José Antonio Kast: Rechtsextrem, faschistoid, katholisch in der Schönstatt-Bewegung. Präsident in CHILE ?

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Zu den Präsidentschaftswahlen in CHILE: Sie sind auch ein Thema der Religionskritik. Denn es muss betont werden: Der Sieger im ersten Wahlgang am 21. November 2021 ist der rechtsextreme Politiker José Antonio Kast, er erhielt 28 % der Stimmen, der Kandidat der Linken Gabriel Boric 25 %.  Beim 2. Wahlgang am 19. Dezember 2021 wird zwischen beiden entschieden.

In der Sicht der Religionskritik ist  es wichtig: José Antonio Kast ist nicht nur überzeugter Katholik (und als Vater von 9 Kindern verdient er sicher auch die traditonelle Wertung “ein guter Katholik”), Kast ist außerdem Mitglied der katholischen Schönstatt-Bewegung, einer internationalen konservativen geistlichen Bewegung für Priester und Laien, gegründet von Pater Kentenich, dem inzwischen sexueller Missbrauch nachgewiesen wird… Die Schönstatt-Bewegung (benannt nach einem Ort bei Koblenz) zeichnet sich durch extreme Marienverehrung aus, etwa in den weltweit üblichen Wallfahrten zur “Dreimal wunderbaren Mutter”…Diese geistliche Bewegung ist in Chile ein Sammelplatz der “guten Bürger “und der Oberschicht, wie kritische Schönstatt-Leute dort selber sagen, etwa Patricio Young, gelesen am 20.11.2021!: LINK

José Antonio Kast jedenfalls ist wohl eher eine Schande für diese frommen reichen Marien-Freunde, denn Kast ist bewiesenermaßen auch Freund vieler Diktatoren und Rechtsextremen, er ist ein Verteidiger des Diktators Pinochet usw, kein Freund der Menschenrechte. Man fragt sich. Was Marienfrömmigkeit so alles aus Politikern macht… Die Wochenzeitung FREITAG veröffentlichte im Heft 46/2021 einen Beitrag über den aktuellen Wahl-Kampf in Chile, daraus ein Auszug, der sich mit der rechtsexremen Position Kasts befasst und auch auf seine Bindung an Schönstatt hinweist.

KNA brachte auch am 21.11.2021 einen Beitrag über die Wahlen ind Chile und den Präsidentschaftskandidaten Kast. Er wurde in dem Bericht nur als Katholik bezeichnet, seine Mitgiedschaft in der Schönstatt-Bewegung wurde hingegen verschwiegen, geschuldet wegen der “strengen Zeilenvorgabe für Agenturtexte”, so wörtlich die KNA Auslandsredakion in Bonn in ihrem Antwort-Schreiben an Christian Modehn. Für fünf wichtige Worte “Kast ist Mitglied der Schönstatt-Bewegung” gab es also keinen Platz??? Meine Journalisten-Kollegen haben gelacht, als sie das hörten und meinten: Diese Mitgliedschaft Kasts in der Schönstatt-Bewegung mitzuteilen, ist wohl für KNA peinlich…”

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

………………………………….

….. Aus dem wichtigen und empfehlenswerten Beitrag in der Wochenzeitung FREITAG, Heft 46/2021, von Frederico Füllgraf:

José Antonio Kasts Vater Michael Kast-Schindele war Wehrmachtsoffizier aus Bayern fürchtete nach Kriegsende, von den Alliierten verfolgt zu werden, und begab sich auf die Fluchtrouten der „Rattenlinien“ nach Südamerika, wo er mit falschem Pass des Rotes Kreuzes in Chile ankam. Hier wurde er zum erfolgreichen Unternehmer in der Fleischbranche und Förderer der rechtsradikalen Szene. Nach dem Militärputsch vom 11. September 1973 verliehen die Kasts Lieferwagen an Pinochets Polizei und waren so am Massaker an 70 Landarbeitern im Regierungsbezirk Paine beteiligt, die dem Sozialisten Salvador Allende die Treue hielten. Einem davon wurde die Zunge abgeschnitten und ein Auge ausgestochen, bevor er mit den anderen 69 den Tod im Kugelhagel fand. Über Jahrzehnte hinweg gelang es der deutschen Kolonie, die Justiz so zu behindern, dass die nachweisbare Komplizenschaft ohne Strafe blieb. José Antonios Bruder Miquel Kast war von 1980 bis 1982 Pinochets Arbeitsminister und Zentralbankchef. Seither beschwört der Clan den Geist des Diktators.

Während dem linken Bewerber Boric ein „sanfter Sozialismus“ vorschwebt und er im Bündnis mit der reformistischen KP Chiles ein Regierungsprogramm der sozialökologischen Umverteilung anbietet, setzt Kandidat Kast auf Restauration. Hirnrissige, zehnprozentige Steuersenkungen sollen die Unternehmer für seine Agenda einnehmen, auch wenn die sich mit dem Vorwurf absetzen, Kast wolle dem Land eine prekäre Staatsverschuldung bescheren. Dessen 200-Seiten-Programm nennen sie das „Œuvre eines Dilettanten“. Darin ist neben ökonomischen Versprechen der restaurierte Polizeistaat eines Pinochet-Verehrers zu finden.21

Als Aktivist des Schönstatt-Ordens aus dem pfälzischen Vallendar kämpft Millionär Kast mit Ultrarechten aus den USA, mit Spaniens faschistischer Vox-Partei und seinem Freund, Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, gegen Abtreibung, gegen die Rechte für Homosexuelle und Indigene. Er droht, das Ministerium für Frauenrechte und das staatliche Institut für Menschenrechte abzuschaffen. Kast leugnet frech die schweren Menschenrechtsverbrechen der Pinochet-Junta und verspricht, die etwa hundert verurteilten Folterknechte und Mörder aus der Haft zu entlassen. Seine Regierung – sollte sie zustande kommen – will die Bürger überwachen und zurück zu einer „internationalen Koordination zur Bekämpfung radikaler Linker“. Das erinnert an den „Plan Cóndor“ von sechs Rechtsdiktaturen in Lateinamerika, in deren Auftrag während der 1970er- und 1980er-Jahre Hunderte von Oppositionellen ermordet wurden”.

……..

Falls der doch etwas kritische Beitrag über die Einseitigkeiten der Schönstatt-Bewegung in Chile wieder aus der website dort verschwindet, hier der Text von Patricio Young:

 

Veröffentlicht am 2019-10-28 In Neue Gesellschaftsordnung, Themen – Meinungen, Zeitenstimmen

Proteste in Chile: Wo ist Schönstatt in all dem?

CHILE, Patricio Young •

Wir befinden uns in Chile in einem entscheidenden Moment unserer nationalen Geschichte. Der Boden ist uns unter den Füßen weggebrochen, wir stehen fassungslos vor dem, was auf den Straßen unseres Landes geschieht. Wir haben gesehen, wie die Forderungen von allen Seiten gestellt werden, auch mit der ausgeprägten Solidarität der jungen Menschen aus den oberen Sektoren, die vom Fernsehen interviewt, erklärten, dass ihre Privilegien ihnen weh tun und sie deshalb auf die Straße gehen. —

Heute scheint es einen großen Konsens darüber zu geben, dass die Ursache in der großen sozialen Ungleichheit liegt, die wir aufgebaut haben und die sich in vielerlei Hinsicht manifestiert.

Aber wo ist Schönstatt in all dem? Wir sagen, dass wir uns wegen der Mission des 31. Mai um BIndungen kümmern sollen; mit Gott, mit der Natur, mit der Gesellschaft. Das Thema der Bindungen scheint sichbei uns aber hauptsächlich auf den persönlichen und sehr wenig auf den sozialen Bereich zu konzentrieren.

Lassen Sie uns die Dinge klar sagen. Es ist notwendig, sich unserer Realität zu stellen, egal wie hart sie auch sein mag. Aber es gibt dabei keine Zeit mehr für Euphemismen, beruhigende Worte oder einfache Ausflüchte.

Wo stehen wir und was tun wir?

Wir sind eine Oberklassenbewegung. Wir bestehen hauptsächlich aus Familien aus der mittleren, oberen und höchsten Schicht. Abgesehen von Carrascal befinden sich unsere Heiligtümer in privilegierten Stadtteilen. Unser Vater hätte nur in der Pater-Kentenich-Schule in Puente Alto (sozialer Brennpunkt) zur Schule gehen können, der einzigen, die völlig kostenlos ist. Es gibt in unseren anderen Schulen einige wenige Schüler, die subventioniert werden, aber die große Mehrheit ist für Kinder der Oberschicht, obwohl das dem einen oder anderen Pater, den ich dazu öffentlich hinterfagt habe, nicht gefällt – abgestritten hat es aber auch keiner.

Trotz der finanziellen Ressourcen der Familie schwimmt Maria Ayuda nicht im Geld, sondern muss Wunder wirken, um zu überleben.

Vor einigen Jahren sagte mir ein Mitglied unserer Familie, der seit mehr als 50 Jahren bei uns ist, als wir über die Situation des Familienbundes in den Regionen Santiagos sprachen, dass es schwierig sei, Leutezu finden, die zu Führungsaufgaben bereit seien, weil dies Kosten verursche. Wir mussten schließlich hart arbeiten, um ein durchschnittliches Einkommen von 6 Millionen Pesos pro Monat zu erzielen (u$s 8245 oder € 7450 ungefähr), sagte er.

Nach diesem Gespräch kam eine tiefe Depression über mich. Wo ist unser Herz?

 

Solange Schönstatt sich nicht als Familie konkret sozial engagiert…

Solange Schönstatt als Familie sich nicht konkret sozial engagiert (nicht nur in der Kampagne der Pilgernden Gottesmutter oder bei den Madrugadores), sehen wir die Realität nicht in all ihren Dimensionen. Es gibt ein Chile, das wir nicht kennen und mit dem wir im Innern der Familie nicht im Dialog stehen. Einige von uns besuchen dieses andere Chile gelegentlich, zum Beispiel in den Familienmissionen. Aber dfas reicht nicht. Wir müssen für Heiligtümer in La Pintana, Chimba, Valparaiso arbeiten und nicht für noch eines in den Vierteln der Oberschicht. Wenn die Schönstätter von dort eines bauen wollen, dann sollen sie es in einem einfachen Stadtteil tun, nicht vor der Haustür.

Es ist notwendig, dieses andere Chile in die Familie zu integrieren. Andernfalls werden wir weiterhin in einer Blase leben. Wir werden weiterhin ein Ghetto sein, genau das, was unser Vater so sehr verabscheute.

Hier müssen unsere Solidarität und die Wertschätzung der Bindungen in all ihren Dimensionen gezeigt werden. Dies ist die Zeit, in der wir unseren Blick bereichern und helfen müssen, eine Gesellschaft der Solidarität aufzubauen, wie es unser Vater wollte.

Das Problem Chiles ist nicht das der anderen, es ist unseres

Lange Zeit haben wir die Probleme der Kirche vom hohen Ross aus betrachtet. Heute können wir das mit unserem Land nicht tun. Das Problem Chiles ist nicht nur das der anderen, es ist auch unseres.

Es gibt eine große Chance! Hilfe beim Aufbau einer anderen Gesellschaft, die alles, was fortgeschritten ist, schätzt, aber ihren Reichtum besser verteilt. Denn ein Land, in dem 1% der Bevölkerung ein Drittel des Reichtums besitzt, ist nicht lebensfähig.

Diese harte Realität, die wir leben, erfordert eine tiefgreifende Revision. Es reicht nicht aus zu beten, so wichtig es auch sein mag, aber wir müssen sehen, inwieweit wir Teil des Problems waren und wie wir helfen, Teil der Lösung zu sein.
Es ist der Moment der Wahrheit.

Es ist die Stunde der Wahrheit

Entschuldigen Sie die Offenheit und Härte, aber das ist die Stundeder Wahrheit. Wenn wir jetzt nicht aufwachen, wird Schönstatt kein Morgen haben, und auch kein Übermorgen.

Vater, erleuchte uns wie nie zuvor! Gottesmutter, gekommen ist die Stunde der Treue!

 


Patricio Young gehört zum Schönstatt-Familienbund. Er ist Sozialarbeiter an der Universität von Chile mit einem Master-Abschluss in Entwicklungswissenschaften, mit einer Nennung in Soziologie der Kommunikation. Er arbeitet als Berater im Bereich Marketing und Kommunikation.

Original: Spanisch, 25.10.2019. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

……..

Die katholische Nachrichtenagentur ACI Prensa schreibt über den sehr katholischen José Antonio Kast un Schönstatt-Mitglied:

21 de noviembre de 2021 – 10:10 PM | ÚLTIMA ACTUALIZACIÓN 21 de noviembre de 2021 11:57 pm

Católico provida y padre de 9 hijos pasa a segunda vuelta presidencial en Chile

POR DIEGO LÓPEZ MARINA | ACI Prensa

El candidato presidencial de Chile, José Antonio Kast Rist, quien es un abogado y político católico, provida y padre de nueve hijos, se disputará la segunda vuelta con Gabriel Boric, de ideología izquierdista, luego de ser los más votados en las elecciones de este domingo.

Kast, fundador y líder del Partido Republicano, lideraba la elección presidencial con un 28.02 % de los votos, seguido por Boric del Partido Convergencia Social, con un 25.60 % tras escrutarse un 90.19 % de los votos, informó el Servicio Electoral.

Ambos se disputarán la presidencia el próximo 19 de diciembre.

José Antonio Kast Rist, de ascendencia alemana, nació el 18 de enero de 1966 en Santiago de Chile. Actualmente tiene 55 años, es casado y padre de nueve hijos.

Kast es católico practicante,​ perteneciente al movimiento Schönstatt.

En un artículo escrito por él en el 2011 para el diario La Tercera, reveló: “Antes de quedarme dormido, rezo. Soy católico practicante. Mi familia es del sur de Alemania, la zona católica de ese país”.

También escribió: “Me jugaría el pellejo porque no se aprobara la ley de aborto”.

En su plan de gobierno para las elecciones presidenciales de 2021, se indica: “Defendemos la vida desde la concepción hasta la muerte natural. Todos los seres humanos tenemos derechos inalienables que ninguna persona o mayoría pueden quitar”.

“Derogaremos la ley que posibilita el aborto, dictada durante el gobierno de la Expresidente Bachelet. En el intertanto, reivindicamos el derecho de personas naturales y jurídicas a la objeción de conciencia”, añade.

….

Die “Tagespost”  Würzburg, katholisch und sehr konservativ,  jubelt: Endlich ein praktizierender Katholik als Präsident.

https://www.die-tagespost.de/politik/aktuell/chile-praktizierender-katholik-in-stichwahl-um-praesidentenamt-art-223122

 

 

 

„Große Freiheit“: Nur ein Traum für homosexuelle Katholiken. Der § 175 besteht nach wie vor in der römischen Kirche.

Ein Hinweis von Christian Modehn.   Um die wichtigste Erkenntnis kurz, aber wahr vorweg zu sagen: Es sind die maßgeblichen Herren der Kirche(n), die in Europa und Amerika und Afrika bis jetzt immer noch und unverschämt gegen die völlige Gleichberechtigung homosexueller Menschen (abgekürzt bekanntlich: LGBT) agieren und hetzen.  Der demokratische Staat sollte diesen Herren eine Kinokarte schenken, damit sie sich möglichst gemeinsam den Film “Große Freiheit” ansehen und wenigstens mal kurz zu Tränen gerührt werden. Um menschlich und christlich zu werden…Ist aber unwahrscheinlich…

1. Jetzt (am 18.11.2021) kommt der Film „Große Freiheit“ von Sebastian Meise in die Kinos. Der Film erzählt das Leben eines Homosexuellen,  er heißt Hans, der viele Jahre seines Lebens, in der Nazi-Zeit und danach in der BRD, in Gefängnissen zubringen musste. Aus dem „einfachen“ Grund: Er liebte Männer, diese Liebe durfte nicht sein, sie störte die Hetero-Moral und den Männlichkeitswahn….die Liebe galt als „widernatürliche Unzucht“. Liebende Männer wurden zu Verbrechern erklärt. Die BRD – Gesetzgeber und Richter, bekanntlich oft noch Nazis, hatten die Nazi-Gesetze ziemlich unverändert übernommen. Erst 1994 wurde in der BRD dieser verbrecherische Paragraph aufgehoben.

2. Der Film „Große Freiheit“ wurde schon in Cannes ausgezeichnet; er ist ein Meisterwerk, nicht zuletzt durch die großartige Leistung von Hans Rogowski („Hans“) und Georg Friedrich (als „Viktor“, Zellennachbar von Hans).

Der Film wird hoffentlich über das individuelle Schicksal und das Leiden hinaus das Thema Homosexualität in den Mittelpunkt der Diskussionen stellen, hoffentlich. Denn Wichtiges gibt es zu besprechen, zu analysieren, zu kritisieren, anzuklagen. Etwa die Unterdrückung und Ermordung von Homosexuellen weltweit, vor allem in den meisten Staaten Afrikas und Asiens, im arabischen Raum vor allem, in Regimen, die sich islamisch nennen, also angeblich den barmherzigen Gott Allah verehren. Diese, nach außen hin religiösen Regime sind besonders mörderisch gegenüber Homosexuellen. „In 69 Staaten wird gleichgeschlechtliche Sexualität noch strafrechtlich verfolgt, in einigen Ländern sogar mit der Todesstrafe bedroht“, berichtet die Website des Lesben – und Schwulenverbandes LSVD. (https://www.lsvd.de/de/ct/1245-LGBT-Rechte-weltweit-Wo-droht-Todesstrafe-oder-Gefaengnis-fuer-Homosexualitaet). Genauso schlimm ist die Diskriminierung Homosexueller mit Gewaltattacken in so genannten westlichen Staaten, wie Brasilien unter dem de facto-Diktator Bolsonaro (er nennt sich katholisch, aber gleichzeitig auch evangelikal!).

3. Aber man mache sich nichts vor: Auch in Europa, dem freiheitlichen, gibt es noch vielfältige versteckte oder offene Repression gegenüber Homosexuellen. Für den „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“  ist besonders interessant: Um von den genauso anzuklagenden evangelikalen, sich evangelisch nennenden Kirchen gar nicht zu sprechen: Der Vatikan und mit ihm die oberste katholische Zentrale der Glaubenslehre und Moralverbreitung kennt bis heute de facto den § 175: Das heißt: Priester und Gemeindemitarbeiter, etwa Pastoralreferenten, die sich als schwul outen, werden entweder gar nicht erst in einem Dienstverhältnis zugelassen. Oder sie werden, etwa als junge Priesteramts-Studenten oder junge Ordensmitglieder, sofort entlassen. Selbst Priester, die sich nach etlichen Jahren der Gemeindearbeit outen, haben es schwer und sind bedroht, aus dem Priesteramt gedrängt zu werden, mit all den finanziellen Problemen, die sich dann ergeben.

4. Der § 175 wirkt in der katholischen Kirche auf subtile, aber skandalöse Weise: Wer sich noch für den geistlichen Beruf entscheidet, verschweigt diplomatischerweise seine Homosexualität, er verleugnet seine eigene Identität, lügt und lebt bis zum Lebensende in ständiger Angst, irgendwann dann doch entdeckt und bestraft zu werden. Die versteckten, also nicht offen homosexuell lebenden Priester und Ordensleute sind dann oft nach außen hin, etwa in Predigten, die größten Feinde von selbstverständlich frei gelebter Homosexualität. Der Soziologe Frédéric Martel hat in seiner großen empirischen Studie „Sodom“ diese Zusammenhänge aufgezeigt, besonders in dem verlogenen Verhalten zahlreicher Priester im Vatikan und in hohen klerikalen Kreisen, man denke an den theologisch reaktionären Kardinal Lopez Trujillo aus Kolumbien. LINK

5. Papst Franziskus, den einige immer noch für insgesamt progressiv halten, fährt auch in dieser Frage einen Zickzack-Kurs, mal sagt er dies, mal jenes zum Thema Homosexualität. Das ist bekannt. Besonders ärgerlich war sein Nein zur Segnung homosexueller Partnerschaften, wohl gemerkt, es ging um eher schlichte, freundliche Segnungen, so, wie die katholische Kirche seit Jahrzehnten Autos segnet und Hunde, Rinder und Handys, selbst ein Walross im Hamburger Zoo hat Bischof Hesse gesegnet.  LINK . Aber nein: Diese eher bloß freundliche Geste einer Segnung darf für Menschen, für Homosexuelle, NICHT sein. Sie sind (als Untermenschen?) weniger wert als Walrösser und Handys, welch ein Skandal für das ohnehin total ramponierte Ansehen der römisch-katholischen Kirche. Bei den Orthodoxen ist es nicht anders… Wie weit diese verkrampften, verlogenen Homo-Prälaten, Kardinäle und der Papst aus der Gegenwart der Vernunft gefallen sind, sieht man daran: Es ging bei den aktuellen Debatten doch gar nicht um das eigentlich heute gebotene Thema der kirchlichen Segnung (katholisch: ein Sakrament) der Ehe, also der Homo-Ehe. Allein diese Homo-Ehe-Debatte wäre interessant gewesen angesichts der Tatsache, dass einige demokratischen Staaten längst per Gesetz die Homo-Ehe eingeführt haben. Bei den gegebenen Verhältnissen also wird die römische Kirche, um nur diese zu nennen, nach wie vor zu den Verteidigern des §175 zählen. Was diese Haltung mit Menschlichkeit, geschweige denn mit der Lehre des Propheten Jesus von Nazareth zu tun, ist klar: gar nichts!

6. Ich habe früher schon zu dem Thema einige Hinweise veröffentlicht, sie zeigen: Fast nichts bewegt sich in der katholischen Kirche.

Am 2. Dezember 2018: LINK :

Am 20.6.2019: LINK

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der Großinquisitor von Fjodor Dostojewski. Eine Aktualisierung.

Ein Hinweis aus aktuellem Anlass: Zum 200. Geburtstag von Fjodor Dostojewski am 11.11.2021. (Siehe auch die Website der Deutschen Dostojewskij-Gesellschaft: www.dostojewskijgesellschaft.de)

Von Christian Modehn.

Der Beitrag hat zwei Teile:

– Eine aktuelle Fortsetzung der Erzählung „der Großinquisitor“ aus dem Roman „Die Brüder Karamasow“.

– Ein Hinweis auf das originale Poem in dem Roman selbst, für alle, denen dieser Text Dostojewskis nicht mehr präsent ist. Er sollte aber gelesen werden.

1.

Iwan erzählt im Jahr 2021 seinem Bruder Aljoscha Karamasow sein neues Poem. Wie schon in seiner Erzählung aus dem Jahr 1879 ist Iwan der Religionskritiker, Aljoscha der Fromme in der Familie. Aljoscha ist so erstaunt über die Einsichten seines Bruders, dass er diesmal nur selten wagt nachzufragen.  Iwan also erzählt:

„Jesus Christus ist kürzlich in den trostlosen Vorstädten Roms aufgetaucht. Im Viertel Corviale geht er den Hochhäusern entlang, betritt dunkle, schmutzige Hausflure, spricht mit den Alten, den Frauen mit ihren vielen Kindern. Geld hat er nicht, aber er spürt die göttliche Vollmacht, für Gerechtigkeit auf Erden zu sorgen. Darum sammelt er schließlich die Menschen auf einem Platz. Sie erkennen ihn an seiner sanften Sprache, fühlen sich von ihm ernst genommen und verstanden, sie sind erstaunt, wie er, Jesus Christus, die Obdachlosen umarmt, den Flüchtlingen hilft, Zelte zu bauen.

Mit sanfter, aber eindringlicher Stimme fordert Jesus Christus diese Menschen auf, sich gut vorzubereiten, loszuziehen und dann die Paläste im Vatikan zu besetzen. Die Kardinäle sollen aus ihren luxuriösen Wohnungen vertrieben werden. „Vielleicht finden sie als die Nachfolger der armen Apostel Petrus und Paulus bei euch dann eine Bleibe“. Jesus Christus lächelt, nicht ohne Ironie.. Dann fährt er sehr bestimmt fort: „Die berüchtigten Finanzjongleure in der Vatikanbank werden dann zu Altenpflegern umgeschult. Und die vielen hundert Priester und Prälaten in den päpstlichen Behörden werden zu Lehrern ausgebildet für die römischen Vorstädte“. Schließlich fordert er die Flüchtlinge und Obdachlosen auf, mindestens zehn Kirchen und fast leerstehende Klöster in der Innenstadt zu besetzen. „Die stehen ja an jeder Ecke und sind fast nur noch Museen“, sagt Jesus. „Dabei sind Gotteshäuser immer Häuser für die Menschen, die Ausgegrenzten zumal“. Die Leute sollen also, fordert er, die Bänke wegschaffen und Notunterkünfte einrichten. „Für die Besichtigung der Kunstwerke in euren besetzten Kirchen könnt ihr Eintritt verlangen, dann ist für Speis und Trank gesorgt“.

„Jesus Christus weilt in der heiligen Stadt Rom“, das haben die Lokalreporter längst dem Vatikan gemeldet. Die Bischöfe und Prälaten in den riesigen Renaissance- und Barock – Gemäuern der kirchlichen Verwaltung sind entsetzt über diese Wiederkunft Jesu Christi in Rom. „Der stört uns doch, der raubt uns die Zeit“, lautet die einhellige Meinung. „Hatte nicht der Großinquisitor in Dostojewskis Erzählung bereits Jesus verboten, sich jemals wieder auf diesem christlichen Boden und dieser kirchlichen Welt zu zeigen?“, fragt ein etwas literarisch gebildeter Substitut der Glaubenskongregation. Er blickt mit müden Augen von einem Papierstapel auf, das sich mit einer erneuten Verurteilung des Frauenpriestertums befasst. Und dabei auch noch den Pflichtzölibat der Priester verteidigt.

Mit Hilfe der Mafia sorgen schließlich emsige Beamte der Vatikanbank dafür, Jesus Christus sehr diskret aus der erbärmlichen Vorstadt Roms zu entführen und direkt in den Vatikan zu bringen. Einer der vatikanischen Finanzjongleure hat eine Idee: „Bringt den Kerl bloß nicht in unsere Bank, er soll ins nahe gelegene Gebäude des Heiligen Offiziums, einst die Inquisitionsbehörde, verfrachtet werden“.

Ein obligate SUV der Mafia bringt also Jesus Christus, in einer Jeanshose gekleidet und mit einem Wollpullover, wohlbehalten ins „Heilige Offizium“.  „Am besten gleich ins Büro“ heißt die Devise, wo Kardinal Ratzinger als Behördenchef viele Jahre wirkte. Aber wie es der Zufall will, schaut Ratzinger, nun als Ex-Papst Benedikt XVI., mal wieder in seiner Behörde nach dem Rechten.

So stehen sich also plötzlich Benedikt XVI. und Jesus Christus gegenüber. Beide schweigen lange Zeit. Und Jesus blickt dann voller Tränen auf den Ex-Papst. „Warum weinen Sie, Herr Jesus“, fragt Ratzinger. Jesus winkt nur ab und flüstert nach einer Weile dem greisen Ratzinger ins Ohr: „Was habt Ihr nur aus meiner so einfachen, so menschenfreundlichen Botschaft gemacht“. EX-Papst Benedikt läuft rot an vor Wut, der Farbe seiner feinen Schuhe übertreffend: „Mit ihrer humanen friedlichen Lehre kommen wir nicht weiter, ihre Bergpredigt taugt nichts im Alltag von Staaten und Kirchen! Sie sind ein naiver Idealist, mein Herr und mein Gott“, schnaubt Benedikt mit letzter Kraft. „Wir als Kirche haben inzwischen unsere eigene Religion geschaffen, wir nennen uns nur noch christlich oder katholisch. Wir sind es aber nicht, haben mit Jesus von Nazareth nichts gemein. Wir wollen nur herrschen, befehlen, verlangen Gehorsam, nicht Glauben“.

Der greise EX Papst Benedikt Ratzinger, der hoch gelobte Theologe dieser Religion, die sich nur noch christlich nennt, greift zum Schreibtisch und übergibt dem leibhaftigen Jesus Christus seine drei dicken Bücher über keinen geringen als …Jesus Christus. „Lesen Sie das“, mahnt der Ex-Papst eindringlich. Aber Jesus Christus greift nach den Druckerzeugnissen und schleudert sie auf den Boden. Eine große goldumrandete Vase aus dem 16. Jahrhundert geht dabei zu Bruch, und ein inzwischen fast blinder Spiegel aus dem Neapel des 17. Jahrhunderts beginnt zu wackeln.

In ihm aber erkennt Jesus Christus noch, dass Papst Franziskus das Büro des Glaubenshüters betreten hat. Beide sehen sich schweigend an. Viele Minuten stehen sie einander gegenüber, schauen nicht um sich, blicken sich nur in die Augen. Dann berühren sie einander sanft, streicheln sich am Arm, etwas verlegen auch auf den Wangen. Und Jesus Christus entdeckt, dass Papst Franziskus seine Tränen nicht mehr unterdrücken kann. „Ich bin gescheitert in dieser Welt der verfälschten Religion“, flüstert Papst Franziskus Jesus Christus ins Ohr. „Diese Kirche ist geistig am Ende, der sexuelle Missbrauch durch Priester hat die Kirche definitiv ruiniert. Es ist aus. Die Leute sollen einander lieben und Gott ehren, das ist alles. Aber die Beamten, die Priester, wollen, dass der Betrieb weiterläuft“. Jesus Christus schweigt, aber er nickt mehrmals. Zustimmend.

Der greise Ex-Papst Benedikt wird ungeduldig und betrachtet von der Seite die beiden. Mit der letzten Energie des obersten Glaubenshüters schreit er: „Jetzt reicht es mir mit euch beiden“.

An der Stelle der Erzählung wagt es Aljoscha, seinen Bruder zu fragen: „Und wie geht es dann weiter?“ „Du weißt“, sagt Iwan, “dass ich dem Katholizismus und dem ganzen institutionellen religiösen Apparaten kritisch gegenüber stehe. Aber ein bisschen schwer fällt es mir doch, dir als einer frommen Seele das Ende zu erzählen“. „Sag es, bitte“, fleht Aljoscha. „Nun ja, eine geheime Tapetentür hinter dem Rücken des Ex-Papstes Benedikt öffnete sich und … wie von von einem Scharfschützen, aber im Priestergewand, werden beide erschossen, Jesus Christus und Papst Franziskus. Und der Ex-Papst? Der hat vor Schrecken einen tödlichen Herzinfarkt bekommen. Die geheime Tür in der Inquisitionsbehörde schloss sich wieder ganz schnell, und das alles geschah sehr diskret, wie üblich, fast wie eingeübt“.

Nach einer Weile sagte Aljoscha kaum vernehmbar: „Und diesen Bericht hast du, Iwan, dir ausgedacht? Oder war es gar ein Traum“?  „Es war gewiss ein Traum, aber ein Traum enthält die Wahrheit. Aber das Ende habe ich dir noch nicht erzählt: Die drei Leichen waren nämlich ganz schnell aus der Glaubensbehörde herausgeschafft worden, von wem und wohin, das weiß niemand“.

„Und nun?“, fragte Aljoscha. „Alles geht im Vatikan und in Rom wieder seinen üblichen Gang, Nachfragen und Nachforschungen werden nach alter Manier unterdrückt“, antwortete Iwan. „Ein paar Arme aus der Vorstadt hatten eine Kirche und ein Kloster tatsächlich besetzt, sie wurden vom Klerus vertrieben und kehrten in ihr Elend zurück. Alles geht alles im üblichen Ritus weiter, die nächste Papstwahl steht bevor“.

Und dann sagte Iwan noch sehr bestimmt: „Diese Geschichte kann sich auch in anderen Kirchen, in Genf, in Moskau, in Nigeria, in Washington ereignen.

Und du, Aljoscha, solltest deinen FreundInnen sagen: Denkt euch selbst eine Fortsetzung des „Großinquisitors von Dostojewski“: Was geschieht, wenn Jesus Christus plötzlich in unseren Städten herumläuft? Vielleicht ist er längst da, und wir sehen ihn nicht, weil wir kirchlich verblendet sind“.

Und vergessen wir nicht: Dostojewski schrieb die Geschichte vom Großinqisitor als Kritik am römischen Katholizismus. Heute würde Dostojewski sicher  auch die offizielle russisch-orthodoxe Kirche, die fast zur Putin-Kirche entartete, verurteilen.

2.

In Fjodor Dostojewskis umfangreichem Roman „Die Brüder Karamasow“ (1879-188o) hat das „Fünfte Buch“ ein Kapitel mit dem Titel „Der Großinquisitor“. Es umfasst in der Neuübersetzung von Swetlana Geier (Fischer-Taschenbuch, 2013) nur 30 Seiten. Das Kapitel erscheint wie eine in sich geschlossene Erzählung. Iwan, der Atheist, erzählt seinem frommen Bruder Aljoscha, sein „Poem“, wie er sagt. „Glühend vor Eifer habe ich es mir ausgedacht…Mein Poem heißt der Großinquisitor – es ist absurd, aber ich möchte es dir gern erzählen“ (S. 397.)

Eine kurze Inhaltsangabe:

Während der Herrschaft der katholischen Inquisition in im 16. Jahrhundert erscheint plötzlich und unerwartet Jesus Christus inmitten der Stadt Sevilla. Er wird von den Menschen erkannt, einige bitten um seine heilende Wunderkraft. Der greise Großinquisitor, ein Kardinal, darüber empört, befiehlt, Jesus Christus zu verhaften. Das gläubige Volk protestiert nicht dagegen, es ist dem Kardinal ergeben.

Jesus Christus wird in einem Verlies untergebracht. Der Großinquisitor besucht nachts den verhafteten Heiland, er wirft ihm vor, überhaupt kein Recht zu haben, hier wiederaufzutreten und so wörtlich, „die Ruhe zu stören“.  Für den Großinquisitor ist Jesus Christus ein Ketzer, den er am nächsten Morgen dem Feuertod übergeben will. In seinem Monolog kritisiert der Kardinal die Auffassung Jesu von der Freiheit eines jeden Menschen…Nur durch die strengen Weisungen der Kirchenführer könnten die Menschen von ihrer individuellen Freiheit befreit werden und zu Untertanen werden.

Die Kirchenfürsten haben also im Laufe der Kirchengeschichte Jesu Lehre von der Freiheit und der Gewissensfreiheit korrigiert bzw. „verbessert“ und so die Menschen zu ihrem Glück gezwungen, und das heißt: Sie folgen nun den kirchlichen Weisungen als unfreie, aber in kirchlicher Sicht glückliche Menschen.

Der Großinquisitor geht so weit, sich zum Antichristen zu bekennen: „Wir sind nicht mit Dir im Bunde, sondern mit ihm, (dem Antichristen), das ist unser Geheimnis!“ Die Kirche folgt also dem Antichristen! Dies ist für die Kirchenführer eine Tatsache, die sie nicht öffentlich preisgeben, selbst wenn sie unter diesem geheim gehaltenen Verrat an der Lehre Jesu leiden.

Der Großinquisitor erwartet eine Antwort Jesu. Er hat während des ganzen Monologs geschwiegen. Dann aber – ganz überraschend – küsst Jesus Christus den greisen Inquisitor…und der öffnet die Gefängnistür und sagt: „Geh, und komme nicht wieder niemals, niemals. Und er lässt ihn hinaus auf die dunklen Plätze der Stadt. Der Gefangene geht.“ (S. 424).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Pater Wolfgang Ockenfels im Kuratorium der AFD nahen Stiftung “Erasmus”.

Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 25. Juli 2018

Am 21.10.21: Die AFD nahe Stiftung Erasmus könnte bald, vom demokratischen Staat finanziell gefördert, “aufblühen”. Bis zu 70 Millionen Euro könnte dieser AFD Club dann aus Steuermitteln erhalten. Der Bundestag könnte diese Förderung einer äußerst rechtslastigen, manche sagen zurecht rechtsextremen Partei noch verhindern…

Wir haben schon im Sommer 2018 darauf hingewiesen, dass zum Kuratorium der AFD nahen Stiftung auch ein sehr bekannter, sehr konservativer Dominikanerpater gehört, Wolfgang Ockenfels. Dem Provinzial der Dominikaner in Köln war diese Tatache kurzfristig mal peinlich, so eine offizielle Erklärung, die dann aber wieder öffentlich nicht mehr zugänglich ist. Wer hat da Druck ausgeübt? Und außerdem: Pater Ockenfels hat sich schon im Dezember 2014, kurz nach der Annexion der Krim durch Putin, als Putin-Freund und Putin-Verteidiger offenbart.Das passt gut zu seiner Nähe zur AFD.

Am 25. 7.2018: Die AFD setzt sich in christlichen Kreisen immer mehr durch: Ein Thema auch für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon in Berlin, er weiß sich der Philosophie des demokratischen Rechtsstaates, der Menschenrechte und damit der allseitigen Religionskritik verpflichtet.

Jetzt ist es nicht unwahrscheinlich, dass es demnächst einen „Arbeitskreis von Theologen in der AFD“ geben könnte, selbstverständlich ökumenisch vereint. In der Lutherischen Kirche Sachsens (etwa in Bautzen) würde man sicher fündig werden; im Katholizismus hat nun der in konservativen Kreisen ohnehin umtriebige Theologe und Dominikanerpater Prof. Wolfgang Ockenfels ein Zeichen gesetzt: Er gehört zum „Kuratorium“ der AFD „nahen“(wie man vornehm sagt) „Stiftung Desiderius Erasmus“. Dabei dauern die Verbindungen von Ockenfels zur AFD schön länger: Etwa im März 2017 sprach er über „Gewalt und Religion“ auf einer Tagung der AFD von Baden-Württemberg: Den Koran sollte man lesen, meinte er, ihn zu lesen hielt er dann aber für eine „grauenhafte Zumutung“, so berichteten sehr rechtslastige websites pünktlich zum Vortrag! Anfang 2017 betonte  Ockenfels: „Meiner persönlichen, nicht maßgebenden Meinung nach ist es – nach gründlicher Lektüre des AfD-Programms – nicht unchristlich, dieser Partei anzugehören oder sie zu wählen.“ (Quelle: Rolf Seydewitz: „Kirchen stehen ziemlich blamiert da“. In: Trierischer Volksfreund. 12. Januar 2017, abgerufen am 17. Juli 2018 (Interview).

Die schon lange andauernden Verbindungen von Ockenfels mit der rechtslastigen Wochenzeitung “Junge Freiheit” sind bekannt. Seit einigen Monaten ist Pater Ockenfels Kolumnist der “Jungen Freiheit”, so etwa zum “Heiligung statt Heilung” vom 6.4.2021. LINK

Ockenfels jedenfalls kann aufgrund seiner sehr weitreichenden vielfältigen Kontakte vor allem im rechts-konservativen katholischen Milieu nun seine AFD Affinität wohl ab jetzt auch werbend in seinen Kreisen zur Sprache bringen: Er ist emeritierter Professor für Christliche Soziallehre an der theologischen Fakultät der Universität Trier (dort seit 1985, er hat also viele Religionslehrer usw. ausgebildet); er ist geistlicher Beirat im „Bund katholischer Unternehmer“; Beiratsmitglied der Akademie des deutschen Handwerks/Schloß Raesfeld; Präsident der Internationalen Stiftung Humanum (Lugano), Referent beim sehr konservativen „Forum deutscher Katholiken;” häufiger Mitarbeiter des sehr reaktionären katholischen Blattes „Der Fels“; Chefredakteur der Zeitschrift „Die Neue Ordnung“. Zur Redaktion gehören auch zwei andere Dominikaner, der eine, Pater Wolfgang Spindler, hat etwa kürzlich „Gedichte für und über Carl Schmitt“ in der Carl Schmitt Gesellschaft herausgegeben. Carl Schmitt war ja bekanntlich der „Kronjurist der Nazis“… Autor der „Neuen Ordnung“ von Pater Ockenfels ist auch der heftige Gegner/Feind von Papst Franziskus, Kardinal Walter Brandmüller.

Am 24. Juli 2018 hat nun auch der für Pater Ockenfels zuständige Provinzialobere des Dominikanerordens in Köln, Pater Peter L. Kreutzwald, eine Stellungnahme publiziert. Sie ist am Ende dieses Beitrags auf dieser Webseite erreichbar. Jetzt (seit ca. 2020, nicht mehr erreichbar, CM, warum wohl?)

Diese eher knappe Stellungnahme des Provinzials besteht aus zwei Teilen.

Um es vorweg zu sagen: Diese Stellungnahme entspricht nicht der Bedeutung, dass nun ein katholischer Theologieprofessor sich in einer AFD Organisation engagiert. Diese Tatsache ist eine schlimme Wende, sie führt hin zur “Normalisierung” dieser AFD Partei und ihres Umfeldes sowie ihrer bekannten Connections mit rechtsextremen Parteien in Europa und mit Mister Trump über dessen “Vordenker” Steve Bannon.

Im ersten Teil erwähnt Pater Kreutzwald die im Dominikanerorden offenbar übliche Pluralität, man liebt dort die „kontroverse Diskussion“. Und angesichts dieser damit angedeuteten Toleranz im Dominikanerorden wird dann auch die „Haltung“ von Pater Ockenfels, also seine Sympathie für die AFD, als „persönliche Einzelmeinung“ förmlich abgewertet. Aber: „Diese persönliche Einzelmeinung“ wird „von der Provinzleitung nicht geteilt“. Immer dies wird gesagt. Ob nun kontroverse Debatten, offenbar in dem Orden üblich, nun auch mit Pater Ockenfels geführt werden, auch öffentlich, wird vom Provinzial nicht einmal angedeutet. Wie toll wäre es doch einmal einen kritischen Dialog unter Dominikanern, die nennen sich ja offiziell „Predigerbrüder, über das Thema öffentlich zu erleben.

Wie streiten sich Dominikaner, die politisch ein bisschen links sind mit solchen, die sehr rechts sind? Oder redet man schon gar nicht mehr miteinander? Und trennt die Konvente in progressivere und konservativere? Ein gepflegtes Nebeneinander also in einem Orden?

Diese äußerst knappe allgemeine Abgrenzung bedeutet letztlich: Ein Ordensoberer ist gegen die Meinung eines zudem einflussreichen Ordensmitglieds machtlos; der Ordensobere zeigt hilflos, nicht mehr als die offizielle Ablehnung dieser Privatmeinung eines einzelnen Mitglieds im Orden mitzuteilen. Man könnte sich im Fall dieser gravierenden AFD Unterstützung ja auch denken: Dass der Ordensobere entscheidet, die Ordensmitgliedschaft des Betreffenden „ruhen“ zu lassen, solange dessen AFD Aktivitäten fortgesetzt werden. Ein anderes Beispiel: Der Prior des Dominikanerordens in Montpellier (Frankreich) hat den “linken” Dominikaner Jean Cardonnel  (1921 – 4.7.2009) einfach aus dem Kloster herausgeworfen  (2002), indem er in einer Zeit der Abwesenheit von Pater Cardonnel einfach dessen  Zimmer im Kloster leer räumte und dessen “Hab und Gut” auf die Straße stellte. Pater Cardonnel ist dann außerhalb seines Klosters in einem Altersheim gestorben. So weit wird man im Falle des AFD Theologen und Dominikaners Ockenfels nicht gehen müssen, zumal ja Pater Ockenfels recht hübsch sicher außerhalb eines Klosters privat wohnen darf als privater Mönch…

Hingegen suggeriert der Kölner Ordensobere an der Stelle seiner knappen Stellungnahme, als wäre diese persönliche Einzelmeinung von Ockenfels nur von so geringer Bedeutung wie etwa eine absolute Vorliebe fürs vegetarische Essen oder für anstrengende Bergwanderungen. Mit anderen Worten: Der Ordensobere spielt in diesem ersten Absatz die AFD von Pater Ockenfels herunter. Damit wird indirekt für andere das Zeichen gesetzt: Wenn schon ein Dominikaner Theologe sich AFD nah engagiert, warum kann ich als katholischer Laie dies nicht auch? „Also los, wählen wir AFD“, sagen sich praktizierende Katholiken, die nachweislich immer noch sehr autoritätshörig sind. Insofern hat die milde Beurteilung der AFD Aktivität des Theologen Ockenfels durch den Provinzialoberen verheerende Folgen. Offenbar wissen die Ordensleute noch zu wenig über die Hintergründe dieser AFD…

Und ich frage mich: Was bedeutet eigentlich heute noch das klassische Ordensgelübde des Gehorsams, das jedes Ordensmitglied ausspricht, oder hat man es nur „abgelegt“, im doppelten Sinne der Bedeutung. Tatsache ist: Angesichts des zunehmenden Mangels an „Ordensnachwuchs“ kann jedes noch verbliebene Ordensmitglied offenbar machen und sagen und tun, was es will, der Ordensobere hat nur noch die „persönliche Haltung und Einzelmeinung“ abzunicken. Und wenn Ordensleute privat wohnen, wie Ockenfels, kann das Gelübde der Armut wohl einfach auch „abgelegt“ werden. Bemerkenswert jedenfalls ist auch die Toleranz von Ockenfels gegenüber dem offen homosexuell lebenden, einstigen Chefredekteur des Gay – Magazins „Männer“ im schwulen Bruno Gmünder Verlag in Berlin: Gegenüber seinem Co-Beirat David Berger in der AFD Stiftung zeigt sich Ockenfels sehr tolerant: Er hält den nun AFD affinen (ehemaligen ?) Gay-Aktivisten und Gay-Publizisten David Berger für einen „sehr anregenden, kompetenten Gesprächspartner“. Dabei ist diese tolerante Aussage von Ockenfels hoch erstaunlich: Sie steht wohl ganz im Dienste der gemeinsamen AFD-Verbundenheit: Denn Ockenfels hat sonst gegen alle „moderne“ Moral (der „68 er- Bewegung“) gewettert, gegen Feminismus und Gender-Forschung etwa. Gegen die so genannte „Homoehe“ argumentierte Ockenfels in einem von Norbert Geis (CSU – Hardliner) herausgegebenen Buch mit dem Titel „Homoehe“,er verfasste den beitrag “Staatliche Prämierung der Unfruchtbarkeit“ (gemeint sind „die Homos“). AFD Homos sind jetzt – dank David Bergers Liebe zur AFD – offenbar nicht mehr so „unfruchtbar“.

Wenn man sich das weite Netzwerk von Ockenfels anschaut innerhalb eines konservativ – katholischen Milieus, kann man sich nicht so recht vorstellen, dass der Provinzial in Köln den Mut hat und sagt: Lieber Ockenfels, gib deine AFD Hilfsbereitschaft und AFD Nähe auf. Oder wir lassen deine Mitgliedschaft im Orden „ruhen“. Verhungern würde er als Nicht – Dominikaner Ockenfels sicher nicht, erhält er doch als emeritierter Universitätsprofessor z.B. auch eine gute Pension… Aber diese Aktion des Provinzials wäre ein Zeichen: „Wir dulden keine AFD affinen Leute im Orden …und auch nicht in kirchlichen und theologischen Ämtern“.

Im zweiten, etwas längeren Teil der „Stellungnahme“ von Pater Kreutzwald wird dann ohne jeden ausdrücklichen Bezug zur AFD – Mitarbeit des Dominikaners Ockenfels nur Allgemeines zur politischen Situation Deutschland und Europas gesagt: Die AFD wird von dem Provinzial durchaus als „rechtsgerichtete Partei“ bewertet. Dass rechtsgerichtet“ noch zu milde klingt, ist klar! Kreutzwald gibt zu, diese Partei argumentiere mit „vereinfachender Polemik“ bis hin zu offener Feindseligkeit. Die Frage stellt der Provinzial an dieser Stelle nicht: Darf ein Theologe, darf ein Christ, sich zu dieser offenen Feindseligkeit (die die AFD nachweislich inszeniert) bekennen? Er meint verbreitet dann noch die allgemeine Weisheit, dass nur „nationale Lösungen der Flüchtlingsthematik angegangen werden sollten“.

Zum Schluss erinnert der Obere an den Anspruch des Dominikanerordens, des Predigerordens, „in einer vernünftigen Sprache differenziert und ausgewogen die gegenwärtigen Herausforderungen ins Wort zu bringen“.

Dazu gehört aber mehr kritisches Nachdenken und mehr Mut, als diese knappe Erklärung von Pater Kreutzwald zeigt. Der Provinzial beschwört die „Verkündigung der guten Botschaft Jesu zum Heil aller Menschen“ als Ziel des Ordens. Zu dieser Botschaft gehört doch aber auch das Nein, das Abstandnehmen, das prophetische Wort, die Warnung. „Persönliche Einzelmeinungen“ anzuerkennen, auch wenn man sie nicht „teilt“, reicht nicht; es geht darum, Wahres von Falschem zu trennen, Gutes von Gefährlichem in der Politik. Einst waren die Dominikaner die großen Meister in der Verfolgung von Ketzern, auch im Rahmen der Inquisition. Solche Zeiten dürfen niemals wieder kommen. Aber andererseits: Sind Dominikaner (in Deutschland) jetzt zu Meistern der letztlich resignativen Hinnahme „persönlicher Einzelmeinungen“, auch im von Fall Bindungen an die AFD, geworden?

Die AFD wird sich freuen, dass ihr der Einstieg ins katholische Theologen- und Ordensmilieu gelungen ist. Das könnte sich allerdings noch ändern, wenn auch die Dominikaner sich an der Erforschung des europäischen Rechtsextremismus beteiligten und entsprechende Konferenzen organisierten. Und ein umfassend, argumentierendes prophetisches Wort als NEIN zur AFD wagen. Wird das geschehen? Dies wäre eine utopische Erwartung!

So dämmern die Kirchen dahin, angesichts der AFD, der Pegida, der Oligarchen in Europa und den USA, und dem Katholiken Steve Bannon, der explizit alles Freiheitliche vernichten will. “Eine Schande ist dieser Dämmerzustand der Kirchen und der noch halbwegs intellektuellen Orden”, schreibt mir ein Leser. Ich kann ihm nicht widersprechen. “Nationalistisch” und “christlich” wird sich bald wieder reimen…Macht Pater Ockenfels den Anfang?

…… DER TEXT von Pater Kreutzwald ist erreichbar über: http://www.dominikaner.de/  Am 21-10-2021: Diese Information des Provinzials ist schon seit längerer Zeit nicht mehr auf der website des Ordens auffindbar. Ist wohl zu peinlich für die Ordensleitung; C.M.

……………….

Auch der katholische Theologe David Berger (2010 Autor des heftig antiklerikalen Erfolgs-Buches „Der heilige Schein. Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche“) gehört jetzt zum Kuratorium dieser AFD Organisation. David Berger ist ein Kenner des Werkes des mittelalterlichen Theologen und Dominikaners Thomas von Aquin, deswegen hat er enge Verbindungen zu einzelnen Dominikanern in Berlin und in Rom (dazu in dem genannten Buch S. 128 ff.). Er hat sich vom konservativen katholischen Theologen erst zum heftigen Kirchenkritiker und Gay-Aktivisten nun wieder zum AFD nahen Theologen (zurück-?) “entwickelt”. Eine interessante “Karriere”…Die allerdings im Juni 2019 ein Ende fand: David Berger ist aus dem Kuratorium der AFD Stiftung ausgeschieden…

……………….

Pater Ockenfels der PUTIN-Freund:

Pater Ockenfels zeigt sich Putin – Freund und Putin – Verteidiger, und darin ist er auf der Linie der AFD seit Bestehen der Partei. Man denke an Gaulands frühe Verteidigung der Annexion der Krim durch Putin… (Siehe unten, Fußnote 1)

Am 3. Dezember 2014, also wenige Monate nach der Annexion der Krim durch Putin (im März 2014 ), schrieb Pater Ockenfels in der sehr konservativen katholischen website kath.net :

„Aber die neuen Schaleks (das sind Journalisten im Werk von Karl Kraus, CM) beiderlei Geschlechts bevölkern zur Anheizung des neuen Konflikts unsere Medien, die ihren Haß auf den Teufel Wladimir Putin kaum noch zügeln können: Er sei sowieso krank, er habe Krebs, und überdies sei er paranoid, wie Herr Doktor Andreas Schockenhoff MdB per Ferndiagnose herausfand, statt sich als Christdemokrat einmal zu völkerrechtlichen Regeln, die für alle und reziprok gelten (sollten) und über die einseitige Interessen- und Machtpolitik hinausgehen, nachdenklich zu äußern. Die heute bei uns vorherrschenden antirussischen und antichristlichen Affekte werden freilich nicht vom Volksverhetzungsparagraphen erfaßt“.  Kath.net 3.Dezember 2014.

…………………..

Fußnote 1: „Schon 2014, die AfD war erst wenige Monate alt, war Alexander Gauland zu Gast in der russischen Botschaft. ­Gauland, damals noch Landeschef in Brandenburg, ist heute Vorsitzender der Partei. Kurz nach dem Besuch trat er mit dem Kreml-Lobbyisten ­Wladimir Jakunin bei der Konferenz „Frieden mit Russland“ des rechtsextremen ­Magazins Compact auf. Er reiste nach Sankt Petersburg, traf einen nationa­listischen Oligarchen und diskutierte mit dem radikal antiliberalen Philosophen Alexander Dugin, den das US-Magazin Foreign Affairs „Putins Hirn“ taufte.

Und so ging es weiter: AfD-Politiker reisten zu Konferenzen in die Ost­ukraine, wanzten sich an die Putin-Jugend ran, trafen sich in Moskau mit der Kremlpartei oder der Stadtregierung… Quelle: TAZ: https://taz.de/Russland-und-die-AfD/!5579084/

Fußnote 2:

Der Dominikaner Pater Ockenfels ist ständiger Mitarbeiter der äußerst rechtslastigen website “kath.net”, seine Texte: https://kath.net/suche.php?suche=Ockenfels

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Sexueller Missbrauch durch einen hochrangigen Priester im Spanien des 17.Jahrhunderts: „Der Prozess versandete“.

Eine seltene historische Studie zum traditionsreichen sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche.

Ein Hinweis von Christian Modehn

 

1. Pater Joan Nolasco Risón war Provinzial seines Ordens, der „Mercedarier“, also in einer hohen Leitungsfunktion für die spanischen Klöster. Zuvor war er Novizenmeister, zuständig für die jungen Männer, die in den Orden eintreten wollten. „Er hatte in seinem Konvent unaufhörlich und erfolgreich sexuellen Druck auf die jungen Leute ausgeübt, die ihm anvertraut waren“. Das schreibt der Historiker Rapahael Carrasco, Professor für Hispanistik an der Universität der Franche Comté (Frankreich), in seinem Beitrag „Sodomiten und Inquisitoren im Spanien des 16. und 17. Jahrhunderts“ (in dem Buch „Die sexuelle Gewalt in der Geschichte“, hg. Alain Corbin, Berlin 1992, zit. Seite 55.)

2. Als der Priester Joan Nolasco Risón 1687 wegen des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen und wegen Homosexualität (damals kirchlich Sodomie genannt) verhaftet wurde, geschah dies „unter größter Geheimhaltung“, betont der Autor aufgrund seiner Quellenstudien. Der angeklagte Priester hatte in seinem Kloster eine Spaltung bewirkt: Seine Komplizen, „die er anderswo auf günstigen Posten unterbrachte und die bis dahin seltsame Vorrechte genossen, auf der anderen Seite die Reinen, die Schamhaften, Empörten sowie alle, die verfolgt und tyrannisiert wurden, weil sie dem Werben des Meisters widerstanden hatten“ (ebd.)

3. Es gab einen kritischen Ordensmann aus diesem Kloster und Orden, Pater Ramirez, der dem sexuellen Missbrauch Pater Nolascos Einhalt gebieten wollte. Und was passierte? Der ganze Orden wollte den „guten Ruf“ bewahren, man beeinflusste den kritischen Pater Jeronimo Ramirez und versuchte, ihn zu überzeugen, doch bitte den prominenten Straftäter im Orden nicht zu denunzieren.

Aber, und das ist erstaunlich, die Inquisition widersetzte sich dem Wunsch des Ordens nach „Gut-Erscheinens“ und setzte einen Prozess an, bei dem auch die betroffenen Novizen vorgeladen und gehört wurden. Für den Historiker Raphael Carrazco zeigen sich da ungewöhnliche ausführliche Quellen über das Leben in den Klöstern und speziell unter Novizen im 17.jahrhundert. Aber: Wie üblich, möchte man sagen: Auch dieser Prozess „versandete im Ermittlungsverfahren: Der oberste Rat dachte, die zwangsläufig skandalöse Arznei sei schlimmer als die Krankheit. Mit anderen Worten: Gegen den Provinzial wurde juristisch nichts weiter unternommen, der „gute Ruf des Klerus sollte gerettet werden“…

4. Es gibt also einige wenige seriöse Studien von Historikern, die an einzelnen, mühsam recherchierten Beispielen zeigen: Der sexuelle Missbrauch durch Priester hat eine lange Tradition. Und wenn das so ist, dann wird erneut ein „Systemfehler“ in der Kirche offenbar. Die katholische Kirche zieht aufgrund ihres Zölibatsgesetzes immer auch Männer an, die ihre Sexualität, d.h. oft ihre Homosexualität verleugnen und in der zölibatären Kleruskirche ihre eigene Homosexualität oder auch Pädosexualität verstecken, aber auch gleichzeitig heimlich ausleben.

Mit anderen Worten: Solange das Zölibatsgesetz besteht, wird es immer wieder Männer geben, die ihre pädosexuellen Orientierungen in der Kirche als Priester ausleben wollen und können.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Das “Erdbeben” in Frankreichs katholischer Kirche: Mindestens 3000 Priester als “Täter”…

Ein Hinweis von Christian Modehn

Etwa 3.000 Priester und Ordensmitglieder in Frankreich haben zwischen 1950 und 2020 sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen begangen. Die meisten Untaten wurden zwischen 1950 und 1970 begangen, meist mit der Tendenz der Kirchenoberen, die Täter zu „decken“.  Drei Jahre hat die unabhängige Kommission in Archiven geforscht, Interviews gemacht…

Die genauen Ergebnisse der unabhängigen (!) Kommission unter Jean-Marc Sauvé (Beamter, ehem. Vizepräsident des Staatsrates, Jahrgang 1949) werden in einer umfassenden Studie (etwa 2.500 Seiten) erst am 5.10.2021  vorgestellt. Aber diese Zahl wurde schon am 2.10. 2021  veröffentlicht. Sie  übertrifft alle Befürchtungen der französischen Bischöfe. Kirchenkreise sprechen von „Erdbeben“, „wie eine Bombe“,  „Abbrennen“ der Kirche (déflagration)…

Siehe dazu den Beitrag “Das Langsame Verschwinden des Katholizismus in Frankreich”, verfasst von Christian Modehn im September 2021. LINK

Quelle: https://www.la-croix.com/Religion/Abus-sexuels-lEglise-premieres-revelations-rapport-Sauve-2021-10-03-1201178591.

….

Der Beitrag wird fortgesetzt….

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Erzbischof Heße bleibt im Amt.

Wo das Mittelalter lebt und man(n) mittelalterlich denkt. Ein Hinweis auch zur Sprachphilosophie

Von Christian Modehn

Heutige Philosophie und damit auch Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie befasst sich mit der Analyse der Sprache, also der gesprochenen und geschriebenen Sprache in verschiedenen kulturellen Milieus.

1. Um den LeserInnen einen Eindruck zu vermitteln, wie und wo das mittelalterliche Denken heute noch lebt, dokumentiere ich eine aktuelle offizielle Mitteilung der Apostolischen Nuntiatur in Berlin. Die Apostolische Nuntiatur ist ein frommer Titel für „Botschaft der Vatikan-Stadt“, auch „heiliger Stuhl“ genannt. Man bedenke, dass mit dem mittelalterlichen Titel „Apostolische Nuntiatur“ angedeutet, wenn nicht unterstellt wird: Die ersten Apostel, etwa der Fischer Petrus, wären froh, wenn es zu ihren Ehren weltweit pompöse Papst-Botschaften (Nuntiaturen) gibt… Aber das ist ein anderes Thema.

2. Zum Text selbst: Inhaltlich geht es darum, dass Papst Franziskus jetzt das Rücktrittsangebot des Hamburger Erzbischofs Stefan Heße NICHT angenommen hat. Heße wurden bekanntlich von der Anwaltskanzlei Gercke Wollschläger elf Pflichtverletzungen im Zusammenhang mit der Aufklärung von sexueller Gewalt durch Priester im Erzbistum Köln nachgewiesen. Am 18. März 2021 hatte Heße deswegen den Papst gebeten, seinen Rücktritt als Erzbischof von Hamburg anzunehmen. Ein Bischof tritt bekanntlich einfach zurück und verschwindet dann in einer Privatwohnung, sondern er bittet den „Heiligen Vater“ in Rom, dass er ihm die Freiheit des Rücktritts doch bitte bitte lassenmöge.  Bischöfe sind also wie Kinder, die den Papi bitten, darf ich mal auf die Straße gehen… Auch dies ein anderes Thema.

Und dieser angeblich so progressive und aufgeschlossene Papst sagte abermals NEIN, wie schon im Falle von Kardinal Marx in München. Offenbar gibt es so wenige Kleriker, die diesen Job eines Bischofs heute noch ausüben wollen und (meist nicht) können…

3. Zur Lektüre des Textes der Apostolischen Nuntiatur: Der letzte und wichtigste Teil des Schreibens besteht aus einem ultra-langen Satz, eine Sprache, die typisch ist für Bürokratien und Behörden.

Und der daran anschließende Satz schleudert uns in eine mittelalterliche Welt zurück.

Aber lesen Sie selbst den ersten Lang-Satz:

„In Anbetracht der Tatsache, dass der Erzbischof seine in der Vergangenheit begangenen Fehler in Demut anerkannt und sein Amt zur Verfügung gestellt hat, hat der Heilige Vater, nach Abwägung der über die Visitatoren und durch die einbezogenen Dikasterien der Römischen Kurie zu ihm gelangten Bewertungen, entschieden, den Amtsverzicht S.E. Mons. Heßes nicht anzunehmen, sondern ihn zu bitten, seine Sendung als Erzbischof von Hamburg im Geist der Versöhnung und des Dienstes an Gott und den seiner Hirtensorge anvertrauten Gläubigen fortzuführen.“

So „verschwurbelt“ sprechen und schreiben nur Bürokraten.

Inhaltlich gesehen bedenke man weiter: Wenn ein Bischof also mal demütig ist und auch mal Fehler anerkennt, und noch pro forma sein Amt zur Verfügung stellt, dann hat er als möglicher Täter und Vertuscher alle Chancen, seinen exzellenten und gut bezahlten Job fortzuführen. Die Opfer sind selbstverständlich nicht so wichtig. „Grob gesagt bekommen Erzbischöfe etwa 12.000 Euro Grundgehalt im Monat, Auch hier kommen Dienstwohnungen und –wagen dazu, inklusive Chauffeur. Bischöfe, Weihbischöfe und Domkapitulare werden in der Regel auch aus der Staatskasse entlohnt“. (Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/21935-was-verdient-man-eigentlich-als-priester)

4. Und nach diesem Lang-Satz der Absprung ins mittelalterliche Denken durch den Botschafter des Heiligen Stuhls in Berlin, genannt Nuntius: „Dazu erbittet der Heilige Vater Erzbischof Heße und dem Erzbistum Hamburg, auf die Fürbitte der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria und des Heiligen Ansgar, Gottes reichen Segen.” (Quelle: https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2021/Mitteilung-Heiliger-Stuhl.pdf)

5. Und ich möchte religionskritisch und sanft zynisch den Hinweis auf dieses unsägliche Geschehen beenden, und dabei noch einmal mit dem mittelalterlichen Aberglauben spielen, der ja wie gesehen in den Köpfen vatikanischer Beamter und Prälaten herumspukt. Denn all diese himmlischen Fürsprachen etc. sind doch, sorry, Aberglauben oder vornehmer Mittalter…

In diesem Sinne schlage ich vor als fromme mittelalterliche Schlußfloskel zum Brief des Nuntius zum Fall  Heße:  „Und wir bitten den Heiligen Geist, die dritte Person der Trinität im Himmel, dass er mit all seiner Kraft die Gehirne von Prälaten und Päpsten zur Vernunft hin bewege. Und dies alles möge geschehen unter der himmlischen Fürsprache des heiligen Franziskus von Assisi, des Namensgebers unseres heiligen Vaters,  und unter dem Beistand des heiligen Josef, des Pflegevaters Jesu, in dessen Gedenken wir dieses Jahr 2021 fromm gestalten und die Josefs-Ehen fördern… und so weiter und so weiter ad aeternum…! ABER: Möge um Himmels willen der so großartige zölibatäre Klerus immer fortbestehen, auch wenn es in bald (seinetwegen) keine katholischen Gläubigen mehr gibt”.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Der Wahn der Gotteskrieger: Warum ist Religionskritik oft so hilflos?

Die neunte Frage der Reihe „Unerhörte Fragen“. Anläßlich des 11.9. 2001

Von Christian Modehn, veröffentlicht am 11.9.2021

1.

An den 11. September 2001 erinnern heißt: An die zerstörerische Gewalt eines fundamentalistischen Glaubens erinnern. Also an einen Wahn. Wie viele Berichte wurden über einen der wichtigsten Massen-Mörder des 11. September 2001, über Mohammed Atta, Sohn eines ägyptischen Rechtsanwaltes, geschrieben?

2.

In aller Kürze und auf dem neuesten Stand der Forschung schreibt die Frankfurter Dschihadismus-Forscherin Prof. Susanne Schröter (Die ZEIT, 9.Sept. 2021, S. 68) das Entscheidende: Mohammed Atta war der intellektuelle Kopf von fünf Entführern des „American-Airlines“-Flugzeuges, das in den „Nordturm“ des Welthandelszentrums von New York gelenkt wurde. Er war überzeugter Dschihadist.

3.

Die erste Erkenntnis: “Der Dschihadismus ist ein religiöses Phänomen“. Zweitens: Die Mörder waren deswegen bestimmt von einem religiösen Heilsversprechen des islamischen Glaubens.  Drittens: Prof. Susanne Schröter, schreibt: „Wer diese fromme Spielart des Terrors bekämpfen will, darf sein Heilsversprechen nicht unterschätzen: die Aussicht auf einen unmittelbaren Zugang des Attentäters zum Paradies“. Und dann die nicht gerade zuversichtlich stimmenden Worte: „Wer daran wirklich glaubt, ist mit weltlichen Argumenten kaum zu überzeugen“.

4.

Die aufgeklärten, der Vernunft vertrauenden Menschen, sind nach dieser Erkenntnis in gewisser Weise hilflos… Man könnte mit dieser Einschätzung als Sympathisant der reaktionären Clique der pauschalen rechtsextremen Islam-Feinde eingestuft werden. Mit denen aber haben Dschihadismus-Kritiker gar nichts zu tun…

Trotzdem bleibt die Frage: Was tun mit Menschen, die mit Argumenten nicht mehr erreichbar sind…Man denke, nebenbei, auch an die Leute, die mit esoterischen Gründen sich weigern, sich impfen zu lassen; die Gefährdung des eigenen wie das Leben anderer ist diesen so genannten Freiheitskämpfern schnuppe. Sie sind nichts als eigensinnige Egoisten…, aber das ist ein anderes Thema..

Viel schwerwiegender ist die Erkenntnis: Mit den radikalen Islamisten, den Dschihadisten, ist kein Dialog möglich. Sie sind total eingefangen in ihrer absoluten göttlichen „Idee“.

5.

Die Verteidiger der Vernunft und der hierzulande absolut selbstverständlichen Religionskritik sind zunächst also hilflos angesichts dieser Erkenntnisse von Prof. Susanne Schröter. Es muss die Erkenntnis vertieft werde, ein altes Thema der Religionskritik: Wie stark können Religionen die Menschen vergiften? Das gilt für alle Religionen. Und es stellt sich die Frage: Welche Gestalt einer vernünftigen Religion ist als Bezug zu einer göttlichen Wirklichkeit noch gültig?

6.

Wird die Säkularisierung der Lebensverhältnisse auch für Muslime eine Abkehr von religiösem Wahn nach sich ziehen? Bisher ist davon wenig zu spüren! Die Aufgabe heißt: Die Tendenzen einer säkularen und demokratischen Lebensweise gilt es zu fördern und zu unterstützen und rechtlich durchzusetzen. Darum sollte man etwa in den Gesprächen zwischen Christen und Muslimen nicht so sehr von Gott, sondern von der Chance und dem Glück einer säkularen Lebensform sprechen. Christen sollten den Mut haben zu sagen: Viel mehr Religionskritik und ein Ernstnehmen des Atheismus tun uns menschlich gut. Religiöse Menschen sollten immer auch Kritiker ihrer eigenen Religion sein…

7.

Dann sollten die Kontrollen des demokratischen Recht-Staates über die Moscheen verstärkt werden…Man sollte prüfen, was denn da so alles gepredigt wird etc. Die Franzosen unter Präsident Macron haben jetzt erste richtige Schritte getan zum Schutz des säkularen Staates. Susanne Schröter schreibt in der ZEIT: „Oft vergehen viele Jahre, bevor radikale Vereine verboten oder extremistische Moscheen geschlossen werden. Auch die Hamburger Al-Quds Moschee, die für die Hamburger Zelle große Bedeutung besaß, wurde erst Jahre nach den Attentaten vom 11. September 2001 geschlossen“ (ebd.). Genauer gesagt: Diese Moschee in der Nähe des Hauptbahnhofs wurde erst im August 2010 geschlossen, nachdem weitere Fälle extremistischer Praxis deutlich wurden…

8.

Und die ebenfalls noch immer sehr aufs Jenseits, den Himmel, die Hölle, den Teufel, das Paradies fixierten Christen und ihre oft ja auch noch fundamentalistischen Dogmatiker und Bischöfe? Die sollten den Mut haben und sagen: Von diesen „letzten Dingen“ sprechen wir jetzt nicht mehr. Was Gott mit den Verstorbenen in seinem Himmel „macht“, bleibt sein Geheimnis. Entscheidend ist: „Gestalten wir die Erde, die Staaten und Gesellschaften gerechter“. Das ist der religiöse Auftrag. Und befreien wir uns von den Ängsten vor einem rächenden Gott. Verbrecher müssen irdisch bestraft werden bzw. verhindert werden, das ist keine Sache des „Himmels“. Aber leider ist die maßlose Ikonographie der Christen, vor allem der Katholiken, voll von „himmlischen und höllischen Bildern“…

9.

Werden sich die vielen Millionen fundamentalistischer Christen (Evangelikale etc.) darauf einlassen, vom Himmel und dem Paradies erst mal zu schweigen und „der Erde und den Menschen und dem „Mensch gewordenen Gott“ Jesus treu zu bleiben? Ich glaube dies eher nicht. Auch das Christentum, die Kirchen, haben sich mit einem gewissen religiösen Aberglauben gut eingerichtet. Aber selbst eine utopische Forderung soll formuliert werden.

10.

Noch einmal eine Perspektive zum Schluss: In der ZEIT, ebenfalls vom 9. Sept. 2021, Seite 68, schreibt Ebrahim Afsah, Prof. für islamisches Recht in Wien und Kopenhagen: „Es fehlt die Bereitschaft, die Saat der Gewalt im islamischen Erbe und die umfassende Radikalisierung als ernste intellektuelle Herausforderung anzunehmen“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Jean-Luc Nancy: „Das Christentum hat sich von mir abgewandt. Aber die wahre Mystik blieb mir“

Der Philosoph Jean-Luc Nancy ist gestorben

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy ist am 23.8.2021 im Alter von 81 Jahren gestorben, er war viele Jahre Professor in Straßburg, er ist einer der wichtigsten Philosophen unserer Gegenwart.  Sein philosophisches und literarisches Werk ist äußerst lebendig und umfangreich, mehr als 100, zum Teil viel beachtete Bücher hat Nancy publiziert. Er war auch mehrfach in Berlin zu Vorträgen und Debatten. Etliche längere Interviews auf Deutsch sind in der sehr empfehlenswerten Zeitschrift „Lettre International“ erschienen….

Dieser Hinweis ist natürlich keine „Gesamtwürdigung“ seines Werkes.  Es ist sehr komplex und zudem für „schnelle Lektüre“ ungeeignet…Das sollte aber niemanden hindern, Nancy zu studieren. Hier werden nur einige Stellungnahmen Nancys genannt werden, die in der Pariser Tageszeitung „La Croix“ kürzlich veröffentlicht wurden. Die ausgewählten Stellungnahmen beziehen sich vor allem auf das immer deutliche religiöse bzw. auch religionsphilosophische Interesse von Jean-Luc Nancy. Und das passt gut in den Schwerpunkt unseres philosophischen Salons.

1. Zur christlichen Biographie Nancys:

Im Alter von etwa 28 Jahren trennt sich Nancy vom christlichen Glauben und der katholischen Kirche, er war in der Gemeinschaft J.E.C., „Jeunesse Etudiante Chrétienne“, in der „Christlichen studierenden Jugend“, einer Organisation der katholischen Kirche, aktiv engagiert und interessiert“. (Zur J.E.C. gehörten viele Intellektuelle und Politiker, wie Francois Mitterrand, René Rémond, Georges Montaron und andere. Die J.E.C. besteht bis heute, als progressive, linke katholische Organisation). Jean-Luc Nancy: „Die Zugehörigkeit zum Christentum war für mich absolut untrennbar mit einer politischen und sozialen Vision. Wir waren in der JEC sehr engagiert zugunsten der Demokratisierung des Unterrichts und der Ausbildung. Ich war Christ, ganz und gar. Aber ich muss sagen: Das Christentum hat sich von mir abgewandt, wie von einer ganzen Generation. Denn im Jahr 1957 kritisierten die französischen Bischöfe die progressive Haltung der J.E.C. Das war für mich wie ein Donnerschlag und so befreite ich mich von der Kirche, die mir als eine Gestalt des Konservativen und der Macht erschien. Diese Loslösung von der Kirche war möglich, weil ich die Philosophen Hegel, Heidegger und Derrida entdeckte. Diese Philosophen sagten mir nicht: Ich bringe dir das Heil. Aber sie ließen mich lebendig sein“.

Aber es bleibt für Nancy nach dem Abschied vom Christentum: „Etwa die Interpretation der Bibel. Ich sah, dass man förmlich bis ins Unendliche den Sinn eines Textes entdecken kann“.

2. Das andere Herz

Nancy hat oft davon gesprochen, dass ihm 1992 ein Herz transplantiert wurde, darüber hat er 2000 ein Buch geschrieben mit dem Titel „L Intrus“, „Der Eindringling“. Er wendet sich an den Menschen, der, ohne es zu wissen, ihm sein zweites Herz gegeben hat.

3. Gemeinschaft leben und Gemeinschaft denken

Ein Mittelpunkt der Philosophie Nancys steht sicher die Reflexion über die Gemeinschaft der Menschen, auch die Gleichheit der Menschen, sowie ihre Krankheiten, aktuell von ihm reflektiert das Corona-Virus. Dazu das Buch „Un trop humain virus“ 2020, erschienen in den Editions Bayard Paris. In dem Interview mit „La Croix“ spricht er über das Gesundsein heute.  „Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Gesundheit ein wesentliches Gut ist, aber auch ein Recht. Jeder kann es fordern. Trotzdem: Die Gesundheit ist nicht die Wahrheit der Existenz…Heute ist die Gesundheit zu einer Art Selbstzweck geworden. Wozu  sollen wir denn bei guter Gesundheit sein? Für welche Ziele leben wir? Das ist nicht mehr klar.“

4. Der kulturelle Bruch

„Seit der Verkündigung des Todes Gottes durch Nietzsche sind wir in eine Epoche der Unsicherheit eingetreten. Ich denke oft an den Satz von Jean-Christophe Bailly, einem überzeugten Atheisten, der in seinem Buch „Adieu“ geschrieben hat: Der Atheismus war nicht imstande, seine eigene Wüste zu bewässern. Ich glaube, diese Diagnose ist völlig korrekt. Die moderne Zivilisation hat nichts vorgeschlagen, um die Gestalt des Gottes zu ersetzen, die ausgelöscht wurde. Ich habe die Gewissheit, dass es eine neue spirituelle Revolution geben wird, dass die Zeit dafür gekommen ist, aber das kann vielleicht noch 300 Jahre dauern.“

5. „Wir sind Kinder Gottes“?

Nancy fragt sich, was denn letztlich die Gleichheit der Menschen heute legitimieren und beweisen könnte. „Man muss anerkennen, dass wir es nicht wissen… Im Laufe unserer Geschichte wurde das Christentum wichtig…Man sagte: Man ist ein Kind Gottes, das legitimierte die Gleichheit. Aber außerhalb der Religion, wie kann man die Gleichheit denken“?

6. “Wir tappen im Dunkeln

„Aber was die Zukunft angeht, kann ich nichts voraussagen und vorschlagen. Ich tappe im Dunkeln. Trotzdem: Wenn man sich im Dunkeln befindet, ist man niemals gänzlich in der totalen Finsternis. Im „Schwarzen“ lebend, sieht man auf andere Weise, nicht durch die Augen, sondern durch andere Sinne, das hören, das tasten…

7. Was bleibt?

„Ich habe in der Philosophie Hegels so etwas wie die Wahrheit des Christentums gefunden!  Hegel ist jemand, der in der wahren Bewegung des Geistes bleibt, eines Geistes, der die Grenzen überschreitet. Wichtig ist für mich auch der Philosoph Meister Eckart. Er sagte: „Bitten wir Gott, dass er uns in der Freiheit erhält und dass wir von Gott frei werden“.  Bei der Mystik heute muss ich eine gewisse Erschöpfung feststellen, heute sind die großen Debatten über die Mystik förmlich banalisiert. Ein sehr großer Teil der Menschheit heute verlangt nach Religion, aber die Menschen begnügen sich mit groben und dummen Sprüchen, die ihnen vorgesetzt werden. Unerträglich, was man so an Predigten der Evangelikalen hört…

8. Was ist Philosophie?

“Die Philosophie ist die Arbeit des Denkens. Philosophie gehört nicht zur Ordnung eines Wissens. Sondern eher: Dazu kommen, Worte für das zu geben , was man lebt. Die Aufgabe des Denkens ist die (Wiederer)-Öffnung, das Erwachen, das Aufgreifen der dringenden Bitte um Sinn. Philosophieren beginnt da, wo der Sinn unterbrochen ist. Aber der Sinn ist nicht eine Art Lager an Bedeutungen, kein Lager der Antworten und der Erklärungen der Welt, die irgendwo niedergelegt sind und die man teilen sollte”. Nein! Das Teilen, das ist der Sinn.  (Philosophie Magazine, Paris, August 2021).

9. Und die Freude?

Die Philosophie von Nancy ist geprägt von der Freude, der Anwesenheit der Lebensfreude. „Aber Freude ist nicht Zufriedenheit. Sie ist ein Affekt des Geistes, man weiß sich über jede Zweckbestimmung Begrenzung und jede Ganzheit hinausgetragen. Was die Freude für einen Grund hat, vermag ich nicht zu sagen…in jedem Fall: Die Freude kommt immer von einem „anderswoher“ (d`ailleurs). Von anderen, nicht von mir. Von den großen Gedanken der Philosophen, der Worte der Poeten, der warmen Zuneigung der Personen, der Schönheit der Kunst und der Körper. Natürlich, diese Erfahrung der Freude ist nicht immer da. Aber wenn sie kommt, dann berührt das, dann ist das ergreifend“.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

Kardinal Alfred Bengsch: Ein Bischof von Berlin, der „theologische Mauern“ errichete. Im Osten wie im Westen.

Hinweise von Christian Modehn

Zur Einführung:
Warum dieses Thema? Es gibt heute viel Dringenderes. Zweifellos.

– Aber am Beispiel von Erzbischof und Kardinal Bengsch (1921-1979), Bischof in der geteilten Stadt Berlin, wird einmal mehr deutlich, wie ein einzelner sich „Ober-Hirte“ nennender Kleriker eine ganze Kircheneinheit, ein Bistum, ins geistige Getto und zu einem von Angst bestimmten Glauben führen kann. Die Herrschaft einzelner, sich Macht anmaßender Bischöfe ist ja im aktuellen Fall von Kardinal Woelki (Köln) allgemein bekannt. Woelki hat in der klerikalen Arroganz viele „Vorgänger“ und „Mitstreiter“. Einer ist Bengsch, einer von vielen „Oberhirten“.

– Als Berliner, geboren in Ost–Berlin, in Friedrichshagen, 1958 Flucht nach West-Berlin und dort Abitur sowie ein Semester Studium der ev. und kath. Theologie sowie der Philosophie an der F.U., (die Studien konnte ich in der BRD abschließen), kenne ich Bengsch, weil ich auch familiär mit dem „katholischen Milieu“ damals eng verbunden war. Mir ist es wichtig, ein Stück Erinnerungsarbeit zu leisten. Und vielleicht Aspekte deutlich zu machen, die anlässlich seines 100. Geburtstages in Jubelfeiern verdrängt werden.

Diese Hinweise sind also ein Beitrag der Religionskritik, eines Hauptthemas der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie.

1. Lobeshymnen oder die historische Wahrheit?
In diesen Wochen erinnern sich nicht nur „Katholiken an den Berliner Erzbischof und Kardinal Alfred Bengsch. Es handelt sich um einen katholischen Bischof, der das katholische „Leben“ in Berlin (-Ost wie auch -West) bestimmte und sich darüber hinaus mit seiner sehr konservativen Theologie in den Katholizismus der BRD einschaltete.

Alfred Bengsch ist, summarisch betrachtet, ein Prototyp des ängstlichen, verschlossenen, dialog-unfähigen und arroganten Bischofs. Diese Tatsachen werden hoffentlich Beachtung verdienen, wenn anlässlich des 100. Geburtstages von Bengsch, wie offiziell – katholisch üblich, die erwünschten Lobeshymnen auf den „Ober-Hirten“ angestimmt werden. Der Herder Verlag wirbt für ein neues Buch über Bengsch mit der Behauptung: „Alfred Kardinal Bengsch gilt bis heute als einer der prominentesten und beliebtesten Oberhirten des Erzbistums Berlin“. Prominent war er auf seine Weise; aber als sturer Dialogverweigerer, kann er da als beliebt gelten? Bei einigen theologisch eher anspruchslosen Gläubigen vielleicht, die sich an Bengschs Predigten erbauten, die ganz auf die traditionelle Masche der klassisch-konservative Innerlichkeit und des bloß spirituellen Trostes setzten.

2. Bengsch wird Bischof – eine Art „Notlösung“
Alfred Bengsch wurde am 10. Februar 1921 in Berlin-Schönberg geboren, zum „Weihbischof“ in Berlin mit Amtssitz in Ost-Berlin wurde er 1959 von Papst Johannes XXIII. ernannt. Zum maßgeblich leitenden Bischof des Bistums Berlin wurde er drei Tage nach der Errichtung der Mauer, also am 16. August 1961, ernannt. Er war also in einem für katholische Bischöfe extrem jugendlichen Alter, er war 40 Jahre alt. Diese Ernennung ist begründet vor allem in der Abberufung des in West-Berlin lebenden Bischofs Julius Döpfner, er wurde Erzbischof von München-Freising. Und Bengsch war da eine schnelle „Lösung“, manche sagen, er wurde verantwortlicher Bischof, weil der Papst „sonst niemanden hatte“.

3. Bengsch repräsentierte die so genannte Einheit des Bistums Berlin
Bischof Bengsch „residierte“ in Ost -Berlin mit dem dortigen kirchlichen Verwaltungsapparat („Ordinariat“), hatte aber die Möglichkeit als einer der wenigen DDR- Bürger regelmäßig nach West-Berlin einzureisen und den aufwendigen, parallelen Verwaltungsapparat im Ordinariat West (wie viele Priester waren damals eigentlich nur „Verwaltungsbeamte“?) sowie die Gemeinden zu besuchen. Das muss noch einmal betont werden: Bengsch war als Bischof in der DDR auch für die Katholiken im freiheitlich und demokratisch geprägten West-Berlin zuständig. Und auch das ist wichtig: Die von kirchenoffizieller Seite bis heute viel beschworene und gerühmte „Einheit des Bistums Berlin“ nach dem Mauerbau am 13.8. 1961 repräsentierte de facto und als leibhaftige Einheit Bischof Bengsch allein: Er war einer der wenigen regelmäßigen, von der DDR-Regierung akzeptierten, Ost-West-Pendler. Natürlich besuchten einige Katholiken aus dem West-Berlin privat auch den Ostteil, aber offizielle Begegnungen in den Ost-Gemeinden fanden nicht statt.
Am 13. Dezember 1979 ist Erzbischof Bengsch in Berlin verstorben.

4. „Eine markige Persönlichkeit“?
Über weitere Details seines Lebens kann man sich über wikipedia usw. informieren. Hier geht es darum, wie es sich gehört, kritische Hinweise zum theologischen und kirchenpolitischen Denken Bengschs zu skizzieren. Denn es ist nicht unwahrscheinlich, dass anlässlich des 100. Geburtstages von Bengsch eher Lobeshymnen angestimmt werden als objektive Beobachtungen. Ein Text der Katholischen Akademie Berlin vom Sommer 2021 nennt Bengsch etwa eine „markige Persönlichkeit“, was immer das „markig“ bedeuten mag. Und die Akademie fährt fort: „Er hat bis heute bleibende Spuren hinterlassen“. Wohl wahr, von diesen „Spuren“ handelt dieser Hinweis, es sind – schon jetzt zusammenfassend formuliert – Spuren, die die Katholiken in West-Berlin, in einer Stadt in der „freien Welt“, ins Getto führten, in eine geistige Verkrampfung und Abgeschlossenheit, die spiegelbildlich der Mentalität der DDR-Führung durchaus entspricht. Insofern wäre es eine ausführliche Studie wert zu zeigen, wie Bischof Bengsch in seinem Verhalten des rigiden Regierens die DDR-Mentalität der Herrschenden belebte.

5. Nur Bengsch kennt das „unverkürzte Evangelium“
Eine gewisse Leitlinie der Interpretation des Denkens und Handels von Bengsch bietet sogar eine offizielle katholische Deutung: 1980 wurde im katholischen St. Benno-Verlag in Leipzig das Buch „Der Glaube lebt“ veröffentlicht, darin schreibt das katholische DDR- Autorenteam sehr ehrlich: „Kardinal Bengsch war kein progressiver Bischof“ – mit der sehr treffenden Ergänzung: „falls es so etwas gibt. Im Schubladendenken … ist er einwandfrei im Fach konservativ gelandet, und das noch nicht einmal gegen seinen Willen“ (S. 135). Dieser konservative und ängstliche Theologe Bengsch hatte sich übrigens als seinen Wahlspruch gewählt: „Helfer eurer Freude“. Gemeinte war selbstverständlich bei ihm immer die „innerliche Freude“ der dogmatisch korrekt Glaubenden. Das wahre Motto Bengschs war eher das von ihm häufig verwendete Wort: „Ich will die Lehre der Kirche UNVERKÜRZT lehren“. Wobei er von sich selbst, durchaus arrogant, meinte, das unverkürzte, also das ganze und das authentische Evangelium zu kennen: Pluralismus der Meinung schloss diese Überzeugung aus. Bengsch allein bestimmte, was „unverkürzt“ bedeutet…Davon wird noch zu sprechen sein.

6. Die Häretiker suchen und bestrafen.
Zur theologischen und kirchlichen Laufbahn Alfred Bengschs: In den neunzehnhundertfünfziger Jahren konnten Priester der DDR noch an bundesdeutschen theologischen Fakultäten promovieren, so auch Alfred Bengsch. Er erwarb 1956 an der Universität München bei dem katholischen Dogmatiker (und auch später noch explizit konservativen Theologen) Michael Schmaus seinen Dr. theol. Das Thema der Promotionsschrift ist: „Heilsgeschichte und Heilswissen bei Irenäus von Lyon. Eine Untersuchung zur Struktur und Entfaltung des theologischen Denkens im Werk „Adversus Haereses, „Gegen die Häretiker“.
Das Thema hat keine aktuelle Bedeutung, damals schon nicht, also 10 Jahre nach Kriegsende und der von Nazis betriebenen Vernichtung des europäischen Judentums! Da hätte man sich ja auch Relevanteres vorstellen können für einen jungen Theologen aus dem geteilten Deutschland. Aber nein, es musste ein Theologe und ein so genannter „Kirchenvater“ des 1. Jahrhunderts sein, Irenäus von Lyon, über den schon 1956 sicher mindestens 20 Studien vorlagen. Irenäus von Lyon lebte von 135 bis 200. Die Abgrenzung des wahren Glaubens von den Meinungen der Häretiker (bei Irenäus waren es die so genannten Gnostiker) prägte das Denken von Bengsch also von Anfang an.

7. Die grundlegende “Weichenstellung” im Denken von Bengsch
Das ist für das Verständnis entscheidend: Bischof Bengsch lehnte als Teilnehmer des 2. Vatikanischen Reform- Konzils (1962-1965) das entscheidende und grundlegende Konzilsdokument „Die Kirche in der Welt von heute“, auch „Gaudium et spes“ genannt, ab. Am 7. Dezember 1965 fand nach langen und heftigen Debatten die Schlussabstimmung statt: 2.309 Ja-Stimmen standen 75 Nein-Stimmen gegenüber. Mit Nein hatte auch Bischof Bengsch von Berlin gestimmt. Unter der verschwindenden Minderheit der Nein-Sager befanden sich die berühmtesten reaktionären Bischöfe damals, in dieser Gesellschaft bewegte sich also Bengsch offenbar guten Gewissens. Die „Neinsager“ lehnten eine dialogbereite Kirche ab, sie wollten überhaupt nicht, dass sich die Kirche als „Hort der absoluten Wahrheit“ auch lernbereit mit den modernen Denkweisen auseinandersetzen muss. Bekanntlich wurde selbst der Dialog mit Atheisten vom Reformkonzil mit absoluter Mehrheit gutgeheißen. Von dieser Wegweisung des Reformkonzils wollte Bengsch nichts wissen. Die Konsequenz war: Bengsch lehnte den Dialog mit der säkularen, atheistischen, sozialistischen Welt ab, genauso wie dies auch der spätere Traditionalist und „Piusbruder“ Erzbischof Marcel Lefèbvre tat oder der reaktionäre brasilianische Erzbischof Geraldo Sigaud svd. Er war führendes Mitglied der bis heute bestehenden internationalen reaktionären Bewegung „Für Tradition, Familie und Privateigentum“. Bischof Sigaud ist nachweislich der heftigste Feind des Propheten Erzbischof Helder Camara gewesen. Die reaktionären Kreise sammelten sich während des Konzils im „Coetus Internationalis Patrum“, also dem „Internationalen Bund der Väter“, (leibliche Väter waren sie wahrscheinlich nicht). Zu diesem Kreis gehörte auch der große Gegner von Papst Johannes XXIII. :Kardinal Alfredo Ottaviani, Chef der damaligen „Inquisitionsbehörde“. Ob Bengsch zu diesem reaktionären „Coetus“ als Mitglied gehörte, ist für mich nicht eindeutig. Der einstige Pressesprecher des Bistums Berlin, Dieter Hanky schrieb in der offiziellen Bistumszeitung „Petrusblatt“: „Bengschs Bedenken, mit denen er sich zwar nicht allein, aber in einer kleinen Gruppe (also doch dem genannten „Coetus“?, CM) befand, galten vor allem jenen Textstellen, von denen er glaubte annehmen zu dürfen, dass sie vor allem von kommunistischen und anderen atheistischen Regierungen zum Schaden der Kirche missbraucht werden könnten… Als dann das Konzilsdokument, die Konstitution Kirche in der Welt von heute, wenn auch in einigen Punkten verbessert, mit großer Mehrheit vom Konzil angenommen wurde, schrieb Erzbischof Bengsch am 22. November 1965 in tiefer Sorge einen ausführlichen Brief an Papst Paul VI., in dem er ihm die Gründe für seine Ablehnung der Konstitution darlegte. Zu seiner großen Überraschung bat ihn der Papst am 6. Dezember zu einer Privataudienz, in der er den Papst noch einmal beschwor, der Konstitution in dieser Form die Zustimmung zu versagen. Er befürchtete Folgen in den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang, wo die Verteidigung der religiösen Werte der Kirche als Widerstand gegen den gesellschaftlichen Fortschritt gewertet würde. Es war umsonst“. (Petrusblatt 12. Dezember 1999). Gott sei Dank, muss man sagen, sonst hätte Bengsch die ganze Kirche noch weiter ins Getto geführt…

8. Die katholische Kirche einmauern, im Osten wie im Westen.
Das Nein zu einem Dialog mit der säkularen, atheistischen Welt hat Bengsch als Bischof von Berlin Ost wie Berlin West fortgesetzt und durchgesetzt. Zusammenfassend lässt sich sagen: So, wie sich die DDR in Berlin mit einer Mauer umgab, so umgab Bengsch auch die katholische Kirche in der DDR mit einer Mauer. Seine Mauer-Abschottungs-Ideologie setzte er auch in der Kirche in West-Berlin rigoros durch.

9. Bengsch baut katholische Mauern in der DDR
Über Bengschs durchgängiges Bemühen, die katholischen Kirche in der DDR mit einer geistigen Mauer zu umgeben, sind etliche prägnante historische Studien erschienen. Ich erwähne nur die eher summarische Darstellung von Clemens M. März in dem Buch „Unser Glaube mischt sich ein. Evangelische Kirche in der DDR“, Ev. Verlagsanstalt Berlin 1990. Der Titel des Beitrags von Clemens M. März nach dem Mauerfall, 1990 geschrieben: “Aus dem Winterschlaf erwacht: Befreit zur Katholizität“ Seite 111-120). März zeigt: Die katholische Kirche in der DDR „distanzierte sich ostentativ von jeglicher gesellschaftlichen Mitarbeit“ (S. 115). Die DDR sollte nach Bengschs Meinung soweit es nur geht ignoriert werden,“ die Kirche flüchtete sich in die Katakombe“ (S. 117). Die offenen, weiterführenden Einsichten der Diözesansynode von Meißen (1969-1971) wurden von ihm unterdrückt. „Sie wurden von Bengsch der Ketzerei verdächtigt“ (S. 116) … Da haben wir schon wieder Bengschs Suche nach Ketzern (Häretikern), eine Leidenschaft seit seiner Doktorarbeit. Der katholische Theologe in Leipzig, Dr. Wolfgang Trilling, spricht sogar von einer „Liquidierung der Synode in Meißen“ durch Bengsch, siehe Trillings wichtigen und sehr erhellenden Beitrag in der Festschrift für Johann Baptist Metz „Mystik und Politik“ (Mainz 1988), Seite 324.
Im ganzen, meint auch der Autor Clemens M. März, habe Bengsch „das selbstgewählte Getto“ gepflegt (S. 118) „indem die katholische Kirche auch dort schwieg, wo sie, analog zum mutigen Eintreten der evangelischen Kirche, für Freiheit und Menschenrechte, hätte reden müssen“ (S. 117).
Zu demselben Ergebnis in der Einschätzung von Bengschs Wirken in der DDR kommt der schon genannte katholische Theologe und Professor für Bibelwissenschaftler Wolfgang Trilling (Leipzig). Er hat seinen Beitrag in der oben genannten Festschrift für Johann Baptist Metz „Mystik und Politik“ (Mainz 1988) unter den Titel gestellt „Kirche auf Distanz“ (Seite 322-332). Man darf sagen, dass dieser theologisch-historische Beitrag über die katholische Kirche in der DDR, in Leipzig verfasst 1987, stimmungsmäßig auch von einem „heiligen Zorn“ Trillings auf das katholische System bestimmt ist: “Nicht Produktivität, Phantasie, Experiment, Kritik, Freimut mit den neuen Partnern auf den verschiedenen Ebenen (der DDR) werden von Katholiken erwartet und als christliche Verhaltensweisen empfunden, sondern Gemeinsamkeit, ja gar Geschlossenheit, Zusammenhalt der kleinen Herde…“ (S. 324)… „Die Konstitution des Konzils Kirche des Konzils in der Welt von heute wurde in der DDR faktisch nicht rezipiert…es ging keine belebende Wirkung von ihr aus“ (S. 325). Und Trilling weist darauf hin, dass sich „katholische Jugendliche vielfach evangelischen Gruppen angeschlossen hatten, in denen die Friedensthematik z.B. leidenschaftlich diskutiert wurde“ (S. 328). Summa summarum schreibt der katholische Theologe Wolfgang Trilling: „Die gegenwärtige Lage, die durch das Fehlen jedes Instrumentariums innerkirchlicher Öffentlichkeit (synodale Einrichtungen, eigene Laienverbände…) verschärft wird, ist grotesk und in der Weltkirche singulär. Dennoch: Was uns nottut, ist eine entschlossene Abkehr von dem bisherigen Weg“, so (S.331). Über Trillings Widerspruch gegen den „Bengsch-Kurs der Abschottung“ hat auch Theo Mechtenberg in der Trierer Zeitschrift „Imprimatur“ (Heft 3, 2018) geschrieben. Die katholische Kirchenzeitung in den neuen Bundesländern, Ost-Deutschland, „Tag des Herrn“, berichtete am 11.4. 1999 von einer Tagung, auf der der Erfurter Historiker Jörg Seiler über die Beziehung der katholischen Bischöfe zu den jungen Katholiken mit “Gewissenskonflkten“ berichtete, es ging also um die Frage: Was denken die katholischen Bischöfe vom Dienst als Bausoldat oder von Totalverweigerern. Besonderen Einfluss dabei hatte der Berliner Erzbischof Alfred Bengsch: „Er sah direkte Interventionen in der Frage der Wehrpflicht als Gefährdung des relativ ruhigen Staat-Kirchen-Verhältnisses an.“ Die Auseinandersetzungen um die Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen überließ man der evangelischen Kirche“, so der Journalist Matthias Holluba in „Tag des Herrn“.

10. Bengsch und sein „Maulkorberlass“
Der schon genannte Autor Clemens M. März erwähnt zur „politischen Dialogverweigerung Bengsch auch den so genannten „Maulkorberlass von Bengsch“ vom 1. Juni 1977, der den Priestern wie auch den Laien der DDR verbot, politische Aktivitäten auszuüben! Bengsch betonte sogar: „Das kirchliche Amt (also Bengsch selbst, CM) als gültiges Zeichen der Einheit und die prophetische Freiheit (was meint der Bischof denn damit?, CM) verlangen, kein wie auch immer geartetes politisches Engagement einzugehen“ (S. 117). Dadurch hatte sich die katholische Kirche der DDR auch vom Friedensengagement distanziert. Die „friedliche Revolution“ von 1989 war institutionell tatsächlich nur von der Evangelischen Kirche unterstützt und gefördert. 1990 wird dann der neu ernannte Bischof Georg Sterzinsky in einem Interview mit der „WELT“ (1.2.1990) vorsichtig und ein bisschen selbstkritisch bekennen: „Wir Katholiken der DDR hätten unsere Solidarität mit jungen Oppositionsgruppen deutlicher zum Ausdruck bringen müssen“ (S. 119). Um den Titel des Beitrags von Clemens M. März etwas zu variieren: 1990, nach dem die Mauer gefallen war, war die seit Bengsch in den Winterschlaf verfallene katholische Kirche im Osten Deutschlands ein bisschen erwacht…

11.Eine Mauer soll auch West-Berliner Katholiken einschließen
Die Mauer und das eingemauerte Denken hatte Bengsch so tief verinnerlicht, dass er auch die Katholiken in West-Berlin in eine geistige, theologisch engstirnige Mauer einsperrte, was er auch mit aller Bravour in West-Berlin durchsetzte:
Keine katholische Pressefreiheit
Der Redakteur der katholischen Kirchenzeitung in West-Berlin, “Petrusblatt“, Günter Renner, hatte es 1967 gewagt, einen kritischen Leserbrief gegen eine Entscheidung der katholischen Verwaltungsbehörde, des Ordinariates in West-Berlin, zu publizieren. Etwas Normales für eine freie Presse in einer freien Stadt. Die Verwaltungs-Prälaten waren jedoch empört und setzten alles in Bewegung, um den fähigen und bei den meisten Lesern beliebten Redakteur Pfarrer Renner abzusetzen. Viele Zeitungen, auch katholische Blätter in der BRD, zeigten sich verärgert über diese Entscheidung. Selbst die mit der CDU eng verbundene Berliner Morgenpost aus dem eigentlich immer kirchlich wohlgesinnten Hause Axel Caesar Springer protestierte. Die Medien forderten Bengsch auf, Pfarrer Renner als Redakteur weiter arbeiten zu lassen, aber vergebens. Bengsch war entschieden gegen umfassende und normale Pressefreiheit innerhalb der katholischen Kirche. Wieder eine erstaunliche Parallele zur Pressefreiheit in der DDR. Dieses Denken in einem Freund-Feind-Schema ist formal gesehen die gemeinsame Mentalität von Bengsch und der DDR-Führung.
Also musste der Redakteur Pfarrer Renner seinen Posten aufgeben, „er werde mit seinem kritischen Arbeiten den einem Diözesanblatt gestellten Aufgaben nicht gerecht“, hieß es. Nachfolger von Pfarrer Renner wurde damalige, mit Bengsch eng verbundene Ordinariatsräte und konservative Theologen wie Wolfgang Knauft oder Erich Klausener. Sie machten aus dem Petrusblatt eine katholische „Prawda“ oder „Neues Deutschland“. Aus einem dialogbereiten Blatt wurde ein offizielles „Organ“. Dagegen wehrte sich kurze Zeit ein kritisches Wochenblatt, mit dem Titel „Der Christ“ (Auflage 5.000). Bengsch nannte diese Zeitschrift wörtlich, so berichtete der SPIEGEL 1968, auf seine „freundliche“ Art „ein Käseblatt“. Aus Mangel an Geld musste „Der Christ“ bald verschwinden. Kirchensteuer-Gelder erhielten nur die offiziellen Propaganda-Blätter wie das Petrusblatt. (Über die Kirchenpresse im geteilten Berlin siehe auch: https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/259675/christliche-gemeinschaft-im-geteilten-berlin)
Was die publizistische Wirkung angeht: Bengsch genießt noch heute wegen seiner rigorosen Haltung als Konservativer viel Achtung, etwa in dem reaktionären Monatsblatt aus Regensburg mit dem Titel „Der Fels“, dort ein Beitrag von Bengsch im Dezember 2013.

12. Keine katholisch- theologische Wissenschaft in Berlin
Über die Mauer, die Bengsch um die katholische Kirche in West-Berlin zog, wären viele Beispiele zu nennen: So gab es etwa überhaupt kein katholisch-theologisches Institut, also keine theologische Forschung, die den Namen verdient. Das wirklich winzige „Seminar für katholische Theologie“ an der Freien Universität stand zwar in der Nähe des FU Hauptgebäudes, dem Henry Ford Bau, es stand aber geistig völlig am Rande, spielte überhaupt keine Rolle im kulturellen und religiösen Leben der Stadt. Der Leiter dieser „Klitsche“, wie wir Studenten damals das winzige Seminar für katholische Theologie nannten, war seit 1956 Prof. Marcel Reding (aus Luxemburg), ein stiller, zurückhaltend-netter gebildeter Priester, der auch etwas Bengsch-kritisch war, aber nur hinter vorgehaltener Hand. Redings Lebenswerk war die Marx-Interpretation im Lichte des mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin. Dann dozierte dort noch der Moral-Theologe und Jesuit Waldemar Molinski, mit dem sich heftige Debatten ergaben etwa über den Willen einiger Studenten, eine ökumenische, also eine gemeinsame katholisch-evangelische Studentengemeinde zu gründen. Diese ökumenische Initiative wurde unterdrückt. Ökumene war überhaupt nicht Bengschs Interesse. Er benutzte evangelische Kirchengebäude auf dem Lande, in Brandenburg, wenn denn kein „katholisches Gotteshaus“ zur Verfügung für die kleine Gemeinde. Aber das war es…
Eine katholische Akademie in West-Berlin, die diesen Namen verdiente, wie etwa die 1957 gegründete Katholische Akademie in München, gab es zu Bengschs Zeiten nicht. Das so genannte“ katholische Bildungswerk“ war ein Einmann-Betrieb mit Pfr. Fassbender, die Sendungen über Kirchen in der ARD Anstalt SFB wurden von Ordinariatsräten streng beobachtet und kritisiert. Demokratische Meinungsvielfalt war ein Horror für Bengsch, dies wollte er seinen Untertanen einbläuen. Prälat Klausener in West-Berlin hatte die Bengsch-Theologie völlig verinnerlicht: „Demokratie ist in der katholischen Kirche abzulehnen, vielmehr ist dem kirchlichen Amt Vertrauen und Gehorsam geboten“, zitiert der katholische Politologe Manfred Krämer in seiner Studie „Kirche kontra Demokratie?“ (München, 1973, S. 46). Dr. Manfred Krämer war ein geradezu leidenschaftlich kluger Vorkämpfer für eine moderne katholische Kirche auch in West-Berlin, aber ist mit seinem Engagement selbstverständlich gescheitert … und leider viel zu früh verstorben…

13. Mit Stasi-Methoden in der Kirche arbeiten
Dem SPIEGEL war es in Heft 26 des Jahres 1969 ein Bericht wert: Kardinal Bengsch folgte Stasi-ähnlichen Methoden und konnte deswegen einen theologisch gebildeten Kaplan in der West-Berliner Gemeinde St. Bernhard in Dahlem vertreiben. Konkret: Ein Bengsch-freundlicher Katholik hatte heimlich – wie die Stasi – die „theologisch-modernen“ Predigten von Kaplan Hebler mitgeschnitten und die Kassetten dem Kardinal bzw. seinen Prälaten zugeschickt. Sie hörten die Mitschnitte ab und … Kardinal Bengsch entfernte Kaplan Hebler aus der Gemeinde. Der SPIEGEL hat sogar den Tonband-affinen Katholiken genannt, es war ein gewisser Alfons Ryzlewicz. Er also förderte, sicher nicht allein, mit seinem orthodoxen Eifer die Absetzung Heblers … wieder einmal wegen „Häresieverdacht“. Der SPIEGEL berichtet: Hebler wurde ins Bischöfliche Ordinariat (West) zitiert, „wo er fünf Stunden lang auf Fragen einer fünfköpfigen Kommission antworten musste. Zwar tranken die geistlichen Herren dabei Tee mit dem Beschuldigten, doch diesem war angesichts der gegen ihn erhobenen Vorwürfe der »private Ton« eher lästig. Denn er wurde u.a. beschuldigt, er habe den Gottesdienst zum Ort des Protestes gemacht und »engagierte politische Erklärungen« in die Verkündigung gebracht usw… Tatsächlich wurde Hebler dann von Bengsch nach dem Rausschmiss aus der Gemeinde ein „Studienurlaub“ gewährt… Der bekannte, an der FU von moderaten Demokraten sehr geschätzte Katholik, der Politologe Prof. Alexander Schwan, sprach von Hebler als einem der wenigen, die „zu den erschreckend wenigen Predigern in Berlin gehörten, die … einem Großstädter die Verkündigung Jesu Christi heute noch nahezubringen und bedeutsam zu machen vermögen«. Viele Dahlemer Katholiken protestierten gegen die Entscheidung Bengschs und sandten dem Kardinal einen entsprechenden Brief, aber sie erhielten keine Antwort.
Bengsch und die „68 er Bewegung“
Interessant ist auch die Ignoranz Bengschs und der Prälaten in West-Berlin im Umfeld des Mai 68. Als der Studentenführer Rudi Dutschke am 11.4. 1968 am Kurfürsten Damm 141 Opfer eines Attentates wurde, das er nur schwerstkrank überlebte, berichtete das Petrusblatt recht knapp über „Osterzwischenfälle“ (dieser Titel erinnert an die Sprachregelung des „Neuen Deutschland“ der SED). Und weil einige Demonstranten auf dem Kurfürsten Damm ein Kreuz in der Hand hatten und es hoch hinaus wie eine Mahnung in die Öffentlichkeit streckten, schrieb Prälat Erich Klausener im „Petrusblatt“: „Junge Leute nehmen das Kreuz für sich in Anspruch. In ihrem Sendungsbewusstsein fühlen sie sich als Vollstrecker der Geschichte“. Das Kreuz, so der Prälat, gehöre in die Hände der Kirche, nicht der Aufständischen! Und der Prälat kritisierte dann die Demonstranten weiter, „weil sie einen moralischen Absolutheitsanspruch haben, der nur von wenigen erhoben wird“. Als einige katholische Studenten Flugblätter über den Mai 68 in der Sankt Canisius-Kirche (Charlottenburg) verteilten, wurden sie sofort rausgeworfen. Das Petrusblatt berichtete, dass der dort aufhaltende Erzbischof Bengsch ausdrücklich die Annahme dieses Flugblattes verweigert hätte, weil er sich ja auf die Feier des Pontifikal – Amtes in dieser Kirche vorbereiten musste…(In diesem Absatz zitiere ich aus meinem Beitrag in dem Buch “Zwischen Medellin und Paris. 1968 und die Theologie“, der Titel meines Beitrags: „Der Traum ist vorbei“. Edition Exodus, Luzern/Münster, 2009, S. 11-24).

14. Die Idee vom „unverkürzten Evangelium“
Alfred Bengsch, Bischof und dann auch Kardinal, liebte es, seine eigene überragende Rolle als einzig kompetenter Interpret der Lehre Jesu Christi zu definieren: „Ich will das unverkürzte Evangelium predigen“. Dabei predigte er immer sein auf katholisches Getto verkürztes Evangelium, ohne jeden Respekt für Pluralität auch in der Kirche, Meinungsfreiheit, intellektuelles Niveau. Bekanntlich gibt es im Neuen Testament schon theologische Pluralität….Bengsch aber war von seinem „unverkürzten Evangelium“ absolut und unerschütterlich überzeugt. 1966 fanden sich Westberliner Katholiken noch in der riesigen Deutschlandhalle und füllten geduldig den Raum. Da bezog sich Bengsch auf Kritik und Vorwürfe, die sich gegen sein Kirchenregiment wandten und er fuhr dann in der ihm eigenen Leidens-Mine fort: „Ich werde das alles eher ertragen, als dass ein einziger junger Mensch in meinem Bistum mir vorwerfen sollte, er wäre in die Irre gegangen, weil ich zu feige gewesen wäre, das unverkürzte Evangelium Gottes zu predigen“.
Tatsächlich hat sich, von außen betrachtet, Bengschs unverkürztes konservativ-rigides und nur auf innere Gefühle setzendes Evangelium nicht durchsetzen können. Ab 1968 begann der große kirchliche Abbruch, auch quantitativ gesehen, des West-Berliner Katholizismus. In Bengschs Sicht sind dann also doch viele „in die Irre gegangen“, weil sie schlicht und einfach aus der Kirche austraten. Und daran ist nicht nur irgendeine diffuse säkulare Mentalität „schuld“, wie Kirchenführer oft sagen, sondern auch das rigide Kirchenregiment des Berliner „Ober-Hirten“ und seiner Getreuen. Viele West-Berliner Katholiken haben sich aus der von Bengsch errichten katholischen Getto-Mauer befreit… und sind spirituell als freie Menschen eigene Wege gegangen.

15. Ein eigenes Bistum West-Berlin mit einem freien Bischof für eine freie Metropole.
Es wurde nie ernsthaft diskutiert, ob nicht doch ein eigenes Bistum West-Berlin letztlich für die betroffenen Katholiken hilfreicher gewesen wäre, weil sich dann eine eigene Form katholischen Lebens in einer demokratischen Stadt hätte entwickeln können. Bekanntlich hat die Evangelische Kirche in Berlin zwei Bischöfe gehabt, einen im Osten, einen im Westen. Dadurch konnten die Protestanten frei und auf die unterschiedlichen Verhältnisse unterschiedlich reagieren.
Aber die Fixierung auf die Einheit des Bistums Berlin war ein Wahn, weil, wie gesagt, Bengsch allein diese Einheit als Grenzgänger repräsentierte. Bengschs Nachfolger Bischof Joachim Meisner (bis 1989) war für West-Berliner auch alles andere als ein Lichtblick. Auch er herrschte in einer rigiden Herrschaft, ohne Sinn für theologische Pluralität und Meinungsfreiheit. Auch Meisner hat viele interessierte Katholiken West-Berlins aus dieser Kirche herausgeführt. Auch Meisner dachte in den undemokratischen Kategorien der DDR-Führung. LINK.

15. Gegen die „Schlipspriester“
Ich will mit einer kleinen persönlichen Erinnerung an Bischof Bengsch diese Hinweise beenden. Als Berliner Katholik habe ich als Jugendlicher diesen Berliner Bischof mehrfach erlebt. Eine Szene in einem Gemeindehaus werde ich nicht vergessen, als der Bischof an der Krawatte eines jungen Priesters zerrte und an dem Schlips hin – und herzog und dann brüllte: „Sie Schlips-Priester“. Ich hatte mich so gefreut, dass sich katholische Priester wie andere Männer ein bisschen „normal“ kleiden. Bengsch wollte auch die eindeutige klerikale Kleiderordnung. Und einmal saß ich in einer Runde des katholischen „Primanerforums“ (Leitung der Jesuit Pater Lachmund), da kam Bengsch kurz in den Raum, eilte von einem Jugendlichen zum anderen, schüttelte die Hände, fragte eigentlich desinteressiert kurz nach dem Namen und der Zugehörigkeit zu einer Gemeinde… und verschwand. „Der ist aber gar nicht freundlich“, sagte ein Freund am Tisch. Ich konnte dem nur zustimmen.

16.
Bengsch war die falsche Person an diesem exponierten Platz Ost – und West – Berlin. Sein kardinaler Fehler: Er hat zusätzlich zur DDR-SED-Mauer noch katholische Mauern in beiden Teilen der Stadt gebaut, er war in dieser theologischen Enge und Angst-Besessenheit der offiziellen DDR/SED Mentalität nicht ganz unähnlich. Und er hatte geradezu Lust, Dissidenten zu verfolgen und zu bestrafen, und ließ, wie oben gezeigt, Stasi-Methoden in der Kirche zu. 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

“Eigentum ist Diebstahl“ (Proudhon, 1809 – 1865)

Über den Philosophen Pierre-Joseph Proudhon
Von Christian Modehn

Ein Motto eines Kirchenlehrers, des Hl. Johannes Chrysostomos: “Den Armen nicht einen Teil der eigenen Güter zu geben bedeutet: Von den Armen zu stehlen. Es bedeutet: Sie ihres Leben zu berauben. Und: Was wir besitzen, gehörtnicht uns,  sondern ihnen”. Das Zitat findet sich auch in der im Schreiben (“Enzyklika”) von Papst  Franziskus “Fratelli Tutti” (aus dem Jahr 2020), mit dem Titel: “Über die Geschwiserlichkeit und die die soziale Freundschaft”. (Dort die Nr 119, zu Johannes Chrysostomos: De Lazaro Concio, II, 6: PG 48, 992D.) Wegen seines radikalen Eintretens für die Rechte der Armen wurde Bischof Johannes Chrysostomos (344-407) von den reichen Christen gehasst und verfolgt…

Das aktuelle Thema:
Das Thema „Eigentum ist Diebstahl“ hat, wie alle wissen, eine aktuelle Bedeutung. Es geht z.B. um das Monopol einiger Pharmakonzerne, etwa der Corona-Impfstoff-Hersteller Pfizer und Moderna. Deren Jahresumsatz 2021 wird auf 50 Milliarden Dollar geschätzt. Die Konzerne haben den Preis trotz aller Gewinne für eine Dosis erhöht, Moderna von 19 Euro auf 21,60 Euro, Pfizer von 15,50 auf 19,50 Euro. Die demokratischen Regierungen der reichen Länder nehmen das gelassen hin. Die armen Länder gehen leer aus, so verbreitet sich dort das Virus – auch mit neuen Varianten, die auch die reichen Länder der Reichen erreichen…
Jetzt sind wir beim Thema: “Eigentum ist Diebstahl“. Die Hersteller der Impfstoffe beharren absolut auf den Patenten ihrer Impfstoffe, sie wollen deswegen unerhörten Gewinn weiterhin machen, schützen also ihr so genanntes geistiges Eigentum. Dabei ist die Impfstoff-Forschung auch von der Allgemeinheit, auch von Steuergeldern, bezahlt worden.
Aber das Eigentum, den Profit, maßen sich die Aktionäre an, es allein genießen zu dürfen. Denn in der kapitalistischen „Ordnung“ ist Eigentum, geistiges Eigentum zumal, absolut heilig. Sogar die Regierung eines ultra-kapitalistischen Landes, die USA, plädieren nun für die Freigabe dieses so genannten geistigen Eigentums „Impfstoff“. Die US-Regierung wünscht, dass die Armen in den armen Ländern doch ein bisschen mehr Impfstoff abbekommen. Anlagen für die Produktion von Impfstoffen könnten – wie schon in Deutschland, siehe Biontech in Marburg – auch in armen Ländern in kurzer Zeit gebaut werden. Aber bisher passiert nichts, die Armen krepieren nun auch noch an Covid 19 usw.und dem reichen Norden ist das Eigentum heilig.

ZU PROUDHON:

Enteignung von Immobilienkonzernen ist momentan ein politisches Thema, nicht nur in Berlin.
Interessant kann in dem Zusammenhang das Studium des äußerst umfangreichen Werkes Pierre – Joseph Proudhons (geboren 1809 in Besancon, gestorben 1865 in Paris) sein, inspirierend aus politischen, ökonomischen und religionskritischen Gründen. Neben Babeuf ist Proudhon wohl der einzige Begründer eines Sozialismus, der als Autodidakt handwerklichen und bäuerlichen Kreisen entstammt.
Wichtiger aber ist: Proudhon ist einer der ersten Denker des 19. Jahrhunderts, der die absolute Gültigkeit des Privateigentums (etwa vertreten durch John Locke im Jahrhundert) kritisiert hat und ablehnt und Alternativen zeigt, die in die Richtung der heute diskutierten COMMONS gehen.

1.
Der französische Philosoph und Ökonom Pierre-Joseph Proudhon (1809 – 1865) ist meist nur wegen seiner These „Eigentum ist Diebstahl“ bekannt. Diese von ihm inhaltlich begründete Erkenntnis wird wie ein Slogan benutzt und nicht in den Kontext des Denkens von Proudhon gestellt. So wird diese Erkenntnis wie eine Waffe gegen ihn verwendet von fanatischen Verteidigern „des“ „heiligen“ Eigentums.
Das Zitat „Eigentum ist Diebstahl“ wurde in Proudhons Schrift „Was ist Eigentum?“ im Jahr 1840 veröffentlicht.
2.
Dass die Auseinandersetzung mit der These „Eigentum ist Diebstahl“ aktuell ist, muss nicht erklärt werden. Auch heute ist die Vorstellung von der Unantastbarkeit, wenn nicht der „Heiligkeit“ des Privateigentums in der kapitalistischen Welt allgemeines Dogma: Weil alles der Logik des Marktes unterworfen werden darf, ist alles für Privatleute wie für international agierende „Firmen“ käuflich und damit in Privat – Eigentum verwandelbar: Gesundheit, Arbeit, Wohnen, Wasser, Wald, also auch die der Menschheit als Menschheit gegebene Natur im ganzen. Einige tausend Menschen wurden und werden bei dieser totalen Käuflichkeit von allem zu erfolgreichen Eigentümern und zu Dollar Milliardären. Diese auf die Weltbevölkerung bezogen verschwindend kleine Minderheit (abgesehen von den hunderttausenden von Dollar Millionären) verfügt in vielen Ländern schon weit über die Hälfte des gesamten Einkommens. Das hat „Financial Times“ berichtet, die ZEIT zitiert: „So ist die Anzahl der Superreichen im Pandemiejahr von 2.000 auf 2.700 weltweit gestiegen. Eines der schillerndsten Beispiele ist der Tesla-Gründer Elon Musk, der 2020 sein persönliches Vermögen von 25 Milliarden auf 150 Milliarden Dollar gesteigert hat. Aber er ist keine Ausnahme. Es gibt mit Amancio Ortega in Spanien (Inditex-Modekonzern), Carlos Slim in Mexiko (Telekommunikation) oder Bernard Arnault in Frankreich (Luxusmode) sogar einzelne Personen, deren individuelle Vermögen mehr als fünf Prozent der Wirtschaftsleistung ihres eigenen Landes ausmachen. Und in Deutschland: So zeigen die Berechnungen der Financial Times, dass die Zahl der Milliardärinnen und Milliardäre hierzulande um 29 auf 136 Personen gestiegen ist. Deren Vermögen sind im Jahr 2020 um mehr als 100 Milliarden Euro oder drei Prozent der Wirtschaftsleistung Deutschlands angewachsen. (Die Zeit, 20.5.2021). Nebenbei: Der mexikanische Milliardär Slim ist enger Freund des katholischen Ordens der Legionäre Christi, der seinerseits über viele Millionen Dollar Eigentum verfügt….
3.
In einer Welt, die die universal geltenden Menschenrechte wenigstens noch verbal anerkennt und faktisch wohl auch manchmal noch durchsetzen möchte, muss die ungleiche Verteilung des Eigentums debattiert und zweifelsfrei auch aufgehoben werden. Heilig ist nicht das Milliardeneigentum einzelner, sondern einzig das voll entfaltete Leben aller Menschen. Diese Erkenntnis ist ethisch korrekt und wahr, sie wird leider eher selten ausgesprochen und debattiert, etwa in Zeiten des Wahlkampfes 2021 gar nicht. Selbst sich noch links nennende Parteien haben Angst vor „Milliardärs-Kritik“.
4.
Diese Angst hatte der Philosoph Proudhon nicht. Eigentum, begrenzt für den persönlichen Gebrauch in der Gestaltung des eigenen Alltags, ist für Proudhon selbstverständlich legitim, zur Entfaltung der einzelnen Menschen kann darauf gar nicht verzichtet werden. Eigentum an Produktionsmitteln ist etwas anderes als Besitz von Dingen des täglichen Bedarfs. Jeder Mensch braucht zum Leben Besitz, Dinge, die den Alltag ermöglichen.
Aber dann fährt Proudhon fort: Maßlos ist das Eigentum einzelner Millionäre, es kann nur zustande gekommen sein als „Diebstahl“, wie Proudhon ausführt, also durch Ausbeutung vieler anderer. Es geht darum: Aus dem Eigentum an Produktionsmitteln maßlosen Profit zu machen, aktuell: ohne für diesen Gewinn bestenfalls nur einen Finger am Computer-Bildschirm krumm zu machen, also ohne persönlich zu arbeiten… dies ist für Proudhon aus ethischen und politischen Gründen verwerflich und zu überwinden. Werte und Eigentum werden nur durch Arbeit geschaffen. Das gilt für alle Menschen: „Dieses Eigentum ist unmöglich, weil es die Verneinung der Gleichheit ist“, betont Proudhon. Der gierige „homo oeconomicus“ (also der ganz aufs Ökonomische und den Profit fixierte Mensch) ist ein „Zerrbild der Menschlichkeit, ebenso wie eine Eigentumsmarktgesellschaft, deren öffentliche Räume zerfallen“ (so der Philosoph Helmut Rittstieg, Artikel „Eigentum“, in: Enzylopädie Philosophie, Band I, S.453).
Noch einmal: Eigentum entsteht für einen Menschen, der sein Geld vermehrt, ohne dabei selbst körperlich arbeiten zu müssen, also etwa vom Geld-Leihen (Zinsen), Eigentum an Immobilien, Fabrik-Besitz, von Spekulationen am Finanzmarkt heute, lebt. Man könnte von einem Einkommen ohne Arbeit, also einem „arbeitslosen Einkommen“, sprechen. “Der Eigentümer erntet, ohne zu säen”, betont Proudhon. Und dieser Geld-Gewinn ist nur möglich, weil andere Menschen von dem Eigentümer ausgebeutet werden.
5.
Proudhon lässt sich in seiner Kritik am Eigentum von der grundlegenden Idee der universalen Gerechtigkeit leiten, Gerechtigkeit steht im Mittelpunkt seiner Argumente ! Sogar der katholische Theologe Henri de Lubac hat sich in seiner Studie „Proudhon et le christianisme“ (Paris 1945) mit dieser zentralsten Idee Proudhons befasst: „Er war nicht weit davon entfernt, die Gerechtigkeit wie ein sakrales Erlebnis zu deuten und die Gerechtigkeit zu lieben wie eine Person“. Proudhon sagt: „Wir, die wir eine dem Menschen eingegebene, „immanente“ Moral zusprechen, wir, die wir wollen, dass Gleichheit und Gerechtigkeit herrschen, wir sind überhaupt keine Atheisten. Wir setzen die Gottheit nur um“ (Carnets, II, 178). D. h.: Wir setzen also an die Stelle des kirchlichen Gottes die Gerechtigkeit. Und schon in seiner Schrift „Was ist Eigentum“, betont er: “Gerechtigkeit als „Gott“, nichts als Gerechtigkeit, das ist das Resumé meines Vortrags“. Dabei spielt die religiöse Überzeugung eine entscheidende Rolle: Proudhon kannte die katholische Kirche und die Theologie seiner Zeit sehr genau. Aufgrund seiner Tätigkeit, schon als Schriftsetzer las er Theologen wie Boussuet, Calmet, Fenelon und andere. Die Bibel in lateinischer Sprache hat er stets bei sich gehabt. Auch das Wörterbuch von Bergier („Dictionnaire théologique de Bergier“) wurde von ihm gelesen. Aber den kirchlichen Glauben an Gott im Jenseits hat Proudhon entschieden abgelehnt, die Kirche erschien als ideologische Stütze der bourgeoisen Eigentums-Fixierung. Aber er lobt die Gestalt Jesu, ist angetan von Jesu Geist der Revolte gegen allen Dogmatismus. Darin eröffnet er eine Tradition religionskritischer Denker, die Jesus von Nazareth aus dem dogmatischen Korsett der Kirche befreien und als ein Vorbild preisen, wie auch später Nietzsche, Agamben usw.
Proudhon betont: “Religion ist für den Menschen, nicht aber der Mensch für die Religion (Kirche) geschaffen“. Sein bedeutendstes Werk heißt “De la Justice dans la Révolution et dans l’Eglise” (1858; „Die Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche“). Es wurde von den reaktionären, herrschenden Kreisen als antiklerikales Buch wahrgenommen, Proudhon musste nach Belgien fliehen.
6.
Ob man Proudhon „Atheist“ nennen sollte, ist fraglich, eher würde das Stichwort „radikaler Agnostiker“ und“ Kirchen-Feind“ passen. Denn vom Phänomen des Religiösen kommt er bei aller Fraglichkeit nicht los. Er meine sogar, jede Kirche könnte ein Fragment der einen universalen Religion enthalten. Es ist nicht erstaunlich, dass Proudhon sich in einer Freimaurer Loge wohlfühlen wollte, 1847 wurde er in der Loge der „Sincérité, Parfaite Union et Constante Amitié, Orient de Besançon“ aufgenommen.
7.
Wenn Eigentum unter dem Maßstab universaler Gerechtigkeit steht, muss also das Eigentum verteilt werden. Das Eigentum an Grund und Boden muss in der Verfügung der staatlichen Gemeinden bleiben, die den Grund und Boden befristet den Pächtern übergeben.
Proudhon hat als Ziel seiner Kritik alles andere als den Kommunismus (marxistischer Prägung) vor Augen: Wenn im Kapitalismus die wenigen Starken mit ihrem Eigentum die vielen Schwachen ausbeuten, so dreht sich im Kommunismus das Ganze bloß um: „Der Kommunismus ist die Ausbeutung der wenigen Starken (Enteignungen) durch die vielen Schwachen (unter Führung einer zentralistischen Partei)“. Deswegen kam es auch 1847 nach ersten Anzeichen von Sympathie von Karl Marx für Proudhon zu einem Zerwürfnis zwischen beiden. Proudhon wird also eher der „anarchistischen“ Tradition zugerechnet. Im Russland des 19. Jahrhunderts spielte er eine inspirierende Rolle, etwa bei Tolstoi oder Dostojewski (siehe Fußnote 1) Bakunin war den Ideen Proudhons eng verbunden. Proudhon wird zurecht der „anarchistischen Bewegung“ zugerechnet, weil er die staatliche Herrschaft und Macht durch ein vertraglich festgelegtes Netzwerk gesellschaftlicher Organisationen ersetzen wollte.
8.
Proudhon setzt im Unterschied zu den Marxisten-Kommunisten auf radikale Reformen, und dabei suchte er nach alternativen Konzepten. Der die Produktionsmittel Besitzende soll dann nur über so viel verfügen dürfen, wie er selbst für sich bzw. seine Familie braucht. Viele dieser nur noch besitzenden Produzenten sollen dann im Austausch miteinander arbeiten; sie sind nicht einander Konkurrenten oder gar Feinde. Der Gedanke der wechselseitigen, gegenseitigen Hilfe („Mutuellisme“) ohne eine allmächtige Zentralregierung war für Proudhon zentral. Von der Diktatur einer Klasse, etwa der Proletarier, hielt er gar nichts. Er wollte das System, in dem sich der Eigentümer von der Arbeit fremder Arbeiter bereichert, unterbrechen und abbrechen. 1849 gründete Proudhon eine „Banque Populaire“, also eine „Volksbank“, sie sollte zinslose Kredite an Arbeiter gewähren. 1848 wurde Proudhon als Sozialist in die Nationalversammlung gewählt. Als Kritiker Napoléon Bonapartes musste Proudhon viele Jahre im Gefängnis verbringen.
9.
Proudhon hat also in der politischen Debatte und der Suche nach einem „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus eine gewisse Rolle gespielt. Für religionsphilosophisch Interessierte lohnt sich die Auseinandersetzung mit seiner Beziehung zur katholischen Kirche seit der Kindheit, und vor allem zu seiner religiös geprägten Vorstellung von Gerechtigkeit und Gleichheit.

Zu diesen und anderen zentralen Ideen Proudhons hat die „Société P.-J.Proudhon“ in F- 72320 Courgenard hervorragende Studien als PDF-Dateien gratis zur Verfügung gestellt. (https://www.proudhon.net/)

10.
Es wäre eine weitere Arbeit zu zeigen, wie die von Sozialisten, Anarchisten und Kommunisten angestoßenen Debatten über das Privateigentum auch gewisse sanfte lehramtliche Veränderungen in der katholischen Kirche bewirkt haben. Da wird gelegentlich das Gemeinwohl über das Recht auf Privateigentum gestellt, so im § 2403 des offiziellen katholischen Katechismus von 1993. Im § 2406 heißt es noch sehr allgemein und vorsichtig: „Die staatliche Gewalt hat das Recht und die Pflicht, zugunsten des Gemeinwohls die rechtmäßige Ausübung des Eigentumsrechtes zu regeln“… Wohlgemerkt: Es geht um rechtmäßige Ausübung, nicht um gerechte Ausübung des Eigentumsrechtes! Man bedenke, dass in dem noch bis ca. 1960 üblichen Handbuch katholische Moraltheologie“ von Heribert Jone (15. Auflage 1953) unter Verweis auf das Naturrecht der „gemeinsame (!) Besitz der irdischen Glücksgüter viele Unzuträglichkeiten“ nach sich ziehen würde (S. 204). Und weiter heißt es dann: „Demnach sind die Lehren …der Sozialisten und Kommunisten falsch“. Aber immerhin: „Nur in äußerster Not darf sich jedermann etwas von den Gütern des anderen aneignen“! (ebd.). Dies gilt nur in „äußerster Not“, nicht etwa allgemein schon in schwerer Not“, wie in § 331 betont wird….Jedoch: “Güter von geringem Wert aber dürfe sich ein Armer aneignen, wenn er sich so leicht aus schwerer Not erretten könnte und auf Bitten nichts erhalten würde“. Wenn aber sehr viele Arme sich Güter aneignen, dann könnte ja vielleicht eine kleine Revolution passieren oder? Daran denkt der Autor, der Kapuzinerpater Jone, nicht…
Es gibt darüber hinaus noch reaktionäre katholische Kreise, die sich unter dem Titel der internationalen „Bewegung für Tradition, Familie, Privateigentum“ zusammenfinden. Diese Bewegung wurde von dem Brasilianer Plinio Correa de Oliveira begründet, sie hat in Deutschland ihre Zentrale in Bad Homburg (Leitung: Martin von Gersdorff). LINK in dem Beitrag „Das reaktionäre Christentum der AFD… dort das 5. Kapitel.

Von anderer Seite kann man sich dem Thema Eigentum nähern: Über die Bedeutung des Verzichtens als Tugend, LINK

Fußnote 1:
Zur Beziehung Tolstois zu Proudhon:
Schon 1857 las Tolstoi Werke Proudhons, wahrscheinlich “Was ist Eigentum”. Die Notizen Tolstois aus der damaligen Zeit beweisen einen Einfluß Proudhons auf Tolstoi.

„Anfang 1862 wich Tolstoi auf einer Reise nach Westeuropa von seiner geplanten Route ab, um in Brüssel Proudhon zu besuchen. Sie sprachen über Erziehung – womit er sich damals sehr beschäftigte -, und Tolstoi erinnerte sich später, dass Proudhon “der einzige Mensch war, der in unserer Zeit die Bedeutung des öffentlichen Erziehungswesens und der Presse verstand”. Sie unterhielten sich auch über Proudhons Buch „La guerre et la paix“ , „Der Krieg und der Frieden“, das bei Tolstois Besuch kurz vor der Vollendung stand; es besteht wenig Zweifel, dass Tolstoi wesentlich mehr als nur den Titel seines größten Romans von dieser Abhandlung übernahm, in der argumentiert wird, dass die Entstehung und die Entwicklung des Krieges eher in der Psyche der Gesellschaft zu suchen seien als in den Entscheidungen politischer und militärischer Führer“.
Quelle: https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/leo-tolstoi/8124-george-woodcock-leo-tolstoi-ein-gewaltfreier-anarchist

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Vatikan – ein Blick hinter die Mauern. Päpste und Prälaten regieren die Kirche hinter Mauern…

Prälaten und Päpste herrschten und herrschen hinter hohen Mauern
Ein Besuch in der Vatikanstadt
Von Christian Modehn (urspünglich eine Ra­dio­sen­dung im WDR 2009). Noch einmal veröffentlicht am 24.7.2021.

Im Jahr 2009 habe ich diesen Beitrag über den Staat “Vatikan-Stadt” (“Heiliger Stuhl”) veröffentlicht. Diese Hinweise sind nach wie vor gültig: Die hohen und dicken Mauern des Vatikans umgeben die Herrscher der Katholischen Kirche noch immer. Das Thema “Katholizismus ist eingemauert” wäre ein spezielles Thema, wenn man des Mauerbaus am 13.8.1961 in Berlin gedenkt und an Regime denkt, die sich einmauern…

Am 11. 2. 2009 hat einer der ungewöhnlichsten Staaten der Welt sein 80 jähriges Bestehen gefeiert: Nicht nur ein Kleinstaat, wie Andorra, sondern noch kleiner als ein Kleinst- Staat wie etwa die Republik San Marino. Unser Staat verfügt zwar nur über knapp einen halben Quadratkilometer Fläche und zählt 550 Bürger. Aber in diesem Winzling von Staat ist sehr viel politische und religiöse Macht versammelt. Sie wissen es bereits: Wir meinen die Vatikanstadt: In einem Vertrag mit dem Faschisten Benito Mussolini war es Papst Pius XI. im Jahr 1929 gelungen, einen souveränen Staat zu errichten.
Jeder Rombesucher muss die Republik Italien verlassen, wenn er dem Papst auf dem Petersplatz zujubeln will: Denn der Segen „Urbi et Orbi“ wird auf ausländischem Territorium, auf dem Gebiet der Vatikanstadt, gespendet. Und die umfasst z.B. den Petersdom, die Sixtinische Kapelle, die vatikanischen Gärten, einige Kirchen, Paläste und Verwaltungsgebäude sowie auch noch exterritoriale Gebiete wie die luxuriöse Sommerresident Castel Gandolfo. Wenn der oberste Hirte vom Petersdom aus seinen frommen Schäfchen den Segen erteilt, bleibt er selbstverständlich das politische Oberhaupt seines souveränen Staates, der Vatikanstadt. Aber die Rompilger sollten trotz Weihrauch und lateinischen Gesängen einen klaren Kopf behalten: Denn das vatikanische Staatsoberhaupt ist mit einer weiteren umfassenden Macht ausgestattet: Die Päpste ließen es sich vor 80 Jahren von Mussolini verbriefen, dass sie sogar als einzelne Personen auch „Völkerrechtssubjekte“ sind, also geradezu unantastbare Würde weltweit genießen. Als Inhaber des „Heiligen Stuhls“ sind die Päpste von höchster moralischer und religiöser Autorität. Die Appelle z.B. beim Segen Urbi et Orbi stammen also vom Heiligen Stuhl, nicht vom vatikanischen Staatsoberhaupt. Auch Benedikt XVI. fühlt sich in dieser doppelten Rolle als Politiker und religiöser Führer zugleich  recht wohl.
Wer einmal wissen möchte, in welchem Umfeld der Papst lebt, muss hohe Festungsmauern  aus dem 16. Jahrhundert überwinden. Denn das ganze Gebiet der Vatikanstadt ist von meterhohem Gestein umgeben, es ragt bis zu 20 Meter in die Höhe. Die Berliner Mauer wirkt demgegenüber wie ein politischer Witz. Die Botschaft ist deutlich: Besucher sind in der Vatikanstadt nicht erwünscht. Zahlungskräftige Touristen sind lediglich in den vatikanischen Museen willkommen, nicht im Innern des Staatsgebietes. Es wäre darum sinnlos zu versuchen, als frommer Christ aus den Vatikanischen Museen auszubrechen, um ins freie Gelände der Vatikanischen Gärten zu gelangen. Und wer einmal die Gnade empfangen hat, im Vatikanischen Archiv Akten zu studieren, sollte bei der strengen Bewachung besser nicht die Tür öffnen, die ins Innere der päpstlichen Herrschaft führt. Erfolgreicher könnte der Versuch sein, mit einem Rezept ausgestattet, die Apotheke innerhalb der  Vatikanstadt zu konsultieren. Man sollte den kontrollierenden Schweizer Gardisten an der „Porta Santa Ana“ allerdings nicht verraten, dass man „die Pille“ oder gar „Kondome“ zu kaufen wünscht. Die gibt es nämlich nicht in der päpstlichen Pharmazie. Und so wäre dieser Versuch, ins Innere der Papst Stadt einzudringen, zum Scheitern verurteilt. Erfolgreich könnte vielleicht das Ersuchen sein, unbedingt Geld zu wechseln bei der Vatikanbank IOR, schließlich, so wurde berichtet, hätten ja auch machtvolle Familien aus Neapel und Sizilien ihr Geld dort anlegen wollen.
Man sollte gar nicht erwarten, Frauen im Innern des Papststaates zu treffen: Die wenigen Nonnen des Staates müssen sich um Essen und Wäsche ihrer geistlichen Herrn kümmern, einige andere Damen sind im Radio Vatikan mit der Weitergabe päpstlicher Lehren befasst. Wer Tierliebhaber ist, sollte versuchen, auf dem Vatikan Friedhof nach der letzten Ruhestätte des einst so beliebten, weil so umtriebigen Katers Rambo zu fragen: Er ist das einzige nicht getaufte Wesen, das in vatikanischer, d.h. katholischer  Erde ruht.
Der ganze Staat zählt kaum 40 Straßen. Eine Gasse führt zum Beispiel zur Obersten Glaubensbehörde. Dort verfolgte ihr damaliger Chef Kardinal Joseph Ratzinger angebliche Ketzer wie Hans Küng oder Leonardo Boff. Die geistlichen Bürokraten dort im Range eines Erzbischofs verdienen 3.500 Euro netto monatlich. „Wer in einem Interview aber irgendein Geheimnis verrät und dann namentlich zitiert wird“, berichtet der Publizist Alexander Smoltczyk, „kann sein Entlassungsschreiben sofort abholen“. Innerhalb der vatikanischen Mauern ist Selbständigkeit im Denken absolut  unerwünscht. Ein hoch angesehener Insider, Prälat Walter Brandmüller, kann es sich leisten, öffentlich zu sagen: “Man profiliert sich niemals, die Regel heißt: Bloß nicht aufffallen“. Der Vatikan Prälat betont sogar: “Das Ideal des kurialen Funktionärs ist die graue Maus“.
Innerhalb der Mauern überwacht ein klerikaler Mitarbeiter den anderen. Ausschweigungen, auch sexueller Art, sind unter diesen repressiven Bedingungen absolut tabu. Solche Freiheiten dürfen sich Kurienmitarbeiter nur außerhalb der Mauern, also im Sumpf der Metropole Rom, leisten. „Der einzige Unterschied, der bei den Vatikanprälaten zählt, ist die Frage, ob man hetero – oder homosexuelle Vorlieben hat“, berichtet Alexander Smoltczyk. Ältere Herrschaften aus dem Vatikan befriedigen ihre Lust, so wird berichtet,  eher in Luxus Restaurants in der römischen Altstadt. Alexander Smoltczyk nennt die Adressen. Aber diese Freiheiten nehmen sich alle Beteiligten selbstverständlich in absoluter Verschwiegenheit. Verlogenheit wird zum Prinzip, schließlich will man ja noch möglichst lange dem Hof, dem päpstlichen, dienen. Beförderungen spricht der Papst nach eigenem Gutdünken aus, er herrscht wie ein absoluter Fürst. Sehr treffend nennen alle Lexika die Vatikanstadt eine absolute Monarchie. Menschenrechte klagt der Papst nur bei anderen Staaten ein, auf seinem eigenen Territorium vereinigt er in seiner Person alle drei politischen Gewalten.
Der unangemeldete und unerwünschte Besuch im Innern des Papststaates ist eigentlich schnell beendet. Die Türen zu den Behörden in den Renaissance Palästen öffnen sich nur Eingeweihten, und die müssen geweiht sein. Aber der verstohlene Blick in die Gemächer hoch oben zeigt: Da wird das Evangelium verwaltet, inmitten antiker Möbel, von Seidentapeten umgeben und barocker Kunst verziert. „Wer angesichts des Vatikans noch römisch – katholisch bleibt, der  muss schon sehr, sehr tapfer sein“,  sagt ein Insider, natürlich anonym. Aus Angst.

Zahlreiche Informationen verdank ich dem neuen Buch (2009!) von Alexander Smoltczyk, der in Rom als Journalist arbeitet. Er hat seiner Studie den Titel „Vatikanistan“ gegeben. Er will damit gewisse Anklänge an zentralasiatische Regime wecken, die, wie etwa Usbekistan, nicht gerade Vorbilder der Demokratie sind. Das Buch mit Lesebändchen (!) hat 352 Seiten und kostet 17,95 €, erschienen ist es im Heyne Verlag in München. Sehr zu empfehlen!

Armin Laschet, ein katholischer Politiker und Opus-Dei-Versteher…

Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 6.2.2021.

Am 12.9.2021 diese Ergänzung zu den unanständigen und würdelosen Äußerungen Laschets auf dem CSU Parteitag: LINK:

Am 12.8.2021 diese Ergänzung:

Die SPD hat in einem Wahl-Spot auf die spirituellen-politischen Hintergründe von Laschets engstem Mitareiter Nathanel Liminski hingewiesen (Belege dafür weiter unten).
Dieser Hinweis auf religions-politische Verflechtungen Liminskis mit äußerst konservativen katholischen Bewegungen löste einen heftigen Druck katholischerseits (auch vom ZK der Katholiken) auf diesen SPD Wahl-Spot aus. Der Werbespot wurde von der SPD gehorsam zurückgezogen. Man will es sich nicht mit dem katholischen “Volk” nicht verderben.
Dieser Rückzug der SPD erstaunt. Man stelle sich vor, wie dankbar auch die katholische Öffentlichkeit gewesen wäre, hätte man bei einem der engsten Mitarbeiter eines muslimischen Politikers in Deutschland Verbindungen zu fundamentalistischen muslimischen Kreisen nach gewiesen. Alle wären dankbar über so viel Aufklärung gewesen.
Nur im Fall eines führenden katholischen Politikers und Opus Dei Verstehers verhält es sich anders. Hätte doch der Herr Liminski öffentlich erklären können, dass er jetzt ganz und gar nicht mit den reaktionär-katholischen Kreisen zu tun hat. Hat er aber nicht gemacht. Also, Schlussfolgerung, steht er Herr Limiinski diesen Kreisen immer noch sehr nahe.

Am 15.7.2021 diese Ergänzung: Uns freut es sehr, dass unser kritischer Hinweis zum Kanzlerkandidaten der CDU, Armin Laschet, verfasst Anfang Februar 2021, viele tausend Klicker und hoffentlich Leser gefunden hat. Und wir hoffen, dass auf diese Weise ein kleiner Beitrag geleistet wird, dass Deutschland und der Welt Armin Laschet als Kanzler erspart bleibt!
Dass Laschet jetzt mit seinen Sprüchen (“Leistung muss sich lohnen”) immer mehr ins FDP-Milieu abdriftet, macht unser Thema noch aktueller: Denn offenbar hat der Katholik und Opus-Dei-Freund Laschet mit katholischer Soziallehre nicht allzu viel im Sinn, trotz seines großen Helfers und Beraters, des “strammen” konservativen Katholiken Nathanael Liminski.

Der Pressedienst queer.de berichtet am 12.7.2021 über eine denkwürdige Zusammenarbeit von Ministerpräsident Laschet mit dem de facto homophoben und ausländerfeindlichen Verein “DEMO FÜR ALLE”, der nun offensichtlich auf Betreiben des katholischen Poltikers Laschet und seines engsten Mitarbeiters Nathanel Liminski in den Rundfunkrat des WDR gehieft wurde. Liminski stammt aus einer Familie mit 10 Kindern, für die sich der Verein explizit einsetzt. Interessant ist, dass der katholische Politologe Manfred Spieker in diesem Verein “DEMO FÜR ALLE” führend aktiv ist … und Spieker ist zudem Mitglied des Opus Dei und Autor der katholischen Monatszeitschrift “Herder-Korrespondenz”. LINK
Kenner wissen natürlich, dass der Titel “Demo für alle” dem Vorbild des reaktionären Flügels im französischen Katholizismus folgt. Dort gabe es 2013 Demonstrationen gegen das Gesetz “Ehe für alle”, diese Demos, genderfeindlich und homophob und klerikal, hieß “Manif pour tous”, die “Demo für alle.”

1.
Für Armin Laschet, den CDU Vorsitzenden, ist „C“ wohl eher ein „K“ im Sinne von „Katholisch“, und zwar deutlich konservativ katholisch. Doppel „K“, KKDU also. Wir werden sehen, falls Laschet denn Kanzler wird, was nicht auszuschließen ist, welche Minister er einstellt, etwas liberale und etwas links Denkende werden es sicher nicht sein. Dafür wird schon sein engster Mitarbeiter sorgen, Nathanael Liminksi, jetzt noch in Düsseldorf. Er gehört zum sehr konservativen, man möchte sagen militanten Flügel im deutschen Katholizismus und der CDU. Dies muss wohl so sein, bei dem überaus katholisch-eifrigen Vater Jürgen Liminski, der ganz offen dem Geheimclub „Opus Dei“ angehört und für die sehr rechtslastige Zeitung „Junge Freiheit“ über Catholica schreibt oder die reaktionäre Kirchenzeitung “DER FELS”. Es wird sich zeigen, ob Nathanael Liminski dann seinem Vater folgt und die „Neue Rechte“ unter Laschet als Kanzler durchsetzt…

2.
Dass Armin Laschet aus einem tiefen katholischen Milieu in Aachen stammt, ist bei vielen Bürgern eher „im allgemeinen“ etwas bekannt.

3.
Es lohnt sich aber für alle Interessierten, zum Thema „Der Katholik Armin Laschet“ Details zu studieren, freizulegen und öffentlich zu machen. Hier nur ein erster Ansatz, der von Journalisten fortgesetzt werden sollte, die noch ein Interesse an Recherche und Investigation bewahrt haben.

4.
Der „Religionsphilosophische Salon“ muss sich mit diesem Thema („Laschet“) befassen, weil Religionskritik zweifelsfrei zum Kern der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie gehört.Und Religionskritik muss immer auch bezogen sein auf aktuelle Ereignisse, genau dann, wenn ein mit dem sehr konservativen katholischen Milieu verbundener Politiker, wie Herr Laschet, immer mächtiger wird…

5.
Armin Laschet wurde 1961 in der Nähe von Aachen als Sohn eines Steigers geboren. Über den Katholizismus von Laschets Jugend schreibt „Die Welt“: „Forscht man in der frühen Lebenswelt Laschets nach, meint man schnell, sich in einem Roman von Heinrich Böll zu befinden: überlebensgroß die Kirche, überlebensgroß die Herren Honoratioren, viel Klüngel, viel Chuzpe und Schlitzohrigkeit. Sowie jede Menge Doppelmoral“. (Beitrag von Thomas Schmidt am 30.1.2021, https://www.welt.de/debatte/kommentare/article225280253/Armin-Laschet-rheinischer-Katholik-und-sanfter-Reformer.html

Armin Laschet heiratet Susanne Malangré, ihr Vater ist Heinz Malangré. Laschets Schwiegervater arbeitet u.a. als geschäftsführender Gesellschafter im katholischem „Einhard-Verlag“. Für ihn wird Laschet tätig. Der Verlag besteht bis heute, er gibt u.a. die katholische Kirchenzeitung fürs Bistum Aachen heraus.
Heinz Malangré, Laschets Schwiegervater, war u.a.auch Vorsitzender des „Diözesanrates im Bistum Aachen“, er förderte Sozialprojekte im so genannten „Heiligen Land“ und wurde durch Kardinal Jaeger, Paderborn, innerhalb des von Laien wie Priestern geprägten „Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem“, zum „Großkreuzritter“ ernannt.
Zu Kardinal Jaeger und dem „Ritterorden“ ist wichtig zu wissen: Jaeger leitete im November 1954 die erste Zusammenkunft aller deutschsprachigen „Statthaltereien“ der Grabesritter in Oberwald/St. Gallen. Während einer “Investiturfeierfeier“ sagte der Kardinal: „Die Spielregeln der Demokratie haben das Denken weithin verbogen.“ Es brauche „eine religiöse Führerschaft, die sich den ewigen Wahrheiten verschrieben hat.“ In der Abendländischen Aktion, die der konservativen “Abendländischen Bewegung“ nahestand, hatte Jaeger als Mitglied des Kuratoriums eine maßgebliche Funktion. (Quelle: https.//de.wikipedia.org.wiki/Lorenz_Jaeger. Zur Nazi- Vergangenheit des Kardinals und Kreuzritters hat Peter Bürger publiziert.)

6.
Schwiegervater Heinz ist der Bruder von Kurt Malangré, Rechtsanwalt, der von 1973 bis 1989 (!) Bürgermeister in Aachen war. Und, das ist entscheidend: Von Kurt Malangré gibt das Opus Dei Deutschland in seltener Offenheit zu: Der Oberbürgermeister war seit 1955 (!) hochrangiges Mitglied des Opus Dei. Mit salbungsvollen Worten erinnert das Opus Dei an ihr prominentes Mitglied Kurt Malangré, der die Ehre hatte, sogar noch den inzwischen heilig gesprochenen Gründer dieses Geheimclubs, den „Vater“, Josefmaria Escrivá, persönlich zu sprechen. Und der gab fromme Wünsche, man sage Floskeln, weiter an die damals leidende Gattin Malangrés…
LINK https://opusdei.org/de-de/article/kurt-malangre-ist-mit-84-jahren-verstorben/

7.
Der weltweit agierende Opus Dei Geheimbund (ca. 80.000 Mitglieder) mit seiner reaktionären Theologie sowie das „Ritterliche“ der Ritterorden spielen eine Rolle in der Spiritualität des Herrn Laschet.
Anläßlich des Rücktritts Benedikt XVI. vom Papstamt betonte er: „Die Schriften von Papst Benedikt XVI. würden für die Grundsatzprogrammberatung in der CDU NRWs ein “wichtige Begleiter” sein. (Quelle: WDR https://www1.wdr.de/dossiers/religion/christentum/papstruecktritt100.html).
Das heißt im Klartext: Zum Grundsatzprogramm der CDU soll ein Papst mitreden, „Ultramontanismus“ nannte man das früher. Man stelle sich vor, Muslime in Deutschland würden sagen, ihre politische Haltung richten sie nach einem Mullah oder einem hochkarätigen Imam. Ein Aufschrei würde beginnen … auch in der CDU.

8.
Über den „Fall“ Woelki schweigt NRWs Ministerpräsident Laschet, bis jetzt, diplomatisch klug, um nicht die konservativen klerikalen Katholiken und CDU Wähler in NRW zu verschrecken. (Stand 6.2.2021) „Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) will sich in die Rücktrittsdebatte um den Kardinal Woelki nicht einmischen. Das sei keine Frage, die der Staat beantworten könne,“ sagte Laschet am Dienstag vor Journalisten in Düsseldorf.“ (Quelle
https://www.katholisch.de/artikel/28098-laschet-vorwuerfe-gegen-kardinal-woelki-innerkirchlich-klaeren)
Diese Zurückhaltung des Ministerpräsidenten Laschet von NRW (Düsseldorf „gehört“ zum Erzbistum Köln) ist ein gewisser Widerspruch: Denn Laschet weiß als informierter Katholik, dass doch auch ein „Laie“ sich zum Wohl der Kirche äußern darf, um das Wohl der Kirche geht es doch auch im „Fall“ Woelki.
In vielen anderen „Fällen“ folgen katholische CDU Politiker gern den Weisungen der Kirche, etwa im Falle von Pro Life oder der „Homoehe“. Warum schweigt Laschet zu Woelki? Hat dies etwas mit dem Schweigen des Opus Dei zu Woelkis „Fall“ zu tun, das Opus Dei hat bekanntlich seine Deutschland-Zentrale in Köln. Oder hängt es mit dem beratenden Einfluss seines engsten Mitarbeiters in der Staatskanzlei in Düsseldorf zu tun, mit Nathanael Liminski, der dem rechten Spektrum des Katholizismus eng verbunden ist.

9.
Über Nathanael Liminski wird wohl in den nächsten Monaten viel zu sprechen sein, wenn denn Laschet Kanzler werden sollte. Ihm wird wohl sicher ein anderer Job als der des Verkehrsministers angeboten werden… Es gibt bereits jetzt einige kritische journalistische Untersuchungen zu Nathanael Liminski, dem Sohn des schon erwähnten Opus-Dei-Mitglieds und „Junge Freiheit“ Autors Jürgen Liminski. (Ein Liminiski Artikel vom 12. Mai 2020: https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2020/der-gute-ruf-2/)

Also zu Nathanael Liminski, einem der 10 Kinder (sic!) einer “im guten alten Sinne”, “vorbildlichen” katholischen Familie: Das einzige Buch, das von Nathanael Liminski vorliegt, hat den Titel „Generation Benedikt“, es ist nach den katholischen „Weltjugendtagen“ im Jahr 2007 erschienen, als werbender Impuls, dass junge Leute den Weisungen von Papst Benedikt XVI. doch folgen mögen…

Auch die SPD interessiert sich für Nathanel Liminski:
„Der NRW Landesverband „SPDqueer“ macht sich Sorgen um den Einfluss eines homophoben Beraters auf den neuen CDU-Bundesparteichef Armin Laschet. Der 35-jährige Ministerialbeamte Nathanael Liminski, der als Leiter der NRW-Staatskanzlei als wichtigster Akteur im Hintergrund. Liminski
war in der Vergangenheit immer wieder durch radikalreligiöse und homophobe Äußerungen aufgefallen. So hatte er etwa 2007 gegenüber dem “Spiegel” gesagt: “Ich kenne viele Homosexuelle, und einige tun mir leid. Der Staat muss schon aus reiner Selbsterhaltung die natürliche Form der Ehe und Familie fördern….Mit seiner Nähe zu Nathanael Liminski begibt sich Armin Laschet in einen gefährlichen Einfluss der erzkonservativen und fundamental-christlichen Rechten. Diese ist ein aktiver Teil einer frauenfeindlichen, homophoben und rückwärtsgewandten Rollback-Bewegung”, erklärte Fabian Spies, der NRW-Landeschef von SPDqueer. …Spies äußerte die Befürchtung, dass Liminskis Einfluss noch steigen werde, je mehr Laschet in der Bundespolitik eine Rolle spiele….Im Kampf um die Ehe für alle stand Laschet stets auf der Seite der Reaktionären – und beugte dabei auch die Wahrheit: So behauptete er etwa als NRW-Oppositionsführer wiederholt, dass es im Grundgesetz ein verstecktes Ehe-Verbot für Schwule und Lesben gebe und Deutschland daher am diskriminierenden Ehe-Recht festhalten müsse. Auf Druck der Laschet-CDU weigerte sich das schwarz-gelbe Nordrhein-Westfalen 2017, dem Gesetz zur Ehe für alle zuzustimmen. Quelle: https://www.queer.de/detail.php?article_id=38055 Vom 2.2.2021)
Siehe auch: https://www.katholisch.de/artikel/28492-nathanael-liminski-von-der-generation-benedikt-zu-armin-laschet

10.
Nathanael Liminski wird wegen seiner absolut diskreten Art, immer im Hintergrund, aber einflussreich, eine große Zukunft vorausgesagt. Wenn er älter wird, könnte er als Opus-Dei-Freund und Erzkatholik bald die Geschicke der Bundesrepublik in Richtung eines katholischen klerikalen Staates führen, falls dann nach all den Affären um Priester und Woelkis überhaupt noch Katholiken auffindbar sein sollten.
„An Laschets Kabinettstisch in Düsseldorf ist Liminski der einzige, der gerne unsichtbar bleibt. Obwohl das achte von zehn Kindern eines ehemaligen Deutschlandfunk-Redakteurs druckreif spricht, schlagfertig ist und gewitzt, lässt er sich ungern zitieren. Unserer Redaktion stand er für dieses Porträt zwar für ein Hintergrundgespräch zur Verfügung. Aus dem Gespräch durften wir jedoch keinen einzigen Satz verwenden.(Rheinische Post, 4.9.2018)…„Keinen einzigen Satz verwenden“…. Diese Maxime kennen wir aus einer Pressekonferenz Kardinal Woelkis im Februar 2021…

11.
Die Frage ist: Hätte es wirklich keinen anderen als Nathanael Liminski für das hohe Amt in Düsseldorf gegeben? Wenn das so ist, dann sehe ich darin nur ein Beispiel dafür, wie wenige freie Intellektuelle in der CDU überhaupt noch „vorhanden“ sind.Offenbar ist bei Laschet der Wille da, einen Opus-Dei-affinen engsten Mitarbeiter zu haben, er selbst kennt sich ja schon bei den “Grabesrittern”, familiär bedingt, gut aus…

12.
Bleibt zu hoffen, dass der Politik in Deutschland ein Erzkatholik Nathanael Liminski erspart bleibt. Klerikalistische Politik brauchen wir nicht, schon gar nicht eine vom Opus-Dei ferngesteuerte Politik.
Dies ist selbstverständlich eine Meinungsäußerung.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Peter Sloterdijk will den Himmel zum Sprechen bringen.

Das neue Buch Sloterdijks zeigt: Religionen sind nichts als Machwerk der Menschen.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
Das neue Buch von Peter Sloterdijk „Den Himmel zum Sprechen bringen“ (2020) ist die Langfassung eines Beitrags für eine Festschrift zu Ehren des Ägyptologen Jan Assmann im Jahr 2018. Nun können sich die LeserInnen durch 20 Kapitel auf 344 Seiten durchbeißen. Als Leser hat man oft den Eindruck, ständig an den assoziativen Sprüngen in den Ausführungen des Autors teilzunehmen. Und man ist erstaunt, wie ausführlich Einsichten der Philosophie Platons in nahezu allen Kapiteln lang und breit ausgeführt werden, so dass manchmal der Eindruck entsteht, in ein Buch „Philosophie-Geschichte“ geraten zu sein. Und man fragt sich, wurde dieser nun sehr umfassend gewordene Beitrag für Jan Assmann doch etwas zu schnell geschrieben…
2.
Aber das Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“ verdient ein gewisses kritisches Interesse, weil es auch die dogmatischen Absonderlichkeiten, normativ gesprochen: die zahlreichen dogmatischen Verirrungen der Kirchen (aber auch anderer Religionen) freilegt. Diesen religionskritischen Focus wird man bei einem ersten Blick auf den Titel kaum vermuten: Manche denken dabei vielleicht an die Poesie, die Gebete, die Lyrik, die ja oftmals behaupten, den „Himmel zum Sprechen bringen“ zu können. Aber es geht Sloterdijk auch um viel Grundsätzlicheres. Und von Lyrik und Poesie im engen Sinne ist eher wenig die Rede.
3.
Entscheidend ist der Untertitel: „Über Theopoesie“. Das Wort Poesie bezieht sich hier umfassend auf das altgriechische Verb „poiein“, es bedeutet: Machen, schaffen, tun. Poiesis ist das entsprechende Substantiv. Natürlich ist zum Beispiel Lyrik „Poiesis“, von Menschen Gemachtes. Aber auch die Welt Gottes und der Götter ist nur Poesis, nur von Menschen Gemachtes, so die zentrale These Sloterdijks. Man bewegt sich also, bei Gott und den Göttern im „Bereich des Erfundenen, Ausgedachten, Übersteigerten“ (S. 63). Und weil Religion als Institution durch Mythen, Erzählungen, Reflexionen und verbale oder schriftliche Theologien konstituiert und öffentlich greifbar wird, ist Religion also auch wesentlich Poesie, d.h. Poiesis, Werk und Tat der Menschen.
Ein Urteil, das sich seit den griechischen Philosophien herumgesprochen hat und durch Feuerbach im 19. Jahrhundert sehr populär wurde und in Nietzsche einen Verteidiger fand. Sloterdijk belebt es neu.
4..
Er betont: Die Texte der Evangelien oder des Koran wurden absolut zur Geltung gebracht, sie haben dabei „ihren poetischen, d.h. fiktionalen bzw. mythischen Charakter unsichtbar gemacht“ (S. 277). Das heißt, diese heiligen Texte wurden zum Wort von Gott selbst definiert, dieses Verhalten ist also in der Sicht Sloterdijks geradezu „lügnerisch“ und es versteckt so den wahren, „bloß menschlichen“ Charakter der dann nur noch so genannten göttlichen Offenbarung, wir haben es also in Sloterdijks Sicht mit einem Betrugssystem zu tun. Die Auswirkungen sehen wir bis heute im religiösen Fundamentalismus.
5.
Wenn man nun in Sloterdijks Deutung die christliche Religion als Theo – Poesie zusammenfassend darstellen soll: Dann ist das Christentum (und damit die Kirchen) für den philosophischen Schriftsteller „erschreckend inhuman und eigentlich ein Fall für die Psychiatrie“. Das macht Sloterdijk mehrfach deutlich, etwa in seinem lobenden Hinweis auf die Erzählung von Pierre Gripari „Der kleine Jehova“, eine Erzählung, die, wie Sloterdijk schreibt, „auf engem Raum die theo-psychiatrische Verfassung des Christentums als klug lancierte Schuldgefühlsepidemie offenlegt“. (S. 88).
Das Christentum (als dogmatisches System) ist also krank, und die Kirchen und ihre Führer, die das Christentum repräsentieren, sind ebenfalls krank, wenn nicht pervers, siehe den massenhaften sexuellen Missbrauch durch Priester. Das ist der durchgehende Tenor der Ausführungen Sloterdijks. Und er bietet als Belege seitenweise Auszüge aus den offiziellen katholischen Verurteilungen so genannter Irrlehrer, die das einschlägige Sammelwerk „Denzinger“ äußerst umfangreich dokumentiert (bei Sloterdijk die Zitate auf den Seiten 128 bis 133). Dieses langatmige Dokumentieren der Verurteilungen, die inzwischen sehr bekannt sind, erinnert an den in der Hinsicht ebenso rührigen sich atheistisch nennenden Autor Karlheinz Deschner, er hat seine „Kriminalgeschichte des Christentums“ auf 10 umfangreiche Bände ausdehnen können.
Diese Krankheiten und Perversionen in den Kirchen sind – in Sloterdijks Sicht – von Theo-Poeten gemacht und belebt, vor allem auch von gebildeten Theologen und Bischöfen, wie etwa dem „Kirchenvater“ Augustinus: Sie haben in einer Herrscherposition wahnhafte Gebilde christlicher Dogmatik formuliert, diese durchgesetzt und zelebriert. Der Wortschöpfer Sloterdijk nennt frühe Theologen „Irrkirchenlehrer“ (S. 288), wenn sie als christliche Platoniker an der Vergöttlichung Jesu arbeiteten (ebd). Die Wende von Jesus von Nazareth zum Christus Imperator (etwa in Ravenna sichtbar) ist ein zentrales Thema kritischer Theologie, an das sich Sloterdijk anschließt.
6.
Über die Darstellung christlicher Dogmen und Überzeugungen durch Sloterdijk wäre ausführlich zu reden. Der gebotenen Kürze, die sich bei dieser Rezension aufdrängt, nur ein Hinweis: Wie Sloterdijk vom Glauben an die Auferstehung Jesu von Nazareth spricht, gleich im 1. Kapitel (S. 31 f) seines Buches. Die Hinweise Sloterdijks auf die von ihm studierte Literatur zu dem wahrlich äußerst umfassend erforschten Thema „Auferstehung Jesu“ ist äußerst dürftig, um nicht zu sagen für einen Autor wie Sloterdijk blamabel: Da nennt er nur ein Buch von einem gewissen Frank Morison alias Albert Henry Ross „Wer wälzte den Stein?“ (erstmals auf Englisch 1930 erschienen als Bekenntnis eines fundamentalistisch Bekehrten). Dieses Buch spielt heute in der Forschung zur Auferstehung Jesu de facto überhaupt gar keine Rolle. Und geradezu lustig ist dann Sloterdijks zweiter, wohl aber ernst gemeinter Hinweis auf den phantastischen Roman des zum literarischen Schwadronieren neigenden frommen Bestseller Autors Eric-Emmanuel Schmitt mit dem Titel „Das Evangelium nach Pilatus“. Sloterdijk bezieht sich vor allem auf das Thema „die abwesende Leiche im Grab Jesu“ am Ostermorgen und schreibt dann: „Dürfte man sagen, das Christentum beginne als Kriminalroman, in dem das negative corpus delicti in diversen Versionen wiederauftauchte, zuerst als spukender Ätherkörper am Rand von Jerusalem“, und dann springt Sloterdijk, assoziierend, in sachlich völlig unzutreffende Dimensionen, wenn er anschließend fortfährt: … „dann als Hostie, als Fronleichnamskörper und allenthalben als Kruzifixus?“ (S. 32). Der Fronleichnamskult ist bekanntlich ca. 1.300 Jahre „nach dem Entstehen des Auferstehungsglaubens entstanden. Sloterdijk spricht auch von den „40 Tagen „zwischen Ostern und Christi Himmelfahrt“ („falls es solch einen Tag gab“, schreibt er, wohl ahnend, dass man da doch sich besser an Metaphern und Bilder als an Daten halten sollte) gab es dann doch in der ersten Gemeinde, so wörtlich „Gerüchte, Delirien, Überhöhungen“ (S. 32). Da sind sie wieder, diese Sloterdijkschen Delirien, unter den Christen schon pauschal schon von Anbeginn leiden….
7.
Die Kirchengeschichte wird pauschal nichts als Heilgeschichte, sondern als Verbrecher-Geschichte von Sloterdijk bewertet. Es zeigt sich, dass Sloterdijk alles andere als ein objektiver religionswissenschaftlicher Beobachter ist, er hat durchaus seine eigene normative Meinung.
Sloterdijk warnt in seiner Schilderung der kirchlichen Verbrechen eher sanfte LeserINNen, wenn er in allen Details die Folter, verordnet von Kirchenoberen, ausführlich zu dokumentiert (S. 230 ff.). Diese LeserInnen sollten gegebenenfalls „die folgenden vier Seiten zu überblättern“ (ebd.).
8.
Sloterdijk ist bekannt für sein Ausfindigmachen entlegener Studien, seine Fußnoten sind oft eine Art Entdeckungsreise, nur der populäre und von ihm geschätzte Nietzsche wird mit einzelnen Sätzen (!) in „Den Himmel zu Sprechen bringen“ sehr oft zitiert (im Buch wird Nietzsche der vielen Erwähnungen wegen einfach nur kollegial F.N. genannt). Aber Sloterdijk verweist auf S. 129, Fußnote 137, ausnahmsweise ohne Quellenangabe auf einen Brauch in Österreich einst, „bei den in utero verstorbenen Föten diesen das geweihte Taufwasser von katholischen Hebammen per vaginam“ zuzuführen“, die Föten also per vaginam noch zu taufen. Aber diese nicht belegte Story erzählt Sloterdijk wohl nur, um dann gleich anzufügen: “Hatte Lenin doziert, die Wahrheit ist konkret, antwortet die religionsgeschichtliche Empirie: Das Delirium ist konkreter“. Das Delirium, d.h. die „geistige Verwirrung“ kennzeichnet für Sloterdijk sehr pauschal betrachtet das Christentum und den christlichen Glauben.
9.
Sloterdijk, als Zyniker bekannt, (sein erstes erfolgreiches Buch handelte von der zynischen Vernunft), gibt offen zu, auch in dem Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“, „ironische Züge“ (S. 141) zu verbreiten. Und diese seine Ironie deutet er – gar nicht ironisch, sondern dogmatisch argumentierend – sei „besser als das Theologie-übliche Zuviel-Sagen und letztlich-doch-alles-besser-Wissen“ (S.141). Der Philosoph Holger Freiherr von Dobstadt hat in seiner durchaus auch kritischen Sloterdijk Studie „Das Sloterdijk-Alphabet“ (Würzburg 2006) unter dem Stichwort „Ambivalenz“ (Seite 15 f) über Sloterdijks Denken geschrieben. Er spricht von dessen „doppelter Buchführung“, also: „Alles und das das Gegenteil lässt sich über die Welt aussagen, alle Wahrheiten lösen sich in Perspektivik auf und seine Deskriptionen des Zynismus finden sich in seinem eigenen Bewusstsein, das er im übrigens schonungslos decouvriert“ (ebd.).
Auch in dem Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“ freut sich wohl Sloterdijk über seine zynischen Formulierungen zu katholischen Merkwürdigkeiten, wie dem Fegefeuer: Er beschreibt in seinem sprachschöpferischen („poetischen“) Enthusiasmus das Fegefeuer als „einen transzendenten Waschsalon“, der „die Flecken des Erdenlebens in sieben Reinigungsgängen von der Stirn der Seele tilgt“ (S. 85). Luther kämpfte also gegen Waschsalons, wie hübsch! Wie originell!
Wortschöpferisch – zynisch ist Sloterdijk auch im Fall des Wüstenmönches Antonius (ca. 251 – 356) tätig, den zölibatären Mönch nennt er angesichts der heftigen sexuellen Versuchungen „einen Patriarchen der Psychopornographie“ (245). Die LeserInnen sollen lachen und wohl denken: Bei diesen Theo – Poeten wird kein Himmel zum Sprechen gebracht, Sloterdijk verdirbt jegliche Laune, sich mit dieser üblen Theopoesie, diesem Machwerk Religion bzw. Christentum, auseinanderzusetzen.
Hinsichtlich der Verkündigung der christlichen Lehre, die in Rom tatsächlich einer Dienststelle mit dem lateinischen Titel „Propaganda fidei“ unterstellt war, geht Sloterdijk assoziativ zur kirchlichen „Öffentlichkeitsarbeit“ im allgemeinen über und schreibt nicht ohne „Thymos“, wie er wohl sagen würde, also nicht ohne Wut: “Es bleibt die Familienähnlichkeit mit römisch-katholischen, jakobinischen, Goebbelschen und leninistisch-maoistischen Prozeduren zur Konformitätserzeugung nicht zu verkennen“ (S. 202). Römisch-katholisch, Goebbels, Lenin, alles wird in einen Eintopf geworfen. Solches erzeugt bei einem noch differenzierenden Leser doch etwas „Thymos“, würde Sloterdijk sagen, also durchaus berechtigt: Wut.
Die zweifellos zu kritisierenden Reformatoren Luther und Calvin und ihre Gnaden-Erwählungslehren beschreibt er so: „Die moderne Welt (der Reformatoren, CM) war anfangs nichts anderes als ein Netzwerk von schnellen Brütern für Erwählungsideen“ (304). Und man(n) soll wohl zur Abwechslung beim Lesen ins Schmunzeln geraten, wenn Sloterdijk über die Mutter von Kaiser Konstantin schreibt: Helena sei, so wörtlich, „eine postmenopausich frömmelnde Mutter“ gewesen (S 160).
10.
An diesen Albernheiten werden sich einige LeserInnen erfreuen…Und Religionen albern finden…
Wer das Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“ aber ins kritische Nachdenken einbezieht, muss tiefer ansetzen. Es geht um die schwierige Frage nach dem schöpferischen, auch Religionen und religiöse Texte „schaffenden“ Menschen. Es gibt bekanntlich eine breite philosophische Tradition, die schöpferisches Tun (der Musiker, der Dichter, der religiös Kreativen) nicht einseitig nur als Tat des Menschen versteht, sondern auch als Gabe, als Geschenk, „Geschick“ „des Himmels“ bzw. des Gottes. Mit anderen Worten: Im schöpferischen Tun, auch im Schaffen von Religion, wirkt auch Göttliches mit. Dies ist eine Erkenntnis, die etwa Hegel in seinem ganzen Werk der Geist – Philosophie zentral setzte. Die Voraussetzung dafür war wohl die Erkenntnis, dass ohne eine Art “Schöpfer“ der evolutive Gesamtzusammenhang der Welt und der Menschen nicht zu verstehen ist. Kurz und gut: Hegel zeigte, dass im Menschen als Geist – Kreatur das Unendliche, das Göttliche, wie auch immer man diesen nicht definierbaren, d.h. total zu umfassenden Bereich nennt, anwesend und mit-wirksam ist im Tun und Handel der Menschen. Aber Sloterdijk weist diesen Gedanken sicherlich – wieder zynisch ? – als spinös zurück, so wie er, wenn er in dem Buch von Hegel spricht, dessen Denken verkürzt. Nur ein Beispiel: Im Zusammenhang mit dem Leiden am Karfreitag behauptet Sloterdijk, Hegel habe sozusagen nur die, so wörtlich, „hinfällige Individualität“ gesehen. Der Mensch müssen also, wieder wörtlich, „den unendlichen Schmerz über sich empfinden“ (S. 30) und dabei ausharren. Aber Sloterdijk unterlässt es, darauf hinzuweisen, dass Hegel in seiner Philosophie, auch in seiner Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, bei dieser Position nicht stehen bleibt! In dem auch von Sloterdijk zitierten Band 17 der Suhrkamp-Gesamtausgabe der Hegel Werke heißt es auf S. 269: Das Subjekt sei gerade nicht hinfällig, weil es in sich die „unendliche Kraft der Einheit“ (mit Gott) weiss“. Der Mensch, das Subjekt, ist also die „unendliche Kraft der Einheit“ (von Gott und Mensch), es ist alles andere als die „hinfällige Individualität“, als die sie Sloterdijk festlegen will. Hegel denkt die innere wesentliche Einheit von Mensch und Gott, aber die schließt Sloterdijk aus. Insofern übersieht er wohl gern die Hegelsche Aussage.
11.
Der Mensch ist auch für Sloterdijk, wie so oft gesagt wird in der banal wirkenden Formulierung des „nichts anderes als“ ein von jeglichem Göttlichen getrenntes Wesen. Es ist der Mensch ohne Mysterium, dem nichts als Zynismus übrig bleibt in seiner Situation.
Der große Literaturwissenschaftler George Steiner, wahrlich alles andere als ein kirchenfrommer Theologe, vertritt in seinem Buch „Grammatik der Schöpfung“ die Erkenntnis: Es kann nur ein Miteinander von Göttlichem und Menschlichem im schöpferischen Prozess geben, also in der Poiesis. „Über die Gott-Hypothese lässt sich nicht ohne Kosten spotten“ (S. 343), sagte der umfassend gebildete George Steiner in den genannten Buch, (München 2004).
12.
Viele Hinweise Sloterdijks zu den Verirrungen der Kirche, um nur bei dieser Religion zu bleiben, sind zweifellos richtig. Dennoch muss doch der Objektivität wegen ein starres Schwarz-Weiß-Schema aufgebrochen werden. Das mit der Kolonialherrschaft verbundene Missionssystem etwa der Spanier seitdem dem 16. Jahrhundert war eine Katastrophe, eine Katastrophe, was die Lebensrechte der „indianischen“ Bevölkerung angeht. Mission als Teil der spanischen Kolonisation war insofern auch Teilnahme am Morden. Aber es muss auch der Ausnahmegestalten gedacht werden, die sich – wie begrenzt auch immer – für die Menschenrechte der „indianischen Bevölkerung“ eingesetzt haben, ich nenne nur Pater Bartolomé de Las Casas, er überzeugte sogar mit seiner humanen Botschaft den spanischen Hof, aber der konnte sich bei den selbstherrlichen Eroberern nicht durchsetzen. Deswegen wurde weiter gemordet.
Das Christentum und die Kirchen waren also nie nur ganz total schwarz-weiß malend Mörderbanden.
Was waren denn die Forscher und Mathematiker etwa unter den Jesuiten des 17. Jahrhunderts für Menschen, die tatsächlich als Wissenschaftler anerkanntermaßen Großes leisteten? Haben die „Poeten“, also etwa auch die Schöpfer von barocken Kunstwerken oder die Komponisten von Messen und Oratorien etc., nicht oft genug von sich selbst gesagt, dass inmitten des schöpferischen Prozesses doch etwas „anderes“ („Göttliches“) und Geschenktes in ihnen mit dabei tätig war? Warum hören manche Leute noch voller Begeisterung diese Musik? Sind diese musikalischen Leistungen von Bach, Mozart, Beethoven etc. Ausdruck von Wahn oder „Delirium“? Wer solches behaupten würde, wäre selbst nicht mehr ganz auf der Höhe…
13.
Sloterdijks Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“ ist im wesentlichen religionswissenschaftliches Feuilleton, es ist kein Buch, das auch die aktuelle Entwicklung der Religionen berücksichtigt und diese in die Analyse einbezieht. Sloterdijk sieht nicht den tiefen Wandel im Christentum. Er sieht nicht und weiß nicht oder will es nicht wissen, dass etwa in Lateinamerika viele katholische Kreise, auch Bischöfe, entschieden die Menschenrechte verteidigen, aber auch in Afrika und Asien. Da lebt eine christliche Religion, die eben kein Delirium ist. Von Theologie der Befreiung hat Sloterdijk offenbar nie etwas gehört, nichts von christlichen Friedensbewegungen, von katholischen Menschenrechtsaktivisten, die im Engagement für die Armen ihr Leben lassen. Sloterdijk hat offenbar nichts von der Diakonie oder Caritas gehört, die etwa in den Slums der USA nach wie vor Millionen Menschen mit Essen versorgen, von Suppenküchen und Kleiderkammern von Klöstern in Europa hat er nichts gehört, nichts davon, dass viele Klöster so beliebt sind, dass dort Menschen Ruhe und Meditation suchen und finden.
Damit will ich keine Apologetik betreiben, sondern nur der gebotenen Objektivität willen sagen: Selbst in Kirchen, die sich heute noch auf eine göttliche Wirklichkeit, auf ein ungreifbares und nicht machbares Lebensgeheimnis in aller Offenheit beziehen, lebt sehr viel humane und vernünftige Energie, für die Menschenrechte ALS „göttliche Gebote“ einzutreten.
14.
So bleibt nach der Lektüre die Frage: Warum wurde eigentlich dieses Buch geschrieben? Die alten Thesen von Feuerbach und Co. sind ja bekannt. In seinem 20., dem Schlusskapitel, überschrieben „Religionsfreiheit“, deutet Sloterdijk, diesmal recht knapp und kurz, an: Religion ist für ihn „Beihilfe zur Auslegung des Daseins… bis hin zur Aufhellung des Unverfügbaren und zur Domestikation des Unheimlichen“ (S. 331). Religion geht darin auf, gemachte, „poietische“ (poetische) Funktion der Menschen zu sein. Aber, damit er nur ja nicht der Religion eine allzu wichtige Rolle zuweist, betont Sloterdijk schon mehrfach zuvor: Und das ist wohl der Sinn all der über 300 Seiten des Buches: Religion ist in der säkularen Welt nichts als ein kleiner „Rest“. Ein Rest, der „nach Abzug von alldem übrigbleibt, was in die Wissenschaften und in alle nur denkbaren Bereiche von Weltgestaltung „abgewandert“ ist (S. 330). Vielleicht verschwindet beim Fortschritt der Wissenschaften etc. dann auch Religion? Die Religion ist also NOCH der verschwindend kleine Rest, der, so betont Sloterdijk, selbstverständlich frei gelebt werden kann. „Religion ist überflüssig wie Musik“, schreibt Sloterdijk tröstend all jenen, die noch diesem letzten Rest, wie er schreibt, dem letzten Rest aus den „archaischen und hochkulturellen Weltbildern“ (S. 330) anhangen. Aber wie Musik ist für Sloterdijk Religion „Luxus“ (S. 335). Aber er muss doch zugeben als ein Zitat von einem Ungenannten: “Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“. Aber weil nun einmal Religion, so wörtlich, Luxus ist, also kein Grundnahrungsmittel für die meisten, ist ihre Leistung auch „durch weltliche Prägungen substituierbar“, wie er schreibt (S. 335). Substituierbar bedeutet bekanntlich „austauschbar“, „ersetzbar“.
Was aber kann dieser religiöse Luxus heute noch sein? Sloterdijks Antwort: Es sind die „Schriften, Gesten, Klangwelten, die noch den einzelnen unserer Tage gelegentlich helfen, sich mit aufgehobenen Formeln auf die Verlegenheit ihres einzigartigen Daseins zu beziehen“ (S. 336). Möge also der einzelne als einzelner, offenbar außerhalb jeglicher Gemeinschaft, aus den Verlegenheiten des Daseins herausfinden. Von dem „Berührtsein“ von einer außerhalb des Menschen wie gleichzeitig IN ihm unbedingt sich zeigenden „Kraft“ des Mysteriums ist keine Rede. Aber gerade davon lebt ja bekanntlich die Musik, auf die sich Sloterdijk in seinem Hinweis auf die Ähnlichkeit mit Religion bezieht. So endet also das Buch mit einer doch wieder noch viel zu kurz greifenden „Auslegung der Existenz“. Aber gerade dann hätte das Buch wichtig werden können. Alles andere ist tausendmal gesagt.
15.
Und was soll der Titel des Buches wohl bedeuten? Kommt irgendwann ausführlich „der Himmel zum Sprechen“? Werden also naheliegend Gedichte und Psalmen, Lieder und Gebete, selbst unter der Sloterdijkschen Prämisse, dass es Gott nicht gibt, ausführlicher und angemessener vorgestellt und interpretiert? Eher nicht! Es werden einzelne Bibel-Verse gedeutet, etwa die Hiob-Geschichte, auch Psalmen werden kurz erwähnt und sogar das Kirchenlied „Großer Gott wir loben dich“ wird „abgehandelt“. Aber im ganzen darf man von dem Buch keine ausführlichen Hinweise zur Poesie und Lyrik und Gedichten „im engeren Sinne“ erwarten.
16.
Wer dieses umfassende Thema vertiefen will, auch die Frage nach dem schöpferischen Miteinander und Ineinander von menschlichem und göttlichem Geist, sollte das inhaltlich viel differenziertere Buch von George Steiner lesen, “Grammatik der Schöpfung“, DTV, 2004, 351 Seiten, 12,50 Euro.

Peter Sloterdijk, Den Himmel zum Sprechen bringen. Über Theospoesie. Suhrkamp Verlag, 3. Aufl. 2020, 344 Seiten, 26 Euro.
Das Buch enthält weder ein eigentlich zu erwartendes Stichwort-Register noch eine Liste der zitierten Bücher. Das erschwert ungemein die kritische Arbeit am Text. Aber auch in den anderen Bücher Sloterdijks fehlen die für kritische Auseinandersetzungen üblichen Stichwort-Register und Listen der zitierten Bücher. Dieses Fehlen unterstreicht nur den „Feuilleton-Charakter“ der Schriften von Sloterdijk.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Katholische Kirche in Deutschland – vor der Abspaltung von Rom?

Ein Hinweis von Christian Modehn

Dieser kurze Hinweis ist interessant, weil er das mögliche Scheitern des „Synodalen Weges“ der katholischen Kirche in Deutschland heute mit einem Hinweis auf das tatsächlich Scheitern des „Niederländischen katholische Pastoralkonzils“ und damit der katholischen Kirche der Niederlande insgesamt begründet. Nebenbei: Bekanntlich hat Philosophie immer die Aufgabe, Religionskritik zu lehren.

Dieser knappe Hinweis hat sechs kleine Kapitel:

1. Die heutige Angst im Vatikan vor einem Schisma.
2. Was ist ein Schisma, bzw. damit eng verbunden, was bedeutet der Häresie-Vorwurf?
3. Der „Synodale Weg“ der Kirche in Deutschland.
4. Das Scheitern der „Synode der katholischen Kirche in den Niederlanden“ als Hinweis auf das Scheitern (die Erfolglosigkeit) des „Synodalen Weges“ in Deutschland.
5. Warum die römische Kirche außerstande ist, tiefgreifende Reformen, die den Wert einer Reformation haben, zu gestalten.
6.
Warum wollen die Herren der Kirche in Rom kein Schisma in Deutschland?

1.
Die katholische Tageszeitung „La Croix“ (Paris) ist meist gut informiert über das, was die päpstliche Kurie und der Papst über die katholische Kirche in Deutschland denken. Der Vatikan-Korrespondent dieser Zeitung Loup Besmond de Senneville publizierte am 26.6.2021 einen Beitrag mit dem Titel: „Deutschland, die große Angst (des Vatikans) vor einem Schisma“. Dieser Titel deutet schon an, wie die Kirchenführer im Vatikan nun in Deutschland Angst erzeugen wollen: Denn nichts ist für „normale“ Katholiken belastender, als eines Schisma bzw. der Häresie angeklagt zu werden.
2.
Schisma ist ein Wort aus dem Griechischen und bedeutet Abspaltung von einer bestehenden Kirchenorganisation. Ein Schismatiker wird aber schnell zu einem Häretiker in der Sicht des katholischen Kirchenrechts, weil etwa die Ablehnung des päpstlichen Primates nicht nur ein Schisma bewirkt, sondern eine Irrlehre ist, also eine Häresie. Es gibt also nur eine geringe Trennschärfe zwischen dem mehr aufs Institutionelle abzielenden Schisma und der Ablehnung bestimmter Dogmen, also der Haltung der Häresie.
Es gab bedeutende Abspaltungen von der römischen Kirche in den letzten Jahrzehnten, etwa die Gründung der Alt-Katholischen Kirche in Deutschland als Protest einiger Theologen gegen das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit 1871. Es gab die, in Deutschland kaum bekannte, Abspaltung von Rom durch zahlreiche Pfarrer, die 1920 die von Rom unabhängige „Tschechoslowakisch-Hussitische Kirche“ gründeten, die in den ersten Jahren einen starken zahlenmäßigen Zuspruch fand. Diese Kirche besteht bis heute. Man denke an die unabhängige katholische Kirche auf den Philippinen, die Aglipayan – Kirche. Und es gab kürzlich die Spaltung, die der ursprünglich römisch- katholische, dann aber traditionalistische Erzbischof Marcel Lefèbvre 1988 vollzog, als er ohne die Erlaubnis Roms vier seiner traditionalistischen Priester zu Bischöfen weihte. Diese Gemeinschaft besteht bis heute und die römischen Gelehrten sind sich nicht im klaren, ob diese Pius-Brüder nun bloß Schismatiker oder schon Häretiker sind. Viele Kenner meinen, die Traditionalisten sind Häretiker.
Man sieht bei diesem Thema, dass es fürs katholische Denken tatsächlich eine Art „Wahrheits-Zentrale“ im Vatikan gibt, die einfach verfügen kann: „Du bist Häretiker, du bist Schismatiker“. Dass diese Wahrheitszentrale („Glaubenskongregation“, einst „Inquisition“) selbst häretisch sein kann bzw. auch ist, liegt außerhalb des selbstherrlichen Blickfeldes der „Mitarbeiter der Wahrheit“ (so der Wahlspruch von Kardinal Joseph Ratzinger). Man denke nur daran, mit welcher Bravour der Vatikan den Wahn der Erbsündenlehre aus dem 4. Jahrhundert bis heute pflegt und verteidigt….Aber dies ist ein anderes Thema.
3.
Der „Synodale Weg“ der katholischen Kirche in Deutschland, 2019 begonnen, ist durchaus bekannt, es handelt sich um einen „Gesprächsprozess eigener Art“, an dem Laien und Kleriker beteiligt sind. Werden Beschlüsse gefasst, die tatsächlich dringende Reformbeschlüsse wären, wie die Aufhebung des Pflichtzölibates, müssen diese Beschlüsse „selbstverständlich“ in den Vatikan zur Überprüfung und Genehmigung geschickt werden. Nun weiß jedes Kind, dass grundlegende Reformwünsche, wie etwa zum Zölibat oder zum Priestertum der Frauen, von den Herren der Kirche a priori abgeschmettert werden, auch von Papst Franziskus, der bekanntlich alles andere als ein deutlicher und präziser Reform-Theologe und Reformpapst ist.
Der Synodale Weg kann also als eine Art Freizeitbeschäftigung diskussionsfreudiger, oft frustrierter Katholiken, ohne weitreichende Bedeutung, interpretiert werden. Man denke etwa auch an die mit großem Aufwand betrieben, aber ziemlich wirkungslose „Synode der deutschen Bistümer“ in Würzburg (1971 -1975) oder an spätere Beratungsrunden in vielen einzelnen Bistümern, wie auch in Berlin unter Bischof Joachim Meisner, die nichts anderes waren als zeitraubende Debatten. Der Autor dieses Textes, damals noch Mitglied der römischen Kirche, hat selbst an solchen Tagungungen teilgenommen, da wurden Laien vom Klerus mit leeren Versprechen schlicht und einfach in die Irre geführt. Ich denke an die von mir inszenierten Debatten über Kirchenreformen in der Großstadt, die nichts anderes waren als hübsche Plauderstündchen.
Führende vatikanische Kleriker warnen jedoch seit langem vor dem heutigen „Synodalen Weg“: „Niemand weiß, wie weit die Deutschen gehen werden, aber es ist potentiell explosiv“, zitiert der Korrespondent von „ La Croix“ vatikanische Herren, auch Kardinal Pietro Parolin, Staatssekretär des Heiligen Stuhles, hat mehrfach seine Sorgen geäußert, dass der Synodale Weg die Einheit der Kirche störe. (Mit Einheit der Kirche meint er natürlich die vom Vatikan definierte Einheit der Kirche).
4.

In den Niederlanden wurde das Zweite Vatikanische Konzil (1962 – 65) und dessen Reformbeschlüsse mit besonders großem Enthusiasmus aufgenommen. Katholiken veranstalteten von 1966 – 1970 das „Pastoraal Concilie“, das niederländische Pastoralkonzil, ein Beratungsgremium aus Laien, Priestern und Bischöfen. Sie waren entschlossen, auf ihre Weise die Reformvorschläge des Zweiten Vatikanischen Konzils für ihre Kultur und ihr Land umzusetzen und zu erweitern. Am 7.1.1970 wurde etwa vom Pastoralkonzil mit überwältigender Mehrheit beschlossen, dass Priester heiraten dürfen und als verheiratete Priester weiterhin in ihren Gemeinden arbeiten sollten. Dieses Thema war nur eines, das, dem römischen Rechtssystem entsprechend, nur von den Herren der Kirche im Vatikan genehmigt werden konnte. Der Beschluss der katholischen Niederländer wurde selbstverständlich im Vatikan abgelehnt. Zuvor hatten sich die niederländischen Katholiken in Rom total unbeliebt gemacht wegen ihres neuen Glaubensbuches, den sie „Neuen Katechismus“ nannten, ein Buch, das den christlichen Glauben in moderner Sprache nachvollziehbar beschreibt, ohne auf Kirchenkritik explizit zu verzichten, etwa was den Zentralismus der Kurie angeht. Dieses Glaubensbuch wurde in 34 Sprachen übersetzt und zu hunderttausenden von Exemplaren verbreitet. Das waren Zeiten, als einige progressive Geistliche in Deutschland  aus purer Neugier plötzlich begannen, Niederländisch zu lernen, um dieses Buch zu lesen.
Aber Rom hatte nicht das geringste Interesse, in einen Dialog mit den sehr reformbegeisterten Niederländern einzugehen. Der Vatikan hörte damals wie heute auf die Stimmen der Reaktionären und setzte den Niederländern dann Bischöfe vor, die ganz stramm und extrem auf römischem Kurs standen und entsprechend autoritär handelten.
Mit anderen Worten: Das Niederländische Pastoralkonzil war ein begeistertes Unternehmen, auch von den damaligen Bischöfen, wie Kardinal Alfrink oder Bischof Bluyssen unterstützt, aber es war eine Art Spielwiese, die Beschlüsse des Pastoralkonzils konnten nicht Wirklichkeit werden. Immer mehr Katholiken zogen sich enttäuscht von der Kirche zurück, heute (2021) nennen sich noch etwa 23 Prozent katholisch, zur Messe am Sonntag gehen (2021) regelmäßig etwa 1 Prozent. Die katholische Kirche der Niederlande wurde vom Papst (Johannes Paul II. und Benedikt XVI.) de facto als progressive Kirche zerstört, vor allem durch zahlreiche sehr konservative Bischöfe, am bekanntesten wurden Simonis und Gijsen, aber es sind noch viele andere. „Diese reaktionären Bischöfe haben ihre Gläubigen im Stich gelassen“, sagen niederländische Katholiken seit langer Zeit, resigniert. Und die Gläubigen sind „ausgewandert“, aber wohin? In kleinere eigenständige Basisgemeinden (etwa die Gemeinde, die Huub Oosterhuis gegründet hat) oder in progressive protestantische Kirchen (wie die Remonstranten) oder in spirituelle Gruppen, die noch sehr zahlreich sind in Holland. Ein explizit progressiver niederländischer Katholizismus (im „Synodalen Geist“) ist fast nicht mehr vorhanden. Die großen Orden, wie die Franziskaner, Dominikaner, Jesuiten oder Augustiner stehen kurz vor dem Verschwinden, falls nicht polnische oder indische „Mitbrüder“ noch ein leerstehendes Kloster bewohnen wollen. Jedenfalls ist die Kultur der Orden und Klöster, auch der Frauenorden, so gut wie tot. Ursache dafür ist nicht etwa (nur) der vom Rom viel genannte säkulare Ungeist, sondern vor allem das reaktionäre und sture Verhalten Roms und der meisten Bischöfe. Sie haben die Katholiken aus ihrer Kirche vertrieben, das ist klar. Der niederländische Katholizismus wurde von Rom und den meisten Bischöfen „platt“ gemacht, Tendenz „scheintot“, sagen manche. Das wäre ein Thema für deutsche Historiker, die nicht der Kirche und ihrer Kontrolle verpflichtet sind, also keine Theologen, sondern Historiker sind. (Zur führenden progressiven Gestalt unter den niederländischen Bischöfen: Über Kardinal Alfrink : Siehe den Beitrag von Walter Goddijn (1988) in der Zeitschrift Orientierung, Zürich: http://www.orientierung.ch/pdf/1988/JG%2052_HEFT%2001_DATUM%2019880115.PDF

NOCHMAL direkt zu Kapitel 4:
Die Strukturen der römisch-katholischen Kirche sind so, dass die herrschenden Kleriker über alle Gewalten verfügen. Sie haben sich selbst zu den einzig maßgeblichen Interpreten der Bibel und der Kirchenlehre gemacht, der Papst hat sich mit seinem Anspruch, in Glaubens-und Sittenfragen unfehlbar gemacht und ins Getto eingemauert. Nun gibt es zwar die ca. mehr als eine Milliarde katholischer Laien: Aber die haben in der Kirche nichts zu bestimmen, können nicht mitbestimmen und mitentscheiden. Sie sind wie immer die gehorsamen Schäfchen, denen der Klerus jetzt, weil alles andere total blamabel wäre, gewisse Debattiermöglichkeiten freistellt. So weckt diese autoritäre und, was Demokratie angeht, wahrlich aus der Zeit gefallene religiöse Großorganisation nur den Anschein, dialogbereit und lernfähig zu sein. Sie ist es aber gar nicht. Dies nicht nur zu erkennen, sondern auch mit allen Konsequenzen für einen anderen religiösen Weg anzunehmen, fällt sehr vielen Katholiken schwer. Sie begeben sich gern auf die Spielwiese und fühlen sich aufgewertet, weil sie ein paar Worte sagen, die bei den ewigen Strukturen dieser Klerus beherrschten Kirche aber letztlich keinerlei Rolle spielen. Masochismus und katholische Kirchenbindung waren und sind oft eine innige Einheit.
Um wirklich frei und befreit zu sein, muss ein Schisma doch auch mal gewagt werden. Davon hat der große Reformtheologe Hans Küng leider nie gesprochen. Hätte Luther ewig Angst vor dem Papst gehabt, wäre die Papstkirche entweder verschwunden (was Nietzsche bereits voller Freude andeutete) oder sie würde als riesiges Renaissance – und Barock – Theater noch fortbestehen, zur Erbauung aller Theaterfreunde.
6.
Warum also wollen die Herren der Kirche in Rom kein Schisma der deutschen Katholiken? Nicht nur aus theologisch – ideologischen Gründen, damit des Vatikans Herrschaft universal bleibt.
Die Antwort ist auch und sehr materiell: 6,76 Milliarden Euro hat die katholische Kirche im Jahr 2019 an Kirchensteuern eingenommen. Auch die Spenden für den Vatikan, „Peterspfennig“ genannt, sind beträchtlich. Bricht diese ultrareiche deutsche Kirche für den Vatikan weg, wird sie schismatisch, geht sie eigene Wege, wäre dies auch ein finanzielles Desaster für den Vatikan, auch darauf weist der Korrespondent von „La Croix“ ausdrücklich hin.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin