Welttag der Philosophie am Donnerstag, den 15. November 2018

Seit 2002 wird weltweit der „Tag der Philosophie“ gefeiert bzw. „bedacht“. Die Initiative dazu ging von der UNESCO aus! Es ist immer der 3. Donnerstag im Monat November, in diesem Jahr 2018 ist es der Donnerstag, der 15. November.

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ hat sich in den letzten Jahren mit eigenen Veranstaltungen an diesem Welttag der Philosophie beteiligt, wohl wissend, dass natürlich ein einziger der Philosophie bestimmter Tag im Jahr zwar eine nette Anregung ist, die aber nur als Aufforderung Sinn macht, das ganze Jahr alle Tage als Tage der Philosophien (Plural) zu gestalten.

Es folgen bald Hinweise zu unseren Vorschlägen, den 15. November 2018 philosophisch zu gestalten.

 

Gewalt und Monotheismus. Über Jan Assmann

Einige kurze Hinweise für ein Gespräch im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 28.9.2018

Von Christian Modehn

Ein Vorwort:

Man denke bloß nicht, das Thema „Gewalt und monotheistische Religionen“ im Sinne von Jan Assmann sei, auf das Christentum bezogen, nur ein Thema der weiten Vergangenheit. Man beobachte zum Beispiel jetzt, wie der evangelikale (einst katholische) Politiker Jair BOLSONARO in Brasilien beste Chancen hat, ab Oktober 2018 dort Staatspräsident zu werden. Bolsonaro ist in seinen Statements zu Frauen, Armen, „Schwarzen“, Homosexuellen, „indianischen“ Völkern absolut gewalttätig. Er ist ein Volksverhetzer. Und er wird in Brasiliens noch demokratisch verbliebener Presse wohl treffend Faschist genannt. Bolsonaro wird von den immer mächtiger und immer reicher werdenden Führern der evangelikalen Freikirchen und Pfingstkirchen heftigst unterstützt. Diese Kirchenvertreter sind ebenfalls in ihren Worten gewalttätig. Dabei ist philosophisch klar: Worte sind immer schon Taten. Die Gewalt der Evangelikalen und Pfingstkirchen in Brasilien und anderswo wäre ein dringendes Thema für Religionswissenschaftler. Und :Wem der christliche Glaube noch etwas wert ist, erlebt mindestens bei den Führern dieser Kirchen tiefste Abscheu. Wer hat als aufgeklärter und kritisch denkender Christ noch den Mut, zumindest viele der einflussreichen Führer und Verführer dieser evangelikalen Kirchen eine Schande zu nennen? Dabei muss genau verstanden werden, wie diese Welle des religiösen, des biblischen Fundamentalismus (den viele Religionskritiker Schwachsinn nennen) überhaupt entstehen konnte…

1.Jan Assmann ist ein bekannter Ägyptologe. Jahrgang 1938, lange Jahre war er Professor in Heidelberg, jetzt in Konstanz.

Die Anzahl von Jan Assmann deutschsprachigen Büchern etwa 45. Zusammen mit seiner Frau, der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, erhält er am 14. 10.2018 den „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“. Prof. Aleida Assmann, geb. 1947 hat etwa 20 Bücher über Erinnerung und Kultur veröffentlicht.

2.Jan Assmann macht seit 1997 darauf aufmerksam, in immer neuen Ansätzen nach zahllosen Gesprächen mit anderen Wissenschaftlern: Der Monotheismus (er spricht fast ausschließlich vom biblischen, also vor allem auch alttestamentlichen Monotheismus) war eine entscheidende Quelle für gewalttätiges Handeln der Frommen im Umgang mit anderen, mit Feinden. Assmann hat dafür den Begriff „mosaische Unterscheidung“ geprägt: Durch Moses, als dem Empfänger der göttlichen Offenbarung, kam der „Unterschied“ ins Bewusstsein der Menschheit: Es gibt die eine wahre Religion, also den Monotheismus. Und die vielen, in monotheistischer Sicht, falschen Religionen, die poly-theistischen Religionen.

3.Die polytheistischen Religionen haben auch einen obersten Gott, etwa Zeus. Sie sind also in gewisser Weise auch mono-theistisch strukturiert. Aber sie können etwa den Gott Zeus in andere Kulturen/Sprachen übersetzen, etwa Jupiter. Diese Übersetzung geht im strikten biblischen Monotheismus nicht. Er kapselt sich ein. Anhänger polytheistischer Religionen sind zwar auch gewalttätig, aber sie sind dies nicht aus religiösen Gründen, sondern etwa aus politischen. Polytheisten betreiben keine Mission. Konvertiten bei ihnen sind eher selten, vielleicht im Bereich der brasilianischen Religion Candomblé; aber da kann man gleichzeitig mehreren Religionen angehören…Assmann spricht auch anstelle von polytheistischen Religionen von kosmo-theistischen Religionen, weil diese Kosmisches, Weltliches, heilig und göttlich finden. „Anders als die monotheistischen Offenbarungsreligionen kennen die kosmotheistischen Religionen keine absolute Wahrheit“, („Monotheismus und Gewaltverdacht“, S. 251.

4.WARUM erhält Jan Assmann den FRIEDENSPREIS des deutschen Buchhandels: Meine Antwort: Weil Assmann in seinen jüngsten Publikationen über die Dialektik Monotheismus-Polytheismus hinaus geht: Er plädiert für eine moderate Vernunftreligion der vernünftigen Menschheit. Da hat jeder Fromme „seine“ (möglicherweise durch Offenbarung vernommene) Religion, ohne diese persönlich für diese einzig mögliche und einzig richtige zu halten. Der Fromme glaubt also noch an eine übergeordnete Religion. Dies hat keine insttutionelle Struktur, sie ist förmlich nur eine geistige Realität, so wie der Kategorische Imperativ ja auch eine geistige Realität ist.

Assmann spricht deswegen von „religio duplex“. Solch eine Vernunftreligion hat Vorbilder bei Lessing oder bei dem großen Berliner jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn: Man lese seine „Jerusalem – Schrift“ von 1783. Assmann schreibt in dem Buch „Totale Religion“ sehr richtig: „Es gibt – bezogen auf den Glauben des einzelnen – keine wahren und falschen Religionen“ (S. 172).

Maßstab hingegen für eine ins Objektive gehende Bewertung der Inhalte der verschiedenen Religionen kann nur etwas übergreifend Vernünftiges sein, nicht etwas Innerreligiöses, Konfessionelles: „Alles, was das Zusammenleben auf diesem Planeten verbessert, verschönert, erleichtert“ (ebd.) also, was die Menschenrechte befördert, ist Maßstab für die Qualität einer Religion. Hingegen Gewalt, Verfolgung und Unterdrückung, so Assmann, passen nicht zu den angenehmen, förderungswürdigen Religionen…Assmann weist darauf hin, dass Gandhi in dieser religiösen Doppelstruktur im Bewusstsein des einzelnen Frommen dachte: „Alle konkreten Religionen zielen auf die eine, noch versteckte Religion der Wahrheit“ (Monotheismus unter Gewaltverdacht, S. 259). Diese hat mystischen Charakter, betont Assmann, mit ausdrücklichen Bezug auf Jacob Böhme. Dessen Wort steht in der Tradition der negativen Theologie „Gott sei nichts und alles“ ihm entscheidend ist (im Buch „Religio Duplex“, Buch von 2010, S.127)

5.Das Plädoyer Assmanns für eine vernünftige, tolerante, friedfertige Menschheitsreligion entspricht meinen und vielleicht unseren religionsphilosophischen Interessen. Darüber hinaus stellt sich für die individuelle Lebensphilosophie die Frage: Welche absoluten Werte (meinen persönlichen „“Monotheismus“) habe ich? Wie setze ich diese durch? Meine jeweilige absolute Wahrheit kann niemals absolute Wahrheit auch für andere sein, es denn, man denkt an den formal geltenden Kategorischen Imperativ Kants. Der gilt für alle.

6.Der gewaltbereite Monotheismus ist keineswegs nur ein religiöses Phänomen, sondern auch ein politisches. Auch im Stalinismus oder im Faschismus gab es mono-„theistische“ Gewalt, indem die Führer sich für Götter hielten…

7.Assmann ist also überhaupt kein Freund des Polytheismus.

Tatsache ist: Der Polytheismus macht sich heute auch philosophisch breit, indem etwa der Philosoph Odo Marquard in dem Buch (Reclam) „Abschied vom Prinzipiellen“ einen Aufsatz über „Lob des Polytheismus“ veröffentlicht und damit u.a. meint: Die moderne Demokratie als Gewalten – Teilung sei polytheistisch. Dabei vergisst Marquard, dass die Demokratie durch die Bindung an die universal geltenden (!) Menschenrechte durchaus, wenn man so will, mono-theistisch ist. Die neue Rechte nzw. Rechtsextreme, sie stammt als philosophische Bewegung aus Frankreich, ist polytheistisch. Rechtsextreme definieren sich gern als Heiden mit entsprechenden Kulten, Ku Klux Klan etc…Da gibt es explizit Übermenschen und bedeutungslose Untermenschen.

8.Assmann verurteilt den Monotheismus nicht pauschal: Der Gedanke, dass es so etwas wie ein Einheitsprinzip im Weltganzen und im Denken der Menschheit gibt, ist eine bleibende Errungenschaft, die niemals aufgegeben werden darf. D.h.:Die Welt fällt nicht in viele unverbunden stehende Systeme auseinander, was die Postmoderne teilweise suggerierte. Wahrscheinlich war die Postmoderne eine Wiederkehr des Polytheismus…

9.Assmann weist darauf hin, wie einzelne gewaltfördernde Texte im Alten Testament im Laufe der Kirchengeschichte als ideologische Entschuldigung für Gewalt verwendet werden: etwa: Kaiser Karl V. hat im Rahmen der imperialistischen Gewalt gegen die indianischen Völker täglich aus dem Buch Deuteronomium Kapitel 20 gelesen

10.Assmann unterscheidet zwischen einem „Monotheismus der Treue“, der emotional sich auf den Gott des Bundes bezieht: JAHWE führte das Volk Israel aus Ägypten. Dieser Gott ist eifersüchtig… Ihm müssen die Israeliten absolut treu ergeben sein (Nebenbei: Moses ist für Assmann KEIN Ägypter, er kannte nicht den altägyptischen König Echnaton, den radikalen Religionskritiker zugunsten der Sonnenverehrung. Moses war wohl ein Angehöriger des israelitischen Volkes.)

Zum Monotheismus der Treue schreibt Assmann: „Diese Völker in Kanaan muss Israel vertreiben und ausrotten, um sich nicht zur Anbetung ihrer Götter verführen zu lassen“. Oder: „Was im Umgang mit den Kanaanäern gefordert wird, ist ein heiliger Vernichtungskrieg, der mit der Formel, den Bann vollstrecken bezeichnet wird“. (Totale Religion, S. 50). „In der Bundesidee wurzelt die religiöse Gewalt“, meint Assmann, nicht im Monotheismus als solchem, in „Monotheismus unter Gewaltverdacht“, S. 265.

Dann gibt es noch den „Monotheismus der Wahrheit“: Da machen sich die Propheten etwa lustig über die vielen gemachten Götter der Heiden. Etwa Jeremia, Kap. 10: „Die Gebräuche der Völker sind leere Wahn…Ihre Götzen sind nur Holz“ Es folgt dann: Die Zerstörung der Götterbilder. Heidentum ist Verblendung.

Dies war dann auch die Perspektive der missionarischen Religionen, des Christentums und des Islams.

Es gab auch eine jüdische Form der Toleranz: Etwa im Gefolge der Abraham-Tradition und in den (bei Laien kaum bekannten) jüdischen Zentren in Ägypten und Babylon (dort jüdischer Dialog mit den „Heiden“)

Es gibt im Alten Testament im Buch Genesis die auf die Schöpfung bezogene Theologie im Umgang der Israeliten mit anderen Völkern, diese Traditionen sind friedfertig. Nur ein Beispiel: Joseph wird in Ägypten zum 2. Mann im Staate, er heiratet die Tochter des Hohen priesters, „es geht um die Anbetung desselben Gottes“ (in Monotheismus… s 265).

11.Aber für Jan Assmann ist klar: Die zur Gewalt aufrufenden alttestamentlichen Texte muss man zunächst als Literatur lesen, sie sind keine unmittelbaren politischen Appelle: Denn, was die Texte als Gewalt der Israeliten gegen die im Land lebenden Kanaäer beschreiben, ist längst historisch überholt: Die Ereignisse der Landnahme waren etwa 1200, die Texte hingegen sind von ca. 500. Das heißt: Die Gewalt sollen die Israeliten eher gegen sich selbst richten, weil sie immer vom Unglauben und Heidentum bedroht sind. Dennoch hat wohl die aggressive Landnahme stattgefunden.

12.Das monotheistische Bilderverbot. Für Assmann DAS Kennzeichen des Monotheismus: Gott lässt sich in kein Bild zwingen und zwängen. Die Götter der Polytheisten haben viele Bilder. Auch in einigen protestantischen Kirche vor allem in der Tradition Calvins gibt es ein Bilderverbot. Dies war auch eine polemische Entscheidung gegen die Bilderflut im Katholizismus. Sie war eine Propaganda der Ablenkung der Frommen bei der Messe, die sie, auf Latein gefeiert, ohnehin nicht verstanden.

Dabei ist klar: Jeder Fromme denkt sich dann doch – zunächst – irgendetwas Konkretes, wenn er an Gott denkt. Innere Bilder sind nicht zu verbieten, sie sind oft wirksamer als äußere.

