Das Ende der Welt steht NICHT bevor

…. Denn der Antichrist wird noch aufgehalten: Durch das merkwürdige „Katechon“, d.h. das Aufhaltende oder auch „den“ Aufhalter….
Ein Hinweis zum „2. Brief an die Thessalonicher“ von Christian Modehn 21.8.2026.

Das Motto: Dies ist ein Thema, das uns bestimmte Rechtsradikale und libertäre Millliardäre jetzt aufdrängen. Anstatt das Elend der Milliarden Hungernder und Ausgebeuteter aufzuhalten, kümmern diese Leute sich um den Mythos eines Aufhalters, des „Katechon“. Dies ist ein Beispiel für den Wahn heutiger machtvoller Herrscher, die von einigen sogar noch „Eliten“  genannt werden. Wenn es diese biblischen Mythen nicht gäbe, dann, ja, dann würden die Genannten ohne den glanzvollen Mantel religiöser Mythen dastehen, vielleicht nackt, also wahrhaftig, also egoistisch – verblendet dastehen.

Der Skandal ist also, dass sich diese rechtsextremen Politiker und Tech – Milliardäre überhaupt mit dem Katechon spekulativ bzw. spinös befassen und nicht alles tun: Dass die Klimakastrophe – um nur ein Beispiel für heutige Katastrophen und Krisen zu nennen , „aufgehalten“ wird. Die Beschäftigung dieser Leute mit dem biblischen Mythos Katechon hat also etwas Überflüssiges, wenn nicht Perverses. Wir müssen trotzdem diesen mythologischen und neutestamentlichen Wahn verstehen. Welchen Wahn bestimmte Interpretationen der Bibel auch sonst erzeugen, wäre ein eigenes dringendes Thema.

Ergänzung am 26.8.2026: Wie geht die katholische Kirche heute mit dem Katechon um? Siehe dazu Nr. 23 in diesem Hinweis. 

………..

1.
Es gibt eine kurze Passage in einem eher marginalen, kurzen Text des Neuen Testaments und dort einen sehr speziellen mysteriösen Begriff. Er hat interessanterweise eine große und lange Wirkungsgeschichte, politisch wie religiös: Es ist der griechische Begriff KATECHON aus dem 2. Brief des Autors Paulus an die Thessalonicher, also an die Gemeinde der Stadt, die heute Saloniki heißt.
2.
„Katechon“ meint, kurz gesagt, den „Aufhalter“, was hält er letztlich auf? Das Ende der Menschheitsgeschichte und mit diesem Ende beginnt das von Christen ersehnte Reich Gottes. Dieses Ende ist also nicht nur das Sichtbarwerden der Wiederkunft Christi auf Erden, sondern auch der Sieg Gottes über den großen Feind Christi, den Antichristen. Von dieser gedanklichen Welt ist die frühe Kirche wenige Jahrzehnte nach dem Tod Jesu von Nazareth bestimmt.
3.
Der Autor Paulus des genannten Textes des NT behauptet also und schärft der Gemeinde ein: Dieses Ende der Welt als der Sieg Christi über den Antichristen steht NICHT bevor. Die Weltgeschichte als ein Kampf zwischen Guten und Bösen geht weiter…. Dank des aufhaltenden KATECHON.
4.
Immer wieder haben sich (schon mittelalterliche) Theologen auf diesen Aufhalter des Endes der Welt und ihrer Geschichte bezogen und sind dabei in den gegebenen biblischen Kategorien verblieben. Sie haben also nicht den biblischen Begriff vom ursprünglichen Inhalt entkernt und mit auch nicht das Katechon sowie auch das Ende mit neuen ideologischen Inhalten gefüllt.Diese inhaltliche Entfernung, Auslösung, des biblischen Inhaltes des Katechon findet nun seit einigen Jahren statt.
5.
Zahlreiche sehr einflußreiche Ideologen und Politiker rechter und rechtsextremer Fixierung in Deutschland, Russland und den USA sprechen also viel vom „Katechon“ und verwenden diesen ursprünglich biblischen Begriff als Stütze der eigenen Ideologie, ihrer feindlichen Politik und ihrer Ökonomie, die sich von jedem Respekt der universell geltenden Menschenrechte losgesagt haben.
6.
Unser Thema Katechon ist also alles andere als ein vielleicht nur esoterisches Thema für einige wenige „Eingeweihte“ oder Spezialisten, vielmehr wird der nun neu konstruierte Katechon Begriff als Antwort auf die globale Frage unserer Zeit verwendet: Auf welches Ende, auf welchen Untergang, steuert unsere Welt zu? Und wer oder was kann den Untergang noch aufhalten.
7.
Dabei ist für die rechten und rechtsextreme Ideologen des Katechon klar: Der Untergang der Welt geschieht nicht – wie im NT verkündet – durch ein göttliches Endgericht, sondern der Untergang ist ein von den Demokratien, den liberalen Staaten, den Menschenrechten herbeigeführtes Ende. Demokratien und Demokraten sind für den bevorstehenden Untergang verantwortlich, Demokratien und Demokraten mit ihren Werten des Pluralismus, Feminismus, Anerkennung der Rechten der Queers usw. muss man (also die Rechten und Rechtsextremen) aufhalten. sollen also der Untergang sein, behaupten diese Katechon – Interpreten. Wegen dieser Perspektiven, die auf einen Krieg innerhalb der Gesellschaft und auch auf einen Krieg der rechtsextremen Herrscher gegen die wenigen verbliebenen Demokratien hindeutet, ist die Auseinandersetzung mit diesem Katechon Begriff dermaßen relevant.
8.
Zunächst zum 2. Thessalonicher Brief selbst, dem Ursprungsort des Katechon – Begriffes: Historisch und kritisch arbeitende Bibel – Wissenschaftler nennen diesen griechischen Begriff „Katechon“,„schwebend, verrätselt“ nennen, sie betrachten ihn in der damaligen zeit als wenig prägnant, also als verführerisch für allerhand Spekulationen schon damals:LINK 
https://bibliographie.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/131536/Karrer_085.pdf?sequence=1
9.
Die zentrale Behauptung des „2. Briefes an die Thessalonicher“ ist, wie gesagt: Das Ende der Welt als das Gericht Gottes und der Sieg Gottes über den Antichristen wird vorläufig NICHT geschehen. Mit dieser Behauptung unterscheidet sich dieser Brief von anderen Texten des Neuen Testaments, die betonen: Das Ende stehe unmittelbar bevor, so etwa die „Offenbarung des Johannes“, auch „Apokalypse“ genannt“ ( siehe dort Kap. 1, Vers 3). So wird also auch ein Beispiel deutlich für durchaus widersprüchliche kirchliche Lehren bezogen auf das Ende der Welt. Der 2. Brief an die Thessalonicher wie die Apokalypse des Johannes gehören zum Kanon des NT, sie gelten also als „Gottes Wort“…: Sogar Gottes Wort ist also nicht eindeutig. Wie sollte es angesichts dieses Themas vom Ende der Welt und der Wiederkunft Christi auch anders sein.
10.
Der Brief des Autors Paulus, der „2. Brief an die Thessalonicher“, wurde etwa in den Jahren 90 bis 115 geschrieben, den Brief hat mit größter Wahrscheinlichkeit NICHT der Apostel Paulus (Autor des Römerbriefes etc…) verfasst. Zur Datierung unseres Textes siehe: Maarten J.J. Menken’s „2 Thessalonians“ , published by Routledge in 2002.
Im folgenden wird der Autor des 2. Thessalonicher Briefes Paulus von mir nur Autor genannt.
Unsere Zitate aus diesem Brief sind der Einheitsübersetzung „Die Bibel“, Herder Verlag, 1980, entnommen.
11.
Der Ausgangspunkt für den Zweiten Brief an die Thessalonicher: Die Christen dort waren nach dem Tod Jesu von Nazareth und der von ihnen geglaubten Auferstehung bzw. Himmelfahrt von der Frage heftig bewegt: Wann kommt dieser Jesus von Nazareth nun als der siegreiche Christus endlich aus dem Himmel wieder auf die Erde zurück? Denn, so glaubten sie, diese definitive und siegreiche Rückkehr habe ihnen Jesus zu seinen Lebzeiten versprochen, die Autoren der Evangelien lehren das.
Diese Erwartung der siegreichen Wiederkunft Jesu Christi auf Erden wird Nah – Erwartung genannt. Die Christen in Thessalonich haben sich in ihrer frommen Phantasie Details zusammen gereimt: Wenn Christus wiederkehrt, dann wird er sich zunächst mit dem Antichristen, also der großen feindlichen Gegenmacht, auseinandersetzen und diesen Antichristen schließlich besiegen. Gleichzeitig beginnt dann das Endgericht durch Christus bzw. Gott geleitet.
12.
Der Autor dieses Briefes muss die sehnsuchtsvoll die Wiederkunft Christi und damit auf das Ende dieser Welt spekulierenden Christen beruhigen, man möchte sagen von ihrem frommen Wahn befreien: Es ist in der Sicht des Autors falsch und schädlich, wenn Christen in Thessalonich glauben, das Ende der Zeiten sei bereits jetzt schon da. Das behaupten einige, die sich in Thessalonich als Lehrer aufführen. Der Autor unseres Briefes also schreibt: „Lasst euch nicht so schnell aus der Fassung bringen… wenn behauptet wird, der Tag des Herrn (also die Wiederkunft Christi) sei schon da“ (2,2). Und dann nennt der Autor des Briefes detaillierter die Abfolge der Ereignisse, die zum Ende der Welt als dem Sieg Gottes einst führen. Vor dem Endgericht und damit vor dem dann beginnenden Reich Gottes muss noch der Abfall der Menschen vom wahren christlichen Glauben stattfinden und sichtbar werden. Und dann muss auch „der Mensch der Gesetzlosigkeit“, der „Sohn des Verderbens“, sichtbar auftreten, „erscheinen“, wie der Autor sagt, er meint die Figur des Antichristen.
Im Endgericht werden dann die Guten, das sind die korrekt Frommen der Gemeinde, für gut befunden und gerettet, also ins Reich Gottes eintreten, in den Himmel. Und die Bösen, das sind die Irrlehrer und Feinde des offiziell gelehrten Christus – Glaubens, werden verurteilt und letztlich dem Verderben, also der Hölle, preisgegeben.
Der Antichrist, der „Gesetzwidrige in der Kraft Satans mit großer Macht“, wird viele Christen verführen, weil sie „sich der Liebe zur Wahrheit verschlossen haben“ (Vers 10), also der Liebe zu der von den Aposteln festgelegten christlichen Lehre: Beachtlich ist nur das Gottesbild des Autors: Gott selbst lässt die Menschen der Macht des Irrtums verfallen läßt, wie es in Vers 10 heißt: Gott selbst lässt also den dogmatischen Irrtum zu, der dann beim Gericht für die Irrenden zum Verhängnis wird.
13.
Der Autor aber will die Gemeinde vor allem warnen: Wer den Anbruch des Reiches Gottes und die Wiederkunft Christi bereits jetzt als gegeben ansieht, der hat überhaupt kein Interesse mehr, sich an die bislang übliche weltliche Ordnung zu halten, also Ruhe zu bewahren und den Alltag wie gewohnt zu gestalten, etwa regelmäßig zu arbeiten. In Kapitel 3 teilt der Autor sein hartes Urteil mit, und dieses muss im Zusammenhang des Katechon gelesen werden:Der Autor verurteilt aufs heftigste die Haltung: Wenn das Reich Gottes jetzt schon da ist, dann braucht auch niemand mehr arbeiten; das Reich Gottes wird von diesen Frommen als ein ewiges Leben ohne Arbeit phantasiert… Religiöse begründete Faulheit der Frommen wird also zurückgewiesen, siehe Vers 10 f.: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen. Wir hören aber, das einige von euch ein unordentliches Leben führen und alles mögliche treiben, nur nicht arbeiten. Wir ermahnen sie und gebieten ihnen, im Namen Jesu Christi, des Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr selbst verdientes Brot zu essen“. Wer an den Beginn des Reiches Gottes schon als jetzige Realität glaubt, legt sich also auf die faule Haut:

Eine Erfahrung auch im Sowjet – Kommunismus Stalins, der als ehemaliger Theologiestudent diese Briefe des Neuen Testaments wohl kannte: Er hat gegen Faulenzer im Kommunismus tatsächlich ein Zitat aus dem 2. Thessalonicher Brief – trotz des offiziellen sowjetischen Atheismus – in die Verfassung der UdSSR eingefügt: Dort heißt es: „Die Arbeit ist in der UdSSR Pflicht und Ehrensache jedes arbeitsfähigen Staatsbürgers nach dem Grundsatz: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“, so Art. 12 der „Verfassung der UdSSR“ vom 5.12.1936. (Artikel 12. Die Arbeit ist in der UdSSR Pflicht und eine Sache der Ehre eines jeden arbeitsfähigen Bürgers nach dem Grundsatz: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“; Quelle: LINK 
14.
Und man wird zeigen müssen, dass auch in christlichen Kreisen etwa in der frühen Kirche einige wächst enthusiastische Fromme die Arbeit verschmähten und sich etwa als Säulen Heilige auf die Säulen hockten und sich notdürftig von anderen versorgen ließen…Enthusiastisch fromm und enthusiastisch faul scheint sich zu reimen, das sah der Autor des 2. Thessalonicher Briefes schon..
15.
Wer ist nun eigentlich für unseren Autor derjenige, der über das Katechon, den Aufhalter der Endzeit, verfügt? Der Autor spricht von einer „festgesetzten Zeit“ (Vers 6), in der der Antichrist erst offenbar werden wird zum Endkampf gegen Christus. Wer kann über diese Zeit verfügen, sie fest setzen? Natürlich Gott persönlich, er ist also der Herr des Katechon.
16.
Vom „Katechon“ wird in anderen Briefen des Neuen Testaments NICHT gesprochen erwähnt, nicht Kolosser-Brief und auch nicht im Epheserbrief, auch nicht in den so genannten Pastoralbriefen des Neuen Testaments.
17.
In kurzer Hinweis zur Wirkungsgeschichte des biblischen „Katechon“. Dieser wirre Begriff des Neuen Testaments hat eine lange ideologische Geschichte. Dazu weisen wir erneut auf die wichtige Studie von Volker Weiß hin, „Katechon“, Cotta Verlag, 2026.
Im Mittelalter wurden politische Kräfte genannt, die das Katechon sein sollen, das Kaiserreich, politische Systeme…
Im 20.Jahrhundert hat der katholische rechtsextreme Denker Carl Schmitt eine Katechon-Ideologie heftig propagiert. Wikipedia schreibt: „In Schmitts posthum veröffentlichten Tagebüchern heißt es in dem Eintrag vom 19. Dezember 1947: „Ich glaube an den Katechon: Er ist für mich die einzige Möglichkeit, als Christ Geschichte zu verstehen und sinnvoll zu finden.“ (Glossarium, S. 63) Und Schmitt fügte hinzu: „Man muß für jede Epoche der – von meiner Gegenwart aus gerechneten – letzten eintausendneunhundertachtundvierzig Jahre den Katechon, den Aufhalter des Endes, nennen können. Der Platz war niemals unbesetzt, sonst wären wir nicht mehr vorhanden.“ (Quelle: LINK )
18.
In Kreisen der AfD ist der katechon Begriff üblich: Maximilian Krah meint, seine rechtsextreme Partei werde von Trump als dem Katechon geschützt (zit. in Volker Weiss, S. 11). Auch die rechtsextremen Identitären Sellner und Lichtmesz glauben: Der Kampf gegen die Massen der Flüchtlinge sei nur mit einem starken (natürlich rechtsextreme) Staat (als Katechon) zu gewinnen (S. 20). Der Milliardär Peter Thiel (USA) meint: Ein politisches libertären Katechon sei notwendig, um den drohenden weltweiten liberalen und demokratischen Einheitsstaat zu verhindern (S. 24). Vor allem müsste die d Kontrolle der neuen Hochtechnologie durch Demokraten und Demokratien verhindert werden (S. 25). Das libertäre Katechon im Sinne Thiels (und Musks und Zuckerbergs usw.) soll die Milliardäre in ihrer unkontrollierten Freiheit schützen: Das ist die theologisch gefärbte Ideologie dieser neuen Herrscher…
19.
Der böse Feind, vor dem das Katechon der US Milliardäre und ihrer politischen Freunde schützt, ist also die demokratische liberale Welt. Die Menschenrechte werden zum Feind, den es zu verhindern gilt. Wichtig sind auch die Erläuterungen von Volker Weiss zur Herrschaft der Katechon – Ideologie in Putins Russland, etwa beim Philosophen Alexander Dugin und der Russisch-Orthodoxen Kirche (Patriarch Kyrill I, als Putin – Ideologe). Russland muss als Katechon die ganze Welt vor dem korrupten und total verdorbenen liberalen Europa schützen; der russische Politologe Sergej Karaganov will deswegen russische Atomwaffen gegen das verdorbene liberale Europa einsetzen, sollte die Ukraine weiter als Bollwerk des Westens bestehen (S. 45). Zu unseren Hinweisen auf die sich russisch – orthodox nennende Putin-Kirche in Russland: LINK        Für Trump ist MAGA das Katechon, die MAGA Bewegung hält den Sieg der Liberalen auf, der Demokraten, der Linken, der Queers usw…
20.
Man darf sehr erstaunt sein, mit welcher Bravour Rechtsextreme verschiedener Staaten sich auf diesen abseitigen biblischen Begriff Katechon heute noch einlassen. Warum benötigen sie diesen frommen Mantel, um ihre eigene menschenfeindliche Ideologie etwas zu verstecken? Weil sich mit Gott und religiösem Zauber und religiös – spinösen Begriffen die dummen Bürger dieser Staaten noch auf die eigene Seite ziehen können!
21.
Und warum wehren sich die heute halbwegs etwas vernünftigen großen Kirchen nicht gegen den Missbrauch biblischer Begriffe, wie etwa des Katechon, das von jeglicher biblischer Bedeutung und jeglichem Inhalt durch die genannten Rechtsextremen entleert wird?
Wenn schon vom noch vom Katechon gesprochen werden soll, dann sollten die Kirchen darauf dringen: Redet auch vom bevorstehenden Untergang der Welt durch die jetzt offensichtlich werdenden Klima- Katastrophen (es sind ja wohl nicht nur Klima- Krisen); redet auch vom bevorstehenden Ende der Welt, weil die reichen Länder und die Milliardäre dort außerstande sind und keine Pillen haben, die vielen Milliarden Hungernder zu ernähren, den Rassismus gegenüber den Armen abzulegen, die Milliarden Elender aus dem Elend der Unbildung, der Wohnungslosigkeit, der medizinischen Nicht – Versorgung zu befreien. Die vielen Katastrophen sind also da, sie sind von Menschen gemachte Katastrophen, nicht von einem imaginären Antichristen. Oder ist dieses religiös-mythische Bild doch hilfreich? Niemand unter den Demokraten und vernünftig gebliebenen Menschen sollte es aber wagen, bestimmte Leute mit dem Antichristen zu identifizieren, so sehr man dazu eine gewisse Lust verspürt…Dann würde der Bürgerkrieg etc…beginnen…
22.
Jedenfalls müssen noch ganz andere Katastrophen beachtet werden als diejenigen, von denen die Rechtsextremen schwadronieren, um ihre eigene verbrecherische Herrschaft zu zementieren und auszubreiten. Für diese genannten anderen Katastrophen sind bestimmte Politiker, Ideologen, aber auch viele brave, aber ignorante Bürger in den reichen Ländern dann doch verantwortlich zu machen. Man kennt ihre Namen. Die Armen, Hungernden, Sterbenden, etwa im Südsudan, Kongo, Madagascar, in den Slums asiatischer oder lateinamerikanischer Großstädt, auf den Südsee- Inseln usw… sind für die Klimakatastrophe bestimmt NICHT verantwortlich… Es sind die Herren dieser Welt…

23.

Die katholische Kirche spricht heute eher nebenbei und eher indirekt vom Katechon: Im offiziellen „Katechismus der katholischen Kirche“ von 1993 wird in § 673 das Wort „aufhalten“ verwendet und damit an das Katechon erinnert: Die endgültige Ankunft bzw. Wiederkehr Christi , so heißt es dort, “kann jederzeit geschehen, auch wenn sie und die endzeitliche Prüfung, dir ihr vorausgehen wird, noch =aufgehalten= wird.“ Dieser Satz verwendet die bildhafte mythologische Sprache des Neuen Testaments förmlich wie ein Faktum. Das aber nur nebenbei, jedenfalls verweist Fußnote 3 in § 673 auf die entscheidende Katechon Aussage im 2. Thessalonicher Brief, Kap2, Verse 3-11. Auch vom `Antichrist ist im Katechismus die Rede: in § 675, auch dort wird wieder auf die Aussage des 2. Thessalonicher Briefes verwiesen.Viel wichtiger ist aber: Die katholische Kirche hält immer noch an einer umfassenden ENGEL – Lehre fest, in deren Mittelpunkt der Erzengel Michael steht: Er ist der gegen alles Dunkle und Feindliche kämpfende Fürst der Engel. Er ist also als Engel sozusagen der Aufhalter des Bösen. Die offizielle Website „Vatican News“ berichtet in dem Zusammenhang unter dem Stichwort Michael – Erzengel (Quelle: LINK ) von einem mysteriösen Erleben des Papstes Leo XIII im Jahr 1884 (der jetzige Papst Leo XIV. Ist laut eigener Aussage ein Verehrer dieses Papstes Leo XIII.
Vatikan News schreibt u.a.: Papst Leo XIII. sei am 13. Oktober 1884 während einer Messfeier für einige Minuten erstarrt: Und Leo XIII. erklärte später, er habe in diesen Minuten der Erstarrung eine furchtbare Vision gehabt: „Legionen von Dämonen“ hätten darin zum Sturm auf die Kirche angesetzt und sie nahezu zerstört. Doch dann habe der Erzengel Michael eingegriffen und das Schlachtenglück gewendet. „Aber ich sah, dass der Erzengel nicht sofort eingriff, sondern erst, nachdem aus aller Welt inständige Bitten zu ihm aufgestiegen waren.“ Das Gebet des Leo-Papstes ist mittlerweile fast in Vergessenheit geraten, doch noch Johannes Paul II. lud an einem Sonntag im April 1994 dazu ein, „es immer wieder zu beten, um Hilfe im Kampf gegen die Kräfte der Dunkelheit und gegen den Geist dieser Welt zu erlangen“.
Das Katechon in der katholischen Kirche sind heute die ENGEL, vor allem ist es der hoch verehrte Erzengel Michael, das wäre ein eigenes Thema: Man müßte diese Lehre in bis heute bestehenden und päpstlich anerkannten esoterisch – katholischen Vereinigungen wie dem „ENGELWERK“ (oder dem mit dem Engelwerk verbundenen offiziell katholischen Kreuz-Orden) weiter untersuchen; sowie auch im Zusammenhang der Erscheinungen der Jungfrau Maria auf Erden, etwa in Fatima 1917. Oder in La Salette 1846, einem französischen Ort der hoch-problematischen, wenn nicht verstörend-verwirrenden, aber päpstlich anerkannten Marien-Erscheinung und Marien – Wallfahrt seit dem 19. Jahrhundert…

24.

Ein vernünftiges theologisches Nachwort: Die katholische Theologin Prof. Marta Zechmeister, San Salvador, sagt: “Gott ist für mich die große Verheißung, dass die Schurken dieser Welt nicht das letzte Wort behalten – die, die über Leben und Tod anderer verfügen. Das ist keine Vertröstung auf ein Jenseits. Es ist die Weigerung, ihnen den Ausgang der Geschichte zu überlassen.“ LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Kontemplation – von Theodor W. Adorno wieder belebt und von einigen Theologen heute neu entdeckt

Ein Hinweis von Christian Modehn am 11.8.2026

1.
Kontemplation ist ein Begriff, der sich auf die religiöse Praxis im Sinne der mystischen Traditionen in den Kirchen bezieht. Kontemplation meint das Sich – Versenken der Frommen in die göttlichen Geheimnisse, die in der Bibel überliefert oder von der Kirchenführung gelehrt werden. Die Karmeliterorden nennen bis heute die Kontemplation als die wichtige Praxis ihrer Mitglieder, inspiriert von Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz. Aber auch für die Schweigeorden der Trappisten und Kartäuser ist Kontemplation zentral. Für „normale“ (Laien)-Christen ist Kontemplation in dem Sinne eine ferne Welt…

2.
Kontemplation wird im 20. Jahrhundert, mit einem säkularen, weltlichen Inhalt, eine Art Leitidee der PhilosophieTheodor W. Adornos. Dieser Wandel des Begriffs Kontemplation und der mit ihm gemeinten Praxis ist ein weiteres Element für das Verstehen unserer Gegenwart, also auch für uns kein Nebenthema.

3.
Die Säkularisierung von Begriffen aus der metaphysischen und religiösen Tradition interessiert uns sehr. Der Philosoph Martin Seel machte auf „Adornos Philosophie der Kontemplation“ schon 2004 (Suhrkamp Verlag) aufmerksam. Seel betont: Kontemplation ist für Adorno alles andere als ein Nebenthema.
Als junger Philosoph hat Adorno die Kontemplation zurückgewiesen und allen Wert darauf gelegt, dass Philosophie niemals einer „selbstgenügsamen Kontemplation“ verfallen sollte. Er dachte dabei an eine Kontemplation, die sich – abgeschieden vom Geschehen der Welt – der Betrachtung des Ewigen, Himmlischen etc. hingibt.

4.
Später, so Martin Seel, entwickelte Adorno die Kontemplation als das normative Kriterium für sein Philosophieren überhaupt. „Die These unseres Beitrags lautet, das es sich hierbei um das für Adornos Denken zentrale Kriterium der Bewertung menschlicher Zustände handelt. Kontemplative Erfahrung stellt die normative Grundlage seines Philosophierens dar.“ (S. 13).
Mit seinem Plädoyer, kontemplativ zu denken und kontemplativ zu leben, meint Adorno eine entscheidende Haltung: Menschen und Dinge in ihrer individuellen Besonderheit wahrnehmen, Sinn entwickeln für das Unwiederholbare im Leben, und den Tendenzen widerstehen, Menschen und Dinge nach dem Kriterium der Zweckmäßigkeit anzusehen und entsprechend „technisch“ zu verwenden.

5.
Kontemplation ist also, ein Geltenlassen und Sein -Lassen der anderen, der Menschen und der Welt. Vorausgesetzt ist dabei auch der Abstand von den Zwängen des Alltags und seines Tuns, also die Möglichkeit, auf die Dinge und Menschen kritisch zu schauen, ihre Einmaligkeit wahrzunehmen, mit ihnen in Kommunikation zu treten ohne den Gedanken an Herrschaft: Menschen und Dinge also zu pflegen und zu behüten. Martin Seel schreibt: „Die Fähigkeit, andere und anderes in ihre Sonderheit sein zu lassen, bildet der Prüfstein, an dem Adorno den gesellschaftliche Zustand misst.“ (S. 25). Ein sehr aktuelles, dringendes Thema: Wir denken an die Abwehr der Flüchtlinge, die Mauern, die Europa umgeben; die Rechtlosigkeit von Queers nicht nur in christlichen Staaten Afrikas.

6.
Martin Seel betont: Man solle nun bloß nicht Adorno insgesamt so interpretieren, als lasse er nur noch kontemplatives Verhalten gegenüber den Menschen und den Dingen als einzige menschliche humane Praxis gelten. Als bräuchten der Mensch und die Gesellschaft nicht immer auch das technische Tun, die Gestaltung von Welt und Gesellschaft, also das, was die Kritische Theorie „instrumentelles Verhalten“ nennt: Aber: diese Welt der Technik und Verwaltung muss immer von dem genannten Kriterium der Kontemplation kritisiert und in ihrer Allmachts – Tendenz zurückgewiesen werden!

7.
Die von Adorno beschriebene Kontemplation ist also eine jedem Menschen innewohnende „korrektive Kraft“ , betont Martin Seel (S. 38).

8.
Darin können sich die klassische metaphysisch – religiöse Kontemplation und die säkulare Kontemplation Adornos treffen: Kontemplation ist eine dem Menschen immer gegebene Möglichkeit, aus seinem Egoismus, seiner Fixierung auf instrumentelles Handeln herauszutreten. Kontemplation ist also klassisch wie für Adorno eine aus dem engen Ego herausführende, eine transzendierende Bewegung.
Nur: Die Klassische Kontemplation in den Kirchen, zumal in den „beschaulichen Orden“, meint eher die soziale und politische Aktion zurückweisende Haltung der Versenkung: Bitte immer im Schweigen, so die Ordensregel – in eine göttlich gedachte Wirklichkeit. Aber diese Tradition wird jetzt langsam überwunden.

9.
Man denke an die Erfahrungen des us-amerikanischen Trappistenmönchs Thomas Merton (1915-1968) , bis heute ein vielfach geachteter spiritueller Autor: Er konnte sich von den strengen Klosterregeln etwas befreien und ein Einsiedler – Leben auf seinem Klostergelände führen, das ihm dann gerade politisches Engagement für die Friedensbewegung in den USA gegen den Vietnam – Krieg erlaubte.
Der Trappistenönch Merton schreibt: „Kontemplation ist der höchste Ausdruck des intellektuellen und spirituellen Lebens des Menschen … Es ist spirituelles Wunder. Es ist eine spontane Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Lebens, des Seins. Es ist eine lebendige Erkenntnis der Tatsache, dass das Leben und das Sein in uns von einer unsichtbaren, transzendenten und unendlich reichlich vorhandenen Quelle ausgehen. Kontemplation ist vor allem das Bewusstsein für die Realität dieser Quelle“ (in Thomas Merton: New Seeds of Contemplation, Quelle: https://www.thomasmertonnyc.org/about-merton/explore/2016/7/5/the-contemplative

10
In der Befreiungstheologie (teología de la liberacion) heute wird die Kontemplation als politische Kraft entdeckt: Sie zeigt den Christen und den Kirchen, in den Armen und Unterdrückten eine göttliche Präsenz wahr – zunehmen: Also den absolute Bedeutung eines jedes Menschen, auch des Armen, politisch zu fördern. „Die Kontemplation Christi im leidenden Ausgestoßenen und geknechteten Bruder ist ein Appell zu tätigem Einsatz. Dies bildet den geschichtlichen Inhalt der christlichen Kontemplation in der lateinamerikanischen Kirche“, schreibt der chilenische Theologe Segundo Galilea 1974, zit. siehe Fußnote 1:

11.
Wenn sich die christliche Kontemplation erneuert und auf die übliche Weltflucht verzichtet, kann sie in lernbereite Kommunikation mit der säkularen Kontemplation treten: Ihr geht es auch um die von instrumentellen Interessen befreite Anerkennung der Menschen als Menschen… Kontemplatives Leben ist in beiden Gestalten von Kontemplation immer ein Kampf für die Menschenwürde und die Menschenrechte…Vielleicht sollten Christen öfter mal Texte von Theodor W. Adorno lesen.

12.

Einen Aspekt der Kontemplation bringt Adorno nicht zur Sprache, die kontemplative Stille, das Schweigen in der Kontemplation. Dann wird das Denken zu sich selbst geführt, zur Reflexion, zur Erkenntnis, was Dasein, was Leben bestimmt. Diese Kontemplation in der Stille, im Zurückdrängen allen Lärms, ist kein Dauerzustand, sondern auch eine Art Stärkung von Geist und Seele… um in die Alltäglichkeit der Auseinandersetzungen und in die gesellschaftliche Praxis zurückzukehren…

Fußnote 1:
Zit in: Christian Modehn, „Kampf – Kontemplation -Theologie. Eine Skizze“. In dem Sammelband „Befreiende Theologie“, hg. von Karl Rahner, Christian Modehn, Hans Zwiefelhofer, Stuttgart 1977, S. 27.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Alle haben die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Und sie tun es bereits!

Zum 13. August: Gedenktag der Errichtung der Berliner Mauer 1961.
Ein Hinweis von Christian Modehn

Das 1. Motto: „Es gibt auch eine soziale Theodizee, die danach fragt: Warum lassen Gesellschaften, die ihrem sozialen Selbstbild nach human und demokratisch sind, sinnloses Leid zu, obwohl sie über die Macht verfügen, solches Leid zu verhindern oder erheblich zu reduzieren.“ (Quelle: Siehe Fußnote 2)

Das 2. Motto: Wer heute, 2026, über den Bau der Berliner Mauer spricht, ohne zugleich ausführlich die Mauer – Bauer (gegen Flüchtlinge, Fremde, „Andere“ usw.) kritisch zu sprechen, ist aus der Zeit, der Gegenwart, gefallen. Das gilt auch für „Gedenkgottesdienste“ am 13.8.2026. (CM)

1.
“Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“. Sagte Walter Ulbricht, der Chef der DDR, am 15. Juni 1961. Zwei Monate später, am 13. August 1961, spaltete er mit dem Bau der Mauer die Stadt Berlin. West – Berlin wurde eine Art Insel, umgeben von Mauern und Stacheldraht. Die ganze DDR hatte nun mehr als bloß einen „eisernen Vorhang“.

2.
Die aktuelle Erkenntnis zum 13. August im Jahr 2026: Die DDR wollte 1961 ihre Bewohner an der Ausreise hindern, wollte niemanden rauslassen. Heute will Europa Flüchtlinge nicht mehr reinlassen, Europa ist zur Festung ausgebaut worden.

3.
Alle haben die Absicht, Mauern zu errichten“.
Die politischen Perspektiven der PolitikerInnen in Europa heute: Sie errichten seit 20 Jahren Mauern rings um Europa: Mauern aus Beton, Stacheldraht, Steinen, Frontex-Schnell – Booten. Mauern der immer rigideren Gesetzen zur Flüchtlings – Abwehr. Mauern des Hasses, lautstark und unverschämt propagiert von rechtsextremen faschistischen Politikern innerhalb der noch bestehenden Demokratien. Und: Ideologische Mauern der fundamentalistisch verirrten und verwirrten Frommen in den Kirchen, im Judentum, im Islam …die Liste weiterer Beispiele ist lang.

4.
Am 30. und 31. Juli 2026 erreichten 70.000 AfrikanerInnen und Afrikaner von Marokko aus die spanische Exklave CEUTA. Europas Politiker waren schon geübt, dieses Ereignis mit militärischen Begriffen zu deuten: Von Invasion war die Rede, von Ansturm, Überfall, Chaos. Diese „Horden“ der Eindringlinge wurden in Ceuta nicht elementar menschlich versorgt. Die Bevölkerung Ceutas und die ganze freie, Welt war glücklich, als die meisten schnell wieder nach Marokko zurückkehrten. Flüchtlinge aus dem Südsudan waren einige Wochen auf der Flucht: Im Süd -Sudan gibt’s eigentlich keine Überlebensbedingungen mehr, aber die demokratischen Staaten können nicht, wollen nicht, die herrschenden Verbrecher vertreiben.
Die mehrheitlich konservativen EU Politiker waren heilfroh, dass keinem Flüchtling von Ceuta Ende Juli 2026 die Flucht aufs spanische Festland gelang.
Nebenbei: Mit dem Bau der modernen Festungsanlage rund um Ceuta wurde schon 2005 begonnen. Jetzt wird mit vielen Millionen Euro weiter aufgerüstet, es wird ein besseres Frühwarnsystem installiert. Vor wem waren Frühwarnsysteme? Vor Flüchtlingen als Feinden, wie im Krieg!

5.
Es ist höchst merkwürdig: Soweit wir sehen, wird in den Medien kaum an die erste, ähnliche Flüchtlingsbewegung von Marokko aus nach Ceuta erinnert: Am 17. Mai 2021 ließ die Regierung Marokkos den Übertritt von etwa 12.000 Menschen in die spanische Exklave Ceuta zu. „Die marokkanischen Behörden ermutigten die Menschen eindeutig zum Gehen“, schreibt der Historiker Timothy Garton Ash (Fußnote 1).Der Grund für die „Großzügigkeit“ des marokkanischen Königs: „Seine Verärgerung über das Verhalten der spanischen Regierung gegenüber der Westsahara“, so Ash, (ebd. S. 285.)

6.
Die unerwartete Anwesenheit von mindestens 70.000 Menschen aus Afrika in der spanischen Exklave Ceuta am 30.und 31.Juli 2026 ist ein „historisches Datum“.

Die mehrheitlich rechts oder rechtsextrem orientierten Politikerinnen Europas nützen diese „Invasion der Fremden“ als Chance und entwickeln nun eine noch rigidere Flüchtlingspolitik. Sie vergessen wie üblich in ihrem Kampf gegen „die“ Flüchtlinge, dass Not, Armut und Ungerechtigkeit diese Menschen zur Flucht treiben. Dabei ist die Not für die meisten Menschen in Afrika mit-verursacht von der nach wie vor kolonialen Afrika (Wirtschafts -) Politik der EU. Anstelle einer gerechten (Wirtschafts-) Politik zugunsten der Armen werden in Europa Projekte entwickelt, abgewiesene Flüchtlinge in Lagern – etwa in Albanien oder Ruanda – unterzubringen. KZ-ähnliche Lager zur Abwehr afrikanischer Flüchtlinge finanziert die EU seit Jahren schon in Libyen. LINK
Die rechten und rechtsextremen PolitikerInnen der EU halten sich eher an die Herrscher – Cliquen Afrikas, man nennt sie in diesen Kreisen „Eliten“.
In Deutschland werden Abschiebungen von Flüchtlingen organisiert, Abschiebungen, die man,„Remigrationen“ nennen muss, durch den „christlich-sozialen“ Innenminister Alexander Dobrindt, Quelle: LINK.

Die zentrale Forderung der AfD, die „Remigration“ der Flüchtlinge, ist durch Minister Dobrindt (CSU) bereits Realität! Die AfD freut sich über diese Kollaboration.
Damit wir nicht von unverschämter Kritik belästigt werden: Wir sind nicht für eine totale Öffnung Europas „für alle“, aber wir bestehen auf den Standards, die in verschiedenen Menschenrechts – Erklärungen von europäischen Staaten und deren Bürgern eigentlich unterschrieben und eigentlich akzeptiert wurden, einst…

7.
Auch Kanzler Merz (CDU) hat den Brief der Neofaschistin und Ministerpräsidentin Italiens Meloni unterzeichnet: Darin wird die sozialistische Regierung Spaniens wird wegen der Ereignisse in Ceuta massiv angegriffen: Die letzte linke, in der Flüchtlingspolitik eigentlich etwas humane Regierung soll offenbar von Rechten und Rechtsextremen kaputt gemacht werden. Dabei folgte der spanische Ministerpräsident Sanchez einem gleichermaßen humanen wie auch wirtschaftlich sinnvollen Kurs: Bis jetzt irregulär in Spanien lebenden Lateinamerikanern wird eine Aufenthaltserlaubnis und einen Arbeitsstatus gegeben. Denn Migration ist für Europa keine Bedrohung, sondern eine zu fördernde Realität in unserer globalen Welt.

8.
Wir haben den fürs humane Leben wichtigen Begriff der Identität nicht vergessen. Die Identität eines Menschen bedeutet nicht die totale Abkapselung des Individuums, das Fixiertsein allein auf sich selbst. Das wäre der Abgrund des totalen Egoismus. Identität bedeutet für Menschen immer Verbundenheit mit anderen. Das Ich lebt nur dank der vielen Du, der vielen unterschiedlichen Wir in der Gesellschaft. Die Identität Europas ist nicht der abgeschlossene Nationalstaat, sondern das gleichberechtigte Miteinander der Verschiedenen, zu denen auch Flüchtlinge aus der Ferne, etwa aus Afrika gehören.
In einer globalen Welt können die EuropäerInnen, die vergleichsweise noch wie auf einer „Insel der Seligen“ leben, niemals wie abgekapselte Egoisten ein menschenwürdiges Leben führen. Sondern immer nur als Menschen, die das große Miteinander, das Wir, leben und lieben und die das Wir fördern, auch mit den „Anderen“ aus „anderen Kulturen“, den Flüchtlingen. Und die werden, gut respektiert und integriert, auch die Gesellschaft hier im wahrsten Sinne bereichern…

9.
„Alle haben die Absicht, Mauern zu errichten und die meisten tun es bereits.“ Diese leider zutreffende These, ein „Wortspiel“ mit dem bekannten Zitat Ulbrichts kann nur von Menschen (und PolitikerInnen) korrigiert werden, die den Egoismus der Reichen als die zentrale Verfehlung der Europäer (und Nordamerikaner…) erkennen und anerkennen. Der Historiker Timothy Ash betont: „Wenn sich die Kluft zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden infolge von Klimawandel, Bevölkerungswachstum und schlechter Regierungsführung weiter vergrößert, werden keine europäischen Verteidigungsanlagen mehr ausreichen. Immer mehr Menschen werden über diese Zäune klettern (das schreibt Ash 2022!)…Was wird Europa dann tun? Noch höhere Mauern bauen? Todesstreifen Anlagen? Menschen einfach ertrinken lassen?“
Die EU Politiker haben jedenfalls nach den „Ereignissen“ in Ceuta am 30.Juli 2026 fest versprochen: Die Grenzen noch viel sicherer, also unüberwindbar, zu machen. Die Festung Europa wird noch fester, fest versprochen.

10.
Ist die Errichtung einer Brandmauer durch die demokratischen Parteien in Deutschland gegen die AfD eine die Not wendende Mauer? Oder hat die AfD mit ihrer rechtsextremen Politik diese Brandmauer errichtet?
Das Problem ist: Sollen sich Demokraten gegen alle WählerInnen der AfD durch eine Mauer abgrenzen und gegen diese verteidigen, dürfen sie die AfD – WählerInnen isolieren und als „nicht zur Demokratie zugehörend“ betrachten? Oder sollte man sogar zwischen rechtsextremen AfD WählerInnen und bloß frustrierten AfD Wählern unterscheiden? Oder gilt die Ablehnung, die ein Brandmauer in diesem politischen Sinne meint, nur der nachgewiesen rechtsextremen Führung der AfD?
Immer wieder wird selbst noch im August 2026 – vor den Wahlen in Sachsen – Anhalt – ein Verbot der AfD gefordert: Wir meinen, diese ewigen Diskussionen kommen jetzt viel zu spät. Demokraten in Deutschland sind unfähig, antidemokratische Organisationen sehr früh, im Status des Entstehens, zu erkennen und zu verbieten. Und die Anhänger dieser Parteien zu überzeugen, dass es grundsätzlich keine Alternative zur Demokratie gibt, ohne dabei die Fehler der Demokraten zu verschweigen.

11.
Interessant ist, den Begriff Brandmauer als Fachbegriff der Architektur zu betrachten: Wikipedia schreibt: „Eine Brandwand oder Brandmauer (selten auch Brandschutzwand, früher auch Feuermauer und Brandgiebel) ist eine Wand, die durch ihre besondere Beschaffenheit das Übergreifen von Feuer und Rauch von einem Gebäude oder Gebäudeteil zu einem anderen verhindern soll.“ Längst hat der Rauch und das Feuer der AfD andere Gebäude, also andere Parteien, erreicht. Die AfD hat – mit anderen rechtsextremen Parteien und Organisationen – bereits das politische Klima vergiftet, die Schleusen von Hass und Gewalt geöffnet. In dieser Situation ist es gefährlich, in sogenannten Einzelfällen gelegentlich mit diesen Brandstiftern zu kooperieren. Wer einmal sagt: Die AfD ist nicht so schlimm, wird es auch bei weiteren politischen Entscheidungen sagen. Es gibt bereits eine Kooperationen etwa der CDU mit der AfD, etwa bei gemeinsamen Abstimmungen oder Absprachen, etwa in Kommunal- und Kreistagen..

12.
Wir haben vor einigen Jahren, 2021, unserer Erinnerung an den 13. August 1961, auch auf den Vatikan – Staat (auch den „Heiligen Stuhl“) mit seinen dicken, fetten und unzerstörbaren Mauern hingewiesen. Beton ist gar nichts dagegen. Diese Kirche hat sich seit Jahrhunderten schon an ihrem Stammsitz Vatikan, dem Ort aller päpstlichen Behörden, eingemauert. Obwohl Papst Leo XIV. sicher auch sagen kann: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten.“ Aber er bleibt bei den wie Beton wirkenden Dogmen (etwa zur Erbsünde) und hält an Beton – Traditionen fest (etwa das Zölibatsgesetz, das Nein zum Priestertum der Frauen usw.). Alle Offenheit und Freundlichkeit des Papstes wirkt eher wie gespielt, wenn nicht verlogen, solange er die Mauern seiner Kirche nicht abreisst, und das läge in seiner Allmacht… Aber das tut er nicht. Der Klerus will absolut nicht auf seine Vor-Macht niemals verzichten. Sie soll ja von Gott höchstpersönlich verfügt sein…LINK

13.
„Alle haben die Absicht, Mauern zu errichten und die meisten tun es bereits.“ Mit unserem Titel haben wir darauf hingewiesen: Die meisten europäischen PolitikerInnen und die ihnen folgenden BürgerInnen/WählerInnen aktualisieren in der „Flüchtlingspolitik“ auf paradoxe Weise das Statement des DDR Chefs Walter Ulbrichts: Auch heute wird jeder Politiker sagen: Er habe doch nicht die Absicht, Mauern um Europa herum zu errichten.

14.
Das Datum des Mauerfalls, 7. November 1989,  war in Europa offenbar nur ein kurzes Intermezzo der Freiheit und universellen Menschenrechte: „Der Mauerfall“ 1989 ist heute, 2026, nur noch ein poetisches, ein nostalgisches Wort in der realen Politik Europas und der USA, die überall Mauern errichtet…

Fußnote 1: Timothy Garten Ash, „Europa. Eine persönliche Geschichte“. DTV, 2023, S. 386.

Fußnote 2: Zit. aus dem sehr empfehlenswerten Buch „Hinter Mauern. Geschlossene Grenzen als Gefahr für die offene Gesellschft“ . Hg. Volker M. Heins und Frank Wolff, Suhrkamp, 2023, zit. S. 99.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

Wenn Lügen Leben zerstören

Ein kurzes Plädoyer für die Wahrhaftigkeit in Zeiten der Herrschaft der Lüge
Ein Hinweis von Christian Modehn am 3.8.2026

Ein aktuelle Vorwort:
Jetzt verbrennen riesige Flächen von Wäldern in Europa. Im wissenschaftlichen Vergleich: Immer öfter, immer stärker. Wasser wird in vielen Regionen sehr knapp, Flüsse trocknen aus, die Hitze tötet Tausende (alte und kranke Menschen sowie auch Tiere) und Pflanzen. Der CO2 Ausstoß wurde seit Jahrzehnten nicht wirksam reduziert, Politiker und die Herren der Ökonomie haben die wissenschaftlich begründete Wahrheit „Reduziert den CO2 Ausstoß“ sehr sehr oft ignoriert. Die meisten Menschen haben ihre üblichen Lebensgewohnheiten (Flugzeuge nutzen, Benzin – Autos fahren etc.) fortgesetzt. Die Wahrheit über die Rettung unserer Erde wurde also seit ca. 50 Jahren weithin ignoriert. Daraus folgt: Wer, wie etwa Mister Trump und Konsorten, die Wahrheit über den Klimawandel als eine Klimakatastrophe ignoriert, also weg – lügt, zerstört die Welt, zerstört das Zusammenleben, zerstört die Demokratie. Und ein offenbar ignoranter Kanzler Merz sprach am 15.Juli 2026 in der Bundespressekonferenz davon, er werde sich um die „Probleme des Wetters“ (sic) kümmern. Die Wahrheit der Klimakatastrophe ist Herrn Merz offenbar noch nicht vertraut. (Quelle: Etwa: ZDF, Heute Journal, 2.8.2026). Und die ganz den Interessen des Kapitals ergebene Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) meint sogar: Naturschutz sei im Zweifel als Hemmschuh für die Wirtschaft anzusehen.“ (Quelle Tagesspiegel, 3. 8.2026, Seite 5. Der vernünftige Umweltminister Carsten Schneider (SPD) betont: 25 Milliarden Euro betrage der jährliche Schaden durch die Trockenheit, wenn keine Gegenmaßnahmen getroffen werden“ (Tagesspiegel, 3.8.2026, S. 5)., Mit anderen Worten: Schon der finanzielle Schaden ist immens, wenn weiterhin die Wahrheit der Umweltkrise als Umweltkatastrophe ignoriert wird…

1. Auch Lügner beanspruchen die Wahrheit
Denken Sie diesen Gedanken: Die universell geltende, faktisch aber selten respektierte Forderung an alle Menschen: „Du sollst nicht lügen“, „Du sollst die Wahrheit sagen“ gilt nicht mehr, diese Wahrheit ist abgeschafft worden. Dann können alle Menschen je nach Belieben lügen, z.B. heute dieses und morgen anderes als Erkenntnis der gleichen Sache behaupten. Jeder und jede erfindet also – bei der Ignoranz gegenüber der Vernunfterkenntnis oder auch der Ignoranz gegenüber der „Stimme des Gewissens“ – je nach Laune immer neue Thesen: Die aber dann doch, um Aufmerksamkeit zu finden, als Wahrheit, als „meine Wahrheit“, propagiert werden müssen. Die nicht total zu vernichtende Idee der Wahrhaftigkeit können also die Lügner nicht auslöschen. Sie müssen für sich selbst und für andere ihre lügenhaften Behauptungen als ihre Wahrheit darstellen. Schon hier zeigt sich eine unauflösbare Verbindung von Wahrhaftigkeit und Lüge.
Lüge und Wahrheit bleiben selbst noch in einer umfassenden Lügen – Welt eng verbunden. Die Idee der Wahrheit lässt sich nicht kleinkriegen.

2. Richtig ist etwas anderes als wahr
Mathematische Wahrheiten können nicht außer Kraft gesetzt werden, sie gelten immer und überall. Die Leugnung mathematischer Wahrheiten würde die gesamte technisch – industrielle Wirklichkeit zerstören und damit Wohlstand und physisches Überleben unmöglich machen. Es wäre absolut unrealistisch, eine alternative Gemeinschaft aufzubauen, die zum obersten Dogma erklärt: Eins und Eins addiert ergibt Eineinhalb. Und eine andere alternative Gemeinschaft könnte aus purer Laune behaupten: Null plus Null ergibt zusammen eins.
Aber, wie gesagt: Schon aus technisch – praktischen Gründen muss mathematische Wahrheit gelten. Und wer dann in dieser mathematischen Welt korrekt, den Gesetzen entsprechend rechnet, der rechnet richtig, nicht etwa „wahr“. Richtig ist das korrekte Verhalten in einer gegebenen, in dem Fall mathematischen Wirklichkeit. Man wird im technischen Bereich niemals sagen: „Diese Autoreparatur ist nicht wahr,“ sondern: „Sie ist falsch“ oder auch: „Sie ist richtig.“

3. Faktencheck, weil so viele lügen
Wahrheit und Wahrsein sind umfassender als technische Richtigkeit. Wahrheit ist bezogen auf die geistige Sphäre, auf die Wahrnehmung von Welt, der menschlichen Gesellschaft, der Politik. Ist aber dort die Bindung an die Wahrheit abgeschafft, gilt Wahrhaftigkeit nichts mehr, dann kann es nur noch millionenfach Lügen geben, die alle in Konkurrenz und im Kampf um Vorherrschaft zu einander stehen. Diese Erfinder ihrer jeweiligen Lügen werden Kriege gegeneinander führen. Und es wird keinen Friede, kein humanes Zusammenleben, mehr geben: Denn nur die Bindung an die Verpflichtung, die Wahrheit zu sagen, kann als als Kriterium entscheiden, welche unter den vielen Thesen den Fakten entspricht und welche nicht. Dieser „Faktencheck“ ist das Eingeständnis, dass es doch Wahrheit gibt in der verwirrenden Vielfalt der Meinungen und „Wahrheiten“. Es gibt also in einer schon jetzt von der Herrschaft der Lüge vergifteten Welt das starke Bedürfnis zu wissen, was ist denn nun Wahrheit. Und die ist, wie gezeigt, mehr als rechnerisch – technisch korrekte Richtigkeit.

4. Lügen sind Nihilismus
Lügen zerstören humanes Leben: Nihilismus ist die Vorstellung, dass nichts gilt, dass Wahrheit nicht gilt, alles gleich -gültig ist, dass Gutes vom Bösen nicht unterschieden werden kann. Nihilismus ist das Resultat einer Herrschaft der Lüge und Lügner. Vaclav Havel, der tschechische Widerstandskämpfer, Literat und nach 1989 Staatspräsident in seiner Heimat, hatte seinen Überlegungen zur Lügen – Welt des Kommunismus/Stalinismus den Titel gegeben: „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ (1978). Inmitten des Verbrecher Regimes der kommunistischen Partei hat Havel gewusst, was Wahrheit, was wahres humanes Leben ist. Havel passte sich nicht an, wurde nicht zum Mitläufer, er wählte nicht den bequemen Weg wie die meisten in diktatorischen Regimen. Der Wahrheit folgen, in der Wahrheit leben: dies ist gefährlich, manchmal lebensgefährlich, das wusste Havel. Das wissen alle, die niemals auf Wahrhaftigkeit verzichten und in den Gulag der russischen Diktatoren damals und heute ums Überleben ringen, das wissen kritische Intellektuelle in dem Regime des Herrschers Trump, das wissen die Oppositionellen in der totalen Herrschaft Netanjahus und seiner faschistischen Minister oder im Regime der Mullahs usw…

5. Die Wahrheit immer und überall sagen?
Der Philosoph Immanuel Kant ist bei manchen Leuten in Verruf geraten, weil er in seinem Beitrag „Über ein vermeintliches Recht, aus Menschenliebe zu lügen“ (1797) sehr streng betonte: Niemals, unter keinen Umständen, ist Lügen moralisch zu rechtfertigen. Unser Zitat bezieht sich auf diesen Text (Fußnote 1): “Es ist also ein heiliges, unbedingt gebietendes, durch keine Conveniencen (Üblichkeiten) einzuschränkendes Vernunftgebot: In allen Erklärungen wahrhaft (ehrlich) zu sein.“ S. 227 f.). In seinem Beitrag will Kant nur das Eine sagen: Menschen dürfen um ihrer Menschlichkeit niemals darauf verzichten, an der Idee der Wahrheit und Wahrhaftigkeit festzuhalten. Diese Idee der Verpflichtung auf Wahrheit muss bestimmend sein, wenn die Gesellschaft, der Staat, wenn das Zusammenleben nicht durch die Herrschaft der Lüge völlig zerfallen und ausgelöscht werden soll.
Der Idee der Wahrheit kann der einzelne niemals vollständig und total entsprechen, aber er braucht diese Leit-Idee, um im Leben, im Suchen, im Forschen und Fragen ein Kriterium zur Verfügung zu haben, das wahre Erkenntnis von falscher trennen kann. Diese Leit – Idee der Wahrheit steht neben den anderen ähnlich strukturierten Leit – Ideen, dem Guten und dem Schönen: Auch sie sind Kriterien für ein humanes Leben: Niemand wird jemals absolut gut sein, vollkommene Schönheit wird niemals erreichbar sein: Aber niemand wird auf die Bindung an die Idee der Schönheit oder des Gutsein verzichten: Selbst ein Mörder kann sein – zum Beispiel fundamentalistisch – religiös motiviertes- Morden für sich als Gehorsam gegenüber seinem Gott irrigerweise sogar gut und wahr finden. Und selbst ein Fan von Kitsch – Gemälden wird noch unterscheiden können zwischen dem für ihn schönen Kitsch und dem unerträglich grellem Farben – Geschmiere anders orientierter Kitsch – Freunde…

6. Lügen als Ausnahme retten Leben
Man hat Kants Position weiter gedacht und behauptet: Er würde sogar für die Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit eintreten, wenn etwa die Nazis von einem Antifaschisten wissen wollen: „Haben Sie einem Juden in ihrer Wohnung Schutz gewährt?“ Natürlich darf dieser hilfsbereite Mensch NICHT die Wahrheit sagen, er darf nicht den Gesuchten der SS ausliefern. Denn der hilfsbereite Mensch kennt eine gegenüber der formellen Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit noch größere Wahrheit und sie reicht über die Konformität mit den geltenden Gesetzen hinaus: Das Leben eines Unschuldigen in einem Verbrecher – Regime zu schützen ist die höhere Wahrheit. Der Kant – Forscher Marcus Willaschek schreibt in seinem empfehlenswerten Buch „Kant. Die Revolution des Denkens“ passend zu unserem Beispiel: Der hilfsbereite Mensch habe mit der Lüge gegenüber dem SS Mann seiner richtigen Lebens – Maxime entsprochen und die heißt: „Ich will nicht lügen, es sei denn die Lüge ist das einzige Mittel, um ein großes Unrecht zu verhindern und verletzt keine berechtigten Interessen anderer Menschen.“ (Fußnote 2).
Moralisch ausschlaggebend ist in dem Beispiel, so Willlaschek, „die Verallgemeinerbarkeit dieser Maxime. Tatsächlich spricht nichts dagegen, dass diese Maxime (in unserem Beispiel die des hilfsbereiten Menschen) ein allgemeines Gesetz sein könnte.“ Und Willaschek betont: Es gibt also kein uneingeschränktes Lügenverbot.

7. Politiker als Lügner
Lügen kann – als reflektierte Ausnahme – DAS EINZIGE MITTEL sein, „um ein größeres Unrecht zu verhindern“. Diese sehr begrenzte, stets kritisch zu reflektierende Möglichkeit zu Lügen haben die zahllosen Lügen – Politiker und die einflußreichen Tech – Milliardäre total vergessen: Sie lügen und lügen, wie es ihnen gerade passt … und finanziell Vorteile bringt. Vorbild aller Lügen – Herren ist Mister Donald Trump, dessen Lügen innerhalb seiner Amtszeit schon gar nicht mehr gezählt werden können. Trump steht in einer Reihe mit den größten Lügner – Politikern der Gegenwart in Russland, China, Nord-Korea usw…Rechtsradikale PolitikerInnen in ganz Europa sind die MeisterInnen im Lügen, Im Verfälschen der Vergangenheit, im Einsatz falscher Behauptungen zur ökonomischen und politischen Entwicklung, zur Situation der Flüchtlinge und Ausländer.

8. Verlogenheit, Heuchelei, Sich-Verstellen….
Schwierig wird das Thema Lüge und Wahrheit, wenn man das Verschweigen der vollständigen Wahrheit betrachtet, also auch die Formen der Heuchelei, der Verstellung und der Verlogenheit. Gelegentlich kann das Verschweigen der vollständigen Wahrheit not -wendig sein, etwa im Rahmen diplomatischer Verhandlungen. Verschweigen bewegt sich in einer Art moralischen „Grauzone“, Verschweigen und Verleugnen wird ins Unmoralische abgleiten, wenn Verstellung und Verlogenheit zu einer Art Gewohnheit im Leben werden: Dann weiß der Betreffende nicht mehr, wer er selbst eigentlich ist. Auch Verlogenheit und Verstellung sind der Kritik der Leitidee Wahrhaftigkeit ausgesetzt.

9. Wissenschaftliche Wahrheiten verändern sich
Wenn wir von Wahrheit sprechen, ist die Bindung an die Wahrhaftigkeit gemeint und, wenn Wahrheit inhaltlich gemeint ist, dann meinen wir die universell geltenden Grundsätze, etwa die Menschenrechte.
Auch in Geisteswissenschaften gibt es Wahrheiten, die durch weitere Forschungen später ergänzt oder ersetzt werden. (Aber wir können uns heute nur an die inhaltlichen Wahrheiten halten, die heute wissenschaftlich plausibel sind, wir können uns natürlich nicht an die Wahrheiten halten, die nach weiteren Forschungen in 20 Jahren vielleicht gelten.

10. Wenn Religionen, wenn Kirchen lügen
Lügen und Wahrheit sind nach wie vor dringendes Thema der Religionskritik und Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie: Um nur bei einer der vorherrschenden Religionen, dem Katholizismus, zu bleiben: Da werden sogar noch von den heute herrschenden Klerikern bestimmte Bibelstellen gegen alle wissenschaftlich erwiesene Wahrheit fundamentalistisch gedeutet und in dogmatisch geltende Wahrheit überführt: Diese Ignoranz ist eine Form der Lüge, sie steht im Dienst der hierarchischen, angeblich von Gott höchstpersönlich gewünschten Klerus-Herrschaft. Beispiele dafür gibt es in großer Fülle: Man denke etwa an den angeblichen Befehl des historischen Jesus von Nazareth an seinen „Jünger“, den später Apostel genannten Petrus: Er sei der Fels, auf dem sich seine Kirche gründe (im Matthäus Evangelium, Kap. 16, Vers 8). Dabei weiß jeder, dass Jesus von Nazareth nicht im entferntesten daran dachte, eine Kirche zu gründen. Da wurde im Neuen Testament dem historischen Jesus eine Aussage unterschoben, die eigentlich als Lüge der Autoren des Neuen Testaments zu bewerten ist. Oder: Die Zulassung von Frauen zum Priesteramt wird damit von den Päpsten und ihren Theologen so begründet: Jesus habe nur 12 Männer zu Aposteln erwählt. Dabei werden im Neuen Testament selbst schon viele Frauen als JüngerInnen Jesu genannt. Trotz aller wissenschaftlichen Forschung, die Frauen als Priesterinnen auch in der katholischen Kirche für möglich und geboten halten, wollen die Kleriker auf ihre männliche Alleinherrschaft nicht verzichten. Und die Kleriker im Vatikan sagen: Na ja, es gibt doch einige Frauen in hohen Verwaltungsposten sogar im Vatikan…
Wie überhaupt der Vatikanstaat – historisch betrachtet – auf einer großen Lüge beruht: Man denke daran, dass die Päpste an die „Constantinische Schenkung“ glaubten, also an die Schenkung großer Gebiete Italiens durch den Kaiser, auch dann noch, als im 15. Jahrhundert der hoch gebildete Theologe und Historiker Lorenzo Valla nachweisen konnte, dass dieses angebliche Schenkung – Dokument Kaiser Constantins eine Fälschung aus dem 8. oder 9. Jahrhundert ist. Aber nur im Festhalten an dieser Lüge kann der Staat Vatikan überhaupt ein Existenzrecht haben. Bekanntlich war der Faschist Mussolini 1929 so freundlich, dem Papst wieder einen (winzigen) Staat zu gewähren.
So kann der Papst eben auch Staatsmann sein, mit allen Privilegien, man denke an das umfassende System der Vatikan- Botschafter, der Nuntien. Sie kontrollieren die Ortskirchen und melden etwa progressive Irrtümer und „Irrlehrer“ der jeweiligen Ortskirchen den Vatikanischen Behörden…
Es ist schon erstaunlich, dass eine Kirche, die, vernünftig betrachtet, auf Lügen beruht, selbst einen solchen Furor entwickelt hat und pflegt, ihre eigene Wahrheit gegenüber den „Ketzern“ auch mit Gewalt durchzusetzen…

11.Für die katholische Kirche (um nur von ihr zu sprechen) gehört die Lüge zur Ideologie, bei allem Furor der Durchsetzung der eigenen „Wahrheiten“

Es ist ein endloses, letztlich immer verstörendes Thema: Die katholische Kirche und ihre Bindung an dogmatische Lügen und politische Lügen. Aber die verbliebenen Katholiken stört das nicht so sehr, sie freuen sich, ihren Wunderglauben, auch ihren Glauben an die göttliche Erhörung ihrer Bittgebete usw… weiter pflegen zu dürfen. Wer wagt es noch, hier von praktiziertem Aberglauben in der katholischen Kirche zu sprechen? Aberglaube ist eine Lüge. Auch von der bewussten Ignoranz gegenüber Missbrauchstätern durch Bischöfe wäre zu sprechen, sie haben die Wahrheit verachtet zugunsten einer Kumpanei mit den Mitbürgern“, also ihre Kleriker als Missbrauchstäter gedeckt und verteidigt…

Fußnote 1: Immanuel Kant, „Zum ewigen Frieden und andere Schriften.“ Fischer Taschenbuch, 2008, S. 225- 231).

Fußnote 2: Marcus Willaschek, „Kant“. C.H. Beck Verlag, 2023, S. 106.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophisches Salon, Berlin.

 

Für einen Bischof in Uganda sind Menschenrechte wichtiger als Bibelsprüche und dogmatische Lehren

Erinnerung an Bischof Christopher Senyonjo, den Verteidiger und Beschützer der Homosexuellen in Uganda

Ein Hinweis von Christian Modehn am 22.7.2026

1.
Bischöfe loben: Das geschieht eher selten im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin. Denn für uns stehen Bischöfe wie alle sich religiös oder speziell christlich nennenden Menschen UNTER den Menschenrechten. Zuerst entscheidend sind die universell geltenden Menschenrechte, und dann danach die religiösen, christlichen Lehren, die mit Argumenten der Vernunft gelesen werden müssen.

2.
Heute müssen wir an einen Bischof der Anglikanischen Kirche im afrikanischen Uganda lobend erinnern: Christopher Senyonjo, emeritierter Bischof von Buganda, ist am 19.Juli 2026 im Alter von 94 Jahren gestorben. Bischof Senyonjo war die stärkste christliche Stimme, die mit allem Nachdruck die totale, auch gesetzlich fixierte Repression des Staates Uganda gegen Homosexuelle und alle Queers verurteilte. (Eine sehr ausführliche Würdigung dieses außergewöhnlichen Bischofs bietet Wikipedia, hier eine von Wikipedia angebotene Übersetzung, Fußnote 1).

3.
Es gibt noch eine Vereinigung „Sexuelle Minderheiten in Uganda“ (SMUG) und die „Association zur Verteidigung der Rechte der Homosexuellen (FARUG)“, die ausdrücklich an Bischof Senyonjo erinnern: “Er war eine seltene, großartige Seele, die nicht nur Liebe predigte, sondern sie jeden Tag praktisch lebte.“

4.
In Uganda nennen sich 80 Prozent der Einwohner Christen in verschiedenen Kirchen und Konfessionen. Seit 2023 herrscht in Uganda eines der repressivsten Gesetze gegen Homosexuelle. Und dieses Gesetz wird offen vom anglikanischen Klerus in Uganda unterstützt. Wie so oft behaupten auch die anglikanischen Feinde der universell geltenden Menschenrechte: „Homosexualität wurde uns Afrikanern von außen aufgezwungen, von Fremden, gegen unseren Willen und gegen unsere religiösen Überzeugungen“, so der oberste Kirchenchef der Anglikaner in Uganda, Stephen Samuel Kaziimba Mugalu. Eine Position, die auch von sehr vielen katholischen Bischöfen und Kardinälen vertreten wird, wie jüngst von dem weltweit schon bekannten Feind homosexuellen Lebens und Liebens, dem Kurien-Kardinal Robert Sarah, Rom, er stammt aus Guinea, über ihn haben wir schon oft berichtet. LINK.

5.
Aber Bischof Christopher Senyonjo dachte und handelte menschlich: Er wehrte sich – zumal als emeritierter Bischof – gegen die sogenannte „Therapie“ der „Heilung“ von Homosexualität, er eröffnete in der Hauptstadt Kampala ein Beratungszentrum für Homosexuelle als Hilfe und Zuflucht für Homosexuelle.
Die anglikanische Episcopal Church in den USA unterstützte ihn, während Bischof Senyonjo von seiner eigenen Kirche ihn Uganda ausgeschlossen wurde, weil er, so wörtlich, „offen die Lehren der Bibel zur menschlichen Sexualität entstellte.“ Bischof Senyonjo entgegnete: „Ich kann doch Homosexuelle nicht verurteilen, denn ich bin aufgerufen jedem Menschen zu dienen, vor allem, jenen, die marginalisiert sind. Man kann die Bibel doch nur in dem Zusammenhang von Homosexualität zitieren, wenn man genau den Kontext beachtet“, also sich von fundamentalistischer Bibellektüre befreit.

6.
2010 wurde in Uganda ein Foto in der Presse veröffentlicht: Es zeigt Bischof Senyonjo mit David Kate, einem der führenden Vorkämpfer für die Rechte der Homosexuellen. Der Kommentar der Zeitungen: „Diese beiden sind die wichtigsten Homosexuellen im Land. Ergreift sie“. David Kato wurde „ergriffen“ und einige Monate nach den Zeitungsberichten ermordet. Bischof Senyonjo sprach Gebete bei dessen Bestattung. Über David Kato: Siehe : https://www.bbc.com/news/world-africa-12295718

7.
Es geht in den christlichen Kirchen Afrikas heftig gegen die Rechte von Homosexuellen. Die Anglikanische Weltgemeinschaft droht deswegen zu zerbrechen: die anglikanischen Feinde der Menschenrechte in Afrika nennen sich „orthodox“, rechtgläubig. Sie wollen eine eigene afrikanisch-anglikanische Allianz bilden. Offenbar ist es den vernünftigen Anglikaner in England oder in den USA nicht gelungen, ihre lieben Mitbrüder in Afrika von der Vorherrschaft der Menschenrechte vor allen dogmatischen Lehren zu überzeugen. Dann sollen diese „orthodoxen“ Anglikaner doch ihren eigenen Weg gehen. Jedenfalls hat die Vernunft in der anglikanischen Kirche NICHT gesiegt. Eigentlich eine Blamage.

8.
Um den Schutz der Homosexuellen und Afrika müssen sich dann internationale Organisationen und die noch verbliebenen demokratischen Staaten in Europa wirksam kümmern …. falls sie noch bereit sind, Flüchtlinge aus Uganda etwa aufzunehmen.

9.
Auch in der katholischen Kirche gibt es tiefste Spannungen: Die allermeisten afrikanischen Kirchenführer, Bischöfe und Kardinäle, sind explizite Feinde der Gleichberechtigung von Homosexuellen in den Staaten und der Kirche. Und der Papst will die zahlenmäßig wachsende Katholische Kirche in Afrika nicht irritieren. Deswegen hält er sich im Blick auf Europa mit einer vernünftig wie christlich gebotenen Gleichberechtigung für Homosexuelle zurück und lässt Segnungen von homosexuellen Paaren nur unter aller größten Einschränkungen sehr ungern noch zu. Das heißt: Der Papst, der Vatikan, die meisten Bischöfe wollen absolut nicht, dass Homosexuelle als völlig gleichberechtigte Menschen in der Kirchen und in den Staaten leben. Mit anderen Worten: Auch diese katholischen Kirchenführer in Rom und anderswo sind wie die anglikanischen Kirchenführer in Uganda und Afrika – reaktionär. (Siehe Fußnote 2: Einige führende katholische Bischöfe Afrika gegen die Rechte der Homosexuellen)

10.
Über dieses unverschämte, unmenschliche Verfolgung und Diskriminierung von Homosexuellen und anderen Queers durch Politiker und Kirchenführer (von muslimischen Führern wollen hier erst gar nicht reden…) wird in der Soziologie und Anthropologie und Politologie vielfach geforscht. Zentrale Erkenntnisse zur „Homofeindschaft“ der etablierten Kreise in Afrika:
Sie lenken mit dieser verbrecherischen Ideologie ab von den echten Problemen Afrikas (Armut, eigene Korruption!, Ungerechtigkeit etc..)
Sie wollen ihre Souveränität dokumentieren.
Sie ignorieren die deutlichen Forschungsergebnisse: Vor der Kolonisierung Afrikas gab es meist keine Abwehr von Homosexualität.
Zumal die homo-feindlichen Bischöfe geben sich als treue Schüler der europäischen Missionare des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Sie lehrten einst in ihrem eigenen, damals üblichen europäischen Anti – homo – Wahn die neugierigen „Heiden“ Afrikas: Der liebe Gott liebt keine Homosexuellen. Und diese Lehre garnierten sie mit ein paar Bibelzitaten, die sie den staunenden Heiden als Gottes Wort verkündeten. Und die „bekehrten“ Heiden gehorchten.
Nebenbei: Es ist manchmal befremdlich, dass keine Predigten der Missionare in Afrika im 19. und 20. Jahrhundert veröffentlicht werden. Sind alle diese Dokumente verschwunden? Oder: Werden sie vor kritischem Zugriff versteckt und verschlossen? Wahrscheinlich ist das so.

11.
Man wird nicht die Verteidigung der universell geltenden Menschenrechte, auch für die Menschen in Afrika, auch für Homosexuelle und Queers in Afrika, als eine Form des Kolonialismus bezeichnen und die Menschenrechts – Aktivisten verurteilen. Und man wird doch wohl nicht die politischen und religiösen Verbrecher in Afrika als kulturell korrekt geortet in ihrer „ureigenen“ Kultur loben?

Wer dieser Überzeugungen folgt, entspricht den ideologischen Restbeständen einer in Pluralismus zerfallenden „Post – Moderne“. Demnach hat jeder irgend recht… Wir weisen diese Ideologie mit gutem Grund als inhuman zurück. Die in etwas Freiheit und manchmal in Gleichberechtigung lebenden Europäer dürfen nicht sagen: „Na, dann sollen die Homosexuellen in Afrika halt umgebracht werden, wenn sie sich nicht der Ideologie ihrer korrupten politischen Herrscher anpassen wollen oder den uralten Sprüchen der Bibel.“
Aber die gequälten Opfer der Gewaltregime auch in Afrika fordern doch nur eins: Die Geltung der Menschenrechte auch für sie und alle Menschen.

FUßNOTE 1:
In ausführlicher Beitrag von WIKIPEDIA:
https://en.wikipedia.org/wiki/Christopher_Senyonjo

FUßNOTE 2:
Wir nennen Kardinal Fridolin Ambongo Besungu (Demokratische Republik Kongo). Er behauptet: Homosexualität sei in Afrika eigentlich gar kein Thema, deswegen braucht die Kirche auch keine Segnung vom homosexuellen Paaren.

Wir nennen den Vorsitzenden der Bischofskonferenz von Ghana, Bischof Matthew Kwasi Gyamfi. Er sagt öffentlich: Homosexualität sei verabscheuungswürdig, er fordert Strafen für Homosexuelle.

Wir nennen die Katholische Bischofskonferenz von Nigeria (CBCN): Sie weigert sich Homosexuellen zu segnen. Diese Segnung sei ein Verstoß gegen Gottes Gesetz, und: diese Segnung passe nicht zur afrikanischen Kultur.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Wenn die katholische Kirche öffentlich erklärt: „Die AfD ist für Katholiken nicht wählbar“!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 13.7.2026

Der Hinweis reflektiert, sozusagen in letzter Minute (was Sachsen-Anhalt angeht): Was wäre, wenn der dortige Bischof in Magdeburg öffentlich und explizit erklärt: „Für Katholiken – und alle Christen und alle Demokraten – ist die AfD nicht wählbar.“

Dazu müssen einige allgemeine Überlegungen vorangestellt werden.

1.
Verbote aussprechen und durchsetzen gehört grundsätzlich zum menschlichen, geistigen Leben, auch in der Demokratie.
Zur Erinnerung, ganz kurz: Die Nutzung von so genannten „social media“ soll nun (Mitte Juli 2026) endlich Kleinkindern und Kindern bis 13 Jahren verboten werden, nicht aus Willkür, sondern: Weil die Nutzung dieser Medien die geistige Entwicklung sehr stört.
Und: Wenn an Brücken zu lesen ist: „Einsturzgefahr, Brücke betreten verboten“, dann sollte man über diese Brücke nicht laufen, fahren, falls man am eigenen Überleben interessiert ist.

2.
Jetzt wird vom CSU Politiker Klaus Holetschek vorgeschlagen: Wenigstens den gesichert als rechtsextrem anerkannten AfD-Landesverband Thüringen zu verbieten, „angeführt vom einschlägig vorbestraften Björn Höcke“, wie die SZ am 14. 7.2026, Seite 4, schreibt. Demokraten wissen:
Diese Partei hat die in Deutschland geltende Bindung an das Grundgesetz aufgegeben. Menschenrechte interessieren diese Partei nicht. Sie gehört nicht in unsere Demokratie!

3.
Und: Wie hält es die katholische Kirche mit einem offiziellen AfD Verbot: Etwa sollte die Kirchenleitung öffentlich sagen: Katholiken dürfen die AfD nicht wählen, zumal in den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin im September 2026?

4.
Die katholische Kirche bekanntlich hat eine lange und umstrittene Tradition ihrer Verbotspraxis: Es gab bis 1960 eine Liste der „verbotenen Bücher“ (den „Index“). Gebildete Katholiken sahen in diesem Verbot eher eine Ermunterung zur Lektüre…
Es gab 1949 ein Verbot Papst Pius XII.: Katholiken ist es verboten, die Kommunistische Partei zu wählen. Zumal im katholischen Italien hielten sich überhaupt nicht alle Katholiken an dieses Verbot. Sie wussten: die päpstliche empfohlene „Democracia Cristiana“ ist korrupt…
Papst Paul VI. hat den KatholikInnen den Gebrauch der „Pille“ verboten, nur ganz wenige Ehepaar folgten diesem Verbot. Kardinal Höffner von Köln hat noch in den 1980Jahren die Partei „Die Grünen“ für Christen als „nicht wählbar“ verurteilt. https://www.domradio.de/artikel/als-der-heilige-stuhl-wahlverbote-aussprach-70-jahre-anti-kommunismus-dekret-des-vatikan

5.
Die Verbote der katholischen Kirche waren unsinnig und haben wenig im Sinne der Päpste bewirkt.
Aber sind Verbote, von amtlicher Leitung der Kirche und von Theologen öffentlich ausgesprochen, immer sinnlos? Sicher nicht. Brasilianische Bischöfe haben etwa das brutale Vorgehen von Landraub in den Bezirken der Indigenen Völker verboten. Sklaverei, auch heute ein aktuelles Verbrechen, ist kirchenoffiziell verboten.
Diese Verbote haben zweifellos eine Bedeutung und auch eine Wirkung in der Öffentlichkeit! Sie zeigen in Verbindung mit den Aktionen demokratischer Parteien und demokratischer NGOs die „roten Linien“, denen sich auch die Kirchen anschliessen.

6.
Die aktuelle Frage ist: Hätte es einen Sinn und vor allem eine umfassende politische Bedeutung, wenn jetzt die Führung der Katholischen Kirche in Sachsen – Anhalt und Mecklenburg – Vorpommern die Wahl der AfD verbietet? Zum Verzicht der Demokratie, die AfD zu verbieten, schreibt Wolfgang Janisch in dem genannten Beitrag in der SZ: „Den amtlichen Verzicht auf einen Verbotsantrag verstehen viele Menschen als eine Art Gütesiegel: So schlimm wird sie schon nicht sein, diese AfD.“

7.
Wenn also öffentlich und explizit die katholische Bischöfe den Katholiken die Wahl der AfD aus ethischen, politischen und christlichen Gründen verbieten , würde auch die breite Öffentlichkeit wissen: „Sie ist also doch wohl schlimm, diese AfD, die Bischöfe sind ja gut beraten von Politologen und Ethikern, wenn sie sich für ein Verbot aussprechen.
Nicht nur Katholiken, andere Christen und die vielen humanistisch Gesinnten in den Ländern kämen also ins Nachdenken und – hoffentlich – zu einer politischen Neuorientierung zu Demokratie.

8.
Es gibt schon eine Erklärung der katholische Bischofskonferenz, die eindeutig die Nicht – Wählbarkeit der AfD für Katholiken ausspricht. Auf ihrer Voll- Versammlung am 22. Februar 2024 in Augsburg haben sich die Bischöfe explizit von der AfD distanziert und die Gläubigen vor der Wahl der AfD explizit gewarnt, in der offiziellen Erklärung heißt es u.a.: „Wir appellieren an unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger, auch an jene, die unseren Glauben nicht teilen: die politischen Angebote von Rechtsaußen abzulehnen und zurückzuweisen. Wer in einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft leben will, kann in diesem Gedankengut keine Heimat finden. Wer Parteien wählt, die mindestens in Teilen vom Verfassungsschutz als „erwiesen rechtsextremistisch“ eingeschätzt werden, der stellt sich gegen die Grundwerte des menschlichen Zusammenlebens und der Demokratie in unserem Land.“ ( Quelle: https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_alt/presse_2024/2024-023a-Anlage1-Pressebericht-Erklaerung-der-deutschen-Bischoefe.pdf) Und der damalige Präsident der Bischofskonferenz Bischof Georg Bätzing ergänzte 2024: „Ich möchte exemplarisch daran erinnern, dass mein Vorgänger im Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, bei der Abschluss-Pressekonferenz auf der Frühjahrs-Vollversammlung 2017 in Bensberg „rote Linien“ für legitimes politisches Engagement formuliert hat… Ich möchte erinnern an die nord – ostdeutschen Bischöfe, die am 19. Januar 2024 öffentlich erklärt haben, dass sie „vor dem Hintergrund unseres eigenen Gewissens die Positionen extremer Parteien wie dem III. Weg, der Partei Heimat oder auch der AfD nicht akzeptieren können“.

9.
In Sachsen – Anhalt und Mecklenburg – Vorpommern werden im September 2026 Landtagswahlen stattfinden, die Umfragen zeigen: Die AfD könnte stärkste politische Kraft werden.
Der sonst gegenüber AfD kritische Bischof von Magdeburg (Sachsen – Anhalt), Gerhard Feige, sagt in einem Interview mit der Zeitschrift Publik – Forum (10.Juli 2026, S. 17) lapidar zu seinem jetzigen Umgang mit der AfD in seinem Bundesland: „Wir wollen Gegensätze nicht verschärfen.“ Also: Besser kein Verbot aussprechen, die AfD zu wählen. Weil man sonst die AfD zu sehr reizt? Weil die Polemik und die bisherige Gewalt dieser Partei schon zu heftig sind? Weil Bischof Gerhard Feige von Magdeburg zwar mit der evangelischen Kirchenleitung in Verbindung steht:
Aber das wäre doch ein Ereignis: Kardinäle und Bischöfe aus „Westdeutschland“ werden im Juli und August 2026 Magdeburg, Halle, Stendal, Dessau usw… besuchen, mit den Gemeinden sprechen, auf dem Markt, in Kneipen usw… um den Kampf gegen die AfD zu unterstützen?

10.
Bischof Feige kritisiert in dem genannten Interview in altbekannter Art heftig die AfD, er weist darauf hin, dass er selbst wegen dieser Stellungnahmen beleidigt wird und meint sogar: So hinterhältig wie die AfD war die SED nicht im Umgang mit den Kirchen (S. 18). Und Feige sagt treffend: „In Wahrheit geht es der AfD aber um einen Kulturkampf“.

11.
Warum gibt es bei dieser detailliert treffenden Einschätzung der AfD dann aber kein öffentliches Verbot dieser Partei durch den Bischof?
Das Problem ist: Die AfD ist – bis jetzt – keine verbotene Partei. Sie kann sich den Anschein geben, eine normale Partei unter den anderen (demokratischen) Parteien zu sein. Der Bischof müsste also eine – dem Anschein nach – „demokratische Partei“ verurteilen und vor dieser warnen. Das ist schwierig… und die eher schwammige Aussage des Bischofs ist eine schlimme Konsequenz, dass es immer noch kein AfD Verbot gibt, wenigstens des auch rechtsradikal durchsetzten Landesverbandes Sachsen – Anhalt. Die Demokraten haben also geschlafen. Jetzt ist der politische Aktionsradius gegen die AfD schon sehr begrenzt.

12.
Aber dies ist ein weiterer Grund für das Ausbleiben eines rigorosen und öffentlichen NEIN zur Wahl der AfD: Bischof Feige sagt in dem genannten Interview: „Natürlich gibt es Themen der AfD, die traditionalistische Christen (gemeint sind wohl konservative Katholiken, „traditionalistisch“ sind bekanntlich die Piusbrüder, aber die gibt es in Sachsen – Anhalt kaum, CM) emotional ansprechen können. Dazu gehört das klassische Familienbild, der Schutz ungeborenen Lebens und sicher auch Genderfragen“. An diesen Themen klammert sich die AfD fest. Bischof Feige muss also eine ideologisch – theologische Nähe konservativer Katholiken (und Protestanten sicher auch) zu den Themen der AfD eingestehen. Wenn für Katholiken diese drei genannten Themen wahl-entscheidend sein dürften, dann müsste sich doch ein Bischof fragen: Was haben wir als Kirchenführung und als Theologen falsch gemacht, dass der Eindruck sich durchsetzen konnte: Das „klassische Hetero-Familien-Bild“, der „absolute Schutz ungeborenen Lebens“ und „die Genderfrage“ seien der entscheidende Mittelpunkt des christlichen Glaubens? Welche Schuld haben die Bischöfe auf sich geladen, dass sie die die genannten Themen so in den absoluten Mittelpunkt des Glaubens stellten? Das tun ja selbst die sich christlich nennenden Parteien in der BRD nicht (mehr).

13.
Es ist immer noch Zeit, diese Schuld öffentlich anzuerkennen und diese Ideologien beiseitelegen und als Bischof öffentlich zu sagen: Oberste Norm für uns als Katholiken und Christen sind die universell geltenden Menschenrechte. An der Realisierung dieser Menschenrechte hat die AfD kein Interesse. Deswegen sollten Demokratie, sollten Katholiken, diese Partei NICHT wählen.

14.
Dabei sollten sich die Bischöfe heute erinnern: Gegen Ende der Weimarer Republik gab es einige katholische Bischöfe, die explizit, die Katholiken warnten, die NSDAP zu wählen. Diese NSDAP war damals nicht verboten. Man denke etwa an die Bischöfe Sproll (Rottenburg) oder Hugo (Mainz) in ihrem rigorosen Nein zur NSDAP (das galt bis zur „Machtergreifung“). Bischof Sprolls Verdienste im Kampf gegen die NSDAP werden jetzt durch freigelegte Missbrauchsvorwürfe leider getrübt…
Zu Bischof Hugo in Mainz schreibt Wikipedia: „Dem aufkeimenden Nationalsozialismus trat Bischof Hugo entschieden entgegen: Als erste deutsche bischöfliche Behörde verbot Hugos Bistumsverwaltung 1930 unter Federführung des Generalvikars Philipp Jakob Meyer den Katholiken die Mitgliedschaft in der NSDAP. Nationalsozialisten wurde im Bistum Mainz der Empfang der Sakramente und das kirchliche Begräbnis verwehrt. Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten demonstrierte Hugo mit dem dritten Internationalen Christkönigskongreß 1933 und der „Ketteler Feier der Werktätigen“ 1934 den katholischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Maria_Hugo)

15.
Es wäre eine aktuell – dringende Aufgabe für Religionssoziologen und kritischenTheologen zu dokumentieren: In welcher Form bieten die Kirchen in den ostdeutschen Bundesländern, in den Dörfern und (kleineren) Städten, offene Jugendtreffpunkte an oder One der Begegnung für die anderen, die „Älteren“, aber eben nicht-konfessionell bestimmte , also nicht-missionarisch orientierte Gemeinderäume.
Es ist ja eine Tatsache: Die AfD und andere andere Rechtsextreme sind in vielen Dörfern und Städten noch die einzigen, die „sich kümmern“.

16.
In einer Vernachlässigung der Gestaltung offener Angebote haben die Kirchen wie auch die demokratischen Parteien und Vereine Schuld auf sich geladen … angesichts der hohen Zustimmung der sich „allein gelassen fühlenden Bevölkerung“, sie sieht sich in der „Kümmerpartei“ AfD „aufgehoben“.
Diese Zusammenhänge sind wohl evident, müssten aber weiter empirisch genau untersucht werden.

17.
Die Kirche des Bistums Magdeburg ist arm, finanziell arm verglichen mit westdeutschen Bistümern, und auch personell arm: Auch Ordensleute leben lieber in München, Frankfurt (M), Mainz, Würzburg usw. als in der tiefen Diaspora im „Osten“. Auch diese personelle und finanzielle Vernachlässigung der Kirche in den ostdeutschen Ländern wird man eines Tages für den Sieg der AfD verantwortlich machen müssen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

Eine katholische Predigt anläßlich von Gay Pride, Pride Weeks und der Christopher – Street – Day Demos (CSD)

Von Christian Modehn am 10.7.2026

Liebe Gemeinde,

in diesen Tagen und Wochen der Gay-Pride, also der Präsenz der Queer – Community, ist es für uns als katholische Priester wichtig, Ihnen, den Katholiken, eine ganz besondere Predigt zu bieten.

Diese Predigt heute ist unser offizielles katholisches Schuldbekenntnis, als Bitte um Vergebung für das Leid und seelische Elend, das die katholische Kirche im Laufe ihrer langen Geschichte und bis heute den Schwulen und Lesben und Transsexuellen und allen aus der weiten Gemeinde der Queers angetan hat.

Dieses Schuldbekenntnis bedeutet zugleich eine entscheidende Wende im Zusammenleben von Heterosexuellen und Queers in der katholischen Kirche. Unsere zentrale Aussage ist: Homosexuelles Leben und Lieben ist genauso gut und wertvoll wie heterosexuelles Leben und Lieben. Mit anderen Worten: Homosexuelles Leben und Lieben ist normal. Es ist weder abartig noch Sünde.

Bestimmte Sprüche des Alten wie des Neuen Testaments der Bibel, die eine Verurteilung homosexuellen Lebens und Liebens betonen, sind ab sofort nicht mehr relevant in unserer Kirche. Inzwischen haben selbst die Kirchenführung, sogar der Papst und seine Behörden im Vatikan erkannt: Diese anti – homosexuellen Urteile der Bibel sind nichts als zeitbedingt, sie haben weder etwas mit der universellen göttlichen Liebe zu allen Menschen zu tun noch mit den heute absolut geltenden universellen Menschenrechten.

Diese universellen Menschenrechte gelten selbstverständlich auch für uns Katholiken als oberste normative Orientierung, nicht Bibelsprüche, nicht so genannte theologische Prinzipen stehen für uns Katholiken an oberster Stelle. Sondern, wie gesagt, die Menschenrechte. Dass diese in Europa formuliert wurden als ihrem geistigen Entstehungsort sagt nichts aus gegen die universelle Gültigkeit der Menschenrechte überall, wo Menschen leben. Was verlangen denn die unschuldig Verurteilten in chinesischen, russischen, Nord – koreanischen Lagern usw.? Sie verlangen für sich als Asiaten den absoluten Respekt der Menschenrechte. Das nur nebenbei.

Ich komme jetzt zum zweiten Teil meiner Predigt, also zu der Liste der nun offiziellen Bitte um Verzeihen und Entschuldigung für alle Verbrechen, die die katholische Kirche an Homosexuellen, Queers, wie wir heute sagen, begangen hat. Diese Liste ist unvollständig, möge jeder und jede diese Liste aus eigenem Erleben ergänzen. In jedem Fall bitte ich alle, vor allem die Gays und Queers, diese offizielle Bitte um Vergebung anzunehmen.

Die katholische Kirche bittet um Vergebung bei den KatholikInnen, die wegen ihres homosexuellen Lebens und Liebens durch die ungerechte Haltung der Kirche körperlichen Schaden, vielleicht sogar den Tod im Rahmen dieser üblen Inquisitions- Prozesse erleiden mussten.

Die katholische Kirche bittet um Vergebung bei den KatholikInnen, die wegen ihres homosexuellen Lebens und Liebens durch die ungerechte Haltung der Kirche schweren seelischen Schaden, seelische Krankheiten hinnehmen und ertragen mussten. Diese sind entstanden durch die – von der Kirche- erzwungene Verleugnung der eigenen persönlichen sexuellen Prägung, so zusagen nach Innen, für sich selbst, wie nach außen, für die Gesellschaft und Kirche.

Die katholische Kirche bittet um Vergebung bei den vielen Priestern, Ordensleuten und Nonnen, die ihre eigenen Homosexualität absolut versteckt und verleugnet leben mussten wegen der verachtenden Haltung der offiziellen Kirche.

Die katholische Kirche ist dankbar, dass immer wieder einzelne Soziologen und Religionswissenschaftler in ihren Studien gezeigt haben, wie weit verbreitet tatsächlich das heimliche homosexuelle Leben etwa von Priestern, Bischöfen und Kardinälen und Päpsten ist. Wir denken dabei an das Buch von Frédéric Martel, „Sodom“, S. Fischer Verlag 2019. Der französische Soziologe Martel dokumentiert z.B. ausführlich das total verlogene Leben eines einflußreichen homosexuellen Kardinals, des kolumbianischen Kardinals Lopez Trujillo (S. 360 ff., Lopez Trujillo war ein enger Freund Papst Johannes Paul II. und dem katholischen Geheimbund „Opus Dei“ sehr nahestehend, er war als Erzschwuler ausgerechnet für Fragen der Hetero-Familien im Vatikan zuständig).

Viele weitere Namen (verstorbener) Kleriker wären zu nennen. Wir verurteilen nicht die Homosexualität dieser Kleriker, wir bedauern, dass sie nicht offen und frei ihre ganz normale, ihre homosexuelle Liebe, leben und öffentlich aussagen und gestalten konnten. Es sind dies die Verbrechen der offiziell verordneten Verleugnung der eigenen personalen Identität, die so katastrophal ist für die betroffenen Homosexuellen selbst wie für die Gemeinden, die mit diesen verklemmt und deswegen oft hoch – neurotischen homosexuellen Priestern oder lesbischen Nonnen zu tun haben.

Liebe Gemeinde, ich will diese Litanei der Bitte um Vergebung und Verzeihung hier abbrechen. Die große, man sage endlich einmal radikale Wende der Kirche im Umgang mit Homosexuellen bzw. Queers ist deutlich geworden.

Nur diese Bitte um Vergebung muss ich noch vortragen: De facto werden Homosexuelle bzw. Queers in der katholischen Kirche bis jetzt immer noch als Katholiken zweiter Klasse behandelt. Der offizielle römische Katechismus hat die disqualifizierenden Aussagen zur Homosexualität noch nicht aus dem Buch entfernt, es wird höchste Zeit, was soll dieser Wahn, wenn der Katechismus behauptet: „Homosexuelle Handlungen sind nicht in Ordnung“ oder „sie verstoßen gegen das natürliche Gesetz.. Sie sind in keinem Fall zu billigen“ (§ 2357). Dieser Unsinn, das sagte ich am Anfang, gilt ab sofort nicht mehr, denn Homosexualität ist eine normale Variante unter allen Formen der Sexualität. Die Kirche macht bekanntlich Entwicklungen, Korrekturen, ist nicht erstarrt in ihren Traditionen.

Und zum Schluss noch muss ich mich entschuldigen dafür, dass der Papst nun eine gewisse Segnung homosexueller Paare erlaubt, aber diese Segnung soll bitte sehr dezent und versteckt ausfallen, soll überhaupt keine Ähnlichkeit mit der Hetero – Ehe reservieren Zeremonie haben.
Also: Diese nun erlaubte, aber von reaktionären Klerikern selbstverständlich abgelehnte Segnung homosexueller Paare ist eine Diskriminierung; sie erkennt nicht an, dass auch Homosexuelle längst in vielen Staaten als Ehepaare leben.
Weil die Kirchenführung ihre Fehler einsieht, wird es also bald feierliche Eheschließungen von homosexuellen Eheleuten auch in Katholischen Kirchen geben. Natürlich als Sakrament. Die Ehe ist bekanntlich ein Sakrament der Kirche.

Zum Schluß: Wir haben hier nur von der katholischen Kirche gesprochen. Natürlich sind alle christlichen Kirchen aufgefordert, ihre Verbrechen gegenüber Homosexuellen einzugestehen und sich bei den Opfern zu entschuldigen. Das gilt auch für die machtvoll agierenden, politisch rechtsextremen so genannten evangelikalen Kirche oder Teile der Pfingstkirchen, natürlich auch für alle Formen der orthodoxen Kirchen.
Und ich will nicht verschweigen, dass es eine kleine christliche Kirche in den Niederlanden gibt, für die homosexuelles Leben und Lieben seit Jahrzehnten selbstverständlich ist. Es handelt sich um die Kirche der Remonstranten. (Siehe Weiteres dazu Fußnote 1).

Wer die lange Leidensgeschichte anschaut, die die katholische Kirchenführung und die von dieser Kirchenführung indoktrinierten heterosexuellen Gläubigen den vielen tausend Homosexuellen angetan hat, kann sich eigentlich nur voller Schauer, wenn nicht Ekel und Empörung von dieser Kirche abwenden. Aber einige Weisheiten des Weisheitslehrers und Propheten Jesus von Nazareth bleiben wichtig, darum werden einige wenige katholische Homosexuelle noch in dieser Kirche bleiben.

Unsere große Aufgabe ist: Den Kardinälen und Bischöfen und dem ganzen Klerus (auch dort sind rein statistisch gesehen etliche Homosexuelle!) IN AFRIKA klar zu machen: Deren kämpferische Ablehnung der Homosexualität und der Homosexuellen in ihren Staaten, meist Diktaturen, fördert nur die Verfolgung von Homosexuellen in diesen Ländern. Diese rigide Ablehnung der allermeisten katholischen Kirchenfürsten in Afrika widerspricht, wie gesagt, dem Evangelium, sie widerspricht vor allem den über allem und allen stehenden universell geltenden Menschenrechten.

Darum ist unsere Kollekte heute für ein bedrohtes Zentrum der Hilfe und Unterstützung für Homosexuelle in Uganda gewidmet. Die Kollekte zum Ausbau unserer Orgel entfällt also. Auf das vierte Manual unserer Orgel können wir gern verzichten, es gibt sehr viel Dringenderes.

Ich danke Ihnen allen für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Nachdenken dann auch über die Frage:

Sind denn die hier mitgeteilten Bitten um Verzeihung tatsächlich auch von der katholischen Bürokratie in Rom und in den Behörden der Bischöfe unterstützt???

Ich sage nur so viel: Was ich hier als Predigt anbot, ist leider eine totale Utopie.

Gehet in Frieden …und noch etwas: Streicht aus eurer Bibel die homo-feindlichen Stellen, sie gelten ab sofort nichts mehr, wie ich eingangs sagte. Kommt zur Vernunft und lest die Bibel vernünftig. Die Bibeltexte sind auch nichts als Texte von religiösen, aber begrenzten Menschen, die ihren Glauben in ihrer Zeit und für ihre Zeit (4. Jahrhundert vor Chr. bis 1. Jh. nach Chr.). aussagten. Die Bibel ist Ausdruck frommer Seelen, sie bietet interessante, aber immer zu kritisierende Weisheiten. Mehr nicht.

Und auch dies noch: Wenn eine CSD-Veranstaltung, eine Gay Pride, in Ihrer Stadt stattfindet, gehen sie bitte hin, nehmen sie teil, unterstützen sie diese Menschen, die jetzt von gewalttätigen Rechtsextremen bedroht werden. Eine Demo von Homosexuellen in ostdeutschen Städten muss LEIDER genauso geschützt werden wie eine Demo jüdischer Gemeinden.
Und: Falls Sie Bischöfe treffen, die sich mit den Queers bei einer Demo solidarisieren, sagen Sie es mir. Diese Bischöfe sollten selbstverständlich in vollem Pomp, genannt Ornat, auftreten, bitte mit Mitra… Verwechslungen mit Drag – Queens sind wohl ausgeschlossen… Normale jung gebliebene Gemeinde- Priester werden wieder verkleidet wie so oft dabei sein.

In 300 Jahren wird es vielleicht besser bestellt sein im Umgang der katholischen Kirche mit den Homosexuellen bzw. Queers. Das ist unsere Hoffnung, unter der Einschränkung, falls dann die katholische Kirche in Europa noch mehr ist als eine kleine Sekte…

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

FUßNOTE 1:

Der Remonstranten Theologe, Pastor Jan Berkens, predigt am Sonntag, dem 10.7.2027, in der Remonstranten Kirche „de Vriburg“ in Amsterdam um 10.30 Uhr.

Zur Einstimmung schreibt er:
„Amsterdam ist seit jeher ein Freiraum für Vielfalt. Unser Gemeinde „Vrijburg“ ist es ebenfalls. (Siehe: www.vrijburg.nl/)
Die Akzeptanz des „Andersseins“ im weitesten Sinne des Wortes steht weltweit unter Druck.
Deshalb sind Veranstaltungen wie die Gay – Pride wichtig. Auch die Kirchen haben dabei eine Rolle zu spielen. Gerade in den Kirchen geht es darum, dass jeder und jede angenommen wird, wer auch immer man ist.

In der Bibel wird zwar recht oft Homosexualität verurteilt, aber es gibt auch eine andere Strömung, bei der es gerade um Akzeptanz geht. Manchmal ist das ziemlich überraschend. Lass dich von meiner Predigt überraschen und von dem Werk des Künstlers Louis Fratino berühren.

Für die musikalische Umrahmung sorgen Jan Pieter Lanooy und Dwight Sampi. Dwight war an unserem Surinam-Niederlande-Austausch unserer Gruppe „Arminius“ in den Jahren 2023 und 2024 beteiligt und er ist gerade für kurze Zeit in den Niederlanden. Er wird für uns das „Vaterunser“ auf Saramacanisch singen.

Der Gottesdienst am 9. August steht im Zeichen der Word Pride und wird zum 40-jährigen Jubiläum der offiziellen Segnung von homosexuellen Lebenspartnerschaften in den Remonstrantenkirchen gefeiert!

Der Gottesdienst ist auch s zu sehen über www.vrijburg.nl/kerk-tv.