Die eine Religion für die plurale Menschheit

Wie die Begrenztheit der dogmatischen Konfessionen überwunden wird und die Vernunftreligion in den Mittelpunkt rückt!
Ein Vorschlag von Christian Modehn am 11. Januar 2026

1.
„Jede Religion GILT nur in einem bestimmten Gebiet. Sie wird in dem angrenzenden Gebiet schon als Aberglaube angesehen“.    Das Wort “gilt“ meint hier: „Bestimmend sein, vorherrschend, prägend sein.“ (CM)
Dies ist eine These des französischen Philosophen Claude Adrien Helvétius, er ist als Philosoph der Aufklärung (1715 – 1771) zugleich auch Religionskritiker (Fußnote 1).

2.
Die These des Helvétius ist auch heute eine Herausforderung: Warum „gilt“ das sich universal nennende, weltweit missionierende Christentum aber auch heute tatsächlich nur in europäisch geprägten Kontinenten, Ländern und Regionen? Und weiter: Angesichts der vielfältigen Krisen der Religionen und Konfessionen sollte da nicht endlich die Idee einer den universellen Menschenrechten verpflichteten Vernunft-Religion neu diskutiert werden.

3.
Die These des Helvétius führt uns also dazu, die von Kirchenführern stets behauptete Universalität des Christentums in Frage zu stellen. Und es muss geprüft werden, wie es denn mit den Missionserfolgen anderer „Weltreligionen“, etwa des Islam oder des Buddhismus, in Europa und Amerika, bestellt ist.

4.
Zunächst zur Weltreligion Christentum, das sich plural in einigen hundert verschiedenen Konfessionen präsentiert und in allen Ländern Mitglieder hat.
Innerhalb des Christentums ist die römisch – katholische Kirche die zahlenmäßig stärkste Konfession mit 1,4 Milliarden Getauften in allen Ländern. Diese weltumspannende Verbreitung soll die offizielle Behauptung der „Katholizität“ (d.h. die universale „Allumfassendheit“) der katholischen Kirche beweisen. Sie sieht sich von Gott berufen, alle Menschen, immer, überall, zu Christus zu führen, d.h durch die Taufe in die katholische Kirche einzugliedern. Aber in die Kirche, so wie sie von ihrer Tradition nun einmal bestimmt ist, und diese universale Kirche ist bleibend europäisch geprägt.

Aber es gilt für die Päpste und deren Theologen schon als Beweis der Katholizität, wenn sich heute zum Beispiel 2.000 Mongolen in der Mongolei zur römisch-katholischen Kirche bekennen oder einige tausend Inuit in Kanada oder einige hundert Indigenas in den Wäldern des Amazonas: Sie müssen wie alle Katholiken der nun gar nicht zu leugnenden europäisch bestimmten Kirchenlehre und Liturgie gehorchen.

Erfahrungen von politischem und sozialen Frieden oder anderer Formen der behaupteten „Erlösung“ hat dieses Christentum diesen Völkern aber nicht gebracht, von der nicht objektiv zu dokumentierenden seelischen Beruhigung (religiöses „Opium“) einzelner Frommer abgesehen.

5.
Wenn man die griechische Welt und auch das damalige Italien (Rom) des 1. Jahrhunderts als der Beginn des Katholizismus ansieht und die weitere Kirchengeschichte betrachtet, dann ist die katholische Kirche immer eine europäische Kirche geblieben. Sie ist dann durch die europäischen Kolonisten/Missionare in Amerika, Australien und Afrika als europäische Kirche verbreitet worden. Man denke an die überall gleiche Liturgie der von Priestern gefeierten Messe, das überall geltende römische Kirchenrecht, die überall geltenden Dogmen und Moralgebote, formuliert in Abhängigkeit von europäischen Sprachen, Kulturen und Philosophien.

6.
Zur faktischen Bedeutung der christlichen Kirchen, auch der katholischen Kirche, in Ländern der klassischen „Hochkulturen“:  Dort sind Christen, auch die Katholiken, trotz der nun schon Jahrhunderte dauernden Missionsbemühungen eine kleine Minderheit:
Das gilt für Indien mit einem machtvollen, zum Teil fundamentalistischen Hinduismus. In Indien sind heute nur ca. 2,5 Prozent der Bevölkerung Christen. LINK
Im buddhistisch und shintoistisch bestimmten, aber zugleich auch weitgehend säkularisierten Japan sind etwa 1,1 Prozent der Bevölkerung Christen. LINK
In China sind etwa 5,1 Prozent der Bevölkerung Christen. LINK
Im buddhistischen Thailand sind 0,9 Prozent der Einwohner Christen. LINK
Die verschiedenen indigenen Völker der heutigen „Philippinen“ haben sich schon früh dem Katholizismus der Eroberer angeschlossen. Seit der spanischen Mission im 16. Jahrhundert sind die Philippinen ein sich katholisch nennender Staat, eine Ausnahme in Asien. LINK
Im arabischen Raum sind Christen und ihre Kirchen eine extrem kleine Minderheit, die „Gast“ – ArbeiterInnen von den Philippinen sind dort die einzigen Christen, sie arbeiten unter unmenschlichen Bedingungen der Ausbeutung durch sich muslimisch nennende Herrscher.
Die These des Philosophen Helvetius: „Jede Religion `gilt` nur in einem bestimmten Gebiet…“ wird also auch heute bestätigt: Das Christentum hat eine prägende Bedeutung und „Geltung“ nur in europäisch bestimmten Kontinenten.

7.
Amerika ist europäisch bestimmt – seit der Kolonisierung.
Im (Sub-) Kontinent Lateinamerika herrsch(t)en einheimische, „indianische“ Religionen, aber im Zusammenhang von Eroberung und Missionierung wurden diese „Heiden“ getauft, viele „Einheimische“ hatten die Europäer gewaltsam bedrängt und ermordet. Der Statistik nach sind die Lateinamerikaner heute christlich, meist sogar katholisch, viele nennen sich inzwischen aber evangelikal oder sind Anhänger von eher fundamentalistischen Pfingstgemeinden… Wobei die im „katholischen Kontinent“ herrschende soziale Ungerechtigkeit, die himmelschreiende Armut in den Slums etc. völlig dem christlichen Bekenntnis der dort herrschenden Politiker und „Eliten“ widerspricht. Weil die katholische Kirche in ihrer Struktur explizit nicht-demokratisch sein ist und auch so sein will, als „absolute Monarchie“ mit dem Papst an der Spitze,  fällt es der Kirche sehr schwer, für Menschenrechte und Demokratie wirksam und glaubwürdig einzutreten.  Selbst Kardinal Reinhard Marx, München, wundert sich offenbar, dass er als katholischer Kirchenchef nun für die Demokratie eintreten muss, er sagte:  “Eindringlich rief der Kardinal zur Verteidigung der Menschenwürde auf… Von vielen Seiten würden die Errungenschaften der Moderne inzwischen infrage gestellt, beklagte der Erzbischof von München und Freising. Er habe sich zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn nicht träumen lassen, dass Kirche einmal zur Verteidigerin von Freiheit und Aufklärung werden müsse.” Quelle: LINK 

8.
Die Menschen in den religiös bestimmten Kulturen der Quechua, etwa in Peru und Bolivien, lassen sich seit Jahrhunderten schon katholisch taufen, sie praktizieren aber – mit Duldung der katholischen Kirche (!) – ihre eigenen traditionellen Religionen und Riten sozusagen parallel weiter. Ihr Motto ist: „Nach dem Besuch der Sonntags-Messe folgt der gemeinsame Ritus der alten religiös-kulturellen Traditionen…“ Auch in Mexiko und Zentralamerika (z.B. in Guatemala, dort etwa in Quetzaltenango) gestattet bzw. duldet die katholische Kirche die religiösen Riten der dortigen katholisch getauften Indigenas.
Damit ist deutlich: Diese Völker haben den christlichen Glauben nur „zum Teil“ annehmen können bzw.annehmen wollen, die „Macht“ ihrer uralten Riten etc. ist nach wie vor für sie gültig. Mit anderen Worten: Das europäisch bestimmte Christentum, etwa der Katholizismus mit seiner europäischen Liturgie, Dogmatik usw., ist für diese Menschen dort etwas Fremdes, Befremdliches, geblieben. Die These des Helvétius gilt also auch hier: Das Christentum kann auch in Hochkulturen Südamerikas sich nicht umfassend durchsetzen, „gelten“.

9.
Auch das heutige Christentum „Afrika südlich der Sahara“ muss angeschaut werden, also die von Engländern und Franzosen, Deutschen, Portugiesen kolonialistisch beherrschten und „missionierten“ Gebiete.

In vielen dieser Kulturen sind die Kirchen die zahlenmässig stärkste Konfession. Die Frage ist trotz der zahlenmäßigen Stärke: Bestimmt das von Europäern gepredigte und mit europäisch formulierten Dogmen verbreitete Christentum der europäischen Kirchen tatsächlich das Leben der getauften Afrikaner? Das ist sehr fraglich, etwa wenn man sich nur die moralische Qualität und politische Ethik (Korruption) der sich katholisch nennenden Politiker und deren Herrschaftscliquen anschaut, etwa in Kamerun, Gabun, Simbabwe, in der Demokratischen Republik Kongo, einst Zaire genannt mit dem katholisch getauften Diktator Mobutu usw…

Es sind in vielen afrikanischen Staaten vor allem Ordensleute, auch Bischöfe und Gruppen von Laien, die das Wesen des christlichen Glaubens, das Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden und Solidarität praktisch oft vorbildlich leben.
Es darf auch nicht übersehen werden: Die vielen von Afrikanern für ihre Völker und Kulturen gegründeten „christlichen afrikanischen Unabhängigen Kirchen“ zeigen deutlich: Das europäisch implantierte Christentum findet keine ungebrochene Zustimmung. Erwähnt wird hier nur die Kimbangu – Kirche in der Demokratischen Republik Kongo, LINK; 10 Prozent der Einwohner bekennen sich zu dieser Kirche. Es gibt – bislang wenig beachtet – auch zahlreiche unabhängige katholische afrikanische Kirchen, nur ein Beispiel für viele: LINK. Diese unabhängigen katholischen Gmeinden und Kirchen  haben als erstes das Zölibatsgesetz der Römisch – katholischen Kirche abgeschafft. Der Zölibat ist für die allermeisten Afrikaner schlicht und einfach eine „Unmöglichkeit“, die zu leben aber der Papst weiterhin – auch für Afrikaner – fordert. Und dabei wird von Bischöfen gern übersehen, dass de facto auch römisch-katholische Priester das Zölibatsgesetz (heimlich?) ignorieren. Dadurch wird allgemeine Verlogenheit zu einer Art üblichen Haltung im Katholizismus. Über einen wichtigen dokumentarischen literarischen Text eines afrikanischen Autors: LINK

10.
Sind die nichtchristlichen Weltreligion heute außerhalb ihrer Stammländer missionarisch tätig?

Die verschiedenen Traditionen des Buddhismus haben in Europa, Amerika und Australien zweifellos tausende Freunde und Anhänger gefunden. Aber zur Mehrheitsreligion ist der Buddhismus in Europa und Amerika nicht geworden. Viele Europäer meinen etwa, bereits Buddhisten zu sein, wenn sie nur auf ihre europäische Art bestimmte Regeln etwa der Zen – Mediation beachten.. Der Dalai Lama Tenzin Gyatso rät Europäern eher von einer Konversion zum Buddhismus ab. LINK

11.
Auch der Hinduismus konnte sich über den indischen Raum hinaus nicht als „Weltreligion“ etablieren, selbst wenn es in Europa, Amerika, Australien einige Hindu – Tempel gibt. Die YOGA – Praxis vieler Europäer bedeutet keine Bindung an den Hinduismus als Religion und Ideologie. Und die modernen Formen des westlich beeinflußte „Neo-Hinduismus“ (Sami Vivekananda, Mahatma Gandhi usw.) sammeln in Europa eher kleinere Gruppe, selbst wenn der „Neo-Hinduismus“ über seine Publikationen weite Verbreitung findet.

12.
Auch dem monotheistischen Islam haben sich in der Neuzeit, seit der Vertreibung des Islam aus Spanien 1492 – nur wenige Menschen in Europa, Amerika, Australien zugewandt.  Zu Konversionen zum Islam kommt es in den christlichen Staaten meist wegen der Eheschließung mit einem Muslim aus der Türkei oder der arabischen Welt. In Deutschland leben etwa 40.000 Konvertiten zum Islam. LINK
Der Islam in Europa ist, sogar in sehr stark säkularisierten („entchristlichen“) Staaten wie den Niederlanden oder Tschechien, nicht zur zahlenmäßig stärksten Religion aufgerückt. In Holland und Tschechien bilden die weiten Kreise der„Konfessionslosen” die stärkste Konfession.
Etwa 1 Prozent der Bevölkerung der USA bekennt sich zum Islam. LINK
Wer einen “europäischen Islam“ gestalten will, sieht sich erheblichen Problemen und Attacken von islamisch-fundamentalistischer Seite ausgesetzt, siehe den Versuch einer „Ibn-Rushd-Goethe-Moschee“ in Berlin.

13.
Zusammenfassend: Weder der Hinduismus noch der Buddhismus noch der Islam haben sich zu  tatsächlichen Weltreligionen entwickelt, also zu Religionen mit auch zahlenmäßig starker Bedeutung außerhalb ihres angestammten Kulturkreises. Explizite Konversionen zum Buddhismus, Islam, Hinduismus werden heute in Europa ersetzt durch die begrenze Integration einiger (weniger) bestimmter religiöser Lehren, Praktiken, Übungen in die ursprünglich „angestammte“ eigene Religion oder Weltanschauung. Diese begrenzte Integration – etwa der Zen -Meditation in die christliche Spiritualität oder auch der Sufi-Traditionen — geschieht oft willkürlich, d.h. je nach subjektiver Stimmung des einzelnen… Dadurch entstehen „multireligiöse Bindungen“ in einer Person. Über diesen neuen „Trend“ hat der Theologe und Religionswissenschaftler Prof. Perry Schmidt – Leukel mehrfach publiziert. Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat schon 2009 in einer Hörfunksendung für den WDR auf dieses Thema hingewiesen: LINK.

14.
Das Christentum ist offensichtlich  die einzige Religion, die ihren expliziten Auftrag zur Mission „aller Völker“ nicht nur immer noch lebt, sondern auch, wie gezeigt, mit  geringem – zahlenmäßig feststellbarem – Erfolg in allen ländern präsent ist.

Immer deutlicher aber nimmt die Säkularisierung als religiöse Skepsis den Platz der bestimmenden, vorherrschenden Weltanschauung bzw. Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ein. Darauf reagieren die Weltreligionen, indem sie an ihren uralten Traditionen, Dogmen, Lehren, unbeirrt festhalten, selbst wenn die religiöse Praxis oft den Charakter von Folklore hat und eine reine Äußerlichkeit bleibt: Welcher Katholik glaubt im Ernst, dass der Papst der Nachfolger des heiligen Petrus ist und unfehlbar der Stellvertreter Christi auf Erden? Aber noch machen viele Tausend Katholiken den Papst-Kult mit und erleben die Messen mit vielen alten, bunt gekleideten Bischöfen etwa im Petersdom als eine Art großartige barocke Theater-Inszenierung. Aber ernsthafte Reformen finden nicht statt, Reformen im Sinne der vernünftigen Verinnerlichung einiger Glaubensweisheiten und der tatsächlichen materiellen Erfahrung von dem, was das theologische Reden von Erlösung usw. wirklich spürbar bedeutet.

15.
Säkularisierung ist also weltweit die entscheidende Philosophie bzw. Weltanschauung, auch im einst sich christlich nennenden Europa bzw. Nordamerika. Die These des Helvétius führt also in weitere Reflexionen:  In allen Ländern Europas, selbst in Polen, selbst in Irland, selbst in Spanien geht die Bindung an den Katholizismus stetig zurück. Und noch weitergehend: Ist die Zukunft der Menschen in Japan, China, Indien, Amerika, also überall, religionsfrei, säkularisiert, ohne eine Dimension des Heiligen und Erhabenen, auch des Göttlichen?

16.
Wir erinnern in diesem Zusammenhang, für uns geradezu eine philosophische Pflicht, an die allgemeine und universale Vernunftreligion.

Wir schlagen eine Vernunftreligion vor, sie versteht die universell geltenden Menschenrechte als Maßstab humanen Lebens, auch für alle faktisch bestehenden Religionen. Und diese Vernunftreligion kennt durchaus den Charakter des Heiligen, wobei „heilig“ verstanden wird: Auf diese universellen MenschenRechte und MenschenPflichten soll unter keinen Umständen verzichtet werden, sie können zwar durch Diskussionen erweitert werden durch soziale und ökologische und feministische Perspektiven.
Die theoretische wie praktische Verbindung mit diesen Menschenrechten hat durchaus religiösen Charakter, also, was ja „religiös“ meint, einen „bindenden“ und einander verbindenden Charakter.

Die universell geltenden Menschenrechte sind der Verfügung der Menschen, auch der Machthaber, entzogen. Denn sie sind, um es klassisch zu sagen, „in eines jeden Menschen Herz und Vernunft unzerstörbar eingeschrieben.“ Darin wird offenkundig das Religiöse dieser universellen Vernunftreligion ausgesprochen: Der Respekt für das Unzerstörbare, manche sagen auch das „Ewige“, das in jedem Menschen als Menschen lebt. Es ist die Vernunft, die die Vernunftreligion entdeckt und formuliert, aber sie ist kein willkürliches Produkt menschlicher Einfälle.
Der Vernunftreligion können sich prinzipiell alle Menschen aller Kulturen anschließen, sie wird zur Weltreligion, weil sie allgemeine universell geltende menschliche Haltungen in den Mittelpunkt der religiösen Lebensorientierung stellt: Gerechtigkeit, Friede. Solidarität, Nächstenliebe, Bewahrung der Schöpfung, Demokratie als entschiedenes Nein zur Alleinherrschaft und Diktatur. Diese „Tugenden“, wie die alten Philosophen treffend sagten, haben tatsächlich die Bedeutung einer Heiligkeit. Und heilig bedeutet, wie gesagt: Diese Tugenden sollen unter allen Umständen respektiert und gelebt werden.

17.
Die Menschenrechte wurden zwar im europäischen Kontext formuliert, aber ihre fragmentarischen Vorläufer, etwa die uralte Weisheit der „Goldenen Regel“, sind in allen Kulturen und Religionen verbreitet… Diese europäische Herkunft der Menschenrechte impliziert also überhaupt KEINE Begrenztheit dieser Menschenrechte nur für den europäischen Raum. Wenn Oppositionelle etwa in den Lagern und Gefängnissen Chinas, Russlands, Indiens, in der arabischen Welt um ihr Leben und Überleben kämpfen und schreien: Dann tun sie das, weil sie wissen: Es gibt heilig zu respektierende Menschenrechte, die auch für sie in China, Indien, Saudi-Arabien, Uganda, in den USA, in Russland usw. gelten.

18.
Die Verteidiger der Heiligkeit der Menschenrechte beziehen sich auf die Vernunftreligion, die Immanuel Kant ausführlich dargestellt hat in seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1794), darauf haben wir mehrfach hingewiesen. LINK
Nur so viel als Erinnerung an Kant: Das moralische gute Leben (also das dem „Kategorischen Imperativ“ entsprechende Leben) nennt Kant tatsächlich den wahren Gottes-Dienst im Sinne der Vernunftreligion: „Der gute Lebenswandel ist alles, um Gott wohlgefällig zu sein.“ („Die Religion…“ Ausgabe B, dort S. 261). „Die Religion des guten Lebenswandels ist das eigentliche Ziel der allgemeinen, für alle geltenden Vernunftreligion“. (Ebd. B, S 269).

19.
Die universale Menschheits-Religion der Menschenrechte kann als eine Art Dach über jeder einzelnen Religion verstanbden werden. Dieses „Dach“ schwebt natürlich nicht über den Religionen, sondern ist mit ihren Strukturen, Lehren etc. verbunden.
Die Kirchen, die Religionen, werden zwar weiter bestehen, aber sie werden erkennen und bekennen: „Die Religion der Menschenrechte bestimmt als oberste Norm auch die Gestalt unserer Konfessionen.“

Dass der Einsatz für die Menschenrechte stets politisch ist, kritisch gegenüber Neoliberalismus und Kapitalismus, ist selbstverständlich. So wird also die nur fromme, nur aufs „Jenseits“ bezogene Spiritualität der Religionen korrigiert.
Diese Vernunftreligion muss natürlich gelebt werden und verbreitet werden, vor allem durch Informationen in den Räumen der etablierten Konfessionen und Religionen selbst, aber auch in Schulen und öffentlichen Medien, in Bildungskursen, in Veranstaltungen der humanen NGOs …

20.
Aber dieser Zukunft eröffnende Entwurf einer universellen Vernunftreligion der Menschenrechte ist heute konfrontiert mit kämpferischen fundamentalistischen Tendenzen. Sie propagieren die eine gemeinsame Lehre „Göttliche Gebote sollen herrschen als oberste Gesetze.“ Im Christentum, zumal in evangelikalen und katholischen Kreisen (die darin vieles gemeinsam haben!) versuchen „Identitäre“ die Macht in ihren Kirchen(gemeinden) und für ganze Nation zu erobern: Sie treten für ein politisch rechtsextrem konzipierten Glauben ein, sie schwadronieren von „jüdisch-christlicher Tradition“, um nur auf diese Weise den Islam und damit Flüchtlinge und Ausländer aus islamischen Ländern in Europa und Amerika zu diffamieren. Diese ostentative, politisch inszenierte Judenfreundlichkeit dieser rechtsextremen christlichen Kreise ist nur aufgesetzter, taktischer Philosemitismus, und der ist, weil verlogen, bekanntlich genauso verwerflich wie Antisemitismus.

21.
Unsere Überlegungen haben die Wahrheit der Thesedes Helvétius erwiesen.

Wir wurden durch dieThese des Helvetius erneut zur Notwendigkeit der universellen Vernunftreligion der Menschenrechte geführt. Sie ist eine weltumfassende universale Religion. Und weil sie auch eine Spiritualität voraussetzt und pflegen muss der Hinweis: Nur in der spirituellen Haltung eines leidenschaftlichen Eintreten für die universelle Wahrheit der Menschenrechte kann sich die Vernunftreligion durchsetzen.

22.
Eine Utopie wurde hier formuliert, ein neuer Blick in die Zukunft der Religionen …  angesichts der nach wie vor machtvoll erstarrten Weltreligionen. Aber dieses Erstarrtsein wird sich lösen, weil sich immer mehr Menschen von diesen Religionen befreien und diese bestenfalls als Folklore betrachten oder als Weisungen für esoterische Verzückungen und Entrückungen.

Die bestehenden Religionen und Konfessionen sind – in globo betrachtet – unglaubwürdig geworden: Macht und Gewalt im Islam, Missbrauch unter Mönchen im Buddhismus wie unter Klerikern im Katholizismus und Protestantismus, rechtslastige Ideologien sind für die Evangelikalen das Evangelium, afrikanische Christen verfolgen Homosexuelle und so weiter…

In dieser Situation ist die Vernunftreligion der Menschenrechte ein Weg ins Freie…

 

Fußnote 1:
Diese provozierende Erkenntnis hat der französische Philosoph Claude-Adrien Helvétius formuliert, er ist als Philosoph der Aufklärung (geb. 1715, gest. 1771), zugleich auch Religionskritiker. Er betont also in seinem Buch „Vom Menschen, seinen geistigen Fähigkeiten und seiner Erziehung“ (S. 73): „Es gibt keine Religion, die mehr als eine Religion einiger Gegenden wäre“. Diese These wird auch in der Studie „Politische Theorie und Ideengeschichte“ (von Herfried Münkler und Grit Straßenberger, München 2016, S. 406) erwähnt und auch kurz für politische Zusammenhänge kommentiert.

Nebenbei: 
Eine Volksreligion als die Religion eines (von der Anzahl her eher kleinen) Volkes haben von sich aus kein Interesse, „Weltreligion“ zu werden: Konversionen sind unerwünscht oder nur unter sehr schweren Bedingungen möglich, wie etwa im Judentum. Oder Konversionen „aus anderen Völkern“ sind ausgeschlossen, wie etwa bei den Jesiden.

Siehe auch unseren Essay vom 15.11.2023 zur “Allmacht des europäischen ChristentumsLINK 

Unter unseren zahlreichen Interviews mit dem protestantischen Theologen Wilhelm Gräb (+2023), Prof. an der Humboldt Universität zu Berlin, hat sich ein Interview mit der Frage befasst: Ist die Religion der Menschlichkeit am wichtigsten? Wir empfehlen diesen Text – aus dem Jahr 2016. LINK 

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-salon.de

 

Albert Camus: Seine Spiritualität!

Anläßlich des Films „L`Etranger“, „Der Fremde“, von Francois Ozon, 2025, fragen einige LeserInnen und FreundInnen unseres „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon“: Habt Ihr etwas über „Camus und die Religion“ oder „Camus und die Spiritualität“ publiziert?
Wir bieten einen Beitrag von 2013, nach wie vor aktuell und inspririerend.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 4.1.2026

Albert Camus: Seine Spiritualität.
Von Christian Modehn.

Von dem Gott, wie ihn die Kirchen predigen, hielt Albert Camus nichts: Etwa, an den „gerechten Herrscher“, der gleichzeitig noch ein barmherziger Vater sein soll, aber „Kinder leiden lässt“, konnte er nicht glauben.
Gott ist für Camus das göttliche Geheimnis des Lebens. 1954 notiert er in seinem Tagebuch: „Ich glaube nicht an Gott, bin aber kein Atheist“. In der Zeitung „Le Monde“ sagt er zwei Jahre später: „Ich halte das Nichtreligiöse für etwas Vulgäres und Überholtes“.
Camus ist „fromm“ auf seine eigene Art. Gefühle anderer nachzuplappern und abstrakte dogmatische Lehren als die seinigen auszugeben, das liegt ihm fern. Camus ist spirituell, weil er achtsam das Leben des einzelnen Menschen, auch sein eigenes, wahr – nimmt. Definitive Antworten auf den Sinn „des“ Lebens passen für ihn nicht zur begrenzten Vernunft des sterblichen Menschen. Aber der Mensch soll stolz sein, mit seinem Geist der Freiheit den Zwängen dieser Welt doch überlegen zu sein, selbst wenn alle Sterblichen „zum Tode verurteilt sind.“
Solange der Mensch lebt, muss er wie Sisypus den Stein immer wieder den Berg hinauf wälzen. Aber er weiß, wenn der Stein wieder herunter rollt: Ich bin diesem unabwendbaren Geschehen durch die Kraft meines Selbstbewusstseins überlegen. In Freiheit kann ich mein Schicksal annehmen und es für mich gestalten. Die Alternative wäre der Selbstmord, davon spricht Camus ausdrücklich. Aber der Suizid wäre für ihn ein Sieg des Nihilismus, abzulehnen ist vor allem der Verzicht, Nein zu sagen gegenüber allem Widerwärtigen.
Wenn es ein „Wesen“ des Menschen gibt, dann ist es bei Camus dieses Rebellische. „Bleibt kritische Rebellen, aber werdet nie gewalttätige, tötende Revolutionäre“, schärft er ein.
Die Kirchen lernte Camus schon als Jugendlicher in Algerien kennen. Aber sie können sein eigenes Erleben gar nicht deuten. Sie richten im allgemeinen den Blick der Frommen in die ferne Zukunft der Erlösung, den Himmel: „Später wird alles besser“. Für Camus ist diese Haltung den Christen wie den Kommunisten gemeinsam. Beide können den glücklichen Augenblick inmitten des Lebens nicht lieben, nicht bei ihm verweilen, in der Gegenwart leben.
Camus schätzt über alles die Momente des Glücks in einer kontemplativen Haltung. Die kleinen Essays unter dem Titel „Hochzeit des Lichts“ geben Zeugnis davon. Sie sind eine Einladung, inmitten der (noch verbliebenen) Schönheit der Natur das Geheimnis des Lebens zu entdecken: Etwa das Gefühl der Transzendenz, das sich bei einem Sonnenaufgang am Mittel – Meer ereignet. „Ich lauschte in mir einem fast vergessenen Klang, als finge mein Herz nach langem Stille-Stehen ganz sachte wieder zu klopfen an.“ Selbst Meursault, der durch einen eher lächerlichen Zufall zum Mörder und in Algerien zum Tode verurteilt wird, wie der Roman „Der Fremde“ beschreibt, liebt in seiner Gefängniszelle vor seiner Hinrichtung „die Sterne über dem Gesicht“, „den wunderbaren Frieden dieses schlafenden Sommers“. Meursault öffnet sich „angesichts dieser Nacht voller Zeichen und Sterne zum ersten Mal der zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt.“

Nur in kontemplativer Haltung entwickelt sich das „Bewusstsein vom Heiligen, also vom Geheimnis, das es im Menschen gibt“, sagt Camus, kurz nachdem er den Literaturnobelpreis 1957 erhalten hat.
Die katholische Kirche ist für ihn vor allem an politischen Vorteilen interessiert. Um klerikaler Herrschaft willen werden die Regime Francos, Hitlers, Mussolinis, Pétains unterstützt. Der Gott dieser Herrenmenschen sollte den Menschen tatsächlich „genommen werden“.
Aber Camus weiß, dass es einige „andere Christen“ gibt, Demokraten, Verteidiger der Republik. Mit den Dominikanern in Paris hat Camus – etwa 1946 – gern debattiert, dort sagte er: „Ich werde niemals von dem Prinzip ausgehen, dass die christliche Wahrheit illusorisch ist, sondern nur von der Tatsache, dass ich in diese Wahrheit nicht eintreten konnte“ (zit. In „Dictionnaire Albert Camus“, Ed. Laffont, Paris, 2009, S. 140).
Mit dem katholischen Schriftsteller Georges Bernanos ist er seit der Résistance befreundet. Die Päpste fordert er auf, in ihren Enzykliken klipp und klar Unrecht zu benennen. Er will neue Gemeinschaften von Ungläubigen und Gläubigen gestalten; sie sollen gemeinsam für die Gedemütigten und Elenden eintreten. Das ist die neue Ökumene. Im Engagement wird neue spirituelle Kraft spürbar: “Ich rebelliere, also sind wir“! So heißt das paradoxe Glaubens – Bekenntnis von Albert Camus. Wenige Tage vor der Übergabe des Literatur – Nobelpreises im Dezember 1957 in Stockholm formulierte er noch einmal seine Spiritualität: „Wie viele andere Menschen von heute bin ich des Mäkelns und der Bosheit, mit einem Wort, des Nihilismus müde. Was zu verurteilen ist, sollte verurteilt werden! Aber kurz und bündig. Was hingegen noch gelobt zu werden verdient, sollte ausführlich gelobt werden. Schließlich bin ich ja deswegen Künstler. Denn selbst das Werk, das verneint, bejaht doch noch indirekt etwas und ehrt auch so das armselige und herrliche Leben, unser Leben.“

Dieser Beitrag erschien 2013 in der Zeitschrift PUBLIK-FORUM.

Siehe auch: Albert Camus – ein „Atheist aus göttlicher Gnade“ : LINK

„Rupert Neudeck und Albert Camus“: LINK

Literaturhinweis: 
Unter den Arbeiten Albert Camus` verdient die Übersetzung von „Hochzeit des Lichts“ (übersetzt von Peter Gan und Monique Lang), erschienen im Arche Verlag, Hamburg – Zürich, 2013, besondere Beachtung, zumal im Blick auf das Thema Spiritualität.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Kant sollte jetzt Kirchenlehrer sein! Unser Wunsch für 2026!

Von Christian Modehn am 2. Januar 2026

1.
Der Wunsch des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ für 2026 ist eine Provokation. Sie führt, wie der Name „Provokation“ sagt, aus bestehenden dogmatischen Verirrungen der Kirchen und Religionen heraus, ins Freie, ins Menschliche, das wichtiger und hilfreicher ist als der traditionelle Dogmenglaube.

2.
Im Jahr 2026 darf es den Religionen und Kirchen nicht zuerst um ihre eigenen Dogmen, moralischen Behauptungen und Bindungen an nationale Ideologien (siehe Russland, Israel, USA, Iran usw.) gehen.
Der Papst zum Beispiel muss nicht mehr – irgendwie hilflos – bei jedem Anlass zu Bittgebeten auffordern, so, als würde Gott im Himmel je nach Laune mal die einen, mal die anderen Wünsche erfüllen. Naiver Wunderglaube wird da verbreitet…, den gilt es mit der Vernunftreligion zu überwinden. Nur mit der Vernunftreligion werden Menschen reif und „erwachsen“.

3.
Der Papst, um bei ihm zu bleiben, muss auch nicht mehr ständig seinen geliebten Augustinus zitieren, jenen Heiligen des 5. Jahrhunderts, der die Christen mit seinem gräßlichen Erbsünden – Dogma verrückt gemacht hat. Nein, der Papst könnte oft Erkenntnisse des Philosophen Immanuel Kant zitieren – als Aufforderung, die universell geltende Vernunft-Religion zu respektieren: Sie ist für alle Menschen, auch für alle Religionen und Konfessionen gültig, sie ist die allen und allem übergeordnete Religion.

4.
Wir haben im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin mehrfach auf die Erkenntnis der universellen Vernunftreligion im Sinne Kants hingewiesen. Siehe etwa diesen Beitrag: LINK. Dabei beziehen wir uns auf „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ von 1793 (in der Ausgabe des Meiner Verlages, 2003, die Seitenangabe beziehen sich auf dieses Buch). Es ist falsch, Kant als „Überwinder“ der Idee Gottes oder als „Zerstörer“ des vernünftig begründbaren Glaubens an Gott zu interpretieren. Kant hat als Philosoph erkannt, dass es eine göttliche Wirklichkeit gibt. Er betont aber: Gott ist kein Objekt wissenschaftlicher Beweise, wenn man wissenschaftlich im Sinne der Naturwissenschaften versteht. Aber die göttliche Wirklichkeit als Idee, vielleicht als Ursprung der Schöpfung, muss der Mensch denken, will er seine Existenz umfassend geistig verstehen.

5.
Nicht die Erfüllung religiöser Vorschriften ist für die Vernunftreligion entscheidend, sondern die Pflege der „moralischen Herzensgesinnung“, das lehrt schon Jesus Christus, betont Kant (Seite 214). Nicht gottesdienstliche Handlungen können den Menschen von Verfehlungen befreien, sondern nur die praktische Wiedergutmachung des Unrechts. Nicht das „süße Gefühl der Rache“ darf vorherrschen, sondern die Duldsamkeit…Dies sind Weisungen des Lehrers Jesu von Nazareth in der Sicht Kants. Vor allem: Die Erfüllung der ethischen Pflichten ist der wahre Dienst an Gott, der wahre Gottesdienst! Der Gottesdienst ist die Erfüllung der ethischen Pflichten, also der Menschenrechte: Das muss das beständige Leitmotiv der Predigten und der Praxis in allen Religionen sei. Kant betont: Es ist bloßer „Religionswahn und Aberglaube“ zu glauben, für ein gottgefälliges Leben könne der Mensch noch etwas anderes tun, als den guten Lebenswandel zu praktizieren (Seite 230). Es gibt also für Kant nur „die Religion des guten Lebenswandels, sie ist „das einzige religiöse Ziel der Menschen“ (Seite 236). Solange die Kirchen mit ihren eigenen Lehren noch bestehen, muss die Vernunftreligion allmählich diesen Kirchenglauben durchdringen und überwinden.“ (ebd.)
6.
Die Vernunftreligion lebt im Sinne Kants in einer „unsichtbaren Kirche“, sie braucht keine Herrschafts-Strukturen, aber sie braucht durchaus Lehrer, die herrschaftsfrei die Vernunft-Religion erklären.
„DIESE VERNUNFTRELIGION SOLL ALS WELTRELIGION AUSGEBREITET WERDEN“ (S. 212).
7.
Die geoffenbarte, also die in Sätzen, in Dogmen formulierte, mit Büchern der Offenbarung ausgestattete Religion, wird von Klerikern beherrscht. Diese Religion/Konfession soll letztlich überwunden werden, fordert Kant. In diese faktisch bestehenden Konfessionen sollte aber – wie gesagt – die Vernunftreligion wie ein kritisches, befreiendes Element eindringen, also die konfessionellen Religionen heilen, korrigieren. Auch in der kirchlich geprägten, der geoffenbarten Religion, gibt es für Kant vernünftige Elemente. Der allgemeine Vernunftglaube hat also Elemente, „Keime“ in der Kirchenreligion, die zur Vernunftreligion führen können. Es gibt für Kant eine langsame Annäherung an die von ihm erstrebte „unsichtbare Vernunft – Kirche aller guten Menschen“. Man könnte meinen: Je mehr die faktischen Kirchen und Religionen die Menschenrechte als wesentliche eigene Botschaft und Praxis erkennen, um so mehr nähern sie sich der universellen Vernunftreligion bereits an.
8.
Unser religionsphilosophischer Wunsch für das Jahr 2026 ist alles andere als ein schöner Traum oder bloß ein „frommer Wunsch“. Unsere Provokation ist eine Utopie, die ins Weite führt, in eine friedlichere Welt, in der nicht mehr fundamentalistische Religionen und Kirchen herrschen und ihren Unsinn politisch – kämpferisch durchsetzen. Ohne diese Hoffnung auf einen bessere Zustand der Religionen und Konfessionen stirbt das geistige Leben. Diese hier im Sinne Kants vorgestellte gute Utopie kann für uns und unsere Welt lebenserhaltend sein. Diese Utopie verhindert, dass unbedacht und undifferenziert alle Religionen und Konfessionen angesichts so vieler ihrer Irrungen und Verbrechen pauschal und „einfach so“ total „beiseite gelegt werden“.
9.
Die Vernunftreligion der Menschenrechte lebt bereits, sie ist als gute Utopie „nicht tot zu kriegen“… Die Vernunftreligion wird also die Religion der globalen Zukunft sein: weil sich immer mehr religiöse Menschen von den unverständlichen Dogmen und erstarrten Riten und infantilen Gebeten, Kirchenliedern abwenden … und die fundamentalistischen Verirrungen ihrer Religionen und Konfessionen schlicht und einfach nicht mehr ertragen können! Der “Atheismus” ist selbst eine Art Religion, meist eine fundamentalistische, also abzulehnen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Mit Kompromissen leben. Aber nicht mit „faulen Kompromissen“

Ein Hinweis von Christian Modehn …   zu einem aktuellen Thema: Dem Krieg Russlands/Putins gegen die Ukraine und einem möglichen Frieden.Wird da ein “fauler Kompromiss” ausgehandelt? Sehr wahrscheinlich! 

1.
Über Kompromisse wird jetzt wieder oft (nicht nur von Politikern) gesprochen. Mehr Klarheit über Kompromisse zu finden, ist sicher eine dringende Aufgabe. Dabei wird über Kompromisse in der Philosophie, der Ethik oder der Politologie eher selten diskutiert.

2.
Ein treffender Einstieg in die Diskussion über Kompromisse ist die Erkenntnis: Das menschliche Leben ist von vornherein und von Beginn des individuellen Lebens an von Kompromissen bestimmt. Schon allein die Entscheidung für einen Vornamen des Neugeborenen ist oft Ausdruck eines Kompromisses. Daher wohl die vielen Doppelnamen, „Rolf-Sebastian“ nimmt Bezug auf die Verwandten von Mutter und Vater…
Oft wird über die Kinder durch Kompromisse verfügt. Etwa: Wann der Vater das Kind besuchen kann im Fall einer Trennung von der Ehefrau. Auch die Entscheidung für eine Schule ist oft Ausdruck eines Kompromisses. In unserem Leben werden uns ständig Kompromisse zugemutet, die wir als „Alltags-Kompromisse“ explizit so gar nicht benennen. Etwa: Wenn der eine in der Partnerschaft/Ehe eher seinen Urlaub am Meer, der andere in den Bergen verbringen will: Anstatt die kurze Urlaubszeit auf verschiedene Orte aufzuteilen, wird man entscheiden: In diesem Jahr ans Meer, im nächsten Jahr in die Berge. Das schlichte Kompromiss – Beispiel soll nur zeigen: Wir machen ständig Kompromisse, und wir müssen sogar ständig Kompromisse machen, um ein halbwegs harmonisches Miteinander erleben zu können.

3.
Der Philosoph Avishai Margalit (lehrte an Unis in Jerusalem und Princeton) schreibt in seiner Studie „Über Kompromisse und faule Kompromisse“ (Suhrkamp, 2011): „Der Kompromiss, der sich etymologisch von co-promissum, dem gegenseitigen Versprechen, herleitet, ist eine auf gegenseitigem Versprechen basierende Kooperation“ (S. 49). Und: „Der Kompromiss ist ein wesentliches Element bei der Verringerung der Spannung zwischen Kooperationen und Konkurrenz.“ (ebd.). Kein Mensch erreicht in seinem Lebensentwurf und seinem Zusammenleben mit anderen, die völlige Durchsetzung bzw. Realisierung seiner eigenen Werte und Vorstellungen. „Die Umstände zwingen uns dazu, uns mit weit weniger zufrieden zu geben, als wir eigentlich wollen. Wir schließen einen Kompromiss.“ (Margalit, S. 14). Und genau diese Kompromisse als Notwendigkeit eines humanen, gleichberechtigten Zusammenlebens, sind ein Gewinn, Kompromisse sind kein Verlust für die TeilnehmerInnen des Kompromisses. Sie können mit der teilweisen Realisierung ihrer Werte leben … und zwar freundschaftlich mit anderen, die um meinetwillen auch mit der teilweisen Realisierung ihrer Werte zufrieden sind bzw. sich zufrieden geben müssen. Will ich total meine Werte immer und überall durchsetzen, bin ich schnell allein und isoliert. Nur Anhänger von Sekten oder fundamentalistischen Organisationen können im Ernst diese Position vertreten.

4.
In Demokratien bilden mehrere Parteien oft eine Koalition: Und diese kommt durch Kompromisse zustande: „Einen Kompromiss einzugehen heißt also, ein bestimmtes Ergebnis unter bestimmten Bedingungen für vorzugswürdig zu halten, nicht jedoch, es zu seiner eigenen Meinung machen zu müssen. Kompromiss ist eine Technik des gegenseitigen Nachgebens: Von den 100 Prozent des Parteiprogramms zu den X-Prozent der Koalitionsvereinbarung. Alle, die nachgeben, kriegen nicht, was sie wollten, aber alle kriegen eine Durchsetzungschance für Teile ihres Programms,“ so Oliver Lepsius in der Monatszeitschrift Merkur, Heft 919, Dez.2025.

5.
Demokratie lebt nur durch Kompromisse. Wer den Erhalt der Demokratie will, muss seinem demokratischen politischen Gegner nachgeben, weil er Demokratie will, dadurch bleibt er beteiligt an der Regierung und kann auch politisch mitgestalten. „Ohne Kompromisse besäßen wir als politisch handelnde Gemeinschaft keine Einigung, Orientierung und Handlungsgewissheit.“ (Oliver Lepsius). Ein Kompromiss ist also kein Verlust, kein Defizit, sondern ein Gewinn, schreibt Oliver Lepsius, „um politische Meinungen und Überzeugungen in Entscheidungen zu verwandeln“, um etwa zu einer handlungsfähigen Koalition in einer Demokratie zu kommen.

6.
Ein Kompromiss ist mit einem Konsens NICHT identisch: Ein Konsens ist eine Übereinstimmung aller Beteiligten, die zu einer und demselben Überzeugung gelangt sind, also einer einzigen Meinung sind. Bei einem Kompromiss hingegen hat jeder, der mit dem anderen diese Entscheidung für den Kompromiss eingeht, nach wie vor seine eigene, seine von dem anderen verschiedene Meinung. Aber die totale Durchsetzung der eigenen Meinung stellen beide Parteien für die gemeinsame Arbeit oder für die Zeit des gemeinsamen Lebens zurück. Jeder Kompromiss kann neu verhandelt werden.

7.
Es gibt auch die „faulen Kompromisse“, die – wie der Name sagt – widerlich sind und „stinken“. Und faul heißen sie auch, weil die eine Seite und deren Verbündete offenbar auch „faul“ im Nachdenken waren, so dass der Gegner über den anderen sich durchsetzen konnte. Tatsächlich sind „faule Kompromisse“ Realität im Umgang mit Diktatoren und anderen politischen Verbrechern, etwa Aggressoren im Krieg.
Ein fauler Kompromiss ist eine Übereinkunft, „die um jeden Preis vermieden werden muss“, schreibt Avishai Margalit (S. 109). Und auf S. 108: „Ein Kompromiss ist nur dann faul, wenn er ein unmenschliches Regime etabliert oder stützt.“

8.
Man denkt bei dieser Bewertung naheliegend an den Krieg, den die Russische Föderation, mit ihrem Präsidenten Putin, gegen die Ukraine schon vor Jahren begonnen hat (Krim-Annexion 2014), und den Russland seit dem 24.2. 2022 noch umfassender und brutaler führt.
Eines Tages wird es wohl Frieden geben. Und Demokraten und Putin-Feinde in aller Welt, vor allem das ukrainische Volk, werden dann ihre vertraute Ukraine in den ihnen vertrauten und selbstverständlichen Grenzen von 2003 nicht mehr erleben. Denn: Dass die Ukraine und ihre Verbündeten dieses Russland, Putin, besiegen und dadurch zur Rückgabe der besetzten ukrainischen Gebiete zwingen können, ist leider eher unwahrscheinlich. Zumal wenn man an die völlig unklare Russland-Politik von Mister Trump denkt.
Es wird also – leider – einen faulen Kompromiss als Friedensvertrag geben, der allein deswegen vereinbart wird, um der tötenden und zerstörerischen Gewalt Russlands ein Ende zu setzen.

9.
In dieser durchaus abstrakt erscheinen Überlegung ist es wichtig: Dieser faule Kompromiss zwischen Russland und der Ukraine hatte als Voraussetzung schon faule Kompromisse vor Kriegsbeginn im Jahr 2022: Als nämlich Jahre zuvor schon die westlichen Demokratien, die EU, besonders Deutschland, um des eigenen ökonomischen Vorteils willen, Verträge mit Russland abgeschlossen hatten, bezogen auf die „günstigen“ Öl -und Gas-Lieferungen Russlands. Aus ökonomischem Egoismus der europäischen Staaten wurden die kriegerischen Aggressionen Russlands gegen Georgien (die georgischen Territorien Abchasien und Südossetien sind seit 2008 von Moskau abhängig) und gegen die Krim (2014) dann aus ökonomischen Gründen übersehen. Dies waren bereits faule Kompromisse mit Putin, in denen sich Demokratien auf den Diktator Putin einließen, diese faulen Kompromisse stärkten den Diktator und ermöglichten ihm den Krieg seit 2022… Und eines Tages wird zu einem noch viel umfassenderen „faulen Kompromiss“ kommen, zum Schaden der Ukraine und letztlich zum Schaden des von Russland bedrohten Europa.

10.
Man muss fragen, ob es Kompromisse auch für Gesellschaften und Organisationen geben kann, die behaupten, „die“ Wahrheit total auf ihrer Seite zu haben. Etwa die göttliche Wahrheit in den Religionen, zum Beispiel auch im Katholizismus. Damit sind wir bei der Frage: Gibt es, gab es, Kompromisse innerhalb der katholischen Kirche? Einer Kirche, die von sich selbst offiziell behauptet, „allein selig-machend“ zu sein. Ist eine solche Organisation zum Kompromiss fähig?
Kompromiss setzen in unserem Fall gegenüber dem Papst usw. die kritischen Katholiken voraus, die Kompromisse als Reförmchen fordern. Bestenfalls kann dann von sehr bescheidenen Kompromissen die Rede sein: Zum Beispiel: In vielen Ländern dürfen seit einigen Jahren, durch bischöfliches Entgegenkommen gegenüber den „Laien“, nun auch Mädchen als Ministrantinnen dem Priester am Altar zu Diensten sein. War es ein Kompromiss, als der Papst auch die Feuerbestattung den Katholiken erlaubte? War es ein Kompromiss, als im 2. Vatikanischen Konzil die Religionsfreiheit offiziell anerkannt wurde? Sicher waren es Kompromisse, weil die Kirchenführung spürte, ohne solche Zugeständnisse würden noch mehr Leute die Kirche verlassen oder die Kirchen stände sehr sehr blamabel in der Moderne da. Weil aber die katholische Kirche keine Demokratie ist, in der Kompromisse üblich und angesehen sind, nannte also diese Kirche ihre Kompromisse Reformen. Aber eben nicht eine „Reformation“, denn diese würde das System dieser Kirche erschüttern.

Sehr ausführlich äußert sich zu diesem philosophisch vernachlässigten Thema „Kompromiss“ Véronique Zanetti, in „Spielarten des Kompromisses“, Suhrkamp, 2022.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Weihnachten kritisch feiern: Ein aussichtsloser Vorschlag?

Ein Hinweis von Christian Modehn

1. Zur Einstimmung:
Auch religiöse Feste, selbst wenn sie jetzt mehr säkular als christlich sind, bleiben Thema der Philosophie und Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, kritische Reflexion gilt selbstverständlich auch dem Weihnachtsfest. Dabei will Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie nicht die Freude am Fest zerstören. Wir sind aber sicher: Bewusste und das ist immer kritische Kenntnis dessen, was wir da zu Weihnachten feiern, kann das Fest auf ein geistvolles, auf vernünftiges Niveau heben und die „Weihnachtsemotionen“ mit dem üblichen „Weihnachts-Kaufrausch“ etwas korrigieren… um mit Verstand zu feiern.

2. Das Übliche
Beim Feiern von Weihnachten glaubt jeder und jede, was er, was sie, persönlich hübsch und beruhigend findet, was alles die „Gemütlichkeit“ fördert. Oder was Kindheitserinnerungen weckt im Gedenken an „Leise rieselt der Schnee“, oder an die „Stille Nacht, in der alles schläft..“ bis zum schnell daher gesungenen Bekenntnis „Christ der Retter ist da“. Wobei wahrscheinlich fast niemand unter den Singenden diese Rettung hier und jetzt schon sieht und spürt… in dieser verrückten Welt der Kriege mit einigen so genannten „Spitzenpolitikern“ der „Weltmächte“, die viele Beobachter ehrlicherweise Verbrecher nennen. Gedankenlos besingt man also weiter das „Kind, zu Bethlehem geboren“. Bestenfalls kommen dann ein paar Tränen der Sehnsucht nach Frieden. Dass Bethlehem heute im Westjordanland liegt, wird bei diesem Kindlein vergessen, also in einer Region, in der jüdisch-ultra-orthodoxe Siedler ungehindert die muslimischen und manchmal noch christlichen Palästinenser attackieren und vertreiben.

3. Weihnachten ist ein MARKT
Wie umfassend, vielleicht: wie unentrinnbar total hat eigentlich die Kommerzialisierung von Weihnachten das „Eigentliche“ des Weihnachtsfestes verdorben? Bester Ausdruck dafür sind die kaum nicht zu zählenden allüberall…Der Markt ist bekanntlich Inbegriff des Kapitalismus: Weihnachts-Märkte mischen also Restbestände des Heiligen, die Erinnerung an die Geburt eines göttlichen Kindes, mit den offenbar unbesiegbaren Interessen des Kapitals. So werden Geschenk-Zwänge geweckt und gefördert. Und einige Kirchenführer schätzen den weihnachtlichen Kaufrausch des Marktes offenbar hoch ein, indem sich etwa die Berliner Bischöfe, katholisch und evangelisch, ökumenisch diesmal ganz einer Meinung, dazu hergeben, seit Jahren schon die Weihnachtsbeleuchtung in Berlin oder nun auch in Potsdam an zentraler Stelle der Einkaufs-Boulevards „einzuschalten“, in vertrauter Gemeinschaft mit dem Präsidenten des Handelsverbands Berlin-Brandenburg. LINK.

4. Weihnachtsmarkt als Rummel
Treffender Ausdruck für das Verschwinden von Weihnachten im Marktgeschehen ist das Spektakel „Winterzeit” in Berlin -Lichtenberg 2025. Es ist von jeglichem Hauch der Erinnerung an einen christlichen oder religiösen Restbestand von Weihnachten befreit. Man könnte sich theologisch weit vorwagen und kapital/marktfreundlich behaupten: „Die Freude an diesem Rummel ist eine anonyme Freude über die Geburt Jesu von Nazareth.“

5. Maria ist keine a-sexuelle Jungfrau
Der Religionsphilosophische Salon hat früher schon darauf hingewiesen, dass die im Neuen Testament erzählten Geschichten von Jesu Geburt kritisch erforscht und gedeutet werden müssen. Wir haben darauf hingewiesen, dass Bibelwissenschaftler sehr genau etwa die Erzählungen des Evangelisten Markus betrachten: Das älteste Evangelium des Autors Markus deutet an, dass Josef nicht der leibliche Vater Jesu sein kann. Im 6. Kapitel berichtet Markus , wie Jesus von seinen Landsleuten in aller Öffentlichkeit als „der Sohn der Maria“ bezeichnet wird. Diese Aussage ist sensationell: Einen Mann nicht nach dem Vater, sondern nach der Mutter zu benennen, war in der damaligen Kultur Ausdruck für eine uneheliche Herkunft. Nur illegitime Söhne wurden damals nach der Mutter benannt. Noch weiter gehen die Erkenntnisse der Bibelwissenschaftlerin Prof. Luzia Sutter-Rehmann von der Uni Basel: „Da gibt es auch Forschungen von Jane Schaberg, die gezeigt hat, dass es zu Zeit der römischen Besatzung in Palästina sehr gut möglich wäre, sich Maria als, ja sag ich mal, Opfer von Soldaten vorzustellen. Junge Mädchen wurden da irgendwie schwanger, man weiß nicht von wem. Da waren keine geordneten Verhältnisse, da waren Landbesitzer oder Beamte oder Männer, die das junge Mädchen sexuell überwältigt haben. Die Lebensumstände im 1. Jahrhundert in Palästina waren nicht einfach für junge Mädchen. Das ist sicher.“
Wenn man diesem Forschungsergebnis folgt: Dann ist Jesus als uneheliches Kind anzusehen, und Josef ist sein Stiefvater. Diese Erkenntnis klingt in den Ohren einiger Christen vielleicht befremdlich, aber für die Bibelwissenschaftlerin Luzia Sutter-Rehberg wird die so „un-bürgerliche“, eher randständige Herkunft Jesu“ gerade entscheidend für einen Jesus, der die Armen und Ausgegrenzten besonders liebte. (Quelle: Ra­dio­sen­dung über Maria im RBB von Christian Modehn am 25.12.2009. )
Wir haben mehrfach auf Studien hingewiesen, die zeigen: dass der Titel „Jungfrau Maria“ überhaupt nicht auf eine sexuelle Unberührtheit Marias hinweist, sondern schlicht Maria als junge Frau bewertet, die mit ihrem Mann Josef selbstverständlich sexuelle Kontakte hat. Sonst gäbe ja nicht die im Neuen Testament genannten Geschwister Jesu von Nazareth.

6. „Befreien wir das Weihnachtsfest von kolonialem Denken.“

Selbstverständlich wurde die Weihnachtsgeschichte der Evangelien auch von Missionaren im kolonialen Zusammenhang den „Heiden“ erzählt oder missionarisch eingepaukt. Man spreche mit alten Missionaren etwa aus Chile, die Weihnachten zur dortigen Sommerzeit feiern und die aus Europa importierten (kolonisierten) Weihnachtslieder sangen mit dem nun mal dort besungenen Schnee oder mindestens der Kälte in der Hütte zu Bethlehem. Genauso wichtig ist es, dass Christen wissen: Auch in der islamischen Tradition, im Koran, ist von dem Propheten Jesus und seiner Mutter Maria die Rede. Um so erfreulicher, dass in der Baptisten-Gemeinde in Berlin – Charlottenburg ein Projekt, eine Ausstellung mit Interviews usw., im Dezember 2025 gestartet wurde mit dem sehr treffenden Auftrag: „Decolonizing Christmas“, also „Befreien wir das Weihnachtsfest kolonialem Denken.“ Es wird also zurecht gefordert: Vergessen wir das kritische Nachdenken nicht, wenn wir uns mit den Weihnachtserzählungen befassen und Weihnachten feiern. Die Tageszeitung TAZ hat über diese Initiative ausführlich und objektiv berichtet: Es handelt sich um ein gemeinsames Projekt der Friedensgemeinde der Baptisten, dort besonders des Referenten für „Kirche und Gesellschaft“, des christlichen Theologen Bastian Schmidt und der islamischen Theologin Gökçe Aydın vom Institut für Islamische Theologie der Humboldt-Universität (HU). Das angesehene „Berliner Forum der Religionen“ hat dieses Projekt unterstützt. LINK .Dieses „Berliner Forum der Religionen“ schreibt: „Warum ist das Projekt wichtig? 
Weihnachten ist mehr als nur Tradition, es ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. In einer Zeit, in der Religion oft trennt, wollen wir zeigen: Dialog verbindet. Lasst uns gemeinsam herausfinden, wie wir koloniale und diskriminierende Bilder hinterfragen und neue politische Wirklichkeiten schaffen können, voller Respekt, Humor und Offenheit. Gemeinsam wollen wir die christliche Geschichte reflektieren und sie gesellschaftlich nutzbar zu machen.“
Die Veranstaltung der Friedenskirche wird sinnvollerweise durch die „Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt“ gefördert.

7.Die Springer – Presse mit WELT-TV vernichtet dieses Projekt.
Leider hat die Springer – Presse heftig und pauschal gegen dieses Projekt Stellung genommen, es erstaunt, dass die eigentlich liberale Gründerin der liberalen Moschee in Berlin heftig gegen dieses Projekt in Springer -. Medien austeilt. Ein Freund fragt: Ist Frau Seyran Ates etwa böse, dass nicht sie an dem Projekt mitwirken durfte? Es wurden dann ungeheuerliche Behauptungen verbreitet, etwa: Weihnachten solle abgeschafft werden durch dieses Projekt usw… Auch der Tagesspiegel berichtete am 12. Dezember 2025 darüber: Berlins Ober-Bürgermeister Kai Wegner (CDU) schaltete sich ein und bedauerte, dass dieses sehr wichtige und der Aufklärung dienende Projekt vom Senat finanziell unterstützt wurde. Selbst die „Süddeutsche Zeitung“ hat am 13./14. Dezember 2025, Seite 19, von dem Projekt der Charlottenburger Gemeinde berichtet und treffend geschrieben: Der Fernsehsender WELT-TV sei „immer bereit, sich auf Kulturkämpfe einzulassen“. Wohl wahr: Es passt den Rechten und sehr Rechten (Medien und Politikern etwa in der CSU) nicht, wenn das christliche Weihnachtsfest auch in Beziehung zu islamischer Theologie in Beziehung gesetzt wird. Man darf niemals vergessen, dass der gegenwärtige Innenminister Alexander Dobrindt, ein Katholik, den Islam schon 2018 aus Deutschland ausgrenzte, weil „er nicht prägend und sei und es auch nicht werden solle“. Wir zitieren aus der Evangelischen Zeitung „Sonntagsblatt“ vom 20. Mai 2025, Oliver Marquart schreibt: „Dobrindt stellte die pauschale Behauptung auf, Werte wie Toleranz oder Nächstenliebe fänden sich in der “islamischen Welt” (was auch immer das sein mag) “so nicht wieder”.  Nun beinhaltet eine derart starke Aussage zum einen stets ein sehr hohes Risiko, an der Realität zu scheitern. Zum anderen spricht er damit Muslim*innen in Deutschland und weltweit eiskalt demokratische Reife ab und widerspricht jeder Form religiöser Gleichbehandlung. Wieder einmal nutzte also ein Politiker das Christentum im Sinne eines Kulturkampfes, um es gegen andere Religionsgemeinschaften in Stellung zu bringen.“ Wenn die „Süddeutsche Zeitung“ wie gesagt von Kulturkampf spricht im Umgang mit der wichtigen und richtigen Veranstaltung „Decolonize Christmas“, dann muss eben auch Dobrindt als einer der Kulturkämpfer an vorderster Front erwähnt werden, der sozusagen die Mentalitäten der Offenheit, der freien Forschung, des Respektes vor dem Islam und islamischer Theologie verdorben hat…

8.
Zum Projekt „Decolonize Christmas“ gehörte eigentlich auch die Kritik an den Handelsbedingungen der westlichen Kakao-Giganten mit den Kakao-Produzenten etwa in der Elfenbeinküste, die nur einen verschwindenden Anteil am Verkauf des Kakaos in der Schokolade-konsumierenden reichen Welt erhalten. Zum Projekt „Decolonize Christmas“ würde auch gehören, dass wie Reichen (auch die reichen Christen Deutschlands) auf die verheerende Armut der Menschen im globalen Süden nach wie vor nur mit Almosen antworten,Spenden genannt. Gerechtigkeit und Respekt vor dem in Armut geborenen Jesu von Nazareth sieht anders aus. Aber die Kirchen fordern nach wie vor Spenden – wie in Kolonialzeiten schon (man denken an die Statue des bei jedem Groschen dankbar “nickenden Negers“). Das System, das die globale Armut erzeugt und die Politiker, die das ungerechte System unterstützen und von ihm profitieren, werden von den Kirchen heute viel zu selten benannt. Sie sind hierzulande von der Gunst der Politiker abhängig … und die Gunst der Politiker und ihrer Lobbyisten ist ihnen wichtiger als radikale, aber treffende Kritik am ausbeuterischen hiesigen Wirtschaftssystem.

9. Die veranstaltende Gemeinde der Baptisten resigniert und unterwirft sich der Macht der Springer – Presse.

Das Projekt „Decolonize Christmas“als Diskussions – und Bildungsveranstaltung in der Charlottenburger Baptistenkirche ist erst mal gestoppt un damit gescheitert. Die Leitung der Friedenskirche, eingeschüchtert von der in Berlin immer noch mächtigen Springer – Presse, distanziert sich sogar öffentlich von dem eignenen Projekt, auch wenn sie das Thema irgendwie noch wichtig findet. „Als Friedenskirche Charlottenburg bekennen wir uns ausdrücklich zum theologischen Kern der Weihnachtsbotschaft, wie er in der Heiligen Schrift bezeugt ist. Von allen Aussagen, die dem entgegenstehen, distanzieren wir uns klar.“ In den weiteren Aussagen der Baptisten der Friedensgemeinde wird deutlich: Die sehr Bibel-gläubige (im wortwörtlichen Verstehen der Texte)  Baptisten -Gemeinde  hat Angst vor ihrer eigenen Courage. Und das ist schon eine Katastrophe, weil einzig die kritische Bibellektüre und die kritische, vom Dialog mit anderen Religionen lernende christliche Theologie als Wissenschaft heute angemessen ist. Bedauerlich ist auch, dass offenbar andere christliche Kirchen in Berlin dieses Projekt jetzt nicht öffentlich unterstützen.  LINK

10. Zu Weihnachten bitte nichts Kritisches über Weihnachten
Was lernen wir daraus? Die bürgerlichen, sich christlich nur noch nennenden PolitikerInnen und ihre rechten Medien wollen sich ihre Weihnachtslaune durch kritische Ausstellungen und Veranstaltungen nicht nehmen lassen, und sie werden dabei ausgerechnet noch von einer liberalen Imamin unterstützt. Diese Leute meinen, über Weihnachten verfügen zu können, sie wollen keine kritischen, nachdenkliche Gedanken, sie wollen Weihnachten offenbar weiterhin als Fest des Konsums, des Trallala der alten, fast immer irgendwie infantilen Weihnachtslieder usw…

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

 

Hoffnung denken und Hoffnung leben. Wider die Gesellschaft der Angst…

Hoffnung denken und Hoffnung leben

Der Philosoph Byung- Chul Han: Seine Essays über den „Geist der Hoffnung“ .
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
In unserer Gegenwart ist die Hoffnung bedroht, jene Hoffnung, die bekanntlich als „letzte stirbt“, wenn alles andere längst schon vernichtet wurde. Nicht nur die Hoffnung als die unverzichtbare philosophische und religiöse Idee ist bedroht, sondern die Hoffnung als die unverzichtbare „geistige Energie“ (oder „Elan“) in uns, die Mut zum Leben gibt, sie ermuntert uns zur Zukunft, sie erschließt uns Zukunft.

2.
Der Philosoph Byung-Chul Han legt vier philosophische Essays unter dem Titel „Der Geist der Hoffnung“ vor. Han ist in Deutschland als „südkoreanisch-deutscher“ Autor längst gut bekannt; seine Studien und Essays sind Ausdruck eigenständigen philosophischen Denkens. Sie nehmen die LeserInnen mit ins eigene Denken, ins Philosophieren, denn Philosophieren ist die lebendige Praxis „der“ Philosophie.

3.
Byung-Chul Hans Essays argumentieren stets vor dem politisch-kulturellen Hintergrund der Angst als der vorherrschenden Stimmung unter den Menschen nicht nur in Europa. Darum der Untertitel „Wider die Gesellschaft der Angst“.

4.
Der erste Essay, „Auftakt“ genannt, zeigt in unserer Sicht deutlich Byung-Chul Hans eigenes Hoffnungs-Denken. Ausgangspunkt ist die allgemeine Angst vor einem vernichtenden Ende von allem. So wird für sehr viele Menschen ihr Leben zu einem bloßen Über-Leben. Han schreibt: „Doch erst die Hoffnung läßt uns jenes Leben zurückgewinnen, das mehr ist als Überleben. Sie spannt den Horizont des Sinnhaften auf, der das Leben wieder belebt und beflügelt. Sie schenkt Zukunft.“ (S. 12). Dabei macht Han von vornherein klar: Hoffnung hat für ihn nichts mit Optimismus zu tun, jener zur allgemeinen Floskel geratenen `Blauäugigkeit` der unreflektierten Heiterkeit. „Im Gegensatz zum Optimismus, dem jede Entschlossenheit fehlt, zeichnet die aktive Hoffnung ein Engagement aus.“ (S. 17). Und dies ist zentral: Hoffen kann der Mensch nur mit anderen. „Das Subjekt der Hoffnung ist ein Wir.“ (S. 18). Aber die herrschende Politik und Ökonomie, Han spricht treffend und zurecht von einem „neoliberalen Regime“(S. 21), vereinzelt den Menschen, „in dem es den Menschen zum Unternehmer seiner selbst macht.“ (ebd.). Gerade dieser erste Essay ist sehr treffend von einer Gesellschaftskritik bestimmt. Etwa: „Soziale Medien bauen paradoxerweise das Soziale ab. Sie führen letztlich zur Erosion des sozialen Zusammenhaltes. Wir sind bestens vernetzt, ohne jedoch verbunden zu sein.“ (S. 23). Sätze, die man als kritische Weisheit in jedes Schulbuch schreiben sollte… Oder diese treffende Erkenntnis: „Die Hoffnung ist das Ferment der Revolution, das Ferment des Neuen…Wenn heute keine Revolution möglich ist, dann deshalb weil wir nicht hoffen können, weil wir in Angst verharren, weil das Leben zum Überleben verkümmert.“ (S. 27). Ich hätte mir hier weitere Ausführungen gewünscht: Etwa: Welche Politiker zerstören in uns die Hoffnung systematisch? Welche Politiker sind längst – durch ihre kriegerischen Aggressionen (Russland), ihren rechtsextremen Rassismus, ihre MAGA-Wahnsinns-Ideologien, ihre sture und versteinerte Förderung der Millionäre und Milliardäre – diejenigen, die unser „Leben zum Überleben verkümmern“…

5.
Die drei weiteren, ausführlicheren Essays denken der Hoffnung nach als „Handeln“, als „Erkenntnis“ und als „Lebensform“. Diese Essays entwickeln die Notwendigkeit der lebendigen Hoffnung in Auseinandersetzung mit anderen PhilosophInnen. Byung-Chul Han stellt die Hoffnungs-Philosophie etwa von Albert Camus, Nietzsche, Ernst Bloch oder auch Hannah Arendt vor, er zeigt deren originellen Ansatz, unterstützt etwa den Tagtraum, weil er Hoffnung gebiert“ (S. 45)…Han lobt Ernst Blochs und mit ihm Pastor Martin Luther Kings Position: “AlleinTagträumer sind fähig zur Revolution“(S. 46). Han kann Hannah Arendt nur zustimmen, wenn sie das Geborenwerden zum Ausgangspunkt ihrer Hoffnungsphilosophie nimmt, er kritisiert aber Arendt, weil sie nicht sieht: „Hoffnung geht der Handlung voraus .. Es ist nicht die Handlung, sondern die Hoffnung, die Wunder bewirkt.“ (S. 53). Ohne Hoffnung also keine neue, gerechte Gesellschaft, ohne Hoffnung keine Revolution des Neuen, des Besseren…
Aber auch dies ist für den Philosophen Han wichtig: Hoffnung hat bei aller Notwendigkeit des tatkräftigen Engagements doch immer auch eine „kontemplative Dimension“ (S. 45). Dass Han auch Dichter einbezieht, wie Paul Celan, Franz Kafka, Ingeborg Bachmann und den Dichter (Politiker) Václav Havel. Gerade die Hinweis zu Václav Havel sind mir wichtig: „Havel verortet die Hoffnung nicht in der Immanenz der Welt. Ihre tiefsten Wurzeln hat sie im `Transzendenten`!“ (S.68) Diese Weite der Auseinandersetzung mit der Hoffnung ist bei Han ein deutliches Statement: Philosophieren lebt nicht nur von sich explizit philosophisch nennenden Texten der sich Philosophen nennenden Denker. Und man hätte gern gewusst, in welcher expliziten Beziehung Han die im Buch abgedruckten Arbeiten Anselm Kiefers sieht…Es sind doch philosophische Bilder, oder?

6.
Byung Chul Han, der auch katholische Theologie in Freiburg studiert hat, kennt natürlich die drei Lebensformen, die der Apostel Paulus ins Zentrum seines Denkens stellt: Glaube-Hoffnung-Liebe. In der zweifellos berühmten Stelle im Ersten Brief an die Korinther, Kap. 13, Vers 13 schreibt Paulus: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“. Natürlich ist es philosophisch nicht nur reizvoll, sondern dringend, den Zusammenhang dieser menschlichen Lebenshaltungen und ihr Miteinander-Verbundensein zu erörtern. Denn die Abfolge der drei Begriffe hat Paulus nicht zufällig so gesagt. Und es eines der Resultate der Lektüre des Buches „Der Geist der Hoffnung“ von Byung-Chul Han, dass sich die LeserInnen selbst die Mühe machen, den Zusammenhang und das Aufeinander-Verwiesensein dieser drei Begriffe bzw. Lebensformen zu bedenken.

7.
In dem Sinne verweist für mich „Glaube“ auf die Beziehung des Geistes der Menschen zum Grund der Welt und der Menschen. Diesen Grund kann man göttliche, schöpferische Kraft nennen. Weil Menschen auf diesem „Grund“ leben, können sie die Hoffnung entwickeln, die zum Einsatz führt, etwa als Widerstand gegen die politisch – extremen Kräfte, die diese Welt inhuman gestalten. Und dann die Liebe, die Paulus als „die größte“ Lebensform in einem Leben des Glaubens und Hoffens herausstellt. Also: Liebend glauben und liebend hoffen (dann auch handeln), darauf kommt es an, wenn wir die Liebe zu uns und den anderen gestalten wollen.

8.
Ich halte die Abfolge der drei Begriffe im Sinne von Paulus: „Glaube – Hoffnung – Liebe“ für sinnvoll, wenn nicht geboten. Han scheint eher Wert zu legen auf diesen Zusammenhang : „Hoffnung, Glaube und Liebe“ (S. 109). Die Hoffnung ist also für ihn das Erste, die zentrale, grundlegende Lebensform…

9.
Der vierte Essay (S. 95 – 112) ist vor allem eine Auseinandersetzung mit Martin Heideggers „Sein und Zeit“. Han beschreibt Heideggers Position sehr klar und deutlich, diese Seiten empfehlen sich förmlich für bislang Unkundige als Einstieg in „Sein und Zeit“. Aber Han, dessen frühe Arbeiten explizit auf Heidegger bezogen sind, kritisiert das Denken in „Sein und Zeit“ grundlegend:“Heideggers Denken ist insofern griechisch, als es sich am Gewesenen, am Wesen, orientiert. So definiert er selbst das Mögliche vom Wesen her. Es ist nicht das Kommende, das Noch-Nie-Dagewesene…Nicht Elpís (Hoffnung), sondern Mnemosyne (Erinnerung) lenkt Heideggers Denken“ (S. 111). Insofern ist von Heidegger keine Wegweisung zur humaneren Zukunft der Gerechtigkeit mit weniger dominierender Angst zu erwarten. „Heideggers Denken hat keinen Zugang zum Kommenden, nämlich zur Zukunft als Avenir…nicht das Heideggersche Vorlaufen zum Tod,(in „Sein und Zeit“), sondern das Vorlaufen zur neuen Geburt ist die Gangart des hoffenden Denkens. In die Welt kommen als Geburt ist die Grundformel der Hoffnung.“ (S. 112).

10.
In dem wichtigen, inspirierenden, ins Weiter – Denken führende Buch Byung-Chul Hans vermisse ich Hinweise zur Frage: Welche Hoffnung bleibt angesichts des Todes? Gibt es eine begründete Hoffnung auf irgendeine Form eines wie auch immer gearteten Lebens des Geistes über den Tod hinaus? Wer sich etwa an den Aufsatz „Tod“ in Byung-Chul Hans Studie „Philosophie des Zen-Buddhismus“, Reclam Verlag, 2002), S. 96 ff. erinnert: Da beschreibt Han eindringlich, wie sich im Zen- Buddhismus eine deutliche Verkapselung des Menschen in seine erlebte Endlichkeit zeigt: „Die Endlichkeit kommt zum Leuchten ohne den Glanz des Unendlichen, ohne den Schein der Ewigkeit“ (S. 107). Und Han scheint sich der zen-buddhistischen Überzeugung anzuschließen, sie mindestens philosophisch sehr hoch zu schätzen. „Erst nach dem Töten des Todes im Zenbuddhismus ist man ganz lebendig, d.h. man lebt ganz, ohne den Tod als das andere des Lebens anzustarren. Ganz lebendig … fällt mit ganz sterblich zusammen. Die zen-budhistische Wendung des Tode geschieht ohne Trauerarbeit. Sie wendet das Endliche nicht ins Unendliche. Sie arbeitet nicht gegen die Sterblichkeit.“ (S. 113).
Wobei die grundlegende Frage bleibt: Wenn der Zen-Budhismus sich selbst als an die Immanenz gebunden weiß, dann weiß er mindestens umthematisch auch um eine Transzendenz, sonst wäre die Rede von Immanenz sinnlos.
Fragen, die über das neue Buch „Der Geist der Hoffnung“ hinausweisen, aber auf die Entwicklung der Philosophie Byung-Chul Hans aufmerksam machen.

Byung-Chul Han, Der Geist der Hoffnung. Wider die Gesellschaft der Angst. Mit Abbildungen von Anselm Kiefer. Ullstein Verlag, 2024, 2. Aufl., 128 Seiten, 22,99€.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Hannah Arendt: Fünfzig Jahre tot … Ihr Denken lebt

Ein Hinweis anlässlich ihres Todestages am 4. Dezember 1975
Von Christian Modehn am 22.11.2025

1.
Über Hannah Arendt ist jetzt eine umfangreiche Biographie erschienen: Willi Winkler, Autor und Journalist, erschließt mit wissenschaftlicher Klarheit (bei einem 50 Seiten umfassenden Anhang mit Belegen und Fußnoten und Register sowie zahlreichen Fotos), angenehm zu lesen, durchaus mit kurzen, ironischen Kommentaren am Rande, das Leben Hannah Arendts: Ihr 50. Todestag am 4. Dezember 2025 könnte ein Anlass sein, mit ihren Büchern ins philosophische Fragen, auch zur Notwendigkeit des politischen Handelns zu gelangen. Viele einzelne Erkenntnisse Hannah Arendts könnten schon fast als „Denksprüche” gelten: „Niemand hat das Recht zu gehorchen“ (ursprünglich von Kant) oder „Jeder hat die Fähigkeit, einen neuen Anfang zu setzen“ oder „Denken ohne Geländer“ oder: „Macht beginnt immer dort, wo die Öffentlichkeit aufhört.“ Sogar PolitikerInnen (Angela Merkel, Robert Habeck, Frank Walter Steinmeier, Winfried Kretschmann…) loben heute Hannah Arendt, sie haben offenbar einige ihrer Bücher gelesen.

2.
Natürlich wollen wir hier in wenigen Sätzen nicht das ganze Leben Hannah Arendts zusammenfassen: Hannah Arendt ist eine unabhängige philosophisch -politische Autorin, die sich nicht in „Schubladen“ einsortieren lässt. Sie ist Jüdin, kritisiert aber heftig den Staat Israel und die damalige Regierung. Sie hat als Jüdin bei dem katholischen Religionsphilosophen Romano Guardini in Berlin studiert und später bei Karl Jaspers eine Promotion über den heiligen Augustinus geschrieben. Sie kennt die Philosophie von Karl Marx, ist aber keine Marxistin. Sie setzt sich leidenschaftlich für die Menschenrechte (Gleichheit!) ein, ist aber keine Feministin. Sie irrt auch bei politischen Stellungnahmen, etwa zu den Rassenauseinandersetzungen in „Little Rock“ (USA) im Jahr 1958 (siehe „Denken ohne Geländer“, S. 157.) Sie bekämpft antisemitische Mentalitäten, muss aber – um veröffentlichen zu können – in den Verlagshäusern der BRD mit alten Nazis zusammenarbeiten.

3.
Die Frage ist alles andere als „bloß akademisch“: In welcher Weise ist Hannah Arendt Philosophin? Sie ist sicherlich nicht „nur“ Philosophin, ihre Promotion 1928 in Philosophie bei Karl Jaspers und ihre Heidegger – Lektüren und – Vorlieben sind bekannt. Sie verstand sich explizit als Jüdin nach ihrer Flucht aus Nazi – Deutschland, also seit ihrer Zeit in den USA, als eine auch publizistisch – journalistisch arbeitende „Theoretikerin“ des Politischen, immer mit philosophischem „Background“. Willi Winkler schreibt zwar gleich zu Beginn: „Zweifellos ist an ihr (Hanna Arendt) eine Philosophin verloren gegangen“ (Seite 10), weil sie ihre philosophische Karriere in Deutschland als Jüdin in der Nazi – Zeit nicht fortführen konnte. Und Winkler zitiert Arendt: „Der Philosophie habe sie (in den USA) endgültig Valet gesagt“ (S. 258)… Immerhin betont Hannah Arendt auch: „Sie sei aus der deutschen Philosophie hervorgegangen“ (S. 263). Beweis dafür sind ihre Bücher „Vita aktiva“ (1958 ), „Vom Leben des Geistes (posthum 1978) oder „Über das Böse“ (posthum 2003: Dies sind philosophische Studien. Insgesamt gilt: Hannah Arendts Bücher, Aufsätze und Stellungnahmen handeln von Politik, vom politischen Leben und politischem Kämpfen, aber verbunden mit philosophischen Perspektiven.

4.
Das Buch von Willi Winkler ist also eine ausführliche Biographie, über Arendts Ehemann Heinrich Blücher wird detailliert berichtet wie auch über ihre erste Ehe mit Günter Anders (bzw. Günter Stern)… Zu ihrer Verbundenheit mit ihrem Liebhaber Martin Heidegger siehe Nr. 8 in diesem Hinweis.
Die Stellungnahmen Winklers zu Arendts Veröffentlichungen sind eingebunden in die kritische Würdigung ihres intellektuellen, philosophischen und vor allem politischen Umfeldes zumal in den USA (dort seit 1941.) Es ist ein Leben, das sich die eigene Freiheit im Denken und Handeln und im – subjektiv gestalteten – Umgang mit Freunden und Gegnern (man denke an ihre Abgrenzung von Theodor W. Adorno) förmlich erkämpft und dann verteidigt.
Uns erscheint es bemerkenswert und wichtig: In dieser Arendt – Biographie werden ihre vielfältigen Begegnungen in Deutschland (BRD) und mit den Deutschen seit 1949 dargestellt. Willi Winkler beschreibt treffend die wirklichen Verhältnisse: „Die alten Nazis sind weiter und wieder nicht bloß im Amt, sondern überall… Hannah Arendt hat kein Problem damit, das Land der Mörder zu besuchen, sie hat ein weites Herz… aber sie traut ihnen (den Deutschen) nicht, sie hält die Deutschen auf Abstand.“ (S. 173).
Und viele LeserInnen werden noch „neue“ Informationen finden: Über die Nazi – Verbindungen etlicher verantwortlichen Lektoren des Piper – Verlages (in diesem Verlag erschienen/erscheinen die Bücher Arendts), etwa ab S. 175 ff.. Oder: Informationen über den im Piper Verlag tätigen Germanisten Hans Rössner, SA -, NSDAP – und SS-Mitglied, mit ihm hatte die Autorin Arendt zu tun, ohne von dessen Nazi- Verstrickungen zu wissen. Willi Winkler schreibt: „Nach dem Krieg wurde Rössner von der Spruchkammer als `Mitläufer` eingestuft, kam mit einer Geldstrafe davon und bewies seine Läuterung durch einen `prononcierten Philosemitismus´. Beim Antikommunismus musste er nicht umlernen“ (S. 180). Der knappe Satz „Beim Antikommunismus musste er nicht umlernen“ ist nur ein Beispiel für die zahlreichen sehr treffenden ironischen Kommentare Willi Winklers, die er nebenbei in seinen objektiven Bericht einfügt…
Die Studie Willi Winklers wird, wie gesagt, dadurch auch wertvoll, weil ausführlich an die „braune Vergangenheit“ der Menschen in Deutschland und etlicher BRD Politiker und BRD „Kulturschaffender“ erinnert wird – immer, um Hannah Arendts Auseinandersetzungen und Entscheidungen besser zu verstehen.
Auf die Nazi – Vergangenheit des ehemaligen bayerischen Kulturministers Theodor Maunz (CSU, Minister von 1957 -1964) wird deswegen hingewiesen (S. 284, aber auch 174 f.) Maunz ist ein berühmter Verfasser juristischer Standardwerke … und nach seinem Rausschmiss als Minister war der CSU Mann noch Mitarbeiter der „Deutschen Nationalzeitung“… Oder man muss an den rechtsextremen (SS – Mitglied) Armin Mohler erinnern: Er war in der BRD Redenschreiber für Bayerns Ministerpräsident Franz – Josef Strauß (CSU) und er hatte als „Leiter der Carl Friedrich von Siemens Stiftung ein eigenes rechtsnationales Netzwerk aufgebaut“ (S. 99). Mohler propagierte in der BRD die „Revolution von rechts“…

5.
Innerhalb der Biographie Willi Winklers sind uns einige Erkenntnisse besonders aufgefallen zu wichtigen Themen, an denen sich Hannah Arendt abarbeitete.
Zu Eichmann:
Hannah Arendt wurde 1961 von der Kultur – Zeitschrift „New Yorker“ als Reporterin nach Jerusalem geschickt zum Prozess gegen den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann. Willi Winkler meint: Sie sei dort „eine schlechte Reporterin gewesen, sie hält es nur für wenige Tage dort aus“ (S. 225)
Für einige LeserInnen ist es vielleicht neu: Der BND hatte wegen des Chefs des Kanzleramtes (des einst führenden Nazis) Hans Globke in der Adenauer – Regierung alles Interesse daran: Dass Eichmann im Jerusalem Prozess bloß nicht zu viel plaudert, etwa von der Bedeutung Globkes für ihn und sein Amt. BND Chef Reinhard Gehlen versorgte über Mittelsmänner in Jerusalem Globke mit den neusten Nachrichten, damit er sich nicht beunruhige (S. 230). Die Bundesregierung hatte ohnehin mit der Regierung Israels abgesprochen: Im Eichmann Prozess gehe es nur um Eichmann und dessen “satanischem Plan der Endlösung der Judenfrage.“ Eichmanns Anwalt war der deutsche Robert Servatius, er war wie sein Assistent Dieter Wechtenberg in den Prozess als „Close associate“ des BND in den Prozess eingeschleust. Der Prozess gegen Eichmann war also sehr sorgsam von der BRD für die „deutsche Sache“ inszeniert (S. 227). Als auch der DDR – Anwalt Friedrich Karl Kaul als Prozessbeobachter in Jerusalem auftauchte, wurden ein BND Mitarbeiter und ein Journalist der Springer-Presse sehr nervös: Denn Kaul hatte offenbar Namen von Nazis im Umfeld der BRD Regierung sozusagen im Gepäck. BND und BILD Reporter, bestürzt und verängstigt, drangen in Kauls Zimmer im „King David Hotel” ein und entnahmen dort die entsprechenden Unterlagen, die sofort nach Bonn weitergeleitet wurden. (S. 233)… Aber davon konnte Hannah Arendt nichts wissen (S. 233).
Selbstverständlich fehlt nicht eine Auseinandersetzung mit der Einschätzung Arendts, Eichmann sei eine Art Repräsentant der „Banalität des Bösen“. Der Autor ist sehr kritisch gegenüber Arendts fast schon populärer These von der „Banalität des Bösen“, das in Eichmann sichtbar werde. Leider erwähnt Winkler nicht die Studie von Irmtrud Wojak „Eichmanns Memoiren“ (2001). Darin wird gezeigt, dass sich Hanna Arendt in Jerusalem von der Verteidigungskonzeption Eichmanns sehr täuschen ließ, sie hat Eichmanns Aussagen vor Gericht dann doch Glauben geschenkt. „Sie war in Jerusalem (beim Eichmann – Prozess) intellektuell überfordert,“ schreibt Winkler (S. 240). In den Protokollen der Gespräche Eichmanns mit dem ehemaligen SS Offizier Willem Sassen hätte Arendt erfahren können, Eichmann war alles andere als ein bloß total gehorsamer, ziemlich dummer Deutscher Nazi, also eigentlich banal… Die Philosophin Bettina Stangneth hat die Dialoge Sassen – Eichmann in Argentinien dokumentiert und treffend bewertet. (Bettina Stangneth: „Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders“, Zürich 2011)
Willi Winkler schreibt: „Zum Skandal wurden vor allem aber Arendts Bemerkungen über die Judenräte und damit über die Juden insgesamt. Sie hatten, das war ihr Vorwurf, keinen Widerstand geleistet, als sie nach Auschwitz deportiert wurden…Sie hatten sich gleichschalten lassen und, noch schlimmer, mit den Nazis kollaboriert.“ (S. 256). Aus dem Befremden über die Aussagen Arendts sei offene Feindschaft vieler Juden gegen Arendt geworden… (S. 257).

6. Zum Staat und zu der Regierung in Israel:
Auf Seite 223 schreibt Willi Winkler. „Die Konfrontation mit dem zum Staat gewordenen Zionismus schockiert Hannah Arendt. Sie rebelliert gegen das Völkische (dort).“ Winkler kommt zu dem Schluss: „Hannah Arendt hasste die Regierung Ben Gurions …und die Adenauer Regierung auch.” (S. 234). Und weiter: „Hannah Arendt ist entschlossen, den Juden in Israel und der Welt zu sagen, was ihr an Israel missfällt.“ (S. 224). Und beim Eichmann Prozess sah sie so viele Deutsche, die „so philosemitisch waren, dass einen das Kotzen ankommt.“ (S.224.) Arendt spricht – bezogen auf den Eichmann – Prozess in Jerusalem von der Deutschen „schwerster Krankheit“, so wörtlich weiter, der „Israelitis“ (S. 228.)

7. Zu Theodor W. Adorno:
In ihrer heftigen Kritik an dem Philosophen Theodor W. Adorno (und den ersten Mitgliedern der marxistisch geprägten „Frankfurter Schule“) ist Hannah Arendt geleitet von ihrer Zuneigung zu Walter Benjamin, den sie im Pariser Exil kennenlernte. Dessen wichtiges Manuskript zur Geschichtsphilosophie rettete sie auf der Flucht in die USA. Hannah Arendt beansprucht förmlich, gegen den Marxisten Adorno die authentische und beste Benjamin – Interpretin zu sein. Sie deutete Benjamin als einen Dichter (S. 64), nicht als einen marxistischen Philosophen. Die Frankfurter Schule nennt sie eine „Schweinebande“ (S. 344.), Adorno ist für sie „einer der widerlichen Menschen, die ich kenne.“ (S. 344). Von Adorno wird Arendt „ein altes altes Waschweib“ genannt. Philosophen-Gezänk der sich total wichtig nehmenden Denker…

8. Zu Martin Heidegger:
Willi Winkler bietet sehr ausgebreitet und ausführlich offenbar die meisten der bis jetzt erreichbaren Details zu Hannah Arendts Bemühen, gerade nach dem Krieg, nach dem Holocaust, mit ihrem alten Liebhaber aus Marburger Zeiten, dem Philosophen Martin Heidegger, in Freiburg wieder Kontakt aufzunehmen. Über dieses starke Insistieren Arendts auf Begegnungen mit Heidegger ist ohnehin schon viel geschrieben und über ihre vielfältigen Motive auch viel nachgedacht worden: Wie kann eine Jüdin, nach dem Krieg, nach dem Holocausst, noch so leidenschaftlich interessiert sein, mit Heidegger zusammenzutreffen? Dessen starke Bindungen an die Nazi – Ideologie damals schon bekannt waren. Willi Winkler hat diese Einschätzung: „Hannah Arendt arbeitet an der Rehabilitierung Heideggers.“ (S. 368) Und auf S. 372: „Sie will ihn verstehen und will ihn in dieser Lebensphase besser verstehen als je zuvor.“ Und auf S. 381 „Hannah Arendt hatte ihm längst verziehen. Sie muss nicht aussprechen, wie sehr sie dem Wiedersehen entgegenfiebert.“ Am 26. Juli 1967 dann eine Begegnung mit dem Heidegger, dem Geliebten der Jugend. Im August 1975 eine letzte Begegnung mit dem Greis.

PS1: In der Sammlung vieler (kurzer) Texte und Zitate aus dem Werk Arendts „Denken ohne Geländer“, Piper Verlag 2013, (S. 69) ist auch Arendts Beitrag zu Heideggers 80. Geburtstag 1969 abgedruckt. Darin bewertet sie in kaum präzisen Aussagen Heideggers parteipolitische Verbundenheit mit den Nazis als ein „Nachgeben der Versuchung.“ (S.69)Und sie meint, er wäre „nach zehn kurzen hektischen (sic) Monaten“ (gemeint ist mit dieser wohlwollenden Formulierung tatsächlich Heideggers explizite Nazi-Bindung), wieder „auf seinen angestammten Wohnsitz“ zurückgetrieben worden… Gemeint ist damit wohl, das für Heidegger übliche, angeblich politisch neutrale Seins- Denken, zu dem er wieder gelangte….Merkwürdige, dunkle Formulierungen schreibt da Hannah Arendt, offenbar voller Liebe zu Heidegger, indem sie sie dessen Sprachwelt des Dunklen, des Nebels, übernimmt.
PS2: Am 26. Mai 1976 ist Heidegger gestorben, ob es anläßlich seines 50. Todestages auch sehr viel Aufmerksamkeit geben wird? Wird man Heidegger im Rahmen der aktuellen, auch intellektuellen Zeitenwende nach rechts(außen) Heidegger neu schätzen lernen?

9.
Willi Winkler zeigt in seinem Buch, wie in den Auseinandersetzungen Hannah Arendts nach 1945 sehr viele Nazis in der BRD Politik und BRD Kultur nicht nur präsent, sondern bestimmend waren.
Dies ist heute ein bleibende Herausforderung, eine aktuelle Aufgabe: Rechtsradikale und Rechtsradikalismus in Deutschland, in Europa, den USA usw. öffentlich zu machen und vor den Vernichtern der Demokratie zu warnen. Zumal Rechtsradikale heute unter vielen ideologischen Gewändern auftreten („MAGA“, Nationalismus, religiöser Fundamentalismus, Anti-Islam-Ideologie und Philo-Semitismus als Ersatz für den in diesen Kreisen bisher üblichen Antisemitismus…)
Wichtig bleibt Hannah Arendts Lehre, dass der Mensch als geistiges Wesen sich dadurch auszeichnet, dass er reflektieren kann, dass er also sein eigenes Handeln und Denken nicht nur stets beobachten und wahrnehmen muss, sondern auch bewerten soll … um überhaupt als Mensch gelten und bestehen zu können. Diese eindringliche, philosophisch bestens begründete Lehre Arendts bleibt dringend aktuell: Der Mensch soll sich selbst beurteilen an dem normativen und universellen Maßstab des Kategorischen Imperativs (Kant) und damit auch der Menschenrechte. Mit diesem normativen Wissen werden die USA von Arendt kritisiert, siehe etwa das Buch „Denken ohne Geländer“. Sie spricht dort von „einer grundsätzlichen Ungeistigkeit des Landes“ (S.244)… Und: „Jeder Intellektuelle ist hier (USA) aufgrund der Tatsache, dass er ein Intellektueller ist, in Opposition“ (ebd., geschrieben 1946 in einem Brief an ihren Freund, den Philosophen Karl Jaspers).

10.
Heute werden auch Grenzen im Denken Arendts genannt, wie sollte es bei seriöser Forschung auch anders sein, immer im Wissen, dass Arendt, vor 50 Jahren gestorben, doch nicht zu allen Themen als unsere Zeitgenossin gelten kann. Vom Desinteresse Arendts an speziellen Themen der Befreiung der Frauen wäre zu sprechen und damit auch davon, dass von ihr keine positiven Aufschlüsse zur Gender – Theorien zu erwarten sind oder auch keine Hinweise, wie wir mit dem Kolonialismus umgehen sollten.
Zur Ökologie und der von Menschen gemachten Zerstörung der Umwelt hat sich Hannah Arendt – soweit ich sehe – nicht geäußert.
Zu ihrer eigenen spirituellen, religiösen Haltung müßte wohl ausführlicher studiert werden. Ich finden ihre Äußerungen in einem Brief an Karl Jaspers im Jahr 1951 wichtig: „Alle überlieferte Religion, jüdische oder christliche, sagt mir als solche gar nichts mehr. Ich glaube auch nicht, dass sie irgendwo und irgendwie noch ein Fundament für etwas so unmittelbar Politisches wie Gesetze hergeben können“ (S. 236). Die Macht des Islamismus sah sie nicht oder den hinduistischen Fundamentalismus konnte sie offenbar nicht studieren, auch nicht die reaktionären Tendenzen im Katholizismus oder bei den Evangelikalen… Für Hannah Arendt ist, wie sie an Jaspers schreibt, „ein kindliches, weil nie bezweifeltes Gottvertrauen wichtig… „im Unterschied zum (dogmatischen)Glauben, der ja doch immer zu wissen glaubt und dadurch in Zweifel und Paradoxien gerät.“(S. 236 in „Denken ohne Geländer“).

11.
Was bleibt heute von Hannah Arendt – ein Fazit vermisst man in dem Buch von Willi Winkler, einer sehr umfangreichen Biographie („Ein Leben“)… Spätestens, wenn die „Kritische Gesamtausgabe“ (16 Bände) der Werke Arendts vollständig vorliegt, kann vielleicht mehr zum „Bleibenden“, Bedeutenden, nach wie vor Aktuellen im Werk Hannah Arndts gesagt werden. Leider ist in diesem anspruchsvollen Projekt der Gesamtausgabe keine vollständige Publikation ihrer Briefe vorgesehen, schreibt Willi Winkler (S. 439.) Zur Gesamtausgabe im Wallstein Verlag: LINK https://www.wallstein-verlag.de/reihen/hannah-arendt-kritische-gesamtausgabe.html

Willi Winkler, „Hannah Arendt – ein Leben, Rowohlt Verlag Berlin, 2025, 509 Seiten, 32 €.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat früher schon einige – z.T. ausführliche Hinweise zu Hannah Arendt veröffentlicht.
Wir nennen hier nur eine Beispiele:

— Über ein neues Buch von Lyndsey Stonebridge
Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.5.2024. LINK

— “Die größten Übeltäter sind jene, die sich nicht erinnern”: Hannah Arendt, verstorben am 4.12.1975.
Geschrieben am 20. November 2016.  LINK

— Hannah Arendt: Die Banalität des Bösen, die “lebenden Leichname” und die Überflüssigen.
Geschrieben am 29. Dezember 2012.  LINK

— Hannah Arendt – eine Propagandistin von Martin Heideggers “braunem Denken” ?
Geschrieben am 20. Oktober 2016
Ist Hannah Arendt gebunden an Heideggers eher braunen Denkweg?
Ein Hinweis auf ein verstörendes und inspirierendes Buch von Emmanuel Faye, verfasst 2016  LINK 

— Hannah Arendt: Pluralität und Erfahrung des anderen. Sie haben ihre Wurzeln im Selbstgespräch des einzelnen.
Geschrieben am 4. September 2016.  LINK

Erhellend zum Thema Nazis in der BRD ist in unserem Zusammenhang eine Studie über den Eichmann Verteidiger Robert Servatius: Dirk Stolper: „Eichmanns Anwalt. Robert Servatius als Verteidiger in NS-Verfahren“, Frankfurt a. M./New York 2025, Campus, 498 Seiten, gebundene Ausgabe,  49 €. Siehe dazu die Rezension: https://rsw.beck.de/aktuell/daily/meldung/detail/robert-servatius-anwalt-nazis-eichmann-prozess und auch:  https://www.arendt-research-center.de/team/index.html

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin