„Zwischen“: Ein Wort, das eine Philosophie der Existenz inspiriert.

Ein Hinweis von Christian Modehn, geschrieben am 29.5.2026

Der Anlass
Freundinnen fragten mich: Wie kann ein Einstieg ins Philosophieren gelingen? Eine Möglichkeit: Beginnen wir, auf unsere Wörter und Begriffe des Alltags zu achten. Suchen wir den Inhalt, der über das oberflächliche, schnelle Sprechen hinausweist. Das ist ein erster Schritt. In unserer Sprache zeigt sich faktisch unsere Existenz:

Menschen leben zwischen den Räumen und zwischen den Zeiten. Dieses Zwischen zeigt: Menschen sind selten irgendwo „zu Hause“,  selten ganz „da“ oder definitiv „angekommen“. Wer aber meint, einen festen Platz ohne Zwischen gefunden zu haben, irrt, wird zum Ideologen. Die Existenz im „Zwischen“ ist der  „feste Platz“.

Das Motto
Es gilt also der Vermutung nachzugehen, dass Worte und Begriffe der Alltagssprache unsere schon faktisch gelebte „Philosophien unseres Lebens“ erschließen können.
Wir zeigen an einem Beispiel, die Vielschichtigkeit eines Wortes, selbst einer Präposition: Das „ZWISCHEN“.
Wer auf sein Leben reflektierend „im Ganzen“ schaut, kann nicht darauf verzichten, seine Existenz im ganzen als ein Zwischen zu verstehen. Dahin führen die hier vorgestellten, nicht vollständigen Reflexionen zu unserem Umgang mit der Vielfalt des Zwischen. Was auf den ersten Blick eher schlicht – für „Fachphilosophen zumal – erscheinen mag, führt in ein tieferes, wahres Verständnis der Existenz. Weiteres dazu siehe Nr. 4 in diesem Hinweis.

1.
Der Zwischenraum
Ich warte, gerade in einem Haus angekommen, auf den Einlass in den Behandlungsraum oder das Speisezimmer oder den Festsaal. Im Zwischenraum denke ich an zuvor Erlebtes, etwa den formellen oder freundschaftlichen Einlass ins Haus und warte auf das Zukünftige, das Ziel meines Besuches. Im Zwischenraum fällt die Konzentration und das Nachdenken über diesen Zwischenraum selbst eher schwer. Der Zwischenraum ist ein Wartezimmer, oft von Langeweile bestimmt.
Im Zwischenraum gibt es etwa auch die Schwelle zu bedenken, die ich überschreiten musste, um von der Eingangstür in das Wartezimmer zu gelangen und über die nächste Schwelle dann in weitere Räume, alles Zwischenräume…
Der Philosoph Dieter Thomä weist in seinem Buch „Post – Nachruf auf eine Vorsilbe“ (Berlin, 2025) auf die Schwelle hin, als dem Ort des Übergangs von einem Raum in den anderen (S. 326 ff.). „Die Schwellenlust richtet sich auf die Schwelle selbst. Die Schwelle lädt dazu ein, dass ich innehalte und eine Situation auskoste, die, so Baudelaire „transitoire und fugitive“, „vergänglich und flüchtig,“ ist. …Ich kann auf ihr nicht bleiben, aber kurz verweilen, um die Kunst des Übergangs zwischen Welt und zwischen Zeiten zu üben.“ (S. 329).

Das Zwischenarchiv
Ein Gegenstand wird aus der Ferne zugesandt, an, aber er ist noch nicht beim eigentlichen Empfänger angekommen: Er ruht also zur Abholung im Zwischenlager, im Zwischenarchiv, etwa in Rundfunkanstalten ein üblicher Begriff. Briefkästen sind auch Zwischenlager. Ein Computer voller ungelesener e – mails ist auch ein Zwischenarchiv. Wird die Information im Gehirn gespeichert, entsteht dann schon wieder ein Zwischenarchiv, ein Wissen wird dort gelagert, das irgendwann „abgeholt“ und aktualisiert wird.

Das Zwischenlager
Flüchtlinge, Asylsuchende – etwa aus Afrika – werden nach dem Willen der Demokraten zunächst in Zwischenlagern untergebracht, den sogenannten „Erstaufnahmeeinrichtungen“, welch ein Ungetüm von Wort des büroktatischen Ungeistes. Von diesen „ Erstaufnahmeeinrichtungen“ werden dann die Flüchtlinge wieder vorläufig auf andere Unterkünfte verteilt. Und dann beginnt eine Leben von der staatlicher Duldung bis hin zu einem deutschen Pass in ständigen existentiellen Zwischenräumen. Immer leben diese Menschen existentiell in irgendeinem „Zwischenlager“, sie sind nie angekommen, nie zu Hause, Menschenrechte gelten für sie nur eingeschränkt.. „Zu Hause sein“ – diesen Begriff reservieren sich viele in Deutschland geborene Deutsche und dieses „ihr von Fremden angeblich bedrohte Zuhause“ schotten sie ab, extremistisch-politisch (siehe AfD und die sich gut fühlende, bürgerliche Mitte…).
Die Zwischen-Lager als die speziellen „Einrichtungen“ für „spezielle“ („andere“) Menschen (Flüchtlinge, Gefangene, Dissidenten, Juden ….) sind Ausdruck von Nationalismus, Rassismus, von Herrschaft, die ins Totalitäre umkippen kann. Und in jüngster Vergangenheit umgekippt ist.

Die Zwischenlandung
Hier geht es um die nur hinzunehmende, eher unangenehme, weil zeitverzögernde Unterbrechung auf dem Weg zum Ziel. Die Zwischenlandung führt mich in einen Transitraum: Stilles und oft nervöses Warten und Hin -und Herlaufen in beengten Verhältnissen, Hoffen, dass der Weiterflug pünktlich gelingt. Im Transitraum spielt sich unser Leben wie auf einer abgeschlossenen Insel ab, einer Sonderwelt, die wir nicht verlassen dürfen.

Die Zwischenetage, auch Mezzanin genannt
In dem Wort ist enthalten das italienische Wort „mezzo“, „halb“. Die Zwischenetage befindet sich meist zwischen Erdgeschoss und Beletage, dem ersten repräsentativen Stockwerk. Die Zwischenetage hat niedrige, kleine, eher dunkle Zimmer, sie wurden in Gründerzeiten von den Bedientesten der Beletage bewohnt. Die Herrschaften waren etabliert, sie kannten architektonisch kein „Zwischen“-, während die aus der Fremde stammenden Bedientesten des Mezzanin auch existentiell im Zwischen lebten, zwischen dem Datum ihrer Anstellung und der oft willkürlichen Entlassung.

Die Zwischengrößen
Haben Sie eine ungewöhnliche Figur, lange Arme und kurze Beine, dicken Bauch und schmale Beine, dann brauchen Sie eine Zwischengröße. Der Kommerz der Bekleidungsindustrie denkt an alles und fördert auf seine Weise das Zwischen. Wer Zwischengrößen trägt, kann hoffen, alsbald wieder „normal“, also schlank, zu sein …oder er muss sich mit seinem Schicksal abfinden, modisch in das Normal nicht zu passen, also (da)zwischen zu sein.
Zum Zwischen in der Mode-Branche gehört auch der „Übergang“, in der Form des Übergangsmantels oder der Übergangsjacke: Wenn der Sommer vorbei ist und der Winter noch keine Kälte mit sich bringt, flüchtet man sich in Übergangs-Mode. Diese ist förmlich ein „Wartezimmer“ der Bekleidung, das überbrückende Warten auf die „richtige“ und typische Jahreszeit Winter oder Sommer…

3.
Zwischen den Zeiten
Dazu gehört die übliche Floskel „zwischen den Jahren“: Weihnachten haben Leute schon fast als Jahresende erlebt, aber es steht noch das eigentliche End-Datum Silvester, bevor:
Das Ende des Jahres erzeugt oft Irritationen, unbewusst auch Ängste vor dem Ende überhaupt. Diese Angst überspielen viele mit dem angeblich fröhlichen Silvesterspektakel wieder zu. Aber es gibt die fünf Tage „zwischen den Jahren“, die irgendwie ortlos sind, sie müssen ausgefüllt werden mit allerlei ablenkenden Aktivitäten, mit meditativen (Verdauungs-)Pausen, in der Gestaltung langweiliger Besuche. Es ist eine träge Zeit einer diffusen Erwartung: Neujahr!

Zu „Zwischen den Zeiten“ gehört auch die „Pause“ , die zu als Freiraum zu genießen bekanntlich schwerfällt: Weil man inmitten der Pause doch oft daran denken muss, dass die „Pflicht“ der Arbeit, des Lernens, des Studiums alsbald und sehr schnell wieder das Leben bestimmt. Die Pause in der Opernaufführung ist dann wieder ein ganz kurzer Moment des alltäglichen Lebens – nach der „Verzauberung“ durch Musik und mit der Vorfreude auf die weitere Musik als „Entführung in „andere Welten“. Und nach dem „Opern – Erlebnis“? Wieder der Alltag mit seinen Zwischen-Stationen.

Zu „Zwischen den Zeiten“ gehören auch „Ferien“, oft auch eher bürokratisch Urlaub genannt. Ferien sollten Festtage und Ruhetage sein. Sie werden aber oft nur als etwas längere Pause im Arbeitsalltag erlebt: Er hat eine solche Macht, dass die Ferien nur als Fortsetzung und Variationen des Arbeitsalltags gestaltet werden. Nicht nur in Japan soll es Menschen geben, die aus Liebe zur Arbeit auf die Ferien verzichten… Diese Menschen wollen offenbar ständig die Einförmigkeit, die Monotonie ihres Lebens, sie haben Angst vor Brüchen in ihrer zeitlichen Existenz. Das monotone Leben haben auch Menschen, die sind so arm, dass sie sich keine Ferien-Zeit leisten können. Sie leben in der Monotonie des Immer-(bettel-)arm-Seins, zu der sie die neoliberale Ökonomie getrieben hat.

Der Zwischenbescheid
Die Behörden sind freundlich und bestätigen den Eingang des Briefes, der Beschwerde usw. und fordern uns auf, zu warten, bis der endgültige Bescheid irgendwann eintrudelt. Zwischenbescheide beruhigen eigentlich nicht. Sie suggerieren uns: Die Bürokratie in Deutschland meint es mit dir gut und sie ist noch nicht ganz tot. Und die nächsten Anträge müssen ausgefüllt und auf Zwischenbescheide gewartet werden.

Das Zwischengericht
In guten französischen oder spanischen Restaurants wird nach dem Hors d` Oeuvre das Zwischengericht gereicht, es ist der kulinarische Abschied von der kleinen Vorspeise in Erwartung der Präsentation des großen Haupt – Gerichtes. Diese Erwartungsspannung auf das „Eigentliche“ kann vom gegenwärtigen Genuss ablenken.
Nebenbei: Oft machen Zwischengerichte ihrem Namen alle Ehre, weil sie selbst von der Temperatur her „dazwischen“ sind: Weder heiß noch kalt, sondern eben lauwarm. Lau ist eine Zwischentemperatur, aber auch die charakterliche Eigenschaft von Menschen, die sich nie entscheiden können. Sollen sie nun zum Beispiel leidenschaftliche Kämpfer sein oder stille meditative Mönche: Beide Lebensformen wollen „laue Menschen“ nicht, sie erfinden ihr Lausein und sehen es als eine normale, übliche Lebensform ohne Höhen und Tiefen und Verpflichtungen.

Das Zwischenurteil
In den Behörden der Gerichte gibt es oft die Zwischenurteile: Das Landgericht spricht ein Urteil, aber es wird die nächste Instanz eingeschaltet, vielleicht sogar dann auch das Bundesverfassungsgericht. Das Gerichtswesen mit den stets noch zu korrigierenden Urteilen ist eigentlich selbst ein Zwischen-Wesen. Gegen ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes kann man nur den lieben Gott direkt – oder durch die Zwischen-Instanz Kirche ? – anrufen als den letzten und definitiven Richter.

Die Zwischenhölle
Aber auch der liebe Gott kennt – in der katholischen Version- sein Zwischen: Es gibt die Vor- Hölle, erfunden als Ort zwischen Tod und ewiger Verdammnis in der Hölle: Es gibt auch einen speziellen Zwischen – Ort, den Limbus puerorum, die Zwischenhölle der Kinder, erdacht von katholischen Theologen. Im Limbus befinden sich die ungetauft verstorbenen Babies. Sie sind verdammt, weil sie keine Taufe erlebten, also nicht von der total für alle Wesen geltenden Erbsünde befreit werden konnten. Papst Benedikt XVI. hat allerdings eine Zwischenlösung verordnet, indem er diese Zwischenhölle der ungetauften Kinder als ein nicht mehr als zum Glauben verpflichtendes Dogma definierte. Wie reformbereit doch dieser Papst war! Aber ganz abschaffen wollte Papst Ratzinger diesen himmlisch – höllischen Zwischenraum nicht. Er nahm Rücksicht auf die vielen naiv – reaktionären Katholiken, die gern an dieser Vorhölle – als Zwischenraum vor der endgültigen Verdammnis – festhalten…

4.
Unsere unvollständigen Hinweise zum vielfältigen alltäglichen Gebrauch des Wortes „Zwischen“ zeigen: Wir sind – nicht nur sprachlich – ständig umgeben und bestimmt von „Zwischen“ .Und diese Reflexionen auf das „Zwischen“ sind alles andere als philosophische Spielereien, sie können die Existenz insgesamt erhellen:
Denn mit jedem Gebrauch des Wortes Zwischen werden wir an die Übergänge mitten in unserem Leben erinnert.
Die Geburt ist ein entscheidender Übergang: Vom schützenden, nährenden Leib der Mutter treten wir in die sich langsam gestaltende Freiheit der individuellen Selbständigkeit ein. Aber auch der Prozess des „Erwachsenwerdens“ und das Leben als „Erwachsener“ ist immer von Übergängen bestimmt, von dem Zwischen des Abschieds von einer Lebensphase und dem Eintritt in eine neue.
Für uns ist die Erkenntnis wichtig: Die menschliche Existenz selbst selbst ist ein „Zwischen“, eine ständige Bewegtheit – zwischen einem ständigen Abschied und einem ständigen „Neustart“. Jeglicher Glaube an ein definitives Angekommensein, an ein endgültiges Etabliertsein auf dieser Lebenslinie wird zurückgewiesen.
Das lineare Zeitverständnis allerdings sollte aufgehoben werden von einer vertikalen Dimension, die als Transzendentes „in uns“ immer schon anwesend ist, in unserem Geist, in der Vernunft: Dieses innere Transzendieren reicht in eine größere, „ewige“ Transzendenz. Sie kann und soll die existentielle Unruhe des Lebens in den vielen Zwischenräumen zwar nicht aufheben, aber sie kann sie mit einem besonderen Sinn erfüllen.

5.
Wichtig bleibt: Ein lineares Zeitverständnis mit den vielen Zwischen – Zeiten und Zwischen – Räumen in unserem Leben führt zur Frage nach der Ganzheit unserer Existenz: Wir stammen von Eltern, die selbst erzeugt wurden, alle sind Geschöpfe, die ihre schöpferische Kraft weitergeben. Wir sind also nicht von unseren Eltern „erschaffen“, weil diese ja selbst Erschaffene sind.

6.
Um nicht nur vom Anfang unseres Lebens zu sprechen: Wir gehen auf ein definitives Ende unseres Lebens zu, das heißt auf das Verschwinden unseres Körpers …Etliche Philosophen lassen, wie es sich philosophisch gehört, diese Frage offen: Was denn „danach“ kommt für unseren Geist oder unsere Seele. Unser Körper wird in der Bestattung zu Asche verbrannt. Und einige fragen: Aber wird dabei auch Geist und Seele verbrannt? Oder sind sie als etwas Ewiges IM Menschen zu verstehen?

7.
In diesem Hinweis auf eine Philosophie anläßlich unserer Erfahrungen mit dem Zwischen fehlen noch gewisse Alltags – Sprüche, vielleicht „Weisheitssprüche“.
Zwei Beispiele:

Unsere LeserInnen müssen nicht die Kunst beherrschen, „zwischen den Zeilen“ zu lesen: Wir wollen klar und eindeutig sprechen. Wer zum Lesen „zwischen den Zeilen“ neigt oder wegen der politischen Verhältnisse dazu gedrängt wird, weiß: Im Text selbst wird Wichtiges verschwiegen: Etwa aus Angst vor der Zensur. Zwischen den Zeilen lesen, diese kaum zu lehrende Kunst des Verstehens, entwickeln Dissidenten. Und sie schreiben auch oft „zwischen den Zeilen“, verständlich für Eingeweihte, von der dummen Zensur übersehen. Man denke an Christa Wolfs großen Roman, in der DDR verfasst, „Kassandra“. Wer nur zwischen den Zeilen schreiben darf, verschleiert auch sein eigenes Elend im Unrechtsregime. Lebst nicht gesund…Also: „Zwischen“ kann auch auf die stets gefährdete Existenz aufmerksam machen.

Oder: Zwischen zwei Stühlen sitzen: Wer eine besondere politische, kulturelle oder religiöse Meinung hat, etwa: wer links ist, aber aus guten Gründen weder zur SPD noch zur KPD neigt, der sitzt zwischen zwei Stühlen. Wird als Rebell bezeichnet etc.. Manche Literaten schreiben so ungewöhnlich, dass sie „zwischen allen Stühlen der literarischen Formen sitzen“, vielleicht gilt das für DADA oder den Surrealismus.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Jon Fosse: Das wundersame Leben

Über die Trilogie „Vaim“ von Jon Fosse

Ein Hinweis von Christian Modehn am 27.1.2026

Dieser Hinweis will durch seine knappen Erläuterungen eine Ermunterung und Anregung sein, „Vaim“ von Jon Fosse zu lesen.

1.
Der neueste Roman des norwegischen Literaturnobel – Preisträgers Jon Fosse hat den Titel „Vaim“: Er bezieht sich auf ein fiktives Fischerdorf in Norwegen. Die drei Kapitel der Erzählung von nur 145 Seiten stellen vier Personen in den Mittelpunkt: die beiden Fischer Jatgeir und Frank sowie Eline, die Frau, die die beiden Männer beherrscht und bestimmt. Von Elias, einem Freund von Jatgeir, handelt das eher kürzere zweite Kapitel.

2.
Der Roman „Vaim“ berichtet vom Leben dieser Menschen in Norwegen, aber sie ist keine begrenzte „norwegische Heimat-Story“.
Vaim ist vielmehr ein Text, der auf das „Wundersame“ im menschlichen Leben aufmerksam macht. Das „Wundersame“ im Sinne Fosses ist nicht das Wunderbare. „Wundersam“ ist für ihn das Erstaunliche, Überraschende, Zufällige, sogar Schicksalhafte im menschlichen Leben. Darauf will Fosse aufmerksam machen: Dieses „Wundersame“ ereignet sich in einem schlichten Alltag schlichter, einfacher Menschen. Sie sind selbst erstaunt und verwirrt, welche überraschenden, nicht geplanten, nicht erwarteten Konstellationen sich in ihrem gewöhnlichen Alltag ereignen. Und sie erleben als Fischer auf ihren Booten oft das erstaunliche Schöne und Friedvolle der Natur. Zu ihren Booten haben die beiden Fischer ein geradezu liebevolles Verhältnis, offenbar dankbar für die hilfreichen und sicheren Dienste der Boote.

3.
Der Text ist für einige LeserInnen vielleicht etwas schwierig zu lesen: Fosse setzt keine Punkte, lediglich Kommas strukturieren den Redefluss: Tatsächlich wird der Leser dadurch wie in einen Text-Fluss hineingezogen. Die Personen sprechen unmittelbar wie im O-Ton life ihre Gedanken und Gefühle aus. In einer schlichten Sprache schlichter Leute, die sich gern wiederholen und den Leser unmittelbar teilhaben lassen an ihrem Denken, ihrer Angst, ihrer Zweifel. Und mancher Gedanke wird, weil erstaunlich oder wundersam, oft hin und her gewendet und wiederholt.

4.
Die beiden Männer, beide Fischer, Jatgeir und Frank verdienen besonders Aufmerksamkeit der LeserInnen.
Jatgeir steht im Mittelpunkt des 1. Kapitels. Er ist als Jugendlicher in Eline aus seinem Dorf verliebt, ohne ihr dieses Verliebtsein offen zu gestehen. Aber er gibt einem seiner Boote den Namen Eline. Nach dem Tod seiner Eltern lebt er allein in dem ererbten Haus, er fährt mit dem Boot in die nächst größere Stadt. Dort hofft er die seine Nähutensilien, Faden und Nadel, kaufen zu können: Er landet schließlich in einem Modehaus, dessen Besitzer sich ihm gegenüber, dem etwas unbeholfenen Mann vom Lande, arrogant zeigen.Und sie sind so unverschämt und verkaufen ihm ihm die gewünschten Sachen zu einem Wucherpreis: Jatgeir ist darüber hoch erstaunt und wütend. Aber er hat nicht die Kraft, diesen Handel abzulehnen oder einen angemessenen Preis zu verlangen.

5.
Hier soll nicht die Erzählung nach-erzählt werden: Wichtig ist: Jatgeir ist ein schwacher Mann, er kann nicht Nein sagen. Als er wie im zwanghaften Verhalten dann auch in einem anderen Ort noch einmal Garn und Nähnadel kauft, wird wieder ein Wucherpreis verlangt: Jatgeir akzeptiert diese Unverschämtheit, er ist schwach, man möchte sagen, er ist existentiell ermüdet. Das gilt vor allem auch, als er plötzlich die alt gewordene Eline trifft, die heimliche Liebe aus der Jugend. Sie tritt unwiderstehlich fordernd auf, will unbedingt mit dem Boot Jatgeirs in dessen Dorf reisen und dort bei ihm einziehen. Sie hat sich ganz plötzlich von ihrem Mann („Frank“) getrennt … und will unbedingt zu Jatgeir. So fährt Eline also mit Jatgeir auf dessen Boot davon, mit dem Namen Eline…Und Jatgeir beugt sich seinem Schicksal, das ihm diese Frau zuweist. Wundersame Konstellationen…

6.
Eline, die alles bestimmende Frau, die keine Widerrede duldet, die wie eine Art Schicksalsengel auftritt: Das gilt auch für die Begegnung mit Olaf in einer Kneipe in der großen Stadt, davon spricht das dritte Kapitel. Ein Olaf sitzt mit seinen Fischer – Kollegen in der Kneipe, Eline stürzt förmlich auf ihn zu und nennt ihn einfach Frank. Olaf erhält also von Eline den neuen Namen: Frank! Olaf kann sich dagegen nicht wehren. Er gilt von nun als Frank, wird also mit dem neuen Namen förmlich eine andere Person, auf Befehl Elines. Mehr noch: Eline befiehlt Frank, die Kneipe zu verlassen und mit ihr in Franks Haus zu fahren: Denn sie hat beschlossen, mit Frank zu leben. Und Frank hat keine Kraft, Nein zu sagen. Wundersame Dinge geschehen mit diesen beiden Männern, wundersam, was sie alles so mit sich machen lassen. Sie sind förmlich dem „Schicksalsengel“ Eline hilflos ausgesetzt… Auf S. 150 heißt es in den Worten Franks über das wundersame Verhalten Elines, die nun plötzlich doch wieder mit ihm zusammenleben will: Frank also denkt sich:„Ich versteh, dass das, was ich will oder nicht will, nichts zu bedeuten hat, Elines Wille herrscht, jetzt wie früher, jetzt wie immer, was ich auch meinen und sagen sollte, ja es zählt nicht im geringsten, so war es, und sie ist es, und so wird es wohl auch bleiben, denke ich.“ Eine Art unveränderbarer Ewigkeitsaspekt wird da im Verhalten Elines angedeutet, fast eine göttliche, eine nicht zu korrigierende Allmacht. Das Wundersame im Sinne von Fosse kann auch furchtbar sein…Wobei man sicher nicht darauf abheben sollte, dass nun eine furchtbare Frau herrscht über existentiell müde, erschlaffte Männer. Es wird die Realität der Herrschaft angesprochen, die Menschen „so einfach“, mitten im Alltag über andere ausüben, wenn diese anderen denn müde und erschlafft sind und nicht mehr Nein sagen können. Das ist auch ein Stück Gesellschaftskritik, nicht nur Kritik an gehorchenden, müden Männern oder tyrannisch wirkenden Frauen.

7.
Wundersam ist das ganze zweite Kapitel: Da steht Elias im Mittelpunkt, der sehr einsam und ziemlich verwahrlost in seinem Häuschen, in Vain, dort wohnt auch Jatgeir, der Freund. Die LeserInnen haben Anteil an der tiefen Irritation des Elias: Er hört das ständige Klopfen an seiner Tür, will nicht aufmachen, öffnet nach langem Hin und Her schließlich doch: Dann tritt sein Jatgeir ein, ein seltener Gast, der aber schnell wieder sich verabschiedet: Elias ist total irritiert über diesen wundersamen Besuch. Schließlich hört er später von Leuten am Hafen, dass Jatgeir längst tot aus dem Meer geborgen wurde. Hat Elias also geträumt, hatte er Halluzinationen? Der Autor lässt das offen, er will den Sinn wecken für das Ungewöhnliche mitten im Alltag einsamer Menschen, es geht auch hier um das plötzliche Eintretende, das Erstaunliche…das „Wundersame“.

