Homosexualität ist kein Verbrechen, bleibt aber eine Sünde. Verworrenes von Papst Franziskus im Januar 2023.

Von Christian Modehn am 30.1.2023.

Die Stellungnahmen von Papst Franziskus zur Homosexualität werden immer zwiespältiger. Sie bestätigen nur das Hin-und Her-Lavieren der katholischen Kirche bei dem Thema.

Ende Januar 2023 hat Papst Franziskus gleich zweimal zu diesem Thema Stellung genommen. In einem Interview für AP am 25.1.2023 LINK und in einem Brief an den US-amerikanischen Jesuiten James Martin. LINK. Siehe auch handschriftlich LINK.

Erstens sagte der Papst: „Homosexualität ist kein Verbrechen“. Also keine Untat, die in mehr als 60 Staaten immer noch gesetzlich verfolgt und bestraft wird.

Kommentar: Eine scheinbar mutige Aussage, in der sich der Papst von den mehr als 60 Staaten und ihrer Politiker absetzt, die immer noch Homosexuelle verfolgen, ausgrenzen, quälen, töten. Damit spricht sich der oberste Chef der römischen Kirche aber endlich nur für den allgemeinen humanen Standard aus, den vernünftige und gebildete Menschen (und deren Politiker) schon seit etlichen Jahren vertreten.
Und die Wahrheit, die immer mehr vernünftige und gebildete Menschen verteidigen, heißt: Homosexualität (um nur von ihr zu sprechen in der Vielfalt queeren Lebens) ist normal, sie ist nichts anderes als eine Variante in den sexuellen Orientierungen. Die universal geltenden Menschenrechte stehen über allen positiven Gesetzen der Staaten und über allen faktischen Lehren, Dogmen der verschiedenen Religionen. Menschenrechte sind der universale Maßstab.
Die päpstliche Aussage „Homosexualität ist kein Verbrechen“ scheint in gewisser Weise mutig zu sein, wenn man bedenkt, dass der Papst Anfang Februar 2023 den Staat Südsudan besucht, deren Bewohner zu 77% sich Christen nennen (39 % nennen sich katholisch). Dieser Staat Südsudan aber hat Gesetze, die Homosexuelle bestrafen und ausgrenzen. Und die dortigen katholischen wie anglikanischen Bischöfe unterstützen diese staatlichen Gesetze. Es wird also nicht leicht sein, wenn der Papst, der ja eigentlich nur für „geistliche“ und „moralische“ Verhalten zuständig ist, nun dort hoffentlich zum leidenschaftlicher Verteidiger der Homosexuellen wird und lautstark verkündet: „Auch die Homosexuellen im Südsudan sind keine Verbrecher“. Wird seine Stimme vernommen? Der Papst wird wohl leider unverrichteter Dinge wieder nach Rom zurückfliegen: Denn die Regierung des Südsudan kann der Papst nicht austauschen, und die Katholischen Bischöfe ebenfalls nicht. Die werden wohl bei ihrer tiefsitzenden, angeblich theologisch begründeten Anti-Gay-Haltung bleiben.
Man möchte man den Politikern und Bischöfen in Südsudan zurufen: Schafft endlich demokratische Gesetze, beendet die Verfolgung von Homosexuellen und sorgt endlich dafür, dass die eigene Bevölkerung nicht länger verhungert… Dies zu sagen hat gar nichts mit Neo-Kolonialismus zu tun. Nur mit der Geltung der universalen (!) Menschenrechte.

Zweitens sagte der Papst: Der Papst ergänzt zur selben Zeit, Ende Januar 2023, ebenfalls gleich zweimal sein erstes Statement und lehrt: „Homosexualität ist Sünde“! Und dies mit der Begründung: „Weil der offizielle Katechismus der römischen Kirchen (verfasst unter Kardinal Ratzinger) Sexualität nur in der Ehe erlaubt“.

Kommentar:
Der Papst stellt also zum hundertsten Male wie seine Vorgänger schon ganz deutlich heraus: Homosexualität ist Sünde. Und damit sind konsequenterweise Homosexuelle auch besonders stigmatisierte Sünder. Vor allem Homosexuelle gelten nun wieder einmal als auffällige Sünder.
Theologisch ist die Aussage verrückt und falsch, sie muss von vernünftigen Theologen energisch zurückgewiesen werden: Denn Sünder kann nur jemand sein, der sich freiwillig für eine bestimmte Tat und Haltung entscheidet, die moralisch verwerflich sind. Aber Homosexualität wurde nie frei gewählt. Homosexualität ist, wenn man es theologisch deuten will, eine Gabe Gottes, die dem Menschen zugewiesen wurde, weil Gott als guter Gott nur Gutes schafft, darum ist also Homosexualität eine „gute Gabe Gottes“. Sie ist nur eine Variante innerhalb der Sexualitäten.

Die Konsequenz:
Wenn der Papst also hoch offiziell immer noch Homosexualität für eine Sünde hält und damit Homosexuelle als die nun öffentlich besonders bekannten Sünder hinstellt, hat er kein Argument mehr, um seine durchaus politische These durchzusetzen: Homosexualität ist kein Verbrechen, nichts, was ein Staat verfolgen darf.
Denn die Staats-Chefs können doch angesichts der „Sünden-Behauptung“ sagen: Wir helfen dir lieber Papst doch nur, die Sünde in der Welt zu besiegen, wenn wir die homosexuellen Sünder bestrafen und verfolgen und auslöschen. Dies ist ein alter Usus der Zusammenarbeit von Staat und Kirche: Die Päpste markieren bestimmte Menschen als schwere Sünder, und der Staat löscht sie dann unter dem Titel „Verbrecher“ aus. Siehe Inquisitionsgeschichte.

Die Lösung:
Eine vernünftige Lösung kann nur bedeuten: Der Papst lehrt kraft seines Amtes verbindlich und ein für allemal: „Homosexualität ist weder ein Verbrechen NOCH eine Sünde“. Er sagt öffentlich und laut und in allen Sprachen: „Homosexualität ist etwas Normales. Und deswegen unterstützen wir gern Homosexuelle, wenn sie eine Ehe schließen wollen, selbstverständlich segnen wir auch homosexuelle Paare, wir wollen schließlich als Kirche nicht länger nur wie üblich Autos, Wohnungen, Handy, Tiere usw. segnen, sondern eben auch alle Menschen“.

Ein – ironischer – Ausweg jetzt schon:
Vielleicht gibt es für einige wenige noch katholisch „gebundene“ Homosexuelle einen Ausweg, den Papst Franziskus selber in seinem Brief an Pater James Martin andeutet: Der Papst schreibt: „I should have said “it is a sin, as is any sexual act outside of marriage.”
Also, das heißt: Wer in einer Ehe lebt, begeht in seinem sexuellen Lieben und Leben keine Sünde. Das heißt dann aber: Homosexuelle, die im Sinne der richtigen Gesetze demokratischer Staaten verheiratet sind, können ohne weiteres mit päpstlichem Segen ihre Sexualität leben. Mit anderen Worten: Der Papst will sagen: Katholische Homosexuelle! Heiratet, folgt den richtigen Gesetzen in euren demokratischen Staaten, dann könnt ihr mit meinem päpstlichen Segen durchaus Sex haben und Liebe empfinden. Ihr seid ja Eheleute und verheiratet!

Weitere Projekte der Forschung:
– Warum wird gerade in Afrika Homosexualität so oft verboten? Wovor haben die Politiker und weite Kreise der unwissenden Bevölkerung Angst, wenn es um Menschenrechte für Homosexuelle geht?
– Folgen die afrikanischen Bischöfe in ihrer Feindschaft auf Homosexuelle nur der alten Lehren der europäischen und nordamerikanischen Missionare im 19. und 20.Jahrhundert, die den armen „Einheimischen“ einbläuten: Homosexualität ist eine Sünde? Man darf vermuten, dass es so war. Das Zerstörerische der Kolonial/Missionsgeschichte wird einmal mehr deutlich.

Katholische Kirche in ihrer Verfolgung der Homosexuellen, Hinweis auf einige Beiträge des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en-Salon Berlin.

Die Studie “Sodom” des französischen Soziologen Frédéric Martel, sie dokumentiert das verborgene, verlogene schwule Leben des Klerus: LINK

Kardinal Sarah (geb.in Guninea) war und ist einer der heftigsten Feinde homosexueller Gleichberechtigung: LINK

Kardinal Pengo aus Tanzania hat Unsägliches über Homosexuelle gesagt:  LINK

Im Jahr 2018 hätte Papst Franziskus in einem Interview am liebsten einen katholischen §175 geschaffen. LINK

Weihbischof Andreas Laun aus Salzburg war so geistig daneben, dass er den Segen für homosexuelle Paare mit einem Segen für KZs verglich. LINK

Dies ist nur ein Ausschnitt über die angestammten Umgangsformen des (hohen) Klerus mit Homosexuellen und Homosexualität. Das Thema bewegt diese Herren, weil sie oft selbst verkrampft schwul sind und alle verachten, die offen diese ihre normale Sexualität leben. Um dies zu erkennen, muss man kein Tiefenpsychologe sein.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Benedikt XVI. und Leonardo Boff: “Ein Papst der vergangenen europäischen Christenheit, 
mit ihrem Pomp und ihrem politisch-religiösen Machtanspruch”. Ein Beitrag von Leonardo Boff.

Von Leonardo Boff, Brasilien. Am 5. Januar 2023.

Ein neuer Text, von Norbert Arntz, Kleve, übersetzt.

(Zur Erinnerung: Der Brasilianer Leonardo Boff (Geb. 1938) ist einer der wegweisenden, international hoch geschätzten katholischen Befreiungstheologen, er wurde von Kardinal Ratzinger als Chef der vatikanischen Glaubensbehörde zuerst 1985, dann 1991 von Kardinal Ratinger ausgegrenzt und mit Rede -und Schreibverbot bestraft. Ins Abseits des Vergessens konnten ihn Ratzinger und auch Papst Joahnnes Paul II. nicht drängen, im Gegenteil: Als offiziell von Rom Diskriminierter, als Ketzer, entfaltet er eine große kreative Theologie und Religionsphilosopie. Christian Modehn.)

“Jedes Mal, wenn ein Papst stirbt, ist die gesamte weltweite kirchliche Gemeinschaft und die Weltgemeinschaft bewegt, weil sie in ihm den sieht, der im christlichen Glauben bestärkt und die Einheit zwischen den verschiedenen Ortskirchen gewährleistet. Das Leben und die Taten eines Papstes können auf vielfältige Weise interpretiert werden. Ich werde eine Interpretation aus Brasilien (Lateinamerika) anbieten, die wahrscheinlich unvollständig ist.

Es ist wichtig zu wissen, dass nur 23,18 % der Katholiken in Europa und 62 % in Lateinamerika leben, die übrigen in Afrika und Asien. Die katholische Kirche ist eine Kirche der zweiten und dritten Welt. Künftige Päpste werden wahrscheinlich aus diesen Kirchen kommen, voller Vitalität und mit neuen Möglichkeiten, die christliche Botschaft in nicht-westlichen Kulturen zu verkörpern.
Wenn man sich auf Benedikt XVI. bezieht, muss man zwischen dem Theologen Joseph Ratzinger und dem Papst Benedikt XVI. unterscheiden.

Der Theologe Joseph Alois Ratzinger war ein typischer mitteleuropäischer Intellektueller und Theologe, brillant und gelehrt. Er war kein kreativer Geist, konnte aber hervorragend die offizielle Theologie erklären. Das wurde besonders in den verschiedenen öffentlichen Dialogen deutlich, die er mit Atheisten und Agnostikern führte.
Er entwickelte keine neuen Gesichtspunkte, sondern vermittelte die traditionellen Ansichten in einer anderen Sprache, die sich vor allem auf den heiligen Augustinus und den heiligen Bonaventura stützte. Ein wenig neu war vielleicht seine Vorstellung von der Kirche als einer kleinen, sehr treuen, heiligmäßigen Gruppe, die das Ganze „repräsentiert“. Für ihn war die Zahl der Gläubigen nicht entscheidend. Die kleine, zutiefst spirituelle Gruppe, die stellvertretend für alle da ist, genügte. Das führte dazu, dass sich in dieser Gruppe von Reinen und Heiligen auch Pädophile und in Finanzskandale verwickelte Personen befanden. Damit zerschlug sich seine Repräsentationsidee.

Benedikt XVI. träumte von einer Re-Christianisierung Europas unter der Führung der katholischen Kirche. Dieser Traum aber galt als unrealistisch, weil das heutige Europa mit seinen verschiedenen Revolutionen und der Einführung demokratischer Werte nicht mehr der Vorstellung des Mittelalters mit seiner Synthese von Glaube und Vernunft entspricht. Sein Ideal fand keine Resonanz, weil es seltsam aus der Zeit gefallen schien.

Eine andere eigenartige Position, die zum Gegenstand endloser Polemik mit mir wurde und breite Resonanz in der Kirche hervorrief, war die Behauptung, dass die „allein die katholische Kirche die Kirche Christi“ sei. Die Debatten während des Konzils und der ökumenische Geist hatten das Wort “ist” durch das Wort “besteht in” verändert. Damit wurde der Weg frei für die Vorstellung, dass die Kirche Christi auch in anderen Kirchen „bestehen“ konnte. Ratzinger dagegen behauptete stets, das „besteht in“ sei nur ein Synonym für das „ist“. Das wurde jedoch durch eine detaillierte Erforschung der theologischen Akten des Konzils nicht bestätigt. Aber er bestand weiterhin auf seiner These. Ferner behauptete er, dass die anderen Kirchen keine Kirchen seien, sondern nur über kirchliche Elemente verfügten.
Er ging sogar so weit, mehrfach zu behaupten, man habe meine Position unter den Theologen als Gemeingut verbreitet, so dass sich der Papst zu weiterer Kritik an mir veranlasst sah. Allerdings geriet er zunehmend in die Isolation, denn er hatte die anderen christlichen Kirchen wie die Lutheraner, Baptisten, Presbyterianer und weitere schwer enttäuscht dadurch, dass er die Türen zum ökumenischen Dialog verschloss.

Er verstand die Kirche als eine Art Festung gegen die Irrtümer der Moderne und machte den rechten Glauben zum entscheidenden Bezugspunkt, der stets an die Wahrheit gebunden sei (sein tonus firmus). Obwohl man ihn persönlich als nüchtern und höflich charakterisieren kann, war er als Präfekt der Glaubenskongregation äußerst hart und unnachgiebig. Etwa hundert Theologinnen und Theologen, darunter einige der bedeutendsten, wurden entweder verurteilt und verloren ihren Lehrstuhl, oder ihnen wurde verboten, Theologie zu lehren bzw. theologische Texte zu veröffentlichen, bzw. ihnen wurde, wie in meinem Fall, „ein Schweigegebot“ auferlegt. Dazu gehören in Europa bekannte Namen wie Hans Küng, Edward Schillebeeckx, Jacques Dupuis, Bernhard Häring, José Maria Castillo und andere. In Lateinamerika sind es der Begründer der Befreiungstheologie, der Peruaner Gustavo Gutiérrez, der spanisch-lateinamerikanische Theologe Jon Sobrino, die Theologin Ivone Gebara, die man mit Zensur belegte, sowie der Autor dieser Zeilen. In den Vereinigten Staaten gab es weitere, wie Charles Curran und Roger Haight. Sogar die Bücher des verstorbenen indischen Theologen Pater Anthony de Mello wurden verboten, ebenso wie die von Tissa Balasurya aus Sri Lanka, der exkommuniziert wurde.
Wir Theologinnen und Theologen Lateinamerikas haben nie ganz verstanden, warum er die auf 53 Bände angelegte Sammlung „Theologie und Befreiung“ verbot. Dutzende Theologen waren daran beteiligt (etwa 26 Bände wurden veröffentlicht). Das Ziel dieser Text-Sammlung war es, Seminare, kirchliche Basisgemeinschaften und christliche Gruppen, die sich für die Menschenrechte einsetzen, zu unterstützen. Zum ersten Mal hatte man hier außerhalb Europas ein großes theologisches Werk zustande gebracht, das weltweite Resonanz fand. Doch das Projekt wurde sehr bald abgebrochen. Der Theologe Joseph Ratzinger erwies sich als Feind der Freunde der Armen. Das wird in die Theologiegeschichte eingehen.
Viele Theologinnen und Theologen behaupten, er sei vom Marxismus besessen gewesen, obwohl dieser in der Sowjetunion gescheitert war. Er veröffentlichte ein Dokument über die Befreiungstheologie, Libertatis nuntius (1984), voller Warnungen, aber ohne ausdrückliche Verurteilung. Ein späteres Dokument, Libertatis conscientia (1986), hebt zwar mehr die positiven Elemente hervor, allerdings mit erheblichen Einschränkungen.

Wir können sagen, dass er den Markenkern dieser Theologie nie verstanden hat: die „Option für die Armen gegen ihre Armut und für ihre Befreiung“. Sie machte die Armen zu Protagonisten ihrer Befreiung statt zu bloßen Empfängern von Wohltätigkeit und Paternalismus. Das eben war die Auffassung der Tradition und die von Papst Benedikt XVI. Er hatte den Verdacht, dass sich in diesem Protagonismus der historischen Macht der Armen der Marxismus verbarg.
Als Papst leitete Benedikt XVI. die „Rückkehr zur strengen Disziplin“ ein, mit einer eindeutig restaurativen und konservativen Tendenz, bis hin zur Wiedereinführung der Messe in Latein und mit dem Rücken zum Volk. In der Kirche selbst sorgte er für allgemeines Erstaunen, als er im Jahr 2000 das Dokument „Dominus Iesus“ veröffentlichte. Darin bekräftigte er die alte, mittelalterliche, vom Zweiten Vatikanischen Konzil beendete Lehre, dass es „Außerhalb der katholischen Kirche kein Heil“ gebe. Nichtchristen waren in großer Gefahr. Erneut verweigerte er den anderen Kirchen die Bezeichnung „Kirche“, sie seien nur kirchliche Gemeinschaften. Das rief allgemein Irritationen hervor. Bei all seiner Scharfsinnigkeit polemisierte er mit Muslimen, Evangelikalen, Frauen und der fundamentalistischen Gruppe, die gegen das Zweite Vatikanum war.

Seine Art, die Kirche zu führen, hatte nicht das Charisma, das Papst Johannes Paul II. so stark auszeichnete. Er war mehr von Rechtgläubigkeit und wachsamem Eifer für die Glaubenswahrheiten geprägt als von Weltoffenheit und Zärtlichkeit für die einfachen Christen, wie es Papst Franziskus deutlich zeigt.
Er war ein echter Repräsentant der alten europäischen Christenheit mit ihrem Prunk und ihrer politisch-religiösen Macht. Aus der Perspektive der neuen Phase der Planetarisierung hat sich die auf so vielen Gebieten reiche europäische Kultur in sich selbst verschlossen. Nur selten hat sie sich als offen gegenüber anderen Kulturen erwiesen wie z.B. für die alten Kulturen Lateinamerikas, Afrikas und Asiens. Das wurde im Prozess der Evangelisierung bewiesen, den man als Okzidentalisierung des Glaubens betrieb. Man hat sich nie von einer gewissen Arroganz befreit, der Beste zu sein, und mit diesem Anspruch die ganze Welt kolonisiert. Diese Tendenz ist immer noch nicht ganz überwunden.
Trotz aller Begrenzungen wird er aufgrund seiner persönlichen Tugenden und seiner Demut, mit der er auf das Papstamt verzichtet hat, als er die Grenze seiner Kräfte verspürte, gewiss zu den Seliggepriesenen zu zählen sein.”

Quelle: https://leonardoboff.org/2023/01/05/benedicto-xvi-un-papa-de-la-vieja-cristiandad/
Übersetzung aus dem Spanischen: Norbert Arntz, Kleve

Kritische Stimmen zu Benedikt XVI./Ratzinger: Wird er von allen nur noch gelobt und gepriesen? Gibt es noch vernünftige Kritik?

Hinweise von Christian Modehn, begonnen am 4.1.2022.

Das Motto: “Ratzinger hätte besser nicht Papst werden sollen”, sagt der Jesuit und Vatikan/Papst Kenner Pater von Gemmingen.

Hier werden einige wichtige Texte publiziert,  von Theologen geschrieben anläßlich des Todes von Papst Benedikt XVI.

Erstens: Zur Einstimmung:

Alle oder fast alle so genannten Prominenten, Kardinäle, Bischöfe und andere KLeriker loben und preisen jetzt Benedikt XVI./Joseph Ratzinger. Der Klerus ist bekanntlich zur totalen Konformatität erzogen und verpflichtet, man betrachte nur, wie alle diese Herren bei ihren Messfeiern, etwa am 5.1.2023 auf dem Petersplatz, dieselben Gewänder tragen: Alle sind gleich, alle sind eins in ihrer Konformität.

Eine brausende Symphonie der Lobeshymnen auf Benedikt/Ratzinger wird angestimmt, auch von Leuten, führenden Leuten, wie Politikern, die wahrscheinlich keine einzige Zeile dieses angeblichen “Mozart der Theologie” gelesen haben.

Fast alle übertreiben es in ihrer blinden, aber diplomatisch vielleicht klugen Treue zu dem alten, aber in dieser Allgemeinheit dummen Spruch: “Über Tote soll nur Gutes gesagt werden”.

Nein!  Wenn Leute (auch Päpste) viel Unsinn gemacht haben, den sie bei ihrer Bildung nicht hätten machen dürfen, dann gilt ihnen die Kritik. Selbstverständlich auch Benedikt XVI./Ratzinger. Sollen wir etwa Papst Alexander VI. oder Leo X. oder Gregor XVI. usw. nicht kritisieren?

Wir sind seit dem 31.12.2022 auf der Suche nach kritischen Stimmen zu dem nun schon jetzt fast heilig gesprochenen Benedikt XVI. bzw. dem, wie er von sich sagte, bayerischen Voralpenländler und vor allem langjährigem Büro-Leiter der Obersten Glaubensbehörde im Vatikan Joseph Ratzinger. Wir sind gespannt, ob sich einige wenige kritische Stimmen sammeln lassen.

Und man wird sich auch endlich fragen müssen: Was hat Benedikt XVI/Ratzinger eigentlich “empirisch,  nachweislich” für den Weltfrieden getan? Waren es nur kluge Worte, etwa im Dialog mit Habermas? Was hat er als oberster Chef dieser weltweiten Organisation “katholische Kirche” wirklich für die Gerechtigkeit in der Welt getan? Man wird prüfen, vielleicht war seine Leistung außer großen Worten nicht so nennenswert, Ratunger, ein Mann der Worte also und als Papst Liebhaber der alten klerikalen, päpstlichen Klamotten…

Zweitens: Der Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen.

Wir finden es erstaunlich und anerkenntswert, dass der deutsche Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen (Jahrgang 1936), von 1982 – 2009 Leiter des Deutsch-sprachigen Programms von RADIO VATICAN, den Mut hat, öffentlich zwar vorsichtig kritische Hinweise zu Papst Benedikt zu äußern. Und zwar auf der offiziellen website des Jesuitenordens in Deutschland. Pater von Gemmingen kennt wie kaum ein anderer auch die Verhältnisse am päpstlichen Hof, der Kurie.

Bevor dieser Beitrag vielleicht auf gewissen “Druck” hin verschwindet, bieten wir einen Link und erlauben uns, den entscheidenden Teil der Ausführungen Pater von Gemmingens SJ zu zitieren.

Ob Erzbischof Gänswein, der sich als enger Freund und Sekretär Ratzingers die Interpretationshoheit über Ratzinger aneignen wird, mit Pater Gemmingens Ausführungen einverstanden ist? Sicher nicht. Gänswein wird demnächst ein Buch “authentischer Erinnerungen” veröffentlichen und gegen Papst Franziskus polemisieren…. Vielleicht wird der Jesuit Pater von Gemmingen als “Nestbeschmutzer” eingestuft, die übliche Masche von Herrschaften, auch im Vatikan, mit Kritik “fertig zu werden”. Der Text Pater von Gemmingens, Link.

Der  behutsam kritische Teil der Ausführungen Pater von Gemmingens, also eines Zeitzeugen, der viele Jahre im Vatikan lebte und auch Ratzinger/Benedikt direkt erlebte. Ein historisches Dokument also:

“Zunächst möchte ich die Grenzen Benedikts benennen:
Er hätte besser nicht Papst werden sollen, denn als Papst musste er eben „führen“, gegen Widerstände ankämpfen, Personal- und Sachentscheidungen treffen. Und hier tat er sich sehr schwer. Er litt mehr als sein Vorgänger unter Entscheidungen, die er fällen musste, und hing wohl auch ab von weniger kompetenten Beratern. Hier zeigte sich auch seine Ängstlichkeit. Er hatte Angst, etwas falsch zu machen. Schon das Bischofsamt war eigentlich nicht seine Sache. Er wollte sicher nicht Papst werden und wusste auch, dass dies nicht seinen Fähigkeiten entsprach.
Seine nicht sehr ausgeprägte Menschenkenntnis zeigte sich auch in unguten Personalentscheidungen. Er ernannte Personen für Ämter aufgrund des Vertrauens in sie und nicht auf Grund von deren Qualifizierungen.
Er schrieb seine großen Reden selbst und ließ sie vermutlich nicht von Fachleuten gegenlesen. Kritische Gegenleser hätten ihn auf Passagen hingewiesen, die später von den Medien zerpflückt wurden und zu groben Fehlinterpretationen führten. Er dachte „geradeaus“ und kam nicht auf die Idee, dass man gewisse seiner Aussagen auch in gegensätzlichem Sinne verstehen konnte. Beispiele: Er sprach von notwendiger „Entweltlichung der Kirche“ ohne es genauer zu erklären. Es entstanden wilde Spekulationen über seine Gedanken. Er zitierte Kritik an Mohammed aus dem Munde eines byzantinischen Kaisers. Viele Muslime verstanden es als seine persönliche Kritik an Mohammed, was eine Falschinterpretation seiner Aussage war. Hätten kritische Gegenleser seine Rede vorher gelesen, hätten sie vermutlich auf die wahrscheinliche Falschinterpretation hingewiesen. Die Schwäche von Papst Benedikt in der Rolle als Papst bestand also m.E. darin, dass er wie in einer Vorlesung vom verständnisvollen Mitdenken der Studenten ausging und auf deren kritische Fragen eingehen konnte.
Sein scharfes Urteil in Sachfragen wurde interpretiert als Härte gegen Menschen.”

Die weiteren Ausführungen Pater von Gemmingens sind diskutabel: Denn es ist sehr die Frage: Ob die Vernunft, von der Ratzinger sprach, nicht eher die mittelalterliche “katholische Vernunft” innerhalb der katholischer Theologie ist, eine Vernunft also, die nicht dem Niveau der Vernuftdebatte der Moderne und des 20. Jahrhundert entspricht. Und mit dieser mittelalterlich – klerikalen Vernunft wird man heute nur einige Eingeweihte, Kleriker, erreichen.

 

DRITTENS:  LEONARDO BOFF, weltweit bekannter brasilianischer Befreiungstheologe, zum Tod Benedikt XVI.: LINK

Den Text übersetzte Norbert Arntz, bester Kenner der Befreiungstheologie und Buchautor: “Der Katakombenpakt”, Topos Taschenbücher 2015 und Autor vieler Zeitschriftenbeiträge, siehe etwa: “Stimmen der Zeit” 2015: LINK

 

VIERTENS: URS EIGENMANN, katholischer Theologe in der Schweiz, Lateinamerika-Spezialist und Buchautor, u.a. zu Dom Helder Camara, LINK

 

FÜNFTENS: Der Jesuitenpater THOMAS REESE,  USA, Theologe und Journalist, LINK. Reeses Erinnerungen an Ratzinger hier in voller Länge dokumentiert, die Übersetzung besorgte wieder Norbert Arntz, Kleve.

Thomas Reese SJ:
Meine Begegnungen mit Kardinal Ratzinger und Benedikt XVI.
Quelle: https://www.ihu.unisinos.br/categorias/625170-meus-encontros-com-joseph-ratzinger-e-o-papa-
Bento-xvi)

Ich lernte Joseph Ratzinger im Juni 1994 kennen, als er Kardinalpräfekt der Kongregation für die
Glaubenslehre war. Nein, ich wurde nicht vom Großinquisitor verhört. Das war lange, bevor ich als
Chefredakteur der Zeitschrift America Ärger mit dem Vatikan bekam. Ich war in Rom, um ihn und
andere Kirchenvertreter für mein Buch Inside the Vatican: The Politics and Organization of the
Catholic Church zu interviewen.
Fast hätte ich das Interview verpasst. Kardinal Ratzinger war am Tag unseres Treffens krank. Als ich
ankam, wurde ich gefragt, ob ich mit dem Sekretär der Kongregation sprechen wolle. Ich stimmte zu,
weil ich dachte, das sei besser als nichts. Als ich zu ihm geführt wurde, hatte ich noch kein Wort
gesagt, Da überfiel mich der Sekretär, Bischof Alberto Bovone, mit Fragen wie: “Wer sind Sie?” “Was
machen Sie hier?” “Ich werde entscheiden, ob Sie Kardinal Ratzinger sehen können.”
“Aber der Kardinal hat bereits zugestimmt, mich zu empfangen”, stammelte ich. Das bedeutete ihm
nichts; er verlangte eine Liste von Fragen, die ich stellen würde. Er beauftragte dann einen jungen
Dominikaner, mich zu befragen.
Dass Jesuiten von Dominikanern, die für die Inquisition arbeiten, verhört werden, hat eine lange und
unglückliche Geschichte. Andererseits kamen uns auch die Dominikaner zu Hilfe. Als Lorenzo Ricci,
der Generalobere der Jesuiten, 1775 nach seiner Verhaftung durch den Papst in der Engelsburg in
Rom starb, war der Generalobere der Dominikaner der einzige, der bereit war, seiner Beerdigung
vorzustehen. Diese Tradition hat sich bis heute gehalten.
Auf jeden Fall wurde ich dem Dominikaner übergeben, der bereits auf meiner Seite zu sein schien.
Während meines Verhörs durch Bovone schnitt er Grimassen und rollte hinter seinem Schreibtisch
mit den Augen. Anstatt mich zu verhören, riet er mir, was ich tun sollte. “Schreiben Sie einen Brief an
den Kardinal. Erklären Sie, dass Sie Ende der Woche abreisen und ihn gerne für 15 Minuten treffen
würden.“
Sobald ich wieder in meinem Zimmer war, schrieb ich den Brief, faxte ihn an die Kongregation und
vereinbarte einen neuen Termin. Ratzinger willigte ein, mich am Nachmittag zu treffen, wenn die
Büros des Vatikans normalerweise geschlossen sind. Das Gespräch dauerte über eine Stunde.
Ich habe viel über Ratzinger gelernt, bevor das Interview überhaupt begonnen hatte. Er war
freundlich und bereit, alles zu tun, um einem jungen Schüler zu helfen, auch wenn es ihm nicht gut
ging.
Andererseits zeigt die Tatsache, dass Ratzinger einen Tyrannen zu seiner Nummer 2 gemacht hat,
entweder seine Blindheit oder eine ungesunde Abhängigkeit von Leuten, die zwar loyal, aber für ihre
Aufgaben nicht geeignet schienen. Weder als Präfekt noch als Papst war er gut darin, seine
Untergebenen auszuwählen.
Als wir uns für das Interview zusammensetzten, fragte Ratzinger, ob ich es auf Deutsch oder
Italienisch führen wolle. Mit Panik in der Stimme sagte ich: “Englisch wäre viel besser”. Er stimmte zu
und sagte: “Mein Englisch ist sehr begrenzt”. Eigentlich war es ausgezeichnet. Nur einmal während
des Gesprächs hatte er Schwierigkeiten, ein Wort auszusprechen.
Er erzählte mir, dass er anfangs unschlüssig war, ob er das Amt des Kongregationspräsidenten
annehmen sollte. Papst Johannes Paul II. musste ihn dreimal fragen, bevor er Ja sagte.

“Gebt mir Zeit, Heiliger Vater”, sagte er zu Johannes Paul. “Ich bin ein Diözesanbischof, ich muss in
meiner Diözese sein”. Schließlich willigte er 1982 ein, nach Rom zu kommen.
In unserem Gespräch sprach er davon, den Dialog zwischen zwischen Theologen und seinem
Dikasterium zu intensivieren, aber die Theologen, die ihre Stelle verloren oder von ihm zum
Schweigen gebracht wurden, haben davon nichts erfahren. Er war verärgert über die offensive
Sprache der Angriffe auf sein Dikasterium, auch wenn er über die Situation lachen konnte.
(Daran hätte ich mich Jahre später erinnern sollen, bevor ich in einem Leitartikel in Amerika
dummerweise auf die “inquisitorischen” Verfahren seiner Kongregation hinwies).
Das Auffälligste an dem Interview war sein Eingeständnis: “Ich habe kein Charisma, um mit
strukturellen Problemen umzugehen.”
Mit anderen Worten: Ratzinger war im Grunde ein Gelehrter, kein Manager, aber er würde das
Oberhaupt einer Milliardenorganisation mit einer hierarchischen Struktur und einer komplexen
Bürokratie in Rom werden.
1998, nach der Veröffentlichung meines Buches, wurde ich Chefredakteur von „America“, einer
Zeitschrift, die 1909 erstmals von den Jesuiten herausgegeben wurde. Mein Ziel war es, daraus “eine
Zeitschrift für denkende Katholiken und für diejenigen, die wissen wollen, was Katholiken denken” zu
machen.
Obwohl ich in den Leitartikeln fast immer darauf achtete, die Linie des Vatikans beizubehalten,
dachte ich, dass ich im Meinungsteil des Magazins alternative Ansichten veröffentlichen könnte,
wenn ich darauf bestehen würde, dass diese Artikel nicht unbedingt die Ansichten des Magazins
wiedergeben. Schließlich waren wir ein Meinungsmagazin.
Während meiner siebenjährigen Tätigkeit als Redakteur hat die Glaubenskongregation wichtige
Dokumente veröffentlicht, zu denen ich von einschlägigen Wissenschaftlern Kommentare erbat. In
der Regel lobten sie die Teile, die ihnen gefielen, und kritisierten die Teile, die ihnen nicht gefielen.
Ich war immer gerne bereit, kritische Reaktionen auf diese Artikel zu veröffentlichen.
Ich veröffentlichte auch Artikel von vielen Bischöfen und Kardinälen, darunter der damalige
Erzbischof Raymond Burke, den ich einlud zu erklären, warum die Kirche katholischen Politikern, die
für die Abtreibung sind, die Kommunion verweigern sollte. Ich habe den Chicagoer Kardinal Francis
George, einen prominenten Konservativen, ein halbes Dutzend Mal gebeten, etwas für uns zu
schreiben, aber er hat immer abgelehnt.
Ein Höhepunkt der Zeitschrift als Dialogforum war ein Artikel von Kardinal Walter Kasper, dem Leiter
der Ökumeneabteilung des Vatikans, der die Ekklesiologie von Kardinal Ratzinger kritisierte. Als der
Artikel in Druck ging, schickte ich eine Kopie an Ratzinger und bat ihn um eine Stellungnahme.
Zunächst lehnte er ab, doch dann änderte er seine Meinung und schickte eine Antwort auf Deutsch,
die wir übersetzt und veröffentlicht haben.
Wir waren hocherfreut, dass zwei prominente Kardinäle auf den Seiten von „America“ über ein
wichtiges Thema debattierten, aber dann erfuhr ich, dass Kardinal George sich über den Austausch
beschwerte und den Staatssekretär des Vatikans bat, die Kardinäle anzuweisen, nicht in „America“ zu
debattieren, da dies die Gläubigen skandalisiere.
Trotz meiner Versuche, fair zu sein, war klar, dass weder Johannes Paul II. noch Kardinal Ratzinger ein
Meinungsmagazin wollten, wenn es nicht ihre Ansichten widerspiegelte. Nach zweieinhalb Jahren als
Redakteur erfuhr ich vom Generaloberen der Jesuiten, Peter-Hans Kolvenbach, dass der Vatikan mit

einem Artikel über AIDS und Kondome, den der Jesuitentheologe James Keenan und der Jesuitenarzt
Jon Fuller geschrieben hatten, nicht einverstanden war.
Ich wollte gerne eine Gegendarstellung von jemandem aus dem Vatikan veröffentlichen, aber ich
habe von der Kongregation nie direkt etwas erhalten. Die Kongregation hat mit mir immer über
meine jesuitischen Vorgesetzten kommuniziert.
Im Juni 2001 wurde mir mitgeteilt, dass die Kongregation die Art und Weise, wie Pater Reese den
Heiligen Stuhl und insbesondere die Kongregation kritisierte, als “aggressiv und beleidigend”
empfand. Sie stellten insbesondere einen Leitartikel in Frage, den wir zum Thema
“Rechtsstaatlichkeit in der Kirche” veröffentlicht hatten (9. April 2001). Man hat uns vorgeworfen,
wir seien antihierarchisch.
Ende Februar 2002 sagte Pater Kolvenbach, dass die Glaubenskongregation beschlossen habe, “auf
Ersuchen der amerikanischen Bischöfe und des Nuntius” eine Kommission von kirchlichen Zensoren
für „America“ einzusetzen. Bei den Zensoren würde es sich um drei amerikanische Bischöfe handeln.
Das war nicht nur eine schlechte Idee, sondern auch völlig unpraktisch, da es sich bei der Zeitschrift
um eine Wochenzeitschrift handelt.
Im April erhielt ich eine Liste von in „America“ veröffentlichten Artikeln, die der Kongregation nicht
gefielen. Dazu gehörten eine Besprechung des Buches des Jesuitenhistorikers John O’Malley über
„Päpstliche Sünde“, der Artikel von Keenan und Fuller, ein Artikel des Jesuiten James Martin über
homosexuelle Priester und verschiedene Artikel über das Dokument „Dominus Iesus“ von Francis X.
Clooney, Michael A. Fahey, Peter Chirico und Francis A. Sullivan.
Ratzinger schien ein feines Gespür zu haben, sobald es um Dokumente ging, die aus seiner
Kongregation stammten.
Nur zwei Leitartikel wurden erwähnt – einer über Dominus Iesus (28. Oktober 2000) und ein weiterer
über die “Abtreibungspille” RU-486 (14. Oktober 2000). Wir verurteilten die Abtreibungspille, wiesen
aber darauf hin, dass es vielleicht an der Zeit sei, die Lehre der Kirche zur Geburtenkontrolle zu
überdenken, um die Zahl der Abtreibungen zu verringern.
Interessanterweise hat die Kongregation die ausführliche und unverblümte Berichterstattung über
die Krise des sexuellen Mißbrauchs in den USA nie erwähnt, obwohl ich wusste, dass einige
amerikanische Bischöfe dies nicht gut fanden. Ratzinger war zwar nicht perfekt, aber in dieser Frage
besser als jeder andere in Rom.
Niemand konnte mir sagen, welche US-Bischöfe die Zensurmaßnahme beantragt hatten. Ich wusste,
dass dieses Thema nie auf einer Tagung der Katholischen Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten
zur Sprache gekommen war. Auch im Verwaltungsausschuss der Katholischen Bischofskonferenz der
Vereinigten Staaten wurde das Thema nicht erörtert, so meine Quellen, dazu gehörte auch Erzbischof
Thomas Kelly, der zu dieser Zeit Mitglied des Ausschusses war.
Als ich Erzbischof Donald Trautman, den Vorsitzenden der Glaubenskommission der US-Bischöfe,
befragte, war er wütend darüber, dass ein Zensurgremium eingesetzt wurde, ohne sein Komitee zu
konsultieren. Er hatte vor, sich energisch dagegen zu wehren.
Auch der US-amerikanische Erzbischof John Foley, Leiter einer der Kommunikationsabteilungen des
Vatikans, wurde nicht konsultiert. Er sagte, wenn man ihn fragen würde, würde er sagen, dass es eine
schlechte Idee sei. Er bezeichnete sich scherzhaft als den “linken Flügel der römischen Kurie”.

Ich habe die Erzbischöfe Kelly, John Quinn und Daniel Pilarczyk um Hilfe gebeten, aber sie sagten alle,
dass Rom ihnen nicht vertraue und ihre Unterstützung nichts nützen würde. Quinn und Pilarczyk
waren Vorsitzende der Katholischen Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten und Kelly war
Generalsekretär der Konferenz und Mitarbeiter der päpstlichen Nuntiatur in Washington.
Ich wandte mich an den Jesuiten-Kardinal Avery Dulles, der ein Zensurgremium für eine schlechte
Idee hielt. Er versprach, bei Ratzinger gut von mir zu sprechen. “Sie veröffentlichen ja mich”, sagte
der sehr orthodoxe Kardinal.
Irgendwann vor Ende Juli 2003 traf P. Kolvenbach mit Ratzinger zusammen und konnte ihn davon
überzeugen, kein Zensurgremium zu bestallen. Kolvenbach teilte mir mit, dass die Kongregation
abwarten werde, wie „America“ auf das bevorstehende Dokument der Glaubenskongregation zur
Homo-Ehe reagieren werde. Ich bat den stellvertretenden Redakteur James Martin, der ausführlich
über Schwule in der Kirche geschrieben hatte, nichts über das Dokument zu sagen. Ich wollte ihn und
die Zeitschrift schützen. Er stimmte zu.
Unser erster Artikel zu diesem Thema wurde am 7. Juni 2004 von Monsignore Robert Sokolowski
veröffentlicht, einem Philosophen an der Katholischen Universität von Amerika, der sich entschieden
gegen homosexuellen Sex und die Homo-Ehe aussprach. Ich musste ihn davon überzeugen, den
schwulen Sex nicht mit dem Sex mit Tieren zu vergleichen.
Sein Artikel löste erwartungsgemäß heftige Reaktionen aus, eine davon kam von Stephen Pope,
einem Theologieprofessor am Boston College. Obwohl ich Pope dazu brachte, den Artikel
abzuschwächen, und obwohl ich Sokolowski erlaubte, in derselben Ausgabe auf Pope zu antworten,
wusste ich, dass dies der letzte Nagel zu meinem Sarg sein könnte.
Obwohl ich mich nie zu diesem Thema geäußert oder gar dazu etwas veröffentlicht hatte, war klar,
dass bereits die Bereitschaft, einige Themen in „America“ zu diskutieren, mehr war, als Ratzinger
tolerieren könnte.
Fast unmittelbar nach der Veröffentlichung der Ausgabe vom 6. Dezember 2004 erhielt mein
amerikanischer Vorgesetzter Beschwerden vom päpstlichen Nuntius in Washington. Er beschwerte
sich auch über einen Artikel zu Politikern, Abtreibung und Kommunion des US-
Kongressabgeordneten Dave Obey, dem Burke die Kommunion verweigert hatte. Es wurde
anerkannt, dass wir Artikel über beide Seiten des “Hostienkriegs” veröffentlicht haben.
Im Laufe des Jahres 2005 konzentrierte sich die Welt auf die Krankheit und den Tod von Johannes
Paul II. und auf das Konklave, das Ratzinger zum Papst Benedikt XVI. wählte. Während dieser Zeit
arbeitete ich mit der Presse zusammen und erläuterte und kommentierte die Geschehnisse.
Vor dem Konklave, bei einem vertraulichen Abendessen mit einigen Journalisten in Rom, wurde ich
gefragt: “Wie würden Sie reagieren, wenn Ratzinger zum Papst gewählt würde?” Ich antwortete:
“Wie würden Sie sich fühlen, wenn Rupert Murdoch Ihre Zeitung übernehmen würde?”
Am Tag der Wahl Ratzingers hatte ich bereits zugesagt, in der PBS Newshour aufzutreten. In der
Sendung habe ich unverblümt gesagt, dass das Ergebnis einigen Leuten gefallen wird, anderen nicht.
Danach war meine Antwort auf Presseanfragen “kein Kommentar”, weil ich seine Wahl für eine
Katastrophe hielt, aber als Jesuit konnte ich das nicht sagen.
Als ich am 19. April 2005 die Bekanntgabe der Wahl Ratzingers auf dem Petersplatz hörte, wusste ich,
dass meine Amtszeit als Herausgeber von „America“ beendet war. Zum Wohle der Zeitschrift und der
Jesuiten musste ich gehen. Außerdem hatte ich nach sieben Jahren, in denen ich über die Schulter
geschaut hatte, genug davon.

Ich gab keine Interviews mehr und verließ Rom.
Als ich nach New York zurückkehrte, wollten mich die anderen Jesuiten der Zeitschrift nicht kündigen
lassen. Ein paar Tage später traf ich mich mit meinem Vorgesetzten, dem Präsidenten der
Jesuitenkonferenz, und erfuhr, dass meine Zeit als Redakteur vorbei war. Erst dann erfuhr ich, dass
Ratzinger im März dem Generaloberen der Jesuiten gesagt hatte, ich müsse gehen. Aus
verschiedenen Gründen konnten sie mir das nicht sagen. Also habe ich gekündigt.
Meine jesuitischen Vorgesetzten haben meine Arbeit immer sehr unterstützt, aber ich wusste, dass
sie mich letztlich nicht schützen konnten, wenn ich nicht bereit war, meine Werte als Redakteur zu
kompromittieren. Sie waren nicht in der Lage, die zahlreichen Jesuitentheologen zu schützen, die von
der Glaubenskongregation diszipliniert wurden.
Als die Nachricht in der Presse erschien, wurde ich als das erste Opfer von Benedikt XVI. dargestellt;
obwohl ich in Wahrheit das letzte Opfer von Kardinal Ratzinger. Da ich den Medien gut bekannt war
und sie mich oft als Quelle nutzten, war die Berichterstattung über den neuen Papst umfangreich
und negativ.
Die Berichterstattung war so schlecht, dass der Vatikan die geplante Absetzung des jesuitischen
Redakteurs der deutschen Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ fallen ließ. Sie ließen ihn sein Mandat als
Herausgeber erfüllen.
Wenn ich ein Einzelfall wäre, wäre meine Geschichte zwar interessant, aber nicht wichtig für die
Beurteilung des Erbes von Joseph Ratzinger. Leider ist mein Fall nur eines von Hunderten von
Beispielen für die Unterdrückung freier Recherchen durch Reporter und Theologen während der
Amtszeiten von Johannes Paul II. und Benedikt XVI.
Einige Monate vor meinem Rücktritt erzählte uns Jacques Dupuis, ein angesehener Theologe, der von
Ratzinger diszipliniert wurde, die Geschichte seiner eigenen Begegnung. Nachdem die Kongregation
eines seiner Bücher verurteilt hatte, verfasste der alte (und kranke) Theologe eine 200-seitige
Antwort. Als er sich mit Ratzinger und der Glaubenskongregation traf, erzählte er der Redaktion von
„America“, überraschten sie ihn mit der Frage nach seinem Text. Dann verwies er sie auf das
Dokument auf dem Tisch vor ihnen, an dem er monatelang gearbeitet hatte. Da spotteten sie: “Du
glaubst, dass wir das lesen werden, oder?” Dupuis starb kurz nach unserem Treffen.
Ob ich mit meiner Meinung richtig oder falsch lag, ist irrelevant.

Entscheidend ist, dass nach dem
Zweiten Vatikanischen Konzil die offene Diskussion von Ratzinger unter Papst Johannes Paul II.
unterdrückt wurde. Wer mit dem Vatikan nicht einverstanden war, wurde zum Schweigen gebracht.
Ohne ein offenes Gespräch kann sich die Theologie jedoch nicht entwickeln und können keine
Reformen durchgeführt werden. Ohne eine offene Debatte kann die Kirche keine Wege finden, das
Evangelium so zu verkünden, dass es für die Menschen des 21. Jahrhunderts verständlich ist.
Das Pontifikat von Papst Franziskus hat die Fenster der Kirche wieder geöffnet, um die frische Brise
des Geistes hereinzulassen. Gespräche und Debatten sind wieder möglich, selbst wenn man mit dem
Papst nicht einverstanden ist. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern bringt Franziskus seine Kritiker
nicht zum Schweigen. Für viele in der Kirche wird der Wandel nicht schnell genug gehen, aber es ist
wichtig, dass Gespräche stattfinden können, um sich auf die Reform vorzubereiten.
Übersetzung aus dem Portugiesischen: Norbert Arntz, Kleve

SECHSTENS: BISCHOF PETER KOHLGRAF, Mainz.

“Auch ein großer Theologe und Papst hat Fehler”
Kritisches, aber vorsichtig-diplomatisch formuliert zu Benedikt XVI.  Von Peter Kohlgraf, Bischof von Mainz, dort gesprochen am 6.1.2023:
„Angesichts mancher Themen, die noch vor seiner Bestattung im Raum standen, auch seine mögliche Heiligsprechung, würde ich zur Ruhe ermutigen”, sagte Bischof Kohlgraf laut Manuskript in seiner Predigt und fügte hinzu: “Es gehörte immer zum kirchlichen guten Stil, sich mit abschließenden Bewertungen eines Lebens Zeit zu lassen.”
Sicher seien viele Bilder, die sich die Öffentlichkeit von Benedikt gemacht habe, seiner “komplexen Persönlichkeit” nicht gerecht geworden. Er habe aber auch durch manche Positionen provoziert. Es gehöre “zur Wahrheit, dass sich viele Menschen auch durch ihn verstört fühlten”, sagte der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf.
Es gebe auch Menschen aus dem Umfeld Benedikts, die diesem eine mangelnde Menschenkenntnis unterstellen würden. “Ja, auch ein großer Theologe, Bischof und Papst hat Fehler, und sie sind in das Ganze einzuordnen, auch dafür braucht es Zeit und Abstand, und es braucht Menschen, die sich dieser Bewertung annehmen ohne ein theologisches oder kirchenpolitisches Eigeninteresse”, sagte Bischof Kohlgraf.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin,  www religionsphilosophischer-salon.de

Superyachten – Obszöne Kapitalisten.

Ein Buch über Milliardäre, die auf den Weltmeeren den Normen der Menschheit entgleiten.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Zur Einstimmung:
Es gibt ganz wenige Leute, die stellen sich allen Ernstes die Frage: Wie kann am besten aus den Duschen ihrer Superyacht außer Wasser auch Champagner sprudeln? Um dieses Problem kümmern sich spezielle Firmen, die ausgefallene Wünsche von Eigentümern der Luxusyachten gewöhnt sind. Die Fachleute für Luxus-Duschen fragen dann nur: Wie stark gekühlt oder wie warm soll denn der Champagner sein, mit dem sich die nackten Herren und Damen Milliardäre erfrischen wollen.
Davon berichtet der Soziologe Grégory Salle in seiner Studie „Superyachten“ auf Seite 24. (Suhrkamp Verlag 2022).

1.
Der Wahnsinn des Neoliberalismus, d.h. der Wahnsinn in der ungerechten Verteilung des Eigentums, ist ein philosophisches Thema. Über die These Proudhon „Eigentum ist Diebstahl“ wurde schon ein viel beachteter Beitrag auf dieser website publiziert. LINK.

2. Das Obszöne ist ethisch und deswegen politisch
Nun wird es noch spannender und von der Lektüre-Erfahrung durch viele Fakten anschaulicher und deswegen schockierender, aber auch fast unterhaltsamer, weil die Tatsachen an eine absurde, surreal wirkende Welt erinnern.
Das Thema ist die Gegenwart des Obszönen in unserer Welt. Das Obszöne ist, ästhetisch gesehen, das Ekelhafte, Abstoßende. Und zugleich für die klassische Moral vor allem das sexuell definierte Schamlose. Die bürgerliche Ethik war bisher so begrenzt und legte das Obszöne auf angebliche oder tatsächliche sexuelle Verfehlungen fest.
Nebenbei: Die heutige Fixierung auf die schamlosen sexuellen Übergriffe durch den Klerus ist zwar notwendig, aber sie lässt auch keine Zeit, sich mit dem Schamlosen des Kapitalismus, etwa mit dem Obszönen der Milliardäre, kritisch zu befassen.
Ein neues Buch sorgt dafür, das Obszöne in dieser Welt des totalen Kapitalismus wahrzunehmen.

3. Eintausend Quadratmeter Wohnfläche
Eine sachlich dokumentierende Recherche berichtet vom schamlosen, schon üblichen Verhalten unter Multi-Milliardären. Es geht nicht um deren sexuelles Vorlieben, es geht um deren SUPERYACHTEN. Diese sind obszöne Symbole des Exzesses einiger Milliardäre.

Superyachten müssen als Symbole gedeutet werden, als Symbole dafür, dass Exzesse, die sich kaum noch steigern lassen, das Lebensgefühl der Milliardäre sichtbar machen. Die eher noch bescheidene Superyacht „Octopus“ hat 235 Millionen Euro gekostet. (S. 35), eine Kleinigkeit für Multi-Milliardäre.
Superyachten – ein Phänomen also, das wahrscheinlich sehr vielen schon irgendwie aufgefallen ist, die sich an der Cote d Azur (speziell St-Tropez) oder in der Ägäis oder im spanischen Mittelmeer aufgehalten haben. Sie sahen Luxusyachten … oder auch vom Untergang bedrohte Kähne von Flüchtlingen aus Afrika. Auf den Luxusyachten von 75 bis 100 Meter Länge mit ca. 1000 Quadratmeter Wohnfläche auf mehreren Etagen wohnen ca. 30 Personen, davon 20 Angestellte in Kabinen, auf den Kähnen aus Afrika kauern manchmal 70-100 Menschen zusammen, alle in Gefahr, kurz vor dem Ertrinken. An eine Champagner-Dusche denken sie nicht. Die Luxusyachten steuern mit Selbstverständlichkeit Häfen an, wo die Luxusrestaurants die internationalen Gäste mit Freuden begrüßen und als alte Bekannte umarmen. Die Flüchtlinge, kurz vor dem Verdursten, sind froh, wenn sie von NGO – Schiffen gerettet werden, die auf der Suche sind nach einem Hafen. Aber am liebsten würden etwa die jetzt regierenden rechtsextremen Politiker Italiens diese „störenden Menschen“ wieder in die „schöne“ afrikanische Heimat zurückschicken…

4. Endlich: Beschlagnahmen!
Manchmal wird von dem eher hilflosen Versuch der westlichen Demokratien berichtet, nach dem Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine die Superyachten der russischen Milliardäre zu beschlagnahmen. Beschlagnahmen: Was für ein Wort für die biedere Öffentlichkeit: Die Beschlagnahme! Unerhört, dieses Wort, wo wir doch alle immer an das heilig verstandene Privateigentum glauben.
Der Krieg Putins hat zumindest den bescheidenen positiven Aspekt, dass nun über „Beschlagnahmung von Milliardärs-Eigentum“, also der Superyachten, öffentlich und zwar zustimmend die Rede ist. Welch ein Gewinn! Welch eine Chance, dadurch die Umrisse unserer Zeit als Epoche des finanziellen Exzesses zu verstehen. Die Plutokratie wird zwar fortbestehen, aber eben noch kritischer betrachtet als vorher. Beschlagnahmung also als gerechte Handlungsform eines demokratischen Staates, wenn er sich denn in dem Wirrwarr seiner eigenen Gesetze zum Thema Superyachten auskennt.. In der geistigen Nähe zu diesem Stichwort befindet sich bekanntlich das noch umstrittenere Wort „Enteignung“…Wird man darüber in absehbarer Zeit differenziert diskutieren können, ohne gleich von konservativen und sich FDP-liberal nennenden Herren – auch Herren der Kirche – als Kommunist verdammt zu werden?

5. KAPITALOZÄN
Der französische Soziologe Grégory Selle hat jetzt eine gut lesebare und sehr gut dokumentierte Recherche zu den Luxusyachten von Milliardären vorgelegt, Suhrkamp Verlag, 150 Seiten, 16 Euro. Das Buch verdient viel Aufmerksamkeit vieler Leser. Der Untertitel deutet den Wandel an in der Deutung der globalen Weltstruktur: Grégory Salle spricht von „Kapitalozän“, anstelle des üblichen Begriffs „Anthropozän“: „Luxus und Stille im Kapitalozän“ ist also der Untertitel dieses Buches, das man durchaus eine politische, ökonomische Variante eines authentischen Kriminalromans nennen könnte. Luxus und Stille – ein merkwürdiger Untertitel: Gibt’s diesen Luxus „Superyachten“ vielleicht nur, weil es um ihn bisher in der Öffentlichkeit so viel Stille herrschte, weil die Öffentlichkeit sich um diesen Wahn der Superyachten nicht kümmerte?

6. Grenzenlose Freiheit
Das Buch handelt also von notorischen (nicht nur russischen) Kleptokraten, die ihre Milliarden gern in letztlich bescheidene Multi-Millionen-Objekte investieren, wie eben die Luxusachten mit den hübschen Namen „Graceful“ oder „Scherzende“. Der Vorteil dieser Millionen-Fahrzeuge für ihre Eigentümer: Mit einer Luxusyacht ist man auf den Meeren überall und nirgendwo zuhause, man lebt förmlich außerhalb überschaubarer nationaler Gesetze, kann Steuern enorm sparen, Geldwäsche betreiben, kann zusätzlich Geld machen, wenn man denn die Yacht später teuer vermietet. Und man hat nette gleichgesinnte Milliardärs-Menschen um sich, wenn man sich auf Messen trifft, wie im Amsterdamer „Global Superyacht Forum“.

7. Milliardäre als Zerstörer der Umwelt
Mit einer Luxusyacht kann man ungestraft auch viele gravierende Umweltschäden anrichten, die Natur im Meer zerstören und die Klimakatastrophe beschleunige. Aber das ist den Herrenmenschen, den Plutokraten, völlig egal, dass sie mehr als 20 Liter Treibstoff für ihre Superyachten pro Kilometer verbrauchen, ist ihnen völlig schnuppe. Ihre Öko-Verbrechen werden nicht untersucht und bestraft.

8. Verantwortungslos
Das Buch Superyachten mag zunächst wie ein bizarres Sonderthema erscheinen in der so drängenden Frage nach extremem Reichtum und extremer Armut in dieser neoliberalen globalisierten Welt. Aber die Superyachten sind ein Symbol für die obszöne Mentalität der totalen Verantwortungslosigkeit, der Gier nach „immer mehr“, der ungebremsten egoistischen Haltung der Milliardäre (man lese, wie diese Herrenmenschen mit den Untergebenen umgehen).
Es ist ein Buch, das zu der philosophischen Einschätzung führt: Diese Welt der Eigentümer der Superyachten ist eine nihilistische, von Sinnlosigkeit zersetzte und zerfressene Welt einiger Herrenmenschen. Ihnen steht die demokratische Welt leider bis jetzt weitgehend hilflos gegenüber.

8.
Das Buch „Superyachten“ ist auch ein denkwürdiges Weihnachtsgeschenk.

9. Über die Angestellten auf den Superyachten:
„Das wenige, was durchsickert, entlarvt die Kehrseite dieser Traumwelt: Disziplin, Sonderregelungen bei Arbeitszeiten, strikte Folgsamkeit, beengte Unterbringung in winzigen Kabinen und ein eng getakteter Arbeitsrhythmus, um ständige Verfügbarkeit zu gewährleisten. Und das lächelnd, selbst bei den abstrusesten Aufgaben. In der Karibik verlangte eine Frau einmal auf der Stelle 1000
weiße Rosen, um die Superyacht ihres Ehemanns zu schmücken. Das Personal ließ die Blumen von Miami mit dem Hubschrauber einfliegen“. (S. 60).

Was eine humane Menschheit mit den Ausgaben für die Superyachten machen könnte? 
„In einem Artikel vom Mai 2018 wies der Journalist Rupert Neate darauf hin, dass die kumulierten jährlichen Ausgaben für die ungefähr 6000 in Betrieb befindlichen Superyachten die gesamten Schulden der sogenannten »Entwicklungsländer« tilgen könnten“. (S. 54).

Grégory Salle, „Superyachten. Luxus und Stille im Kapitalozän“, Suhrkamp Verlag, 150 Seiten, 16€. Übersetzt von Ulrike Bischoff.

Grégory Salle ist Soziologe und Politikwissenschaftler.
Er ist Research Fellow am Centre national de la re-cherche scientifique.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Jesus in Rom: Der “Großinquisitor” von Dostojewski, aktuell für heute und morgen.

Im November 2022 ist das Buch „Der Sommer des Großinquisitors“ des Literaturwissenschaftlers Helmut Lethen (Rowohlt Verlag Berlin) erschienen.  Und im November 2021 wurde an den 200. Geburtstag von Fjodor Dostojewski erinnert.
Anlass genug, der Spur Dostojewskis im Roman „Die Brüder Karamasow“ zu folgen und jetzt aktuell an die Wiederkehr Jesu Christi in Rom 2021 zu erinnern,. Dabei folge ich dicht der Erzählstruktur Dostojewskis.

Von Christian Modehn am 18.11.2022.

Der Beitrag hat vier Teile:
1. Jesus in Rom heute.

2. Jesus wird in den Vatikan gebracht und dem Großinquisitor Ratzinger gegenübergestellt.

3. Jesus und Papst Franziskus werden im Büro der Glaubensbehörde des Vatikans erschossen.

4. Ein Hinweis auf den „Großinquisitor“ Dostojewskis.

1. Jesus in Rom heute

Iwan erzählt im Jahr 2021 seinem Bruder Aljoscha Karamasow sein neues Poem. Wie schon in Dostojewskis Roman aus dem Jahr 1879 ist Iwan der Religionskritiker, Aljoscha der Fromme in der Familie. Aljoscha ist so erstaunt über die Einsichten seines Bruders, dass er diesmal nur selten wagt nachzufragen.  Iwan also erzählt:
„Jesus Christus ist kürzlich in den trostlosen Vorstädten Roms aufgetaucht. Im Viertel Corviale geht er den Hochhäusern entlang, betritt dunkle, schmutzige Hausflure, spricht mit den Alten, den Frauen mit ihren vielen Kindern. Geld hat er nicht, aber er spürt die göttliche Vollmacht, für Gerechtigkeit auf Erden zu sorgen. Darum sammelt er schließlich die Menschen auf einem Platz. Sie erkennen ihn an seiner sanften Sprache, fühlen sich von ihm ernst genommen und verstanden, sie sind erstaunt, wie er, Jesus Christus, die Obdachlosen umarmt, den Flüchtlingen hilft, Zelte zu bauen.

Mit sanfter, aber eindringlicher Stimme fordert Jesus Christus diese Menschen auf, sich gut vorzubereiten, loszuziehen und dann die Paläste im Vatikan zu besetzen. Die Kardinäle sollen aus ihren luxuriösen Wohnungen vertrieben werden. „Vielleicht finden sie als die Nachfolger der armen Apostel Petrus und Paulus bei euch dann eine Bleibe“. Jesus Christus lächelt, nicht ohne Ironie.. Dann fährt er sehr bestimmt fort: „Die berüchtigten Finanzjongleure in der Vatikanbank werden dann zu Altenpflegern umgeschult. Und die vielen hundert Priester und Prälaten in den päpstlichen Behörden werden zu Lehrern ausgebildet für die römischen Vorstädte“. Schließlich fordert er die Flüchtlinge und Obdachlosen auf, mindestens zehn Kirchen und fast leerstehende Klöster in der Innenstadt zu besetzen. „Die stehen ja an jeder Ecke und sind fast nur noch Museen“, sagt Jesus. „Dabei sind Gotteshäuser immer Häuser für die Menschen, die Ausgegrenzten zumal“. Die Leute sollen also, fordert er, die Bänke wegschaffen und Notunterkünfte einrichten. „Für die Besichtigung der Kunstwerke in euren besetzten Kirchen könnt ihr Eintritt verlangen, dann ist für Speis und Trank gesorgt“..

„Jesus Christus weilt in der heiligen Stadt Rom“, das haben die Lokalreporter inzwischen längst dem Vatikan gemeldet. Die Bischöfe und Prälaten in den riesigen Renaissance- und Barock – Gemäuern der kirchlichen Verwaltung sind entsetzt über diese Wiederkunft Jesu Christi in Rom. „Der stört uns doch, der raubt uns die Zeit“, lautet die einhellige Meinung. „Hatte nicht der Großinquisitor in Dostojewskis Erzählung bereits Jesus verboten, sich jemals wieder auf diesem christlichen Boden und dieser kirchlichen Welt zu zeigen?“, fragt ein etwas literarisch gebildeter Substitut der Glaubenskongregation. Er blickt mit müden Augen von einem Papierstapel auf, das sich mit einer erneuten Verurteilung des Frauenpriestertums befasst. Und dabei auch noch den Pflichtzölibat der Priester verteidigen muss.

2. Jesus wird in den Vatikan gebracht und dem Großinquisitor Ratzinger gegenübergestellt.

Mit Hilfe der Mafia sorgen schließlich emsige Beamte der Vatikanbank dafür, Jesus Christus sehr diskret aus der erbärmlichen Vorstadt Roms zu entführen und direkt in den Vatikan zu bringen. Einer der vatikanischen Finanzjongleure hat eine Idee: „Bringt den Kerl bloß nicht in unsere Bank, er soll ins nahe gelegene Gebäude des Heiligen Offiziums, einst die Inquisitionsbehörde, verfrachtet werden“.
Ein obligater SUV der Mafia bringt also Jesus Christus, in einer Jeanshose gekleidet und mit einem Wollpullover, wohlbehalten ins „Heilige Offizium“.  „Am besten gleich ins Büro“ heißt die Devise, in das Büro, in dem Kardinal Ratzinger als Behördenchef und Grossinquisitor viele Jahre wirkte. Aber wie es der Zufall will, schaut Ratzinger, nun als Ex-Papst Benedikt XVI., mal wieder in seiner Behörde nach dem Rechten.

So stehen sich also plötzlich Benedikt XVI. und Jesus Christus gegenüber. Beide schweigen lange Zeit. Und Jesus blickt dann voller Tränen auf den Ex-Papst. „Warum weinen Sie, Herr Jesus“, fragt Ratzinger. Jesus winkt nur ab und flüstert nach einer Weile dem greisen Ratzinger ins Ohr: „Was habt Ihr nur aus meiner so einfachen, so menschenfreundlichen Botschaft gemacht“. EX-Papst Benedikt läuft rot an vor Wut, der Farbe seiner feinen Schuhe übertreffend: „Mit ihrer humanen friedlichen Lehre kommen wir nicht weiter, ihre Bergpredigt taugt nichts im Alltag von Staaten und Kirchen! Sie sind ein naiver Idealist, mein Herr und mein Gott“, schnaubt Benedikt mit letzter Kraft. „Wir als Kirche haben inzwischen unsere eigene Religion geschaffen, wir nennen uns nur noch christlich oder katholisch. Wir haben mit Jesus von Nazareth nichts gemein. Wir wollen nur herrschen, befehlen, verlangen Gehorsam, nicht Glauben“.
Der greise EX Papst Benedikt Ratzinger, der hoch gelobte Theologe dieser Religion, die sich nur noch christlich nennt, greift zum Schreibtisch und übergibt dem leibhaftigen Jesus Christus seine drei dicken Bücher über keinen geringen als …Jesus Christus. „Lesen Sie das“, mahnt der Ex-Papst eindringlich. Aber Jesus Christus greift nach den Druckerzeugnissen und schleudert sie auf den Boden. Eine große goldumrandete Vase aus dem 16. Jahrhundert geht dabei zu Bruch, und ein inzwischen fast blinder Spiegel aus dem Neapel des 17. Jahrhunderts beginnt zu wackeln.

Im Spiegel aber erkennt Jesus Christus, dass Papst Franziskus das Büro des Glaubenshüters betreten hat. Jesus und Papst Franziskus sehen sich schweigend an. Viele Minuten stehen sie einander gegenüber, schauen nicht um sich, blicken sich nur in die Augen. Dann berühren sie einander sanft, streicheln sich am Arm, etwas verlegen auch auf den Wangen. Und Jesus Christus entdeckt, dass Papst Franziskus seine Tränen nicht mehr unterdrücken kann. „Ich bin gescheitert in dieser Welt, in dieser Kirche der verfälschten Religion“, flüstert Papst Franziskus Jesus Christus ins Ohr. „Diese Kirche ist jetzt am Ende, der sexuelle Missbrauch durch Priester hat die Kirche definitiv ruiniert. Es ist aus. Meine Meinung: Die Leute sollen einander lieben und Gott ehren, das ist alles. Aber die Beamten, die Priester, wollen, dass der Betrieb weiterläuft“. Jesus Christus schweigt, aber er nickt mehrmals. Zustimmend.
 Der greise Ex-Papst Benedikt wird ungeduldig und betrachtet von der Seite die beiden. Mit der letzten Energie des obersten Glaubenshüters schreit er: „Jetzt reicht es mir mit euch beiden“.

3. Jesus und Papst Franziskus werden im Büro der Glaubensbehörde des Vatikans erschossen.

An der Stelle der Erzählung wagt es Aljoscha, seinen Bruder zu fragen: „Und wie geht es dann weiter?“ „Du weißt“, sagt Iwan, “dass ich dem Katholizismus und dem ganzen institutionellen religiösen Apparaten kritisch gegenüber stehe. Aber ein bisschen schwer fällt es mir doch, dir als einer frommen Seele das Ende zu erzählen“. „Sag es, bitte“, fleht Aljoscha. „Nun ja, eine geheime Tapetentür hinter dem Rücken des Ex-Papstes Benedikt öffnete sich und … wie von von einem Scharfschützen, aber im Priestergewand, werden beide erschossen, Jesus Christus und Papst Franziskus. Und der Ex-Papst Benedikt? Der hat vor Schrecken einen tödlichen Herzinfarkt bekommen. Die geheime Tür in der Inquisitionsbehörde schloss sich wieder ganz schnell, und das alles geschah sehr diskret, wie üblich, fast wie eingeübt“.
Nach einer Weile sagte Aljoscha kaum vernehmbar: „Und diesen Bericht hast du, Iwan, dir ausgedacht? Oder war es gar ein Traum“?  „Es war gewiss ein Traum, aber ein Traum enthält die Wahrheit.

Aber das Ende habe ich dir noch nicht erzählt: Die drei Leichen waren nämlich ganz schnell aus der Glaubensbehörde herausgeschafft worden, von wem und wohin, das weiß niemand“.
„Und nun?“, fragte Aljoscha. „Alles geht im Vatikan und in Rom wieder seinen üblichen Gang, Nachfragen und Nachforschungen werden nach alter klerikaler Manier unterdrückt“, antwortete Iwan. „Ein paar Arme aus der Vorstadt hatten inzwischen eine Kirche und ein Kloster tatsächlich besetzt, sie wurden aber schnell vom Klerus vertrieben und kehrten in ihr Elend zurück. Alles geht alles im üblichen Ritus weiter, die nächste Papstwahl steht bevor“.
 Und dann sagte Iwan noch sehr bestimmt: „Diese Geschichte kann sich auch in anderen Kirchen, in Genf, in Moskau, in Nigeria, in Washington ereignen.
Und du, Aljoscha, solltest deinen FreundInnen sagen: Denkt euch selbst eine andere Fortsetzung des „Großinquisitors von Dostojewski“: Was geschieht, wenn Jesus Christus plötzlich in unseren Städten herumläuft? Vielleicht ist er auch längst da, und wir sehen ihn nicht, weil wir kirchlich verblendet sind. Und vergessen wir nicht: Dostojewski schrieb die Geschichte vom Großinqisitor als Kritik am römischen Katholizismus.

Heute würde Dostojewski sicher die offizielle russisch-orthodoxe Kirche, vor allem diesen Patriarchen Kyrill als Kriegstreiber dieser Putin-Kirche verurteilen. Auch das sagte Iwan noch, seine Stimme vor Schmerz kaum noch zu hören….Auch Atheisten leiden unter den Verbrechen der Kirchenführer, dachte Aljoscha.

4. Ein Hinweis auf den „Großinquisitor“ Dostojewskis.

In Fjodor Dostojewskis umfangreichem Roman „Die Brüder Karamasow“ (verfasst 1879-188o) enthält das „Fünfte Buch“ ein Kapitel mit dem Titel „Der Großinquisitor“. Es umfasst in der Neuübersetzung von Swetlana Geier (Fischer-Taschenbuch, 2013) nur 30 Seiten. Das Kapitel erscheint wie eine in sich geschlossene Erzählung:

Iwan, der Atheist, erzählt seinem frommen Bruder Aljoscha, sein „Poem“, wie er sagt. „Glühend vor Eifer habe ich es mir ausgedacht…Mein Poem heißt der Großinquisitor – es ist absurd, aber ich möchte es dir gern erzählen“ (S. 397.)
 Während der Herrschaft der katholischen Inquisition im 16. Jahrhundert erscheint plötzlich und unerwartet Jesus Christus inmitten der Stadt Sevilla. Er wird von den Menschen erkannt, einige bitten um seine heilende Wunderkraft. Der greise Großinquisitor, ein Kardinal, darüber empört, befiehlt, Jesus Christus zu verhaften. Das gläubige Volk protestiert nicht dagegen, es ist dem Kardinal ergeben.
 Jesus Christus wird in einem Verlies untergebracht. Der Großinquisitor besucht nachts den verhafteten Heiland, er wirft ihm vor, überhaupt kein Recht zu haben, hier wieder aufzutreten und so wörtlich, „die Ruhe zu stören“.

Für den Großinquisitor ist Jesus Christus ein Ketzer, den er am nächsten Morgen dem Feuertod übergeben will. In seinem Monolog kritisiert der Kardinal die Auffassung Jesu von der Freiheit eines jeden Menschen…Nur durch die strengen Weisungen der Kirchenführer könnten die Menschen von ihrer individuellen Freiheit befreit werden und zu Untertanen werden.
Die Kirchenfürsten haben also im Laufe der Kirchengeschichte Jesu Lehre von der Freiheit und der Gewissensfreiheit korrigiert bzw. „verbessert“ und so die Menschen zu ihrem Glück gezwungen, und das heißt: Sie folgen nun den kirchlichen Weisungen als unfreie, aber in kirchlicher Sicht glückliche Menschen.
Der Großinquisitor geht so weit, sich zum Antichristen zu bekennen: „Wir sind nicht mit Dir im Bunde, sondern mit ihm, (dem Antichristen), das ist unser Geheimnis!“ Die Kirche folgt also dem Antichristen! Dies ist für die Kirchenführer eine Tatsache, die sie nicht öffentlich preisgeben, selbst wenn sie unter diesem geheim gehaltenen Verrat an der Lehre Jesu leiden.
Der Großinquisitor erwartet eine Antwort Jesu. Er hat während des ganzen Monologs geschwiegen.

Dann aber – ganz überraschend – küsst Jesus Christus den greisen Inquisitor…und der öffnet die Gefängnistür und sagt: „Geh, und komme nicht wieder niemals, niemals. Und er lässt ihn hinaus auf die dunklen Plätze der Stadt. Der Gefangene geht.“ (S. 424).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Julian Barnes Bekenntnisse: Propaganda für den Polytheismus und das Heidentum.

Der neue Roman von Julian Barnes „Elizabeth Finch“
Ein Hinweis von Christian Modehn.

Eine neue religionsphilosophische und theologische Debatte steht bevor: Die Diskussionen werden sich – wie manchmal schon zuvor – mit dem Rühmen des Polytheismus (Heidentum) befassen und der schon üblichen Verurteilung „des“ Monotheismus, also auch der christlichen Kirchen.

1.
Julian Barnes, weltweit bekannter englischer Autor und Essayist, hat einen neuen Roman publiziert: “Elizabeth Finch“ ist der Titel. Auf Französisch liegt der Roman schon seit dem 1. September. Deswegen hat „Le Monde“ Barnes in London besucht, einen langen Artikel veröffentlicht mit wichtigen Zitaten von Barnes (veröffentlicht am 26. August 2022, S. 12, in der Beilage „Le Monde des Livres“.) Der Roman “Elisabeth Finch” von Julian Barnes liegt nun (Mitte November 2022) auch auf Deutsch vor.

2.
Barnes zeigt sich in dem Beitrag als leidenschaftlicher Verteidiger des Polytheismus, für ihn identisch mit dem Heidentum. Und konsequenterweise als leidenschaftlicher Gegner „des“ Monotheismus. Das Christentum erwähnt er ausdrücklich, er denkt aber wohl auch an die beiden anderen monotheistischen Religionen, das Judentum und das Islam. Aber es ist wohl auch die Verachtung der gegenwärtigen Kirchen (auch der Kirche in England), die ihn zur Verurteilung des Monotheismus motiviert.

3.
Im Roman ist die Protagonistin, Elizabeth Finch, eine Kulturwissenschaftlerin, eine explizite Verehrerin des römischen Kaisers Julian Apostata: Er wandte sich als Christ wieder dem alten römischen und griechischen Glauben des Polytheismus bzw. dem Heidentum zu und wollte die sich herausbildende Vormachtstellung des Christentums zurückdrängen. Er lebte von 331 bis 363, als Kaiser regierte er von 360 bis 363, er starb am Tigris, damals im persischen Reich, im Kampf gegen das Sassanidenreich.
Die Begeisterung der Professorin Finch für den „abtrünnigen“ („Apostat“) Kaiser Julian wird von ihrem Schüler Neil erzählt. Er erinnert sich, wie Elizabeth Finch davon öffentlich sprach, wie der Monotheismus (gemeint ist das Christentum) eine Katastrophe für die Menschheit war, wie der Monotheismus als „Herrschaft und Korruption zur Auszehrung des europäischen Geistes führte“. Auch dies: Dass Julian Apostata moralisch viel höher stand als die ganze Reihe der Päpste. Und dass mit dem Ende des Heidentums, mit seinem Propagandisten Kaiser Julian, die Lebensfreude aus Europa verschwand…

4.
Sehr verwunderlich ist, dass Julian Barnes in dem Interview mit „Le Monde“ selbst sehr heftig Partei ergreift für den Polytheismus und das Heidentum. Zu Beginn gesteht Barnes: „Ich bin überhaupt nicht religiös, alle Religionen sind Fiktionen. Aber ich glaube, unter allen Religionen sind diejenigen, die sich auf den Polytheismus gründen, am besten erfolgreich“. Kaiser Julian Apostat habe mit seiner Toleranz gegenüber allen bestehenden, also heidnischen Religionen, so wörtlich, einen „Supermarkt der Religionen“ erfunden. Das findet Barnes gut, deutet das als Toleranz, laut „Le Monde“.
Das ist der Gipfel der Phantasie: Wenn Kaiser Julian Apostata länger gelebt hätte, dann hätte unsere Welt eine andere, eine bessere Richtung genommen. Julian hätte dann, so der Wunsch des Autors Barnes, das Christentum marginalisiert. Christliche Priester hätten nur noch „eine bescheidene Rolle gespielt neben den Heiden und Druiden, den Anbetern der Bäume usw.“ Dann „träumt“ (so wörtlich) sich der weltbekannte Autor Barnes laut „Le Monde“ in eine heidnische Welt, in der es dann aufgrund der angeblichen Toleranz des Heidentums keine Kriege gegeben hätte, eine bessere Förderung der Wissenschaft ebenso, behauptet Barnes. Und vor allem hätten die Menschen in einer Hoffnung gelebt, die sich ganz ausschließlich aufs irdische Dasein bezieht und nicht, so wörtlich, dem „absurden himmlischen Disneyland im Jenseits nach dem Tod“ geglaubt.
Julian Barnes erinnert sich in dem Gespräch mit Le Monde an die Romanschriftstellerin Anita Brookner (1928-2016), sie hätte so hübsch gesagt: „Monotheismus. Monomanie. Monogamie. Monotonie: Nichts Gutes im menschlichen Zusammenhang beginnt mit der Vorsilbe MONO“.

5.
Die Auseinandersetzung mit diesen Lobeshymnen auf Kaiser Julian Apostata und die angeblich enormen menschlichen und wissenschaftlichen Vorzüge des Heidentums, des Polytheismus, muss ausführlich geführt werden.
Es ist bekannt, dass der Polytheismus auch in philosophischen Kreisen ein gutes Ansehen genießt, man denke an an den Philosophen Odo Marquard, der 1978 einen vielbeachteten Vortrag hielt „Lob des Polytheismus“ (in: „Abschied vom Prinzipiellen“, Reclam, 1981, S. 91 -116). Man denke an die Vordenker der „Neuen Rechten“, etwa an den Franzosen Alain de Benoît, der auf Deutsch 1982 sein Buch „Heidesein. Zu einem neuen Anfang. Eine europäische Glaubensperspektive“ veröffentlichte (Graber Verlag in Tübingen). Zuvor war schon in dem genannten Verlag der Sammelband „Das unvergängliche Erbe“ erschienen, mit dem bezeichnenden Untertitel „Alternativen zum Prinzip der Gleichheit“ (herausgegeben von Pierre Krebs). Damit wurde schon im Untertitel angedeutet: Der zu überwindende Monotheismus, etwa das Christentum, setze stark auf das Prinzip der prinzipiellen rechtlichen Gleichheit aller Menschen. Und das wollen die genannten Herren rund um Alain de Botton nun gar nicht. Antisemitismus und Heidentum/Polytheismus gehören oft zusammen…

6.
Auch das gilt: Der Monotheismus kann selbstverständlich nicht pauschal verteidigt werden. Monotheistisch-fromme Menschen, etwa Christen, Theologen, Päpste usw .haben im Laufe der Kirchengeschichte ihre Haltung bewiesen: „Wir besitzen die absolute Wahrheit, und wir drängen diese unsere absolute Wahrheit allen anderen auf, durch Kolonialismus, Mission, Bekehrung“. Da hat sich also die Überzeugung durchgesetzt, subjektiv etwas Wahres erkannt zu haben, total auf objektive Welt, in die Gesellschaft, die Staaten übertragen. Und die Kirchen als Institutionen haben die nur für den einzelnen Menschen privat mögliche absolute Wahrheit ins Objektive, ins Allgemeine, als allgemeine Lehre, übertragen. Und dann begann die Katastrophe des Kolonialismus usw.

7.
Es muss hier nicht ausführlich besprochen werden, dass selbstverständlich innerhalb des Monotheismus, also der Kirchen, einzelne und Gruppen lebten und leben, die den Respekt der universalen Menschenrechte über ihre subjektive Glaubensform stellen. Man denke an Franz von Assisi oder auch an den Verteidiger der Indigenas, Pater Bartolome de las Casas.
Eine pauschale Verurteilung des Monotheismus, wie sie Julian Barnes versucht, ist schlicht und einfach historisch falsch. Genauso, wie es auch falsch ist, den Polytheismus pauschal gut und prächtig zu finden. Tatsache ist, dass heidnische Religionen, man denke an die Azteken, in ihrer rituellen Praxis nicht gerade ein Inbegriff der Menschlichkeit und Sanftheit waren. Ob der polytheistische Hinduimsus pauschal so menschenfreundlich ist, bleibt angesichts der jetzigen Hindu-Nationalisten sehr fraglich. Und ob die germanischen heidnischen Stämme einst nun große wissenschaftliche Leistungen hervorgebracht hätten, wie Barnes hofft, ist auch fraglich.
Und kann man heute gar nicht davon davon absehen, dass viele Soziologen und Politologen von den neuen Göttern des Kapitalismus und Neoliberalismus sprechen, Götter, die das permanente Wachstum gebieten und die Herrschaft der „Alternativlosigkeit“ predigen. Diese neuen materiellen Götter des polytheistischen Kapitalismus haben bei vielen jedenfalls keine gute Presse. Gott sei Dank, oder den Göttern sein Dank!

8.
Allein differenzierendes Argumentieren hilft bei dem Thema weiter und eine genau Kenntnis der Geschichte des spätrömischen Reiches, als es um das Zusammenleben von Heiden und Christen (und Juden) ging. Dazu gibt es vorzügliche historische Studien von bedeutenden Historikern, ich nenne nur den Engländer E.R. Dodds, Gräzist in Oxford, von ihm liegt auf Deutsch u.a.vor: „Heiden und Christen in einem Zeitalter der Angst“ (Suhrkamp, 1985).

9.
Es wäre im einzelnen zu zeigen, dass die universal geltenden Menschenrechte erst im Zusammenhang des Monotheismus möglich wurden. Die Menschenrechte sind ein Produkt der philosophischen Aufklärung, aber diese lebte von dem Gedanken, dass es ein oberstes Prinzip (manche nannten es noch Gott, die Deisten) geben muss als schöpferische Kraft fürs Entstehen aller Menschen. Über diese oberste schöpferische Kraft (Monotheistisch) sind also alle Menschen über die eine gemeinsame Herkunft miteinander verbunden, als Brüder und Schwestern.

10.
Es muss weiter untersucht werden, wie sich vor allem im Katholizismus eine offiziell nicht eingestandene polytheistische Tradition entwickelt hat, man müsste also ernsthaft über den Marienkult reden als Form der Verehrung einer weiblichen Gottheit; man müsste über den Kult der Engel sprechen, heute sehr beliebt, nicht nur bei den geschätzten 20 Engelbüchern von Pater Anselm Grün, sondern auch bei „kirchenfernen“ Leuten. Man müsste sprechen die Heiligenkulte, die Reliquienkulte, die Segnungen von Bäumen und Autos und Handys und Tieren im Katholizismus. Und vor allem: Allen Ernstes müsste endlich gezeigt werden, wie polytheistische Inhalte im Glauben an die Trinität enthalten sind, der Theologe Edward Schilleeeckx hat drauf hingewiesen. Für Kirchenchefs ein peinliches Thema!

11.
Man ist aber insgesamt sehr erstaunt, wie ein „weltbekannter“ Autor wie Julian Barnes (40 Bücher, übersetzt in 30 Sprachen und vielfach mit Preisen überschüttet) sich derart fürs Heidentum heute einsetzen kann.
Aber Religionsphilosophen können auch dankbar sein, dass durch die ziemlich oberflächlichen Behauptungen und „Träume“, wie Barnes selbst sagt, das Thema „Wie böse ist denn nun =der= Monotheismus“ gründlicher diskutiert wird. Und deutlich werden muss auch: Alle rechtsextremen Kreise heute wie damals schmücken sich gern mit heidnischen Ideologien oder Versatzstücken von Edda und Wotan usw. Und sie sind oft Antisemiten!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Eine neue Hymne der “Republikaner” in den USA: “Ich bete an die Macht der Lüge”. Anläßlich der „Midterm – Wahlen“ in den USA am 8. November 2022.

Mehr als eine philosophische Satire!
Von Christian Modehn.

1. Lüge und Wahrheit lassen sich nicht unterscheiden in den Äußerungen von Politikern und Wählern der TRUMP Partei, der Republikaner. Zweifelsfrei dominiert dort die Lüge. Trump selbst schämt sich natürlich auch jetzt nicht, wie vor kurzem schon als Präsident, Lügen lautstark einzuhämmern. Und das Volk zu Schandtaten aufzuhetzen.
Die Lügen der Trump-Leute und ihres Führers vergiften die Menschlichkeit, zerstören die Kultur, spalten die Gesellschaft.

2. Die vielen fundamentalistisch – naiven Frommen unter den Republikanern sollten aus ihrem „eifrigen“ Bibel-Studium wissen: Der Teufel, an den diese Leute ja glauben, wird von Jesus von Nazareth „der Vater der Lügen“ genannt (Johannes Evangelium, 8, 44). Aber diese Frommen, die Lügner, lassen dieses Bibelwort für sich selbst nicht gelten, sie sind im klassischen theologischen Sinn „Häretiker“, d.h. „Auswähler“.

3. Die demokratische Welt weltweit schaut hilflos zu, wie das Lügen Normalität in den USA wird, nicht nur dort freilich, in diesem so genannten christlichen Land. Als Meister der Lügen sind Trump und Putin ganz enge Verwandte.

4. Vielleicht tröstet es die demokratischen Menschen weltweit, wenn sie sich mit einer Satire etwas entspannen können. Es geht also um einen neuen TEXT einer speziellen für Republikaner gedachten US – Hymne.
Diese Hymne hat den Titel: Ich bete an die Macht der Lüge.

5. Ich bete an die Macht der Lüge,
die sich in Trump und andren zeigt;
Ich geb mich hin den Lügenworten,
wodurch ich Wurm verblödet werd;
ich will, anstatt mal nachzudenken,
im Meer der Lügen mich versenken…

6. Der Text dieser neuen Trump – Hymne ist inspiriert von einem Choral von Gerhard Tersteegen aus dem Jahr 1750. Dieses Kirchen-Lied spielte schon im 18. Jahrhundert eine “grandiose” Rolle beim militärischen Zapfenstreich. Ohne diesen Song kommt auch heute kein großer Zapfenstreich der Bundeswehr aus.
Eigentlich ist dieser Song eine Schande. Denn in diesem frommen Erguss von Herrn Tersteegen wird der “Mensch als Wurm” bezeichnet. Sicher fühlten sich und fühlen sich viele Soldaten als „arme Würmer“ angesichts bevorstehender, tödlicher Kämpfe gegen „den Feind“. Man denke auch an die russischen Soldaten im Krieg Putins gegen die Ukraine.

7. Dies ist die bekannte Strophe des vertrauten Kirchenliedes von Gerhard Tersteegen:

Ich bete an die Macht der Liebe,
 die sich in Jesus offenbart;

ich geb mich hin dem freien Triebe,
 wodurch ich Wurm geliebet ward;

ich will, anstatt an mich zu denken, 
ins Meer der Liebe mich versenken.

Nebenbei: Das Lied ist noch immer im „Evangelischen Gesangbuch“, Regionalteil Rheinland-Westfalen-Lippe als Nr. 661 vertreten. Arme Würmer, kann man dann nur sagen, die solches noch singen…

Die vierte Strophe dieses Liedes heißt im Evangelischen Gesangbuch:

O Jesu, dass dein Name bliebe

im Herzen tief gedrücket ein;

möcht deine süße Jesusliebe

in Herz und Sinn gepräget sein.

Im Wort, im Werk und allem Wesen

sei Jesus und sonst nichts zu lesen.

Für die Trump-Hymne gilt auch diese Neufassung dieser 4. Strophe:

O Trump, dass dein Nam verschwinde
Im Geiste aller ausgelöscht
Möcht deine triste Lügenwelt
Aus Herz und Sinn vernichtet sein.
Im Wort, im Werk, in allen Wesen
Sei Wahrheit und sonst nichts vorhanden.

8. Trump der Lügner: George Packer, weltweit bekannter Journalist und Autor von “The Atlantic Magazine”, schreibt in der “ZEIT” vom 29.4.2020: “Trumps wichtigstes Werkzeug beim Regieren war die Lüge…”
Der „Tagesspiegel“ hat am 19.1.2020 auf Seite 3 die Anzahl der Lügen dokumentiert, die Trump in der Zeit seiner Herrschaft verbreitet hat: Im Oktober 2018 waren es zum Beispiel 1.288 von Mister Trump verbreitete Lügen; im November 2019 “nur” 900 Fake News. Dabei sind die Lügen nur ein Aspekt dieser insgesamt “unmoralischen, soziopathischen Persönlichkeit”, wie ein hochrangiger Trump-Mitarbeiter in dem neuen Buch “Warnung aus dem Weißen Haus” (Quadriga-Verlag 2020) schreibt: “Trump missbraucht und pervertiert die Demokratie“.9

9. Auch diese neue Hymne kann selbstverständlich in der alten Melodie gesungen werden, die der in St. Petersburg wirkende ukrainische Komponist Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski (1751–1825) ursprünglich für Tersteegens Text verfasst hat.

10. Auch dieser Tipp noch: Diese neue Lügen-Hymne “zu Ehren” von Trump sollte Übersetzungen haben ins Türkische, Russische, Englische, Italienische, Österreichische, Koreanische, Chinesische usw.

Copyright: Christian Modehn, Berlin. Religionsphilosophischer Salon Berlin. Die Erstveröffentlichung 2017 fand viel Interesse der LeserInnen dieser Website, deswegen aus aktuellem Anlass eine Neufassung dieses Beitrags.

Der orthodoxe Bischof von Wien, Arsenios Kardamakis, plädiert für die Absetzung des Kriegstreibers Patriarch Kyrill, Moskau.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Endlich, möchte man sagen, plädiert eine prominente Stimme der Orthodoxie für die Absetzung des Putin-Ideologen Patriarch Kyrill I. Wann endlich wird das geschehen? Will das auch der Ökumenische Rat der Kirchen in Genf? Die suchen immer noch das Gespräch mit Kyrill…

Metropolit Arsenios Kardamakis, Wien, sagt u.a.:

“Die weltweite Orthodoxie muss sich zusammenfinden und entscheiden, ob etwas gegen den russischen Patriarchen unternommen werden soll. Meiner Meinung nach, ja!”, so der Metropolit, also der Erzbischof. Dazu könnte Patriarch Bartholomaios (Konstantinopel) alle Häupter der orthodoxen Kirchen einberufen, um eine Amtsenthebung vorzuschlagen. Jedoch müssten in der Orthodoxie alle Entscheidungen einstimmig getroffen werden. “Aber auch, wenn nicht alle einverstanden sind oder manche politisch nicht zustimmen können, so wissen doch alle, dass dieser Krieg nicht legitimiert werden kann und dass jener, der diesen Krieg rechtfertigt, außerhalb des Geistes der orthodoxen Kirche ist”, unterstrich Kardamakis.

Die russische Kirche brauche “Umkehr, Buße und Neuevangelisierung, so der Metropolit weiter. Sie soll nicht an die Macht oder an das Geld glauben. Eine Kirche, die im Luxus lebt und sich wie die politische Klasse präsentiert, hat ihren Ruf verloren”, so der Geistliche. Die Erneuerung der Kirche werde von den einfachen Menschen kommen, die an Christus glauben”. (Quelle: https://www.domradio.de/artikel/metropolit-kardamakis-sieht-wende-russland-kommen)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Was bringen Gespräche mit Kyrill I., dem Patriarchen von Moskau und ideologisch – theologischem Kriegstreiber Putins? Gar nichts!

Ausführliches über ein Treffen von führenden Theologen des Ökumenischen Weltrates der Kirchen (ÖRK in Genf) mit dem Patriarchen Kyrill in Moskau am 17. Oktober 2022.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Am 27.10.2022 plädiert ein prominenter orthodoxer Erzbischof, Arsenios Kardamakis von Wien, für die Absetzung von Patriarch Kyrill. Es kommt also Bewegung im Umgang mit diesem Putin-Kriegstreiber… wenn sogar ein orthodoxer Amtsbruder, Erzbischof Kardamakis, für die Absetzung von Kyrill plädiert, dann ist das wohl ein Zeichen: Mit diesem Kriegstreiber kann man nicht mehr reden. Er gehört in ein bescheidenes Altersheim …. den Vorschlag der Absetzung Kyrills könnte der Weltrat der Kirchen ÖRK in Genf auch unterstützen …   LINK:

Am 26.10. 2022 wurde noch ein “Exklusives Interview mit Prof. Ioan Sauca” vom ÖRK veröffentlicht: LINK

Sauca ignoriert auch in diesem Interview vom 26.10.2022, dass Kyrill während dieser Begegnung in Moskau am 17.Okt. 2022 seine Kriegsideologie deutlich verteidigt hat: In einem leicht zu überlesenden Zwischensatz sagte Kyrill Wesentliches: „Krieg kann niemals heilig sein. Wenn jemand aber sich selbst und sein Leben verteidigen muss oder sein Leben zum Schutz anderer Menschen geben muss, sieht das anders aus“. WIE anders das dann aussieht, sagt Kyrill nicht explizit, aber der Schluss ist klar: In einem solchen Verteidigungsfall ist der Krieg eben doch heilig: Der Angegriffene muss sich verteidigen. Die früheren Stellungnahmen des geistlichen PUTIN-Ideologen lassen ohnehin keinen Zweifel: Kyrill meint, Russland müsse sich gegen den „Angreifer“ Ukraine verteidigen, dann wird der Krieg also durchaus heilig. Auf diesen entscheidenden Zwischensatz Kyrills ist die Delegation des ÖRK nicht eingegangen und geht auch Sauca am 26.10.nichrt ein. (vgl.Nr. 6 in diesem Hinweis).

1.
Man sollte mit Kriegstreibern und Kriegsherren im Krieg reden, sagen einige. Vielleicht bekehren sie sich zum Frieden, der den Namen verdient?
Unter vernünftigen Bedingungen ist Dialog immer eine gute Lösung.
ABER: Eine Dialog-Begegnung mit Patriarch Kyrill und führenden Vertretern des Ökumenischen Rates ÖRK (Genf) am 17.10.2022 zeigt: Man trifft sich, und Kyrill I. als theologischer Kriegsideologe verbreitet nur banale Freundlichkeiten. Und die Delegation aus Genf reagiert freundlich und milde. Deutlich wird: Zur Kritik an Putin bekehrt sich „Seine Heiligkeit“ , ehemaliger KGB Mann, natürlich nicht. Er denkt gar nicht daran, aus seiner Kirche eine oppositionelle Bewegung zugunsten der Anerkennung der Ukraine als eigenständigem Staat zu machen. Er redet vom Frieden, meint aber den Sieg Russlands über die Ukraine.

Man muss sich die Mühe machen, das nach dem „Dialog“ veröffentlichte offizielle Kommuniqué aus Genf, ÖRK, gründlich zu lesen. Link: https://www.oikoumene.org/de/resources/documents/wcc-communique-his-holiness-patriarch-kirill-meets-with-wcc-acting-general-secretary

2.
Dieser Hinweis hier ist alles andere als marginal. Er zeigt, dass die obersten Gremien der Ökumene in Genf gar nicht daran denken, mit der russisch-orthodoxen Kirche zu brechen, d.h. diese Kirche als Mitglied aus der weltweiten Ökumene derer, die sich Christen nennen und als Christen zu handeln versuchen, rauszuwerfen. Solche ein Schritt würde der weltweiten Isolierung des Putin Regimes nützen und später helfen, auch diese Kirchenführer (Kyrill I)…) zusammen mit Putin und Co. vor das alsbaldige Kriegsverbrecher – Tribunal zu stellen.
Aber der sogenannte Dialog in Moskau am 17.10.2022 mit Vertretern des ÖRK zeigt, soweit aus dem Kommuniqué ersichtlich, dass der oberste Boss dieser russisch-orthodoxen Kirche (und nicht nur er) ein Ideologe Putins ist, selbst wenn er sich geschickt verbal zu verstecken vermag.
Wenn man kritisch wäre in christlichen Kreisen würde man diesen Multi-Millionär nur noch Herrn Wladimir Michailowitsch Gundjajew nennen, geboren in Leningrad am 20.November 1946. Solche Ansprache macht die Delegation aus Genf aber nicht, sondern nennt ihn„seine Heiligkeit“. Wie ehrerbietig! Interessant ist, dass die offizielle Website des Moskauer Patriarchats diesen Herrn Gundjajew sogar wie Gott selbst als seine „allerhöchste Heiligkeit“ anspricht. Ein Skandal der Gotteslästerung, allein schon ein Grund, diesen Patriarchen aus dem ÖRK zu werfen.
Zur Anrede von Herrn Gundjajew als „Heiligster Patriarch“ siehe die offizielle Website: https://mospat.ru/de/news/89724/

3.
Es ist schon erstaunlicherweise so weit gekommen, selbst unter immer politisch-staatlich mild gesinnten Orthodoxen, dass jetzt der Ehrenprimas der christlichen Orthodoxie, Patriarch Bartholomäus, diesen Herrn Gundjajew alias seine Heiligkeit (offiziell in Moskau: Heiligstkeit !) Kyrill zum Rücktritt auffordert. (Link: https://www.domradio.de/artikel/bartholomaios-appelliert-erneut-kyrill). Diese Tatsache darf man sensationell nennen, wollen wir hoffen, dass die Dialog bereiten Herren und Damen im ÖRK in Genf sich dieser Position mit allen Konsequenzen anschließen.

4.
Die Tatsachen: Theologen der Ökumene aus Genf (ÖRK) fahren nach Moskau, sprechen am 17.10. 2022 mit Kyrill I. und „seinen Leuten“, wie er sagt. Dann wird am 20.10.2022 in Genf vom ÖRK ein offizielles Kommuniqué veröffentlicht.
Wer das Dokument liest, ist erstaunt und empört: Über die diplomatisch verschleiernden Worte Kyrills und über die fast angstvoll wirkenden, von Ehrerbietung bestimmten Worte und Fragen der Delegation aus Genf.
Kyrill I. spricht bei der Begegnung oft und freundlich vom Frieden und vom Dialog, sowie, ach das ist zu erwarten, von den üblichen „Missverständnissen“ seiner früheren kriegerischen Worte gegen die Ukraine und den moralisch angeblich total verdorbenen Westen.

5.
Kyrill I. spricht überhaupt nicht vom Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Er schwadroniert hingegen von einer „sehr kritischen Lage“, einer „schwierigen Lage“, von einer „schwierigen Situation am Donbas“, er spricht nur vom „politischen Kontext“, den „man beachten“ solle. Wenn der Patriarch und eindeutige Putin-Ideologe die Ukraine erwähnt, dann spricht er, alle wahren Kausalitäten in diesem Krieg verschweigend, von einem „Konflikt in Bezug auf die Ukraine“ oder von einem „Konflikt IN der Ukraine“. Dieses nur Nebel erzeugende Jonglieren mit Begriffen hat er zweifellos mit seinem gemeinsamen KGB Kollegen Putin beim sowjetischen Geheimdienst einst gelernt.

6.
Die „Schaffung von Frieden“ wird von Kyrill mehrfach erwähnt, es sei, klar und eindeutig gesagt: Da redet einer das übliche Bla-Bla, das man etwa aus Zeiten der vorwiegend kommunistisch-gesteuerten „Prager Friedenskonferenz“ schon seit 1960 kennt. In einem leicht zu überlesenden Zwischensatz sagt Kyrill dann doch Wesentliches: „Krieg kann niemals heilig sein. Wenn jemand aber sich selbst und sein Leben verteidigen muss oder sein Leben zum Schutz anderer Menschen geben muss, sieht das anders aus“. WIE anders das aussieht, sagt Kyrill nicht, aber der Schluss ist klar: In einem solchen Verteidigungsfall ist der Krieg eben doch heilig: Der Angegriffene muss sich verteidigen. Die früheren Stellungnahmen des geistlichen PUTIN-Ideologen lassen ohnehin keinen Zweifel: Kyrill meint, Russland müsse sich gegen den „Angreifer“ Ukraine verteidigen, dann wird der Krieg also durchaus heilig.
Komisch ist nur, dass diese Worte Kyrills eigentlich auch auf die von Russland angegriffene Ukraine passen, aber daran denkt der Russe Kyrill „dummerweise“ wohl gar nicht. Denn er ist überzeugt, dass es auch einen von ihm so genannten „metaphysischen Krieg“ gibt, einen Krieg „gegen böse Mächte und Gewalten“, und diese sind ja bekanntlich im dekadenten Westen sehr lebendig, wie Kyrill schon seit langem predigt. Und der Patriarch bezieht sich dabei sogar auf eine Stelle aus dem Neuen Testament, in der der Autor, Paulus genannt, im Epheserbrief – angesichts des nahenden Weltendes – „vom Krieg gegen dunkle Mächte und Gewalten“ spricht (6,12). Den Krieg führt also Russland „metaphysisch“, aber durchaus physisch tötend. Und ich möchte hier nur daran erinnern, wie viel Unsinn diese fundamentalistische Bibellektüre à la Kyrill I. erzeugt. Diese genannten Sätze des Autos Paulus im Epheserbrief werden heute von jedem vernünftigen Theologen beiseite gelegt.
Skandalös ist, dass, soweit aus dem Genfer Kommuniqué ersichtlich, diese Herren vom ÖRK auf diese Worte Kyrills gar nicht reagieren. Haben sie diese Worte überhört? Wollten sie diese Worte überhören?

Zur theologischen Wahnidee des “metaphysischen Krieges” schreibt der Publizist Peter Lachmann (Warschau) in “Lettre International”, 2022, Heft 138, S. 126:” Zu Putin steht denn auch bedingungslos das Moskauer Patriarchat, für das auch die Grausamkeiten der Zaren niemals ein Ärgernis darstellten, weil ihre Herrschaft von Gott komme, so wie des neuen Para-Zaren Putin. Patriarch Kyrill interpretiert Putins Aggression ganz in diesem Sinne: Der Krieg um das heilige Russland habe metaphysische Bedeutung, die Rückeroberung der Ukraine sei eine Sache der ewigen Erlösung“.

Auf diesen Blödsinn fällt der Ökumenische Rat der Kirchen rein und huldigt den metaphysischen Krieger Kyrill, genannt Patriarch,  allein schon durch ihren Besuch am 17.10.2022.

7.
Die Kirchen des Westens, die sich vor allem im ÖRK versammeln, haben nach Meinung Kyrills im Falle des „Konflikts“ sehr löblich “aktiv, aber neutral“ gedacht und gehandelt, sie haben „keine politische Seite gewählt“. Ob man sich als Demokrat darüber freuen soll, ist sehr die Frage. Jedenfalls freut sich Kyrill sehr, dass der ÖRK einstimmig beschlossen hat, die Russisch-orthodoxe Kirche als Mitglied im ÖRK zu belassen. Darüber wurde und wird ja gestritten, leider hat die Führung des ÖRK in Genf das letzte Wort. Genauso groß ist Kyrills Freude darüber, dass diese seine Kirche, die so eindeutig auf Seiten des Kriegstreibers Putins steht, bei der 11. Generalversammlung des ÖRK in Karlsruhe Anfang September 2022 mit einer Delegation vertreten sein durfte, trotz sehr berechtigter Widerstände gegen deren Anwesenheit.
Aber auch schweigt die Delegation aus Genf.

8.
Im ganzen gesehen meint Kyrill I.: Alle Kirchen sollten zusammenarbeiten, den Dialog pflegen, gemeint ist: im Sinne Putins. Kyrill sagte einige Worte, bleibt aber bei seiner kriegerischen Ideologie.
Man fragt sich, müssen zur Entgegennahme solcher bekannter Behauptungen ökumenische Delegationen nach Moskau zum Dialog reisen, lohnt wegen solchen Blablas der Aufwand? Dadurch soll nur der Eindruck geweckt werden: Wir Christen vom ÖRK sind doch soooooo dialogbereit, auch mit theologischen Kriegstreibern.
Seine ganze Verlogenheit fasst Kyrill in seinem Schlusswort zusammen: „Möge Gott uns dabei helfen, dass die christlichen Kirchen der Versuchung widerstehen, Teil einer politischen Macht zu werden“.
Zum Lachen dieser Satz: Die Russisch – orthodoxe Kirche ist unter seinem allmächtigen Chef Kyrill I. alias Gundjajew de facto längst „Teil einer politischen Macht“, nämlich Putins, aber auch diese Tatsache wird nach KGB Art weggelogen.
Aber das wissen doch alle kritischen Beobachter. Nur: Die ökumenische Delegation aus Genf (ÖRK) geht darauf überhaupt nicht weiter ein, jedenfalls berichtet das offizielle Kommuniqué davon nichts. Aber was nutzen mögliche Geheimabsprachen hinter verschlossenen Türen, falls es sie denn in einem Nebenraum des Palastes des Milliardärs und Patriarschen gegeben hat?

9.
Interessant sind die in dem Kommuniqué mitgeteilten Stellungnahmen des „geschäftsführenden Generalsekretärs des ÖRK“, des Rumänisch – Orthodoxen Priesters und Theologen Prof. Ioan Sauca. Im ganzen hat der Leser des offiziellen Kommuniqués den Eindruck: Da spricht ein devoter orthodoxer Theologe der rumänischen Kirche zu dem fast einen Ehrenprimat beanspruchenden Moskauer Patriarchen. Sauca ist sich nicht zu schade, den KGB Mitarbeiter und Putin Ideologen Kyrill mit „seine Heiligkeit“ anzusprechen. Sauca aus Genf spricht selbst nur diplomatisch (freundlich und „neutral“ für Kyrill) von einem „Krieg zwischen Russland und der Ukraine“, von russischem Angriffskrieg traut sich der Herr aus Genf nicht zu sprechen.
Sauca freut sich, dass die Erklärungen zum Krieg durch seine Genfer Kirchenorganisation sogar “unter Mitwirkung der jeweiligen Delegationen der Russisch-orthodoxen Kirche formuliert worden seien, wie nett, die Aggressoren formulieren Friedenserklärungen mit. Sauca betont, durch diese Begegnung in Moskau herauszufinden, was die russische Kirche und der ÖRK tun können, „um dem Blutvergießen ein Ende zu setzen“. Weiter oben habe ich gezeigt, dass Sauca und die Seinen auf diese Frage keine konkrete Antwort vom Herrn Patriarchen erhalten haben. So bleiben den Herren aus Genf nur die freundlichen Worte an die Moskauer Clique: „Wir schätzen die Russisch-orthodoxe Kirche. Sie ist eine der größten Mitgliedskirchen im ÖRK. Und wir alle wollen, dass die Russische Orthodoxe Kirche auch weiterhin Teil des ÖRK bleibt, denn Ihr Beitrag für die ökumenische Bewegung und auch die Einheit der orthodoxen Kirchen ist über die Jahre immer sehr wichtig gewesen.“ Wenigstens ein Hinweis hätte gut getan, welche theologischen, spirituellen, ökologischen Beiträge denn diese russisch-orthodoxe Kirche für die Weltchristenheit bisher geleistet hat. Es sind keine bekannt. Hat nicht die damalige Bischöfin Margot Käßmann im Jahr 2002 ihre Mitarbeit im ÖRK aufgegeben, weil sie förmlich angewidert war von der Frauenfeindlichkeit dieser Moskauer Herren-Patriarchen Clique? (Siehe dazu: https://www.landeskirche-hannovers.de/evlka-de/presse-und-medien/nachrichten/2002/09/04-679)

10.
Was bedeuten also diese demütigen Worte vonseiten Saucas? Will er etwa den Kriegstreiber Kyrill umstimmen? Nein, er will diese Kirche im ÖRK behalten, denn die russisch-orthodoxe Kirche hat im ganzen Bereich Osteuropas ca. 160 Millionen Mitglieder. Wird diese Kirche aus dem ÖRK geworfen, hat dieses oberste ökumenische Gremium dann nur noch bescheidene 400 Millionen Mitglieder weltweit, ein Ungleichgewicht gegenüber der römisch-katholischen Kirche, die jetzt 1,4 Milliarden Mitglieder hat. Das ist für Genfer Ökumeniker vielleicht unerträglich?! Die finanziellen Leistungen der Russisch-orthodoxen Kirchen für den Betrieb des ÖRK in Genf sind äußert bescheiden, wenn man den grandiosen Reichtum allein des Patriarchen Kyrill berücksichtigt: Im Jahr 2020 zahlte die Russisch orthodoxe Kirche 10.229 Schweizer Franken sozusagen als Mitgliedsbeitrag in Genf ein. Im Jahr 2021 waren es 10.618 Schweizer Franken. (Quelle. https://www.oikoumene.org/resources/documents/wcc-financial-report-2020).

11.
Nebenbei: Die „Begegnung Genf-Moskau fand in der „Residenz“ Kyrills, im Danilow Kloster statt, die Barock-Schloss ähnlichen Räumlichkeiten sind absolut glanzvoll und extrem opulent, so richtig passend für Christen, die behaupten, Christen zu sein und dem armen Jesus von Nazareth zu folgen. Und so richtig passend zu den armen Mütterchen, die immer noch in den armseligen Dörfern dem orthodoxen Glauben und seinem Patriarchen -auch noch Geld spendend – anhangen. Das sind Beispiele für die Erkenntnis: „Religion ist Opium des Volkes“…
Und auch dies nebenbei: Wer bei der Begegnung Moskau-Genf diese orthodoxen Gestalten in diesen Prunk-Räumen betrachtet, muss sehr an sich halten, um nicht zu fordern: Mögen doch diese so genannten orthodoxen „Geistlichen-Herren“ für längere Zeit zum Zwecke von geistlichen wie leiblichen Übungen die Lager Putins in Sibirien von Innen erleben. Und den Oppositionellen Nawalny dort treffen. Und mit ihm in aller Lager – Armut und Not debattieren. Dieser Wunsch wird nicht in Erfüllung gehen, selbst wenn, wie schon gesagt, der oberste „Ehren-Chef“ der Orthodoxen, Patriarch Bartholomäus von Konstantinopel, den Rücktritt seines Mitbauer Kyrill I. bzw. Gundjajew, fordert. Aber dieser Herr in Moskau wird dochnicht auf seinen Luxus verzichten, oder diesen ins Ausland, warum nicht nach Deutschland oder nach Zürich, mitnehmen.
Einige hübsche Fotos von der Residenz Kyrills kann man sich anschauen: https://mospat.ru/de/news/89724/. Über den Reichtum des Moskauer Patriarchen: Siehe den Beitrag, Nr. 13.

12.
Diese abstoßenden Gestalten, die sich Patriarchen oder Metropoliten und so weiter zu nennen erlauben, sind, summa summarum, eine Schande für die Christenheit. Auch diese russischen Kleriker vertreiben die letzten Menschen, die noch glauben, in einer christlichen Kirche, auch in der russisch-orthodoxen Kirche, eine Art geistliche, spirituelle und humane Heimat zu finden.
Der Klerus ist, so das Gesamtresultat, das sich auch aus den vielfachen Skandalen der römischen Kirche ergibt, eine Schande für die Christen geworden. Wer diese Schande überwinden will, muss die totale Herrschaft des Klerus, in Moskau wie in Rom und Köln und so weiter überwinden. Und den Leuten in Genf im ÖRK muss man mindestens dies sagen: Seid bitte nicht länger so naiv.

13.
Die beste und sehr lesenswerte Zusammenfassung zur Rolle Kyrills I. als theologischem Ideologen Putins und seines Krieges hat das „Zentrum der liberalen Moderne“ in Berlin verfasst mit allen genauen Details. Siehe den hervorragenden Beitrag von Armin Huttenlocher: https://russlandverstehen.eu/ukraine-krieg-kyrill-huttenlocher/

Nur eine „Kostprobe“als Zitat aus dieser hervorragenden Studie:
Macht­stre­ben und Luxus­le­ben hinter mit­tel­al­ter­li­cher Fassade:
Hinter einer kir­chen­sei­tig gepfleg­ten Fassade vor­mo­der­nen – um nicht zu sagen: spät­mit­tel­al­ter­li­chen – Auf­tre­tens ver­birgt sich ein Apparat, der sich nicht auf eine Pflege des See­len­heils beschränkt: Die Rus­sisch-Ortho­doxe Kirche (ROK) zählt zu den größten nicht­staat­li­chen Land­be­sit­zern in Russ­land, Belarus und der Ukraine. Neben Kirchen, Klös­tern und Land­gü­tern verfügt sie zudem über ein statt­li­ches Immo­bi­lien-Impe­rium. Exper­ten schät­zen die Ein­nah­men allein aus diesem Bereich auf umge­rech­net bis zu 1 Mil­li­arde US-Dollar jähr­lich. Hinzu kommen Gelder, die der ROK ver­fas­sungs­ge­mäß aus der Staats­kasse zuste­hen, und Spenden von Pri­vat­leu­ten und Wirt­schafts­un­ter­neh­men. Das Pres­se­büro von Kyrill I. sah sich vor einigen Jahren ver­an­lasst, nach­träg­lich auf einem bereits ver­öf­fent­lich­ten Foto eine goldene Luxus­uhr vom Hand­ge­lenk des Patri­ar­chen zu retu­schie­ren. Die Ein­kaufs­tou­ren seiner Entou­rage bei Besu­chen von Metro­po­lien (Diö­ze­sen) der ROK in New York, Chicago, London, Paris, Berlin oder Wien sind legendär.
Für aus­rei­chend Beweg­lich­keit des Klerus sorgt eine beein­dru­ckende Flotte aus Fahr­zeu­gen, vor­zugs­weise der geho­be­nen Klasse, Hub­schrau­bern und, Berich­ten zufolge, sogar Flug­zeu­gen. Bei Aus­lands­be­su­chen ist man stets Gast der jewei­li­gen Bot­schaft der Rus­si­schen Föde­ra­tion, wohnt in Vier‑, lieber noch Fünf-Sterne-Hotels und genießt den dazu­ge­hö­ri­gen Service. Die Ver­wal­tung der Besitz­tü­mer und der allein in Russ­land unge­fähr 115 Mil­lio­nen, welt­weit rund 150 Mil­lio­nen Gläu­bi­gen erfolgt ebenso wie die enga­gierte Offline- und Online-Kom­mu­ni­ka­tion der ROK mit­hilfe kirch­li­cher Medien samt eigener Trolle in Sozia­len Netz­wer­ken – soge­nann­ten „Kyrill-Bots“.
Per­so­nell ist die Rus­sisch-Ortho­doxe Kirche seit den 1970er Jahren eng mit den Geheim­diens­ten ver­bun­den. Seit der Bre­schnew-Ära gibt es keinen Patri­ar­chen der ROK, der nicht auch Wurzeln beim KGB bzw. dessen Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­tion FSB gehabt hätte. „Glei­ches gilt für die meisten Metro­po­li­ten (Erz­bi­schöfe) und für min­des­tens ein Drittel aller Pries­ter und Anwär­ter auf ein Pries­ter­amt bei uns“, sagt ein füh­ren­des Mit­glied der ROK im ver­trau­li­chen Gespräch. Und fügt hinzu: „Die Anwer­bung erfolgt im Pries­ter­se­mi­nar. Berichte für den FSB zu ver­fas­sen, gehört so selbst­ver­ständ­lich zum Leben als Pries­ter unserer Kirche, wie die Beichte zum Leben der Gläubigen.“ (https://russlandverstehen.eu/ukraine-krieg-kyrill-huttenlocher/).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

“Es ist ein Wahn, dass der Papst und die Kirchenführung noch am Zölibat festhalten“.

Ein Hinweis auf einen wichtigen Film von ARTE

Von Christian Modehn

1. Man denke bloß nicht, das Thema Pflichtzölibat für den katholischen Klerus sei heute ein Randthema. Das Thema Zölibat gehört ins Zentrum, wenn man die katholische Kirche verstehen will. Etwa 400.000 katholische Priester gibt es heute weltweit. Solange es die römisch-katholische Kirche in West-Europa noch gibt, wird man sich als philosophisch Interessierter mit dieser Institution befassen müssen, schon um der Pflicht zur Religionskritik zu entsprechen.

2. Eine ausführliche Dokumentation von ARTE beweist: Es sind die wenigsten Priester, die dem Zölibatsgesetz Folge leisten. Bischöfe und Päpste wissen das, aber sie unternehmen nichts, um den Gegensatz zwischen offiziellem Kirchengesetz und lebensmäßiger Realität unter den Priestern aufzuheben: Das heißt, das Zölibatsgesetz aufzuheben. In dem ARTE Film nennen diesen Zustand gebildete, d.h. kritische Theologen die „katholische Schizophrenie“.

3. Papst Franziskus wird in die Geschichte eingehen, als ein Papst, der – nach der so genannten „Amazonas-Synode“ in Rom (im Oktober 2019) – das Zölibatsgesetz hätte aufheben können. Aber er tat es nicht. Weil er Angst hat vor der Macht der reaktionären Vatikan-Kardinäle. Oder weil er viel zu sehr selbst noch traditioneller Kleriker ist?

4. Das Thema Pflichtzölibat für Priester führt tatsächlich in die Abgründe der Verlogenheit, in die Abgründe der offiziell-klerikalen Ignoranz zu (weiblicher) Erotik und Sexualität und der maßlosen Sturheit alter Herrscher im Vatikan und in den Bistumsleitungen: Das ist der Tenor aller Interviewpartner aus zahlreichen Ländern, den der ARTE FILM „Zölibat – der katholische Leidensweg“ vorstellt. Sehr oft haben einige vernünftige katholische Bischöfe gefordert, das Zölibatsgesetz abzuschaffen? Aber sie jammerten nur, und taten nichts. Was würde denn passieren, wenn Bischof X in seinem Bistum verheiratete Männer und Frauen einfach so zu PriesterInnen weiht? Das kann er doch tun. Würde Rom einen aufmüpfigen Bischof gleich wieder exkommunizieren? Wäre eine mögliche Spaltung der Kirche so schlimm, die doch de facto längst gespalten ist?

5. Die Leidenswege von Priestern werden in der ARTE Dokumentation in vielen ausgezeichneten O-Tönen dargestellt, von Priestern, die die Liebe zu einer Frau oder einem Mann entdecken und auch leben, und die dann entweder permanent ein Doppelleben führen, was von den Kirchenoberen geduldet wird. Denn die Bischöfe brauchen jeden verfügbaren Priester, um das System zu erhalten. Wenn die Priester aber den Klerusstand verlassen, wenn sie ihre Liebe also endlich offen leben…kommen sie oft materiell oft ins Schleudern. Denn welchen „weltlichen“ Beruf können denn Männer ausüben, die nur katholische Theologie (recht und schlecht) studiert haben? Auch der Leidensweg der Kinder des katholischen Klerus wird in der ARTE Dokumentation dargestellt.

6. Das Festhalten am Pflichtzölibat führt dazu, dass immer weniger Männer sich ein solches verlogenes Leben im Verzicht auf sexuelle Liebe antun wollen. Diese Entwicklung ist an sich positiv zu bewerten. Der Nachteil ist: Katholische Gemeinden ohne Priester sind bis jetzt kaum vorstellbar. Denn allein die zölibatären Priester haben das Privileg, die Eucharistie zu feiern. Indem die Dogmatik des Vatikans lehrt, die Eucharistie sei das Wichtigste im katholischen Leben, macht sich der Klerus selbst zum Wichtigsten und Unersetzbaren! So zerfällt aufgrund des Priestermangels nicht nur das spirituelle Leben einer Gemeinde, es zerfällt oft auch das soziale Miteinander der Gemeindemitglieder, wenn Gemeinden aufgegeben werden.

7. So kann man durchaus treffend von einem moralischen Niedergang der offiziellen katholischen Kirchenführung auf verschiedenen „Ebenen“ sprechen, verursacht durch das theologisch längst als Unsinn erwiesene Zölibatsgesetz. In einem Interview für ARTE bezeichnet ein Jesuit aus Belgien das päpstliche Festhalten am Zölibat, diese permanente klerikale Verlogenheit, als Todsünde. Der Jesuit wusste schon, was er sagen durfte…
Allen, die den moralischen Niedergang der katholischen Kirche verstehen wollen, sei diese umfassende, objektive Dokumentation von Eric Colome und Rémi Benichou empfohlen: Der Film (100 Minuten) wurde auf ARTE am 13.9.2022 zum ersten Mal gesendet, er liegt noch bis 11.11. 2022 in der ARTE-Mediathek vor.vor: https://www.arte.tv/de/videos/097605-000-A/zoelibat-der-katholische-leidensweg/. LINK

8. Leider zeigt der Film nicht die wahren historischen Wurzeln des Zölibatsgesetzes. Ausschlaggebend dabei ist nicht nur die Verachtung von Frauen und von weiblicher Sexualität durch den Klerus. Genauso wichtig: Dieses Zölibatsgesetz wurde einst aus ökonomischen Gründen von Päpsten eingeführt, aus Geldgier könnte man sagen.
Das Zölibatsgesetz wurde in der westlichen, der römischen Kirche in den Bestimmungen des 2. Laterankonzils von 1139 offiziell verfügt, faktisch aber selten respektiert. Den Päpsten kam es nur darauf an, Priesterkinder nicht als Erben der Priester gelten zu lassen. „Die Kirchengüter sollten über das Zölibatsgesetz bewahrt und vermehrt werden. Das Hab und Gut alleinstehender Kleriker fiel nach deren Tod der Kirche zu.“ Quelle<: https://www.planet-wissen.de/kultur/religion/das_christentum/pwiederzoelibat100.html

Der Kirchenhistoriker Prof. Hubert Wolf schreibt in seinem empfehlenswerten Buch „Zölibat“ (München 2019) in dem Kapitel „Ökonomische Wurzeln“: „Die entscheidende Frage lautet: Wie kann man legitime Priesterkinder und damit die Existenz erbberechtigter Nachkommen am wirkungsvollsten verhindern? Indem man der Zeugung solcher Kinder die Voraussetzung entzieht … und Ehe und Priesteramt für unvereinbar erklärt“ (S. 58). Also das heißt: Indem man das Zölibatsgesetz erfindet … und behauptet, Gott und Jesus Christus wollen das. Dadurch konnte sich die päpstliche Macht gegenüber der weltlichen Macht materiell stark entwickeln. Von dem vielen Geld und Eigentum profitierten nur Päpste, Bischöfe, Äbte und Prälaten, nicht aber die „einfachen“ Pfarrer auf dem Lande.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Die Russisch-orthodoxe Kirche ist seit Jahren schon eine Putin-Kirche. Sie sollte also nicht länger Mitglied sein in „Ökumenischen Räten“ Europas und dem „Weltrat der Kirchen” in Genf.

DAS MOTTO: Das es ist eine Schande der Christen und der Kirchen, wenn die Russisch-Orthodoxe Kirche noch länger Mitglied der weltweiten christlichen Ökumene ist.

Ein  Hinweis von Christian Modehn. Zuerst veröffentlicht im März 2022. Überarbeitet am 24.8.2022, wegen des 11. Welt-Treffens des „Ökumenischen Weltrates der Kirchen” (ÖRK)  in Karlsruhe (31.8. bis 8.9.2022.)

Erstens: Zunächst einige Fakten  zur Teilnahme der russisch-orthodoxen Kirche an der Vollversammlung des Ökumenischen Rates ÖRK in Karlsruhe:

1.
Die Russisch-orthodoxe Kirche wird eine Delegation nach Karlsruhe senden, dem Tagungsort der 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen. Konkrete Namen wurden bis jetzt (Stand: 25.8.2022) nicht genannt. Wie sich die Teilnehmer aus der Ukraine in Karlsruhe zu ihren russischen Glaubensbrüdern verhalten, könnte spannend werden.
Einige Beobachter sprechen davon, dass etwa 20 (zwanzig) Delegierte der Russisch – orthodoxen Kirche in Karlsruhe dabei sein werden. (Quelle. https://www.sonntagsblatt.de/artikel/kirche/osteuropa-expertin-russische-kirche-weltkirchenrat-nicht-isoliert)

2.
Die EKD Ratsvorsitzende Annette Kurschus sagt:
“Wie die Delegation der russisch-orthodoxen Kirche zusammengesetzt ist, können wir nicht beeinflussen. Aber wir hoffen sehr, dass Menschen dabei sind, die der russischen Kriegsführung kritisch gegenüberstehen, die also nicht die Haltung des Moskauer Patriarchen Kyrill vertreten“. Und weiter sagt die EKD Vorsitzende: “Ich erhoffe mir, dass auf kirchlicher Ebene eine Kommunikation möglich wird, die auch politisch etwas austrägt“. (Quelle: https://www.ekmd.de/aktuell/nachrichten/praeses-annette-kurschus-oekumene-gipfel-soll-friedensimpuls-in-ukraine-senden.html, vom 22.8.2022.

Nebenbei: Wenn diese von Frau Kurschus erwarteten kritischen Russen in Karlsruhe tatsächlich Klartext reden, also die Verbrechen Putins und seines ideologischen Hefters Kyrill benennen, können sie als Asylsuchende gleich in Karlsruhe bleiben. Dann hätte Frau Kurschus noch eine weitere Aufgabe, diese kritischen Russen unterzubringen.

3.
Klare und deutliche Worte, unseres Erachtens sehr richtige Worte, äußert Magdalena Zimmermann, von der weltweiten Organisation „Mission 21“ der Reformierten Kirche in Basel und Basel Land: „Die russische Orthodoxie bildet unter Kyrill ein System mit Putin. Der Patriarch unterstützt das autokratische System und erhält dafür Privilegien. Einem solchen System kann man mit Vermittlung nicht beikommen. Man kann es nur klar ablehnen“.
Der Moskauer Patriarch Kyrill ist zur Vollversammlung in Karlsruhe eingeladen. Doch ob er kommt, bleibt fraglich. Magdalena Zimmermann findet es falsch und realitätsfremd, mit Kyrill das Gespräch zu suchen. «Die russische Orthodoxie bildet unter Kyrill ein System mit Putin. Der Patriarch unterstützt das autokratische System und erhält dafür Privilegien. Einem solchen System kann man mit Vermittlung nicht beikommen. Man kann es nur klar ablehnen.» Der Weltkirchenrat habe eine prophetische Aufgabe, betont sie. «Eine Kirche, die sich auf das Evangelium beruft, kann nicht schweigen und auch nicht neutral sein, wenn ein wesentlicher Repräsentant einer grossen Kirche wie Kyrill die Religion instrumentalisiert und missbraucht.» (Quelle: https://reformiert.info/de/recherche/oekumenische-vollversammlung-klare-worte-gegen-den-krieg-in-der-ukraine-21297.html) publiziert am 22.8.2022.

4.
Die russisch-orthodoxe Kirche mit mehr als 160 Millionen Mitgliedern ist seit 1961 Mitglied im ökumenischen Dachverband des Wellrades der Kirchen in Genf, dazu gehören 352 verschiedene Kirchen mit über 580 Millionen Christen.

5.
Jede Mitgliedskirche zahlt in den großen Topf des Budgets des ÖRK in Genf einen Beitrag ein,:
Im Jahr 2020 zahlte die Russisch orthodoxe Kirche 10.229 Schweizer Franken sozusagen als Mitgliedsbeitrag in Genf ein.
Im Jahr 2021 waren es 10.618 Schweizer Franken. (Quelle. https://www.oikoumene.org/resources/documents/wcc-financial-report-2020)
Wenn man bedenkt, dass Patriarsch Kyrill von Moskau nachweislich Multi-Millionär ist, sind diese Einzahlungen seiner Kirche doch sehr bescheiden.
Es kann also nicht sein, dass der ÖRK in Genf unbedingt aus finanziellen Gründen an der Mitgliedschaft der russisch – orthodoxen Kirche hängt. Warum aber dann?

6.
Ist ein ÖRK ohne die russisch-orthodoxe Kirche etwa nicht denkbar, vielleicht, weil russische Metropoliten schon in der Zeit des Sowjetkommunismus gern gesehene Vertreter ihrer Kirche waren. Nur ein Hinweis:
Die 3. Vollversammlung fand vom 19.11.-5.12.1961 in Neu-Delhi / Indien unter dem Thema statt:
“Jesus das Licht der Welt”. Diese Vollversammlung brachte vielfältige Veränderungen. 23 neue Mitgliedskirchen konnten aufgenommen werden. Unter ihnen die Russisch-Orthodoxe Kirche. Die theologisch konservativen Kirchen des Ostblocks vertraten politisch die Interessen der Sowjetregierung. Fortan wurden die politischen Stellungnahmen immer einseitiger zugunsten der Sowjets. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wurde die von Kritikern der Ökumene schon lange ausgesprochene Vermutung bewiesen, daß viele orthodoxe Mitarbeiter, die im Stab des Ökumenischer Rat der Kirchen in Genf tätig waren, dem KGB angehörten. Quelle: https://handbuch.bibel-glaube.de/Oekumenischer_Rat_der_Kirchen.html. Gelesen am 25.8.2022.

7.
Die Russisch – orthodoxe Kirche aus dem ÖRK ausschließen? Ist das rechtlich möglich? 
Auf die Frage, ob der ÖRK die russisch-orthodoxe Kirche aufgrund der Haltung des Patriarchen als Mitglied ausschließen oder die Mitgliedschaft suspendieren könne, erklärte Peter Prove vom ÖRK
“Nur der ÖRK-Zentralausschuss kann so etwas unter ganz bestimmten Bedingungen beschließen. Wenn die theologischen Positionen einer Mitgliedskirche nicht mit der fundamentalen theologischen Grundlage für die ÖRK-Mitgliedschaft vereinbar sind, dann liegt ein solcher Fall vor“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Zweitens: Das Plädoyer für den Ausschluss der Russisch Orthodoxen Kirche aus den ökumenischen Gremien der demokratischen Welt:

Ich habe auf dieser website seit etlichen Jahren die Entwicklung dieser Putin-Kirche (d.h. der Russisch-Orthodoxen Kirche –  mit dem einstigen KGB Mann, Patriarch Kyrill I.) dokumentiert, siehe am Ende dieses Beitrags die entsprechende Liste!

Die Erkenntnis und die Forderungen:

1.
Die Russisch-orthodoxe Kirche mit ihrem allmächtigen Patriarchen Kyrill I. an der Spitze ist seit Jahrzehnten schon eine „Putin-Kirche“. Auch im Krieg Putins gegen die Ukraine hat die Russisch-orthodoxe Kirche als eine einflußreiche Organisation in Russland (ca. 60 % der Russen gelten als Mitglieder) bisher nur allgemeine Floskeln zum Krieg Putins geäußert. Die Russisch-Orthodoxe Kirche in der Ukraine hat sich von ihrem Moskauer Patriarchen inzwischen getrennt! Einige wenige russisch-orthodoxe Popen im Ausland, etwa in Frankreich und Holland, denken wohl anders als der Patriarch und seine gehorsamen Bischöfe.

2.
Die Forderung ist klar: Eine Kirche, die sich – wie üblich – nur in Worten und feierlicher Liturgie auf das Evangelium Jesu Christi bezieht, aber de facto zur nationalistischen Putin-Kirche entartet ist, gehört nicht mehr in repräsentative christliche ökumenische Gremien (in Genf, auf Landesebene in Europa oder in Landeskirchen/Bistümern).

Diese Kirche kämpft – sehr gut seit Jahrzehnten wissenschaftlich dokumentiert – gegen alle Freiheiten der Bürger, der Frauen, der sexuellen Vielfalt, der Künstler. Und einige ihrer Popen wollen sogar „Väterchen“ Stalin in den Rang eines Heiligen erheben. Das ist kein Witz! Eine solche Organisation sollte von demokratischen und christlich gesinnten Kirchen nicht mehr zu einer christlichen Ökumene gehören, falls diese noch den Anspruch Evangeliums und der Menschenrechte praktisch respektieren will.

3.
Die Forderung also ist: Die Russisch-orthodoxe Kirche sollte – mindestens bis zu der von Russland ausgesprochenen Garantie des unabhängigen Staates Ukraine durch Putin oder dessen alsbaldigem Nachfolger – aus allen ökumenischen, christlichen Gremien entfernt werden.

4.
Ich weiß, Christen schätzen heute nicht den Bruch, die Trennung von einer Kirche aus der Ökumene, denn viel zu lange wurden Ketzer verfolgt von den herrschenden Kirchen. Man könnte – etwas polemisch – meinen, heute herrscht in der evangelisch-bestimmten Ökumene (Genf etc.) das Motto. „Friede-Freude-Eierkuchen“. “Immer nur lächeln, immer nur nett sein“… auch zu Kriegstheologen und Kriegstreibenden Bischöfen. Aber übermäßiges und langes Hoffen auf die Kraft der Vernunft in dieser Putin Kirche Kirche ist naiv. Haben denn die Dialoge in Genf und anderswo mit den Vertretern der Russisch-orthodoxen Kirche nachweislich konstruktive Ergebnisse in Richtung Frieden und Respekt der Menschenrechte gebracht?? Mir ist das nicht bekannt. Fall diese Dialoge stattfanden, sie waren wohl eine Art Dialog-Spielerei.

5.
Es kann also nicht sein, dass die Ökumene der christlichen Kirchen in der demokratischen Welt eine kriegerisch – nationalistische orthodoxe Kirche als Teil der christlichen Welt gelten lässt. Die Sanktionen gegen Putin Russland durch die Wirtschaft, Kulturinstitutionen etc. sind bekannt, sie wirken zum teil, sie isolieren Russland und fördern dadurch hoffentlich den Widerstand der nachdenklichen Russen gegen das Putin Regime. Warum sollte dies bei einer Isolation der Russisch Orthodoxen Kirche anders sein, vielleicht trennen sich dann einige vernünftig gebliebene Fromme von dem einstigen KGB Mitarbeiter Patriarch Kyrill?

6.
Die zentrale Erkenntnis ist: Es muss ein neues Denken beginnen, was Ökumene der vielen verschiedenen Kirchen eigentlich bedeutet, es muss genau gefragt werden, wer dazu gehört und wer eben nicht. Kriterium der Mitgliedschaft einer Kirche kann nicht einfach nur sein, dass diese sich christlich nennt. Kriterium muss sein, dass die Praxis dieser Kirche auch dem Geist und dem Buchstaben der Menschenrechte entsprechen. Nicht nur der Bezug auf das Neue Testament also ist ökumenisch entscheidend, sondern vor allem auch der praktische Respekt der universalen Menschenrechte.

7.
Der Hintergrund: Alle demokratischen Staaten und Gesellschaften bewerten heute den Krieg Putins gegen die Ukraine als eine „Zeitenwende“, als ein Bruch mit bisherigen Üblichkeiten, Mentalitäten und Denkzwängen in den Demokratien.
Die frühere Naivität im Umgang mit Putin wird von den demokratischen Gesellschaften und Staaten überwunden. Sie wissen jetzt: Aus dem Gegner Putin von einst ist jetzt der Feind Putin geworden. Und dieser Feind darf keine Macht mehr behalten.

8.
Ich weiß, bei dem Zustand der Ökumene mit dem Motto „Immer nur lächeln und alles verzeihen“ sind diese Vorschläge natürlich illusorisch. Die Christen und die Kirchen weltweit sind eingeschüchtert und irenisch, d.h. sie wollen Streit und Distanz und Rauswurf um jeden Preis vermeiden, sie werden es doch ihren „Brüdern“ und „Schwestern“ nicht antun, auch einmal eine Strafe auszusprechen. Der Rauswurf der Russisch-orthodoxen Kirche aus den ökumenischen Gremien würde eher dem Frieden dienen, also den Zusammenbruch des Putins Regimes befördern.

9.
ABER: Bei der Mentalität der Kirchen werden diese die einzige gesellschaftliche Gruppe bleiben, die angesichts des Mordens durch Putin keine praktischen Konsequenzen ziehen; sie werden jammern und klagen, aber keine Konsequenzen ziehen, die wirklich den Titel „Zeitenwende“ verdienen. Von Zeitenwende, von einem Umschwung und Umbruch, reden alle Organisationen in den demokratischen Staaten. Nur die Kirchen verschlafen diese Zeitenwende. Sie sind ja, wie sie so gern sagen, mit der Ewigkeit verbunden. Was ist da schon die Zeit?

10. Am Rande noch notiert:
Die Krise der Theologie des Bittgebetes ist evident!
Es kann deutlich werden, welchen Sinn und auch welchen Unsinn bedeuten die Bitt-Gebete und die Bitt-Gottesdienste um Frieden. Verändert der liebe Gott im Himmel die Weltpolitik, je nachdem wie intensiv da Gebete wird? Was für eine blasphemische Vorstellung! Wem soll Gott denn folgen, etwa den betenden Russen oder den betenden Ukrainern?
Gebete um Friede können einzig und allein den einzelnen seelisch stärken, um ihn zur politischen Aktion zugunsten der Menschenrechte zu motivieren. Aber bloße Bitt – Gebete um Frieden werden niemals politischen Frieden bewirken. Zu diesem kritischen Bewusstsein müssen die Kirchen endlich finden.

11.
Und was passiert, wenn Papst Franziskus auch noch einmal (wie schoin einmal in Kuba) Patriarch Kyrill treffen wird? Das ist ja nicht ausgeschlossen, dass die beiden Greise sich in Kasachstan irgendwann im Herbst treffen. Und einander uzmarmen, wie üblich, mit einem Küßchen… Die Päpste lechzen förmlich nach einer „Versöhnung“ mit der Orthodoxie, diese Sehnsucht hatte unter Papst Johannes Paul II. einen Höhepunkt, er sprach von den zwei „Lungen“ „der“ Kirche, die eine Lunge eben katholisch, die andere orthodox. Die protestantischen Kirchen hielt er wohl er für den Blinddarm. Aber Ironie beiseite: Die Versöhnung mit den orthodoxen Kirchen ist gefährlich für Kirchen, die noch den Anspruch haben, dass Menschenrechte genauso wichtig sind wie die Weisheiten der Bibel.

DAS MOTTO: Das es ist eine Schande der Christen und der Kirchen, wenn die “Russisch-Orthodoxe Kirche” noch länger Mitglied der weltweiten christlichen Ökumene ist.

Hinweis auf ältere Studien, “Hinweise” genannt:

Am 11.4.2022: Patriarch Kyrill muss endlich verurteilt werden:

Patriarch Kyrill muss endlich verurteilt werden.

Am 1.4.2022: Jegliche Beziehung mit dem Moskauer Patriarchen abbrechen:

Jegliche Beziehung mit dem Moskauer Patriarchen abbrechen!

Am 10.3.2022: Patriarch Kyrill ist ein Kriegstreiber:

Patriarch Kyrill ist ein Kriegstreiber: Die Fratze der russisch-orthodoxen Hierarchie.

Am 23.2.2022: Putins Aggression: Seine wichtigste Stütze, der Patriarch von Moskau:

Putins Aggression, seine wichtigste Stütze: Der Patriarch von Moskau und die Russisch-Orthodoxe Kirche.

Am 19. Dez. 2021: Russisch orthodoxe Kirche, 30 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion – dem Herrscher ergeben:

Die Russisch-orthodoxe Putin-Kirche: 30 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion dem Herrscher ergeben.

Unter den zahlreichen älteren Beiträgen nenne ich hier noch den

Beitrag vom 3. Okt. 2013:
Wer sind denn die Gotteslästerer? – Zu den Pussy Riots… :

Wer sind die Gotteslästerer? Zu einer Stellungnahme des Moskauer Patriarchats.

Am 19.8.2012: Der Moskauer Patriarch glaubt an Putin:

“Der Moskauer Patriarch glaubt an Putin”: Religionskritische Hinweise zum Moskauer Schauprozeß im August 2012

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ludwig Feuerbach, vor 150 Jahren gestorben: „Der Mensch erschafft sich Gott“!

Wie aktuell ist der radikale Überwinder einer christlichen Theologie? Ludwig Feuerbach am 13.9.1872 gestorben.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

Der Ausgangspunkt:
In der Erinnerung an den Philosophen Feuerbach wird deutlich: Philosophische Reflexionen, zugespitzt auf griffige Formeln, werden weit über die kleine philosophische Fachwelt hinaus verbreitet, sie können dann das Denken und Fühlen weiter Kreise bestimmen. Ludwig Feuerbachs Ethik mit der Formel „Der Mensch ist dem Menschen ein Gott“ gehört zu diesen Slogans wie auch seine Behauptung: „Die Vernunft, die an Gott glaubt, glaubt nur an sich selbst, also an die Realität ihres eigenen unendlichen Wesens“. Solche Sprüche haben sich durchgesetzt und wurden – wie sollte es anders sein – auch wiederum nur geglaubt und als allgemeiner Glaube wie für selbstverständlich gehalten. Die Wirkungsgeschichte gerade des Buches „Das Wesen des Christentums“ ist paradox, betonte doch Feuerbach darin ausdrücklich, sein sehr umfangreiches Werk sei vor allem für die gebildeten Kreise bedeutsam. Dennoch haben sich bestimmte publikumswirksame Thesen der Religionskritik Feuerbachs schnell weit verbreitet …und werden wie Dogmen geglaubt.

1. Der große Umbruch der Mentalitäten!
Nach dem Tod G.W.F. Hegels im Jahr 1831 spürten die Intellektuellen, wie sich der geistige Horizont veränderte, wie sich ein Umbruch in der Mentalität ereignete, nicht nur unter den genanten gebildeten Kreise in Deutschland, sondern darüber hinaus. Was Feuerbach inszenierte, war eine Revolution des Denkens, der Normen, der Werte, des politischen Handels, der Bindung an die Kirchen usw. Diese grundstürzende Veränderung nahm ihren Ausgangspunkt an der Kritik der von ihm erlebten spekulativen Philosophie, zumal der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie Hegels. Dieser geistige, philosophische und religiöse Umbruch fand statt inmitten der Etablierung der politischen Reaktion im so genannten „Vormärz“ (1815-1848). Vielleicht war Feuerbachs philosophisches Bemühen der Versuch, etwas – mindestens philosophisch Revolutionäres – der reaktionären Welt entgegen setzen.

2. War Hegel ein Pantheist? Feuerbach behauptet dies.
Hegel wusste, dass die christliche Religion, auch der in den Kirchen gelehrte Glaube, in der Form der dogmatischen Behauptungen mit ihren historischen Details keine Überlebenschancen („Akzeptanz der Menschen“) mehr hat. Er wusste: Die dogmatischen Formeln wurden noch nachgesprochen, aber sie fanden kein Echo im Denken der sich noch nach außen hin kirchlich gebenden Leute. Hegel zeigte in den Berliner Jahren an der Universität einen Ausweg: Der Inhalt der christlichen Lehre (Dogmatik) wurde in seiner Philosophie „aufgehoben“, wurde also in wesentlichen Aussagen bewahrt, aber eben auch verändert („erhoben“): D.h.: Die dogmatischen Lehren wurden aus der Anschaulichkeit der Gottesdienste und Bilder, der Wallfahrten und der Überordnung des Klerus über die Laien befreit: Die dogmatischen Glaubensbekenntnisse wurden in die Form philosophischer Begriffe erhoben und deswegen für alle Vernünftigen auch vernünftig erklärt. Gott ist dann also kein heiliger „Gegenstand im Himmel“, auch keine „Person“, sondern er ist absoluter Geist, der sich aber in das Andere seiner selbst, in Welt und Mensch, entäußert, also als göttlicher Geist in Welt und Mensch lebt.
An dem göttlichen Geist hat also jeder Mensch Anteil. Der göttliche Geist ist in der Welt, aber die Welt ist nicht Gott. Hegel war kein Pantheist, wie Feuerbach behauptete, darauf hat der Philosoph Wilhelm Weischedel (in: „Der Gott der Philosophen. Erster Band“, Darmstadt 1972, Seite 390) hingewiesen. Hier liegt der entscheidende Fehler in Feuerbachs Verständnis der Philosophie Hegels: Feuerbach behauptet, Hegel sei als Pantheist ein Denker, der „das göttliche, absolute Wesen nicht als ein von der Welt Verschiedenes, als jenseitiges, himmlisches Wesen, sondern als ein Wirkliches mit der Welt identisches Wesen erfasst“ (Band II der Gesamtausgabe Feuerbachs, S 379). Hegel denkt hingegen Gott als absoluten Geist sozusagen auch „außerhalb“ der Welt, aber eben doch auch in der Welt, in der Lebendigkeit endlicher Menschen. Wenn man schon einen griffigen Begriff will: Hegel war Pan – en -Theist. Das heißt: Hegel dachte auch die Gestalt der Religionen in der Welt als Ausdruck des göttlich-menschlichen Geistes, also auch als Ausdruck der göttlichen Schöpferkraft, die sich mit den Menschen „äußert“, also institutionelle „äußere“ Realität wird.

3. Hegel – Feuerbach – Marx
Hegels Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie fand den leidenschaftlichen Widerspruch unter seinen Schülern. Sie litten förmlich unter der Übermacht der Geistphilosophie und der Degradierung des Sinnlichen, des Leiblichen, also dessen, was sie die wirkliche Welt nannten. Wirklichkeit sollte ausschließlich die empirische und über die Sinne erfahrene Realität sein. Dass diese irdische Realität in geistigen Begriffen ausgesagt werden musste, störte die Leidenschaft dieser Verteidiger der ausschließlich irdischen Wirklichkeit gar nicht.
Ludwig Feuerbach, einer aus dem Kreis der Anti-Hegelianer, auch „Linkshegelianer“ (oder „Junghegelianer“) genannt, setzte sich mit rigorosem Nachdruck für das Irdische, Menschliche, Sinnliche als Prinzip der Philosophie ein. Er wurde dadurch zum „Freund der Menschen“. Der übliche christliche Gott der Tradition wurde von ihm als Illusion abgetan, als Produkt des noch nicht zum richtigen Verstand gekommenen Menschen gedeutet. Den Begriff „Illusion“ wird später Freud in dem Zusammenhang verwenden! Das Christentum und seine Theologie wurde also wirklich abgeschafft, als Wunsch-Projektion der Menschen disqualifiziert. Aber Feuerbach wusste, dass seine radikale Leidenschaft für die Welt und den Menschen nur ein Ausgangspunkt, ein Anfang, einer neuen Epoche sein konnte.
In der Hinsicht entwickelten Karl Marx und Friedrich Engels nach ihrer Lektüre von Feuerbach ihre politische und ökonomische Gesellschaftskritik. Nicht vom abstrakten Menschen und seiner Sinnlichkeit (wie bei Feuerbach) war bei ihnen die Rede, sondern von der Überwindung der ungerechten politischen und ökonomischen Verhältnisse, in denen Menschen leben müssen. Revolutionär war also nicht mehr die Behauptung Feuerbachs, Gott sei eine Illusion des Menschen. Revolutionär war nun die Lehre, dass Menschen, die Proletarier, im politischen Kampf ihr Leiden zugunsten einer gerechten Gesellschaft überwinden sollen. Philosophie als Form der vernünftigen Selbstverständigung konnte es unabhängig vom Klassenkampf nicht mehr geben. Und die Gottesfrage war für Marx und Engels durch Feuerbach ohnehin „erledigt“.
Diese Skizze des großen Umbruchs der Mentalitäten in der Mitte des 19. Jahrhunderts führt also zu Feuerbach, der in der Mitte steht zwischen dem Philosophen Hegel, der das Christentum denkend retten wollte und den Gesellschaftskritikern Marx und Engels, für die Religion und Kirchen bestenfalls noch „Opium des Volkes“ waren.

4. Das Zentrum der Philosophie Feuerbachs:
Ludwig Feuerbach ist in „weiten Kreisen“ noch heute bekannt: Mit einer gewissen Leichtigkeit verbreitete sich seine These, die dann geradezu populär wurde: Was die Menschen Gott nennen, ist kein Urgrund, keine himmlische Person, sondern ein Bild des idealen, des vollkommenen Menschen. Die Erkenntnis Gottes ist nichts anderes als die Selbsterkenntnis des Menschen. Theologie wird also für Feuerbach zur Anthropologie, der Mensch ist für ihn das höchste Wesen. „Das Höchste ist für den Menschen der Mensch“, so Karl Löwith, einer der frühen Feuerbach-Spezialisten im 20. Jahrhundert („Von Hegel zu Nietzsche“, Fischer Verlag 1969, S. 95).
Die Feuerbach Spezialistin Prof.Ursula Reitemeyer schreibt: „Ist Gott aber nur das Produkt menschlicher Phantasie, die Projektion einer Allmachtsidee im Angesicht menschlicher Ohnmacht, dann verkünden das Dogma und die sie stützende spekulative Logik, nur relative, vom Zeitgeist abhängige Meinungen, aber keine absolute Wahrheit. So trennt sich im Zuge von Feuerbachs Hegelkritik die Philosophie nicht nur ein weiteres Mal von der Theologie, sondern zugleich von der Macht der Meinungsmonopole. Dadurch wird Religionskritik zur Ideologiekritik.“ (https://www.uni-muenster.de/EW/forschung/forschungsstellen/feuerbach/ueber/index.html).
Gott als personales Wesen als Idee, absoluter Geist außerhalb der Menschenwelt wird von Feuerbach beseitigt, aber die Prädikate, die Gott einst schon auszeichnen, Güte, Liebe, Gerechtigkeit, Weisheit bleiben als absolute Werte erhalten, auch wenn es Gott als Person, dem einst diese Prädikate zugesagt wurden, nicht mehr „existiert“. Es geht Feuerbach also um ein merkwürdiges Fortleben göttlicher Prädikate bei einem verstorbenen Gott. So kann Feuerbach behaupten, Atheist sei nur der, der die Bedeutung der Prädikate Gottes (Güte, Liebe etc. ) leugnet. „Güte und Gerechtigkeit sind keine Chimären, selbst wenn die Existenz Gottes eine Chimäre ist“ (VI. Band der Sämtlichen Werke Feuerbachs, S. 26). Tugenden werden also von Feuerbach vergöttlicht, und dies kann der Mensch durchaus leisten, meint er, weil im Menschen doch noch eine gewisse Unendlichkeit lebt: „Es gibt eine Unendlichkeit des Denkvermögens“… „fühlst du das Unendliche, so fühlst und betätigst du das Unendliche“ (VI. Band, S 10). Diese Ambivalenz (als Ja und Nein zum Unendlichen, Ja und Nein zum Göttlichen….) ist typisch für Feuerbach.

5. Biographischer Hinweis:
Ludwig Feuerbach starb vor 150 Jahren, am 13.9.1872, in Rechenberg bei Nürnberg, geboren wurde er am 28.7.1804 in Landshut. Er hat ein umfangreiches religionskritisches Werk verfasst, er war auch ein kenntnisreicher Theologe, vor allem: er war ein Schüler Hegels an der Berliner Universität. Wenige Jahre nach Hegels Tod (1831) setzte sich Feuerbach entschieden von seinem Lehre ab, den er bis dahin seinerseits auch in Vorlesungen erklärte. In seiner Schrift „Zur Kritik der Hegelschen Philosophie“ (1839) behauptet Feuerbach, Hegel verbreite den „Unsinn des Absoluten“ , die Philosophie Hegels sei völlig haltlos, ohne Verbindung mit der realen Welt, sie bewege sich in einer reinen Welt der Begriffe. Nun aber, so Feuerbach, sei eine neue Epoche angebrochen, in der die Welt, die Natur, die realen, leibhaftigen Menschen nicht nur Ausgangspunkt der Philosophie sein müssen, sondern auch oberste Prinzipen und Normen darstellen.
Feuerbach war ein Gegner der politischen Restauration in Deutschland, die im „Vormärz“ das Leben bestimmte, einschränkte, kontrollierte.
Die reaktionären Fürstenstaaten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts legitimierten sich durch theologische Argumente. In Preußen gab es eine starke Verbindung von Thron und Altar, protestantische Theologen hatten einen enormen Einfluss auf die Gestaltung der Bildung, auch in den Universitäten. Wer evangelischer Theologe wurde, hatte die Gewissheit, berufliche Karriere im Staat zu machen.

Schon Feuerbachs frühe Schrift „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ von 1830 brachten ihm Probleme mit der Obrigkeit, im Revolutionsjahr 1848 musste er wegen seiner politischen Haltung alle Hoffnungen auf eine Professur aufgeben, er starb zurückgezogen und verarmt.

6. Was ist Wirklichkeit?
Mit allem Nachdruck muss unterstrichen werden, dass der Übergang von Hegel zu Feuerbach sich an der unterschiedlichen Erfahrung und Wertung des Wirklichen festmachen lässt. Das Christentum und seine klassische Theologie war bis ins 19. Jahrhundert (und darüber hinaus) durchaus ein Feind der sinnlichen, irdischen, leiblichen und sexuellen Erfahrung. Die entsprechenden moralischen Weisungen (bzw. Abweisungen des Irdischen, Sexuellen etc. ) des Apostels Paulus und seiner Schüler, formuliert in den zum Neuen Testament gehörenden Briefen, sind bekannt. Die Philosophin Ursula Reitmeyer fasst Feuerbachs Position zusammen: „Erst mit der Etablierung des sinnenfeindlichen Christentums, das den Verlust der sinnlichen Vernunft durch eine Ästhetik des Übersinnlichen kompensiere, habe sich formelhaftes Wissen an die Stelle eines lebensweltlichen Materialismus gesetzt. Folge sei, daß der wirkliche, real arbeitende Mensch, ebenso entmündigt wie entleiblicht, seine Existenz kaum fristen könne, während sich das System und mit ihr die Elite permanent reproduziert. (Ursula Reitemeyer, in dem Beitrag „Über Feuerbach“, https://www.uni-muenster.de/EW/forschung/forschungsstellen/feuerbach/ueber/index.html).

7. Kritische Hinweise zu Ludwig Feuerbachs Philosophie:
Feuerbach hat das leidenschaftliche Interesse, an die Stelle der Theologie die Anthropologie zu setzen, und dabei musste er bei seinem auf Sinnlichkeit fixierten Anthropologie – Begriff unbedingt auf metaphysische Spekulationen – etwa im Sinne der Vernunftphilosophie seines Lehrers Hegel – verzichten. Bei diesem radikalen Bruch in der Geschichte des Denkens hat Feuerbach bestimmte Differenzierungen und Nuancen übersehen. Abgesehen davon, dass Feuerbach Aussagen in „Das Wesen des Christentums“ durchaus sehr langatmig und gedehnt erscheinen, der Philosoph Walter Schulz nennt sie vornehm „weitausholend“ („Philosophie in der veränderten Welt“, Neske Verlag, 1980, S. 371). Wichtiger sind inhaltliche, philosophische Vorbehalte zu einigen zentralen Thesen Feuerbachs im „Wesen des Christentums“: „Feuerbach hat die (zentrale) These, dass der Mensch ein sinnliches Wesen sei, zwar propagiert – seine Schriften sind, wie die Titel zeigen, zumeist überhaupt Programmentwürfe – aber nicht wirklich reflektiert“ (, so Walter Schulz a.a.O., S 376). Walter Schulz meint, Feuerbach habe einfach die traditionelle Überzeugung, dass die Vernunft das Herrschende sei, in ihr Gegenteil verkehrt: “Der Mensch ist wesentlich NICHT von der Vernunft, sondern vom nichtvernünftigen Willen, dessen Träger der Leib ist, bedingt“ (a.a.O.).
Eine allgemein geteilte philosophische Erkenntnis ist, dass auch die sinnlichen Erfahrungen im Menschen eben Begriffe, Sprache, werden müssen, wenn sie denn als relevant im Menschen sein sollen: Das heißt die Sinnlichkeit, wenn sie denn als solche Erkenntnis befördert, muss sich eben doch in vernünftiger, also geistiger Sprache äußern.
Von Gott kann sich Feuerbachs Theorie der gottlosen Anthropologie auch nicht ganz befreien, auch daran muss noch einmal nachdrücklich erinnert werden: Feuerbach muss zur Bewertung des Menschen und die Bindung des einzelnen an die Gattung des Menschen dann doch auf Qualitäten des Göttlichen zurückgreifen: Der abgeschaffte Gott hinterläßt der gottlosen Menschheit die Bindung an die göttlichen und heiligen Prädikate des göttlichen Wesens. Denn bestimmte gute Eigenschaften hatte die Menschheit Gott zugeschrieben, jetzt sollen diese Eigenschaften allein als göttlich gelten. Der Mensch kommt also für Feuerbach nicht vom Göttlichen los, das kann daran liegen, dass, wie Hegel richtig sah, das schöpferische Göttliche (absoluter Geist) eben doch im Menschen wirkt. Religionen sind dann also Ausdruck der Geistigkeit des Menschen. Das deutet Feuerbach selbst an, wenn er Vernunft, Wille, Liebe, als Kräfte bezeichnet, die der Mensch nicht gemacht hat, also „göttliche, absolute Mächte sind, denen der Mensch keinen Widerstand entgegensetzen kann“ (zit in Weischedel,a.a.O, S. 400, auch Feuerbach Sämtliche Werke, Band VI 3f.).
Karl Löwith schreibt in seinem Buch „“Von Hegel zu Nietzsche“ (S. 96). „Gemessen mit dem Maß von Hegels Geschichte des Geistes muss Feuerbachs massiver Sensualismus gegenüber Hegels begrifflich organisierter Idee als ein Rückschritt erscheinen, als eine Barbarisierung des Denkens , die den Gehalt durch Schwulst und Gesinnung ersetzt“ .

8. Das Ende der Philosophie ?
Feuerbach selbst betonte, sein Denken als ein Denken der Sinnlichkeit, der sinnlichen Wirklichkeit von Welt und Mensch, sei bereits eine Negation der Philosophie, also der klassischen, Hegelschen Philosophie. Feuerbach meinte sogar, „sein Denken sei gar keine Philosophie mehr“. Die spekulative Philosophie sei – so wörtlich- eine betrunkene Philosophie. „Die Philosophie muss daher wieder nüchtern werden“, also nicht spekulativ, sondern sinnlich werden. (zit bei Weischedel, a.a.O., S. 392). Dabei sind viele Formulierungen Feuerbachs, leidenschaftlich und polemisch, alles andere als Ausdruck einer „nüchternen Philosophie“.
Nur in dieser Haltung glaubte Feuerbach, den „Menschen zur Sache der Philosophie zu machen“, eine Philosophie, die wie gesagt, die ihr eigenes Ende einläutet, also explizit sich selbst aufheben will und dies behauptet. Feuerbach sagt: „Die wahre Philosophie ist die Negation der Philosophie, ist keine Philosophie“ (Feuerbach Sämtliche Schriften, II, 409 f., zit auch bei Weischedel, a.a.O. 395). Tatsächlich aber waren die Gedanken Feuerbach dann doch wieder eine Gestalt von Philosophie, wie sollte es auch anders sein, man denke an Feuerbachs Reden von der Unendlichkeit des menschlichen Bewusstsein oder von der Göttlichkeit der menschlichen Prädikate Gottes.
Ludwig Feuerbach ist der durchaus irritierende, wenn nicht verwirrende Philosoph bzw., wie er selbst sagt „Nicht-Philosoph“, der wegen seiner populär verbreiteten Slogans eine enorme Wirkungsgeschichte hat. Aber eins ist sicher: Atheist – als heftiger Feind alles Göttlichen- war Feuerbach sicher nicht, wie auch Vittorio Hösle betont, und Feuerbach war kein heftiger Feind des Christentums und der Kirche, wie Nietzsche. Feuerbach bleibt ein Denker der „Zwischenstellung“, zwischen klassischer, sich noch fürs Christliche interessierenden Philosophie und der radikalen Gesellschaftskritik bzw. dem radikalen Atheismus. Für ihn ist Gott keine „himmlische Person“, die Abwehr der göttlichen Person verbindet ihn zwar mit Hegel, hingegen hielt Hegel bekanntlich an einer eigenständigen Wirklichkeit des „absoluten Geistes“ fest.

9. Gott ist die Liebe. Die Liebe ist göttlich.
Man darf niemals vergessen: Feuerbachs Grundsatz war: „Gott ist die Liebe“, verstanden als „Die Liebe ist göttlich“. Die Liebe sei zudem der Maßstab im Leben Jesu Christi. „Wer also den Menschen um des Menschen willen liebt … der ist Christ, der ist Christus selbst“ (zit. In Vittorio Hösle, Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“, S. 172). Diese Liebe zum Menschen, die bei Feuerbach göttliche Qualitäten hat, zeichnen diesen immer wieder irritierenden Denker Ludwig Feuerbach besonders aus. Er versuchte im 28. Kapitel seines „Wesen des Christentums“ die anthropologisch relevante Dimension der kirchlichen Sakramente aufzuzeigen, etwa das christliche Abendmahl, verstanden als das Essen und Trinken als ein „Mysterium“ (S. 409 ff, in Reclam Ausgabe., 1971).
Feuerbach beendet diese seine umfangreiche Studie mit einer Übersetzung des christlichen Abendmahls in eine noch mögliche weltliche Bedeutung mit den Worten: „Heilig sei darum das Brot, heilig der Wein, aber auch heilig das Wasser! Amen.“ Das Amen beendet dieses grundlegende religionskritische Werk! Der Philosoph Vittorio Hösle findet dieses „Amen am Ende des Buches nicht aufgesetzt“ (a.a.O. . 172). Das Amen ist Ausdruck des irritierend frommen wie religionskritischen Denkers Feuerbach. Glaubte er mit seinem Opus amsterdam2
eine neue, anthropologische Predigt gehalten zu haben? Vielleicht!

Ich empfehle die Studien der „Arbeitsstelle Internationale Feuerbach-Forschung“ in Münster zu beachten, mit der Prof. Ursula Reitemeyer. Siehe: https://www.uni-muenster.de/EW/forschung/forschungsstellen/feuerbach/index.html.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

450 Jahre Bartholomäus-Nacht: Theologisch-politischer Wahn in Frankreich.

Zur „Bartholomäus-Nacht“ vor 450 Jahren (am 23./24.8.1572).

Hinweise von Christian Modehn.

