Die neuste Umfrage über „Religion/Gott in Frankreich“ (August 2021)

Ein Hinweis von Christian Modehn am 26.9.2021

Am 23.9.2021 wurden über AFP (aufgrund einer repräsentativen Umfrage, veranstaltet von IFOP am 24.und 25.8.2021) neue Informationen zu „Religion/Gott in Frankreich“, speziell angesichts der COVID 19 Pandemie, publiziert.

1.  51 Prozent der Franzosen glauben 2021 nicht an Gott.

2011 sagten nur 41 %, nicht an Gott zu glauben. 1947 sagten 66 %, sie würden an Gott glauben. Vor 64 Jahren glaubten also nur 34 % er Franzosen nicht an Gott. Am größten ist jetzt die Gruppe der Gläubigen bei Menschen über 65 Jahre. (ABER: Was heißt das konkret, inhaltlich: An „Gott“ glauben…)

2. Die aktuelle Pandemie hat keinen Einfluss auf die religiöse Praxis (gehabt). Das sagen 91 % der Befragten: Sie hätten sich wegen Corona nicht stärker den Religionen angenähert.

Das ist vielleicht die wichtigste Aussage der Umfrage: Und auch in Deutschland haben viele Beobachter die Erkenntnis, dass durch Corona die Religiosität NICHT zugenommen hat. Aber vielleicht lehrte (privat) die Not, dann doch beten im stillen Kämmerlein, wie es Jesus von Nazareth vorschlug.

3. Eine weitere Erkenntnis der Umfrage in Frankreich: In den Familien wird immer weniger über Religion gesprochen: Es sind nur 38 % der Befragten, die über Religion in der Familie sprechen.

4. Religionen können dazu beitragen, jungen Menschen Werte zu vermitteln, wie Respekt, Toleranz, Großzügigkeit, Verantwortlichkeit: Das sagen jetzt 68 % der Franzosen. Im Jahr 2009 waren es noch 77 %, die das glaubten.

5, Für 47 % der Franzosen sind die Werte und die Botschaft des Christentums immer noch von aktueller Bedeutung.

6. 41 % der Franzosen glauben, dass Papst Franziskus eher gut die Werte des Katholizismus verteidigt, 44 % meinen, er verteidige sie weder gut noch schlecht und 15 % meinen, er verteidige die katholischen Werte eher schlecht.

Quelle; REFORME, Protestantische Wochenzeitung, Paris.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Das langsame Verschwinden des Katholizismus in Frankreich

Hinweise von Christian Modehn, veröffentlicht am 25.9.2021. Über eine neueste Umfrage zu dem Thema vom August 2021, publiziert Ende Sept. 2021, siehe LINK.

Zwei Bemerkungen am Anfang, als Einführung zum neuen Buch (2021) von Guillaume Cuchet:

–„Das langsame Verschwinden des Katholizismus in Frankreich“ ist kein Sonderthema für einige Spezialisten. Wenn eine Religion aus der Praxis und dem Bewusstsein der Menschen eines ganzen Landes langsam, aber regelmäßig verschwindet, ist das ein kulturelles und soziales Ereignis, das weit über theologische Detail-Fragen hinausweist. Wenn Religionen langsam verschwinden, dann verschwinden bestimmte kulturelle Werte (und Unwerte, die bekanntlich Religionen auch verbreiten).

Es wird hier in aller Kürze gezeigt, wie in einem Land, das Kleriker immer noch gern  „die älteste Tochter der römischen Kirche“ nennen, die bist noch vorherrschende Religion, der Katholizismus, kontinuierlich schwächer wird. In vielen Regionen bzw. Départements (wie Limousin, Guéret, Burgund, Dordogne usw.) ist diese Kirche de facto bereits seit längerer Zeit verschwunden, d.h. fast niemand interessiert sich heute in lebensmäßiger Praxis für sie, bestenfalls im Fall von Bestattungen oder Riten wie Taufen und Hochzeiten. Eine historische Würdigung dieser Tatsache, die weit in die Geschichte ausgreift, hat etwa der bekannte Historiker Jean Delumeau verfasst. LINK

Das ist die Erkenntnis der gut entwickelten religionssoziologischen Forschung in Frankreich: In absehbarer Zeit wird der Katholizismus im ganzen Land zu einer verschwindenden Minderheit werden. Ob dann die von Klerikern viel beschworene „kleine Herde“ noch die Kraft hat, spirituell und sozial relevant zu sein, ist die Frage. Die vielen prächtigen Kathedralen, die romanischen Kirchen und alten Klostergebäude werden bleiben, Zeugnisse einer „anderen“ Zeit. Aber es wird in diesen Gebäuden eher selten noch katholischer Ritus mit Priestern, Mönchen und Nonnen stattfinden. Es ist wohl etwas anderes, Gesänge von wirklichen Mönchen tagaus tagein in einer Abtei mehrmals am Tag zu hören als alle zwei Monate einmal am selben Ort von einem angereisten Chor, um nur ein Beispiel zu nennen

Eine einst katholisch geprägte Kultur verschwindet, die vielen verfallenden Kirchen im ganzen Land werden fotografisch und kunstvoll bereits dokumentiert. LINK.

Und eine von vielen Fragen ist: Ob man in naher Zukunft noch – wie jetzt – ca. 90 Bischöfe mit entsprechenden Diözesen und Diözesan-Verwaltungen braucht. Das wird auch finanziell problematisch werden, weil bekanntlich ein Bischof in Frankreich ca. 1.200 Euro Monatsgehalt (aus Spenden, nicht aus Kirchensteuern oder staatlichen Zuwendungen) erhält…  und nicht wie 12.000 Euro die Erzbischöfe und Bischöfe in Deutschland…

Dieses absehbare Verschwinden des französischen Katholizismus gilt auch für viele andere Länder Europas, wie Irland, die Niederlande, Belgien, sogar Spanien, die Schweiz, die Tschechische Republik …und nun auch in Polen nimmt die Distanz der (jungen) Katholiken von der Kirche immer mehr zu. Ob dieses langsame Verschwinden des kirchlichen, des katholischen Christentums auch für Deutschland gilt, wird noch diskutiert, ist aber sehr wahrscheinlich, wenn man sich die Statistiken kirchlichen Lebens ansieht, vor allem die extrem hohen Austrittszahlen und dabei Vergleiche zieht, für die BRD, etwa von 1950 an. Solange der Katholizismus weltweit stur den zölibatären Klerus absolut ins Zentrum (der Liturgie, der Macht etc.) setzt, ist das Ende auch des Katholizismus in Deutschland allein schon wegen dieser – theologisch unsinnigen – absoluten Bindung an den Klerus sicher.

–Das Thema „Katholizismus in Frankreich“ interessiert mich als Theologe und Journalist seit mehr als 40 Jahren. Dazu habe ich etliche Publikationen vorgelegt, die alle von dem Bemühen geleitet waren und sind, breitere Kreise auf diese Fragen aufmerksam zu machen. Nur ein Beispiel: Von 1989 bis 2005 habe ich ca. 50 Halbstundensendungen fürs Kulturradio des Saarländischen Rundfunks (SR2) gestaltet mit dem Titel „Gott in Frankreich“. Diese Sendung wurde nach der Pensionierung des verantwortlichen Redakteurs Norbert Sommer „einfach so“ und „sang und klanglos“, abgesetzt.

ZUM THEMA: „Das langsame Verschwinden des Katholizismus in Frankreich“:

1. In Frankreich ist die „Die Zukunft des Katholizismus in Frankreich“ eine Art Dauerthema wissenschaftlicher Publikationen. Und es ist keine Übertreibung: Fast unüberschaubar viele Publikationen, Bücher und Zeitschriftenbeiträge, wurden zu unserer Fragestellung in den letzten 100 Jahren geschrieben, seit 1950 kam die Debatte heftig in Schwung nach der Veröffentlichung des Buches (!943) „La France – pays de mission?“, ausgerechnet während des Pétain-Regimes veröffentlicht). Etwa seit 1970 gibt es ständig Neuerscheinungen zu dem Thema….Die Frage wird diskutiert, Vorschläge werden gemacht, aber die Kleruskirche bleibt allmächtig. Laieninitiativen werden als Ausdruck der neuen Liberalität des Klerus willkommen geheißen, aber sie werden niemals die klerikale Macht zugunsten eines demokratischen Miteinanders aller einschränken.

2. Wer eine erste schnelle, zusammenfassende Antwort will: Tatsächlich ist der Katholizismus in Frankreich am Verschwinden, wenn man die Statistiken von Umfragen zur Konfessionszugehörigkeit oder die Statistiken der Teilnehmer an Sonntags-Messen oder die Anzahl der Neupriester pro Jahr studiert. Dieses Urteil bezieht sich notgedrungen auf äußere Vollzüge, „Praxis“ genannt, ins „Innere“ der religiösen oder nichtreligiösen Seele eines jeden einzelnen lässt sich bekanntlich nicht objektiv schauen, so bleiben also vor allem die statistischen Werte, um den Zustand der konfessionellen Bindung in einem Land präzise zu fassen… Wichtig zu wissen ist, dass es aufgrund der Trennung von Kirche und Staat in Frankreich seit 1905 keine vom Staat veranstalteten objektiven Konfessionsstatistiken gibt. Alle Statistiken in unserem Zusammenhang beruhen also auf repräsentativen Umfragen.

3. Pauschal gesagt heißt das Ergebnis:  Die katholische Kirche in Frankeich ist zahlenmäßig gesehen am Verschwinden. Das Ende wäre auch rein rechnerisch fast datierbar, wenn sich nur Religionssoziologen entschließen würden, genau das Durchschnitts-Alter des aus Frankreich stammenden Klerus zu ermitteln und diese Erkenntnis auf die nächsten 20 Jahre zu beziehen. Sehr wahrscheinlich ist das Ergebnis: Der aus Frankreich stammende Klerus stirbt aus, so wie die meisten Frauenorden verschwinden werden. Noch retten sich die Bischöfe, die, wie überall in Westeuropa, auf den sogenannten zölibatären Klerus setzen damit, dass sie Priester aus Afrika und Asien nach Frankreich holen und dies mit dem Euphemismus kaschieren: Diese Priester könnten die internationale Dimension des Katholizismus beweisen. Dass diese Priester in Afrika oder Asien viel eher „gebraucht“ würden, wird dabei diplomatisch verschwiegen.

4. „Hat der Katholizismus noch eine Zukunft in Frankreich?“ ist der Titel des neuesten Buches des Historikers Guillaume Cuchet (erschienen bei Seuil, Paris, im September 2021). Cuchet hat schon mehrfach zum Katholizismus in Frankreich im 19. und 20. Jahrhundert publiziert, diesmal bietet er eine Sammlung seiner Aufsätze aus den letzten Jahren.

5. Mehrfach spricht Cuchet von „rupture,“ von Bruch, der sich in der französischen Gesellschaft ereignet, wenn sich immer mehr, man möchte heute sagen: fast alle jüngeren Franzosen von der Bindung an die katholische Kirche lösen. 1965 wurden noch 94 % der Neugeboren katholisch getauft; 2021 sind es etwa noch 30 %…wobei die heutige Vorliebe für sakrale Feiern, wie Taufen, nicht auf eine dauerhafte religiöse Praxis der Beteiligten schließen lässt. In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden noch ca. 1.500 Männer pro Jahr zu Priestern geweiht; jetzt sind es jetzt etwa 80 bis 100, die in den Klerikerstand als Priester eintreten wollen. Auf Seite 67 nennt Cuchet die Prozentzahl der französischen Katholiken, die sonntags regelmäßig an der Messe teilnehmen: Es sind 2 bis 3 Prozent. Vor zwanzig Jahren waren es noch 8 Prozent, 1950 waren es noch mehr als 30 Prozent. Die meisten TeilnehmerInnen an der Sonntags-Messe sind heute bekanntlich ältere bis sehr alte Menschen. Nebenbei erwähnt Cuchet, dass es heute wohl mehr religiös praktizierende Muslime als religiös praktizierende Katholiken gibt (S.86). Der Islam wird die „zweite Religion in Frankreich“ genannt, zahlenmäßig betrachtet, aber wahrscheinlich sind die Unkirchlichen und Atheisten bereits längst die stärkste, nicht organisierte „Konfession“.

6. Cuchet bietet viele Hinweise auf diese globale rupture, diesen Bruch im religiösen Leben Frankreichs: Er nennt Formen des säkularen Glaubens, der sich äußert in einer großen Vielfalt, sogar das Joggen wird als eine Form der Askese gedeutet (S.69). Cuchet weist ferner auf die große und in sich vielfältige Gruppe der Menschen hin, die sich „sans culte“, ohne Religion, nennen, Leute also, die in England oder den USA  als „nones“ bezeichnet werden, Leute des NON, des Nein zur Religion. Bei der letzten noch staatlich veranstalteten Befragung zur Religionszugehörigkeit im Jahr 1872 (!) nannten sich von den 36 Millionen Franzosen nur 80.00 „ohne Religion“. Heute sind die Menschen mit der Konfession „Ohne Religion“ in Frankreich fast die Mehrheit. Interessant sind die Hinweise Cuchets zur Bedeutung buddhistischer Präsenz in Frankreich, die er vor allem in einer breiten Bewegung der „Meditierenden“ entdeckt. Dabei ist die Frage, welche neue Form des inhaltlich wohl reduzierten Buddhismus in Europa entsteht…Dabei wird die Frage diskutiert, welcher Unterschied heute zwischen dem ständig verwendeten Begriff „Spiritualität“ und dem der „Religion“ bzw. des Glaubens besteht. Von Spiritualität zu sprechen, deckt sozusagen alle Formen einer etwas intensiveren Lebensgestaltung ab, von Meditation über veganes Essen zu Yoga und Astrologie etc.

7. Es gibt freilich auch heute noch Zentren katholischer Präsenz, vor allem in Paris und anderen sehr großen Städten, von einigen gut besuchten Klöstern abgesehen. In Paris sind es vor allem die Angehörigen der gehobenen Mittelschicht aus dem eher vornehmen 14., 15. und 16. Arrondissement, die katholisch „aktiv“ sind, das gilt auch für die vornehmen Quartiers in Versailles, Lyon, Bordeaux usw. Der Rest-Katholizismus ist (groß)bürgerlich, die katholischen Arbeiterbewegungen sind jetzt nur noch marginal vertreten.

Es gab in letzter Zeit große politische Demonstrationen, an denen die großbürgerlichen Katholiken heftig beteiligt waren, also die “Manifestationen gegen die Ehe für alle“, gegen das Gesetz, das die so genannte „Homo-Ehe“ erlaubt. Und die französischen Bischöfe berichten 2021 stolz Papst Franziskus, dass durch die Massendemonstrationen mit heftiger Unterstützung konservativer bis reaktionärer politischer Parteien die Kirche wieder in der Öffentlichkeit sichtbar wurde. Seit 1930 gab es immer wieder linke katholische Bewegungen und linke katholische Theologen, aber die sind inzwischen fast alle … gestorben und haben keine Nachfolger gefunden. Die progressive Gemeinschaft „Mission de France“ gibt es noch oder auch den Orden „Fils de la Charité in der Banlieue, aber diese Gruppen sind fast ohne Einfluss. Angesichts einer Übermacht konservativer und reaktionärer Kräfte (man denke an den einflussreichen, auch politisch -reaktionären Bischof von Toulon, Dominique Rey von der charismatischen Gemeinschaft Emmanuel) sind die linken Katholiken fast verschwunden, sie haben das Feld geräumt. Man bedenke auch, dass die Absetzung des einzig wahrhaftigen progressiven und linken Bischofs, Jacques Gaillot, Evreux, durch den Vatikan im Jahr 1995 einen tiefen Bruch im Katholizismus erzeugt hat. Bischof Gaillot wurde nun zum Titularbischof des längst untergegangenen Bistums Partenia in Algerien ernannt, also buchstäblich in die Wüste geschickt. Und mit ihm viele tausende progressive Katholiken. LINK .Es ist der Vatikan in seinem Wahn, Pluralismus zu verbieten, der die Gläubigen aus der Kirche treibt. Dasselbe lässt sich auch für den Niedergang des holländischen Katholizismus evident zeigen.

8. Zum Ende des französischen Katholizismus: Der Abschied breiter Kreise der Katholiken begann schon vor der Französischen Revolution, begründet im Entsetzen des Volkes über den maßlosen Reichtum der Klöster und der Bischöfe, über die enge Bindung der Kirchenführer und Äbte an das absolutistische Regime der Könige; die Revolution selbst mit der inszenierten Propaganda der Entkirchlichung in vielen Regionen blieb nicht ohne Wirkung. Der gescheiterte Aufstand der Pariser Commune 1871 zeigte die enge Bindung von reaktionärer Herrschaft und reaktionärem Klerus. Im 20.Jahrhundert wurde durch den Vatikan der Versuch zerschlagen, eine aufseiten der Arbeiterklassen angesiedelte Kirche (Arbeiterpriester) zu bilden. Die Einmischung des Klerus in die gelebte Sexualität („Humae Vitae“) förderte den Abschied vom Katholizismus, um nur einige Beispiele zu nennen. Noch einmal: Der Klerus, Bischöfe, Päpste sind für die Entkirchlichung verantwortlich zu machen. Dieses Thema sollte viel stärker in den Focus der Forschung treten.

9. Der ganze Stolz des französischen Katholizismus seit etwa 1970 sind die so genannten „neuen geistlichen Gemeinschaften“, oft charismatischer „pfingstlerischer“ Prägung und mit der ganzen primitiven theologischen Schlichtheit der Evangelikalen ausgestattet. Diese zahlreichen Gemeinschaften hatten um 1980 tatsächlich noch viele jüngere Katholiken angezogen. Aber seit etwa 2015 werden „kleckerweise“ immer neue „Fälle“ von sexuellem Missbrauch durch Führergestalten dieser neuen geistlichen Gemeinschaften bekannt, so dass sich Papst Franziskus einschaltete und die Überwindung der Missstände einforderte. Nun ist also auch der gute Ruf dieser einst so gerühmten neuen geistlichen Gemeinschaften dahin.Eine ziemliche Blamage angesichts des Eifers und des Stolzes derer, die auf den Straßenmissionen ihr Alleluja schmetterten. Hinzu kommen noch die vielen Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester und des Vertuschens durch Bischöfe sowie die zunehmende Macht reaktionärer traditionalistischer Gemeinschaften und Klöster gerade INNERHALB des offiziellen Katholizismus. Es war ja Papst Benedikt XVI., dem es ein Herzensanliegen war, Klöster der Lefèbvre-Getreuen wieder mit Rom zu versöhnen. Aber diese Mönche zeigen sich nicht nur theologisch reaktionär, sie sind es auch politisch, in ihrer Verbindung mit der Partei Le Pens. Darauf habe ich mehrfach hingewiesen.LINK

10. Der französische Katholizismus versucht sich angesichts dieser vielen Probleme und Skandale irgendwie über Wasser zu halten, zum Teil durch merkwürdige Formen der Volksfrömmigkeit, indem man in diesem Jahr 2021 eine Statue des heiligen Josef durchs ganze Land schleppen lässt oder die marianischen Wallfahrtsorte wieder reaktiviert.

11. Und kein Theologe stellt die entscheidende Frage: Ist am statistisch nachgewiesenen Niedergang des Katholizismus in Frankreich auch das starre Beharren auf der uralten Lehre mit den immer selben Formeln und Floskeln der Dogmen schuld? Mit anderen Worten: Die Leblosigkeit und Erstarrung, das zwanghafte Festhalten an den immer selben Formeln des Glaubensbekenntnisses oder der Mess-Feier etwa, sind heftigster Ausdruck dafür, dass kein lebendiges Wagnis der Neuformulierung eingegangen wird, um nur ein Beispiel zu nennen: „Jesus als erlösendes Vorbild“ zu nennen. Oder: Den Abschied von der Ideologie der „Erbsünde“ zu verkünden, wagt kein katholischer Theologe, kein Bischof, kein Papst.

12. Es kann also jetzt die Situation eintreten, dass eine Religion so alt, so starr und stur geworden ist, dass sie de facto verschwindet? Rechnet man heute ernsthaft auch mit dem Tod von Religionen in bestimmten Teilen der Welt?  Etwa in Europa im 21. Jahrhundert? In Nordafrika ist auch im 6. Jahrhundert ein blühendes Christentum verschwunden, durch die Aggressionen der muslimischen Kämpfer gewiss, aber vielleicht war das Christentum dort auch schon “schwach“ gewesen, so dass die Zwangsbekehrungen zum Islam relativ schnell erfolgreich waren…. In der Tschechischen Republik, vor allem in Böhmen, ist das Christentum, auch die katholische Kirche, zahlenmäßig bereits fast verschwunden. Dazu hat Prof. Tomas Halik Wichtiges veröffentlicht…Wie gesagt, auch in Teilen Frankreichs, wie in dem Limousin oder dem Département Creuse ist die Kirche schon verschwunden… Wenn nicht afrikanische Priester nach Frankreich „eingeflogen“ würden, wäre das kirchliche Leben schon viel früher erloschen. Und wegweisende Projekte, wie die Leitung der Pfarrgemeinden durch Laien in Poitiers, haben wenig Resonanz in anderen Bistümern gefunden.

13. Theologisch betrachtet besteht wohl Die Überzeugung: Der humane Geist des Propheten Jesus von Nazareth wird auch in anderen Organisationen als den Kirchen überleben. Er lebt ja bereits, wenn auch unthematisch, unter den Aktivisten der vielen humanitären NGOs, wie Ärzte ohne Grenzen, Medico, Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer usw.

Ohne jede religiöse Vereinnahmung könnte doch einmal die Präsenz des jesuanischen Geistes unter den Mitgliedern dieser Menschenrechts-Bewegungen besprochen werden…

14. Diese Hinweise haben sich auf den französischen Katholizismus konzentriert. Ähnliche Ergebnisse gäbe es auch beim klassischen französischen Protestantismus, also unter Reformierten und Lutheranern. Zahlenmäßig wahrnehmbar ist der französische Protestantismus vor allem wegen der vielen charismatischen und evangelikalen Kirchengemeinschaften.

Eine Auswahl von wichtigen Studien, die zeigen, mit welcher Intensität die Frage nach der Zukunft der katholischen Kirche in Frankreich studiert und debattiert wird:

2018: Guillaume Cuchet, “Comment notre monde a cessé d etre chrétien. Anatomie d un effondrement”. Ed. Du Seuil, Paris.

2018: Jérome Fourquet, “A la droite de Dieu.” Ed. du Cerf, Paris

2015: “Métamorphoses catholiques”, Céline Béraud et Philippe Portier, Ed. de la Maison des sciences d homme.

2012: “A la gauche du Christ. Les Chrétiens de gauche en France de 1945 à nos jours“ (Denis Pelletier et Jean-Louis Schlegel), Ed. du Seuil Paris.

2007: Céline Béraud, “Pretres, diacres, Laics. Révolution silencieuse dans le catholicisme francais”. Presses Universitaires de France, Paris.

2003: Daniéle Hervieu-Léger, Catholicisme, la fin d un monde. Ed. Bayard, Paris.

2002: “Chretiens, tournez la page” (Autoren  R. Rémond, D. Hervieu-Léger u. andere) Ed. Bayard, Paris

1999: Hippolyte Simon (Bischof von Clermont-Ferrand). “Vers une France paienne?” Editions Cana, Paris.

1999: Danièle Hervieu-Léger,“ Le Pèlerin et le converti“. Flammarion, Paris. Auch auf Deutsch: „Pilger und Konveriten“, 2004, Ergon Verlag Würzburg.

1991: „Les Francais sont-ils encore catholique? Analyse d un sondage d opinion“ (4 Beiträge, u.a. Guy Michelat) Ed. du Cerf, Paris.

1991: Gérard Cholvy, “La religion en France de la fin du 18 siècle à nos jours“,Hachette, Paris.

1985: “La Scène Catholique”, Revue Autrement, Paris. Mit 33 Beiträgen z.T. prominenter Autoren (wie Marcel Gauchet) au seiner Zeit, als es noch viele euphorische „Aufbrüche“ im französischen Katholizismus gab.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Verhüllung des Arc de Triomphe sollte weitergehen. Die französische Nationalhymne muss „verhüllt“ werden!

