Prager Frühling vor 50 Jahren …. vernichtet.

Zugleich eine Erinnerung an den tschechischen Philosophen Jan Patocka

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der Prager Frühling 1968 war zeitlich gesehen nur eine Episode. Aber er ist ein bleibender denkwürdiger Versuch, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ in Europa zu schaffen. Die westliche Gesellschaft sollte nicht kopiert werden, eine neue Form eines Sozialismus, der den Namen verdient,  sollte realisiert werden. Dafür fehlte den Akteuren in Prag allerdings die Zeit. Das heißt: Sie wurde ihnen genommen vom Imperialismus der etablierten, von Moskau gesteuerten Kommunistischen Parteien. Freiheit wurde wie üblich niedergeknüppelt.

Dazu hat der Spezialist für Osteuropäische Geschichte an der Uni in München, Martin Schulze-Wessel, ein wichtiges Buch veröffentlicht: „Der Prager Frühling“, Reclam Verlag. 332 Seiten.

Unser spezielles Interesse gilt aus diesem Anlass dem großen Philosophen Jan Patocka (1907 – 1977).

Nur einige Hinweise zu seinem Leben, das mit seiner Philosophie eng verbunden ist. Patocka war eine frühe philosophische Begabung. Er studierte auch an der Sorbonne, war ein Husserl Schüler, kannte Heidegger, studierte auch in Berlin. Aber er konnte in der kommunistischen Tschechoslowakei als Philosoph keinen Fuß fassen an einer Universität. Erst mit dem Prager Frühling konnte er seit 1968 wenige Jahre an der Karls – Universität lehren. Als er dann abgesetzt wurde, konnte er in kleinem Kreis, privat, in Wohnungen, Philosophie Kurse anbieten. Es gab sozusagen verbotene philosophische Salons im Kommunismus. Seine Vorträge wurden mitgeschrieben, vervielfältigt, und Gott sei Dank heimlich nach Wien gebracht. Später engagierte sich Patocka in der „Charta 77“ als einer der Sprecher. Und er sprach angstfrei, unbesorgt um das eigene Leben, auch mit interessierten Leuten aus dem Westen. Das blieb dem Verbrecher – Regime der KP nicht verborgen: So verhörte man den armen Patocka bis zur physischen Total – Erschöpfung, in den Folgen des Verhörs ist Patocka am 17.3. 1977 gestorben. An seiner Bestattung nahmen Hunderte teil, die tschechische STASI störte massiv das Begräbnis und filmte alle Trauernden. Die regime-treuen katholischen Friedenspriester, die auch Freunde in Westeuorpa hatten, etwa im Rahmen der SED hörigen „Berliner Konferenz“ (BK), waren selbstverständlich nicht unter den Trauernden.

Patocka war einer der großen tschechischen Humanisten, wie Vaclav Havel. Diese Form eines nicht konfessionellen Humanismus ist etwas Großes in der tschechischen Geschichte!

Das Eintreten für die Wahrheit und die Humanität bei allen persönlichen Gefährdungen war Patocka ein menschliches und deswegen philosophisches Herzensanliegen. In einer der geheim gehaltenen Vorlesungen im Jahre 77 betonte er: “Wo ändern sich die Welt und die Geschichte? Im Innern, besser gesagt, im Leben des Einzelnen. 

Patocka ist ein Philosoph der Freiheit, das ist entscheidend. Und Freiheit hat für ihn immer mit Transzendieren als dem Überwinden des jeweils Gegeben zu tun. Überscheiten ist förmlich der Grundakt der Menschen. Darum konnte sich Patocka auch der „Charta 77“ anschließen, weil dort die Idee einer Freiheit formuliert wurde, die sich nicht deckte mit der westlichen kapitalistisch – liberalen Freiheit. Das war ihm wichtig.

Manche Freunde Patocka betonen: Er habe sich förmlich hingegeben für die Freiheit als dem ständigen Transzendieren und Überschreiten.

Der große tschechische Theologe Josef Zverina war sein Freund, der heutige international bekannte Autor, Philosoph und Priester Tomas Halik hörte Patocka noch an der Karls – Universität.

Als Einstieg ins Werk von Patocka empfehle ich: „Ketzerische Essays zur Philosophie der Geschichte“ (Suhrkamp)

Es ist in meiner Sicht eine Schande, dass die jetzige Regierung in Prag die Erinnerung an den „Prager Frühling“ vor 50 Jahren offenbar nicht ausführlich in den Mittelpunkt des Gedenkens stellen will, wie Martin Schulze – Wessel berichtet. Die heutigen Machthaber wollen keine Erinnerung an eine Zeit, als wirkliche sozialistische ALTERNATIVEN noch gedacht und kurz erprobt werden konnten. Die neoliberale, aber anti-europäische Form der tschechischen Politik soll propagiert werden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Europa unterstützt Diktatoren in Afrika: Wie Europa seinen Rassismus heute lebt. Ein Buchhinweis

Ein Buch – Hinweis von Christian Modehn

Vorweg: Ich veröffentliche diesen Hinweis bezogen auf den 15. August, den Tag von “Marias leiblicher (!) Aufnahme in den Himmel”, ein z. T. staatlicher (Bayern!, Frankreich, Italien usw.) wie insgesamt katholischer Feiertag. Diesen 15. August auf die Flüchtlinge zu beziehen, soll bedeuten: Eine humanistische, auf Jesus bezogene Religion täte gut daran, diesen intellektuell ohnehin kaum nachvollziehbaren Marien-Feiertag neu zu bestimmen: Als Tag der humanen leiblichen Aufnahme der Flüchtlinge in Europa. Dazu wird sich aber kein Kirchenfürst im Vatikan und anderswo aufraffen.

Europa, die EU und damit auch Deutschland, bedient sich einiger Diktatoren in Afrika, damit diese die Anwesenheit von afrikanischen Flüchtlingen in Europa massiv und gewalttätig verhindern. Für viele Millionen Euros tun Diktatoren und verbrecherische Clans bekanntlich alles. So krepieren viele tausend Flüchtlinge in der Sahara. Etwa der alles andere als demokratische Staat Niger wird von Deutschland und der EU finanziell großzügig ausgestattet, um die in dieses Transitland gelangenden Flüchtlinge aufzuhalten, auszubeuten, zurückzuschicken. Die EU unterstützt so das in Niger regierende autokratische Regime.  Die Flüchtlinge, die auf “Schleichwegen” durch die Sahara doch noch nach Libyen gelangen, werden dann in den von der EU bezahlten “Lagern” (dies sind moderne KZs) in Libyen festgehalten, gequält, missbraucht, verkauft. Viele ersaufen dann im Mittelmeer.Und die reaktionäre, katholisch geprägte PP Partei wird in Spanien alles tun, damit die bis jetzt hilfsbereite sozialistische spanische Regierung gerade der Flüchtlingshilfe wegen wieder “verschwindet”… So zeigt ein sich gelegentlich noch christlich bzw. humanistisch nennendes Europa sein wahres Gesicht gegenüber Menschen in Not. Die Schikanen gegenüber den rettenden Helfern auf ihren Booten sind eine Schande. Werden diese Helfer den Friedensnobelpreis erhalten?

Es wird von europäischen Politikern nicht erklärt: Wie denn nun die oft angedeuteten umfassenden, Strukturen verbessernden europäischen Hilfen für eine insgesamt menschenwürdige Zukunft der Armen in Afrika wirklich aussehen werden. Vielmehr ist es eine Tatsache: Es wird auch in Deutschland eine Art rassistische Abwehr betrieben, damit diese Armen bloß nicht unseren Wohlstand in Europa irgendeiner Weise in Frage stellen. Moralisch nennt man dieses Verhalten “tödlichen Egoismus”. Wie Skalven werden die Flüchtlinge dann auf den Obstplantagen in Spanien gern benutzt oder als unterbezahlte Tellerwäscher in europäischen Restaurants usw…

Zu dem umfassend verstörenden Thema ist schon vor einigen Wochen ein sehr lesenwertes Buch erschienen, auf das wir schon früher hingewiesen haben und noch einmal nachdrücklich hinweisen: „Diktatoren als Türsteher Europas”. Von Christian Jakob und Simone Schlindwein (Ch. Links Verlag, Berlin 2017).  Meinen ausführlichen Text zu dem wichtigen Buch können Sie hier nachlesen.

Den “Atom-Kriegern” heute widerstehen

Eine Benefizveranstaltung von IPPNW (= Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges) am 9. August 2018 in Berlin – Dahlem

74 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki ist die Gefahr eines Atomkrieges größer denn je.

Nach Einschätzung des „Bulletins oft the Atomic Scientists“ dem Berichtsblatt der Atomwissenschaftler, steht die „Uhr des Jüngsten Gerichts“, die die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges anzeigt, seit Anfang 2018 auf 2 Minuten vor 12!

Wir erinnern daran und laden ein zum IPPNW-Benefizkonzert „Nie wieder Hiroshima – Nie wieder Nagasaki“ am Donnerstag, den 9. August um 20 Uhr in der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem, Hittorfstraße 25, 14195 Berlin. U-3 Thielplatz. Bus M11,110

Der Organist Ulrich Eckhardt und die jungen japanischen Preisträger internationaler Wettbewerbe Kazuhito Yamane, Michiaki Ueno und Tomoki Kitamura stellen mit Werken von J.S. Bach, F. Schubert und J. Brahms der drohenden Zerstörung unserer Erde ein Stück Kultur entgegen, denn gerade im Atomzeitalter spielt Musik als Zeichen des Lebendigseins eine besondere Rolle.

Die Vorsitzende des Gemeindekirchenrates der Kirchengemeinde Dahlem Frau Katja von Damaros und der stellvertretende Botschafter von Japan in Deutschland Herr Yasushi Misawa werden zur Begrüßung sprechen.

Die internationale Studierendensprecherin der IPPNW, Franca Brüggen spricht zum Thema: “Hiroshima und Nagasaki – Erinnerungen an das Unvorstellbare”.

Die Schirmherrschaft hat die Botschaft von Japan in Deutschland.

Einzelheiten zum Konzert finden Sie im beigefügten Plakat oder unter www.ippnw-concerts.de

Der Eintritt ist frei – Spenden erbeten.

…. 50 Jahre nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki fand in San Antonio/USA ein Kolloquium zum Thema „1945 – Feuerprobe der Befreiung“ statt. Der 87jährige Physiker Edward Teller, einer der Väter der amerikanischen Atombombe und ein entschiedener Befürworter der atomaren Rüstung ergriff das Wort und sagte, dass auch ein demonstrativer Abwurf der Atombombe über der Bucht von Tokio den Krieg beendet hätte. Dies hätten 10 Millionen Japaner gehört und gesehen, ohne dass ein einziger Mensch gestorben wäre. Vom moralischen Standpunkt aus sei dies der Bombardierung Hiroshimas vorzuziehen gewesen. Die Bombardierung Nagasakis drei Tage später nannte er völlig unnötig.

 

Georgiens Philosoph der Freiheit: Merab Mamardaschwili. Anläßlich der Frankfurter Buchmesse 2018

Über den Philosophen Merab Mamardaschwili, geboren am 15.9.1930

Ein Hinweis von Christian Modehn

Georgien ist der „Ehrengast“ der Frankfurter Buchmesse 2018. Endlich ein Grund mehr, an den großen georgischen Philosophen Merab Mamardaschwili zu erinnern und sogar zu bitten, wenn nicht zu fordern, dass an sein Werk, an seine Art, Philosophie zu lehren und zu leben, auch in Deutschland endlich viel mehr erinnert wird.

Merab Mamardaschwili wurde am 15. September 1930 in Gori geboren, der Stadt, aus der auch Stalin stammt.

Aber mit dem Stalinismus und dem Sowjetsozialismus hatte der Philosoph nichts im Sinn. Er war ein origineller Interpret der Werke von Descartes, den er besonders schätzte, weil er in seiner Philosophie das Individuum über die Gesellschaft gestellt wurde. Und Mamardaschwili schätzte Kant, den “Philosophen der individuellen Freiheit”, der er selbst auf ganz eigenwillige Art in Moskau war; als ein Individuum, ein Mann außerhalb der Massen. Seine Studenten und seine Freunde verglichen ihn durchaus gern mit „Sokrates“. Das will etwas heißen im Sowjetsystem. Großes Interesse hatte Mamardaschwili für die französische Literatur, für Artaud und Proust. Ins Deutsche sind keine Arbeiten von Mamardaschwili, meines Wissens bis jetzt (Juli 2018), übersetzt worden.

Es ist wohl eine seiner bemerkenswertesten Leistungen, dass er als Philosophie – Professor an staatlichen Universitäten und Hochschulen in Moskau und Tbilissi (von 1980 bis 1990) als freier Denker lehren und leben konnte. Seine Vorlesungen fanden einen enormen Zuspruch. Sein Name hatte in der Sowjetzeit schon eine bestimmte „Aura“ der Freiheit.

Dissident und damit Verfolgter im Sowjetreich war er nicht. Er hatte förmlich das Glück, unter den Zuständen damals trotzdem noch frei zu bleiben und frei zu denken. Der russische Philosoph Michail Ryklin nennt Mamardaschwili „einen Denker von europäischen Format und einen Lehrer im sokratischen Sinne, der eine ganz Generation von georgischen und russischen Intellektuellen geprägt hat“. Er war als Georgier zwar mit seiner Heimat verbunden, wandte sich aber heftig gegen den Nationalismus. Er sagte: „Die Wahrheit steht höher als die Heimat“. Daraufhin begann förmlich eine Hetzkampagne gegen ihn.

Mamardaschwili wurde nach seiner Promotion über Hegel nach Prag geschickt, das war schon ein kleiner Schritt in ein bisschen mehr Freiheit. Eigenmächtig blieb er in Paris und wurde darauf , bei seiner Rückkehr, 1966, dazu verurteilt, die UDSSR 20 Jahre Jahre lang nicht zu verlassen. Gorbatschow erwähnt ihn positiv, in den Zeiten der „Öffnung“ Ende der achtziger Jahre konnte er frei reisen, etwa in die USA und Frankreich. Am 25. November 1990 ist er an einem Herzinfarkt auf einem Moskauer Flughafen, im Transitbereich, auf dem Weg nach Georgien, gestorben. Ausgerechnet im Transit möchte man sagen, lebte doch Maradaschwili selbst insgesamt wie im Übergang.

Seine Werke gilt es in Deutschland und wohl außerhalb Georgiens insgesamt zu entdecken, genauso wie seine außergewöhnliche Persönlichkeit. Unsere hiesige Philosophie erlebt Überraschungen, wenn sie über das allzu Vertraute hinausschaut. Wer hätte schon damit gerechnet, dass solch ein Denker im Sowjetsystem überhaupt leben und eine Art „philosophische Gemeinde“ damals formen konnte?

In einem Interview mit Annie Eppelboin (Frankeich) sagte Mamardaschwili: „Die totalitäre Gesellschaft erschafft eine Sprache, die das Erwachen ausschließt. Du kannst sterben, ohne je entdeckt zu haben, was wirklich dein Gefühl ist. Als ich jung war, waren die Leute vom Komsomol die Verwalter des Gemeinwesen, auch des sozialen Körpers. Sie verwalteten auch mein Denken“. (in dem Buch „ La Pensée empéchée“).

Copyright: Christian Modehn

 

 

 

Weisheit der Bibel: Ein philosophischer Salon über das Buch „Der Prediger Salomo“, auch „Kohelet“ genannt

Philosophie hat bekanntlich schon im Titel das Wort sophía, „Weisheit“. Wir haben uns in den bisherigen ca. 100 Salonabenden fast ausschließlich mit der philosophischen Weisheit und der westlichen Philosophie beschäftigt. Es wird Zeit, um unserer selbst willen, um unseres geistigen Horizontes willen, unseren Blick zu weiten auf andere Weisheitstraditionen. Etwa auf die biblische, die hebräische bzw. „alt–testamentliche“ Weisheit. Sie kann auch für „religiös Unmusikalische“ eine Denk- und Lebenshilfe  sein, zumal, wenn man sich in diesen verrückten Krisenzeiten heute fragt: Was bleibt eigentlich von der menschlichen Menschheit, d.h. etwa der Solidarität, und was bleibt letztendlich von mir selbst? Dieser Frage kann wohl niemand ausweichen.

Die Weisheit der Bibel (im Buch “Kohelet”) ist also unser Thema am 24. August 2018 um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9.

Es ist eine gewünschte Voraussetzung zu einem intensiven Gespräch: Den knappen Text vorher zu lesen, der unter dem Titel „Der Prediger Salomo“ bzw. „Kohelet“ auch im Internet abrufbar ist, dies nur für alle, die zuhause keine Bibel (mehr) haben bzw. diese nicht mehr finden. Das viel zitierte Wort „Carpe diém“, „Nütze den Tag“ hat ja bekanntlich seine Quelle in diesem Buch Kohelet. Vielleicht bewegt den einen oder die andere auch der Satz „Gott hat die Ewigkeit in des Menschen Herz gelegt“ (3, 11), wenn man sich fragt: Was bleibt? Auch darüber werden wir sprechen … in philosophisch – fragender Atmosphäre.

Herzliche Einladung! Mit der Bitte um Anmeldung: christian.modehn@berlin.de

Vor 30 Jahren (am 30.6.1988) spaltete Erzbischof Marcel Lefèbvre die katholische Kirche

Warum sollen eigentlich Mitglieder einer in jeder Hinsicht reaktionären traditionalistischen Kirche wieder  “katholisch” werden?

Ein Hinweis von Christian Modehn

Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist kirchlich nicht gebunden, im Unterschied zur Theologie. Darum können religionsphilosophisch Fragen erörtert und Erkenntnisse angstfrei präsentiert und verbreitet werden, die nicht in den von Bischöfen und Päpsten kontrollierten katholisch theologischen Betrieb passen. Am Ende dieses Beitrags wird darauf verwiesen, dass in Buenos Aires, wo Papst Franziskus als Erzbischof einst wirkte, die Traditionalisten inzwischen offiziell als Teil des Bistums anerkannt sind. Mit Zustimmung von Papst Franziskus! ….

Seit 30 Jahren will der Vatikan die in jeder Hinsicht reaktionären Pius-Brüder (Traditionalisten) in die Papstkirche zurückholen. Warum bloß? Warum lässt man diese Leute nicht ihren eigenen Weg weiter gehen und kümmert sich nicht weiter von Rom aus um sie? Warum braucht der Papst diese reaktionären Leute? Warum interpretiert Rom den wunderbaren Satz Jesu von Nazareth „Ich will, dass alle eins seien“ (Joh., 17,21) in dem römischen Sinne, als dachte Jesus von Nazareth auch nur im entferntesten daran: „Alle sollten wieder unter die Kontrolle Roms kommen und so „eins“ sein? Dabei wollte doch Jesus nur die Verbundenheit aller Menschen mit dem Göttlichen bezeugen…

Also: Anlässlich der Erinnerung an die 30 jährige Kirchenspaltung müssen endlich einmal ganz andere Fragen diskutiert werden: Fragen nach der religiösen, klerikalen Macht, Fragen zur „Einheit“ und: Ob etwa die noch in dieser Kirche verbliebenen Katholiken wirklich die Einheit mit den allseits reaktionären Lefèbvre Leuten wollen und diese Einheiten wünschen oder sogar „brauchen“.

Vor 30 Jahren spaltete der katholische Erzbischof Marcel Lefèbvre die katholische Kirche: Er weihte vier seiner traditionalistischen, aber römisch–katholischen Priester zu Bischöfen seiner „Bewegung“, und dies ohne Erlaubnis des Papstes! So sind nun einmal die Regeln des katholischen Kirchenrechts in Fragen der Bischofsweihe: Der Papst muss alles im Griff haben, weltweit und immer…. Erzbischof Lefèbvre, der sich stets für einen Erzkatholiken, für einen Ultra–Treuen, hielt, ignorierte also mit vollem Bewusstsein das Recht der Kirche. Er wollte unbedingt über seinen Tod hinaus durch vier Bischöfe seine eigene Kirche, die Traditionalisten, fortleben lassen. Ohne Bischöfe gibt es nun mal keine katholische Kirche. Diese wollte Lefèbvre auf seine Art fördern, aber eben bewusst außerhalb des päpstlichen Einflussbereiches. Also wollte Lefèbvre eine eigene Kirche, eine neue, eine explizit traditionalistische Kirche. Diese Bischofsweihe war ein schismatischer Akt, also eine Abspaltung von “der” Kirche, später wurden die vier traditonalistischen Bischöfe auch exkommunziert!

Im theologischen Zentrum dieser traditonalistischen Kirche steht: Keine Anerkennung der Beschlüsse des 2. Vatikanischen Reformkonzils. Lefèbvre und die Seinen träumen von einer angeblich „ewigen Kirche“, die wegen historischer Unkenntnis Lefèbvres für ihn tatsächlich mit den Strukturen, Lehren und Liturgien des 16. Jahrhunderts bis hin zu Papst Pius X. identisch ist. Kirchliche Entwicklung endet also für Lefèbvre genau im Jahr 1922: Da erstirbt alles Lebendige für ihn. (Ich empfehle für ein psychologisches Verstehen der Lefèbvre Kirche das Buch von Rainer FUNK, “Frömmigkeit zwischen Haben und Sein”, Benziger verlag, 1977, antiquarisch hoffentlich noch zu haben).

Als eigene Traditionalistenkirche (so bezeichnen sie sich selbst nicht, sie sind es aber de facto) verfügen die Piusbrüder mit Bischöfen, Priestern, Klöstern, Priesterseminaren, Schulen, Altenheimen über ein weltweites Netz von über 160 Prioraten und 750 Kirchen, wo die Messe im Stil des 16. Jahrhundert gelesen wird: Der Priester flüstert ein paar Worte am Altar, die Gemeinde betet dabei den Rosenkranz. Etwa 640 Priester gehören zur Bruderschaft, die Zahl der Anhänger wird nie exakt mitgeteilt, sie liegt zwischen 600.000 und 150.000 weltweit.

Philosophisch und in meiner liberal-theologischen Sicht ist es zunächst ja überhaupt nicht schlimm, eine eigene, auch eine traditionalistische katholische Kirche zu begründen. Warum sollte man das verbieten, wenn der Glaube einiger Leute in diese Richtung geht? Problematisch ist es ja nur, wenn, wie nachweislich, Lefèbvre und seine Leute äußerst rechtslastige politische Vorlieben dokumentiert haben, etwa für den chilenischen Diktator Augusto Pinochet oder den spanischen Diktator Franco oder für Jean Marie le Pen und sein Front National..

