Bittgebete verstehen. Sie sind meist unsinnig, manchmal noch hilfreich!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 1. März 2026

Vorwort:
Beten ist eine persönliche Poesie inmitten des Lebens und Leidens. Und Bitt – Gebete können hilfreich sein, wenn ich mich meiner persönlichen Poesie vergewissere, einer Poesie, die in aller Vielfalt den tragenden Sinns des Lebens und Sterbens in Worte fasst. Dieser bergende Sinn ist für christlich orientierte Menschen eine göttliche Wirklichkeit: „Die gute, wunderbare, ewige Wirklichkeit, in der wir geborgen sind“, um an Dietrich Bonhoeffers Satz – leicht variierend- zu erinnern. Aber: Bittgebete sind niemals Wundermittel.

1.
Es wird jetzt, wie immer in Krisen-Kriegszeiten, offenbar viel gebetet, viele Aufforderungen zum Bittgebet werden, von den religiösen „Führern“, dem Klerus, als hilfreich empfohlen. Papst Leo redet ständig von Bittgebeten. Er meint wohl, nach uralter „klassischer“ Spiritualität, Gott als „Person“ im Himmel förmlich „bestürmen“ zu können mit unseren auch politischen Wünschen. Wie Gott im Himmel dann die eingehenden unterschiedlichen Wünsche koordiniert, d.h.erfüllt, wissen die Fromme mit ihrer ganz unterschiedlichen Wunschliste natürlich nicht. Und niemand kann das wissen. Das heißt: Die frommen Bittenden glauben eigentlich selbst nicht daran, dass ihre Wünsche erfüllt werden. Sie gehen dann mit den immer wiederkehrenden Enttäuschungen relativ gelassen um: Es ist wie beim Lotto-Spiel, niemand ist erschüttert, wenn er auch diesmal nicht die richtigen sechs Zahlen getippt hat. „Dann halt beim nächsten Mal.“ Und es wird weiter um Frieden gebetet. Beten und Bitten kann gedankenlos werden…

2.
Das Bild eines allmächtigen und allwissenden Gottes im Himmel, der je nach Laune ins Weltgeschehen eingreift und plötzlich aus einem Kriegsverbrecher einen Pazifisten macht, dieses Gottes – Bild ist verstaubt und vergangen. Es macht aus dem Unendlichen und Ewigen förmlich einen Hampelmann, der sich abhängig macht von den jeweiligen Launen der Frommen: Fromme Russen beten für Putins Sieg, fromme Europäer beten zurecht für die Menschen in der Ukraine und die Niederlage Putins. Mein Gott, möchte man sagen, was soll Gott da alles erhören und richtig stellen, was Menschen in ihrer Freiheit zerstören.

3.
Bittgebete sind oft auch Ausdruck existentieller Hilflosigkeit. Aber diese Hilflosigkeit inmitten von Kriegen ist von Menschen verursacht, nicht von Gott im Himmel. Eine schöpferische göttliche Wirklichkeit hat die Menschen als freie Menschen erschaffen, das heißt mit Vernunft ausgestattet. Nur so können Menschen ihr Leben gestalten, sich aber auch aufgrund der Freiheit unsinnig und kriegerisch zerstörend austoben. Kriege sind Ausdruck von Freiheit. Wenn die Menschen, die Bürger aufpassen würden, könnten sie Kriegsherren wie Putin, Trump usw. doch wohl verhindern oder früh genug absetzen…
Das ist der Preis der Freiheit… Aber sind Menschen als Menschen denkbar, wenn sie unfrei wären?

4.
Und nun beten auch die Führer der US-Evangelikalen erwartungsgemäß wieder mal für ihren Führer und mit ihrem Führer Donald Trump, sie beteten vor laufender Kamera am 5. März 2026 für das Wohlbefinden der US Truppen und den Sieg der US Streitkräfte im Iran. Für das Leiden der „einfachen Menschen“ im Iran, im Libanon, in Israel usw. beteten sie explizit wohl nicht, diese Menschen sind als Opfer der Kriege doch nur „Kollateralschäden“, wie es in der Sprachen der Krieger heißt. LINK

5.
Beten für den Frieden kann nur bedeuten: Nachdenken, wie Frieden wieder möglich wird. Ausbildung zum Frieden und Lernen des gewaltfreien Widerstandes in den Gemeinden weltweit muss man als zentrale christliche Aufgabe verstehen. Diese ständige Arbeit am Frieden sollte auch ein Papst lehren und vorleben. Der Papst betet und bittet … und formuliert permanent sympathische diplomatische Friedens – Forderungen, oft verbrauchte Floskeln, als Chef des Staates Vatikan, genannt Heiliger Stuhl. Diesen „Heiligen Stuhl“ respektieren die meisten Diplomaten mit freundlichem Lächeln, aber dieser „Stuhl“ steht den Mächtigen immer nur im Wege, wenn sie ihre kriegerischen Untaten begehen. Kurz gesagt: Der Papst kann sich politisch nicht mehr durchsetzen, das Mittelalter ist vorbei. Ob der Papst als Papst das weiß? Als Papst müßte er sich um Wichtigeres kümmern: Christen zu Aktivisten des Friedens und der gewaltfreien Aktion ausbilden…
Die internationale katholische Friedensbewegung „PAX Christi“ hat in der Kirche einen marginalen Status, „Pax Christi“ gilt als eine Versammlung von Utopisten… und Spinnern.

6.
Wenn wir Bittgebete sprechen oder Bittgebete anderer uns berühren dann sollten wir aufmerken: Was kann ich, was können wir tun, um aus dem konkreten Elend herauszufinden? Bittgebete sind Aufrufe zur Reflexion, zur Selbstreflexion wie zum Nachdenken der vielen, die einen Hilferuf als Bitte, als Bittgebet, hören.

7.
Manches Leid und viele Leiden lassen sich nicht – zumal bei Krankheiten oder im Erleben von Naturkatastrophen – überwinden oder aufheben. In solchen Situationen haben Bittgebete vielleicht eine heilende Wirkung und Bedeutung: Sie erinnern die Bittenden, die Christen zumal, an die eine, alles entscheidende Basis (!) ihres Glaubens: Gott ist der tragende, der gründende Sinn im Leben, trotz allem. Gott oder die schöpferische Kraft ist „die gute Macht, in der wir Menschen uns geborgen glauben“, wie es Dietrich Bonhoeffer ähnlich formulierte. Das heißt: Der Christ weiß, dass er immer von Gott behütet ist, da braucht er nicht dieses oder jenes von Gott zu erflehen. Der Christ soll handeln – zugunsten des Friedens, der universellen Gerechtigkeit. Und nicht so viel Beten. Seine poetischen Talente kann der Christ auch anderweitig ausprobieren…

8.
Wann könnte trotzdem ein Bittgebet als meine Poesie sinnvoll und hilfreich sein? Wenn wir die Gewissheit haben: Alles droht unterzugehen, Humanität droht zerstört zu werden und mein Leben und unser Leben ist am Kipppunkt, also christlich gesprochen am Übergang in eine andere Wirklichkeit ohne leibliches Dasein. Also: Unter solchen Bedingungen können Bittgebete als Poesie hilfreich sein. Sie vergewissern den einzelnen seiner Verbundenheit mit dem Ewigen, das Neue Testament oder auch Meister Eckart und Hegel würden sagen: Sie geben dem einzelnen die Gewissheit, mit dem göttlichen Geist, dem ewigen Geist des Ewigen, verbunden zu bleiben. Das Bittgebet als persönliche Poesie hat also auch in einem neuen, vernünftigen theologischen und religionsphilosophischen Verständnis eine begrenzte, hilfreiche Bedeutung. Bittgebet, so verstanden, führt in eine Form von bleibender Geborgenheit, als Hoffnung über den Tod hinaus. Aber Hoffnung bedeutet immer: Handeln im Sinne der universellen Gerechtigkeit.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Mitschuldig am Krieg gegen die Ukraine: Die Russisch-orthodoxe Kirche

Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.2.2026

1.
Wer ist schuld am Krieg des russischen All-Herrschers Putin gegen die Ukraine? Da sind viele Argumente zu nennen, auch die bewussten oder unbewussten politischen Fehler westlicher (auch deutscher) Politikerinnen, sie haben u.a. aus ökonomischen Interessen Putin unterstützt und Geschäfte gemacht.

2.
Eine Organisation, die ohne Zweifel und sehr deutlich mitschuldig ist an den Verbrechen des Krieges Putins gegen die Ukraine ist die Russisch-orthodoxe Kirche mit ihrem Patriarchen Kyrill I. von Moskau an der Spitze. Das wurde vielfach nachgewiesen, auch im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin, auch von zahlreichen Religionswissenschaftlern und Politologen. Es ist der vor allem der oberste Führer dieser Kirche, der durch seine radikale Kriegs-Hetze für Putin die Glaubwüridgkeit dieser sich christlich nennenden Kirche beschädigt.

3.
Die Russisch-orthodoxe Kirche als mitschuldig am Krieg gegen die Ukraine zu nennen, ist unsere Pflicht, gerade am 22.2.2026, vier Jahre nach dem Kriegsbeginn Putins gegen die ganze Ukraine.

4.
Das zu betonen ist uns wichtig. Denn deutlich ist:
Diese Russisch – orthodoxe Kirche könnte grundsätzlich als einzige Groß-Organisation im Reich Putins ein starke Opposition sein und für das Ende dieses Angriffskriegs eintreten. Das macht sie aber nicht, von einzelnen Priestern dieser Kirche abgesehen, die sich kritisch äußern: Dann werden sie von ihrem Kirchen-Chef Kyrill bestraft oder müssen ins Ausland flüchten.

5.
Warum ist die Russisch-orthodoxe Kirche keine Opposition?
Diese Kirche ist zuerst russisch, das heißt gebunden an die Werte und Unwerte der russischen Nation und Kultur. Diese Kirche hat als obersten Wert also die Bindung an die Nation, und diese Bindung an die russische Nation wird seit Jahrhunderten von den russischen Herrschern definiert und durchgesetzt, von den Zaren, den Verbrechern des Stalinismus, von dem All-Herrscher und Kriegsherrn Vladimir Putin. Diese Kirche ist also eine Art kirchliche Folklore für die russische Nation. Ihre Liturgien werden von Popen (immer Männer natürlich) in der für die Allgemeinheit unverständlichen Sprache Kirchen-Slawisch zelebriert. Was man so Predigten nennen kennen kann: Die werden auf Russisch gehalten, haben aber nie einen kritischen Bezug zur politischen-sozialen Situation der Russen. Diese Kirche hat die Gläubigen nie gebildet, dass die Menschenrechte Teil des Glaubensbekenntnisses sind. Dass Demokratie die einzige politische Option der Christen ist…

6.
Diese Russische Kirche nennt sich ganz offiziell und ungeniert „orthodox“, das heißt rechtgläubig: Dabei könnte man ja denken bei dieser anspruchsvollen Selbstbezeichnung: Sie hält sich an die humanen, friedlichen Weisungen Jesu Christi hinsichtlich seines universellen Liebesgebotes. Aber der Titel „orthodox“ ist ein schöner Schein, wenn etwas Diakonie zugunsten der Armen geleistet wird, dann für Russen in Russland Wenn Missionsarbeit in Afrika gestartet wird, dann, um Putins Regime ideologisch zu stützen und zu „verschönern“. Patriarch Kyrill war einst Mitglied im kommunistischen KGB, wie sein Freund und Gönner Putin.

7.
Wir erleben in der Bindung der Russisch – orthodoxen Kirche an den Kriegsherrn Putin den totalen Niedergang jeglicher christlicher Werte. Diese Kirche ist also unorthodox, sie ist nicht christlich, wenn man an die Weisungen Jesu Christi denkt, diese Kirche ist eine hübsche vergoldete Fassade, eine staatlich gestützte nationalistische Propaganda-Maschine.
Dieses Abrutschen einer christlichen Kirche ins Nationalistische ist den West-Europäern bekannt, man denke an die „Deutschen Christen“ unter Hitler, an die total dem Faschisten Franco ergebene katholische Kirche Spaniens, an die Bindung französischer Katholiken – auch Bischöfe- an das Pétain – Regime usw. Wer viel weiter historisch ausholen will, denke an die Verquickung europäischer Kirchen mit den Kolonialreichen und dem Sklavenhandel. Mit anderen Worten: Diese sich christlich nennenden Kirchen sind stets in der großen Gefahr, ihr christliches Profil aufzugeben zugunsten des immer auch kriegerischen Nationalismus. Der ist für die Kirchenführer bequem und lukrativ, aber eine Katastrophe für die Menschen, die sich eigentlich noch als Gläubige und als Demokraten verstehen.

8.
Man glaube nur nicht, dass nun in der Russischen Föderation die kleine Minderheit der römischen Katholiken aktiv sich zur Opposition bekennt. LINK. Und man glaube auch nicht, dass die kleine Minderheit der evangelikalen Gruppen in der Russischen – Föderation oppositionelle Ambitionen hätte.

9.
Und man glaube auch nicht, dass der ökumenische Weltrat der Kirchen auch nur im entferntesten daran denkt, der Russisch-orthodoxe Kirche die Mitgliedschaft in diesem eigentlich ja doch wohl angesehenen ökumenischen Weltrat zu entziehen. Der Generalsekretär schwärmt seit Jahren vom Dialog mit dem Kriegstreiber KyrillI. Bewirkt hat er nichts, diese Kirche wurde aus dem Ökumenischen Weltrat nicht rausgeschmissen. Alle großen Organisation bestrafen Russland und seine Kriegstreiber, der Weltrat der Kirchen macht das nicht. Und nur wenige Christen in Europa scheint das stören. Dies ist auch eine Schande, die an diesem 24.2.2026 genannt werden muss.

10.
Wir haben am 8.2.2026 einen Beitrag publiziert mit dem Titel „Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist eine Putin-Sekte“, wir weisen noch einmal darauf hin. LINK

11.

Der Philosoph Hegel hat schon 1822 die orthodoxen Kirchen kritisiert: “Sie bleiben im Traum des Aberglaubens”, siehe unseren Hinweise: LINK 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-salon.de

Reliquien, alte Knochen, des heiligen Franziskus von Assisi werden jetzt in Assisi öffentlich ausgestellt

Die Verehrung des Toten im Katholizismus findet kein Ende
Ein Hinweis von Christian Modehn am 18.2.2026

1.
Nun werden also auch die Knochen des heiligen Franziskus von Assisi, gestorben vor 800 Jahren, öffentlich der Verehrung feilgeboten. Uraltes Gebein und sicher auch mittelalterlicher Staub können ab kommendem Wochenende in Assisi bestaunt, bewundert, verehrt werden. 350.000 Menschen haben sich bereits zur „Knochen-Show“ angemeldet, sie werden dann in der Basilika San Francesco zu Assisi angesichts der Reliquien ihre Bittgebete in den Himmel senden. (Siehe “Tagesspiegel”, 18.2.2026) Die offizielle päpstliche Mitteilung zur Knochenverehrung  des h. Franziskus von Assisi: LINK

2.
Keine Frage: Franziskus von Assisi ist eine der ganz großen Gestalten der christlichen Geschichte; seine Biografie zu studieren, ist immer inspirierend, zumal sein freundschaftliches Interesse für islamische Gläubige. Wichtig auch seine Kritik an einer viel zu reichen und viel zu mächtigen, gewaltigen Kirche der Päpste. Franziskus wollte arm sein, er lebte in seiner Person und mit der ersten radikalen Brüder-Gemeinschaft eine Kirche der Armen. Er musste sich dann aber dem päpstlichen Druck ergeben und integrierte sich als Ordensgründer offizieller Art ins päpstliche System…Nur die Waldenser hielten gegen die Päpste stand und wurden selbstverständlich verfolgt, aber ihre radikale Kirche lebt bis heute!
Franziskus jedenfalls hat auch als Poet einen Namen, man denke an seinen „Sonnengesang“.

3.
Dieser äußerst ungewöhnliche Mensch verdient also wirklich viel Beachtung. Aber nun, wieder, wie üblich im Katholizismus, werden Knochen und Staub-Reste, genannt Reliquien, den Neugierigen feilgeboten. Dieser Kult bringt kirchlichen und staatlichen Behörden viel Geld ein, man denke etwa auch an die Millionen Euro, die in San Giovanni Rotondo gespendet werden, am Grab, am offenen Sarg, des heiligen Scharlatans Padre Pio, des angeblich Stigmatisierten, der so gern seine angeblich blutigen Hände der verzückten Öffentlichkeit zeigte…LINK 

4.
Die katholische Kirche kann vom Folklorekult der Reliquien – Zurschaustellung genauso wenig lassen wie vom immer noch üblichen Ablass-UnWesen. Im Heiligen Jahr 2025 gab es den immer nich begehrten Ablass, im Jahr des Franziskus – Jubiläums 2026 wird es ihn ebenso wieder geben… Der etwas ramponierte Petersdom soll alsbald repariert werden, tatsächlich!

5.
Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) führt ausführlich ins kritische Nachdenken über den Katholizismus! Wir haben mehrfach auf die sehr richtige und nach wie vor gültige Katholizismus-Kritik Hegels hingewiesen. Einige Zitate aus einem unserem Hegel-Beiträge zum Thema bieten wir in Nr. 7.

6.
Unsere kritischen Hinweise sind natürlich innerhalb des Katholizismus wirkungslos, also eigentlich ziemlich sinnlos. Albert Camus tröstet mit seinem Wort: „Man muss sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen“…
Die Päpste und Prälaten machen also den alten blöden Zauber weiter, weil er immer noch Geld einspielt. Anstatt sich als Kirche und Kirchenführung, als Klerus, öffentlich intensiv zu fragen: Wie kann die Kirche im Sinne des Franz von Assisi heute arm werden, also sich kritisch aus den Klammern des Kapitalismus und Neoliberalismus auch in ihren eigenen Reihen befreien… da werden uralte Knochen feilgeboten, wie einfallslos und intellektuell erbärmlich ist das alles. Natürlich später werden, im Laufe des langen Franziskus – Jubeljahres, wie üblich viele sehr feierliche Messen gelesen und erbauliche Worte gesprochen, „wie immer“…

7..
Nun aber ein Auszug aus unserem Beitrag: Hegel und der Katholizismus:

Zentral ist für Hegel die Erkenntnis: Der Katholizismus ist für Hegel „stehen geblieben“. Er ist noch immer machtvoll vorhanden, aber er ist nicht „wirklich“, im emphatischen, im Hegelschen Sinn von Vernünftigsein! Der Katholizismus ist also durchaus „veraltet“, überholt, weil noch eingebunden in eine vom Geist und der Vernunft längst überwundene Erfahrung von Gott, Mensch und Freiheit.

Laien wurden im katholischen Mittelalters minderwertig betrachtet! Zentral für Hegels Katholizismus Kritik ist auch die Verehrung bzw. Anbetung der Hostie: Diese ist der verwandelte, trans-substituierte Jesus Christus, verwandelt in ein winziges Stückchen Brot. Und diese Hostie ist in eine goldene Monstranz gesetzt. Die Hostie als äußere und äußerliche also veräußerlichte Präsenz des Göttlichen hat für Hegel weit reichende Bedeutung: “Wenn aber einmal zugegeben ist, dass Gott in äußerlicher Gegenwart ist, so wird zugleich dieses Äußerliche zu einer unendlichen Mannigfaltigkeit…dass Christus da und dort, in diesem und jenen, erschienen ist…Allerorten werden also in höher begnadeten Erscheinungen, Bluteindrücken von Christus sich Vergegenwärtigungen des Himmlischen begeben…Die Kirche ist daher eine Welt voller Wunder… Das Göttliche erschient als ein vereinzeltes Dieses, also ein Ding, eine Reliquie etwa“. („Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte“, Meiner Verlag, Hamburg, 1968, Seite 823 f.).

Die Konsequenzen dieser veräußerlichten Frömmigkeit, die sich an wundersame Dinge, heilige Gegenstände, heilige Orte, heilige Personen, heilige Leichen, Reliquien usw. hält, sind für Hegel gravierend: Es gibt dann die entzückten, aber ungebildeten, dumm gehaltenen Laien, die sich an diese heiligen Dinge gewöhnen sollen. Und es sind die Kleriker, die diese veräußerlichte Form der Frömmigkeit fördern. Damals, im 19. Jahrhundert, begannen die umstrittenen Wallfahrten zum „Heiligen Rock“, der angeblichen Kleidung Jesu Christi.
Es wird also in der Sicht Hegels den Laien verwehrt, im eigenen Geist die unmittelbare Verbindung mit Gott zu leben. In seinen „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ sagt Hegel in dem Zusammenhang die durchaus bis heute aktuellen Worte: „Die Menschen sind keine Laien“ (S. 297), „die Laien sind (im Katholizismus) aber dem Göttlichen fremd“ (S. 454) und vor allem: “Denkende Menschen als Laien behandeln ist das Härteste“ (S. 297). („Theorie Werkausgabe“, Band 20, Suhrkamp, 1970). Großartige, aktuell relevante Wirte, man denke an das Hin und Her, an die bescheidenen Erfolge und die vielen Frustrationen des „Synodalen Weges“. Diese Katholiken laufen in ihrer Forderung nach einer wenigstens etwas demokratischen Kirche gegen die allerdicksten Mauern seit Jahrzehnten…

In der katholischen Frömmigkeit erscheint für Hegel „das Verderben, der Aberglauben überhaupt“ in der Verehrung von heiligen Orten, von heiligen Knochen. „Das ist Wunderglaube der ungereimtesten und läppischsten Art. Denn das Göttliche wird auf eine ganz vereinzelte und endliche Weise für ganz endliche und besonders Zwecke da zu sein gemeint…“ (S. 873). Hegels richtige Reliquien – Kritik – Erich Fromms Erkenntnis zur „Nekrophilie“ vorausgreifend – findet förmlich Unterstützung durch Jesus Christus selbst: Der Philosoph zitiert die Frage des „Auferstandenen“: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten“? („Vorlesung über die Philosophie der Geschichte“, S. 471, bezogen auf Lukas Kap. 24).

Das Geistvolle, das Lebendige, ist einzig eben nur beim Geistigen, beim Vernünftigen, zu suchen und auch zu finden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Papst Leo besucht am 28. März 2026 Monaco: Das sehr katholische Nest der Millionäre…

Was will der Papst ausgerechnet in Monaco? Etwa andere Millionäre bestaunen? Oder den letzten Staat erleben, in dem der Katholizismus Staatsreligion ist.  Warum eigentlich fährt der Papst nicht alsbald in die Ukraine?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 11.2.2026

Zum Monaco-Besuch des Papstes, angekündigt offiziell vom Vatikan am 17.1.2026, und der päpstliche Monaco-Trip wird (am 27.2.2026 LINK). für Samstag 28. 3. 2026 als fester Termin mitgeteilt, es ist jedenfalls, wie üblich bei Päpsten, eine “apostolische Reise”, diesmal ins Nest der Milliardäre: LINK 

Zur Sache:
Es gibt für kritische Religionsphilosophen sehr viel dringendere Themen. Dennoch muss wieder einmal auf die Politik des Papstes Leo XIV. hingewiesen werden, der sich alle Mühe gibt, zwischen „konservativ“ und „in bißchen aufgeschlossen, progressiv“ hin und her zu schwanken. LINK.

Warum um Himmels willen besucht Papst Leo XIV. im März 2026 ausgerechnet das Fürstentum Monaco? Das Fürstenhaus selbst versinkt in einem Sumpf von Finanzskandalen, wie Le Monde 2025 berichtete. Was hat der Papst in diesem Luxus-Nest der Millionäre und Milliardäre zu suchen?

Wenn der Papst, wie er selbst öffentlich macht, so viel und so oft für den Frieden betet und permanent in politisch nachweislich erfolglosen Bittgebeten Gott um Beistand bestürmt und auch nette Friedens-Deklarationen zum Krieg Russlands gegen die Ukraine von sich gibt: Warum besucht er nicht alsbald die Ukraine persönlich, so lange es die Ukraine noch gibt angesichts der entsetzlichen Verbrechen Putins? Aber nein, da muss er die Milliardäre in Monaco beehren. Die wiederum noch mal Riesen – Profit machen, durch die vielen Touristen, die aus Folklore – Gründen den Papst nun auch mal in Monaco sehen und bewundern wollen.

Eine solche Reise („Pilgerfahrt“) in die Ukraine wäre eine tolle politische Tat … und viel mehr als nur ein Symbol. Der Papst könnte bis in die ukrainische Grenze in Polen fliegen und dann direkt mit dem Zug nach Lemberg und Kyiv fahren. Warum macht er das nicht? Unsere Antwort: Der Papst will den Patriarchen Kyrill I. von Moskau, den Putin – Theologen (- Ideologen), nicht verärgern. Denn für die römische Kirche sind Verständigungen mit den theologisch in allermeisten Fällen verkalkten orthodoxen Kirchenführern auch jetzt immer höchst wichtig…Da will Rom sich nichts verderben. Und auch die Katholiken in der Russischen Föderation dürfen nicht in Not geraten durch eine deutliche Solidarisierung mit der Ukraine. Es ist auch bei Leo die alte päpstliche Masche lebendig, man denke an Pius XII.: Zuerst die Kirche retten, dann an zweiter Stelle, etwas, die bedrohten (nicht-katholischen) Menschen.

Einige Details zur Reise des Papstes ins Nest der Millionäre Monaco:

1.
Die nächste apostolische Reise wird Papst Leo XIV. Ende März 2026 ins Fürstentum Monaco unternehmen, so berichtet das „Presseamt des Heiligen Stuhls. LINK

2.
Im Fürstentum Monaco wird sich der Papst bestimmt sehr wohl fühlen: Der absolute Monarch Papst Leo XIV. wird sich bestens verstehen mit einem anderen Monarchen, mit dem sehr konservativen, sehr katholischen Fürsten Albert II. und seiner Familie. Dies wird also ein Treffen zweier bedeutender Herrscher von Kleinst – Staaten: Zwei Quadratkilometer „groß“ ist das Fürstentum, nach dem Vatikan der zweitkleinste Staat der Erde. Aber Monaco ist ein Steuerparadies mit 38.000 Einwohnern, von denen nur wenige gebürtige „Monegassen“ sind, viele Millionäre tummeln sich im engen Monaco und dem 4 km langen Küstenstreifen an der Cote d` Azur.

3.
Das weiß hoffentlich der Papst: Monaco ist ein bevorzugtes Land für Geldwäsche. „Im Juni 2025 wurde bekannt, dass die EU-Kommission plant, Monaco auf die Liste der „Hochrisiko-Drittländer“ zu setzen, Länder also, die die Anforderungen zur Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung nicht erfüllen – allen Bemühungen Alberts zum Trotz um ein besseres, „sauberes“ Image für den Ministaat an der Côte d’Azur, ein erklärtes Paradies für Reiche.“ Quelle: LINK: https://www.augsburger-allgemeine.de/panorama/monaco-gate-enthuellungen-ueber-fuerst-alberts-geheime-finanzgeschaefte-109210948
Die Augsburger Allgemeine berichtet weiter: „Der einstige engste Mitarbeiter des Fürsten, Claude Palmero, sagte laut Le Monde außerdem aus, dass das Vermögen der Fürstenfamilie über mehrere Umwege in Unternehmen mit Sitz in Panama angelegt sei: „Jedes Mitglied hat seine eigene panamaische Firma.“ Weitere solcher Unternehmen auf den Namen von Albert sowie seinen Schwestern Caroline und Stéphanie befänden sich auf den britischen Jungferninseln.
Darüber hinaus gibt es den Verdacht eines „Systems der Berechnung fiktiver Leistungen“, um Geld zu veruntreuen. Claude Palmero (lange Jahre engste Finanzberater des Fürsten) zufolge habe der Albert II. „häufig Bedarf an Bargeld“, um verschiedene Probleme auf diskrete Weise zu lösen, etwa „den Aufkauf kompromittierender Fotos“. Auch berichteten Le Monde sowie das Investigativmagazin Mediapart bereits über die mögliche Überwachung von Ministern, Beratern des Fürsten wie auch von Journalisten und einem Richter, der inzwischen Klage eingereicht hat.“

4.
„2018 betrug das Bruttoinlandsprodukt Monacos 6,087 Milliarden Euro und pro Arbeitnehmer 108.112 Euro. Damit ist Monaco nach Katar das zweitreichste Land der Welt. Die Immobilienpreise sind sehr hoch. 2018 betrug der durchschnittliche Kaufpreis 53.000 Euro pro Quadratmeter, bei einigen Luxusobjekten 100.000 Euro pro Quadratmeter.“ (Wikipedia, Monaco, gelesen am 11.2.2026)

5.
Ob der Papst auch die sehr vielen sehr luxuriösen Luxusyachten dort segnet, ist noch offen. Segnungen von Objekten aller Art sind ja bekanntlich eine beliebte Beschäftigung des katholischen Klerus.
Ist ein Treffen des Papstes mit Milliardären ausgeschlossen? Will der Papst Stellung nehmen zur These des Franzosen Proudhon: „Eigentum ist Diebstahl“? Vielleicht kommt Mister Trump mit einer Luxusyacht angerauscht? Offene, aber utopische Fragen…

6.
Von diesen Spekulationen abgesehen: Der Papst kann sich als Stellvertreter Christi auf Erden beim Fürsten Albert II. so richtig wohlfühlen: Der Katholizismus ist noch immer Staatsreligion, allerdings mußte trotzdem doch Religionsfreiheit zugestanden werden, damit sich der internationale Tummelplatz für die Sehr-Reichen nicht blamiert. Der Erzbischof von Monaco hat höchstes Ansehen und wichtige Aufgaben. Schließlich muss er am Nationalfeiertag (19. November) das „Te Deum“ in der Kathedrale anstimmen und dem großen Gott danken für den soooo katholischen Fürsten. Der Erzbischof hat auch die schöne Pflicht, die Kinder der fürstlichen Familie zu taufen. Die Fürstenfamilie hat übrigens einen eigenen Hof- Kaplan zu ihren Diensten, Symbol der Erinnerung, etwa an französische Könige im „ancien régime“.…
Jedenfalls gibt es bei so viel katholischer Privilegierung natürlich auch einen „apostolischen Nuntius“ in Monaco und einen Monaco-Botschafter im Vatikan.
Aber so hundertprozentig folgte Albert II. doch nicht der katholischen Moral: Albert hatte eine Geliebte, Nicole Costa, mit ihr hat er einen unehelichen Sohn Alexandre, für beide sorgt der Fürst sehr fürstlich, etwa durch ein luxuriöses Appartement in London, Kostenpunkt 8,5 Millionen Euro…Des Fürsten wahre Gattin Charlene durfte davon nichts wissen:
Das alles ist nicht Klatsch und Tratsch aus Fürstenhäusern, sondern nur ein kritischer Hinweis, welche Implikationen die Reise des Papstes in dieses Nest der Superreichen hat.

7.

Weitere Beispiele, die zeigen, dass der katholische Staat Monaco doch nun wirklich nicht total der katholischen Lehre folgt …, wenn es nämlich ums Geld geht:

Durch das in Monaco sehr gern gesehene Geld-Spiel und die Casinos wurden 530,5 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet, etwa in der Saison 2021-22 LINK: Monaco Hebdo: https://monaco-hebdo.com/actualites/societe/catholicisme-a-monaco/

Die Wochenzeitung „Monaco Hebdo“ berichtet am 12.9.2022 weiter: „Jede erwachsene Frau ist tatsächlich in Monaco autorisiert, sich zu prostituieren. Unter der Bedingung: Dass sie das auf diese Weise verdiente Geld nicht an Dritte weitergibt“ (so nennt man wohl die Zuhälter-Banden vornehm im Fürstenstaat) und :„unter der Bedingung, Kunden nicht in der Öffentlichkeit anzuwerben.“ Quelle: LINK:

Weder die Casinos werden nach dem Papstbesuch geschlossen noch die Prostitution aus dem soooo katholischen Fürstentum verschwinden.

Jedenfalls ist der Fürst so nett, sich an den Herrn Erzbischof von Monaco zu wenden, wenn es um die Anerkennung einer nicht – katholischen Glaubensgemeinschaft im katholischen Monaco geht. Denn so ökumenisch – tolerant ist man ja dort doch, schon der internationalen (atheistischen?) Besucher, Casino-Besucher und Prostituerten Kunden wegen.
Der Generalvikar des Erzbistums Monaco sagt in dem genannten Beitrag von „Monaco Hebdo“: „Wenn Vereinigungen mit religiöser Ausrichtung gegründet werden, informiert die Regierung das Erzbistum, das eine fachliche Stellungnahme abgibt, um die Entwicklung von sektiererischen Entgleisungen zu verhindern. Das ist jedoch nur sehr selten der Fall“.

Und wie finanziert sich die katholische Staatskirche in Monaco: Aufgrund der engsten Verbundenheit mit dem Fürsten zahlt der Staat, etwa für den Erhalt der Kirchengebäude. Kirchensteuern gibt es nicht. Die frommen und reichen Bürger und Freunde Monacos spenden aber gern. Die Spendefreudigkeit bei Kollekten, etwa in der Kathedrale, sei extrem hoch, berichten Augenzeugen.
Der Klerus wird vom Fürstentum bezahlt, viel besser als im bachharten Frankreich!!
„Caritas – Monaco“, die gibt es wirklich, diese Caritas hatte 2023 ein bescheidenes Budget von 224.000 Euro. Die offizielle Website: www.caritas-monaco.com.
Die Kirche der Millionäre und Milliardäre wird freundlicherweise 6.400 Euro für die Armen in Burkina-Faso spenden.

Nach dem Besuch im Luxus – Monaco kann der Papst dann wieder sehr leicht von der kirchlichen und päpstlichen Option für die Armen, etwa in Peru, schwadronieren…

8.
Jedenfalls nach außen ist das Fürstentum sehr katholisch, und der äußere schöne, korrekte, fromme Schein ist ja das Wichtigste im Katholizismus. Noch wichtiger für den Papst: Die zivile Ehe -Scheidung ist noch immer stigmatisiert, trotz gewisser Erleichterungen seit 1970. Bis 2009 war Abtreibung unter allen Bedingungen verboten. Trotz dieser „Liberalisierungen“ ist die Realisierung einer Abtreibung in Monaco selbst verboten, Frauen müssen ins Ausland ausweichen.

9.
Und vor allem wird sich Papst Leo XIV. so richtig freuen: In Monaco gilt die alte Hetero – Normativität, Ehe gibt es nur die zwischen Mann und Frau, die heute bei vernünftigen Menschen selbstverständliche „Ehe für alle“ ist ausgeschlossen. Damit steht Monaco im Kreis anderer „illustrer“ reaktionärer katholischer Staaten, etwa in Lateinamerika oderfundamentalistischer islamischer Staaten. Eine nette Gemeinschaft, in der sich die katholische Kirche bei diesem Thema befindet, aber das stört diese Kirche nicht…
Homosexuelle in Monaco können lediglich einen Partnerschaftsvertrag unterzeichnen, aber nur vor einem Notar, nicht im Standesamt!

10.
Am allermeisten wird sich der Papst freuen, dass in Monaco aktive Sterbehilfe aufgrund der politisch endlich einmal vollumfänglich realisierten katholischen Moral absolut verboten ist.

11.
Warum also diese Reise des Papstes ins Nest der Superreichen? KI weiß darauf eine Antwort: Die beiden sehr kleinen Staaten wollen wohl ihre -hoffentlich seriöse – finanzielle Zusammenarbeit verstärken, Denn beide verwenden den Euro, ohne zur Eurozone zu gehören. Beide Kleinst-Staaten unterliegen den Bewertungen von „Moneyval“, was sie dazu führt, ihre Bankvorschriften an die gerechten Normen anzupassen…(„Moneyval“ ist der Expertenausschusses des Europarates mit dem Thema: Bewertung von Geldwäsche und Terrorismus – Finanzierung).

11.
In jedem Fall sieht man bei dieser Reise des Papstes wieder deutlich: Das ist diese „Doppelrolle“, die geistige Spaltung, in der er sich befindet: Er soll als angeblicher, aber hoch verehrter „Stellvertreter Christi“ eine eminente spirituelle und theologische Wegweisung für die Glaubenden haben. ABER:Der Papst ist zur gleichen Zeit immer auch Staatschef, dem es in dieser Rolle eben nicht um Glaubenslehren im engeren Sinne gehen kann, sondern um knallharte Auseinandersetzungen mit Finanzen, klerikaler politischer Macht in den Staaten und immer auch um Geld.
Wer auch nur etwas die Papstgeschichte der letzten 800 Jahre kennt, der weiß: Meist ging es all den Päpsten zuerst um Geld und politische Macht und öffentliches Ansehen.

Die bisherigen spirituellen Äußerungen des Christus-Nachfolgers Leo XIV. kann man nur kläglich und floskelhaft und wenig kreativ nennen: Alles dreht sich letztlich bei ihm ständig um Bittgebete, die bekanntlich den Charakter des Aberglaubens haben und vor allem auch um seinen sooo hoch geliebten „Vater“ Augustin aus dem 5. Jahrhundert. Aber dessen Theologie sollte wegen der verheerenden dogmatischen Erfindung der Erbsünden-Theologie nun wirklich ad acta gelegt werden.

Das wird selbst ein Augustiner als Papst in einigen Jahren erkennen, hoffen wir. Schließlich dürfen ja die vielen wissenschaftlichen, auch theologischen Forschungen zum Wahnsinn/Unsinn der Erbsünde nicht völlig umsonst gewesen sein. Irgendwann wird auch der Vatikan die theologische wissenschaftliche kritische Forschung respektieren…. Doch wer wird sich in den Jahren dann in Europa noch für Kirche etc. interessieren?

12.

Wollen Sie eine vorläufige Einschätzung zu dieser Pilgerfahrt des Papstes ins Nest der Millionäre, nach Monaco?:

Diese Reise, selbstverständlich wie üblich als “päpstliche Pilgerfahrt” frisiert, ist überflüssig, falsch, unnötig, der falsche Ort, an dem sich ein Papst aufalten sollte, erholen kann sich Leo ja bekanntlich regelmäsißg bestens im Schloß Castel Gandolofo und seinen barocken Gärten… Mn sollte also also sagen: Diese Reise ist ein Skadal. Aber vielleicht bekehren sich ja die Millionäre und Milliardäre Moncaos nach dem Papstbesuch zum christlichen Glauben?  Im ganzen ist allein der Plan des Papstes, diesen winzigsten Luxus staat zu besuchen, eine Blamage für Papst Leo XIV. Wior schkagen als nächstes Reiseziel vor: Nicht nur die Jungferninseln, vor allem zunächst das hübsche Liechtentein, auch sehr, sehr katholisch…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

„Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist jetzt eine Putin-Sekte“ (Serguei Tchapnin)

Und: Die entscheidende Frage: Warum ist diese „Sekte Putins“ bis heute Mitglied im „Ökumenischen Rat der Kirchen“ in Genf?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 8.2.2026

Ergänzung am 12.2.2026: Kardinal Marx von München hat den Patriarchen Kyrill I. von Moskau als Häretiker, also als Irrlehrer, bezeichnet, und zwar im Umfeld der Sicherheitskonferenz in München. LINK.

Der ökumenische “Weltrat der Kirchen in Genf” hat sich zu diesem Schritt, zur Erklärung der Häresie des Patriarchen, nicht durchringen können. Warum wohl? Der Versuch einer Antwort in diesem Hinweis!

Auch in Russland selbst gibt es offenbar niemanden, der es wagt, Kyrill I. als Häretiker aus der angeblich rechtgläubigen (“Russisch-Orthodoxen”) Kirchengemeinschaft auszuschließen. Dies wäre wichtig, um einem Kriegstreiber jegliches Ansehen abzusprechen. Und vielleichrt auch dessen riesiges Finanz-Vermögen in Westeuropa mindestens einzufrieren…

Am 8.2.2026 veröffentlicht: 

1.
Die Zeitschrift „Le Grand Continent“ (aus dem bekannten, angesehenen Gallimard-Verlag, Paris) bietet erneut eine kritische Studie über den Zustand der Russisch-Orthodoxen Kirche unter der Herrschaft des Patriarchen Kyril I.. (bürgerlicher Name: Vladimir Goundiaïev)
Autor ist der Historiker Guillaume Lancereau, veröffentlicht wurde sein Beitrag am 31.1.2026. LINK

2.
Der Politologe und Historiker Guillaume Lancereau dokumentiert zunächst neueste Ergebenheits-Bekundungen Kyrills zur Putin-Herrschaft: “In seiner Predigt zur Epiphanie, gesprochen am 19.1.2026 in der “Kathedrale der Theophanie“ von Jelochovo (Moskau) sagte Kyrill: `Wir haben das Glück in einer Zeit zu leben, wo der Staatschef sich als orthodoxer, aufrichtiger Glaubender zeigt, er ist ein orthodoxer Führer, nicht aus Gründen des äußerlichen Protokolls, sondern wegen seiner tiefen Überzeugung: Es ist Vladmirir Vladimorowitch (Putin). Das alles bezeugt tatsächlich, dass ein Wunder Gottes sich ereignet hat. Durch das Gebet der Heiligen, der Marytrer, der Bekenner hat sich die Gnade Gottes über unserem Land gezeigt, das einst vom Atheismus gequält wurde`.“ (Übersetzung CM).
Das schwadroniert Patriarch Kyrill I., der einst unter der atheistischen Sowjetherrschaft Mitglied des KGB war (Sein Codename war „Michailow“) wie sein hoch geschätzter KGB-Kollege und jetzige Präsident Putin…

3.
Guillaume Lancereau weist in seinem Beitrag erneut darauf hin, dass diese Ergebenheit des Patriarchen gegenüber Putin seit langem öffentlich weltweit bekannt ist: Seit 2022 hat Kyrill etwa die „Spezialoperation“ (den Krieg Russlands gegen die Ukraine) sozusagen heilig gesprochen.
Am 7.Januar 2026 hat Putin eine Ansprache anläßlich des orthodoxen Osterfestes gehalten: „Sehr oft nennen wir den Herrn unseren Erlöser, denn er ist auf die Erde gekommen, um die die Gesamtheit der Menschheit zu retten.Und genau diese Mission ist es, die unter dem Mandat des Herrn die Krieger führen, die Krieger Russlands: Sie verteidigen die Nation und ihre Bewohner, retten das Vaterland und die Russen.“ (Übersetzung CM). Es fällt natürlich auf, dass Putin nicht etwa Jesus Christus namentlich als „den Herrn“ erwähnt, sondern nur allgemein von „dem Herrn“ spricht… dies weckt die Vorstellung, Putin sei eigentlich„der Herr“ heute“, der Erlöser der Menschheit!

4.
Der Beitrag Guillaume Lancereaus in „Le Grand Continent“ aus dem Gallimard Verlag, Paris, weist auch hin auf Serguei Tchapnin, einst enger Mitarbeiter des Patriarchates in Moskau, 2015 aber von Kyrill entlassen wegen, diplomatisch verschleiernd von Kyrill formuliert, „ungeeigneter Meinungen“.
Nun arbeitet Serguei Tchapnine kritisch über die russische Orthodoxie von den USA aus. „Von der Fordham University aus, einer US-amerikanischen Hochschule der Jesuiten, unterzeichnete Tschapnin als einer der ersten den Aufruf zum Ausschluss der Russisch-Orthodoxen Kirche aus dem Ökumenischen Rat der Kirchen vom 23. Juli 2022, so wikipedia über Serguei Tchapnine, gelesen am 7.2.2026. Siehe auch zur Entlassung Tchapnine durch Kyrill I: LINK

5.
Serguei Tchapnin, der Kenner des Russischen Kirche unter Kyrills I. Führung, betont: „Die heutige orthodoxe Kirche, wie sie von Patriarch Kyrill, Wladimir Putin und nun auch vom Auslandsgeheimdienst geprägt wird, ist nichts weiter als eine Art vulgäre para-religiöse Sekte […], deren wesentliche Funktion darin besteht, die nationalen und internationalen Interessen des russischen Staates auf unglaublich primitive Weise zu verteidigen. Was heute als russisch-orthodoxe Kirche bezeichnet wird, ist nicht mehr in der Lage, die orthodoxe Tradition als solche zu bewahren. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass sie im Wesentlichen erklärt, nicht mehr zur christlichen Welt zu gehören.“ (deep.com Übersetzung) (Französischer Originaltext Fußnote 1.)

6.
Guillaume Lancereau dokumentiert, wie der Patriarch von Moskau nach wie vor heftigste Attacken führt gegen den Ehrenprimas der Orthodoxie, den Patriarchen Bartholomäus I. von Konstantinopel. Aufgrund der absoluten Nähe und Verbundenheit Kyrills mit Putin betont Guillaume Lancerau: „Die immer offensichtlicher werdende Angleichung des Moskauer Patriarchats an die Strategie des Kremls gefährdet jedoch seine Beziehungen zum Rest der orthodoxen Welt. Zu Beginn des Jahres 2026 scheinen diese einen Bruchpunkt erreicht zu haben.“ (Deepl. Übersetzung). Französischer Originaltext: Fußnote 2.

7.
Am 12.1.2026 veröffentlichte das Patriarchat von Moskau eine besonders heftige Erklärung, berichtet Guillaume Lancereau, „darin wird der Ehrenprimas Bartholomäus als „Antichrist im Priestergewand“ bezeichnet. Die Kritik am Ehrenprimas aller Orthodoxen, Bartholomäus I.,wird politisch um so aktuell bedeutsamer, als nun vom Moskauer Patriarchat behauptet wird: Bartholomäus I. will in den baltischen Staaten die dort noch vorhandene offiziell – russische Orthodoxie auslöschen. Kyrill behauptet: „Auf die Initiative britischer Geheimdienste hin hat Bartholomäus, der in der Todsünde des Schismas versunken ist, eine gemeinsame Basis mit den Behörden der baltischen Staaten gefunden, um Unruhe in der russisch-orthodoxen Welt zu stiften.“ (Französischer Text Fußnote 3.)
Damit wird von Kyrill I. dem Kriegsherrn Putin eine Art religiöser Grund schon geliefert, doch bitte alsbald auch die baltischen Staaten von den dort agierenden Feinden Russlands zu befreien…

8.
Die kleine noch verbliebene demokratische Welt bemüht sich, durch Sanktionen Putin in seinem Krieg weiter einzuschränken.
Nur eine ziemlich bedeutende Organisation der protestantischen und orthodoxen Kirchen, die sich im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) in Genf versammeln, ist überhaupt nicht bereit, Sanktionen gegen ihr russisches Mitglied in dieser Organisation in Genf zu erlassen. Also diesen Kriegshetzer Kyrill I. und seine ihm offenbar total ergebene Kirche aus dem Weltrat ÖRK auszuschließen, selbst wenn das den ÖRK Gesetzen folgend etwas schwer sein sollte. Aber man kann sich hinter juristischen Problemen eines sofortigen Rausschmisses auch verstecken, indem man von Seiten des ÖRK permanent in gleichbleibender Naivität behauptet: Man wolle doch nur den Dialog mit dem Kriegstreiber Kyrill unbedingt fortsetzen. Dabei findet dieser so genannte Dialog mit Kyrill schon seit Jahren statt, der „Dialog“ hat den offenbar Kriegs-Theologen, den Patriarchen von Moskau, nicht zur Vernunft, zur Menschlichkeit, geschweige denn zu einer christlichen Haltung gebracht, die diesen Namen verdient.

9.
Es könnte geprüft und veröffentlicht werden, welche führenden Personen im ÖRK in Genf ein so starkes Interesse haben, dass dieser Patriarch und seine allmählich zur Sekte Putins verkommene Kirche noch immer offizielles Mitglied im ÖRK ist. Die Zahlungen des Russischen Patriarchats für den ÖRK in Genf sind doch wahrlich nicht so bedeutend. Und dass dieser künftige Patriarch, damals noch Erzppriester schon 1961 als KGB Mann im ÖRK in hoher Funktion tätig war, dürfte doch nur noch wenige zu Tränen der Dankbarkeit rühren…

10.
Eine nicht unbegründete Vermutung: Die Vorliebe Putins und Kyrills I. für Südafrika ist dokumentiert. Man kann auch daran erinnern, dass der heutige Generalsekretär des ÖRK, Pastor Prof. Dr. Jerry Pillay, ein Südafrikaner ist, also vielleicht in einiger gewissen Verbundenheit, Abhängigkeit, zur herrschenden südafrikanischen Politik steht? Zur Mission der Russen in Südafrika: LINK

11.
Dem ÖRK ist offenbar die Treue zu Patriarch Kyrill (dem KGB Priester einst) wichtiger als die entschiedene Parteinahme zugunsten des Ehren – Primas aller Orthodoxen Bartholomäus I. Auch diese Haltung darf man eine Schande nennen.

12.
Das Verbleiben der Russisch – orthodoxen Kirche des Patriarchen Kyrill im Ökumenischen Weltrat der Kirchen (ÖRK) in Genf muss eine Schande sein für die Menschen, die auch als Christen die Menschenrechte wichtiger finden als kirchenpolitisch – diplomatische, ökumenisch verpackte Glaubenslehren. Der Respekt des ÖRK vor dieser angeblich „alt-ehrwürdigen“ russischen Kirche mit ihrer ewigen Treue zum Zaren Imperium oder zu den Zaren des Kommunismus oder zum Zaren und Kriegsherr Putin ist eigentlich problematisch.

13.
Angesichts dieser Tatsache die theologische Frage: Was ist eigentlich alles faul und falsch an dieser sich orthodox nennenden russischen Kirche? Die etliche Jahrzehnte dauernde Mitgliedschaft dieser Kirche (jetzt Sekte) im Ökumenischen Rat der Kirchen hat offenbar keine Reformen, keine theologische Korrektur, bewirkt…was für ein blamables Ergebnis für den ÖRK.

14.

Schon am 23. JUki 2022 haben zahlreiche prominente Wissenschaftler, Theologen, Kirchenmitarbeiter aus aller Welt den “Ökumenischen Rat der Kirchen” (ÖRK) aufgefordert, doch bitte die Mitgliedschaft der Russisch – Orthodoxen Kirche in dieser doch eigentlich angesehenen Organisation ÖRK zu “suspendieren”. Die Führungsclique des ÖRK hat dem erwartungsgemäß NICHT entsprochen, bis heute, sie setzt naiv (?, sicher nicht) auf “Dialog” mit dem Kriegstreiber dem Patriarchen Kyrill I. Dieser Dialog über all die Jahre hat NICHTS gebracht, trotzdem setzt der ÖRK weiter auf Dialog mit dem ideologisch-theologichen Kriegstreiber Kyrill. Die Frage ist: Wer hatim ÖRK  sooooo ein riesiges Interesse daran, dass dieser Kriegstreiber und seine Kirche in Russland nicht isoliert werden??? Nach einem Sieg der Demokratie in Russland in einigen Jahren kann diese Kirche wieder Mitglied des ÖRK werden..Zum Dokument vom 23. Juli 2022: .LINK

Fußnote 1: „l’Église orthodoxe d’aujourd’hui, telle que la façonnent le patriarche Kirill, Vladimir Poutine et, désormais, le Service de renseignement extérieur, n’est plus qu’une forme de secte parareligieuse assez vulgaire […] dont la fonction essentielle est de défendre les intérêts nationaux et internationaux de l’État russe, d’une manière incroyablement primitive. Ce qu’on appelle aujourd’hui l’Église orthodoxe russe n’est plus capable de préserver la tradition orthodoxe en tant que telle. Qu’est-ce que cela signifie ? Cela signifie qu’elle déclare, en substance, qu’elle n’appartient plus au monde chrétien.“

Fußnote 2: „Mais l’alignement toujours plus manifeste du Patriarcat de Moscou sur la stratégie du Kremlin menace ses relations avec le reste du monde orthodoxe. En ce début d’année 2026, celles-ci semblent avoir atteint un point de rupture.“

Fußnote 3: “Sous leur impulsion, Bartholomée, embourbé dans le péché mortel du schisme, a trouvé un terrain d’entente avec les autorités des États baltes pour jeter le trouble au sein du monde orthodoxe russe.
Avec l’appui de ses alliés idéologiques, à commencer par les nationalistes et les néonazis locaux, il s’applique à arracher les Églises orthodoxes de Lituanie, de Lettonie et d’Estonie au Patriarcat de Moscou en attirant les prêtres et les fidèles vers des structures religieuses artificielles qui ne sont qu’une marionnette entre les mains de Constantinople.“
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Gerechtigkeit ist etwas Göttliches: Wenn ein katholischer Theologe den Kirchenfeind Proudhon lobt.

Ein Hinweis auf ein Buch von Henri de Lubac über Proudhon
Von Christian Modehn am 2.2.2026

„Revolution und Gerechtigkeit“: Für diese Ziele kämpft der radikale Philosoph Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) in seinem sehr umfangreichen Werk. Mit diesem rebellischen, heftig kirchenkritischen Denker beschäftigt sich objektiv, aber durchaus auch voller Sympathie der katholische Theologe Henri de Lubac in seinem Buch „Proudhon et le christianisme“.
Warum ist es wichtig, daran zu erinnern? Der Theologe veröffentlicht sein Buch unmittelbar nach dem Zusammenbruch der rechtsradikalen, faschistoiden Pétain-Diktatur. Eine denkwürdige Konstellation. Der prominente katholische Theologe zeigt den (französischen) Christen nach dem Ende des Pétain – Regimes: Die meisten Katholiken haben das Regime unterstützt. Hätten sie die Gerechtigkeit für alle als etwas Göttliches angesehen, wäre der Zusammenbruch der Republik, die Verfolgung der Juden und der Linken nicht möglich geworden. Also: Hätten sie den verschmähten antiklerikalen Philosophen Proudhon gelesen, was er über die Gerechtigkeit schreibt…

1.
Das Buch „Proudhon et le christianisme“ wird 1945 in den „Editions du Seuil“, Paris, veröffentlicht, ein Jahr nach der Überwindung der Herrschaft des Vichy-Regimes. De Gaulle ist am 26. 8.1944 in das befreite Paris einmarschiert.

Die Studie des katholischen Theologen de Lubac erscheint unmittelbar nach der Überwindung des antisemitischen, menschenfeindlichen, anti-demokratischen Pétain-Regimes. Aber die LeserInnen werden erstaunt sein, dass es nur einen einzigen winzigen Hinweis auf die Zeit dieses Nazi-ergebenen Regimes Pétain im Buch gibt: De Lubac widmet seine Studie einem Priester, einem Jesuiten, der in der Résistance aktiv war und von der Gestapo am 10.8.1944 ermordet wurde. Sein Name:  Yves de Montcheuil. Da veröffentlicht also der schon damals berühmte Theologe de Lubac ein Buch 1945 und verbindet das Thema nicht mit der politischen Aktualität. Das Buch “Proudhon et le christianisme” ist trotz dieser “politischen Abgehobenheit” wichtig. 

2.
Der Autor ist ein schon damals bekannter Theologe im Jesuitenorden: Henri de Lubac wurde geboren 20.2.1896, gestorben ist er am 4.9.1991. Im Jahr 1929 wurde er Professor für „Fundamentaltheologie“ an der Hochschule der Jesuiten in Lyon. 1938 hatte er das viel beachtete Buch „Catholicisme“ veröffentlicht. Darin plädiert er für ein großzügiges, weites Konzept des Katholischen in der heutigen Welt, „alles Menschliche in höchstmöglicher Liebe einschließend“, schreibt der Theologe Herbert Vorgrimler. (Quelle: FUßNOTE 1)
3.
Aber Liebe zu allen Menschen erfordert auch den Widerstand gegen Rechtsradikale, Antisemiten, Faschisten: De Lubac gehörte während des Vichy-Regimes des Marschall Pétain und seiner Nazi – Freunde zur Résistance in Lyon. Besonders zum „intellektuellen Widerstand“ derer, die den unmittelbar politisch Handelnden im Widerstand helfen, durch persönliche Unterstützung, auch durch theoretische Arbeiten: De Lubac war eng verbunden mit den eher kleinen Kreisen der katholischen Résistance, die sich in Lyon um die geheimen Widerstandszeitschrift „Cahiers du Témoignage Chrétien“ sammelten. Das Motto dieser – bis heute bestehenden – Zeitschrift: „Vérité et Justice quoi qu il en coute“, „Wahrheit und Gerechtigkeit, koste es, was es wolle“.
4.
De Lubac weiß aus eigener Erfahrung, dass nur ein kleiner Teil des Klerus und der „praktizierenden katholischen Laien“ das Vichy Regime aktiv bekämpfte. Die mehrheitlich „braven Christen“ (Mitläufer, Nazi-Freunde etc.) will er durch sein Buch daran erinnern: Der Philosoph Proudhon, zwar ein heftiger Feind der Kirche, stellt auf vorbildliche Weise das Thema der Gerechtigkeit für alle Menschen (zumal für die Menschen im Elend, in Armut) in den Mittelpunkt. Proudhon bewertet die Gerechtigkeit für alle Menschen so hoch ein, dass er ihr sehr deutlich in seinen zahlreichen Publikationen göttliche Qualitäten zuspricht. Die Christen haben also nach Meinung de Lubacs von einem antiklerikalen Gegner der Kirche zu lernen! Man möchte sagen: Trotz dieser Aussagen erhielt diese Proudhon-freundliche Studie des Jesuiten de Lubac die damals erforderliche „kirchliche Druckerlaubnis“.
5.
De Lubac arbeitete an seiner – übrigens leicht lesbaren – wissenschaftlichen Studie über Proudhon (316 Seiten mit zahllosen Belegen und wissenschaftlichen Verweisen) natürlich schon einige Jahre, also zu Zeiten der Herrschaft des Pétain Regimes. De Lubacs Erkenntnis ist eine Provokation für alle Katholiken, die Proudhon bisher als Feind Nr. 1, als Anarchisten, Kommunisten usw. bewerteten. Proudhon hingegen, in der Sicht de Lubacs, will die Religion keineswegs zerstören, sondern auf neue Weise retten, aber er will nicht die bestehende Kirche unterstützen: „Um die Religion wiederherzustellen, muss man die Kirche verurteilen.“ (S. 85).Und die Religion? Sie ist für Proudhon vor allem die Verehrung der göttlichen Gerechtigkeit! De Lubac schreibt ein eigenes Kapitel mit dem Titel: „Proudhon der Theologe.“ Das heißt: Er ist zwar antiklerikal, aber er verdient den Titel Theologe (S.112).
6.
Proudhon neu zu bewerten, ihn aus der üblichen oberflächlichen Interpretation eines „Anarchisten“ oder Atheisten und Kommunisten usw. zu befreien, ist für de Lubac eine theologische Verpflichtung. Denn durch die Hochschätzung der Gerechtigkeit für alle entsteht eine Art neue, große Ökumene: Sogenannte Antiklerikale haben eine tiefe, eine radikale Hochachtung für die Gerechtigkeit, das beweist die Résistance der Sozialisten, Kommunisten, Freidenker. Mit ihnen zusammen haben einige Christen in der Résistance gekämpft, warum sollte diese Gemeinschaft nicht weitergehen? Die „göttliche Gerechtigkeit“ verbindet doch unterschiedliche Menschen! Aber diese Gedanken wurden auch von einer auf sich selbst fixierten Kirche nach 1945 nicht weiter gedacht, schließlich waren ja nun die Kommunisten Feind Nr.1 der Kirche….
7.
Gerechtigkeit steht als Prinzip der Gestaltung von Welt und Gesellschaft an oberster, „göttlicher“ Stelle, betont also Proudhon. Und er zieht daraus die Konsequenz: Ein Christ, der sich nicht für die umfassende soziale Gerechtigkeit interessiert und einsetzt, handelt nicht entsprechend der Logik seines Glaubens (S. 221). De Lubac ist überzeugt: Diese Hochschätzung der Gerechtigkeit „kann man nicht anders als religiös qualifizieren“ (S.297). De Lubac meint sogar: Proudhon erlebe der Gerechtigkeit gegenüber sogar einen „Schauder des Heiligen“ (ebd.) Proudhon ist überzeugt: „Das Gerechte, das Schöne, das Wahre ist die Religion der Zukunft“ (ebd.). Letztlich will er das kirchliche Christentum in der modernen Welt durch die Idee der heiligen Gerechtigkeit ersetzen. De Lubac widmet darum ein eignes Kapitel der Bindung Proudhons an die Gerechtigkeit: „Adoration de la Justice“, „Anbetung der Gerechtigkeit“ ist der Titel (S. 294ff).
8.
De Lubac hat als Theologe durchaus Anfragen an dieses Konzept der göttlichen Gerechtigkeit. Etwa: Sollte nicht doch ein transzendenter Gott mit – bedacht werden, weil er diese Idee der Gerechtigkeit, die in allen Menschen letztlich lebt, „geschaffen“ hat? Denn Proudhon denkt selbst an den Schöpfer: „Gerechtigkeit als das Wesen der Menschheit ist förmlich etwas Angeborenes in der Seele der Menschen“ (S. 302). Angesichts dieser Erkenntnis muss Proudhon betonen: „Diese starke Idee der `angeborenen Gerechtigkeit im Menschen` bleibt ein Geheimnis“ (S. 313).
9.
Bis heute fällt auf: Katholische Autoren erwähnen NICHT in ihren Studien zu dem inzwischen offiziellen vatikanischen Theologen de Lubac dessen Buch „Proudhon et le Christianisme“: Nur ein Beispiel: LINK.
Hingegen war nicht-katholische Presse unmittelbar nach Erscheinen voller Lob: LINK.  www.persee.fr/issue/r1848_1155-8792_1946_num_37_172
10.
Die weitere theologische Entwicklung de Lubacs kann hier nicht dargestellt werden: Er hatte sich seit 1950 zu einem progressiven theologischen Störenfried entwickelt mit entsprechenden Bestrafungen durch den Vatikan (Lehrverbot etc..). Allerdings wurde er durch Papst Johannes XXIII. als theologischer Berater in das 2. Vatikanische (Reform-) Konzil berufen. Seit der Zeit allerdings verbreitete de Lubac eher offizielle, papstfreundliche akzeptable Positionen, wobei seine Interessen etwa für den Buddhismus etwas Besonderes bleiben. Papst Benedikt XVI. auch Papst Franziskus schätzten de Lubac, im hohen Alter wurde er noch zum Kardinal durch Papst Johannes Paul II. ernannt. Heute sind es eher konservative Theologen und Bischöfe, die den nun offiziell katholischen Theologen de Lubac verehren, von Auseinandersetzungen mit Proudhon und dessen Maxime „Eigentum ist Diebstahl“ ist von diesen konservativen Theologen nichts zu hören. Darum merke: Selbst anfänglich progressive Theologen (wie de Lubac anfänglich) werden zu Vertretern des offiziellen Lehr – Systems, wenn sie von Papst und Bischöfen integriert und belohnt werden…
Nun soll der Mann, der 1945 den Kirchenkritiker und Agnostiker Proudhon so sympathisch fand, auch noch „selig gesprochen“ werden, also als Fürsprecher im Himmel von Katholiken hier auf Erden angefleht werden, so beschloß es die Konferenz der französischen Bischöfe 2023. Ob dadurch auch Proudhon etwas in den Stand des Seligen gerät? Eher unwahrscheinlich!
11.
Posthum erschien eine Studie Proudhons über Jesus: „Jésus et les Origines du christianisme”, „Jesus und die Ursprünge des Christentums“. Darin interessiert sich der theologische Agnostiker und Kirchenfeind vor allem für die menschliche Person Jesu im historischen Umfeld. Schon seit seiner Jugend hat sich Proudhon für die Jesusgestalt interessiert. Ausführliche Darstellungen über Jesus bietet auch das Buch „De la justice dans la Révolution et dans l’Église” („Über die Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche“). Die Arbeiten über Jesus zeigen Proudhon als Bibelwissenschaftler, Soziologen und Philosophen. Der Theologe Gérard Bessière hat zu dem Thema ein wichtiges Buch veröffentlicht, das leider auch – in Deutschland – wenig Beachtung fand. (Fußnote 2)
12.
Unsere, von de Lubac inspirierte Erinnerung an Proudhon, an dessen Hochschätzung der Gerechtigkeit, ist natürlich keine „Seligsprechung“ Proudhons.
Wir wissen, dass er ein damals übliches, sehr enges Bild von Familie hatte, dass er die Homosexualität ablehnte und auch antisemitische Äußerungen in die Welt setzte.
Trotz dieser Begrenztheiten: Über die göttliche Gerechtigkeit lässt sich weiter nachdenken. Der Philosoph Omri Boehm zeigt in einer Interpretation des alttestamentlichen Mythos vom Untergang Sodoms: Gott ist selbst an die Gerechtigkeit gebunden, Gott steht nicht über der Gerechtigkeit: Darauf wird im Mythos Gott selbst von Abraham belehrt (etwa: Genesis 18).
In einer Besprechung des Buches „Radikaler Universalismus“ von Omri Boehm hat Christian Modehn geschrieben: „Da die Gerechtigkeit universell ist, steht sie auch über der Autorität der einen wahren Gottheit“ (zit. S. 53 in Boehms Buch). Diese über allem und allen stehende Gerechtigkeit ist entscheidender noch als Gott! Das in dieser Deutlichkeit zu sagen, ist sensationell, weil dann Gott nicht mehr der „Aller-Oberste“ ist. Es gibt eine Art „Gott über Gott“, und dies ist die universale Gerechtigkeit. Aber die zeigt sich in der Erfahrung der Menschen als eine nicht von Menschen gemachte und von Menschen verfügbare Wirklichkeit.“ Quelle: LINK
13.
Proudhon und sein Interpret de Lubac (1945) hätten sich über diese Erkenntnis des (an Kants Philosophie geschulten) Philosophen Omri Boehm sehr gefreut. Wir freuen uns, dass offenbar manche Erkenntnisse der Philosophie Proudhons doch nicht ganz verschwinden und aktuell eine Bestätigung finden.

Fußnote 1: Orientierung, Zeitschrift der Jesuiten, Zürich, 1970, S. 107
Fußnote 2: Gérard Bessière, Jésus selon Proudhon. La « messianose » et la naissance du christianisme, Paris, Éditions du Cerf, 2007, 484 p.

Fußnote 3: Zum Thema “Eigentum ist Diebstahl” (Proudhon) LINK

Fußnote 4: zum Thema: Superyachten – die obszönen Kapitalisten und Milliardäre, Hinweis auf ein wichtiges Buch:  LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Über Musik philosophieren: Ein Weg in eine andere, eine geistvolle Welt

Aspekte einer „Philosophie der Musik“. Von Christian Modehn

Ein Vorwort:
Über das eigene Musik – Erleben, die eigene Verbundenheit mit Musik in meinem, in unserem Leben kritisch und selbständig nachzudenken, also zu philosophieren, ist kein belangloses Hobby.
Wer über Musik philosophiert, versucht nach dem Hören der Musik, diese andere geistige Welt der Musik zu denken und zu beschreiben: Aber in fixierenden Begriffen lässt sich Musik als Erfahrung nicht „fassen“. Sie transzendiert die übliche Welt sprachlicher Äußerungen.
Unsere übliche Alltagswelt mit ihren üblichen Sprachen ist nicht alles. Im Hören der Musik als einem „Eintauchen“ in die Musik transzendieren wir die Alltagswelt.

Eine weitere philosophische Frage stellt sich: Bestimmt diese Fähigkeit des Transzendieren den Menschen wesentlich? Aber das ist ein anderes Thema.

1.
Philosophieren ist die lebendige Tätigkeit der Philosophie. Ohne Philosophieren keine Philosophie. Das gilt auch für eine Philosophie der Musik. Sie lebt als eigenes, „subjektives“ Nach-Denken über meine Erfahrungen mit der Musik und „in“ der Musik.

2.
Dieses immer subjektive Philosophieren über Musik ist etwas anderes, als global eine „Philosophie der Musik“ zu beschreiben und dabei, wie von außen, „die“ Musik zu analysieren, sie historisch zu betrachten, zu vergleichen, zu bewerten usw.
Philosophie der Musik heißt also: „Mein Philosophieren über meine „Musik – Erfahrungen“.

3.
Aber “meine Musik“ bedeutet bei jedem Menschen Unterschiedliches. Es geht um den Menschen als Musizierenden (Violine-, Piano-spielend usw.), als Sänger, im Chor oder als Solist; als Komponist oder als Dirigent, „nur“ als Musik – Hörender, im Konzertsaal, in der Oper, in der Kirche usw… Oder: Ein Mensch, Musik hörend und zugleich Musiker sehend in einer Life – Sendung im Fernsehen. Ob dieser Fernsehzuschauer die Musik „wahrnimmt“ oder abgelenkt ist von den Musikern, ist eine Frage…
Für mich gilt: Ich bin ein Musik-Hörender, CD – Einspielungen hörend, auf meinem Sofa liegend und: Die Augen sind geschlossen. Nur um diesen „Typ“ eines Musik – Erlebenden geht es hier.

4.
Unter allen geistigen „Produkten“ des Geistes in der Welt, die wir Kunst nennen, ist Musik etwas Besonderes, „aus der begrifflichen Welt“ Fallendes. Eine Sinfonie etwa ist zunächst etwas Fernes, durchaus Fremdes und Befremdliches. Wer im Hören der Musik mit der Musik mitlebt, kann aber Erfreuliches, Hilfreiches, vielleicht Tröstendes wahrnehmen, hören, erleben.

5.
Eine Komposition, etwa eine Mozart – Symphonie, lässt sich als Musik nicht mit Hilfe Künstlicher Intelligenz in irgendeine menschliche, begriffliche Sprache übersetzen! Während es natürlich möglich ist, einen deutschen Text ins Paschtunisch oder Tatarisch zu übersetzen.
Musik als Musik – Klang kann von KI nicht in begriffliche Sprache übersetzt werden.

6.
Die oft behauptete „Sprache“ der Musik gehört nicht in die Kategorie üblicher verbaler Sprache.
Musik in allen ihren Ausdrucksformen bildet eine einmalige, eine abgesonderte Kategorie von Sprache, wenn denn Sprache verstanden wird als Ausdruck, als „Objektivation“, des menschlichen Geistes.
Es wäre eine denkbare Möglichkeit, wenn ein Musiker auf den Vortrag einer Piano-Sonate musikalisch antwortet. Nur müßte dann die Bestätigung der Korrektheit der Antwort wieder musikalisch geschehen. Das wäre insgesamt ein sehr esoterisches Geschehen; es wäre für eine allgemeine Vernunft nicht mitzuvollziehen. Dieser innere-musikalische Dialog hätte und hat etwas Spielerisches. Musiker spielen ja ihre Musik…Wer Musikspiel hört, „spielt mit“…

7.
Bildet die Musik – als ganz eigene Art geistigen Ausdrucks – eine von allen sonstigen geistigen Aktivitäten getrennte Sonderwelt?
Dies ist sicher nicht der Fall. Denn Musik ist immer ein Erzeugnis menschlichen Geistes, Musik ist mit der geistigen und vernünftigen, allgemeinen Menschenwelt verbunden. Im schöpferischen Prozess des Komponierens handelt immer auch der begrifflich bestimmte menschliche Geist. Der Komponist zeichnet sich dadurch aus: Er hat die Gabe und die Fähigkeit zu einer über-begrifflichen Aussage, zu einer musikalischen „Aussage“. Jetzt kommt also das Wort „Aussage“ wie von selbst in das Beschreiben des musikalischen schöpferischen Prozesses. Auch Musik ist dann doch nicht fern oder absolut getrennt von allen denkbaren „Aussagen“ des menschlichen Geistes

8.
Über den schöpferischen Prozess der Komposition wäre weiter nachzudenken. Komponisten haben die Fähigkeit, in die eigene, selbst für den Komponisten abgesonderte Welt der Musik ganz einzutreten, in ihr zu leben und schöpferisch zu arbeiten („komponieren“). Ohne dass dabei der Komponist, etwa Beethoven im Komponieren der 5. Sinfonie, begrifflich denkt: So, jetzt muss ich mal ordentlich auf die Pauke hauen lassen, um meine Botschaft deutlich zu machen: „Das Schicksal klopft an die Tür.“ Mit diesen schlichten Worten wird ja manchmal populär das erste Motiv des ersten Satzes der Fünften den Unkundigen nahegebracht.
Der Komponist tritt in seine Musik-Welt und verweilt in ihr, er korrigiert bekanntlich seine Kompositionen oft, nach Kriterien, die den Ansprüchen seiner eigenen Musik – Welt selbst entstammen.

