Die „unsichtbare Religion“ – lebt in der säkularisierten Gesellschaft

Ein Hinweis auf ein ungewöhnliches Thema des Soziologen Thomas Luckmann
Von Christian Modehn am 30.3.2026

Vorwort:
Der Soziologe Thomas Luckmann hat den engen Begriff „Religion“ erweitert, wenn nicht gesprengt, durch seine These der „unsichtbaren Religion“. Darauf vor allem wird hier hingewiesen. Diese Öffnung des Religionsbegriffes über die engen Grenzen der religiösen, der kirchlichen Institutionen hinaus hat bereits Immanuel Kant geleistet, nicht zuletzt aber der Weisheitslehrer Jesus von Nazareth oder aktuell der große Theologe Karl Rahner. Darauf wird am Ende dieses Beitrags hingewiesen (Nr. 14 ff.)

1.
Thomas Luckmann hat als Soziologe schon 1967 eine neue, ziemlich gewagte These publiziert: Eine von ihm „unsichtbar“ genannte, das heißt „außerhalb der kirchlichen Institutionen“ lebendige, nur individuell je verschieden geprägte Religion sei heute in Europa bestimmend. Wenn das Zerbrechen institutioneller religiöser Bindungen in individuelle Vielfalt gilt, wenn also sehr viele Menschen ihre je eigene Religion, ihren je eigenen „transzendenten Mittelpunkt“ und „Gott“ selber entwickeln, dann muss man an der gängigen sozialwissenschaftlichen und philosophischen These zweifeln: Unsere westliche Gesellschaft sei grundlegend „säkularisiert“, also ohne Bindungen an oberste, für göttlich gehaltene Werte. Es lohnt sich also, über diese „unsichtbare Religion“ nachzudenken… Aber auch die Grenzen dieser liberalen These zu erkennen.

2.
Der vielseitig gebildete Soziologe Thomas Luckmann hat mit seiner “unsichtbaren Religion“ eine heftige Diskussion eröffnet. Er hat gezeigt, dass Religionssoziologie umfassender, durchaus auch philosophisch interessierter ist als die populäre, eher schlichte Kirchensoziologie: Sie ist seit etwa 1945, zumal in Frankreich, etwa auf Statistiken zur „religiösen Praxis“ am Sonntag fixiert oder auf die Anzahl der Priester in ländlichen Gegenden usw. Französische Religionssoziologen hatten einst dieses Hauptinteresse, sie erforschten die religiöse Welt nicht umfassend, sie meinten, angesichts der Teilnehmer – Zahlen an der Sonntagsmesse in allen Regionen Frankreichs Rückschlüsse auf die so genannte „Entchristlichung“ („Säkularisierung“) der jeweiligen Regionen bzw. Bistümer ziehen zu können. Heute ist die französische Religionssoziologie (im Unterschied zu Deutschland) sehr lebendig und viel breiter aufgestellt. Man denke etwa an die zahlreichen wegweisenden Arbeiten von Prof. Danièle Hervieu-Léger in Paris, an ihre Forschungen zur Dominanz subjektiver Religion, die sie unter dem etwas provozierenden Stichwort „Bricolage“, also „Basteln“, „Etwas selber zusammenstellen“ diskutiert. Dies ist nur ein Beispiel für die aktuelle Wirkungsgeschichte der These der „unsichtbaren Religion“ Luckmanns……

3.
Ein Anlass unseres Hinweises ist auch der 10. Todestag Thomas Luckmanns, er ist am 10.Mai 2016 im Alter von 88 Jahren in seiner „Wahlheimat“ Kärnten gestorben, geboren wurde er in Jesenice, Slowenien, am 14.Oktober 1927. Thomas Luckmann ist einer der bedeutenden Soziologen des 20. Jahrhunderts, 1969 wurde er mit entscheidenden Studie „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ (gemeinsam mit Peter L. Berger) weltbekannt.

4.
Uns interessiert hier Luckmanns Essay „Die unsichtbare Religion“, er wurde 1967 in New York unter dem Titel „The Invisible Religion“ veröffentlicht, aber erst seit 1991 liegt eine deutsche Ausgabe vor.
Wir können hier nur auf Luckmanns entscheidende Einsichten zur Entwicklung der christlichen Kirchen hinweisen. Sie zielen auf die schon genannte stark individualisierte, nicht mehr an kirchliche Institutionen gebundene Religion. Die Zitate hier beziehen sich auf die deutsche Ausgabe, erschienen im Suhrkamp Verlag. Das ausführliche Vorwort hat der Soziologe Prof. Hubert Knoblauch, Berlin, verfasst. Zentral ist also Luckmanns These: „Ich halte die Ansicht für falsch, das moderne Leben sei bar jeder Religion, sie sei im Kern areligiös“.( S. 164.) Die Religion könne gar nicht verschwunden sein, denn, so Luckmann: „Die grundlegend religiöse Verfassung des menschlichen Lebens ist nicht verloren gegangen“.( ebd.). D.h.: Zum Menschsein gehört also Religion…Diese heute lebendige, aber „unsichtbare Religion“ lebt überall dort, wo „aus dem Verhalten der Menschen moralisch beurteilbare Handlungen werden.“ (S. 165). Religion ist also ein moralisches Leben, ein Leben, das den Einsichten des Kategorischen Imperativs entspricht, dies kann man weiterführend im Sinne Kants sagen. Zu Kant siehe Nr. 14.

5.
Hubert Knoblauch betont in seinem Vorwort, dass der Begriff „unsichtbare Religion“ lediglich im Titel des Buches genannt wird (S.11). Aber die Idee einer „unsichtbare Religion“ bestimmt das ganze Buch, ist sozusagen das entscheidende Thema. Diese unsichtbare Religion (man sollte angesichts ihrer Pluralität eher den Plural Religionen verwenden) ist faktisch eine Alternative und eine Konkurrenz zu den etablierten Kirchen geworden.

6.
Deswegen weitere zentrale Aspekte zur „unsichtbaren Religion“ im Sinne Luckmanns: Die „unsichtbare Religion äußert sich in verschiedenen menschlichen Verhalten, immer dann, wenn inmitten des Alltags eine bestimmte Praxis zur einer Art absolutem Mittelpunkt des Lebens wird: Dieser „Mittelpunkt“ kann Sport sein, Fußball zumal, dem alle Interessen gelten; er kann auch der Beruf sein; oder können Erotik und Sexualität sein, alles kann zum absoluten Mittelpunkt im Leben werden. Viele Menschen werden sogar gleichzeitig einige Mittelpunkte in ihrem Leben haben, denen sie Zeit, Energie zuwenden, wenn nicht „opfern“.

7.
Allgemein verbindliche, universell für alle geltende Religionen bestimmen nicht mehr das Leben der Menschen von heute, betont Luckmann: „Die traditionellen, institutionell spezialisierten Kirchen konnten ihr Monopol nicht einmal für die spezifisch religiösen Themen aufrechterhalten.“ (S 180.). „Die Kirchen sind Institutionen unter anderen geworden.“ (S. 182).
Die verschiedenen Gestalten unsichtbarer, d.h. also institutionell nicht-gebundener Religion, setzen sich durch, weil „die religiöse Repräsentation durch die Kirchen zu einem System bloßer Rhetorik geworden ist.“ (S. 139). Das heißt: Die religiöse Botschaft der Kirchen ist für die meisten Menschen nicht mehr nachvollziehbar, nicht mehr glaubwürdig, sie wird nicht mehr hilfreich im individuellen Leben erlebt. Weil die Führer dieser Kirchen, die Theologen offenbar und die Prediger etc. zur bloßen „Rhetorik“ neigen. Das heißt wohl: Leere, seit Jahrhunderten identische Worthülsen dogmatischer Art verbreiten…

9.
Thomas Luckmann hat also schon vor 60 Jahren den weitreichenden Bruch in der religiösen Praxis wahrgenommen. Der einzelne Mensch baut sich, „bastelt“ sich, wie französische Religionssoziologen sagen, sein persönliches System für ihn gültiger Werte und Orientierungen, oft vorläufig, für bestimmte Lebensphasen. Die individuelle inhaltliche Aussage dieses je von mir „gebastelten“ Glaubens kann sich im Laufe des Lebens bei immer neuen Lebenserfahrungen selbstverständlich wieder ändern. Früher gab es z.B. Konversionen vom Katholizismus zum Protestantismus, jetzt gibt es ganz andere Konversionen, etwa: Ein älterer Mann konvertiert von seiner Sport- Trainings – „Vergottung“ zur Yogapraxis und zum veganen Leben in vegan verpflichteten (dogmatischen?) Lebensgemeinschaften…

10.
Die „unsichtbare Religion“ im Sinne Luckmanns trifft eine wesentliche Tendenz in der Veränderung dessen, was seit etlichen Jahren in Europa als Religion oder „höchstes Gut“ oder „Göttliches“ wahrgenommen und gelebt wird. Dennoch bleibt die Frage offen, ob es ein normative Kriterien dafür gibt, was man also mit guten Gründen unter den wichtigen Präferenzen im Leben Religion oder Religionen tatsächlich dann nennen sollte. Denn es kann nicht jeglicher vom einzelnen hoch geschätzter Wert als religiös bezeichnet werden.

11.
Dann ist es auch problematisch, wenn im Sinne der totalen Individualisierung der Religion der Aspekt der Gemeinschaft eher vernachlässigt wird. Menschen brauchen immer und überall den Austausch über Lebenserfahrungen und über den Mittelpunkt im jeweiligen Leben. Sie brauchen also Gemeinschaften. Aber gibt es im Ernst etwa SportlerInnen, die sich so intensiv über Sport austauschen, dass damit auch die klassischen religiösen Themen (Sinn des Lebens, Liebens Sterbens, Todes…) zur Sprache kommen und diese Themen auch irgendwie rituell „bearbeitet“, zelebriert werden? Das müsste man empirisch untersuchen. Ich bezweifele, ob man dabei nicht die Sportgemeinschaften oder der Opernliebhaber oder der Vegetarier-Fans usw. sozusagen religiös „überfordert“.

12.
Im ganzen habe ich den Eindruck, dass Luckmanns These der „unsichtbaren Religionen“ in eine Hochphase liberalen Denkens passt, als die Individualisierung sozusagen heilig gesprochen wurde. Bernt Schneller bezeichnet in seiner Studie „Thomas Luckmann“, (UVK, Konstanz 2006, S. 119) die Idee der „Sakralisierung des Individuums“ als eine entscheidende Leistung Luckmanns,. Schneller nennt als neue „religiöse Gemeinschaften“ im Sinne Luckmanns nach dem Ende der kirchlichen Institutionen: „ Selbsthilfegruppen, Cliquen (sic) und andere sinnstiftende Gemeinschaften.“ (S. 119). Den religiösen Aspekt von Selbsthilfegruppen oder zivilgesellschaftlichen NGOs wissenschaftlich herauszustellen, wäre tatsächlich ein interessantes Projekt. Bei den „Anonymen Alkoholikern“ hat bekanntlich ein Gottesbezug und sogar die Hochschätzung des „Vater Unser“ eine hilfreiche Bedeutung… Und: Wie die stark etwa die engagierten, oft im Einsatz gefährdeten Mitarbeiter der „Ärzte ohne Grenzen“ eine Spiritualität leben (müssen, um durchzuhalten), ist manchmal von ihnen selbst beschrieben worden.

13.
Wahrscheinlich ist die These Luckmanns von der „unsichtbaren Religion“ heute zu ergänzen, wenn nicht zu ersetzen durch den Begriff der Vielfalt der Spiritualität, ohne die nun kein Menschen als geistiges (das heißt immer auch „spirituelles“ )Wesen zu leben vermag. Die Kirchen als Institutionen von Dogma und Klerus haben diesen Wandel in der Bindung der Menschen nicht grundlegend verstanden: Die Menschen suchen heute Spiritualität, eher nicht die von den Kirchen klassisch angebotene dogmatische Lehre.

14.
Die „unsichtbare Kirche“ ist auch ein Begriff für die eine zentrale Erneuerung des engen dogmatischen Kirchenbegriffs durch den Philosophen Immanuel Kant in seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1793). Diese „unsichtbare Kirche“ nennt Kant „eine Idee von der Vereinigung aller Rechtschaffenden unter der göttlichen unmittelbaren (also nicht durch die Kirche vermittelten, CM), aber moralischen Weltregierung…“ (im Text Kants auf Seite B 142). Wir haben zu Kant und auch zu seinem wichtigen und aktuellen Religionsbegriff etliche Hinweise publiziert, siehe etwa: LINK

15.
Auch der Mensch Jesus von Nazareth hat als freier, radikal – kritischer Weisheitslehrer im damaligen Judentum, in seinen Predigten (und seinem provozierenden Handeln) ausdrücklich die engen Grenzen einer Gesetzes-rigiden Religion gesprengt und dadurch ein anderes, sozusagen reformiertes Verständnis für ein gottgefälliges Leben geöffnet über die Religionsgrenzen hinaus. Man denke etwa an die Bergpredigt Jesu: Dort werden mit den Forderungen eines humanen Lebens die „Einlassbedingungen“ der Menschen für die Zugehörigkeit zum universellen „Reich Gottes“ als Reich des Friedens und der Gerechtigkeit dargelegt. Siehe dazu das Evangelium nach Matthäus, 5. Kapitel. Noch wichtiger für diese Zurückweisung enger religiöser konfessioneller Normen für ein authentisches religiöses Leben ist die Rede des Weisheitslehrers Jesus über das „Weltgericht“, Matthäus, 25. Kapitel, 31 ff. besonders ab Vers 34. Deutlicher kann die alle Grenzen der eigen Religion (der jüdischen wie der christlichen) sprengenden humanistisch – weiten Spiritualität Jesu nicht mitgeteilt werden. Wenn Matthäus diese Rede Jesu unter dem Stichwort „Weltgericht“ darstellt, dann will er nur mit den Mitteln seiner damals zur Verfügung stehenden Sprache sagen: Weltgericht bedeutet die alles entscheidende Norm für eine Praxis und Lebensorientierung der Menschen, die sich menschlich nennen darf…Aktuell – provozierend ist etwa die Aussage des Weisheitslehrers Jesus: „ Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen“, denn in den Fremden wird Jesus, wird sogar Gott repräsentiert, das ist die humane, menschliche Weisheit des Neuen Tetamentes. (Siehe Matthäus Kap. 25, Vers 35).

16.
Auf das alle engen konfessionellen Grenzen sprengende Denken des großen katholischen Theologen Karl Rahner soll hier noch kurz hingewiesen werden. Sehr häufig hat Rahner ausführlich argumentiert: Der christliche Glaube ist eigentlich eine – vom Umfang der Lehrmeinungen her gesehen – sehr einfache, insofern „bescheidene“ Weisheitslehre. Gott (als letztlich niemals zu definierendes Geheimnis, so Rahner ) ist allen Menschen nahe, ob innerhalb der Kirche oder außerhalb. Gemeint ist der bergende, der nur unbeholfen göttlich zu nennende menschenfreundliche Sinn-Grund, auf den sich alle Menschen sbeziehen können, im Leben, Lieben, Schmerz, im Sterben. Dieser Verbindung mit Gott als dem bergende Geheimnis entspricht die menschliche Praxis der – immer auch politisch zu gestaltenden – Nächstenliebe. So einfach ist der christliche Glaube, universell verstanden als gelebte Möglichkeit für viele auch außerhalb der Kirchen: Gottesliebe und Nächstenliebe sind eins, untrennbar verbunden. Wer entsprechend zu leben versucht, fügt Rahner hinzu, gehört dann auch zur unsichtbaren Kirche… Die Idee der „unsichtbaren Kirche“ im Sinne Kants klingt wieder an…(Siehe unter vielen Beiträgen Rahners zum Thema etwa den Aufsatz „Der Glaube der Christen und die Lehre der Kirche“, 1971, in „Schriften zur Theologie, Band X., S. 262, bes. S. 283 f.)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

Ostern als Auferstehung der Menschen vernünftig verstehen.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 26.3.2026

Ein Vorwort, erster Teil:
Wir haben im religionsphilosphischen-salon.de  schon mehrfach Ostern, die Auferstehung des Menschen Jesus von Nazareth und damit die Auferstehung der Menschen insgesamt zu erklären versucht, jenseits aller üblichen Floskeln in Oster – Predigten, jenseits aller bloß gedankenlosen Zitiererei aus den Evangelien. Verstehen in Worten, in Begriffen, eben mit der Vernunft ist etwas anderes als das routinierte Predigen. „Wunderbare“ Einsichten in frohlockenden Worten gelten für uns nicht. Auch nicht esoterisches Gestammel. Wir wollen ein behutsames, vernünftiges Erklären von Ostern und der Auferstehung Jesu zeigen. Es geht bei dem Thema um eine mögliche Orientierung im Leben wie im Sterben, angesichts des Todes.

Ein Vorwort, zweiter Teil:
Ostern, die Auferstehung des Menschen Jesus von Nazareth beziehen sich auf existentielle Erinnerungen und Erfahrungen. Sie gehören also in eine allgemeine, eine nachvollziehbare vernünftige Sprache. Aussagen können bei dem Thema selbstverständlich keine evidenten Beweise liefern, schon gar nicht mathematische Eindeutigkeit. Was hätten Mathematik und Beweise bei diesem Thema existentieller Erfahrungen und Erinnerungen auch an Orientierung zu bieten? Hier sind nur plausible Hinweise und vernünftige Vorschläge relevant … fürs Weiterdenken, Weiterforschen und meditatives Vertiefen und für weiterführende Ergänzungen.

Wir haben schon mehrfach ausführlichere Hinweise zum Thema publiziert.
Wegen verschiedener Nachfragen bieten wir nun noch einmal nur einige zentrale Erkenntnisse … in einer ebenso gewünschten überschaubaren Länge. Wir zeigen: Eine Spiritualität zu Ostern und zur Auferstehung ist nicht auf die klassischen, bekannten und meist fundamentalischen Predigten der dogmatischen Klerus-Kirchen angewiesen. Eine vernünftige Oster/Auferstehungsspiritualität kann jeder für sich entdecken: Das Neue Testament ist überall zur Lektüre verfügbar, ebenso historisch-kritische Erläuterungen zu den Erzählungen über die Auferstehung Jesu im Neuen Testament… 

Bitte beachten Sie das Kapitel Nr. 10:  Die Reflexionen zur Auferstehung sind alle andere als philosophische, metaphysische Überlegungen oder bloß-spirituelle Hinweise. Unsere Reflexion über ein vernünftoges Verstehen der Auferstehung  sollen unseren Widerstand stärken gegen die üblen Machthaber und Kriegsherren, gegen die Rechtsextremen alleroren, gegen die Herrscher der neoliberalen Welt- Unordnung. Ohne spirituelle Kraft ist dieser Widerstand überhaupt nicht zu leisten…

1.
Ostern ist bis heute als Festtag und Feiertag eine ziemlich ungewöhnliche, durchaus verstörende wie überraschende Erinnerung, eine Erinnerung an die Erkenntnis einiger Freundinnen Jesu von Nazareth: „Dieser Jesus, der den Tod am Kreuz erlitt, der lebt – mit seinem Geist – weiter über den Tod hinaus, er ist geistig unter uns. Denn: Geistige Präsenz ist genauso stark und bedeutend wie körperliche Anwesenheit.

2.
Diese Einsicht der Freundinnen Jesu heißt also „Auferstehung bzw. Auferweckung Jesu“. Die Freundinnen und Jünger Jesu waren einige Wochen und Monate nach dem Tod Jesu (etwa im Jahr 30 oder 33) sprachlos und schockiert, aber sie haben ihr Entsetzen über Jesu Tod überwinden können und in überschwänglichen Worten und Bildern später vom „auferstandenen Jesus“ in den vier Evangelien erzählt. Eine durchaus übertriebene Begeisterung, wie sie in den Auferstehungserzählungen deutlich ist, war üblich in den Erzählungen der damaligen Kultur. Die Autoren der Evangelien haben also in bilderreichen Sprache ziemlich übertrieben, etwa indem sie erzählten, der Auferstandene habe mit ihnen zusammen gespeist. Oder wenn erzählt wird, der Apostel Thomas habe dem auferstandenen Gekreuzigten in dessen Wunde gefasst… Die vier Evangelisten – im Abstand von ca. 30 – 50 Jahren nach Jesu Tod – ihre Erzählungen verfasst.

3.
Wichtig ist: Die in den Evangelien erzählten Erlebnisse der Freundinnen Jesu mit dem auferstandenen Jesus sind keine historischen Berichte. Es lässt sich auch kein Datum der „Auferstehung“ angeben, es war kein neutraler journalistischer Beobachter dabei, der irgendwelche Ereignisse im und am Grab Jesu notierte. Die Erzählungen der Evangelien sind in existentieller Erfahrung geschriebene persönliche Bekenntnisse, und diese merkwürdigen Texte, fast 2000 Jahre alt, müssen übersetzt und neu erzählt werden in nachvollziehbarer, selbstverständlich vernünftiger Sprache. Was denn auch sonst ? Sogar Poesie wird in allgemein-zugänglichen Worten geschrieben und kann nur deswegen verstanden werden.

4.
Jesus wurde verurteilt, weil er die Menschenfreundlichkeit Gottes lebte, eines Gottes, also – übersetzt – eines letzten bergenden Sinn-Grundes, und den sprach Jesus an als „Abba“, also sehr herzlich und intim als „lieber Vater“. Jesus kritisierte die rigorose Gesetzes-Religion der herrschenden jüdischen Eliten – um der Menschlichkeit willen und auch um die Güte Gottes, des Ewigen, zu bezeugen. Jesu JüngerInnen und Freundinnen hatten also einen außergewöhnlichen Menschen erlebt. Ein solcher Mensch darf eigentlich nicht sterben, das ist ja allgemeine Erfahrung im Erleben herausragender Menschlichkeit.

5.
Die Erkenntnis heißt: Jesus, der Gekreuzigte, „lebt geistig unter uns“, traditionell gesprochen: Er ist „auferstanden“, er ist geistig unter uns lebendig. Diese Einsicht, so betonen die Freundinnen Jesu, sei für sie erstaunlich und überraschend: So ungewöhnlich, dass dieser Geist mit seiner Erkenntnis der Auferstehung nur heilig genannt werden kann. Dieser göttliche Geist ist die bestimmende Lebenskraft der Menschen seit der Schöpfung. Und es ist derselbe heilige, göttliche Geist, der auch den Menschen Jesus zu seinem außergewöhnlichen Leben der Liebe und Solidarität bewegte. In diesem Sinne kann diese Gemeinde also sagen: Der Mensch Jesus von Nazareth wurde in der Kraft des ewigen göttlichen Geistes aus dem Tod befreit. Und in eine bleibende geistige Präsenz geführt.

6.
Ostern ist also das Fest, an dem Christen sich der Bedeutung des göttlichen Geistes in allen Menschen vergewissern; es ist der Geist des Ewigen, Gottes, der in der Menschheit leben will, wenn es die Menschen in ihrer Begrenztheit, in ihren Fehlern und falschen Entscheidungen ihrer Freiheit zulassen. Die Freundinnen Jesu sind frei und ohne Angst vor Repressalien der herrschenden Eliten der Einsicht ihres Geistes gefolgt. Sie erkannten: Jesus als geisterfüllter Mensch lebt – „auferstanden“- in bleibender geistiger Präsenz..

7.
Die ersten Christen wussten: Alle Menschen haben Anteil an diesem Geist des Ewigen, am Geist Gottes. Der Apostel Paulus verfasste den zeitlich frühesten Text im Neuen Testament, im Jahre 50 schon, 20 Jahre nach Jesu Tod, es ist der 1. Brief man die Gemeinde in Thessaloniki. Im 4. Kapitel, Vers 14, spricht Paulus die schon damals erkannte universelle Bedeutung der Auferstehung Jesu aus: „Wenn Jesus gestorben ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zu Herrlichkeit führen“. Und etwas später schreibt Paulus im 1. Brief an die Gemeinde in Korinth: Jesus sei als der „Erstling“ (der Erste) von den Toten auferstanden, so im 15. Kapitel, Vers 20. Die Gemeinde weiß also: Jesu Auferstehung hat universelle Bedeutung: Er ist „der Erste“, an dem die Auferstehung deutlich wird, Jesus ist also „nur“ der erste Auferstandene… alle anderen Menschen werden diese Auferstehung erfahren können.

8.Die einzige philosophische Voraussetzung für unseren Vorschlag, die Auferstehung Jesu und der aller anderen Menschen zu verstehen: Die Überzeugung von einer „Schöpfung“ durch eine göttliche schöpferische  Wirklichkeit. Der evangelische Theologe Prof. Stefan Alkier (Uni Frankfurt.M) schreibt in seinem Buch „Die Realität der Auferstehung“ (2009, Seite 238) diese entscheidenden Sätze: „Die Welt, alles Leben und auch das je meinige Leben entspringen […] nicht einem blinden Zufall, sondern der intentionalen Kreativität des sich liebevoll in Beziehung setzenden Gottes…Wer diese Hypothese nicht teilt, kann auch nicht mit den Schriften des Neuen Testaments von der Auferweckung Jesu Christi und der Hoffnung auf die Auferweckung der Toten sprechen“. Denn die schöpferische göttliche Wirklichkeit als eine selbstverständlich geistige Wirklichkeit verbindet sich mit seinen Geschöpfen, indem er ihnen an seinem Geist seinen Geschöpfen Anteil gibt. Hegel hat mit überzeugenden Gründen daraufhin gewiesen: Wenn der schöpferische Gott seine Schöpfung ohne geistige Verbindung mit ihm, sozusagen parallel, neben ihm, ohne Verbindung mit ihm gestaltet hätte, dann wäre Gott also, klassisch verstanden, nicht mehr der unversale Gott. Das sind philosophische Spekulationen, gewiss…Dass die Geschöpfe als Wesen der Freiheit erschaffen wurden, versteht sich von selbst.

9.
Jesus ist als Mensch wie alle Menschen gestorben und seine Körper lag bis zum endgültigen Verfall im Grab. Es erscheint als albern, wenn ungebildete Theologen die Bildersprache der Evangelisten fundamentalistisch „einfach so“ übernehmen und behaupten: Jesus sei leiblich auferstanden… Aber dann hätte er noch ein zweites Mal sterben müssen oder als Alternative behaupten diese Kreise: Jesus sei leiblich in den Himmel aufgefahren: Ein hübsches Bild, in der Ikonographie seit Jahrhunderten verbreitet, aber ein Bild, das wir heute nicht mehr akzeptieren können. Jesu Grab ist nicht leer! Das ist die entscheidende Aussage zum auferstanden Menschen Jesus von Nazareth, auferstanden in eine bleibende geistige Präsenz nach dem Tod.

10.
Dieser Hinweis konzentrierte sich bisher auf einige zentrale Aspekte eines nachvollziehbaren, vernünftigen Verständnisses der Auferstehung. Dieser Hinweis kann zur Meditation anregen, zur Kritik, zur Zustimmung, der Hinweis ist jedenfalls als Möglichkeit der Lebens-Orientierung gemeint.

Wird diese Lebensorientierung in der Lebenspraxis angenommen, wird die christliche „Lebens-Philosophie“ also gelebt, dann zeigen sich Konsequenzen auch inmitten des politischen Lebens. Ostern ist insofern alles andere als ein Fest, das sich nur mit dem „Weiterleben nach dem Tod“ befasst. Auferstehung bedeutet immer auch Aufstand für ein Leben in Gerechtigkeit und Frieden, für alle natürlich, nicht nur für einige Privilegierte….
Die Auferstehung Jesu und der Menschen hat politische Konsequenzen, wir nennen hier nur ein Beispiel: Ein Gedicht von Kurt Marti (1970).

Kurt Marti
ANDERES OSTERLIED

Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
wenn erst nach dem Tode Gerechtigkeit käme,
erst dann die Herrschaft der Herren,
erst dann die Knechtschaft der Knechte
vergessen wäre für immer, vergessen wäre für immer.
Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
wenn hier auf der Erde stets alles so bliebe,
wenn hier die Herrschaft der Herren,
wenn hier die Knechtschaft der Knechte
so weiterginge wie immer, so weiterginge wie immer.
Doch ist der Befreier vom Tod auferstanden,
ist schon auferstanden und ruft uns jetzt alle
zur Auferstehung auf Erden,
zum Aufstand gegen die Herren,
die mit dem Tod uns regieren, die mit dem Tod uns regieren.

Wir weisen noch auf unsere Publikation zu einem wichtigen Buch des katholischen Theologen Prof. Hans Kessler hin: LINK.

Und wir weisen auf unsere Publikation hin, dass sich auch Immanuel Kant mit dem Thema Ostern befasste: LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ein Glaubensbekenntnis eines Atheisten: Über Julian Barnes

Ein Hinweis von Christian Modehn am 25.3.2026

1.
Bei der Lektüre des Buches von Julian Barnes „Abschied(e)“ (englischer Originaltitel „Departure(s)! “) stolpert der Leser über das Glaubensbekenntnis des Autors. Auf Seite 111 heißt es: “Wir kommen aus dem ewigen Nichts, und dorthin kehren wir zurück.“

2.
Eine starke Behauptung, das Glaubensbekenntnis eines Autors, der sich in dem Buch meist Atheist, manchmal nur Agnostiker nennt (S. 237 ). In diesem seinen Bekenntnis zeigt sich Barnes als Atheist, der offensichtlich sehr genau weiß, woher er kommt und wohin er nach dem Tod geht.

3.
Wer sich philosophisch – kritisch mit diesem Bekenntnis befasst, muss feststellen: Der Satz: “Wir kommen aus dem ewigen Nichts, und dorthin kehren wir zurück“ ist eine von vielen existentiellen Überzeugungen. Der Satz ist nichts als ein Ausdruck eines Glaubens, den heute viele Leute, nicht ohne Stolz, als „meine Lebensweisheit“ daher sagen, oft mit dem Anspruch: „Dies ist doch wohl auch eine wissenschaftliche Wahrheit“.

4.
Jeder kann natürlich sagen und behaupten, was er will, solange andere existentiell nicht gefährdet sind. Für letzte metaphysische Wahrheiten gibt es in Demokratien stets freie Rede. Aber jeder und jede muss selbstverständlich bereit sein, das eigene Glaubensbekenntnis kritisch zu befragen oder von anderen befragen zu lassen. Das gilt selbstverständlich auch für die christlichen Glaubensbekenntnisse und Überzeugungen, aber die sind hier nicht unser Thema.
Hier geht es darum, mit philosophischen Argumenten zu dem Bekenntnis “Wir kommen aus dem ewigen Nichts, und dorthin kehren wir zurück“ kritisch Stellung zu nehmen. Dabei ist klar: Dieses atheistische Glaubensbekenntnis öffnet weite philosophische und religionsphilosophische Horizonte für ausführliche Reflexionen. Hier sollen nur einige, wesentliche Anmerkungen mitgeteilt werden.

5.
„Wir kommen aus dem ewigen Nichts“ ist der Teil des Barnes – Bekenntnisses. Woher weiß der Autor, dass wir aus einem Nichts kommen? Es ist faktisch, auch wissenschaftlich eviden, dass wir Menschen aus der Verschmelzung einer Eizelle unserer Mutter und der Samenzelle unseres Vaters „kommen“, also nicht aus dem Nichts in die Welt gesetzt wurden. Und diese unsere Eltern haben selbstverständlich ihre Eltern und diese Eltern wieder ihre Eltern und so weiter: Unsere Geburt und unsere Existenz führt uns in eine endlose Linie der Evolution. Sicher sind wir Menschen auch Nachfahren der Affen, aber auch diese haben Nachfahren usw..

6.
Der erste Teil des Glaubensbekenntnisses von Julian Barnes und der vielen anderen, die diesen Spruch dahersagen, führt uns in die Evolution, die sicher nicht als „ewiges Nichts“ bezeichnet werden kann. Und von der Evolution aus stellt sich die Frage: Wie kommt diese Evolution zustanden? Und da gibt es die eine Erkenntnis: Die Evolution kann ein ewiger und nur erstaunlich zu nennender Prozess sein, dessen Ursprung wir nicht kennen. Oder auch, wie etliche Philosophen und Wissenschaftler sagen: Es gibt durchaus eine andere ernsthaft zu diskutierende Erkenntnis: Irgendwie ist durch einen „Urknall“ das Ganze entstanden. Das ist eine naturwissenschaftliche Erklärung zu der Frage, WIE das Universum entstanden ist. Warum und wodurch das Universum (und damit auch „wir“) entstanden ist, darüber kann und will Naturwissenschaft selbstverständlich keine Erkenntnis mitteilen.

7.
Die sehr relevante Frage „Warum und durch welche Kräfte ist das Universum und mit ihm die Evolution entstanden?“ führt also notwendigerweise in die Philosophie oder auch die Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie. Sie hat die Aufgabe, das klassische wie auch aktuell – moderne Thema „Schöpfung durch eine göttliche Wirklichkeit“ zu reflektieren. Auch diese weiter zu bedenkende Hypothese einer „Schöpfung“ ist angesichts dieses globalen Themas Ausdruck eines Glaubens, der als Glaube selbstverständlich die gleiche Würde und Wertung hat wie der erste Teil des Glaubens – Satzes von Julian Barnes “Wir kommen aus dem ewigen Nichts“…

8.
Man muss weiterfragen: Mit welcher Erkenntnis begründet Barnes sein Bekenntnis, das Nichts wäre seiner Behauptung nach „ewig“? Damit bedient er sich einer Qualifizierung des Nichts, nämlich des „ewigen Nichts“, das führt in die von ihm als Atheisten eigentlich gar nicht verwendbare oder relevante Metaphysik. Kommt eine Atheist also ohne Metaphysik („ewig“) vielleicht nicht aus?

9.
Wir sind philosophisch überzeugt: Der erste Teil des Satzes “Wir kommen aus dem ewigen Nichts“ ist angesichts der sehr lebendigen, alles andere als „nichtigen“ Evolution schlicht und einfach falsch. Er könnte unsrer Überzeugung nach nur Ausdruck eines beliebten, weit verbreiteten Geredes, vielleicht einer bequemen Ideologie heute sein.

10.
Was bedeutet der zweite Teile des Barnes Satzes: „Und dorthin (also ins Nichts) kehren wir zurück.“ Auch hier wird ein Glaubensbekenntnis ausgesprochen. Denn woher weiß der jetzt noch lebendige Julian Barnes, dass er im Tod ins ewige Nichts geht bzw. „zurückkehrt“ wie Barnes sagt? Berichte von Verstorbenen über eine postmortale „Seinsweise“ liegen Barnes und allen anderen Menschen nicht vor, um allen Ernstes und als Ausdruck von gedanklicher Reife behaupten zu können: Wir versinken mit dem Tod in einem „ewigen Nichts“…Das ist pure Glaubenssache.

11.
Barnes will wohl seinen LeserInnen beweisen, so möchte ich vermuten, dass auch er sich als Atheist den populären Sprüchen seiner weithin sich säkular nennenden Umgebung anschließt. Der Autor, der zweifellos viele körperliche Leiden und manche seelische Schmerzen erlebt hat, bekennt in dem Buch selbst, „dass ich mit meiner Lebenszeit Glück gehabt habe….und in der zweiten Hälfte meines Lebens beruflich erfolgreich war.“ (S. 237). Dann sagt er noch freundlicherweise: „Ich sage Ihnen nicht, was sie denken und wie sie leben sollen. Ich schreibe nicht ex cathedra“. Barnes betont also: Es ist nur sein privates atheistisches Glaubensbekenntnis, das er da mitteilt. Auf Seite 235 bekennt Barnes: Er habe „den Verfall seines Körpers akzeptiert“. Also ist sein Abschied dann doch von der Stoa geprägt? Immerhin lehrten aber die meisten Stoiker: Wir Menschen sind ein Bestandteil des Kosmos, dem wir entstammen und in den wir zurückkehren, als kleiner Teil eines ewigen Kreislaufs…

12.
Barnes nennt sein Glaubensbekenntnis, das zu kritischen Nachfragen führt. Und auch Christen haben ihre eigene Philosophie zur Frage „Woher kommen wir – wohin gehen wir.“ Dieses Thema wird leider sehr oft durch Dogmen und uralte, verstaubte Überzeugungen der Klerus-Kirchenleitungen irritierend und sogar falsch gelehrt. Man denke nur an die fundamentalistischen Vorstellung einer „leiblichen Auferstehung eines toten Menschen“… Das ist ein anderes Thema.

13.
Ein kritischer Schöpfungsbegriff, der die Evolution einbezieht, kann zeigen: Mit der Schöpfung von allem und allen durch eine „göttliche Wirklichkeit“ ist der göttliche „Geist“, die „Vernunft“, also die ewige göttliche Wirklichkeit in allem und allen lebendig. Und dieser „ewige“ Geist, diese „ewige Vernunft“ in allem und allen, bedeutet: Dieser göttliche Geist in allen wird auch den Tod des einzelnen menschlichen Körpers überleben, weil der Mensch in seinem Geist Teil des Ewigen selbst ist. Man lese den Philosophen Hegel in dem Zusammenhang. Es gibt also für diese christliche Glaubenshaltung kein Verschwinden des Toten in einem Nichts. Es sei denn, man ist philosophisch so gebildet, und kann sich das „Nichts“ auch als göttlich denken. Dieses Nichts ist für Mystiker (Meister Eckhart) und einige Religionsphilosophen als das „göttliche Nichts“ das letztlich bergende helle Licht, um es in der Sprache der (westlichen) Mystik zu sagen.

14.
Natürlich hat niemand etwas dagegen, dass Julian Barnes an seiner atheistischen Überzeugung festhält. Er will ja auch gar nicht „ex cathedra“ sprechen, ist also offenbar froh und dankbar für kritische Anfragen; nur dies haben wir hier in aller Kürze versucht.

15.
In seinem – angeblich letzten – Buch „Abschied(e)“ erinnert er sich an einige offenbar für ihn entscheidende Stationen seines Lebens, es sind sehr persönliche und dann auch stolz erzählte literarische Erinnerungen. Politische Erinnerungen oder gar Erinnerungen an seine (möglichen?) Hilfen und Leistungen für die bedrohte Menschen auch in der Ferne (Stichwort: Solidarität) sucht man allerdings vergebens. Ein gewisser Egozentrismus wird sichtbar. Es verabschiedet sich in dem Buch – in unserer Sicht – ein ziemlich egozentrischer, aber berühmter alter Mann, der vor allem als Autor gelten will. Und der nun gern und offenbar angstfrei (?) ins „ewige Nichts“ schreitet…

16.
In einigen Gegenden Deutschlands und der Schweiz sagte man früher oft: „Adieu“ bei der Verabschiedung: „A – Dieu“ also, d.h. zu Gott. Und in Spanien gibt es noch heute die gängige Abschieds-Formel „Adios“, „zu Gott“ wörtlich, aber mit der Bedeutung. „Leb wohl“…weil das Wohlleben doch irgendwas mit Gott (dem Schöpfer von allem) zu tun hat.

17.

2022 hat sich Julian Barnes mal zur Abwechslung zum „Polytheismus“ bekannt, der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ hat das dokumentiert:LINK 

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

 

 

Ein christlicher Glaube, der befreit. Denn die Kirchendogmen sind relativ!

Das neue Buch des Theologen Peter Trummer
Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.3.2026

Das Motto: „ Religionen können ihre Qualität einzig damit ausweisen, ob und wie weit sie Menschen helfen, ihre endliche, begrenzte Existenz mit Sinn zu füllen, Mitgefühl für einander zu empfinden und Solidarität mit allen zu leben.“ (S. 21 in dem genannten Buch).

1.
Peter Trummer zeigt in seinem Buch sehr treffend: Die entscheidende humane Basis der Religionen wird sehr oft, auch im Katholizismus, ignoriert und verraten: wegen der nicht zu überwindenden Klerusherrschaft und des Festhaltens an Dogmen, die verstaubt sind und nicht den Weisungen des Weisheitslehrers Jesus Christus entsprechen.

2.
Es ist eher selten, dass ich ein Buch eines katholischen Theologen aus dem deutschsprachigen Raum sehr dringend empfehle. Peter Trümmer, emerit. Theologieprofessor an der Uni Graz, Spezialist für Studien des Neuen Testaments, legt ein neues Buch vor: Der Titel ist provokativ gemeint: „Jesus ohne Opfer“. Diese Forderung will sagen: Katholiken und ihre klerikalen Führer sollen Jesus nicht länger als den „Sohn Gottes“ der Trinität lehren und propagieren, der als „Opferlamm“ von einem grausamen Gott – Vater in den blutigen Kreuzestod auf Erden geschickt wird: Um so leidend und blutig die Erlösung der Menschen zu bewirken. Erlösung bedeutet aber offiziell-klerikal: Überwindung der „Erbsünde“! Diese „Erbsünde“ ist eine auch biblisch gesehen eine abwegige, nur mit Macht und Gewalt durchgesetzte Behauptung des heiligen Augustinus. Der Witz sozusagen Die Erbsünde wird – im Unterschied zu den vielen anderen Sünden, Fehlern, Verbrechen, als solche von Menschen gar nicht erlebt und als solche erfahren…

3.
Jedenfalls steht fest: „Solange Opfer-Ideologien (sic !) den Glauben verdunkeln, kann sich keine Einsicht einstellen, dass Gott sehr viel anders ist als wir bisher dachten und gelehrt bekommen haben, er gar keine beamtete Vermittlung und rituelle Manipulationen braucht, weil alle Menschen ausnahmslos und unmittelbar seine `Töchter und Söhne` sind, um die sich Gott mit hingebungsvoller Elternliebe kümmert.“ (S. 184).

Zu dieser Aussage wünscht man sich nähere Differenzierungen: Ist die „hingebungsvolle Elterliebe Gottes“ letztlich für die leidenden und ungerecht behandelten Menschen eine Art letzter metyphysischer Trost? Kommen eigentlich die Menschen insgesamt, auch die wohlernährten und gesunden und lange Lebenden, ohne metaphysischen Trost aus? Dabei übersetze ich  „die hingebungsvolle Elterliebe Gotttes“ mit metyphysischem Trost…

4.
Der bis heute in Predigten und Vorlesungen propagierte und auch besungene (Karfreitags-Lieder, bitte Fußnote 1 beachten) Wille Gott-Vaters zur Hinrichtung seines Sohnes hat trotz aller heiligen mittelalterlicher Kirchenlehrer nichts mit dem Neuen Testament zu tun. Das zeigt der Spezialist für ein historisch – kritisches Verstehen des Neuen Testaments sehr deutlich. Hilfreich, befreiend, zum Leben ermunternd sind allein Leben und Lehren des Weisheitslehrers Jesus von Nazareth: Jesus wird hingerichtet, weil er konsequent die unendliche Liebe Gottes zu allen lebte und predigte. Ebenso ließ Jesus nicht ab von seiner radikalen Kritik an der Übermacht des jüdischen religiösen Gesetzes, verteidigt von der Elite damals … Jesus wurde als ein religiöser Erneuerer in Zusammenarbeit mit den römischen Machthabern hingerichtet.

5.
Der katholische Theologe Peter Trümmer versteht zurecht die herausragende und bis heute inspirierende Gestalt Jesu als WEISHEITSLEHRER. Dies ist auch der Sinn des Untertitels, den ich fast wie einen Schrei wahrnehme angesichts einer nach wie vor sturen klerikalen Dogmen – Kirche. „Glaube, der befreit“ heißt der Untertitel. Wovon befreit der hier vorgestellte christliche Glaube: Von Aberglauben, von unsinnigen, verstaubten Dogmen und auch von der Macht des Klerus: „Im traditionellen, zu überwindenden Kirchenbild geht es fast ausschließlich um die Selbstdarstellung des eigenen (Klerus-) Amtes, das sich mithilfe der Gottheit Jesu erheblich àufwertet`.“ (S. 182).

6.
Es wird also erneut sehr energisch und mutig für einen christlichen, speziell katholischen Glauben plädiert, der auch heute für reife, vernünftige, kritische Menschen hilfreich ist. An dem Thema haben sich bekanntlich sehr viele kritische katholische Theologen schon seit vielen Jahren die Finger – erfolglos – „wundgeschrieben“.. Ich nenne nur die Kritik von Hans Küng, Hermann Häring oder Hermann Baum (dessen wichtiges Buch „Die Verfremdung Jesu“ ist leider nur antiquarisch zu haben)…Nun also reiht sich Peter Trummer in die Riege der an Sisyphus erinnernden Theologen ein…

7.
Diese überaus anregende Buch „Jesu ohne Opfer“ aus dem Herder – Verlag stellt Jesus von Nazareth als Norm katholischen Lebens in den Mittelpunkt, als bestimmenden Maßstab für die Lehren und Theologie der (katholischen) Kirche. Aber für Peter Trümmer ist auch die universell geltende Vernunft (bekanntlich eine Schöpfung Gottes!) das zweite entscheidende Kriterium, um bisherige Kirchenlehren zu korrigieren. Ein Beispiel für den Zusammenhang des normativen Jesus – Gestalt und der universellen Vernunft: Peter Trummer deutet das “Kreuzesopfer“: „Der Abba, der liebe Vater Jesu, fordert kein Kreuzesopfer, denn ein Gott, der strafen muss (nämlich den grauenvollen Tod seines „Sohnes“ ans Kreuz will, CM), um lieben zu können, wäre ein Widerspruch in sich.“ (S. 147). Weil dieser Gott einem menschlich immer gebotenen vernünftigen Verstehen der göttlichen Wirklichkeit, die diesen Namen verdient, total widerspricht…
Noch deutlicher zum selben Thema schreibt Trummer: „Würde ein irdischer Vater so abwegig handeln (also den eigenen Sohn zum grauenvollen Tod ans Kreuz schicken, CM), er könnte als Vater nur in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher landen. Für eine solche ver – rückte Glaubensdeutung können wir bei unseren Gesprächspartnerinnen wenig Verständnis erwarten, auch nicht dafür, dass wir dies mit unseren Mess-Opfern auch noch so oft feiern wollen.“ (S. 157.)
Damit wird sehr richtig deutlich gesagt: Auch Gott selbst untersteht als absolute geistige Wirklichkeit dem universell geltenden Vernunft – Prinzip der Liebe und Gerechtigkeit, eine Erkenntnis, die der israelisch -deutsche Philosoph Omri Boehm für das Alte Testament beschrieben hat. LINK. https://religionsphilosophischer-salon.de/15297_auch-gott-untersteht-dem-recht-und-der-gerechtigkeit_buchhinweise/philosophische-buecher

8.
Unter den viele anregenden Themen des Buches ein Hinweis: Peter Trummer kritisiert mit guten Gründen sehr treffend die bis heute üblichen, ausschließlich vom männlichen Klerus zelebrierten „Mess- Opfer – Feiern“. Den wahren und den Intentionen Jesu entsprechenden katholischen Gottesdienst sieht er eher in schlichten Mahl-feiern. Wer das Neue Testament sehr gut kennt, wie Trummer, weiß: Das Miteinanderspeisen in einer offenen, schlichten Tischgemeinschaft ,mit der Erinnerung an Jesus von Nazareth, ist das „Wesen des Christentums“, was ja schon der katholische Theologe Franz Mußner um 1970 betonte.