Problematisch ist zweierlei:
Bis heute behaupten die Traditionalisten, also die bekannten Pius–Brüder, die einzig wahre katholische Kirche zu sein. Auch das können sie ja behaupten. Nur: Sie wollen eben: Der Rest, also die jetzige römische Kirche mit ca 1,2 Milliarden Mitgliedern, sollte eigentlich genauso traditionalistisch werden wie sie selbst.

Noch erstaunlicher ist: Seit der Gründung einer eigenen traditionalistisch-katholischen Kirche ist der Vatikan, der gesamte Hofstaat, die Kurie, sind also die Päpste und alle Kardinäle, in höchster Alarmstufe: Sie sagen: Es darf doch nicht sein, dass da jemand ein katholisches Konkurrenz-Unternehmen gründet. Kirchengründungen innerhalb des eigenen Feldes duldet der römische Katholizismus überhaupt nicht. Man begründet dies –exegetisch sind diese Herren dabei höchst ungebildet – mit dem Spruch Jesu „Ich will, dass alle eins seien“. Das heißt in Rom: Alle sollen eins sein in der Folgsamkeit gegenüber dem Papst.

Katholische Kirchengründer katholischer Alternativkirchen sind in Rom „das letzte“, höchst unwillkommen: Jedenfalls hatte der Papst ja auch mit dem sehr exzentrischen Erzbischof Emmanuel Milingo (heutiges Zimbabwe) zu kämpfen, der 2006 exkommuniziert wurde. Zu reden wäre von anderen Spaltungen, wie der Gründung der unabhängigen katholischen „Aglipaykirche“ auf den Philippinen mit 3 Millionen Mitgliedern heute; selbst in Lateinamerika gibt es katholische eigenständige katholische Kirchen, wie etwa die Iglesia Catolica Apostolica Columbiana! Oder man denke an die Spaltung in der Römisch – Katholischen Kirche in der Tschechoslowakei, die 1920 zur Gründung der bis heute bestehenden „Tschechoslowakischen hussitischen Kirche“ führte, diese Kirche kennt keinen Zölibatszwang, dafür aber das Priestertum der Frauen…Auch in Polen gibt es unabhängige katholische Kirchen. Das ist philosophischen oder gar protestantisch theologischem Standpunkt überhaupt nicht schlimm.

Die Liste der Spaltungen von der römisch-katholischen Kirche nach der Reformation Luthers ist lang: Darüber wird aber kaum theologisch und historisch gearbeitet: Aber es gab immer einige, die sich dem Machtanspruch Roms widersetzten! Erwähnt werden müssen auch die verschiedenen Formen der „Altkatholischen Kirche“ (in Holland seit dem 18. Jahrhundert, in Deutschland nach dem 1. Vatikanischen Konzil) usw…Sie kennen nicht das Zölibatsgesetz und rekrutieren ihre Pfarrer oft aus römisch – katholischen Priestern, die mit dem Zölibatsgesetz nicht einverstanden sind.

Das Problem ist, dass jetzt im Umfeld der Kirchengründung durch Lefèbvre wieder eine Abspaltung von Rom sichtbar wird und damit eine Schwäche in der römischen Kirche deutlich wird, kurz, dass die Macht Roms irgendwie weiter bröckelt. Und das darf nun gar nicht sein. Wobei die römischen Behörden ja auch gar nicht fragen, ob denn alle, die sich römisch katholisch heute noch in Alaska Ghana oder Indien, nennen, wirklich alle die Dogmen der Kirche so exakt glauben, wie Rom es will. Die innere Verschiedenheit des Glaubens innerhalb der 1,3 Milliarden Katholiken wird gern ignoriert. Nur die „harten Fälle“, also die schismatischen Kirchengründer, werden verfolgt.

Rom will jedenfalls ganz entschieden die Rückkehr der Traditionalisten in die offizielle Papstkirche. Dabei werden durch die Piusbrüder selbst und auch durch die vatikanischen Kirchen die Tatsachen verschleiert: Man spricht nicht offiziell von einer „traditionalistischen Kirche“. Man tut auf beiden Seiten so, als wäre man doch prinzipiell einer Meinung, speziell hinsichtlich des Papsttums im allgemeinen…

Und so sind auch seit 1988 ständig und mit viel Aufwand Versuche vom Vatikan unternommen worden, diese Traditionalistenkirche wieder mit dem jetzigen Papst zu versöhnen. Da wurden einerseits Spaltungsversuche innerhalb der Traditionalistenszene durch Rom gemacht, indem der Papst eine päpstliche Traditionalistenbruderschaft gründete mit dem Titel St. Petrus Bruderschaft; einzelne Traditionalistenklöster, wie das reaktionäre Benediktinerkloster Le Barroux in Frankreich, wurden mit dem Papst versöhnt. Die rechtsextreme Haltung der Mönche blieb davon unberührt.

Auch (manche würden noch sagen sogar) Papst Franziskus tut vieles, um diese Brüder wieder in den Schoß von Mutterkirche zurückzuholen.

Warum gibt sich der Vatikan so unglaublich viel Mühe, diese Traditionalisten wieder mit dem Papst und der gesamten Kurie zu versöhnen?

Dafür gibt es mehrere Gründe, scheinbare und reale.

Scheinbar ist: Man will in Rom unbedingt die Einheit. Und man weint in Vatikanischen Palästen förmlich, dass der so fromme Marcel Lefèbvre den Mutterschoß Rom faktisch verlassen har.

Wichtiger ist: Die katholische Kirche ist nun einmal entschieden klerikal. Jeder Orden, jede Organisation, die heute noch viele junge (zölibatäre) Priester hat, ist zunächst einmal hoch geschätzt im Vatikan. Das gilt für den obskuren Orden der Legionäre Christi, für die Neokatechumenalen, das gilt ebenso für die Piusbrüder. Wer auch immer mit welchen klerikalen Gestalten (schon im Abstand von 100 Metern in der Kleidung als Priester erkennbar) das katholische Priestertum fördert, ist absolut willkommen im Vatikan.

Um die Piusbrüder für den Papst zu gewinnen, wird alles unternommen, da gibt es eigene Kommissionen, Reisen, Beratungen, diplomatische und theologische Gesten: So erlaubte Papst Franziskus seinen römischen Katholiken, auch bei Piusbrüdern zur Beichte zu gehen oder das Sakrament der Ehe zu feiern. Man sollte einmal probeweise bei einem Piusbruder beichten, dass man als Homosexueller mit einem homosexuellen Priester sexuellen Kontakt hatte, wahrscheinlich würde der Beichtstuhl dann explodieren.

In Argentinien sind diese Piusbrüder schon so weit in das offizielle römische System einbezogen, dass sie in Buenos Aires als offizielle katholische „Vereinigung diözesanen Rechts“ gelten dürfen. Papst Franziskus hat dem zugestimmt. Was soll das? Sind das die Vorläufer der künftigen Totalen Integration dieser Leute? Warum lässt man sie nicht in Ruhe und kümmert sich selbst um Wichtigeres?

Diese ganze Versöhnungsgeschichte der Lefèbvre Kirche mit Rom hat einen neurotischen Charakter! (Quelle zu Argentinien Kathweb. Katholische Presseagentur Österreichs Kathpress, 14. April 2015, abgerufen am 19. April 2015)

Und Papst Benedikt XVI. hat sogar am 21. Januar 2009 das Exkommunikationsdekret der vier von Lefèbvre geweihten Bischöfe aufgehoben, dabei wusste Papst Ratzinger längst, dass einer der vier, Bischof Richard Williamson, seit Jahren schon die Gaskammern und den Holocaust leugnete. Diese Aufhebung der Exkommunikation der vier Traditionalistenbischöfe ist wohl nur aus der tiefen Liebe Papst Benedikts zu diesen theologisch reaktionär denkenden Kreisen zu erklären. So, wie es viele im Vatikan gibt, die die Tradition auch im Sinne Lefèbvres über alles hoch schätzen. Denn da gelten die Priester noch als die Herren der Kirche…

Die Frage ist nur: Wer will wirklich (unter den römisch – katholischen Laien und den wenigen progressiven Priestern) die Rückkehr dieser Piusbrüder in die römische Kirche?

Warum kann Rom diese in jeder Hinsicht reaktionäre Kirche Lefèbvres nicht auf sich beruhen lassen und zu anderen, dringenderen Themen kommen? Und diese vernünftig entscheiden, etwa das Priestertum der Frauen. Aber das wurde unter dem angeblich progressiven Papst Franziskus jetzt auf ewig zurückgewiesen. Diese Leute (Kardinäle etc) in Rom sind bereits von der Traditionalisten Kirche vergiftet! Sie wollen vielleicht so werden wie sie: Eine engstirnige klerikale Sekte, selbst wenn diese noch Millionen Mitglieder zählt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Jürgen Habermas: Ein Salonabend über den “religiös unmusikalischen” Philosophen

Unser Salon am Freitag, den 20.Juli 2018, um 19 Uhr, will sich dem religionsphilosophischen Denken von Jürgen Habermas (89) annähern und zugleich ermuntern, sich weiter in seine Studien zu vertiefen.

Am 4. Juli 2018 erhält Jürgen Habermas den bekannten „Deutsch – französischen Medienpreis“.

Für unseren religionsphilosophischen Salon ist es förmlich höchste Zeit, das differenzierte Denken von Habermas in einer säkularen Welt zur Rolle der Religionen, vor allem des Christentums, zu verstehen und kritisch zu bedenken.

Herzliche Einladung also in die Kunst Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Berlin Wilmersdorf.

Anmeldungen an: christian.modehn@berlin.de

Aus der Fülle der Arbeiten von Habermas zum Thema kann als erster Einstieg immer noch die knappe Broschüre „Glauben und Wissen“ empfohlen werden; dies ist die Rede zur Verleihung es Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2001, erschienen im Suhrkamp Verlag als Sonderdruck 2001.

Flüchtlinge sind Menschen mit Menschenrechten: Zum Welttag der Flüchtlinge

Der Welttag der Flüchtlinge am 20. Juni 2018:

Ein Tag wird als „Welttag der Flüchtlinge“ bezeichnet: Der 20. Juni. Ein Tag: Was für eine Chance. Einmal einen ganzen Tag der 68 Millionen Menschen zu gedenken, die heute auf der Flucht sind, also mit Empathie an sie denken und mit politisch – humanem Handeln ihnen begegnen.

Aber zugleich: Was für ein Hohn, einen einzigen Tag der großen Herausforderung der Menschheit heute zu widmen. Alle Tage sind längst von Politikern zu Flüchtlingstagen gemacht worden, mit dem einzigen Ziel: Flüchtlinge von der Welt der Reichen fernzuhalten. Parteien und vor allem auch sich christlich nennende Politiker nutzen das Elend der Flüchtlinge, um ihre eigene klein- karierte, nur auf den Erhalt erworbener Besitzbestände übliche Orientierung durchzusetzen.

Wann werden die Kirchenführer in Deutschland, die ja immer noch Hüter des „Christlichen“ sind und sich auch oft so verhalten, sagen: Diesen Politikern und Parteien, die sich da mit einem “C” schmücken, sprechen wir zunächst mal das Christliche ab. Sollen sie sich treffender „Egoistisch demokratische Parteien“ nennen oder „AFD 2. Teil“. Das wagt meiner Meinung nach kein Bischof, kein Theologe in Deutschland, wäre aber eine not – wendige, eine klärende Entscheidung. und würde zeigen: Deutschland, Europa ist kein christliches Land mehr im Sinne dessen, was für Jesus von Nazareth entscheidend wichtig war….

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Wir dokumentieren jetzt einen Text des von uns schon häufig positiv erwähnten „Jesuiten Flüchtlingsdienstes“:

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst (Jesuit Refugee Service, JRS) sieht mit Sorge, wie das Mitgefühl aus der Debatte um Menschen auf der Flucht verschwindet und auch Angehörige christlicher Parteien extremistische Schlagworte salonfähig machen. Der JRS unterstützt unter anderem Kirchenasyle für einige der Asylsuchenden, die zum Vorwand für die Regierungskrise gemacht werden. Wer den Einzelfall ansieht, stellt oft fest: Für viele Menschen geht der Alptraum der Flucht innerhalb Europas weiter. „Weltweit sind mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht, in Deutschland wurden 2017 nach amtlichen Zahlen weniger als 200.000 Erstanträge auf Asyl gestellt. Das ist, gemessen an der Gesamtbevölkerung und der Wirtschaftskraft, ein geringer Beitrag“, sagt Claus Pfuff SJ, Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes. Noch geringer ist die Zahl derjenigen, um die sich der Streit zwischen CSU und CDU dreht: An den deutschen Grenzen wurden 2017 nach Angaben der Bundesregierung 15.414 Asylanträge gestellt. „Statt auf Menschlichkeit setzt Horst Seehofer auf Nationalismus und bedient rassistische Ressentiments“, sagt JRS-Direktor Pfuff. Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst hat Kirchenasyle unterstützt, die strittige Rückführungen innerhalb Europas betreffen. In solchen Fällen soll das zuständige Bundesamt überprüfen, ob besondere Härten ein Asylverfahren in Deutschland rechtfertigen: Eine alleinstehende schwarze Frau sollte in Italien in die Prostitution gezwungen werden. Ein irakischer Jeside, der den Massakern des IS entkommen konnte, flüchtete zu Angehörigen, die schon lange in München leben. Ein syrischer Student wurde in Bulgarien schwer misshandelt. In Griechenland hat ein westafrikanischer Handwerker rassistische Gewalt, Hunger und Obdachlosigkeit erlitten. „Sich aus diesen Situationen zu retten, ist kein ‚Tourismus‘. Es ist Flucht. Wer sich nicht von Wahlkampfgetöse und Worthülsen täuschen lässt, sondern den einzelnen Menschen anschaut, wird die Not sehen und entsprechend handeln“, so JRS-Direktor Claus Pfuff. Dass es immer wieder Angehörige christlicher Parteien sind, die Worte aus extremistischen Kreisen salonfähig machen, sieht er mit Sorge. Der Jesuit kann den aktuellen Anlass für die Regierungskrise nicht nachvollziehen. „Wenn ein Innenminister die Regierung zwingt, alles von diesem einen Thema abhängig zu machen, geraten die politischen Verhältnisse aus den Fugen. Das erweckt den Anschein, als gäbe es keine anderen Aufgaben – in Bezug auf Wohnungsbau, Bildungssystem, Rentensicherheit, Gesundheitswesen, Digitalisierung oder Klimawandel. Obwohl Asylsuchende und anerkannte Flüchtlinge nur zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen, richtet sich alle Aufmerksamkeit auf die Abwehr und Kriminalisierung von Flüchtenden. Jedes Mitgefühl mit Menschen in Not schwindet aus der öffentlichen Debatte. Aber wenn Nationalismus und eine angeblich einheitliche Identität, für die sogar das Kreuz herhalten muss, die Antwort auf Fragen unserer Zeit sein soll: Dann begeben wir uns auf eine abschüssige Bahn.“  

Der Jesuit Refugee Service (Jesuiten-Flüchtlingsdienst JRS) wurde 1980 angesichts der Not vietnamesischer Boat People gegründet und ist heute als internationale Hilfsorganisation in mehr als 50 Ländern tätig. In Deutschland setzt sich der Jesuiten-Flüchtlingsdienst für Asylsuchende ein, Abschiebungsgefangene, für „Geduldete“ und Flüchtlinge im Kirchenasyl sowie für Menschen ohne Aufenthaltsstatus („Papierlose“). Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind Seelsorge, Rechtshilfe und politische Fürsprache.

Kontakt: Dr. Dorothee Haßkamp Öffentlichkeitsarbeit Jesuiten-Flüchtlingsdienst Deutschland Jesuit Refugee Service (JRS) Witzlebenstr. 30a D-14057 Berlin Tel.: +49-30-32 60 25 90 Fax: +49-30-32 60 25 92

dorothee.hasskamp@jesuiten-fluechtlingsdienst.de

www.jesuiten-fluechtlingsdienst.de

www.facebook.com/fluechtlinge

twitter.com/JRS_Germany

Papstfilm von Wim Wenders: Franziskus: Politisch mutig – theologisch sehr konservativ

Anlässlich des Films „Ein Mann seines Wortes“

Einige Hinweise von Christian Modehn

In Berlin wird für den neuen Film von Wenders auf Plakaten mit einem riesigen Porträt von Papst Franziskus mit der Unterzeile geworben: „Die Welt braucht Hoffnung“. Es wird sich zeigen, auch in diesen Hinweisen, ob Papst Franziskus der Welt tatsächlich umfassend Hoffnung geben kann…

Papst Franziskus gilt für viele Menschen – auch außerhalb des Katholizismus – in gewisser Hinsicht als eine Art „Lichtgestalt“: Also als ein „authentischer“ Staatschef. Denn dies ist ein Papst als geistliches Oberhaupt der Kirche ja auch, er ist immer gleichzeitig auch oberster (nicht vom Volk, nicht von den Vatikan-Bürgern gewählter!) Chef des Staates Vatikanstadt mit entsprechenden internationalen Auftritten. Dafür ein Beispiel: Bis heute hat der Staat Vatikanstadt die Menschenrechtserklärung der Uno NICHT unterschrieben. Das nur als kritischen Dämpfer, um allen Enthusiasmus angesichts von Papst Franziskus ein bisschen aus der Sphäre der Heiligsprechung herauszuholen. Wer ständig Menschenrechte anderswo fordert, könnte ja die Menschenrechtserklärung unterschreiben als Papst, könnte man denken…

Aber Papst Franziskus bleibt trotzdem mit seiner Kritik am Kapitalismus im Vergleich mit vielen anderen Klerikern im Vatikan als Staatschef doch bemerkenswert: Gerade in einer Welt, in der demokratische Politiker nur noch an einer Hand abgezählt werden können. Da freut man sich fast über einen kritischen nichtdemokratischen Staatschef, den Papst! In einer Zeit, in der ein Politologe, Prof. Stephen Eric Bronner, Rutgers University USA, Mister Trump, im ganzen sehr treffend, unter dem Stichwort „Gangsterpolitik“ beschreibt. So in der hervorragenden Zeitschrift „LETTRE international“, Heft 121 vom Juni 2018, Seite 172f.

Da gilt dann Papst Franziskus als eine Art personifizierter Lichtblick, was seine explizite und praktische Solidarität zugunsten der Armen, der Flüchtlinge, der Unterdrückten und Ausgebeuteten in Afrika, Asien, Lateinamerika angeht. Sein Plädoyer für mehr Barmherzigkeit ist lobenswert, wobei manche sagen: Gerechtigkeit wäre zunächst einmal die Basis und deswegen dringender. Die Hungernden wollen nicht – mal zwischendurch – barmherzig behandelt werden, sondern endlich gerecht! Das geht um die Veränderung der Klassenstrukturen…Dass er den konfessions verschiedenen Ehepaaren keine freie Entscheidung lassen will in der Wahl von katholischer Kommunion oder evangelischem Abendmahl, ist natürlich der größte Widerspruch zu allem Barmherzigkeitsgerede von Papst Franziskus. Dass er es sich anmaßt, Frauen in Not die Abtreibung zu verbieten, ist gar nicht barmherzig. Und so weiter und so weiter..

Trotzdem: Solch ein Papst weckt Zuversicht und Hoffnung, dass die Humanität in den „obersten Spitzen“ der Führer dieser Welt nicht ganz verschwindet, selbst wenn immer gefragt werden muss: Warum ist der Vatikan immer noch, auch unter Papst Franziskus, so reich, so opulent ausgestattet mit so unsäglich vielen bestens versorgten Klerikern vor allem in Rom? Wo sind die Verzichtsleistungen des Papst – Staates auf die Milliarden Euro wertvollen Immobilien im Kirchenbesitz allein in Rom: Und da wagen es diese Herren noch, um Spenden zu betteln… Also: Trotz aller so anrührenden Fußwaschungen von Gefangenen und Obdachlosen durch den Papst und trotz aller Solidarität mit den Flüchtlingen, etwa auf Lampedusa: Diese Kirche ist in Italien, ist in Europa, in den USA (falls die Bistümer dort nicht schon längst pleite sind wegen der hohen Zahlungen an die vielen Opfer pädophiler Verbrechen durch Priester)… diese katholische Kirche steht also de facto und mit klarem Verstande gesehen eben überhaupt nicht an der Seite der Armen: „Ich wünsche mir eine Kirche für die Armen“ sagte Papst Franziskus bei seiner Wahl, dieser Wunsch ist Wunsch geblieben: Er selbst wohnt zwar seit Beginn seiner Regierung in einer einem Apartment des Hauses „Santa Marta“, also nicht im Palazzo, wie Benedikt XVI….Dieser Umzug ist wohl das entscheidende Symbol des Reformwillens von Papst Franziskus. Kardinäle bewohnen ungeniert 300 Quadratmeter Wohnungen, wie Kardinal Bertone usw….

Nur: Diesem Ortswechsel des Papstes, dies ist mehr als ein Umzug, folgt kein Bischof, kein Kardinal nach: Falls jemand weiß, dass die deutschen Kardinäle oder Erzbischöfe etwa in 3 Zimmer – Mietswohnungen der Neubauviertel von Köln oder München Bamberg usw…. umgezogen sind, bitte bei mir melden. Falls jemand weiß, dass die Ordensgemeinschaften, auch die Abteien und Stifte, endlich einmal ihre Finanzen, ihre Immobilien, Waldbesitzungen etc. freilegen, wo sie doch so viel von Armut reden, bitte bei mir melden!

Wenn ich also auf einige zentrale kritische Aspekte zu Papst Franziskus hinweise – jeder Mensch muss sich selbst und andere kritisch betrachten – dann folge ich selbstverständlich nicht der gehässigen Kritik der äußerst konservativen klerikalen Clique der sich allwissend gebenden Kardinäle, Bischöfe und Theologen, die sich schlechterdings keinen Wandel, keine lebendige Veränderung in der römischen Kirche vorstellen können. Sie wollen einfach nur Papst Franziskus fertig machen, weil er eben weltpolitisch betrachtet etwas aus dem Rahmen üblicher Kleriker – Mentalität fällt. Diese ultrakonservativen Herren, die immer von ewigen Grundsätzen sprechen, interpretieren diese Grundsätze selbstverständlich absolut autoritär, ohne Diskussion, exklusiv, für ewig… so sind nun einmal autoritäre, undemokratische Systeme. Solche Systeme nannte der große Psychologe Erich Fromm treffend nekrophil.

Es gibt selbstverständlich eine aus der progressiven Theologie und Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie kommende Kritik am Papsttum und auch an Papst Franziskus. Trotz des allseits gerühmten Filmes von Wim Wenders.

Die entscheidende Erkenntnis: Der Vatikan und die gesamte Leitung der römischen Kirche ist ein autoritäres System, in der die „normalen Gläubigen“, die Laien, nur Belangloses sagen dürfen, aber niemals auch nur ansatzweise Wichtiges mitentscheiden. Frauen schon gar nicht, sie sind Hilfstruppen in der Männerkirche. Und das Schlimmste ist jetzt: Diese Degradierung der Frauen, ihr Ausschluss vom Priesteramt soll nun auf ewig so bleiben: Niemals wird es ein Priestertum der Frauen geben, wie der neue Chef der Glaubenskongregation Kardinal Ladaria SJ kürzlich meinte, er steht natürlich auf der Seite des lieben Gottes, weiß alles, entscheidet alles. Die Frauen werden aus diesem theologischen Wahn eines Kardinals ihre Konsequenzen ziehen.

Und es ist bezeichnend für die Situation in einer Diktatur, die Wahrheiten willkürlich auferlegt, dass in der Kirchenzeitung „Tag des Herrn“, vom 10. Juni 2018, Seite 2, die Redakteurin Susanne Haverkamp resigniert zu dem Verbot des Frauenpriestertums schreibt: Wenigstens „die Gedanken sind frei“. Was für eine Schande, solches schreiben zu müssen. Frauen denken nur noch insgeheim ans Priestertum der Frauen, glauben aber nicht daran, dies noch in den nächsten 300 Jahren zu erleben. Wie oft wurde einst in undemokratischen Zuständen gesagt: Wenigstens die Gedanken sind noch frei. Was für ein erbärmliches Bekenntnis einer theologisch gebildeten Katholikin zum miserablen Zustand der römischen Kirche: Diese Entscheidung des obersten Chefs der einstigen Inquisitionsbehörde Kardinal Luis Ladria SJ jetzt geschah selbstverständlich in Absprache mit Papst Franziskus. Wer daran denkt, möge bitte eher von einer Heiligsprechung von Papst Franziskus Abstand nehmen, aus Gründen einer progressiven Theologie, die lebendig ist und nicht versteinert und tot wie die in Rom.

Theologisch ist dieser Papst Franziskus also nach wie vor konservativ, den alten und angeblich ewigen Wahrheiten verpflichtet. Die Liste dieser konservativen Denkmuster auch bei Franziskus ist ultra lang. Das Zölibatsgesetz könnte er als Papst sofort aufheben, das ist seine rechtliche Kompetenz, tut er aber nicht. Hingegen verehrt er die Jungfrau von Fatima, die einst den Hirtenkindern in Portugal leibhaftig erschien…Franziskus schätzt den selbst von anderen Päpsten scheinheilig genannten Kapuziner Pater Pio, der mit seinen angeblichen Wundmalen Jesu an seinem Leib einen blühenden Handel trieb; Papst Franziskus praktiziert nach wie vor den Ablass, als hätte es das Reformationsgedenken 2017 nicht gegeben; in seinen Morgenansprachen im Haus Santa Martha spricht er ständig von der Präsenz des Teufels, Teufelsaustreibungen werden selbstverständlich immer mehr praktiziert usw. Die Versöhnung mit den Traditionalisten und Pius – Brüdern von Erzbischof Lefèbvre geht voran, indem man deren reaktionäre Theologie schrittweise anerkennt…Diese Liste sehr zweifelhafter theologischer Praktiken auch unter Franziskus und von ihm so gewollt könnte endlos verlängert werden…

Da könnte man sagen: Ja, aber das will Franziskus doch selbst gar nicht. Das alles lässt er nur zu, um die vielen reaktionären Kleriker im Vatikan und anderswo etwas ruhig zu stellen: Aber wenn das so ist, dann bestätigt diese Situation nur den Zustand der römischen Kirche. Die nach außen hin hoch beachtliche humane Geste von Franziskus im Umgang mit Gefangenen, Armen, Flüchtlingen usw. geschieht auch deswegen, damit die KatholikInnen noch in dieser Kirche bleiben. Der Film von Wim Wenders ist dafür eine willkommene Hilfe. Vielleicht.

Wim Wenders war nicht in der Lage, das so unglaublich zwiespältige theologische Profil von Papst Franziskus zu zeigen. Sein Film zeigt insofern nur den “halben“, den nach außen hin so sympathischen Franziskus! Man möchte heulen, wenn man ihn so segnend, streichelnd, volksnah, solidarisch sieht. Und sollte auch heulen, wenn man seine theologischen Positionen denkt, siehe oben…

PS.: Dabei wäre es auch eigentlich einmal an der Zeit, nach dem Verhalten von Pater Bergoglio SJ, dem späteren Papst Franziskus, und dem späteren Erzbischof Bergoglio von Buenos Aires im Umfeld der brutalen, sich katholisch nennenden Militärdiktatur in Argentinien umfassend zu forschen. Die seriöse umfassend – kritische Debatte darüber „wurde verstummt“, unterbrochen, abgebrochen… Aber solche Forschungen machen einen nicht beliebt, machen zu viel Arbeit den deutschen Filmemachern und Journalisten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Wo ist die heile Welt? Eine Ra­dio­sen­dung am So., 1.7. 2018, NDR Kultur um 8.40 Uhr

Über die Sehnsucht: Eine Ra­dio­sen­dung von Christian Modehn in der Reihe “Glaubenssachen” des NDR

Als „eine Krankheit des schmerzlichen Verlangens“ wollten die Gebrüder Grimm die Sehnsucht bestimmen: Vom Abwesenden, den uten alten Zeiten einst oder einer verklärten Kindheit wird auch heute wieder Lebensenergie erwartet. Aber es gibt auch eine Sehnsucht, die nach vorn schaut, auf eine zukünftige bessere Welt. Eine Sehnsucht, die mehr ist als Nostalgie. Vielleicht als ein tiefes Verlangen nach Transzendenz, nach Gott?

Der 17. Juni 1953: Für Albert Camus ein Tag der “Revolte” in Berlin

Der 17. Juni 1953 in Berlin: Für den Philosophen Albert Camus ein Tag der Revolte
Ein Hinweis von Christian Modehn

Ein merkwürdiges Zusammentreffen: 65 Jahre Erinnerung an die Revolte der Arbeiter in Ost – Berlin am 17. Juni 1953 und 105 Jahre Erinnerung an den Geburtstag der Schriftstellers und Philosophen Albert Camus (geb. am 7. November 1913).

Albert Camus hat sich schon früh, seit Ende der vierziger Jahre, von den französischen Freunden kommunistischen Denkens und kommunistischer Parteien, vor allem der taktischen Hochschätzung der Sowjetunion, etwa durch Jean Paul Sartre, abgesetzt. 1934 war Camus selbst für kurze Zeit Mitglied der KP gewesen, weil er meinte, diese Partei könne die Autonomisten in Algerien unterstützen; darin hatte er sich gewaltig getäuscht, die KP folgte blind den Weisungen Stalins.
Camus hat seit seiner “Übersiedlung” nach Paris 1944 die sich links (meist kommunistisch) nennenden Pariser Intellektuellen eher gemieden, später verachtet, was entsprechende Polemiken von deren Seite hervorrief. Die Camus – Spezialistin Brigitte Sändig schreibt in „Albert Camus“, Rowohlt Monographie, Hamburg, 2000, Seite 109, dass in der Sicht von Camus die kommunistenfreundlichen Literaten in Paris „für jede totalitäre Maßnahme der russischen Regierung eine vorgefertigte Entschuldigung bereithielten“. Camus hingegen setzte auf die offene Opposition, auf die intellektuelle Unterstützung der Opposition in Ost – Europa. Seine Texte, die der Unterstützung der Aufständischen in der DDR, Polen und Ungarn galten, wurden in Dissidentenkreisen dort herumgereicht. Insofern ist Camus einer der wenigen, die damals schon an das größere Europa, eben auch an ein Europa MIT Ost – Europa, glaubten.
Von daher ist auch selbstverständlich, dass Camus zur Revolte des 17. Juni 1953 in Ost – Berlin klar Stellung nahm:
In einer Rede am 18. Juni 1953 wandte sich Camus gegen die eher oberflächliche Meinung der Tageszeitung „Figaro“, die voller Beredsamkeit von einem revolutionären Volk in Berlin sprach wie auch gegen die Meinung der kommunistischen Tageszeitung L Humanite, die die Ereignisse des 17. Juni auf die Taten einiger Rädelsführer herunterspielen wollte. Dagegen sagte Albert Camus: „Wir können nicht mehr ignorieren, dass es sich zuerst um eine Arbeiter- Revolte (révolte ouvrière) gegen die Regierung und gegen eine Armee handelt, die vorgaben und so taten, als ob sie im Dienst der Arbeiter stehen“.
Camus forderte auf, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und wahrzunehmen, dass auch Arbeiter in Ost – Berlin, so wörtlich, „massakriert“ wurden. Allen, die diese Wahrheit nicht sehen wollten, rief Camus zu: „Bevorzugt nicht länger eure Vernünfteleien und eure Träume diesem Elend gegenüber, das nun schon seit Wochen uns entgegen schreit. Entschuldigt nicht länger das Blut und den Schmerz von heute dadurch, dass ihr – ideologisch – die (große) historische Zukunft erwägt, die ohne jeden Sinn ist zumindest für die Menschen, die jetzt getötet wurden. Glaubt uns, zum letzten Mal, wenn wir euch sagen: Kein Traum des Menschen, so groß er auch sein mag, rechtfertigt, dass man jemanden tötet, der arbeitet und der arm ist“. Wenige Tage nach dem 17. Juni 1953 organisierte Albert Camus “einen Grand Meeting” im berühmten Saal Mutualité in Paris; Camus war der Chef, der “Präsident”, der Veranstaltung, das Motto war “Les Ouvriers insurgés de Berlin-Est”, bei dem auch ein Film über den Aufstand gezeigt wurde; die Redner waren Gewerkschaftsführer (CGT – FO) und CFTC (christliche Gewerkschaft), Politiker der Sozialistischen Partei sowie ein Vertreter der “Revolution prolétarienne”.
In ähnlicher Weise hat sich Albert Camus auch für den Aufstand in Poznan, Polen, am 28. Juni 1956 eingesetzt und für jene, die dem Totalitarismus in Ungarn 1956 Widerstand leisteten. “Die Oppositionellen in den osteuropäischen Staaten haben diese Unterstützung dankbar als eine Ausnahmeerscheinung inerhalb der westeuropäischen Linken wahrgenommen”, so Brigitte Sändig, a.a.O. 110. (Im übrigen empfehlen wir dringend allen, die sich erstmals oder wieder mit Albert Camus befassen wollen, diese ausgezeichnete Arbeit von Brigitte Sändig im Rowohlt Verlag).
Es ist interessant, dass sich erst in den letzten Jahren deutsche Historiker der Einschätzung von Camus anschließen, den 17. Juni 1953 als Revolte, wenn nicht gar als Revolution zu deuten. Und noch ein Hinweis für eher unbedarfte Camus – Leser, eigentlich überflüssig zu betonen: Albert Camus hat sich mit seinem Eintreten etwa für die Rebellen des 17. Juni 1953 alles andere als “ein konservativer Denker” gezeigt. Er behielt sich als “linker, aber unabhängiger” Denken die Freiheit auch im Handeln, sich nicht Parteidoktrinen zu unterwerfen…Und Camus machte seit 1944 einen Unterschied zwischen Revolte und Revolution, 1953 erklräte er: “Das große Ereignis des 20. Jahrhunderts war das Aufgeben der Werte der Freiheit durch die revolutionäre Bewegung und der Rückzug des Sozialismus der Freiheit vor dem imperialen und militärischen Sozialismus” (zit. in “Dictionnaire Albert Camus”, ed. par Jeanyves Guérin, Edition Robert Laffont, Paris 2009, Seite 789).

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-salon.de (Berlin)

Berliner Realismus: Über das unsoziale Berlin um 1925. Eine Ausstellung im Bröhanmuseum

Eine Ausstellung im Berliner Bröhan Museum, die man nicht versäumen sollte.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Bis zum 17. Juni 2018 haben alle an der Berliner „sozialen (Un-)Kultur“ Interessierten noch eine Chance, die sie nicht verpassen sollten: Das schöne Bröhan Museum in Charlottenburg, Schloßstr.1a., bietet bis zum 17. Juni noch die – ohne Übertreibung – hervorragende Ausstellung “Berliner Realismus“ in den zwanziger Jahren, also in den angeblich goldenen Zwanzigern, die für so viele, wohl die meisten Berliner, lebensmäßig und sozial gesehen eher düstere Jahre des Elends, der Ausgrenzung, waren. Jahre, in denen sich Rechtsradikale immer mehr breit machten und die Demokratie auslöschten.

Zwischen den beiden Weltkriegen also wird das Berliner Armuts – Leben dargestellt, von Künstlern, die angeblich alle schon von Kennern tausendmal „besichtigt“ wurden; aber diese Arbeiten müssen immer wieder neu entdeckt werden: Um der eigenen Erweiterung und Sprengung des Horizonts willen. George Grosz also, Käthe Kollwitz, Otto Dix, Hans Baluschek und auch Heinrich Zille sind da vertreten und mit anderen Künstlern in etwa 200 Exponaten zu studieren! An die asoziale Schmäh Kaiser Wilhelm des Zweiten wird erinnert, der sozialkritische Kunst dumm und arrogant „Rinnsteinkunst“ nannte: Damit wird schon das Feld eröffnet, das Feld des Gegeneinanders von wenigen herrschenden, sich abkapselnden Etablierten und den allzu vielen, minderwertig genannten, den „Arbeitskräften“, den Proletariern, Armen, Bettelnden, Hungernden in einer Stadt, die vor Luxus und Dekadenz auch damals -in Mitte, Wilmersdorf etc.  – nur so strotzte. Wie heute. Nebenbei: Wie kommt es, dass auf diese WILHELM Kaiser (“Rinnsteinkunst”) immer noch dem Titel nach eine zentrale evangelische Kirche in Berlin benannt ist, selbst wenn sie heute oft nur neutralisiert und fast schon schamhaft “Gedächtniskirche” heißt. Aber wem gilt das Gedächtnis? Wohl kaum den arm Gemachten damals und heute. War denn Kaiser Wilhelm (1.) ein so vorbildlich Heiliger, dass man heute noch ihm zu Ehren eine Kirche benennen muss? Aber das ist ein anderes Thema. Ich empfinde jedenfalls diesen offiziellen Titel dieser Kirche heute als theologische Schande. Hoffentlich bin ich nicht der einzige… Es ist eine theologische und spirituelle Ignoranz, an diesem Titel dieser Kirche immer noch festzuhalten! Denn Kaiser Wilhelm der Erste war alles andere als ein Friedensfreund und ein Kämpfer gegen Kolonialismus und Rassismus.

Eine philosophische und deswegen gar nicht überflüssige Frage im Zusammenhang der Ausstellung: Waren die Armen damals ärmer als die Armen heute? Geht es also den Armen in Deutschland, in Berlin, heute besser als den Armen im Jahr 1925? Diese philosophische Frage drängt sich förmlich auf: Man könnte ja sagen, die Armen heute haben doch ihr Hartz IV, schlimmstensfalls ihre Suppenküchen und Kleiderkammern, sie haben ihre (engen) Wohnungen sehr fern ab von der City. Aber sie hungern nicht, meistens. Der Sozialstaat kümmert sich und überlässt den Ehrenamtlichen die soziale praktische Hilfe. Und die Kirchen (die Freiwilligen) machen da gern mit der Entlastung des eigentlich geforderten “Sozial – Staates”…Die Kirchen helfen also mit,  dass der Staat so bleibt wie er ist…Sozial? (Nebenbei: Stadtentwicklungssenatorin Kathrin Lompscher teilte Anfang Juni 2018 in einer Studie mit: “Berlin ist für die Studie in 447 Gebiete aufgeteilt. Für etwa zehn Prozent(44 Gebiete) ergibt sich im Untersuchungszeitraum ein sehr niedriger sozialer Status. Sie gelten als “Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf und sollen in der Stadtentwicklungsplanung besonders berücksichtigt werden. Überraschend ist dabei, dass lediglich vier der 44 genannten Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf im Osten Berlins liegen. Quelle: Audio: Inforadio RBB | 07.06.2018 | Sebastian Schöbel)

Noch einmal: Der Vergleich damals – heute muss sich auf die unterschiedlichen Lebensverhältnisse und die sozialen, ökonomischen Bedingungen beziehen: Da sind die heutigen Armen auch aktuell vergleichsweise gegenüber den “Wohlhabenden heute” sehr benachteiligt. Denn es ginge ja prinzipiell auch anders in einer sozialen Sozialpolitik in diesem an sich ultra reichen Land. Die Armen (und ihre Kinder) könnten heute prinzipiell bessere Lebenschancen haben, wenn die Politiker es nur möchten….Und so sind die heutigen Armen, beim Respekt der historischen Differenz zum Berlin von 1925, letztlich „genauso“ arm wie die Armen damals, die Kollwitz, Baluschek und andere in ihren Werken darstellten. Mit anderen Worten: Es ist bei einem reflektierten Vergleich kein Fortschritt zu sehen hinsichtlich der Armut damals und heute.

Und das ist  wichtig: Man darf die Ausstellung nicht also verlassen in der frohgemuten Überzeugung: Gott sei Dank sind die heutigen Armen nicht mehr so arm wie die Armen damals. Die heutigen Armen bräuchten so wenig wie die damaligen Armen arm sein, wenn es eine gerechte Sozialordnung in einer Demokratie gäbe. Die gibt es aber weder heute noch damals. Nur mit dem Unterschied, dass uns die heutigen Künstler und Maler Kollwitz, Dix und Grosz einfach fehlen, sie sind nicht da: Oder kann mir jemand einen prominenten und teuer gekauften Maler nennen, der Armut und Arme und Klassenkampf in Berlin und Deutschland heute darstellt? Bitte melden, falls dies der Fall ist. Die meisten “teuren” und deswegen angesehenen Künstler, was nicht auf ihre Qualität schließen lässt, malen anderes, etwa Farbwogen und Farbwellen, Kleckse und verschlüsselte Symbole, um es mal etwas durchaus polemisch – zugespitzt zu sagen: Auch zu solchen Gedanken führt wie von selbst die Ausstellung im Bröhan Museum.

Was mir immer auffällt: Natürlich kann eine Kunstausstellung nicht auch eine literarische, philosophische oder theologische Ausstellung sein, die auch diese Aspekte kulturellen Lebens mit berücksichtigt. Aber weiter führend wäre es doch, wenn dies gerade an dem Thema sichtbar geworden wäre: Was taten eigentlich die Kirchen mit den Armen und für die Armen in Berlin damals? Nach meiner Kenntnis recht wenig, abgesehen von Sonderorganisationen wie der “Stadtmission” oder dem einzigartigen katholischen Pfarrer Dr. Carl Sonnenschein. Ihn schätzte Elsa Lasker Schüler oder Kurt Tucholsky! Warum erwähnt man das nicht zur Vervollständigung wenigstens am Beispiel zweier Kunstwerke, Fotos etc. Immerhin hatte der junge evangelische Theologe Paul Tillich eine Sensibilität  für die materielle Armut der Armen in Berlin….Aber das Ausblenden dieses Themas (Religionen, Kirchen, Philosophien) fällt mir immer mehr auf. Das Ausblenden des explizit Religiösen oder Philosophischen ist, sorry,  sicher auch Ausdruck der Mentalität der „Macher“: Bei diesen explizit „religiösen“ Sachen sei ohnehin nichts zu „holen“, meinen sie. Aber diese Überzeugung, aus Unkenntnis und Vorurteil, ist falsch!

Die Kirchen jedenfalls waren wohl selbst in den Arbeiterbezirken eher bürgerlich, eher fürsorglich, nicht sozialkritisch mit Armen beschäftigt. Man schreibe einmal die Geschichten der Kirchengemeinden in Wedding, Friedrichshain oder Neukölln, wäre spannend. Macht leider auch niemand…

Von der Philosophie in Berlin damals in dieser Hinsicht  (!) wollen wir lieber schweigen: Mir ist kein prominenter Philosoph der Berliner Universität bekannt, der Armut als Thema einer sozialkritischen Theorie gemacht hätte. Der immer noch so verehrte, bald “selig gesprochene” (d.h. Katholiken dürfen ihn dann im Himmel um Beistand bitten!) katholische Theologe und Religions-Philosoph Romano Guardini redete an der Uni Unter den Linden lieber feinsinnig über Rilke als über den “Charme” der dunklen krankmachen Hinterhöfe… Und Marxisten waren damals eher nur in den Parteien zu finden. Da hat sich heute einiges verändert, man denke an das weite vielfältige Umfeld der „Frankfurter Schule“. Vielleicht gibt es also doch einen ganz kleinen Fortschritt…Vielleicht  auch mal in der Berliner Welt der Ausstellungsmacher…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Junge PhilosophInnen philosophieren auf der Straße in Berlin – Reinickendorf

Berlin hat am 21. Jui 2018 eine „Allee der Fragen“

Ein Hinweis von Christian Modehn

Ein philosophisches Ereignis in Berlin: Aber was ist ein philosophisches Ereignis? Vielleicht dies: Ein lange dauernder prägender Moment, wo Menschen mit einander in ein tieferes Gespräch kommen voller Fragen, die weiterführen und ins Weite führen.

Ein philosophisches Ereignis gibt es am 21. JUNI 2018 ab 16 Uhr in Berlin Reinickendorf: Da schlagen philosophisch interessierte und gebildete Schüler eine, wie sie sagen, „Denkachse“ durch den Alltag Berlins: Auf 200 Plakaten werden Resultate philosophischer Gespräche mit Leuten auf der Straße dargestellt: Sokrates philosophierte ja bekanntlich auch auf der AGORA von Athen. Die Schüler der Max-Beckmann-Oberschule in Reinickendorf wollen anlässlich dieser Plakate, Ergebnisse von Gesprächen,  mit den Menschen ins Philosophieren kommen: Denn jeder Mensch philosophiert „immer schon“, ob er das weiß oder nicht.

Die Schüler, die für die Philosophien ihre Leidenschaft haben, sprachen also mit Menschen in Kirchen, Seniorenzentren, Schulen, Büchereien usw. sogar in Kneipen und Supermärkten: Bravo, genau dort überall lebt Philosophie, weil Philosophie auch alltäglich ist und nicht nur eine akademische Disziplin an der Uni. Die Philosophie Lehrerin Melanie Heise hat das Projekt begleitet, sicher ein Vorbild für weitere ähnliche Unternehmungen an anderen Schulen. Hoffentlich nehmen auch viele andere Lehrerinnen anderer Schulen teil. Eigentlich ja ein Muss!

Ab 16 Uhr kann man also auf der Auguste Viktoria Allee in Reinickendorf, gut erreichbar mit der U Bahn, nicht nur die Plakate mit ihren philosophischen Fragen studieren, sondern auch mit den SchülerInnen debattieren, vielleicht bleibt mancher stundenlang nachdenkend stehen wie Sokrates einst in Athen.

Das Projekt „Allee der Fragen“ verdient alle Aufmerksamkeit. Denn Philosophie kommt wieder unter die Menschen, weil sie als ständiger kritischer Impuls zum Menschen gehört. Und es sind Schüler, die uns das zeigen! Vielleicht wird die “Allee der Fragen” bald einmal ins Regierungsviertel verlegt, oder in die Nähe vieler großer religiöser (dogmatischer) Zentren oder in die Nähe eines gescheiterten Flughafens oder in die Nähe der großen Ausflugsgebiete, etwa am Wannsee:

Die Philosophie kommt unter die Leute. Was für eine Chance! Lassen wir uns also im Fragen verunsichern. Diese Unsicherheit ist heilsam, man muss es nur mal im Denken probieren… Wenn die Mitglieder vieler populistischer Parteien philosophisch, also selbstkritisch, sich selbst kritisch zuhören würden in ihren erbärmlichen Schimpftiraden und Hassattacken gegen seriöse PolitikerInnen, würden sie endlich vor intellektueller Scham den Mund halten und weiter nachdenken.

Also: Kritisches Reflektieren auf sich selbst ist politisch. Philosophie kann vergiftete Atmosphären und vergiftete Mentalitäten etwas heilen…Hoffentlich.

“Spiritus rector” des Projekts ist der Schulleiter Matthias Holtmann, der sich auch überzeugt zeigt, dass es so etwas wie einen philosophischen „Urinstinkt“ gibt, den alle teilen. Die Philosophie Dozentin Melanie Heise, Initiatorin und Koordinatorin des Projekts, betont: „Die Tatsache, dass alle Menschen solche Fragen in sich tragen zeigt uns, dass wir uns oft näher sind als wir wissen und uns mehr verbindet als uns trennt. Und gerade heute, in nervösen Zeiten in einer schnelllebigen Welt, die von vielen existentiellen Erschütterungen verunsichert wird, bietet es sich an, die Kraft und die Weisheit der uralten philosophischen Praxis zu nutzen.“

Die „Allee der Fragen“ ist ein Projekt des Quartiersmanagement Auguste-Viktoria-Allee und wird aus Mitteln des Städtebauförderungsprogramms „Soziale Stadt“ der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen finanziert.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Neokatechumenale Katholiken jubilieren in Berlin am 9. und 10. Juni 2018: Sie bekehren seit 40 Jahren die Hauptstadt

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wer den Zustand der römisch – katholischen Kirche, auch in Berlin, philosophisch und theologisch verstehen will, muss sich mit den immer mächtiger werdenden so genannten „neuen, weltweit tätigen geistlichen Gemeinschaften“ befassen, zu denen vorwiegend Laien gehören, die aber selbstverständlich immer brav unter Führung des Klerus leben dürfen. Dazu gehören etwa das Opus Dei, die katholischen Charismatiker (wie Emmanuel, Chemin Neuf etc.), die Legionäre Christi mit ihrem Regnum Christi oder eben auch die Neokatechumenalen. Sie können mit tausenden von Mitgliedern weltweit aufwarten, sie haben 20.000 „Ortsgruppen“, etwa 100 eigene Priesterseminaren weltweit usw.

Kurz gesagt bedeutet ihr Titel: Alle Katholiken brauchen eigentlich eine neue („neo“) Katechese, also eine neue und bessere Glaubensunterweisung. Und die kann unter Leitung dieser Organisation Jahre dauern, ehe man alle Feinheiten des offiziellen römischen Katechismus (auswendig) gelernt und vielleicht auch verstanden hat. „Unsere Theologie ist der Katechismus“, sagte mir in einem Interview voller Stolz ein Neokatechumenaler: Also Theologie wird bei diesen, eher dann theologisch gesehen schlichten, Gemütern gleichgesetzt mit der offziellen, total eindeutigen Lehre des dickleibigen Katechismus. Einpauken und sich religiös bestimmen lassen, ist also das Motto. Soviel nur zur Begriffserklärung.

Nun wird also im katholischen Berlin wieder mal gejubelt und Gott gedankt: 40 Jahre sind die Neokatechumenalen in Berlins katholischer Kirche tätig. Da werden am 9. und am 10. Juni 2018 Pontifikal-Ämter gefeiert mit Kardinälen;  Kardinal Cordes aus Rom wird dabei sein, der eng mit dieser am theologisch rechten Rande angesiedelten Gruppe seit Jahren verbandelt ist.  Auch einer der Gründer dieser inzwischen international mächtigen Organisation kommt nach Berlin, KIKO Argüello; er führt seine eigene Komposition auf, „Das Leiden der Unschuldigen – im Gedenken an die Shoa“. Damit soll die Nähe des Neokatechumenalen Wegs mit „dem“ Judentum deutlich werden. Diese Beziehung Neokatechumenale und Judentum wird in der interessierten Öffentlichkeit kaum beachtet: Denn die Liebe zu den „jüdischen Wurzeln“ ist in diesen Kreisen sehr hoch, wird aber in katholische Zusammenhänge eingespannt:

Für den Religions-Spezialisten Sandro Magister „ist diese Gruppe sicherlich die am meisten pro-Israel eingestellte Gruppe innerhalb der neuen geistlichen Gemeinschaften“ (in: Bernhard Sven Anuth, Der neokatechumenale Weg, Echter Verlag 2006, Seite 225). Ausdrücklich wird dann auch auf die Nähe der Neokatechumenalen zu der ultra-orthodoxen jüdischen Bewegung der Lubavitch verwiesen, ebd. Jedenfalls haben die Neokatechumenalen ein riesiges, monströs wirkendes Zentrum (auf 30.000 Quadratmetern Grundstückfläche) als „domus Galilaeae“ auf dem Berg der Seligpreisungen in Israel mit viel materiellem Aufwand errichtet: „Bereits die Errichtung der Domus Galiaeae wurde in Zusammenhang mit Endzeitprophetien gebracht, laut denen der Neokatechumenale Weg die Wiederkunft des Herrn auf dem Berg der Seligpreisungen erwarte. Ein ausgedehnter symbolisch aufgeladenen Gebäudekomplex ganz eigener Art, der Außenstehenden schwer entzifferbar ist.“ (Quelle: ebd.) Offenbar wird dort die Wiederkunft Jesu Christi erwartet. Jedenfalls soll jeder Neokatechumenale einmal in seinem Leben diesen Berg mit seinem eleganten monströsen Zentrum besuchen, berichtet Anuth (S. 225).

Viele Katholiken in Berlin, aber nicht nur dort, haben angesichts des 40 jährigen Bestehens der Neokatechumalen in Berlin (in anderen Ländern sind sie seit 50 Jahren tätig) keinen Grund zur Freude: Sie haben aufdringliche neokatechumenale Missionare erlebt, haben erlebt, wie in ihren Gemeinden Spaltungen geschahen zwischen den besseren „Neos“ und den eher noch „unentwickelten“ normalen Gemeindemitgliedern. 36 Priester der Neokatechumenalen wurden bisher für ihre Arbeit in der Erzdiözese Berlin ausgebildet, so dass man sagen kann: Fast alle noch nicht ganz alten Priester sind „Neos“ mit dem entsprechenden theologischen Horizont. Nichts aber auch gar nichts ist von diesen Priestern in einer größeren öffentlichkeit zu vernehmen, zu politischen Fragen, zu Fragen der globalen Gerechtigkeit, zur Ökologie ist viom Neokatechumenat nichts zu vernehmen. Alles dreht sich nur um die totale Glaubensvermittlung.

Es ist dieser Klerikalismus, der etlichen Katholiken an den Neos überhaupt nicht gefällt: Anstatt Laientheologen und Laientheologinnen die Leitung einer (priesterlosen) Pfarrgemeinde zu übergeben, werden konservativ denkende, treu-römische junge Priester unters Volk gebracht. Der Klerikalismus soll unter allen Umständen absolut überleben. “Priester zuerst”, heißt das Motto, das man nationalistisch gefärbt aus anderen Kreisen kennt. Man höre sich in den Gemeinden um, wie viel Abwehr und Entsetzen über diese jungen neokatechumenalen Priester besteht und bestand. Ich habe als Journalist damals mit Mühe Intervies machen müssen, es waren Leidensgeschichten, die mir von sehr seriösen engagierten Katholiken vorgetragen wurden. Viele haben sich dann frustriert zwar, aber für die eigene seelische Gesundheit klugerweise von den neokatechumenal geprägten Gemeinden (und darüber hinaus wohl von dieser Kirche) getrennt usw…

Ich habe seit ca. 15 Jahren für ARD Sender über die Neokatechumenalen berichtet und vieles auch auf meiner Website publiziert; diese 5 Beiträge finden viele Zugriffe! Auch mit O Tönen Neo – geschädigter Pfarrer oder offizieller Propagandisten, wie dem heutigen Weihbischof Puff in Köln, usw. Klicken Sie hier.

Es wird also in Berlin gejubelt. Aber wie üblich im katholischen Milieu fehlt jede selbstkritische Information schon im Vorfeld. Erzbischöfliche Pressestellen bieten nun  einmal als missionarische Verlautbarungsorte keine Hintergrundinformationen. Journalismus in Abhängkeit von der Kirche verkommt zur Verlautbarung des offiziell Genehmigten. Und viele Zeitungs-Leser, die nichts anderes lesen als die nachgedruckten Pressemitteilungen, glauben dann, wie wunderbar doch alles in der Kirche läuft. Dabei wird die Kirche insgesamt neo-katechumenal, opus dei abhängig, charismatisch etc.. Einen „normalen“ katholischen Glauben gibt es nicht mehr, alles ist irgendwie zusätzlich mit Sonderlehren usw. übertüncht…Das wären Themen für Theologen an den Universitäten…

Es wird auch in der offiziellen Presseaussendung zu den Berliner Jubelfeiern verschwiegen, dass Papst Franziskus mehrfach diese machtvolle Organisation kritisiert hat: So etwa am 5. Mai 2018 sagte er diesen Herren und Damen, die sich überall als Missionare, also als Verbreiter des in Rom verfassten Katechismus, einmischen und breitmachen: “Love the cultures and traditions of peoples, without imposing pre-established models. Do not start from theories and fixed mindsets, but from concrete situations: it will thus be the spirit who shapes the proclamation according to his times and his ways. And the Church will grow in his image: united in the diversity of peoples, gifts and charisms, the pope said at the event“.

Der Papst dachte wohl auch an den mit den Neokatechumalen verbundenen Erzbischof Anthony Sablan Apuron von der Insel Guam, der wegen sexueller Aggressionen an Kindern angeklagt wird und vom Papst suspendiert wurde. Wie in vielen anderen Teilen der Welt haben sich die wenigen noch kritisch – progressiv verbliebenen Katholiken auch von Guam explizit gegen die Neokatechumenalen gewandt und den Bischöfen in der Nachbarschaft geschrieben: “We strongly suggest that you do not allow this heretical sect to enter your diocese. They have caused so much division within our Archdiocese of Agana, pitting family members against each other, when some members of a family join the NeoCathWay, while other members continue to practice their Catholic faith in the way their parents and grandparents have raised them. Dieses Urteil von Katholiken kehrt immer wieder in einer aufmerksamen Lektüre: Die Neokatechumenalen sind eine häretische Sekte…

Quelle:https://eu.guampdn.com/story/news/2017/03/25/guam-group-warns-other-islands-neocatechumenal-way/99295048/)

In Frankreich untersucht ein Psychotherapeut die sektierisch – zerstörerischen Tendenzen in der Organisation der Neokatechumenalen, siehe: http://www.psychologue-clinicien.com/sectaire.htm

Überall gibt es Proteste gegen diese Neos und sogar Selbsthilfe Gruppen auch für Aussteiger; in Spanien gibt es viel beachtete Organisationen mit eigenen websites, die das Sektiererische der Neokatechumenalen in der spanisch sprechenden Welt freilegen:

http://laverdaddeloskikos.blogspot.de/

und: http://caminoneocatecumenalsecta.blogspot.de/

Für einen kritischen Beobachter, der Journalist und Theologe ist, bleibt das Urteil: Diese Jubelfeier in Berlin hat etwas Verlogenes, sie preist eine Gruppe, die nur deswegen von vielen Bischöfen (manchmal wohl stillschweigend) respektiert wird, weil sie Kleriker stellt und keine kritische Theologie zulässt. Die Kirche setzt also auf diese engstirnigen dogmatischen Kreise, und sie setzt dabei zumindest in Europa auf ihren Weg ins Getto, mag die Kirche finanziell jetzt noch stark sein.

Und die Juden sollten sich überlegen, wenn man als Außenstehender das sagen darf, ob sie bei den Neokatechumenalen wirklich Christen finden, die den eigenen Weg jüdischen Lebens außerhalb jeglicher Missionsabsicht schätzen und diese Ablehnung jeglicher Judenmission auch öffentlich sagen. Man frage also KIKO in Berlin: Sind die absolut und explizit auch öffentlich gegen die Mission von Juden? Wir wollen es hoffen!

Papst Franziskus sagte am 5. Mai 2018 zu den Neokatechumenalen: „Nur eine Kirche, die von Macht und Geld gelöst ist, die von allen Formen des Triumphalismus und des Klerikalismus frei ist, bezeugt auf glaubwürdige Weise, dass Christus den Menschen befreit.“

Gar nicht so “nebenbei”: Über die Finanzen der Neos wäre eigens zu reden, etwa über den immer wieder erwähnten Druck und  Zwang zum sehr großzügigen Spenden unter den Mitgliedern….

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Legionäre Christi im Kino – Film

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wer als Theologe oder Philosoph den Zustand der katholischen Kirche heute verstehen will, sollte die neuen katholischen extrem konservativen Ordensgemeinschaften untersuchen, zum Beispiel die „Legionäre Christi“…

Am 7. Juni 2018 kommt ein Film (1 Stunde, 44 Minuten) in die Kinos, der in Deutschland zum ersten Mal dem katholischen Orden „Legionäre Christi“ gewidmet ist. Ganz im Mittelpunkt des Dokumentarfilms steht der Legionärs – Priester Martin Baranowski, er ist der Bruder des Regisseurs Peter Baranowski. Pater Martin Baranowski lebt heute in Neuötting –Alzgern.

Beide hatten in der Jugend vielfältige Kontakte mit diesem Orden, der sich in vielen Ländern bemüht, Jungen und junge Männer anzusprechen, um sie für ihren Orden zu werben. Selbst die „Kleinen Seminare“, also Häuser, wo 8 bis 18 Jährige auf den Priesterberuf vorbereitet werden, leitet dieser Orden noch, die „Apostolische Schule“ in Bad Münstereifel. … Der Titel des Kino – Films bezieht sich auf eine Art pädagogische Weisheit der Legionäre: „Die Temperatur des Willens“: D.h.: In den religiösen Freizeiten wollen die Legionäre die Temperaturen der Jünglinge prüfen und einen starken, keinen lauwarmen religiösen Willen unter ihren Jungs erzeugen.

Der Film verzichtet (leider) auf erläuternde Kommentare, was in unserer Sicht problematisch ist, denn dadurch können viele wesentliche Fakten überspielt werden: Die Mitglieder im Orden sprechen öffentlich wohl kaum umfassend kritisch über ihren Gründer, den mexikanischen Priester Marcial Maciel, denn sie waren über all die Jahre doch mit ihm verbandelt. Pater Maciel wurde von Papst Benedikt XVI. nicht nur wegen seiner Jahre langen pädophilen Vergehen und seinem früheren Drogenmissbrauch ein Verbrecher genannt. Der lange Jahrzehnte in Rom hoch verehrte Ordensgründer wurde vor allem von Papst Johannes Paul II. liebevoll unterstützt, er begleite den polnischen Papst auf seinen Reisen nach Mexiko; dass dabei die sozialkritische Befreiungstheologie ausgeblendet wurde, ist klar: Maciel hielt es mit den Reichen, speziell den Millionären und Milliardären, mit dem mexikanischen Milliardär Carlos Slim war Maciel eng befreundet: Wie viele Millionen Dollar er von Slim erhielt, wäre eine hübsche Recherche…Jedenfalls war Maciel ein intimer Freund zahlreicher Kardinäle in Rom, all das habe ich im Laufe der Jahre auf meiner Website re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er–salon.de dokumentiert….

Nachdem die pädophilen Verbrechen und die vielfältigen hetero- und homosexuellen Beziehungen des in dieser Hinsicht absolut heftigst umtriebigen Gründers Maciels freigelegt werden mussten, reagierte der Orden wie die Sowjets nach dem Tode Stalins: Sein Name wird in den offiziellen Publikationen nicht mehr erwähnt, die vielen Bilder und Fotos Maciels wurden aus den Legionärs – Häusern entfernt. Das verlogene Buch Maciels „Christus ist mein Leben“ (was für ein Titel bei diesem Autor!) ist antiquarisch noch zu haben.

Mit all diesem Verschweigen Maciels in den Legionärs-Kreisen aber sind pädophile Tendenzen unter den Ordensmitgliedern keineswegs beendet, etwa in Chile wurden entsprechende Fakten nach dem Tode Maciels und der „Entstalinisierung“ bzw. „Entmacielisierung“ freigelegt.

Nun haben also hoffentlich viele Katholiken die Chance, ein bisschen in das Innere dieses Ordens zu schauen, und sie werden sich danach hoffentlich entsetzt abwenden. In 15 Bistümern Deutschlands und in 4 Bistümern Österreichs ist der Orden, aktiv, vor allem über den mächtigen Zweig der Laien – Mitglieder im „Regnum Christi“. Die Legionäre Christi gestalten in den Pfarrgemeinden ihre eigenen „Volks“ – „Missionen“, wie etwa in Bad Bocklet, Franken.

Die (in Deutschland tatsächlich noch eher marginale) umfassend kritische Berichterstattung hat immerhin bewirkt, dass die Anzahl der Ordenskandidaten, Novizen genannt, in vielen Ländern stark zurückgegangen ist. Die offizielle Legionärs- Statistik nennt für Deutschland noch 3 Novizen, für Chile 1, ebenso 1 für Irland, sogar nur 3 fürs alte Legionärs- Kernland Spanien. 961 Legionärs Priester gab es Ende 2016, viele hatten nach der Freilegung der Verbrechen ihres Gründer Pater Maciel den Orden verlassen. Darüber wird offiziell auch nicht gesprochen…. Wer heute da noch mitmacht erfreut sich wohl des immensen Reichtums dieses Ordens, den ihr der Gründer Maciel durch allerhand trübe Finanzgeschäfte beschafft hat, wie erschlichene Erbschaften usw.

Es wundert kritische Beobachter, dass dieser Orden nach den heftigen Skandalen überhaupt noch als solcher unter dem alten Namen der Legionäre Christi weiter besteht. Warum hat der Vatikan diesen so hoch problematischen Club nicht aufgelöst? Warum nicht verboten? Selbst der Orden der Piaristen (Priester der frommen Schulen) wurde für einige Jahre nach seiner Gründung vom Papst verboten, weil auch dort pädophile Tendenzen deutlich waren, ich habe darüber auf der genannten website publiziert.

Die zentrale Frage ist: Welche Interessen gibt es noch heute in der katholischen Hierarchie, den Orden der Legionäre mit seinen weit verzweigten Kontakten in die Finanzwelt als solchen zu erhalten? Welche finanziellen Interessen waren im Vatikan dafür ausschlaggebend? Oder ist die Liebe zum Klerus im Vatikan schon so umfassend, dass man schlechterdings alle Kleriker, alle Priester, erst mal toll findet, angesichts des allgemeinen Mangels an Priestern? Bekanntlich leiten die Legionäre Christi die römische Universität Regina Angelorum, König der Engel, die besonders durch gut besuchte Kurse für Teufelsaustreibungen, Exorzismus, von sich reden macht.

Es ist für nicht nachvollziehbar, dass die kritische theologische Forschung an den deutschsprachigen Universitäten über die Legionäre Christi keine Studien publiziert hat. Auch die anderen Orden, die noch ein bisschen der Vernunft verpflichtet sind, die ja entsprechende Zeitschriften haben usw…. schweigen sich aus über die Legionäre Christi. Warum? Wer hat da Angst? Gibt es eine geheime Solidarität? Meine zahlreichen Studien zum Thema Legionäre Christi und Pater Marcial Maciel stehen auf der website www.re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er-salon.de zur Verfügung.

Immerhin schrieb mir per E mail am 28.3. 2018 der Regisseur des Kino Films Peter Baranowski u.a.: „Natürlich bin ich im Verlaufe meiner Recherchen zu dem Film auch auf Ihre Arbeit und Website aufmerksam geworden. Tausend Dank für all die hilfreichen Informationen!“

Wollen wir hoffen, dass der Orden nicht noch eine „einstweilige Verfügung“ gegen die Aufführung des Filmes anstrebt… Das wäre allerdings die beste Werbung für den Film!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

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Über den Protagonisten des Films, Pater Martin Baranowski, schreiben die Legionäre Christi auf ihrer website: (http://forum-deutscher-katholiken.de/pater-martin-baranowski-lc/)

Pater Martin Baranowski LC, Priester der Kongregation der Legionäre Christi, stammt aus Bad Homburg (Bistum Limburg). 1995 trat er nach dem Abitur ins Noviziat ein und gehörte zur Gründungsgeneration der Niederlassung in Bad Münstereifel. Nach der Ordensprofess 1997 absolvierte er im spanischen Salamanca humanistische Studien, worauf das Grundstudium der Philosophie in Rom folgte. Von 2000-2004 war er in der Jugendarbeit in Süddeutschland tätig. Zwei Jahre darauf erwarb er das Lizenziat in Philosophie an der Päpstlichen Hochschule Regina Apostolorum. Darauf folgte das Theologiestudium. Bei der Gründung des Territoriums Mitteleuropa am 6. Februar 2007 wurde er zum Territorialsekretär ernannt. Seit Sommer 2009 ist er für die Kinder- und Jugendarbeit in Bayern zuständig. Am 12.12.09 wurde er in Rom zum Priester geweiht.

Die Zeitschrift der Legionäre schreibt 2015 über die Tätigkeiten Pater Baranowskis, die alle im konservativen katholischen Milieu angesiedelt sind: (Quelle: http://www.magazin-der-legionaere-christi.de/wp-content/uploads/2016/09/L-Magazin-01-2015.pdf)  „Im priesterlichen Einsatz ist er auch bei anderen Gruppen wie Prayerfes­tival der Jugend 2000, Nightfever an verschiedenen Orten, Charismatische Jugendgruppe FCKW, Marriage Encoun­ter, Fatimatage (!) und beim Kongress „Freude am Glauben“ (das ist die konservativ- reaktionäre Alternative zu den Katholikentagen, an denen auch Kardinal Ratzinger einst teilnahm, CM.)

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