Böhmen – Ein Land der Ketzer: Anläßlich der Buchmesse 2026 in Frankfurt

Böhmen – Ein Land der Ketzer: Anläßlich der Buchmesse 2026 in Frankfurt.

Ein Hinweis auf Tschechien, Ehrengast der Buchmesse
Von Christian Modehn

Dieser Hinweis hat zwei Teile:
Erstens: Eine allgemeine Reflexion über Ketzer
Zweitens: Ketzer in Böhmen

ERSTER TEIL: Eine allgemeine Reflexion über Ketzer

1.
Anläßlich der Buchmesse 2026 in Frankfurt unser Hinweis zum Thema „Religionen und Philosophien in Tschechien“. Das Motto der Buchmesse: „Tschechien: „Ein Land an der Küste“ ist inspiriert von einem Spruch in Shakespeares „Das Wintermärchen“ oder auch von Ingeborg Bachmanns Gedicht „Böhmen liegt am Meer“. Durchaus ein treffender Titel für „die“ ironische, skurrile, surrealistische, manchmal absurde (siehe die Erzählungen von Bohumil Hrabal, „Die Bafler“) Mentalität in Böhmen und Tschechien insgesamt. Eine etwas gewagte These, gewiss, aber ein Beitrag zu einer umfassenderen Reflexion…

2.
Wir konzentrieren uns hier auf Böhmen und lassen Mähren und Tschechisch-Schlesien, also die zweite und dritte Region Tschechiens, beiseite.
Und folgen einer für Böhmens Geschichte und Gegenwart typischen Perspektive: Böhmen ist für uns ein Land der (vielfältigen) Ketzer. Auf diese Spur brachte uns die Studie des tschechischen Philosophen Jan Patocka „Ketzerische Essays zur Philosophie der Geschichte“. Patocka war ein wichtiger Gegner des Kommunistischen Regimes, er war einer der Sprecher der „Charta 77“. Sein Text wurde 1975 als Samisdat, im Selbstverlag im Untergrund, veröffentlicht; es liegt in einer Neu – Übersetzung bei Suhrkamp vor (2010).

3.
Für uns gilt das Wort „Ketzer“ über das übliche Verständnis eines religiösen, kirchlichen „Abweichlers“ („Häretikers“) hinaus. Wenn Diktaturen ihrer Ideologie („die heilige Parteilinie“) religiöse, unantastbare Werte zusprechen, dann sind die Oppositionellen durchaus Ketzer zu nennen. Oder wenn sich Minderheiten gegen einen absolut vorherrschenden kulturellen , künstlerischen, sozialen Trend wenden, kann man sie Ketzer (gemeint als Metapher, als bildhaften Vergleich) nennen. Insofern kann man etwa Künstler der „Berliner Sezession“ (Max Liebermann) oder der „Wiener Sezession“ (Gustav Klimt) Ketzer gegen den damals für selbstverständlich gehaltenen Trend nennen. Sezession heißt bekanntlich Abspaltung.
Mit anderen Worten: Das Wort Ketzer sollte nicht nur für explizit religiöse Abweichler, „Häretiker“, „Schismatiker“ usw. gebraucht werden.
Manche religiösen Reformer beginnen als sehr radikale Reformer, wenn nicht als Ketzer ihres kirchlichen Systems, wie etwa Franz von Assisi. Sie lassen sich dann aber von den Herrschern des Systems, im Fall von Franz von Assisi von den Päpsten (etwa Innozens III.) wieder auf die offizielle Linie kirchlicher Dogmatik zurückbringen. Hingegen ließ sich etwa der Prediger Petrus Valdes (gestorben 1218), ein Zeitgenosse von Franz von Assisi), nicht auf einen Kompromiss mit den Päpsten ein. Seine ketzerische Waldenserkirche besteht bis heute als eigenständige, sehr angesehene Konfession ins Italien.

4.
Bei aller Pluralität ihrer Forderungen sagen die zu Ketzern erklärten Minderheiten laut und explizit Nein zur herrschenden Ideologie: Sie denken und fordern Neues, suchen leidenschaftlich und radikal die universell geltende Wahrheit oder die Wahrheit des Ursprungs einer humanen oder religiösen Idee…
Auch wenn sich Ketzer und KetzerInnen zunächst noch auf eine vorherrschend – bestehende, überlieferte Ideologie beziehen, sie haben diese vertraute Welt überschritten, transzendiert. Dadurch leben KetzerInnen in einer Art Niemandsland: Sie befinden sich nicht mehr in ihrer alten geistigen „Heimat“ und sind noch nicht in einer neuen „Welt“ angekommen. Für die Herrscher bedrohlich werden die KetzerInnen, wenn sie eine breite Bewegung von Sympathisanten und Anhängern versammeln und die angebliche „Einheit“ des Herrschaft – Systems zu überwinden suchen.

ZWEITER TEIL: Ketzer in Böhmen

5.  JAN HUS
Böhmen als Land der Ketzer: Mit unserer These leugnen wir nicht: Auch andere Länder, Frankreich, Italien, Deutschland, sogar Spanien haben ihre eigene Ketzergeschichte.
Böhmen ist aber seit Jahrhunderten durch eine herausragende, international bekannte und bis heute geschätzte Ketzer – Gestalt bestimmt, durch den katholischen Priester und Theologen Jan Hus (1370-1415). Er hat in Prag für eine grundlegende Kirchenreform geworben – mit dem Maßstab des Evangeliums, der Urkirche. Er verurteilte den herrschenden, dekadenten Klerus und die Machtstruktur der Papst – Kirche. Jan Hus predigte auf Tschechisch, so fand er viele Anhänger für sein Projekt der Kirchenreform. Er glaubte, auf dem Konzil in Konstanz die Herren der Kirche von seiner Theologie überzeugen zu können: Aber, der ideologische Machterhalt war den Bischöfen und Kardinälen wichtiger: Jan Hus wurde am 6.Juli 1415 während des Konzils in Konstanz verbrannt. „Was die Konzilsväter in Konstanz wirklich in Angst versetzte war der breite gesellschaftliche Widerhall der aufrührerischen Lehren“, schreibt der Hus – Spezialist Pavel Soukoup in seinem Buch „Jan Hus“, Kohlhammer Verlag, 2014, Seite 202. Der Märtyrertod von Jan Hus verstärkte nur die Zustimmung zu seiner Lehre: Der „Hussitismus“ wurde zur prägenden Bewegung in Böhmen, sie wirkte über Jahrhunderte. (S. 211).

6.
Eine zentrale Forderung von Jan Hus: Auch Laien müssen an der Kelch – Kommunion teilhaben, bis heute kein nebensächliches Thema: Das Privileg der Priester, die Kelchkommunion zu praktizieren, sollte aufgehoben werden. Die Kleriker ie wollten sich auf diese Weis als „Besondere“, „Höhergestellte“ gegenüber den zweitklassigen Laien definieren.
Es war die umfassende Kirchenkritik von Hus, die in Böhmen leidenschaftlich begrüßt wurde: Und einen Erfolg – trotz aller Verfolgung – hatten die Hussiten: In Böhmen standen sich bis ins 17. Jahrhundert zwei Katholische Kirchen gegenüber: Die Kirche des Reformators Jan Hus verstand sich als katholische Landeskirche, sie hatte eine eigene Kirchenverwaltung … und daneben die offizielle, vom Haus Habsburg beherrschte römische – katholische Kirche mit ihrer eigenen Kirchenorganisation. „Die Hussiten führten bewusst und mit Absicht eine von Rom praktisch unabhängige Existenz. Sie betrachteten sich als einen Teil der katholischen Kirche, doch als den momentan einzig rechtmäßigen Teil.“ (Soukup, S. 217)
Eine breite Bewegung der Hussiten nannte sich „Utraquisten“, ein Titel wegen ihres Insistierens auf den Empfang des Abendmahls in beiden Gestalten der Kommunion, Brot UND Wein. Der Begriff Utraquisten bezieht sich auf das lateinische Wort utraque, was „beide“ (Gestalten) bedeutet. „Bei den Hussiten spielte die entscheidende Rolle, dass sie das Lehramt der institutionellen Kirche anzweifelten“ (ebd.). Das heißt: Die vom Papst geführte Kirche war für die Hussiten nicht mehr fürs „Seelenheil“ zuständig.

7. Hussiten – eine Landeskirche 
Die ersten böhmischen Ketzer, die Hussiten, konnten zunächst nur überleben, weil sie sich auch militärisch und politisch behaupten konnte: Der niedere wie der höhere tschechische Adel sowie auch die Bürger der Städte unterstützten die „Ketzer.“ So wurde diese Reformkirche zunächst nicht in den Untergrund gedrängt. „Im Gegenteil, die Hussiten konnten die öffentliche Ausübung ihrer Religion behaupten und entwickelten ihre Form der Kirchenreform letztendlich zu einer eigenständigen Konfession“, so Pavel Soukup (S. 217).
Nach der Niederlage der protestantischen und hussitischen Stände gegen die katholische Macht der Habsburger unter Kaiser Ferdinand II. in der Schlacht am Weißen Berg 1620 wird die hussitischen Kirche zerschlagen, die katholische – habsburgische, von Jesuiten betriebene Gegen – Reformation hatte sich brutal durchgesetzt. Die hussitischen Geistlichen mussten auf kaiserlichen Befehl Böhmen verlassen.
Nach der Schlacht auf dem Weißen Berg bei Prag errichteten die habsburgischen Sieger dort eine Kirche zu Ehren der Jungfrau Maria, deutlicher Ausdruck für den Sieg der triumphierenden Kirche…, darauf weist der katholische Theologe Tomas Halik hin in seinem Buch „Geduld mit Gott, Freiburg i.Br. 2007, S. 120: Und : „In den von Habsburgern beherrschten Ländern fraß der Holzwurm des Formalismus, der Äußerlichkeit und der Scheinheiligkeit still und unauffällig am Gebäude des alten (katholischen) Glaubens (S. 92).
Historiker der „Nationalen Wiedergeburt“ im 19. Jahrhundert bezeichneten die der Schlacht am Weißen Berg folgende Ära – nach einem Roman von Alois Jirásek – als „dunkle Zeit“, der Zeit des „Austro – Katholizismus“ als Herrschaft des Klerikalismus. So wurde die Bindung der Böhmen an die katholische Kirche ausgelöscht…
Auch wenn die Päpste Johannes Paul II und Franziskus ihr tiefes Bedauern über das Schicksal Jan Hus` in Konstanz geäußert haben: Eine Rehabilitierung hat es nicht gegeben. So bleibt also in der Sicht der römischen Kirchen Jan Hus doch ein Ketzer…

8. Die „Tschechoslowakisch – Hussitische Kirche“
Die sich von Jan Hus inspirierte Kirche wurde im 17. Jahrhundert ausgelöscht. Aber die Erinnerung an den „Ketzer“ des 15. Jahrhunderts blieb lebendig: 1920 hat sich wieder eine neu gegründete Kirche auf Hus bezogen: Die „Tschechoslowakisch – Hussitischen Kirche“ ist ein eigener Weg aus der offiziellen katholischen Kirche in Tschechien, sie ist eine Initiative römisch – katholischer Priester, vor allem Karel Farsky muss erwähnt werden: Diese hussitische Kirche feiert seit 1920 ihre Gottesdienste nicht mehr auf Latein, sondern auf Tschechisch, das Zölibatsgesetz gilt nicht mehr, auch die Frauenordination wird dann selbstverständlich… Schon 1921 hatte diese Hussistische Kirche 525.000 Mitglieder, 1930 waren es 793.000. „Die Tschechoslowakisch – Hussitische Kirche konnte sich durch das Wahlprinzip für geistliche Ämter und die Laienbeteiligung an der Kirchenverwaltung sehr plausibel als Kirche der neuen Zeit (also der Tschechischen REPUBLIK) darstellen.. Sie war von dem Anspruch geprägt, eine Kirche der Demokratie zu sein.“ (Prof. Martin Schulze Wessel, in: „Handbuch der Religions – und Kirchengeschichte der böhmischen Länder und Tschechiens im 20.Jahrhundert“, München 2009, S. 139.) Als ein richtungweisender Interpret des Evangeliums wurde von dieser Kirche ausdrücklich Jan Hus erwähnt. Für die katholische Kirche hat die Tschechoslowakisch – Hussitische Kirche einen „ketzerischen Charakter“ (S. 145).
Was als ketzerische Tat gegen Rom und die katholischen Herrscher in Wien begann, wurde vom kommunistischen Staat ausgenutzt und führte mit der kommunistischen Herrschaft zu einer Nähe etlicher Mitglieder der Hussitischen Kirche an die herrschende Partei. Heute ist diese gegen Rom rebellische Hus – Kirche leider nur eine Minderheit unter den ebenfalls zahlenmäßig schwach dastehenden anderen Konfessionen. Die „Tschechoslowakische Hussitische Kirche“ ist Mitglied im ökumenischen Weltrat der Rat in Genf. Die offizielle Website der Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche (auf Tschechisch: Církev československá husitská): ccsh.cz
Zur aktuellen Religionsstatistik der gesamten Republik Tschechien: Die aktuellsten und offiziellen Daten zur Religionsstatistik in Tschechien stammen aus der Volkszählung (Zensus 2021), die vom Tschechischen Statistischen Amt (CZSO) durchgeführt wurde:
„Nicht gläubig / Konfessionslos“: 47,8 %. „Keine Angabe“ 30,1. „Gläubig, aber keiner Kirche zugehörig“: 9,1 %: Ein interessantes Bekenntnis!
…„Gläubig und Mitglied einer Religionsgemeinschaft“: 13,1 %. Und da gilt es die Unterschiede zu beachten:
Zur Römisch-katholischen Kirche wollen 9,3 % (ca. 741.000 Mitglieder) gehören. Die katholische Kirche ist trotz Verluste die mit Abstand größte Glaubensgemeinschaft im Land.
Die Orthodoxe Kirche hat ca. 40.000 Mitglieder,
die Evangelische Kirche hat 33.000 Mitglieder,
die Tschechoslowakisch – Hussitischen Kirche ca. 23.000.
Zum Islam bekennen sich ca. 10. 000 Menschen, zum Judentum 3.000…
Die nächste Volkszählung (mit Veröffentlichung der entsprechenden Religionsstatistik) soll 2031 stattfinden.

9. Die spirituellen Oppositionellen der Samtenen Revolution
„Samtene Revolution“ ist der Name für die Überwindung der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei im November und Dezember 1989. Der Prager katholische Theologe, Philosoph und Autor Tomas Halik weist nachdrücklich daraufhin: Diese „Samtene Revolution“ in Prag wurde von Intellektuellen vorangebracht, die selbst individuell einzelne Weisheiten des Evangeliums wichtig fanden, aber diese Demokraten waren kirchlich – amtlich nicht gebunden, also in gewisser Weise – aus Sicht der offiziellen Kirche – waren sie auch Ketzer: „In den letzten Jahren des kommunistischen Regimes wuchs die Zahl der Sympathisanten für die katholische Kirche besonders unter den jungen Leuten, den Künstlern, der Intelligenz des Landes. Sie identifizierten sich zum Großteil nicht zu hundert Prozent mit der Lehre und den Inhalten der kirchlichen Dogmatik, aber für sie bot das Christentum eine politische wie philosophische Alternative zur herrschenden kommunistischen Macht“. (Tomas Halik, in “ Postsäkular“, „Kunst und Kirche“, 01/2013, S. 5.). Siehe auch unseren Hinweis: LINK https://religionsphilosophischer-salon.de/12118_die-samtene-revolution-1989-in-der-tschechoslowakei-nur-noch-eine-ferne-erinnerung_denkbar
Wichtig ist: Menschen, die außerhalb der Kirche stehen, aber Weisheiten des Evangeliums sehr wichtig finden, können eine „Samtene Revolution“ vollbringen!

10.
Tomas Halik geht also mit guten Gründen so weit zu betonen: „Das Lebendigste der tschechischen Kultur der letzten zwei Jahrhunderte fand außerhalb des traditionellen, offiziellen und institutionellen Raums der Kirche statt“, (Tomas Halik: „Geduld mit Gott“. Herder Verlag, 2007, S. 93). Die führenden Intellektuellen nannten sich Atheisten oder Agnostiker, aber Halik legt allen Wert darauf zu differenzieren: „Unter der Etikette von Agnostizismus und Atheismus findet man eine sehr große Bandbreite sehr differenzierter Meinungen und Überzeugungen. Atheisten wenden sich oft von einem Bild Gottes ab, an das auch ich nicht glauben würde, weil es nur eine Karikatur Gottes ist“ (Tomas Halik, S. 7, in „Kunst und Kirche“, Heft 1/2013.
Die politischen Ketzer Böhmens zugunsten der Demokratie 1989 waren also auch religiöse Ketzer: Weder der erste Staatspräsident der tschechischen Republik Tomas Masaryk noch Václav Havel waren Atheisten: „Jeder ist auf seine Art und Weise sehr offen für die transzendente Dimension des Lebens, insbesonders für deren ethische Konsequenzen. Aber niemand war bereit, ihre Erfahrung der Transzendenz in der traditionellen Sprache der Kirche auszusprechen. Vaclav Havel spricht etwa über den Horizont der Horizonte statt von Gott“, (in Geduld mit Gott, S. 94. ) Halik nennt diese – für die offizielle Kirche – ketzerische Spiritualität hochschätzend: „scheue Frömmigkeit“( ebd.). Ein Begriff, den man sich merken muss, wenn über Säkularisierung und „Atheismus“ in Europa gesprochen wird.

11. Frauen als katholische PriesterInnen in Tschechien
Auf ungewöhnliche KetzerInnen in der katholischen Kirche Tschechiens im 20.Jahrhundert muss hingewiesen werden: Es gab in der Zeit der Kommunistischen Herrschaft katholische Frauen, die sich von dem gültig geweihten römisch – katholischen Bischof Felix Maria Davidek (1921-1988) heimlich und von den Päpsten unerlaubt zu Priesterinnen weihen ließen. Sie wollten im Untergrund tätig die katholische Kirche vor der Auslöschung bewahren: Die bekannteste Priesterin ist Ludmila Javorová, sie ist am 17. September 2026 im Alter von 94 Jahren in Brno (Brünn) gestorben. Die katholische Priesterin Javorová (geweiht 1970) setzte ihr Leben ein für das Überleben der Kirche: Aber ihr Einsatz wurde vom Vatikan nicht anerkannt: Nach der Wende erklärte der Vatikan ihre Priesterweihe für ungültig. Wenn diese hilfreichen KetzerInnen nicht mehr gebraucht werden, lässt der Vatikan sie halt fallen. Denn die Allherrschaft des männlichen Klerus darf nicht gebrochen werden. Frau Javorová akzeptierte – treu katholisch – ihre Degradierung und arbeitete dann als Religions-Lehrerin weiter…

12. Hasek und Hrabal sind spirituelle Dichter
Auch zwei sehr beliebte und hoch – geschätzte Schriftsteller sind auf ihre besondere Art von Ketzerei betroffen: Wir weisen hier nur auf die beiden Dichter Jaroslav Hasek (1883 – 1923) und Bohumil Hrabal: 1914 – 1997) hin, zwei Klassiker der tschechischen Literatur im 20. Jahrhundert.

Jaroslav Haseks Roman „Der brave Soldat Schwejk“ (in 58 Sprachen übersetzt) gilt einem außergewöhnlichen Ketzer. Einem Mann, der auf seine Art Nein sagt zu den herrschenden Mächten: Militarismus, Krieg und Bürokratie. Schwejk sagt Nein gerade auch mit seiner offensiven, gespielten Dummheit: „Melde gehorsamst, ich bin so blöd“. Schwejk, der Mensch inmitten von Unmenschlichkeit, will das System von Krieg und Ungerechtigkeit von Innen sprengen.

