Kardinal Woelki, Köln: Wie reaktionär ist seine Theologie?

Ein Hinweis von Christian Modehn: Über den Führer der konservativen Bischöfe in Deutschland

Leider muss sich Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie immer wieder mit institutionellen Machtkämpfen innerhalb der römisch-katholischen Kirche befassen. Wir würden gern sehr viel wichtigere Themen der Menschen in dieser zerrissenen Welt diskutieren…. Aber: „Die Herren dieser Kirche drehen allmählich wirklich wieder einmal durch“, sagt mein amerikanischer Freund treffend, in ihrem Wahn, die rechte und einzig wahre Interpretation der Lehre des armen Jesus von Nazareth in ihrem Sinne durchzuboxen. Stichwort: „Synodaler Prozess in Deutschland“. Und diese Herren rauben dabei die Lebenszeit vielen Menschen, vor allem den noch vorhandenen Katholiken in Europa. Indem sie diese Leute dazu zwingen, sich mit der klerikalen Ideologie zu befassen. Als gäbe es nicht sehr viel dringendere Themen als etwa dieses total ausdiskutierte Thema des priesterlichen Pflichtzölibats. Von der so gen. „Homo – Ehe“ ganz zu schweigen, eigentlich ja auch relevant für die vielen homosexuellen Priester und ihre Freunde… Aber die Katholiken brauchen eben ihre eigene Ablenkung vom Wesentlichen, sie brauchen ihren Masochismus. Vielleicht sogar ihre erwünschte Ablenkung von Gott und dem armen Jesus von Nazareth und seiner Botschaft…indem man übereifrig und erhitzt von der Kirche redet und nichts anderes mehr kennt. Was für eine Schande!

Einige LeserInnen dieser website haben mich einmal mehr nach Kardinal Rainer Maria Woelki in Köln gefragt: Welche Theologie er denn so vertritt, wollten sie wissen. Diese Führer der sehr Konservativen…
Ich kann dabei nur, aber doch erhellend gültig, auf einige ältere, grundlegende Texte verweisen, vor allem auf Woelkis Doktorarbeit an der Opus Dei Universität in Rom mit dem hübschen, ultra allgemeinen Titel „Die Pfarrei“. Ich habe damals darauf hingewiesen, dass man nicht Opus Dei Mitglied sein muss, um wie diese Geheimorganisation zu denken, wie im Falle Woelkis. Was vielleicht, wer weiß, so stimmen mag. Mitglied ist Woelki laut eigener Behauptung nicht, aber… Einer seiner Weihbischöfe (Ansgar Puff) stammt wenigstens aus dem ebenso reaktionären Club der Neokatechumenalen…

Diese Texte können also Interessierte zum Thema Rainer Maria Woelki, Kardinal zu Köln, interessieren, der nebenbei, wie sei Vorgänger Meisner mindestens 11.500 Euro monatlich verdient.

Über die Ökumene mit Kardinal Woelki

Mit Woelki ins Getto:

Woelkis theologische Doktorarbeit an der opus dei-universität in Rom, mit besonderer Berücksichtgung der totale Ignoranz Woelkis für den Theologen Karl. Rahner.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Reichtum einschränken. Damit die Werte Gerechtigkeit und Menschenwürde nicht sinnlos werden! Und die Demokratie bestehen kann.

Ein neues Buch von Christian Neuhäuser: „Wie reich darf man sein?“
Eine Buchempfehlung von Christian Modehn

1.
Eine umfassende kritische Erforschung des Reichtums, also vor allem der Reichen, heute wie damals, in Europa und anderswo, gibt es bis jetzt eher nur fragmentarisch. Die Reichen selbst sind nicht gern Thema kritischer Studien, eher fühlen sie sich noch in der „Klatsch-Presse“ wohl. Anders die breit angelegte Armuts-Forschung: Die Zahl der Armen und Arm-Gemachten nimmt zu und deren Leben ist sehr prekär, wenn nicht oft – wie in Afrika – miserabel.

2.
Die absolute Zahl der Superreichen ist hingegen eher bescheiden: Laut „Forbes Wirtschaftsmagazin“ gab es 2.208 Milliardäre weltweit, sie besitzen durchschnittlich 4,8 Milliarden US Dollar. Mister Trump besaß 2018 nur 3,1 Milliarden Dollar, der Ärmste steht nur noch auf Rang 766 seiner Milliardärs-„Brüder“. Das Vermögen an Geld (auch Aktien, Immobilien usw.) dieser Herren ist immens, sie wissen schlicht nicht mehr wohin mit dem vielen Geld… und so ist deren politischer Einfluss ebenfalls riesig. Sie unterstützen Politiker, die den Milliardären nichts antun, sondern sie als „Mitbrüder“ durch ihre Steuerpolitik fördern. Charles und David Koch etwa (zusammen haben sie 120 Milliarden Dollar) unterstützten den Milliardär Trump in seinem Wahlkampf förmlich aus ihrer Portokasse mit bloß 400 Millionen Dollar.
In Deutschland leben 123 Milliardäre. Nur als Vergleich: Etwa die Hälfte der Weltbevölkerung – 3,4 Milliarden Menschen oder 46 Prozent – müssen mit maximal 5,50 Dollar pro Tag auskommen. Sie müssen würdelos leben, etwa im Falle von Krankheit können sie sich, in extremer Armut lebend, ärztliche Pflege und Medikamente nicht leisten. Von Bildung, Zugang zum Wasser etc. wollen wir nicht reden: Die superreiche Welt hat sich daran gewöhnt, dass die Armen, das sind viele Millionen Menschen förmlich krepieren oder im Mittelmeer ertrinken…Von einem „Sterben in Würde“ kann ja nur in der reichen Welt die Rede sein oder in den Gettos der Reichen in den armen Ländern.

3.
Solche allgemeinen, „gesichtslosen“ Informationen kennen natürlich die Milliardäre und Millionäre. Aber sie streben voller Gier und ohne Mitleid, also ohne Sinn und Vernunft, und vor allem ohne Gespür für die allgemeine Würde aller Menschen, immer mehr ihre Milliarden/Millionen Profite. „Das Vermögen der Milliardäre ist um durchschnittlich 2,5 Milliarden US-Dollar (2,19 Milliarden Euro) pro Tag gestiegen – ein Plus von 12 Prozent zum Vorjahr. Indes habe die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung 11 Prozent – 500 Millionen Dollar je Tag – verloren“. (Quelle:
https://www.wiwo.de/politik/ausland/oxfam-bericht-milliardaere-wurden-taeglich-um-2-5-milliarden-dollar-reicher/23889560.html). Und die Milliardäre begründen ihren irren Luxus wohl mit der alten These: „Eigentum ist etwas Heiliges für die Menschen“…Und man wundert sich, dass man diese Zahlen liest und sich eingestehen muss, dagegen eigentlich nichts mehr tun zu können. Die päpstlichen Appelle, etwa von Papst Franziskus, sind ja deswegen so albern, weil die Prälaten und Kardinäle etwa im Vatikan und in Rom alles andere als vorbildlich bescheiden leben. Die Kirchen sind also scheinheilig. Ihre kritische Armuts/Reichtums-Analyse ist weitgehend scheinheilig. Trotzdem fordert die Kirche (auch von spendablen Armen) immer mehr Spenden, etwa den Peterspfennig etc.) Man lese etwa die große Studie des römischen Recherche-Journalisten Emiliano Fittipaldi „Avaricia“, „Geiz“, über den Reichtum der Kirche in Rom; es ist bezeichnend, dass Fittipaldis Buch NICHT auf Deutsch erschienen ist! Schließlich verfügen die beiden Kirchen in Deutschland über 12,6 MILLIARDEN Euro Kirchensteuer im Jahr 2018. Und dies trotz der zunehmenden Kirchenaustritte! Nur ein Beispiel über die Gehälter des Nachfolger des armen Jesus von Nazareth: Kardinal Marx in München „verdient“ monatlich ein Grundgehalt (B 10) von
12.526 Euro. (Quelle: http://www.kath.net/news/61517). Zum Vergleich: Durchschnittlich (!) verdienen Münchner Bürger 4.169 Euro brutto monatlich im Jahr 2017. (Quelle: https://www.tz.de/muenchen/stadt/muenchen-ort29098/jeder-dritte-ist-gutverdiener-so-viel-gehalt-bekommen-muenchner-11866084.html)

4. In der Philosophie gibt es bis jetzt meines Wissens wenige Studien über den Sinn und vor allem den Unsinn (d.h. das politisch – ethisch Gefährliche) des Reichtums. Christian Neuhäuser, Prof. für praktische Philosophie an der TU Dortmund, kommt das Verdienst zu, jetzt in einer kleinen Schrift zu gerechtem Preis erneut wichtige philosophische, d.h. auch ethische Impulse zur Frage zu geben: „Wie reich darf man sein?“ (Reclam Verlag 2019) Das Buch kann ich für einen weitesten Leserkreis dringend empfehlen, für Gesprächsrunden, selbst für den Unterricht in den Schulen: Auch wenn nicht alle Aspekte ausgeleuchtet werden können bei dem geringen Umfang von 90 Seiten: Es ist ein Buch, das zu denken gibt und deswegen vielleicht auch zum Handeln führt. Weil die Reichen es sich angewöhnt haben, pauschal Kritik am Reichtum als „Neid“ der Armen, Unbegabten, Erfolglosen usw. zu bezeichnen, widmet sich Christian Neuhäuser in seinem Buch auch dem Thema Gier und Neid sehr differenzierend. Schlimm ist, grundsätzlich gesehen, immer Gier. Mit dem Vorwurf, jemand sei neidisch, hingegen muss man sehr vorsichtig und unterscheidend umgehen….
ABER: „Zurzeit ist kaum jemand stolz darauf, sich gegen sozioökonomische Ungleichheit und gegen schädlichen Reichtum stark zu machen“. Das ist die Diagnose des Philosophen Christian Neuhäuser in seinem neuen Buch „Wie reich darf man sein?“ (85). Aber vielleicht – so die Hoffnung des Autors – könnten sich die LeserInnen seines eindringlichen Buches gedanklich wie praktisch doch noch aufraffen: Und vom üblichen Lob des Reichtums lassen und umkehren zu einem Lob des gerechten Umgangs und der gerechten Umverteilung der großen „Vermögen“. Vielleicht gibt es eines Tages, so hofft der Autor, eine „Gerechtigkeitsbewegung“ (im Sinne der Überwindung des „schädlichen Reichtums“), so, wie sich – mühevoll ebenso – eine feministische oder eine ökologische Bewegung etablierte. In jedem Fall wird der Kampf gegen „schädlichen Reichtum“ zu neuen Lebensformen und zu „einem guten politischen Leben“ führen. Eine gewaltige Aufgabe, denn die meisten Menschen wollen immer mehr, immer mehr Geld, so wird ihnen permanent von den Reichen (deren Medien) selbst – werbewirksam – eingeflößt. „Geiz ist geil“ ist das Motto. Und die allgemeine Gier nach dem ständigen Wachstum ist längst eine staatstragende „Tugend“, deren Wahn kaum befragt wird. Profitmaximierung der Firmen der Reichen ist oberstes Gebot, dem sich gern die so genannten demokratischen Regierungen beugen.

5. Warum spricht Neuhäuser von „schädlichem Reichtum“? Das ist eine der zentralen Thesen des Buches, die hier nur angedeutet werden sollen: Reichtum ist schädlich, weil die Reichen, vor allem die Superreichen, längst das politische Leben auch in den Demokratien bestimmen, die man deswegen am liebsten nur noch so genannte Demokratien nennen sollte. Man denke nur an die Wahl von Mister Trump zum Präsidenten: Da haben 2 Milliardäre heftig finanziell geholfen. Und so können sie das Profil der gegenwärtigen Politik in den USA mitbestimmen. Die Autorin und Journalistin Jane Mayer, so Neuhäuser (S.72), sagt das, was so viele längst wissen: „Die USA sind aufgrund des politischen Einflusses der Reichen schon längst keine Demokratie mehr. Ein Nicht-Milliardär wird sich einen Wahlkampf als Präsidentschaftskandidat wohl kaum noch leisten können“. „Beschränkung von Reichtum ist für die Stabilität und Gerechtigkeit von zentraler Bedeutung“ (79)
Eine weitere gut begründete These im Buch: „Die Reichen haben ihren Reichtum eigentlich nicht verdient“ (24). Nicht „verdient“ zunächst im moralischen Sinne, weil sie mit dem Reichtum meistens egoistisch in Saus und Braus leben und –polemisch zugespitzt – eher ein Hotel für ihre Hunde in New York bauen als eine Wohnsiedlung für Obdachlose. Diese könnten sie aus ihrer „Portokasse“ bezahlen und sich dann in den Medien als großartige Gönner feiern lassen. Und, zweitens, sie haben nicht durch eigene Leistungen und Anstrengungen ihre Milliarden und Millionen erwirtschaftet, d.h. selber verdient: Das könnten sie gar nicht allein schaffen, sie haben viele andere für sich arbeiten lassen oder sich der Finanzspekulation hingegeben. Viele haben Talente und Glück gehabt, und beide Gaben für sich radikal ausgenutzt, oder sie haben Unsummen geerbt, von Verwandten, die schon den Profit über alles setzten. „Die Reichen haben ihren Reichtum nie verdient“ (51 f., auch 49) …Denn Reichtum beruht nicht auf Leistung“ (52).

6.
Eine weitere These im Buch: Der Autor plädiert für einen maßvollen Abschied von den Superreichen und Reichen, indem diese sanft, wie es sich bei Forderungen braver demokratischer Bürger gehört, bloß mit zusätzlichen Steuern belastet werden sollen. Der Autor bietet zwar eine radikale Reichen-Kritik, aber er ist in den wenigen praktischen Vorschlägen alles andere als ein „sozialistischer Umstürzler“. Kann der einzelne noch etwas tun gegen die Allmacht der Reichen und Superreichen, gegen ihren verschwiegenen und nur mit Mühe freizulegenden Einfluss auf die Politik?

7.
Auch über Neid und Gier spricht der Autor, wobei er den Neid durchaus vor Missverständnissen verteidigt; ganz übel ist für ihn zurecht die Gier: „Wir leben in einer Gesellschaft, in der jeder alles haben will“.
Auch die These zur „sozialen Würde“ aller Menschen verdient viel Beachtung: Menschenwürde ist ja mehr als der Respekt vor der inneren unantastbaren Dimension des Menschen. Menschenwürde hat ein soziales Gesicht für eine Welt, in der nicht länger Millionen Menschen hungern und krepieren und einige hundert Milliardäre maßlos sich ihrer totalen Gier hingeben dürfen.

8.
Ich hätte mir noch mehr anschauliche Beispiele gewünscht, wie die Superreichen die Restbestände unserer Demokratie weiter verderben, durch ihre Lobbys, Einflüsse, Werbungen, und aktuell wieder einmal durch das schamlose Ausnützen der Armen in der so genannten 3. Welt: Etwa in der Kleiderproduktion unter sklavenähnlichen Bedingungen in Bangladesch z.B. Dies ist verbrecherisch auch, weil für die dortigen für Deutschland fabrizierenden Fabriken nicht deutsche Standards eingefordert und bei den deutschen/europäischen Firmen durchgesetzt werden. Diese Verbundenheit unserer Regierungen mit dem „Kapital“ entspricht der treuen Bindung an die herrschenden Unternehmer. So, wie die Verkehrspolitik in Deutschland eindeutig eine Politik zugunsten der Autoproduzenten ist usw.

9.
Noch einmal: Das Buch ist trotz seiner Kürze wegen der klaren Ausführungen sehr zu empfehlen und man wünscht ihm weite Verbreitung und viele LeserInnen, die zu weiterem Fragen und Forschen zum Thema angeregt werden. Die Literaturangaben im Buch sind da hilfreich!

Christian Neuhäuser, „Wie reich darf man sein? Über Gier, Neid und Gerechtigkeit“. Reclam Verlag, Reclams Universalbibliothek Nr. 19602. 2019, 88 Seiten, das Buch kostet nur 6 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Ehre – das veräußerliche Leben. Das Gegenteil von Würde.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Warum soll man sich mit dem Begriff und der Wirklichkeit der EHRE und der EHR-ERBIETUNG befassen? Wenn Ehre und Ehr-Erbietung zum Mittelpunkt des Lebens werden, wird das Leben selbst völlig veräußerlicht, oberflächlich, unpersönlich. Nicht alle wollen so leben. Deswegen sollten wir uns mit der Ehre und der Ehrerbietung befassen. Etwas anderes ist hingegen die Ehrfurcht.

1. Würde ist mehr als Ehre
Dem Begriff der Würde eines jeden Menschen steht scheinbar der Begriff der Ehre und des Ehrgefühls nahe. Aber nur scheinbar!
Denn Würde ist eine innere Dimension der menschlichen geistigen personalen Existenz. Sie ist eine (meine, deine, unsere) Dimension, die letztlich von keinem anderen Menschen zerstört werden kann. Denn bekanntermaßen können noch unter unmenschlichen, unwürdigen Bedingungen die Opfer ihre innere Würde bewahren und sich so inmitten der Unmenschlichkeit wenigstens seelisch, menschlich retten. Was nicht bedeutet, nicht gegen unmenschliche Zustände aufzustehen und zu rebellieren!

2. Nur der einzelne selbst kann seine innere Würde verlieren.
Die eigene unantastbare Würde kann nur vom einzelnen selbst in seinem eigenen würdelosen Verhalten zu einem gewissen Verschwinden gebracht werden. Ob die „innere Würde“ eines Menschen jemals von ihm ganz zu „töten“ ist, bleibt die Frage. Die KZ-Mörder, ein klassisches Beispiel, wurden im Nazi-System geehrt. Sie haben aber als Menschen, die sie ja waren, fast ganz ihre innere Würde – durch eigene Tat – verloren. Und diese Würde ist vor allem eine „innere“ Realität, im Geist, in der Seele, im Gewissen zu spüren. Vielleicht kann eine gewisse Fürsorge der KZ Mörder noch für die eigenen Kinder als ein kleiner Restbestand von eigener Menschenwürde deuten. Das würde meiner These entsprechen, dass kein Mensch seine Würde total verlieren kann. Dies ist auch ein Argument gegen die Todesstrafe: Man hofft immer noch auf eine gewisse Resozialisierung selbst de Mörders…

3. Veräußerlichtes Gefühl, „geehrt zu werden“
Ehre und Ehrgefühl des einzelnen sind äußerliche Zuschreibungen anderer. Die Literatur des 20. Jahrhunderts ist voller Darstellungen dieser „Ehren-Problematik“ bzw. Sucht, als ehrenwerter Mensch angesehen zu werden. Man denken nur an Hermann Broch und vor allem an den ersten Teil seiner „Schlafwandler-Trilogie“.
Das ist typisch: In einer hierarchisch verfassten Gesellschaft bzw. einem hierarchisch geprägten Staat (und diese gibt es immer) werden bestimmte „hohe“ Amtsträger wie automatisch von anderen als „ehrwürdig“ betrachtet und angesprochen. Zum Beispiel: So müssen wohl oder übel die demokratischen Politiker bei Staatsbesuchen etwa bei Mister Trump oder Mister Orban oder bei afrikanischen bzw. arabischen Despoten gewisse „ehrerbietige“ Höflichkeitsregeln befolgen, obwohl die genannten Herren diese Ehre eigentlich nicht verdienen. Aber die Diplomatie schreibt Verlogenheit vor. Aber die Überzeugung, dass es sich bei den Genannten (Trump usw.) um würdelose Wesen handelt, ist doch sehr zurecht angesichts von deren Taten und Worten sehr weit verbreitet. Hinterlässt aber bei der demokratischen kritischen Bevölkerung immer noch Hilflosigkeit. Diktatoren lieben das Ostentative, die Monumentalität etwa in ihren Bauvorhaben. Dieses sollen die Ehre, das Prestige erhöhen. So nimmt etwa Erdogans Palast das Vierfache des Schlosses von Versailles ein und das Fünfzigfache des Weißen hauses in Washington. Bezogen auf Erdogan, Türkei, schreibt der Philosoph Marcel Hénaff: „In vielerlei Hinsicht konnte man diese Art Pathologie (des Monumentalen-Wahns) bereits im Monumentalismus bei den Nationalsozialisten, Faschisten und Stalinisten beobachten“ (Lettre International, Frühjahr 2018, S. 77).

4. Respekt und Achtung
Achtung gebührt dem (gerechten) Gesetz, wie Kant treffend bemerkte. Und wenn man eine „Amtsperson“ achtet, dann nur wegen des (gerechten) Gesetzes, „wovon jene Person uns das Beispiel gibt“ (Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten).
Respekt bezieht sich auf den Umgang mit anderen Menschen. Dieser Respekt gilt prinzipiell jedem Menschen, darin drückt sich die Anerkennung der Würde, des „Wertvollen im Menschen“, aus; diese Würde ist etwas Unantastbares, einem jeden Menschen „Innerliches“.

5. Der gute Ruf und die bürgerliche Moral
Wer hingegen geehrt werden will, ist bedacht auf seinen (angeblichen) guten Ruf. Er will nach außen hin, bei anderen, „etwas“ gelten, als etwas Besonderes erscheinen. „Mehr Schein als Sein“ ist das unzerstörbare Lebensprinzip dieser „Ehrenvollen“. Man freut sich etwa über Auszeichnungen. Die können im Falle für sportliche oder für künstlerische Leistungen sinnvoll sein; selbst wenn diese Auszeichnungen oft eher durch zufällige (auch parteipolitische) Konstellationen oder „connetions“ zustande kommen. Sehr oft wird bei einer Ehrung nicht die Person als solche hervorgehoben oder gar als Vorbild gepriesen. In der Ehrung wird das von der Person immer noch verschiedene künstlerische, literarische „Werk“, die „Leistung“, geehrt. Ist die Leistung etwa durch Doping betrügerisch erschlichen worden, wird auch die Person eher höchst kritisch betrachtet. Und von der Masse der Enttäuschten geächtet.
Diese Ehrungen in der Kultur, vor allem in der Politik sind oft sehr problematisch, weil übereilt: Man denke an angebliche „Friedenspolitiker“ wie Obama, er erhielt 2009 den Friedensnobelpreis. Man denke auch daran, welche merkwüridgen Gestalten etwa auf die „Ehre der Altäre“ als Heiliggesprochene und ehrenvolle Vorbilder erhoben wurden: Etwa der Scharlatan und Volksheilige Pater Pio in Italien oder der reaktionäre Papst Pius IX. oder der Gründer des katholischen Geheimclubs „Opus Dei“, Pater Escriva y Balaguer… Zu diesen so ehrenvollen Herren sollen also die frommen Katholiken um himmlischen Beistand bitten!

6. Der gute Ruf als Ehre in der Familie
Spielt die Ehre noch im alltäglichen Familienleben eine Rolle? Vielleicht ist das Insistieren auf der Bedeutung der Ehre für die Familie in nicht-muslimisch geprägten Familien West-Europas nicht mehr so groß wie noch vor 60 Jahren: Als etwa die braven, (klein)bürgerlichen Eltern den Kindern extravagante Kleidung oder Rock-Musik oder Formen der sexuellen Freiheit verboten hatten mit dem Argument: Wer das tut, schädigt den guten Ruf, die Ehre der Familie. Wie oft hörte man das Argument: „Was sollen denn dann die Nachbarn denken?“
Die Ehre wird selbst noch in Deutschland heute verteidigt, man denke daran, dass es christlich geprägte Familien für eine Schande halten, wenn der Sohn oder die Tochter sich öffentlich als homosexuell outen.
In muslimisch geprägten Kulturen spielt die Bewahrung der Ehre (also das äußerlich korrekte Verhalten nach den Geboten der Traditionen) eine sehr große Rolle, aber das ist ein eigenes Thema. Ein Stichwort wären: Ehrenmorde. Oder die „arrangierten Ehen“, die die Würde der Mädchen und Frauen verletzen. Ehre zeigt sich hier besonders als Ausdruck einer grausamen „Macho-Religion“.

7. Die Ehre als Mittelpunkt
Die Ehre war vor allem im 18. und 19. Jahrhundert in Europa eines der „höchsten Güter“. Es war eine Art „symbolisches Kapital“, wie es in der „Geschichte des privaten Lebens“ (Band IV, S. 270) heißt. Je mehr Ehre einem Menschen, einer Familie oder einer Firma zugesprochen wurde, um so bedeutender und erfolgreicher konnte man gelten und leben. Aber dieses Kapital der Ehre war stetst gefährdet, durch üble Nachrede konnte es zerstört werden. Davon handelten die ständigen, heftigen Streitereien der Menschen, etwa schon in Paris des 18. Jahrhunderts. Da gab es die staatlich angestellten „commissaires“, an die sich die Beleidigten wenden konnten, um die verlorene Ehre rechtlich wiederherzustellen.
Man wollte ja schließlich wieder „angesehen“ zur „Gesellschaft“ gehören.

8. Das Duell
Auf die lange Jahrzehnte dauernde, beinahe übliche Praxis des Duells kann hier nur hingewiesen werden, erst nach 1918 wurde das Duell verboten, 1970 gab es noch ein Duell in Uruguay.
Man bedenke aber, dass in dem allgemein bis zum 2. Vatikanischen Konzil verbindlichen „Handbuch der katholischen Moraltheologie“ von Heribert Jone (Paderborn 1953), das Duell noch als erlaubt galt, wenn denn dadurch das Gemeinwohl geschützt werden kann. So in § 216, S. 180 in diesem Buch, das den ganzen Klerus bis ca. 1965 prägte. Hingegen wird das nur aus privaten Gründen praktizierte Duell als schwere Sünde bezeichnet: Wobei unklar bleibt, ob nicht auch das private Duell irgendwie dem Allgemeinwohl dienen kann. Man denke etwa an den Wahn, mit dem sich die katholischen Feinde des (jüdischen) Hauptmanns Alfred Dreyfus ins Duell stürzten, in der Überzeugung, dadurch der Nation Frankreich zu dienen und den Juden Dreyfus zu bekämpfen….Nebenbei: Für diese Moraltheologie von Heribert Jone ist hingegen, so wörtlich, „ein Kampf mit Stöcken und Ruten noch kein Duell“, also erlaubt (S. 180 in Jone). Diese kirchliche Duldsamkeit fürs Schlagen mit Stöcken wurde gelegentlich in kirchlichen und staatlichen „Elite“-Schulen und Internaten angewendet. Schlagen war ja offiziell kirhlich nicht verboten. Man sieht hier die ideologische Abhängigkeit kirchlicher Moralvorstellungen von der herrschenden, aber verblendeten Moral. Der Theologie fiel es immer sehr schwer, selbstkritisch diese ideologischen Bindungen überhaupt zu erkennen. Man hielt das Gesagte oft genug für „Gottes-Wort“.

9. Das 8. Gebot
Die Ehrerbietung, also die Praxis der Ehrenbezeugung, spielt in den Religionen immer noch eine große Rolle.
Dass im 8. Gebot, von Gott an Moses angeblich übergeben, auch die Ehre von Vater und Mutter eine zentrale Rolle spielt, sollte weiter untersucht werden. Wenn man den häufigen Umgang heutiger Söhne und Töchter mit den alten Eltern betrachtet, meint man, in einer gottlosen Zeit zu leben..

10. Der Kult der Ehrerbietungen:
Der Dalai Lama wird auch hierzulande mit „Seine Heiligkeit“ angesprochen. Der Papst wird selbst in weltlichen Medien „Heiliger Vater“ genannt. Wer wagt es schon, etwa im Interview Papst Franziskus einfach und normal mit „Herr Bergoglio“ anzusprechen. Ehrerbietung und Achtung vor dem Amt spielen da fast zwanghaft zusammen. Katholische Pfarrer hießen und heißen in manchen Gegenden immer noch „Hochwürden“, Nonnen werden „ehrwürdige Schwestern“ genannt. Wer sich mit den Katholikentagen der neunzehnhundertfünfziger Jahre befasst, etwa mit dem Berliner Katholikentag 1958, wird immer wieder auf die Anrede „Seine Durchlaucht“ stoßen als Anrede für den obersten katholischen Laien damals, einen gewissen Karl Fürst zu Löwenstein. Ich habe als Kind damals so oft das Wort „Durchlaucht“ gehört und dachte, es handle sich dabei um ein Schiffbrüchigen oder vom Hochwasser Durchspülten
Die Ehre, die für die Frommen einzig dem transzendenten Gott selbst zukommen sollte, wurde und wird also pervertiert angewandt auf Menschen. Nebenbei: Welcher klerikale Hochwürden hat schon einmal einen Armen, der sich durchs Leben recht und schlecht kämpfen muss, wegen seines ungebrochenen Lebenswillens „Hochwürden“ genannt. Der Arme und die Bettlerin hätten diesen Titel verdient.

11. Jesus – der Mensch ohne Ehre
Es kann hier nur daran erinnert werden, dass die Gestalt des Propheten Jesus von Nazareth von den Herrschenden als ehrlose, störende Gestalt gewertet wurde. Aber dieses Lebensmodell Jesu war gerade seine Würde. Sein Tod und die Form seiner Hinrichtung sind das Ehrloseste, das in der damaligen Gesellschaft gab. Christen verehren also zunächst einmal den „Ehrlosen“, der sich dann aber in der Überzeugung der Gemeinde als der Würdevollste, überhaupt zeigte: In dem Selbstbewusstsein der Gemeinde wuchs die Überzeugung: Gerade dieser Mensch Jesus birgt förmlich Göttliches in sich, also Ewiges, das den Tod überdauert. Und dieses Ewige, so wuchs die Überzeugung, gilt für alle Menschen. (Als dringende Buchempflehlung: “Der schwierige Jesus“ von Gottfried Bachl, Tyrolia Verlag 1996. Bachl war Theologieprof. (Dieses Buch, nur 100 Seiten, ist antiquarisch noch vorhanden. Besonders die Kapitel „Der nackte Jesus“ und „Der hässliche Jesus“ geben zu denken.)

12. Ehrfurcht und Gehorsam geloben
Der Kult um die Ehre und damit die Ehrerbietung der Hierarchen ist ungebrochen im römischen Katholizismus. Das sei allen gesagt, die irgendwie von einem fortschrittlichen, d.h. vernünftig-human gewordenen Katholizismus träumen. Bestes Beispiel, das die seelische Prägung der Priester insgesamt betrifft: Die jungen Männer, die sich im Dom vom Bischof zu Priestern weihen lassen, legen sich als Zeichen der Unterwerfung ganz flach auf den steinernen Boden. Sie sollen förmlich als Nichts, als Untertane, als Staub gelten.
Dann versprechen diese neu geweihten Prister auch dem Bischof, als ihrem Vorgesetzten, ausdrücklich „Ehrfurcht und Gehorsam“: Die Priester, alle Priester des römischen Systems, sollen ihrem Chef, voller Ehrfurcht und voller Gehorsam begegnen. Ob sie das dann de facto auch tun, ist eine andere Frage. Aber: Ehrfurcht, Zuweisung von Ehre und auch Angst vor der Amtsperson gehören zentral ins innere Gefüge der römischen Kirche.
Sicher kennen auch andere große hierarchische Organisationen solchen Zwang zur Ehrerbietung gegenüber dem Chef. Die Untertanen gehen dabei selbst seelisch sozusagen vor die Hunde, weil sie buckeln müssen und ergeben erscheinen müssen. Auch die Mafia kennt solche Bindungen durch Ehrerbietung und Gehorsam. Und sie erzeugt dabei ein tödliches System.

13. EHRFURCHT vor dem Leben
Wie der Begriff schon andeutet, ist in der Haltung der Ehr-Furcht auch die Haltung der FURCHT enthalten. Ob Furcht in Angst übergeht, ist eine andere Frage: Angst vor der zu ehrenden Person, das gibt es ständig: Einer „hohen“ Person soll also dem Begriffe nach voller Furcht begegnet werden, weil sie Macht hat. Man soll förmlich erschaudern vor dieser „Amtsperson“.
Da muss aber wieder die bleibende Einsicht Kants ins Spiel kommen: Nicht die Person wird ehr-fürchtig verehrt, sondern das (gerechte) Gesetz, das sie repräsentiert.
Ehrfurcht gegenüber Menschen sollte es also eigentlich nicht geben. Kant sagte ja in seinem berühmten so viel zitierten Satz: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und EHRFURCHT: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir (also der kategorische Imperativ).“
Albert Schweitzer sprach von der „Ehrfurcht VOR DEM LEBEN“, also vor der Natur als der geschenkten Schöpfung sollen wir uns ehrfürchtig, also nicht herrschsüchtig, nicht destruktiv, verhalten. Ein Beispiel für unsere Welt ohne Ehrfurcht: Das verbrecherische Abholzen etwa der Amazonas Wälder durch den rechtsextremen Präsidenten Bolsonaro in Brasilien, von evangelikalen Kirchen dort heftig unterstützt, widerspricht total der Ehrfurcht vor dem Leben. Dieser von den Einwohnern gewählte Präsident – „Diktator“ ist schon fast würdelos: Er will wie ein Rassist das Leben der indigenen Völker am Amazonas offenbar vernichten und einzig aus ideologischer Verblendung und Frauenfeindlichkeit das „ungeborene Leben“ schützen…Das schon lebende personale Leben ist diesem Rechtsextremen und seinen frommen Anhängern egal. Und die Bewahrung der Natur, „Schöpfung“ eigentlich in seiner religiösen Ideologie, sowieso, solange sie Geld bringt und die reichen Nationen durch das verbrecherische Abholzen der Wälder mit Soja und Rindfleisch versorgt.
Das Motto dieser evangelikal frommen Leute und Diktatoren ist: „Nach uns die Sintflut“. Oder „Sünd-Flut“, als Flut unserer Sünden ? …
Warum ist die demokratische Welt nicht in der Lage, einen solchen Politiker in dauer-hafte Pension zu schicken?

14.
Ehre und Würde sind doch gelegentlich verbunden
Tzvetan Todorov schreibt in „L Honneur“ (Paris 1991, S. 221 ff.) über den Aufstand im Warschauer Getto 1943 und der Stadt Warschau 1944: Immer wieder betonen dort die Widerstandskämpfer, sie wollten in Ehre sterben. Ehre heißt: Kämpfen bis zum Ende. Sich nicht wie geduldige Schafe töten lassen“. Selbst an den Häuserwänden im Getto stand: „Sterben in Ehre, ehrenvoll sterben“. Ehre hieß: Das Aussichtslose tun.
Ehre erscheint als einziger Wert in dieser Situation:
Ehre ist hier auch bezogen auf die Wahrnehmung anderer: Sie sollten, wenigstens später, nach dem Grauen, sehen, dass Juden sich wehrten.
Aber hier ist dieser „Ehr- Begriff“ auch stark verbunden mit der Würde: Diese Widerstandskämpfer wollten in ihrem Tun ihre menschliche Würde bewahren. .

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Richtig falsch. Philosophische Impulse für ein richtiges, ein humanes Leben

Hinweise zu einem neuen Buch von Michael Hirsch.
Von Christian Modehn

1.
Das oft zitierte und weit verbreitete Buch von Theodor W. Adorno „Minima Moralia“ (verfasst 1944) hat den Untertitel „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“. Der Untertitel legt nahe zu denken, also aus einem „bloß“ „beschädigten“ Leben und nicht aus einem total zerstörten und hoffnungslos korrupten Leben. Das gilt vor allem wohl, wenn man den besonders häufig nachgesprochenen Satz aus „Minima Moralia“ hört: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ ( S. 43, in: Gesammelte Schriften, Suhrkamp). Kann also in einem insgesamt falschen Leben, etwa in einem falschen System, auch mein und unser Leben insgesamt nur falsch sein? Wahres humanes Leben ist dann offenbar unmöglich.

2.
Gegen diese eher defätistische Interpretation des Adorno – „Spruches“ wendet sich in seinem neuen Buch „Richtig falsch“ der Philosoph und Politikwissenschaftler Michael Hirsch: Er hat ein überaus anregendes philosophisches Buch ganz eigener Art verfasst: 123 kurze Essays oder „längere Aphorismen“ lassen sich von diesem Satz Adornos inspirieren, sie umkreisen ihn förmlich und kritisieren und korrigieren ihn. Und diese Leistung finde ich sehr hilfreich! Denn Michael Hirsch weitet das Denken insgesamt. Für mich sind manche Beiträge philosophische Meditationen, Texte zum Innehalten. Zu einer neuen Form des Umgangs mit philosophischen Erkenntnissen wird man förmlich aufgefordert.

3.
Das Buch, so wird vom Autor betont, wendet sich an „linke Intellektuelle“. Auf diese Gruppe bezieht er sich kritisch, auch mit neuen Vorschlägen. Zum Trost für die sich nicht als „Intellektuelle“ verstehenden LeserInnen: Man sollte den Begriff „Intellektuelle“ sicher nicht zu eng verstehen und bedenken: Jeder Mensch, der selbstkritisch umfassend reflektiert, ist in gewisser Hinsicht ein Intellektueller. Insofern sind Intellektuelle jene, die unter den widerwärtigen Verhältnissen der Gesellschaft, Rassismus, Ausgrenzung, Ungleichheit etc. leiden und doch noch reflektierend in der Praxis Auswege suchen. Die Grundüberzeugung ist: Es darf jedenfalls nicht so weiter gehen wie bisher. „Es reicht“ (26).

4.
Bei allem differenzierten Wohlwollen für Adorno wird der „berühmte Adorno – Spruch“ kritisch betrachtet. Der Autor meint explizit, Adorno sei dabei im Irrtum: „Der Einzelne kann nicht nicht nach einem guten Leben suchen – unter welch schlechten und falschen Bedingungen auch immer“ (38, auch 34). Auf Seite 165 spricht er von Adornos Obsession, überall nach Falschem und nach Schuldzusammenhängen zu suchen…Und das sei sein Fehler…“Wir müssen die kleinen Spuren des Richtigen festhalten und genießen“ (165). Andererseits hat der Spruch doch noch die Möglichkeit eines dialektischen Sprungs: „Dort, wo das Ganze, wie Adorno sagt, als das Unwahre erscheint, dort schlägt Erkenntnis in die Möglichkeit messianischer Rettung um“ (141). Diese „messianische Rettung“ ist eine „Grundmelodie“ im Buch von Hirsch.
Der Autor bietet Hinweise dafür, dass die als falsch erlebte Gesellschaft gerettet werden könnte: Wenn die Menschen wieder imstande wären, auch zu „empfangen“ (sic!) und nicht nur zu „machen“. Diese Haltung wäre die „Außerkraftsetzung der Herrschaft, der Hierarchien der bestehenden Ordnung. Darin konvergieren emphatisches philosophisches Denken und Religion“,
Die große Veränderung, der wahre Fortschritt (!) der Gesellschaft „hängt nicht nur von uns ab, steht nicht ganz in unserer Macht.“ (S. 141) Wir stehen vielmehr im Zusammenhang „eines göttlichen Elements der Rettung“ (ebd.) Die religionsphilosophischen Thesen beziehen sich auf ein sozusagen konfessionsfrei formuliertes „Göttliches“!

5.
Ich finde es jedenfalls erstaunlich, mit welcher Intensität der Autor in diesen doch knappen Kapiteln Themen religiöser Traditionen aktualisiert, vor allem auch im III. Kapitel: Dort wird im Gedenken an Kafka auch vom Gebet gesprochen. Wobei Michael Hirsch von der im Gebet geschehenden „Magie des Rufens und Herbeirufens“ (des Göttlichen) spricht, und dann betont: „Das Heil oder das Heile muss nicht neu erfunden oder erschaffen werden, sondern es ist immer schon da, es liegt irgendwo verborgen…Unsere Aufgabe ist es, diese Herrlichkeit des Lebens zu suchen, immer wieder und immer von neuem“ (71f.) Allerdings finde ich Hirschs Qualifizierung des Betens als „Magie“ unzutreffend. Wenn man philosophisch Gebet als „göttliche“ Poesie versteht, ist sie eine freie Leistung des Menschen, der seine ihm gegebene (!) schöpferische geistige Kraft lebendig werden lässt. Dann ist Gebet keine Magie mehr. Man staunt eher über die gegebenen (!), also geschaffenen geistigen Möglichkeiten…

6.
Das Buch bietet viele weitere, der Form des Buches entsprechend knapp formulierte Anregungen, Impulse, die zu denken „GEBEN“. Nur noch ein Beispiel: Zum Umgang mit der Arbeit: Diese wird heute als Zwang zur Selbstvermarktung erlebt und entsprechend erlitten. Gemeint ist das unternehmerische Selbst. „Handle unternehmerisch, heißt der Imperativ“. Damit wird umfassende Selbstverwirklichung, Muße, Zeithaben, politisch Aktivsein usw .fast ausgeschlossen. Das ist „Kapitalismus pur“.

7.
Interessant ist, dass Hirsch Denkmotive Heideggers aufgreift, etwa wenn von der „Fülle des Seins“ die Rede ist, in der „uns alles zufällt“ (167), als Gabe. Hirsch spricht wie Heidegger vom „Geheimnis einer Existenz, die als Öffnung, als Da des Seins erscheint“ (158). Auch wenn man den Heidegger der „Schwarzen Hefte“ ablehnt: Die Aussagen Heideggers aus „Sein und Zeit“ haben eine Gültigkeit.
Das von Hirsch präsentierte Denken und denkende Leben setzt sich ab von einer passiven, zuwartenden Existenzform. Sondern tritt ein für das politische Handeln. Ideen haben für Hirsch entschieden „Gebrauchswerte“ (171). „Denken hat eine verändernde Kraft“ (174). Und die Veränderung gilt der Beförderung der Menschenwürde für alle und der Überwindung einer neoliberalen Welt der Herrschaft der Privilegierten und der so genannten Eliten.
Wichtig ist: Wir haben „das Begehren“ in uns, jene unstillbare geistige Leidenschaft, für eine wahre, humane Welt. Bei einer noch so klugen bloß theoretischen Analyse des Elends darf es also nicht bleiben. Das Elend des Ichs, der Gesellschaft, der Welt ist kein Schicksal. Noch einmal: Denn wir leben immer schon inmitten der Utopie des wahren Lebens: Sie spendet das Licht der Erkenntnis. „Diese Utopie lehrt uns, dass wir noch unendlich weit entfernt sind von unseren wahren Möglichkeiten. Das ist die Wahrheit, von der wir ausgehen“ (167).

8. Ich würde mir wünschen, dass bald ein weiteres Buch von Michael Hirsch folgt, in dem seine angedeuteten religionsphilosophischen Hinweise vertieft werden. Und in dem auch die aktuellen Fragen der Natur, der Ökologie, des Klimas und die vielleicht noch mögliche Rettung der Welt einbezogen werden … sowie die Gleichheit aller Menschen, auch der Flüchtlinge (in Deutschland und weltweit).

Michael Hirsch, „Richtig falsch“. „Es gibt ein richtiges Leben im Falschen“. TEXTEM Verlag, Hamburg, 2019, 192 Seiten. 16 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Würde des Menschen. Thesen im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 30.8.2019

Von Christian Modehn
Diese Thesen sind Einladungen zum Weiterdenken und Diskutieren.

1. Das ist evident: Wir sind Teil einer Welt, in der die Würde des Menschen ständig verletzt wird. Viele fühlen sich hilflos und total frustriert in dieser Welt. Dass das würdelose Leben früher auch so war, etwa in der Sklaverei, dem Kolonialismus, der totalen Unterdrückung der Frauen und Homosexuellen, ist keine Entschuldigung dafür, dass die Würdelosigkeit heute auch in der angeblich „aufgeklärten“ und so reichen westlichen Welt noch besteht. Und vor allem in vielen Ländern außerhalb Europas sowieso.

2. Um nur an gewählte, so genannte demokratische Politiker zu denken: Trump oder Bolsonaro: Politiker, die ihre eigene menschliche Würde als Politiker preisgeben. Sie sind offenbar auf diese ihre allgemein wahrgenommene Würdelosigkeit noch stolz. Weitere Politiker könnten genannt werden.

3. Wir erleben AFD Politiker nicht nur im Wahlkampf, die ohne jeden Respekt demokratische Politiker und deren Leistungen in den Dreck ziehen. Und viele AFD Fans jubeln über so viel Verhetzung.

4. Dies führt zu zwei zentralen Fragen: Was ist Menschenwürde? Und: in welcher Weise können Menschen ihre Menschenwürde verlieren? Im reflektierten Erleben der Würdelosigkeit (anderer) „blitzt“ die Idee der Würde des Menschen inhaltlich – konkret (etwas) auf. In dieser Kontrast – Erfahrung des Nicht-Vorhandenen (der Würde) zeigt sich implizit das „Anwesende“, es zeigt sich als Utopie, als Ziel, als Ideal: das Gesuchte, die Menschenwürde.

5. Was ist Menschenwürde? Da werden wir als Philosophierende uns selbstverständlich an die grundlegenden Erkenntnisse von Immanuel Kant halten. Nur kurz gesagt: Für Kant ist Menschenwürde etwas Gegebenes, allerdings nicht sinnlich Greifbares: Denn die Würde des Menschen und aller Menschen ist deren Vernunft und damit deren Freiheit. Im Vollzug der Vernunft entdeckt der Mensch in sich das moralische (universale) Gesetz: den Kategorischen Imperativ. In der Entdeckung der Vernunft durch den Menschen wird also deutlich, dass er „etwas Heiliges“ in sich hat. Etwas, das den Menschen zum „Selbstzweck“ macht. Der Mensch hat niemals einen Preis. Niemand ist austauschbar wie ein Gegenstand.
Noch einmal: Diese in mir zu entdeckte „Gegebenheit“ der moralischen Selbstgesetzgebung und Freiheit macht meine Würde aus, und es ist niemals nur „meine“ Würde. Diese Würde teile ich sozusagen mit der Würde der ganzen Menschheit, und diese Menschheit lebt in allen Individuen. Wenn Individuen also im Sinne Kant würdevoll sind und Respekt verdienen, dann: Weil sie Teil der an sich würdevollen Menschheit sind.

6. Diese Erkenntnisse Kants in dieser formalen universalen Allgemeinheit sind auch inspirierend für die Autoren des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gewesen. Sie hatten (obwohl vielfach Nazi-Mitläufer) die Gräuel der Nazi-Herrschaft vor Augen: Da sahen sie, und sie erlebten es ja auch auf die eine oder andere Weise: Die Menschenwürde kann sehr stark der Vernichtung ausgesetzt sein, wenn auch nicht auf Dauer definitiv ausgelöscht werden: Etwa in den KZs und in der Juden-, Sinti-Roma-Auslöschung, der Verfolgung und Ermordung der Homosexuellen und der Euthanasie Morde durch die Nazis als großem Teil des deutschen Volkes.
Tatsache ist: Die Menschenwürde als in jedem Menschen prinzipiell gegebene Struktur des Geistes kann nie total ausgelöscht werden, aber sie ist prinzipiell auch sehr bedroht, etwa auch in der „Gehirnwäsche“….

7. Das Grundgesetz sagt allgemein formuliert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Also: Diese Würde ist unantastbar für andere wie für den einzelnen Menschen selbst. Was heißt UNANTASTBAR: Der andere Mensch darf den unantastbaren anderen nicht manipulieren, nicht total instrumentalisieren (denn begrenzte und rechtlich kontrollierte Instrumentalisierung gibt es ständig: Beruflich lassen wir uns partiell z.B. notgedrungen „instrumentalisieren“…). Ausgeschlossen ist totale Instrumentalisierung, die den anderen zum Objekt macht; es darf keine Gehirnwäsche geben, keine Übergriffigkeit.

8. Kann der einzelne durch sich selbst, durch sein Tun, seine Würde korrumpieren, wenn nicht fast ausschalten? Ich meine, das passiert. Der einzelne kann zu einem würdelosen „Subjekt“ werden. Restbestände der Würde als geistige Freiheit und etwas Autonomie gibt es aber immer, man denke an die KZ Mörder, die doch noch so taten als wären sie liebevolle Väter. Aber dieser Restbestand an Würde hatte keine Wirkung der umfassenden Humanität mehr!

9. Der demokratische Rechtsstaat glaubt an Restbestände der Würde auch bei Schwerverbrechern, deswegen gibt es in einem Rechtsstaat keine Todesstrafe. Deswegen auch die Anstrengung und Hoffnung, dass eine „Resozialisierung“ im Knast möglich sein könnte.

10. Es gibt eine andere traditionsreichere Begründung der Menschenwürde in der biblischen Tradition.
Sie lehrt: Der Mensch ist ein Abbild, ein Ebenbild, Gottes selbst. „Gott schuf den Menschen als sein Ebenbild“, heißt es im Buch Genesis, Kapitel 1, Vers 27. Dieser Text stammt von Autoren, die um 600 lehrten und schrieben. Man nennt diesen Text die „Priesterschrift“. Ebenbild heißt: Der Mensch ist in gewisser Weise so „heilig“ wie Gott heilig ist. Eine detaillierte Beschreibung des „Gesichtes“ Gottes ist natürlich nicht gemeint.
Diesem Text schließt sich gleich an im Buch Genesis, also dem 1. Buch Moses, die viel ältere Schöpfungslehre, die 3000 Jahre alt sein soll, die so genannte Jahwistische Schöpfungslehre. Dort ist keine Rede von der Gott – Ebenbildlichkeit. Es ist die Rede davon, dass der Mensch vom Lebensatem Gottes lebt. Beim Jahwisten wird der Mensch, der Mann zuerst, von Gott aus der Erde, vom Ackerboden, geschaffen. Und dann heißt es: „Gott blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigem Wesen“ (Genesis, 2, 7f.)
Eine interessante Perspektive: Der Mensch lebt vom Lebensatem Gottes. Mensch und Gott sind also wesentlich im Atem, im Atmen, verbunden.
Leider wurden diese Perspektiven später verdeckt durch die kirchliche theologische These: Der Mensch sei wesentlich Sünder. Auch haben die Kirchen aus dieser Lehre der so wertvollen Gott- Ebenbildlichkeit des Menschen keine politischen Konsequenzen gezogen. D.h. Sie haben die Menschenrechte nicht erfunden und nicht verteidigt.

11. Es gibt neue philosophische Debatten über die Menschenwürde. Einige Autoren halten die Menschenwürde nicht für etwas Innerliches, allen Menschen von vornherein Gegebenes. Menschenwürde sei vielmehr etwas jeweils erst zu Gestaltendes. Der Philosoph Franz Josef Wetz behauptet (in: Der Wert der Menschenwürde, Paderborn 2009, Seite 61): „Menschenwürde ist nur ein Gestaltungsauftrag, nicht jedoch ein Wesensmerkmal des Menschen“. Menschenwürde ist also nicht, wie Kant sagt, etwas allen Menschen schon Vor-Gegebenes. Sondern etwas, das nur durch Anstrengungen der Menschen überhaupt erst existiert.
Meine Meinung: Anstrengungen zur Entwicklung der Menschenwürde sind ja richtig, aber sie beziehen sich auf etwas Vorgebenes, vielleicht „Schlummerndes“, das in der Tat wachgerufen wird. Wetz meint hingegen, es gebe keine „vorgefundene Wertabsolutheit des Menschen und der unantastbaren Heiligkeit des menschlichen Lebens, dies müsse man hinter sich lassen (S. 58).
Ich halte diese Überzeugung für falsch und politisch (im Sinne der universalen Menschenrechte) für gefährlich. Der australische Philosoph Peter Singer etwa hält – allen Ernstes – in seinen Publikationen die Würde eines Menschenaffens für schützenswerter als die Würde eines schwerstbehinderten Babys. Dieses zu behaupten ist nicht nur grober Unfug, sondern politisch – ethisch desaströs.

12. Menschenwürde ist von „Ehre“ unterschieden. Ehre ist etwas Äußerliches und Veräußerlichtes. Ehrenvoll leben heißt nicht automatisch würdevoll leben. So viele „Ehrwürden“ oder gar klerikale „Hochwürden“ waren und sind alles andere als voller Würde. Da werden Leute im Rahmen eines bestimmten (falschen?) Wertesystems geehrt, die dies eigentlich, moralisch, gar nicht verdient hätten. Nicht jeder Geehrte ist auch würdig. Oder wird voreilig geehrt, wie etwa einige Preisträger… Andererseits leisten etwa Widerstandskämpfer gegen Diktaturen (um ihres öffentlichen Nachlebens wegen) ihren Widerstand oft explizit „aus Gründen der Ehre“. Sie meinen aber tatsächlich ihre Würde.
Die meisten Ehrendenkmäler und Heldengedenkstätten sind überflüssig, sie dienen nur der Propagierung des Krieges. Und dienen dem Wahn des Nationalismus.

13. Würde der Menschen ist etwas, das verteidigt werden MUSS! Deswegen gehört zu einer philosophischen Reflexion automatisch die Frage: Was tue ich, um die Würde der Milliarden Würdeloser und Entwürdigter Menschen zu verteidigen und schützen? Ich kann immer nur einzelne Entwürdigte schützen und verteidigen. Aber jeder und jede sollte als notwendige Konsequenz dieser Überlegungen für Würdelose und Entwürdigte eintreten, durch Informationen, Korrespondenzen, Kontakte, und auch dies: materielle Hilfe. Dieser Hinweis hat nichts mit „Moralin“ zu tun, sondern mit der Aufforderung, der eigenen Würde zu enstprechen. Die es auch zu schützen gilt.

14. Über das Buch von Gerald Hüther, Würde, 2019, habe ich schon früher einen Hinweis geschrieben.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der 1. September 1939: Katholiken und der Zweite Weltkrieg

Einige Hinweise zur Rolle der katholischen Kirche vor dem Krieg , während des Krieges und danach…
Von Christian Modehn

1.
Die Erinnerung, das Gedenken, das Forschen und Fragen anlässlich des 1.September 1939 kann sich überhaupt nicht punktuell nur auf das Datum allein beziehen. Es gilt, die lange Vorkriegsgeschichte zu beachten (wann beginnt sie?) und den Krieg selbst als Tat der Deutschen, vor allem der deutschen Nationalsozialisten und ihres verbrecherischen Führers Adolf Hitler bis zur Nachkriegszeit. Also zur restaurativen Entwicklung in der BRD unter der CDU/CSU und zur Entwicklung des „Sozialismus“ in der DDR.

2. Eine knappe Zusammenfassung zum Thema als grundlegende Orientierung:
Der Katholizismus in Europa war bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts national und nationalistisch geprägt. Es war eher normal, um nur bei dem Bild zu bleiben, dass ein katholischer Franzose einen katholischen Deutschen an der Front erschoss. Die Bindung an das beiden gemeinsame Evangelium (Bergpredigt) war nicht mehr als ein subjektiver Spruch; viel bedeutungsloser als die Bindung an die Nation. Das galt schon im 1. Weltkrieg. Eine gemeinsame pazifistische europäische katholische Haltung war undenkbar. Ist sie heute denkbar? Wo sind die anti-nationalistischen katholischen Organisationen in Deutschland, Polen, Frankreich, Irland usw.?

3.
Der Katholizismus als durch und durch autoritär gestaltetes und autoritär von meist alten Herren geführtes Kirchensystem (ohne jede Form demokratischer Mit-Bestimmung, man spricht von vatikanischer „Wahlmonarchie“) stand den autoritären faschistischen Systemen a priori nahe. Man fühlte förmlich ähnlich, was Zuverlässigkeit, Ordnung, Unterordnung, Gehorsam angeht… Dies gilt zumal, wenn die faschistischen Führer irgendwas Religiöses oder gar Pro-Katholisches von sich gaben. Und etwa den Bestand der katholischen Privatschulen zu sichern versprachen.
Der Faschismus, vor allem auch die Herrschaft Hitlers, wurde katholischerseits gegenüber dem Sozialismus und Kommunismus (auch in der Sowjetunion) als das geringere Übel behandelt. Der Faschismus, auch Hitler, so glaubten die obersten Kleriker und die ihm hörigen katholischen Massen, seien sogar ein gutes, geeignetes Mittel, den allergrößten Todfeind der Katholiken, den Kommunismus, zu besiegen. Der Kommunismus galt als Konkurrenz zum Katholizismus, als eine irdische Ersatzreligion, die die Erlösung der Menschen hier auf Erden bewirken will. Dass diese Faschisten Juden verfolgten und ermordeten, wurde letztlich billigend in Kauf genommen und vielleicht noch stillschweigend mit uralten christlich-antisemitischen Vorurteilen begründet. Es war katholischerseits offenbar nicht möglich, gleichzeitig den Faschismus wie den Bolschewismus (Stalin) zu verurteilen und zur bekämpfen. Dann hätte die Kirche demokratisch werden müssen und die Menschenrechte respektieren müssen. Aber nein, der Katholizismus blieb und bleibt autorität. Und begründet die Ablehnung einer demokratisch gestalteten katholischen Kirche sogar noch heute mit dem angeblichen Willen Gottes: Ein Gott, der für seine eigene Organisation im 20. und 21. Jahrhundert keine Demokratie will, ist schon ein komischer Gott.

4.
Ein Aspekt, aber sicher kein marginales Thema, ist Bedeutung der Päpste in dieser Zeit, ferner die Rolle, die die deutschen Bischöfe vor dem 2. Weltkrieg und im 2. Weltkrieg spielten in ihrer Beziehung zum Hitler Regime. Und dann die schwache katholische Basis, die sich etwa im „Friedensbund deutscher Katholiken“ sammelte.
Zu den genannten Themen, umfassend wie sie sind, können hier nur Hinweise gegeben werden. Sozusagen Impulse und Forschungsmöglichkeiten.

5.
Es sollte viel stärker die Bedeutung von Papst Benedikt XV. (1914-1922) beachtet werden und zwar im Blick auf seinen verbalen Pazifismus. Dieser Papst sollte hinsichtlich seines Friedensengagements viel mehr beachtet werden. Aber das blieb wirkungslos: Pater Franzismus Stratmann hat darauf hingewiesen: „Von einer begeisterten Gefolgschaft der Mehrzahl der Katholiken hinter ihrem obersten Hirten (Benedikt XV.) kann keine Rede sein“. (In: „Hermes Handlexikon: Die Friedensbewegung“. ECO Taschenbuch, 1983, S. 219).

6.
Über die Rolle Papst Pius XII. im Umgang mit den Faschisten Italiens, mit dem Hitler-Regime und der Juden-Ausrottung ist vieles geschrieben worden. Es gibt wohl einen Trend in der historischen Forschung, der das sehr zögerliche Verhalten des Papstes Pius XII. gegenüber dem Schutz der Juden aufzeigen. Ob mehr Klarheit nach der nun endlich angekündigten Öffnung der vatikanischen Archive in dieser Frage möglich wird, ist natürlich offen: Welche Dokumente sind noch vorhanden, welche können unabhängige Historiker lesen etc.? Einige interessante Aspekte bietet mein Beitrag auf dieser Website. Hier klicken.

7.
Über das Verhalten der deutschen Bischöfe 1939 und zum Hitler Regime hat jetzt der kürzlich verstorbene Theologe und Kirchenhistoriker Prof. Heinrich Missalla (Essen) einen „offenen Brief“ an die heutigen Bischöfe in Deutschland verfasst. Missalla war ein Spezialist für diese Fragen, was er schreibt in dieser Kürze, ist für die allermeisten Kirchenführer damals eine politische und moralische Katastrophe. Nur ein kleiner Auszug aus dem wichtigen Beitrag Missallas:
„Nach dem Überfall auf Polen übernahm der Bischof von Münster von Galen die offizielle Version vom Angriff der feindlichen Mächte auf das friedliebende Deutschland; unsere Soldaten erkämpften „einen Frieden der Freiheit und Gerechtigkeit für unser Volk“. Für Bischof Machens von Hildesheim wurde der Krieg „gegen das Recht des deutschen Volkes auf seine Freiheit“ geführt. Bischof Berning von Osnabrück ließ die Gläubigen „beten, daß Gott uns den Sieg verleihe“. Vier Tage nach dem Angriff auf die Sowjetunion wussten und lehrten die deutschen Bischöfe, dass die Soldaten mit ihrer Pflichterfüllung „nicht nur dem Vaterland dient(en)“, sondern sie wagten sogar zu behaupten, dass sie damit „auch dem heiligen Willen Gottes folgt(en)“. Der Bischof von Münster nannte den Krieg jetzt einen „neuen Kreuzzug“, in dem „der Soldatentod des gläubigen Christen in Wert und Würde ganz nahe dem Martertod um des Glaubens willen (steht,) der dem Blutzeugen Christi sogleich den Eintrittin die ewige Seligkeit öffnet.“ (Quelle: Heinrich Missalla_ Brief_an DBK_80 Jahre Kriegsbeginn pdf.)_

8.
Die katholische Friedensbewegung in Deutschland war in der Weimarer Republik sehr schwach: Es war der Friedensbund der deutschen Katholiken, (FDK), repräsentiert vor allem von dem Dominikanerpater Franziskus Stratmann (1883-1971). Der Friedensbund hatte 45.000 Mitglieder (Zit. in Hermes Handlexikon a.a.O, S 221). Die Tragik war, dass diese katholische Friedensorganisation fast ausschließlich an die katholische Zentrumspartei gebunden war, die ja auch einen schwachen demokratischen-republikanischen Flügel hatte (J. Wirth z.B.). Es gab auch Versuche, den FDK an die einzige pazifistische Partei, die „Christlich-Soziale Reichspartei“ (CSRP), zu binden, aber das brachte keinen Durchbruch hinsichtlich der Massenwirkung des FDK. Unter dem starken antipazifistischen Druck der CDU/CSU löste sich der „Friedensbund der deutschen Katholiken“ 1951 auf. Es folgte die katholische Organisation PAX CHRISTI, die sich zunächst als Gemeinschaft derer betrachtete, die für den Frieden betet oder individuelle freundschaftliche Verbindungen etwa zwischen Deutschen und Franzose förderte.

9.
An Pater Stratmann sollten sich Katholiken dieser Tage besonders erinnern: Er war als Theologe und Publizist hochbegabt, er wandte sich gegen die damalige theologische Ideologie, der Krieg sei eine Folge der Erbsünde und Ausdruck menschlicher Unvollkommenheit. Dagegen betonte er die vernünftige Erkenntnis: Irgendeine greifbare, friedenspolitische Bedeutung muss die Erlösung durch Jesus Christus doch wohl haben. 1933 wurde Stratmann verhaftet, er konnte über Rom in die Niederlande fliehen, wo er sich in Klöstern versteckte. Stratmann war u.a für den gewaltfreien Widerstand gegen den verbrecherischen Staat, er forderte einen starken Völkerbund (vgl. den kurzen Hinweis im genannten „Hermes Handlexikon, Die Friedensbewegung, S. 378).
Zu den Gründungsmitgliedern des FDK gehörte uch der katholische Pfarrer Max Josef Metzger, auch mit dem Internationalen Versöhnungsbund war er eng verbunden. Er verfasste eine Denkschrift zur Friedenspolitik, wurde daraufhin von Freisler, Chef des Volksgerichtshofes, als „Pestbeule“ bezeichnet, die man „ausmerzen“ muss: Am 17.4 1944 wurde er im Gefängnis in der Stadt Brandenburg enthauptet. Was mag er wohl von den anpasslerischen und „Mitläufer-Bischöfen in Deutschland gedacht haben, er, der mit gefesselten Händen ein halbes Jahr im Gefängnis noch gequält wurde….

10.
Heute ist das Thema Friedenspolitik, Abrüstung, Kritik am Waffenexport alles andere als ein Hauptthema des deutschen oder des europäischen Katholizismus. So dringend und absolut wichtig die Aufklärung des sexuellen Missbrauchs durch Priester auch ist: Diese Beschäftigung und die mit den üblichen Kircheninterna (Zölibat, Aufhebung der Gemeinden zugunsten der monumentalen Groß-Pfarreien usw.) bindet die ohnehin schwächer werdende Energie des Katholizismus.
Politische Gestaltung der Gesellschaft und der Welt im ganzen im Sinne der universalen Menschenrechte ist NICHT Mittelpunkt katholischen Denkens und katholischer Arbeit. Denn diese würde zur Kritik an den sich oft noch christlich nennenden Parteien führen, zu neuen auch außerkirchlichen Bündnispartnern, würde zur Distanz gegenüber dem Staat führen … und die Einbindung der Kirche in das kapitalistische System freilegen. Aber davor haben die Bischöfe Angst. Und so ist der deutsche Katholizismus auch 80 Jahre nach Kriegsbeginn keine Avantgarde des Friedens, der Abrüstung, der Gerechtigkeit unter den Völkern. Das alles überlässt man kleinen Sonderorganisationen wie Pax Christi oder den Hilfswerken, die vor allem eins wollen: Spenden sammeln. Und so ein ruhiges Gewissen beschaffen…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

…………….
Literaturhinweise und Empfehlungen:
IN KOOPERATION MIT DEM ÖKUMENISCHEN INSTITUT FÜR FRIEDENSTHEOLOGIE:

1. DIE SEELEN RÜSTEN – Zur Kritik der staatskirchlichen Militärseelsorge.
Herausgegeben von Rainer Schmid, Thomas Nauerth, Matthias-W. Engelke und Peter Bürger. (edition pace 8.) Norderstedt 2019.
[ISBN: 9783749468041; Seitenzahl: 456; zahlreiche farbige Abbildungen; Preis 15,99 Euro].

2. Im Sold der Schlächter – Texte zur Militärseelsorge im Hitlerkrieg.
Herausgegeben von Rainer Schmid, Thomas Nauerth, Matthias-W. Engelke & Peter Bürger.
(edition pace 6). Norderstedt 2019.
[ISBN 9783748101727; Seitenzahl: 440; fünfzehn farbige Abbildungen; Preis 14,99 Euro] https://www.bod.de/buchshop/im-sold-der-schlaechter-9783748101727
(Leseprobe mit Inhaltsverzeichnis oben links abrufbar)
Mit einer Direktbestellung bei BoD fördern Sie die Friedensbibliothek der edition pace; das Werk ist auch überall vor Ort im Buchhandel bestellbar.
BUCHVORSTELLUNG IM NETZ:
https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/012393.html

Jahrzehntelang wurden die Abgründe der staatskirchlichen Kriegsbeihilfe 1939-1945 verschleiert. Die vorliegende Dokumentation erschließt Forschungsbeiträge, Quellentexte, Interviews und Kommentare zur Militärseelsorge der beiden großen Kirchen in Hitlers Vernichtungsfeldzug. Die Richtlinien (24.5.1942) fielen denkbar eindeutig aus: „Die Feldseelsorge ist eine dienstliche Einrichtung der Wehrmacht. […] Der siegreiche Ausgang des nationalsozialistischen Freiheitskampfes entscheidet die Zukunft der deutschen Volksgemeinschaft und damit jedes einzelnen Deutschen. Die Wehrmachtseelsorge hat dieser Tatsache eindeutig Rechnung zu tragen.“ Durch die Vermittlung eines neuen Forschungsstandes wird deutlich, wie bereitwillig evangelische wie römisch-katholische Militärseelsorge dieser Vorgabe zur Kollaboration beim Völkermord Folge geleistet haben. Nach Kriegsende warfen auch Soldaten den Militärgeistlichen vor, sie hätten als gutbezahlte Offiziere „im Solde derer gestanden, die uns zur Schlachtbank geführt haben“.
Dieses Buch enthält Beiträge von Christian Arndt, Holger Banse, Dieter Beese, Peter Bürger, Matthias-W. Engelke, Ulrich Finckh, Ulrike Heitmüller, Hartwig Hohnsbein, Herbert Koch, Dietrich Kuessner, Antonia Leugers, Heinrich Missalla, Kristian Stemmler, Erika Richter, Dieter Riesenberger und Martin Röw.
Herausgegeben in Kooperation mit dem Ökumenischen Institut für Friedenstheologie

3. „Gewaltfrei leben“
John Dear: Gewaltfrei leben. Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler, herausgegeben von Thomas Nauerth (editionpace 7) Norderstedt 2019. ISBN 9783749451791; Seitenzahl: 192; Preis: 8,90 €.
Ohne Portozuschlag direkt bestellbar bei BoD:
https://www.bod.de/buchshop/gewaltfrei-leben-john-dear-9783749451791

Nach dem Sammelband „Ein Mensch des Friedens und der Gewaltfreiheit werden“ (2018) liegt jetzt auch der das Buch „The Nonviolent Life“ des US-amerikanischen Friedenstheologen und gewaltfreiem Aktivisten John Dear unter dem Titel „Gewaltfrei leben“ dank der Übersetzerin Ingrid von Heiseler als deutschsprachige Ausgabe vor.
„Machen wir die aktive Gewaltfreiheit zu unserem Lebensstil.“ Dazu rief Papst Franziskus 2017 in der Botschaft zum Weltfriedenstag auf. Vom „Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens“ spricht der Ökumenische Rat der Kirchen. John Dear übersetzt diese Aufrufe und Appelle in einen dreifachen persönlichen Weg, den jeder und jede zu gehen vermag; er spricht von einer spirituellen Lebensreise, auf der drei Dinge zu lernen sind: Gewaltfreiheit im Umgang mit sich selbst; Gewaltfreiheit im Umgang mit allen Mitmenschen und Gewaltfreiheit leben, indem wir uns der globalen Basisbewegung der Gewaltfreiheit anschließen. „Um Menschen der Gewaltfreiheit zu sein, müssen wir alle drei Dimensionen gleichzeitig praktizieren, denn nur in dem Fall können wir Gewaltfreiheit authentisch ausüben“.
Mit großer Eindringlichkeit, großem Pathos und in unbeirrbarer Hoffnung wirbt Dear für diesen dreifachen Weg: „Das können wir tun. Wir können ein gewaltfreies Leben führen. Wir können Gottes Gabe des Friedens in uns, unter uns und in der Welt willkommen heißen. Wir haben mehr Macht, als wir denken. Wir alle haben die Macht des Gottes des Friedens in uns, wenn wir an diesem Glauben festhalten und ihm gemäß zu handeln wagen. Wir können den Frieden zu unserer Heimat machen und dazu beitragen, dass die Erde für alle in eine Heimat des Friedens verwandelt wird.“
Das Buch ist erwachsen aus Besinnungs- und Einkehrtagen, die John Dear als katholischer Priester und ehemaliger Jesuit, in den letzten Jahren zahlreich gegeben hat. Von daher hat es nicht den Anspruch, ein wissenschaftliches theologisches Werk zu sein. Das kommt der Lesbarkeit sehr zugute. Gleichwohl können nicht nur einfache Christenmenschen, sondern wohl auch Theologen einiges von diesem Buch lernen. Denn es ist ein tief religiöses, ein spirituelles und zugleich ein eminent politisches Buch, das mit einem Gebet eröffnet und abgeschlossen wird. Die Politik wird aber nicht auf der Ebene der Mächtigen gesucht, sondern sie wird im täglichen Einsatz für eine gerechtere und gewaltfreiere Welt, im täglichen Widerstand gegen die herrschenden Mächte gesucht und gefunden. John Dear ist überzeugt, dass wir dabei auch Gott selbst neu entdecken: „Wenn wir Gott in dieser Arbeit für den Frieden entdecken, vertiefen wir unsere spirituellen Wurzeln und finden neue Kraft, Gnade und Hoffnung, unser Leben lang für Gerechtigkeit und Abrüstung zu kämpfen.“
John Dear hat Leser und Leserinnen vor Augen, die nicht alleine lesen. Nach jedem Buchteil finden sich „Fragen als Anstoß für persönliche Überlegungen und für Gespräche in Kleingruppen“. Insofern ist dieses Buch gut geeignet auch für Gemeinden und Gemeinschaften, die sich, wie das in Deutschland heißt, „auf den Weg zu einer Kirche des gerechten Friedens“ begeben haben.
https://www.bod.de/buchshop/gewaltfrei-leben-john-dear-9783749451791

Diese Buchhinweise sind von peter bürger
kiefernstr. 33
d-40233 düsseldorf
phone 0211-678459
mail peter@friedensbilder.de
www.friedensbilder.de
www.sauerlandmundart.de

Über die Vernichtung der Menschheit: Die „Lunge der Welt“ wird am Amazonas bewusst zerstört.

Der Regenwald rund um den Amazonas brennt –
Wie kann sich die Weltgemeinschaft von Bolsonaro und seiner Lobby befreien?

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wenn der Urwald rund um den Amazonas, vor allem in Brasilien, durch Brandtstiftung zerstört wird, dann wird, das ist völlig klar, die „Lunge der Menschheit“ vernichtet. Mehr als 70.000 Feuer wüten momentan (23.8.2019) vor allem in den nordostbrasilianischen Bundesstaaten, wie Acre, Mato Grosso. Auch in Paraguay, Bolivien, Peru und Nordargentinien brennt es: Wer die „Lunge der Menschheit“ zerstört, der zerstört also letztlich die Menschheit sowie die Erstbetroffenen, die dortigen indigenen Völker und ihre Natur. 900.000 Indigene aus mehr als 300 Völkern leben dort. So dass sich jetzt die Menschheit, vertreten durch die wenigen noch demokratischen Staaten und die vernünftigen, d.h. an Menschenrechten und Naturrechten orientierten Menschen, sehr heftig und sehr erfolgreich wehren müssen gegen diese Zerstörung der Überlebensgrundlage. Es geht also um Leben und Tod. Denn die Brandstiftung ist eine Art Kriegserklärung, motiviert allein aus der ökonomischen Gier des Kapitalismus und seiner Konzerne. Diese Zerstörung der Lunge der Menschheit wird mit ungeahnter Brutalität betrieben, von Präsident Bolsonaro und seinem Clan sowie seinen verblendeten Verbündeten (wie Trump) geduldet und gewünscht. „Die brasilianische Regierung ist als geistiger Brandstifter verantwortlich für die Situation“, erklärt Roberto Maldonado, Brasilien-Spezialist beim WWF Deutschland.

Das Schlimme ist: Der letztlich verantwortliche brasilianische Politiker Bolsonaro wurde zum Präsidenten gewählt, er ist also formal gesehen kein Diktator. Er wurde bekanntlich gewählt vor allem mit den Stimmen der ultrafrommen Evangelikalen, der Pfingstler und des mächtigen konservativen (antisozialistischen, „Anti-Lula“) Teils der katholischen Kirche. Werden sich diese (begüterten) Kreise von Bolsonaro abwenden? Sie könnten das, aber sie tun das aus ökonomischen Gründen nicht. Sind sie gewissenlos? Vielleicht!
Die entscheidende Frage abe ist: Wie kann die bedrohte Weltgemeinschaft einen Präsidenten und seinen Clan, definitiv „privatisieren“?
Das ist die Frage, die sich Demokraten jetzt stellen müssen.

Rechtlich gesehen ist das alles neu und es gibt meines Wissens kein Beispiel, wie letztlich verbrecherische, aber gewählte Politiker, etwa als Zerstörer der „Lunge der Menschheit“, bestraft werden können. Es wäre dringende Aufgabe der Juristen zu prüfen, wie schnell Bolsonaro vor ein internationales Tribunal gestellt werden könnte. Und wie man die Opposition in Brasilien so stärken kann, dass sie Bolsonaro und seinen Clan abwählt oder absetzt.

Das katholische Hilfswerk ADVENIAT in Essen, auf Lateinamerika seit Jahren spezialisiert, spricht in dem Zusammenhang in ungewohnter politischer Deutlichkeit. Ich zitiere aus einer Pressemeldung vom 23.8. 2019:

„Deutschland und die Europäische Union machen sich mit ihrer Unterschrift unter das Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten an den verheerenden Waldbränden mitschuldig“. Das sagt der Brasilien-Referenten des Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat, Klemens Paffhausen: „Die versprochenen niedrigeren Zölle auf Importe von Rindfleisch und Soja aus Südamerika führen zu mehr Abholzung und mehr Anbauflächen.“

In jedem Fall: Auf der verbrannten Erde am Amazonas wird eines Tages Soja angebaut für den Fleischkonsum, auch in Europa! Unser Fleischkonsum ist also mitschuldig an der Zerstörung der „Lunge der Menschheit“.

Im Pressebericht von ADVENIAT heißt es weiter:
„Medienberichten zufolge ermittelte die Staatsanwaltschaft im Bundesstaat Pará bereits, ob es einen gezielten Plan von Großgrundbesitzern in der Stadt Novo Progresso gegeben hat. Sie sollen einen Tag des Feuers ausgerufen haben. Und just an dem von ihnen genannten Stichtag, dem 10. August, sei die Zahl der Brände in dieser Region um mehr als 700 Prozent angestiegen“, berichtet Klemens Paffhausen, Brasilien Spezialist von ADVENIAT.
Aber die Zerstörung des Urwaldes dort hat leider eine lange, oft unbeachtete Geschichte:
„Es gibt jedoch auch eine langfristige Ursache, auf die Wissenschaftler seit Jahren hinweisen. Nach ihren Angaben seien 20 Prozent des Regenwaldes im Amazonasgebiet abgeholzt, weiter 40 Prozent geschädigt. Entlang der Flüsse und Straßen fressen sich die gigantischen Sojaplantagen und Rinderweiden gnadenlos in den Regenwald. Der Verlust des wasserreichen Waldes führt seit Jahren zu immer längeren Trockenperioden. Kein Wunder, dass er nun wie Zunder lichterloh brennt. Der Wald verdorrt, die Regionen verwüsten, die Indigenen verlieren ihre Lebensgrundlage“, sagt Brasilien Experte.

Bolsonaro will von der Katastrophe ablenken, indem er Regime-Kritiker „Neokolonialisten nennt.

Selbst der oberste katholische Bischofsrat Lateinamerikas sagt klar: „Was im Amazonasgebiet passiert, ist keine lokale Angelegenheit, sondern von globaler Tragweite.“
Man kann gespannt sein, ob die katholische AMAZONAS Synode im Oktober 2019 dazu auch politisch deutlich spricht. Warum kann Rom Herrn Bolsonaro, der ja formal noch katholisch ist (trotz seiner Bindungen an die Evangelikalen) nicht exkommunizieren?

Und warum findet diese „Amazonas“ – Synode in Rom statt und nicht naheliegenderweise am Amazonas, etwa in Manaus, wenn sie doch „Amazonas Synode“ heißt? Sollen doch die Bischöfe den monströsen Waldbrand vor Augen erleben und in dieser Situation auch politisch relevante Entscheidungen treffen. Aber nein: Rom und der Vatikan sind relativ gemütlich. Von den Flugkosten der aus dem Amazonasbereich einfliegenden Bischöfe und dem CO2 Verbrauch redet man kirchlicherseits im Vatikan nicht.

Es geht vor allem auch um ein neues ökologisches Denken und Handeln auf Weltebene: Nicht mehr der gierige Mensch steht im Mittelpunkt, sondern die Natur im Ganzen, der Mensch ist NUR ein Teil der Natur, keineswegs aber der allmächtige, d.h. immer auch zerstörerische Herrscher gegenüber der Pflanzen – und Tierwelt.
Es gilt also den Herrschaftsanspruch der Menschen zu brechen. Daran können die Kirchen entschieden mitarbeiten: Sie müssen die Gläubigen zum Widerstand aufrufen und erziehen, zum Widerstand gegen die Gier der Konzerne. Und zum Widerstand gegen den Fleischkonsum.
Die Kirchen insgesamt sollten also zeigen, dass der biblisch überlieferte Herrschaftsanspruch des Menschen über die Welt und die Natur eigentlich ein Missverständnis ist.
Was kann der einzelne tun angesichts der Zerstörung der „Lunge der Welt“? Er sollte sich dauernd informieren über das, was in Brasilien passiert. Und in Gesprächen andere auf Brasilien aufmerksam machen. Er sollte sich solidarisieren mit Gruppen in Brasilien, die der Vernichtung des Regenwaldes Widerstand leisten und an einer Absetzung des Herrschers Bolsonaro arbeiten. Und, auch dies, er sollte weniger Rindfleisch essen, denn die Waldbrände am Amazonas sollen letztlich den Rindfleisch-Konsum auch in Europa fördern. Rindfleisch Essen hat also förmlich etwas mit dem Untergang der „Lunge der Menschheit“ zu tun.

PS:
Die katholische Kirche in Brasilien verfügt seit langem über den ökumenischen indigenen „Missionsrat“ CIMI sowie über das Amazonasnetzwerk REPAM (Red Ecclesial PanAmazónica). Wichtig sind auch die Publikationen von Bischof Erwin Kräutler, der viele Jahre am Amazonas lebte und die Rechte der Menschen und der Natur heftig verteidigte. Es lohnt sich, die Bücher und Beiträge des ungewöhnlichen katholischen Bischofs zu lesen!

Die notwendige Kritik in Deutschland an Brasiliens Regenwald-Vernichtung fällt schwer, wenn man bedenkt: Statistisch gesehen gehört Brasilien bis jetzt nicht zu den ganz großen Umwelt-„Sündern“, sondern eben Deutschland, Europa, USA und China.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Hongkong: Christen aktiv im Widerstand!

Ein Hinweis von Christian Modehn

Christen in Hongkong sind jetzt aktiv im Widerstand: Sie wehren sich gegen die Aushöhlung des Rechtssystems in ihrer Stadt durch die Allmacht von Pekings Kommunisten. Ihre ständigen Proteste sind mit mehr als 2 Millionen Demonstranten die heftigsten und umfangreichsten, wohl genauso so bedeutend (und leider so gefährdet) wie 1989 in Peking, man denke an das Tienanmen – Massaker vom 4. Juni 1989.

Innerhalb dieses massiven Aufstandes des Volkes in Hongkong haben Christen eine wichtige Präsenz. Dieses Thema mag als eine politologisches Sonderfrage erscheinen, aber es ist genauso relevant und wichtig, wie vergleichsweise die Erinnerung an die Hilfe der Evangelischen Kirche in der DDR innerhalb der „friedlichen Revolution“ von 1989. Nur wird wohl leider angesichts der Allmacht Pekings der demokratische Aufstand in Hongkong anders enden als in der DDR.

Man muss wissen: Unter den 7 Millionen Einwohnern Hongkongs sind etwa 800.000 Christen verschiedener Konfessionen, zahlenmäßig sind die 480.000 Protestanten am stärksten (Baptisten, Lutheraner, Anglikaner, Church of Christ usw). Etwa 380.000 Einwohner bekennen sich zur römisch-katholischen Kirche, darunter auch viele Philippiner. Sie müssen, wie leider üblich für dieses arme Volk, die untersten „Dienste“ erledigen…

Die Wochenzeitung „LA VIE“ (Paris) hat am 16.8.2019 über die aktuelle Mitwirkung der Kirchenführer und Christen an den Demonstrationen in Hongkong berichtet.
Aus diesem Beitrag einige wichtige Informationen:
1.Bekanntlich haben die Demonstranten vor den offiziellen Gebäuden der Regierung „Sing Halleluja to the Lord“ gesungen, als spirituelle Stärkung und als Ausdruck ihrer friedlichen Gesinnung.
2. Ein katholischer Priester berichtet in „La Vie“, dass seine Kirche am 5.August 2019 als Adresse unter den jungen Demonstranten bekannt war: Bekannt als Zufluchtsort, um sich vor der Verfolgung durch die Polizei zu schützen. Und dieser Schutz wurde genutzt!
3. Später jedoch durfte diese Kirche, so der in „La Vie“ anonym bleibende Priester, nicht mehr als Schutzraum und Zufluchtsort für die Demonstranten dienen. Der eigentlich demokratisch gesinnte, aber auch diplomatisch agierende Weihbischof des Bistums Hongkong wollte es sich mit der Peking-hörigen Regierung seiner Stadt nicht verderben, deswegen sein Nein zum Schutzraum. Schließlich würden die katholischen Schulen, so der Weihbischof, auch von der Regierung Hongkongs mit – finanziert: Wie so oft, wiederholt sich die altbekannte katholische „Krankheit“: Eher katholische Einrichtungen schützen als bedrohten Kämpfern zugunsten der Menschenrechte helfen (man denke an die Politik des Vatikans während der Nazi-Zeit).
4. Die „Regierungschefin“ der „Sonderverwaltungszone Hongkong ist die „praktizierende“ Katholikin Carrie Lam. Sie hat ihre Ausbildung als Kind bereits in einer katholischen Nonnenschule erhalten. Als sie 2017 in diese höchste Funktion gewählt wurde und diese Funktion annahm, sprach sie davon, „nun sei ihr ein Platz im Himmel reserviert“. Ihre „Wahl“ war bekanntermaßen eine Farce: Denn nicht die Bürger Hongkongs wählten sie, sondern nur 1194 Wahlmänner eines „Wahlkomitees“, zusammengesetzt aus loyal der Führung in Peking ergebenen Leuten. Die Jesuiten-Zeitschrift AMERICA (New York) hat schon 2017 berichtet, dass unter demokratisch gesinnten Bewohnern die Frage gestellt wird: Wie kann diese führende katholische „Chefin“ Hongkongs, Frau Lam, zwei „Herren“ dienen, nämlich der allmächtigen KP Chinas UND dem Gott der Bibel und des Evangeliums als Friedensbotschaft. Katholische Demokraten in Hongkong wissen genau, dass Carrie Lam schon aufgrund ihrer hohen Funktion der kommunistischen Partei völlig ergeben sein muss. Sie hatte in ihrer Funktion sogar vor, nach Pekinger Vorbild, eine „religiöse Leitungseinheit“ zu organisieren, um alle Religionen Hongkongs sozusagen im „staatlichen Griff“ zu haben. Dieses Vorhaben ist aber nach Protesten zunächst gescheitert. Aber man sieht, dass demokratische gesinnte Katholiken wie der Weihbischof Joseph Ha Chi-shing, hin und her gerissen sind, einerseits für die globalen demokratischen Proteste zu optieren oder für den Erhalt der katholischen Schulen zu plädieren, dies ist ja vergleichsweise bloß ein bescheidenes pädagogisches und auch klerikales Projekt. Hingegen ist der 87 jährige (pensionierte) Kardinal Zen von Hongkong einer der schärfsten Anti-Kommunisten.
5. Auch innerhalb der anglikanischen Kirche Hongkongs gibt es unterschiedliche Positionen: Erzbischof Paul Kwong, berichtet „La Vie“, predigt ganz offen die „Unterwerfung“ unter die Weisungen Pekings. Das stört allerdings viele Anglikaner nicht, an den Demonstrationen teilzunehmen.
6. Am bekanntesten ist wohl der Baptisten Pastor Chu Yiu-ming, 75 Jahre alt. Er hat schon den Dissidenten vom Tiananmen – Platz geholfen, nach Hongkong zu fliehen. Im April 2019 wurde er zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt wegen „Störung der öffentlichen Ordnung“. Vorher hat er noch eine Art Predigt gehalten, die weite Verbreitung fand, auch „La Vie“ berichtet darüber. Er sagte u.a.: „Unsere Überzeugung basiert auf unserem Glauben. Jede menschliche Person ist nach dem Bilde Gottes geschaffen. Deswegen muss jede Person respektiert und geschützt werden. Wir streben nach der Demokratie, denn die Demokartie strebt nach Freiheit, Gleichheit und universeller Liebe…Glücklich sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, das Himmelreich gehört ihnen…“
7. Was die katholische Kirche angeht: Sehr bald muss ein neuer Erzbischof für Hongkong vom Papst ernannt werden. Wird es Michael Yeung sein, er soll der Kommunistischen Partei Pekings nahe stehen. Oder wird es der aufgeschlossene, demokratisch gesinnte Weihbischof Joseph ha Chi-shing. Viele Beobachter meinen, dass die gegenwärtige Personalpolitik des Vatikans gegenüber der katholischen Kirche in China eher den kommunistischen Herrschern gewogen ist. Dass dies vor allem Kreise behaupten, die Papst Franziskus alles andere als gewogen sind, verwundert nicht. Andererseits ist eine Kooperation Vatikan und KP Chinas auch kaum vorstellbar, es sei denn: Dass dem Vatikan das Überleben der Katholiken wichtiger ist als die Kritik am Regime in Peking.
Das zeigt einmal mehr, wie schwer es ist, ein halbwegs klares Bild zu erhalten selbst über den Zustand der Kirchen in Hongkong heute.
Seltsam finde ich es nur, wie gering das Interesse der (großen) Medien in Deutschland an dem Thema „Christen in Hongkong heute“ ist.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Philosophische Stadtführer: Ein Buch über Bamberg

Ein Hinweis von Christian Modehn

Das hat es bisher noch nicht gegeben, auf dem wachsenden Markt der „Reiseführer“: Bücher, die speziell die Vergangenheit und Gegenwart der Philosophie in einer Stadt anschaulich beschreiben und auch speziell „philosophische Spaziergänge“ anbieten: Dabei hat es doch einen ungewöhnlichen Charme, auf den Spuren von Philosophen und philosophierenden Künstlern oder Schriftstellern durch eine Stadt zu wandeln … einiges zu lesen, unter kompetenter Begleitung zu Debattieren und ins Reflektieren zu kommen.

Für Bamberg ist vor kurzem ein „Stadtphilosophischer Lehrpfad“ erschienen: Meines Wissens in dieser Form ein Novum! Das Buch der Philosophen Andreas Reuß und Matthias Scherbaum verdient also Beachtung nicht nur bei denen, die sich für diese Stadt als „Weltkulturerbe“ interessieren, sondern auch bei allen, hoffentlich bei Verlegern, die „Philosophie und Stadt“ bzw. noch spezieller „Philosophie und Tourismus in der Stadt“ in Büchern gestalten wollen. Bekanntlich sind spezielle Reiseführer zur jüdischen Geschichte und zum jüdischen Leben sehr erfolgreich, wie auch Reiseführer „auf den Spuren von Künstlern, Literaten und Dichtern“. Nun also könnte eine neue Dimension von Reiseführern entstehen, zumal die Philosophien und damit auch etliche Philosophen heute aus der engen Welt der Universität herausgefunden haben.

Der philosophische Stadtführer zu Bamberg beschreibt viele Orte in der Stadt, die eine philosophische Vergangenheit für die Gegenwart sichtbar machen: Dabei wird nicht nur an den Aufenthalt Hegels in der Stadt erinnert und bei der Gelegenheit einiges Wesentliche über dessen philosophischen Ansatz vermittelt. Immerhin hat ja Hegel sein erstes ganz großes Werk „Die Phänomenologie des Geistes“ im Jahr 1807 in Bamberg veröffentlicht. Er arbeitete dort übrigens als Chefredakteur der „Bamberger Zeitung“, ein Job, der ihm gar nicht gefiel. Und von journalistischer Leichtigkeit und Zugänglichkeit ist seine „Phänomenologie“ jedenfalls nicht geprägt. Aber das Buch hat trotzdem bis heute „Geschichte gemacht“. Leider fehlt es offenbar an Orten und philosophischen Salons in Bamberg, wo Interessierte, auch Touristen, über die „Phänomenologie des Geistes“ oder Hegel „überhaupt“ ins Gespräch kommen könnten.
Vor Hegel hatte schon sein Studienfreund Schelling Bamberg besucht und naturphilosophische Vorlesungen gehalten, im Zusammenhang auch mit dem berühmten Arzt und vorbildlichen Klinikgründer Dr. Marcus. Auch der Philosoph Ludwig Feuerbach hat Beziehungen mit Bamberg: Er ging hier zur Schule. Schwer zu sagen, ob er sich angesichts der Überfülle von Kirchen und katholischen Traditionen damals (heute eher etwas marginaler) gerade deswegen zu einem Religionskritiker entwickelt hat.
Natürlich werden in dem Buch die großen Bamberger Kirchen auch philosophisch gewürdigt, etwa der Dom und der Domplatz oder das Karmeliterkloster mit seinem berühmten Kreuzgang. Philosophen und Theologen des Mittelalters begegnen dem Leser und Stadtbesucher etwa auf dem Michelsberg, die Autoren bieten einige Hinweise zu den „Lehren“ der jeweiligen Philosophen, diese Hinweise wirken manchmal etwas lexikalisch und „abstrakt“. Auch der Begründer des „Gregorianischen Kalenders“, der Jesuit Christophorus Clavius (1538 – 1612) ist, weil in Bamberg geboren, in dem Buch erwähnt.
Und das ist wohl gut so: Denn ein philosophischer Stadtführer, bestimmt „für viele“, muss den Begriff der Philosophie eher weit fassen und auch Forscher, Schriftsteller, Dichter und Künstler einbeziehen: Denn auch sie inspirieren zum philosophischen Reflektieren. So wird etwa E.T.A. Hoffmann in dem Buch „Stadtphilosophischer Lehrpfad Bamberg“ zwar erwähnt, für mich leider viel zu kurz. Und der „Lehrpfad“ selbst führt leider nicht zu seinem Wohnhaus, das heute ein kleines, aber feines Museum ist.

Was könnte ein philosophischer Reiseführer alles bieten, etwa über Berlin: Leibniz, Fichte, Hegel auch und Schelling, Kierkegaard, Marx, Schleiermacher, Guardini, sie alle und viele andere, etwa die Kantianer oder philosophisch gebildeten protestantischen Theologen hatten in Berlin ihre Orte, Benjamin auch in Grunewald … und all die Künstler, auch die Russen, die in Berlin (kurz) lebten, etwa der russische Philosoph Berdjajew: Was für ein prächtiges philosophisch und sicher auch unterhaltsames Buch könnte entstehen, auch ein Gedenken an den philosophierenden König Friedrich II, den „Alten Fritz“, der, tolerant wie er war, den Katholiken in Berlin die St. Hedwigskathedrale baute im Stil des römischen Pantheons. Ein solches Buch, das Philosophieren in die jeweiligen Lebensbedingungen der Stadt platzierend, und mit Adressen gegenwärtiger philosophischer Orte (Salons z.B.), könnte Menschen in die Philosophie führen. Es wäre ein Projekt, selbstverständlich mit entsprechenden Büchern über München, Frankfurt, Heidelberg, Paris, Amsterdam usw. für junge journalistisch begabte PhilosophInnen…

„Stadtphilosophischer Lehrpfad Bamberg“. Von Andreas Reuß und Matthias Scherbaum. Erich Weiss Verlag, Bamberg 2018. 168 Seiten.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

PS: Der Obertitel für die hier empfohlene Buchreihe könnte heißen: „Denk-Städte“. Diesen Titel reserviere ich mit copyright: 16.8.2019 Christian Modehn

Die freien Geister und Freigeister suchen ihre eigene Spiritualität: Über ein Buch von Lorenz Marti

Ein Buch – Hinweis von Christian Modehn

Das neue Buch von Lorenz Marti hat den Titel „Türen auf“. Natürlich sind damit auch die massiven Kirchenportale und schweren Eichentüren der Kathedralen gemeint, die, wie z.B. in Deutschland, so oft verschlossen sind. In „heiligen Tempeln“ sollte hingegen immer, bei offenen Türen, frischer Wind wehen. Davor haben aber bestimmte Herren (der Kirchen) Angst. Sie mögen den alten Staub und den leicht muffigen Geruch.
Also: „Türen auf“. Und dies ist vor allem eine Forderung an den einzelnen, sich selbst zu öffnen und Verpanzerungen abzulegen. Entscheidend für die Lektüre dieses anregenden Buches von Lorenz Marti ist der Untertitel „Spiritualität für freie Geister“. Auf Spiritualität kommt es an, nicht auf Dogmen, nicht auf religiöse Institute, „Religionen“. Sondern auf die ungebrochene und niemals zu kontrollierende Lebendigkeit des Geistes, des „spiritus“, der alle Menschen auszeichnet in allem Fragen, Forschen und religiösem Suchen. Also ist jeder und jede „irgendwie“ spirituell. Lorenz Marti legt Wert darauf, sich an „freie Geister“ zu wenden. Man möchte meinen, wohl auch an „Freigeister“, an Menschen also, die alte Verklammerungen an überlieferte Dogmen aufgegeben haben. Und zum Beispiel aus der Kirche ausgetreten sind. Die also aus der Sicherheit des „Gott-Habens“ ausbrechen mussten aufgrund eigener Lebenserfahrungen. Und die nun Ausschau halten, experimentieren, fragen, das neue Eigene suchen, das ihnen vielleicht vorübergehend eine Basis im Leben sein kann. Eine solche Spiritualität ist in Zeiten der „Kirchenaustritte“ förmlich eine Notwendigkeit!

Lorenz Marti, Publizist und früher Journalist beim Schweizer Radio DRS in Bern, wendet sich also an die vielen Menschen, die in den Kirchen „spirituell heimatlos“ geworden sind. Aber doch einige Einsichten und Weisheiten des Christentums (und anderer Religionen) für sich bewahren wollen. Diese zunehmend große Gruppe der vielen tausend Menschen in Europa bezeichnet die Religionssoziologie als „Konfessionslose“, definiert sie also über einen Verlustbegriff „ – lose“. So, als hätten sie nichts mehr an Spiritualität. Dabei sind diese vielen Menschen doch gar nicht „ohne“ oder „-los“. Sie bilden oft ihre eigenen spirituelle Haltungen. Sie sind also, institutionell meist nicht mehr organisiert, freie Geister. Ob sie neue Orte des Gesprächs suchen und wollen, wäre eine Frage. Marti erwähnt als seinen Gewährsmann zu recht den Theologen Friedrich Schleiermacher: Für ihn war ja Kirche auch ein „Ort geselligen Miteinanders und des Zusammenseins“ unterschiedlicher Menschen. Solche neuen offenen Gemeinden, warum nicht als „offene Salons“ gestaltet, bräuchten vielleicht einige der „freien Geister“ zum Austausch. Warum nicht auch dies: Zum Lernen als Neues Entdecken.

Und genau sie werden von Lorenz Marti in seinem Buch zum Mitdenken und vor allem zum Weiterdenken eingeladen in insgesamt 46 kurzen Essays, die nie mehr als drei bis vier Buchseiten beanspruchen. So ist förmlich eine Art „Brevier“ für den Alltag entstanden: Ich würde fast den praktischen Rat geben: Man lese jeden Tag einen Beitrag und verwende mindestens die doppelte Zeit noch einmal zur Reflexion, wenn nicht zur Meditation. Manche Beiträge bieten grundsätzliche Reflexionen, etwa über „Gott“: „Ein unmögliches Wort“ (S. 144), andere Essays orientieren sich an Dichtern, wie Rilke, Gertrude Stein oder Mascha Kaleko.
Diese Essays sind unter neun Kapiteln zusammengefasst, die sich auf zentrale Haltungen und Werte beziehen: Aufbruch, Freiheit, Sinn, Vertrauen, Verbundenheit, Gelassenheit, Wahrheit, Offenheit, Zuversicht. Und zum Schluss noch der schöne Text „Eine Kerze anzünden“.
Was an den Essays fasziniert, ist auch die persönliche Sprache. Da spricht ein „Ich“, das selbst als freier Geist doch bewegt ist von einigen Weisheiten des Christentums, andererseits doch die Last der dogmatischen Lehren nicht mehr mit sich herumschleppen will. So plädiert der Autor in „sanfter Argumentation“, möchte man sagen, ruhig, nie arrogant, nie belehrend, für eine Unterscheidung der eigenen Geister, die in jedem Menschen auch religiös drängen und drängeln. Lorenz Marti plädiert letztlich für eine „Religion in ihrem humanistischen Gewand“. Und er weiß, was das reformierte Christentum, der Protestantismus, „eigentlich“ sein könnte, wenn er den liberalen Theologen Ulrich Barth (Halle an der Saale) zitiert: „Protestantismus heißt der Traum einer Religion für freie Geister“ (S. 50). Diese freien Geister wissen von ihren Grenzen, verzichten aber nicht aufs Hoffen: “Ein japanisches Sprichwort: Fällst du sieben Mal um, so stehe achtmal auf. Das ist Gnade… und dafür sage ich Danke“ (S. 112). Und dann wird der offene Geist als solcher deutlich formuliert: „Vielleicht hat dieses Danke eine konkrete Adresse, vielleicht aber auch nicht…“ Suche also jede Leserin, jeder Leser, ob er eine konkrete Adresse finde für sein „Danke fürs Dasein“. Es ist diese wohlwollende Offenheit, die keinen theologischen oder ideologischen Denk-„Zwang“ ausübt, dies macht die Lektüre des Buches so erfreulich … und hilfreich.
Was mir besonders gefallen hat? Vor allem dieser Satz: “Das Feuer hüten und nicht die Asche bewahren. Der Geist der Rebellion darf nicht erlöschen“ (S. 95).

Lorenz Marti, „Türen auf. Spiritualität für freie Geister“. Herder Verlag, August 2019, 192 Seiten. 18 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die 10. Weltkonferenz der „Religionen für den Frieden“ in Lindau: Sind die Götter wichtiger oder die Menschenrechte? Natürlich die Menschenrechte!

Ein Hinweis von Christian Modehn anläßlich der „10. Weltkonferenz der Religionen für den Frieden“ in Lindau

1.
Einige grundsätzliche Fragen und auch Vorbehalte zur interreligiösen Groß-Konferenz in Lindau sollten öffentlich debattiert werden. So lobenswert auch die Versuche sein mögen, überhaupt unterschiedliche, zum Teil verfeindete Vertreter verschiedener Religionen zusammenzuführen. Nach allgemein verbreiteter und publizierter Überzeugung sind Religionen in ihren popularisierten Lehren de facto friedlos, unmenschlich und gewalttätig gegen andere Menschen. Dass bei der permanenten Gewalt die religiöse Dimension oft nur äußerlich als Motiv vorgeschoben wird und die eigentliche Ursache, die politische und ökonomische, verdeckt wird, ist eigentlich klar. Und dies wäre ein eigenes, wichtiges Thema für interreligiöses Groß-Konferenzen…
2.
Im idyllischen Lindau, am Bodensee, findet also vom 20. bis 23. August 2019 die „Weltversammlung von Religionen für den Frieden“ statt. Dies ist die 10. Weltversammlung der 1970 gegründeten internationalen Vereinigung „religions for peace“. Bemerkenswert ist schon der Titel: Es gibt also, logisch und historisch eindeutig, auch „religions against peace“, Religionen gegen den Frieden. Das wäre wohl der treffende Titel für „Religionen in der Weltgeschichte“. Insofern ist die neue Akzentsetzung „Religionen FÜR den Frieden“ eher selten und als Fernziel, als reale Utopie, dringend geboten. Die Frage ist: Wie können jemals alle Religionen im Miteinander zu Friedensreligionen werden? Was muss sich in der inneren dogmatischen Verfasstheit einer jeden Religion erst ändern, damit diese zu einer Friedensreligion wird, die diesen Namen immer und allgemein verdient. Und diesen friedlichen Charakter nicht nur bei Weltkonferenzen öffentlich propagiert.
3.
Diesmal werden in Lindau 900 religiöse „Autoritäten“, wie es offiziell heißt, aus über 100 Ländern teilnehmen sowie auch 100 Vertreter nationaler Regierungen und NGOs. Das ganze teure Unternehmen wird sehr stark finanziert von deutschen Steuergeldern. Über die Flugkosten der aus allen Ecken der Erde anreisenden „religiösen Autoritäten“ aus Islam, Kirchen, Judentum, Buddhismus, Bahaii, Hinduismus und so weiter wird in den Publikationen der Vereinigung (bis jetzt) kein Wort verloren. Ebenso, dass die religiösen Autoritäten bei dieser Viel-Fliegerei viel CO2 ausstoßen lassen, wird nicht erwähnt. Genauso wenig die Frage, ob man viele Dialoge und Interviews nicht auch über Video- Life – Interviews hätte führen können. Das wäre doch ein ökologisches Novum für eine Weltkonferenz! Und religiös und ethisch ein gewisses Vorbild, angesichts des ständigen Bedürfnisses, Prominente zu Mammut-Konferenzen zusammenzuführen. Bei denen dann so oft allgemeine blasse „Abschlussdeklarationen“ mitgeteilt werden, die drei Wochen später in den Papierkörben der Redaktionen landen. Man denke an die vielen, selbst von „Spitzenpolitikern“ eigentlich wirkungslos genannten „Gipfel der 8 oder 10 Supermächte“ usw. Man denke auch an die in Rom immer wieder veranstalteten Bischofssynoden, die im Resultat auch nur eine Papierflut erzeugen. Welcher Bürger welchen Staates erinnert sich an die Ergebnisse und Schlussdokumente der vergangenen neun „Weltkonferenzen für den Frieden“. Ich, auch als Journalist, der über Religionen arbeitet, erinnere mich in dem Zusammenhang an … nichts.
4.
Natürlich müssen die Religionen alles tun, damit sie sich zu Religionen des Friedens und zu Religionen der Friedensstiftung entwickeln. Sie müssen also das werden, was sie begrifflich vorgeben zu sein. Aber welcher Friede wurde wo, in welchem Land, durch die letzten vergangenen Weltkonferenzen dauerhaft erreicht? Da wären genaue und überprüfbare Aussagen interessant. Oder wurde durch die Weltkonferenzen nur Schlimmstes verhindert? Auch das wäre nachzuweisen.
5.
Ich vermute, die Bilanz dazu fällt schwach aus. Woran kann das liegen?
Es sind ja oberste und etablierte Führungspersonen verschiedener Religionen, die sich ein paar Tage bei diesen Weltkonferenzen in heilige Texte vertiefen und mühevoll in allen Texten eine gemeinsame humane, friedliche Grundhaltung herausdestillieren. Es sind natürlich eher liberale Denker und religiöse Führer, die sich da treffen, nicht die sehr vielen „Hardliner“ und Fundamentalisten, mit denen ein Dialog doch mal dringend nötig wäre. Solche Treffen milde gesinnter religiöser Friedensfreunde wurden schon seit Jahrzehnten auch anderweitig veranstaltet, man denke an die „Assisi-Treffen“, inszeniert von Papst Johannes Paul II.
Die üblichen und erwartbaren Konferenz-Erkenntnisse und Ergebnisse hingegen gehen dann wie erwartbar dahin, dass z.B. der Gott des Christentums und der Gott des Islams doch sehr ähnlich sein sollen. Oder dass Jesus und Buddha doch so vieles Gemeinsames haben. Dazu liegen bereits geschätzte 100 Studien und Bücher in allen großen Sprachen dieser Welt bereits vor. Aber solche Gemeinsamkeits-Bezeugungen bringen gar nichts, weil sie subjektlos formuliert sind: Das heißt: Es sind ja nicht die „Religionen“ als solche, also als feste Institutionen, die da zum Frieden bewegt werden sollen. Sondern es geht doch immer um Menschen, also geschichtliche Subjekte, die über die engen Grenzen ihrer dogmatischen Prägung springen sollen und eben dem Frieden den absoluten Vorrang geben noch vor ihrem konkreten konfessionellen Bekenntnis.
6.
Die Autoritäten, also alle diese Hochwürden und Heiligkeiten, die da nun in Lindau zusammen kommen, müssen sich fragen lassen: Welche faktische Macht haben sie, den möglicherweise in Lindau formulierten Friedensgedanken in ihren eigenen Religionen definitiv durchzusetzen? Oder bleibt es, wie es in der Broschüre zum Kongress heißt, bei einem „hoffen wir“? Lohnt sich für diese vage Erwartung, dieses „hoffen wir“, dieser Aufwand? Diese Unkosten? Diese CO2 Vergeudung?
7.
In der Lindauer Konferenz, so ist zu lesen, soll Nigeria in einem Focus stehen: Aber können nigerianische Christen und vor allem ihre so vielen so unterschiedlichen Kirchenführer etwa dafür sorgen, dass etwa diese pfingstlerischen Großunternehmen, Kirchen genannt, sich weiter ausbreiten und den interessierten Leuten das Geld aus der Tasche ziehen? Die starke Sehnsucht nach einem pfingstlerischen Tralala gerade unter den Armen und dem sich bedroht fühlenden Mittelstand hat doch ökonomische Gründe: Lagos ist ein widerwärtiger Moloch und der nigerianische Staat zerfällt – aus politischen und vor allem ökonomischen Gründen: Dann ist die Flucht in die bekannten abgezäunten Imperien der Pfingstkirchen-Millionärs-Pastoren wie eine Flucht ins Paradies. Sogar ein evangelikales Magazin in Wetzlar berichtet darüber: Diese Kirchen seien förmlich kleine autonome und autoritäre Staaten in einem zerfallenden Staat.
Was wird man also zu diesem zerfallenden Nigeria im hübschen Lindau sagen? Warum macht man dann eigentlich nicht gleich diese Konferenz in Lagos? Da würden den Würdeträgern aus aller Welt die Augen und die Nasen aufgehen angesichts von Schmutz und Gestank, falls sie denn ihr Tagungshotel verließen.
8.
Die Konferenz denkt meines Erachtens zu wenig kritisch-politisch. Wie könnte denn sonst die Vertreterin der „Rainforest-Initiative“ in Peru sagen, das Abholzen der Wälder etwa im Amazonasbereich sei, so wörtlich, „eine Tragödie“. Nein, dies ist keine schicksalshafte Tragödie, die unabwendbar ist im Sinne der griechischen Tragödien: Nein, das Abholzen dort zugunsten der Reichen und ihres Rindfleischkonsums ist ein Verbrechen, begangen von korrupten Politikern und Ökonomen weltweit, die bestraft werden müssten.
9.
Meine Meinung ist: Nur wenn alle diese vielen und verschiedenen und in sich selbst verschiedenen, also pluralen, Religionen etwas Größeres über sich selbst erkennen, könnten religiöse Institutionen noch für den Frieden praktisch sorgen: Dieses Größere über allen faktischen Religionen ist natürlich NICHT irgendein wieder konfessionell geprägter Gott. Aus den engen konfessionellen und religiösen Zusammenhängen kann niemals der Weltfriede entstehen, die Religionen sind viel zu dogmatisch fixiert. Nein: Das überragend Größere für alle vielen konkreten Religionen sind die Menschenrechte. Es ist die universale Menschenwürde, letztlich also die allen Menschen gemeinsame Vernunft, die über allen Religionen steht und die für den Frieden sorgen könnte. Wer es theologisch will: Diese Vernunft ist eine Gabe Gottes! Und man lese in diesen Weltkonferenzen wieder einmal lernbereit Lessings „Nathan der Weise“. Nur wenn alle Religionen und damit ihre „Führer“ anerkennen: Das Größere für uns, auch das Kriterium unseres Tuns, ist die Vernunft, d.h. die Menschenrechte, nur dann können wirkliche Schritte zum Frieden geschehen. Und über den allgemeinen Drang de Religionen zu missionieren, wäre kritisch nachzudenken. Genauso wie über die Verbote in muslimischen Staaten, die Religion zu wechseln, also etwa Christ oder Atheist zu werden. Wird man über diese Fragen in Lindau debattieren? Anklagen wird man diese muslimischen Staaten, die keine Religionsfreiheit dulden, nur dann: Wenn man auch diese Religionen dort dazu verpflichten könnte, die universalen Menschenrechte faktisch zu respektieren. Der religiöse Dialog ist heute eine Dialog über Menschenrechte. Sonst ist er nichts als ein hübscher Meinungsaustausch…
10.
Die Religionen in ihrer inneren, theologischen Vielfalt, sind meist IN sich selbst unfriedlich schon gegen die „Häretiker“ in den eigenen Reihen. Sie sind in ihrer eigenen Verfassung selbst kriegerisch, verletzend. Man denke etwa an den Ausschluss der Frauen von den Ämtern in der römischen Kirche. Das stiftet Unfrieden unter den Katholiken, vor allem den Frauen. Man denke an den Ausschluss von Homosexuellen aus den Ämtern der PfarrerInnen in mehreren Kirchen. Man denke an die Verfolgung von Homosexuellen im katholischen Polen mit der PIS Partei. In vielen sich muslimisch nennenden Staaten werden Homosexuelle immer noch verfolgt und getötet. Und in wie vielen sich irgendwie christlich nennenden afrikanischen Staaten werden Homosexuelle verfolgt? Wie könnten europäische Staaten und westliche Kirchen auf diese afrikanischen „christlichen“ Länder Druck ausüben, damit die Menschenrechte dort respektiert werden? Das wäre doch kein Kolonialismus! Denn auch die Homosexuellen-feindlichen Kirchen in Afrika und ihre Führer (Kardinal Sarah, Guinea, jetzt Vatikan, etwa) üben Druck auf die Kirchen insgesamt aus (auf die Anglikaner, Katholiken, Lutheraner usw.) Das ist sozusagen eine Art Kolonialismus der einst Kolonisierten und Missionierten! Das wäre ein Thema für Lindau. Oder man denke an die Missachtung der Mystik in herrschenden islamischen Kreisen, man denke an die Tatsache, dass viele orthodoxe Kirchen in Europa ideologische Stützen der jeweiligen Herrscher (Putin) sind usw. .
11.
Man denke daran, dass die Religionen in dieser kapitalistischen Welt selbst schon vom Geist des Kapitalismus erfasst und durchdrungen sind. Dieser Ungeist prägt die Mentalitäten der religiösen Hierarchie, es ist die Lust am Geld, am äußeren Erfolg, an Stärke und hierarchischer Macht.
12.
Die Weltreligionen sollten also, um friedenspolitisch wirksam zu sein, Menschenrechts-Konferenzen gestalten und sich zu kritischen politischen Analysen durchringen. Sie sollten neue Bündnispartner unter den NGos suchen: Und die religiösen Menschen belehren: Ihr könnt alle selbstredend religiös in eurer Konfession sein. Aber das Wichtigste ist, dass ihr wahrhaft Menschen werdet, dass ihr als Menschen die Menschenrechte pflegt und in euren Gottesdiensten nicht nur die uralten so genannten heiligen Texte lest und tausendmal wieder nachbuchstabiert. Sondern eben die Menschenrechtserklärungen in der Predigt verständlich macht, um sie in der Praxis zu leben. Und eine Friedenspolitik im Sinne der universal geltenden Menschenrechte mitgestaltet, mit der Bereitschaft zu politischen Debatten um der vielen leidenden Menschen willen.
13.
Das heißt: Die Zeiten der nur religiösen Weltkonferenzen sind vorbei. Sie sind wahrscheinlich eine Art teures Hobby der ohnehin begüterten und verwöhnten, milde gesinnten religiösen Führer und Vielflieger. Das meiste, was da in Lindau zu hören sein wird, ist theologisch und religionswissenschaftlich längst erforscht, das meiste ist gesagt. Jetzt sind andere Themen dran, Menschenrechtsthemen aus religiöser Verantwortung, wenn man so will. Und andere Konferenzen mit dem Thema: „Die Welt-Religionen relativieren ihren eigenen dogmatischen Glauben und unterstellen sich gemeinsam der Geltung der Menschenrechte“. Das wäre das Thema für heute und morgen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Würde des Menschen: Im Gehirn angelegt, aber etwas Absolutes im Menschen.

Das Buch „WÜRDE“ von Gerald Hüther
1.
Gerald Hüther, einer der bekanntesten Hirnforscher in Deutchland, argumentiert in seinem Buch über die „Würde“ des Menschen vor allem als Biologe. Zum Thema hat er einen praktischen Vorschlag, begründet in der Erkenntnis des Naturwissenschaftlers: Jeder Mensch kann seine absolut geltende menschliche Würde durch praktische, auch leibliche Erfahrungen, seit der frühen Kindheit, aufbauen und pflegen. Schon Kleinkinder machen Kontrast-Erfahrungen, erleben also Momente, in denen sie spüren: Diese Situation im Umgang mit anderen Menschen sollte es für mich nicht geben. Es gibt also etwas in unserem Gehirn, „das von ganz allein aktiv wird, wenn etwas geschieht, das nicht so ist, wie es sein sollte… Dies ist für Kleinkinder nur eine Empfindung, noch kein Wissen, sondern ein ungutes Gefühl“ (S. 113). Diese Wahrnehmungen werden zum Gehirn geleitet; und dann als Widerspruch zum Menschlichen schon vom Kind gespürt.
2.
Die Menschen-Würde kann im ganzen Leben wieder „aufgeweckt“ werden, wenn sie durch negative Erfahrungen verdeckt wurde. Wenn hingegen ein Mensch positive Erfahrungen in einer Umgebung erlebt, die Geborgenheit und Verbundenheit mit anderen lebendig erfahrbar macht, kann der einzelne seine Autonomie und Gestaltungsfähigkeit, also seine Würde, (wieder)erlangen. Diese Erfahrungen werden „im Gehirn verankert“ (S. 87). Es sind die je neu gestaltbaren „Verschaltungen im Gehirn“, die Würde erlebbar machen. „Jeder Mensch ist in der Lage, ein Gespür für das zu entwickeln, was seine Würde ausmacht. Diese Fähigkeit ist bereits im kindlichen Gehirn angelegt“ (S. 133). Wenn die ersten Erfahrungen mit anderen Menschen negativ sind, also keinen Sinn wecken für die eigene Würde, so kann es doch möglich sein, „dieses tief im Hirn verankerte Empfinden (für die eigene unantastbare Würde, CM) durch spätere, günstigere Beziehungserfahrungen wiederzuerwecken“. Mit anderen Worten: Würde ist selbst noch den lange Zeit würdelos (wie Objekte) behandelten Menschen vermittelbar. Wer seine eigene Menschenwürde kennt und schätzt oder diese Menschenwürde wieder gefunden hat, der hat einen „inneren Kompass“ zur Lebensgestaltung, betont Gerald Hüther. Dass Menschenwürde immer auch mit Rechten (und Pflichten) in Gesellschaft und Staat verbunden ist, wird meines Erachtens zu wenig in dem Buch erörtert. Wie können Menschen in dem reichen Europa heute von ihrer eigenen Menschenwürde noch überzeugt sein, wenn ihre Politik, ihre Ökonomie, zur Würdelosigkeit sehr vieler arm gemachter Menschen in Afrika führt?
3.
Ich finde die letztlich knappen Ausführungen des Biologen Hüther auch philosophisch sehr relevant: Denn so wird die philosophische Erkenntnis etwa zum Gewissen, zum Kategorischen Imperativ oder zur transzendental-notwendigen Bindung an das Gute biologisch „verortet“. Ohne dass dabei naturwissenschaftlich gesagt wird: Diese Bindung an das Gute oder diese Bindung an das Gespür der eigenen Würde, seien „nichts als“ ein materielles und deswegen manipulierbares und sogar auch auslöschbares Nerven-Geschehen. Bekanntlich ist es doch so: Wenn es einen materiellen, leiblichen „Ort“ gibt für die mit dem Menschsein schon immer mitgebrachten neuronalen Verschaltungen, dann sagt diese Herkunft nichts aus über die geistige Qualität des Erlebten, etwa der Würde. Man muss grundsätzlich „Genesis und Geltung“ unterscheiden, wie der Philosoph Vittorio Hösle betont: Mit anderen Worten: Was im Materiellen generiert wird, kann doch eine universale geistige Geltung haben. Gerald Hüther spricht vom „Ende des genetischen Determinismus“ (S. 167).
4.
Diese Erkenntnis Hüthers scheint mir besonders wichtig zu sein: Bei einem Menschen ist keine Haltung definitiv, für immer (negativ), festgelegt: Eine gerechtere, bessere Welt der würdevoll lebenden Menschen ist also möglich und als Ziel auch zu gestalten. Naturwissenschaftlich gesagt: Durch neue, das Bewusstsein der eigenen Würde stärkende Erfahrungen können die alten, negativ stimmenden neuronalen Verknüpfungen „im Gehirn ÜBERFORMT werden“, wie Hüther schreibt (vgl. S. 172).
Dabei deutet der Autor durchaus auch politische Konsequenzen an, wenn er etwa an die friedliche Revolution in Deutschland und an die politische Entwicklung danach erinnert: Die Menschen in Ostdeutschland, „müssen spüren, dass sie in der freiheitlich-demokratischen Ordnung auch von ihren Mitbürgern gesehen, wertgeschätzt und ernst genommen werden. Dass sie nicht weiter zu Objekten gemacht werden. Dass ihnen andere Menschen, auch Politiker, Meinungsmacher, Lehrer usw. so begegnen, dass das Empfinden, die Vorstellung und das Bewusstsein ihrer eigenen Würde gestärkt wird“ (S. 172).
Dabei ist Gerald Hüther realistisch: Dass sich unsere Welt tatsächlich zu einer Welt der in Würde lebenden Menschen entwickelt, ist alles andere als sicher oder gar bloß wahrscheinlich. „Es ist allerhöchste Zeit aufzuwachen“ (S. 160), betont er, und „öffentlich auszusprechen, was man (politisch, ökologisch) nicht länger hinzunehmen bereit ist. Und dafür zu sorgen, dass die Würde von Menschen nicht länger mit Füßen getreten, verletzt und untergraben wird“ (ebd.).
5.
Gerald Hüther äußert sich in dem Buch auch zur Pädagogik und möglichen Reformen der Erziehung. Und er zeigt auch Aspekte seiner Philosophie: Denn für ihn wird in der Verteidigung der Würde des Menschen deutlich: „Es gibt etwas Überzeitliches, Zeitloses, etwas Göttliches, das man nicht vernichten kann“(S. 58). Dieses unterstörbar Göttliche im Menschen ist die Menschen-Würde. Die Gültigkeit dieser Idee kann kein Mensch vernichten, selbst wenn Menschenwürde so selten erfahrbare Realität ist.
6.
Der Philosoph Franz Josef Wetz hat in seinem Aufsatz „Illusion Menschenwürde“ (in „Der Wert der Menschenwürde“, Paderborn 2009, S. 45ff) darauf Wert gelegt, die Menschenwürde gerade NICHT „religiös-metaphysisch“ zu begründen: Einmal, weil diese Begründung zur pluralistischen und säkularen Gesellschaft nicht passe und dann auch wegen des „zunehmend naturwissenschaftlichen Weltbildes“ (S. 61). Dass gerade Naturwissenschaftler wie Gerald Hüther offenbar das Gegenteil behaupten, zeigt nur, dass es eben „die“ Naturwissenschaft nicht gibt. Und auch „die“ „säkulare“ Gesellschaft, von der Wetz spricht, wird von etlichen Philosophen und Religionssoziologen zurecht als „postsäkulare“ Gesellschaft wahrgenommen.
Aber schwerer wiegt meines Erachtens, dass Franz Josef Wetz die Auffassung von menschlicher Würde lediglich und nur als „reinen Gestaltungsauftrag“ (S. 54) definieren will „ohne weltanschauliche Hintergrundannahmen“. Dabei wird überspielt: Dass die Annahmen von Wetz auch weltanschaulich geprägt sind, sie sind alles andere als „neutral“ (S.61). Aber noch entscheidender ist: Wer die Geltung der menschlichen Würde, also die Würde eines jeden Menschen, aus dem Bereich der absoluten Unantastbarkeit (Grundgesetz!) heraushebt und sie lediglich als eher subjektiven „Gestaltungsauftrag“ sieht, gefährdet diese unantastbare Würde. Denn Gestaltungsaufträge können je nach politischer und ökonomischer Konjunktur mal so und mal anders gedeutet und praktiziert werden. Die Menschenwürde ist aber nichts, was der gestalterischen Freiheit und Willkür bestimmter einzelner (Herrscher) überlassen werden darf. Sie ist eben unantastbar. Wetz redet Klartext: (Seite 58): Wenn er die Menschenwürde nur als Gestaltungsauftrag sieht, dann „wird die metaphysisch begründete Vorstellung von der vorgefundenen Wertabsolutheit des Menschen und der unantastbaren Heiligkeit seines Lebens hinter sich gelassen“. Man lese das Grundgesetz, das ist anderer Meinung, Gott sei Dank möchte man fast sagen.
Und: Wer würde denn leugnen, dass mit der Annahme der unendlichen Würde eines jeden Menschen, gültig bereits VOR jeder Anerkennung durch Staat und Gesellschaft, die praktische „Gestaltung“ dieser Würde ausgeschlossen wäre? Die unendliche Würde eines jeden Menschen erfordert gerade die von Wetz geforderte „Gestaltung“. Aber diese Gestaltung gestaltet etwas unantastbar Heiliges eines jeden Menschen. Da darf nicht herum modelliert werden, je nach Laune der Herrschenden oder eines sich zurecht naturalistisch nennenden Philosophen wie Franz Josef Wetz. Dass er Mitglied der Giordano-Bruno-Stiftung ist, soll nur, ohne jede Polemik, der Vollständigkeit halber am Rande bemerkt werden. Franz Josef Wetz hat auch interessante Bücher geschrieben, wie etwa über Schelling…

Gerald Hüther: Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft. Pantheon Verlag, 2019. Taschenbuch. 189 Seiten, 14 EURO.

Nietzsche neu lesen: Er öffnet Denkräume, zersetzt kulturelle Üblichkeiten

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Mit einem erneuerten Verstehen Nietzsche lesen: Das fordert der Philosoph Andreas Urs Sommer (Uni Freiburg i. Br.) in seinem Essay in der Zeitschrift „Information Philosophie“, Ausgabe Dezember 2018. Sommer ist Leiter der „Forschungsstelle Nietzsche-Kommentare“ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.
Weil Nietzsche vor allem von vielen philosophisch Interessierten oft und viel zitiert sowie mit Schlagwörtern, wenn nicht Klischees, fixiert wird, lohnt es sich, diesen Beitrag von Andreas Urs Sommer besonders zu beachten.
2.
Seine Überlegungen sind bezogen auf seine umfangreichen Studien des „Nietzsche Kommentars“, die selbstverständlich auch die vielen Texte aus dem Nachlass berücksichtigen. Der Beitrag setzt sich mit zwei gegensätzlichen Interpretationslinien der Philosophie Nietzsches auseinander: Die beliebte „inhaltliche“ Position, die in Nietzsches Schriften feste Positionen und Überzeugungen entdeckt. Und diese dann auch auf aktuelle Fragen bezieht, etwa „Tod Gottes“, „Nihilismus“, „Übermensch“. Und dann die eher „textische“ Lektüre, wie Sommer sagt, die Nietzsche nur als Verfasser von literarischen Texten versteht: Die dann von diesen Sprach-Forschern in alle philologischen Nuancen ausgeleuchtet werden.
Der Essay von Andreas Urs Sommer hat den provozierenden Titel „Was von Nietzsche bleibt“. Das ist ein Titel, der auf Abschließendes, Definitives hinweisen könnte. Tatsächlich aber will Sommer eher einen „Denkraum“ eröffnen…
3.
Der Artikel ist für LeserInnen Nietzsches wichtig, weil zentrale Differenzierungen genannt werden. So etwa Nietzsches Umgang mit Kant (S.10, in dem genannten Heft). Nietzsche habe, so Sommer, Kants Werke selbst nicht gelesen. „Nietzsches Kant ist ein Monstrum, von Nietzsche erdacht oder erschrieben als Gegner, an dem man sich messen kann, um sich in ein ablehnendes Verhältnis zu setzen…Nietzsche will einen Waffengefährten oder einen Gegner haben“. Eine Erkenntnis übrigens, die etwa schon der Philosoph Vittorio Hösle im Nietzsche Kapitel seines Buches „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“ (2013) mitgeteilt hatte (S. 185, auch S.190: „Nietzsche war als Philosoph nie ausgebildet“).
Wer hingegen die ganze große Fülle des Nachlasses berücksichtigen muss, wie Sommer, der wird bei Nietzsche dem stetigen mühevollen Ringen um den treffenden Ausdruck begegnen. Z.B.: „Die vom historischen Subjekt Nietzsche (dann) für publikationswürdig erachteten Aussagen über den =Willen zur Macht= stehen unter Vorbehalt. Sie haben die Gestalt eines Denkexperiments“ (S.12.) Dadurch gelangt man zu einem neuen Verstehen dessen, was Philosophie für Nietzsche bedeutet. “So hat man“, betont Sommer, “in den philosophischen Texten Nietzsches ein Philosophieren in der Hand, als permanentes Fort – und Überschreiben einmal erreichter Standpunkte, nicht als ein festes Gefüge von Gedanken, Überzeugungen, sondern Philosophieren als Prozess, als Bewegung“(S. 13). Philosophieren zeigt sich in Nietzsches Texten als etwas ungewöhnlich anderes, „es unterscheidet sich“, so Sommer, „fundamental von Philosophie im landläufigen Sinne“ (S. 14). Philosophieren widerspricht für Nietzsche den festen Fügungen und letzten Überzeugungen.
4.
Was also bleibt von Nietzsche? Nichts Festes. Schon gar kein Lehrsystem. Sondern Denken als Prozess, als ständiges Aufheben und Überschreiben fester Überzeugungen (Propositionen). Große dogmatische, handlich griffige Lehrgewissheiten sind also aus Nietzsches Schriften nicht zu erzeugen und auch nicht mehr festzuhalten, so Sommer. Es sind bei ihm Denkbewegungen zu finden, bei denen der Leser Unterstützung finden kann in den umfangreichen Kommentaren, die nun von der Forschungsstelle herausgegeben werden. Dadurch wird deutlich: Selbst bei einer Vielzahl möglicher Interpretationen von Nietzsches Texten sind doch nicht alle Deutungen vertretbar. „Nietzsches Philosophie öffnet Denkräume. Es entsteht Weite. Abschließendes gibt es bei Nietzsche nicht. Diese Haltung im Denken hat etwas gegenüber der fixierenden Tradition durchaus „Zersetzendes“, betont Sommer. „Diese Zersetzungskraft rückt den Selbstverständlichkeiten abendländischer Moral – und Weltanschauungskonsense auf den Pelz. Auch das bleibt von Nietzsches Philosophie“ (S. 15).
Wie das zu bewerten ist, bleibt eine offene Frage: Das Tote, d.h. das Unmenschliche einer Kultur, kann ja gern „zersetzt“ werden: Aber wenn es dann doch – gegen Nietzsche – bleibend Gutes und Wahres gibt, warum sollte das nicht erhalten bleiben, etwa die Menschenrechte, die so oft missbraucht, aber trotzdem universal geltend für alle Menschen unersetzlich sind…
Für uns am wichtigsten: Nietzsche fördert bei seinen Lesern den eigenen Denkweg zu suchen, die eigene Praxis zu finden. Die fraglich bleibt und nur in der Bewegtheit des Lebendigen selbst das Bleibende sieht.
5.
Freilich: Bestimmte Grund“überzeugungen“ der Philosophie Nietzsches haben sich öffentlich durchgesetzt, haben sich als Sprüche in den Köpfen festgesetzt. So etwa die Diagnose, die er im Text „Zarathustra“ verbreitet: „Wir haben Gott getötet“. Dieser Satz gibt nach wie vor zu denken: Kann man Gott töten, wenn ja welchen Gott, wer ist „wir“? Über Nietzsches Text „Der Antichrist“ wäre eigens sprechen (erschienen 1895). Darin „verkündet“ Nietzsche doch wohl eine neue, eine explizit antichristliche Moral? Manche Leser haben diesen Eindruck, wenn man das von Nietzsche Geschriebene ernst nimmt. Und auch dies: Die Polemik Nietzsches gegen, so wörtlich, „die Schwachen und Missratnen“, ist nicht nur antichristlich. Sie ist antihuman. Oder muss man auch bei dem Thema das nur „Vorläufige“, wenn nicht „Spielerische“ des Gesagten bedenken?
6.
Man wird also Nietzsche, dann mit den ausführlichen kritischen Kommentaren ausgestattet, sehr vorsichtig, immer mit einem Abstand kritisch lesen müssen und ihn schon gar nicht zu einem „Meisterdenker“ aufwerten. Das gilt sicher schon heute, auch wenn diese großen Kommentare noch nicht vorliegen.

Siehe auch: „Forschungsstelle Nietzsche Kommentar“. 2020 soll z.B. ein Kommentar zum „Zarathustra“ erscheinen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Katholische Akademien: Orte des freien Austauschs oder nur noch Hüter von Evangelium und katholischer Tradition?

Über die Krise einer etablierten Institution: Wird sie die Freiheit hochschätzen lernen?
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Katholische Akademien gehören, wie der Name sagt, zu einem besonderen „Segment“ der Gesellschaft, sie ziehen schon im Titel gewissermaßen enge Grenzen. Unvorstellbar, welche Lebendigkeit eine katholisch inspirierte, (katholisch im Sinne von „für alle“) Akademie hätte, wenn sie sich etwa „Forum für Sinnfragen“ oder „Agora der Religionen“ nennen und dies auch praktisch einlösen würde. Diese neuen Titel für einen neuen, einen reformierten Geist würden darüber hinaus dem Stand gegenwärtiger theologischer, philosophischer und religionswissenschaftlicher Erkenntnisse entsprechen und sicher auch eine andere Clientele interessieren. Wer hingegen „Innerkirchliches“ erfahren will oder die offizielle Sicht der Bibelinterpretation kennen möchte, kann in den Gemeinden informiert werden.
2.
Eine historisch-kritische Analyse des Titels „Katholische Akademie“ wäre reizvoll, er wurde schon einige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, in Zeiten des „Wiederaufbaus“, erfunden. Reizvoll auch, wenn man ihn mit dem Begriff der Akademie im Sinne Platons und der späteren Rezeption in der Renaissance konfrontieren würde.
3.
Nun findet in der nur für Abonnenten der Wochenzeitung „Die Zeit“ zugänglichen Wochenzeitung „Christ und Welt“ eine Diskussion statt über die Frage: Welche Rolle spielen eigentlich die 23 in Deutschland vertretenen, im Titel, wie gesagt, auf Identität und Kirchlichkeit abhebenden „Katholischen Akademien“? Sind sie in der Krise, sind sie vielleicht doch kreativ und provokativ? So wird zu recht, von Patrick Schwartz, dem geschäftsführenden Redakteur der ZEIT, in einem Beitrag gefragt.
4.
Diese Debatte ist kein marginales Sonderthema. Sondern es bewegt doch viele, die sich mit dem geistigen Leben und der Kommunikation von Menschen unterschiedlicher Lebenswelten in der Großstadt, etwa in Hamburg oder Berlin, befassen. Und dringend Orte des vorbehaltlosen, offenen intellektuellen Austauschs, des Dialogs, wichtig finden. Dass nicht nur ich diese großen (katholischen) Akademien mit den fast immer üblichen Frontal-Vorträgen vor einem Publikum von 50 bis 100 Personen für überholt halte, hinsichtlich des Lernerfolges oder wichtiger noch der Kommunikation aller, ist ein anderes Thema. Es wäre wohl sinnvoller, die Teilnehmer lesen zwei Seiten eines Statements vorher zuhause und treten dann ins Gespräch mit dem „Spezialisten“. Aber nein: Da setzen sich hingegen mehrheitlich ältere Herrschaften in einen großen Saal und lauschen eine gute Stunde dem manchmal nicht leicht nachvollziehbaren Vortrag und dürfen dann zum Schluss einige Fragen an den Referenten stellen: Das ist Erwachsenenbildung auf dem Stand von 1960. Und dies in der üblichen hierarchischen Sitzordnung: Die zu Belehrenden schauen nach vorn auf den Herrn, die Dame, den Lehrer. Warum nicht ein egalitäre Kreis-Runde? Erst bei einem Glase Wein „danach“ lernt man sich etwas kennen und spricht miteinander. Dieses Miteinander war ja eine Grundidee der Akademie Platons.
5.
Ich meine: Viele kleine philosophisch – theologische Salons über die Stadt verstreut, wären für die Kommunikation in den so oft zu recht beschriebenen „anonymen“ Lebensverhältnissen der Großstadt hilfreicher und wichtiger. Diese vielen Gespächs-Salons, selbstverständlich außerhalb der Kirchengemeinden organisiert, könnten in Kunstgalerien, Bibliotheken, Cafés ein Zuhause finden und ein weites, auch junges Publikum interessieren.
6.
Aber die Kirche setzt nun immer noch auf repräsentative Macht, die sich in großen Gebäuden äußert, die dann im Unterhalt so teuer werden, dass man die Räume permanent an wohlhabende Kreise aus Politik und Wirtschaft vermieten muss. Es gibt tatsächlich im deutschsprachigen Raum 26 Katholische Akademien, von den jeweils eine in Italien, Österreich und der Schweiz sich befindet.

Ich sehe in den Beiträgen von „Christ und Welt“ zum Thema Katholische Akademien keine exakten Informationen: Wie viele Teilnehmer hat etwa pro Jahr hat die Katholische Akademie in Berlin oder Hamburg? Was lässt sich über den Altersdurchschnitt der TeilnehmerInnen sagen? Wie viele „junge Leute“, zwischen 25 und 40, nehmen an den Veranstaltungen teil? Macht man entsprechende Umfragen unter den TeilnehmerInnen? Und vor allem: Wie hoch ist der Etat einer katholischen Akademie, etwa in Berlin. Wie viel Geld kommt vom Staat? Darüber gibt die jährliche Finanzstatistik des Erzbistums Berlin explizit keine Auskunft, was der Pressereferent des Erzbistums bestätigt und auf Nachfrage darauf verweist, diese Akademie sei ein „e.V“. Wer finanziert also diese katholische Akademie? Und wie hoch ist der Jahresetat? Und vor allem: Ist die Differenz zwischen finanziellem „Input“ und auf Teilnehmer bezogenem Output ökonomisch und moralisch vertretbar?
7.
In der Ausgabe von „Christ und Welt“ vom 25.Juli 2019 stellen die Direktoren der Katholischen Akademien in Hamburg und Berlin ihre theologischen Grundlagen, ihr Konzept, vor. Während Stephan Loos, der Hamburger Akademie Direktor, voller Elan und Mut für die offenen „Spielräume“ eintritt, die diese Akademie lebt bis hin zum „kritischen Dialog“ auch über Themen, die für die Kirchenführung unbequem sein könnten: Er nennt das Beispiel der Homosexuellen in der katholischen Kirche, er spricht explizit von einer „Schmerzgrenze“, meint wohl auch die Abweisung etwa von Segnungen homosexueller Paare/Ehepaare. Tiere, Handys und Autos werden bekanntlich katholischerseits feierlich von Priestern öffentlich gesegnet. Das bringt mehr Freude im populären kleinbürgerlichen Milieu als die Segnung von „Homo-Ehen“. Es ist für einen Protestanten ein erfreuliches Signal, wenn Stephan Loos der „Freiheit den Vorrang“ gibt in seiner Arbeit.
8.
Ganz anders empfinde ich als – vom Studium her – katholischer Theologe und Journalist die Ausführungen des Berliner Akademiedirektors Joachim Hake. Er hat nach dem Übergang seiner Gattin Susanna Schmidt ins CDU geleitete Bildungsministerium (Schavan-Connection) sozusagen in familiärer Fortsetzung im Jahr 2007 die Leitung der Berliner Akademie übernommen. Aber diese „Kontinuität“ ist ein anderes schon früher diskutiertes Thema.
Mein Gesamteindruck des Beitrags von Joachim Hake Beitrag in „Christ und Welt“ ist: Katholische Akademien sind für ihn „keine Kanzeln für Vordenker“, haben also nicht den Ehrgeiz, Neues, Kritisches, Provokatives zu sagen. Freiheit zuerst, wie sein aufgeschlossener Hamburger Kollege sagt, ist bei Hake also nicht so zentral. Hingegen bei ihm immer wieder der Hinweis auf das Katholische, „die Kirche“ (also die Amtskirche), die Tradition. Das Wort Ökumene habe ich in seinem Beitrag nicht gelesen, auch zum interreligiösen Dialog keine Hinweise, geschweige denn von einem Hinweis auf Veranstaltungen mit und für die „Unkirchlichen“, die bekanntlich in Berlin 60 % der Bevölkerung darstellen.
Hake spricht kryptisch von Ambiguitätstoleranz, also wohl von der Überzeugung, dass so eindeutig klar die Lehren der Kirche und ihrer Tradition doch nicht sind. Er will also „Ambilvalenzen und Widersprüche“ bloß aushalten. Bloß welche Widersprüche genau? Etwa dass das Zölibatsgesetz existiert, aber dass sich so wenige daran halten können und wollen? Mit anderen Worten: Hake will sich nicht positionieren. Er will das Image (gibt es noch ein gutes?) der Amtskirche pflegen. Diese vorgebliche Neutralität dient aber letzlich immer dem Erhalt der bestehenden Herrschaftsstrukturen, das gilt allgemein, aber auch für die Kirche.
9.
Man sehe sich deswegen einmal das Programm der Katholischen Akademie in Berlin an. Das kontrastreich andere, bessere Programm in Hamburg oder im „Haus am Dom“ in Franfurt am Main, sollte man selbst im Internet aufrufen.

Ich will nur erinnern: Im Berliner Programm für den Rest des Jahres 2019 stehen Kirchenführungen in Berlin und Leipzig zahlenmäßig im Mittelpunkt. Ich frage mich als gebürtiger Berliner, der einst, noch als Katholik, alle diese doch eher schlichten Kirchengebäude besucht hat: Was ist denn an diesen Kirchenbauten aus dem Ende des 19. Jahrhunderts oder Beginn des 20. Jahrhunderts so bemerkenswert, etwa an der eher an einen Kitschpalast erinnernden St. Ludwigskirche. Interessanterweise findet in der katholischen Akademie allen Ernstes eine Tagung statt über den „Kirchbau im faschistischen Italien“. Ob Innenminister Minister Salvini, der von vielen, sicher richtig, als Faschist eingeschätzt wird, dabei sein wird, ist wohl noch unklar. Dann aber bitte auch gleich auf europäischer Ebene fortfahren und etwa die Kirchenbauten des faschistischen Generalissimo Franco, auch sein von ihm und für ihnbestimmtes Kirchen-Mausoleum, studieren. Also, im Ernst, Architektur des Faschismus in den kommenden Monaten in der katholischen Akademie Berlin. Nichts aber auch gar nichts ist bis heute (27.7.2019) zur Ökologie angekündigt… Kann ja noch kommen, wenn sich die Katholische Akademie mit den jungen Leuten in Berlin und Brandenburg von „Fridays for future“ solidarisiert und diese in ihre Räume einlädt. Davon habe ich kürzlich geträumt: Alte Katholken treffen sehr lebendige, besorgte Jugendliche! War aber ein Traum.

Auch über die St. Hedwigskathedrale in Berlin wurde 2019 diskutiert, aber nicht über den leider gescheiterten Widerstand gegen diesen sinnlosen und umstrittenen Umbau, der 60 Millionen Euro, auch von Steuermitteln, verschlingen wird. Nein, die Tagung handelte von der Gestalt der Kathedrale im 19. Jahrhundert.Wie aktuell.
Man könnte das alles lang und breit belegen: Über die großen drängenden Themen der Menschen in Berlin wird nicht oder kaum gesprochen: Über das Wohnen und Mieten; über den zunehmenden Rechtradikalismus oder über die weithin gescheiterte und etwas gelungene Integration der Flüchtlinge in Berlin, nichts über das aktuelle Europa, das zusieht, wie aufgrund eigener Politik, von C- Parteien auch betrieben, Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken. Ich finde es bezeichnend, dass die katholische Akademie Berlin im Umfeld der Wahlen zum Europa Parlament nicht etwa eine Tagung über die aktuellen Bemühungen der Kirchen in Brüssel machte oder wichtiger noch über die rechtsradikale ultra-katholische Position der PIS Regierung in Polen oder über das Schweigen der Bischöfe Ungarns zur rassistischen Politik des Herrn Orban… Nein, nichts davon: Man macht in Berlin, als würde man auf dem Monte Cassino leben, zur Europa-Wahl eine Tagung über den Schutzpatron Europas, den Heiligen Benedikt und seinen Orden. Nebenbei: Über Afrika, Lateinamerika und Asien, selbst über die dortigen Kirchen dort, finden fast gar keine Veranstaltungen stattt.
Diese katholische Akademie in der (tatsächlichen) WELTSTADT Berlin igelt sich förmlich ein, mit der Pflege des altvertrauten Milieus. Man macht also brav Tagungen über Fontane oder Thomas Mann, bedenkt die Aktualität ungarischer Melancholie-Forschung oder die Ewigkeit im Alltag, sowie die Höllenfurcht im Islam. So tatsächlich die Themen der Katholischen Akademie in Berlin in den letzten Monaten. Traditionalistischer, also bewusstes Ignorieren dessen, was den Menschen auf den Fingern oder in der Seele brennt, kann man sich das kaum denken. Ich warte förmlich, dies als sanfte Ironie, auf eine Tagung über den heiligen Papst Pius X. oder die Aktualität der Seherkinder von Fatima.
Eigentlich hätte selbst diese zahlenmäßig kleine, immer aber ängstliche und theologisch ohnehin phantasielose katholische Kirche in Berlin etwas Besseres verdient als diese Akademie, um der Stadt, der Menschen willen. Warum macht man nicht eine gemeinsame christliche Akademie? Warum noch dieser Konfessionalismus?
Dieser enge Geist ist erstickend. Auch deswegen treten Jahr für Jahr Katholiken in Berlin aus dieser letztlich traditionalistischen Kirche aus.
10.
Eine katholische Akademie, die nicht Partei ergreift für die aktuellen Fragen der Menschen in Berlin und darüber hinaus, wird zum Hort des Esoterischen. Sie ist letztlich belanglos. Und überlebt langfristig nur, wenn sie ihre Räumlichkeit „fremd vermietet“. So können wenigstens die guten Gehälter der Angestellten bezahlt werden…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Wenn die Rechtspopulisten zornig werden…

Ein neues Buch der Soziologin Cornelia Koppetsch über „Rechtspopulismus im globalen Zeitalter“

Ein Hinweis von Christian Modehn

Den Rechtspopulismus neu verstehen: Das ist das Ziel der umfangreichen Studie der Soziologin Cornelia Koppetsch (Prof. an der TU Darmstadt), ihr Buch aus dem Transcript Verlag ist am 19. Mai 2019 erschienen und hat seitdem viel Aufmerksamkeit in der Presse gefunden.
1.
Das Buch erfordert von den LeserInnen, die nicht professionelle Soziologen oder Politologen sind, eine große Lektüre Anstrengung, weil etwa allein die (langen) Sätze voller Substantive sozusagen „wimmeln“, was bekanntlich jegliche Lesefreude, die einem guten Stil voller Verben verpflichtet ist, sehr erschwert.
2.
Zudem ist das Buch vor dem Mord an dem Regierungspräsidenten Walter Lübcke (Kassel) am 2.Juni 2019 geschrieben worden: Dieser Mord stellt bekanntlich eine nun ganz offensichtliche „Qualität“ der Aktionen sehr rechtslastiger Kreise dar: Mord und Totschlag, sowie Brandattacken, von sehr rechtslastigen Kreisen gelten ab sofort nicht mehr „nur“ den Flüchtlingen und ihren Unterbringungen, von „Heimen“ sollte man angesichts dieser Unterbringen besser nicht reden. Die üblichen verbalen Attacken und Beleidigungen, dieses Schmähen der Demokratie und der Menschenrechte, wird nun offenbar praktisch, d.h. mörderisch. Diese Attacken gelten gezielt demokratischen, den Menschenrechten verpflichteten Politikern. Von bloßem „Rechtspopulismus“, wie der Buchtitel suggeriert, nur zu sprechen, erscheint mir schon deswegen als gar nicht treffend und auch etwas zu wohlwollend für diese Kreise.
3.
Es ist wohl einzig angemessen, auch angesichts der AFD Führer etwa in Thüringen oder Brandenburg, von Rechtsextremismus im Zusammenhang der AFD zu sprechen. Wie dies andere Forscher und kompetente Journalisten, etwa im WDR tun, und nun ihrerseits mit dem Leben bedroht werden. „Der AFD geht es letztlich um einen Bruch mit zentralen Werten des Grundgesetzes“, schreibt nicht etwa Cornelia Koopetsch, sondern Wissenschaftler wie Christoph Butterwegge, Gudrun Hentges und andere in dem Buch „Rechtspopulisten im Parlament“ sehr richtig.
4.
Von der AFD als einer Gestalt des bloßen Rechtspopulismus zu sprechen, erscheint mir also als überholt, und sogar falsch selbst wenn die Autorin zwischen den radikalen Führern der AFD (Höcke und Co.) und den Mitgliedern bzw. Wählern unterscheidet. Diese Mitglieder und Wähler der AFD hält Cornelia Koppetsch letztlich für konservative Irregeleitete: Wenn diese Kreise aber nur diese Merkmale haben, also noch kritisch reflektieren können, dürfte man konsequenterweise erwarten, dass sie die AFD als Partei Mitglieder verlassen oder diese Partei nicht mehr wählen: Beides tun diese Kreise aber nicht, und zwar wider besseren Wissens über die permanent verbale und oft schon faktische Gewalt einiger Leute aus dem AFD Umfeld. Das wichtige Buch von Andreas Speit, (Hg.) „Das Netzwerk der Identitären“ ist im Oktober 2018 erschienen, es wird von Koppetsch nicht erwähnt. Aber es zeigt: „Die AFD steckt mit den Identitären unter einer Decke“.
5.
Mich freut, wenn die Autorin ganz am Ende ihrer Studie „die Rechtsparteien“ (von Extremisten ist wieder keine Rede) ein so wörtlich „hochwirksames Gift“ nennt, das diese “Rechtsparteien“ „in den Gesellschaftskörper schleusen“ (Seite 258). Sie schreibt anschließend die für mich kryptische, aber irgendwie auch gefährliche Prognose: “Wenn die Zeichen nicht trügen, dann stehen uns konfliktreiche Zeiten bevor. Das muss nicht zwangsläufig eine schlechte Nachricht sein“ (ebd.) Die konfliktreichen Zeiten sind doch längst da, mindestens seit 4 Jahren. Was soll denn an den konfliktreichen Zeiten „keine schlechte“!, also eine gute Nachricht sein, wenn man die Unbelehrbarkeit der AFD Führer bedenkt und die faktische tötende Gewaltbereitschaft. Ich habe den Eindruck, die Professorin Cornelia Koppetsch unterschätzt deutlich die AFD.
6.
Freilich: Die Darstellung dieses „Gifts“, also die AFD, hat schon dadurch ihre erhebliche und sehr bedauerliche Grenze, dass in dem Buch fast ausschließlich nur von der AFD die Rede ist. Als hätten wir nicht in unserer unmittelbaren west-europäischen Nachbarschaft nicht längst hochgiftige, also nicht nur „rechtspopulistische“, sondern eben rechtsextreme Parteien in ihren Aktionen vor Augen: So ist von der von so vielen Beobachtern rechtsextrem genannte FPÖ in dem Buch soweit ich sehe keine Rede. Dieser Mangel ist besonders gravierend, weil die FPÖ seit Jahrzehnten mit widerlichen Hasstiraden die Reste demokratischer Kultur in Österreich zerstört. Die Partei von Marine Le Pen in Frankreich wird ganz kurz im Zusammenhang der „Nouvelle Droite“ erwähnt, von den rechtspopulistischen Parteien in den Niederlanden oder Belgien ist keine Rede, obwohl die AFD sichtbar seit Jahren mit den Parteiführern dieser europäischen so genannten rechtspopulistischen Parteien auch gemeinsam auftritt. Auch von der Beziehung dieser Parteien, auch der AFD, mit PUTIN ist in dem Buch keine Rede.
Nebenbei: Ich empfehle nicht nur der Autorin, sondern allen Lesern dieses Textes die kritische Studie über die FPÖ, die ja bekanntlich heftig verbandelt ist mit der ÖVP( mit Sebastian Kurz und Co). Siehe das Buch von Robert Misik. https://religionsphilosophischer-salon.de/11616_niedergang-der-demokratie-heute-ueber-oesterreich-und-europa_aktuelle-buchhinweise/philosophische-buecher
7.
Was ich an dem Buch von Cornelia Koppetsch noch problematischer finde: Die Autorin schreibt in ihrer „Danksagung“ auf Seite 259: Sie bedanke sich „bei meinen Bekannten aus der AFD, die mir in vielen Diskussionen ihre gesellschaftlichen Sichtweisen dargelegt haben“. Wenn die Autorin also erläuternde „Bekannte“ in der AFD hat, von Freunden ist ja nicht die Rede, warum werden diese nicht ein einziges mal zitiert: Haben die Bekannten der Autoren Angst, genannt zu werden? Dann hätte die Autorin doch wenigstens aus der einschlägigen AFD Presse und den Stellungnahmen der AFD Führer wichtige Zitate bringen und diskutieren können. Man wird aber keinen einzigen O TON aus AFD Kreisen in dem soziologischen (!) Buch über die AFD finden, sondern nur Zitate aus (z.T. älteren) Studien ÜBER die AFD. Das finde ich, gelinde gesagt, für eine soziologische Studie ( „Feldforschung“ ?) etwas seltsam. So wird kein Wort gesagt über das Parteiprogamm der AFD, das bei Lektüre jeglichen Anschein zerstört, als wäre die Partei sozialpolitisch ganz aufseiten der Armen und Ausgegrenzten.
8.
Trotz dieser Kritik an dem Buch lohnt sich die für gebildete Kreise mühsame Lektüre des Buches doch ein bißchen: Es geht ja um eine Erläuterung des „Zorns“, der sich in den AFD Kreisen Ausdruck verschafft. Dabei folgt Koppetsch den Zorn – Analysen von Peter Sloterdijk. Der Kern ihrer Aussage: Vielfältige Kreise der Gesellschaft, nicht nur Menschen aus dem „Prekariat“, sondern auch vor allem konservativ bürgerliche Männer, sind böse und zornig: Weil sie angesichts der Globalisierung nicht nur die dadurch bedingten Umbrüche nicht mehr verstehen. Sondern weil sie sich beruflich, finanziell und existentiell degradiert sehen. Sie fühlen sich förmlich aus der altvertrauten Bahn ihres üblichen Lebens geworfen. Und sie geben für diesen Verlust an innerer wie äußerer vertrauter Heimat den Fremden, den Flüchtlingen, vor allem die Schuld. Und indirekt auch den Politikern, die sie für die „abgehobenen Eliten“ halten und manchmal noch kosmopolitisch und humanistisch denken, wie die Kanzlerin in den ersten Tagen, als 2015 viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen. .
Diese Zusammenhänge werden von Cornelia Koppetsch sehr ausführlich dargestellt. Zusammenfassend glaubt sie sogar feststellen zu müssen, dass die AFD Wähler „auch nachvollziehbare Gründe für die Zurückweisung liberaler Gesellschaftsbilder, emanzipatorischer Politikmodell und linksliberaler Eliten haben“ (257). Diese rechtspopulistischen Kreise, die ja, wie gesagt, in dem Buch nie rechtsextreme Kreise genannt werden, haben also für Frau Koppetsch subjektiv gute Gründe, antiliberal zu sein. Also damit wohl auch gegen die vom Liberalismus nun einmal formulierten Menschenrechte zu stimmen: Weil diese Rechtspopulisten schlicht und einfach meinen, summarisch gesagt, diese liberalen Kreise seien arrogant, herrschsüchtig, verlogen, kosmopolitisch und empfinden damit anti-heimatlich. Sie werden von den Rechtspopulisten förmlich zu „Volksfeinden“ erklärt.
Der feine Unterschied ist doch der: Diese liberalen oder sozialdemokratischen oder grünen Kreise halten jedenfalls noch sehr viel von den Menschenrechten, auch wenn sie wissen, dass sie den Forderungen der Menschenrechten sehr selten persönlichen ganz entsprechen. Aber sie halten die Menschenrechte immerhin noch hoch und fordern sie von den Politikern. Die AFD Leute setzen sich meines Wissens hingegen nicht subjektiv und auch nicht objektiv in der Politik für die Geltung der universalen für alle Menschen geltenden Menschenrechte ein. Denn: „Wir sind das Volk“, also alles bestimmend. Deswegen: Germany first, USA first: Menschenrechte, wenn überhaupt, ganz zuletzt. Das sind die Unterschiede, die leider Frau Koppetsch bei ihrem Verständnis, ich sage ja nicht versteckte Sympathie für die AFD nicht sieht und auch nicht sagt. Mit der Elite der, Gott sei Dank, noch herrschenden Demokraten sind die Menschenrechte noch einklagbar. Und es gibt noch Menschen bei Greenpeace oder Ärzte ohne Grenzen oder an der lebendigen Basis der Kirchen, die diese Menschenrechte faktisch leben. Mit der AFD Clique ginge das ganz und gar nicht. Schade, dass das Frau Koppetsch nicht sagt.
9.
Mit scheint, dass Cornelia Koppetsch durchgängig die These variiert: Schuld am Aufkommen des Rechtspopulismus sind die liberalen, demokratischen Kreise: Sie grenzen aus, sie ignorieren die alten Werte, sie sind egoistisch. Man lese die immer wieder kehrende Beschreibung, dass sich die Liberalen als Wohlhabende abschotten von den ärmeren Leuten; dass die Liberalen den Kapitalismus faktisch bejahen, selbst wenn sie ihn theoretisch ablehnen. Und vor allem auch dies ist eine wichtige These der Autorin: Sie sind verlogen, weil sie selbst ausländerfeindliche oder flüchtlingsfeindliche Ressentiments haben. Diese aber verstecken und nicht öffentlich zugeben.
10.
Aber immerhin sind die von Frau Koppetsch kritisierten liberal-wohlhabenden Kreise, zu denen sie ja als Professorin selbst gehört, immer noch zur Selbstkritik in der Lage. Sie sind lernbereit. Und auch dies: Sie sind bekanntlich, gerade aus Kirchenkreisen, sehr hilfsbereit. Auch für die Flüchtlinge. Mit ist nicht bekannt, dass auch nur im entferntesten irgendein AFDler aktiv positive Flüchtlingshilfe leistet. Falls ja, bitte melden!
11.
Religionen und Kirchen werden in dem Zusammenhang von der Autorin äußerst marginal erwähnt, sie sind für sie eher eine vergangene Gestalt gesellschaftlicher Präsenz, lediglich die Evangelikalen werden kurz gewürdigt. Bezeichnenderweise ist soweit ich sehe das wichtigste und zitierte Buch über Religionen für die Autorin das Buch von Martin Riesebrodt von 1990.
12.
Was mich am meisten erstaunt, mit welcher Naivität positiv gestimmt die Autorin mit dem Begriff des „Nationalen“ und der „Nation“ umgeht. Sie schreibt: „Die Identifikation mit der Nation war eine progressive, keine regressive Kraft“ (186, ähnlich auch 252). Die Identifikation mit einer Nation war und ist die Hauptursache für Kriege und Aggressionen: Man muss kei Fachhistoriker sein, um dies zu wissen. Erstaunlich, dass eine Soziologin sich zu solcher Verteidigung der Nation hinreißen lassen kann. Vielleicht hat sie etwas zu viel mit ihren Bekannten von der AFD verständnisvoll geplaudert…
13.
Schlimm finde ich auch die eher nebenbei geäußerte Meinung zur Holocaust-Erinnerung: Cornelia Koppetsch schreibt: „Als wenig hilfreich erweist sich auch eine Holocaust-Erinnerung, die in leeren Ritualen und monumentalen Denkmälern und auf das Singuläre (kursiv von Koppetsch) der Gräueltaten von Auschwitz und Treblinka gerichtet ist, während dem bis heute wirksamen kolonialen Rassismus sowie tief verwurzelten islamophoben Einstellungen weitaus weniger Beachtung geschenkt wird“ ( 252 f.). Dass Islamophobie zu wenig kritisiert wird genauso wie die koloniale Rassismus, ist wohl klar. Aber muss man deswegen die Holocaust-Erinnerung herunterspielen und falsch beschreiben, indem die Autorin von „leeren Ritualen“ und monumentalen Denkmälern spricht: Welche monumentalen Denkmäler meint sie eigentlich? Was ist „leer“ an humanen Ritualen, wenn Menschen voller Trauer auf dem Gelände ehemaliger KZs mit den wenigen noch Überlebenden ins Gespräch kommen und gemeinsam laut ein „Nie wieder“ sagen oder schreien?
Angesichts des zunehmenden aggressiven Antisemitismus in Deutschland und Europa (die AFD tut nur so, als wäre sie pro-jüdisch, um dann nur um so mehr anti-islamisch zu sein), sind diese Sätze von Cornelia Koppetsch nicht nur überflüssig, sondern falsch. Hat sie die Äußerungen von Herrn Gauland über die Nazi-Terror-Herrschaft mit der systematischen Ermordung von 6 Millionen Juden vergessen? Als dieser AFD Führer im Juni 2018 (!), also noch zur Zeit der Arbeit an dem Buchmanuskript, sagte: „Die NS Zeit ist nur ein Vogelschiss in der deutschen Geschichte“.
14.
Auch wenn einige Aussagen, sowie einige gut nachvollziehbare grundlegende Darstellungen etwa über Norbert Elias (206 f.) interessant sind: Abgesehen von der zweifellos zu bedenkenden und manchmal bedenklich arroganten Haltung der Liberalen und der Demokraten sehe ich in dem so ausführlichen Buch keinen bedeutenden Erkenntnisgewinn. Die politische Geschichte in Deutschland (und bei den europäische Nachbarn) ist im Zusammenhang des so genannten Rechtspopulismus und der AFD über die Erkenntnisse dieses Buches längst hinausgegangen, siehe die tiefe historische Zäsur durch den Mord an Walter Lübcke. Dieser Bruch in der Demokratie begann wahrscheinlich schon, als die NSU Morde geschahen und die deutsche Justiz Jahre lang geschlafen hat in der Verfolgung dieser Verbrecher.
15.
Das von Koppetsch angedeutete GIFT des Rechtspopulismus wird bereits heute mehrfach „eingesetzt“. Und zwar tödlich. Und die nun ja auch bereits zum Teil rechtslastige Polizei ist überfordert, angeblich. Und die Richter urteilen im Falle von rechtsextremer Gewalt meist sehr milde.
Das ist unsere Situation. Und da zeigt sich meines Erachtens genauso wichtige ZORN der Demokraten. Sie wollen in ihrem Zorn aber im Unterschied zur AFD eine bessere Demokratie. Und die Geltung der für alle Menschen geltenden Menschenrechte!

Cornelia Koppetsch, Die gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter. 283 Seiten, Transcript Verlag im Mai 2019, Taschenbuch 19,99 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.