Wir wohnen in Babylon

Zur Aktualität von Rose Ausländers Gedicht „Lehmbrot“

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
„Die Luft kann nicht atmen“: Diese Erkenntnis kann nur Poesie mitteilen. In fünf Worten nennt Rose Ausländer, was das Wesen der großen Städte ist: „Die Luft atmet nicht mehr“, sie ist tot, sie ist in den Metropolen so miserabel, dass sie Mensch und Natur nicht mehr Leben ermöglicht. Finis, Ende. Warum? Rose Ausländer gibt einen Hinweis: Weil die Häuser „zusammengerückt“ sind und übereinander „klettern“.
2.
Wer in Metropolen, den stets wachsenden Städten lebt, kann die Erkenntnis der Poetin Rose Ausländer (geb. 1901 in Czernowitz – gestorben 1988 in Düsseldorf) nur bestätigen. Es sind vor allem von ständiger Gier getriebene Spekulanten, die jede noch freie grüne Fläche inmitten der Städte, ohnehin schon graue Steinwüsten, aufkaufen und auf die freien Flächen ihre teueren „Townhouses“ setzen. Alte Häuser werden abgerissen und die alteingesessenen Bewohner vertrieben, es muss Platz gemacht werden für den Luxus der Super-Reichen und deren sinnlosem Bedürfnis nach Zweit- bzw. Drittwohnungen….So sind, dem Neoliberalismus entsprechend, die Metropolen nichts als Orte aus Stein geworden, manchmal mit hübschen Fassaden und Kulissen (das wollen die Touristen!), aber insgesamt mit wenig Grün zum Spielen und Entspannen, die vertrauten Nachbarschaften wurden ausradiert. Nur ein Hinweis auf die prächtige Kulissenstadt Paris (im Zentrum zumindest als ständige Kulisse): Paris hat weniger Grünflächen als Madrid oder London – gerade mal sechs Quadratmeter pro Kopf. Das am Rande.
Das ist der aktuelle hermeneutische Hintergrund zu Rose Ausländers Gedicht.
Um der Deutlichkeit wegen den soziologischen Begriff der Bevölkerungsdichte zu verwenden: Es wird immer enger in den Städten, immer lauter, immer stickiger, der Verkehr heißt Stillstand, Parkplätze sind für viele schon der Güter Höchstes. Darum muss man kämpfen!
3.
Es sind merkwürdige Zustände, wenn schon die ersten Worte von Poesie ins kritische, selbstverständlich politische Nachdenken führen. Poesie ist eben alles andere als Schöngeisterei oder Hobby für „feine und reine Seelen“. Poesie offenbart störende Wahrheit.
Rose Ausländer wanderte 1921 nach New York aus und lebte dort viele Jahre. 1930 hatte die Stadt New York 6,9 Millionen Einwohner, 2020 sind es „nur“ 8,8 Millionen.
4.
Rose Ausländer sagt klipp und klar: Wir leben in Babylon: „Du musst wissen, wir wohnen in Babylon“. Das Symbol „Babylon“ hat sich als eine prägnante Vorstellung durchgesetzt: Die große Stadt, als Monstrum, sammelt alle negativen Eigenschaften auf sich, sie ist Ort des moralischen Verfalls, der Gewalt, der gesetzlosen Herrschaft, des Zusammenbruchs von Kommunikation, der totalen Vereinzelung. Eben: Babylon. Jerusalem als Symbol der Menschlichkeit steht dem – poetisch leider nur, nicht aber friedens-politisch! – gegenüber.
5.
Rose Ausländer hat, wie gesagt, etliche Jahre in den beengten Verhältnissen der Stadt New York gelebt, und sie kannte viele andere große Städte. 1972 veröffentlichte sie das Gedicht „Lehmbrot“, die ersten Worte dieses Hinweises sind dem Gedicht entnommen.

Lehmbrot (Text: S. 8 in dem Buch “Wir wohnen in Babylon”. Gedichte. Von Rose Ausländer, Fischer Taschenbuch 1992).

Häuser zusammengerückt
klettern übereinander
die Luft kann nicht atmen
Du musst wissen
wir wohnen in Babylon
Worte auseinandergewachsen
Unsere Stirnen übereinander
klettern Falten in Zeichen
wer deutet sie
Steine kauen wir
Wind legt sie uns
in den Mund
Wir bauen
Lehmbrot.

6.
Das Gedicht spricht vom Bauen in den großen Städten, alle heißen Babylon. Gebaut wird nicht ein menschenwürdiges Zuhause, gebaut werden nicht Orte, wo man gesund leben und sich gesund ernähren kann, nicht Heimat. Nein: In Babylon wird „Lehmbrot“ „gebaut“. Eine ungenießbare Pampe aus Sand und Ton. Eigentlich noch etwas besser als die Steine, die „wir kauen“, weil der Wind, der heftige, Zeichen der Klimakatastrophe, uns die „Steine in den Mund legt“. In den Metropolen, immer Namen Babylon, kann eigentlich kaum noch ein Mensch human, menschlich leben, denn dort werden „Steine statt Brot“ verteilt.
7.
In der Stadt, in der es sich nicht leben lässt, kann auch kein Gespräch, kein Dialog, kein sprachliches Miteinander leben. Denn die vielen Wörter sind, so Ausländer, „auseinandergewachsen“, sie haben keinen gemeinsamen verbindenden Sinn mehr. So wie die Häuser übereinander „klettern“ und als Wolkenkratzer dann förmlich mehrere Häuser übereinander stapeln und stellen, so sind auch „unsere Stirnen“, also unsere Köpfe, unser Verstand, übereinander gestapelt. Unsere Köpfe berühren sich in der Hochstapelei etwas, sie haben aber keine Kommunikation mehr miteinander.Zur Kommunikation gehört bekanntlich die gleiche Augenhöhe. Und die „Zeichen“, wie Rose Ausländer sagt, also die Symbole, das sind auch die Kunstwerke, die Literaturen, Religionen usw. haben „Falten“, sie sind entstellt, sind wegen der Falten nicht mehr verständlich als Zeichen, die auf anderes hinweisen, die faltenreichen Zeichen sind nicht mehr lesbar. Dies ist nichts anderes als ein Zusammenbruch des kulturellen Lebens, auch wenn es noch dem Schein nach fortgeführt wird in der Welt der gierigen Unterhaltungsindustrie der Metropolen.
8.
Ein Ende dieses verheerenden Zustandes ist nicht absehbar: „Wir bauen Lehmbrot“. Unsere Städte, in ihrem Bau-Wahn des Immer mehr und Immer höher und Immer teurer, sind bereits nicht mehr lebbar, sie sind ungenießbar. Die neoliberale Metropole verkommt als Babylon zum spekulativen Handelsplatz, wo nur noch die Leute des Luxus mal vorbeischauen. Sie wohnen ganz woanders. Aber auch nur in einem anderen Babylon.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

Fußnote: Einige Infos zur Bevölkerungsdichte:
Die Angaben stammen aus wikipedia-Beiträgen, bezogen auf das Jahr 2020. Die Dichte der Bebauung müsste noch in Bezug gesetzt werden zu den geringen Grünflächen und Parkanlagen…Aber diese Zahlen können einen Eindruck vermitteln von den Lebens- und Wohnbedingungen in den stetig wachsenden Metropolen.

Berlin-Schöneberg:
11.561 Einwohner pro Quadr. km

Berlin-Mitte
9.713 Einw. pro. Quatr. km

Berlin Kreuzberg
14.700 Einw. pro Quatr. km

München Schwabing
15.726 Einwohner Einw. pro Quadr. km

Kalkutta
21. 772 Einw. pro Quart. km.

Bronx, Stadtteil von NY.
13.585 Einw. pro Quatr. km.

Tokio:
15.351 Einw. pro. Quatr. km.

 

 

Verbot und Verzicht. Die „Politik des Unterlassens“ muss beendet werden: Ein Plädoyer des Politologen Prof. Philipp Lepenies.

Eine Buchempfehlung von Christian Modehn am 19.6.2022.

1.
Verbot und Verzicht: Zwei Horrorbegriffe für sehr viele Menschen in Deutschland, vor allem in Kreisen der oft rechtsextremen Impfgegner und gleichzeitig aber auch, etwa beim Thema Tempolimit oder dem verpflichteten Tragen von Masken zum Schutz vor Corona, in Kreisen der
Liberalen und Neoliberalen, etwa in der FDP. Ein merkwürdiges Zusammentreffen? Der ideologische Hintergrund für diese leidenschaftliche Abwehr, über den hilfreichen Sinn von Verbot und Verzicht angesichts der Öko – und Klimakatastrophen und dem Hungersterben von Millionen nachzudenken, ist: Der Glaube an die absolute Freiheit des einzelnen Individuums, das ohne Rücksicht auf andere ökonomisch tun und lassen darf, was es als einzelnes Individuum will. Für diese weiten Kreise gibt es nichts Schlimmeres, als in einer Gesellschaft zu leben, die Verbieten und Verzichten nicht nur als Tugenden, sondern als notwendige politische Haltungen einfordert, nicht aus Gründen einer Staatsallmacht, sondern weil es um nichts Geringeres geht als das Überleben der Menschheit. Die Gegner einer ernsthaften Debatte über Verbot und Verzicht und der dann folgenden Gesetzgebung sprechen mit aller medialen Gewalt von „Bevormundungen“ und „Ökodiktatur pur“ (S. 11) oder gar von „absurder Spinnerei“ (etwa „Die Welt“ bzw. die „FAZ“).
2.
In dieser Situation der neoliberal propagierten totalen Abwehr von Verbot und Verzicht ist das Buch des Berliner Politologen Prof. Philipp Lepenies (F.U.) von großem Wert, die Lektüre wird dringend empfohlen. Lepenies dokumentiert das Thema sehr ausführlich auch historisch. Er zeigt die Wirkungsgeschichte der neoliberalen Ideen der „Masters of the Universe“ (S. 22), also von Friedrich August Hayek und Milton Friedmann, sehr deutlich bei Reagan oder bei Madame Thatcher. Hayek und Friedman und deren gut vernetzten Freunde (zu denen auch der Philosoph Popper gehörte) haben sich für die absolute freiheitliche Souveränität des Konsumenten eingesetzt und damit die Werte der „alten Handels-Welt“ mit ihren Werten des Konsumverzichts ins Abseits geschoben.
3.
Die sogenannten Ideale des Neoliberalismus,Propaganda der totalen Freiheit des eigentlich nur für sich lebenden (wohlhabenden) Individuums, haben sich „in den Köpfen festgesetzt“, so Philipp Leonies, (S. 19), „der „Neoliberalismus durchdringt unsere Art zu denken„ (S. 20). Philipp Lepenies geht so weit, „vom individuellen Tyrannen“ zu sprechen, „der jeden Eingriff in seine Konsumentscheidungen vehement ablehnt“ (S. 23). Der Autor erinnert auch an die hierzulande eher noch unbekannte, von Nietzsche inspirierte Schriftstellerin Ayn Rand, die aus St. Petersburg (Russland) in die USA emigrierte. Sie hat in ihren sehr viel gelesenen Schriften „einen antistaatlichen Extrem-Individualismus“ (S. 96) verfochten.
Viele Details sind spannend zu lesen, etwa die Vernetzungen der Neoliberalen in der „Mont Pèlerin Society“, die sich 1947 am Genfer See formierte. Sieben Mitglieder dieses elitären neoliberalen Zirkels wurden ausgerechnet mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, neben Hayek und Friedman auch George Stiegler, James Buchanan usw. (S.136). Lepenies weist darauf hin, dass die Vergabe-Praxis dieses Nobelpreises auch ideologisch gefärbt war…
4.
Ziel der Neoliberalen damals und heute ist: Staatliche Aktivitäten sollen auf ein Mindestmaß reduziert werden, der Staat solle nur Wettbewerb und Märkte uneingeschränkt fördern. (S. 110).
Mit einem gewissen Erstaunen, aber durchaus bei dieser politisch-ökonomischen Option verständlich, ist die Nähe etwa des Neoliberalen Meister Friedman zum Pinochet Regime in Chile (S. 139).
5.
Am wichtigsten schon wegen der aktuellen Dimensionen sind die zusammenfassenden Schlusskapitel des Buches, wenn Lepenies etwa an den großen Soziologen Zygmunt Bauman erinnert (S. 234): „Das Individuum befriedigt seine Konsumwünsche, die von der Produzentenseite bei ihm geweckt werden (S. 234).
6.
Wer bei der aktuellen Debatte einsteigen will, sollte also zuerst das Schlusskapitel lesen: „Politik im Geist des Unterlassens“ (S. 251 – 266). Darin plädiert Lepenies mit allem Nachdruck dafür, dass allein demokratische Verbote und Verzichtleistungen der Bürger (der Armen milder als der Millionäre) die tiefe Öko -, Klima – und Gerechtigkeits-Krise der gegenwärtigen Welt lindern könnten. Voraussetzung dazu wäre: Den Staat nicht, wie bei allen Neoliberalen in ihrer dogmatischen Befangenheit üblich, als Feind des Individuums zu betrachten. Denn für die Demokratie gilt: „Die Bürger SIND der Staat, sie SIND der Souverän“ (S. 255). Nur wenn dieses Feinbild Staat bei Neoliberalen überwunden wird, kann das grundlegend Menschliche wieder entdeckt werden, nämlich: „Die Gemeinschaft und die Zusammengehörigkeit“ (S,256). Solange Hayek und seine Freunde das internationale politische und wirtschaftliche Leben bestimmen, „wird die staatliche Untätigkeit angesichts der Klimakrise legitimiert“. (S. 257). Nur bei Überwindung der neoliberalen ideologischen Übermacht kann wieder ein Sinn für die richtige und berechtigte humane Moral IN der Politik entstehen (S. 258). Aber das wird angesichts der finanziellen Übermacht und medialen Bedeutung dieser Kreise schwer sein, denn diese Ideologen sind, wie Philipp Lepenies schreibt, „mit religionsähnlichem Eifer“ (s. 263) allüberall tätig. Sie glauben nicht an die universalen humanen Werte, schon gar nicht an den biblischen Gott der Gerechtigkeit, sie glauben an den für sie heiligen Markt, der alles zum Besten wendet. Aber dieser Glaube, so Lepenies“, ist „illusorisch“ (S. 264). Also ein Aberglaube. Und ein sehr mächtiger Aberglaube, leider. Nebenbei: Die Kirchen in Deutschland, den eigenen Worten nach Glaubende an den Gott der universalen Gerechtigkeit, können und wollen diesen Aberglauben nicht bekämpfen. Sie sind selbst viel zu sehr neoliberal verstrickt und entsprechend verdorben.

Über die kirchlich, katholisch zumal motivierten irrigen Ermahnungen zum Verzichten (besonders der “kleinen Leuten”) müsste weiter nachgedacht werden, ohne Verzicht-Propaganda (auf Luxus, Konsum, Sex (Zölibat) ist die alte katholische Welt kaum zu verstehen. Verzichten mussten immer die Armen, die Laien, nicht die Päpste, nicht der Klerus (er dufte nur offiziell keinen Sex haben!) , nicht die Fürsten, die Könige…Verzichten passte gut in die Klassengesellschaft damals und heute. Der Verzicht diente dem Erhalt der Klassengesellschaft, er hatte keine progressive Bedeutung wie heute.

Philipp Lepenies, „Verbot und Verzicht. Politik aus dem Geist des Unterlassens“, Edition Suhrkamp Berlin, 2022, 266 Seiten, 18 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Wenn auch die EU Krieg führt … gegen Flüchtende.

Ein Hinweis auf ein neues, wichtiges Buch von Christian Modehn.

Einige Zahlen, und diese Zahlen sind Symbole für Menschen:

100 Millionen Menschen sind jetzt auf der Flucht. Diese Informationen veröffentlichte “Die ZEIT” vom 23. Juni 2022, Seite 52. Von diesen 100 Millionen sind 1,3 Millionen in Deutschland gestrandet, aufgenommen. 1,5 Millionen Flüchtende hat das sehr arme Land Uganda aufgenommen. 1,5 Millionen Pakistan. 1,8 Millionen Flüchtende aus Venezuela nahm Kolumbien auf, 8,2 Millionen Menschen sind in Kolumbien innerhalb des eigenen Landes auf der Flucht vor Gewalt und Vertreibung.

23,7 Millionen Menschen waren auf der Flucht wegen Klimakrisen und Umweltkatastropne in ihrer Heimat.

1.
Der Titel dieser Studie “Grenzenlose Gewalt. Der unerklärte Krieg der EU gegen Flüchtende” könnte zunächst verstörend sein: Was denn, die EU führt Krieg gegen Flüchtende, wie das Buch „Grenzenlose Gewalt“  (Verlag Association A, Berlin 2022,) nahelegt? Sind jetzt nicht so viele Staaten der EU menschenfreundlich und hilfsbereit in der Aufnahme und Unterstützung von Flüchtenden aus der Ukraine, sie fliehen vor der tötenden Kriegsgewalt Putins.

2.
Die Flüchtenden aus der Ukraine sind mit dem neuen Buch „Grenzenlose Gewalt. Der unerklärte Krieg der EU gegen Flüchtende” nicht gemeint. Diese sind sozusagen die „anderen“ Flüchtlinge, in der Sicht der meisten Polen und Deutschen möchte man etwas polemisch sagen, sie sind die „besseren Flüchtlinge“: Denn es sind Kinder und Frauen aus der Ukraine, und sie sind nicht schwarz, sie sind also nicht „völlig fremd“; und vor allem: Sie sind nicht muslimischen Glaubens, sondern meist Christen. Diese „besseren“ Flüchtlinge aus der Ukraine“ sind vor allem keine jungen Männer aus Nahost, Syrien, Iran usw., denen man in konservativen Kreisen im üblichen, tief sitzenden Vorurteil eine gewisse Gewaltbereitschaft unterstellt. Und die Flüchtlinge aus der Ukraine fliehen vor dem gemeinsamen europäischen Feind, sie fliehen vor Putin und seinem Regime. Und auch damit trösten sich viele hilfsbereite Westeuropäer: Viele ukrainische Flüchtlinge wollen wieder in ihre ukrainische Heimat zurückkehren. Sie sind also anders als die Menschen, von denen das wichtige und sehr instruktive Buch „Grenzenlose Gewalt“ handelt.

3.
Der Untertitel bringt den Inhalt des Buches von 311 Seiten (davon auf 30 Seiten 746 Fußnoten und wissenschaftliche Nachweise) auf den Punkt: „Der unerklärte Krieg der EU gegen Flüchtende“. Die EU führt, so die gut belegte und gut begründete Studie, ihrerseits selbst Krieg, ohne diesen Krieg formal und feierlich „erklärt“ zu haben. Das Besondere ist: Dieser Krieg kennt nur eine starke, herrschende, sogar allmächtige Seite, diese ist die EU, ist Europa. Und die andere Seite in diesem Krieg sind Menschen, die aus dem unerträglichen Hunger, der Verfolgung, der ökologischen Katastrophe fliehen. Vor allem: Sie haben keine Waffen. Sie sind der anderen Seite (der EU) förmlich ausgeliefert, auf Gedeih und Verderb. Es ist also der Krieg gegen Flüchtende aus Afrika, Asien und Nahost. Nebenbei: Auch in Zentralamerika flüchten Tausende in die USA, und die meisten scheitern vor allem an unüberwindlichen Mauern und Stacheldrahtzäunen, errichtet durch die US Regierung. Aber das ist ein anderes Thema.

4.
In diesem Krieg gibt es seit Jahren schon viele Tote: Tote allerdings nur auf der einen Seite: Viele tausend Flüchtlinge aus Afrika sind im Mittelmeer ertrunken, nicht nur der miserablen Qualität der Boote wegen, sondern auch, weil sie nicht gerettet wurden von Europäern (Stichwort: Frontex). Viele sind in der Sahara verdurstet, weil die EU die bewährten Wege durch die Wüste von Niger umgeleitet hat. Viele sind in LKWs auf der Flucht erstickt, oder sie sind im Wald, etwa an der Grenze Belarus und Polen, erfroren. LINK.
Die finanzielle Förderung von FRONTEX, der europäischen „Agentur für die Grenz- und Küstenwache des Schengen-Raumes“, wurde auf 1,3 Milliarden Euro pro Jahr angehoben und damit die fortschreitende Militarisierung der europäischen Grenzen für die Zukunft festgelegt“ (S. 37). Dazu eine ergänzende Info des SWR: „2019 und 2020 hat die Grundrechtebeauftragte bei dem Frontex Direktor Fabrice Leggeri beantragt, den Frontex- Einsatz in Griechenland zu beenden. Bisher ist er dem nicht nachgekommen. Dabei gibt es Hinweise auf Menschen­rechts­ver­letz­ungen vor der griechischen Küste. Recherchen internationaler Medien (darunter „Report Mainz“ des SWR) legen nahe, dass Frontex-Beamte in mindestens vier Fällen an illegalen Pushbacks beteiligt waren. Ein Video zeigt zum Beispiel, wie sich ein rumänisches Schiff mit der Beteiligung von Frontex vor ein überfülltes Schlauchboot mit Flüchtlingen nahe der Insel Lesbos schiebt. Anschließend fährt das Schiff mit hoher Geschwindigkeit nah am Schlauchboot vorbei und erzeugt so Wellen, die das Boot in Richtung Türkei bewegen sollen“ (Quelle: LINK)
Das Autorenkollektiv von „Grenzenlose Gewalt“ schreibt: „Die Festung Europa lässt nicht nur Menschen im Elend sitzen und sie an ihren Mauern abprallen, die Festung Europa tötet. Die dabei alltäglichen Menschenrechtsverstöße sind mitnichten Versehen oder unglückliche Unfälle, sie sind systemisch und systematisch und sie nehmen Tote billigend in Kauf“ (S. 41).
„Frontex kann nach eigenem Dünken schalten und walten, während sich die EU ihrer Verantwortlichkeit entledigt“ (S. 262).