8.

Dieses Interesse des Autors Jon Fosse am „Wundersamen“ hat nichts mit spinöser Esoterik zu tun. Es werden nur Erfahrungen im Alltagsleben existentiell – ermüdeter Menschen (Männer) ausgebreitet, die hilflos neurotisch – autoritären, übergriffigen Menschen ausgesetzt sind. Und diese Erfahrungen müssen einmal mehr dargestellt werden. Als Aufklärung, als Warnung. 

9.
Jon Fosse äußert sich öffentlich explizit als Christ, in Norwegen ist er im Jahr 2012 zum Katholizismus konvertiert. Von daher ist es für uns nicht erstaunlich, dass am Rande auch das Gebet in der Erzählung Vaim erwähnt wird. Jatgeir erzählt etwa, das Vater Unser regelmäßig zu beten. Und vor allem Elias ist mit der Kirche in Vaim verbunden, mehr aber mit dem „Bethaus“, was immer „Bethaus“ bedeuten soll. Vielleicht will Fosse sagen: In den großen Kirchengebäuden der lutherischen Staatsreligion in Norwegen wird eher zu wenig gebetet, „wirklich“ gebetet wird in den kleinen Kapellen, den Bethäusern der eher am Rande lebenden kleinen Konfessionen.
Und Frank, der sich selbst nicht als „besonders gottgläubig“ (S. 156) versteht, setzt dann doch als seinen Erben das Bethaus zu Vain ein. Im Rückblick sagt der alte Frank, nachdem auch Eline gestorben ist: „Ich bin nie zu einem anderen Schluss gekommen, als das all das wundersam war“. Und er wollte diese seine Weisheit sogar auf seinen Grabstein setzen lassen, entschied sich dann für etwas Schlichteres: Nur ein Kreuz sollte auf dem Grabstein sichtbar sein und sein eigentlicher, sein wahrer Name Olaf darauf stehen.

10. ERGÄNZUNG am 29.1.2026:

Einige LeserInnen dieses Beitrags haben gefragt: Ist es denn nicht etwas sehr Fremdes, Fernes, ja sogar Konstruiertes, wenn Jon Fosse unser Interesse auf das Wundersame, Erstaunliche mitten im Leben lenkt? Ich will diese Frage weiterführen mit einem Hinweis auf eine zentrale Aussage der belarussischen Oppositionellen Maria Kalesnikava.

In einem Gespräch mit Sandra Maischberger am 28.1.2026 in der ARD äußerte sich Maria Kalesnikava über die sechs Jahre in den Gefängnissen des belarussischen Diktators Lukashenko, auch über ihre Einzelhaft.
Maria Kalesnikava wurde nach Verhandlungen (einem Wirtschaftsdeal mit Trump) überraschend im Dezember 2025 entlassen, sie lebt jetzt in Deutschland.
Erstaunlich bleibt ihr Bekenntnis, in welcher Weise sie die Jahre der strengen Einzelhaft, ohne direkten Kontakt zur „Außenwelt“, überleben konnte. Maria Kalesnikava sagt u.a.:
„Ich habe auch in der kompletten Isolationshaft mich nie allein gefühlt. Ich habe immer Unterstützung von der Familie, von Freunden, von Kollegen weltweit gespürt. Ich war sicher, dass wir Menschen bleiben immer zusammen, egal, dass es nun diese Grenze, diese Wände (der Zelle) gibt. Das trennt uns nicht, macht Liebe, Freundschaft, nicht kaputt. Ich hab mich nie allein gefühlt.“

Maria Kalesnikava hat sich in ihrer Isolationshaft durch die Kraft ihres Geistes gestärkt gefühlt, weil sie fest der Überzeugung war: Es gibt liebe Menschen, die an mich denken. Es gibt mit ihnen eine geistige Verbundenheit, die mein Leben rettet. Soll man diese Erfahrung nicht auch wundersam nennen?

Zum TV Beitrag selbst:   LINK 
Jon Fosse, „Vaim, Roman.“ Rowohlt Verlag ,2025, 156 Seiten, 24€. Aus dem Norwegischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Philosophieren im Urlaub: Arbeit oder Erholung?

Ein Plädoyer fürs Philosophieren – auch in den Ferien
Von Christian Modehn am 27.7.2025

1.
Einige Stunden in der Ferienzeit als Philosoph(In) zu erleben, ist vielleicht ein ungewöhnlicher Vorschlag. Der Einwand kommt gleich: Ist denn nicht Philosophie etwas Anstrengendes, ist sie also in gewisser Hinsicht Arbeit? Und wollen wir uns Arbeit zumuten im Urlaub, der doch eher von der Lust am Nichtstun und Spiel, von der Lust an der Entspannung und Faulheit bestimmt sein sollte!
Vielleicht kann aber Philosophie zur Erholung beitragen, wenn man sie als eine besondere Form des Spiels versteht, des Gedankenspiels, als Freude am Fragen, am Zweifeln, am genauen Hinschauen und Verweilen … und als Freude darüber: Durch eigenes Nachdenken etwas mehr Klarheit im Leben erlangt zu haben. Diese Art, Heiterkeit und Klarheit durch eigenes Nach – und auch Voraus- Denken zu finden, nennen wir Philosophieren.

2.
Vorweg, um elementar für Klarheit zu sorgen: Philosophieren hat nichts zu tun mit Grübeln oder Phantasieren oder Tagträumen, was oft gemeint ist, wenn es in der Öffentlichkeit heißt: „Darüber könnte man lange philosophieren“. Etwa, ob der Verbrecher Putin irgendwann einmal selbst seine Kriege beendet…Philosophieren wird so zu etwas Irrealem, Utopischen, Spinösen, Zweifelhaften.

3.
Hingegen ist philosophieren die Praxis der Philosophie. Wie musizieren, bereits schon Klavier- oder Violine-Üben die Praxis der Musik ist. Ohne elementares Philosophieren gibt es keine Philosophie. Nun hat nicht jede(r) Philosophierende die Begabung oder die Zeit, seine Gedanken als „philosophisches Buch“ zu veröffentlichen. So wie auch nicht jeder, der Mozarts Sonaten übt, automatisch im Konzertsaal auftreten wird. Der Unterschied ist nur: Klavierspielen kann nicht jeder (lernen), hingegen Philosophieren ist eine Möglichkeit, die jedem und jeder gegeben ist. Man muss sie nur entdecken. Sie eröffnet auf ungeahnte Art grundlegende Erfahungen des Daseins. Ein Mensch kann unmusikalisch sein, der Mensch ist aber niemals unphilosophisch oder besser: „nicht-philosophierend“!

4.
Philosophieren ist etwas Elementares im Menschen, immer Gegebenes, Geschenktes, oft „schlummernd“, aber immer „aufzuwecken“. Bekanntlich ist der Mensch kein Tier wie etwa ein Hund oder ein Schwein, sondern ein, wie begrenzt auch immer, vernünftiges Wesen der Freiheit. Philosophieren als Leben des Geistes und der Vernunft geschieht immer: Und diese Erkenntnis stellt sich ein, wenn man wahrnimmt, dass jede unserer Entscheidungen Ausdruck unserer eigenen, oft gar nicht thematisierten Philosophie ist.
Ein Beispiel, und es ist ziemlich banal: Ob ich mir für 300 Euro eine Opernkarte für die schon dreimal gehörte „Entführung aus dem Serail“ kaufe oder ob ich diese 300 Euro einer Welthungerhilfe spende oder eine Gruppe von FreundInnen und Fremden (!) zum Essen einlade. In dieser Entscheidung zeigt sich meine Präferenz für bestimmte Werte, zeigt sich, was mir im Augenblick wichtig ist. Da wird mein philosophischer Lebensentwurf mir bewusst.

5.
Dabei wird deutlich: Wir Menschen entkommen sozusagen dem Philosophieren nie, wir sind ins Denken unüberwindbar immer förmlich eingelassen, jede Entscheidung ist Ausdruck unseres Lebensentwurfes. Selbst unsere Frage nach dem Wetter, kann eine philosophische werden, wenn uns bewusst wird: Warum sprechen wir mit anderen so gern übers Wetter? Fällt uns nichts anderes ein?

6.
Und wie ist es nun im Urlaub? Philosophieren beginnt dann etwa mit der Frage: Will ich mir wie seit 3 Jahren bei mir üblich die 40 Grad im Juli in Griechenland in einem überfüllten Hotel wieder zumuten? Mich dem Streß des Fliegens aussetzen und durch diese Form des Reisens die klimaschädlichste Art jeglicher„Fortbewegung“ überhaupt wählen? Oder will ich es wagen, in meiner nahe oder weiten Nachbarschaft, in kühleren Regionen hoffentlich, spazieren zu gehen, einmal in Ruhe die Umgebung und vielleicht die Museen kennenzulernen, vor allem die Natur dort zu erleben oder in Ruhe zu lesen … und eben … zu philosophieren. Und das heißt: In einem ruhigen Raum oder inmitten der Natur die Fragen zuzulassen, die sich dann wie von selbst aufdrängen: Warum ist die jetzt erlebte Ruhe und Stille eigentlich so hilfreich und wohltuend in meinem Leben? Warum berührt mich die Natur in ihrer steten Wandlung? Was bewegt mich da eigentlich etwas schon zu finden? Ist es die Schönheit der Blumen? Oder ihre Vergänglichkeit? Fühle ich mich eins mit der Natur? Was bedeutet deren Werden und Vergehen eigentlich? Jetzt bin ich im Urlaub unterwegs, aber bin ich nicht in Wahrheit immer unterwegs? Aber immer anders unterwegs, bloß: wohin denn? Was ist eigentlich mein Ziel? Wenn ich diese sich aufdrängenden Fragen zulasse, sie bedenke, also reflektierend hin – und herdrehe, an manchen Eindrücken und Erkenntnissen zweifle, dann bin ich schon mitten im Philosophieren.

7.
Aber ist dieses Philosophieren im Urlaub denn nun Arbeit, Denkarbeit? Das Sortieren der Begriffe, das Abwägen der sich mir aufdrängenden Argumente, ist tatsächlich eine Art Arbeit, sie verlangt Konzentration und Mut zur Abwehr jeglicher Ablenkungen. Aber ich verlange niemals von mir, im Urlaub philosophierend, einen langen Essay über Grundprobleme, etwa den Sinn des Lebens im allgemeinen, zu schreiben. Eine definitive Antwort auf die Frage: Was ist Wahrheit? werde ich auch im Urlaub nicht finden. Sich an diese Themen im Urlaub von 3-4 Wochen zu wagen, wäre anstrengende Arbeit, Denk – Arbeit, verbunden mit Lektüren, vielen Fach – Gesprächen, dem Setzen von Fußnoten usw.

8.
Aber zur Ruhe kommen, innehalten, die Umgebung betrachten, die Natur wahrnehmen, ihr in Stille (Kontemplation)  begegnen; eine gotische Kathedrale oder eine Barockkirche betrachten und neugierig erleben und nicht nach drei Minuten wieder verlassen, weil man eine „Sehenswürdigkeit“ abhaken kann auf einer so gfurchtbaren „to-do-Liste“ im Urlaub: Es gibt eine „alternative“ Tätigkeit im Urlaub und sie ist ein Vergnügen, keine Arbeit. Die ist ein zweckfreies Verhalten, ohne Leistungsdruck, ohne den üblichen „Zeitdruck“, ohne Kontrolle durch einen Chef etc.… Im Philosophieren bin ich völlig frei, mir bislang ungewöhnliche Fragen zu stellen und dabei förmlich aus der Zeit herauszutreten.  Wenn ich in einer Barockkirche zur Ruhe komme: Kann mich die Bilderwelt erdrücken, die Frage lass eich zu: Warum sieht man überall Darstellungen der „Jungfrau Maria“. Ist Maria vielleicht doch eine geheime Göttin im Katholizismus?