Das Bilderverbot ist sehr aktuell: Vor allem als Warnung, etwas Weltliches zu Göttlichem zu erklären: Geld, Nation, eine Partei, einen Menschen etc. Das ist aktuell, leben wir doch in der Zeit des heiligsten Geldes und des heiligen Finanzkapitals.

13.Zum politischen „Monotheismus“, dem Stalinismus:

Siehe etwa das Buch von Michail Ryklin, „Kommunismus als Religion“. Verlag der Weltreligionen, 2008.; „Die politische RELIGION des Bolschewismus nannte sich selbst eine wissenschaftliche Ideologie“ (S. 40) …auch der französische Soziologe Raymond Aron sprach vom Kommunismus als säkularer Religion. „Der Sozialismus (à la Moskau) ist Religion in dem Maße, in dem er Anti-Religion ist“. (S.41). Und die Pilger aus ganz Europa strömten in den dreißiger Jahren nach Moskau. Sie sahen in der UDSSR ein heiliges Land, ließen sich dort auch materiell verwöhnen und den Geist verwirren. „Clara Zetkin forderte an der sowjetischen Grenze alle Mitreisenden auf, ihre Schuhe auszuziehen, denn der Boden, den man betrete, sei, so wörtlich, heiliger Boden“ (S. 58, zit. von Karl Schlögel). Aber: Andere Reisende empfanden die UDSSR treffender als Hölle: S. 59.

Viele wurden Konvertiten zum Kommunismus: Die neue kommunistische Religion versprach besser zu sein. „Bei den inszenierten Feierlichkeiten in Moskau erweckte das System den Eindruck, die Erlösung habe bereits stattgefunden“ (S. 60)

14.Eine Frage, die Assmann nicht bearbeitet nach meiner Kenntnis: Ist das Christentum, vor allem der Katholizismus, tatsächlich selbst streng monotheistisch? Die Frage spüren moderne, kritische Theologen, wie Edward Schillebeeckx, in: „E. Schillbeeckx im Gespräch“, Luzern 1994. S. 103 ff.

Er betont seine Zurückhaltung, wenn er von der göttlichen Trinität spricht. „Wenn ich sage, dass Gott in drei Personen existiert, fürchte ich eine Art Tri–Drei -Theismus, drei Götter, drei Personen wie eine Art Familie. Ich scheue mich, eine spekulative Theologie über die drei Personen und ihre Beziehungen zueinander zu entwickeln…. Was soll die Rede von drei Personen“? „Ich bin im Hinblick auf eine Trinitätstheologie fast ein Agnostiker“ (S. 107). Da gibt es viele theologische Aufräumarbeit in den Kirchen. Auch so viele Kirchenlieder müssten umgeschrieben werden oder besser: ganz verschwinden!

15.Ist der Katholizismus monotheistisch angesichts des Marienkultes und der Heiligenverehrung? Maria als Königin, Maria als dominante all präsente Mutter und Herrscherin, als erhabene Figur über den Barockaltären.. Es gibt das Gebet zu Maria, „durch Jesus zu Maria“ als Spruch, die Orte, wo die Mutter Gottes erschien, Fatima, Lourdes etc… Wer denkt da nicht eine Göttin Maria? Das Thema wird in der Theologie und Lehre der katholischen Kirche tabuisiert und ignoriert. Was wäre schlimm, wenn es eine Muttergottheit gäbe?

Siehe etwa das beliebte Marienlied „Gegrüßet seist du Königin“… Da heißt es in der 6. Strophe „O mächtige Fürsprecherin, o Maria. Bei Gott sei unsere Mittlerin, o Maria…“ Zit aus „Mythos Maria“, S. 92, (Hermann Kurzke, Beck Verlag)… Oder aus dem Lied „Wunderschön prächtige…“ In der 6. Strophe heißt es „Du bist die Helferin, die bist die Retterin“, Kurzke S. 238.

16.Die Arbeiten von Jan Assmann über den Monotheismus führen zu mehr Klarheit im Umgang mit monotheistischen Religionen. Wichtig und wegweisend ist Assmanns Plädoyer, dass jeder religiöse Mensch gleichzeitig auch der universalen Menschheitsreligion angehören sollte. Die konkrete religiöse Bindung an eine Konfession erhält im Sinne Assmanns die Qualität eines ALS OB, es geht also um die Überzeugung: Ich binde mich an meine konkrete Konfession nur, als ob sie alles wäre. ABER sie ist eben nicht.

Was den Islam angeht, haben andere einige kritische Impulse gegeben: Etwa Prof. Mouhanad Khorchide, (lehrt in Münster), „Gott glaubt an den Menschen. Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus“, Herder Vl. 2015.

17.Aber im Christentum, also in den Kirchen, gilt doch die Erkenntnis: Wer sich heute Christ nennt, ist doch einbezogen in eine breite Gewaltgeschichte, die nur mit Mühe von offizieller Seite anerkannt wird. Diese Gewaltgeschichte erhält jetzt durch den sexuellen Missbrauch durch Priester weltweit noch ein neues Gesicht.

Angesichts dieser überwiegend äußerst dunklen Geschichte bleibt meines Erachtens für einen spirituellen Christen nur der Weg der Mystik: Der Suche nach dem Göttlichen in der eigenen Seele, dem „ewigen“ Seelenfunken“ in jedem Menschen, dieser göttliche Seelenfunken verlässt den Menschen nicht – aufgrund des Geschaffenseins durch Gott. Auch nicht im Tod: Dies ist die „Auferstehungserfahrung“.

Jesus wird in dem Zusammenhang ein wegweisender Prophet, der die allgemeine, die säkulare, vernunftgesteuerte Ethik, mit seinen eigenen Vorschlägen verstärkt bzw. noch weiter führt: Man denke an die Feindesliebe, an die wesentliche wertvolle Gleichheit ALLER Menschen als Brüderlichkeit. Man denke an die Abwehr von autoritären religiösen Meistern (Klerus etc.), an die Liebe zu den Armen als Weg der Befreiung usw… Vielleicht ist die massive Freilegung der sexuellen Gewalt durch Priester jetzt das Ende der katholischen Männer/Klerus-Kirche. Vielleicht entsteht nun eine neue Reformation, eine demokratische transparente, Frauen respektierende katholische Kirche.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ist katholische Theologie eine Wissenschaft? Gehört katholische Theologie, so, wie sie jetzt ist, an die Universität? Eher nicht!

Eine Frage und ein Hinweis

Von Christian Modehn

Eine aktuelle Ergänzung am 8. Oktober 2018:

Ich habe diesen Hinweis am 8. Oktober 2018 noch einmal ergänzt und auch vom Titel her zugespitzt: Denn der Vatikan, so ist jetzt zu hören, verweigert dem Rektor der katholischen Philosophisch – theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main, eine staatlich anerkannte Hochschule!, die Fortsetzung seines Amtes: Pater Ansgar Wucherpfennig SJ darf nach Weisung der päpstlichen, vatikanischen „Bildungskongregation“, sie ist für alle katholische Bildung weltweit zuständig, nicht Rektor der angesehenen Hochschule St. Georgen bleiben. Warum? Weil er die in der Bibel vor mehr als 2000 Jahren beschriebene Verurteilung der Homosexualität „als missverständliche Stellen bezeichnete“.

Mit anderen Worten: Kritische Forschung zur Bibel vonseiten katholischer Theologen wird vom Vatikan nicht geduldet. Der Vatikan greift ein und verhindert so, indem er zudem Angst erzeugt, freie Forschung.

Mit anderen Worten: Katholische Theologie, in ihrer Abhängigkeit vom Vatikan, ist keine freie Wissenschaft. Theologie muss den Weisungen einer,  pardon, verkalkten Theologie einiger allmächtiger Herren im Vatikan folgen. Darum: Katholische Theologie in dieser Form hat eigentlich an einer Universität oder staatlich anerkannten Hochschule nichts zu suchen.  Sie ist unfrei.

Das Pikante an dem Vorgang ist ja: Der Bischof von Limburg, Georg Bätzig, verteidigt jetzt sogar den bestraften Theologieprofessor: Der Bischof habe der Wiederwahl des Jesuiten zum Rektor in Frankfurt uneingeschränkt zugestimmt. Damit macht sich immerhin eine Kluft auf zwischen Bischöfen in Deutschland und dem Vatikan. Wer wird sich durchsetzen? Angesichts der gehorsamen Ängstlichkeit der Bischöfe, seit Jahrhunderten üblich, natürlich der Vatikan.

Quelle: SZ 8.Oktober 2018   https://www.sueddeutsche.de/panorama/katholische-kirche-hochschulrektor-verliert-posten-wegen-positiver-aeusserungen-zu-homosexualitaet-1.4160821

……..  der ursprüngliche Hinweis:

Der Beitrag spricht nur von der römisch-katholischen Theologie; bei der protestantischen Theologie an den Universitäten gelten wahrscheinlich etwas andere Verhältnisse.

Der Anlass ist aktuell: Die Frage sollte endlich öffentlich debattiert werden: Ist katholische Theologie überhaupt eine Wissenschaft, die in ihrer bisherigen kirchenrechtlichen Form und aufgrund des Konkordates an eine staatliche Universität gehört?

Demnächst wird es ein so genanntes „Zentralinstitut katholische Theologie“ an der Humboldt Universität geben, mit zunächst wohl 6 Professoren. Wer wird sie auswählen und berufen? Welche inhaltlichen Schwerpunkte werden gesetzt? Das “Zentralinstitut“ in Berlin wird wohl und will wohl, soweit man weiß, in gewisser Hinsicht etwas Neues sein, insofern es die Kulturwissenschaften in die theologische Arbeit einbeziehen will und ausdrücklich eher als für „fortgeschrittene Theologen“ ein Ort der Weiterbildung sein wird.

Es ist also doch im letzten ein katholisch – konfessionell geprägtes Institut, vom Staat bezahlt.

Es muss also vor diesem Hintergrund die in Deutschland kaum diskutierte Frage gestellt werden: Ist katholische Theologie, so wie sie in Deutschland, aber auch etwa in Österreich, betrieben wird, eine freie, unabhängige Wissenschaft, wie es die anderen Wissenschaften an einer staatlichen Universität sind oder sein sollten?

Tatsache ist in Deutschland: Die Kirchenleitung, also die Bischöfe und über diese Bindung auch an den Vatikan und die vatikanische Glaubensbehörde, haben das letzte Wort: Sie sagen, wer als Professor(IN) an einer staatlichen katholisch – theologischen Fakultät bzw. „Zentralinstitut“ lehren darf. Das sollte ins allgemeine Bewusstsein dringen! Katholische Theologie ist in Deutschland eine Herrschafts – Theologie, sie wird bestimmt vom kirchenleitenden Klerus. Noch immer gilt, was Kardinal Ratzinger im Interview mit Peter Seewald (in “Salz der Erde”, 1996) über seine Erfahrungen an der katholisch – theologischen Fakultät in Tübingen von seinen Kollegen sagte: “Der einhellige Wille, dem Glauben zu dienen, war hier zerbrochen” (S. 82). Es gibt also für die kirchleitenden katholischen Bischöfe nur “den” (einen) Glauben, also den offiziellen, den römischen, dem Theologen an der Universität bitte zu DIENEN haben! Unerhört findet Ratzinger in demselben Interview das Projekt einiger Theologen an der Tübinger Fakultät, “der Kirche Mitschuld an der kapitalistischen Ausbeutung der Armen ” zu geben, der “herkömmlichen Theologie also eine systemstabilisierende Funktion zuzuschreiben”(S. 83). Wie konnten auch nur katholische Theologen diese unerhörten Fragen stellen; wie konnten sie nur kreativ neue Fragen stellen, so sie doch dem römischen Glauben zu dienen hatten, in der Sicht Ratzingers und des Vatikans? Unverschämte Theologen sind sie in der Sicht Ratzingers…

Also: Katholische Theologie, auch an Universitäten, steht unter der Führung des hohen Klerus. Das ist bis heute eine Tatsache. Denn so Ratzinger, in dem genannten Interviewbuch: “Nach katholischem Glauben gibt es eine Letztentscheidungsinstanz” (S. 194). Den Papst und die oberste Glaubensbehörde im Vatikan, einst Inquisition genannt.

Das heißt konkret heute: Gut gebildete Theologen, die ihr Priesteramt aufgegeben haben, kommen als Professoren schon gar nicht in Frage. Priester, die als Theologieprofessoren einer staatlichen katholisch – theologischen Fakultät irgendwann einmal heiraten, werden aus dieser Fakultät entlassen (wie etwa Prof. Michael Bongardt an der FU Berlin). Theologieprofessoren, die in der Sicht der Bischöfe ungewöhnliche Thesen bzw. angebliche „Irrlehren“ vertreten, fliegen aus der Fakultät raus, siehe den Rausschmiss des katholischen Theologen Hans Küng in Tübingen. Und der „Witz“ ist: Werden in der Sicht der Bischöfe „unerträgliche“ katholische Theologen von der Fakultät entlassen, muss der Staat für diese Herren neue Posten an der Uni suchen und schaffen. Der Steuerzahler zahlt also für katholische, interne dogmatische Konflikte. Das gilt etwa für Hans Küng und Michael Bongardt. Keine Berufschancen als Theologieprofessor hat, selbst wenn er kirchenrechtlich gesehen Laie ist, wenn er (sie) sich als Theologieprofessor(in) öffentlich zu seiner gelebten Liebe in der Homosexualität oder gar zu einer homosexuellen Ehe bekennt. Keine Berufschancen hat, wer als Theologieprofessor im Laienstand offiziell noch einmal heiratet: Solche in katholisch – offizieller Sicht unmoralischen Theologieprofessoren (und wohl auch die „unteren Etagen“, wie Dozenten, etc.) müsste der Staat auf bischöflichen Druck entlassen. In Karlsruhe würden dann die Fälle Jahre lang verhandelt werden. Wahrscheinlich bekäme die Kirchenführung wegen bestehender Konkordatsgesetze sogar noch Recht. Nun gibt es aber wohl homosexuelle Theologen oder „geschiedene“ Theologen, aber diese dürfen ihre Identität nicht öffentlich preisgeben, wollen sie ihren Job behalten. Das wäre ein psychologisches wichtiges Nebenthema, denn diese Herren und Damen sind also zum Verheimlichen gezwungen. Verheimlichen wird zum theologisch – beruflichen Lebensmittelpunkt.

Mit anderen Worten: Die Kirchenführung, also Papst und Bischöfe, sehen sich nach wie vor, in den entscheidenden Kirchendokumenten belegt, als die letzten Entscheider in Personalfragen und damit in Sachfragen für staatlich angestellte Theologieprofessoren. Kein Kirchenmitglied, kein Konzil, hat die rechtliche Möglichkeit und Kompetenz, diese allumfassende Macht der Kirchenführung einiger zölibatärer Männer zu korrigieren zugunsten der Vernunft und der demokratischen Entscheidungen. Denn diese sich absolut fühlenden Chefs der Kirche glauben, dass nur ihnen der arme Prophet Jesus von Nazareth die absolute Vollmacht gab, in Kirchendingen zu entscheiden. Sie müssen nämlich glauben, der arme Prophet Jesus von Nazareth, am Kreuz krepiert, hätte diese römische Hierarchen – Kirche, so wie sie jetzt ist, gewollt! Diese klerikalen Herren haben sich die Interpretation einiger Bibelstellen seit 2 Jahrtausenden förmlich angeeignet. Das Wort Jesu hingegen „Nennt euch nicht Meister“ wird gelassen ignoriert von diesen Meistern. Aber das ist ein anderes Thema.

Die Kirchenführung also bestimmt, wer in Deutschland Theologieprofessor sein darf, und sie bestimmt natürlich auch darüber, WAS theologisch inhaltlich gelehrt wird. Denn wer von Bischofsgnaden Theologieprofessor ist und dies selbstverständlich weiß, hält sich mit Kritik an theologischen Entwicklungen zurück. Der Forschergeist ist gebremst.

Man kann also sagen: Im letzten bestimmen auch Papst und Bischöfe den inhaltlichen katholisch-theologischen Betrieb. Das gilt weltweit auch für Länder, wo es keine katholische Theologie an staatlichen Universitäten gibt, sondern nur kircheneigene „Seminare“ oder theologische Hochschulen, etwa der Ordensgemeinschaften.

Man mache sich die Mühe und dokumentiere, welche, in moderner theologischer Sicht, absurden Promotions-Themen etwa an päpstlichen Universitäten in Rom entstehen. Ich würde nach oberflächlicher Lektüre langjähriger Studien behaupten: Zum 100. Mal gab es eine Promotion über den jungen Augustinus und seine Bekehrung; zum 50. Mal etwas über die Gnadenlehre Gregor des Großen oder über den missionarischen Glauben Karl d. Großen usw… Im absolut bevorzugten Fach Kirchenrecht sicher zum 1000. Mal: Warum braucht die katholische Kirche keine demokratische Grundordnung? Oder: ebenfalls zum 100. Mal: Zur Aktualität der „sanatio in radice“. Im Fach Dogmatik etwa: Die Transsubstantionslehre bei dem späten Wyclif usw. Damit bin ich absolut nicht gegen die Erforschung auch abseitiger historischer Themen, aber: Sie nehmen im römischen Theologiebetrieb nur Überhand. Wo gibt es katholische ethische Institute zur Erforschung der Nachhaltigkeit, der globalen Gerechtigkeit, zur Erforschung des Wahnsinn des Kapitalismus? Ich kenne kein Institut…

Diese genannten Promotionen dienen nur dazu, irgendwelchen künftigen klerikal– treuen und gehorsamen Prälaten einen Doktortitel zu verpassen. Rainer Maria Woelki (jetzt Kardinal in Köln) hat bekanntlich seine theologische Doktorarbeit an der römischen Opus Dei Universität (durch Vermittlung des “Opus Dei sehr zuneigenden” Kardinal Meisner) zum schon 1000mal das Thema „Die Pfarrei“ behandelt. Der Text selbst als solcher ist übrigens selbst in der Kirchenbibliothek zu Köln unerreichbar. Ich habe darüber einst ein paar Zeilen geschrieben.

Zurück noch mal zu Deutschland mit der eigenen Situation einer Nähe von Kirchen und Staat (Konkordat).

Um da etwas – polemisch durchaus gemeint – Klarheit zu schaffen:

Die rechtliche Situation katholischer Theologie an einer staatlichen Universität wäre vergleichbar: Wenn das Justizministerium in Berlin die Professoren für Jura an den Universitäten vor Anstellung überprüft und dann „zulässt

Oder wenn der Außenminister die Professoren für Politologie vor Anstellung überprüft und dann erst an der Uni „zulässt“.

Oder wenn das Gesundheitsministerium die Professoren für Medizin an den Universitäten vor Anstellung überprüft und dann zulässt.

Sollte diese Prozedur der Fall sein, würde dies wohl um der gesetzlich garantierten Freiheit der Wissenschaft und der Wissenschaftler schnell korrigiert, weil in einer Demokratie die kritische Stimme der Öffentlichkeit eine entscheidende Rolle spielt. Die katholische Kirche ist keine Demokratie und will in zahlreichen Texten explizit dokumentiert auch keine Demokratie sein. Also kann kein öffentlicher Einspruch eine Rolle spielen. Und der Staat muss diese katholisch theologische Form der Wissenschaft an der Uni finanzieren. Man zähle bitte nach, wie viele katholisch – theologische Fakultäten an Universitäten es in Deutschland gibt, zähle die Anzahl der Professoren usw. und die (sinkende) Anzahl der Studierenden. Ich habe 19 Fakultäten gezählt. Eigentlich müsste angesichts dieser starken Präsenz die kulturell interessierte Öffentlichkeit permanent mit neuen theologischen Erkenntnissen konfrontiert werden, mit lebendigen Debatten etc. Ist dies der Fall? Wo es doch noch nicht einmal eine ernstzunehmende öffentlich, also am Kiosk erreichbare, katholisch Kulturzeitschrift gibt…

In jedem Fall gilt:

Das theologische Problem dieser Abhängigkeit einer Wissenschaft von der leitenden Instanz muss eigens angesprochen werden.

Denn im Vatikan gibt es in den dortigen absoluten Kontroll – Behörden eine eigene Theologie, die diese vatikanischen Herren für die ganze Welt durchsetzen wollen. Diese römisch/vatikanische Zentraltheologie wurde immer wieder von Theologen beklagt, etwa von Karl Rahner, aber auch von Theologen aus den USA oder Lateinamerika. Die Liste der angeklagten katholischen Theologen allein seit 50 Jahren, also nach dem so genannten Reformkonzil (2. Vatikanisches Konzil), ist endlos lang, Ratzinger hat diese Leute gern verfolgt, und man kann über google schnell fündig werden hinsichtlich des Ausmaßes der Kontrollen.

Nur ein Beispiel für viele: Der in El Salvador lehrende Theologieprofessor Prof. Jon Sobrino aus dem Jesuitenorden wurde 2007 von der römischen Glaubensbehörde mit einer so genannte „Notification“ ausgestattet: Das bedeutet: Ausdrücklich werden gegen Prof. Sobrino zwar noch keine Strafmaßnahmen ausgesprochen, hingegen wird sehr deutlich vom Vatikan aus gesagt: Einige Aspekte seiner grundlegenden Studien über Jesus Christus sind in römischer Sicht falsch. Gleichzeitig werden die Bischöfe in dem Bürgerkriegsland El Salvador (d.h. heißt konkret: Reaktionäre katholische Militärs „beseitigen“ die kritische befreiungstheologische Basis, die ausgelöscht werden muss) aufgefordert: „Maßnahmen zu ergreifen, um die kritische Sicht des Vatikans gegen Pater Sobrino durchzusetzen“. Der katholische Theologe Knut Wenzel kommentiert: „Diese Aufforderung des Vatikans stellte eine erhebliche Verletzung der Rechtssicherheit für Pater Sobrino dar“ (in: Die Freiheit der Theologie, hg. Knut Wenzel, Grünewald Verlag, 2008, S. 7).

Diese Disziplinierungsmaßnahmen des Vatikans entsprechen jedenfalls nicht den von Philosophen und Humanisten durchgesetzten Standards von Rechtsstaatlichkeit und Verfahrenstransparenz. Letztlich war der Kampf des Vatikans gegen Professor Sobrino ein Kampf (und interessierter europäischer, us – amerikanischer Politiker) gegen die Befreiungstheologie. In Deutschland wurde dieser Kampf gegen diese Theologie kaum wahrgenommen.

Was hingegen aus aktuellen Gründen wahrgenommen werden sollte in Deutschland, ist der Wandel in der katholischen Bibelwissenschaft. Wird sich dieser Trend gegen die historisch – kritische Methode sich auch in Berlin breit machen? Da hat die bisher übliche historisch kritische Methode Konkurrenz bekommen in der so genannten „kanonischen Exegese“. Sie legt u.a. wert auf die Einbindung eines einzelnen Bibeltextes in das Gesamte, „kanonische“ biblische Text-Volumen. Wichtig ist nun von vornherein die spirituelle Bedeutung der Bibelauslegung, wobei oft wohl unterstellt wird, die historisch – kritische Bibelwissenschaft „bringe nichts“ für den Glauben des einzelnen: Als sei kritische Kenntnis ein Hindernis für einen aufgeklärten Glauben! Als Beispiel für diese angeblich spirituell hilfreiche kanonische Bibelauslegung gelten die Jesus – Bücher von Benedikt XVI. Nur einige Fragen, die Prof. Ruth Scoralick, Luzern, in dem Zusammenhang stellt:

„Von exegetischer Seite wird besorgt angefragt, ob sich die kanonische Auslegung nicht (unabsichtlich) als Türöffner für Fundamentalismus und Biblizismus betätigt. Ist darüber hinaus die kanonische Auslegung in einigen ihrer Gestalten nicht einfach eine Rolle rückwärts hinter die Erkenntnisse der Auf-klärung direkt in die Arme der Kirchenväter? Werden die biblischen Texte in ihrer Vielfalt nicht tendenziell eingeebnet und vereinheitlicht? Werden außerbiblische Textbezüge noch ernst genommen oder einfach abgeschnitten? Führt die verschiedentlich anzutreffende Rede von der Überführung ursprünglich situativ gebundener Texte in eine «überzeitliche» Dimension durch ihre Aufnahme in den Kanon nicht in eine unangemessene Abstraktion?“ (Quelle: http://www.bibelwerk.ch/upload/20091127104302.pdf)

Zusammenfassend:

Es ist notwendig, die katholische Theologie aus der Bindung ans kirchliche Amt zu befreien und katholische Theologie als „Religionswissenschaft des Christentums und des Katholizismus“zu etablieren. Dadurch würden es keine theologischen Forschungsverbote mehr geben, etwa zur Unfehlbarkeit des Papstes, zum Marienkult als Ausdruck einer Mutter – Religion, zur Trinität als Frage nach dem Monotheismus, zur Gültigkeit aller einst einmal formulierten Dogmen auch für de heutige Kirche usw. Ein breites, auch kulturelles Spektrum könnte in dieser amtskirchen-unabhängigen Wissenschaft von der katholischen Religion behandelt werden. Der ausdrückliche Bezug zur pluralistischen Religionstheologie oder zu Gender – Forschungen etc. wäre problemlos und angstfrei möglich.

Wer unter diesen Bedingungen ausgebildet wird, hat einfach einen breiteren Horizont, er (sie) ist sozusagen kulturell – religiös umfassender gebildet als in der üblichen katholisch – theologischen Arbeit, die ja oft von Angst vor „schwierigen“ Themen geprägt ist. Diese neue Ausbildung würde den Religionslehrern nützlich sein so wie auch den Kandidaten für den Pfarrerberuf. Wie man gut predigt oder wie man Liturgie gestaltet, muss ja dann nicht mehr an der staatlichen Uni gelehrt werden, sondern kann in Kursen in kirchlicher Verantwortung stattfinden.

Nebenbei: Wenn es in Berlin ein Zentralinstitut katholische Theologie“, staatlich finanziert unter amtskirchlicher Regie tatsächlich geben wird: Was wird dann etwa aus dem in Berlin – Biesdorf gelegenen innerkirchlichen theologischen Ausbildungsinstitut der Neokatechumenalen, die ja bekanntlich seit vielen Jahren in ihrem sehr sehr konservativen Sinne junge Priester aus aller Welt für die Berliner katholischen Gemeinden ausbilden? Von dieser Bildungsstätte in Biesdorf hat die kulturell interessierte Öffentlichkeit in Berlin absolut nichts wahrgenommen, keinerlei theologische Impulse sind von dort in die Öffentlichkeit gelangt. Das Ganze wirkt wie eine geheime Kaderschmiede, früher hätte man gesagt: Parteihochschule. Das Biesdorfer Institut unter dem Titel Redemptoris Mater, Mutter des Erlösers, gehört den Neokatechumenalen, die weltweit 100 dieser Einrichtungen unter demselben Titel führen. Diese Institute sind ein Beispiel dafür, wie katholische Theologie aussieht, die nur im Getto der Kleriker betrieben wird. Berlin braucht keine klerikale katholische Theologie, sondern eine “Religionswissenschaft über die katholische Religion”. In Nijmegen, Niederlande, kann man sich an der dortigen Universität erkundigen, wie das funktioniert.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ein revolutionärer Heiliger – nicht nur für Lateinamerika: Oscar ROMERO

Über Erzbischof Oscar Romero, El Salvador

Ein Hinweis und eine Buchempfehlung von Christian Modehn

Am 14. Oktober 2018 wird Erzbischof Oscar Romero, El Salvador, in Rom heilig gesprochen.

Oscar Romero ist gerade heute eine inspirierende Gestalt für einen christlichen Glauben, der den politischen Kampf um die Menschenrechte der Armen ins Zentrum des Interesses stellt. Diese politische Deutlichkeit ist ja bekanntlich nicht selbstverständlich in einer Zeit, in der sich in der römischen Kirche entweder alles um eine abstrakte Innerlichkeit mit der gepflegten schönen Seele dreht oder um dogmatische, gehorsame Korrektheit bzw. eben auch um die absolut notwendige Freilegung der nun schon beinahe zahllosen weltweiten Verbrechen von Klerikern an Minderjährigen… Da werden die Armen und die globale Gerechtigkeit schnell vergessen.

Erzbischof Oscar Romero wurde von rechtsextremen, in den christlichen USA ausgebildeten, sich katholisch nennenden Landsleuten am Altar während eines Gottesdienstes erschossen. Warum? Weil er für die Armen bedingungslos eintrat! Romero war für die Diktatoren dort gefährlich. Dies geschah am 24.3. 1980. Später wurden viele seiner Freunde ebenfalls von katholischen rechtsextremen Killern erschossen, wie 7 Jesuiten in San Salvador, man denke nur an den großen Theologen Pater Ellacuria SJ. Aber es dauerte fast 30 Jahre, bis Oscar Romero selig bzw. dann auch heilig gesprochen wurde. Das Volk verehrte ihn aber längst als ein heiliges Vorbild. Über die Zusammenhänge, auch mit Blick auf das Opus Dei und die anderen klerikalen Feinde Romeros habe ich schon 2015 Beiträge veröffentlicht, über Romero und das Opus Dei sowie “Wer tötete Erzbischof Romero?”

Nun sind manche Optimisten gespannt, wann die ersten Kirchengebäude weltweit, natürlich auch in Deutschland, nach dem heiligen Vorbild (!) Oscar Romero benannt werden oder die katholischen Akademien, Klöster, Vereine und Bildungshäuser sich nach dem Heiligen „Revolutionär“ umbenennen. Selbst Umbenennungen von Kirchen sollten doch möglich sein, denn auf einen heiligen Georg (den es nie historisch gab) oder die 1000. St. Josefs Kirche könnte man gern verzichten oder auf Maria Himmelfahrtskirchen… Vielleicht inspiriert es auch die Protestanten, ihre noch banaleren Namen ihrer Kirchengebäude zugunsten Oscar Romeros umzubenennen. Mein Vorschlag: Der unsägliche Name des Kolonialherren Wilhelm I. sollte endlich als Kirchen-Titel verschwinden, also: Die Kaiser Wilhelm Gedächtnis Kirche in Berlin sollte Oscar Romero Gedächtniskirche heißen. So viel Mut haben natürlich Christen nicht in Deutschland. „Geht doch nicht, dieser klassische Wilhelm Titel in Berlin am Ku – Damm“, wird man mir sagen. Sie halten sich ja auch lieber an „König Luise – Gedächtnis-Kirchen“ oder „Kaiser Friedrich Gedächtniskirchen“ oder gar an eine Kirche „Am Seggeluchbecken“, um nur drei völlig absurde Titel für evangelische Kirchengebäude in Berlin zu nennen. Auch in der Hinsicht könnte Oscar Romero insgesamt befreien!

Ich weise jetzt aus aktuellem Anlass auf zwei Publikationen sehr empfehlend hin: zur persönlichen Information wie auch als Gesprächsgrundlage in Diskussionskreisen…Die Texte sind, ausnahmsweise einmal bei unserer website, dem Verlag selbst entnommen:

Zwei Neuerscheinungen

Am 24. März 1980 lässt die winzige Minderheit der Reichen in El Salvador in der Hauptstadt Erzbischof Oscar Romero ermorden. Die von ihm vertretene Kirche der Armen wird als Angriff auf die herrschenden Besitzverhältnisse und Privilegien verstanden. Heute ist Romero Fürsprecher einer anderen Globalisierung unter dem Vorzeichen von Empathie, Solidarität und Gerechtigkeit: Teilen, nicht töten oder „absaufen“ lassen!
Die zentralen Botschaften der Predigten Romeros lassen uns aufhorchen ob ihrer drängenden Aktualität in einer Welt, in der wenige Individuen über mehr Besitztümer verfügen als die ärmere Hälfte der gesamten Menschheit.
Nachfolgend werden zwei Neuerscheinungen vorgestellt, die mit Blick auf die offizielle „Kanonisation“ in Rom am 14. Oktober den ungezähmten – politischen – Romero und dessen „Heiligsprechung durch die Armen“ in den Mittelpunkt stellen.

OSCAR ROMERO –
ABER ES GIBT EINE STIMME, DIE STÄRKE IST UND ATEM …
Ein Hörbuch von Peter Bürger. – Onomato-Verlag
Gesamtspielzeit 78 Min. – ISBN 978-3-944891-67-5
Preis 10,- € [Auslieferung ab 01.10.2018] https://www.onomato.de/detail/index/sArticle/432/number/SW10136?number=SW10136

Autor & Textredaktion: Peter Bürger; Aufnahmetechnik & Gestaltung: Axel Grube; Sprechende: Gabriele Inhetvin, Peter Bürger, Peter Wege, Axel Grube; Musik: Detlef Klepsch und Axel Grube.
Mit freundlicher Unterstützung durch: Christliche Initiative Romero; Institut für Theologie und Politik; Solidarische Kirche im Rheinland; Wir sind Kirche; Bodo Bischof, Willem Lueg, Marco A. Sorace, Christian Weisner.

Das neue Hörbuch vermittelt die Geschichte Oscar Romeros, seinen Weg zur Kirche der Armen und Unterdrückten. Zeugnisse über den „Märtyrer der Gerechtigkeit“ und Selbstaussagen ermöglichen es, seine Wandlung und den Weg einer Pastoral an der Seite der Unterdrückten nachzuvollziehen. Eine treffende Auswahl erschließt die zentralen Botschaften.
Papst Franziskus will den Klerikalismus überwinden und sehnt sich nach einer Kirche der Armen. Auch an diesem Punkt kann Romero als Vorbild für einen neuen Aufbruch betrachtet werden. Der ehedem verschlossene und ängstliche Seelsorger erkannte seine Berufung, Sprachrohr zu sein für jene, die keine Stimme haben. Seine Predigten entstanden im Dialog. Er lernte das Zuhören und ließ sich von den kleinen Leuten stark machen. So wurde Romero trotz Todesdrohungen zu einem glücklicheren Menschen und glaubwürdigen Anwalt der Armen.

„Sie wollen nicht, dass auch nur eine Stimme von der Stimme der Mächtigen abweicht, sie wollen keine Worte, die für die eintreten, die keine Stimme haben, und erst recht keine Taten, die die Schutzlosen und Verfolgten in Schutz nehmen.“
(Oscar Romero, 27. Juli 1977: Brief an Bischof Leonidas Proaño in Ecuador)

„Aber es gibt eine Stimme, die die Wahrheit im Namen dieses ganzen leidenden Organismus fordert und ausspricht, eine Stimme, die Stärke ist und Atem. Und ich fühle, meine Schwestern und Brüder, dass ich diese Stimme bin und dass wir ganz bestimmt eine Mission erfüllen.“
(Oscar Romero: Predigt vom 8.5.1977)

„Transzendenz bedeutet, sich auf das Kind, auf den Armen, auf den in Lumpen Gekleideten, auf den Kranken einzulassen, in die Elendshütten und Häuser zu gehen und mit ihnen allen zu teilen. Transzendenz bedeutet, aus der Mitte des Elends selbst diese Lage zu überschreiten, den Menschen zu erheben, ihn voranzubringen und ihm zu sagen: Du bist kein Abfall. Du gehörst nicht an den Rand. Das Gegenteil ist der Fall: Du hast eine große, große Bedeutung.“
Oscar Romero

„Es gibt keinen Gegensatz zwischen dem Bild Gottes und dem Menschen. Wer einen Menschen foltert, wer einen Menschen beleidigt, der beleidigt das Bild Gottes.“
Oscar Romero

PDF-Infoblatt

„Gedenkt der Heiligsprechung von Oscar Romero
durch die Armen dieser Erde“
Dokumentation des Ökumenischen Aufrufes zum 1. Mai 2011 – Zuschriften – Lesesaal

Herausgegeben von Christian Weisner, Friedhelm Meyer & Peter Bürger.
Mit Beiträgen von Norbert Arntz, Andreas Hugentobler, Willi Knecht, Martin Maier SJ, Paul Gerhard Schoenborn, Stefan Silber u.a.

ISBN: 978-3-7460-7979-0
(Paperback, 268 Seiten, mit farbigen Abbildungen, Preis: 9,99 €)
Mit Angabe der ISBN-Nummer überall im Buchhandel bestellbar.
Leseprobe/Inhaltsverzeichnis (oben links anklicken) beim Verlag:
https://www.bod.de/buchshop/gedenkt-der-heiligsprechung-von-oscar-romero-durch-die-armen-dieser-erde-9783746079790

„Wer stört, wird umgebracht!“ predigte Oscar Romero, um die Unterdrückung in El Salvador zur Sprache zu bringen. Ihn selbst traf bald darauf die Kugel eines Auftragskillers. Die Besitzlosen des Kontinents, “Gottes Lieblinge”, sprachen den Bischof sofort heilig. Jahrzehnte später wird unter Bischof Franziskus von Rom jetzt auch die kirchenamtlichen Kanonisation (2015/2018) nachgeholt. An das “Lehramt von unten” erinnert der im vorliegenden Buch dokumentierte Ökumenische Aufruf zum 1. Mai 2011:
“Wir bitten Euch, der Heiligsprechung des Märtyrers San Oscar Romero durch die Armen Lateinamerikas und durch Freundinnen und Freunde Jesu auf dem ganzen Erdkreis zu gedenken. (…) Diese ‘Beatifikation’ ohne ein teures Verfahren von Kirchenbehörden verbreitet eine frohe Kunde unter dem Wehen des Gottesgeistes: ‘Das Beispiel unseres Bruders San Oscar Romero zeigt uns, wie schön und mutig wir Menschen werden können, wenn wir beginnen, der Botschaft Jesu zuzuhören’.”
Der neue Buchband erschließt alle Begleittexte, Zuschriften und Sprachversionen zum internationalen Aufruf “San Romero”, die Namen der unterzeichnenden Christinnen & Christen und Organisationen aus über 20 Ländern sowie die Impulse eines Ermutigungsabends. Über Romeros Weg und Bedeutung informiert ein “Lesesaal” mit Beiträgen von Norbert Arntz, Andreas Hugentobler, Willi Knecht, Martin Maier SJ, Paul Gerhard Schoenborn, Stefan Silber u.a. – Vertreter einer basiskirchlichen Perspektive zeigen auf, dass Establishment und Traditionalisten das Zeugnis Romeros zähmen wollen. Doch dieser Märtyrer ruft uns zum Aufbruch in einer Kirche der Armen.

Vollständige Dokumentation des Vorwortes: https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/011750.html

Aus aktuellem Anlass verschoben: Wo finden wir (noch) Halt. Eine Ra­dio­sen­dung NDR Kultur am 30.9.2018 um 8.40 Uhr

Wegen der aktuellen und hoffentlich umfassenden Debatten in der katholischen Kirche über sexuellen Mißbrauch durch Priester wird die Sendung auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

 

Wenn immer mehr unsicher wird…. Wo finden wir noch Halt? Was und wer gibt noch Sicherheit in unserem Leben?

Ein Essay bzw. eine philosophische Meditation von Christian Modehn auf NDR Kultur am Sonntag, 30.9.2018, von 8.40 bis 9.00 Uhr. ein Beitrag für die Reihe Glaubenssachen.

 

Glauben ohne „Wunder“! Warum Pater Pio endlich im Grab verschwinden sollte. Anläßlich des 50. Todestages.

Ein Hinweis von Christian Modehn zum 50.Todestag des Paters Pio. Siehe auch einen grundlegenden Beitrag.

Er ist immer noch einer der beliebtesten „Volksheiligen“ Italiens, als Foto mit Heiligenschein präsent in Kneipen, Taxis, Geschäften, Schlafzimmern und wohl auch in den geheimen Treffpunkten der sich auch fromm gebenden Mafia … und darüber hinaus wird er in der ganzen Welt von Katholiken verehrt, als Fürsprecher himmlischer Art… Sein Kult hat über all die Jahre immerhin dem Kapuziner Orden und dem Bistum Manfredonia so viel Geld eingebracht, dass in der Stadt seines Klosters, in San Giovanni Rotondo, Kliniken gebaut wurden, abgesehen von der pompösen „San Pio“ Kathedrale, die Renzo Piano dort errichtet hat.

Der Kapuzinerpater Pio (25.5. 1887 bis 23.9.1968) zeigte sich in der Öffentlichkeit gern mit dunkel rot erscheinenden, blutig wirkenden Verletzungen an seinen Händen: Diese wurden von ihm selbst, von den Frommen und später auch von den Päpsten als Stigmata, als Wunden Jesu am Kreuz, gedeutet. Eine äußerst seltene „Auszeichnung“ in der Sicht klassischer Wundertheologie. Therese Neumann von Konnersreuth („das Resel“ genannt) behauptete auch, auf solche blutige Weise gesegnet zu sein, was ernstzunehmende Theologen natürlich als Betrug deuten.

Pater Pio jedenfalls ist, kritisch betrachtet, und warum sollte man ihn nicht wie andere Menschen kritisch betrachten?, insgesamt gesehen ein Scharlatan, das meinten kritische Theologen und sogar zeitweise die Päpste. Mit Karbolsäure habe er seine Wunden erzeugt und mit dem Nervengift Vertarin die Schmerzen betäubt. So der Historiker Sergio Luzzatto in seiner Studie.

Weil das religiöse, aber kritisch nicht interessierte Volk herausragende Elemente von Jesus Christus leibhaftig sehen will, eben Stigmatisierungen oder sonst, wie ständig üblich, Reliquien (etwa Teile der Vorhaut Jesu, Fetzen aus dem Kreuz etc.) machte Pater Pio mit seinen rot gefärbten, dem Eindruck nach verschorft – blutenden Händen eine große Karriere. Man bewunderte ihn, sah in ihm, dem Priester, der kaum predigen konnte, ein Gottesgeschenk. Und diese Wunderkraft wollte und will doch die Kirche nicht stoppen, die das Geld hoch und heilig verehrt.

Über diesen Glauben an einen aus vielerlei, auch ökonomischer, Interessen „gemachten“ Heiligen habe ich an anderer Stelle berichtet, auch darüber, dass Papst Johannes Paul II. ein großer Verehrer dieses mit roten Handflächen herumlaufenden Kapuziners war; auch Papst Franziskus ist ja bekanntlich ein großer Heiligenverehrer: Man denke daran, dass er als Jesuitenpater, seit einem Aufenthalt in Augsburg, ganz begeistert war von der Gestalt und dem „Gnadenbild“ der Jungfrau Maria als „Knotenlöserin“. Den Kult um „Maria Knotenlöserin“ verbreitete er dann als Erzbischof von Buenos Aires in ganz Argentinien. Viele politische, gewalttätige, ökonomische usw. Knoten Argentiniens hat Maria jedenfalls offenbar bisher himmlisch nicht lösen können. Macht aber nichts , Hauptsache die Frommen haben eine Art Zufluchtsobjekt, wo sie sich ihren Gott und die Heiligen zusammenbasteln können, je nach Laune und Bedürfnis.

Bin ich also in einer Theologie, die als rationales Nachdenken diesen Namen verdient, gegen die Wunder, gegen die Wundertäter, die Wunderorte, die Marienerscheinungen usw.?

Ich bin im allgemeinen gegen den Wunderkult, diese Pio – Verehrung, die Verehrung der Maria, die als solche (!) aus dem Himmel herab nach Fatima schwebte usw… Denn: Wunderglaube in diesem weiten, populären Sinn führt die Menschen in die seelische Entfremdung, ist also, wenn er ernst genommen wird, seelisch schädlich. Und was schädlich ist, sollte man bekanntlich nicht ständig praktizieren. Auch wenn der ganz Trubel und Rummel um die Heiligen und heiligen Orte (Aufbewahrung der einbalsamierten Leichen, wie bei Lenin und dann auch Stalin und Mao etc…) natürlich eine exotische Abwechslung (Opium manchmal) ist einem eher tristen Alltag. Diese Freude, etwas Besonderes, an heilig genannten Orten zu erleben, mit anderen über (angeblich mysteriöse) wunderbare Erscheinungen und Begebnisse esoterisch zu plaudern, ist doch etwas Nettes. Aber nicht alles, was unterhaltsam ist und Gesprächsstoff für Spekulationen bietet, ist auch hilfreich und fördert die Entwicklung eines reifen Menschen. Etwas anderes ist es natürlich, wenn man in einer Oper von Mozart Wunderbares sieht und hört: Dann ist dies eben ein bewusst als solches wahrgenommenes Märchen, über das man schmunzeln kann, aber das war es dann auch. Hingegen hinterlässt Pater Pio auf Dauer negative Spuren im eigenen Leben, fördert den Glauben ans Fegefeuer und andere Absonderlichkeiten (er sah ja selbst arme Seelen von dort in seinem Zimmer etc..).Mit dem Gott der Wundertäter kann man einen deal machen, insofern passt er in kapitalistische Zeiten.

Wenn der Katholizismus aufhören will, Absonderliches zu vertreten und damit gegen die seelische Reifung der Menschen zu arbeiten, dann sollte er zuerst mit diesen Heiligenkulten, auch mit dem Kult um diesen Herrn Pater Pio, aufhören. Zwecks „Reinigung der Gemüter“ sozusagen. Die Kirche kann ja nur an Ansehen gewinnen, wenn sie sagt: Jetzt ist Schluss mit diesen mit roter Farbe verschmierten Pio Händen. Wir lassen die Infantilität dieser Kulte hinter uns usw. Und tun Wichtigeres, zum Beispiel den Armen gerecht zu begegnen und die Menschenrechte zu pflegen….

Ich möchte aber gern eine philosophische, also allgemein menschliche Haltung beachten: Dies ist die Erfahrung des Erstaunlichen, und dieses ist die Erkenntnis: Dass überhaupt etwas ist und nicht viel mehr nichts. Dieses DASS der Welt ist das einzige, das uns immer „ohne Lösung“ zu denken gibt, Leibniz sprach davon, viele andere auch. Wenn man so will, ist dies das einzige “Wunder”. Und für Religionsphilosophen, die das innere Verbundensein von göttlicher schöpferischer Wirklichkeit und Welt (mit den Menschen und ihrer Seele) zusammen denken, gilt: Dann ist es vor allem erstaunlich, dass Göttliches, Absolutes, Ewiges, in der Welt und in der geistigen, vernünftigen Menschenerfahrung sich zeigt, etwa in der Ethik. Siehe Kant. Wir Menschen sind in etwas sehr elementares und „einfaches“ Erstaunliches hineingesetzt. Dieses “Wunder” gilt es zu bedenken, von da aus ergeben sich Spuren ins Religiöse. Alles andere ist frommes Machwerk.

Wenn Göttliches in der Seele und im Geist der Menschen als „Funken“ (Meister Eckart) anwesend ist, dann ist dieses das einzige Wunder, das diesen Namen verdient! Auch die Gestalt Jesu von Nazareth lässt sich nur so verstehen: Er lebte in enger Verbindung mit dem alle Menschen auszeichnenden Göttlichen, darin ist die Kraft der „Auferstehung“ zu sehen.

Noch einmal: Wunder im populären Sinne, da und dort, bei diesem und jenem, bei Menschen mit rot verschmierten Händen („Wundmalen“), aber nicht bei allen, und auch nur ganz bestimmten ausgegrenzten Orten, gibt es eigentlich nicht. Wer diesen Wunderkult betreibt, hat finanzielle und politische Interessen (etwa im Falle von Fatima), will Religion pompös aufwerten, als Show gestalten, so, dass alle staunen. Das ist Machwerk, aber keine spirituell oder gar mystische Frömmigkeit.

Erneut zum theologischen Hintergrund:

Nichts hat religiöse Menschen so sehr von der eigenen menschlichen, d.h. immer auch selbstkritisch reflektierten Spiritualität entfernt und in die Entfremdung geführt wie der populäre Wunder – Kult und der Kult um Wundertäter und Wunder-Orte. Diese Formen des von religiösen Führern propagierten Wunderkultes sind im christlichen Raum besonders im Katholizismus verbreitet, aber auch in evangelikalen und charismatischen Kirchen und Gemeinschaften. In manchen Pfingstkirchen werden die Gemeindemitglieder ja schon misstrauisch angesehen, wenn sie nicht von ihren persönlichen täglichen Wundern ausführlich erzählen können, etwa so: „Tante Olga brachte mir plötzlich wunderbaren Apfelkuchen vorbei, den ich so dringend brauchte, was für ein Wunder…“

Wenn etwas Besonderes, Außergewöhnliches, offenbar nicht (so schnell) zu Erklärendes geschieht, kann man dies vernünftig – prosaisch Zufall nennen. Religiöse Menschen nennen den für sie selbst positiv erscheinenden Zufall „Wunder“. Irgendwo wollen sie die in der Lehre der Kirchen verbreitete These des begleitenden, hilfreichen Gottes für sich endlich mal selbst materiell erleben und sinnlich spüren. Gegen solche Deutungen „dieser mein Zufall ist mein Wunder“ kann man, von außen betrachtet, so lange nichts kritisieren, als diese dann wundergläubigen Menschen seelisch halbwegs stabil und reflektiert bleiben. Ist ein Lottogewinn Zufall oder Wunder?

Die Krise erleben diese frommen Menschen ja erst dann, wenn der Zufall für sie selbst nicht positiv zu deuten ist. In solchen Situationen, die oft in Verzweiflung und sogar in Unglaube führen können, fragen die Menschen: Wo ist denn Gott? Warum greift er nicht hier direkt für mich ein, warum also durchbricht Gott (der dann allmächtig genannt wird) nicht die Naturgesetze ausnahmsweise mal und dann zu meinen Gunsten? Und rettet mich? Was mit den anderen dann passiert, ist mir erst mal egal. Mein Gott soll mich aus allen möglichen irdischen Bedrängnissen retten. Egoismus wird sichtbar. Und ein sehr menschlicher Umgang mit dem alle Naturgesetze durchbrechenden Gott.

Innerhalb der Wunder-Diskussion ist besonders das Beten zu heiligen Wundertätern problematisch. Etwa so: Pater Pio soll mir helfen, soll im Himmel aktiv werden und Fürbitte leisten bei Gott, dass Gott sich höchst persönlich selbst durch die Fürsprache des so tollen heiligen Pater Pio für uns einsetzt. Das gleiche Denkmodell liegt etwa im Umgang mit der Jungfrau Maria vor: Sie möge doch als Himmelskönigin für uns wirken, also himmlisch irgendwie eingreifen. Was für ein verdinglichtes Gottesbild ist da eigentlich sichtbar? Gottvater mit Bart lässt sich in himmlischem Plausch von Pater Pio zu irgendwas Außergewöhnlichem bewegen…

Diese Gebete sind sozusagen Irreführungen: In allen Lebenssituationen sollte sich der Mensch sammeln und bedenken: Und nur darauf kommt es wohl an: Mein Leben ist wie das Leben aller anderen Menschen undurchschaubar. Mein Leben als solches ist ein Geheimnis. Und Geheimnis ist bekanntlich etwas anderes als ein immer irgendwie aufzulösendes Rätsel. Woher komme ich, warum bin ich da, wohin gehe, dies sind die einzige erstaunlichen wunderbaren Fragen. Darauf bezieht sich meditative Sammlung, darauf bezieht sich religiöser Kult in aller Stille.

Im Zentrum steht also: Ich vertraue auf einen bergenden letzten Sinn im Leben, in meinem Leben und dem Leben aller. Und mehr ist „religiös“ für den einzelnen Frommen gar nicht not – wendig. Diese Lebenspraxis ist schon schwer genug. Vielleicht anstrengender, als sich vor dem Leichnam Pater Pios erschüttert zu verneigen oder in Fatima oder wo auch immer ein paar Stufen auf den Knien hoch zu krauchen … und dann im „Heiligtum“ zehn Vater Unser zu beten, damit die Knieschmerzen wieder aufhören.

Hat das ein Reformator eigentlich einmal gesagt: Wunder sind Machwerke. Und diese Wundertäter inszenierte gut bezahlte Schauspieler…

Zusammenfassend mein natürlich offiziell unerwünschter Rat an die römischen Kirchenführer und die Leiter des Kapuzinerordens: Lasst Pater Pio endlich im Grab verschwinden. Vergesst ihn! Zerstört seine Bilder!  Zeigt Bilder von Oscar Romero, Helder Camara oder Martinuther King überall. Und vor allem: Entschuldigt euch bei den Menschen, dass ihr einen Scharlatan benutzt habt, um einen infantilen, eben autoritätshörigen Glauben zu fördern. Werdet endlich vernünftig, ihr Kleriker…   PS: Werden sie aber nicht.

Papst Franziskus wird trotzdem zum 50. Todestag des Scharlatans und Geldbringers Padre Pio nach San Giovanni Rotondo reisen. Er wird sagen, das weiss ich schon heute, am 31. 8.2018: „Padre Pio, welch ein großer Heiliger, welch ein Vorbild der Armut, auch der geistigen; er hat sich aufgeopfert, er hat die Wundmale Christi erduldet. Hat sie allen gezeigt und dabei Erfolg gehabt. Er hat die Beichte bei so vielen gehört, wer macht das schon? Predigen oder gar argumentieren konnte er nicht. Ist ja auch nicht so wichtig für einen Frommen!  Folgen wir ihm also nach. Ohne Opfer geht nichts zum Heil auf dieser Welt. Man muss überhaupt nicht klug sein, wie Padre Pio es ja war, um Gott zu fallen….“

Und all die Leute werden Beifall spenden. Und den modernen Papst Franziskus loben…..So ist das. Leider.

Wann gibt es wieder mal eine wirkliche Reformation?

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

Der Glaube an den “einen” Gott und die Gewalt: Der philosophische Salon im September

Ein re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er Salon am Freitag, den 28. September 2018, um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9

Den „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“ erhalten in diesem Jahr 2018 in Frankfurt/M. die beiden Wissenschaftler Aleida und Jan Assmann. Aleida Assmann arbeitet als Literaturwissenschaftlerin, Jan Assmann noch berühmter, wenn man so sagen darf, hat als Ägyptologe einen international hochgeschätzten Ruf: Er hat sich als universal gebildeter Religionsforscher in vielen Veröffentlichungen mit der „Gewalt im Monotheismus“ auseinandergesetzt und dadurch auch viele Kontroversen ausgelöst.

Wir wollen uns in diesem Salon – Gespräch dem zentralen Thema von Assmann kritisch nähern und uns fragen, wie in einem auch persönlich strukturierten Salongespräch üblich: Wo und wann haben wir Gewalt des Monotheismus erlebt? Und: Wann sind atheistische Ideologien als säkulare Mono-„theismen“ gewalttätig (gewesen)? So wird die Frage nach der Möglichkeit “absoluter Wahrheiten” aufgeworfen. Ist dann “alles” relativ?

Und vor allem: Wie lässt sich durch uns (!) eine Welt nicht nur der elementaren, aber oberflächlichen Toleranz, sondern des gewaltfreien Respekts aufbauen?

Lektüreempfehlung: Jan Assmann, Totale Religion. Picus Verlag Wien, 2016. Einige grundlegende Aufsätze und Hinweise zum Weiterforschen.. 183 Seiten.

Als philosophischer Hintergrund: Peter Sloterdijk, Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen. Verlag der Weltreligionen, 2007. 218 Seiten.

Siehe auch die große Debatte im Perlentaucher Magazin, online sind die Texte als pdf verfügbar.

Bei Interesse an diesem Thema: Bitte um Anmeldung: christian.modehn@berlin.de

Prager Frühling vor 50 Jahren …. vernichtet.

Zugleich eine Erinnerung an den tschechischen Philosophen Jan Patocka

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der Prager Frühling 1968 war zeitlich gesehen nur eine Episode. Aber er ist ein bleibender denkwürdiger Versuch, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ in Europa zu schaffen. Die westliche Gesellschaft sollte nicht kopiert werden, eine neue Form eines Sozialismus, der den Namen verdient,  sollte realisiert werden. Dafür fehlte den Akteuren in Prag allerdings die Zeit. Das heißt: Sie wurde ihnen genommen vom Imperialismus der etablierten, von Moskau gesteuerten Kommunistischen Parteien. Freiheit wurde wie üblich niedergeknüppelt.

Dazu hat der Spezialist für Osteuropäische Geschichte an der Uni in München, Martin Schulze-Wessel, ein wichtiges Buch veröffentlicht: „Der Prager Frühling“, Reclam Verlag. 332 Seiten.

Unser spezielles Interesse gilt aus diesem Anlass dem großen Philosophen Jan Patocka (1907 – 1977).

Nur einige Hinweise zu seinem Leben, das mit seiner Philosophie eng verbunden ist. Patocka war eine frühe philosophische Begabung. Er studierte auch an der Sorbonne, war ein Husserl Schüler, kannte Heidegger, studierte auch in Berlin. Aber er konnte in der kommunistischen Tschechoslowakei als Philosoph keinen Fuß fassen an einer Universität. Erst mit dem Prager Frühling konnte er seit 1968 wenige Jahre an der Karls – Universität lehren. Als er dann abgesetzt wurde, konnte er in kleinem Kreis, privat, in Wohnungen, Philosophie Kurse anbieten. Es gab sozusagen verbotene philosophische Salons im Kommunismus. Seine Vorträge wurden mitgeschrieben, vervielfältigt, und Gott sei Dank heimlich nach Wien gebracht. Später engagierte sich Patocka in der „Charta 77“ als einer der Sprecher. Und er sprach angstfrei, unbesorgt um das eigene Leben, auch mit interessierten Leuten aus dem Westen. Das blieb dem Verbrecher – Regime der KP nicht verborgen: So verhörte man den armen Patocka bis zur physischen Total – Erschöpfung, in den Folgen des Verhörs ist Patocka am 17.3. 1977 gestorben. An seiner Bestattung nahmen Hunderte teil, die tschechische STASI störte massiv das Begräbnis und filmte alle Trauernden. Die regime-treuen katholischen Friedenspriester, die auch Freunde in Westeuorpa hatten, etwa im Rahmen der SED hörigen „Berliner Konferenz“ (BK), waren selbstverständlich nicht unter den Trauernden.

Patocka war einer der großen tschechischen Humanisten, wie Vaclav Havel. Diese Form eines nicht konfessionellen Humanismus ist etwas Großes in der tschechischen Geschichte!

Das Eintreten für die Wahrheit und die Humanität bei allen persönlichen Gefährdungen war Patocka ein menschliches und deswegen philosophisches Herzensanliegen. In einer der geheim gehaltenen Vorlesungen im Jahre 77 betonte er: “Wo ändern sich die Welt und die Geschichte? Im Innern, besser gesagt, im Leben des Einzelnen. 

Patocka ist ein Philosoph der Freiheit, das ist entscheidend. Und Freiheit hat für ihn immer mit Transzendieren als dem Überwinden des jeweils Gegeben zu tun. Überscheiten ist förmlich der Grundakt der Menschen. Darum konnte sich Patocka auch der „Charta 77“ anschließen, weil dort die Idee einer Freiheit formuliert wurde, die sich nicht deckte mit der westlichen kapitalistisch – liberalen Freiheit. Das war ihm wichtig.

Manche Freunde Patocka betonen: Er habe sich förmlich hingegeben für die Freiheit als dem ständigen Transzendieren und Überschreiten.

Der große tschechische Theologe Josef Zverina war sein Freund, der heutige international bekannte Autor, Philosoph und Priester Tomas Halik hörte Patocka noch an der Karls – Universität.

Als Einstieg ins Werk von Patocka empfehle ich: „Ketzerische Essays zur Philosophie der Geschichte“ (Suhrkamp)

Es ist in meiner Sicht eine Schande, dass die jetzige Regierung in Prag die Erinnerung an den „Prager Frühling“ vor 50 Jahren offenbar nicht ausführlich in den Mittelpunkt des Gedenkens stellen will, wie Martin Schulze – Wessel berichtet. Die heutigen Machthaber wollen keine Erinnerung an eine Zeit, als wirkliche sozialistische ALTERNATIVEN noch gedacht und kurz erprobt werden konnten. Die neoliberale, aber anti-europäische Form der tschechischen Politik soll propagiert werden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Europa unterstützt Diktatoren in Afrika: Wie Europa seinen Rassismus heute lebt. Ein Buchhinweis

Ein Buch – Hinweis von Christian Modehn

Vorweg: Ich veröffentliche diesen Hinweis bezogen auf den 15. August, den Tag von “Marias leiblicher (!) Aufnahme in den Himmel”, ein z. T. staatlicher (Bayern!, Frankreich, Italien usw.) wie insgesamt katholischer Feiertag. Diesen 15. August auf die Flüchtlinge zu beziehen, soll bedeuten: Eine humanistische, auf Jesus bezogene Religion täte gut daran, diesen intellektuell ohnehin kaum nachvollziehbaren Marien-Feiertag neu zu bestimmen: Als Tag der humanen leiblichen Aufnahme der Flüchtlinge in Europa. Dazu wird sich aber kein Kirchenfürst im Vatikan und anderswo aufraffen.

Europa, die EU und damit auch Deutschland, bedient sich einiger Diktatoren in Afrika, damit diese die Anwesenheit von afrikanischen Flüchtlingen in Europa massiv und gewalttätig verhindern. Für viele Millionen Euros tun Diktatoren und verbrecherische Clans bekanntlich alles. So krepieren viele tausend Flüchtlinge in der Sahara. Etwa der alles andere als demokratische Staat Niger wird von Deutschland und der EU finanziell großzügig ausgestattet, um die in dieses Transitland gelangenden Flüchtlinge aufzuhalten, auszubeuten, zurückzuschicken. Die EU unterstützt so das in Niger regierende autokratische Regime.  Die Flüchtlinge, die auf “Schleichwegen” durch die Sahara doch noch nach Libyen gelangen, werden dann in den von der EU bezahlten “Lagern” (dies sind moderne KZs) in Libyen festgehalten, gequält, missbraucht, verkauft. Viele ersaufen dann im Mittelmeer.Und die reaktionäre, katholisch geprägte PP Partei wird in Spanien alles tun, damit die bis jetzt hilfsbereite sozialistische spanische Regierung gerade der Flüchtlingshilfe wegen wieder “verschwindet”… So zeigt ein sich gelegentlich noch christlich bzw. humanistisch nennendes Europa sein wahres Gesicht gegenüber Menschen in Not. Die Schikanen gegenüber den rettenden Helfern auf ihren Booten sind eine Schande. Werden diese Helfer den Friedensnobelpreis erhalten?

Es wird von europäischen Politikern nicht erklärt: Wie denn nun die oft angedeuteten umfassenden, Strukturen verbessernden europäischen Hilfen für eine insgesamt menschenwürdige Zukunft der Armen in Afrika wirklich aussehen werden. Vielmehr ist es eine Tatsache: Es wird auch in Deutschland eine Art rassistische Abwehr betrieben, damit diese Armen bloß nicht unseren Wohlstand in Europa irgendeiner Weise in Frage stellen. Moralisch nennt man dieses Verhalten “tödlichen Egoismus”. Wie Skalven werden die Flüchtlinge dann auf den Obstplantagen in Spanien gern benutzt oder als unterbezahlte Tellerwäscher in europäischen Restaurants usw…

Zu dem umfassend verstörenden Thema ist schon vor einigen Wochen ein sehr lesenwertes Buch erschienen, auf das wir schon früher hingewiesen haben und noch einmal nachdrücklich hinweisen: „Diktatoren als Türsteher Europas”. Von Christian Jakob und Simone Schlindwein (Ch. Links Verlag, Berlin 2017).  Meinen ausführlichen Text zu dem wichtigen Buch können Sie hier nachlesen.

Den “Atom-Kriegern” heute widerstehen

Eine Benefizveranstaltung von IPPNW (= Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges) am 9. August 2018 in Berlin – Dahlem

74 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki ist die Gefahr eines Atomkrieges größer denn je.

Nach Einschätzung des „Bulletins oft the Atomic Scientists“ dem Berichtsblatt der Atomwissenschaftler, steht die „Uhr des Jüngsten Gerichts“, die die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges anzeigt, seit Anfang 2018 auf 2 Minuten vor 12!

Wir erinnern daran und laden ein zum IPPNW-Benefizkonzert „Nie wieder Hiroshima – Nie wieder Nagasaki“ am Donnerstag, den 9. August um 20 Uhr in der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem, Hittorfstraße 25, 14195 Berlin. U-3 Thielplatz. Bus M11,110

Der Organist Ulrich Eckhardt und die jungen japanischen Preisträger internationaler Wettbewerbe Kazuhito Yamane, Michiaki Ueno und Tomoki Kitamura stellen mit Werken von J.S. Bach, F. Schubert und J. Brahms der drohenden Zerstörung unserer Erde ein Stück Kultur entgegen, denn gerade im Atomzeitalter spielt Musik als Zeichen des Lebendigseins eine besondere Rolle.

Die Vorsitzende des Gemeindekirchenrates der Kirchengemeinde Dahlem Frau Katja von Damaros und der stellvertretende Botschafter von Japan in Deutschland Herr Yasushi Misawa werden zur Begrüßung sprechen.

Die internationale Studierendensprecherin der IPPNW, Franca Brüggen spricht zum Thema: “Hiroshima und Nagasaki – Erinnerungen an das Unvorstellbare”.

Die Schirmherrschaft hat die Botschaft von Japan in Deutschland.

Einzelheiten zum Konzert finden Sie im beigefügten Plakat oder unter www.ippnw-concerts.de

Der Eintritt ist frei – Spenden erbeten.

…. 50 Jahre nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki fand in San Antonio/USA ein Kolloquium zum Thema „1945 – Feuerprobe der Befreiung“ statt. Der 87jährige Physiker Edward Teller, einer der Väter der amerikanischen Atombombe und ein entschiedener Befürworter der atomaren Rüstung ergriff das Wort und sagte, dass auch ein demonstrativer Abwurf der Atombombe über der Bucht von Tokio den Krieg beendet hätte. Dies hätten 10 Millionen Japaner gehört und gesehen, ohne dass ein einziger Mensch gestorben wäre. Vom moralischen Standpunkt aus sei dies der Bombardierung Hiroshimas vorzuziehen gewesen. Die Bombardierung Nagasakis drei Tage später nannte er völlig unnötig.

 

Georgiens Philosoph der Freiheit: Merab Mamardaschwili. Anläßlich der Frankfurter Buchmesse 2018

Über den Philosophen Merab Mamardaschwili, geboren am 15.9.1930

Ein Hinweis von Christian Modehn

Über die Gegenwart des Stalin-Kultes in Georgien berichtet jetzt auch sehr anschaulich Christoph Dieckmann in “DIE ZEIT” vom 13. September 2018, Seite 21. “Alles Rote haben wir entfernt” ist der (ironische) Titel…

Georgien ist der „Ehrengast“ der Frankfurter Buchmesse 2018. Endlich ein Grund mehr, an den großen georgischen Philosophen Merab Mamardaschwili zu erinnern und sogar zu bitten, wenn nicht zu fordern, dass an sein Werk, an seine Art, Philosophie zu lehren und zu leben, auch in Deutschland endlich viel mehr erinnert wird.

Merab Mamardaschwili wurde am 15. September 1930 in Gori geboren, der Stadt, aus der auch Stalin stammt.

Aber mit dem Stalinismus und dem Sowjetsozialismus hatte der Philosoph nichts im Sinn. Er war ein origineller Interpret der Werke von Descartes, den er besonders schätzte, weil er in seiner Philosophie das Individuum über die Gesellschaft gestellt wurde. Und Mamardaschwili schätzte Kant, den “Philosophen der individuellen Freiheit”, der er selbst auf ganz eigenwillige Art in Moskau war; als ein Individuum, ein Mann außerhalb der Massen. Seine Studenten und seine Freunde verglichen ihn durchaus gern mit „Sokrates“. Das will etwas heißen im Sowjetsystem. Großes Interesse hatte Mamardaschwili für die französische Literatur, für Artaud und Proust. Ins Deutsche sind keine Arbeiten von Mamardaschwili, meines Wissens bis jetzt (Juli 2018), übersetzt worden.

Es ist wohl eine seiner bemerkenswertesten Leistungen, dass er als Philosophie – Professor an staatlichen Universitäten und Hochschulen in Moskau und Tbilissi (von 1980 bis 1990) als freier Denker lehren und leben konnte. Seine Vorlesungen fanden einen enormen Zuspruch. Sein Name hatte in der Sowjetzeit schon eine bestimmte „Aura“ der Freiheit.

Dissident und damit Verfolgter im Sowjetreich war er nicht. Er hatte förmlich das Glück, unter den Zuständen damals trotzdem noch frei zu bleiben und frei zu denken. Der russische Philosoph Michail Ryklin nennt Mamardaschwili „einen Denker von europäischen Format und einen Lehrer im sokratischen Sinne, der eine ganz Generation von georgischen und russischen Intellektuellen geprägt hat“. Er war als Georgier zwar mit seiner Heimat verbunden, wandte sich aber heftig gegen den Nationalismus. Er sagte: „Die Wahrheit steht höher als die Heimat“. Daraufhin begann förmlich eine Hetzkampagne gegen ihn.

Mamardaschwili wurde nach seiner Promotion über Hegel nach Prag geschickt, das war schon ein kleiner Schritt in ein bisschen mehr Freiheit. Eigenmächtig blieb er in Paris und wurde darauf , bei seiner Rückkehr, 1966, dazu verurteilt, die UDSSR 20 Jahre Jahre lang nicht zu verlassen. Gorbatschow erwähnt ihn positiv, in den Zeiten der „Öffnung“ Ende der achtziger Jahre konnte er frei reisen, etwa in die USA und Frankreich. Am 25. November 1990 ist er an einem Herzinfarkt auf einem Moskauer Flughafen, im Transitbereich, auf dem Weg nach Georgien, gestorben. Ausgerechnet im Transit möchte man sagen, lebte doch Maradaschwili selbst insgesamt wie im Übergang.

Seine Werke gilt es in Deutschland und wohl außerhalb Georgiens insgesamt zu entdecken, genauso wie seine außergewöhnliche Persönlichkeit. Unsere hiesige Philosophie erlebt Überraschungen, wenn sie über das allzu Vertraute hinausschaut. Wer hätte schon damit gerechnet, dass solch ein Denker im Sowjetsystem überhaupt leben und eine Art „philosophische Gemeinde“ damals formen konnte?

In einem Interview mit Annie Eppelboin (Frankeich) sagte Mamardaschwili: „Die totalitäre Gesellschaft erschafft eine Sprache, die das Erwachen ausschließt. Du kannst sterben, ohne je entdeckt zu haben, was wirklich dein Gefühl ist. Als ich jung war, waren die Leute vom Komsomol die Verwalter des Gemeinwesen, auch des sozialen Körpers. Sie verwalteten auch mein Denken“. (in dem Buch „ La Pensée empéchée“).

Copyright: Christian Modehn

 

 

 

Weisheit der Bibel: Ein philosophischer Salon über das Buch „Der Prediger Salomo“, auch „Kohelet“ genannt

Philosophie hat bekanntlich schon im Titel das Wort sophía, „Weisheit“. Wir haben uns in den bisherigen ca. 100 Salonabenden fast ausschließlich mit der philosophischen Weisheit und der westlichen Philosophie beschäftigt. Es wird Zeit, um unserer selbst willen, um unseres geistigen Horizontes willen, unseren Blick zu weiten auf andere Weisheitstraditionen. Etwa auf die biblische, die hebräische bzw. „alt–testamentliche“ Weisheit. Sie kann auch für „religiös Unmusikalische“ eine Denk- und Lebenshilfe  sein, zumal, wenn man sich in diesen verrückten Krisenzeiten heute fragt: Was bleibt eigentlich von der menschlichen Menschheit, d.h. etwa der Solidarität, und was bleibt letztendlich von mir selbst? Dieser Frage kann wohl niemand ausweichen.

Die Weisheit der Bibel (im Buch “Kohelet”) ist also unser Thema am 24. August 2018 um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9.

Es ist eine gewünschte Voraussetzung zu einem intensiven Gespräch: Den knappen Text vorher zu lesen, der unter dem Titel „Der Prediger Salomo“ bzw. „Kohelet“ auch im Internet abrufbar ist, dies nur für alle, die zuhause keine Bibel (mehr) haben bzw. diese nicht mehr finden. Das viel zitierte Wort „Carpe diém“, „Nütze den Tag“ hat ja bekanntlich seine Quelle in diesem Buch Kohelet. Vielleicht bewegt den einen oder die andere auch der Satz „Gott hat die Ewigkeit in des Menschen Herz gelegt“ (3, 11), wenn man sich fragt: Was bleibt? Auch darüber werden wir sprechen … in philosophisch – fragender Atmosphäre.

Herzliche Einladung! Mit der Bitte um Anmeldung: christian.modehn@berlin.de

Vor 30 Jahren (am 30.6.1988) spaltete Erzbischof Marcel Lefèbvre die katholische Kirche

Warum sollen eigentlich Mitglieder einer in jeder Hinsicht reaktionären traditionalistischen Kirche wieder  “katholisch” werden?

Ein Hinweis von Christian Modehn

Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist kirchlich nicht gebunden, im Unterschied zur Theologie. Darum können religionsphilosophisch Fragen erörtert und Erkenntnisse angstfrei präsentiert und verbreitet werden, die nicht in den von Bischöfen und Päpsten kontrollierten katholisch theologischen Betrieb passen. Am Ende dieses Beitrags wird darauf verwiesen, dass in Buenos Aires, wo Papst Franziskus als Erzbischof einst wirkte, die Traditionalisten inzwischen offiziell als Teil des Bistums anerkannt sind. Mit Zustimmung von Papst Franziskus! ….

Seit 30 Jahren will der Vatikan die in jeder Hinsicht reaktionären Pius-Brüder (Traditionalisten) in die Papstkirche zurückholen. Warum bloß? Warum lässt man diese Leute nicht ihren eigenen Weg weiter gehen und kümmert sich nicht weiter von Rom aus um sie? Warum braucht der Papst diese reaktionären Leute? Warum interpretiert Rom den wunderbaren Satz Jesu von Nazareth „Ich will, dass alle eins seien“ (Joh., 17,21) in dem römischen Sinne, als dachte Jesus von Nazareth auch nur im entferntesten daran: „Alle sollten wieder unter die Kontrolle Roms kommen und so „eins“ sein? Dabei wollte doch Jesus nur die Verbundenheit aller Menschen mit dem Göttlichen bezeugen…

Also: Anlässlich der Erinnerung an die 30 jährige Kirchenspaltung müssen endlich einmal ganz andere Fragen diskutiert werden: Fragen nach der religiösen, klerikalen Macht, Fragen zur „Einheit“ und: Ob etwa die noch in dieser Kirche verbliebenen Katholiken wirklich die Einheit mit den allseits reaktionären Lefèbvre Leuten wollen und diese Einheiten wünschen oder sogar „brauchen“.

Vor 30 Jahren spaltete der katholische Erzbischof Marcel Lefèbvre die katholische Kirche: Er weihte vier seiner traditionalistischen, aber römisch–katholischen Priester zu Bischöfen seiner „Bewegung“, und dies ohne Erlaubnis des Papstes! So sind nun einmal die Regeln des katholischen Kirchenrechts in Fragen der Bischofsweihe: Der Papst muss alles im Griff haben, weltweit und immer…. Erzbischof Lefèbvre, der sich stets für einen Erzkatholiken, für einen Ultra–Treuen, hielt, ignorierte also mit vollem Bewusstsein das Recht der Kirche. Er wollte unbedingt über seinen Tod hinaus durch vier Bischöfe seine eigene Kirche, die Traditionalisten, fortleben lassen. Ohne Bischöfe gibt es nun mal keine katholische Kirche. Diese wollte Lefèbvre auf seine Art fördern, aber eben bewusst außerhalb des päpstlichen Einflussbereiches. Also wollte Lefèbvre eine eigene Kirche, eine neue, eine explizit traditionalistische Kirche. Diese Bischofsweihe war ein schismatischer Akt, also eine Abspaltung von “der” Kirche, später wurden die vier traditonalistischen Bischöfe auch exkommunziert!

Im theologischen Zentrum dieser traditonalistischen Kirche steht: Keine Anerkennung der Beschlüsse des 2. Vatikanischen Reformkonzils. Lefèbvre und die Seinen träumen von einer angeblich „ewigen Kirche“, die wegen historischer Unkenntnis Lefèbvres für ihn tatsächlich mit den Strukturen, Lehren und Liturgien des 16. Jahrhunderts bis hin zu Papst Pius X. identisch ist. Kirchliche Entwicklung endet also für Lefèbvre genau im Jahr 1922: Da erstirbt alles Lebendige für ihn. (Ich empfehle für ein psychologisches Verstehen der Lefèbvre Kirche das Buch von Rainer FUNK, “Frömmigkeit zwischen Haben und Sein”, Benziger verlag, 1977, antiquarisch hoffentlich noch zu haben).

Als eigene Traditionalistenkirche (so bezeichnen sie sich selbst nicht, sie sind es aber de facto) verfügen die Piusbrüder mit Bischöfen, Priestern, Klöstern, Priesterseminaren, Schulen, Altenheimen über ein weltweites Netz von über 160 Prioraten und 750 Kirchen, wo die Messe im Stil des 16. Jahrhundert gelesen wird: Der Priester flüstert ein paar Worte am Altar, die Gemeinde betet dabei den Rosenkranz. Etwa 640 Priester gehören zur Bruderschaft, die Zahl der Anhänger wird nie exakt mitgeteilt, sie liegt zwischen 600.000 und 150.000 weltweit.

Philosophisch und in meiner liberal-theologischen Sicht ist es zunächst ja überhaupt nicht schlimm, eine eigene, auch eine traditionalistische katholische Kirche zu begründen. Warum sollte man das verbieten, wenn der Glaube einiger Leute in diese Richtung geht? Problematisch ist es ja nur, wenn, wie nachweislich, Lefèbvre und seine Leute äußerst rechtslastige politische Vorlieben dokumentiert haben, etwa für den chilenischen Diktator Augusto Pinochet oder den spanischen Diktator Franco oder für Jean Marie le Pen und sein Front National..

Problematisch ist zweierlei:
Bis heute behaupten die Traditionalisten, also die bekannten Pius–Brüder, die einzig wahre katholische Kirche zu sein. Auch das können sie ja behaupten. Nur: Sie wollen eben: Der Rest, also die jetzige römische Kirche mit ca 1,2 Milliarden Mitgliedern, sollte eigentlich genauso traditionalistisch werden wie sie selbst.

Noch erstaunlicher ist: Seit der Gründung einer eigenen traditionalistisch-katholischen Kirche ist der Vatikan, der gesamte Hofstaat, die Kurie, sind also die Päpste und alle Kardinäle, in höchster Alarmstufe: Sie sagen: Es darf doch nicht sein, dass da jemand ein katholisches Konkurrenz-Unternehmen gründet. Kirchengründungen innerhalb des eigenen Feldes duldet der römische Katholizismus überhaupt nicht. Man begründet dies –exegetisch sind diese Herren dabei höchst ungebildet – mit dem Spruch Jesu „Ich will, dass alle eins seien“. Das heißt in Rom: Alle sollen eins sein in der Folgsamkeit gegenüber dem Papst.

Katholische Kirchengründer katholischer Alternativkirchen sind in Rom „das letzte“, höchst unwillkommen: Jedenfalls hatte der Papst ja auch mit dem sehr exzentrischen Erzbischof Emmanuel Milingo (heutiges Zimbabwe) zu kämpfen, der 2006 exkommuniziert wurde. Zu reden wäre von anderen Spaltungen, wie der Gründung der unabhängigen katholischen „Aglipaykirche“ auf den Philippinen mit 3 Millionen Mitgliedern heute; selbst in Lateinamerika gibt es katholische eigenständige katholische Kirchen, wie etwa die Iglesia Catolica Apostolica Columbiana! Oder man denke an die Spaltung in der Römisch – Katholischen Kirche in der Tschechoslowakei, die 1920 zur Gründung der bis heute bestehenden „Tschechoslowakischen hussitischen Kirche“ führte, diese Kirche kennt keinen Zölibatszwang, dafür aber das Priestertum der Frauen…Auch in Polen gibt es unabhängige katholische Kirchen. Das ist philosophischen oder gar protestantisch theologischem Standpunkt überhaupt nicht schlimm.

Die Liste der Spaltungen von der römisch-katholischen Kirche nach der Reformation Luthers ist lang: Darüber wird aber kaum theologisch und historisch gearbeitet: Aber es gab immer einige, die sich dem Machtanspruch Roms widersetzten! Erwähnt werden müssen auch die verschiedenen Formen der „Altkatholischen Kirche“ (in Holland seit dem 18. Jahrhundert, in Deutschland nach dem 1. Vatikanischen Konzil) usw…Sie kennen nicht das Zölibatsgesetz und rekrutieren ihre Pfarrer oft aus römisch – katholischen Priestern, die mit dem Zölibatsgesetz nicht einverstanden sind.

Das Problem ist, dass jetzt im Umfeld der Kirchengründung durch Lefèbvre wieder eine Abspaltung von Rom sichtbar wird und damit eine Schwäche in der römischen Kirche deutlich wird, kurz, dass die Macht Roms irgendwie weiter bröckelt. Und das darf nun gar nicht sein. Wobei die römischen Behörden ja auch gar nicht fragen, ob denn alle, die sich römisch katholisch heute noch in Alaska Ghana oder Indien, nennen, wirklich alle die Dogmen der Kirche so exakt glauben, wie Rom es will. Die innere Verschiedenheit des Glaubens innerhalb der 1,3 Milliarden Katholiken wird gern ignoriert. Nur die „harten Fälle“, also die schismatischen Kirchengründer, werden verfolgt.

Rom will jedenfalls ganz entschieden die Rückkehr der Traditionalisten in die offizielle Papstkirche. Dabei werden durch die Piusbrüder selbst und auch durch die vatikanischen Kirchen die Tatsachen verschleiert: Man spricht nicht offiziell von einer „traditionalistischen Kirche“. Man tut auf beiden Seiten so, als wäre man doch prinzipiell einer Meinung, speziell hinsichtlich des Papsttums im allgemeinen…

Und so sind auch seit 1988 ständig und mit viel Aufwand Versuche vom Vatikan unternommen worden, diese Traditionalistenkirche wieder mit dem jetzigen Papst zu versöhnen. Da wurden einerseits Spaltungsversuche innerhalb der Traditionalistenszene durch Rom gemacht, indem der Papst eine päpstliche Traditionalistenbruderschaft gründete mit dem Titel St. Petrus Bruderschaft; einzelne Traditionalistenklöster, wie das reaktionäre Benediktinerkloster Le Barroux in Frankreich, wurden mit dem Papst versöhnt. Die rechtsextreme Haltung der Mönche blieb davon unberührt.

Auch (manche würden noch sagen sogar) Papst Franziskus tut vieles, um diese Brüder wieder in den Schoß von Mutterkirche zurückzuholen.

Warum gibt sich der Vatikan so unglaublich viel Mühe, diese Traditionalisten wieder mit dem Papst und der gesamten Kurie zu versöhnen?

Dafür gibt es mehrere Gründe, scheinbare und reale.

Scheinbar ist: Man will in Rom unbedingt die Einheit. Und man weint in Vatikanischen Palästen förmlich, dass der so fromme Marcel Lefèbvre den Mutterschoß Rom faktisch verlassen har.

Wichtiger ist: Die katholische Kirche ist nun einmal entschieden klerikal. Jeder Orden, jede Organisation, die heute noch viele junge (zölibatäre) Priester hat, ist zunächst einmal hoch geschätzt im Vatikan. Das gilt für den obskuren Orden der Legionäre Christi, für die Neokatechumenalen, das gilt ebenso für die Piusbrüder. Wer auch immer mit welchen klerikalen Gestalten (schon im Abstand von 100 Metern in der Kleidung als Priester erkennbar) das katholische Priestertum fördert, ist absolut willkommen im Vatikan.

Um die Piusbrüder für den Papst zu gewinnen, wird alles unternommen, da gibt es eigene Kommissionen, Reisen, Beratungen, diplomatische und theologische Gesten: So erlaubte Papst Franziskus seinen römischen Katholiken, auch bei Piusbrüdern zur Beichte zu gehen oder das Sakrament der Ehe zu feiern. Man sollte einmal probeweise bei einem Piusbruder beichten, dass man als Homosexueller mit einem homosexuellen Priester sexuellen Kontakt hatte, wahrscheinlich würde der Beichtstuhl dann explodieren.

In Argentinien sind diese Piusbrüder schon so weit in das offizielle römische System einbezogen, dass sie in Buenos Aires als offizielle katholische „Vereinigung diözesanen Rechts“ gelten dürfen. Papst Franziskus hat dem zugestimmt. Was soll das? Sind das die Vorläufer der künftigen Totalen Integration dieser Leute? Warum lässt man sie nicht in Ruhe und kümmert sich selbst um Wichtigeres?

Diese ganze Versöhnungsgeschichte der Lefèbvre Kirche mit Rom hat einen neurotischen Charakter! (Quelle zu Argentinien Kathweb. Katholische Presseagentur Österreichs Kathpress, 14. April 2015, abgerufen am 19. April 2015)

Und Papst Benedikt XVI. hat sogar am 21. Januar 2009 das Exkommunikationsdekret der vier von Lefèbvre geweihten Bischöfe aufgehoben, dabei wusste Papst Ratzinger längst, dass einer der vier, Bischof Richard Williamson, seit Jahren schon die Gaskammern und den Holocaust leugnete. Diese Aufhebung der Exkommunikation der vier Traditionalistenbischöfe ist wohl nur aus der tiefen Liebe Papst Benedikts zu diesen theologisch reaktionär denkenden Kreisen zu erklären. So, wie es viele im Vatikan gibt, die die Tradition auch im Sinne Lefèbvres über alles hoch schätzen. Denn da gelten die Priester noch als die Herren der Kirche…

Die Frage ist nur: Wer will wirklich (unter den römisch – katholischen Laien und den wenigen progressiven Priestern) die Rückkehr dieser Piusbrüder in die römische Kirche?

Warum kann Rom diese in jeder Hinsicht reaktionäre Kirche Lefèbvres nicht auf sich beruhen lassen und zu anderen, dringenderen Themen kommen? Und diese vernünftig entscheiden, etwa das Priestertum der Frauen. Aber das wurde unter dem angeblich progressiven Papst Franziskus jetzt auf ewig zurückgewiesen. Diese Leute (Kardinäle etc) in Rom sind bereits von der Traditionalisten Kirche vergiftet! Sie wollen vielleicht so werden wie sie: Eine engstirnige klerikale Sekte, selbst wenn diese noch Millionen Mitglieder zählt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Jürgen Habermas: Ein Salonabend über den “religiös unmusikalischen” Philosophen

Unser Salon am Freitag, den 20.Juli 2018, um 19 Uhr, will sich dem religionsphilosophischen Denken von Jürgen Habermas (89) annähern und zugleich ermuntern, sich weiter in seine Studien zu vertiefen.

Am 4. Juli 2018 erhält Jürgen Habermas den bekannten „Deutsch – französischen Medienpreis“.

Für unseren religionsphilosophischen Salon ist es förmlich höchste Zeit, das differenzierte Denken von Habermas in einer säkularen Welt zur Rolle der Religionen, vor allem des Christentums, zu verstehen und kritisch zu bedenken.

Herzliche Einladung also in die Kunst Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Berlin Wilmersdorf.

Anmeldungen an: christian.modehn@berlin.de

Aus der Fülle der Arbeiten von Habermas zum Thema kann als erster Einstieg immer noch die knappe Broschüre „Glauben und Wissen“ empfohlen werden; dies ist die Rede zur Verleihung es Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2001, erschienen im Suhrkamp Verlag als Sonderdruck 2001.

Flüchtlinge sind Menschen mit Menschenrechten: Zum Welttag der Flüchtlinge

Der Welttag der Flüchtlinge am 20. Juni 2018:

Ein Tag wird als „Welttag der Flüchtlinge“ bezeichnet: Der 20. Juni. Ein Tag: Was für eine Chance. Einmal einen ganzen Tag der 68 Millionen Menschen zu gedenken, die heute auf der Flucht sind, also mit Empathie an sie denken und mit politisch – humanem Handeln ihnen begegnen.

Aber zugleich: Was für ein Hohn, einen einzigen Tag der großen Herausforderung der Menschheit heute zu widmen. Alle Tage sind längst von Politikern zu Flüchtlingstagen gemacht worden, mit dem einzigen Ziel: Flüchtlinge von der Welt der Reichen fernzuhalten. Parteien und vor allem auch sich christlich nennende Politiker nutzen das Elend der Flüchtlinge, um ihre eigene klein- karierte, nur auf den Erhalt erworbener Besitzbestände übliche Orientierung durchzusetzen.

Wann werden die Kirchenführer in Deutschland, die ja immer noch Hüter des „Christlichen“ sind und sich auch oft so verhalten, sagen: Diesen Politikern und Parteien, die sich da mit einem “C” schmücken, sprechen wir zunächst mal das Christliche ab. Sollen sie sich treffender „Egoistisch demokratische Parteien“ nennen oder „AFD 2. Teil“. Das wagt meiner Meinung nach kein Bischof, kein Theologe in Deutschland, wäre aber eine not – wendige, eine klärende Entscheidung. und würde zeigen: Deutschland, Europa ist kein christliches Land mehr im Sinne dessen, was für Jesus von Nazareth entscheidend wichtig war….

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Wir dokumentieren jetzt einen Text des von uns schon häufig positiv erwähnten „Jesuiten Flüchtlingsdienstes“:

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst (Jesuit Refugee Service, JRS) sieht mit Sorge, wie das Mitgefühl aus der Debatte um Menschen auf der Flucht verschwindet und auch Angehörige christlicher Parteien extremistische Schlagworte salonfähig machen. Der JRS unterstützt unter anderem Kirchenasyle für einige der Asylsuchenden, die zum Vorwand für die Regierungskrise gemacht werden. Wer den Einzelfall ansieht, stellt oft fest: Für viele Menschen geht der Alptraum der Flucht innerhalb Europas weiter. „Weltweit sind mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht, in Deutschland wurden 2017 nach amtlichen Zahlen weniger als 200.000 Erstanträge auf Asyl gestellt. Das ist, gemessen an der Gesamtbevölkerung und der Wirtschaftskraft, ein geringer Beitrag“, sagt Claus Pfuff SJ, Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes. Noch geringer ist die Zahl derjenigen, um die sich der Streit zwischen CSU und CDU dreht: An den deutschen Grenzen wurden 2017 nach Angaben der Bundesregierung 15.414 Asylanträge gestellt. „Statt auf Menschlichkeit setzt Horst Seehofer auf Nationalismus und bedient rassistische Ressentiments“, sagt JRS-Direktor Pfuff. Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst hat Kirchenasyle unterstützt, die strittige Rückführungen innerhalb Europas betreffen. In solchen Fällen soll das zuständige Bundesamt überprüfen, ob besondere Härten ein Asylverfahren in Deutschland rechtfertigen: Eine alleinstehende schwarze Frau sollte in Italien in die Prostitution gezwungen werden. Ein irakischer Jeside, der den Massakern des IS entkommen konnte, flüchtete zu Angehörigen, die schon lange in München leben. Ein syrischer Student wurde in Bulgarien schwer misshandelt. In Griechenland hat ein westafrikanischer Handwerker rassistische Gewalt, Hunger und Obdachlosigkeit erlitten. „Sich aus diesen Situationen zu retten, ist kein ‚Tourismus‘. Es ist Flucht. Wer sich nicht von Wahlkampfgetöse und Worthülsen täuschen lässt, sondern den einzelnen Menschen anschaut, wird die Not sehen und entsprechend handeln“, so JRS-Direktor Claus Pfuff. Dass es immer wieder Angehörige christlicher Parteien sind, die Worte aus extremistischen Kreisen salonfähig machen, sieht er mit Sorge. Der Jesuit kann den aktuellen Anlass für die Regierungskrise nicht nachvollziehen. „Wenn ein Innenminister die Regierung zwingt, alles von diesem einen Thema abhängig zu machen, geraten die politischen Verhältnisse aus den Fugen. Das erweckt den Anschein, als gäbe es keine anderen Aufgaben – in Bezug auf Wohnungsbau, Bildungssystem, Rentensicherheit, Gesundheitswesen, Digitalisierung oder Klimawandel. Obwohl Asylsuchende und anerkannte Flüchtlinge nur zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen, richtet sich alle Aufmerksamkeit auf die Abwehr und Kriminalisierung von Flüchtenden. Jedes Mitgefühl mit Menschen in Not schwindet aus der öffentlichen Debatte. Aber wenn Nationalismus und eine angeblich einheitliche Identität, für die sogar das Kreuz herhalten muss, die Antwort auf Fragen unserer Zeit sein soll: Dann begeben wir uns auf eine abschüssige Bahn.“  

Der Jesuit Refugee Service (Jesuiten-Flüchtlingsdienst JRS) wurde 1980 angesichts der Not vietnamesischer Boat People gegründet und ist heute als internationale Hilfsorganisation in mehr als 50 Ländern tätig. In Deutschland setzt sich der Jesuiten-Flüchtlingsdienst für Asylsuchende ein, Abschiebungsgefangene, für „Geduldete“ und Flüchtlinge im Kirchenasyl sowie für Menschen ohne Aufenthaltsstatus („Papierlose“). Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind Seelsorge, Rechtshilfe und politische Fürsprache.

Kontakt: Dr. Dorothee Haßkamp Öffentlichkeitsarbeit Jesuiten-Flüchtlingsdienst Deutschland Jesuit Refugee Service (JRS) Witzlebenstr. 30a D-14057 Berlin Tel.: +49-30-32 60 25 90 Fax: +49-30-32 60 25 92

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