Jürgen Habermas wird 90. Sein Thema: Welche Religionen können heute noch hilfreich sein für die säkulare Gesellschaft und den Staat?

Hinweise zu Habermas Vorschlägen zu Religion und Philosophie
Von Christian Modehn

Mein Hinweis zum 85. Geburtstag von Jürgen Habermas, publiziert am 15. Juni 2014, ist nach wie vor als eine Art Einführung interessant.

Dennoch: Zum 90. Geburtstag des Soziologen und Philosophen noch einmal einige weiter führende Hinweise und Fragen. Und es werden die Grenzen der auf Religion bezogenen Äußerungen herausgestellt.

Seit der „Spätphase“ seines Denkens, also ab 2001, setzt sich Jürgen Habermas mit der Bedeutung der Religionen für das säkulare Bewusstsein, die säkulare Gesellschaft und den bleibend säkularen Staat auseinander. Er nennt die heutige westliche Gesellschaft „postsäkular“. So, als wäre die Definition mit dem bislang üblichen Prädikat „säkular“ nicht mehr gültig angesichts der unerwarteten Präsenz der Religionen in den Staaten und Gesellschaften. Ob damit auch eine neue Praxis des Glaubens/der Glaubenden geschieht, ist eine andere, von Habermas nicht beantwortete Frage.

Habermas empfindet es als ungewiss, dass angesichts der globalen Herausforderungen der Gegenwart „die Ressourcen einer unverlierbaren (!), aber nur schwach motivierenden Vernunftmoral … ausreichen“ ( „Politik und Religion“, hg. Friedrich Wilhelm Graf und Heinrich Meier, München 2013, s. 299). Er spricht sogar davon, dass „in der (modernen Aufklärungs-) Philosophie selbst ein Defätismus der Vernunft brütet“ (S. 300). Ist die säkulare Vernunft vielleicht stark angekränkelt? Das sagen ja auch andere, gar nicht so progressiv Gesinnte.
Es ist also für Habermas die Schwäche der Vernunft und damit der Demokratie, die nach einem Dialog mit den Religionen förmlich ruft. Habermas befürchtet ohne die vernünftige Anwesenheit der Religionen ein „Entgleisen der Gesellschaften“. Ein Grund dafür: Die neuzeitlichen Rationalisierungsprozesse sind gar nicht so rational und menschenfreundlich, wie man ursprünglich hoffte.

So kommen in seiner Sicht den Religionen heute konstruktive Beiträge zum Überleben der Demokratien zu, indem sie die Philosophie und den säkularen Staat an religiöse Ressourcen erinnern, die weder die neuzeitliche Philosophie noch der säkulare Staat zur Verfügung hat. Gemeint sind religiöse Lehren, Mythen, Weisheiten.
Aber diese können selbstverständlich nicht unmittelbar geltend gemacht werden als Gestaltungsprinzipien innerhalb der säkularen Staaten. Habermas sagt klipp und klar: “Der liberale Staat ist mit religiösem Fundamentalismus unvereinbar“ (ebd., S. 291) Vielmehr müssen die religiösen Inhalte, so Habermas, in säkulare Sprache übersetzt werden. An welche religiös relevanten Inhalte er dabei denkt, wird von ihm meines Wissens nicht erörtert. Es wird also nicht gesagt, welche bestimmten religiösen Weisheiten auch universal gültige Wahrheiten sein können oder gar sind oder welche der liberale Staat etwa tolerieren sollte
Habermas denkt sozusagen nur eine offene Einladung zum Dialog. Bei dem aber eigentlich die religiösen Menschen in ihren Glaubenshaltungen auch lernen sollten: Auch da werden meines Erachtens keine Beispiel von Habermas genannt. Er spricht lediglich davon, dass religiöse Bürger sich an die universal geltenden, also säkularen Gesetze der Demokratie zu halten haben. Man denke aber etwa an die Debatte um Beschneidung von Knaben im Judentum und Islam, diese Beschneidung wird von etlichen demokratischen Menschen als unerlaubter Übergriff in demokratischen Staaten mit religiöser Neutralität abgewiesen. Die Gerichte in Deutschland haben aber dann zugunsten der Religionen (Judentum, Islam) entschieden.
Zusammenfassend: Habermas mutet dem religiösen Bürger zu, seine religiösen Lehren, wenn sie denn politisch relevant sein sollen, in säkulare Sprache zu „übersetzen“.
Er mutet den säkularen, religionsdistanzierten Bürgern zu, „in der artikulierten Sprache religiöser Stellungnahmen und Äußerungen gegebenenfalls Resonanzen eigener verdrängter Intuitionen wieder zu erkennen, darin also potentielle Wahrheitsgehalte zu entdecken, die in eine öffentliche, religiös ungebundene Argumentation eingebracht werden können“ (ebd. S 293).
Zum Islam in seiner ganzen Vielfalt, die von eher demokratisch orientierten reformbereiten Gemeinden reicht bis zu Fundamentalismen oder zu extrem konservativen katholischen Gruppen (Opus Dei, Legionäre Christi, Neokatechumenale) bzw. dem starken evangelikalen/pfingstlerischen evangelischem Glauben äußert sich Habermas nicht. Insofern sind seine Vorschläge abstrakt, allgemein und nicht mehr auf der Höhe der aktuellen Debatten von 2019. Die zerstörerische politische Kraft evangelikaler Gruppen sieht man heute in Brasilien oder in Nigeria: Welche Bedeutung könnte dort die Religions“theorie“ Habermas haben? Man hat eher den Eindruck, global gesehen, dass die religiösen Fundamentalismen in allen Religionen immer stärker werden und sich auch politisch als solche durchsetzen können. Insofern ist Religionskritik eine der obersten philosophischen Beschäftigungen – um der Menschenrechte und der Demokratie willen. Man denke auch an die scharfen Abtreibungsverbote in vielen lateinamerikanischen (katholischen!) Staaten oder in einigen Bundesstaaten der USA sowie in Polen usw. Überall, wo der politische katholische Klerikalismus die Macht hat, setzt er sich mit seinem absoluten ersten aller Gebote durch: Keine Freiheit für Frauen hinsichtlich der Abtreibung.
Diese Themen berührt Habermas nicht. Und seine Schriften wurden zu einer Zeit geschrieben, als das Vertrauen in die religiöse und grundsätzlich humane Kraft der Kirchen noch groß war. Seit den unglaublich vielen Missbrauchsskandalen in der römischen Kirche weltweit ist es schwer, mit Habermas noch von den konstruktiven Ressourcen der Kirchen für die Gestaltung Europas zu sprechen. Die Kirchen sind ja selbst hilflos, wenn es etwa um das Massensterben der Flüchtlinge im Mittelmeer geht; sie sind hilflos, wenn in den Großstädten die Mieten explodieren und immer mehr Arme „erzeugt“ werden; die Kirchen sind hilflos, wenn die reiche und satte Welt auf die arm gemachten Millionen Menschen des Südens schaut und dabei seit Jahrhunderten keine anderen Ideen hat, als bitte zu schön zu spenden.
Mit anderen Worten: Die religiösen Ressourcen, und das sind im Sinne Jesu von Nazareth humane Ressourcen, mit einer prophetischen Dringlichkeit, sind aufgebraucht. Und manche haben den Eindruck, die Gesellschaft mag zwar mit allerhand Folklore , Kirchentagen, Heilig-Abend-Gottesdiensten etc. noch religiös erscheinen, vom biblisch- prophetischen Glauben der Gerechtigkeit für alle und des nicht bloß verbalen Kampfes für diese Gerechtigkeit, sind die Kirchen weithin weit entfernt.
Insofern sind die Äußerungen von Jürgen Habermas zu Religion noch interessant. Aber, sie sind leider bis jetzt nicht relevant geworden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Lesenswert ist der Beitrag von Michael Kühnlein über Jürgen Habermas in dem Buch „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und Religionskritik“, Suhrkamp, 2018, S. 862

Niedergang der Demokratie in Österreich. Ein Buch von Robert Misik

Über ein neues Buch von Robert Misik, Wien
Ein Hinweis von Christian Modehn, zuerst veröffentlicht im April 2019, erneut publiziert am 19.5.2019.

In Österreich wird es Neuwahlen geben, nachdem die faschistoiden Äußerungen von Hans-Christian Strache FPÖ, bis zum 18.5.2019 Außenminister Österreichs, bekannt wurden, etwa zur Überwindung der Pressefreiheit und zum Aufbau eines antidemokratischen Systems im Sinne Orbans. Aus diesem Anlass ein erneuter Hinweis auf das neue Buch von Robert Misik, Wien.

Der neue rechte bzw. rechtsextreme Populismus in Europa hat sich früher als anderswo in Österreich öffentlich bemerkbar gemacht, etwa, als die FPÖ schon im Januar 1993 ein „Ausländervolksbegehren“ mit dem Titel „Österreich zuerst“ startete. Mit geringem Erfolg anfangs, aber bei den Nationalratswahlen 1994 stimmten mehr als eine Million Österreicher dann doch für die FPÖ. Österreich ist seitdem ein Staat mit einer starken rechtsextremen Partei geblieben. Bei den Wahlen 2017 erhielt die FPÖ 26% aller Stimmen. Sie ist in der Regierung vertreten, unter Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP), und erhielt 6 von 14 Ministerien, darunter das Innenministerium.
„Österreich zuerst“: Diese Forderung ist heute politisches Prinzip zumal in der Ausländer und Flüchtlingspolitik; es wird – in der werbenden Selbstdarstellung – in den gefälligen Slogan „Genussland Österreich“ übersetzt: Allerorten und in allen Zusammenhängen wird mit „Genuss“ geworben für das, nun ja, von der Natur her tatsächlich meist schöne und von der Kultur her oft interessante Österreich. Nur soll dieses (gastronomisch gemeinte) „Genussland Österreich“nicht allen dort lebenden Menschen zur Verfügung stehen, schon gar nicht den Flüchtlingen, den Asylanten, den Muslims oder gar den Armen, die in der Polemik der FPÖ und der ÖVP jetzt nur als „Nutznießer des Sozialsystems“ verstanden und auch öffentlich so bezeichnet werden.
Wer sich für den aktuellen Zustand des Genusslandes „Österreich First“ interessiert, sollte zu dem neuen, wichtigen Buch des Publizisten und bekannten Buchautors Robert Misik greifen: „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen“ ist der Titel seiner von ihm selbst so bezeichneten „Streitschrift“, die wie ein Aufschrei wirkt angesichts der Zerstörung demokratischer Kultur durch die jetzigen populistischen Regierungen in Europa, zumal in Österreich. Ein Buch, das den Willen stärken sollte, die Demokratie und die Menschenrechte zu retten in unserem Europa.
Aber was jetzt an Zerstörung der humanen demokratischen Umgangsformen beschrieben wird, ist mehr als ein österreichisches Problem. Es ist ein europäisches Problem! Und das macht Misiks Buch deutlich: Erschienen ist das sehr inspirierende Buch Anfang 2019 im Picus Verlag in Wien. Es hat 143 Seiten und kostet 15 Euro!
Robert Misik ist als Journalist in Wien u.a. für die Wochenzeitung „Falter“, die Tageszeitung „Standard“, das Magazin „Profil“ und die deutsche TAZ tätig, er hat zahlreiche Bücher, auch zur Religionskritik, veröffentlicht.
Zentral ist seine Erkenntnis: In Österreich wird mit aller Bravour eine „konservative Revolution“ betrieben, die letztlich auf einen Umbau der bisherigen demokratischen Verhältnisse hinausläuft: Der Titel „konservative Revolution“ wird heute in allen europäischen Ländern prominent unterstützt: In Deutschland hat sich der Chef der CSU im Bundestag Alexander Dobrindt ausdrücklich für diese „konservative Revolution der Bürger“ ausgesprochen. Der Titel erinnert an die Propaganda rechter Philosophen und Autoren in den neunzehnhundertdreißiger Jahren, wie Carl Schmitt oder Ernst Jünger. Nach der konservativen Revolution setzte sich der Faschismus durch…

Die erste Hälfte des Buches von Robert Misik ist stark auf Österreich bezogen, was ja kein Nachteil ist für deutsche Leser, die etwa als Touristen immer wieder mit dem „Genussland“ konfrontiert sind. Misik spricht eine deutliche Sprache: Nur einige Zitate:
„Österreich hat jetzt eine national autoritäre Regierung“ (28). „Die Regierung will, dass „die Opposition nicht opponieren sollte“.
„Opposition und Zivilgesellschaft sollen nicht mehr aufmucken“ (20).
Die Sprache der führenden verantwortlichen Regierungspolitiker sei von „Rohheit“ bestimmt, „der Zynismus ist an der Macht“ (27). Der Kanzler Sebastian Kurz „ist das Geschöpf einer Zeit, in der die Welt als Kampf aller gegen alle empfunden wird und noch der hilfsbedürftigste arme Schlucker als Konkurrent um knapper werdende Ressourcen gilt – und dies in einer Welt, in der Solidarität, das schlicht Humanitäre, die leise Stimme der Vernunft und Rationalität, aber auch ein Geist des Fortschritts einen schweren Stand hat (51).
In dieser Situation des Kampfes aller gegen alle entsteht die „Sehnsucht danach, dass Gewalt ausbreche,… dass das Elementare einbreche in die Langeweile des Systems…Von dieser Sehnsucht lebt der radikale rechte Neokonservatismus seit jeher“ (81). Explizit werden diese Untergangswünsche und Visionen etwa von dem Katholiken Steve Bannon (USA, mit Einfluss auf Europas Rechtsextreme) propagiert. Jetzt geht es, so schreibt Misik in seinem neuen Buch, diesen Leuten erst einmal darum, die demokratischen Strukturen langsam zu zersetzen; kritische Publizistik, auch in Österreich, wird marginalisiert und mundtot gemacht (76), kritische NGOs werden dort finanziell ausgetrocknet, den Kirchen und ihrer Caritas/Diakonie wird eine übertriebene „Hypermoral“ vorgeworfen, weil sie „Asylbusiness“ (was für ein Unwort der Politiker) betreiben….(131). Politiker in Österreich entwickeln, so Misik, ihre eigenen „Fake-News-Schleudern“ (ebd.).
Es geht letztlich darum, die Demokratie „mit kleinen Schritten in eine wackelige Fassade ihrer selbst zu verwandeln“ (77).Misik zitiert den Schriftsteller Peter Turrini, der bezogen auf Österreich von „einem Staatstreich in Zeitlupe“ spricht (28).
Diese Aussagen versteht Robert Misik als Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes. Dabei klagt er die Führer und Ideologen der rechtsextremen Politiker an, nicht aber pauschal viele der irritierten Wähler der FPÖ oder auch der AFD: Zu den AFD Wählern zitiert Misik eine Studie, die zeigt: Viele dieser AFD Sympathisanten sind, so empirische Studien (103), beklagen den Verlust von sozialen Netzwerken in ihrer Lebenswelt, beklagen, dass sich die Politik aus ihren Vierteln zurückgezogen hat, dass sie as Gefühl haben: niemand interessiert sich mehr für sie“(104). „Nicht dass Migranten geholfen wird, regt die Leute, Wähler der AFD, primär auf, sondern dass sie das Gefühl haben, dass ihnen niemand zuhört, dass sich für sie niemand interessiert, dass da niemand ist, der in der Nähe erreichbar wäre“ (ebd.) Dies ist der „psycho-politische Gefühlscocktail“, so Misik sehr treffend (104).
Der Autor will keineswegs das allgemeine Wehklagen der Demokraten befördern, er will mit seiner heftigen Analyse Mut machen, die Demokratie, die Menschenrechte, die Menschenwürde, noch zu retten, TROTZ aller FPÖ Politiker und Orbans und erzkatholischen Populisten(Nationalisten) in Polen usw. „Haltet euch mit Empörung nicht zurück“, fordert Robert Misik (142). Und er zitiert zum Schluss Robert „Bobby“ Kennedy: “Jedes mal, wenn ein Mensch für ein demokratisches Ideal eintritt oder handelt, um das Los anderer zu verbessern oder gegen Ungerechtigkeit aufsteht, sendet er eine winzige Welle der Hoffnung aus, die sich wiederum mit vielen Millionen anderer Energien und Kühnheiten kreuzt. Und zusammen bauen diese kleine Wellen eine Woge auf, die die mächtigsten Mauern der Unterdrückung hinwegspülen“. (Nebenbei: Man könnte, religionsphilosophisch, in diesen Worten einen guten Ansatz sehen für ein Verständnis von „Auferstehung“ zu Ostern). Wer noch konkretere Formen des vernünftigen demokratischen Widerstands gegen den rechtsextremen Populismus wünscht, lese die Zeilen, die der Autor von dem Sozialexperten der evangelischen Diakonie in Wien, Martin Schenk, übernimmt (135f).
Überhaupt hätte ich mir gewünscht, dass die Stellung der Kirchen, auch der offiziellen Kirchenleitungen, gegenüber der „Herrschaft der Niedertracht“ aussehen. Gibt es Pfarrer und Bischöfe, die noch zur FPÖ halten? Bischof Krenn, St. Pölten, gestorben 2014, war ja ein Freund von Jörg Haider FPÖ… Und wie lebt die jüdische Gemeinschaft in Österreich, wie fühlen sich Muslime fühlen in dieser Angst erzeugenden Situation…

PS: Das Buch wurde geschrieben, bevor einmal mehr deutlich wurde, wie stark die internationalen Verflechtungen der „Identitären“ in Österreich sind. Diese militante Gruppe ist bekanntlich mit der FPÖ eng verbunden. Kanzler Kurz wurde in dem Zusammenhang nun einmal sehr emotional, als er die nun bekannt gewordene finanzielle Unterstützung zugunsten der österreichischen „Identitären“ durch den Massenmörder in Neuseeland (Christchurch, Mitte März 2019) „abscheulich“ fand. Ob es nun zum Koalitionsbruch mit der FPÖ (und der in ihr starken auf Identität eingeschworenen Gruppen) kommen wird, ist wohl eher unwahrscheinlich. Es wird wohl alles nur eine scheinbare Aufregung sein, die bald wieder vergessen wird, weil die brutale Abwehr der Flüchtlinge im Mittelmeer dieser populistischen Regierung z.B. viel dringender erscheint …

