Papstfilm von Wim Wenders: Franziskus: Politisch mutig – theologisch sehr konservativ

Anlässlich des Films „Ein Mann seines Wortes“

Einige Hinweise von Christian Modehn

In Berlin wird für den neuen Film von Wenders auf Plakaten mit einem riesigen Porträt von Papst Franziskus mit der Unterzeile geworben: „Die Welt braucht Hoffnung“. Es wird sich zeigen, auch in diesen Hinweisen, ob Papst Franziskus der Welt tatsächlich umfassend Hoffnung geben kann…

Papst Franziskus gilt für viele Menschen – auch außerhalb des Katholizismus – in gewisser Hinsicht als eine Art „Lichtgestalt“: Also als ein „authentischer“ Staatschef. Denn dies ist ein Papst als geistliches Oberhaupt der Kirche ja auch, er ist immer gleichzeitig auch oberster (nicht vom Volk, nicht von den Vatikan-Bürgern gewählter!) Chef des Staates Vatikanstadt mit entsprechenden internationalen Auftritten. Dafür ein Beispiel: Bis heute hat der Staat Vatikanstadt die Menschenrechtserklärung der Uno NICHT unterschrieben. Das nur als kritischen Dämpfer, um allen Enthusiasmus angesichts von Papst Franziskus ein bisschen aus der Sphäre der Heiligsprechung herauszuholen. Wer ständig Menschenrechte anderswo fordert, könnte ja die Menschenrechtserklärung unterschreiben als Papst, könnte man denken…

Aber Papst Franziskus bleibt trotzdem mit seiner Kritik am Kapitalismus im Vergleich mit vielen anderen Klerikern im Vatikan als Staatschef doch bemerkenswert: Gerade in einer Welt, in der demokratische Politiker nur noch an einer Hand abgezählt werden können. Da freut man sich fast über einen kritischen nichtdemokratischen Staatschef, den Papst! In einer Zeit, in der ein Politologe, Prof. Stephen Eric Bronner, Rutgers University USA, Mister Trump, im ganzen sehr treffend, unter dem Stichwort „Gangsterpolitik“ beschreibt. So in der hervorragenden Zeitschrift „LETTRE international“, Heft 121 vom Juni 2018, Seite 172f.

Da gilt dann Papst Franziskus als eine Art personifizierter Lichtblick, was seine explizite und praktische Solidarität zugunsten der Armen, der Flüchtlinge, der Unterdrückten und Ausgebeuteten in Afrika, Asien, Lateinamerika angeht. Sein Plädoyer für mehr Barmherzigkeit ist lobenswert, wobei manche sagen: Gerechtigkeit wäre zunächst einmal die Basis und deswegen dringender. Die Hungernden wollen nicht – mal zwischendurch – barmherzig behandelt werden, sondern endlich gerecht! Das geht um die Veränderung der Klassenstrukturen…Dass er den konfessions verschiedenen Ehepaaren keine freie Entscheidung lassen will in der Wahl von katholischer Kommunion oder evangelischem Abendmahl, ist natürlich der größte Widerspruch zu allem Barmherzigkeitsgerede von Papst Franziskus. Dass er es sich anmaßt, Frauen in Not die Abtreibung zu verbieten, ist gar nicht barmherzig. Und so weiter und so weiter..

Trotzdem: Solch ein Papst weckt Zuversicht und Hoffnung, dass die Humanität in den „obersten Spitzen“ der Führer dieser Welt nicht ganz verschwindet, selbst wenn immer gefragt werden muss: Warum ist der Vatikan immer noch, auch unter Papst Franziskus, so reich, so opulent ausgestattet mit so unsäglich vielen bestens versorgten Klerikern vor allem in Rom? Wo sind die Verzichtsleistungen des Papst – Staates auf die Milliarden Euro wertvollen Immobilien im Kirchenbesitz allein in Rom: Und da wagen es diese Herren noch, um Spenden zu betteln… Also: Trotz aller so anrührenden Fußwaschungen von Gefangenen und Obdachlosen durch den Papst und trotz aller Solidarität mit den Flüchtlingen, etwa auf Lampedusa: Diese Kirche ist in Italien, ist in Europa, in den USA (falls die Bistümer dort nicht schon längst pleite sind wegen der hohen Zahlungen an die vielen Opfer pädophiler Verbrechen durch Priester)… diese katholische Kirche steht also de facto und mit klarem Verstande gesehen eben überhaupt nicht an der Seite der Armen: „Ich wünsche mir eine Kirche für die Armen“ sagte Papst Franziskus bei seiner Wahl, dieser Wunsch ist Wunsch geblieben: Er selbst wohnt zwar seit Beginn seiner Regierung in einer einem Apartment des Hauses „Santa Marta“, also nicht im Palazzo, wie Benedikt XVI….Dieser Umzug ist wohl das entscheidende Symbol des Reformwillens von Papst Franziskus. Kardinäle bewohnen ungeniert 300 Quadratmeter Wohnungen, wie Kardinal Bertone usw….

Nur: Diesem Ortswechsel des Papstes, dies ist mehr als ein Umzug, folgt kein Bischof, kein Kardinal nach: Falls jemand weiß, dass die deutschen Kardinäle oder Erzbischöfe etwa in 3 Zimmer – Mietswohnungen der Neubauviertel von Köln oder München Bamberg usw…. umgezogen sind, bitte bei mir melden. Falls jemand weiß, dass die Ordensgemeinschaften, auch die Abteien und Stifte, endlich einmal ihre Finanzen, ihre Immobilien, Waldbesitzungen etc. freilegen, wo sie doch so viel von Armut reden, bitte bei mir melden!

Wenn ich also auf einige zentrale kritische Aspekte zu Papst Franziskus hinweise – jeder Mensch muss sich selbst und andere kritisch betrachten – dann folge ich selbstverständlich nicht der gehässigen Kritik der äußerst konservativen klerikalen Clique der sich allwissend gebenden Kardinäle, Bischöfe und Theologen, die sich schlechterdings keinen Wandel, keine lebendige Veränderung in der römischen Kirche vorstellen können. Sie wollen einfach nur Papst Franziskus fertig machen, weil er eben weltpolitisch betrachtet etwas aus dem Rahmen üblicher Kleriker – Mentalität fällt. Diese ultrakonservativen Herren, die immer von ewigen Grundsätzen sprechen, interpretieren diese Grundsätze selbstverständlich absolut autoritär, ohne Diskussion, exklusiv, für ewig… so sind nun einmal autoritäre, undemokratische Systeme. Solche Systeme nannte der große Psychologe Erich Fromm treffend nekrophil.

Es gibt selbstverständlich eine aus der progressiven Theologie und Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie kommende Kritik am Papsttum und auch an Papst Franziskus. Trotz des allseits gerühmten Filmes von Wim Wenders.

Die entscheidende Erkenntnis: Der Vatikan und die gesamte Leitung der römischen Kirche ist ein autoritäres System, in der die „normalen Gläubigen“, die Laien, nur Belangloses sagen dürfen, aber niemals auch nur ansatzweise Wichtiges mitentscheiden. Frauen schon gar nicht, sie sind Hilfstruppen in der Männerkirche. Und das Schlimmste ist jetzt: Diese Degradierung der Frauen, ihr Ausschluss vom Priesteramt soll nun auf ewig so bleiben: Niemals wird es ein Priestertum der Frauen geben, wie der neue Chef der Glaubenskongregation Kardinal Ladaria SJ kürzlich meinte, er steht natürlich auf der Seite des lieben Gottes, weiß alles, entscheidet alles. Die Frauen werden aus diesem theologischen Wahn eines Kardinals ihre Konsequenzen ziehen.

Und es ist bezeichnend für die Situation in einer Diktatur, die Wahrheiten willkürlich auferlegt, dass in der Kirchenzeitung „Tag des Herrn“, vom 10. Juni 2018, Seite 2, die Redakteurin Susanne Haverkamp resigniert zu dem Verbot des Frauenpriestertums schreibt: Wenigstens „die Gedanken sind frei“. Was für eine Schande, solches schreiben zu müssen. Frauen denken nur noch insgeheim ans Priestertum der Frauen, glauben aber nicht daran, dies noch in den nächsten 300 Jahren zu erleben. Wie oft wurde einst in undemokratischen Zuständen gesagt: Wenigstens die Gedanken sind noch frei. Was für ein erbärmliches Bekenntnis einer theologisch gebildeten Katholikin zum miserablen Zustand der römischen Kirche: Diese Entscheidung des obersten Chefs der einstigen Inquisitionsbehörde Kardinal Luis Ladria SJ jetzt geschah selbstverständlich in Absprache mit Papst Franziskus. Wer daran denkt, möge bitte eher von einer Heiligsprechung von Papst Franziskus Abstand nehmen, aus Gründen einer progressiven Theologie, die lebendig ist und nicht versteinert und tot wie die in Rom.

Theologisch ist dieser Papst Franziskus also nach wie vor konservativ, den alten und angeblich ewigen Wahrheiten verpflichtet. Die Liste dieser konservativen Denkmuster auch bei Franziskus ist ultra lang. Das Zölibatsgesetz könnte er als Papst sofort aufheben, das ist seine rechtliche Kompetenz, tut er aber nicht. Hingegen verehrt er die Jungfrau von Fatima, die einst den Hirtenkindern in Portugal leibhaftig erschien…Franziskus schätzt den selbst von anderen Päpsten scheinheilig genannten Kapuziner Pater Pio, der mit seinen angeblichen Wundmalen Jesu an seinem Leib einen blühenden Handel trieb; Papst Franziskus praktiziert nach wie vor den Ablass, als hätte es das Reformationsgedenken 2017 nicht gegeben; in seinen Morgenansprachen im Haus Santa Martha spricht er ständig von der Präsenz des Teufels, Teufelsaustreibungen werden selbstverständlich immer mehr praktiziert usw. Die Versöhnung mit den Traditionalisten und Pius – Brüdern von Erzbischof Lefèbvre geht voran, indem man deren reaktionäre Theologie schrittweise anerkennt…Diese Liste sehr zweifelhafter theologischer Praktiken auch unter Franziskus und von ihm so gewollt könnte endlos verlängert werden…

Da könnte man sagen: Ja, aber das will Franziskus doch selbst gar nicht. Das alles lässt er nur zu, um die vielen reaktionären Kleriker im Vatikan und anderswo etwas ruhig zu stellen: Aber wenn das so ist, dann bestätigt diese Situation nur den Zustand der römischen Kirche. Die nach außen hin hoch beachtliche humane Geste von Franziskus im Umgang mit Gefangenen, Armen, Flüchtlingen usw. geschieht auch deswegen, damit die KatholikInnen noch in dieser Kirche bleiben. Der Film von Wim Wenders ist dafür eine willkommene Hilfe. Vielleicht.

Wim Wenders war nicht in der Lage, das so unglaublich zwiespältige theologische Profil von Papst Franziskus zu zeigen. Sein Film zeigt insofern nur den “halben“, den nach außen hin so sympathischen Franziskus! Man möchte heulen, wenn man ihn so segnend, streichelnd, volksnah, solidarisch sieht. Und sollte auch heulen, wenn man seine theologischen Positionen denkt, siehe oben…

PS.: Dabei wäre es auch eigentlich einmal an der Zeit, nach dem Verhalten von Pater Bergoglio SJ, dem späteren Papst Franziskus, und dem späteren Erzbischof Bergoglio von Buenos Aires im Umfeld der brutalen, sich katholisch nennenden Militärdiktatur in Argentinien umfassend zu forschen. Die seriöse umfassend – kritische Debatte darüber „wurde verstummt“, unterbrochen, abgebrochen… Aber solche Forschungen machen einen nicht beliebt, machen zu viel Arbeit den deutschen Filmemachern und Journalisten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

“Staat ohne Gott”: Über die Bedeutung der Religionen in der Demokratie

Inspirationen und Fragen zu einem neuen Buch von Horst Dreier

Ein Hinweis von Christian Modehn

Um alle Irritationen von vornherein zu vermeiden: Das neue Buch von Horst Dreier, Rechtsphilosoph, Staats – und Verwaltungsrechter an der Würzburger Universität, ist kein Plädoyer für eine gottlose Gesellschaft, auch keine Werbung für den Atheismus – aber auch keine Werbung für einen religiösen Glauben. Sondern eine umfassende Reflexion über die eigentlich selbstverständliche Tatsache, von der alle modernen Demokratien bestimmt sind: Dass sie als demokratische Staaten zur Begründung ihrer eigenen Autorität, Kraft und Macht sich gerade nicht auf einen Gott beziehen. Sie sind insofern „demokratische Staaten ohne Gott“. Sie sind nicht gegen Gott und auch nicht für „ihn“. Und das ist gut so fürs Leben der unterschiedlich Frommen und Nichtfrommen in einer pluralen Demokratie. Inzwischen wird diese Position, eigentlich wohl die Mehrheitsposition, allerdings bestritten: Etwa durch den Rechtswissenschaftler Ulrich Haltern, der behauptet, wie Dreier schreibt, „Souveränität sei unhintergehbar religiöser Natur“ ( S.152). Dreier hält hingegen daran fest: „Die Säkularität des modernen Staates besteht in dem Verzicht auf Transzendenz als Begründungsressource“ (59). Konkret heißt dies: Die säkulare Demokratie mischt sich nicht in die inneren Angelegenheiten der verschiedenen Glaubensrichtungen ein und verzichtet auf ein Votum in religiösen und weltanschaulichen Fragen (59). Dieser Staat räumt umfassende Religionsfreiheit ein, er distanziert sich von Religionen, ohne dabei in einer Art atheistischen Staatsideologie Religionen zu verfolgen oder minderwertig zu betrachten.

Der gott – lose Staat ist also selbst nicht mehr – wie einst – konfessionell geprägt, er lebt nicht (mehr) von Gottes oder damit zusammenhängend der Kirchen Gnaden, sondern aus den Bürgern, dem Volk, als dem Souverän. Nur der Staat, der sich selbst jeglicher Entscheidung zur Frage nach Gott enthält, kann ein friedliches Miteinander in der pluralistischen Gesellschaft gewährleisten. Soweit ein Hinweis auf die fundamentale Erkenntnis, die Horst Dreier leider nicht in aktuelle Bezüge zur Islam- Debatte stellt.

Und dieser demokratische Staat in Deutschland versteht sich „säkular“, eben nicht unter der Leitung einer Kirche. „Säkularisierung2 ist dabei der ständig verwendete Begriff in den privaten und öffentlichen Debatten. Schon im 1. Kapitel (von insgesamt 6 Kapiteln) erläutert Dreier in vorbildlicher Klarheit die vielfachen Bedeutungen des Wortes Säkularisierung, eines Topos, der „inflationär geworden ist“ (34). Der Autor verweist etwa auf die (historischen) Auseinandersetzungen, die mit der Durchsetzung dieses Begriffes und der gemeinten Realität verbunden waren und wohl noch sind. Wenn man daran denkt, dass die Weltlichkeit der Welt eben DAS Kennzeichen der Moderne ist, wird man sich um so mehr fragen: Ist diese neuzeitliche Moderne von einem kirchlichen Standpunkt aus betrachtet als solche wertvoll, bietet sie Neues im Laufe der Geschichte Europas? Diese Frage des Philosophen Hans Blumenberg (siehe „Die Legitimität der Neuzeit“) erörtert Dreier ausführlich: Die Säkularisierung in der europäischen Moderne zehrt nicht von Vorlagen des christlichen Mittelalters, „sie trägt ihre Legitimität in sich selbst“(41). Das heißt: Die Moderne, die Neuzeit, ist für Blumenberg auch ohne das Christentum verständlich (45), ohne den Rückgriff auf Heiliges und Mythos (46).

Unter den vielen Anregungen und Fragen, die das Buch bietet, nur ein weiterer Hinweis. Horst Dreier bezieht sich am Ende des 1. Kapitels auch auf sozialwissenschaftliche Dimensionen der Säkularisierung. Dass die Kirchen in Deutschland Mitglieder verlieren, ist bekannt. Interessant ist nur die vielfältige Interpretation dieser „Entkirchlichung“ in Religionssoziologie und Theologie: In welcher Weise sind die Christen, die aus der Kirche austreten, noch spirituell bewegt und interessiert? Sind sie etwa gottlos, sind sie zu Vertretern einer gottlosen, „säkularistischen“ Moderne geworden? Dreier diskutiert dieses Thema als Nicht – Theologe, wobei er meines Erachtens sehr stark den entsprechenden Deutungen des Religionssoziologen Detlef Pollack folgt: Und der hält nicht so viel von der Möglichkeit einer „unsichtbaren Religion“ (Thomas Luckmann und andere). Dabei wäre es doch gerade spannend, den Bezug auf (allgemein) Göttliches, also absolut Zentrales im Leben sogenannter Atheisten auch in Ostdeutschland zu untersuchen. Im Zusammenhang einer persönlich gelebten absoluten Vorliebe etwa für Sport…Schon Walter Benjamin sprach ja von „Kapitalismus als Religion“. An der Stelle hätte ich mir eine breitere Diskussion gewünscht, die vielleicht zu der Erkenntnis kommt: So total ist die Säkularisierung, etwa im Osten Deutschlands, doch nicht. Es ist auch Schuld der Kirchen, die in diesem Milieu einfach nur ihre alten Sprüche und Weisheiten und Gottesdienstformen unverändert nach der Wende 1989 fortsetzen. Die veraltete Sprache interessiert ja auch im Westen fast niemanden mehr… Jedenfalls gilt meiner Meinung nach inmitten der Säkularisierung: Der Bezug auf eine absolut wichtige Wirklichkeit hat sich nur geändert, es ist eben nicht mehr der „christliche dreieinige Gott“…sondern die Freizeit, der Sport, die Familie, die Liebe zur Natur, und dies sicher auch: die oft stillschweigende, sehr individuelle, gemeinschaftlich leider nicht geteilte Verehrung eines sehr persönlichen Geheimnisses im Leben usw. Dieser Gott hat viele sich wandelnde Gesichter… Dem geht die Theologie jedenfalls nicht nach, leider. Aber das ist ein anderes Thema…

Ein weiterer Mangel der insgesamt hoch interessanten, leicht lesbaren Studie von Horst Dreier: Er beschränkt seine Ausführungen sehr deutlich auf Deutschland, auch wenn am Rande immer mal kurz Frankreich erwähnt wird als ein Symbol für „laizistische Ansätze“ ( 61), die er dann als Tendenz versteht, „die Religion aus der Öffentlichkeit zu verdrängen“. Dreier kennt wohl einen „moderaten Laizismus“ etwa in Québec, der in seiner Sicht von dem offenbar heftigeren, abzulehnenden französischen Laizismus verschieden ist (Fußnote 100, Seite 118).

Es ist der in meiner Sicht oft übliche Fehler deutscher Autoren, dass sie die Kirche – Staat – Beziehung in Frankreich etwa seit 1905 (gesetzliche Trennung von Staat und Kirchen) als eher für die Religionen feindliche Haltung des Staates interpretieren. Wer hingegen die heutige Rechtslage betrachtet, muss feststellen: Die Religionen (Judentum, Buddhismus, Islam, Protestanten, Orthodoxe, Katholiken) werden alles andere als staatlich schikaniert und bedrängt. Nur eine kulturpolitische Realität im „laizistischen“ Frankreich: Im staatlichen Fernsehprogramm „FRANCE 2“ gibt es an jedem Sonntag von 8.30 bis 12.00 eigene, von den Religionen selbst bestimmte Sendeplätze mit Features und Gottesdienstübertragungen, alle Religionen haben da nacheinander ihren Platz. Der bekannte und allseits geschätzte Politologe Alfred Grosser (Paris) bedauert nur zurecht, dass bei diesem umfassenden TV Programm aller Religionen die „rationalistische, atheistische Philosophie nicht berücksichtigt wird“ (S. 179 in Grosser, “Wie anders ist Frankreich?“ C.H. Beck Verlag, 2005). Wenigstens das Kapitel dieses Grosser Buches sollte allmählich jeder Theologe usw. lesen, der immer noch von atheistischem „Laizismus“ in Frankreich schwadroniert. Die deutschen Kirchenoberen sind auch gegen diesen angeblichen Laizismus, weil in Frankreich ein katholischer Bischof ca. 1.200 Euro Monatsgehalt bekommt, aus Spenden, weil es keine Kirchensteer in Frankreich gibt; ein deutscher Bischof hingegen mindestens 10.000 Euro monatlich, aber das am Rande. Ist die Kirchensteuer in Deutschland wirklich etwas Heiliges? Es ist wohl so!

Für die französischen Bischöfe ist Kirchensteuer kein Ideal, sie unterstützten ausdrücklich die laicité der französischen Republik, diese laicité ist, noch einmal, nicht identisch mit dem bei deutschen Wissenschaftlern üblichen Kampfbegriff „Laizismus“. Man studiere nur, wie die zahlreichen katholischen Privatschulen vom Staat mit finanziert werden, wie es Militärseelsorge gibt, wie der Staat kleinere Tageszeitungen, wie die katholische Tageszeitung La Croix. Manchmal möchte man sogar meinen, der französische Staat überschreitet seine gsetzlichen Grenzen, wenn er unentwegt auch jetzt dafür sorgen will, dass die vielfältigen muslimischen Verbände eine einheitliche Organisation (nach dem Vorbild der Kirchen!) schaffen.

Die Inhalte der französischen laicité in Frankreich hätten auch weiter diskutiert werden können, wenn es um die Frage geht: Sollte die demokratische Republik angesichts der Gefahren, die ihr jetzt von Rechtsradikalen drohen (die diese Demokratie abschaffen wollen), nicht in aller Deutlichkeit ihre eigenen demokratischen, republikanischen Werte nach außen darstellen, vermitteln, ich möchte sagen: propagieren und verteidigen? Um Schlimmstes zu verhindern, nämlich die Abschaffung der Demokratie durch die Wählerstimmen einer Mehrheit? Ist die Demokratie wirklich schutzlos? Ich meine, zumindest am Ursprung der Trennung von Staat und Kirchen in Frankreich gab es die Idee mit konkreten Vorschlägen, diese Republik inhaltlich zu verteidigen, etwa in den Schulen des Staates usw. Angesichts der neuen Bedrohung des Demokratie durch rechtsradikale Kräfte, populistische Parteien usw., ist es dringend nötig, dass sich die Demokratie nicht darauf beschränkt, nur das freie Spiel aller Kräfte zu ermöglichen. Diese Frage wird auch nicht umfassend in dem Buch diskutiert, leider. Angedeutet wird das Problem: Was denn einen Staat „im Innersten zusammenhält“ (208). Das Thema „Zivilreligion“ wird nur kurz erwähnt und als Möglichkeit pauschal abgewiesen (209).

Damit wird das Thema von Ernst – Wolfgang Böckenförde relevant, dessen (rätselhafter, aphoristischer) Spruch (von 1964, publiziert 1967): „Der freiheitliche, demokratische Staat lebt von Voraussetzungen die er selbst nicht garantieren kann“ (zit. S. 189) allmählich fast formelhaft auch heute permanent zitiert wird. Horst Dreier bietet dazu eine umfassende Analyse, etwa, dass diesen Gedanken in ähnlicher Form der Philosoph Joachim Ritter schon vorher geäußert hat (S. 195). Interessant ist, dass Dreier zeigt: Böckenförde hat selbst auch später kaum präzise sagen können, wie denn diese (geistigen) Voraussetzungen aktiviert werden können, um den demokratischen Staat in seinem (Über)Leben zu stützen…Auch Rawl und Habermas haben sich mit dem Thema „herumgeschlagen“. Dreier selbst betont am Schluss: „Ohne die Grundrechtsaktivität der Bürger, ohne anhaltendes politisches und gesellschaftliches Engagement, ohne die Fähigkeit zum friedlichen Austrag von Konfliten wird eine freiheitliche demokratische Ordnung auf Dauer nicht bestehen könne, das scheint mir sicher“ (214). Dreier vertraut auf die geistige Kraft der Diskussion, des wohlgeordneten Dissens, wie er schreibt. Bloß was tun, wenn der Dissens so groß geworden ist, dass viele Akteure etwa in der AFD, bei le Pen etc. nicht mehr erreichbar sind? Da wäre weiter zu forschen und aller praktische Nachdruck eben auf die „Grundrechtsaktivität der Bürger“ zu setzen als Überlebenshilfe der Demokratie.

Sehr erhellend sind die Ausführungen zur viel diskutierten Frage nach dem Gottesbezug in der Präambel der bundesdeutschen Verfassung. Da ist von einem „Gott“ die Rede, nicht von dem konfessionell geprägten christlichen dreifaltigen Gott wie etwa in Irland. Für Historiker ist interessant das Kapitel über die Verfassungsgeschichte der Religionsfreiheit in Deutschland….

Bedauerlich bleibt, wie schon gesagt, die hohe abstrakte Distanz zu aktuellen und dringendsten Fragen, etwa zum Islam, zur Zunahme des Rassismus und Antisemitismus. Der Umgang mit dem abstrakten Begriff „der Staat“ bei Dreier ist auch problematisch: Denn der Staat das sind immer historisch –kulturell bestimmte Bürger. Aber welche Bürger prägen den Staat, machen die Gesetze. Da hätte ein Bezug gerade jetzt im Jahr des Gedenkens an Karl Marx sehr gut getan, dass es eben doch die führenden Klassen sind, also auch die Eigentümer, die den Staat und seine Gesetze bestimmen! Ob Deutschland ein Klassenstaat ist, wäre doch die Frage, die manche Forscher zurecht mit einem großen „leider“ Ja, positiv, beantworten müssen. Man denke nur an aktuelle Beispiele, an den staatlichen Umgang mit Autoproduzenten, der ständigen staatlich verfügten Reduzierung der Hartz IV Leistungen, der Abschreckung von Flüchtlingen durch entsprechende Aufnahme-Heime, der förmlichen „Heiligsprechung“ „des“ Eigentums usw. Dieser Staat ist er noch ein Sozialstaat? Das wäre doch eine Frage für Horst Dreier, die er leider überhaupt nicht berühren will. Aber sie muss diskutiert werden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Horst Dreier, Staat ohne Gott. Religion in der säkularen Moderne. C.H.Beck Verlag, München, 2018, 256 Seiten, 26,95 EURO

Berliner Realismus: Über das unsoziale Berlin um 1925. Eine Ausstellung im Bröhanmuseum

Eine Ausstellung im Berliner Bröhan Museum, die man nicht versäumen sollte.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Bis zum 17. Juni 2018 haben alle an der Berliner „sozialen (Un-)Kultur“ Interessierten noch eine Chance, die sie nicht verpassen sollten: Das schöne Bröhan Museum in Charlottenburg, Schloßstr.1a., bietet bis zum 17. Juni noch die – ohne Übertreibung – hervorragende Ausstellung “Berliner Realismus“ in den zwanziger Jahren, also in den angeblich goldenen Zwanzigern, die für so viele, wohl die meisten Berliner, lebensmäßig und sozial gesehen eher düstere Jahre des Elends, der Ausgrenzung, waren. Jahre, in denen sich Rechtsradikale immer mehr breit machten und die Demokratie auslöschten.

Zwischen den beiden Weltkriegen also wird das Berliner Armuts – Leben dargestellt, von Künstlern, die angeblich alle schon von Kennern tausendmal „besichtigt“ wurden; aber diese Arbeiten müssen immer wieder neu entdeckt werden: Um der eigenen Erweiterung und Sprengung des Horizonts willen. George Grosz also, Käthe Kollwitz, Otto Dix, Hans Baluschek und auch Heinrich Zille sind da vertreten und mit anderen Künstlern in etwa 200 Exponaten zu studieren! An die asoziale Schmäh Kaiser Wilhelm des Zweiten wird erinnert, der sozialkritische Kunst dumm und arrogant „Rinnsteinkunst“ nannte: Damit wird schon das Feld eröffnet, das Feld des Gegeneinanders von wenigen herrschenden, sich abkapselnden Etablierten und den allzu vielen, minderwertig genannten, den „Arbeitskräften“, den Proletariern, Armen, Bettelnden, Hungernden in einer Stadt, die vor Luxus und Dekadenz auch damals -in Mitte, Wilmersdorf etc.  – nur so strotzte. Wie heute. Nebenbei: Wie kommt es, dass auf diese WILHELM Kaiser (“Rinnsteinkunst”) immer noch dem Titel nach eine zentrale evangelische Kirche in Berlin benannt ist, selbst wenn sie heute oft nur neutralisiert und fast schon schamhaft “Gedächtniskirche” heißt. Aber wem gilt das Gedächtnis? Wohl kaum den arm Gemachten damals und heute. War denn Kaiser Wilhelm (1.) ein so vorbildlich Heiliger, dass man heute noch ihm zu Ehren eine Kirche benennen muss? Aber das ist ein anderes Thema. Ich empfinde jedenfalls diesen offiziellen Titel dieser Kirche heute als theologische Schande. Hoffentlich bin ich nicht der einzige… Es ist eine theologische und spirituelle Ignoranz, an diesem Titel dieser Kirche immer noch festzuhalten! Denn Kaiser Wilhelm der Erste war alles andere als ein Friedensfreund und ein Kämpfer gegen Kolonialismus und Rassismus.

Eine philosophische und deswegen gar nicht überflüssige Frage im Zusammenhang der Ausstellung: Waren die Armen damals ärmer als die Armen heute? Geht es also den Armen in Deutschland, in Berlin, heute besser als den Armen im Jahr 1925? Diese philosophische Frage drängt sich förmlich auf: Man könnte ja sagen, die Armen heute haben doch ihr Hartz IV, schlimmstensfalls ihre Suppenküchen und Kleiderkammern, sie haben ihre (engen) Wohnungen sehr fern ab von der City. Aber sie hungern nicht, meistens. Der Sozialstaat kümmert sich und überlässt den Ehrenamtlichen die soziale praktische Hilfe. Und die Kirchen (die Freiwilligen) machen da gern mit der Entlastung des eigentlich geforderten “Sozial – Staates”…Die Kirchen helfen also mit,  dass der Staat so bleibt wie er ist…Sozial? (Nebenbei: Stadtentwicklungssenatorin Kathrin Lompscher teilte Anfang Juni 2018 in einer Studie mit: “Berlin ist für die Studie in 447 Gebiete aufgeteilt. Für etwa zehn Prozent(44 Gebiete) ergibt sich im Untersuchungszeitraum ein sehr niedriger sozialer Status. Sie gelten als “Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf und sollen in der Stadtentwicklungsplanung besonders berücksichtigt werden. Überraschend ist dabei, dass lediglich vier der 44 genannten Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf im Osten Berlins liegen. Quelle: Audio: Inforadio RBB | 07.06.2018 | Sebastian Schöbel)

Noch einmal: Der Vergleich damals – heute muss sich auf die unterschiedlichen Lebensverhältnisse und die sozialen, ökonomischen Bedingungen beziehen: Da sind die heutigen Armen auch aktuell vergleichsweise gegenüber den “Wohlhabenden heute” sehr benachteiligt. Denn es ginge ja prinzipiell auch anders in einer sozialen Sozialpolitik in diesem an sich ultra reichen Land. Die Armen (und ihre Kinder) könnten heute prinzipiell bessere Lebenschancen haben, wenn die Politiker es nur möchten….Und so sind die heutigen Armen, beim Respekt der historischen Differenz zum Berlin von 1925, letztlich „genauso“ arm wie die Armen damals, die Kollwitz, Baluschek und andere in ihren Werken darstellten. Mit anderen Worten: Es ist bei einem reflektierten Vergleich kein Fortschritt zu sehen hinsichtlich der Armut damals und heute.

Und das ist  wichtig: Man darf die Ausstellung nicht also verlassen in der frohgemuten Überzeugung: Gott sei Dank sind die heutigen Armen nicht mehr so arm wie die Armen damals. Die heutigen Armen bräuchten so wenig wie die damaligen Armen arm sein, wenn es eine gerechte Sozialordnung in einer Demokratie gäbe. Die gibt es aber weder heute noch damals. Nur mit dem Unterschied, dass uns die heutigen Künstler und Maler Kollwitz, Dix und Grosz einfach fehlen, sie sind nicht da: Oder kann mir jemand einen prominenten und teuer gekauften Maler nennen, der Armut und Arme und Klassenkampf in Berlin und Deutschland heute darstellt? Bitte melden, falls dies der Fall ist. Die meisten “teuren” und deswegen angesehenen Künstler, was nicht auf ihre Qualität schließen lässt, malen anderes, etwa Farbwogen und Farbwellen, Kleckse und verschlüsselte Symbole, um es mal etwas durchaus polemisch – zugespitzt zu sagen: Auch zu solchen Gedanken führt wie von selbst die Ausstellung im Bröhan Museum.

Was mir immer auffällt: Natürlich kann eine Kunstausstellung nicht auch eine literarische, philosophische oder theologische Ausstellung sein, die auch diese Aspekte kulturellen Lebens mit berücksichtigt. Aber weiter führend wäre es doch, wenn dies gerade an dem Thema sichtbar geworden wäre: Was taten eigentlich die Kirchen mit den Armen und für die Armen in Berlin damals? Nach meiner Kenntnis recht wenig, abgesehen von Sonderorganisationen wie der “Stadtmission” oder dem einzigartigen katholischen Pfarrer Dr. Carl Sonnenschein. Ihn schätzte Elsa Lasker Schüler oder Kurt Tucholsky! Warum erwähnt man das nicht zur Vervollständigung wenigstens am Beispiel zweier Kunstwerke, Fotos etc. Immerhin hatte der junge evangelische Theologe Paul Tillich eine Sensibilität  für die materielle Armut der Armen in Berlin….Aber das Ausblenden dieses Themas (Religionen, Kirchen, Philosophien) fällt mir immer mehr auf. Das Ausblenden des explizit Religiösen oder Philosophischen ist, sorry,  sicher auch Ausdruck der Mentalität der „Macher“: Bei diesen explizit „religiösen“ Sachen sei ohnehin nichts zu „holen“, meinen sie. Aber diese Überzeugung, aus Unkenntnis und Vorurteil, ist falsch!

Die Kirchen jedenfalls waren wohl selbst in den Arbeiterbezirken eher bürgerlich, eher fürsorglich, nicht sozialkritisch mit Armen beschäftigt. Man schreibe einmal die Geschichten der Kirchengemeinden in Wedding, Friedrichshain oder Neukölln, wäre spannend. Macht leider auch niemand…

Von der Philosophie in Berlin damals in dieser Hinsicht  (!) wollen wir lieber schweigen: Mir ist kein prominenter Philosoph der Berliner Universität bekannt, der Armut als Thema einer sozialkritischen Theorie gemacht hätte. Der immer noch so verehrte, bald “selig gesprochene” (d.h. Katholiken dürfen ihn dann im Himmel um Beistand bitten!) katholische Theologe und Religions-Philosoph Romano Guardini redete an der Uni Unter den Linden lieber feinsinnig über Rilke als über den “Charme” der dunklen krankmachen Hinterhöfe… Und Marxisten waren damals eher nur in den Parteien zu finden. Da hat sich heute einiges verändert, man denke an das weite vielfältige Umfeld der „Frankfurter Schule“. Vielleicht gibt es also doch einen ganz kleinen Fortschritt…Vielleicht  auch mal in der Berliner Welt der Ausstellungsmacher…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Neokatechumenale Katholiken jubilieren in Berlin am 9. und 10. Juni 2018: Sie bekehren seit 40 Jahren die Hauptstadt

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wer den Zustand der römisch – katholischen Kirche, auch in Berlin, philosophisch und theologisch verstehen will, muss sich mit den immer mächtiger werdenden so genannten „neuen, weltweit tätigen geistlichen Gemeinschaften“ befassen, zu denen vorwiegend Laien gehören, die aber selbstverständlich immer brav unter Führung des Klerus leben dürfen. Dazu gehören etwa das Opus Dei, die katholischen Charismatiker (wie Emmanuel, Chemin Neuf etc.), die Legionäre Christi mit ihrem Regnum Christi oder eben auch die Neokatechumenalen. Sie können mit tausenden von Mitgliedern weltweit aufwarten, sie haben 20.000 „Ortsgruppen“, etwa 100 eigene Priesterseminaren weltweit usw.

Kurz gesagt bedeutet ihr Titel: Alle Katholiken brauchen eigentlich eine neue („neo“) Katechese, also eine neue und bessere Glaubensunterweisung. Und die kann unter Leitung dieser Organisation Jahre dauern, ehe man alle Feinheiten des offiziellen römischen Katechismus (auswendig) gelernt und vielleicht auch verstanden hat. „Unsere Theologie ist der Katechismus“, sagte mir in einem Interview voller Stolz ein Neokatechumenaler: Also Theologie wird bei diesen, eher dann theologisch gesehen schlichten, Gemütern gleichgesetzt mit der offziellen, total eindeutigen Lehre des dickleibigen Katechismus. Einpauken und sich religiös bestimmen lassen, ist also das Motto. Soviel nur zur Begriffserklärung.

Nun wird also im katholischen Berlin wieder mal gejubelt und Gott gedankt: 40 Jahre sind die Neokatechumenalen in Berlins katholischer Kirche tätig. Da werden am 9. und am 10. Juni 2018 Pontifikal-Ämter gefeiert mit Kardinälen;  Kardinal Cordes aus Rom wird dabei sein, der eng mit dieser am theologisch rechten Rande angesiedelten Gruppe seit Jahren verbandelt ist.  Auch einer der Gründer dieser inzwischen international mächtigen Organisation kommt nach Berlin, KIKO Argüello; er führt seine eigene Komposition auf, „Das Leiden der Unschuldigen – im Gedenken an die Shoa“. Damit soll die Nähe des Neokatechumenalen Wegs mit „dem“ Judentum deutlich werden. Diese Beziehung Neokatechumenale und Judentum wird in der interessierten Öffentlichkeit kaum beachtet: Denn die Liebe zu den „jüdischen Wurzeln“ ist in diesen Kreisen sehr hoch, wird aber in katholische Zusammenhänge eingespannt:

Für den Religions-Spezialisten Sandro Magister „ist diese Gruppe sicherlich die am meisten pro-Israel eingestellte Gruppe innerhalb der neuen geistlichen Gemeinschaften“ (in: Bernhard Sven Anuth, Der neokatechumenale Weg, Echter Verlag 2006, Seite 225). Ausdrücklich wird dann auch auf die Nähe der Neokatechumenalen zu der ultra-orthodoxen jüdischen Bewegung der Lubavitch verwiesen, ebd. Jedenfalls haben die Neokatechumenalen ein riesiges, monströs wirkendes Zentrum (auf 30.000 Quadratmetern Grundstückfläche) als „domus Galilaeae“ auf dem Berg der Seligpreisungen in Israel mit viel materiellem Aufwand errichtet: „Bereits die Errichtung der Domus Galiaeae wurde in Zusammenhang mit Endzeitprophetien gebracht, laut denen der Neokatechumenale Weg die Wiederkunft des Herrn auf dem Berg der Seligpreisungen erwarte. Ein ausgedehnter symbolisch aufgeladenen Gebäudekomplex ganz eigener Art, der Außenstehenden schwer entzifferbar ist.“ (Quelle: ebd.) Offenbar wird dort die Wiederkunft Jesu Christi erwartet. Jedenfalls soll jeder Neokatechumenale einmal in seinem Leben diesen Berg mit seinem eleganten monströsen Zentrum besuchen, berichtet Anuth (S. 225).

Viele Katholiken in Berlin, aber nicht nur dort, haben angesichts des 40 jährigen Bestehens der Neokatechumalen in Berlin (in anderen Ländern sind sie seit 50 Jahren tätig) keinen Grund zur Freude: Sie haben aufdringliche neokatechumenale Missionare erlebt, haben erlebt, wie in ihren Gemeinden Spaltungen geschahen zwischen den besseren „Neos“ und den eher noch „unentwickelten“ normalen Gemeindemitgliedern. 36 Priester der Neokatechumenalen wurden bisher für ihre Arbeit in der Erzdiözese Berlin ausgebildet, so dass man sagen kann: Fast alle noch nicht ganz alten Priester sind „Neos“ mit dem entsprechenden theologischen Horizont. Nichts aber auch gar nichts ist von diesen Priestern in einer größeren öffentlichkeit zu vernehmen, zu politischen Fragen, zu Fragen der globalen Gerechtigkeit, zur Ökologie ist viom Neokatechumenat nichts zu vernehmen. Alles dreht sich nur um die totale Glaubensvermittlung.

Es ist dieser Klerikalismus, der etlichen Katholiken an den Neos überhaupt nicht gefällt: Anstatt Laientheologen und Laientheologinnen die Leitung einer (priesterlosen) Pfarrgemeinde zu übergeben, werden konservativ denkende, treu-römische junge Priester unters Volk gebracht. Der Klerikalismus soll unter allen Umständen absolut überleben. “Priester zuerst”, heißt das Motto, das man nationalistisch gefärbt aus anderen Kreisen kennt. Man höre sich in den Gemeinden um, wie viel Abwehr und Entsetzen über diese jungen neokatechumenalen Priester besteht und bestand. Ich habe als Journalist damals mit Mühe Intervies machen müssen, es waren Leidensgeschichten, die mir von sehr seriösen engagierten Katholiken vorgetragen wurden. Viele haben sich dann frustriert zwar, aber für die eigene seelische Gesundheit klugerweise von den neokatechumenal geprägten Gemeinden (und darüber hinaus wohl von dieser Kirche) getrennt usw…

Ich habe seit ca. 15 Jahren für ARD Sender über die Neokatechumenalen berichtet und vieles auch auf meiner Website publiziert; diese 5 Beiträge finden viele Zugriffe! Auch mit O Tönen Neo – geschädigter Pfarrer oder offizieller Propagandisten, wie dem heutigen Weihbischof Puff in Köln, usw. Klicken Sie hier.

Es wird also in Berlin gejubelt. Aber wie üblich im katholischen Milieu fehlt jede selbstkritische Information schon im Vorfeld. Erzbischöfliche Pressestellen bieten nun  einmal als missionarische Verlautbarungsorte keine Hintergrundinformationen. Journalismus in Abhängkeit von der Kirche verkommt zur Verlautbarung des offiziell Genehmigten. Und viele Zeitungs-Leser, die nichts anderes lesen als die nachgedruckten Pressemitteilungen, glauben dann, wie wunderbar doch alles in der Kirche läuft. Dabei wird die Kirche insgesamt neo-katechumenal, opus dei abhängig, charismatisch etc.. Einen „normalen“ katholischen Glauben gibt es nicht mehr, alles ist irgendwie zusätzlich mit Sonderlehren usw. übertüncht…Das wären Themen für Theologen an den Universitäten…

Es wird auch in der offiziellen Presseaussendung zu den Berliner Jubelfeiern verschwiegen, dass Papst Franziskus mehrfach diese machtvolle Organisation kritisiert hat: So etwa am 5. Mai 2018 sagte er diesen Herren und Damen, die sich überall als Missionare, also als Verbreiter des in Rom verfassten Katechismus, einmischen und breitmachen: “Love the cultures and traditions of peoples, without imposing pre-established models. Do not start from theories and fixed mindsets, but from concrete situations: it will thus be the spirit who shapes the proclamation according to his times and his ways. And the Church will grow in his image: united in the diversity of peoples, gifts and charisms, the pope said at the event“.

Der Papst dachte wohl auch an den mit den Neokatechumalen verbundenen Erzbischof Anthony Sablan Apuron von der Insel Guam, der wegen sexueller Aggressionen an Kindern angeklagt wird und vom Papst suspendiert wurde. Wie in vielen anderen Teilen der Welt haben sich die wenigen noch kritisch – progressiv verbliebenen Katholiken auch von Guam explizit gegen die Neokatechumenalen gewandt und den Bischöfen in der Nachbarschaft geschrieben: “We strongly suggest that you do not allow this heretical sect to enter your diocese. They have caused so much division within our Archdiocese of Agana, pitting family members against each other, when some members of a family join the NeoCathWay, while other members continue to practice their Catholic faith in the way their parents and grandparents have raised them. Dieses Urteil von Katholiken kehrt immer wieder in einer aufmerksamen Lektüre: Die Neokatechumenalen sind eine häretische Sekte…

Quelle:https://eu.guampdn.com/story/news/2017/03/25/guam-group-warns-other-islands-neocatechumenal-way/99295048/)

In Frankreich untersucht ein Psychotherapeut die sektierisch – zerstörerischen Tendenzen in der Organisation der Neokatechumenalen, siehe: http://www.psychologue-clinicien.com/sectaire.htm

Überall gibt es Proteste gegen diese Neos und sogar Selbsthilfe Gruppen auch für Aussteiger; in Spanien gibt es viel beachtete Organisationen mit eigenen websites, die das Sektiererische der Neokatechumenalen in der spanisch sprechenden Welt freilegen:

http://laverdaddeloskikos.blogspot.de/

und: http://caminoneocatecumenalsecta.blogspot.de/

Für einen kritischen Beobachter, der Journalist und Theologe ist, bleibt das Urteil: Diese Jubelfeier in Berlin hat etwas Verlogenes, sie preist eine Gruppe, die nur deswegen von vielen Bischöfen (manchmal wohl stillschweigend) respektiert wird, weil sie Kleriker stellt und keine kritische Theologie zulässt. Die Kirche setzt also auf diese engstirnigen dogmatischen Kreise, und sie setzt dabei zumindest in Europa auf ihren Weg ins Getto, mag die Kirche finanziell jetzt noch stark sein.

Und die Juden sollten sich überlegen, wenn man als Außenstehender das sagen darf, ob sie bei den Neokatechumenalen wirklich Christen finden, die den eigenen Weg jüdischen Lebens außerhalb jeglicher Missionsabsicht schätzen und diese Ablehnung jeglicher Judenmission auch öffentlich sagen. Man frage also KIKO in Berlin: Sind die absolut und explizit auch öffentlich gegen die Mission von Juden? Wir wollen es hoffen!

Papst Franziskus sagte am 5. Mai 2018 zu den Neokatechumenalen: „Nur eine Kirche, die von Macht und Geld gelöst ist, die von allen Formen des Triumphalismus und des Klerikalismus frei ist, bezeugt auf glaubwürdige Weise, dass Christus den Menschen befreit.“

Gar nicht so “nebenbei”: Über die Finanzen der Neos wäre eigens zu reden, etwa über den immer wieder erwähnten Druck und  Zwang zum sehr großzügigen Spenden unter den Mitgliedern….

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Damit die Endzeit anbrechen kann: Auch Guatemala und Paraguay eröffnen ihre Botschaften in Jerusalem

Ein Hinweis von Christian Modehn am 22.5. 2018

Damit sich die US Behören in ihrer neuen Botschaft in Jerusalem nicht so isoliert fühlen, könnte man denken, haben ein paar Tage später freundlicherweise die Präsidenten von Guatemala und Paraguay ebenfalls ihre Botschaften in der „heiligen Stadt“ eröffnet.

Diese politische Aktion muss nicht nur einem üblichen Kalkül entsprechen, dass die USA und auch Israel den beiden lateinamerikanischen Staaten finanziell und militärisch weiterhin sehr beistehen. Und, was dazu gehört, helfen, oppositionelle Gruppen auszuschalten.

Klar ist, dass der Präsident von Guatemala, Jimmy Morales, ein bekennender Evangelikaler ist, 41 % der Guatemalteken nennen sich evangelisch. Einst war das Land nominell katholisch mit starker Präsenz indigener Religionen… Die politischen Verhältnisse in Guatemala sind bekanntermaßen verheerend schlecht. Nur ein Zitat aus dem Bericht von Amnesty International: „Menschenrechtsverteidiger wurden auch 2016 weiterhin bedroht, stigmatisiert, eingeschüchtert und angegriffen. Laut Angaben der Menschenrechtsorganisation UDEFEGUA (Unidad de Protección a Defensoras y Defensores de Derechos Humanos Guatemala) wurden 14 Menschenrechtsverteidiger getötet. Besonders Menschenrechtsverteidiger, die sich für den Umweltschutz engagierten, waren von Angriffen bedroht. Menschenrechtsverteidiger, die sich für Landrechte, indigene Territorien und Umweltschutz einsetzten, waren mit Verleumdungen und Versuchen konfrontiert, sie als Straftäter zu brandmarken. Quelle: AI https://www.amnesty.de/jahresbericht/2017/guatemala. Auch der frühere Präsident Efrain Rios Montt und Massenmörder (er wurde verurteilt, dann aber wurde das Urteil wie so oft üblich dort wieder aufgehoben) war ein Evangeikaler, befreundet mit den einschlägigen US Pastoren Pat Robertson und Jerry Falwell.

Auch der Präsident Paraguays Horacio Cortes ist ein alter Freund Israels, die Evangelikalen in Paraguay haben mehrfach ausdrücklich die Bürger aufgefordert, für diesen frommen Präsidenten zu beten. Im August 2018 endet seine Amtszeit… Israel leistet dank der Vermittlung von Cortes in Paraguay Militärhilfe usw.

Aber interessanter ist: Diese Evangelikalen, geprägt von Pastoren in den USA, denken in wirren Begriffen, die sie dem Buch der Apokalypse des Johannes entnehmen. Das Katastrophale ist nur: Diese frommen Politiker setzen diese wirren Bilder und Begriffe in politisches Handeln um. Sie glauben: Die definitive Entscheidungsschlacht, die letztlich das endgültige Reich der Herrschaft Christi befördert, findet im Ort Armageddon statt. In der konfusen „Theologie“ der Evangelikalen kann diese definitive blutige Entscheidungsschlacht aber nur stattfinden, wenn Israel zu einem biblischen Großreich wiederhergestellt ist. Diese Evangelikalen brauchen also für ihren eigenen Christus – Glauben den Staat Israel als starken Staat. Sie verschweigen aber dabei, dass die Juden im Falle des Endsieges nur als bekehrte (zum Christentum konvertierte) Juden eine Chance zum Überleben haben. Alle anderen Juden wandern diesem Wahn entsprechend in die Hölle. Die nationalistischen Juden in Israel sollten sich also nicht zu früh freuen über alle Umzüge von Botschaften und der von Evangelikalen dick aufgetragenen „Liebe“ zu Israel.

Zwei Dinge sind vor allem skandalös:

Dass dieses wirre Buch Apokalypse des Johannes immer noch zum Corpus des Neuen Testaments gehört. Einige liberale Theologen, ich auch, plädieren dafür: Raus mit diesem wirren Text, den man nur mit 10 umfangreichen Kommentaren verstehen kann. Diese Mühe machen sich die Evangelikalen bekanntlich nicht, sie lesen die Bibel wortwörtlich, wie einen Zeitungsbericht. Die „Tugend“ der Dummheit ist dort groß geschrieben.

Skandalös ist auch, dass im Rahmen der diplomatischen Umzüge jetzt nach Jerusalem meines Wissens gar nicht ausführlich genug auf den biblischen Background bei Herrn Trump und seiner so ergebenen evangelikalen Wählerschar aufmerksam gemach wurde. Das ist politische Theologie, die da umgesetzt wird, auch sein alter Berater, der Katholik, Steve Bannon, denkt in diesen Wahnbegriffen.

Diese sich religiös und ultra fromm nennenden Leute gefährden die Welt, sie bereiten Kriege vor, welche kritisch gebildeten Christen sind noch bereit, für die Vernunft zu kämpfen? Wer greift diese verblendeten evangelikalen und charismatischen und oft auch pfingstlerischen Leute noch argumentativ an? Wer geht vor gegen Trump und Co.?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Magnus Hirschfeld: 150. Geburtstag: Homosexualität ist normal.

Am 14. Mai vor 150 Jahren wurde der Sexualwissenschaftler und Gründer eine homosexuellen “Bewegung” Magnus Hirschfeld geboren. Er war ein Aufklärer, ein Wissenschaftler und Arzt, der einen kulturellen “Durchbruch” schaffte, auch wenn es weltweit immer noch sehr viele Staaten gibt, die Homosexuelle ausgrenzen, verfolgen und töten.

Ich möchte aus diesem Anlass, aus dem Gedenken an Magnus Hirschfeld, auf meine Beiträge hinweisen, die hier publiziert wurden zu dem nach wie vor aktuellen Thema: “Der § 175 besteht in der römisch – katholischen Kirche noch immer”.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Zisterzienser Mönche kommen nach Neuzelle, Brandenburg

Die neuen Mönche von Neuzelle wurden ausgebildet in einer extrem konservativen Theologie

Hinweise von Christian Modehn

Sind es Geschichten aus dem Wienerwald, die bald im brandenburgischen Ort Neuzelle erzählt werden? Wenn schon, dann bitte umfassend! Denn bisher haben sich die Medien, die offiziell kirchlichen sowieso, nicht die Mühe gemacht, das „Heimatkloster“ der neuen Mönche von Neuzelle kritisch zu untersuchen. Denn das Heimatkloster Heiligenkreuz bei Wien (in der unmittelbaren Nachbarschaft: das bekannte Mayerling mit Erinnerungen an Kronprinz Rudolf und seine Geliebte Mary) mit seiner philosophisch – theologischen Hochschule kann, theologisch betrachtet und das ist immer wissenschaftlich – kritische Betrachtung -, kaum als Beispiel für eine die heutige Gesellschaft und Kirche inspirierende Institution gelten.

Zusammenfassend gesagt: Es ist der Geist von vorgestern, der in dieser Bildungsstätte für Priester und Mönche herrscht, selbst wenn oder gerade weil sich diese Hochschule mit dem Titel „Benedikt XVI.“ schmückt. Aber die Theologie des EX- Papstes Josef Ratzinger ist ja bekanntlich auch nicht ein Inbegriff der Moderne. Ob dieser Geist von vorgestern den Brandenburgern rund um Neuzelle schließlich hilfreich ist für ihre Lebensgestaltung mit allen Problemen der Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, AFD – Bindungen usw…. wird sich zeigen.

Fest steht jedenfalls: Am 20. August 2018 werden 6 Mönche des Zisterzienser Klosters Heiligenkreuz nach Neuzelle entsandt. Sie sollen ein leer stehendes barockes Kloster in atheistischer Umgebung neu beleben. Missionieren? Dies sicher auch. Wer wird sich darüber freuen, vielleicht über die eher folkloristisch und touristisch bedeutende Anwesenheit von 6 Mönchen auf mittelalterlichen Grund und Boden in einer barocken Kirche? Man wird sehen.

Sehr volkstümlich geben sich die Mönche aus dem Wiener Wald, wenn sie z.B. Motorräder segnen. Die teuren Zweiräder brauchen doch den Segen Gottes, damit sie dröhnend durch die Städte donnern. Technische Geräte also werden, wie so oft, offiziell kirchlich mit Weihwasser und Weihrauch, mit großem Tam Tam, gesegnet. Aber nicht aber alle Menschen, etwa homosexuelle Paare. Ausgrenzungen sind katholischerseits üblich. Dabei nennt sie sich katholisch, d.h. allumfassend. Ist sie aber de facto nicht…

Und damit sind wir bei einem der Dozenten, die an dieser Hochschule Jahre lang ihr moraltheologisches Wissen verbreiteten, nämlich Weihbischof Andreas Laun aus Salzburg. Er wandte sich kürzlich wieder gegen die Ehe von Homosexuellen: Der Segen für katholische Homosexuelle –Paare, so sagte der Heilgenkreuzer Theologe, „ist ein Segen für die Sünde. So, wie man auch kein KZ segnen darf“.

Inzwischen ist Bischof Laun altersbedingt (75 Jahre) als Dozent aus Heiligenkreuz ehrenvoll verabschiedet worden. Aber immerhin: Sein Denken hat die jungen und älteren Mönche dort geprägt. Überhaupt: Was hat eigentlich ein Amtsträger, ein Bischof, als Dozent an einer theologischen Hochschule zu suchen?

Damit sind wir bei der besonderen Konzeption von Theologie, wie sie in Heiligenkreuz betrieben wird. Es ist die Theologie, die dem großen Förderer dieser Hochschule, Papst Benedikt XVI., so wunderbar gefällt: Es ist, so wörtlich, „die kniende Theologie“, die im Gebet auf kritische Erkenntnis hofft. Ist der Titel der Hochschule „Benedikt XVI“ eine Art vorweggenommene Heiligsprechung? Oder ein implizites Nein Zu Papst Franziskus? Vielleicht! Natürlich war Ratzinger dort schon öfter zu Gast und als Papst hat er auch nicht nur kurz vorbeigeschaut.

Überhaupt scheint die Akzeptanz für Papst Franziskus in Heiligenkreuz alles andere als ausgeprägt zu sein: Gastprofessor Thomas Stark (aus St. Pölten), ein Philosoph, hatte kürzlich ein Papier unterzeichnet, das Papst Franziskus tatsächlich der Irrlehre, der Häresie, überführen wollte… Die Leitung der Kloster Hochschule Heiligenkreuz hat sich von ihrem Dozenten Stark dann distanziert, Beobachter nannten die Distanz eher halbherzig. https://diepresse.com/home/panorama/religion/5306834/Heiligenkreuz-distanziert-sich-von-Papstkritik

Schon früher fühlten sich an der Hochschule extrem – konservative Dozenten wohl, wie Robert Prantner (der FPÖ nahe stehend) und Ferdinand Holböck, die beide mit dem obskuren katholischen Engelwerk verbunden waren, das Engelwerk, gegründet von der Seherin Gabriele Bitterlich und ihrem „Kreuzorden“. Diese esoterische „Sekte“, sagen kritische theologische Beobachter, wurde dann selbst Papst Johannes Paul II. zu spinös: Das Engelwerk musste sich nach außen hin theologisch erneuern. Aber in Heiligenkreuz haben eben Engel – Werk – Leute künftige Priester ausgebildet…

Wir können hier nur an die Fülle der objektiven Einschätzungen durch Journalisten und Theologen in Österreich erinnern. Das Magazin PROFIL schrieb zum Beispiel: „Die Heiligenkreuzer müssen sich die Einschätzungen ,konservativ, traditionalistisch und ,theologisch konventionell schon gefallen lassen. Ich weiß auch gar nicht, was sie dagegen haben“, so Pfarrer Helmut Schüller, der Sprecher der „Pfarrerinitiative“: Die Forderungen der Kirchenreformer – Abschaffung des Zölibats, Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene, Zulassung von Frauen zum Priesteramt und Stärkung der Laien – gelten in Heiligenkreuz als frevelhaftes Minderheitenprogramm“. Hingegen sagt Pater Karl Wallner vom Kloster Heiligenkreuz: „Wir wollen eine lebendige Kirche mit Freude am Glauben. Es ist nur eine kleine Gruppe, die derzeit ihren Kirchenfrust auslebt. Quelle: https://www.profil.at/oesterreich/wie-stift-heiligenkreuz-think-tank-369997

Aber bei der allgemeinen Rolle rückwärts in der römischen Kirche erstaunt es nicht, dass die Hochschule (sie besteht in irgendeiner Form seit mehr als 200 Jahren) sehr viele Studenten, meist Kandidaten fürs Priestertum, aus allen Teilen der deutschsprachigen Welt anzieht. Und dort werden Theologen und Philosophen dann zu Dozenten ernannt, die – mit Verlaub gesagt – an staatlichen Fakultäten nicht eine allzu steile Karriere machen könnten.

Jetzt sollte in Heiligenkreuz ein neuer wissenschaftlicher Start gewagt: Durch die Herausgabe eines Jahrbuches mit dem Titel: „Europa eine Seele geben“. Die Spezialistin für den katholischen Religionsphilosophen Romano Guardini, Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, bezeichnenderweise auch sie eine Dozentin in Heiligenkreuz, hat das Jahrbuch mit-herausgegeben. Zu den Autoren dieses Buches gehören u.a. Kardinal Gerhard Ludwig Müller, nicht gerade ein Freund von Papst Franziskus und der von Papst Benedikt hoch geschätzte Sekretär, Erzbischof Georg Gänswein….Sie alle vertreten die „kniende Theologie“… Zu den Dozenten dort gehört auch der Multimillionär Dr.Dr. Peter Werner Maria Löw, er gilt in der Klosterhochschule als Honorarprofessor für Wirtschaftsphilosophie: Wikipedia berichtet über ihn: „Nach Recherchen des Manager Magazins gehörte Peter Löw im Jahr 2016 zu den 500 reichsten Deutschen (Rang 331)“.[2] (gelesen am 10.5.2018)“. Und die TAZ hat über Löw recherchiert: „Zu Multimillionären sind Löw und Vorderwülbecke mit anderen Geschäften geworden: Sie sanieren marode Unternehmen, kaufen Firmen unter Wert und veräußern sie mit sattem Gewinn – oft, nachdem sie sie verschlankt haben. Teutonia etwa. 2004 erwarb die Beteiligungsgesellschaft Arques, gegründet von Löw und Vorderwülbecke, den Kinderwagenhersteller für 100.000 Euro. Nach drei Jahren stießen sie ihn für mehr als zehn Millionen Euro ab. Eine sehr hohe Rendite, für Löw ein „normales Geschäft“. Der Oberleutnant der Reserve, Doktor in Jura und Neuerer Geschichte, besitzt mehrere Hundert Millionen Euro. Mit dem nur wenige Monate älteren Vorderwülbecke freundet sich Löw in den 80er-Jahren während des Jurastudiums in Freiburg an. Sie besuchen eine Elite-Uni im französischen Fontainebleau. 1992 gründen sie ihre erste Sanierungsholding. In den folgenden 20 Jahren erwerben und verkaufen sie mehr als 200 Unternehmen. (Quelle: http://www.taz.de/!476282/, gelesen am 10.5.2018).

Von diesem Dozenten Dr. Dr. Löw können die Mönche also lernen, was soziale Marktwirtschaft bedeutet und christliche Solidarität mit den Armen… Eine Übersicht zu den Dozenten in Heiligenkreuzz siehe: http://www.hochschule-heiligenkreuz.at/institute/lehrende/

Neu hinzugekommen zum Lehrbetrieb in Heiligenkreuz ist ein Institut für die „Theologie des Leibes“, es geht also auch um die Verteidigung der alten katholischen Sexualmoral und der einzig möglichen üblichen Hetero – Ehe, wie es der liebe Gott der Ultrafrommen vorschreibt. Dozent in diesem Leibes – Institut ist etwa der Priester Josef Spindelböck, der einst ein Vertrauter von Bischof Kurt Krenn war (auch er war ein Freund von Jörg Haider, FPÖ), Spindelböck wurde dann als Verehrer des heiligen Josefs, des ja gar nicht leiblichen Vaters Jesu, so die offizielle Theologie, Mitglied der Priestergemeinschaft „Vom heiligen Josef“… Das Institut zur Erforschung des Leibes in Heiligenkreuz ist wiederum verbunden mit dem theologischen Institut in Trumau, Gaming, auch diese Hochschule ist dem sehr konservativen Geist verpflichtet. Man sieht: Die konservative katholische Theologie zieht sich immer mehr in kircheneigene Institute zurück und meidet die staatlichen Universitäten. In privaten Hochschulen kann man halt in Ruhe das Alte unbehelligt pflegen…

“Vertreter der Uni Wien zweifelten ihrerseits wiederholt die wissenschaftlichen Standards der Heiligenkreuzer Hochschule massiv an“. (PROFIL 28.11.2013)

Man denke auch an die Worte des vorherigen Abtes Graf Henckel-Donnersmarck (er leitete das Kloster Heiligenkreuz von 1999 bis 2011): „In seinem Abschiedsinterview in der „Presse“ zeigte der Abt 2011 zumindest Neigung zu rückwärts gewandten Formulierungen: „Der Europäer hat sich durch Verhütung, Abtreibung, Ehescheidung, Gleichberechtigung anderer sexueller Lebensformen tatsächlich in einen Suizid gestürzt“ (PROFIL 28.11.2013).

