Kirche in der Stadt – Ein spannungsvolles und „spannendes“ Verhältnis.

Ein Interview mit Pfarrer Michael Göpfert, München.
Die Fragen stellte Christian Modehn, Berlin

1.
Vor 40 Jahren, 1981, haben wir eine Aufsatz – und Essay – Sammlung mit dem Titel „Kirche in der Stadt“ im Kohlhammer Verlag herausgegeben. 24 Mitarbeiter aus verschiedenen europäischen Städten waren daran beteiligt. Nun sind 40 Jahre an sich noch kein denkwürdiges Jubiläum. Aber kritischer Rückblick und kritischer Vorblick sind bei dem Thema wichtig. Denn nirgendwo sonst wie in den Großstädten zeigt sich der religiöse Umbruch so deutlich: Etwa der Abschied weiter Kreise von den Kirchen und damit die neue religiöse Pluralität. Inzwischen sind etliche weitere Studien zum Thema „Kirche und Stadt“ erschienen. Blicken wir zunächst zurück: Warum war dir damals das Thema wichtig?

Ich glaube, die Idee zu dem Buch kam von dir, Christian, als Journalist warst du in vielen europäischen Städten unterwegs. Die Idee faszinierte mich, ich liebe Städte, vor allem Großstädte, schon immer. Vor Jahren hatte ich mir antiquarisch die 10 Hefte des Berliner „Großstadtapostels“ der „Zwanziger Jahre“ Carl Sonnenschein gekauft: „Notizen-Weltstadtbetrachtungen.“ In einem rasanten impressionistischen Stil und mit Tempo erzählt er von seinen Eindrücken und Erfahrungen, er taucht in die Stadt ein, weil er die Menschen in Berlin mag, beschreibt aber auch das Licht und die vielen Schattenseiten der Metropole. Und gestaltete förmlich im Alleingang eine neue Präsenz der (katholischen) Kirche in Berlin: Hilfsangebote, eine bedeutende öffentliche Bibliothek, er gestaltete ein Wohnungsbauprogramm, organisierte Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, er machte aus der Kirchenzeitung eine lesenswerte Zeitung, vernetzte sozial Engagierte und so weiter. So, dachte ich, könnte Großstadtkirche sein, als verbunden in mit der Kultur der Stadt und verbunden mit den Menschen, nicht nur den so genannten „Kirchgängern“.
Seit ich dann ab 1974 in München war, fiel mir auf, wie sehr das Thema Kirche und Stadt gleichsam in der Luft lag und von Theologen, Soziologen und Architekten diskutiert wurde. Kirchen sind immer eingebunden in bestimmte Orte, also in Wohn -, Lebens – , Arbeitskulturen. Kirchen sind wie Theologien niemals „ortlos“: Eine Citykirche „funktioniert“ anders als eine Dorfkirche, also: Entdecke den Genius loci! Glaube hat neben dem Zeitindex auch einen Ortsindex und daraus folgt eine Freilassung der Differenzen, eine Vielfalt und Buntheit von Kirchen, gerade in den Städten.

2.
Wie waren deine Erfahrungen in den ersten Jahren nach der Publikation des Buches: Zeigte sich Interesse am Thema? Von wem ging das Interesse aus? Waren es dann Debatten, die auch praktische Wirkungen zeigten?

Meine Erfahrungen nach Erscheinen des Buches waren überraschend, weil die Resonanz so gut war. Es gab Einladungen zu Tagungen, Vorträgen, Zeitungsaufsätzen. Am interessantesten für mich war die Einladung im Herbst 1981 zu einem Treffen von evangelischen Stadtdekanen und Stadtsuperintendenten in Berlin, eine Konsultation über Kirche und Großstadt. Ich schrieb darüber einen Zeitungsaufsatz und die Folge war, dass ich von da an bei fast allen Treffen dabei war und die Berichte darüber schrieb… bis 2013. Eine weitere Folge war, dass ich bei diesen Konsultationen den Hamburger evangelischen Theologen Wolfgang Grünberg kennenlernte, der dort an der Universität die Arbeitsstelle Kirche und Stadt aufgebaut hatte. Daraus entstand 1991 die Buchreihe „Kirche in der Stadt“, die ich in den Anfängen mitplante, vor allem auch mit dem Stadtsuperintendenten von Hannover Hans Werner Dannowski. Im Lauf der Zeit entstand eine Art Netzwerk der Stadtkirchen, gebildet zwischen der Konsultation, den Treffen der Citypfarrer/innen und denen der Kirchencafés.

3.
Als Leitlinien für eine Kirche, die in der Großstadt nicht als Fremdkörper erlebt werden soll, formulierten wir damals z.B. „Kreativität“, „Dialog“, „Basisorientierung“. Gibt es heute überhaupt noch ein Bewusstsein dafür, dass Kirche in der Stadt diesen Leitlinien folgen sollte?

Der Glanz der Begriffe Kreativität, Dialog, Basisorientierung ist etwas verblasst, aber faktisch leben die Stadtkirchen von dem damit signalisierten Potential. Wenn ich etwa an den Ideenreichtum von St. Maximilian in München denke oder an die frühere Kunststation St. Peter in Köln, die von dem Charisma des Jesuiten Friedhelm Mennekes lebte, wird mir deutlich, wie entscheidend die Geistesgegenwart, der Mut und die Ideen zunächst auch einzelner vor Ort sind.

4.
Ich habe den Eindruck: Die Kirchen in Deutschland und in ganz Europa setzen seit einigen Jahren schon entschieden auf das Programm „Reduzierung“ kirchlicher Präsenz in den Großstädten: Viele Kirchen – Gemeinden („Pfarreien“) werden zu großen, fast unüberschaubaren Verbänden zusammengeschlossen. Es fehlt an theologisch gut ausgebildeten Mitarbeitern, Pfarrern, Priestern. Ist „Kirche in der Stadt“ also auf dem Rückzug? Diakonie ist dabei abgespalten von den Gemeinden und als autonome Großorganisation etabliert?

Sicher wird es in den nächsten Jahren für beide Kirchen weniger finanzielle und personelle Ressourcen geben. Aber wenn Menschen von einer Aufgabe begeistert sind, arbeiten sie auch ohne Geld und wer sagt denn, dass so viele Aufgaben von bezahlten Hauptamtlichen gemacht werden müssen. Die Basis hat noch gar nicht zeigen können, was sie alles kann. Es wird wohl viel weniger große Kirchen geben, aber warum nicht viel mehr kleine Kirchenläden und Ladenkirchen in den städtischen Quartieren, in denen die Einheit von Liturgie, Diakonie vor Ort und religiöser Weiterbildung gelebt wird? Nicht Reduzierung von Präsenz von Kirche in der Stadt, sondern Verdichtung, aber eben nicht eine, die von Oben vorgeschrieben, geplant und organisiert wird. Zentralisierung ist Machtbündelung, Dezentralisierung heißt Abgeben von Macht und Vertrauen in die Basis vor Ort.

5.
Ich beobachte das in der Presse ständig: Kirche als positiv besetzter Ort der Begegnung ist eigentlich für weiteste Kreise kein Thema mehr. Im Mittelpunkt stehen die unsäglichen Skandale des Missbrauchs durch Priester oder die Zunahme fundamentalistischer Religiosität. Wo sind die theologischen Orte, die kritisches Reflektieren förmlich als „Dauerzustand“ praktizieren?

Die lange Missbrauchsdebatte ist notwendig, aber sie überlagert auch vieles. Die Sehnsucht nach Orten der Begegnung ist wohl für Menschen überlebenswichtig, sie kann nicht sterben und sie wird nach Corona vielleicht noch deutlicher werden. In vielen Städten sind die kirchlichen Stadtakademien gute Adressen für Austausch und Begegnung über Gruppenidentitäten hinweg, aber das reicht natürlich nicht. Warum nicht mehr lernen z.B. von der Tradition literarischer oder philosophischer Salons, von Treffen in Kneipen und in den Wohnzimmern. Jeder, der will, kann auf seine Weise durchaus die Initiative ergreifen und vielleicht zum Kristallisationspunkt von Begegnung werden.

6.
Wer in Spanien, Italien oder Frankreich die dortigen, meist geöffneten Kirchen besucht, fühlt sich angesichts der vieler hindurch eilenden Touristen wie in einem Museum. Werden Kirchengebäude zu Museen und Gottesdienste zu esoterischen Veranstaltungen nur für einige Eingeweihte?

Natürlich kann ich eine Kathedrale wie ein Museum benutzen, aber auch als Gottesdienstort. Ich kann mich in die Krypta verkriechen, um mit mir allein zu sein, ich kann mit dem Kinderwagen im Sommer den Schatten suchen…Die Nürnberger Lorenzkirche zum Beispiel hatte im Mittelalter nie nur religiöse Funktionen, sondern z. B. auch politische. Der Rat der Stadt oder die Stände und Zünfte trafen sich da. Die heutigen „Vesperkirchen“ verwandeln sich im Winter zu Suppenküchen und Wärmestuben für Obdachlose. Synagogen waren früher Räume des Gebets, aber auch Lernorte, Übernachtungsorte, sie boten Möglichkeiten für Mahlzeiten, und das alles unter einem Dach!
Ein für mich nach wie vor faszinierendes Beispiel für spirituelle Gemeinschaften und spirituelle Orte in der Stadt sind für mich die vielen hundert Bethäuser der Juden vor allem in Mittel-und Osteuropa. Sie wurden von 1940 bis 1945 im Wahn der Nazis und ihres verbrecherischen Antisemitismus fast vollständig ausgelöscht und vernichtet. Joseph Roth schreibt einmal über seine Heimatstadt Brody, die Stadt habe zwei Kirchen, eine Synagoge, aber 40 Bethäuser. Es gab Netzwerke der Gemeinschaft und Solidarität, Orte des Lernens der religiösen Überlieferung, der Weitergabe des kulturellen Gedächtnisses, der Einübung in die Weisheit der Bibel.
In einer schrumpfenden Volkskirche werden wir in Zukunft wahrscheinlich immer weniger Kirchen, aber immer mehr „Lese – Lern – und Versammlungsräume“ brauchen, die von diesem Geist geprägt sind, Stützpunkte der Einübung in den Geist des Christentums inspiriert aus dem Geist des Judentums. Gerade dann, wenn die Kirchen ärmer werden, könnten sie umso reicher werden durch die Vielfalt kleiner Läden und Treffpunkte, sozusagen um die Ecke in den Quartieren und Nachbarschaften. So könnte die Kultur der biblischen Traditionen entdeckt und aktuell neu gedeutet werden. Ich stelle mir solche Orte vor, wie sie Roman Vishniac kurz vor der Vernichtung noch fotografiert hat: Bücherwände, Holztische, Suppenküche, Gesichter des Lernens und der Versenkung… Grüße vom Schtetl in unsere Städte, die uns wie eine Flaschenpost erreichen.

7.
Unser Buch von 1981 hatte einen gewissen Mangel: Erfahrungen, Reflexionen, aus Asien, Afrika und Lateinamerika wurden nicht berücksichtigt. Nun sind inzwischen viele Menschen aus diesen Ländern in Europa gelandet und gestrandet, als Flüchtlinge etwa: Ist das Miteinander mit den „anderen“, etwa den Muslimen, eine zentrale neue Aufgabe für Menschen, denen „Kirche in der Stadt“ noch am Herzen liegt?

Kirche in der Stadt muss sich vor allem bewähren in der Begegnung mit dem Fremden und den Fremden, das ist ein Prüfstein nicht nur für das Christentum, sondern für alle Religionen. Gastfreundschaft mit den Fremden ist ein Schatz der religiösen und kulturellen Überlieferung und deshalb muss der Kampf gegen Abschottung, Ausgrenzung, Diskriminierung, Rassismus, Nationalismus auch von den Kirchen geführt werden. Die vielen Flüchtlingsinitiativen vor allem seit den 90er Jahren sind ein ermutigendes Vorbild. Klöster, gerade auch Nonnenklöster, gewähren Kirchenasyl, diese Klöster sind Lichtblicke in der kirchlichen Landschaft. Der persönliche Kontakt mit Fremden, mit anderen Religionen und Kulturen bedroht nicht unsere Identität, sondern fördert sie, erweitert sie, korrigiert sie, kann sie befreien von Verkrustungen, Verhärtungen, von Fanatismus und Dogmatismus. An dem Punkt sieht man auch, dass die Delegation diakonischen Handelns und Helfens an die großen Wohlfahrtsverbände, Diakonie und Caritas, gravierende Schattenseite hat: Die Fremden, Flüchtlinge, Obdachlosen, Menschen mit Handicap, werden den Augen der Gemeinde, also ihrem Erleben vor Ort, entzogen. Ich schaue unter den Bedingungen also dem Fremden und Flüchtling und Armen buchstäblich nicht mehr in die Augen. Das darf nicht sein!
Die Migrationsbewegungen werden noch anwachsen, der Fremde wird für viele ängstliche, nationalistisch Denkende als bedrohlich propagiert werden. Hier steht den Kirchen, den Religionen, der demokratischen Zivilgesellschaft eine harte Bewährungsprobe noch bevor. In den Kirchen in der Stadt stranden doch oft die „Anderen“, die Fremden zuerst, wird die Kirche noch eine Vorreiterrolle wahrnehmen wollen?

Copyright: Pfarrer Michael Göpfert, München und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Charles Baudelaire – 200. Geburtstag.

Ein Poet – auch des Religiösen?

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Warum an Charles Baudelaire erinnern? Sein 200. Geburtstag am 9. April 2021 ist ein willkommener Anlass, an ihn zu denken, sein Werk zu lesen, auch als einen Zeugen des religiösen Umbruchs, der vom 19. Jahrhundert aus bis heute bestimmend ist. (Baudelaire ist am 31. August 1867in Paris im Alter von 46 Jahren gestorben).
Baudelaire ist ein Meister der Poesie, seine Worte überraschen, führen ins Fragen, stören und verstören. Er spricht von der Transzendenz, von Gott, aber nicht nur von einem guten Gott. Der göttliche Tyrann ist ihm genauso nahe wie das Böse. Baudelaire erlebt, wie Bindungen an die herrschende katholische Religion schwinden und eine neue spirituelle Pluralität entsteht
Er ist ein Poet der Widersprüche, auch in seiner politischen Haltung. Den Aufstand der Arbeiter im Juni 1848 unterstütze er, den erzreaktionären Autor und Politiker Joseph de Maistre respektierte er.
Dass die Poesie eigenständig ist und sich nicht unmittelbar einem Zweck zur Verfügung stellen darf, ist seine bleibende Einsicht.
Als Poet erlebt er radikal die sozialen Umbrüche in seinem 19. Jahrhundert. Er ist erschüttert über den radikalen Umbau von Paris, er sieht, was die Herrschaftsarchitektur (von Haussmann betrieben) anrichtet, also auch das Vertreiben der Armen aus dem Zentrum der Metropole.
In seiner Poesie will er nichts „Fremdes“ wiedergeben, sondern nur die eigenen inneren Erfahrungen zu Wort bringen. Seine Gedichte (auch seine „Poesie als Prosa“) finden kaum Zustimmung, werden als Skandal empfunden von einer sich moralisch korrekt fühlenden „Elite“.
Baudelaire lebt also in einem Moment spiritueller wie politischer Konfrontationen. Es ist ein Pluralismus, den manche als Durcheinander der Orientierungslosigkeit deuten. Das Negative, Belastende, Ausweglose, Ungewisse beherrscht das Lebensgefühl. Den Zustand der Gegenwart, die von den Herrschern als gut und von Gott gewollt ausgegeben wird, ist auch für ihn nur eine systematische Form der Unterdrückung.

2.
Charles Baudelaires Vater Joseph-Francois Baudelaire war katholischer Priester (geb. 1759, gestorben 1827), aber schon während der Revolution gab er im Jahr 1793 sein Priesteramt auf. Der Sohn wird in katholischen Schulen und Internaten erzogen. Dort ist die Prügelstrafe noch üblich, Baudelaire hat den damals unverschämten Mut, sich dagegen öffentlich zu wehren. Das Zusammenleben der Menschen, von Gewalt geprägt, erlebt er als krankhaft, pathologisch.

3.
In dieser Welt muss Baudelaire als Poet leben. Er gerät in finanzielle Abhängigkeit, weil Lyrik, Dichtung, Literatur ins Feuilleton der Zeitungen verwiesen werden und damit dem launischen Geschmack der Massen ausgesetzt sind. Was der Masse nicht passt, wird eben nicht gedruckt…

4.
Als Poet will er zeigen, wie dann „mitten im Schmutz“ auch die Blumen, das Schöne, entstehen kann. In einem seiner Gedichte (Epiloge der „Blumen des Bösen“) sagt Baudelaire (wie in einem Anklang an Alchemie?) über Paris: „Tu m` a donné ta boue, j en ai fait de l or“ („Du hast mir deinen Dreck gegeben, ich habe daraus Gold gemacht“). Er muss zum Hässlichen Stellung nehmen, es aussagen, erst dann kann die Überwindung des Hässlichen, des Negativen, eventuell gelingen. Baudelaire opponiert gegen das Bestehende. Schönheit als solche kann er selbst vor allem in der Musik und der Malerei erleben.

5.
Das Hauptwerk Baudelaires ist ein Gedichtband mit dem bezeichnenden Titel „Les fleurs du mal“, „Die Blumen des Bösen“, das Werk ist in drei Fassungen zwischen 1857 (1.100 Exemplare) und 1868 erschienen. Es enthält etwa 100 Gedichte, und es war schon im Moment des Erscheinens hoch umstritten: Dem Autor wurde von dem insgesamt reaktionären Regime Napoléons III. die Missachtung der Moral und die Gotteslästerung vorgeworfen, sechs Gedichte wurden als besonders anstößig empfunden und durften nicht publiziert werden.
„Die Blumen des Bösen“ sind das poetische Hauptwerk, ein Durchbruch für die französische Poesie insgesamt. Inhaltlich geht es in den Gedichten auch um die seelischen Erfahrungen des Menschen in der großen Stadt. Wie lebt der Mensch, der sich inmitten der Massen langweilt und am Leben leidet, im Erleben des Bösen. Auswege sucht Baudelaire selbst im Rausch durch Opium und Haschisch und Alkohol… mit Geld kann er nicht gut umgehen. Diese Unfähigkeit gilt in der Zeit der „moralischen, kirchlichen Ordnung“ als eines der schlimmsten Übel, das bestraft werden muss. Schon 1844, als Baudelaire erst 23 Jahre alt, leitet tatsächlich die eigene Mutter (inzwischen als Madame Aupick mit einem Major verheiratet) das Entmündigungsverfahren gegen ihren Sohn ein, am 21.9.1844 erhält Baudelaire einen Vormund, Maitre Ancelle.

6.
Er lebt in einer Epoche, die zunächst von Louis Philippe, dann in einer kurzen Phase einer liberalen Republik (1848), danach aber von dem sehr konservativen und dem Klerus ergebenen Regime Napoléons III. bestimmt ist. Es ist eine Zeit, in der es kleine Kreise „liberaler Katholiken“ (Lamennais, Montalambert, Lacordaire) gibt, sogar christliche Sozialisten (Philippe Buchez). Aber im Ganzen lassen sich der Adel und die „braven Bürger“ (nicht die Republikaner, nicht die Arbeiter, nicht die Armen) von der starren, auf Prinzipien und Dogmen bedachten Katholischen Kirche (wenigstens nach außen hin) bestimmen. Oder sie benutzen diese Dogmen als Stütze der eigenen politischen Ideologie, die monarchistisch, reaktionär und antisemitisch ist.
Für Baudelaire ist religiöser Glaube auch eine Frage der Ästhetik. Kunst wird für ihn etwas Heiliges!

7.
Etwa 50 Gedichte in den „Blumen des Bösen“ haben Anklänge an religiöse Themen. Über die religiöse Bindung Baudelaires ist vieles Unterschiedliche publiziert worden. Der Literaturkritiker und Theologe im Dominikanerorden, Pater Jean Pierre Jossua, (Paris), hat darüber einen ausführlichen Bericht geschrieben ( Quelques interprétations de la religion de Baudelaire | Cairn.info)
Ein „definitives“ Urteil, welche Bedeutung der christliche Glaube für Baudelaire hatte, wird kaum möglich sein, dazu sind dessen entsprechende Äußerungen zu vielfältig und zum Teil doppeldeutig, wenn nicht widersprüchlich. Aber auch dies ist zunächst kein Mangel, sondern ein Beweis dafür, wie tief Baudelaire dem religiösen Suchen und Zweifeln in seiner Zeit verhaftet ist.
Das kann man auch beobachten an seiner Tendenz zu einem gewissen Satanismus. Als große List Satans nannte er dessen Fähigkeit, den Menschen glauben zu machen, dass es ihn, den Satan nicht gebe. Baudelaire dachte, es gebe einen ewigen Kampf zwischen Gott und dem Satan. Aber vielleicht war das auch nur Phantasie? Da war sich Baudelaire nicht sicher.

8.
Jean Pierre Jossua meint in einer Art vorsichtigen Gesamteinschätzung: Baudelaire sei schon aufgrund seiner Herkunft und Bildung auf betont eigene Weise christlich gewesen: In seinen letzten Gesprächen mit dem Freidenker Nadar sei er noch für den Glauben an Gott eingetreten. Und auch Beten sei ihm immer wichtig gewesen, freilich in der Form einer individuellen frommen Poesie. Was das Christentums ihm doch bedeutet, bringt Baudelaire noch einmal zur Sprache in dem Gedicht „Mon coeur mis à nu“, das erst 20 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wurde.
Darin bekennt Baudelaire, dass er an jedem Morgen sich im Gebet Gott zuwendet, der für ihn eine Art Reservoir aller Kraft und aller Gerechtigkeit ist. Aber, so sagt Baudelaire in der ihm eigenen Spiritualität, er wende sich im Gebet auch seinem verstorbenen Vater, dann auch Mariette (dem guten Dienstmädchen aus der Kindheit) und dem Dichter Edgar Allan Poe zu, und er meint sie als Fürsprecher bei Gott. (siehe: https://fr.wikisource.org/wiki/Page:Baudelaire_-_%C5%92uvres_posthumes_1908.djvu/139)

9.
Jean-Pierre Jossua ist überzeugt: Der christliche Gedanke an eine Erlösung war Baudelaire sicher fremd und die Erfahrung der Macht des Bösen wohl zu stark. Sie wurde verstärkt durch den Augustinismus und Pessimismus des reaktionären Autors von Joseph de Maistre. Über die Bindungen an reaktionäres politisches Denken wäre eigens kritisch zu sprechen.

10.
Trotz aller Spannungen der widersprüchlichen Person Baudelaire gehört sein Werk als Anregung in unsere heutige Zeit, weil er dadurch typisch ist, dass er auf die religiösen Umbrüche in einer Art subjektiven Sensibilität immer wieder irritierend reagierte. Als Mensch des 19. Jahrhunderts gehört er insofern auf seine Art auch in eine Reihe mit Nietzsche oder dem ganz anderen, dem prophetischen Karl Marx. Baudelaire hat auf seine Art die Menschen der Moderne erinnert, dass der damals schon allgemeine Glaube des Materialismus tödlich ist für Geist und Seele. Für Yves Bonnefoy, den kürzlich verstorbenen Poeten und Baudelaire Kenner, steht fest: Die Poesie Baudelaires kann wirksam auf das menschliche Verlangen antworten, das Gefühl für die Transzendenz zu bewahren, dies gilt auch, wenn man annimmt: Gott ist tot. (Vgl. Yves Bonnefoy, Le siècle de Baudelaire, Ed. Du Seuil, Paris 2014.)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ratzingers Herrschaft – eine Katastrophe.

Über das neue Buch „Nur die Wahrheit rettet“.
Hinweise auf das Buch und weiterführende Erkenntnisse von Christian Modehn.

1.
Wer das Buch über das „System Ratzinger“ (der Untertitel) gelesen hat, muss sich notwendigerweise fragen: Was ist nach der Lektüre, „summa summarum“, die Wahrheit über die langdauernde Kirchen-Herrschaft Joseph Ratzingers? Diese Wahrheit ist in wenigen Worten zu sagen: „Ratzinger ist der totale Kleriker“. Zu Beginn seiner steilen Karriere war er kurze Zeit „Seelsorger“, dann Theologieprofessor, daraufhin Erzbischof in München, dann Kardinal als Chef der Glaubenskongregation in Rom (1982 – 2005) und engster Berater Papst Johannes Paul II. Dann wurde Ratzinger erwartungsgemäß Papst unter dem Namen Benedikt XVI. (2005 -2013). Seit seinem Rücktritt nennt er sich immer noch Papst, er hat den sonderbaren Titel „Papa emeritus“ mit eigenem großen Freundes/Unterstützer-Kreis. Und auch dieses noch: Er ist als unmittelbarer Nachbar im Vatikan aufmerksamer Beobachter von Papst Franziskus. Er zog sich also als „emeritus“ nicht in seine bayerische Heimat zurück, er blieb im Vatikan. Vielleicht überlebt er Papst Franziskus? Falls Franziskus auch zurücktritt, will er ebenfalls im Vatikan bleiben und mit einem neuen Pontifex maximus hätten wir dann eine Art Trinität: Drei Päpste auf einmal. Göttlicher geht’s dann wahrlich nicht mehr…

2.
Welche Wahrheit muss angesichts dieses Buches „Nur die Wahrheit rettet“ und über das Buch hinaus gesagt werden … zu diesem „totalen Kleriker“ Ratzinger? Allerdings unter dem normativen Anspruch einer Theologie, die die Qualität des kritischen Prüfens sich bewahrt hat! Ich denke: Die einfache und deswegen für manche frommen Leute wohl schockierende Wahrheit über Ratzinger ist: Dieser Kleriker hat den Niedergang der katholischen Kirche befördert. Andere kritisch denkende Theologen (kann denn Theologie heute anders als vernünftig – kritisch sein?) würden treffender sagen: Dieser Kleriker Ratzinger war und ist eine Katastrophe für die römische Kirche.

3.
Diese Wahrheit stellt sich ein, wenn man das Buch liest mit dem Titel „Nur die Wahrheit rettet“ mit dem Untertitel “Der Missbrauch in der katholischen Kirche und das System Ratzinger“. Verfasst haben es Doris Reisinger (Theologin) und Christoph Röhl (Autor und Regisseurs eines umfassenden Films über Ratzinger).
Aber welche Wahrheit stellt sich ein, die größer ist als Ratzingers Ideologie, welche Wahrheit über Ratzinger rettet und befreit? Naheliegend müsste man fordern: Dieser EX- Papst Joseph Ratzinger sollte sich entschuldigen, öffentlich, nicht nur bei den Opfern des tausendfachen sexuellen Missbrauchs durch Priester, sondern bei allen, die er mit seiner rigiden Herrschaft beleidigt, ausgegrenzt und krank gemacht hat. Vor allem: Denen er mit seiner Herrschaft den Glauben und das Grundvertrauen (in Gott) genommen hat. Es ist diese bedrückende Erkenntnis: Glaubensverlust wegen der Institution Kirche, die hier zur Debatte steht. Das Problem ist nur: Ratzinger selbst ist Ausdruck und Vollstrecker (Schreibtischtäter) des klerikalen Systems. Kann sich ein System entschuldigen? Nein. Es kann nur überwunden werden. Zur Überwindung kann nur jeder und jede einzelne beitragen…

4.
Dabei bietet das Buch von Doris Reisinger und Christoph Röhl nur eine Haupt-Perspektive, sozusagen einen entscheidenden Ausschnitt, aus dem unseligen Wirken dieses Klerikers, den man in Frankreich in gebildeten Kreisen treffend den „Panzerkardinal“ genannt hat.
Die Autoren zeigen ausführlich und gut dokumentiert: Ratzinger hat die Opfer sexuellen Missbrauchs viele Jahrzehnte ignoriert, er hat die Täter entschuldigt und „gedeckt“. Er hatte seinen Klüngel um sich gebildet, vor allem um seinen Freund, den hochumstrittenen Kardinal Tarcisio Bertone aus dem Salesianer-Orden. Bertone bewohnt bekanntlich als armer Ordensmann eine nach seinen Angaben „300 bis 400 Quadratmeter“ große Wohnung…(Das Buch „Avaricia“ von Emiliano Fittipaldi hat das alles gut dokumentiert)
Im Mittelpunkt des Buches von Reisinger und Röhl stehen die Ungeheuerlichkeiten des Gründers der Legionäre Christi, des in diesem Orden so bezeichneten „Generaldirektors“ Marcial Maciel, allein schon dieser Titel „Generaldirektor“ für einen Ordenschef zeigt die heftige ökonomische Interessiertheit dieser Herren.
Ratzinger hat Marcial Maciel, nachdem endlich seine Verbrechen öffentlich gemacht wurden, nur moralisch als Sünder getadelt. Im klerikalen Denken Ratzingers entstand gar nicht die Frage: Sollte er Maciel, den sexuellen Missbraucher seit Jahrzehnten, der staatlichen Justiz für seine Untaten übergeben? Nein, das wollte Ratzinger dann doch nicht. Der bloß moralisch getadelte Verbrecher bewahrte sich unverschämt wie immer und vom Vatikan weiterhin unkontrolliert seine übliche Reiselust, zuerst nach Florida, bevor er mit Frau und Kind Weltreisen antrat. In Florida ist er 2008 verstorben. Die Legionäre haben nach seinem Tod einfach die Fotos Maciels aus all ihren Häusern und Zimmern entfernt. Erwähnt wird der Name ihres einst als heiligmäßig verehrter „Vaters“ auf der website des Ordens seitdem nicht mehr. Die Legionäre treten jetzt also wie ein Orden ohne Gründer auf. Diese Verlogenheit im Umgang mit Maciel erinnert an die „Säuberung“ nach dem Tode Stalins. Der sowjetische Diktator verschwand als Bild und Foto in der Öffentlichkeit… aber sein Geist blieb. So auch bei dem Herren Generaldirektor Pater Maciel. Alte Freunde gibt es bei ihm auch, die dann schwadronieren: „Maciel hat doch nur gute Früchte hervorgebracht“, sagen sie, die von ihm auch finanziell Begünstigten! Sie glauben, der Orden der „Legionäre Christi“ müsse wegen der vielen jungen Priester unbedingt erhalten bleiben. Und wegen des Geldes, das der Orden seit jeher über alles liebt (natürlich verbunden mit der Liebe zu Millionären weltweit)

5.
Die Autoren breiten darüber hinaus reiches Material zum Umgang des sexuellen Missbrauchs in anderen so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften, sie wurden gepflegt und gefördert während der Ratzinger – Herrschaft in enger Verbindung mit dem polnischen Papst. Die neuen geistlichen Gemeinschaften erschienen Ratinger wie Wojtyla als große Retter der „Kirchenkrise“. Diese neuen Gemeinschafen, insgesamt mit einigen Millionen Mitgliedern und Sympathisanten, sind insgesamt theologisch konservativ bis reaktionär, sie bilden Sonderwelten in der Kirche, werden aber von der Klerus – Herrschaft geschützt. Warum wohl? Weil die kinderreichen Familien dieser auch von Laien geprägten Gemeinschaften viele gehorsame Priester zur Verfügung stellen und das klerikale System fortzusetzen helfen. Das ist meine Ergänzung zu dem Buch „Nur die Wahrheit macht frei“.

6.
Vieles, was das Buch mit großem Fleiß dokumentiert, ist bekannt. Ich selbst habe seit 2007 als einer der ersten in Deutschland über die Legionäre Christi ausführlich auf meiner website religionsphilosophischer-salon.de und in zahlreichen Ra­dio­sen­dungen kritisch berichtet oder auch über das „Neokatechumenat“. Davon „zehren“ auch die beiden Autoren. Aber sie sind so vornehm und „verschwiegen“, dass sie darauf nicht hinweisen. Das nur am Rande.

7.
Das Buch ist eigentlich ständig aktualisierbar: Eine dritte Auflage sollte detailliert zeigen, dass die im Vatikan so hoch gepriesenen Gründer der neuen geistlichen Gemeinschaften in den letzten Monaten (2020/2021) als Täter sexueller Gewalt und spiritueller Bevormundung bzw. Herrschaft überführt wurden: Die Liste könnte beginnen mit dem Gründer der Ordensgemeinschaft St. Jean (Johannes-Brüder), könnte weiter gehen zu Jean Vanier, dem Gründer der weltweiten Arche-Gemeinschaften, weiter zu Père Pierre-Marie Delfieux, dem Gründer der Mönchsgemeinschaft „Jérusalem“ in Paris, über ihn hat eine ehemalige Nonne das Buch geschrieben „Quand l église détruit“… dann müsste man weiter forschen über den Gründer der sehr einflussreichen und sehr reaktionären internationalen Gemeinschaft „Sodalicium“ aus Peru, dann weiter gehen zu Chiara Lubich und ihrer Focolarini, dann zum Gründer der Gemeinschaft „Béatitudes“, weiter zu den Oberen der neu gegründeten „Franziskaner der Immakulata“ oder zu dem reaktionären Orden „Institut des inkarnierten Wortes IVG. Da wurden heftige massive Missbräuche des Ordensgründers gegenüber Mitgliedern dokumentiert. Ratzinger ist der große Förderer dieses Ordens aus Argentinien. Die Rede müsste sein von Pater Kenntenich, dem Gründer Schönstatt-Bewegung und so weiter und so weiter. Man sehe sich auch besonders gut an, welche Gruppen und Grüppchen reaktionären Einschlags sich im Bistum Toulon – Fréjus sammeln, Chef ist dort Bischof Dominique Rey, er ist führendes Mitglied der großen katholisch – charismatischen Bewegung „Emmanuel“. Diese Gemeinschaft praktiziert in Frankreich auch die „Konversions-Therapie“ von Homosexuellen. Einer der „Emmanuel – Priester“, Pater Bernard Peyrous, wurde wegen „sexueller Übergriffe“ an Frauen suspendiert, aber er darf weiter pastoral wirken…Zu sprechen wäre von der neuen Ordensgemeinschaft der „Soeurs de Bethléem“ und deren Machtmissbrauch innerhalb des Ordens. Mit anderen Worten: Die hoch gelobten „neuen geistlichen Gemeinschaften“ sollten unter strenger Beobachtung stehen…Sie sind einziger Sumpf!
Von diesen Gemeinschaften ist dem neuen Buch von Reisinger und Röhl nicht die Rede, es handelt sich hier um meine Recherchen.

8.
Für mich wäre es besonders wichtig, welche Beziehungen der vatikanische Behörden Chef Ratzinger zu Kardinal Groer in Wien hatte. Groer, als Benediktinermönch vom Stift Göttweig, wurde 1986 von Papst Johannes Paul II. zum Erzbischof ernannt, Groer musste dann nach lang andauernden heftigen Protesten 1995 wegen ganz offensichtlichen sexuellen Missbrauchs zurücktreten.
9.
Noch interessanter ist die sehr große Sympathie, die Freundschaft und Fürsorglichkeit Ratzingers für den nicht minder höchst umstrittenen Bischof von St. Pölten in Österreich, den Theologieprofessor Kurt Krenn.Er wurde zunächst 1987, ein Jahr nach Groer, zum Weihbischof von Wien ernannt. Weil er dort nach vielen Protesten unhaltbar wurde, beglückte der Vatikan die Katholiken im Bistum St. Pölten mit Krenn als Bischof (1991 – 2004). Er war u.a Mitarbeiter der von vielen als Vulgär-Blatt beurteilten „Kronen-Zeitung“, kein Wunder, er war ein Freund von FPÖ Chef Jörg Haider. In Krenns Bistums waren ebenfalls die „neuen geistlichen Gemeinschaften“ höchst willkommen, etwa die „Diener Jesu und Mariens“ in Blindenmarkt, ebenso die „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ oder die „Gemeinschaft vom heiligen Josef“. In seinem Priesterseminar wurden gern zu zehn tausenden (ARD: https://web.archive.org/web/20140129075019/http://www.tagesschau.de/ausland/krenn100.html) kinderpornographische Fotos betrachtet. Das Magazin PROFIL in Wien schrieb u.a.: „In der Kinderpornoaffäre, über die „Profil“ ebenfalls berichtete, hält die Staatsanwaltschaft die Indizien für so erdrückend, dass es zu mehreren Anklagen gegen Seminaristen kommen wird. Gefunden wurden zum Beispiel Fotos, auf denen ein fünf- bis sechsjähriges Mädchen beim Oralverkehr mit erwachsenen Männer gezeigt wird ….usw.“ Der Priesterkandidat Piotr Zarlinski wurde deswegen zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Krenn nannte diese Porno – Praxis, so wörtlich, „Bubendummheiten“. Kurz danach ist Krenn als Bischof zurückgetreten.
Die ganzen Affären um Bischof Krenn bezeichnete der international geschätzte Theologe Prof. Paul M. Zulehner als „pastoralen Supergau“.
Aber wie regiert Joseph Ratzinger wenige Wochen, nachdem er zum Papst gewählt wurde: Er bemitleidet aufs innigste den armen Freund Krenn, rückt sein Leiden in die Nähe zu Jesu Leiden….
(Nach seinem Rücktritt als leitender Bischof lebte Krenn schwerkrank, Folgen seines Alkoholismus, in einem katholischen Pflegeheim).
Am 18.6. 2005, also wenige Wochen nach seiner Papstwahl, hatte Krenns alter Freund und Gönner, Joseph Ratzinger, nichts Eiligeres zu tun, als ihm einen salbungsvollen Brief zu schreiben. Dieses Dokument muss allen, die unter dem Regime von Bischof Kurt Krenn gelitten haben, wie eine Ohrfeige erscheinen. Der Brief offenbart auch die wahre spirituelle und ideologisierte Theologie Joseph Ratzingers als Papst:
Hier nur einige Zitate aus dem handschriftlich unterzeichneten Brief an Bischof Krenn:
„Lieber Mitbruder! Wie ich höre, leidest du an Leib und Seele. So liegt es mir am Herzen, Dir ein Zeichen meiner Nähe zukommen zu lassen. Seit langem bete ich jeden Tag für dich! …. Unser Herr hat uns letztlich nicht durch seine Worte und Taten, sondern durch seine Leiden erlöst. Wenn der Herr dich nun gleichsam mit auf den Ölberg nimmt, dann sollst du wissen, dass du gerade so ganz tief von seiner Liebe umfangen bist und im Annehmen deiner Leiden ergänzen helfen darfst, was an den Leiden Christi noch fehlt (Kol 1, 24) Ich bete sehr darum, dass dir in allen Mühsalen diese wunderbare Gewißheit aufgeht……. Von Herzen sende ich dir meinen apostolischen Segen. In alter Verbundenheit! Dein Papst Benedikt XVI.
(Dieser bemerkenswerte Brief ist (noch) nachzulesen : https://www.derstandard.at/story/2481036/papst-schickt-krenn-per-brief-troestende-worte)

Ich habe dieses Dokument (Bischof Krenn als leidender Jesus) schon 2011 publiziert in dem Aufsatz unter dem Titel „Benedikt XVI. ist politisch rechtslastig“, erschienen in dem Sammelband „Rolle rückwärts mit Benedikt“ (Hg. Norbert Sommer und Thomas Seiterich, PUBLIK FORUM Edition, 2009). Nebenbei: Ich frage mich manchmal, wie es möglich ist, dass schon vorliegende kritische Studien wie diese von den Autoren neuer Bücher zum Thema Ratzinger einfach so ignoriert bzw.im Druck nicht erwähnt werden können.

10.
Ich empfinde es angemessen, wenn in dem umfangreichen Buch „Nur die Wahrheit rettet“, für das zwei Autoren zeichnen, genauer angegeben wird, wer denn welches Kapitel verfasst hat.

11.
Ist Ratzinger ist also alles anderes als ein „Mozart der Theologie“, wie Kardinal Meisner (2007 in Berlin) einmal in seiner üblichen Ratzinger – Ergebenheit schwärmte.
Ratzingers Bücher sind keine kritisch reflektierte Theologie auf dem Stand des 20. Jahrhunderts, sie nicht mehr als fromme persönliche Meditationen. Wenn Ratzinger wissenschaftlich argumentierte, dann als Historiker, als Kenner und Liebhaber des Werkes des Kirchenvaters Augustinus. Er selbst nennt sich wohl „Augustinist“. Und dies ist der Schlüssel zum Verstehen seiner Spiritualität und Theologie: Es ist nicht nur die über Augustin gegebene Liebe zu Platon, es ist das völlig pessimistische Menschenbild des späten Augustin, das in dem Wahn seiner Erbsündenlehre gipfelt. Sie wurde schon von hoch gebildeten Theologen seiner Zeit zurückgewiesen, wie von Bischof Julian von Eclanum. Aber Augustin verfolgte seine Kritiker und setzte sich mit Gewalt durch mit seiner verkorksten Erbsündenlehre, die er nur erfand, um den Status der Kleriker zu sichern: Denn sie allein konnten in der Taufe die Menschen von der tödlichen Erbsünde befreien… .
Diese Haltung des Rechthaber Wahns ist typisch für den alten Augustin wie für Ratzinger. Man lese bitte in dem Zusammenhang die Augustinus Studien des Philosophiehistorikers Kurt Flasch!

12.
Ratzinger hat ungebrochen seine augustinistische Theologie durchgeboxt. Auch insofern ist er eine Katastrophe für die Kirche, wie das Buch von Reisinger und Röhl zeigt: Eine Katastrophe ist Ratzingers Unfähigkeit, dem sexuellen Missbrauch durch Priester wirksam auch mit staatlich – juristischen Konsequenzen Einhalt zu gebieten und die Opfer zu hören und zu respektieren. Oder, um nur ein weiteres Beispiel seiner Verblendung zu nennen: Er will unbedingt die oft neofaschistischen Kreise französischer Traditionalisten (Lefèbvre – Leute) wieder mit der römischen Kirche zu vereinen usw…
Der Augustinist Ratzinger liebt halt das Alte und Veraltete und Versteinert – Tote, das Lateinische … und die Erhabenheit des Klerus über alles.
Ratzinger ist eine gefährliche Figur von vorgestern.

Doris Reisinger und Christoph Röhl, „Nur die Wahrheit rettet. Der Missbrauch in der katholischen Kirche und das System Ratzinger“. Piper – Verlag, München, 2. Auflage 2021, 348 Seiten,22 €.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Osterpredigten heute: Theologisch, d.h. religionskritisch betrachtet!

Ein Hinweis von Christian Modehn: Auf welchem Niveau bewegen sich Predigten/Ansprachen zu Ostern?

Ich möchte die LeserInnen auffordern, auf die Oster-Predigten (auch der Bischöfe) zu achten und zu fragen: Wiederholen diese Prediger bloß zum hundertsten Mal die bildreichen Predigten der vier Evangelisten? Oder machen sie sich als Leute, die sich Theologen nennen, manchmal auch als Dr. theol., die Mühe, die Ergebnisse theologischer Forschung zur Auferstehung Jesu wahrzunehmen und in den Predigten zu erläutern?

Wer als Prediger, auch als predigender Bischof, nur die alten Floskeln und Formeln wiederholt, sorgt schlicht und einfach für die weitere Unbildung, wenn nicht Verdummung der wenigen noch verbliebenen Gemeindemitglieder.
Hier also eine naturgemäß unvollständige Sammlung zentraler Sätze aus den Osterpredigten 2021.

1.
Erzbischof Dr. Heiner Koch, Berlin sagt in seiner Osterpredigt in Berlin, Kirche St. Joseph, 2021. (Titel seiner Doktorarbeit: „Befreiung zum Sein als Grundperspektive christlicher Religionspädagogik“): „Doch dann geschah Ostern: Das Grab war leer und Menschen begegneten ihm, dem von den Toten Auferstandenen“.
2.
Erneut bedient Koch die uralte Üblichkeit: Die Auferstehung Jesu gibt es nur, wenn sein Grab leer ist, also ohne den Leichnam.
Der verstorbene Jesus tritt also in der Welt auf. Koch sagt „Menschen begegneten ihm“, dem Auferstanden, also der auferstandenen Leiche? Man denke an das irreführende Gemälde von Caravaggio, auf dem Thomas, der Apostel, der leibhaftig auferweckten Leiche Jesus förmlich in dessen Seitenwunde grabscht… Ist dies „Begegnung“? Für wie dumm halten eigentlich Prediger ihre Zuhörer?
3.
Interessant ist, dass Koch nicht sagt, wie es die Schriften des Neuen Testaments ständig betonen: „Jesus erscheint (nur) den Jüngern“, also einer kleinen Gruppe. Nein, Koch sagt: „Menschen“ also viele, ganz unterschiedliche Leute, trifft der Auferstandene.
Damit wird suggeriert, als sei die Auferstehung Jesu eine Art historisches Ereignis, das „Menschen“ im allgemeinen wahrnehmen konnten. Dem ist nicht so. Die Auferstehung ist kein datierbares Ereignis! Den Fehler macht Koch noch einmal, wenn er von den Menschen spricht, die wussten, „dass Jesus auferstehen werde am dritten Tag (!). Menschen erfuhren ihn als den Lebenden und bezeugten ihn gegen alle Zweifelnden und gegen alle Einwände“.
4.
Auch die Erwähnung des „dritten Tages“ wird nicht erläutert, es wird wie immer suggerier: Drei exakte Tage nach Karfreitag sei, sozusagen datierbar, die Auferstehung geschehen. Kein Sinn für die Symbolsprache der Bibel wird geweckt.
5.
Diese Predigt könnte man fundamentalistisch nennen. Ich vermute, dass evangelikale Gemeinden diese Predigt gern übernehmen können. Es fehlt jede politische Dimension, etwa Solidarität mit den Armen in den armen Staaten, die keine Impfstoffe erhalten. Oder naheliegend, ein Hinweis auf das politische Friedensengagement. Es gibt doch die katholische friedensbewegung PAX Christi und die Ostermärsche… Nichts davon in der Oster – Predigt Kochs.

Wer lesen will: Diese Koch-Predigt ist über die Pressestelle des Erzbischöflichen Ordinariats Berlin in voller Länge verfügbar.

Die Predigt am Ostersonntag 2021 des katholischen Bischofs Dr. Gerhard Feige, Magdeburg.

Diese Predigt hat die akuelle Situation der Pandemie und auch die dringende Suche nach Reformen in der katholischen Kirche als Schwerpunkt. Seine Argumente leitet Bischof Feige her von einer knapp gehaltenen, aber auf dem Niveau der kritischen Bibelwissenschaft befindlichen Interpretation des „Auferstehungsgeschens“. Bischof Feige sagt:„Das leere Grab hat keine Bedeutung mehr. Es geht auch gar nicht darum, was mit dem Körper Jesu passiert ist. Es geht darum, dass Jesus von nun an nicht mehr unter den Toten, sondern unter den Lebenden zu finden ist. Er ist auferstanden“

Eine treffende Aussage, die keinen falschen Wunderglauben erzeugt: Der tote Körper Jesu ist für uns unerheblich, sagt Bischof Feige. Mit anderen Worten: Im Grab kann auch noch der Leichnam liegen. Jesus ist trotzdem der auf andere Art lebendig. Wichtig sind für Bischof die Konsequenzen dieser Einsicht: „Ja, der Auferstandene ist uns längst vorausgegangen, und es ist an uns, ihn zu erspüren: in den Problemfeldern und Wunden dieser Welt, in unserer eigenen Angst und Ohnmacht, aber auch in unserer Sehnsucht und Hoffnung – und in unserem Mut und unserer Kreativität, womit wir versuchen, der Resignation zu trotzen und als Kirche neue Wege zu gehen“.
Die Predigt kann nachgelesen werden: LINK

Zu den Aussagen zur Auferstehung Jesu von Kardinal Rainer Maria Woelki, KÖLN 2021

1.
Zum eher kurz gefassten „Ostergruß“ (offenbar bestimmt an alle Gemeindemitglieder) Kardinal Rainer Maria Woelkis am 3.4.2021:
Woelki bezieht sich dabei auf die von ihm so genannte „Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs“, dabei erlaubt er sich, diese mit dem Wegwälzen des Steins am Grabe Jesu zu verbinden. Wörtlich schreibt Woelki:

„Auch im Zusammenhang mit der schmerzlichen Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch im Erzbistum Köln liegen schwere Monate hinter uns. Mit dem kürzlich vorgestellten Gutachten ist nun ein erster Stein weggewälzt. Jetzt müssen wir hinschauen, um Entscheidungen für eine bessere Kirche zu treffen. Erste Schritte haben wir bereits eingeleitet, weitere müssen und werden folgen. Ich habe die Hoffnung, diesen Weg mit Ihnen gemeinsam gehen zu können. Lassen Sie uns dabei verbunden im Glauben auf den auferstandenen Christus schauen“. Quelle: https://www.erzbistum-koeln.de/news/Ostergruss-2021-von-Kardinal-Woelki/)

2.
Zur Oster – Predigt im Hohen Dom zu Köln am 4.4.2021:
Woelki erzählt, vermischt aus Zitaten mehrerer Evangelien, die ja bekanntlich je Unterschiedliches zur Auferstehung Jesu sagen, vor allem die Begegnung der Frauen am leeren Grab und dort mit dem Auferstandenen Jesus wieder. Eine übliche und seit Jahrhunderten praktizierte Nacherzählung also.

Interessant ist, was Woelki dann sagt: Dass Maria am Grabe Jesu vom auferstandenen Jesus „jenseits der Todesgrenze, nämlich von der Zukunft Gottes her, beim Namen“ gerufen wird. Eigentlich ein richtiger Ansatz. Aber es wird nicht erklärt, dass der auferstandene Jesus selbstverständlich kein lebendiger Leichnam ist, sondern eine geistige Realität, die in der unsterblichen Seele aller Menschen ihre Begründung hat. Genauere Erklärungen werden aösp nicht geboten. Woelki driftet sofort ab zur religiösen Praxis der Katholiken heute, also Hinweise auf die Taufe, den Zweifel überwinden usw.
Also: Klarheit über die Auferstehung wird nicht geboten.
Das Grab Jesu ist NICHT leer und Jesus lebt trotzdem: Diese selbstverständliche Aussage wagt auch Woelki nicht zu sagen. Er schwadroniert also, wie die meisten, ignoriert die theologische und bibelwissenschaftliche Forschung… Alles bleibt wie immer in einem frommen Nebel. Man möchte wünschen, dass diese Prediger das Buch des katholischen Theologen Hans Kessler „Auferstehung?“ (Grünewald -Verlag, 2021) lesen und ihre Gemeinden auch zu Ostern auf den Stand theologischer Erkenntnis bringen.

Quelle: https://www.erzbistum-koeln.de/erzbistum/erzbischof/dokumente/210404_rcw_pr_ostersonntag.pdf

Fortsetzung folgt alsbald

Das Nachwort:
Was geschieht, wenn etwa praktische Ärzte unbestrittene Erkenntnisse der medizinischen Forschung ignorieren? Sie werden aufgefordert, ihre Praxis zu schließen.
Was geschieht, wenn heute demokratische Politiker politische und ökonomischen Idealen des 18. Jahrhunderts folgen: Sie verlassen die politische Bühne.
Was aber passiert mit Predigern, Priestern und Bischöfen, die die Ergebnisse der theologischen Wissenschaft zur Auferstehung Jesu ignorieren, aus Angst, Unfähigkeit oder Faulheit, wie auch immer: Diese Herren der Kirche brauchen keine theologische Fortbildung, so predigen sie theologischen Unsinn weiter wie bisher. Bis die Kirchen leer sind.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Über die Unendlichkeit. Zum neuen Film von Roy Andersson.

Zugleich auch Hinweise zum Unendlichen, das die Endlichkeit und das Endliche in sich umfasst. Inspiriert von Hegel und (am Schluss) mit einem Zitat des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy.

Von Christian Modehn, zuerst publiziert am 21.9.2020. Überarbeitet publiziert am 29.3.2021.

1.
Der neue Film von Roy Andersson „Über die Unendlichkeit“ liegt nun endlich als DVD, auch auf Deutsch, vor. Andersson zeigt wie in früheren Filmen wieder Denk-Bilder, vielfältige Szenen, die ins Philosophieren führen. Ein großartiger, gelungener Versuch! Denkbilder entstehen nur, wenn die Bilder wirklich stehen, wenn keine Schnitte geschehen, wennalles ruht, sich darbietet zum Schauen, Betrachten und Verweilen. Und diese Bilder Anderssons prägen sich dem Gedächtnis ein, so werden sie Denkbilder. Und man schaut dann wütend auf die Flut der rasanten Schnitte der schnellsten action, die uns heute in den meisten Filmen das Zuschauen verderben.
2.
Der Titel „Über die Unendlichkeit“ lässt keinen Zweifel, dass es Andresson entschieden um die Frage nach dem Ewigen, dem Göttlichen und Gott geht. Auch die Fragen nach einem echten Leben in freundlicher Achtsamkeit und Solidarität führt ja bekanntlich als ethische Frage ins Religiöse. Ein lutherischer Pfarrer hat in dem Film ein Problem: „Wenn man den Glauben verloren hat, was kann man dann noch tun?“ fragt der Pfarrer, der Hilfe bei einem hilflosen Psychiater sucht. Wenn er in seiner Not am Ende der Sprechstunde erneut Beratung sucht, wird er rausgeschmissen. Der Arzt darf seinen Bus nicht verpassen…
3.
Die vielfältigen Bilder werden durch eine Kommentatorin eingeleitet bzw. begeleitet, die OFF-Stimme beginnt immer mit den Worten: „Ich sah einen Mann“…bzw. „Ich sah eine Frau“. Wer das Neue Testament kennt, wird dabei deutlich an das Buch „Apokalypse des Johannes“ (Offenbarung des Johannes) erinnert. Die allermeisten Kapitel dieses Buches werden mit den Worten „Und ich sah…“ eingeleitet. Andersson bindet seinen Film also an apokalyptische Erfahrungen. Das macht schon die eindrucksvolle Szene deutlich, in der ein eng umschlungenes Liebespaar über die zerstörte Stadt Köln schwebt. Man denke auch an die lange Einstellung, die Gefangene zeigt auf dem Weg ins Straflager Sibiriens. und das Ewige und Bleibende wird sozusagen naturwissenschaftlich angesprochen in einem Bild: Studenten unterhalten sich über die Gesetze der Thermodynamik, über das Erhaltenbleiben der Energie…Die Studentin möchte dann lieber als Tomate denn als Kartoffel nach Millionen Jahren wieder auftreten, auf Witz und Ironie kann Roy Andersson niemals verzichten.
4,
Der Film ermuntert natürlich, philosophisch weiter über das Unendliche nachzudenken. Bei dem Thema kann ich auf Hinweise zu Hegel nicht verzichten. Hegel ist DER Denker des Verbundenseins von Endlichem und Unendlichem.
5.
Zum Phänomen des Endlichen: Das Endliche ist das Geschaffene, Begrenzte, Sterbliche, Zerstörbare, auf andere Verwiesene und von Anderen Abhängige. Der Mensch fühlt sich manchmal autonom; dabei weiß der endliche Mensch, dass er nicht aus eigener Kraft entstanden ist, dass er etwa die körperlichen Funktionen im eigenen Leib nicht wirklich selbst bestimmen und steuern kann, dass er nicht nur nicht sein Geborenwerden bestimmt hat noch – wahrscheinlich – die Stunde des eigenen Sterbens kennen wird.
Menschliche Autonomie gibt es, „Gott sei Dank“, aber sie ist doch sehr begrenzt. Und dennoch erleben wir und wissen wir endliche Wesen manchmal, dass wir über das Endliche hinausreichen, in einer Art geistigen Dynamik, die uns Grenzen und Begrenzungen, also Endliches, überschreiten lässt.
6.
Schon in der „Differenzschrift“ Hegels, verfasst in jungen Jahren, 1801 in Jena, geht es in dem ersten Kapitel um die Überwindung des üblichen „alltäglich geglaubten“ Gegeneinanders von Endlichem und Unendlichem, ein Thema, das Hegel sein ganzes Leben beschäftigt. In der „Differenzschrift“ heißt es (zitiert nach der Suhrkamp Ausgabe, Band 2, Seite 21): “Das Unendliche, insofern es dem Endlichen entgegengesetzt wird, …drückt für sich nur das Negieren des Endlichen aus“.
Damit will Hegel sagen: Ein Unendliches, das sich nur im permanenten Negieren des Endlichen zeigt, ist das, wie er sagt, „unwahre Unendliche“. Wie kommt Hegel zu dieser Erkenntnis?
Wir überscheiten im Denken ständig das Endliche, „negieren“ es, schreiten von einem Endlichen zum nächsten Endlichen, das wir dann auch wieder als Endliches überwinden. Das ist gerade in den Naturwissenschaften ein normaler Vorgang, der grenzenlos erscheinende, deswegen unendlich genannte Weg von einem Endlichen zum anderen.
Wie auf einer Linie ohne Ende schreitet förmlich das Denken von einem zum anderen, dem besser Erkannten. Gerade jetzt, in Zeiten der Corona-Pandemie, erleben wir, wie die Forschung sich langsam von einer Erkenntnis zu nächsten vortastet. Diese Forschung ist, indem sie immer alte endliche Erkenntnisse negiert, ein unendlicher Prozess, und es ist gut, dass ihn Forscher betreiben.
7.
Aber ist dieser unendliche Weg der Überwindung einer Endlichkeit zu einer anderen Endlichkeit schon eine Erfahrung der Unendlichkeit? Ist Unendlichkeit Grenzenlosigkeit auf einer horizontalen Linie, auf der wir von einer endlichen Erfahrung zur nächsten gehen?
Hegel sagt dazu entschieden Nein, so sehr er auch die oben beschriebene Forschung als Fortgang von einem Endlichen zum nächsten schätzt und für notwendig hält.
8.
Die wahre Unendlichkeit zeigt sich erst, wenn der Mensch in seinem Geist diese gerade beschriebene ständige Überwindung des Endlichen noch einmal reflektiert und fragt, wie ist sie eigentlich möglich? Welche innere geistige Kraft treibt mich über jedes Endliche hinweg zum nächsten Endlichen?
Und dabei wird entdeckt: Es lebt eine Kraft im menschlichen Geist, die diese Dynamik des Lebens im Endlichen (auch im Forschen des Endlichen) sozusagen ständig belebt und ermöglicht. Schon 1801 in der genannten „Differenzschrift“ (S. 25) schreibt Hegel: „Die Aufgabe der Philosophie besteht darin, das Endliche IN das Unendliche als Leben zu setzen“.
Das heißt: Das Endliche, also auch der Mensch, ist in das Unendliche hineingesetzt, als Bedingung der Möglichkeit seines geistigen Lebens.
9.
Das wahre Unendliche im Sinne Hegels ist die im Inneren des menschlichen Geistes anwesende, sozusagen „vertikal“ ins Innere gelagerte Unendlichkeit, dies ist für Hegel der unendliche Geist, man könnte im Sinne Hegels sagen: Das Göttliche, Gott.
Diese Erkenntnis mag für einige heute ungewöhnlich sein:
Hegel betont: Es ist die Anwesenheit des unendlichen Geistes (als des Geistes des Unendlichen, also Gottes), die das geistvolle Leben, dieses ständige Suchen nach dem Unendlichen ermöglicht. DIESE Unendlichkeit drückt sich in der Wirklichkeit aus, wenn der Mensch, künstlerisch, schöpferisch tätig ist, voller Phantasie, die den Alltag überschreitet. Der Mensch formt sich dann auch Religionen, schafft sich in bunten Erzählungen die heiligen Schriften (Bibel, Koran usw.). Der endliche Mensch liebt den und die anderen, dabei schwingt er manchmal aus sich heraus; er steigert sein Selbstgefühl.
10.
Der Mensch ist das transzendierende, d.h. die eigene Endlichkeit überschreitende Wesen.

Das (schöpferische) Unendliche umfängt förmlich als innere Struktur im Endlichen das Endliche, ohne dieses in seiner Freiheit und Tätigkeit einzuschränken. So wird das Endliche, also der endliche Mensch, nicht nur zum Überschreiten jeglicher Endlichkeit aufgefordert. Das Endliche weiß zudem, dass er gleichzeitig mit dem unendlichen Geist verbunden ist. So gibt es also eine wahre Einheit von Endlichem und Unendlichem.

11.
Was hat das alles mit dem Film „Über die Unendlichkeit“ zu tun? Die vielen Beispiele des Verstricktseins in die Endlichkeit, in das Leiden der Menschen, werden wenigstens gedanklich versöhnt, weil im Nein zu diesen endlichen Situationen ein Licht der Anwesenheit des Unendlichen aufleuchtet. Dieses Licht bleibt, es kann von Menschen übersehen, totgeschwiegen, aber nicht „abgeschaltet“ werden. Der Geist lässt sich nicht töten!
Diese Erfahrung der wahren Unendlichkeit inmitten des (Schreckens des) Endlichen kann man ein Aufleuchten von Transzendenz nennen.
Insofern ist der neue Film von Roy Andersson „Von der Unendlichkeit“ nicht nur ein philosophischer, sondern ein leiser Film schwacher religiöser Sehnsucht.
Aber diese Sehnsucht nach dem Unendlichen ist nicht ein Spleen, schon gar nicht ein Wahn, diese Sehnsucht ist vielmehr selbst „geistgewirkt“, sie weckt eine begründete Hoffnung, nicht in der Endlichkeit zu versinken.

12.
Das ist der praktische Sinn, wenn Hegel auf die wahre Unendlichkeit hinweist: Die unwahre, also die bloß horizontale und immer endliche Unendlichkeit bleibt ja bestehen, und sie muss zum Beispiel als Gestalt der endlosen Forschung bestehen bleiben.

Aber erst wenn auch die wahre Unendlichkeit erkannt und bewusst erlebt wird, auch als die innere Ermöglichung der endlosen, horizontalen Unendlichkeit, findet der menschliche Geist seine Erfüllung. Man möchte sagen seine seelische Harmonie und lebendige Beruhigung, ja auch dies: seinen Frieden, trotz aller Katastrophen, die nun einmal in den vielen Endlichkeiten auftreten.

Ein Zitat von Jean-Luc Nancy: „Wir sind unendlich. Unendlich sein heißt nicht, unendlich lange zu leben. Es heißt, dass es etwas in uns gibt, was nicht von der Zeit abhängig ist. Etwas, das über die Zeiten trägt, das uns nicht auf unsere kurze Lebenszeit reduzieren lässt„. (Aus einem Gespräch, das Michael Magercord mit Jean-Luc Nancy geführt hat).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Auferstehung? Zu einem neuen Buch des Theologen Hans Kessler.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die Überzeugung von der Auferstehung Jesu von Nazareth ist umstritten, ungewöhnlich, sie sprengt Grenzen des Verstandes. Für einige ist sie berauschend, für andere lächerlich. Immer aber wird zur Auferstehung Jesu von Nazareth dann doch sprachlich Stellung genommen, also mit dem Anspruch zu argumentieren. Es gibt auch Versuche der kritischen Vernunft, für die Möglichkeit der Auferstehung zu plädieren. Diese Versuche verdienen genauso viel Aufmerksamkeit wie manchmal übereilt erscheinende Abweisungen.

1,
Der katholische Theologe Hans Kessler (Prof. em. für systematische Theologie an der Uni in Frankfurt/M.) publiziert seit vielen Jahren zu einem ziemlich wichtigen Thema, bei dem es um den Umgang mit Leben und Tod und dem „Danach“ geht, also zur Auferstehung Jesu von Nazareth bzw. zum Thema Ostern in den christlichen Kirchen. Vor allem seine umfangreiche Studie „Sucht den Lebenden nicht bei den Toten“, zuerst 1985 erschienen, dann später sehr stark erweitert, hat ihn als katholischen „Auferstehungs-Spezialisten“ in Deutschland bekannt gemacht. Kessler versucht, das umstrittene, heftig debattierte Thema Auferstehung argumentativ zu erschließen. Also nicht, wie oft in Predigten üblich, die Worte aus den Evangelien bloß zu wiederholen oder in frommem Jubel zu rezitieren. Kessler nennt Gründe, warum die Überzeugung von der Auferstehung Jesu und der Auferstehung der Menschen vernünftig plausibel sein kann. Wer mathematische Beweise in Philosophien und Religionen verlangt, ist sowieso falsch beraten… Kessler zeigt zudem, dass dieser Glaube eine Lebensdeutung, eine Art Lebensphilosophie sein kann, die selbstverständlich im Sinne der Auferstehung als „politischer Aufstand für die Gerechtigkeit“ auch politische Dimensionen hat. Darum werden auch die bekannten Gedichte von Kurt Marti und Marie Luis Kaschnitz gewürdigt.
Das neue Buch ist also zu empfehlen, als Einstieg zum Thema.
2.
Das vom Umfang her eher knappe Buch (170 Seiten eigener Text, 26 Seiten Quellenangaben!) hat den Titel: „Auferstehung?“ (mit Fragezeichen), das ist wichtig, um die Offenheit der Reflexionen gleich zu Beginn anzudeuten! Der Untertitel ist: „Der Weg Jesu, das Kreuz und der Osterglaube“. So wird von vornherein betont: Die Auferstehung Jesu kann überhaupt nur im Zusammengang seines ganzen Lebens und dann seiner Verurteilung und seines Sterbens verstanden werden. Denn um ein vernünftiges Verstehen geht es ja.
3.
Das Buch präsentiert sich systematisch, und darin zeigt sich es fast als kleines gut zugängliches „Lehrbuch“, auch für Studenten und Arbeitskreise geeignet. Es beginnt also mit Erläuterungen zu den unterschiedlichen Quellen zum Leben Jesu von Nazareth, das Buch betont Jesu „Schlüsselerfahrung und Grund-Botschaft“. Dann folgen längere Erklärungen zu den Gründen für Jesu Verurteilung und Kreuzigung. Sehr deutlich sagt Kessler, dass sich Jesus durch sein ungewöhnliches Leben und seine Botschaft „in Gegensatz zu maßgeblichen Kreisen seines Volkes“ stellte (40). Und: „Jesus geriet in Gegensatz zur geltenden Doktrin und ihren Hütern“ (ebd). Man dürfte dann konsequenterweise beschreibend und nicht bewertend sagen: „Jesus der Jude ist in gewisser Weise aus der herrschenden Theologie seines Volkes herausgewachsen“. (Das ist meine Hypothese, C.M.)
4.
Mit Nachdruck weist Kessler darauf hin: Die vier Oster-Berichte der Evangelisten sind sehr reichhaltig ausgeschmückte und phantasievolle Predigten, sie sind selbstverständlich absolut KEINE historischen Berichte. Wer sie als Tatsachenberichte liest und so noch heute mit einzelnen Sätzen zitiert, irrt gewaltig! Und fördert eher die religiöse Naivität, wenn nicht Dummheit. Hingegen muss beachtet werden: Kurze Sätze, Bekenntnisse, die von der Auferweckung Jesu sprechen, gibt es schon sehr früh mündlich überliefert, dann vor allem in vielen Paulus-Briefen, etwa schon im Jahre 50 im 1. Brief an die Thessalonicher: 1. Thess 1, 10, auch 4,14 usw.
Die Auferstehung Jesu als Ereignis im Bewusstsein der Jünger Jesu hat selbstverständlich kein präzises Datum. Leider, das gibt Kessler zu, haben viele „wunderschöne“ Gemälde großer Künstler das direkte, materiell greifbare Auferstehungsgeschehen übertrieben viel zu sachlich sachlich – drastisch geschildert, wie etwa Caravaggios bekanntes Gemälde vom „Ungläubigen Thomas“ von 1601: Thomas greift förmlich, von Jesu unterstützt, in dessen Seitenwunde der Kreuzigung. Kessler hält dieses „künstlerisch großartige Gemälde“ aber theologisch für irreführend und missverständlich (95). Solche Bilder, naiv interpretiert, haben den Glauben an das geistige Auferstehungsgeschehen als Bewusstseinsgeschehen eher gestört, wenn nicht ins Infantile geschoben. Die so genannte christliche, eigentlich „katholische Kunst“ des überschwänglichen Barocks hat meiner Meinung nach den Glauben oft verfälscht, man denke auch an die vielen maßlosen Mariendarstellungen oder an den „Gott Vater“ als alten Mann mit Bart. Man versteht in dem Zusammenhang vielleicht die Abwehr reformierter Christen gegenüber „religiöser Kunst“.
5.
Das ist zentral also in den Erfahrungen der Jünger und FreundInnen Jesu: Sie erlebten nach Jesu Tod einmal mehr, aus welcher spirituellen Mitte Jesus lebte: Es ist „seine ureigene Gotteserfahrung“ (49), seine Gottunmittelbarkeit. So wird er als „der Gott ganz entsprechende Mensch“ erlebt.Diese Erinnerung ist dann prägend und bestimmend.
6.
Damit sind wir bei dem, was Auferstehung Jesu genannt wird. Die Jünger erinnern sich nach Jesu Tod (um das Jahr 30) weiter an diesen ungewöhnlichen Menschen, „der ganz Gott entsprach“. Dieser gottverbundene Mensch mit seiner Botschaft von der Herrschaft Gottes, kann nicht im Tod versinken. Denn in ihm „lebt Gott“. Die Jünger „produzieren“ also in gewisser Weise den Glauben an die Auferstehung, wie es der Bibelwissenschaftler Ulrich B. Müller in seinen Studien zeigt. Aber, und das wird leider meines Erachtens nicht deutlich gesagt: Dieses menschliche „Produzieren“ der Auferstehung ist dialektisch gesehen ZUGLEICH ein Werk des göttlichen Geistes, der ja auch in den „produzierenden“ Menschen lebt, zu dem sie frei Stellung nehmen können.
7.
Der im Bewusstsein der Gemeinde lebendige, auferstandene Jesus kann also durchaus als menschliche Leiche im Grab liegen. Wo sollte auch ein Leichnam hin? Und wenn Jesu leibhaftig wieder da wäre als der „Alte“, dann müsste er ja erneut irgendwo sterben, dann beginnt die Frage der Auferstehung von neuem… Die Frage, was aus dem Grab Jesu „eigentlich“ dann wurde, interessiert die Gemeinde derer, die an die Auferstehung glauben nicht mehr. Erst später, im 4.Jahrhundert, wurde der Kult um Jesu Grab inszeniert, im Rahmen des Wallfahrtswesens.
Hans Kessler betont darum wie in früheren Publikationen schon eigentlich die Selbstverständlichkeit: Nach damaliger auch schon jüdischer und dann christlicher Auffassung musste das Grab nicht leer sein“ (87).“Das leere Grab ist kein notwendiger Bestandteil des christlichen Auferstehungsglaubens“ (ebd.)
8.
Die Auferstehung verstehen – das ist für einige vielleicht doch noch ein zentrales Thema zu Ostern! Dies erfordert einen anspruchsvollen Prozess des Nachdenkens und Forschens, der Befreiung von der üblichen immer noch praktizierten infantilen Bibellektüre. Also die Korrektur so schön überlieferter, aber banaler Denk-Bilder. Sehr schön zeigt Kessel auch in philosophischen Reflexionen, etwa mit Verweis auf Boethius, was eigentlich der Begriff „Ewigkeit“ bzw. „ewiges Leben“ bedeutet, der ja entscheidend ist für ein christliches Verstehen der Auferstehung aller Menschen: Denn das ist ja die Bedeutung der Auferstehung Jesu: Alle Menschen sind als „Geschöpfe Gottes“ zur Auferstehung als Todesüberwindung berufen und befähigt. „Ewiges Leben könnte, vorsichtig formuliert, darin bestehen, dass endliche vergängliche Geschöpfe an Gottes unvergänglicher (ewiger) Lebendigkeit Anteil bekommen“ (159). Man beachte also immer wieder: Jesu Auferstehung zeigt die grundsätzliche Auferstehung (als „Übergang“ in Gottes Ewigkeit) ALLER Menschen. Das ist förmlich der Sinn von Jesu Auferstehung: Zeigen, dass alle Menschen auferstehen.
9.
Gerade an der Stelle hätte ich mir eine Ausbreitung dieses Gedankens gewünscht: Wenn von Gott oder dem schöpferischen göttlichen Prinzip die Rede ist: Dann muss auch davon gesprochen werden, dass dieser allseits schöpferische Gott (und als Gott der Ewige) Welt und Menschen „erschaffen“ hat (in einer evolutiven Entwicklung). Und dass dann aber dieser schöpferische Gott als göttlicher Geist IN der Welt und IN den Menschen immer schon anwesend ist. Eine von Gott dem Schöpfer getrennt bestehende Welt der Menschen ist undenkbar, wenn man an dem Gottesbegriff festhalten will.
Das bedeutet: Nur weil der ewige Gott als Geist (Seele) in jedem Menschen ist, natürlich auch im Menschen Jesus, kann es überhaupt Auferstehung geben als die Erfahrung: Der Mensch hat kraft seines Geistes am Ewigen Anteil. Und dieses Ewige ist im Leben erfahrbar, etwa in der Liebe oder dem Tun des Gerechten. Leider erwähnt Hans Kessler nicht die in dem Zusammenhang wichtige Studie des protestantischen Bibelwissenschaftlers, Prof. Stefan Alkier (Uni Frankfurt.M) „Die Realität der Auferstehung“ (2009): „Die Welt, alles Leben und auch das je meinige Leben entspringen […] nicht einem blinden Zufall, sondern der intentionalen Kreativität des sich liebevoll in Beziehung setzenden Gottes.“ „Wer diese Hypothese nicht teilt, kann auch nicht mit den Schriften des Neuen Testaments […] von der Auferweckung Jesu Christi und der Hoffnung auf die Auferweckung der Toten sprechen“ (S. 238).
10.
Diese Erkenntnis hat Jesus von Nazareth offenbart und dadurch allen Menschen zugänglich gemacht. Dies ist also der entscheidende Vorschlag der christlichen Religion und der biblischen Überlieferung: Das menschliche Leben ist im Zusammenhang des schöpferischen (ewigen) Gottes zu verstehen. Nur weil das menschliche Leben immer schon in das Leben des Ewigen einbezogen ist, „gibt“ es die Auferstehung Jesu und die Auferstehung aller anderen Menschen.
Diese Erkenntnis wurde bekanntlich auch vom Philosophen G.W.F. Hegel vorgetragen und begründet.

Siehe auch den ausführlichen Beitrag von Christian Modehn, „Die Auferstehung Jesu von Nazareth vernünftig verstehehen“, LINK

Hans Kessler, Auferstehung? Matthias Grünewald Verlag Mainz, 2021, 203 Seiten, 22 Euro.

Voltaire zeigt: Der christliche Glaube sollte sich von vielen Dogmen befreien.

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Gibt es einen einfachen, also einen weithin von Dogmen befreiten und von der Vernunft begründeten christlichen Glauben? Der Philosoph Voltaire ist davon überzeugt und er setzt sich in seinen Büchern dafür ein, meist in Auseinandersetzung mit dem dogmatischen Denken des Philosophen Blaise Pascal.
Es lohnt sich, Voltaires Erkenntnissen zu folgen. Gerade heute, wo die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in Europa aufgrund eigenen Versagens verschwindet und spirituell Fragende von den vielen Lehren, Moralprinzipien und Dogmen zurecht nichts mehr wissen wollen…

2.
Ich beziehe ich mich auf das neue Buch des bekannten Philosophiehistorikers und Philosophen Kurt Flasch: „Christentum und Aufklärung. Voltaire gegen Pascal“ (2020). Es ist in vielfacher Hinsicht anregend und wichtig, es ist sozusagen eine viel ausführlichere Studie als der Essay: „Voltaire gegen Pascal“ aus dem Buch von Flasch „Kampfplätze der Philosophie“ (2008), dort die Seiten 331 – 347.
Um die durchaus aktuellen Gedanken Voltaires vorzustellen, muss an einige grundlegende Erkenntnisse, „Voraussetzungen“, erinnert werden, die Kurt Flasch in seiner neuen umfangreichen Studie vorstellt.

3.
Grundsätzlich gilt für den Philosophiehistoriker Flasch: Voltaire als Atheisten zu verstehen ist falsch (S. 412). Diese populäre, oberflächliche Deutung ist bis heute in kirchlichen Kreisen noch gängig, dieses Vorurteil verhindert eine für die Kirchen gefährliche, aber fruchtbare Auseinandersetzung mit Voltaire. Er war aber auch kein „Deist“, also ein Denker, der an einen fernen, an der Welt desinteressierten „Uhrmacher – Gott“ glaubt .
Voltaire war nicht nur Theist, (also bezogen auf einen transzendenten Gott, der sich um seine geschaffene Welt kümmert), sondern er war Christ, ein Christ allerdings der besonderen, der kritisch reflektierten Art. „Voltaire hat intensive theologiegeschichtliche Studien betrieben“ (S. 364). „Er hat das Wissen von Lorenzo Valla, Erasmus, Servet, Fausto Sozzini, Denis Pétau und Richard Simon zusammengefasst“ (S. 412), also das Wissen der bekannten Humanisten und historisch – kritisch forschenden Theologen und Bibelwissenschaftler im 16. Und 17. Jahrhundert. Diese genannten Wissenschaftler erschütterten das klerikale und machtvoll durchgesetzte System des veralteten üblichen Wissens. Sie wurden also an den Rand der damaligen Wissenskultur gedrängt, wenn sie nicht sogar als „Irrlehrer“ verfolgt wurden.
Aber „dieses Wissen hat Voltaire gegen Pascal zur Geltung gebracht. Er versuchte, den Grundbestand des Theismus zu sichern, indem er ihn von der Metaphysik auf die Moral herüberzog“ (ebd.). Flasch weist darauf hin, dass dieser Ansatz dann von Immanuel Kant eine ausführliche Vertiefung fand, als dieser Religion in der praktischen Vernunft gegründet wusste.
Noch einmal: Voltaire ist ein theistischer Christ der besonderen, der modernen Art. Jedoch: „Die Dogmen der Welterschaffung, der moralischen Weltregierung und der Gottebenbildlichkeit des Menschen hat er nie aufgegeben, ebenso wenig die christliche Ethik in einer nicht-augustinischen Interpretation“ (402). Voltaire hat sozusagen die Zahl der glaubenden Hypothesen reduziert, er hat dadurch die Menschheit entlastet von allerhand mysteriösem Ballast.
Voltaire weiß, in welchem tiefen geistigen Umbruch er lebt, er will ein vernünftiges Christentum bewahren. „Voltaire hielt das Christentum für gesellschaftlich wünschenswert, sogar für unentbehrlich (290). Und das ist etwas ganz anderes als das leidenschaftliche religiöse Engagement Pascals: Flasch schreibt: „Pascal rettete das Christentum indem er allen blutgetränkten mythologischen Tiefsinn, den er bei Moses, Paulus und Augustin finden konnte, zur Aktualisierung des Christentums aufbot. Vom Irrationalsten (=Erbsünde, C.M.) und Unmöglichen lenkte er dunklen Glanz auf den dogmatischen Altbestand“ (291).

4.
Voltaire will also, wie Pascal hundert Jahre zuvor, den christlichen Glaubens „retten“, so wörtlich Kurt Flasch, und zwar gegen andringende Freigeister und Atheisten, aber auch vor den maßlosen dogmatischen Ansprüchen der Hierarchen und ihrer Theologen. Pascal hatte dies noch auf seine Art etwa in den Notizen, den „Pensées“ versucht. Aber er hatte keinen Respekt vor der historischen Kritik der Bibeltexte oder der philosophischer Religionskritik. Pascal hatte sich absolut an das theologisch wie historisch – kritisch unbegründbare „Mysterium der Erbsünde“ gebunden, die Erbsünde rückte in den Mittelpunkt seines Denkens. „Er machte sie zur zentralen Idee des Christentums“ (S. 414). Die Verdorbenheit der ganzen Menschheit und die Teilhabe nur weniger Erwählter an der Gnade im Sinne des späten Augustinus war für Pascal entscheidend, er wollte das von ihm gedeutete totale Elend der Menschen durch Bezug auf das ideologische Konstrukt Erbsünde des späten Augustinus verstehen. Darin folgte Pascal auch der Bindung an Augustin, die die Reformatoren Luther, Calvin und später auch der katholische Bischof Jansenius bzw. die Jansenisten über alles pflegten und liebten.

5.
Mit vielen Argumenten und Belegen spricht Kurt Flasch auch in seinem neuen Buch von seiner wissenschaftlichen Abwehr der Erbsünden – Ideologie des Augustinus, die sich verheerend auswirkte in der Kirchengeschichte, nicht nur bis zu Pascal, sondern darüber hinaus. „Voltaire ruft Pascal zu, seine Argumentation (bezogen auf die Allmacht des Konstrukts Erbsünde) schaffe Atheisten“ (S. 415). Denn sie mache den Glauben lächerlich, indem behauptet wird: Später Geborene sollen schuldig sein an der Schuld eines Früheren, nämlich des Herrn Adam. Und diese Schuld solle sich durch alle Zeiten aller Völker im „Geschlechtsverkehr“ übertragen. Und überhaupt: Nur wenige Christen werden von diesem Zornes – Gott gerettet. Die meisten sind die „massa damnata“, die verurteilte Masse derer, die zur Hölle bestimmt sind von Gott persönlich.
Was für ein Grauen wird da behauptet, auch durch Pascal. Er mag ja hübsche Sätzchen zitierfähig über das Wesen des Menschen geschrieben haben seinen „Pensées“, aber etwas zynisch gesagt: Wäre er doch bloß nur Mathematiker geblieben…Ohne ihn hätte das Christentum vielleicht einen erfreulichen Anblick erhalten.
Die offizielle dogmatische Lehre von der Erbsünde ist für Voltaire also ein Konstrukt, ein Willkürakt, den Bischof Augustin gegen besser informierte Theologen (wie Bischof Julian von Eclanum) mit Gewalt durchsetzte.
Auch darauf hat Kurt Flasch seit Jahren nun auch in anderen Studien hingewiesen. Wird seine Forschung beachtet? Ich fürchte nein, wenn man nur z.B. bedenkt, dass dem „berühmten“ Eugen Drewermann nichts anderes einfiel, meine Abweisung der Erbsündenlehre in einem Essay für Publik – Forum als „atheistisch“ zu disqualifizieren. LINK
Es ist also immer die alte Leier, die Kirche glaubt, nur Kraft der Erbsünde bestehen zu können, was in diesem System so falsch ja nicht ist: Denn, so die Dogmatik, von der Erbsünde werden Menschen allein durch die Taufe befreit. Die Taufe aber spendet einzig der Klerus. Also ist der Klerus unverzichtbar, der Erbsünden-Erfindung sei Dank, besonders dir, lieber Augustin.

6.
Hier geht es um etwas anderes, genauso Wichtiges:
In seinem genannten neuen Buch befasst sich Flasch mit den hoch gebildeten italienischen Theologen und Reformatoren Sozzini, vor allem mit Fausto Sozzini(1539-1604) und Lelio Sozzini (1525-562). Um diese Reformatoren, die das klassische Trinitätsdogma aus guten Gründen, wissenschaftlich, historisch begründet ablehnten, bildeten sich Gruppen von Gläubigen, die dann Sozzinianer genannt wurden bzw. Polnische Brüder, weil sich die Sozzininis nach Polen flüchten konnten, das damals relativ tolerant war. Dort errichtete diese christliche Gemeinschaft eine viel beachtete Hochschule in Raków. Bekannt ist der polnische Theologe und Philosoph, der Sozzinianer Andreas Wissowatius (Andrzej Wiszowaty) (1608 in Filipów – 1678 in Amsterdam).
Die Sozzinianer bzw. die „Polnischen Brüder“ waren im Studium der christlichen Traditionen schon weiter als Pascal, „sie kannten die Vielfalt der historischen Wirklichkeit aufgrund ihrer Quellenstudien“ (158). Flasch bevorzugt in seinem neuen Buch die Schreibweise „Socinianer“, ich bleibe bei der üblichen.
Es ist wichtig, dass Flasch auf die Wirkungsgeschichte der Sozzinianer auf die Arminianer hinweist. Arminianer ist bekanntlich eine ältere Bezeichnung für die bis heute in den Niederlanden vor allem bestehende humanistische freisinnige christliche Kirche der Remonstranten (vgl. etwa S.352)
Flasch betont eine „Affinitiät“ Voltaires zu den verfolgten Sozzinianern: „Sie sahen Gott … als den Vater aller Menschen, also nicht nur einer Kirche, schon gar nicht mit Jansenius und Pascal als Gott nur der Auserwählten (S 366).

7.
Eine Art Zusammenfassung:
Kurt Flasch zeigt in seinem neuen Buch, wie Voltaire das Christentum und damit die sich „orthodox“ nennenden christlichen Kirchen von vier Dogmen befreite. Sie hätten, so Voltaire, keine Begründung in der Bibel, vor allem im Neuen Testament. Das alles ist keine „theologische Spielerei“! Voltaire betont: Diese Dogmen sind gefährlich, wenn sie gesellschaftlich und politisch gelebt werden.
Diese vier Dogmen sind:
Der Glaube und das Dogma, dass die Bibel wörtlich unmittelbar von Gott selbst stammt, die so genannte Verbalinspiration der Bibel.
Der Glaube und das Dogma, dass Gott eine Trinität ist, bestehend aus drei Personen und dass Jesus von Nazareth ewig-gleich mit Gott-Vater ist.
Der Glaube und das Dogma, das alle Menschen durch die Schuld des einen Manne, Adam, schuldig wurden (Erbsünde) und dass Jesus von Gott (dem liebenden Vater ?) zu einem Sühneopfer am Kreuz zur „Erlösung“ bestimmt wird.
Der Glaube und das Dogma, dass nur einige wenige wegen der Erbsünde von Gott zur Erlösung vorherbestimmt sind.

8.
Kurt Flasch kommentiert lapidar mit Voltaire: „Da ist kein Glaubensartikel dabei, der nicht Bürgerkrieg verursacht hat“ (S. 422). „Die endlosen (dogmatischen) Wortgefechte wurden Kriegsgründe. Nicht das Christentum war abzuwählen, sondern diese vier dogmatischen Unruheherde und die immer noch kampfbereiten Konvulsionäre“ (also Ultrafromme, charismatisch sich begeistert fühlende Christen, die ihren Glauben in Zuckungen und allerhand Geschrei ausdrückten, C.M.) (422).

9.
Kurt Flasch hält sich mit Aktualisierungen seiner Studien zurück. Am Ende seiner großen Studie „Christentum und Aufklärung“ (2020) deutet er seine Skepsis an: Die Kirchen werden sich wohl kaum für den Weg des einfachen und vernünftigen, von Voltaire beschriebenen Glaubens einlassen. Eigentlich bräuchte die moderne Welt ein anderes Christentum als das herschende. Aber das Christentum, also die großen, sich machtvoll gebenden Kirchen, sind alt geworden, starr, können sich nicht aufraffen zu einer dogmatischen Säuberung ihrer ewig mitgeschleppten Lehren. Die allermeisten Kirchen sind erstarrt, haben Angst vor Neuerungen auch dogmatischer Art, weil dies de Eingeständis eines Irrtums gleich käme. Aber dogmatische Irrtümer gibt es in der Ideologie der römischen Kirche nicht, alles einmal definierte Glaubensgut der Dogmen bleibt, auf Teufel komm raus möchte man sagen.

10.
Was bleibt? Daran denken, dass es noch kleine undogmatische christliche Kirchen gibt. Oder: Den eigenen spirituellen Weg allein oder in kleinen Gruppen gehen. Oder: Voltaire lesen oder eben auch die großartigen Studien von Kurt Flasch. Für ihn wie für uns ist Augustin alles andere als ein Heiliger, in seinen letzten 30 -40 Lebensjahren hat er die Kirchen bleibend vergiftet … mit seinem Erbsünden – Wahn. Manche Erkenntnisse aus seinen literarisch so schönen „Confessiones“ bleiben natürlich bedenkenswert.

Kurt Flasch, „Christentum und Aufklärung. Voltaire gegen Pascal“, Verlag Vittorio Klostermann, 2020, 436 Seiten, 49 Euro.

Von Voltaire empfehle ich als Einstieg das „Philosophische Wörterbuch“, das bei Reclam jetzt neu erschienen ist.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Gegen die Erbsünde. Der Beitrag von Christian Modehn in PUBLIK FORUM

Ohne Erbsünde glauben! Warum sich das Christentum von dieser verhängnisvollen Lehre befreien sollte.

Von Christian Modehn Juni 2017, PUBLIK FORUM.
Erneut veröffentlicht am 24.3.2021 mit einem Hinweis auf eine Antwort Eugen Drewermanns zu diesem Beitrag, Drewermann bietet eine pauschale Verteidigung der Erbsünden – Lehre des Augustinus!

Papst Benedikt XVI. nahm seinen ganzen Mut zusammen, als er am 20. April 2007 die Lehre vom »Limbus puerorum« abschaffte. Diese Lehre, die ein heutiger Christ kaum kennt, geschweige denn nachvollziehen kann, reicht zurück bis in die Anfänge Weiter lesen “Gegen die Erbsünde. Der Beitrag von Christian Modehn in PUBLIK FORUM” »

Kardinal Joachim Meisner duldete als „Marienkind“ sexuellen Missbrauch. Er war selbst ein „Bruder im Nebel“.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 19.3.2021

Ein Vorwort:
Kardinal Meisner hatte als Erzbischof von Köln (1989 – 2014) einen eigenen Aktenordner angelegt mit dem Titel „Brüder im Nebel“. Darin sammelte er fleißig alle Vorwürfe sexuellen Missbrauchs gegen seine Priester. Diese wurden dann nicht bestraft. Er konnte doch seine „Mitbrüder“ nicht verraten!
„Brüder im Nebel“ – auf diesen Titel konnte Kardinal Meisner nur kommen, weil er selbst spirituell und theologisch im Nebel lebte. Das zeigen die folgenden Hinweise. Erzbistum Köln also im Nebel?
—-2017 habe ich einen Beitrag geschrieben: Kardinal Meisner – Ein Kirchenfürst ist tot. LINK

1.
Kardinal Meisner kann nach den Erkenntnissen des 18. März 2021 nicht mehr zurücktreten. Er ist im Himmel, wahrscheinlich. Umbetten, also sein Grab aus dem Kölner Dom entfernen, wird Kardinal Woelki nicht planen. Wo sollte „Eminenz“ denn dann hin? Zurück in seine schlesische (polnische) Heimat Breslau? Ins Land seines intimen Freundes, Papst Johannes Paul II.? Würde der Eminenz sicher gefallen, wo er doch in Köln nie so richtig „warm wurde“…

2.
Die beste Strafe für den „Pflicht verletzenden“ Kardinal Meisner könnte es sein, wenn sich kritische Journalisten und kritische Theologen intensiver mit Meisners „Theologie“ auseinanderzusetzen. Und diese Theologie bzw. Spiritualität hat einen zentralen Mittelpunkt in mythologischen, ausschweifenden Bildern zur Gestalt MARIAs, der Mutter Jesu von Nazareth.

3.
Die These könnte also sein: Kardinal Meisner verehrte Maria wie eine Art Göttin. Und neben dem sanften und bei Meisner ins Spinöse abrutschenden weiblichen göttlichen Prinzip „Maria“ stand das streng männliche, das inquisitorische Prinzip des männlich gedachten Gottes. Ihn setzte Kardinal Meisner mit Macht durch. Gegenüber anders Denkenden, etwa Progressiven, aber nicht gegenüber seinen „Mitbrüdern“, die Untaten begangen hatten im sexuellen Missbrauch. Im Fall des Klerus, der „familiären Mitbrüder“, galt für ihn das marianische Prinzip, des alles Verstehens und Verschweigens.

4.
Ich kann diese Hypothese nur kurz belegen:
Das Argument beginnt am 18.3.2021 in Köln:
„Herrn Dr. Meisner trifft ein Drittel der von uns festgestellten Pflichtverletzungen,“ betont der Strafrechtler Björn Gercke bei der Vorstellung seines Gutachtens zum Umgang des Erzbistums Köln mit sexuellem Missbrauch am 18.3.2021.
Bei Erzbischof Meisner seien 24 Pflichtverletzungen in Zusammenhang mit Missbrauch festgestellt worden. Dabei gehe es größtenteils um die Aufklärungs- und Meldepflicht, aber auch um die Sanktionierungspflicht, die Verhinderungspflicht und um die Opferfürsorge.

5.
Also: Meisner, auf der Seite der alles liebenden Muttergottheit stehend, verzeiht alles, was den Klerus betrifft. Schließlich muss Meisner das alte, angeblich schöne Gesicht der katholischen „Mutter Kirche“ bewahren. Und dieses makellose Gesicht der römischen Kirche wird durch wenigstens nach außen hin makellose Priester garantiert.

6.
Vielleicht dachte Kardinal Meisner beim Verschleiern und Verschweigen der Untaten an seinen Wahlspruch als Bischof und Kardinal: „Spes nostra firma est pro vobis“, „Unsere Hoffnung steht fest für euch“. Das heißt übersetzt: „Ich hoffe für euch Kleriker das Beste, wenn ich eure Untaten verschweige…“ Dieses Zitat hat Meisner dem 2. Korintherbrief Kapitel 1, Vers 7 entnommen. Der vollständige Satz heißt: „Unsere Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: Wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben“. Sah Meisner die sexuellen Missbrauch vollziehenden Priester vielleicht als „Leidende“? Wollte er sie mit seinem Schweigen und Übersehen „trösten“.

7.
Jeder, der Meisner etwas näher kannte, erlebte ihn als weitschweifenden Prediger, er hielt Ansprachen, die immer leicht mysteriös waren und zu abwegigen spirituellen Bonmots neigten, er war halt ein schwadronierender Redner.
Etwa: „Wir werden keinem anderen Stern (gemeint ist der rote Stern der Kommunisten) folgen als dem Stern von Bethlehem“. So Meisner im Jahre 1987 (Siehe etwa: https://www.fr.de/politik/abschied-kantigen-kardinal-meisner-11022873.html)
Dieser Spruch aus der DDR Zeit ist wohl bekannt, aber er zeigt seine Bindung an mythische Bilder als einer Form der Realitätsbeschreibung. Wie soll jemand dem Stern von Bethlehem folgen, wo dieser Stern als solcher bestenfalls den Heiligen Drei Königen bekannt war, diese drei Könige aber sind ihrerseits nur Legende!

8.
Es ist diese Verschiebung des religiösen und (am Beispiel dieses in der DDR geäußerten Spruches) auch des politischen Bewusstseins ins Mythische – Irreale und Spinöse: Am schlimmsten ist wohl die Deutung der Rolle des Priesters durch Meisner: „Wer den Priester berührt, berührt Christus“. Dies sagte Meisner im Rahmen von Priesterweihen, Joachim Frank weist in dem oben genannten Artikel darauf hin. Siehe dazu noch als Ergänzung NR. 15. vom 20.3.2021 weitere Argumente, CM.

9.
Es ist zynisch im Sinne Meisners zu sagen: Wenn ein missbrauchtes Kind gezwungenermaßen einen Priester an bestimmten „Stellen“ berührte, dann hat dieses Kind sicher auch Christus berührt? Vielleicht tröstete sich Meisner mit diesem Gedanken in seinem Verschweigen und Vertuschen?

10.
Diese totale klerikale Meisner Welt wurde abgestützt durch seine spinöse Marien-Frömmigkeit. Theologen, zumal solche im kirchlichen Dienst, würden das Wort spinöse Frömmigkeit sicher nicht verwenden. Religionskritiker und Religionsphilosophen werden niemals darauf verzichten können, es trifft die Sache. Am Beispiel Meisners wird abermals deutlich, wie schnell Religion zum Opium, also zum Stillstand der Vernunft, führen kann.

11.
Kardinal Meisner wollte allen Ernstes ein „Marienkind“ sein. Ja, ein Kind wollte er sein. Behütet und geführt von der Himmelsgöttin Maria. Und er war geradezu ein fanatischer Verehrer der Gestalt Marias, der Mutter Jesu von Nazareth, das verband ihn ganz eng mit dem polnischen Marien-Fanatiker, Papst Johannes Paul II. Und über diese dicke Freundschaft mit dem Papst (Meisner soll mehrfach im Monat bei seinem päpstlichen Freund geweilt haben, auch um Geldspenden abzuliefern) wurde es ihm ermöglicht, allen seinen Einfluss bei der Ernennung von Bischöfen in Deutschland durchzusetzen: Woelki ist ein Meisner „Produkt“, Erzbischof Koch ebenso usw.
Bei unserem Thema ist entscheidend: Die Liebe zur Jungfrau Maria hat förmlich das klare Denken Meisners blockiert im Umgang mit den Verbrechern unter den Priestern. Er sagte am 31. 5. 2009: „Maria bringt uns den Heiligen Geist ins Haus“….Aber es war der heiige Geist des Klerikalismus.

12.
Meisner bekannte ganz offen, dass sein allerliebstes Kirchenlied das Marienlied „Segne du Maria, segne mich dein Kind“ ist. (Quelle: Zeitschrift „Tag des Herrn“, 13.12.2013)

Es lohnt sich, dieses urlalte Lied zu analysieren:
Die liebende Mutter der Kirche beruhigt mit ihrem Segen den erwachsenen Mann Meisner, alles zu tun, um seine eigenen Priester vor der Bestrafung ihrer Untaten zu schützen. Meisner wollte die Opfer des Missbrauchs nicht hören und unterstützen, sondern er vertraute, sozusagen in einem transzendenten Sprung, diese armen Menschen, die Opfer des Missbrauchs, Maria an, wenn er dann in der dritten Strophe des Liedes voller Inbrunst singen konnte:
„Segne du, Maria, alle die voll Schmerz,
gieße Trost und Frieden in ihr wundes Herz.
Sei mit deiner Hilfe nimmer ihnen fern;
sei durch Nacht und Dunkel stets ein lichter Stern“.
Nicht mehr der Mensch, etwa der verantwortliche Kardinal, muss die wunden Herzen trösten, sondern eine imaginierte Maria als Himmelskönigin. Als ein verträumtes spinöses frommes Marien – Kind fühlte sich Meisner, als er am Ende der 1. Strophe singen durfte:
„Laß in Deinem Segen Tag und Nacht mich ruhn!“
Um eine Kirche, die Gerechtigkeit für die Opfer schafft, brauchte sich Meisner dann selbst nicht zu kümmern, er durfte und konnte ja singen: „Deine Mutterhände breit auf alle aus,
„ Segne alle Herzen, segne jedes Haus!“

13.
Seine Eminenz Meisner, das müssen Psychologen (die selbstverständlich nicht kirchenabhängig sind) weiter prüfen, war letztlich ein spinöser und naiv erscheinender mystizierender Frommer, der einfach „abschwebte“. Mit schriller Stimme konnte er predigen, mit vielen Gesten und immer voller Rührung über seine eigenen Worte, mit Tränen in den Augen…
Andererseits war er ein launischer, herrischer Machtmensch, der alle Progressiven vergraulte, wie es ja auch sein päpstlicher Intimus Johannes Paul II., mit Leidenschaft tat. Ich erinnere mich nur an den medialen Aufstand, den Bischof Meisner in West – Berlin anzettelte nach der Sendung meines kritischen Beitrags zum Katholikentag 1980 in Berlin.LINK
Meisner verwandelte Berlin (vor allem West – Berlin) in eine theologische Wüste, alle vernünftigen Priester hatten Angst, es war ein Klima der Einschüchterung. Der bekannte progressive Pfarrer in Berlin – Kreuzberg, Dr. theol. Klaus Kliesch, wurde willkürlich aus seiner Gemeinde vertrieben, Protest nützte selbstverständlich gar nichts.

14.
Mit dem Marienkind Kardinal Meisner war es in Berlin ein Graus. In Köln ja auch. Das müsste nun detailliert aufgebarbeitet werden – bevor Meisners Sarg vielleicht nun doch in seine geliebte schlesische Heimat, auch ein „Marien -Land“, zurückkehrt.

15.
In dem empfehlenswerten Buch „Mythos Maria“ der Germanisten Herman Kurzke und Christiane Schäfer (C.H.Beck Verlag 2014) werden etliche alte Marienlieder historisch – kritisch und literarisch untersucht, darunter auch „Segne du Maria…“(S. 123 – 146). Wichtig ist: Es gibt eine Textfassung, die als „Lied für die Priester“ gesungen wurde (S. 144f.) Die Autoren des genannten Buches schreiben, dieser Text sei „eine mit einer konservativen Priesterideologie parfümierte Version“ (S. 144). In dem Lied aus drei Strophen werden die Priesterhand, das Priesterwort und das Priesterherz beschworen. Vor allem die Priesterhand soll rein bleiben, und die Autoren erinnern daran, dass bei der Priesterweihe die Priesterhand eigens gesegnet wird, sie „sollen stets heilig und ehrfürchtig sein“ (S. 145)… Die Perspektiven, die sich zum sexuellen Missbrauch durch Priester ergeben, sind offensichtlich.

16.
Das liebste Lied Kardinal Meisners, des Marienkindes, in voller Länge:

Segne Du Maria, segne mich Dein Kind.
Daß ich hier den Frieden, dort den Himmel find!
Segne all mein Denken, segne all mein Tun,
Laß in Deinem Segen Tag und Nacht mich ruhn!
– Segne Du Maria, alle die mir lieb,
Deinen Muttersegen ihnen täglich gib!
Deine Mutterhände breit auf alle aus,
Segne alle Herzen, segne jedes Haus!
– Segne du, Maria, alle die voll Schmerz,
gieße Trost und Frieden in ihr wundes Herz.
Sei mit deiner Hilfe nimmer ihnen fern;
sei durch Nacht und Dunkel stets ein lichter Stern.
– Segne Du Maria, unsre letzte Stund!
Süße Trostesworte flüstre dann Dein Mund.
Deine Hand, die linde, drück das Aug uns zu,
Bleib im Tod und Leben unser Segen Du!

Den Text verfasste die Konvertitin Cordula Wöhler (1845 – 1916) am 31. Mai 1870. Karl Kindsmüller (1876 – 1955) hat diese „Poesie“ vertont. Er war ein niederbayerischer Lehrer, Kirchenmusiker und Komponist zahlreicher geistlicher Lieder…
In einigen Bistümern ist dieses Lied noch im offiziellen katholischen Gesangbuch „Gotteslob“ vertreten.

17.
Vielleicht ließe sich mit protestantischen Theologen beim Ökumenischen Kirchentag demnächst ein ökumenischer Workshop zu diesem Lied veranstalten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Das Desaster in Köln – ein Desaster des Opus Dei.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 18.3.2021. Über den hoch belasteten Kardinal Meisner, das „Marienkind“, der in seinem marianischen Wahn die Täter deckte: LINK
1.
Es muss für weitere Recherchen und Studien festgehalten werden:
Das große Desaster der Kirchenführung im Erzbistums Köln ist eng verbunden mit dem Opus Dei:
2.
Weihbischof Dominikus Schwaderlapp (Köln) hat nach der Veröffentlichung der Kanzlei Gercke & Wollschläger am 18.3.2021 dem Papst seinen Rücktritt angeboten.
Schwaderlapp, so berichteten die Medien übereinstimmend, steht dem Opus Dei sehr nahe. Das gleiche gilt sicher auch für Kardinal Woelki, der zwar betont, dem Opus Dei als Mitglied nicht anzugehören. Aber seine Studien an der Opus Dei Universität in Rom haben ihn zweifelsfrei entsprechend sehr konservativ geprägt, an diese Universität hatte ihn ja sein Freund und Förderer Kardinal Meisner geschickt. Und merke: Man muss diesem Geheimclub Oous Dei nicht als Mitglied angehören, um wie das Opus Dei zu denken und zu handeln.
3.
Daran sollte weiter recherchiert werden, weil das Opus Dei sich stets als ultra-gehorsame Kampftruppe des Papstes und der katholischen Gesetze bzw. Gebote verstanden hat.
Aber das stimmt nicht.
Erneut wird nun aber öffentlich, dass einzelne Opus Dei Mitglieder dieser geforderten strengen Beobachtung der kirchlichen Gesetze nicht gefolgt sind. Sie haben kritische Theologen verfolgt und drangsaliert, wie unter vielen anderen Beispielen das Opus Dei Mitglied Kardinal Cipriani in Lima, Peru.
Opus Dei Leute haben sich eigenmächtig und verantwortungslos verhalten, wenn es um den Schutz klerikaler Eigenwelten und der „Mitbrüder“ ging. Bekanntlich sind Priester untereinander immer „MITBRÜDER“. Darin liegt vielleicht ein Schlüssel für alles Vertuschen und Verdecken von sexuellem Missbrauch der „Mitbrüder“…
Es ist diese bekannte Verlogenheit, diese Scheinheiligkeit, die immer wieder bei Opus Dei Mitgliedern und Sympathisanten festgestellt wird. Papst Franziskus hat früher schon Opus Dei Bischöfe abgesetzt. LINK.
4.
Und noch ein Hinweis. Kardinal Woelki, im Geist des Opus Die denkend, hat zum Generalvikar im Erzbistum Köln den bekannten Opus Dei Priester Markus Hoffmann ernannt. So etwas tut man doch nicht, wenn man nicht selbst Sympathisant dieses mächtigen katholischen Geheimclubs ist, das Opus Dei hat bekanntlich seine deutsche Zentrale im „heiligen Köln“.
5.
Weil aber das Opus Dei allein Kardinal Woelki für die Führung des Erzbistums nicht ausreichte, ernannte er ein Mitglied der ebenso konservativen und militant katholischen Bewegung der „Neokatechumenalen“ zu einem weiteren Weihbischof, dies ist Ansgar Puff.Auch er hat inzwischen (am 19.3.2021) gebeten, seine weihbiscjöfliche Funktion ruhen zu lassen. Eine Chance für alle, sich mit seinem „Club“, den reaktionären Leuten vom mächtigen und einflussreichen „Neokatechumenat“ kritisch zu befassen. Ich habe seit Jahren kritisch über diese Leute berichtet. Ein Link z.B. zur Präsenz dieser Gruppe in Berlin: LINK.
6.
Summa summarum: Die Leitung des Erzbistums ist ein theologisch gesehen reaktionäres Konsortium. Das ist das entscheidende Problem im Hintergrund zu den „Fällen“ sexuellen Missbrauchs. Es ist dieser klerikale Mief, möchte man sagen, einer uralten Theologie, der unerträglich ist. Der Mief wird wohl bleiben, weil die katholische Kirche eben Klerus – Kirche bleiben wird … ad aeternum.
7.
Und diesen klerikalen Mief können jetzt viele (Kölner) Katholiken nicht mehr ertragen. Sie befreien sich. Atheisten sind sie gewiss nicht. Aber sie sind nun spirituell befreit, eigene Wege zu gehen…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ein Buchtipp zur Pariser Commune und ein Hinweis auf Bismarcks Beitrag, die Commune zu zerschlagen

Von Christian Modehn

1.
In Frankreich sind zahlreiche neue Studien zur Pariser Commune erschienen, meines Wissens aber keine Arbeiten, die speziell das Thema „Pariser Commune und die Kirche“ diskutieren.
Ich möchte auf einen umfangreichen Band hinweisen, der unter dem Titel „La Commune de 1871 – une relecture“ im Verlag Creaphiseditions 2019 veröffentlicht wurde (sous la direction Marc César et Laure Godineau).
Im Vorwort wird etwa daran erinnert, dass im Jahr 2016, zum 145. Jahrestag der Commune, der Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon ausdrücklich an die Commune erinnert hatte, in einer symbolischen „Eroberung“ des „Platzes der Republik“ in Paris am 18.März.

2.
Unter den zahlreichen Aufsätzen spricht Laurent Le Gall von den Spuren der Pariser Commune im Département Morbihan in der Bretagne unter dem Titel „Le silence et la peur“, „Das Schweigen und die Angst“ (S. 115 ff.):
In der Zeitschrift „La Semaine religieuse du diocèse de Vannes“ wird Ende Mai und Anfang Juni 1871 von der „blutigen Woche“ in Paris sehr ausführlich berichtet bzw. polemisch kommentiert, immer „gegen die aufständischen und gotteslästerlichen Communarden“ (S. 117). Es wurde, schreibt der Autor, ein Bruch konstruiert zwischen „den Leuten da“, also den gotteslästerlichen und anarchistischen Communarden UND den „hier Geborenen, den Frommen, also denen, die die Gesetze gehorsam beachten“.
Diese Zeitung des Bischofs spricht von einer „grauenhaften Komödie“, die sich in Paris – wegen der Commune – abspielt“. Dieses Blatt diente dem Klerus in der Bretagne als Vorlage für die Sonntagspredigten. Diese Ideen fanden also weite Verbreitung. Manche Leser sahen nach der Lektüre der Zeitung „Anzeichen einer Apokalypse, die bald kommt“ (S. 118). Jedenfalls gab es im berühmten Wallfahrstort Sainte Anne d Auray in den Wochen der Commune zahlreiche Konversionen, Bekehrungen, zum Katholizismus – aus Angst vor der Apokalypse.

3.
Interessant ist auch die „micro-analytische historische Studie“ über das Viertel Popincourt in Paris (11. Arrondissement) von Iain Chadwick (S. 254ff). Der Autor berichtet, dass dort die Commune „bien géré“, also gut „gehandhabt“ wurde. Es gab, so zeigt er, dort einen gewissen moderaten Antiklerikalismus, „aber man sah in Popincourt keine Zerstörung einer Kirche“. Der „Club der Proletarier“ versammelte sich in der dortigen Kirche Saint-Ambroise nach dem 7. Mai, aber der Pfarrer setzte die Feier der Messe dort fort“ (S 269). In dem Zusammenhang möchte ich auf den Beitrag „Les Eglises de Paris sous la commune“ hinweisen. LINK

4.
Die Pariser Commune und Deutschland
Ebenfalls ein weites Forschungsthema. Von Bismarck müsste gesprochen werden, der gern die französischen Kriegsgefangenen wieder nach Frankreich ziehen ließ, damit sie dort die auch von ihm verhassten Sozialisten bekämpfen und erschießen, was sie dann auch nachweislich taten (die „blutige Woche“).
Es ist eine Tatsache, dass die Pariser Commune nur durch diese raffinierte Hilfe Bismarcks (Freilassung der kriegsgefangenen französischen Soldaten) blutig niedergeschlagen werden konnte. Bismarck wollte wie der französische Regierungschef Thiers unter allen Umständen eine demokratische Regierung der Arbeiter (in der Pariser Commune vorbildlich organsiert) verhindern und zerschlagen.
Der Sozialdemokrat August Bebel hielt schon am 24. April 1871 im Reichstag eine Rede, die seine Solidarität mit den Arbeitern in Paris ausdrückte. Er freute sich, dass die Communarden die Macht in Paris erobert hatten. Das sagte er schon am 24.April 1871!
Auch darauf weist ein Artikel (von Daniel Mollenhauer) in dem genannten Buch aus den creaphiseditions hin, (S. 446). Ebenso wird aber auch daran erinnert, dass die nationalistischen Deutschen Frankreich als den Erbfeind betrachteten. Daniel Mollenhauer weist auch auf eine Studie zu den Predigten der deutschen Militärpfarrer 1870 hin (Christian Rak, „Krieg, Nation und Konfession“, Paderborn 2004).

FORTSETZUNG der Berichterstattung folgt…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Homosexuell Liebende erhalten nicht den Segen Gottes!

Die Glaubensbehörde im Vatikan weiß genau, wen Gott segnet und wen nicht.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 15.3.2021 anläßlich eines vatikanischen Papiers vom 15.3.2021

Ein Vorwort:
Die katholische Kirche diskriminiert durch ein offizielles, von Papst Franziskus unterzeichnetes Dokument wieder einmal Homosexuelle in ihrem Leben und in ihrem Lieben. Das erläutere ich in dem folgenden Text. Hier erst mal zur Einstimmung eine interessante Statistik, in welchem Umfeld weltweit sich der Vatikan und der Papst bewegen, in einer Welt voller Diskriminerung und Hass auf „den anderen“. Julius Thesing schreibt in seinem neuen Buch „You don`t look gay“ (Bohem Press, Münster):
In 73 Staaten der Welt wird Homosexualität als Straftat behandelt und verurteilt.In 12 der 73 Staaten steht gleichgeschlechtliche Aktvität unter Androhung oder Garantie der Todesstrafe“.
Der Vatikan als Papststaat hatte einst auch sehr gern Homosexuelle verbrannt.Jetzt entwürdigt er vornehm, vom Schreibtisch aus, auf der Basis einer abstrusen Theologie, erneut Homosexuelle. Der Vatikan und der Papst machen in ihrem neuesten Papier – nach dem eigentlich niemand verlangt oder gefragt hat – Homosexuelle zu Menschen zweiter Klasse. Warum: „Diese Menschen sind nicht geeignet, den Segen Gottes für ihr Lieben und Leben zu erhalten“.
Gott höchstpersönlich will „die“ nicht segnen, unter seine Liebe stellen: Das ist die verletzende, wenn nicht seelisch tötende Botschaft dieser Kleriker. Die Frage bleibt, was können etwa Journalisten und mutige Menschen tun angesichts dieser Degradierung bestimmter Menschen? Dazu unten, Nr.15, eine Frage, vielleicht ein Vorschlag! CM.

1.
Zunächst das „Erfreuliche“: Die oberste Glaubensbehörde der katholischen Kirche im Vatikan erklärt NICHT: Dass die üblichen und seit langem beliebten katholischen Segnungen von Autos, Handys, Kühen, Hunden und Häusern unterbleiben sollen. Vielmehr: Segnungen von Autos, Motorrädern, Handys, Kühen, Häusern und Wohnungen sind nach wie vor guter und Gott gefälliger Ritus in dieser Kirche. Waffen wurden bekanntlich immer schon gesegnet, katholische Kirchengebäude mit den Knochen der Heiligen, Reliquien genannt, ebenso, auch Altäre und Orgeln wurden gesegnet und so weiter. Diese Liebe zur Segnung von Objekten nennt der große Psychotherapeut Erich Fromm treffend und richtig die „Liebe zu toten Dingen“ (Nekrophilie). Tote Dinge segnen, so betont er, nur Menschen und Organisationen, die selbst seelisch längst tot sind und den lebendigen Wandel als das entscheidende Prinzip des Lebens erstickt haben. In dem Sinne gilt: Aus den toten Mauern des Vatikans kommt erneut ein Lehr-Schreiben, zum gefühlten 10. Mal zum Thema „Katholische Homosexuelle“.
2.
Weite Teile der Menschheit leben jetzt in Diktaturen, in ständigen Kriegen, werden vertrieben, Flüchtlinge finden keine Aufnahme in sich Demokratien nennenden Staaten, Millionen Menschen müssen hungern und verhungern, das Klima wird zur Katastrophe, das Impfen klappt nur partiell, Politiker in sich christlich nennenden Parteien offenbaren ihre Korruptheit: All das interessiert die alten Herren, die Kardinäle und Bischöfe und Substituten und Patres in der Glaubensbehörde nicht. Sie arbeiten sich ab, wälzen alte Dokumente hin und her zum Thema: Segnungen ja und nein für bestimmte ausgewählte Menschengruppen, für homosexuell Liebende.

Wer sich weiter für das Thema der Tiersegnungen, Handysegnungen, Waffensegnungen und Autosegnungen usw. durch die katholische Kirche interessiert, sollte den spannenden, das Gesicht dieses so „volkstümlichen“ Katholizismus offenbarenden Bericht lesen. LINK.
3.
Nun also das Nicht-Erfreuliche, die Nicht-frohe Botschaft aus dem Vatikan: Sie gilt für die wenigen, in Europa noch katholisch interessierten Homosexuellen. Die unfrohe Botschaft vom 15.März 2021 also lautet: Katholische Homosexuelle werden NICHT und NIEMALS und Nirgendwo für ihre Liebe und Partnerschaft den Segen Gottes erhalten. Die alten Herren im Vatikan setzen sich also unbescheiden an die Stelle Gottes und verfügen: Diese Leute, diese Schwulen und Lesben, werden nicht von mir, dem lieben Gott, gesegnet. Der große Menschenfreund, Papst Franziskus, hat dieser anmaßenden Verfügung der Vatikanischen alten Herren zugestimmt.

Theologisch ist diese erneute Stellungnahme ein Skandal:
-Bestimmte Herren maßen sich an zu wissen, wen Gott liebt. Ein solches Denken und Verhalten nennt man Gotteslästerung.
-Wenn Gott als „Schöpfer“ der Menschen gedacht wird: Dann hat er auch Homosexuelle erschaffen. Und Homosexuelle haben als Menschen das Recht zu lieben, erotisch und sexuell natürlich auch. Und wenn diese Menschen als Katholiken um den Segen bitten, den die Kirche in einer Zeremonie feiert, auch im Sakrament der Ehe, dann hat kein Kleriker das Recht, diese Segnung, diese Eheschließung, zu verweigern. Die Pfarrer, selbst die Herren im Vatikan, sind doch nur Diener Gottes, nicht aber die verfügenden allmächtigen Männer direkt neben Gott.
-Mit diesem Schreiben zeigen die Autoren, dass sie mit ihrem perversen Denken offenbar ablenken wollen von sexuellem Missbrauch durch Priester und der entsprechenden Ignoranz der „Herren der Kirche“.
4.
Man bedenke die Konsequenzen: In fast allen Staaten Afrikas werden homosexuell Lebende und Liebende verfolgt, diskriminiert, getötet, sogar in Staaten, in denen so genannte Katholiken als Präsidenten bzw. Diktaturen herrschen. Kardinal Sarah aus Guinea, inzwischen ohne offizielle vatikanische Funktionen, wird sich als oberster afrikanischer Schwulen – Feind freuen. Mit anderen Worten: Die Herren im Vatikan wissen genau, welchen Schaden sie anrichten mit solch einem Schreiben, es zerstört weiter die Menschenwürde, zerstört die Menschenrechte einer Gruppe von Menschen. Eigentlich könnte ja mal jemand auf die Idee kommen und den Vatikan und diesen Klub der greisen Kardinäle und Bischöfe vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu bringen – wegen Volksverhetzung und Aufruf zu Diskriminierung und Verfolgung Homosexueller. Mein Freund, der katholische Priester und „Grün-Links“ Politiker Herman Verbeek aus den Niederlanden hatte das vor Jahren schon vorgeschlagen. Es ist meiner Meinung nach sehr bedenkenswert: Ob die Diskriminierung homosexuell Liebender („Gott segnet sie nicht, sie sind unwürdig“) eine Form des Rassismus ist.
5.
Man sollte also diesen Schrieb oberster klerikaler Bürokraten des Vatikans nicht so schnell nach einem kurzen Lachkrampf beiseite legen. Am schimmsten ist – noch einmal muss daran erinnert werden – das furchtbare Gottesbild der Vatikan -Bürokraten und dieses Papstes, der ja eigentlich viel von Barmherzigkeit erzählt hat früher. Also: Diese Herren, vielleicht sind selbst homosexuell, glauben allen Ernstes zu wissen: Wen ihr so oft zitierter „lieber Gott“ Gott segnen will und wen nicht. Man möchte wie Luther zornig schreien und diesen Kleriker Club zum Verschwinden bringen. Aber das hat ja selbst Luther leider nicht geschafft.
6.
Die spirituelle Unterdrückung durch die römische Kirche ist bekanntlich so groß, dass es immer noch katholische Homosexuelle in Europa gibt, die betteln und jammern bei diesen alten Hierarchen: „Seid doch mal nett zu uns armen Sündern, segnet doch bitte, bitte unsere Liebe“. Solange diese eingeschüchterten katholischen Homosexuellen noch betteln, haben die Vatikan Bürokraten noch Adressaten für ihre Papierchen.
7.
Über das Papierchen, dürftig in den theologischen Argumenten wie gewohnt, ließe sich eigentlich kein weiteres Wort verlieren. Nur so viel: Der offizielle Text wurde von Kardinal Luis Francisco Ladaria Ferrer – auch er, wie der Papst, ein Jesuit – und von einem Monsignore Giacomo Morandi unterzeichnet. Mittelpunkt der alten Leier der Uralt – Argumente ist: Die römische Kirche dürfe nur „Vereinigungen segnen von Mann und Frau, weil diese offen sind für die Weitergabe des Lebens“. Leben weitergeben, eine banale biologistische Auffassung von Ehe wird da wieder verbreitet, als käme es nicht auf die Liebe der Partner, die humane Erziehung der Kinder usw. an. Und diese gute liebevolle Erziehung können nachweislich viele Homo-Ehepaare mit Kindern genauso gut, wenn nicht besser als die katholischerseits oft „intakt“ genannten, tatsächlich aber manchmal öden katholischen Hetero-Ehen. Dann noch ein Zitat aus dem Vatikan – Papierchen, der die Menschheit für dumm hält: Die Segnung homosexueller Paare könnte, so wörtlich, „verwechselt werden mit einer Ehe-Schließung“. Man könne also nicht mehr so genau erkennen, ob vorn am Altar Mann und Frau oder Mann und Mann oder Frau und Frau stehen…
8.
Zusammenfassend: Wer als homosexueller Mann oder als homosexuelle Frau nach diesem jüngsten Dokument der Vatikan Bürokraten immer noch Mitglied der katholischen Kirche ist und diese auch noch finanziell unterstützt, dem und der ist nicht mehr zu helfen.
9.
Eine lebendige christliche Spiritualität kann bekanntlich jeder und jede auch für sich selbst allein oder in kleinem Kreis entwickeln oder sie in den wenigen noch verbliebenen progressiven und undogmatischen protestantischen Kirchen leben.
10..
Diese katholische Kirche, die sich an die Stelle Gottes setzt und lieber Autos und Waffen segnet als sich liebende Menschen, hat die Unterstützung durch demokratisch gesinnte und jesuanisch empfindende Menschen nicht verdient. Das Motto könnte nun sein: “Ecclesia catholica – causa finita“. Das sagen ohnehin schon viele Frauen, viele Opfer von sexueller Gewalt durch Priester, viele Priester, die nicht mehr als Priester arbeiten können, nur weil sie das Zwangszölibats – Gesetz nicht leben können oder auch die vielen wiederverheiratet Geschiedenen, die von der Kommunion ausgeschlossen sind und so weiter und so weiter.
11.
Man glaubt bei dieser Aufzählung, dass eigentlich die Bürokraten im Vatikan bald allein in der Kirche rumhocken und ab und zu Papierchen in die Welt loslassen… zur Freude der afrikanischen Diktatoren und anderer Menschen – Verächter.
12.
Es gibt also für die vatikanische katholische Kirche eine neue Ökumene: Der Vatikan ist mit diesem Papier in die ökumenische Bruderschaft mit anderen Verächtern homosexuellen Lebens und Liebens eingetreten: Mit den reaktionären muslimischen Kreisen; mit den Homohassern in evangelikalen Kirchen und Pfingstkirchen; mit den Bischöfen vieler orthodoxer Kirchen, etwa in Moskau oder schlimmer noch in Georgien; mit der PIs Partei in Polen und den verkalkten katholischen Bischöfen, mit dem antisemitischen riesigen Radio Marya in Polen unter Leitung des Redemptoristenpaters Rydzyk,auch er ein Menschenverachter, der immer noch Schrott und Schund verbreiten darf mit Zustimmung der Bischöfe und des Papstes(wenn das anders wäre, hätte ihn der allmächtige Papst längst in die Südsee versetzen können und so weiter.
13.
Wir gratulieren dem Vatikan: Jetzt wissen wir, wo die wahre katholische Ökumene ist. Es ist der Verein der Reaktionären weltweit!
14.
Und auf Deutschlands Katholiken, etwa auf das ZK der Katholiken, bezogen: „Hört auf, eure Energie noch in Ökumenische Kirchentage etc. zu stecken. Das lohnt sich nicht, der Vatikan und auch der Papst ticken längst ganz anders. Es wird Zeit zu erkennen: Es ist vorbei, die katholische Kirche bleibt steinhart und lebensfeindlich, die wenigen anders denkenden Bischöfe setzen sich nicht durch, jammern und klagen. Aber keiner hat den Mut, diesen Herren in Rom ein Nein entgegen zu halten. Der letzte, der den Mut dazu hatte, war Bischof Jacques Gaillot. Er wurde vom Vatikan rausgeschmissen. Welcher deutsche Bischof hat den Mut, sich vom Vatikan rausschmeißen zu lassen? Das kann besser sein, als eines Tages mit allen anderen Bischöfen vom Amt zurückzutreten, wegen des Missbrauchs…
15.
Bekanntlich hat der französische Journalist und Soziologe Frédèric Martel eine große Studie über homosexuelles Leben unter katholischen Priestern kürzlich veröffentlicht, sie wurde in viele Sprachen übersetzt (auf Deutsch im S. Fischer Verlag 2019). Der Titel: „Sodom. Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan“. LINK
Angesichts dieses aktuellen aggressiven Papiers des Vatikans wäre doch die Frage der Notwehr zu debattieren, ob nicht anders als im Buch von Martel nun im Team-work Klarnamen genannt werden von homosexuellen Priestern, Patres, Bischöfen, Kardinälen und Päpsten, einst und heute. Das könnte vielleicht weitere entsprechende Papiere aus dem Vatikan verhindern.
16.
Natürlich ist Homosexualität, gelebte Homosexualität, etwas völlig Normales für die Menschenrechte, für Demokratien und in einer vernünftigen, säkularen Ethik.

Im Falle des vatikanischen Papiers aber geht es erneut um die sich bewusst abschließende Sonderwelt der katholischen Kirche mit eigenen Gesetzen und eigener Moral. Und darin sind laut offiziellem Katechismus (1993) homosexuelle Handlungen „in keinem Fall zu billigen“ (§ 2357).
Was aber ist, wenn Priester und Bischöfe diese in keinem Fall zu billigenden Handlungen bekanntermaßen und dokumentierbar begehen? Und gleichzeitig, wie jetzt wieder in Rom, gegen die völlig normale Gleichberechtigung der Homosexuellen hetzen? Oder als homosexuelle Priester und Bischöfe NICHTS, aber auch gar nichts für den Respekt der Homosexuellen tun? Wer darüber informiert, verletzt nicht staatliches, demokratisches Recht, sondern macht nur auf Widersprüche in dem abgeschlossen, aber scheinheiligen System der Kirche aufmerksam. Dieses zu tun ist wohl doch Aufgabe der Religionskritik und eine kritischen Journalismus, oder nicht?
17:
Eine weitere Frge ist: Warum dürfen sich eigentlich Homosexuelle nicht wehren, wenn so viel Verletzendes und Verrücktes vom Vatikan und vom Papst verbreitet wird? Denn diejenigen, die da als Kleriker die Homosexuellen verachten und hassen, sind selbst meist homosexuell, leiden aber unter ihrem Verstecktsein, unter ihrer verklemmten Angst. Darauf weisen alle Psychologen hin, auch Frédéric Martel zeigt dies in seinem nach wie empfehlenswerten Buch.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Wer darf übersetzen? Über Identität und allgemeine Vernunft

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Wer ist in der Lage, das Gedicht von Amanda Gorman, der schwarzen Lyrikerin, der US – Amerikanerin, zu übersetzen? Man denkt: Natürlich jemand, der kompetent ist und sehr gute Kenntnisse des amerikanischen Englisch und auch Erfahrungen im Umgang mit den Nuancen der Poesie hat und dies auch auf Deutsch z.B. vermitteln kann.
Das war bisher allgemeine Auffassung. Aber so einfach ist das nicht mehr: Jetzt darf die Poetin und Übersetzerin Marieke Lucas Rijneveld aus Holland nicht das berühmte Gedicht von Amanda Gorman übersetzen. Der in der Öffentlichkeit verbreitete, sich durchsetzende Vorwurf: Die Übersetzerin hat die Hautfarbe weiß und sie sei deswegen inkompetent, das Gedicht einer Schwarzen zu übersetzen. So behaupten autoritär die Verfechter der Identität: Nur eine Schwarze versteht den Text einer Schwarzen so gut, dass sie als Übersetzerin in Frage kommt. Dabei hatte Amanda Gorman, die Schwarze, die weiße Übersetzerin ausdrücklich begrüßt. Aber die kritische Power der auf Identität („hier Schwarz – da Weiß“) fixierten Leute setzte sich durch. Auch in Barcelona ist das so. Dort darf ein weißer Übersetzer (ein Mann noch dazu) auch nicht das Gedicht der Schwarzen Frau Gorman übersetzen.

2.
Wissen wir eigentlich, dass sich an diesem Beispiel so etwas wie eine kulturelle Wende andeutet? Grundsätzlich formuliert: Mit der Debatte um neue „identische“ Kriterien für die Qualitäten eines kompetenten Übersetzers könnte das Bewusstsein einer allen Menschen gemeinsamen, also allgemeinen menschlichen selbstkritischen Vernunft verloren gehen. Dabei steht im Hintergrund die nach wie vor universale philosophische Einsicht: „Übersetzen“ ist nur ein anderes Wort für „Verstehen“: Wer im Alltag einen anderen Menschen versteht, übersetzt also immer dessen Aussage, dessen Begriffe, in seine eigne Denk/Gefühlswelt hinein, in sein eigenes Leben. Das kann ganz alltäglich banal beginnen: Wenn mir eine Person A von ihrer „Frömmigkeit“ erzählt, verstehe ich von meinen Erfahrungen mit „Frömmigkeit“ ihren Begriff Frömmigkeit auf meine Art. Der Begriff Frömmigkeit der Person A wird durch mein Verstehen also „verändert“, und das ist notwendigerweise so. Trotzdem sind wir beide in der einen Sprachwelt verbunden.

3.
Auf die Identität von Übersetzen und Verstehen hat bekanntlich der Philosoph Hans -Georg Gadamer in seiner großen Studie „Wahrheit und Methode“ ausführlich hingewiesen. Ich nenne hier nur einige zentrale Erkenntnisse Gadamers, bezogen auf die Ausgabe von „Wahrheit und Methode“ von 1965 (Tübingen):
S. 361: „Verstehen, was einer sagt, ist sich in der Sache Verständigen und nicht: Sich in einen anderen Versetzen und seine Erlebnisse Nachvollziehen.“ Ergänzend auf S. 365: „Die Übersetzung eines Textes, mag der Übersetzer sich noch so in seinen Autor eingelebt und eingefühlt haben, ist keine bloß Wiedererweckung des ursprünglichen seelischen Vorgangs des Schreibens, sondern eine Nachbildung des Textes, die durch das Verständnis des in ihm Gesagten geführt wird. Hier kann niemand zweifeln, dass es sich um Auslegung handelt..“
S. 362:“Jede Übersetzung ist Auslegung“

4.
Wer Übersetzen in der Weise einschränkt, dass nur ein Schwarzer in der Lage ist und befugt ist, den Text eines Schwarzen zu übersetzen, der zerstört eine kulturelle Errungenschaft, die die Menschheit bislang tatsächlich als allgemein gültig bewertet hat, selbst wenn es in Einzelfällen selbstverständlich immer Debatten gab und gibt, ob diese oder jene Übersetzung treffend ist. Darum wird ja auch immer wieder neu übersetzt, einen definitiven Abschluss der Übersetzungen kann es nicht geben, weil immer neue Aspekte im Text, immer neue Nuancen entdeckt werden, die in immer neuen Nuancen dann ausgesagt werden in der Übersetzung.

5.
Wenn man das Beispiel ausdehnt: Nur Schwarze Frauen dürfen die Poesie schwarzer Frauen übersetzen, wie verhält es sich dann mit der bislang selbstverständlichen und uns eigentlich als normal vertrauten Übersetzung als Interpretation?
Ist die Interpretation (das ist Verstehen, das ist Übersetzung!) Mozarts durch einen japanischen Dirigenten etwa abwegig und aus Gründen der Identität nicht (mehr) erlaubt? Dann sollte kein russischer Pianist mehr Beethoven spielen. Kein deutscher Übersetzer dürfte einen buddhistischen Autor übersetzen und so weiter. Diese Identität konsequent gedacht, würde zu einer kulturellen Verarmung und zu einer Abkapselung der einen Menschenwelt in viele kulturelle Sonderwelten führen. Atheistische Historiker und Sprachwissenschaftler dürfen dann nicht mehr die Bibel oder den Koran übersetzen. Es wäre zu prüfen: Wie ist früher die Kirche mit Übersetzern der Bibel umgegangen, die nicht auf der „orthodoxen“ Linie waren? Da herrschte sicher auch auf Identität fixiertes Denken vor, Bekanntlich durften Katholiken nicht die Übersetzung der Bibel durch Martin Luther lesen, bloß weil der Protestant Luther der Übersetzer war. Solches identitäre Denken ist sicher noch in muslimischen Kreisen dominant: Welche muslimische Organisation benutzt etwa eine Koran – Übersetzung eines – selbstverständlich wissenschaftlich kompetenten – Christen oder eines Atheisten? Wahrscheinlich keine muslimische Organisation. Ein heilig erklärtes Buch (Koran) kann nur ein heilig erklärter frommer Muslim übersetzen…
Ein weiteres Beispiel: Die Übersetzungen der Werke des Homosexuellen James Baldwin müssten diesem Denkmodell folgend eigentlich eingestampft werden, weil die Übersetzer heterosexuell wohl waren oder gar Frauen, also sich beim Übersetzen gar nicht in die Welt Baldwins einfühlen konnten. Wenn er – möglicherweise – das Wort „Schw..z“ verwendet, meint er eben nicht „Glied“ und auch nicht „Penis“, wer diese Begriffe in der Übersetzung verwendet, übersetzt falsch. Aber die Nuancen weiß jeder gebildete heterosexuelle Übersetzer!
Diese wenigen Beispiele zeigen schon: Die geistige Welt fällt auseinander in viele isolierte kleine Sonderwelten, wenn man an dem nun offenbar üblich werdenden Prinzip der Identität im Vorgang der Übersetzung festhält.

6.
Dieses identitäre Denken und praktisch – rabiate Verhalten ist eine Ideologie, sie führt in eine furchtbare Sackgasse. Denn um noch einmal auf das Beispiel der Übersetzung des Gedichtes von Amanda Gorman zurückzukommen: Eigentlich müsste die dann korrekterweise selbstverständlich schwarze Übersetzerin vom Alter her etwa so jung sein wie Frau Gorman, die Übersetzerin hätte auch in bescheidenen Verhältnissen in Los Angeles groß werden müssen, möglichst die gleiche Schule besucht haben, möglichst ähnliche soziale Kontakte wie das junge Mädchen Amanda haben müssen und so weiter: Das führt dazu, dass eigentlich idealerweise Amanda Gorman allein, nur sie selbst, in der Lage wäre, ihr Gedicht zu übersetzen. Aber selbst wenn Amanda Gorman perfekt Deutsch, Niederländisch oder Finnisch sprechen und verstehen würde: Sie könnte aus ihrem englischen „Urtext“ eben nur nach eigenem (und damit wie bei allen Menschen begrenzten) Verstehen des eigenen Textes übersetzen und auch nur einige Aspekte, Nuancen, in den anderen Sprachen wiedergeben. Mit anderen Worten: Die Übersetzung der Autorin Gorman hätte eigentlich dieselbe Qualität wie die eines anderen Menschen, etwa eines männlichen weißen Übersetzers. Denn man vergesse nicht: Es ist keineswegs so, dass der Autor eines Gedichtes oder eines Romans selbst am besten weiß, was er da in der feinen Komposition seiner Sprache sagen will. Genauso sind die großen Künstler von Gemälden keineswegs die besten Interpreten ihrer eigenen Werke. Sie wissen oft selbst nicht, wie ihnen „das eigene Werk gelungen“ ist. Dies ist das bleibende Rätsel des schöpferischen Prozesses von Autoren, Malern, Komponisten etc.

7.
Aber es keineswegs so, dass nun wiederum nur Menschen, die selber den schöpferischen Prozess wie die Autoren, Maler, Komponisten durchgemacht haben, die Werke dieser Künstler zu übersetzen. Indem diese Werke in die Öffentlichkeit treten, geben sie sich dem allgemeinen Verstehen und das ist immer dem individuell je verschiedenen Verstehen und Übersetzen preis. Da eine exklusive, berufene Clique der mit den Autoren Identischen zu schaffen, wäre maßlos und ausgrenzend und hätte einen nicht mehr demokratischen Charakter.

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

Der Tee-Weg: Eine humanistische Spiritualität?

Ein Essay von Christian Modehn, veröffentlicht am 7.4.2009. Der Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift PUBLIK FORUM publiziert, wegen vielfacher Nachfragen wurde er erneut publiziert.

„Der Tee-Weg gründet auf der Verehrung des Einfachen und Schönen inmitten des schmutzigen Alltags. Er umschließt Reinheit, Harmonie und das Geheimnis des Mitleidens. Die Tee-Zeremonie ist eine Verehrung des Unvollkommenen, sie ist ein zarter Versuch, etwas Mögliches zu vollenden in diesem Unmöglichen, das wir Leben nennen“. Kakuzo Okakura, einer der hervorragenden Tee-Meister Japans, beschreibt einen „Weg“, der nach japanischer Auffassung zu Ausgeglichenheit, Weiter lesen “Der Tee-Weg: Eine humanistische Spiritualität?” »

Zur „Philosophie des Weins“ – bedenkenswert nicht nur in „Corona-Zeiten“

Ein Gastbeitrag von Richard Pestemer, veröffentlicht am 14.3.2021

Der Beitrag ist eine kurze Vorstellung der Grundauffassungen von Béla Hamvas zum Wein, die er in seinem Buch „Philosophie des Weins“ (1994) präsentierte.
Richard Pestemer wählte dafür die Form eines fiktiven Interviews mit Béla Hamvas, posthum gestaltet.

Vorbemerkungen von Richard Pestemer

Die 1947 erstellte Abhandlung Philosophie des Weins von Béla Hamvas (1897–1968) — in Zeiten bitterster Not im Ungarn der Nachkriegszeit und brillant übersetzt aus dem Ungarischen von Hans Skirecki — ist ein einzigartiges „Glaubensbekenntnis“ zum Wein und dessen Schöpfer, Gott.
In „heiliger Trunkenheit“ und darin im Bunde mit den weinseligen Poeten wie Goethe (1749- 1832), Hafis in Persien (1315–1390) und Li Bai in China (chin. 李白: 701–762) bekundete Béla Hamvas sein leidenschaftliches Bekenntnis zum Leben, hier und jetzt. Als gläubiger Humanist widerstand er den zukunftsheischenden materialistischen Ideologien des Kommunismus und des Faschismus. Sein Credo lautete vielmehr: Festhalten an dem Fortwährenden, dem Allumfassenden, an der Harmonie des Sinnlichem und Übersinnlichem durch Überwindung der Spaltung von Materie und Spiritualität.

Béla Hamvas träumte sein Leben lang davon – trotz auch vieler bitterer und harter Erfahrungen sowie Enttäuschungen und stets vom Wein begleitet, zur Weisheit zu gelangen. Letztendliche Weisheit bedeutet für ihn nicht Ansammlung von Wissen, sondern Einswerden mit dem „ureigenen Zustand einer Seele, in der alles vom Rausche, vom Frohsinn, von der Vision, vom Wunder und vom Enthusiasmus gelenkt wird (Földényi 1994: 75).“
Wie schon erwähnt verfasste er 1947 in bitterster Not, wo er jeden Tag um sein Brot kämpfen musste und bestenfalls billigen, schlechten Wein trinken konnte, seine einzigartige Abhandlung von der Philosophie des Weins.
In Form eines fiktiven Interviews werden nachfolgend die grundlegenden Auffassungen von Béla Hamvas dargeboten, wobei seine Antworten — bis auf drei Fußnoten, welche von mir eingefügt wurden, — originalgetreu seinem Werk (Hamvas 1994: 7, 10-12, 30-31) entnommen wurden. Die Rechtschreibung der Zitate folgt daher den Regeln vor der Rechtschreibreform in 1996. Ebenso sind die Fragen von Richard Pestemer an Béla Hamvas in der Rechtschreibung dementsprechend angepasst worden.
Die Verehrer eines edlen Tropfens göttlichen Weines, sie mögen dieses fiktive Interview als eine „philosophische Weinprobe“ verkosten, um auf den Geschmack des gesamten Glaubens- bekenntnis von Béla Hamvas vorzudringen, bis hin zu der alles umgreifenden Erkenntnis:

„Zwei bleiben schließlich übrig, Gott und der Wein“. (ibid.: 7)

Das fiktive Interview mit Béla Hamvas, posthum durchgeführt von Richard (Richie) Pestemer:

Richard (Richie) Pestemer (Abkürzung: R(R)P): „Zwei bleiben schließlich übrig, Gott und der Wein“ ist zu einem in Ihrem Heimatland Ungarn zu einem geflügelten Wort geworden. Was hat Sie dazu bewegt, diese ja schon prophetische Feststellung zu entäußern?
Béla Hamvas (Abkürzung: BL): Ich weiß, dass ich Gott nicht einmal erwähnen darf. Ich muß ihn bei einem beliebigen Namen nennen, wie z.B. Kuß oder Rausch oder gekochter Schinken. Als Hauptnamen habe ich den Wein gewählt. Daher der Titel des Buches: Philosophie des Weins, und deshalb das Motto: Zwei bleiben schließlich übrig, Gott und der Wein (Hamvas 1994.: 7).

R(R)P: Aber warum dieser Hokuspokus mit Gott als Kuß, Rausch oder gekochtem Schinken?
BL: Zu diesem Hokuspokus zwingen mich die Umstände. Die Atheisten sind bekanntlich bedauernswert hochmütige Menschen. […] Ich glaube, wenn ich von Speise, Trank, Tabak, Liebe spreche, wenn ich die heimlichen Namen nenne, kann ich sie überlisten. Denn sie sind nicht nur überheblich, sie sind auch ebenso dumm. Diese Art des Gebetes beispielsweise kennen sie überhaupt nicht. Sie glauben, Beten kann man nur in der Kirche oder indem man geistliche Wörter murmelt (ibid.).

R(R)P: Also ist Ihr Buch Philosophie des Weins eine Art Gebetbuch? Und wenn dem so ist, welche Bedeutung hat dabei der Wein?
BL: Dieses Buch muß sich notwendigerweise in drei Teile gliedern. Notwendigerweise, weil sich jedes gute Buch in drei Teile gliedert, die Drei also eine vollkommene Gliederung bedeutet, aber auch, weil die Drei die Zahl des Weins ist, was auch in der Gliederung zum Ausdruck kommen soll (ibid.: 10).
Der erste Teil ist eine Metaphysik des Weins. Ich habe nicht nur die Absicht, sondern auch den Ehrgeiz, mit diesem Teil ein Fundament für alle künftigen Philosophen zu legen. Wie Kant die entscheidenden Gedanken ausspricht für alle nachfolgenden Philosophen, die man billigen oder ablehnen, nie aber umgehen und als ungesagt ansehen kann, so möchte ich in diesem Teil die gemeingültigen und zeitlosen Ideen der Metaphysik des Weins aufzeichnen (ibid.: 10-11).
[…] Der zweite Teil [handelt]1 vom Wein als Natur. Dieser Teil ist seinem Charakter nach deskriptiv. Er beschäftigt sich mit den Reben, den Rebsorten, dem Verhältnis zwischen Boden und Wein, Wein und Wasser mit besonderer Rücksicht auf unsere Weine, aber auch mit Blick auf die namhafteren ausländischen Weine (ibid.: 11).
Der dritte Teil behandelt die Weinzeremonielle. Dieser Teil untersucht, wann man trinken soll und wann nicht, wie, wo und woraus man trinken soll und wann nicht, ob allein, ob zu zweit, ob mit einem Mann oder einer Frau. Er handelt von den Beziehungen zwischen dem Wein und der Arbeit, dem Wein und dem Spazierengehen, dem Wein und dem Bad, dem Wein und dem Schlaf, dem Wein und der Liebe. In ihm sind Regeln enthalten, bei welcher Gelegenheit was für Wein getrunken werden sollte, wie viel und zu welchen Speisen, an welchen Orten und in welcher Mischung (ibid.).
[…] Die Gliederung in drei Teile steht in engstem Einklang mit den drei großen Epochen in der Weltgeschichte des Weins. Der metaphysische Teil entspricht sinngemäß dem Zeitalter von der Sintflut, als der Mensch den Wein nicht kannte und nur von ihm träumte. Nach der Sintflut pflanzte Noah die ersten Rebstöcke, und in der Weltgeschichte begann damit eine Epoche.
Die dritte setzte mit der Verwandlung von Wasser in Wein ein, und in ihr leben wir gegenwärtig. Die Weltgeschichte wird enden, wenn aus den Quellen und Brunnen Wein fließt, wenn es aus den Wolken Wein regnet, wenn die Seen und Meere zu Wein werden (ibid.: 11-12).

R(R)P: Ja, so und nicht anders sollte Weltgeschichte enden, da kann ich nur zustimmen. Nun zum Schluss unseres kurzen aber intensiven Gesprächs sollten wir es nicht mit einem guten Schluck eines edlen Weines ausklingen lassen. Aber mit welchem Wein?
BL: Jeder Wein stellt einen vor neue und wieder neue Unterscheidungsaufgaben. Nun, der Schomlauer2 ist für mich der solare, baritonstimmige, doch symphonische, blonde, männliche Wein, der das Öl der höchsten schöpferischen Spiritualität enthält, und zwar unter allen unseren Weinen in einzigartiger, konzentrierter Reinheit (ibid.: 30). […] Ein Wein der Weisen, jener Menschen, die endlich das höchste Wissen erlernt haben, die Heiterkeit. Es ist eine ganz persönliche Sache, und ich erzähle sie nur, weil sie zu den großen Ergebnissen meiner Meditation in Szigliget3 gehört: In der hieratischen Maske des Schomlauer Weines fühlte ich mich jener ausgereiften Heiterkeit und Weisheit, jenem intensiven und produktiven Rausch am nächsten, die diese Welt erschaffen haben (ibid.: 30-31).

R(R)P: Ja, so ist es, ja, jetzt dämmert es mir: „Zwei bleiben schließlich übrig, Gott und der Wein.“ Danke, Danke und nochmals Danke für Ihre eingehenden Darstellungen zur Trinität der „Philosophie des Weins“. Aber bevor wir beide mit einem Schomlauer Wein dieses erhellende Gespräch beschließen, erlauben Sie mir ein Kurzgedicht vorzutragen, angelehnt an die japanischen Haikus, welche im Deutschen in Form eines Drei-Zeilers mit der Versabfolge 5-7-5- Silben verfasst werden, dies auch, weil Sie ein Liebhaber ostasiatischer Philosophie und Poesie sind.
Meine poetische Danksagung lautet:
Also sprach einst Gott Noah,
pflanze Reben endlich:
Wasser werde Wein

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Literatur:
Földényi, László (1994). „Die Ausstrahlung des Weins — Über Béla Hamvas“. Übersetzt aus
dem Ungarischen ins Deutsche von Anikó Klostermann. In: Hamvas, Béla (1994),
Philosophie des Weins. Berlin: Brinkmann & Bose. 69-76.
Hamvas, Béla (1994). Philosophie des Weins. Berlin: Brinkmann & Bose. Übersetzt von
Hans Skirecki aus dem Ungarischen ins Deutsche. Originaltitel: A bor filózfiája.

Hier für diejenigen, die nach dieser „philosophischen Weinprobe“ ihren weiteren Durst stillen wollen:
Brinkmann & Bose: http://www.brinkmann-bose.de/
Matthes & Seitz Berlin: www.matthes-seitz-berlin.de/autor/bela-hamvas.html

https://www.vinaet.de/2021/02/26/bela-hamvas-die-philosophie-des-weins/

1 Das Verb in eckigen Klammern wurde von mir eingefügt.
2 Schomlauer Weine. Siehe WEINKOMPLOTT UNGARN WEIN-SPEZIALIST: www.weinkomplott.de/catalog/Ungarische-Weine_Somlo.php
3 Siehe BADACSONY RÉGIÓ: www.badacsony.com/de/region-badacsony/szigliget-de/