Ein Hinweis von Christian Modehn

1. Der „Arc de Triomphe“ in Paris, der „Bogen des Triumphes“ ist nicht der Bogen des „Triomphe de l ésprit, des Geistes, sondern des französischen Militärs. Und der ist jetzt verhüllt. Wunderbar! Leider dauert diese Verhüllung nur bis zum 3. Oktober 2021. Christo hat sein letztes großes Meisterwerk geschaffen. Ihm ist es gelungen, mit seiner Kunst das Symbol des Militarismus und der Kriege, also den Inbegriff des Nationalismus, in gewisser Weise zum Verschwinden zu bringen. Napoléons Geist und der aller Feldherren wird förmlich versteckt von einfachen Elementen der Kunst Chistos. In höchsten Tönen wird die Verhüllung des „Arc de Triomphe“ gerühmt, im Tagesspiegel ist gar von religiösen Anmutungen die Rede… Ein Kunstwerk wird zum Weltereignis. Alle staunen. Sind begeistert. Zurecht.

2. Aber darf man bei dieser durchaus spirituellen Begeisterung so vieler für Christos Werk einfach wieder in den gleichen Politikbetrieb zurückkehren und verzückt oder angewidert vor diesem imposanten Siegerdenkmal der Generäle stehen und staunen? Staunen darüber, dass so viele tausend Soldaten wie üblich als Kanonenfutter ihr Leben lassen mussten. Der säkulare Kult des „ewigen Lichtes“ für den unbekannten Soldaten im Innern des „Arc de Triomphe“ hat bekanntlich die Militärs und ihre Politiker bis heute nicht erleuchtet. Die Hinterbliebenen aus den Schlachten werden von diesem angeblich ewigen Licht nicht getröstet. Für die abgeschlachteten Soldaten ist nichts „glorreich“, wie dieses Monument verspricht. Es ist ein Monument nationalistischer Siegergeschichte. Im 21. Jahrhundert eigentlich blamabel, sich damit noch aufzuwerten, mindestens in Staaten, die sagen, den Menschenrechten verpflichtet zu sein.

3. Eine erste Erleuchtung als Konsequenz von Christos Tat wäre es, wenn die Franzosen auf ihre kriegerische und blutige Nationalhymne verzichteten. Aber nicht ganz: Sie könnten diesen unsäglichen Text, so oft von geistvollen Franzosen kritisiert und abgelehnt, „verhüllen“. Ja, man kann auch Gesang und Musik VERHÜLLEN, indem man die unsäglichen, verbrauchten und unmenschlichen Texte verhüllt, sozusagen ins Nichts überführt, und nur die Melodie bewahrt. Die klingt zwar  auch kriegerisch, ist aber ohne Text langfristig gesehen erträglich.. Also  die Konsequenz wäre: Im Falle von irgendwelchen staatlichen Feierlichkeiten nur noch die Melodie zu summen, welch ein Wohlklang könnte am 14. Juli, dem Nationalfeiertag, entstehen, wenn viele tausend Bürger summend bei einander stehen, wenn sie erbauliche Reden mehr oder weniger erbaulicher Politiker anhören.

4. Übrigens gibt es eine enge historische Verbindung zwischen dem Arc de Triomphe und der Marseillaise, der Nationalhymne. Auf der Seite der Champs-Elysées blickend, gehört zu diesem Monument eine große Skulptur, die den „Auszug der französischen Armee 1792“ darstellt, bekannt unter dem Namen „Marseillaise“.  Wenn schon nicht diese und die anderen Skulpturen, Verherrlichungen von Kriegen und Siegen, verhüllt bleiben. Dann könnte wenigstens musikalisch eine „Text-Verhüllung“ die kriegerischen Geister, bekanntlich immer noch vorhanden, etwas besänftigen. Und die Menschen könnten sich schuldbewusst eingestehen: Was für einen verrückten Text haben wir eigentlich so viele Jahre gesungen. Summen ist doch viel schöner..

Nebenbei: Von der traditionsreichen Nationalhymne Deutschlands wird auch nur noch eine Strophe (mit Text) gesungen. In der DDR hat man auf den Text der Hymne, ebenfalls aus politischen Gründen, verzichtet und in den letzten Jahren nur noch die Melodie der Hymne  „Auferstanden aus Ruinen…“ gespielt. Es gibt für Frankreich also Vorbilder…

Befremdlich ist nach wie vor, dass der eigentlich hoch geschätzte Autor Stefan Zweig 1927 in seinem Buch „Sternstunden der Menschheit“ unter den Erzählungen auch eine Art Lobeshymne auf den Erfinder der „Marseillaise“, Rouget de Lisle., veröffentlichte.  Der Titel dieser kriegsbegeisterten Hymne von Stefan Zweig ist „Das Genie einer Nacht. Die Marseillaise, 25.April 1792“.  Diese begeisterte Verklärung dieses Mord-und Totschlag Liedes durch Stefan Zweig bleibt sehr befremdlich, selbst wenn jetzt seine politischen Äußerungen ihn in ein erfreuliches, fast pazifistisches Licht rücken. Man möchte angesichts dieses hymynischen Textes meinen, Stefan Zweig, im Ersten Weltkrieg bekanntlich kriegsbegeistert, habe die Ereignisse des Tages 25.April 1792 zum Anlass genommen, seine große Kunst der einfühlsamen, stilistisch feinen Erzählung erneut zu beweisen…Ästhetik und ästhetischer Genuss (des Autors selbst) ging also vor historischem Wissen und moralischem Gewissen?

Ich habe schon früher auf den verrückten Blut- und Kriegs- Text der nationalistischen Nationalhymne Frankreichs hingewiesen: LINK 

Der Text des Kriegsliedes, Marseillaise genannt:

Es lohnt sich, den Text aufmerksam zu lesen. Und sich dabei zu fragen: In welcher Welt leben wir eigentlich, dass solche Worte noch als offizielle Hymne in einer Republik gesungen und … eingepaukt werden!

Auf, auf Kinder des Vaterlands!
Der Tag des Ruhmes, der ist da.
Gegen uns wurde der Tyrannei
Blutiges Banner erhoben. (zweimal)
Hört ihr im Land
Das Brüllen der grausamen Krieger?
Sie kommen bis in eure Arme,
Eure Söhne, Eure Gefährtinnen zu erwürgen!
Refrain:
Zu den Waffen, Bürger!
Formt Eure Schlachtreihen,
Marschieren wir, marschieren wir!
Bis unreines Blut
unserer Äcker Furchen tränkt!
(zweimal)
Was will diese Horde von Sklaven,
Von Verrätern, von verschwörerischen Königen?
Für wen diese gemeinen Fesseln,
Diese seit langem vorbereiteten Eisen? (zweimal)
Franzosen, für uns, ach! welche Schmach,
Welchen Zorn muss dies hervorrufen!
Man wagt es, daran zu denken,
Uns in die alte Knechtschaft zu führen!
Refrain
Was! Ausländische Kohorten
Würden über unsere Heime gebieten!
Was! Diese Söldnerscharen würden
Unsere stolzen Krieger niedermachen! (zweimal)
Großer Gott! Mit Ketten an den Händen
Würden sich unsere Häupter dem Joch beugen.
Niederträchtige Despoten würden
Über unser Schicksal bestimmen!
Refrain
Zittert, Tyrannen und Ihr Niederträchtigen
Schande aller Parteien,
Zittert! Eure verruchten Pläne
Werden Euch endlich heimgezahlt! (zweimal)
Jeder ist Soldat, um Euch zu bekämpfen,
Wenn sie fallen, unsere jungen Helden,
Zeugt die Erde neue,
Die bereit sind, gegen Euch zu kämpfen
Refrain
Franzosen, Ihr edlen Krieger,
Versetzt Eure Schläge oder haltet sie zurück!
Verschont diese traurigen Opfer,
Die sich widerwillig gegen uns bewaffnen. (zweimal)
Aber diese blutrünstigen Despoten,
Aber diese Komplizen von Bouillé,
Alle diese Tiger, die erbarmungslos
Die Brust ihrer Mutter zerfleischen!
Refrain
Heilige Liebe zum Vaterland,
Führe, stütze unsere rächenden Arme.
Freiheit, geliebte Freiheit,
Kämpfe mit Deinen Verteidigern! (zweimal)
Unter unseren Flaggen, damit der Sieg
Den Klängen der kräftigen Männer zu Hilfe eilt,
Damit Deine sterbenden Feinde
Deinen Sieg und unseren Ruhm sehen!
Refrain
Wir werden des Lebens Weg weiter beschreiten,
Wenn die Älteren nicht mehr da sein werden,
Wir werden dort ihren Staub
Und ihrer Tugenden Spur finden. (zweimal)
Eher ihren Sarg teilen
Als sie überleben wollen,
Werden wir mit erhabenem Stolz
Sie rächen oder ihnen folgen.
Refrain

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Erzbischof Heße bleibt im Amt.

Wo das Mittelalter lebt und man(n) mittelalterlich denkt. Ein Hinweis auch zur Sprachphilosophie

Von Christian Modehn

Heutige Philosophie und damit auch Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie befasst sich mit der Analyse der Sprache, also der gesprochenen und geschriebenen Sprache in verschiedenen kulturellen Milieus.

1. Um den LeserInnen einen Eindruck zu vermitteln, wie und wo das mittelalterliche Denken heute noch lebt, dokumentiere ich eine aktuelle offizielle Mitteilung der Apostolischen Nuntiatur in Berlin. Die Apostolische Nuntiatur ist ein frommer Titel für „Botschaft der Vatikan-Stadt“, auch „heiliger Stuhl“ genannt. Man bedenke, dass mit dem mittelalterlichen Titel „Apostolische Nuntiatur“ angedeutet, wenn nicht unterstellt wird: Die ersten Apostel, etwa der Fischer Petrus, wären froh, wenn es zu ihren Ehren weltweit pompöse Papst-Botschaften (Nuntiaturen) gibt… Aber das ist ein anderes Thema.

2. Zum Text selbst: Inhaltlich geht es darum, dass Papst Franziskus jetzt das Rücktrittsangebot des Hamburger Erzbischofs Stefan Heße NICHT angenommen hat. Heße wurden bekanntlich von der Anwaltskanzlei Gercke Wollschläger elf Pflichtverletzungen im Zusammenhang mit der Aufklärung von sexueller Gewalt durch Priester im Erzbistum Köln nachgewiesen. Am 18. März 2021 hatte Heße deswegen den Papst gebeten, seinen Rücktritt als Erzbischof von Hamburg anzunehmen. Ein Bischof tritt bekanntlich einfach zurück und verschwindet dann in einer Privatwohnung, sondern er bittet den „Heiligen Vater“ in Rom, dass er ihm die Freiheit des Rücktritts doch bitte bitte lassenmöge.  Bischöfe sind also wie Kinder, die den Papi bitten, darf ich mal auf die Straße gehen… Auch dies ein anderes Thema.

Und dieser angeblich so progressive und aufgeschlossene Papst sagte abermals NEIN, wie schon im Falle von Kardinal Marx in München. Offenbar gibt es so wenige Kleriker, die diesen Job eines Bischofs heute noch ausüben wollen und (meist nicht) können…

3. Zur Lektüre des Textes der Apostolischen Nuntiatur: Der letzte und wichtigste Teil des Schreibens besteht aus einem ultra-langen Satz, eine Sprache, die typisch ist für Bürokratien und Behörden.

Und der daran anschließende Satz schleudert uns in eine mittelalterliche Welt zurück.

Aber lesen Sie selbst den ersten Lang-Satz:

„In Anbetracht der Tatsache, dass der Erzbischof seine in der Vergangenheit begangenen Fehler in Demut anerkannt und sein Amt zur Verfügung gestellt hat, hat der Heilige Vater, nach Abwägung der über die Visitatoren und durch die einbezogenen Dikasterien der Römischen Kurie zu ihm gelangten Bewertungen, entschieden, den Amtsverzicht S.E. Mons. Heßes nicht anzunehmen, sondern ihn zu bitten, seine Sendung als Erzbischof von Hamburg im Geist der Versöhnung und des Dienstes an Gott und den seiner Hirtensorge anvertrauten Gläubigen fortzuführen.“

So „verschwurbelt“ sprechen und schreiben nur Bürokraten.

Inhaltlich gesehen bedenke man weiter: Wenn ein Bischof also mal demütig ist und auch mal Fehler anerkennt, und noch pro forma sein Amt zur Verfügung stellt, dann hat er als möglicher Täter und Vertuscher alle Chancen, seinen exzellenten und gut bezahlten Job fortzuführen. Die Opfer sind selbstverständlich nicht so wichtig. „Grob gesagt bekommen Erzbischöfe etwa 12.000 Euro Grundgehalt im Monat, Auch hier kommen Dienstwohnungen und –wagen dazu, inklusive Chauffeur. Bischöfe, Weihbischöfe und Domkapitulare werden in der Regel auch aus der Staatskasse entlohnt“. (Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/21935-was-verdient-man-eigentlich-als-priester)

4. Und nach diesem Lang-Satz der Absprung ins mittelalterliche Denken durch den Botschafter des Heiligen Stuhls in Berlin, genannt Nuntius: „Dazu erbittet der Heilige Vater Erzbischof Heße und dem Erzbistum Hamburg, auf die Fürbitte der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria und des Heiligen Ansgar, Gottes reichen Segen.“ (Quelle: https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2021/Mitteilung-Heiliger-Stuhl.pdf)

5. Und ich möchte religionskritisch und sanft zynisch den Hinweis auf dieses unsägliche Geschehen beenden, und dabei noch einmal mit dem mittelalterlichen Aberglauben spielen, der ja wie gesehen in den Köpfen vatikanischer Beamter und Prälaten herumspukt. Denn all diese himmlischen Fürsprachen etc. sind doch, sorry, Aberglauben oder vornehmer Mittalter…

In diesem Sinne schlage ich vor als fromme mittelalterliche Schlußfloskel zum Brief des Nuntius zum Fall  Heße:  „Und wir bitten den Heiligen Geist, die dritte Person der Trinität im Himmel, dass er mit all seiner Kraft die Gehirne von Prälaten und Päpsten zur Vernunft hin bewege. Und dies alles möge geschehen unter der himmlischen Fürsprache des heiligen Franziskus von Assisi, des Namensgebers unseres heiligen Vaters,  und unter dem Beistand des heiligen Josef, des Pflegevaters Jesu, in dessen Gedenken wir dieses Jahr 2021 fromm gestalten und die Josefs-Ehen fördern… und so weiter und so weiter ad aeternum…! ABER: Möge um Himmels willen der so großartige zölibatäre Klerus immer fortbestehen, auch wenn es in bald (seinetwegen) keine katholischen Gläubigen mehr gibt“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Marx, Wagner, Nietzsche

Über ein neues Buch von Herfried Münkler

Ein Hinweis von Christian Modehn

Herfried Münkler, Professor em. für Politikwissenschaft an der Humboldt Universität in Berlin, legt ein gleichermaßen umfangreiches wie originelles Buch vor: Die drei „Denker“, um diesen etwas pathetischen Oberbegriff für Marx, Wagner und Nietzsche zu gebrauchen, haben mit ihren Werken auf je unterschiedliche Weise den globalen Umbruch im 19. Jahrhundert und darüber hinaus mit-bestimmt. Ihr politischer, künstlerischer und kultureller Einfluss ist bis heute evident, nicht nur in Europa. Die Werke der drei Deutschen sind keineswegs „ausstudiert“. Man hätte sich wohl auch drei maßgebliche europäische, nicht-deutsche „Denker“ aus dem 19. Jahrhundert vorstellen können. Aber die Bedeutung der drei Deutschen ist unumstritten, und dies zu sagen, hat nichts mit Nationalismus zu tun..

1. Herfried Münkler bietet einen interessanten neuen Ansatz: Er präsentiert und diskutiert Marx, Wagner und Nietzsche NICHT jeweils für sich getrennt, sondern zeigt in allen Kapiteln seines 620 Text-Seiten umfassenden Buches Querverbindungen, Gemeinsamkeiten, Widersprüche. Das macht die Lektüre spannend, aber manchmal auch anstrengend, weil eben von dem einen zum anderen gesprungen wird. Münkler „bringt die Drei miteinander ins Gespräch“, selbst wenn sie, historisch gesehen, kaum Kenntnis voneinander hatten, sieht man einmal von den Beziehungen zwischen dem jungen Nietzsche und Wagner ab. Die drei können sogar, meint Münkler, Begleiter sein im 21. Jahrhundert, aber, und das ist wichtig, „wobei diese Begleitung eher eine der kritischen Infragestellung als eine der selbstsicheren Wegweisung ist“ (616).

Um das besondere Profil jedes der drei im Sinne Münkles anzudeuten: Marx „als Ökonom und Soziologe setzt auf die Revolution der sozioökonomischen Verhältnisse, Wagner auf die kulturelle Regeneration und Nietzsche auf die Schaffung eines neuen Menschen“ (ebd.)

2. Münkler berichtet, dass er sich als Politologe selbstverständlich seit langem mit Marx auseinandergesetzt hat. Neu dürfte für manche die jahrelange Beschäftigung Münklers mit Richard Wagner sein, er kommt lang und breit in dem Buch zu Wort. Nietzsche hingegen ist wohl er anlässlich der Studien zu diesem Buch für Münkler wichtig geworden (vgl. S. 715).

3. Unter den neun Kapiteln des Buches, die sich auf gemeinsame Sachthemen der drei beziehen, möchte ich vor allem auf das 5. Kapitel „Zwischen Religionskritik und Religionsstiftung“ hinweisen (S. 209 – 289). Das 19. Jahrhundert war nach der Französischen Revolution einerseits vor allem von einer Krise des Katholizismus bestimmt mit den ersten großen Umbrüchen in Richtung Säkularisierung des religiösen Bewusstseins. Andererseits war es aber auch das Jahrhundert vieler Religionsgründungen und Abspaltungen von den großen Konfessionen im Sinne von „Sekten“-Gründungen: Um nur einige zu nennen: Man denke an die Religion des Positivismus gegründet von A. Comte oder an den Altkatholizismus, an neue religiöse Gemeinschaften in den USA, wie die Christian Science oder die Mormonen oder an sehr beliebte esoterische Bewegungen damals wie den Spiritismus. Ich finde es schade, dass Herfried Münkler in seinem Religionskapitel dieses breite und durchaus diffuse religiöse „Aufblühen“ im 19. Jahrhundert in seiner Darstellung der „drei“ nicht berücksichtigt.

4. Marx, Wagner und Nietzsche haben je verschiedene, ganz ungewöhnliche Verbindungen zum Religiösen bzw. konkret zum Christlichen/Kirchlichen. Bei Marx werden die religiösen, d.h. christlichen und jüdischen Lehren „ins Diesseits verlagert“ (211). Im 20. Jahrhundert wird dann „der Kapitalismus als Religion“ thematisiert. Vom Kommunismus als Religion, etwa mit dem Stalin-Kult, spricht Münkler nicht, weil er als Historiker meint, Karl Marx habe mit dem Staats-Kommunismus in der UDSSR nichts direkt zu tun.

Richard Wagner ist bekanntlich als Antisemit auch ein Religionsgründer, er will mit seinen Festspielen eine Art neuer Kunst-Religion etablieren. „Erst in der 1950er Jahren kam ein Prozess der Desakralisierung (von Wagners Opern) in Gang“ (214). Nietzsche benannte und verkündete in seinen Aphorismen und in seinem „Zarathustra“ das faktische geistige und spirituelle Ende des Christentums. Aber Nietzsche hat mit seiner Lehre vom Übermenschen und der Ewigen Wiederkehr des Gleichen neue religiöse Dimensionen für die „wenigen“ „freien Geister“ erschließen wollen.

In dem Religionskapitel zeigt sich Münkler besonders als Kenner der künstlerischen Welt Wagners. Auf vielen Seiten werden die Inhalte des „Ring“ dargestellt… Dabei zeigt sich „Wagners Sorge um die Zukunft der Religion in einer arelgiösen Welt“ (S. 246). „Was Wagners religiöse Vorstellungswelt durchgängig prägt, ist sein Distanz gegenüber allen Formen der Institutionalisierung des Religiösen, also gegenüber der Kirche und einer dogmatischen Theologie“ (279).

Das ist, möchte man meinen, auch ein ganz aktuelles, “heutiges“ Thema im 21. Jahrhundert, wenn Münkler Wagners Lehre referiert: „Der Theologe als Hüter des religiösen wird durch den Künstler ersetzt“. Heute gibt es neben den Künstlern und Musikern viele „Hüter“ des Religiösen, nicht des explizit Christlichen, bis hin in die eher profane Welt der „heiligen“ richtigen Ernährung und der „absoluten“ Gesundheitspflege als Ideal der Reichen in der reichen Welt…

5. Ich möchte das Thema des Buches etwas erweitern: Was bieten die drei Religionsgründer heute an gemeinsamen Impulsen? Zu dieser Frage führt ja die Lektüre dieses Kapitels…

Die Leidenschaft und geistige Energie von Karl Marx zugunsten einer umfassenden Gerechtigkeit auch für Ausgegrenzten und Armgemachten lebt jetzt in der lateinamerikanischen Befreiungstheologie und den Basisgemeinden weiter. Es gibt also heute ein emanzipatorisches Christentum, das vielleicht Marx erfreuen würde. Weil die dogmatische Hierarchie in Rom spürt, dass in dieser Theologie „etwas Marx“ vorhanden ist, hat der Vatikan diese Theologie auch systematisch zu zerstören versucht, etwa im Bündnis von Papst Johannes Paul II. mit Reagan und dem CIA.

Die Vorstellung, Kunst könnte Religion sein, (siehe Wagner), findet sich fragmentarisch in den letzten Aktualisierungen einer „liberalen Theologie“, die sehr treffend und richtig jedem Menschen eine eigene religiöse Kreativität zutraut. Und religiöse Erfahrungen gerade durch und mit Kunst/Musik etc. für möglich hält und dazu die Chance bietet in den Räumen christlicher Kirchengebäude.

Und Nietzsche? Er ist überzeugend, dass „die Kirche zum Grab Gottes“ geworden ist (in der „Fröhlichen Wissenschaft“, bei Münkler S. 220). Das heißt: Die starren Lehren einer letztlich unwandelbaren und damit vor allem nicht mehr lebendigen Kirche wird für viele, die darin noch verweilen, zum Grab Gottes: Sie werden wegen und durch die Kirchen förmlich zu Atheisten… In dogmatisch erstarrten Kirchen und Sekten wird der Glaube an Gott vertrieben…(Siehe etwa die Studien „Religionsverlust durch religiöse Erziehung“, etwa Erwin Ringel und andere)

6. Das neue Buch von Herfried Münkler bietet überraschende Perspektiven, es ist gut geeignet für Menschen, die ihre Kenntnisse von Marx, Wagner und Nietzsche vertiefen wollen. Münkler zeigt, wie unterschiedlich diese drei Denker des 19. Jahrhunderts auf die globale, politische, ökonomische und kulturelle Krise reagieren.

Man hätte sich gewünscht, in welcher gebrochenen Form die Werke dieser drei je unterschiedlich dann im 20. und nun schon im 21. Jahrhundert rezipiert werden. Dass Marx als Sozialkritiker und Ökonom auch jetzt wieder viel gelesen und debattiert wird, deutet Münkler an. Aber es gibt heute wieder explizite Marxisten und Kommunisten, etwa unter Frankreichs Philosophen (Badiou usw.)…

Dass sich Nietzsches Nihilismus und sein Plädoyer fürs Herrenmenschentum im Bewusstsein und der sozialen/politischen Praxis der Reichen in den reichen Ländern durchgesetzt hat, steht außer Frage. Egismus ist die wichtigste Untugend der Gegenwart. Und Wagners Opern stehen unerschüttert auf den Spielplänen der Opernhäuser, Bayreuth bleibt doch ein säkularer Pilgerort, bei dem die Reichen und Schönen und Spitzenpolitiker sich gern zeigen. Ob sie wirklich von diesen germanischen Mythen innerlich bewegt sind, ist hoffentlich eine offene Frage. Das Hören der Bergpredigt in einem christlichen Gottesdienst kann einige Menschen vielleicht noch verändern, auch politisch zu mehr Solidarität bewegen. Ob dies mit den germanischen Mythen (auch à la Wagner) gelingt, wage ich sehr zu bezweifeln. Es gibt selbstverständlich auch hierzulande einen bisher kaum diskutierten Kultur-“Genuss“ aus purer Langeweile („Ich hörte nun zum 5. Mal Lohengrin“  etc.) oder aus Repräsentationspflicht.

Herfried Münkler,“ Marx, Wagner, Nietzsche. Welt im Umbruch“. Rowohlt-Verlag Berlin, 2021, 718 Seiten, 34 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Armin Laschets Lügen und sein Opus Dei.

Ein Hinweis auch zur widerwärtigen Rote-Socken Kampagne der CDU im Jahr 2021.  Siehe unten auch den aktuellen, per email versendeten Kommentar von Heribert Prantl über „Stinkstiefeleien im Wahlkampf“ (am 19.9.2021 von H. Prantl veröffentlicht)

Von Christian Modehn

1.Der Kanzlerkandidat der UNION Armin Laschet kämpft mit allen Mitteln, auch mit unanständigen, um seinen Wahlsieg. So auf dem CSU-Parteitag am 11.9.2021. Ich zitiere den  Deutschlandfunk: „Laschet hatte in seiner Rede gesagt, in allen Entscheidungen der Nachkriegsgeschichte hätten die Sozialdemokraten immer auf der falschen Seite gestanden. Laschet hatte die Warnung vor einer Regierung aus SPD und Grünen in den Mittelpunkt seiner Rede gestellt. Steuererhöhungen und mehr Bürokratie würden den Wohlstand gefährden, sagte der CDU-Chef in Nürnberg. Dem SPD-Kanzlerkandidaten und Finanzminister Scholz warf Laschet vor, sich eine Hintertür für eine Koalition mit der Linken offenzuhalten“.

2.Führende Vertreter der SPD äußerten sich zu Laschets Polemik, dies berichtet etwa der Deutschlandfunk am 11.9.2021: „Bundesarbeitsminister Heil erklärte, den Beitrag der Sozialdemokratie zum Aufbau des Landes und der Demokratie zu leugnen, sei nicht nur geschichtsvergessen, sondern unanständig und würdelos. SPD-Generalsekretär Klingbeil äußerte sich ähnlich und meinte, die Union unter Laschet gehöre in die Opposition“.

3.Angesichts dieser „unanständigen und würdelosen Äußerungen“ Laschets könnte man erneut reflektieren über die Bedeutung des „C“ für den Vorsitzenden dieser C Partei und die C – Partei insgesamt.  Vom C ist in diesen Parteien nichts mehr übrig geblieben, heißt die bekannte Erkenntnis.

4.Naheliegend ist es, Herrn Laschet an einige theologisch-ethische Auffassungen zum Thema Lüge zu erinnern, die sogar in OPUS-DEI Kreisen verbreitet werden. Das könnte Herrn Lachet interessieren, wo doch seine Familie bekanntermaßen eine familiäre Bindung an das Opus Dei hat. LINK.

5.Die Lügen und das Opus Dei:

Der Wiener Psychiater Dr. Raphael Bonelli hat auf einer Opus-Dei-Veranstaltung im Münchner Opus-Dei-Zentrum „Weidenau“ über die „Lüge als schreckliches Drama“ im Oktober 2010 referiert. Bonelli ist bekanntermaßen eng verbunden mit sehr konservativen katholischen Institutionen, wie kath.net oder der theologischen Hochschule in Heiligenkreuz usw., Bonelli ist Opus Dei Mitglied (Belege dafür unten, Fußnote 1)

6.Die Opus Dei-Website fasst den Vortrag des Opus Dei -Mitgliedes Bonelli zusammen.

Der Inhalt dürfte dem Opus Dei affinen Herrn Laschet und seinen C Wähler vielleicht noch zu denken geben, vielleicht folgen sie den Opus-Dei-Weisungen?

„In den Sitzungen mit seinen Patienten stelle er (Bonelli) immer wieder fest, dass die Unwahrheit wie ein Gift wirke, das alle menschlichen Beziehungen zerstöre. Die Lügner würden in der Regel höchstens ein wenig Schwindelei zugeben und überdies für sich in Anspruch nehmen, damit ihren Mitmenschen nur Unbehagen ersparen zu wollen. Wörtlich sagte Bonelli: „Der Lügner lügt aber nicht aus Nächstenliebe. Sein Problem ist vielmehr die Feigheit vor kleinen Schwierigkeiten. Es geht ihm um eine momentane Unlustvermeidung. Was morgen kommt, ist ihm egal“, beschrieb der Referent einen Prozess, der in einen Gewöhnungseffekt des allmählichen Wegschauens einmünde. Je tiefer der notorische Lügner in seinen Unwahrheiten versinke, desto weniger sei er sich dessen bewusst. Daher lautet Bonellis dringende Empfehlung: „Ich darf niemals etwas sagen, was nicht stimmt“. Und dann berief sich  Bonelli auf die „kluge“ Opus-DEI-Praxis: „Das heißt aber auch, dass ich nicht immer die volle Wahrheit sagen muss.“ (Quelle: https://opusdei.org/de-de/article/die-luge-ist-ein-schreckliches-drama/)

Fußnote 1 zur Opus Dei-Mitgliedschaft von BonellI:: https://www.falter.at/zeitung/20070912/raphael-bonelli/1836150010;; https://www.biologie-seite.de/Biologie/Raphael_M._Bonelli; https://www.aargauerzeitung.ch/verschiedenes/bischof-huonder-holt-mitglied-von-opus-dei-als-referenten-ld.1617745

Copyright: Christian Modehn. Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der aktuelle Kommentar von Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung vom 19.9.2021

 

 

STINKSTIELEIEN IM WAHLKAMPF:
Heribert Prantl beleuchtet ein Thema, das in der kommenden Woche wichtig ist – und manchmal auch darüber hinaus am 19.9.2021

 

In den letzten wilden Wahlkampftagen kam mir der alte Spruch vom Zeigefinger in den Sinn. Er stammt von Gustav Heinemann, dem dritten Bundespräsidenten, der ein unbequemer Demokrat war, ein nachdenklicher Jurist und ein engagierter Christ. Heinemann hat 1968, es war in einer Zeit heftiger innenpolitischer Auseinandersetzungen und er war noch Justizminister im Kabinett von Willy Brandt, an eine anatomisch-moralische Tatsache erinnert: „Wer mit dem Zeigefinger allgemeiner Vorwürfe auf den oder die vermeintlichen Anstifter oder Drahtzieher zeigt, sollte bedenken, dass in der Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger zugleich drei andere Finger auf ihn selbst zurückweisen.“

In diesen letzten Wahlkampftagen gilt dies für Armin Laschet und seine Parteifreunde. Der CDU-Kanzlerkandidat versucht, unter Hinweis auf staatsanwaltschaftliche Durchsuchungen im Bundesfinanzministerium seinem Konkurrenten Olaf Scholz einen Skandal anzuhängen – irgendwas mit Geldwäsche. Ja, es gibt einen Skandal, aber dieser Skandal ist kein Scholz-Skandal, sondern ein Justizskandal. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück hat ihre Ermittlungen gegen die Geldwäsche-Zentralstelle des Zolls in Köln so in Szene gesetzt: Sie hat einen von ihr erwirkten richterlichen Durchsuchungsbeschluss so unsauber und verfälscht in die Öffentlichkeit getragen, dass der Eindruck entstehen musste, es würde gegen Scholz ermittelt. Und damit nicht genug: Als Scholzens Staatssekretär Wolfgang Schmidt diesen Eindruck zu korrigieren versuchte, indem er das einschlägige richterliche Dokument auf Twitter präsentierte, wurde er von der Staatsanwaltschaft Osnabrück deswegen mit einem weiteren strafrechtlichen Ermittlungsverfahren gegen ihn persönlich traktiert.

Chefermittler und CDU-Funktionär

Sind das nur merkwürdige Zufälle? Oder sind das Aktionen, um dem SPD-Kanzlerkandidaten bewusst zu schaden oder eine solche Schädigung zumindest billigend in Kauf zu nehmen? Der Chef der Osnabrücker Ermittler, also der Betreiber dieser Aktionen heißt Bernard Südbeck. Er ist nicht nur Leitender Oberstaatsanwalt, sondern auch CDU-Mitglied und CDU-Funktionär, nämlich Chef der CDU in Cloppenburg. Ist der ein Schelm, wer Böses dabei denkt? Egal, welcher Partei Staatsanwälte angehören, sie haben unvoreingenommen zu ermitteln und dabei verhältnismäßig vorzugehen. Daran darf man im vorliegenden Fall zweifeln.

Wie man mit Presseerklärungen Geschichte schreibt

Historisch interessierte Menschen wissen, dass man durch missverständliche, dass man durch Presseerklärungen, die die Tatsachen verfälschen, nicht nur einen Wahlkampf beeinflussen, sondern sogar einen Krieg auslösen kann. Bismarck hat 1870 ein Telegramm des preußischen Königs Wilhelm I., der im Kurort Bad Ems weilte, so schroff als Pressemitteilung umformuliert, verkürzt und dann verbreiten lassen, dass aus einer eher harmlosen diplomatischen Auseinandersetzung mit Frankreich eine giftige Provokation wurde. Napoleon III. sah in dieser Provokation, wie von Bismarck gewollt, den Grund für seine Kriegserklärung an Preußen. So begann mit der „Emser Depesche“ der deutsch-französische Krieg von 1870/71. Eine solche Bedeutung hat nun der deutsche Wahlkampf von 2021 ganz gewiss nicht und die Presseerklärung der Staatsanwaltschaft Osnabrück ist keine Emser Depesche im Miniformat. Aber eine Stinkstiefelei ist die ganze Sache schon. Sie sollte wohl auch die Erinnerung an alte Skandale wachrufen, in denen Scholz nicht besonders gut aussah. Mit bloßem Verfolgungseifer ist das nicht zu erklären. Aber mit solchem Verfolgungseifer ist Staatsanwalt Südbeck schon einmal aufgefallen, als er – wie die SZ es am 15. Mai 2009 -beschrieb („Jagdszenen aus Oldenburg„), seine Kompetenzen überschritt, um an einer anonymen Strafanzeige mitzuwirken.

Das Recht dient nicht dem Wahlkampf

Nicht nur Heinemanns Satz vom Zeigefinger kam mir in diesen Laschet/Scholz/Baerbock-Tagen in Sinn, sondern auch ein berühmter juristischer Vortrag: Rudolf von Jhering, ein hochgelehrter Starjurist des 19. Jahrhunderts, hat ihn vor fast 150 Jahren gehalten, im Jahr 1872. Der Vortrag trug den Titel: „Der Kampf ums Recht“. Das gedruckte Manuskript wurde eines der erfolgreichsten juristischen Bücher, die in Deutschland je erschienen sind – es gab zwölf Auflagen in zwei Jahren; das Buch wurde in 26 Sprachen übersetzt. In diesem Buch findet sich der markige Satz: „Das Leben des Rechts ist ein Kampf“; der Kampf ums Recht sei „ein Akt der ethischen Selbsterhaltung“. So ein Paragraphen-Militarismus ist heute nicht mehr ganz so angesagt wie damals. Gleichwohl: Sollte der Leiter der Osnabrücker Staatsanwaltschaft das Buch gelesen und goutiert haben, dann hat er es missverstanden. Da steht: „Das Recht ist ein Kampf“. Da steht nicht: „Das Recht ist ein Wahlkampf“, da steht auch nicht „Das Recht dient dem Wahlkampf“. Seit meinem Newsletter vom vergangenen Sonntag sind einige einschlägige Merkwürdigkeiten hinzugekommen, die den Verdacht des Rechtsmissbrauchs nähren.

Schauen wir uns die Sache näher an: Die für Geldwäsche zuständige Behörde heißt FIU (Financial Intelligence Unit), sie sitzt in Köln und steht seit längerer Zeit im Verdacht, Hinweise von Banken oder Notaren auf Geldwäsche nicht an Polizei und Staatsanwaltschaft weitergeleitet zu haben. Die FIU gehörte ursprünglich zum BKA; der Vorgänger von Scholz als Finanzminister, Wolfgang Schäuble, hat die Geldwäsche-Zentralstelle dann dem Zoll zugeschlagen; lege artis war das nicht. Nicht nur Banken und Notare, auch die Compliance-Abteilungen großer Konzerne wunderten sich immer wieder, dass ihre Anzeigen bei der FIU im Sande verliefen. Insofern war und ist es zunächst einmal begrüßenswert, dass die Staatsanwaltschaft Osnabrück seit 2020 in Fällen ermittelt, in denen es konkrete Hinweise gibt, dass die FIU dem Verdacht der Geldwäsche nicht nachgegangen ist.

Verwunderliches, Merkwürdiges, Suspektes

Ein wenig verwunderlich war freilich, dass die Staatsanwaltschaft sich Korrespondenzen zwischen der FIU und dem Finanz- sowie dem Justizministerium von den beiden Ministerien nicht einfach hat vorlegen lassen. Vielleicht haben die Ermittler befürchtet, dass die Ministerien von sich aus nicht alles offenlegen. Angesichts der schon länger dauernden Ermittlungen ist aber bemerkenswert, dass die Staatsanwaltschaft einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss erst so spät, nämlich am 10. August, also in der heißen Wahlkampfphase, erwirkt und dann, in der heißesten Phase, zwei Wochen vor der Bundestagswahl vollstrecken lässt. Diese Vorgehensweise hatte zwar ein Gschmäckle, ließ sich jedoch damit begründen, dass die Staatsanwaltschaft als Ermittlungsbehörde nicht auf Wahlkämpfe Rücksicht nehmen muss – ja möglicherweise dazu beiträgt, dass neue, gewichtige Fakten auf den Tisch kommen, die den Wählern bei ihrer Beurteilung der Kandidaten nicht vorenthalten werden sollten.

Spätestens von da an wird es aber suspekt: Die Staatsanwaltschaft teilt in ihrer Presseerklärung etwas Anderes über den von ihr erwirkten richterlichen Durchsuchungsbeschluss mit, als es dieser Durchsuchungsbeschluss vorsieht und erlaubt: Die Presseerklärung spricht nämlich von Ermittlungen auch in Richtung der Leitung der Ministerien, also potentiell gegen Finanzminister Scholz. Der richterliche Beschluss erlaubt aber lediglich die Suche nach Korrespondenzen zwischen Mitarbeitern der FIU und solchen des Finanzministeriums. Dieser Unterschied war und ist gravierend. Mit diesen von der Staatsanwaltschaft falsch dargestellten Fakten geriet Scholz in die politische Schusslinie.

Und nun kommen wir vom Suspekten zum Anrüchigen: Finanzstaatssekretär Schmidt, ein sehr enger Vertrauter von Scholz, der durch Veröffentlichung von Auszügen beider Dokumente (also Presseerklärung und Durchsuchungsbeschluss) auf diese Ungereimtheit hinweist, wird deswegen von der Staatsanwaltschaft Osnabrück mit einem Ermittlungsverfahren wegen der angeblichen Begehung einer Straftat nach Paragraf 353 d Strafgesetzbuch überzogen. Nach diesem Paragraf 353 d StGB wird mit Geldstrafe oder Haft bis zu einem Jahr bestraft, wer amtliche Dokumente eines Strafverfahrens in wesentlichen Teilen öffentlich mitteilt, bevor sie in öffentlicher Gerichtsverhandlung erörtert worden sind oder das Verfahren abgeschlossen ist. Mit dieser Strafnorm soll der Beschuldigte vor Vorverurteilungen bewahrt und die Laienrichter, die im Strafverfahren keine Einsicht in die Strafakten erhalten, sollen in ihrer Unvoreingenommenheit geschützt werden. Auch wenn die Strafnorm, weil pressefeindlich, umstritten ist, hat sie das Bundesverfassungsgericht bisher in seinen Entscheidungen für verfassungsgemäß erklärt. So weit, so gut.

Ein böser Witz

Aber wer ist hier als Erster an die Öffentlichkeit getreten? Es war die Staatsanwaltschaft mit einer Presseerklärung, in der sie den Durchsuchungsbeschluss unrichtig wiedergegeben hat! Mit dieser Unrichtigkeit hat sie die Voreingenommenheit der Öffentlichkeit selbst präpariert – und der Staatssekretär hat mit seiner Veröffentlichung des Durchsuchungsbeschlusses dazu beigetragen, die Unvoreingenommenheit wieder herzustellen. Das ist nicht strafbar, das wird vom Schutzzweck der Strafnorm nicht erfasst. Das Ermittlungsverfahren ist daher rechtsmissbräuchlich. Es bleibt auch rechtsmissbräuchlich, wenn die Staatsanwaltschaft Osnabrück es nun an die Staatsanwaltschaft in Berlin abgegeben hat. Es ist auf dem Mist des Osnabrücker Staatsanwaltschaft gewachsen. Mit solchen Rechtsmissbräuchlichkeiten sollte sich Armin Laschet nicht munitionieren.

Laschet muss auf seinen Zeigefinger achten. Die drei Finger, die auf ihn selbst zeigen, weisen ihn darauf hin, dass sein Parteifreund erstens eine verfälschte Presseerklärung in die Welt gesetzt hat, zweitens denjenigen, der das aufklärt, mit Strafverfolgung überzieht, und drittens dabei jede Verhältnismäßigkeit vermissen lässt. Das Recht mag ein Kampf sein. Ein Wahlkampf ist es nicht.

Ich wünsche Ihnen eine gute letzte Wahlkampfwoche – und die Kraft der Erkenntnis, die man beim Wählen braucht.

Ihr
Heribert Prantl,
Kolumnist und Autor der Süddeutschen Zeitung

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

Der Wahn der Gotteskrieger: Warum ist Religionskritik oft so hilflos?

Die neunte Frage der Reihe „Unerhörte Fragen“. Anläßlich des 11.9. 2001

Von Christian Modehn, veröffentlicht am 11.9.2021

1.

An den 11. September 2001 erinnern heißt: An die zerstörerische Gewalt eines fundamentalistischen Glaubens erinnern. Also an einen Wahn. Wie viele Berichte wurden über einen der wichtigsten Massen-Mörder des 11. September 2001, über Mohammed Atta, Sohn eines ägyptischen Rechtsanwaltes, geschrieben?

2.

In aller Kürze und auf dem neuesten Stand der Forschung schreibt die Frankfurter Dschihadismus-Forscherin Prof. Susanne Schröter (Die ZEIT, 9.Sept. 2021, S. 68) das Entscheidende: Mohammed Atta war der intellektuelle Kopf von fünf Entführern des „American-Airlines“-Flugzeuges, das in den „Nordturm“ des Welthandelszentrums von New York gelenkt wurde. Er war überzeugter Dschihadist.

3.

Die erste Erkenntnis: “Der Dschihadismus ist ein religiöses Phänomen“. Zweitens: Die Mörder waren deswegen bestimmt von einem religiösen Heilsversprechen des islamischen Glaubens.  Drittens: Prof. Susanne Schröter, schreibt: „Wer diese fromme Spielart des Terrors bekämpfen will, darf sein Heilsversprechen nicht unterschätzen: die Aussicht auf einen unmittelbaren Zugang des Attentäters zum Paradies“. Und dann die nicht gerade zuversichtlich stimmenden Worte: „Wer daran wirklich glaubt, ist mit weltlichen Argumenten kaum zu überzeugen“.

4.

Die aufgeklärten, der Vernunft vertrauenden Menschen, sind nach dieser Erkenntnis in gewisser Weise hilflos… Man könnte mit dieser Einschätzung als Sympathisant der reaktionären Clique der pauschalen rechtsextremen Islam-Feinde eingestuft werden. Mit denen aber haben Dschihadismus-Kritiker gar nichts zu tun…

Trotzdem bleibt die Frage: Was tun mit Menschen, die mit Argumenten nicht mehr erreichbar sind…Man denke, nebenbei, auch an die Leute, die mit esoterischen Gründen sich weigern, sich impfen zu lassen; die Gefährdung des eigenen wie das Leben anderer ist diesen so genannten Freiheitskämpfern schnuppe. Sie sind nichts als eigensinnige Egoisten…, aber das ist ein anderes Thema..

Viel schwerwiegender ist die Erkenntnis: Mit den radikalen Islamisten, den Dschihadisten, ist kein Dialog möglich. Sie sind total eingefangen in ihrer absoluten göttlichen „Idee“.

5.

Die Verteidiger der Vernunft und der hierzulande absolut selbstverständlichen Religionskritik sind zunächst also hilflos angesichts dieser Erkenntnisse von Prof. Susanne Schröter. Es muss die Erkenntnis vertieft werde, ein altes Thema der Religionskritik: Wie stark können Religionen die Menschen vergiften? Das gilt für alle Religionen. Und es stellt sich die Frage: Welche Gestalt einer vernünftigen Religion ist als Bezug zu einer göttlichen Wirklichkeit noch gültig?

6.

Wird die Säkularisierung der Lebensverhältnisse auch für Muslime eine Abkehr von religiösem Wahn nach sich ziehen? Bisher ist davon wenig zu spüren! Die Aufgabe heißt: Die Tendenzen einer säkularen und demokratischen Lebensweise gilt es zu fördern und zu unterstützen und rechtlich durchzusetzen. Darum sollte man etwa in den Gesprächen zwischen Christen und Muslimen nicht so sehr von Gott, sondern von der Chance und dem Glück einer säkularen Lebensform sprechen. Christen sollten den Mut haben zu sagen: Viel mehr Religionskritik und ein Ernstnehmen des Atheismus tun uns menschlich gut. Religiöse Menschen sollten immer auch Kritiker ihrer eigenen Religion sein…

7.

Dann sollten die Kontrollen des demokratischen Recht-Staates über die Moscheen verstärkt werden…Man sollte prüfen, was denn da so alles gepredigt wird etc. Die Franzosen unter Präsident Macron haben jetzt erste richtige Schritte getan zum Schutz des säkularen Staates. Susanne Schröter schreibt in der ZEIT: „Oft vergehen viele Jahre, bevor radikale Vereine verboten oder extremistische Moscheen geschlossen werden. Auch die Hamburger Al-Quds Moschee, die für die Hamburger Zelle große Bedeutung besaß, wurde erst Jahre nach den Attentaten vom 11. September 2001 geschlossen“ (ebd.). Genauer gesagt: Diese Moschee in der Nähe des Hauptbahnhofs wurde erst im August 2010 geschlossen, nachdem weitere Fälle extremistischer Praxis deutlich wurden…

8.

Und die ebenfalls noch immer sehr aufs Jenseits, den Himmel, die Hölle, den Teufel, das Paradies fixierten Christen und ihre oft ja auch noch fundamentalistischen Dogmatiker und Bischöfe? Die sollten den Mut haben und sagen: Von diesen „letzten Dingen“ sprechen wir jetzt nicht mehr. Was Gott mit den Verstorbenen in seinem Himmel „macht“, bleibt sein Geheimnis. Entscheidend ist: „Gestalten wir die Erde, die Staaten und Gesellschaften gerechter“. Das ist der religiöse Auftrag. Und befreien wir uns von den Ängsten vor einem rächenden Gott. Verbrecher müssen irdisch bestraft werden bzw. verhindert werden, das ist keine Sache des „Himmels“. Aber leider ist die maßlose Ikonographie der Christen, vor allem der Katholiken, voll von „himmlischen und höllischen Bildern“…

9.

Werden sich die vielen Millionen fundamentalistischer Christen (Evangelikale etc.) darauf einlassen, vom Himmel und dem Paradies erst mal zu schweigen und „der Erde und den Menschen und dem „Mensch gewordenen Gott“ Jesus treu zu bleiben? Ich glaube dies eher nicht. Auch das Christentum, die Kirchen, haben sich mit einem gewissen religiösen Aberglauben gut eingerichtet. Aber selbst eine utopische Forderung soll formuliert werden.

10.

Noch einmal eine Perspektive zum Schluss: In der ZEIT, ebenfalls vom 9. Sept. 2021, Seite 68, schreibt Ebrahim Afsah, Prof. für islamisches Recht in Wien und Kopenhagen: „Es fehlt die Bereitschaft, die Saat der Gewalt im islamischen Erbe und die umfassende Radikalisierung als ernste intellektuelle Herausforderung anzunehmen“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Mystiker, Journalist, Aufklärer, Theologe, Romantiker, aber immer: ein „Reisender“: Karl Philipp Moritz.

Über Karl Philipp Moritz, anlässlich seines Geburtstages am 15.9.1756

Hinweise von Christian Modehn.

Ein Motto:

„Moritz ist ein wahres Genie, ein wahrer Sonderling“ (Alexander von Humboldt).

1.

Muss man heute an Karl Philipp Moritz erinnern?

Einige Stichworte zu seinem kurzen Leben,  aber sehr umfangreichen vielfältigen Werk: Aus bescheidenen, aber extrem  frommen pietistischen Verhältnissen stammend, vielseitig begabt; Journalist; Theologiestudent und Prediger; als Reisender rastlos unterwegs, Autor des hoch geschätzten Romans (als Autobiografie) „Anton Reiser“; ein Pädagoge der ungewöhnlichen Art („Phantasie ist wichtiger als Wissen“); ein Freund Goethes, beliebt in den Berliner Salons; Autor und Gründer der ersten Zeitschrift mit „psychoanalytischem Interesse“ (das „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde“); schließlich Professor an der Akademie der Wissenschaften…

„Ein Aufstieg, der in der deutschen Geistesgeschichte ohne weiteres Beispiel ist“ (Willi Winkler, „Karl Philipp Moritz“, Rowohlt Monographie“, S.115). Aber doch mit der Einschränkung: „Man wusste nicht recht, wo man ihn einordnen könnte“ (Horst Günther im Nachwort zu „Anton Reiser, Insel-Taschenbuch, 2013, S. 529).

Muss man Menschen „einordnen“? Natürlich NICHT! Trotzdem: Moritz war nicht Philosoph im „klassischen“ Sinn, schon gar nicht Psychoanalytiker `avant la lettre`, er war auch kein Philologe alter Sprachen trotz seiner Studien zur antiken Mythologie… Aber: „Vielleicht liegt im Scheitern an den üblichen Gattungen seine Modernität“ (Horst Günther, ebd.)

2.

Über die Stationen und Daten seines kurzen Lebens kann man sich etwa bei wikipedia oder in der schönen Rowohlt-Monographie von Willi Winkler informieren. Geboren wurde Moritz am 15. 9.1756 in Hameln; gestorben ist er im Alter von knapp 37 Jahren am 26.6.1793 in Berlin.

3.

„Alles, was Moritz je geschrieben hat, gehört zueinander. Und alles ist angelegt in seiner Kindheit und Jugend“, betont Horst Günther (ebd., S. 530). Wenn das so ist, dann müsste die Prägung durch den extrem konfusen und unterdrückerischen Pietismus zuhause wie während seiner Ausbildung im Mittelpunkt der Forschung stehen. Die These sollte sein: Moritz, ein Mann, der durch frommen, sich mystisch nennenden Wahn verdorben wurde. Solches gibt es bis heute, nicht nur im Christentum…

Karl Philipp Moritz wird zu Hause nicht geliebt, aber mit der Ideologie einer christlichen Mystik abstruser Art konfrontiert, was ihn auch zur Selbstverachtung führt… Auch wenn Moritz später die Philosophie der Aufklärung schätzt: Die innere Bindung an Mystik und Quietismus (und damit verbunden auch an Aberglauben) wurde er nicht los. „Ganz kann sich Moritz nie von der Mystik befreien, die ihn von der Wiege auf unterdrückt hat“ (Willi Winkler, a.a.O., S. 120).

4.

Erstaunlich ist, dass in den protestantischen Kreisen von Hameln (wo er geboren wurde) sowie in Hannover und Braunschweig, wo er als 12-Jähriger bei einem von Mystik verwirrten Hutmacher lebte, die Lehren der französischen katholischen Mystikerin Madame de Guyon (1648-1717) (präziser: Jeanne-Marie Bouvier de La Motte Guyon)

verbreitet waren. Diese seltsame katholisch-protestantische Ökumene seit dem 18. Jahrhundert sollte weiter untersucht werden. Die einflussreichen Pietisten damals, wie August Hermann Francke, Gerhard Tersteegen, Zinzendorf usw. waren von den Ideen und Visionen Madame de Guyons geprägt… Diese fromme Adlige wurde wegen ihrer extremen spirituellen Lehren aber sogar von der offiziellen katholischen Kirche verfolgt, von anderen Katholiken wiederum wurde sie wie eine Heilige geschätzt: Sie glaubte z.B., mit Jesus verheiratet zu sein. Das Ziel ihrer mystischen Bemühungen war die Auflösung des menschlichen Selbst in Gott hinein, es ging tatsächlich um Vernichtung des Selbst. Das vernichtete Selbst wird dann in eine Art geistige Wüste und der Dürre geführt, wo „sich auch kein Fünklein der Selbstliebe mehr mischen darf“. Wie gesagt, diese abstrusen Wahngebilde fanden Zuspruch im protestantischen Deutschland, manche ließen sich wohl von ihrer „tiefgründigen“ Sprache verführen, wie das Umfeld des jungen Karl Philipp Moritz. Er  spricht noch von ihr in seinem autobiographischen Roman „Anton Reiser“, er zeigt, wie sich der junge Reiser (Moritz) sogar noch tröstete in den eleganten verworrenen Worten der Madame… Aber insgesamt hat diese eher menschenverachtende Mystik der Madame de Guyon dem jungen Moritz das Leben verdorben. Später distanzierte er sich ironisch-witzig von dieser Person, die die Trockenheit des Geistes lobte: “Als man nach ihrem Tode ihren Kopf öffnete, fand man ihr Gehirn fast wie ausgetrocknet“ (zit. in Willi Winkler, a.a.O. S. 17). Willi Winkler versucht eine Gesamteinschätzung: „Ob Moritz die Schwärmerei, den religiösen Aberglauben, den die Aufklärung so heftig bekämpfte, selber überwunden hat, ist zumindest zweifelhaft“. (Rowohlts Monographien, S.78).

5.

Als Journalist wagt sich Moritz auf ein ganz neues Feld der Forschung: Es geht um die Erkundung der Tiefen der Seele. Moritz geht in der von ihm begründeten und herausgegebenen Zeitschrift (1783-1793) von den konkreten Lebenserfahrungen des einzelnen Menschen aus, auch von den eigenen. „In einer Fülle von Fallgeschichten berichtete diese als Viermonatsschrift konzipierte Zeitschrift über Mörder und Selbstmörder, religiöse Schwärmer und Hypochonder. Versuche mit Taubstummen und Charakteranalysen von Adoleszenten wurden neben Fällen von Kleptomanie und sexuellem Missbrauch mitgeteilt. Ein anhaltendes, fast schon systematisches Interesse richtete sich auf die Form und den Inhalt frühester Kindheitserinnerungen, und die Vielzahl eingesandter Traumerfahrungen forderte Moritz und seine beiden ihn zeitweise vertretenden Mitherausgeber Carl Friedrich Pockels (1757-1814) und Salomon Maimon (1753-1800) zu ersten Ansätzen einer »Theorie der Träume« heraus“…. „Mit der Darstellung von Zwangshandlungen, Traumphänomenen und Kindheitserinnerungen, mit Mendelssohns Erörterung eines topischen Modells der Seele und den wegweisenden sprachpsychologischen Überlegungen von Moritz zu den unpersönlichen Zeitwörtern (»es donnert«), stand es am Beginn einer Entwicklung, die bis hin zu Sigmund Freud führen sollte, der dieselben rätselhaften psychologischen Phänomene mit einer neuen systematischen Theorie erschliessen konnte.

(siehe: http://telota.bbaw.de/mze/)

6..

Moritz interessiert sich für die philosophische Aufklärung. Auch den Kindern will er die Idee der Gleichheit erklären: in seinem „A.B.C.Buch“ von 1790. Die Menschen sind nicht ungleich, betont er: »Die armen und niedrigen Menschen sind ebenso gebildet [geschaffen] wie die Reichen und Vornehmen. Ein jeder Mensch ist der Hilfe bedürftig. Wenn die armen und niedrigen Menschen schwach und krank sind, so bedürfen sie der Hilfe. Und wenn die Reichen und Vornehmen schwach und krank sind, so bedürfen sie auch der Hilfe. Kein Mensch muss den andern gering schätzen. Denn es ist die höchste Würde, ein Mensch zu sein.«  (ZEIT 7. 9. 2006, Benedikt Erens).

7.

Karl Philipp Moritz ist und bleibt der bis heute hoch geschätzte Dichter seines autobiographischen Romans Anton Reiser (1790), inzwischen wurde diese „Bekenntnisschrift“ in viele Sprachen übersetzt. Es ist die Geschichte eines Versuchs, sich selbst mit vielen Mühen aus der Unmündigkeit zu befreien. Den Pietismus des Elternhauses verlässt Reiser, aber eine geistige, spirituelle Heimat findet er nicht. In dieser Wahrhaftigkeit stellt sich Reiser/Moritz dar. Reiser erhöht sich und degradiert sich, leidet unter Ängsten und hat doch den Willen, dem Leben einen höheren Sinn abzugewinnen, auch wenn es schwerfällt. Aber der Eindruck bleibt: Der Mensch wird im Laufe seines jungen Lebens zerstückelt. Der Schriftsteller Arno Schmidt sagt: „Anton Reiser, ein Buch wie es kein anderes Volk der Erde besitzt“ (zit. in Willi Winkler,a.a.O., S. 144).

8.

Die Macht der seelischen Zerstörung durch frommen Wahn (Madame Guyon usw.) war also alles andere als total. Moritz, der so oft gelitten hat, konnte seinen Schmerz sinnvoll in seinen vielfältigen Werken überwinden. Seine Homosexualität konnte er nicht in Freiheit leben und gestalten, so sehr er auch in seinen Freund Karl Friedrich Klischnig (1788 – 1811) verliebt war…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Für die Impfpflicht gegen die Corona-Pandemie.

Zugleich philosophische Gedanken zum ständigen Thema „Was ist Pflicht“?

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Es ist nicht zu spät, über die PFLICHT nachzudenken, sich gegen das Corona Virus impfen zu lassen. Die viel besprochene „Herden-Immunität“ liegt bei etwa 80 % Geimpfter. In Deutschland sind Ende August 2021 60,3% aller Bewohner zweimal geimpft; in Frankreich sind es 60,6 %, in den USA nur 54,3%, in Spanien 77,8%, in den Niederlanden 69%. Diese Statistik zeigt, dass die Regierungen der reichen Länder zuallererst an die Gesundheit ihrer eigenen NATION denken: Man vergesse nicht: In der „Demokratischen Republik Kongo“ sind bisher 0,09% der Einwohner geimpft; in Haiti 0,24%. (Ende August 2021).

Die vielfältigen Argumente gegen die Impf-Pflicht zur Begrenzung des Corona-Virus haben etwas Gemeinsames: Diese Leute wollen ihr eigenes Ego dadurch in der Öffentlichkeit beweisen und stärken, dass sie ihre individuelle Freiheit in den  Mittelpunkt stellen: „Es ist meine Freiheit. Vor allem: Ich will meine Freiheit verstehen als Freiheit VON staatlichen Verpflichtungen. Aber wenn ich an Corona erkranke, dann möchte  ich selbstverständlich trotz meiner Impf-Verweigerung umfassend medizinisch versorgt werden. Ich ignoriere die Tatsache, dass der Anteil der Geimpften an einer Corona-Erkrankung sehr gering ist“. Und weiter ist von diesen Leuten zu hören: „Man muss nicht unbedingt vernünftige Argumente gegen das Impfen haben. Es sind auch esoterische Mächte oder religiöse Gebote entscheidend für die Ablehnung der COVID Impfung.  Dieses Sich – der- Vernunft-Entziehen  ist wichtiger als die Wissenschaft“.

Deutlich ist auch: Es geht vielen Impf-Gegnern um ein Nein zur Demokratie. Das wurde inzwischen von Politologen und Soziologen empirisch bewiesen.

2.

Man sollte den Verweigerern der Impfpflicht die philosophische Erkenntnis der „Kollision von Pflichten“ erklären. Und danach wäre eigentlich unser Thema schon abgeschlossen: Wenn sich zwei Pflichten gegenüberstehen, in unserem Fall: „Die Treue zur eigenen absolut genommenen subjektiven Meinung“ UND der „Schutz der eigenen wie auch der Schutz der Gesundheit der anderen“: Dann ist die Sache klar: Es geht in dieser Entscheidungssituation um das Ja zu der „höherrangigen Rechtspflicht“, wie Philosophen und Juristen sagen, also um das Ja, die Gesundheit der anderen Menschen genauso wichtig zu nehmen wie den Schutz der eigenen Gesundheit.  Also ist dies ein Ja zur Impfpflicht.

Und man wundert sich, warum Politiker auch in Deutschland, etwa der Gesundheitsminister, sich dieser Einsicht offensiv verweigerten … und dadurch den Ideologien der Impfgegner Auftrieb gaben.

3.

Es gibt selbstverständlich in demokratischen Staaten Pflichten, die Zwangsnormen genannt werden und die auch so gemeint sind und als solche meist selbstverständlich praktiziert werden. Dass der demokratische Recht-Staat sich durchsetzen MUSS, also zur Einhaltung bestimmter Gesetze zwingen kann, ist den meisten Demokraten klar. Menschen haben zum Beispiel kein Recht, mit einem offenen Messer durch die Straßen zu rennen. Gegen die potentiellen Verbrecher gilt selbstverständlich der Zwang der Gesetze, die von der Polizei und den Gerichten durchgesetzt werden.  Der demokratische Rechtstaat hat es sich zur Pflicht gemacht, die Bürger zu schützen. Und er erwartet, dass die Bürger einander ihr Leben schützen und fördern. Nur so können alle in Freiheit leben.

4.

Es gibt in demokratischen Staaten zurecht Zwangsnormen. Die Schulpflicht für alle Kinder gehört dazu. Jedes Kind muss eine Schule besuchen. Gelegentliche Ausnahmen gibt es, wenn etwa einige wenige Familien in entlegenen Berghütten leben und privat Haus-Unterricht für ihre Kinder gestalten; dieser Unterricht wird selbstverständlich vom Staat überprüft.

Das Strafrecht bestraft alle, die nicht Hilfe leisten bei einem Unfall. Bewusste Verweigerung der Hilfeleistung ist ein krimineller Tatbestand.  Es gibt die Pflicht, Schaden zu ersetzen (Haftpflicht). Es gibt die Zwangsnorm für Verkehrsteilnehmer, die Verkehrsregeln zu beachten. Beim Autofahren gilt die Anschnall-PFLICHT, um Leben, das eigene und das der anderen, zu schützen! Es gibt die Zwangs-Verpflichtung für alle im Flugzeug Befindlichen, sich in bestimmten Situationen beim Fliegen anzuschnallen.

Damit ist deutlich: Pflichten, auch Zwangspflichten, schränken zwar die individuelle Willkür für kurze Zeit ein, sie schränken also durchaus den Willen des einzelnen ein, absolut und ohne Rücksicht auf andere die eigene Meinung in der Gesellschaft und dem Staat durchzusetzen. Diese genannten Pflichten und Zwangspflichten dienen dem humanen Zusammenleben in der Gesellschaft und dem Staat. Sie ermöglichen ein humanes Leben für den freiheitsliebenden einzelnen…

Zusammenfassend: Angesichts der universalen Corona-Pandemie wäre die Zwangsnorm der Impfpflicht für alle (abgesehen von ganz bestimmten Krankheiten eines einzelnen) eine das Leben rettende hilfreiche und not-wendige Praxis.

5.

Sich liberal und neoliberal nennende Staaten und Gesellschaften werden wieder neu entdecken müssen, was Pflichten und Zwangsnormen sind. Letztlich geht es darum, einen neuen und richtigen Begriff des Liberalen zu gewinnen:  (Neo-)liberale Freiheit ist nicht nur als Freiheit „von etwas“ (etwa vom Impfe  odervon der Idee der  sozialen Gleichheit)  zu verstehen! Sondern Freiheit ist in der gleichen Gewichtung als Freiheit FÜR etwas zu begreifen und politisch zu gestalten. Nur Freiheit als Freiheit FÜR das Allgemeinwohl entspricht dem emphatischen Verständnis von Freiheit.

6.

Man muss daran erinnern, dass schon der Verfassungsentwurf für die Französische Republik von 1795 explizit einen „Pflichtenkatalog“ kannte. Die „goldene Regel“ wurde dort  genannt, als Verpflichtung, vom Egoismus abzusehen. Es wurde die Verpflichtung des einzelnen zur Verteidigung des Landes formuliert usw.

Die Weimarer Verfassung von 1919 kannte die Verpflichtung für jeden Bürger, zur Übernahme ehrenamtlicher Tätigkeiten (Art. 132).. Es gab in der „Weimarer Verfassung“ die Verpflichtung, Eigentum nie nur egoistisch zu gebrauchen. Lapidar heißt es:„Eigentum verpflichtet“ (Art. 153 Abs.3.) Das wurde im Grundgesetz der BRD übernommen: „Der Gebrauch des Eigentums soll zugleich Dienst sein für das Gemeine (d.i. Gesellschaft, CM) Beste“. (Grundgesetz Artikel 14, Abs 2.)

7.

Ein Hinweis auf die Pflichten (auch Impfpflichten) kann nicht auf Immanuel Kants Reflexionen zum Thema verzichten.

In seiner wichtigen Studie „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ von 1793 äußert sich Kant zur Pflicht, konkret zu der These, die auch heute, im Impfzusammenhang, verbreitet wird: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (als dem Staat)“. Das betonen bekanntlich sich fromm nennende, auch esoterische Feinde des Impfens. In der Ausgabe des Meiner Verlages 2003, Seite 132, äußert sich Kant zu dieser These: „Der Satz `Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen` bedeutet nur, dass wenn die Menschen etwas gebieten, was an sich böse (dem Sittengesetz unmittelbar zuwider) ist, ihnen (den Menschen) nicht gehorcht werden darf und soll“.

Kant geht sogar noch weiter: „Wenn die gegebenen bürgerlichen Gesetze rechtmäßig sind, so ist die Beobachtung derselben zugleich göttliches Gebot“ (ebd., bzw. in der Originalausgabe: Seite B 139).

Kant spricht schon in der „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“ (1784) von der Pflicht. Das vernünftige Handeln des einzelnen muss respektieren: „Ich soll niemals anders verfahren als so, dass ich auch wollen könne, meine Maxime soll ein allgemeines Gesetz werden“ (Kant Gesammelte Schriften, hg. von der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1900ff. 4. Band, S. 403).  Dieser Grundsatz, der Kategorische Imperativ, ist in der menschlichen Vernunft eines jeden Menschen enthalten, „und somit jedem moralischen Akteur zugänglich und der Grundsatz müsse von ihm akzeptiert werden“ (Manfred Kühn, Kant, München 2004, S. 329.)

Es gibt für Kant ein vernünftiges und moralisch richtiges „Handeln aus Pflicht“, bei dem es dem Handelnden einzig darauf kommt, nur seine Pflicht als solche ohne egoistische Hintergedanken zu erfüllen. Kant gesteht, dies sei eine schwierige Haltung, einzig aus Achtung vor dem gerechten Gesetz die Pflicht zu erfüllen.

Dann spricht Kant von dem üblichen, aber für ihn moralisch eher problematischen Handeln gemäß der Pflicht: Dabei geht es um eine bloß äußerliche Pflichterfüllung, etwa aus Eigennutz, Egoismus oder wegen der Angst, bestraft zu werden.  Die meisten Menschen handeln bloß gemäß der Pflicht, das wusste auch Kant. Und die Menschen würden sich freuen, wenn wenigstens alle gemäß der Pflicht handeln würden.

9.

Freiheit ist der Güter Höchstes“, schreibt Schiller in seinem Theaterstück „Die Braut von Messina“. Dieser Satz stimmt nur in gewisser Hinsicht, wenn nämlich Freiheit treffend auch als Freiheit für etwas verstanden wird, also konkret: Als Freiheit, meinen Beitrag zu leisten, um die eigene Gesundheit zu schützen und die der anderen auch … durch Impfung. Um Schillers Spruchweisheit fortzusetzen: Direkt an den Satz „Freiheit ist der Güter Höchstes“ heißt es sehr treffend: „Der Übel Größtes aber ist die Schuld“. Mit anderen Worten: Wie schuldig machen sich Menschen, die sich weigern, sich gegen das Virus impfen zu lassen?

10.

Wenn sich in Deutschland viele Impf-Feinde hätte man jetzt keine Impfstoffe vernichten müssen. Die reiche Welt hortet Impfstoffe, weil die Hersteller auf ihren hochheiligen Eigentums-„Rechten der Erfindung“ („Patentschutz“, allerdings: Forschung von Steuergeldern bezahlt, Profit für die Unternehmer usw…) beharren … und die Regierung dem ohne Mühe entspricht und sich deswegen weigert, wenigstens die überzähligen Impfstoffe den armen Menschen, etwa in Afrika, gratis zur Verfügung zu stellen. Vom „Spenden für die Armen“ war in diesem Zusammenhang wieder einmal die Rede. Spenden war und ist der klassische Ausdruck für so genannte Hilfe vonseiten der Herrenmenschen seit dem Kolonialismus. Wenn aber die Armen in der armen Welt nicht auch sehr bald umfassend geimpft sind, wird auch die reiche Welt der Reichen weiterhin von der Pandemie bestimmt sein. Würde die reiche Welt der Reichen solidarisch sein, könnte ihre Hilfe für die Armen in den armen Ländern sogar aus egoistischen Motiven hilfreich sein.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Atheismus im Christentum: Das heißt: Atheismus inmitten des Glaubens.

Wer ist ein religiöser Mensch? Jemand, der auch Atheist ist.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Das Buch „Atheismus im Christentum“ von Ernst Bloch, 1968 veröffentlicht, sollten religiöse Menschen, Christen, Muslime, Juden wie auch Atheisten neu entdecken, auch Atheisten, die bekanntlich auch „nur“ glauben können, nämlich: Dass es Gott nicht gibt.

1.

Der Titel des Buches ist Programm. Man könnte ihn verwandeln in „Atheismus im persönlichen Glauben“. Oder: „Atheismus in meiner, in unserer Spiritualität“. Impulse werden freigesetzt für einen Glauben, der heutige Lebenserfahrungen respektiert, also auch den Inhalt des Glaubens neu gestaltet. Denn bekanntlich ist religiöser Glaube etwas Lebendiges, d.h. Wandelbares, und entgegen vielerlei rigider Praxis der Kirchen und Religionen nichts Versteinertes, nicht auf ewig Dogmatisches.

2.

Ernst Bloch will ein Gottesbild überwinden, um jetzt nur beim Christentum, den Kirchen zu bleiben, das dort bestimmend wurde: Gott wird als Himmels-Herrscher verehrt oder als „Rachegott“ gefürchtet. Dieser Gott bremst die Freiheit aktiver Lebensgestaltung, behindert den Elan, für die universale Gerechtigkeit unter den Menschen auf dieser Erde einzutreten. Bloch wehrt sich aber auch gegen eine andere Gestalt banalen Glaubens, den banalen Atheismus, etwa in „Gespräche mit Ernst Bloch“, 1975, Seite 170. Dieser Atheismus begrenzt sich schlicht darauf, die Materie für „alles“ zu halten und diese zu verehren und … Gott zu bekämpfen. „Mir geht es hingegen um revolutionären Atheismus in Religionen selber, insbesondere dem Christentum, wie man weiß“ (S. 170).

3.

Bloch zeigt, dass Menschen wesentlich von der geistigen Kraft des Transzendierens bestimmt sind. Das heißt: Sie haben die innere, die geistige Energie, über jeden vorfindlichen Zustand hinauszustreben, das erinnert deutlich an Hegel. Bloch denkt entschieden an politische und ökonomische Verhältnisse, die die Menschenwürde aller bekämpfen und ausschließen. Diese Energie für ein „Transzendierens nach vorne, in die bessere Zukunft der Menschheit und der Welt zu entwickeln, ist die wahre spirituelle Leistung der Menschen, vor allem derer, die sich Christen nennen.

4.

Damit wird die Dimension des „Atheismus in meinem, in unserem Glauben“, erreicht:

Wer den Herrscher – Gott im Himmel, den Rächer und wundertätigen Willkürgott, der mal hier, mal dort Wunder für diesen oder mal für jenen tut, wer also diesen Willkür-Gott ablehnt und vernünftig und emotional überwindet, gerät in eine Art Zwischenraum, in eine Leere. Die ist bestimmt von der Erfahrung des Verlustes des alten Gottes UND dem Nicht-Dasein einer neuen zentralen Lebensmitte, sagen wir eines „neuen Göttlichen“, das man in Erwartungshaltung vielleicht den neuen gründenden Sinn, das Heilige, nennen könnte. Aber eben nicht mehr den angelernten Gott aus Kindeszeiten.

Im leeren Zwischenraum ist die Stimmung des Abschieds bestimmend, auch der Angst, etwas Wesentliches und Altvertrautes verloren oder aufgegeben zu haben. Aber doch setzt sich die Einsicht und die Gewissheit durch: Das „alte, überkommene, angelernte, Gottesbild“ stört unsere gegenwärtige Lebenserfahrung und die vernünftige Einsicht. Denn das überwundene, alte Gottesbild ruhte also wie ein „erratischer Block“ in unserem Leben. Damit deutet sich schon an, dass die Leere, der Zwischenraum, um der geistigen Gesundheit willen verlassen werden sollte. Eine neue, humanere Vorstellung von dem Göttlichen oder dem Sinn-Gründenden deutet sich an.

5.

Man könnte bei Bloch also lernen: Wer als Christ diese Situation der Leere, des Übergangs, erfährt und begrifflich denkt, erlebt für sich selbst und in sich selbst den „Atheismus im Christentum“: Der religiöse Mensch, der Christ, ist also Gott „los“ geworden, d.h. gottlos geworden, befreit von einem Gott, der das Leben behindert und die Unreife der Menschen fördert. Bloch weist sehr treffend darauf hin, dass der Philosoph und Mystiker Meister Eckart im 14. Jahrhundert seinen dringenden Wunsch formulierte, er möge „Gottes quitt“ sein, also gott-los werden. Dies sagte er nicht aus einer unreflektierten Zustimmung zu einem vulgären Atheismus. Vielmehr wusste er: Das dingliche und greifbare und verfügbare allgemeine christliche Gottesbild verfälscht den „göttlichen Gott“. Und die Bindung an ihn macht den Menschen unfrei, kettet ihn an Phantome, die Angst erzeugen und verwirren.

6.

Bloch hat also einen Vorschlag, diese Phasen der Leere und des Atheismus als Phasen der Gesundung, der Reifung, des geistigen und politischen Wachstums zu verstehen. So können diese Momente und Zeiten des Übergangs, der Leere, des Atheismus, gelebt werden. Sie sind immer wieder neu sich einstellende Momente einer spirituellen Lebendigkeit. Man könnte also sagen: Wer als Christ nicht oft auch Atheist gewesen ist, hat nicht in einem lebendigen Leben, in einer lebendigen Spiritualität, gelebt. Und diese Lebendigkeit ist wesentlich das dauernde Transzendieren als das Überwinden jeglicher Fixierung. Und gerade dieses dauernde Transzendieren ist das eigentlich Feste und Bleibende im Leben.

7.

Darauf kommt es entschieden an: Religiöse Menschen, also noch einmal Christen, Juden, Muslime, Atheisten sollten diese ihre geistige Struktur, das Transzendieren, als ihren religiösen Mittelpunkt erkennen. Transzendieren ist im Sinne Blochs das  sehr weltliche und politische Transzendieren in eine bessere Zukunft für die Menschheit! Das Ziel des Transzendierens ist für Bloch nicht der vertikal zu denkende göttliche Herr des Himmels und der himmlischen Heere, sondern das umfassend humane Reich der Zukunft. Bloch sprich in dem Zusammenhang von „Transzendieren ohne Transzendenz“, also ohne göttlichen „Himmel“. Es wäre jedoch zu fragen, ob dieses Transzendieren in eine umfassend humane Zukunft („vorwärts“, wie Bloch sagt) nicht bereits schon das Göttliche im Menschen ist. Ich würde den Gedanken unterstützen. Bloch lehnt ihn ab, weil er mit der Voraussetzung einer mit der „Schöpfung“ gegebenen, sozusagen an gelegten geistigen Kraft des Transzendierens rechnet.

8.

Der Atheismus Blochs ist etwas sehr Spezielles. Für Bloch ist die Gestalt Jesu von Nazareth zentral, den er – wie viele andere auch – als „Menschensohn“ versteht, im Anschluss an das Neue Testament. Jesus als der „Menschensohn“ ist die herausragende Gestalt unter den Menschen mit einer radikalen humanen Botschaft. Bloch schreibt: „Jesu Wort: Was Ihr dem Geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan ist entscheidend: Plötzlich erscheint keine Obrigkeit mehr…hier also ist der Gott, der von oben herrscht, vollkommen weg. Und eine Rückwendung auf den Menschen ist da, und zwar zu den Armen, Erniedrigten…Man kann das schon Atheismus nennen, da der theos, der Gott (in seiner Macht) gestürzt wird“ („Gespräche mit Ernst Bloch, S. 171). Jesus wird also gerade als Zeuge einer Humanität zugunsten der Armen und Ausgegrenzten zu einer Art erlösendem, befreienden Vorbild.

9.

Wer sich von den Einsichten Blochs anregen lässt, wird auf eine philosophische und theologische Entdeckungsfahrt geschickt: Ohne Atheismus als Erfahrung inmitten des Lebens gibt es keine Spiritualität. Diese Aussage steht etwa gegen die Kirchen, die immer als Ideal predigen, nur den reinen Glauben allzeit zu leben sei Ausdruck der Heiligkeit und Vollkommenheit. Nur das Gute, nur das Fromme allein zu leben ist in der Sicht Blochs naiv: Glauben ohne in atheistische Phasen zu gelangen, ist etwas Stagnierendes. Der reflektierte Atheismus findet immer wieder zu einer neuen Glaubenshaltung. So entsteht eine geistvolle Dialektik inmitten des Lebens.

10.

Noch einmal: Auch der Atheist ist von einer Glaubenshaltung bestimmt , von der Überzeugung, dass kein Gott ist. Atheisten als Glaubende: Das wäre auch ein Aspekt, der sich aus Blochs „Atheismus im Christentum“ ergeben könnte. „Atheismus ist auch Glauben“ wäre dann der weiterführende Titel. Dieser Atheist kann sich aber von „christlichen Atheisten“ belehren lassen: „Den Gott, den ihr Atheisten ablehnt, den lehne ich als Glaubender genauso ab. Insofern sind wir, Atheisten wie Glaubende, in der Dialektik des Lebens immer in ganz neuer Weise Atheisten. Wir beide, Christen und Atheisten, sind gottlos, nämlich in unserer Ablehnung des banalen Gottesbildes.

11.

Das Nachdenken müsste natürlich Konsequenzen haben in der religiösen oder auch in atheistischen Bildung. Bleiben wir bei der religiösen, der christlichen Bildung etwa der Kinder. Kindgemäße Hinweise auf die göttliche Wirklichkeit lassen sich bestimmt nicht durch das Auswendiglernen von Sprüchen und Gebeten oder durch Kindergottesdienste mit viel kindlichem Tralala erreichen. Wichtiger wäre eine kindgemäße Einführung in das, was man die Tiefe und das Geheimnis des Lebens und der Welt nennt. Dann ist von dem unmittelbar eingreifenden wundertätigen Gott keine Rede mehr, Lehren, die so viel Verwirrung stiften bis ins hohe Lebensalter:  Da wird dann mit einem naiven kindlichen Glauben noch im reflektierten, reifen Alter behauptet: „Wenn Gott dies und das zulässt und nicht als Gott direkt eingreift, dann glaube ich nicht an ihn“.

12.

Solche religiös-kindliche Dummheit kann aber überwunden werden, wenn Kinder und Jugendliche anstelle des üblichen religiösen Tralala eben Meditationen, Achtsamkeit, sowie im Spiel das Nachgestalten bestimmter Parabeln Jesu lernen und üben. Das Verstehen der Religionen darf nie auf einer kindlichen, ich möchte sagen, infantilen Stufe stehen bleiben. Insofern ist mancher „Atheismus“ im Christentum auch oft nichts anderes als die Ablehnung des infantilen Glaubens im Christentum. Der Wiener Psychoanalytiker Erwin Ringel hat dieses Phänomen schon vor einigen Jahren auf den Begriff gebracht: „Religionsverlust durch religiöse Erziehung“, heißt sein Buch, 1985 erschienen. Oder den Titel variierend: „Atheismus durch das Sich Klammern an infantile Gottesbilder“. Dieser „Atheismus“ sollte unbedingt überwunden werden. Aber diese authentische, „sachgemäße“ religiöse Bildung kann kaum noch vermittelt werden, weil sich so viele von der Religion längst abgewandt haben. Sie meinen, es gäbe Religion, es gäbe Christentum, nur in dieser dummen, naiven, infantilen Gestalt. Die freilich die Kirchen aus Mangel an spiritueller Lebendigkeit und , dogmatischer Sturheit fortsetzen, bis zu ihrem eigenen Ende, dem Absterben des Christentums. Nietzsche hat treffend gefragt: Wird die Kirche zum Grab Gottes? (Siehe Friedrich Nietzsches, Die fröhliche Wissenschaft, 1887, III. Buch, Nr. 12).  LINK.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Afghanistan: Das Ende der „Mission des Westens“?

Nach der Kapitulation des Westens in Afghanistan.

Hinweise von Christian Modehn

1.

Der militärische Einsatz des Westens in Afghanistan hatte sich als ein humanitäres Projekt verstanden, um Menschenrechte dort durchzusetzen, vor allem für Frauen sollten sie Realität werden. Der Westen hatte dort eine Mission, sie wollte er mit Gewalt durchsetzen.

2.

Der militärische Kampf des Westens in Afghanistan hatte – in der Theorie – hohe Ziele, „Ideale“. Die Militärs des Westens, also konfessionell betrachtet meistens noch nominell Christen, waren eine Art von Missionaren, die zum Töten des Feindes bereit waren. Dieses missionarische Selbstverständnis hat im Gefühl der moralischen und ethischen (christlichen) Überlegenheit des Westens ihren Ursprung. Dass sich die immer noch christlichen und sehr kirchlichen Bürger der USA traditionell als missionarische Nation verstehen, verantwortlich für das Wohl der Welt, ist evident. Dieses ideologische und religiös gefärbte Selbstverständnis verdeckte ökonomische, geopolitische und machtpolitische Interessen, das ist ebenso evident.

3.

Tatsache ist: Diese US-Missionare sind mit ihren Missionen im Laufe dieser langen US-„Missionsgeschichte“ fast immer gescheitert. Sie haben zwar etwa in Lateinamerika ihre politischen Ziele, die Absetzung linker Regierungen mit Gewalt durchgesetzt, aber nicht dauerhaft rechtstaatliche und demokratische Regierungen „produziert“. Diese US-Missionen haben vielen tausend Menschen das Leben gekostet und viele tausend Milliarden US-Dollar verschlungen. Vom permanenten Krieg der USA in allen Teilen der Welt hat nur die US-Rüstungsindustrie profitiert. Friedlicher, humaner ist die Welt durch die vielen US-Missionen also nicht geworden, eher das Gegenteil ist wahr:Man denke an die  US Einsätze in Irak, Somalia, Vietnam, Chile, Guatemala usw…

4.

Jetzt (Ende August 2021) werden auf höchster Ebene heftige Zweifel an der missionarischen Sendung der USA laut. Der „Heilsbringer“ gerühmte Präsident Biden sagt: „Wir sollten keine amerikanischen Leben opfern, um Afghanistan zu einer Demokratie zu machen“ (SZ 28/ 29. Aug 2021 S. 2). Wenn es noch zu militärischem Handeln seitens der USA kommen soll, dann offenbar nur, um unmittelbare Attacken auf US-Bürger zu rächen. Der Katholik Joe Biden warnte die IS-Kämpfer in Afghanistan: „Wir werden nicht vergeben, wir werden nicht vergessen, wir werden euch jagen, und ihr werdet bezahlen“ (SZ 28./29. Aug 2021 S. 2). Mit anderen Worten: Die USA werden nicht auf die Sprache der Waffen verzichten. Natürlich können die USA das Abschlachten so vieler Menschen durch die IS in Afghanistan nicht ohne weiteres hinnehmen, es handelt sich wirklich beim IS um Mörderbanden. Aber jede neue militärische Antwort verlängert die Spirale der Gewalt. Gibt es bei dieser üblichen, dieser „eingefahrenen“ Politik noch ein Entkommen aus dieser stetig zunehmenden Spirale der Gewalt? Warum kontaktieren eigentlich Politiker nicht ihre so kenntnisreichen Friedensforscher? Ist Friedensforschung nichts als eine Art akademisches Beschäftigungsprogramm?

5.

An die Kraft des Geistes glaubt heutzutage kein Politiker mehr, also an Dialog, Verhandlungen mit dem Feind, ausschließlich humanitäre Hilfe und vor allem sehr gute geistige und kulturelle Vorbereitung, wenn Europäer, US-Amerikaner, also dem Namen nach Christen in muslimischen Staaten „eingreifen“. Von einer humanen, klugen, reflektierten, gebildeten Friedenspolitik ist offenbar niemand mehr überzeugt. Die Menschen, die zu Feinden erklärt wurden, also die zum Krieg entschlossenen muslimischen Krieger, sind evident auch keine reflektierten Friedensboten. Und die sich human nennende islamische Welt (die Mehrheit?) ist offenbar völlig außerstande, diesen sich islamisch nennenden Mörderbanden irgendwie Einhalt zu gebieten. Immerhin diese Worte von Aiman Mazyek, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland. “Was in Afghanistan passiert, ist ein Schlag für die weltweite muslimische Community: Denn die allermeisten Muslime – und die Afghanen ohnehin – wollen keinen Steinzeit-Islam, gepaart mit Stammes-Doktrin. Und diese Taliban finden jetzt wieder an die Macht. Und das ist deswegen ein Desaster für alle“.

6.

Auch dieses Desaster hat eine (!) entscheidende Ursache in der Überzeugung der Politiker auf beiden Seiten, im Westen wie unter Muslimen: Dies ist die Überzeugung, eine Mission zu haben.

Mission heißt: „Ich bin gesandt, den anderen meine eigene Überzeugung mitzuteilen“. Das kann solange gut gehen, wenn alle Missionare ihr Gesandtsein als Verpflichtung zum friedlichen Dialog verstehen, also als interessierten Austausch, zu dem wie bei jedem geistigen Austausch auch die Lernbereitschaft von anderen, Fremden, Gegner, ja selbst Feinden gehört. Mission hat also schon aus friedenspolitischen Gründen nur den Sinn, wenn sie als gewaltfreier Dialog geschieht. Wir wissen heute, dass diese Erkenntnis ein wahres und erstrebenswertes Ideal beschreibt. Es war unter weniger komplexen Verhältnissen eher realisierbar, ist aber heute in einer a-priori totalkriegerischen, total machtversessenen Welt fast ohne Chancen. Leider wird zu wenig über gelungene Friedensmissionen berichtet, die zwar vielleicht nur einige Jahre Bestand hatten, weil die kriegsversessene Umgebung diese Erfolge zerstörte. Man denke etwa an die gelungene Friedensmission der christlichen Aktivisten „San Egidio“ in dem von Bürgerkrieg zerrissenen Mozambique.

7.

Die ersten Christen haben in ihren Evangelien dem auferstandenen Jesus von Nazareth das Wort in den Mund gelegt, sie sollten als Gemeinde, als Kirche „allen Menschen das Evangelium (in amtskirchlicher Interpretation) verkünden“. (siehe das Markus Ev., 16, 15). Zum missionarischen Islam: Auch der Islam in seinen vielfältigen Konfessionen versteht sich als missionarische Religion, was etwa in der Koran-Sure 34,28 angedeutet wird. Mission heißt zunächst, die Vertiefung der Koran-Kenntnisse bei den ungebildeten Muslimen, aber auch die Bereitschaft, etwa Christen in die islamische Gemeinschaft aufzunehmen. Über Konvertiten ist man hoch erfreut.

8.

Dem Auftrag Jesu bzw. der ersten Gemeinde zur Mission hat die Kirche von Anfang entsprochen, selten sogar ohne Gewalt, sondern im Dialog. Man denke etwa an den Besuch des heiligen Franziskus von Assisi im Jahr 1219 beim Sultan Malik al Kamir in Ägypten, zu einem Zeitpunkt, als katholische Kreuzfahrer das „Heilige Land“ von „ungläubigen Muslims“ zu befreien suchten. Selbst wenn viele historische Details unklar bleiben: Das Treffen hat stattgefunden und ist ein Lichtblick in einer langen Missionsgeschichte der christlichen wie der islamischen Religion (zur Einführung in dieses Thema siehe: https://www.deutschlandfunk.de/franz-von-assisi-und-sultan-al-kamil-begegnen-sich-zwischen.2540.de.html?dram:article_id=455143).

Es wäre ein weites Thema der Missionsgeschichte, die wenigen Momente zu studieren, in denen etwa katholische Missionare aus Europa in „heidnischen Ländern“ auf den Dialog, die Begegnung mit den anderen setzten: Da muss an die China-Mission der Jesuiten im 17. Jahrhundert erinnert werden, etwa an Pater Ricci in Peking, der als hoch qualifizierter Gelehrter im Austausch stand mit dem Kaiser und dessen Gelehrten. Die Jesuiten gingen schon damals soweit, in Begriffe einer „heidnische“ Philosophie, der konfuzianischen Lehre, das Christentum zu übersetzen und es darzustellen. Pater Ricci befand sich in einer großen Gruppe anderer Jesuiten, die ähnlich im (wissenschaftlichen) Dialog mit Chinesen tätig waren. Diese „Dialog-Mission“ scheiterte einerseits an einer theologischen Ängstlichkeit in Rom und an den Umbrüchen innerhalb der chinesischen Dynastie (siehe dazu: Wolfgang Reinhard, Die Unterwerfung der Welt. C.H. Beck-verlag 2016, S. 646). Auch von den sogenannten „Jesuiten-Reduktionen“ etwa in Paraguay unter dem Volk der Guarani wäre zu sprechen. Aber diese „Dialog-Missionen“ sind absolute Ausnahmen geblieben. Meist wurde der christliche Glaube den „Heiden“ nur äußerlich aufgedrängt und aufgesetzt zum Nachplappern, die elementare Friedensbotschaft des Christentums wurde gar nicht verstanden und verinnerlicht. Man denke etwa an den Völkermord in Ruanda, wo vor allem mörderische katholische Hutus die ebenfalls katholischen Tutsi abschlachteten.

9.

Die sich säkular verstehenden europäischen und nordamerikanischen Staaten begreifen ihre Mission heute als Durchsetzung der universal geltenden Menschenrechte. Menschenrechte sind, wie auch Prof. Herfried Münkler betont, als Zivilreligion zu deuten. Die Menschenrechte sind zwar im Westen formuliert worden, aber diese regionale Herkunft schließt nicht universale Geltung aus, zumal auch die Menschenrechte immer ausführlicher weiter bestimmt werden, etwa als sozialpolitische Menschenrechte. Und evident ist auch: Wer Unterdrückung und Folter in den vielen Staaten erlebt, die eben nicht die Menschenrechte praktisch gelten lassen, hat nur einen Wunsch: Endlich Anteil zu haben an den selbstverständlich für alle geltenden Menschrechte. Über die Menschenrechte als universal geltende Menschenrechte dürfte es, mit Vernunft besehen, eigentlich keine Debatte mehr geben. Es gibt auch philosophische Evidenzen.

10.

Menschenrechte können erfolgreich nur vermittelt werden im Dialog, also in einer friedlichen Situation.

Im Krieg und mit tötender Gewalt Menschenrechte durchsetzen zu wollen, ist von vornherein absurd. „Militärisch kann man einen solchen Konflikt in Afghanistan allein nicht lösen, der Einsatz von Soldaten schafft der Politik Zeit, um mit anderen Mitteln an die Konfliktlösung heranzugehen“. (Oberstleutnant a.D. Rainer Glatz, in „Die ZEIT“,  26.8.2021, S. 7).

Aber wenn man schon einmal begonnen hat, Unrechtssysteme durch Kriegshandlungen zu besiegen, dann soll man als westlicher „Missionar“ auch Geduld und Nerven behalten, bis sich tatsächlich ein wirksamer Systemwandel, etwa in Afghanistan, zeigt. Mit anderen Worten: Der Abbruch der Präsenz des Westens in Afghanistan war völlig übereilt. Denn erste Erfolge hinsichtlich der Menschenrechte sind ja sichtbar, etwa hinsichtlich der Menschenrechte für Frauen, der Durchsetzung von Bildung…

Der Abzug der westlichen Truppen war also übereilt, unreflektiert, darum dumm und gefährlich sowie auch moralisch verwerflich. Denn die Versprechen der westlichen Regierungen, umfassend die vielen tausend afghanischen Mitarbeiter zu schützen und im Falle eines Abzugs der West-Truppen ins westliche Ausland zu bringen, wurden nicht erfüllt. Diese evidente Lüge wird das Ansehen des Westens unter vernünftigen islamischen Bürgern weiterhin stören und zerstören. Und der Westen hat Afghanistan als Land zwar verlassen, der Fluch dieses viel zu früh abgebrochenen Krieges, genannt Friedensmission, wird noch lange leider Wirkungen zeigen, auch im Westen.

 

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Jean-Luc Nancy: „Das Christentum hat sich von mir abgewandt. Aber die wahre Mystik blieb mir“

Der Philosoph Jean-Luc Nancy ist gestorben

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy ist am 23.8.2021 im Alter von 81 Jahren gestorben, er war viele Jahre Professor in Straßburg, er ist einer der wichtigsten Philosophen unserer Gegenwart.  Sein philosophisches und literarisches Werk ist äußerst lebendig und umfangreich, mehr als 100, zum Teil viel beachtete Bücher hat Nancy publiziert. Er war auch mehrfach in Berlin zu Vorträgen und Debatten. Etliche längere Interviews auf Deutsch sind in der sehr empfehlenswerten Zeitschrift „Lettre International“ erschienen….

Dieser Hinweis ist natürlich keine „Gesamtwürdigung“ seines Werkes.  Es ist sehr komplex und zudem für „schnelle Lektüre“ ungeeignet…Das sollte aber niemanden hindern, Nancy zu studieren. Hier werden nur einige Stellungnahmen Nancys genannt werden, die in der Pariser Tageszeitung „La Croix“ kürzlich veröffentlicht wurden. Die ausgewählten Stellungnahmen beziehen sich vor allem auf das immer deutliche religiöse bzw. auch religionsphilosophische Interesse von Jean-Luc Nancy. Und das passt gut in den Schwerpunkt unseres philosophischen Salons.

1. Zur christlichen Biographie Nancys:

Im Alter von etwa 28 Jahren trennt sich Nancy vom christlichen Glauben und der katholischen Kirche, er war in der Gemeinschaft J.E.C., „Jeunesse Etudiante Chrétienne“, in der „Christlichen studierenden Jugend“, einer Organisation der katholischen Kirche, aktiv engagiert und interessiert“. (Zur J.E.C. gehörten viele Intellektuelle und Politiker, wie Francois Mitterrand, René Rémond, Georges Montaron und andere. Die J.E.C. besteht bis heute, als progressive, linke katholische Organisation). Jean-Luc Nancy: „Die Zugehörigkeit zum Christentum war für mich absolut untrennbar mit einer politischen und sozialen Vision. Wir waren in der JEC sehr engagiert zugunsten der Demokratisierung des Unterrichts und der Ausbildung. Ich war Christ, ganz und gar. Aber ich muss sagen: Das Christentum hat sich von mir abgewandt, wie von einer ganzen Generation. Denn im Jahr 1957 kritisierten die französischen Bischöfe die progressive Haltung der J.E.C. Das war für mich wie ein Donnerschlag und so befreite ich mich von der Kirche, die mir als eine Gestalt des Konservativen und der Macht erschien. Diese Loslösung von der Kirche war möglich, weil ich die Philosophen Hegel, Heidegger und Derrida entdeckte. Diese Philosophen sagten mir nicht: Ich bringe dir das Heil. Aber sie ließen mich lebendig sein“.

Aber es bleibt für Nancy nach dem Abschied vom Christentum: „Etwa die Interpretation der Bibel. Ich sah, dass man förmlich bis ins Unendliche den Sinn eines Textes entdecken kann“.

2. Das andere Herz

Nancy hat oft davon gesprochen, dass ihm 1992 ein Herz transplantiert wurde, darüber hat er 2000 ein Buch geschrieben mit dem Titel „L Intrus“, „Der Eindringling“. Er wendet sich an den Menschen, der, ohne es zu wissen, ihm sein zweites Herz gegeben hat.

3. Gemeinschaft leben und Gemeinschaft denken

Ein Mittelpunkt der Philosophie Nancys steht sicher die Reflexion über die Gemeinschaft der Menschen, auch die Gleichheit der Menschen, sowie ihre Krankheiten, aktuell von ihm reflektiert das Corona-Virus. Dazu das Buch „Un trop humain virus“ 2020, erschienen in den Editions Bayard Paris. In dem Interview mit „La Croix“ spricht er über das Gesundsein heute.  „Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Gesundheit ein wesentliches Gut ist, aber auch ein Recht. Jeder kann es fordern. Trotzdem: Die Gesundheit ist nicht die Wahrheit der Existenz…Heute ist die Gesundheit zu einer Art Selbstzweck geworden. Wozu  sollen wir denn bei guter Gesundheit sein? Für welche Ziele leben wir? Das ist nicht mehr klar.“

4. Der kulturelle Bruch

„Seit der Verkündigung des Todes Gottes durch Nietzsche sind wir in eine Epoche der Unsicherheit eingetreten. Ich denke oft an den Satz von Jean-Christophe Bailly, einem überzeugten Atheisten, der in seinem Buch „Adieu“ geschrieben hat: Der Atheismus war nicht imstande, seine eigene Wüste zu bewässern. Ich glaube, diese Diagnose ist völlig korrekt. Die moderne Zivilisation hat nichts vorgeschlagen, um die Gestalt des Gottes zu ersetzen, die ausgelöscht wurde. Ich habe die Gewissheit, dass es eine neue spirituelle Revolution geben wird, dass die Zeit dafür gekommen ist, aber das kann vielleicht noch 300 Jahre dauern.“

5. „Wir sind Kinder Gottes“?

Nancy fragt sich, was denn letztlich die Gleichheit der Menschen heute legitimieren und beweisen könnte. „Man muss anerkennen, dass wir es nicht wissen… Im Laufe unserer Geschichte wurde das Christentum wichtig…Man sagte: Man ist ein Kind Gottes, das legitimierte die Gleichheit. Aber außerhalb der Religion, wie kann man die Gleichheit denken“?

6. „Wir tappen im Dunkeln

„Aber was die Zukunft angeht, kann ich nichts voraussagen und vorschlagen. Ich tappe im Dunkeln. Trotzdem: Wenn man sich im Dunkeln befindet, ist man niemals gänzlich in der totalen Finsternis. Im „Schwarzen“ lebend, sieht man auf andere Weise, nicht durch die Augen, sondern durch andere Sinne, das hören, das tasten…

7. Was bleibt?

„Ich habe in der Philosophie Hegels so etwas wie die Wahrheit des Christentums gefunden!  Hegel ist jemand, der in der wahren Bewegung des Geistes bleibt, eines Geistes, der die Grenzen überschreitet. Wichtig ist für mich auch der Philosoph Meister Eckart. Er sagte: „Bitten wir Gott, dass er uns in der Freiheit erhält und dass wir von Gott frei werden“.  Bei der Mystik heute muss ich eine gewisse Erschöpfung feststellen, heute sind die großen Debatten über die Mystik förmlich banalisiert. Ein sehr großer Teil der Menschheit heute verlangt nach Religion, aber die Menschen begnügen sich mit groben und dummen Sprüchen, die ihnen vorgesetzt werden. Unerträglich, was man so an Predigten der Evangelikalen hört…

8. Was ist Philosophie?

„Die Philosophie ist die Arbeit des Denkens. Philosophie gehört nicht zur Ordnung eines Wissens. Sondern eher: Dazu kommen, Worte für das zu geben , was man lebt. Die Aufgabe des Denkens ist die (Wiederer)-Öffnung, das Erwachen, das Aufgreifen der dringenden Bitte um Sinn. Philosophieren beginnt da, wo der Sinn unterbrochen ist. Aber der Sinn ist nicht eine Art Lager an Bedeutungen, kein Lager der Antworten und der Erklärungen der Welt, die irgendwo niedergelegt sind und die man teilen sollte“. Nein! Das Teilen, das ist der Sinn.  (Philosophie Magazine, Paris, August 2021).

9. Und die Freude?

Die Philosophie von Nancy ist geprägt von der Freude, der Anwesenheit der Lebensfreude. „Aber Freude ist nicht Zufriedenheit. Sie ist ein Affekt des Geistes, man weiß sich über jede Zweckbestimmung Begrenzung und jede Ganzheit hinausgetragen. Was die Freude für einen Grund hat, vermag ich nicht zu sagen…in jedem Fall: Die Freude kommt immer von einem „anderswoher“ (d`ailleurs). Von anderen, nicht von mir. Von den großen Gedanken der Philosophen, der Worte der Poeten, der warmen Zuneigung der Personen, der Schönheit der Kunst und der Körper. Natürlich, diese Erfahrung der Freude ist nicht immer da. Aber wenn sie kommt, dann berührt das, dann ist das ergreifend“.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

Kardinal Alfred Bengsch: Ein Bischof von Berlin, der „theologische Mauern“ errichete. Im Osten wie im Westen.

Hinweise von Christian Modehn

Zur Einführung:
Warum dieses Thema? Es gibt heute viel Dringenderes. Zweifellos.

– Aber am Beispiel von Erzbischof und Kardinal Bengsch (1921-1979), Bischof in der geteilten Stadt Berlin, wird einmal mehr deutlich, wie ein einzelner sich „Ober-Hirte“ nennender Kleriker eine ganze Kircheneinheit, ein Bistum, ins geistige Getto und zu einem von Angst bestimmten Glauben führen kann. Die Herrschaft einzelner, sich Macht anmaßender Bischöfe ist ja im aktuellen Fall von Kardinal Woelki (Köln) allgemein bekannt. Woelki hat in der klerikalen Arroganz viele „Vorgänger“ und „Mitstreiter“. Einer ist Bengsch, einer von vielen „Oberhirten“.

– Als Berliner, geboren in Ost–Berlin, in Friedrichshagen, 1958 Flucht nach West-Berlin und dort Abitur sowie ein Semester Studium der ev. und kath. Theologie sowie der Philosophie an der F.U., (die Studien konnte ich in der BRD abschließen), kenne ich Bengsch, weil ich auch familiär mit dem „katholischen Milieu“ damals eng verbunden war. Mir ist es wichtig, ein Stück Erinnerungsarbeit zu leisten. Und vielleicht Aspekte deutlich zu machen, die anlässlich seines 100. Geburtstages in Jubelfeiern verdrängt werden.

Diese Hinweise sind also ein Beitrag der Religionskritik, eines Hauptthemas der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie.

1. Lobeshymnen oder die historische Wahrheit?
In diesen Wochen erinnern sich nicht nur „Katholiken an den Berliner Erzbischof und Kardinal Alfred Bengsch. Es handelt sich um einen katholischen Bischof, der das katholische „Leben“ in Berlin (-Ost wie auch -West) bestimmte und sich darüber hinaus mit seiner sehr konservativen Theologie in den Katholizismus der BRD einschaltete.

Alfred Bengsch ist, summarisch betrachtet, ein Prototyp des ängstlichen, verschlossenen, dialog-unfähigen und arroganten Bischofs. Diese Tatsachen werden hoffentlich Beachtung verdienen, wenn anlässlich des 100. Geburtstages von Bengsch, wie offiziell – katholisch üblich, die erwünschten Lobeshymnen auf den „Ober-Hirten“ angestimmt werden. Der Herder Verlag wirbt für ein neues Buch über Bengsch mit der Behauptung: „Alfred Kardinal Bengsch gilt bis heute als einer der prominentesten und beliebtesten Oberhirten des Erzbistums Berlin“. Prominent war er auf seine Weise; aber als sturer Dialogverweigerer, kann er da als beliebt gelten? Bei einigen theologisch eher anspruchslosen Gläubigen vielleicht, die sich an Bengschs Predigten erbauten, die ganz auf die traditionelle Masche der klassisch-konservative Innerlichkeit und des bloß spirituellen Trostes setzten.

2. Bengsch wird Bischof – eine Art „Notlösung“
Alfred Bengsch wurde am 10. Februar 1921 in Berlin-Schönberg geboren, zum „Weihbischof“ in Berlin mit Amtssitz in Ost-Berlin wurde er 1959 von Papst Johannes XXIII. ernannt. Zum maßgeblich leitenden Bischof des Bistums Berlin wurde er drei Tage nach der Errichtung der Mauer, also am 16. August 1961, ernannt. Er war also in einem für katholische Bischöfe extrem jugendlichen Alter, er war 40 Jahre alt. Diese Ernennung ist begründet vor allem in der Abberufung des in West-Berlin lebenden Bischofs Julius Döpfner, er wurde Erzbischof von München-Freising. Und Bengsch war da eine schnelle „Lösung“, manche sagen, er wurde verantwortlicher Bischof, weil der Papst „sonst niemanden hatte“.

3. Bengsch repräsentierte die so genannte Einheit des Bistums Berlin
Bischof Bengsch „residierte“ in Ost -Berlin mit dem dortigen kirchlichen Verwaltungsapparat („Ordinariat“), hatte aber die Möglichkeit als einer der wenigen DDR- Bürger regelmäßig nach West-Berlin einzureisen und den aufwendigen, parallelen Verwaltungsapparat im Ordinariat West (wie viele Priester waren damals eigentlich nur „Verwaltungsbeamte“?) sowie die Gemeinden zu besuchen. Das muss noch einmal betont werden: Bengsch war als Bischof in der DDR auch für die Katholiken im freiheitlich und demokratisch geprägten West-Berlin zuständig. Und auch das ist wichtig: Die von kirchenoffizieller Seite bis heute viel beschworene und gerühmte „Einheit des Bistums Berlin“ nach dem Mauerbau am 13.8. 1961 repräsentierte de facto und als leibhaftige Einheit Bischof Bengsch allein: Er war einer der wenigen regelmäßigen, von der DDR-Regierung akzeptierten, Ost-West-Pendler. Natürlich besuchten einige Katholiken aus dem West-Berlin privat auch den Ostteil, aber offizielle Begegnungen in den Ost-Gemeinden fanden nicht statt.
Am 13. Dezember 1979 ist Erzbischof Bengsch in Berlin verstorben.

4. „Eine markige Persönlichkeit“?
Über weitere Details seines Lebens kann man sich über wikipedia usw. informieren. Hier geht es darum, wie es sich gehört, kritische Hinweise zum theologischen und kirchenpolitischen Denken Bengschs zu skizzieren. Denn es ist nicht unwahrscheinlich, dass anlässlich des 100. Geburtstages von Bengsch eher Lobeshymnen angestimmt werden als objektive Beobachtungen. Ein Text der Katholischen Akademie Berlin vom Sommer 2021 nennt Bengsch etwa eine „markige Persönlichkeit“, was immer das „markig“ bedeuten mag. Und die Akademie fährt fort: „Er hat bis heute bleibende Spuren hinterlassen“. Wohl wahr, von diesen „Spuren“ handelt dieser Hinweis, es sind – schon jetzt zusammenfassend formuliert – Spuren, die die Katholiken in West-Berlin, in einer Stadt in der „freien Welt“, ins Getto führten, in eine geistige Verkrampfung und Abgeschlossenheit, die spiegelbildlich der Mentalität der DDR-Führung durchaus entspricht. Insofern wäre es eine ausführliche Studie wert zu zeigen, wie Bischof Bengsch in seinem Verhalten des rigiden Regierens die DDR-Mentalität der Herrschenden belebte.

5. Nur Bengsch kennt das „unverkürzte Evangelium“
Eine gewisse Leitlinie der Interpretation des Denkens und Handels von Bengsch bietet sogar eine offizielle katholische Deutung: 1980 wurde im katholischen St. Benno-Verlag in Leipzig das Buch „Der Glaube lebt“ veröffentlicht, darin schreibt das katholische DDR- Autorenteam sehr ehrlich: „Kardinal Bengsch war kein progressiver Bischof“ – mit der sehr treffenden Ergänzung: „falls es so etwas gibt. Im Schubladendenken … ist er einwandfrei im Fach konservativ gelandet, und das noch nicht einmal gegen seinen Willen“ (S. 135). Dieser konservative und ängstliche Theologe Bengsch hatte sich übrigens als seinen Wahlspruch gewählt: „Helfer eurer Freude“. Gemeinte war selbstverständlich bei ihm immer die „innerliche Freude“ der dogmatisch korrekt Glaubenden. Das wahre Motto Bengschs war eher das von ihm häufig verwendete Wort: „Ich will die Lehre der Kirche UNVERKÜRZT lehren“. Wobei er von sich selbst, durchaus arrogant, meinte, das unverkürzte, also das ganze und das authentische Evangelium zu kennen: Pluralismus der Meinung schloss diese Überzeugung aus. Bengsch allein bestimmte, was „unverkürzt“ bedeutet…Davon wird noch zu sprechen sein.

6. Die Häretiker suchen und bestrafen.
Zur theologischen und kirchlichen Laufbahn Alfred Bengschs: In den neunzehnhundertfünfziger Jahren konnten Priester der DDR noch an bundesdeutschen theologischen Fakultäten promovieren, so auch Alfred Bengsch. Er erwarb 1956 an der Universität München bei dem katholischen Dogmatiker (und auch später noch explizit konservativen Theologen) Michael Schmaus seinen Dr. theol. Das Thema der Promotionsschrift ist: „Heilsgeschichte und Heilswissen bei Irenäus von Lyon. Eine Untersuchung zur Struktur und Entfaltung des theologischen Denkens im Werk „Adversus Haereses, „Gegen die Häretiker“.
Das Thema hat keine aktuelle Bedeutung, damals schon nicht, also 10 Jahre nach Kriegsende und der von Nazis betriebenen Vernichtung des europäischen Judentums! Da hätte man sich ja auch Relevanteres vorstellen können für einen jungen Theologen aus dem geteilten Deutschland. Aber nein, es musste ein Theologe und ein so genannter „Kirchenvater“ des 1. Jahrhunderts sein, Irenäus von Lyon, über den schon 1956 sicher mindestens 20 Studien vorlagen. Irenäus von Lyon lebte von 135 bis 200. Die Abgrenzung des wahren Glaubens von den Meinungen der Häretiker (bei Irenäus waren es die so genannten Gnostiker) prägte das Denken von Bengsch also von Anfang an.

7. Die grundlegende „Weichenstellung“ im Denken von Bengsch
Das ist für das Verständnis entscheidend: Bischof Bengsch lehnte als Teilnehmer des 2. Vatikanischen Reform- Konzils (1962-1965) das entscheidende und grundlegende Konzilsdokument „Die Kirche in der Welt von heute“, auch „Gaudium et spes“ genannt, ab. Am 7. Dezember 1965 fand nach langen und heftigen Debatten die Schlussabstimmung statt: 2.309 Ja-Stimmen standen 75 Nein-Stimmen gegenüber. Mit Nein hatte auch Bischof Bengsch von Berlin gestimmt. Unter der verschwindenden Minderheit der Nein-Sager befanden sich die berühmtesten reaktionären Bischöfe damals, in dieser Gesellschaft bewegte sich also Bengsch offenbar guten Gewissens. Die „Neinsager“ lehnten eine dialogbereite Kirche ab, sie wollten überhaupt nicht, dass sich die Kirche als „Hort der absoluten Wahrheit“ auch lernbereit mit den modernen Denkweisen auseinandersetzen muss. Bekanntlich wurde selbst der Dialog mit Atheisten vom Reformkonzil mit absoluter Mehrheit gutgeheißen. Von dieser Wegweisung des Reformkonzils wollte Bengsch nichts wissen. Die Konsequenz war: Bengsch lehnte den Dialog mit der säkularen, atheistischen, sozialistischen Welt ab, genauso wie dies auch der spätere Traditionalist und „Piusbruder“ Erzbischof Marcel Lefèbvre tat oder der reaktionäre brasilianische Erzbischof Geraldo Sigaud svd. Er war führendes Mitglied der bis heute bestehenden internationalen reaktionären Bewegung „Für Tradition, Familie und Privateigentum“. Bischof Sigaud ist nachweislich der heftigste Feind des Propheten Erzbischof Helder Camara gewesen. Die reaktionären Kreise sammelten sich während des Konzils im „Coetus Internationalis Patrum“, also dem „Internationalen Bund der Väter“, (leibliche Väter waren sie wahrscheinlich nicht). Zu diesem Kreis gehörte auch der große Gegner von Papst Johannes XXIII. :Kardinal Alfredo Ottaviani, Chef der damaligen „Inquisitionsbehörde“. Ob Bengsch zu diesem reaktionären „Coetus“ als Mitglied gehörte, ist für mich nicht eindeutig. Der einstige Pressesprecher des Bistums Berlin, Dieter Hanky schrieb in der offiziellen Bistumszeitung „Petrusblatt“: „Bengschs Bedenken, mit denen er sich zwar nicht allein, aber in einer kleinen Gruppe (also doch dem genannten „Coetus“?, CM) befand, galten vor allem jenen Textstellen, von denen er glaubte annehmen zu dürfen, dass sie vor allem von kommunistischen und anderen atheistischen Regierungen zum Schaden der Kirche missbraucht werden könnten… Als dann das Konzilsdokument, die Konstitution Kirche in der Welt von heute, wenn auch in einigen Punkten verbessert, mit großer Mehrheit vom Konzil angenommen wurde, schrieb Erzbischof Bengsch am 22. November 1965 in tiefer Sorge einen ausführlichen Brief an Papst Paul VI., in dem er ihm die Gründe für seine Ablehnung der Konstitution darlegte. Zu seiner großen Überraschung bat ihn der Papst am 6. Dezember zu einer Privataudienz, in der er den Papst noch einmal beschwor, der Konstitution in dieser Form die Zustimmung zu versagen. Er befürchtete Folgen in den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang, wo die Verteidigung der religiösen Werte der Kirche als Widerstand gegen den gesellschaftlichen Fortschritt gewertet würde. Es war umsonst“. (Petrusblatt 12. Dezember 1999). Gott sei Dank, muss man sagen, sonst hätte Bengsch die ganze Kirche noch weiter ins Getto geführt…

8. Die katholische Kirche einmauern, im Osten wie im Westen.
Das Nein zu einem Dialog mit der säkularen, atheistischen Welt hat Bengsch als Bischof von Berlin Ost wie Berlin West fortgesetzt und durchgesetzt. Zusammenfassend lässt sich sagen: So, wie sich die DDR in Berlin mit einer Mauer umgab, so umgab Bengsch auch die katholische Kirche in der DDR mit einer Mauer. Seine Mauer-Abschottungs-Ideologie setzte er auch in der Kirche in West-Berlin rigoros durch.

9. Bengsch baut katholische Mauern in der DDR
Über Bengschs durchgängiges Bemühen, die katholischen Kirche in der DDR mit einer geistigen Mauer zu umgeben, sind etliche prägnante historische Studien erschienen. Ich erwähne nur die eher summarische Darstellung von Clemens M. März in dem Buch „Unser Glaube mischt sich ein. Evangelische Kirche in der DDR“, Ev. Verlagsanstalt Berlin 1990. Der Titel des Beitrags von Clemens M. März nach dem Mauerfall, 1990 geschrieben: “Aus dem Winterschlaf erwacht: Befreit zur Katholizität“ Seite 111-120). März zeigt: Die katholische Kirche in der DDR „distanzierte sich ostentativ von jeglicher gesellschaftlichen Mitarbeit“ (S. 115). Die DDR sollte nach Bengschs Meinung soweit es nur geht ignoriert werden,“ die Kirche flüchtete sich in die Katakombe“ (S. 117). Die offenen, weiterführenden Einsichten der Diözesansynode von Meißen (1969-1971) wurden von ihm unterdrückt. „Sie wurden von Bengsch der Ketzerei verdächtigt“ (S. 116) … Da haben wir schon wieder Bengschs Suche nach Ketzern (Häretikern), eine Leidenschaft seit seiner Doktorarbeit. Der katholische Theologe in Leipzig, Dr. Wolfgang Trilling, spricht sogar von einer „Liquidierung der Synode in Meißen“ durch Bengsch, siehe Trillings wichtigen und sehr erhellenden Beitrag in der Festschrift für Johann Baptist Metz „Mystik und Politik“ (Mainz 1988), Seite 324.
Im ganzen, meint auch der Autor Clemens M. März, habe Bengsch „das selbstgewählte Getto“ gepflegt (S. 118) „indem die katholische Kirche auch dort schwieg, wo sie, analog zum mutigen Eintreten der evangelischen Kirche, für Freiheit und Menschenrechte, hätte reden müssen“ (S. 117).
Zu demselben Ergebnis in der Einschätzung von Bengschs Wirken in der DDR kommt der schon genannte katholische Theologe und Professor für Bibelwissenschaftler Wolfgang Trilling (Leipzig). Er hat seinen Beitrag in der oben genannten Festschrift für Johann Baptist Metz „Mystik und Politik“ (Mainz 1988) unter den Titel gestellt „Kirche auf Distanz“ (Seite 322-332). Man darf sagen, dass dieser theologisch-historische Beitrag über die katholische Kirche in der DDR, in Leipzig verfasst 1987, stimmungsmäßig auch von einem „heiligen Zorn“ Trillings auf das katholische System bestimmt ist: “Nicht Produktivität, Phantasie, Experiment, Kritik, Freimut mit den neuen Partnern auf den verschiedenen Ebenen (der DDR) werden von Katholiken erwartet und als christliche Verhaltensweisen empfunden, sondern Gemeinsamkeit, ja gar Geschlossenheit, Zusammenhalt der kleinen Herde…“ (S. 324)… „Die Konstitution des Konzils Kirche des Konzils in der Welt von heute wurde in der DDR faktisch nicht rezipiert…es ging keine belebende Wirkung von ihr aus“ (S. 325). Und Trilling weist darauf hin, dass sich „katholische Jugendliche vielfach evangelischen Gruppen angeschlossen hatten, in denen die Friedensthematik z.B. leidenschaftlich diskutiert wurde“ (S. 328). Summa summarum schreibt der katholische Theologe Wolfgang Trilling: „Die gegenwärtige Lage, die durch das Fehlen jedes Instrumentariums innerkirchlicher Öffentlichkeit (synodale Einrichtungen, eigene Laienverbände…) verschärft wird, ist grotesk und in der Weltkirche singulär. Dennoch: Was uns nottut, ist eine entschlossene Abkehr von dem bisherigen Weg“, so (S.331). Über Trillings Widerspruch gegen den „Bengsch-Kurs der Abschottung“ hat auch Theo Mechtenberg in der Trierer Zeitschrift „Imprimatur“ (Heft 3, 2018) geschrieben. Die katholische Kirchenzeitung in den neuen Bundesländern, Ost-Deutschland, „Tag des Herrn“, berichtete am 11.4. 1999 von einer Tagung, auf der der Erfurter Historiker Jörg Seiler über die Beziehung der katholischen Bischöfe zu den jungen Katholiken mit “Gewissenskonflkten“ berichtete, es ging also um die Frage: Was denken die katholischen Bischöfe vom Dienst als Bausoldat oder von Totalverweigerern. Besonderen Einfluss dabei hatte der Berliner Erzbischof Alfred Bengsch: „Er sah direkte Interventionen in der Frage der Wehrpflicht als Gefährdung des relativ ruhigen Staat-Kirchen-Verhältnisses an.“ Die Auseinandersetzungen um die Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen überließ man der evangelischen Kirche“, so der Journalist Matthias Holluba in „Tag des Herrn“.

10. Bengsch und sein „Maulkorberlass“
Der schon genannte Autor Clemens M. März erwähnt zur „politischen Dialogverweigerung Bengsch auch den so genannten „Maulkorberlass von Bengsch“ vom 1. Juni 1977, der den Priestern wie auch den Laien der DDR verbot, politische Aktivitäten auszuüben! Bengsch betonte sogar: „Das kirchliche Amt (also Bengsch selbst, CM) als gültiges Zeichen der Einheit und die prophetische Freiheit (was meint der Bischof denn damit?, CM) verlangen, kein wie auch immer geartetes politisches Engagement einzugehen“ (S. 117). Dadurch hatte sich die katholische Kirche der DDR auch vom Friedensengagement distanziert. Die „friedliche Revolution“ von 1989 war institutionell tatsächlich nur von der Evangelischen Kirche unterstützt und gefördert. 1990 wird dann der neu ernannte Bischof Georg Sterzinsky in einem Interview mit der „WELT“ (1.2.1990) vorsichtig und ein bisschen selbstkritisch bekennen: „Wir Katholiken der DDR hätten unsere Solidarität mit jungen Oppositionsgruppen deutlicher zum Ausdruck bringen müssen“ (S. 119). Um den Titel des Beitrags von Clemens M. März etwas zu variieren: 1990, nach dem die Mauer gefallen war, war die seit Bengsch in den Winterschlaf verfallene katholische Kirche im Osten Deutschlands ein bisschen erwacht…

11.Eine Mauer soll auch West-Berliner Katholiken einschließen
Die Mauer und das eingemauerte Denken hatte Bengsch so tief verinnerlicht, dass er auch die Katholiken in West-Berlin in eine geistige, theologisch engstirnige Mauer einsperrte, was er auch mit aller Bravour in West-Berlin durchsetzte:
Keine katholische Pressefreiheit
Der Redakteur der katholischen Kirchenzeitung in West-Berlin, “Petrusblatt“, Günter Renner, hatte es 1967 gewagt, einen kritischen Leserbrief gegen eine Entscheidung der katholischen Verwaltungsbehörde, des Ordinariates in West-Berlin, zu publizieren. Etwas Normales für eine freie Presse in einer freien Stadt. Die Verwaltungs-Prälaten waren jedoch empört und setzten alles in Bewegung, um den fähigen und bei den meisten Lesern beliebten Redakteur Pfarrer Renner abzusetzen. Viele Zeitungen, auch katholische Blätter in der BRD, zeigten sich verärgert über diese Entscheidung. Selbst die mit der CDU eng verbundene Berliner Morgenpost aus dem eigentlich immer kirchlich wohlgesinnten Hause Axel Caesar Springer protestierte. Die Medien forderten Bengsch auf, Pfarrer Renner als Redakteur weiter arbeiten zu lassen, aber vergebens. Bengsch war entschieden gegen umfassende und normale Pressefreiheit innerhalb der katholischen Kirche. Wieder eine erstaunliche Parallele zur Pressefreiheit in der DDR. Dieses Denken in einem Freund-Feind-Schema ist formal gesehen die gemeinsame Mentalität von Bengsch und der DDR-Führung.
Also musste der Redakteur Pfarrer Renner seinen Posten aufgeben, „er werde mit seinem kritischen Arbeiten den einem Diözesanblatt gestellten Aufgaben nicht gerecht“, hieß es. Nachfolger von Pfarrer Renner wurde damalige, mit Bengsch eng verbundene Ordinariatsräte und konservative Theologen wie Wolfgang Knauft oder Erich Klausener. Sie machten aus dem Petrusblatt eine katholische „Prawda“ oder „Neues Deutschland“. Aus einem dialogbereiten Blatt wurde ein offizielles „Organ“. Dagegen wehrte sich kurze Zeit ein kritisches Wochenblatt, mit dem Titel „Der Christ“ (Auflage 5.000). Bengsch nannte diese Zeitschrift wörtlich, so berichtete der SPIEGEL 1968, auf seine „freundliche“ Art „ein Käseblatt“. Aus Mangel an Geld musste „Der Christ“ bald verschwinden. Kirchensteuer-Gelder erhielten nur die offiziellen Propaganda-Blätter wie das Petrusblatt. (Über die Kirchenpresse im geteilten Berlin siehe auch: https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/259675/christliche-gemeinschaft-im-geteilten-berlin)
Was die publizistische Wirkung angeht: Bengsch genießt noch heute wegen seiner rigorosen Haltung als Konservativer viel Achtung, etwa in dem reaktionären Monatsblatt aus Regensburg mit dem Titel „Der Fels“, dort ein Beitrag von Bengsch im Dezember 2013.

12. Keine katholisch- theologische Wissenschaft in Berlin
Über die Mauer, die Bengsch um die katholische Kirche in West-Berlin zog, wären viele Beispiele zu nennen: So gab es etwa überhaupt kein katholisch-theologisches Institut, also keine theologische Forschung, die den Namen verdient. Das wirklich winzige „Seminar für katholische Theologie“ an der Freien Universität stand zwar in der Nähe des FU Hauptgebäudes, dem Henry Ford Bau, es stand aber geistig völlig am Rande, spielte überhaupt keine Rolle im kulturellen und religiösen Leben der Stadt. Der Leiter dieser „Klitsche“, wie wir Studenten damals das winzige Seminar für katholische Theologie nannten, war seit 1956 Prof. Marcel Reding (aus Luxemburg), ein stiller, zurückhaltend-netter gebildeter Priester, der auch etwas Bengsch-kritisch war, aber nur hinter vorgehaltener Hand. Redings Lebenswerk war die Marx-Interpretation im Lichte des mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin. Dann dozierte dort noch der Moral-Theologe und Jesuit Waldemar Molinski, mit dem sich heftige Debatten ergaben etwa über den Willen einiger Studenten, eine ökumenische, also eine gemeinsame katholisch-evangelische Studentengemeinde zu gründen. Diese ökumenische Initiative wurde unterdrückt. Ökumene war überhaupt nicht Bengschs Interesse. Er benutzte evangelische Kirchengebäude auf dem Lande, in Brandenburg, wenn denn kein „katholisches Gotteshaus“ zur Verfügung für die kleine Gemeinde. Aber das war es…
Eine katholische Akademie in West-Berlin, die diesen Namen verdiente, wie etwa die 1957 gegründete Katholische Akademie in München, gab es zu Bengschs Zeiten nicht. Das so genannte“ katholische Bildungswerk“ war ein Einmann-Betrieb mit Pfr. Fassbender, die Sendungen über Kirchen in der ARD Anstalt SFB wurden von Ordinariatsräten streng beobachtet und kritisiert. Demokratische Meinungsvielfalt war ein Horror für Bengsch, dies wollte er seinen Untertanen einbläuen. Prälat Klausener in West-Berlin hatte die Bengsch-Theologie völlig verinnerlicht: „Demokratie ist in der katholischen Kirche abzulehnen, vielmehr ist dem kirchlichen Amt Vertrauen und Gehorsam geboten“, zitiert der katholische Politologe Manfred Krämer in seiner Studie „Kirche kontra Demokratie?“ (München, 1973, S. 46). Dr. Manfred Krämer war ein geradezu leidenschaftlich kluger Vorkämpfer für eine moderne katholische Kirche auch in West-Berlin, aber ist mit seinem Engagement selbstverständlich gescheitert … und leider viel zu früh verstorben…

13. Mit Stasi-Methoden in der Kirche arbeiten
Dem SPIEGEL war es in Heft 26 des Jahres 1969 ein Bericht wert: Kardinal Bengsch folgte Stasi-ähnlichen Methoden und konnte deswegen einen theologisch gebildeten Kaplan in der West-Berliner Gemeinde St. Bernhard in Dahlem vertreiben. Konkret: Ein Bengsch-freundlicher Katholik hatte heimlich – wie die Stasi – die „theologisch-modernen“ Predigten von Kaplan Hebler mitgeschnitten und die Kassetten dem Kardinal bzw. seinen Prälaten zugeschickt. Sie hörten die Mitschnitte ab und … Kardinal Bengsch entfernte Kaplan Hebler aus der Gemeinde. Der SPIEGEL hat sogar den Tonband-affinen Katholiken genannt, es war ein gewisser Alfons Ryzlewicz. Er also förderte, sicher nicht allein, mit seinem orthodoxen Eifer die Absetzung Heblers … wieder einmal wegen „Häresieverdacht“. Der SPIEGEL berichtet: Hebler wurde ins Bischöfliche Ordinariat (West) zitiert, „wo er fünf Stunden lang auf Fragen einer fünfköpfigen Kommission antworten musste. Zwar tranken die geistlichen Herren dabei Tee mit dem Beschuldigten, doch diesem war angesichts der gegen ihn erhobenen Vorwürfe der »private Ton« eher lästig. Denn er wurde u.a. beschuldigt, er habe den Gottesdienst zum Ort des Protestes gemacht und »engagierte politische Erklärungen« in die Verkündigung gebracht usw… Tatsächlich wurde Hebler dann von Bengsch nach dem Rausschmiss aus der Gemeinde ein „Studienurlaub“ gewährt… Der bekannte, an der FU von moderaten Demokraten sehr geschätzte Katholik, der Politologe Prof. Alexander Schwan, sprach von Hebler als einem der wenigen, die „zu den erschreckend wenigen Predigern in Berlin gehörten, die … einem Großstädter die Verkündigung Jesu Christi heute noch nahezubringen und bedeutsam zu machen vermögen«. Viele Dahlemer Katholiken protestierten gegen die Entscheidung Bengschs und sandten dem Kardinal einen entsprechenden Brief, aber sie erhielten keine Antwort.
Bengsch und die „68 er Bewegung“
Interessant ist auch die Ignoranz Bengschs und der Prälaten in West-Berlin im Umfeld des Mai 68. Als der Studentenführer Rudi Dutschke am 11.4. 1968 am Kurfürsten Damm 141 Opfer eines Attentates wurde, das er nur schwerstkrank überlebte, berichtete das Petrusblatt recht knapp über „Osterzwischenfälle“ (dieser Titel erinnert an die Sprachregelung des „Neuen Deutschland“ der SED). Und weil einige Demonstranten auf dem Kurfürsten Damm ein Kreuz in der Hand hatten und es hoch hinaus wie eine Mahnung in die Öffentlichkeit streckten, schrieb Prälat Erich Klausener im „Petrusblatt“: „Junge Leute nehmen das Kreuz für sich in Anspruch. In ihrem Sendungsbewusstsein fühlen sie sich als Vollstrecker der Geschichte“. Das Kreuz, so der Prälat, gehöre in die Hände der Kirche, nicht der Aufständischen! Und der Prälat kritisierte dann die Demonstranten weiter, „weil sie einen moralischen Absolutheitsanspruch haben, der nur von wenigen erhoben wird“. Als einige katholische Studenten Flugblätter über den Mai 68 in der Sankt Canisius-Kirche (Charlottenburg) verteilten, wurden sie sofort rausgeworfen. Das Petrusblatt berichtete, dass der dort aufhaltende Erzbischof Bengsch ausdrücklich die Annahme dieses Flugblattes verweigert hätte, weil er sich ja auf die Feier des Pontifikal – Amtes in dieser Kirche vorbereiten musste…(In diesem Absatz zitiere ich aus meinem Beitrag in dem Buch „Zwischen Medellin und Paris. 1968 und die Theologie“, der Titel meines Beitrags: „Der Traum ist vorbei“. Edition Exodus, Luzern/Münster, 2009, S. 11-24).

14. Die Idee vom „unverkürzten Evangelium“
Alfred Bengsch, Bischof und dann auch Kardinal, liebte es, seine eigene überragende Rolle als einzig kompetenter Interpret der Lehre Jesu Christi zu definieren: „Ich will das unverkürzte Evangelium predigen“. Dabei predigte er immer sein auf katholisches Getto verkürztes Evangelium, ohne jeden Respekt für Pluralität auch in der Kirche, Meinungsfreiheit, intellektuelles Niveau. Bekanntlich gibt es im Neuen Testament schon theologische Pluralität….Bengsch aber war von seinem „unverkürzten Evangelium“ absolut und unerschütterlich überzeugt. 1966 fanden sich Westberliner Katholiken noch in der riesigen Deutschlandhalle und füllten geduldig den Raum. Da bezog sich Bengsch auf Kritik und Vorwürfe, die sich gegen sein Kirchenregiment wandten und er fuhr dann in der ihm eigenen Leidens-Mine fort: „Ich werde das alles eher ertragen, als dass ein einziger junger Mensch in meinem Bistum mir vorwerfen sollte, er wäre in die Irre gegangen, weil ich zu feige gewesen wäre, das unverkürzte Evangelium Gottes zu predigen“.
Tatsächlich hat sich, von außen betrachtet, Bengschs unverkürztes konservativ-rigides und nur auf innere Gefühle setzendes Evangelium nicht durchsetzen können. Ab 1968 begann der große kirchliche Abbruch, auch quantitativ gesehen, des West-Berliner Katholizismus. In Bengschs Sicht sind dann also doch viele „in die Irre gegangen“, weil sie schlicht und einfach aus der Kirche austraten. Und daran ist nicht nur irgendeine diffuse säkulare Mentalität „schuld“, wie Kirchenführer oft sagen, sondern auch das rigide Kirchenregiment des Berliner „Ober-Hirten“ und seiner Getreuen. Viele West-Berliner Katholiken haben sich aus der von Bengsch errichten katholischen Getto-Mauer befreit… und sind spirituell als freie Menschen eigene Wege gegangen.

15. Ein eigenes Bistum West-Berlin mit einem freien Bischof für eine freie Metropole.
Es wurde nie ernsthaft diskutiert, ob nicht doch ein eigenes Bistum West-Berlin letztlich für die betroffenen Katholiken hilfreicher gewesen wäre, weil sich dann eine eigene Form katholischen Lebens in einer demokratischen Stadt hätte entwickeln können. Bekanntlich hat die Evangelische Kirche in Berlin zwei Bischöfe gehabt, einen im Osten, einen im Westen. Dadurch konnten die Protestanten frei und auf die unterschiedlichen Verhältnisse unterschiedlich reagieren.
Aber die Fixierung auf die Einheit des Bistums Berlin war ein Wahn, weil, wie gesagt, Bengsch allein diese Einheit als Grenzgänger repräsentierte. Bengschs Nachfolger Bischof Joachim Meisner (bis 1989) war für West-Berliner auch alles andere als ein Lichtblick. Auch er herrschte in einer rigiden Herrschaft, ohne Sinn für theologische Pluralität und Meinungsfreiheit. Auch Meisner hat viele interessierte Katholiken West-Berlins aus dieser Kirche herausgeführt. Auch Meisner dachte in den undemokratischen Kategorien der DDR-Führung. LINK.

15. Gegen die „Schlipspriester“
Ich will mit einer kleinen persönlichen Erinnerung an Bischof Bengsch diese Hinweise beenden. Als Berliner Katholik habe ich als Jugendlicher diesen Berliner Bischof mehrfach erlebt. Eine Szene in einem Gemeindehaus werde ich nicht vergessen, als der Bischof an der Krawatte eines jungen Priesters zerrte und an dem Schlips hin – und herzog und dann brüllte: „Sie Schlips-Priester“. Ich hatte mich so gefreut, dass sich katholische Priester wie andere Männer ein bisschen „normal“ kleiden. Bengsch wollte auch die eindeutige klerikale Kleiderordnung. Und einmal saß ich in einer Runde des katholischen „Primanerforums“ (Leitung der Jesuit Pater Lachmund), da kam Bengsch kurz in den Raum, eilte von einem Jugendlichen zum anderen, schüttelte die Hände, fragte eigentlich desinteressiert kurz nach dem Namen und der Zugehörigkeit zu einer Gemeinde… und verschwand. „Der ist aber gar nicht freundlich“, sagte ein Freund am Tisch. Ich konnte dem nur zustimmen.

16.
Bengsch war die falsche Person an diesem exponierten Platz Ost – und West – Berlin. Sein kardinaler Fehler: Er hat zusätzlich zur DDR-SED-Mauer noch katholische Mauern in beiden Teilen der Stadt gebaut, er war in dieser theologischen Enge und Angst-Besessenheit der offiziellen DDR/SED Mentalität nicht ganz unähnlich. Und er hatte geradezu Lust, Dissidenten zu verfolgen und zu bestrafen, und ließ, wie oben gezeigt, Stasi-Methoden in der Kirche zu. 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Warum ist Verzichten heute die notwendige Lebensform für die Reichen? Die 8. „unerhörte Frage“.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
Wie können Menschen als Bürger auf den 6. Bericht des Weltklima-Rates von August 2021 vernünftig reagieren? Es geht bei dem Thema bekanntlich nicht um Theorie, sondern um unser Erleben von Dürren und Starkregen, Überflutungen und monströsen Waldbränden, von einer rigorosen Hitzewelle im Süden Europas ganz zu schweigen.

Zunächst: Die zentrale Aussage heißt: Der Weltklimarat IPCC betont: Es wird immer schwieriger, die Erwärmung der Erde unter 2 Grad zu halten Die Emissionen von Treibhausgasen müssen „sofort, jetzt, schnell, drastisch reduziert werden“. Es geht wirklich um das Überleben der Menschheit und um das Bewahren dessen, was der Mensch von der Natur noch übriggelassen hat. Darüber wurde seit dem berühmten Bericht des „Club of Rome“ „Grenzen des Wachstums (1972), vielfach palavert, aber relativ wenig ist geschehen
Das Versprechen einer wirksamen Reduzierung der Treibhausgase durch demokratische Regierungen (wie in Deutschland zur Merkel-Zeit) waren eher leere Versprechen, Ankündigungen, Beruhigungspillen. Die damals genannten Klima-Ziele wurden nachweislich nicht erreicht. Die Lobby der Ignorierenden in der neoliberalen Wirtschaft hat sich durchgesetzt. Sind sie die wahren „Herren“? Bis jetzt ja.
Bei der Wahl am 26. 9.2021 sollte deswegen nur die Partei gewählt werden, die noch am deutlichsten begründet argumentiert und verspricht, sich gegen die irreversible Veränderung des Klimasystems noch einmal wirksam aufzulehnen…
2.
Die unerhörte 8. Frage gilt dem persönlichen Beitrag des einzelnen, des Bürgers. Was ist zu tun? Philosophisch, also vernünftig, steht fest: Es geht um die Wiederentdeckung dessen, was man Moral, auch politische Moral, nennt.
Ohne eine Neuorientierung des Selbst-Bewusstseins („Geistes“) eines jeden lassen sich die Kipppunkte, also die Momente irreversibler Veränderungen des Klimasystems, nicht verhindern. Die mögliche Katastrophe haben Menschen gemacht, gemacht wegen der totalen Fixierung auf das Dogma „Wirtschaftswachstum“. Es ist wahrscheinlich das einzige verbliebene wirksame Glaubensbekenntnis der Reichen in den reichen Ländern und der mit ihnen verbundenen Reichen in den armen Ländern.
Es geht philosophisch gesehen also um die Frage: Welche Tugend als Lebensform muss jetzt Denken und Handeln der der Reichen leiten? Es wäre obszön, den Hungernden in Madagaskar, Tschad oder Haiti usw. das Verzichten zu empfehlen. Oder den prekär lebenden Armen in Europa und den USA…
3.
Es geht also philosophisch gesehen um das nicht gerade sehr beliebte Wort Moral und dabei um das noch unbeliebtere Wort Verzichten. Aber vielleicht beginnen beide Begriffe zu glänzen, wenn man sich die Mühe macht, sie näher zu betrachten.
So sehr der gelegentliche Verzicht auf ein Rinder-Steak ein kurzfristig gutes Gewissen erzeugt, es geht wahrlich nicht um gut gemeinte Symbolhandlungen, es geht um die Einübung eines neuen Bewusstseins, das auch politische und ökonomische Verbesserungen erreicht. Und dies kann nur gelingen mit dem Verzicht auf die alten ökonomischen Dogmen des bisherigen Systems.
4.
Von vornherein steht philosophisch fest: Tugend ist alles andere als etwas Verstaubtes. Man denke an die breite philosophische Literatur zur Tugend-Forschung, etwa an das wichtige, übrigens leicht nachvollziehbare empfehlenswerte Buch des Philosophen Martin Seel “111 Tugenden – 111 Laster“ (2011). Gelebte Tugenden sind die Bedingung für humane Lebensformen. Und: Tugenden sind bereits in unserem Leben „vorhanden“ wir leben sie bereits, selbst wenn sie nicht als solche von vielen benannt werden: Das gilt sogar für ein „populäres“ Beispiel: Man denke daran, dass manche Dickleibige die Tugend des Fastens (für viel Geld) in speziellen Kliniken praktizieren. Sie wollen auf Körperfülle verzichten, um besser auszusehen oder gesünder zu leben. Die Tugend des Verzichts wird also von den Reichen in den reichen Ländern und den Reichen in den armen Ländern nicht nur akzeptiert, sondern sogar geschätzt. Auf wie viele Millionen Dollar ihres Privateigentums verzichten etwa reiche US-AmerikanerInnen oder BrasilianerInnen, um das Fettabsaugen zu finanzieren oder die teuren Schönheitsoperationen? Wie gern verzichten die männlichen Fußballfans, um, selbst bei knapper Kasse, eine teure Karte im Stadion zu „ergattern“ anstatt zum Beispiel ein gutes Buch zu kaufen oder mit der Familie einen gemeinsamen Ausflug zu machen.
5.
Abgesehen von diesen alltäglichen Beispielen: Verzichten hätte alle Chancen, DIE Tugend als vernünftige Lebensform in der Gegenwart werden, um in letzter Stunde, möchte man sagen, noch die Kipppunkte zu verhindern, die zu einer irreversiblen Veränderung des Welt-Klima-Systems führen.
Es ist wichtig, bei der Reflexion aufs Verzichten als Tugend auch auf die Sprachgeschichte dieses Wortes zu achten. Verzichten bedeutet: Etwas nicht länger noch beanspruchen; nicht auf einer Sache bestehen. Einen Anspruch nicht länger geltend machen. Verzichten bedeutet: Sich lossagen, etwas aufgeben, sich von einer Angewohnheit verabschieden, etwas verlassen, aufgeben, weil der neue Ort des Lebens viel mehr Lebenssinn, und sagen wir das schwierige Wort, auch Glück, verheißt. (Diese sprachlichen Hinweise verdanke ich der Website dwds.de, Der deutsche Wortschatz)
6.
Verzichten als erfreuliches, gar nicht trauriges Abschiednehmen vom Krankmachenden und Tödlichen ist also neues Denken und auch Neues (!) Denken. Das kann bei dem einzelnen nur dann ohne eine dauerhafte Bewusstseinsspaltung gelingen, wenn diese Erkenntnis, also das neue Denken, gleichzeitig auch ins Handeln, zur politischen Praxis, führt. Und diese neue Praxis gelingt nur wirksam in Verbindung mit Gruppen (siehe als Beispiel German Watch: https://germanwatch.org/de/weitblick oder „Fridays for future“ oder „Extinction Rebellion“ etc…
7.
Dabei hat man sich längst von dem Irrtum befreien, Verzicht sei nur Sache der frömmelnden Leute aus der Kirche(ngeschichte), die freitags kein Fleisch essen, sondern ordentlich beim Fisch zulangen. Die Mönche verzichteten in der Fastenzeit vor Ostern aufs üppige Essen, sie tranken dafür aber sehr gern selbstgebrautes Starkbier. Auch die unmenschliche Zumutung, auf Sexualität zu verzichten in der Unkultur des Zwangs-Zölibates katholischer Priester ist nicht gemeint. Verzichten wurde als eine Art persönliches Opfer kaschiert, das man aus Liebe zu Gott und der Kirche bringen muss. Aber Verzichten als erfreulicher Abschied von tödlichen Denkzwängen hat gar nichts mit einem „Sich aufopfern“ zu tun. „Weniger ist mehr“, dies wird so oft gedankenlos in banalen Situationen geplappert. „Weniger ist mehr“ ist das Leitwort von Verzichten als Abschiednehmen…
Man sieht schon, wie sehr ein heutiger Begriff des Verzichtes gegen die eher absurde Verzichts-Tradition christlicher Spiritualität argumentieren muss.
Verzichten heute bedeutet eine neue Chance für ein sinnvolles Leben im Miteinander der Menschen, die sich gegen die irreversiblen Veränderungen des Klimasystems wehren. Die gleichzeitig aber wissen, dass weitere zentrale Projekte realisiert werden müssen, etwa Respekt der Menschenrechte auch für die Armen, im eigenen Land und weltweit, also auch Umgestaltung der ökonomischen Strukturen, die es noch zulassen, dass eine winzige Minderheit von Milliardären über Unmengen von Eigentum verfügen: „Nach Zählung des Forbes-Magazins gab es im Jahr 2021 weltweit 2.755 Menschen mit einem Vermögen von mindestens einer Milliarde US-Dollar“. Das waren 660 mehr als 2020.
(Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/220002/umfrage/anzahl-der-dollar-milliardaere-weltweit/)
Und „DIE WELT“ berichtete schon 2018 eine Studie von OXFAM: „42 Milliardäre besitzen so viel wie die halbe Welt“. Ich denke, wer diese Verhältnisse nicht obszön findet, hat nur ein geringes moralisches Bewusstsein. Verzichten sollen also zuerst die Milliardäre. Und man sollte nicht glauben, wenn diese Herren zehn oder hundert Millionen spenden, dann wäre dies eine „ganz tolle“ Leistung des Verzichtes…
Aber zu wirksamen Veränderungen dieser obszönen Eigentumsstruktur wird es unter den gegebenen politischen Verhältnissen in den Demokratien wohl kaum kommen. Denn: Eigentum ist den Demokraten und ihren Religionen heilig. So steht also die Tugend Verzicht geradezu hoffnungslos gegen das unumstößliche, auch religiös verbrämte Dogma „Eigentum ist heilig“.
8.
Dennoch: Noch kann etwas getan werden, kann noch das Schlimmste verhindert werden. Die Menschheit lebt längst über ihre Verhältnisse, was die „Nutzung“ der Erde und der Natur angeht. Am 29. Juli 2021 war wieder einmal der sogenannte „Weltüberlastungstag“: Das bedeutet: Die Ressourcen der Erde waren an diesem Tag für das restliche Jahr 2021 (also für fünf Monate) de facto aufgebraucht: Eigentlich hätte unter der Rücksicht das Jahr 2021 zu Ende gehen müssen… Diese Tatsache aber war den TV-Nachrichten kaum 30 Sekunden wert, sie wurde sozusagen als „Vermischtes“ behandelt wie etwa der Tod eines zweitklassigen Filmstars… Am 29. Juli 2021 haben die Menschen (und das sind hier wieder vorwiegend die Reichen) mehr von der vorhandenen Natur verbraucht als die Ökosysteme der Erde in diesem Jahr noch erneuern können. Wir tun also ab August 2021 so, als hätten wir fast 2 Erden zur Verfügung, um unseren jetzigen Bedarf an Ressourcen zu befriedigen… Diese Überlastung der Welt durch extremen Konsum ist die Kehrseite der Unfähigkeit, Verzichten als politische Haltung zu praktizieren. Aus ökologischen Gründen und klimatologischen Gründen wäre eine Umkehr der Konsumhaltung, also Verzicht, als Form eines bescheidenen und solidarischen Lebensstils dringend geboten. Die grundlegende Idee der Gleichheit aller Menschen käme dann zur Geltung.
Aber was sagen rechtslastige Politiker, die dem Dogma des Neoliberalismus und des Wirtschaftswachstums absolut verpflichtet sind, wie der FDP – Chef Christian Lindner: „Ich will nicht verzichten, und ich will auch nicht, dass andere verzichten müssen. Ich will durch Technik erreichen, dass die Menschen frei leben, sich frei bewegen können.“ (Zit.: LINK https://www.deutschlandfunk.de/politik-und-verzicht-weniger-konsum-als-antwort-auf-. die.724.de.html?dram:article_id=464406)
„Frei leben“ ist das verschlüsselte ideologische Wort für das freie (egoistische) Leben der wenigen Reichen, die unter Freiheit ihren totalen Konsum verstehen…Es ist manchmal befremdlich, dass die Konsum-und Wachstumsideologie der neoliberalen Herren so selten als Gefährdung für die Menschheit und für das Fortbestehen der Welt eingeschätzt wird.
9.
Wie stehen die Chancen, dass sich Verzicht als die neue Lebensform durchsetzt? Wer ehrlich ist wird sagen: Die Chancen sind – realistisch betrachtet – sehr gering, bei den politischen Verhältnissen heute … und der bekannten Abwehr von Neuem und Richtigen unter so vielen Leuten, die nur das Heute sehen und denen die Zukunft ihrer eigenen Kinder und Enkelkinder offenbar egal ist. Das teure Fleisch, das man isst, ist meistens ungesund; die teure Luxusyacht ist überflüssig angesichts des Klimawandels; das „SUV“ Auto ist etwas völlig Verrücktes auf den engen Straßen der Großstädte, um nur davon zu sprechen. Aber an dieses verrückte Leben klammert man sich., man kann sich von diesem Lebensstil nicht verabschieden.
Ist dies die herrschende „Lebens-Philosophie“: Es ist alles langweilig, gleichgültig, es ist alles nichts, es ist nichtig, das Alles-Haben verdeckt nur diesen Zustand.
Der herrschende Nihilismus ist der größte Feind der Tugend, des sinnvollen Lebens, des Verzichts. Eher soll die Welt untergehen, als dass wir verzichten, das ist die herrschende Ideologie unserer Welt, vorwiegend. Eine Haltung, die keine moralisch-politischen Maßstäbe kennt. Politiker sprechen nicht von dieser Situation, sie sind selbst Teil dieser Welt und wollen vor allem bei Wahlen gewinnen, mit Stimmen von vielen ahnungslosen Bürgern.
10.
Eigentlich könnte man noch denken, die Kirchen wären die Orte, wo ein neuer Lebensstil eingeübt werden könnte. Aber die Kirchen sind zu sehr mit sich selbst befasst, mit ihren internen Struktur- Reförmchen und ihrem endlosen Kampf gegen sexuellen Missbrauch durch Priester oder sie bemühen sich die Tatsache zu kaschieren, dass der katholische, angeblich zölibatäre Klerus sehr bald in Europa ausgestorben sein wird. Das sind aber mit Verlaub gesagt angesichts der genannten globalen Herausforderungen der Menschheit doch wirklich nur Themen, die nur Insider interessieren. Das ist die Situation: Die breite kritische und gebildete Öffentlichkeit erwartet von den Kirchen keinen effektiven und spürbaren Beitrag zum Thema Klimawandel, auch wenn Päpste manchmal einschlägige Texte publizieren. Aber die Vielfliegerei der Bischöfe und Prälaten aus aller Welt nach Rom, zum Papst und zur zentralen Kirchenbürokratie hat ja nur wegen der Pandemie etwas abgenommen. Und der Bildungsauftrag der Kirchen in dieser Sache? Die Katholiken feiern stur und unbewegt ihre immer selben Messen, anstatt die Chance zu nützen, in ihren Sonntagsversammlungen sich mit den Menschen auszutauschen und zu verabreden über Möglichkeiten gemeinsamen Handels angesichts der genannten Katastrophen. Ja, auch dies, auch öfter mal auf die übliche, ewig gleiche Messe zu verzichten, gerade, um das religiöse Denken auch politisch zu weiten…Aber das ist ein anderes Thema.
11.
Wer die Hoffnung auf eine Abwehr des genannten „Kipppunktes“ noch als seine Lebenspraxis bewahren will, wende sich also an politisch wache und wirksamere Organisationen…Und studiere weiter die Erkenntnisse zum wirksamen Klimaschutz, die allerorten dargestellt und auf Demos, etwa von „fridays für future“, geradezu berechtigterweise eingehämmert werden.
12.
Eine gerechte Gesellschaftsordnung, die den Namen verdient, wird ohne Auseinandersetzungen mit dem Thema Enteignungen nicht auskommen, auch die wirksame Vermögenssteuer muss diskutiert und realisiert werden sowie der dringenden Aufforderung von Politikern an die Milliardäre, um der Humanität willen auf einen Teil ihrer Milliarden zu verzichten … zugunsten der Abschaffung von Hunger und Seuchen in Afrika und zugunsten einer Gesundheitspflege und Ausbildung für alle Menschen. Das werden die Milliardäre und die multi-Millionäre nicht tun, das ist sehr wahrscheinlich. Und sie wissen dabei genau, dass sie sich mit ihrem egoistischen Wahn außerhalb jener Menschheit bewegen, die Gerechtigkeit als wesentliches und unverzichtbares Kennzeichen des Menschlichen, geltend für jeden Menschen begreift.
Trotzdem bleibt uns nichts anderes, als die Hoffnung zu pflegen, die Hoffnung, dass die Welt nicht völlig „umkippt“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Eigentum ist Diebstahl“ (Proudhon, 1809 – 1865)

Über den Philosophen Pierre-Joseph Proudhon
Von Christian Modehn

Das aktuelle Thema:
Das Thema „Eigentum ist Diebstahl“ hat, wie alle wissen, eine aktuelle Bedeutung. Es geht z.B. um das Monopol einiger Pharmakonzerne, etwa der Corona-Impfstoff-Hersteller Pfizer und Moderna. Deren Jahresumsatz 2021 wird auf 50 Milliarden Dollar geschätzt. Die Konzerne haben den Preis trotz aller Gewinne für eine Dosis erhöht, Moderna von 19 Euro auf 21,60 Euro, Pfizer von 15,50 auf 19,50 Euro. Die demokratischen Regierungen der reichen Länder nehmen das gelassen hin. Die armen Länder gehen leer aus, so verbreitet sich dort das Virus – auch mit neuen Varianten, die auch die reichen Länder der Reichen erreichen…
Jetzt sind wir beim Thema: “Eigentum ist Diebstahl“. Die Hersteller der Impfstoffe beharren absolut auf den Patenten ihrer Impfstoffe, sie wollen deswegen unerhörten Gewinn weiterhin machen, schützen also ihr so genanntes geistiges Eigentum. Dabei ist die Impfstoff-Forschung auch von der Allgemeinheit, auch von Steuergeldern, bezahlt worden.
Aber das Eigentum, den Profit, maßen sich die Aktionäre an, es allein genießen zu dürfen. Denn in der kapitalistischen „Ordnung“ ist Eigentum, geistiges Eigentum zumal, absolut heilig. Sogar die Regierung eines ultra-kapitalistischen Landes, die USA, plädieren nun für die Freigabe dieses so genannten geistigen Eigentums „Impfstoff“. Die US-Regierung wünscht, dass die Armen in den armen Ländern doch ein bisschen mehr Impfstoff abbekommen. Anlagen für die Produktion von Impfstoffen könnten – wie schon in Deutschland, siehe Biontech in Marburg – auch in armen Ländern in kurzer Zeit gebaut werden. Aber bisher passiert nichts, die Armen krepieren nun auch noch an Covid 19 usw.und dem reichen Norden ist das Eigentum heilig.

ZU PROUDHON:

Enteignung von Immobilienkonzernen ist momentan ein politisches Thema, nicht nur in Berlin.
Interessant kann in dem Zusammenhang das Studium des äußerst umfangreichen Werkes Pierre – Joseph Proudhons (geboren 1809 in Besancon, gestorben 1865 in Paris) sein, inspirierend aus politischen, ökonomischen und religionskritischen Gründen. Neben Babeuf ist Proudhon wohl der einzige Begründer eines Sozialismus, der als Autodidakt handwerklichen und bäuerlichen Kreisen entstammt.
Wichtiger aber ist: Proudhon ist einer der ersten Denker des 19. Jahrhunderts, der die absolute Gültigkeit des Privateigentums (etwa vertreten durch John Locke im Jahrhundert) kritisiert hat und ablehnt und Alternativen zeigt, die in die Richtung der heute diskutierten COMMONS gehen.

1.
Der französische Philosoph und Ökonom Pierre-Joseph Proudhon (1809 – 1865) ist meist nur wegen seiner These „Eigentum ist Diebstahl“ bekannt. Diese von ihm inhaltlich begründete Erkenntnis wird wie ein Slogan benutzt und nicht in den Kontext des Denkens von Proudhon gestellt. So wird diese Erkenntnis wie eine Waffe gegen ihn verwendet von fanatischen Verteidigern „des“ „heiligen“ Eigentums.
Das Zitat „Eigentum ist Diebstahl“ wurde in Proudhons Schrift „Was ist Eigentum?“ im Jahr 1840 veröffentlicht.
2.
Dass die Auseinandersetzung mit der These „Eigentum ist Diebstahl“ aktuell ist, muss nicht erklärt werden. Auch heute ist die Vorstellung von der Unantastbarkeit, wenn nicht der „Heiligkeit“ des Privateigentums in der kapitalistischen Welt allgemeines Dogma: Weil alles der Logik des Marktes unterworfen werden darf, ist alles für Privatleute wie für international agierende „Firmen“ käuflich und damit in Privat – Eigentum verwandelbar: Gesundheit, Arbeit, Wohnen, Wasser, Wald, also auch die der Menschheit als Menschheit gegebene Natur im ganzen. Einige tausend Menschen wurden und werden bei dieser totalen Käuflichkeit von allem zu erfolgreichen Eigentümern und zu Dollar Milliardären. Diese auf die Weltbevölkerung bezogen verschwindend kleine Minderheit (abgesehen von den hunderttausenden von Dollar Millionären) verfügt in vielen Ländern schon weit über die Hälfte des gesamten Einkommens. Das hat „Financial Times“ berichtet, die ZEIT zitiert: „So ist die Anzahl der Superreichen im Pandemiejahr von 2.000 auf 2.700 weltweit gestiegen. Eines der schillerndsten Beispiele ist der Tesla-Gründer Elon Musk, der 2020 sein persönliches Vermögen von 25 Milliarden auf 150 Milliarden Dollar gesteigert hat. Aber er ist keine Ausnahme. Es gibt mit Amancio Ortega in Spanien (Inditex-Modekonzern), Carlos Slim in Mexiko (Telekommunikation) oder Bernard Arnault in Frankreich (Luxusmode) sogar einzelne Personen, deren individuelle Vermögen mehr als fünf Prozent der Wirtschaftsleistung ihres eigenen Landes ausmachen. Und in Deutschland: So zeigen die Berechnungen der Financial Times, dass die Zahl der Milliardärinnen und Milliardäre hierzulande um 29 auf 136 Personen gestiegen ist. Deren Vermögen sind im Jahr 2020 um mehr als 100 Milliarden Euro oder drei Prozent der Wirtschaftsleistung Deutschlands angewachsen. (Die Zeit, 20.5.2021). Nebenbei: Der mexikanische Milliardär Slim ist enger Freund des katholischen Ordens der Legionäre Christi, der seinerseits über viele Millionen Dollar Eigentum verfügt….
3.
In einer Welt, die die universal geltenden Menschenrechte wenigstens noch verbal anerkennt und faktisch wohl auch manchmal noch durchsetzen möchte, muss die ungleiche Verteilung des Eigentums debattiert und zweifelsfrei auch aufgehoben werden. Heilig ist nicht das Milliardeneigentum einzelner, sondern einzig das voll entfaltete Leben aller Menschen. Diese Erkenntnis ist ethisch korrekt und wahr, sie wird leider eher selten ausgesprochen und debattiert, etwa in Zeiten des Wahlkampfes 2021 gar nicht. Selbst sich noch links nennende Parteien haben Angst vor „Milliardärs-Kritik“.
4.
Diese Angst hatte der Philosoph Proudhon nicht. Eigentum, begrenzt für den persönlichen Gebrauch in der Gestaltung des eigenen Alltags, ist für Proudhon selbstverständlich legitim, zur Entfaltung der einzelnen Menschen kann darauf gar nicht verzichtet werden. Eigentum an Produktionsmitteln ist etwas anderes als Besitz von Dingen des täglichen Bedarfs. Jeder Mensch braucht zum Leben Besitz, Dinge, die den Alltag ermöglichen.
Aber dann fährt Proudhon fort: Maßlos ist das Eigentum einzelner Millionäre, es kann nur zustande gekommen sein als „Diebstahl“, wie Proudhon ausführt, also durch Ausbeutung vieler anderer. Es geht darum: Aus dem Eigentum an Produktionsmitteln maßlosen Profit zu machen, aktuell: ohne für diesen Gewinn bestenfalls nur einen Finger am Computer-Bildschirm krumm zu machen, also ohne persönlich zu arbeiten… dies ist für Proudhon aus ethischen und politischen Gründen verwerflich und zu überwinden. Werte und Eigentum werden nur durch Arbeit geschaffen. Das gilt für alle Menschen: „Dieses Eigentum ist unmöglich, weil es die Verneinung der Gleichheit ist“, betont Proudhon. Der gierige „homo oeconomicus“ (also der ganz aufs Ökonomische und den Profit fixierte Mensch) ist ein „Zerrbild der Menschlichkeit, ebenso wie eine Eigentumsmarktgesellschaft, deren öffentliche Räume zerfallen“ (so der Philosoph Helmut Rittstieg, Artikel „Eigentum“, in: Enzylopädie Philosophie, Band I, S.453).
Noch einmal: Eigentum entsteht für einen Menschen, der sein Geld vermehrt, ohne dabei selbst körperlich arbeiten zu müssen, also etwa vom Geld-Leihen (Zinsen), Eigentum an Immobilien, Fabrik-Besitz, von Spekulationen am Finanzmarkt heute, lebt. Man könnte von einem Einkommen ohne Arbeit, also einem „arbeitslosen Einkommen“, sprechen. „Der Eigentümer erntet, ohne zu säen“, betont Proudhon. Und dieser Geld-Gewinn ist nur möglich, weil andere Menschen von dem Eigentümer ausgebeutet werden.
5.
Proudhon lässt sich in seiner Kritik am Eigentum von der grundlegenden Idee der universalen Gerechtigkeit leiten, Gerechtigkeit steht im Mittelpunkt seiner Argumente ! Sogar der katholische Theologe Henri de Lubac hat sich in seiner Studie „Proudhon et le christianisme“ (Paris 1945) mit dieser zentralsten Idee Proudhons befasst: „Er war nicht weit davon entfernt, die Gerechtigkeit wie ein sakrales Erlebnis zu deuten und die Gerechtigkeit zu lieben wie eine Person“. Proudhon sagt: „Wir, die wir eine dem Menschen eingegebene, „immanente“ Moral zusprechen, wir, die wir wollen, dass Gleichheit und Gerechtigkeit herrschen, wir sind überhaupt keine Atheisten. Wir setzen die Gottheit nur um“ (Carnets, II, 178). D. h.: Wir setzen also an die Stelle des kirchlichen Gottes die Gerechtigkeit. Und schon in seiner Schrift „Was ist Eigentum“, betont er: “Gerechtigkeit als „Gott“, nichts als Gerechtigkeit, das ist das Resumé meines Vortrags“. Dabei spielt die religiöse Überzeugung eine entscheidende Rolle: Proudhon kannte die katholische Kirche und die Theologie seiner Zeit sehr genau. Aufgrund seiner Tätigkeit, schon als Schriftsetzer las er Theologen wie Boussuet, Calmet, Fenelon und andere. Die Bibel in lateinischer Sprache hat er stets bei sich gehabt. Auch das Wörterbuch von Bergier („Dictionnaire théologique de Bergier“) wurde von ihm gelesen. Aber den kirchlichen Glauben an Gott im Jenseits hat Proudhon entschieden abgelehnt, die Kirche erschien als ideologische Stütze der bourgeoisen Eigentums-Fixierung. Aber er lobt die Gestalt Jesu, ist angetan von Jesu Geist der Revolte gegen allen Dogmatismus. Darin eröffnet er eine Tradition religionskritischer Denker, die Jesus von Nazareth aus dem dogmatischen Korsett der Kirche befreien und als ein Vorbild preisen, wie auch später Nietzsche, Agamben usw.
Proudhon betont: “Religion ist für den Menschen, nicht aber der Mensch für die Religion (Kirche) geschaffen“. Sein bedeutendstes Werk heißt „De la Justice dans la Révolution et dans l’Eglise“ (1858; „Die Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche“). Es wurde von den reaktionären, herrschenden Kreisen als antiklerikales Buch wahrgenommen, Proudhon musste nach Belgien fliehen.
6.
Ob man Proudhon „Atheist“ nennen sollte, ist fraglich, eher würde das Stichwort „radikaler Agnostiker“ und“ Kirchen-Feind“ passen. Denn vom Phänomen des Religiösen kommt er bei aller Fraglichkeit nicht los. Er meine sogar, jede Kirche könnte ein Fragment der einen universalen Religion enthalten. Es ist nicht erstaunlich, dass Proudhon sich in einer Freimaurer Loge wohlfühlen wollte, 1847 wurde er in der Loge der „Sincérité, Parfaite Union et Constante Amitié, Orient de Besançon“ aufgenommen.
7.
Wenn Eigentum unter dem Maßstab universaler Gerechtigkeit steht, muss also das Eigentum verteilt werden. Das Eigentum an Grund und Boden muss in der Verfügung der staatlichen Gemeinden bleiben, die den Grund und Boden befristet den Pächtern übergeben.
Proudhon hat als Ziel seiner Kritik alles andere als den Kommunismus (marxistischer Prägung) vor Augen: Wenn im Kapitalismus die wenigen Starken mit ihrem Eigentum die vielen Schwachen ausbeuten, so dreht sich im Kommunismus das Ganze bloß um: „Der Kommunismus ist die Ausbeutung der wenigen Starken (Enteignungen) durch die vielen Schwachen (unter Führung einer zentralistischen Partei)“. Deswegen kam es auch 1847 nach ersten Anzeichen von Sympathie von Karl Marx für Proudhon zu einem Zerwürfnis zwischen beiden. Proudhon wird also eher der „anarchistischen“ Tradition zugerechnet. Im Russland des 19. Jahrhunderts spielte er eine inspirierende Rolle, etwa bei Tolstoi oder Dostojewski (siehe Fußnote 1) Bakunin war den Ideen Proudhons eng verbunden. Proudhon wird zurecht der „anarchistischen Bewegung“ zugerechnet, weil er die staatliche Herrschaft und Macht durch ein vertraglich festgelegtes Netzwerk gesellschaftlicher Organisationen ersetzen wollte.
8.
Proudhon setzt im Unterschied zu den Marxisten-Kommunisten auf radikale Reformen, und dabei suchte er nach alternativen Konzepten. Der die Produktionsmittel Besitzende soll dann nur über so viel verfügen dürfen, wie er selbst für sich bzw. seine Familie braucht. Viele dieser nur noch besitzenden Produzenten sollen dann im Austausch miteinander arbeiten; sie sind nicht einander Konkurrenten oder gar Feinde. Der Gedanke der wechselseitigen, gegenseitigen Hilfe („Mutuellisme“) ohne eine allmächtige Zentralregierung war für Proudhon zentral. Von der Diktatur einer Klasse, etwa der Proletarier, hielt er gar nichts. Er wollte das System, in dem sich der Eigentümer von der Arbeit fremder Arbeiter bereichert, unterbrechen und abbrechen. 1849 gründete Proudhon eine „Banque Populaire“, also eine „Volksbank“, sie sollte zinslose Kredite an Arbeiter gewähren. 1848 wurde Proudhon als Sozialist in die Nationalversammlung gewählt. Als Kritiker Napoléon Bonapartes musste Proudhon viele Jahre im Gefängnis verbringen.
9.
Proudhon hat also in der politischen Debatte und der Suche nach einem „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus eine gewisse Rolle gespielt. Für religionsphilosophisch Interessierte lohnt sich die Auseinandersetzung mit seiner Beziehung zur katholischen Kirche seit der Kindheit, und vor allem zu seiner religiös geprägten Vorstellung von Gerechtigkeit und Gleichheit.

Zu diesen und anderen zentralen Ideen Proudhons hat die „Société P.-J.Proudhon“ in F- 72320 Courgenard hervorragende Studien als PDF-Dateien gratis zur Verfügung gestellt. (https://www.proudhon.net/)

10.
Es wäre eine weitere Arbeit zu zeigen, wie die von Sozialisten, Anarchisten und Kommunisten angestoßenen Debatten über das Privateigentum auch gewisse sanfte lehramtliche Veränderungen in der katholischen Kirche bewirkt haben. Da wird gelegentlich das Gemeinwohl über das Recht auf Privateigentum gestellt, so im § 2403 des offiziellen katholischen Katechismus von 1993. Im § 2406 heißt es noch sehr allgemein und vorsichtig: „Die staatliche Gewalt hat das Recht und die Pflicht, zugunsten des Gemeinwohls die rechtmäßige Ausübung des Eigentumsrechtes zu regeln“… Wohlgemerkt: Es geht um rechtmäßige Ausübung, nicht um gerechte Ausübung des Eigentumsrechtes! Man bedenke, dass in dem noch bis ca. 1960 üblichen Handbuch katholische Moraltheologie“ von Heribert Jone (15. Auflage 1953) unter Verweis auf das Naturrecht der „gemeinsame (!) Besitz der irdischen Glücksgüter viele Unzuträglichkeiten“ nach sich ziehen würde (S. 204). Und weiter heißt es dann: „Demnach sind die Lehren …der Sozialisten und Kommunisten falsch“. Aber immerhin: „Nur in äußerster Not darf sich jedermann etwas von den Gütern des anderen aneignen“! (ebd.). Dies gilt nur in „äußerster Not“, nicht etwa allgemein schon in schwerer Not“, wie in § 331 betont wird….Jedoch: “Güter von geringem Wert aber dürfe sich ein Armer aneignen, wenn er sich so leicht aus schwerer Not erretten könnte und auf Bitten nichts erhalten würde“. Wenn aber sehr viele Arme sich Güter aneignen, dann könnte ja vielleicht eine kleine Revolution passieren oder? Daran denkt der Autor, der Kapuzinerpater Jone, nicht…
Es gibt darüber hinaus noch reaktionäre katholische Kreise, die sich unter dem Titel der internationalen „Bewegung für Tradition, Familie, Privateigentum“ zusammenfinden. Diese Bewegung wurde von dem Brasilianer Plinio Correa de Oliveira begründet, sie hat in Deutschland ihre Zentrale in Bad Homburg (Leitung: Martin von Gersdorff). LINK in dem Beitrag „Das reaktionäre Christentum der AFD… dort das 5. Kapitel.

Von anderer Seite kann man sich dem Thema Eigentum nähern: Über die Bedeutung des Verzichtens als Tugend, LINK

Fußnote 1:
Zur Beziehung Tolstois zu Proudhon:
Schon 1857 las Tolstoi Werke Proudhons, wahrscheinlich „Was ist Eigentum“. Die Notizen Tolstois aus der damaligen Zeit beweisen einen Einfluß Proudhons auf Tolstoi.

„Anfang 1862 wich Tolstoi auf einer Reise nach Westeuropa von seiner geplanten Route ab, um in Brüssel Proudhon zu besuchen. Sie sprachen über Erziehung – womit er sich damals sehr beschäftigte -, und Tolstoi erinnerte sich später, dass Proudhon „der einzige Mensch war, der in unserer Zeit die Bedeutung des öffentlichen Erziehungswesens und der Presse verstand“. Sie unterhielten sich auch über Proudhons Buch „La guerre et la paix“ , „Der Krieg und der Frieden“, das bei Tolstois Besuch kurz vor der Vollendung stand; es besteht wenig Zweifel, dass Tolstoi wesentlich mehr als nur den Titel seines größten Romans von dieser Abhandlung übernahm, in der argumentiert wird, dass die Entstehung und die Entwicklung des Krieges eher in der Psyche der Gesellschaft zu suchen seien als in den Entscheidungen politischer und militärischer Führer“.
Quelle: https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/leo-tolstoi/8124-george-woodcock-leo-tolstoi-ein-gewaltfreier-anarchist

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