9.
Die Auswahl der Themen inmitten eines philosophierenden Alltags im Urlaub  ist endlos. So weit und bunt wie das Leben, so vielfältig wie das Leben des Geistes, der Vernunft und unserer Gefühle. Philosophieren lebt nur von dem Mut, sich seine eigenen Gedanken zu machen und auch vorläufige Erkenntnisse, wenn nicht vorläufige Wahrheiten wie ein Geschenk des Nachdenkens anzunehmen. Für Kant war das philosophische Denken auch eine Frage des Mutes! („Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“).
Nur ein Mensch, der selbst philosophiert, wird mit anderen dann auch philosophieren wollen und können. Dialoge der Philosophierenden können inspirierend sein, am besten in kleinem Kreis, wenn man einander respektiert und auch das Zuhören schätzt oder die  „Denkpausen“ des Schweigens nicht als peinlich deutet. Absolute Wahrheiten wird man auch dann nicht entdecken, aber die Vielfalt der Blickwinkel respektieren und aus die eigene begrenzte Sichtweise gegen eine andere natürlich auf andere Art auch begrenzte Sichtweise tauschen, die alsbald aber auch überwunden wird…im Philosophieren.

10.
Manche „philosophierende Anfänger“ sagen mir: Wie sehr es ihnen Denk – Freude bereitet, in der deutschen Sprache einige tatsächlich in die Tiefe führende Worte und Begriffe mit neuem Erstaunen wahrzunehmen und dann philosophierend „auseinanderzunehmen“.
Immer wieder wird dann das Verb „Aufheben“ genannt, das sich als „hoch-heben“, aber auch „ungültig machen“, aber auch als „bewahren“ zeigt. Hegel liebte das Verb aufheben sehr.
Oder: Wiederholen: Ich hole etwas wieder …hole es in meine Gegenwart hinein. Oder auch: Ich repetiere eine alte Erkenntnis, wiederhole übend ein Klavierstück. Oder: Ich besorge, hole mir, etwas Verlorenes wieder…
Oder man denke an das Verb gedenken, das etwa bei Walter Benjamin die Zuspitzung des Ein-Gedenkens erhält. Und damit kann gemeint sein: Das Erinnerte in den eigenen Geist hin-ein-nehmen, also nicht bloß oberflächlich etwas Vergangenes zur Kenntnis nehmen, also bloß historisch – faktisch an Daten denkend gedenken, sondern eben ein-gedenken, d.h. das Erinnerte mit dem eigenen Geist verbinden, das Erinnerte in den eigenen Geist, ins eigene Leben, in die eigene Gefühlswelt hineinnehmen… Sich hineinversetzen….

11.
Oder man philosophiere gerade bei einem Aufenthalt als Tourist im Ausland über „den Fremden“. Wenn ich über die deutsche Grenze gehe, bin ich im Ausland. Dann bin ich in der Fremde, bin ich ein Fremder. Früher mietete man in Pensionen „das Fremdenzimmer“. Aber auch innerhalb Deutschlands, meiner „Nicht – Fremde“, kann ich schnell in der Fremde sein und zum Fremden werden: Ich fühle mich entsetzlich fremd unter religiösen Fundamentalisten aller Konfessionen und Religionen, ich fühle mich absolut fremd unter klassischen Nazis und den nur noch auf die Machtübernahme sinnierenden Nazis der AFD. Fremd können mir auch einige Familienmitglieder werden. Und dann folgt eine andere philosophierende Wahrnehmung: Wer Fremde, etwa Flüchtlinge, als die Anderen, die „nicht zu mir/uns gehören“, in „meinem“ Land als Bedrohung erlebt und diese Menschen rausschmeißen will, vergißt: Dieser nationalistische Feind aller Fremden ist selbst fast überall – auch in seiner eigenen Selbstwahrnehmung – ein Fremder. Wer dann noch weiter denkt, dem zeigt sich wie eine politische Forderung: Es kommt darauf an, Gesellschaften und Staaten so zu gestalten, in der alle Menschen human und gleichberechtigt leben können, im Wissen, dass jeder und jede eigentlich fast immer  fremd oder befremdlich ist: Zunächst ist jeder Mensch ein Fremder, durch Verständnis und Toleranz kann jeder remde zum Freund werden.
In dieser ungerechten Welt ist es üblich, dass es „wertvolle Fremde“ gibt, also finanzstarke Fremde, zu denen die Europäer oder die Nordafrikaner gehören, die weltweit explizit als Fremde auftreten können und dann auch erwarten, dass sie im Gastland etwa in Peru oder Ghana als Menschen gut behandelt werden. Nur haben diese „wertvollen Fremden“ sich mit ihrem Geld das Recht erobert, ohne Mühe wieder aus den Ländern des globalen Südens , Peru oder Ghana, ausreisen zu können. Die „demokratischen“ Gesetze der „wertvollen Fremden“ verbieten es aber ihren Gastgebern im globalen Süden, ihrerseits problemlos zu reisen und sich in der Fremde niederzulassen.

12.
Auch das ist zentral beim Philosophieren im Urlaub: Es ist die überraschende Kraft der menschlichen Vernunft: Wir denken etwas, und und gleichzeitig schaut unsere Vernunft auch noch begrifflich auf unser Denken und ihr Resultat: Und stellt die Frage: Stimmt das Wahrgenommene und Gedachte und Erkannte? Unser philosophierendes Denken korrigiert sich also von selbst, man muss es nur zulassen, um immer wieder neue Wahrheiten zu entdecken.

So wird unser Leben zu einem Unterwegssein … zu immer neuen Erkenntnissen oder auch Wahrheiten, die vielleicht umgriffen sind von dieser bleibenden Wahrheit: Der Mensch sollte nie stagnieren, sich nie fixieren. Er sollte also immer ein Reisender sein. Die Alten, die religiösen Menschen zumal, sagten: Der Mensch ist immer ein Pilger.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Weil Freiheit nicht nur profan ist, darum gibt es auch in der Moderne Metaphysik.

Ein Hinweis auf den Philosophen Dieter Henrich.

Von Christian Modehn.

1.
Dieter Henrich ist einer der maßgeblichen Philosophen, zumal, wenn nach den Strukturen und Gründen des Selbstbewusstseins im Sinne Kants, Fichtes, Hegels gefragt wird. Diese Frage ist alles andere als „veraltet“. Sie ist vielleicht eine Provokation, angesichts der heutigen Herausforderungen der empirischen Psychologie, der Gehirnforschung, der künstlichen Intelligenz usw. Aber Formen und Inhalte der „klassischen“ philosophischen Erkenntnisse zum geistigen Selbstbewusstsein des Menschen können als Voraussetzung gelten für die genannten aktuellen mehr empirischen Studien und Experimente zum Selbstbewusstsein.
In hohem Alter hat Henrich eine Autobiographie in der Form eines Interviews veröffentlicht. „Ins Denken ziehen“ ist der Titel. Das Buch wurde 2021 im C.H.Beck Verlag veröffentlicht.
Am 17.12. 2022 ist Dieter Henrich im Alter von 95 Jahren gestorben.

2.
Der Schwerpunkt der Philosophie Henrichs: Das Selbstbewusstsein des Geistes bzw. der Vernunft im Individuum, Subjekt, und die damit gegebene Kommunikation mit anderen. Die Analyse des Selbstbewusstseins führt notwendigerweise zur Frage nach einem alles Gründenden (Absoluten) und einem „letzten Halt“ im Leben.
Die LeserInnen können sich tatsächlich „ins philosophische Denken ziehen“ lassen, und zwar, wie bei Dieter Henrich üblich, auf sehr anspruchsvolle, hier aber gut nachvollziehbare Weise.

3.
Uns interessieren zwei Themen, die Henrich im Gespräch etwas ausführlicher darlegt:
Das erste Kapitel unserer Hinweise bezieht sich auf die Frage: Was ist eigentlich Philosophie, also eine „Philosophie der Philosophie“.
Das zweite Kapitel bezieht sich auf das Fragen nach dem Absoluten.

1. Kapitel: Hinweise zu einer Philosophie der Philosophie

4.
Was führte Dieter Henrich in die Philosophie? Dies ist eine Frage, deren Antwort wahrscheinlich für alle bedeutsam ist: Henrich schreibt: „Es kommt (in der Philosophie) darauf an, dass man, einmal aufgeschreckt, über sich selbst verwundert bleibt.“ (S. 272). Und weiter: Ohne einen „Bruch“ innerhalb bisheriger Lebensentwürfe, also ohne einen Abschied von bisherigen Denkgewohnheiten, gelangt man nicht ins Philosophieren. (vgl. S. 70).
5.
Unnötig zu sagen: Philosophie ist für Henrich durchaus eine Wissenschaft, er war viele Jahre Professor für Philosophie an verschiedenen Universitäten in Deutschland und auch in den USA.
Aber es ist überhaupt keine Frage: Philosophie ist für ihn eine besondere, von allen Wissenschaften verschiedene Wissenschaft: Sie befasst sich reflektierend – kritisch mit den bedrängenden Lebensfragen und Zweifeln, selbst wenn sie zu ausführlichen historischen Studien, etwa zu Kant und Fichte führt. Aber als Wissenschaft, die sich auch mit dem Wesen der Freiheit und den Grenzen der Erkenntnis des endlichen Menschen befasst, kann Philosophie nicht demonstrative Erkenntnisse oder unbezweifelbare, evidente Lehrsätze“ bieten (S. 24). „Man wird also der Wahrheit (nur) über das Abwägen von Alternativen und Ambivalenzen auf die angemessenste Weise nahe kommen“ (S. 213)
Es geht immer um „das Sich-Verstehen (des Menschen) gerade an Grenzen, wo es nur tastende Antworten geben kann, die in Erfahrungen und selbst erwogenem Wissen gestützt sein müssen“ (S. 44).
Der Philosoph, Dieter Henrich, äußert sich also nicht über etwas am Schreibtisch „Ausgedachtes“ (S. 18), sondern über etwas mit den eigenen reflektierten Lebenserfahrungen Verbundenes, sich im Dasein Aufdrängendes.
6
Henrich betont mehrfach, dass jeder Mensch philosophiert, weil er Geist, Vernunft, Selbstbewusstsein hat. Man muss das eigene gründliche und kritische Nachdenken aber nicht explizit Philosophieren nennen, um tatsächlich zu philosophieren. (Vgl. S. 265 und 268).
Schon in seinem Buch „Die Philosophie im Prozess der Kultur“ (2006) hat Henrich mehrfach gesagt: „Zu philosophieren ist Sache aller Menschen“ (S. 78). Erstaunlich auf S. 91: „Die Philosophie wird auch dem einfachen Menschen den Titel Philosoph nicht streitig machen, der Lebensweisheit verkörpert und auf seine Art auch mitzuteilen versteht“ (S. 93). „Man muss dem Faden nachdenken, der das eigene Leben zusammenhält. Insofern ist jeder Mensch genötigt und dazu nobilitiert, selbst zu philosophieren“ (S. 268 im Buch „Ins Denken ziehen“).
Philosophieren und Lebensgestaltung sind für Henrich zwar verbunden, aber er sieht sich als Philosoph nicht als Therapeut, sondern „eher als Hilfe, vielleicht als Beistand auf der Suche nach dem eigenen ganzen Verstehen“ (S. 272). Jedenfalls ist Philosophie für Henrich „keine Auskunftsagentur für schwierige Fragen“…
7.
Was leistet also Philosophie, die im tätigen Philosophieren ihren Grund und ihr Leben hat? Sie bringt Klarheit, mehrfach spricht Henrich von „Licht“. Ein wunderbares Wort, um die Leistung von Philosophie zu benennen…
Philosophieren leitet dazu an, Distanz zu gewinnen zur Übermacht der Objekt-Welt… und zu sich selbst. Sie klärt die oft ungenannten Hintergründe der kulturellen Produktionen auf…Philosophie als lebendiges Philosophieren ist also Ausdruck der Humanität. D.h.: „Es geht um die Empathie für die Möglichkeiten ebenso wie für die Schwächen der anderen – bei gleichzeitigem Wissen von der eigenen Schwäche und dem mühsam oder glückhaft gefundenen eigenen Weg“ (S. 75 „Ins Denken ziehen“).

2.Kapitel: Die Frage nach dem Gründenden, dem Absoluten, der Religion.

8.
Die Erkenntnis der „Subjektivität als Wissen von sich selbst“ führt immer auch auf die „Unverzichtbarkeit letzter Gedanken“, also zu „Gedanken, die ehedem unter dem Namen Metaphysik standen“ (S. 213). Dies ist die Grundevidenz Henrichs: „Es herrscht im menschlichen Wesen das Bedürfnis, sich im bewussten Leben auf ein Unbedingtes zu beziehen…“ (S. 269). „Wir müssen unsere Erkenntnis als endlich betrachten und zugleich den Gedanken hegen, dass etwas als wirklich zu denken sein muss, was nicht auf endliche Weise erkannt werden kann. Damit wird es legitim, Grenzgedanken zu entfalten. So macht es Sinn, das Unendliche auch überpersönlich zu verstehen…“
9.
Freiheit ist also immer ermöglichte Freiheit, Freiheit ist nicht aus einer „Selbstmacht des freien Subjekts“ initiiert“ (S. 17).
Das aber heißt: Wer sich mit dem bewussten Leben als Selbstbewusstsein befasst, „ kommt nicht umhin, die kulturelle Tatsache der Religionen verstehen zu wollen“ (S. 43). Wenn die philosophische Analyse der Freiheit zentral ist: Dann zeigt sich in der Entfaltung der Freiheit:„Freiheit ist nicht etwas rein Profanes. Sie hat wesentlich eine metaphysische Dimension“ (S. 23).
10..
Wenn Henrich von Religion spricht, dann meint er die von Kant beschriebene Religion, und die hat sich von Magie, Dogmenbindung, Kirchenhierarchie und Zauber befreit (vgl. S. 22, auch 24 und 32).
So ist die Bibel als ein literarisches Buch für den Philosophen durchaus inspirierend, aber die Bibel kann nicht als heiliges Buch gelten. Sie ist „kein kanonisches Buch“ (S. 30).
11.
Der Philosoph kann nicht die bestehende Kirchenfrömmigkeit stützen, er kann nur die Bedeutung des Transzendenten und Alles Gründenden aufzeigen. Für das Gebet als Form der Poesie hat Henrich durchaus Verständnis (S. 32), in der Vermutung, dass der über-persönliche erfahrene Lebensgrund, das Absolute durchaus „einer endlichen, menschlichen Zuwendung entsprechen“ kann (S. 32), wobei dieses Entsprechen als mögliches „Spreche“ (?) des Absoluten zwar angedeutet, aber nicht weiter erklärt wird.
12.
Das führt zu der Frage nach dem letzten (entscheidenden) Halt im Dasein. „Der für einen Menschen beste Halt beruht auf Implikationen von Erfahrungen, die für ihn unhintergehbar geworden sind“ (S. 18). Das heißt, entscheidend für einen letzten Halt im Leben ist das Erleben und Erkennen eines absoluten Grundes als der Ermöglichung von subjektiver Freiheit. Diese Verwiesenheit auf einen absoluten Grund kann durchaus zu einer persönlichen Religiosität führen, betont Henrich. Aber für ihn bleibt unzweifelhaft: „Philosophie kann als solche nicht in einen religiösen Kultus eintreten und sich in ihm erhalten. Sie wird immer auf Klarheit der Gedanken, Stimmigkeit und allseitige Abgewogenheit der Begründungen und vor allem auf verstehende Durchsicht des Lebens statt auf Erhebung, Erlösung oder Heiligung des Individuums hinausgehen“ (S. 43).

3. Kapitel: Biographisches

13.
Ist Henrichs Philosophie, so wie sie sich im Interview-Buch „Ins Denken ziehen“ zeigt, politisch? Sie enthält keine unmittelbare parteipolitische Aufforderung. Aber Henrich weiß, dass seine Reflexionen zur Freiheit des Menschen, vor allem die Erfahrung der „ermöglichten Freiheit (S. 17) „als eine Energie erfahren werden, die in eine große Befreiungs- und Aufklärungsbewegung münden kann“ (vgl. S. 17). Über den politischen Zustand der Bundesrepublik hat sich Dieter Henrich, nach eigenem Bekenntnis eher der SPD verbunden, mehrfach geäußert…(vgl. auch S. 202). Interessant sind auch die Hinweise Henrichs zu seiner Hochschätzung Berlins, wo er zu Beginn der 1960er Jahre an der FU lehrte und Diskussionen mit Philosophen der DDR führte. Interessant auch Hinweise zu Aufenthalten in Moskau. Als Präsident der Internationalen Hegel-Vereinigung setzte er sich im Zentrum des Kommunismus für ein offnes Verständnis Hegels ein.
14.
Diese Hinweise folgen den beiden eingangs genannten Fragen, klar ist, dass das Buch darüberhinaus viele Erkenntnisse vermittelt zu Henrichs Kindheit und Jugend, zu seiner liebevollen Verbundenheit mit seinen Eltern, zu seiner philosophischen „Laufbahn“ an den Universitäten, zur Einschätzung etwa seines wichtigen Lehrers Gadamers. Oder auch die Hinweise zu Heidegger sind interessant, etwa: „Mit dem Mann wirst du dich nie einlassen“ (S. 95).

4. Kapitel: Eine Summe:

15.
Dieter Henrich ist ein klassischer europäischer Philosoph, auch wenn er viel Interesse an analytischer Philosophie zumal in den USA hatte. Zu Themen der interkulturelle Philosophie veröffentlichte er meines Wissens nicht. Auch Fragen der Ethik entwickelte Henrich in dem Zusammenhang leider nicht.
Sein begründetes Eintreten für eine vernünftige Form metaphysischen Denkens verlangt viel Beachtung heute, wobei er als Protestant, wie er im Buch immer wieder betont (zumal im Zusammenhang seiner Tätigkeit in München an der LMU), eine große Nüchternheit gegenüber kirchlichem Überschwang und Dogmatismus hat: Die von Henrich entwickelt Metaphysik ist eine bescheidene Metaphysik, immer gebunden an die Erfahrungen des endlichen Menschen in dessen endlicher Freiheit. Henrichs metaphysische Überlegungen haben jedenfalls nichts religiöses, sie sind keine philosophische Religion. Aber sie können vielleicht gerade deswegen den modernen Menschen bewahren zu schnell zu behaupten, die Moderne sei nach-metaphysisch, also ohne Metaphysik zu verstehen. Diese Behauptung vieler hat Henrich begründet zurückgewiesen. „Ich werde im philosophischen Denken nicht glücklich, aber ich bin doch eher gesammelt als zerrissen.“ (S. 269).

5. Kapitel: Zum Titel dieses Hinweises:

Der Titel ist eine Kurzfassung eines Zitates von Henrich:
„Die Freiheit ist nicht etwas rein Profanes. Sie hat wesentlich eine metaphysische Dimension. Auch darum kann die Moderne gar nicht als nachmetaphysisch definiert werden“ (Seite 23 in „Ins Denken ziehen“). Damit setzt sich Dieter Henrich entschieden von Jürgen Habermas und Ernst Tugendhaft ab (vgl. S. 213).

6. Kapitel: Grenzen und Kritik der Reflexionen Henrichs:

Auf die Grenzen der Philosophie des Selbstbewusstseins von Dieter Henrich soll kurz hingewiesen werden: Das Subjekt, der einzelne Mensch, das „Ich“, steht am Beginn und im Mittelpunkt der Reflexionen Henrichs. Das liegt nahe, wenn man sich auf Kant, Fichte und Hegel konzentriert.

Aber es muss über Henrichs Studien zum Selbstbewusstsein hinaus gefragt werden: Ist langfristig, als Wirkungsgeschichte und Rezeptionsgeschichte, diese Konzentration auf das Ich zu einer Ideologie geworden? Einer Ideologie, die als Liberalismus (Schutz des einzelnen, des Ich, des Ego) ihr gutes Recht einst hatte als Kampf gegen Formen des Despotismus im Staat. Die aber dann in den letzten Jahrzehnten zum Neoliberalismus entartete, als der rücksichtslosen Herrschaftsform der Superreichen Egos. Sie setzen sich mit aller Gewalt im Kapitalismus heute durch und pflegen äußerst „selbstbewusst“, gegen die humanen Grundsätze der (auch ökologischen) Gerechtigkeit, ihren Profit. Die Gier der neoliberalen Super-Egos könnte elementar gebremst und begrenzt werden, wenn sich diese Herren auf die Endlichkeit ihres eigenen Lebens und Denkens besinnen könnten. Und durch die Erkenntnis, dass sie ihren Luxus nur durch die Arbeitsleistung anderer, oftmals Ausgebeuteter, haben… Aber das zu erwarten ist wohl nicht mehr als eine ferne Hoffnung auf die Wirkkraft philosophischer Reflexionen. Man sollte also eher von einer faktischen, einer politischen Niederlage der Vernunft sprechen. Aber Vernunft als Vernunft, als Geist, als philosophische Reflexion kann niemals und von niemandem ausgelöscht werden. Insofern bleibt uns die elementare Form der Philosophie des Selbstbewusstsein (durch Dieter Henrich gezeigt) doch erhalten…

Dieter Henrich: „Ins Denken ziehen. Eine philosophische Autobiographie“. Ein Gespräch mit Matthias Bormuth und Ulrich von Bülow. C.H.Beck Verlag, 2021.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ludwig Wittgenstein – in einem neuen Handbuch umfassend dargestellt.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.9.2022

Das aktuelle Motto, ein Zitat Wittgensteins: „Soweit Sie und ich das wissen können, wird die Religion der Zukunft ohne Priester und Geistliche auskommen. Eines der Dinge, die Sie und ich lernen müssen, ist, dass wir ohne den Trost der Zugehörigkeit zu einer Kirche leben müssen.“ (Siehe Nr. 4 in diesem Hinweis)

1.
Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951) ist einer der denkwürdigsten und einflußreichsten Philosophen. Dabei fällt er sozusagen aus dem Rahmen der üblichen „Philosophie-Professoren an Universitäten“. Nicht nur, weil er nur ein Buch zu „Lebzeiten“ veröffentlichte. Vor allem: Für ihn war persönliches Leben und philosophisches Denken in einer spannungsreichen Verbindung. Wittgenstein schwankte existentiell zwischen einer üblichen Laufbahn an einer Universität und einem schlichten Alltagsleben, auch als Grundschullehrer.
Wittgenstein hinterließ einen großen Umfang an Studien und Notizen, die seine ständige philosophische Selbstkorrektur und Entwicklung dokumentieren. Er war äußerst vielseitig begabt, manche nennen ihn ein Genie, kompetent in der Mathematik und Logik, aber auch im Maschinenbau und als Architekt, er schätzte Literatur, Musik und Kunst und auch zur Religion hatte er einen eigenen, besonderen Zugang entwickelt.
2.
Philosophisch gebildete Kreise können nun ein anspruchsvolles „Wittgenstein -Handbuch“ für ihr Studium, auch als Einstieg, nutzen, ein Handbuch, das umfassend den ganzen Wittgenstein und sein vielfältiges Werk darstellen und erklären will. Das Buch hat 482 Seiten, umfasst 94 Kapitel, neben einer ausführlichen Biographie vor allem Hinweis zu seinem umfassenden Werk, auch zum Briefwechsel. Herausgegeben ist dieses Buch von den Wittgenstein-Spezialisten Stefan Majetschak (Kunsthochschule Kassel) und Anja Weinberg (Uni Wien). Das Buch wird in der Fülle der äußerst vielen speziellen Wittgenstein Studien, auch angesichts der verschiedenen Wittgensteingesellschaften in Norwegen, England, Österreich usw., sicher die Bedeutung einer wichtigen Erstinformation wie auch eines grundlegenden Nachschlagewerk haben.

3.
Ein solches umfassendes Wittgenstein-Lexikon kann selbstverständlich nicht in wenigen Worten „besprochen“ werden.
Den Schwerpunkten unseres Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin entsprechend, interessierte uns besonders das Kapitel „Religion“, ein Thema, das für Wittgenstein auch lebensmäßig alles andere als marginal ist. Der Philosoph Ludwig Nagl hat den entsprechenden Beitrag im Handbuch verfasst. „Ich bin zwar kein religiöser Mensch, aber ich kann nicht anders: Ich sehe jedes Problem von einem religiösen Standpunkt“, so Wittgenstein in einem Gespräch mit Maurice Drury. Ob Wittgenstein „wirklich“ kein religiöser Mensch war, wird heftig diskutiert, zu deutlich ist in seinen Notizen persönliche Betroffenheit von religiösen Aussagen, zumal des Neuen Testaments (Ludwig Wittgenstein wurde katholisch getauft). Wichtig ist seine Erkenntnis, dass die Sinnfrage nicht wissenschaftlich beantwortet werden kann, sondern ins Religiöse, in den Glauben, weist. „Wie soll ich leben“, bleibt die zentrale Frage Wittgensteins. Schon in jungen Jahren las er Tolstoi, Dostojewski, vor allem Augustinus schätzte er sehr und Kierkegaard. Gerade die Auseinandersetzung mit Augustin und Kierkegaard führte Wittgenstein zu theologischen Aussagen, die stark an die dialektische Theologie etwa eines Karl Barth erinnern, darauf weist Ludwig Nagl leider nicht hin. Von einer „vernünftigen Theologie“, im Katholizismus mit der Pflege der Gottesbeweise üblich, hielt Wittgenstein gar nichts! Wegen des Dogmas des 1. Vatikanischen Konzils, dass die Existenz Gottes „durch die natürliche Vernunft bewiesen werden kann“, war es ihm „unmöglich, Katholik zu sein“ (S. 365 im Handbuch).

4.
Je mehr sich Wittgenstein von den Erkenntnissen seines frühen Werkes, des „Traktates“, löste, um so deutlicher wurde sein Interesse für Religion und die Frage „Was ist Glauben“. Für ihn war in der persönlichen Bindung an Christus nicht der Glaube, sondern die Liebe entscheidend. Aber für die religiöse Haltung gilt wohl insgesamt: Sie „ist nicht verständlich, es ist aber auch nicht unverständlich“ (S. 365 im Handbuch), ein typischer Wittgenstein Satz, möchte man meinen, der sich um „extreme“ Differenzierung bemüht.
Dass die christliche Religion zur Institution, also zur Kirche wurde, findet Wittgenstein sehr problematisch: „Zu seinem Freund Drury sagte er: „Soweit Sie und ich das wissen können, wird die Religion der Zukunft ohne Priester und Geistliche auskommen. Eines der Dinge, die Sie und ich lernen müssen, ist, dass wir ohne den Trost der Zugehörigkeit zu einer Kirche leben müssen“ (S. 365 im Handbuch).

5.
Auch das Stichwort Glauben und Wissen in der Rubrik „Begriffe und Themen“im Handbuch ist für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon von großem Interesse. Deutlich zeigt Nuno Venturinha ,dass Wittgenstein an dem Thema schon sehr früh arbeitet, später aber den „überkommenen (also vom Menschen nicht abzuschaffenden, C.M.) Hintergrund“ des menschlichen Geistes verteidigt: Übersetzt heißt dies: Es gibt geistige Strukturen, die niemals durch Lernen und Unterricht erworben werden, sondern die vorgefunden und da sind, wie etwa die Form des Glaubens. Glauben ist für Wittgenstein in seinen Hinweisen „Über Gewissheit“ grundlos im Menschen „vorhanden“. Wir Menschen haben also etwas Vorgegebenes, „das weder wahr noch falsch sei“, wie Wittgenstein in „Über Gewissheit“ schreibt (S. 205). Da hätte mich interessiert, ob eine Verbindung zu Kant gegeben ist, etwa hinsichtlich dessen Erkenntnis des „Faktums der Vernunft“.

6.
In dem Zusammenhang ist es erstaunlich, was der katholische Religionsphilosoph, der Jesuit Prof. Friedo Ricken, München, etwa zu den „Vermischten Bemerkungen“ Wittgensteins zur Religion betont: „Sie gehören für mich zum Tiefsten, was ich in der neueren philosophischen Literatur zu diesem Thema gefunden habe, aus ihnen sprechen ein tiefer Ernst und eine überzeugende Ehrlichkeit“.(Friedo Ricken, Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, Stuttgarrt, 2003, S. 29).

7.
Man wird in dem „Handbuch“ die Erörterung der Stichworte Politik, Gesellschaft oder Staat vergeblich suchen, darf man daraus schließen, dass diese Themen Wittgenstein philosophisch nicht interessierten?

8.
Soweit ich sehe, wird in dem „Handbuch“ nicht explizit von einer homosexuellen Neigung Wittgensteins gesprochen, die vielfältigen Freundschaften mit jungen Männern werden ausgeführlich angesprochen. Entsprechende Behauptungen zur Homosexualität Wittgensteins vonseiten des Biographen William Barley (von 1973) gelten wohl jetzt als übertrieben. Hingegen hat der Wittgenstein Forscher Ray Monk später noch einmal diskret davon gesprochen, im Personenregister des Handbuches wird Monk nicht erwähnt. Und es ist sicher gar kein Zufall, dass eine große Wittgenstein Ausstellung unter dem Titel „Verortungen eines Genies“ (Ausstellung 18. März bis 13. Juni 2011) ausgerechnet im „Schwulen Museum“ , damals noch in Berlin-Kreuzberg, stattfand. Der Junius-Verlag hatte ein reich mit Fotos ausgestattetes, hervorragendes Begleitbuch publiziert. Justus Noll hat in dem Buch einen Artikel über „Schüler, Freunde und Liebhaber“ verfasst.

9.
Wittgenstein bleibt ein zweifellos einseitiger, aber außergewöhnlich inspirierender Philosoph, auch, weil er sein Denken mit seinem eigenen Leben und Leiden aufs engste verbunden hat. Peter Sloterdijk hat schon recht, wenn er in seiner kleinen Skizze über Wittgenstein (in „Philosophische Temperamente“, München 2009) schreibt: „Es tritt das Profil eines Denkers an den Tag, der unzweifelhaft zu den Sponsoren der künftigen Intelligenz gehören wird. Noch in ihren logischen Härten und menschlichen Einseitigkeiten hält Wittgensteins Intensität Geschenke von unabsehbarer Tragweite an die Nachwelt bereit“ (S. 128 f.)

10. Zugänge zu Wittgensteins Werk:
„Im deutschsprachigen Raum veranstaltet die Österreichische Ludwig Wittgenstein Gesellschaft (http://www.alws.at) seit 1976 internationale Wittgenstein-Symposien in Kirchberg am Wechsel in Niederösterreich, einem Ort nahe Trattenbach, in dem W. einen Teil seiner Zeit als Volksschullehrer verlebte. Die Vorträge dieser Symposien werden in zwei Buchreihen, den Contributions of the Austrian Wittgenstein Society sowie den Publications of the Austrian Ludwig Wittgenstein Society – New Series veröffentlicht (letztere Reihe enthält auch weitere Publikationen; https://www.degruyter.com/serial/PALWS-B/html).
In Fortsetzung der in den 1990er Jahren von der Deutschen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft begründeten digitalen, seinerzeit im Diskettenformat verbreiteten Zeitschrift Wittgenstein Studies gibt deren Nachfolgeorganisation, die Internationale Ludwig Wittgenstein Gesellschaft e. V. (ILWG) (http://www.ilwg.eu) seit 2010 die Reihe Wittgenstein-Studien. Internationales Jahrbuch für Wittgenstein-Forschung sowie die Buchreihen Über Wittgenstein (deutsch) und On Wittgenstein (englisch) heraus“. (Zitat aus dem „Handbuch“)

11.
Im März 2016 hat Christian Modehn für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin einen Hinweis zum Thema „Wittgenstein – ein religiöser Philosoph“ publiziert.

LINK

2011 hat Christian Modehn für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin einen Hinweis publiziert zum Thema: „Das Mystische und das Unaussprechliche“ (Zu Wittgenstein).

LINK

Anja Weiberg / Stefan Majetschak (Hg.)
Wittgenstein-Handbuch
Leben – Werk – Wirkung
J. B. Metzler Verlag, 2022.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Den Wahn des Aberglaubens überwinden. Denken in Krisenzeiten. 10. Teil.

Hinweise von Christian Modehn am 26.4.2020

Das Motto: „Der Aberglaube ist der schlimmste Feind der reinen Verehrung, die wir dem höchsten Wesen schuldig sind“. (Voltaire,Philosophisches Wörterbuch, Leipzig, 1967, Seite 84)

Aberglaube gehört auch heute zu den sehr häufigen geistigen Verirrungen. Aberglaube ist eng mit dem Glauben an Wunder und Magie verbunden. Politisch zeigt sich Aberglaube in Verschwörungstheorien. Und im politischen wie religiösen Fanatismus.
Es gilt diese Entwicklung: Aus unvernünftigem Glauben wird Aberglaube. Aus Aberglaube wird Fanatismus:“Ich habe die absolute Wahrheit“. Aus Fanatismus entstehen Verschwörungstheorien :“Der Politiker X ist mit bösen Mächten „irgendwo YZ verbunden“.
Gibt es Heilmittel? Das wirksamste, privat wie politisch, ist der Gebrauch der Vernunft. Das ständige Ringen um eine vernünftige Welt. Dies ist die Welt der geltenden universalen Menschenrechte.
Die folgenden Hinweise sind vor allem auf den religiösen Aberglauben bezogen, der vor allem immer noch stark den Katholizismus bestimmt. Ohne den konfusen Glauben an allerhand Wunder gibt es keinen Katholizismus. Und ohne Aberglauben auch keinen evangelikalen Glauben und keine Pfingstkirchen und keine Orthodoxie…, so dass man meinen könnte, die Konfession der meisten Menschen auch heute sei der Aberglaube. Nach ihm wird leider in religionssoziologischen Untersuchungen/Interviews nicht gefragt. C.M.

1.
Wenn jemand an Gott glaubt, an himmlische Mächte oder an das Nichts, lebt trotz dieser Haltung immer auch – mehr oder weniger in ihm – der Aberglauben. Dieser kann förmlich zur Verstärkung erklärt werden angesichts der Schwächen des „eigentlichen“, des korrekten Glaubens, wie immer der dann auch aussehen mag. Man hat zu Gott um ein Wunder gebeten, dieses geschah aber nicht, also sucht sich selbst der Fromme anderweitig zu behelfen. Offenbar gilt das Motto: Etwas mehr spirituelle Praxis, und sei sie noch so absonderlich, kann ja nicht schaden, da wird die leise Stimme der kritischen Vernunft stillgelegt. „Mehr hilft mehr“, heißt es dann. So können selbst dogmatisch korrekte Katholiken gleichzeitig an die Wunderkraft heiliger Quellen (aus Lourdes) oder an die Rettung durch bestimmte Öle (etwa im Rahmen des Kultes der heiligen Rita) oder an die Heilkraft der Reliquien glauben. Andere, nicht konfessionell gebundene, sich aufgeklärt gebende Leute, können okkulte Praktiken hilfreich finden, etwa Formen des Spiritismus oder, banaler noch, das Tischerücken. Man denke an die Vorlieben des Dichters Victor Hugo oder des Schriftstellers Conan Doyle. Bekannt ist, dass der französische Staatspräsident Mitterrand regelmäßig seine Astrologin, Elisabeth Teissier, konsultierte. Wie viele astrologische Ratschläge ins politische Handeln umgesetzt wurden, bleibt wohl ewig unbekannt…Was als „new age“ und „neue Esoterik“ verkauft wurde, war doch wohl überwiegend großsprecherischer Aberglauben.
Es ist nicht einfach, als Mensch dem Aberglauben zu entkommen, selbst wenn man den Anspruch nach außen formuliert, sozusagen ständig vernünftig zu denken und vernünftig zu handeln und im Alltag einzig den Erkenntnissen der Vernunft zu folgen. Zu vielfältig, zu zerrissen ist offenbar „das Innere“, die Seele. Aber ist die „unbewältigte Zerrissenheit“ eine Entschuldigung, sich an abergläubische Praktiken zu binden? Es fällt also schwer, die vernünftige Balance zu bewahren oder immer wieder neu zur Vernunft zu kommen. Tatsache ist ja auch: Die Vernunft kann gar nicht alle Fragen nach einem letzten Grund und Sinn des Lebens schlüssig und allgemein gültig, geschweige denn naturwissenschaftlich – exakt, beantworten. Diese Erkenntnis von den Grenzen der Vernunft ist ihrerseits vernünftig, sie ist eine evidente Erkenntnis der Endlichkeit und Begrenztheit der Menschen. Diese Erkenntnis von den Grenzen des Menschen gilt es vernünftigerweise anzunehmen und auszuhalten und trotzdem nicht in den Nebel des Aberglaubens hinab zu steigen. Aber viele sind zu schwach. Sie weichen, irgendwelche Hilfe bzw. Strohhalme suchend, in die Gefilde des Magischen und Wunderbaren aus. Und dann bindet man sich oft an Meister dieser undurchsichtigen Gründe und Abgründe. Die Gurus können schnell das eigene Leben bestimmen. Mit der Autonomie, der zurecht viel besprochenen Selbständigkeit, ist es dann vorbei. Aberglauben entmündigt.

Es könnte hier auch ein weiteres Thema diskutiert werden: Die Verschwörungstheorien als Ideologien eines politischen Aberglaubens. Gerade in CORONA-Zeiten basteln sich hilflose und geistig verwirrte Politiker eine Mischung aus skurrilen, vor allem menschenverachtenden Ideen zusammen, um Sündenböcke für umfassende, medizinische wie auch ökonomische Krisen zu benennen, Krisen, die sie als Politiker selbst durch ihre Ignoranz mit-verursacht haben. Man denke an den jüngsten Wahn, den islamische Obergelehrte in der Türkei Ende April 2020 verbreiten, in bestem Einvernehmen mit Herrn Erdogan, wenn sie behaupten: „Die Homosexualität (also damit die Homosexuellen) ist schuld an der Corona-Pandemie“. (https://www.focus.de/politik/ausland/bewertung-von-vorne-bis-hinten-korrekt-coronavirus-erdogan-verteidigt-homophobe-theorie_id_11933890.html)
Ich will dieses Thema Verschwörungswahn als Form des politischen Aberglaubens hier nicht weiter ausbreiten, ich bleibe bei dem explizit religiös gefärbten Aberglauben.