5.
Dieser Krieg ist also ein besonderer, dessen Charakter das Buch ausführlich dokumentiert.. In Kürze nur diese Hinweise:
Diesen Krieg führt die EU als Trägerin des Friedensnobelpreises (2012). Die EU wurde dann offiziell von EU Beamten als „größter Friedensstifter der Geschichte“ gepriesen, etwa von Beate Gminder. Einige Jahre später wurde Frau Gminder zur „Erfinderin des Closed Controller Access Center of Samos“, einer „Käfighaltung von flüchtenden Menschen“ auf Samos, ein Urteil nicht nur des AutorInnenKollektivs des Buches „Grenzenlose Gewalt“, sondern auch vieler anderer Beobachter und Journalisten, die sich einen Sinn für Menschenwürde bewahrt haben. EU Chefin Ursula von der Leyen hat dieses inhumane Projekt zur Internierung von Tausenden von Menschen mit einer Viertelmilliarde Euro gefördert (S. 10): Pfarrer Hans Mörtter (Köln) hat dieses Lager besucht: „Die Menschen im Lager sollen die Botschaft nach Hause schicken: Hier ist die Hölle, kommt bloß nicht her, aber das funktioniert nicht, denn zu Hause ist die Hölle noch größer“, sagt Mörtter (S. 10)

6.
Diese Käfighaltung von Menschen auf Samos, diese ebenso widerlichen Zustände in den Lagern auf Lesbos, dieses dauernde Zulassen von Ertrinken von Flüchtenden im Mittelmeer durch europäische „Sicherheitskräfte“ sind Formen des Krieges der Friedensnobelpreisträgerin EU gegen hilflose Menschen, gegen Flüchtende. Dieser Krieg ist wirklich etwas Besonderes: Er wurde nicht formal erklärt, er wird von der den Krieg inszenierenden Partei, der EU, als „Schutz – Maßnahme“ hingestellt, die offenbar kein Ende kennt. Gerald Knaus, ständiger Gast im Fernsehen, vor allem in Talkshows, gilt als Spezialist für Kriegsfragen und Flüchtlingsfragen. Knaus hatte sich, so die AutorInnen, das bekannte und umstrittene EU-Türkei-Abkommen erdacht (S. 11), das den Türken Erdogan als Türsteher für die EU anheuerte. Später schickte Erdogan Flüchtlinge nach Griechenland, um mit diesen Menschen eine Art Deal zu betreiben…
Bisher hat die EU 6 Milliarden Euro Herrn Erdogan für die Abwehr und Zurückhaltung von Flüchtlingen gezahlt, dabei ist es ziemlich egal, welche kriegerischen Aktivitäten Herr Erdogan gegen Kurden und in Syrien realisiert.

7.
Aber: Diese totale Abwehr von Flüchtenden, dieses Sich-Einmauern Europas, dieses Stacheldraht-Bauen usw. wird nicht die Menschen hindern, aus den Kriegen ihrer Herkunftsländer, der Verfolgung durch dortige Diktatoren nach Europa zu kommen, in den christlichen Kontinent, der so gern von universal geltenden Menschenrechten schwadroniert.

8.
In 6 Hauptkapiteln wird akribische Recherche dokumentiert, die jeder und jede lesen sollte, die hier also nicht zusammengefasst werden kann.

– Wie man eine Festung baut.
– Europas Außengrenzen: Systematische Abschottung und Gewalt.
– Kriminalisierung von Flüchtenden.
– Behinderung von Fluchthilfe.
– Asylverfahren in der EU.
– Gute Aussichten? Panorama der Gewalt.

9.
Instruktiv sind die Erkenntnisse zu der schon üblich gewordenen (durch rechte und rechtsextreme Propaganda verstärkten) Kriminalisierung der Migration (S. 209): Es wird selbstverständlich und pauschal von „Illegaler Migration gesprochen. „Wir leben in einer Zeit, in der es normal ist, dass Menschen inhaftiert werden , nur weil sie migrieren…“ (S. 210). Auch das Thema „Schleusen“ und Schleuser“ wird dokumentiert. Der EU geht es nicht darum, wie Schleuser Flüchtende schleusen, auch nicht darum, wie viel Geld diese Schleuser für ihre Dienste nehmen, es geht der EU nur darum, „DASS sie schleusen“ (S. 214), also dass sie überhaupt auf den Gedanken kommen, Flüchtende nach Europa zu „geleiten“. Schleuser sind deswegen in EU Sicht Kriminelle, weil sie Flüchtenden helfen. Deswegen werden Schleuser als Kriminelle behandelt, viele sind wohl kriminell etwa hinsichtlich extrem hoher „Honorar“ – Forderungen. Aber Flüchtende sagen auch: „Es gibt ja sonst keinen legalen Weg, Europa zu erreichen“ (S. 216, Refugee Protest Movement, Vienna).

10.
Ganz übel ist die öffentlich schon selbstverständliche gewordene Diskreditierung derer, die zivile Seenotrettung leisten. Amnesty International spricht sogar von „einer Diffamierungskampagne“ (S. 221):

11.
Zum Schluss bietet das Buch einen Epilog, einen kurzer Essay, der italienischen Philosophin Prof. Donatella Di Cesare (Rom). Sie ist Spezialistin für eine „Philosophie der Flüchtlinge“. Sie weist u.a darauf hin, dass Europa einige sehr billige Arbeitskräfte aus den Kreisen der Flüchtenden braucht, also darf die EU nicht alle Flüchtenden im Meer ersaufen lassen und wieder nach Libyen, in die dortigen Lager, KZ ähnlich, zurückschicken. Billige und weithin rechtlose Arbeitskräfte werden etwa auf den Obstplantagen in Spanien gebraucht. Das Obst und Gemüse von dort ist sehr wahrscheinlich von unterbezahlten und miserable untergebrachten Flüchtlingen geerntet worden.
Aber dem von vielen Medien verbreiteten und von vielen geglaubten totalen Negativbild der Flüchtlinge, auch der so genannten bedrohlichen Flüchtlingsströme, wurde und wird „nichts entgegengesetzt“, meint Di Cesare. Den rechtsextremen Parteien gelingt es, ihr ideologisches Gift „tröpfchenweise in den alltäglichen Sprachgebrauch einzuspeisen und den Einwanderer zum Sündenbock für alle Missstände, zum Feind Nummer eins, zu machen“(S. 275). Ist es bereits eine faschistische Haltung, wenn viele Europäer den Wert der sozialen Gerechtigkeit nur noch auf die Innenräume ihrer eigenen Nationen gelten lassen wollen?

12.
Diese akribische wissenschaftliche Dokumentation „Grenzenlose Gewalt“, wird als Vorlage dienen für ein internationales Tribunal, das auch der bekannte ANTI-Mafia-Kämpfer, der Bürgermeister von Palermo Leoluca Orlando, angeregt hatte beim Festival „Lesen ohne Atomstrom“ (Hamburg). Dort sagte er im Jahr 2021: „Die Kriminellen (hinsichtlich des Krieges gegen Flüchtende) sind die Staaten, die heutigen Staatsführer“ (S. 14).

13.
Die Studien dieses Buches offenbaren die tiefe politische und geistige Krise der EU, die sich auf Demokratie und Menschenrecht so oft beruft und diese auch manchmal realisiert,. Aber die EU und Europa mauert sich in einer nationalistischen und feindlichen Abwehrhaltung gegenüber Flüchtenden aus Afrika und Asien ein. Es ist die Angst vor den Fremden, die das Denken und Handeln der meisten Europäer bestimmt, und die Unfähigkeit der reichen Welt, also auch Europa, dem zunehmenden Elend, dem Verhungern von Millionen arm gemachter Menschen im Süden dieser Welt, konsequent durch eine gerechte Politik und Wirtschaftspolitik Einhalt zu gebieten. Diese reiche Welt hat sich daran gewöhnt, dass sie täglich in den seriösen TV Programmen für einige Minuten Bilder krepierender Menschen etwa in Afrika sieht und danach stundenlang Krimis und Fussball schauen muss. Sie hat sich daran gewöhnt, dass in den meisten afrikanischen und arabischen Staaten Diktatoren die Menschenrechte missachten … und ihre Bewohner in die Flucht treiben. Die Fluchtbewegungen aus dem Süden sind auch von Europa, auch von der EU, gemacht, mitverursacht, zugelassen und manchmal wohl auch – zur „Lieferung“ billiger Arbeitskräfte – sogar gewollt.

Grenzenlose Gewalt. Der unerklärte Krieg der EU gegen Flüchtende. Von dem AutorInnenkollektiv mEUterei. Lesen ohne Atomstrom. Verlag Association A, Berlin, 2022, 18 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Liberale Theologie ist Befreiungstheologie!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 8.6.2022.

1.
Der Autor des Tagesspiegels Malte Lehming schreibt auf Seite 1 dieser Zeitung (am 8.Juni 2022) unter der Überschrift: “FDP in der Regierung: Aus liberal wird unsozial“. Dies ist ein treffendes und von sehr vielen geteiltes Urteil angesichts der politischen Verfehlungen der FDP in der Bundesregierung. Die Liste ist lang, sie reicht von der Abwehr der Maskenpflicht in Corona-Krisen-Zeiten über das bei Lobbyisten übliche Nein zum Tempolimit bis zum Plädoyer für die Subventionierung des Tankrabattes zugunsten des Profits der Ölkonzerne und dem FDP-üblichen Nein zur Vermögenssteuer usw. Manche interpretieren diese Haltung treffend: Die wenigen Reichen noch reicher machen und die Armen in ihrem Elend ein bißchen, “großzügig-geizig”  unterstützen! Malte Lehming schreibt: „Offenbar ist es besser für viele Liberale der FDP, falsch zu regieren als nicht zu regieren“.

2.
Nun versteht sich die FDP, ideologisch und auch philosophisch betrachtet, explizit als liberale Partei.

Und das Wort „liberal“ hat auch in der Theologie oft eine Rolle gespielt. In vergangenen Tagen wurden wir oft gefragt: Welches Verständnis von liberal bei dem Stichwort liberale Theologie gilt denn in den religionsphilosophischen und theologischen Hinweisen von Christian Modehn?

3.
Liberale Theologie verstehen wir in unseren Hinweisen als eine in Europa, in Deutschland, not-wendige Befreiungstheologie.
Damit bleibt aber die Verbundenheit mit bestimmten Traditionen der europäischen liberalen Theologie. Diese war und ist geprägt vom Anspruch, auch innerhalb der Theologie, wenn sie denn Wissenschaft an den Universitäten sein will und sein soll, wissenschaftlich zu arbeiten: Also im Studium der Bibel die historisch-kritische Methode zu wählen; allem Fundamentalismus zu wehren; auch die Entstehung der kirchlichen Dogmen historisch-kritisch zu studieren und diese als Ausdruck des religiösen Glaubens einer bestimmten Zeit zu relativieren. Und auch die Institutionen der Kirchen werden als relative, stets zu reformierende Strukturen verstanden, die keine andere Aufgabe haben, als zu individuell geprägtem Glauben des einzelnen und der Gemeinden zu ermuntern. Liberale Theologie ist also, wie das ursprüngliche liberale politische Denken, herrschaftskritisch. Sofern die Institutionen der Kirchen den Glauben der Gemeinden und der einzelnen behindern und Reformen stören, verhält sich liberale Theologie – in unserem Sinne – kritisch bis ablehnend zu diesen „unbeweglichen, versteinerten Kirchen-Institutionen“. Jeder und jede religiöse Person möge dann den eigenen Weg gehen! Religiöser Glaube ist nichts Masochistisches. Eine Vorstellung, die sich sogar bei dem katholischen Theologen Karl Rahner SJ findet in seiner Konzeption einer transzendentalen Theologie. Für ihn sind die Dogmen der Kirchen sozusagen Schöpfungen der glaubenden Menschen, die sich als Schöpfer dieser Glaubensüberzeugungen dann in diesen, weil es ja „ihre“ sind, wiederfinden können… Immerhin, das ist für katholische Verhältnisse schon viel.
4.
Eine heutige liberale Theologie verdankt zweitens – in unserer Sicht – viel den Impulsen der lateinamerikanischen Befreiungstheologie. Diese ist ein Projekt der Emanzipation der Armen innerhalb einer vom Kolonialismus und Klerikalismus verdorbenen Kirchen-Organisation. Der ursprüngliche liberale Geist der Gleichberechtigung kommt also in der Befreiungstheologie zum Ausdruck: Es ist das Engagement für Freiheit und Gerechtigkeit gerade der Armen und Ausgegrenzten, das im wahrsten Sinne „liberal – befreiend“ ist. Diesem Projekt wissen sich heute freilich nicht konservative oder sich liberal, also neokapitalistische Parteien verbunden, sondern linke Parteien. Der neue Geist des Liberalen lebt also bei den demokratischen und selbstkritischen linken Parteien. Und theologisch gilt: Wenn etwa in den Basisgemeinden Lateinamerikas Frauen und Männer, also „Laien“, Gemeindevorsteher sind und als solche auch selbstverständlich die Eucharistiefeier leiten sollten, dann kommen da liberale Prinzipen zum Ausdruck. Die in der Forma allerdings bei der nicht-liberalen katholischen Kirchenzentrale im Vatikan keine Geltung haben.

5.
Eine heutige liberale Theologie in Deutschland kann also ein Störfaktor für die kirchlichen Institutionen sein, wenn (und weil!) diese Institutionen als Bürokratien den lebendigen und freien Glauben der einzelnen und Gemeinden behindern. Diese Kritik der machtvollen Institutionen ist aber kein Selbstzweck, wie etwa die permanente Kritik liberaler politischer Parteien am starken und als zu mächtig interpretierten Staat. Es gibt hingegen für liberale europäische Theologie auch kirchliche, amtliche Strukturen bzw. mindestens einzelne Gemeinde, die dem liberalen vernünftigen Grundimpuls entsprechen.

6.
Damit ist deutlich: Eine heutige liberale Theologie (in Deutschland) als europäische Form einer Befreiungstheologie hat gar nichts mit liberalen Parteien, gar nichts mit der FDP, zu tun. Eine heutige europäische liberale Theologie als Befreiungstheologie kann den Ideologien und Lobby-Bindungen der FDP nur Widerspruch leisten und … andere, linke und ökologische Parteien unterstützen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

E.T.A. Hoffmann vor 200 Jahren gestorben: Er zeigte das Unheimliche im Dasein.

Ein Hinweis von Christian Modehn zum 25. Juni 2022.

Ernst Theodor Amadeus Wilhelm Hoffmann ist  der “europäisch und weltweit einflussreichste deutschsprachige Romantiker”, so der Literaturwissenschaftler Prof. Rüdiger Görner in seiner Studie “Romantik. Ein europäisches Ereignis” (Fußnote 1). Den dritten Vornamen “Amadeus” nahm Hoffmann an, weil er Mozart so verehrte…

1.
Ernst Theodor Amadeus Wilhelm Hoffmann (geb. am 24.1. 1776 in Königsberg – gestorben am 25.6.1822 in Berlin):
Keine Etikette passt auf ihn, er lässt sich nicht einsortieren, nicht so leicht festlegen: Dazu war er vielfach zu sehr begabt, als Schriftsteller und Dichter, als Musikkritiker und Komponist, Jurist und bildender Künstler, Bühnenfachmann… und … überschwänglicher Weinliebhaber. Ein “Gesamtkünstler”, wie Rüdiger Görner betont (Fußnote 3). Heinrich Heine hat wohl recht, wenn er Hoffmann anderen Autoren der Romantik vorzieht, weil Hoffmann trotz seiner maßlosen Phantasie, die auch Fratzen und Gespenster wahrnahm, „sich immer an der irdischen Realität festklammerte“ und nicht „in der blauen Luft schwebte, wie Novalis“. Hoffmann gilt auch zurecht als einer der großen Berliner Autoren, seine literarisch besonders fruchtbaren Jahre lebte er in Berlin, von 1814 bis zu seinem Tod 1822. E.T.A. Hoffmann, eine herausragende Gestalt  der deutschen Dichtung.
2.
Anläßlich seines 200. Todestages am 25. Juni 2022 ist die beste Form der Erinnerung, wieder einmal aus seinem sehr umfangreichen literarischen Werk einige besonders inspirierende Texte zu lesen, viele Text sind berühmt und werden immer noch viel gelesen, wie „Die Elixiere des Teufels“ oder „Das Fräulein von Scuderi“. Wieder zu entdecken sind sicher auch einzelne irritierende Texte der „Nachtstücke“ (1817), wie „Das öde Haus“ oder „Der Sandmann“. Politisch – kritisch gegen den Polizeistaat Preußen schreibt Hoffmann in seiner Geschichte „Meister Floh“. Und von dem Buch „Serapionsbrüder“ ließ sich eine Gruppe von Autoren sogar kurz nach der Russischen Revolution inspirieren und nannte sich 1921 stolz „Serapionsbrüder“. Wo Phantasie und – wenigstens gedanklicher – Ausstieg aus den gegebenen Verhältnissen wichtig werden, können Ideen von E. T. A.Hofmann inspirieren.
3.
Hofmann nahm sich die Freiheit, oft durch Wein und Sekt unterstützt, seiner Phantasie großen Raum zu gewähren, in den irdischen Realitäten das Phantastische, Bedrohliche, Erstaunliche, Fremde wahrzunehmen. Er ließ sich gedanklich und vor allem im Traum forttragen und in andere Welten entführen. Und er nahm dabei seine Leser mit. Die starre Welt angestaubter Begriffe der rationalisierten Bürokratie mochte er gar nicht, einem Verstand, der nur kalt rechnet und die Welt entzaubert, schenkte er kein Vertrauen. Natürlich glaubt Hoffmann nicht an seine Gespenster, die Hexen oder Wiedergänger, sie sind Metaphern für den Streit und die Auseinandersetzung von universellen Kräften, die sich im Geist und den Geistern finden. Bei allem Interesse am „Ungewöhnlich-Schaurigen“ ist er ein Meister der genauen Beobachtung der Menschen in der Gesellschaft. Nichts ist ihm verhasster als die Langeweile, die in der Lebenswelt der braven Bürger, der so genanten Philister, sich immer mehr durchsetzt. Darum wurde zurecht vorgeschlagen, Hoffmann als einen „Romantiker des phantastischen Realismus“ zu würdigen. Sogar noch André Breton und Charles Baudelaire haben sich auf ihn bezogen.
4.
E.T.A. Hoffmann wird oft in die „Epoche der Romantik“ eingereiht. Aber Romantik ist kein eindeutiger Begriff, und manche populäre Kennzeichen „der“ Romantik treffen auf ihn nicht zu: Nur einige Beispiele: Sentimental ist seine Sprache nicht; er liebt die Satire; provokativ will er sein; vom Katholizismus hält er im Unterschied zu vielen Romantikern nicht viel, obwohl er sich in die Klosterwelt und Heiligenkulte gut eingearbeitet hatte. Man denke an seinen Roman „Die Elixiere des Treufels“, der 1812 in Bamberg entstand, nach einem Besuch im dortigen Kapuzinerkloster.
5.
Hoffmanns persönlicher, undogmatischer Glaube an ein „Leben nach dem Tod“ wird von ihm kurz vor dem Tod in dem Fragment „Die Genesung“ mit der Farbe grün beschworen. „Denn grün ist in diesem Monat Mai (der Niederschrift der „Genesung“) das Kleid der Erde, in der er bald ruhen wird. Hoffmann schreibt: O! Grün, Grün! Mein mütterliches Grün! – Nimm mich auf in deine Arme“ (zit. in E.T.A. Hoffmann, Rowohlt Monographien, 1966, S. 155). Die Autorin dieser Monographie, Gabrielle Wittkop-Ménardeau, sieht in diesen Worten „eine Sehnsucht nach der Verschmelzung mit der universalen Seele“ (ebd.) Werner Bergengruen weist auch darauf hin, dass Hoffmann von einem Glauben an die Vorsehung Gottes als einer ewigen Macht bestimmt sei. (Nachwort in der Ausgabe „Die Elixiere des Teufels“, Buchgemeinschaftsausgabe o.J., S. 349).
5.
An Hoffmanns Vorschläge, das „Wesen“ der Musik besser zu verstehen, sollte heute erinnert werden. Dabei spielt eine für die Musikphilosophie relevante Rezension eine große Rolle, die Hoffmann anläßlich der Aufführung von Beethovens 5. Sinfonie (1808) verfasst hatte. Die Instrumentalmusik wird von ihm besonders beachtet. Musik sei, „begriffs-, objekt- und zwecklos“, sie spreche „das Wesen der Kunst am besten und rein aus“. „Was sich in Worten nicht sagen lasse, das mache Musik zugänglich“…“Musik führt hinaus in das Reich des Unendlichen“ (zit.„Philosophie der Musik“, in: Enzyklopädie Philosophie Band II, Felix-Meiner-Verlag Hamburg, S. 1984). Oft wird dieses Wort Hoffmanns zitiert: „Die Musik schließt dem Menschen ein unbekanntes Reich auf, eine Welt, die nichts gemein hat mit der äußeren Sinnenwelt, die ihn umgibt und in der er alle bestimmten Gefühle zurückläßt, um sich einer unaussprechlichen Sehnsucht hinzugeben“.

E.T.A. Hoffmann, der cor allem Komponist sein wollte, aber gerade als  Musiker nicht so hoch geschätzt wird wie als Schriftsteller.
6.
Es muss noch betont werden, dass E.T.A. Hoffmann anders als viele deutsche (katholische) Romantiker kein politischer Reaktionär war. Er war als Jurist, als Kammergerichtsrat in Berlin, unter den „liberal Gesinnten“ angesehen, er verteidigte die rechtsstattlichen Prinzipien gegenüber seinen Vorgesetzten, er litt unter den Disziplinarverfahren. Während der so genannten Demagogen-Verfolgungen nach 1817 gehörte er zu den Verteidigern der Reformen!
Wenn Hoffmann auch manchen seiner Zeitgenossen als skurril, zu phantastisch, zu sehr dem Wein ergeben erschien: Nicht nur als Dichter, nicht nur als Komponisten, auch politisch musste man ihn viel mehr lesen und ernst nehmen.
7.
Wer über die Grenzen des Verstandes nachdenkt, wenn er sich ins technische Handhaben einschließt, wer sich fragt, wohin das Transzendieren des Geistes führen kann, sollte E.T. A. Hoffmann lesen. Seine Phantasie ist überraschend und störend, sie zeigt unbekannte Seiten des geistigen Lebens, aber sie plädiert nicht für den Aberglauben. Seine literarischen Werke sind außergewöhnlich, manches ist Ausdruck einer seelischen „Übersensilibilität“ und Überspanntheit, sicher auch gefördert durch seinen sehr großzügigen Konsums von Wein etc. Er hat sich in seinem ganzen Werk “mit psychischen Phänomenen und psychopathologischen Problemen beschäftigt” (Fußnote 2). … “Sein Wissen über den Wahn präsentierte er  – darin folgte er einem Hauptgebot der Romantik – künsterlisch in Form von Erzählungen”. Mechanistische Erklärungen für wahnhafte Zustände lehnte er ab, zugunsten eines holistischen Zugangs zu den Problemen…

Der Dichter E.T.A. Hoffmann ist nicht ins Charismatische und Unverständliche einer unvernünftigen, „außer-logischen“ Sondersprache (Dada) „abgedriftet“, er hat vielmehr versucht, die unheimliche Tiefe des Daseins zu ergründen, als Widerstand gegen die Banalisierung der Wirklichkeit. Philosophen haben auch die Tiefe des Daseins zu ergründen gegen alle Normalisierung und Verflachung des Geistes. Aber ihre Rede bleibt eher nüchtern.

Fußnoten

(1) Rüdiger Görner, “Romantik. Ein europäisches Ereignis”, Reclam Verlag, 2021, 384 Seiten, dort S. 107).

(2) ders., S. 200 und 201.

(3) ders., S. 250.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Pfingsten – Fest der Philosophen? Ein Vorschlag von Hegel!

Ein Hinweis von Christian Modehn.
   Dieser Beitrag wurde im Mai 2021 publiziert, aus aktuellem Anlass im Juni 2022 noch einmal.

1.

Der Beitrag versucht, Pfingsten, das Fest des Geistes, des heiligen, vernünftig zu erklären: Pfingsten ist nicht das Fest, das dem charismatischen Trallala von Charismatikern und Pfingstlern überlassen werden darf. Pfingsten ist ein Fest der absoluten Bedeutung und Würde eines jeden Menschen und deswegen auch ein Impuls, politisch Gerechtigkeit zu gestalten: Im Sinne der wesentlichen Gleichheit und Würde aller Menschen.

2.

Für den Philosophen Hegel (1770 – 1831) ist Pfingsten als Fest des Geistes von höchster Bedeutung. Pfingsten kann im philosophischen Sinn ein Tag des geistvollen Gesprächs sein, ein Tag der Debatte, der Feier (für Hegel niemals ohne Wein !) und der Reflexion darüber, wie eine geistvolle, also menschenwürdige Gesellschaft mit einem Rechtsstaat gestaltet werden kann. Pfingsten also: Ein Fest der Vernunft.

3.

Wer philosophisch nach der Bedeutung des Pfingst-Festes fragt, also jenes Feiertages der Erinnerung an die Gabe des „heiligen Geistes“ an die Gemeinde nach dem Tod und der Auferstehung Jesu von Nazareth, der sollte sich auch an den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel erinnern.
Er ist der Philosoph des Geistes: Seine Philosophie hat den Geist als ihr Thema und sonst eigentlich nichts, könnte man sagen. Diese Erfahrung der alles gründenden Bedeutung des Geistes könnte man auch „Voraussetzung“ des Denkens Hegels nennen. Dabei ist es selbstverständlich: Eine reflektierte und kritisch betrachtete Voraussetzung als Philosoph zu haben ist an und für sich jeder Philosophie eigen, auch für die „Materialisten“. Vielen Menschen ist, wie schon einige Jahre nach Hegels Tod, der Geist, auch das Erleben des eigenen Geistes, so fern und fremd, dass es einer neuen Anstrengung bedarf, sich auf die Geist-Philosophie einzulassen und sie als Hilfe zu sehen, das eigene Leben transparenter werden zu lassen.

4.

Um gleich den Kern der Hegelschen Geist – Philosophie anzudeuten: Die Philosophie hat im Hegelschen Selbstverständnis „keinen anderen Inhalt als die christliche Religion. Aber die Philosophie (Hegels) gibt (d.h. gestaltet C.M.) den christlichen Inhalt in der FORM DES DENKENS. Die Philosophie stellt sich so nur über die Form des Glaubens, der Inhalt ist derselbe“ (in: „Vorlesungen über die Philosophie der Religion“, II., Suhrkamp, S. 341).
Mit anderen Worten: In der Philosophie wird der christliche Glaube in die Klarheit und Systematik des Denkens und des Gedankens geführt, der Glaube wird nur der gedanklichen Form nach verwandelt und „aufgehoben“, also bewahrt und auf eine neue Ebene gehoben. Unter dieser Bedingung schaut Hegel die überlieferten Begriffe und Ereignisse der christlichen Religion an. Dabei wird der Begriff, das Denken, zum Kriterium in der „philosophischen Übersetzung“ christlicher Ereignisse: Hegel schreibt: „Das Denken ist der absolute Richter, vor dem der Inhalt (auch der Religionen) sich bewähren und beglaubigen soll“ (ebd., S. 341).

5.

In seiner „Philosophie der Religion“, in Berlin als Vorlesung mehrfach vorgetragen, spielt deswegen auch das philosophisch zu verstehende Pfingst–Ereignis eine zentrale Rolle. Hegel erörtert dieses Thema ausführlich im Kapitel „Die Idee im Element der Gemeinde: Das Reich des Geistes“, in dem es – theologisch formuliert – um die Wirklichkeit der Kirche, der Gemeinde, geht. Das heißt: Nach der unmittelbaren Erfahrung der historischen Gestalt Jesu ereignet sich also mit dem Pfingstfest der Übergang des Verstehens weg vom äußeren, historischen Ereignis hin zu einem „geistigen Element“, wie Hegel schreibt (ebd., S. 301). Indem das Neue Testament lehrt, der Geist sei „ausgegossen“ in die Gemeinde und letztlich über alle Menschen, übersetzt der Philosoph diese Erfahrung in die Worte: “Die Subjektivität erfasst nun ihren unendlichen Wert: Vor Gott sind alle Menschen gleich“: Damit werden auch politische Perspektiven der freien Gestaltung von Staat und Gesellschaft eröffnet, die Hegel ausführlich entwickelt. Die vernünftige Freiheit muss die Welt bestimmen, wahre Versöhnung, also „Erlösung“ im christlichen Sinne, „besteht in dem sittlichen und rechtlichen Staatsleben“ (S. 332).
Aber entscheidend bleibt: Pfingsten ist das Symbol dafür, dass Gott und Mensch, Gott und die Menschheit, sich nicht mehr als Fremde und Ferne entfremdet und unversöhnt gegenüberstehen. Pfingsten ist das Symbol für die innerste Einheit von Göttlichem und Menschlichen, von Gott und Welt. Dies allein könnte man sagen ist der Focus, auf den sich Hegels Philosophie ALS Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie konzentriert.

6.

Uns interessiert hier im Zusammenhang des Pfingstfestes Hegels deutlicher Hinweis auf die in den Menschen „gegenwärtige Göttlichkeit“ (durch den Heiligen Geist) (S. 305). In der Gemeinde (Kirche) sammeln sich diese nun mit dem göttlichen Geist beschenkten Menschen.
Man muss als philosophischer Leser den anspruchsvollen philosophischen Aussagen tatsächlich standhalten, etwa wenn Hegel sagt: „Dies ist der Glaube der Gemeinde: Der einzelne Mensch wird gewusst als Gott und (d.h. präziser, CM) mit der Bestimmung, dass er der Sohn Gottes sei, mit all dem Endlichen befasst, das der Subjektivität als solcher in ihrer Entwicklung angehört“ (S. 312). Der Mensch ist als endlicher Mensch zugleich Sohn Gottes, ein gewaltiger Anspruch, der schon im Neuen Testament grundgelegt ist. Und den Hegel nur philosophisch reflektiert.

7.

Im Gedenken an Pfingsten wird der Mensch, jeder Mensch, zu einem mit Gott verbundenen Wesen erhoben. So ist, wie Hegel schreibt, „die Versöhnung an und für sich vollbracht“ (S. 318). Gott und Mensch sind nicht länger Fremdes. Sie sind – in gewisser Hinsicht – eins.

8.

Aber Versöhnung ist für Hegel stets praktisch-politisch, es geht entschieden um die Gestaltung der Freiheit in der Welt (Staat, Gesellschaft). Pfingsten ist insofern ein politisches Fest der Freiheit. Dabei traut Hegel diese Leistung, den Rechtsstaat mit zu gestalten, ausschließlich der protestantischen Religion zu. Der römische Katholizismus ist für ihn nach wie vor zu stark in der mittelalterlichen Welt befangen und in seinem Glauben zu veräußerlicht (Wunderglauben, Reliquien…) und als klerikale Organisation auch korrupt. Das heißt nicht, dass Hegel nicht auch die Engstirnigkeit des zeitgenössischen Protestantismus kritisiert hätte oder gar am Katholizismus wichtige erfreuliche Elemente gesehen hätte, wie etwa eine gewisse Vorliebe fürs philosophische Denken im Mittelalter.

9.

Trotz der Erkenntnis, dass „an sich“ die Versöhnung, also die innere Einheit von Gott und Mensch, geschehen ist, bleibt doch die Tatsache: Dass in der weltlichen, der politischen Wirklichkeit (auch zur Zeit der Vorlesungen Hegels in Berlin) noch Verwirrung, Zwiespalt und Entfremdung fortbestehen. „Diese Versöhnung ist selbst nur eine partielle, ohne äußere Allgemeinheit“ (S. 343, Vorlesungen über die Philosophie der Religion II.). Dies muss Hegel am Ende seiner Vorlesungen mit Melancholie, wenn nicht Hilflosigkeit eingestehen. Mit anderen Worten: Der Geist von Pfingsten als Geist der Versöhnung und Freiheit muss sich erst noch umfassend durchsetzen!

10.

Uns interessiert noch ein Aspekt, der bisher in der Hegel-Forschung nicht so starke Berücksichtigung findet: Die eher versteckt, implizit anwesende mystische Dimension seines Denkens. 1830 sagte Hegel in einer Rede anlässlich der „Erinnerung an die Augsburgische Konfession von 1530“: „Gott wollte den Menschen zu seinem Ebenbild und seinen Geist, der ein Funke des ewiges Lichts ist, diesem (göttlichen) Licht zugänglich machen“. (S. 33, in den „Berliner Schriften“, Ausgabe Meiner, S 33).
Der menschliche Geist als „Funke des ewigen Lichtes“: Diese Formulierung erinnert an den mittelalterlichen Philosophen und „Mystiker“ Meister Eckhart, für den sich die Verbindung des Menschen an Gott in dem Begriff “göttlicher Funke“ ausdrückt. In seinen „Vorlesungen über die Philosophie der Religion“ erwähnt Hegel Meister Eckart ausdrücklich als Vorbild im Verstehen der christlichen Religion als einer Lehre, die die Einheit von Göttlichem und Menschlichen entfaltet. Diese Einheit ist „das Innerste“ des Christentums. „Meister Eckart, ein Dominikanermönch, sagt unter anderem in einer seiner Predigten über dies Innerste: Das Auge, mit dem mich Gott sieht, ist das Auge, mit dem ich ihn sehe…“ (S. 209). Und Hegel legt allen Wert darauf zu betonen, dass diese Einheit von Gott und Mensch alles andere als „Pantheismus“ sei.
 In seinen Vorlesungen zur „Geschichte der Philosophie“ bietet Hegel nach der Darstellung der in seiner Sicht oberflächlichen und verstandesmäßig abstrakt argumentierenden mittelalterlichen Scholastik auch ein knappes Kapitel zur „Mystik“ (in der Suhrkamp Werkausgabe II, S. 583 ff.) Dabei nennt er Meister Eckart nicht, hingegen z.B. ausführlicher Raimundus Lullus. Im Unterschied zur Scholastik sieht Hegel in den Mystikern „edle Männer, die der scholastischen Sucht nach Verendlichung aller Begriffe „gegenüberstanden“ (S. 583). Er nennt Mystiker „fromme, geistreiche Männer“, die „echtes Philosophieren betrieben haben”.
Dieser „göttliche Funke“ führt, so Hegel in seinem Vortrag im Jahr 1830, nicht nur in eine höhere Erkenntnis, sondern vor allem in die Liebe zu Gott.
Die mystische Erfahrung bleibt für Hegel immer bedenkenswert.

11.

Eine Zusammenfassung: Hegel hat also zu Pfingsten einen vernünftigen Vorschlag zu unterbreiten: „Pfingsten ist das Fest der Anwesenheit des Göttlichen, des Ewigen, modern formuliert: der tragenden Sinnerfahrung, in jedem Menschen“. Pfingsten ist das Fest des Ewigen, anwesend in einem jeden. Das Ewige als das Göttliche überdauert das Endliche, auch der Geist des endlichen Menschen hat dadurch „ewige Dauer“.
Aber diese geisterfüllte Lebensform muss der Mensch sich „erarbeiten“: „Ich soll mich dem gemäß machen, dass der Geist in mir wohne, das ich geistig sei. Die ist meine, die menschliche Arbeit. Dieselbe ist Gottes von seiner Seite. Er bewegt sich zu dem Menschen und ist in ihm durch Aufhebung des Menschen. Was als mein Tun erscheint, ist alsdann Gottes Tun. Und ebenso auch umgekehrt“ (Vorlesungen über die Philosophie der Religion, I, Suhrkamp Verlag, S. 219).

12.

Nebenbei: Es ist bemerkenswert, dass Voltaire, wahrlich alles andere als ein Verteidiger der alten kirchlichen Dogmatik, in seinem Buch „Philosophisches Wörterbuch“ (1764) schreibt: „Möglicherweise gibt es in uns etwas UNZERSTÖRBARES, das empfindet und denkt, ohne dass wir die geringste Vorstellung davon haben, wie dieses Etwas beschaffen ist“ (Reclam, Leipzig, 1967, S. 82).
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ein „Legionär Christi“ wird Kardinal.

Der Orden der Skandale, der Orden mit einem „zutiefst unmoralischen“ Ordensgründer, wird offiziell rehabilitiert und von Papst Franziskus belohnt.

Ein Hinweis von Christian Modehn.    Es gibt in diesen Kriegszeiten gewiss sehr viel dringendere Themen als schon wieder dieses leidige Thema “Legionäre Christi”.  Aber Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist als Religionskritik auch verpflichtet, problematische Entwicklungen in den Kirchen wahrzunehmen und darzustellen. Dazu gehören auch Entwicklungen, die sich hinter einer üblichen Kardinalsernennung verbergen. In der Form von Kardinalserennungen zeigt der Papst, zeigen die Päpste, immer ihre Allmacht: Sie können in absoluter Eigenmächtigkeit Kleriker zu Kardinälen ernennen, die später einmal den Pontifex MAXIMUS wählen, also den allerhöchsten und unfehlbaren Pontifex, den ersten aller Bischöfe.

1.
Der katholische Orden „Legionäre Christi“ und die von ihm geleitete Bewegung von Laien „Regnum Christi“ wurde begründet und Jahrzehnte lang geleitet von einem Priester, der in der kritischen Presse als „Verbrecher“ bezeichnet wird. Sein Name ist Marcial Maciel (1920-2008). Seine Untaten sind kaum aufzuzählen: Er war als pädosexueller Verbrecher zugleich auch ein Erbschleicher bei seinen sehr wohlhabenden Freundinnen. Der Ordengründer Maciel hat, so sagt der Orden jetzt selbst, mindestens 60 Kinder und Jugendliche mißbraucht, sogar seinen eigenen Sohn. Er hat aus seinem Orden ein mächtiges Finanzimperium gemacht, in dem er als „Generaldirektor“ (so der offizielle Titel in diesem Orden) schaltete und waltete wie ein Diktator. Er war nachgewiesen ein Freund von Papst Johannes Paul II. Denn er hatte die entscheidende Tugend: Nach außen treu und absolut die dogmatische Welt des Vatikans verteidigen. Diese Tatsachen sind bekannt und sie wurden, seit 2009 vom Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin, dokumentiert und kommentiert. LINK.

2.
Jetzt ist dieser Orden, der seinen verbrecherischen Gründer namentlich in der Öffentlichkeit nicht mehr nennt, rehabilitiert. Ihm werden jetzt sozusagen höchste Weihen verliehen: Papst Franziskus hat entschieden, den führenden Verwaltungschef des Staates „Vatikan-Stadt“, den 77 jährigen spanischen Legionär Christi, Bischof Fernando Vérgez Alzaga, zum Kardinal zu ernennen. Durch eine solche höchste Erhebung eines Mitglieds der Legionäre Christi wird der Orden selbst öffentlich geehrt, er kann sozusagen als normal, als respektiert gelten: Die Verbrechen des Gründers werden förmlich zugedeckt und ins allgemeine Vergessen geschoben. Vergez Alzaga ist ein der Verwaltung des Staates Vatikan schon seit vielen Jahren (seit 1972) dienender Technokrat und Finanzfachmann. Solche Leute brauchte Papst Franziskus, er hat den Legionär schon im August 2013 (als die Verbrechen des Ordensgründers noch weltweit dokumentiert wurden) zum Generalsekretär des „Governatorats der Vatikanstadt“ ernannt und somit zum stellvertretenden Regierungschef des Vatikanstaates.

3.
Vielleicht wird also in absehbarer Zeit ein Mitglied dieses hoch belasteten Orden sogar Papst? Prinzipell wäre das möglich. Dann würde die ganze Kirche, auch der Vatikan, vielleicht noch reicher und wohlhabender…Die Ernennung eines Legionärs Christi jetzt (Mai 2022) zum Kardinal ist ein weiterer Hinweis auf die theologische Unentschlossenheit und Unausgeglichenheit von Papst Franziskus. Er kann nicht oder er will nicht konsequent einen Kurs der Kirchenreform steuern und dabei etwa auch einen Orden, wie die Legionäre Christi mit ihrem verbrecherischen Gründer Pater Marcial Maciel “rechts liegen und einschlafen lassen”. Eigentlich hätte dieser Orden schon 2005 aufgelöst werden müssen, sagten viele mißbrauchte Ex-Legionäre Christi damals, aber … die Legionäre Christi hatten (und haben) im Vatikan zu viele Freunde. Nebenbei: Nach den Pädophilen-Skandal im Orden der Schulpriester (Piaristen),  wurde diese Gemeinschaft,kurz nach der Gründung,  für einige Zeit aufgelöst. LINK.

4.
Die Ernennung eines Legionärs zum Kardinal ist, milde gesagt, ein heftiger Einschnitt, manche Beobachter nennen diese Ernennung einen Skandal.
Ist erst mal ein Legionär Christi ein Kardinal, dann genießt der Orden wieder eine Reputation. Er ist förmlich “normalisiert”. Dann können die vielen jungen konservativen Legionäre in die Bistümer (warum nicht auch Deutschlands?) strömen und hier ihre konservative Theologie verbreiten, die letztlich darauf hinausläuft: Mehr Mitglieder für den Orden zu finden und neue Geldquellen für den Orden ausfindig zu machen … sagen einige kritische Beobachter.

5.
Und der Papst ignoriert auch zentrale Entwicklungen der politischen Gegenwart: Angesichts des Krieges Putins gegen die Ukraine wäre die Ernennung eines der vielen katholischen Bischöfe der Ukraine zum Kardinal ein Zeichen gewesen, auch gegen den Kriegs-Verbrecher Putin. Aber nein, Papst Franziskus ernennt, prinzipiell sehr originell und sehr löblich, den Apostolischen Vikar (so der bescheidene Titel, er ist kein „Bischof“) ausgerechnet der Mongolei zum Kardinal. In der Mongolei leben ca. 1.300 (eintausenddreihundert) Katholiken. Die Mongolei ist “nur” 5.300 km von der Ukraine entfernt, so können sich die verzweifelten Menschen in der Ukraine ein bißchen mit-freuen … über den Kardinal im mongolischen Ulan Bator.

Weitere Informationen über die Legionäre Christi und ihren kriminellen Ordensgründer und Freund des heiligen Papstes Johannes Paul II, Pater Marcial Maciel: Siehe LINK:

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Vatican news schreibt am 29.Mai 2022:
Fernando Vérgez Alzaga L.C.: Der Legionär Christi wurde am 1. März 1945 in Salamanca (Spanien) geboren. Er war bereits seit 1972 in verschiedenen Funktionen an der Kurie tätig, darunter Büroleiter an der vatikanischen Güterverwaltung und Telekommunikations-Chef des Vatikans. Seit 2013 war er zunächst Sekretär des vatikanischen Governatorates, also der Behörde, die für die Verwaltung des Vatikanstaats verantwortlich ist. Im Oktober 2021 wurde er dann Nachfolger von Kardinal Giuseppe Bertello an der Spitze des Governatorates.

Buddhismus und Christentum: Was beide Religionen miteinander verbindet. Ein neues Buch von Perry Schmidt-Leukel.

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Bestimmte populäre Klischeevorstellungen (auch „Generalisierungen“ genannt) über das angebliche „Wesen“ „der“ Religionen haben sich leider durchgesetzt: Zum Beispiel: „Der“ Buddhismus sei eigentliche eine atheistische Weltanschauung, die „Erlösung des Menschen“ werde für Buddhisten in einem „Nichts“ enden. Hingegen sei das Christentum gebunden an den „personalen“ Gott, der als Heil und Erlösung ein Leben im Himmel verspricht.

2.
Gegen diese Klischee-Vorstellungen hat der Religionswissenschaftler Prof. Perry Schmidt-Leukel (Universität Münster) vielfach schon wichtige Publikationen vorgelegt. Sein neues Buch hat den Titel „Das himmlische Geflecht“, ein vielleicht auch leicht ironisch zu verstehender Titel, der andeuten soll: Wenn man den Blick in die himmlische, göttliche und alles gründende Sphäre lenkt, dann sind die verschiedenen Religionen viel stärker miteinander verbunden, als man populär annimmt. Darum der Untertitel: „Buddhismus und Christentum – ein anderer Vergleich“. In dem Buch geht es um überraschende, durchaus der Sache angemessen anspruchsvolle Überlegungen, die vom Leser hohe Konzentration erfordern.

3.
„Anders“ ist dieser Religionsvergleich, weil er die innere Pluralität der jeweiligen Religionen stark herausstellt. Und dabei entdeckt: Zwischen einzelnen Lehren bestimmter buddhistischer Traditionen und einzelnen Lehren bestimmter christlicher Traditionen besteht (trotz der kulturell und sprachlich bedingten Distanz) doch eine Nähe, eine überraschende Verbundenheit, wenn nicht Gleichheit der Überzeugungen! Dabei ist dem Autor klar: Traditionell bestimmte und begrenzte Interpretationen der jeweiligen Religion können auch zur Einsicht „unversöhnlicher Gegensätze“ führen. Aber Schmidt-Leukel ist es wichtiger, Komplementaritäten in den lehrmäßigen Überzeugungen beider Religionen herauszuarbeiten!

4.
Das neue Buch Schmidt-Leukels ist also ein neuer Vergleich zwischen Christentum und Buddhismus, der sich allerdings auf die objektiv greifbare Ebene der Lehren und Schriften begrenzt. Und da präsentiert der Autor eine große Fülle und Vielfalt. Es geht ihm also nicht um den von konkreten Menschen gelebten Glauben, der sich als je eigener Glaube oft als eine sehr persönliche „Synthese“ von Christentum und Buddhismus versteht. Also etwa: „Ich bin katholisch und gleichzeitig Zen-Buddhist“. Diese religiöse bzw. spirituelle „Doppel-Identität“ (ein „persönliches Oszillieren zwischen den Unterschieden“, S. 355) ist eines der seit langem schon diskutierten Themen Schmidt-Leukels.

5.
Das Buch zeigt also ausführlich: „Es steckt immer irgendein Stück Christentum im Buddhismus und irgendein Stück Buddhismus im Christentum“ (S. 350).

6.
Diese Forschungslinie nennt Schmidt-Leukel mit einem eher ungewöhnlichen, schwierigen, aus der Mathematik stammenden Begriff „fraktal“. Aber die mit diesem schwierigen Begriff gemeinte Sache erschließt sich auch, wenn man sich nicht auf den Begriff fixiert und die einführenden, sehr anspruchsvollen methodischen oder „Meta“-Überlegungen (S. 18-89) den Spezialisten erst mal überlässt.

7.
Es bleibt also interessant, wie diese Linie (siehe Nr. 5) an sechs zentralen Lehren beider Religionen konkretisiert wird, also: „Weltflucht oder Weltzuwendung?“, „Impersonales Absolutem oder personaler Gott?“, „Verblendung oder Sünde?“, „Erwachter Lehrer oder inkarnierter Gottessohn?“, Selbsterlösung oder Fremderlösung?, „Glückseliges Entwerden oder glückselige Gemeinschaft?“.

8.
Nur auf eines dieser Kapitel soll hier etwas ausführlicher hingewiesen werden: Gibt es Gemeinsamkeiten in der buddhistischen Lehre von Buddha als dem erwachten Lehrer und der christlichen Überzeugung von Jesus als dem inkarnierten Gottessohn?
Schmidt-Leukel weiß: Bisher wurde zwischen dieser genannten populären Deutung Buddhas und Jesus Christus „ein Gegensatz“ (S. 225) gesehen. Der manchmal noch gelesene katholische Theologe Romano Guardini habe in seinem Werk „Der Herr“ (veröffentlicht in der Nazi-Zeit 1937) ein gewisses Verständnis für Buddha gehabt, erläutert Schmidt-Leukel. Aber, so Guardini, Buddhas „Wert“ stehe doch hinter Christus zurück. Buddha sei bestenfalls wie Johannes der Täufer als ein Vorläufer Christi zu verstehen (S. 227). Schmidt-Leukel zeigt hingegen, dass Gautama (der Buddha) häufig als Lehrer, großer Lehrer bezeichnet wird und dabei eine „autoritative Verkündigung der Wahrheit“ (S. 237) gelebt hat, wie in einem Akt der Offenbarung“ (ebd.). Jesus wird in den vier Evangelien „41 mal Lehrer genannt wird, kein anderer Titel wird ihm häufiger beigelegt, Jesus ist der Lehrer der Wahrheit (S. 235). Wenn beide, der Buddha und Jesus, also Lehrer sind und als Lehrer verehrt werden, ist Jesus Christus dann noch einmalig, wie Christen oft behaupten? Man muss wohl die sehr deutliche Aussage des großen Zen-Meisters Thich Nat Hanh respektieren: Er sagte: „Natürlich ist Christus einmalig, aber wer ist nicht einmalig? Sokrates, Mohammed, der Buddha, Sie und ich, wir alle sind einmalig“ (S. 245)

9.
Das neue Buch Schmidt-Leukels „Das himmlische Geflecht“ bietet ausführlich neue Erkenntnisse für ein neues Verständnis des Miteinanders von Buddhismus und Christentum. Schmidt-Leukel befreit also von dem Eindruck, beide Religionen würden sich fremd oder gar feindlich oder als Konkurrenten gegenüberstehen.
Beide Religionen stehen einander nahe, sie sind viel ähnlicher als oft angenommen, sie haben eine interne Vielfalt, bei der sich gerade die beiden Religionen gemeinsamen Lehren zeigen. Eine solche Religions-Theologie kann auch politische Wirkungen haben und eher das friedliche Miteinander fördern.

10.
Die Verbundenheit von Lehren bestimmter buddhistischer Traditionen und bestimmter christlicher Traditionen ließe sich auch auf andere Religionen ausweiten, etwa auf den Islam oder bestimmte Formen des Hinduismus. Und wie sieht es im Verhältnis der vielen christlichen Kirchen untereinander aus? Da ist es längst erwiesen, dass ein so genannter Reform-Katholik (des „synodalen Weges“) einem progressiven Lutheraner oder Reformierten näher steht als etwa einem Katholiken des Opus Dei oder der Legionäre Christi. Und ein liberal-theologischer Remonstrant kann einem Humanisten oder einem Unitarier (Anti-Trinitarier) näher stehen als einem „rechtgläubigen“ Calvinisten.
Aber da spielen dann doch normative Kategorien eine Rolle: Bisher ist offensichtlich niemand auf den Gedanken kommen, etwa gemeinsame Glaubensinhalte etwa zwischen den Zeugen Jehovas und den Pfingstgemeinden oder dem Katholizismus herauszuarbeiten? Oder gemeinsame Glaubensinhalte von Mormonen und Anglikanern? Offenbar haben im allgemeinen religionswissenschaftlichen und theologischen Bewusstsein etwa die „Zeugen Jehovas“ oder die „Mormonen“ a priori gar nicht den „Wert“, in einen interreligiösen Vergleich gezogen zu werden. Ist dieses Urteil gerecht, spielen da die Definitionen von „Sekte“ eine Rolle? Aber können nicht auch Teile, oft maßgebliche Teile einer Großkirche eine „Sekte“ sein? Ist etwa das Selbstverständnis des Papstes und des vatikanischen Klerus (auch in der totalen Ablehnung des Priestertums für Frauen) nicht auch Ausdruck einer Sekten-Mentalität? Aber dieses Faktum wird im Interreligiöser Disput nicht benannt. Warum? Weil eben die Institution römische Kirche oder auch orthodoxe Kirche so alt ist und als so „ehrwürdig“ propagiert wird. Da kann nichts von einer Sekte sein…

11.
Noch einmal zu den Unterschieden und den Gemeinsamkeiten im Buddhismus und Christentum. Man müsste philosophisch nach dem einen gemeinsamen Geist der Menschen fragen, der über alle verschiedenen Kulturen und Sprachen hinaus sich im Laufe der Geschichte Ausdruck schafft in verschiedenen Religionen und religiösen Lehren. Wenn das so ist: Dann stehen die sich aufgrund des „letztlich“ einen schöpferischen Geistes sehr nahe, trotz aller sprachlichen Differenzen und zeitlichen „Abstände“.

12.
Die vielen Religionen als Ausdruck des EINEN, allen Menschen gemeinsamen Geistes zu verstehen, war die Leistung Hegels. An ihn wäre in dem Zusammenhang zu erinnern. Und Hegels Thema, dass es einen gedanklichen Fortschritt in der Geschichte der (Lehren der) Religionen gibt, wäre neu zu stellen. Fortschritt war ja für Hegel immer ein Fortschritt im Bewusstsein (!), also im Wissen, der Freiheit. Er meinte, es gebe auch in der Religionsgeschichte (des einen Geistes) einen Fortschritt hinsichtlich des Erkennens und Wissens der göttlichen Wirklichkeit.
Kriterium war für ihn: Stiftet und fördert eine Religion die Freiheit und Würde des religiösen Menschen? Ich halte dieses Kriterium der Unterscheidung in der pluralen religiösen Welt für sehr wichtig. Falls nicht, dann möchte man auf jede Religionskritik verzichten. Das aber wäre eine Form einer post-modernen Religionstheorie, einer Theorie, für die alle Religionen gleich gut, gleich hübsch, gleich human sind. Dass dies faktisch nicht der Fall ist, dürfte klar sein. Wer also faktische Religionen kritisiert, verurteilt sie nicht, will sie nicht bekämpfen. Er will nur für ein differenziertes Denken sorgen. Und hoffentlich für die ständige Reform, „Weiter-Entwiocklung“ dieser Religionen.
Dies sind Fragen, die sich mir nach der Lektüre des sehr empfehlenswerten, höchst anspruchsvollen Buches von Perry Schmidt-Leukel ergeben.

Perry Schmidt-Leukel, „Das himmlische Geflecht. Buddhismus und Christentum – ein anderer Vergleich“. Gütersloher Verlagshaus, 2022, 415 Seiten, viele Literaturangaben auch zu vielen lesenswerten Arbeiten des Autors, ein Personenregister, 26 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Der schwierige Gott der Christen: Drei Personen als dreifaltige Einheit?

Ein Hinweis zur göttlichen Dreifaltigkeit, der Trinität.
Von Christian Modehn.

Vorwort: Warum ist dieses schwierige Thema wichtig?

Es wird den spirituell Interessierten, den spiritituell Fragenden, den Christen usw. gezeigt: Der Begriff eines “trinitarischen Gottes” als Einheit, als “ein dreifaltiger Gott”, hat im Laufe der Kirchengeschichte nie zu einem einheitlichen Verständnis geführt, sondern immer zu einer Pluralität unterschiedlicher Lehren und Entwürfe. Diese Pluralität wurde von herrschenden Groß-Kirchen nie geduldet, sondern oft unterdrückt.

An diese “trinitarische” Pluralität innerhalb des Christentums zu erinnern ist wichtig: Diese objektive Vielfalt widerspricht aller Herrschaftsdogmatik der großen Kirchen. Diese Pluralität der Vorstellungen von dem “einen Gott der Christen” ermuntert, den eigenen spirituellen Weg zu gehen … im Dialog mit anderen, die auch den je – eigenen Glauben suchen.

Und es werden Theologen angesichts der Pluralität ermuntert: Neben das alte trinitarische Glaubensbekenntnis aus dem 4. Jahrhundert, das als solches im unmittelbaren Sprechen und Lesen seit Jahrhunderten unverständlich ist, endlich eine Vielzahl neuer Glaubensbekenntnisse zu setzen. Wie sollte es auch bei dem Thema “Wer ist das Unendliche, das Ewige, das Göttliche” etc. auch anders sein?

Ob diese Pluralität der Vorstellungen von dem einen Gott (als Trinität ?) von den großen Kirchen mit ihrer Herrschaftsdogmatik unterstützt wird, ist allerdings zweifelhaft. Bekanntlich gilt für die katholische Kirche: Alles, was einmal, also auch im 4. Jahrhundert in Nikäa und Konstantinopel als Dogma beschlossen wurde, kann nicht beiseitegelegt und revidiert werden. Es ist dieses sture Sichklammern an Uraltes, diese starre Haften an angeblich Heiligem, angeblich Ewigem, das die katholische Kirche immer mehr in Getto führt.

Zum Text selbst:

1.
Dieser Hinweis zeigt: Welche „Sorgen“ die frühe Kirche (4. Jahrhundert) hatte, als sie sich Jahrzehnte lang in höchsten metaphysischen Spekulationen um den „einen Gott in drei Personen“ stritt und dann hoch spekulative, heute aber nur mit höchster Anstrengung nachvollziehbare Glaubensbekenntnisse als Verpflichtung formulierte.
Dieser Hinweis zeigt aber auch, dass diejenigen, die heute noch im Rahmen einer christlichen Tradition von Gott sprechen wollen, diese Antworten des 4. Jahrhundert beiseite lassen sollten. Das tun viele Menschen sowieso… Sie finden in diesen Hinweisen eine Verstärkung ihrer Distanz.
Hier wird ein nachvollziehbares Verständnis des EINEN Gottes vorschlagen. Sicher gibt es jetzt dringendere Themen. Aber der grundsätzliche Abschied von der alten, esoterisch anmutenden Trinitätslehre könnte auch eine Zeiten-Wende sein, als Wende zu einem einfachen, einem nicht arrogant platonisch-spekulativen Glauben. Diese Reformation des Denkens wird vielen Herren der großen „orthodoxen“ Kirchen nicht gefallen, sie wollen doch gern als Spezialisten für alles religiös und kirchlich Unverständliche und Überholte auftreten.

2.
Nur eine „Kostprobe“ aus der noch Ende des 20. Jahrhunderts katholischerseits vorgestellten Lehre von der Trinität. Als Beispiel wird auf den im allgemeinen ja sehr verdienstvollen und doch modern gesinnten Theologen Karl Rahner SJ hingewiesen. Aber ließ Rahner, der theologische Alleskönner“, ließ es sich nicht nehmen, die uralte Trinitätslehre mit aller großen Mühe, kaum nachvollziehbar, zu verteidigen. So geschehen in dem eigentlich für breite Kreise bestimmten „Herders Theologisches Taschenlexikon“, Band 7, Freiburg 1973, S. 339 bis 352. In dieser quantitativen Breite zeigt sich schon die Mühseligkeit der Erläuterungen…zum Vergleich: Das ungleich aktuellere Thema „Unglaube“ wird nur auf viereinhalb Seiten, ebenfalls von Karl Rahner, „abgehandelt“ (S. 383-387). Ich will den Trext den LeserInnen eher für besondere spekulative Momente reservieren und biete den Text nur in einem kurzen Auszug aus Rahners Text als Fußnote an (1).

3.
Noch immer dreht sich das dogmatisch Entscheidende in den großen Kirchen um die Trinität. Ein einfaches Beispiel: Wer noch mit dem speziellen Kalender der Kirchen vertraut ist, weiß: Nach dem Pfingstfest folgt der Dreifaltigkeitssonntag, auch Trinitatis genannt bzw. der „Erste Sonntag nach Pfingsten“… Danach werden alle Sonntage„nach Trinitatis“ durchnummeriert. So tat es auch Johann Sebastian Bach mit seinen Kantaten. Mit dem ersten Adventssonntag endet diese Definition der „Sonntage nach Trinitatis“, dann beginnt ein neues „Kirchenjahr“.

4.
Aber was kann in einem nachvollziehbaren, vernünftigen Sinn die dogmatische Aussage „Gott ist dreifaltig“ heute überhaupt noch bedeuten? Was ist das für ein Gott, der als der EINE verehrt wird, der aber zugleich in drei Personen existiert … selbst wenn Theologen betonen: Die begrenzte menschliche Person ist nicht mit der göttlichen Person zu vergleichen. Schon vor der Definition des Dogmas der Trinität im 4. Jahrhundert (Konzil von Nikäa 325 und Konzil von Konstantinopel 391) und danach um so mehr gab es Widerspruch. Diese andersdenkenden Theologen wurden ausgegrenzt, verfolgt, hingerichtet. In der Gegenwart melden sich prominente Theologen zu Wort, die ihre Vorbehalte gegen diesen einen Gott in drei Personen (Vater, Sohn und Geist) artikulieren.

5.

Wie ist die frühe Kirche auf diese Idee der Trinität gekommen? Eine Antwort heißt: Die frühe Kirche war auf die zeitlich gedachte Abfolge der biblischen Erzählungen über Gott fixiert. Gott als Vater ist „am Urbeginn“ der Schöpfer der Welt und der Menschen. Jesus ist dann später als der Auferstandene der Gott-Mensch von außergewöhnlichen Qualitäten. Und die Fähigkeit der Menschen, diesen Zusammenhang zu erkennen, ist die Erfahrung des Heiligen Geistes. Damit werden drei verschiedene auch zeitlich denkbare „Präsenzen“ Gottes angesprochen: Warum sollen diese Präsenzen nicht Gestalten Gottes selbst sein, war die Frage, als Drei-Personen-Haushalt sozusagen in der Einheit des einen himmlischen Gottes? Daraus ist dann im 4.Jahrhundert das hoch spekulative Trinitätsdogma entstanden, das in seiner feinen Nuanciertheit mit griechisch-philosophischen Begriffen bestenfalls noch ein Thema für philosophische oder theologische „Oberseminare“ ist.
Dieses Thema ist alles andere als eine akademische Spielerei. Wenn Menschen im 21. Jahrhundert noch den christlichen Glauben als ihre Lebensphilosophie ansehen wollen: Dann doch nur unter der Bedingung: Dass man versteht, was die Glaubensgemeinschaft als Orientierung, Bekenntnis genannt, vorschlägt.

6.
Wir sind bis heute umgeben von Bildern und Ikonen, in denen die göttliche Trinität aufs Anschaulichste propagiert wird. Zahllose Gemälde sind in den Barockkirchen zu „bewundern“: Da wird der Gott-Vater, immer als eine Art Opa vorgestellt mit langem Bart, hoch oben am Hauptaltar als Allherrscher sichtbar. Er hält in seinen väterlichen Armen seinen von ihm ins erlösende Leiden geschickten Sohn. Und dieser Sohn der Trinität, himmlisch auch Logos genannt, hängt dann als Jesus von Nazareth am Kreuz. Dazwischen oder ganz oben im Gemälde wird die dritte „Person“ dargestellt, der Heilige Geist. Und beim Heiligen Geist wurden die Künstler phantasievoll: Sie haben ihn meist als Taube dargestellt. Es gab ja in den biblischen Büchern schon früh Assoziationen, den heiligen Geist Gottes mit der Gestalt einer sanften Taube zu verbinden! Der Geist, so die Botschaft, soll sanft und friedlich sein. Die Taube wurde dann als Symbol des Friedens wiederentdeckt, man denke an die Friedenstaube von Picasso (gemalt 1949). Das tat Picasso als Kommunist in Frankreich! Vielleicht haben deswegen die Kirchen große Scheu, ihre ureigene Taube, den heiligen Geist, als Symbol ihrer eigenen, allzu oft vergessenen Friedenslehre, etwa der Bergpredigt, einzusetzen?.

7.
Welchen Sinn hat also der christliche Monotheismus, der sich in drei Personen darstellt. Der katholische Theologe Edward Schillebeeckx (1914-2009) hat da die Fenster der Freiheit geöffnet: Er war Mitglied im Dominikaner-Orden und lehrte viele Jahre als Professor an der Universität in Nijmegen, Niederlande. Er betont: „Wenn ich sage, dass Gott in drei Personen existiert, fürchte ich eine Art Tritheismus. Also drei Götter, drei Personen, wie eine Art Familie. Ich scheue mich, eine spekulative Theologie über die drei Personen und ihre Beziehungen zueinander zu entwickeln“ („Edward Schillebeeckx im Gespräch“. Hg. von Francesco Strazzari, Luzern 1994, S. 103). Die klassische Trinitätslehre sei zudem nicht hilfreich für eine moderne Lebensgestaltung, betont Schillebeckx. Er ist so mutig einzugestehen: „Ich bin also hinsichtlich der Trinität sehr zurückhaltend, ich bin im Hinblick auf eine Trinität-Theologie fast ein Agnostiker“ (S. 107).

8.
Es würde hier zu weit führen, die lange Geschichte der so genannten Anti – Trinitarier in der Kirchengeschichte darzustellen. Schon Erasmus von Rotterdam hatte da seine Probleme! Der Humanist und Theologe, der Spanier Michael Servet verfasste eine Schrift über „Die Irrtümer der Trinität“, 1553. „Servet will mit seiner Ablehnung der Trinität Muslimen wie Juden ein wichtiges Argument gegen den christlichen Glauben nehmen. Denn aus beiden Religionen sind Polemiken zu hören: Die Christen würden eigentlich an drei Gottheiten glauben, heißt es. Zu Recht, meint Servet. Ein Dialog zwischen den drei verschwisterten Religionen könne nur gelingen, wenn alle an eine – und nicht an mehrere – Gottheiten glauben würden. Im Alter von zwanzig Jahren präsentiert also Michael Servet seine Argumente in Buchform. “De trinitatis erroribus”, lautet der Titel, “der Irrtum der Dreifaltigkeit“. Auf heftiges Betreiben Calvins wurde Servet am 27. Oktober 1553 sehr grausam auf dem Scheiterhaufen geröstet. (Quelle: https://www.evangelisch.de/inhalte/89393/27-10-2013/der-vergessene-reformator-michael-servet)

9.
Wichtig wurde auch der italienische Theologen Fausto Sozzini (1539-1604). Der bekannte Philosophiehistoriker Kurt Flasch hat erneut auf diesen hoch gebildeten Theologen und Reformatoren Sozzini hingewiesen, in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Christentum und Aufklärung“, Frankfurt/M., 2020, bes. : 356 ff.und 411 ff.). Sozzini lehnte das klassische Trinitätsdogma aus guten Gründen ab, wissenschaftlich, historisch begründet. Andere, wie „Lorenzo Valla und Erasmus entdeckten, dass eine Reihe traditioneller Glaubensinhalte im Neuen Testament nicht vorkamen. Dort war weder von Trinität die Rede noch von konsubstantialer Gottesohnschaft Jesu…“ (S. 352 f.) Es bildeten sich kirchliche Gruppen von Gläubigen, die dann Sozzinianer genannt wurden bzw. „Polnische Brüder“: Sozzini konnte sich nach Polen flüchten konnte, das damals tolerant war. Dort errichtete diese christliche Gemeinschaft eine viel beachtete Hochschule in Raków. Bekannt ist der polnische Theologe und Philosoph, der Sozzinianer Andreas Wissowatius (Andrzej Wiszowaty) (1608 in Filipów – 1678 in Amsterdam). Kurze Flasch betont, dass auch Newton ein Sozzinianer war (S. 411), „er war Aufklärer und Christ“. Die niederländischen Remonstranten halten die Erinnerung an Sozzini lebendig, auch sie sind eine humanistische Kirche, ihr Glaubensbekenntnis ist nicht trinitarisch! LINK.

Auch von den unterschiedlichen Unitariern (vor allem in Siebenbürgen und später in den USA) wäre zu sprechen. An der Erfurter Universität gibt es eine spezielle Forschungsgruppe zum Soziniamismus. LINK.

Die Geschichte des Widerstandes gegen diese klassische dogmatische Lehre der Trinität ist lang. Aber die großen Kirchen lassen sich nicht beirren, sie halten an dem Dogma aus dem 4. Jahrhundert fest und sorgen dafür, dass in ihren Gottesdiensten/Messen/ Göttlichen Liturgien mit jedem klassischen Glaubensbekenntnis der eine Gott in drei Personen angesprochen wird. Ob das Bekenntnis jemand versteht, interessiert offenbar nicht.

10.
Hier wird vorgeschlagen: Es geht nur darum zu erkennen: Gott als schöpferische Energie „am Ursprung“ ist nur als Geist denkbar, und doch wohl nicht als materielle Masse! Der Geist wirkt freilich in der Materie, das wissen wir aus der Evolution….Das Göttliche oder Gott wird als Metapher „geistige Energie“ genannt, als der „Schöpfer von Welt und Mensch“. Das heißt: Gott als absoluter Ursprung ist in der Welt als geistige Wirklichkeit lebendig. „Er“ selbst als Geist schöpferisch, kreativ, sich mitteilend, in den so genannten Propheten, vielleicht und manchmal.

11.
Trinität meint nur das eine: Gott ist in dem Symbol Geist denkbar. Gott als Geist: Darum ringen auch die verschiedenen Autoren des Neuen Testamentes. Im Johannes Evangelium wird meines Erachtens Klarheit geschaffen, im 4. Kap., Vers 24 heißt es, dass Jesus lehrte: „Gott ist Geist. Und alle, die Gott anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten“. Hegel folgte dieser Spur und sagte in seiner Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie sehr treffend: „Die christliche Religion ist die Religion des Geistes, nicht in dem trivialen Sinne einer geistigen Religion“ (Theorie Werkausgabe, Suhrkamp, Band 17, s. 305.) Das heißt für Hegel: Gott ist Geist, aber als Geist lebendig, kurz gesagt, ein absoluter Geist, der in den Menschen, in der Welt, anwesend ist. Damit wird die Hegelsche Dialektik des Geistes angesprochen.

12.
Wer sich vom Geist, der sich reflektiert, leiten lässt, wird kritisch und selbstkritisch, er wird vom Geist befreit, wird zur Kritik ermuntert, die genau erkennt, welche Imperative ethisch die vielen Maximen der Menschen bestimmen sollten.
Die Erkenntnis: Gott ist Geist hat also eine politische Dimension: Insofern ist der Sonntag der „Dreifaltigkeit“ als das Fest des lebendigen Geistes ein Plädoyer für das geistvolle und vernünftige Miteinander der Menschen. Die Menschheit hat den einen, den wertvollen göttlichen Geist der Vernunft. Der Mensch ist kraft seiner Vernunft, seines Geistes, also des göttlichen Geistes in ihm, in der Lage, Frieden zu schaffen. Der Mensch muss sich nur in seiner freien Entscheidung für den Frieden, für das Wohl aller Menschen entscheiden. Das Böse, das wir jetzt im totalen Krieg Putins erleben, ist Resultat von freien Entscheidungen, seiner freien Entscheidung. Es gibt kein “Böses”, als eine Art “Materie, das wie eine metaphysische Macht plötzlich sich durchsetzt. Das Böse ist immer freie Tat des Menschen, Resultat seiner Entscheidung. Aber damit ist nicht gesagt, dass die Freiheit des Menschen etwas Böses ist.

Fußnote 1:Die „spekulative Kostprobe“ aus dem genannten Lexikonbeitrag von 1973: Nachdem Rahner die Lehre der Heiligen Schrift zur Dreifaltigkeit kurz dargestellt hat, wendet er sich der kirchenamtlichen, bis heute propagierten Trinitätslehre zu und versucht dann eine systematische Lehre. Dort schreibt er u.a.. „Mit der Dreifaltigkeit der göttlichen Selbstmitteilung ist auch gegeben, dass den zwei immanenten Hervorgängen in Gott zwei Sendungen (in Identität) entsprechen und die in formaler Kausalität – nicht durch Effizienz – durch die Sendungen als Hervorgänge konstituierten Verhältnisse zu geschöpflichen Wirklichkeiten (Hervorgang des Logos: hypostatische Union – Hauchung des Geistes: vergöttlichende Heiligung des Menschen) keine Appropriationen sind, sondern Eigentümlichkeiten dieser Personen“ (Zitat Karl Rahner , S. 344). Das dürfte erst mal reichen, und man darf sich nebenbei fragen, wie etwa Missionare in Japan oder am Amazonas diese Lehre ihren Leuten beibringen. Wir trösten uns mit einem anderen Zitat (S. 350): „Der eine Gott subsistiert in drei distinkten Subsistenzweisen. Der Vater, der Sohn, der Geist sind distinkt als gegenläufige Relationen und darum sind diese drei selbst nicht derselbe, wohl aber dasselbe….“ Feine Nuancen also…Zur Rahner sah selbst die äußerste Mühe seiner Erklärung, die rein sprachlich für viele ins Alberne abrutschen kann. Er sprach dann selbst von der Last, wie er, so wörtlich, „mit dem genannten Problem FERTIG werden könne“. (S. 350). Sprachlich gesehen gilt: Man will nur mit großen, manchmal sinnlos erscheinenden Lasten „fertig werden“…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Warum noch Mitglied der römisch-katholischen Kirche in Deutschland bleiben?

Hinweis auf eine „ewige“ Diskussion.
Von Christian Modehn.

1.
Über diese Frage wird auch außerhalb der Kirche heftig diskutiert: Warum noch als Katholik(in) in Deutschland Mitglied der römisch-katholischen Kirche bleiben? Und diese Frage ist hoch aktuell: Es geht darum zu erkennen, was eine sich fest strukturiert gebende globale Welt – Instuitution, die Römisch-katholische Kirche, noch im 21. Jahrhundert sein kann. Denn in vielerlei Hinsicht wird jetzt deutlich, dass kulturelle, also auch religiöse Gemeinschaften,  lebendig bleiben, wenn sie regional auf ihre eigene Art leben. Aber doch mit vielen anderen, ebenfalls regional je verschieden agierenden Organsiationen, Kirche etc., verbunden sind.

2.
Die Antworten, zumal der Hierarchen, der Bischöfe und Erzbischöfe, bedienen sich immer derselben Sprüche: Man sollte Mitglied der römischen Kirche bleiben, weil diese doch so beeindruckend universal sei mit ihren 1,2 Milliarden Mitgliedern. Vor allem wird der Begriff Einheit beschworen: Diese 1,2 Milliarden Katholiken seien unter dem Papst „EINS“. Was für eine gewagte Behauptung! Wer hat überprüft, ob der katholische Bewohner amazonischer Wälder in identischer Weise wie der katholische Börsenspekulant in New York oder der Schwule in Frankfurt an den Gott der Trinität glaubt oder an Jesu „Erlösung für uns durch seinen Kreuzestod“?
Die Erkenntnis also lautet: Diese These von der Einheit der römischen Kirche ist eine Ideologie, die den theologischen Status Quo Alas Herrschaft des Klerus stützen soll.

3.
Seit dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils (das war 1965, also vor 57 Jahren) werden von „Reformkatholiken“ immer in allen denkbaren Variationen dieselben Argumente vorgebracht: Gegen den Zölibat, für mehr Toleranz und Pluralität, für mehr Gleichberechtigung von Frauen und Schwulen, mehr ökumenische Zusammenarbeit und so weiter und so weiter. Alle diese Forderungen blieben bislang erfolglos. Aber das macht den „Reformkatholiken“ nichts aus, sie haben ewige Ausdauer und pflegen ihre ekklesiale Leidensbereitschaft, populär Masochismus genannt.
Das beste und in gewisser Weise (karrieremäßig, finanziell etc.) erfolgreichste Beispiel ist Hans Küng, der als von Rom diskreditierter katholischer Theologie-Professor nach dem „Rauswurf“ (1979) aus der katholisch-theologischen Fakultät der Uni Tübingen mit Trotz stets fürs Verbleiben in der römischen Kirche plädiert hat. Und stets (illusorische) Hoffnung auf Reformen an der katholischen Basis weckte. Und dabei wurde Küng sehr bekannt …

4.
Pater Klaus Mertes SJ wird anläßlich des Stuttgarter Katholikentages in einem längeren Interview mit der TAZ vom 25./26.Mai 2022 S. 4 f. gefragt, ob die katholische Kirche (in Deutschland, aber auch weltweit) vor einer neuen Reformation stehe. Mertes antwortet: „Wir befinden uns in der Tat in einer Zeit, die mit der Reformation vergleichbar ist. Wenn Rom sich in all diesen Sachen (gemeint sind also die Reformvorschläge des „Synodalen Weges“ etc. CM) nicht bewegt, dann wird es explodieren“.

5.
Ein erstaunliches Wort: „Dann wird es explodieren“. Wer oder was explodiert denn, es wird leider voin den Journalisten der TAZ nicht nachgefragt! Offenbar ist die katholische Kirche als Institution gemeint, vor allem der Vatikan, den Mertes vorher „hermetische Loyalitätskartelle“ nennt (S. 5). Er meint also die Allmacht des Klerus. Und dann wird „es“ „explodieren“. Was meint das Wort explodieren? Offenbar eine Reformation, die den Namen verdient, keine Reförmchen, sondern eine Reformation, die bekanntlich als Reformationsbewegung seit dem 13. Jahrhundert (Petrus Waldes, Hus, Luther, Calvin, Arminius etc.) immer eine Abspaltung von der römisch-katholischen Institution war. Nur Franz von Assisi hat sich dem Papst gebeugt! Also, dies sagt der Jesuitenpater Mertes, eine Explosion könne bevorstehen.

6.
Aber dann folgt nach dieser objektiv treffenden und richtigen Analyse: Die angstvolle Einschränkung und die Zurücknahme der „Explosion/Reformation“ durch Mertes. Er sagt: „Die Einheit der Kirche auch in ihrer institutionellen Form ist ein hohes Gut, weil die katholische Kirche nur so eine globale wirkende Institution ist, die wie kaum eine andere wirklich fähig ist, globale Themen zu setzen“ (S.5).
Kurzum: Man sollte, bitte schön, Katholik in Deutschland bleiben und bitte weiterhin leiden an der Kirche, aus dem einen Grund: Damit die universale Organisation römische Kirche weiterhin wirksam bleiben könne.

7.
In dieser Aussage ist einiges problematisch: Warum sollen Katholiken in Deutschland, wenn sie seit Jahrzehnten zutiefst unzufrieden sind mit der Kirche, nicht von ihrem Recht auf Glaubens- und Bekenntnisfreiheit Gebrauch machen? Also auch von ihrer demokratischen Freiheit, aus dieser Kirche auszutreten und möglicherweise einer anderen, etwa einer protestantischen Kirche beizutreten? Und eine „Freie katholische Kirche in Deutschland“ (FKD) aufbauen?

8.
Es wirkt schon sehr ideologisch gefärbt, zu empfehlen: Unzufriedene Katholiken sollten in dieser Kirche ausharren, bloß damit die global wirkende Institution als solche im Glanz der 1,2 Milliarden Mitglieder erhalten bleibt, natürlich auch mit dem stets reich fließenden Geld aus Deutschland.

9.
Die entscheidende Frage lautet: Wo hat denn der Vatikan globale Themen gesetzt, wie Pater Mertes behauptet? Waren die Reden der Päpste bei der UNO oder die Rede von Papst Benedikt XVI. vor dem Deutschen Bundestag so fantastisch, so politisch wirksam? Doch wohl nicht. Ist die aktuelle Russland Politik von Papst Franziskus etwa ein Glanzstück, der sich viele Wochen lang als Putin – Versteher zeigte, offenbar um so die katholische Kirche in Russland zu schützen. Genannt wird von Pater Mertes die Enzyklika „Laudatio si“ von Papst Franziskus SJ, mit der sich, so Mertes, angeblich 1,2 Milliarden Katholiken auseinandersetzen. Woher weiß das der Pater? Wie viele Kirchengemeinden haben denn, bitte nachweislich, im Sinne des Papstes Ökologie oder Friedenserziehung zum Schwerpunkt gemacht … anstelle den Römsichen Katechismus zu studieren (wie etwa die neokatechumenal geprägte Gemeinde St. Matthias in Berlin-Schöneberg)?

Mir ist bekannt, dass diese Enzyklika “Laudato si” von vielen Kennern heftig kritisiert wurde. Wo sind denn diese Ideen dieser Enzyklika von katholischen Politikern etwa in Lateinamerika real „umgesetzt“ worden, etwa von Bolsonaro oder katholischen Gewaltherrschern in Afrika oder auf den Philippinen? Ich habe den Eindruck, man erzählt ideologisch Gemachtes, um die Katholiken „bei der Stange zu halten“. Denn auch das ist Tatsache: „Global agieren“ können immer katholische Hilfswerke oder katholische Ordensgemeinschaften (etwa der wichtige „Jesuiten Flüchtlingsdienst“). Diese katholischen NGOs werden vielleicht sogar finanzielle (und personelle) Unterstützung von EX-Katholiken erhalten, weil deren humane Arbeit als wertvoll und hilfreich erlebt wird.

10.
Was wäre also so furchtbar, wenn sich wirklich eine Reformation (eine EXPLOSION, wie Mertes sgat) ereignete? Wenn sich also eine „Freie katholische Kirche in Deutschland“ (FKD) bilden würde, bestimmt von den bekannten und tausendmal besprochenen Impulsen der katholischen Reformation? Wie viele römisch-katholische Bischöfe würden auf ihre bisherigen Privilegien verzichten und sich der FKD anschließen?

Die Mitglieder hätten jedenfalls alle Freiheit, ihren Glauben auf ihre Weise nun endlich einmal frei und demokratisch zu leben. Sie hätten mehr Zeit für reife menschliche Gemeinschaft, für Spiritualität, sie könnten sich von dem ewigen katholischen Dauerthema: „Das masochistische Leiden der Katholiken wegen der Hierarchen“ befreien.
„Katholisch sein“ wäre dann etwas anderes als das ewige römisch-katholische „Sich ärgern und zornig werden über die Zustände dieser klerikalen Kirche“. Das könnte römische Katholiken weltweit inspirieren als Vorbild!

11.
Wie viele KatholikInnen in Deutschland denn tatsächlich dieser reformierten, der Freien  katholischen Kirche in Deutschland beitreten würden, ist natürlich unklar. Ich vermute, es würden nicht gerade viele Millionen sein! Denn die Angst vor einem Bruch mit der lange internalisierten „Mutter Kirche“ ist zu groß. Manche sagen doich immer noch allen Ernstes: Ich liebe diese Kirche! Man soll Gott und den Nächsten lieben, nicht aber eine weltliche Institution, eine Kirche. Solange die römisch – katholische Kirche sich immer noch als Gründung des lieben Gottes versteht, ist “nichts Vernünfrtiges zu machen”, um es mal populär auszudrücken.

Und die Festangestellten bleiben sowieso lieber an den immer noch voll gefüllten „Fleischtöpfen Ägyptens“ hängen (wegen der Kirchensteuer) als sich auf Neues einzulassen. Weil man Katholischsein mit Jammern identifiziert hat, fühlt man sich halt beim Jammern ad aeternum recht wohl. Eine Jammer-Gemeinschaft also wird wohl fortbestehen….
Noch einmal: Die Idee der behaupteten dogmatischen Einheit der Kirche unter der Herrschaft des Klerus und des Papstes ist durch diese Jahrhunderte alte Indoktrination ein so absolut hohes Gut, dass nur wenige Katholiken diese Einheitsideologie überwinden können. Pluralität wird immer als Zerstrittenheit, nicht als Chance gesehen. Man spricht in Rom und anderswo von Protestantisierung … als Schimpfwort….

12.
Dieser Beitrag ist bewusst etwas zugespitzt. Er hat nicht zum Thema gemacht, dass der Hauptgrund für die ständig zunehmende Distanz so vieler tausend gebildeter Katholiken von der römischen Kirche in Westeuropa einen theologischen Grund hat: Es ist die, pauschal gesagt, völlig veraltete fixierte Dogmatik (aus dem 4. Jahrhundert, Schwerpunkt Trinität, Erbsünde, Hierarchie) und die Fixierung auf neo-platonische – bzw. kleinbürgerliche Moral. Auch die antiquierte Sprache der ewig in gleicher Form zelebrierten Messfeier ist – schon aus sprachlichen Gründen – ein Skandal. Die Messfeier gilt für die Hierarchen nur deswegen als der „absolute“ Höhepunkt des Glaubens, weil eben nur die zölibatären Priester diese Messe feiern dürfen! Man ahnt, wie aus Theologie eine Ideologie des Machterhalts der Hierarchie wurde. Aber wird dieses Thema besprochen von den Theologen an den theologischen Fakultäten? Nein, davor hat man Angst! Denn letztlich sind katholische Theologen ,selbst an staatlichen theologischen Fakultäten, noch immer von den Herren Bischöfen (und via Nuntius auch von Rom) abhängig! Wer nicht spurt, bekommt Probleme, wird entlassen…

13.

Das Thema dieses Hinweises ist hoch aktuell: Es geht darum zu erkennen, was eine sich fest-strukturiert gebende globale Welt-Instuitution, die Römisch-katholische Kirche, noch im 21. Jahrhundert sein kann. Denn in vielerlei Hinsicht wird jetzt deutlich, dass kulturelle, also auch religiöse Gemeinschaften, nur dann lebendig und kreativ bleiben, wenn sie regional auf ihre eigene Art leben können. Aber doch mit vielen anderen, ebenfalls regional je verschieden agierenden Organsiationen, Kirchen etc., verbunden sind.

Eine Glaubensgemeinschaft, die universal für alle Menschen dieses Globus den einen und selben dogmatischen Glauben und die dogmatische Ethik, sprachlich fixiert, in Begriffen des 4. Jahrhunderts oder des Mittelalters vorschreibt, kann faktisch keine Zukunft haben.

Ein solches Weltkonstrukt mit einem jetzt 86 Jahre alten Chef (Papst genannt) für 1,2 Milliarden Katholiken, kann nicht mehr gut leben. Und es hat wohl nie konstruktiv – hilfreich funktioniert. Die Inquisition ist nur eines von vielen Beispielen für das frühe Scheitern dieses Herrschaftssystems. Eine Kirche mit einer Regierung, ausschließlich von (alten) Männern, und dann noch absolut zentriert in einer europäischen Stadt (Rom), hat keine Zukunft. Zumal es sich um eine Autokratie oder “Monarchie” (Papst als Staatschef) handelt,  die die nicht die geringsten Spuren von Demokratie aufweist.

Diese Kirche fordert von allen anderen Organisationen den Respekt der Menschenrechte, also der Werte der Demokratie, aber sie selbst als Kirche lebt diese Menschenrechte NICHT in ihrem eigenen “Innenbereich”. Das versteht kein vernünftiger Mensch mehr, zumal keine Frau. Nur wenn man als Papst sagt, das eigene kirchliche Verhalten und die kirchliche Gesetzgebung sei von Gott höchstpersönlich so gewollt, hat diese Kirche in gewissen Kreisen vielleicht noch Rückhalt. Aber je gebildeter die Menschen (auch die Katholiken) werden, um so mehr wird die Bindung an diese Kirche nachlassen. Und die Sturheit der Hierarchen fördert diesen Prozess!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Pfingsten, Christi Himmelfahrt, Ostern: Ein “Ereignis”. Und ein Fest!

Ein Hinweis von Christian Modehn.
 2017 zum ersten Mal veröffentlicht, am 22.5.2022 erneut überarbeitet.

Diese Worte verlieren für viele an Sinn und Bedeutung: Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten.
Es ist aber möglich, diese drei Begriffe, die sich auf die Bibel, vor allem das Neue Testament beziehen, vernünftig zu verstehen, Das heißt, es darf nicht, wie oft in kirchlichen Kreisen selbstverständlich, üblich werden, allein die Erzählungen der vier Evangelien oder der “Apostelgeschichte”  in ähnlichen Worten zu wiederholen. Verstehen ist mehr als das predigtmäßige Nacherzählen und das immer dann übliche Staunen über “die Wunder”…

1.

Die hier vorgestellte Erkenntnis ist: Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten sind ein Ereignis, ein “Fest”, das in der genannten Abfolge der Berichte des Neuen Testaments in eine zeitlich gedehnte chronologische Struktur gesetzt wurde. Tatsächlich ist die Erkenntnsi des göttlichen Geistes in allen Menschen, Pfingsten, die Basis auch für das Verstehen von Ostern und Christi Himmelfahrt.
1.
Was bedeuten die alten, überlieferten christlichen Glaubensbilder und Erzählungen, die unter den immer noch üblichen Namen der Feiertage „Pfingsten“, „Himmelfahrt Jesu Christi“ und „Auferstehung Jesu von Nazareth“ (Ostern) in der Alltagssprache und im alltäglichen Leben („Feiertage sind nicht mehr als freie Tage“ ?) eine Rolle spielen. Zum nachvollziehbaren Verständnis dürfen nicht alte Formeln wiederholt werden.

2.

Entscheidend ist: Man sollte mit einer Besinnung auf Pfingsten beginnen. Der theologische und religionsphilosophische Inhalt des Pfingstfestes ist also die Basis, um auch die Bedeutung von „Christi Himmelfahrt“ und „Ostern“ zu erkennen. Pfingsten ist zwar chronologisch, also in der Abfolge des so genannten „Kirchen- Jahres“ betrachtet, das letzte dieser drei Feste. Aber Pfingsten als Ereignis des „neuen, geweiteten kritischen Geistes“ steht sozusagen sachlich der Anfang. Das Pfingst – Fest hat diese Erzählung: Die Gemeinschaft der Jesus-Jünger war nach Jesu Tod überzeugt: Wir haben „plötzlich“, wie in einem Ereignis, als Überraschung, als Geschenk, ein neues, ein tiefes Verständnis gewonnen über Jesus von Nazareth. Im Blick auf diese Person gab es also eine Art neuen Ansatz des Verstehens. Die Gemeinschaft erkannte – nach langem Zweifeln und ihrer Verzweiflung über Jesus Tod – plötzlich eine neue bleibende geistige Lebendigkeit dieses Jesus.
Ihr Geist war also kritisch geworden: Kritisch im Sinne von Unterscheidenkönnen, kritisch im Sinne von Abstand nehmen von üblichen bisherigen Selbstverständlichkeiten, Ängsten und Begrenzungen. Und genau mit diesem neuen, geweiteten Geist konnten sie die Erfahrung in Worte fassen: Jesus von Nazareth ist auf geistige Art weiter zugegen, er ist präsent, hat Teil an der Ewigkeit des Ewigen, Gottes. Die Freunde Jesu konnten also von Jesus als dem Präsenten, dem Ewigen, sprechen. Diesen ihren Geist erlebten sie als Geschenk, sie sprachen vom Heiligen Geist, als einer bislang kaum bemerkten besonderen Qualität des menschlichen Geistes: Er wird sich seiner selbst als Gabe des Ewigen bewusst, er ist kritisch gegenüber einer Verschließung im Endlichen. Und aufgrund dieser Erfahrung verstärkte sich ihr Zusammenhalt als Gemeinschaft. Die katholische Kirche sieht in diesem Pfingstereignis förmlich die Gründung von „Kirche“ überhaupt.

3.

Was aber ist am wichtigsten im Erleben des neuen, des kritischen und geweiteten Geistes zu Pfingsten? Der göttliche, der heilige Geist, lebt in den Menschen, in allen Menschen. Alle sind mit dem göttlichen Geist, „begabt“. Und gefeiert wird der zumindest damals gelungene Versuch, die unterschiedlichen Menschen zu einer pluralen Gemeinschaft, einer Gemeinde der gleichberechtigt Verschiedenen, Vielfältigen, zu versammeln. Diese Erzählung ist von bleibender Aktualität: Kirche kann nur Gemeinschaft der Verschiedenen sein, und alle Verschiedenen haben die gleichen Rechte und die gleiche Würde.

4.

Und warum dann noch ein eigenes Fest Christi Himmelfahrt? Dieses seltsame Wort „Himmelfahrt“ ist eine Metapher für den Mythos, also die Erzählung: Dieser Jesus von Nazareth ist nicht im Nichts verschwunden. Jesu Leichnam liegt zwar – wie der Leichnam jedes Menschen – in einem Grab! Aber Jesu Geist als ewiger Geist ist „woanders“, er ist – bildlich gesprochen – an dem Ort, den man üblicherweise den „Ort“ des Ewigen, des Göttlichen nennt, den „Himmel“.
Die Gemeinde will mit dem Fest Christi Himmelfahrt“ also noch einmal explizit feiern, dass dieser geliebte Mensch und Prophet Jesus von Nazareth nicht mehr zur Erde, nicht mehr nur zur Welt der Menschen, gehört. Er ist leiblich entschwunden, aber nicht geistig verschwunden. Jesus ist in den Bereich des Ewigen eingetreten, den man „Himmel“ nennen kann oder „Sein beim Ewigen“.
In gewisser Weise benennt also der unbeholfene Begriff Himmelfahrt Jesu das Fest der öffentlichen und feierlichen Bestattung Jesu, verstanden als Abschied von dieser Welt und als Übergang in den Bereich des Bleibenden, Ewigen

5.

Zur vernünftigen Interpretation der Auferstehung Jesu von Nazareth, also zu Ostern, habe ich schon einige Hinweise veröffentlicht. Zentral ist der Gedanke: Wenn die Welt und die Menschen als Evolution, als sich entwickelnde Schöpfung Gottes zu verstehen sind, dann ist in der Welt und in den Menschen göttlicher, schöpferischer Geist lebendig anwesend. Dieses Göttliche in jedem Menschen kann, als Göttliches, Ewiges, nicht untergehen im Tod. Der Tod kann also auch Jesu Geist nicht vernichten und auch nicht den Geist, die Seele, der Menschen. Sie können aus der Präsenz des Ewigen sozusagen nicht herausfallen. In der Erkenntnis, dass Jesus von Nazareth, zwar im Grab als Leichnam liegend, auferstanden ist und lebt- im geistigen Sinne – ist also eine Wirkung des Geistes, des heiligen, zu sehen. Also ist schon zu Ostern “Pfingsten” geschehen.

6.

Warum werden in den christlichen Kirchen drei Gedenktage und drei Feste (Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten) in so kurzer Zeit hintereinander gefeiert? Diese drei christlichen Feste haben ja, wie gezeigt, alle einen grundlegend gleichen Inhalt: Sie feiern den Übergang Jesu (und damit aller Menschen) vom Tod in den Bereich des Ewigen.
Dass die Kirchen dreimal eigentlich das Gleiche, in kurzem zeitlichen Abstand feiern, also Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten, hängt einzig mit der sehr menschlichen Begeisterung zusammen, möglichst viele Feste gleichen Inhalts– mit unterschiedlichen Akzenten – zu feiern.

7.

Noch einmal zurück zu Pfingsten – um daran zu erinnern, dass das Gedenken an diese Feste und das Feiern dieser Feste nichts esoterisch- Merkwürdiges und Spinöses ist: Pfingsten betrifft förmlich das Selbstverständnis der Menschen. Als Fest des Geistes als des heiligen, kritischen Geistes ist Pfingsten das Fest der Dimension, die den Menschen, alle Menschen, auszeichnet. Im Geist als der Vernunft erschließt sich die Menschenwürde, erschließen sich die Menschenrechte. Pfingsten ist das Fest der Menschenwürde, der Menschenrechte, der wesentlichen Gleichheit aller Menschen, der universalen Gerechtigkeit also.

8.

Was hat das alles mit unserer Gegenwart 2021, was hat das mit der Corona-Pandemie zu tun?
Pfingsten bedeutet, wie gesagt: Alle Menschen haben die gleiche Würde. Dies ist eine evidente Einsicht, die gerade im Zusammenhang der medizinischen Versorgung der Corona-Patienten zentral ist! Nationalistischer Ehrgeiz hat jetzt keinen Platz.
Wer ist in Deutschland/Europa praktisch-solidarisch mit den vielen Tausend Corona Patienten in den armen Ländern, in Lateinamerika, Asien oder Afrika? Können wir hier stolz auf unsere „Erfolge“ sein, wenn in diesen Ländern die Kranken ohne medizinische Hilfe förmlich krepieren? Nach langen Debatten scheint jetzt etwas Bewegung in die Köpfe der Besitzenden (der Impfstoff Besitzenden) Europäer und Amerikaner zu kommen. Die permanente Kritik der Aktivisten in dieser Hinsicht war also nicht nur geistvoll, sondern sogar einmal wirksam, hoffentlich, falls nicht noch irgendein neoliberaler Politiker dazwischen geht!

9.

Die politischen Perspektiven „Pfingsten als Fest der Menschenrechte“ sprengt die enge kirchliche Welt und deren Fixiertheit auf Dogmen. Entscheidend ist im Pfingstfest die geistvolle, demokratische, menschenwürdige, gerechte Neu-und Um-Gestaltung unserer Welt. Und die Rettung der Welt – angesichts der ökologischen Katastrophen. „Eine andere, eine bessere, gerechtere Welt ist möglich“: Das ist – eigentlich – die Botschaft der uralten, aber modernen Pfingsterzählung.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Über die Verbindung der Philosophie Hegels mit Pfingsten: LINK

Putin – der Faschist. Und die neue Form eines totalen Krieges.

Der Diktator und seine Ideologie.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 22.5.2022.

1.
Eine allgemeine philosophische Erinnerung: Jegliches politisches Tun, also auch jede Untat, also ein Krieg, hat den Ursprung in einer geistigen Haltung, in einer Option bzw. Präferenz für bestimmte Werte und Unwerte. Diese „fügen“ Politiker in reflektierter und freier Entscheidung in die Wirklichkeit „ein“, wie Hegel sagte. Diese Werte bzw. Unwerte werden also politisch bzw. auch kriegerisch verwirklicht.
Diese Einstellungen und Überzeugungen kann man Ideologien nennen. Dabei ist in der demokratischen Welt der Begriff „Ideologie“ eher negativ geprägt, von einer „demokratischen Ideologie“ würde kein Demokrat sprechen, hingegen von einer kommunistischen oder einer faschistischen Ideologie. Kommunisten oder Faschisten würden ihre eigene inhaltliche Überzeugung nicht Ideologie nennen, sondern „Wissenschaft“ bzw. „Weltanschauung“; die Nazis wehrten sich etwa gegen den Einbeziehung ihrer eigenen Ideologie in den allgemeinen Ideologiebegriff. Sie haben deswegen „ideologisch“ durch „theoretisch“ zu neutralisieren versucht.

Hier soll der Begriff Ideologie erneut darauf aufmerksam machen, dass alles Handeln der Politiker und Kriegsherren, von geistigen Konzepten bestimmt ist. Also auch der Krieg Putins gegen die Ukraine oder eben auch die westliche Demokratie und universal geltenden Menschenrechte.

2.
Putin ist von einer Ideologie bzw. von einem Gemisch verschiedener ideologischer Elemente beherrscht. Selbst wenn es in seinem Russland noch eingeschränkt Wahlen gab und bis vor kurzem eine gewisse scheinbare und begrenzte Pressefreiheit, war sein Regime nie eine Demokratie im emphatischen Sinne. Putins alles bestimmende Werte-Ordnung (bzw. Unwerte-Ordnung) als Ideologie formuliert, heißt Faschismus. Ich habe früher schon von Putins Nihilismus gesprochen, LINK, aber Nihilismus ist wohl eher ein zentraler Teilaspekt der umfassenden faschistischen Haltung und Praxis Putins.

3.
Putin – der Faschist: Diesem Urteil stimmen längst viele Politologen und Russland-Kenner (wie etwa der deutsche Politiker und Russland-Kenner Werner Schulz, Bündnis 90/Die Grünen, siehe „Phoenix“ am 20.5. 2022 um 18.00 bis 18.30) zu. Der us-amerikanische Historiker Prof. Timothy Snyder spricht in der ZEIT (vom 19. Mai 2022, Seite 10) eine deutliche Sprache: Auf die Frage, inwiefern und seit wann das russische Regime faschistisch sei, antwortet Snyder: „Seit Februar dieses Jahres 2022 führt Russland einen Zerstörungskrieg mit dem Ziel der Vernichtung eines anderen Volkes. Zudem gibt es immer stärkere Unterdrückung im Innern und einen Kult des Anführers, des Sieges, des Todes…. Putin sprach seit 2010 von kulturellem Raum, Russland müsse andere Räume absorbieren.“ Damit werden wichtige Elemente faschistischen Denkens und Handelns genannt.
Putin ist für Snyder aber mehr als ein „einfacher Faschist“. Vielmehr: Putin denkt und handelt in einer extremeren Form, als „Schizofaschist“. Das heißt: Er handelt selbst nach den Maximen des Faschismus, nennt aber seine nicht-faschistischen Feinde Faschisten, um von seinem eigenen Faschismus abzulenken. Um die Kriegsbegeisterung der Russen gegen die Ukraine zu entfachen und zu stärken, war es für ihn naheliegend, den Feind Ukraine (und sogar den jüdischen Präsidenten der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj), faschistisch zu nennen. Eine solche Zuweisung beeindruckt immer in Russland: „Antifaschist“ zu sein, war im Sowjetkommunismus (auch in der DDR) die höchste Tugend.

“Der Spiegel” berichtet  am 22.5.2022, dass zahlreiche Neo-Nazis für Russland und für Putin in der russischen Armee gegen die Ukraine kämpfen. LINK.

In seinem Buch “Über Tyrannen” (C.H.Beck Verlag München, 8. Auflage 2022) betont Timothy Snijder, wie Putin 2015 dem verängstigten Frankreich ein “Cyberkalifat” vorgaugelte, “damit die Franzosen den Terror noch mehr fürchteten, als sie es ohnehin berteits taten. Ziel war es vermutlich, dem rechten (rechtsextremen !, CM) Front National Wähler in die Arme zu treiben, einer Partei, die von Russland finanziell unterstützt wird” (S. 107). Putin hat also als Faschist das ideolohgisch naheliegende Ziel,”ein demokratisches System zu destabilisieren und der extremen Rechten (also seinen Freunden, CM) Rückenwind zu verschaffen” (S. 108).

4.
Weitere Kennzeichnen des Faschismus: Sie nennt der vielfach ausgezeichnete britische Journalist Paul Mason in seinem Buch „Faschismus. Und wie man ihn stoppt“ (Suhrkamp, Berlin, 2022) etwa S. 322 ff. „Da die Entmenschlichung den Kern seiner Ideologie darstellt, beginnt der Faschismus im Verlauf seiner Radikalisierung und Mobilisierung für den Krieg, über einen Genozid nachzudenken…“ (S. 324). Das trifft auf Putin zu…Wer als Faschist denkt und handelt, betont Mason, hat vor allem „Angst vor der Freiheit, die durch eine Ahnung von Freiheit geweckt wird“.Das heißt: Auch der Faschist spürt ansatzweise, was Freiheit (demokratische Freiheit etwa) für ihn bedeuten könnte: Aber davor hat er Angst und schließt sich in einem repressiven und totalitären System ein. Hinweise, die an Putins Angst erinnern vor der demokratischen Freiheit, wie sie die Ukraine und die westliche Welt lebt. Diese demokratischen Werte sollen niemals Russland bestimmen! Das steht für Putin fest, dafür kämpft er. Paul Mason schließt sich der Definition des Faschismus des Historikers Robert Paxton an: „Man muss nicht zusammenfassen, was der Faschismus ist, sondern was er tut“ (S. 326).
Putin als Faschist – diese Erkenntnis wird, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen, auch von der Internetzeitung „Infosperber“ aus der Schweiz unterstützt. LINK

Dort wird Jason Stanley zitiert, Professor für Philosophie an der Yale-Universität, USA. Auch er „bezeichnet Putin als faschistischen Autokraten und anerkannten Anführer der weltweiten extremen Rechten“.
Weitere Beispiele: Der „russische Ökonom Wladislaw Inosemzew, Gründer und Direktor des Zentrums für postindustrielle Studien in Moskau, sagt in der NZZ: Putin ist «ein lupenreiner Faschist». LINK

Wikipedia berichtet: Im Frühjahr 2022 erklärte Inosemzew, Putin erfülle „mustergültig den Katalog dessen, was Faschismus ausmacht“ und nannte in diesem Zusammenhang vier Säulen: „Militarisierung als Kernstück der Ideologie; eine fortschreitende Etatisieren der russischen Wirtschaft im Sinne einer durch Bürokraten beherrschten Wirtschaft; eine Umstrukturierung der Verwaltung hin zu einem absoluten hierarchischen Durchgriff von Macht und Gewalt sowieSymbolik und Propaganda“.
Und weiter: Der Historiker Zee Sternhell hat mehrere Studien zum Faschismus veröffentlicht. In der Zeitschrift „Philosophie Magazine“ (Paris) sagte Sternhell schon im Mai 2014: „Der Faschismus will die Welt verändern, (d.h. die Demokratie abschaffen, CM), eine moralische Revolution bewerkstelligen, eine Nation errichten mit Hilfe der Mythen, dabei aber will der Faschismus die ökonomischen Strukturen intakt lassen. Es geht nicht mehr darum, die Bourgeoisie niederzuschlagen, sondern sie in den Dienst der Nation zu stellen“ (S. 44). Sternhell fährt fort: „Die faschistische Ideologie lebt bis heute weiter. Es gibt keinen Grund zu denken, der Faschismus sei mit den Trümmern in Berlin 1945 begraben worden“ (S. 45).

5.
Für den Faschismus (bzw. der Schizo-Faschismus) Putins ist auch auch eine religiöse Überzeugung und eine philosophische Ideologie wichtig: Die Bindung an die zwanghafte Vorstellung, dass allein Russland noch die Welt retten könne angesichts der angeblich moralisch verkommenen westlichen demokratischen Gesellschaften. Diese Überzeugung bindet Putin auch an die Russisch-Orthodoxe Kirche und ihren gleiches denkenden Patriarchen Kyrill I. von Moskau. „Eine der Haupt­quellen Putins sind auch faschistische Denker der russischen Gegenrevolution, insbesondere die Schriften des Philosophen Iwan Iljin. Er war ein adliger russischer Emigrant, der in den Zwanziger- und Dreissiger­jahren in Berlin und danach bis zu seinem Tod 1954 in der Schweiz lebte. Er war ein glühender Verehrer von Mussolini und Hitler und pflegte auch in der Schweiz Verbindungen zu prominenten Nazis.»
„In wichtigen, programmatischen Reden hat sich Putin immer wieder auf Iljin berufen“ (Infosperber).
Iljin (1883-1954) ist sozusagen der beliebte und viel zitierte „Hausphilosoph“ Putins, Iljin hat von Russlands Unschuld geträumt, das von westlichen Herrschern missbraucht wird, er fantasierte, dass Russland ohne die Erbsünde belastet ist usw. Er kann das Trauma Putins überwinden helfen, das er mit dem Zusammenbruch des Sowjetreiches – in Dresden – erlebte. Siehe dazu den instruktiven Beitrag von Norbert Matern: LINK
Timothy Sneijder sagt in der „Zeit“ vom 19.5.2022: „Putins Lieblingsautor Iwan Iljin beschreibt eine verworrene und zerbrochene Welt, die Russland mit Gewalt heilen müsse, und zwar mithilfe eines starken Führers, der die Demokratie zum reinen Ritual macht. Das Projekt heißt: Die Welt ist nicht sie selbst, solange sie nicht russische Werte lebt.“
Das ist interessant und wird viel zu wenig beobachtet: Etliche Bücher von Iljin sind in der Edition „Hagia Sophia“ in Wachtendonk erschienen, ein Verlag, der sich auf der Linie der christlichen Orthodoxie befinden will: Gregor Fernbach Verlag Hagia Sophia in 47669 Wachtendonk, dort erscheinen auch Titel unter der bekannten Putinschen Ideologie „Eurasia“. Das Buch von Georg Redete aus dem Verlag Hagia Sophia wird auch in dem rechtsextremen Antaios Verlag vertrieben. Der Leiter des Verlages „Hagia Sophia“ ,Gregor Fernbach, war ein Referent einer Tagung über Russland, organisiert von der neurechten Zeitschrift „Eigentümlich frei“ am 15. Nov. 2014 in Zinnowitz/Ostsee.

6.
Warum ist es wichtig, Putin als einen Faschisten eigener Prägung zu wissen? Dadurch werden Illusionen endgültig zerstört, die lange Jahre das Denken westlicher Politiker und Bürger bestimmten: Putin sei nur eine Art Nachfolger Jelzins und damit befasst aus dem großen russischen „Reich“ ein demokratisches System zu schaffen. Anders lassen sich auch die in heutiger Sicht total naiven Beifallsstürme im Deutschen Bundestag nach der auf Deutsch gesprochenen, sich demokratisch gebenden Rede Putins nicht bewerten (am 25.9.2001). Später haben westliche Politiker eine Art Putin – Blindheit praktiziert – allein weil sie sich ökonomische Vorteile von guten Beziehungen zu dem „guten Putin“ erhofften. Jetzt sollte Klarheit herrschen: Putin ist ein Faschist, sein Regime ist faschistisch. Entsprechend deutlich und heftig muss er bekämpft werden auch als Kriegstreiber gegen die Ukraine. Die Frage ist also: Wie können demokratische Staaten eine faschistischen Diktator besiegen, der über all die Jahre Krieg in Tschechenien, Georgien, Syrien, Krim, Donbas) führte? Wie kann ein die Ukraine und die ganze westliche Welt bedrohender „infamer“ (sagt Bundeskanzler Olaf Scholz) Diktator besiegt werden? Putin muss immer als KGB Mann verstanden werden, zu den obersten indoktrinierten Untugenden des KGB und seiner Nachfolge-Organisation gehört die Lüge.

7.
Die demokratische Welt erkennt: Dieser Krieg Putins gegen die Ukraine ist nicht regional begrenzt! Dieser Krieg Putins ist ein totaler Krieg, der die ganze Welt durcheinander wirbelt, ökonomisch, ruinös für die Volkswirtschaften mit immer höheren Ausgaben für Waffen, mögliches Ansteigen eines Rechtsradikalismus, Sehnsucht nach dem starken Führer allerorten. Die Hungersnöte in Afrika wegen fehlender Weizenlieferungen werden hoffentlich auch diese bislang sich neutral gegen Putin verhaltenden Staaten zu Putin-Kritikern werden lassen! Sicher aber ist: Putin will in seinem eigenen Krieg, der nur als auf neue Weise totaler Krieg genannt werden kann, Hunger-Flüchtlinge aus Afrika in die westlichen Länder treiben. Auf diese Weise, durch Hungersnöte, von Putin inszeniert, sollen die westlichen Gesellschaften, selbst in finanzieller Bedrängnis wegen der enormen Rüstungsausgaben und der Inflationen, verunsichert werden, d.h. Putin will den Rechtspopulismus und den Rechtsextremismus und den Faschismus in Europa fördern. Und Demokratie auf diese Weise zerstören. In den USA sind faschistische Tendenzen schon jetzt mächtig, bekanntlich auch in Frankreich, Italien, Spanien, Schweden, Österreich, Brasilien … und Deutschland usw…

8.
Für die eher explizit philosophischen Debatten ist wichtig: Paul Mason nennt in seinem genannten Buch „Faschismus. Und wie man ihn stoppt“ als einen philosophischen „Ursprung“ des Faschismus auch die Haltung des „Irrationalismus“ (S. 170 f.) und er denkt dabei vor allem auch an den Philosophen Friedrich Nietzsche. „Nietzsches Werk stellt das umfassendste Bekenntnis zum Irrationalismus dar, das je verfasst wurde“ (S. 173). Irrationalismus bedeutet bei Nietzsches: Es gibt keine allgemeine, universale und kategorisch geltende Wahrheit, es gibt keinen Fortschritt, keinen Sinn in der Geschichte, keine Begründung für die Gleichberechtigung der Frauen, keine Begründung für einen Widerstand gegen den Kolonialismus. „Nietzsche gelangt wieder und wieder zu dem Ergebnis: Die Gewalt der Elite ist gerechtfertigt“ (ebd.) Aber Mason betont: „Wir können Nietzsche – und anderen Philosophen wie Spengler oder Bergson – nicht die Schuld am Faschismus geben… Aber diese philosophische Bewegung des Irrationalismus gab der reaktionären Politik einen modischen, rebellischen Anstrich“. (183).
Diese Interpretation Paul Masons, Nietzsche könne als ein Wegbereiter des Faschismus verstanden werden, wird übrigens von Philosophen unterstützt, etwa von Prof. Vittorio Hösle (Indiana, USA). In seinem Buch „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“ (C.H. Beck Verlag München, 2013) ist ein Kapitel Nietzsche gewidmet mit dem Titel „Die Revolte gegen die universalistische Moral: Friedrich Nietzsche“ (S. 185-207). Hösle schreibt: „Warum Nietzsche ein langes Kapitel widmen? Weil dieser Mensch wirklich Dynamit war. Kein anderer Denker hat so viel zerstört wie dieser philosophische Terrorist“ (S. 186). „Ein Widerwillen gegen Demokratie und soziales Denken ist eine der wenigen Konstanten Nietzsches“ (S. 189). „Es liegt nahe, den Nationalsozialismus als Versuch des Heroismus im Bösen zu deuten, von dem Nietzsche auch inhaltlich einige Ideen vorwegnimmt“ (S. 199).

9.
Anstelle eine vorläufigen Schlusswortes: Was können wir gegen den Faschismus (Putins) tun? „Es braucht eine wehrhafte Demokratie mit Gesetzen, die es erlauben, faschistischen Bestrebungen Grenzen zu setzen. Außerdem brauchen wir eine neue Version der Volksfront – ein Bündnis zwischen der Mitte und der Linken ist Erfolg versprechender, als wenn diese einzeln kämpfen. Und es braucht ein antifaschistisches Ethos aller Kräfte. Das ist eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft. Den Linken, die Olaf Scholz und Emmanuel Macron als ihre größten Feinde sehen, will ich sagen: Wacht auf! Der Feind steht schon vor der Tür. Der Feind sind die Leute, die unsere Demokratie zerstören wollen“. Das sagt der Faschismus-Forscher Paul Mason in einem Interview mit der TAZ vom 21.5.2022.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Russisch-Orthodoxe Kirche und ihr Patriarch Kirill I. von Moskau. Ein Gastbeitrag.

Ein Gastbeitrag von Edgar Dusdal, verfasst Ende April 2022.

Edgar Dusdal ist Pfarrer der Evangelischen Gemeinde in Berlin-Karlshorst. Dort befindet sich auch das „Deutsch-Russische Museum“. Seit Beginn des Krieges Russlands bzw. Putins gegen die Ukraine heißt das Haus „Museum Berlin-Karlshorst“. Am Museum wurde mit Kriegsbeginn die Ukrainische Flagge gehisst.

„Russland, Ukraine, Belarus, das ist die Heilige Rus!“ So betont es seit Jahren immer wieder das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, der Patriarch Kyrill I. Sogar auf Rockkonzerten tritt er, für uns ungewöhnlich, mit dieser Botschaft auf und wird dafür von seinen Zuhörern gefeiert.
Die russisch-orthodoxe Kirche meint ihre historische Rolle wieder wahrnehmen zu müssen, die sie vor der Oktoberrevolution 1917 innehatte. Aus ihr leitet sie den Anspruch ab, das heilige Russland vor den Versuchungen des Antichristen zu bewahren und die Einheit von Orthodoxie, Autokratie und Volkstümlichkeit zu garantieren – eine Formel, die unter Zar Nikolaus I. erstmals artikuliert wurde und seit Mitte des 19. Jahrhunderts die drei Säulen bezeichnet, auf denen das russische Imperium ruhe: ein starker Staat, eine starke kirchliche Stütze desselben und die Gemeinschaft des gläubigen Volkes.

Die liberale Kirchenhistorikerin Jelena Beljakowa formuliert es für die Entwicklung Ruslands seit dem Ende der Sowjetunion so: „Es hieß immer, Russland brauche eine nationale Idee, die alle eint. Nun ist sie gefunden. Es ist die Orthodoxie. Die Macht nutzt die Kirche als ideologische Basis: Die Idee des Isolationismus, des russischen Sonderweges, der Gegenüberstellung zu Europa. Die Kirche in Person von Patriarch Kirill vertritt diese Ideen aktiv.“

In einer Rede vor der Staatsduma Anfang 2015 sprach Kirill von einer „großen politisch-religiösen Synthese“, die es zu verwirklichen gelte. Den westlichen Gesellschaften stellte er das Ideal einer „Solidargesellschaft“ gegenüber. In diesem Rahmen rief er die politischen Parteien auf, ihren Wettbewerb einzustellen. Kirche und Politik hätten mit einer Stimme zu sprechen. Mit Putin hat Kyrill diese einheitliche Stimme gefunden.
Die westliche Zivilisation sieht Kyrill an sich selbst zugrunde gehen. Dem Kult um eine Freiheit, die alles verspricht, aber nichts hält, stattdessen in ihrem Namen durch Gay Pride-Paraden, eine vorgegaukelte Emanzipation der Frau und die Auflösung der Familie bereit ist, alle moralischen Werte zu zerstören, steht positiv die russisch-orthodoxe Kirche gegenüber. Dazu führte Kyrill aus:
„Den Tendenzen zu Chaos und Konflikt setzten wir eine große religiös-politische Synthese entgegen, ein soziales Ideal. In dieser Synthese arbeiten die verschiedenen ethnokulturellen, sozialen, beruflichen, religiösen Altersgruppen um des Allgemeinwohls willen zusammen. Auch das Volk und die Macht arbeiten zusammen, statt Konflikte auszutragen. Die Ethnien und die Religionen und selbst die politischen Parteien verzichten auf Konflikte. Ich bezeuge und danke Gott, dass die heutige Zusammensetzung der Staatsduma praktisch das verkörpert, wovon ich jetzt gesprochen habe.“
Dass Putin zuvor verhinderte, dass oppositionelle Parteien überhaupt zur Wahl antreten konnten, wird durch Kyrill mit diesen Worten noch einmal religiös legitimiert.

Und so wie Kyrill die Politik Putins religiös beglaubigt, räumt Putin im Gegenzug der Kirche eine wichtige Rolle in der Gesellschaft ein. In einer Rede zur Lage der Nation betont er:
„Die moralischen Grundlagen des orthodoxen Glaubens haben unseren nationalen Charakter und die Mentalität der Völker Russlands in vieler Hinsicht geprägt, haben die besten schöpferischen Eigenschaften unseres Volkes geweckt und Russland geholfen, einen würdigen Platz in der europäischen und in der Weltzivilisation einzunehmen. Für die russische Staatlichkeit, für unser Nationalbewusstsein, ist die Orthodoxie eine geistige Stütze geworden.“ Und weiter: „Wir müssen jene Institute, die für traditionelle Werte stehen und historisch bewiesen haben, dass sie in der Lage sind, sie von Generation zu Generation weiterzugeben, mit allen Mitteln unterstützen.“

Auf dem Allrussischen Weltkongress 2016 in Moskau  betonte Kyrill I. dazu noch: „Die traditionellen Werte des heiligen Russland haben Vorrang vor dem Konzept allgemeingültiger Menschenrechte. Russland befindet sich im Kriegszustand mit dem Westen.“ Seinen Bischöfen gegenüber äußerte Kyrill: „Gegen das russische Volk werde ein gut geplanter, unblutiger Krieg geführt, der seine Vernichtung zum Ziel hat. Im Westen ist eine gewaltige Industrie der moralischen Verkommenheit am Werke. Die russische Orthodoxie ist die einzige Kraft, die dem etwas entgegensetzen kann.“
Putin begrüßt das gedeihliche Wirken der Kirche. Wenn er in Kirchen Kerzen anzündet, für die im Donbass für Neurussland gefallenen Soldaten, dann ermutigt er auch die Freiwilligen, die dort auf russischer Seite kämpfen. Es gibt sogar einen Zusammenschluss von Kämpfern, die sich als „Armee der russischen Orthodoxie“ bezeichnen und meinen, in einem heiligen Krieg zu stehen.

Die Allianz zwischen Kirche und Staat hat also, wie wir gerade sehen, auch außenpolitische Konsequenzen. Denn die russische Führung zieht die Religion heran, um damit Russlands Anspruch auf die orthodoxen Nachbarländer Weißrussland und die Ukraine zu erheben. Besonders auf Kiew, wo einst die heilige Rus, das mittelalterliche russische Reich gegründet wurde. Präsident Putin begründet auch den Anspruch auf die im Frühjahr 2014 annektierte Halbinsel Krim unter anderem mit der Orthodoxie. In seiner Rede zur Lage der Nation Ende 2014 sagte er:
„Auf der Krim befindet sich der geistige Quell der russischen Nation und des zentralisierten Russischen Staates aus den unterschiedlichen Stämmen der slawischen Welt. Denn auf der Krim nahm Fürst Wladimir das Christentum an und taufte dann die ganze Rus. Für Russland hat die Krim eine sakrale Bedeutung. So wie der Tempelberg in Jerusalem für Muslime und Juden. Und ebenso werden wir uns dazu verhalten. Heute und für immer.“
Allerdings, und das muss man wissen, handelt es sich bei der Taufe von Fürst Wladimir I., durch die er 988 auf der Krim den byzantinischen Glauben annahm, eher um eine Legende. Wahrscheinlicher ist es, dass er im Dnepr getauft wurde und im Anschluss an seine eigene Taufe seine Untertanen prügeln ließ, damit auch sie die Taufe annahmen. Es ist erst Katharina die Große, die die Krim 1783 für Russland eroberte.
Bei Kyrill I. liest sich das so: „Die heilige Taufe am Dnepr hat ein großes christliches Volk geboren, das Volk zu dem wir gehören, die heilige Rus, das ist die Kiewer Rus.“
Der ursprüngliche Name des Fürsten Wladimir lautet übrigens Valdamarr Sveinaldsson, handelt es sich bei ihm doch um einen schwedischer Wikinger, oder Waräger, wie sie in Kiew genannt wurden. Denn bei der Kiewer Rus handelt es sich um eine Gründung der Waräger, Kriegshändlern aus Schweden, die in die weitverzweigten Flussnetze Russlands eindrangen und ein riesiges Tribut-Imperium errichteten.
Diese Leute aus dem Land jenseits des Meeres wurden die Rus genannt. Das Wort wurde (wahrscheinlich) von „Ruotsi“ – die Ruderer – abgeleitet. Doch von dieser sogenannten „normannistischen These” möchte Putin nichts wissen. Er renationalisiert diese verrufene Gründungsgeschichte der Kiewer Rus. Deshalb legt er besonders großen Wert auf das Bekenntnis zur Orthodoxie. Denn in ihr findet er die entscheidende Klammer für seine These von der historischen Einheit von Russland, der Ukraine und Belarus, die auch Kyrill I. zu behaupten nicht müde wird.
Der Historiker Leonid Reschetnikow, immerhin Direktor des russischen Instituts für strategische Forschung, äußert sich in einem Film über die Bedeutung der Krim für Russland wie folgt:
„Hier begann die historische Mission des russischen Volkes, das Licht Christi, unser Verständnis vom Leben um unsere orthodoxe Zivilisation der ganzen Welt zu bringen. In dieser Kapelle wurde Fürst Wladimir getauft.  Wir haben diese Quelle lange vergessen und müssen sie säubern, sonst begreifen wir die Mission Christi nicht, mit der er das russische Volk betraut hat, und die durch die Wiedervereinigung mit der Krim  unter Präsident Wladimir erfüllt wurde. Putin ist nicht nur ein geopolitisches Ereignis, es ist ein göttliches Ereignis, ein Neubeginn der göttlichen Mission, die das russische Volk seit 1000 Jahren erfüllt.“
Dass sich Putin ähnlich geschichtstheologisch äußert, konnten wir bereits oben lesen. Es sind diese Elemente, die die Eroberung der Krim legitimieren, ja zu der es sogar einen göttlichen Auftrag gibt: Es ist eine göttliche Mission, mit der Russland betraut ist, denn wie Putin bemerkte, hat die Krim für Russland eine sakrale Bedeutung. Und um die Qualität dieser Bedeutung zu charakterisieren, zieht Putin den Vergleich mit dem Tempelberg und dessen Bedeutung für Juden und Moslems heran.
Und es wirkt wie eine Steilvorlage, dass der Direktor des russischen Instituts für strategische Forschung durch die Namensgleichheit den ersten Wladimir als Begründer der orthodoxen Mission bezeichnet und den zweiten Wladimir (Putin) zum Erneuerer dieser göttlichen Mission stilisieren kann.
Doch nicht die Krim, sondern Kiew ist die Wiege der russisch-orthodoxen Kirche. Dort befindet sich das Patriarchat, Kiew wird zum neuen Jerusalem. Als das ostslawische Reich, die Kiewer Rus, durch die Mongolen zerstört wird, ist das der Anfang für den Aufstieg der Moskowiter, die bald auch das Patriarchat 1589 übernehmen. Russland, Weißrussland und die Ukraine gehen seit der Zerstörung der Kiewer Rus unterschiedliche Wege, die nachzuzeichnen hier nicht der Ort ist.
Der Mönch Filofei formuliert den neuen religiösen Anspruch Russlands und Moskaus 1520 mit folgender Theorie: „Der Zar ist auf der ganzen Erde der einzige Herrscher über die Christen, der Lenker der heiligen göttlichen Throne, der heiligen Kirche, die statt in Rom und Konstantinopel in der gesegneten Stadt Moskau ist. Sie allein leuchtet auf der ganzen Welt heller als die Sonne. Denn wisse: Alle christlichen Reiche sind vergangen gemäß den prophetischen Büchern. Zwei Rome sind gefallen, aber das dritte steht. Und ein viertes wird es niemals geben.“ Moskau ist also das Dritte Rom. Zentrum des wahren Christentums und Erbe und Verfechter des Glaubens in der Welt. Bis 1917 spielte diese Idee eine große Rolle für das Sendungsbewusstsein der Orthodoxie, wie für das Zarentum. Im 19. Jahrhundert verband sich die Rom-Idee mit dem Panslawismus, der Befreiung aller slawischen Völker vom osmanischen Joch durch Russland. Selbst der Sowjetkommunismus kann noch als säkulare Form dieses Sendungsbewusstseins angesehen werden. Der russische Imperialismus speiste sich also schon immer auch aus den Quellen der Orthodoxie. An diese Traditionen knüpfen sowohl Putin als auch Kyrill I. an.
Einen Tag vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine, also am Mittwoch den 23.Februar, fand in Russland der „Tag des Verteidigers des Vaterlandes“ statt. Patriarch Kyrill I. gratulierte Putin aus diesem Anlass: Versehen mit der Anrede „Exzellenz, lieber Wladimir Wladimirowitsch“ schreibt der Patriarch: „Heute ehren wir die Leistung derer, die einen verantwortungsvollen Militärdienst leisten, über die Grenzen ihres Heimatlandes wachen und sich um die Stärkung seiner Verteidigungsfähigkeit und nationalen Sicherheit kümmern.“ Eigenschaften wie Tapferkeit, Mut und Entschlossenheit, „glühende Liebe zum Vaterland und Bereitschaft zur Selbstaufopferung“ hätten jahrhundertelang das russische Volk ausgezeichnet, „das durch den Schmelztiegel vieler Prüfungen“ gegangen sei.
Die russisch-orthodoxe Kirche habe immer versucht, einen bedeutenden Beitrag zur patriotischen Erziehung der Landsleute zu leisten, betonte der Patriarch und hebt hervor: „Die Kirche sieht im Militärdienst eine aktive Manifestation der Nächstenliebe,… ein Beispiel für die Treue zu den hohen moralischen Idealen der Wahrheit und Güte.“
Kyrill I. bekundete zwar   seinen „tiefen Schmerz“ über den Krieg, doch äußerte er kein Wort dazu, dass Putin einen ungerechten Angriffskrieg führt. Statt dessen gehören für ihn die ukrainischen Soldaten zu den „Kräften des Bösen“.
So bleiben weiterhin seine Worte bestehen, in denen er die Wahl Putins zum Präsidenten als „Wunder Gottes“ bezeichnete und dessen „Aufmerksamkeit für das spirituelle Leben der Menschen, für Ihr Verhältnis zwischen Politik und Moral“ würdigte. Dass Putin ein auf Geschichtsverfälschungen und Lügen aufgebautes Politikverständnis praktiziert, werden wir von Kyrill wohl kaum erfahren.
Stattdessen betonte er, sich an Putin wendend:
„Sie haben für sich den Weg des spirituellen und moralischen Dienstes gewählt und Sie gehen ihn mit Würde, Weisheit und einem tiefen Verständnis der Verantwortung für das Schicksal unseres Volkes, für das Schicksal Russlands.“ Putin, so Kyrill, sei von Gott gesandt und habe „die schiefe Kurve der russischen Geschichte begradigt“.
In der Christ-Erlöser Kirche nannte Kyrill den Krieg, der Sprachregelung Putins folgend, nicht Krieg, sondern einen Kampf, allerdings einen „Kampf, der keine physische, sondern eine metaphysische Bedeutung hat“. Das heißt, das was wir vor unseren Augen physisch sehen, ist nicht die eigentliche Realität. Diese liegt hinter den Kampfhandlungen verborgen und zeigt sich nur den Wissenden. Und denen offenbart sich, dass hier das Volk Christi gegen die Anhänger des Antichristen kämpft. Damit wird für Kyrill der Krieg zu einem heiligen Krieg, in dem die höchsten Werte der Orthodoxie auf dem Spiel stehen.
Wissen sollte man noch, dass nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Kirche, nach dem Soziologen Detlef Pollack „zum Hoffnungsträger einer gedemütigten Nation“ wurde. „Demnach stieg die Zahl derer, die sich mit der Orthodoxie identifizieren, von 1990 bis 2020 von einem Drittel auf mehr als zwei Drittel der Bevölkerung, die Zahl der Gläubigen wuchs von 44 auf 78 Prozent. Die orthodoxe Kirche sei zur Trägerin nationaler Identität geworden. „Seit Jahrzehnten meint eine Mehrheit, um ein wahrer Russe zu sein, müsse man orthodox sein“.
Zu Putins und Kyrills Weltbild gehört es, dass Russland das angegriffene Opfer westlicher Mächte sei. „Kultureller Pluralismus, Homosexualität und Meinungsvielfalt gefährden in diesem Weltbild die Identität der russischen Kultur“, unterstreicht Pollack. „Russland muss sich schützen und für seine bedrohte Identität eintreten.“

Für Putin und Kyrill sei Russland eine unbesiegbare Nation, deren einstige Bedeutung seit dem Ende der Sowjetunion aber bedroht sei. „Aus dem Gefühl der Bedrohung entsteht ein Bedürfnis nach kultureller Selbstbehauptung, eine hochgefährliche Mischung von Demütigungsgefühlen und Überlegenheitsansprüchen.“ „Anstatt die Wirtschaftsleistung zu stärken, verfolgt die Regierung das Projekt einer Stärkung des Nationalbewusstseins, das die eigene Kultur überhöht und für alle Probleme im Land den Westen verantwortlich macht.“
Doch das heilige Russland, und darin stimmen Putin und Kyrill überein, dürfe durch andere Kulturen nicht beschmutzt werden.

Es wäre allerdings eine zu einseitige Darstellung, wenn man es bei diesem Befund beließe. Zumindest unter den russisch-orthodoxen Gemeinden in Deutschland gibt es viele, die sich vom Kurs ihrer Heimatkirche distanzieren, ukrainischen Flüchtlingen in Deutschland helfen, auch wenn sie das nicht groß öffentlich machen, Geld sammeln, Unterkünfte bereitstellen und bei ihrer Integration hier behilflich sind. Dazu zählen auch russisch-orthodoxe Gemeinden in Berlin.

Copyright: Edgar Dusdal, Berlin-Karlshorst.

Grau ist das Leben – Wem nützt die „Grauzonenkunde“ von Sloterdijk?

Das neue Buch von Peter Sloterdijk.

Ein Hinweis von Christian Modehn.
1.
Wer einige Bücher von Peter Sloterdijk gelesen hat, kann kaum der Versuchung widerstehen, sich vom sprachlichen Erfinder – Ehrgeiz des Denkers anstecken zu lassen. Also, in seinem Sinne formuliert, ins découvrierend Scriptorische abzugleiten, ohne dabei einem enthusiasmierenden Gestus zu verfallen. Dies gilt um so mehr angesichts des Titels des neuen Sloterdijk-Opus „Wer noch kein Grau gedacht hat…“ mit dem Untertitel „Eine Farbenlehre“. Also ein „Lehrbuch“?
Soweit ich sehe, steht das neue Buch Sloterdijks in keiner expliziten Relation zu der für einen Grau – Denker eigentlich leitenden Erkenntnis, sie stammt von Goethe: »Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum“ (Mephisto). Wer diese Maxime beherzigt, wird eher Gärtner als Philosoph.
Und auch dies noch vorweg und eher nebenbei: Auch vom Niedergang der Partei „Die Grauen“ ist keine Rede. Und auch von den berühmten „grauen Zellen“, nicht nur als der notwendigen Lektürebedingung, ist, soweit ich sehe, nicht die Rede.
2.
Um die Struktur des Inhalts „magno animo“ und mit „thymós“ (ein Lieblingswort Sloterdijks) zusammenzufassen: Es geht um eine bemühte Art, die Farbe grau bzw. das Changierende der Grau-Töne mit feuilletonistisch-philosophierender Passion auszuleuchten, wenn nicht gar „schmackhaft“ zu machen in der Lebenswelt. Die Farbe grau wird von Sloterdijk als treffender Ausdruck (westlicher, demokratischer, kapitalistischer, neoliberaler ??) heutiger Mentalitäten verstanden. Also grau wird als Metapher, Stimmung, Herrschaft der Bürokratie, als graue Religion usw.  beschieben. Dabei sind die fünf Hauptkapitel zu einer speziellen Dimension des Grauen keineswegs streng strukturierte, lehrbuchmäßige „Abhandlungen”. Hinzu kommen noch vier, vom Thema her noch weiter gehende knappe Abschweifungen, von Sloterdijk vornehm „Digressionen“ genannt. Sloterdijk will sich also, um noch einmal eine erfinderische Sprachkraft zu wiederholen, als „Griso-loge“ bzw. als „Avocat oder Defenseur de la Grisaille“ etablieren. Ich lasse, wie bei Sloterdijk meist üblich, diese meine Begriffe unübersetzt stehen und sage in seinem Sinne: „Tant pis“ für die Ungebildeten bzw., wie er selbst diese Menschen nennt, „die einfacheren Gemüter“ (S. 275). Arroganz gilt halt in gewissen Kreisen als Tugend…
3.
Die fünf Hauptkapitel sind Essays: Oft wirken die immer auf grau bezogenen Argumente im Texte konstruiert und gewollt, so wenn – als Petitesse erwähnt – in den Hinweisen zu den „grauen Eminenzen“ der berühmte französische Kapuzinerpater Joseph (unter König Ludwig XIII.) von Sloterdijk in einen „braungrauen Kapuziner-Habit“ (S. 69, auch s. 72) gesteckt wird. Dabei war und ist die „Kutte“ der Kapuziners eindeutig nur braun, aber in den Zusammenhang passt es Sloterdijk besser eine leichte Farbverschiebung in den argumentativen Duktus des nun einmal allüberall dominant Grauen. Wikipedia – auch als Quelle Sloterdijks (?) – spricht zwar auch vom grau-braunen Habit des Kapuziners Joseph, aber das ist eindeutig eine falsche Information! Soweit diese Petitesse.
Auch für die Ethik bringt Sloterdijk selbstverständlich grau zur Geltung: „Es ist die Nuance von Grau-in-Grau, die immerzu und in allem entscheidet, woran wir uns zu halten haben“ (S. 286). Das klingt wie eine Art grauer kategorischer Imperativ: „woran wir uns zu halten haben“… Das passt gar nicht so zu Sloterdijks sonst üblichen skeptisch-relativistischen-zynischen „methode à penser“. Aber die letzten Sätze des Buches (ebenfalls S. 286) beruhigen doch vor möglichen tiefen Grau-Depressionen, indem Sloterdijk auf die Mischung von Hell und Grau, Dunkel etc. hinweist. Immer ist also – trostvoll –  etwas Helles dabei. Nur bitte “keine Alleinherrschaft des Lichtes”, warnt der Philosoph. Das wäre wohl zu “göttlich”?
4.
Peter Sloterdijk legt nun also, eine „Farbenlehre“ vor. Über die Aktualität dieses nun ausgerechnet in diesen Zeiten gewählte graue Thema wird man lange vergeblich grübeln. Aber, man tröste sich mit Allgemeinheiten: Philosophieren als Form des auch unterhaltsamen Feuilletons ist immer möglich, Philosophieren lässt sich im allgemeinen nicht politisch unmittelbar einspannen…Also: „Wer noch kein Grau gedacht hat…“ Der Titel (Cézanne nachempfunden) bricht ab, führt ins Weite, aber er ist schon im ersten Moment eine Einladung, ihn aus aktuellen Notwendigkeiten weiter zu formulieren: Ich schlage vor. „Wer noch kein Grau gedacht hat….der betrachte die von Russen zerstörten Städte der Ukraine und ihrer angstvollen Einwohner“. Oder: „Er/sie schaue sich alle von sonstigen Kriegen und auch Hungerkatastrophen zerstörten Städte und Landschaften denkend an, in Syrien, Afghanistan, Jemen, in den Slums von Lateinamerika, die durch Bürgerkriege zu grauen Todeszonen wurden.

Auch dies wird eher vergessen in diesem „Lehrbuch“: Grau war die Farbe der KZS und der Gulags. Grau war der Rauch, der aus den Öfen in Auschwitz in den schönen blauen polnischen Himmel stieg oder in Dachau noch früher in den schönen heilen bayerischen Himmel. Die Farbe grau dominiert auf allen Schlachtfeldern, weil das rote Blut der Opfer sich mit dem Erdboden vermischt. Von diesem grau und dem politisch gemachten Grauen ist in dem Buch kaum die Rede.

So ist das neue Buch von Sloterdijk sicher vergnüglich zu lesen, sozusagen als Kurzweil, für alle, die ihre innere Langeweile etwas stilllegen wollen. Oder: Man betrachte hierzulande die grauen (kranken, verhärmten) Gesichter der Armen und arm Gemachten, also der Hungernden in den reichen Städten des Westens und überall. Dann wird man eher dazu zu einer Neubestimmung von Grau neigen: Grau wäre vor allem mit grausig oder grauenvoll und vor allem dem Grauen zu verbinden. Davon spricht Sloterdijk in seiner zweiten kurzen Digression, die von einer pessimistischen Grundstimmung geprägt ist: „Der gutwilligste Kosmopolit ist irgendwann müde genug, sich mit (grauen, sehr armen) Ländern zu befassen“, schreibt Sloterdijk, was bei dem geneigten reichen Europäer („Kosmopolit) „bloß mentalen Stress ohne Handlungsoptionen nach sich zieht“ (S. 117). Für Sloterdijk bleibt nur das, so wörtlich, „muddling through“, das Sich-Durchwursteln, als Haltung übrig… Vernünftige – humane Weltgestaltung (als Utopie oder Idee) also passé? Für Sloterdijk scheint das zu gelten. Kant war da sehr begründet ganz anderer Meinung. Dieser defätistische graue Satz Sloterdijks gilt aber nur, wenn einzelne als einzelne „kämpfen“. Er gilt nicht, wenn demokratische NGOs gegen die Allmacht des Kapitalismus kämpfen und die Ärmsten der Armen unterstützen, wie „Ärzte ohne Grenzen“, die ihr Leben riskieren. Aber das Jammern der Wohlhabenden ist vielleicht auch ein graues Thema der Verlogenheit, davon spricht Sloterdijk nicht, er schreibt lieber wie schon in früheren Büchern sehr ausführlich über Gnosis, entdeckt nun dort das Graue oder in der jüdischen Philosophie oder in der Erbsündenlehre und dem Schöpfungsbericht der Bibel. Welche Abschweifungen, welche Bezüge zu früheren Büchern! Nebenbei: Vermissen werden Theater-Freunde den Hinweis auf den wohl entscheidenden Grau-Autor der Gegenwart, auf Christoph Marthaler, man denke vor allem an sein berühmtes und wohl bestes Stück „Murx den Europäer, murx ihn, murx ihn ab“, an der Volksbühne Berlin viele Jahre lang aufgeführt, jetzt leider nicht mehr.
Wenn es schon um eine philosophierend-essayistisch-feuilletonistische Farbenlehre„à la Sloterdijk“ geht, dann sollte jetzt eher die Farbe SCHWARZ, die Farbe des Todes und der Anarchie, im Mittelpunkt stehen und die Drucker-Farbe der Wall-Street-Börseninfos. Aber bitte: Schwarz immer im Kampf mit Grün, als der Farbe der Hoffnung. Aber das als eine Empfehlung für ein kommendes Projekt.
5.
Warum also gibt es eigentlich diese kurzweilige Buch gegen die Langeweile im Grauton, das ziemlich anstrengend ist, man denke an die Lektüre-Mühen bei Sloterdijkschen Endlossätzen, etwa auf den Seiten 230/231 oder 245. Man ist als Leser oft noch über die – sagen wir es ehrlich – Arroganz von Sloterdijk überrascht, wenn er etwa das bekannte und geschätzte Buch „Quellen des Selbst“ (deutsche Ausgabe: 912 Seiten) des Philosophen Charles Taylor „adipös“ nennt (S. 231). Adipös, das weiß auch Sloterdijk, ist die Bezeichnung einer Krankheit. Wenn nun ein Buch eines international angesehenen und vielfach zitierten Philosophen adipös sein soll, ist dann der Autor Taylor vielleicht selbst krank, adiopös, geistig, weil klassisch verfettet, nicht auf dem neuesten Stand? Sloterdijk nennt die „Quellen des Selbst“ von Taylor – seinem Sloterdijkschen absoluten Wert folgend – „unoriginell“ (S. 231). Unoriginell : Das Schlimmste, was ein Mensch sein darf! Man muss fragen: Ist etwa Sloterdijks Buch „Du mußt dein Leben ändern“ mit seinen „nur“ 723 Seiten auch adipös? Sicher nicht, wird er sagen, denn ein Buch sei „originell“. Noch einmal: Warum also ausgedehnte Essays anläßlich der Farbe grau, die sich in Slotderdijkscher Sicht an unbedeutenden Philosophen festklammern, wie etwa an Martin Buber, wobei dessen Beziehung zur Farbe Grau einmal mehr künstlich und konstruiert wirkt. Dass Sloterdijk Martin Bubers Arbeiten „Ergüsse“ nennt, ist einmal mehr Ausdruck der Arroganz. Auch ein anderer jüdischer Philosoph, Emmanuel Levinas, wird kurz und bündig fertiggemacht, von ihm behauptet Sloterdijk: Er gab nur vor, er tat also bloß so, die abendländische Philosophie grundlegend zu kritisieren (S. 238). Auch die Bemühung, André Malraux als Denker des Grau geradezu aufzupeppen, wirkt übertrieben. Man sieht schon, bei dieser „Farbenlehre“ geht es dann doch recht bunt zu.
6.
Aber auch das gibt es, nebenbei: Man schmunzelt oft, etwa wenn Sloterdijk, so wörtlich, von „forcierten Maiandachten“ (S. 267) spricht als Formen des sinnlosen Widerstandes gegen die – selbstverständlich graue – Vergleichgültigung des Bewusstseins. Ich habe übrigens noch nie an „forcierten Maiandachten“ teilgenommen. ….Und man rätselt, was denn der Farbenlehrer Sloterdijk im Zusammenhang von grauer Mystik mit „mystisch überangeregter Standpunktlosigkeit“ meint. Der Leser kommt also immer wieder ins Schwimmen und Schweben, aber das ist wohl gezielt vom Autor, der wohl glaubt: Sehr viel Genaues und Evidentes und Kategorisches weiß man eben nicht. Schweben wir also. Sloterdijk hat wohl deswegen auch nicht den Mut, Angela Merkel – als einer der Farbe grau zuneigenden Politikerin – beim Namen zu nennen, er spricht nur von einer „Person der Kanzlerschaft, die 16 Jahre regierte“. Sie „war zugleich lau (also grau) und machtbesessen“( S. 241). Auch über „transkatholischen Umfang“ (S. 269) wäre zu sinnieren. Man wird den Eindruck nicht los, als wolle Sloterdijk sprachlich glänzen durch oft skurril wirkende, manchmal esoterisch klingende Formulierungen.
7.
Das „Grau-Projekt“ bietet auch etwas ausführlichere philosophische Reflexionen zu Platon, Hegel und Heidegger. Bleiben wir nur bei dem berühmten und immer wieder zitierten Hegel-Wort aus der Rechtsphilosophie: Dem folgend male er seine eigene Philosophie „grau in grau“: „Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“
(Grundlinien der Philosophie des Rechts“, Vorrede vom 25. Juni 1820, Suhrkamp 1070, S 28.) Sloterdijk sieht wohl in diesem Hegelschen-Grau Hegel selbst auf dem Höhepunkt seiner Philosophie, eine Synthese schaffend, als das „vorläufige Ergebnis“. Wenn man es populär sagen will, was Sloterdijk nicht schreibt: Die Dialektik lebt vom Gegensatz von Weiß und Schwarz, und dieser Gegensatz ist farblogisch überwunden im Grau als der Synthese, die dann als graue Substanz bzw. bei Hegel als „graues Subjekt“ dann doch weitere dialektische Lebendigkeit entwickelt. Und ganz neue Grau-Farben erzeugt. Wäre auch ein Thema, um gegen das angebliche “Ende der Hegelschen Philosophie” Einspruch zu erheben.
Auch von Heideggers zweifellos zu wenig beachteten (und weithin lesbaren) Schrift „Die Grundbegriffe der Metaphysik“ von 1929 spricht Sloterdijk ausführlich, zumal Heideggers Ausführungen zur Langeweile sind erhellend im “Grau-Zusammenhang”.

Dabei wird für mich deutlich eine sympathisierende Nähe des Denkers Sloterdijks zu Heidegger als „Denker“. Aber die jetzt evidente Verbundenheit Heideggers mit den Nazis und der NSDAP wird von Sloterdijk eher großzügig überspielt, wenn er schreibt: “Heidegger fügte sich dem Zwang, (nach dem seine Karriere als Uni-Rektor in Freiburg von der NSDAP beendet wurde, CM), „machtpolitisch im Unscheinbaren Unterschlupf zu suchen“, hübsch harmlos formuliert, und jetzt wird es sehr poetisch bei Sloterdijk: „Vergleichbar einem Täufer mit dem Auftrag, einen Gott anzumelden, der vor der Offenbarung zögert“ (S. 57). Der Heideggersche „kommende Gott“ ist also gemeint, damit sind wir bei den endlosen Debatten über Heideggers Ergüsse (hier stimmt das Wort) zum „Ereignis“, Denkoffenbarungen während der Nazi-Verbrechen. Davon ist in dem Grau Buch Sloterdijks vornehmerweise keine Rede. Aber gerade hier das Grau des Ungefähren und Unverständlichen herauszuarbeiten, wäre sinnvoll gewesen. Heidegger wird nur in Sloterdijks Deutung, so wörtlich „zum alten Seher“ (ebd.), also zu einer Art Prophet gegen die Machenschaften der Technik…Wahrscheinlich spürt Sloterdijk eine starke Nähe zu Heidegger, den er als den „Nicht – mehr – Philosophen“ (ebd.) rühmt, vielleicht, weil sich Sloterdijk selbst auch nicht nur als Philosophen versteht , sondern eher als schreibenden Denker, als „Autor philosophischer Arbeiten” (in: “Nach Gott”, 2018, Seite 300). In dem Buch “Das Sloterdijk – Alphabet” von Holger Freiherr von Dobeneck, (Würzburg, 2006), wird mehrfach darauf hingewiesen, dass Sloterdijk kein Philosoph sei, sondern eher ein “philosophischer Zeitdiagnostiker und Ideenhistoriker als ein kritisch-systematischer Philosoph” (dort Seite 269).
8.
Trotz mancher Einwände: Einige Hinweise Sloterdijks sind wirklich beachtlich. Auch wenn er das Christentum und die Kirchen als Religion und Lehre ablehnt, entdeckt er doch im Urtext des Neuen Testaments Brisantes, etwa: Wie eine viel tiefer zu verstehende Bitte des Gebetes „Vater Unser“ zu verstehen ist: „Unser tägliches Brot gib uns heute“ müsste eigentlich auf den griechischen Urtext bezogen übersetzt werden: „Unser überwesentliches, mehr als nötiges Brot, gib uns heute“ (S. 252, Fn. 254). …
9.
Auch dieses neue Buch Sloterdijks enthält weder ein zu erwartendes Stichwort-Register noch eine Liste der zitierten Bücher. Das erschwert ungemein die kritische Arbeit am Text. Das hat vielleicht einen Grund: Slolterdijks „Grauzonenkunde“ (S. 286) nennt sich zwar „Eine Farben-lehre“, aber das Opus ist alles andere als ein Lehr-Buch, bei dem es dann ratsam wäre, etwa Namens -oder Literatur Register anzufertigen. Sloterdijks Buch ist also kein Lehrbuch, wo man sachlich in einer distanzierten-kritischen Sprache Auskunft findet. Es ist das, was er von den Büchern des jüdischen Philosophen Martin Buber behauptet, ein „Erguss“ (S. 233), der sich im Fließen des Textes und in Mitfließen und Schweben erschließt.
10.
Sloterdijk spricht in seinem neuen Buch viel von Indifferenz, als dem Zustand von Grau. Ein wichtiges Buch zum Thema als ein Lesetipp für ihn und andere: Das Buch von Dominik Terstriep, „Indifferenz. Von Kühle und Leidenschaft des Gleichgültigen“, EOS Verlag, 2009.

Peter Sloterdijk, Wer noch kein Grau gedacht hat…. Eine Farbenlehre. Suhrkamp Verlag Berlin, 2022, 286 Seiten, 28 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Philosophische Stadtspaziergänge: Über das Buch „Geistreiches Berlin und Potsdam. Ein philosophiegeschichtlicher Städteführer“.

Von Christian Modehn.

1.
In der fast unüberschaubaren Bücher – Fülle von Stadtführern zu Berlin, aber auch zu Potsdam, hat ein spezieller „philosophischer Begleiter“ auf den Spaziergängen und „Stadterkundungen“ gefehlt. Maurice Schuhmann, promovierter Politikwissenschaftler und nebenberuflich auch Journalist, füllt diese von einigen sicher gespürte Lücke. Er bietet auf 180 Seiten, reich ausgestattet mit Fotos und im Text sehr lesefreundlich, eine Mischung aus Basis-Informationen zu den philosophischen „Größen“ einst. Das neue Buch ist praktisch von Bedeutung, weil es Informationen zu entsprechenden Spaziergängen zu den Orten des Denkens bzw. der Denker aufweist.
2.
Dass in der Stadt Berlin, die im 2. Weltkrieg heftigst zerstört wurde, authentisch – historische Orte, wie etwa zu bestaunende Wohnungen der Philosophen damals, nicht vorgezeigt werden können, ist ein unüberwindbarer Mangel. So kann der philosophisch interessierte Spaziergänger oft nur zu Gedenktafeln, Statuen oder Friedhöfen geführt werden. Wenn man sich denn in einer philosophisch kompetenten Gruppe befindet, mag das ja sogar interessant sein. Hegel wusste ja, dass die Bindung an äußere Gegebenheiten (etwa Wallfahrtsorte, Heiligtümer, Grabmäler etc.) philosophisch nicht sehr relevant ist. Zum Denken können sie allemal anregen!
3.
Natürlich, das Hauptgebäude der Humboldt Universität Unter den Linden ist zu besichtigen oder das Schloß Sanssouci in Potsdam, der bevorzugte Ort, um über die Aktualität Voltaires zu debattieren. Hegels Schreibtisch befindet sich übrigens im Hauptgebäude der Humboldt-Uni! Für philosophische „Anfänger“ sind Schumanns Informationen zu den Philosophen damals, also zu Fichte, Hegel, Schelling, recht ausführlich. Auch von den politisch vielfältig orientierten Hegel – Schülern (wie Karl Marx, Bruno Bauer) ist die Rede. Der schöne Stadtteil Friedrichshagen bei Köpenick hätte in dem weiten Zusammenhang erwähnt werden müssen, mit seinem berühmten „Dichterkreis“ ums 1900, zu dem auch etliche Philosophen und philosophierende so genannte Anarchisten gehörten…
4.
Das Buch bietet leicht nachvollziehbare Informationen zu Philosophen, die seit dem 18. Jahrhundert mit Berlin oder Potsdam, dem Sitz des philosophierenden, trotzdem extrem militaristischen  „Alten Fritzen“,  zu tun hatten. Es werden also allgemeine, lexikalisch knappe Hinweise zu Voltaire, de La Mettrie, Lessing und Moses Mendelssohn geboten. Eine gewisse Vorliebe scheint der Autor zu haben, wenn er etwa Rudolf Steiner mehrfach als Philosophen erwähnt, Steiner hätte wohl eher in ein Buch „Esoterisches Berlin“ gepasst. Unendlich viel wichtiger ist Kant, er hat bekanntlich Berlin nicht besucht, aber in einigen Zeitschriften in Berlin publiziert und mit Berliner Zensurbehörden gekämpft.
5.
Aber es ist die grundlegende Frage: Soll sich ein philosophischer Städteführer auf Menschen, meist „Professoren“ festlegen, die sich selbst Philosophen nannten? Maurice Schuhmann folgt diesem Konzept weithin, wenn er auch einige Literaten erwähnt, wie etwa den Romantiker E.T.A. Hoffmann und sogar … Christopher Isherwood. Wo nun die philosophische Dimension in dessen Werk zu entdecken wäre, wird leider nicht gesagt.
6.
Würde man hingegen einen weiten Philosophie – Begriff anwenden, dann hätten viel mehr philosophisch relevante Autoren und Künstler, Soziologen und Theologen hinsichtlich ihrer oft impliziten Philosophie erwähnt werden müssen. Georg Simmel, Ernst Troeltzsch, ja warum nicht auch Theodor Fontane in Verbindung mit Schopenhauer oder Walter Benjamin, der in der Grunewalder Delbrückstr. als Kind lebte. Sein Name taucht in dem Buch gar nicht auf.
Erst ein breiter Philosophiebegriff kann die umfassende Bedeutung von philosophischem Denken zeigen, sie findet bekanntlich nicht nur dort statt, wo Philosophie draufsteht.
7
Ich finde es bedauerlich, dass jetzt nur ein „philosophiegeschichtlicher Städteführer“ vorliegt, wie der Titel exakt mit dem Focus „Geschichte“ betont. Das heißt, die gegenwärtige Lebendigkeit selbst der sich explizit nennenden Philosophie erlebt der Städtespaziergänger nicht. Philosophie ist auch in Berlin nichts Vergangenes. Kein Wort in dem Buch über die gar nicht so ferne Zeit der grausigen DDR Philosophie an der Humboldt Uni; kein Wort, zu dem bedeutenden Religionsphilosophen Romano Guardini, der als Katholik, in den zwanziger und dreißiger Jahren an der Universität Unter den Linden lehren durfte und in Berlin unter anderem in Eichkamp wohnte. Aber auch in der heutigen Gegenwart hätten einige – auch international geschätzte – PhilosophInnen genannt werden können, wie etwa Volker Gerhardt von der H.U. Man hätte doch auch das Philosophische Seminar an der FU in Berlin – Dahlem erwähnen können, in einem durchaus inspirierenden Gebäude (von Hinrich Baller, 1983 errichtet) untergebracht. Peter Bieri (alias Pascal Mercier „Nachtzug nach Lissabon“) lehrte an der F.U. sowie die unvergessenen großem Philosophen Wilhelm Weischedel und vor allem Michael Theunissen. In der Bewegung rund um den “Mai 68” war etwa Herbert Marcuse häufig als Gastprofessor der FU in Berlin, ebenso der Philosoph Paul Feyerabend.
8.
Das Buch „Geistreiches Berlin und Potsdam“ ist trotz gewisser Begrenztheiten für die berühmten „weiten Kreise“ ein erster Start, über die Rolle von Philosophie in der Stadt Berlin oder in der Landeshauptstadt Potsdam nachzudenken. Man wird sich zum Beispiel fragen: Warum gibt es in Deutschland Literaturhäuser und Kunsthäuser, aber kein „Haus der Philosophie“, wie etwa in Paris oder Toulouse seit Jahrzehnten. So ganz ernst meinen es die Politiker und die Kulturpolitiker wohl doch nicht, wenn sie gelegentlich auf die Philosophie in Berlin oder Potsdam hinweisen. Dass es private „philosophische Salons“ in Berlin seit einigen Jahren gibt, hätte erwähnt werden können. Wenn es einmal ein Philosophie-Haus in Berlin geben sollte, wird darin sicher die interkulturelle und multikulturellen Dimension zum Ausdruck kommen. Dass in dem Buch nicht auf die Präsenz nicht-deutscher PhilosophInnen in Berlin auch früher schon hingewiesen wird, wird man sehr bedauern, russische Philosophen waren nach dem Sieg der Sowjets in Berlin, Nikolai Berdjajew hatte seine eigene „Religionsphilosophische Akademie“, der Franzose Jean Paul Sartre war 1933/34 hier, auch Ortega y Gasset studierte in Berlin usw.

Man sieht auch an diesen Beispielen, wie viel “Potential” sozusagen noch in dem Thema “Philosophishcer Stadtführer durch Berlin” steckt…
9.
Man wünscht dem Buch weite Verbreitung, und eine zweite erweiterte Auflage, auch mit der Korrektur etwa der Daten zu Gotthold Ephraim Lessing, Seite 29, aber das nur wirklich am Rande. Zur Stadt Bamberg liegt bereits ein philosophischer Stadtführer vor, vielleicht ist nun auch das Berlin-Buch ein Start für eine umfassende Serie „philosophischer Stadtführer“.

Geistreiches Berlin und Potsdam. Ein philosophiegeschichtlicher Städteführer“. Von Maurice Schuhmann. Hendrik Bäßler Verlag Berlin, 2021, 151 Seiten mit zahlreichen Fotos, Hardcover, 19,80 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.