Es sind also wohl alles andere als mit dem modernen Geist vertraute Mönche, die bald in Neuzelle leben werde. Haben Sie Interesse am partnerschaftlichen, lernbereiten (!) Dialog mit den vielen Atheisten und Skeptikern dort? Haben sie ökumenische Interessen, die über freundliche Worte hinausgehen?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Die Irrtümer des Manfred Lütz in seinem Buch „Skandal der Skandale“: “Auf hohem Ross reitend und besserwisserisch”…

Ein Beitrag des Historikers Dr. phil. Josef Breinbauer.

Das von einigen Stellen mit viel Lorbeeren bedachte Buch von Manfred Lütz, kann nicht unwidersprochen bleiben. Sein durch fromme Scheuklappen eingeengter Blick lässt ihn viel, was er mit seiner Argumentation nicht als kompatibel empfindet, unter den Teppich kehren.

Im Lob von Toleranz und Gewaltlosigkeit der Christen (S. 35 ff.) kann sich Lütz kaum eingrenzen. Doch nicht einmal untereinander kamen die Christen ohne Gewalt aus. Natürlich bleibt daher bei ihm unerwähnt, dass bei der Papstwahl im Jahre 366 die Leute des dann erfolgreichen Damasus eine Kirche stürmten und darin 137 Anhänger seines Rivalen Ursinus umbrachten. Auch die sog. „Räubersynode“ von Ephesos (449) kann nicht gerade als Muster des respektvollen Umgangs der Christen miteinander gewertet werden. Skandale gibt es für Lütz aber erst nach der Jahrtausendwende. “Und wenn das Ende der Welt damals gekommen wäre, müssten wir uns bei der Bilanz des Christentums nicht mit den klassischen Skandalen aufhalten, denn es gab sie nicht. Es gab in den ersten tausend Jahren des Christentums weder Kreuzzüge noch Inquisition oder Hexenverfolgungen, auch keine Pogrome und eben so wenig eine dauerhafte Kirchenspaltung mit der Ostkirche. Man erwarb sich Verdienste bei der Humanisierung der Barbarei…..”( S.63 f.). Allein schon das frevelhafte Handeln von Papst Stephan VI. gegen seinen Vorgänger Formosus auf der Leichensynode von 896/97 macht eine solche Behauptung unglaubwürdig. Fehlanzeige auch der kirchliche Rangstreit 1062/63, als sich in Goslar die Leute des Bischofs von Hildesheim und die des Abtes von Fulda in der Kirche gegenseitig die Köpfe einschlugen, bis feststand, wer neben dem Mainzer Erzbischof sitzen darf. Lampert von Hersfeld, Annalen a. 1063: …multi utrimque vulnerati, multi occisi sunt…Mit der Solidarität der Glaubensbrüder untereinander war es also noch nicht so gut bestellt wie es uns Lütz glaubhaft machen will. Und wenn es ums Geld geht, hört die Friedensliebe der Christen auch gegenüber anderen Christen rasch auf: Siehe Eroberung von Zara beim Kreuzzug (1202).

Auf Seite 44 unterstellt Lütz dem Kaiser Konstantin, der sich erst am Ende seines Lebens taufen ließ, dass dieser im Sinne der Gewaltlosigkeit des Christentums handeln wollte. Ob das Licinius, Fausta und Crispus, denen er zu einem vorzeitigen Tod verholfen hat, auch so sehen, dürfte fraglich sein. Nicht zu vergessen, dass der Christengott für Konstantin zunächst ein Schlachtenhelfer war. Bei der Regelung der Osterfrage hatte Konstantin auch ein paar „Streicheleinheiten“ für die Juden übrig: „Nichts sei uns gemein mit dem feindlichen Volk der Juden!“

Bei der Ketzer- und Hexenverfolgung (Kapitel IV bzw. VI) hält Lütz den Anteil der Päpste möglichst gering, obwohl diese den Inquisitoren die gewünschte Autorität verliehen. Konrad von Marburg (S. 109 f.) wütete demnach eigenmächtig gegen Ketzer und sei auf die geschlossene Gegenwehr der Bischöfe gestoßen. Nach Konrads Ermordung 1233 sei Papst Gregor entsetzt gewesen, auch über das Vorgehen des Inquisitors. Dass ihm der Papst zuvor am 11.10.1231 die volle Gewalt, ohne Zulassung einer Appellation mit Prozessen gegen die Häretiker in Deutschland vorzugehen, übertrug, fällt bei Lütz unter den Tisch. Vgl. NDB, Bd.12, S. 545. Auch die päpstlichen litterae „Vox in Rama audita est“ von 1233, in denen die „luziferianischen“ Initiationsriten geschildert werden, bleiben unerwähnt. Konrad hatte die Phantasiekonstruktionen dem Papst übermittelt. Dem Handeln nach muss Gregor IX. diese für wahr gehalten haben. Ähnlich sparsam mit Informationen geht Lütz (S. 153) beim Hexenhammer (1487) um. Heinrich Kramer, „ein windiger deutscher Dominikaner“ habe sich vorher geschickt bei der päpstlichen Bürokratie ein „routinemäßiges Dekret“ besorgt und dann sein Machwerk gebastelt. Jetzt darf der Leser raten. War das nicht die berüchtigte Bulle „Summis desiderantes affectibus“ des Papstes Innozenz VIII., der sich zum Eingreifen verpflichtet fühlte ? Die in diesem Dokument von 1484 aufgeführten Untaten erklärte Innozenz als Tatsachen, deren Realität man nicht bezweifeln durfte. Für Lütz ist all das keinen Federstrich wert.

Sicherlich ist de Las Casas ein rühmliches Beispiel für die kath. Kirche. Gerne habe ich schon als Schüler Reinhold Schneider, Las Casas vor Karl V. gelesen. Stolz schreibt Lütz auf S. 188: „Die Päpste blieben bei ihrer strikten Verurteilung der Sklaverei.“ Er nennt dabei Urban VIII. (1568-1644) als seinen ersten Gewährsmann. Kein Wort fällt allerdings zu Nikolaus V, der gut hundert Jahre früher dem König von Portugal in der Bulle „Dum diversas“ (leicht im Internet zugänglich) die Vollmacht verlieh, heidnische, ungläubige Reiche, Ländereien… anzugreifen, zu erobern oder zu unterjochen, die Personen für immer in Knechtschaft zu halten…“ Erwähnen können hätte man in diesem Zusammenhang auch den römischen, also nichtchristlichen Philosophen Seneca, der in seinen Epistolae morales 47 entgegen dem damaligen mainstream die Sklaven als Menschen ansah (servi sunt, immo homines).

Das Kapitel um die Unfehlbarkeit des Papstes wird ziemlich flach abgehandelt (S. 198-202). Lütz kommt dabei aus ohne Konstantinische Schenkung, ohne Honorius-Frage, ohne Sutri (1046) und ohne Konziliarismus, welcher 1417 mit Martin V. dem Papsttum einen Neustart ermöglichte. Dieses war dann bedacht, konziliare Fesseln alsbald abzustreifen. Nach katholischer Lehre könne ein Papst nicht eine neue Lehre, die ihm irgendwie gefällt, zum Dogma erheben (S. 200). Da wäre nun eine Erläuterung fällig zu Kapitel IV der dogmatischen Constitution „Pastor aeternus“, wo es heißt: „..ideoque ejusmodi Romani Pontificis definitiones ex sese, non autem ex consensu Ecclesiae, irreformabiles esse“. In diese Zeit von Pius IX. gehört auch dies hinein: Der Skandal um die Nonnen von Sant’ Ambrogio. Was Hubert Wolf ausführlich beschrieben hat, kann natürlich bei Lütz keine Erwähnung finden. Der Gipfel von Heuchelei aber ist es, wenn Joseph Kleutgen, der sich als Beichtvater der Nonnen zu deren hübschesten ins Bett gelegt hatte, sich später in einer Predigt an die studierende Jugend wendet und die Unkeuschheit als Weg zur Hölle anprangert (Predigten von Joseph Kleutgen, Zweite Abtheilung, Pustet Verlag 1874, S. 99-117). Unbequemen Wahrheiten muss man einfach aus dem Weg gehen.

Beim Thema „Frau“ ist der Autor voll des Lobes für die emanzipatorischen Leistungen der kath. Kirche. Zunächst heißt es auf S. 29 ganz allgemein : “Noch ein anderer Keim ist im Monotheismus angelegt. In den kosmologischen Religionen der Vorzeit entspricht der Mann gewöhnlich der Sonne und die Frau dem Mond, womit Letztere immer nur ein Abglanz ist und nie Gleichberechtigung erhält. Hingegen spricht ihr der Monotheismus dieselbe Menschenwürde zu.”  Gegen Frauen im Dienst am Altar schritten Papst Gelasius (ep. 14,26) und später das Konzil von Paris (829) vehement ein. Logischerweise übergeht Lütz bei seiner Zitation von Paulusstellen jene in 1Kor11,7, wonach der Mann Abglanz Gottes ist, die Frau aber nur Abglanz des Mannes. Dementsprechend heißt es im maßgebenden Decretum Gratiani C.XIII. …ideoque mulier non est facta ad Dei imaginem…Diese nachgeordnete Gottebenbildlichkeit begegnet auch noch beim Brautsegen im Schott/ Das vollständige Römische Meßbuch, mit imprimatur von 1958, [125]. Was der heilige Abt Odo von Cluny, gest. 942, in diffamierender Weise über das weibliche Geschlecht sagt, ist schon mehr als skandalös. Könnte man unter die Haut sehen, würde man sich ekeln, da man nur Schmutz und Schleim vorfände (PL 133, Sp. 556). Nach Lütz sei aber die Kirche keineswegs sexualfeindlich (S. 261) und habe immer wieder prüde Sexualitätsgegner bekämpft (S. 263). Ob für ihn Abt Odo und Petrus Damiani zu diesen gehörten, erfahren wir leider nicht. Letzteren vermisst der kundige Leser auf S. 259. Dieser Heilige und auch Kirchenlehrer war energischer Vertreter der Kirchenreform und gestrenger Verfechter einer restriktiven Sexualmoral, nicht nur im Sinne der Durchsetzung des Zölibats für Priester. Mit seinen putzigen, am Tierreich orientierten Vorstellungen von Sexualität ( PL 145, Sp.777:…admiremur fecundam in vulturibus virginitatem. Perhibentur enim vultures caeterum avium more concubitui nullatenus indulgere, sed absque ulla prorsus masculini sexus admistione concipere…) passt er nicht in die Behauptung von Lütz. Auf S. 266 gelangt der Autor zu der erstaunlichen Feststellung, der hl. Alphons von Liguori, der Patron der Beichtväter, habe dazu geraten, „dass die Priester bei der Beichte in sexuellen Dingen nicht weiter nachfragen sollten.“ Wozu aber hat dieser dann sein großes Werk, die „Theologia moralis“, geschrieben? 1748 erstmals erschienen und dann über 70mal wieder aufgelegt! Sein Ziel war es, gute Beichtväter heranzubilden, die den Grad der Sündhaftigkeit aller möglichen sexuellen Handlungen beurteilen können. Mit Details wird bei Liguori nicht gespart. Seine Einstellung zum Sextum wird schon im ersten Band deutlich: „Nur mit Widerwillen schreiten wir jetzt zur Behandlung jenes Gegenstandes, dessen Name schon die Geister der Menschen unangenehm berührt….Doch diese Sünde muss nur allzu häufig und allzu reichlich Gegenstand der Beichten werden. Gerade ihretwegen wird der größte Teil der Verdammten in die Hölle gestürzt.“(zitiert nach Karl-Heinz Kleber, De parvitate materiae in sexto, S. 275). Dass die Kirche keineswegs sexualfeindlich und prüde sei, lässt sich nach Lütz (S. 261) an Papst Johannes XXI. aus dem 13. Jahrhundert ablesen, der für das Edelste, was es in der Ehe gebe, den Geschlechtsverkehr, offen ins Detail geht. Etwa 400 Jahre später verurteilt aber Innozenz XI. folgenden Satz: Opus conjugii ob solam voluptetem exercitum omni penitus caret culpa ac defectu veniali.“ Inwieweit das nun eine lässliche oder schwere Sünde ist, auch darüber muss Alphons von Liguori Rat geben.

Was Lütz zum Nationalsozialismus schreibt, bleibt ebenfalls geschönt. Von Brückenbauern wie Karl Adam, Joseph Lortz oder Michael Schmaus nimmt er natürlich Abstand. Um sein Bild des Katholizismus in der NS-Zeit nicht trüben zu müssen, liest man bei ihm weder vom „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“, welches die Philosophisch – Theologischen Hochschulen Bayerns 1933 unterzeichneten, noch vom „Handbuch der religiösen Gegenwartsfragen“, hrsg. mit Empfehlung des deutschen Gesamtepiskopats von Erzbischof Conrad Gröber (1937). Vom kath. Feldgesangbuch von 1939 und diversen Hirtenbriefen deutscher (Erz-)Bischöfe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs hat Lütz offensichtlich keine Ahnung Am Erscheinungsort seines Buches hat 1940 der damalige Erzbischof ein Hirtenwort an die Soldaten im Feld gerichtet unter dem Motto: „Arbeite als ein guter Kriegsmann Christi“. Dessen Paderborner Amtskollege stellt zu Beginn der Fastenzeit 1942 in einem Hirtenwort die rhetorische Frage, ob nicht das arme, unglückliche Russland Tummelplatz von Menschen sei, „die durch ihre Gottfeindlichkeit und durch ihren Christenhaß fast zu Tieren entartet sind.“ Das liest sich konträr zu dem, was Lütz auf S. 213 hervorhebt: „Den Christen verbot die Überzeugung von der Gottebenbildlichkeit jedes Menschen den Gedanken „minderwertiger Rassen:“ “

Fazit: Manchmal fragt man sich schon, wie klar oder unklar der Kenntnisstand von Herrn Lütz ist. Es ist tröstlich, dass sich viele seiner Aussagen problemlos zurechtstutzen lassen. Von dem hohen Ross, auf dem er besserwisserisch durch die Kirchengeschichte reitet, kann man ihn leicht herunterholen.

Manfred Lütz, Der Skandal der Skandale Die geheime Geschichte des Christentums, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2018, 286 S. , ISBN 978-3451-37915-4, gebundene Ausgabe 22 €.

COPYRIGHT: Dr. phil. Josef Breinbauer

Über Karl Marx hinausdenken … anläßlich seines Geburtstages

Zum Beispiel: Mit Max Horkheimer

Ein Hinweis von Christian Modehn.  Über die Bedeutung des Denkens von Karl Marx für HEUTE, besonders zu seinen Aussagen zur Religion und zur Gesellshaftsanalyse (Klassenkampf),  hat der Religionsphilosophische Salon Berlin schon einige Hinweise veröffentlicht. Jetzt ein Hinweis zur Marx Deutung von  Max Horkheimer.

Die Bedeutung von Karl Marx, jetzt, angesichts der Erinnerungen und der für die Zukunft inspirierenden Reflexionen zu seinem 200.Geburtstag, wird umfassender sichtbar, wenn man die weitere Entwicklung seines Denkens, etwa auch in der Kritischen Theorie, untersucht. Dazu nur einige Hinweise, sie gelten dem Denken Max Horkheimer. Im Zusammenhang einer kritischen Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist an die Interviews “Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen” (1970) und an die “Notizen”, 1974, zu erinnern.

In einer ersten, eher oberflächlichen Lektüre dieser Horkheimer Texte glaubten viele, Horkheimer sei im Alter völlig religiös geworden. Tatsächlich aber differenzierte er: Theologie kann für ihn nur als erneuerte Theologie existieren: D.h: Sie solle eine tiefe menschliche Sehnsucht, aber kein Dogma aussprechen. Es gibt für Horkheimer einen legitimen Wunsch im Menschen, dass das Faktische, das, was in der kapitalistischen Gesellschaft angerichtet wurde und wird, nicht alles ist und so nicht so bleiben darf, wie und was es ist. Marx wandte sich gegen eine reaktionäre Religion, die Opium ist und nur wirkungsloser Protest gegen das materielle Elend. Bei Horkheimer ist der Gegner eher die aktuelle positivistische Weltanschauung, die den Menschen in das Greifbare und Sichbare und Anaylsierbare und naturwissenschftlich Feststellbare einsperrt und begrenzt in seiner menschlichen Fülle. Zu der auch die Sehnsucht, eine Art Streben nach dem “ganz anderen”, gehört.

Horkheimer bleibt dabei in einer zwiespältigen Einschätzung der Kirche: Sie hat einerseits das Evangelium Jesu von Nazareth für die Nachwelt bewahrt; andererseits aber hat die Kirche als klerikale Institution das Evangelium im Sinne der Herrschaft dieser Kirchen – Institution verfälscht. Mit der Freiheit der Interpretation hat die Kirche förmlich das Evangelium als umfassende, auch gesellschaftliche Befreiungsbotschaft beschnitten und verkürzt. Aber das Evangelium ist ja noch da, es könnte seine ursprüngliche Kraft noch entfalten. Ich denke dabei an die Befreiungstheologie.

Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen: Diese will Max Horkheimer bewahren, dabei aber nicht auf die Kapitalismus Kritik von Marx verzichten. Große Hoffnungen auf ein Gelingen seines  Projekts hat Horkheimer nicht, dafür ist er zu deutlich wohl von Schopenhauer geprägt, den er, zeitlich gesehen, vor seiner Marx- Lektüre studiert und rezipiert hatte.

COPYRIGHT: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Das Kreuz in Bayern: Soll Jesus von Nazareth herrschen?

Das Kreuz in bayerischen Amtsstuben

Ein Hinweis von Christian Modehn

Nun also das Kreuz in allen staatlichen Behörden des Freistaates Bayern. Das ist nur die Fortsetzung der Behauptung der CSU Führer: “Der” Islam gehöre nicht zu Deutschland. Und passend nun zum CSU Regieren unter dem Kreuz Christi der Spruch von Söder: Das Kreuz sei auch ein Symbol der abendländischen Kultur. Immer, wenn heute in politischen Kreisen Europas von Abendland die Rede ist, müssen die Leute eigentlich aufschrecken: Abendland ist das mißbrauchte Symbol für die angeblich gute alte christliche Kultur. Dass diese abendländische Kultur antisemitisch war und dass Muslime etwa in Spanien (16. Jahrhundert) nur als Konvertiten ertragen werden konnten, dass das christliche Abendland auch innerchristlich keine Einheit war, denn immer gab es so genannte Ketzer, dann die Reformationen, dann die konfessionellen Religionskriege etc., all das vergessen diese abendländischen Kreuz-Politiker völlig. Und sie vergessen, dass Europa wesentlich vom (antiklerikalen und damit freien) Geist der Aufklärung bestimmt ist. Sind diese Politiker so dumm oder tun sie aus taktischen Gründen bloß so, weil sie um alles in der Welt rechtsextreme Kreise in die eigene Partei eingliedern wollen?

Natürlich wäre es wichtig für die Menschheit, wenn im Zeichen des Kreuzes dieses armen Propheten Jesus von Nazareth Politik gestaltet würde, also Gerechtigkeit für alle, also Bevorzugung der Armen, also Bekehrung der Millionäre und Milliardäre, also Friedenspolitik, also Liebe zur Natur, die es unbedingt zu schätzen gilt usw.: All das sind zentrale Forderungen der Ethik Jesu, man kennt sie vielleicht noch vom Hörensagen, auch die “praktizierenden” katholischen CSU Führer hören ja die Evangelien in der Messe: Aber all das sind für sie bloß fromme Geschichten, die natürlich politisch für sie irrelevant sind. Mit Jesus und seiner Bergpredigt lässt sich nicht im entferntesten Politik machen, behaupten die Realpolitiker, die nur den Kapitalismus als alternativlos verehren und “unser” Wirtschaftswachstum. Vom jesuanischen Geist der Barmherzigkeit in der Politik keine Spur. Entsprechende Äußerungen von Söder sind ja bekannt. Wenn ein solcher Herr ein Kreuz in eine Amtstube hängt, ist das nicht nur ein Witz, sondern, sorry, Blasphemie.

Was soll in Bayerns Behörden das Kreuz? Es ist das Kreuz, dessen sich die Herrschenden immer bedient haben: Kreuzzüge etwa, Kreuzesverwendungen, um den Teufel zu vertreiben, das vorgehaltene Kreuz sollte die Ketzer noch in letzter Minute vor dem Verbrennen zum Eingeständnis der angeblichen Schuld bewegen: Da landet also nicht das Kreuz des Propheten und des durch die Kreuzigung ermordeten Rebellen Jesus von Nazareth in Bayerns Amtsstuben, sondern das Kreuz als abendländisches Herrschaftssymbol.

Da wird das Kreuz missbraucht als Kampfmittel gegen Muslime, Atheisten, Juden. Wie kommen bloß jüdische Leute dazu, ausgerechnet diese Kreuzesinitiative von Söder gut zu finden, wurden denn nicht Juden im Zeichen des Kreuzes verfolgt und im Zeichen des Hakenkreuzes in den KZs verbrannt? Versprechen sich jüdische Vorsteher taktisch bloß Vorteile, wenn sie die Kreuzesinitiative der CSU gut finden, fördern sie auf diese Weise den jüdisch – islamischen Dialog?

Zynisch könnte man sagen: Wenn das Kreuz tatsächlich in den bayerischen Behörden mehr ist als eine Variante des bayerischen Herrgottwinkels (siehe in oberbayerischen Kneipen: Das Kreuz neben dem “hochverehrten” FJS….) dann müßen eigentlich die Bischöfe, ja letztlich der Papst als oberster Deuter des Kreuzes die Politik leiten und bestimmen. Denn die Herren der Kirche und des Kreuzes haben im Mittelalter immer gesagt: Wir Kleriker wissen mehr, was Politik, was Menschlichkeit etc.ist als ihr Fürsten und Könige und Ministerpräsidenten.

Also: Mögen in ökumenischer Vertrautheit die beiden Bischöfe in München die Politik von Herrn Söder mitbestimmen, etwa die Flüchtlingspolitik, die Politik des sozialen Waohnungsbaus in München etc…

Aber dazu wird es nicht kommen: Kardinal Marx von München widerspricht jetzt deutlich Herrn Söder. Der Kardinal sagt treffend: Kein Politiker darf  sich anmaßen, das Kreuz zu deuten und für seine Parteipolitik zu vereinnahmen. Man stelle sich: Das sagt ein Kardinal anno 2018 im angeblich so prächtigen katholischen CSU Staat Bayern….

Solche parteipolitischen Vereinnahmungen des Kreuzes  gab es schon oft, etwa um 1910 in Frankreich: Als Charles Maurras und seine rechtsextreme Action Francaise rechtsextremes Gedankengut in der Kierche verbreiten wollte. Auch Maurras glaubte an den kulturellen Wert, den”abendländischen Wert”, des Kreuzes. Söder und seine Partei befindet sich historisch gesehen in bester sehr rechtslastiger Gesellschaft. Auch Jean Marie Le Pen, Gründer des Front National,  feierte das Kreuz bei seinen Gottesdiensten zu Ehren der Jeanne  d Arc. Man wird prüfen, wie Herr Orban, der CSU Freund, das Kreuz politisch instrumentalisiert.

Man wird also klar sagen: Herr Söder setzt mit seinem abendländischen Kreuzeskult den Beginn eines Kampfes gegen alle, die nicht kreuzfromm im Sinne der CSU sind.

Ist dies der Beginn eines gewissen Kulturkampfes, der nur dazu dient, mit dem mißbrauchten Kreuz alle Fremden und Flüchtlinge, vor allem “die” Muslime, von dem angeblich so prächtigen Abendland fernzuhalten. Das Thema Flüchtlinge in Deutschland wird also mißbraucht für eine scharfe politische Wende nach rechtsaußen. Diese Wende deutet sich auch in der CDU an. Wird die Große Koalition diesen bayerischen Kreuzzug überstehen?

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Manfred Lütz und die Juden in seinem Buch „Skandal der Skandale“

Ein Hinweis von Christian Modehn am 16. 4. 2018

Einige LeserInnen meines Beitrags auf dieser website haben mich gefragt, was denn eigentlich der problematisch wirkende Satz von Lütz auf Seite 31 in seinem Buch „Skandal der Skandale“ bedeuten könnte.

Sie zitierten dann diesen Satz: „Der amerikanische Politologe Gary Remer ist sogar der Meinung, hätte im Mittelalter ein jüdischer Staat bestanden, dürften manche Heiden der Verfolgung ausgesetzt worden sein“. Nur das von mir kursiv Gesetzte stammt von Gary Remer. Der erste Teil des Satzes, der Hauptsatz, stammt von Herrn Lütz.

Mein Hinweis: Die Interpretation dieses Satzes erschließt sich wie so oft nur aus dem Kontext: ENTSCHEIDEND ist der Gesamtzusammenhang, in dem das Zitat von Gary Remer steht:

Denn einige Zeilen vor dem Zitat von Gary Remer spricht Lütz von der politischen Rolle des Judentums in der Geschichte: Das Judentum war als Minderheit nirgendwo eine dominante Religion, schreibt Lütz. Dann schreibt er wörtlich „Wie aber die jüdische Existenz stets eine geschlagene war, so blieb sie doch lange vor einer Herausforderung bewahrt: Der Toleranz-Gewährung“. Das heißt also: Die Juden kamen historisch nie in die Lage, anderen Toleranz zu gewähren… Diesen Hauptgedanken variiert Lütz noch einmal wörtlich: „Nicht weniger absolut als die beiden anderen Monotheismen, musste das Judentum den Rahmen einer „Erlaubten Religion“ nie selbst aktiv bestimmen.“ Das Judentum hat in der Sicht von Lütz also keinen Beweis seiner eigenen Toleranzpolitik vorgelegt. Das schwache Judentum brauchte nie und konnte nicht als Minderheit politisch die Grenzen der Toleranz in den Staaten bestimmen. Das Judentum hat also keine Ahnung und keine praktische Vorstellung von Toleranz. Diese Behauptung will dann Lütz durch eine spekulative Frage verschärfen, indem er fragt: Hätten denn unter anderen Bedingungen die Juden etwa den Heiden gegenüber sich tolerant verhalten? Diese Frage verneint Lütz selbst, lässt aber diese Verneinung einen Juden sagen, den amerikanischen Juden Gary Remer.  Wo genau Herr Remer diesen Halbsatz in welchem Buch sagt, verrät uns der angeblich wissenschaftlich arbeitende Herr Lütz nicht. Ob Herr Remer und jüdische Freunde von Lütz über diese seine Inszenierung eines möglichen intoleranten Judentums froh sind, ist die Frage…

Noch einmal: ERST nachdem Lütz die mögliche Intoleranz der Juden freigelegt hat, schließt Lütz den ominösen halben (!) Satz an, der in dem Gesamtzusammenhang eindeutig als Fortführung des eigenen, Lützschen Denkens zu verstehen ist, also als spekulative Interpretion der These von Lütz: Dass Juden politisch keine Ahnung von Toleranzgesetzen haben können.

Und dann folgt der Halbsatz, als Bruchstück, von Gary Remer, in den Lützschen Gedanken eingebau. Er ist in der Funktion des Halbsatzes eindeutig eine Verdeutlichung des Lützschen Denkens. Den Nebensatz von Remer baut Lütz also evident in seine eigene Interpretation ein. Es ist also förmlich Lütz selbst, der das sagt, was Remer in den acht Worten sagen darf.

Lütz schreibt also: „Der amerikanische Politologe Gary Remer ist sogar der Meinung, hätte im Mittelalter ein jüdischer Staat bestanden…., UND JETZT erst beginnt das Remer Zitat: “dürften manche Heiden der Verfolgung ausgesetzt worden sein“.

Lütz hätte in einem anschließenden Satz diesen Halbsatz von Remer kritisch kommentieren können. Macht er aber nicht. Stattdessen springt er sofort in die Gegenwart. Er schreibt: „Erst heute steht der Staat Israel vor der Aufgabe der Regelung religiöser Vielfalt“. Ob der Staat Israel als Staat der Juden nun endlich mal politisch Toleranz lebt (etwa gegenüber den Palästinensern) oder nicht, lässt Lütz offen.

Im ganzen ist dieser Gedanke von Lütz eigentlich auch skandalträchtig: Mit dem ins eigene Argumentieren eingebauten halben Satz von Remer suggeriert Lütz: Juden wären auch intolerant gewesen, wenn sie denn politsch über andere hätten herrschen können.

Damit wird das intolerante Bild „der“ Christen relativiert. Das nennt man christliche Apologie, sogar noch mit den Mitteln einer spekulativen Frage nach der Gewalt durch Juden gegenüber Heiden. Auch dieses Beispiel zeigt: Lütz hat oberflächlich und polemisch gearbeitet. Einmal musste er sich schon, ebenfalls im jüdischen Zusammenhang, öffentlich einen gravierenden Fehler eingestehen: In der Frankfurter Rundschau vom 28.3. 2018, Seite 32. Der FR  Journalist zitiert Lütz aus seinem Buch zum Thema Holocaust: „Manches im christlichen Verhalten (im Holocaust) mag skandalös gewesen sein“. Joachim  Frank weist auf dieses unpräzise Gerede hin. Darauf Lütz: „So steht das? Oh! Da bin ich für Ihren Hinweis dankbar. Da muss –ist- stehen. Wird in der 2. Auflage nach gebessert“.

Ich bleibe dabei und bitte den Herder Verlag um öffentliche Auskunft, warum gerade er als doch etwas theologisch ambitionierter Verlag dieses Buch von Lütz herausgebracht hat. Und so viele Käufer fallen offenbar auf dieses “”Opus”  rein. Geht es wirklich nur ums Geld?

Vor allem: Haben die sechs im Buch genannten hochkarätigen Theologieprofessoren wirklich dieses Opus vorweg gelesen?  Falls Ja, wäre auch diese eine Blamage.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

Mai 68 in West – Berlins katholischer Kirche: Anlässlich des Mordanschlags auf Rudi Dutschke

Eine Erinnerung von Christian Modehn, lebte damals in West- Berlin

Der „Mai 68“ fand in der katholischen Kirche West – Berlins überhaupt nicht statt. Diese Kirche lebte wie auf dem Mond, ängstlich und an die CDU und damit de facto an das Springer Imperium gebunden. Die Bistumszeitung „Petrusblatt“ verbreitete in diesem Jahr (wie auch sonst) keinerlei theologische Hilfen, „die Zeichen der Zeit“ (2. Vatikanum) zu verstehen. Unter Führung eines theologisch ungebildeten und konservativen Klerus wurden die West – Berliner wie dumme Schäfchen gehalten und kritische Stimmen wurden abgewürgt.

Dies ist der nüchterne historische Befund zur Frage: West – Berlins Katholiken und der Mai 68.

Anlässlich des Mordanschlags auf den wegweisenden Inspirator der Studentenbewegung Rudi Dutschke am 11.4. 1968 in West – Berlin mache ich den ersten Teil meines Beitrags zugänglich, der 2009, verspätetet, aber immer noch anlässlich des 40 jährigen Gedenkens an den Mai 68 erschienen war. Das Buch hatte den etwas merkwürdigen und nicht attraktiven Titel „Zwischen Medellin und Paris“ (im Verlag Edition Exodus). Das Buch, 260 Seiten, wurde von Kuno Füssel und Michael Ramminger herausgegeben. Es hat meines Wissens keinerlei öffentliche Beachtung oder Diskussion gefunden, es erschien wohl zu spät (2009) oder die Themen waren für den insgesamt betulichen deutschen Katholizismus zu „rebellisch“. Schade eigentlich, angesichts der Arbeit, die sich 16 Autoren für dieses Buch gemacht haben.

In einem zweiten Teil meines Beitrags habe ich als Mitglied eines katholischen Ordens ab Herbst 1968 und einige Jahre danach noch das ebenso völlig unbeachtete Thema „Das Kloster und der Mai 68“ geschrieben. Dazu folgen später einige Hinweise. Ich empfinde es als eine Schande, dass in der neueren (Kirchen)Geschichtsforschung das Thema „Klöster und Mai 68“ völlig vergessen ist. Da sind die Franzosen viel weiter. Man denke an das großartige Buch „à la Gauche du Christ“, ed. Du Seuil, Paris….. CM.

Mein folgender Bericht kann nicht darauf verzichten, auch persönliche Erfahrungen einzubeziehen.

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Ich habe als Berliner im Februar 1968 an einem staatlichen Gymnasium in Berlin – Wilmersdorf Abitur gemacht. Von der familiären Tradition her gab es immer eine starke Verbindung mit der katholischen Kirche, die hier als verängstigte Diaspora Kirche erlebt wurde. Weil zum Bistum Berlin auch weite Teile der DDR gehörten, wurde von offizieller Seite immer Wert darauf gelegt, die Kirche in West – Berlin als geschlossene, monolithische Einheit zu gestalten. „Die Reihen fest geschlossen“ war sozusagen oberstes katholisches Prinzip, um der verhassten DDR als geschlossene, unbesiegbare Formation gegenübertreten zu können. Von daher waren Kritik und Pluralismus Begriffe, die in der katholischen Kirche West – Berlins keine Bedeutung haben durften. Das ist der wichtige Ausgangspunkt.

Ich hatte mich schon als Schüler trotz dieser bedrückenden Verhältnisse intensiv für Fragen der Religionen und der Philosophie interessiert, so dass ich es kaum erwarten konnte, im Sommersemester 1968 an der Freien Universität Berlin (FU) zu studieren. Die Vorlesungen von Helmut Gollwitzer waren meine erste intensive Begegnung mit einem Theologen. Der Protestant Gollwitzer las im Audi Max der FU über „Revolution und Reich Gottes“, er hatte damit genau das einzig treffende Thema gewählt, das die jungen Menschen damals leidenschaftlich interessierte: Wie ist es möglich eine gerechtere Gesellschaft und einen humaneren Staat zu gestalten? Wie kann die Dominanz des allen (heiligen) Geist tötenden Kapitals überwunden werden? Wie kann die seelische und sexuelle Repression in den Familien und den Gemeinschaften (auch den Kirchen) gebremst werden? Was hat dieser Kampf um Befreiung mit dem Glauben an das absolut zentrale Symbol „Reich Gottes“ zu tun? Ich sehe noch genau, wie sich Helmut Gollwitzer oft im Audi Max den Weg bahnen musste, um überhaupt aufs Podium und ans Mikro zu kommen. Es herrschte eine unglaubliche Spannung, eine Art Energie des Interesses, der leidenschaftlichen Anteilnahme an diesem theologischen Denker. Der Saal war überfüllt, Unterbrechungen des Vortrags waren von Gollwitzer ausdrücklich erwünscht, Diskussionen danach selbstverständlich. Seine hektographierten Thesen zur jeweiligen Vorlesung waren schnell vergriffen. Für mich, katholisch sozialisiert, waren diese Vorlesungen eine „Offenbarung“, weil deutlich wurde: Wichtig ist nicht die Kirche, wie von katholischer Seite immer wieder eingeredet wurde (und wird). Entscheidend ist vielmehr der aktive Einsatz auf der Linie der biblischen Reich Gottes Botschaft. Herbert Marcuse, wohl der wichtigste und einflussreichste philosophische Denker des Studentenaufbruchs, war damals häufig Gast in der FU. Er zeigte, dass sich in den Befreiungsbewegungen der dritten Welt und unter den rebellischen Gettobewohnern der USA sowie innerhalb der Studentenopposition die „Große Weigerung“ ankündigt, die dann zu einer Begrenzung des Kapitalistischen Systems führen kann. Helmut Gollwitzer suchte das Gespräch mit Marcuse. In diesen Diskussionen erlebte ich auch zum ersten Mal eine freie Aussprache über die verschiedenen gleichberechtigten Formen der Sexualität. Abgesehen von den bis heute prägenden Verbindungen mit dem Denken des FU Philosophen Wilhelm Weischedel waren diese Wochen im Frühling und Sommer 68 in West – Berlin für mich bestimmend. Gleichzeitig erlebte ich, wie sich in diesen Wochen voller Lebendigkeit und voller Suchen nach Alternativen gerade der Berliner Getto – Katholizismus weiter versteinerte. Bei einem Empfang katholischer Abiturienten durch Erzbischof Bengsch im Februar 1968 sagte dieser den jungen Leuten: „Christsein bedeutet nicht die Einstellung, gesellschaftlichen Fortschritt durchzusetzen, sondern eine persönliche Verbindung mit Christus“. Soll man diese Äußerung eines Bischofs etwa fromm nennen, eines Bischofs, der sich bekanntermaßen beim 2. Vatikanischen Konzil gegen den Dialog mit der Welt (im berühmten Dokument „Über die Kirche in der Welt von heute“) ausgesprochen hatte und damit zum reaktionären Flügel des Konzils gehörte.

Ich habe vor wenigen Wochen noch einmal den Jahrgang 1968 der offiziellen katholischen Kirchenzeitung West – Berlins, des wöchentlich erscheinenden „Petrusblattes“, durchgesehen: Die Studentenrevolte, die ja ein entscheidendes Zentrum in West – Berlin hatte, fand dort eigentlich nicht statt. Die Ausgabe vom 12. Mai 68 (als alle Welt von der Studentenrevolte sprach) berichtet das Petrus – Blatt weltfremd wie immer auf der ersten Seite über den „Weltkongress der katholischen Presse“! Die Ausgabe vom 26. Mai bringt auf Seite 1 eine „spannende“ Reportage über Radio Vatican, selbstverständlich wird in Fortsetzung der Roman „Begegnung mit einem seltsamen Priester“ (von I. Silone) weiter abgedruckt. Man glaubt zu träumen, wenn man die sich dort dokumentierende Abgehobenheit und Ignoranz betrachtet. Über den evangelischen Theologen Helmut Gollwitzer oder Bischof Kurt Scharf ist natürlich niemals ein Wort gefallen. Die Konzilserklärung zur Ökumenischen Interessiertheit und Zusammenarbeit war offenbar unbekannt. Von den bewegenden Ereignissen in Paris in diesen Tagen im „Petrusblatt“ kein Wort. Da hätten dann die Berliner Katholiken erfahren, dass der Dominikanerpater Jean Cardonnel schon im März 1968 Fastpredigten in dem Konferenz – Saal „Mutualité“ gehalten hat über „Evangelium und Revolution“. Darin sagte er: “Erfolgreiches Fasten könnte ein Generalstreik sein, der die Mechanismen eines unterdrückerischen Systems beendet“. Der Generalstreik kam zwar, aber nicht das gewünschte Ende des Kapitalismus…Die katholische Wochenzeitung „Témoignage Chrétien“ kritisierte zwar die Gewalt einiger studentischer Kreise, verurteilt aber gleichzeitig aufs Schärfste die brutalen Polizeimaßnahmen“. Der Pariser Erzbischof Francois Marty gab die Parole aus: „Gott ist nicht konservativ“.

Im Berliner Katholizismus konnte man und wolle man sich dieser Position nicht anschließen: Als der Studentenführer Rudi Dutschke am 11.4. 1968 am Kurfürsten Damm 141 Opfer eines Attentates wurde, das er nur schwerstkrank überlebte, berichtete das Petrusblatt recht knapp über „Osterzwischenfälle“ (dieser Titel erinnerte mich an die Sprachregelungen des „Neuen Deutschland“ der SED). Weil einige Demonstranten auf dem Kurfürsten Damm ein Kreuz in der Hand hatten und es hoch hinaus wie eine Mahnung in die Öffentlichkeit streckten, schrieb Prälat Erich Klausener: „Junge Leute nehmen das Kreuz für sich in Anspruch. In ihrem Sendungsbewusstsein fühlen sie sich als Vollstrecker der Geschichte“. Das Kreuz, so der Prälat, gehöre in die Hände der Kirche, nicht der Aufständischen! Und der Prälat kritisierte dann die Demonstranten weiter, „weil sie einen moralischen Absolutheitsanspruch haben, der nur von wenigen erhoben wird“. Das Petrusblatt, darüber freuten sich die allermeisten Leser, war nicht nur aufseiten der damaligen Kirchenpartei, der CDU, sie stand auch den Ideologien des Springer Konzerns nahe. Als einige katholische Studenten Flugblätter über den Mai 68 in der Sankt Canisius Kirche (Charlottenburg) verteilten, wurden sie sofort rausgeworfen. Das Petrusblatt berichtete stolz, dass Erzbischof Alfred Bengsch ausdrücklich die Annahme dieses Flugblattes verweigert hätte, weil er sich ja auf die Feier des Pontifikal – Amtes in dieser Kirche vorbereiten musste…In der Katholische Studentengemeinde versuchten einige Unentwegte, Formen der Mitbestimmung der Studenten durchzusetzen, aber darüber wurde nicht objektiv berichtet. Wichtigster Kämpfer in diesen Monaten war der Politologie Student Manfred Krämer, er versuchte vergeblich die Diskussionen rund um den Mai 68 auch in das „Katholisch-theologische Seminar“ an der FU zu tragen. Der dortige Lehrstuhlinhaber Prof. Marcel Reding hatte sich zwar mit Karl Marx beschäftigt, aber eine Konkretisierung marxscher Ideen war ihm dann doch ein bisschen zu viel…. Später wurde von Manfred Krämer ein katholisch-demokratischer Arbeitskreis gegründet, eine kritische Kirchenzeitung mit dem Namen „Dialogikus“ erschien, aber von Dauer waren diese Bemühungen um kritische Gegeninformation nicht. Mit dem hoch gebildeten damaligen Studentenführer Manfred Krämer hat das Petrusblatt 1968 kein Interview veröffentlicht. Kritiker hatten in der Berliner Kirche nichts zu sagen. Erst als die römische Jesuitenzeitung Civilita Cattolica Ende Mai „die“ Jugend in ihrem Wunsch nach Veränderung sanft verteidigte, wurde diese Meldung als Meldung unkommentiert abgedruckt. „Journalismus“ war so nichts anderes als Gehorsam gegenüber Rom.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„wo der eigene Wille im Klima strengen Gehorsams ausgelöscht wird“: Das Kloster Le Barroux und “Christ und Welt” (Die ZEIT)

Wenn Frömmigkeit mit Unterwerfung sich verbindet: Das Kloster le Barroux

Ein zweiter Hinweis auf Tobias Haberls zweiten Beitrag über seinen Klosteraufenthalt

Von Christian Modehn. Meinen ersten Beitrag (28.3.2018) lesen Sie hier.

Es ist bemerkenswert, dass Herr Haberl trotz meiner kritischen Hinweise für sein Lieblingskloster Le Barroux nach wie vor, so wörtlich am 5.4. 2018, eine „Faszination“ hat…

Mich freut es, dass in „Christ und Welt“ (5.4.2018), Beilage der „ZEIT“, Tobias Haberl auf meine kritischen Hinweise zum Kloster Le Barroux (bei Avignon) und seinen Aufenthalt dort reagiert. Das zeigt, dass Beiträge im Internet (www.re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er-salon.de) manchmal ernst genommen werden in den Printmedien. Von der journalistischen Sorgfalt her wäre es aber m. E. geboten gewesen, meinen Internet Beitrag auch nun gedruckt den LeserInnen zugänglich zu machen. Daran hatte die Redaktion wohl kein Interesse. So sind viele LeserInnen darauf angewiesen, meine kritischen Hinweise durch die Brille von Herrn Haberl zu lesen. Dabei entgeht ihnen vieles. Darum noch einmal eine weiter führende Stellungnahme.

Warum also noch einmal über Le Barroux reden? Warum ist es – bei aller Freiheit und Religionsfreiheit – bedenklich und der Kritik wert, auf die Gottsuche in Le Barroux zurückzukommen? Weil von dem Besucher dort nun über „Christ und Welt“ eine Ideologie verbreitet wird, die ich gelinde gesagt für sehr problematisch halte in einer demokratischen Gesellschaft. Denn es wird eine Überzeugung verbreitet, die über die Frömmigkeit hinausgeht und die Gesellschaft, also auch das demokratische Miteinander, betrifft. Da wird sehr deutlich, am Schluss des Beitrags, eine Ideologie verbreitet, die man aus rechtsextremen Kreisen gewöhnt ist: Es geht um die Sympathie, wenn nicht das Plädoyer Haberls für „strengen Gehorsam“, für die „Aufgabe des eigenen Willens“, für die „Auslöschung“ des Ichs, alles wörtliche Zitate. Diese Haltungen werden von Haberl im Kloster Le Barroux erlebt und sie werden förmlich als Heilmittel beschrieben gegen die moderne Gesellschaft, die von „Ich – Verherrlichung, Gereiztheit, Neurosen“ usw. bestimmt sein soll. Die Weisungen im Kloster, etwa die Aufgabe des eigenen Willens, geschehen, so der Autor, „in einem heiligen Bezirk“ „außerhalb des Alltags“. Die gute Welt des Gehorsams und der Unterwerfung werden der modernen (bösen) Gesellschaft   abstrakt gegenüber gestellt.

Diese Form des Denkens ist von den rechten und rechtsextremen Meisterdenkern bekannt. Sie wird jetzt wieder auch in christlichen Medien propagiert, im Rahmen des Populismus, des Entstehens neuer rechter Parteien etc. Wer selbst in einem strengen Kloster für die Auslöschung des eigenen Willens plädiert und diese Auslösung bei strengem Gehorsam angemessen findet, hat mit Demokratie, Autonomie, Selbstbestimmung, Menschenrechte usw. meines Erachtens nicht allzu viel im Sinn. Diese Art von Frömmigkeit ist Gift für die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft. Darum also geht es mir bei der Kritik an dem Gott, den man in Le Barroux finden will. Es ist der Gott des ancien régime, der Herrscher, der Unterwerfung liebt und der den französischen wie deutschen Freunden rechtsextremen Denkens entspricht, die ja, wie ich nachgewiesen habe, zum engen Sympathisantenkreis des Klosters Le Barroux gehören. Über die intimen und liebevollen Beziehungen etwa des rechtsextremen Bürgermeisters von Orange, Jacques Bompard, zum Kloster und zu den Äbten, wäre zu reden. Solche Informationen sind im Internet jederzeit zu haben. Jacques Bompard ist bekannt dafür, dass er etwa die Stadtbibliotheken säuberte und nur noch Werke rechter und rechtsextremer Autoren anschaffen lässt. Solche Informationen hätte Herr Haberl mit Leichtigkeit gefunden… Haberl suggeriert, dieses Kloster Le Barroux sei ein ganz normales Benediktinerkloster: Das ist eindeutig falsch: Es wurde umworben vom Vatikan, vom damaligen Kardinal Ratzinger, doch „bitte bitte“ bloß den Papst Johannes Paul II. wieder anzuerkennen und aus dem Netz der Lefèbvre Leute formal herauszutreten: Das haben die Mönche dann formal gemacht. Ratzinger war happy, die uralte Messe, die er selbst als Ultrakonservativer so liebt, dort wieder zelebrieren zu dürfen. Aber nichts hatte sich theologisch in Le Barroux geändert: Nicht nur die Messe des 16. Jahrhundert besteht dort fort, der alte antidemokratische Geist ebenso. Nur ein weiteres Beispiel: Nachweislich haben etwa Mönche von le Barrox die heftigen Massendemonstrationen „gegen die Ehe für alle“ unterstützt. Sie mischen auch auf nationaler Ebene gegen alle gesellschaftlichen Erneuerungen politisch mit!

Kann man dann noch, wie Haberl schreibt, „diese reaktionäre und weltabgewandte Aura als wohltuendes Geschenk“ erleben? Als moderner Mensch, wie er sich selbst nennt, ohne dabei eine totale Spaltung von Spiritualität und demokratischem Alltagsleben zu betreiben?

Schade finde ich es, dass Haberl auf seine Klosterlektüre in Le Barroux nicht noch einmal eingeht: Dort befasste er sich mit Kardinal Sarah, dem wohl heftigsten Feind von Papst Franziskus im Vatikan heute. Das Erleben so wunderschöner alter lateinischer Gesänge von Mönchen mit Tonsur und totalem Gehorsam läss sich gut ergänzen von theologischen Schriften, die eine moderne katholische Kirche mit allen Mitteln bekämpfen.

Mich freut es jedenfalls, dass nun durch den 2. Artikel von Tobias Haberls in Christ und Welt auch das theologisch – politische Profil des mit Haberl offenbar befreundeten Schriftstellers Martin Mosebach noch deutlicher wird. Haberl berichtet, dass Mosebach voller Zustimmung das Benediktinerkloster Fontgombault besucht hat, dort werde „eine ins Zeitlose gesteigerte Individualität“ erfahrbar, was immer das bedeuten mag. Das ebenfalls sehr traditionelle Kloster Fontgombault bewegt sich in derselben Grau(-Braun) Zone wie Le Barroux: Die Mönche denken theologisch antimodern, sind aber mit dem Papst versöhnt, weil dieser kein dringenderes Anliegen hat, als diese Abteien aus dem System der Lefèbvre Traditionalisten bloß formal und bloß rechtlich zu lösen. Mosebach liebt diese antimoderne fromme Welt, das ahnten viele, nun wird es von Tobias Haberl noch mal bestätigt. Nebenbei: Da sitzen viele junge Priester in ihrem Kloster, während in den Gemeinden in der Nachbarschaft kein Priester mehr vorhanden ist und kaum noch Messen stattfinden. Aber kann wohl froh sein, dass die Gemeinden von diesen Benediktiner Mönchen verschont bleiben…

Übrigens und das ist bezeichnend für Fontgombault: Der Chef der Milice von Lyon, der Nazi Paul Touvier, der gesuchte Verbrecher gegen die Menschlichkeit, wurde von den Mönchen des Klosters Fontgombault noch in den siebziger Jahren vor dem Zugriff der Justiz versteckt. Willkommen also, Martin Mosebach, in diesem „Milieu“, das so sehr mit dem von le Barroux verwandt ist! Im Juni 1990 bot der Abt von Fontgombault noch seine Garantie an im Falle einer Freilassung des Verbrechers Touvier. Er wurde 1994 zu lebenslanger Haft verurteilt und starb 1996 im Gefängnis Fresnes. (Siehe auch „Paul Touvier et l église, Edition Fayard, Paris, 1992, Seite 300f. Das Buch wurde u.a. herausgegeben von René Rémond).

Für alle, die Französisch lesen können, ein Hinweis auf das Zusammenleben der Bürger im Ort Fontgombault, Dép. Indre, mit dem traditionalistisch agierenden Kloster.

Der Beitrag des Journalisten Hugo Perrier vom 11.3.2014:

Aujourd’hui, je vous emmène à Fontgombault dans l’Indre. Dans ce bourg de 271 habitants, c’est Christine Boutin qui est arrivé en tête lors de la dernière élection présidentielle. Et pour cause, plus d’un tiers des électeurs sont des moines.

Depuis le 15e siècle, ils occupent une magnifique abbaye bénédictine située au cœur du village et cela fait bientôt 40 ans qu’ils votent pour la même personne, Jacques Tissier. Il faut dire que le Maire, fervent catholique, sait se faire apprécier des moines. Seulement, depuis plus d’un an, un vent de révolte s’est levé sur la commune… Des habitants de Fontgombault, une cinquantaine, ont décidé de mener la fronde contre les moines et leur représentant à la mairie, Jacques Tissier. Ils se nomment eux-mêmes “les indignés” et présenteront une liste du jamais-vu depuis 40 ans. Ils reprochent au Maire de ne pas appliquer les lois de la République et de bafouer la laïcité.

# Les Moines

A Fontgombault, ils sont au nombre de 72. Ils sont issus de l’un des courants les plus traditionalistes du catholicisme : le lefebvrisme. Ils vivent cloîtrés dans leur abbaye où ils célèbrent des messes en latin. A chaque élection, ce sont eux qui tiennent le bureau de vote. Ils sont deux au sein du Conseil municipal. Mais récemment, une décision de justice (appel en cours) a mené à la radiation d’une dizaine d’entre-eux des listes électorales. Motif : ils n’habitent plus Fontgombault.

# People

Christine Boutin et Philippe de Villiers sont deux habitués de l’abbaye de Fontgombault. Plusieurs fois, ils ont été aperçus se rendant aux messes données par les moines. Dans les années 70, le chef de la milice lyonnaise sous le régime de Vichy, Paul Touvier, avait trouvé refuge dans cette magnifique abbaye bénédictine.

Wer Christine Boutin und Philippe de Villiers nicht kennt: Beide gehören zum Rechtsaußen in der französischen Parteienlandschaft.

Quelle: Gelesen am 6.4.2018 http://www.bfmtv.com/politique/fontgombault-ville-tenue-moines-729474.html

Ähnliche objektive Informationen bietet auch die Pariser Tageszeitung Libération am 5.3. 2014:

http://www.liberation.fr/societe/2014/03/05/fontgombault-sous-la-coupe-de-la-droite-bure_984831

Zum Schluss: Leider gibt sich Herr Haberl nicht die Mühe, den Autor der Kritik an Le Barroux, also mich, beim Namen zu nennen. Ich bin kein anonymer „Vertreter des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin“, wie Haberl schreibt. „Vertreter“ hat mich bis jetzt noch niemand genannt…. Ich finde diese Art der Entpersonalisierung („ein Vertreter“) ist nicht nur journalistisch nicht korrekt, sie entspricht zudem nicht der angeblich so tiefen und hohen frommen Spiritualität des Herrn Haberl, die er ja in le Barroux gefunden hat, wie er behauptet. Schade, dass die Redaktion auch in dem Falle der Namensnennung ihre Sorgfalts – Pflicht nicht erfüllte.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Gott finden im Kloster der Rechtsradikalen von Le Barroux. Die Zeitung “Christ und Welt” (Die ZEIT) riskiert eine Blamage

Ein Hinweis auf einen verstörenden Artikel in der Wochenzeitung „Christ und Welt“

Von Christian Modehn. Einen zweiten, weiterführenden Beitrag (6.4.2018) finden Sie hier.

Dieser Artikel von Tobias Haberl ist eine theologische Verführung: Er will zeigen, welch ein ästhetischer religiöser Genuss entstehen kann in einer Benediktiner Abtei, die man als Zentrum rechtsextremen Denkens bezeichnet. Nur wird diese rechtsextreme Position des Klosters in “Christ und Welt”  absolut verschwiegen. 

Prinzipiell gilt: Jeder und jede kann seinen/ihren Gott oder das Göttliche oder das „Nichts“ suchen und vielleicht „finden“, wo immer man will. Das gilt selbst für den Gott, den man in einem Benediktiner Kloster rechtsextremer Franzosen findet. Nur soll man den Ort der Gottesbegegnung bitte als Journalist dann auch als solchen benennen und sagen, was in diesem Kloster sonst alles so „los ist“. Dies verlangt die journalistische Sorgfalt und verhindert den Anschein, fake news oder Verschwiegenes und Halbwahrheiten zu verbreiten.

So viel Unkenntnis oder Dummheit eines Journalisten, möchte man fast sagen, wurde selten in einem angesehenen Blatt publiziert: Unter dem Titel „Auf Reisen ins Innere“ schreibt der Autor Tobias Haberl einen Bericht über seinen Klosteraufenthalt, publiziert in der – nur für einen kleinen Kreis von Abonnenten erreichbaren – Beilage „Christ und Welt“ innerhalb der Wochenzeitung DIE ZEIT, veröffentlicht am 28. März 2018. Es handelt sich um einen auf zwei großen Zeitungs – Seiten gedruckten Artikel. Also etwas von vermutlich großem Gewicht.

Tobias Haberl folgte, wie er schreibt, der Empfehlung eines katholischen Freundes: Er solle doch einmal als Gast eine Woche in dem wunderschön, in Einsamkeit gelegenen Benediktinerkloster „Sainte Madelaine du Barroux“ bei Avignon verbringen. Im Laufe des Textes wird der nicht genannte, “mein einziger katholischer Freund”, wie Haberl sagt, dann doch deutlich: Es ist kein Geringerer als der katholische Ästhet und Liebhaber der uralten lateinischen Messe Martin Mosebach. Dessen Buch “Häresie der Formlosigkeit” hat Haberl tatsächlich in seinem Gepäck und er liest im Kloster der “authentischen Mönche” dieses Mosebach Buch.Wenn das so ist, und alles spricht für Mosebach als den katholischen Freund: Bloß warum wird dieser Mosebach dann schamhaft namentlich verschwiegen, hat Herr Haberl Angst, Mosebach öffentlich zu nennen ? Eher ist es wohl umgekehrt: Mosebach weiß längst, welche theologische und rechtsextrem –  politische Haltung (man denke an die Verbindung des Abtes Dom Calvet mit J.M. Le Pen und an des Abtes Abneigung gegen “den” Islam) die Mönche von Le Barroux haben. Deswegen will er klugerweise doch lieber im Hintergrund bleiben. Jedenfalls ist die Liebe zum Lateinischen in alter prächtiger Form, wie sie in le Barroux zelebriert wird, “haargenau” Mosebachs Liebhaberei genannte Spiritualität. Hier jedenfalls wird deutlich, in welchen Klöstern mit einer expliziten politischen Färbung sich Mosebach wohlfühlt. Liturgisch reaktionär und politisch reaktionär verbinden sich gern.

Der Autor Tobias Haberl notiert also, fast in Mosebachschen Schwärmereien, was er in diesen Tagen dort in Le Barroux an spirituellen und alltäglichen Erfahrungen machen konnte: Er schreibt über den Rückzug in eine geschlossene Welt ohne Fernsehen, über die Stille dort, das eher bescheidene Essen, die kleine Klosterzelle für Gäste, das Verweilen in der Kirche, die Begegnungen mit Gott im ästhetischen Erleben der Kunstwerke dort und so weiter. Alles Dinge, die man als Gast in jedem anderen Benediktinerkloster oder Trappistenkloster oder Zisterzienserkloster erleben kann.

Nur: Das Erstaunliche und in dem Falle das Skandalöse ist: es wird vom Autor völlig ausgeblendet in den spirituellen Tagesnotizen jegliche Information über dieses Kloster Le Barroux. Das besondere politische und theologische Profil wird verweigert bzw. verschwiegen, ob bewusst oder unbewusst aus Uninformiertheit, ist eine Frage.

Denn, dass weiß, mit Verlaub gesagt, jeder, der sich mit Benediktiner Klöstern in Frankreich befasst und sich dann auch in einem solchen aufhält: Le Barroux ist ein Nest theologisch reaktionärer Mönche und zudem ein Zentrum rechtsradikaler Mönche, die der Partei Front National nicht nur nahe stehen, sondern auch diese Partei mit größter Wahrscheinlichkeit wählen. Das haben seit Jahren demokratisch besorgte Bürgerinitiativen in der Umgebung dokumentiert, die genau die Wahlen in Le Barroux beobachteten und immer feststellten: Diese Mönche, es sind dort etwa 50, wählen laut Wahlergebnissen in diesem kleinen Ort Front National.

Die unbezweifelbaren Tatsachen sind bekannt und können sogar auf der website der Mönche von Le Barroux nachgelesen werden. Warum verschweigt Tobias Haberl, der sonst so viel emails und websites liest, dass er auch die website vom Kloster gelesen hat, diese gibt es ja auch auf Englisch, falls man kein Französisch versteht. Auf der offiziellen Website des Klosters kann man etwa die jungen Mönche bewundern mit welcher prächtigen Tonsur sie ihr asketisches Gesicht zeigen. Sieht man ja eher selten…

Erstaunlich ist die Aussage des Autors: „In dieser Abtei hat das Satanische keine Macht. Alles ist streng und sanft zugleich. Endlich, endlich Authentizität, die wir alle suchen…“

Natürlich hatte der Gründer der Abtei, Abt Gerard Calvet, nichts Satanisches, jedenfalls würde es niemand wagen, solches zu sagen. Um es kurz zu machen: Calvet (1927 bis 2008) hatte sich und sein Kloster den Traditionalisten rund um Erzbischof Lefèbvre angeschlossen. Leute aus dem politischen Umfeld von Lefèbvre gehör(t)en zu den Freunden und Dauergästen im Kloster: Etwa Jean Madiran oder Bernard Antony, beide führende Mitglieder des rechtsradikalen Front National. Wenn der „Christ und Welt“ Autor einmal in die Buchhandlung des Klosters gegangen wäre, die jeden Tage einige Stunden geöffnet ist, hätte er die Bücher der genannten Rechtsextremen (etwa die Polemiken von Jean Madiran über das Abendland und gegen „den“ Islam“) dort gefunden oder die Biographie von Dom Calvet. Auf der website des Klosters, Stichwort boutiques, werden zahlreiche Bücher aus dem rechtsextremen Milieu zum Kauf angeboten. Theologisch werden uralte, aber neu (!) aufgelegte Sachen angepriesen, etwa der Katechismus von Papst Pius X. (gestorben 1914) oder vom Trientiner Konzil im 16. Jahrhundert.

Das Kloster findet bei jungen Mönchen offenbar aus einschlägigen rechtslastigen Kreisen so viel Zuspruch, (denn kein anders Denkender hält es in einem solchen Milieu aus…) dass tatsächlich ein weites Netz von Klosterneugründungen erwähnt wird. Viele dieser Neugründungen gehören explizit zu den Lefèbvre Traditionalisten, wie etwa das Kloster Reichenstein bei Monschau, Eifel.

Tatsache ist: Dom Calvet stand als Lefèbvre Freund in enger Verbindung mit dem damaligen Chef der obersten vatikanischen Glaubensbehörde, mit Kardinal Ratzinger. Dieser sah es als sein dringendstes Anliegen, darin treu folgend dem polnischen Papst, dass die schismatischen Traditionalisten wieder in den Schoß der römischen Papst Kirche zurückkehren, also den schismatischen Club der Traditionalisten und Lefèbvre Leute verlassen. Und diese „Versöhnung“ mit Rom ist dem Kardinal Ratzinger auch gelungen: Nur mit dem Ergebnis: die reaktionären Mönche und FN Freunde von le Barroux erkennen den Papst zwar an. Aber das ist alles. Sonst folgen sie ihrer alten Liturgie, der alten Theologie, kurz, allem was den Traditionalisten wichtig ist. Le Barroux ist also eine Art „trojanisches Pferd“: nach außen hin römisch, päpstlich; de facto reaktionär. Darum sind auch alle reaktionären Medien in Frankreich förmliche Liebhaber des Klosters. Man lese etwa „Le salon beige“ oder „Riposte catholique“, das sind heftigste Websites aus der rechtsextremen katholischen Ecke, die, wie alle wissen, in Frankreich sehr zahlreich und sehr einflussreich sind, jedenfalls mehr als in Deutschland bisher. Diese Kreise haben etwa die Massen – Demonstrationen gegen die Ehe für alle in Frankreich mit organisiert.

Dass der neue Abt, er stammt aus altem Adel, Père Louis Marie de Geyer d Orth, ebenfalls rechtslastige Vorlieben hat, zeigt etwa seine Ansprache anlässlich der Bestattung des Klosterfreundes und Rechtsextremen Jean Madiran (man lese: http://www.nd-chretiente.com/dotclear/public/documents/2013_Documents/2013.08.08_Jean_Madiran_obseques_Dom_Louis-Marie.pdf). Dort ist der jetzige Abt de Geyer d Orth so offen, die tiefe Verbundenheit des Klosterfreundes Madiran mit dem rechtsextremen Vordenker und Schriftstellers Charles Maurras (1868 – 1952) zu betonen.

Ich breche hier die Hinweise zum Kloster der Rechtsextremen Mönche Le Barroux ab, ich habe darüber vielfach publiziert, etwa auch in dem empfehlenswerten Buch „Rolle rückwärts mit Benedikt“ (hg Norbert Sommer und Thomas Seiterich, 2009, dort S 143 ff, besonders S.156 f)

Nur zum Schuss: Der ungenannte bayerische Freund, der den „Christ und Welt“ Autor, also indirekt dann auch „ZEIT“ Autor, ins schöne le Barroux lockte, hatte ihm auch noch einen Buchtipp gegeben: Er solle das Buch des im Vatikan tätigen Kardinals Robert Sarah „Kraft der Stille“ lesen. Jeder kann lesen, was er will: man sollte nur wissen, dass dieser Autor und Kardinal ebenfalls theologisch rechtsaußen steht und einer der definitiven Feinde von Papst Franziskus ist. Ich habe über die Äußerungen Sarahs kürzlich einen Kommentar publiziert: Nur ein Zitat dieses Vatikan Kardinals: „Die Gender-Ideologie und der islamische Staat teilen beide denselben dämonischen Ursprung. Was der Nazismus und der Kommunismus im 20. Jahrhundert waren, das ist heute die westliche Homosexualität, die Abtreibungs-Ideologie und der islamische (!) Fanatismus“.

https://re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er-salon.de/?s=Kardinal+Sarah

Ob unser Autor auch diese Zeilen gelesen hat und dann Gott fand??

Und noch etwas sehr Wichtiges zum Schluss: Was ist in der Redaktion von „Christ und Welt“ los? Recherchiert man die Texte der Autoren nicht? Oder will man Rechtslastiges sanft unters Volk bringen? Schaut man da gar nicht mehr hin, wo die Autoren ihren Gott suchen und finden? Natürlich, kann man möglicherweise überall finden. Aber wenn man schon Gott in aller Schönheit und Stille ausgerechnet in Le Barroux findet, sollte man auch sagen: Ich habe den lieben Gott in einem Kloster gefunden, in dem sich theologisch wie politisch Mönche von der rechtsextremsten Seite treffen. Wahrscheinlich könnte dies dann zu einem Pilgerort für fromme AFD Anhänger und Pegida Seelen werden. Da könnte die deutsch – französische Freundschaft im Schatten von Petain, Maurras und Madiran ganz neue Aspekte bekommen. Es sind gefährliche Aspekte.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Manfred Lütz: “Der Skandal der Skandale”: Ein Skandal.

Über das Buch von Manfred Lütz „Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“ (Herder Verlag 2018).

Hinweise von Christian Modehn verfasst am 6.3. 2018. Der Historiker Josef Breinbauer hat das Buch von Lütz untersucht, klicken Sie hier.  Zum Thema Manfred Lütz  “Skandal der Skandale” UND die Juden klicken Sie bitte hier. Wer sich für die pauschale Ablehnung jeglicher aktiver Sterbehilfe durch Dr. Manfred Lütz  interessiert, lese diesen Beitrag.

Zu einer Entgegnung des Philosophen Herbert Schnädelbach auf  Manfred Lütz “Skandal der Skandale” klicken Sie hier.

Das Motto dieses Beitrags: „Manchmal muss Philosophie not-gedrungen vor allem Religions – und Kirchenkritik sein“. (Voltaire). Der Beitrag „Skandal der Skandale“ wurde bis zum 26.Mai 2018, also innerhalb von 2 Monaten, direkt, also ohne den Umweg über die Startseite des Reigionsphilosophischen Salons, 720 mal aufgerufen; der Beitrag „Professor Herbert Schnädelbach erwidert Manfred Lütz“ ebenso 664 mal; der Beitrag „Die Irrtümer des Manfred Lütz“ 117 mal, „Manfred Lütz und die Juden“ 71 mal.

Die ideologische und politische Einordnung des Buches von Lütz:

Das der Kirchen – und Religionsgeschichte gewidmete Buch von Manfred Lütz „Skandal der Skandale“ wurde vom katholischen Herder Verlag am 28.2. 2018 nicht etwa, wie sonst bei katholischen Verlagen üblich, in einem katholischen Haus, etwa einer katholischen Akademie, präsentiert. Sondern ganz groß und ganz offiziell, also durchaus entschieden in einem politischen Ambiente, im „Haus der Bundespressekonferenz“ inmitten des Berliner Regierungsviertels. Zwei Politiker wurden bezeichnenderweise zur Präsentation eingeladen, Herr Spahn (CDU) und Herr Gysi (LINKE), die, mit Verlaub gesagt, nicht gerade herausragende Spezialisten für Religionsgeschichte sind…

Und das Ganze wurde zu einem Zeitpunkt inszeniert, als der Koalitionsvertrag der Großen Koalition vorlag. Und darin ist auch, damals kaum bemerkt, eine Art Religionskapitel enthalten, allerdings ohne entsprechende Überschrift. „In der Eile der Verhandlungen hat die Gruppe (der Groko Leute) die Überschrift vergessen“, so Fabian Klask in „Christ und Welt“ vom 13. März 2018, Seite 3. Dieser Religionstext im Koalitionsvertrag soll „die religiöse Identität markieren“: „Von christlicher Prägung unseres Landes“ ist da die Rede! Auf dieser christlichen Basis will sich die Regierung dann freundlicherweise „für ein gleichberechtigtes gesellschaftliches Miteinander in Vielfalt einsetzen“. Konkret heißt das auch: Es wird in der neuen Regierung einen „Beauftragten für die Religionsfreiheit“ geben. Diese Religionsfreiheit, so viel ist klar, soll vor allem zugunsten der vor allem in islamischen Ländern bedrohten Christen verteidigt werden. „Der“ Islam gerät so schnell weiter in den Geruch der Gewalttätigkeit. Differenzierungen werden mühsam…

Jedenfalls muss die Präsentation des Buches von Manfred Lütz „Skandal der Skandale“ in diesem Zusammenhang gesehen werden: Das Buch will oft deutlich und sehr oft zwischen den Zeilen auch deutlich die hervorragende, eigentlich wesentlich „gute“ Rolle des Christentums, der römischen Kirche vor allem, herausstellen, was Friedfertigkeit und Toleranz angeht. Und die eher schwache Rolle des Islams herausarbeiten, was Toleranz, Milde, ja Kultur im ganzen angeht. Insofern, möchte man meinen, entspricht das Buch von Lütz der herrschenden CSU Mentalität, dass der Islam doch nicht zu Deutschland gehört, siehe die Stellungnahmen von Herrn Söder.

Das Buch von Lütz ist eine hervorragende Unterstützung der CDU/CSU Politik. Man möchte meinen, es versucht, Schützenhilfe zu bieten für eine Renaissance der christlichen Basis deutscher Kultur. Dass diese Ideologie völlig an der faktischen Situation der Konfessionen in Deutschland heute vorbei geht, ist evident: Mindestens 33 Prozent der (zumal jüngeren) Bevölkerung sind konfessionsfrei, außerkirchlich, oft atheistisch. Merkwürdig erscheint, wenn jetzt sogar in rechtsextremen Kreisen, denen an dem „christlichen Abendland“ angeblich so viel liegt, immer auch das Wort „jüdisch“ im Zusammenhang europäischer Kultur mit auftaucht: So etwa bei Madame le Pen, die immer von jüdisch – christlicher Kultur Frankreichs spricht und damit die antisemitischen Äußerungen des FN Gründers Jean Marie Le Pen überspielt. Klar ist: Da wird nur aus ideologischen taktischen Gründen eine gewisse Nähe zu Jüdischem betont, die de facto gar nicht vorhanden ist in diesen rechtsextremen Kreisen. Auch die AFD spricht von „jüdisch christlicher Kultur. Das macht sie nur, um sich damit von der islamischen Kultur abzugrenzen.

In diesem ideologischen Raum ist also das Buch „Skandal der Skandale“ von Manfred Lütz aus dem katholischen Herder Verlag bewusst platziert.

Eine Ergänzung am 10.3.2018: Ganz offensichtlich ist diese Herabsetzung des Islams gegenüber dem Christentum ein aktueller (politischer) Focus des Buches im ganzen. So beruft sich Lütz ohne Quellenangabe auf Hans Küng (S. 81) und behauptet, schon Küng sei vom gotteskämpferischen Charakter des Islams überzeugt. Lütz beruft sich zudem auf den höchst umstrittenen Bernard Lewis (S. 81). Lütz behauptet wider alle  Forschung, “das Christentum sei immer eine Friedensreligion gewesen” (ebd.) Das gute Christentum soll dem belasteten Islam  (und der “Aufklärung” ) gegenüber gestellt werden. Das nennt sich Apologie des Christentums bzw. der römischen Kirche…

………………..Die Leitlinie für “Skandal der Skandale” formulierte Lütz schon 1999 in seiner Hochschätzung des Mittelalters und einer gewissen Verachtung der Demokratie:  In seinem Buch „Der blockierte Riese“ Seite (106 f.) verbindet Manfred Lütz seine Hochschätzung der Freiheiten im Mittelalter (bekanntlich eine sehr demokratische Zeit) mit seiner Verachtung der modernen Demokratie und ihrer demokratischen Wahlen. Lütz schreibt: „Heute muss man historisch nüchtern feststellen, dass es das finstere Mittelalter nicht gab. Das Mittelalter kannte für den einzelnen Menschen womöglich mehr konkrete Freiheiten, die libertates, als man sie heute besitzt, wo man in unzählige Zwänge eingebunden ist und am Wahltag eine doch eher abstrakte Freiheit wahrnimmt, die dann in Zahlenverhältnissen untergeht“ (zitiert nach Peter Hertel, Glaubenswächter. Katholische Traditionalisten im deutschsprachigen Raum“ (2000)………..

Manfred Lütz, Psychotherapeut in den großen Alexianer – Kliniken, römisch – katholischer Diplom – Theologe, Gast in Talk- Shows und auf Katholikentagen, beliebter Interviewpartner in bischöflichen Radiosendern (Dom – Radio) und vor allem, wie der Herder – Verlag jetzt schreibt, Autor zahlreicher Bestseller. Lütz wollte nun wohl einen weiteren Bestseller vorlegen. Es bleibt zu hoffen, dass dieses neueste Buch „Der Skandal der Skandale“ eher übersehen wird, trotz des Medienwirbels um diese Schrift. Denn das Buch ist selbst ein theologischer Skandal. Und dies aus vielerlei Gründen, die hier kurz vorgelegt werden.

1.Zum Inhalt: Lütz will zeigen, wie in Öffentlichkeit schon seit längerer Zeit, also durch die Medien, d.h. durch die Journalisten, die globale, aber in seiner (Lütz) Sicht irrige These verbreitet wird: Die Geschichte des Christentums, vor allem der katholischen Kirche, sei hoch belastet, unangenehm kriegerisch, also unmenschlich. Kurz: Die Geschichte des Christentums sei eben ein Skandal. Gegen diesen Skandal will der Autor argumentieren, indem er die Argumente der von diesem Skandal Sprechenden selbst schon einen Skandal nennt. Soviel Skandal war selten, möchte man meinen, im katholischen Bücherwesen; zumal hier nun darauf hingewiesen wird, dass dieses Buch auch noch ein theologischer Skandal ist. Man könnte auch von einer theologischen Blamage sprechen.

2.Dass in der Geschichte des Christentums und der Kirchen, vor allem der katholischen Kirche, trotz einiger Lichtblicke und einiger Vorbilder und Heiliger weithin – in heutiger Sicht – skandalöse Verhältnisse und, vernünftig betrachtet, eben auch skandalöse Denkformen und Inhalte verfestigt wurden, ist ja bekanntlich ein Urteil, zu dem reflektierte Theologen, Religionswissenschaftler und Historiker ziemlich einmütig kommen. Dies ist der wissenschaftliche Gesamteindruck heutiger Wissenschaftler, die natürlich wissen: Das von ihnen in der Gegenwart frei gelegte Elend dieser Kirche(n) (der Skandal), wurde auch schon damals von vielen Beteiligten, den Verfolgten und Leidenden wegen dogmatischer Abweichungen, als solches erlebt. Der Skandal wurde als Skandal als solcher also damals schon von den Leidtragenden erlebt. Warum soll das Gesamtbild einer zweitausend Jahre alten Institution auch besser sein als die Herrschergeschichte der Franken-Könige oder der Bourbonen oder des Hauses Habsburg? Nur: Die Geschichte der Kirche wird gemessen an dem hohen Anspruch, den die Kirchenführer nach außen vertraten und heute behaupten. Aber diesen hohen Anspruch selbst kaum lebten, etwa seit dem 16. Jahrhundert in ihrer Bindung an reaktionäre Denkformen, die sich jedem Dialog mit der Moderne verweigerten. Man denke an Gregor XVI., Pius IX. und so weiter.

Lütz will also diese dunklen Seiten bzw. unangenehmen Strukturen der Kirche etwas reinwaschen. Dabei übersieht er die Liste der international geschätzten Wissenschaftler, die den Skandal dieser Kirche ohne apologetische Angst freilegten, etwa Prof. Jean Delumeau, übrigens ein überzeugter Katholik in Frankreich, lange Jahre Professor am Collège de France, Paris: Es steht im Zentrum seiner ausführlichen Studien die giftige Angst der Kirchenführung, diese machte die katholische Kirche zu einer „belagerten Festung“. Dies ist heute allgemeine wissenschaftliche (!) Überzeugung, daran sollte man eigentlich um der Erkenntnis willen nicht „wackeln“.

3. Im ganzen will Lütz die alte und theologisch längst veraltete und oft überwundene Apologetik wieder neu beleben. Bis etwa 1960 bestimmte bekanntlich die tatsächlich so auch genannte “Apologetik” als Studienfach die Ausbildung aller katholischen Priester weltweit. Da wurde etwa eingehämmert, die Größe und Einzigartigkeit der römischen Kirche dadurch zu beweisen, dass man sagte: „Die katholische Kirche ist die wahre Kirche, weil ihre Lehre wahr ist“. Diese Wiederaufwärmung der alten Apologetik ist vielleicht selbst schon ein Skandal. Denn immer versucht Lütz im Laufe seiner Texte zu zeigen: Die katholische Kirchenführung hat da und dort zwar Fehler gemacht, aber die anderen Kirchen haben auch viele Fehler gemacht. Das kann man schreiben, wenn von der tieferen Reflexion auf die ureigenen Fehler im römischen Kirchensystem ablenken will.

Entscheidend ist für Theologen hingegen: Das sich schon sehr früh etablierende römisch katholische Kirchensystem als Klerus – Hierarchie produzierte förmlich diese Skandale ständig. Diesen systembedingten Skandal legt Lütz nicht frei. Er konzentriert sich auf viele Einzelfälle, auf Kreuzzüge und Renaissance-Päpste, die Unfehlbarkeit des Papstes und die Abtreibungen heute. Darüber wird weiter unten noch die Rede sein müssen, wie Lütz mit diesen Skandalen umgeht.

4.Das Komische ist, dass Lütz im Vorwort betont, welche theologischen Spezialisten ihn in seinem Opus unterstützten, allen voran der pensionierte Kirchenhistoriker Prof. Arnold Angenendt, (83), dessen große Studie „Toleranz und Gewalt“ (2006) einige Aufmerksamkeit fand. Auf dieses Buch bezieht sich Lütz, ohne selbst im einzelnen zu zeigen oder nachzuweisen, wo er aus diesem Buch zitiert. Ist der größte Teil seines Textes ein Angenendt – Text? War die Motivation, diese sehr umfassende Angenendt Studie zu popularisieren, weil, so Lütz, sogar der atheistische Philosoph Herbert Schnädelbach von diesem Buch etwas gelernt hat? Bei der Lütz Lektüre fragt man sich, ob der Autor auch die Studie von Arnold Angenendt „Grundformen der Frömmigkeit im Mittelalter“ (2003) gelesen hat.

Schlimm ist und das wird viele schon vor der Lektüre bewahren, dass das Lütz Buch (immerhin 288 Seiten) auf präzise Quellenangaben, auf ein Literaturverzeichnis und auf ein Namensregister verzichtet. Das haben ihm offenbar auch nicht die mitlesenden und korrigierenden Theologieprofessoren einreden können, die alle Lütz dankend auf Seite 15 erwähnt, ich zähle 6 Namen. Witzig soll sein, wenn Lütz schreibt: „Wie üblich hat das Buch mein Frisör kontrolliert, damit alles allgemein verständlich, Locker und lesbar bleibt“. Der arme Frisör, möchte man meinen, der sich da durch den Text durchgeboxt hat. „Locker“ ist ja der Lütz Text manchmal. Aber locker heißt überhaupt nicht: auch gut oder wichtig. Hilfreich sollen dem Autor zwei Dr.h.c.mult., also zwei multiple geehrte Theologie – Kapazitäten, zu Seite gestanden haben: Heinz Schilling und Christoph Markschies. Dass diese beiden und die anderen Theologen den Arzt nicht vor hoch problematischen und theologisch einfach falschen Äußerungen gewarnt haben, ist schon erstaunlich. Wie sah denn die Mitarbeit der Theologieprofessoren aus? Kein Wort darüber. Ist das Lütz Buch bei so vielen Helfern überhaupt ein Lütz – Buch? Hat vielleicht nur der Frisör die meiste Lese-Arbeit vor Drucklegung geleistet? In jedem Fall gehört der Haarschneider aus dem Kölner Raum in die nächste Talkshow zum Thema: Frisöre als Theologen. Vielleicht hat sich der Frisör über die flapsige Bemerkung von Lutz über Karl den Großen besonders gefreut: “Sein Sexualleben hält jeden Vergleich mit Mick Jagger aus“ (Seite 56). Der Frontmann der Rolling Stones könnte sich über so viel Ehre vielleicht freuen…

5.Schon auf Seite 13 verschlägt es einem Theologen die Sprache: Da wird behauptet, Jesus aus Nazareth, hätte „seiner Kirche“ keine ungebrochene Heiligengeschichte „vorausgesagt“ (sic). Hat Jesus von Nazareth nicht – laut NT – ganz was anderes vorausgesagt, nämlich das baldige Ende der Welt und seine, Jesu, Wiederkunft? Es ist naiv, gelinde gesagt, zu meinen: Dieser Jesus von Nazareth hätte diese römische Kirche förmlich schon vor Augen gesehen und als Papst-Kirche gegründet. Lütz schreibt gleich anschließend: „Die von ihm persönlich berufenen Säulen der Kirche, die Apostel, waren durchaus von durchwachsenem Charakter…“ Soll das heißen: Mäßige Typen, tatsächlich ja Analphabeten, Männer, die zudem ihre Frauen und Familien im Stich ließen etc? Also Jesus von Nazareth hat die Säulen „der“ Kirche schon etabliert. Noch komischer wird es, wenn Lutz auf Seite 284 schreibt: Jesus habe förmlich zu seinen eigenen Lebzeiten schon „Kirchenbesuch bei ihm selbst erlebt“, weil man ihn als Herrn der Kirche besuchte. Wer waren die ersten Kirchgänger in der Sicht von Lütz: Die Apostel natürlich. Wer solches heute in einem theologischen Unter- Seminar schreibt, fliegt raus.

5.Lütz hingegen hält „die Kirche“, die römische, für, so wörtlich eine „göttliche Gründung“. Das kann man er ja wider alle theologische und sonstige Vernunft persönlich in aller Freiheit glauben. Nur ist diese subjektive Meinung niemals ein hermeneutischer, theologisch gesicherter Ausgangspunkt für die Wissenschaft, an der Lütz so viel liegt. Und sein ganzes Buch soll ja angeblich Wissenschaft verbreiten…Lütz spricht, gar nicht so typisch für einen Psychotherapeuten, von dem „Skalpell der Wissenschaft“ (Seite 14 schon und später auch), mit dem er der so weit verbreiteten angeblichen Skandalgeschichte des Christentums, so wörtlich, zu „Leibe rücken will“. Gott sei Dank braucht sich auch der Autor der umfangreichsten Studien zum Thema, Karlheinz Deschner, vor dem Skalpell des Herrn Lütz nicht mehr zu fürchten. Deschner, den unter anderem „Die Zeit“ in ihrer Objektivität noch 2013 sehr treffend für seine Verdienste würdigte, ist 2014 verstorben.

6.Manche Behauptungen bleiben im vagen, wenn Lütz etwa zugeben muss, dass das Abschlachten im Rahmen der Schwertmission nur „ein brutaler politischer Gewaltakt war“ (Seite 60), die Kirche steht also relativ fein da! Und selbst die Heiligsprechung dieses sehr potenten Machtmenschen Karl d. Gr. betrifft die Kirche nicht: Sie war ein illegaler Akt und ein Provokation. Weil Lütz ahnt, dass man fragt: Und warum wird dieser dann doch nicht heilige Herrscher immer noch in Aachen als Heiliger verehrt, nämlich am 28. Januar? Doch wohl nicht nur aus folkloristischen und geldbringenden touristischen Motiven? Da schreibt Lütz weise voraussehend diese Entschuldigung für diese Feier dieses heiligen Herrn: „Für eine Entschuldigung käme also etwa der deutsche Bundespräsident in Frage – oder sein Kaplan, wenn es den gäbe“. Man sieht an diesem Stil, pendelnd zwischen Zynismus und der vom Frisör gebotenen Lockerheit, in welcher Weise Lütz argumentiert als Apologet. Zwischendurch stehen immer wieder einzelne Sätze, die von Vernunft zeugen: Etwa: „Christlich kann man eine solche gewalttätige Ausdehnung des Christentums im Mittelalter nicht nennen“ (Seite 63). Dann wird auch dies wieder relativiert mit einer an Eurozentrismus grenzenden Behauptung von Johannes Fried: „Ohne (gewalttätige) Mission keine höhere (!) Zivilisation“. Das Töten usw. hat sich also letztlich gelohnt. Das nennt man wiederum gute alte Apologetik, der Zweck heiligt die Mittel.

7.Immer werden katholische Missstände und Verbrechen im Vergleich zu anderen Religionen relativiert. Etwa auf Seite 31: „Hätte es im Mittelalter einen jüdischen Staat gegeben, dürften manche Heiden dort der Verfolgung ausgesetzt worden sein“. Juden als Verfolger…Ein hübsches Thema für den katholisch – jüdischen Dialog…

Oft arbeitet Lütz auch die Mängel des Protestantismus gegenüber dem Katholizismus heraus, etwa wenn er meint: Protestanten seien viel mehr gegen die Weimarer Republik eingestellt gewesen als Katholiken. Das ist wieder die alte Masche der überholten katholischen Apologetik: Rom steht doch vergleichsweise recht gut da! (Seite 209 f). Dass die Zentrumspartei Hitler etwa durch den „Steigbügelhalter“ Hitlers Franz von Papen an die Macht mit beförderte, wird verschwiegen. Ebenso, dass etliche Bischöfe den Krieg der Deutschen gegen Russland als Kreuzzug (!) rühmten. Oder dass Benediktiner Äbte wie Albanus Schachleitner oder Abt Albert Schmitt aus Grüssau Nazis waren… Pater Delp, Pfarrer Metzger und Prälat Lichtenberg waren die absolutesten Ausnahmen! In Österreich musste in vielen Kloster – Stiften das ganze Leitungspersonal nach 1945 ausgetauscht werden, weil so viele Nazis waren… Es ist dieser Mangel an Differenzierung, die so sehr dieses Buch eigentlich wertlos macht. Um der Apologie des Christentums willen werden Fakten verschwiegen!

Allen Ernstes erwähnt Lütz etwa Martin Heidegger als Beispiel für die Attraktivität des Katholizismus bei den Intellektuellen in der Weimarer Zeit: Er wertet positiv die Tatsache, dass Heidegger öfter mal im Benediktiner Kloster Beuron weilte und doch offenbar still saß, vielleicht betete. Dies gilt bei Lütz als Beleg für katholisches Denken bei Heidegger. Dabei weiß inzwischen jeder philosophisch Gebildete, dass der katholisch getaufte Martin Heidegger aus der Kirche austrat und in die Nazi Partei eintrat und ihr bis 1945 angehörte.

  1. Die Ausführungen zum Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens und Sittenfragen von 1870 finde ich skandalös. Es wird auf jegliche Verbindung dieses Dogmas mit der damaligen politischen Situation verzichtet, auf das Ende des großen Vatikanstaates 1870. Keine Rede vom heftigen Wunsch des Papstes Pius IX., wenigstens noch ideologisch machtvoll, eben unfehlbar zu sein. Erst unter dem Faschisten Mussolini wurde ein kleinster Vatikan Staat wieder eingerichtet, zur Riesenfreude der Päpste, die nun auf politischer Ebene wieder voll mitmischen dürfen, diese Doppelrolle des Papstes als politischer Herrscher und geistlichem Oberhaupt wird nirgends angesprochen… Hingegen schreibt Lütz apologetische Albernheiten: “Das Unfehlbarkeitsdogma wirkt eher als Unfehlbarkeitsverbot, es begrenzt Rechthaberei, verhindert Selbstüberschätzung und Sektenbildung“ (Seite 201). Die Päpste bis Papst Franziskus seien also vor Rechthaberei geschützt gewesen… lächerlich diese Apologetik. Man denke an die Theologenprozesse gegen Leonardo Boff oder Hans Küng und andere bestrafte katholische Theologen weltweit.
  2. Schlimm ist auch das Kapitel über die Euthanasie, durch die Nazis betrieben: Da ist dann von der Erbsündenlehre die Rede und Lütz behauptet allen Ernstes (S. 213), diese von Adam und Eva an die ganze Menschheit überlieferte Erb-Sünde ohne individuelle Vergehen (!) sei „ein tagtäglich erfahrbares Phänomen“. Dabei ist diese Erbsünde, durch den Geschlechtsverkehr der offiziellen Lehre nach übermittelt, als solche gar nicht erfahrbar. Erbsünde ist eine pure Behauptung. Erfahrbar sind lediglich die einzelnen Verfehlungen, dogmatisch Sünden, genannt. Die Erbsünde ist ein Konstrukt, das Augustin mit aller Macht im 5. Jahrhundert durchsetzte. Das ist historisch evident. Warum hat da keiner dieser Doctores multiple h.c den Arzt Lütz aufgeklärt? Immerhin nennt Lütz an anderer Stelle die eher düstere Deutung des späten Augustins, also die erbsündliche Begierde des Fleisches, sei “etwas zu pessimistisch“! “Etwas zu pessimistisch”, wie hübsch. Wie vielen Millionen gläubiger Katholiken wurde die durch diese „etwas pessimistische“ Deutung des Sex durch Augustin die Lebensfreude auch als Freude an Erotik und Sex verdorben? Diese Art zu schreiben, etwas eben „etwas pessimistisch“ zu finden, ist die typische alte Apologetensprache, nach dem Motto: „Alle Übel, die die Kirche verursacht, sind halb so schlimm“…Selbst die Pillenenzyklika Papst Paul VI. verteidigt Lütz noch apologetisch mit den Worten: “Es war die Neigung weniger informierter Journalisten (wieder mal diese bösen Journalisten, CM), in der katholischen Kirche fälschlicherweise im Wesentlichen eine Institution zur Verhinderung sexueller Freude zu sehen“ (Seite 265). Wie konnte Lutz auf einen solchen abwegigen Gedanken kommen? Viele zölibatäre Priester suchten sich bekanntermaßen sexuelle Freuden eben in pädophilen Beziehungen. Oder sie leisteten sich eine Freundin, falls ein Kind geboren wurde, zahlte und zahlt der Bischof die Alimente. Natürlich schreibt der Apologet Lütz davon nichts.
  3. Im Zusammenhang der Frauenemanzipation kommt Lütz zu überraschenden Thesen: Die Reformation brachte zwar manche (welche ? CM) Liberalisierungen, aber für die Rolle der Frau auch manchen Rückschritt“. Denn: „Das Ordensleben war Frauen im Protestantismus verwehrt“ (S. 253). Aber seit wann gibt es eigentlich Diakonissen und evangelische Frauenorden, hätte Herr Lütz recherchieren können. Natürlich verteidigt Lütz auch die Werte des Zölibats für Priester. Jesus selbst lebte zölibatär, meint er, vergisst dabei aber die Freundschaft Jesu zu etlichen Frauen und die tiefe Zuneigung zu dem explizit Lieblingsjünger genannten Johannes, der immer so hübsch an der Brust des Herrn ruhte. Der Mann Jesus und seine Erotik, bislang theologisch leider total tabuisiert, wäre doch mal ein Thema für den Psychologen Lütz.
  4. Ganz unerträglich werden die Ausführungen von Lütz, wenn er auf den Schwangerschaftsabbruch zu sprechen kommt und als Pro-Life – Fan offenbar jede Abtreibung bereits pauschal „Kindestötung“ nennt. Es sind immer „ungeborene Kinder“ (Seite 268), die in seiner Sicht abgetrieben werden. Nuancen sind doch aber in dem Zusammenhang ein bisschen üblich geworden, oder? Lütz meint, heute wären „die Ärzte die einzige Gruppe, die Abtreibungen vornimmt“, so auf Seite 268. Wenn das doch bloß so wäre, möchte ich ihm zurufen! Soll sich der Arzt Lütz doch etwa in Lateinamerika umschauen, in den noch immer katholischen Ländern. Dort verfügen Bischöfe politisch sehr einflussreich (oft vom Opus Dei unterstützt) das absolute gesetzliche Verbot des Schwangerschaftsabbruchs, wie in der Dominikanischen Republik (man denke an den unsäglichen politisch allmächtigen Kardinal Lopez Rodriguez) oder in El Salvador oder sogar in Chile… So müssen Frauen und Mädchen dort, wenn sie abtreiben wollen und abtreiben müssen, zu den “Kurpfuschern” gehen, viele Frauen sterben bei dieser Prozedur. Es sind diese so undifferenzierten Äußerungen in dem Buch, die total stören, weil sie falsch sind oder miserabel recherchiert sind, wie in unserem Beispiel. So wird auch Kindertaufe verteidigt, mit dem Argument, die Eltern würden sich dadurch um die christliche Erziehung des Kindes kümmern. Mag ja manchmal noch so sein. Aber der entscheidende Grund für die Kindertaufe ist: Die Seelen der Babys zu bewahren vor der Hölle und dem Limbus Puerorum, in die ungetaufte Seelchen gelangen könnten. Es ist die Angst, die die Kindertaufe begründet hat…ein Ausdruck dieser furchtbaren Erbsündenlehre…
  5. Katholische Waisenhäuser (S. 270) mögen ja Fantastisches geleitet haben: Nur hat Herr Lütz von den Nonnen in Irland gehört, die Waisenkinder in die USA verkauften oder von den Nonnen in Spanien, die Kinder den republikanisch-sozialistischen Familien wegnahmen und dann nach einem Aufenthalt in den Heimen an offenbar impotente Franco-Freunde weiterreichten? Lütz behauptet weiter vieles Falsche: Dass Joseph Ratzinger schon als Kardinal in Rom „entschieden gegen pädophilen Missbrauch durch Priester vorging“ (S. 274). Das Gegenteil ist der Fall: Der pädophile Verbrecher und Ordensgründer der Legionäre Christi (Pater Marcial Maciel) hatte im Vatikan alle Freiheit, auf seine unsägliche Art zu agieren, auch noch in der Zeit, als Ratzinger Chef der römischen Glaubensbehörde war. Denn der polnische Papst (und viele seiner Kurien Kardinöle) war ein guter Freund von Pater Marcial Maciel. Gegen den konnte/wollte der gehorsame Deutsche Ratzinger nichts machen…Nebenbei: Erst nach dem Tod von Johannes Paul II. wurde der Fall Maciel ein bisschen aufgelöst, der Orden besteht noch heute, in der spanischen Welt „Milionarios de cristo“ treffend und richtig genannt. Ich habe mit Verlaub gesagt seit Jahren darüber publiziert. Kein Theologe einer deutschen Universität hat sich dieses Themas (aus Angst wohl) angenommen…
  1. Gegen Ende des Buches ist wieder vom helfenden Skalpell die Rede. Es wird von Lütz bedauert, dass so viele Menschen die apologetische (rein waschende) Sicht auf den römischen Katholizismus nicht teilen. Lütz sieht darin die Konstruktion eines Sündenbockes: Die Bösen werfen alles Übel auf diese so wunderbare Institution Kirche. Denn die Katholiken und die Christen sind es, meint Lütz, die für Solidarität in der Gesellschaft sorgen. Atheisten seien nicht so hilfsbereit. Und er bezieht sich dabei sogar auf einen Ausspruch von Gregor Gysi. Nun wird der Ärmste noch zum Freund von Lütz hoch gejubelt und er spielt diese Rolle offenar gern mit. Aber Lütz muss dann freundlicherweise gestehen: „Auch viele Atheisten sind zu starken humanitären Impulsen bereit“ (Seite 281). Dann aber dieses:„Das ist aber nicht selbstverständlich“. Also: Nur bei Christen ist also das humanitäre Engagement eben selbstverständlich…. Von René Girard meint er gar, er hätte dieses und jenes „jüngst“ behauptet: Girard ist im November 2015 gestorben, also nicht „jüngst“. Hat ein Lektor diesen Text durchgeschaut?

Das ganze Buch ist eine Zumutung, ich will von den Beschönigungen etwa im Lebensstil des wirklich berüchtigten Papstes Alexander VI. nicht viel reden, die Lütz etwa auf Seite 116 betreibt: Alexander VI., als Papst bekanntlich verheiratet: Er zeigt, so wörtlich als dem Zölibat verpfichteter Papst, „durchaus Verantwortung und Familiensinn“. Und weiter: „Unter Alexander VI. herrschte eine durch und durch liberale (sic!) Stimmung in Rom“ … „Wohl war er tieffromm“, er „hat sogar das Gebet „Gegrüßet seist du Maria“ erweitert“. In dieser also so prächtigen liberalen und frommen Stimmung konnten sich dann die klerikalen sexuellen Lustmolche entwickeln, über die sich dann die Reformatoren ihre eigene Meinung bildeten.

  1. Mit dem theologischen Profil des Arztes und Diplomtheologen Lütz könnten sich andere theologische Fach – Journalisten, die wie ich noch etwas auf kritische Recherche halten, weiter befassen. Werden sie das tun? Es ist kein Zufall, dass Lütz zusammen mit Kardinal Paul Josef Cordes ein Buch unter dem Titel „Benedikts Vermächtnis“ (2013) veröffentlichte. Cordes ist leidenschaftlicher Verteidiger der neu- katholischen Massenbewegung der Neokatechumenalen, die sehr viele seriöse Theologen für eine Sekte halten. Ich habe darüber seit Jahren publiziert. Das sind, kurz und richtig gesagt, die verbissenen Leute, die behaupten, erst nach einem ca. 6 jährigen Katechismus Kurs könne man ein guter Katholik sein. In Berlin und anderswo ist fast der gesamte jüngere Klerus „neokatechumenal“… Kardinal Cordes ist heute einer der heftigsten Kritiker von Papst Franziskus. In dem Verlag MM aus Aachen, der dem Opus Dei sehr nahe steht und eine Art Sammelbecken sehr konservativer Theologen ist, veröffentliche Lütz ein Buch mit dem ebenfalls sehr konservativen (inzwischen Kardinal) Walter Brandmüller. Das sind die Connections, die das theologische Profil von Herrn Lütz deutlicher machen. Lütz hätte ja auch ein Buch zusammen mit Hans Küng oder Leonardo Boff oder dem Protestanten Friedrich Wilhelm Graf herausgeben können. Hat er aber nicht. Er liebt das konservativ- reaktionäre Milieu, tut dabei sehr jovial und liberal, wie es sich für einen alten Rheinländer gehört… Die Autoren der genannten Verlage sind seine Freunde. Dagegen ist nichts zu sagen, nur sollte er bei seinem neusten „Skandal der Skandale“ Buch auch die Karten auf den Tisch legen und sagen: Ich will nun die römische Kirche um allen Preis nach alter apologetischer Art verteidigen und rein waschen. Ich nenne mein Vorhaben Wissenschaft. Ich lasse mich aber bei dieser meiner “Wissenschaft” von der Glaubensüberzeugung leiten, dass der liebe Gott (Seite 198) bzw. der arme Jesus von Nazareth diese römische Kirche begründet hat. Das ist der hermeneutische wissenschaftlich genannte Ausgangspunkt. Das wäre genauso, wenn heute DKP Funktionäre eine Geschichte des Kommunismus schreiben würden und dabei behaupten: Karl Marx hat selbstverständlich die KPs begründet und er wollte, dass das ZK die einzige Wahrheit und die einzige Macht hat…. Noch einmal:Mit den Bestsellern von Lütz müssten sich viele kritische recherchierende Journalisten befassen, etwa mit dem Buch über Gott. Oder mit seiner Polemik gegen Eugen Drewermann: In einem Interview mit dem kircheneigenen DOMRadio zu Köln sagte Lütz allen Ernstes im zustimmenden Sinne: „Inzwischen weiß ja kein Mensch mehr was von Drewermann“ (Sendung vom 26.3.2017). Soll Lütz doch nur einmal die Drewermann Vorträge in der Berliner URANIA besuchen, von einem solchem leidenschaftlichen Interesse von hunderten Besuchern kann Herr Lütz nur träumen… Beim Katholikentag in Münster im Mai 2018 ist Lütz selbstverständlich als Referent dabei, wie schon vorher bei den Katholikentagen in Regensburg und Leipzig. Man hat den Eindruck, er ist einer der letzten noch verbliebenen „Intellektuellen“ in der katholischen Kirche Deutschlands, sieht man von dem ebenfalls sehr kirchentreuen Herrn Mosebach vielleicht ab. Intellektuellen Kapazitäten hat diese Kirche nicht mehr. Da freut man sich über Arzt und Theologen Lütz, wahrscheinlich auch noch im Vatikan…
  1. Er zeigt sich in dem Buch als Verteidiger der bestehenden katholischen Kirche als einer unbezweifelten Stiftung Jesu. Das ideologische System dieser Kirche interessiert ihn nicht. Ob all die Dogmen und Lehren und Moralvorschriften heute so noch gültig sein sollen und vermittelbar sind, diese Frage stellt er nicht. Die Krise des Christentums bzw. des Katholizismus ist bekanntlich die Krise seiner ausufernden, in unverständlichen dogmatischen Formeln überlieferten Lehre. Und der ewig selben Form der Messe in einer Kunstsprache, die aus dem Lateinischen wortwörtlich übersetzt wurde und voller unverständlicher sprachlicher Merkwürdigkeiten steckt. An den Dogmen und ihrer Sprache müsste also mit dem von Lütz zitierten Skalpell gearbeitet und gesäubert und vieles entfernt werden, um dem Christentum, vor allem der jesuanischen Gestalt dieses Glaubens, eine Zukunft zu bereiten. Aber an ein Beiseitelegen von Dogmen ist gar nicht zu denken, weil die Kirchen – Chefs meinen: Alle einmal formulierten Dogmen seien ewig so in der fixierten Form gültig, weder umzuformulieren noch abzuschaffen. Der Psychoanalytiker Erich Fromm nannte versteinertes Denken „nekrophil“.

Nebenbei: Für mich ist es unverständlich, wie der doch theologisch renommierte Herder Verlag dieses Buch auf den Markt werfen konnte, das, wie oben schon gesagt, durch den totalen Verzicht auf Quellenangaben sowieso unbrauchbar ist. Es wird zweifellos ignoriert werden von den vielen Menschen, die keine der Institution dienende Apologetik des Christlichen und der römischen Kirche wünschen. Sondern freie und unabhängige wissenschaftliche Autoren suchen, also wahrhaftige Auseinandersetzungen, wie sie Hans Küng in seinem umfangreichen Werk vorgelegt hat oder Eugen Drewermann, dessen Bibeldeutung für viele zu einer Art „existentiellem Rettungsanker“ wurden.

Ein Hinweis zum Schluss: Zur „Entspannung“ meditiere man die Behauptung von Manfred Lütz, wenn er sagt: Im Unterschied zu den intellektuellen Wortführern des mittelalterlichen Islams (wie Farabi, Avicenna, Averroes), „war das Christentum immer eine Friedensreligion gewesen, die keinen heiligen Krieg kennt“. (Seite 81) Es gab im Christentum vielleicht keine explizit heilig genannten Kriege, aber viele hundert Kriege, die nationalistisch – heilig waren und von den jeweiligen Kirchenführern gut geheißen wurden. Selbst Päpste führten als Fürsten des Vatikans eben Kriege.

Manfred Lütz, “Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“. Herder Verlag. 286 Seiten. 22 EURO.

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