„Bolsonaro treibt Menschen in den Tod“ – also ist er ein (Massen-) Mörder!

Die indigenen Völker Brasiliens werden mit den „Corona Maßnahmen“ des Präsidenen ermordet … und die Welt schaut zu

Ein Hinweis von Christian Modehn

Scharfe und klare, auch politisch radikale Worte hört man aus katholischen Kreisen Deutschlands eher selten. Nun erklärt einer der leitenden Mitarbeiter des katholischen Hilfswerkes ADVENIAT (Zentrale in Essen), Thomas Wieland, am 9.7.2020: „Mit dem Stopp der Corona-Maßnahmen in Brasiliens Indigenengebieten treibt Bolsonaro die Indigenen in den Tod. Ohne den Zugang zu Trinkwasser, Hygieneprodukten und einer angemessenen Gesundheitsversorgung sind ganze indigene Völker vom Aussterben bedroht.“

Zweierlei ist wichtig in dieser Erkenntnis:

Wie nennt man jemanden, der andere in den Tod treibt? Nach meiner Kenntnis nennt man ihn einen Mörder. Also muss man – der treffenden Einschätzung des Lateinamerika Spezialisten – den Präsidenten Bolsonaro einen Mörder nennen, den letzt verantwortlichen für ein mörderisches System. Und diese Einschätzung ist seit längerer Zeit bekannt. Nur wird Bolsonaro in der internationalen Politik – auch aus ökonomischen Gründen, wegen der Holz – Spekulanten usw. – immer noch höflich, verlogen als Präsident angesprochen. Und nicht als Mörder. Wann beginnen sich die großen internationalen Konzerne sich von diesem Mörder und seinem auch ökologisch tödlichen Regime zu distanzieren? Es ist soweit gekommen, dass ich höre: Viele fromme, aber kritische Leute beten für den Tod dieses Herrn Bolsonaro. Sie üben sich förmlich in einer spirituellen Variante der alten katholisch – ethischen Lehre vom Tyrannen – Mord, vorgeschlagen u.a. von dem großen Thomas von Aquin. Aber würde „dann“ das mörderische Regime aufhören? Wohl nur, wenn seine Freunde, die evangelikalen Gemeinden mit ihren Pastoren /d.h. Millionären aufhören, solche rassistischen Typen wie Bolonaro zu wählen.
Und rein jurisisch betrachtet: Was tun Demokratien und Rechtsstaaten mit Mördern? Sie werden bestraft und eingesperrt. Geschieht aber nicht im Fall Bolsonaros, weil Brasilien – wieder mal – kein Rechtsstaat ist!

Zweitens: Ein Mord an vielen hilflosen indigenen, „indianischen“ Völkern geschieht vor unser aller Augen. Ein neuer Holokaust hat begonnen: Der erste große lateinamerikanische Holocaust startete 1492 mit der Eroberung und Plünderung der „amerikanischen Länder“, als die „Ureinwohner“, viele Millionen „Indianer“ von den katholischen Kolonisten ermordet wurden. Nun also scheint die letzte Phase des Holocausts in Brasilien zu beginnen: Wieder sind es Christen, sehr heftige sogar, fundamentalistische, ewig Lobpreisungen und Halleluja grölende Christen. Auch konservative Katholiken, auch Erzbischöfe Brasiliens, gehören bekanntlich zu Bolsonaros, des Mörders, Freunden.

Aber zurück zu der wichtigen Presserklärung von ADVENIAT vom 9.7.2020:

„Im Amazonasgebiet haben sich bereits 519.465 Indigene infiziert, 15.939 sind daran gestorben (Stand: 8. Juli 2020, Quelle: redamazonica.org). Es wird immer wieder deutlich, dass das Immunsystem der Indigenen nicht auf einen solchen Virus vorbereitet ist und die Indigenen aufgrund der schlechten Gesundheitsversorgung deutlich häufiger an den Folgen der Infizierung mit dem Covid-19-Virus sterben“, sagt Thomas Wieland von ADVENIAT. Gleichzeitig sei die Abholzung im brasilianischen Regenwald im Schatten der Corona-Pandemie im April um 171 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen. Der rechtsextreme Präsident Jair Messias Bolsonaro hatte am 8. Juli ein Veto gegen 16 Maßnahmen eines von Parlament und Senat beschlossenen Gesetzesvorhabens (PL 1142/2020) zur Bekämpfung der Verbreitung von Covid-19 in Territorien der Ureinwohner eingelegt. Dazu gehört die Verpflichtung der Regierung, den Indigenen Trinkwasser, Hygieneprodukte sowie Krankenhausbetten zur Verfügung zu stellen. Auch gegen den erleichterten Zugang zu Sozialhilfe und gegen Hilfsgelder für die Landwirtschaft legte Bolsonaro sein Veto ein.
Bolsonaros Stopp der Corona-Maßnahmen ist auch für den Adveniat-Projektpartner Cimi, den Rat der Katholischen Kirche für die Indigenen Conselho Indigenista Missionário, fatal: „Die Vetos des Präsidenten bekräftigen die Vorurteile, den Hass und die Gewalt der gegenwärtigen Regierung gegenüber indigenen Völkern, Quilombolas und traditionellen Bevölkerungsgruppen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Cimi. Ein alarmierendes Zeichen in Zeiten der Corona-Pandemie, da Grundrechte und Garantien für das Leben traditioneller Völker verweigert würden. Der Präsident missachtet laut Cimi auch den Nationalkongress, indem er ein Gesetz stoppt, das bereits fast einstimmig verabschiedet wurde. „Diese Haltung des Präsidenten zeigt völlige Unempfindlichkeit gegenüber der gefährdeten Situation Tausender indigener und Quilombola-Familien und traditioneller Gemeinschaften auf dem gesamten Staatsgebiet in dieser schweren, lebensbedrohlichen Krise“, kritisiert der Cimi. Die ausschließlich finanzielle Rechtfertigung Bolsonaros sei aufgrund des bereits genehmigten „Kriegshaushaltes“ zur Bekämpfung der Corona-Pandemie nicht nachvollziehbar“.
(Die Presseerklärung von Adveniat fährt fort:
Gemeinsam mit seinen Projektpartnern hat Adveniat bereits mehr als 4 Millionen Euro Corona-Nothilfe geleistet – davon ging über eine Million Euro nach Brasilien. Mit dem Geld wurde zum Beispiel der Kauf von auf Essgewohnheiten und Mangelerscheinungen abgestimmte Lebensmittelpakete für die Madihadeni unterstützt. Das indigene Volk lebt am Rio Cuniuá im westlichen Amazonasgebiet. Auch für Indigene in Manaus sind mehr als 2.000 Lebensmittelpakete und Hygienekids mit Desinfektionsmitteln und Seife bereitgestellt worden.
Adveniat, das Lateinamerika-Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland, steht für kirchliches Engagement an den Rändern der Gesellschaft und an der Seite der Armen.

Weitere Informationen zur Corona-Pandemie sowie Berichte aus den Ländern Lateinamerikas finden Sie unter: www.adveniat.de/corona.)

Christian Modehn schreibt: Man bedenke bitte: Es werden jetzt viele Milliarden ausgegeben, damit die reichen Europäer, die wohlhabenden Deutschen vor allem, auch nach der Corona-Pandemie reich und wohlhabend bleiben, dass die großen Konzerne uns bitte bestens privilegiert bleiben usw.
Die geringe Bedeutung christlicher Solidarität für die sich doch immer noch ein bisschen christlich fühlenden Staaten der westlichen Welt wird an den lächerlichen Milliönchen sichtbar, die dem Holocaust an den Indigenas in Brasilien trotzen sollen. Ich möchte einmal wissen, wie viele Millionen die ultrakatholische PIS – Regierung in Polen zum Beispiel für Brasiliens Indigenas in Brasilien zur Verfügung stellt.

Wer eher eine Analyse zum Thema auf Englisch bevorzugt, dem empfehle ich einen Beitrag von Eduardo Campos Lima, entnommen der us-amerikanischen, kritisch-katholischen zeitschrift „National Catholic Reporter“ vom 9.7.2020:

Brazil’s Indigenous communities are being devastated by COVID-19
Amazonian region is an epicenter of pandemic

By Eduardo Campos Lima

A young Yanomami is examined by a member of a medical team with the Brazilian army in the state of Roraima July 1, 2020. (CNS/Reuters/Adriano Machado)
SAO PAULO, Brazil — Since the beginning of the COVID-19 pandemic in Brazil, Catholic organizations have warned that protective measures should be taken to keep the virus away from the country’s Indigenous population — or the consequences would be disastrous.
The surge in the number of cases among Indigenous since the end of May appears to demonstrate that the worst has happened.
With at least 367,180 cases of infection and 12,685 deaths, the Amazonian region is one of the epicenters of Brazil’s COVID-19 pandemic. The disease is not only impacting large cities such as Manaus and Belém but has also infiltrated many communities in the countryside, including the villages of traditional peoples that live in the rainforest.
The coronavirus has infected at least 6,626 members of Indigenous groups in the region and killed 157 of them. In the whole country, there are at least 9,500 cases involving Indigenous persons, with about 380 deaths, according to the Association of the Indigenous Peoples of Brazil.

The spread of COVID-19 among Indigenous groups reflects a general lack of governmental protection of their rights, said Antônio Cerqueira de Oliveira, executive secretary of the Brazilian bishops‘ Indigenous Missionary Council (known by its Portuguese acronym CIMI).
„In previous administrations, Indigenous rights were not fully secure … but at least there was some kind of dialogue with those peoples,“ Oliveira told NCR. „President Jair Bolsonaro has closed all doors and established an anti-Indigenous policy.“
Since his 2018 presidential campaign, Bolsonaro has repeatedly criticized the policy of establishing land reservations for Indigenous groups that are able to prove their historic ties with the territory they are claiming. Although it’s mandated by the constitution, Bolsonaro has claimed that Indigenous peoples already have too much land in Brazil, and promised that he wouldn’t grant any new territory to them.
At the same time, Bolsonaro has declared on various occasions that he would loosen the environmental and legal restrictions for economic activities in the country — especially in the Amazon.
Since he took office in January 2019, there has been an intensification of land invasions and destruction of the rainforest, perpetrated by illegal loggers and miners and by ranchers who want to expand their farming areas. The process often involves violence against Amazonian laborers and Indigenous.
Bolsonaro has also downplayed the severity of COVID-19, even as Brazil has the second-highest number of cases, nearly 1.7 million as of July 8, after the U.S. He tested positive for the disease July 6.

„With the pandemic, the already insufficient number of monitoring agents in the Amazon almost disappeared and invasions quickly increased,“ said Oliveira. „The intruders are not only destroying the forest and threatening the Indigenous peoples, but they’re also taking the virus with them.“
Porto Velho Archbishop Roque Paloschi, CIMI’s president, said that wildfires set by invaders also have the potential to increase the dissemination of respiratory diseases. „The removal of such intruders from the Indigenous lands is urgent,“ he told NCR.
But the governmental agency for Indigenous affairs, the National Indian Foundation, seems to be going in the wrong direction. According to Oliveira, the foundation has removed its agents from Indigenous lands that are awaiting official recognition from the government, leaving many peoples unassisted.

Young Yanomami try on protective masks as members of a medical team with the Brazilian army examine members of the tribe in the state of Roraima July 1, 2020. (CNS/Reuters/Adriano Machado)
The protection for isolated Indigenous groups — which live in the rainforest and avoid any contact with non-Indigenous people — has also been severely weakened, said Oliveira. „The doors are wide open for invaders,“ he said.
Catholic missionaries — at least the ones connected to CIMI — stopped visiting the rural villages at the beginning of the outbreak. They advised Indigenous groups to avoid contact with people from the outside and to remain in their reservations as much as possible.
But eventually, some of the members of the communities go into the city in order to receive their salaries or governmental assistance and to buy groceries. That’s when spread of the virus might occur.

„People have not been properly oriented to use hand sanitizers after leaving a store, for instance, or to always wear face masks, at least when they leave their villages,“ said Fr. Aquilino Tsiruia, a member of the Xavante people in Mato Grosso State.
„The healthcare authorities should have told the Indigenous peoples about it, but they failed to do it,“ said Tsiruia.
At least 32 Xavante people died from COVID-19, most of them in June. „The local healthcare system is very precarious, with only a handful of ICU beds available,“ said Tsiruia. „Our people has a considerable population of elders, many of whom with diabetes. Everybody is very frightened.“
Reports of a lack of physicians and equipped hospitals abound among the Amazonian Indigenous peoples. According to Oliveira, the healthcare situation has deteriorated since Bolsonaro canceled an agreement with Cuba that allowed hundreds of Cuban doctors to work in remote areas in Brazil.
The program had been created during the administration of left-wing former President Dilma Rousseff and was ideologically targeted by the far-right Bolsonaro.
„In many Indigenous reservations, the Cuban doctors were the only professionals available. Now, there’s a total absence of healthcare specialists,“ said Oliveira.
This is one of the reasons why many Indigenous people report that they have been treating COVID-19 cases with traditional healing herbs and teas.
„If we only count on regular medicines, there won’t be enough for everybody,“ said Fr. Justino Rezende, a member of the Tuyuka people who lives in the city of Santa Isabel do Rio Negro, in Amazonas state.

Rezende came down with COVID-19 in June. „The number of cases here is going up,“ he said. „Many elderly people are dying.“
Given that most villages are near small cities, the most serious cases are often taken to the state capitals, where the hospitals are a little better. Deaths occurring so far away from patients‘ families lead to other complications.
„The disease is disrupting millennium-long life systems, given that it impedes the practice of very important rituals — especially the funereal ones,“ explained Sr. Laura Vicuña Manso, a CIMI missionary. „The Indigenous groups feel deeply like they are doing something wrong when they can’t perform their traditional rites.“
Manso described the despair of a few leaders of the Karitiana people from Rondonia State when the first COVID-19 victim of their village died.
„The healthcare authorities wanted to bury the body in the city,“ she said. „In the end, after much discussion, we were able to take the body to the village, but they couldn’t perform the whole traditional ritual.“

Yanomami follow members of Brazil’s environmental agency during an operation against illegal gold mining on indigenous land in the heart of the Amazon rainforest. (CNS/Reuters/Bruno Kelly)
Alberto Brazão Góes, a member of the Yanomami people from the village of Maturacá, in the city of São Gabriel da Cachoeira, said that more than 60 people of his community have shown signs of COVID-19, but only two people have died.
„The health professionals told the families not to take the bodies to the village, but they insisted,“ said Góes. „I persuaded them to break the tradition and do a quick burial. We usually would cry for at least two days and then do a cremation. Fortunately, they agreed.“
Paloschi said the impossibility of performing their cultural rites generates serious unbalances in Indigenous societies. „It’s a turmoil in their cultural universe,“ said the archbishop. „This is a situation of real violence against them.“
Besides CIMI, local dioceses and parishes have been active in providing help to the Indigenous villages. In São Gabriel da Cachoeira, the diocese is part of a committee to deal with the disease, and one of its buildings is being used to shelter patients during treatment.
„Luckily our region began to fight the pandemic from the start,“ said Fr. Geraldo Baniwa, who lives in Assunção, an area away from the city center.
„When there’s a serious case in my community, the patient can be taken to the city and undergo treatment,“ he said. „About 80 families live here, and nobody died until now.“
Despite the growing numbers of the pandemic in the Amazon, the major cities in the region started to reactivate the economy and to loosen social distancing measures.
„There’s a considerable circulation of Indigenous peoples in the cities,“ said Oliveira. „Such an irresponsible reopening will certainly worsen the situation.“
[Eduardo Campos Lima holds a degree in journalism and a doctorate in literature from the University of São Paulo, Brazil. Between 2016 and 2017, he was a Fulbright visiting research student at Columbia University. His work appears in Reuters and the Brazilian newspaper Folha de S. Paulo.]

Quelle: Pressedienst des „National Catholic Reporter“, 9.7.2020

Dieser Beitrag wurde zusammengestellt von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Kirchenmitglied sein – ohne Kirchensteuer zu zahlen

Die Kirchen in Deutschland müssen sich neu erfinden
Ein Vorschlag von Christian Modehn

1.
Noch länger sollten die Kirchen die immer höher werdenden Austrittszahlen nicht ignorieren oder nur mutlos kommentieren in immer denselben üblichen Floskeln. Radikale Reformen, die ein Überleben und vielleicht wieder lebendiges Leben der Kirchen sichern könnten, sind notwendig. Ob diese Reformationen (also nicht bloß oberflächliche „Reformen“ oder „Reförmchen“) getan werden, ist bei der Behäbigkeit der Kirchenbürokraten unwahrscheinlich. Dennoch kann ja noch einmal von den Reformationen gesprochen werden. Sozusagen als Übungen derer, die sich dem heiligen Sisyphus verpflichtet wissen.
2.
Es könnte ja sein, dass die Kirchen als Orte der Kommunikation und einer vernünftigen, reflektierten christlichen Spiritualität weiter bestehen wollen: Dann gibt es nur eine Chance, dies wurde schon hundertmal von Theologen und Soziologen gesagt, dann gibt es nur eine Chance: Ein radikaler Wandel nicht nur der Strukturen, sondern auch der klerikalen Mentalitäten und vor allem: Eine Entrümpelung der Kirchenlehre, also der Dogmatik und der Ethik, und damit eng verbunden: Eine heutige, nachvollziehbare Sprache, auch in Gottesdiensten ist die Konsequenz. „Der Herr sei mit euch“ als Grußwort in Gottesdiensten versteht heute nur noch ein gebildeter Theologe oder Historiker. „Welcher Herr denn“, fragte mich kürzlich ein Freund, „soll denn mit mir sein?“ Mit anderen Worten: Die Kirchensprache sollte nicht länger esoterisch sein bzw. mit einer frühmittelalterlichen Sprachwelt verbunden bleiben.
3.
Die Zahlen, eine Erinnerung:
Immer mehr Christen in Deutschland geben ihre Kirchenmitgliedschaft auf: Im Jahr 2019 sind mehr als eine halbe Million Mitglieder der evangelischen und katholischen Kirche aus den Kirchen ausgetreten. Sie sind in die Amtsstuben staatlicher Behörden gegangen und haben dort in einem gar nicht spirituellen, sondern sehr nüchternen, wenn nicht banalen Akt gegen eine Gebühr ihren Kirchenaustritt erklärt. Basta. Kirchenaustritt und Aufkündigung, die Kirchensteuer zu bezahlen, sind bekanntlich identisch. Und keine Kirchengemeinde oder gar ein Bischof interessiert sich für den „Ausgetretenen“, kein Kleriker fragt nach. Ist ja auch egal, noch geht es den Kirchen (materiell) sehr gut… Und eine Nachfrage, ein Interesse, wäre bei der hohen Anzahl der Ausgetretenen auch zu viel verlangt?
4.
Mehr als eine halbe Million Kirchenmitglieder allein im Jahr 2019 weniger: Wenn dieser Trend anhält, und alles spricht dafür, werden in 10 Jahren die Kirchen mindestens 5 Millionen Mitglieder durch Austritt verloren haben, ganz abgesehen von den „Sterbefällen“ der ohnehin älteren Mitglieder. Natürlich werden einige Beobachter zurecht froh sein, wenn die bestens ausgestatteten Kirchen in Deutschland mit ihren prächtig bezahlten Bischöfen (z.B.: Monatsgehalt von Kardinal Marx, München: 11.500 Euro) dann auf Macht, Privilegien und Einfluss wohl verzichten müssen. Das wäre theologisch gesehen auch eine gute Entwicklung, wenn die Kirchen sich wieder etwas dem Vorbild, dem armen Jesus von Nazareth annähern, den auch die Bischöfe bekanntlich als „Kirchengründer“ verehren.
Andererseits gibt es auch einige Soziologen und Theologen, die den allgemeinen und prinzipiellen menschlichen Wert von Kirchen-Gemeinden als Orten des Zusammenseins unterschiedlicher Menschen hoch einschätzen. Und den Zusammenbruch solcher kommunikativen Orte (schon heute) sehr bedauern. Dass Kirchengemeinden auch Räume einer kritischen, reflektierten Spiritualität sein sollten, ist für mich selbstverständlich, aber eben einer kritisch – reflektierten christlichen Spiritualität, jeglicher christliche Fundamentalismus, jegliches charismatisch-naive Verhalten ist für mich ausgeschlossen.
5.
Der zentrale Vorschlag: „Du brauchst keine Kirchensteuer mehr bezahlen und trotzdem Mitglied der Kirche bleiben!“
Also: Jeder und jede kann Kirchenmitglied bleiben, auch wenn sie keine Kirchensteuern mehr zahlen wollen. Und die Kirchen und ihre Gemeinden freuen sich darüber. Weil ihnen das Dabeisein spirituell interessierter Menschen wichtiger ist als die Tatsache, dass diese als Christen auch die staatlich eingezogene Kirchensteuer bezahlen. Auf den Geist, die Gemeinschaft, kommt es dann den Kirchen an, nicht aufs Geld. Welch ein Kontrastprogramm inmitten der kapitalistischen Gier. Die Gemeinden und Kirchenleitungen freuen sich also über diese endlich vollzogene Entkoppelung von Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuer, weil sie eben wirklich gern finanziell ärmer ausgestattet sind, aber menschlich und spirituell eine große Weite und Großzügigkeit leben.
6.
Es muss also jetzt in dieser Zeit eines beginnenden Untergangs der so genannten Volkskirchen die Möglichkeit gegeben werden, eine Variante zur bisherigen absoluten Verklammerung von Mitgliedschaft und Kirchensteuer-Zahlung zu realisieren. Und zwar sehr schnell, alsbald, weil es sich ja in der Sicht der Kirchenleute selbst um die Einschränkung einer „Katastrophe“ handelt. Davon sprach etwa Gabriele Höfling am 19.7.2019 auf der (offiziell katholischen) website katholisch.de bezogen auf die Ergebnisse Austritte im Jahr 2018. Verwendet wurde neben „Katastrophe“ treffend auch die Qualifizierung „Desaster“.
7.
Es wäre dann im Laufe der Zeit zu prüfen, ob diese Möglichkeit einer alternativen Kirchenmitgliedschaft (ohne Kirchensteuerzahlung !) von den „Austrittswilligen“ angenommen und entwickelt wird. Es muss damit gerechnet werden, dass sogar viele, die nicht an einen Kirchenaustritt direkt dachten, dann doch diese Variante „Kirchenmitglied ohne Kirchensteuer-Zahlung“ bevorzugen. Wäre das schlimm? Spirituell gesehen auf keinen Fall!
7.
Mit diesem „alternativen Modell“ der Kirchenmitgliedschaft wird sich selbstverständlich ein Umbau der Strukturen der Kirchen wie von selbst vollziehen müssen: Die Gehälter der Pfarrer werden sinken, die großen Apartments und Dienstwohnungen der Bischöfe, Kirchenräte, Ordinariatsräte usw. werden aufgegeben müssen zugunsten kleinerer billigerer Wohnungen. Die alten schönen Behausungen, Paläste, werden teuer vermietet. Es wird also ein ganz anderes Finanzierungs-System der deutschen Kirchen realisiert. Das finanzielle Niveau der Kirchen in Deutschland wird sich etwas dem Niveau anderer europäischer Kirchen anpassen. In Frankreich erhält ein Bischof ein Monatsgehalt von 1.300 Euro. Europäische Kirchensolidarität könnte so real werden.
8.
Noch wichtiger: Die Gemeinden, nun freiwillig etwas verarmt, bieten nun, im Geiste aber erneuert, reformiert, viel Raum für Initiativen verschiedener Art, spirituell, sozial, politisch usw. Wenn es so ist, dass viele der „Ausgetretenen“ auch mit den dogmatischen Lehren und ethischen Weisungen der Kirchenführung nicht einverstanden waren, dann wird man als Gemeinde und Kirche dies respektieren und sie einladen, wo sie nun in der Kirche bleiben wollen, dass sie ihre eigenen Ideen gestalten und durchsetzen. So kann gemeinsam auch eine reformierte, „verschlankte“, auf das Wesentliche begrenzte Theologie und Dogmatik entwickelt werden.
9.
Keine Gräben ziehen zwischen Glaubenden und Atheisten
Dies scheint mir dringend zu sein, dass die Christen endlich aufhören, sich gegenüber den so genannten Atheisten, Skeptikern, Humanisten, „Ausgetretenen“ abzugrenzen. Wichtiger ist: Alle Menschen, was sie auch immer glauben, (auch Atheisten glauben ja an etwas, an das Nichtvorhandensein Gottes z.B.), sind zuerst Menschen. Sie haben die Humanität gemeinsam, sicher auch eine gemeinsame philosophische Haltung des Humanismus.
10.
Christliche Gemeinden sollten darum auch offene Gesprächsforen sein für Atheisten, Skeptiker usw. Christen sollen entdecken, was sie von diesen Menschen lernen können. Vielleicht sind sie „Fremd-Propheten“, wie der katholische Theologe Edward Schillebeeckx sagte, also „Propheten“ für die Christen, die eine neue Fraglichkeit erzeugen, und damit eine neue Lebendigkeit.
11.
Eine Zusammenfassung: Sie wurde angeregt durch die Ausführungen von Malte Lehming im „Tagesspiegel“ vom 5.7.2020, Seite 4.
Fromme Christen stehen nicht automatisch frommen (was heißt das schon) Muslimen näher als etwa den Atheisten, wie Malte Lehming vermutet. Nein: Alle Menschen stehen als Menschen einander nahe und schätzen sich als Menschen, wenn sie denn die Menschenrechte als die oberste Norm für ihr Leben anerkennen.
12.
Entscheidend ist also: Was den Zusammenhalt einer Gesellschaft und eines Staates leistet, ist nicht zuerst die unterschiedliche religiöse Überzeugung. Entscheidend und an oberster Stelle stehen die universal geltenden Menscherechte, die Vernunft und der Respekt des demokratischen Rechtsstaates. Erst danach, an zweiter Stelle der Relevanz, kommt, förmlich als private Überzeugung, der je unterschiedliche religiöse Glaube. Und der kann nur so lange öffentliche Geltung beanspruchen, als er eben die universal geltenden Menschenrechte und den demokratischen Rechtsstaat respektiert.
13.
Ökumene unter Christen, Juden, Muslimen ist theologisch interessant, weil da Unterschiede deutlich werden in den Dogmen usw.. Aber diese Ökumene hat vor allem Sinn, wenn alle drei Religionen erkennen: Nicht unser unterschiedlicher Glaube, sondern unser Menschsein im Sinne der Menschenrechte verbindet uns. Und die Vernunfterkenntnis befreit uns alle von Glaubenstraditionen, die dem heutigen Empfinden von Menschlichkeit widersprechen…Eine Ökumene von drei fundamentalistischen Religionen wäre ein Horror. Erst müssen Religionen sich durch Vernunfterkenntnis vom Fundamentalismus befreien, dann können sie miteinander beten und plaudern.
13.
Insofern haben diese Kirchensteuer/Kirchenaustritts-Debatten auch zu einer tieferen Erkenntnis der Rolle der Kirchen, Weltanschauungsgemeinschaft und Religionen im Staat gebracht: Religionen stehen gegenüber den Menschenrechten an zweiter Stelle. Das heißt: Keine religiöse Weisheit, kein religiöses Prinzip, kann beanspruchen, unmittelbar als solche politische und gesetzliche Geltung zu haben.
14.
Am wichtigsten ist: Wer aus der Kirche austritt, nimmt nicht unbedingt „Abschied von Gott“, wie der Titel von Malte Lehming suggeriert. Im Gegenteil: Wer aus der Kirche austritt, sucht seinen eigenen Gott, weil der offiziell verkündete und von den Kirchen gelebte „Gott“ leider irgendwie „passé“ ist. Vielleicht aber findet er ihn in den Kirchen doch wieder, wenn Kirchen Orte der Freiheit des Geistes werden.

Copyright: Chrisian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Hans Blumenbergs Philosophie entdecken

„Nachdenklichkeit heißt: Es bleibt nicht alles so selbstverständlich, wie es war“. (Hans Blumenberg) (1)

Ein Hinweis von Christian Modehn zum 100. Geburtstag Blumenbergs am 13. Juli

1.
Hans Blumenberg lebt. 24 Jahre nach seinem Tod, werden Schriften von ihm entdeckt und veröffentlicht. Viele machen sich auf, den schwierigen Philosophen zu entdecken. Allein das ist erstaunlich! Blumenberg regt an und regt auf mit seinen Thesen und Erkenntnissen. Dabei hat er sich mit den vielen aktuellen Fragen der Ethik oder der politischen Philosophie im engeren Sinne gar nicht befasst. Seine zahlreichen Publikationen vertiefen sich in die europäische Geschichte der Philosophie und Religion, sie versuchen – oft in feinsten sprachlichen Analysen – begriffliche Klarheit zu schaffen über den Zustand der europäischen Kultur „heute“ im Unterschied zu Zeiten, als die Metaphysik und die christliche Religion noch wie selbstverständlich Geltung hatten.
Blumenberg hatte zu Beginn seiner philosophischen Laufbahn noch stärkere Bindungen an die katholisch geprägte Welt, etwa in der Gestalt der scholastischen Philosophie. Man denke daran, dass er in den 1950Jahren Mitarbeiter der angesehenen katholischen Kulturzeitschrift „Hochland“ war. Dogmatische Bindungen an die Kirche gab er später auf, ohne dabei auf seine spirituellen, vor allem philosophischen Interessen an der Christentumsgeschichte aufzugeben.
Bei aller begrifflichen Prägnanz liebt Blumenberg auch die Mitteilung „kurioser Geschichten und Anekdoten“, wie Franz Josef Wetz in seiner Blumenberg Studie( Junius Verlag, 2011, S. 179) bemerkt. Blumenberg war überzeugt: „Menschliches Dasein ist eine riskante Angelegenheit, wozu nicht nur zahlreiche Fallgruben der Peinlichkeit und Lächerlichkeit, sondern auch ebenso viele Lebensgefahren gehören“ (ebd. S. 182).

2.
Über sein extrem zurückgezogenes Leben (als „Nachtarbeiter“ in Altenberge bei Münster), besonders nach seiner Emeritierung, ist wenig bekannt, seine Biografie kann leicht anderswo vertieft werden.
Was bedeutete ihm als emeritierten Philosophen der Dialog, der Disput mit anderen? Fand er den Dialog mit anderen Menschen/Philosophen nur noch im „Dialog“ mit Texten, Büchern? Interessante Fragen, zumal, um Blumenbergs „Spätwerk“ zu verstehen. Die dann zur gundsätzlichen Frage führt: Kommt Philosophieren ohne die leibhaftige Begegnung mit anderen Menschen aus?
Hätte sich Blumenberg mit einem kritischen, gebildeten Theologen und Bibelwissenschaftler etwa über die „Matthäuspassion„, also auch über das Evangelium des Matthäus, unterhalten, wäre dann sein Buch „Matthäuspassion“ anders, sagen wir „besser“, ausgefallen? Ich vermute es. (Siehe in diesen Hinweisen die Nr.7)

3.
Ich will nur auf vier zentrale Themen im Denken Blumenbergs aufmerksam machen. Diese Themen sind nur dem ersten Anschein nach „akademische“ Erörterungen. Vielmehr sind sie eng verbunden mit Fragen der Lebensgestaltung bzw. eines möglichen Selbstverständnisses des Menschen heute. Denn was Blumenberg zum angeblichen Ende „der“ Metaphysik oder dem Ende „des“ Christentums sagt, berührt ja mehr als bloß akademische Interessen. Dass es hier nur um Hinweise handelt, die zur Lektüre seiner Werke Blumenbergs führen können, ist vorausgesetzt.

Blumenberg und die Metaphern.
Blumenberg und die Interpretation der Neuzeit.
Blumenberg und die Mythen sowie der Polytheismus.
Blumenberg deutet die Matthäus-Passion von Bach.

4.Die Metaphern
Für mich sind die Studien zur Bedeutung und Grenze der Metaphern besonders interessant und anregend. Blumenberg schätzt diese „Sprachbilder“, er hält sie eigentlich für unverzichtbar
Er hat die Grenzen des in Begriffen sich vollziehenden Denkens klar erkannt und als Ausweg eine umfassende Analyse der Metaphern angeboten, er selbst sprach von Metaphoro-Logie und verfasst schon 1960 die Studie „Paradigmen zu einer Metaphorologie“. Weitere zum Thema folgten.
Metaphern sind ein altes Thema der Philosophie: Sie beschreiben Inhalte, etwa in der Philosophie und der Religion, die sich durch klare „eindeutige“ Begriffe nicht aussagen lassen. Es gibt Metaphern, die auf grundlegende Fragen der Menschen überraschende Antworten geben, auf Fragen, die sich aufdrängen und sogar unausweichlich sind. Sie beziehen sich auf die begriffliche, definitorische Unmöglichkeit, etwa das „Weltganze“ zum eindeutigen Ausdruck zu bringen. Blumenberg spricht in dem Zusammenhang dann von „absoluten Metaphern“. Er erwähnt durchaus einen Mut des Geistes, wenn dieser mit den Metaphern seinen eigenen Bedeutungsradius erweitert und sich selbst in seiner Fähigkeit des Transzendierens förmlich vorausläuft. Unsagbares im Sinne des Undefinierbaren etwa über Gott, das Ganze, den Kosmos, wird auf diese Weise irgendwie sagbar. Wo man Definitionen entbehren muss, haben Metaphern ihre Bedeutung: Man könnte deswegen meinen, die ganze religiöse Welt mit ihren Lehren lebt in der Sprachgestalt der Metapher, ohne dass die religiösen Menschen dabei realisieren, dass sie in ihrem religiösen Sprechen de facto immer schon in Metapher-Welten sprechen. Wie viel dogmatischer Streit, wie viele Häresie – Vorwürfe/Prozesse wären der Menschheit erspart geblieben, hätten die religiöser Führer die Bedeutung der Metaphern erkannt. Man kann die Vorstellung der umfassenden, heilvollen göttlichen Gnade mit der Metapher vom „himmlischen Jerusalem“ ausdrücken; eine „Stadt“ ist ja damit nicht gemeint.
Selbstverständlich eigentlich. Dieses metaphysisch, religiös usw. Unsagbare, das eine Metapher aussagt, darf nicht wörtlich verstanden werden, was leider oft passierte und zu großen Missverständnissen führte und führt: Man denke an die „Bibel-treuen“ Evangelikalen: Etwa: „Gott ist ein Vater“. Wer das wörtlich versteht, malt diesen Vater dann als alten Herren mit Rauschebart.
Trotzdem: Mit der Metapher, so Blumenberg, gelingt es dem Menschen etwas Vertrautes für eine Antwort auf die schwersten Fragen zu verwenden. Der Mensch „sieht weg von dem, was ihm unheimlich ist, (er sieht) auf das, was ihm vertraut ist“ (so in: „Wirklichkeiten, in denen wir leben“, S.116). Man darf freilich die Bedeutung der Metapher nicht „zu hoch, nur für Religionen gültig“ ansetzen. Metaphern prägen das sprachliche Leben im Alltag. Es gibt freilich auch die Erwartung einiger Philosophen (der Aufklärung) das „Provisorium“ der Metapher zu überwinden.

5. Die Interpretation der Neuzeit
Das Buch „Die Legitimität der Neuzeit“ wurde 1966 veröffentlicht, es hat viele heftige Diskussionen ausgelöst. Warum ist die Neuzeit „legitim“, also berechtigt, richtig, also etwas Anerkanntes und Anzuerkennendes? Und nicht, wie manche Verteidiger der mittelalterlichen Welt betonen, etwas Schädliches, Nicht-Sein-Sollendes, Zu-Überwindendes? Die Neuzeit, so Blumenberg, setzt ihre eigenen Gesetze und Maximen. Ihre weltlichen Prinzipien sind NICHT umgewandelte theologische Grundsätze. Vielmehr hat das Mittelalter sein eigenes philosophisches, theologisches Ende bereitet und so den Übergang in eine neue Welt, in die „Neuzeit“ vermittelt. Dieses selbst verursachte Ende der spätmittelalterlichen Welt wird für Blumenberg an der Philosophie des Nominalismus deutlich, vor allem an zentralen Aspekte im Denken Wilhelm von Ockhams. Er lehrte ein Gottesbild, das Gott außerhalb jeglicher Vernunft setzte. Es ist der willkürliche, unberechenbare, tyrannische Gott, der da vorgestellt wird. In dieser Situation löst sich der nachdenkliche Christ von Gott; der Mensch wird auf sich zurückgeworfen und geht seinen eigenen, nicht mehr kirchlich vorgeprägten Weg. Insofern ist die Neuzeit angesichts des spätmittelalterlichen Nominalismus unvermeidlich und legitim. Und diese „unvermeidliche“ Neuzeit hat auch ihre eigene Prinzipien, die sich im Begriff der Säkularität, der Weltlichkeit der Welt, äußern. In dieser Position lehnt Blumenberg die im 20. Jahrhundert von Theologen unternommenen Versuche ab, Säkularität bzw. Säkularisierung als Konsequenz des christlichen Glaubens zu verstehen. Auch Carl Schmitt hatte betont, zentrale Begriffe der modernen Staatslehre seien nichts anderes als verweltliche Begriffe aus der Theologie und dem Christentum. Dass Blumenberg die Neuzeit mit ihrer Dominanz von Technik und Naturbeherrschung eher als Segen denn als Problem deutete, kann hier nur angedeutet werden.

6. Die Mythen und der Polytheismus
Die Studie „Arbeit am Mythos“ wurde 1979 publiziert.
Dabei wird deutlich: Blumenberg will die Mythen nicht als eine neue Ideologie aufwerten oder gar die Götter alten Mythen neu beleben. Götter erscheinen mit einem großen Brausen oder einem stillen Wehen nun einmal nicht im modernen Horizont des Denkens und Lebens. Wenn sich Blumenberg für Mythen interessiert, dann nur um zu fragen: Was bewirken Mythen, wenn sich Menschen mit ihnen befassen? Indem Menschen sich Geschichten erzählen, also Mythen verbreiten, steuern sie gegen das Gefühl, auf dieser Welt verloren zu sein, sie setzen die Mythen als Hilfen ein gegen die Lebensangst. Mythen „beantworten jene vermeintlich naiven, prinzipiell unbeantwortbaren Fragen“ (Paradigma einer Metaphorologie, Bonn 1960, S. 19).
Darum werden Geschichten erzählt, die Abstand schaffen zu der fremden, bedrohlichen Welt und der Natur. Ohne Distanzierung von der Welt kann der Mensch sich nicht entwickeln und als Mensch überleben.
Aber die Zeit der Mythen ist für Blumenberg vorbei. Trotzdem verlangt der Mensch in seiner Selbstbehauptung nach Geschichten und Symbolen, um in dieser Welt zu bestehen.
In der Welt des Mythos denken, bedeutet für Blumenberg eine Art „imaginative Ausschweifung“ , Mythos hat für ihn so etwas wie eine poetische Leichtigkeit, die dann zu einer anthropomorphen Aneignung der Welt und zu einer theomorphen Steigerung des Menschen führt. Durch diese Leistungen kann der Mensch in diesem Kosmos, meint Blumenberg, in seiner Einsamkeit überleben.
Blumenberg weiß, dass diese Thesen den Widerspruch der strengen Monotheismus und der Metaphysiker finden. Der jüdische Emmanuel Lévinas hat dieses Konzept heftig kritisiert und daran erinnert, dass im Monotheismus der Mensch in die Verantwortung für den anderen gesetzt ist, der Gerechtigkeit und Schutz auch von mir zurecht unbedingt beanspruchen kann.

7. Blumenberg und die Matthäuspassion
Dieser Beitrag wurde in etwas kürzerer Form schon 2018 veröffentlicht.

Hans Blumenberg (1920 bis 1996) ist ein sehr „vielschichtiger“, gerade darin aber ein sehr anregender Philosoph. Auch wenn er in einer Distanz zur christlichen Religion und den Kirchen lebte: Die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach war ihm wichtig.
Der Text der Matthäuspassion, das Gottesbild, das da erscheint, ist Blumenberg sehr befremdlich. Darüber hat er 1988 ein recht umfangreiches Buch, eine Art „Meditation“, veröffentlicht (bei Suhrkamp). Die Bibel-Sprüche und Texte der Arien usw. aus der „Matthäuspassion“ Bachs sind ihm, dem modernen, kritischen, aber für grundlegende Sinnfragen sehr aufgeschlossenen Hörer letztlich kaum erträglich. Blumenberg deutet die Botschaft der Matthäus-Passion als traurige, irritierende abstoßende Botschaft. Sie enthält den unerträglichen Gedanken, dass Gott seinen eigenen Sohn aufopfert in dem grausigen Tod. „Sonst verlassen die Söhne die Väter. Dieses Mal lässt der Vater den Sohn in dem Elend, das er ihm auferlegt hat“(S. 249). Und mit dem Schrei Jesu am Kreuz „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ deute Jesus an, meint Blumenberg: Gott selbst ist in dem Moment gestorben..

ABER: Der heutige Hörer der Matthäus-Passion Blumenberg kann, trotz dieser Einwände, die Matthäuspassion doch noch hören und schätzen lernen. Er kann die Texte als Metaphern verstehen. Und allein durch die Musik wird der Hörer bewegt. Er kommt selbst z.B. in eine eigene Stimmung des eigenen Leidens und Mitleidens. Er wird in eine Schwebesituation geführt. Musik bringt etwas zum Tönen, was Blumenberg ergreifend/tröstlich findet. Es gibt für ihn diese transzendierende Erfahrung. Franz Josef Wetz schreibt in seiner Blumenberg Studie (Junius Verlag, Hamburg, 2011,S 64): „Sie (die Matthäuspassion Bachs) mache das Unerträgliche erträglicher und tröste den Menschen selbst dann noch, wenn die Auferstehung Christi niemals stattgefunden haben sollte… Die Musik sei so stark, dass sie den Menschen selbst über den Verlust dieses Trostes hinwegzutrösten vermöge“.
Zu diesen Einsichten kommt aber Blumenberg, indem er die historisch kritische Bibelwissenschaft eigentlich ablehnt und in der unmittelbaren Reflexion auf die Bibeltexte seine eigenen, sehr persönlichen Einsichten gewinnt. Eine ungewöhnliche Bibellektüre, die eigene Fragen aufwirft. Der Philosoph Franz Josef Wetz hat in seinen Blumenberg-Studie den sehr eigenwilligen Umgang des kirchenkritischen, aber religiös „suchenden“ Philosophen mit den Texten der Bibel treffend beschrieben: „Geradezu ratlos steht man vor seiner (Blumenbergs) gewaltsamen Auslegung biblischer Texte …und dann diese merkwürdigen Exegesen und irrationalistischen Erzählungen im schlechtesten Sinn des Wortes“ (S. 64 f.) Wetz bezieht sich dabei etwa auf eher esoterisch wirkende Vorstellungen Blumenbergs von einer misslungenen Schöpfung, also einem letztlich unvollkommenen Gott…
Aber es bleibt wohl dabei: Über die Ästhetik der Musik allein findet der Mensch einen Halt, selbst in einer Matthäus-Passion, deren Texte sehr fremd erscheinen.
Nebenbei gefragt: Wie viele Gläubige und Ungläubige weinen beim Hören der Matthäuspassion oder der Johannespassion? Entsprechende „Geständnisse“ sind bekannt. Was bedeutet diese Sprache der Tränen? Wird ein Verlust beweint? Was aber hat man vor dem Verlust im Umgang mit den Texten erlebt? Was hat den Menschen zum Abschied von diesen Texten, diesen Inhalten, geführt, zu einem Abschied, den der Mensch jetzt als Verlust erlebt? Eine Rückkehr in die alte Glaubenswelt war für Blumenberg ausgeschlossen, für ihn, der zu Beginn seiner philosophischen Laufbahn noch die klassische katholische Scholastik kannte und mit vollzogen hatte. Der alte Glaube gehörte für ihn zu einer „alten Welt“ mit einem alten, im Sinne des nicht mehr erträglichen Weltbildes. Dieser Sprung in die „alte Welt“ war ihm – wie vielen anderen – nicht möglich. Wäre Blumenberg der Glaubenswelt der Kirche verbunden geblieben, wenn diese Glaubenswelt reformiert und „modernisiert“ wäre? (Nebenbei zum Thema Tränen: Der Philosoph Herbert Schnädelbach hat in seinem Aufsatz „Der fromme Atheist“ darauf hingewiesen, dass ein „frommer Atheist“ – also er selbst – etwa den Schlusschoral der Johannes-Passion von Bach „nicht anzuhören vermag, ohne mit den Tränen zu kämpfen. Was sich da einstellt, ist eine Mischung aus Trauer und Wut, dass das alles (also die kirchliche Botschaft, CM) nicht wahr ist“ (Herbert Schnädelbach, „Religion in der Moderne“, 2009, S. 80).

Die Frage aber bleibt: Sollen Gläubige und Ungläubige sich der Tränen beim Hören von Bach schämen? Bitte nicht! Vielleicht ist das (gemeinsame) stille (ungetröstete?) Weinen eine sonderbare Form eines momenthaften, verbal gar nicht artikulierten „Halt gefunden haben“? Darüber wird kaum gesprochen.

Nicht gesprochen habe ich hier über andere wichtige Themen des Philosophen Blumenberg, wie etwa über seine eigenständigen Arbeiten zum Thema „Lebenswelt“ oder über seine Heidegger Kritik…

(1)
Zit. aus der Rede von Hans Blumenberg anlässlich der Übergabe des Preises der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, 1980. Im Internet verfügbar: https://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/sigmund-freud-preis/hans-blumenberg/dankrede

Eher leicht zugänglich sind die kleinen Essays Blumenbergs, posthum veröffentlicht, unter dem Titel „Die Verführbarkeit des Philosophen“, Suhrkamp, 2005.

Ich empfehle die Studie des Philosophen Franz Josef Wetz „Hans Blumenberg zur Einführung“, erschienen 2011 im Junius Verlag Hamburg. 237 Seiten. 14,90 EURO.

Sehr wichtig sind auch die Studien und Aktivitäten der Hans Blumenberg Gesellschaft: http://blumenberg-gesellschaft.de/

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der Gott der (meisten) Christen: Die Dreifaltigkeit, ein einziges „Wesen“ in drei „Personen“

Ein Hinweis zu einem spekulativen Thema
Von Christian Modehn (Siehe auch meinen Hinweis zum Thema, veröffentlicht am 3.6.2020)

1.
Dies ist eine zentrale Frage der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie: Wer oder was ist der (offizielle, von der Kirchenhierarchie gelehrte) Gott der Christen? Da gibt es ja bekanntlich mit Juden und Muslims gewisse Auseinandersetzungen, auf die ich hier nicht eingehe.
Noch einmal einige Hinweise zum Verstehen der Dreifaltigkeit des einen Gottes der (meisten) Christen. Zumal im „Kirchenjahr“ alle Sonntage nach dem „Dreifaltigkeitssonntag“ (dies ist der Sonntag nach Pfingsten) als „Sonntage nach Trinitatis“ bezeichnet werden. In diesem Jahr 2020 heißen so 26 Sonntage bis zum „Ewigkeitssonntag“, dem 22. November. Wer will, hat also viele Wochen Zeit, sich mit der Trinität zu befassen…
2.
Dabei nenne ich hier nur einige weitere Erkenntnisse, die das kleine, aber sehr anregende und empfehlendwerte Buch des bekannten Mittelalter-Historikers Jacques Le Goff bietet: “Der Gott des Mittelalters“ (Herder, 2003, antiquarisch noch zu haben). Die Seitenzahlen beziehen sich, wenn nicht anders angegeben, auf dieses Buch
3.
Dies ist für Le Goff der Ausgangspunkt:
Der offiziell verkündete Gott der (meisten) Christen ist „einer“ in drei verschiedenen Personen: Gott „besteht“ aus drei Personen, „hat“ aber nur ein Wesen, sagt auch Le Goff (43), bei gleichzeitiger Betonung des christlichen Monotheismus (28, auch 31, 43). (Dabei wäre über den Begriff „Person“ in der Trinität noch eigens zu sprechen: Gemeint ist nicht der Begriff der Person, der auf die menschlichen begrenzten Wesen zutrifft. Menschen haben jeweils ein einmaliges, eigenes „Wesen“. Bei Gott Vater, Jesus Christus (dem „Logos“) und dem Heiligen Geist, also den „Dreien“, handelt es sich jedoch um ein einziges Wesen. Trotz dieser begrifflichen Verschiebung und Undeutlichkeit halten die Kirchen an den drei göttlichen Personen fest. Dies führt zu blühender Phantasie, darauf weise ich später hin.
4. Die „Personen“ im einzelnen:
Der Gott – Vater wird als der thronende, sitzende, richtende Gott gedacht (10, 32). Wie schon die ersten christlichen Könige und Kaiser thront auch der höchste Herrscher, dies ist Gott-Vater. „Wir dürfen nicht vergessen, dass ein Teil der Eigenschaften des Gottes der Christen vom Römischen Reich geprägt wurde“ (63). Gott Vater sitzt auf einem Gnadenstuhl (46) Damit deutet Le Goff die ideologische Abhängigkeit des religiösen, christlichen Gottesbildes von den politischen-ökonomischen Bedingungen an.
Dieser thronende, herrschende Gott (mit Bart, manchmal) bestimmt als Bild bis heute das Denken und Vorstellen sehr vieler Menschen. Mit anderen Worten: Das christliche Gottesbild ist weithin mittelalterlich bestimmt.
5.
Das Bild von Christus als der 2. Person in der Trinität ist im Mittelalter vom leidenden Christus bestimmt.
ABER es gibt auch eine unausgeglichene Ambivalenz, eine „Konkurrenz“ zu Gott-Vater, wenn Christus als „thronender Gott des Jüngsten Gerichts“ (66) dargestellt wird.
6.
Über den Heiligen Geist: Dieser eine Gott delegiert „seine Macht in gewisser Weise an eine der drei Personen“ (43). Das heißt: Le Goff nennt den Heiligen Geist eine Art „deus ex machina“, der je nach Bedarf als Gott eingesetzt wird (36), etwa als Gott, der in den Spitälern verehrt wurde.
Es ist ein Vogel, die Taube, die als Symbol für den gar nicht darstellbaren Heiligen Geist verwendet wird. Die Wahl der Taube als Symbol des heiligen Geistes ist den meisten heute wohl fremd und befremdlich und dieses Symbol bedarf eigener Erklärungen, die leider Le Goff in dem Buch nicht bietet! Schon in den alten Kulturen galten Tauben als Götterboten; sie waren Symbole der Sanftmut, aber auch der Einfalt. Noah bediente sich der Tauben in seiner Arche. Und vor allem: Bei seiner Taufe durch Johannes sah Jesus den „Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen“ (so Markus Evangelium, 1, 10), Man denke auch daran, dass die Taube (oft mit Olivenzweig im Schnabel) als Symbol der Friedensbewegung gilt: Pablo Picasso hat sie entworfen für den Pariser Weltfriedenskongress 1949…
Es gab dann theologische Debatten, in welcher Beziehung der im Christen anwesende Heilige Geist zu dem allgemein menschlichen Geist hat. Gerade in der praktischen Ethik, der Tugendlehre, ist diese Frage wichtig. Thomas von Aquin fand in dem Zusammenhang den Heiligen Geist entscheidend (42) gegenüber dem bloß menschlichen Geist. Eine unbefriedigende Antwort. Denn wer sich auf diese Vorstellung einlässt, muss sich fragen: Ist das, was ich tue, denke, plane nun „mein“ Geist oder, sozusagen in Doppelung, Verstärkung, der Heilige Geist. Diese Frage berührt das große Thema der Gnadenlehre und der Erlösungslehre der dogmatischen Kirchen, die ja immer von einer begrenzten, sündigen „Natur“ des Menschen ausgeht und der Gnade, dem Heiligen Geist. Das ist ein kirchliches Konstrukt, um die Notwendigkeit der Taufe und damit die Notwendigkeit der Kirche zu begründen… Aber diese Perspektiven zeichnet Le Goff nicht in diesem Buch!
Hingegen: Beim Heiligen Geist spricht etwa der (häretische) mittelalterliche Mönch Joachim von Fiore von dem „göttlichen Beweggrund der Geschichte“, eine Idee, die bei Hegel wiederkehrt.
7.
Das ist wichtig für Le Goff:
Das Gottesbild hängt immer von den Positionen derer ab, die sich von Gott ein Bild machen (9), also gibt es einen Gott der Armen und der Reichen, der Kleriker und der Laien usw. (9). Dieses Thema wird leider nur angedeutet, es ist so aktuell wie im Mittelalter.
8.
Mit der Trinität als Vorstellung von dem einen Gott hatten die Menschen, allen voran die Theologen, die Künstler, die Literaten ihre große Mühe. Es kam und kommt zu absonderlichen Vorstellungen, Ideen, Bildern:
9.
Le Goff spricht davon, dass es eine „Einführung einer weiblichen Person in und neben der Trinität gab, dies ist die Jungfrau Maria“(10).
Ein bislang eher verdrängter Hinweis: „Maria – die vierte Person der Trinität“, den übrigens auch der Theologe Josef Imbach bestätigt, in seinem Buch „Marienverehrung zwischen Glaube und Aberglaube“(2008, Patmos Verlag.). Imbach nennt etwa den Glauben katholischer Bruderschaften im 17.Jahrhundert: „Man verlieh der Mutter Jesu den Ehrentitel einer Göttin und betrachtete sie – innerhalb dieses Denkschemas durchaus folgerichtig, aber arithmetisch absolut unlogisch – als vierte Person der Dreifaltigkeit“ (67).
Ein Beispiel für viele: Das Erzbistum München –Freising bietet auf seiner Website ein Beispiel; Ein Gemälde, das Maria als Königin inmitten und als Teilnehmerin der Trinität zeigt: Und zwar ein Gemälde aus der Kirche in Gelbersdorf. (https://www.erzbistum-muenchen.de/spiritualitaet/cont/83681)
10.
Aber selbst wenn die Trinitäts-Vorstellungen sich oft auf die drei göttlichen, davon zwei männlich gedachten (!) Personen beschränkten: Da kam es im Laufe der Zeit zu allerhand Absonderlichkeiten:
Es gab Vorstellungen, Bilder, eher eine „Binität“ als eine „Trinität“ darstellten: Etwa: Gott Vater hält Jesus auf seinem Schoß. Ohne heiligen Geist.
Es gab Bilder der trikephalen, also der dreiköpfigen Trinität: Das heißt: Ein Körper mit drei Köpfen.
Es gab Bilder der dreigesichtigen Trinität: Ein Kopf, mit vier Augen, drei Nasen, drei Münder. Also drei verschiedene, aber identische Gesichter. Le Goff schreibt: „Dies sind Bilder eines monströsen Gottes, die heftigen Protest hervorriefen, beispielsweise beim heiligen Antoninus (1389-1459), dem Erzbischof von Florenz und Protektor Fra Angelicos. (48).
Eine Studie von Leopold Kretzenbacher (Graz) beschreibt diese hoch merkwürdige „Dreigesichter – Trinität“ ausführlich auch mit vielen anschaulichen Beispielen: (https://www.historischerverein-stmk.at/wp-content/uploads/Z_Jg83_Leopold-KRETZENBACHER-Steirische-Dreifaltigkeitsbilder-als-%E2%80%9EDreigesicht%E2%80%9C-und-ihre-Verwandten.pdf)
11.
Diese Bilder sind Ausdruck einer großen Verlegenheit: Christen wissen selbst nicht so richtig, wie sie mit dem Begriff des einen Gottes als Trinität umgehen sollen. Durch diese offizielle Vorstellung der Dreifaltigkeit ist der Phantasie Tür und Tor geöffnet. Das ist ja nicht schlecht. Aber der Kirchenführung entgleitet dabei die Hoheit der Definition, was zu glauben ist. Sie schafft also selbst ein Stück Freiheit und fördert förmlich mit ihrem mysteriösen Dogma Andersdenkende, die sie dann Häretiker nennt und . mindestens – ins Abseits stellt. Und von daher kann man verstehen, wenn der große katholische Theologe Edward Schillebeeckx, Nijmegen, gestehen muss: Der Trinität sehr skeptisch gegenüberzustehen.
12.
Der eine und dreifaltige Gott der Christen wurde politisch massiv und heftig durchgesetzt: Um den Glauben der poly – theistischen Heiden zu beseitigen, wurden heidnische Tempel zerstört, Bücher heidnischer Philosophen verbrannt, Bäume gefällt und Quellen zerstört, weil die Bischöfe meinten, darin seien heidnische Götter tätig. Christentum und Naturzerstörung hat darin einen Aspekt!
All das wiederholte sich etwa in Südamerika seit dem16. Jahrhundert, die Tempel der Maya, Azteken usw. wurden zerstört und auf deren Boden barocke Kirchen mit dem trinitarischen Gott den „Indianern“ präsentiert……Es fand also als Missionsstrategie eine Art Entzauberung statt, die dann wieder neuen Schwung bekam durch eine neue, dann christliche und kirchlich gesteuerte Verzauberung: Denn was anderes ist denn der Marien-Kult, der Reliquienkult, die Messe mit der „Wandlung“ etc…, ist die Idee einer Trinität für den einen Gott nicht auch eine Form von Verzauberung, eine uneingestandene Verneigung vor dem Polytheismus?
13.
Der Kampf um die Durchsetzung der Trinität, die den Kaisern/Königen wie den Päpsten gleichermaßen gefiel, war heftig: Es gab die Verteufelung und Verfolgung der Christen, die dem Glauben an den einen Gott in drei Personen nicht folgten, wie etwa Arius oder Nestorius oder Pelagius… (29 f bei Le Goff nur angedeutet).
14.
Die Kirche wollte nicht nur ihre äußere Macht stärken, und stärker als die weltliche Macht der Könige erscheinen. Sie wollte auch in ihrer inneren Gestalt, der Lehre, nur eine Einheitsmeinung zulassen, was ihr natürlich nicht gelang. Deswegen die ständigen Ketzerprozesse in der ganzen Kirchengeschichte. Die Bischöfe und Päpste, die sich die absolute Hoheit in der Deutung der Bibel selber zugesprochen hatten, duldeten keine Abweichler. Und durch ihre Sakramente, wie die Taufe, machte sich der die Taufe spendende Klerus absolut unersetzlich für das ewige Heil der Menschen. Diese engste Verbindung von Klerus und Sakramentenspendung (Taufe, Firmung, Feier der Messe durch Priester allein, usw..) hat bis heute die Allmacht des Klerus gestärkt.
15.
Die große Frage der kritischen Theologen ist heute: Ist ein christlicher Glaube denkbar und lehrbar, der auf die klassische Beschreibung der Trinität verzichtet? Und der einfach nur nachvollziehbar sagt: Gott, das Göttliche, das bzw. der Ewige sind ein bleibendes Geheimnis, das der Menschen in seinen Emotionen und im Denken berührt, berühren kann. Aber niemals umgreifend definieren kann, wie es die klassische Trinitäts – Lehre betont. Zudem ist ihre Bindung an politische Umstände so groß, dass man wohl eher von einer klassischen Trinitäts-Ideologie sprechen sollte.
16.
Aber zu diesem Akt einer theologisch-ideologischen Befreiung sind die großen, herrschenden Kirchen(führer) wohl nicht in der Lage. Sie können und wollen nicht eingestehen: Was einmal einst vor Jahrhunderten von Christen gelehrt wurde, ist historisch zwar interessant, aber heute von keiner spirituellen und theologischen Gültigkeit mehr. Denn der christliche Glaube ist keine museale Veranstaltung, keine Repetition uralter metaphysischer Thesen, sondern ein lebendiges, ein offenes, eine kritisches Geschehen.
17.
Meine These, mein Vorschlag: Ein vernünftiger christlicher Glaube (kann er denn anders als vernünftig sein bei denkenden Menschen, die sich der „Gottes-Gabe“ Vernunft erfreuen) kommt selbstverständlich ohne die klassischen Formeln des trinitarischen Dogmas aus. Darin folge ich der Trinitäts – Skepsis des katholischen Theologen Edward Schillebeeckx. Das Motto also ist: Christen sollten sich hüten, von Gott zu viel wissen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

Aberglaube oder Gottvertrauen? Das Erzbistum Berlin wird den Herzen Jesu und Mariens geweiht.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Um den zentralen Gedanken deutlich zu machen (Nr.5.ff.), sind einige Hinweise zu Beginn wichtig:

1.
Es entspricht den Prinzipien des freiheitlichen Rechtsstaates, dass jede Glaubensgemeinschaft ihr Bekenntnis nach eigener Wahl ungehindert ausdrücken kann. Wer zum Beispiel aus religiöser Überzeugung sein Bekenntnis formuliert: „Im Himmel ist Jahrmarkt“ hat sein gutes Recht dazu, dies öffentlich zu sagen. Alle religiösen (oder atheistischen) Bekenntnisse dürfen nur nicht die Grundlagen des demokratischen Rechtsstaates gefährden und die Anerkennung der universal geltenden Menschenrechte in der Praxis missachten.

2.
Nun erklärt der katholische Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, er werde am 15.8. 2020 das Erzbistum Berlin den heiligen Herzen Jesu und Mariä „weihen“. Also kraft seiner bischöflichen Vollmacht das Erzbistum Berlin unter den Schutz der beiden genannten Herzen stellen.
Anlass ist das 90 jährige Bestehen des Bistums Berlin sowie auch, von Koch nur kurz angedeutet, dass „unsere ganze Gesellschaft mit der Corona-Pandemie vor einer (sehr großen) Herausforderung“ stehe.
Die Weihe des Erzbistums an die Herzen Jesu und Mariens ist also durchaus auch eine katholische Antwort auf die Corona-Krise.
Warum man, wenn man schon „weiht“, das Erzbistum Berlin nicht etwa auch dem heiligen Josef oder der heiligen Hedwig oder dem seligen Berliner Nazi-Widerstandsbewegten Prälat Lichtenberg „weiht“, ist des Erzbischofs Geheimnis. Wahrscheinlich sind die Herzen Jesu und Mariens im Himmel wirksamer, einflussreicher bei Gott, wer weiß es? Aber warum bloß die „Herzen“? Das erinnert mich so an die spezielle Herzgruft der Habsburger, die in der Wiener Augustinerkirche verehrt werden. Warum nicht die ganze Person dieses Propheten Jesus von Nazareth? Oder der jungen Frau Maria, die so eindringlich – aber wirkungslos – betete, dass Gott die Mächtigen vom Throne stürzt, siehe ihr wunderbares Gebet „Magnificat“.
Erzbischof Koch erinnert daran, dass derartige „Weihen“ des Bistums in anderen Krisenzeiten schon vollzogen wurden, im Juni 1934, dann noch einmal 1944 und „zur Zeit der Berlin-Blockade“ 1948. Nebenbei: Politisch, also auch spürbar, sichtbar, bewirkt haben diese Weihen offensichtlich gar nichts: 1934 blieben die Nazis an der Macht, 1944 ging der Krieg gerade auch in Berlin heftig weiter und die Krematorien in Auschwitz und anderswo wurden auch nicht zerbombt. Ob das materielle Überleben West-Berlins 1948 durch die us – amerikanische Hilfe oder auch – esoterisch gesehen – durch den Beitrag Mariens gelang, sei dahin gestellt.

3.
Der Sinn solcher globalen Weihehandlungen wird von Erzbischof Koch nur angedeutet: Es gehe um die Förderung des Gott-Vertrauens, um Gott, „dessen Herz größer ist als unser Herz“. Es gehe darum, „in der Krise sein Herz nicht von Angst, sondern vom Vertrauen leiten lassen“. Dazu soll die Weihe des Bistums an die Herzen Jesu und Mariens führen. Es geht um Gott-Vertrauen, um Vertrauen in den Lebenssinn. Das ist auch philosophisch und in einer kritischen Theologie nachvollziehbar. Warum aber dann diese anspruchsvolle, ins Mysteriöse abrutschende Weihehandlung? Und das dazugehörige Tam-Tam?

4.
Dabei ist der Weiheakt in Berlin und für das Erzbistum Berlin (also offenbar nur für die Katholiken oder die ganze bewohnte Fläche des Erzbistums?) am 15.8.2020 vom Ausmaß her offenbar doch recht bescheiden:
Bekanntlich weihte Papst Pius XII. am 8. Nov. 1941 tatsächlich die ganze Welt „dem unbefleckten Herzen Marias“. Diese universale Weihe wurde 1954 von Pius XII. wiederholt.
Auch der extreme Marien – Verehrer, der polnische Papst Johannes Paul II., fühlte sich berufen, die ganze Welt von Fatima aus 13. Mai 1991 zu weihen. Dabei wiederholte er in dieser Weihehandlung seine politische Kritik an der freiheitlichen liberalen Demokratie: Er sagte also kurz nach der „Wende“: „Es besteht die Gefahr, dass der Marxismus von einer anderen Form des Atheismus abgelöst wird, die der Freiheit schmeichelt und darauf aus ist, die Wurzeln der menschlichen und christlichen Moral zu zerstören“.
Und, „man“ glaubt es kaum bei diesem angeblich progressiven Papst Franziskus: Auch er weihte am 13. Okt. 2013 die Welt der Jungfrau Maria. Dann tat er das noch einmal am 26. April 2017. Ist die Welt seitdem besser geworden, mehr den göttlichen Geboten entsprechend?
5.
Was sollen diese Weihe-Handlungen? Was ist der katholisch-theologische Hintergrund: Die Erklärung muss man, wie in kritischer Theologie üblich, nachvollziehbar formulieren: Marias Herz bzw. das Herz Jesu, sollen ihre Macht im Himmel und ihren Einfluss bei Gott geltend machen, dass Gott-Vater den Bitten der Katholiken bzw. des Papstes bzw. des Bischofs folgt und zum Beispiel Frieden schafft.
Das war am 8. November 1941 im Falle des weihenden Papstes Pius XII. nur ein frommer, d.h. naiver Wunsch, nur ein hilfloser Spruch. Aber er passte in die (damalige) wundergläubige Welt des Katholizismus.
Religionskritiker würden sagen: Was Pius XII. da tat, war eine Art Opium – Lieferung, eine Beruhigung der erregten Katholiken und der Menschen überhaupt: Denn diese universalen Segnungen der Päpste wurden ja irgendwie zugunsten und im Namen „aller“ ausgesprochen. Eigentlich eine ziemliche Anmaßung, im Namen aller die Welt Maria zu weihen, in der theologischen Erwartung, diese würde vom Himmel Gott bewegen und dieser würde eingreifen.
Eine Weihe der Welt an Maria oder an das Herz Jesu bedeutet also immer auch der Glaube an ein wunderbares Eingreifen Gottes, der sich förmlich als Gott-Vater im Himmel von Maria bewegen lässt, etwa den 2. Weltkrieg zu stoppen. Das kann natürlich selbstverständlich jeder glauben, der will. Über das Gottesbild dieser Personen wäre an anderer Stelle zu diskutieren…
Es entspricht aber der Realität zu betonen: Diese Weihehandlung war Ausdruck der Unfähigkeit Pius XII., mit seiner Autorität für Friedensverhandlungen zu plädieren und die Nazis öffentlich als Verbrecher zu bezeichnen usw.: Diese Weihehandlung war Ausdruck eines von Ängsten umstellten Papstes, der an die Macht seines Amtes gar nicht glaubte: Es gab 1941 KZs, das Jahr 1941 war das entscheidende Kriegsjahr überhaupt. Was soll dann die Erwartung, Maria könnte vom Himmel aus für Ruhe und Ordnung sorgen? Das tat Maria aber, den sichtbaren Fakten folgend, nicht: Der Krieg ging weiter, Millionen kamen um, 6 Millionen Juden mussten ihr Leben lassen: Wenn denn ein Papst oder ein Bischof meint, mit einer Weihehandlung etwas zu bewirken, dann soll er resignierend sagen: Wer an das Herz Marias und das Herz Jesu glaubt, findet dort letzten Trost. Mehr nicht. Eine menschenfreundliche Theologie, ganzheitliche Theologie, sieht anders aus.

6.
Was hat das alles mit Berlin zu tun? Anstelle der mysteriösen, theologisch nicht nachvollziehbaren Weihehandlung an die Herzen Jesu und Mariens hätte gut ein Projekt gepasst, das selbstverständlich nicht wie diese Weihehandlung eine einsame Entscheidung des Erzbischofs ist, sondern gemeinsam beraten wurde: Etwa: Wie bilden wir die Gemeinden so weiter, dass sie endlich praktisch gegen Rassismus, gegen Flüchtlings – Feindlichkeit, Antisemitismus, Homophobie, Neonazis aufstehen? Oder: Wie gelingt, dass die universal geltenden Menschenrechte von der Kirche und in der Kirche völlig bekannt gemacht und dann in der Kirche akzeptiert werden? Oder: Wie gelingt es uns, dass die Gemeinden denen beistehen, die von der Corona – Pandemie gesundheitlich, seelisch, ökonomisch stark betroffen sind? Oder: Wie bilden wir die Laien so aus, dass sie alsbald selbständig katholische Gottesdienste feiern können. Das wären „Weihe“-Handlungen gewesen, die der Menschheit „dienen“, um es einmal pathetisch zu sagen.

7.
Aber solche konkreten menschenfreundlichen und „jesuanischen“ Vorschläge werden nicht gemacht. Eine Weihehandlung ist einfacher zu vollziehen, ein paar Worte, das ist alles. Eine Weihehandlung kostet kein Geld, erst keine intellektuelle Phantasie, sie verlangt keinen Einsatz der eigenen Lebenszeit… Da wird halt die alte katholische Leier wieder aufgespielt und als Ausdruck von praktisch –theologischer Hilflosigkeit eben mal wieder eine WEIHE vollzogen: Und das „Erzbistum den Herzen Jesu und Mariä geweiht. Nebenbei: Der Generalvikar des Erzbistums Berlin ist Mitglied der Ordensgemeinschaft, die sich „Gesellschaft der Herzen Jesu und Mariä“, populär und weltweit auch „Picpus-Missionare“, nennt (Abkürzung SSCC). Vielleicht war er bei dieser esoterischen „Weihe-Idee“ behilflich?

8.
Dass sich dabei Erzbischof Koch bei seiner Weihehandlung eher von den Gebäuden als den Menschen leiten lässt, wird in seiner Formulierung deutlich, wenn er sich an die Mitglieder seiner Kirche, also die Menschen, wendet. Und die nennt er tatsächlich Steine: „Sie, die lebendigen Steine, die dieses Bistum sind….“ Früher sprach man von Seelen, jetzt von Steinen.

9.
Warum macht man sich als Journalist noch so viel Mühe mit diesem mysteriösen Thema? Weil es zur Aufgabe eines kritischen theologischen Journalismus gehört, die Öffentlichkeit aufzuklären, was in den Religionen so alles passiert, weil Hintergründe erklärt werden müssen, die sich nicht in zwei Zeilen sagen lassen. Und weil der geistige Zustand des römischen Katholizismus irgendwie ahnbar wird…

10.
Ich kann mich als Theologe und Religionsphilosoph am Schluss nicht des Urteils enthalten: Diese Weihehandlungen mit der Idee, Maria oder as Herz Jesu könnten im Himmel sozusagen Gott beeinflussen, sind schlicht und einfach Aberglauben. Sie widersprechen den humanen Weisungen Jesu von Nazareth im Neuen Testament: Jesus wollte bekanntlich eine brüderliche Welt ohne viel religiöses Tam-Tam und ohne besserwisserische „Meister“ (Päpste, Bischöfe etc.).

11.
Auch diese Weihehandlung stört das ökumenische Zusammensein mit den Protestanten. Es ist die machtvolle Demonstration des alten römischen Katholizismus, der sich auch heute zeigt im selbstverständlichen Festhalten an Ablässen, am Kult der Reliquien usw. Die Protestanten schweigen dazu und sprechen trotzdem vonÖkumene. Sie sagen nicht öffentlich, wie deplatziert für heutiges theologisches und ökumenisches Denken solche esoterischen katholischen Weihehandlungen sind. Ökumene lebt vom gegenseitigen Lernen, auch vom Verzicht auf mittelalterliche abergläubische Traditionen durch die bömische Kirche.
Und solche Weihehandlung verstört auch viele skeptische, atheistische Mitbürger nicht nur in Berlin, die sich vielleicht noch schmunzelnd fragen: Spinnen sie, die Katholiken, haben sie wirklich keine anderen Sorgen?
Ein heute vertretbarer, einfacher, vernünftiger christlicher Glaube erhält durch diesen Weihe-Aberglauben also noch mal eine Niederlage.

12.
Und man möchte gern wissen, wer denn die „Gläubigen waren“, die die „Anregung für diese Weihehandlung“, wie Koch schreibt, gegeben haben: Man ahnt es: Waren es die Neokatechumenalen, das Opus Dei (mit seiner Villa „Feldmark“ in Berlin – Grunewald), die polnischen Gemeinden in Berlin, die Legio Mariens, das Schönstatt-Werk mit der Kapelle Zur dreimal wunderbaren Mutter, die „Missionare Identes“ oder das „Institut des inkarnierten Wortes“ (IVE), die Laienbewegung der Legionäre Christi, das „Regnum Christi“ usw.?
Erstaunlich ist es aber eigentlich nicht, wenn die Vermutung stimmt, dass solchen Kreisen der Erzbischof in seinem „Weihe-Vorhaben“ folgt. Diese konservativen Kreise sind vielleicht der tatsächlich verbliebene „Restbestand“ von Katholiken (in Berlin), die noch offen sind für diese Formen des Esoterischen und des Aberglaubens. Und für dieses Gottesbild!
Und diese Kreise wollen nicht anerkennen, dass für Menschen, auch für Christen, allein das Vertrauen genügt, in Gott, in dem Göttlichen, dem Ewigen… geborgen zu sein. Oder, weltlich gesprochen, in einem Sinn-Zusammenhang zu leben, der den Menschen ein humanes Lebens ermöglicht. Diese so einfache und nachvollziehbare Erkenntnis sollte man besprechen in Gruppen und Kreisen und Gemeinden. Und nicht die Zeit verschwenden, sich mit Weihehandlungen an die unbefleckten Herzen etc. zu befassen.

13.
Darum ist auch hier Schluss mit meinen Hinweisen. Denn, wie gesagt: Es gibt sehr viel Wichtigeres, als diesen klerikalen Egozentrismus, der da meint, zur Weihe der Welt oder auch nur eines Bistums an (unbefleckte) Herzen (etwa Mariens) berufen zu sein.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin wird umbenannt!

Ein Hinweis von Christian Modehn

Na also, endlich: Die „Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche“ am Kurfürsten Damm in Berlin wird umbenannt. Nicht länger soll ein weltweit bekanntes evangelisches „Gotteshaus“ den Namen dieses Kaisers tragen. Er war 1870/71 ein ziemlich begeisterter Kriegsherr und bekanntermaßen auch als Kolonialherr der Organisator der berüchtigten „Afrika—Konferenz in Berlin“ 1884/85. Ab 1884 beteiligte sich Deutschland unter des Kaisers Führung am Imperialismus, in der Etablierung deutscher Kolonien in Kamerun, Togo, Namibia, in Teilen von Tanzania und Kenia…Zudem berief Kaiser Wilhelm I., als Oberhaupt der evangelischen Kirche, den Pfarrer Adolf Stoecker im Jahr 1874 zum Hof – und Domprediger, Stoecker „entwickelte“ sich in der Zeit zu einem der heftigsten Antisemiten…

Es wird also keine Kirche mehr mit dem Titel „Kaiser Wilhelm“ (Regierung von 1858 – 1888) geben. Die evangelische Kirche will sich damit auch aus dem Schatten eines Kolonialherren befreien. Dies ist eine logische Konsequenz auf die antirassistischen Initiativen weltweit.

ABER: Diese Sätze beschreiben leider keine Nachricht, sie beschreiben keine Tatsache, sondern sind im Augenblick nicht mehr als eine Hoffnung, eine Erwartung, dass es öffentliche Debatten und Aktionen gibt, diese Kirche „umzubenennen“. Denn dass den Verantwortlichen eigentlich der volle Titel dieser Kirche nicht gefällt, zeigt sich in der üblichen Kurzformel „KWG“ oder in dem sterilen, aber ständig gebrauchten Titel „Gedächtniskirche“…

In vielen Ländern Europas finden jetzt Aktionen statt gegen die öffentliche Dominanz von höchsten prominenten Kolonialherren, die etwa durch massive Statuen und Denkmäler ihren Ausdruck findet. Man denke jetzt an Belgien, wo es der kritischen Öffentlichkeit gelingt, „die öffentliche Ehrung von König Leopold II. zu beenden“. Mit dem Sturz der Statuen dieses grausigen Kolonialherren soll ja nicht die dunkle Vergangenheit Belgiens ausgelöscht oder ins Vergessen geführt werden. Es geht, wie es in Belgien heißt, darum: „Réparons l histoire“, „Reparieren wir die Vergangenheit“. Das heißt: Befreien wir unsere Öffentlichkeit von dominanten Bildern, Statuen usw., die das Image der Untaten dieses Gewaltherrschers und Rassisten verdecken. Sie fördern den Ungeist des Nationalismus und Rassismus.

„Reparieren wir also auch in Berlin die Geschichte“. Und beginnen wir damit, und suchen gemeinsam nach einem angemessenen humanen Namen für dieses „Gotteshaus“. Das „Gedächtnis“, die Erinnerung an diesen Kaiser und Kolonialherren kann ja nach der Umbenennung eigens kritisch dokumentiert werden, etwa in einem Nachbarraum zur Kirche. Der Titel für diese Ausstellung müsste heißen: “Die evangelische Kirche Deutschlands: Von einem Kriegsherren und Kolonialherren einst geleitet und geführt“.

Ich habe schon Ende Dezember 2016 für die Umbenennung der Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche plädiert, damals nach den Terror-Anschlägen auf den Weihnachtsmarkt neben dieser Kirche.

Ich habe den Pfarrern dieser „KWG“ bzw. „Gedächtniskirche“ vor Monaten schon meinen Vorschlag mitgeteilt und erwartungsgemäß keine Antwort erhalten. Es fällt vielen Christen in Deutschland schwer, sich nicht nur der dunklen „kaiserlich“ geprägten kirchlichen Vergangenheit zu stellen, es fällt noch schwerer, Schritte der Befreiung zu tun. Zum Beispiel durch neue Kirchen-Titel als Ausdruck für ein neues Denken. Ist denn erst einmal „KWG“ als Titel verschwunden, können weitere Befreiungen von unerträglichen Titeln für Kirchen folgen: So sollte die Kaiser Friedrich – Gedächtnis –Kirche in Berlin Tiergarten, bezeichnenderweise auch schamhaft nur KFG genannt, auch einen neunen Namen erhalten. Und was soll eigentlich eine Königin – Luise – Gedächtniskirche in Schöneberg oder eine Ernst-Moritz-Arndt-Kirche in Zehlendorf: Ist denn die evangelische Kirche spirituell wirklich so arm, dass sie keine anderen, würdigen Namen für ihre Kirchengebäude findet? Hängt diese offensichtliche Schwierigkeit damit zusammen, dass sie keine „Heiligen“ kennt? Aber: Bei der viel besprochenen evangelischen ökumenischen Offenheit könnte es doch eine Erzbischof – Romero – Kirche geben oder eine Ernesto – Cardenal – Gedächtniskirche. Auch eine Jan Hus Kirche täte den Christen in Deutschland gut oder eine Petrus-Valdes-Kirche…Warum nicht eigentlich auch eine Erasmus-Kirche? Da würde endlich der Mief der alten preußischen Königsfamilien aus „Gotteshäusern“ verschwinden und etwas mehr freier Geist dokumentiert werden.

Aber, wie gesagt, bei der Schwerfälligkeit auch der kirchlichen Bürokratie sind diese Zeilen nicht mehr als eine Hoffnung, eher sogar „nur“ eine ferne Utopie.
Wer sich auch dieser „Sysiphus Arbeit“ der Umbenennung dieser KWG, dieser Kaiser/Kolonialherren Kirche im Zentrum Berlins widmen will, kann ja immerhin einen entsprechenden Brief an die Kirchenleitungen, Pfarrer etc. schreiben und … auf Antwort warten!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Philosophie und der Rassismus: Perspektiven zum akuellen Aufstand für die Würde aller Menschen!

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Der Mord an George Floyd durch den (weißen) Polizisten Derek Chauvin (und seine Kollegen beobachten) bewegt Menschen weltweit, versetzt sie in Trauer und Wut. Auch viele Weiße demonstrieren gegen den weit verbreiteten Rassismus und damit gegen Rassisten. Wer protestiert, fühlt sich mit den seit Jahrhunderten verachteten und unterdrückten Schwarzen in den USA (und nicht nur dort) verbunden.
Präsident Trump zeigt keine Empathie für die Familie des Opfers und wohl auch für die Schwarzen insgesamt. Sie werden von vielen Weißen, vor allem in der Polizei, immer noch a priori eher als potentielle Verbrecher, als „Minderwertige“, verdächtigt und so behandelt. Sie geraten eher in den „Würgegriff“ der Polizisten, die sich dabei wie die „Herrenmenschen“ benehmen … und von Richtern (auch sie „Herrenmenschen“?) trotz aller Untaten freigesprochen werden… Diese Tatsachen sind seit Jahren bekannt und sie werden nun ausführlich in der kritischen Presse dokumentiert. Wird die us-amerikanische Gesellschaft, werden der Staat, die Gerichte, nun „Rassismus – frei“? Das hängt auch davon ab, ob Mister Trump Ende des Jahres in Pension geschickt wird.

2.
Welchen Sinn haben philosophische Überlegungen in dieser Zeit eines immer noch aktiven Rassismus und einer neuen anti-rassistischen Bewegung?
Philosophische Überlegungen sind gegenüber der Faktenfülle anderer Wissenschaften an allgemeinen Erkenntnissen interessiert. Diese sind alles andere als überflüssig oder bloßer Luxus, weil Menschen immer auch als einzelne sich allgemeine Erkenntnisse zunutzemachen. Weil eben jeder einzelne „Teil“ eines Allgemeinen, eines allgemein- menschlichen Zusammenhangs ist, eben des allgemeinen Geistes, um eine Erkenntnis von Hegel zu variieren…
Die anti-rassistische Bewegung jetzt und früher zielt auf strengen Respekt für die universal geltenden Menschenrechte; auf scharfe Kontrollen, z.B. welche Leute überhaupt in den Polizeidienst eintreten dürfen; zielt auf bessere Bildung in den Schulen über die Wurzeln des Rassismus,; vor allem auf Begegnungen von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Die – auch ökonomische – Spaltung der Gesellschaft in Weiße und Schwarze, in Weiße, Asiaten und Latinos, etwa in den USA aber auch weltweit, ist eine Schande der Menschheit im 21. Jahrhundert. Dieses Nebeneinander ist de facto von der herrschenden weißen Führung gewollt, das Nebeneinander ist längst zu einem – internationalen – sozialen, menschlichen Gegeneinander geworden.

3.
Und wenn man auch an die Religionen und Kirchen, etwa in den USA denkt: Da ist es doch sehr problematisch, dass es explizit Kirchen für Schwarze (etwa Baptisten in den Südstaaten) und Weiße (vor allem bei Lutheranern, Evangelikalen etc) gibt bzw. wegen der immer noch tiefsitzenden „Rassentrennung“ geben muss. Indem die Kirchen ihrerseits in gewisser Weise die Rassentrennung noch heute praktizieren, zeigen sie mindestens indirekt, dass diese Trennung sozusagen auch unabwendbar, „gottgewollt“ ist. Man wird wohl sagen müssen, dass in den USA am ehesten die katholischen Gemeinden Orte „rassenübergreifenden“ Glaubens sind. Dabei sollte man nicht vergessen, wie tief in die Religions- bzw. Kirchengeschichte die Wurzeln des Rassismus reichen. Man denke an die Verteufelung von Juden und Muslims in Spanien, aber auch an die Degradierung von Christen in muslimischen Ländern. Man denke an den Teufelsglauben und damit an Menschen, vom Teufel besessen, ein Wahn, der heute noch praktiziert wird. Man denke an die vielen Teufelspredigten von Papst Franziskus; an die ständigen Kurse für Exorzisten an päpstlichen Universitäten, etwa durch den Orden der Legionäre Christi usw.): Der Teufel ist jenes Wesen, das Feinde definiert, die am besten ausgelöscht werden sollten…etwa Hexen, Häretiker, Juden…

4.
Hier geht es um eine, wie für Philosophien übliche, grundsätzliche Frage: Was ist eigentlich im menschlichen Geist, also im „Innersten“ des Menschen selbst, die „Basis“ für ein Verhalten, das sich auch rassistisch äußert:
Philosophisch ist zunächst klar: Geistige Orientierungen drücken sich in Gesetzen aus, in Wirtschaftsformen usw. So sehr ökonomische Bedingungen das Zusammenleben auch prägen, so sehr muss elementar anerkannt werden: Diese ökonomischen Bedingungen in ihrer Konkretheit sind Werk und Ausdruck menschlichen Geistes, menschlicher Vernunft bzw. sehr oft der Unvernunft. Insofern sollte die geistige Orientierung in ihrer Notwendigkeit, diese sichtbar, „materiell“, gesellschaftlich auszudrücken, sehr hoch eingeschätzt werden. Die kapitalistische Gesellschaft ist also wie jede Gesellschaft, wie jedes gesellschaftliche „Produkt“, Ausdruck und „Resultat“ geistiger Prozesse. Das scheint mir philosophisch evident zu sein. Das gilt auch, um den Rassismus zu verstehen.

5.
Rassismus sollte als ein Oberbegriff für vielfältiges Verhalten wahrgenommen werden: Rassismus zeigt sich nicht nur als Degradierung der Schwarzen; sondern auch als Antisemitismus, als Homophobie und als Anti-Islam-Haltung, Anti-Sinti/Roma-Haltung, als gewollten Ausschluss der Armen und Obdachlosen aus der Gesellschaft und so weiter.
Mit anderen Worten: Es muss also angesichts der Fülle dieser ANTI-Haltungen gefragt werden: Warum ist unter Menschen die Bereitschaft so stark, andere Menschen auf die Ebene des Feindes, des „Unmenschen“, herabzusetzen, anstatt den anderen und die anderen als gleichberechtigte Partner zu sehen und zu respektieren.
Warum wird der andere nicht als Teil des Eigenen gesehen, warum wird so selten gesagt und entsprechend gelebt: Der andere, er, sie, gehören zu mir, in gewisser Hinsicht: Sie sind wie ich. Warum werden „andere“ aus der eigenen Welt ausgeschlossen, verachtet, diskriminiert, getötet. Warum fühlen sich einige Menschen als Herrenmenschen und machen aus den anderen noch immer nicht nur die „Untergebenen“, sondern die Sklaven, selbst wenn dieser Begriff nicht mehr verwendet wird, der Sache nach aber gilt…

Hegel hat darauf eine Antwort, den Hinweis eines Auswegs, einer Befreiung vom Rassismus: Wir Menschen alle sind in gewisser Hinsicht (ich betone mit Hegel: in gewisser Hinsicht !) identisch. Wir sind insofern „alle“ untereinander und mit einander verbunden und darin identisch, weil wir alle mit dem Geist, der Vernunft „ausgestattet“ sind. Das macht den „unendlichen Wert“ des Menschen als Menschen aus. Diese allen gemeinsame Vernunft kann uns in kritischer Reflexion, auch in selbstkritischer Reflexion, orientieren und gerechte Gesetze hervorbringen.

6.
Unser Thema betrifft natürlich auch die psychologische und die soziologische Forschung.
Aber eben auch die Philosophie. Da könnte man ausführlich rassistische Vorurteile bei „berühmten“ Philosophen besprechen, bei Kant oder bei Hegel, bei Nietzsche oder Heidegger. Das ist eine wichtige Arbeit, die z.T. bereits geleistet wird. Etwa wenn an John Locke erinnert wird, der sagte: „Der Mensch ist eine weißes, rationales Lebewesen“(zit. in „Enzyklopädie Philosophie“, III, S. 2194). Kant meinte gar, „die Weißen seien die einzigen, die immer in Vollkommenheit fortschreiten“ (ebd., S. 2196). Wird wegen dieser kulturell begrenzten falschen Aussage aber Kants Erkenntnis zum „Kategorischen Imperativ“ hinfällig? Ich denke: Ganz und gar nicht. Irgendwo muss die Begrenzung eines Lebens in der Welt Königsbergs im 18. Jahrhundert (!) deutlich werden. Nietzsche betrachtete „die Neger als Repräsentanten des vorgeschichtlichen Menschen“ (ebd. 2198). Inwieweit dieses Zitat in Nietzsches Lehre vom „Übermenschen“ passt, kann hier nicht weiter diskutiert werden.

7.
Philosophen haben also in ihrer Zeit zu unserem Thema viel Unsinn gesagt. Soll man sie entschuldigen, dass sie eben zu sehr in ihre Zeit, in ihre herrschende Kultur, eingebunden waren? Aber es gab doch einige Denker, die den imperialen, tötenden Wahn der Rassisten erkannten, anklagten und z.T. überwanden: Wie der Theologe Bartolomé de las Casas, der sich für Menschenwürde der indigenen Völker einsetzte. Das heißt, die rassitische Welt war damals schon (im 16. Jahrhundert) „gebrochen“, keineswegs selbstverständlich. Wer wollte, und bereit war, seine Karriere in dieser Welt zu beschädigen, konnte mutig ein Anti-Rassist sein. Es gab einige, die befreiten sich langsam vom Rassismus, selbst wenn etwa Las Casas den Fehler machte, Schwarze aus Afrika auf die amerikanischen Planatagen zu bringen. Ein Fehler, den er später ausdrücklich bedauerte…

8.
Mir scheint ein anderes, grundlegenderes philosophisches Thema noch wichtiger. Die Beziehung eines Menschen zum anderen Menschen, zum „Anderen“, ist die Basis, von der aus das weite Feld des sich sehr vielfältig äußernden Rassismus zu verstehen ist?
Der Mensch ist immer schon und vornherein Beziehung und damit auch Kooperation. Nur in der Beziehung und ALS Beziehung entwickelt sich das Individuum. An die „Genese“ des einzelnen Menschen müsste jetzt erinnert werden: Er entstammt immer einer Beziehung von zwei Personen, selbst der anonyme Samenspender ist als anonymer Vater immer noch Ausdruck für eine minimale Beziehung. Von der Beziehung zur Mutter, zu den Eltern, den Verwandten wäre zu sprechen, von der Schule als einem Ort beziehungsreicher Bildung usw. Ein total isolierter Mensch ohne irgendeine Verbundenheit mit anderen Menschen ist absolut unmöglich. Der Mensch als Beziehung: Das wäre, wenn man so will, eine Definition „des“ Menschen…Und weil jeder Mensch nur in Beziehung lebt, ist es tödlich für Geist und Seele des Menschen, diese Beziehung als Herrschaftsform mit „Herrenmenschen“ zu pervertieren. Rassismus ist insofern eine Art Suizid der Herren: Sie töten die „anderen“ und zerstören sich selbst. Der Rassist tötet sich selbst, tötet seine Seele, sein Menschsein.

9.
Da können kluge Kritiker nichts mehr einwenden, wenn sie auch in dem Fall den alt bekannten, viel zitierten Spruch sagen: „Aus einem Faktum (also: Bindung des einzelnen an die anderen von vornherein) folgt kein Sollen, also kein ethischer Impuls“.
ABER: Dieses beschriebene unverzichtbare Hineingestelltsein jedes einzelnen in ein notwendiges (auch biologisches) Beziehungsgeschehen ist tatsächlich zunächst als Faktum weder gut noch böse. Es ist der neutrale, faktische Ausgangspunkt jeglichen individuellen Lebens: Wir sind automatisch und unausweichlich in die Beziehung zu anderen hineingestellt. Aber wir müssen diese Beziehung im Laufe des Lebens gestalten. Und dann beginnen die Fragen: Ist diese Gestaltung der Beziehung zu anderen gut oder böse? Diese normativen Fragen können gar nicht ausbleiben. Sie haben ihren zentralen Platz, ganz aktuell, in der Erkenntnis, dass die meisten Menschen die Ermordung (etwa von George Floyd) als ein abscheuliches Verbrechen betrachten.
Wer diesen normativen Aspekt nicht einsieht, dem empfehle ich den kategorischen Imperativ von Kant anzuwenden und dann beispielsweise konkret zu behaupten: „Meine Maxime im Leben ist, dass Menschen im Würgegriff ermordet werden dürfen: Also auch ich darf im Würgegriff ermordet werden von der Polizei, auch der Polizist Chauvin darf auf diese Weise ermordet werden. Dass aus dieser meiner Lebens-Maxime als Haltung ein permanenter Bürgerkrieg entsteht, nehme ich in Kauf“.
Wer will im Ernst eine solche Maxime unterstützen, die aus der Reflexion auf die normative Ablehnung des Mordes an George Floyd folgt… Rassisten leben selbst-widersprüchlich. Sie sind insofern geistig verwirrt. Und krank.
Man sieht: Die Abwehr gegen das Töten von George Floyd ist vernünftig und allgemeingültig für eine Menschheit, die sich noch als human betrachtet. Antirassismus ist vernünftig und ein evidentes Gut der Menschheit. Antirassismus ist also alles andere als eine Laune bestimmter Kreise. Antirassismus ist gut.

10.
Philosophisch genauso wichtig ist die Erkenntnis: Jeder Mensch wird in eine bestimmte Sprache hinein geboren. Dabei zeigt sich auch die Grenze der viel besprochenen Autonomie: Ich werde – ohne meine Entscheidung – in die deutsche Sprachwelt hineingeboren, auch wenn ich möglicherweise parallel – z.B. durch einen französischen Vater – zugleich noch Französisch lernen kann: Mit dem notwendigen und gar nicht mehr abzuwerfenden Hineingestelltsein in eine Sprache werde ich sozusagen automatisch mit der Welt der anderen verbunden. Wir teilen uns diese gemeinsame Sprache, leben in den gleichen Begriffen, die ja auch von einem gemeinsamen „Inhalt“ bestimmt sind.
Diese „von uns“ geteilte Sprachwelt kann aber missbraucht werden, wenn bestimmte Leute beanspruchen, nur sie allein können die Inhalte der gemeinsamen Sprachwelt und der mit ihr vermittelten Werte definieren und als Werte durchsetzen. Das gelingt um so eher, als diese Leute ihren ökonomischen Vorteil ausnützen, wenn sie sich besser und umfassender bilden können als andere. Und dann diese „ungebildeten“ Anderen zu den „Untergebenen“, „Zweitklassigen“ machen.
Das heißt: Rassismus wird nur in einer Gesellschaft überwunden werden, die keine tiefen Spaltungen von ökonomischen Klassen kennt. Die Debatte über ökonomische Gerechtigkeit und Gleichheit aller Menschen ist die notwendige Konsequenz aller antirassistischen Demonstrationen. Und diese Debatten werden mehr Mühe kosten als das Demonstrieren jetzt.

11.
Dabei darf nicht vergessen werden, dass die reichen Länder des Nordens schon durch ihre Wirtschaftspolitik und „Entwicklungspolitik“ arme Länder im Süden auch heute eher als zweitklassig, wenn nicht als minderwertig betrachten. Man denke nur daran, welche Milliarden Euro deutsche Firmen etc. vom Staat erhalten. Einer internationalen, menschlichen Gemeinschaft hätte es gut angestanden, auch einige Milliarden den Ärmsten in Afrika zur Verfügung zu stellen…
Man denkt in Europa immer noch: Im Süden leben Menschen, die eigentlich eine gerechte humane Situation, wie die Menschen im Norden sie erleben, gar nicht „brauchen“. Sie seien mit so wenigem zufrieden, brauchen keine gründliche Bildung, keine würdigen Wohnungen, kein sauberes Wasser und so weiter. Die Armen im Süden seien schon mit einer Schale Reis pro Tag zufrieden. Mit diesem Bild haben Solidaritätsbewegungen auch der Kirchen jahrelang Spenden sammeln wollen. Dieses herablassende Denken und Handeln gegenüber den Armen im Süden kann durchaus auch rassistisch genannt werden. So wie früher viele Westdeutsche den Ostdeutschen, den Verwandten „drüben“, oft nur Minderwertiges in ihre Pakete aus dem Westen steckten: Nach dem Motto: „Na ja, für die da drüben ist das noch gut genug“.
An diesen stillen Rassismus auch im Verhalten des reichen Nordens gegenüber dem meist armen Süden haben sich so viele in dieser verrückten Welt-Un-Ordnung gewöhnt; er verdient genauso viel Aufmerksamkeit wie der spektakuläre mörderische Rassismus jetzt wieder in den USA.

12.
So verbirgt sich Rassismus in unterschiedlichen, z.T. verdeckten Formen im Umgang der Menschen untereinander. Erst wenn sich bestimmte herrschende Individuen von der Ideologie befreien bzw. sich befreien lassen und von anderen befreit werden, sie seien „die Herrenmenschen“, kann eine humane Welt mit weniger Rassismus entstehen.
Wer denkt übrigens daran, bestimmten Männern, die sich Politiker nennen, wie Trump, Bolsonaro usw. eine Psychotherapie dringend zu empfehlen? Solange sie an ihr teilnehmen, sind sie von ihren Ämtern befreit.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Korruption im Katholizismus – verursacht von der katholischen Moral, den Kirchengesetzen und der Dogmatik.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Ich lasse mich von einem berühmten Titel von Max Weber inspirieren: “Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“. Dazu hat sich Weber bekanntlich in viel-beachteten Studien geäußert. Wichtig ist ihm dabei die Freilegung eines Begründungszusammenhangs: Protestantische Ethik (von Calvin inspiriert) ist eine der Ursachen für die Entwicklung und Herrschaft des „Geistes des modernen Kapitalismus“ .

Meine These heißt: “Die katholische Moral bzw. die katholische Dogmatik und der Geist der Korruption“.

Es wird also die These zur Diskussion gestellt: Die Führung der Katholischen Kirche ist durch ihre Moral, Gesetzgebung und Dogmatik so tief mit dem Geist des Kapitalismus und dessen Praktiken verbunden, dass sie sich der Korruption kaum entziehen kann. Dabei wird impliziert, dass Korruption im kapitalistischen Wirtschaften in gewisser Hinsicht (sehr) oft „üblich“ ist. Und diesen üblichen Verhältnissen im Kapitalismus können sich (und wollen sich) selbst Kleriker, die oft das Gelübde der Armut „abgelegt“ haben oder sich als spirituelle Vorbilder präsentieren, kaum entziehen. Wer eine mächtige, starke, gesellschaftliche einflussreiche katholische Kirche will, mit tausenden, bestens ausgestatteten Behörden, Schulen, Ämtern usw. braucht viel Geld, wissen diese Kirchenführer, und zu diesem „sehr vielen“ Geld kommen sie oft nur auf dem Wege korrupten Verhaltens.

In der DDR sprachen führende Repräsentanten der Evangelischen Kirche dort von „Kirche im Sozialismus“. Sie meinten dies vor allem als Ortsbeschreibung, nicht als Hinweis auf eine Verquickung der Kirche mit dem Sozialismus à la DDR.

Jetzt ist also die Rede von „Kirche im Kapitalismus“, der Titel meint anderes: Gemeint ist eine Kirche, die sich den Gepflogenheiten des Kapitalismus nicht entziehen kann und will, sie ist „eingebunden“ in die Korruption, die auch den Kapitalismus beherrscht.

Damit wird auch ein anderes Thema berührt: Wie könnte – sozusagen utopisch betrachtet – eine Kirche aussehen, die sich den jesuanischen Geboten der Einfachheit, Schlichtheit, der Armut und des „Machtverzichtes“ verpflichtet wüsste. Wer dieses Thema anspricht, beginnt zu ahnen, wie weit auch heute Kirchen entfernt sind von einer Gemeinschaftsidee, „Kirche“, die Jesus von Nazareth mit seinem Kreis lebte und die vielleicht noch im 1. und 2. Jahrhundert für die ersten Gemeinden gültig war …und dann später nur noch gebrochen, marginal, in einigen Gestalten (Franz von Assisi, Petrus Valdes, Jan Hus) gelebt wurde. Diese Genannten, Heiligen, wurden bezeichnenderweise von der Kirchenführung eingeschränkt bzw. verfolgt und getötet.
Der Katholizismus ist bei diesem Thema kein Einzelfall: Alle Religionen heute lassen sich als „Religionen im Kapitalismus“ definieren. Man denke im christlichen Bereich nur an die evangelikalen und pfingstlerischen Kirchen weltweit, man denke nur an korrupte evangelikale Gründergestalten und Führer von Pfingstgemeinden: Sie haben ihre oft armen Gemeindemitglieder zu maßlosem Spenden aufgefordert und sind dabei zu Millionären geworden. Dies wird sichtbar in den schon längst dokumentierten evangelikalen bzw. pfingstlerischen Kirchen etwa in Nigeria oder Brasilien.

Und es wird nicht behauptet, dass schlechterdings alle Verantwortlichen im Katholizismus von der Korruption betroffen sind.
Hier werden „nur“ katholisch geprägte Mentalitäten freigelegt, die die Korruption unter Katholiken, vor allem im herrschenden Klerus, fördern und bewirken.

Meine Hinweise haben zwei Teile:

Erstens: Die tatsächliche Korruption im heutigen Katholizismus, aufgezeigt an nur einigen wenigen zentralen Erfahrungen und Personen.

Zweitens geht es um eine inhaltliche Erhellung der Tatsache, dass Korruption im Katholizismus einen spezifischen spirituellen und theologischen Grund hat: In diesen Hinweisen zeigen sich sozusagen die Anregungen von Max Weber. Da muss also von der traditionellen katholischern Moral und Dogmatik sowie vom Rechtssystem, wie sie von der Kirchenführung vertreten werden, die Rede sein. Es muss sozusagen die entscheidende „innere“ Voraussetzung der Korruption in der katholischen „Lehre“, „Theorie“ bzw. Ideologie freigelegt werden.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn dieses Thema, auch von Soziologen und Religionswissenschaftlern ausführlicher untersucht werden könnte. Den Theologen selbst traue ich diese kritische Leistung nicht zu, weil sie immer noch zu stark gebunden und abhängig sind von der Kirchenführung. Ob durch diese Bindung der Theologie an die letztlich alles bestimmende Hierarchie (Bischöfe, Papst) diese Theologen selbst schon korrumpiert werden, indem sie bestimmte „gefährliche“ Themen gar nicht erst öffentlich diskutieren aus Angst vor Entlassungen und finanzieller Not, ist eine weitere grundlegende Frage.

1.Einige Fakten

In allgemeinen Korruptionsstudien, etwa auch von NGOs, werden die Kirchen als Organisationen der Korruption nicht eigens dokumentiert. Das ist bedauerlich! Auch in einem der wenigen Aufsätze in katholischen Zeitschriften zum Thema kommt Korruption in der katholischen Kirche nicht vor, so in dem Aufsatz in „Stimmen der Zeit“ 2014. (https://www.herder.de/stz/hefte/archiv/139-2014/2-2014/integritaet-wider-dunkle-geschaefte-transparency-international-und-der-kampf-gegen-korruption/).
„Transparency International“ (T.I.) nennt auf seiner deutschen Website 20 so genannte “Risikofelder“ für Korruption, darunter sehr richtig auch den Sport,. T.I. nennt aber nicht die Kirchen. Dass damit die Kirchen von Korruption in der Sicht von T.I. freigesprochen werden, ist natürlich ausgeschlossen.

Ich übernehme von „Transparency International“ die allgemeine knappe Definition: „Korruption ist der Missbrauch anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil“.

Nun sind in den letzten Jahren viele aktuelle korrupte Verhaltensweisen von katholischen „Würdenträgern“ („Hochwürden“) bekannt geworden. Historiker wissen viele andere Beispiele aus früheren Zeiten, ich nenne nur eine Studie über einen – zumindest kurzzeitig – korrupten Orden: „Fallen Order“ von Karen Liebreich, New York 2004, über die frühe Geschichte des Ordens der Piaristen (Schulpriester). Aber historische Studien zum Thema sind noch einmal eine andere Herausforderung.

Zur Gegenwart:
Während ich diese Hinweise schreibe, am 5. Juni 2020, meldet die offizielle vatikanische Nachrichten-Agentur einen, so wörtlich, einen „Skandal“ in höchsten Kreisen des Vatikans wegen des Kaufs einer Luxusimmobilie durch das „Vatikanische Staatssekretariat“. Der internationale katholische Nachrichtendienst CNA (aus den USA) spricht, so wörtlich, von einem „Fall von Veruntreuung, schwerem Betrug und Geldwäsche“ im Vatikan. Hier können gar nicht alle Details dieses aktuellen, zweifelsfrei ziemlich ungeheuerlichen Vorgangs beschrieben werden.
Nur so viel: Das Vatikanische Gericht hat jetzt den entscheidenden Vermittler dieses riesigen Deals, den Geschäftsmann Gianluigi Torzi, in Untersuchungshaft genommen. (Der Vatikan besitzt tatsächlich ein eigenes Gericht und ein Gefängnis!). Es geht um ein komplexes Geschehen, um den Kauf einer Luxus – Immobilie in London – Chelsea an der Sloane Avenue durch den Vatikan zum Preis von 300 Millionen US Dollar. (https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2020-06/vatikan-torzi-immobilie-london-staatssekretariat-anlage-betrug.html)
Das päpstliche „Staatssekretariat“ war seit Februar 2014 mit diesem Kauf befasst, berichtet Vatikan News: „Vor sechs Jahren, am 28. Februar 2014, steckte das Staatssekretariat zweihundert Millionen fünfhunderttausend Dollar in den „Athena Capital Global Opportunities Fund“ – eigene Gelder, wie jetzt betont wird, „die der Unterstützung der Aktivitäten des Heiligen Vaters galten“. Gemeint ist die Kollekte des „Peterspfennig“, C.M.
„Diese Mittel wurden durch eine komplexe Finanzarchitektur gewonnen: Durch die Gewährung von Kreditlinien des Crédit Suisse und einer weiteren Bank, gegen die Verpfändung von Vermögenswerten in Höhe von 454 Millionen Euro, die sich im Besitz des Staatssekretariats befanden und aus Spenden stammten. Die mehr als 200 Millionen Euro waren zum Teil für den Kauf von 45% des Eigentums und zum Teil für bewegliche Investitionen bestimmt“. CNA meldet: „Im Raum stehen dabei auch Vorwürfe, dass Verantwortliche im Vatikan sich unter anderem des „Peterspfennigs“ – Spendengelder von Katholiken für karitative Anliegen des Papstes – bedient haben könnten, um sich Gelder auf Kredit für fragwürdige Investitionen zu leihen: Deals, an denen sich dann „Geschäftsmänner“ bereicherten, und mit denen der Vatikan Verlust machte“ (https://de.catholicnewsagency.com/story/veruntreuung-schwerer-betrug-und-geldwasche-festnahme-im-finanzskandal-des-vatikans-6373).
Es wird von vatikanischen (!) Richtern geprüft, in welcher Weise hochrangige Kardinäle, wie Pietro Parolin, Chef des Staatssekretariates, verwickelt sind und vor allem Bischof Angelo Becciu steht im Visier der Untersuchungen. Zur Zeit des Deals war Becciu hoher Mitarbeiter im Vatikanischen Staatssekretariat. Papst Franziskus ernannte ihn, offensichtlich den Initiator dieses Deals, im Jahr 2018 zum Kardinal und – auch das – zum „Präfekten“ der „Kongregation für die Heiligsprechungsverfahren der Kirche“. Dieser Spekulant, Kardinal Becciu, soll sich nun auch noch im Auftrag des Papstes darum kümmern, den „Malteser Orden“ spirituell und moralisch zu erneuern“. Auch diese Form des Versetzens und Beförderns von mutmaßlichen „Tätern“ ist also nach wie vor üblich und sie wurde nicht, wie oft behauptet, durch die vielen Skandale sexuellen Missbrauchs durch Priester „abgeschafft“…Man kann diese Form des Versetzens und Beförderns auch bereits Korruption nennen…

WIKIPEDIA berichtet: „Gegen Becciu wird seit 2019 durch die vatikanische Staatsanwaltschaft ermittelt. Becciu soll 2014 und 2018 Investitionen in ein Londoner Immobilienprojekt in Höhe von insgesamt 250 Millionen Euro genehmigt haben. Demnach handelte es sich um Luxus-Wohnungen, an denen der Vatikan über einen Luxemburger Investment-Fond beteiligt war. Diese Investitionen hätten zu hohen finanziellen Verlusten des Kirchenstaates geführt, deswegen ermitteln vatikanische Behörden gegen diesen Kardinal“. Weitere Infiormationen siehe auch: https://www.katholisch.de/artikel/23266-vatikan-finanz-ermittlungen-gegen-kurienkardinal)
Interessant ist aber, dass trotz der Ermittlungen gegen Kardinal Becciu zunächst einmal ein Laie, Gianluigi Torsi, in Untersuchungshaft sitzt.
CNA zitiert zu dem aktuellen Fall von Korruption auch Papst Franziskus: „Auf einer Pressekonferenz im November vergangenen Jahres (also 2019) wurde Papst Franziskus zu den Investitionen in London direkt befragt. Er bestätigte zwar, dass er persönlich die Razzien vom Oktober (im Staatssekretariat) genehmigt hatte, betonte aber, dass die Beweise für korrupte oder illegale Aktivitäten „noch nicht klar“ seien, bevor er zu dem Schluss kam, dass „passierte, was passierte: ein Skandal“…Sie haben Dinge getan, die nicht sauber erscheinen, sagte der Papst“.
Schon 2012 hat Kardinal Rainer Maria Woelki, der seinen theologischen Doktor an der Opus Dei-Universität in Rom erworben hatte, ganz offen die Korruption im Vatikan im allgemeinen beklagt. Er hat die Geldwäsche und die Vorteilsnahme im Papst-Staat angeprangert. Der Wochenzeitung die ZEIT sagte er im Juni 2012: „Korruption bleibt ein Problem, in der Kirche arbeiten wir so gut wie möglich an seiner Überwindung… Vorteilsnahme oder gar Korruption sind ohne Zweifel ein Problem, das schwer wiegt, auch bei uns in Deutschland.“ Woelki fügte hinzu: „Vor dem Hintergrund müssen wir uns bekennen und sagen, dass es Schuld und Schuldige gibt.“ Namen nannte er nicht.
Mit dieser allgemeinen Anerkenntnis von Korruption in der Kirche befindet sich Woelki in bester Gesellschaft: Der SWR berichtete am 27.11. 2019, dass Papst Franziskus einmal mehr die Korruption in der Kirche im allgemeinen angesprochen hatte. Dabei verwies er u.a. auf die Finanzskandale im Vatikan, der Papst sprach ausdrücklich von „Fällen der Korruption“, Verantwortliche hätten Sachen gemacht, „die“, so der Papst, noch vorsichtig, „nicht sauber zu sein scheinen“. Siehe die Hinweise oben. Tatsächlich wurden im Zuge des Immobilienskandals fünf Mitarbeiter des Staatssekretariats und der Finanzaufsicht von ihrem Dienst suspendiert usw…

Um die Dimensionen der Korruption etwas konkreter an Führungspersonen im Vatikan aufzuzeigen, nur einige Beispiele: Da sollte an den süditalienischen Bischof Nunzio Scarano erinnert werden, der im vatikanischen Finanzwesen eine Rolle spielte, gegen den im Jahr 2012 wegen Betrug und Korruption ermittelt wurde. Laut der Zeitung „La Repubblica“ soll der Bischof einen Geheimdienstmitarbeiter gebeten haben, mehrere Millionen Euro in bar aus der Schweiz in einem Privatjet zu transportieren. Dafür soll ihm der Geistliche demnach Geld gezahlt haben. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass Scarano bereits vor einigen Wochen vom Dienst suspendiert wurde, nachdem er ins Visier der Ermittler geraten war. Demnach wird ihm vorgeworfen, insgesamt 600.000 Euro in bar von einem Konto der Vatikanbank genommen und an Freunde verteilt zu haben. Im Austausch hätte er Schecks erhalten, die er dann auf ein italienisches Konto einzahlte – angeblich, um eine Hypothek abzuzahlen.

Auch Kardinal Tarcisio Bertone, Mitglied im Salesianer Orden Don Boscos, sollte hier erwähnt werden, er war die so genannte „Nummer zwei“ nach dem Papst im Vatikan, ein Vertrauter Papst Benedikt XVI. Bertone ist ein weiteres Beispiel für exzessive Korruption. Die katholische Kirchenzeitung „Kirche und Leben“ in Münster (15.10. 2017) berichtete: „Bis zuletzt blieb die Geschichte verwickelt und rätselhaft. Tarcisio Bertone, ab 2006 Kardinalstaatssekretär, sollte 2013 seinen Alterssitz im Palazzo San Carlo im Vatikan beziehen und sah Renovierungsbedarf. Sein Anwalt sprach von einer „Bruchbude“ von 150 Quadratmetern, nach anderer Darstellung soll es sich um eine geräumige Dachwohnung von 300 bis 425 Quadratmetern handeln, Gartenblick, feiner Marmor, eine 19.000-Euro-Stereoanlage. Für die Arbeiten hatte Bertone einen alten Freund an der Hand, Gianantonio Bandera. Dieser taxierte die Kosten für seine Baufirma Castelli Re zunächst angeblich auf 616.000 Euro, gewährte dann aber großzügig Rabatt. Als verbrieft gilt, dass Bertone 300.000 Euro aus eigener Tasche zahlte und 422.000 Euro, die er nie angefordert haben will, aus der Kasse der Kinderklinik „Bambini Gesu“ flossen. Im Gegenzug dafür sollte der Kardinal ab und zu großzügige Wohltäter in seinen Räumen bewirten. Inzwischen ist die Baufirma Castelli Re bankrott, das Geld der Klinikstiftung mutmaßlich bei einem anderen Unternehmen Banderas in London gelandet. Als die neue Präsidentin des Bambino Gesu, Mariella Enoc, von Bertone die 422.000 Euro zurückforderte, ließ der Kardinal erklären, er schulde dem Krankenhaus nichts; als „Zeichen der Großzügigkeit“ überwies er aber 150.000 Euro…“ Zur Vertiefung(auch über Bertone) empfehle ich die Studie (254 Seiten) zur Korruption im Vatikan: „Avaricia. Los documentos que revelan las fortunas, los escandalos y secretos del Vaticano de Francisco“, („Habsucht. Die Dokumente, die das Geld-vermögen, die Skandale und die Geheimnisse des Vatikans freilegen unter past Franziskus“). Verfasst hat das Buch der bekannte italienische investigative Journalist (u.a. bei „Corriere della Sera“) Emiliano Fittipaldi, die genannte spanische Ausgabe erschien 2015).

Fittipaldi erwähnt übrigens auch (S. 150f.) den Reichtum und die vielen Spenden bis heute, die der angeblich stigmatisierte Pater Pio der Kirche und seinem Kapuzinerorden in Süditalien eingebracht hat. Dass Pater Pios „Wundmale, Stigmata, Christi“ an den eigenen Händen von ihm selbst herbeigeführt und dann auch als solche „gepflegt“ wurden, wird heute allgemein festgestellt. Mit anderen Worten: Die zum Heiligen gemachte Gestalt Pater Pios wurde und wird inszeniert, sie sollte viel Geld bringen…

Erinnert werden muss hier an die tiefe Verstrickung in die Korruption des Gründers der Legionäre Christi, Pater Marcial Maciel, der sich Schein-Identitäten (etwa US- Manager) zulegte, um bei reichen Witwen Millionen – nach vollzogenem Liebesakt – finanziell „abzusahnen“, wobei er es sich nicht „verkneifen“ konnte, die Söhne der Damen sexuell zu missbrauchen. Der Orden der Legionäre wurde durch dieses betrügerische „Finanzgenie“ in der Spanisch sprechenden Welt treffend und ohne Widerspruch von den Beschuldigten „Orden der Millionarios Christ“ genannt…Alle diese und viele weitere Tatsachen über Pater Maciel sind inzwischen weltweit bekannt; genauso, dass dieser pädophile Verbrecher und Erbschleicher ein enger Freund von Papst Johannes Paul II. war. Dieser von einem korrupten Pädophilen gegründete Orden der Legionäre Christi besteht immer noch weiter. Die Fotos des nun verstorbenen (aber niemals von staatlichen Gerichten bestraften) Ordensgründers wurden in den Legionärs-Klöstern einfach abgehängt (eine Art „Entstalinisierung“) und sein Name verschwand auf den Websites des Ordens. So kann man auch mit heftigster Korruption in der „heiligen römischen Kirche“ umgehen.

Zur Korruption in der obersten Leitung von katholischen Ordensgemeinschaften:

Der Generalobere der Franziskaner, P. Anthony Perry, musste Ende 2014 zugeben: Die Ordenszentrale der Franziskaner in Rom ist pleite, weil sich ihr Ökonom, P. Giancarlo Lati, mit vielen Millionen Euro, „verspekuliert“ hat: Er hat in das luxuriöse Hotelprojekt „Il Cantico“ in Rom fehl investiert und in der Schweiz dubiose Anlagen, zum Teil im Rüstungsbereich, gemacht. Aus gesundheitlichen Gründen, so wörtlich, wurde der Mitbruder entlassen. Nicht erwähnt wurde von dem obersten Chef der „Minderbrüder“, aus welchen Quellen den Bettelmönchen diese (nicht genau bezifferten) Millionen überhaupt zur Verfügung stehen. (Dazu in dem genannten Buch von Emiliano Fittipaldi, S. 200). Sowie: https://www.washingtonpost.com/national/religion/franciscan-order-on-verge-of-bankruptcy-after-financial-fraud-is-uncovered/2014/12/19/9d4675c8-87a7-11e4-abcf-5a3d7b3b20b8_story.html

Zum Orden der Kamillianer, der: Seine guten Geschäftsbeziehungen zu dubiosen Managern, wie die italienische Presse vorsichtig sagte, wollte sich der Generalobere des Kamillianerordens, Pater Renato Salvatore, nicht nehmen lassen. Um sein Neubauprojekt bei Neapel mit dem Geschäftspartner Paolo Oliveiro durchzuziehen, ließ er einfach zwei kritische Mitbrüder im Orden verhaften, von falschen Polizisten. So hoffte er ohne deren Stimme noch einmal zum Ordensgeneral wiedergewählt zu werden, um das Projekt mit seinem „Partner“ zu realisieren. Nebenbei: Pater Salvatore war gern gesehener Teilnehmer auf Synoden und vatikanischen Tagungen. Seine Ordenskarriere beendete Padre Renato Salvatore 2013 mit seiner Verhaftung. (Quelle: https://roma.corriere.it/notizie/cronaca/13_novembre_06/intrigo-nell-ordine-camilliani-f753ad88-46ee-11e3-a177-8913f7fc280b.shtml)
https://www.theguardian.com/world/2013/nov/07/italian-religious-order-leader-arrested-camillians

Unter den hochrangigen und einflussreichen Kardinälen sollte an den kolumbianischen Kardinal Alfonso Lopez Trujillo erinnert werden, was seine lukrativen Verbindungen zu den kolumbianischen Drogenkartellen angeht? Siehe dazu u.a. : https://caracol.com.co/radio/2006/02/11/judicial/1139656560_248075.html)
Zudem war der Kardinal öffentlich, nach außen hin, ein heftigster Feind der Homosexualität und der Homosexuellen. Er selbst, privat, aber engagierte in Kolumbien wie später auch in Rom sehr häufig Stricher. Und, parallel dazu, für die fromme Öffentlichkeit verfasste er als Chef der päpstlichen Familienbehörde hübsche Texte über den Wert der katholischen Familie. Man lese über diese korrupte Gestalt an der Spitze des Vatikans das ausführliche Buch des Journalisten Frédéric Martel, „Sodom“, S. 362 ff., erschienen 2019 im Fischer Verlag. Ein kolumbianischer Insider, der Schriftsteller Fernando Vallejo, geboren in Medellin, berichtet in seinem Roman „Die Madonna der Mörder“, Wien 2000, S. 91 oder 94f. von Kardinal Lopez Trujillo: „Es ist ihnen (Kardinal Lopez Trujillo und anderen Bischöfen) das Natürlichste von der Welt, sich die Taschen mit öffentlichen Reichtümern zu füllen“. Auch andere kolumbianische Autoren sprechen sehr kritisch über diese Gestalt (wie der Autor Hector Abad, „Brief an einen Schatten“)
Schon in seiner berühmten Weihnachtsansprache an die Kardinäle im Vatikan, im Jahr 2014, hat Papst Franziskus heftig diese klerikalen Herrschaften an seinem päpstlichen Hof attackiert und dabei, so wörtlich, auf diese Männer bezogen von „mentaler und spiritueller Versteinerung“, „existentieller Schizophrenie“, „Gleichgültigkeit gegenüber anderen“, „Vergöttlichung der Oberen“, und auch dies: von „Anhäufung materieller Güter“ sowie von der „Sucht nach weltlichem Profit“ gesprochen. Diese Weihnachtsansprache 2014 für die Kardinäle ist ein absolut wichtiger, zentraler Text, um die ganze Feindschaft der Kurie gegen Papst Franziskus von Anfang an bis heute zu verstehen! Weil der Papst die Wahrheit sagte, wird er verfolgt.
Ich breche hier diese Dokumentation von korrupten Gestalten im heutigen Katholizismus ab. Sie ist förmlich – auch aktuell – eine unendliche Geschichte.

2.Die Ethik, die Dogmatik und die Gesetze der katholischen Kirche und der Geist der Korruption:

Die katholische Kirche zeigte sich in ihrer klassischen Gestalt bis 1970 als Organisation, die explizit gegen die Gültigkeit der Menschenrechte in der Politik argumentierte und in ihren eigenen Reihen die Menschenrechte nicht respektierte. So wurde auch die UNO – Menschenrechtserklärung vom Vatikan nicht unterzeichnet. Die Katholische Nachrichten Agentur schreibt am 10.12.2018: „Dafür gibt es viele Gründe: Der Vatikan ist kein normaler Staat und auch nicht Mitglied der Vereinten Nationen. Und er bezieht sich auf eine grundsätzlich andere, von Gott her definierte Rechtsgrundlage. So gelten auf dem kleinen vatikanischem Staatsgebiet bis heute auch weder die Religionsfreiheit noch die Rechte-Gleichheit von Mann und Frau“.(https://www.katholisch.de/artikel/19912-warum-die-kirche-gegen-die-menschenrechtserklaerung-war)

Das heißt: Aufgrund dieser offiziell vertretenen Mentalität wurde das demokratische Rechtsempfinden den Katholiken weltweit nicht als grundlegend gelehrt und vermittelt. Die Kirche und ihre Hierarchie wurde in den Mittelpunkt gestellt, der Eindruck einer „heiligen Kirche“ sollte unter allen Umständen zentral sein. So wurden kirchliche Praktiken wichtiger als die Pflege der demokratischen Tugenden und der praktische Respekt für die unversalen Menschenrechte. Wallfahrten, Heiligenverehrung, Teilnahme an Messen, Wunderglaube und Magie, Reliquienverehrung, Hochschätzung des Klerus als der „Hochwürden“ usw. galten hingegen als zentrale Leistungen, als äußere und äußerlich leicht zu vollziehende Leistungen für einen „normalen“ katholischen Gläubigen. Ihm wurde in der Lehre, im Unterricht, in der Predigt vermittelt: Diese religiösen Äußerlichkeiten „als Glauben“ zu pflegen!

Das heißt: Der Respekt der Menschenrechte wurde unter den Katholiken nicht als absolut maßgebend für die eigene Lebensführung empfunden! So entstand die prägende Mentalität: Menschenrechte und katholischer Glauben haben nichts miteinander zu tun. Die Demokratie wurde bis noch in die Mitte des 20. Jahrhunderts von Päpsten verteufelt.

Damit wurde ideologisch und auch spirituell förmlich der Boden vorbereitet, auf dem Korruption gedeihen und sich entwickeln konnte, also Gesetzlosigkeit, Recht des Stärkeren, Entsolidarisierung, totaler, auch ökonomischer Egoismus. Diese Entwicklung kann man besonders in den bis 2000 noch ganz überwiegend katholisch geprägten Ländern Lateinamerikas beobachten: Diese Länder haben mit ganz wenigen Ausnahmen nie zur dauerhaften Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, nie zum dauerhaften Respekt der Menschenrechte, gefunden.
Die von der katholischen Kirche propagierte Mentalität unter den Katholiken war und ist: Man kann – zumindest nach außen hin – gut katholisch sein und gleichzeitig ein politischer Verbrecher, Diktator, oder Ausbeuter oder Krimineller sein, etwa als Mafia-Boss oder Drogen -“Boss“. Man kann nach außen hin fromm sein, also als ein braver Bürger gelten, tatsächlich aber auch als Politiker ausschließlich an dem eigenen finanziellen Profit mir allen krummen Touren interessiert sein. Der Katholizismus in Lateinamerika ist ein weites Forschungsfeld für Studien über die Frömmigkeit von Politikern und ihrem korrupten Agieren. Dass diese Korruption jetzt in Brasilien von einem verbrecherischen evangelikalen Präsidenten, Bolsonaro, betrieben wird, ist ein neues Thema in der „Ökumene“ christlicher korrupter Politiker…
Diese Missachtung demokratischer Werte und der Menschenrechte bewies der Vatikan, als er mit politischen Verbrechern, Tyrannen, wie Trujillo oder Franco Konkordate abgeschlossen hat. Diese Verbrecher wurden päpstlich also hochgeschätzt. Aber die Kirche und der Klerus profitierte, auch finanziell, die Kirche wurde privilegierte Staatskirche, katholische Schulen wurden vom Staat bezahlt usw.

Noch tiefer führt eine Analyse der Beichtpraxis: Sie erlaubte es, dass sich Verbrecher, etwa Mafia – Bosse, nach der Beichte, wieder „katholisch, also gesellschaftlich akzeptiert wohl fühlen“ konnten. So konnte auch der Klerus Teil des Mafia- Systems werden und „profitieren“. Der Ort San Luca in Kalabrien galt im August/September sogar ganz offiziell als Wallfahrtsort de Mafiosi, der Ndrangheta… Das duldsame Verhalten der katholischen Priester gegenüber der Mafia hat sich allmählich zugunsten einer kritischen Distanz verändert.

Papst Franziskus hat am 13.November 2015 in einem Vortrag in Rom für die Mitglieder der Guardini-Stiftung deutlich erklärt: Es käme im Falle eines schweren Vergehens, eines Verbrechens, wie der Ermordung des zwar gewaltätigen Gatten durch dessen Ehe-Frau, einzig auf die Reue an:

Dabei bezieht sich der Papst auf einen Text von Dostojewski: „Der Starez (der russische Mönch) sieht, dass die Frau in ihrem verzweifelten Schuldbewusstsein ganz in sich verschlossen ist und dass jede Reflexion, jeder Trost, jeder Rat wie an einer Mauer abgleiten würde. Die Frau ist überzeugt, verworfen zu sein.
Der Priester (Mönch) zeigt ihr aber einen Ausweg: Ihr Dasein hat einen Sinn, weil Gott sie annimmt im Moment der Reue. „Fürchte nichts, und fürchte dich niemals“, sagt der Starez. „Wenn nur die Reue in dir nicht verarmt, wird Gott dir alles verzeihen. (…) Kann doch der Mensch nie und nimmer eine so große Sünde begehen, dass sie die endlose Liebe Gottes ganz erschöpfte“. In der Beichte wird diese Frau verwandelt und erhält wieder Hoffnung“. Dem stimmt der Papst also ganz offen zu!

Das heißt: Selbst im Falle von Mord genügt allein die Beichte und die sprachlich geleistete Reue, der dann die Lossprechung von der Todsünde durch den Priester folgt. Der Mörder wird vom Priester nicht den staatlichen Justizbehörden übergeben. Dies kann und darf der Priester ja auch gar ncht aufgrund des absolut geltenden Beichtgeheimnisses. Selbst wenn der Priester keine Absolution erteilt, darf er den Täter nicht den Justiz-Behörden melden.
(zu der Ansprache von Papst Franziskus: https://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2015/november/documents/papa-francesco_20151113_romano-guardini-stiftung.html)

Aber noch eine weitere religiöse Praxis kann die Korruption fördern: Es ist der typisch katholische Umgang mit „Ausnahmen“ für einzelne, die Liebe zu dem „Besonderen“ für besondere Menschen: Für sie werden Kirchengesetzte hin und her gedehnt. Die Hierarchie gewährt – wie einst die absolutistischen Herrscher in Frankreich – Ausnahmen, auch Ausnahmen in der Bindung an (gerechte) Gesetze. Man denke auch an die übliche Möglichkeit der Eheannullierungen (katholische „Ehescheidung“) für Katholiken, bei denen die Priester ganz offen dem einen Partner sagten: „Diese Ehescheidung, Annullierung genannt, kriegen wir schon hin: Da soll die Braut doch zum Beispiel nur – den Fakten zwar widersprechend – behaupten, ihr Gatte hätte ein Kind für diese Ehe ausgeschlossen, und schon ist die sakramental geschlossene Ehe aufgehoben, annulliert…“ Wie oft habe ich das selbst gehört… Und der „vermittelnde, liberale“ Priester wurde bei Erfolg der Annullierung selbstverständlich reichlich beschenkt und dann zur 2. Hochzeit eingeladen…Also, es ist dieser laxe Umgang mit eigenen Gesetzen und Geboten, die förmlich die Lust gefördert hat, auch noch sehr viel wichtigere (gerechte) Gesetze guten Gewissens zu übertreten…

Es gab und gibt ein Dulden seitens der Hierarchie von Vergehen und Verbrechen des Klerus, etwa beim sexuellen Missbrauch, wenn denn dieses Dulden und Wegsehen dem guten, selbstverständlich nur äußerlich „guten Ruf“ der Kirche als Institution förderlich war und ist. Diese Zusammenhänge wurden jetzt allerorten freigelegt in der Verfolgung des sexuellen Missbrauchs durch Priester oder des sexuellen Missbrauchs von Ordensfrauen durch katholische Priester etwa in Afrika und Indien usw. Korrupt ist das Nicht-Freilegen von Untaten, um die eigene Institution (und damit immer auch die Spendenbereitschaft für diese Institution!) zu schützen. Und dieses korrupte System bestand weltweit viele Jahre. Es wurde erst seit 2010 langsam freigelegt.

Noch immer ist der Ablass eine Selbstverständlichkeit. Natürlich hat er nicht mehr die krassen Dimensionen („für viele Geldspenden in den Himmel) wie zur Zeit Martin Luthers. Aber der Gedanke ist vorherrschend: Der Priester kann es möglich machen, dass ich mit gutem Willen – und einer Spende für die Kirche – meinen Aufenthalt in der Vorhölle verkürze. Die Vorstellung, auch mit Gott in einer Art Handel eintreten zu können, ihn „zu kaufen“, ist eine Variante der katholischen Korruption, passend in diese Zeiten des Kapitalismus. Der Theologe Norbert Reck hat in der Zeitschrift CONCILIUM (2014) über eine ähnliche religiöse Praxis berichtet: „Theologinnen und Theologen lächeln meist milde über die Menschen, die (beim Priester) „Messen bestellen”, um etwas dafür zu tun, dass verstorbene Angehörige in den Himmel kommen. Sie lächeln über Menschen, die täglich Kerzen in den Kirchen anzünden,, um Gott oder die Heiligen auf ihre Probleme aufmerksam zu machen usw. Diese Verhaltensweisen haben ja in der Tat etwas rührend Frommes. Doch das Lächeln darüber belässt die Menschen in einer Untertanenreligion, in einer Einübung in die alltägliche Korruption, gegen die in der Bibel auf vielen Seiten protestiert wird.“

Eine Kirche ohne Korruption – wird es sie geben? Wahrscheinlich nicht, weil in der Kirche wie überall Menschen tätig sind, die zuerst an den eigenen finanziellen Vorteil denken und spirituelle Bindungen, religiöse Versprechen oder sogar Gelübde nur nach außen hin „zelebrieren“, um aufzufallen und Karriere zu machen. Und wenn dann Kritiker dieses scheinheiligen Systems auftreten, und seien es Heilige, wie Franziskus von Assisi oder wie Jan Hus, werden sie vom herrschenden System bedroht, wenn nicht „ausgeschaltet“.

Wer die Korruption pflegt und lebt, hat immer etwas „Mörderisches“, im Sinne. Darunter leiden die vielen Journalisten, die, etwa in Mexiko, als investigative Journalisten ermordet wurden, weil sie die Korruption auch innerhalb der Polizei freilegten. Und auch an die wenigen Priester und Nonnen muss erinnert werden, die etwa in Brasilien ihr Leben lassen mussten, weil sie die nach außen hin katholischen, aber zutiefst korrupten Großgrundbesitzer anklagten in ihrer Gier nach Land und Wald. Während diese mutigen Katholiken von Killern der Großgrundbesitzer bedrängt, beleidigt und oft erschossen wurden, reichte der Kardinal von Rio de Janeiro, Dom Orani Tempesta, dem rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Bolsonaro unterstützend und freundschaftlich verbunden die Hand…Dieser Kardinal wurde nun (2019) beschuldigt, in Korruptionsaffären katholischer Krankenhäuser verwickelt zu sein (https://www.domradio.de/themen/weltkirche/2019-02-27/katholische-krankenhaeuser-schmiergeldaffaere-verstrickt-erzbistum-rio-weist-korruptionsvorwuerfe) ….

Unser Thema – eine endlose Geschichte! Zweifellos ist die Erkenntnis: Korruption ist eine feste, kaum zu überwindende Struktur der Kirche. Weil die Lehre, die Dogmatik, die Moral wie auch die spirituelle Mentalität der Kirche Korruption nicht verhindert, sondern oft – zumindest indirekt – fördert. Die Kirche, das heißt der an der Macht sitzende Klerus, der sich seiner Privilegien erfreut, hat sich entschieden, Teil der kapitalistischen Welt – UN-Ordnung zu sein und zu bleiben und deswegen alle Spielchen des Kapitalismus mitzumachen, um die eigene äußere Macht zu bewahren.
Dabei hat die spirituelle Bedeutung des katholischen, des offiziellen Glaubens selbst bei Katholiken – zumindest in Europa und Amerika – längst rapide abgenommen.
Mit ihrer Einbindung in den Kapitalissmus und damit in die „Unkultur“/das Verbrechen der Korruption hält also die Kirche heute mindestens in Europa und Amerika nur ein äußeres, allmählich wackliges Gerüst am Überleben.
„Der Katholizismus und der Geist der Korruption“ bleibt ein dringendes Thema, um die Religionen in der heutigen Welt zu verstehen. Von verändern… sprechen nur noch Optimisten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Warum Dorfkirchen in der Mark Brandenburg so wichtig sind bzw. sein könnten: Als Erinnerung an Theodor Fontane

Hinweise und Vorschläge von Christian Modehn. Anlässlich des 200. Geburtstages von Theodor Fontane. Aber braucht Fontane „runde Gedenktage“, damit wir uns seiner erinnern?

Im Sommer 2020 wird es – trotz Corona – möglich sein, sich wieder in den Dörfern der Mark Brandenburg zu erholen und dabei wieder auch Dorfkirchen zu besuchen, zur Besichtigung, zur Meditation, zur Stille und Einkehr, vielleicht auch zum Gottesdienst.

Der „Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V“ besteht nun schon 30 Jahre und hat wieder, wie in jedem Jahr, eine umfangreiche, empfehlenswerte Broschüre von 84 Seiten (zum Pries von nur 4,50 Euro) vorgelegt. www.altekirchen.de

Mein Beitrag über Dorfkirchen in Brandenburg, mit dem Vorschlag, wie sie „bespielt“ werden könnten, wurde im Gedenken an Theodor Fontane verfasst.

Dieser Artikel wurde leicht gekürzt in dem genannten Heft 2020 veröffentlicht.

1.
Was wäre die Mark Brandenburg ohne ihren „märkischen Wanderer“, ohne Theodor Fontane? Er hat den Menschen dort mehr Selbstbewusstsein, vielleicht sogar Stolz, geschenkt. Die Mark Brandenburg ist für Fontane keine „öde Gegend“, „am Rande der Kultur“. Ihre Dörfer und Städtchen sind zwar nicht von „überwältigender Schönheit und Pracht“, wie Fontane etwa in Erinnerung an Italien und Rom bemerkte. Aber es ist die Stille, die Schönheit der Natur, die Schlichtheit, die Bescheidenheit des Lebens, der Erinnerungen an die Kultur einst, es ist „diese Landschaft!“, die Fontane so mochte. „Die einfachen Leute“ dort: Die schätzte er besonders. So dass er – der Sohn von Hugenotten – sagen konnte: Diese auf den ersten Blick eher kulturell anspruchlose Mark Brandenburg ist auch „meine Heimat“, so sehr er an Berlin auch gebunden blieb. Wenn sich heute die (auch „zugereisten“ ) Berliner für die Mark begeistern und sich dort (zeitweise) niederlassen und alte Dörfer „beleben“, dann wirkt da vielleicht etwas „unterschwellig“ die Hochschätzung Fontanes für diese Region weiter. Ohne Fontane also keine „lebens- und liebenswerte Mark Brandenburg“. Diese schöne, lebenswerte Mark Brandenburg will kein Demokrat den Rechtsextremen überlassen. Die Mark Brandenburg muss demokratisch bleiben bzw. immer mehr werden.

2.
In seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, begonnen 1859, in Büchern publiziert von 1862 bis 1889, stehen, neben den Schlössern und „Herrenhäusern“, den Seen und den Klosterruinen, die noch erhaltenen Kirchen im Mittelpunkt vieler Berichte. Und ihre Pastoren sind oft die besten Kenner der Geschichte ihrer Gegend. Davon hat „der Wanderer“ sehr profitiert. Das alte Dorf – Pfarrhaus mit dem oft gebildeten Pastor hat Fontane noch erlebt, auch wenn er – etwa im „Stechlin“ – genau weiß, dass es mehr konservative und leider nur einige mutige, vorwärts denkende Pastoren gibt: Nur sie lösen sich langsam aus der Bindung der Kirche an die wilhelminische Monarchie, die ja tatsächlich eine Abhängigkeit er Kirche vom konservativ – national bestimmten Staat war. Eine Bindung der Kirche, die über das Ende der Monarchie bis in die Weimarer Republik unerfreulich weiter dominierte!
Man denke also vor allem an die sympathische Gestalt des Pastor Lorenzen im „Stechlin“, der schon Ende des 19. Jahrhunderts mit sozialen, „linken“ Ideen sympathisierte. Er zweifelte an der Gültigkeit der Maxime der Konservativen: „Was einmal galt, soll immer gelten“…Eine neue Zeit bricht an. Ich glaube, eine bessere und glücklichere“, so Pastor Lorenzen im Roman „Der Stechlin“. Der selbst eher dem Konservativen zuneigende Fontane war im Alter eben doch so liberal gesinnt, dass er voller Sympathie diesen Pastor förmlich zu einer der Hauptpersonen im Roman „Der Stechlin“ machte…

3.
Unter den vielen Themen, die in dem so langen „Fontane-Jahr 2019“ dokumentiert und debattiert wurden, finde ich die Frage wichtig: „Welche Bedeutung haben die Kirchen auf den Dörfern der Mark Brandenburg, für Fontane damals, und vor allem auch für die Gegenwart und Zukunft“ ? Ist diese wichtige Frage angemessen debattiert worden?
Über „Fontanes Umgang mit alten Kirchen“ hat Prof. Hubertus Fischer, Ehrenpräsident der Theodor Fontane Gesellschaft, einen einführenden Aufsatz verfasst in dem schönen Jahresheft „Offene Kirchen 2019“ (https://www.altekirchen.de/offene-kirchen/broschuere/2019-2/zwischen-barbarei-und-apathie)
Hubertus Fischer zitiert Fontane: “Nur unsere Dorfkirchen stellen sich uns vielfach als Träger unserer ganzen Geschichte dar und die Berührung untereinander zur Erscheinung bringend, besitzen sie und äußern sie den Zauber historischer Kontinuität“ (S.5). Der Autor weist darauf hin, wie sehr Fontane sich kritisch auseinandersetzte mit den Architekten, die damals alte Dorfkirchen einfach abrissen und neue „Basilika-Kirchen“ bauten. „Sie haben mit der (langen) Vergangenheit gebrochen… sie sind eine Schale ohne Kern“. Fontane denkt dabei an die „Basilika-Kirchen“ in Petzow, Bornstedt, Sakrow, Caputh, Werder usw.. “die das Havelufer auf Geheiß und nach den Ideen Friedrich Wilhelm IV. umstellten“. Der Eindruck des Mittelalterlichen, des Erhabenen, sollte dadurch geweckt werden. Kirchenarchitektur also als Beispiel für Herrschaftsideologien. Dieser Friedrich Wilhelm IV. hat auch das Kreuz auf das Stadtschloss setzen lassen, was heute für das Humboldt – Forum leider wieder geschehen ist. Ein anderes Thema…
Der aus der reformierten, also eher „bilderfeindlichen“ Tradition des Protestantismus stammende Fontane kann es gar nicht verstehen, wie denn aus einem gewissen anti-katholischen Geist bestimmte Objekte und Gemälde aus den alten, einst ja katholischen Kirchen, entfernt werden. „Ein von Borniertheit eingegebener Antikatholizismus ist mir immer etwas ganz besonders Schreckliches gewesen“ (S. 6). Hubertus Fischer erinnert an den Unterschied zwischen einfachen Dorfkirchen und den oft gepflegten und „sehenswerten“ Patronatskirchen: Diese sind Kirchen, die unter der Obhut eines Landesherren oder der Grundherren stehen. Die Dorfkirchen sind eher von schlichtester Ausstattung, gekennzeichnet „durch eine Abwesenheit alles Malerischen und Historischen“. In Schmöckwitz (in Berlin, Stadtteil Köpenick) erlebte Fontane z.B. „einen tristen Bau“. Obwohl Fontane zurecht weiß: Selbst triviale Dorfkirchen können „noch das Rührendste und Schönste verbergen“. In Schmöckwitz fiel dem Wanderer durch die Mark Brandenburg ein „verstaubter Altar unter den Kanzel“ auf. „Was hier so niederdrückend wirkte, war die melancholische Abwesenheit alles Freien und Selbständigen; die Armut kann poetisch sein, die Armseligkeit nie“.

4.
Nach der Wende wurde erst allgemein bewusst und bekannt, in welchem miserablen baulichen Zustand hunderte von Dorfkirchen in der Mark Brandenburg sich befinden. Dem „Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V.“ ist es seit vielen Jahren schon gelungen, Kirchen vor dem Verfall zu bewahren, sie zu renovieren, die Kunstwerke dort zu retten. Auch in den Dörfern selbst haben Initiativen der Bürger, auch der „religiös Nichtgebundenen“, dafür gesorgt, „ihre Kirchengebäude“, oft die einzigen Zeugen für eine Kultur, die „von weit her“ kommt und eigentlich so gar nicht in einen oberflächlichen Alltag passt, vor dem Verfall zu bewahren. So entstanden in renovierten und „umgewandelten“ Kirchen Orte der Begegnung, der Kultur.
Aber: In vielen Dörfern nimmt die Anzahl der Einwohner ständig ab: Wer kümmert sich dann noch um die mit viel Mühe und viel Geld renovierten, umgewandelten Dorfkirchen? Wer will sie oft nutzen? Wo sollen die TeilnehmerInnen möglicher Veranstaltungen herkommen?
Natürlich gibt es viele Beispiele für Kirchengebäude, die kreativ genutzt werden, als „Hörspielkirche“ etwa oder als „NABU-Kirche oder als Ort für Vorträge und Konferenzen. Hinsichtlich der Nutzung umgewandelter Kirchen hat die Phantasie viel Raum, wenn denn das nötige Geld vorhanden ist.
Ganz andere Probleme ergeben sich, wenn man fragt: Was wird, langfristig gesehen, aus den nun z.T. aufwendig renovierten Kirchen auf den Dörfern, die noch vorwiegend als Stätten des Gottesdienstes, der Meditation, der Segnungen von Ehepaaren, der Bestattungen usw. genutzt werden? Bernd Janowski, Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V.“ hat in der Broschüre „Offene Kirchen 2019“ einen Aufsatz zu dem Thema verfasst. „Das Problem besteht in der Frage, wer in zehn oder zwanzig Jahren überhaupt noch in diese Kirchen hineingeht. Bereits heute gibt es nicht wenige Dorfkirchen in den Berlin fernen Regionen, die nicht mehr oder nur äußerst sporadisch gottesdienstlich genutzt werden“ (S. 73). Die Gemeindemitglieder sind sehr oft überwiegend ältere Menschen, die in einer „Diaspora“ leben, wo nur ca.15 Prozent der Bevölkerung evangelisch sind. Die Zahl der Katholiken ist dort noch viel kleiner.
Es wäre eine ziemliche Katastrophe, wenn etwa die mühsam und kostspielig renovierten Dorfkirchen nach etlichen Jahren dem Ungenutztsein, also der Vernachlässigung und damit dem langsamen Verfall (wieder) preisgegeben werden müssten. Kann die kommunale Nutzung da weiterhelfen? Haben die (kleinen) staatlichen Kommunen Geld, Kompetenz und Konzeptionen, um diese Kirchen, oft der einzige Mittelpunkt im Dorf, weiter zu pflegen, zu „bespielen“, wie man im kulturellen Umfeld gern sagt? Müsste sich da die Kirche im Verbund mit gesellschaftlichen Gruppen nicht Neues einfallen lassen?

5.
Sicher wird man da meiner Meinung nur weiterkommen, wenn man auch theologisch Neues zu denken wagt, selbst wenn dies einigen Konservativen nicht gefällt.
Wie sieht denn die ökumenische Zusammenarbeit aus? Damit meine ich nicht, dass in den evangelischen Dorfkirchen gelegentlich katholische Messen von den wenigen durchreisenden Priestern gelesen werden. Warum ist nicht möglich, die wenigen Katholiken in den Dörfern, oft „treue Kirchgänger“, einzuladen, an den evangelischen Gottesdiensten am Sonntag teilzunehmen? Dann wäre der Kreis der Gottesdienst-Gemeinde nicht nur größer, es könnte auch ein weiterer ökumenischer Austausch stattfinden. Ökumene praktisch werden. Dass da die katholische Kirchenleitung Bedenken hat, ist klar. Aber die Gemeinden könnten sich kreativ über Bedenken und Verbote auch hinwegsetzen… um des Glaubens willen.
Wenn in den Kirchen nicht Bänke, sondern Stühle als Sitzgelegenheiten aufgestellt sind: Könnten IN den Kirchen selbst werktags, vor allem am Wochenende, (Gesprächs-) Kreise angeboten werden, mit einem kleinen Café in der Kirche selbst. Man sollte sich von dem Gedanken befreien, Kirchengebäude nur für „sakrale“ oder „hochkultuelle“ Veranstaltungen (Konzerte etc.) zu gebrauchen. Kirchengebäude sind spirituelle UND menschliche Lebensräume. Wenn es schon keine Gaststätten in vielen Dörfern mehr gibt: Wie wäre es, die Kirche umfassend selbst als „Stätte für Gäste“ zu verstehen?
Warum könnte die Kirchenleitung nicht die „Provinz -“ bzw. „Dorfbegeisterten Berliner gewinnen, „ihre Dorfkirche“ sozusagen zu adoptieren: Warum könnten nicht Künstler und Musiker, Schauspieler und Politiker, sofern sie denn spirituell bewegt und kompetent sind, in „ihren“ adoptierten Dorfkirchen Veranstaltungen organisieren, vielleicht auch spirituelle Übungen, Meditationen, Yoga, Zen, Lektürekurse der Bibel und anderer Schriften? Wenn man sich allerdings auf das uralte und zweifellos überholte Modell fixiert: „Ein Pfarrer und seine Kirche“ (mit dem Gemeindekirchenrat) wird man nicht weiterkommen. Menschen und Gruppen, die ihre Dorfkirche „adoptieren“, könnten auch Verantwortung übernehmen, wenn sie selbst zumindest am Wochenende in den Dörfern wohnen und diese Kirchen offen halten.

6.
Mit anderen Worten: Nur neue Experimente, also Übertragung von Verantwortlichkeiten an „Laien“ über die Pfarrer hinaus, werden die vielen Kirchengebäude auf den Dörfern „retten“, also als lebendige Gebäude bewahren.
Aber im letzten geht es doch gar nicht um die Kirchen als Gebäude: Es geht um die Bewahrung und Weiterentwicklung der Kultur, auch der Religion, auch der Kirche, auf den Dörfern. Es geht um die Pflege und Entwicklung einer demokratischen Kultur. Auch und gerade in den Kirchen.
Diese neuen Projekte lassen sich mit dem alten, eingefahrenen, üblichen Denken wohl kaum mehr garantieren. Wenn es immer weniger Dorfpfarrer gibt: Warum könnte die Kirche nicht den neuen Beruf eines „Dorf-Moderators“ realisieren, also junge Frauen und Männer, auch Pädagogen, auch arbeitslose Philosophen etc. einladen, auf dem Dorf wohnend für die „Belebung“ der Dorf-Kirchen ihrer Umgebung zu sorgen. Sie könnten in den alten, dann renovierten Pfarrhäusern wohnen und ihre Kirchen spirituell- religiös „bespielen“, wie man so gern sagt. Und dafür natürlich honoriert werden.
Bekanntlich sind ca. 70 Prozent der Bewohner in der Mark Brandenburg kirchlich „nicht gebunden“, wie man sagt. Sind sie aber alle kämpferische Atheisten? Wohl kaum. Es sind diese kirchlich kaum wahrgenommenen Menschen, die auf eigene Art ihr Leben gestalten, suchend, fragend, wie auch immer. Oder die sich bescheiden mit dem Alltäglichen zufrieden geben, oft resigniert, oft voller Wut…
Mit diesen Menschen gilt es in den Dörfern und IN den DORFKIRCHEN Gespräche und gemeinsame Aktionen zugunsten der Menschen zu inszenieren. Dafür werden diese von mir geforderten neuen „Moderatoren der Dörfer“ gebraucht. Und sie sollen alle diese Menschen, die, oft mit dem Gefühl der Einsamkeit, des Vergessenseins, des Verlorenseins, am Rande der Kirche stehen, einladen: IN diese Kirchen zu kommen als ihre Orte, in dem sie Gemeinschaft finden, sich wohlfühlen, sich bejaht wissen. Ob getauft oder nicht, ist dabei völlig egal. Es gilt allein die „jesuanische Großzügigkeit“. Selbstverständlich sind dann auch Atheisten willkommen, auf der Suche nach Gesprächen, die vernünftig gestaltet werden, also ohne Dogmatismus auf beiden Seiten.
. Nur wenn die Kirche über ihren Schatten springt, den Schatten der Dogmen und des permanenten (finanziellen) Machterhalts, wird sie mit weniger Schatten und weniger Angst den Weg in eine neue Zukunft finden … zugunsten der Menschen auf den Dörfern.

7.
Vielleicht sind also die Dorfkirchen, diese neuen Orte der geistvollen Kreativität, der Ausgangspunkt für eine Kirchenreform…Dies ist natürlich angesichts der real existierenden Kirchen-Behörden eine Utopie. Aber können wir ohne Utopien leben?
Es ist ermutigend, dass sich Anfang 2020 der evangelische Landesbischof Ralf Meister (Hannover) und der katholische Bischof von Hildesheim, Heiner Wilmer, gemeinsam ausdrücklich für ökumenische Gemeinden zumal in der „Diaspora“, in den Dörfern, ausgesprochen habe. Dieser Vorschlag verdient weite Beachtung und sollte nicht gleich wegen eines offiziell katholischen Widerstandes konservativer Bischöfe ad acta gelegt werden.

8.
Nebenbei gesagt: Theodor Fontane war stets ein kritischer spiritueller Mensch: „Ich persönlich kenne keinen Menschen, habe auch nie einen kennen gelernt, der den Eindruck eines Vollgläubigen auf mich gemacht hätte“. (Maximilian Harden über Theodor Fontane 1898, in : Deutsche Abschiede, München 1984, S. 247.) Theodor Fontane, der sich als religiösen Skeptiker sah, der gar nicht dogmatisch, im Sinne der Kirchenführung, dachte, wäre sicher ein Gast in den nun lebendigen Dorfkirchen der Mark Brandenburg, den Orten der offenen Spiritualität und Begegnung für „Wanderer“ von weit und breit…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der „Dreifaltige“, der schwierige Gott der meisten Christen: Über die Last mit dem „Trinitäts-Dogma“ aus dem 5. Jahrhundert.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Für die meisten Christen ist das Bekenntnis zur Trinität, zur „Dreifaltigkeit Gottes“, einerseits irgendwie selbstverständlich, weil sie sich in den meisten Gottesdiensten, den katholischen Messen und den orthodoxen Liturgien zumal, immer zur Trinität bekennen: Sie bekennen sich zu dem einen Gott in „drei Personen“, wie die christliche Dogmatik lehrt: Also zu Gott „dem Vater, dem Allmächtigen…“, dann zu Jesus Christus , „aus dem Vater geboren vor aller Zeit, gezeugt nicht geschaffen…“und schließlich zum heiligen Geist, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht…“. Die Orthodoxen wissen vom heiligen Geist hingegen noch etwas anderes, nämlich dass er NUR aus dem Vater hervorgeht. Eine tatsächlich wichtige „innergöttliche“ Nuance, die bei der Spaltung in westliche und östliche Christenheit im Jahr 1054 eine Rolle spielte. Ist damit eine Unterordnung des Logos, des Sohnes, unter den Vater gemeint? Ich erinnere mich in dem Zusammenhang an eine Szene eine Luis Bunuels wunderbarem Film „Die Milchstraße“: Als Kellner in einem französischen Luxus-Restaurant beim Einrichten der Tische genau diese Frage debattieren. Dann stören arme Pilger diese trinitarische Debatte und bitten um Brot. Von den trinitarisch debattierenden Kellnern werden sie abgewiesen…

Die beiden folgenden Hinweise beziehen sich im ersten Beitrag auf die klassischen trinitarischen Formeln und Begriffe. Und diese Reflexionen führen weiter, um in einem bisher unterbliebenen Weiterdenken zu einer überraschenden Erkenntnis zu kommen: Dass nämlich in gewisser Weise nach der Auferstehung und „Himmelfahrt“ des Logos, also des Gott- Menschen Jesus Christus, eben auch der Mensch in die Trinität gehört. Der Mensch Teil des innergöttlichen Lebens? Das ist das beachtlich und in gewisser Weise neu. Dass diese Erkenntnis spekulativen Charakter hat, ist klar.

Dass nicht auch noch der sehr interessanten Frage nachgegangen wird, was denn in der Trinität sozusagen lebendig war zu dem Zeitpunkt, als der Logos den Himmel verließ und zu „Weihnachten“ Mensch wurde, ist für spekulativ Interessierte eine bleibende Aufgabe, die für orthodox Glaubende selbstverständlich blasphemischen Charakter hat. Aber diese genannten Themen zeigen für mich bereits etwas von dem Wahn, wenn Menschen viel zu viel von Gott wissen wollten und auch heute in den Kirchen immer noch wollen und dieses inntertrinitarische Leben behaupten. Es geht also bei dem Thema auch um die Grenzen der Erkenntnis des Menschen.

Der zweite Beitrag (weiter unten) ist nicht weniger interessant und brisant: Er will die Perspektive eröffnen: Wie sich der EIN-Gott-Glaube der Christen und die Monarchie-Herrschaft des EINEN Kaisers in Rom (seit Konstantin, 4. Jh.) einander unterstützten und einander ideologisch „brauchten“. Dabei wird die dominierende Rolle der Kaiser bei der Formulierung der katholischen Dogmen noch gar nicht berücksichtigt, sie ist ein genau so interessantes Thema, das der Abhängigkeit der offiziellen Glaubenslehre von den Herrschern. Heute würde man solche Theorien Ideologien nennen.

In dem hier vorliegenden Beirag wird auch auf den großen katholischen Theologen Edward Schillebeeck (gest. 2009) verwiesen, der freimütig erklärte, dass er sich als Theologe wie ein Agnostiker zur offiziellen Trinitätslehre verhält.
Und zum Schluss empfehle ich nachdenklichen, kritischen, christlich interessierten LeserInnen das Glaubensbekenntnis der protestantischen Remonstranten Kirche in Holland zu lesen, ein Glaubensbekenntnis, das ohne die schwere und unverständliche Last der Trinitäts-Lehre aus dem 5. Jahrhundert auskommt.

1.
Mensch in Gott: Eine neue Perspektive zur Trinität

Die Dreifaltigkeit, Trinität, will das eigentlich Unmögliche über Gott aussagen: Der Gott der Christen ist aufgrund der Erfahrungen mit Jesus von Nazareth als dem Christus (also dem Logos, dem „Sohn“ „im Himmel“, in Gott) eins, einer, ein einziger, und auch in gewisser ein Gott, auf den die Zahl „drei“ zutrifft. Der alte Theologe Tertullian aus Karthago (155 bis 220) fasste diese „Unmöglichkeit“ in die Formel: „Tres personae, una substantia“, also drei Personen und ein gemeinsames Wesen, das ist Gott. Wobei klar ist, dass „Person“ nur sehr analog zu verwenden ist im Blick auf das, was wir unter Menschen Personen nennen.
Ich will in einem ersten Teil auf ein spannendes Thema aufmerksam machen:
Es ist im Johannes Evangelium klar: Dieser Jesus von Nazareth als Christus ist der LOGOS, also die zweite Person aus der Trinität, um es mal etwas plastisch und sehr bildhaft zu sagen. Dieser Logos aus der Trinität lebte in der Welt zu einem bestimmten Zeitpunkt. Dieser Jesus ist also der himmlische, göttliche LOGOS: So „entsteht“ dann er, Christus, als eine Einheit von Gott (Logos-Aspekt, wenn man so will) und von Mensch (Jesus von Nazareth, geboren zu einer bestimmten Zeit, an enem bestimmten etc. als ganzer Mensch, Mann usw.)

Diese Person, LOGOS und Mensch als Einheit, stirbt am Kreuz und erlebt eine Auferstehung und dann eine Himmelfahrt. Ich verwende jetzt die klassischen und populären Begriffe, die ja bekanntlich auch den Erzählungen der Evangelien und der Apostelgeschichte entnommen sind.
Was bisher meines Erachtens nicht gesehen wurde in dem Zusammenhang:
Wenn wirklich der gekreuzigte und auferstandene Jesus Christus in den Himmel „auffährt“, also in gewisser Weise in die Trinität zurückkehrt: Dann ist von nun an, wenn man das zeitlich verstehen will, denn der Tod Jesu Christi fand ja noch in der historischen Zeit „unter Pontius Pilatus“ statt: Dann ist nun innerhalb der Trinität, also im Innern des Wesens Gottes, auch das Menschliche, repräsentiert durch den ganzen Menschen Jesus von Nazareth präsent. Denn bekanntlich wird immer wieder betont: Dass der Auferstandene Jesus eine Leiblichkeit hatte, eine verwandelte, auferstandene Leiblichkeit. Aber eben eine Leiblichkeit. Und diese ist nun als menschliche IN Gott.
Diese theologische – spekulative Erkenntnis verändert das Gottesbild: In Gott selbst ist der Mensch, das Menschliche, das Irdische, enthalten, bewahrt, gegenwärtig.
Bisher erkannten Theologen und Religionsphilosophen (wie Hegel): Gott ist in der Welt. Gott ist in seiner Schöpfung anwesend, und zwar in der „Gestalt“ des Geistes: Alle Menschen haben Anteil am göttlichen Geist. Denn es ist eher undenkbar, dass Gott eine Welt schafft, die dann als eigenständige aber doch total außerhalb des Göttlichen sich entwickelt, wie eine Art Gegen-Gott.
Also: Gott in Welt ist eine alte und vertraute Erkenntnis.
Aber nun auch. Mensch IN Gott. Das sprengt den (üblichen?) Gottesbegriff, stiftet eine Ergänzung zu Gott in Welt, zeigt also eine enge wechselseitige Verbundenheit und Einssein von Gott und Welt/Menschen.
Die weitere Frage ist natürlich: Wenn durch Jesus Christus als dem auferstandenen Menschen eben der Mensch in Gott ist, dann ist alles Menschliche in Gott: Das heißt: Alle Menschen als „Auferstandene“ sind dann in Gott. Vielleicht ist dies der wahre Kern eines christlichen Verstehens von „Erlösung“. Freilich für die, die an der Idee Gottes festhalten wollen und den Begriff Erlösung auch mit dem Tod und der Frage „Was kommt nach dem Tod“ verbinden wollen.
Dass diese Thesen hier natürlich sehr spekulativ sind und von den üblichen, aber orthodoxen Bildern der Dreifaltigkeit ausgehen, ist klar. Man kann zurecht sagen: Es gibt in der heutigen Welt Dringenderes. Aber die Erkenntnis, dass der Mensch IN Gott ist, dort lebt kann spirituelle Menschen bewegen.
Und vor allem: das wurde hier noch gar nicht entwickelt: Hat denn Gott als ewige Trinität mit der Menschwerdung des Logos aus der trinität selbst eine Geschichte? Verändert sich Gott in sich selbst? Ist die Menschwerdung des Logos und damit zusammenhängend das Menschliche IN Gott eine Veränderung Gottes? Das kann nur jene Theologen stören, die immer noch an das antike Bild Gottes als eines unbeweglichen (!) Bewegers glauben. Nicht aber einen Gott denken können, der selbst Geschichte hat, also irgendwie auch zur Zeit gehört. Das passt ja gut, denn mit der Aufnahme des Menschen (Jesus Christus) IN die Trinität kommt ja auch die Zeit ins Göttliche.

2.
In einem zweiten Teil will ich auf einen anderen Aspekt der Trinitätslehre aufmerksam machen, einen politischen Aspekt:

Dieses offizielle „Nizäno-Konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis“ ist selbstverständlich viel ausführlicher. Es stammt aus dem Jahr 451 (!), und die schon hier nur kurz zitierten Worte und Begriffe hinterlassen bei neu-platonisch nicht Vorgebildeten einen gewissen mysteriösen Eindruck des Unverständlichen. Da sollen also religiöse Menschen weltweit heute, im 21. Jahrhundert, ihren Glauben mit Worten aus dem zu Ende gehenden „Altertum“ nachsprechen. Und sie werden nur dann etwas verstehen, wenn sie stundenlang vorher sich in die antike philosophische Begriffswelt eingearbeitet haben. Das Beharren auf dieser Formulierung und diesen Formeln seitens der Kirchenleitungen, des Papstes usw. für die heutigen Menschen ist schon – vornehm gesagt – eine beträchtliche Herausforderung. Andere nennen es dogmatische Sturheit und Verblendung, in diesen Worten zur Trinität universal für die ganze Welt festzuhalten. Soll so der Glaube als verstehender Glaube gefördert werden?

Ich habe als Journalist, der sich mit Themen der Kirchen befasste, immer wieder erlebt, dass selbst Christen, die regelmäßig die Gottesdienste/Messen besuchen, eigentlich mit der „Trinität“ nicht viel anzufangen wissen, diese eigentlich nicht verstehen und deswegen auch anderen nicht erklären können. Ich kann mich an peinliche Situationen erinnern, in denen muslimische Gläubige die Katholiken fragten, ob sie denn 3 Götter verehren und manche eher verlegen und sprachlos zustimmten. „Warum nicht?“, sagte einer. Der Polytheismus ist ja ohnehin unterschwellig im Katholizismus anwesend durch die sehr oft total übertriebene Verehrung Marias, der Mutter Jesu von Nazareth. Sie wurde gar zur Gottes-Mutter erklärt und ist im Himmel thronend die wirksame Hilfe, Gnadenhilfe, de Frommen. Wenn da nicht der Weg zur weiblichen Gottheit eröffnet wurde, aber das ist ein anderes Thema.

Die Verteidigung der klassischen Trinitätslehre aus dem 4./5. Jahrhundert ist also üblich geworden bis heute…

Da trifft es sich aber gut, dass ein prominenter, international geschätzter katholischer Theologieprofessor sich freimütig zu Schwierigkeiten mit der Trinität bekannte: Edward Schillebeexk (1912 – 2009) von der Universität in Nijmegen. In dem Buch „Edward Schillebeeckx im Gespräch“ mit Francesco Strazzari“ (Luzern 1994) sagt er: „Ich bin im Hinblick auf eine Trinitäts – Theologie fast ein Agnostiker“. Dieser Satz ist sehr bemerkenswert. Schillebeeckx fährt er fort: „Ich bekenne die Trinität, aber ich übe gleichzeitig eine gewisse Zurückhaltung gegenüber Anstrengungen, die Beziehungen zwischen den drei (göttlichen) Personen rational zu erfassen“ (S. 107). Vorher hatte Schillebeeckx schon gesagt: Die Spekulationen über die Trinität „geben nichts her für meine Spiritualität. Man spekuliert zuviel über die Trinität.“ (Seite 105). Dann fährt er fort: “Gott ist dreifaltig, (das ist Dogma!). Aber er ist nicht drei Personen. Das wäre Tri-Theismus (drei Götterglaube). Aus Scheu habe ich zu dem Thema nichts publiziert“ (Seite 106).

Ein anderer prominenter Theologe des Dominikaner Ordens, der ebenfalls international sehr beachtete Yves Congar (1904 – 1995), hat u.a. eine erhellende kleine Studie über den Zusammenhang von Politik und dem Entstehen des christlichen Monotheismus (Trinität) verfasst, und zwar in der internationalen theologischen Zeitchrift CONCIILUM, im Jahr 1981, Seite 195 ff.
Für Congar gibt es einen engen Zusammenhang der Verteidigung der einen und einzigen Herrschaft des Monarchen seit Kaiser Konstantin und der Entwicklung des christlichen Monotheismus, der dann zur Trinität führt. Sagen wir mal salopp als einer Variante des allgemeinen (jüdischen, später muslimischen) Monotheismus. Congar belegt seine leider viel zu knappe Studie, gelehrt wie er war, mit zahlreichen Quellen der so genannten Kirchenväter, also der Theologen vom 1. bis 6. Jahrhundert.

Die These ist also: Weil es zu Zeiten Kaiser Konstantins den Glauben der Christen an den einen Gott gab, der bereits wie ein Monarch verehrt wurde, konnte -bei dieser selbstverständlichen Mentalität- Konstantin auch “auf Erden“ durchsetzen, dass es nur einen Monarchen politisch geben sollte. Congar erinnert an den Kirchenvater Eusebius und schreibt: „Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Monotheismus der Christen und der Reichseinheit unter der Monarchie Konstantins“, (S. 196).
Dabei ist es interessant zu beobachten, dass etliche Kirchenväter unter dem „einen und einzigen“ Gott ganz den Gott Vater verstanden. „Er ist der eine und einzige Pantokrator, er allein ist Gott aus eigener Kraft“ (196).Und: „Er herrscht nach Art des persischen Großkönigs, der in seinem Palast verborgen bleibt“, schreibt Congar unter Bezug auf Eusebius (ebd.)

Bei diesem Verständnis der Trinität konnte Christus als Wesen des Himmels, also seines Seins beim Gott – Vater verstanden werden: Christus ist der Logos, in Abhängigkeit von Gott Vater, „so wie der Fluss von seiner verborgenen Quelle abhängt“ (196).

Diese Spekulationen über das innergöttliche Leben haben also willkommene politische Auswirkungen: In Nachahmung des Logos, also des Christus, der als spiritueller „König“ auf Erden lebte, reproduziert nun „der christliche Kaiser auf Erden das Bild des Gottes als Vater“.
Das heißt: So wie Christus in seinem Leben auf Erden auf den Gott als Vater verwies, so verweist der Kaiser als treuer Nachfolger Christi ebenso, wie Jesus Christus selbst einst, auf den Gott Vater. Der Kaiser rückt dadurch in die göttliche Sphäre der Trinität ein. Es ist der göttliche Kaiser, den es zu verehren gilt, und der sich auch anmaßt, innertheologische Fragen, etwa auf Synoden und Konzilien, zu beeinflussen und zu entscheiden.
Diese Form der politischen Theologie geht noch weiter: Weil Christus auf Erden und dann sowieso als Logos im Himmel eben nur ein einziger ist, so kann es auch nur einen Kaiser, als Nachfolger und „Reproduzent“ Christi, geben.

Mit anderen Worten: Diese verquere Spekulation hat den Sinn, den Kaiser als den einzigen Herrscher zu etablieren. Denn er verweist als Christus-Nachfolger wie Christus selbst auf den einen Gott. Die politische Monarchie und himmlische Monarchie des einen Gottes kommen also in bestes Einvernehmen, sie verhalten sich zueinander harmonisch.

Professor Congar ist sich bewusst, dass diese Hinweise den Charakter von Theorien haben, er ist noch zu vorsichtig, um nicht von Ideologien zu sprechen.

An diesem kurzen Beispiel kann man sehen, wie die Lehre von Trinität förmlich auch politisch „gebraucht wurde“ , um Herrschaft durchzusetzen. Und es wäre eine weitere Frage, wie sich das Bedingungsverhältnis mit dem monarchischen, monotheistischen Gottes sowie dem Logos (beide verbindet der Geist) und dem politischen Monarchismus gegenseitig bedingt und gegenseitig entwickelt haben. Von göttlicher Monarchie spricht noch der Kirchenvater Basilius im Jahr 375, und er verwendet für das Verhältnis des Vaters zum Sohn das Bild des Spiegels, darin „sieht man (jedoch) nur eine einzige Gestalt, die sich in der Gottheit, die keinen Unterschied (zwischen Gott Vater und Gott Sohn) kennt, wie in einem Spiegel widerspiegelt“. Verstehe das innertrinitarische Sich-Bespiegeln wer kann und will und wer genügend Lebenszeit zum qualvollen Verstehen zur Verfügung hat.

Mit diesen Themen also schlugen sich Theologen Jahrhunderte lang herum. Und das gilt prinzipiell bis heute! Anstatt die Menschen friedlicher zu machen, haben sie sich mit „Spiegelungen“ innerhalb der Trinität usw. befasst und viele weniger dicke theologische Doktorarbeiten geschrieben… Darf man das Verirrung nennen?

In jedem Fall ist das Dogma der Trinität kein reiner und feiner Ausdruck einer wunderbaren Spiritualität. Das Dogma der Trinität ist auch und vor allem politisch erwünscht, selbst wenn der Kirchenlehrer Gregor von Nazianz (329 – 390) etwas „zurückrudert“ und sagt: „Die göttliche Monarchie hat in den irdischen Wirklichkeiten keine Entsprechung“ (S. 197). Ob damit die höchste Bedeutung des Kaisers sozusagen innertrinitarisch relativiert wird, wäre weiter zu fragen.

Was auffällt: Der Vater zeugt den Sohn, der wird also auch mal irgendwie „geboren“, aber nicht von einer Frau. Das passiert erst später, irdisch, mit Maria als Mutter, die unbefleckt allerdings empfängt.

Innertrinitarisch kommen trotz der Väterlichen Zeugung des logos keine Frauen vor.

Wenn schon diese offizielle Trinität ohne Frauen trotz aller Zeugung auskommt, um so mehr können auch die Priester der römischen Kirche ohne Frauen auskommen. Das Zölibats – Gesetz der Kirche entspricht bestens inner-trinitarischen Vorgängen. Die Verteidiger des Zölibatsgesetzes könnten sagen: Gäbe es denn etwas Wertvolleres?

Diese Freilegung der wechselseitigen Abhängigkeit der Trinitäts – Lehre und der kaiserlichen Monarchie ab Konstantin muss ja nicht dazu führen, die Vorstellung und den Begriff einer göttlichen „Wirklichkeit“ grundsätzlich abzulehnen. Es bleibt bei der Erfahrung und der Erkenntnis: Eine göttlich zu nennende alles gründende „Wirklichkeit“ ist nur als ein Geheimnis zu deuten, Geheimnis ist dabei nichts Spinöses, Verworrenes, nichts Mysteriöses, sondern etwas, das wir denkend berühren, aber niemals umgreifend fassen und damit niemals definieren.

Mein Vorschlag: Die Kirchen wissen in ihrer uralten Dogmatik, die sie mit sich herumschleppen und nicht abschütteln, diese Kirchen wissen also zu viel von Gott. Und sie belasten das Denken und Fühlen heutiger Christen, wenn sie immer noch diese Worte dieses Glaubensbekenntnisses vom Konzil im Jahr 450 einpauken. Lernen wir also das Geheimnis des Lebens, das auch auf ein göttliches Geheimnis verweist, kennen. Versuchen wir es, von diesem Geheimnis poetisch zu sprechen. Es könnte also durchaus von einer gründenden göttlichen Wirklichkeit die Rede sein, die man früher „Vater“ nannte. Und auch von Jesus von Nazareth, der sich von diesem Lebensgrund bestimmen ließ und heiliges Vorbild bleibt. Und auch vom Geist, der uns Menschen inspiriert, immer wieder zum Guten einlädt, zur Kunst, zur Solidarität, zum Friedenstiften.

Aber wie nun dieser Gott und dieses Vorbild Jesus von Nazareth und unser Geist, der heilige, miteinander in Beziehung stehen, ist offen. Die klassische Trinitätstheologie wird nicht wieder auferstehen.

Irgendwann wird man sich fragen, ob die pauschale Abwehr des „Unitarischen“-Glaubens einst durch die machtvollen „trinitarischen“ Kirchen und ihre Theologen richtig war und heute noch richtig ist. Wer weiß denn so viel Genaues vom Innenleben Gottes? Hegel vielleicht, aber seine Dialektik hat auch Gültigkeit ohne seine Verbundenheit mit der Trinität als göttlicher Form der Dialektik.

Lernbereitschaft ist angesagt, gerade wenn man an die hier nur angedeuteten großen Probleme mit der Trinität denkt. Warum kann nicht auch einmal neu und allgemein objektiv über den „Ketzer“, den unitarischen Theologen Fausto Sozzini reden?

Aber die Kirchen, zumal die römische und die orthodoxen, sind so erstarrt, dass sie außerstande sind, ein einmal früher formuliertes Dogma ad acta zu legen. So schleppen sie uralte Theorien mit sich herum und drängen diese den Gläubigen heute als unverständliches Bekenntnis („Steine statt Brot“, würde Jesus sagen) noch auf, obwohl so viele Theologen wissen, dass sie dies überhaupt nicht mehr tun sollten. Es ist so, wie wenn Ärzte heute Knoblauchessenzen nach Rezepten des Mittelalters als „das“ universale Heilmittel anwenden würden….

Aber katholische Theologen sind so befangen und finanziell von der Kirchenführung abhängig, dass sie lieber tausend mal das trinitarische Dogma aus dem 5., Jahrhundert hin- und herdrehen und tausendmal darüber an päpstlichen Universitäten in Rom promovieren, als einen Schlussstrich zu ziehen und Neues zu sagen.

Die religionswissenschaftliche Forschung hat längst über die Formulierungen der alten Trinitäts – Dogmen hinaus geführt – ins Freie und Lebendige neuer Gottesfragen und neuer Gotteserfahrungen.

Wenn die Kirchen Gott/Göttliches“ das Ewige zurecht als bleibendes Geheimnis bekennen, können sie nicht darauf beharren, „Details“ vom inneren Leben Gottes „im Himmel“ zu wissen und zu lehren.

PS.: Mir persönlich als Theologen und Religionsphilosophen ist das Glaubensbekenntnis der niederländischen protestantischen Kirche der Remonstranten von 2006 sehr sympathisch und treffend für heutige menschliche und spirituelle Erfahrung. Es spricht vom Geist, von Jesus und von Gott, ohne dabei in die alten trinitarischen Formulierungen hinzuführen.
Klicken Sie hier.
https://forum.remonstranten-berlin.de/94/ein-neues-glaubensbekenntnis-ein-ausdruck-der-freiheit/

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ein Bürgerkrieg in den USA ? Er wurde schon in den ersten Wochen des Jahres 2017 befürchtet! JETZT erklärt Trump den Krieg innerhalb der USA.

Ein Hinweis von Christian Modehn. Erneut bearbeitet am 2.6.2020 (Einer von vielen Hinweisen zur Kriegserklärung von Trump, siehe etwa: https://www.sueddeutsche.de/politik/trump-militaer-washington-floyd-1.4924335)

Die Arbeit an dem Beitrag begann am Dienstag, den 31. Januar 2017.

Was ist die Erkenntnis? Schon wenige Tage nach dem Amtsantritt von Trump wussten viele kritische Beobachter: Dieser Mister Trump als Präsident der USA führt das Land, führt die Welt, in eine tiefe Krise, vielleicht in einen Krieg, einen Bürgerkrieg in den USA. Das wurde so deutlich und öffentlich schon in den ersten Wochen des Jahres 2017 geschrieben!
Und jetzt, im Juni 2020, ist zweifelsfrei: Mister Trump will die Feindschaft innerhalb der Bevölkerung der USA. Er spricht vom Einsatz des Militärs gegen „aufständische Bürger“, er ergreift Partei für rassistische Gesinnung usw.

Den antidemokratischen Charakter eines ohnehin stark von Unvernunft geleiteten Trump erkannten viele Beobachter schon in den ersten Wochen des Jahres 2017. Das habe ich in den ersten Wochen 2017 dokumentiert. Jetzt sollte auch die Frage gestellt werden: Welchen Fehler im Umgang mit diesem Typen, der Präsident der USA wurde, obwohl er gar nicht die meisten Wählerstimmen erhalten hatte, welchen Fehler im Umgang mit diesem Typen also haben demokratische Politiker aus Europa, aus Deutschland, seit 2017 begangen: Haben Sie den Eindruck hinterlassen, sie würden ihn ernst nehmen? Haben sie sich mit den demokratisch gesinnten Bürgern in den USA verbunden gefühlt, diese unterstützt usw. Oder haben sich demokratische Politiker aus Europa diplomatisch aus der Affäre gezogen und letztlich nichts dazu beigetragen, den Wahn des Mister Trump zu stoppen?

Zu meiner Dokumentation seit Januar 2017:
Das Recherche – Team der Wochenzeitung „Die Zeit“, vom 9. 2. 2017 (Seiten 13 – 15), veröffentlichte also schoin wenige nach der Amtseinführung von Trump das sehr lesenswerte Dossier mit dem Titel „Kalter Bürgerkrieg„, darin hießt es. „Mit dem Wort Krieg muss man vorsichtig sein….Aber … die Vereinigten Staaten von Amerika sind in diesen Tagen ziemlich nah an einem kalten Bürgerkrieg: einem Konflikt voller Feindseligkeit und Hass, in dem es nur deswegen kein Blutvergißen gibt, weil beide Seiten vor dem letzten Schritt zurückschrecken – zu den Waffen zu greifen. Zumindest vorerst“.

Am 2.6.2020 ergänze ich: „Zumindest vorerst“, wie am 9.2.2017 geschrieben, bleibt eine vage Hoffnung heute. Zettelt der von vielen kompetenten und noch nachdenklichen Beobachtern für wahnsinnig gehaltene Mister Trump nun mehr als einen kalten Bürgerkrieg an?

Am 31.1. 2027 habe ich auf ein bemerkenswertes Zitat hingewiesen: Vielleicht wird „Trump als politischer Verlierer kurzerhand aus dem Weißen Haus geworfen werden“, wie Prof. Neal Rosendorf, Politologe in New Mexico im „Tagesspiegel vom 29.4.2017 (S. 6) schreibt … und wohl auch hofft.
Die andere, stärkere Möglichkeit heißt: Mister Trump regiert weiter: „Die düstere Macht der Vereinigten Staaten wird dann anderen Staaten als Schutzschild für Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus dienen. Diese düstere TRUMP – US Macht wird etwa als Vorbild für Übergriffe auf die Presse dienen und zeigen, wie effizient Desiniformation sein kann…Sie wird den Zerfall der europäischen Union, der Nato und der Welthandelsorganisation anleiten….“, so noch einmal Neal Rosendorf, Professor für Internationale Politik an der New Mexico State University. Man vergesse auch nicht: Mister Trump hat seine Bewunderung für Madame Le Pen ausgesprochen. Er gratulierte Mister Erdogan nach dem Referendum. Und der österreichische Rechts-Außen-Politiker, Harald Vilimsky, FPÖ Gneeralsekretär, begeistere sich nach der Wahl von Trump, dass nun die weiteren Gewinner Marine Le Pen und Geert Wilders (NL) heißen werden. Wilders Partei PVV hat ja bekanntlich bei den Wahlen im März 2017 stark „zugelegt“.

Nun die wichtige Dokumentation aus den ersten Tagen der Herrschaft von Mister Trump:

Am 6.2.2017: Peter von Becker fragt im „Tagesspiegel“ ernsthaft: Was tun, wenn Mister Trump nicht zurechnungsfähig, also verrückt ist?

Am 6.2.2017 zeigt die „Süddeutsche Zeitung“ auf Seite 3: Der gefährlichste und einflußreichte Mann in der Trump-Truppe ist Mister Steve Bannon: Er sei ein Nihilist, der den Untergang ersehnt.

TAZ Autor Bernd Pickert schreibt am 4.2.2017 in einem ausführlichen, analytischen Beitrag zur Frage „Wer kann Trump noch stoppen“: „Historisch gesehen ist Mord am wirksamsten. Vier der 45 US-Präsidenten fielen Attentaten zum Opfer, zuletzt John F. Kennedy 1963″.

Am 7.2.2017: Timothy Snyder, Prof. an Yale-University, in der SZ am 7.2.2017: „Wir müssen uns selbst Mut machen, denn es gibt keine positiven Signale aus dem Weißen Haus oder von den Republikanern. Die Konservativen müssten helfen, die Republik zu verteidigen, aber nur wenige scheinen dazu bereit. Die Amerikaner haben schneller reagiert als ich dachte. Wenn die Proteste anhalten, hört Trump vielleicht zu. Sie haben nach etwas Positivem gefragt, aber die Lage hat sich verschärft. Wir haben maximal ein Jahr Zeit, um Amerikas Demokratie zu verteidigen“. Quelle  SZ: Klicken Sie hier:  Spiegel ONLINE berichtet am 8.2. 2017 von Leaks im Weißen Haus und zitiert die Washington Post, die Trumps Berater mit einem ahnungslosen Kind vergleicht. Wie schon so oft geschrieben: Impulsiv und ignorant sei der Präsident, hier klicken.

Am 19.2.2017 äußerte sich Senator McCain zur Verurteilung eines herausragenden Teils der freien Presse in den USA durch Mister Trump: Eine freie Presse sei für den Bestand der Demokratie nötig, ihre Einschränkung weise darauf hin, „wie Diktatoren anfangen“, so McCain. Womit er aber nicht sagen wolle, Präsident sei ein Diktator – nur „das dies die Lehren aus der Geschichte seien“ (Spiegel Online am 19.2.2017).

Am 23. 2. 2017 berichtet Spiegel Online: „Der US-Kongress hat Pause, auch viele republikanische Volksvertreter besuchen ihre Wahlbezirke – und treffen dort auf wütende Bürger. Bei den Townhall-Meetings herrscht vielerorts eine explosive Anti-Trump-Stimmung“. Am 27.2.2017, ein erneuter Hinweis auf den Charakter von Mister Trump als Präsident: „Sein Verhaltensmuster besteht aus Geltungsdrang, Schwindeleien, Ablenkung und Drohungen auch im Weißen Haus“(Tagesspiegel, 27.2.2017, Seite 6, auf Seite 5 heißt es: „Trump beschimpft die Presse als Volksfeind“.

Am 27.2.2017: Mister Trump will die Ausgaben fürs Militär um 54 Milliarden US Dollar erhöhen, Kürzungen soll es – wie üblich – im Umweltschutz, in der Entwicklungshilfe und im sozialen Bereich geben. Trump sagt: „Damit Amerika mal wieder einen Krieg gewinnt“. Es geht also nicht mehr nur um die „Ankündigung eines angekündigten Bürgerkrieges“, so der Titel dieser Dokumentation. Die einzige relevante Frage für Menschen, die noch bei Verstand sind: Wer stoppt diesen Wahnsinn?

Am 5. März 2017 wird zu unserem Titel notiert: Laurie Anderson, zweifellos eine der einflußreichsten Künstlerinnen heute, sagt im „Tagesspiegel“ vom 4.3. 2017, Seite 27 im Blick auf die politische Situation jetzt in den USA:“Wir sehen das Unheil auf uns zukommen, können es aber nicht abwenden…Die Realität ist bereits so düster, dass man sie gar nicht absurder machen kann…Wir leben in der Zeit des geplanten Chaos. Das ist nicht bloßes Dilettantentum seitens der Regierung, sondern Vorsatz. Wer die Presse als Feind der Nation bezeichnet, lässt daran keinen Zweifel„.

Aus dem BEITRAG, verfasst am 31.1.2017:

Wie kann Mister Trump wieder verschwinden? Wer sagt das offen, auch in Europa?

Mister Trump, so der Tenor vieler Kommentare, ist also ein Typ, der aus seinem Amt so schnell wie möglich vertrieben werden sollte. „Eine Regierung, die gegen die verfassungsmäßige Selbstverwirklichung verstößt, auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück, „darf gestürzt werden. Was in normalen Zeiten radikal klingt, liest sich plötzlich wie eine Verheißung“, schreibt Malte Lehming, USA Kenner, im „Tagesspiegel“ vom 31. 1.2017, Seite 19.

Wann haben wir das zum letzten Mal gelesen? In einer guten bürgerlichen Zeitung, dass eine Regierung in den USA gestürzt werden sollte? Und dann wird der Sturz der Regierung Trump eine Verheißung genannt: Ungewöhnliche, aber großartige Worte. Wer denkt das nicht?

Vor allem aber: Wie soll dieser alsbaldige Regierungswechsel möglich sein, ohne dass ein Bürgerkrieg entsteht? Und führt die tiefe Spaltung der US – Gesellschaft nicht schon jetzt langsam auf gewalttätige Auseinandersetzungen hin? Inszeniert Mister Trump und sein Club nicht langsam aber sicher einen Bürgerkrieg? Will ihn Mister Trump vielleicht sogar, als eine Art Reinigung der Mentalitäten? Von Reinigung des Denkens durch Gewalt, durch Krieg, sprechen ja faschistoide Führergestalten immer wieder.

Sollte man diese Gefahr „eines angekündigten Bürgerkrieges“ nicht ständig im Auge behalten und alles tun, um den Frieden und vor allem die Demokratie wiederherzustellen?

Obamas Sprecher Kevin Lewis teilte mit: Präsident Obama sei (10 Tage nach dem Ende seiner Regierungszeit) „ermutigt“ durch das politische Engagement, das sich jetzt im Land zeige. „Bürger, die ihr Grundrecht wahrnehmen, sich zu versammeln und sich zu organisieren: Das ist genau das, was wir in Zeiten erwarten, in denen amerikanische Werte auf dem Spiel stehen„, zitiert das Magazin „Politico“ Obamas Sprecher. Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/barack-obama-nimmt-stellung-zu-trumps-einreise-dekret-a-1132414.html

Copyight: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Max Weber: Vor 100 Jahren gestorben. Seine lebendigen Anregungen und Provokationen

Hinweise von Christian Modehn mit einer von Weber inspirierten These zur „Korruption im Katholizismus“ (Nr.6 in diesem Text)

Gedenktage sind bekanntlich Denk-Tage: So auch die Erinnerung an Max Weber, der vor 100 Jahren am 14. Juni 1920, in München gestorben ist. Geboren wurde er am 21.4.1864 in Erfurt.
Es gilt also, sich auf einige seiner zentralen Vorschläge und Erkenntnisse zu beziehen… als Inspirationen fürs eigene Denken und Verstehen unserer Zeit. Dies könnte auch ein Impuls sein, Max Weber zu lesen, Bücher von ihm und zumal auch über ihn gibt es bekanntlich in sehr großer Fülle.
Weber ist eine der bedeutenden intellektuellen Gestalten des 20. Jahrhunderts: Er ist vor allem Soziologe, hat aber auch beste Kenntnisse in der Religionswissenschaft, der Theologie, er ist in gewisser Weise auch Jurist, Ökonom, Agrarhistoriker, vor allem auch: Historiker…

1.
Max Weber war sehr interessiert, die Wirkungen religiöser Lehren und Konfessionen auf Ökonomie, Politik und Lebenshaltungen aufzuzeigen.
Viel beachtet, wie ein Meisterwerk eingeschätzt, sind immer noch seine Studien unter dem Titel „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“, 1904 erschienen, dann noch einmal überarbeitet, 1920 veröffentlicht. Weber behauptet darin NICHT: Der Protestantismus sei die maßgebliche Ursache für das Entstehen des Kapitalismus. Sondern: Protestantische Gemeinschaften (vor allem von Calvin inspirierte) haben theologische Ideen in den Mittelpunkt gestellt, von denen sich die Mitglieder dermaßen motivieren ließen, dass letztlich auch daraus der moderne Kapitalismus entstanden ist. Grundlegend sei für diese Protestanten gewesen: Man darf sich als Gläubiger nicht aus der Welt zurückziehen, sondern man muss sein Bestes tun und arbeiten und sparsam leben, um von dem individellen Platz aus, auf den Gott den Menschen gestellt hat, gottwohlgefällig zu leben, und das heißt: effizient zu arbeiten.
Vom Erfolg gesteuert arbeiten, das steht in der Sicht Webers an oberster Stelle bei den Calvinisten (weniger hingegen bei den Lutheranern). Das erworbene Geld wird von diesen Frommen nicht im verschwenderischen Luxus ausgegeben, sondern es wird gespart und vor allem investiert. In diesem asketischen, Gewinn gesteuerten Verhalten glaubten die Calvinisten bzw. spezieller noch die Puritaner, obendrein noch gottwohlgefällig zu leben, also die Erlösung zu erlangen. So wird die enge Verbindung von calvinistischem Glauben und dem Verhalten, das in den Kapitalismus führt, bei Max Weber deutlich.
Sebastian Franck, ein – leider fast vergessener – protestantischer Theologe und Mystiker im 16. Jahrhundert, wird von Max Weber zitiert, um diese protestantische Variante der Askese deutlich zu machen: „Du glaubst, du seiest dem katholischen Kloster entronnen. Es muss jetzt jeder (als Protestant) sein Leben lang ein Mönch sein“, also asketisch und bescheiden leben, d.h. arbeiten. („Protestantische Ethik…. S.346).
Max Weber bietet in seinem Studien zum Thema „Protestantismus und Geist des Kapitalismus“ eine Fülle an Details, die sich auch in den zahlreichen Fußnoten auffinden lassen. Wer etwa hier in Berlin und in der Mark Brandenburg noch daran denkt, welche ökonomische Hilfe und damit Entwicklung die calvinistischen Flüchtlinge („Hugenotten“) einst hier leisteten, kann aus diesem populären Beispiel nur das Treffende der Analysen Webers bestätigen. Diese Linie ließe sich weiter ausziehen, wenn man an den in den noch in den 1960 Jahren dokumentierten Bildungsrückstand der Katholiken in Deutschland denkt: Das „Strebsame“, „Karrieremachen“, war nicht so deren Sache. „Besser ein guter Mensch sein als ein gebildeter“, diesen Spruch hörte ich oft in katholischen Kreisen damals.

2.
Der Kapitalismus hat als auch eine religiöse Ursache. Mit dieser Erkenntnis will Weber keineswegs als Konkurrent zu Karl Marx auftreten. Es geht nicht um eine Anti-These zu Marx, sondern um einen anderen, ergänzenden Blickwinkel auf den Kapitalismus. Weber ist ein heftiger Kritiker des Kapitalismus, der schon in der zur Tugend erklärten „Nützlichkeit“ kritisch gewertet wird. Das führt Weber zur Erkenntnis, dass im Kapitalismus insgesamt Tugenden insofern nur gelten, als sie die Nützlichkeit des ökonomischen Gewinns fördern. Max Weber schreibt: “Das summum bonum, das oberste Gut, dieser kapitalistischen Ethik ist der Erwerb von Geld und immer mehr Geld…“ (S. 78).
Der Kapitalismus zeichnet sich durch eine nur von Erfolg geleitete, stets machtvolle Bürokratie aus. Wie man diese Verhältnisse überwinden kann? Max Weber führt da den – etwas hilflos wirkenden – Begriff der „charismatischen Vernunft“ ein, die die Auswüchse des Kapitalismus begrenzen könnte. Wer denkt dabei auch an prophetische Führer, sogar auch an kurzfristige Revolutionen, die das Regelwerk der Bürokratien korrigieren…
Im ganzen ist Weber eher skeptisch, was die Entwicklung der menschlichen Qualitäten in der kapitalistischen Welt angeht, zumal, wenn dieser Kapitalismus von allen Bindungen etwa an den protestantischen Glauben sich losgesagt hat, also eine umfassende „säkulare“ Säkularisierung eingetreten ist. Weber bezieht sich etwa auf die USA, wo der Kapitalismus – zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nach einem Besuch Webers dort – seine „höchste Entfesslung erlebt“. „Dort neigt das seines ethisch-religiösen Sinns entkleidete Erwerbsstreben heute dazu, sich mit rein agonalen (kämpferischen) Leidenschaften zu verbinden. Niemand weiß noch, wer künftig in jenem (kapitalistischen) Gehäuse wohnen wird und ob am Ende dieser ungeheuren Entwicklung ganz neue Propheten oder eine mächtige Wiedergeburt alter Gedanken und Ideale stehen werden oder mechanisierte Versteinerung mit einer Art von krampfhaften Sich-wichtig-nehmen verbrämt“. Weber fürchtet, dass dann der „letzte Mensch“ im Sinne Nietzsches gesiegt haben könnte, diese „Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz. Dieses Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben“ (Prot. Ethik… S. 201).

3.
Der Begriff der „Entzauberung der Welt“ spielt in der Einschätzung der modernen Welt durch Max Weber eine große Rolle: Davon spricht er in „Wissenschaft als Beruf“: Der Umgang des modernen Menschen mit der Natur ist nicht mehr von der Voraussetzung bestimmt: In der Natur könne man geheimnisvollen und unberechenbaren Mächten begegnen. Sondern: In der Natur sind keine mysteriösen Geister am Werk, die durch Magie besänftigt werden können. Es gilt also: Das moderne Verhalten der Menschen zur Natur ist von Rationalisierung, Berechnen, vom Planen, vom technischen Zugriff und von Herrschaft bestimmt. Diese Haltung der permanenten Naturausbeutung, bedingt durch Rationalisierung, Spezialisierung, Industrialisierung usw. bestimmt den Kapitalismus weltweit.
Dieser Geist der Rationalisierung beherrscht die persönliche Lebensführung der einzelnen Menschen in diesem Kapitalismus. Und dieser Geist der Rationalisierung als „Berufsidee“ ist „aus dem Geist der christlichen Askese entstanden“ („Protestantische Ethik…. 200).
Dieser Zugriff auf die Natur, diese Entzauberung, ist zweifellos auch ein Ergebnis religiöser Lehren. Man denke an den Spruch der Bibel, wo Gott den Menschen befiehlt: „Macht euch die Erde untertan“ (Genesis 1,28). Jetzt wird statt „untertan machen“ (mit schlechtem Gewissen von Theologen) übersetzt: „Hütet die Erde…“ Aber dieser Verzicht auf das „Untertan-Machen der Natur“ kommt wohl zu spät. An diesem Bibelvers wird einmal mehr deutlich, wie viel Unsinn auch in der Bibel, dieser Textsammlung frommer Menschen, als Maxime im Laufe der Jahrhunderte verbreitet wurde…
Inzwischen wird jedoch auch die Vorstellung korrigiert, die Menschheit würde in einer entzauberten Welt, einer entzauberten Naturwelt, sich befinden, zugunsten einer neuen „Verzauberung“. Man denke an die Vorstellung von der Natur als einer Gaia-Hypothese, die für eine selbstregulative, schöpferische Urkraft (?) Natur eintritt.
Nebenbei: Max Weber empfand persönlich starke Vorbehalte gegen die völlig entzauberte, rein rationale Theologie und Kirchenpraxis der Calvinisten. Er empfand sogar gewisse Sympathien für den Katholizismus, den Priester deutet er als eine Art Magier, der über die Sakramente verfügt. Und auch dies noch: Max Weber war zwar protestantisch (vor allem von der frommen Mutter) erzogen worden, aber er war offenbar nur aus Pflichtbewusstsein Mitglied der Kirche geblieben, die er eher verachtete wegen ihrer engsten Bindung an den Kaiser als das oberste Haupt der Kirche. Über den (in alter kaiserlicher Pracht wieder aufgebauten, „restaurierten“) Berliner Dom schreibt Weber: „Man braucht den Berliner Dom nur anzusehen, um zu wissen, dass jedenfalls nicht in diesem cäsaro-papistischen Prunksaal, sondern weit eher in den kleinen, jeden metaphysischen Schmuckes entbehrenden Betsälen der Quäker und Baptisten der „Geist“ des Protestantismus in seiner konsequentesten Ausprägung lebendig ist“. („Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, S. 315.)

4.
Wichtig bleibt immer noch die Auseinandersetzung mit Webers These von der Wertfreiheit der Wissenschaften: Wissenschaft muss von allen Ideologien und „Illusionen“ freigehalten werden.Und: Wissenschaft kann nicht zum wahren, umfassenden Glück der Menschen führen. Es gibt keine religiöse Gebundenheit der Wissenschaften, für Wunder und Offenbarungen ist in ihnen kein Platz.
Das heißt aber nicht, dass Religionen durch die Wissenschaften ersetzt und verdrängt werden. Religionen gehören zu einer gegenüber den Wissenschaften abgetrennten, eigenen „Wertsphäre“ (wie er sagt) an. Das bedeutet auch: Max Weber will die Vermischung der Wertsphäre Religion und der Wertsphäre Wissenschaft unbedingt verhindern. Ob diese Parallelisierung der beiden Wertsphären überhaupt möglich ist, wird etwa schon in der Beobachtung deutlich: Dass sich doch Menschen voller Erstaunen, Ehrfurcht und Verwunderung den überraschenden Schönheiten der Natur stellen oder dem bestirnten Himmel über uns, wie Kant sagte. Da kann aus diesem Verwundern auch ein Übergang geschehen in die Naturforschung und Wissenschaft, die sich aber die ursprünglich erfahrene Ehrfurcht und das Verwundern nicht vergessen, ohne dabei in eine esoterische Naturwissenschaft abzugleiten…

5.
„Max Weber starb im Bewusstsein, dass „nicht das Blühen des Sommers vor den ihm nachfolgenden Generationen liege, sondern eine Polarnacht von eisiger Finsternis und Härte“ (so der Max Weber Forscher Dirk Kaesler, in seinem Vorwort zu „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“, Beck Verlag, S. 56).

6.
Ich habe schon 2014, anläßlich des 150. Geburtstages von Max Weber, auf die Studie über Weber von Jürgen Kaube aufmerksam gemacht.Klicken Sie hier.

Zu diesem Text hier: Die Seitenzahlen in dem Buch „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ beziehen sich auf die Ausgabe im C.H. Beck Verlag, hg. von Dirk Kaesler, 2006.

Copyright: Christan Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der erste Philosoph aus Afrika in Deutschland: Vergessen, jetzt wieder entdeckt

Über Anton Wilhelm AMO
Ein Hinweis von Christian Modehn

In Braunschweig, im dortigen „Kunstverein“, wird noch bis zum 13.9.2020 eine Ausstellung zu Ehren des Philosophen Anton Wilhelm Amo gezeigt. 16 künstlerische Positionen setzen sich mit dem Denken und dem Werk dieses nun wirklich sehr ungewöhnlichen Philosophen auseinander. Amo ist, soweit wir wissen, der einzige schwarze, aus Afrika stammende Philosoph, der 40 Jahre im Deutschland des 18. Jahrhunderts lebte: Anton Wilhelm Amo ist sein Name.

Er wurde 1700 in Axim, Westafrika, dem heutigen Ghana, als Sohn eines hochrangigen Häuptlings geboren. Dann als Sklave über Holland nach Deutschland verbracht. Von Herzog Anton Ulrich von Braunschweig – Wolfenbüttel als „Diener“ („Hofmohr“) 1707 aufgenommen und dann gefördert, etwa an der Universität Helmstedt. Amo wurde lutherisch getauft auf den Namen Anton Wilhelm.

Der Hochbegabte war schließlich viele Jahre Dozent für Philosophie in Wittenberg, Halle und Jena. Er war geprägt vom Geist des Rationalismus (inspiriert durch Christian Wolff), studierte die antiken Philosophen, die Stoa, und setzte sich gleichermaßen für eine die Leiblichkeit des Menschen, das „Materielle“, ins Zentrum stellende Erkenntnislehre ein. „Der Mensch empfindet die materiellen Dinge nicht von seiner Seele, sondern von seinem lebenden organischen Körper aus.“

Wichtig ist auch seine Schrift „Traktat von der Kunst, nüchtern und sorgfältig zu philosophieren“: Er wendet sich gegen die Bindungen an Autoritäten und Traditionen, zentral ist für ihn die Debatte, der Dialog. Ein neues, humaneres Verhältnis unter den Menschen sollte dadurch möglich werden.
Seine erste Publikation, 1729, galt den „Rechtstellung der Mohren in Europa“. Da spricht ein junger Philosoph, der am eigenen Leib erfahren hatte, was Sklaverei bedeutet. Dieser wichtige Text wurde damals viel diskutiert, aber leider ist er verschollen, nur aus zeitgenössischen Stellungnahmen kann er etwas rekonstruiert werden. Deutlich wird daraus: Sklaverei ist für Amo eine illegale Praxis, so wollte er es in juristischer Terminologie sagen. Das zu zeigen, war damals ungewöhnlich und gefährlich.
Amo hat keineswegs eine eigenständige „afrikanische Philosophie“ hier in Deutschland präsentiert, er war ja als Kind nach Europa gekommen. Er beteiligte sich qualifiziert an den europäischen philosophischen Debatten und verteidigte dabei die Grundideen der Aufklärung.

Im Laufe der Jahre als Philosoph und Universitätsdozent in Deutschland wurde AMO zwar für seine Kompetenz geschätzt, nicht aber als Mensch respektiert oder gar geliebt. Knapp 40 Jahre lebte er in Deutschland. Dann kehrte er – 1747/48- resigniert über deutsche Zustände und Umgangsformen mit den „Anderen“ ,den Fremden, nach Westafrika, Ghana, zurück. Dort lebte er als Gelehrter und Weiser zurückgezogen, 1759 ist er gestorben. Schade, dass wir von dieser Lebensphase, wieder in Afrika mit Erinnerungen an Deutschland, nichts wissen!

AMO wurde zwar in Deutschland nicht mehr ausführlich gewürdigt, Immanuel Kant erwähnte ihn nicht; wichtiger ist, dass sein Denken den Abbé Grégoire, den führenden demokratischen und antiklerikalen Vorkämpfer innerhalb der Französischen Revolution, bewegte und bestärkte. In seiner Schrift von 1808 geißelte Abbé Grégoire die Sklaverei mit der These: “Die wahren Barbaren sind wir Europäer“. Ausdrücklich erwähnt er, der progressive katholische Priester, den Philosophen AMO.

Im 20. Jahthundert hat sich der Gründer des Staates Ghana, Kwame Nkrumah, auf Amo berufen. Und auch die DDR würdigte AMO auf ihre Weise.

Man darf nicht vergessen, dass sogar Kant mit seiner „Theorie der Rassen“ grundlegende Irrtümer über die „Anderen“, die Afrikaner, aussprach und zeigte, dass er offenbar von dem Philosophen Amo nie etwas gehört hatte. Auch Hegel hat in seiner Philosophie der Weltgeschichte Vorurteile über Afrika und die Afrikaner verbreitet…Diese „Meisterdenker“ haben das Bild von Afrika bei vielen Bildungsbürgern mit-bestimmt.

PS.1.: Es gibt in Berlin den unermüdlichen Versuch „schwarzer Deutscher“ und deren FreunDinnen, auf den Straßennamen Mohrenstr. in Berlin Mitte zu verzichten. Und dieser Straße (und dem U Bahnhof) den Namen Anton-W-Amo Str. zu geben. Für weitere Informationen: http://isdonline.de/

PS.2.:Ich habe kürzlich auf einen äthiopischen Philosophen ganz ungewöhnlicher Art hingewiesen, auf Zär a Yacob,der zu Beginn des 17. Jahrhunderts (!) in seiner Heimat Äthiopien eine sehr auf die Vernunft setzende Gotteserkenntnis entwickelte. Ein kirchenkritischer, mutiger Denker aus Afrika. Und ein sehr wichtiges, aktuelles, leider kaum beachtetes Buch. Über dieses Buch sollten philosophische Seminare der Universitäten usw. Seminare veranstalten usw.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Papst Pius der Zwölfte: Der Diplomat, dem das Wohl der Kirche wichtiger war als die Rettung der Juden

Über die Studien von Prof. Hubert Wolf im Geheimarchiv des Vatikans und einen Film der ARD, am 18.5.2020
Ein Hinweis von Christian Modehn
(In dem Zusammenhang können auch meine Hinweise zu Rolf Hochhuths „Stellvertreter“ und ein etwas längerer Hinweis vom Februar 2019 zu Papst Pius XII. von Interesse sein.)

1.
Warum sollen „wir“ (d.h. eine etwas größere Öffentlichkeit) uns heute mit Papst Pius XII. befassen, zumal mit dessen Verhalten in der Zeit des Holocaust?
Weil diese Frage, über alle theologischen und historischen Dispute hinaus, von allgemeinem Interesse ist: Wem gilt in der Kirche(nführung) das vorrangige Interesse? Man könnte auch sagen: Wem gilt vorrangig kirchliche und päpstliche „Nächstenliebe“, als dem obersten Gebot derer, die sich Christen nennen. Gilt dieses vorrangige Interesse den Menschen egal, welcher Konfession, konkret: Den bedrohten Menschen, den Ausgegrenzten, Verachteten, den Arm – Gemachten, den Juden als den ständigen Opfern des Antisemitismus?
Ist also mit anderen Worten der praktische Respekt der Menschenrechte oberstes Kriterium kirchlichen und päpstlichen Handelns? Oder gilt das vorrangige kirchliche und päpstliche Interesse zuerst und vor allem dem Wohl der eigenen Kirche? Was ja immer auf das (auch finanzielle) Wohl der Institution Kirche hinausläuft: Also auf den Erhalt der Bischofsverwaltungen, der Kirchenbauten, der katholischen Schulen, der Priesterseminare, der Klöster etc.

Vor allem deswegen ist es wichtig, dass die „breite Öffentlichkeit“ erfährt, welchen Schwerpunkt Papst Pius XII. in den Zeiten des Faschismus, des Holocaust und danach, also nach 1945, setzte.
Die Erkenntnisse der Historiker sind schon jetzt für katholisch „Gebundene“ sehr ernüchternd, selbst wenn noch über Jahre hinweg viele Details über das Verhalten Pius XII. während des Holocaust und danach durch die jetzt möglichen Forschungen deutlich werden.

Meine These: Alle Forschungen der nächsten Jahre in den nun – endlich – geöffneten (absolut offenen ?) Geheimarchiven des Vatikans werden nur noch weitere Details ausleuchten, nicht aber die Grunderkenntnis erschüttern: Papst Pius XII. (und mit ihm weite Teile der Hierarchie) schwieg öffentlich zum Holocaust. Er war als Papst de facto nicht der umfassende Freund der bedrohten Menschen, nicht der öffentlich sich klar äußernde Feind des Faschismus und der Nazis, sondern er war der ängstliche Diplomat. Er war nicht zuerst der Stellvertreter des humanen, des menschlichen Jesus von Nazareth. Und das ist die Katastrophe dieser Kirche. Diese Katastrophe ist wohl kaum wieder gut zu machen. Das klerikale System hat gesiegt.
Nur ein Beispiel für die klerikale karnevalesk wirkende Präsentationen des Papst im Petersdom: Getragen auf einer Sedia Gestotoria, umgeben von Palmwedeln, die aus den Zeiten Kaiser Augustus oder gar der Pharaonen stammen könnten. Dieser Pius XII. war wie erstarrt in einem archaischen, aber schon morbide wirkenden System. Er sollte förmlich als göttliche Gestalt etabliert werden. Von dem armen Jesus von Nazareth war absolut nichts mehr zu spüren. Er war vergessen zugunsten des „Christus Triumphans“. Aber das ist ein anderes Thema.

Kann man bei dieser Mentalität und diesen äußeren pompösen Auftritten ein offenes, humanes Handeln zugunsten der Bedrohten und in die KZs Geschleppten erwarten? Kann man in Renaissance Palästen den vergasten Juden beistehen? Ich meine sicher nicht. Der Vatikan war dieser uralt wirkende Hofstaat (bis Benedikt XVI.), der das humane und kritische Denken erstickte.

2.
Schlimmer noch, und das Thema verdient eigentlich die gleiche kritische Aufmerksamkeit: Unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg half der Vatikan (vor allem der in Rom lebende österreichische Bischof Alois Hudal, seit den dreißiger Jahren ein Nazifreund) den „Tätern“ (Verbrechern) im Faschismus zur Flucht via Rom/Vatikan nach Lateinamerika. Und der Papst war so dreist, nach 1945 mit verbrecherischen faschistischen Regimen Konkordate abzuschließen, mit Regimen, die sich nach außen hin als ultra -katholisch ausgaben. Man denke nur an die Konkordate des Vatikans mit dem Verbrecher und Massenmörder, dem Diktators Trujillo, Allein-Eigentümer der Dominikanischen Republik (Konkordat 1954) oder an das Konkordat mit dem spanischen Staatschef Franco, auch er ein Massenmörder, Konkordat mit ihm im Jahr 1953. Diese Tatsachen, diese Konkordate mit faschistischen, aber katholischen Regimen sind als solche schon Belege genug: Dass Papst Pius XII. nichts aus dem Holocaust und dem mörderischen Regime des Faschismus, Nationalsozialismus, gelernt hat. Das heißt: Der Respekt für die universalen Menschenrechte waren diesem Papst mindestens auch nach 1945 zweirangig. Selbst wenn er in frommen Worten manchmal davon sprach. Aber er förderte diese katholischen Gewaltregime, weil sie vor allem eins waren: Antikommunistisch. Alles andere war den Kirchenleuten damals egal (bis hin zum polnischen Papst).

3.
Kurz gesagt: Sich mit Papst Pius XII. befassen, heißt: Sich einmal mehr mit dem Niedergang der jesuanischen Ideen in der Kirche zu befassen. Erst das 2. Vatikanische Konzil, einberufen von Papst Johannes XXIII., änderte etwas an diesen Niedergang. Ob er überwunden ist angesichts reaktionärer Kräfte im Vatikan heute (Kardinal Müller, Kardinal Sarah, Benedikt XVI. usw.) ist die Frage.

4.
Nur ein paar Tage haben der Kirchenhistoriker, der katholische Priester Prof. Hubert Wolf (Uni-Münster) und sein Team in dem nun geöffneten Vatikan-Geheim-Archiv über Papst Pius XII. (1939-1958) arbeiten können. Die Corona Krise hat ihre Studien unterbrochen. Wann die Arbeiten an den vielen tausend Dokumenten wieder beginnen, ist wegen „Corona“ unklar.
Aber immerhin: Ein paar Tage hat Prof. Hubert Wolf Zugang gehabt zu einigen bislang unbekannten Dokumenten über das Verhältnis Pius XII. zu den Juden bzw. zum Holocaust.
Diese ersten, „wenigen“ Erkenntnisse sind bemerkenswert. Etwa: Prof. Wolf hat Dokumente gefunden, die den Papst erreichten von der Auslöschung des Warschauer Gettos, Pius XII. hat das Schreiben am 27.9.1942 gelesen. Dieser Text wurde vom Vatikan in der Publikation einiger ausgewählter Dokumente unterdrückt. „Stattdessen behauptete der Vatikan Jahrzehnte lang, es werde der Öffentlichkeit nichts verheimlicht“, heißt es in dem Pressetext zu dem Film, an dem Hubert Wolf als Interview-Partner zur Verfügung stand. Das war also die Methode der offiziellen Reinwaschung des Vatikans. Eigentlich keine Sensation für kritische Beobachter.

5.
Einige zentrale weitere Erkenntnisse werden in dem Dokumentarfilm „Die Geheimnisse der Akten“ (ARD 18.5.2020, Ein Film von Lucio Mollica und Luigi Maria Perotti) vorgestellt. Und diese Erkenntnisse bestätigen den Gesamteindruck, den Wissenschaftler und kritische Publizisten zu dem Thema schon längere Zeit hatten: Pius XII. sah im Kommunismus/Bolschewismus die ungleich größere Gefahr für die Menschheit und vor allem für die Kirche als den Faschismus und Nationalsozialismus. Warum? Der Kommunismus war für ihn – sichtbar in der Sowjetunion – kirchenfeindlicher als der Faschismus/Nationalsozialismus. Mit dem Hitler Regime wollte der Vatikan sogar ein Konkordat abschließen. Das tat er auch, schon 1933, unter Federführung des Kardinalstaatssekretärs Eugenio Pacelli (der spätere Papst Pius XII.) Er glaubte, dieses faschistische Regime könne freundlich sein zur katholischen Kirche. Hitler war getaufter Katholik, er ist nie aus der Kirche ausgetreten. Er hat immer Kirchensteuer bezahlt. Als absoluter „Führer“ bewunderte die hierarchische Struktur der römischen Kirche mit dem „summum pontificem“, dem obersten Pontifex, dem „unfehlbaren“ Papst, an der obersten Spitze.
Auf das Wohlergehen der katholischen Kirche kam es also dem Papst absolut und entschieden an. „Katholiken und katholische Kirche zuerst“ könnte man – einen heutigen Slogan variierend – die grundlegende Haltung Pius XII. nennen.
Diesem Projekt galt alles diplomatische Taktieren des diplomatisch sehr versierten Papstes. Die Rettung der Juden war dann automatisch zweitrangig. Man denke daran, dass in der offiziellen Theologie und etwa in den Karfreitagsgottesdiensten die Juden als treulose Gesellen und als Mörder Jesu Christi dargestellt wurden, als „Gottesmörder“.

6.
Die jüdische Philosophin Edith Stein, später Karmeliternonne und als „getaufte Jüdin“ ins KZ verbracht, hatte schon Anfang April 1933 Papst Pius XI. geschrieben und ihn dringend aufgefordert, für die Rettung der bedrohten Juden öffentlich mit der Bedeutung seines Amtes einzutreten. Diesen Brief hat Pius XI. gelesen. Aber er hat ihn nicht beantwortet. Edith Stein starb im KZ Auschwitz. Sie wurde 1998 heilig gesprochen. Die deutschen Bischöfe verfassten aus diesem Anlass ein „Hirtenwort“ am 11. Oktober 1998, darin wird der genannte Brief Edith Steins an Papst Pius XI. nicht einmal erwähnt! Hingegen wird ihre Konversion vom Judentum zum Katholizismus in höchsten Tönen gelobt.
Ein Wort der Entschuldigung des Vatikans für den nachlässigen Umgang mit dem Brief Edith Steins an Pius XI. ist mir nicht bekannt.

7.
Pius XII. wurde im Jahr 1942 mit wichtigen Texten und Dokumenten konfrontiert, von hochrangigen Politikern, wie Staatspräsident Franklin D. Roosevelt, von der jüdischen Organisation „Jewish Agency for Palestine“ und auch von katholischen Bischöfen. Sie alle dokumentierten die mörderischen Aktionen der Nazis gegenüber den europäischen Juden. Auch der katholische Erzbischof von Lemberg beschrieb dem Papst die Gräueltaten der Nazis.
Der Papst war also informiert über das wahre Ausmaß der Massenmorde durch die Nazis. Aber er reagierte nicht. Lediglich unbemerkt von der Öffentlichkeit war er bereit, etwa 4.000 jüdische Mitbürger Roms (von etwa 40.000) vor der Deportation zu schützen, sie fanden Zuflucht in römischen Klöstern. Aber diese Zuflucht organisierte nicht er, sondern ganz großartig der – in Deutschland bsi jetzt nahezu unbekannte – Kapuzinerpater aus Frankreich, Frère Marie –Benoit, der in Rom damals lebte. Er, dieser mutige und menschliche Kapuziner, wurde von Juden später ganz offiziell „frère des juifs“ genannt. Es wäre bei dem Amt eines Stellvertreters Jesu von Nazareth, bekanntlich eines Juden, ganz hübsch gewesen, wenn man von Papst Pius XII: später hätte auch sagen können: Er war ein Bruder der Juden.

8.
Der enge Berater und Vertraute des Papstes, Msg. Angelo Dell Acqua besaß die Unverschämtheit, dem Papst einzureden: Jüdischen ,Zeugnissen (zum Holokaust) solle man nicht ohne weiteres trauen. Und der Papst solle gegenüber Hitler diplomatisch klug bleiben, also schweigen. Bis zum 2. Vatikanischen Konzil hatte DellAqua „als angesehener Vatikan-Beamter“ höchste Funktionen im Vatikan ausgeübt.

9.
In seiner Weihnachtsansprache 1942 beklagt Pius XII. das Leiden so vieler Menschen. Die Juden erwähnt er explizit nicht.

10.
Pius XII. hat viele Briefe von Juden erhalten, die ihn persönlich um seine Hilfe baten. Hubert Wolf betont, einigen habe er wohl geholfen. Dies ist in dem Film eine allgemeine Aussage, wollen wir hoffen, sie kann nach den bevorstehenden langen Forschungen konkret werden. Interessant und weithin unbekannt ist: Auch die heute so hoch geschätzte jüdische Dichterin Elsa Lasker Schüler hatte im Frühjahr 1940 Papst Pius XII. einen sehr herzlichen, vertrauensvollen Brief geschrieben. Die Zeitschrift Orientierung der Schweizer Jesuiten berichtete darüber im Jahr 1987 und die Autorin Beatrice Eichmann-Leutenegger behauptete, dieser Brief habe Pius XII. nicht erreicht. Dieses Schreiben Else Lasker Schülers vom Frühjahr 1940 an Pius XII. ist bewegend, absolut lesenwert! Das Vertrauen, das Else Lasker Schüler in den Papst setzte, ist beschämend: Welch ein sympathisches Verhältnis einer Jüdin in großer Not zu einem hohen „Stellvertreter“ des Juden Jesus von Nazareth…(http://www.orientierung.ch/pdf/1987/JG%2051_HEFT%2018_DATUM%2019870930.PDF, dort Seite 199!)

11.
Es ist keine Frage: Die Historiker (Kirchenhistoriker der katholisch-theologischen Fakultät in Münster) werden weiter forschen, sicher etliche Jahre noch.
Sie werden wohl neue Details zum Verhältnis Pius XII. zu den Juden finden, und das ist wichtig.
Aber, diese Frage sei erlaubt: Werden wahrscheinlich wohl „nur“ Details erkannt werden? Oder glaubt man an eine tiefe Sinnesänderung des Papstes, irgendwann, sagen wir im Jahre 1940 oder 1941? Wären dies dann öffentliche Reden oder Predigten, so wären diese längst bekannt. Denn schon Papst Paul VI, hatte ja – zwecke Reinwaschung Pius XII., alles Interesse, einige ausgewählte, eher „positive“ Dokumente über Pius XII. herauszugeben.

Die Grundtendenz im Denken und Handeln Pius XII. gegenüber den Juden ist meines Erachtens trotz aller weiterzuführenden Forschung klar: Pius XII. hat mit der Macht und Kraft seiner Worte und seiner Institution den Juden nicht geholfen. Er ist ein Papst, der zu den Juden öffentlich schwieg. Ein von Ängsten beherrschter Diplomat, dem das Wohl der eigenen Kirche über alles ging! Dem also die Menschenrechte zweitrangig waren!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Anhang:
1.
Über den Nazifreund und Helfer höchster Nazi-Verbrecher nach 1945, Bischof Alois Hudal im Vatikan, gibt es eine umfassende Studie:
Johannes Sachslehner: Hitlers Mann im Vatikan. Bischof Alois Hudal. Ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Kirche. Molden Verlag 2019.

2.
Der im Text erwähnte Brief Brief Edith Steins an Papst Pius XI.:

„Heiliger Vater ,
als ein Kind des jüdischen Volkes, das durch Gottes Gnade seit elf Jahren ein Kind der katholischen Kirche ist, wage ich es vor dem Vater der Christenheit auszusprechen, was Millionen von Deutschen bedrückt.
Seit Wochen sehen wir in Deutschland Taten geschehen, die jeder Gerechtigkeit und Menschlichkeit – von Nächstenliebe gar nicht zu reden – Hohn sprechen. Jahre hindurch haben die nationalsozialistischen Führer den Judenhaß gepredigt. Nachdem sie jetzt die Regierungsgewalt in ihre Hände gebracht und ihre Anhängerschar – darunter nachweislich verbrecherische Elemente – bewaffnet hatten, ist diese Saat des Hasses aufgegangen. Daß Ausschreitungen vorgekommen sind, wurde noch vor kurzem von der Regierung zugegeben. In welchem Umfang, davon können wir uns kein Bild machen, weil die öffentliche Meinung geknebelt ist. Aber nach dem zu urteilen, was mir durch persönliche Beziehungen bekannt geworden ist, handelt es sich keineswegs um vereinzelte Ausnahmefälle. Unter dem Druck der Auslandsstimmen ist die Regierung zu „milderen“ Methoden übergegangen. Sie hat die Parole ausgegeben, es solle „keinem Juden ein Haar gekrümmt werden“. Aber sie treibt durch ihre Boykotterklärung – dadurch, daß sie den Menschen wirtschaftliche Existenz, bürgerliche Ehre und ihr Vaterland nimmt – viele zur Verzweiflung: es sind mir in der letzten Woche durch private Nachrichten 5 Fälle von Selbstmord infolge dieser Anfeindungen bekannt geworden. Ich bin überzeugt, daß es sich um eine allgemeine Erscheinung handelt, die noch viele Opfer fordern wird. Man mag bedauern, daß die Unglücklichen nicht mehr inneren Halt haben, um ihr Schicksal zu tragen. Aber die Verantwortung fällt doch zum großen Teil auf die, die sie so weit brachten. Und sie fällt auch auf die, die dazu schweigen.
Alles, was geschehen ist und noch täglich geschieht, geht von einer Regierung aus, die sich „christlich“ nennt. Seit Wochen warten und hoffen nicht nur die Juden, sondern Tausende treuer Katholiken in Deutschland – und ich denke, in der ganzen Welt – darauf, daß die Kirche Christi ihre Stimme erhebe, um diesem Mißbrauch des Namens Christi Einhalt zu tun. Ist nicht diese Vergötzung der Rasse und der Staatsgewalt, die täglich durch Rundfunk den Massen eingehämmert wird, eine offene Häresie? Ist nicht der Vernichtungskampf gegen das jüdische Blut eine Schmähung der allerheiligsten Menschheit unseres Erlösers, der allerseligsten Jungfrau und der Apostel? Steht nicht dies alles im äußersten Gegensatz zum Verhalten unseres Herrn und Heilands, der noch am Kreuz für seine Verfolger betete? Und ist es nicht ein schwarzer Flecken in der Chronik dieses Heiligen Jahres, das ein Jahr des Friedens und der Versöhnung werden sollte?
Wir alle, die wir treue Kinder der Kirche sind und die Verhältnisse in Deutschland mit offenen Augen betrachten, fürchten das Schlimmste für das Ansehen der Kirche, wenn das Schweigen noch länger anhält. Wir sind auch der Überzeugung, daß dieses Schweigen nicht imstande sein wird, auf die Dauer den Frieden mit der gegenwärtigen deutschen Regierung zu erkaufen. Der Kampf gegen den Katholizismus wird vorläufig noch in der Stille und in weniger brutalen Formen geführt wie gegen das Judentum, aber nicht weniger systematisch. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird in Deutschland kein Katholik mehr ein Amt haben, wenn er sich nicht dem neuen Kurs bedingungslos verschreibt.
Zu Füßen Eurer Heiligkeit,
um den Apostolischen Segen bittend
Dr. Editha Stein
Dozentin am Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik
Münster/W.
Collegium Marianum
Stimmen der Zeit (2003) 147-150, https://www.herder.de/stz/wiedergelesen/der-brief-an-papst-pius-xi/

Rolf Hochhuth gestorben, „Der Stellvertreter“ ist sein bleibendes Verdienst!

Ein Hinweis von Christian Modehn

Ich empfehle auch meinen ausführlicheren Essay zum selben Thema, publiziert am 2.2.2019. LINK
1.
Hier geht es nicht um eine globale Würdigung des Autors Rolf Hochhuth. Hier geht es nur darum, noch einmal deutlich seine entscheidende historische Leistung anzuerkennen: Sein Theaterstück „Der Stellvertreter“: Die Uraufführung fand am 20.Februar 1963 im Berliner „Theater am Kurfürsten- Damm“ statt (damals das Haus der „Freien Volksbühne“ Erwin Piscators). Hochhuths Stück, gleichermaßen bewegend und politisch provozierend, fand weltweite Beachtung. Seit der Zeit ist sozusagen der Schein des Heiligmäßigen an Papst Pacelli, Pius XII., definitiv beseitigt, selbst wenn immer noch einige Katholiken von vorgestern für die Heiligsprechung dieses Papstes eintreten. Sebastian Hafner schrieb im STERN am 7.4.1963 sehr treffend: „Die Geschichte wird Pius XII. kennen als den Papst, der schwieg“. Er schwieg zur systematischen Ausrottung der Juden, selbst wenn er einigen Juden in Rom das Leben rettete. In seinen allgemein gehaltenen, diplomatisch abwägenden Ansprachen in Kriegszeiten war von Holocaust und Vernichtung der Juden keine Rede. .
2.
Der SPIEGEL veröffentlichte am 25.12.1963 eine Liste der „meistverkauften Neuerscheinungen“. Da befand sich unter „Belletristik“ an erster Stelle, erwartungsgemäß, „Der Stellvertreter“. In der Rubrik „Sachbücher“ , bezeichnenderweise möchte ich sagen, der damals auch heftig diskutierte Essay von Carl Amery „Die Kapitulation. Oder deutscher Katholizismus heute“. Tatsächlich hatten weiteste Kreise des Katholizismus auch vor Hochhuths Theaterstück „Der Stellvertreter“ kapituliert. Sie hatten geistig kapituliert und alle Energien auf die Apologetik gelenkt und dabei die Chance vertan, einen neuen kritischen Blick auf Papst Pius XII. zu wagen. Die allermeisten Katholiken haben sich polemisch verschanzt und wollten wie üblich, das gute und heilige Image der Kirche schützen. Nun sind seit einigen Wochen die Archive des Vatikans, bezogen auf diese Jahre, endlich zugänglich geworden. Der Kirchenhistoriker Prof. Hubert Wolf (Münster) hatte Gelegenheit, mit seinem Team einen ersten Blick ins Archiv zu tun. Er musste gleich am ersten Forschungstag feststellen, dass in bisherigen offiziellen katholischen Publikationen einige Dokumente unterschlagen wurden. In der vatikanischen Publikation „Actes et Documents“ ist, so Wolf, ein entscheidendes Dokument über den Holocaust nicht enthalten: „In dem wird belegt, dass der Heilige Stuhl die Informationen einer jüdischen Organisation über die Ermordung einer halben Million Juden innerhalb eines halben Jahrs in der Ukraine durch eigene Quellen – nämlich Äußerungen des damaligen katholischen Erzbischofs Andrej Szeptyzkyj in der Ukraine – bestätigen kann.“
3.
Was auch immer noch an Details über das Verhältnis Pius XII. zu den Juden und zur Auslöschung der Juden, zum Faschismus in Italien und Deutschland, zum Kommunismus bzw. Bolschewismus entdeckt werden mag: Wird sich etwas Grundlegendes ändern an dem schon jetzt klaren Faktum, das nicht zu leugnen ist: Dass Pius XII. tatsächlich zu allererst das Überleben seiner Kirche retten wollte und nicht das Überleben von Juden. Dass er also kirchliches Wohl über menschliches Wohl stellte. Sebastian Hafner hat recht, wenn er in dem genannten Artikel fragt: “Darf ein Papst nur Politiker sein?“ Also nur diplomatisch prüfen, was der eigenen, der katholischen Sache dient? Und Hafner schreibt die wahren und deswegen wohl immer bedenkenswerten Sätze, die auch über alle aktuellen Archiv-Arbeiten im Vatikan hinaus gültig bleiben: „Der Papst kann nicht jeden retten. Aber es war seine Aufgabe zu verhindern, dass die Christenheit im wörtlichen Sinne zum Teufel ging: Dass mitten in seinem Abendland von Christen Satanswerk größten Ausmaßes getan wurde, mit dem nicht nur Deutschland, sondern die ganze Christenheit für immer befleckt bleiben wird“ (Dieser Beitrag ist noch nachzulesen in dem von Fritz J. Raddatz herausgegebenen Buch „Summa Iniuria. Durfte der Papst schweigen?“, RORORO, 1963. Das Buch ist antiquarisch noch zu haben!) Und vergessen wir nicht, was der kluge und universal gebildete Historiker Friedrich Heer (Wien) in dem genannten Buch schreibt, „dass dieser Papst kein Freund der Demokratie war, wie Heinrich Brüning (Reichskanzler, Zentrumspolitiker) bekennt“. Und Heer erinnert daran, „dass nicht wenige hohe Mitarbeiter der Kurie … in Hitlers Krieg gegen Russland eine mögliche Befreiung vom Kommunismus sahen“ (S.118). Der Kommunismus als der allergrößte Feind noch vor dem Faschismus: An diesen Denkzwang hat sich die Kirchenführung immer gehalten, man denke an die Verfolgung und Ermordung von Befreiungstheologen, die den Anschein weckten, „Kommunisten“ zu sein. Diese Verfolgung leistete der Vatikan in enger Absprache mit der US Administration… Insofern hat sich also seit Pius XII. nichts geändert.
4.
Am 13. Mai 2020 ist Rolf Hochhuth im Alter von 89 Jahren gestorben. Ein großer Autor, dem viele dankbar sind … für seinen Einsatz zugunsten der Aufklärung, also zugunsten der „lumière“ wie man in Frankreich Aufklärung nennt, also fürs Licht und die Wahrheit.
Aber die Kirche als Institution hat nicht viel gelernt seit der Zeit: Der Erhalt und das auch materielle Wohlergehen der Institution, beherrscht vom Klerus, ist und bleibt ihr wichtiger als der Einsatz für die bedrohten Menschen. Caritas und Diakonie sind bloß „Abteilungen“ der Kirche. Aber sie sind nicht „die“ Kirche, machen nicht ihr Wesen aus, das Wesen einer von Jesus von Nazareth inspirierten Bewegung, als eine die Menschen liebende (Caritas) und dienende (diakonische) Kirche.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin