Pluralismus, Homosexualität und Meinungsvielfalt gefährden in diesem Weltbild die Identität der russischen Kultur“, unterstreicht Pollack. „Russland muss sich schützen und für seine bedrohte Identität eintreten.“

Für Putin und Kyrill sei Russland eine unbesiegbare Nation, deren einstige Bedeutung seit dem Ende der Sowjetunion aber bedroht sei. „Aus dem Gefühl der Bedrohung entsteht ein Bedürfnis nach kultureller Selbstbehauptung, eine hochgefährliche Mischung von Demütigungsgefühlen und Überlegenheitsansprüchen.“ „Anstatt die Wirtschaftsleistung zu stärken, verfolgt die Regierung das Projekt einer Stärkung des Nationalbewusstseins, das die eigene Kultur überhöht und für alle Probleme im Land den Westen verantwortlich macht.“
Doch das heilige Russland, und darin stimmen Putin und Kyrill überein, dürfe durch andere Kulturen nicht beschmutzt werden.

Es wäre allerdings eine zu einseitige Darstellung, wenn man es bei diesem Befund beließe. Zumindest unter den russisch-orthodoxen Gemeinden in Deutschland gibt es viele, die sich vom Kurs ihrer Heimatkirche distanzieren, ukrainischen Flüchtlingen in Deutschland helfen, auch wenn sie das nicht groß öffentlich machen, Geld sammeln, Unterkünfte bereitstellen und bei ihrer Integration hier behilflich sind. Dazu zählen auch russisch-orthodoxe Gemeinden in Berlin.

Copyright: Edgar Dusdal, Berlin-Karlshorst.

Grau ist das Leben – Wem nützt die „Grauzonenkunde“ von Sloterdijk?

Das neue Buch von Peter Sloterdijk.

Ein Hinweis von Christian Modehn.
1.
Wer einige Bücher von Peter Sloterdijk gelesen hat, kann kaum der Versuchung widerstehen, sich vom sprachlichen Erfinder – Ehrgeiz des Denkers anstecken zu lassen. Also, in seinem Sinne formuliert, ins découvrierend Scriptorische abzugleiten, ohne dabei einem enthusiasmierenden Gestus zu verfallen. Dies gilt um so mehr angesichts des Titels des neuen Sloterdijk-Opus „Wer noch kein Grau gedacht hat…“ mit dem Untertitel „Eine Farbenlehre“. Also ein „Lehrbuch“?
Soweit ich sehe, steht das neue Buch Sloterdijks in keiner expliziten Relation zu der für einen Grau – Denker eigentlich leitenden Erkenntnis, sie stammt von Goethe: »Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum“ (Mephisto). Wer diese Maxime beherzigt, wird eher Gärtner als Philosoph.
Und auch dies noch vorweg und eher nebenbei: Auch vom Niedergang der Partei „Die Grauen“ ist keine Rede. Und auch von den berühmten „grauen Zellen“, nicht nur als der notwendigen Lektürebedingung, ist, soweit ich sehe, nicht die Rede.
2.
Um die Struktur des Inhalts „magno animo“ und mit „thymós“ (ein Lieblingswort Sloterdijks) zusammenzufassen: Es geht um eine bemühte Art, die Farbe grau bzw. das Changierende der Grau-Töne mit feuilletonistisch-philosophierender Passion auszuleuchten, wenn nicht gar „schmackhaft“ zu machen in der Lebenswelt. Die Farbe grau wird von Sloterdijk als treffender Ausdruck (westlicher, demokratischer, kapitalistischer, neoliberaler ??) heutiger Mentalitäten verstanden. Also grau wird als Metapher, Stimmung, Herrschaft der Bürokratie, als graue Religion usw.  beschieben. Dabei sind die fünf Hauptkapitel zu einer speziellen Dimension des Grauen keineswegs streng strukturierte, lehrbuchmäßige „Abhandlungen”. Hinzu kommen noch vier, vom Thema her noch weiter gehende knappe Abschweifungen, von Sloterdijk vornehm „Digressionen“ genannt. Sloterdijk will sich also, um noch einmal eine erfinderische Sprachkraft zu wiederholen, als „Griso-loge“ bzw. als „Avocat oder Defenseur de la Grisaille“ etablieren. Ich lasse, wie bei Sloterdijk meist üblich, diese meine Begriffe unübersetzt stehen und sage in seinem Sinne: „Tant pis“ für die Ungebildeten bzw., wie er selbst diese Menschen nennt, „die einfacheren Gemüter“ (S. 275). Arroganz gilt halt in gewissen Kreisen als Tugend…
3.
Die fünf Hauptkapitel sind Essays: Oft wirken die immer auf grau bezogenen Argumente im Texte konstruiert und gewollt, so wenn – als Petitesse erwähnt – in den Hinweisen zu den „grauen Eminenzen“ der berühmte französische Kapuzinerpater Joseph (unter König Ludwig XIII.) von Sloterdijk in einen „braungrauen Kapuziner-Habit“ (S. 69, auch s. 72) gesteckt wird. Dabei war und ist die „Kutte“ der Kapuziners eindeutig nur braun, aber in den Zusammenhang passt es Sloterdijk besser eine leichte Farbverschiebung in den argumentativen Duktus des nun einmal allüberall dominant Grauen. Wikipedia – auch als Quelle Sloterdijks (?) – spricht zwar auch vom grau-braunen Habit des Kapuziners Joseph, aber das ist eindeutig eine falsche Information! Soweit diese Petitesse.
Auch für die Ethik bringt Sloterdijk selbstverständlich grau zur Geltung: „Es ist die Nuance von Grau-in-Grau, die immerzu und in allem entscheidet, woran wir uns zu halten haben“ (S. 286). Das klingt wie eine Art grauer kategorischer Imperativ: „woran wir uns zu halten haben“… Das passt gar nicht so zu Sloterdijks sonst üblichen skeptisch-relativistischen-zynischen „methode à penser“. Aber die letzten Sätze des Buches (ebenfalls S. 286) beruhigen doch vor möglichen tiefen Grau-Depressionen, indem Sloterdijk auf die Mischung von Hell und Grau, Dunkel etc. hinweist. Immer ist also – trostvoll –  etwas Helles dabei. Nur bitte “keine Alleinherrschaft des Lichtes”, warnt der Philosoph. Das wäre wohl zu “göttlich”?
4.
Peter Sloterdijk legt nun also, eine „Farbenlehre“ vor. Über die Aktualität dieses nun ausgerechnet in diesen Zeiten gewählte graue Thema wird man lange vergeblich grübeln. Aber, man tröste sich mit Allgemeinheiten: Philosophieren als Form des auch unterhaltsamen Feuilletons ist immer möglich, Philosophieren lässt sich im allgemeinen nicht politisch unmittelbar einspannen…Also: „Wer noch kein Grau gedacht hat…“ Der Titel (Cézanne nachempfunden) bricht ab, führt ins Weite, aber er ist schon im ersten Moment eine Einladung, ihn aus aktuellen Notwendigkeiten weiter zu formulieren: Ich schlage vor. „Wer noch kein Grau gedacht hat….der betrachte die von Russen zerstörten Städte der Ukraine und ihrer angstvollen Einwohner“. Oder: „Er/sie schaue sich alle von sonstigen Kriegen und auch Hungerkatastrophen zerstörten Städte und Landschaften denkend an, in Syrien, Afghanistan, Jemen, in den Slums von Lateinamerika, die durch Bürgerkriege zu grauen Todeszonen wurden.

Auch dies wird eher vergessen in diesem „Lehrbuch“: Grau war die Farbe der KZS und der Gulags. Grau war der Rauch, der aus den Öfen in Auschwitz in den schönen blauen polnischen Himmel stieg oder in Dachau noch früher in den schönen heilen bayerischen Himmel. Die Farbe grau dominiert auf allen Schlachtfeldern, weil das rote Blut der Opfer sich mit dem Erdboden vermischt. Von diesem grau und dem politisch gemachten Grauen ist in dem Buch kaum die Rede.

So ist das neue Buch von Sloterdijk sicher vergnüglich zu lesen, sozusagen als Kurzweil, für alle, die ihre innere Langeweile etwas stilllegen wollen. Oder: Man betrachte hierzulande die grauen (kranken, verhärmten) Gesichter der Armen und arm Gemachten, also der Hungernden in den reichen Städten des Westens und überall. Dann wird man eher dazu zu einer Neubestimmung von Grau neigen: Grau wäre vor allem mit grausig oder grauenvoll und vor allem dem Grauen zu verbinden. Davon spricht Sloterdijk in seiner zweiten kurzen Digression, die von einer pessimistischen Grundstimmung geprägt ist: „Der gutwilligste Kosmopolit ist irgendwann müde genug, sich mit (grauen, sehr armen) Ländern zu befassen“, schreibt Sloterdijk, was bei dem geneigten reichen Europäer („Kosmopolit) „bloß mentalen Stress ohne Handlungsoptionen nach sich zieht“ (S. 117). Für Sloterdijk bleibt nur das, so wörtlich, „muddling through“, das Sich-Durchwursteln, als Haltung übrig… Vernünftige – humane Weltgestaltung (als Utopie oder Idee) also passé? Für Sloterdijk scheint das zu gelten. Kant war da sehr begründet ganz anderer Meinung. Dieser defätistische graue Satz Sloterdijks gilt aber nur, wenn einzelne als einzelne „kämpfen“. Er gilt nicht, wenn demokratische NGOs gegen die Allmacht des Kapitalismus kämpfen und die Ärmsten der Armen unterstützen, wie „Ärzte ohne Grenzen“, die ihr Leben riskieren. Aber das Jammern der Wohlhabenden ist vielleicht auch ein graues Thema der Verlogenheit, davon spricht Sloterdijk nicht, er schreibt lieber wie schon in früheren Büchern sehr ausführlich über Gnosis, entdeckt nun dort das Graue oder in der jüdischen Philosophie oder in der Erbsündenlehre und dem Schöpfungsbericht der Bibel. Welche Abschweifungen, welche Bezüge zu früheren Büchern! Nebenbei: Vermissen werden Theater-Freunde den Hinweis auf den wohl entscheidenden Grau-Autor der Gegenwart, auf Christoph Marthaler, man denke vor allem an sein berühmtes und wohl bestes Stück „Murx den Europäer, murx ihn, murx ihn ab“, an der Volksbühne Berlin viele Jahre lang aufgeführt, jetzt leider nicht mehr.
Wenn es schon um eine philosophierend-essayistisch-feuilletonistische Farbenlehre„à la Sloterdijk“ geht, dann sollte jetzt eher die Farbe SCHWARZ, die Farbe des Todes und der Anarchie, im Mittelpunkt stehen und die Drucker-Farbe der Wall-Street-Börseninfos. Aber bitte: Schwarz immer im Kampf mit Grün, als der Farbe der Hoffnung. Aber das als eine Empfehlung für ein kommendes Projekt.
5.
Warum also gibt es eigentlich diese kurzweilige Buch gegen die Langeweile im Grauton, das ziemlich anstrengend ist, man denke an die Lektüre-Mühen bei Sloterdijkschen Endlossätzen, etwa auf den Seiten 230/231 oder 245. Man ist als Leser oft noch über die – sagen wir es ehrlich – Arroganz von Sloterdijk überrascht, wenn er etwa das bekannte und geschätzte Buch „Quellen des Selbst“ (deutsche Ausgabe: 912 Seiten) des Philosophen Charles Taylor „adipös“ nennt (S. 231). Adipös, das weiß auch Sloterdijk, ist die Bezeichnung einer Krankheit. Wenn nun ein Buch eines international angesehenen und vielfach zitierten Philosophen adipös sein soll, ist dann der Autor Taylor vielleicht selbst krank, adiopös, geistig, weil klassisch verfettet, nicht auf dem neuesten Stand? Sloterdijk nennt die „Quellen des Selbst“ von Taylor – seinem Sloterdijkschen absoluten Wert folgend – „unoriginell“ (S. 231). Unoriginell : Das Schlimmste, was ein Mensch sein darf! Man muss fragen: Ist etwa Sloterdijks Buch „Du mußt dein Leben ändern“ mit seinen „nur“ 723 Seiten auch adipös? Sicher nicht, wird er sagen, denn ein Buch sei „originell“. Noch einmal: Warum also ausgedehnte Essays anläßlich der Farbe grau, die sich in Slotderdijkscher Sicht an unbedeutenden Philosophen festklammern, wie etwa an Martin Buber, wobei dessen Beziehung zur Farbe Grau einmal mehr künstlich und konstruiert wirkt. Dass Sloterdijk Martin Bubers Arbeiten „Ergüsse“ nennt, ist einmal mehr Ausdruck der Arroganz. Auch ein anderer jüdischer Philosoph, Emmanuel Levinas, wird kurz und bündig fertiggemacht, von ihm behauptet Sloterdijk: Er gab nur vor, er tat also bloß so, die abendländische Philosophie grundlegend zu kritisieren (S. 238). Auch die Bemühung, André Malraux als Denker des Grau geradezu aufzupeppen, wirkt übertrieben. Man sieht schon, bei dieser „Farbenlehre“ geht es dann doch recht bunt zu.
6.
Aber auch das gibt es, nebenbei: Man schmunzelt oft, etwa wenn Sloterdijk, so wörtlich, von „forcierten Maiandachten“ (S. 267) spricht als Formen des sinnlosen Widerstandes gegen die – selbstverständlich graue – Vergleichgültigung des Bewusstseins. Ich habe übrigens noch nie an „forcierten Maiandachten“ teilgenommen. ….Und man rätselt, was denn der Farbenlehrer Sloterdijk im Zusammenhang von grauer Mystik mit „mystisch überangeregter Standpunktlosigkeit“ meint. Der Leser kommt also immer wieder ins Schwimmen und Schweben, aber das ist wohl gezielt vom Autor, der wohl glaubt: Sehr viel Genaues und Evidentes und Kategorisches weiß man eben nicht. Schweben wir also. Sloterdijk hat wohl deswegen auch nicht den Mut, Angela Merkel – als einer der Farbe grau zuneigenden Politikerin – beim Namen zu nennen, er spricht nur von einer „Person der Kanzlerschaft, die 16 Jahre regierte“. Sie „war zugleich lau (also grau) und machtbesessen“( S. 241). Auch über „transkatholischen Umfang“ (S. 269) wäre zu sinnieren. Man wird den Eindruck nicht los, als wolle Sloterdijk sprachlich glänzen durch oft skurril wirkende, manchmal esoterisch klingende Formulierungen.
7.
Das „Grau-Projekt“ bietet auch etwas ausführlichere philosophische Reflexionen zu Platon, Hegel und Heidegger. Bleiben wir nur bei dem berühmten und immer wieder zitierten Hegel-Wort aus der Rechtsphilosophie: Dem folgend male er seine eigene Philosophie „grau in grau“: „Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“
(Grundlinien der Philosophie des Rechts“, Vorrede vom 25. Juni 1820, Suhrkamp 1070, S 28.) Sloterdijk sieht wohl in diesem Hegelschen-Grau Hegel selbst auf dem Höhepunkt seiner Philosophie, eine Synthese schaffend, als das „vorläufige Ergebnis“. Wenn man es populär sagen will, was Sloterdijk nicht schreibt: Die Dialektik lebt vom Gegensatz von Weiß und Schwarz, und dieser Gegensatz ist farblogisch überwunden im Grau als der Synthese, die dann als graue Substanz bzw. bei Hegel als „graues Subjekt“ dann doch weitere dialektische Lebendigkeit entwickelt. Und ganz neue Grau-Farben erzeugt. Wäre auch ein Thema, um gegen das angebliche “Ende der Hegelschen Philosophie” Einspruch zu erheben.
Auch von Heideggers zweifellos zu wenig beachteten (und weithin lesbaren) Schrift „Die Grundbegriffe der Metaphysik“ von 1929 spricht Sloterdijk ausführlich, zumal Heideggers Ausführungen zur Langeweile sind erhellend im “Grau-Zusammenhang”.

Dabei wird für mich deutlich eine sympathisierende Nähe des Denkers Sloterdijks zu Heidegger als „Denker“. Aber die jetzt evidente Verbundenheit Heideggers mit den Nazis und der NSDAP wird von Sloterdijk eher großzügig überspielt, wenn er schreibt: “Heidegger fügte sich dem Zwang, (nach dem seine Karriere als Uni-Rektor in Freiburg von der NSDAP beendet wurde, CM), „machtpolitisch im Unscheinbaren Unterschlupf zu suchen“, hübsch harmlos formuliert, und jetzt wird es sehr poetisch bei Sloterdijk: „Vergleichbar einem Täufer mit dem Auftrag, einen Gott anzumelden, der vor der Offenbarung zögert“ (S. 57). Der Heideggersche „kommende Gott“ ist also gemeint, damit sind wir bei den endlosen Debatten über Heideggers Ergüsse (hier stimmt das Wort) zum „Ereignis“, Denkoffenbarungen während der Nazi-Verbrechen. Davon ist in dem Grau Buch Sloterdijks vornehmerweise keine Rede. Aber gerade hier das Grau des Ungefähren und Unverständlichen herauszuarbeiten, wäre sinnvoll gewesen. Heidegger wird nur in Sloterdijks Deutung, so wörtlich „zum alten Seher“ (ebd.), also zu einer Art Prophet gegen die Machenschaften der Technik…Wahrscheinlich spürt Sloterdijk eine starke Nähe zu Heidegger, den er als den „Nicht – mehr – Philosophen“ (ebd.) rühmt, vielleicht, weil sich Sloterdijk selbst auch nicht nur als Philosophen versteht , sondern eher als schreibenden Denker, als „Autor philosophischer Arbeiten” (in: “Nach Gott”, 2018, Seite 300). In dem Buch “Das Sloterdijk – Alphabet” von Holger Freiherr von Dobeneck, (Würzburg, 2006), wird mehrfach darauf hingewiesen, dass Sloterdijk kein Philosoph sei, sondern eher ein “philosophischer Zeitdiagnostiker und Ideenhistoriker als ein kritisch-systematischer Philosoph” (dort Seite 269).
8.
Trotz mancher Einwände: Einige Hinweise Sloterdijks sind wirklich beachtlich. Auch wenn er das Christentum und die Kirchen als Religion und Lehre ablehnt, entdeckt er doch im Urtext des Neuen Testaments Brisantes, etwa: Wie eine viel tiefer zu verstehende Bitte des Gebetes „Vater Unser“ zu verstehen ist: „Unser tägliches Brot gib uns heute“ müsste eigentlich auf den griechischen Urtext bezogen übersetzt werden: „Unser überwesentliches, mehr als nötiges Brot, gib uns heute“ (S. 252, Fn. 254). …
9.
Auch dieses neue Buch Sloterdijks enthält weder ein zu erwartendes Stichwort-Register noch eine Liste der zitierten Bücher. Das erschwert ungemein die kritische Arbeit am Text. Das hat vielleicht einen Grund: Slolterdijks „Grauzonenkunde“ (S. 286) nennt sich zwar „Eine Farben-lehre“, aber das Opus ist alles andere als ein Lehr-Buch, bei dem es dann ratsam wäre, etwa Namens -oder Literatur Register anzufertigen. Sloterdijks Buch ist also kein Lehrbuch, wo man sachlich in einer distanzierten-kritischen Sprache Auskunft findet. Es ist das, was er von den Büchern des jüdischen Philosophen Martin Buber behauptet, ein „Erguss“ (S. 233), der sich im Fließen des Textes und in Mitfließen und Schweben erschließt.
10.
Sloterdijk spricht in seinem neuen Buch viel von Indifferenz, als dem Zustand von Grau. Ein wichtiges Buch zum Thema als ein Lesetipp für ihn und andere: Das Buch von Dominik Terstriep, „Indifferenz. Von Kühle und Leidenschaft des Gleichgültigen“, EOS Verlag, 2009.

Peter Sloterdijk, Wer noch kein Grau gedacht hat…. Eine Farbenlehre. Suhrkamp Verlag Berlin, 2022, 286 Seiten, 28 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.