1.
Die Bartholomäus-Nacht in Paris als Massaker und Pogrom an der Minderheit der französischen Protestanten bleibt ein außergewöhnliches Ereignis, es ist die Nacht des Massenmordens vom 23. zum 24. August 1572. Anläßlich der Hochzeit des Protestanten Heinrich von Navarra und Margarete von Valois (der Tochter von Katharina de Medici, die damals als Königin die oberste Herrscherin war) wurde der zur Feier eingeladene Führer der Protestanten Gaspard II.(de Coligny ermordet, anschließend wurden einige hunderte Protestanten umgebracht. Dann kam es in der französischen Provinz zu weiteren Massakern mit vielen Opfern.
Der Spezialist für diese Zeiten, der Historiker Jean Delumeau, (1) nennt insgesamt acht Religionskriege gegen die Protestanten in Frankreich, der erste Krieg bereits 1562, der letzte von 1585 bis 1598. Ein „bißchen“ Religions-Frieden gab es nur zwischen 1564 und 1566 und um 1582.
Für die Massaker der Bartholomäus Nacht trägt Katharina de Medici und die Gruppe der extrem katholischen Guisen (Herzöge in Lothringen) die Verantwortung, so Jean Delumeau, (2)
Seitdem ist jegliches Vertrauen der französischen Protestanten in die Herrschaft des Königs zerstört. Sie versuchen nun, ihre eigenen Zentren im Süden auszubauen, etwa in Nimes und Montauban sowie auch in La Rochelle. Papst Gregor XIII. war über das Massaker der Bartholomäus-Nacht hoch erfreut und ließ zum Dank ein „Te Deum“- Lobgesang im Vatikan veranstalten. So pervers konfessionalistisch dachte dieser Papst, und bekanntlich nicht nur er…

2.
Das Ereignis der Bartholomäus-Nacht legt die Ausmaße des religiösen und konfessionellen Wahns frei. Die Ereignisse rund um diese Massentötungen der Minderheit der Protestanten sind also mehr als „historische Daten“. Sie sind Symbole dafür, wohin Herrscher und die ihnen ergebenen Untertanen in ihrem Fanatismus geführt werden, wenn sie meinen: Sie allein hätten die „allgemeine objektive und göttliche Wahrheit“. Die Theologie der Kirchen hat diesen irrigen Gedanken einer objektiven Wahrheit (die als „Welt-Mission“ dann verbreitet wurde) seit dem 4. Jahrhundert durchgesetzt. Die Vorstellung, dass die römisch katholische Kirche „die“ göttliche Wahrheit besitzt (vor allem in Gestalt des Papstes), ließ sich bis heute nicht überwinden. So bleibt aufgrund der „allein selig machenden Kirche“ immer eine gewisse Gefahr für den Frieden unter den Menschen, selbst wenn hinsichtlich des gelebten religiösen Wahns islamistische Gruppen heute viel heftiger und gefährlicher sind…

3.
Die Erinnerung an das Ereignis und das weite Umfeld der Bartholomäus-Nacht im Frankreich des Jahres 1572 führt also zu der Erkenntnis: Es kann, wissenschaftlich, philosophisch, erkenntnistheoretisch betrachtet, keine objektive, für alle Menschen aller Zeiten gültige religiöse/kirchliche inhaltlich bestimmte Wahrheit geben, und zwar auch um des Friedens willen unter den Menschen in Gesellschaft und Staat. Es kann nur die subjektiven religiösen Wahrheiten für den einzelnen geben, die dieser für sich lebt und auch für sich behält, ohne daraus, sogar noch in aggressiver Werbung, eine gültige Wahrheit für alle und für immer zu formen … oder gar auf die Idee zu kommen, seine individuelle religiöse Wahrheit nun auch noch politisch und ökonomisch „für alle“ durchzusetzen. Dieser Wahn lebt heute z.B. in Kreisen der Abtreibungsgegner („Pro-Life“ Militante) oder evangelikaler Fundamentalisten.

4. Die Bartholomäus-Nacht:
Die Könige Frankreichs in den Zeiten der Reformation bis zur Revolution von 1789 folgten der Überzeugung: Nur eine einzige Religion, der Katholizismus, darf ein Lebensrecht im Königreich haben. Pluralität der religiösen Meinungen, umfassende Meinungsfreiheit insgesamt, war für den totalen Herrschaftsapparat der katholischen Könige nichts als eine Bedrohung. Pluralität und Toleranz mussten ausgerottet werden. Die gelegentlichen königlichen Toleranzedikte gegenüber den Protestanten waren von kurzer Dauer. Das Toleranzedikt Edikt von Nantes brachte im Jahr 1598 eine gewisse Beruhigung im Abschlachten, in den Attentaten, Massakern, Belagerungen usw. Das Edikt von Nantes wurde durch König Ludwig XIV. wieder abgeschafft, 1685, im „Edikt von Fontainebleau“. Es war eine grausame Verfügung der Intoleranz: Nicht nur wurde der Katholizismus zur einzig zugelassenen Religion, Gottesdienste der Protestanten wurden verboten, protestantische Kirchen zerstört, die reformierten Pfarrer vertrieben. Etwa 200.000 französische Protestanten mussten das Land verlassen, sie fanden Zuflucht in der Pfalz, in Brandenburg, in Holland…

5.
Der französische Staat unter Führung des absolutistischen Ludwig XIV. ging aus den Schrecken, Vertreibungen, Verfolgungen der konfessionell bedingten Bürgerkriege nur scheinbar als Sieger hervor. Viele tausend gebildete und wohlhabende französische Protestanten, viele qualifizierte Handwerker usw. mussten das Land verlassen, nur so entgingen sie der Verfolgung oder der Zwangskonversion. Und der Katholizismus war ein staatlich, königlich, dominierter Glaube, er sollte so des Königs von Gott gegebene Allmacht demonstrieren, und diese Verhältnisse Gabe es schon seit dem 14. Jahrhundert ( 3.) „gallikanisch“ bestimmt, d.h.: Das letzte Wort in Kirchenfragen, etwa bei der Ernennung von Bischöfen, hatte nicht der Papst, sondern der französische König. Der Jurist Pierre Pithou (1539-1596, Konvertit zum Katholizismus) hat das dafür grundlegende Werk „Les Libertés de l église gallicane“ 1594 verfasst. 1682 verfestigte der französische Klerus seine kritische Haltung gegenüber dem Papst und drückte offiziell seine Unterstützung aus zugunsten des Kirchenführers, des Königs. Der König war selbstverständlich nur nach außen katholisch, die katholischen Moralgebote galten für ihn, siehe das bischöflich geduldete Mätressen-Wesen. Und in den üblichen Kriegen konnte er gewissenlos tausende seiner Landsleute in den Tod schicken.

6.
Aber die erwünschte weltanschauliche, religiöse Einheit und Einförmigkeit in Frankreich blieb eine Illusion: Militante Papst-ergebene Katholiken (die „Ultramontanen) machten der Königsherrschaft das Leben schwer. So wurde die Konversion von König Henri IV., ursprünglich Protestant, von Ultramontanen heftig bezweifelt. Sie propagierten immer wieder die Theorie des Königsmordes: Tatsächlich wurde wurde König Henri IV. 1610 von einem militanten Katholiken ermordet.

7.
Diese Politik der absoluten religiösen Einheit bzw. Einförmigkeit hatte trotz der versuchten Ausrottung des Protestantismus keinen Erfolg: Es bildeten sich Kreise der literarischen – philosophischen Libertins, also der Freidenker, und vor allem, Skeptiker melden sich zu Wort, wie sehr früh schon Michel de Montaigne. Und vor allem: Es organisierte sich innerhalb des königlich dominierten Katholizismus die strenge spirituelle Gegenbewegung des Jansenismus, der in seiner rigorosen Gnadenlehre in gewisser Weise Ideen der reformierten Theologie Calvins übernahm. Der Jansenismus ist benannt nach dem Bischof von Ypern, Cornelius Jansen, 1585-1638, er war ein Verfechter der extremen Interpretation der augustinischen Theologie.
Auch wenn Ludwig XIV. die spirituellen Zentren und Klöster des Jansenismus zerstörte und die führenden Köpfe dieser spirituellen Bewegung tötete: Die Ideen der Jansenisten (der Mathematiker und Mystiker Blaise Pascal gehörte zu ihnen) überlebten, Jansenisten waren die einflußreichsten ideologischen Widersacher des Gallikanismus („der König ist der Herr der Kirche, nicht der Papst“) und der damals als liberal („moralisch lax“) geltenden Jesuiten.

8.
Es entwickelten sich rund um die philosophischen Salons in Paris religionskritische Philosophien, die den Katholizismus insgesamt überwinden wollten, nicht nur zugunsten eines materialistischen Atheismus (Julien de la Lamettrie, 1751 in Berlin gestorben), sondern auch zugunsten einer einfachen Vernunftreligion, etwa im Denken Voltaires.
Die radikalen Kreise der Revolutionäre von 1789 förderten mit Gewalt die Entkirchlichung, den Abschied der Franzosen von der Kirche, der Haß der Katholiken auf die ultra-reichen Klöster und privilegierten Bischöfe war kaum zu bremsen, es gab die Zerstörungen von Kirchen und Klöstern, die Verfolgung von antirevolutionären Priestern. Aber die Revolution brachte endlich die Religionsfreiheit für die Protestanten und später auch für die Juden sowie die Abschaffung der Sklaverei.

9.
Mit anderen Worten. Der Wahn der französischen Könige, seit dem ersten Auftreten von Protestanten in Frankreich bedeutet: Die eine und einzige Religion, den Katholizismus, sollte gefördert und verteidigt werde. Diese Ideologie als Wahn endete – In der Sicht der Herrscher und bei dem Leiden der Menschen – mit einem Desaster: Die Pluralität der Meinungen ließ sich eben nicht definitiv ausschalten, insgeheim blieb die Pluralität der Überzeugungen erhalten.
Seit 1905 gilt das Gesetz der laicité, der Trennung von Kirchen und Staat. Der Staat ist religiös neutral, er lässt die verschiedenen Religionen leben und sich entfalten, solange sie in ihrer Praxis sich nicht gegen die Grundlagen der Menschlichkeit verhalten.
Und vor allem: Die Verfolgung Andersgläubiger brachte die Menschen dazu, letztendlich nur noch ein äußerst geringes Interesse zu haben für die Formen der christlichen Religionen. Dass sich heute (2022) noch nicht einmal die Hälfte der Franzosen als Katholiken bezeichnen, ist letztlich auch ein (fernes) Resultat dieses religiösen Wahns der Intoleranz der Königsherrschaft. Aber entscheidender ist: Die so genannte religiöse „Praxis“ der Katholiken (d.h für Religions-Soziologen die regelmäßige Teilnahme an der Sonntagsmesse) tendiert heute (2022) in vielen Gegenden (etwa Burgund, Bourges, Limoges, Gueret, Moulins, Nevers, Carcassonne usw.) gegen Null. Die französische katholische Kirche besteht zwar noch in ihren ziemlich aufgeblähten Strukturen, aber sie ist eine von der Hochschätzung her gesehen eher schwache Institution, schwach, auch finanziell ausgestattet, vor allem geistig ist sie weithin schwunglos und erstarrt, weil immer mehr die konservativen und reaktionären Bewegungen der „Neuevangelisierung“ bestimmend werden. Auch die vielen tausend „Fälle“ von sexuellem Missbrauch durch Priester in Frankreich lassen die Kirche der Kleriker immer unglaubwürdiger erscheinen.

10.
Was zeigt diese historische Erfahrung Frankreichs? Wenn eine Kirche politisch beherrscht wird, also Staatskirche ist, und wenn die Vernunft, also die Toleranz, eine untergeordnete Rolle spielen gegenüber den konfessionellen, theologischen Lehren, dann ist der Niedergang der Kirche und des kirchlich geprägten Glaubens vorgezeichnet. Die Gläubigen verzeihen es weder der Kirche noch dem Staat, wenn in der Kirche-Staat-Einheit auch Staatsbeamte den Gottesdienstbesuch kontrollieren und prüfen, welches Gemeindemitglied zur Osterbeichte gegangen ist (Siehe dazu die Studie von Jean Delumeau, „Le catholicisme entre Luther et Voltaire“, Paris 1985, S. 336 ff.).

11. Hinweise zur Frühgeschichte der französischen Protestanten:

Die ersten so genannten „Falschgläubigen“ (also Protestanten bzw. „Hugenotten“) in Frankreich konnten schon 1520 Bücher Martin Luthers in Frankreich erwerben. (5) verbreitet. Dadurch wurden zuerst Kreise erreicht, die gebildet waren, also mindestens lesen konnten, und das waren Menschen in großen Städten. Die ersten Gemeinden waren eher Hauskreise, und pro forma besuchten die ersten Reformierten noch die katholische Messe (6). Das erste protestantische Abendmahl wurde 1541in Sainte Foy gefeiert, danach 1542 in Meaux, 1545 in Pau und Tours. 1559 wurde die erste Nationalsynode in Paris organisiert und ein Bekenntnis formuliert. „Der Protestantismus war nun eine Kraft im Königreich mit Schwert – der Adel hatte sich dem Protestantismus angeschlossen – und einer strukturierten Lehre“ (7). Der Admiral und Hugenottenführer Gaspard II. de Coligny aus dem Hochadel zählte 1562 schon 2.150 reformierte Gemeinden und der Pfarrer von Provinz wusste zu der selben Zeit, dass ein Viertel der französischen Bevölkerung protestantisch geworden ist. Längst war die protestantische Bewegung über intellektuelle Kreise hinaus gewachsen.

12.
Schon 1523 wird der Augustinermönch Jean Vallière als Anhänger der Lehren Luthers, seines Ordensbruders, wegen Ketzerei auf dem Scheiterhaufen in Paris verbrannt, er war der erste Märtyrer der Reformierten Kirche bzw. der damals Hugenotten genannten Christen. (9). In Metz wird der Laienprediger Jean Leclerc wegen Ketzerei hingerichtet. 1526 wird Jacques Pauvant in Metz als Ketzer hingerichtet, der Übersetzer Martin Luthers, Louis Berquin wird 1529 gefoltert…..

13. Ein Hinweis zum Profil des Reformators Jean Calvin (1509-1564):
Calvin ist der Inspirator der Reformierten Kirche in Frankreich, geboren in Noyon, in der nordfranzösischen Picardie, bestimmte er mit seinen Schriften und seiner Autorität von Genf aus die Entwicklung von Rom-unabhängigen Gemeinden. Bemerkenswert ist: Er war Jurist und Humanist, sein besonderes Interesse gilt der Nähe der Philosophie der Stoa zum Christentum). Der junge Calvin „glaubt, dass der Stoizismus im Verbund mit dem Humanismus eine Koalition eingehen könne mit dem Christentum gegen die Epikuräer, also gegen eine hedonistische, auf das individuelle Glück zielende Lebensdeutung“ (10.). Die Abweisung des Epikureischen blieb Grundbestand der Lehre und Moral Calvins. Er hat (katholische) Theologie studiert, ohne katholischer Kleriker zu werden. Es war die persönliche intensive Bibellektüre, die zum Bruch mit der römischen Kirche führte.. „Gut reformatorisch geschieht die Bekehrung im Akt des Lesens der Bibel“ (11).
Calvin bleibt ein umstrittener und eher auch fanatisch wirkender Reformator, hinsichtlich der Strenge seiner Lehre erscheint er as Kirchenerneuerer fremd und in gewisser Weise „überholt“. Er war es, der den Humanisten und Gegner des trinitarischen Glaubens, Michel Servet (1511 in Spanien geb.) 1553 auf den Scheiterhaufen in Genf zur Verbrennung führen ließ. Die Hinrichtung löste immerhin Diskussionen unter den reformierten in Genf aus. Vor allem durch diese Untat ist der ohnehin eher spröde wirkende Calvin niemals ein populärer Reformator geworden,. Die Charakterisierung als eines „säuerlichen Gelehrten“ hat sich durchgesetzt. Schlimmer noch empfinden viele kritische Menschen, damals wie heute, Calvins Prädestinationslehre, also die Ideologie, Gott habe im Himmel schon bestimmt, wer gerettet wird und wer nicht… Die freisinnigen Remonstranten („Arminianer“) haben sich dann 1618 von dieser strengen Lehre abgesetzt und für die Freiheit der Menschen auch Gott gegenüber plädiert.
Interessant bleibt, dass sich im Unterschied zur „Lutherischen Kirche“ heute kaum noch eine Kirche sich auf ihren „Stifter“ Calvin namentlich bezieht und „calvinistisch“ nennt. Es hat sich der neutrale Titel „Reformierte Kirche“durchgesetzt mit einem „Reformierten Weltbund“ mit Sitz in Genf. Er versammelt ca. 80 Millionen Gläubige in ca 225 verschiedenen eigenständigen reformierten Kirchen.

14.
Politisch inspirierend und aktuell sind manche Äußerungen Calvins: Etwa:
Für ihn sind Könige auch nur Menschen und als solche Sünder und deswegen auch korrupt: Calvin schreibt: „So ist es sicherer und erträglicher, wenn mehrere Herrscher das Steuerruder halten, so dass sie also einander beistehen, sich gegenseitig belehren und ermahnen. Und wenn sich einer mehr als billig erhebt, eben mehrere Aufseher und Meister da sind, um seine Willkür im Zaume zu halten“.  (12)
Sätze, die den Königen in Frankreich gewiss nicht gefallen haben.
Calvin schwebt offenbar eine repräsentative Demokratie mit deutlich aristokratischen Anstrich – als der Herrschaft der Besten – vor, meint Klaas Prof. Huizing.

Quellangaben:

1:
Jean Delumeau, Histoire de la France, Larousse Paris, 1987, S 103.

2:
Ebd. S.105

3:
„Gegenreformation“ Von Ronnie Po-chia Hsia, (Prof. an der Uni New York, Fischer Taschwenbuch, 1998, S90.)

4:
Histoire de la France, S. 142

5:
Histoire de la France S. 143

6:
ebd.

7:
ebd.

8:
Ebd S. 139

9:
Klaas Huizing, Calvin, edition chrismon, 2008, S. 42

10:
ebd., S. 35

11:
ebd. S. 47.

12:
ebd.S 121, bezogen auf Calvins „Institiutio“, IV 20,8.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

Die vernünftige Religion fördern – den dogmatischen Kirchenglauben überwinden.

Zur Aktualität eines Vorschlags des Philosophen Immanuel Kant.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

(Die Zitate zum Kant-Buch beziehen sich auf die 2. Auflage von „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ , also mit dem Symbol B vor den Seitenzahlen…)

Diese zentrale These Kants wird hier erläutert:
Kant entwickelt in seinem Werk „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1793) eine Religion der Vernunft, sie soll den „dogmatischen Kirchenglauben“ und „das herrschende Pfaffentum“, wie er sagt, überwinden. Die Vernunftreligion soll zur Religion der Menschheit werden, denn sie ist in der Vernunft allen Menschen zugänglich. So wird also im Denken selbst eine allgemeine Vernunftreligion konstituiert. Sie hat das Ziel, in der Praxis die Menschen und ihre Welt besser, humaner zu machen. Schon jetzt können religiöse Menschen die Freiheit der Vernunftreligion erleben und sich in einer „unsichtbaren Kirche“ vereint wissen. So können kirchenkritische Menschen eine elementare, einfache Spiritualität der Gott-Verbundenheit bewahren. Diese Spiritualität sieht den wahren Gottesdienst nicht in frommen Liturgien und Andachten, sondern ausschließlich in einer humanen Lebenspraxis. Kant weiß genau, dass diese seine Position den Weisungen Jesu von Nazareth entspricht, man denke an Jesu Gleichnisse („Barmherziger Samariter“) oder an Jesu Rede vom Weltgericht, Matthäus 25,31-46), in der Jesus einzig die guten Taten des Menschen als „letztlich“ entscheidend bewertet…
Kant geht soweit, die Vernunftreligion als den „allein selig machenden Religionsglauben“ (B278) zu bezeichnen.

Warum ist der Hinweis auf Kants Buch heute wichtig?
Kant entwickelt in seinem Denken eine auch der heutigen Problematik (d.h. im Sommer 2022) angemessene Form eines einfachen vernünftigen Glaubens. Das geschieht über die nach wie vor aktuelle Kritik des „Pfaffentums“ (B 277): Für Kant eine zentrale Herausforderung! Er schreibt: “Das Pfaffentum ist also eine Verfassung einer Kirche, sofern in ihrer ein Fetischdienst regiert, welcher allemal da anzutreffen ist, wo nicht Prinzipien der Sittlichkeit, sondern Statuten und Gebete, Glaubensregeln und Observanzen die Grundlage und das Wesentliche dieser Kirche ausmachen“ (B 277). Wie auch immer die Verfassung bzw. die Organisation dieser Kirche sein mag, „sie ist und bleibt doch unter allen Formen immer despotisch. In dieser Kirche herrscht ein Klerus, der der Vernunft entbehren zu können glaubt, weil der Klerus sich als einzig autorisierter Bewahrer und Ausleger des Willens des unsichtbaren Gesetzgebers (Gott)“ versteht. (B 277). Dieser Klerus kann „nicht überzeugen, sondern nur über die Laien befehlen“ (B 278). Die aktuelle Kritik an der römisch-katholischen Kirche findet sich darin wieder.

Nach wie vor lehrt die katholische Theologie, dass der menschlichen Vernunft “eine Wirklichkeit, eine göttliche Offenbarung, gegenübersteht, der zu entsprechen die menschliche Freiheit erst zu sich selbst bringt”. So der Theologe und Bischof von Regensburg Rudolf Voderholzer in der katholischen Wochenzeitung “Die Tagespost” am 22.9.2022, Seite 9. Die Aussage Voderholzers ignoriert: Auch die Texte, die als göttliche Offenbarung ausgeben werden, sind menschliche, historisch bedingte Texte, die also selbstverständlich der Deutung der allgemeinen Vernunft unterstellt sind. Nur der innere, herrschende Kreis der Offenbarungs-Anhänger (Klerus) behauptet, diese Offenbarungs-Texte der Bibel seien göttlich, also von absolut herausragender Qualität. Erst der Gehorsam diesen Texten gegenüber und dem deutenden Klerus könne den Menschen zu sich selbst bringen, d.h. als “heils-entscheidend” sind. Gibt es wirklich so viel Herrschaftsanspruch einer bestimmten Gruppe, Klerus? Damit sind wir bei der aktuellen  Problematik, auf die Kant, in dem Punkt wie so oft aktuell und gegenwärtig, sich bezogen hat.

Die aktuelle Situation:

Von Epochenwende und Zeitenwende ist jetzt ständig die Rede – nicht nur anläßlich des Krieges Russlands gegen die Ukraine. Tiefgreifende Veränderungen sind längst auch in allen Religionen zu beobachten. (Dazu weitere Hinweise in Fußnote 1.)
Dieser Beitrag bezieht sich nur auf Entwicklungen im Christentum.
Was die Kirchen in Europa und Amerika betrifft: Viele tausend Kirchenmitglieder kündigen ihre Mitgliedschaft auf. In der römisch-katholischen Kirche wird mit aller Traditionsbesessenheit durch den herrschenden Klerus, nicht nur im Vatikan, das alte Gerüst der patriarchalen Kirchenverfassung verteidigt… (Dazu weitere Hinweise in Fußnote 2.)

Die „Entkirchlichung“

Religionssoziologen zeigen: In Europa distanzieren sich die Gebildeten, die Künstler, die Wissenschaftler, die Kritischen, die Frauen im allgemeinen, die Homosexuellen, die jungen skeptischen Menschen, die Armen, die zum Prekariat Verurteilten von den Kirchen. Es findet eine grundstürzende, sehr breite Entkirchlichung statt.
Wichtig ist dabei: Diese hat ihre Ursache nicht nur in der Kritik der klerikalen Institutionen, sondern vor allem in der Abweisung der dogmatischen und moralischen Lehren der meisten etablierten großen Kirchen. Das offizielle Glaubensbekenntnis versteht fast niemand mehr, der Sinn des klassischen Bittgebetes erschließt sich nicht mehr; der Inhalt der vielen alten, aber immer noch gesungenen Kirchenlieder führt in ferne, mysteriöse (Traum) Welten …und so weiter.
Die Krise der Kirchen ist also eine Krise der Kirchenlehren.
Und genau an dieser Stelle wird der Vorschlag des Philosophen Immanuel Kant interessant und wichtig!
So neu ist Kants Vorschlag ja nicht, man bedenke, dass Voltaire energisch eine vernünftige Religion anstelle des klerikalen Kirchenglaubens forderte, (Fußnote 3), dass schon im Umfeld der Reformationen des 16. Jahrhunderts anti-trinitarische Positionen vertreten wurden (etwa von den Sozzinianer), dass bis heute eine protestantische Kirche lebt, die die Bindung an traditionelle Dogmen mit gutem Grund auf ein Minimum reduziert hat (Remonstranten, Fußnote 4).

Kants Vorschlag heute wahrzunehmen, ist also die Entdeckung einer Alternative zu herrschenden Kirchenwelten.

1. Religion bedeutet: Ein moralisch guten Lebenswandel wissen und gestalten.

Immanuel Kant hat in seiner Publikation „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ eine bis heute bewegende Antwort gegeben auf die damals wie heute belastende Krise des Kirchenglaubens: Sein philosophisch begründeter Vorschlag ist radikal: „Alles, was außer dem guten Lebenswandel der Mensch noch tun zu können vermeint, um Gott wohlgefällig zu werden, ist bloßer Religionswahn“ (B 260 in der Ausgabe des Meiner Verlages, Hamburg, 2003). Und weiter: „Nur eine moralische (also dem Kategorischen Imperativ folgende) Herzensgesinnung kann Gott wohlgefällig machen“ (B 239). Und immer wieder diese These: „Die standhafte Beflissenheit zu einem moralisch guten Lebenswandel ist alles, was Gott von Menschen fordert (B 145). Und auch: „Diese Religion kann allen Menschen durch ihre eigene Vernunft fasslich und überzeugend vorgelegt werden“ (B 245). „Sie ist „in aller Menschen Herz geschrieben“ (B 239).

2. Die menschliche Vernunft entdeckt die allgemeine Religion

Kant hat das Buch, eine Aufsatzsammlung mit dem Titel „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ im Jahr 1793 veröffentlicht. Der Titel zeigt von vornherein: Hier wird Religion aus der allgemeinen menschlichen Vernunft entwickelt. Das Vorhaben ist ein geradezu revolutionärer Einschnitt innerhalb der Religionsgeschichte bzw. der Christentumsgeschichte, wobei es Beziehungen dieser Vernunftreligion zum Kirchenglauben gibt, dies wird später erläutert.
Man könnte den Titel von Kants Buch übersetzen: „Die Religion, die die Vernunft von sich aus mit ihren eigenen Möglichkeiten entwickelt“.

Dieses Buch macht einmal mehr deutlich: Kant ist alles andere als ein Feind der Religionen und der Gottesfrage, wie oft in populären Missverständnissen behauptet wird. Kant hat sich die mühevolle Freiheit genommen, in einem autoritär regierten Preußen unter Friedrich Wilhelm II., einem vielen spirituellen Absonderlichkeiten zuneigenden Herrscher, dieses besondere Buch zu veröffentlichen: Es weist mit Argumenten über die alte Welt der Kirchen als Institutionen hinaus. Die Aktualität haben schon viele Zeitgenossen Kants wahrgenommen. „Eine neue Auflage schon nach einem Jahr und zahlreiche Raubdrucke belegen das Interesse, das bis zum Tod Kants 1804 anhalten wird“, schreibt die Herausgeberin der genannten Ausgabe, die Philosophin Bettina Stangneth (Seite XI.)
Das Buch ist „ein ungemein vielschichtiges Werk und das auch gemessen an der ohnehin großen Komplexität Kantischer Schriften Überhaupt“, so Bettina Stangneth, (S. LIX.)

Der Kant-Text ist für heutige LeserInnen von der sprachlichen Konstruktion her oft nicht leicht zugänglich. Aber die Mühe der Lektüre wird belohnt durch neue Einsichten und Perspektiven, welche Auswege es gibt angesichts des aktuellen Niedergangs der Kirchen, der Klerusherrschaft und der Bindungen an viele Dogmen und Gesetze…
Hier wird nur ein kurz gefasster systematischer Durchblick durch das Buch geboten, dabei wird das „Dritte Stück“ (B 127 ff). und das „Vierte Stück“ (B 225 ff.) besonders beachtet.

3. Gegen den „Fronglauben“ (d.h. gegen einen Kirchenglauben, der sklavisch von den Laien nur Gehorsam verlangt).

Weil Kant die starke kontrollierende Macht der Kirchen, ihren Einfluss auf die Seelen der Menschen, kennt, kann er nur von einem „allmählichen Übergang“ vom Kirchenglauben zur allgemeinen Vernunftreligion sprechen (B 181).
Die umfassende „Errichtung dieser Vernunftreligion“ sieht Kant sogar noch in „unendlicher Weite von uns entfernt“ (ebd.) Das ist aber für Kant überhaupt kein Hindernis, diese Alternative dieser neuen „Weltreligion“, wie er sagt , im Denken zu fördern. Denn es steht allen Menschen jetzt sofort frei, die Vernunftreligion in sich selbst zu entdecken. Es sind in den Worten Kants vor allem die „natürlich-ehrlichen Menschen“, „welche die Religion nicht (wie die frommen Heuchler) zur Ersetzung, sondern zur Beförderung der Tugendgesinnung, die in einem guten Lebenswandel tätig erscheint, in sich aufnehmen“( B 313).
Diese „natürlich- ehrlichen Menschen“ bilden in ihrem moralischen Leben die unsichtbare Kirche, wie Kant sagt, auf das Thema wird noch einmal zurückzukommen sein.
Leider deutet Kant in seiner Kritik an faktischen Glaubensformen eine Art religiöser Ideologie nur an: Er spricht vom „Eigennutz, als dem Gott dieser Welt“ (B 243) … der Egoismus ist also der herrschende Götze dieser Welt.

Die Vernunftreligion soll die Menschen zu einem moralischen Leben inspirieren, ohne Moral (im Sinne des „Kategorischen Imperativs“) wird kein Frieden auf Dauer möglich sein. Erst wenn alle Menschen moralisch gut leben, also in ihrer Gott wohlgefälligen allgemeinen Vernunft-Religion leben, entsteht auch der „ethische Staat“, als ein Ziel der Weltgeschichte.

4. Der Inhalt des allgemeinen Vernunftglaubens.

Für Kant steht fest: Wer Gott als solcher ist, sozusagen in seinem eigenen, „inneren“ Leben, kann sich der Menschen im Denken nicht erschließen. Die Philosophen können nur sagen, „was Gott für uns als moralisches Wesen sei“, (B 211), also: wie der Mensch in der Beziehung zu Gott eher fragmentarisch Gott wahrnehmen kann. Aller Hochmut der klerikalen Dogmatiker ist damit gebrochen.

Diese drei Lehren gehören für Kant zu seinem allgemeinen Vernunftglauben, es sind Sätze, die sich in der Reflexion des Menschen auf sich selbst als endlichem geistigen Wesen zeigen:

„Erstens: Der allgemeine wahre (vernünftige) Religionsglaube ist der Glaube an Gott als den allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde. Das heißt auch: Gott als moralisch heiligen Gesetzgeber wahrnehmen.
Zweitens der Glaube an Gott als den Erhalter des menschlichen Geschlechts, als gütigen Regierer und als moralischen Versorger der Menschheit.
Und drittens der Glaube an ihn als den gerechten Richter“ (B 211), ein Gedanke, der wichtig ist im Zusammenhang der Unsterblichkeit der Seele der Menschen.

Man könnte diese drei Grundsätze auch übersetzen, etwa in dem einen Satz:
Der Mensch sieht sich in seiner Vernunft von einer transzendenten, göttlich zu nennenden Wirklichkeit getragen; sie ruft zum humanen Handeln in dieser Welt auf, sie lässt dabei den Lebenssinn aufscheinen und die Grenze des endlichen Daseins im Denken überschreiten.

5. Was bleibt von den Traditionen des Kirchenglaubens?

Für Kant ist der Hinweis auf den allen Menschen immer zugänglichen Vernunftglaubens auch ein Akt der Befreiung. Er sieht den Kirchenglauben sehr kritisch, wenn er auch weiß, dass viele Menschen noch gar nicht in der Lage sind, sich aus den volkstümlichen kirchlichen Traditionen und Regeln und Weisungen zu befreien. Für die Verhinderung einer tiefgreifenden Reformation sieht Kant das„Pfaffentum“ (B 311) verantwortlich, am wichtigsten bleibt es, das Pfaffentum zu überwinden Pfaffentum ist die angepasste, „usurpierte“ Herrschaft der Geistlichkeit über die Gemüter, weil die Pfaffen meinen, „dass sie im ausschließlichen Besitz der Gnadenmittel“ sind (ebd.)

Kant lehnt also entschieden die „angemaßte alleinige Rechtgläubigkeit der Häupter einer Kirche“ (B 156) ab, weil sie behaupten, von Gott unmittelbar Befehle der Herrschaft empfangen zu haben (B 140). Der Klerus machte sich seine Wahrheiten selbst, sie führen ihn dazu, so genannte Ungläubige und Irrgläubige zu verfolgen (ebd.).
Aber die Vernunft zeigt: Die angeblich göttlichen Gesetze der Kirche sind nichts als Menschenwerk (B 150), sie beziehen sich etwa auf biblische Erzählungen angeblich historischer Geschichten. Diese Bindung an eine äußere Geschichtenerzählungen (angebliche „Fakten“) deutet Kant, modern gesprochen, als Entfremdung des religiösen Bewusstseins.. Der Kirchenglauben führt also , so Kant wörtlich, zu „Blödsinn des Aberglaubens und Wahnsinn der Schwärmerei“ ( B 143.)

Dieses deutliche Urteil heißt aber nicht, dass in dem allgemeinen Vernunftglauben nicht auch bestimmte Traditionen des Kirchenglaubens in neuer Interpretation (!) erhalten bleiben können. Das ist wichtig, weil sonst die Vernunftreligion als völlig abstrakte Erfahrung erscheinen mag. So wird etwa der „Kirchgang“, also die Teilnahme an Gottesdiensten in den Kirchen (B 308), neu gedeutet: Der Kirchgang ist für Kant kein „Gnadenmittel“, so, als könne sich der Mensch etwa durch häufigen Besuch der Messe die Gnade Gottes erwerben. Der Kirchgang dient hingegen lediglich der Erbauung des einzelnen, aber auch der „Darstellung einer Gemeinschaft der Gläubigen“.
Das Thema geistliche Erbauung führt wieder zur Frage, welchen Sinn hat noch das Beten? Kant betont: Mit seinen Gebeten macht der Mensch Gott keine Freunde; der Mensch soll bloß nicht glauben, Gott durchs Beten sympathisch zu stimmen. Beten ist menschlich gesehen nur der ausdrückliche Wunsch, „Gott in allem Tun und Lassen wohlgefällig zu sein“ (B 302), d.h.: Es geht also um den Erwerb einer menschlichen Gesinnung, sie will mit Gott verbunden leben, und das heißt: Den Weisungen der Vernunft, in der Gott spricht, zu entsprechen.
Jesus Christus wird als Lehrer des Evangeliums verstanden, das in sich auch moralische Weisungen enthält, die in einer allgemeinen Vernunftreligion wichtig sind. Für den Weisheitslehrer Jesus von Nazareth waren nicht Gesetze, Statuten („statutarische Religion“) wichtig, sondern allein die moralische Gesinnung der Frommen. Dafür bietet Kant viele Beispiele (B 240)

6.
Aus dem Kirchenglauben entsteht – langsam – die vernünftige Religion.

Es ist keineswegs so, dass Kant den Kirchenglauben und die Vernunftreligion als völlig getrennte Welten sieht. Der Kirchenglaube geht, die Geschichte betrachtend, der Vernunftreligion voraus. Aber schon im Kirchenglauben leben Fragmente der Vernunft: Sie wird gestaltet, weil jeder Mensch, auch der kirchlich Glaubende, eben doch immer auch ein Vernunftwesen ist, in unterschiedlichen Stufen der Reflexion freilich.
Es kann sich also langsam die Vernunftreligion im Auszug und Abschied vom Kirchenglauben bilden.

7. Worauf kommt es Kant an? Die „wahre unsichtbare Kirche“.

Dieses Projekt einer aus allen historischen Kirchen entstehenden Vernunft – Religion nennt Kant das Entstehen einer unsichtbaren Kirche (B 142), sie ist die „Vereinigung aller rechtschaffenen Menschen unter der moralischen Weltregierung“. Diese unsichtbare Kirche kennt keine leitenden Kirchenbeamten , sondern ein jedes Mitglied dieser unsichtbaren Kirche „empfängt unmittelbar von dem höchsten Gesetzgeber (Gott) seine Befehle (B 227). Alle wohldenkenden Menschen werden dann Diener dieser Vernunftreligion bzw. der unsichtbaren Kirche, „doch ohne dabei Beamte zu sein“, fügt Kant hinzu.
Die Idee einer unsichtbaren Kirche ist alles andere abwegig, wenn man bedenkt, wie viele Menschen, aus moralischer Gesinnung, wie Kant sagen würde, heute aus der Verpflichtung der Menschlichkeit, sich für die Menschenrechte einsetzen. Die Liste der authentisch – humanitären Organisationen, Gesellschaften und Gemeinschaften und NGOs ist lang: Warum sollte man nicht meinen, diese solidarischen Menschen aus vielen unterschiedlichen Kulturen, Sprache und Herkunftsreligionen bilden eine Art menschliche Gemeinschaft über alle Grenzen hinweg, verpflichtet den grundlegenden Weisungen der Humanität? Bilden sie also eine „unsichtbare Kirche“?
Leider haben die sichtbaren Kirchen es bisher versäumt, mit den Mitgliedern dieser unsichtbaren Kirche in ein theologisch explizites Verhältnis der Begegnung etc. zu kommen.

8. Kants Vorläufer! Vor-Denker!

Wenn Kant die Vernunftreligion als die Religion der einen Menschheit versteht, hat er durchaus Vorläufer. Man könnte an Voltaire denken, aber auch viel weiter bei Mystikern fündig werden, etwa bei Meister Eckart und seiner Lehre vom göttlichen Funken in der Seele der Menschen oder man denke an den großen modernen Mystiker Thomas Merton, er schreibt:“Was dem Christentum zugrunde liegt ist nicht einfach eine Anzahl von Glaubenssätzen von Gott…. Ganz im Gegenteil: Die Christen versäumen es nur allzu oft zu erkennen, dass der unendliche Gott in ihnen wohnt, so dass Er in ihnen ist und sie in Ihm sind“. (in Thomas Merton, „Sich für die Welt entscheiden“, Arbor Verlag, 2009, S 59).

9. Die Aktualität

Kants Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ ist eine Aufforderung, über das festgefahrene System der Kirchen hinauszudenken, und eben auch alternativ im Sinne der Vernunftreligion zu handeln. Kants Schrift, heute eher nur bloßes Studienobjekt einiger PhilosophInnen oder „Kantianer“, ist eine Einladung, weiterzudenken:Welche Spiritualität können spirituell interessierte leben in den Krisen der Kirchen.
Die Vorschläge Kants sind natürlich weiterzuentwickeln: Wie können etwa Gesprächskreise, kleine Haus/Salon-„Gemeinden“ entstehen von Menschen, die sich der einfachen Vernunftreligion verpflichtet wissen? Wie können vielfältige religiöse Texte, auch Bibeltexte, vernünftig interpretiert, einbezogen werden in diese einfache Vernunftreligion? Dass die FreundInnen dieser „einfachen Vernunftreligion“ auch politisch sich einbringen (sollen), steht ebenso fest, ihre besondere Solidarität gilt den vom Neoliberalismus und Kapitalismus ausgegrenzten und leidenden Menschen in der Nähe genauso wie in der Ferne. Sie wissen sich verpflichtet, es nicht zuzulassen, dass die Menschen in der Klimakatastrophe in den Abgrund stürzen und Gottes Schöpfung dem Nichts ausliefern…

10. Was fehlt?
Dieser Hinweis bietet keine umfassende Auseinandersetzung mit Kants Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. Es fehlt hier die Auseinandersetzung mit Kants Darstellung des Judentums (etwa B 190). Kant stellt zum Beispiel die problematische These auf, das Christentum habe das Judentum „verlassen“, also überwunden. Die Herausgeberin des Buches, Bettina Stangneth, hat sich in anderen Publikationen ausführlich mit der Frage befasst, ob Kant als ein Antisemit zu betrachten sei, ob er sogar für Auschwitz verantwortlich sein könnte, wie manche abwegig behaupten. In einer Rezension zu der Studie „Antisemitismus bei Kant…“, Würzburg 2001 heißt es: „Die Autorin (Bettina Stangneth) legt jedoch überzeugend dar, dass diese Annahme irrig ist, da Kants antisemitische Äußerungen weniger in seinem aufklärerischen Vernunftverständnis als in tiefsitzenden, sozialisatorisch erworbenen Vorurteilen begründet sind. Seine antisemitischen und antijudaistischen Motive seien nicht so sehr im Zentrum seines Aufklärungsdenkens zu verorten, sondern beruhten größtenteils auf Gedankenlosigkeit“ (Quelle: https://literaturkritik.de/id/4505).

11. Das große Projekt
Es ist dringend, über Alternativen zum herrschenden, aber langsam in die Minderheiten-Position abrutschenden Kirchenglauben intensiv nachzudenken. Die schönsten Kirchengebäude, Kathedralen, werden sehr oft von sehr vielen nur noch als Museen wahrgenommen. Was Gebet, human – vernünftig sein könnte, wissen die wenigsten. Der Klerus klammert sich an seine Privilegien, aber er stirbt aus, mindestens in Europa und so weiter.
Wenn man den Mut hätte, einmal Bilanz zu ziehen, was die Kirchen im Laufe ihrer Geschichte alles angerichtet haben, an Gutem und Schlechtem, wird man – ernüchtert angesichts der dunklen, teils grauenhaften Kirchengeschichte- mit allem Nachdruck sich der Frage stellen müssen: „Wie lässt sich die allgemeine Vernunftreligion“ beleben, als neue religiöse Form der Verbundenheit mit Gott und dem Weisheitslehrer Jesus von Nazareth.
Aber: Bei der noch faktischen Macht der sterbenden und immer unglaubwürdiger werdenden Kirchen werden diese hier genannten Fragen sicher noch ein paar Jahre von den kirchlich immer gebundenen Theologen ignoriert, indem man wider besseren Wissens nach wie vor behauptet: Kant sei doch ein Feind des Christentums gewesen. Ich bin vom Gegenteil überzeugt: Kants Vernunftreligion „rettet“ förmlich das Christentum für heute und morgen.

Fußnote 1:
Buddhisten sind längst nicht, wie viele mein(t)en, a priori friedlich und freundlich, siehe das häßliche Gesicht des Buddhismus in Myanmar. In den verschiedenen Traditionen des Islam ist ein schwacher Widerstand gegen das herrschende fundamentalistische, also menschenrechtsfeindliche Tendenzen nicht zu übersehen. Im Judentum korrigieren liberale und reformerische Organisationen das Bild einer allmächtigen jüdischen Orthodoxie in Israel.

Fußnote 2:
Kräfte, die grundlegende Reformen, also eine Reformation des Katholizismus dringend verlangen, werden eingeschüchtert und abgewiesen. Das Gemeindeleben ist in vielen katholischen Gemeinden nahe dem Nullpunkt, weil nach katholischer Dogmatik nur ein zölibatärer Priester die Messe in den Gemeinden feiern, aber dieser zölibatäre Klerus stirbt aus, das wissen die obersten Kleriker, inklusive Papst, aber sie lassen sehenden Auges zu, wie die Gemeinden, also Formen des sozialen Miteinanders, aufgrund dieser Klerus-Fixierung sterben.
Die Liebe des Klerus zu volkstümlicher Frömmigkeit ist bis heute ungebrochen, etwa Wallfahrten, Heiligenverehrung, Kulte um heilige Knochen, Reliquien genannt usw. An die Verbrechen vieler Priester, „sexueller Missbrauch“, soll nur erinnert werden. Die römisch-katholische Kirche ist insgesamt ungläubig geworden.
Die evangelischen Kirchen werden immer mehr vom Geist des Evangelikalen geprägt, der die wortwörtliche Deutung der Bibel bevorzugt und die Sexual-Moral des 19. Jahrhunderts für „typisch christlich“ hält. Man denke auch daran, das bis heute weite Kreise der Evangelikalen in den USA zu den heftigsten Verteidigern von Trump bzw. der reaktionären Republikanischen Partei gehören.
Was die Orthodoxen Kirchen angeht, so ist deren Bindung an die nationalen und nationalistischen Ideologien ihrer „Stammländer“ im Osten Europas nicht zu übersehen, der oberste Kleriker Russlands, Patriarch Kyrill I. von Moskau ist als theologischer Kriegstreiber ein Verteidiger der mörderischen Aktionen des sich orthodox nennenden Staatschefs Putin.
Diese Andeutungen zur aktuellen Situation des Christentums müssen genügen, von Afrikas Kirchen wäre zu sprechen, von der dort herrschenden Macht der bunten Fülle evangelikaler Kirchen und der Pfingstgemeinden.

Fußnote 3: zu Voltaire: LINK

Fußnote 4: Remonstranten, Link zum Glaubensbekenntnis.

Immanuel Kant, „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. Felix Meiner Verlag Hamburg, 2003, mit einer Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Bettina Stangneth. 368 Seiten., 22,90 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Pfingsten – Fest der Philosophen? Ein Vorschlag von Hegel!

Ein Hinweis von Christian Modehn.
   Dieser Beitrag wurde im Mai 2021 publiziert, aus aktuellem Anlass im Juni 2022 noch einmal.

1.

Der Beitrag versucht, Pfingsten, das Fest des Geistes, des heiligen, vernünftig zu erklären: Pfingsten ist nicht das Fest, das dem charismatischen Trallala von Charismatikern und Pfingstlern überlassen werden darf. Pfingsten ist ein Fest der absoluten Bedeutung und Würde eines jeden Menschen und deswegen auch ein Impuls, politisch Gerechtigkeit zu gestalten: Im Sinne der wesentlichen Gleichheit und Würde aller Menschen.

2.

Für den Philosophen Hegel (1770 – 1831) ist Pfingsten als Fest des Geistes von höchster Bedeutung. Pfingsten kann im philosophischen Sinn ein Tag des geistvollen Gesprächs sein, ein Tag der Debatte, der Feier (für Hegel niemals ohne Wein !) und der Reflexion darüber, wie eine geistvolle, also menschenwürdige Gesellschaft mit einem Rechtsstaat gestaltet werden kann. Pfingsten also: Ein Fest der Vernunft.

3.

Wer philosophisch nach der Bedeutung des Pfingst-Festes fragt, also jenes Feiertages der Erinnerung an die Gabe des „heiligen Geistes“ an die Gemeinde nach dem Tod und der Auferstehung Jesu von Nazareth, der sollte sich auch an den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel erinnern.
Er ist der Philosoph des Geistes: Seine Philosophie hat den Geist als ihr Thema und sonst eigentlich nichts, könnte man sagen. Diese Erfahrung der alles gründenden Bedeutung des Geistes könnte man auch „Voraussetzung“ des Denkens Hegels nennen. Dabei ist es selbstverständlich: Eine reflektierte und kritisch betrachtete Voraussetzung als Philosoph zu haben ist an und für sich jeder Philosophie eigen, auch für die „Materialisten“. Vielen Menschen ist, wie schon einige Jahre nach Hegels Tod, der Geist, auch das Erleben des eigenen Geistes, so fern und fremd, dass es einer neuen Anstrengung bedarf, sich auf die Geist-Philosophie einzulassen und sie als Hilfe zu sehen, das eigene Leben transparenter werden zu lassen.

4.

Um gleich den Kern der Hegelschen Geist – Philosophie anzudeuten: Die Philosophie hat im Hegelschen Selbstverständnis „keinen anderen Inhalt als die christliche Religion. Aber die Philosophie (Hegels) gibt (d.h. gestaltet C.M.) den christlichen Inhalt in der FORM DES DENKENS. Die Philosophie stellt sich so nur über die Form des Glaubens, der Inhalt ist derselbe“ (in: „Vorlesungen über die Philosophie der Religion“, II., Suhrkamp, S. 341).
Mit anderen Worten: In der Philosophie wird der christliche Glaube in die Klarheit und Systematik des Denkens und des Gedankens geführt, der Glaube wird nur der gedanklichen Form nach verwandelt und „aufgehoben“, also bewahrt und auf eine neue Ebene gehoben. Unter dieser Bedingung schaut Hegel die überlieferten Begriffe und Ereignisse der christlichen Religion an. Dabei wird der Begriff, das Denken, zum Kriterium in der „philosophischen Übersetzung“ christlicher Ereignisse: Hegel schreibt: „Das Denken ist der absolute Richter, vor dem der Inhalt (auch der Religionen) sich bewähren und beglaubigen soll“ (ebd., S. 341).

5.

In seiner „Philosophie der Religion“, in Berlin als Vorlesung mehrfach vorgetragen, spielt deswegen auch das philosophisch zu verstehende Pfingst–Ereignis eine zentrale Rolle. Hegel erörtert dieses Thema ausführlich im Kapitel „Die Idee im Element der Gemeinde: Das Reich des Geistes“, in dem es – theologisch formuliert – um die Wirklichkeit der Kirche, der Gemeinde, geht. Das heißt: Nach der unmittelbaren Erfahrung der historischen Gestalt Jesu ereignet sich also mit dem Pfingstfest der Übergang des Verstehens weg vom äußeren, historischen Ereignis hin zu einem „geistigen Element“, wie Hegel schreibt (ebd., S. 301). Indem das Neue Testament lehrt, der Geist sei „ausgegossen“ in die Gemeinde und letztlich über alle Menschen, übersetzt der Philosoph diese Erfahrung in die Worte: “Die Subjektivität erfasst nun ihren unendlichen Wert: Vor Gott sind alle Menschen gleich“: Damit werden auch politische Perspektiven der freien Gestaltung von Staat und Gesellschaft eröffnet, die Hegel ausführlich entwickelt. Die vernünftige Freiheit muss die Welt bestimmen, wahre Versöhnung, also „Erlösung“ im christlichen Sinne, „besteht in dem sittlichen und rechtlichen Staatsleben“ (S. 332).
Aber entscheidend bleibt: Pfingsten ist das Symbol dafür, dass Gott und Mensch, Gott und die Menschheit, sich nicht mehr als Fremde und Ferne entfremdet und unversöhnt gegenüberstehen. Pfingsten ist das Symbol für die innerste Einheit von Göttlichem und Menschlichen, von Gott und Welt. Dies allein könnte man sagen ist der Focus, auf den sich Hegels Philosophie ALS Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie konzentriert.

6.

Uns interessiert hier im Zusammenhang des Pfingstfestes Hegels deutlicher Hinweis auf die in den Menschen „gegenwärtige Göttlichkeit“ (durch den Heiligen Geist) (S. 305). In der Gemeinde (Kirche) sammeln sich diese nun mit dem göttlichen Geist beschenkten Menschen.
Man muss als philosophischer Leser den anspruchsvollen philosophischen Aussagen tatsächlich standhalten, etwa wenn Hegel sagt: „Dies ist der Glaube der Gemeinde: Der einzelne Mensch wird gewusst als Gott und (d.h. präziser, CM) mit der Bestimmung, dass er der Sohn Gottes sei, mit all dem Endlichen befasst, das der Subjektivität als solcher in ihrer Entwicklung angehört“ (S. 312). Der Mensch ist als endlicher Mensch zugleich Sohn Gottes, ein gewaltiger Anspruch, der schon im Neuen Testament grundgelegt ist. Und den Hegel nur philosophisch reflektiert.

7.

Im Gedenken an Pfingsten wird der Mensch, jeder Mensch, zu einem mit Gott verbundenen Wesen erhoben. So ist, wie Hegel schreibt, „die Versöhnung an und für sich vollbracht“ (S. 318). Gott und Mensch sind nicht länger Fremdes. Sie sind – in gewisser Hinsicht – eins.

8.

Aber Versöhnung ist für Hegel stets praktisch-politisch, es geht entschieden um die Gestaltung der Freiheit in der Welt (Staat, Gesellschaft). Pfingsten ist insofern ein politisches Fest der Freiheit. Dabei traut Hegel diese Leistung, den Rechtsstaat mit zu gestalten, ausschließlich der protestantischen Religion zu. Der römische Katholizismus ist für ihn nach wie vor zu stark in der mittelalterlichen Welt befangen und in seinem Glauben zu veräußerlicht (Wunderglauben, Reliquien…) und als klerikale Organisation auch korrupt. Das heißt nicht, dass Hegel nicht auch die Engstirnigkeit des zeitgenössischen Protestantismus kritisiert hätte oder gar am Katholizismus wichtige erfreuliche Elemente gesehen hätte, wie etwa eine gewisse Vorliebe fürs philosophische Denken im Mittelalter.

9.

Trotz der Erkenntnis, dass „an sich“ die Versöhnung, also die innere Einheit von Gott und Mensch, geschehen ist, bleibt doch die Tatsache: Dass in der weltlichen, der politischen Wirklichkeit (auch zur Zeit der Vorlesungen Hegels in Berlin) noch Verwirrung, Zwiespalt und Entfremdung fortbestehen. „Diese Versöhnung ist selbst nur eine partielle, ohne äußere Allgemeinheit“ (S. 343, Vorlesungen über die Philosophie der Religion II.). Dies muss Hegel am Ende seiner Vorlesungen mit Melancholie, wenn nicht Hilflosigkeit eingestehen. Mit anderen Worten: Der Geist von Pfingsten als Geist der Versöhnung und Freiheit muss sich erst noch umfassend durchsetzen!

10.

Uns interessiert noch ein Aspekt, der bisher in der Hegel-Forschung nicht so starke Berücksichtigung findet: Die eher versteckt, implizit anwesende mystische Dimension seines Denkens. 1830 sagte Hegel in einer Rede anlässlich der „Erinnerung an die Augsburgische Konfession von 1530“: „Gott wollte den Menschen zu seinem Ebenbild und seinen Geist, der ein Funke des ewiges Lichts ist, diesem (göttlichen) Licht zugänglich machen“. (S. 33, in den „Berliner Schriften“, Ausgabe Meiner, S 33).
Der menschliche Geist als „Funke des ewigen Lichtes“: Diese Formulierung erinnert an den mittelalterlichen Philosophen und „Mystiker“ Meister Eckhart, für den sich die Verbindung des Menschen an Gott in dem Begriff “göttlicher Funke“ ausdrückt. In seinen „Vorlesungen über die Philosophie der Religion“ erwähnt Hegel Meister Eckart ausdrücklich als Vorbild im Verstehen der christlichen Religion als einer Lehre, die die Einheit von Göttlichem und Menschlichen entfaltet. Diese Einheit ist „das Innerste“ des Christentums. „Meister Eckart, ein Dominikanermönch, sagt unter anderem in einer seiner Predigten über dies Innerste: Das Auge, mit dem mich Gott sieht, ist das Auge, mit dem ich ihn sehe…“ (S. 209). Und Hegel legt allen Wert darauf zu betonen, dass diese Einheit von Gott und Mensch alles andere als „Pantheismus“ sei.
 In seinen Vorlesungen zur „Geschichte der Philosophie“ bietet Hegel nach der Darstellung der in seiner Sicht oberflächlichen und verstandesmäßig abstrakt argumentierenden mittelalterlichen Scholastik auch ein knappes Kapitel zur „Mystik“ (in der Suhrkamp Werkausgabe II, S. 583 ff.) Dabei nennt er Meister Eckart nicht, hingegen z.B. ausführlicher Raimundus Lullus. Im Unterschied zur Scholastik sieht Hegel in den Mystikern „edle Männer, die der scholastischen Sucht nach Verendlichung aller Begriffe „gegenüberstanden“ (S. 583). Er nennt Mystiker „fromme, geistreiche Männer“, die „echtes Philosophieren betrieben haben”.
Dieser „göttliche Funke“ führt, so Hegel in seinem Vortrag im Jahr 1830, nicht nur in eine höhere Erkenntnis, sondern vor allem in die Liebe zu Gott.
Die mystische Erfahrung bleibt für Hegel immer bedenkenswert.

11.

Eine Zusammenfassung: Hegel hat also zu Pfingsten einen vernünftigen Vorschlag zu unterbreiten: „Pfingsten ist das Fest der Anwesenheit des Göttlichen, des Ewigen, modern formuliert: der tragenden Sinnerfahrung, in jedem Menschen“. Pfingsten ist das Fest des Ewigen, anwesend in einem jeden. Das Ewige als das Göttliche überdauert das Endliche, auch der Geist des endlichen Menschen hat dadurch „ewige Dauer“.
Aber diese geisterfüllte Lebensform muss der Mensch sich „erarbeiten“: „Ich soll mich dem gemäß machen, dass der Geist in mir wohne, das ich geistig sei. Die ist meine, die menschliche Arbeit. Dieselbe ist Gottes von seiner Seite. Er bewegt sich zu dem Menschen und ist in ihm durch Aufhebung des Menschen. Was als mein Tun erscheint, ist alsdann Gottes Tun. Und ebenso auch umgekehrt“ (Vorlesungen über die Philosophie der Religion, I, Suhrkamp Verlag, S. 219).

12.

Nebenbei: Es ist bemerkenswert, dass Voltaire, wahrlich alles andere als ein Verteidiger der alten kirchlichen Dogmatik, in seinem Buch „Philosophisches Wörterbuch“ (1764) schreibt: „Möglicherweise gibt es in uns etwas UNZERSTÖRBARES, das empfindet und denkt, ohne dass wir die geringste Vorstellung davon haben, wie dieses Etwas beschaffen ist“ (Reclam, Leipzig, 1967, S. 82).
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ein „Legionär Christi“ wird Kardinal.

Der Orden der Skandale, der Orden mit einem „zutiefst unmoralischen“ Ordensgründer, wird offiziell rehabilitiert und von Papst Franziskus belohnt.

Ein Hinweis von Christian Modehn.    Es gibt in diesen Kriegszeiten gewiss sehr viel dringendere Themen als schon wieder dieses leidige Thema “Legionäre Christi”.  Aber Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist als Religionskritik auch verpflichtet, problematische Entwicklungen in den Kirchen wahrzunehmen und darzustellen. Dazu gehören auch Entwicklungen, die sich hinter einer üblichen Kardinalsernennung verbergen. In der Form von Kardinalserennungen zeigt der Papst, zeigen die Päpste, immer ihre Allmacht: Sie können in absoluter Eigenmächtigkeit Kleriker zu Kardinälen ernennen, die später einmal den Pontifex MAXIMUS wählen, also den allerhöchsten und unfehlbaren Pontifex, den ersten aller Bischöfe.

1.
Der katholische Orden „Legionäre Christi“ und die von ihm geleitete Bewegung von Laien „Regnum Christi“ wurde begründet und Jahrzehnte lang geleitet von einem Priester, der in der kritischen Presse als „Verbrecher“ bezeichnet wird. Sein Name ist Marcial Maciel (1920-2008). Seine Untaten sind kaum aufzuzählen: Er war als pädosexueller Verbrecher zugleich auch ein Erbschleicher bei seinen sehr wohlhabenden Freundinnen. Der Ordengründer Maciel hat, so sagt der Orden jetzt selbst, mindestens 60 Kinder und Jugendliche mißbraucht, sogar seinen eigenen Sohn. Er hat aus seinem Orden ein mächtiges Finanzimperium gemacht, in dem er als „Generaldirektor“ (so der offizielle Titel in diesem Orden) schaltete und waltete wie ein Diktator. Er war nachgewiesen ein Freund von Papst Johannes Paul II. Denn er hatte die entscheidende Tugend: Nach außen treu und absolut die dogmatische Welt des Vatikans verteidigen. Diese Tatsachen sind bekannt und sie wurden, seit 2009 vom Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin, dokumentiert und kommentiert. LINK.

2.
Jetzt ist dieser Orden, der seinen verbrecherischen Gründer namentlich in der Öffentlichkeit nicht mehr nennt, rehabilitiert. Ihm werden jetzt sozusagen höchste Weihen verliehen: Papst Franziskus hat entschieden, den führenden Verwaltungschef des Staates „Vatikan-Stadt“, den 77 jährigen spanischen Legionär Christi, Bischof Fernando Vérgez Alzaga, zum Kardinal zu ernennen. Durch eine solche höchste Erhebung eines Mitglieds der Legionäre Christi wird der Orden selbst öffentlich geehrt, er kann sozusagen als normal, als respektiert gelten: Die Verbrechen des Gründers werden förmlich zugedeckt und ins allgemeine Vergessen geschoben. Vergez Alzaga ist ein der Verwaltung des Staates Vatikan schon seit vielen Jahren (seit 1972) dienender Technokrat und Finanzfachmann. Solche Leute brauchte Papst Franziskus, er hat den Legionär schon im August 2013 (als die Verbrechen des Ordensgründers noch weltweit dokumentiert wurden) zum Generalsekretär des „Governatorats der Vatikanstadt“ ernannt und somit zum stellvertretenden Regierungschef des Vatikanstaates.

3.
Vielleicht wird also in absehbarer Zeit ein Mitglied dieses hoch belasteten Orden sogar Papst? Prinzipell wäre das möglich. Dann würde die ganze Kirche, auch der Vatikan, vielleicht noch reicher und wohlhabender…Die Ernennung eines Legionärs Christi jetzt (Mai 2022) zum Kardinal ist ein weiterer Hinweis auf die theologische Unentschlossenheit und Unausgeglichenheit von Papst Franziskus. Er kann nicht oder er will nicht konsequent einen Kurs der Kirchenreform steuern und dabei etwa auch einen Orden, wie die Legionäre Christi mit ihrem verbrecherischen Gründer Pater Marcial Maciel “rechts liegen und einschlafen lassen”. Eigentlich hätte dieser Orden schon 2005 aufgelöst werden müssen, sagten viele mißbrauchte Ex-Legionäre Christi damals, aber … die Legionäre Christi hatten (und haben) im Vatikan zu viele Freunde. Nebenbei: Nach den Pädophilen-Skandal im Orden der Schulpriester (Piaristen),  wurde diese Gemeinschaft,kurz nach der Gründung,  für einige Zeit aufgelöst. LINK.

4.
Die Ernennung eines Legionärs zum Kardinal ist, milde gesagt, ein heftiger Einschnitt, manche Beobachter nennen diese Ernennung einen Skandal.
Ist erst mal ein Legionär Christi ein Kardinal, dann genießt der Orden wieder eine Reputation. Er ist förmlich “normalisiert”. Dann können die vielen jungen konservativen Legionäre in die Bistümer (warum nicht auch Deutschlands?) strömen und hier ihre konservative Theologie verbreiten, die letztlich darauf hinausläuft: Mehr Mitglieder für den Orden zu finden und neue Geldquellen für den Orden ausfindig zu machen … sagen einige kritische Beobachter.

5.
Und der Papst ignoriert auch zentrale Entwicklungen der politischen Gegenwart: Angesichts des Krieges Putins gegen die Ukraine wäre die Ernennung eines der vielen katholischen Bischöfe der Ukraine zum Kardinal ein Zeichen gewesen, auch gegen den Kriegs-Verbrecher Putin. Aber nein, Papst Franziskus ernennt, prinzipiell sehr originell und sehr löblich, den Apostolischen Vikar (so der bescheidene Titel, er ist kein „Bischof“) ausgerechnet der Mongolei zum Kardinal. In der Mongolei leben ca. 1.300 (eintausenddreihundert) Katholiken. Die Mongolei ist “nur” 5.300 km von der Ukraine entfernt, so können sich die verzweifelten Menschen in der Ukraine ein bißchen mit-freuen … über den Kardinal im mongolischen Ulan Bator.

Weitere Informationen über die Legionäre Christi und ihren kriminellen Ordensgründer und Freund des heiligen Papstes Johannes Paul II, Pater Marcial Maciel: Siehe LINK:

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Vatican news schreibt am 29.Mai 2022:
Fernando Vérgez Alzaga L.C.: Der Legionär Christi wurde am 1. März 1945 in Salamanca (Spanien) geboren. Er war bereits seit 1972 in verschiedenen Funktionen an der Kurie tätig, darunter Büroleiter an der vatikanischen Güterverwaltung und Telekommunikations-Chef des Vatikans. Seit 2013 war er zunächst Sekretär des vatikanischen Governatorates, also der Behörde, die für die Verwaltung des Vatikanstaats verantwortlich ist. Im Oktober 2021 wurde er dann Nachfolger von Kardinal Giuseppe Bertello an der Spitze des Governatorates.

Maria Maienkönigin… und religiöse Illusionen.

Pseudo-Romantik in einer entzauberten Welt.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 2.5.2020, am 2.5.2022 noch einmal etwas bearbeitet.

1.
Die Zeit der Maienkönigin hat begonnen: Denn der Mai hat auch einen katholischen Titel: Marienmonat! Im Mai verehren Katholiken ihre gemeinsame Königin. Sie heißt Maria und ist die Mutter des armen Jesus von Nazareth, der am Kreuz hingerichtet wurde. Aber diese Mutter wurde post mortem sehr schnell von der „Schmerzensmutter“ zur glorreichen Gestalt umgewidmet. Der „Wonnemonat Mai“ ist ihre Hoch-Zeit.
2.
Maiandachten, in weiten Teilen Europas meist am Abend zelebriert, finden in diesen Corona – Zeiten wahrscheinlich nicht öffentlich statt. Aber die Wochen und Monate der Pandemie sind religionspolitisch besondere Epochen: Viele sehr hohe katholische Kirchenführer nehmen diese tiefe Krise der Menschheit als ihre Chance wahr, wieder abergläubige Praktiken (Ablass, Reliquienverehrung usw.) zu empfehlen und zu praktizieren. Es ist diese starke Rückkehr des Irrationalen, die einige Theologen eigentlich „auf die Barrikaden“ bringen sollte, wenn sie denn am Wert einer vernünftigen christlichen Religion Interesse haben. Aber das haben offensichtlich wenige. Denn sonst gäbe es einen Aufschrei gegen den Wahn des Aberglaubens – in katholischen Kreisen – heute.
Und zu diesen höchst populären Glaubenshaltungen gehört auch die Maiandacht. Sie ist förmlich der Inbegriff einer ganz auf mysteriöses Inhalte fixierten, manchmal sich „poetisch“-reimend frisiert gebenden katholischen (Volks-)Frömmigkeit.
3.
Ich habe als Kind und Jugendlicher viele Maiandachten erlebt und mitgemacht. Wer sie in Kirchen mitfeierte, die von der Natur umgeben waren und dabei die Blumen und Bäume sah, die Sonnenstrahlen oder einen plötzlichen Regen erlebte, der fühlte sich in eine Naturmystik entrückt, in der Welt und Umwelt so fantastisch schön, so „entzückend“ und entrückend durchstrahlt war. Was war die Welt und die Kirche doch – dem Scheine nach – friedlich. Und die Leute fühlten sich geborgen in einem Dunst und Duft des Mysteriösen und Unbegreifbaren, die Lieder sorgten für diese Entrückung ins “Vorgeburtliche”. Aber schön, war es doch, sagen manche.

Und Maria war die mütterliche Herrscherin, ganz anders als der strafende Gott: „Maria, wir rufen zu dir, Mutter Gottes, wir rufen zu dir“, wurde förmlich gegrölt. „Dich loben die Chöre der Engel“ usw… Dann wurde nach dem „Ave Maria“ sanft das Lied „Es blüht der Blumen eine“ gesungen und zum Schluss „Maria breit den Mantel aus“. Alles voller Inbrunst gesungen. Es war auch der Schrei der leidenden, vielleicht sogar geknechteten Kreatur… Ich hatte –als Jugendlicher – das undeutliche Gefühl, dass sich da aber auch eine große Gruppe eigentlich sonst doch verständiger Menschen in einen Rausch hinein begeben hatte. Dieser Rausch wurde exzessiv, wenn spezielle „schlesische Maiandachten“ gefeiert wurden, bei denen Lieder wie „Über die Berge schallt, lieblich durch Flur und Wald, Glöcklein dein Ruf“ geschmettert wurden. In der Zeit meiner Jugend waren die Kirchen noch voll, selbst in Berlin Ost und West! Und den Teilnehmern – auch den Priestern – war es schlichtweg egal, ob diese Gottesmutter bereits von den Frommen als Göttin verehrt wurde oder nicht. Hauptsache, die Stimmung stimmte.

Und die meisten TeilnehmerInnen der Mai-Andachten waren gerührt, fühlten erhoben, geborgen, hatten Tränen in den Augen, etwa, wenn sie zum Schluss das Lied sangen “Sei Mutter der Barmherzigkeit, sei Königin gegrüßet…” Ich sehe die Frauen, offenbar leidend, noch vor mir, als Kind, in der St. Martin-Kirche in Kaulsdorf -Mahlsdorf in Berlin-Ost, auch die alte Dame, Reihe 13, in einer Bank, die fast kaputt war, ganz hinten, da wurde geschluchzt und gefleht, da wurde die Königin angerufen, ausgerechnet in der DDR, dass dies auch ein frommer Protest war, dies war den meisten wohl nicht bewusst. Eine Himmelskönigin in der DDR, was hätte Ulbricht dazu gesagt? Er hatte doch nur seine Lotte.
4.
Man könnte sich natürlich auf den Standpunkt stellen: Jeder und jede soll glauben, was er und sie will, selbst wenn die Inhalte hochgradig esoterisch sind. Das kann solange richtig sein, als dieser esoterische Inhalt nicht allgemein ins Politische und damit „Allgemeine“ hineingezogen wird. Und das ist auch mit dem Marien/Maien-Lied „Es blüht der Blumen eine“ (gemeint als Blume ist natürlich Maria) passiert. Diese Zusammenhänge hat das wichtige, kritische Buch des Literaturwissenschaftlers Hermann Kurzke (Prof.em. Uni Mainz) und der Historikerin Christiane Schäfer freigelegt, „Mythos Maria“ ist der Titel ihrer grundlegenden, wichtigen Studie. Der Untertitel „Berühmte Marienlieder und ihre Geschichte“ (C.H. Beck Verlag, 2014). Das Buch hat meines Erachtens leider nicht die gebührende Aufmerksamkeit gefunden.
5.
Zum Lied “Es blüht der Blumen eine...“: Das Lied wurde etwa im 1. Weltkrieg an der Front als Trost präsentiert, denn in der 3. Strophe heißt es: “Und wer vom Feind verwundet, zum Tode niedersinkt. Von Ihrem Duft gesundet, wenn er ihn gläubig trinkt“. Abgesehen von den miserablen Reimen und dem Irrsinn, als könne der Soldat Marias Duft trinken: Dieses Lied war Bestandteil des „Feldgesangbuches“ im Ersten Weltkrieg, betonen die Autoren (Seite 80). „Maria wird zur Sterbehelferin… das unschuldige Lied macht nun das Unaushaltbare aushaltbar. Oppositionelle Regungen werden besänftigt, diszipliniert, abgelenkt und eingeschläfert“ (83f.). Aber auch das Marienlied „Geleite durch die Welle…“ wurde für den Kampfgeist der deutschen Soldaten instrumentalisiert. In der 7. Strophe heißt es: „Beschirme unsere Krieger, du mächtigste der Frauen, führ bald sie heim als Sieger, in ihrer Heimat Auen. Und lass alle Wunden an Leib und Seel gesunden, Maria, o Maria hilf“. (ebd. 79). Der Marienkult als nationalistisches Opium, auch als geistiges Versagen der Kirche! Denn etwas anderes als diesen Singsang, „Schmarrn“ sagen die Bayern, oder kluge, tausendmal hin und her gedrehte diplomatische Worte zum Kriegswahn und dem Nationalsozialismus hatte sie doch nicht entgegenzusetzen, oder? Diese Kirchenführer und mit ihnen viele Gläubige meinten allen Ernstes, dass da im Himmel eine Jungfrau sitzt, Maria genannt, die ihren Sohn und den lieben Gott-Vater bettelt, doch die Gebete der Soldaten an der Front zu erhören. Oder besonders diesen frommen Fritz, warum nicht auch einen Walter? Aber sollte Pierre aus Frankreich beschützt werden oder sogar der Sowjetsoldat Wladimir? Da gab es sicher heftige himmlische Debatten! Dieses himmlische Helfer-System, selbst wenn es mütterlich gefärbt ist, den armen Menschen einzureden schon vor dem Krieg, ist in meiner Sicht ein theologisches Vergehen, selbst wenn diese Dosierung Opium in letzter Minute vielleicht beruhigt. Was haben diese Kirchenführer nur aus dem christlichen Glauben gemacht, fragt sich der theologische Beobachter: Mit diesen Liedern hat man die nachdenklichen Menschen aus der Kirche getrieben, die jungen besonders. Man sieht heute die Ergebnisse dieses Festhaltens an einem irrationalen Wahn im Katholizismus. Maiandachten sind, abgesehen von touristischen oder folkloristischen Veranstaltungen in Oberbayern nicht mehr en vogue. Die Königin wird vielleicht noch gesucht, aber nicht mehr in der Gestalt der Mutter Jesu, sondern eher in der Figur der Schönheitskönigin…
6.
Die Autoren, von der Kirche und ihrer Theologie unabhängig, analysieren in diesem Kapitel ihres Buches noch jede einzelne Strophe dieses Songs „Maria, Maienkönigun…“. In der 3. Strophe geht es um die Stellung der Frauen: “Behüte uns mit treuem Fleiß, o Königin der Frauen! Die Herzensblüten lilienweiß, auf grünen Maies-Auen“.
Die Frauen sollen „mit treuem Fleiß“ behütet werden, von der im Himmel agierenden Maienkönigin. Warum nur die Frauen? Aber diese Frauen sind die „Herzensblüten lilienweiß auf grünen Maies-Auen“. Die lilienweißen (unschuldigen) Frauen werden förmlich in den Himmel erhoben. Und Maria möge sich dann bitte auch um „die kalten und glaubensarmen Seelen“ kümmern, wie es dann in der 6. Strophe heißt…. Die Autoren von „Mythos Maria“ schreiben: “Die Textanalyse hat Nebel zum Ergebnis, die Stimmungen bedient …. dieser Nebel ist überall dort einsetzbar, wo man Nebel braucht – im Interesse von Majestäten und Autoritäten, im Interesse von Desinformation und Aufklärungsverhinderung, im Interesse von Fortschrittsverweigerung zugunsten nostalgisch aufgeladener Vergangenheitsbeschwörung“, schreiben die beiden Autoren sehr treffend. Kein Inhalt eines Marienliedes fällt wohl katastrophaler aus als dieses, “Maria Maienkönigi, dich will der Mai begrüßen…”
7.
Dieses Lied  war noch in dem Gesangbuch fürs Bistum Berlin „Ehre sei Gott“ (auch Ost-Berlin, 1958) als Nr. 218 vertreten! Das Lied ist auch in einigen Ausgaben des neuen Gesangbuches „Gotteslob“ in einigen Bistümern zu finden, über You Tube ist es noch erreichbar, als letztes Zeichen einer hoffentlich vergangenen Welt?
8.
Warum hat die katholische Kirche eigentlich nie das wunderbare Lied der jungen Frau Maria weit verbreitet und nicht nur auf Latein singen lassen, das Lied, das sich „Magnificat“ nennt und im Neuen Testament einen wunderbaren Platz (Lukas Evangelium, 1. Kapitel) hat. Ich denke, es liegt daran, dass die Gläubigen auch an die mächtigen Herren der Kirche hätten denken müssen, wenn sie den Text auf Deutschen hätten singen dürften: „Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“. Die Laien, die kleinen Leute… vor allem die armen Frauen werden erhöht, welch eine Utopie. Auch für eine herrschaftsfreie römische Kirche…Niemals wurde dieses Lied in Europa gesungen, in Lateinamerika eher, etwa auf der Insel Solentiname, mit Ernesto Cardenal, dem Mystiker und Poeten in Nikaragua…
9..
Ich möchte diesen Hinweis beenden mit einem Hinweis der Autoren: „Die Maienkönigin ist keine pralle Naturgottheit aus dem Geist eines sinnlichen Heidentums. Sondern nur ein dürftiges Nachtschattengewächs der Gegenaufklärung“: Clemens Brentano, der romantische Erbauungsschriftsteller, gehörte zu dieser Gegenaufklärung sowie Eichendorff, Friedrich Schlegel, Joseph Görres, später sein Sohn Guido Görres, der große Propagandist der Maiandachten…
10.
Im Jahr 1940 erschien im „Wehrverlag Joseph Bercker“ ein katholisches „Militär – und Gesangbuch. Es wurde herausgegeben von dem Feldbischof der Wehrmacht Franz Justus Rarkowski, er ist interessanter Weise Mitglied der katholischen Ordensgemeinschaft „Gesellschaft Mariens, Maristen“ mit der offiziellen Abkürzung des Ordens „SM“! Von diesem Marienverehrer und Mlitärbischof heißt es bei wikipedia:: „Bischof Rarkowski hatte eine mangelnde Distanz zum nationalsozialistischen Regime …So schrieb er in einem so genannten „Hirtenbrief“ vom „bolschewistischen Untermenschentum“ und wünschte den verwundeten Soldaten, dass jeder von Euch recht bald genese und sich auf dem Platz, den er einnimmt, weiterhin im Dienste des Führers, Volk und Vaterland bewähre. Dazu verhelfe Euch der allmächtige Gott …“). Hitler bezeichnete der Bischof als „Vorbild eines wahrhaften Kämpfers...“

Dieser Nazi-Freund und Militärbischof hatte also in dem von ihm herausgegeben Gesangbuch für die Soldaten auch Marienlieder (leider ohne Noten, diese fehlten doch wohl auch an der Front?! aufnehmen lassen. Nr. 96 ist das schon genannte „Es blüht der Blumen eine…“, Nr 98 ist „Geleite durch die Welle…“ Nr. 107 ist das Lied „Mutter dich rufen wir…“. Dort wird es skandalös: Es heißt in Strophe 3: „Schirme im Feuer den kämpfenden Schwarm, stähle den Helden zur Abwehr den Arm, stärke die Herzen mit flammenden Mut freudig zu opfern das Leben, das Blut“ , ein Lied, das schon im 1. Weltkrieg gesungen wurde.
Ich betone: Dieses Lied ist eine Gotteslästerung. Und wenn man den Begriff noch will: Dieses Lied ist auch eine Häresie. Aber es galt offiziell selbstverständlich als gut-katholisch. Als häretisch galten für die Hierarchie die wenigen “anderen”, die katholischen Friedensfreunde etwa, wie der Dominikaner-Pater Franziskus Stratmann vom „Friedensbund der deutschen Katholiken“. Was für eine Schande, diese Verteufleung eines vernünftigen Pazifisten in der Weimarer Republik und unter Hitler.
11.
Wie tief ist die Kirche mit diesem ganzen Marien-Kult bis heute gesunken? Sie ist zur Religion der Beliebigkeit geworden, des Göttinnen-Glaubens im Christentums. Das muss ja nicht falsch sein, abre das Thema sollte als solches debattiert wertden. Maria als Göttin, warum sollte man das nicht kritisch prüfen?
12.
Wahrscheinlich brauchen viele Menschen, auch viele Christen, eine weibliche Gottheit. Das wissen viele Theologen, aber sie sagen es nicht öffentlich. Wie zwiespältig ist auch der klassische Marien- Titel „Gottes-Mutter“? Denn wenn, diesem Bild folgend, Maria als Gottes – Mutter eben einen Gott zur Welt bringt, dann kann sie doch selbst auch schon vor der Gottes-Geburt Göttin gewesen sein. Oder? Wenn das nicht so ist, sollte man bitte auf den uralten, aber falschen Titel „Gottesmutter“ verzichten. Genauso, wie man aufhören sollte, Jesus von Nazareth, theologisch oberflächlich gedacht, „Gott“ zu nennen. Aber das ist ein anderes Thema.

Das empfehlenswerte Buch „Mythos Maria“ umfasst 303 Seiten, es kostet 24,95 EURO. Verlag C.H.Beck. Es enthält hoch interessante Studien zu 12 Marienliedern, darunter „Maria durch ein Dornwald ging“, „Mein Zuflucht alleine, Maria die reine“, „Segne du Maria, segne mich dein Kind“ (übrigens das „Lieblingslied des Marienkindes” und verständnisvollen Vertuschers pädosexueller Verbrechen des Klerus Kardinal Joachim Meisner von KÖLN).

13.

Wer möchte nicht bei dem Thema mit dem Marienlied enden: „Maria zu lieben ist allzeit mein Sinn“? Fragt sich nur welche Maria wollen wir lieben. Natürlich die Maria des biblischen Magnificat, die Gott preist, weil er die Mächtigen vom Thron stürzt. Hat er leider nur selten gemacht, es waren wohl zu viele Kirchenfürsten und Politiker, Diktatoren  und Milliardäre und Manager, die er da hätte vom Thron stürzen müssen…

Falls man noch eine Bibel zur Hand hat, bitte nachlesen: Lukas, 1,46-55.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die französischen Bischöfe sind nicht gegen Marine Le Pen. Die Schande.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 20.4.2022. Wieder ist Religionskritik und Kirchenkritik eine aktuelle Hauptaufgabe der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie…

Die angesehene katholische Tageszeitung “La Croix”, Paris, publiziert am 20.4.2022 ein Interview mit dem katholischen Soziologen und Theologen Jean-Marie Donegani, Paris, über die immer größere Bereitschaft der Katholiken, der so genannten praktizierenden Katholiken besonders,  für die rechtsextreme Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen am 24.4.2022 zu stimmen.

Die Nerven in Frankreich liegen blank, einige Tage vor der entscheidenden Präsidentschaftswahl. Wird die rechtsextreme Marine le Pen Präsidentin? Dann hätte auch Europa riesige Probleme, zusätzlich zum Krieg Putins gegen die Ukraine und der Covid-Pandemie usw…

Und das Unglaubliche, aber Faktische ist: Etwa 40 % der praktizierenden Katholiken haben im ersten Wahlgang bereits rechtsextrem gewählt. Sie folgen damit der Mutlosigkeit, Ignoranz und Demokratiefeindlichkeit (?) der französischen Bichöfe, die offiell in ihren Verlautbarungen nicht vor den Rechtsextremen warnten und damit alle Prinzipien der katholischen Soziallehren ignorierten. Sind diese Herren Bischöfe selbst etwas sehr rechtslastig? Bei einigen, wie dem Bischof von Fréjus oder von Bayonne, ist diese Tendenz allgemein bekannt!

Professor Donegani sagt in dem Interview u.a.:

“Eine Sache erstaunt mich, nämlich, dass die Bischöfe meinen, den Katholiken bloß zu sagen: “Tut, was ihr richtig findet” anstelle von “Gebt acht bei dieser Wahl”. Die Stellungnahme der Bischöfe scheint mir nicht sehr intelligent zu sein. An der Banalisierung der extremen Rechten teilzunehmen, ist nicht sehr hilfreich, das wird sogar kontraproduktiv sein. Die Kirche beansprucht immer, die Gewissen der Menschen zu prägen, dann hätte sie in ihrer Stellungnahme zur Wahl sehr viel weiter gehen müssen. … Man kann der extremen Rechten nicht seine Stimme geben, wenn diese Partei etwas Böses und Übles banalisiert. Das Übel und das Böse, das ist für diese Partei die Feier und Bejahung der Ungleichheit, der Kultur des Hasses und der Spaltung der Gesellschaft”.

Am 24.4.2022 werden im Fall eines Wahlsieges von Le Pen die Bischöfe scheinheilig sagen: “Wir haben doch unser Bestes getan. Wir sind wie immer ohne Schuld”.

Das ist aber falsch: Diese denkfaulen Bischöfe haben dann den Wahlsieg der Rechtsextremen zugelassen, wenn nicht befördert. Das ist die Wahrheit, die dann wie üblich kein Kleriker hören und akzeptieren wird. Die geistig noch wachen Katholiken werden weiter in Scharen dieser Kleriker-Kirchen fern bleiben. Und ihren christlichen Glauben auf eigene Art leben.

copyright: Christian Modehn, Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin.

 

 

Fromme Worte und Floskeln zum Ukraine – Krieg. Die Osteransprache von Papst Franziskus am 17.4.2022.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.4.2022.

Siehe auch diesen Hinweis “Die Osteransprache des Papstes, die nicht gesprochen wurde: LINK:

Es ist die Mühe wert, die Osteransprache von Papst Franziskus am 19.4.2022 genauer anzuschauen.

Vorweg zur Einstimmung diese Frage:

Warum um Himmels willen sagt der Papst in seiner Ostersprache nicht diese wenigen Worte: “Präsident Putin, beenden Sie sofort diesen Krieg!”

Dies ist der Traum: Der Papst wiederholt dann immer wieder diese Worte in allen ihm zur Verfügung stehenden Sprachen, sogar auf Russisch sagt er sie,  selbst die alten Kardinäle an seiner Seite sprechen dann mit, solange, bis die ganze Menge auf dem Petersplatz ebenfalls brüllt und schreit und weint: “Putin, beenden Sie dieses Ihr Morden, beenden Sie sofort diesen Ihren Krieg”. Und dieses Brüllen und Schreien zusammen mit dem Papst wird zu einem großen Spektakel in ganz Rom, nun wirklich “urbi et orbi”. Auf dem Petersplatz dauert es eine ganze halbe Stunde lange, pünktlich bis 12.20 Uhr am Ostersonntag, ein Spektakel, das in die ganze Welt übertragen wird und die Welt erschüttert…Und sehr viele sagen auf einmal: Dieses Spektakel ist doch wirksamer als diese ewig selben frommen Worte und Floskeln und spirituellen Vertröstungen der üblichen Osteransprachen….Aber leider ist dies nur ein Traum!   (Siehe auch eine Kuzfassung dieser nicht gesprochenen Osteransprache des Papstes: LINK).

1.
Der Papst betont zu Beginn im Blick auf den Krieg in der Ukraine: „Wir haben zu viel Blutvergießen, zu viel Gewalt gesehen.“
Wer ist “wir“? Der Papst meint offensichtlich auch sich selbst. Denn es folgt die erstaunliche, nur angedeutete theologische Erkenntnis: „Es fällt uns (deswegen) schwer zu glauben, dass Jesus wirklich auferstanden ist, dass er den Tod wirklich besiegt hat. Ist es vielleicht eine Illusion? Das Ergebnis unserer Einbildungskraft?“
Diese bewegende und für einen Papst außergewöhnliche Frage wird von Franziskus nicht weiter vertieft. Sonst käme er zu der Erkenntnis, dass wahrscheinlich die Gottesfrage der Christen und die Deutung der „Auferstehung Jesu von Nazareth“ ganz anders als bisher dogmatisch üblich besprochen werden sollte.
2.
Davor aber schrickt der Papst zurück. Er beantwortet unmittelbar danach seine provozierende Frage in der Weise der alten, traditionellen Bibeldeutung (im Sinne der ziemlich gedankenlosen, aber so einfachen Wiederholung der biblischen Sprüche) und sagt rigoros und unvermittelt: „Nein, es ist keine Illusion! Heute erklingt mehr denn je die Osterbotschaft, die dem christlichen Osten so teuer ist: Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“
Schon zuvor hatte der Papst nach alter Art betont: “Jesus zeigt den Jüngern die Wunden an seinen Händen und Füßen, die Wunde an seiner Seite: Es ist kein Gespenst, es ist er, derselbe Jesus, der am Kreuz starb und im Grab war. Unter den ungläubigen Blicken der Jünger wiederholt er: „Friede sei mit euch!“ (Joh 20,V. 21). Wie bitte? Jesus am Kreuz ist derselbe wie der Auferstandene? Bei der Frage sind die Evangelisten ganz anderer Meinung, fundamentalistisch verstanden wandelt da der Auferstandene durch die Türen, kommt und verschwindet wie ein Geist, wann er sich der Gemeinde zeigen will. Hat der Papst Exegese studiert?
3.
Nach dieser traditionellen Predigt findet der Papst den Bogen zum Krieg in der Ukraine. Dabei fällt auf, dass er den Verursacher des Krieges, und das ist absolut eindeutig und von allen Demokraten geteilt, der russische Staatschef Wladimir Putin, mit keinem Wort erwähnt. Sondern der Papst gleitet in der Reflexion der Schuldfrage in die uralten biblischen Mythen ab und beginnt unvermittelt auch noch von Kain und Abel zu sprechen: Wir, sagt der Papst, „tragen den Geist Kains in uns, der Abel nicht als Bruder, sondern als Rivalen ansieht und darüber nachsinnt, wie er ihn beseitigen kann.“ Schwadronieren über Kain und Abel also, kein Wort zu Putin als Putin!
4.
Wer ist das „Wir“? Auch der „heilige Vater“ ? Oder bloß die auf dem Petersplatz versammelte Gemeinde, oder sogar die Welt der Menschen und damit, ungenannt, eben auch Putin?

Das „Wir“ bleibt aber unklar, eine typische nebulöse Floskel könnte man meinen. Natürlich haben alle Menschen als endliche Menschen Böses getan. Aber hier geht es um Kain, den Brudermörder, und der ist angesichts des Krieges Russland in der Ukraine klar mit einem Namen zu benennen. Davor hat der Diplomat Papst Franziskus noch Angst…
Der Papst weicht wieder ins unverbindliche Spirituelle aus, wenn er fortfährt: „Wir brauchen den auferstandenen Gekreuzigten, um an den Sieg der Liebe zu glauben, um auf Versöhnung zu hoffen. Heute brauchen wir ihn mehr denn je, der zu uns kommt und uns erneut sagt: „Friede sei mit euch!“
5.
Wieder das Übliche, Erwartbare, was schon 10 Päpste vor ihm auch hätten genauso sagen können: Jesus stiftet Frieden, er führt zum Sieg der Liebe etc.. Wie diese himmlische Hilfe Jesu im Verbund mit den Menschen hier geschehen kann, wird noch nicht einmal angedeutet. Und dann folgen sehr merkwürdige Überlegungen: Dass die Wunden Jesu eigentlich unsere (?) Wunden seien. Daraus zieht der Papst einen Schluss, der nicht anders als esoterisch genannt werden kann: „Die Wunden am Leib des auferstandenen Jesus sind das Zeichen des Kampfes, den er für uns mit den Waffen der Liebe geführt und gewonnen hat, auf dass wir Frieden haben, in Frieden sein und in Frieden leben können.“
Also müsste eigentlich angesichts der überwundenen Wunden Jesu allüberall Frieden herrschen … oder was?
6.
Nun wendet sich der Papst wieder der „leidgeprüften“ (wie sanft formuliert, CM) Ukraine zu und sagt: „Gehe bald eine neue Morgendämmerung der Hoffnung über dieser schrecklichen Nacht des Leidens und des Todes auf! Möge man sich für den Frieden entscheiden“.
Anstelle vom Kriegsverbrecher Putin spricht der Papst nur von einem neutralen MAN, das (der) sich zum Frieden bekehre. Noch einmal: Wer ist dieses Man? Doch wohl im demokratischen Verständnis eindeutig Putin und seine Kriegstreiber, wie auch der ehemalige KGB Agent Patriarch Kyrill I.von Moskau. In seiner anonymen Rede von einem „Man“ fährt Papst Franziskus er fort: „Möge man sich für den Frieden entscheiden. Man höre auf, die Muskeln spielen zu lassen, während die Menschen leiden“.
Was soll das denn nun? Wer spielt denn da mit den Muskeln, Krieg als Muskelspiel, welch ein Wahn!
7.
Zum Schluss seiner offenbar von diplomatischen Erwägungen bestimmtenRede (im Hintergrund das Übliche:. „Der Papst muss die katholische Kirche in Russland schützen“) folgt wie erwartbar die spirituelle Zusage, dass der Papst „in seinem Herzen“ (so wörtlich) all die vielen ukrainischen Opfer und die Millionen Flüchtlinge in seinem Herzen trägt… Die Ansprache endet: „Brüder und Schwestern, lassen wir uns vom Frieden Christi überwältigen! Der Frieden ist möglich, der Frieden ist eine Pflicht, der Frieden ist die vorrangige Verantwortung aller!
8.
Der Friede ist also die vorrangige Verantwortung aller, also auch der Kirchen, auch des Papstes. Das klingt gut, ist aber zu allgemein und unverbindlich. Danach hätte es interessant werden können, welchen konkreten politischen Friedensbeitrag denn der Papst, zugleich Chef des Staates Vatikanstadt, denn aktuell zu tun gedenkt. Oder auch: Wie er Friedenserziehung nicht als Blabla einer Spiritualität des Blutes Christi, sondern als politische- ethische Ausbildung aller Katholiken in den Mittelpunkt zu stellen gedenkt. Nichts davon.
9.
Es folgt zum Ende dieser vielleicht weltweit beachteten Rede die übliche Zusage des Ablasses durch einen Kardinal auf der Loggia und dann der übliche Segen des Papstes „Urbi et Orbi“. Wie oft haben Päpste die Stadt und den Erdkreis gesegnet … wurde durch den päpstlichen Segen die Stadt und der Erdkreis (urbi et orbi) nachweislich, empirisch spürbar, friedlicher, berechter? Ich fürchte nein. Diese Segen waren nur etwas sehr Spirituelles“….

10.
Die entscheidende Frage ist noch einmal formuliert:
Warum sagt der Papst nicht in seiner Oster-Ansprache vom 17.4. 2022? Hat er denn keinen politischen Mut mehr? Er hätte doch laut und deutlich sagen können:

“Lieber Patriarch Kyrill, auch du darfst dich, wie ich auch, „Heiligkeit“ nennen.
Sage doch als „Heiligkeit“ bitte deinem angeblich rechtgläubigen, orthodoxen, Weihrauchschwaden und Kerzen liebenden Mitchristen Wladimir Putin: Er solle in Gottes Namen SOFORT diesen Krieg beenden. Wenn nicht, wird er immer mehr zum Völkermörder. Zum Nihilisten, zum Zerstörer. Er stellt sich außerhalb der Humanität.

Und falls du, Kyrill, du Heiligkeit, das nicht willst, weil du aus KGB- Zeiten mit Putin bekanntlich eng verbunden bist:

Dann wende ich mich jetzt eben direkt an den rechtgläubigen Christen, Präsident Wladimir Putin: „Herr Putin, beenden Sie diesen von Ihnen inszenierten Krieg gegen die Ukraine und gegen die Demokratie SOFORT. Beenden Sie in Gottes Namen diesen Krieg!
Wir Katholiken beten ab jetzt nicht nur für den Frieden. Sondern auch: Immer wenn wir einander sehen und begegnen, rufen wir uns zu: „Putin ist ein Kriegsverbrecher. Putin, beende den Krieg.“

Quelle: https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2022-04/vatikan-wortlaut-segen-ostern-papst-franziskus.html
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Patriarch Kyrill muss endlich verurteilt werden.

Sind Europas Christen auch ohnmächtig gegenüber dem Putin-Ideologen Kyrill?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 11.4.2022.

Und zum orthodoxen Osterfest 2022:

Christlich-orthodoxe Kirche: undefined
(Foto: Oleg Varov/AP)

Patriarch Kyrill, Chef der Russisch-Orthodoxen Kirche und wie Pution KGB Mitglied,  gilt als Unterstützer des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Hier beim Ostergottesdienst in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau, sie  demonstrierten ihre Verbundenheit.

…………………..

Allmählich wächst die Distanz: Einige orthodoxe Gemeinden in Europa, mit dem russischen Patriarchen verbunden, trennen sich von ihren Bindungen an diesen Kriegstreiber Kyrill., er nennt sich „seine Heiligkeit“.

Seit dem 23.2.2022 haben wir auf dieser Website sieben Beiträge über den Kriegstreiber und Putin-Freund, Patriarch Kyrill, veröffentlicht. Der Inhalt dieser Hinweise ist deutlich: Kyrill ist als Putin-Ideologe und ehemaliges KGB Mitglied ein wichtiger Kriegstreiber.

Wer gegen Putins Krieg kämpft, muss gegen Kyrill kämpfen. Das heißt: Er muss von der Ökumene angeklagt und aus der ökumenischen Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Kyrill hat nicht im entferntesten Verständnis oder oder gar Sympathien für die demokratische Welt und die Menschenrechte. Er ist, so möchte man meinen, völlig benebelt, auch von den Weihrauchschwaden die durch seine Kathedralen schweben…

In den obersten Gremien der Kirchen, im Vatikan mit Papst Franziskus, in katholischen Bischofskonferenzen, in protestantisch geprägten ökumenischen Räten (wie dem ÖRK in Genf) herrscht hingegen vornehme Sanftheit gegen ein hartes Vorgehen gegen Kyrill. Papst Franziskus will sehnsüchtig diese andere Heiligkeit (Kyrill) alsbald treffen, er träumt noch immer davon, wie wichtig eine theologischer Versöhnung mit dieser nationalistischen orthodoxen Kirche ist…

Offenbar kann man noch immer (am 11.4.2022) davon ausgehen, dass es sogar eine große russisch-orthodoxe Delegation beim Welttreffen/bei der Vollversammlung des ÖRK in Karlsruhe, Anfang September 2022, geben soll. Wahrscheinlich wollen die Ökumeniker bei dieser Tagung ganz sanft, wie üblich, die frommen Putin – Ideologen aus Moskau von ihrem Weg ein bißchen abbringen…Aber dann wird es schon zu spät sein; dann wird die halbe Ukraine von Putin zerstört sein, mit Unterstützung des Patriarchen und seiner Untergebenen.  Kyrill muss jetzt, sichtbar für die Welt, vor allem die leidende Ukraine, von den Christen weltweit angeklagt und isoliert werden. Er ist alles andere als eine Heiligkeit…

Nebenbei, aber nicht unwichtig: Die Russisch-orthodoxe Kirche zahlte 2020 und 2021 als ihren freiwlligen Beitrag dem “Ökumenischen Weltrat der Kirchen” in Genf (ÖRK) eher einen sehr bescheidenen Betrag (in Schweizer Franken umgerechnet); der finanzielle Beitrag ist bescheiden, wenn man etwa das Luxusleben des Millionärs Patriarch Kyrill betrachtet: 2020 wurden 10.229CHF an den ÖRK überwiesen ; 2021 waren es 10.618CHF. Mit anderen Worten: Wenn die Russisch.orthodoxe Kirche aus dem ÖRK ausgeschlossen wird, wäre dies für diese ökumenische Weltorganisation kein finanzieller Verlust. Quelle: LINK

Inzwischen muss am 11.4.2022 von weiteren Ungeheuerlichkeiten des Putin-Ideologen Patriarch Kyrill berichtet werden:

1.
Den kürzlich verstorbenen sehr rechtsextremen Politiker, Antisemiten und Rassisten Wladimir Schirinowski würdigte der Patriarch als „talentierten und leidenschaftlichen russischen Patrioten“. Kyrill gibt sogar zu, „gute und persönliche Beziehungen zu Schirinowski seit vielen Jahren gehabt zum haben.“ Kyrill attestierte dem Verstorbenen „Gelehrsamkeit, Kenntnisse der Weltgeschichte wie der nationalen Geschichte und der internationalen Beziehungen“. (Quelle: Tagespost, 7.4.2022).
Man lese Beiträge über Schirnowski in der kritischen, demokratischen Presse, um sich von den Lügen des Patriarchen zu überzeugen.

2.
In seiner Sonntagspredigt vom 10.4.2022 sagte der Patriarch u.a.:
“Möge der Herrgott uns allen in dieser schweren Zeit für unser Vaterland helfen, uns zu vereinen, auch um die Staatsorgane herum”, sagte das Kirchenoberhaupt .Und er fuhr fort: “Dann wird unser Volk echte Solidarität und die Fähigkeit haben, äußere und innere Feinde abzuwehren und unser Leben so zu gestalten, dass in diesem Leben so viel Gutes, Wahrheit und Liebe wie möglich gibt”, so Kyrills Predigt. (Quelle: KNA und DOM RADIO, 10.4.2022)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.