9.
Peter Trummer weist mehrfach in diesem Buch auf die Mängel der ersten Einheitsübersetzung des Neuen Testaments unter Leitung der katholischen Bischöfe hin. Viele Beispiele werden genannt, dabei geht es um grundlegende Übersetzungsfehler, die sich in scheinbaren „Nuancen“ verstecken. (S. 105, 167, 183 usw..) Nur ein Beispiel: Die Übersetzung des Verses im Galaterbrief des Apostels Paulus (Gal. 1,15f.) heißt in der Ausgabe der „Einheitsübersetzung“ von 1980: „Es gefiel Gott mir seinen Sohn zu offenbaren“. Richtig heißt es in der Ausgabe von 2018: „ Es gefiel Gott… IN MIR seinen Sohn zu offenbaren“. (S. 167). Durch dieses „in mir“ wird der innere, unmittelbare Vorgang der Offenbarung betont. Welch ein wichtiger Unterschied!

10.
Es fehlt mir in dem Buch eine ausführliche Auseinandersetzung mit der unsinnigen Erbsünden-Lehre als Dogma, sie ist direkt oder als immer präsenter Hintergrund entscheidend verantwortlich für die Irrwege der (nicht nur katholischen, sondern auch reformierten, lutherischen) Kirchenlehre und Kirchenpraxis. Die Erbsünden-Ideologie bestimmt bis heute die meisten Kirchen. Und weil ein Dogma nun einmal angeblich für ewige Zeiten umkorrigierbar besteht, so will es der diese Dogmen erfindende Klerus, gibt es also wenig Aussichten, dass sich die Kirchen von dieser Ideologie des Augustinus befreien.

11.
Einer weiteren Klärung bedürftig finde ich Peter Trummers Aussage, der Apostel Paulus „ist … der älteste Zeuge der Ostererfahrung…“ (S. 141). Ich möchte meinen, die ältesten Zeugen der Osterfahrung sind die Apostel und JüngerInnen, die nach dem Schock des Todes Jesu nach einiger (längerer) Zeit wieder Hoffnung fanden und erkannten: Jesus liegt wie alle anderen Menschen als Körper zwar im Grab, aber sein Geist lebt, ist „auferstanden“, so wie der Geist, die Seele aller Menschen – in irgendeiner Weise – aufersteht.

12.
Man freut sich angesichts dieses Buches, dass es die „Kirchliche Druckerlaubnis“ (meist durch „General – Vikare“ ausgesprochen) nicht mehr gibt, und auch der Index ist abgeschafft, so kann Peter Trummer seine richtigen Vorschläge unters Volk bringen. Wie viele herzliche Dankesbriefe er von katholischen Bischöfen schon erhalten hat, wird er uns in seinem nächsten Buch mittteilen, hoffen wir.

Fußnote 1:
  Ich erinnere an das grausige ideologische Karfreitags – Lied des eigentlich manchmal noch nachvollziehbaren Theologen und Poeten Paul Gerhardt, aus dem Jahr 1647:

„Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt ..“, Evangelisches Gesangbuch, 1993, dort die Nr. 83).

Dort heißt es in den ersten drei Strophen ziemlich brutal:

1. Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld
der Welt und ihrer Kinder;
es geht und büßet in Geduld
die Sünden aller Sünder;
es geht dahin, wird matt und krank,
ergibt sich auf die Würgebank,
entsaget allen Freuden;
es nimmet an Schmach, Hohn und Spott,
Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod
und spricht: „Ich will’s gern leiden.“

2. Das Lämmlein ist der große Freund
und Heiland meiner Seelen;
den, den hat Gott zum Sündenfeind
und Sühner wollen wählen:
“Geh hin, mein Kind, und nimm dich an
der Kinder, die ich ausgetan
zur Straf und Zornesruten;
die Straf ist schwer, der Zorn ist groß,
du kannst und sollst sie machen los
durch Sterben und durch Bluten.“

3. „Ja, Vater, ja von Herzensgrund,
leg auf, ich will dir’s tragen;
mein Wollen hängt an deinem Mund,
mein Wirken ist dein Sagen.“
O Wunderlieb, o Liebesmacht,
du kannst – was nie kein Mensch gedacht –
Gott seinen Sohn abzwingen.
O Liebe, Liebe, du bist stark,
du streckest den in Grab und Sarg,
vor dem die Felsen springen…..

Wann wird sich die Evangelische Kirche dafür entschuldigen, dass sie diesen theologischen Schrott noch heute in den Gemeinden singen lässt, am evangelischen Hochfest, dem Karfreitag! Wann wird dieses Lied aus dem Gesangbuch verschwinden?

Auch die Katholische Kirche hat zahllose Kirchen-Lieder „im Einsatz“, die Jesus als Opferlamm, als „Agnus Dei“usw. ständig ansprechen und preisen.

Sehr drastisch ist das Schlusslied aus der Messe von Michael Haydn, sein Schlusslied hat den Titel: „Nun ist das Lamm geschlachtet, das Opfer ist vollbracht„. Der katholische Priester hat förmlich – geistig, symbolisch,  real wie auch immer – am Altar in der Messe das Lamm Christus „geschlachtet und das Opfer (Christi) noch mal vollbracht…“. Welch ein Wahn eines Klerikalismus, eines  Priester-Verständnisses, das an uralte jüdische oder heidnisch – römische Priester in den jeweiligen Tempeln mit allerhand Schlachtereien erinnert…PS: Vegetarier damals sollen sich geweigert haben, diesen Unsinn zu singen…

Die erste Stophe:

Nun ist das Lamm geschlachtet,
das Opfer ist vollbracht.
Wir haben jetzt betrachtet,
Gott, deine Lieb’ und Macht.
Du bist bei uns zugegegen;
aus deinem Gnadenmeer
ström’ uns dein Vatersegen
durch dieses Opfer hier…. (Michael Haydn).

.

Peter Trummer, Jesus ohne Opfer. Glaube, der befreit. Herder Verlag, 2026, 192 Seiten, gebundene Ausgabe 22 €, eBook 16,99 €.

In der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ hat sich Peter Trummer im Februar 2026 zum Thema des Buches zusammenfassend geäußert. LINK 

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

 

 

Gerechtigkeit ist etwas Göttliches: Wenn ein katholischer Theologe den Kirchenfeind Proudhon lobt.

Ein Hinweis auf ein Buch von Henri de Lubac über Proudhon
Von Christian Modehn am 2.2.2026

„Revolution und Gerechtigkeit“: Für diese Ziele kämpft der radikale Philosoph Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) in seinem sehr umfangreichen Werk. Mit diesem rebellischen, heftig kirchenkritischen Denker beschäftigt sich objektiv, aber durchaus auch voller Sympathie der katholische Theologe Henri de Lubac in seinem Buch „Proudhon et le christianisme“.
Warum ist es wichtig, daran zu erinnern? Der Theologe veröffentlicht sein Buch unmittelbar nach dem Zusammenbruch der rechtsradikalen, faschistoiden Pétain-Diktatur. Eine denkwürdige Konstellation. Der prominente katholische Theologe zeigt den (französischen) Christen nach dem Ende des Pétain – Regimes: Die meisten Katholiken haben das Regime unterstützt. Hätten sie die Gerechtigkeit für alle als etwas Göttliches angesehen, wäre der Zusammenbruch der Republik, die Verfolgung der Juden und der Linken nicht möglich geworden. Also: Hätten sie den verschmähten antiklerikalen Philosophen Proudhon gelesen, was er über die Gerechtigkeit schreibt…

1.
Das Buch „Proudhon et le christianisme“ wird 1945 in den „Editions du Seuil“, Paris, veröffentlicht, ein Jahr nach der Überwindung der Herrschaft des Vichy-Regimes. De Gaulle ist am 26. 8.1944 in das befreite Paris einmarschiert.

Die Studie des katholischen Theologen de Lubac erscheint unmittelbar nach der Überwindung des antisemitischen, menschenfeindlichen, anti-demokratischen Pétain-Regimes. Aber die LeserInnen werden erstaunt sein, dass es nur einen einzigen winzigen Hinweis auf die Zeit dieses Nazi-ergebenen Regimes Pétain im Buch gibt: De Lubac widmet seine Studie einem Priester, einem Jesuiten, der in der Résistance aktiv war und von der Gestapo am 10.8.1944 ermordet wurde. Sein Name:  Yves de Montcheuil. Da veröffentlicht also der schon damals berühmte Theologe de Lubac ein Buch 1945 und verbindet das Thema nicht mit der politischen Aktualität. Das Buch „Proudhon et le christianisme“ ist trotz dieser „politischen Abgehobenheit“ wichtig. 

2.
Der Autor ist ein schon damals bekannter Theologe im Jesuitenorden: Henri de Lubac wurde geboren 20.2.1896, gestorben ist er am 4.9.1991. Im Jahr 1929 wurde er Professor für „Fundamentaltheologie“ an der Hochschule der Jesuiten in Lyon. 1938 hatte er das viel beachtete Buch „Catholicisme“ veröffentlicht. Darin plädiert er für ein großzügiges, weites Konzept des Katholischen in der heutigen Welt, „alles Menschliche in höchstmöglicher Liebe einschließend“, schreibt der Theologe Herbert Vorgrimler. (Quelle: FUßNOTE 1)
3.
Aber Liebe zu allen Menschen erfordert auch den Widerstand gegen Rechtsradikale, Antisemiten, Faschisten: De Lubac gehörte während des Vichy-Regimes des Marschall Pétain und seiner Nazi – Freunde zur Résistance in Lyon. Besonders zum „intellektuellen Widerstand“ derer, die den unmittelbar politisch Handelnden im Widerstand helfen, durch persönliche Unterstützung, auch durch theoretische Arbeiten: De Lubac war eng verbunden mit den eher kleinen Kreisen der katholischen Résistance, die sich in Lyon um die geheimen Widerstandszeitschrift „Cahiers du Témoignage Chrétien“ sammelten. Das Motto dieser – bis heute bestehenden – Zeitschrift: „Vérité et Justice quoi qu il en coute“, „Wahrheit und Gerechtigkeit, koste es, was es wolle“.
4.
De Lubac weiß aus eigener Erfahrung, dass nur ein kleiner Teil des Klerus und der „praktizierenden katholischen Laien“ das Vichy Regime aktiv bekämpfte. Die mehrheitlich „braven Christen“ (Mitläufer, Nazi-Freunde etc.) will er durch sein Buch daran erinnern: Der Philosoph Proudhon, zwar ein heftiger Feind der Kirche, stellt auf vorbildliche Weise das Thema der Gerechtigkeit für alle Menschen (zumal für die Menschen im Elend, in Armut) in den Mittelpunkt. Proudhon bewertet die Gerechtigkeit für alle Menschen so hoch ein, dass er ihr sehr deutlich in seinen zahlreichen Publikationen göttliche Qualitäten zuspricht. Die Christen haben also nach Meinung de Lubacs von einem antiklerikalen Gegner der Kirche zu lernen! Man möchte sagen: Trotz dieser Aussagen erhielt diese Proudhon-freundliche Studie des Jesuiten de Lubac die damals erforderliche „kirchliche Druckerlaubnis“.
5.
De Lubac arbeitete an seiner – übrigens leicht lesbaren – wissenschaftlichen Studie über Proudhon (316 Seiten mit zahllosen Belegen und wissenschaftlichen Verweisen) natürlich schon einige Jahre, also zu Zeiten der Herrschaft des Pétain Regimes. De Lubacs Erkenntnis ist eine Provokation für alle Katholiken, die Proudhon bisher als Feind Nr. 1, als Anarchisten, Kommunisten usw. bewerteten. Proudhon hingegen, in der Sicht de Lubacs, will die Religion keineswegs zerstören, sondern auf neue Weise retten, aber er will nicht die bestehende Kirche unterstützen: „Um die Religion wiederherzustellen, muss man die Kirche verurteilen.“ (S. 85).Und die Religion? Sie ist für Proudhon vor allem die Verehrung der göttlichen Gerechtigkeit! De Lubac schreibt ein eigenes Kapitel mit dem Titel: „Proudhon der Theologe.“ Das heißt: Er ist zwar antiklerikal, aber er verdient den Titel Theologe (S.112).
6.
Proudhon neu zu bewerten, ihn aus der üblichen oberflächlichen Interpretation eines „Anarchisten“ oder Atheisten und Kommunisten usw. zu befreien, ist für de Lubac eine theologische Verpflichtung. Denn durch die Hochschätzung der Gerechtigkeit für alle entsteht eine Art neue, große Ökumene: Sogenannte Antiklerikale haben eine tiefe, eine radikale Hochachtung für die Gerechtigkeit, das beweist die Résistance der Sozialisten, Kommunisten, Freidenker. Mit ihnen zusammen haben einige Christen in der Résistance gekämpft, warum sollte diese Gemeinschaft nicht weitergehen? Die „göttliche Gerechtigkeit“ verbindet doch unterschiedliche Menschen! Aber diese Gedanken wurden auch von einer auf sich selbst fixierten Kirche nach 1945 nicht weiter gedacht, schließlich waren ja nun die Kommunisten Feind Nr.1 der Kirche….
7.
Gerechtigkeit steht als Prinzip der Gestaltung von Welt und Gesellschaft an oberster, „göttlicher“ Stelle, betont also Proudhon. Und er zieht daraus die Konsequenz: Ein Christ, der sich nicht für die umfassende soziale Gerechtigkeit interessiert und einsetzt, handelt nicht entsprechend der Logik seines Glaubens (S. 221). De Lubac ist überzeugt: Diese Hochschätzung der Gerechtigkeit „kann man nicht anders als religiös qualifizieren“ (S.297). De Lubac meint sogar: Proudhon erlebe der Gerechtigkeit gegenüber sogar einen „Schauder des Heiligen“ (ebd.) Proudhon ist überzeugt: „Das Gerechte, das Schöne, das Wahre ist die Religion der Zukunft“ (ebd.). Letztlich will er das kirchliche Christentum in der modernen Welt durch die Idee der heiligen Gerechtigkeit ersetzen. De Lubac widmet darum ein eignes Kapitel der Bindung Proudhons an die Gerechtigkeit: „Adoration de la Justice“, „Anbetung der Gerechtigkeit“ ist der Titel (S. 294ff).
8.
De Lubac hat als Theologe durchaus Anfragen an dieses Konzept der göttlichen Gerechtigkeit. Etwa: Sollte nicht doch ein transzendenter Gott mit – bedacht werden, weil er diese Idee der Gerechtigkeit, die in allen Menschen letztlich lebt, „geschaffen“ hat? Denn Proudhon denkt selbst an den Schöpfer: „Gerechtigkeit als das Wesen der Menschheit ist förmlich etwas Angeborenes in der Seele der Menschen“ (S. 302). Angesichts dieser Erkenntnis muss Proudhon betonen: „Diese starke Idee der `angeborenen Gerechtigkeit im Menschen` bleibt ein Geheimnis“ (S. 313).
9.
Bis heute fällt auf: Katholische Autoren erwähnen NICHT in ihren Studien zu dem inzwischen offiziellen vatikanischen Theologen de Lubac dessen Buch „Proudhon et le Christianisme“: Nur ein Beispiel: LINK.
Hingegen war nicht-katholische Presse unmittelbar nach Erscheinen voller Lob: LINK.  www.persee.fr/issue/r1848_1155-8792_1946_num_37_172
10.
Die weitere theologische Entwicklung de Lubacs kann hier nicht dargestellt werden: Er hatte sich seit 1950 zu einem progressiven theologischen Störenfried entwickelt mit entsprechenden Bestrafungen durch den Vatikan (Lehrverbot etc..). Allerdings wurde er durch Papst Johannes XXIII. als theologischer Berater in das 2. Vatikanische (Reform-) Konzil berufen. Seit der Zeit allerdings verbreitete de Lubac eher offizielle, papstfreundliche akzeptable Positionen, wobei seine Interessen etwa für den Buddhismus etwas Besonderes bleiben. Papst Benedikt XVI. auch Papst Franziskus schätzten de Lubac, im hohen Alter wurde er noch zum Kardinal durch Papst Johannes Paul II. ernannt. Heute sind es eher konservative Theologen und Bischöfe, die den nun offiziell katholischen Theologen de Lubac verehren, von Auseinandersetzungen mit Proudhon und dessen Maxime „Eigentum ist Diebstahl“ ist von diesen konservativen Theologen nichts zu hören. Darum merke: Selbst anfänglich progressive Theologen (wie de Lubac anfänglich) werden zu Vertretern des offiziellen Lehr – Systems, wenn sie von Papst und Bischöfen integriert und belohnt werden…
Nun soll der Mann, der 1945 den Kirchenkritiker und Agnostiker Proudhon so sympathisch fand, auch noch „selig gesprochen“ werden, also als Fürsprecher im Himmel von Katholiken hier auf Erden angefleht werden, so beschloß es die Konferenz der französischen Bischöfe 2023. Ob dadurch auch Proudhon etwas in den Stand des Seligen gerät? Eher unwahrscheinlich!
11.
Posthum erschien eine Studie Proudhons über Jesus: „Jésus et les Origines du christianisme”, „Jesus und die Ursprünge des Christentums“. Darin interessiert sich der theologische Agnostiker und Kirchenfeind vor allem für die menschliche Person Jesu im historischen Umfeld. Schon seit seiner Jugend hat sich Proudhon für die Jesusgestalt interessiert. Ausführliche Darstellungen über Jesus bietet auch das Buch „De la justice dans la Révolution et dans l’Église” („Über die Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche“). Die Arbeiten über Jesus zeigen Proudhon als Bibelwissenschaftler, Soziologen und Philosophen. Der Theologe Gérard Bessière hat zu dem Thema ein wichtiges Buch veröffentlicht, das leider auch – in Deutschland – wenig Beachtung fand. (Fußnote 2)
12.
Unsere, von de Lubac inspirierte Erinnerung an Proudhon, an dessen Hochschätzung der Gerechtigkeit, ist natürlich keine „Seligsprechung“ Proudhons.
Wir wissen, dass er ein damals übliches, sehr enges Bild von Familie hatte, dass er die Homosexualität ablehnte und auch antisemitische Äußerungen in die Welt setzte.
Trotz dieser Begrenztheiten: Über die göttliche Gerechtigkeit lässt sich weiter nachdenken. Der Philosoph Omri Boehm zeigt in einer Interpretation des alttestamentlichen Mythos vom Untergang Sodoms: Gott ist selbst an die Gerechtigkeit gebunden, Gott steht nicht über der Gerechtigkeit: Darauf wird im Mythos Gott selbst von Abraham belehrt (etwa: Genesis 18).
In einer Besprechung des Buches „Radikaler Universalismus“ von Omri Boehm hat Christian Modehn geschrieben: „Da die Gerechtigkeit universell ist, steht sie auch über der Autorität der einen wahren Gottheit“ (zit. S. 53 in Boehms Buch). Diese über allem und allen stehende Gerechtigkeit ist entscheidender noch als Gott! Das in dieser Deutlichkeit zu sagen, ist sensationell, weil dann Gott nicht mehr der „Aller-Oberste“ ist. Es gibt eine Art „Gott über Gott“, und dies ist die universale Gerechtigkeit. Aber die zeigt sich in der Erfahrung der Menschen als eine nicht von Menschen gemachte und von Menschen verfügbare Wirklichkeit.“ Quelle: LINK
13.
Proudhon und sein Interpret de Lubac (1945) hätten sich über diese Erkenntnis des (an Kants Philosophie geschulten) Philosophen Omri Boehm sehr gefreut. Wir freuen uns, dass offenbar manche Erkenntnisse der Philosophie Proudhons doch nicht ganz verschwinden und aktuell eine Bestätigung finden.

Fußnote 1: Orientierung, Zeitschrift der Jesuiten, Zürich, 1970, S. 107
Fußnote 2: Gérard Bessière, Jésus selon Proudhon. La « messianose » et la naissance du christianisme, Paris, Éditions du Cerf, 2007, 484 p.

Fußnote 3: Zum Thema „Eigentum ist Diebstahl“ (Proudhon) LINK

Fußnote 4: zum Thema: Superyachten – die obszönen Kapitalisten und Milliardäre, Hinweis auf ein wichtiges Buch:  LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Jon Fosse: Das wundersame Leben

Über die Trilogie „Vaim“ von Jon Fosse

Ein Hinweis von Christian Modehn am 27.1.2026

Dieser Hinweis will durch seine knappen Erläuterungen eine Ermunterung und Anregung sein, „Vaim“ von Jon Fosse zu lesen.

1.
Der neueste Roman des norwegischen Literaturnobel – Preisträgers Jon Fosse hat den Titel „Vaim“: Er bezieht sich auf ein fiktives Fischerdorf in Norwegen. Die drei Kapitel der Erzählung von nur 145 Seiten stellen vier Personen in den Mittelpunkt: die beiden Fischer Jatgeir und Frank sowie Eline, die Frau, die die beiden Männer beherrscht und bestimmt. Von Elias, einem Freund von Jatgeir, handelt das eher kürzere zweite Kapitel.

2.
Der Roman „Vaim“ berichtet vom Leben dieser Menschen in Norwegen, aber sie ist keine begrenzte „norwegische Heimat-Story“.
Vaim ist vielmehr ein Text, der auf das „Wundersame“ im menschlichen Leben aufmerksam macht. Das „Wundersame“ im Sinne Fosses ist nicht das Wunderbare. „Wundersam“ ist für ihn das Erstaunliche, Überraschende, Zufällige, sogar Schicksalhafte im menschlichen Leben. Darauf will Fosse aufmerksam machen: Dieses „Wundersame“ ereignet sich in einem schlichten Alltag schlichter, einfacher Menschen. Sie sind selbst erstaunt und verwirrt, welche überraschenden, nicht geplanten, nicht erwarteten Konstellationen sich in ihrem gewöhnlichen Alltag ereignen. Und sie erleben als Fischer auf ihren Booten oft das erstaunliche Schöne und Friedvolle der Natur. Zu ihren Booten haben die beiden Fischer ein geradezu liebevolles Verhältnis, offenbar dankbar für die hilfreichen und sicheren Dienste der Boote.

3.
Der Text ist für einige LeserInnen vielleicht etwas schwierig zu lesen: Fosse setzt keine Punkte, lediglich Kommas strukturieren den Redefluss: Tatsächlich wird der Leser dadurch wie in einen Text-Fluss hineingezogen. Die Personen sprechen unmittelbar wie im O-Ton life ihre Gedanken und Gefühle aus. In einer schlichten Sprache schlichter Leute, die sich gern wiederholen und den Leser unmittelbar teilhaben lassen an ihrem Denken, ihrer Angst, ihrer Zweifel. Und mancher Gedanke wird, weil erstaunlich oder wundersam, oft hin und her gewendet und wiederholt.

4.
Die beiden Männer, beide Fischer, Jatgeir und Frank verdienen besonders Aufmerksamkeit der LeserInnen.
Jatgeir steht im Mittelpunkt des 1. Kapitels. Er ist als Jugendlicher in Eline aus seinem Dorf verliebt, ohne ihr dieses Verliebtsein offen zu gestehen. Aber er gibt einem seiner Boote den Namen Eline. Nach dem Tod seiner Eltern lebt er allein in dem ererbten Haus, er fährt mit dem Boot in die nächst größere Stadt. Dort hofft er die seine Nähutensilien, Faden und Nadel, kaufen zu können: Er landet schließlich in einem Modehaus, dessen Besitzer sich ihm gegenüber, dem etwas unbeholfenen Mann vom Lande, arrogant zeigen.Und sie sind so unverschämt und verkaufen ihm ihm die gewünschten Sachen zu einem Wucherpreis: Jatgeir ist darüber hoch erstaunt und wütend. Aber er hat nicht die Kraft, diesen Handel abzulehnen oder einen angemessenen Preis zu verlangen.

5.
Hier soll nicht die Erzählung nach-erzählt werden: Wichtig ist: Jatgeir ist ein schwacher Mann, er kann nicht Nein sagen. Als er wie im zwanghaften Verhalten dann auch in einem anderen Ort noch einmal Garn und Nähnadel kauft, wird wieder ein Wucherpreis verlangt: Jatgeir akzeptiert diese Unverschämtheit, er ist schwach, man möchte sagen, er ist existentiell ermüdet. Das gilt vor allem auch, als er plötzlich die alt gewordene Eline trifft, die heimliche Liebe aus der Jugend. Sie tritt unwiderstehlich fordernd auf, will unbedingt mit dem Boot Jatgeirs in dessen Dorf reisen und dort bei ihm einziehen. Sie hat sich ganz plötzlich von ihrem Mann („Frank“) getrennt … und will unbedingt zu Jatgeir. So fährt Eline also mit Jatgeir auf dessen Boot davon, mit dem Namen Eline…Und Jatgeir beugt sich seinem Schicksal, das ihm diese Frau zuweist. Wundersame Konstellationen…

6.
Eline, die alles bestimmende Frau, die keine Widerrede duldet, die wie eine Art Schicksalsengel auftritt: Das gilt auch für die Begegnung mit Olaf in einer Kneipe in der großen Stadt, davon spricht das dritte Kapitel. Ein Olaf sitzt mit seinen Fischer – Kollegen in der Kneipe, Eline stürzt förmlich auf ihn zu und nennt ihn einfach Frank. Olaf erhält also von Eline den neuen Namen: Frank! Olaf kann sich dagegen nicht wehren. Er gilt von nun als Frank, wird also mit dem neuen Namen förmlich eine andere Person, auf Befehl Elines. Mehr noch: Eline befiehlt Frank, die Kneipe zu verlassen und mit ihr in Franks Haus zu fahren: Denn sie hat beschlossen, mit Frank zu leben. Und Frank hat keine Kraft, Nein zu sagen. Wundersame Dinge geschehen mit diesen beiden Männern, wundersam, was sie alles so mit sich machen lassen. Sie sind förmlich dem „Schicksalsengel“ Eline hilflos ausgesetzt… Auf S. 150 heißt es in den Worten Franks über das wundersame Verhalten Elines, die nun plötzlich doch wieder mit ihm zusammenleben will: Frank also denkt sich:„Ich versteh, dass das, was ich will oder nicht will, nichts zu bedeuten hat, Elines Wille herrscht, jetzt wie früher, jetzt wie immer, was ich auch meinen und sagen sollte, ja es zählt nicht im geringsten, so war es, und sie ist es, und so wird es wohl auch bleiben, denke ich.“ Eine Art unveränderbarer Ewigkeitsaspekt wird da im Verhalten Elines angedeutet, fast eine göttliche, eine nicht zu korrigierende Allmacht. Das Wundersame im Sinne von Fosse kann auch furchtbar sein…Wobei man sicher nicht darauf abheben sollte, dass nun eine furchtbare Frau herrscht über existentiell müde, erschlaffte Männer. Es wird die Realität der Herrschaft angesprochen, die Menschen „so einfach“, mitten im Alltag über andere ausüben, wenn diese anderen denn müde und erschlafft sind und nicht mehr Nein sagen können. Das ist auch ein Stück Gesellschaftskritik, nicht nur Kritik an gehorchenden, müden Männern oder tyrannisch wirkenden Frauen.

7.
Wundersam ist das ganze zweite Kapitel: Da steht Elias im Mittelpunkt, der sehr einsam und ziemlich verwahrlost in seinem Häuschen, in Vain, dort wohnt auch Jatgeir, der Freund. Die LeserInnen haben Anteil an der tiefen Irritation des Elias: Er hört das ständige Klopfen an seiner Tür, will nicht aufmachen, öffnet nach langem Hin und Her schließlich doch: Dann tritt sein Jatgeir ein, ein seltener Gast, der aber schnell wieder sich verabschiedet: Elias ist total irritiert über diesen wundersamen Besuch. Schließlich hört er später von Leuten am Hafen, dass Jatgeir längst tot aus dem Meer geborgen wurde. Hat Elias also geträumt, hatte er Halluzinationen? Der Autor lässt das offen, er will den Sinn wecken für das Ungewöhnliche mitten im Alltag einsamer Menschen, es geht auch hier um das plötzliche Eintretende, das Erstaunliche…das „Wundersame“.

8.

Dieses Interesse des Autors Jon Fosse am „Wundersamen“ hat nichts mit spinöser Esoterik zu tun. Es werden nur Erfahrungen im Alltagsleben existentiell – ermüdeter Menschen (Männer) ausgebreitet, die hilflos neurotisch – autoritären, übergriffigen Menschen ausgesetzt sind. Und diese Erfahrungen müssen einmal mehr dargestellt werden. Als Aufklärung, als Warnung. 

9.
Jon Fosse äußert sich öffentlich explizit als Christ, in Norwegen ist er im Jahr 2012 zum Katholizismus konvertiert. Von daher ist es für uns nicht erstaunlich, dass am Rande auch das Gebet in der Erzählung Vaim erwähnt wird. Jatgeir erzählt etwa, das Vater Unser regelmäßig zu beten. Und vor allem Elias ist mit der Kirche in Vaim verbunden, mehr aber mit dem „Bethaus“, was immer „Bethaus“ bedeuten soll. Vielleicht will Fosse sagen: In den großen Kirchengebäuden der lutherischen Staatsreligion in Norwegen wird eher zu wenig gebetet, „wirklich“ gebetet wird in den kleinen Kapellen, den Bethäusern der eher am Rande lebenden kleinen Konfessionen.
Und Frank, der sich selbst nicht als „besonders gottgläubig“ (S. 156) versteht, setzt dann doch als seinen Erben das Bethaus zu Vain ein. Im Rückblick sagt der alte Frank, nachdem auch Eline gestorben ist: „Ich bin nie zu einem anderen Schluss gekommen, als das all das wundersam war“. Und er wollte diese seine Weisheit sogar auf seinen Grabstein setzen lassen, entschied sich dann für etwas Schlichteres: Nur ein Kreuz sollte auf dem Grabstein sichtbar sein und sein eigentlicher, sein wahrer Name Olaf darauf stehen.

10. ERGÄNZUNG am 29.1.2026:

Einige LeserInnen dieses Beitrags haben gefragt: Ist es denn nicht etwas sehr Fremdes, Fernes, ja sogar Konstruiertes, wenn Jon Fosse unser Interesse auf das Wundersame, Erstaunliche mitten im Leben lenkt? Ich will diese Frage weiterführen mit einem Hinweis auf eine zentrale Aussage der belarussischen Oppositionellen Maria Kalesnikava.

In einem Gespräch mit Sandra Maischberger am 28.1.2026 in der ARD äußerte sich Maria Kalesnikava über die sechs Jahre in den Gefängnissen des belarussischen Diktators Lukashenko, auch über ihre Einzelhaft.
Maria Kalesnikava wurde nach Verhandlungen (einem Wirtschaftsdeal mit Trump) überraschend im Dezember 2025 entlassen, sie lebt jetzt in Deutschland.
Erstaunlich bleibt ihr Bekenntnis, in welcher Weise sie die Jahre der strengen Einzelhaft, ohne direkten Kontakt zur „Außenwelt“, überleben konnte. Maria Kalesnikava sagt u.a.:
„Ich habe auch in der kompletten Isolationshaft mich nie allein gefühlt. Ich habe immer Unterstützung von der Familie, von Freunden, von Kollegen weltweit gespürt. Ich war sicher, dass wir Menschen bleiben immer zusammen, egal, dass es nun diese Grenze, diese Wände (der Zelle) gibt. Das trennt uns nicht, macht Liebe, Freundschaft, nicht kaputt. Ich hab mich nie allein gefühlt.“

Maria Kalesnikava hat sich in ihrer Isolationshaft durch die Kraft ihres Geistes gestärkt gefühlt, weil sie fest der Überzeugung war: Es gibt liebe Menschen, die an mich denken. Es gibt mit ihnen eine geistige Verbundenheit, die mein Leben rettet. Soll man diese Erfahrung nicht auch wundersam nennen?

Zum TV Beitrag selbst:   LINK 
Jon Fosse, „Vaim, Roman.“ Rowohlt Verlag ,2025, 156 Seiten, 24€. Aus dem Norwegischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Über Musik philosophieren: Ein Weg in eine andere, eine geistvolle Welt

Aspekte einer „Philosophie der Musik“. Von Christian Modehn

Ein Vorwort:
Über das eigene Musik – Erleben, die eigene Verbundenheit mit Musik in meinem, in unserem Leben kritisch und selbständig nachzudenken, also zu philosophieren, ist kein belangloses Hobby.
Wer über Musik philosophiert, versucht nach dem Hören der Musik, diese andere geistige Welt der Musik zu denken und zu beschreiben: Aber in fixierenden Begriffen lässt sich Musik als Erfahrung nicht „fassen“. Sie transzendiert die übliche Welt sprachlicher Äußerungen.
Unsere übliche Alltagswelt mit ihren üblichen Sprachen ist nicht alles. Im Hören der Musik als einem „Eintauchen“ in die Musik transzendieren wir die Alltagswelt.

Eine weitere philosophische Frage stellt sich: Bestimmt diese Fähigkeit des Transzendieren den Menschen wesentlich? Aber das ist ein anderes Thema.

1.
Philosophieren ist die lebendige Tätigkeit der Philosophie. Ohne Philosophieren keine Philosophie. Das gilt auch für eine Philosophie der Musik. Sie lebt als eigenes, „subjektives“ Nach-Denken über meine Erfahrungen mit der Musik und „in“ der Musik.

2.
Dieses immer subjektive Philosophieren über Musik ist etwas anderes, als global eine „Philosophie der Musik“ zu beschreiben und dabei, wie von außen, „die“ Musik zu analysieren, sie historisch zu betrachten, zu vergleichen, zu bewerten usw.
Philosophie der Musik heißt also: „Mein Philosophieren über meine „Musik – Erfahrungen“.

3.
Aber „meine Musik“ bedeutet bei jedem Menschen Unterschiedliches. Es geht um den Menschen als Musizierenden (Violine-, Piano-spielend usw.), als Sänger, im Chor oder als Solist; als Komponist oder als Dirigent, „nur“ als Musik – Hörender, im Konzertsaal, in der Oper, in der Kirche usw… Oder: Ein Mensch, Musik hörend und zugleich Musiker sehend in einer Life – Sendung im Fernsehen. Ob dieser Fernsehzuschauer die Musik „wahrnimmt“ oder abgelenkt ist von den Musikern, ist eine Frage…
Für mich gilt: Ich bin ein Musik-Hörender, CD – Einspielungen hörend, auf meinem Sofa liegend und: Die Augen sind geschlossen. Nur um diesen „Typ“ eines Musik – Erlebenden geht es hier.

4.
Unter allen geistigen „Produkten“ des Geistes in der Welt, die wir Kunst nennen, ist Musik etwas Besonderes, „aus der begrifflichen Welt“ Fallendes. Eine Sinfonie etwa ist zunächst etwas Fernes, durchaus Fremdes und Befremdliches. Wer im Hören der Musik mit der Musik mitlebt, kann aber Erfreuliches, Hilfreiches, vielleicht Tröstendes wahrnehmen, hören, erleben.

5.
Eine Komposition, etwa eine Mozart – Symphonie, lässt sich als Musik nicht mit Hilfe Künstlicher Intelligenz in irgendeine menschliche, begriffliche Sprache übersetzen! Während es natürlich möglich ist, einen deutschen Text ins Paschtunisch oder Tatarisch zu übersetzen.
Musik als Musik – Klang kann von KI nicht in begriffliche Sprache übersetzt werden.

6.
Die oft behauptete „Sprache“ der Musik gehört nicht in die Kategorie üblicher verbaler Sprache.
Musik in allen ihren Ausdrucksformen bildet eine einmalige, eine abgesonderte Kategorie von Sprache, wenn denn Sprache verstanden wird als Ausdruck, als „Objektivation“, des menschlichen Geistes.
Es wäre eine denkbare Möglichkeit, wenn ein Musiker auf den Vortrag einer Piano-Sonate musikalisch antwortet. Nur müßte dann die Bestätigung der Korrektheit der Antwort wieder musikalisch geschehen. Das wäre insgesamt ein sehr esoterisches Geschehen; es wäre für eine allgemeine Vernunft nicht mitzuvollziehen. Dieser innere-musikalische Dialog hätte und hat etwas Spielerisches. Musiker spielen ja ihre Musik…Wer Musikspiel hört, „spielt mit“…

7.
Bildet die Musik – als ganz eigene Art geistigen Ausdrucks – eine von allen sonstigen geistigen Aktivitäten getrennte Sonderwelt?
Dies ist sicher nicht der Fall. Denn Musik ist immer ein Erzeugnis menschlichen Geistes, Musik ist mit der geistigen und vernünftigen, allgemeinen Menschenwelt verbunden. Im schöpferischen Prozess des Komponierens handelt immer auch der begrifflich bestimmte menschliche Geist. Der Komponist zeichnet sich dadurch aus: Er hat die Gabe und die Fähigkeit zu einer über-begrifflichen Aussage, zu einer musikalischen „Aussage“. Jetzt kommt also das Wort „Aussage“ wie von selbst in das Beschreiben des musikalischen schöpferischen Prozesses. Auch Musik ist dann doch nicht fern oder absolut getrennt von allen denkbaren „Aussagen“ des menschlichen Geistes

8.
Über den schöpferischen Prozess der Komposition wäre weiter nachzudenken. Komponisten haben die Fähigkeit, in die eigene, selbst für den Komponisten abgesonderte Welt der Musik ganz einzutreten, in ihr zu leben und schöpferisch zu arbeiten („komponieren“). Ohne dass dabei der Komponist, etwa Beethoven im Komponieren der 5. Sinfonie, begrifflich denkt: So, jetzt muss ich mal ordentlich auf die Pauke hauen lassen, um meine Botschaft deutlich zu machen: „Das Schicksal klopft an die Tür.“ Mit diesen schlichten Worten wird ja manchmal populär das erste Motiv des ersten Satzes der Fünften den Unkundigen nahegebracht.
Der Komponist tritt in seine Musik-Welt und verweilt in ihr, er korrigiert bekanntlich seine Kompositionen oft, nach Kriterien, die den Ansprüchen seiner eigenen Musik – Welt selbst entstammen.

9.
Schwieriger ist es, über „Musik im Zusammensein mit begrifflichen Worten“ zu sprechen. Über „Kunstlieder“ oder Opern also. Wie passen Musik und Wort zueinander, wer dominiert da? Wir unterstellen den Komponisten der “Kunstlieder“, dass sie die Worte der Dichter treffend in Musik übersetzen. Dabei kann es von außen keine Kritik an dieser musikalischen Übersetzung geben: Denn der Komponist, etwa Franz Schubert, wird schon den richtigen Ton (die musikalische Übersetzung des Wortes) in seiner „Winterreise“ getroffen haben. Das müssen wir geradezu glauben, wenn wir Schubert hören.

10.
Ich begrenze mich im folgenden auf europäische, klassische Instrumentalmusik, die ohne Texte und Programme gestaltet ist.

11. Die entscheidende Frage ist für mich:
Wie und wann entsteht in meinem Hören dieser Musik meine Philosophie dieser Musik? Um einer Antwort nahe zu kommen: Zunächst sollten äußere Umstände beachtet werden: Bequemes Liegen oder Sitzen, möglichst keine Lärm – Störung von außen. Nur so kann der innere, der geistige-hörende Mitvollzug der Musik gelingen.

12.
Ich muss mit dem Beginn der musikalischen Aufführung hörend in die Musik eintreten, gesammelt, konzentriert, und in der Musik verweilen, die musikalische Aufführung als meine Gegenwart annehmen.
Ich muss jeglicher Versuchung widerstehen, begrifflich, also in Worten meines Bewusstseins, das Gehörte schon im Moment des Hörens zu beschreiben oder zu bewerten.
Ein einfaches Beispiel: Ich darf beim Hören starker Trompetentöne NICHT ins begriffliche Denken überwechseln und fragen: Was will der Komponist damit denn nun mit den Paukenschlägen sagen? Begriffliche Gedanken inmitten des Hörens zerstören den Mitvollzug der Musik. Ich verliere dann sozusagen den Anschluss im immer weiter nach vorn strebenden Gang der Komposition, ich kann also bei den begrifflichen Unterbrechungen schnell den „Anschluss“ verpassen.
Ein Musikstück aufgeführt und gespielt, ist immer eingebunden in die Zeit. Niemals kann das Eingebundensein der Musik in die Zeit-Struktur überwunden werden. Das macht Musik so ungewöhnlich und so schwierig, aber auch so einmalig unter allen Gestalten der Kunst.

13.
Ich kann beim Hören meine CD stoppen, und eine Stelle zweimal, dreimal wiederholend „nach“-hören. Aber dieses „Nachhören“ eines einzelnen Themas sollte nur nachträglich geschehen, wenn ich das ganze Stück gehört habe. Wichtig ist das Erst-„Erlebnis“ des ganzen Musikstückes. Nur wer das Ganze gehört hat, hat es wirklich wahrgenommen.
Das Eintauchen in das Ganze gilt bekanntlich für alle Kunst, auch für die Literatur, für die Teilnahme an einer Theateraufführung oder das Betrachten eines Gemäldes.
Das Betrachten eines Gemäldes unterliegt einer anderen Bindung an die Zeit: Das Gemälde als Gemälde, als starr hängendes Objekt, erscheint unverändert, es kann immer wieder je nach meiner Laune angeschaut werden. Es ist nicht ganz trivial zu sagen: Ein Musik-Stück ist als solches nie stets akustisch verfügbar. Bestenfalls ist es in meinem Gedächtnis stets präsent und „abrufbar“.

14.
Worte zur gehörten Musik finde ich erst, wenn das Musikstück beendet ist. Es entsteht eine Pause, eine Art Lücke zwischen gehörter Musik und meinen begrifflichen Gedanken. Diese stellen sich ein, weil mein Selbstbewusstsein, mein Geist eben nicht ganz „ausgeschaltet“ ist beim Hören der Musik. Selbstbewusstsein und Geist sind sozusagen nur etwas beruhigt, etwas stillgelegt, aber nach wie vor lebendig.
Die Kunst des Mitlebens mit der Musik im Hören eines Klavierkonzerts etwa, ist das musikalische „Mitgehen“ mit der Musik, es wäre vielleicht treffend, von einem Verschmelzen mit der Musik zu sprechen, das sich jeder begrifflichen Aussage entzieht. Erst wenn die Musik verklungen ist, vielleicht erst nach einigen Stunden, können wir begrifflich sagen, was sich mit uns im Hören der Musik ereignete,

15.
Manche Musikhörer begnügen sich in ihrer Musik – Interpretation mit kurzen, zweifellos irgendwie hilflosen Sätzen: „Das war aber erhebend“ oder nur „Das war toll“. „Gerade der Schlusssatz hat mich berührt“.
Können wir mehr und Tieferes über die gehörte Musik sagen? Manche professionelle, musikwissenschaftlichen Musik – Kritiker versuchen etwas Eigenes und schreiben: Die erste Geige hat ganz am Anfang viel zu leise eingesetzt und auch das Cis von der Oboe wurde nicht ganz getroffen. Solches zu sagen gehört nicht zu meiner Musik- Philosophie.
Worte zur gehörten Musik, die auf die eigene Existenz bezogen sind, gelingen erst, wenn ich dieselbe Musik mehrfach gehört habe. Wenn sie „meine Musik“ geworden ist. Erst dann gelingen manchmal Worte, die sich förmlich aus der Musik – Erfahrung selbst entwickeln oder sich an die Musik anschmiegen, immer aber von der Musik „erzeugt“ sind. Jeder und jede wird in dem Fall seine eigenen, besonders ans Herz gewachsenen und beschreibbaren Musikstücke nennen.

16.
Ich denke etwa an die „Gnossiennes“ von Erik Satie: Wie oft war ich überrascht, manchmal glücklich, über diese wenigen Töne, die ich schon gedanklich „mitspielte“. Nach dem Verklingen der Gnossiennes von Satie atme ich auf. Begeistert von diesen wenigen, bescheidenen Tönen, die freien Raum öffnen, etwas Weites zum Atmen, Raum zum Denken: Ich weiß dann durch diese Musikerfahrung der wenigen, der geringen Töne: Wie großartig ist das Wenige! Wie beruhigend das Minimale! Man möchte sagen: Vertreiben wir das Viele, das Bombastische, das Aufgeblasene, das Falsche…Dies muss ich sagen, auch wenn allmählich die Kompsitionen Erik Saties viel zu viel „abgegriffen“ sind als Hintergrund-Sound in Filmen etc…
Manche Themen von Musikstücken bleiben in in mir, erklingen manchmal wie von selbst in unterschiedlichen Situationen: Nur ein weiteres Beispiel:Die ersten Sätze der beiden Cello-Konzerte (C-Dur und D-Dur) von Joseph Haydn melden sich bei mir oft, beruhigend, ermunternd.

In Stunden der Trauer, des hilflosen Zorns, etwa über verbrecherische Politiker, über den Wahnsinn der Rechtsextremen … höre ich gern: Die Sympohonie Nr. 3, op. 36, von Hendryk Gorecki, sein Werl hat den Titel „Symphonie der Klagelieder“…

Musikhören also eine Hilfe im Leben? Gewiss! Musik ist auf die Menschenwelt bezogen, sie wurde inmitten der Probleme dieser Welt erschaffen.

17.
Ruhiges, stetes, wiederholtes Musikhören der selben Werke hat eine heilsame Wirkung. Diese heilsame Wirkung stellt sich im Moment des Hörens ein und gilt bis zum Ende, wenn es still wird nach der Musik. Musik-Philosophie und Musik – Therapie treffen sich.
Aber erst, wenn ich nach dem Hören denke und sage: „Diese Musik führt mich ins Weite. Sie tröstet. Sie mahnt zur Einfachheit“:, erst dann, kommt das Eintreten in die eigene Welt der Musik an ihr Ziel. Und so entsteht die Leidenschaft, auch andere Musik, endlich auch „außereuropäische Musik“ zu hören.

18.
Es wird heute in Europa viel Musik, viel Klang, viel „Geräusch“, erzeugt und auch gehört, oft nur nebenbei gehört. Das „Nebenbei-Hören“ ist die Spezialität der Unterhaltungsmusik oder was man einst „Schlager“ nannte.Aber es ist der Lärm, die Aggressivität der vielen Geräusche, das Brüllen und Bohren und Hupen und Schreien, das ständige Plappern, das heute das Hören als Wahr- Nehmen von Musik so schwer macht.
Trotz oder eher wegen permanenter Musik – „Berieselung“ allerorten ist Musik heute sogar bedroht. Und die vielen hoch gefeierten Festivals und Sonderkonzerte, die Festspiele und die nur noch von Millionäre bezahlbaren Opern-Premieren in Wien, Paris, Zürich, New York…. zeigen: Musik ist auch vom Markt und dessen Gesetzen verdorben, weil Musik heute vorwiegend als „Event“ der Gesellschaft, also meist der angeblich sehr feinen Gesellschaft, zelebriert und als „Gewinn“ erachtet wird. Aber wie viel tiefe Langeweile ist die Voraussetzung für die Teilnehmer der Premieren, wenn sie denn zum fünften Mal wieder den „Tannhäuser“ in Bayreuth oder die „Entführung“ in Salzburg hören. Eine Musik-Philosophie wird als weiteres Thema eine Kritik des Musik – Konsums werden müssen.

19.

„Meine Musik -Philosophie“ kann, wenn sie denn explizit wird, eine Orientierung werden in dem heute (und immer ?) verworrenen Zustand dieser verrückten Welt voller verrückt gewordener Politiker. Die die Menschen groß werden ließen, weil sie als Menschen und Gesellschaft nicht achtsam auf ihr eigenes Leben und das der anderen achteten, auf die Mensxchenrechte. Musik kann, in der Stille gehört, wieder an die Basis des menschlichen Daseins erinnern.

Unser Hinweis zu „Voices“  von Max Richter: LINK

Unser Hinweis zur Komponistein Claire M. Singer: LINK

Es gilt das Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.