Reliquien, alte Knochen, des heiligen Franziskus von Assisi werden jetzt in Assisi öffentlich ausgestellt

Die Verehrung des Toten im Katholizismus findet kein Ende
Ein Hinweis von Christian Modehn am 18.2.2026

1.
Nun werden also auch die Knochen des heiligen Franziskus von Assisi, gestorben vor 800 Jahren, öffentlich der Verehrung feilgeboten. Uraltes Gebein und sicher auch mittelalterlicher Staub können ab kommendem Wochenende in Assisi bestaunt, bewundert, verehrt werden. 350.000 Menschen haben sich bereits zur „Knochen-Show“ angemeldet, sie werden dann in der Basilika San Francesco zu Assisi angesichts der Reliquien ihre Bittgebete in den Himmel senden. (Siehe “Tagesspiegel”, 18.2.2026)

2.
Keine Frage: Franziskus von Assisi ist eine der ganz großen Gestalten der christlichen Geschichte; seine Biografie zu studieren, ist immer inspirierend, zumal sein freundschaftliches Interesse für islamische Gläubige. Wichtig auch seine Kritik an einer viel zu reichen und viel zu mächtigen, gewaltigen Kirche der Päpste. Franziskus wollte arm sein, er lebte in seiner Person und mit der ersten radikalen Brüder-Gemeinschaft eine Kirche der Armen. Er musste sich dann aber dem päpstlichen Druck ergeben und integrierte sich als Ordensgründer offizieller Art ins päpstliche System…Nur die Waldenser hielten gegen die Päpste stand und wurden selbstverständlich verfolgt, aber ihre radikale Kirche lebt bis heute!
Franziskus jedenfalls hat auch als Poet einen Namen, man denke an seinen „Sonnengesang“.

3.
Dieser äußerst ungewöhnliche Mensch verdient also wirklich viel Beachtung. Aber nun, wieder, wie üblich im Katholizismus, werden Knochen und Staub-Reste, genannt Reliquien, den Neugierigen feilgeboten. Dieser Kult bringt kirchlichen und staatlichen Behörden viel Geld ein, man denke etwa auch an die Millionen Euro, die in San Giovanni Rotondo gespendet werden, am Grab, am offenen Sarg, des heiligen Scharlatans Padre Pio, des angeblich Stigmatisierten, der so gern seine angeblich blutigen Hände der verzückten Öffentlichkeit zeigte…LINK 

4.
Die katholische Kirche kann vom Folklorekult der Reliquien – Zurschaustellung genauso wenig lassen wie vom immer noch üblichen Ablass-UnWesen. Im Heiligen Jahr 2025 gab es den immer nich begehrten Ablass, im Jahr des Franziskus – Jubiläums 2026 wird es ihn ebenso wieder geben… Der etwas ramponierte Petersdom soll alsbald repariert werden, tatsächlich!

5.
Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) führt ausführlich ins kritische Nachdenken über den Katholizismus! Wir haben mehrfach auf die sehr richtige und nach wie vor gültige Katholizismus-Kritik Hegels hingewiesen. Einige Zitate aus einem unserem Hegel-Beiträge zum Thema bieten wir in Nr. 7.

6.
Unsere kritischen Hinweise sind natürlich innerhalb des Katholizismus wirkungslos, also eigentlich ziemlich sinnlos. Albert Camus tröstet mit seinem Wort: „Man muss sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen“…
Die Päpste und Prälaten machen also den alten blöden Zauber weiter, weil er immer noch Geld einspielt. Anstatt sich als Kirche und Kirchenführung, als Klerus, öffentlich intensiv zu fragen: Wie kann die Kirche im Sinne des Franz von Assisi heute arm werden, also sich kritisch aus den Klammern des Kapitalismus und Neoliberalismus auch in ihren eigenen Reihen befreien… da werden uralte Knochen feilgeboten, wie einfallslos und intellektuell erbärmlich ist das alles. Natürlich später werden, im Laufe des langen Franziskus – Jubeljahres, wie üblich viele sehr feierliche Messen gelesen und erbauliche Worte gesprochen, „wie immer“…

7..
Nun aber ein Auszug aus unserem Beitrag: Hegel und der Katholizismus:

Zentral ist für Hegel die Erkenntnis: Der Katholizismus ist für Hegel „stehen geblieben“. Er ist noch immer machtvoll vorhanden, aber er ist nicht „wirklich“, im emphatischen, im Hegelschen Sinn von Vernünftigsein! Der Katholizismus ist also durchaus „veraltet“, überholt, weil noch eingebunden in eine vom Geist und der Vernunft längst überwundene Erfahrung von Gott, Mensch und Freiheit.

Laien wurden im katholischen Mittelalters minderwertig betrachtet! Zentral für Hegels Katholizismus Kritik ist auch die Verehrung bzw. Anbetung der Hostie: Diese ist der verwandelte, trans-substituierte Jesus Christus, verwandelt in ein winziges Stückchen Brot. Und diese Hostie ist in eine goldene Monstranz gesetzt. Die Hostie als äußere und äußerliche also veräußerlichte Präsenz des Göttlichen hat für Hegel weit reichende Bedeutung: “Wenn aber einmal zugegeben ist, dass Gott in äußerlicher Gegenwart ist, so wird zugleich dieses Äußerliche zu einer unendlichen Mannigfaltigkeit…dass Christus da und dort, in diesem und jenen, erschienen ist…Allerorten werden also in höher begnadeten Erscheinungen, Bluteindrücken von Christus sich Vergegenwärtigungen des Himmlischen begeben…Die Kirche ist daher eine Welt voller Wunder… Das Göttliche erschient als ein vereinzeltes Dieses, also ein Ding, eine Reliquie etwa“. („Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte“, Meiner Verlag, Hamburg, 1968, Seite 823 f.).

Die Konsequenzen dieser veräußerlichten Frömmigkeit, die sich an wundersame Dinge, heilige Gegenstände, heilige Orte, heilige Personen, heilige Leichen, Reliquien usw. hält, sind für Hegel gravierend: Es gibt dann die entzückten, aber ungebildeten, dumm gehaltenen Laien, die sich an diese heiligen Dinge gewöhnen sollen. Und es sind die Kleriker, die diese veräußerlichte Form der Frömmigkeit fördern. Damals, im 19. Jahrhundert, begannen die umstrittenen Wallfahrten zum „Heiligen Rock“, der angeblichen Kleidung Jesu Christi.
Es wird also in der Sicht Hegels den Laien verwehrt, im eigenen Geist die unmittelbare Verbindung mit Gott zu leben. In seinen „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ sagt Hegel in dem Zusammenhang die durchaus bis heute aktuellen Worte: „Die Menschen sind keine Laien“ (S. 297), „die Laien sind (im Katholizismus) aber dem Göttlichen fremd“ (S. 454) und vor allem: “Denkende Menschen als Laien behandeln ist das Härteste“ (S. 297). („Theorie Werkausgabe“, Band 20, Suhrkamp, 1970). Großartige, aktuell relevante Wirte, man denke an das Hin und Her, an die bescheidenen Erfolge und die vielen Frustrationen des „Synodalen Weges“. Diese Katholiken laufen in ihrer Forderung nach einer wenigstens etwas demokratischen Kirche gegen die allerdicksten Mauern seit Jahrzehnten…

In der katholischen Frömmigkeit erscheint für Hegel „das Verderben, der Aberglauben überhaupt“ in der Verehrung von heiligen Orten, von heiligen Knochen. „Das ist Wunderglaube der ungereimtesten und läppischsten Art. Denn das Göttliche wird auf eine ganz vereinzelte und endliche Weise für ganz endliche und besonders Zwecke da zu sein gemeint…“ (S. 873). Hegels richtige Reliquien – Kritik – Erich Fromms Erkenntnis zur „Nekrophilie“ vorausgreifend – findet förmlich Unterstützung durch Jesus Christus selbst: Der Philosoph zitiert die Frage des „Auferstandenen“: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten“? („Vorlesung über die Philosophie der Geschichte“, S. 471, bezogen auf Lukas Kap. 24).

Das Geistvolle, das Lebendige, ist einzig eben nur beim Geistigen, beim Vernünftigen, zu suchen und auch zu finden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Ist ein böser Gott heute in den USA allmächtig?

Die 28. der „unerhörten Fragen“ des “Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin”

Von Christian Modehn zuerst am 27.1.2026 veröffentlicht, erweitert am 6.2.2026

„Unerhörte Fragen“ haben eine provokative Kraft. Aber sie werden von den Herrschenden kaum „erhört“, d.h. sie haben nur selten eine verwandelnde Kraft. Weil die unverschämt Handelnden unbeirrt unverschämt (unerhört) bleiben.
Aber: Unerhörte Fragen müssen erläutert werden. Dies ist Ausdruck von Hoffnung.

1.
Trump inszeniert sich ständig gern als allmächtig. Nur sein Wille zählt. Vor ihm haben alle gefälligst niederzuknien…
Trump ist absolut launisch, nur auf sein Ego (und sein Geld bzw. die entsprechenden Deals) fixiert; er sei bösartig und hinterhältig, sagen viele, die ihn kennen, gerade aus Kreisen kritischer amerikanischer JournalistInnen. Sie werden von Trump aufs übelste beschimpft. Pressefreiheit will er auch auf diese Weise bekämpfen.

2.
Weil die Bürger der USA und die klein gewordene demokratische Weltgemeinschaft Trump nicht definitiv fassen können, also aus dem Amt entfernen können, um Schlimmstes zu verhindern, suchen viele kompetente Beobachter Zuflucht zu Definitionen, die ihn wenigstens in der Theorie zu „fassen“. So wird die Unfähigkeit der demokratisch gesinnten Menschen etwas beruhigt und man hofft etwa als Philosoph, dass die Stimmen der Kritik irgendwann die Verhältnisse zum Besseren wenden, zur Wiederkehr der Demokratie.

3.
So sehen die wichtigsten Trump – Kritiken aus:
Timothy Snyder meint: Der Trumpismus ist Faschismus.
Felix Sassmannshausen nennt den Trumpismus einen „Cäsarismus“.
Gustav Seibt zieht es vor, Trump mit Nero zu vergleichen.

4.
Der Trumpismus sei aber vor allem ein Neo – Royalismus, betonen die amerikanischen Politologen Stacie Goddard und Abraham Newman in der Zeitschrift „Le Grand Kontinent“. LINK.

Der Trumpismus zeichne sich durch die strikte Leugnung zweier Grundprinzipien der aktuellen Weltordnung aus: Trump leugnet die „gegenseitige Anerkennung der äußeren Souveränität der Staaten und den Vorrang des Rechts als Grundlage der politischen Legitimität und als Grenze der Machtausübung“, so fasst „Perlentaucher“ am 5.2.2026 eine zentrale Erkenntnis zum „Neo – Royalismus“ zusammen.

5.
Trump der neue allmächtige, willkürliche König („Neo-Royalismus“):
Von da aus ist es naheliegend, auch den Titel „Gott“ aus der Bibel und der kirchlichen Tradition auf Trump zu beziehen, zumal ja Trump und die Seinen so oft vom Biblischen schwadronieren. Der auferstandene Christus wird von Katholiken als Christ – König verehrt und vor allem: „Alten Testament“ gibt es zentral das Bekenntnis: „Gott ist König“, siehe etwa die Psalmen, Jesaja, Jeremias etc…

6.
Trump also: der oberste „Neo -Royal“, er deutet öffentlich sein Amt als von Gott gegeben. Er verkündet: Als Präsident wurde er von Gott selbst im Attentat am 14.7.2024 gerettet. „Monate später, im Mai 2025, organisierte der Verteidigungsminister einen christlichen Gebetsgottesdienst im Pentagon, bei dem laut der New York Times ‘Präsident Trump als von Gott bestimmter Führer` gefeiert wurde’“, berichtet „Le Grand Continent“.

7.
Fest steht. Trump gilt unter den „(weißen) Christlichen US – Nationalisten“ als „Messias“. Und der „Messias“ wird von christlichen Theologen als göttliche Gestalt, als Gottmensch, als Erlöser, verstanden und propagiert.
Von da aus kann man sich gut in Trumps Wahn hineindenken, er sei der Messias, also etwas Göttliches. Spätestens seit dem Philosophen Ludwig Feuerbach (1804-1872) wissen wir: Es sind die Menschen, die sich ihre Götter schaffen: Den naiven lieben Opa im Himmel genauso wie den bösen Gott, der als Neurotiker nur eine bestimmte Gruppe von Menschen als die „Seinen“ fördert und alle anderen schikaniert. Der aber als der oberste regierende Gott einen Hofstaat von Halb -Göttern um sich schart.

8.

Es sind die Milliardäre, die Halbgötter, die diesen obersten Gott zu eigenem finanziellen Nutzen unterstützen.
Es ist der Wahn so vieler nationalistisch verdorbener Menschen, die diese Präsenz dieses Gottes für sich als Vorteil ansehen und ihn durch Wahlen an die Macht bringen.
Es ist die systematisch und total ausgebaute Macht – Gewalt des Gott – Herrscher…

9.
Jeder und jede unter Trump Leidende kann diese Liste der Eigenschaften des bösen Gottes fortsetzen.

10.
Aufgrund seiner oben genannten „Qualitäten“ können kritische Beobachter Trump als einen bösen Gott verstehen. Der ägyptische Gott Seth gilt als typisches Beispiel für den bösen Gott, er ist verantwortlich für Chaos, Vernichtung, Krieg und Leiden…In der griechischen Mythologie werden böse Götter genannt, etwa Kronos: Er frisst seine eigenen Kinder.

11.
Beachtlich auch der göttliche Ritus: Wenn Trump eine seiner vielen Verordnungen und Gesetze unterschrieben hat, zeigt er das Dokument, hoch haltend, auch drehend, damit jede Kamera auch seine viel zu lange, künstlich aufgeblähte spitze Unterschrift wahrnimmt: Trump will in dieser Zeremonie religiöse Vorstellungen wecken … etwa Erinnerungen an Moses, als er die Gesetzestafeln Gottes dem Volk zeigte. Dies ist ein beliebtes Motiv der Künstler, man denke an Valentin de Bourgognes Gemälde (1628). Diese Unterschriften – Riten Trumps im Beisein seiner ihn bewundernden “Gemeinde” (Vance und andere Halbgötter; Vance wird bald der neue Gott sein) sind also eine bewusst eingesetzte religiöse Zeremonie, die direkten Bezug hat zu tiefsten religiösen Traditionen von Judentum und Christentum. Der Gott zeigt sich seinem Volk.

12.

ABER, dies ist der entscheidende Unterschied: Moses hatte die Gesetzestafeln empfangen, nicht selbst geschrieben, Moses stand UNTER dem einen, dem befreienden Gott. Trump hingegen formuliert selbst diese verheerenden Gesetze, er maßt sich an, Herr aller Gesetze, allen Rechts, zu sein.

13.

Und Trump “schwingt sein Schwert“, ständig: gegen die Demokratie, gegen die eigenen Bürger, wenn sie zur Opposition, gehören. Die USA werden allmählich zur Diktatur. Wer es sich leisten kann, flieht, etwa nach Kanada.

14.
Die demokratischen Mitbürger seines Landes betrachtet der böse Gott explizit als Feinde, auf die er in seinem offiziellen KI- Video tatsächlich Scheiße von oben wirft. Tiefer kann ein so genannter Präsident nicht sinken…Quelle: LINK. https://www.sueddeutsche.de/kultur/ki-video-donald-trump-fake-no-kings-koenig-faekalien-li.3327809
15.
Im biblischen Mythos rettet Gott das unterdrückte Volk aus der Herrschaft des Pharaos in Ägypten. Er beruft Moses als den Befreier des Volkes.
Der wahre Gott ist der befreiende, der menschliche Gott…Der Prophet Jesus von Nazareth brachte definitiv Klarheit: Gott ist der liebende Vater eines jeden Menschen.  Das ist die humane Botschaft des christlichen Monotheismus.

16.
Wie lässt sich der genannte biblische Mythos in die Sprache der säkularen Welt übersetzen? Als wahres Göttliches können heute nur die universellen Menschenrechte gelten. Sie fordern Respekt, Gerechtigkeit, Gleichbehandlung vor dem Gesetz für einen jeden Menschen. In dem Sinne: Demokraten weltweit leisten Widerstand in Gruppen, Parteien, Organisationen, in NGOs, sicher auch in einigen Kirchen-Gemeinden, die öffentlich und lautstark, trotz aller Medien – Herrschaft durch diesen Gott und seine Halbgötter, für die Befreiung kämpfen, für die Befreiung von Göttern und Halbgöttern.

17.
Das ist die verstörende Erkenntnis dieser Wochen und Tage: Wir leben tatsächlich in einer poly-theistisch bestimmten Welt der vielen bösen Götter (sie haben auch den Namen „Neoliberalismus“). Die vielen bösen Götter der Gewaltherrschaft sind Produkte der “Theologie”, der Ideologie, der Rechtsextremen, der Nazis, der Faschisten usw. Als die “Neue Rechte” (“La Nouvelle Droite”) sich um 1970 in Frankreich und von da aus in ganz Europa und Amerika etablierte, war der Polytheismus Mittelpunkt ihrer Ideologie. Die wahren Monotheisten, die Verteidiger der universell gelten Menschenrechte, waren und sind ziemlich hilflos bis jetzt.

PS 1.:
Diese unsere unerhörte Frage wurde von einem wichtigen Dokumentar-Film der ARD am 12.1.2026 angeregt: „Trump & us“. Die drei Teile des Films sind bis 10.1.2028 in der Mediathek verfügbar. LINK

Wir haben schon 2025 ein viel beachtetes Gebet formuliert, das die Trump-Gläubigen jeden Tag sprechen, eine Neufassung des Songs „Ich bete an die Macht der Liebe“… : LINK:

Dieser Beitrag wurde am 27.1.2026 zuerst publiziert, dem Gedenken an die “Befreiung von Auschwitz 1945”, dem Gedenken also an das vorläufige Ende der Nazi-Herrschaft in Europa; die Nazi-Herrschaft  ist Inbegriff der Herrschaft böser Götter, denen so viele Menschen folgten.

Die ständige Verführbarkeit der so genannten Monotheisten, also der Verehrer des wahren, des humanen Gottes durch die bösen Götter ist ein dringendes Thema der  Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phien und kritischen Theologien.

PS 2.:Der Spiegel (online) nennt am 15.2.2026 “Trump- einen SATANISCHEN Wettermacher”, ein Kommentar vin Dirk Kurbjeweit. Sozusagen eine Zuspitzung bzw. Variation unserer These: “Trump als böser Gott”.  Wwr stürzt einen “Satan”, wer stürzt einen “bösen Gott”? Falls das gelingt: Welcher “Satan” kommt danach, welcher “böse Gott” kommt danach, wenn die vernünftigen demokratischen Menschen nicht SEHR aufpassen!

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

 

 

 

 

Mit Boccaccio in die Religionskritik

Erinnerungen an den Dichter anläßlich seines 700.Todestages am 21. Dezember

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.

Die Erinnerung an den Dichter Giovanni Bocaccio anläßlich seines 700. Todestages am 21. Dezember 2025 führt uns zu seinem Werk, vor allem zum „Decameron“ und dort besonders zu seiner Kirchen – und Kleruskritik und von dort aus weiter zur Erkenntnis der Historiker: Die „Christenheit“ im (Spät-) Mittelalter und der Renaissance war überhaupt nicht vorbildlich fromm, wie die Idealisierer der mittelalterlichen katholischen Welt stets gern behaupten. Dabei erinnern wir zugleich an die grundlegenden Erkenntnisse des Mentalitäts – Historikers Jean Delumeau in seiner grundlegenden Studie „Stirbt das Christentum“ (1978): „Von einer mittelalterlichen Christenheit kann man nur sprechen, indem man sich an den Mythos eines goldenen Zeitalters klammert.“ (S. 36) 

2.

Erotische Liebe, selbstverständlich nicht die „platonische“, sondern die ganzheitliche, also körperliche, nicht nur verstehen, sondern in aller Leidenschaft praktizieren: Davon ist der Dichter Giovanni Boccaccio überzeugt und so erzählt er voller Lust – im Spät-Mittelalter! 

Giovanni Boccaccio  wurde am 16.6.1313 in oder bei Florenz geboren, vor 700 Jahren ist er gestorben. Boccaccio ist einer der Meister italienischer Dichtung im Übergang vom Spätmittelalter in die Renaissance und den Humanismus. Und er ist aktuell, wird neu übersetzt und wohl auch gelesen bis heute, man denke an den Film „Decameron“ von Pasolini im Jahr 1970. 

Wir erinnern an Boccaccio, weil er die erotische Liebe als Lebenskraft versteht – und dies ausgerechnet in Zeiten tiefer existentieller Bedrohung: Von 1346-1353 wurde Italien, wurden große Teile Europas, von der Pest, dem „schwarzen Tod“, heimgesucht. Etwa 25 Millionen Menschen starben an der Seuche.

3.

„Decameron“ hat Boccaccio während der Pest entwickelt und 1351 vollendet. Er erzählt von jungen Leuten, die 1348, während der Pest, die Stadt verlassen und in der Umgebung von Florenz Sicherheit und Zuflucht suchen. Zwei Wochen erzählen sie sich Geschichten, Novellen.

„Boccaccio empfiehlt die Liebe als Lebenskraft in der Todeszeit der Epidemie. Er zeigt, „wie gefährdet die Liebe ist in der realen Welt der Familie, der Geschäfte und der feudalen Herrschaftsverhältnisse“, schreibt der Philosoph und Mittelalter – Spezialist Kurt Flasch in der „Süddeutschen Zeitung“ am 20./21. Dezember 2025, Seite 20. Boccaccio erzählt, „wie nach dem Ausbruch der Pandemie viele Einwohner seiner Heimatstadt Florenz ihren sozialen Verpflichtungen nicht mehr nachkamen, wie das soziale Leben zerstört wird.“ 

4.

Ein anderer der großen italienischen Dichter, Dante Alighieri (1265-1321) muss in dem Zusammenhang erwähnt werden. Dante ist noch stark an den katholischen Glauben und seine Dogmen gebunden, ist aber doch ein heftiger Kritiker des Klerus. Also: Kirchenkritik ist in Italien im 14. Jahrhundert in Kreisen „gebildeter Laien“ üblich. Auch Boccaccio leistet dazu einen wichtigen Beitrag, religionsphilosophisch bedeutend und aktuell für die Gegenwart: Er kritisiert den Lebenswandel des Klerus, dessen Verlogenheit, dessen sexuelle Gier bei einer scheinheilig betonten Keuschheit und Armut, oft in einem ironischen, in einem unterhaltsamen Ton. Man denke an die Geschichte des damals ziemlich berühmten „Ser Ciappelletto“ , wie die Franzosen sagen, in Italien ist es der Cepperello, ein Bösewicht sondergleichen: Betrügen, morden, huren… und darauf ist er noch stolz: Auch Lügen ist seine große Stärke. Er erzählt einem Mönch so viele Unwahrheiten von sich selbst, dass dieser arme, aber dumme Geistliche alles glaubt und dafür sorgt, dass die Frommen, ebenfalls als die Dummen dargestellt, diesen bösen Typ als einen Heiligen verehren. Allein schon mit dieser Geschichte der leichtgläubig Gläubigen, im Klerus wie unter den Laien, zeigt Boccaccio seine Skepsis gegenüber der kirchlichen, vom Klerus bestimmten  Welt der Naivität, Lüge, Verführbarkeit durch Unwissen. 

5.

Der Philosophiehistoriker Georges Minois hat seinem Standardwerk „Geschichte des Atheismus“ (2000,  S. 169 ff., auch S. 95 ff.) in einem Kapitel „Der Unglaube in Italien“ auf Boccaccio hingewiesen: „Das Dekameron wimmelt von Bildern und Porträts , die eine liederliche und ungläubige Gesellschaft zeigen….“ (S. 98). In seinem Text „De genealogia deorum“ , „Über die Genealogie der Götter“ (1360), weist Boccaccio förmlich schon auf Ludwig Feuerbach (1804-1872), wenn er die Götter als Konstrukte der Menschen versteht.  Die kirchenkritischen Autoren am Ende des Mittelalters und am Beginn der Neuzeit „dürfen alles schreiben, nur nicht, was die Macht des Papstes angreift. Weil man in Rom den Atheisten, den Sodomiten , den Freigeistern und vielen anderen Schurken verzeiht, niemals aber denen, die den Papst oder jene päpstliche Allmacht in  Zweifel zu ziehen scheinen“, so zitiert der Philosophiehistoriker Minois (S. 265) den französischen Philosophen Gabriel Naudé (1600-1653), Naudé hatte sich damals mit der Kirchenkritik ausführlich auseinandergesetzt.

6.

Frühe Interpreten Boccaccio, wie Prosper Marchand ,behaupteten 1759: Boccaccio sei ein „vollkommener Atheist gewesen“ (Minois, S. 98): Er denkt dabei an eine Erzählung im „Decameron“: Dort wird die Geschichte der Gleichwertigkeit der drei monotheistischen Religionen in einem Mythos erzählt, der später von Lessing als „Ringparabel“ allgemeine Aufmerksamkeit fand. Aber Boccaccio hat den Mythos schon erzählt. Aber wegen dieses Textes Boccaccio einen „vollkommenen Atheisten“ zu nennen, ist maßlos und falsch, Ausdruck christlicher Überlegenheit und Herrschaft damals, kein Wunder, dass Boccaccio Werke vom Papst auf den Index der für Katholiken verbotenen Bücher gesetzt wurde. 

7.

Im Blick auf die Geschichte der Kirche und des üblichen Sprechens von der „gläubigen Christenheit“ vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit schreibt der Historiker Jean Delumeau in „Stirbt das Christentum?“: „Diese Christenheit war eher eine autoritäre Konstruktion, ein gemeinsamer Rahmen für die Völker, als der bewusste Glaube der Massen an die Offenbarung…Die Christenheit wurde nie in übereinstimmender Überzeugung  oder gar des Verhaltens gelebt… Von diesem Standpunkt aus war die Christenheit ein Traum, den man für Realität gehalten hat.“ (S. 46f.). 

8.

Geträumt hat auch die Christenheit, unter der Herrschaft der Päpste, als der kritische italienische Theologe Lorenzo Valla (1406-1457) in seiner Schrift „Über die falsch geglaubte und erlogene Konstantinische Schenkung“ (Übersetzung des lateinischen Titels) aus dem Jahr 1440 beweisen konnte: Die Ansprüche der Päpste auf weltliche Macht mit einem Kirchenstaat durch eine Schenkung Kaiser Konstantins beruhen auf einer Lüge und Fälschung: Kaiser Konstantin (er hatte das Konzil von Nizäa 325 einberufen) hatte nie, wie die Päpste behaupten, die weltliche Macht der Päpste begründet. „Valla liefert die durchschlagenden historisch-philologischen Beweise“, dass die Konstantinische Schenkung eines Kirchenstaates eine Lüge ist. (T.S. Hoffmann, „Philosophie in Italien“, Wiesbaden 2007, S. 219). 

9.

Was also denken wir in einer eher knappen Erinnerung an Boccaccio: Eine von allen respektierte katholische Welt, vom Klerus zwar beherrscht, gab es schon im Mittelalter nicht. Einige Katholiken hatten den Mut, die verheerende  Sexuallehre der Kirche durch eine freie erotisch-sexuelle Praxis zu überwinden. Die Päpste konnten ihre politischen Machtansprüche durch Fälschungen und Lügen („Konstantinische Schenkung“) Jahrhunderte lang – auch durch Kriege, von Päpsten geführt, etablieren; der Vatikanstaat konnte sich bis 1870 als politische Macht halten! Wo sind heute im katholischen System Lügen und fundamentalistische Fehlinterpretationen der Bibel zu finden? Ein weites Feld. Der niemals akzeptable Ausschluss der Frauen aus den kirchlichen Ämtern ist das deutliche Beispiel für eine fundamentalitische Deutung von Jesu Worten und Praxis („Er hat ja nur Männer zu Aposteln erwählt“ heißt es dann im Rahmen des vatikanischen Klerikalismus. 

Sogar eine Erinnerung an den Dichter Boccaccio führt in die Tiefen aktueller philosophischer Religionskritik… 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

José Antonio Kast: Chiles rechtsradikaler Präsident: Katholisch in der „Schönstatt-Bewegung“

Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.12.2025. Nun hat “Schönstatt” am 18.12.2025 zur Wahl des Marien-Freundes und Schönstatters José Antonio Kast Stellung genommen. Siehe Nr. 7 in diesem Hinweis.