2.
Meines Erachtens unterstützen und fördern Verantwortliche der katholischen Kirche den Aberglauben, also spirituelle Lehren und Praktiken, die man schlicht magisch nennen muss. Diese Magie wird von der Krise wachgerufen, sie schlummerte förmlich verdeckt im Glauben und in einer sich kritisch gebenden Theologie. Es gibt viele Beispiele für der Aberglauben, der letztlich nichts anderes ist, als mit allen menschlichen Mitteln irgendwie die göttliche Wirklichkeit zu beeinflussen, umzustimmen, zum direkten Handeln zu bewegen, selbst wenn denn dieser personal gedachte Gott im Himmel als Schöpfer dieser Welt die eigenen, von ihm geschaffenen Naturgesetze durchbricht. Und etwa Person A rettet, Person B aber nicht. Damit wird das volkstümliche, aber übliche Gottesbild problematisiert. Also die Vorstellung von Gott als eines sich ständig aktuell um den einzelnen, je nach dessen Wunsch, kümmernden transzendenten Wesens. Die populäre Vorstellung eines Bundes zwischen Gott und Mensch (Bund als Versprechen des Beistandes, der Hilfe) wird damit zweifelhaft! Und dies hat sehr weit reichende theologische Konsequenzen, weil ja die offiziellen Kirchen immer noch dieses populäre Gottesbild dogmatisch vertreten und verkünden. Das kann hier nicht weiter diskutiert werden.
Entscheidend bleibt die Erkenntnis: Christlicher Glaube ist „eigentlich“ etwas Elementares, etwas Einfaches: Christlicher Glaube ist ganz entschieden und vor allem ein Grundvertrauen, ein Urvertrauen darauf, dass die Welt und die Menschen in einem letztlich sinnvollen Gesamtzusammenhang leben. Sozusagen auf einen schöpferischen, tragenden, wohlwollenden Urgrund bezogen sind. Wer das weiß, braucht keine einzelnen Wunder mehr, braucht keinen frei erfundenen Aberglauben mehr, keine Magie. Aber diesen einfachen, also elementaren Glauben lehren die meisten Kirchen nicht. Im Gegenteil:
3.
Anstatt von diesem Grundvertrauen/Urvertrauen als der Basis menschlichen Lebens zu sprechen, reden katholische Bischöfe Zwiespältiges: So etwa Pierre-Antoine Bozo, Bischof im französischen Limoges, der sich gedrängt fühlte, am 19. April 2020 eine für Limoges populäre Reliquie (aus dem 3. Jahrhundert, angeblich) des heiligen Martial zu zeigen. Anschließend weihte er die ganze Stadt der Jungfrau Maria. Bischof Bozo begründete dieses öffentliche Vorzeigen alter Knochen: „Es gibt keinen Grund, bei diesen außergewöhnlichen Umständen heute, auf die übernatürlichen Mittel zu verzichten, über die wir verfügen (sic!), um Gott um Hilfe zu bitten. Einmal abgesehen von den natürlichen Mitteln, um die Epidemie zu bekämpfen“. Das Vorzeigen von Reliquien und das Gebet vor diesen Knochen soll also übernatürliche Wunderkräfte mobilisieren, die parallel gesetzt werden zu den natürlichen, d.h. den medizinischen, wissenschaftlichen Initiativen, sozusagen als Konkurrenz bzw. als Ergänzung. Als wäre nicht schon die Forschung der Ärzte und der anderen Wissenschaftler ein Beweis für die Kraft der menschlichen Vernunft, Linderung und Heilung zu bewirken. Bekanntlich wissen Christen, dass die Vernunft (also auch die Wissenschaft) von Gott dem Schöpfer den Menschen gegeben wurde. Diese Vernunft ist in dem Sinne eine heilige Gabe Gottes, was will man eigentlich mehr? Die Vernunft war und ist ja immerhin so weit erfolgreich, dass zum Beispiel eine andere Pandemie, die Pest, durch Medikamente weithin medizinisch eingeschränkt, wenn nicht geheilt werden kann. Diesen medizinischen Sieg haben wohl, ernsthaft betrachtet, NICHT Bittprozessionen oder Reliquienverehrungen bewirkt. Jedenfalls ist das nicht „nachweisbar“.
Aber schlimmer noch: Der Bischof von Limoges antwortet auf die Frage „Wie kann bei dieser Tatsache (also der Verschiedenheit von übernatürlicher und natürlicher Heilung) dann noch den Glauben von Aberglauben unterscheiden?“„Es gibt immer ein bisschen diese Mischung“, antwortet Bischof Bozo, „ein sehr schöner Glaube an die Macht Gottes, an seine Vorsehung, kann gelegentlich zusammenleben mit einer gewissen Folklore, mit einem gewissen Aberglauben…Ja, der Heiligenkult ist manchmal ein bisschen gemischt (mélangé), aber es handelt sich trotzdem um einen authentischen, spirituellen Weg zu Gott“.
Anders gesagt: Der Bischof will den Wunder- Kult um die heiligen Knochen nicht abschaffen. Er will den Leuten nicht sagen: Hört auf damit, bildet euch lieber gemeinsam weiter, seid solidarisch, meditiert über den Sinn des Lebens. Noch einmal: Obwohl der Bischof weiß, dass im Glauben an die heilsamen Reliquien Aberglaube und Folklore (und damit also prinzipiell auch Profit für Kirche und Stadt) entscheidend sind, belässt er es bei den angeblich „ehrwürdigen Traditionen“ (siehe dazu La Croix, Paris, 21.4.2020)
4.
Geradewegs absurd sind die „Corona-Äußerungen“ vieler anderer konservativ orientierter Kirchenleute. Das gilt für Evangelikale, Orthodoxe wie auch für Katholiken. Der pensionierte Weihbischofs von Salzburg, der Theologe Andreas Laun, wärmt eine alte Drohung wieder auf, wenn er verkündet: „ Man mag Corona eine „Plage“ oder eine „Strafe Gottes“ nennen, biblisch betrachtet ist es richtig…“ Als Begründung führt Laun an: Schon Jesus lehrte selbst der Überzeugung, „von einem strafenden Gott“.Dieser strafende Gott, der Seuchen und Pandemien über seine Schöpfung verfügt, ist der brutale Gott, der himmlische Mörder dessen, was er selbst geschaffen hat. Das kann Jesus allerdings nicht gelehrt haben, er nannte Gott bekanntlich ganz entschieden den liebenden „Vater“. (Zu Bischof Laun siehe. Kath.net vom 20.4.2020).
Ähnlich wie Laun denkt der katholische Bischof Athanasius Schneider von Kasachstan: Die Epidemie ist seiner Meinung nach zweifellos „ein göttliches Eingreifen, um die sündige Welt und auch die Kirche zu züchtigen und zu reinigen“. (Kath.net 1.4.2020).
Man schaue sich die aktuellem Fotos an, wie Priester in Helicoptern des Militärs über die Städte der Dominikanischen Republik gleiten, die Fenster im Helicopter leicht geöffnet, die Priester mit bestem Mundschutz. Und sie strecken die goldene Monstranz hinaus, darin die Hostie, also den Leib Jesu Christi in dieser rechtgläubigen Interpretation: Und sie segnen mit diesem Stückchen Brot (der Leib Christi kam ja bekanntlich grässlich um am Kreuz) die Stadt und die Menschen. Kann man sich mehr offiziell – katholischen Aberglauben noch vorstellen? Sollen doch diese Priester besser Zettel und Plakate drucken, die auf den Schutz vor dem tödlichen Virus hinweisen. Sollen sie doch die Menschen bilden, warnen, aus den Elendshütten herausholen und wenigstens für ein paar Wochen in den prächtigen Bischofspalais mit – wohnen lassen. Aber nein: Wie im Mittelalter soll mit einer Art Wundermittel, der Monstranz mit der Hostie, das Virus vertrieben werden.
Die Liste des Aberglaubens heute ist lang, und der Aberglaube gebiert Ungeheuer, wie Goya treffend sah. Man sehe sich bitte das Fotos an mit dem Priester, der von einem Helicopter aus die Stadt segnet. LINK

In Bregenz wurde eine Ausstellung über die traditionell sehr bekannten „14 Nothelfer“ vorbereitet, also jene Heiligen der frühen Kirche, die himmlischen Beistand in schwierigsten Zeiten gewähren sollen, wie die heilige Barbara, der heilige Georg, der Pantaleon usw. Der Kurator Markus Hofer hat sich eine eher flapsige Art bewahrt, wenn er nach der Bedeutung dieser Heiligen befragt wird. Welchen Nothelfer er dann als Allheilmittel empfehlen würde“, heißt die wörtlich zitierte Frage. Darauf sagt Markus Hofer: “Den einen Nothelfer gibt es da nicht. Am besten –wie beim Coronavirus jetzt – hilft“, so wörtlich, „das Versicherungspaket“. Das heißt konkret: Bitte gleich mehrere Nothelfer buchen, d.h. anflehen. Für Kurator Markus Hofer ist der heilige Achatius ein, so wörtlich, „guter Tipp“ (In Tag des Herrn, 15. März 2020, Seite III).
Und evangelikale Pastoren fühlen sich in ihrer Arroganz über medizinischen Erkenntnisse und staatliche Verordnungen erhaben, dass sie trotz Corona öffentliche Gottesdienste mit einem teilnehmenden Massenpublikum veranstalten, wie etwa der viel zitierte Trump Freund, der Pfingstler Prediger Rodney Howard-Browne.
Man verstehe bitte in dem Zusammenhang die Aktualität des biblischen Verbotes, dass sich der Mensch Bilder von Gott schaffe. Und man erfreue sich bitte einmal neu an den bildlose Kirchen der reformierten Tradition, also der auf Calvin sich beziehenden Kirchen und der weithin bildlosen Kirchen der Remonstranten.
5.
Die meisten christlichen Kirchen haben sich jedenfalls allgemeinen Charakteristika von „Religionen überhaupt“ angeglichen, so dass sie das Absonderliche, Mysteriöse, Spinöse selbst nicht nur als irgendwie religiös, sondern als christlich und kirchlich verstehen und ins kirchliche Leben problemlos integrieren, siehe Limoges. Und das ist, was katholische und orthodoxe Kirchen angeht, seit Jahrhunderten üblich: Man denke nur daran, dass jetzt (April 2020) in Polen alle Christen von den katholischen Bischöfen – wie schon im Mittelalter – aufgefordert werden, angesichts der lang anhaltenden Dürre „beharrlich und inständig zu beten, um Regen zu erflehen“: Sie sollten darauf vertrauen, dass Gott die Gebete erhöre. Manche Beobachter meinen, gemeinsames Nachdenken über die Herkunft des (schlimmen) Kimawandels sei hilfreicher. (Zu den Regen-Gebeten siehe kath.net vom 22.4.2020).
Man möchte schmunzeln, wenn sich der orthodoxe Metropolit Pawel von Weißrussland in Minsk in einen Hubschrauber setzt, sich eine Ikone der Mutter Gottes unter den Arm klemmt und, mit einem großen Weihwasser –Kübel ausgestattet, die ganze Stadt mit heiligem Wasser von oben herab besprengt, „damit der Allmächtige unser Land und das fromme weißrussische Volk vor der verhängnisvollen Epidemie schützt“, wie der Theologe und Erzbischof betont. (Quelle: Dom Radio Köln, 23.3.2020).
Historiker sollten sich mit dem Thema „Die enge Bindung des Christentums an den Aberglauben“ weiter befassen, und etwa die Ideen-Welt des französischen Dominikaner Theologen Pater Thomas Philippe studieren: Er hatte Frauen zu Sex-Kontakten überredet und gezwungen mit dem Argument, dadurch würden himmlische Gnaden auf die Frauen herabkommen. Aber nur unter der Bedingung, so lehrte Pater Philippe, dass die missbrauchten Frauen Stillschweigen über diese sonderbare „Mystik“, von der er sprach, bewahren. Recht absurde mystische, durchaus krankhafte Vorstellungen wurden von Pater Philippe auch zu Maria, der Mutter Jesu von Nazareth, verbreitet: Er vertrat die Meinung, Maria sei eigentlich so etwas wie die Gattin Jesu gewesen, Phantasien, die damals schon der Philosoph Jacques Maritain und der Theologe Charles Journet zurückwiesen. Selbst der Vatikan war gegen diese mysteriöse Mystik. Darum merke: Jegliche Mystik immer auch auf Aberglauben prüfen. (Über diesen Aberglauben von Pater Thomas OP siehe: https://www.la-croix.com/Archives/2015-10-16/L-Arche-fait-la-lumiere-sur-la-face-cachee-du-P.-Thomas-Philippe-2015-10-16-1369653)
6..
Der Aberglaube also blüht aller Orten. Die Schwäche der kritischen Vernunft „im Volk“ ist dabei das wichtigste Instrument der Herrscher, damals wie heute. Sie lieben geradezu den Aberglauben, das Irrationale, das sich so leicht umbiegen und manipulieren lässt. Willkürherrschaft und Aberglauben sind aufs engste verbunden. „Der Abergläubische wird vom Fanatiker beherrscht und wird selbst zum Fanatiker“, schreibt treffend Voltaire in seinem „Philosophischen Wörterbuch“ zum Stichwort Aberglaube. Und sehr richtig sind die weiteren Ausführungen Voltaires: “Ausnahmslos alle Kirchenväter haben an die Macht der Magie geglaubt. Die Kirche hat die Magie immer verdammt, aber immer an sie geglaubt“. Die Erkenntnisse Voltaires zur Religion, zu den Kirchen und der Theologie inspirieren noch heute. Aber welcher Theologe, welcher Bischof, hat jemals ein paar Zeilen dieses Buches als kritische Inspiration wahrgenommen? Die Zitate von Voltaire habe ich der Ausgabe der „Universal-Bibliothek“ von Reclam entnommen, Leipzig 1967, S 53 ff. Voltaires „Philosophisches Wörterbuch“ ist leider nicht mehr im Buchhandel erreichbar, antiquarisch finde ich die Preise „abergläubisch“ hoch.
7.
Aberglaube verbirgt sich bis heute auch in vielen dogmatischen Traditionen der Kirchen, vor allem in der ganz zentralen Lehre von der Erbsündenlehre. Sie wurde von dem Kirchenvater Augustinus erfunden und bis aufs Blut verteidigt, um die Macht der Kirche, d.h. des Klerus, hinsichtlich der absoluten Notwendigkeit der Taufe (gespendet vom Klerus !) zu betonen.
Werden die Kirchen sich von vulgären religiösen, d.h. magischen Vorstellungen befreien können? Werden sie helfen, dass Glaube und kritischer Geist eine unzertrennliche Einheit bilden? Dazu fehlt der Wille bei den Kirchenführern. Nur einige protestantische, liberal-theologische Theologen sind da auf der Höhe der Reflexion. Aber deren Kirchen sind zahlenmäßig klein… die Leute lieben offenbar, wenn sie schon religiös sein wollen, den Zauber, das Mysteriöse, das Unverständliche, die Magie, die man dann als typische religiöse Kennzeichen definiert.
8.
Die Frage ist: Wie kann man den Aberglauben einschränken und überwinden? Welche Rolle spielt die Bildung, das Verstehen der Psyche, die argumentative und emotionale Überwindung infantiler Gottesbilder? Denn sie begegnen uns ständig, in der ganze Ikonographie der Kirchen, man denke an die bilder-Gewalt der Barock-Kirchen. Kann man bei diesen Bilderwelten und Bilderfluten noch einen christlichen Gauben ohne Aberglauben entwickeln?
9.
Nur wer es wenigstens als einzelner wagt, alle Bilder und die meisten bildhaften Dogmen für sich beiseite zu legen, kann sich vom Wahn des Aberglaubens befreien.
Aberglaube ist eine Krankheit, er verdirbt das menschliche Selbstbewusstsein und zerstört die vernünftige Kommunikation unter den Menschen, auch angesichts von Krisen, auch angesichts der Corona-Pandemie.
10.
Wird die Corona-Krise einmal in die Geschichte eingehen als ein massives Aufflackern des magischen religiösen Denkens, Aberglaube genannt, unter den Christen? Wird man sich an den theologischen und philosophischen Widerstand gegen diese verrückte religiöse Lust an der Magie, am Aberglauben, noch erinnern? Eher wohl nicht. Vielleicht ist der Aberglaube eine unheilbare religiöse Krankheit.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Ich denke an dich“: Denken in Zeiten der Krise. 5. Teil.

Hinweise von Christian Modehn am 2.4.2020, zu Beginn der Pandemie.

„Ich denke an dich“: Eine Zusage, ein Versprechen, ein Trost. In diesen Tagen müssen das Denken, der Geist, auch die Phantasie, alle Kraft entwickeln. Leibhaftige Begegnungen und Berührungen sind in diesen Zeiten weithin verboten. Um so mehr lebt Nähe und Verbundensein anderswo, tatsächlich im Geist, der sich im Telefongespräch oder in E-mail Briefen äußern kann. „Ich denke an dich“ oder „ich denke an euch“ ist jetzt alles andere als ein Floskel, wie vielleicht einst, in „alten Zeiten“, als man eher gedankenlos so Vieles daher sagte. „Ich denke an dich“ wird in besseren Zeiten sicher weiter gesprochen werden, aber eben besser,reflektierter.

Aber heute ist das „Ich denke an dich“ von einer besonderen Tiefe, einer philosophischen wie spirituellen Tiefe. Die folgenden Sätze sind Hinweise, Anregungen, die jeder und jede aus eigenem Erleben weiter entwickeln wird.

Philosophieren beginnt immer inmitten konkreter Lebenserfahrungen. Und Philosophieren hat nur Sinn, wenn es als Praxis der Philosophie (wie Malen Praxis der Kunst ist) das Dasein erhellt, deutlicher macht, ich hätte fast geschrieben „erleuchtet“, damit unser Leben gut gelingen kann und ein gutes Leben wird.

„Ich denke an dich“ steht in diesem Zusammenhang. Was bedeutet diese Zusage? Da kann jeder und jede einen konkreten Menschen sehen, einen Freund, einen Verwandten, einen Kollegen, Menschen, die mir – einst – leiblich nahe standen.
Die Zusage „Ich denke an Dich“ bedeutet: Du bist vor meinen Augen. Ich sehe dich. Du stehst vor mir. Ich nehme dich wahr und höre deine Stimme. Dein Lachen und dein Weinen. Und dein Stillwerden. Paradox: Im Geist bist du doch auch auf andere Art – leibhaftig“ – da. Der Geist erweckt förmlich den Leib.

Diese Erfahrung ist nur möglich, weil der Geist uns verbindet: Auch du kannst an mich denken, mich sehen. Mir Gutes wünschen. Und du wirst es tun. Dies denkt man im Denken an den anderen. Denn wir leben in der Einheit des Geistes, der Menschen verbindet.

Und im Denken an dich will ich, dass du bist, dass du da bist, so, wie du bist. Wir sind im AN-Denken, also im Aneinander-Denken, eins. Aber wesentlich bleiben wir doch anders: DU bist einmalig. Und du weißt es von mir.

Unser Geist als das Verbindende vereinnahmt nicht den anderen. Das heißt: Ich will dich nicht für meine Zwecke einspannen, mich vielleicht bewundern, wie toll es ist, dass ich doch an dich denke.

„Ich denke an dich“: Diese Zusage ist nichts anderes als ein Ausdruck einer kontemplativen Haltung. Kontemplare heißt Betrachten, also in Ruhe auf etwas oder auf einen Menschen schauen. Sich dafür Zeit nehmen. In Stille dasitzen und denken, auch an dich denken.

So entsteht ein offener Spielraum des Geistes. In dieser Weite dieses Denkens kann ich mich erinnern, kann ich mir Geschichten erzählen mit dir von einst, vielleicht sogar Pläne entwerfen für später. In diesem Spielraum des Geistes, in der Kontemplation des „Denkens an dich“, kann ich ein paar Zeilen schreiben. Oder mehr. Vielleicht meine eigene Poesie entdecken. Dabei nehme ich sozusagen „objektiv“ wahr: Ich will nur Gutes Dir und mir wünschen. Aber wer soll das Gute geben? Kann ich es allein? Ich will danken, dass es dich gibt und danken, dass wir aneinander denken. Aber wem soll ich meinen Dank ausdrücken?

Ich habe einen philosophischen Vorschlag: Wie wäre es, wenn wir auch öfter dem Geist danken, der uns verbindet in diesem Denken aneinander. Denn es ist der Geist, der die Kraft hat, unsere Distanz, unsere Grenzen zu überschreiten. Der Geist hat die Kraft, die leibhaftige Ferne zu überbrücken zugunsten einer Einheit.

Ich kann ja auch und sollte in der EINEN Menschheit an Unbekannte denken: Etwa an einen Menschen in Afrika, den ich zufällig, durch ein Foto repräsentiert, in einer Zeitschrift entdecke. Ein Foto, das sich jetzt, in dieser Zeit der Langsamkeit, eben nicht – wie einst – übersehe und wegblättere. Also betrachte ich ein Foto eines fremden Menschen in Afrika längere Zeit, etwa diese Frau, die in Burkina Faso auf ihrem Kopf Wasser transportiert aus der weiten Ferne eines entlegenen Brunnens. Sie tut es für ihre Familie. Welche Last, welcher Zwang, täglich der Not zu entkommen. Ich denke an sie. „Ich denke an dich“, sage ich dann. „Mein ganzes Wohlwollen gilt dir. Wenn ich dir doch nur etwas Lebensenergie übermitteln könnte“.
An Spenden für NGOs werde ich später denken.

Warum sollte man nicht lernen, Kontemplation auch mit einem Foto zu entwickeln?

Was ist nun diese universale Kraft des „Denkens an dich“? Es ist die Kraft des Geistes, sie vereint Vernunft, Seele, sie schafft Empathie.

Dieser universale Geist ist allen Menschen gegeben. Noch einmal: Er ist ihnen gegeben! Auf diese Erkenntnis kommt es an. Wir haben den universalen Geist in uns ja nicht selbst gemacht. Er wurde uns gegeben. Von wem gegeben, von wem „geschaffen“? Da kann jeder und jede weiter nachdenken und seine persönliche Antwort finden.

Einige werden, kritisch reflektierend, von einer unendlichen schöpferischen, Leben fördernden Kraft sprechen. Andere werden das alte Symbol: Gott, Göttliches, meinen.
Wie auch immer: Diese schöpferische Kraft hat uns Geist, Vernunft, Seele, Empathie „gegeben“. Schöpferisch eben. Zum Gebrauch, um menschlich zu leben.

In einer christlich geprägten Spiritualität ist die Zusage „Ich denke an dich“ oft gemeint als ein schüchternes, fast „verdecktes“ Bekenntnis: „Ich bete für dich“, „ich erbitte dich für dich alles Gutes“. So „schamhaft“, so „zurückhaltend“, fast sprachlos sind Christen geworden….Der Historiker und Theologe Hubertus Lutterbach erinnert in dem Zusammenhang an die schon frühchristlich verbreitete Praxis des „Betens für“, „orare pro“, also an das „innere Mittragen anderer in Leben und Gebet„.

Wie auch immer man in einer kritischen Theologie das Bittgebet deutet, denn diese Formel „Ich denke an dich, ich bete für dich“, ist ein Bittgebet: In dem Bewusstsein, dass beide, der Zusagende, Denkende, wie auch der, an den gedacht wird, in einer geistigen Verbundenheit leben, in einem geistigen Sinn- Grund miteinander verbunden sind. Diesen Sinngrund kann man auch Gott nennen.

Wie im einzelnen dann Gott, das Göttliche, ein Bittgebet hört und erhört, ist völlig offen. Weil ja Gott eben Gott ist und nicht der sehr menschlich gedachte himmlische Gesprächspartner eines Telefonanschlusses.

Wichtig ist: Das Bittgebet, das sich im „Ich denke an dich“ auch andeutet und ausspricht, ist als Ausdruck der geistigen Kraft zu sehen, einer geistigen Kraft, die uns Menschen miteinander verbindet. Warum kann man nicht darauf gefasst sein, dass gutes Denken und gute Wünsche auch einmal in Erfüllung gehen? Und ich dafür auch sorgen kann.
Und wenn gute Wünsche nicht in Erfüllung gehen? Dann werden wir einmal mehr an daran erinnert, dass wir unser Leben „letztlich“ nicht in unserer Hand haben. Das ist vielleicht eine entscheidende, aber immer gültige Erkenntnis, gerade in diesen Corona – Zeiten. In wessen „Hand“ dann unser Leben ruht – oder ins Nichts sinkt -: Das kann jeder selbst reflektieren und sich entscheiden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin