Jon Fosse: Das wundersame Leben

Über die Trilogie „Vaim“ von Jon Fosse

Ein Hinweis von Christian Modehn am 27.1.2026

Dieser Hinweis will durch seine knappen Erläuterungen eine Ermunterung und Anregung sein, „Vaim“ von Jon Fosse zu lesen.

1.
Der neueste Roman des norwegischen Literaturnobel – Preisträgers Jon Fosse hat den Titel „Vaim“: Er bezieht sich auf ein fiktives Fischerdorf in Norwegen. Die drei Kapitel der Erzählung von nur 145 Seiten stellen vier Personen in den Mittelpunkt: die beiden Fischer Jatgeir und Frank sowie Eline, die Frau, die die beiden Männer beherrscht und bestimmt. Von Elias, einem Freund von Jatgeir, handelt das eher kürzere zweite Kapitel.

2.
Der Roman „Vaim“ berichtet vom Leben dieser Menschen in Norwegen, aber sie ist keine begrenzte „norwegische Heimat-Story“.
Vaim ist vielmehr ein Text, der auf das „Wundersame“ im menschlichen Leben aufmerksam macht. Das „Wundersame“ im Sinne Fosses ist nicht das Wunderbare. „Wundersam“ ist für ihn das Erstaunliche, Überraschende, Zufällige, sogar Schicksalhafte im menschlichen Leben. Darauf will Fosse aufmerksam machen: Dieses „Wundersame“ ereignet sich in einem schlichten Alltag schlichter, einfacher Menschen. Sie sind selbst erstaunt und verwirrt, welche überraschenden, nicht geplanten, nicht erwarteten Konstellationen sich in ihrem gewöhnlichen Alltag ereignen. Und sie erleben als Fischer auf ihren Booten oft das erstaunliche Schöne und Friedvolle der Natur. Zu ihren Booten haben die beiden Fischer ein geradezu liebevolles Verhältnis, offenbar dankbar für die hilfreichen und sicheren Dienste der Boote.

3.
Der Text ist für einige LeserInnen vielleicht etwas schwierig zu lesen: Fosse setzt keine Punkte, lediglich Kommas strukturieren den Redefluss: Tatsächlich wird der Leser dadurch wie in einen Text-Fluss hineingezogen. Die Personen sprechen unmittelbar wie im O-Ton life ihre Gedanken und Gefühle aus. In einer schlichten Sprache schlichter Leute, die sich gern wiederholen und den Leser unmittelbar teilhaben lassen an ihrem Denken, ihrer Angst, ihrer Zweifel. Und mancher Gedanke wird, weil erstaunlich oder wundersam, oft hin und her gewendet und wiederholt.

4.
Die beiden Männer, beide Fischer, Jatgeir und Frank verdienen besonders Aufmerksamkeit der LeserInnen.
Jatgeir steht im Mittelpunkt des 1. Kapitels. Er ist als Jugendlicher in Eline aus seinem Dorf verliebt, ohne ihr dieses Verliebtsein offen zu gestehen. Aber er gibt einem seiner Boote den Namen Eline. Nach dem Tod seiner Eltern lebt er allein in dem ererbten Haus, er fährt mit dem Boot in die nächst größere Stadt. Dort hofft er die seine Nähutensilien, Faden und Nadel, kaufen zu können: Er landet schließlich in einem Modehaus, dessen Besitzer sich ihm gegenüber, dem etwas unbeholfenen Mann vom Lande, arrogant zeigen.Und sie sind so unverschämt und verkaufen ihm ihm die gewünschten Sachen zu einem Wucherpreis: Jatgeir ist darüber hoch erstaunt und wütend. Aber er hat nicht die Kraft, diesen Handel abzulehnen oder einen angemessenen Preis zu verlangen.

5.
Hier soll nicht die Erzählung nach-erzählt werden: Wichtig ist: Jatgeir ist ein schwacher Mann, er kann nicht Nein sagen. Als er wie im zwanghaften Verhalten dann auch in einem anderen Ort noch einmal Garn und Nähnadel kauft, wird wieder ein Wucherpreis verlangt: Jatgeir akzeptiert diese Unverschämtheit, er ist schwach, man möchte sagen, er ist existentiell ermüdet. Das gilt vor allem auch, als er plötzlich die alt gewordene Eline trifft, die heimliche Liebe aus der Jugend. Sie tritt unwiderstehlich fordernd auf, will unbedingt mit dem Boot Jatgeirs in dessen Dorf reisen und dort bei ihm einziehen. Sie hat sich ganz plötzlich von ihrem Mann („Frank“) getrennt … und will unbedingt zu Jatgeir. So fährt Eline also mit Jatgeir auf dessen Boot davon, mit dem Namen Eline…Und Jatgeir beugt sich seinem Schicksal, das ihm diese Frau zuweist. Wundersame Konstellationen…

6.
Eline, die alles bestimmende Frau, die keine Widerrede duldet, die wie eine Art Schicksalsengel auftritt: Das gilt auch für die Begegnung mit Olaf in einer Kneipe in der großen Stadt, davon spricht das dritte Kapitel. Ein Olaf sitzt mit seinen Fischer – Kollegen in der Kneipe, Eline stürzt förmlich auf ihn zu und nennt ihn einfach Frank. Olaf erhält also von Eline den neuen Namen: Frank! Olaf kann sich dagegen nicht wehren. Er gilt von nun als Frank, wird also mit dem neuen Namen förmlich eine andere Person, auf Befehl Elines. Mehr noch: Eline befiehlt Frank, die Kneipe zu verlassen und mit ihr in Franks Haus zu fahren: Denn sie hat beschlossen, mit Frank zu leben. Und Frank hat keine Kraft, Nein zu sagen. Wundersame Dinge geschehen mit diesen beiden Männern, wundersam, was sie alles so mit sich machen lassen. Sie sind förmlich dem „Schicksalsengel“ Eline hilflos ausgesetzt… Auf S. 150 heißt es in den Worten Franks über das wundersame Verhalten Elines, die nun plötzlich doch wieder mit ihm zusammenleben will: Frank also denkt sich:„Ich versteh, dass das, was ich will oder nicht will, nichts zu bedeuten hat, Elines Wille herrscht, jetzt wie früher, jetzt wie immer, was ich auch meinen und sagen sollte, ja es zählt nicht im geringsten, so war es, und sie ist es, und so wird es wohl auch bleiben, denke ich.“ Eine Art unveränderbarer Ewigkeitsaspekt wird da im Verhalten Elines angedeutet, fast eine göttliche, eine nicht zu korrigierende Allmacht. Das Wundersame im Sinne von Fosse kann auch furchtbar sein…Wobei man sicher nicht darauf abheben sollte, dass nun eine furchtbare Frau herrscht über existentiell müde, erschlaffte Männer. Es wird die Realität der Herrschaft angesprochen, die Menschen „so einfach“, mitten im Alltag über andere ausüben, wenn diese anderen denn müde und erschlafft sind und nicht mehr Nein sagen können. Das ist auch ein Stück Gesellschaftskritik, nicht nur Kritik an gehorchenden, müden Männern oder tyrannisch wirkenden Frauen.

7.
Wundersam ist das ganze zweite Kapitel: Da steht Elias im Mittelpunkt, der sehr einsam und ziemlich verwahrlost in seinem Häuschen, in Vain, dort wohnt auch Jatgeir, der Freund. Die LeserInnen haben Anteil an der tiefen Irritation des Elias: Er hört das ständige Klopfen an seiner Tür, will nicht aufmachen, öffnet nach langem Hin und Her schließlich doch: Dann tritt sein Jatgeir ein, ein seltener Gast, der aber schnell wieder sich verabschiedet: Elias ist total irritiert über diesen wundersamen Besuch. Schließlich hört er später von Leuten am Hafen, dass Jatgeir längst tot aus dem Meer geborgen wurde. Hat Elias also geträumt, hatte er Halluzinationen? Der Autor lässt das offen, er will den Sinn wecken für das Ungewöhnliche mitten im Alltag einsamer Menschen, es geht auch hier um das plötzliche Eintretende, das Erstaunliche…das „Wundersame“.

8.

Dieses Interesse des Autors Jon Fosse am „Wundersamen“ hat nichts mit spinöser Esoterik zu tun. Es werden nur Erfahrungen im Alltagsleben existentiell – ermüdeter Menschen (Männer) ausgebreitet, die hilflos neurotisch – autoritären, übergriffigen Menschen ausgesetzt sind. Und diese Erfahrungen müssen einmal mehr dargestellt werden. Als Aufklärung, als Warnung. 

9.
Jon Fosse äußert sich öffentlich explizit als Christ, in Norwegen ist er im Jahr 2012 zum Katholizismus konvertiert. Von daher ist es für uns nicht erstaunlich, dass am Rande auch das Gebet in der Erzählung Vaim erwähnt wird. Jatgeir erzählt etwa, das Vater Unser regelmäßig zu beten. Und vor allem Elias ist mit der Kirche in Vaim verbunden, mehr aber mit dem „Bethaus“, was immer „Bethaus“ bedeuten soll. Vielleicht will Fosse sagen: In den großen Kirchengebäuden der lutherischen Staatsreligion in Norwegen wird eher zu wenig gebetet, „wirklich“ gebetet wird in den kleinen Kapellen, den Bethäusern der eher am Rande lebenden kleinen Konfessionen.
Und Frank, der sich selbst nicht als „besonders gottgläubig“ (S. 156) versteht, setzt dann doch als seinen Erben das Bethaus zu Vain ein. Im Rückblick sagt der alte Frank, nachdem auch Eline gestorben ist: „Ich bin nie zu einem anderen Schluss gekommen, als das all das wundersam war“. Und er wollte diese seine Weisheit sogar auf seinen Grabstein setzen lassen, entschied sich dann für etwas Schlichteres: Nur ein Kreuz sollte auf dem Grabstein sichtbar sein und sein eigentlicher, sein wahrer Name Olaf darauf stehen.

10. ERGÄNZUNG am 29.1.2026:

Einige LeserInnen dieses Beitrags haben gefragt: Ist es denn nicht etwas sehr Fremdes, Fernes, ja sogar Konstruiertes, wenn Jon Fosse unser Interesse auf das Wundersame, Erstaunliche mitten im Leben lenkt? Ich will diese Frage weiterführen mit einem Hinweis auf eine zentrale Aussage der belarussischen Oppositionellen Maria Kalesnikava.

In einem Gespräch mit Sandra Maischberger am 28.1.2026 in der ARD äußerte sich Maria Kalesnikava über die sechs Jahre in den Gefängnissen des belarussischen Diktators Lukashenko, auch über ihre Einzelhaft.
Maria Kalesnikava wurde nach Verhandlungen (einem Wirtschaftsdeal mit Trump) überraschend im Dezember 2025 entlassen, sie lebt jetzt in Deutschland.
Erstaunlich bleibt ihr Bekenntnis, in welcher Weise sie die Jahre der strengen Einzelhaft, ohne direkten Kontakt zur „Außenwelt“, überleben konnte. Maria Kalesnikava sagt u.a.:
„Ich habe auch in der kompletten Isolationshaft mich nie allein gefühlt. Ich habe immer Unterstützung von der Familie, von Freunden, von Kollegen weltweit gespürt. Ich war sicher, dass wir Menschen bleiben immer zusammen, egal, dass es nun diese Grenze, diese Wände (der Zelle) gibt. Das trennt uns nicht, macht Liebe, Freundschaft, nicht kaputt. Ich hab mich nie allein gefühlt.“

Maria Kalesnikava hat sich in ihrer Isolationshaft durch die Kraft ihres Geistes gestärkt gefühlt, weil sie fest der Überzeugung war: Es gibt liebe Menschen, die an mich denken. Es gibt mit ihnen eine geistige Verbundenheit, die mein Leben rettet. Soll man diese Erfahrung nicht auch wundersam nennen?

Zum TV Beitrag selbst:   LINK 
Jon Fosse, „Vaim, Roman.“ Rowohlt Verlag ,2025, 156 Seiten, 24€. Aus dem Norwegischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Über Musik philosophieren: Ein Weg in eine andere, eine geistvolle Welt

Aspekte einer „Philosophie der Musik“. Von Christian Modehn

Ein Vorwort:
Über das eigene Musik – Erleben, die eigene Verbundenheit mit Musik in meinem, in unserem Leben kritisch und selbständig nachzudenken, also zu philosophieren, ist kein belangloses Hobby.
Wer über Musik philosophiert, versucht nach dem Hören der Musik, diese andere geistige Welt der Musik zu denken und zu beschreiben: Aber in fixierenden Begriffen lässt sich Musik als Erfahrung nicht „fassen“. Sie transzendiert die übliche Welt sprachlicher Äußerungen.
Unsere übliche Alltagswelt mit ihren üblichen Sprachen ist nicht alles. Im Hören der Musik als einem „Eintauchen“ in die Musik transzendieren wir die Alltagswelt.

Eine weitere philosophische Frage stellt sich: Bestimmt diese Fähigkeit des Transzendieren den Menschen wesentlich? Aber das ist ein anderes Thema.

1.
Philosophieren ist die lebendige Tätigkeit der Philosophie. Ohne Philosophieren keine Philosophie. Das gilt auch für eine Philosophie der Musik. Sie lebt als eigenes, „subjektives“ Nach-Denken über meine Erfahrungen mit der Musik und „in“ der Musik.

2.
Dieses immer subjektive Philosophieren über Musik ist etwas anderes, als global eine „Philosophie der Musik“ zu beschreiben und dabei, wie von außen, „die“ Musik zu analysieren, sie historisch zu betrachten, zu vergleichen, zu bewerten usw.
Philosophie der Musik heißt also: „Mein Philosophieren über meine „Musik – Erfahrungen“.

3.
Aber „meine Musik“ bedeutet bei jedem Menschen Unterschiedliches. Es geht um den Menschen als Musizierenden (Violine-, Piano-spielend usw.), als Sänger, im Chor oder als Solist; als Komponist oder als Dirigent, „nur“ als Musik – Hörender, im Konzertsaal, in der Oper, in der Kirche usw… Oder: Ein Mensch, Musik hörend und zugleich Musiker sehend in einer Life – Sendung im Fernsehen. Ob dieser Fernsehzuschauer die Musik „wahrnimmt“ oder abgelenkt ist von den Musikern, ist eine Frage…
Für mich gilt: Ich bin ein Musik-Hörender, CD – Einspielungen hörend, auf meinem Sofa liegend und: Die Augen sind geschlossen. Nur um diesen „Typ“ eines Musik – Erlebenden geht es hier.

4.
Unter allen geistigen „Produkten“ des Geistes in der Welt, die wir Kunst nennen, ist Musik etwas Besonderes, „aus der begrifflichen Welt“ Fallendes. Eine Sinfonie etwa ist zunächst etwas Fernes, durchaus Fremdes und Befremdliches. Wer im Hören der Musik mit der Musik mitlebt, kann aber Erfreuliches, Hilfreiches, vielleicht Tröstendes wahrnehmen, hören, erleben.

5.
Eine Komposition, etwa eine Mozart – Symphonie, lässt sich als Musik nicht mit Hilfe Künstlicher Intelligenz in irgendeine menschliche, begriffliche Sprache übersetzen! Während es natürlich möglich ist, einen deutschen Text ins Paschtunisch oder Tatarisch zu übersetzen.
Musik als Musik – Klang kann von KI nicht in begriffliche Sprache übersetzt werden.

6.
Die oft behauptete „Sprache“ der Musik gehört nicht in die Kategorie üblicher verbaler Sprache.
Musik in allen ihren Ausdrucksformen bildet eine einmalige, eine abgesonderte Kategorie von Sprache, wenn denn Sprache verstanden wird als Ausdruck, als „Objektivation“, des menschlichen Geistes.
Es wäre eine denkbare Möglichkeit, wenn ein Musiker auf den Vortrag einer Piano-Sonate musikalisch antwortet. Nur müßte dann die Bestätigung der Korrektheit der Antwort wieder musikalisch geschehen. Das wäre insgesamt ein sehr esoterisches Geschehen; es wäre für eine allgemeine Vernunft nicht mitzuvollziehen. Dieser innere-musikalische Dialog hätte und hat etwas Spielerisches. Musiker spielen ja ihre Musik…Wer Musikspiel hört, „spielt mit“…

7.
Bildet die Musik – als ganz eigene Art geistigen Ausdrucks – eine von allen sonstigen geistigen Aktivitäten getrennte Sonderwelt?
Dies ist sicher nicht der Fall. Denn Musik ist immer ein Erzeugnis menschlichen Geistes, Musik ist mit der geistigen und vernünftigen, allgemeinen Menschenwelt verbunden. Im schöpferischen Prozess des Komponierens handelt immer auch der begrifflich bestimmte menschliche Geist. Der Komponist zeichnet sich dadurch aus: Er hat die Gabe und die Fähigkeit zu einer über-begrifflichen Aussage, zu einer musikalischen „Aussage“. Jetzt kommt also das Wort „Aussage“ wie von selbst in das Beschreiben des musikalischen schöpferischen Prozesses. Auch Musik ist dann doch nicht fern oder absolut getrennt von allen denkbaren „Aussagen“ des menschlichen Geistes

8.
Über den schöpferischen Prozess der Komposition wäre weiter nachzudenken. Komponisten haben die Fähigkeit, in die eigene, selbst für den Komponisten abgesonderte Welt der Musik ganz einzutreten, in ihr zu leben und schöpferisch zu arbeiten („komponieren“). Ohne dass dabei der Komponist, etwa Beethoven im Komponieren der 5. Sinfonie, begrifflich denkt: So, jetzt muss ich mal ordentlich auf die Pauke hauen lassen, um meine Botschaft deutlich zu machen: „Das Schicksal klopft an die Tür.“ Mit diesen schlichten Worten wird ja manchmal populär das erste Motiv des ersten Satzes der Fünften den Unkundigen nahegebracht.
Der Komponist tritt in seine Musik-Welt und verweilt in ihr, er korrigiert bekanntlich seine Kompositionen oft, nach Kriterien, die den Ansprüchen seiner eigenen Musik – Welt selbst entstammen.

9.
Schwieriger ist es, über „Musik im Zusammensein mit begrifflichen Worten“ zu sprechen. Über „Kunstlieder“ oder Opern also. Wie passen Musik und Wort zueinander, wer dominiert da? Wir unterstellen den Komponisten der “Kunstlieder“, dass sie die Worte der Dichter treffend in Musik übersetzen. Dabei kann es von außen keine Kritik an dieser musikalischen Übersetzung geben: Denn der Komponist, etwa Franz Schubert, wird schon den richtigen Ton (die musikalische Übersetzung des Wortes) in seiner „Winterreise“ getroffen haben. Das müssen wir geradezu glauben, wenn wir Schubert hören.

10.
Ich begrenze mich im folgenden auf europäische, klassische Instrumentalmusik, die ohne Texte und Programme gestaltet ist.

11. Die entscheidende Frage ist für mich:
Wie und wann entsteht in meinem Hören dieser Musik meine Philosophie dieser Musik? Um einer Antwort nahe zu kommen: Zunächst sollten äußere Umstände beachtet werden: Bequemes Liegen oder Sitzen, möglichst keine Lärm – Störung von außen. Nur so kann der innere, der geistige-hörende Mitvollzug der Musik gelingen.

12.
Ich muss mit dem Beginn der musikalischen Aufführung hörend in die Musik eintreten, gesammelt, konzentriert, und in der Musik verweilen, die musikalische Aufführung als meine Gegenwart annehmen.
Ich muss jeglicher Versuchung widerstehen, begrifflich, also in Worten meines Bewusstseins, das Gehörte schon im Moment des Hörens zu beschreiben oder zu bewerten.
Ein einfaches Beispiel: Ich darf beim Hören starker Trompetentöne NICHT ins begriffliche Denken überwechseln und fragen: Was will der Komponist damit denn nun mit den Paukenschlägen sagen? Begriffliche Gedanken inmitten des Hörens zerstören den Mitvollzug der Musik. Ich verliere dann sozusagen den Anschluss im immer weiter nach vorn strebenden Gang der Komposition, ich kann also bei den begrifflichen Unterbrechungen schnell den „Anschluss“ verpassen.
Ein Musikstück aufgeführt und gespielt, ist immer eingebunden in die Zeit. Niemals kann das Eingebundensein der Musik in die Zeit-Struktur überwunden werden. Das macht Musik so ungewöhnlich und so schwierig, aber auch so einmalig unter allen Gestalten der Kunst.

13.
Ich kann beim Hören meine CD stoppen, und eine Stelle zweimal, dreimal wiederholend „nach“-hören. Aber dieses „Nachhören“ eines einzelnen Themas sollte nur nachträglich geschehen, wenn ich das ganze Stück gehört habe. Wichtig ist das Erst-„Erlebnis“ des ganzen Musikstückes. Nur wer das Ganze gehört hat, hat es wirklich wahrgenommen.
Das Eintauchen in das Ganze gilt bekanntlich für alle Kunst, auch für die Literatur, für die Teilnahme an einer Theateraufführung oder das Betrachten eines Gemäldes.
Das Betrachten eines Gemäldes unterliegt einer anderen Bindung an die Zeit: Das Gemälde als Gemälde, als starr hängendes Objekt, erscheint unverändert, es kann immer wieder je nach meiner Laune angeschaut werden. Es ist nicht ganz trivial zu sagen: Ein Musik-Stück ist als solches nie stets akustisch verfügbar. Bestenfalls ist es in meinem Gedächtnis stets präsent und „abrufbar“.

14.
Worte zur gehörten Musik finde ich erst, wenn das Musikstück beendet ist. Es entsteht eine Pause, eine Art Lücke zwischen gehörter Musik und meinen begrifflichen Gedanken. Diese stellen sich ein, weil mein Selbstbewusstsein, mein Geist eben nicht ganz „ausgeschaltet“ ist beim Hören der Musik. Selbstbewusstsein und Geist sind sozusagen nur etwas beruhigt, etwas stillgelegt, aber nach wie vor lebendig.
Die Kunst des Mitlebens mit der Musik im Hören eines Klavierkonzerts etwa, ist das musikalische „Mitgehen“ mit der Musik, es wäre vielleicht treffend, von einem Verschmelzen mit der Musik zu sprechen, das sich jeder begrifflichen Aussage entzieht. Erst wenn die Musik verklungen ist, vielleicht erst nach einigen Stunden, können wir begrifflich sagen, was sich mit uns im Hören der Musik ereignete,

15.
Manche Musikhörer begnügen sich in ihrer Musik – Interpretation mit kurzen, zweifellos irgendwie hilflosen Sätzen: „Das war aber erhebend“ oder nur „Das war toll“. „Gerade der Schlusssatz hat mich berührt“.
Können wir mehr und Tieferes über die gehörte Musik sagen? Manche professionelle, musikwissenschaftlichen Musik – Kritiker versuchen etwas Eigenes und schreiben: Die erste Geige hat ganz am Anfang viel zu leise eingesetzt und auch das Cis von der Oboe wurde nicht ganz getroffen. Solches zu sagen gehört nicht zu meiner Musik- Philosophie.
Worte zur gehörten Musik, die auf die eigene Existenz bezogen sind, gelingen erst, wenn ich dieselbe Musik mehrfach gehört habe. Wenn sie „meine Musik“ geworden ist. Erst dann gelingen manchmal Worte, die sich förmlich aus der Musik – Erfahrung selbst entwickeln oder sich an die Musik anschmiegen, immer aber von der Musik „erzeugt“ sind. Jeder und jede wird in dem Fall seine eigenen, besonders ans Herz gewachsenen und beschreibbaren Musikstücke nennen.

16.
Ich denke etwa an die „Gnossiennes“ von Erik Satie: Wie oft war ich überrascht, manchmal glücklich, über diese wenigen Töne, die ich schon gedanklich „mitspielte“. Nach dem Verklingen der Gnossiennes von Satie atme ich auf. Begeistert von diesen wenigen, bescheidenen Tönen, die freien Raum öffnen, etwas Weites zum Atmen, Raum zum Denken: Ich weiß dann durch diese Musikerfahrung der wenigen, der geringen Töne: Wie großartig ist das Wenige! Wie beruhigend das Minimale! Man möchte sagen: Vertreiben wir das Viele, das Bombastische, das Aufgeblasene, das Falsche…Dies muss ich sagen, auch wenn allmählich die Kompsitionen Erik Saties viel zu viel „abgegriffen“ sind als Hintergrund-Sound in Filmen etc…
Manche Themen von Musikstücken bleiben in in mir, erklingen manchmal wie von selbst in unterschiedlichen Situationen: Nur ein weiteres Beispiel:Die ersten Sätze der beiden Cello-Konzerte (C-Dur und D-Dur) von Joseph Haydn melden sich bei mir oft, beruhigend, ermunternd.

In Stunden der Trauer, des hilflosen Zorns, etwa über verbrecherische Politiker, über den Wahnsinn der Rechtsextremen … höre ich gern: Die Sympohonie Nr. 3, op. 36, von Hendryk Gorecki, sein Werl hat den Titel „Symphonie der Klagelieder“…

Musikhören also eine Hilfe im Leben? Gewiss! Musik ist auf die Menschenwelt bezogen, sie wurde inmitten der Probleme dieser Welt erschaffen.

17.
Ruhiges, stetes, wiederholtes Musikhören der selben Werke hat eine heilsame Wirkung. Diese heilsame Wirkung stellt sich im Moment des Hörens ein und gilt bis zum Ende, wenn es still wird nach der Musik. Musik-Philosophie und Musik – Therapie treffen sich.
Aber erst, wenn ich nach dem Hören denke und sage: „Diese Musik führt mich ins Weite. Sie tröstet. Sie mahnt zur Einfachheit“:, erst dann, kommt das Eintreten in die eigene Welt der Musik an ihr Ziel. Und so entsteht die Leidenschaft, auch andere Musik, endlich auch „außereuropäische Musik“ zu hören.

18.
Es wird heute in Europa viel Musik, viel Klang, viel „Geräusch“, erzeugt und auch gehört, oft nur nebenbei gehört. Das „Nebenbei-Hören“ ist die Spezialität der Unterhaltungsmusik oder was man einst „Schlager“ nannte.Aber es ist der Lärm, die Aggressivität der vielen Geräusche, das Brüllen und Bohren und Hupen und Schreien, das ständige Plappern, das heute das Hören als Wahr- Nehmen von Musik so schwer macht.
Trotz oder eher wegen permanenter Musik – „Berieselung“ allerorten ist Musik heute sogar bedroht. Und die vielen hoch gefeierten Festivals und Sonderkonzerte, die Festspiele und die nur noch von Millionäre bezahlbaren Opern-Premieren in Wien, Paris, Zürich, New York…. zeigen: Musik ist auch vom Markt und dessen Gesetzen verdorben, weil Musik heute vorwiegend als „Event“ der Gesellschaft, also meist der angeblich sehr feinen Gesellschaft, zelebriert und als „Gewinn“ erachtet wird. Aber wie viel tiefe Langeweile ist die Voraussetzung für die Teilnehmer der Premieren, wenn sie denn zum fünften Mal wieder den „Tannhäuser“ in Bayreuth oder die „Entführung“ in Salzburg hören. Eine Musik-Philosophie wird als weiteres Thema eine Kritik des Musik – Konsums werden müssen.

19.

„Meine Musik -Philosophie“ kann, wenn sie denn explizit wird, eine Orientierung werden in dem heute (und immer ?) verworrenen Zustand dieser verrückten Welt voller verrückt gewordener Politiker. Die die Menschen groß werden ließen, weil sie als Menschen und Gesellschaft nicht achtsam auf ihr eigenes Leben und das der anderen achteten, auf die Mensxchenrechte. Musik kann, in der Stille gehört, wieder an die Basis des menschlichen Daseins erinnern.

Unser Hinweis zu „Voices“  von Max Richter: LINK

Unser Hinweis zur Komponistein Claire M. Singer: LINK

Es gilt das Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Kant sollte jetzt Kirchenlehrer sein! Unser Wunsch für 2026!

Von Christian Modehn am 2. Januar 2026

1.
Der Wunsch des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ für 2026 ist eine Provokation. Sie führt, wie der Name „Provokation“ sagt, aus bestehenden dogmatischen Verirrungen der Kirchen und Religionen heraus, ins Freie, ins Menschliche, das wichtiger und hilfreicher ist als der traditionelle Dogmenglaube.

2.
Im Jahr 2026 darf es den Religionen und Kirchen nicht zuerst um ihre eigenen Dogmen, moralischen Behauptungen und Bindungen an nationale Ideologien (siehe Russland, Israel, USA, Iran usw.) gehen.
Der Papst zum Beispiel muss nicht mehr – irgendwie hilflos – bei jedem Anlass zu Bittgebeten auffordern, so, als würde Gott im Himmel je nach Laune mal die einen, mal die anderen Wünsche erfüllen. Naiver Wunderglaube wird da verbreitet…, den gilt es mit der Vernunftreligion zu überwinden. Nur mit der Vernunftreligion werden Menschen reif und „erwachsen“.

3.
Der Papst, um bei ihm zu bleiben, muss auch nicht mehr ständig seinen geliebten Augustinus zitieren, jenen Heiligen des 5. Jahrhunderts, der die Christen mit seinem gräßlichen Erbsünden – Dogma verrückt gemacht hat. Nein, der Papst könnte oft Erkenntnisse des Philosophen Immanuel Kant zitieren – als Aufforderung, die universell geltende Vernunft-Religion zu respektieren: Sie ist für alle Menschen, auch für alle Religionen und Konfessionen gültig, sie ist die allen und allem übergeordnete Religion.

4.
Wir haben im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin mehrfach auf die Erkenntnis der universellen Vernunftreligion im Sinne Kants hingewiesen. Siehe etwa diesen Beitrag: LINK. Dabei beziehen wir uns auf „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ von 1793 (in der Ausgabe des Meiner Verlages, 2003, die Seitenangabe beziehen sich auf dieses Buch). Es ist falsch, Kant als „Überwinder“ der Idee Gottes oder als „Zerstörer“ des vernünftig begründbaren Glaubens an Gott zu interpretieren. Kant hat als Philosoph erkannt, dass es eine göttliche Wirklichkeit gibt. Er betont aber: Gott ist kein Objekt wissenschaftlicher Beweise, wenn man wissenschaftlich im Sinne der Naturwissenschaften versteht. Aber die göttliche Wirklichkeit als Idee, vielleicht als Ursprung der Schöpfung, muss der Mensch denken, will er seine Existenz umfassend geistig verstehen.

5.
Nicht die Erfüllung religiöser Vorschriften ist für die Vernunftreligion entscheidend, sondern die Pflege der „moralischen Herzensgesinnung“, das lehrt schon Jesus Christus, betont Kant (Seite 214). Nicht gottesdienstliche Handlungen können den Menschen von Verfehlungen befreien, sondern nur die praktische Wiedergutmachung des Unrechts. Nicht das „süße Gefühl der Rache“ darf vorherrschen, sondern die Duldsamkeit…Dies sind Weisungen des Lehrers Jesu von Nazareth in der Sicht Kants. Vor allem: Die Erfüllung der ethischen Pflichten ist der wahre Dienst an Gott, der wahre Gottesdienst! Der Gottesdienst ist die Erfüllung der ethischen Pflichten, also der Menschenrechte: Das muss das beständige Leitmotiv der Predigten und der Praxis in allen Religionen sei. Kant betont: Es ist bloßer „Religionswahn und Aberglaube“ zu glauben, für ein gottgefälliges Leben könne der Mensch noch etwas anderes tun, als den guten Lebenswandel zu praktizieren (Seite 230). Es gibt also für Kant nur „die Religion des guten Lebenswandels, sie ist „das einzige religiöse Ziel der Menschen“ (Seite 236). Solange die Kirchen mit ihren eigenen Lehren noch bestehen, muss die Vernunftreligion allmählich diesen Kirchenglauben durchdringen und überwinden.“ (ebd.)
6.
Die Vernunftreligion lebt im Sinne Kants in einer „unsichtbaren Kirche“, sie braucht keine Herrschafts-Strukturen, aber sie braucht durchaus Lehrer, die herrschaftsfrei die Vernunft-Religion erklären.
„DIESE VERNUNFTRELIGION SOLL ALS WELTRELIGION AUSGEBREITET WERDEN“ (S. 212).
7.
Die geoffenbarte, also die in Sätzen, in Dogmen formulierte, mit Büchern der Offenbarung ausgestattete Religion, wird von Klerikern beherrscht. Diese Religion/Konfession soll letztlich überwunden werden, fordert Kant. In diese faktisch bestehenden Konfessionen sollte aber – wie gesagt – die Vernunftreligion wie ein kritisches, befreiendes Element eindringen, also die konfessionellen Religionen heilen, korrigieren. Auch in der kirchlich geprägten, der geoffenbarten Religion, gibt es für Kant vernünftige Elemente. Der allgemeine Vernunftglaube hat also Elemente, „Keime“ in der Kirchenreligion, die zur Vernunftreligion führen können. Es gibt für Kant eine langsame Annäherung an die von ihm erstrebte „unsichtbare Vernunft – Kirche aller guten Menschen“. Man könnte meinen: Je mehr die faktischen Kirchen und Religionen die Menschenrechte als wesentliche eigene Botschaft und Praxis erkennen, um so mehr nähern sie sich der universellen Vernunftreligion bereits an.
8.
Unser religionsphilosophischer Wunsch für das Jahr 2026 ist alles andere als ein schöner Traum oder bloß ein „frommer Wunsch“. Unsere Provokation ist eine Utopie, die ins Weite führt, in eine friedlichere Welt, in der nicht mehr fundamentalistische Religionen und Kirchen herrschen und ihren Unsinn politisch – kämpferisch durchsetzen. Ohne diese Hoffnung auf einen bessere Zustand der Religionen und Konfessionen stirbt das geistige Leben. Diese hier im Sinne Kants vorgestellte gute Utopie kann für uns und unsere Welt lebenserhaltend sein. Diese Utopie verhindert, dass unbedacht und undifferenziert alle Religionen und Konfessionen angesichts so vieler ihrer Irrungen und Verbrechen pauschal und „einfach so“ total „beiseite gelegt werden“.
9.
Die Vernunftreligion der Menschenrechte lebt bereits, sie ist als gute Utopie „nicht tot zu kriegen“… Die Vernunftreligion wird also die Religion der globalen Zukunft sein: weil sich immer mehr religiöse Menschen von den unverständlichen Dogmen und erstarrten Riten und infantilen Gebeten, Kirchenliedern abwenden … und die fundamentalistischen Verirrungen ihrer Religionen und Konfessionen schlicht und einfach nicht mehr ertragen können! Der „Atheismus“ ist selbst eine Art Religion, meist eine fundamentalistische, also abzulehnen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Papst Leo trifft im Vatikan sehr rechtslastige, rechtsradikale Politiker aus ganz Europa!

Der Beitrag des Papstes zum Fall der „Brandmauer“ gegen Rechtsextreme?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 11.12.2025

1.
Papst Leo hat am 10. Dezember 2025 PolitikerInnen in seinem Apostolischen Palast im Vatikan getroffen und mit einer freundlichen, leicht mahnenden Rede unterhalten. Die Papst – begeisterten PolitikerInnen sind Mitglieder der Fraktion ECR („European Conservatives and Reformists“.) Dazu gehören (Stand Dez. 2025) 79 Abgeordnete aus 18 Ländern. Die Fraktion nennt sich selbst „konservativ und demokratisch.“ Und diese eher normal und seriös wirkende Selbstbezeichnung glauben auch einige Leute, selbst im Vatikan, ganz offensichtlich selbst der Papst. Mit einem umfassenden kritischen politischen Wissen über diese Leute hätte der Papst – bei seiner kostbaren Zeit – den Empfang im wunderschönen „Salle Clementine“ ablehnen können … und statt dessen die sehr vielen frustrierten katholischen Frauen ins Gespräch eingeladen, Frauen, denen der Papst stur und steif immer noch den Zugang zum Diakonat verweigert, entgegen aller (!) theologischen Vernunft. So empfängt Papst Leo nun entgegen aller politischen Vernunft diese rechtsextremen Politikerinnen, die sich diplomatisch üblich-normal, aber verlogen „europäische Konservative und Reformer“ nennen.

2.
Die meisten dieser ECR Parteien sind in ihrer politischen Praxis und Theorie explizit z.B. gegen liberale, also humane und vernünftige Abtreibungsgesetze, sie verteidigen natürlich die hetero – normative Ehe, sie wehren sich gegen die umfassende Gleichberechtigung von queers, sie sind gegen die grüne Umweltpolitik und vor allem: Sie wollen mit aller Bravour ihre Länder von Flüchtlingen und Fremden, vor allem aus dem muslimischen Raum, absolut freihalten … mit ihrer restriktiven „Rückführungspolitik“. Aber, und das ist wichtig, diese PolitikerInnen geben sich als sehr christlich. Sie plustern sich auf als Verteidiger ihres christlichen Europa, ihres „Abendlandes“, dessen Werte sehen sie ausschließlich vom Christentum bestimmt. Neuerdings sind viele dieser sehr rechten, rechtsextremen Politikerinnen ganz offensiv plötzlich judenfreundlich geworden und nennen ihr kulturelles Ideal „jüdisch-christlich“, aber das behaupten sie nur, um ihre Ablehnung auf den Islam zu kaschieren. Eine verlogene Juden-Freundlichkeit wird benutzt gegen die Islamophobie!

3.
Die Begegnung des Papstes mit diesen Leuten fand am 10.Dez. 2025 statt, weil Giorgia Meloni, die Ministerpräsidentin Italiens, ihre FreundInnen vom ECR zu einer Konferenz nach Rom eingeladen hatte. Um sich die Gunst der vielen sehr konservativen, z.T. rechtsextremen Wähler zu erhalten, ist ein Besuch der Parlamentarier beim Papst immer hilfreich. Man bedenke, dass die polnische, sich sehr katholisch gebende PIS-Partei zum Club der ECR gehört, auch französische Politiker dieser Fraktion, wie Madame Maréchal, sind tief verwurzelt im katholischen Milieu. Zur rechtsextremen französischen Partei Reconquete und ihres Führers Eric Zemmour: LINK.

4.

Die katholische Ministerpräsidentin Italiens Giorgia Meloni gehört zur Partei „fratelli d Italia“, auch diese Partei ist Mitglied im Club der ECR. Madame Meloni war bekanntermaßen einst Mitglied der neofaschistischen Jugendorganisation der neofaschistischen Partei MSI; auch die Partei Fratelli d Italia gilt unter objektiven Politologen als „post-faschistisch“ und „rechtsextrem.“ Auch die „Schwedendemokraten“ gehören zur ECR Fraktion, auch sie gelten als rechtsextrem. Dasselbe gilt für die Partei „Wahre Finnen“, um nur einige weitere rechtsradikale Parteien im ECR zu nennen.

5.
Diese sehr rechtslastigen alles andere als Menschenrechts-freundlichen politischen Herrschaften also hat Papst Leo zu sich in den Apostolischen Palast geladen. Allein seine Bereitschaft, diese Leute ernst zu nehmen und mit einem Empfang beim Papst zu beehren, ist sicher hoch problematisch. Denn solch ein „Empfang beim Papst“ wertet diese Parteien auf. Aber wenn der Papst schon die Chance hat, sozusagen dem sehr rechtslastigen Flügel Europas zu begegnen, dann nur unter der Bedingung: Diesen Leuten nicht nur behutsam und verständnisvoll ins Gewissen zu reden, sondern sie an die absolute Gültigkeit der Menschenrechte zu erinnern, also aller Welt deutlich freizulegen, dass diese Parteien und Politiker eine Ethik vertreten, die mit den zentralen Aussagen des Evangeliums und vor allem der Menschenrechte nicht zu vereinbaren ist.

6.
Aber nein, Papst Leo hat freundliche Worte gefunden, sogar den politischen Einsatz dieser Leute gelobt und vorsichtig Kritik geübt. Dabei ließ er keinen Zweifel, dass er mit diesen Rechtsextremen hinsichtlich der Abtreibungsgesetze und der Familien- Politik übereinstimmt! Der Papst stimmte auch mit diesen Leuten überein, als er – wie sie – die Wurzeln Europas ausschließlich im Christentum sah. Kein Wort also von den viel wichtigeren „Wurzeln“ Europas in der Philosophie der Aufklärung (Kant!) Und der absolut für alle geltenden Menschenrechte. Aber nichts davon sagte der Papst diesen sehr rechten und rechtsextremen Herrschaften. Und vor allem: Sind denn nicht die christlichen Wurzeln Europas vergiftet, durch Ketzerverfolgung, Judenverfolgung, Muslimverfolgung, Hexenverbrennung, Kolonialismus, Mord und Totschlag der christlichen Kolonialherren an indigenen Völkern, der Massenmord an den Juden durch die Christen und so weiter…Weiß dieser Papst überhaupt, was er da schwadroniert, wenn er mit den Rechtsradikalen von christlichen Wurzeln Europas phantasiert?

7.
Der vatikanische Pressedienst berichtet nur mit einigen Zitaten von der Ansprache des Papstes an die Rechtslastigen, Rechtsextremen; der vatikanische Pressedienst nennt wie die katholischen Medien kath.de diese Leute falsch und irreführend: Konservativ, mag ja sein, dass sie sich selbst so nennen. De facto sind sie es nicht… : LINK

Wir zitieren aus dem Bericht: „Namentlich erinnerte Leo XIV. an den Schutz des Lebens „von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod“ wie auch in der Mitte des Lebens. Hier verwies der Papst auf arme und ausgegrenzte Menschen und auch auf jene, die von „der anhaltenden Klimakrise, Gewalt und Krieg“ betroffen sind; das Wort Immigration vermied er.“ Soweit das Zitat. Angesichts dieser oft rechtsextremen Politiker, der Feinde einer humanen Flüchtlings- und Einwanderungspolitik, spricht der Papst selbst das Wort „Immigration“ nicht aus. Das kann man wohl nur Feigheit nennen oder soll das etwa als kluge Diplomatie des Staatschefs (des Papstes!) des Staates Vatikanstadt gelten ?
Wir zitieren weiter aus dem Vatikanischen Pressedienst: „Sicherzustellen, dass die Stimme der Kirche, nicht zuletzt durch ihre Soziallehre, weiterhin Gehör findet, bedeutet nicht, eine vergangene Epoche wiederherzustellen, sondern zu gewährleisten, dass wichtige Ressourcen für die zukünftige Zusammenarbeit und Integration nicht verloren gehen“, erklärte der Papst allgemein und verschwommen. Darüber hinaus rief Leo XIV. die „rechtskonservativen“ Europa-Abgeordneten zu respektvoll geführten politischen Debatten auf.“ Wie nett und wie freundlich! Bitte, bitte, Rechtsradikale sollen doch respektvoll sein…

8.
Immer wieder also diese netten, harmlosen Worte aus päpstlichen Munde. Der Papst hat offenbar seine Rolle entdeckt als hilfloser und wirkungsloser Mahner, als freundlicher „Aufrufer“, als Verkünder abstrakter Weisheiten, als permanent irgendwelche Bittgebete Sprechender bei allen möglichen kleinen und großen schlimmen Ereignissen. Und er weiß offenbar nicht, dass er vor sehr rechtslastigen, de facto dem Evangelium und den Menschenrechten abgeneigten PolitikerInnen klare, harte Position eines Demokraten hätte zeigen müsste. Aber Moment mal: Der Papst und seine Kirche verstehen sich ja in ihrer Gesetzgebung explizit als nicht – demokratisch. Und die Erklärung der Menschenrechte hat der Vatikan nicht unterschrieben: Fühlen sich Päpste und hohe Kleriker im Milieu von demokratieskeptischen, also rechtslastigen Politikern besonders wohl? Historisch stimmt das: Mit Mussolini hat sich Pius XI. recht gut verstanden und Pius XII. war letztlich doch sehr zurückhaltend in seiner öffentlichen Kritik am Nazi-Regime. Er hielt den Kommunismus für gefährlicher …oder war das nur seine päpstliche Ausrede?…

9.
Wenn man den Empfang des Papstes für die Politikerinnen rechtslastiger und rechtsextremer Parteien für einen Augenblick nach Deutschland überträgt: Der Papst hat am 10.Dez. 2025 die berühmte „Brandmauer“ ein bißchen zerstört, die Brandmauer, die zurecht in Deutschland von demokratischen PolitikerInnen gegenüber der weithin rechtsextremen Partei AFD „gebaut“ wurde. Ich glaube, Papst Leo hat mit dem offiziellen Empfang dieser Politiker in seinem Palast die rechtsextreme Bewegung leider aufgewertet. Das sollte jeder Demokrat eigentlich eine Schande nennen. Und Katholiken, die kritisch denken, ebenso.

10.
Es ist bezeichnend, dass die Ansprache des Papstes vor diesen sehr rechtslastigen Politikern aus ganz Europa im sonst sehr umfassend dokumentierenden vatikanischen Pressearchiv bis jetzt nicht zu finden ist. War das Treffen dann doch dem Papst peinlich? Hoffentlich! Gesteht ein Papst Fehler ein? Hoffentlich, aber äußerst unwahrscheinlich. Lediglich die katholische Tageszeitung „La Croix“, Paris, hat über dieses Treffen am 10.12.2025 ein bißchen kritisch berichtet. LINK

Siehe auch unseren Hinweis: Papst Leo XIV.- Entscheidungen eines Allein-Entscheiders LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Hoffnung denken und Hoffnung leben. Wider die Gesellschaft der Angst…

Hoffnung denken und Hoffnung leben

Der Philosoph Byung- Chul Han: Seine Essays über den „Geist der Hoffnung“ .
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
In unserer Gegenwart ist die Hoffnung bedroht, jene Hoffnung, die bekanntlich als „letzte stirbt“, wenn alles andere längst schon vernichtet wurde. Nicht nur die Hoffnung als die unverzichtbare philosophische und religiöse Idee ist bedroht, sondern die Hoffnung als die unverzichtbare „geistige Energie“ (oder „Elan“) in uns, die Mut zum Leben gibt, sie ermuntert uns zur Zukunft, sie erschließt uns Zukunft.

2.
Der Philosoph Byung-Chul Han legt vier philosophische Essays unter dem Titel „Der Geist der Hoffnung“ vor. Han ist in Deutschland als „südkoreanisch-deutscher“ Autor längst gut bekannt; seine Studien und Essays sind Ausdruck eigenständigen philosophischen Denkens. Sie nehmen die LeserInnen mit ins eigene Denken, ins Philosophieren, denn Philosophieren ist die lebendige Praxis „der“ Philosophie.

3.
Byung-Chul Hans Essays argumentieren stets vor dem politisch-kulturellen Hintergrund der Angst als der vorherrschenden Stimmung unter den Menschen nicht nur in Europa. Darum der Untertitel „Wider die Gesellschaft der Angst“.

4.
Der erste Essay, „Auftakt“ genannt, zeigt in unserer Sicht deutlich Byung-Chul Hans eigenes Hoffnungs-Denken. Ausgangspunkt ist die allgemeine Angst vor einem vernichtenden Ende von allem. So wird für sehr viele Menschen ihr Leben zu einem bloßen Über-Leben. Han schreibt: „Doch erst die Hoffnung läßt uns jenes Leben zurückgewinnen, das mehr ist als Überleben. Sie spannt den Horizont des Sinnhaften auf, der das Leben wieder belebt und beflügelt. Sie schenkt Zukunft.“ (S. 12). Dabei macht Han von vornherein klar: Hoffnung hat für ihn nichts mit Optimismus zu tun, jener zur allgemeinen Floskel geratenen `Blauäugigkeit` der unreflektierten Heiterkeit. „Im Gegensatz zum Optimismus, dem jede Entschlossenheit fehlt, zeichnet die aktive Hoffnung ein Engagement aus.“ (S. 17). Und dies ist zentral: Hoffen kann der Mensch nur mit anderen. „Das Subjekt der Hoffnung ist ein Wir.“ (S. 18). Aber die herrschende Politik und Ökonomie, Han spricht treffend und zurecht von einem „neoliberalen Regime“(S. 21), vereinzelt den Menschen, „in dem es den Menschen zum Unternehmer seiner selbst macht.“ (ebd.). Gerade dieser erste Essay ist sehr treffend von einer Gesellschaftskritik bestimmt. Etwa: „Soziale Medien bauen paradoxerweise das Soziale ab. Sie führen letztlich zur Erosion des sozialen Zusammenhaltes. Wir sind bestens vernetzt, ohne jedoch verbunden zu sein.“ (S. 23). Sätze, die man als kritische Weisheit in jedes Schulbuch schreiben sollte… Oder diese treffende Erkenntnis: „Die Hoffnung ist das Ferment der Revolution, das Ferment des Neuen…Wenn heute keine Revolution möglich ist, dann deshalb weil wir nicht hoffen können, weil wir in Angst verharren, weil das Leben zum Überleben verkümmert.“ (S. 27). Ich hätte mir hier weitere Ausführungen gewünscht: Etwa: Welche Politiker zerstören in uns die Hoffnung systematisch? Welche Politiker sind längst – durch ihre kriegerischen Aggressionen (Russland), ihren rechtsextremen Rassismus, ihre MAGA-Wahnsinns-Ideologien, ihre sture und versteinerte Förderung der Millionäre und Milliardäre – diejenigen, die unser „Leben zum Überleben verkümmern“…

5.
Die drei weiteren, ausführlicheren Essays denken der Hoffnung nach als „Handeln“, als „Erkenntnis“ und als „Lebensform“. Diese Essays entwickeln die Notwendigkeit der lebendigen Hoffnung in Auseinandersetzung mit anderen PhilosophInnen. Byung-Chul Han stellt die Hoffnungs-Philosophie etwa von Albert Camus, Nietzsche, Ernst Bloch oder auch Hannah Arendt vor, er zeigt deren originellen Ansatz, unterstützt etwa den Tagtraum, weil er Hoffnung gebiert“ (S. 45)…Han lobt Ernst Blochs und mit ihm Pastor Martin Luther Kings Position: “AlleinTagträumer sind fähig zur Revolution“(S. 46). Han kann Hannah Arendt nur zustimmen, wenn sie das Geborenwerden zum Ausgangspunkt ihrer Hoffnungsphilosophie nimmt, er kritisiert aber Arendt, weil sie nicht sieht: „Hoffnung geht der Handlung voraus .. Es ist nicht die Handlung, sondern die Hoffnung, die Wunder bewirkt.“ (S. 53). Ohne Hoffnung also keine neue, gerechte Gesellschaft, ohne Hoffnung keine Revolution des Neuen, des Besseren…
Aber auch dies ist für den Philosophen Han wichtig: Hoffnung hat bei aller Notwendigkeit des tatkräftigen Engagements doch immer auch eine „kontemplative Dimension“ (S. 45). Dass Han auch Dichter einbezieht, wie Paul Celan, Franz Kafka, Ingeborg Bachmann und den Dichter (Politiker) Václav Havel. Gerade die Hinweis zu Václav Havel sind mir wichtig: „Havel verortet die Hoffnung nicht in der Immanenz der Welt. Ihre tiefsten Wurzeln hat sie im `Transzendenten`!“ (S.68) Diese Weite der Auseinandersetzung mit der Hoffnung ist bei Han ein deutliches Statement: Philosophieren lebt nicht nur von sich explizit philosophisch nennenden Texten der sich Philosophen nennenden Denker. Und man hätte gern gewusst, in welcher expliziten Beziehung Han die im Buch abgedruckten Arbeiten Anselm Kiefers sieht…Es sind doch philosophische Bilder, oder?

6.
Byung Chul Han, der auch katholische Theologie in Freiburg studiert hat, kennt natürlich die drei Lebensformen, die der Apostel Paulus ins Zentrum seines Denkens stellt: Glaube-Hoffnung-Liebe. In der zweifellos berühmten Stelle im Ersten Brief an die Korinther, Kap. 13, Vers 13 schreibt Paulus: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“. Natürlich ist es philosophisch nicht nur reizvoll, sondern dringend, den Zusammenhang dieser menschlichen Lebenshaltungen und ihr Miteinander-Verbundensein zu erörtern. Denn die Abfolge der drei Begriffe hat Paulus nicht zufällig so gesagt. Und es eines der Resultate der Lektüre des Buches „Der Geist der Hoffnung“ von Byung-Chul Han, dass sich die LeserInnen selbst die Mühe machen, den Zusammenhang und das Aufeinander-Verwiesensein dieser drei Begriffe bzw. Lebensformen zu bedenken.

7.
In dem Sinne verweist für mich „Glaube“ auf die Beziehung des Geistes der Menschen zum Grund der Welt und der Menschen. Diesen Grund kann man göttliche, schöpferische Kraft nennen. Weil Menschen auf diesem „Grund“ leben, können sie die Hoffnung entwickeln, die zum Einsatz führt, etwa als Widerstand gegen die politisch – extremen Kräfte, die diese Welt inhuman gestalten. Und dann die Liebe, die Paulus als „die größte“ Lebensform in einem Leben des Glaubens und Hoffens herausstellt. Also: Liebend glauben und liebend hoffen (dann auch handeln), darauf kommt es an, wenn wir die Liebe zu uns und den anderen gestalten wollen.

8.
Ich halte die Abfolge der drei Begriffe im Sinne von Paulus: „Glaube – Hoffnung – Liebe“ für sinnvoll, wenn nicht geboten. Han scheint eher Wert zu legen auf diesen Zusammenhang : „Hoffnung, Glaube und Liebe“ (S. 109). Die Hoffnung ist also für ihn das Erste, die zentrale, grundlegende Lebensform…

9.
Der vierte Essay (S. 95 – 112) ist vor allem eine Auseinandersetzung mit Martin Heideggers „Sein und Zeit“. Han beschreibt Heideggers Position sehr klar und deutlich, diese Seiten empfehlen sich förmlich für bislang Unkundige als Einstieg in „Sein und Zeit“. Aber Han, dessen frühe Arbeiten explizit auf Heidegger bezogen sind, kritisiert das Denken in „Sein und Zeit“ grundlegend:“Heideggers Denken ist insofern griechisch, als es sich am Gewesenen, am Wesen, orientiert. So definiert er selbst das Mögliche vom Wesen her. Es ist nicht das Kommende, das Noch-Nie-Dagewesene…Nicht Elpís (Hoffnung), sondern Mnemosyne (Erinnerung) lenkt Heideggers Denken“ (S. 111). Insofern ist von Heidegger keine Wegweisung zur humaneren Zukunft der Gerechtigkeit mit weniger dominierender Angst zu erwarten. „Heideggers Denken hat keinen Zugang zum Kommenden, nämlich zur Zukunft als Avenir…nicht das Heideggersche Vorlaufen zum Tod,(in „Sein und Zeit“), sondern das Vorlaufen zur neuen Geburt ist die Gangart des hoffenden Denkens. In die Welt kommen als Geburt ist die Grundformel der Hoffnung.“ (S. 112).

10.
In dem wichtigen, inspirierenden, ins Weiter – Denken führende Buch Byung-Chul Hans vermisse ich Hinweise zur Frage: Welche Hoffnung bleibt angesichts des Todes? Gibt es eine begründete Hoffnung auf irgendeine Form eines wie auch immer gearteten Lebens des Geistes über den Tod hinaus? Wer sich etwa an den Aufsatz „Tod“ in Byung-Chul Hans Studie „Philosophie des Zen-Buddhismus“, Reclam Verlag, 2002), S. 96 ff. erinnert: Da beschreibt Han eindringlich, wie sich im Zen- Buddhismus eine deutliche Verkapselung des Menschen in seine erlebte Endlichkeit zeigt: „Die Endlichkeit kommt zum Leuchten ohne den Glanz des Unendlichen, ohne den Schein der Ewigkeit“ (S. 107). Und Han scheint sich der zen-buddhistischen Überzeugung anzuschließen, sie mindestens philosophisch sehr hoch zu schätzen. „Erst nach dem Töten des Todes im Zenbuddhismus ist man ganz lebendig, d.h. man lebt ganz, ohne den Tod als das andere des Lebens anzustarren. Ganz lebendig … fällt mit ganz sterblich zusammen. Die zen-budhistische Wendung des Tode geschieht ohne Trauerarbeit. Sie wendet das Endliche nicht ins Unendliche. Sie arbeitet nicht gegen die Sterblichkeit.“ (S. 113).
Wobei die grundlegende Frage bleibt: Wenn der Zen-Budhismus sich selbst als an die Immanenz gebunden weiß, dann weiß er mindestens umthematisch auch um eine Transzendenz, sonst wäre die Rede von Immanenz sinnlos.
Fragen, die über das neue Buch „Der Geist der Hoffnung“ hinausweisen, aber auf die Entwicklung der Philosophie Byung-Chul Hans aufmerksam machen.

Byung-Chul Han, Der Geist der Hoffnung. Wider die Gesellschaft der Angst. Mit Abbildungen von Anselm Kiefer. Ullstein Verlag, 2024, 2. Aufl., 128 Seiten, 22,99€.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Die Literatur – Nobelpreis – Rede von László Krasznahorkai am 7.12.2025: WENIG HOFFNUNG!

Einige wichtige Zitate des Vortrags von László Krasznahorkai in Stockholm.

Ausgewählt von Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de      Diese Zitate ersetzen nicht die Lektüre des vollständigen Textes des Vortrags: www.nobelprize.org

In seiner großen Rede am 7.12.2025 anläßlich der Ehrung mit dem Literaturnobelpreis hat der ungarische Dichter László Krasznahorkai zum Thema Hoffnung Stellung genommen. Er hat sich zunächst (I) auf die Götterboten, die Engel, bezogen, die einst – wie im Neuen Testament – „Frohe Botschaft“ überbrachten. Heute aber leben unter uns Engel ohne Flügel, sie sind förmlich flügel-amputiert, wie verloren und hilflos gehen sie durch unsere Welt. Die von Menschen zerstörten Gottes – Boten führen László Krasznahorkai weiter (II) zur Frage: Worin besteht eigentlich die Würde der Menschen heute – bei dieser offensichtlichen Zerstörung der Verbindungen zwischen Gott und der Menschen – Welt? Und III.erinnert sich László Krasznahorkai an ein für ihn ganz zentrales Erlebnis, an eine ihn erschütternde Erfahrung in Berlin, während einer U – Bahn – Fahrt: Er sieht, wie ein kranker, irritierter Obdachloser, Clochard genannt, in seiner Not öffentlich auf einem U-Bahnhof uriniert: Dabei wird er von einem Polizisten beobachtet, der Polizist als Hüter der „guten Gesetze“ und der „guten Ordnung“, will den Armen bestrafen, er setzt zur Verfolgung des Hilflosen an… László Krasznahorkai beschließt seinen Vortrag mit einem Hinweis auf die Aussichtslosigkeit der Rebellion heute. (CM)

I Nachdenken über Engel.

Mir wird klar, dass diese neuen Engel in ihrer unendlichen Stummheit vielleicht gar keine Engel mehr sind, sondern Opfer, Opfer im ursprünglichen, heiligen Sinne des Wortes, schnell hole ich mein Stethoskop heraus, denn ich habe es immer dabei….
Denn mein Stethoskop erkennt die schreckliche Geschichte dieser neuen Engel, die vor mir stehen, die Geschichte, dass sie Opfer sind, Opfer: und nicht für uns, sondern wegen uns, für jeden einzelnen von uns, wegen jedem einzelnen von uns, Engel ohne Flügel und Engel ohne Botschaft, und dabei wissen sie, dass es Krieg gibt, Krieg und nur Krieg, Krieg in der Natur, Krieg in der Gesellschaft, und dieser Krieg wird nicht nur mit Waffen geführt, nicht nur mit Folter, nicht nur mit Zerstörung…. :Engel sind wehrlos angesichts dessen, wehrlos gegen Zerstörung, wehrlos gegen Niedertracht, angesichts zynischer Gnadenlosigkeit gegenüber ihrer Harmlosigkeit und Keuschheit, eine einzige Tat reicht aus, aber schon ein einziges böses Wort reicht aus, um sie für alle Ewigkeit zu verwunden – was ich nicht einmal mit zehntausend Worten wieder gutmachen kann, denn es ist jenseits aller Wiedergutmachung.

II. Ach, genug der Engel.
Sprechen wir stattdessen über die Würde des Menschen.
Mensch – erstaunliches Wesen – wer bist du?
Ihr seid ins All geflogen, habt die Vögel verlassen, dann seid ihr zum Mond geflogen und habt dort eure ersten Schritte gemacht, ihr habt Waffen erfunden, die die ganze Erde um ein Vielfaches in die Luft jagen könnten, und dann habt ihr Wissenschaften auf so flexible Weise erfunden, dass das Morgen Vorrang vor dem hat, was man sich heute nur vorstellen kann, und es demütigt es, und ihr habt Kunst geschaffen, von den Höhlenmalereien bis zu Leonardos Abendmahl, vom magischen dunklen Zauber des Rhythmus bis zu Johann Sebastian Bach, und schließlich, im Einklang mit dem historischen Fortschritt hast du Mensch völlig plötzlich begonnen, an gar nichts mehr zu glauben, und dank der Geräte, die du selbst erfunden hast und die die Vorstellungskraft zerstören, bleibt dir jetzt nur noch das Kurzzeitgedächtnis, und so hast du den edlen und gemeinsamen Besitz von Wissen und Schönheit und moralischem Gut aufgegeben, und jetzt bist du bereit, dich auf die Ebenen zu begeben, wo deine Beine einsinken werden, beweg dich nicht, willst du zum Mars? Stattdessen: Bleib stehen, denn dieser Schlamm wird dich verschlingen, er wird dich in den Sumpf ziehen, aber es war schön, dein Weg durch die Evolution war atemberaubend, nur leider: Er kann nicht wiederholt werden.

III. Genug von der Menschenwürde. Sprechen wir stattdessen über Rebellion.

…Hier blieb meine Aufmerksamkeit stehen, und hier ist sie bis heute geblieben, wenn ich an dieses Bild denke, an diesen Moment, in dem der wütende Polizist, seinen Schlagstock schwingend, beginnt, dem Clochard hinterherzulaufen, nämlich an den Moment, in dem das obligatorische Gute auf das Böse zuläuft, das wieder einmal in der Verkleidung eines Clochards auftaucht, und zwar nicht einfach auf das Böse, sondern aufgrund des Bewusstseins und der Absicht dieser Handlung auf das Böse selbst, und so sehe ich in diesem eingefrorenen Bild immer wieder, und ich sehe es sogar heute noch, den einen, der auf dem entfernten Bahnsteig vorwärts eilt, seine schnellen Schritte tragen ihn Meter für Meter voran, und auf unserer Seite sehe ich den Schuldigen, stöhnend, zitternd, machtlos, fast gelähmt vor Schmerz, denn wer weiß, wie viele Tropfen Urin noch in diesem Körper waren…
und selbst wenn dieser Polizist diesen Clochard packen könnte, während der Zug in den Bahnhof donnert, sind diese zehn Meter Abstand in meinen Augen ewig und unüberwindbar, denn meine eigene Aufmerksamkeit spürt nur, dass das Gute niemals das um sich schlagende Böse einholen wird, denn zwischen Gut und Böse gibt es keine Hoffnung, überhaupt keine.
Mein Zug brachte mich nach Ruhleben, und ich konnte dieses Zittern und diese Zappelei nicht aus meinem Kopf bekommen, und plötzlich, wie ein Blitz, schoss mir die Frage durch den Kopf: Dieser Clochard und all die anderen Ausgestoßenen, wann werden sie endlich rebellieren – und wie wird diese Revolte aussehen? Vielleicht wird sie blutig sein, vielleicht gnadenlos, vielleicht schrecklich, wie wenn ein Mensch einen anderen massakriert – dann schüttle ich den Gedanken ab, denn ich sage mir: Nein, die Rebellion, die ich mir vorstelle, wird anders sein, denn diese Rebellion wird sich auf das Ganze beziehen.
Meine Damen und Herren, jede Rebellion steht in Beziehung zum Ganzen, und jetzt, blitzt in mir wieder diese einmalige Berlinreise mit der U-Bahn nach Ruhleben auf. Eine beleuchtete Station gleitet nach der anderen vorbei, ich steige nirgendwo aus, seitdem fahre ich mit dieser U-Bahn durch den Tunnel, denn es gibt keine Haltestelle, an der ich aussteigen könnte, ich beobachte einfach nur, wie die Stationen vorbeigleiten, und ich habe das Gefühl, dass ich über alles nachgedacht habe und alles gesagt habe, was ich über Rebellion, über Menschenwürde, über die Engel und ja, vielleicht sogar über alles – sogar über Hoffnung – denke.

(Übersetzt von deepL)

Den Widerstand gegen die Nazis ehren, gleichzeitig Mitläufer und Täter nennen. Über Bernhard Lichtenberg (Berlin)

Zum Gedenken an den katholischen Priester Dompropst Bernhard Lichtenberg in Berlin

Ein Hinweis von Christian Modehn am 1.12.2025
1.
Wenn in der Nazi-Zeit einige Menschen lebten, die mit – menschlich blieben, also Widerstand leisteten, dann sollten im Gedenken an diese wenigen stets auch die allermeisten erwähnt werden, also die Täter und Mitläufer des Nazi-Regimes. Sonst wird im üblichen, zur Routine gewordenen Gedenken, nur eine Jubelveranstaltung als „Helden- Gedenken“, dieses Gedenken übersieht: Diese Wenigen waren umgeben von sehr vielen Schweigenden, Wegsehenden, Mitläufern und Parteigängern. Sie waren eine Gefahr für die wenigen. Insofern ist eine „Heldenverehrung“ des Nazi-Widerstandes, die diese feindliche „Umgebung“ vergißt, eine Verirrung, wenn nicht Lüge.

2.
Anläßlich eines Gedenkens an einen katholischen „Helden“ (katholisch formuliert: Gedenken an einen „Seligen“) fordern wir also gleichzeitig eine solche öffentliche Erinnerung, die alle Einseitigkeiten des Jubels überwindet und Fehler, Verirrungen und Verbrechen der Mehrheit damals im Gedenken selbst freilegt. Denn nur unter dieser Bedingung können wir heute „von der Geschichte lernen“, wie es so schön immer wieder heißt. Wir müssen heute wissen, wie viele Christen ihren Glauben damals ignorierten, als sie Nazis (Mitläufer, Ignoranten, Parteimitglieder usw.) wurden und die wenigen authentischen Christen allein ließen, verachteten, preisgaben…

3.
An welchen Helden denken wir jetzt konkret? An eine katholische Ausnahme-Gestalt: Durchaus ein Vorbild im Widerstand gegen die Nazi-Herrschaft ist Dompropst Bernhard Lichtenberg. Anläßlich seines 150. Geburtstages am 3. Dezember 2025 wird ein „Sonderpostwertzeichen“ herausgegeben, die Briefmarke wird sogar von Berlins katholischem Erz – Bischof Heiner Koch in der St. Hedwigkathedrale präsentiert: Ob diese Marke auch noch gesegnet wird, ist fraglich. Zur neuen „Lichtenberg – Briefmarke“ 2025: LINK 
Aber der Ort ist gut gewählt: In der Hedwigkathedrale wirkte Bernhard Lichtenberg … und … weil er sich für die verfolgten Juden einsetzte und dort öffentlich für sie betete, wurde er von einem im Gottesdienst sitzenden Spitzel angezeigt: Am 23. Oktober 1941 wurde der prominente katholische Priester von der Geheimen Staatspolizei verhaftet und am 22. Mai 1942 von einem Sondergericht verurteilt. Nach zweijähriger Strafhaft schwer erkrankt, starb der Nazi – Gegner in der Stadt Hof am 5. November 1943, unterwegs im Transport zum Konzentrationslager Dachau. Geboren wurde Bernhard Lichtenberg am 3. Dezember 1875 in Ohlau, Schlesien. 1899 wurde er in Breslau zum Priester geweiht.

4.
Wegen seines Mutes, den Nazis öffentlich (!) zu widersprechen und für die verfolgten Juden einzustehen, wurde Bernhard Lichtenberg 1996 „selig gesprochen“: Bernhard Lichtenberg, nun „bei Gott“, kann also – nach katholischem Verständnis – von den Gläubigen im Bistum Berlin als Seliger ein Fürsprecher sein an Gottes Thron. Eine Heiligsprechung – sozusagen als himmlischer Fürsprecher dann aber weltweit – wird noch angestrebt. Die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ehrte den katholischen Priester 2004 mit der Auszeichnung als „Righteous among the Nations“ im Jahr 2004.

5.
Es verdient alle Unterstützung, dass mutigem Mensch gebliebene Menschen aus dem Widerstand gegen die Nazis als Vorbilder  geehrt werden. Das soll unbedingt so bleiben. Und eines Tages werden die Widerstandskämpfer gegen die heutigen Rechtsextremen und Neo -Nazis in Europa oder den USA auch öffentlich von der Kirche geehrt werden. Ob sich viele Katholiken und Christen anderer Kirchen darunter befinden, wird sich zeigen, diese Christen haben dann das Evangelium richtig AUCH als politische Botschaft, als Eintreten für die Menschenrechte, verstanden.

6.
Aber die Veranstaltungen von Gedenken zu Bernhard Lichtenberg sollten gleichzeitig dokumentieren und anzuerkennen: Dieser Selige, dieser vorbildliche Mensch, ist eine Ausnahme in der damaligen katholischen Welt. Dass die evangelische Kirche damals in ihrer starken Bindung an rechte und rechtsextreme Kreise, an die „deutschen Christen“  nur wenige Vorbilder hat … das ist ein anderes Thema…Martin Luthers Theologie bzw. Ideologie vom Gehorsam gegenüber der Obrigkeit zeigte seine furchtbare Wirkung.

Um deutlich zu machen, dass tatsächlich nur sehr wenige Priester in Deutschland den Nazis widerstanden: 1933 lebten in Deutschland 27.000 so genannte Weltpriester (Diözesanpriester) und weitere 15.00 männliche Ordensleute sowie mindestens 90.000 Ordensfrauen. Quelle: LINK.    Und: „Von den rund 2.700 im KZ Dachau inhaftierten Geistlichen unterschiedlicher Nationalität („!) waren fast 95 Prozent katholischen Glaubens. Mindestens 160 deutsche Priester und 110 Laien büßten ihre Standhaftigkeit gegenüber dem Nationalsozialismus mit dem Leben.“ Quelle: LINK

7.
Die katholische Kirche, ihre Theologen und ihre Kirchenhistoriker müssen heute öffentlich anerkennen: Es ist nun wirklich nicht so, dass alle Berliner Priester und Ordensleute Bernhard Lichtenberg, ihren Dompropst, unterstützten, sich ihm anschlossen und wie er für die verfolgten Juden öffentlich beteten. Wäre diese umfassende Solidarität so vieler Priester mit dem Dompropst Lichtenberg wie vor allem Solidarität mit den Juden der Fall gewesen, dann hätten die Nazis sicher nicht alle Berliner Priester verhaftet … und die Nazis hätten – bei solchem „Massenprotest“ – auch Bernhard Lichtenberg nicht ins KZ verurteilt. Mit anderen Worten: Es gilt einzugestehen: Es gab sehr viele „Mitläufer“ mit der Nazi-Partei auch im Klerus. Dazu gibt es keine umfassenden Studien, „Heldenverehrung“ ist eben einfacher und angenehmer für die Kirche heute.

8.
Der für den Dompropst Bernhard Lichtenberg zuständige Berliner Bischof in der Nazi-Zeit war Bischof Konrad von Preysing, und er zeigte sich in seinen Stellungnahmen – im Rahmen der Bischofskonferenz – als ein entschiedener Gegner der Nazis. Aber Bischof von Preysing gehörte in dieser Position zur absoluten Minderheit unter den Bischöfen im Deutschen Reich. In welcher Weise Preysing seinen Dompropst öffentlich explizit unterstützte, muss noch erkundet werden.

9.
Bernhard Lichtenberg hatte aber einen erklärten Gegner unter den Bischöfen, und der saß im Erzbistum Breslau, das Bistum Berlin war diesem Erz – Bistum unterstellt. Und in Breslau regierte ein Kardinal, der in der Öffentlichkeit – sicher mit guten Gründen – als ein Freund des Nazi-Regimes wahrgenommen wurde. Der Breslauer Kardinal Adolf Bertram, seit 1914 dort als Erzbischof (gestorben 1945), war zudem der mächtige, letztlich der bestimmende Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz. Man sagt jetzt gern, Kardinal Bertram habe „intern“, in kleinen privaten Zirkel, Vorbehalte gegen Hitler und seinen Wahn geäußert.  Und man nennt diese Zurückhaltung des Kardinals gegenüber den Nazis „diplomatisches Verhalten“. Das sind die üblichen Floskeln, mit denen der geringe Mut zum öffentlichen Widerspruch und Widerstand entschuldigt werden soll. Aber: Einen öffentlich mutigen, widerstädnigen Kardinal ins KZ zu stecken – das hätten selbst die Nazis nicht gewagt. Den öffentlich Nazi – kritischen Berliner Bischof von Preysing haben die Nazis nicht verhaftet, nicht dem KZ ausgeliefert…

10..
Historiker meinen, Prälat Bernhard Lichtenberg in Berlin habe die Haltung von Kardinal Adolf Bertram, also dessen höchst moderaten, freundlichen Kurs gegenüber den Nazis, nicht direkt öffentlich kritisiert bzw. kritisieren können. Bei der Priesterweihe versprechen die neugeweihten Priester immer noch Gehorsam ihrem Bischof, so musste also Lichtenberg schweigen zur öffentlichen Nazi-Freundlichkeit seines obersten Vorgesetzten Kardinal Bertram.
Aber Dompropst Lichtenberg kannte natürlich die letztlich nazifreundliche Gesinnung Kardinal Bertrams. Lichtenberg musste an seiner Stelle den Mund auftun und mit dem Leben bezahlen.

11.
Es kann hier kein umfassendes Porträt Kardinal Adolf Bertrams in Breslau angeboten werden. In dem Band „Die Kirchen im Dritten Reich“ von Georg Denzler rund Volker Fabricius (Fischer, 1984) schreibt der Historiker Georg Denzler: „Erzbischof Bertram suchte in gemeinsamen Hirtenbriefen jede massive Regimekritik zu vermeiden.“ (S. 101). Denzler nennt Erzbischof Bertram „politisch naiv“, er erlaubte sich, zu Hitlers Geburtstag 1940 „dem hochgebietenden Herrn Reichskanzler und Führer die herzlichsten Glückwünsche darzubringen.“ Und der Erzbischof versicherte Hitler noch pauschal „die Staatstreue des katholischen Volkes“ (S. 102). Denzler schreibt: „Und um das Maß an ideologischer Verschwommenheit und Verwirrung vollzumachen, bekannte Erzbischof Bertram dem Führer uneingeschränkt, so wörtlich: „Ich bitte daran erinnern zu dürfen, dass dieses unser Streben (der Treue zu Hitler) nicht im Widerspruch steht mit dem Programm der nationalsozialistischen Partei.“ (S. 102). Hitler bedankte sich bei Bertram am 29. April 1940 sehr herzlich und „mit besonderer Genugtuung“ bei Kardinal Bertram.
Bischof von Preysing (Berlin) war über diese Hitler – Ergebenheit Kardinal Bertrams empört, die Bischöfe waren gespalten, schreibt Denzler (S. 103). Die Hitler-kritischen Bischöfe blieben aber die einflußlose Minderheit.  Dompropst Lichtenberg übernahm als einzelner mit seinem öffentlichen Gebet für die Juden genau die Aufgabe, die eigentlich Aufgabe aller Bischöfe und der Bischofskonferenz gewesen wäre.

12.
Ein Beispiel für das Nazi-freundliche Verhalten Kardinal Bertrams schon im Jahr1933: Eine Intervention gegen den von den Nazis propagierten Boykott jüdischer Geschäfte im Jahr 1933 befürwortete Kardinal Bertram nicht und sagte: „Meine Bedenken beziehen sich, 1. darauf, daß es sich um einen wirtschaftlichen Kampf in einem uns in kirchlicher Hinsicht nicht nahestehenden Interessentenkreis handelt; 2., daß der Schritt als Einmischung in eine Angelegenheit erscheint, die das Aufgabengebiet des Episkopats weniger berührt; der Episkopat aber triftigen Grund hat, sich auf sein eigenes Arbeitsgebiet zu beschränken […]Dass die überwiegend in jüdischen Händen befindliche Presse (sic, CM) gegenüber den Katholikenverfolgungen in verschiedenen Ländern durchweg mit Schweigen beobachtet hat, sei nur nebenbei berührt.“ (Quelle: Josef und Ruth Becker: Hitlers Machtergreifung. Dokumente. dtv, München 1983, (Dokument Nr. 148, Seite 195).

Dr. Sascha Hinkel, Kirchenhistoriker an der Uni Münster, nennt die Beweggründe für das Nazi-freundliche Verhalten Kardinal Bertrams: „Ein katholischer Bischof ist für wen zuständig? Für seine Katholiken. Der Bishcof ist nicht für Juden zuständig. Die Juden können für sich selbst sorgen, jüdische Institutionen sind für die Juden zuständig. Das sagt Kardinal Bertram im Prinzip schon 1933, und das führt er fort bis 1945. Es ging Kardinal Bertram darum, die vitalen Interessen der katholischen Kirche zu schützen, das schreibt er immer wieder. Und was ist das vitale kirchliche Interesse? Die Aufrechterhaltung der kirchlichen Institutionen, um Seelsorge zu gewährleisten.“(Quelle: DLF Kultur am 22.1.2023 LINK   https://www.deutschlandfunkkultur.de/kirchen-nationalsozialismus-kaum-protest-spaete-aufarbeitung-100.html. Dass die Juden – so die heutige Sichtweise der Kirchen – eigentlich Geschwister im Glauben sind, das sah Bertram leider anders…Aber wahrscheinlich hatte er das nicht besser gelernt in der Jahrhunderte alten Abwehr alles Jüdischen im Christentum und seiner Theologie.

13.
Warum also diese Hinweise: Wer heute zurecht an die sehr wenigen (gegenüber der Gesamtzahl der Priester und Ordensleute) Priester im Widerstand gegen die Nazis erinnert, sollte immer zugleich sagen: Diese vorbildlichen Gestalten sind die Ausnahme. Die allermeisten Priester und die allermeisten „Laien“ haben geschwiegen, sie waren mindestens Schweigende, Mitläufer…

14.
Erst wenn im Zusammenhang der „Heldenverehrung“ die Masse der Schweigenden, der Mitläufer usw. ausführlich auch erwähnt wird, ist das Erinnern wahrhaftig. Wer immer nur die wenigen positiven Beispiele herausstellt und sozusagen abstrakt, d.h.ohne Kontext feiert, der halbiert sozusagen das Gedenken, halbiert die Wahrheit.

Gotthard Klein hat im „Diözesan Archiv Berlin“ ausführlich über  Bernhard Lichtenbergs, dessen Nazi -Protest und Leidensweg berichtet: LINK

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