Am 20.1.2026 aktualisiert:

Die Wahl des katholischen rechtsextremen Politikers José Antonio Kast zum Präsidenten Chiles ist nur durch die massive Unterstützung des Trump-Regimes möglich geworden. Trump feierte die Wahl des Pinochet – Freundes Kast, “den Trump zuvor öffentlich unterstützt hatte. Nie zuvor hat ein Mann im Weißen Haus seine einseitige Parteinahme in Angelegenheiten des Subkontinents Lateinamerika derart dreist zur Schau gestellt”, schreibt Christophe Ventura, Paris,  in “Le Monde Diplomatique”, Deutsche Ausgabe, Januar 2026, in einem ausführlichen Beitrag, S.1.

Nun steht fest: Das Trump Regime setzt mit aller Gewalt rechtslastige Regierungen in Lateinamerika durch. In Kolumbien und Brasilien gelte es für die linken Regierungen bei den Wahlen in 2026, “ihre Errungenschaftem gegen mächtige revanchistische rechte Parteien zu verteidigen” (ders., S. 7). Und Trump wird als Imperialist versuchen, auch Kolumbien und Brasilien mit rechtsextremen Präsidenten auszustatten. Wer es noch nicht weiß: Die Allmacht des Trump -Regimes setzt sich auch in Lateinamerika durch.

Am 20.1.2026 aktualisiert:

Am 9. Januar 2026 veröffentlichte die Schönstatt Bewegung einen Kommentar zur Wahl ihres Schönstatt Mitgliedes José Antonio Kast zum Präsidenten Chiles. Von der rechtsextremen Orientierung Kasts ist darin – wie zu erwarten – keine Rede. Es wird nur daran erinnert, dass der Gründer dieser auf die Jungfrau Maria fixierten Bewegung, also Pater Josef Kentenich, einst für eine gewisse Form der Sozialpolitik und irgendwie umfassender Humanität eingetreten ist. Und das möge doch bitte auch das Schönstattmitglied und Präsident Kast beachten.
Der Autor dieses offiziellen Kommentars, Patricio Young in Chile, ahnt wohl schon, dass sein Schönstatt Präsident Kast von seiner rechtsextremen Haltung überhaupt nicht abweicht, also die humanen politischen Vorschläge Pater Kentenichs nicht realisiert. Der Beitrag des Schönstattmitgliedes Patricio Young endet darum mit den hilflosen, aber in der katholischen Welt immer verwendeten Worten:  „Wir vertrauen auch auf das Eingreifen Gottes“.
Dann sind wir gespannt, wie Gott vom Himmel aus doch noch in letzter Minute ein Wunder vollbringt, und Kast als Präsidenten verhindert…Wäre ja von Gott wirklich nett und Chile hätte ein Wunder anzumelden…
Quelle LINK:

……………………………

1.
José Antonio Kast wurde zum Präsidenten Chiles am 14. Dezember 2025 gewählt. Er gibt offen zu, den rechtsradikalen Diktator Chiles, Augusto Pinochet zu schätzen: „Kast versicherte am 9.November 2017: Wenn Pinochet noch lebte, würde er ganz klar mich wählen“ (Quelle: El Mercurio On-Line, 9.9.2017.) Der Diktator Pinochet herrschte, von den USA eingesetzt, von 1973-1990.
Kast ist stolz darauf, sehr rechts, rechtsextrem zu sein und in seiner Moral extrem konservativen Dogmen zu folgen: Gegen Schwangerschaftsabbruch, gegen „Ehe für alle“ usw. „Ich bin als Katholik in die Politik eingetreten; zuerst bin ich katholisch, dann bin ich ein Politiker; zuerst bin ich Vater einer Familie, dann bin ich ein Politiker,“ berichtet „info vaticana“ zu einer Stellungnahme Kasts im Jahr 2023. LINK
Der neue Präsident Chiles Kast will die Armut und die oft von Armut beförderte Kriminalität bekämpfen durch eine Art Polizeistaat der Kontrollen, Vertreibungen (von Ausländern, Flüchtlingen…) , Repressionen…Trump zeigt, wie es geht…Trump sagte zum Wahlsieger Kast: „He’s a very good person.“

Zu Pinochet und die katholische Kirche in Chile siehe LINK:

2.
Es wird in den Analysen zur Wahl José Antonio Kasts zum Präsidenten Chiles nie ausführlich dokumentiert: Kast ist seit vielen Jahren aktives Mitglied der internationalen katholischen „Schönstatt – Bewegung“. Ohne diese Bindung an die Spiritualität dieser von Rom so genannten „neuen geistlichen Gemeinschaft“ innerhalb der Kirche wird man Kasts politische- ethisch – extrem konservative Grundüberzeugung nicht verstehen. In dieser Mischung aus dem für „Schönstatt“ mysteriösen Marien-Kult („Die dreimal wunderbare Mutter“), der nur hetero-normativ zu verstehenden Ehe sowie in der Bevorzugung der Wohlhabenden in der Theologie von „Schönstatt“ ist Kasts politisches Programm sichtbar… Dass Kasts Vater überzeugter Nazis war und nach dem Krieg – wie andere Nazis – nach Chile auswanderte, ist eine Tatsache.

3.
Die Schönstatt Bewegung ist, kurz gesagt, eine aus Deutschland stammende, sehr auf Maria, die sogenannte „Gottesmutter“, fixierte Frömmigkeitsbewegung mit ca. 100.000 Mitgliedern heute, berichtet die katholische Tageszeitung La Croix am 7.7.2020. „Schönstatt“ ist in Chile stark vertreten, vor allem unter gut-bürgerlichen Familien, die das klassische Familien-Ideal lieben. „Schönstatt Chile” leitet auch eigene Privatschulen.
Gründer dieser Marien-frommen Bewegung ist Pater Josef Kentenich (1885-1968): Er hat auch seine Ideen verbreitet zur Pädagogik: Jedes Mitglied seiner Bewegung solle über die Marienverehrung hinaus sein „persönliches Ideal“ finden. Über Details kann man sich über wikipedia „Schönstatt“ informieren.
„Schönstatt“ stand auch im Mittelpunkt öffentlichen Interesses wegen der zahlreichen Berichte über sexuellen Missbrauch unter prominenten „Schönstatt“ – Bischöfen in Chile und wegen der Berichte über sexuellen Missbrauch durch den Gründer „Vater“ Pater Kentenich. 2018 hat Papst Franziskus den ehemaligen Erzbischofs von La Serena, Francisco José Cox Huneeus, aus dem Priestertum ausgeschlossen, er gehörte der Schönstatt- Bewegung an und war schon Anfang der 2000er Jahre wegen sexuellen Missbrauchs gegen Minderjährige angeklagt worden. Erst Im Jahr 2018 bestrafte ihn der Papst mit der Versetzung in den Laienstand…Heftige Kontroversen wegen der Vertuschung von sexuellem Missbrauch gab es auch mit Kardinal Francisco Javier Errázuriz Ossa, Mitglied von “Schönstatt”. Er wurde von den Opfern des in ganz Chile  bekannten sexuellen – Missbrauchs -Priesters Fernando Karadima angeklagt (LINK. ) und beschuldigt, die Beschwerden der Opfer gegen diesen ehemaligen Pfarrer Karadima
zu vertuschen. (LINK )

4.
Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat schon 2022 einige wichtige Hinweise zur Verbindung von José Antonio Kast mit der Schönstatt-Bewegung publiziert. Vieles, was damals gesagt wurde, ist auch heute gültig. „Schönstatt“ in Chile (und nicht nur dort) hält sich zu seinen politischen Interessen sehr bedeckt, wie alle der so genannten neuen geistlichen Bewegungen. Welche Zeitschrift, welches Universitätsseminar hat schon etwas von der politischen Orientierung etwa der Millionen, die dem „neokatechumenalen Weg“ folgen, freigelegt und dokumentiert oder von der sehr konservativen theologisch – politischen Haltung der vielen hundert neokatechumenalen Priester nicht nur in Deutschland, sondern weltweit?
Zur politischen Orientierung von Schönstatt in Chile hatte sich am 28.10.2019 Patricio Young, Sozialarbeiter und Mitglied der chilenischen Schönstatt Bewegung geäußert, ein für katholische Verhältnisse mutiger Insider: „Wir sind eine Oberklassenbewegung. Wir bestehen hauptsächlich aus Familien aus der mittleren, oberen und höchsten Schicht. Abgesehen von Carrascal befinden sich unsere Heiligtümer in privilegierten Stadtteilen. Unser Vater hätte nur in der Pater-Kentenich-Schule in Puente Alto (sozialer Brennpunkt) zur Schule gehen können, der einzigen, die völlig kostenlos ist. Es gibt in unseren anderen Schulen einige wenige Schüler, die subventioniert werden, aber die große Mehrheit ist für Kinder der Oberschicht, obwohl das dem einen oder anderen Pater, den ich dazu öffentlich hinterfragt habe, nicht gefällt – abgestritten hat es aber auch keiner“. LINK

5.
Diese kritische Stellungnahme von Patricio Young „aus dem Inneren“ der Bewegung ist eine Ausnahme. Bisher konnte ich noch keine Stellungnahme von Schönstatt/Chile oder in den deutschen Schönstatt-Medien zum Sieg des Schönstatt-Mitglieds und reaktionären Politikers José Antonio Kast finden. Also eines Katholiken, der den Diktator Pinochet noch heute achtet und schätzt.
Chiles Bischöfe haben sich nach dem Sieg Kasts eher zurückhaltend geäußert, also nicht so, dass ein „Sohn der Kirche, ein Marien-Freund, Präsident wird“. Das nicht. Aber die Bischöfe wissen zu schätzen, dass Kast in seiner offiziell katholischen Moral selbstverständlich pro life – orientiert ist, also gegen Abtreibung und gegen „Ehe für alle“ kämpft. Aber die Bischöfe erinnern ihren Marien-Freund Kast, dass er sich als Präsident um das Gemeinwohl zu kümmern habe und bitte auch die Menschenrechte der Flüchtlinge zu respektieren habe. Dass zur Wahl Kast viele sehr rechtsgerichtete lateinamerikanische Präsidenten gratulierten, zeigt: Die Führer der herrschenden, offiziellen Politik stehen heute in Lateinamerika mehrheitlich sehr rechts. Und man wird sich im Falle Kasts die Mühe machen zu dokumentieren, wer seine Wahlkampagne finanziell unterstützt hat. Wie gesagt, Trump sagte zum Wahlsieg Kasts: „He´s a very good Person“…

6.

Die vielen so genannten “neuen geistlichen Bewegungen” der katholischen Kirche zeigen deutlich, welchen konservativ – reaktionären Überzeugungen sie folgen, dies ist eine gültige Erkenntnis der Katholizismusforschung, also der kritischen Theologie bzw. auch der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie. Diese “geistlichen” Gemeinschaften wurden ja mit dem Ziel gegründet, die “Neu-Evangelisierung” im Sinne der Päpste zu befördern. Aber viele dieser “Gemeinschaften” zeigen eher des häßliche Gesicht einer klerikal bestimmten Ideologie, man denke etwa an die Skadale der “neuen geistlichen Gemeinschaft” “Sodalicio” vor allem in Peru, “Sodalicio” wurde inzwischen von Papst Franziskus verboten.  Soldalicio hat aber viel Unheil in den Gemeinden Perus angerichtet. Man denke an die sexuellen Straftaten, die Priester aus dem Orden der “Legionäre Christi” begangen haben, ein Orden, den Papst Johannes Paul II. in höchsten Tönen öffentlich lobte. Man denke an die Skadale wegen der vielen neuen geistlichen Gemeinschaften im Bistum Toulon mit seinem reaktionären Bischof Dominique Rey (inzwischen von Papst Franziskus abgesetzt), man denke an den nun freigelegten massiven sexuellen Missbrauch im katholischen Geheimbund Opus Dei oder an den Missbrauch in der charismatisch -katholischen sehr konservativen Gemeinschaft Emmanuel usw. usw.

Wer diese neuen geistlichen Bewegungen näher , d.h. kritisch betrachtet, entdeckt dabei nur einen weiteren Aspekt der tiefsten Krise, in der sich der Katholizismus heute befindet: Die momentane mediale Begeisterung für Papst Leo XIV. verdeckt nur den faktischen Abschied vom Katholizismus in Europa: Katholiken verlassen scharenweise diese Kirche, in Holland, Belgien, Irland, Polen, Frankreich, Spanien, Deutschland, der Schweiz, Österreich usw. Statistisch alles tausendmal nachgewiesen. Es ist eine Tatsache: Wenn und wo KatholikInnen ein gewisses kritisches Bildungsniveau haben, wenden sie sich von dieser Kirche ab: Warum? Weil diese “ihre” einstige Kirche absolut stur jegliche Gleichberechtigung der Frauen ablehnt, weil sie an dem Wahnsinn des Zölibat-Gesetzes festhält, weil sie uralte Dogmen nur repetiert, weil ewig und überall dieselbe Messe feiert in einer erstarrten Sprache und so weiter und so weiter…

7.

Am 18. Dezember 2025 hat die Schönstatt-Bewegung – endlich – zur Wahl ihres Mitgliedes José Antonio Kast zum Präsidenten Chiles einen kurzen Beitrag veröffentlicht, mit einigen Fotos der sooo glücklichen Familie mit neun (9) Kindern; der kurze Beitrag, der Kast als einen soliden, freundlichen Demokraten herausstellen soll, endet mit den Worten: “Die Schönstatt-Bewegung unterstützt zwar wie die Kirche weder politische Parteien noch Kandidaten, aber sie ermutigt alle Laien, als Salz der Erde und Licht der Welt aktiv zu sein.” (Was ist das für eine falsche Behauptung: Die katholische Kirche unterstützt(e) doch immer rechte politische Parteien weltweit, auch Faschisten…, CM).  Und weiter sagt Schönstatt: “In diesem Sinne sind alle eingeladen, für die Familie Kast zu beten, damit Gott sie in den kommenden Jahren führt und Chile sich als „glückseliges Abbild des Gartens Eden” (Auszug aus der Nationalhymne) und als gesegnetes und prosperierendes Land weiterentwickeln kann.”

Wie bitte? Mit einem rechtsradikalen Präsidenten Kast wird es ein “Abbild des Gartens Eden” in Chile geben? Für wie naiv halten die Schönstätter die Menschen? Im “Garten Eden” fand bekanntlich der Sündenfall statt, also dort wurde die Erbsünde in die Welt gesetzt, wie die Dogmen behaupten. Hoffentlich findet in dem “Garten Eden Chile” unter dem rechtsradikalen José Antonio Kast nicht erneut eine schwere Sünde statt, nämlich eine Herrschaft nach der Art von Pinochet! Es ist dieses Verschweigen der Fakten, “Kast ist ein Rechtsradikaler”, das jegliche Achtung vor diesen offiziellen Kommentaren zerstört, diese sind wie üblich nur defensiv, nur “pro domo”, sagen nur einen kleinen Teil der Wahrheit… Das ist katholische “Öffentlichkeitsarbeit”….

LINK 

8.

Die “Süddeutsche Zeitung” erinnerte am 15./16. November 2025 auf S. 8 daran: José Antonio Kast würde “bei der vergangenen Wahl” von dem chilenisch-deutschen Ökonomen Sven von Storch beraten. Sven von Storch ist der Ehemann von Beatrix von Storch, der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der AfD im Bundestag”.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Weihnachten kritisch feiern: Ein aussichtsloser Vorschlag?

Ein Hinweis von Christian Modehn

1. Zur Einstimmung:
Auch religiöse Feste, selbst wenn sie jetzt mehr säkular als christlich sind, bleiben Thema der Philosophie und Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, kritische Reflexion gilt selbstverständlich auch dem Weihnachtsfest. Dabei will Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie nicht die Freude am Fest zerstören. Wir sind aber sicher: Bewusste und das ist immer kritische Kenntnis dessen, was wir da zu Weihnachten feiern, kann das Fest auf ein geistvolles, auf vernünftiges Niveau heben und die „Weihnachtsemotionen“ mit dem üblichen „Weihnachts-Kaufrausch“ etwas korrigieren… um mit Verstand zu feiern.

2. Das Übliche
Beim Feiern von Weihnachten glaubt jeder und jede, was er, was sie, persönlich hübsch und beruhigend findet, was alles die „Gemütlichkeit“ fördert. Oder was Kindheitserinnerungen weckt im Gedenken an „Leise rieselt der Schnee“, oder an die „Stille Nacht, in der alles schläft..“ bis zum schnell daher gesungenen Bekenntnis „Christ der Retter ist da“. Wobei wahrscheinlich fast niemand unter den Singenden diese Rettung hier und jetzt schon sieht und spürt… in dieser verrückten Welt der Kriege mit einigen so genannten „Spitzenpolitikern“ der „Weltmächte“, die viele Beobachter ehrlicherweise Verbrecher nennen. Gedankenlos besingt man also weiter das „Kind, zu Bethlehem geboren“. Bestenfalls kommen dann ein paar Tränen der Sehnsucht nach Frieden. Dass Bethlehem heute im Westjordanland liegt, wird bei diesem Kindlein vergessen, also in einer Region, in der jüdisch-ultra-orthodoxe Siedler ungehindert die muslimischen und manchmal noch christlichen Palästinenser attackieren und vertreiben.

3. Weihnachten ist ein MARKT
Wie umfassend, vielleicht: wie unentrinnbar total hat eigentlich die Kommerzialisierung von Weihnachten das „Eigentliche“ des Weihnachtsfestes verdorben? Bester Ausdruck dafür sind die kaum nicht zu zählenden allüberall…Der Markt ist bekanntlich Inbegriff des Kapitalismus: Weihnachts-Märkte mischen also Restbestände des Heiligen, die Erinnerung an die Geburt eines göttlichen Kindes, mit den offenbar unbesiegbaren Interessen des Kapitals. So werden Geschenk-Zwänge geweckt und gefördert. Und einige Kirchenführer schätzen den weihnachtlichen Kaufrausch des Marktes offenbar hoch ein, indem sich etwa die Berliner Bischöfe, katholisch und evangelisch, ökumenisch diesmal ganz einer Meinung, dazu hergeben, seit Jahren schon die Weihnachtsbeleuchtung in Berlin oder nun auch in Potsdam an zentraler Stelle der Einkaufs-Boulevards „einzuschalten“, in vertrauter Gemeinschaft mit dem Präsidenten des Handelsverbands Berlin-Brandenburg. LINK.

4. Weihnachtsmarkt als Rummel
Treffender Ausdruck für das Verschwinden von Weihnachten im Marktgeschehen ist das Spektakel „Winterzeit” in Berlin -Lichtenberg 2025. Es ist von jeglichem Hauch der Erinnerung an einen christlichen oder religiösen Restbestand von Weihnachten befreit. Man könnte sich theologisch weit vorwagen und kapital/marktfreundlich behaupten: „Die Freude an diesem Rummel ist eine anonyme Freude über die Geburt Jesu von Nazareth.“

5. Maria ist keine a-sexuelle Jungfrau
Der Religionsphilosophische Salon hat früher schon darauf hingewiesen, dass die im Neuen Testament erzählten Geschichten von Jesu Geburt kritisch erforscht und gedeutet werden müssen. Wir haben darauf hingewiesen, dass Bibelwissenschaftler sehr genau etwa die Erzählungen des Evangelisten Markus betrachten: Das älteste Evangelium des Autors Markus deutet an, dass Josef nicht der leibliche Vater Jesu sein kann. Im 6. Kapitel berichtet Markus , wie Jesus von seinen Landsleuten in aller Öffentlichkeit als „der Sohn der Maria“ bezeichnet wird. Diese Aussage ist sensationell: Einen Mann nicht nach dem Vater, sondern nach der Mutter zu benennen, war in der damaligen Kultur Ausdruck für eine uneheliche Herkunft. Nur illegitime Söhne wurden damals nach der Mutter benannt. Noch weiter gehen die Erkenntnisse der Bibelwissenschaftlerin Prof. Luzia Sutter-Rehmann von der Uni Basel: „Da gibt es auch Forschungen von Jane Schaberg, die gezeigt hat, dass es zu Zeit der römischen Besatzung in Palästina sehr gut möglich wäre, sich Maria als, ja sag ich mal, Opfer von Soldaten vorzustellen. Junge Mädchen wurden da irgendwie schwanger, man weiß nicht von wem. Da waren keine geordneten Verhältnisse, da waren Landbesitzer oder Beamte oder Männer, die das junge Mädchen sexuell überwältigt haben. Die Lebensumstände im 1. Jahrhundert in Palästina waren nicht einfach für junge Mädchen. Das ist sicher.“
Wenn man diesem Forschungsergebnis folgt: Dann ist Jesus als uneheliches Kind anzusehen, und Josef ist sein Stiefvater. Diese Erkenntnis klingt in den Ohren einiger Christen vielleicht befremdlich, aber für die Bibelwissenschaftlerin Luzia Sutter-Rehberg wird die so „un-bürgerliche“, eher randständige Herkunft Jesu“ gerade entscheidend für einen Jesus, der die Armen und Ausgegrenzten besonders liebte. (Quelle: Ra­dio­sen­dung über Maria im RBB von Christian Modehn am 25.12.2009. )
Wir haben mehrfach auf Studien hingewiesen, die zeigen: dass der Titel „Jungfrau Maria“ überhaupt nicht auf eine sexuelle Unberührtheit Marias hinweist, sondern schlicht Maria als junge Frau bewertet, die mit ihrem Mann Josef selbstverständlich sexuelle Kontakte hat. Sonst gäbe ja nicht die im Neuen Testament genannten Geschwister Jesu von Nazareth.

6. „Befreien wir das Weihnachtsfest von kolonialem Denken.“

Selbstverständlich wurde die Weihnachtsgeschichte der Evangelien auch von Missionaren im kolonialen Zusammenhang den „Heiden“ erzählt oder missionarisch eingepaukt. Man spreche mit alten Missionaren etwa aus Chile, die Weihnachten zur dortigen Sommerzeit feiern und die aus Europa importierten (kolonisierten) Weihnachtslieder sangen mit dem nun mal dort besungenen Schnee oder mindestens der Kälte in der Hütte zu Bethlehem. Genauso wichtig ist es, dass Christen wissen: Auch in der islamischen Tradition, im Koran, ist von dem Propheten Jesus und seiner Mutter Maria die Rede. Um so erfreulicher, dass in der Baptisten-Gemeinde in Berlin – Charlottenburg ein Projekt, eine Ausstellung mit Interviews usw., im Dezember 2025 gestartet wurde mit dem sehr treffenden Auftrag: „Decolonizing Christmas“, also „Befreien wir das Weihnachtsfest kolonialem Denken.“ Es wird also zurecht gefordert: Vergessen wir das kritische Nachdenken nicht, wenn wir uns mit den Weihnachtserzählungen befassen und Weihnachten feiern. Die Tageszeitung TAZ hat über diese Initiative ausführlich und objektiv berichtet: Es handelt sich um ein gemeinsames Projekt der Friedensgemeinde der Baptisten, dort besonders des Referenten für „Kirche und Gesellschaft“, des christlichen Theologen Bastian Schmidt und der islamischen Theologin Gökçe Aydın vom Institut für Islamische Theologie der Humboldt-Universität (HU). Das angesehene „Berliner Forum der Religionen“ hat dieses Projekt unterstützt. LINK .Dieses „Berliner Forum der Religionen“ schreibt: „Warum ist das Projekt wichtig? 
Weihnachten ist mehr als nur Tradition, es ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. In einer Zeit, in der Religion oft trennt, wollen wir zeigen: Dialog verbindet. Lasst uns gemeinsam herausfinden, wie wir koloniale und diskriminierende Bilder hinterfragen und neue politische Wirklichkeiten schaffen können, voller Respekt, Humor und Offenheit. Gemeinsam wollen wir die christliche Geschichte reflektieren und sie gesellschaftlich nutzbar zu machen.“
Die Veranstaltung der Friedenskirche wird sinnvollerweise durch die „Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt“ gefördert.

7.Die Springer – Presse mit WELT-TV vernichtet dieses Projekt.
Leider hat die Springer – Presse heftig und pauschal gegen dieses Projekt Stellung genommen, es erstaunt, dass die eigentlich liberale Gründerin der liberalen Moschee in Berlin heftig gegen dieses Projekt in Springer -. Medien austeilt. Ein Freund fragt: Ist Frau Seyran Ates etwa böse, dass nicht sie an dem Projekt mitwirken durfte? Es wurden dann ungeheuerliche Behauptungen verbreitet, etwa: Weihnachten solle abgeschafft werden durch dieses Projekt usw… Auch der Tagesspiegel berichtete am 12. Dezember 2025 darüber: Berlins Ober-Bürgermeister Kai Wegner (CDU) schaltete sich ein und bedauerte, dass dieses sehr wichtige und der Aufklärung dienende Projekt vom Senat finanziell unterstützt wurde. Selbst die „Süddeutsche Zeitung“ hat am 13./14. Dezember 2025, Seite 19, von dem Projekt der Charlottenburger Gemeinde berichtet und treffend geschrieben: Der Fernsehsender WELT-TV sei „immer bereit, sich auf Kulturkämpfe einzulassen“. Wohl wahr: Es passt den Rechten und sehr Rechten (Medien und Politikern etwa in der CSU) nicht, wenn das christliche Weihnachtsfest auch in Beziehung zu islamischer Theologie in Beziehung gesetzt wird. Man darf niemals vergessen, dass der gegenwärtige Innenminister Alexander Dobrindt, ein Katholik, den Islam schon 2018 aus Deutschland ausgrenzte, weil „er nicht prägend und sei und es auch nicht werden solle“. Wir zitieren aus der Evangelischen Zeitung „Sonntagsblatt“ vom 20. Mai 2025, Oliver Marquart schreibt: „Dobrindt stellte die pauschale Behauptung auf, Werte wie Toleranz oder Nächstenliebe fänden sich in der “islamischen Welt” (was auch immer das sein mag) “so nicht wieder”.  Nun beinhaltet eine derart starke Aussage zum einen stets ein sehr hohes Risiko, an der Realität zu scheitern. Zum anderen spricht er damit Muslim*innen in Deutschland und weltweit eiskalt demokratische Reife ab und widerspricht jeder Form religiöser Gleichbehandlung. Wieder einmal nutzte also ein Politiker das Christentum im Sinne eines Kulturkampfes, um es gegen andere Religionsgemeinschaften in Stellung zu bringen.“ Wenn die „Süddeutsche Zeitung“ wie gesagt von Kulturkampf spricht im Umgang mit der wichtigen und richtigen Veranstaltung „Decolonize Christmas“, dann muss eben auch Dobrindt als einer der Kulturkämpfer an vorderster Front erwähnt werden, der sozusagen die Mentalitäten der Offenheit, der freien Forschung, des Respektes vor dem Islam und islamischer Theologie verdorben hat…

8.
Zum Projekt „Decolonize Christmas“ gehörte eigentlich auch die Kritik an den Handelsbedingungen der westlichen Kakao-Giganten mit den Kakao-Produzenten etwa in der Elfenbeinküste, die nur einen verschwindenden Anteil am Verkauf des Kakaos in der Schokolade-konsumierenden reichen Welt erhalten. Zum Projekt „Decolonize Christmas“ würde auch gehören, dass wie Reichen (auch die reichen Christen Deutschlands) auf die verheerende Armut der Menschen im globalen Süden nach wie vor nur mit Almosen antworten,Spenden genannt. Gerechtigkeit und Respekt vor dem in Armut geborenen Jesu von Nazareth sieht anders aus. Aber die Kirchen fordern nach wie vor Spenden – wie in Kolonialzeiten schon (man denken an die Statue des bei jedem Groschen dankbar “nickenden Negers“). Das System, das die globale Armut erzeugt und die Politiker, die das ungerechte System unterstützen und von ihm profitieren, werden von den Kirchen heute viel zu selten benannt. Sie sind hierzulande von der Gunst der Politiker abhängig … und die Gunst der Politiker und ihrer Lobbyisten ist ihnen wichtiger als radikale, aber treffende Kritik am ausbeuterischen hiesigen Wirtschaftssystem.

9. Die veranstaltende Gemeinde der Baptisten resigniert und unterwirft sich der Macht der Springer – Presse.

Das Projekt „Decolonize Christmas“als Diskussions – und Bildungsveranstaltung in der Charlottenburger Baptistenkirche ist erst mal gestoppt un damit gescheitert. Die Leitung der Friedenskirche, eingeschüchtert von der in Berlin immer noch mächtigen Springer – Presse, distanziert sich sogar öffentlich von dem eignenen Projekt, auch wenn sie das Thema irgendwie noch wichtig findet. „Als Friedenskirche Charlottenburg bekennen wir uns ausdrücklich zum theologischen Kern der Weihnachtsbotschaft, wie er in der Heiligen Schrift bezeugt ist. Von allen Aussagen, die dem entgegenstehen, distanzieren wir uns klar.“ In den weiteren Aussagen der Baptisten der Friedensgemeinde wird deutlich: Die sehr Bibel-gläubige (im wortwörtlichen Verstehen der Texte)  Baptisten -Gemeinde  hat Angst vor ihrer eigenen Courage. Und das ist schon eine Katastrophe, weil einzig die kritische Bibellektüre und die kritische, vom Dialog mit anderen Religionen lernende christliche Theologie als Wissenschaft heute angemessen ist. Bedauerlich ist auch, dass offenbar andere christliche Kirchen in Berlin dieses Projekt jetzt nicht öffentlich unterstützen.  LINK

10. Zu Weihnachten bitte nichts Kritisches über Weihnachten
Was lernen wir daraus? Die bürgerlichen, sich christlich nur noch nennenden PolitikerInnen und ihre rechten Medien wollen sich ihre Weihnachtslaune durch kritische Ausstellungen und Veranstaltungen nicht nehmen lassen, und sie werden dabei ausgerechnet noch von einer liberalen Imamin unterstützt. Diese Leute meinen, über Weihnachten verfügen zu können, sie wollen keine kritischen, nachdenkliche Gedanken, sie wollen Weihnachten offenbar weiterhin als Fest des Konsums, des Trallala der alten, fast immer irgendwie infantilen Weihnachtslieder usw…

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

 

Papst Leo trifft im Vatikan sehr rechtslastige, rechtsradikale Politiker aus ganz Europa!

Der Beitrag des Papstes zum Fall der „Brandmauer“ gegen Rechtsextreme?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 11.12.2025

1.
Papst Leo hat am 10. Dezember 2025 PolitikerInnen in seinem Apostolischen Palast im Vatikan getroffen und mit einer freundlichen, leicht mahnenden Rede unterhalten. Die Papst – begeisterten PolitikerInnen sind Mitglieder der Fraktion ECR („European Conservatives and Reformists“.) Dazu gehören (Stand Dez. 2025) 79 Abgeordnete aus 18 Ländern. Die Fraktion nennt sich selbst „konservativ und demokratisch.“ Und diese eher normal und seriös wirkende Selbstbezeichnung glauben auch einige Leute, selbst im Vatikan, ganz offensichtlich selbst der Papst. Mit einem umfassenden kritischen politischen Wissen über diese Leute hätte der Papst – bei seiner kostbaren Zeit – den Empfang im wunderschönen „Salle Clementine“ ablehnen können … und statt dessen die sehr vielen frustrierten katholischen Frauen ins Gespräch eingeladen, Frauen, denen der Papst stur und steif immer noch den Zugang zum Diakonat verweigert, entgegen aller (!) theologischen Vernunft. So empfängt Papst Leo nun entgegen aller politischen Vernunft diese rechtsextremen Politikerinnen, die sich diplomatisch üblich-normal, aber verlogen „europäische Konservative und Reformer“ nennen.

2.
Die meisten dieser ECR Parteien sind in ihrer politischen Praxis und Theorie explizit z.B. gegen liberale, also humane und vernünftige Abtreibungsgesetze, sie verteidigen natürlich die hetero – normative Ehe, sie wehren sich gegen die umfassende Gleichberechtigung von queers, sie sind gegen die grüne Umweltpolitik und vor allem: Sie wollen mit aller Bravour ihre Länder von Flüchtlingen und Fremden, vor allem aus dem muslimischen Raum, absolut freihalten … mit ihrer restriktiven „Rückführungspolitik“. Aber, und das ist wichtig, diese PolitikerInnen geben sich als sehr christlich. Sie plustern sich auf als Verteidiger ihres christlichen Europa, ihres „Abendlandes“, dessen Werte sehen sie ausschließlich vom Christentum bestimmt. Neuerdings sind viele dieser sehr rechten, rechtsextremen Politikerinnen ganz offensiv plötzlich judenfreundlich geworden und nennen ihr kulturelles Ideal „jüdisch-christlich“, aber das behaupten sie nur, um ihre Ablehnung auf den Islam zu kaschieren. Eine verlogene Juden-Freundlichkeit wird benutzt gegen die Islamophobie!

3.
Die Begegnung des Papstes mit diesen Leuten fand am 10.Dez. 2025 statt, weil Giorgia Meloni, die Ministerpräsidentin Italiens, ihre FreundInnen vom ECR zu einer Konferenz nach Rom eingeladen hatte. Um sich die Gunst der vielen sehr konservativen, z.T. rechtsextremen Wähler zu erhalten, ist ein Besuch der Parlamentarier beim Papst immer hilfreich. Man bedenke, dass die polnische, sich sehr katholisch gebende PIS-Partei zum Club der ECR gehört, auch französische Politiker dieser Fraktion, wie Madame Maréchal, sind tief verwurzelt im katholischen Milieu. Zur rechtsextremen französischen Partei Reconquete und ihres Führers Eric Zemmour: LINK.

4.

Die katholische Ministerpräsidentin Italiens Giorgia Meloni gehört zur Partei „fratelli d Italia“, auch diese Partei ist Mitglied im Club der ECR. Madame Meloni war bekanntermaßen einst Mitglied der neofaschistischen Jugendorganisation der neofaschistischen Partei MSI; auch die Partei Fratelli d Italia gilt unter objektiven Politologen als „post-faschistisch“ und „rechtsextrem.“ Auch die „Schwedendemokraten“ gehören zur ECR Fraktion, auch sie gelten als rechtsextrem. Dasselbe gilt für die Partei „Wahre Finnen“, um nur einige weitere rechtsradikale Parteien im ECR zu nennen.

5.
Diese sehr rechtslastigen alles andere als Menschenrechts-freundlichen politischen Herrschaften also hat Papst Leo zu sich in den Apostolischen Palast geladen. Allein seine Bereitschaft, diese Leute ernst zu nehmen und mit einem Empfang beim Papst zu beehren, ist sicher hoch problematisch. Denn solch ein „Empfang beim Papst” wertet diese Parteien auf. Aber wenn der Papst schon die Chance hat, sozusagen dem sehr rechtslastigen Flügel Europas zu begegnen, dann nur unter der Bedingung: Diesen Leuten nicht nur behutsam und verständnisvoll ins Gewissen zu reden, sondern sie an die absolute Gültigkeit der Menschenrechte zu erinnern, also aller Welt deutlich freizulegen, dass diese Parteien und Politiker eine Ethik vertreten, die mit den zentralen Aussagen des Evangeliums und vor allem der Menschenrechte nicht zu vereinbaren ist.

6.
Aber nein, Papst Leo hat freundliche Worte gefunden, sogar den politischen Einsatz dieser Leute gelobt und vorsichtig Kritik geübt. Dabei ließ er keinen Zweifel, dass er mit diesen Rechtsextremen hinsichtlich der Abtreibungsgesetze und der Familien- Politik übereinstimmt! Der Papst stimmte auch mit diesen Leuten überein, als er – wie sie – die Wurzeln Europas ausschließlich im Christentum sah. Kein Wort also von den viel wichtigeren „Wurzeln“ Europas in der Philosophie der Aufklärung (Kant!) Und der absolut für alle geltenden Menschenrechte. Aber nichts davon sagte der Papst diesen sehr rechten und rechtsextremen Herrschaften. Und vor allem: Sind denn nicht die christlichen Wurzeln Europas vergiftet, durch Ketzerverfolgung, Judenverfolgung, Muslimverfolgung, Hexenverbrennung, Kolonialismus, Mord und Totschlag der christlichen Kolonialherren an indigenen Völkern, der Massenmord an den Juden durch die Christen und so weiter…Weiß dieser Papst überhaupt, was er da schwadroniert, wenn er mit den Rechtsradikalen von christlichen Wurzeln Europas phantasiert?

7.
Der vatikanische Pressedienst berichtet nur mit einigen Zitaten von der Ansprache des Papstes an die Rechtslastigen, Rechtsextremen; der vatikanische Pressedienst nennt wie die katholischen Medien kath.de diese Leute falsch und irreführend: Konservativ, mag ja sein, dass sie sich selbst so nennen. De facto sind sie es nicht… : LINK

Wir zitieren aus dem Bericht: „Namentlich erinnerte Leo XIV. an den Schutz des Lebens „von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod“ wie auch in der Mitte des Lebens. Hier verwies der Papst auf arme und ausgegrenzte Menschen und auch auf jene, die von „der anhaltenden Klimakrise, Gewalt und Krieg“ betroffen sind; das Wort Immigration vermied er.“ Soweit das Zitat. Angesichts dieser oft rechtsextremen Politiker, der Feinde einer humanen Flüchtlings- und Einwanderungspolitik, spricht der Papst selbst das Wort „Immigration“ nicht aus. Das kann man wohl nur Feigheit nennen oder soll das etwa als kluge Diplomatie des Staatschefs (des Papstes!) des Staates Vatikanstadt gelten ?
Wir zitieren weiter aus dem Vatikanischen Pressedienst: „Sicherzustellen, dass die Stimme der Kirche, nicht zuletzt durch ihre Soziallehre, weiterhin Gehör findet, bedeutet nicht, eine vergangene Epoche wiederherzustellen, sondern zu gewährleisten, dass wichtige Ressourcen für die zukünftige Zusammenarbeit und Integration nicht verloren gehen“, erklärte der Papst allgemein und verschwommen. Darüber hinaus rief Leo XIV. die „rechtskonservativen” Europa-Abgeordneten zu respektvoll geführten politischen Debatten auf.“ Wie nett und wie freundlich! Bitte, bitte, Rechtsradikale sollen doch respektvoll sein…

8.
Immer wieder also diese netten, harmlosen Worte aus päpstlichen Munde. Der Papst hat offenbar seine Rolle entdeckt als hilfloser und wirkungsloser Mahner, als freundlicher „Aufrufer“, als Verkünder abstrakter Weisheiten, als permanent irgendwelche Bittgebete Sprechender bei allen möglichen kleinen und großen schlimmen Ereignissen. Und er weiß offenbar nicht, dass er vor sehr rechtslastigen, de facto dem Evangelium und den Menschenrechten abgeneigten PolitikerInnen klare, harte Position eines Demokraten hätte zeigen müsste. Aber Moment mal: Der Papst und seine Kirche verstehen sich ja in ihrer Gesetzgebung explizit als nicht – demokratisch. Und die Erklärung der Menschenrechte hat der Vatikan nicht unterschrieben: Fühlen sich Päpste und hohe Kleriker im Milieu von demokratieskeptischen, also rechtslastigen Politikern besonders wohl? Historisch stimmt das: Mit Mussolini hat sich Pius XI. recht gut verstanden und Pius XII. war letztlich doch sehr zurückhaltend in seiner öffentlichen Kritik am Nazi-Regime. Er hielt den Kommunismus für gefährlicher …oder war das nur seine päpstliche Ausrede?…

9.
Wenn man den Empfang des Papstes für die Politikerinnen rechtslastiger und rechtsextremer Parteien für einen Augenblick nach Deutschland überträgt: Der Papst hat am 10.Dez. 2025 die berühmte „Brandmauer“ ein bißchen zerstört, die Brandmauer, die zurecht in Deutschland von demokratischen PolitikerInnen gegenüber der weithin rechtsextremen Partei AFD „gebaut“ wurde. Ich glaube, Papst Leo hat mit dem offiziellen Empfang dieser Politiker in seinem Palast die rechtsextreme Bewegung leider aufgewertet. Das sollte jeder Demokrat eigentlich eine Schande nennen. Und Katholiken, die kritisch denken, ebenso.

10.
Es ist bezeichnend, dass die Ansprache des Papstes vor diesen sehr rechtslastigen Politikern aus ganz Europa im sonst sehr umfassend dokumentierenden vatikanischen Pressearchiv bis jetzt nicht zu finden ist. War das Treffen dann doch dem Papst peinlich? Hoffentlich! Gesteht ein Papst Fehler ein? Hoffentlich, aber äußerst unwahrscheinlich. Lediglich die katholische Tageszeitung „La Croix“, Paris, hat über dieses Treffen am 10.12.2025 ein bißchen kritisch berichtet. LINK

Siehe auch unseren Hinweis: Papst Leo XIV.- Entscheidungen eines Allein-Entscheiders LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Wir Israelis sind nach Gewalt süchtig geworden“: Sagt Yishai Sarid

Erkenntnisse des Schriftstellers und Juristen Yishai Sarid. PS: Wahrscheinlich ist es korrekter zu sagen: “Wir Israelis sich süchtig nach Gewalt geworden”. CM, aber der “Tagesspiegel” hat nun  diesen Titel gewählt, den wir wegen unserer Dokumentation übernehmen.
Im Gespräch mit dem „Tagesspiegel“. Von Tessa Szyszkowitz: LINK      Vom Tagesspiegel veröffentlicht am 27.10.2025, 09:20 Uhr

Ein Hinweis von Christian Modehn:   Yishai Sarid, geboren 1965 in Tel Aviv-Jaffa, ist ein israelischer Jurist und Schriftsteller. 2009 veröffentlichte er den Politthriller Limassol. Sein Roman Monster erschien 2017. In seinem Roman Siegerin setzt er sich mit israelischem Heldentum und Traumabewältigung in der Armee auseinander. Sein neuestes Buch „Chamäleon“ ist im Verlag „Kein & Aber“ erschienen. Yishai Sarid lebt und arbeitet in Tel Aviv.
Wir empfehlen die Lektüre einiger wichtiger Erkenntnisse Yishai Sardis aus dem Interview mit dem Tagesspiegel, zusammengestellt von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Frage des Tagesspiegel: Herr Sarid, Sie haben fast jeden Samstag für die Freilassung der Geiseln und einen Waffenstillstand in Gaza demonstriert. Sind Sie erleichtert, dass der Krieg vorerst vorbei ist?

Antwort: Ich spüre die Erleichterung mit meinem ganzen Körper. Die Geiseln sind befreit. Das Töten in Gaza musste endlich aufhören. Wir können die Palästinenser nicht so behandeln. Es hat fürchterliche Folgen für Israel.

Frage: Weil die Soldaten und die Gesellschaft moralisch verletzt aus diesem Krieg zurückkommen?

Antwort: Natürlich. Es ist grauenvoll, was wir in Gaza angerichtet haben. Das ist aber eine Frage der Führung. Die Soldaten haben getan, was ihnen befohlen wurde. Wir hätten nie das Leben der Geiseln aufs Spiel setzen dürfen, um den einen oder anderen lausigen Hamas-Kämpfer zu erwischen…

Premierminister Benjamin Netanjahu ist ein Taktiker, kein Stratege. Um seine Regierung zu retten, ließ er sich von der extremistischen Ideologie der Siedlerminister Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir treiben. Die wollten die Palästinenserfrage durch ethnische Säuberung lösen. Netanjahu ist heute für die ganze Welt ein Kriegsverbrecher. Er hat nichts mehr zu verlieren. Wir sind also nach wie vor in einer sehr gefährlichen Situation. Wir haben immer noch eine kriminelle Regierung. Wir brauchen so schnell wie möglich Neuwahlen….

Netanjahus Strategie ist: Bloß nicht mit den moderaten Kräften sprechen, sonst könnte ja noch ein Friedensprozess herauskommen oder sogar eine Zweistaatenlösung. Er zieht die disruptiven Kräfte vor, die Terroristen und die Antisemiten. Solange er gegen die kämpfen kann, kann er weitermachen…

Netanjahu arbeitet wie die römischen Kaiser Nero oder Caligula. Es wird immer so getan, als wären sie verrückt gewesen, aber das waren sie wohl nicht. Sie haben taktisch gegen die Eliten gehetzt, gegen die Aristokraten, gegen die Senatoren. Das Volk liebte sie dafür. Auch hier in Israel gehen Netanjahus Wähler nicht an die Urne und überlegen sich, wer die Wirtschaft und die Gesellschaft voranbringen könnte. Sie wählen ihn, weil ihnen zwei Dinge wichtig sind: Sie hassen die Araber und sie hassen die Linken….

Nach dem 7. Oktober hat sich Israel grundsätzlich verändert. Die Leute haben kein moralisches Rückgrat mehr, es wurde gebrochen. Sie sagen Dinge, die früher unmöglich gewesen wären….Es sollte ein kompaktes Verfahren geben, in dem Netanjahu wegen Korruption angeklagt wird, und ein schnelles Urteil. Tatsächlich wird das Urteil erst in zwei Jahren erwartet und wenn er dann noch drei, vier Jahre in Berufung geht, ist das Ganze irgendwann nicht mehr relevant….

Das Gerücht, Netanyahu solle begnadigt werden, steht seit geraumer Zeit im Raum. Die Sache hätte einen Vorteil: Dann könnte er aufhören, sich als Regierungschef an die Macht zu klammern, weil er seine Immunität nicht verlieren will.
Wir müssen zur Besinnung kommen, wir brauchen eine Regierung, die den Siedlern im Westjordanland Einhalt gebietet. Sie haben jetzt einen Passierschein, sie quälen und ermorden Palästinenser, sie brennen Häuser nieder, es ist grauenvoll.

Frage: Die 1967 im Sechstagekrieg besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ostjerusalem sollten die Grundlage für einen Staat Palästina werden?

Antwort: Ja, jetzt aber geht es längst um 1948. Was Israel damals verbrochen hat. Man sieht uns nicht mehr als einen gerechten, säkularen, liberalen Staat. Unser Problem ist: Wir sind es auch nicht mehr. Für Leute wie mich, die Israels Existenz als moralisch und richtig ansehen, ist das eine Tragödie.
Unser größter Sieg ist unsere größte Tragödie: 1967. Seitdem sind alle üblen Geister der jüdischen Geschichte, die früher fest unter einem Deckel eingeschlossen waren, entwischt.

Die Siedler unterscheiden sich von der ursprünglichen zionistischen Bewegung. Sie beanspruchen das gesamte Land aufgrund von messianischen Fantasien. Sie sind aber die einflussreichste Strömung im heutigen Israel. Ich schreibe darüber in meinen Büchern: Wir Israelis sind längst nach Gewalt süchtig geworden. Aber mit all der militärischen Schlagkraft wurden wir trotzdem am 7. Oktober ohne richtige Verteidigung erwischt. Als ob wir wieder ein hilfloses Volk wären. Das ist schlimm.
Wir müssen zur Besinnung kommen, wir brauchen eine Regierung, die den Siedlern im Westjordanland Einhalt gebietet. Sie haben jetzt einen Passierschein, sie quälen und ermorden Palästinenser, sie brennen Häuser nieder, es ist grauenvoll.

Wir empfehlen die Lektüre des vollständigen Interviews mit Yishai Sarid im Tagesspiegel: LINK