Die Spiritualität von Alexei Nawalny

Ein Hinweis auf ein bisher wenig beachtetes Thema

Von Christian Modehn am 22.2.2024.

1.
Eine explizite, öffentliche kritische Haltung inmitten einer Diktatur zu bewahren, ist zuerst Ausdruck einer politischen, Menschenrechten verpflichteten Überzeugung. Der Kampf gegen die Korruption im Putin – Reich war der Mittelpunkt seines Handelns: Alexei Nawalny wurde als der bekannteste und beliebteste Oppositionelle in Russland im Straflager „Polarwolf“ in Charp, im Polarkreis, von der Putin – Diktatur umgebracht, am 15. bzw. am 16. Februar 2024.

2.
Alexei Nawalny war auch bestimmt von einer spirituellen Überzeugung: Er hat an seiner Überzeugung des Widerstands gegen die Diktatur Putin unter widrigsten Umständen festgehalten, er ist freiwillig, nach seinem Klinikaufenthalt in Berlin, im Januar 2021 nach Russland zurückgekehrt: Ein Leben in Freiheit stellte er sich dort wohl nicht vor. Der Russland – Kenner Thomas Roth (WDR) gab in der Sendung „Maischberger“ am 20.2.2024 einen entscheidenden Hinweis: „Nawalny wusste, dass er ein Martyrium auf sich nimmt.“ Diese Überzeugung, dass auch der eigene, freiwillig angenommene Tod für die Menschenrechte sinnvoll und wirksam ist und so die Opposition gegen das Putin – System am Überleben halten kann, daran glaubte Nawalny bis zuletzt. „Meine Nachricht, wenn ich ermordet werde, ist sehr einfach: Gebt nicht auf. Wenn sie entschieden haben, mich umzubringen, bedeutet das, dass wir unglaublich stark sind,” so Nawalny in einem Dokumentarfilm.Quelle: LINK.

3.
Der Titel „Märtyrer“ gehört in die Geschichte der christlichen Spiritualität: Viele Christen der frühen Kirche wurden Märtyrer aus Opposition zum römischen Kaiser – Kult, sie wussten und sagten öffentlich: Unser freiwillig angenommener Tod wird „Frucht bringen“…
Es ist wichtig, wenn die Oppositionelle Irina Scherbakowa in der genannten Sendung „Maischberger“ sagte: „Die Menschen waren überzeugt, Nawalny kann nicht sterben“. Nun wurde er ermordet, aber er ist im Denken vieler Oppositioneller eben nicht tot, tot ist ein Mensch nur, wenn er vergessen wird.
Nebenbei: Theologen sind an der Stelle vielleicht dazu geneigt, an Jesus von Nazareth zu denken: Seine Freunde wussten nach seiner Hinrichtung und dem Tod am Kreuz: Dieser Jesus kann nicht sterben. Er war so umfassend menschlich, für ihn gibt es kein definitives Ende.

4.
Man soll sich hüten, Alexei Nawalny zu einem christlichen Märtyrer zu machen, förmlich die Grenzen der „Heiligsprechung“ zu überschreiten. Aber man sollte auch wahrnehmen, welche spirituellen, welche elementaren christlichen Überzeugungen sein Leben, sein Einsatz, seine Hingabe, bestimmte. Dieser spirituelle Hintergrund wird bisher eher am Rande erwähnt, was die deutschsprachige Presse betrifft. Man denke etwa daran, dass Nawalny vor dem Moskauer Berufungsgericht im Februar 2021, wie der SPIEGEL berichtet, sagte: „Ich bin ein gläubiger Mensch, auch wenn das nicht immer so gewesen sei und manche meiner Mitstreiter darüber spotten. Aber der Glaube hilft mir in meiner Tätigkeit, weil alles viel, viel einfacher wird«. Und Nawalny sagte auch, theologisch ziemlich gewagt: “Jesus Christus ist der größte Politiker…Er hat alles verändert”.   LINK

Und Nawalny zitierte dort auch das Neue Testament, die Bergpredigt Jesu von Nazareth: «Selig sind, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.» Und Nawalny kommentierte: „Dieses Gebot habe ich immer als Handlungsanweisung verstanden. Es macht mir keinen Spaß hier zu sein, aber ich bedaure auch keinesfalls meine Rückkehr und das was ich gerade tue. Ich fühle sogar so etwas wie Genugtuung, weil ich in einer schwierigen Zeit getan habe, was in der Anweisung (Jesu) steht. Ich habe das Gebot nicht verraten“.

5.
Falls das mörderische Putin – System die Leiche Nawalny noch einmal freigibt, und damit auch zur Bestattung, wird man sehen: Patriarch Kyrill von Moskau oder einer seiner getreuen Putin – Popen wird eine christliche oder spirituelle Bestattung Nawalnys bestimmt nicht leiten. Alexei Nawalny war sicher kein offizielles Mitglied dieser Putin -hörigen Kirche. Aber selbstverständlich ist die praktische Akzeptanz einiger Weisheitslehren Jesu von Nazareth überhaupt nicht an eine Mitgliedschaft in einer Kirche gebunden.

Jetzt aber berichtet die “Tagesschau” am 22.2. 2024: Etwa 800 orthodoxe Priester und Laien in Russland haben gefordert, den Leichnam Nawalnys freizugeben und sie sprechen sogar davon, ihn nach orthodoxem Brauch/Ritus zu bestatten. Dazu wird es wohl, als einem “politischen Ereignis” nicht kommen … aber dass nun eine schwache Opposition im Klerus gegen Putrin aufbricht, ist doch ein sehr ermunterndes Zeichen. LINK.

6.
Julija Nawalnają, Alexeis Frau, führt den Kampf ihres Mannes weiter. „Sie will stellvertretend jenen Funke Hoffnung repräsentieren, den Nawalny bis zuletzt verkörpert hat, wenn er sagte, alles sei besser, als untätig zu sein“ (Quelle: Elisabeth von Thadden, „Die ZEIT“, 22.2.2024, Seite 50).

Buchhinweis: Alexei Nawalny – Schweigt nicht!: Reden vor Gericht Gebundene Ausgabe. 2021, Droemer Knaur Verlag.

Copyright: Christian Modehn, www.religionspühilosophischer-salon.de

Der Papst verbietet demokratische Strukturen in der Kirche von Deutschland

Ein Hinweis von Christian Modehn am 20.2.2024.

Ein Vorwort:
Niemand mache sich heute Hoffnung auf eine grundlegende Reform der katholischen Kirche (in Deutschland). Das Thema „katholische Kirchenreform“ ist ja nicht nur für die stets kleiner werdenden katholischen Kreise interessant. Der vatikanische und bischöfliche Umgang mit dem Thema „Synodale Strukturen als Ausdruck der Gleichberechtigung der Laien in der katholischen Kirche“ muss kulturell gedeutet werden als ein Zeichen zentralistischer Allmacht! Aber die passt so gar nicht in die große und wahre, aber heute allseits bedrohte Tradition von Demokratie und Aufklärung und Menschenrechte. Die katholische Kirche in ihrer Organisation und Lehre fällt förmlich aus der Zeit, aus der Gegenwart. Sie lebt förmlich nur noch weiter als eine Organisation, die sich de facto selbst überlebt hat, wie der Philosoph G.W.F. Hegel treffend schon um 1820 erkannte. LINK.

1.
Der Vatikan hat erneut den wichtigen katholischen Reformprozess in Deutschland, „Synodaler Weg“ genannt, mit einem Machtwort ins Stolpern, wenn nicht zum Stoppen gebracht, also in den Sterbeprozess geführt: Roms Machtwort: Die Bischöfe in Deutschland dürfen nicht den Rat der Gläubigen in einem gemeinem „Ausschuss“ einholen. Mit anderen Worten: Die Herrschaft bleibt einzig beim Klerus. Der Synodale Weg könnte, genau besehen, eigentlich gestoppt werden. Denn: Rom hat – wie immer das letzte Wort. Das wollen viele nur nicht wahrhaben. Zum Brief aus ROM: LINK.

Und das sagen Mitglieder des “Synodalen Ausschusses” über diesen Brief des Papstes! LINK.

2.
Die deutschen Bischöfe haben nach dem Brief aus Rom das zentrale Thema „Synodaler Ausschuss“ gleich von der Themenliste ihrer aktuellen Beratungen in Augsburg (19.2. bis 22.2. 2024) gestrichen. Der Klerus in Deutschland, die Bischöfe, sind also selbst nur gehorsame Schäfchen, ausführende Beamte der Spitze der Hierarchie im Vatikan. Dort und anderswo geistert das Gespenst der Spaltung der römisch-katholischen Kirche durch die Köpfe: Dabei wissen viele: Diese Spaltung gibt es de facto längst: Welcher Priester hält sich wirklich noch an das Zölibatsgesetz? Wie geht ein Bischof etwa in Uganda oder Kenia mit katholischen Homosexuellen um und ein Bischof, nun ja, in Deutschland? Gibt es da Gemeinsamkeiten? Und so weiter.

3.
Über diese, nennen wir sie offen, feudalistischen Zustände in der römischen Kirche heute weiter zu debattieren, ist eigentlich vertane Zeit.

4.
Trotzdem:
Es sollen die Katholiken nur noch einmal an tausendmal schon Genanntes und eigentlich Bekanntes erinnert werden: Denn klipp und klar ist dies offizielle Ideologie: Nur die Bischöfe, also der Klerus, sind laut offizieller und unumstößlicher katholischer Dogmatik befugt, „mit heiliger Gewalt in der Person Christi zu handeln“, so bitte nachzulesen im offiziellen universell geltenden „Katechismus der katholischen Kirche“, § 875 ff. (München 1993). Das heißt: Gott selbst will, dass der Klerus allein in allen Glaubensfragen herrscht und bestimmt. Und wenn Laien kooperativ jetzt im „Synodalen Weg“ auf die eigentlich richtige Idee kommen, mitzuwirken in der inhaltlichen Gestaltung des Glaubens: Dann ist es im Sinne der offiziellen Ideologie eine unerträgliche Anmaßung: Denn: „Niemand kann sich selbst den Auftrag und die Sendung geben, das Evangelium zu verkünden“ (§ 875, Seite 259). Nur weil der liebe Gott höchstpersönlich allein dem Klerus den Auftrag und die Sendung erteilt hat, dürfen nur die Herren des Klerus das Evangelium verkünden und deuten.

5.
Auch das weiß allmählich fast jede und jeder: Die katholische Kirche kennt für die Gestaltung ihrer Lehre und ihrer Struktur absolut und definitiv keine demokratischen Grundsätze an – schon gar nicht in der inhaltlichen Gestaltung des Glaubens und seiner Lehren. Da können sich die Laien meinetwegen Kopf stellen: Forderungen nach Gleichberechtigung und demokratischer Mitbestimmung der Laien in entscheidenden Lebens/Glaubensfragen sind ausgeschlossen, denn die Herren der Kirche, der Klerus, der männliche, haben sich diese Theologie zurecht gelegt: „Christus selbst hat ihnen dieses Amt übertragen…zu leiten“ (Katechismus, § 873).
Die Kleriker, allen voran der Papst, können also eigentlich machen, was sie wollen. Und Deutschlands katholische Kirche ist dem Herrn des Vatikan-Staates, dem Wahlmonarchen Papst Franziskus, ziemlich schnuppe. Sonst hätte er ja mal was machen können in der „Causa“ Woelki“ zum Beispiel. Ihm ist die Mongolei ein viertägige Reise wert, aber nichts gegen die Mongolen! Manche meinen nur, Köln oder München wäre neben Ulan Bator oder Bangui auch mal ein Reisziel, „Pilgerfahrt“ genannt…. Den Papst wird einzig noch das Geld interessieren, das etwa als deutscher Peterspfennig in die heilige Stadt fließt… Für Papst Franziskus ist der Katholizismus in Deutschland jedenfalls faktisch von ihm selbst bewiesen eine „quantité négligeable“… Das sagen übereinstimmend kritische Beobachter und kritischen Theologen. Mir persönlich ist es schnuppe, ob Franziskus nach Deutschland sich aufmacht…

6.
Es gibt also heute für Reformkatholiken in dieser zerrissenen, kriegerischen Welt sehr sehr viel Dringenderes, als gegen die in jeder Hinsicht undurchdringlichen Mauern des Vatikans, des Papsttums etc. anzurennen.

7.
Martin Luther hatte Mut, den eigenen Weg zu gehen und mit ihm damals sehr viele empörte Katholiken. Ein Martin Luther ist heute leider nicht in Sicht. Zu viele Reformkatholiken sind offenbar, psychologisch gedeutet, viel zu masochistisch eingestellt. Sie lassen sich offenbar liebend gern von Rom in ihrer eigenen und sehr wertvollen Glaubenshaltung unterdrücken. Sie sind auch in Deutschland, als politische Demokraten, gern die letztlich doch immer Gehorsamen, Autoritätshörigen. Was für ein Skandal in unserer demokratischen Welt.

8.
Man möchte also Dante Alighieri variieren: „Lasst also die Hoffnung auf grundlegende Kirchenreformen fahren“ … liebe KatholikInnen, und wendet euch den wirklich dringenden Themen zu, dem Frieden, der Solidarität, der Überwindung der Armut, der Verhinderung einer noch größeren Klima – Katastrophe, oder auch: der freundlichen Mitmenschlichkeit im Alltag, all das ist bekanntlich in der Sicht des Propheten Jesus von Nazareth bereits der wahre Gottesdienst! Und LEBT – im emphatischen Sinne – und vergesst die Wahlmonarchie in Rom.

9.
Jeder und jede kann den eigenen spirituellen Weg gehen. Vernünftige Gesprächskreise über das Evangelium des Propheten Jesus von Nazareth sind jederzeit und überall zu realisieren, wenn man nur will und nicht länger bereit ist, die Bindung an Rom und die Hierarchen mit dem Glauben an eine transzendente Wirklichkeit, Gott genannt, zu verwechseln.
Für die vielen tausend Festangestellten in der Kirche Deutschlands wäre dieser Weg in die spirituelle und menschliche Freiheit wohl mit einem Verlust an finanziellem Wohlstand verbunden. So bleibt man wohl noch gern bei den „Fleischtöpfen Ägyptens“ müde sitzen … und leidet und … hofft weiter…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die FDP gegen das Lieferkettengesetz: Der Skandal der Liberalen.

Wenn eine sich liberal nennende Partei letztlich für Zwangsarbeit und Kinderarbeit im globalen Süden eintritt.

Ein Hinweis von Christian Modehn …

Vorwort:
Der Religionsphilosophische Salon Berlin, ist, wie alle LeserInnen unserer Hinweise wissen, wie auch alle, die an unseren Veranstaltungen über 15 Jahre teilgenommen haben: Unser Religionsphilosophische Salon in Berlin ist kein schöngeistiger Club erhabener Gedanken bei einem Plaudern mit einem Gläschen Tee. Nein! … Wir treten für die Menschenrechte ein, weil sie, universell formuliert, eine humane Zukunft der Menschheit ermöglichen. Und das bedeutet: Wir kritisieren jene Gruppen und Grüppchen, die die Haltung der universellen Menschenrechte verhindern und behindern. Wir wissen, leicht melancholisch: Dieser unser Protest wird nicht von Erfolg im Sinne der Menschenrechte gekrönt sein, dazu sind die Lobbys der egoistischen Multis usw. in Deutschland und Europa viel zu heftig tätig, etwa in den sich liberal nennenden Parteien.

1.
Dass die FDP, wie die anderen sich liberal nennenden Parteien, wenig Interesse hat an sozialer Gerechtigkeit, also an sozialer und kultureller Gleichberechtigung der Armen und der vom reichen Norden Arm-Gemachten (in globalen Süden)  hat, dass die FDP also auch kein Interesse an gerechter Steuergesetzgebung usw. hat, das ist allen kritischen und nachdenklichen Beobachtern sowieso evident.

Nun als Beleg für diese nicht akzeptable Haltung der FDP, die de facto den Interessen der Großkonzerne in Europa entspricht: Die Haltung der FDP zum Lieferkettengesetz.

Das Lieferkettengesetz, von der EU lang und ausführlich beraten, sollte die Menschenrechte und die Umwelt in der Welt der Armen, im “globalen Süden”, schützen! Nun hat die – laut neuester Umfragen nur noch Minipartei zu nennende – FDP in “unerträglicher Hybris”, wie Ulrike Herrmann in der TAZ (17.2.2024, Seite 14) richtig schreibt und in “destruktiven Verhalten”,  das Lieferkettengesetz der EU zum Scheitern gebracht, “weil die Liberalen in allerletzter Minute ihr Veto eingelegt haben; “diese Dreistigkeit izt unfassbar”. (Ulrike Herrmann). Die FDP lügt, wenn sie behauptet, mit ihrer Dreistigkeit kleine und mittelständische Betriebe zu schützen, auch darauf weist die Wirtschaftswissenschaftlerin Ulrike Herrmann hin.

Wer vom Lieferkettengesetz noch nichts gehört, mache sich bitte sofort kundig! LINK:  siehe auch:  LINK.

2.
Der Religionsphilosophische Salon Berlin, zwar theologisch und NUR theologisch (!) liberal interessiert, ist sehr dankbar: Das angesehene katholische Hilfswerk MISEREOR in Aachen hat die angekündigte Enthaltung Deutschlands bei der Abstimmung über das EU – Lieferkettengesetz heftigst kritisiert. Bravo!! Da freut man sich als Religionsphilosoph, dass es weltweit denkende, human an Gerechtigkeit orientierte katholische Institutionen gibt, die mutig protestieren!
Auch wenn gilt: Die eigentlich hier jetzt sichtbare Allmacht dieser jetzigen Winzlings – Partei FDP (in neueren Umfragen nur 4 % Zustimmung der WählerInnen) ist höchst verstörend! Die großen europäischen Konzerne werden mit Lindner und den Seinen etliche Gläschen Champagne anstossen! Wenn am Freitag ihre verrückte Enthaltung sich durchsetzt….

Dieser katholische Protest von hoch angesehener Seite, und das ist Misereor, mit besten Argumenten und mit Unterstützung so vieler anderer vernünftiger NGOs usw., wird wohl keinen Erfolg haben. Die Winzlings – Partei – Ideologen aufseiten der Multis werden alles Vernünftige und Humane in dem Zusammenhang zunichte machen.
Es ist für uns interessant und sehr bezeichnend für das politische Denken von Papst Franziskus: die nun folgende Meldung (3.) wurde auf „VATICAN News” am 6.2.2024 veröffentlicht.
Man fragt sich, wie FDP – ergeben zeigt sich die SPD?: „Auf Druck der FDP werde die Bundesregierung dem Gesetzesvorschlag im EU Rat nicht zustimmen!“ Wie sozial ist oder war früher mal die SPD? Auch eine interessante Frage. Diese Winzlingspartei FDP beherrscht die SPD, … bloß weil diese regieren will….

3.
Die Meldung von „Vatican-News“ am 6.2.2024 bezieht soich auf die kritische Studie von Misereor:

Das kirchliche Hilfswerk “Misereor” (in Aachen)  hat die angekündigte Enthaltung Deutschlands bei der Abstimmung über das EU-Lieferkettengesetz scharf kritisiert. Wie Arbeitsminister Hubertus Heil am Dienstag mitteilte, werde die Bundesregierung auf Druck der FDP dem Gesetzesvorschlag im EU-Rat nicht zustimmen.

Die FDP habe einen von ihm vorgeschlagenen Lösungsweg nicht mitgetragen, so SPD-Minister Heil, der die Position der Koalitionspartei als offenbar „ideologisch motiviert“ ansieht. Damit ist es jedoch ungewiss, ob die notwendige qualifizierte Mehrheit an diesem Freitag im EU-Rat zustande kommen wird. Armin Paasch, Menschenrechtsexperte von Misereor, bezeichnete die Entscheidung als „Einknicken des Bundeskanzlers vor der Wirtschaftslobby“ und einen „Schlag ins Gesicht der Opfer von Brumadinho und Rana Plaza“:
„Statt die ideologisch motivierte Sabotage der FDP zurückzuweisen, scheut Bundeskanzler Olaf Scholz den Konflikt und verweigert Führung für Nachhaltigkeit“, so Paasch am Dienstag nach Bekanntwerden der deutschen Position. Der Kanzler lasse damit nicht nur „seinen Arbeitsminister im Regen stehen“, sondern blamiere Deutschland auch in der EU und mache deutlich, dass der „Schutz von Menschenrechten, Umwelt und Klima in der Wirtschaft“ für ihn „keinerlei Priorität“ habe, so die harsche Kritik von Misereor.
Kompromiss war mühsam ausgehandelt worden
Die EU-Institutionen hatten sich im Dezember auf einen Kompromiss für ein Lieferkettengesetz geeinigt. Demnach sollen etwa große Unternehmen vor europäischen Gerichten zur Rechenschaft gezogen werden können, wenn es in ihren Produktions- und Lieferketten zu Kinder- oder Zwangsarbeit kommt. Der Europäische Rat als Gremium der EU-Staats- und Regierungschefs muss dem Kompromiss noch zustimmen, die Abstimmung ist für Freitag geplant. Auch andere Länder hatten Bedenken angemeldet.
Die deutsche Enthaltung sei „ein fatales Signal an alle Menschen, die weltweit von Ausbeutung, moderner Sklaverei, Vertreibung und Urwaldzerstörung betroffen sind“, so Paasch von Misereor weiter: „Ihnen soll nach dem Willen der Bundesregierung auch künftig kein Recht auf Entschädigung zustehen, wenn europäische Unternehmen ihre Menschenrechte verletzen.“ Es bleibe zu hoffen, dass „die Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten am kommenden Freitag dennoch zustimmt“, schließt Paasch.
Bundesfinanzminister Christian Lindner und Bundesjustizminister Marco Buschmann hatten in der vergangenen Woche in einem gemeinsamen Brief ihre Ablehnung des EU-Lieferkettengesetzes bekannt gegeben. Die Initiative Lieferkettengesetz hatte in einem Briefing aufgezeigt, dass Marco Buschmann die deutsche Position bis zur Einigung der EU-Institutionen entscheidend mitgeprägt und mitgetragen hatte. Die EU-Einigung ging über die deutsche Position „letztlich nicht hinaus“, unterstreicht Misereor in dem Statement vom Dienstag.

Link zu “Misereor”:

Dieses katholische Hilfswerk verdient viel Beachtung und Unterstützung, es ist – neben „Brot für die Welt“ – eine christliche Stimme der Armen, der Vergessenen, der Verachteten und Verhungernden im globalen Süden in Deutschland…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Das Gift der Rechtsextremen heute heißt Nostalgie

Ein Hinweis auf ideologische Elemente der Rechtsextremen und ihrer Parteien heute.

Von Christian Modehn

1. Zur Einführung
Rechtsextreme Parteien in Deutschland und Europa bewundern und lieben „Ideale“ der Vergangenheit. Sie sind nostalgisch bestimmt. Dabei bauen sie nicht eine monumentale Ideologie auf, etwa uralter (germanischer) Mythen. Ihre Parteiprogramme und ihr viel radikaleres politisches Handeln heute orientiert sich pragmatisch an abstrakten Prinzipen aus der politischen „Welt von vorgestern“. Und diese „Werte“ sind: Traditionelles Familienbild und traditionelle Rolle der Frauen, Abwehr der Gleichberechtigung sexueller Vielfalt etwa in „Homo-Ehen“, heftige Abwehr der Fremden, die die Reinheit des Blutes angeblich stören, und vor allem: die Nation als etwas Heiliges hochschätzen.
Diese „Werte“ bestimmten einst die politischen Zustände, die Zeiten des demokratischen Niedergangs, etwa in der Weimarer Republik, als rechtsradikale Parteien und die sie unterstützenden (!) rechts-konservativen Parteien (DNVP) das politische Leben, die Demokratie, die Menschenrechte auslöschten.
Die zerstörerische Kraft von Demokratiefeinden und Rechtsradikalen jetzt (2023/2024) wird sichtbar etwa in der Drangsalierung von Politikern. Die Meute ist gewalttätig nicht nur mit ihren permanenten Beleidigungen und Beschimpfungen. Der Ortsvorsteher Martin Klußmeier hat jetzt sein Amt in Otterberg – Drehenthalerhof (bei Kaiserslautern) aufgegeben, er hielt die ihm entgegengebrachte Verrohung einfach nicht mehr aus. Klußmeier spricht ausdrücklich von Verrohung. LINK    Und: LINK

Was ist Verrohung:

Es ist der freiwillige Rückfall der Menschen in ihr pures Naturwesen, man möchte sagen in die tierische Existenz des Beissens und … Fressens. Unter rohen Menschen (verrohten Menschen) ist der „Kampf aller gegen alle“ (so der Philosoph Thomas Hobbes, „Leviathan“) üblich.
Verrohung ist der Gegenbegriff zu Kultur, als dem Inbegriff menschlichen, geistvollen Lebens, eines menschlichen Lebens, das der Vernunft folgt und nicht blinden Gefühlen, wilden Emotionen, tödlichen Aggressionen der Meute.
Ein weiteres aktuelles Beispiel: „In Schlüttsiel zwingen mehr als 100 Demonstranten Bundeswirtschaftsminister Robert Hobeck zum Umkehren seiner Fähre. Die Regierung bezeichnet den Protest als beschämende “Verrohung der Sitten“. (Quelle: Die „Zeit“, 5. Januar 2024, 0:07 Uhr)

Ein Leben der Verrohung holt sich seine Power aus den imaginierten „Werten“ der Vergangenheit. Haben Krawalle des Pöbels gegen demokratische Politiker heute eine Art Vorbild in den Krawallen gegen Demokraten in der Weimarer Republik?

2. Details:
Die politische Ideologie der rechtsextremen Parteien im heutigen Europa hat vielfältige inhaltliche Fixierungen. Wichtig für rechtsextreme Parteien (AFD, FPÖ, Le Pen Partei „RN“, VOX in Spanien, PiS in Polen, „Brüder Italiens“ und Lega – Nord usw.) ist die deutlich propagierte Sehnsucht nach einer imaginierten heilen Vergangenheit. Nostalgie ist eine rechtsextreme Leidenschaft. Eine phantasierte, angeblich bessere, ideale Vergangenheit wird direkt oder indirekt beschworen und als erstrebenswertes politisches Ziel verbreitet. Die politische Realisierung dieser imaginierten Welt von gestern und vorgestern und deren alter „Werte” soll die Krisen der Gegenwart begrenzen, wenn nicht überwinden. Als könnten Modelle von einst hilfreich sein für die „Lösung“ heutiger Probleme in ganz anderen Konstellationen.

3. Nostalgie
Nostalgie: Das Wort stammt aus dem Griechischen: νόστος bzw. nóstos bedeutet „Rückkehr, Heimkehr“ und ἄλγος bzw. álgos „Schmerz“ .
NostalgikerInnen glauben an die Sehnsucht nach einer Heimat, nach einer Heimkehr in eine ideale Vergangenheit: Die Kindheit ist zwar fern, aber sie war – angeblich – so schön. Darum ist ja auch Weihnachten als Kinderfest der Regression immer noch populär. Die „Rolle rückwärts“ ist beliebtes Mittel der Fortbewegung.
Die alte Welt als ideologisches Refugium, das waren nicht nur die „rauschenden Bäche“ der Poesie der Romantik mit ihren klappernden Mühlen. Die alte Welt der Nostalgiker: Das waren immer auch Herrscher, Diktatoren, Krieger, nach außen hin ordentliche, brave und christliche Männer. Und falls sie Soldaten waren, mussten sie sich halt fürs Vaterland aufopfern.

4. Flucht in frühere Zeiten
Nostalgie als politische Haltung von Rechten und Rechtsextremen heute hervorzuheben, ist alles andere als ungewöhnlich. Nostalgie sei nicht nur eine individuelle Haltung, sozusagen eine private Spiritualität des einzelnen. In seinem Essay über Nostalgie (in der Zeitschrift „LETTRE international“, Winter 1999, Seite 74 ff.,) spricht der us-amerikanische Soziologe James Macdonald Jasper auch von der politischen Bedeutung der Nostalgie in seiner Jugendzeit in den USA. „Nie zuvor in der Geschichte haben die Menschen ein so dringendes Bedürfnis verspürt, sich eine beruhigende Vergangenheit zu schaffen“ (74). Sie wurde als ALTERNATIVE wahrgenommen: Die Nostalgiker wollen sich förmlich an einen anderen Ort und in eine andere Zeit versetzen. Dabei wurde die Bindung an Mythen aktualisiert: In der Romantik stützten sich die Nostalgiker auf den Mythos der Nation: „Der eigenen Nation wurde eine Art kultische Verehrung zuteil“ (S. 75)… Die Nationalsozialisten pflegten einen „tödlichen Mischmasch von Nostalgien, die in beunruhigender Spannung zu Elementen der Moderen standen“ (S. 77). Es ging den Nationalsozialisten – wie allen Rechtsextremisten in ihrer wahnhaften Ablehnung der Fremden und der Angst vor „Umvolkung“ – „um die Reinheit des Blutes, der Abstammung, der wahren deutschen Kultur“ (S. 77), also um das Erstarken einer „Leitkultur“.

5. AFD -d.h. Eine Alternative anstelle von Deutschland (als Demokratie)
Man analysiere den Titel „AFD“, das Kürzel für die Partei „Alternative für Deutschland“: Damit ist gemeint: „Wir als AFD bieten eine gute Alternative für das bisherige Deutschland. Also für die bisherige Demokratie.“ Das FÜR im Titel der AFD bedeutet nicht zugunsten von Deutschland im Sinne der bestehenden Demokratie, sondern Für bedeute „anstelle von“ Deutschland. Die AFD will – als Alternative – die bisherige Demokratie in Deutschland also ersetzen. Wodurch eigentlich? Durch ein autoritäres Regime.

6. Klares Denken
Das Parteiprogramm der AFD ist sehr aufschlußreich. Und man wünscht sich dringend, dass die Leute, die für die AFD stimmen, genau wissen, welchem Verein sie da politische Herrschaft zutrauen. Offenbar ersetzt die Wut „auf das System“ (also die Demokratie) das klare Denken. Kritisches Denken kann vielleicht noch einmal wiederkehren, wenn die AFD WählerInnen das alternative, d.h. undemokratische System von AFD Regierungen erlebt haben… und dann hoffentlich von einer Nostalgie nach der von ihnen per Stimmzettel abgeschafften Demokratie erfasst werden.

7. Immer wieder Feindbild: “der” Islam
Die offiziellen Partei – Programme der Rechtsextremen zeigen sich oft harmloser als die vielen alltäglichen Äußerungen und Praktiken ihrer führenden Politiker, man denke etwa an die Statements Björn Höckes (AFD). LINK
Aber schon im moderat klingenden Programm der AFD wird klar und deutlich: Diese Partei will zurück in die alte Welt einer angeblich guten nationalen Ordnung in dem Nationalstaat Deutschland: Auch das wird konkret gefordert: Es soll keine umfassende Frauen-Emanzipation geben, Frauen sind die Gebärenden in einer ordentlichen Hetero-Familie. Familien von Homosexuellen werden abgelehnt. Das Christentum wird als ideologisches Schmiermittel einer „abendländischen, christlichen Kultur“ in Deutschland beschworen. Der Begriff „Heimat“, „unsere so schöne Heimat“, wird gepriesen und damit konsequenterweise im Parteiprogramm auch die „Deutsche Leitkultur statt Multikulturalismus“ hoch gelobt (Nr. 7.2. des Programms von 2016). Entsprechend in Punkt 7.6.1 des AFD Parteiprogramms heißt es rigoros: “Der Islam gehört nicht zu Deutschland“. Man möchte angesichts dieser pauschalen Verurteilung „des“ Islam und seiner Freunde sagen: Dann gehört die AFD auch nicht zu Deutschland…
Entsprechend sollen, laut Parteiprogramm, Flüchtlinge, zumal aus muslimischen Ländern, schon an der Grenze kontrolliert und abgeschoben werden. Diesen Forderungen der AFD hat sich nun auch die EU und auch Deutschland angeschlossen. Man sieht: Die Angst vor der AFD hat Wirkung in demokratischen Gremien. Man hat den Eindruck: Die AFD beginnt zu herrschen, indem demokratische Parteien Teile des AFD Programms übernehmen…
Jegliche „Umvolkung“ soll laut AFD verhindert werden. Das heißt: Das deutsche Blut soll nicht verunreinigt werden. Deswegen darf Deutschland auch nicht als Einwanderungsland verstanden werden, obwohl Millionen Fachkräfte dringend in Deutschland gebraucht werden…Weil der Nationalstaat wieder absolut im Mittelpunkt steht, soll auch die EU weitgehend geschwächt werden. Sollte man sich anschauen:  LINK:

8.
Ein Blick auf die psychischen Voraussetzungen von Nostalgie: Sie ist, wie schon gesagt, die emotionale und auch intellektuelle Bindung an die Vergangenheit in dem Sinne, dass die Vergangenheit und deren Werte bzw. Lebensformen, Gesetze und Gebote nicht nur als hilfreich, sondern als wegweisend, als aus der Krise führend, angesehen werden. Der Psychotherapeut und Philosoph Erich Fromm hat durch seine Studien zum nekrophilen Charakter darauf hingewiesen: Nekrophile (also das Tote liebende) Menschen haben ein besonderes Interesse an allem, was nicht mehr lebt, sich nicht mehr entwickelt, was erstarrt ist, schreibt Erich Fromm in seiner Studie „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ (1973, Band 7 der Gesamtausgabe 1980, Seite 307): “Der nekrophile Charakter erlebt nur die Vergangenheit und nicht die Gegenwart oder Zukunft als ganz real. Das, was gewesen ist, das heißt, was tot ist, beherrscht sein Leben: Institutionen, Gesetze, Eigentum, Traditionen und Besitztümer…Das Tote beherrscht das Lebendige. Im persönlichen, philosophischen und politischen Denken des Nekrophilen ist die Vergangenheit heilig,… eine drastische Veränderung ist ein Verbrechen gegen die `natürliche` Ordnung“ (ebd.).

9.
Die rechtsextremen Parteien in ihrer nekrophilen Liebe zur Vergangenheit, also zur „Nostalgie“, werden unterstützt von religiösen und kirchlichen Gruppen, die sich ebenfalls der Ideologie der „so viel besseren Vergangenheit“ und damit der bösen Gegenwart hingeben.
In der katholischen Welt sind die so genannten „Pius-Brüder”, also die Traditionalisten, gegründet von Erzbischof Marcel Lefèbvre (1905-1991), die deutlichste Bewegung katholischer Nostalgiker, auch hier lebt die Nekrophilie: Lefèbvre und die Seinen lieben über alles die lateinische Messe im alten Ritus (des 16. Jahrhunderts), Lefèbvre beschwor ständig „l église de toujours“, die “Kirche von immer“, wie er sagte, und er meinte damit immer auch: Die Messe in der jeweiligen Landessprache, vom 2. Vatikanischen Konzil beschlossen, sei ein Verbrechen gegen Gott und die Menschen. Bei Lefèbvre und den Seinen ist diese Ideologie bis heute gültig genauso wie die Verachtung der Menschenrechte, etwa die Religionsfreiheit. Sie hassen die Lebendigkeit, den Wandel, die Reform, die Reformation.
Auch diese religiöse Nostalgie kommt wie jede Nostalgie nicht ohne Feinde aus: Wie oft hat Erzbischof Lefèbvre in seinen Predigten „die Protestanten, die Freimaurer, die Liberalen“ verurteilt: Und auch: Moderne Katholiken, Anhänger des 2. Vatikanischen Konzils, hätten nichts anderes im Sinn als die Freiheit der Menschen…und diese sei doch teuflisch, führe in den Abgrund. Nur die Bindung an undemokratische Autoritäten helfe den Menschen: Darum war Erzbischof Lefèbvre ein Freund der Diktatoren in Argentinien; darum waren und sind die Pius-Bruder in Frankreich (dort unter den Laien sehr stark vertreten mit mehr als 100.000 Anhängern) auch die engsten Freunde des rechtsradikalen Führers Jean-Marie Le Pen und seiner Partei Front National: Wie oft waren die Pius-Brüder als Priester bei den Le Pen Veranstaltungen und Kundgebungen zu Ehren der heiligen Jeanne d Arc liturgisch tätig: Sie wird in rechtsextremen Kreisen Frankreichs als Heilige verehrt…, auch, weil sie Ausländer, damals waren es Engländer, besiegt und vertrieben hat.

10.
Marion Maréchal, die Nichte von Marine Le Pen, der Chefin des „Rassemblement National“, „RN“, der Nachfolgepartei des Front National von Jean-Marie Le Pen, ist eng mit den Traditionalisten und Pius – Brüdern als „praktizierende Katholikin“ verbunden. Marion Maréchal tritt nun als Europa – Kandidatin 2024 auf … für die extrem-rechte Partei des jüdischen Parteigründers Eric Zemmour: Seine Partei hat den Titel „Reconquete“, also „Zurückeroberung“. Ein Programm, das an die Zeiten der spanischen Reconquista im Mittelalter erinnert, als über einige Jahrhunderte mit vielen Kriegen die Präsenz der Muslims im katholischen Spanien beendet wurde, und die der Juden übrigens auch, falls sie nicht konvertierten… : „Vertreibung“ könnte man also auch die Partei Zemmours nennen, die beim ersten Wahlgang für die Präsidentschaftswahlen 2022 immerhin 7 % der Stimmen erhielt, in katholisch – konservativ geprägten Vierteln Versailles und des Départements Yvelines noch viel mehr. So gibt es also eine rechtsextreme „Ökumene” von einer rechtsradikalen Katholikin (Marion Maréchal) und einem rechtsradikalen Juden (Zemmour)… Im Parteiprogramm von Zemmours „Reconquete“ wird auch lang und breit ausführlich über die Befreiung Frankreichs von muslimischen Mitmenschen gesprochen.

11.
Über fundamentalistische Protestanten, also die vielen Millionen Evangelikaler, wäre zu sprechen und ihre Behauptung, in ihrem wortwörtlichen Verstehen der Bibel – Interpretation würde Jesus selbst, der Held von einst, zu ihnen sprechen … natürlich durch den Mund bestens bezahlter Pastoren und deren „Mega – Churches“. Vom Judentum wäre zu sprechen und den ultraorthodoxen Kreisen, die jede noch so detaillierte Bestimmung alter biblischer Lehren in ihr heutiges Leben umsetzen und sich in ein starres, für den einzelnen brutales Korsett von Gesetzen und Vorschriften von einst begeben. Im Islam sind es die fundamentalistischen Gruppen der Islamisten, die behaupten: Die soziale und politische Ordnung die – angeblich – Mohammed zu seinen Lebzeiten forderte und auch gestaltete müsse auch unter allen Umständen heute wieder in gleicher Weise durchgesetzt werden, und zwar auch mit tötender Gewalt gegen die Feinde dieses Glaubens.

12.
Die rechtsextremen und rechtspopulistischen Bewegungen und Parteien können vielleicht noch gestoppt werden: Wenn die Menschen begreifen: Die Ideologie dieser Gruppen und Parteien ist nicht nur zerstörerisch für die beste aller nur denkbaren Staatsformen, also die sich immer weiter entwickelnde Demokratie. Wer diesen rechtsradikalen Parteien folgt, zerstört auch sich selbst, lässt sich ein auf ein nekrophiles Leben. Diese rechtsextreme Ideologie ist schädlich für das, was den Menschen als Menschen auszeichnet, also für seinen Geist und seine Seele. Nostalgie ist Gift, weil sie zur Liebe zum Toten, Vergangenen, Verblichenen, zu allem Verstorbenen und Verwesenden führt.

13.
Kriege sind immer Geschehen, die das Tote und die Toten produzieren, und manche Diktatoren in Russland und anderswo sind froh, dass sich so viele ihrer Landsleute hinschlachten lassen. Putins tödliche Ideologie lebt von Versatzstücken einer „Philosophie“ der „russischen Welt“. Und Putins ideologische Stütze, der russisch-orthodoxe Patriarch von Moskau, Kyrill I., befeuert nicht nur den Krieg Putins, er ermuntert den Staatschef und Kriegsherrn, der Nostalgie eines „russischen Imperiums“ unbedingt und tötend Folge zu leisten.
Es ist die Liebe zum Tod und zum Toten und Töten, die letztlich hinter nostalgischen Schüben in der Politik steht. Es ist die perverse Liebe zu „meiner Nation“, deren sich der Nostalgie bedient, die die Welt zerrüttet.

14.
Welche Bedeutung hat die Vernunft noch in diesem Jahr 2024 angesichts des Niedergangs vernünftigen, demokratischen Lebens? Eine Frage, die wir im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin weiter diskutieren werden, zu Ehren von Immanuel Kant: Am 22. April 2024 feiern wir Kants 300. Geburtstag, selbstverständlich beginnen die „Feierlichkeiten“ jetzt.

15.
Aber was sind „philosophische Feierlichkeiten“ für den einzelnen und für Gesprächs-Gruppen? Denken und Lesen und Diskutieren und gemeinsam Speisen (wie Kant in seiner berühmten Mittags-Runde bei Wein und Fisch). LINK.

PS.:

Für das Kulturradio des RBB gestaltete ich ein Feature, das versucht, einige Erkenntnisse Immanuel Kants sozusagen unter das gebildete Volk zu bringen. Diese Ra­dio­sen­dung von 2010 fand ein großes Echo. Sie gehört in eine Reihe von mir gestalteter imaginärer Salon-Gespräche etwa zu Hegel, Heidegger, Schleiermacher usw.. Ich biete hier noch einmal den Text dieser Radio – Sendung über Kant, auch anläßlich seines 300. Geburtstages am 22.4.: LINK:

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

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Leidenschaftlich für die Menschenrechte: Kardinal Álvaro Ramazzini, Guatemala

Ein anderes Gesicht der katholischen Kirche heute
Ein Hinweis von Christian Modehn

Einen Hinweis auf eine religionsphilosophische Reflexion zum Thema “Religiöse Verteidiger der Menschenrechte”  finden Sie unter Nr.10.

1.

In Deutschland und in ganz Europa sind die meisten Menschen auf ganz begrenzte Gebiete der Verletzung von Menschenrechten und damit von Unterdrückung und Krieg fixiert. Es gibt sozusagen wichtige Leidende und eher unwichtige Leidende. Selbstverständlich ist es keine Frage: Das Leiden der Menschen in der Ukraine oder in Israel und den Gebieten der Palästinenser ist heftig und brutal.
Aber es gibt Menschen, die in ihrem Leiden in der weiten Öffentlichkeit eher vergessen werden. Wenn man allein die Themen der Talkshows der letzten Monate wahrnimmt: Haben Sie in den letzten Monaten, ja in den letzten Jahren, einmal eine Talkshow in der ARD oder im ZDF gesehen, die sich mit dem Leiden und den Kämpfen der Menschen in El Salvador oder Guatemala beschäftigt hat oder vielleicht mit dem Elend und dem Sterben der Menschen in Haiti?

2.

Angesichts der vielen pädosexuellen Verbrechen des katholischen Klerus und der abzulehnenden hierarchischen Klerus – Struktur ignoriert die breite Öffentlichkeit auch die Tatsache: Es gibt auch einige Kleriker, sogar Kardinäle, die hervorragende und hochzuschätzende Verteidiger der Menschenrechte und der Menschenwürde sind. Das muss einfach um der Objektivität willen öffentlich gemacht werden.
Haben Sie etwa im Tagesspiegel jemals einen Bericht über Alvaro Ramazzini aus Guatemala gelesen? Den Namen sollte man sich merken, er ist Kardinal und Bischof in der Provinzstadt Huehuetenango… Bitte forschen Sie, wo und wie dieser hervorragende Kämpfer für die Demokratie und die Menschenrechte, zumal der Indigenas, lebt. Jahrzehnte lang wurden in Guatemalas Bürgerkrieg die einheimischen Bevölkerungen der Indigenas verfolgt und getötet.Mehr als zwei Millionen Guatemalteken sind unter schwierigsten Umständen durch Mexiko in die USA geflüchtet und die meisten leben dort ohne PapiereAuch Jugendliche und Kindern ohne Begleitung fliehen aus ihrer „Heimat“…   LINK

Nebenbei: Die Stadt Ravensburg hat mit Huehuetenago eine Partnerschaft!
Guatemala steht an 135. Stelle (von 191) auf dem„Index der menschlichen Entwicklung“.

Auch die Biographie von Alvaro Ramazzini sollte man studieren… LINK    Oder: LINK.  Oder: LINK.

3.

Hier nur einige Zitate von Kardinal Ramazzini aus der jüngsten Zeit, sie wurden in katholischen Publikationen – und damit eher für einen begrenzten Leserkreis – verbreitet.

4.

Kardinal Ramazzini sagte: „Wenn man die Zeitungen in Deutschland und anderswo in Europa aufschlägt, bekommt man leider den Eindruck, dass unser kleines Land für den Rest der Welt gar nicht existiert. Wir brauchen aber internationale Unterstützung im aktuellen Kampf für Demokratie und Gerechtigkeit. Dafür will ich werben. Die Welt darf uns nicht aus den Augen verlieren.“
Es gibt in Guatemala einen Pakt der Korrupten, diese Leute wollen niemals die Macht verlieren. Dazu sagt Kardinal Ramazzini:
„In erster Linie ist das Justizsystem gemeint, das nur noch wenig mit seinen eigentlichen Aufgaben zu tun hat. Mehrere Richter und Mitarbeiter der Generalstaatsanwaltschaft haben wegen ständiger Drohungen das Land verlassen. Nun erleben wir eine Hexenjagd der Justizbehörden gegen den neu gewählten Präsidenten und seine Partei. Das System wird offensichtlich von Kräften manipuliert, die keine Veränderung wollen.“ (Quelle KNA: 29.9.2023).
Die Amtsübergabe an den neuen, demokratischen Präsidenten Bernardo Arevalo und seiner Vizekandidatin Karin Herrera von der Semilla – Partei soll am 14. Januar 2024 stattfinden. Das Datum ist umstritten, weil die Generalstaatsanwaltschaft unter Leitung der Katholikin Consuelo Porras und dem Leiter der Sonderstaatsanwaltschaft Rafael Curruchiche die Ergebnisse der Wahl diskreditieren! Die tun alles, dass die gewählten demokratischen Politiker ihr Amt NICHT antreten können.
Kardinal Ramazzini kämpft gegen die Willkür der Generalstaatsanwaltschaft! Der Kirchenzeitung „Tag des Herrn“ (17. Dezember 2023, Seite 5) sagte er: „In der Tat bin ich im Konflikt mit der katholischen guatemaltekischen Generalstaatsanwältin…In letzter Zeit bin ich mehrfach auf die Strasse gegangen und habe mit demonstriert für die Akzeptanz der Wahlergebnisse.“
5.

Ein ungewöhnlicher Kardinal: Er nimmt an politischen Protest – Demonstrationen teil: „Ich verstehe unter Politik alle Aktivitäten, die auf das Gemeinwohl zielen… Man kann es sich als Christ durchaus bequem machen und es sich in seiner Beziehung zu Gott gutgehen lassen…Der Apostel Jakobus hat die große Herausforderung des Christseins so beschrieben: Der Glaube zeigt sich in Werken, im Tun“. (Tag des Herrn, a.a.O).
6.

Es gibt nach wie vor viele tausend Flüchtenden aus vielen Staaten Lateinamerikas, die sich in den USA ein besseres Leben erhoffen. Die katholische Kirche hat Flüchtlingsherbergen in ganz Guatemala eingerichtet, sie gibt es zwischen der Grenze nach Honduras im Süden und der Grenze nach Mexiko im Norden… Aber unsere Hilfe reicht einfach nicht aus. Es gibt gefährliche Fluchtwege etwa zwischen Kolumbien und Panama. Der Kardinal berichtet: „Auf dem weiteren Fluchtweg Richtung Norden kommt es häufig vor, dass Flüchtlinge ausgeraubt, das Wegzölle von ihnen erpresst, dass Frauen vergewaltigt werden. Zu unseren Aufgaben zählt es, aufzuklären und zu beraten, wie man sich für den Fluchtweg wappnet. Wir empfehlen zum Beispiel Frauen Empfängnisverhütung , denn die Gefahr, auf der Flucht vergewaltigt zu werden, ist sehr hoch“ . Gegen die Gewalt dieser Verbrecher kann offenbar niemand etwas tun…

7.
Kardinal Ramazzini aus Guatemala kritisiert deutlich und angstfrei auch die ökonomische Vorherrschaft Deutschlands, Europas und der USA gegenüber seinem Land. „Bei allen Abkommen, die in den letzten Jahren zwischen einzelnen europäischen Staaten und der EU und den Ländern Lateinamerikas geschlossen wurden, standen die Interessen der europäischen Unternehmer, die mit uns Geschäftsbeziehungen haben, obenan. Die Förderung unserer eigenen wirtschaftlichen Entwicklung steht stattdessen an letzter Stelle. Die Priorität müsste umgekehrt werden. Andernfalls sind wir immer die Verlierer. … Da Europa die Preise (für seine Exportgüter und für Kaffe und Bananen aus Guatemala) festsetzt, haben wir keine Chance aus der wirtschaftlichen Unterentwicklung herauszukommen. Verträge müssten so gestaltet werden, dass nicht immer wieder die Reichen begünstigt werden, wir müssen eine echte Chance bekommen. Und die Entwicklungshilfe stärkt bei uns immer wieder diejenigen, die viel haben, zum Beispiel die reichen Zuckerproduzenten in unserem Land. Die Arbeiter auf den Plantagen arbeiten unter entwürdigend en Bedingungen“ (Zit. Tag des Herrn, a.a.O:)
“Ich wünsche mir, dass die Deutschen ihren internationalen Einfluss geltend machen und die demokratischen Kräfte in unserem Land unterstützen.“ (Dom Radio a.aa.O:)

8.

„Dom Radio”, Köln, stellte am 4.12.2023 die Frage: “Will man Sie einschüchtern oder zum Schweigen zu bringen?“
Kardinal Ramazzini antwortet: „ In einem Land wie Guatemala würde das niemanden erstaunen. In den vergangenen Wochen wurden zahlreiche Studenten und Professoren der Universidad San Carlos verhaftet, weil sie gegen die Wahl des Universitätsrektors protestierten, dessen Gegenkandidaten im Vorfeld ausgeschlossen waren. Das ist also durchaus möglich bei uns.
DOMRADIO.DE: Es war auch nicht das erste Mal, dass Sie bedroht wurden, richtig? Ramazzini antwortet: „Ich habe schon Todesdrohungen bekommen. Vor Jahren gab es den Fall, dass man einem Mann 50.000 US-Dollar Kopfgeld für mich angeboten hat. Aber er nahm das Geld nicht an und machte die Geschichte öffentlich. Als ich Bischof von San Marcos war, wurde ich verfolgt. Aber seit ich im Bistum Huehuetenango bin, gab es keinerlei solcher Vorfälle mehr.“

9.

Ramazzinis Position: „Wir stehen an der Seite der Menschen und wir wollen, dass sich die Menschen begleitet und wahrgenommen fühlen. Denn das ist das zentrale Problem in Guatemala: Wir haben keine richtige Demokratie. Als Kirche wollen wir den Menschen vermitteln, dass sie nicht alleine sind und dass wir uns für ihre Rechte einsetzen… In einem Land, in dem sich die Politiker auf Kosten der Allgemeinheit bereichern, fühlen wir uns verpflichtet, die Hoffnungen des Volkes nicht zu enttäuschen. Die Menschen vertrauen uns und wir dürfen sie nicht enttäuschen.“ (a.a.O).

10.

Für Religionsphilosophen und Religionskritiker ist die Erkenntnis wichtig: Es gibt katholische Kleriker, sogar auch Kardinäle, die die Menschenrechte verteidigen, verteidigen in der Praxis und der Spiritualität. Das ist ziemlich neu, wenn man nur an die heftigen Polemiken der Päpste des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts GEGEN die Menschenrechte denkt!

Die Menschenrechte werden von Kardinal Ramazzini, Guatemala,  nicht aus einer theologischen Motivation verteidigt, sondern aus politischen Überlegungen, aus der völligen Zustimmung zu Demokratie und Menschenrechten aus vernünftigen, poilitischen Überlegungen. Insofern können religiöse Menschen auch zu Verteidigern der Demokratie werden, ein Thema, das Jürgen Habermas sehr beschäftigt.

Entscheidend bleibt in unserer Sicht: Die religiösen Menschen, auch die Kleriker, auch die Kardinäle, lassen sich als Menschen und als Staatsbürger von vernünftigen Überlegungen leiten. Sie wissen: Aus der Bibel (oder genauso auch aus dem Koran) lässt sich keine politische Struktur, keine Demokratie, keine Lehre der universell geltenden Menschenrechte aufbauen. Dazu braucht man die von religiösen Weisungen unabhängige Vernunft. Dass sich die Demokratie auch aus religiösen Weisungen dann unterstützen lässt, etwa dem Nächsten – Liebesgebot Jesu oder den Erzählungen Jesu vom “Barmherzigen Samariter” , ist auch deutlich.

Aber religiöse Weisungen und Weisheiten haben lediglich eine unterstützende Funktion in der Demokratie! Es gibt ja bekanntlich auch religiöse Weisungen und Weisheiten im Alten wie im Neuen Testament, die sehr konträr zur Demokratie und den Menschenrechten formuliert sind. Diese Unterscheidung zwischen guten und abzulehnenden religiösen Weisungen nimmt fraglos einzig die Vernunft vor, nicht etwa eine aus der Religion entnommene Lehre.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

 

 

Bittgebete: Sinn und Unsinn!

Ein Hinweis von Christian Modehn in Zeiten von Kriegen und Vernichtung. Am 2.12.2023.

Einen Kommentar zu diesem Text, verfasst von Heinz G. Liberda, lesen Sie bitte am Ende dieses Hinweises.

1.
Angesichts der vielen politischen Katastrophen, der Kriege, der Zerstörungen, von Politikern inszeniert, sind die Menschen meist sehr hilflos. Sie haben es wie so oft versäumt, in Zeiten, als die Waffen schwiegen, Friedenszeiten genannt, für den Erhalt des Friedens zu arbeiten, Friedenspädagogik zu leisten, Politikern auf die gierigen Finger zu schauen bzw. diese zur Vernunft zu rufen. Auch jetzt stehen die Menschen hilflos da. Oder sie protestieren auf der Straße. Immerhin, ein Zeichen des Widerspruchs, aber mehr wohl nicht.

2.
Fromme Leute, etwa Christen, sehen sich in solchen Situationen der politischen, ökonomischen oder klima-bedingten Hilflosigkeit oft spontan gedrängt, einen letzten Helfer zu mobilisieren: Den als Person gedachten Gott (Vater) im Himmel. „Manchmal hilft nur noch Beten“, heißt es dann oft in einem populären, aber nicht klugen Spruch.

3.
So auch in diesen Wochen des Krieges der Hamas gegen Israel und der folgenden Antwort der Regierung Israels als Krieg gegen die Hamas. In dieser Situation fordert der Papst, fordern Bischöfe, Theologen, zum Beten, zum Bitten, auf. DOM – Radio Köln etwa berichtet am 29.Oktober 2023: „Nach dem gemeinsamen Friedensgebet im Kölner Garten der Religionen mit Vertretern von Christen, Juden und Muslimen äußert sich Kardinal Rainer Maria Woelki zum Krieg im Heiligen Land. Gebete, betont er, seien stärker als alle Waffen.“ Er behauptete in seinem frommen Überschwang (oder auch in seiner theologischen Hilflosigkeit!) weiter: „Wir können nur den Himmel bestürmen, dass Gott ein Einsehen hat und unsere Herzen aus Stein erweicht und uns Herzen aus Fleisch gibt, die Herzen aus Liebe werden und die Herzen zum Frieden führen…Wo wir als Menschen darüber hinaus eben nicht mehr weiterkommen, und dies scheint mir zum Beispiel so eine Situation zu sein, da bin ich wirklich davon überzeugt, dass das Gebet im Letzten stärker ist als alle Waffen.“

4.
„Gebet ist stärker als Waffen?“ Das setzt aber voraus: Gott hat stärkere Waffen, wenn wir ihn im Himmel denn bestürmen… Dann greift er als Gott direkt ein und schafft Frieden. Aber die Wahrheit ist: Gott als Gott hat noch nie in diese Welt eingegriffen, geschweige als Gott direkt Kriege beendet.

5.
Es ist also vom vernünftigen Denken her, der Gabe des schöpferischen Gottes an die Menschen, undenkbar und unmöglich, an dieser durchaus klassisch zu nennenden , immer wieder aufgewärmten Gebetstheologie und Bittgebets-Theologie festzuhalten.

6.
Sind Bittgebete also sinnlos und unvernünftig? Nicht unbedingt, wenn wir denn Beten und Bitten als menschliche Aktion verstehen, also als Selbstgespräch, als Poesie, als meinen „Lebenstext“: Ich spreche in stammelnden, suchenden Worten meine Situation aus, spreche meine Verzweiflung aus, meine Hoffnungslosigkeit: Und dies sage ich als Poesie, als „meinen“ Text, möglicherweise auch anderen, Freunden, Verwandten, in der Gruppe einer Gemeinde, in einem philosophischen Salon…

7.
Und was bedeutet dann Bittgebet als meine Poesie, mein Gedicht, mein „Lebenstext?
Ich sehe meine Situation und die Situation der Welt klarer, ich versinke nicht in Sprachlosigkeit, verbleibe als nicht ohne Reflexion. Und wenn ich christlich geprägt bin oder nach dem Glauben suche: Dann weiß ich: Die göttliche Schöpferkraft, der Ewige, der Unendliche, wie auch immer, lässt trotz des Wahns der Menschheit die Menschen nicht fallen, auch mich nicht, auch dich nicht. Diese Spiritualität ist vernünftig. Aber das ist dann alles: Es geht um das sich Einfühlen und Eindenken in eine metaphysische Geborgensein. Die kann einem niemand nehmen.

8.
Dabei wissen diese aufgeklärt, nachdenklichen Frommen: Kriege sind Taten der Menschen, der Politiker, der Nationalisten, der religiös verrückt gewordenen Fundamentalisten. Kriege sind also Ausdruck einer irregeleiteten Freiheit von Menschen, die sich zu Verbrechern entwickelt haben. Diese menschliche Freiheit ist „Gottes“ Gabe an die Menschen. Was wäre denn, wenn Er/Sie die Menschen nicht frei, auch frei zum Tun des Bösen, geschaffen hätte? Dann wären die Menschen eben Tiere. Und die folgen nur ihren Instinkten, sie sind nicht umfassend frei und kreativ.

9.
Können wir also noch Beten und Bittgebete sprechen? Solange fromme Leute mit ihren Gebeten und mit ihrem Glauben nicht andere schädigen, kann jeder und jede glauben was er/sie will. Aber vernünftig ist unserer Meinung nur: Gebete und Bittgebete sind meine Lebenspoesie, die mir mein Leben – auch angesichts des Unendlichen und Ewigen – deutlich macht. Die göttliche Schöpferkraft ist – religionsphilosophisch gesehen – in uns, dort haben wir sie zu pflegen und nicht einen Himmel zu bestürmen. Gott im Himmel zu bestürmen, umstimmen zu wollen, bestimmen zu wollen, ist anmaßend und theologisch dumm und dreist und human letztlich hilflos. Nur Kardinäle, denen nichts hillfreich Politisches einfällt, fordern zum „Bestürmen des Himmels“ auf…Sie fordern damit zum Aberglauben auf. LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

………………

Ein Kommentar zu diesem Beitrag von Heinz G.Liberda:

“Wie jemand zum Bittgebet steht, hängt oft mit seinem Gottesbild zusammen und dieses
wiederum mit dem „Seelenkostüm“ des Betreffenden, seiner psychologischen Entwicklung.

Wenn wir uns Gott unbegrenzt vorstellen, durch nichts eingeschränkt, dann sind auch sehr
viele Gottesbilder möglich – neben dem eines überpersönlichen Gottes ebenso gut das
biblische Bild vom Vater, der Bitten „hört“ (aber nicht zum „Erhören“ gezwungen werden kann).

Wenn ein erwünschtes Ereignis eintrifft, um das gebetet wurde, dann kann das als Gebetserhörung
geglaubt werden. Nur, das gewünschte Ereignis hätte auch, unbeweisbar, ohne Bitte eintreffen können.
Aber wer glaubt, dass seine Bitte erhört worden ist, kann Gott gegenüber dankbare Freude empfinden.

Wenn nach katastrophalen Ereignissen – wie z.B. den Atombombenabwürfen 1945 („Theodizee“) –
gebetet wird/wurde, dass so etwas nicht nochmals geschieht – wie Gott sei Dank bis jetzt(!) – ist das
eine Gebetserhörung? Liegt jemand nachweisbar falsch, der das glaubt?

Zuletzt eine wichtige Bitte: „Lieber Gott, lass´ alle Menschen – ob sie darum gebetet haben oder nicht –
ein Jenseits erleben, in dem sich Bittgebete erübrigen.“

H. G. L. 18.12.2023

 

Karl Marx als Ökologe: Gegen das permanente Wachstum!

Über das Buch „Systemsturz. Der Sieg der Natur über den Kapitalismus“ des Philosophen Kohei Saito
Ein Hinweis von Christian Modehn am 30.11.2023.

1.
Karl Marx wieder lesen, studieren, diskutieren? Das ist gar keine Frage… Weil die real-sozialistischen, verbrecherischen Regime (Gulag, Lager etc…) Marx angeblich „verwirklichten“, d.h. verfälschten, gibt es keinen Grund, Karl Marx jetzt zu ignorieren, wenn es um heutige Kritik am Kapitalismus und Neoliberalismus geht. Und der Kapitalismus als ökonomische Allmacht muss unbedingt kritisiert werden, das ist die allgemeine Überzeugung der Mehrheit der Menschen: Für sie ist nicht nur Gerechtigkeit für alle, sondern auch das Überleben dieser Welt dringendes Gebot.

2.
Marx und sein Werk zu ignorieren, wäre ungefähr genauso, wie wenn Christen jetzt die Bibel, zumal das Neue Testament, beiseite legen würden, nur weil die Institutionen der Kirchen über Jahrhunderte hindurch Verbrechen begangen haben, Ketzer verfolgt und Irrlehrer verbrannt haben und Kriege, gegenseitiges Töten von Christen, richtig fanden. Diese Herren der Kirchen haben das Evangelium und die Gestalt Jesu von Nazareth heftigst missbraucht. Aber das ist kein Grund, das Weisheit Jesu von Nazareth beiseite zu legen, die Bibel muss nur richtig, d.h. kritisch gelesen und verwirklicht werden, sie ist ein Hinweis auf ein humanes Leben für alle.

3.
Das Denken von Karl Marx kann jetzt also einen neuen, auch politischen Aufschwung fördern. Einige höchst überraschende neue Erkenntnisse zum Werk „Das Kapital“ werden über den kleinen Kreis der Forscher für eine breite Öffentlichkeit zugänglich. Der japanische Marx – Forscher Kohei Saito zeigt in seinem Buch „Systemsturz“, dass „es jetzt um eine kühne Neuinterpretation von Marx“ geht (S. 151). Eine solche Neuinterpretation hat „noch niemand vorgelegt “ (S. 112). Sie ist eine grundlegende Korrektur an dem üblichen, vertrauten Marx – Bild: Als hätte sein Denken die Idee der stetigen Steigerung der Produktivkräfte als Mittelpunkt, als sei die umfassendste Industrialisierung und damit die Zerstörung der Natur für ihn alles entscheidend beim Gedanken an einen Sieg des Kommunismus.
Der Marx – Spezialist Saito hingegen entdeckt zusammen mit einem großen internationalen Forscher – Team einen anderen Marx aus den Zeiten der Abfassung des „Kapital“, 1. Band, Veröffentlicht 1868. So wurde Marx zum prominenten Kritiker des Kapitalismus und zwar aus ökologischen Gründen! Das war bislang weitesten Kreisen unbekannt.

4.
Diese Umkehr im Forschen und Denken von Karl Marx wird greifbar in den seit einigen Jahren publizierten, bisher unveröffentlichten „Forschungsnotizen“. Sie erlauben es, „den Fokus auf die in Vergessenheit geratene ökologische Kapitalismuskritik des späten Marx zu richten“ (S. 122). Saito erwähnt eine „enorme Anzahl an Forschungsnotizen von Marx, die sich mit Geologie, Botanik, Chemie, Mineralogie und mehr befassen…So behandelt Marx Themen wie die exzessive Abholzung der Wälder, die Übernutzung fossiler Brennstoffe oder das Artensterben als Widersprüche des Kapitalismus“ (S. 122 f). Diese Erkenntnisse konnte Marx allerdings nicht mehr in seine weiteren Studien zum „Kapital“ einbringen, die Bände 2 und 3 des „Kapital“ wurden von Friedrich Engels nach dem Tod von Marx eigenmächtig herausgegeben.

5.
Im ganzen gesehen hat Marx in seinen sehr umfassenden Forschungsnotizen und Manuskripten eine ökologische Wende und Umkehr in seinem Denken vollzogen. Es geht ihm, so der Marx Forscher Kohei Saito, um die Akzeptanz, Realisierung und Wiederherstellung der „Commons“: Bildung, Natur, Wasser, Menschenrechte sind „Gemeinbesitz“, sie sind gemeinschaftlich produzierte, „organisierte und gemeinschaftlich genutzte Güter, gesellschaftlich geteilter und verwalteter Reichtum, eben Gemeinbesitz“ (S. 108). Commons sind öffentliche Güter… Elektrizität, Wohnung und Gesundheitsversorgung“ (ebd.), die, weil sie öffentliche, nicht private Güter sind, niemals privatisiert werden dürfen und in die gierigen Hände der Kapitalisten geraten dürfen. Sie kaufen diesen genannten Gemeinbesitz auf, machen darauf ihren eigenen Profit, indem sie Commons privatisieren, immer im Zusammenhang mit willigen neoliberalen Regierungen. Diese Menschen verachtende Privatisierungswelle ist in vielen Ländern vor allem des globalen Südens Realität, man denke an die mühevollen Kämpfe der Bürger gegen die Privatisierung des Wassers in Bolivien oder Chile durch Kapitalisten.

6.
In diesem Zusammenhang bringt der Philosoph Kohei Saito eine neue Definition des Kommunismus ein, im Sinne des nun umfassend zu lesenden und zu verstehenden ökologischen Karl Marx. „Marx hatte mit dem Kommunismus niemals eine staatlich verwaltete Einparteiendiktatur im Sinn. Für ihn bedeutete Kommunismus eine Gesellschaft, in der die Produktionsmittel von den Produzenten als Commons (als Gemeinbesitz, Gemeineigentum) gemeinsam verwaltet werden“ (S. 109).

7.
Diese neuen Erkenntnisse zum Werk von Karl Marx verdanken wir einem internationalen Forscher – Team, es gestaltet eine neue Gesamtausgabe der Werkes von Marx und Engels. Sie trägt im Unterschied zur alten Gesamtausgabe (MEGA), unter der Regie der Sozialistischen, Kommunistischen Parteien einst, nun den Titel „MEGA 2“. Die Initiative zu MEGA 2 stammt vom „Internationalen Institut für Sozialgeschichte“ (IISH) in Amsterdam. Das Institut gründete gleich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus bzw. Staatssozialismus die „Internationale Marx-Engels-Stiftung (IMES).

8.
Der genannte japanische Philosoph Kohei Saito ist als Forscher an der MEGA 2 Ausgabe beteiligt. „Der Gesamtumfang von MEGA 2 soll bei Fertigstellung über 100 Bände umfassen, darunter auch bisher unveröffentlichtes Material, was eine bisher nie dagewesene Größenordnung darstellt““ (S. 113). In der „Vierten Abteilung“ von „MEGA 2“ werden die ökologisch relevanten „Exzerpte, Notizen, Marginalien“ veröffentlicht:  LINK

9.
Saito betont: Marx ökologische Wendung nach der Publikation des 1. Bandes des „Kapital“ geht in Richtung einer Degrowth – Wirtschaft. „Degrowth“ bezeichnet eine Wirtschaftsordnung in einer Gesellschaft und einem Staat, die von einer gezielten Verringerung des Materialverbrauchs bestimmt ist. „Degrowth“ meint: In der politischen und ökonomischen Praxis Abschied nehmen von der Ideologie, die Welt bräuchte immer mehr und immer stetiges ökonomisches Wachsen. Von dieser Ideologie profitieren nur die reichen Länder und in ihnen vor allem die Reichen. Die Ressourcen des ständigen Wachstums sind begrenzt.
Der japanische Philosoph Saito weist in seinem Plädoyer für „Degrowth“ eine übliche Vorstellung zurück, der Kapitalismus sei mit Degrowth auch noch vereinbar und kompatibel. Saito meint, solches zu behaupten, sei so ähnlich, wie wenn man „ein rundes Dreieck zeichnen wollte“. Denn der Kapitalismus ist erwiesenermaßen die Hauptursache für die Klimakatastrophen, darum muss der Kapitalismus überwunden werden. In welchen Schritten das gelingen kann, beschreibt Saito in seinem Buch „Systemsturz“.

10.
In einem Interview vom 8. September 2023 mit Benedikt Namdar für die website MOMENT (des Momentum Instituts in Wien) LINK https://www.moment.at/story/kohei-saito-degrowth-kommunismus sagt der Philosoph Kohei Saito: „Eine einfache Definition ist: Kapitalismus ist ein System konstanten Wachstums, unendlicher Profitsteigerung. Es geht darum, Kapital durch Gewinn zu vermehren.  Die Natur hat Grenzen. Durch das ständige Wachstum verletzen Menschen im Kapitalismus genau diese Grenzen. Denn im Kapitalismus verbrauchen wir zu viele natürliche Ressourcen, emittieren zu viele Treibhausgase. Wenn das passiert, entstehen ökologische Krisen wie die Klimakrise. Benedikt Namdar fragt dann:
Wenn nicht Kapitalismus, was dann?
Darauf Kohei Saito: „Ich schlage einen “Degrowth-Kommunismus” vor.  Degrowth will unendliches Wachstum stoppen, daher kann es nicht im Kapitalismus stattfinden.
Eine kommunistische Gesellschaft ist in meiner Auffassung eine, die auf Gemeingütern basiert, die wir miteinander teilen. Ich verbinde Degrowth mit Kommunismus, weil wir vermehrt teilen müssen, wenn wir nicht mehr unendlich wachsen und der Kuchen nicht größer wird.
Ich schlage vor, dass Güter wie Internet, Mobilität, Wasser, Elektrizität und andere Gemeingüter werden. Wir sollten diese miteinander teilen und für alle garantieren. Dann hätten wir die Befriedigung von Grundbedürfnissen garantiert und müssten nicht so viel arbeiten, um Bedürfnisse zu befriedigen.
Es geht bei Degrowth vorrangig darum, ständiger Vermehrung von Kapital ein Ende zu machen. Es muss nicht alles weniger werden. Wir sollten bessere Technologien haben, müssen Smartphones nicht aufgeben. Wir sollten Wachstum in gewissen Gebieten haben, aber verringern, was unnötig ist. Wir brauchen keine Ferraris, Privatjets, Kreuzfahrtschiffe oder Kurzstreckenflüge. Wenn wir auf solche Dinge verzichten, müssen wir auch nicht so viel arbeiten. So kann man mehr Zeit mit Aktivitäten verbringen, die einen glücklich machen.
11.
Welche Konsequenzen diese Erkenntnisse für die Praxis haben könne, zeigt Saito auf den Seiten 245 bis 279 seines Buches. Wikipedia schreibt über ihn (gelesen am 30.11.2023): „Saito gehört zu einer Gruppe, die in den Bergen westlich von Tokio Land erwirbt, das kollektiv betrieben werden soll, um der lokalen Gemeinschaft dienlich zu sein. Saito ist Ratsmitglied der Progressiven Internationalen”: LINK: https://progressive.international/
12.
Die New York Times publizierte im Sommer 2023 ein ausführliches Porträt über Kohai Saito LINK. : https://www.nytimes.com/2023/08/23/business/kohei-saito-degrowth-communism.html. Leider ist der Beitrag nur gegen Bezahlung erreichbar, lesbar…
13.
Kohai Saito wurde 1987 geboren, er studierte u.a. in Berlin, an der Humboldt Universität wurde er zum Dr.phil. promoviert, der Philosoph Prof. Andreas Arndt ist sein Doktorvater. Saito ist, wie gesagt, Mitarbeiter an der Herausgabe von MEGA 2, zur Zeit ist er auch „Associate Professor“ an der Universität Tokio. 東京大学, Tōkyō Daigaku, abgekürzt: 東大, Tōdai) ist eine staatliche Universität in Bunkyō und wird generell als die Universität Japans mit dem größten Prestige angesehen.
14.
Wir empfehlen das Buch, es wird die Diskussion über Degrowth (Überwindung des permanenten Wachstums) sehr beleben und ein neues Bild des Kapitalismus-Kritikers Karl Marx fördern und damit ein Ende bereiten, Marx und die Marxisten seien sozusagen am Abbau und der Zerstörung der Natur bloß um des industriellen Gewinns wegen interessiert.

Kohei Saito, „Systemsturz. Der Sieg der Natur Über den Kapitalismus“. Aus dem Japanischen übersetzt von Gregor Wakounig. 316 Seiten, DTV, 2023, 3. Auflage, 25 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.
www. religionsphilosophischer-salon.de