„Ich denke an dich“: Denken in Zeiten der Krise. 5. Teil.

Hinweise von Christian Modehn am 2.4.2020

„Ich denke an dich“: Eine Zusage, ein Versprechen, ein Trost. In diesen Tagen müssen das Denken, der Geist, auch die Phantasie, alle Kraft entwickeln. Leibhaftige Begegnungen und Berührungen sind in diesen Zeiten weithin verboten. Um so mehr lebt Nähe und Verbundensein anderswo, tatsächlich im Geist, der sich im Telefongespräch oder in E-mail Briefen äußern kann. „Ich denke an dich“ oder „ich denke an euch“ ist jetzt alles andere als ein Floskel, wie vielleicht einst, in „alten Zeiten“, als man eher gedankenlos so Vieles daher sagte. „Ich denke an dich“ wird in besseren Zeiten sicher weiter gesprochen werden, aber eben besser,reflektierter.

Aber heute ist das „Ich denke an dich“ von einer besonderen Tiefe, einer philosophischen wie spirituellen Tiefe. Die folgenden Sätze sind Hinweise, Anregungen, die jeder und jede aus eigenem Erleben weiter entwickeln wird.

Philosophieren beginnt immer inmitten konkreter Lebenserfahrungen. Und Philosophieren hat nur Sinn, wenn es als Praxis der Philosophie (wie Malen Praxis der Kunst ist) das Dasein erhellt, deutlicher macht, ich hätte fast geschrieben „erleuchtet“, damit unser Leben gut gelingen kann und ein gutes Leben wird.

„Ich denke an dich“ steht in diesem Zusammenhang. Was bedeutet diese Zusage? Da kann jeder und jede einen konkreten Menschen sehen, einen Freund, einen Verwandten, einen Kollegen, Menschen, die mir – einst – leiblich nahe standen.
Die Zusage „Ich denke an Dich“ bedeutet: Du bist vor meinen Augen. Ich sehe dich. Du stehst vor mir. Ich nehme dich wahr und höre deine Stimme. Dein Lachen und dein Weinen. Und dein Stillwerden. Paradox: Im Geist bist du doch auch auf andere Art – leibhaftig“ – da. Der Geist erweckt förmlich den Leib.

Diese Erfahrung ist nur möglich, weil der Geist uns verbindet: Auch du kannst an mich denken, mich sehen. Mir Gutes wünschen. Und du wirst es tun. Dies denkt man im Denken an den anderen. Denn wir leben in der Einheit des Geistes, der Menschen verbindet.

Und im Denken an dich will ich, dass du bist, dass du da bist, so, wie du bist. Wir sind im AN-Denken, also im Aneinander-Denken, eins. Aber wesentlich bleiben wir doch anders: DU bist einmalig. Und du weißt es von mir.

Unser Geist als das Verbindende vereinnahmt nicht den anderen. Das heißt: Ich will dich nicht für meine Zwecke einspannen, mich vielleicht bewundern, wie toll es ist, dass ich doch an dich denke.

„Ich denke an dich“: Diese Zusage ist nichts anderes als ein Ausdruck einer kontemplativen Haltung. Kontemplare heißt Betrachten, also in Ruhe auf etwas oder auf einen Menschen schauen. Sich dafür Zeit nehmen. In Stille dasitzen und denken, auch an dich denken.

So entsteht ein offener Spielraum des Geistes. In dieser Weite dieses Denkens kann ich mich erinnern, kann ich mir Geschichten erzählen mit dir von einst, vielleicht sogar Pläne entwerfen für später. In diesem Spielraum des Geistes, in der Kontemplation des „Denkens an dich“, kann ich ein paar Zeilen schreiben. Oder mehr. Vielleicht meine eigene Poesie entdecken. Dabei nehme ich sozusagen „objektiv“ wahr: Ich will nur Gutes Dir und mir wünschen. Aber wer soll das Gute geben? Kann ich es allein? Ich will danken, dass es dich gibt und danken, dass wir aneinander denken. Aber wem soll ich meinen Dank ausdrücken?

Ich habe einen philosophischen Vorschlag: Wie wäre es, wenn wir auch öfter dem Geist danken, der uns verbindet in diesem Denken aneinander. Denn es ist der Geist, der die Kraft hat, unsere Distanz, unsere Grenzen zu überschreiten. Der Geist hat die Kraft, die leibhaftige Ferne zu überbrücken zugunsten einer Einheit.

Ich kann ja auch und sollte in der EINEN Menschheit an Unbekannte denken: Etwa an einen Menschen in Afrika, den ich zufällig, durch ein Foto repräsentiert, in einer Zeitschrift entdecke. Ein Foto, das sich jetzt, in dieser Zeit der Langsamkeit, eben nicht – wie einst – übersehe und wegblättere. Also betrachte ich ein Foto eines fremden Menschen in Afrika längere Zeit, etwa diese Frau, die in Burkina Faso auf ihrem Kopf Wasser transportiert aus der weiten Ferne eines entlegenen Brunnens. Sie tut es für ihre Familie. Welche Last, welcher Zwang, täglich der Not zu entkommen. Ich denke an sie. „Ich denke an dich“, sage ich dann. „Mein ganzes Wohlwollen gilt dir. Wenn ich dir doch nur etwas Lebensenergie übermitteln könnte“.
An Spenden für NGOs werde ich später denken.

Warum sollte man nicht lernen, Kontemplation auch mit einem Foto zu entwickeln?

Was ist nun diese universale Kraft des „Denkens an dich“? Es ist die Kraft des Geistes, sie vereint Vernunft,Seele, sie schafft Empathie.

Dieser universale Geist ist allen Menschen gegeben. Noch einmal: Er ist ihnen gegeben! Auf diese Erkenntnis kommt es an. Wir haben den universalen Geist in uns ja nicht selbst gemacht. Er wurde uns gegeben. Von wem gegeben, von wem „geschaffen“? Da kann jeder und jede weiter nachdenken und seine persönliche Antwort finden.

Einige werden, kritisch reflektierend, von einer unendlichen schöpferischen, Leben fördernden Kraft sprechen. Andere werden das alte Symbol: Gott, Göttliches, meinen.
Wie auch immer: Diese schöpferische Kraft hat uns Geist, Vernunft, Seele, Empathie „gegeben“. Schöpferisch eben. Zum Gebrauch, um menschlich zu leben.

In einer christlich geprägten Spiritualität ist die Zusage „Ich denke an dich“ oft gemeint als ein schüchternes, fast „verdecktes“ Bekenntnis: „Ich bete für dich“, „ich erbitte dich für dich alles Gutes“. So „schamhaft“, so „zurückhaltend“, fast sprachlos sind Christen geworden….Der Historiker und Theologe Hubertus Lutterbach erinnert in dem Zusammenhang an die schon frühchristlich verbreitete Praxis des „Betens für“, „orare pro“, also an das „innere Mittragen anderer in Leben und Gebet„.

Wie auch immer man in einer kritischen Theologie das Bittgebet deutet, denn diese Formel „Ich denke an dich, ich bete für dich“, ist ein Bittgebet: In dem Bewusstsein, dass beide, der Zusagende, Denkende, wie auch der, an den gedacht wird, in einer geistigen Verbundenheit leben, in einem geistigen Sinn- Grund miteinander verbunden sind. Diesen Sinngrund kann man auch Gott nennen.

Wie im einzelnen dann Gott ein Bittgebet hört und erhört, ist völlig offen. Weil ja Gott eben Gott ist und nicht der sehr menschlich gedachte himmlische Gesprächspartner eines Telefonanschlusses.

Wichtig ist: Das Bittgebet, das sich im „Ich denke an dich“ auch andeutet und ausspricht, ist als Ausdruck der geistigen Kraft zu sehen, einer geistigen Kraft, die uns Menschen miteinander verbindet. Warum kann man nicht darauf gefasst sein, dass gutes Denken und gute Wünsche auch einmal in Erfüllung gehen? Und ich dafür auch sorgen kann.
Und wenn gute Wünsche nicht in Erfüllung gehen? Dann werden wir einmal mehr an daran erinnert, dass wir unser Leben „letztlich“ nicht in unserer Hand haben. Das ist vielleicht eine entscheidende, aber immer gültige Erkenntnis in diesen Corona – Zeiten. In wessen „Hand“ dann unser Leben ruht – oder ins Nichts sinkt -: Das kann jeder selbst reflektieren und sich entscheiden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Vom Glauben religiöser Menschen und vom Glauben nicht-religiöser Menschen: Denken in Zeiten der Krise. 4. Teil.

Hinweise des Philosophen Jim Holt zu Richard Dawkins
Von Christian Modehn
1.
Über die oberflächlichen Argumente von Richard Dawkins gegen den Glauben an Gott ist schon vieles und vieles Richtige gesagt worden. Sein Buch „Der Gotteswahn“ (2006) hat trotzdem sehr viele Käufer, wahrscheinlich auch etliche LeserInnen weltweit gefunden. Die sagten stolz und befriedigt: „Seht Ihr, es gibt keinen Gott, sagt doch Meister Dawkins“.
Nebenbei: Man könnte wohl nachweisen, wie etliche polemische Publikationen von Michael Schmidt-Salomon (Giordano-Bruno-Stiftung) unter dem Eindruck des polemischen Bestsellers von Dawkins erst so richtig verbreitet wurden. Der ehemalige Vorsitzende des Humanistischen Verbandes HVD, Horst Groschopp, nannte solche Atheisten deswegen „Krawall-Atheisten“…
2.
Die Debatte um dieses oft sehr polemisch geschriebene Buch des Evolutionsbiologen Dawkins „Der Gotteswahn“ wird jetzt noch einmal weitergeführt durch eine kleine, aber erhellende Studie des auch in Deutschland bekannten US-amerikanischen Philosophen und Autors Jim Holt. In seinem neuen Buch „Als Einstein und Gödel spazieren gingen“ (Rowohlt, 2020) hat Holt ein Kapitel zu Dawkins Atheismus-Werbung publiziert, mit dem Titel „Dawkins und Deus“. Die 19 Seiten dieser Studie könnten eigentlich jene sehr ins Grübeln bringen, die noch immer Dawkins-Fans sind. Abgesehen von den Hinweisen Holts zur oft lächerlichen Polemik Dawkins stört ihn, „wenn Dawkins die Aufrichtigkeit ernsthafter Denker in Frage stellt“ (S.410). Der militante Atheist Dawkins versetzt, so Holt, „einen besonderen (intellektuellen) Tiefschlag“ (S. 410) etwa dem Philosophen Richard Swinburne. Dawkins schreibe in einer, so Holt wörtlich, „erklärten Feindseligkeit“ (410) gegen die Religion(en).
3.
Die Frage ist also: In wieweit kann man das sich philosophisch nennende Buch eines Biologen ernst nehmen, wenn dieser als Wissenschaftler feindselig zu argumentieren versucht?
Holt bring nur einige zentrale Argumente gegen Dawkins Verteidigung der Wissenschaftlichkeit des Atheismus vor.
Wichtig ist, dass Holt den klassischen „ontologischen Gottesbeweis“ nach wie vor für bedenkenswert hält. „Dawkins ist offenbar nicht klar, das Argument (des ontologischen Gottesbeweises), auch wenn es mittelalterlichen Ursprungs ist, verfeinerte moderne Versionen hat, die keineswegs leicht zu widerlegen sind“ (411). Wobei allen klar ist, dass ein so genannter „Gottes-Beweis“ alles andere als ein mathematischer „Beweis“ ist, treffender wird von Aufweis gesprochen…Kein geringerer als der Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell hat den ontologischen Gottesbeweis zumindest ernst genommen…Selbst die berechtigte Frage nach einer „letztgültigen Erklärung für das Entstehen des lebensfreundlichen Kosmos“ will Holt als treffend und berechtigt respektieren … im Unterschied zu Dawkins. Holt meint: Wenn man diese letztgültige Erklärung sucht, „dann ist es doch zumindest vernünftig, sich an die Gotteshypothese zu halten, oder?“ (412). Wer eine letzte Erklärung für unsere zufällige und vergängliche Welt sucht, so Holt, kann etwas, das „notwenig wie auch unvergänglich“ ist, „getrost Gott nennen“( 413).
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Jim Holt will keinen unschlagbaren Beweis für die „Existenz“ Gottes vorführen. Daran denkt er gar nicht. Er will nur einem Biologen (Dawkins) philosophisch zeigen, dass dieser sich gar nicht korrekt „Intuitionen“ (wie Dawkins selbst sagt) anvertraut: Dass er oft nur „Vermutungen“ äußert (416) und letztlich einem „darwinistischen Nihilismus“ (415) anhängt. Das sagt Jim Holt, der wahrlich kein Kirchenvertreter, kein klerikaler Apologet ist, sondern ein analytischer Philosoph, der die Mathematik zudem über alles schätzt. Im Grunde legt er Dawkins Buch „frustriert“ (416) beiseite. Holt weiß: Für oder gegen die „Existenz“ Gottes gibt es keine definitiven, alles ein für allemal entscheidenden Argumente. Wie sollte es bei dieser umfassenden und wahrlich letzten Frage auch anders sein.
4.
Kluge, reflektierte Menschen werden also wohl noch lange Ja zu Gott sagen, wie eben auch andere kluge Menschen eben auch Nein zu Gott sagen. Und beide haben ein Wissen von der eigenen Haltung, die dann eine Glaubenshaltung genannt werden muss: Definitives über Gott oder „Nicht Gott“ wissen also beide nicht. Es sollte deswegen konsequenterweise auch keine mit dem Anspruch der letzten gültigen Wissenschaft auftretende atheistische Missionierung, keine atheistische Werbung à la Dawkins geben. So wie die Zeiten der theistischer Propaganda hoffentlich auch vorbei sind.
Unter diesen Bedingungen bleibt jeder tolerant und offen bei seiner stets als für ihn selbst relativ zu verstehenden religiösen Überzeugung. Denn auch der Atheismus ist als eine nicht beweisbare Überzeugung vom Nichtvorhandensein Gottes eben auch nichts anderes als eine Form, eine Gestalt des Glaubens.
Was hat das für Konsequenzen? So vereinen sich dann die Menschen als Gleichberechtigte, als „Brüder und Schwestern“ möchte man fast pathetisch sagen. Weil religiös Glaubende und atheistisch Glaubende eben zu der universalen menschlichen Gemeinschaft der Glaubenden gehören. Beide, religiös Glaubende wie nicht-religiös Glaubende stehen glaubend vor dem Geheimnis des Lebens. Welche Chance wäre dies, wenn sich diese Erkenntnis, dieses Wissen vom je eigenen Glauben, herumspräche. Und Humanismus dann gerade diese universale Haltung und Spiritualität wäre, sozusagen das „geistuge Dach“ der Menschheit, unter dem sich religiös Glaubende wie nicht religiös Glaubende Menschen treffen.
5.
Dass es Glaubensformen unter religiös Glaubenden wie unter nichtreligiös Glaubenden gibt, die für den einzelnen wie für die Gesellschaft gefährlich sind, ist heute völlig klar. Diese der umfassenden Menschlichkeit widersprechenden Glaubensformen und Glaubensinhalte (etwa Fundamentalismen unter religiösen wie nicht-religiös Glaubenden) müssen kritisiert und ins Private zurückgesetzt werden. Maßstab dieser Kritik kann nicht ein Kriterium sein, das einer dieser Glaubensformen, ob religiös oder nicht religös, entnommen ist. Die Kritik an Fundamentalismen kann nur aus der allgemeinen Vernunft kommen, d.h. auch aus den Menschenrechten, den Werten der demokratischen Rechtsstaaten. Niemals aber können diese Kriterien aus dem Glauben einer Kirche stammen, sei es nun eine religiöse Kirche/Institution oder eine nicht-religiöse „Kirche“, also ein Verein, Verband, eine „Gesellschaft“, eine „Stiftung“…

Jim Holt, Als Einstein und Gödel spazieren gingen. Ausflüge an den Rand des Denkens. Rowohlt Verlag, 2020, 495 Seiten, 26 EURO.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin