Die Unruhen in Frankreich verstehen

Die Gewalt verurteilen, aber die vernünftigen Forderungen wahrnehmen
Ein Hinweis von Christian Modehn am 25. Oktober 2026

1.
Philosophieren und damit Philosophie leben niemals in einem abgeschotteten Bereich, in dem man sich als „Feingeist“ neutral aus der „Affäre zieht“ und gegenüber den politischen Forderungen der Gegenwart taub stellt.

2.
Auch die Unruhen in Frankreich, seit dem 17. Oktober und auch jetzt alles andere als abgeschlossen, verlangen kritisches, differenzierendes, philosophisches Nachdenken und Urteilen. Keine Frage: Tumult, brutale Gewalt, Plünderungen, brennende Häuser als Ausdruck radikalisierter Fanatiker sind überhaupt nicht zu akzeptieren. Aber genauso wenig ist es zu akzeptieren, dass maßgebliche Medien nicht nur in Frankreich, auch in Deutschland, einseitig und voreingenommen die Schuld an den Unruhen der Partei „La France Insoumise“ („Das unbeugsame Frankreich“) geben und vor allem ihrem Parteiführer Jean – Luc Melenchon. Die „WochenTAZ“ vom 24.Oktober bringt einen erhellenden und ins Objektive führenden Beitrag des Journalisten und Autors Selim Nassi: 1946 in Beirut in einer jüdischen Familie geboren, hat er für verschiedene Zeitungen (etwa „Libération“) gearbeitet, er ist Schriftsteller und Drehbuchautor. Wir empfehlen die Lektüre des ganzen Beitrags auf S. 5 der WochenTAZ bzw. im Internet: LINK.

3.
Wir zitieren einige zentrale Erkenntnisse des Beitrags von Selim Nassib, der unter dem Titel „Die Schuld der Macht“ veröffentlicht wurde.

4.
„Wer ist für das Chaos verantwortlich? Die Fakten deuten unmissverständlich auf das dem Ende entgegengehende Regime von Emmanuel Macron hin. Dieses hat das Land durch eine Mischung aus Angst, Dummheit und Fehlkalkulationen an den Rand des Abgrunds geführt. Seit dem Beginn der Mobilisierung der Schüler setzte Macron bewusst auf Repression. Dass Jugendliche, die friedlich gegen ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen protestierten, mit Tränengas und Schlagstöcken angegriffen wurden – wobei einer durch einen gezielten Schuss ein Auge und die Hälfte seines Kiefers verlor, während einem anderen durch eine Blendgranate die Hand abgerissen wurde –, sollte Angst verbreiten, von weiteren Demonstrationen abschrecken und den Protest im Keim ersticken. Es geschah das genaue Gegenteil. Die Schüler ließen sich nicht mehr bremsen: Ihre Bewegung breitete sich im ganzen Land aus, die Mobilisierung erfasste Lehrer, Eltern, „Gelbwesten“, Arbeitnehmer, Gewerkschaften … und der Aufstand gegen die hohen Lebenshaltungskosten verband sich mit dem der Jugend.“

5.
„Handelte es sich um ein Durcheinander, das völlige Inkompetenz offenbart? Oder war es gar Kalkül, das Chaos bewusst entstehen zu lassen – um sich in einem zweiten Schritt als Partei der Ordnung zu präsentieren und die Schuld dafür der Partei „La France Insoumise“ in die Schuhe zu schieben?…Nun enthüllte die Online-Tageszeitung Mediapart, dass die Regierung die Geheimdienste – und zwar ganz konkret – angewiesen hat, zu lügen, um LFI zu belasten. Prompt erklärte daraufhin die Pariser Staatsanwältin, sie könne eine Verwicklung der Ultralinken in die Gewalttaten „absolut nicht bestätigen“.
Das Manöver der Regierung erweist sich als derart verlogen und erbärmlich, dass sich selbst linke Parteien, die man gewiss nicht der Sympathie für „La France insoumise“ verdächtigen kann – wie etwa Raphaël Glucksmanns „Place publique“ oder die Sozialistische Partei von Olivier Faure –, gezwungen sehen, LFI in Schutz zu nehmen, wenn auch nur halbherzig.“

6.
„Wenn die Machthaber auf die Forderungen einzig mit roher Gewalt reagiert haben, dann deshalb, weil ihnen schlichtweg das Geld fehlt, um Schulen zu renovieren, das Bildungssystem zu reformieren oder die Lehrkräfte angemessen zu bezahlen. Die Kassen sind leer und das Land ist hoch verschuldet. Missmanagement? Zweifellos. Doch allgemeiner betrachtet: die verheerenden Folgen des Kapitalismus.
In diesem Jahr haben die großen französischen Unternehmen 70 Milliarden Euro an Dividenden an ihre Aktionäre ausgezahlt. 70 Milliarden! Das ist weltweit die zweithöchste Ausschüttungssumme gleich nach den Vereinigten Staaten, während die Schüler den zur Lösung ihres Problems erforderlichen Betrag auf (lediglich) 10 Milliarden beziffern.
Das System gleicht einem gigantischen Staubsauger, der den nationalen Reichtum absaugt und in die Kassen der Besitzenden befördert – während immer mehr Familien den Gürtel enger schnallen müssen und Schulen, Krankenhäuser sowie sämtliche öffentlichen Dienste verzweifelt um Hilfe schreien.“

7.
„Wie man sieht, gehen die Auswirkungen der Krise in Frankreich weit über die nationalen Grenzen hinaus. Um es klar zu sagen: Eine internationale Koalition setzt sich weltweit nachdrücklich für einen Sieg der extremen Rechten ein – mit dem Kampf gegen die Einwanderung als zentralem Thema. Da die globale Erwärmung droht die Hälfte des Planeten unbewohnbar zu machen, wird es zwingend erforderlich, Barrieren zu errichten, um den Ansturm der Elenden – Muslime, Araber und etwa Mexikaner – auf die Festungen der Begüterten zu verhindern. Angesichts des Aufstiegs der AfD in Deutschland, der gefestigten Position von Giorgia Meloni in Italien und einer möglichen Machtübernahme des Rassemblement National in Frankreich droht Europa – in der Form, wie es sich seit dem Krieg entwickelt hat – der Zerfall.“

8.
„Ganz gleich, wie die Analysen und Warnungen ausfallen – es ist leider sehr wahrscheinlich, dass den französischen Wählern vom 17. Oktober vor allem die Bilder von Zerstörungen und Plünderungen im Gedächtnis bleiben, die in Endlosschleife im Fernsehen und in den sozialen Netzwerken zu sehen sind. Daraus wird ein verzweifelter Wunsch nach Ordnung entstehen – ein Bedürfnis, das nur eine einzige Partei zu stillen vermag, zumindest auf der Ebene der Wunschvorstellung: der Rassemblement National.“
Soweit einige Zitate aus dem Beitrag von Selim Nassib, der Artikel für die WochenTAZ wurde Barbara Oertel aus dem Französischen übersetzt.

9.
Die rechtsradikale Partei „Rassemblement National“ (RN) und ihre Führerin Marine Le Pen gaben sich auch auf dem Parteitag in Orléans am 25. Oktober eher gemäßigt. Orléans, dies ist die Stadt der Jeanne d Arc, sie hat die Ausländer damals erfolgreich aus Frankreich vertrieben, welche ein „heiliges Vorbild“ für die Rechtsradikalen… Schon der notorische Antisemit und langjährige Parteiführer Jean – Marie Le Pen huldigte gern zusammen mit katholischen Traditionalisten in Paris die „heilige“ Jeanne d Arc, diese Kämpferin gegen die bösen Ausländer, damals waren es Engländer… Marine, die Tochter Le Pens, will unbedingt das konservative Milieu erreichen und so ihren Sieg bei den Präsidentschaftswahlen sichern. Darum ist sie etwas milde… Und die Fans, die in Orléans versammelt sind, wollen nur eins: „Nur die Ordnung“: Ihnen wurde von vielen Medien und den regierenden Parteien eingeredet: Diese bösen radikalen Schüler und Studenten wollen dir dein Eigentum wegnehmen… das berechtige und vernünftige Anliegen der vielen tausend friedlich Demonstrierenden wurde dabei bewusst außer acht gelassen…So läuft eben permanente Beeinflussung durch konservative Medien…

10.
Was aber ist die Ordnung, die eine rechtsradikale Präsidentin schaffen wird? Sicher nicht die Ordnung eines pluralen Rechtsstaates, in dem die Menschenrechte an oberster Stelle stehen. Es ist die Ordnung der Autoritären und Anti – Demokraten und Anti – Europäer… Gegen dieses Regime werden die vernünftigen Bürger dann rebellieren?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 

Unbedingt!? Wo ist denn das Unbedingte im Leben?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 14. Oktober 2026

Zur Einstimmung:
Der Hinweis „Unbedingtes im Leben verstehen“ will zeigen: Mitten im Leben sind wir Mensch mit der Erfahrung des Unbedingten konfrontiert. Was ist mit der Wahrnehmung des Unbedingten im Selbst – Bewusstsein sozusagen „enthalten“, ist auch eine Verbindung zum Göttlichen, zu Gott, gegeben?
Diese Frage bewegt viele Menschen, die in diesen Zeiten des Niedergangs des dogmatischen Kirchenglaubens in Europa eine Verbindung suchen mit einer vernünftig begründeten Transzendenz, einem Göttlichem, das sich im Geist der Menschen selbst zeigt. Dieses Göttliche entzieht sich selbstverständlich festlegender Definitionen.
Wir wurden auf dieses Thema erneut aufmerksam durch einen Aufsatz von Jürgen Habermas. (Fußnote 1).

Eine Erinnerung an den Begriff Unbedingtes: Ausgangspunkt kann dabei die Reflexion auf die Erkenntnis aller Objekte der Welt sein, diese verweisen auf anderes, sie bestehen nur unter der Voraussetzung von Bedingungen: Das Ding A gibt es, weil es das Ding B gibt und dieses, weil es ein Ding C gibt usw. Es gibt eine unendlich weite, lange Welt von endlichen Bedingtheiten. Aber dann die Frage: Zeigt sich in der Reflexion auf diese Bedingtheiten in ihnen selbst etwas Unbedingtes? „Leben die Dinge förmlich vom innewohnenden Unbedingten?“ Oder – ins Religionsphilosophische fragend: Wer oder was hat diese ganze bedingte Welt gesetzt? Wenn es dieses Setzende der vielen Bedingtheiten gibt, dann kann es nur als Unbedingtes gedacht werden, denn sonst würde es zur endlichen Welt der nur Bedingten gehören…

1.
Habermas nennt ein Beispiel aus der sprachlichen Kommunikation. In ihr zeigt sich Unbedingtes: „Niemand besitzt eine exklusive Verfügung über das gemeinsame Medium der Verständigung. Kein Teilnehmer (einer sprachlichen Kommunikation) kann alleine die Struktur oder gar den Verlauf von Prozessen der Verständigung und Selbstverständigung kontrollieren“, schreibt Jürgen Habermas (Seite 53). Darin wird Unbedingtes für alle Gesprächsteilnehmer erlebt. Sie stehen unter Ansprüchen der Kommunikation, über die sie als Gesprächsteilnehmer nicht verfügen.
Die Teilnehmer der Kommunikation können nicht der Bindung an das Gespräch bestimmenden unbedingten Anspruch entkommen:
Nicht nur die allen gemeinsame Verständlichkeit der Worte füreinander soll unbedingt gelten, sondern auch der Anspruch, einander die Wahrheit zu sagen: Menschen, die mit einander sprechen, binden sich also selbst an den Anspruch der Wahrheit, selbst wenn sie diese Bindung nur selten explizit wissen und einander mitteilen.
Auch der Lügner entkommt dieser Bindung an die Wahrheit nicht: Er glaubt für sich selbst in einem Gespräch, dass seine Worte seine, nur für ihn geltende Wahrheit ausdrücken. Und er behauptet den anderen gegenüber, die Wahrheit zu sagen.
Indem Habermas auf die Erfahrung des Unbedingten im alltäglichen Kommunizieren aufmerksam macht, will er das Unbedingte aus der Sphäre des Spekulativen befreien und in den menschlichen Alltag setzen.
Der Einsicht, immer gebunden zu sein an die Verpflichtung, die Wahrheit zu sagen, sollte sich jeder stellen: Habermas spricht in dem Zusammenhang vom „Logos der Sprache“, also von der Vernunft, der geistigen Kraft der Sprache, die an Wahrheit bindet. Dieser „Logos“ bestimmt jeden Sprechenden, er ist eine ihm schon immer schon vorgegebene Tatsache, sie stellt sich in jeder Kommunikation wie von selbst ein.
Habermas geht noch weiter: Dieser Logos der Sprache macht „unser Selbstsein möglich“, schreibt er. Weil inmitten der Kommunikation Strukturen des Menschen sichtbar werden, etwa die Freiheit, die Wahrheit zu sagen, den anderen als anderen zu respektieren, den Dialog als Eröffnung der Welt zu erleben, das sind Strukturen des „Selbstseins“.
Die in der Vernunft erlebte Bindung, die Wahrheit zu sagen, ist insofern etwas Unbedingtes, weil sie sich menschlicher Manipulation entzieht, weil sie aus sich allein besteht: Man kann als permanenter Lügner diese in der Vernunft gegebene Bindung an Wahrheit zwar zeitweise stilllegen, aber man kann diese Bindung an Wahrheit nicht total abschaffen. Auch ein permanenter Lügner wird irgendwann selbst die Wahrheit sagen müssen, mitten im Alltag, etwa wenn er offen zugeben muss, erkrankt zu sein und Hilfe zu brauchen. Notorische Lügner wie Mister Trump werden nicht lügen, wenn eine Aktion Ihnen weiteren finanziellen Gewinn bringt.
Dieses „Bestehen (der Bindung an Wahrheit) aus sich selbst allein“ , ist für Habermas, die „gründende Macht unserer sprachlich konstituierten Lebensform.“ (ebd.)

2.
Habermas qualifiziert seine Überlegung zum „unbedingten Geltungsanspruch“ in der Kommunikation als eine, so wörtlich, „bescheidene Interpretation der gründenden Macht einer sprachlich konstituierten Lebensform“ (S. 53), er spricht aber „von einer Unbedingtheit in einem schwachen, prozeduralen Sinne“, „ohne ontologische Gewähr“: Das heißt: Diese Unbedingtheit hat für Habermas keinen Verweis auf eine ontologisch gegebene Unbedingtheit, die – etwa in einer klassischen Metaphysik – als Erfahrung der Präsenz eines Absoluten (einer göttlichen Substanz) inmitten des Lebens erfahren und verstanden werden könnte.
Wichtig ist für Habermas das Wort „prozedural“. Prozedural bedeutet: Die Gültigkeit eines Begriffes oder Wertes ergibt sich nur aus dem fairen Gespräch der Teilnehmer… und darauf können sich grundsätzlich alle einigen.
Der Begriff, der Wert „Unbedingtheit“ wird deswegen als gültig erklärt, weil sich alle in das Gespräch involvierten Menschen auf diesen Begriff einigen. Dass dadurch der Begriff Unbedingtheit in die freie Willkür der involvierten Menschen übergeben wird, ist bemerkenswert und sicher typisch für eine Philosophie, die der Säkularität verpflichtet ist und sich im immanenten, endlich begrenzten Raum aufhält. Es wird nicht mehr weitergefragt, woraus denn diese Unbedingtheit ihre von Menschen wahrgenommene Existenz bezieht: Metaphysisch bleibt die vorsichtige Frage: Kommt die Erforschung des Bedingten ohne ein Unbedingtes aus, das selbst keinerlei Bedingungen kennt, also so etwas wie eine schöpferische Kraft von allem und in allem verstanden werden könnte ??

3.
Weiterführend ein Hinweis auf einen Aspekt der Philosophie Immanuel Kants: zum Unbedingten im menschlichen Selbstbewusstsein.
Kant hat in seiner praktischen Philosophie, und zwar im „kategorischen Imperativ“, die entscheidende universell gültige Erkenntnis formuliert: Im Bewusstsein tritt uns Unbedingtes entgegen: Die kategorische Forderung stellt sich in der Lebenspraxis – wie von selbst – ein: „Handle nur nach derjenigen deiner Lebens-Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“
Das bedeutet: Das endliche Bewusstsein des bedingten Menschen ist fähig, eine unbedingte Forderung des moralischen Sollens in sich zu wissen. Das ist auch schon für eine Anthropologie von großer Bedeutung: Denn diese Erkenntnis setzt alle Menschen, endliche Menschen, in Erstaunen: Unbedingtes lebt im bedingten Menschen. Unser Bewusstsein verbindet Bedingtes und Unbedingtes, wenn wir uns auf die unbedingt geltende Erkenntnis des Kategorischen Imperativs einlassen.
Der Kategorische Imperativ hat für den Menschen nur Bedeutung und Sinn, weil ihm vom Menschen (als dem Bedingten) auch entsprochen werden kann, er kann geleistet werden in Freiheit. Sonst hätte die sich im Bewusstsein zeigende kategorische Forderung keinen Sinn.
Es gibt zweifellos Menschen, die dem Kategorischen Imperativ nicht entsprechen, man denke an die verbrecherischen Politiker der Gegenwart, die Kriegsherren, Multimilliardäre etc., sie können den Kategorischen Imperativ im Laufe ihres verbrecherischen Lebens sozusagen „kaltstellen“, aber gänzlich auslöschen können sie ihn nicht.
Die Erkenntnis sozusagen etwas griffig formuliert: Menschen haben das Unbedingte als Sollen sozusagen in sich. Und sie können dem im Handeln entsprechen, und dadurch einen positiven Zweck in der Welt realisieren: Erstrebt wird dabei das „Höchste Gut“, wie Kant sagt, ein Begriff, der explizit an das Symbol „Reich Gottes“ erinnert. (Siehe dazu etwa Jürgen Habermas in seiner Reflexion zum „Höchsten Gut“ in: „Zwischen Naturalismus und Religion“, Suhrkamp, 2005, S. 224.)

4.
In seinen posthum veröffentlichten Notizen geht Kant noch weiter:Darin identifiziert Kant die moralische Pflicht des Menschen, die sich im Kategorischen Imperativ zeigt, mit Gott selbst. Kant denkt also den im Menschen, in seiner Vernunft, immanenten Gott. Die „Internet Encyclopedia of Philosophy“ hat diesen Aspekt der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie des alten Kant weiter entfaltet: Gott wird förmlich mit dem „inneren vitalen Geist des Menschen in der Welt identifiziert. (Quelle: https://iep.utm.edu/kant-rel/#H7==

5.
Zu unserem Hinweis über das Unbedingte inmitten des menschlichen Lebens gehört auch eine Reflexion auf die „Trias“, also die so genannten drei „Transzendalien“, also das Wahre, Gute und Schöne. Es werden Strukturen sichtbar, die in jedem lebendigen geistigen Vollzug tätig anwesend sind. Sie sind Strukturen, die im Vollzug des Denkens stets wie von selbst wiederkehrend wirken und die von der menschlichen Freiheit nicht auszuschalten sind. Diese Strukturen sind Qualitäten der Vernunft, sie zeigen sich in der Vernunft, sind ein Kennzeichen der Vernunft: Sie bestehen aus sich selbst, sind nicht von bestimmten Dingen bedingt. Es handelt sich um die Bindung jeder Erkenntnis und Handlung an den formalen Anspruch, wahr, schön und gut zu sein. Jegliche Behauptung muss sich des formalen Anspruchs bedienen, wahr, schön und gut zu sein. Diesem Anspruch entkommt niemand, auch nicht der Übeltäter, der für sich glaubt und dies gegenüber anderen behauptet, gerade im Verbrechen noch für sich selbst Gutes zu tun. Diesem Anspruch entkommt auch nicht der Lügner, der für sich glaubt, in der Lüge Wahrheit zu sagen; auch nicht der Freund von Kitsch oder Widerwärtigem, Häßlichen: Er ist überzeugt, nach seinem Geschmack etwas Schönes zu schätzen und zu verehren.

6.
Über die Menschenrechte und das Völkerrecht wäre in unserem Zusammenhang zu sprechen, also über die Frage nach dem Unbedingten inmitten der geistigen Lebenspraxis. Formuliert der erste Satz des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ etwas Unbedingtes, etwas unbedingt Geltendes? Sicher ist das so als Leitlinie gemeint, bevor im einzelnen gefragt wird was ist die Würde, wann ist ein Mensch ein Mensch, und was bedeutet unantastbar, unantastbar von wem? Dieser Artikel 1 des Grundgesetzes darf niemals gegenüber anderen Interessen des Staates oder der Gesellschaft abgewogen oder relativiert werden. Es gibt zudem den Artikel 79, dort Absatz 3 des Grundgesetzes: Dort ist von einer Ewigkeitsklausel die Rede: Diese Ewigkeitsklausel schützt den ersten Satz des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“: Diese Erkenntnis gilt unbedingt, sie darf niemals geändert oder gar abgeschafft werden.

Das heißt: In dem säkularen demokratischen Staat Bundesrepublik Deutschland gibt es in der Verfassung gleich zu Beginn die Dimension des Unbedingten…Und wenn dieser „erste Satz“ im Grundgesetz auch eine Basis der universell geltenden Menschenrechte ist: Dann gilt es zu überlegen, was die Unbedingtheit der Menschenrechte philosophisch bedeutet und in welche metaphysischen Dimensionen wir da möglicherweise geführt werden….

Zur Vertiefung siehe unseren Hinweis zur Vernunftreligion als der Religion der einen Menschheit: LINK

Fußnote 1:
Über Unbedingtheit spricht Jürgen Habermas in einem Vortrag im Jahr 2000, anläßlich eines Kolloquiums über den Philosophen Jacques Derrida. „Wie die ethische Frage zu beantworten ist: Derrida und die Religion“, in: Habermas, „Ach, Europa“, Suhrkamp, 2008, S. 40 – 62.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-salon.de (Berlin)

Philippe Sands: Die Rede am 11.10.2026 in der Paulskirche, Frankfurt

 

Der TEXT der Rede von Philippe Sands in der Paulskirche am 11.10.2026 ist tatsächlich im Internet erreichbar: https://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/alle-preistraeger-seit-1950/2020-2029/philippe-sands#c5146

Wir zitieren einen besonders wichtigen Teil der Rede von Philippe Sands:

„Frieden braucht Gerechtigkeit. Gerechtigkeit braucht Regeln. Regeln brauchen das Recht. Und das Recht und Gesetze gelten universell, nicht selektiv. Genau das meint das Rechtsstaatsprinzip. Doch das Recht agiert nicht im luftleeren Raum. Das habe ich gelernt. Autor*innen und Literatur haben eine Funktion, indem sie uns an Orte bringen, wo Anwälte und Richterinnen nicht auftreten. Wie Haffner anmerkte: Als die Legalität verschwand, verschwand auch die »Welt der Bücher und der Diskussionen«. Dies ist ein Thema meines jüngsten Buches, Die Verschwundenen von Londres 38, über die Ära Pinochet. Während dreier Jahrzehnte versäumten es die chilenischen Gerichte, sich mit den Verbrechen zu beschäftigen, also brachen die Autor*innen das Schweigen. Pablo Neruda sagte es voraus, dann erzählten Bruce Chatwin, Pedro Lemebel und Roberto Bolaño.
So ist es heute wieder, weil Nationalismen und Populismen Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie und mehr hervorbringen. Grenzen werden verletzt, Zivilist*innen ins Visier genommen, Verbrechen begangen, Kräfte entfesselt, rechtsfreie Räume geschaffen. Auch die Natur wird angegriffen, wie der Klimanotstand dieses Sommers bestätigte. Im April nächsten Jahres werde ich The Fifth Crime veröffentlichen, einen Appell, den vier internationalen Verbrechen bzw. Völkerstraftaten, die uns Menschen schützen, ein weiteres hinzuzufügen. Auch diejenigen, welche die Natur zerstören, sollten zur Rechenschaft gezogen und vor ein internationales Gericht gestellt werden. Inspiriert von Autor*innen wie Rachel Carson und Christopher Stone, heißt dieses Verbrechen ›Ökozid‹.

Und als wären unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und die Zerstörung der Natur, die uns erhält, nicht genug, beschließen wir, eine neue Abhängigkeit zu entwickeln: von Technologien und künstlichen Intelligenzen, die uns zu vernichten drohen. Die Conditio humana, gefangen zwischen Anstand und Zerstörung – das ist so absurd, das kann man sich nicht ausdenken. Wie soll man es erklären? Lesen Sie den Anfang von Éric Vuillards Roman Die Tagesordnung – eine Versammlung von führenden Industriellen macht ihren Frieden mit Herrn Hitler – und sehen Sie sich dann die Ansammlung führender Tech-Mogule bei der Amtseinführung des 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten an, die ihren eigenen Frieden machen. Ehrgeiz, Gier, Narzissmus, fragile männliche Egos. Plus ça change, plus c’est la même chose – je mehr sich die Dinge ändern, desto mehr bleiben sie gleich. Round and round we go – wir drehen uns im Kreis. Was ist zu tun?
Jede Gemeinschaft hat ihre Regeln, die internationale Gemeinschaft ist da nicht anders. Es nennt sich Völkerrecht, und es existiert seit Jahrhunderten. Die meisten der Regeln funktionieren gut. Sie sind nicht im Begriff zu verschwinden, auch wenn einige ernsthaft verletzt werden. Jetzt ist die Zeit, für sie einzutreten, nicht zu schweigen; Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen, unsere Prinzipien hochzuhalten, auf sie zu bauen. Zeit, um zu widerstehen, nicht um zu verzagen, denn für das Rechtsstaatsprinzip braucht man einen langen Atem. Dies ist die Lektion von Lauterpacht und Lemkin. Wenn der Feind uns bei der Kehle packt – wie Spencer Tracy in dem Film Urteil von Nürnberg erklärt –, ist es an der Zeit, unsere Prinzipien zu verteidigen. Und zu diesen Prinzipien gehört die Sprache des Rechts.

Vor einigen Jahren vertrat ich einen Abschnitt des Falles, der von Gambia vor den Haager Gerichtshof gebracht worden war, das Myanmar genozidaler Handlungen gegen die Gemeinschaft der Rohingya beschuldigte. Mir gefiel nicht viel von dem, was meine Gegenspielerin, eine Nobelpreisträgerin, an jenem Tag im Gericht sagte, aber eine Zeile war denkwürdig: »Es kann durchaus sein, dass das Völkerrecht unser einziges globales Wertesystem ist«, sagte Aung San Suu Kyi zu den Richtern. Sie hatte recht. Ich bin nicht blauäugig, das Völkerrecht ist nicht perfekt, uneingeschränkt wirksam oder gefeit gegen Äußerungen roher Gewalt. Aber eine Welt ohne Regeln ist unsinnig. Und diese Regeln sind nicht bloß für andere da, für unsere Feinde. Sie sind universell. Sie sind auch für uns da und unsere Freunde.

Was mich wieder auf Deutschland bringt, das sich wie kein anderes Land mit den Verbrechen seiner Vergangenheit beschäftigt hat und mich zu dem gemacht hat, der ich bin. Doch da hängt eine schwere Last der Verantwortung, wie der Albatros, der um den Hals des alten Seemanns hängt, in Samuel Taylor Coleridges denkwürdigem Gedicht.1
Die Hamas-Angriffe vom 7. Oktober 2023 waren entsetzlich. Sie erinnerten an die Pogrome, die Raphael Lemkin veranlassten, das Wort ›Genozid‹ zu erfinden. Ich war zutiefst schockiert an jenem Tag, doch ich fürchtete auch das, was folgen würde. Zusammen mit anderen britischen jüdischen Anwälten – darunter ein früherer Präsident des Obersten Gerichtshofs – schrieben wir eine Kolumne für die Financial Times. Wir stellten drei Punkte klar:
1. Die Taten der Hamas auf dem Staatsgebiet Israels waren eine ungeheuerliche Verletzung grundlegender Normen des Völkerrechts.
2. Wie jeder Staat hat Israel das Recht, in Selbstverteidigung zu reagieren.
3. Dieses Recht ist nicht unbegrenzt und muss innerhalb der Grenzen des Völkerrechts ausgeübt werden.
Ich halte an diesen drei Punkten fest und bedauere, dass unsere Befürchtungen sich bewahrheiteten. Völkerstraftaten wurden am 7. Oktober auf dem Territorium Israels und anschließend auf dem Territorium Palästinas, im Gazastreifen und im Westjordanland begangen. Die Bezeichnung, die man diesen Verbrechen geben soll, ist umstritten. Lemkin hätte wahrscheinlich beide als ›Genozid‹ bezeichnet, aber seine Definition legte die Messlatte niedriger als die später in der UN-Völkermordkonvention von 1948 angenommene. Der Internationale Strafgerichtshof hat Führer auf beiden Seiten wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, aber nicht – zumindest vorerst nicht – wegen Völkermord.

Südafrika hat am Internationalen Gerichtshof, einem anderen Gericht in Den Haag, eine Klage eingereicht. Sie unterstellt einen Völkermord im Gazastreifen. Im nächsten Monat wird dieses Gericht sein Urteil im Fall Gambia vs. Myanmar fällen. Seine Interpretation und Anwendung der Konvention von 1948 wird erkennen lassen, ob Südafrika Erfolg haben oder scheitern wird.
Wie auch immer die Entscheidungen aussehen werden, die Debatte über Bezeichnungen ist, so fürchte ich, ein nutzloses Ablenkungsmanöver. Es gibt keine Hierarchie unter den verschiedenen Völkerstraftaten. Töten als Kriegsverbrechen oder als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist nicht weniger schwerwiegend als ein Völkermord. Dies sind alles schreckliche Verbrechen. Sie verlangen nach Verantwortlichkeit und müssen angeprangert werden, und diejenigen, die anprangern – ganz gleich, welche Bezeichnung sie verwenden –, sollten nicht zum Schweigen gebracht, ausgeschlossen oder bestraft werden, nur weil sie ihre Rede- und Meinungsfreiheit ausüben. Autorinnen und Journalisten, Sänger und Dichterinnen, Filmemacher und andere müssen ihre Geschichten erzählen können.
Die Tatsache der Verbrechen zum Schweigen zu bringen ist unanständig. Diejenigen zum Schweigen zu bringen, die versuchen, die Verbrechen anzuprangern, ist unanständig. Deutschland hat viele Gräuel angeprangert und ist aktiv geworden, von den Jesid*innen bis zu den Uigur*innen, von Syrien bis Iran, von Myanmar bis Sudan und der Ukraine.
……..

„Doch zu Israel, zum Gazastreifen und zum Westjordanland ist das deutsche Schweigen bis heute laut. Zugleich sind die Debattenbeschränkungen beunruhigend. Dies umso mehr nach dem eindeutigen Gutachten des Internationalen Gerichtshofs von 2024 zum palästinensischen Selbstbestimmungsrecht. Großbritannien, Kanada, Frankreich und andere haben seitdem einen palästinensischen Staat anerkannt. In jüngster Zeit haben sie Sanktionen verhängt, der britische Außenminister hat die Handlungsweise in den besetzten Gebieten als ethnische Säuberung bezeichnet.
Deutschland kennt sich aus mit ethnischer Säuberung. Warum dann das Schweigen?

Die Literatur hilft uns zu verstehen, warum es schwierig sein kann, die Wahrheit zu sagen. In Die Rattenlinie schrieb ich über den Sohn eines Nazi-Gouverneurs, der die Verwicklung seines Vaters in Massenmord anerkennt, aber unfähig ist, ihn als Verbrecher zu bezeichnen. In scharfem Gegensatz dazu hat die Enkelin des Gouverneurs die Kraft gefunden, die Tatsachen beim Namen zu nennen. Das ist Mut.

Ich verstehe, dass die Identität eines Sprechers und seine frühere Handlungsweise von Bedeutung sind. Mir ist auch bekannt, dass einige deutsche Führungspersönlichkeiten in ihrer Kritik an den Handlungen Israels allmählich schärfere Töne anschlagen. Das ist richtig, auch wenn es noch sehr zögerlich und verhalten geschieht. Es ist nicht antisemitisch. Es ist nicht ›Anti-Israel‹. Es ist die Wahrheit.
Und eine echte, nicht rassifizierte ›Staatsräson‹ für Deutschland, achtzig Jahre nach Nürnberg, muss doch wohl das Schweigen über Völkerstraftaten brechen, wo auch immer sie geschehen und durch wen auch immer sie begangen werden, auch wenn es Freunde, vor allem, wenn es Freunde sind. Das schließt Verbrechen ein, die vielleicht von einem Staat begangen werden, der gegründet wurde, um Individuen zu schützen, die Handlungen im Namen des deutschen Staates erlitten. Jahrzehnte später sind auch diese ›unbegreiflich‹.

Schweigen – und Schweigen über Verbrechen – ist, was ich anfechte und worüber ich schreibe. Die Bücher sind eine Form von literarischer Verteidigung gegen das Schweigen. Das Schweigen der Familie. Meines und das von anderen auf der Opferseite und auf der Täterseite. Das Schweigen von Gemeinschaften, auch von politischen und religiösen Institutionen. Das Schweigen von Ländern. Wie das von Großbritannien wegen seines kolonialen Erbes, wie in meinem Buch Die letzte Kolonie geschildert, über Chagos und Mauritius oder über die Unruhen in Nordirland. Oder Chile oder Ruanda oder Serbien, das kürzlich zuließ, dass ein verurteilter Völkermörder mit militärischen Ehren beigesetzt wurde.
Was ich weiß, ist dies: Schweigen ist nicht der Weg. Nicht für eine Familie. Nicht für eine Gemeinschaft. Nicht für ein Land. Und genau hier kommen Recht und Literatur zusammen, indem sie Geschichten erzählen, Denkanstöße geben, den Mächtigen die Wahrheit sagen, Vorurteilen und Doppelmoral entgegentreten, Dinge ausgraben, die manche gern verbergen würden…“

 

Nebenbei, aber wichtig:: Bundespräsident Frank Walter Steinmeier und die Justiziministerin, beide in der ersten Reihen sitzend, haben zur Kritik von Philippe Sands an der Politik Deutschlands gegenüber dem verbrecherischen Verhalten der Regierung Israels gegenüber den Palästinensern im Gaza – Streifen keinen Beifall bekundet, das zeigten die Bilder der Life – Übertagung in der ARD deutlich. Man kann sich für dieses Verhalten selbstverständlich hinter diplomatischen Üblichkeiten verstecken, ob diese Enthaltung des Beifalls an dieser Stelle noch sinnvoll und von Wahrhaftigkeit bestimmt war, ist die Frage. Sie hat ja Philippe Sands beantwortet.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Saloin Berlin

Die Gedächtniskirche in Berlin wird saniert, erhält sie endlich einen würdigen Namen?

Die 32. unserer „unerhörten Fragen“

Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die umfassende Modernisierung der „Kaiser Wilhelm Gedächtnis Kirche“ in Berlin beginnt, sie wird drei Jahre dauern. (siehe: Tagesspiegel, 28.8.2026). Die Kosten: 44 Millionen Euro, davon spenden Bund und Land Berlin zusammen 27 Millionen Euro. Die Staat – Kirche Verbundenheit funktioniert also auch in der Hinsicht noch gut.

Noch einmal unser Vorschlag: Anläßlich der Sanierung und Modernisierung dieser zentralen evangelischen Kirche in Berlin sollte nun auch der unerträgliche Titel dieser Kirche saniert, d.h. geheilt werden durch einen neuen, denkwürdigen, meinetwegen auch verehrungswürdigen Namen…

Die Evangelische Kirche und alle an der Überwindung des Kolonialismus und Rassismus Interessierten sollten dafür sorgen:  Dieser für eine christliche Kirche widerliche Titel sollte verschwinden, die beiden Kaiser Wilhelm liegen im Grab, dort bleiben sie, kein Gotteshaus darf sich noch auf sie beziehen.  An diese Kaiser – Kirchenfürsten, die nicht nur Kriegsherren und Kolonialherren waren, sondern oberste Chefs der evangelischen Kirche, sollten nur noch kritische Studien erinnern, nicht aber eine zentrale Kirche in Berlin. …

Wir haben Jahre lang oft auf dieser Website für die Umbenennung dieser Kirche am Breitscheid – Platz plädiert. Es gab keinerlei Beachtung, keine Reaktion. Unsere Erkenntnis kann nur sein:  Die Evangelische Kirche hat Angst vor dem mühevollen Prozess der Umbenennung angesichts der Macht reaktionärer Kreise. Und: Was wird denn das Geschlecht der Hohenzollern unternehmen im Falle einer Umbenennung, die Hohenzollern sind doch aufs prächtigste auch mit dem Berliner Dom ad aeternum engsten verbunden. Das dürfte doch wohl reichen an kirchlicher Treue zu den lieben Hohenzollern?

Wir fordern also noch einmal die Umbenennung dieser, so wird’s ausgesprochen: KaWeGe – Kirche (bitte nicht verwechseln mit KaDeWe) bzw., ebenso dumm die schon peinliche Kurzformel „Gedächtniskirche“. Soll dort das „heilige Gedächtnis“ angepriesen werden in bekanntlich sehr vergeßlichen Zeiten?

Die evangelische Kirche in Berlin will am Beispiel ihrer KWG Kirche am Kurfürsten Damm (!) ganz entschieden kein deutliches Zeichen setzen für ihre kirchliche,  eigentlich selbstverständliche Selbstkritik am Kolonialismus und Rassismus und an der Bindung an die Kirchenchefs Kaiser Wilhelm I und II. Diese evangelische Kaiser – Staats- Kirche ist eigentlich genauso peinlich die katholische Papst – Kirche…
Schon 1993 forderte der evangelische Pfarrer Martin Lotz die Umbennung dieser Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche, natürlich war auch sein Vorschlag vergeblich, er nannte mir gegenüber einmal die Kirchenleitung in der Hinsicht ignorant…siehe LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin .

Ideologien: Die treibenden Kräfte für politischen und religiösen Wahn

Ein Hinweis von Christian Modehn am 14.9.2026.

1.
Wie schädlich sind Ideologien für die Menschheit ? Dies ist eine aktuelle, dringende politische Frage, aber auch eine philosophische Frage. Und darüber sollten wir Klarheit finden.

2.
Tatsache ist: Menschenverachtende Ideologien werden immer mächtiger, immer gefährlicher: Man beobachte die unzähligen Diktatoren; die sich allmächtig fühlenden Tech – Milliardäre; die sich Politiker, Präsidenten, nennenden Kriegstreiber; man denke an die Mitglieder extremer Parteien voller Feindbilder; an religiöse Gruppen, die meinen die absolute Wahrheit für alle zu haben… alle diese leibhaftig gewordenen Ideologien sind destruktiv für die Menschheit. Die von diesen Ideologien beherrschten Menschen wollen ihr schändliches Agieren in einem Nebel von angeblichen Wahrheiten als normal, als üblich, erscheinen lassen. Und viele unvernünftige Menschen glauben das.
Man denke weiter an die Faschisten und den Faschismus, die Nazi-Ideologen von heute, die Varianten des verheerenden Nationalismus, man denke an den Stalinismus, den Antisemitismus, an bestimmte Varianten der MAGA-Bewegung in den USA, an den Anti-Islam, die brutalen Anti-Gay- und Anti – Queer – Bewegungen, die Mafia und so weiter.
Sind aber Ideologien immer destruktiv und für die Menschheit gefährlich?

3.
Tatsache ist: Jeder Mensch baut sich im Laufe seines Lebens seine persönliche, individuelle geistige Welt auf: Diese sollte man subjektive Ideologie nennen. Vielleicht wird diese eigene, subjektive Weltdeutung im Laufe des Lebens korrigiert, vielleicht baut man sich dann – beeinflusst durch die Bildung, die Arbeitsstätte usw. – eine neue Ideologie zusammen: Man beachte also: Diese je individuelle Interpretation der Welt, des eigenen Lebens, ist die persönliche Ideologie. Und sie wird als „meine“ private Weltanschauung auch realisiert im Alltag, sie gehört insofern zum geistigen Leben des Menschen, ist also – philosophisch gesehen – notwendig.

4.
Ideologien entstehen in der Auseinandersetzung mit den grundlegenden Fragen, die sich jeder Mensch im Laufe seines Lebens stellt und, bewusst oder nicht explizit reflektiert, für sich beantwortet: Also diese existentiellen Fragen: Was ist wahr, was ist Wahrheit? Was ist gut und was ist böse? Was ist schön und was ist hässlich, was ist Freiheit, Würde, Gleichheit der Menschen? Auf diese zentralen Fragen menschlicher Existenz gibt es keine immer schon vorgegebenen, „abrufbaren“ definitiven Antworten. Stets muss jeder die Antworten auf die genannten Fragen selbst suchen und, wenn „gefunden“, dann auch prüfen, ob sie für mein Leben und das Leben der anderen, auch der Menschheit, hilfreich sind. Diesen anspruchsvollen Prozess des je eigenen umfassend kritischen Denkens meinte Kant mit seinem Aufruf:„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

5.
Die genannten zentralen Fragen ( Was ist wahr, was ist Wahrheit, was ist gut und was ist böse, was ist schön und was ist hässlich, was ist Freiheit, Würde, Gleichheit der Menschen…) weisen auf die Ideale der Menschheit hin, oder, klassisch gesagt, auf „die Ideen“, also die allgemeinen Begriffe.
Diese Ideale der Menschheit sind im Geist der Menschen verwurzelt, auch Verblendete und Verbrecher müssen ihre abwegige Interpretation dieser Ideale noch als gut und wahr und schön für sich selbst wie für andere deuten, als Beitrag für die Würde und Freiheit der Menschen propagieren. Dies nur als Hinweis darauf, dass kein Mensch der Auseinandersetzung mit diesen Idealen oder Ideen entkommt.

6.
Hier kann nur kurz an den sprachlichen Ursprung von Ideologie erinnert werden: Man beachte die beiden Begriffe in der „Ideo – Logie“: Das bedeutet: Eine Ideologie ist der Logos der Ideale oder der Ideen, die individuelle Interpretation der Ideen und Ideale. Meine Ideologie ist mein persönlichen Logos der allgemeinen Idee.

7.
Aber diese genannten Ideale oder Ideen kann kein Mensch umfassend und eindeutig verstehen und auch eindeutig realisieren: Diese Ideale und Ideen (etwa: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit, Demokratie) sind etwas „Uneinholbares“ , nur „unvollständig Realisierbares“, etwas stets noch „Kommendes“, wie der Philosoph Jacques Derrida in seinem Spätwerk betonte.

8.
Wann kippen Ideologien um in Herrschaftsformen der Verbrecher, von denen zu Beginn dieses Hinweises die Rede ist? Wenn Menschen die Kontrolle ihrer persönlichen, privaten und individuellen Ideologie durch universell geltende Normen aufgeben: Diese Kontrolle: „Ob meine Ideologie zur Welt der humanen Menschheit passt oder nicht“, bietet etwa die Anwendung der Kategorischen Imperative von Immanuel Kant. Die verschiedenen Formen des Kategorischen Imperativs prüfen, ob meine Maxime, also meine eigene subjektive Ideologie, tatsächlich allgemeines Gesetz, humanes Gesetz für alle werden kann.
Es ist die Lust an der Destruktivität der genannten Verbrecher, die die Anwendung des universell geltenden Kategorischen Imperativs verhindert. Diese Leute sind um ihres wahnhaften Egos willen nicht imstande und haben keinen Willen, die normative Prüfung ihrer Ideologie zu leisten.

9.
Menschen, die den universell geltenden humanen Normen folgen, leben mit einer humanen Ideologie, etwa der Anhänglichkeit an die parlamentarische Demokratie als Ideal und als absolut hoch zu schätzende Idee. Es gibt selbstverständlich auch humane politische Ideologien. Dass auch sie gefährdet sind, ist deutlich: Einzelne Demokraten können die Ideale demokratischen Lebens und einer demokratischen Ideologie verraten…

10..
Unsere aktuelle politische, kulturelle, ökonomische und religiöse Situation ist als Kampf der Ideologien zu verstehen: Es gibt der Menschenwürde und den Menschenrechten entsprechende Ideologien und es gibt inhumane Ideologien. So lange Demokratien noch bestehen und Demokraten noch handeln können, sollte man genau wissen, wie Demokraten mit antidemokratischen Parteien umgehen. Herrschen erst einmal undemokratische Ideologien und deren Parteien, ist es zu spät für die Demokratie und die Demokraten. Noch ist es Zeit, mit den WählerInnen antidemokratischer Parteien in ein Gespräch zukommen, verblendete Parteiführer sind wahrscheinlich für ein vernünftiges Gespräch schon unerreichbar.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Über die vielfältigen Niederlagen der Vernunft am 6. September 2026 in Deutschland

Ein Hinweis von Christian Modehn am 7.September 2026

1.
Der Wahlsonntag, 6.9.2026 in Sachsen – Anhalt, ist ein Tag vielfältiger Niederlagen der demokratischen Vernunft, ein historischer Tag, eine Zäsur in der Geschichte, wie auch immer die weitere politische Gestaltung des Landes Sachsen – Anhalt und damit auch in der Bundesrepublik Deutschlands aussieht.

2.
Der Begriff „Niederlage der Vernunft“ ist selbstverständlich ein normativer Begriff, also ein Begriff, der mit ethischen und philosophischen Überlegungen verbunden ist: Philosophische Vernunft ist bekanntlich ein Hinweis auf die Menschenrechte und auf die Grundsätze der prinzipiell für alle Menschen gültigen Ethik. Diese Grundsätze humanen Zusammenlebens sind nicht verhandelbar. Ohne ethische und d.h. normative Grundsätze gibt es kein humanes Leben, auch kein politisches Leben. Das ist evident: Alle Menschen handeln immer nach ethischen Maximen, einige Maximen – auch politischer Menschen – können schädlich sein, andere gut, etwa die Maximen der Demokratie. Das ist auch die Erkenntnis der nach wie vor gültigen Ethik Immanuel Kants.

3.
Wir sprechen von vielfältigen Niederlagen der Vernunft. Damit meinen wir: Das Wahlergebnis der AfD (43,8%) in Sachsen-Anhalt ist eine Niederlage der Vernunft, das heißt eine Niederlage des Respektes der Menschenrechte, eine Niederlage des Respekts der unverzichtbare Idee der Demokratie. Die AfD ist keine „Alternative für Deutschland“, sie ist vielmehr eine Alternative zu Deutschland, also eine Alternative, die in ein grundsätzlich anderes, ein rechtsextremes Deutschland führen will.

4.
Das Wahlergebnis ist erstens eine Niederlage der Vernunft auch für die PolitikerInnen der AfD, die, ideologisch verblendet, bewusst und systematisch die Demokratie in Deutschland abschaffen wollen und in diesem Handeln auch ihre eigene humane Vernunft zerstören.

5.
Das Wahlergebnis ist zweitens eine Niederlage der Vernunft für die WählerInnen der AfD, die sich in blinder Wut auf offensichtliche, aber korrigierbare Fehler der Demokratie zur Wahl der AfD hinreissen lassen oder bewusst die demokratischen Grundsätze ablehnen und eine Herrschaft einer rechtsextremen Partei wünschen,. Diese Leute ignorieren also das Wahlprogramm der AfD , das die vielfache, auch ökonomische, Unvernunft direkt aussagt.

6.
Das Wahlergebnis ist drittens eine Niederlage der Vernunft für die demokratischen Parteien und deren Politikerinnen: Sie müssen sich fragen: Was haben wir als Demokraten falsch gemacht? Sind wir den Prinzipien einer sozialen und ökologisch verantwortlichen Politik gefolgt? Haben wir versucht, in ausführlichen Gesprächen Menschen zu überzeugen: dass NICHT in einer amtlich nachgewiesen rechtsextremen Partei das „Heil“ zu erwarten ist? Warum ist es nicht gelungen, die vielgesprochene Nähe zu den Menschen, gerade auf dem Land, durch demokratische Parteien zu realisieren? Warum haben demokratische Politiker nicht tausendmal glaubhaft gesagt: „Wir haben als demokratische Politiker Fehler gemacht, aber nur in einer Demokratie sind Fehler korrigierbar. In einem politischen System der rechtsextremen Partei AfD wird kein Fehler korrigiert, da geht es nur um die Herrschaft rechtsextremer Ideologie.“

7.
Solche Entgleisungen einer Demokratie sind immer möglich, das liegt an den Menschen, den PolitikerInnen wie den Bürgern, den WählerInnen, die nicht immer humanen Grundsätzen folgen, also den Menschenrechten und dem Gebrauch der eigenen immer selbstkritischen Vernunft usw… Immanuel Kant sprach treffend davon, dass Menschen aus „krummem Holz“ gebildet sind, also den aufrechten Gang nur mit Mühe realisieren können.

8.
Dieser Hinweis auf die vielfältigen Niederlagen der Vernunft, die am 6.9.2026 offensichtlich wurden, erinnert an die immer möglichen Korrekturen und Verbesserungen der Demokratie. Denn noch besteht in den Bundesländern noch die Demokratie. Aber es muss jetzt eine Zeit intensiver Bildungsarbeit zur Demokratie beginnen, inklusive der Darstellung der in Deutschland durchaus bekannten Gefahren durch Rechtsradikale und eine Zeit des wirksamen Respekts der sozialen Grundsätze der Demokratie und der ökologisch gebotenen Reformen angesichts der Klimakatastrophe, um nur zwei Beispiele zu nennen.

9.
Es muss jetzt auch an Schriftsteller und Intellektuelle erinnert werden, die in der nahen Vergangenheit explizit wie wir von der Niederlage der Vernunft in der Politik gesprochen haben.

10.
Wir erinnern an ein wichtiges Zitat aus dem Roman von George Orwell mit dem Titel „1984“. Darin spricht der Autor des 1948 geschriebenen Romans von einem Wahrheitsministerium der Diktatur, das alle Bürger zur Anerkennung dieser perversen Grundsätze zwingt:
„Krieg bedeutet Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke.“

(In der „Ullstein – Taschen-Buch“ Ausgabe des Romans, im Jahr 1976, dort S. 7).

Dies sind die Maximen, die Grundsätze aller Feinde der Demokratie, man denke auch an Mister Trump oder Putin….

11.
Wir weisen auf Thomas Mann hin, der am 17.10.1930 in Berlin, kurz nach dem ersten bedeutenden Wahlerfolg der NSDASP, eine berühmte Rede hielt unter dem Titel: „Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft“. Es ist ein dringender Appell an die Deutschen, zur politischen Vernunft zurückzukehren.

Wir erinnern an Carl von Ossiezky, Herausgeber der „Weltbühne“, Friedensnobelpreisträger: Er warnte explizit vor einem „Kultus der Unvernunft“.
KI bietet – am 7.9.2026 – die treffende und richtige Auskunft: „Für Ossietzky war der Kult der Unvernunft untrennbar mit einem wiederaufflammenden Militarismus und Nationalismus verbunden. Er argumentierte, dass eine Politik, die sich von der Vernunft lossagt, zwangsläufig im Chaos und im nächsten Krieg enden müsse.

Wir erinnern an den Schriftsteller Lion Feuchtwanger: In seinem Roman aus dem Jahr 1930 „Erfolg“ ist der Titel“, analysiert er die Unvernunft in der Gesellschaft und die dumpfen Ressentiments. „Der Roman von Lion Feuchtwanger erschien 1930 als erster Teil des Zyklus „Der Wartesaal“. Als weitere Teile erschienen „Die Geschwister Oppenheim“ (1933) und „Exil“ (1940). In den Romanen beschreibt Feuchtwanger den „Wiedereinbruch der Barbarei in Deutschland und ihren zeitweiligen Sieg über die Vernunft“. Quelle: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/kunst-und-kultur/lion-feuchtwanger-erfolg )

12.
Mit diesen Hinweisen zur Unvernunft und Nazi Herrschaft durch Thomas Mann, Carl von Ossietzky und Lion Feuchtwanger wird keineswegs eine Identität von NDSDSP und AfD behauptet. Es wird nur daran erinnert, dass rechtsextreme Parteien nun auf der Spur von regelmäßigen Wahlsiegen extrem für die Menschheit gefährlich sind: Rechtsextreme Parteien, ob sie nun AfD, FPÖ, Le Pens Partei „Rassemblement National“, Wilders PVV in Holland, Vox in Spanien, Melloni Koalitionspartner „Lega“, Teile der Republikaner in den USA und so weiter heißen.

13.
Hoffentlich kann dieser Hinweis „Über die vielfältigen Niederlagen der Vernunft“ hilfreich sein angesichts der Wahlen in Berlin und Mecklenburg – Vorpommern am 20.9.2026.

Der Hinweis ist auch eine Ermunterung, die Machtübernahme der AFD durch den persönlichen Einsatz der eigenen Vernunft zu verhindern…also NICHT AfD zu wählen.

14. Am 8.9.2026:

Ein Freund hat nach der Lektüre unseres Hinweises geschrieben:

Man sollte sich als Demokrat an eine zentrale Aussage des Roman s„1984“ von George Orwell erinnern. Gleich am Anfang werden die Grundsätze des totalitären Wahrheitsministeriums und der mit ihm verbundenen Partei genannt: es ist die Partei der Lügen: Die Grundsätze:

Krieg bedeutet Frieden
Freiheit ist Sklaverei
Unwissenheit ist Stärke

Man sollte aktuell daran denken: Die AfD ist eine Partei der Lügen: Nur einige von vielen Beispielen:
Die AfD leugnet den menschengemachten Klimawandel.
Die AfD behauptet, in Deutschland gebe es keine Meinungsfreiheit (dabei sitzen AfD Funktionäre ständig in Talkshows.) Journalisten werden von der AfD in der Berichterstattung über die AfD ausgeschlossen.
Die AfD behauptet, sie sei eine Friedenspartei. Dabei will sie einen Frieden zu Russlands Bedingungen für die Ukraine…und so weiter…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Das Ende der Welt steht NICHT bevor

…. Denn der Antichrist wird noch aufgehalten: Durch das merkwürdige „Katechon“, d.h. das Aufhaltende oder auch „den“ Aufhalter….
Ein Hinweis zum „2. Brief an die Thessalonicher“ von Christian Modehn 21.8.2026.

Das Motto: Dies ist ein Thema, das uns bestimmte Rechtsradikale und libertäre Millliardäre jetzt aufdrängen. Anstatt das Elend der Milliarden Hungernder und Ausgebeuteter aufzuhalten, kümmern diese Leute sich um den Mythos eines Aufhalters, des „Katechon“. Dies ist ein Beispiel für den Wahn heutiger machtvoller Herrscher, die von einigen sogar noch „Eliten“  genannt werden. Wenn es diese biblischen Mythen nicht gäbe, dann, ja, dann würden die Genannten ohne den glanzvollen Mantel religiöser Mythen dastehen, vielleicht nackt, also wahrhaftig, also egoistisch – verblendet dastehen.

Der Skandal ist also, dass sich diese rechtsextremen Politiker und Tech – Milliardäre überhaupt mit dem Katechon spekulativ bzw. spinös befassen und nicht alles tun: Dass die Klimakastrophe – um nur ein Beispiel für heutige Katastrophen und Krisen zu nennen , „aufgehalten“ wird. Die Beschäftigung dieser Leute mit dem biblischen Mythos Katechon hat also etwas Überflüssiges, wenn nicht Perverses. Wir müssen trotzdem diesen mythologischen und neutestamentlichen Wahn verstehen. Welchen Wahn bestimmte Interpretationen der Bibel auch sonst erzeugen, wäre ein eigenes dringendes Thema.

Ergänzung am 26.8.2026: Wie geht die katholische Kirche heute mit dem Katechon um? Siehe dazu Nr. 23 in diesem Hinweis. 

………..

1.
Es gibt eine kurze Passage in einem eher marginalen, kurzen Text des Neuen Testaments und dort einen sehr speziellen mysteriösen Begriff. Er hat interessanterweise eine große und lange Wirkungsgeschichte, politisch wie religiös: Es ist der griechische Begriff KATECHON aus dem 2. Brief des Autors Paulus an die Thessalonicher, also an die Gemeinde der Stadt, die heute Saloniki heißt.
2.
„Katechon“ meint, kurz gesagt, den „Aufhalter“, was hält er letztlich auf? Das Ende der Menschheitsgeschichte und mit diesem Ende beginnt das von Christen ersehnte Reich Gottes. Dieses Ende ist also nicht nur das Sichtbarwerden der Wiederkunft Christi auf Erden, sondern auch der Sieg Gottes über den großen Feind Christi, den Antichristen. Von dieser gedanklichen Welt ist die frühe Kirche wenige Jahrzehnte nach dem Tod Jesu von Nazareth bestimmt.
3.
Der Autor Paulus des genannten Textes des NT behauptet also und schärft der Gemeinde ein: Dieses Ende der Welt als der Sieg Christi über den Antichristen steht NICHT bevor. Die Weltgeschichte als ein Kampf zwischen Guten und Bösen geht weiter…. Dank des aufhaltenden KATECHON.
4.
Immer wieder haben sich (schon mittelalterliche) Theologen auf diesen Aufhalter des Endes der Welt und ihrer Geschichte bezogen und sind dabei in den gegebenen biblischen Kategorien verblieben. Sie haben also nicht den biblischen Begriff vom ursprünglichen Inhalt entkernt und mit auch nicht das Katechon sowie auch das Ende mit neuen ideologischen Inhalten gefüllt.Diese inhaltliche Entfernung, Auslösung, des biblischen Inhaltes des Katechon findet nun seit einigen Jahren statt.
5.
Zahlreiche sehr einflußreiche Ideologen und Politiker rechter und rechtsextremer Fixierung in Deutschland, Russland und den USA sprechen also viel vom „Katechon“ und verwenden diesen ursprünglich biblischen Begriff als Stütze der eigenen Ideologie, ihrer feindlichen Politik und ihrer Ökonomie, die sich von jedem Respekt der universell geltenden Menschenrechte losgesagt haben.
6.
Unser Thema Katechon ist also alles andere als ein vielleicht nur esoterisches Thema für einige wenige „Eingeweihte“ oder Spezialisten, vielmehr wird der nun neu konstruierte Katechon Begriff als Antwort auf die globale Frage unserer Zeit verwendet: Auf welches Ende, auf welchen Untergang, steuert unsere Welt zu? Und wer oder was kann den Untergang noch aufhalten.
7.
Dabei ist für die rechten und rechtsextreme Ideologen des Katechon klar: Der Untergang der Welt geschieht nicht – wie im NT verkündet – durch ein göttliches Endgericht, sondern der Untergang ist ein von den Demokratien, den liberalen Staaten, den Menschenrechten herbeigeführtes Ende. Demokratien und Demokraten sind für den bevorstehenden Untergang verantwortlich, Demokratien und Demokraten mit ihren Werten des Pluralismus, Feminismus, Anerkennung der Rechten der Queers usw. muss man (also die Rechten und Rechtsextremen) aufhalten. sollen also der Untergang sein, behaupten diese Katechon – Interpreten. Wegen dieser Perspektiven, die auf einen Krieg innerhalb der Gesellschaft und auch auf einen Krieg der rechtsextremen Herrscher gegen die wenigen verbliebenen Demokratien hindeutet, ist die Auseinandersetzung mit diesem Katechon Begriff dermaßen relevant.
8.
Zunächst zum 2. Thessalonicher Brief selbst, dem Ursprungsort des Katechon – Begriffes: Historisch und kritisch arbeitende Bibel – Wissenschaftler nennen diesen griechischen Begriff „Katechon“,„schwebend, verrätselt“ nennen, sie betrachten ihn in der damaligen zeit als wenig prägnant, also als verführerisch für allerhand Spekulationen schon damals:LINK 
https://bibliographie.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/131536/Karrer_085.pdf?sequence=1
9.
Die zentrale Behauptung des „2. Briefes an die Thessalonicher“ ist, wie gesagt: Das Ende der Welt als das Gericht Gottes und der Sieg Gottes über den Antichristen wird vorläufig NICHT geschehen. Mit dieser Behauptung unterscheidet sich dieser Brief von anderen Texten des Neuen Testaments, die betonen: Das Ende stehe unmittelbar bevor, so etwa die „Offenbarung des Johannes“, auch „Apokalypse“ genannt“ ( siehe dort Kap. 1, Vers 3). So wird also auch ein Beispiel deutlich für durchaus widersprüchliche kirchliche Lehren bezogen auf das Ende der Welt. Der 2. Brief an die Thessalonicher wie die Apokalypse des Johannes gehören zum Kanon des NT, sie gelten also als „Gottes Wort“…: Sogar Gottes Wort ist also nicht eindeutig. Wie sollte es angesichts dieses Themas vom Ende der Welt und der Wiederkunft Christi auch anders sein.
10.
Der Brief des Autors Paulus, der „2. Brief an die Thessalonicher“, wurde etwa in den Jahren 90 bis 115 geschrieben, den Brief hat mit größter Wahrscheinlichkeit NICHT der Apostel Paulus (Autor des Römerbriefes etc…) verfasst. Zur Datierung unseres Textes siehe: Maarten J.J. Menken’s „2 Thessalonians“ , published by Routledge in 2002.
Im folgenden wird der Autor des 2. Thessalonicher Briefes Paulus von mir nur Autor genannt.
Unsere Zitate aus diesem Brief sind der Einheitsübersetzung „Die Bibel“, Herder Verlag, 1980, entnommen.
11.
Der Ausgangspunkt für den Zweiten Brief an die Thessalonicher: Die Christen dort waren nach dem Tod Jesu von Nazareth und der von ihnen geglaubten Auferstehung bzw. Himmelfahrt von der Frage heftig bewegt: Wann kommt dieser Jesus von Nazareth nun als der siegreiche Christus endlich aus dem Himmel wieder auf die Erde zurück? Denn, so glaubten sie, diese definitive und siegreiche Rückkehr habe ihnen Jesus zu seinen Lebzeiten versprochen, die Autoren der Evangelien lehren das.
Diese Erwartung der siegreichen Wiederkunft Jesu Christi auf Erden wird Nah – Erwartung genannt. Die Christen in Thessalonich haben sich in ihrer frommen Phantasie Details zusammen gereimt: Wenn Christus wiederkehrt, dann wird er sich zunächst mit dem Antichristen, also der großen feindlichen Gegenmacht, auseinandersetzen und diesen Antichristen schließlich besiegen. Gleichzeitig beginnt dann das Endgericht durch Christus bzw. Gott geleitet.
12.
Der Autor dieses Briefes muss die sehnsuchtsvoll die Wiederkunft Christi und damit auf das Ende dieser Welt spekulierenden Christen beruhigen, man möchte sagen von ihrem frommen Wahn befreien: Es ist in der Sicht des Autors falsch und schädlich, wenn Christen in Thessalonich glauben, das Ende der Zeiten sei bereits jetzt schon da. Das behaupten einige, die sich in Thessalonich als Lehrer aufführen. Der Autor unseres Briefes also schreibt: „Lasst euch nicht so schnell aus der Fassung bringen… wenn behauptet wird, der Tag des Herrn (also die Wiederkunft Christi) sei schon da“ (2,2). Und dann nennt der Autor des Briefes detaillierter die Abfolge der Ereignisse, die zum Ende der Welt als dem Sieg Gottes einst führen. Vor dem Endgericht und damit vor dem dann beginnenden Reich Gottes muss noch der Abfall der Menschen vom wahren christlichen Glauben stattfinden und sichtbar werden. Und dann muss auch „der Mensch der Gesetzlosigkeit“, der „Sohn des Verderbens“, sichtbar auftreten, „erscheinen“, wie der Autor sagt, er meint die Figur des Antichristen.
Im Endgericht werden dann die Guten, das sind die korrekt Frommen der Gemeinde, für gut befunden und gerettet, also ins Reich Gottes eintreten, in den Himmel. Und die Bösen, das sind die Irrlehrer und Feinde des offiziell gelehrten Christus – Glaubens, werden verurteilt und letztlich dem Verderben, also der Hölle, preisgegeben.
Der Antichrist, der „Gesetzwidrige in der Kraft Satans mit großer Macht“, wird viele Christen verführen, weil sie „sich der Liebe zur Wahrheit verschlossen haben“ (Vers 10), also der Liebe zu der von den Aposteln festgelegten christlichen Lehre: Beachtlich ist nur das Gottesbild des Autors: Gott selbst lässt die Menschen der Macht des Irrtums verfallen läßt, wie es in Vers 10 heißt: Gott selbst lässt also den dogmatischen Irrtum zu, der dann beim Gericht für die Irrenden zum Verhängnis wird.
13.
Der Autor aber will die Gemeinde vor allem warnen: Wer den Anbruch des Reiches Gottes und die Wiederkunft Christi bereits jetzt als gegeben ansieht, der hat überhaupt kein Interesse mehr, sich an die bislang übliche weltliche Ordnung zu halten, also Ruhe zu bewahren und den Alltag wie gewohnt zu gestalten, etwa regelmäßig zu arbeiten. In Kapitel 3 teilt der Autor sein hartes Urteil mit, und dieses muss im Zusammenhang des Katechon gelesen werden:Der Autor verurteilt aufs heftigste die Haltung: Wenn das Reich Gottes jetzt schon da ist, dann braucht auch niemand mehr arbeiten; das Reich Gottes wird von diesen Frommen als ein ewiges Leben ohne Arbeit phantasiert… Religiöse begründete Faulheit der Frommen wird also zurückgewiesen, siehe Vers 10 f.: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen. Wir hören aber, das einige von euch ein unordentliches Leben führen und alles mögliche treiben, nur nicht arbeiten. Wir ermahnen sie und gebieten ihnen, im Namen Jesu Christi, des Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr selbst verdientes Brot zu essen“. Wer an den Beginn des Reiches Gottes schon als jetzige Realität glaubt, legt sich also auf die faule Haut:

Eine Erfahrung auch im Sowjet – Kommunismus Stalins, der als ehemaliger Theologiestudent diese Briefe des Neuen Testaments wohl kannte: Er hat gegen Faulenzer im Kommunismus tatsächlich ein Zitat aus dem 2. Thessalonicher Brief – trotz des offiziellen sowjetischen Atheismus – in die Verfassung der UdSSR eingefügt: Dort heißt es: „Die Arbeit ist in der UdSSR Pflicht und Ehrensache jedes arbeitsfähigen Staatsbürgers nach dem Grundsatz: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“, so Art. 12 der „Verfassung der UdSSR“ vom 5.12.1936. (Artikel 12. Die Arbeit ist in der UdSSR Pflicht und eine Sache der Ehre eines jeden arbeitsfähigen Bürgers nach dem Grundsatz: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“; Quelle: LINK 
14.
Und man wird zeigen müssen, dass auch in christlichen Kreisen etwa in der frühen Kirche einige wächst enthusiastische Fromme die Arbeit verschmähten und sich etwa als Säulen Heilige auf die Säulen hockten und sich notdürftig von anderen versorgen ließen…Enthusiastisch fromm und enthusiastisch faul scheint sich zu reimen, das sah der Autor des 2. Thessalonicher Briefes schon..
15.
Wer ist nun eigentlich für unseren Autor derjenige, der über das Katechon, den Aufhalter der Endzeit, verfügt? Der Autor spricht von einer „festgesetzten Zeit“ (Vers 6), in der der Antichrist erst offenbar werden wird zum Endkampf gegen Christus. Wer kann über diese Zeit verfügen, sie fest setzen? Natürlich Gott persönlich, er ist also der Herr des Katechon.
16.
Vom „Katechon“ wird in anderen Briefen des Neuen Testaments NICHT gesprochen erwähnt, nicht Kolosser-Brief und auch nicht im Epheserbrief, auch nicht in den so genannten Pastoralbriefen des Neuen Testaments.
17.
In kurzer Hinweis zur Wirkungsgeschichte des biblischen „Katechon“. Dieser wirre Begriff des Neuen Testaments hat eine lange ideologische Geschichte. Dazu weisen wir erneut auf die wichtige Studie von Volker Weiß hin, „Katechon“, Cotta Verlag, 2026.
Im Mittelalter wurden politische Kräfte genannt, die das Katechon sein sollen, das Kaiserreich, politische Systeme…
Im 20.Jahrhundert hat der katholische rechtsextreme Denker Carl Schmitt eine Katechon-Ideologie heftig propagiert. Wikipedia schreibt: „In Schmitts posthum veröffentlichten Tagebüchern heißt es in dem Eintrag vom 19. Dezember 1947: „Ich glaube an den Katechon: Er ist für mich die einzige Möglichkeit, als Christ Geschichte zu verstehen und sinnvoll zu finden.“ (Glossarium, S. 63) Und Schmitt fügte hinzu: „Man muß für jede Epoche der – von meiner Gegenwart aus gerechneten – letzten eintausendneunhundertachtundvierzig Jahre den Katechon, den Aufhalter des Endes, nennen können. Der Platz war niemals unbesetzt, sonst wären wir nicht mehr vorhanden.“ (Quelle: LINK )
18.
In Kreisen der AfD ist der katechon Begriff üblich: Maximilian Krah meint, seine rechtsextreme Partei werde von Trump als dem Katechon geschützt (zit. in Volker Weiss, S. 11). Auch die rechtsextremen Identitären Sellner und Lichtmesz glauben: Der Kampf gegen die Massen der Flüchtlinge sei nur mit einem starken (natürlich rechtsextreme) Staat (als Katechon) zu gewinnen (S. 20). Der Milliardär Peter Thiel (USA) meint: Ein politisches libertären Katechon sei notwendig, um den drohenden weltweiten liberalen und demokratischen Einheitsstaat zu verhindern (S. 24). Vor allem müsste die d Kontrolle der neuen Hochtechnologie durch Demokraten und Demokratien verhindert werden (S. 25). Das libertäre Katechon im Sinne Thiels (und Musks und Zuckerbergs usw.) soll die Milliardäre in ihrer unkontrollierten Freiheit schützen: Das ist die theologisch gefärbte Ideologie dieser neuen Herrscher…
19.
Der böse Feind, vor dem das Katechon der US Milliardäre und ihrer politischen Freunde schützt, ist also die demokratische liberale Welt. Die Menschenrechte werden zum Feind, den es zu verhindern gilt. Wichtig sind auch die Erläuterungen von Volker Weiss zur Herrschaft der Katechon – Ideologie in Putins Russland, etwa beim Philosophen Alexander Dugin und der Russisch-Orthodoxen Kirche (Patriarch Kyrill I, als Putin – Ideologe). Russland muss als Katechon die ganze Welt vor dem korrupten und total verdorbenen liberalen Europa schützen; der russische Politologe Sergej Karaganov will deswegen russische Atomwaffen gegen das verdorbene liberale Europa einsetzen, sollte die Ukraine weiter als Bollwerk des Westens bestehen (S. 45). Zu unseren Hinweisen auf die sich russisch – orthodox nennende Putin-Kirche in Russland: LINK        Für Trump ist MAGA das Katechon, die MAGA Bewegung hält den Sieg der Liberalen auf, der Demokraten, der Linken, der Queers usw…
20.
Man darf sehr erstaunt sein, mit welcher Bravour Rechtsextreme verschiedener Staaten sich auf diesen abseitigen biblischen Begriff Katechon heute noch einlassen. Warum benötigen sie diesen frommen Mantel, um ihre eigene menschenfeindliche Ideologie etwas zu verstecken? Weil sich mit Gott und religiösem Zauber und religiös – spinösen Begriffen die dummen Bürger dieser Staaten noch auf die eigene Seite ziehen können!
21.
Und warum wehren sich die heute halbwegs etwas vernünftigen großen Kirchen nicht gegen den Missbrauch biblischer Begriffe, wie etwa des Katechon, das von jeglicher biblischer Bedeutung und jeglichem Inhalt durch die genannten Rechtsextremen entleert wird?
Wenn schon vom noch vom Katechon gesprochen werden soll, dann sollten die Kirchen darauf dringen: Redet auch vom bevorstehenden Untergang der Welt durch die jetzt offensichtlich werdenden Klima- Katastrophen (es sind ja wohl nicht nur Klima- Krisen); redet auch vom bevorstehenden Ende der Welt, weil die reichen Länder und die Milliardäre dort außerstande sind und keine Pillen haben, die vielen Milliarden Hungernder zu ernähren, den Rassismus gegenüber den Armen abzulegen, die Milliarden Elender aus dem Elend der Unbildung, der Wohnungslosigkeit, der medizinischen Nicht – Versorgung zu befreien. Die vielen Katastrophen sind also da, sie sind von Menschen gemachte Katastrophen, nicht von einem imaginären Antichristen. Oder ist dieses religiös-mythische Bild doch hilfreich? Niemand unter den Demokraten und vernünftig gebliebenen Menschen sollte es aber wagen, bestimmte Leute mit dem Antichristen zu identifizieren, so sehr man dazu eine gewisse Lust verspürt…Dann würde der Bürgerkrieg etc…beginnen…
22.
Jedenfalls müssen noch ganz andere Katastrophen beachtet werden als diejenigen, von denen die Rechtsextremen schwadronieren, um ihre eigene verbrecherische Herrschaft zu zementieren und auszubreiten. Für diese genannten anderen Katastrophen sind bestimmte Politiker, Ideologen, aber auch viele brave, aber ignorante Bürger in den reichen Ländern dann doch verantwortlich zu machen. Man kennt ihre Namen. Die Armen, Hungernden, Sterbenden, etwa im Südsudan, Kongo, Madagascar, in den Slums asiatischer oder lateinamerikanischer Großstädt, auf den Südsee- Inseln usw… sind für die Klimakatastrophe bestimmt NICHT verantwortlich… Es sind die Herren dieser Welt…

23.

Die katholische Kirche spricht heute eher nebenbei und eher indirekt vom Katechon: Im offiziellen „Katechismus der katholischen Kirche“ von 1993 wird in § 673 das Wort „aufhalten“ verwendet und damit an das Katechon erinnert: Die endgültige Ankunft bzw. Wiederkehr Christi , so heißt es dort, “kann jederzeit geschehen, auch wenn sie und die endzeitliche Prüfung, dir ihr vorausgehen wird, noch =aufgehalten= wird.“ Dieser Satz verwendet die bildhafte mythologische Sprache des Neuen Testaments förmlich wie ein Faktum. Das aber nur nebenbei, jedenfalls verweist Fußnote 3 in § 673 auf die entscheidende Katechon Aussage im 2. Thessalonicher Brief, Kap2, Verse 3-11. Auch vom `Antichrist ist im Katechismus die Rede: in § 675, auch dort wird wieder auf die Aussage des 2. Thessalonicher Briefes verwiesen.Viel wichtiger ist aber: Die katholische Kirche hält immer noch an einer umfassenden ENGEL – Lehre fest, in deren Mittelpunkt der Erzengel Michael steht: Er ist der gegen alles Dunkle und Feindliche kämpfende Fürst der Engel. Er ist also als Engel sozusagen der Aufhalter des Bösen. Die offizielle Website „Vatican News“ berichtet in dem Zusammenhang unter dem Stichwort Michael – Erzengel (Quelle: LINK ) von einem mysteriösen Erleben des Papstes Leo XIII im Jahr 1884 (der jetzige Papst Leo XIV. Ist laut eigener Aussage ein Verehrer dieses Papstes Leo XIII.
Vatikan News schreibt u.a.: Papst Leo XIII. sei am 13. Oktober 1884 während einer Messfeier für einige Minuten erstarrt: Und Leo XIII. erklärte später, er habe in diesen Minuten der Erstarrung eine furchtbare Vision gehabt: „Legionen von Dämonen“ hätten darin zum Sturm auf die Kirche angesetzt und sie nahezu zerstört. Doch dann habe der Erzengel Michael eingegriffen und das Schlachtenglück gewendet. „Aber ich sah, dass der Erzengel nicht sofort eingriff, sondern erst, nachdem aus aller Welt inständige Bitten zu ihm aufgestiegen waren.“ Das Gebet des Leo-Papstes ist mittlerweile fast in Vergessenheit geraten, doch noch Johannes Paul II. lud an einem Sonntag im April 1994 dazu ein, „es immer wieder zu beten, um Hilfe im Kampf gegen die Kräfte der Dunkelheit und gegen den Geist dieser Welt zu erlangen“.
Das Katechon in der katholischen Kirche sind heute die ENGEL, vor allem ist es der hoch verehrte Erzengel Michael, das wäre ein eigenes Thema: Man müßte diese Lehre in bis heute bestehenden und päpstlich anerkannten esoterisch – katholischen Vereinigungen wie dem „ENGELWERK“ (oder dem mit dem Engelwerk verbundenen offiziell katholischen Kreuz-Orden) weiter untersuchen; sowie auch im Zusammenhang der Erscheinungen der Jungfrau Maria auf Erden, etwa in Fatima 1917. Oder in La Salette 1846, einem französischen Ort der hoch-problematischen, wenn nicht verstörend-verwirrenden, aber päpstlich anerkannten Marien-Erscheinung und Marien – Wallfahrt seit dem 19. Jahrhundert…

24.

Ein vernünftiges theologisches Nachwort: Die katholische Theologin Prof. Marta Zechmeister, San Salvador, sagt: “Gott ist für mich die große Verheißung, dass die Schurken dieser Welt nicht das letzte Wort behalten – die, die über Leben und Tod anderer verfügen. Das ist keine Vertröstung auf ein Jenseits. Es ist die Weigerung, ihnen den Ausgang der Geschichte zu überlassen.“ LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.