9.
Schwieriger ist es, über „Musik im Zusammensein mit begrifflichen Worten“ zu sprechen. Über „Kunstlieder“ oder Opern also. Wie passen Musik und Wort zueinander, wer dominiert da? Wir unterstellen den Komponisten der “Kunstlieder“, dass sie die Worte der Dichter treffend in Musik übersetzen. Dabei kann es von außen keine Kritik an dieser musikalischen Übersetzung geben: Denn der Komponist, etwa Franz Schubert, wird schon den richtigen Ton (die musikalische Übersetzung des Wortes) in seiner „Winterreise“ getroffen haben. Das müssen wir geradezu glauben, wenn wir Schubert hören.

10.
Ich begrenze mich im folgenden auf europäische, klassische Instrumentalmusik, die ohne Texte und Programme gestaltet ist.

11. Die entscheidende Frage ist für mich:
Wie und wann entsteht in meinem Hören dieser Musik meine Philosophie dieser Musik? Um einer Antwort nahe zu kommen: Zunächst sollten äußere Umstände beachtet werden: Bequemes Liegen oder Sitzen, möglichst keine Lärm – Störung von außen. Nur so kann der innere, der geistige-hörende Mitvollzug der Musik gelingen.

12.
Ich muss mit dem Beginn der musikalischen Aufführung hörend in die Musik eintreten, gesammelt, konzentriert, und in der Musik verweilen, die musikalische Aufführung als meine Gegenwart annehmen.
Ich muss jeglicher Versuchung widerstehen, begrifflich, also in Worten meines Bewusstseins, das Gehörte schon im Moment des Hörens zu beschreiben oder zu bewerten.
Ein einfaches Beispiel: Ich darf beim Hören starker Trompetentöne NICHT ins begriffliche Denken überwechseln und fragen: Was will der Komponist damit denn nun mit den Paukenschlägen sagen? Begriffliche Gedanken inmitten des Hörens zerstören den Mitvollzug der Musik. Ich verliere dann sozusagen den Anschluss im immer weiter nach vorn strebenden Gang der Komposition, ich kann also bei den begrifflichen Unterbrechungen schnell den „Anschluss“ verpassen.
Ein Musikstück aufgeführt und gespielt, ist immer eingebunden in die Zeit. Niemals kann das Eingebundensein der Musik in die Zeit-Struktur überwunden werden. Das macht Musik so ungewöhnlich und so schwierig, aber auch so einmalig unter allen Gestalten der Kunst.

13.
Ich kann beim Hören meine CD stoppen, und eine Stelle zweimal, dreimal wiederholend „nach“-hören. Aber dieses „Nachhören“ eines einzelnen Themas sollte nur nachträglich geschehen, wenn ich das ganze Stück gehört habe. Wichtig ist das Erst-„Erlebnis“ des ganzen Musikstückes. Nur wer das Ganze gehört hat, hat es wirklich wahrgenommen.
Das Eintauchen in das Ganze gilt bekanntlich für alle Kunst, auch für die Literatur, für die Teilnahme an einer Theateraufführung oder das Betrachten eines Gemäldes.
Das Betrachten eines Gemäldes unterliegt einer anderen Bindung an die Zeit: Das Gemälde als Gemälde, als starr hängendes Objekt, erscheint unverändert, es kann immer wieder je nach meiner Laune angeschaut werden. Es ist nicht ganz trivial zu sagen: Ein Musik-Stück ist als solches nie stets akustisch verfügbar. Bestenfalls ist es in meinem Gedächtnis stets präsent und „abrufbar“.

14.
Worte zur gehörten Musik finde ich erst, wenn das Musikstück beendet ist. Es entsteht eine Pause, eine Art Lücke zwischen gehörter Musik und meinen begrifflichen Gedanken. Diese stellen sich ein, weil mein Selbstbewusstsein, mein Geist eben nicht ganz „ausgeschaltet“ ist beim Hören der Musik. Selbstbewusstsein und Geist sind sozusagen nur etwas beruhigt, etwas stillgelegt, aber nach wie vor lebendig.
Die Kunst des Mitlebens mit der Musik im Hören eines Klavierkonzerts etwa, ist das musikalische „Mitgehen“ mit der Musik, es wäre vielleicht treffend, von einem Verschmelzen mit der Musik zu sprechen, das sich jeder begrifflichen Aussage entzieht. Erst wenn die Musik verklungen ist, vielleicht erst nach einigen Stunden, können wir begrifflich sagen, was sich mit uns im Hören der Musik ereignete,

15.
Manche Musikhörer begnügen sich in ihrer Musik – Interpretation mit kurzen, zweifellos irgendwie hilflosen Sätzen: „Das war aber erhebend“ oder nur „Das war toll“. „Gerade der Schlusssatz hat mich berührt“.
Können wir mehr und Tieferes über die gehörte Musik sagen? Manche professionelle, musikwissenschaftlichen Musik – Kritiker versuchen etwas Eigenes und schreiben: Die erste Geige hat ganz am Anfang viel zu leise eingesetzt und auch das Cis von der Oboe wurde nicht ganz getroffen. Solches zu sagen gehört nicht zu meiner Musik- Philosophie.
Worte zur gehörten Musik, die auf die eigene Existenz bezogen sind, gelingen erst, wenn ich dieselbe Musik mehrfach gehört habe. Wenn sie „meine Musik“ geworden ist. Erst dann gelingen manchmal Worte, die sich förmlich aus der Musik – Erfahrung selbst entwickeln oder sich an die Musik anschmiegen, immer aber von der Musik „erzeugt“ sind. Jeder und jede wird in dem Fall seine eigenen, besonders ans Herz gewachsenen und beschreibbaren Musikstücke nennen.

16.
Ich denke etwa an die „Gnossiennes“ von Erik Satie: Wie oft war ich überrascht, manchmal glücklich, über diese wenigen Töne, die ich schon gedanklich „mitspielte“. Nach dem Verklingen der Gnossiennes von Satie atme ich auf. Begeistert von diesen wenigen, bescheidenen Tönen, die freien Raum öffnen, etwas Weites zum Atmen, Raum zum Denken: Ich weiß dann durch diese Musikerfahrung der wenigen, der geringen Töne: Wie großartig ist das Wenige! Wie beruhigend das Minimale! Man möchte sagen: Vertreiben wir das Viele, das Bombastische, das Aufgeblasene, das Falsche…Dies muss ich sagen, auch wenn allmählich die Kompsitionen Erik Saties viel zu viel “abgegriffen” sind als Hintergrund-Sound in Filmen etc…
Manche Themen von Musikstücken bleiben in in mir, erklingen manchmal wie von selbst in unterschiedlichen Situationen: Nur ein weiteres Beispiel:Die ersten Sätze der beiden Cello-Konzerte (C-Dur und D-Dur) von Joseph Haydn melden sich bei mir oft, beruhigend, ermunternd.

In Stunden der Trauer, des hilflosen Zorns, etwa über verbrecherische Politiker, über den Wahnsinn der Rechtsextremen … höre ich gern: Die Sympohonie Nr. 3, op. 36, von Hendryk Gorecki, sein Werl hat den Titel “Symphonie der Klagelieder”…

Musikhören also eine Hilfe im Leben? Gewiss! Musik ist auf die Menschenwelt bezogen, sie wurde inmitten der Probleme dieser Welt erschaffen.

17.
Ruhiges, stetes, wiederholtes Musikhören der selben Werke hat eine heilsame Wirkung. Diese heilsame Wirkung stellt sich im Moment des Hörens ein und gilt bis zum Ende, wenn es still wird nach der Musik. Musik-Philosophie und Musik – Therapie treffen sich.
Aber erst, wenn ich nach dem Hören denke und sage: „Diese Musik führt mich ins Weite. Sie tröstet. Sie mahnt zur Einfachheit“:, erst dann, kommt das Eintreten in die eigene Welt der Musik an ihr Ziel. Und so entsteht die Leidenschaft, auch andere Musik, endlich auch „außereuropäische Musik“ zu hören.

18.
Es wird heute in Europa viel Musik, viel Klang, viel „Geräusch“, erzeugt und auch gehört, oft nur nebenbei gehört. Das „Nebenbei-Hören“ ist die Spezialität der Unterhaltungsmusik oder was man einst „Schlager“ nannte.Aber es ist der Lärm, die Aggressivität der vielen Geräusche, das Brüllen und Bohren und Hupen und Schreien, das ständige Plappern, das heute das Hören als Wahr- Nehmen von Musik so schwer macht.
Trotz oder eher wegen permanenter Musik – „Berieselung“ allerorten ist Musik heute sogar bedroht. Und die vielen hoch gefeierten Festivals und Sonderkonzerte, die Festspiele und die nur noch von Millionäre bezahlbaren Opern-Premieren in Wien, Paris, Zürich, New York…. zeigen: Musik ist auch vom Markt und dessen Gesetzen verdorben, weil Musik heute vorwiegend als „Event“ der Gesellschaft, also meist der angeblich sehr feinen Gesellschaft, zelebriert und als „Gewinn“ erachtet wird. Aber wie viel tiefe Langeweile ist die Voraussetzung für die Teilnehmer der Premieren, wenn sie denn zum fünften Mal wieder den „Tannhäuser“ in Bayreuth oder die „Entführung“ in Salzburg hören. Eine Musik-Philosophie wird als weiteres Thema eine Kritik des Musik – Konsums werden müssen.

19.

“Meine Musik -Philosophie” kann, wenn sie denn explizit wird, eine Orientierung werden in dem heute (und immer ?) verworrenen Zustand dieser verrückten Welt voller verrückt gewordener Politiker. Die die Menschen groß werden ließen, weil sie als Menschen und Gesellschaft nicht achtsam auf ihr eigenes Leben und das der anderen achteten, auf die Mensxchenrechte. Musik kann, in der Stille gehört, wieder an die Basis des menschlichen Daseins erinnern.

Unser Hinweis zu “Voices”  von Max Richter: LINK

Unser Hinweis zur Komponistein Claire M. Singer: LINK

Es gilt das Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.