Robert Misik, „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen“, 2019, Picus Verlag Wien, 15 Euro.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Remonstranten und ihre wichtigsten Tugenden

Überlegungen anlässlich des 400 jährigen Bestehens der freisinnigen Kirche der Remonstranten
Hinweise von Christian Modehn

Anlässlich des 400 jährigen Bestehens der Remonstranten Kirche in den Niederlanden in diesem Jahr (2019) werden dort weitere Überlegungen publiziert zur Frage: Was ist den Remonstranten wichtig? Was ist für sie, bei aller Liebe zur eigenen innerkirchlichen Pluralität, entscheidend?
Zu der Frage ist jetzt eine Broschüre publiziert worden von fünf TheologInnen der Remonstranten zu fünf „Arikeln“, also Grundbegriffen, sozusagen „Kernwerten“, im Leben und Denken dieser freisinnigen protestantischen Kirche. Alle fünf Artikel bzw. Grundhaltungen beginnen interessanterweise mit einem V in der niederländischen Sprache. Es handelt sich um Vrijheid, Verdraagzaamheid, Verantwoordelijkheid, Vrede und Vriendschap. Also um Freiheit, Toleranz, Verantwortlichkeit, Friede und Freundschaft.
1.
Freiheit ist schon von der Geschichte der Remonstranten her eine zentrale Haltung/Tugend. Bekanntlich haben die ersten Remonstranten-Theologen stark die freie Mitwirkung des einzelnen Menschen in der Entscheidung für den christlichen Glauben betont! Eine absolut umfassende Vorherbestimmung der Glaubenden durch Gott lehnten sie vernünftigerweise ab und so wurden sie deswegen von der Mehrheit der strengen Calvinisten 1619 durch die Synode von Dordrecht ausgeschlossen, verfolgt und ausgegrenzt.
Ein Wunder, dass diese kleine Kirche über all die Jahre Bestand hatte. Sie ist etwas ganz Besonderes, Wichtiges, wohl auch „Einmaliges“ in der Hinsicht, in der weiten Ökumene, denke ich.
2.
Bei der Freiheit, die fürs theologische Denken typisch und normal ist, hätte man natürlich auch die sehr dringenden heutigen Tugenden Solidarität, Gerechtigkeit, Vielfalt als „Kernwerte“ nehmen können. Aber darüber kann man ja weiter sprechen…Die fünf „V“ als „Kernwerte“ haben natürlich einen eigenen Charme.
3.
Ich kann nur empfehlen, Niederländisch mal vorausgesetzt, diese Broschüre (42 Seiten) zu lesen. Ich will kurze Hinweise geben: Sigrid Coenradie, Theologin in Eindhoven, schreibt über „Freiheit“. Sie kümmert sich dort um Verbindungen von Menschen außerhalb und innerhalb der Kirche, ein neues Dialog – Projekt der Remonstranten. Keine Missionsveranstaltung, sondern eben Dialog! Und sie weist in ihrem Beitrag über die Freiheit auch darauf hin, dass die Remonstranten in der internationalen, interreligiösen Vereinigung IARF (International Association for Religious Freedem) vertreten sind. Zur Freiheit gehört, so Sigrid Coenradie, auch das Eintreten für die Menschen, die heute mit dem etwas seltsam anonymen Kürzel LHBTI beschrieben werden: Also das Eintreten für lesbische Frauen, homosexuelle Männer, Bisexuelle, Transgenders und intersexuelle Personen. Diese Menschen haben selbstverständlich ihren gleichberechtigten Platz in der Remonstranten Kirche.
4.
Koen Holtzappfel, Theologe und Pastor in Rotterdam, stellt in seinem Beitrag über Verantwortlichkeit kritische Fragen: „Fühlen wir uns als (Niederlande), Land verantwortlich für das, was in Srebrenica passierte? …Wie weit reicht unsere Verantwortlichkeit, wenn es um die Frage der Natur und des Naturschutzes geht. Nicht umsonst gehen uns heute Schüler voraus in ihrem Protest gegen die als zu sehr vom Kompromiss bestimmte Klimaverträge“.
5.
Ein Hinweis noch auf den Beitrag des Amsterdamer Theologen und Pastors Joost Röselaars über „Freundschaft ist Bruderschaft“. Er erinnert an den alten Titel der Remonstranten: „Bruderschaft“! Der Titel Bruderschaft wird vielleicht in feministisch geprägtem Denken als problematisch empfunden, deswegen spreche viele eher von Remonstranten – Kirche. Aber aktuell ist die Idee der gelebten „Bruderschaft“ nach wie vor, auch wenn man ihn in Richtung Geschwisterlichkeit weiten sollte. Joost Röselaars erinnert an Martin Luther King, der einmal sagte: “Ich habe einen Traum. Wir werden mit unserem Feind zusammensitzen.Wir sollen mit unserem Feind an einem Tisch, einer Tafel, zusammen sitzen…“ Und Röselaars nennt Beispiele: „Das ist vollkommene Bruderschaft: Der Türke sitzt mit dem Kurden an einem Tisch. Der PVV Anhänger (aus der rechtsextremen Partei von Wilders, CM) sitzt zusammen mit dem Flüchtling an einer Tafel“…
Wahrscheinlich ist die Wiederbelebung des Begriffes und der Realität „Bruderschaft“ auch zentral für die Zukunft der Remonstranten Kirche: Die sehnsucht der meisten Menschen, die noch eine christliche Gemeinde suchen, ist ja auch und oft vor allem dieses emotionale Sichwohlfühlen in der Gemeinde, so sehr man auch die intellektuelle, rationale Debatte pflegt. Kopfarbeit und „Seelenarbeit“ also sollten vielleicht stärker verbunden sein.

Die Remonstranten sind eine Kirche, die den theologischen Pluralismus sehr weit reichend auch für ihre eigenen Gemeinden, also für die Glaubensüberzeugung der einzelnen Freunde und Mitglieder nicht nur zulässt, sondern wünscht. Auf der Basis des kurzen allgemeinen Bekenntnisses: „Die Remonstrantische Bruderschaft ist eine Glaubensgemeinschaft, die – verwurzelt im Evangelium Jesu Christi und getreu der Freiheit und Toleranz – Gott ehren und dienen will“.
Diese innere Pluralität ist selbstverständlich im Alltag nicht immer einfach zu gestalten. Eine Glaubensgemeinschaft mit einer inneren Pluralität ist so selten, dass für die Mitglieder dieser Gemeinschaft der offene Dialog untereinander entscheidend ist. Sigrid Coenradie stellt in ihrem Beitrag dazu kritische Fragen.
Ich frage mich angesichts des Jubiläums, ob die Remonstranten eine fast ausschließlich auf die Niederlande begrenzte Kirche bleiben dürfen. Ist in Europa – und darüber hinaus in einer immer mehr fundamentalistisch werdenden Welt – eine freisinnige Kirche nicht enorm wichtig, selbst mit nur kleinen Stützpunkten, „Aktions-, Studien- und Debattenzentren?
Und ich frage weiter, ob die Remonstranten nicht viel mehr Menschen anderer Kulturen, allochthonen sagt man in Holland, und anderer Religionen und Weltanschauungen als Freunde und Mitglieder einladen und aufnehmen. Erst dann, vermute ich, finden die fünf Vs ihre umfassende Gestalt. Koen Holtzappfel gibt schon die auf Zukunft hin orientierte wichtige Antwort:“ Remonstranten können den Zusammenhalt begünstigen, indem sie ihre Türen öffnen und den anderen begegnen. Sie können ein Platz bieten, wo gleichsam Vögel mit unterschiedlichem Gefieder einander entgegenkommen, lernen Respekt für einander aufzubringen und gemeinsam erleben, wie bereichernd Begegnungen sein können…“

Zum Schluss noch ein Hinweis auf die Monatszeitschrift ADREM der Remonstranten. Da berichtet in der Ausgabe Mai 2019 Janny Harmsen von ihrer Gemeinde in Doesburg: Dort orientiert sich die Gemeinde neu, weil sie sehr bald keine eigene Pastorin mehr haben kann. „Darum haben wir eine liturgische Gruppe ins Leben gerufen, in der ich bis vor kurzem auch Mitglied war. Es ist schön, um out of the box zu denken über Liturgie, aber selbst predigen ist für uns möglich. Wir probieren viel Kunst und Poesie in den Gottesdienst zu bringen“.

Die Praxis, dass die Gemeindemitglieder (Laien oft genannt, sie sind aber keine „Laien“, CM) selbst liturgische Verantwortung übernehmen und predigen, wenn kein Pastor da ist, finde ich großartig, auch für die Zukunft der Kirche. Das ist die Grundidee der Basisgemeinden, von dort kann man noch viele gute Inspirationen holen. So braucht keine noch so kleine Gemeinde nur einmal im Monat Gottesdienste zu haben, wenn eben mal ein Pastor gerade da ist…. Die Gemeinde selbst gestaltet auch die Gottesdienste. Ein Projekt für die Zukunft. Sicher ganz dringend, auch was Bildungsmöglichkeiten für „Laien“ am Institut der Remonstranten an der Freien Universität von Amsterdam angeht.

Die Broschüre „de vijf artikelen van de remonstranten“ ist 2019 erschienen. 42 Seiten. Sie kann bestellt werden im Büro der Remonstranten, Nieuwe Gracht 271, 3512 Utrecht. www.remonstranten.nl

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin. Forum der Remonstranten Berlin.

Hässliches Sehen. Ein neues Buch der Philosophin Bettina Stangneth

Ein Hinweis von Christian Modehn

Bettina Stangneth, inzwischen weltweit bekannte Philosophin und Historikerin in Hamburg und Interpretin der (religionsphilosophischen) Werke Immanuel Kants, hat ein eher knappes Buch mit dem Titel „HÄSSLICHES SEHEN“ vorgelegt. Es fällt mit 142 Seiten viel kürzer aus als ihre früheren Bücher über das Lügen und das Böse. Wobei die Autorin in ihrem neuesten Buch pragmatisch gesteht: “Dass sich das Böse, die Lüge und das Hässliche leichter an den Leser bringen lässt als das Gute, Wahre und Schöne … habe ich erst durch die Praxis gelernt“ (S. 142). Dies wäre ein Thema, ob sich ein Philosoph diesem Trend anpassen sollte, um wahrgenommen zu werden. Ich bezweifle das.
Was mir mehr Mühe bereitet ist der irgendwie zwiespältige Titel: HÄSSLICHES SEHEN. Im Buchumschlag selbst sind beide Begriffe immer groß gedruckt, so dass man zuerst erwartet, dass tatsächlich „Objekte“ mit Hässliches gemeint sind. Aber auf Seite 75 wurde ich irritiert, weil da „hässlich“ offenbar als Qualität des Sehens selbst gemeint ist. „Wer moralisch zu bessern versucht, indem er die Menschen das hässliche („hässliche“ klein geschrieben, CM) Sehen lehrt, erteilt die Lizenz zu hassen…“ Wie kann das Sehen selbst hässlich sein? So eine Art böser Blick? Etwas „Verhextes“ im Blick selbst? Aber kann man diese hässliche Qualität des Sehens „lehren“? Oder liegt da ein Druckfehler vor? Offenbar nicht. Denn „hässliches Sehen“ (hässlich wieder klein geschrieben) kommt auf Seite 66 noch einmal vor.
Mühe macht vor allem die erwartete eher stringente Argumentation zum Thema; alles ist dicht geschrieben, konzentriert, über einzelne schöne (!) Sätze könnte man lange meditieren. Aber es sind meines Erachtens eher 14 in sich stehende Essays in dem Buch enthalten, die das Denken der Philosophin selbst in einer gewissen Unmittelbarkeit des Ringens zeigen. Das ist schon interessant. Aber das Thema Hässliches Sehen (oder auch das hässliche Sehen) erschließt sich nicht unmittelbar überall, so sehr auch manche Reflexionen zur Erkenntnistheorie, zur Verteidigung der Aufklärungsphilosophie im Sinne Kants, zu Fragen der Identität irgendwie damit zu tun haben.
Oft ist auch vom „dialogischen Denken“ die Rede. Aber Dialoge im unmittelbaren Sinne mit mehreren gleichberechtigten Gesprächspartnern kommen jedenfalls nicht vor; gemeint ist mit „dialogisch“ wohl der innere Dialog der Philosophierenden selbst.
Aber warum ist die Beschäftigung mit dem Sehen des Hässlichen denn so wichtig, um es einmal bei dieser Objektbezogenen Eingrenzung des „Hässlichen“ zu belassen. Damit wir im Angesicht des Hässlichen aus der so einfachen und so schnellen Haltung der aufgespreizten, wichtigtuerischen und egozentrischen Empörung herauskommen. Und warum ist diese Empörungs-Haltung so falsch? Sie bleibt äußerlich, meint Bettina Stagneth, führt nicht zur kritischen Selbstreflexion und damit zur menschlichen Reife, sage ich in meinen Worten.
Aber ist das wirklich immer so? Waren denn die erfolgreichen Plädoyers von Stephane Hessel für die Empörung so unsinnig? Haben sie nicht viele tausend Empörte, Indignados in Spanien usw., vereint? Natürlich sind auch AFD Leute und andere Unvernünftige empört. Also gibt es treffende, nach vorne weisende Empörung zugunsten besserer Demokratie und eben auch reaktionäre Empörung zur Abschaffung der Demokratie. Irgendwie hätte ich in dem Buch mehr Konkretes, Politisches, gewünscht. Der Text ist eben zu kurz! Zu schnell? Ist denn die Einschätzung von etwas als Hässlichem so eindeutig? Sind die Kunst – Objekte von Joseph Beuys etwa nicht bewusst etwas Hässliches, aber gerade darin eben erstaunliche Kunst?
Gewiss, viele einzelne Hinweise von Bettina Stagneth geben zu denken, etwa der Kult um Vorbilder, die Sehnsucht nach Helden. Aber das sind nicht hässliche Gestalten. Und: Aber warum sehen so viele Menschen gern und so oft objektiv Grausames, also Hässliches, also Mord und Krieg und Waffen und Gemetzel? Ich hätte gern nachvollziehbar gelesen, ob der Anblick von ca. 100 Leichen pro Fernsehabend in der Distanz des Zuschauers als abstoßend, als so Hässliches, erlebt werden, dass man sich dann ekelerregt hochherzig dem Guten und Schönen zuwendet? Oder stärken diese ca. 100 Leichen pro Fernsehabend, trotz schauspielerischer Glanzleitungen manchmal, auch den Trend, sich selbst auf den Weg des Hässlichen zu begeben, weil ja da Hässliches und Böses in eins fallen. Hat das internalisierte Hässliche, also das hässliche Ästhetische, die Kraft, ins Böse, ins Böses-Tun, umzuschlagen? Wenn ich etwa bei google den Suchbegriff „Mord nach einem Vorbild im Fernsehen“ eingebe, erhalte ich am 14.5.2019 1.060.000 Ergebnisse, u.a auch zu „Columbine“ ! Indem die ja wohl manchmal hübsch anzusehenden Waffen tatsächlich nach Mord und Totschlag als hässlich gedeutet werden, weil mörderisch, kippt das Ästhetische ins Moralische, ins Böse, um.
Interessant, dass die Religionsphilosophin Stangneth auch ganz knappe Hinweise bietet zum Kreuz Jesu, an dem sich ein „allein gelassener Mann … unter Schmerzen windet“ (S. 100). Wie können fromme Christen solch ein hässliches Bild wertvoll finden, fragt Bettina Stangneth? Die Antwort ist: Weil diese gebildeten Frommen die ganze Lebensgeschichte dieses Jesus von Nazareth kennen und wissen, dass er wegen seiner radikalen Menschenfreundlichkeit umgebracht, ans Kreuz gehängt wurde. Sie sehen also im Gekreuzigten den ganzen historischen Menschen. Übrigens haben die ersten Christen das Kreuz als Symbol für Jesus gar nicht gekannt, sie verwendeten eher das Symbol des Fisches, ICHTHYS auf Griechisch, aber das ist ein anderes Thema. Der sehr originelle Salzburger Theologe Gottfried Bachl ist übrigens einer der wenigen, die sich mit dem Thema „der hässliche Jesu“ explizit auseinandersetzten, in seinem lesenwerten Buch „Der schwierige Jesus“ (Tyrolia Verlag, 1966, dort S. 77 ff.)
So eröffnet das Buch „Hässliches Sehen“ viele weitere Fragen, die einer ausführlicheren Reflexion noch bedürfen. Aber ist das nicht schon ein schönes Prädikat für ein philosophierendes Buch?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der Bischofsmord von Guatemala: Ein Film über Juan Gerardi

Anlässlich des neuen Films von George Clooney
Ein Hinweis von Christian Modehn

Bei den Filmfestspielen in Cannes 2019 wird der neue Film von George Clooney vorgestellt: Sein Titel: „The Art of Political Murder“. Sein Thema: Der Mord an Juan Gerardi, Bischof im zentralamerikanischen Staat Guatemala, dort geboren am 27. Dezember 1922, dort ermordet am 26. April 1998. Der Film – Titel ist mit dem Titel einer großen Studie von Francisco Goldman identisch (2007 in den USA als Buch erschienen, liegt auch auf Deutsch vor). Über Details aus dem Leben Bischof Gerardis kann man sich etwa bei wikipedia gut informieren. Wichtig ist vor allem seine Tätigkeit als Bischof von El Quiché (1974 zum dortigen Bischof ernannt). Dort gab es heftige Konflikte der indigenen Bevölkerung mit der Regierung. Die Diskriminierung der Armen, der Mayas usw. war total. Im Ort Panzos fanden 1978 Massaker (mehr als 100 Tote unter den friedlich demonstrierenden Indianern) statt, 1980 wurden Priester getötet und zur Ausreise gezwungen, der Bischof ist Attentaten ausgesetzt, Bischof Gerardi muss, um sein Leben zu retten, die Diözese verlassen und sich nach Costa Rica flüchten.
Nach seiner Rückkehr nach Guatemala wird Bischof Gerardi zuletzt auch Leiter der „Wahrheitskommission“ zur Aufdeckung der Verbrechen während der Jahrzehnte dauernden bestialisch agierenden Militärdiktatur: Von 1960 bis 1996 dauerte der Bürgerkrieg. Zwei Tage vor seiner Hinrichtung in einer Garage (sein Gesicht wurde bis zur Unkenntlichkeit entstellt) hatte der Bischof die ersten Ergebnisse der groß angelegten Studie der „Rückkehr zur geschichtlichen Erinnerung an das Geschehene“ öffentlich vorgestellt: 54.000 schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden zusammengestellt. „80 % aller Menschen­rechts­ver­letz­ungen haben Militärs und Paramilitärs begangen, nur 9 % die so genannten Guerilla“, also die Widerstandgruppen der Armen gegen die Attacken der Militärs (siehe dazu die Studie von Stefan Herbst über Bischof Gerardi, in: „Die Armen zuerst“, Mainz 1999, S.173).
Gerardis Tod löste in Guatemala Entsetzen aus, weil zugleich eine Fülle von widersprüchlichen Behauptungen zur Todesursache verbreitet wurden. Umfassend aufgeklärt wurde der Tod nie. Deutlich aber ist: Der Mord an Bischof Gerardi war kein irgendwie nur persönlich gefärbtes Verbrechen, sondern ein politischer Mord, bestellt von den höchsten politischen Führern im Land. Man machte zwar einen Prozess: Vier Personen wurden als Täter für schuldig befunden, drei Militärangehörige sowie der katholische Priester Mario Orantes, mit dem der Bischof im gleichen Haus der Gemeinde St. Sebastian, Guatemala-Stadt, wohnte. Orantes wurde vorzeitig aus der Haft entlassen.

Der Film von George Clooney erinnert an Guatemala, ein Land, aus dem wie schon seit langem jetzt viele tausend Menschen in die USA flüchten wollen, ein Land, das aber im ganzen gesehen eher am Rande des öffentlichen Interesse steht. Weil die europäische Öffentlichkeit sich z.B. ständig mit dem BREXIT befasst oder – notgedrungen – etwa mit der Zunahme des Populismus und Rechtsextremismus in Europa. „Kleine Länder“ wie Guatemala gelten dann als uninteressant. Das sollte sich ändern in einer Welt, die so gern sich vernetzt, „global“, nennt.

Einige Stichworte zum Mord an dem Menschenrechtsaktivisten Juan Gerardi sind wichtig und sollten breiter studiert und diskutiert werden, gerade angesichts des Clooney-Films:

1. Guatemala hat in seiner Geschichte nur ganz wenige Jahre eine Demokratie erlebt: Etwa 1950: Da wurde mit 63 % der Stimmen Jacobo Arbenz zum Präsidenten gewählt, er setzte sich für Agrarreformen ein. Die katholische Kirchenführung, selbst auch nicht demokratisch verfasst, hat, bis ca. 1970, kein Interesse am Aufbau einer demokratischen staatlichen Ordnung.

2. Ausgerechnet das (heute in Deutschland wieder diskutierte) Thema Enteignung brachliegenden Landes (der us-amerikanischen Bananen- „United Fruit Company“) beendete die demokratische Regierung von Arbenz. Er wollte 162.000 ha brachliegenden Landes für eine Entschädigung von 1 Million US Dollar enteignen: Allein schon dieser Vorschlag galt für die USA und für die reaktionäre Kirchenführung im Land damals als eine Art Verbrechen: Privateigentum ist heilig. Arbenz wurde 1954 vom CIA gestürzt. Die USA setzten, wie üblich, einen ihnen wohlgefälligen Diktator als Staatschef ein.

3. Die rechtsextremen Militärs bedankten sich bei der katholischen Kirche für deren Ablehnung des sozial gesinnten Demokraten Arbenz: Die Kirche durfte nun offiziell auch das Recht auf Grundbesitz haben…

4. Eine winzige Gruppe, weniger als 2 % der Bevölkerung, besitzt 65 Prozent des bewirtschafteten Bodens: Als die arm gemachte Bevölkerung, auch aus dem Volk der Mayas, Gerechtigkeit fordert, oft unterstützt von progressiven katholischen Priestern und Nonnen, schaltet sich der CIA wieder ein und inszeniert einen der blutigsten Bürgerkriege Lateinamerikas. Die USA unterstützen die Gewaltregime der Militärs. (dazu Maria-Christine Zauzich, Guatemala, in: Kirche und Katholizismus seit 1945. Band 6, Lateinamerika und die Karibik, Paderborn 2009, S. 118)

5. Besonders heftig ist das Massenmorden durch den evangelikalen General Efrain Rios Montt, Staatspräsident von 1982 bis 1983. Sein besonderer „Schwerpunkt“ waren die denkbar blutigsten Massaker an der Zivilbevölkerung.

6. Dabei bedienen sich die US Herrscher und ihre Vasallen der Ideologie des Antikommunismus als Argumentationshilfe für das brutale Abschlachten durch Militärs und der mit ihnen verbündeten USA.Der paranoide, von Politikern der USA und vieler lateinamerikanischer Staaten betriebene Antikommunismus, äußerte sich dann auch als „Doktrin der Nationalen Sicherheit“.
Auch viele Bischöfe, auch die Päpste, vor allem der Pole Johannes Paul II., waren Anhänger der antikommunistischen Ideologie, die förmlich als politisches Argument ständig eingesetzt wurde, um die eigene Herrschaft zu begründen. Der päpstliche Kampf gegen die angeblich marxistische Befreiungstheologie und ihre Priester ist wesentlich antikommunistisch geprägt, oft in enger Kooperation mit US amerikanischen „Schulen“ der Ausbildung von lateinamerikanischen Militärs, die speziell Befreiungstheologen ins Visier nehmen sollten. (dazu: Norbert Greinacher, Geschichte des Konflikts, in: „Konflikte um die Theologie der Befreiung“, Benziger Verlag 1985, über das „Santa Fe-Papier, 1980, zur militärischen Auslöschung der Befreiungstheologen, dort S. 61).
Die Behauptung, Kommunist zu sein, wurde als Vorwurf ständig verwendet gegen alle Personen, auch Priester und Bischöfe, die sich für die Menschenrechte einsetzten.

Die Ideologie des Antikommunismus war eine Art Glaubensbekenntnis der reaktionären Kreise des Westens, die nur am Erhalt des (ökonomischen) Status quo Interesse hatten.

7. Als weitere Ideologie unterstützte die US amerikanische Regierung auch die Theologie der evangelikalen und pfingstlerischen Kirchen in ihrer Mission in Guatemala (und anderen lateinamerikanischen Ländern). Diese frommen fundamentalistisch glaubenden, aber politisch reaktionären Evangelikalen/Pfingstler sollten die katholische linke Basisbewegung ausschalten, was in Guatamala auch besonders „erfolgreich“ gelang. Diese evangelikal/pfingstlerischen Kreise hatten kein Verständnis für die traditionelle Maya-Religion der Bevölkerung, sie sollte als „heidnisch“ ausgerottet werden. General Rios Montt war selbst Mitglied einer Pfingstkirche, er ist als Massenmörder bekannt geworden; er predigte sonntags im Fernsehen. Mit Jorge Serrano wurde 1991 noch einmal ein fundamentalistisch frommer Evangelikaler Präsident.

8. Die Menschen in Guatemala, in ihrem Leiden, in ihrem Hoffen trotz totaler Hoffnungslosigkeit, haben es verdient, endlich einmal im Mittelpunkt öffentlichen Interesses zu stehen. Vielleicht sorgt der Film dafür!!

9. Bischof Gerardi ist ein Märtyrer der Menschenrechte. Ein moderner, obwohl Kleriker, ein weltlicher, weil politischer Heiliger. Ein Vorbild, in der Hinsicht seines Engagements. Wo gibt es solche Bischöfe noch – in Europa, in Deutschland zum Beispiel. Diese klerikalen, bequem lebenden Herren kreisen oft nur um die kleine interne Kirchenwelt ..und ihr Geld/Kirchensteuern. Vielleicht sollten sie mal im Rahmen eines Austauschprogramms 3 Jahre in Guatemala oder anderen lateinamerikanischen Staaten das Leben mit den Armen in den Slums, den Dörfern etc. teilen?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der Muttertag: Erlebnis des Schöpferischen. Hinweise zu einer Philosophie der Geburt und des Geschaffenseins. Anläßlich des „Muttertages“

Erlebnis des Schöpferischen: Hinweise zu einer Philosophie der Geburt. Nicht nur angesichts des „Muttertages“

Von Christian Modehn am 10.5. 2014 und leicht überarbeitet am 10.5. 2019.

Zur Überarbeitung: Ich muss gestehen, ich habe diesen nun 5 Jahre alten Text von mir noch einmal gern gelesen. Und viele andere haben es getan. Weil dieser Hinweis die Banalität eines Kommerz-Festes überwindet zugunsten eines tieferen Denkens und Lebens/Liebens.

Ins Philosophieren kommt jeder Mensch immer. Auch angesichts von Feiertagen, die ein auf Kommerz und Konsum ausgerichtetes Ziel haben, wie dem „Muttertag“. Kann es also eine „Philosophie des Muttertages“ im Ernst geben? Naturgemäß heißt die Antwort „Ja. Denn kein Ereignis dieser Welt entzieht sich philosophierender Betrachtung. Und diese tief im Alltag verwurzelte philosophische Denkweise ist bekanntlich der  legitime Ausgangspunkt, um dann in ein systematisches philosophisches Denken weitergeleitet zu werden. Philosophie ist für uns im „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ kein „l´ art pour l´ art“ Spielchen, kein Jonglieren mit Begriffen.

Nun also der Muttertag: Da wird philosophisch daran erinnert, und wir sollten diese dem ersten Hinblick nach banal erscheinende Aussage wirklich bedenken, dass wir alle geboren wurden; dass wir alle eine Mutter (und einen Vater) haben, die uns freundlicherweise unter Schmerzen zur Welt brachte und – in den allermeisten Fällen – nicht sterben ließ, sondern irgendwie liebevoll behütete; dass wir alle aus einer sexuellen Begegnun, welcher Art auch immer, hervorgegangen sind; dass ohne Sex, auf welche Art auch immer, kein personales neues Leben ist (das sagen wir nebenbei jenen, die Sex peinlich oder gar schmutzig finden und am liebsten nur für die Zeugung gelten lassen, wie etwa der heilige Augustinus. Dass wir alle uns dann als Wesen, die aus dem Mutterleib befreit wurden, Geschöpfe nennen, also Geschaffene sind. Auch die Eltern wurden geschaffen, sie sind selbst Geschöpfe… Und wir alle sind in dieser Konkretheit unserer Existenz naturgemäß immer auch genetisch „zufällig“ geprägt, später von der Umwelt, von der Gesellschaft usw. Aber jeder und jede bringt doch auf seine/ihre Weise das individuelle Eigene und Einmalige mit. Ist das nicht erstaunlich? Warum vergessen wir so schnell solche Einsichten?

Der Mensch ist also in dieser Sicht ein Geschöpf, ein Wesen, das in die Welt gelangt, das dann für sich die Freiheit des Anfangs erlebt, dieses Herausforderung bzw. das Glück des Neuen erleben ja auch die Mütter und die Väter. Geborenwerden ist die Erfahrung: Etwas einmalig Neues, eine neue Person, betritt diese Welt: Eine einmalige Person.

Diese Philosophie der Geburt bzw. des Geborenwerden verändert das „Klima“ des philosophischen Nachdenkens: Sartre und andere sprachen vom Geworfensein. Das Baby soll also ein Geworfenes sein. Eigentlich furchtbar, man könnte dabei hart aufprallen nach dem „Wurf“ des (ja welchen?) Werfenden. Emile Cioran liebte wohl diesen Gedanken, als er in seiner Lust des Neinsagens vom „Nachteil geboren zu werden“ sprach. Auch Erich Fromm hat in seinem Text „Wege aus einer kranken Gesellschaft“ (1955)  die Geburt als etwas Negatives angesehen. Und zwar, weil der Neugeborene und Unbeholfene und Gefährdete, also das winzige Baby, „einen sicheren Zustand, der relativ bekannt ist (im Mutterschoß) für einen anderen Zustand aufgibt, der neu ist und den man noch nicht beherrscht“ (Erich Fromm, Gesamtausgabe, Band IV, Seite 23).

Hannah Arendt hat (als Frau, also doch etwas anders denkend, anders fühlend?) sich gegen diese Negativ-Deutungen des Geborenwerdens zurecht argumentativ gewehrt, als sie ihre Philosophie der Natalität entwickelte.Und eine Sensibilität beschrieb, die in der Lage ist, das Wunderbare des Neuanfangs mit jedem neu geborenen Menschen zu bedenken.

Der Mensch ist also Schöpfung: Der geborene und geschaffene und eher zufällig SO entstandene Mensch kann nur staunen über die Konkretheit seines Wesens. Das Erstaunliche ist nicht in fernen Himmelswelten, das Erstaunliche sind wir selbst als Geschöpfe. Die von Heidegger und Sartre her lancierten Begriffe, die ja durchaus in einem ontischen Verständnis irritierend klingen, etwa das Geworfensein, werden so überwunden.

Wie könnte eine Philosophie des Daseins und damit das durch sie geprägte Lebensgefühl aussehen, wenn nicht in den Köpfen die Geworfenheit und das Sein zum Tode“, sondern das Erstaunen über die Neuschöpfung, d.h. die Geburt, im Mittelpunkt stehen würde? Bestimmte philosophische Grundwörter, „Slogans“,  haben das Denken sehr vieler Menschen in eine begrenzte Sicht der Existenz geführt. Eine Philosophie der Geburtlichkeit, des „Geschaffenseins“, korrigiert das nahezu ständig zitierte Wort Heideggers vom „Vorlaufen in den Tod“ (Sein und Zeit). Vielleicht sollten wir eher auch „Zurücklaufen“ in das Wunderbare des Geborenseins/Daseins und von daher eine andere Fundamentalontologie bzw. Phänomenologie des Daseins entwickeln, die Rücksicht nimmt auf das Erstaunliche des Anfangs. Natürlich wäre es im Rahmen einer „alltäglichen Metaphysik“ oder auch „alltäglichen Phänomenologie“ möglich und wohl auch erlaubt, nach dem „Werfenden“ zu fragen, also nach dem, der da wirft, wenn man schon von Geworfensein groß tönend redet.

Jedenfalls verändert sich der Blick auf den Menschen grundlegend, wenn auch das GeborenWERDEN als zentrale und grundlegende Dimension des DASEINS mitbedacht wird. Dann kommt die Dimension des Erstaunlichen hinein, vielleicht des Wunderbaren des Menschseins. Eine neue Anthropologie (oder Fundamentalontologie) könnte entstehen.  Dann wird aber auch das viel besprochene und so oft wie selbstverständlich zitierte „Sein zum Tode“ (Heidegger) als Form der absoluten Endlichkeit in ein anderes Licht gerückt werden. Wird der Schöpfer jemals sein Geschöpf verlassen? wäre eine Frage, die ins Religionsphilosophische weist.

Das (von Heidegger und anderen so viel beschworene) „Ganze des Daseins“ ist dann eben nicht mehr so einfach überschaubar, weil wir unsere Herkunft als Geschaffene aus dem Göttlichen gar nicht exakt überschauen. Wir entstammen sozusagen einem „offenen Beginn“, weil wir eben nicht wissen, was Schöpfung eigentlich exakt und wissenschaftlich bedeutet. Die Naturwissenschaft wird darauf ohnehin keine Antwort geben, sie untersucht das bereits Vorhandene, Gegebene, nicht aber die Welt ALS Schöpfung. Die Grenzen werden also fließend, wenn wir nicht genau „wissen“, woher wir kommen. Dieses Verschwinden exakter Grenzen ist ein Gewinn. Das Geheimnis des Lebens lässt sich nicht definitiv, also umgrenzend, festschreiben und festlegen.

Und der Tod steht in neuem Licht da. Vielleicht als Rückkehr in die Herkunft des Schöpferischen? Aber wer oder was ist denn das Schöpferische aller schöpferischen Akte? Kann man bei dieser Frage, tastend-suchend, im Ernst auf eine Wirklichkeit verzichten, die in einer langen religiösen und philosophischen Tradition „das Göttliche“ oder „Gott“ genannt wurde?

Der immer wieder erlebte, eher arrogant wirkende Stolz vieler Philosophen, von Heidegger angestoßen, das ganze Daseins („ganz“ definiert durch den Tod) zu überschauen, kommt also etwas ins Weiter-Fragende „Schleudern“. Und das ist gut so. Philosophisch sollte man auch über gängige und wie Dogmen gehandelte philosophische Sätze hinausdenken und … weiter suchen.

Insofern gilt: Schön, dass es einen Muttertag gibt. Er gibt nämlich Neues zu denken …und zu leben, beleben. Dieser Feiertag lädt ein zum Philosophieren, verstanden als Form der Lebensorientierung. Ohne dabei die Dankbarkeit gegenüber der Mutter (und dem Vater) zu vergessen…und dann doch das Leben, unser Leben, zu feiern. Gemeinsam, wenn es denn noch möglich ist in dieser Unkultur des totalen Invidualismus.

Copyright: Christian Modehn. Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Für eine demokratische, republikanische Kirche: Erinnerungen an Abbé Grégoire

Hinweise von Christian Modehn
Erinnerungen an einen ungewöhnlichen Priester: Er war als Politiker aktiv seit dem Beginn der Französischen Revolution und ein glühender Verteidiger der humanen Werte der Revolution: Sein Name Abbé Grégoire. In Deutschland sollten wir mehr von ihm wissen: Als Ausnahmegestalt eines demokratischen organisierten Katholizismus, der aber diese Kirche, als Hort des Konservativen und damals heftig Reaktionären, nicht verändern konnte. Aber er hatte doch Erfolge, als Verteidiger der Menschenrechte, vor allem auch zugunsten der Juden und der „Schwarzen“ in den Kolonien.

Der katholische Priester Abbé Grégoire heißt mit vollständigem Namen Henri Jean-Baptiste Grégoire. Er war der berühmte „Priester-Bürger“, „citoyen par excellence“, schreibt der Historiker Bernard Plongeron (Concilium, 1969, Heft 1, Seite 31, französische Ausgabe).
Abbé Grégoire ist eine Ausnahme – Gestalt in dem damaligen antirepublikanischen, antidemokratischen und reaktionären Katholizismus, repräsentiert im Vatikan. Aber er hat dafür gesorgt, dass sich mindestens für ein paar Jahre die Ideen des katholischen Glaubens mit den richtigen Ideen der Französischen Revolution versöhnen konnten. Er ist die entscheidende Gestalt unter den Abgeordneten des revolutionären Parlaments, der die rechtliche Gleichberechtigung der Juden durchsetzte sowie auch die Abschaffung der Sklaverei. Die Bevölkerung der Republik Haiti, die erste unabhängige Republik in den damaligen südamerikanischen Kolonien, hat ihn hoch verehrt! Und bei seinem Tod 1831 mehrere Tage eine Staatstrauer begangen.
Er hat für die Eingliederung des katholischen Klerus in die Verfassung der Republik gestimmt („Constitution civile du Clergé“): „Alle Bischöfe und Pfarrer müssen von nun an von den Bürgern gewählt werden“. Der Papst wurde dann lediglich von der Wahl benachrichtigt. Alle Priester sollten – wie er auch es ganz entschieden tat – auf die Verfassung der Republik schwören. Seit der Zeit ist der französische Klerus der Revolutionsepoche gespalten, republikanisch oder königstreu und dem Papst absolut ergeben. Abbé Gregoire hat niemals darauf verzichtet, an dieser Konzeption einer Art „nationalen“, also weithin von Rom unabhängigen katholischen Kirche festzuhalten. Deswegen hatte der Erzbischof von Paris auch verboten, dass ein Priester ihn in seinen letzten Stunden besucht, der Erzbischof hatte sogar eine kirchliche Bestattung verboten.
Geboren wurde Grégoire am 4. Dezember 1750 in Vého bei Luneville in Lothringen, einer Region, in der sich unterschiedliche philosophische und aufklärerische Bewegungen versammelten. Er war zuerst Pfarrer und Theologe, bevor er als Abgeordneter ins Pariser Parlament kam. Als Dorfpfarrer setzte er sich entschieden für die Bildung der Bauern ein, er stellte seine private Bibliothek allen Interessierten zur Verfügung, er hat entschieden gegen den „Obskuratismus“ gekämpft, also gegen die übliche Mischung von Glauben und Aberglauben unter Katholiken. Er sprach drei Fremdsprachen, auch etwas Deutsch. Seine befreundeten Rabbiner empfahlen ihm die Lektüre philosophischer, aufklärerischer Zeitschriften in Berlin.
In seinen Lebenserinnerungen („Mémoires“) schreibt Abbé Grégoire: „Nachdem ich die Zweifel förmlich verschlungen hatte durch die Lektüre so genannter philosophischer Werke, habe ich alles neu geprüft und bin nun Katholik, nicht etwa, weil meine Eltern katholisch waren, sondern weil mich die Vernunft, unterstützt von der göttlichen Gnade, zur Offenbarung (der Bibel) geführt hat“.
Viele theologischen Impulse bezog er auch aus dem Studium der alten, der ursprünglichen Kirche („ecclesia antiquior“). Er verfasste zahlreiche politische und theologische Studien, 427 Titel von ihm sind bis jetzt zusammengetragen und tausende von Briefen: Ein Intellektueller und ein Verteidiger der Menschenrechte, und das alles ab 1789, zu einer Zeit, als die Päpste die Menschenrechte und die Freiheit verfluchten. Abbé Grégoire ließ sich nicht unterkriegen. Dabei hatte er gar nichts gegen die Dogmen der Kirche, er wollte nur die menschlichen Verhältnisse in Staat und Kirche grundlegend durch vernünftige Gesetze verbessern.
Er fand es normal, dass man katholische Bischöfe wählte: Er selbst wurde etwa zum Bischof von Blois gewählt. Er setzte es durch, dass Französisch die Sprache in katholischen Messen wurde; er organisierte Synoden als Orte des freien katholischen Disputs. Er setzte sich für eine Versöhnung der römischen mit der orthodoxen Kirche ein.
Natürlich, möchte man sagen, wurde dies alles vom Vatikan verboten, untersagt, zerschlagen. Die zerstörerische Kraft alles Lebendigen und Neuen war im Vatikan immer schon sehr groß. Aber Abbé Grégorie ließ sich nicht in die Verzweiflung treiben, er kämpfte für die Menschenrechte, für die Befreiung der “Schwarzen“. Michelet sagte von ihm: „Abbé Grégoire hat zwei Gottheiten gehabt, Christus und die Demokratie. Beide vermischten sich seiner Meinung nach zu einer einzigen Überzeugung, denn beide haben dasselbe Ideal, die Gleichheit und die Brüderlichkeit“ (Histoire et dictionnaire de la Révolution Francaise, Robert Laffont, 1987, Seit 860)
1950, zum 200. Gedenken an die Geburt dieses freien, republikanischen Priesters, Bischofs und Politikers war es ausgerechnet der vietnamesische Politiker Ho-chi-Minh, der seiner gedachte: Er nannte ihn einen „Apostel der Freiheit der Völker“.
Am 28. Mai 1831 ist Abbé Grégoire in Paris verstorben. An seiner Bestattung auf dem Friedhof Montparnasse, Paris, nahmen 2.000 Studenten und Arbeiter teil, berichtet Bernard Plongeron (ebd., S. 43).
Ein der Hierarchie gegenüber kritischer Priester (Abbé Guillon) war dann noch bereit, eine kirchliche Bestattung zu feiern.
1989, im Rahmen der Feiern „200 Jahre Französische Revolution“, erhielt dieser republikanische, demokratische Priester endlich ein Ehrengrab im berühmten Pariser Panthéon. Die französischen Bischöfe, immer noch im Zorn auf ihren großen republikanisch-katholischen Vorgänger, nahmen selbstverständlich NICHT an den Feiern im Panthéon teil. Lediglich der progressive Außenseiter unter den Bischöfen damals, Jacques Gaillot, Bischof von Evreux, war – für Gaillot selbstverständlich – bei den von Staatspräsident Francois Mitterrand geleiteten Zeremonien im Panthéon dabei.
Es wird Zeit, in Deutschland umfassender an Abbé Grégoire zu erinnern. Leider sind seine Werke in deutscher Sprache nicht verfügbar. In Frankreich gibt es förmlich einen Boom an Grégoire – Forschung, siehe etwa die entsprechende französische website von wikipedia.
Ich finde diesen Mangel an deutschsprachigen Büchern über Abbé Gregoire in gewisser Weise typisch: Wie viele Bücher wurden in den frommen Verlagen über die Karmeliter-Nonne Theresia vom Kinde Jesu in Lisieux oder über den angeblichen Mystiker, den Pfarrer von Ars publiziert? Und eben nicht über einen revolutionären, republikanischen Priester und Bischof, einen Kämpfer für die Menschenrechte und eine demokratisch verfasste Kirche!

Es gibt ein kleines Abbé Grégoire Museum in Emberménil, Département Meurthe-et-Moselle, in der Region Grand Est.
https://musee-abbe-gregoire.fr/un-musee

Über „Haiti und Abbé Grégoire“ gibt es etliche differenzierende Studien, etwa: https://www.persee.fr/doc/outre_0300-9513_2000_num_87_328_3804

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Be

Sozialismus, Eigentum, Ideale…Eine Debatte

Ein Hinweis von Christian Modehn

Es ist schon ein Zeichen von geringer Vernunft und sogar politischer Demagogie, wenn man beim Begriff Sozialismus jetzt hier in Deutschland nur an den real existierenden Sozialismus in der DDR oder im Ostblock denkt. Diese Polemik betreibt auch der berühmte Herr Joffe, Tagesspiegel, 6.5.2019. Mit solchen Hasstiraden wird nur eine ernsthafte Debatte verhindert über die Frage: Was sollte Sozialismus heute konkret bedeuten, zumal für eine Partei, die sich seit dem Ursprung stolz sozialistisch nannte, vieles Soziale erreicht hat und jetzt im Rahmen der Angst vor Wahlniederlagen dieses Wort Sozialismus offiziell gar nicht hören will. Einst war die SPD Mitglied der „Sozialistischen Internationale“, seit einigen Jahren lässt sie aus taktischen Gründen diese Mitgliedschaft „ruhen“. Bei so viel Ruhe ist den meisten SPD Leuten auch der Gedanke an eine moderne Form des Sozialismus abhanden gekommen. „Ruhe sanft“ … und verliere die Wahlen, auch und gerade wegen des Verzichts auf den Sozialismus. Und mach dich den konservativen Parteien zum Verwechseln ähnlich, dann verschwindest du definitiv, möchte man sagen.

Ohne auf den sinnvollen Vorschlag von Kevin Kühnert für eine tiefer gehende Diskussion über einen modernen Sozialismus in der SPD weiter einzugehen: Ist denn Privateigentum ein so totaler Wert für die reiche Welt, der mit allen Mitteln wie ein Gott verteidigt werden muss? „Unser Gott (d.h. der Gott der wohlhabenden Welt, eine Minderheit unter der Weltbevölkerung) ) ist das Privateigentum“. Das ist das schlichte Glaubensbekenntnis derer, die nicht nachdenken wollen und können, sich ans Gegebene klammern. Voller Angst!
Das polemische Reinprügeln auf Kevin Kühnert ist also nur ein Zeichen von intellektueller Schwäche. Diese Polemiker haben nichts anderes auf „Lager“ als die dummen Hinweise auf die DDR. Diese nannte sich sozialistisch und demokratisch, war aber weder sozialistisch noch demokratisch! Also lassen wir diese Vergleiche. Die Polemiker heute jetzt sehen nicht, dass die reiche Welt, so, wie sie herrscht und sich zeigt, ökonomisch, ökologisch, politisch usw. keine Zukunft hat und haben kann. Der fortgesetzte Kapitalismus und Neoliberalismus führt zur Implosion dieser Welt. Die Liste der kompetenten Wissenschaftler, die das nachweisen, ist ultra-lang. Und sie haben recht. Aber welcher Politiker nimmt sie ernst?
Ist denn nicht auch die westliche Demokratie in gewisser Hinsicht gescheitert, also nicht nur der „reale Sozialismus“? Sind die USA unter Trump als dem Dauer-Lügner eine „echte“ Demokratie, etwa, wie oft behauptet wurde, ein Vorbild? Ist Ungarn unter Orban eine Demokratie? Ist Polen jetzt eine Demokratie? Ist Italien – auch damals schon unter Berlusconi – eine Demokratie? Sind die Staaten der EU etwa wahre Demokratien, wenn sie explizit aufgrund ihrer Gesetze Flüchtlinge aus Afrika im Mittelmeer ersaufen lassen? Die Kritiker des Sozialismus sollten bescheidener werden und uns nicht einreden, als hätten wir in Europa Demokratien! Vielleicht ein bißchen. Aber ein bißchen war ja auch der reale Sozialismus auch Sozialismus. Oder? Wie viele Nazis, Juristen, Beamte, Minister haben die ersten Jahrzehnte der BRD oder Österreichs mit bestimmt? War die BRD nicht gerade im Strafrecht auch in gewisser hinsicht ein Nachfolgestaat Hitlers, man denke an die Diskriminierung der Homosexuellen in der BRD bis 1969. Man denke an die ungebrochene Fortdauer des Konkordates (1933) der römischen Kirche mit dem Hitler-Regime usw..

Man sollte also – leider – eher wohl über die nur noch so genannten Demokratien in Europa reden. Ist eine Regierung CDU/CSU/SPD so hundertprozentig demokratisch, wenn sie de facto der verlängerte Arm der Auto-Industrie ist? Wenn sie eine Ausländer- und Flüchtlingspolitik macht, die weithin den Vorstellungen der populistischen AFD entspricht? Wenn inkompetente Verkehrsminister alles tun, damit die Autobahnen absolut vorrangig gebaut werden und der Ausbau des Bahnverkehrs z.B. minimal bleibt? Tausend weitere Beispiele… Wir leben nach dem Ende des so genannten realen Sozialismus leider jetzt in einer so genannten Demokratie, das sage ich um der Rettung der Demokratie willen!! Die populistischen Parteien wollen hingegen die Demokratie langsam vernichten…

EIn Vergleich: Welch einen Aufschrei, welch eine blinde Wut, welche Verdammungsurteile würden die Kirchenbürokraten in allen starken und machtvollen christlichen Kirchen Deutschlands loslassen, wenn jemand ernsthaft heute fordern würde: Das Evangelium Jesu von Nazareth sollten die Kirchen und ihre Bürokraten und Theologen und Festangestellten, Hochbezahlten, Privilegierten, Kardinäle in Luxuswohnungen und Bischöfe mit einem Monatsgehalt von 12.000 Euro (Köln, z.B.)…. als NORM hoch schätzen und zur Leitlinie ihres Lebens und Handelns erklären? Wo gäbe es dann die „Scheiterhaufen“? Die Grundbotschaft des Evangeliums als den entscheidenden Maßstab für die Kirche zu fordern, wäre eine Katastrophe für den, der das fordert. Franziskus von Assisi musste sich dem Papst letztlich unterwerfen, radikale Kirchen-Reformer (Hus, Giordano Bruno usw.) wurden von den Herren der Kirche in trautem Einvernehmen mit dem Staat verbrannt… Dostojewski hat ja bekanntlich beschrieben: Was passiert, wenn Jesus von Nazareth noch einmal auf dieser Welt leben würde…Man kennt das Ergebnis…

Das Evangelium, auch die Bergpredigt Jesu, passt momentan genauso wenig den Funktionären der Kirchenbürokratien wie der Sozialismus der SPD Führung gefällt Beide Institution sind bieder und einfallslos geworden, wollen nur (die wenigen) Mitglieder halten, die obendrein für dumm verkauft werden: Als würden nachdenkliche Menschen nicht eine evangeliums – gemäße Kirche oder eine humane, sozialistische, d.h. solidarische SPD wünschen? Man sollte Sozialismus inhaltlich als politisch gelebte Solidarität definieren…
Was würde passieren, wenn man die CDU auffordern würde, nach den Grundsätzen des Christentums und auch des Evangeliums Politik zu machen? Über das längst vergessene C der C Parteien wurde ja oft geklagt, immer aber von reaktionären Leuten, die meinten, das C sei identisch mit „Pro Life“ oder dem Widerstand gegen alle Versuche einer humanen Sterbehilfe…

Was würde passieren, wenn man den emphatischen Begriff „liberal“ auf die sich „liberal“ nennenden Parteien beziehen würde? Diese sind heute oft die heftigsten Gegner einer humanen Flüchtlingspolitik. Liberal heißt aber bekanntlich in der Tradition: Absolute Geltung der Menschenrechte, der Rechte der Individuen (auch der Flüchtlinge?), absolute Verteidigung der Pressefreiheit usw. Nebenbei: Die FPÖ (Freiheitliche Partei Österreichs), seit Jahren eine rechtsextreme Partei, sieht sich immer noch verbunden mit dem „national-liberalen“ Wertesystem.

Philosophisch gesehen geht es um die Frage: Welche Bedeutung geben wir noch den grundlegenden Zielen, also den grundlegenden humanen Vorstellungen einer menschlichen Welt? Man könnte auch klassisch sagen: Welche Bedeutung geben wir noch den Idealen? Den Idealen der Menschenrechte, der Solidarität, der Gerechtigkeit und damit implizit auch des humanen Sozialismus oder dem auch, religiös gesehen, dem Evangelium?
Da kommen aber gleich wieder diese Polemiker und sagen: Ideale sind nur etwas für Idealisten. Was für ein Blödsinn ist es, dies zu sagen. Helmut Schmidt SPD sagte dummerweise: „Wer Visionen hat, gehe zum Arzt“. Er selbst ist aus Mangel an Visionen leider nicht zum Arzt gegangen. Er hätte ihm vielleicht globale sozialistische Visionen verschrieben. Sarrazin SPD oder Schröder SPD haben bekanntlich auch keine globalen humanen Menschenrechts-„Visionen“. Dies ist meine Meinungsäußerung. Wenn man Kevin Kühnert aus der SPD rausdrängt, dann bitte gleich auch die genannten lupenreinen „Visions-Losen“…

Das gilt philosophisch unbedingt: Ideale sind kritisch reflektierte humane Zielvorstellungen für alle Menschen. Diese Ideale als solche kann die Menschheit nie vollständig erreichen. Aber sie sind der innere „Motor“ geistigen Lebens. Die Triebkräfte humanen Handelns. Würden wir z.B. den Partner nur lieben, wenn er/sie total dem Ideal der Liebe entspricht? Lebt konkrete Liebe nicht immer von der kreativen Vision, dem wichtigen Ideal, das kaum erreichbar ist? Es hält das Miteinander in Schwung.
Ohne Ideale wie Sozialismus, Geltung der vernünftigen humanen Grundideen des Evangeliums Jesu Christi, Menschenrechte, Gleichberechtigung der Frauen, völlige Normalität homosexuellen Lebens und Liebens usw., also ohne diese Ideale verkümmert unser Denken; wird unsere Welt hässlich, spießig, todlangweilig. Sie wird keine gute Zukunft haben.
Ideale sollten umgesetzt werden, realisiert werden, in kleinen Schritten, gerade dann, wenn die Not groß ist und die Wirklichkeit der Gesellschaft nach qualitativer Verbesserung der Verhältnisse für alle, die Ausgegrenzten und arm Gemachten zumal, förmlich schreit.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Misstrauen – Vom Wert eines so genannten Unwertes

Ein Religionsphilosophischer Salon am 3.5.2019
Hinweise zur Einführung von Christian Modehn

Ich beziehe mich auch auf einige Vorschläge und Einsichten, die Florian Mühlfried in seinem Buch „Misstrauen. Vom Wert eines Unwertes“ (Reclam, 2019) nennt.

Es geht also um die Erkenntnis: Misstrauen ist in gewisser Hinsicht (!) ein Wert. Und Vertrauen ist in gewisser Hinsicht (!) ein Unwert. Die strikte Trennung, das absolute Gegeneinander von Misstrauen und Vertrauen, ist philosophisch also Unsinn: Tugenden können Laster sein und umgekehrt. Darauf hat etwa der Philosoph Martin Seel in seinem Buch „111 Tugenden – 111 Laster“ (Frankfurt 2011) hingewiesen.
1.
Misstrauen steht begrifflich nahe zur Skepsis. Sie ist meist identisch mit einer Haltung, einer ziemlich umfassenden Lebensform, dem Skeptizismus.
Dieser Skeptizismus als Lebensform, (beschrieben von Sextus Empiricus, bezogen auch auf Pyrrhon) lehrt: Der Mensch sollte sich aller Urteile enthalten, denn alle Dinge und alle Erkenntnisse sind gleichwertig. Keine Bevorzugung für angeblich Wahres und Falsches. Diese Haltung wird praktiziert, um zur individuellen Seelenruhe als dem Ziel des menschlichen Lebens zu kommen. Die Haltung, die dahin führt, ist das ständige Fragen, besonders das Zweifeln an allem.
Skepsis ist aber in sich widersprüchlich: Denn Skepsis wird vom Skeptiker als Wahrheit empfunden, also bevorzugt. Und: Allen Dingen kann der Skeptiker auch nicht gleichgültig gegenüberstehen: Etwa dem eigenen Schmerz. Als Ausweg kann man Skepsis als eine private Überzeugung gelten lassen, wie dies Montaigne tat.
Skepsis und Zweifeln als Aktivität des Geistes sind eng verbunden. Methodisches Zweifeln in der Wissenschaft soll gerade zu sicherer Erkenntnis führen, wenigstens vorübergehend.
Misstrauen ist mehr emotional strukturiert. Zweifeln mehr intellektuell.
2.
„Misstrauen“, darauf weist Florian Mühlfried zurecht nachdrücklich hin, ist ein politisch aktuelles Thema: Ich konkretisiere diese Einsicht: Etwa jetzt im Umfeld der Europa Wahlen im Mai 2019, wo von den Populisten so viel Unwahres, so viele Fakes, verbreitet werden, dass eine tiefe Irritation erzeugt werden soll unter den Bürgern. Bestimmte extrem rechte Parteien, wie die AFD, fordern z.B. die Schüler auf, misstrauisch gegen ihre Lehrer zu sein und bei „linken“ Äußerungen der Lehrer diese anzuzeigen. Die FPÖ will die Pressefreiheit behindern (siehe den Kampf um die Pressefreiheit im ORF).
Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen und Werten wird von populistischen Parteien verbreitet. Damit wird das Vertrauen als Basis des Miteinanders erschüttert. Lügen sind nicht nur auf den engeren intellektuellen Bereich bezogen; sie haben eine globale zerstörerische Kraft. Dies will Mister Trump. Und den Bürgern gelingt es bis jetzt nicht, dieser Herrschaft ein Ende zu setzen… Wie kann Demokratie so schwach sein???
Das Paradoxe ist ja heute: Demokraten müssen ebenfalls Misstrauen entwickeln gegenüber gewählten Politikern, etwa Trump, Orban, FPÖ Leuten, Polnischen Herrschern, etc, die ebenfalls Misstrauen verbreiten als ihre politische Strategie zur Zerstörung von Demokratie. Der Unterschied ist: Diese genannten Politiker wollen eine ganze andere politische Ordnung, letztlich außerhalb der Menschenrechte. Die misstrauischen Bürger hingegen kämpfen um eine bessere Gestalt der Demokratie und der Geltung der Menschenrechte.
Wir wollen mit unserem Misstrauen, unserer Skepsis, unserer Pflege der unabhängigen Medien etc., die Menschenrechte weiter beleben und die liberale und soziale Demokratie.
Ohne Misstrauen kann keine Demokratie bestehen. Die Politiker sollten froh sein, wenn misstrauische Bürger ihnen beim „Politikersein“ zusehen und Einspruch erheben, Widerstand leisten. Nur das ist Demokratie. Am schlimmsten wird es, wenn die Opposition erlahmt, schweigt oder gar von der Regierung, wie der FPÖ in Österreich, letztlich als überflüssig betrachtet wird. Das ist das Ende einer noch so bescheiden gewordenen Demokratie.
Schlimm sind die Regime, die keine institutionelle Opposition zulassen. Und darauf noch stolz sind. Man denke an den Vatikan, der stolz darauf ist, keine (!) Demokratie mit der umfassenden Geltung der Menschenrechte zu sein. Hans Küng nannte dieses Regime treffend „Diktatur“.
3.
Florian Mühlfried versteht Misstrauen als aktive Tätigkeit: Weil man in seinen Planungen nicht automatisch mit einem guten Ende rechnet, denkt man auch ein Scheitern, überlegt also Alternativen. Misstrauen hat also sehr viel mit Zukunftsplanung zu tun.
Misstrauen löst Handlungen aus. Misstrauen kostet etwas, kostet Nerven und Geld.
Diplomaten sind Menschen, die einander mit Misstrauen und skeptischer Vorsicht begegnen. Nur selten gelingen „vertrauensbildende Maßnahmen“ der politischen Feinde.
Das diplomatische Taktieren, immer wieder bloß die halbe Wahrheit sagen, hat sich wohl auch in die persönlichen Umgangsformen „eingeschlichen“: Sind wir im Miteinander der Gemeinschaften und Gesellschaft längst nur noch diplomatisch-misstrauische „Bekannte“ und diplomatisch sich benehmende „Freunde“ und „Verwandte“ geworden? Kann also Misstrauen auch das gesellschaftliche Miteinander vergiften?
4.
Das Misstrauen als Grundhaltung der Menschen in der Gegenwart zeigt sich an vielen Beispielen:
Es gibt eine Art Boom der Versicherungen. Der Sicherung von Häusern und Villen, „gatend cities“, wird immer üblicher. Mit dem Sicherheitswahn als Ausdruck eines total werdenden Misstrauens geht die Militarisierung der Gesellschaft voran, auch der Klassenkampf, die Missachtung der Menschenrechte. Man denke, wie viele hundert Menschen etwa in Rio de Janeiro in diesen Kämpfen um Gerechtigkeit und Lebensmöglichkeit für alle täglich in diesen Tagen erschossen werden, von paramilitärischen und offiziellen militärischen Organisationen. Absolutes Misstrauen als Herrschaftsform ist tödlich. Der gewählte Präsident Brasiliens, ein Freund von Mister Trump, wird von vielen klugen Beobachtern als prä-faschistisch bezeichnet. Höchstes Misstrauen ist also angesagt: Doch die Holzhändler und Rinderzüchter Imperien werden ihn, weil gewissenlos, bei dieser Abholzung des Amazonas-Waldes, also einem Verbrechen, unterstützen. Auch aus Europa? Aber gewiss doch. Wir protestieren zwar, aber es bewirkt nichts. Wir werden müde gemacht von diesen Herren.
5.
Misstrauen ist die Haltung des total gewordenen Individualismus: Ich vertraue nur noch mir, vertraue nur noch meiner Leistung, meinem Gewinn, dieses alles muss ich gegen andere schützen und verteidigen.
Das ist üblich geworden in der Kommunikation: Sich nur durch Pseudonyme äußern. Aber: Weiß ich zum Schluss noch, wie viele Pseudonyme ich habe? Wer bin denn „real“?
6.
Waren die Menschen im Mittelalter weniger misstrauisch? Waren sie nicht vielmehr auch und noch mehr von Angst zerfressen, siehe das Buch „Angst im Abendland“ von Jean Delumeau. Es ist wohl ein Märchen, dass wir jetzt und erst jetzt in einer „Risikogesellschaft“ leben. Aus dem Misstrauen und der Lebensangst flüchteten sich die Menschen im Mittelalter in einen von Aberglauben durchsetzten Glauben. Er baute die Kathedralen etc.
7.
Misstrauen als –begrenzte – Tugend im privaten Leben: Misstrauen hat eine Art reinigende Wirkung, wenn wir uns selbst gegenüber misstrauisch verhalten und uns selbst gegenüber skeptisch fragen: Folgen wir in unserem Leben immer dem Trend der Zeit? Mode, Religionen, Bestseller-Kultur, die „besten Filme (aus Hollywood) herrschenden Ideologie?
Wie können wir also uns selbst gegenüber misstrauisch sein? Misstrauisch gegen sich selbst ist nur eine Variante der tieferen Befragung des Selbst in Situationen der Entscheidung.
8.
Aber Misstrauen kann es nur geben, weil VERTRAUEN der Rahmen, die Basis, im menschlichen und geistigen Leben ist. Nur auf „dem Boden“ des Vertrauens hat Misstrauen einen Platz. Vertrauen ist also das Erste, die Basis. Vertrauen eine emotionale und reflektierte Lebens-Haltung. Vertrauen ist kein Affekt, also keine punktuelle Gefühlswallung, kurzfristige Freude, Jauchzen, aber schnell aufbrechender Hass.
Vertrauen ist eine dauernde Haltung.
Die dümmste, leider weit verbreitete „Lebensweisheit“ ist: „Vertrauen ist gut, Kontrolle besser“. Der Autor heißt Lenin. Es wird unterstellt, als könnte jemand, oder eine Institution, uns alle so total kontrollieren, dass Vertrauen „überflüssig“ wird. Die Stasi der DDR ist in diesem Kontrollwahn letztlich gescheitert. Auch Stalin, der absolut Misstrauische, wurde überwunden. Ob die jetzigen Regime mit ihrer neuen, umfassenden totalen Kontrolle der Bewohner (etwa in China) scheitern, ist eine andere Frage. Gegen den Kontrollwahn gilt es, sich mit allen Mitteln zu wehren.
9.
Aber: Auch IM Vertrauen sollte eine gute „Dosis“ Misstrauen stets anwesend sein: Blindes Vertrauen ist, wie der Name sagt, kein erstrebenswertes Lebensziel. Blindes Vertrauen ist naiv, vielleicht Ausdruck der Verzweiflung und der Sehnsucht, nun endlich den Heilsbringer, politisch, emotional, erotisch usw. gefunden zu haben. Kein Mensch und keine Institution sind so perfekt, das man ihnen blind (also unkritisch, mit Ausschaltung des Nachdenkens) vertrauen darf und soll.
Diktaturen verlangen absolutes Vertrauen, oft Loyalität genannt ,als Maßnahme der Einschüchterung.
Liebesbeziehungen wachsen und reifen, wenn in ihnen kritisches Nachfragen als Ausdruck wohlwollenden Vertrauens lebendig ist.
10.
Misstrauen und Vertrauen sind also eng miteinander verbunden. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Die Frage ist: Werden wir in diesem stets schaukelnden Verhältnis von Vertrauen und Misstrauen verbleiben und sozusagen beide Haltungen gleich wichtig finden?
Ich bin der philosophischen, beweisbaren Überzeugung, dass Vertrauen die Basis ist für das dialektische Miteinander, Verschränktsein, von Misstrauen und Vertrauen.
Vom Urvertrauen wäre zu sprechen. Manche nennen es auch Gott-Vertrauen als eine Art „Netz“, „unzerstörbare Basis“, des geistigen Lebens. Wie viele Menschen haben es noch? Wie lässt es sich wieder gewinnen? Dass wird diese geistige Basis brauchen, ist wohl keine Frage. Ist sie nicht vorhanden, spricht etwa Nietzsche von Nihilismus. Man lese seine Reden (Zarathustras Reden) vom „Tod Gottes“.
11.
Menschliches Dasein gestalten wir in der ständigen Spannung von Vertrauen und Misstrauen. Für das gesuchte Gleichgewicht innerhalb dieser Spannung gibt es keine allgemeine Regel für alle und immer.
Das Dasein ist also eine ständige Bewegtheit und ständige Suche auf dem „Boden“ des Vertrauens, des Urvertrauens?
12.
Der Soziologe Niklas Luhmann hat 1968 eine Studie, leider für die vielen zu hochkomplex, geschrieben, zum Thema Vertrauen. Wichtig ist seine Erkenntnis: Wer Vertrauen lebt, nimmt Zukunft vorweg, handelt so, als ob er der Zukunft sicher wäre. Ein Thema, das vertieft werden sollte. Auch das Misstrauen ist auf Zukunft angelegt, man will misstrauisch Schlimmes für die Zukunft verhindern.
13.
Es wäre nachzudenken, warum ausgerechnet die USA als Inbegriff des Kapitalismus auf ihre Münzen und Geldscheine den Spruch gesetzt haben: IN GOD WE TRUST. Sollte damit vielleicht selbstkritisch gegenüber dem Kapitalismus gesagt werden: Aufs Geld vertrauen wir doch nicht so stark, sondern auf Gott. Oder war vielleicht mit „God“ eher das Geld selbst als (der biblische) Gott gemeint? Ich vermute eher dieses.
14.
Sollte in der religiösen Beziehung, auch im christlichen Glauben, das Misstrauen eine Rolle spielen? Ich meine JA!
Den Texten des Neuen Testaments nach zu urteilen jedoch offenbar nicht!
Beispiele:
Der „ungläubige Apostel Thomas“ wird im Johannes Evangelium NICHT als Vorbild dargestellt. Jesus sagt zu ihm: „Selig, die nicht sehen, (also nicht misstrauisch, skeptisch, prüfen) und doch glauben“.
Dabei wird implizit gesagt: Das Fragen und Zweifeln hat im Glauben keinen Platz.
Ich halte diese These für falsch, sie ist bereits Ausdruck einer sich dogmatisch einschließenden Kirche, wo einige Apostel vorschreiben, was Glauben ist. Warum soll denn eine Gottesbeziehung nicht sehen dürfen, nicht vernünftig sein dürfen? Glauben ist doch kein diffuses Fürwahrhalten…
Weitere Beispiele:
Philipperbrief: 2,14: „Tut alles ohne Murren und ohne Zweifel.
Römerbrief 4, 20: Da ist auch von Abraham die Rede: „Er zweifelte nicht im Unglauben an der Verheißung Gottes“. (d.h. Zweifel und Unglauben sind identisch gesetzt).
1 Timothus 2,8: Da heißt es zu der Frage, wie Männer beten sollen: „Ohne Zorn und Zweifel“.
Jakobus Brief,1,8 : „Ein Zweifler ist unbeständig auf allen seinen Wegen“.
In der katholischen so gen. Einheits-Übersetzung heißt es: „Ein Zweifler ist ein Mann mit zwei Seelen“.
15.
Ich betone: Christlich glauben heißt: Fragend nach dem Göttlichen (dem „Sinngrund“) suchen und dieses Fragen bereits als Gabe des Göttlichen an uns verstehen. D.h. dieses glaubende Fragen ist vom Göttlichen selbst „begründet“.
Glaube ist diese Suche nach dem geliebten Gott/Göttin, Göttlichen, den, die, wir gelegentlich sehen, ahnen, „berühren“ im Denken und Fühlen. Wer sucht, hat schon gefunden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon, Berlin

Eine mächtige und korrupte katholische Sekte in Peru kämpft gegen die Freiheit der Presse

Ein Hinweis zur Organisation „Sodalicio“
Von Christian Modehn

Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist immer auch Religionskritik. Maßstab ist die selbstkritische allgemeine Vernunft, die bekanntlich auch für Religionen und Kirchen gilt. Ausgangspunkt dieser Religionskritik ist die Freilegung von Fakten! Und die Verteidigung der Menschenrechte, die selbstverständlich auch in der römischen Kirche höher stehen sollten und wichtiger sein sollten als Kirchengebote.

Glauben Sie ja nicht, einzig das Opus Dei, die Neokatechumenalen, bestimmte Charismatiker, „Das Werk“ oder die Legionäre Christi seien fundamentalistisch denkende und oft nach „Sektenmanier“ handelnde, aber machtvolle (auch ökonomisch !) Organisationen innerhalb der römisch katholischen Kirche!
Die Liste entsprechender Organisationen, oft sehr gut angesehen im oberen Klerus, ist lang. Denn diese Kreise stellen immerhin noch junge zölibatär leben wollende Priester der Kirche zu Verfügung. Nichts ist für Papst und Bischöfe wichtiger als das Bewahren der Kirche als Klerus-gesteuerte Organisation!
Jetzt also geht es hier um eine internationale Bewegung, sie ist in Deutschland bislang eher unbekannt, jedoch vor allem in Lateinamerika, besonders in Peru, sehr einflussreich: Die theologisch äußerst sehr konservative Gemeinschaft für Priester und Laien mit dem lateinischen Titel „Sodalitium Christianae Vitae“ (SCV), „Gruppe christlichen Lebens“. Etliche Mitglieder des SCV sind wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt worden. Und nur auf diesen Aspekt will ich hinweisen.

Die bewährte und gründliche Informationsstelle PERU in Freiburg im Breisgau hat jetzt einen kritischen Beitrag über die Formen des Umgangs dieses Clubs, besonders des Bischofs von Piura, Peru, veröffentlicht. (http://www.infostelle-peru.de/web/missbrauchs-aufklaerer-wegen-verleumdung-verurteilt/)

Dieser wichtige Beitrag von Hildegard Willer von der Informationsstelle PERU in Freiburg i.Br. verdient viel Aufmerksamkeit, geht es darum wahrzunehmen, wie allmächtig sich einzelne Bischöfe immer noch fühlen. Das Reden von Brüderlichkeit oder Gleichheit im „Volk Gottes“ ist dann eher ein Witz.

Am 26. 4. 2019 erreicht mich aus Peru diese überraschende Nachricht: „Der Erzbischof Eguren von Piura hat am 24. April 2019 bekanntgegeben, dass er die Verleumdungsklagen gegen die beiden Journalisten Pedro Salinas und Paola Ugaz zurückzieht. Es scheint, die nationalen und internationalen Proteste, vor allem aber die Kommuniqués der Bischofskonferenz und von Bischof Nann, haben diesen Sinneswandel eingeleitet“.

Der Beitrag von Hildegard Willer bleibt trotzdem nach wie vor aktuell, zeigt er doch, wie weit der Bischof als soldalicio Mitglied glaubt gehen zu können in seiner „Machtfülle“. Die Rücknahme der Verleumdungsklage gegen zwei Journalisten durch den Bischof ist zudem ein Hinweis, dass es allmählich „eng“ wird für diese korrupt eingeschätzte katholische Organisation.

Missbrauchs-Aufklärer wegen Verleumdung verurteilt. Von Hilegard Willer am 16/04/2019
Die Journalisten Pedro Salinas und Paola Ugaz hatten die Machenschaften der rechtskatholischen Gruppierung „Sodalitium“ (span. Sodalicio) aufgedeckt. Der Erzbischof von Piura hat sie deswegen auf Verleumdung verklagt. Die peruanische Bischofskonferenz distanziert sich vom Urteil.
Als Papst Franziskus im Januar letzten Jahres die peruanische Stadt Trujillo besuchte, wurde er vom Erzbischof von Piura und Tumbes, José Antonio Eguren, offiziell begrüßt. Bischof Eguren ist ein Gründungsmitglied der katholischen Bewegung „Sodalitium Vitae Cristianae“. Spätestens seit 2015 wusste jeder in Peru, was hinter der Fassade der einflussreichen katholischen Gruppierung vor sich ging: Gehirnwäsche, psychologische und physische Gewalt, sexuelle Übergriffe bis zu Vergewaltigungen.
Die Journalisten Pedro Salinas und Paola Ugaz hatten in jahrelangen Recherchen Zeugenaussagen ehemaliger Sodalicio-Mitglieder zusammengetragen und veröffentlicht.
Als die beiden Journalisten deshalb vor einem Jahr im Fernsehen sahen, wie der Erzbischof von Piura, Mitglied des Sodalicio der ersten Stunde, neben einem lächelnden Papst Franziskus posierte, als ob nichts geschehen sei, griffen sie zu ihren „Waffen“: Paola Ugaz zur Kurznachricht Twitter und Pedro Salinas zum Meinungsartikel. Dort verglich Salinas Bischof Eguren mit dem wegen seiner Nähe zum Kinderschänder Pater Karadima umstrittenen chilenischen Bischof Juan Barros, der im Juni 2018 schließlich zurücktrat.
Neben der Vertuschung der Straftaten des Sodalicio steht Eguren auch im Verdacht, am Handel mit Ländereien in Piura beteiligt zu sein. Dementsprechende Anschuldigungen waren in zwei voneinander unabhängigen Publikationen gemacht worden.
José Antonio Eguren reichte daraufhin eine Verleumdungsklage gegen die beiden Journalisten ein. Diese erhielten weitreichende Solidaritätsbekundungen. Amnesty International warnte davor, dass das Strafrecht dazu verwendet werde, die Pressefreiheit auszuhebeln. Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens – und dazu gehörten auch Kirchenführer – müssten akzeptieren, dass über sie recherchiert und berichtet werde.
Doch die internationale Solidarität half – vorerst – wenig:
Am 8. April 2019 verkündete Richterin Judith Calle im nordperuanischen Piura das Urteil: der Journalist Pedro Salinas wurde zu einer einjährigen Bewährungsstrafe und einer Entschädigungszahlung von umgerechnet 21 500 Euro verurteilt. Die Richterin gab damit dem Kläger José Antonio Eguren, dem Erzbischof von Piura und Tumbes, statt.
„Damit will sich Sodalicio an uns rächen“, erklärt Pedro Salinas vier Tage später vor der Presse in der Hauptstadt Lima.
Schützenhilfe bekamen Pedro Salinas und Paola Ugaz dagegen von unerwarteter Seite. Der Vorstand der peruanischen Bischofskonferenz und der neue Erzbischof von Lima gaben in einem Kommuniqué bekannt, dass die Sorge um die Opfer des Missbrauchs an erster Stelle stehen müsse, und dass gerade Papst Franziskus immer wieder die positive Rolle des Journalismus bei der Aufdeckung der Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche betont habe.
„Das erste Mal, dass der Korpsgeist innerhalb der katholischen Kirche nicht funktioniert“, kommentierte, noch überrascht, Pedro Salinas.
Die Reaktion des Erzbischofs von Piura ließ nicht auf sich warten: die Kollegen in der Bischofskonferenz sollten doch die genaue Urteilsbegründung abwarten. Diese wird erst am 22. April verlesen. Auch stünden nicht alle Bischöfe hinter dem Kommuniqué, das nur der Vorstand und der Erzbischof von Lima unterschrieben hatten.
Der deutschstämmige Bischof von Caraveli, Reinaldo Nann, machte sich daraufhin auf Facebook seiner Empörung Luft: „ Ich war sehr froh über dieses Kommuniqué“, schreibt Nann. „Denn es sind nicht nur zwei Bischöfe, die nicht mit Erzbischof Eguren einverstanden sind, wir sind viele. Ich will nicht, dass ich in der Öffentlichkeit mit einer Kirche identifiziert werde, die einen umstrittenen Bischof des Sodalicio unterstützt. Persönlich würde ich Erzbischof Eguren raten, dass er sich vom Sodalicio distanziert oder zurücktritt, bevor ihn Papst Franziskus zum Rücktritt auffordert“.

Reinhold Nann geht noch weiter: „Ich weiß nicht, warum der Vatikan so lange braucht, um das Sodalicio aufzulösen“. Bisher läuft ein parlamentarisches Untersuchungsverfahren, sowie ein Strafverfahren gegen das Sodalicio in Peru. Der Vatikan selbst hat – im Zusammenhang mit Mißbrauchsvorwürfen gegen den Sodalitium-Gründer Figari – Sodalicio unter kommissarische Leitung gestellt, seine Existenz selber aber nicht angetastet.
Paola Ugaz erwartet das Urteil ihrer Verleumdungsklage für die nächsten Tage. Pedro Salinas wird in Berufung gehen gegen das Urteil aus Piura. Seine Aussagen zurückziehen will er auf keinen Fall: „Eher zahle ich Bischof Eguren die 21 000 Euro und recherchiere und schreibe weiterhin, was ich für richtig halte“

Hildegard Willer, Informationsstelle PERU, Freiburg i.Br. www.infostelle-peru.de

Informationsstelle Peru e.V.
Kronenstrasse 16
79100 Freiburg i. Br.

Copyright für meinen einleitenden Text: Christian Modehn

Leben in schwierigen Zeiten. Ein inspirierendes philosophisches Buch

Ein Hinweis von Christian Modehn

Auf wenigen Seiten gibt ein neues Buch zu denken, fordert auf zum Weiterdenken und Debattieren, wie man die große Krise der Gegenwart, die ökologische, die politisch-populistische Katastrophe und die von fake-news vergiftete Kommunikation verstehen und hoffentlich noch überwinden kann. Knappe Formeln zur Lösung werden nicht geboten, dafür Einsichten von 15 PhilosophInnen und Soziologen, die dann noch inspirieren, selbst wenn sie auf mich befremdlich wirken.
Warum sind die Zeiten, so der Titel des Herausgebers, schwierig? Weil die einzelnen Menschen den Kontakt zur Welt, zur Natur, zur Gesellschaft verloren haben. Die „Welt sei flüchtig“ geworden, betont erneut der kürzlich verstorbene große Soziologe Zygmunt Bauman: Die Menschen fühlen sich nicht (mehr) geborgen in der Welt, fühlen sich fremd und entfremdet von der Realität der „Außenwelt“. Bauman ist einer von 15 Gesprächspartnern, die sich Florentijn van Rootselaar, Redakteur des Magazins „Filosofie“ (Amsterdam) ausgewählt hat, um von der Analyse der „flüchtligen Welt“ zu möglichen Auswegen, vielleicht noch zu denkenden Therapien zu finden. Der Herausgeber hat seinem niederländischen Buch den treffenden Untertitel „leven in barre Tijden“, also „Leben in harten, in schlimmen Zeiten“ gegeben. Das Buch ist ein Ausdruck dafür, wie viel Begeisterung für philosophische Fragen in den Niederlanden besteht, das Magazin „Filosofie“ ist dafür der beste Ausdruck. Einmal im Jahr, immer im April, findet ja bekanntlich im ganzen Land der „maand van filosofie“ mit zahlreichen Veranstaltungen statt. Dazu hat sich kein Philosophie-Magazin in Deutschland bisher aufraffen können. Das Interesse wäre da!
Schlimm sind unsere Zeiten, weil etwa die fake news zur allgemeinen Gewohnheit geworden sind. Die Lüge breitet sich aus und zerstört den menschlichen Zusammenhalt. Das wollen wohl auch so diejenigen (Politiker), die mit fake news Verwirrung stiften. Dazu äußert sich im Buch die Philosophin Susan Neiman (sie lehrt und lebt in Potsdam). Der Herausgeber schreibt (59): „ Neimans Ansicht nach hat die Postmoderne zur Demontage des Glaubens beigetragen, dass neben dem Marktwert auch andere Werte bestehen…Alles wurde relativ, News waren im Grunde doch nur Fake News“. Ihr Hauptanliegen: „Wir dürfen nicht die Idee der Wahrheit aufgeben, die Idee der universellen Menschlichkeit“ (61). Als US Amerikanerin nennt sie den gegenwärtigen Präsidenten gar nicht beim Namen: „Er ist ein Ausdruck aller Ideologien, die uns bestimmen“ (62).
Susan Neiman ist eine hervorragende Kennerin der Werke von Kant, sie ist sozusagen auch die Verteidigerin des universal geltenden Kategorischen Imperativs, der sich letztlich auch gegen die absolut geltende Maxime des Nationalismus wehrt.
Gerade davon aber spricht überraschenderweise die US-Philosophin Martha Nussbaum. Florentijn van Rootselaar schreibt (26): „Nussbaum schlägt vor, den Nationalismus wiederzubeleben, ein Gedanke, der mich nicht anspricht“. Nussbaum verteidigt sich mit dem Hinweis auf die angebliche Angewiesenheit auf eine „große Erzählung“, die ein Staat nun einmal brauche, also den Patriotismus. Offenbar bekommt die eigentlich hoch angesehene Philosophin (etwa ihre Forschungen zur Aristoteles) dann doch Angst vor ihrer eigenen Courage: „Die Nation muss natürlich die richtigen Werte ins Zentrum stellen. Diese müssen unabhängig mittels philosophischer Diskussionen gerechtfertigt werden“ (30). Ob sich daran Steve Bannon oder Herr Orban oder die polnischen Herrscher der PIS Partei oder die AFD Leute halten? Das ist philosophische Träumerei, würde ich sagen. Ähnlich verwegen sind die Ideen des französischen Philosophen Alain Finkielkraut, der einst Emmanuel Lévinas bestens verteidigte wegen dessen Hochschätzung des Respekts für „den anderen“. Nun ergeht sich Finkielkraut im Schwadronieren vom „ewigen Frankreich“, das angeblich jetzt wehrlos den zahlreichen „Immigranten aus außereuropäischen Ländern“ ausgesetzt sei. Gott sei Dank waren Finkielkrauts Eltern bloß Immigranten aus dem europäischen Polen, möchte man fast sagen. Er kritisiert das „sehr romantisch gefärbte Willkommenheißen des Anderen“ (36), da fällt das zentrale Stichwort des großen Philosophen Lévinas, „der Andere“! Aber seinen biblisch fundierten jüdischen Meister erwähnt Finkielkraut (der ja ebenfalls die hebräische Bibel gelesen hat) schon nicht mehr.
Es macht den Reiz dieses Buches aus, dass man sich über die Pluralität der ausgewählten Interviewpartner – bei aller Irritation der beiden genannten – doch freut: Peter Sloterdijk nennt Florentijn van Rootselaar zwar einen „Denktitanen“ (14), der Herausgeber scheut sich aber nicht, in deutlich spürbarer, vornehmer Ironie diesen „Titanen“ zu beschreiben: Wie er sich in seinem Mercedes der S Klasse in hohem Tempo chauffiieren lässt, die Rückbank aus Leder gestaltet…Oder wie er sich mit seiner „neuen Freundin“ (90) ein prächtiges Mittagessen in romantischer Landschaft ganz glücklich gönnt.. Sloterdijk zeigt sich in dem Interview als Schüler des späten Heidegger, der ja auch vom Hören auf das Sein ständig sprach: Sloterdijk will auch auf die Stimme der Welt hören, die den Ruf der neuen Ethik erschallen lässt, einen Ruf, den bisher noch niemand wahrnimmt (96). Darin sieht sich Sloterdijk selbst, unbescheiden, in der Rolle „eines Propheten“ (97). „Ich bin bloß jemand, der die Stimme weiterleitet und das tue ich auf meine Art“. Stimmen weiterleiten – das hat ja bekanntlich der späte Heidegger (seit 1933) auch ständig getan, schließlich hat es in ihm und wohl auf ihn von oben zu –so wörtlich – ja auch „gegöttert“.
Etwas amusanter wirkt das Interview mit Charles Foster, dem Ethiker und Philosophen und vielseitigen Autor aus Oxford, dessen umfangreiches, auch religionskritisches Werk, bislang nicht in deutscher Sprache vorliegt. Das ist wohl ein großer Fehler. Foster wird in dem Buch kurz vorgestellt, wie er einige Zeit lang sich bemühte, im Wald wie ein Dachs zu leben, „Er verließ die zivilisierte Welt und näherte sich der Erde, indem er wie ein Tier lebte“ (99). Er wollte in dieser ungewöhnlichen Lebensform neue Verbundenheit erleben mit den Tieren, der Natur, dem Wald. „Wenn man so etwas Extravagantes unternimmt, wie sich in einen Dachs hineinzuversetzen, steigert man sein Empathievermögen…“(104): Empathie – absolut notwendig, um aus der Krise herauszufinden…
Zum Schluss noch ein Hinweis auf einen anderen, in Deutschland ebenfalls nahezu unbekannten Philosophen: Tu Weiming ist sein Name, er lebt wieder in Peking, hat lange Zeit auch an der Harvard Universität gelehrt, vor allem zu Konfuzius und der Aktualität seines Denkens. Für ihn ist die „immanente Transzendenz“ (131) entscheidend für das menschliche Leben, verstanden als ständiges geistiges Wachsen. So sind für ihn auch Veränderungen (in Staat und Gesellschaft) nur möglich, „wenn wir eine Verbindung mit etwas Höherem eingehen“ (131). Wie die gegenwärtigen Machthaber in Peking darüber denken, verrät das Buch nicht. Aber: Jeder Mensch, jedes „Geschöpf“ (der Mensch ist für den chinesischen Konfuzianer eine Kreatur, ein Geschöpf!) trägt – für Tu Weiming – zudem „aktiv zur Schöpfung des Kosmos bei. Der Mensch ist ein Mitschöpfer“. Wenn man auf dieser Linie weiterdenkt, ist die Fähigkeit der Transzendenz im Menschen tatsächlich eine Gabe des „Schöpfers“… „Menschen, vom Himmel gesegnet, sind für die Lösung von Problemen zuständig“ (136).
Ich möchte fast behaupten: Allein schon wegen dieses Interview mit Tu Weiming lohnt es sich, das Buch zu kaufen und zu lesen.
Das Buch enthält darüber hinaus Interviews mit Jacques Rancière, Michael Sandel, Hartmut Rosa, Bernhard Stiegler, Bruno Latour, Roger Scruton, Terry Eagleton („Der Marxist (und Katholik!), der noch an den Sinn der Welt glaubt“), Michael Puett (über Tao) ….

Florentijn van Rootselaar: Leben in schwierigen Zeiten. Wissenschaftliche Buchgesellschaft-Theiss. 144 Seiten. 20 €

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Notre Dame de Paris wird als ein interreligiöser „Tempel“ neu erbaut.

Ein Vorschlag: Die Kathedrale Notre Dame de Paris sollte nicht als römisch-katholische Kathedrale (wie üblich, alten Stils) restauriert werden. Die Kathedrale sollte ein interreligiöser Tempel werden: Als Zeichen einer neuen Ökumene einer versöhnten Menschheit
Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.4.2019

Ist es gewagt zu behaupten: Mit dem verheerenden Brand von Notre Dame de Paris ist auch die alte, immer noch bestimmende mittelalterliche Kirchenwelt in Flammen aufgegangen? Und welchen Sinn macht es, dieses Symbol der mittelalterlichen Kirchenwelt so ohne weiteres wieder aufzubauen? Restauration nennt man diesen Vorgang.

Könnte nicht eine neue Zeit beginnen? Man könnte doch die Fassade als Ausdruck gotischer Bauweise beibehalten; innen aber ganz Neues wagen: Die geretteten Objekte von einst sind in einem Museum separat aufgehoben: Könnte nicht im Innern ein neuer vielgestaltiger Raum entstehen, als ökumenischer Tempel der Menschheit und der Menschenrechte? Respektvoll offen für alle Christen, für Muslime und Juden und Buddhisten und Atheisten? Natürlich, viele Menschen bezeugen jetzt ihre, auch nostalgische „Liebe“ zur Kathedrale Notre Dame. Sie sind zwar meistens nicht katholisch-gebunden, lieben aber alte Gemäuer! Aber würde die Begeisterung für dieses alte Gebäude nicht noch größer werden, wenn dann ganz Neues in Notre Dame passiert? Will man sich wirklich den Vorwurf der bloßen Restauration gefallen lassen, so wie man alte verfallene Schlösser wieder in den alten Zustand „authentisch“ wieder zurück-baut? Werden nicht die Traditionalisten als restaurative Katholiken (also die Leute in der Nachfolge von Erzbischof Marcel Lefèbvre) genauso denken? Will man sich in dieser Gemeinschaft mit den Traditionalisten wohl fühlen?
Die Umgestaltung von Notre Dame ist ein Vorschlag, vielleicht nur ein Traum. Aber eine Forderung, die dem Niveau heutiger Theologie entspricht. Sie wird die Herren der Planung, also der Restauration, vielleicht nur ein Schmunzeln wert sein. Vielleicht aber haben sie dann doch an einer bloßen Restauration des Gewesenen kein Interesse mehr? Werden sich die eher konservativ gesinnten Millionen-Spender für den Wiederaufbauch auch noch gegen „all zu viel Neues“ wehren? Freilich: Mut zum radikalen Neubeginn, genannt Reformation, war zwar noch nie Sache der katholischen Kirche. Sonst könnte sie ja, für die Inneneinrichtung der Kathedrale per Gesetz zuständig, sagen: Wir wollen jetzt über unseren eigenen dogmatischen Schatten springen und einen Tempel der Menschheit und der Menschenrechte errichten. Wir wollen als Katholiken die Überwindung der konfessionellen Absonderungen sichtbar an vornehmer Stelle jetzt mitten in Paris ausdrücken. Denn schon oft wurde die Kathedrale Notre Dame für interreligiöse Feiern benutzt, etwa, als man am 3.6.2009 in Zusammenarbeit mit AIR FRANCE (!) der 228 Opfer des Flugzeugabsturzes über dem Atlantik gedachte. Oder als die viel beachtete Trauerfeier für den gar nicht so konfessionell-katholisch gebundenen Staatspräsidenten Francois Mitterrand stattfand. Die Ansätze zur interreligösen Öffnung sind bereits da! Mit einer Neuorientierung der Kathedrale könnte eine Erfolgsgeschichte eingeleitet werden, die dem vielfachen Zuspruch des benachbarten Centre Pompidou ähnlich wäre. Ein interreligiöses Tempel mit vielen entsprechenden Räumen und Angeboten. Das würde die Menschen neugierig machen und begeistern und zum Nachahmen inspirieren… Nebenbei: Explizit katholische Kirchen in der unmittelbaren Nachbarschaft von Notre Dame gibt es ja in ausreichender Zahl: St. Severin, St. Merri, St. Gervais, St. Paul, St. Eustache. St. Germain de l Auxerrois etc…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

Notre Dame de Paris: Fast eine Ruine. Für Steine viele Millionen Euro zu spenden ist jetzt attraktiv und lukrativ!

Fragen und Vorschläge nach der Brand-Katastrophe
Von Christian Modehn

1.
Die Kathedrale Notre Dame de Paris gibt es nicht mehr, vor allem die innere Gestalt der Kirche ist weithin eine Ruine. Einige besonders wertvolle „Schätze“ und Reliquien konnten gerettet werden, wohl auch die Orgel. Geblieben ist die äußere Hülle, die Fassade, wenn man so will, die beiden großen Türme und die Mauern stehen da ohne Glanz, des Nachts wie eine dunkle Bedrohung.
Natürlich ist es sinnvoll, über einen Wiederaufbau der Kathedrale nachzudenken. Dafür ist die Kathedrale von höchster kultureller Bedeutung, förmlich als Symbol des „nationalen Bewusstseins“.
Auffällig ist jedoch, mit welchem Eifer sich der Staat und der Staatspräsident für den sehr eiligen Wiederaufbau aussprechen. Natürlich, aufgrund der Kirche-Staat-Gesetze ist Notre Dame de Paris Staatseigentum. Der Staat wird bei diesem exkluxiven Bauwerk dafür sorgen, dass diese Kirche in neuem Glanz ersteht, eine Kirche, die immer auch als nationaler „Tempel“ angesehen wird; selbst von vielen kirchlich „Nicht-Gebundenen“; auch die Touristen durchschrittten das Bauwerk in zügigem Tempo, 30.000 Besucher waren es 2018 durchschnittlich pro Tag! Ein großes Getrampel also in „heiliger Halle“. Auffällig also ist, dass Präsident Macron offenbar allen Ernstes behauptete, Notre Dame nach 5 Jahren wieder zu eröffnen. Das ist mehr ein frommer Wunsch und ein Ausdruck, politisch stark zu erscheinen. Ein Stück Propaganda vielleicht.
2.
Auffällig ist vor allem, wie die „Magnaten“, die Millionäre und Milliardäre, wie „Libération“ schreibt, für den Wiederaufbau spenden: Kaum ist das Feuer erloschen, fließen schon die vielen Millionen für die Herstellung dieser Kirche. Warum? Vielleicht aus „nationalem Bewusstsein“ der großen Firmenchefs? Vor allem auch, weil die Steuervergünstigungen in dem Fall enorm sind. Bald wird wohl die Kathedrale den Titel „Trésor national“ erhalten und dann könnten 60 % der Spenden von der Steuer abgezogen werden. Damit werden dem Staat viele Millionen Steuern entgehen, die er etwa für seine Sozialpolitik gut gebrauchen könnte.
Auffällig ist diese enorme Spendebereitschaft der Magnaten bzw. der Großkapitalisten, wie die Tageszeitung Libération treffend schreibt, also doch nicht. Man kann sich also wegen einer „nationalen Katastrophe“ (Brand in Notre Dame) noch zum großen Steuer-Sparer entwickeln und durch diese private Steuerersparnis dem Staat letztlich dringend benötigte Steuern entziehen. Die „Pinault“, Eigentümer der Luxus-Gütergruppe Kering (Gucci et.c) spenden 100 Millionen; Der reichste Mann Frankreichs, Bernard Arnault, Chef von LVMH (Luxusprodukte wie Hennessy und 70 weitere Luxusprodukte) hat schon 200 Millionen Euro zugesagt, TOTAL will 100 Millionen spenden, sogar Apple wird unter den Spendern sein. „In kürzester Zeit, innerhalb weniger Stunden, wurden 700 Millionen Euro für den Wiederaufbau des Kulturtempels bzw. der Kathedrale Notre Dame de Paris gespendet. Wenn das so weitergeht, braucht der eigentlich verantwortliche Staat nichts mehr zu zahlen…
3.
Auffällig ist, dass diese Magnaten eher sehr selten (mit so großen Summen) für Menschen in Not spenden, etwa für die Obdachlosen in Paris oder die Sterbenden in Jemen. Tatsache ist, dass die sozial engagierten Vereine in Frankreich (Associations) im letzten Jahr weniger Spenden einnehmen konntenn als sonst. Das Geld für Obdachlose, Flüchtlinge, Alleinerziehende etc. fehlt. Mindestens 150.000 Menschen haben keinen festen Wohnraum (sans domicile fixe, SDF). Das Sozialhilfswerk Emmaus hat die Anzahl der Menschen, die in Frankreich miserabel wohnen müssen, etwa zur Not untergekommen bei Freunden, in Abbruchhäusern wohnen etc., auf fast 4 Millionen Menschen berechnet (Personnes mal logées) Quelle: https://www.fondation-abbe-pierre.fr/documents/pdf/synthese_rapport_2018_les_chiffres_du_mal-logement.pdf
Auffällig also ist, dass die Millionäre und Magnaten lieber für Steine spenden als für lebendige Menschen. Sonst würde ja kein Obdachloser mehr auf der Straße leben, die 700 Millionen, die innerhalb weniger Stunden für die Kathedrale als Stein locker gespendet wurden, hätten für etliche würdige Unterkünfte der Ärmsten verwendet werden können. Warum spenden die Reichen nur so gern für tote Steine? Weil sie meinen, da auf ewig erinnert zu werden. Sie unterschätzen das Erinnerungsvermögen der Armen, die daran denken könnten: Diese Wohnung hat die Firma He. für uns gebaut.
4.
Auffällig ist, dass bei der zweifellos furchtbaren Brandkatastrophe offenbar noch kein Raum ist für neue, kreative Überlegungen:
Aber das Nachdenken könnte doch beginnen: Welche theologische Bedeutung hat die Tatsache, dass so plötzlich eine der berühmtesten Kathedralen in einer der „berühmtesten Metropolen“ Europas faktisch eine nicht benutzbare Ruine ist?
5.
Ist es übertrieben, wenn man dieses Ereignis auch ttheologisch deutet?. Ich meine, man sollte in diese Richtung denken: Mit dem Brand von Notre Dame de Paris ist sichtbar für alle die alte Kirchenwelt zusammengebrochen, die seit dem Mittelalter bestimmend war und noch ist: Bestimmend seit der strengen Dogmatik der Pariser Theologen, der gesalbten Könige, der Glaubenskämpfe, der absoluten Herrscher, der Staatsreligion mit ihren hoch dotierten Bischöfen, der neuen Religion eines Robespierre, der Kollaboration eines Marschall Pétain, dem Tag der libération mit General de Gaulle, der Gedenkfeiern für Staatspräsidenten (etwa Mitterrand), der flammend-polemischen Predigten eines Kardinal Lustiger – all das, diese ganze Kirchenwelt, gibt es an diesem Ort nicht mehr: Sie ist tot. Das große Symbol der mächtigen Kirche ist hier in Flammen aufgegangen. Das kann doch, das sollte doch etwas „Innerliches“, Spirituelles und Theologisches bedeuten? Oder?
Denn dieser verheerende Brand findet in einer Zeit statt, in der die katholische Kirche Frankreichs (und ganz Europas) in einer tiefen Krise steckt, in einer Glaubwürdigkeitskrise. Immer mehr Gläubige distanzieren sich von dieser Kirche, das wird hundertfach statistisch belegt; die Priester sterben aus, die wenigen jungen Pfarrer und Laientheologen nennen sich „ausgebrannt“, was für ein Wort jetzt.
Ist es gewagt zu behaupten: Mit dem verheerenden Brand von Notre Dame de Paris ist auch die alte, immer noch bestimmende mittelalterliche Kirchenwelt in Flammen aufgegangen? Und welchen Sinn macht es, dieses Symbol der mittelalterlichen Kirchenwelt so ohne weiteres wieder aufzubauen? Restauration nennt man diesen Vorgang.
6.
Könnte nicht eine neue Zeit beginnen? Man könnte doch die Fassade als Ausdruck gotischer Bauweise beibehalten; innen aber ganz Neues wagen: Die geretteten Objekte von einst sind in einem Museum separat aufgehoben: Könnte nicht im Innern ein neuer vielgestaltiger Raum entstehen, als ökumenischer Tempel der Menschheit und der Menschenrechte? Respektvoll offen für alle, Christen, Muslime und Juden und Buddhisten und Atheisten? Natürlich, viele Menschen bezeugen jetzt ihre, auch nostalgische „Liebe“ zur Kathedrale Notre Dame. Sie sind zwar meistens nicht katholisch-gebunden, lieben aber alte Gemäuer! Aber würde die Begeisterung für dieses alte Gebäude nicht noch größer werden, wenn dann ganz Neues in Notre Dame passiert? Will man sich wirklich den Vorwurf der bloßen Restauration gefallen lassen, so wie man alte verfallene Schlösser wieder in den alten Zustand „authentisch“ wieder zurück-baut? Werden nicht die Traditionalisten als restaurative Katholiken (also die Leute in der Nachfolge von Erzbischof Marcel Lefèbvre) genauso denken? Will man sich in dieser Gemeinschaft mit den Traditionalisten wohl fühlen? Die notwendige Erinnerungskultur wird bereits an vielen anderen Orten gepflegt, sie muss sich nicht an einem Ort, in Notre Dame, „bündeln“.
7.
Die Umgestaltung von Notre Dame zu einem „Tempel der Menschheit“ ist ein Vorschlag, eine Forderung, die dem Niveau heutiger Theologie entspricht. Sie wird die Herren der Planung, also der Restauration, vielleicht nur ein Schmunzeln wert sein. Vielleicht aber haben sie dann doch an einer bloßen Restauration des Gewesenen kein Interesse mehr? Werden sich die eher konservativ gesinnten Millionen-Spender für den Wiederaufbauch auch noch gegen „all zu viel Neues“ wehren? Freilich: Mut zum radikalen Neubeginn, genannt Reformation, war zwar noch nie Sache der katholischen Kirche. Sonst könnte sie ja, für die Inneneinrichtung der Kathedrale per Gesetz zuständig, sagen: Wir wollen jetzt über unseren eigenen dogmatischen Schatten springen und einen Tempel der Menschheit und der Menschenrechte errichten. Wir wollen als Katholiken die Überwindung der konfessionellen Absonderungen sichtbar an vornehmer Stelle jetzt mitten in Paris ausdrücken. Denn schon oft wurde die Kathedrale Notre Dame für interreligiöse Feiern benutzt, etwa, als man am 3.6.2009 in Zusammenarbeit mit AIR FRANCE (!) der 228 Opfer des Flugzeugabsturzes über dem Atlantik gedachte. Oder als 1996 die viel beachtete Trauerfeier für den gar nicht so konfessionell-katholisch gebundenen Staatspräsidenten Francois Mitterrand stattfand. Die Ansätze zur interreligösen Öffnung sind bereits da! Die katholische Wochenzeitung „La Vie“ (Paris) nennt jetzt bereits Notre Dame eine „église nationale“, eine Art „nationale Kirche: Auch dies ist ein Ansatz, der ins Weite des Interrreligiösen Tempels weist.
8.
Mit einer Neuorientierung der Kathedrale könnte eine Erfolgsgeschichte eingeleitet werden, die dem vielfachen Zuspruch des benachbarten Centre Pompidou ähnlich wäre. Ein interreligiöses Tempel mit vielen entsprechenden Räumen und Angeboten. Das würde die Menschen neugierig machen und begeistern und zum Nachahmen inspirieren… Nebenbei: Explizit katholische Kirchen in der unmittelbaren Nachbarschaft von Notre Dame gibt es ja in ausreichender Zahl: St. Severin, St. Merri, St. Gervais, St. Paul, St. Eustache. St. Germain de l Auxerrois und so weiter und so weiter. Unter Kardinal Lustiger gab es vor kurzem noch in Paris eine wahren Exzess, neue Kirchengebäude zu errichten.
9.
Es gibt genug konfessionelle Orte, konfessionell geprägte Kirchengebäude. Die Zukunft gehört der großen Ökumene der Menschheit. Sie kann eher den Frieden voranbringen als die konfessionelle Vereinzelung. Vielleicht werden die Herren der Kirche und der Politik diese Sätze erst in 50 Jahren verstehen, wenn die exklusiv konfessionellen Kirchen, Gebäude, längst leer stehen, verkauft wurden, abgerissen wurden. Dieser Prozess ist in ganz Europa bereits im Gange. Aber niemand denkt dabei an die weite Ökumene der Menschheit und der Menschenrechte und gestaltet entsprechend die leer stehenden Gebäude um. So wenig Phantasie und theologische Kreativität war selten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

Katholische Theologie an der Humboldt Universität Berlin: Ist katholische Theologie bei der Abhängigkeit vom Vatikan überhaupt eine freie Wissenschaft?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.3. 2019

1.
Nun haben sich also Staat und Kirche in Berlin in treuer Verbundenheit festgelegt: Ab Wintersemester 2019 wird es ein „Institut für katholische Theologie“ an der Humboldt Universität geben.
2.
In der am 29.3. 2019 verbreiteten Presse-Erklärung heißt es: „Das Studium soll für Tätigkeiten im Schuldienst, in der außerschulischen Bildungsarbeit in religiösen Organisationen, Verbänden, Medien und in der Wissenschaft qualifizieren und beruht auf einem modernen Konzept, das auch die pluralistische und säkulare Situation in Berlin einbezieht. Es verfolgt zudem eine globalgeschichtliche Perspektive, die es ermöglicht, den Blick über Europa und die westliche Welt hinaus auszuweiten“.
3.
Klingt verheißungsvoll, so etwa, könnte man denken, dass nun die Ursachen der so genannten „Säkularisierung“ (nicht nur in Berlin) und damit die Mitverantwortung der Kirche an diesem Säkularisierungs-Prozess vorbehaltlos untersucht werden. Oder es klingt verheißungsvoll, dass im „Blick über Europa hinaus“ auch die Theologie der Befreiung in Lateinamerika objektiv dargestellt wird, mit all den wohlwollenden Bindungen, die einst der Vatikan mit Präsident Reagan und mit den lateinamerikanischen Militärregimen pflegte, um Befreiungstheologen auszugrenzen, kaputt zu machen und selbständige Basisgemeinden zu zerschlagen. All das sind Fakten, tausendfach belegt, man muss nur die objektiven Studien zu dem Thema heranziehen. Aber die Vergesslichkeit ist groß! Und gewollt!
4.
Damit sind wir beim Hauptproblem: Die katholische Theologie, so wie sie bis jetzt weltweit und auch in Deutschland (seit dem Konkordat 1933 mit Hitler-Deutschland bestens geregelt zugunsten der Kirchenführung) an den staatlichen Unis betrieben werden kann, ist keine freie und unabhängige Wissenschaft. Soweit bekannt, wurde in Berlin über diese Fragen jetzt nicht diskutiert, denn dann hätte der Senat oder die Universitätsleitung ein katholisch-theologisches Institut nicht zulassen können. Nicht ohne Schmunzeln liest man, dass ein paar Tage später, im April 2019, an der HU eine Tagung über „Freiheit der Wissenschaft“ stattfindet. Der Vatikan als „Hort der Freiheit der Wissenschaft“ wird nicht erwähnt, Feinde sind einzig wohl Diktaturen weltweit…
Diese Bindung einer frei forschenden Wissenschaft an die oberste Leitung einer Institution ist ein Skandal, wie im Fall der katholischen Theologie. Wie wäre es, wenn bestimmte Bauernverbände die Professoren für Landwirtschaft mitbestimmen dürfen, oder Theater-Direktoren mitbestimmen, wer Theaterwissenschaftler an einer Uni wird etc. ?
5.
Bis heute ist die Abhängigkeit der katholischen Theologie vom Vatikan, vom Papst und seinen Behörden sowie von den Bischöfen absolut Realität. Dort werden die Weisungen letztlich gegeben, was als wissenschaftliche Forschung gelten darf, dort wird bestimmt, wer als Professor an einer deutschen Universität lehren darf. Immer geht es um das berühmte „Nihil obstat“ aus päpstlichem Munde: „Nichts steht entgegen“ bei der Berufung eines Theologen an eine Universität. Aber wehe, dieser bewährt sich nicht so, wie es die geistlichen Führer wollen: Dann wird ihm das nihil obstat eben, wie im Absolutismus einst, meist ohne lange Begründung, entzogen. Man denke an den Fall des Jesuiten Prof. Wucherpfennig, der – kürzlich – als Bibelwissenschaftler nicht mehr Rektor der Hochschule St. Georgen sein durfte, weil er sich positiv über homosexuelles Leben und Lieben auch in der römischen Kirche geäußert hatte. Erst ein gewaltiger medialer Aufschrei von Professoren und einer breiten Öffentlichkeit bewegte die Herren in Rom dann doch, das nihil obstat dem Jesuitenpater wieder zu gewähren. Es lag sicher auch an dem Thema, der Homosexualität, dass einfach vernünftige Menschen und vernünftige Theologen jegliche Degradierung homosexueller Menschen nicht mehr hinnehmen wollen. Zumal, wie jetzt soziologische Untersuchungen zeigen, es in den vatikanischen Behörden von Homosexuellen nur so wimmelt… Diese Herren können doch gegenüber Menschen ihrer eigenen „Präferenz“ nicht so böse werden, oder? Gerade sie sind aber nach außen hin die schlimmsten „Homohasser“, hat Martel erkundet! Siehe dazu das großartige Buch des Soziologen Fréderic Martel, Paris, mit dem Titel „Sodoma“. Das Buch, Ergebnis vier Jahre dauernder Forschung, wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Leider noch nicht ins Deutsche. https://www.rtl.fr/actu/debats-societe/sodoma-livre-enquete-frederic-martel-homosexualite-vatican-7796955681
6.
Die Liste ist lang, die all die Namen umfasst, die in den letzten Jahrzehnten aus dem Kreis der päpstlich genehmen katholischen Theologen rausgeschmissen worden. Prominente Beispiele sind Hans Küng, Leonardo Boff oder in Berlin Michael Bongardt. Dieser hatte als Theologieprofessor an der FU die „Unverschämtheit“ begangen zu heiraten: Darauf durfte Bongardt durch bischöfliche Verfügung (Sterzinsky) nicht mehr katholische Theologie an der FU lehren. Der Staat musste dann dafür sorgen, dass ihm – wie schon im Falle von Küng – ein von den Kirchen unabhängiger eigener Lehrstuhl eingerichtet wurde. Es sind die Steuerzahler, die alle Launen der Kirchenleitung bezahlen müssen, wenn mal ein Theologe „unangenehm“ wird. Und der Staat muss das alles mitmachen in der treuen herzlichen Verbindung mit der Kirche.
7.
Man könnte denken, dass sich unter dem angeblich so progressiven Papst Franziskus alles zum Guten, also zum Offenem, zum Ja zu einer freien Forschung geändert hätte. Aber Irrtum! Einige einleitende Sätze des Lehrschreibens „Veritatis gaudium“ (2017) sprechen die Sprache der Offenheit. Aber die uralte Gesinnung schlägt dann schließlich doch durch, schreibt der an der Universität Erfurt lehrende katholische Theologe
Prof. Benedikt Kraneman:
Quelle: https://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/veritatis-gaudium-professor-fordert-anlaufstelle-fur-theologen)
„Der zweite Teil (des päpstlichen Textes), die Normen, hingegen sind von anderem Kaliber. Sie sprechen von Abhängigkeit wissenschaftlich-theologischer Einrichtungen von der Kirche. Ein Nihil obstat Dekane wird eingeführt (Art. 18), was nichts anderes bedeuten würde, als dass eine neu gewählte Leitung einer Fakultät durch Rom bestätigt werden müsste. Die römische Bildungskongregation ist offensichtlich für alle Änderungen von Statuten und Studienordnungen der Fakultäten einzubeziehen. Die Liste von Vorschriften ist lang, bei denen die Kontrolle der Theologie im Vordergrund steht. Es wird sogar ein Zeugnis über die „sittliche Lebensführung“ der Studenten verlangt (Art. 31). Man fragt sich als kritischer Leser, wie frei die Theologie wirklich ist, wenn sie dieser Konstitution unterworfen wird. Der katholisch-theologische Fakultätentag hat zurecht eine ‚Kultur des Gehorsams‘ beklagt, die hier eingefordert werde. So wird von der Theologie tatsächlich eine „Haltung der Ergebenheit gegenüber dem Lehramt der Kirche“ gefordert (Art. 38 §1. 2° b). Dass eine Wissenschaft sich durch „Ergebenheit“ gegenüber wem auch immer auszeichnet, ist schon eine merkwürdige Erwartung. Eine Theologie, die im Modus der Ergebenheit arbeitet, ist nach heutigem Wissenschaftsverständnis völlig unakzeptabel. Würde das wirklich umgesetzt, würde es die Theologie aus der Welt der Wissenschaft herauskatapultieren. Auch wenn mit Absprachen zu rechnen ist, die dieses Dokument für die deutschen Verhältnisse anpassen: Der Geist, der sich in diesem Normen äußert, ist das Problem, und daran wird sich nichts ändern lassen“.
Papst Franziskus spricht in seinen Predigten, etwa im Haus St. Martha, ständig von der Macht des Teufels, darin sehr treu, die uralten Begiffen der Bibel heute ohne weiteres zu übernehmen. Über dieses problematische theologische Niveau des Jesuiten Papst Franziskus schreibt sein Mitbruder, der Jesuit Klaus Mertes, sehr treffend:“Lass das Reden vom Teufel. Sowie du es tust, verbindest du einige Dinge falsch, wie deine Vorgänger auch schon. Der Effekt ist verwirrend. Du lenkst ab…“ Schon bemerkenswert, dass ein Jesuit einen anderen, ziemlich prominenten Jesuiten, den Papst, so öffentlich kritisiert! Pater Mertes zeigt nur das de facto gelebte theologische Niveau des Papstes,dieses kann verschieden sein von offiziellen Statements etc. (Zit. in „Die Zeit“, 14.3.2019, S. 52)
8.
Es gibt in Deutschland 11 katholisch-theologische Fakultäten und ca. 30 weitere katholisch-theologische Institute. Wie groß ist der Beitrag dieser wissenschaftlichen Einrichtungen zum Verständnis der Gegenwart, der großen Probleme der Menschheit? Ist die Zahl der StudenTinnen so gewaltig groß, dass nun auch in Berlin ein katholisch-theologisches Institut eingerichtet werden muss, also wieder ein übliches Institut, wie man es seit 1948 allüberall kennt. Ist das nur der Prestige-Ehrgeiz der katholischen Kirchenführung, eben ein bisschen auch hauptstädtisch wissenschaftlich mitzureden? Der etwa 60 Millionen teure und von vielen als sinnlos bezeichnete Umbau der St. Hedwigs-Kathedrale jetzt reicht nicht als Prestige-Projekt, das übrigens treu vom Staat mit finanziert wird..
9.
Warum aber wagt man nicht etwas Neues, ein großes freies religionswissenschaftliches Forschungs – Institut, auch unter anderen mit der religionswissenschaftlichen Erforschung der katholischen Religion? Warum kein Mut, warum immer dieselbe Leier? So langweilig alles. Will man wirklich die 1000. Dissertation über den Heiligen Augustinus hier produzieren oder die 500. Promotion über den Begriff der Seele beim späten Ignatius? All das und Ähnliches, Relevantes, wird doch tausendfach durchgekaut an den katholisch-theologischen Fakultäten, vor allem in Rom. Man schaue sich nur um, was die Themen der Doktorarbeiten sind! Sind denn die theologischen Forschungen an den religionswissenschaftlich orientierten Fakultäten etwa in Nijmegen (Holland) oder in den USA so furchtbar unergiebig? Für Rom vielleicht ja, nicht aber für die Entwicklung der Religionswissenschaften.
Wie Priester predigen und wie sie Gottesdienste, Messen, Maiandachten etc. würdevoll und im römischen Sinne korrekt (!) halten, muss man ja nicht an einer staatlichen Universität lernen…
10.
Nun gibt es seit vielen Jahren in Berlin-Biesdorf ein speziell nur (!) für Priesterkandidaten einer bestimmten katholischen Gemeinschaft reserviertes Priesterseminar: Es heißt „Redemptoris Mater“ und gehört der sehr konservativen Bewegung „Neokatechumenat“, ihr Motto: „Der Katechismus ist unsere Theologie“. Dies gefällt den Herren in Rom natürlich sehr! Die Dozenten für Biesdorf werden z.T. aus Rom eingeflogen. Diese dort in „abgeschottetem Raum“ ausgebildeten Priester werden dann zur „Freude“ der Katholiken in die Gemeinden entsandt. Viele dieser neokatechumenalen Priester verlassen nach Protest der Gemeinden schnell wieder die Gemeinden… Es ist nicht bekannt, ob diese jungen Neokatechumenalen auch der HU ausgebildet werden. Zu wünschen wäre es fast, weil sie dann wenigstens noch etwas modernen Lebensstil und modernes Leben an einer Universität mitbekämen…
11.
Man lese zur Vertiefung die ausgezeichnete Studie des katholischen Bibelwissenschaftlers Theologen Georg Schelbert SMB, so der Titel, über „Diffamierung der historisch-kritischen Methode in der Bibelwissenschaft“ in der katholischen Kirche. Er zeigt mutig: Grauenhaft, wie unter Kardinal Ratzinger als Chef der römischen Glaubensbehörde noch die historisch-kritische Methode verteufelt wurde, dies zeigt Schelbert. Auf die Lehre von den Dogmen, etwa zur Erbsünden-Ideologie, wird die historisch – kritische Methode gar nicht erst angewendet. Da gilt: Was die Kirchenführung einmal, und sei es im Jahre 430 beschlossen hat, gilt für immer und ewig… Der Beitrag von Georg Schelbert wurde in dem Piper-Buch „Katholische Kirche wohin?“ 1986 veröffentlicht, s 141 ff. Man lese ihn!
12.
Die Idee, eine spezielle Hochschule der Orden in Berlin zu errichten, ist dann wohl erst mal „gestorben“. Über diese Ordenshochschule in Berlin wurde ja von den Dominikanern P. Thomas Eggensper und Pater Ulrich Engel mehrfach berichtet, etwa in der Zeitschrift „Kontakt“ 2017, S. 44 ff. Auch die Kapuziner in Münster hatten sich dafür ausgesprochen, die sehr wenigen noch verbliebenen jungen Ordensleute verschiedener Orden an der Hochschule in Berlin auszubilden. Aber für die wenigen wird wohl eine eigene Hochschule nicht mehr not- wendig sein.
13.
In jedem Fall hat sich Frau Annette Schavan(CDU) und bisherige Botschafterin beim Heiligen Stul dann doch (etwas) durchgesetzt: Sie hatte sogar acht „gut ausgestattete Professuren“ gefordert, schon im Frühling 2017! Sie hat sich auch durchgesetzt in der Abwehr des Neuen, etwa einer interrreligiösen Fakultät der Theologien“. Plural lieben ja Katholiken im Dogmatischen nicht, deswegen empfahl Frau Schavan, dieses kreative, neue Projekt erst mal zu verschieben. So wunschgemäss geschehen. Damit die alte altbekannte Leier weitergeht.
14.
Der Tagesspiegel berichtet heute, am 30.3. 2019, dass sich Erzbischof Koch an diesem neuen katholisch-theologischen Zentrum der HU als Student einschreiben will. Er möchte, so wörtlich, die Säkularisierung studieren…Die Feinheiten religionssoziologischer Säkularisierungsforschung sind tatsächlich ergiebig. Sie zeigen u.a., dass Menschen, die etwa aus der katholischen Kirche in Deutschland ausgetreten sind, sich keineswegs automatisch als Atheisten verstehen. Sie können nur vor ihrem Gewissen einfach keine längere Mitgliedschaft in der römischen Kirche rechtfertigen. Und haben dann ihre je eigene Spiritualität entwickelt, von der die offizielle Kirche so wenig weiss. Ein Freund schrieb mir in dem Zusammenhang sehr treffend: „Wenn Erzbischof Koch säkularisierte Menschen kennen lernen will, in Berlin sind das mindestens ca. 60 % der Bevölkerung: Dann muss er sich nur oft in Orte des säkularen, städtischen und nicht mehr nur „katholischen (Gemeinde-)Lebens“ begeben, also in die Cafés und Kneipen, in die verschiedenen „Bürgerintiativen“ und NGOs, in die Frauenhäuser und Kinderläden, in Schwulen Kneipen und in literarische Debatten oder in die zahlreichen Treffpunkte des humanistischen Verbandes HVD und so weiter: Da sind doch so viele Menschen anzutreffen, die sich säkular nennen. Da kann ein Bichof vieles lernen, an Lebenserfahrungen, an Ängsten, spirituellem Suchen, Kritik an der Kirche etc. Vorausgesetzt ist natürlich: Weniger Pontifikalämter mit Weihrauch und Te Deum feiern, dafür mehr menschlichen Dialog mit Säkularen“.
Pontifex heißt übrigens Brückenbauer.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Katholizismus in Frankreich: Das Misstrauen wächst und eine „Kulturrevolution“ ist im Gespräch

Ein aktueller Hinweis von Christian Modehn

Am 27.3.2019 wurden in Frankreichs Presse die Ergebnisse einer neuen repräsentativen Umfrage (durch das Meinungsforschungsinstitut Odoxa für die Zeitschrift „Témoignage Chrétien“) zur Beurteilung der katholischen Kirche veröffentlicht: Dass durch die „Affären“ des sexuellen Missbrauchs bei den Franzosen im allgemeinen und den sich katholisch nennenden Franzosen die Begeisterung für die Kirche sinkt, war allen klar. Nun gibt es einige feste Erkenntnisse aus der Umfrage: 65 % der Befragten meinen, dass Papst Franziskus schlecht diese Krise rund um den sexuellen Missbrauch durch Kleriker gestaltet. Sogar 51 % der praktizierenden Katholiken sind dieser Meinung. Ein kleiner Aufstand also gegen den einst so geliebten „Reformer-Papst“. 56 % der Befragten haben jetzt insgesamt eine „schlechte Meinung“ über die katholische Kirche. Das sind 24 Punkte mehr gegenüber einer Umfrage von 2010 zur Erkundung des selben Themas. Die Tageszeitung Le Monde deutet diese Umfrageergebnisse insgesamt als ein „Desaster“ für die Kirche. Es wurde 2019 auch nach der notwendigen Kirchenreform gefragt angesichts der heutigen Krise: Die Heirat der Priester wird nun von 88 % der Katholiken gewünscht, 79 % der Katholiken sind auch für die Zulassung von Frauen zum Priesteramt.
Angesichts der „tiefen Krise“ rufen die katholischen Zeitungen Pèlerin und La Croix zu einer großen „Consultation“ in der Kirche auf. Immer wieder melden sich jetzt auch Priestergruppen zu Wort, so jetzt in Lyon: Da fordern die Priester, den von Gerichten verurteilten Kardinal Philippe Barbarin (Lyon) auf, tatsächlich sein Amt – auch gegen den ausdrücklichen Willen von Papst Franziskus – niederzulegen. Auch der Fall der sexuellen Belästigungen, die sich der päpstliche Nuntius in Paris gegenüber jungen Männern geleistet haben soll (bei diplomatischen Empfängen), hat nicht nur Schmunzeln, sondern auch Empörung hervorgerufen.
Die Pariser Tageszeitung „Liberation“ spricht angesichts des nun dokumentierten zunehmenden Misstrauens der Franzosen gegenüber der katholischen Kirche sogar von einer „Kulturrevolution“: Als würden nun neue religiöse Werte, neue religiöse Formen geschaffen und alte katholische Werte beiseite geschoben: Das meint ja das Wort Kulturrevolution. Man könnte auch von einer Reformation sprechen, die viel mehr ist als eine Reform oder ein paar Reförmchen, die ja katholischerseits üblich sind in Krisenzeiten. Über den Zustand der katholischen Kirche in Frankreich siehe meinen umfassenderen Beitrag!
Die katholischen Zeitschriften Pèlerin und La Croix geben in diesem moderat-katholischen Sinne ihrem Konsultationsprozess auch den wirklich milden Titel: „Réparons l Eglise“, „Reparieren wir die Kirche“. Die von Libération erwähnte katholische Kulturrevolution liegt dann ja doch noch in weiter Ferne: Kulturrevolution ist etwas anderes als Reparatur des alten Systems. Mir sagte ein französischer Freund: „Wenn Katholiken tatsächlich mal eine Kulturrevolution oder wenigstens eine neue Reformation machen, fragen sie vorher erst mal beim Papst nach, ob sie das denn auch dürfen“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.