Die sehr persönliche, individuelle Spiritualität Bohumil Hrabals entspricht
nicht den dogmatischen Lehren der katholischen oder evangelischen Kirche, betont der Religionswissenschaftler Prof. Paul Hosek (Prag): Er zeigt aber: Hrabal war mit einem evangelischen Pfarrer in Libice nad Cidlinou befreundet, und er hielt in dieser Kirche seit 1980 am 4.Adventssonntag regelmäßig Predigten. Pavel Hošeks interessante Studie hat den ins Englische übertragenen Titel: „The Gospel according to Bohumil Hrabal“. Brno, Centre for the Study of Democracy and Culture 2024, 218 p.  (Siehe Fußnote 1)

13. Die Prager Kneipe als spiritueller Ort
Auch das ist eine Gestalt religiöser Ketzerei auf böhmische Art: Hasek wie auch Hrabal sind als begeisterte Freunde und Stammgäste ihrer Gasthäuser, Kneipen. Sie gehen soweit der Kneipe den Rang heiliger Orte zuzusprechen, Orte der offenen Kommunikation als Konkurrenz zu den immer gleichen Liturgien in den Kirchen und ihren Gemeinden. Es gibt in Prag an der Akademie der Wissenschaften tatsächlich eine Ort für spezielle Studien zur Bedeutung der Kneipen in Böhmen und Prag besonders: In den Studien des Soziologischen Instituts der Tschechischen Akademie der Wissenschaften wird der Kneipenwirt (hospodský) oft in einer Rolle beschrieben, die dem eines Seelsorgers gleicht. Er hört zu, bewahrt Geheimnisse und gibt Ratschläge. Und der Gast des Stammtisches hält sich in seiner Kneipe wie in einem geschützten Bereich auf. Hrabal meint: In der Kneipe kann man für sich allein meditieren oder … wie auch mit der Menge der Gäste förmlich verschmelzen: Das frisch gezapfte Bier hat für Hrabal geradezu eine religiöse Bedeutung. In seinem Werk „Vita nuova“ beschreibt er eine Kneipe mit fast sakralen Worten: „Herr Ober, diese Ihre Gaststätte, das ist keine Spelunke, dieses Ihr Wirtshaus, das ist die (in Prag berühmte, CM) Betlehem-Kapelle, in der jeder Gast zu dem wird, was er einmal war oder sein wollte…“

14.
Man sollte eine Dialektik erkennen:
In diesem Hinweis werden die vom System zu Ketzern herabgewürdigten Menschen ihrerseits in gewisser Weise zu geistig bestimmenden Herrschern: Sie erklären für sich und ihre Gemeinden die Mehrheit der Herrscher des Systems zu Ketzern, zu Ketzern, die die Menschenrechte verraten und verachten. Es waren katholische Dissidenten, verfolgte Priester und Theologen, vom kommunistischen Regime Inhaftierte, die über die Zukunft des christlichen Glaubens nachdachten und geheim ihre Überlegungen als Samisdat (im Selbstverlag) publizierten. Wir erinnern hier nur Oto Madr, auch Josef Zverina würde viel Aufmerksamkeit verdienen. Diese vom Kommunistischen System zu Feinden, zu Ketzern, erklärten Intellektuellen, können ihrerseits die all-herrschenden Parteifunktionäre als Ketzer, nämlich als Feinde der Humanität, erkennen.

14. Die sterbende Kirche…
Der katholische Pfarrer Oto Mádr (1917 – 2011) wurde 1951 von den Kommunisten wegen „Spionage für den Vatikan“ verhaftet, bis 1966 saß er in Haft, danach organisierte er die geheime katholische Untergrund – Kirche. Er entwarf schon im Gefängnis das Bild einer Kirche, die sich unter den Bedingungen der Verfolgung nur auf das Wesentliche konzentriert. Berühmt wurde sein Zitat: „Die Kirche braucht wahrhaft geistliche Menschen, wenn sie in einer Situation der Bedrohung bestehen will. Sie kommt ohne Konsistorien (Kirchenbürokratien) aus, ja sogar ohne Bischöfe, ohne Schulen, Krankenhäuser und Presse…“ aus dem theologischen Essay „Ein Wort über diese Zeit“ (Slovo o této době) von Oto Mádr.. Den Text hatte er 1950 im Untergrund der Tschechoslowakei verfasste. https://www.oto-madr.cz/_d/01/struct/Oto-Madr_Wie-Kirche-nicht-stirbt.pdf
Oto Madr gründete 1978 die geheime Zeitschrift Teologické texty („Theologische Texte“) und war der wichtigste theologische Berater des Prager Kardinals František Tomášek.
Der weltweit bekannte katholische Theologe und Philosoph Tomas Halik in Prag hat sich in seinem Buch „Die Zeit der leeren Kirchen“ (Herder – Verlag, 2021) erneut mit seinem „großen Lehrer im Glauben“ Oto Madr (S. 97) auseinandergesetzt. Halik hat die provozierende These Madrs vom „Modus moriendi der Kirche“, von der Art und Weise des Sterbens der Kirche, aufgegriffen. Tomas Halik schreibt: „Ich bin davon überzeugt, dass nur ein Glaube, der stirbt und von den Toten aufersteht, tatsächlich ein christlicher Glaube ist. Ich bin davon überzeug, dass nur eine Kirche, die stirbt und von den Toten aufersteht, tatsächlich eine christliche Kirche ist. Ich bin davon davon überzeugt, dass nur eine Theologien die stirbt und von den Toten aufersteht, tatsächlich eine christliche Theologie ist.“ (S. 96 f.).
Es wäre ein interessantes theologisches Thema: die Gefängnistheologie Dietrich Bonhoeffers („Widerstand und Ergebung“) und die Theologie der sterbenden Kirche Oto Madrs zu vergleichen. Das Thema Bonhoeffer und Madr wäre sehr „spannend“, Katharina Kunter schreibt in dem genannten Buch: In den evangelischen Kirchen“fand das von dem deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906 -1945) in Fragmenten überlieferte Konzept eines religionslosen Christentums und einer weltlichen Interpretation des Evangeliums große Resonanz. Bonhoeffers Briefe wurden sogar von der von Vaclav Havel gegründeten Samsidat- Reihe „Edition Expedition, (Edie Expedite) herausgegeben.“ (S. 733).
Wir können hier nur das sehr marginale Interesse in Deutschland an den vielfältigen Formen kirchlichen Überlebens unter der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei feststellen. Das gründliche „Handbuch der Religions – und Kirchengeschichte der böhmischen Länder und Tschechiens im 20.Jahrhundert“, München, 2009, bietet dazu ausführliche Informationen, die Studien sind aber eher für Spezialisten wichtig.

15. Die einsamen Trappisten von Novy Dvur
Angesichts der religiösen Desinteresses in weitesten Kreisen Böhmens werden christliche Minderheiten heute ihrerseits zu Ketzern gegenüber der herrschenden a – religiösen Kultur. Deutliches und sichtbares Zeichen dieser Form christlicher Ketzerei ist das Trappisten – Kloster in Novy Dvúr im Bezirk Karlovy Vary, Karlsbad. Es wurde 2011 feierlich eingeweiht: Die Trappisten sind Mitglieder des sehr strengen, absolut zurückgezogenen „Schweige – Ordens“, sie leisten keine Seelsorge in den Gemeinden, sie predigen nicht außerhalb des Klosters, ihnen ist die soziale Umgebung nicht wichtig. Von 3.15 Uhr nachts bis 19.30 abends beten die 20 Mönche alle drei bis vier Stunden in ihrer neu erbauten Kirche (Architekt: John Pawson). Zur bewussten radikalen Abgrenzung des Klosters von der Umgebung siehe Fußnote 2.
Das Trappisten Kloster befindet sich im Bistum Pilsen, von den dort 117.000 sich katholisch nennenden BewohnerInnen, nehmen weniger als 10.000 Katholiken an den Sonntagsmessen teil. Der Bischof Dr. Tomas Holub nennt etwa 15 bis 18 noch lebendige Pfarreien (von insgesamt 68) im Bistum, überall scheint Kirche, vielleicht auch das Christentum, zu sterben… LINK https://bistum-regensburg.de/news/schwierig-mit-der-kluft-zwischen-glaeubigen-und-nichtglaeubigen-zu-leben-der-pilsener-bischof-dr-tom-holub-ueber-die-katholische-kirche-in-tschechien-6389

Unsere ketzerische Frage ist also: Wenn die 20 Trappisten – Mönche in Novy Dvur völlig abgeschottet In der Einsamkeit leben: Ist das in gewisser Hinsicht eine Ketzerei .. angesichts der Situation im Bistum Pilsen? Dort könnten ja Theologen gebraucht werden, die in einen spirituellen Dialog mit den vielen Atheisten und Agnostikern der Umgebung eintreten…

16. Der Prager Kardinal Duka als Freund der Rechtspopulisten und Rechtsextremen:

Noch einmal das Grundsätzliche ganz kurz: Wir betrachten Böhmen als Land der Ketzer. Und wissen: Es sind immer die Herrscher, die aufmüpfige Minderheiten zu Ketzern erklären, also zu Leuten, die der Wahrheit, der Ideologie, des Herrschaftssystems widersprechen. Das ist entscheidend: Wir betrachten aber auch die Herrscher als Ketzer, und zwar aus der Sicht der Minderheiten: Sie sehen, wie stark die Herrscher von den allgemeinen, universell geltenden humanen Prinzipen abweichen. Es sind also vernünftige Minderheiten, die auch unter den Herrschern Ketzerisches, Falsches, wahrnehmen und dies explizit sagen.
Nach dieser allgemeinen Bemerkung zu einem umfassenderen Verständnis der Ketzer ein Hinweis zu aktuellen Ereignissen der katholischen Kirche in Tschechien. Darauf hat Professor Tomáš Petráček aufmerksam gemach in einem Vortrag am 5. Dezember 2023 für das „theologische Forschungskolleg“ an der Universität Erfurt. Tomáš Petráček, geboren 1972, arbeitet als katholischer Priester und Theologe am Institut für Kultur – und Religionswissenschaft an der Fakultät für Bildung der Universität Hradec Králove in Ostböhmen sowie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Karls Universität in Prag. Zahlreich sind seine vielbeachteten Veröffentlichungen.
Der Vortrag ist wichtig, weil er nicht nur an die heftig – konservative Orientierung der katholischen Kirche in Tschechien seit 2012 erinnert. Sondern auch, weil Tomáš Petráček zeigt: Dass der damalige Kardinal von Prag, Erzbischof Duka aus dem Dominikanerorden, eng verbunden war mit dem damaligen Staatspräsidenten Milos Zeman „mit seiner schrillen antiliberalen Rhetorik und seine Sympathie für das chinesische und russische Regime“, so Tomáš Petráček in dem genannten Vortrag. Wichtiger noch: Kardinal Duka hielt enge Beziehungen zum damaligen Premierminister Andrej Babis, dessen politische Bewegung und deren Vertreter zu verschiedenen kirchlichen Festen eingeladen wurden …Die Bischofskonferenz kooperierte mit Babis bei der Besetzung wichtiger Gremien in den öffentlichen Medien mit umstrittenen Persönlichkeiten aus dem extremistischen Spektrum. Die offiziellen Glückwünsche Kardinal Dukas (wörtlich: „wir teilen viele gemeinsame Themen“) an den Rechtsextremen Tokio Okamura, den Führer der rechts-extremistischen Partei mit einer Agenda für den Austritt aus der EU und NATO, zu seinem Erfolg bei den Parlamentswahlen fanden ein breites Echo“, so katholische Theologe Prof. Tomáš Petráček. Der Dominikanerpater Dominik Duka (geb. 1943) war Erzbischof und Kardinal von Prag von 2010-2022, er ist 2025 gestorben. Dukas explizite Nähe zu rechtsextremen Führern und Parteien wird von kritischen kritischen Theologen als ketzerisch, als Abweichung von der Wahrheit des Evangeliums gedeutet werden müssen.

Kardinal Duka sowie weitere Bischöfe und Prälaten in Böhmen (und Tschechien) waren und sind stark verbunden mit den „militanten konservativen katholischen Laienbewegungen“ (so Prof. Tomáš Petráček) „Bewegung für das Leben“ und „Allianz für die Familie“. „Bischöfe nahmen an den Massenmärschen dieser Laien – Bewegungen teil… Die Vizepräsidentin der “Bewegung für das Leben“ ist Chefredakteurin einer Zeitschrift, in der regelmäßig Texte veröffentlicht werden, die das Pontifikat von Papst Franziskus von traditionalistischen Positionen aus heftig kritisieren oder in der vor Wahlen verbreitet wird: dass ein Katholik und Patriot nur die rechts-extremistische Partei SPD (Führer: Tomio Okamura, CM) wählen soll und darf“, so Prof. Tomáš Petráček. (Der Vortrag von 2023: LINK: https://www.theologie-und-kirche.de/petraczek-kirche-tschechien.pdf

In der Sicht der kritischen Theologen kann diese Bindung der Laienorganisation „Bewegung für das Leben“ an die Rechtsextremen nur als Häresie, als Ketzerei, bewertet werden, wenn man denn noch die humane Botschaft des Evangeliums Jesu von Nazareth als Maßstab anerkennt.
Diese Kleriker und diese Laienbewegungen wollen die katholische Kirche ins Getto führen bzw. bei den Verhältnissen in Böhmen weiterhin im Gebot belassen. Die Zukunft dieser Getto – Kirche ist klar.
Und auch das noch: Der Vorsitzende der tschechischen Bischofskonferenz gratulierte am 5.10.2025 dem rechtspopulistischen Politiker und Milliardär Babis zu seinem Sieg auch als Ministerpräsident (als solcher zum zweiten Mal) LINK: https://www.vaticannews.va/de/welt/news/2025-10/tschechien-katholische-kirche-gratuliert-babis-zum-wahlsieg.html…

17. Der demokratrische Widerstand durch Mikulas Minar 
Wir müssen bei unserem Thema auch vom jetzt wieder machtvollen rechtsradikalen Populismus in Tschechien sprechen und dabei an Mikulas Minar (geb. 1993) erinnern, an einen der wichtigen demokratischen Aktivisten mit seiner starken Organisation „Eine Million Augenblicke für Demokratie“…: Mikulas Minar sagt Nein zur Herrschaft des rechten Populismus – im Namen der Demokratie und der Menschenrechte. Von diesem normativen Standpunkt aus erscheinen diese Parteiführer als Ketzer, als Häretiker im Umgang mit den Menschenrechten… Auf der Buchmesse in Frankfurt wird Minar nicht vertreten sein (Stand 29.9.2026).

Die demokratische Bewegung „Eine Million Augenblicke für Demokratie“ organisiert Massen-Demonstrationen, sie setzt sich für Rechtsstaatlichkeit, Freiheit der Medien und die Integration Tschechiens in Europa ein. Schon einmal, 2020, hatte Minar Massen – Proteste gegen den sehr rechten Populisten Andrej Babis organisiert. Bei den Parlamentswahlen 2025 hatte Babis und seine rechtspopulistische ANO – Partei fast 35 Prozent der Stimmen erhalten. Der bekannte, explizite rassistische Politiker Timo Okamura von der rechtsextremen Partei (SPD) wurde Parlaments-Präsident.
Im Jahr 2025 gab Mikulas Minar ein Interview für eine Veröffentlichung des Goethe – Instituts in Prag: https://www.goethe.de/prj/jad/de/ges/26983 , es ging um Umfeld der damals bevorstehenden Wahlen um die Frage: Was würde es bedeuten, wenn ANO, die Partei von Babis, die Wahl gewinne: Minar antwortet u.a.:
„Der erste und vielleicht wichtigste Punkt ist, dass der Premierminister eines Landes ein Vorbild dafür ist, was als normal gilt. Aber ich halte es nicht für normal, dass ein Land von jemandem geführt wird, der falsche Schwüre auf das Wohlergehen seiner Kinder ablegt, wiederholt lügt, seine Meinung nach Bedarf ändert und dabei seine eigene Vergangenheit als Agent der Staatssicherheit leugnet. Das vermittelt den Leuten den Eindruck, es wäre in Ordnung so; das Leben wäre ein Dschungel, wo derjenige gewinnt, der die anderen überlisten kann. Das verzerrt den Charakter der Gesamtgesellschaft und die Seele der Nation.
Der zweite Punkt betrifft das System. Ich fürchte, dass Babiš wieder darum bemüht sein wird, die öffentlich-rechtlichen Medien zu kontrollieren und seinen Einfluss auf die öffentlichen Gelder zu erweitern. Es kann auch passieren, dass er erneut versuchen wird, Macht zu kumulieren und die demokratischen Institutionen zu schwächen – wie er es früher schon getan hat. Ich habe jedoch die Hoffnung, dass die tschechische Zivilgesellschaft ihm das nicht erlauben wird.“ Nun regiert der rechtsextreme Milliardär Babis….

18.
„Böhmen – das Land der Ketzer“: Wir haben gesehen: Es gibt Ketzer, die vom herrschenden politischen und kirchlichen System ausgegrenzt und verfolgt werden, weil sie für die ursprünglich einmal vorhandene Humanität dieser Systeme (etwa: das Evangelium Jesu Christi) eintreten. Und es gibt andererseits Ketzer, die mit Gewalt ihr ideologisches System durchsetzen, das bewusst und ganz offen gegen die universellen Menschenrechte gerichtet ist. Diese Leute und ihre Parteien gelten also auch als Ketzer … für Demokraten. Die Demokraten folgen für ihr Urteil der universellen Norm der Menschenrechte: Diese wahre Norm lehrt das Unterscheiden.

Fußnote 1:
Pavel Hošek: The Gospel according to Bohumil Hrabal. Übersetzung eines Pressetextes aus dem Englischen:
„Das literarische Werk von Bohumil Hrabal zählt zu den bedeutendsten Errungenschaften der tschechischen Kultur des 20. Jahrhunderts. Es wurde in Dutzende Sprachen übersetzt und diente als Vorlage für eine lange Reihe von Spielfilmen und Theateradaptionen. In vielen Ländern der Welt ist Hrabal der bekannteste tschechische Schriftsteller. Seine Bücher wurden aus vielen verschiedenen Blickwinkeln interpretiert, doch die spirituelle Dimension von Hrabals Denken und Werk wurde bislang noch nicht gründlich erforscht. Dabei bilden spirituelle Motive und heilige Symbole einen wichtigen Bestandteil von Hrabals literarischer Spiegelung der Welt. Kürzlich wurden Aufnahmen von Hrabals Adventspredigten in Libice nad Cidlinou entdeckt. Diese Aufnahmen werfen ein völlig neues Licht auf die spirituelle Dimension seines Denkens und Schaffens. Das Buch „Das Evangelium nach Bohumil Hrabal“ basiert auf diesen neu gefundenen Materialien und bietet eine umfassende Deutung der spirituellen Dimension des literarischen Schaffens eines der größten tschechischen Schriftsteller.“

Fußnote 2:
Die rigorose Abwendung von der Welt durch die Mönche eines Klosters in Böhmen: Aus der Website: https://www.novydvur.cz/de/p-167/p-332/. Gelesen am 16.9.2026:
„Die Abtei Nový Dvůr ist nicht für jedermann zugänglich. Das wäre mit dem Klosterleben unvereinbar. Das Geschäft an der Pforte ist für einige Stunden pro Woche, und zwar am Wochenende, geöffnet. Die Kirche ist während der Gottesdient für alle geöffnet, die mit den Mönchen beten möchten. Mit Ausnahme des Bereichs beim Gästehaus sind die Bereiche um das Kloster den Mönchen vorbehalten. Das Kloster steht weder Touristen noch Architekturstudenten offen. Die Touristen kommen, um zu „sehen“, aber das Wesentliche unseres Lebens zählt nicht zu den Dingen, die man „sehen“ kann.
„Die Klöster des kontemplativen Lebens bieten sich als »Oasen« an. […] Diese scheinbar nutzlosen Orte sind daher im Gegenteil so unentbehrlich wie die »grüne Lunge« einer Stadt: Sie tun allen gut, auch denen, die sie nicht besuchen oder nicht einmal etwas von ihrer Existenz wissen.“
„Selbst wenn kein Zeuge von unserer Gegenwart Kenntnis nimmt, so dämmen die Mönche durch die Bekräftigung der Transzendenz Gottes mittels einfacher Handlungen wie dem persönlichen Gebet und dem Gottesdienst die Gleichgültigkeit und den Atheismus ein, lassen die Verfolgung verstummen, kämpfen gegen Gewalt jeder Art, bringen Frieden in die gemarterten Herzen, lassen zerrissene Familien zu neuer Einheit finden; die Liste ist endlos. Wer an die Mauern eines Klosters stößt, ohne es betreten zu dürfen, wird bisweilen beeindruckt von der Existenz dieser Mönche, die er nicht „sehen“ konnte, wieder scheiden. Er wird den Wert ihres einsamen Lebens und ihrer inneren Sammlung erahnen. Indem wir davon absehen, uns gehetzten Besuchern zu zeigen, helfen wir ihnen durch unsere bewusste Zurückhaltung mehr, als wenn wir ihre Neugier befriedigen würden. Wenn jemand sich schwertut, den Sinn dieser Überlegungen zu begreifen, der möge sich davon überzeugen, dass unsere Berufung auch für uns selbst bisweilen schwer zu verstehen und zu akzeptieren ist.“

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Spiritueller Missbrauch: Eine neue Dimension des Missbrauchs durch Priester, Ordensleute in Frankreich

Ein Hinweis von Christian Modehn am 12.9.2026

1.
In Frankreich haben am 7. September 2026 215 Opfer von ihrem „spirituellen Missbrauch“ Papst Leo einen Brief geschrieben: Sie  fordern den Papst auf, wirksame Mittel zur Überwindung dieser Form kleriker Herrschaft  zu veranlassen.

2.
Spiritueller Missbrauch ist eine Instrumentalisierung Gottes durch die Herrschaft von kirchlichen Vorgesetzten. Diese meinen, förmlich an der Stelle Gottes stehend, ihre Untergebenen seelisch belasten und quälen zu dürfen und zu Gehorsam und Unterwürfigkeit zwingen zu können. Das Motto dieser spirituellen HerscherInnen“: Wer den OberInnen folgt, folgt Jesus Christus. Totaler Gehorsam also. „Dieses Verhalten zerstört fundamental die Seele der betroffenen Menschen“, sagt die Psychologin und Spezialistin für diese „Fälle“ Isabelle Chartier – Siben der Tageszeitung La Croix. Der spirituelle Missbrauch darf angesichts der vielen tausend Fälle des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker nicht länger ignoriert werden, zumal der spirituelle Missbrauch oft auch in einem sexuellen Missbrauch führt, betonen die Betroffenen.

3.
Eine erstaunlich große Anzahl: 215 Laien, Priester und Nonnen, gehen in die Öffentlichkeit: Den Brief an den Papst haben alle unterschrieben, in die große Öffentlichkeit (der französischen Presse) gehen drei Opfer: Fabio Barber, Priester der „monastischen Familie von Bethlehem“, Gabriel Laguarigue de Survilliers, ehemaliger Mönch der „Gemeinschaft Saint Jean“ sowie die Theologin Benedicte Nolte de Brauwere aus der „Kommunität des Lammes“.
Die übrigen Unterzeichner des Briefes an den Papst haben nach wie vor Angst vor Repressalien seitens der Chefs ihrer Gemeinschaften, und meiden deswegen die große Öffentlichkeit, berichtet die Tageszeitung La Croix. Sie hat diesen Missbrauch am 7.9.2026 publiziert. Die Autorin des Berichtes in „La Croix“ schreibt: „Warum gerade jetzt an den Papst schreiben? Die Initiative der Unterzeichner erfolgt zu einem Zeitpunkt, zu dem Rom bereits im Jahr 2024 die Auseinandersetzung mit dem Thema „geistlicher Missbrauch“ in Angriff genommen hat. Seit zwei Jahren arbeitet eine kleine gemeinsame Arbeitsgruppe des `Dikasteriums für die Glaubenslehre` und des `Dikasteriums für Gesetzestexte` daran, spirituellen Missbrauch im kanonischen Recht anzuerkennen. Dabei soll insbesondere geklärt werden, ob ein spezifischer Straftatbestand geschaffen oder bestehende Straftatbestände präzisiert werden müssen, um diese Situationen besser zu erfassen.
Gerade weil diese Überlegungen im Gange sind, wollen sich die Unterzeichner Gehör verschaffen: Soe sagen:  „In diesen Studienkreisen sind die Opfer kaum vertreten. Man betrachtet sie weiterhin als Menschen, denen man Mitgefühl entgegenbringt, aber nicht als Experten, die in der Lage sind, über das, was sie erlebt haben, nachzudenken und es zu entschlüsseln“, bedauert Fabio Barbero. Der ehemalige Ordensbruder fordert „mehr Transparenz“ und vor allem, dass die Opfer wirklich in die Arbeit einbezogen werden, „nicht nur, um eine Statistenrolle zu spielen.“ 
…Doch der Weg scheint lang und heikel zu sein, wie aus einem Interview hervorgeht, das Kardinal Victor Manuel Fernandez, Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre, im Januar 2025 der spanischen katholischen Wochenzeitung „Alfa y Omega“ gewährte.(Übersetzt durch deepl.com)

4.
Wichtig ist auch die Veröffentlichung der Namen der der betroffenen Gemeinschaften, siehe die aus La Croix übernommene Liste in Fußnote 1.

Dabei ist auffällig, dass als `Täter – Organisationen` viele offiziell so genannte „neue geistliche Gemeinschaften“ vertreten sind. Diese haben durchaus befremdliche, mysteriös – fromme Titel. Aber man unterschätze nicht den Einfluß dieser Gruppen auf die französische Kirche: Diese Gemeinschaften leiten Pfarr – Gemeinden, betreuen Wallfahrsorte, haben Priesterseminare, bieten allerlei Besinnungstage für Laien an usw… Auch etliche französische Bischöfe gehören etwa zur sehr konservativen Gemeinschaft `Emmanuel`. Zum Beispiel Bischof Dominique Rey, der von Papst Franziskus wegen allzu reaktionären Regierens „seines“ Bistums als Bischof von Toulon abgesetzt wurde. Diese genannten Gruppen, in den bisher spiritueller Missbrauch bekannt wurde, sind meist sehr konservativen, sehr papsttreuen, sehr charismatisch: Sie wurden wurden – wen wundert es – von Papst Johannes Paul II. aufs höchste gelobt: Sie seine die wahren Missionare Europas, sie seien so zuverlässig katholisch usw…

Kardinal Joseph Ratzinger sagte 2005 ganz enthusiastisch (naiv): „Diese kirchlichen Bewegungen (die neuen geistlichen Gemeinschafte)  verheißen neue Möglichkeiten: Hier kommt ein Suchen nach der Mitte zum Vorschein, das die Diagnose vom Ende des Religiösen Lügen straft und Wege neuen Lebens aus dem Glauben anbahnt, in denen sich die unerschöpfliche Fruchtbarkeit des Glaubens erneut bewährt.“ (Quelle: Joseph Ratzinger, „Theologische Prinzipienlehre“, 2005, S. 394.

„Gezeigt hat sich“ hingegen, de facto, „die unerschöpfliche Fruchtbarkeit“ sexuellen und spirituellen Missbrauchs in den meisten dieser Gemeinschaften..

Seit etwa 10 Jahren sind viele Fälle heftigen sexuellen Missbrauchs in diesen so hoch gelobten Gemeinschaften öffentlich bekannt. Diese Freilegung dieser Verbrechen führte zu einer tiefen Krise der (Glaubwürdigkeit der) katholischen Kirche in Frankreich.  Zum Niedergang der katholischen Kirche in Frankreich: LINK https://religionsphilosophischer-salon.de/16606_wenn-der-klerus-die-glaeubigen-vertreibt-der-zusammenbruch-der-katholischen-kirche-in-frankreich-heute_aktuelles

5.
Und das alles wird öffentlich wenige Tage vor dem Besuch Papst Leos in Frankreich: Vom 25. bis 28. September 2026 wird er Lourdes, Paris und Metz besuchen: Die Anmeldungen zur Teilnahme an seinen vielen Messen und Gottesdiensten dort gehen in die vielen tausend. Auf der riesigen Place de la Concorde wird es eine Messe für die 500.000 bis 600.000 frommen Massen geben… 27 Millionen Euro wird die drei-tägige so genannte “Pilgerfahrt“ kosten.

Kann mit einer halben Million Teilnehmer die Eucharistie, die Erinnerung an das Abendmahl Jesu von Nazareth, gefeiert werden? Oder wird da die Eucharistie zur Demonstration der Macht und Herrschaft der katholischen Kirche in einem weltlichen („laique“) Staat? Als Kult eines „Führers“, des Papstes?
6.
Ob der Papst einige Opfer des spirituellen Missbrauchs in Frankreich trifft, ist offen.
Das aber steht fest: Die Freilegung des spirituellen, man sollte eher sagen seelischen Missbrauchs in diesen einst offiziell so vorbildlich gepriesenen Gemeinschaften ist eine Katastrophe nicht nur für die französische Kirche. Aber die frommen Massen, offenbar die dogmatisch stabilen „Hardliner“, lassen sich davon nicht beeindrucken. „Es menschelt halt bis zu Gott“, heißt ihre tröstende (?) Weisheit.

7.

Spiritueller, geistlicher Missbrauch ist nicht nur ein Problem der Kirche in Frankreich, im Bistum Münster wird  eine entsprechende Studie veröffentlicht: LINK: https://katholisch.de/artikel/70293-studie-zu-geistlichem-missbrauch-in-muenster-wird-vorgestellt

Fußnote 1: Die Betroffenen Gemeinschaften des spirituellen Missbrauchs, entnommen von la Croix am 7.9.2026:

Alliance des Cœurs unis, Bénédictines de Montmartre, Carmel de Simacourbe, Carmel du Reposoir, Carmel de Toulouse, Carmel,
Cisterciens de Sept-Fons,
Les Communautés de L’ Agneau, de l’Emmanuel, des Béatitudes, du Chemin Neuf, du Pain de vie, du Verbe de Vie,
consacrées du Regnum Christi (Laien der Legionäre Christi),
Communautés Saint-Jean, Communauté Saint-Martin,
Communion et libération, Compagnie de Jésus province de France (Jesuiten),
Famille de Marie Œuvre de Jésus Souverain Prêtre, Religieuses de l’Assomption,
Famille missionnaire de Notre-Dame, Famille monastique de Bethléem, Focolari, Fondacio, Foyers de Charité, Fraternité Eucharistein, Fraternité de Marie Reine Immaculée,
Fraternités monastiques de Jérusalem (St. Gervais, Paris), Fraternité Verbum Spei, Institut du Christ Roi Souverain Prêtre, Institut Notre-Dame de Vie,
Légionnaires du Christ,
Maria Stella Matutina,
Opus Dei,
Point Cœur, Sœurs Missionnaires de la Charité, Séminaire Saint-Luc d’Aix-en-Provence.

Quelle: https://www.la-croix.com/religion/abus-spirituels-d-anciens-membres-de-communautes-demandent-au-pape-des-reponses-fortes-20260907

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

 

 

Berlin: Hat die katholische Kirche etwa noch eine Zukunftsperspektiven ?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 10.9.2026

Ergänzt am 15.9.2026: Die Führung der evangelischen und der katholischen Kirche in Berlin hat am 15.9.2026 einen „Aufruf“ zur Wahl am 20.9. 2026 veröffentlicht: Allgemeine Floskeln: Bitte Demokratie wählen und die von Gott gegebene Menschenwürde beachten und so weiter und so weiter.

Über irgendwie gefährliche Parteien wird schwadroniert; aber, wie üblich, die für die Demokratie gefährlichen rechtsextremen Parteien werden nicht beim Namen genannt, also kein Wort, kein expliziter Hinweis zur AFD …Die Kirchenführung geniert sich, präzise zu werden, die Zerstörer der Demokratie beim Namen zu nennen.

Kein Wort zu den sehr großen Problemen der meisten Menschen in Berlin: Wohnen, Miete, Bildungsrückstand, Gewalt, multikulturelles Zusammenleben, Überwindung des Gegensatzes sehr reiche Bürger-sehr arme Bürger in einer Stadt… Floskeln also werden verbreitet; wer wird sie lesen, hören, ernst nehmen? Inspirierend ist nichts in diesem abgedroschenen Aufruf…. Der Text dieses „Aufrufs“: siehe unten, als Fußnote.

Ein Vorwort:
Dieser Beitrag zeigt faktenreich: Die katholische Kirche in Berlin als eine heute (2026) noch etwas bedeutende gesellschaftliche Organisation wird zunehmend zur verschwindenden Minderheit in Berlin: Diese Kirche baut ab, schließt und verkauft Kirchen mit den Gemeindehäusern, also den Orten der dringend gebotenen Kommunikation: Warum? Weil die katholische Kirche nach wie vor Klerus – fixiert ist, unbeweglich an Dogmen festhält, eine esoterisch-unverständliche Sprache in der Messe praktiziert usw…Zu den sehr belastenden Themen der BerlinerInnen hat die Kirche wenig zu sagen: Vor allem zum drängenden Problem, noch bezahlbare Mietwohnungen zu erhalten.
Und vor allem: Die katholische Kirche hat ganz offiziell und explizit den Papst als Chef einer „absoluten Wahl – Monarchie“. Und diese Kirche ist deswegen noch stolz darauf, explizit nicht demokratisch strukturiert und explizit nicht demokratisch organisiert zu sein.
Eine ihrem Wesen nach undemokratische Kirche kann auch in Berlin kaum glaubwürdig Demokratie fördern und helfen, zusammen mit demokratischen Organisationen und demokratischen Parteien, die bevorstehende Herrschaft der Rechtsextremen in Deutschland zu überwinden.

1.
Vor der Wahl in Berlin am 20.9.2026 sprechen viele PolitikerInnen aller Parteien von (neuen ?) Perspektiven für Berlin. Manche Politiker meinen sogar, „Visionen“ für Berlin in den nächsten Jahren propagieren zu können. „Visionen“ sind der milde Begriff für jene, die das Wort Utopie scheuen. Utopie hat durchaus den Charakter, „Handlungsalternativen und Möglichkeitsspielräume zu erschließen, die über die geschichtliche Kontinuität hinausschießen.“ (Jürgen Habermas, „Die neue Unübersichtlichkeit“, Frankfurt 1985, S. 142). Utopien sind also wichtig zum Überleben. Auch die Kirche hat eine Utopie, leider wird diese Utopie („Reich Gottes“) oft verdrängt und vergessen…

2.
Das Thema führt zu der Frage: Hat eine bestimmte gesellschaftliche Organisation, die katholische Kirche in Berlin, jetzt eine Zukunfts-Perspektive für Berlin, also ein reflektiertes Projekt für die ca. 4 Millionen BerlinerInnen und auch für die Kirche selbst in der Hauptstadt?
Der Ausgangspunkt ist die Erkenntnis eines Mangels: Es gibt keine theologisch-kritischen, religionswissenschaftlichen oder religionssoziologischen Studien zu Gegenwart und Zukunft der Religionen in Berlin. Es gibt auch keine konfessionsunabhängigen, also objektiven Studien zu Gegenwart und Zukunft der katholischen Kirche in Berlin. Das Thema „Religion bzw. Kirche in der Stadt“ scheint Wissenschaftler nicht zum kritischen Studium zu inspirieren. Ein Grund: An den Universitäten in Deutschland gibt es eine Überfülle theologischer Fakultäten mit immer weniger StudenTinnen, aber sehr wenig religionssoziologische Forschung. Dies ist, nur nebenbei, ein deutlicher Unterschied etwa zu Frankreich oder den Niederlanden. Über die Zukunftsperspektiven der Evangelische Kirche, des Islam, der jüdischen Gemeinden in Berlin sollen andere forschen, spannend ist auch dieses Thema.
Wir bieten hier einige nüchterne, aber auch ernüchternde Daten und Fakten, sie sind unersetzlich zum Verstehen unseres Hinweises und alles andere als „langweilig“.

3.
Unser knapper Hinweis um Thema ist von allgemeinem Interesse: Wie eine Kirche, die sich gern „Global Player“ nennt, in dieser multikulturellen europäischen Metropole in einem säkularisierten Europa lebt bzw. überlebt, ist bedeutsam für die ganze Gesellschaft. Verschwindet langsam die katholische Kirche, denkt sie selbst – uninspiriert und theologisch armselig – nur an Abbauen, Schließen, Abreißen, Schrumpfen usw… verschwindet eine Dimension europäischer Kultur.
Tatsache ist: Die katholische Kirche in Berlin schrumpft vor sich hin, hat keine kreative Energie mehr für die eigene Zukunft, legt aber gleichzeitig noch allen Wert auf teure repräsentative Neu-Bauten (St. Hedwig-Kathedrale, Bernhard Lichtenberg Haus ) in Mitte, „Unter den Linden“. Über das zunehmende finanzielle Vermögen der katholischen Kirche in Berlin siehe den ausführlichen Bericht von Roberto Jurkschat in RBB24: LINK

4.
Globale humane Perspektiven für Berlin und ihre BewohnerInnen sind eher für die Caritas von Bedeutung. Die Caritas ist am wenigsten Klerus – bestimmt, dort arbeiten – Gott sei dank -Menschen verschiedener Spiritualitäten.
Die Kirchenleitung und die von ihr abhängigen Laien-Gremien konzentrieren sich hingegen auf das innerkirchliche Leben. Unter dem Stichwort „Wo Glauben Raum gewinnt“ wird administrativ die Zukunft des Erzbistums gestaltet, also das Schrumpfen und langsame Verschwinden praktiziert: Viele kleine Pfarrgemeinden mit ihren Kirchen und Gemeindehäusern wurden amtlich bereits aufgelöst und in größere Verbände, „Großpfarreien“ genannt, überführt. Insgesamt soll es im ganzen Erzbistum noch 36 Großpfarreien geben.

5.
Der wichtige Grund dafür: Es gibt nicht ausreichend Priester. Würden nicht polnische, indische, ghanaische, nigerianische, spanische, lateinamerikanische Priester usw. als „Gastarbeiter“ den weithin alt gewordenen „deutschstämmigen“ Klerus in Berlin ersetzen, wäre es mit der Klerus- Kirche vorbei. Aber diese genannten klerikalen „Gastarbeiter“ sorgen dafür, dass das Gesetz nach wie vor gilt: „Nur der Klerus kann Gemeinden leiten: Gibt es keinen Klerus, gibt es keine Gemeinden.“ Dies ist das oberste Prinzip überall in der Kirche, durchgesetzt vom Vatikan, vom Papst. Es geht tatsächlich um den Machterhalt der Klerus auf Kosten des Gemeindelebens. Diese Entwicklung nimmt der Klerus in Kauf. Aber man weiß: Eines Tages werden auch die „Gastarbeiter – Priester“ aus aller Welt nicht mehr nach Berlin strömen, weil sie selbst in ihren Heimatländern dringend gebraucht werden. Wenn in zwanzig Jahren auch die Gastarbeiter – Priester ausfallen, dann fällt alles aus, weil die Kirchenführung es nicht geschafft hat, Frauen und Männer zu befähigen, Verantwortung in den Gemeinden zu übernehmen, selbstverständlich, dass sie dann auch Eucharistie feiern…Aber das ist die gute und richtige Utopie, die der Klerus gar nicht hoch schätzt… Utopien sind für ihn gefährlich, auch wenn die Utopie von der Gleichheit und Gleichberechtigung aller Gläubigen spricht…

6.
In Berlin lebten im Jahre 2025 258.000 KatholikInnen als zahlende Mitglieder der Kirche. Im Jahr 2022 waren es noch 281.000.
Aus der Kirche sind im Stadtgebiet Berlin beispielsweise zwischen 2018 und 2025 insgesamt 52.270 KatholikInnen ausgetreten. Diese Zahlen beziehen sich nur auf die Stadt Berlin, nicht auf Brandenburg und Vorpommern, Gebiete, die ebenfalls zum Erzbistum „gehören“.
Im Jahr 2025 nahmen -laut Zählung durch die Kirche – von den 258.00 KatholikInnen in Berlin etwa 31.000 an der Sonntagsmesse teil. Wie viele von ihnen jeden Sonntag teilnehmen, wird nicht berichtet. Nebenbei: Befragungen in Frankreich differenzieren: „Teilnahme an der Messe regelmässig“, oder nur „einmal im Monat“ usw. Auch wurde in der Berliner Statistik nicht berichtet: Wie viele TeilnehmerInnen der Messe in Berlin etwa aus Polen oder den spanisch sprechenden Ländern usw. stammen. Auch vom Altersdurchschnitt der TeilnehmerInnen ist keine Rede.
Wenn also nur noch 31.000 KatholikInnen durch ihre Teilnahme an der Messe ein stärkeres religiöses Interesse haben, dann überrascht doch die relative finanzielle Stabilität dieses Erzbistums Berlin: Über 171 Millionen Euro Kirchensteuereinnahmen konnte das Erzbistum Berlin im Jahr 2025 verfügen. Eine erstaunliche Summe trotz der vielen tausend Kirchenaustritte.

7.
Abgesehen davon, dass die allermeisten katholischen (wie die evangelischen Kirchen sowieso) während der Woche außerhalb der seltenen Wochentags-Gottesdienste geschlossen sind: Die äußere Sichtbarkeit dieser Kirche im „Stadtbild“ verschwindet. Die als überflüssig oder als einsturzgefährdet eingeschätzten Kirchen und Gemeindehäuser stehen dann lange Zeit leer, werden irgendwann verkauft oder dann profaniert oder auch abgerissen. Alte Menschen, oft noch die einzigen, die ein sehr lebhaftes Interesse an den katholischen Messen haben, müssen weite Wege zurücklegen, um ihre „Sonntagspflicht“ zu erfüllen…Und die Gemeindehäuser, die noch bestehen, sind während der Woche – über die Sekretärinnen dort – nur ein paar Stunden geöffnet…

8.
Aktuelle Beispiele für Schließungen, Verkäufe, Abrisse:
Die Kirche St. Albertus Magnus am Kurfürstendamm, im Stadtteil Halensee, wurde 2025 entwidmet, seitdem steht sie leer und verfällt.
Die Kirche im “Katharinenstift“ in der Greifswalder Str. in der Nähe des Alexander-Platzes wurde im Februar 2026 profaniert.
Die Kirche und das Kloster der polnischen Kamillianer – Priester St. Kamillus in Charlottenburg wurde 2026 aufgelöst; das Gebäude soll verkauft werden, weil die offenbar bettelarmen polnischen Kamillianer Geld für die Pflege ihrer alten Ordensmitglieder brauchen. Bis jetzt (August 2026) steht dieser Gebäudekomplex am Klausener Platz leer… es gab einige ergebnislose Proteste der betroffenen Gemeindemitglieder.
Von vielen weiteren Beispielen wäre zu reden, etwa vom Abriss der schönen Kirche St. Raphael in Berlin – Gatow an der Havel schon im Jahr 2005 unter der Herrschaft von Kardinal Sterzinsky. Dort gab es heftigen, aber bei der Allmacht des Klerus erfolglosen Protest gegen diesen sinnlosen Verkauf und Abriss…
Vom Abriss der Kirche St. Johannes Capristran in Tempelhof nach der Profanierung im Jahr 2004 müsste gesprochen werden … inclusive der merkwürdigen Verkaufs-Details..
Im Osten Berlins, in Biesdorf, wurde die Herz Jesu Kirche 2013 entwidmet und verkauft.
In Moabit wurde die St.Laurentius Kirche 2007 an eine evangelikale Kirche verpachtet…
In Lichtenrade wurde im Jahr 2008 die Kirche „Zu den heiligen Märtyrern von Afrika“ im Jahr 2008 aufgegeben.
Viele spirituell Interessierte haben heftig bedauert den Verkauf des katholischen Meditations – Zentrums, „Exerzitien-Haus“ genannt, in Berlin – Kladow, an der Havel gelegen. Dies geschah unter der Herrschaft von Erzbischof Georg Sterzinsky:
Dieser beliebte Ort der Stille und Meditation für die gestreßten BerlinerInnen lag nach dem Verkauf (der finanzielle Gewinn fürs Bistum wurde nie publiziert) Jahre lang ungenutzt brach, die Gebäude wurden 2013 schließlich abgerissen. Heute gibt es noch ein kleines, gut besuchtes Exerzitienhaus des Karmeliter-Ordens in Birkenwerder bei Berlin.

9.
Die vielen Verkäufe von Kirchen und Gemeindehäusern in Berlin sollen die Bistumskasse füllen, also auch die beträchtlichen Gehälter der Priester und Prälaten garantieren. Das ist das Ziel. Ein katholischer Erz-Bischof in Berlin erhält die Besoldungsgruppe B 10, also mindestens das Grundgehalt, das sind ca. 16.530 Euro brutto pro Monat….
Ältere Priester, so um die 50, erreichen die Besoldungsgruppe A 14, also etwa 6.000 Euro im Monat. Netto bleiben dann mindestens 4.000 Euro monatlich für diesen allein lebenden „Junggesellen“. Es ist nicht bekannt, dass diese bestens bezahlten Herren der Kirche etwa 10 Prozent ihres Gehaltes spenden etwa für eine Stiftung armer Familien oder für Flüchtlinge oder für die Opfer von rassistischer Gewalt in Berlin. Das wäre eine kleine, bescheidene Perspektive der Kirche für Berlin und BerlinerINnen…

10.
Von den aufgegeben katholischen Kirchen im Land Brandenburg nennen wir hier nur: Die katholischen Kirchen in Buckow, Friesack, Großbeeren, Hohen Neuendorf, Seelow, Stahnsdorf usw… Dort gab es von Gemeindemitgliedern Widerstand gegen diese Entwicklung, aber er war – wie immer – vergeblich.
Theologisch wichtiger: Es wurden auch keine Alternativen von der katholischen Kirchenführung vorgeschlagen: Etwa: Den wenigen Katholiken in diesen Orten, Dörfern, Städtchen, die Teilnahme an den evangelischen Sonntags-Gottesdiensten zu empfehlen. Das wäre eine Entscheidung, die endlich mal das so selten erlebte Prädikat „theologisch – kreativ“ verdient, eine bahnbrechende Entscheidung der viel besprochenen, aber nie faktisch gelebten Ökumene.
Aber nein, Kreativität, Mut zum Neuen, gibt es nicht im Rahmen des theologischen Stillstands und klerikalen Prinzips: Gemäß dem offiziellen katholischen Projekt „Wo der Glaube Raum gewinnt“ wächst das Gebiet katholischer Pfarreien im Land Brandenburg manchmal ins Monströse: Etwa: Die katholische Großpartei Stralsund im Erzbistum Berlin: Diese Pfarrei mit ca. 6.400 Mitgliedern umfasst jetzt große Teile Vorpommerns, etwa Demmin und Barth, ebenfalls die Hansestadt Stralsund sowie die gesamte Insel Rügen. Die Gesamtfläche dieser Pfarrei beträgt 3.200 Quadratkilometer, diese Pfarrei ist also etwas größer als das Saarland und etwas kleiner als die Insel Mallorca. Fünf Priester müssen durch dieses Land reisen, um in den verbliebenen Kirchengebäuden der kleine Städte für die wenigen Messbesucher die Messen zu lesen.
Wie schon gesagt: Kein Bischof, kein Theologe, kein Pfarrer kommt auch nur auf den Gedanken, den Katholiken in den Dörfern und Städtchen zu empfehlen: Nehmt bitte an den evangelischen Sonntagsgottesdiensten teil… (Zu Stralsunds „Groß-Pfarrei“ siehe etwa: LINK

11.
Die genannten Abrisse, Leerstände der Kirchen und Gemeindehäuser in Berlin stehen in Kontrast zu den Ausgaben der Katholischen Kirchenführung, die sie für das (neben der St. Hedwigskathedrale gelegene) Prestige – Objekt „Bernhard Lichtenberg-Haus“ einsetzt. Die aktuelle Prognose der Kosten: 33,8 Millionen Euro, bei der Planung im Jahr 2017 waren 17 Millionen Euro veranschlagt. Über den 44 Millionen Euro teuern Umbau der St.Hedwigs-Kathedrale haben wir berichtet, etwa am 2.11.2024: LINK

12.
In den Analysen der Finanzsituation der katholischen Kirche in Berlin wird oft vergessen, dass der Bodenbesitz des Erz – Bistum Berlin beträchtlich ist: „Der kirchliche Bodenbesitz der katholischen Kirche in Berlin beläuft sich auf rund 1206 Hektar, was etwa 1,3 Prozent der Stadtfläche ausmacht.“ LINK: Quelle: Tagesspiegel: https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/wie-viel-berlin-gehoert-der-kirche/.

Siehe auch zur Vertiefung: LINK https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/unchristliche-immobilien-geschaefte-wie-die-katholische-kirche-mit-grundstuecken-geschaefte-macht/

13.
In einer Kirche, für die Abbau oder Abbruch sozusagen normal, wenn nicht sogar üblich geworden ist, bleibt es überhaupt nicht verwunderlich, dass angesichts der vielen neuen Berliner Stadtviertel, etwa im Umfeld des Hauptbahnhofs, offenbar kein Gedanke auftaucht: In den neuen Stadtvierteln einen (ökumenischen) Raum der Stille, etwa eine bescheidene Ladenkirche, eine Krypta oder ähnliches zu mieten: Also „Orte des Zwecklosen“, der Ruhe, der Einkehr, des Dialogs, der Begegnung, der Transzendenz zu schaffen.
Hier wollen wir nur auf den sehr lesenswerten, erstaunlich kritischen Beitrag des katholischen Theologen und Kunsthistorikers Konstantin Manthey, Berlin, hinweisen. Er spricht von „Schockstarre“ und von der Obsession der „Besitzstandswahrung“ als Leitidee dieser Berliner Kirche: Manthey schreibt: Es werden in Berlin keine neuen Kirchen oder wenigstens kleine Gemeindezentren gebaut in Berlins 23 (!) neuen Stadtquartieren mit vielen tausend Bewohnern: „Nirgendwo ist dort bisher ein kirchlicher Ort vorgesehen, ein christlicher Raum für Zusammensein und ähnliches…“ (S. 127). Siehe das Buch:„Leben statt Leere“, Hg. Klaus – Martin Bresgott u.a. vom Kulturbüro der EKD.
In solchen Projekten könnte sich Ökumene endlich mal realisieren und sicher auch inter-religiöse Zusammenarbeit mit Juden und Moslems und warum nicht auch mit Buddhisten? Das sehr teure und auch architektonisch anspruchsvolle Projekt „Haus of One“ in Berlin kann hier nur erwähnt werden: Es soll ein Gotteshaus (mit getrennten Gebetsräumen!) werden, in dem wenigstens unter einem Dach ein ganz bißchen gemeinsam evangelische Christen sich versammeln sowie Mitglieder einer progressiven Gruppe des Islam und einer progressiven Gruppe im Judentum… Ob man das „House of One“ mutig im Sinne einer größeren Ökumene nennen kann, wage ich zu bezweifeln…

14.
Aber theologischer Mut hat Berliner Katholiken und die Bischöfe dort nie ausgezeichnet. Davon hat schon der große Kritiker der Berliner Kirche in den zwanziger Jahren des 20 Jahrhunderts, Dr. Carl. Sonnenschein, gesprochen: Er urteilte über den Berliner Katholizismus des 20. Jahrhunderts: „Der Berliner Katholizismus ist verdammt kleinstädtisch“. Siehe den Beitrag über Carl Sonnenschein von Christian Modehn vom 31. 1. 1979: LINK:
Die unmittelbar nach der Wende als Ort des Dialogs großzügig errichtete „Katholische Akademie“ in Berlin-Mitte ist angesichts ihres Angebotes seit einigen Jahren eine Nischen – Institution in der Stadtgesellschaft. Mit den in Berlin sehr zahlreichen, zum Tiel bedeutenden „weltlichen“ kulturellen Institutionen, Theater, Verlagen, Forschungszentren usw. besteht offensichtlich keine Vernetzung. Katholische Intellektuelle, Künstler, Schriftsteller gibt es in Berlin ohnehin nicht. Auch das „Zentralinstitut für Katholische Theologie“ an der Humboldt – Universität mit 60 Studentinnen und sechs ProfessorInnen spielt in Berlin keine öffentlich spürbare Rolle.
Nebenbei: Warum ist es in Deutschland immer noch nicht möglich eine gemeinsame christliche, theologisch – kritische Fakultät zu errichten?
Auch das Forschungsinstitut einiger progressiver Dominikaner-Theologen, das „Institut Chenu“ im Stadtteil Prenzlauer Berg, hat keine für die kulturellen Debatten Berlins öffentlich wahrnehmbare Relevanz. Die kulturelle Monatszeitschrift „Stimmen der Zeit“ (Auflage 6.000 Exemplare) der Jesuiten hat in Berlin ihre bescheidene Redaktion. Ihr gelingt es nicht, eigene theologische, kulturelle Veranstaltungen zu organisieren, übrigens fast eine Selbstverständlichkeit für christlich inspirierte oder katholische Kulturzeitschriften etwa in Frankreich, etwa Esprit oder Etudes.
Auch das noch: Alle 14 Tage erscheint in Berlin, an den Kiosken gar nicht wahrnehmbar, eine katholische Wochenzeitung, Bistumsblatt genannt, mit dem nur der Tradition verpflichteten Titel „Tag des Herrn“, 7.000 Exemplare sollen in Berlin im Abonnement noch verkauft werden:Das Blatt bedient alle Bistümer m Osten Deutschlands.

15.
Und auch das noch zum „intellektuellen katholischen in Berlin“: Es gibt im Ost – Berliner Stadtteil Biesdorf ein Priesterseminar der weltweiten neokatechumenalen Gemeinschaft. Diese klerikale Ausbildungsstätte stellt auch dem Erzbistum Berlin seit Jahren einige junge Priestern zur Verfügung, sie stammen aus aller Welt, aus Polen, Mexiko, Spanien, Dominikanische Republik usw…
Die Priester, dem Geist des Neokatechumenates absolut verpflichtet, bringen ihn im Seminar eingetrichterten sehr konservativen Geist in die Gemeinden.

16.
Die Katholische Kirche in Berlin und in ganz Deutschland wird zweifellos wegen der gleichbleibend hohen Austritte aus der Kirche eine Minderheit. Die viel besprochenen Erwachsenentaufen sind von der Anzahl her bewertet ein marginales Phänomen. Also: Über den Weg der Kirche in Berlin und in vielen anderen Metropolen Europas wird diskutiert. Und fast immer werden seit Jahren die gleichen Gründe für diese Entwicklung genannt: Säkularisierung, Verlust der Transzendenz-Erfahrung, Ende der Metaphysik, Individualismus, Streß im Alltag, Frustration über den Zustand der Welt und so weiter. Auch der sexuelle Missbrauch durch Priester hat viele Gläubige aus der Kirche getrieben, Katholiken also, die Priester allen Ernstes für „Hochwürden“ hielten und auch so anredeten und die noch lernten, Bischöfe seien „Exzellenzen“ oder gar als Kardinäle „Eminenzen“. Jetzt werden etwa in Essen Denkmäler abgerissen, einst errichtet zu Ehren Kardinal Franz Hengsbach, dem Opus Dei sehr affin und theologisch reaktionär in seinem Kamogf gegen die Befreiungstheologie als Chef des Hilfswerks „Adveniat“…. und…das Vertuschen sexuellen Missbrauchs durch Priester. Zum sexuellen Missbrauch durch Priester im Erzbistum Berlin siehe einen Beitrag aus dem Jahr 2023. LINK https://katholisch.de/artikel/45851-betroffene-schildern-erstmals-details-zu-berliner-missbrauchsfaellen
Auch der Tagesspiegel hat 2023 über heftigen sexuellen Missbrauch durch den Pfarrer der Gemeinde St. Ludwig in Wilmersdorf., Benno Fahlbusch, berichtet: LINK https://www.tagesspiegel.de/berlin/in-neukolln-und-wilmersdorf-priester-und-ordensschwestern-sollen-berliner-kinder-zu-sexuellen-handlungen-gezwungen-haben-9702752.html. Siehe auch den Bericht von Thomas Klatt im Deutschlandfunk 2021!: LINK

17.
Ein entscheidender Grund fürs anhaltende Schrumpfen und damit langsame Verschwinden der katholische Kirche ist auch das sture Festhalten an den Dogmen und Kirchengesetzen und Kirchengeboten; auch an Glaubensbekenntnissen, die in den Messen gesprochen, gesungen werden, deren Formeln und Floskeln aus dem 5. Jahrhundert niemand versteht. Dogmen dürfen dem sturen Gesetz der katholischen Kirche entsprechend nicht korrigiert, geschweige denn aufgehoben werden, selbst wenn sie im 4. Jahrhundert unter völlig anderen Kulturellen Bedingungen formuliert wurden. Das verstörende Erbsündendogma des heiligen Augustinus wird heute von kritischen und noch objektiv denkenden TheologInnen eindeutig abgewiesen, die Kirche hält stur an diesem Erbsündenwahn fest…

18.
So steht sich die katholische Kirche – nicht nur in Berlin – selbst im Wege. Sie wird – klerus-fixiert – keine Möglichkeit realisieren, den Weg ins Getto zu beenden. Es ist also auch die dogmatisch fixierte klerikale Welt, die die Menschen aus den Kirche treibt. Die Kirche und ihre Lehre wird zu einer fernen Welt der fernen Mythen und kaum nachvollziehbaren Geschichten, zum Ort, wo noch infantil, wenn nicht abergläubisch anmutende Kirchenliedern aus Zeiten der frühen Kindheit gesungen werden, von denen man sich bestenfalls noch am Heiligabend im Gottesdienst verführen lässt.

19.
Damit sind wir beim Ausgangspunkt unseres Hinweises: Diese Kirche hat den Geist der Utopie verraten, er gehört absolut zentral zur Botschaft Jesu! Die Kirche, zumal ihre Führung, hat vergessen, dass sie nicht für sich selbst, schon gar zur Stärke und Macht des Klerus, geschaffen ist, sondern… Ja, warum denn? Um die Utopie des Reiches Gottes als praktische Leitlinie ihres Handels zu gestalten. Und was ist der Inhalt der Utopie des Reiches Gottes? Friede, Gerechtigkeit, wesentliche Gleichheit aller Menschen, Brüderlichkeit: Christen sind also FreundInnen der humanen Utopie: Jesus fordert von den Menschen um der Menschlichkeit willen eine Umkehr der bisherigen Machtverhältnisse … im Umgang der Menschen untereinander, zumal in den Kreisen der Frommen, also der Kirche.

20.
Die katholische Kirche in Berlin hat – wie jede Kirche – , „das Beste der Stadt“ zu suchen und zu fördern. Das ist der Respekt vor der Utopie des Reiches Gottes… Also: Die Kirche muss sich konstruktiv in konkreten Projekten für eine gerechte Wohn/Miet-Politik einsetzen, sie sollte leerstehende Kirchen und Gemeindehäuser nur dann verkaufen, wenn Wohnungen entstehen… Es fehlt hier die Bereitschaft und auch intellektuelle Kapazität, regelmäßige Gespräche mit Menschen zu gestalten, die sich Atheisten oder Ungläubige nennen. Und wann haben von antisemitischer Gewalt bedrohte jüdische Theologen in katholischen Kirchen über ihre Lebensbedingungen, ihren Glauben, gepredigt: Auch spirituelle Gespräche mit Muslims finden nicht in den katholischen Gemeinden statt.

21.
Die katholische Theologin Prof. Martha Zechmeister (El Salvador) sagte kürzlich auf den Salzburger Hochschulwochen: „Eine Theologie, die überall und zu jeder Zeit dasselbe wiederholt, bleibt wirklichkeitsleer und vermag Gott nicht zur Sprache zu bringen“. Eine treffende Aussage, auch gültig für die katholische Kirche in Berlin. LINK:

Erst wenn Kreativität und Mut, „nicht immer dasselbe sagen“, kirchliches Überleben bestimmen, hat Kirche eine Chance, hilfreich zu sein für die Menschen.

22.
Immerhin: Erzbischof Heiner Koch von Berlin machte in einem Interview am 3. 9. 2026 eine bemerkenswert mutige Aussage zum Umgang mit AfD Wählern innerhalb der katholischen Gemeinden:
Frage: Muss Kirche das Risiko eingehen, dass sich AfD-Wähler innerhalb der Gemeinde abwenden?
Koch: Ja, wir müssen dieses Risiko eingehen. Denn es geht um viel mehr als um Wahlergebnisse, es geht um Werte und inhaltliche Grundfragen. Die Liebe Gottes ist mit völkischem Nationalismus nicht vereinbar, dabei bleibe ich! Es geht um Themen, die für uns als Christen nicht verhandelbar sind, wesentlich um die unveräußerliche Menschenwürde eines jeden Einzelnen, unabhängig von Herkunft, Begabung oder Geschlecht. Man kann dann unterschiedlicher Meinung sein, welche Maßnahmen konkret politisch zu ergreifen sind und welche nicht. Doch die Grundoption ist nicht verhandelbar. LINK

23.
Immerhin: Menschenrechte und Menschenwürde sind auch beim Erstarken der rechtsextremen Partei AfD für einen katholischen Bischof – und damit für Katholiken insgesamt – nicht verhandelbar. Man wird Erzbischof Koch mit dieser Aussage hoffentlich noch oft zitieren.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.
Über Christian Modehn siehe: LINK.

 

FUßNOTE:

Der  „Aufruf“ der Kirchenführungen Berlins, publiziert als Pressemitteilung am 15.9.2026:

Gemeinsamer Aufruf der Kirchen zu den Berliner Wahlen am 20. September 2026
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
am 20. September 2026 können wir durch die Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin und zu den Bezirksverordnetenversammlungen mitbestimmen, wie die Zukunft für die Menschen in unserer Stadt gestaltet wird.
Demokratie ist eine große Errungenschaft, die durch die Kraft vieler Menschen erreicht wurde. Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, für sie einzustehen, wenn sie in Gefahr gerät. Demokratie bedeutet Auseinandersetzung in Sachfragen mit Respekt und Achtung voreinander, Demut vor der auf Zeit verliehenen Macht sowie Gewaltenteilung. Sie lebt von Kompromissen und der Fähigkeit, andere Meinungen auszuhalten.
Wir treten für eine freie, weltoffene, vielfältige und demokratische Gesellschaft ein. Nur diese garantiert, dass wir in unserer Unterschiedlichkeit in Freiheit und in Frieden miteinander leben können. Die Stärke einer demokratischen Gesellschaft bemisst sich auch daran, dass sie Schwache und Minderheiten schützt.
Bei allem Ringen um eine bessere Lösung in Sachfragen muss im Mittelpunkt immer der Mensch stehen: Menschenwürde, Menschenrechte und Religionsfreiheit sind unverzichtbar für alle Menschen. Genau das macht Berlin aus: Die Vielfalt der Menschen in dieser Stadt. Menschen, die unterschiedlich denken, glauben, leben, lieben und ihr Leben gestalten. Wir glauben, dass Gott jedem Menschen die Menschenwürde verliehen hat. Sie gilt unverbrüchlich und kann niemandem genommen werden.
Gemeinsam rufen wir dazu auf: Unterstützen Sie diejenigen politischen Kräfte, die Zusammenhalt fördern, statt Menschengruppen gegeneinander auszuspielen. Geben Sie jenen Ihre Stimme, die sich uneingeschränkt zur Würde jedes und jeder Einzelnen bekennen und danach handeln. Prüfen Sie, ob und wie der Schutz von Minderheiten und Schutzbedürftigen garantiert wird.
Insbesondere richten wir diesen Apell auch an die jungen Menschen, die in diesem Jahr erstmals ab 16 Jahren wahlberechtigt sind. Gestalten Sie Ihre eigene Zukunft mit!
Wir, das Erzbistum Berlin und die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, suchen stets der Stadt Bestes und stehen gemeinsam ein für die Würde aller Mitmenschen und für eine friedliches Zusammenleben.
„Ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben“, heißt es in der Bibel. Das wünschen wir uns für unsere Stadt Berlin. Wir rufen Sie auf, unsere demokratische Gesellschaft mit Ihrer Stimme stark zu machen!

Im September 2026

Dr. Karlies Abmeier                                                    Harald Geywitz
Vorsitzende des Diözesanrats                                    Präses der Landessynode der EKBO

Dr. Heiner Koch                                                          Dr. Christian Stäblein
Erzbischof von Berlin                                                 Bischof der EKBO
 

 

 

 

 

Kirchen und Religionen sollten nicht die Demokratie bestimmen, auch nicht in den USA!

„Mit Gott gegen die Demokratie“ – Das neue wichtige Buch von Arnd Henze über die USA
Ein Hinweis von Christian Modehn am 20.6. 2026

1.
Der 4. Juli 2026 ist der 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung in den USA. Ein ganz großer Feiertag, hoffentlich dort auch ein Gedenk-Tag. Der 4. Juli ist für die Trump – Regierung und seine nationalistische MAGA-Bewegung von höchster Bedeutung. Sie werden den tiefgreifenden Umbruch in der Geschichte der USA feiern, also die neue antidemokratische „Ordnung“, die sie in den Jahren der Trump Herrschaft durchgesetzt haben. Seinen Sieg verdanken Trump und die Seinen vor allem auch den extrem wütenden „white evangelikal Christians“. „Sie lieben Trump nicht trotz, sondern wegen seiner tiefen Verachtung für alle Grenzen des Rechts und des Anstands“, schreibt Arnd Henze in seinem wichtigen Buch (S.10).

2.
Es ist also nicht nur naheliegend, sondern geboten, die für Europäer kaum vorstellbar große Bedeutung des Christentums in den USA heute zur Kenntnis zu nehmen, auch die kaum zu überblickende Vielfalt der Konfessionen dort – oder der Vereine, die sich Kirchen nennen. Auch wenn die Zahl der Konfessionslosen und Atheisten sogar in den USA stetig steigt, 2026 nennen sich etwa 29 Prozent der US-Bürger „Konfessionslos“ („Nones“): Die nationalistischen Politiker brauchen auch heute den sich christlich nennenden religiösen Fundamentalismus als ideologisches Schmiermittel für ihre menschenverachtenden Politik. Nur mit ihrem diffusen und jeglicher Rationalität entbehrenden christlich genannten Glauben können sie den Nebel erzeugen, den sie für ihre menschenverachtende Innen – wie Außen – und Kriegs-Politik benötigen.

3.
Man achte darauf, dass Präsident Trump als oberster Chef der viel gerühmten US-Demokratie von Friedensforschern heute als ein neuer Warlord, als „Kriegsherren“, eingereiht wird in die lange Liste ähnlicher Machthaber, wie Putin, Netanyahu und viele Herrscher im Nahen Osten oder in Afrika. Das entsprechende „Friedensgutachten“ der Friedensforscher wurde im Juni 2026 veröffentlicht, pünktlich als wissenschaftliche Einschätzung des Krieges von Netanjahu und Trump gegen den Iran, ein Krieg, der minimale Erfolge für die USA und Israel „gebracht“ hat. Diese werden aber von Trump in seinem Größenwahn als Siege verkündet, bloß weil das Benzin wieder billiger ist. Warlords sind kriegerische Herrscher, sie inszenieren ihre Kriege, wie es ihnen gerade nach Laune in den Kram passt, um es drastisch zu sagen. Der menschliche Schaden ihrer zudem noch schlecht vorbereiteten Kriege ist ihnen egal. Warlords wie Trump sind die Zerstörer der internationalen Ordnung, ein Kommentar: .LINK …  Der Text der Friedensforscher: LINK 
Dieser Warlord, US – Präsident Donald Trump, wird, wie gesagt, von evangelikalen und anderen rechtsextremen Christen wie ein Heilsbringer verehrt.

4.
Das Buch von Arnd Henze „Mit Gott gegen die Demokratie“ zeigt nicht etwa nur ein begrenztes religionskritisches oder theologiewissenschaftliches Problem, es bewegt nicht nur Fachleute: Der Untertitel heißt: „Warum der christliche Nationalismus alle angeht“. Erschienen ist das Buch im Gütersloher Verlagshaus, 2. Auflage auch im Jahr 2026.
Zur Ermunterung: Das Buch ist sehr gut geschrieben, sehr gut zugänglich, es hat 218 Seiten und kostet nur 20 Euro.

5.
Arnd Henze ist ein herausragender Kenner der Kirchen in den USA, seit vielen Jahren recherchiert er regelmäßig in den Vereinigten Staaten, er ist Journalist beim WDR. Ihm liegt auch als protestantischen Theologen daran, die Welt der vielen evangelikalen Kirchen n den USA verständlich zu machen, aber er lädt die Leserinnen auch ein wahrzunehmen, dass immer noch der Demokratie und den Menschenrechten verpflichtete Konfessionen in den USA aktiv sind – auch im Widerstand gegen das Trump -Regime.
Wie meinen auch nach der Lektüre des Buches: Das Christentum ist in den USA so tief gespalten, dass die Idee einer christlichen Einheit aller Kirchen wie eine absolut ferne Utopie erscheinen muss. Diese Einheit könnte nur entstehen, wenn die Evangelikalen und ihre Netzwerke zur theologischen Vernunft kommen UND ihre reaktionäre nationalistische, und das ist immer auch egoistische Präferenz zugunsten der Menschenrechte aufgeben. Es ist bei den „white evangelikal Christians“ diese Verklammerung von reaktionär – fundamentalistisch christlich mit reaktionär – nationalistisch politisch, die wenig Hoffnung macht auf eine Wiederkehr der Demokratie in den USA. Dass auch etwa 60 Prozent der „white catholics“ für Trump gestimmt haben, betont Arnd Henze, aber viele von ihnen sind wohl durch ihre Bindung an die Autorität des Papstes in ihrer totalen Hingabe an Trump und CO. gebremst…

6.
Das Buch von Arnd Henze „Mit Gott gegen die Demokratie“ hat drei Kapitel: Im ersten Kapitel „Die Zeit der Rache“ wird der christlich nationalistische Glaube einiger führender Mitarbeiter im unmittelbaren Umfeld von Trump analysiert. Im 2. Kapitel wird die auch für Deutschland heute wichtige Frage gestellt „Wiederholt sich die Geschichte?“, werden also die Rechtsradikalen schon wieder siegen? Und dann das genauso wichtige dritte Kapitel: „Wie sich Demokratie retten lässt“. Da kann Arnd Henze einen gewissen Optimismus nicht verbergen, wenn denn die Midterms – Wahlen im November 2026 einen großen Aufschwung und Sieg der Demokraten bringen und der Widerstand der kritischen und demokratisch gesinnten Gemeinden nicht nachlässt… (Siehe LINK https://www.fr.de/politik/midterms-2026-umfragen-setzen-trump-im-kongress-unter-druck-94343892.html)

7.
Wir können hier nicht die ausführlichen Analysen des Buches zusammenfassen. Als Inspiration zugunsten einer ausführlichen Buch – Lektüre nennen wir nur einige unserer Erkenntnisse im Werk Arnd Henzes.
Im ganzen gilt: Wie ideologisch leer und erbärmlich würden diese engsten Mitarbeiter Trumps dastehen, etwa Pete Hegseth, Stephen Miller, Russel Vought: Wenn es die Bibel nicht gäbe, dieses von ihnen ideologisch mißbrauchte Buch, das in sich nur in historisch-kritischer Lektüre erschließt, von den christlichen Trump – Ergebenen aber nur als Fundgrube für einige Zitate benutzt wird, die ihre menschenverachtende Politik verzieren.

8.
„Wir stehen auf der Seite Gottes“, sagt Stephen Miller, stellvertretender Stabschef im Weißen Haus. Und zu seinen Feinden, den demokratisch Engagierten sagt er: „Ihr seid nichts. Ihr seid Bosheit. Ihr seid Hass… Wir werden die Kräfte der Finsternis und des Bösen besiegen..“ (S. 47). Stephen Miller ist allerdings kein Christ, wie alle engen Mitarbeiter in Trumps unmittelbaren Regime, er gehört zur jüdischen Gemeinschaft. Arnd Henze nennt ihn treffend. „Technokrat des Ausnahmezustandes“ (S. 43).
Dem Kapitel über den Verteidigungsminister Pete Hegeseth gibt Henze den treffenden Titel „ Der Posterboy des Christian Warriors“, des „Christlichen Kriegers.

9.
Für Peter Thiel, dem Tech – Milliardär und Investor im Silicon Valley sowie dem Mitbegründer des Datenanalyse-Unternehmens Palantir, ist kein eigenes Kapitel gewidmet. Thiel wird allerdings im Kapitel über J.D.Vance erwähnt. Freiheit und Demokratie sind für Thiel nicht kompatibel. Der Milliardär unterstützte Trump mit Millionen, für Vance spendierte der Milliardär 15 MIllionen im Wahlkampf 2022. Thiel ist auch bekannt geworden wegen seiner heftigen apokalyptischen Fantasien zu einer bevorstehenden „End-Zeit“, die durch das Auftreten des Anti – Christen bestimmt sein wird, wenn nicht Widerstand geleistet wird. In Trump sieht Thiel den entscheidenden Kämpfer gegen den Antichristen…Denn er kann die Tech-Konzerne als Organisationen des Widerstandes gegen den Antichristenn „von allen regulatorischen Hürden befreien“ (S. 54), also die Monopol – Stellung der Tech – Konzerne definitiv durchsetzen.
Peter Thiel und Vizepräsident J.D. Vance kennen sich seit etlichen Jahren. Die entscheidende Begegnung fand 2011 statt. Thiel wurde der „berufliche, religiöse und politischer Mentor“ von Vance, betont Henze (S. 53). Vance entwickelte eine „bedingungslose Loyalität zum Tech -Milliardär“(ebd.) .
Konkurrenz in der Wirtschaft lehnt Thiel ab: „Nur Monopole seien erfolgreich“(S. 54), d.h. sie bringen den gewünschten großen Gewinn fürs eigene Konto.
Zur Glaubenshaltung des zum Katholizismus konvertierten Vizepräsidenten J.D. Vance schreibt Henze: J.D. Vance glaubt an einen „Identitäten Katholizismus“. Seltsamerweise lebt er aber mit seiner Ehefrau eine gar nicht so katholisch-identitäre Ehe: Denn Usha Chilukuri Vance ist überzeugte Hinduistin… Immerhin: Die Kinder sind katholisch getauft, die klassische päpstliche Forderung in Mischehen wird also befolgt!

Ende Juni 2026 hat Vance sein neues Buch vorgelegt mit dem Titel „Communion – Finding my way back to faith“ (Harper, New York). Eine Art Bekenntnisbuch, ein klein bißchen auch selbstkritisch, es erzählt von seiner Konversion, aber „man sollte das Buch weniger als Auseinandersetzung mit dem Katholizismus lesen“ statt dessen mehr als ein moralisch gefärbtes Bewerbungsschreiben um das Amt des Präsidenten verstehen, bewertet Christiane Lutz in einer ausführlichen Rezension in der Süddeutschen Zeitung (20./21. Juni 2026, S. 19) das Opus von 304 Seiten. Aber eins steht nach wie vor fest für Vance: „Das Fehlen christlicher Werte ist einer der Gründe, warum es mit der westlichen Welt bergab geht“ (Christiane Lutz). Er sorgt ja mit Trump und Seinen für diese „Werte“…
Aus aktuellem Anlass nebenbei: Es gibt offensichtlich eine Verbindung des CDU Politikers Jens Spahn mit dem privaten Netzwerk von Peter Thiel siehe: Tagesspiegel, 18.Juni 2026, LINK.

10.
Im Kapitel über Trump ist wichtig: Mit Trump geschieht die „finale Absage an den demokratischen Rechtsstaat“ (S.162). ..„In all dem sehe ich wesentliche Merkmale eines autoritären und faschistischen Staates“ (ebd.) . Wichtig ist: Trump und seine nationalistischen engen Mitarbeiter glauben an das „wirkungsmächtige Narrativ der religiösen rechten, dem Seven Mountains Mandat“ (S. 13). Das heißt: Die Leute meinen, in sieben Bereichen („Mountains“, Bergen) müsse das Christentum herrschen: In der Religion, der Familie, der Bildung, der Regierung, in den Medien, der Wirtschaft und in Kunst und Kultur. (S. 13) Also: In allen Bereichen sollen die Grundsätze des Christentums (so, wie es de Nationalisten verstehen) herrschen. Christus soll als der „oberste König“ über dem Staat stehen: „Ein solches totalitäres Gesellschaftsbild kann nur in einer Diktatur verwirklicht werden…dahinter steht der Ruf nach einer Theokratie als Herrschaftsinstrumentarium des 21. Jahrhunderts“ (S. 13).

11.
Arnd Henze erinnert daran, dass der international geschätzte Historiker Timothy Snyder schon 2017 einen neuen, durchaus originellen wie treffenden Begriff für das Trump -Regime wählte, der das ganze Verstörende dieser Herrschaft – besonders in den Innenpolitik – gültig und treffend zusammenfasst: Es ist der Begriff „Sadopopulismus“. Das heißt: Der rechtsextreme Populismus im Trump Regime und der MAGA Bewegung ist sadistisch bestimmt: Also: Diese regierenden Herren wollen mit ihrer Politik bewusst und gezielt die Schwachen quälen: Arme, Ausländer, Eingewanderte, Farbige, die weite Gemeinschaft der Queers usw. und auch die Millionen Armen in der sogenannten Dritten Welt, die auf Befehl Trumps keine Hilfe mehr von USAID erhalten und so bewusst von Trump und den Seinen in den Hungertod geschickt werden.
Die von Trump und Co. inszenierte sadistische Qual bedeutet für die Menschen in den USA: Das Regime will die genannten Armen weiter tief unten halten im Elend, am liebsten viele aus den USA mit brutaler Gewalt (siehe die Untaten der Grenzschutzbehörde ICE) rausschmeißen. Und statt de facto wird aller Reichtum für die bisher schon Reichen, die Millionäre und Milliardäre, durch eine „Steuerpolitik“ vermehrt.

12.
Der Begriff Sadopopulismus hat – dem Tool folgend – eine perverse Nuance: Denn dieser Sadismus setzt eine Hierarchie von Grausamkeiten gegenüber den vielen Armen voraus: „Die eigenen Schmerzen werden erträglich, weil man anderen zusehen kann, die es viel heftiger trifft. Die Regierung lässt dich zwar (ökonomisch) leiden, etwa die schlecht bezahlten Arbeiter, also möchtest du sadistisch, dass andere noch mehr leiden als du“ (S. 155). Diese gezielt eingesetzten, abgestuften Leidenserfahrungen in der Gesellschaft der USA führen „zur Zerstörung jeder Vorstellung von Gesellschaft als einem sozialen Raum, und in dem es um eine bessere Zukunft für uns alle geht“ (ebd.)

13.
Einige unserer FRAGEN, angestoßen durch das Buch „Mit Gott gegen die Demokratie“:
Wie verhalten sich evangelikale Kreise in der EKD, wie evangelikale, selbständige Kirchen in der BRD, etwa die Baptisten, zu ihren nationalistischen rechtsextremen „Mitchristen“ in den USA? Welche Distanzierungen als öffentliche Stellungnahmen liegen da schon vor?

Warum gibt es offenbar wenig Solidarität der protestantischen Gemeinden etwa in Deutschland mit den Trump – widerstehenden KirchenGemeinden und Organisationen (etwa die unterreligiöse Gruppe „Poor People´s Campaign“) in den USA?

Wie wird die richtige Erkenntnis von Arnd Henze in kirchlichen und theologischen Kreisen in Deutschland aufgenommen: „Religionen, auch die Kirchen, tun der Förderung und für den Bestand der Demokratien NICHT gut“? Wie äußert sich Hartmut Rosa zu dieser richtigen Erkenntnis von Arnd Henze, die er ja nicht allein vertritt, siehe etwa Horst Dreier, Prof. u.a. für Rechtsphilosophie, in seinem Buch: „Staat ohne Gott“ (2018). Der bekannte Soziologe Hartmut Rosa hat ja dafür plädiert, dass Demokratie zum eigenen Bestand die Kirchen braucht. LINK
In der „Süddeutschen Zeitung“ vom 7. April 2026, Seite 16, hingegen betont Henze: „Es fehlt jede empirische Evidenz dafür, dass Religion mit ihrem inhärenten Absolutheits – und Machtanspruch einer Demokratie guttut.“

Wie können demokratische Politiker in Europa, in Deutschland, den Umgang mit Trump und seinen engsten Mitarbeitern überhaupt ertragen, wenn sie wissen, was Arnd Henze ausführlich beweist: Eigentlich sind diese Trump – Leute erklärte Feinde der universell geltenden Menschenrechte? Sie sind, wie Henze treffend schreibt, „ohne moralische Maßstäbe“ (S. 161). Werden totale Selbstverleugnung und Schmeichelei gegenüber den angeblich allmächtigen Herrschern im Trump Regime zu Voraussetzungen für Menschen, die in den Demokratien Europas noch als Politiker handeln wollen? Sollten nicht auch demokratische Politiker wie Propheten der Demokratie zu Trump sagen, das was Bischöfin Mariann Edgar Budde direkt zu Trump in der „Washington National Cathedral „am 21.1.2025 betonte: „Haben Sie Erbarmen, Mr. President“ (S. 178).

Arnd Henze weist in seinem Buch ausführlich auf den Theologen Dietrich Bonhoeffer (1945 von den Nazis ermordet) hin, der – nach allen Mahnungen und Warnungen gegenüber einem Unrechtsregime – die Möglichkeit empfiehlt, diesem Unrechtsregime, so wörtlich, „in die Speichen zu greifen“, also diese Herrschaft zum Stehen – und damit vielleicht zum Verschwinden – zu bringen?

Was bedeutet diese kluge Erkenntnis Dietrich Bonhoeffers auch für Europa, auch für Deutschland, wenn Rechtsextreme immer deutlicher die Macht übernehmen wollen oder Politiker der rechten, sich christlich nennenden Parteien die Forderungen der Rechtsradikalen – etwa hinsichtlich der Flüchtlingspolitik – übernehmen, und mit dieser nachweislich erfolglosen Strategie keine Stimme etwa der AfD in die eigene Partei CDU/CSU ziehen.

Es wird oft – zumal in Deutschland – darüber diskutiert, ob man das Trump Regime faschistisch nennen darf oder nennen sollte. Arnd Henze argumentiert in der Frage differenziert.
Auch die Verwendung des Begriffs „Konzentrationslager“ für die entstehenden Massenunterbringungen von Guantanamo Bay bis Alligator Alcatraz muss neu überdacht werden und die KZs in Nazi – Deutschland haben nicht „die Ehre“ einzigartig zu sein“, auch darauf weist Henze hin und erinnert an die zehn USA „Relocation Center“ für Japaner im 2. Weltkrieg oder an die Lager in den afrikanischen Kolonien der Europäer usw…

Eine interessante Parallele: In den USA fordern und fördern die rechtsextremen evangelikalen Kreise die von ihnen geleiteten Privatschulen sowie auch den Unterricht zuhause bei den eigenenEltern, „außerhalb staatlicher Strukuen und Kontrolle“ (S. 76). Auch mit den Millionen – Spenden – Einnahmen der evangelikalen Mega-Churches ist es gelungen, „ein Parallelimperium christlich – nationalistischer Bildungseinrichtungen zu schaffen, wo inzwischen zwei Generationen rechter Kulturkämpfer ausgebildet wurden – eine weiße `Untergrundarmee christlicher Krieger`, wie es der heutige Verteidigungs- (und Kriegs-) Minister Pete Hegseth martialisch auf den Punkt bringt“: (Arnd Henze in „Publik -Forum, Nr. 11, Juni 2026, S. 14).
Die AfD in Sachsen – Anhalt fordert auch die Stärkung des Unterrichts der Kinder durch die Eltern (Mütter) zu Hause… Die AfD behauptet, öffentliche Schulen verhindern die optimale Leistungsfähigkeit. In den öffentlichen Schulen würden vor allem den Kindern “fragwürdige Lebensansichten“ vermittelt. Eine Position, die sich mit den Evangelikalen und Rechtsradikalen in den USA deckt. Die AfD übernimmt bereits inhaltlich Ideologien der nationalistisch – christlichen Trump – Regierung.

Arnd Henze, Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht.“ Gütersloher Verlagshaus, 2026, 2. Auflage 2026, 224 Seiten, 20 €. Mit QR-Codes wird auf weiterführende audiovisuelle Quellen verwiesen!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon.de. in Berlin.

 

 

Ein Jahr Papst Leo XIV.: Freundlich-lächelnd, konservativ, ängstlich

Ein Hinweis von Christian Modehn anläßlich der Papstwahl am 8. Mai 2025.

Siehe auch eine Ergänzung am 10. Mai 2026: Siehe die Nr.3 dieses Hinweises.

1.
Vor einem Jahr, am 8.Mai 2025, wurde der us-amerikanische Kardinal mit einem peruanischen Pass Robert Prevost aus dem Augustinerorden (OSA) zum Papst gewählt.
Obwohl wir im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin wissen, dass es sehr viel dringendere Themen gibt für die bedrohte Menschheit heute, als an einen noch relativ frisch im Amt herrschenden Papst zu erinnern: Wir wollen entgegen den meisten offiziellen Trends der Presse und der Kirchenleute, die Papst Leo XIV. als „geistlichen Führer“ oder mutigen Trump – Kritiker hinstellen, doch dringend darauf aufmerksam machen:

Dieser Papst mag für weltpolitische Fragen, sozusagen nach außen, gewisse Sympathien der Nachdenklichen wecken.

Innenpolitisch, also für die innere Gestalt der römisch – katholischen Kirche ist dieser Papst ein Konservativer, er ist überhaupt nicht interessiert, mit dieser Kirche, über die er als unfehlbarer Papst herrscht, alsbald eine grundlegende Reformation (und nicht oberflächlichen Reförmchen) zu gestalten.
Die Liste der Forderungen ist lang und seit mindestens 70 Jahren permanent von sehr reflektierten Theologen vorgebracht, das alles zu wiederholen ermüdet total die kritischen Journalisten: Kurzum, mit diesem Papst ist – bis jetzt – ein weiterer Stillstand in der Kirche zu erwarten: Hinsichtlich der Anerkennung der versöhnten Verschiedenheit der getrennten Kirchen, hinsichtlich der nun auch von katholischen Bischöfen permanent geforderten Aufhebung des Pflichtzölibates für Priester, hinsichtlich der dringend (!) zu realisierenden Zulassung von Frauen zum DiakonInnen – und PriesterInnenamt. Nichts tut sich, d.h. nicht tut der Papst, er lächelt die großen Themen freundlich weg…

Auch dieser Papst denkt mehr an das zahlenmäßige Wachstum der Kirche in Afrika als an die noch verbliebenen nachdenklich – krischen Katholiklen etwa in Europa, die die Moderne und den katholischen Glauben endlich versöhnen wollen. Bei dem Thema wird die Frage dringend: Kann ein einziger Papst von Rom aus die katholische Kirche (1,4 Milliarden Mitglieder) regieren, d.h. beherrschen, oder bräuchte es nicht mehrere „PatriachInnen“, jeweils auf allen Kontinenten präsent. Das Ein – Mann Papsttum würde damit verschwinden… Aber solche Gedanken werden nicht öffentlich diskutiert! Vielleicht weil die klerikalen Fundamentalisten Im Vatikan und anderswo  denken: Christus hat nur den einen Petrus als Papst berufen…Also darf es nur einen Papst geben… so ticken wirklich manche Leute…

Aber wenn das so weitergeht mit dem Papst – Regime: Es wird bald niemanden mehr geben, der sich öffentlich noch für eine Reformation (sic) der römischen Kirche heute und jetzt sofort einsetzt. Vernünftige Katholiken haben diese Kirche längst verlassen… Aber es gilt: Katholisch-Sein und Sisyphus – Sein ist nicht identisch! Denn: Es gibt die Freiheit des Evangeliums des Weisheitslehrers Jesus von Nazareth…

Wir haben keine Erwartungen, dass Leo zum Papst der grundlegenden katholischen Reformation wird: Siehe unseren LINK

Von einer bestimmtem Veränderung der Kirche als Institution spricht Leo hingegen am 5. Mai, ein kleines Zeichen der Reform-Bereitschaft? Sicher nicht, denn von einer entscheidenden Veränderung, Reform, der dogmatischen und moralischen Lehren spricht der Papst nicht, es geht ihm um Strukturen…: LINK 

Siehe auch den Gastbeitrag des Theologen, Journalisten und Publizisten Michael Meier, Zürich LINK

2.
Hingegen wird versucht, Papst Leo in einer populistischen Ecke noch beliebter zu machen:
„Das Modemagazin „Vogue“ hatte Papst Leo XIV.  zu einer der bestgekleideten Persönlichkeiten des Jahres 2025 gewählt. Dabei wurde der „Bruch mit dem bescheidenen Geschmack seines Vorgängers Papst Franziskus“ betont. Filippo Sorcinelli ( der offen homosexuelle italienische Designer, der unter anderem auch die Päpste Benedikt XVI. und Franziskus einkleidete) erklärte dazu (ausgerechnet der populären englischen Daily Mail), Franziskus habe eine „überraschende Einfachheit, fast schon eine evangeliumsgemäße Provokation“ gewählt. Bei Benedikt XVI. sei es hingegen die Verwurzelung in der Tradition. Doch Leo XIV., so der Designer, verkörpere ein Gleichgewicht zwischen Benedikt und Franziskus.“ Quelle: LINK

Auch aufgrund der Liebe Leo XIV. zu den alten, aber durchaus chicen Papstgewändern und den Gemächern in Castel Gandolfo wird man sagen: Leo XIV. ist gern Papst und er genießt auch die äußeren Privilegien des Stellvertreters Christi auf Erden (bitte beachten: Es heißt nicht: Des Stellvertreters Jesu von Nazareth auf Erden…Denn Christus ist der dogmatisch verkirchlichte Jesus von Nazareth)

3.

Ergänzung am 10.5.2026: Papst Leo ist populär (populistisch): Weitere Hinweise am 10.5.2026

A.  Ergänzung am 11.5.2026: Es ist schon hoch erstaunlich (und für die verbliebenen Katholiken eigentlich peinlich), wie sehr ausführlich der offizielle Pressedienst des Papstes auf diese Begegnung von Augustiner-Papst Leo und den Chefs der Augustiner-Brauerei in München eingeht, und dabei die vermittlende Rolle von Kardinal Marx, Mpünchen, lobt! Quelle: https://www.vaticannews.va/de/kirche/news/2026-05/papst-leo-xiv-audienz-augustiner-braeu-muenchen-interview.html?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=NewsletterVN-DE

Am 10.5.2026: Papst Leo empfängt die Inhaber der Augustiner-Brauerei, München. Der erste Satz der KNA Meldung vom 9.5.2026 heißt: „Vom Augustiner-Biergarten auf den Papstthron“….(Tatsächlich hatte Robert Prevost als General-Prior des Augustinerordens einst den Augustiner-Biergarten in München besucht).
Diese Begegnung von Augustiner-Bräu und Augustiner-Papst bringt sicher viel Werbung, viel Segen, d.h. Gewinn für diese ohnehin beliebte Brauerei in München. Die Konkurrenz wird böse sein: Wann wird denn endlich aus dem Paulaner-Orden jemand Papst, fragt sich die „Paulaner – Brauerei“, genauso wie Franziskaner – Brauerei und so weiter.
…
Nebenbei: Diesen Orden Paulaner gibt es wirklich, allerdings ist er viel kleiner als der ebenfalls kleine Augustinerorden: Die Paulaner werden offiziell „Minimi“ genannt, die Geringsten, sie haben heute ca.150 Mitglieder…Sie sind zu ständigem Fasten verpflichtet, dürfen aber Bier trinken!

Papst Leo gab der durchaus dem Volke und der Werbung zugewandte Begegnung mit den Chefs der Augustiner- Brauerei noch eine tiefere Bedeutung: „Ich ermutige euch daher, wenn ihr nach Hause zurückkehrt, weiterhin sowohl beruflich als auch persönlich euren Beitrag zur Förderung eines gerechten und wirksamen Ansatzes für die Bewahrung der Schöpfung im Sinne des Gemeinwohls zu leisten“, sehr gut hatte sich Leo XIV. Diese hölzerne Rede aufgeschrieben, „bevor er die Audienz-Teilnehmer aus Süddeutschland segnete“, so die katholische Nachrichten Agentur KNA.
Von der Gefahr des Alkoholismus – auch unter Priestern und Mönchen – sprach der Papst leider nicht, auch keine Rede davon, die Preise für alkoholfreies Bier billiger zu machen.
Es ist hier wie in den folgenden zwei Beispielen immer diese Masche des Augustiner-Papstes: Zuerst sich populär geben, also den Interessen der Leute sehr nahe kommen, dann aber im zweiten Teil etwas moralisch – theologische Weisungen ranhängen. Diese Mahnungen treten aber angesichts der populären Ereignisse, Bilder und Floskeln in den Hintergrund. Also: der Populismus überwiegt…
 
LINK: https://katholisch.de/artikel/68509-augustiner-brauerei-zu-besuch-bei-papst-leo-xiv

B.
Während des Besuches Papst Leos in Neapel geschieht das obskure, durchaus abergläubische Blutwunder des Heiligen Gennaro, diesmal sogar „außerhalb des üblichen Turnus“: Es gibt für dieses Wunder also einen regelmäßigen Turnus, dies passt ja nun gar nicht zur üblichen Wunder-Theologie-Ideologie…

LINK: https://katholisch.de/artikel/68506-waehrend-des-besuchs-von-papst-leo-xiv-blutwunder-in-neapel

C.
Robert Prevost trägt so tolle Speaker von NIKE: So die begeisterte NIKE – Sneaker Gemeinde jetzt: “Kommentare wie „Nike wurde jetzt offiziell gesegnet“ oder „Du kannst den Jungen aus Chicago holen, aber nicht die Nike-Schuhe aus dem Jungen“ verbreiteten sich rasant im Netz“, so KNA…. Nike wird sich freuen und weitere Schuhe in den Apostolischen Papst schicken. Oder um die Segnung der NIKE Schuhe bitten: Solche Sachen, auch Handys, Autos, Tiere werden ja bekanntlich gern vom katholischen Klerus, auch den Bischöfen, gern gesegnet, Homosexuelle oder wiederverheiratet Geschiedene eher nicht so gern, am besten gar nicht, sind ja Sünder. In jedem Fall werden nun alleNIKE – Sneaker – Fans bald regelmäßig an der Messe teilnehmen…

Quelle: https://katholisch.de/artikel/68507-papst-leo-xiv-begeistert-ploetzlich-sneakerfans

Bald wird jemand herausfinden, welche Unterwäsche Papst Leo trägt, sicherlich ist es französische. Auf den Namen des Designers sind wir gespannt, doch wohl nicht HOM? Aber anläßlich seiner Pastoralreise im Herbst 2026 nach Frankreich könnte er seine von der Firma zu Werbezwecken geschenkte französische Unterwäsche am besten bei seinem Aufenthalt in Lourdes segnen (heiliges Wasser ist dort). Und dabei den Frauen dankt, die diese Unterwäsche in Bangladesch liebevoll nähen und nur einen Hungerlohn erhalten., leider, leider, …. diese Lieferketten…

Wie Papst Leo mit den sexuellen Missbrauchstätern umzugehen gedenkt, hatte er schon 2025 angekündigt: „Papst Leo XIV. hatte im vergangenen Jahr die Erwartungen gedämpft, dass sich im Umgang der katholischen Kirche mit Missbrauchsvorwürfen grundlegend etwas ändern werde. Der Missbrauch durch Geistliche sei zwar eine »eine echte Krise«, bis zum Nachweis ihrer Schuld gelte jedoch die Unschuldsvermutung, und Beschuldigte sollten entsprechend »geschützt« werden, sagte der Papst in einem Interview. Den Opfern müsse die Kirche mit »großem Respekt« und »Verständnis« begegnen, sagte Leo. Das Thema sexueller Missbrauch solle während seines Pontifikats aber »nicht zum zentralen Thema der Kirche werden«. Quelle: LINK.

D.

Es wird weiter im Vatikan problemlos gesegnet, bei den Homosexuellen ist die Segnung ja höchst umstritten… : Nun werden auch auch Duschmobile in ROM gesegnet: . LINK   

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Martin Heidegger vor 50 Jahren gestorben: Und seine Philosophie? Eher tot als lebendig!

Ein Hinweis von Christian Modehn anläßlich des Todestages Martin Heideggers am 26. Mai 1976.

ERSTES KAPITEL:
Der Ausgangspunkt:
Heideggers „noch frühe“ Philosophie (etwa „Sein und und Zeit“ von 1927) , vor allem sein spätes „Denken“ seit Mitte der dreißiger Jahre können keine inspirierende Orientierung bieten zu den großen Problemen unserer Gegenwart. PhilosophInnen leben und denken nicht in esoterischen, weltfernen Zirkeln. Sondern inmitten der Krisen der Welt wollen sie helfen, unsere Gegenwart „auf den Begriff zu bringen“ Und da ist bei Heidegger für die philosophisch Interessierten, die LeserInnen, nichts Weiterführendes, nichts Hilfreiches, zu entdecken: Da kann man sich bestenfalls abarbeiten an der Frage` Wie können wir seine Aussagen ganz anders denken und überwinden?
Es ist schon klar, dass direkte politische Ratschläge von PhilosophInnen nicht zu erwarten sind. Aber bei Heidegger ist die Situation besonders irritierend: Hat er doch eine ausgearbeitete Ethik oder „praktische Philosophie“ nicht denken können und wollen. Aber selbst zwischen den Zeilen seiner dann – nach der Wende, Kehre seines Denkens in den dreißiger Jahren – schwer nachvollziehbaren Texte gibt es keine Perspektiven, die als Orientierung zu jetzt aktuellen Problemen zu deuten wären.

Zu den seit Jahrzehnten besprochenen, aber nicht gelösten Umweltkatastrophen, zur globalen Ungerechtigkeit gegenüber den Armen, zum Neoliberalismus, Neokolonialismus, zur Umverteilung des Reichtums der Milliardäre, zum Neofaschismus in allen Ländern Europas, zur Krise der Demokratie, Verachtung der Menschenrechte weltweit… und so weiter hat Heidegger nichts gesagt und heute nichts zu sagen. Wer auch nur ansatzweise die Philosophie und das Denken Heideggers kennt, muss das erkennen! Es sei denn, man zieht noch einzelne Sätze, einzelne Aspekte, aus seinem Werk heraus, etwa zu seiner Technik – Kritik oder zur „Verfallenheit“ der Menschen an das „Man“. Aber wer etwa Hölderlin oder Nietzsche als solche verstehen will, braucht nicht Heideggers absonderliche Interpretationen; wer die Geschichte der Metaphysik verstehen will, muss sich nicht auf die totale Ablehnung der (klassischen) Metaphysik durch Heidegger einlassen und nur noch die Vorsokratiker hochschätzen.

Ergänzung am 22.5.2026: In dem Zusammenhang muss an Karl Jaspers erinnert werden, er äußerte sich zur gesellschaftliche Relevanz der Philosophie Heideggers: „Die großen Fragen nicht berühren: Geschlechtlichkeit, Freundschaft, Ehe, – Lebenspraxis – Beruf – Staat, Politik, – Erziehung usw.“ So Karl Jaspers über Martin Heidegger, in der Nr. 249 seiner Notizen, in: Karl Jaspers, „Notizen zu Martin Heidegger“, hg. von Hans Saner, Oktober 2013, Seite 381, notiert zwischen 1961 und 1964.  Weiteres zu Karl Jaspers: siehe Fußnote 1.

Es muss von Anfang an deutlich sein: Heideggers umfangreiches Werk liegt nun zwar vor, aber lediglich als so genannte „Gesamtausgabe“. Sie kann den Anspruch einer für wissenschaftliche Forschung übliche kritische Werkausgabe nicht erfüllen. Deswegen werden sich selbstverständlich Philosophen, Politologen, Historiker und vor allem auch Psychologen wegen seines extremen egozentrischen „Sendungsbewusstseins“ weiter Heidegger wissenschaftlich – kritisch befassen müssen. So wie es ja auch selbstverständlich ist, eine kritische wissenschaftliche Forschung zu Ernst Jünger, Carl Schmitt, Arnold Gehlen oder Céline und vielen anderen zu leisten, die sich wie Heidegger in einem rechtsextremen Denken verirrten. Der Philosoph Hans Jörg Sandkühler hat in seinem Beitrag „Kaum einer, der sich nicht angepasst hätte“ über in Deutschland verbliebenen deutschen Philosophen in der Nazi-Zeit geschrieben: Fast alle waren, wenn nicht überzeugte Nazis, so doch Mitläufer und Sympathisanten. Dieser wichtige Beitrag zeigt die Verführbarkeit der Philosophen durch rechtsextremes, antisemitisches Denken, siehe unten den Literaturhinweis.
Die immer wiederkehrende, stereotype „allgemeine“ Einschätzung Heideggers als eines „Philosophen von Weltrang“ wird man also neu bestimmen müssen … und als globale „Ehrenbezeichnung“ wohl beiseite legen: Das sind die grundlegenden Perspektiven zum 50. Todestag Martin Heideggers. Sein Werk muss weitererforscht werden, es ist aber für die Probleme der Gegenwart irrelevant, nicht weiterführend, kurz: nicht hilfreich. Das gilt für die LeserInnen seiner Werke, es sei denn man will In der reflektieren Ablehnung Heideggers auf eigene Gedanken der Kritik kommen…

Diese hier nur skizzierte Erkenntnis ist schmerzlich für die vielen „alten“, also ehemaligen Heidegger – Fans, Schüler Heideggers , die einen großen Teil ihrer Lebenszeit mit dem Entziffern, Hin – und Her-Wenden, dem Durchkauen und Nachbeten von Heidegger Texten verbracht haben. Sie fragen sich: Wohin hat uns unser Heidegger – Studium geführt? Ist unsere Existenz, unser Dasein, durch seine Ausführungen heller, klarer, lebendiger geworden?
Im zweiten Kapitel unseres Hinweises – aus aktuellem Anlass – einige zentrale Erkenntnisse zu Leben und Werk Martin Heideggers, wieder in gebotener Kürze und in nachvollziehbarer, nicht im esoterischem Jargon des späten Heidegger. Es wird also auf elementare Erkenntnisse zu Leben und Werk Heidegger hingewiesen, so wird deutlicher, was in unseren Thesen des ersten Teils aufgezeigt wurde. Die Hinweise des Zweiten Kapitels sind bei dem umfangreichen Werk selbstverständlich kleine, fragmentarische Essays. Sie können die weitere Auseinandersetzung für „Nicht – Fach – Philosophen“ fördern. Aber: Wer darf sich schon „Fachphilosoph“ nennen, wenn man nur an die allgemeine Verführbarkeit der allermeisten in Deutschland verbliebenen Philosophen durch die Nazi – Ideologie denkt? Karl Jaspers gehört sicher zu den wenigen Aufrechten in dieser Zeit…

ZWEITES KAPITEL:

1.
Zur Gesamtausgabe:
Zur sogenannten „Gesamtausgabe“ muss beachtet werden: „Es existiert kein unabhängiges wissenschaftliches Herausgeber-Gremium, sondern es ist die Familie Heideggers, die die Herausgeber bestimmt, als ersten den letzten persönlichen Assistenten Heideggers Friedrich Wilhelm von Herrmann, der dann zum ‚leitenden Herausgeber‘ aufstieg.“ Quelle: Anton M. Fischer: Späte Götterdämmerung. In: Marion Heinz, Sidonie Kellerer (Hrsg.): Martin Heideggers ‚Schwarze Hefte‘, Berlin 2016, S. 416–439. hier: S. 423.
Der us-amerikanische Philosoph und Heidegger – Spezialist Richard Wolin betont, „dass die Hüter von Heideggers Nachlass ebenso wie die Editoren systematisch pro-nazistische und antisemitische Äußerungen aus den veröffentlichten Versionen von Heideggers Texten getilgt haben. Was die oft vorgebrachte Behauptung, es handele sich um eine Ausgabe ‚letzter Hand‘, Lügen straft“. Solange es keine Kritische Ausgabe von Heideggers Werken gebe, habe man keine Gewissheit über das, was Heidegger seinerzeit geschrieben hat, betont Richard Wolin. Quelle: Richard Wolin: Heideggers „Schwarze Hefte“: Nationalsozialismus, Weltjudentum und Seinsgeschichte. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (Heft 3-2015). de Gruyter, München. Wolin hat kürzlich das grundlegende Buch veröffentlicht: „Heidegger in Ruins: Between Philosophy and Ideology“ (2022).
Der Journalist Eggert Blum erklärt vor dem Hintergrund der Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“, warum „Heideggers Judenfeindschaft“ nicht schon früher in der Gesamtausgabe sichtbar geworden sei. Blum erhebt den Vorwurf, dass Heideggers Erben über viele Jahre antisemitische Spuren „mit Eifer verwischt“ hätten, beispielsweise im Band 69 der Gesamtausgabe „Geschichte des Seyns“ den Satz mit der „Vorbestimmung der Judenschaft für das planetarische Verbrechertum“, den der junge Herausgeber Peter Trawny 1998 auf Geheiß von Friedrich-Wilhelm von Herrmann eliminiert hatte. Quelle. Eggert Blum, Schwarze Hefte, geschönte Werke, „SWR2“, 12. November 2014.

2. Zu den „Schwarzen Heften. …..
Die in weiten Kreisen übliche Qualifizierung Heideggers als eines Denkers von Weltrang wurde definitiv erschüttert durch die Veröffentlichung der so genannten „Schwarzen Hefte“. Es handelt sich dabei im Original um 33 schwarze Wachstuch-Hefte, die Heidegger als seine „Denk-Tage-Bücher“ verwahrte und deren Veröffentlichung er erst post mortem gestattete. Im dritten Band dieser Hefte, im März 2014 publiziert, zeigt sich Heidegger mit antisemitischen Äußerungen und seiner Verbundenheit mit der Nazi – Ideologie. „Mit der Veröffentlichung von Heideggers „Schwarzen Heften“ im Jahr 2014 wurde deutlich, dass er eine weitaus radikalere Vision der `konservativen Revolution` vertrat, als zuvor vermutet. Wie sich herausstellt, bestand seine Unzufriedenheit mit dem Nationalsozialismus hauptsächlich darin, dass dieser nicht weit genug ging. Die Hefte zeigen, dass Heideggers Philosophie keineswegs vom Nationalsozialismus getrennt war, sondern vielmehr von ihm durchdrungen war,“ so Richard Wolin in „Heidegger in Ruins: Between Philosophy and Ideology“ 2023. In diesen persönlichen Notizen der „Schwarzen Hefte“ behauptet Heidegger, das Judentum zeichne sich durch „rechnendes Denken“ aus, zudem sei das Weltjudentum Schuld am 2.Weltkrieg.
Dabei hatten kritische Heidegger Forscher schon viele Jahre zuvor Heideggers Bindung an die Ideologie des Nationalsozialismus herausgearbeitet, etwa Studien über „Philosophie und Politik bei Heidegger“ von Otto Pöggeler (1972) oder schon 1965 Alexander Schwan. Der Philosoph und Politologe Prof. Alexander Schwan betonte erneut in seinem Beitrag in dem Band „Heidegger und die praktische Philosophie“ (1989): „Heidegger bietet nichts, was zur Überwindung des Nationalsozialismus beitragen könnte.“ (S. 100). Zudem hat Heidegger, so Alexander Schwan, „das Auftreten von Rassengedanken und Rassenzüchtung als seinsgeschichtliche Notwendigkeit anerkannt.“ (ebd.) Heidegger wird also nun deutlich gesehen als politisch gebundener rechtsextremer Philosoph, der nicht nur die Demokratie verachtete und das Führer-Prinzip fördern wollte, sondern dessen „schablonenhaften Analysen zum gegenwärtigen Zeitalter und zu den politischen Vorgängen gänzlich unzureichend sind. Sie sind darüber hinaus in ihrer Apodiktik gefährlich… Das damit von Heidegger eingeschlagene philosophische Vorgehen ist unzumutbar und inakzeptabel.“ Quelle: Alexander Schwan, „Heidegger und die praktische Philosophie“, Suhrkamp, 1989, S. 105). Und der US-amerikanische Historiker und Philosoph Richard Wolin zeigt, „dass Heideggers gesamter vernunftkritischer Ansatz und seine verstörenden antisemitischen Bekundungen eng verknüpft sind“.
In seiner großen Heidegger Biografie schreibt der Philosophie-Historiker Guillaume Payen : „Heideggers Volk bestand aus einheitlichem Blut , das die Juden ausschloss“ (S. 602). Und: „Seine Überzeugung ist, dass Deutschlands Heil Adolf Hitler heißt, das stand vor Januar 1933 für ihn fest“, schreibt der Philosoph Jean-Paul Bled, in Payen, S. 11.
Zu dem Buch „Martin Heideggers Schwarze Hefte“ (hg. von Marion Heinz und Sidonie Kellerer, Suhrkamp 2016), schreibt Sabine Hollewedde zusammenfassend: „Bis in postmoderne Positionen hinein zieht sich das Erbe der Heideggerschen Subjekt- und Vernunftkritik sein ‚fatalistischer Kern‘, der den Menschen jede Fähigkeit zur Emanzipation abspricht und gar noch fordert, sie mögen sich in das (Seins-)Geschick fügen. Dass ein solches Denken nicht bloß Affinität zu einem faschistischen Politikverständnis besitzt, sondern diesem seinem Kern nach entspricht, macht die Lektüre der Beiträge dieses Bandes deutlich.“ (zit. in https://www.socialnet.de/rezensionen/21684.php)
Direkt zum Antisemitismus Heideggers in den „Schwarzen“ Heften“, oft schwer genau zu entschlüsseln, hat der Jurist Alfred J.Noll in seiner Heidegger – Kritik Einges Wesentliche gesagt, er fasst Äußerungen Heidegger in den Schwarzen Heften, veröffentlicht in der „Gesamtausgabe“ Band 96, zusammen: “Die Juden sind unfähig, und sie sind unwert – und sie werden, können und sollen in Hinkunft keine Bedeutung mehr haben“ (S. 188 in Noll). In Band 97 der „Gesamtausgabe heißt es: „ Die modernen Systeme der totalen Diktatur entstammen dem jüdisch-christlichen Monotheismus“ (S. 1189 in Noll).

3. Die Briefe an seinen Bruder Fritz
Auch in den Briefen Martin Heideggers an seinen Bruder Fritz aus den Jahren 1930 bis 1949 wird die Verbundenheit Martin Heideggers mit der Nazi-Ideologie und dem Antisemitismus deutlich. Oft spricht der Philosoph von der Sorge um seine „Kisten“ (also eigene Bücher- und Manuskript-Kisten), die doch bitte schön irgendwo gut versteckt und vergraben werden sollen – angesichts der Bombardements. Von den verfolgten und vernichteten Juden ist hingegen an keiner Stelle des Briefwechsels die Rede. Mitfühlende Äußerungen wurden von den Herausgebern gewiss nicht weggelassen. Denn solche Worte hätten ja wenigstens ansatzweise einen menschlichen, für die Juden und die anderen Verfolgten des Nazi-Regime mitfühlenden Heidegger gezeigt. Das war er aber nicht! Briefe sind enthüllender als Buchpublikationen eines Autors.
Es wird in den Briefen auch die maßlose, durchaus in Lächerliche gehende Selbsteinschätzung Martin Heideggers dokumentiert. So schreibt er am 10. Mai 1944, er müsse „hinauf“ in die Hütte von Todtnauberg. Denn er „spüre, dass das Seyn ihm etwas zu sagen habe“: „Ich fühle das Erwachen eines Denkens, dem ich mich jetzt einfach hinhalte, umweht von einem weither kommenden Atem der Geschichte des Seyns…“ Tausende Menschen sterben, Soldaten erfrieren, Juden werden systematisch umgebracht, und Heidegger „hält sich dem Seyn hin“ und fühlt sich „umweht“…. Dann folgt die maßlose Überhöhung seiner eigenen Rolle: „Zumal ist dies: Dass durch einen einzigen Menschen das Geheimnis spricht und in mir die Kühnheit des Denkens dem entgegenkommt und es befreien darf ins klare Wort“ (S. 101). Heidegger maßt sich eine geradezu prophetische Rolle an: „Durch einen einzigen Menschen spricht das Geheimnis“, also das göttliche Geheimnis? Heidegger sieht sich als diesen „einzigen Menschen“, durch ihn wird förmlich die Erlösung vermittelt, durch die ihm gewährte Gnade der Seyns-Hörigkeit.
Einige zentrale Sätze aus den „Briefen“ Martin Heidegger an seinen Bruder Fritz in Meßkirch:
Am 18. Dezember 1931:
„Es sieht so aus, als ob Deutschland erwacht und sein Schicksal begreift und erfasst. Ich wünsche sehr, dass du dich mit dem Hitlerbuch („Mein Kampf“) auseinandersetzt. Dass dieser Mensch einen außergewöhnlichen und sicheren politischen Instinkt hat… das darf kein Einsichtiger bestreiten. Es geht nicht um kleine Parteipolitik mehr, sondern um Rettung oder Untergang Europas und der abendländischen Kultur. Wer das auch jetzt nicht begreift, der ist wert, im Chaos zerrieben zu werden.“ (S. 21, 22)
Am 27.Juli 1933, S. 29:
„Ich nehme an, dass du nicht zu den Brüning Bewunderern (Brüning war Politiker der katholischen Zentrumspartei, CM) gehörst und das Zentrum den Weibern und den Juden als Zufluchtsstätte überlässt.“(S. 29). Der tiefsitzende Hass Heideggers auf alles Katholische kommt da erneut zum Ausdruck, CM.
Im Brief vom 3. 4. 1933 spricht Heidegger von der „internationalen jüdischen Hochfinanz.“
Am 12.2. 1945:
„Vermutlich ist jetzt trotz des Elends wenig Schmerz in der Welt“.
Am 23. Juli 1945, nach Kriegsende und dem Beginn der Überprüfungen der Nazi-Täter::
„ Alles ist übel und schlimmer als zur Nazizeit. (S 127).
Am 23. Juli 1945: „Hier (zu Hause, In Freiburg) ist es wenig schön, wir müssen KZ-Leute in die Wohnung nehmen… (bei den „KZ-Leuten“ handelt es sich wohl nicht um KZ Aufseher, sondern um überlebende Juden, dieses irritierende Wort „KZ – Leute wird in den langen Kommentaren zu den Briefen von den Herausgebern, dem Rabbiner Walter Homolka und dem Enkel Arnulf Heidegger, nicht kommentiert!), S. 126.
Am 31. Juli 1945: „Der Gesinnungsterror der (von Nazis nun etwas befreiten Fakultät) wird noch stärker als in der Zeit des Nationalsozialismus.“ (S.129).

4. Biografische Hinweise
Es darf nicht vergessen werden, dass Martin Heidegger als Kandidat fürs Priesteramt von 1909 bis 1911 katholische Theologie in Freiburg studierte, aus „gesundheitlichen Gründen“ dann dieses Studium aufgab zugunsten von Philosophie, Geschichte und Mathematik. (Vgl. Johannes Schaber, in Heidegger und die christliche Tradition, S.93. ). Am 30.9. 1909 war Heidegger sogar in das Noviziat der Jesuiten in Tipis bei Feldkirch eingetreten, wurde er aber schon am 13.10. 1909 wegen „schwacher physischer Konstitution“ entlassen. Daraufhin entschied er sich fürs Priesteramt in der Diözese Freiburg, dieses Projekt gab es 1911 auf, weil ihn Philosophie sehr viel mehr interessierte. (Quelle: Heidegger Handbuch, hg. Dieter Thomä, 2003, S. 517).
Kein biografischer Hinweis darf die Charakterstruktur Heideggers außer Acht lassen: Heidegger wollte schon als junger Philosoph ein ganz Besonderer sein, als eine Ausnahmegestalt gelten, spätestens seit „Sein und Zeit“ bis zum Tod und darüber hinaus durch die von ihm als posthum verfügten Schriften. Nur wer diesen exzessiven Drang zum Außergewöhnlichen bei Heidegger wahrnimmt, mit einer ganz besonderen Sendung ausgestattet und damit zur Führung berufen, kann verstehen, dass Heidegger so viele Leute tatsächlich über so viele Jahre auch seit 1950 etwa als eine Art Führergestalt faszinieren konnte. Heidegger als früheres Mitglied der Nazi-Partei passte seit den 1950 Jahren genau in eine bürgerliche politische Kultur der Bundesrepublik (und Frankreichs), die schon wieder einen weisen Führer verlangte, der zwar für die meisten Hörer und Leser viel Unverständliches-Esoterisches sagte und schrieb, der sich aber als ein hochbegabter philosophischer „Führer“ selbst von persönlicher Schuld in der Nazi – Herrschaft freisprach und damit anderen Mitläufern und Partei-Mitgliedern auch die Möglichkeit eines guten Gewissens bot: Denn Heidegger lehrte: Auch die Täter und Mitläufer der Nazi-Zeit folgten einer Art Schicksal, von ihm vornehm „Schickung“ genannt, dem bzw. der sie nicht entkommen, geschweige denn Widerstand leisten konnten. Heidegger hatte keine Scheu, sich als gehorsamer Hirte des Seins bzw. Seyns zu verstehen, der nur den Winken des Seins, Seyns, hörend und gehorsam folgen musste. „Oft danke ich dem Seyn, dass es mir Triebe zum Namenlosen des unscheinbaren Denkens zugeboren und durch Herkunft und Erziehungsgang festgegründet hat.“ , (Brief an Fritz, vom 21.2. 1946, S. 134).

5  Jugend und katholische Studentenzeit
Die sehr umfangreiche, sehr gründliche und um Objektivität bemühte Studie des französischen Historiker Guillaume Payen, in Frankreich unter dem Titel „ Martin Heidegger. Catholicisme, Révolution, Nazisme“ im Jahr 2016 veröffentlicht, in Deutschland erst 2022 publiziert unter dem allgemeineren Titel „Heidegger. Eine Biographie“ (Übersetzung von Walther Fekl). Die deutsche Ausgabe hat 703 Seiten, davon werden der Jugend und der frühen Dozentenzeit bis 1923 ca. 150 Seiten gewidmet. Mit anderen Worten: Auch für Pschologen, die sich mit Heideggers Charakter befassen werden, ist diese Jugendzeit im erzkatholischen Messkirch für Heidegger entscheidend und prägend. Hier nur so viel: Martin Heidegger wurde von seiner Familie (der Vater war Messner) in einem „brennenden katholischen Glauben erzogen“, betont der Philosoph Jean- Paul Bled in seinem Geleitwort zu Payens Studie. „Der Katholizismus seiner Familie war konservativ geprägt und lehnte die gottlose Moderne ab. Tradition, Demut und Gehorsams gegenüber dem Schöpfer waren die alles beherrschenden Begriffe ..“ So Guillaume Payen, Seite 47. Heidegger hatte sich, wie gesagt, fürs katholische Priesteramt entschieden, studierte von 1909 -1911 katholischeTheologie, wandte sich dann aber 1917 von der Kirche ab und wurde zum heftigen Gegner der Katholischen Kirche. Heideggers Begründung: Die Bindung an die Katholische Kirche und ihre Dogmen würde seine Freiheit als Philosoph zu sehr einschränken. Seine vielseitig gebildete Frau Elfride (sic) war Protestantin und sehr früh schon überzeugte NSDAP-Sympathisantin, sie bestärkte ihren Freund, späteren Mann in der Ablehnung des Katholizismus. Diese Haltung schloß für Heideger nicht aus, sich in seiner frühen Dozentenzeit sehr für Paulus und seine Briefe sowie für den Augustinus der „Confessiones“ zu interessieren sowie auch für Luther. Immer geht es dabei Heidegger um die Freilegung der frühchristlichen Lebenshaltung, dabei spricht er viel von Paulus, aber nicht von Jesus von Nazareth. Dieses Desinteresse an Jesus von Nazareth und seiner Botschaft zieht sich bis ins Spätwerk hin, wenn es um die Frage nach Gott bzw. den Göttern und dem Seyn geht. Trotzdem ist das heftige Interesse des „frühen Heidegger“ an der urchristlichen Lebenshaltung bemerkenswert, zumal er dabei für eine christliche Theologien plädiert, die sich von allen griechischen, d.h. metaphysischen Einflüssen freihält! (Constantino Esposito, „Von der Faktizität der Religion zu Religion der Faktizitäten“,S. 54 ff.)
Heidegger war seit 1927 „weltberühmt“ geworden wegen seines Buches „Sein und Zeit“, ein Versuch über die Analysen des faktisch gelebten „Daseins“ und dessen Bindung an die Zeit („Dasein“ nennt Heidegger den Menschen) die Frage nach dem Sein klären zu können. Dieses Projekt aber scheitert, trotz mancher vielfach zitierter Analysen des Daseins sieht Heidegger sein Werk „Sein und Zeit“ eher als Fragment an. Deswegen die „Kehre“ im Denken Heideggers: Da wird der Denker zum Hörer der Offenbarungen des Seins… Das umfangreiche „Sein und Zeit“ wurde als philosophische Sensation wahrgenommen und hatte Heidegger berühmt gemacht .. und er konnte glauben: Er sei als Philosoph zu Höherem berufen, so auch später zum philosophischen Führer selbst unter dem Führer Hitler…Über die Begrenztheit der Analysen des Menschen („Dasein“) in „Sein und Zeit“ gibt es zahlreiche Studien. Der Philosoph und Heidegger – Spezialist Jacques Taminiaux sagt in dem genannten Heft „Die Philosophen und der Nationalsozialismus“ (S. 67): Heidegger denke in „Sein und Zeit“ nur den radikal isolierten Menschen. „Für Heidegger dreht sich alles um die Konfrontation des einzelnen mit seiner eigenen Sterblichkeit, mit seiner endlichen Existenz… Weil er auf den Tod zuläuft, das heißt auf das Nichts. Zu keinem Zeitpunkt scheint ihm, wie der Philosoph Lévinas betont, der Tod eines anderen etwas anzugehen. Auf das Dasein eines Volkes übertragen, führt dieser Solpsismus Heidegger geradewegs in einen übersteigerten Nationalismus.“

6. Rektorat der Universität Freiburg
Die Diskussion um Heideggers Verstrickung in den Nationalsozialismus bezieht sich auch auf die Zeit seines Amtes als Rektor der Universität Freiburg. Im April 1933 wurde Heidegger Rektor der Freiburger Universität. Am 1. Mai 1933 war er in die NSDAP eingetreten. Seine Antrittsrede am 27.Mai 1933 hatte den Titel „Die Selbstbehauptung der deutschen Universität“. Am 3. November 1933 veröffentlichte Heidegger in der Freiburger Studentenzeitung einen Artikel mit dem Titel „Deutsche Studenten!“, darin schreibt er: „Lasst nicht Theoreme und Ideen die Regeln eures Lebens sein. Der Führer selbst und er allein ist die deutsche Wirklichkeit von heute und morgen und ihr Gesetz“; er schloss seine offizielle Rede mit dem Satz des nationalsozialistischen Grußes ‚Heil Hitler‘. (Quelle: www.information-philosophie.de/heidegger-nationalsozialismus.html)
Im April 1934 legte er jedoch das Amt des Rektors nieder, aber er lehrte weiter an dieser Universität. Als Rektor der Universität Freiburg will er ausdrücklich die Universität im Sinne der nationalsozialistischen Politik umgestalten. Er führt einen unerbittlichen Kampf, um zum philosophischen Vordenker der Bewegung der Nationalsozialisten zu werden, er ist so selbstbewusst, „den Führer zu führen“. Er muss erkennen, dass ihm das nicht gelingt und nennt später die Einschätzung seiner politischen Rolle seine Dummheit. Freilich sieht es Heidegger selbst nicht als Dummheit an, überhaupt Mitglied der NSDAP gewesen zu sein. Vom 1.Mai 1933 bis zum Ende des Hitler Regimes 1945 blieb er NSDAP-Parteimitglied.
Die französische Militärregierung, zuständig auch für die Universität Freiburg, verfügte Ende 1946, im Rahmen des „Entnazifizierungs-Verfahrens“ ein Lehrverbot „auf Dauer“ und den Ausschluss Heideggers aus der Universität. 1949 durfte Heidegger in Deutschland aber wieder veröffentlichen, und 1949 wurde das Lehrverbot aufgehoben, Heidegger blieb zwar offiziell emeritiert, seit dem Wintersemester 1950/51 durfte er wieder an der Universität als Lehrbeauftragter lehren. (Vgl. Nachwort zu „Was heißt Denken, Stuttgart 1992, s. 73.). Im Wintersemester 1951 hielt Heidegger die Vorlesung „Was heißt Denken?“, die Hauptthese: „Wir denken (noch) nicht“. Und Heidegger dachte in dieser Vorlesungen nicht im entferntesten daran, ein Wort zu seinem „Dasein“ in der Nazi – Zeit zu sagen. Und er dachte auch nicht daran, sich von seiner berühmten Rektoratsrede von 1933 zu distanzieren. Natürlich meinte Heidegger mit Denken nicht das selbstkritische, politische Denken, sondern wie immer bei ihm: Das Denken des Seins (Seyns)…Das war sein einer und einziger Gedanke…

7. Zur Gottesfrage
Seit 1919 ist Heidegger ein entschiedener Feind des Katholizismus, nicht aber des Christentums, wie er in einem Brief an Engelbert Krebs vom 9.1.1919 betont. Das Christentum erforscht Heidegger in den Briefen des Apostels Paulus, dabei geht es ihm nicht um den dogmatischen Inhalt, sondern um die formale Lebenshaltung der ersten Christen in der „Urkirche“, zumal ihr Umgang mit der Zeit ist ihm wichtig, vor allem mit der Erwartung der „Endzeit“. Dabei lässt Heidegger auch die Erörterung über Jesus als Messias beiseite. Mit der Abwendung Heideggers von der für die katholische Theologie damals grundlegenden Scholastik wird Luther für ihn wichtig, wobei es auffällt, dass Heidegger dabei das zentrale Luther-Thema der Rechtfertigung aus dem Glauben ignoriert (vgl.Karl Lehmann, Heideggers Beziehung zu Luther, in „Heidegger und die christliche Tradition“, s. 161).
In seiner Spätphilosophie seit Mitte der 1930 Jahre geht es Heidegger um eine Gottesfrage, die einerseits stark an die griechische Erfahrung im Sinne seines Verständnisses von Hölderlins gebunden ist, also an die Erfahrung der „Schickung“ von Einsichten durch das Sein, in gewisser Weise um privilegierte Offenbarungs- Erfahrungen für den Denker. An dieser Stelle fällt Heidegger ins esoterische Sprechen, das nur einige Erwählte verstehen können. Heidegger wehrt sich gegen das objektivierende Verfügbarmachen Gottes in der klassischen Metaphysik und Religion. „Wenn es überhaupt menschenmöglich ist, das Göttliche zu denken, dann nicht mehr als vorhandenes Etwas… Die Dimension des Göttlichen soll das Andere bleiben, das Andere des Seins, denn nur als das Andere des Seins erlangt die Dimension des Göttlichen ihre eigene Würde.“( Paola-Ludovica Coriando, in „Die Gottesfrage im Denken Martin Heideggers“, s. 94). Nur wenige können diesen „anderen“ Gott erfahren, es sind „die großen und verborgenen Einzelnen“, die `Reifen`, die den „Vorbeigang“ dieses Gottes würdigen können.
Jürgen Habermas urteilt sehr klar über das Gottes-Denken des späten Heidegger, er zeigt, dass Heidegger „von einem Ort jenseits des Logos spricht“, also außerhalb der allgemein zugänglichen Vernunft und ihrer Begriffe. Habermas meint, Heidegger gebe sich, so wörtlich, „neuheidnischen Spekulationen über die Flucht oder Ankunft der Götter hin. Dabei gebe er sich einer Rhetorik hin, „die die Kraft des überzeugenden Arguments hinter sich gelassen hat und durch die beschwörende Selbstinszenierung der großen und verborgenen Einzelnen ersetzt. (Habermas in „Zwischen Naturalismus und Religion“, 2005, S. 256. ). Habermas weist darauf hin, dass sich der späte Heidegger eines Wortschatzes bedient, der letztlich dann doch aus der von ihm abgelehnten Herrschaft der Kirchen herkommt: Etwa: Wagnis und Sprung, Entschlossenheit und Gelassenheit, Hingabe und Geschenk, Ereignis usw.
Und letztlich blieb Heidegger an die uralte katholischeWelt seiner Kindheit gebunden, als er sich in seinem ganzen Leben gegen Demokratie und liberalen Rechtsstaat stellte und so dann doch Positionen des Papstes Pius IX. akzeptiere, als dieser in seinen Enzykliken die Demokratie und die Menschenrechte ablehnte. Heidegger ist also sehr indirekt, aber wirksam-intensiv im Sinne der katholischen Theologie des 19. Jahrhunderts doch katholisch geblieben. „Heideggers erste Bestimmung, die katholische, blieb ausschlaggebend für seine politische Beziehung zur Modernität, auch in Bezug auf den Antisemitismus“, (S. 614 Payen.)
Aber es ist sehr die Frage, wie dieser vom späten Heidegger letztlich im Rahmen griechischer Begriffe gedachte Gott etwas mit dem biblischen Gott zu tun hat. Man beachte, dass der junge Heidegger, vor „Sein und Zeit“, ausdrücklich das christliche Denken von der Rezeption griechischer Begriffe befreien wollte und explizit für ein nicht-griechisches, also nicht – metaphysisches Denken des christlichen Glaubens eintrat. Man denke etwa an Martin Heideggers Vorlesung Einleitung in die Phänomenologie der Religion, gehalten im WS 1920/21,.

8. Das Sein (Seyn) Heideggers
Dies ist die entscheidende und schwierige Frage, die aber außerhalb der esoterischen Begriffe Heideggers beantwortet werden muss! Was ist das Sein bzw. in der Spätphilosophie das Seyn?
Ein Versuch des nicht esoterischen Verstehens. Das Sein ist das alles Seiende in seinem Sein Einsetzende, sozusagen die übergeordnete Macht und Kraft. Das Sein ist also durchaus dem Gott verwandt, vielleicht mit Anklang an den biblischen Schöpfer-Gott, aber Sein meint Gott sozusagen in säkularisierter Begrifflichkeit… vielleicht ist also Gott doch mit Sein, Seyn, sehr verwandt?
Und wenn über Heidegger und die christliche Religion nachgedacht wird, bitte noch einmal beachten: Heideggers Gott steht nicht mit Jesus von Nazareth und seinem Evangelium in irgendeiner Verbindung. Es wäre ein Forschungsthema für Unentwegte noch einmal zu fragen: Spricht der Philosoph Heidegger von Jesus und seinem Evangelium vielleicht irgendwo „zwischen den Zeilen? Etwa von der Bergpredigt? In dem 574 Seiten umfassenden Buch „Heidegger Handbuch“ kommt im Sachregister das Stichwort Evangelium , Bibel oder gar Bergpredigt nicht vor, im Personenregister kein Hinweis auf Jesus von Nazareth, hingegen 4 Hinweise auf den Apostel Paulus und seine Briefe.
Zur Beisetzung Heideggers am 28. Mai 1976 hielt der katholische Theologe und Priester sowie auch Philosoph Bernhard Welte – auch er stammte aus Meßkirch – eine Ansprache: Heidegger hatte von Welte, seinem Freund, möchte man fast sagen, ausdrücklich eine christliche Beerdigung gewünscht, eine übliche katholische Trauerliturgie fand allerdings nicht statt. Welte behauptete dabei u.a.: „Heidegger hat auch sonst seine Verbindung zur Gemeinschaft der Glaubenden nie unterbrochen. Er ist freilich seinen eigenen Weg gegangen, und er hat ihn wohl gehen müssen (sic!), seinem Geheiß (sic!) folgend und man wird diesen Weg nicht ohne weiteres einen christlichen im üblichen Sinne des Worte nennen können“. (zit. in: „Martin Heidegger – Bernhard Welte. Briefe und Begegnungen“, hg. Alfred Denker und Holger Zaborowski, Stuttgart 2003, dort S. 127). Man beachte, dass Welte damals den Lebens- und Denkweg Heideggers als Schicksal interpretierte, so , wie Heidegger es selbst tat, wenn er an seine politischen Verirrungen in der Nazizeit und danach dachte…Zur Beisetzung wurden übrigens von Heidegger ausgesuchte Verse von Hölderlin vorgetragen, ein deutlicher Hinweis: „Mein Glaube ist wesentlichen Hölderlin inspiriert.
Kardinal Karl Lehmann, auch er ein Kenner der Philosophie Heideggers, schrieb anläßlich des 30. Todestages von Heidegger sehr versöhnend und sehr wohlwollend: “Wer vor dem Grab von Martin Heidegger steht, wird entdecken, dass da statt des – in Meßkircher Gegend – üblichen Kreuzes ein Stern auf dem Grabstein zu finden ist. Vielleicht hat er bei diesem `großen Suchenden` Martin Heidegger mehr mit dem Stern von Bethlehem zu tun, als viele denken mögen. Vielleicht auch mehr als er selbst.“ Über Heidegger und den „Stern von Bethlehem“ gibt es meines Wissens noch keine Doktorarbeit, aber: eine ziemlich gewagte These verbreitet da der Heidegger Versteher Kardinal Lehmann… (zit. In „Feldweg und Glockenturm“, Festschrift anläßlich des 30. Todestages von Martin Heidegger“, Gmeiner Verlag 2007, s. 28).
Heidegger hatte zweifellos kein Interesse an der Jesus Gestalt, dessen Ethik hätte ihn vielleicht auf den Gedanken gebracht, selbst eine Ethik zu denken. Heidegger hielt sich in seinem Größenwahn hätte ich fast gesagt ausschließlich an die Seinsfrage oder Seynsfrage, mit der er die ihn Lesenden fesselte. Im Rahmen seiner Vorliebe für Griechenland und seine frühen Denker war er mehr am Geschick interessiert, wohl einem anderen Wort für Schicksal, als einer waltenden Macht des Seyns, der er sich hingab, auf die er gehorsam hörte als „Hirt des Seins“. So konnte er sich unschuldig fühlen in seinen Verstrickungen in der Nazi-Zeit und sein rechtsradikales Denken insgesamt. An seinen Bruder Fritz schrieb er am 3. Dezember 1944, welche Gefühle bei ihm aufkommen angesichts der zerstörten Straßen in Freiburg: “Trotz allem rührt es nicht an das Innerste und an das Vertrauen und Wissen, das sich geborgen gibt in das Unzerstörbare und im Innersten huldvolle GESCHICK:“ (S. 113, „Heidegger und der Antisemitismus). Und ein Beispiel für Heideggers esoterische „Spiritualität“, ebenfalls in einem Brief an seinen Bruder Fritz am 22.2. 1945: „In der Verdüsterung des Seienden ist das helle Licht des Seyns um mich. Ich wünsche sehr, dass du daran Anteil hast“. (S. 123).

9 .Mit Heidegger hoffen lernen?
Zu Beginn dieses Hinweises haben wir erklärt: Heidegger hat zu den drängenden aktuellen Fragen der Menschheit „eigentlich“ nicht viel zu sagen, z.B., elementar: wie Menschen Hoffnung entwickeln können in dieser jetzt offenbar besonders verrückten kriegerischen Welt. In einem seiner neuen Bücher „Der Geist der Hoffnung“ (Berlin 2024) hat der Philosoph Byung-Chul Han (er hat über Heidegger seines philosophische Doktorarbeit verfasst) seinen Gesamteindruck geschrieben: „Heideggers Denken besitzt keine Sensibilität für das Mögliche, für das Kommende… Er ist unterwegs zum Gewesenen, zum Wesen… Das Denken der Hoffnung orientiert sich nicht am Tod, sondern an der Geburt, nicht am In-der-Welt-Sein, sondern am In-die- Welt-Kommen… Hoffnung hofft über den Tod hinaus.“ (S. 112)… „Wer hofft, rechnet mit Unberechenbarem, mit Möglichkeiten gegen alle Wahrscheinlichkeit.“ (S. 93).

10. Immer wieder „Sein und Zeit“: Die Tagung End Mai 2026
Im Schloß Meßkirch findet vom 29. bis 31. Mai 2026 eine von der großen Anzahl der Referate und Arbeitsgruppen äußerst anspruchsvolle Tagung der Heidegger Gesellschaft statt, aber es geht nicht etwa um den politischen Heidegger oder gar über seine Nazi-Bindung, sondern über „Sein und Zeit“. Ist da nicht alles vielfach schon gesagt? Unter den ReferentInnen der Tagung habe ich keinen prominenten Heidegger – Kritiker entdeckt.
Am Donnerstag, 28.05.2026, um 19:00 Uhr findet dort jedenfalls ein Festakt zum Gedenken an Heideggers 50. Todestag statt. Den Festvortrag hält Prof. Dr. Dr. Holger Zaborowski, Universität Erfurt: „Warum Heidegger weltweit fasziniert – und was der uns heute noch zu sagen hat“. Prof. Zaborowski setzt sich durchaus kritisch, aber immer auch wohlwollend seit Jahren mit Heidegger auseinander, er ist jetzt Vorsitzender der Heidegger – Gesellschaft. Zaboroski hat also Prof. Harald Seubert offenbar als Vorsitzenden dieser Gesellschaftabgelöst, Seubert war vor einigen Jahren durch Publikationen und rechtsradikalen Blättern aufgefallen, siehe: https://religionsphilosophischer-salon.de/keys/harald-seubert-vorsitzender-der-heidegger-gesellschaft
Das esoterisch wirkende Motto der Heidegger Gesellschaft heißt: „Winke, die Zugewunkenes weiterwinken.“ Von Heidegger stammt dieses „winke Winke“ – Zitat. Vielleicht meint das Motto aber auch: Reflektiert kritisch ein Abschiednehmen von oberflächlichen, verherrlichenden Interpretationen von Heideggers Werk … also „winke Winke“…??

11. Neue Projekte: HEIDEGGER UND DIE NEUEN RECHTSEXTREMEN IDEOLOGIEN  
Einige kritische Historiker sollen selbstverständlich den „Ober-Hirten“ des Seins (Seyns) untersuchen. Und nach wie vor fragen: Wie geriet ein eigentlich kluger Philosoph in die Nazi – Ideologie? Das schon genannte Problem ist nur: Eine kritische (!) Gesamtausgabe inklusive aller Briefe Heideggers werden wir wohl nicht mehr erleben. So werden wir wohl noch viele deswegen immer unpräzise Heidegger Tagungen erleben. Vielleicht mal was Neues: Eine Tagung über Elfride Heidegger, die Gattin und sehr frühe und leidenschaftliche Nazi – Anhängerin.

Trotzdem bleibt es dringend weiter zu untersuchen, in welcher Weise Heideggers Bindungen an die Nazi -Ideologie, seine Rassenlehre usw., heute in rechtsextreme Parteien eindringen und dort rezipiert und zitiert werden. Die neuen Rechtsextremen setzen auf eine rechte „Kulturrevolution“, und da wird Heidegger als ein Meisterdenker hoch bewertet. Man studiere aufmerksam, in welcher Weise in der rechtslastigen Presse Heideggers 50. Todestag „gewürdigt“ wird. Heideggers Assistent Friedrich – Wilhelm von Herrmann hatte sich 2013 dem rechtsextremen russischen Philosophen Alexander Dugin zum mehr als einstündigen TV Gespräch zur Verfügung gestellt.
Zur Nähe der „Neuen Rechten“, auch der AfD, zu Heidegger: siehe den wichtigen Beitrag von Micha Brumlik mit dem Titel: „Mit Heidegger und Evola gegen die offene Gesellschaft“: https://www.blaetter.de/ausgabe/2016/maerz/das-alte-denken-der-neuen-rechten

Micha Brumlik hat in dem Buch „Das alte Denken der neuen Rechten“,hg. vom Zentrum Liberale Moderne, 2019, eine wichtigen Beitrag über Heidegger geschriebe: „Vom wahren Sein zur Volksgemeinschaft“, dort S. 31 – 39. Brumlink befasst sich mit der Heidegger Rezeption etwa der Identitären Bewegung (Martin Sellner, Walter Spatz):“Am Ende jeder Berufung auf Heidegger steht auch bei den heutigen Rechtsintellektuellen ein mystisches Raunen, das keinerlei Anschlussmöglichkeit an irgendeine Form rationaler Politik mehr aufweist.“ (S. 37)

FUßNOTE 1:

Der Philosoph Hans Saner war der persönliche Assistent von Karl Jaspers, er veröffentlichte 1978 (!) dessen „nachgelassenen“ Notizen zu Heidegger, es sind spontane Einsichten, Notizen, Fragmente. Es handelt sich um ca. 300 Blätter, verfasst zwischen 1928 bis 1964, sie lagen auf dem Schreibtisch von Jaspers. Sie zeigen anfänglich eine Freundschaft zwischen Jaspers und Heidegger. Zusammenfassend schreibt Saner: „Die Notizen sind nicht zu lesen als einseitige Abrechnung mit einem Zeitgenossen, sondern als der über Jahrzehnte anhaltende Versuch, auf ein Gespräch hin das Äußerste zu wagen` alle Konzilianz und Konvention preiszugeben, um, ganz rückhaltlos, das auszusprechen, was man in Bezug auf den anderen für wahr hielt, aber doch dem Korrektiv seiner Gegenrede aussetzen wollt“. (S. 20). Im Jahr 1933, spätestens 1936 kam es dann zur Trennung, zum Ende einer Freundschaft Jaspers – Heidegger (S. 14). Jaspers ist entsetzt über Heideggers Verbindung mit der Nazi – Ideologie. Er distanziert sich von Heidegger auch, weil dieser „die philosophierenden Individuen entmächtigt und die Philosophiegeschichte anonymisiert zur `Seinsgeschichte`…Jaspers zentrale Frag an Heidegger betrifft die Sinnhaftigkeit seiner quasireligiösen Rede vom `Ereignis des Seins`“. (Dieter Thomä in „Heidegger Handbuch“, Metzler Verlag 2005, S. 341.

Man ist geneigt, angesichts der Kritik von Jaspers an Heidegger an Aristoteles zu denken: „Wir philosophieren nämlich nicht, um zu erfahren, was Tugend sein, sondern um tugendhafte Menschen zu werden.“ „Nikomachische Ethik“ (Buch II, Kapitel 2 / 1103b).

 

Hinweise zur hier erwähnten Literatur:
Guillaume Payen, „Heidegger. Die Biographie“, WBG Theiss Verlag, 2022.
Dieter Thomä (HG), „Heidegger Handbuch“, Metzler Verlag, 2005
Walter Homolka und Arnulf Heidegger, „Heidegger und der Antisemitismus“, Mit Briefen von Martin und Fritz Heidegger, Herder Verlag, 2016.
Jürgen Habermas, „Zwischen Naturalismus und Religion“, Suhrkamp Verlag, 2005
Norbert Fischer und Friedrich-Wilhelm von Herrmann, Heidegger und die christliche Tradition“, Hamburg 2007
Dies., „Die Gottesfrage im Denken Martin Heideggers“, Hamburg, 2011.
Richard Wolin: „Heideggers „Schwarze Hefte“: Nationalsozialismus, Weltjudentum und Seinsgeschichte“. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (Heft 3-2015)

Byung-Chul Han, „Der Geist der Hoffnung“, Ullstein Verlag, 2024.

„Heidegger und die praktische Philosophie“, Suhrkamp Verlag 1989, dort vor allem der Beitrag von Alexander Schwan, aber auch die Beiträge von Hugo Ott und Otto Pöggeler.

Sehr wichtig das Interview (von Catherine Newmark) mit dem Philosophen und Philosophiehistoriker Hans Jörg Sandkühler über deutsche Philosophen in der Nazi – Zeit: In der Sonderausgabe des „Philosophie -Magazin“ (2014) mit dem Titel „Die Philosophen und der Nationalsozialismus“, dort die Seiten 57 – 62, grundlegend auch die Studien zum Thema von Wolfgang Fritz Haug.

Micha Brumlik: „Mit Heidegger und Evola gegen die offene Gesellschaft“: https://www.blaetter.de/ausgabe/2016/maerz/das-alte-denken-der-neuen-rechten

Unter unseren zahlreichen Hinweisen auf Heidegger im Laufe der Jahre weisen wir nur hin auf „Heideggers esoterische Philosophie“: LINK : https://religionsphilosophischer-salon.de/5689_heidegger-ein-esoterischer-philosoph-hinweise-auf-ein-buch-von-peter-trawny_buchhinweise/philosophische-buecher

Alfred J. Noll, „Der rechte Werkmeister, Martin Heidegger nach den schwarzen Heften“, PapyRossa Verlag, Köln 2016, zu Heideggers Antisemitismus: S. 186 ff.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

Ostern als Auferstehung der Menschen vernünftig verstehen.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 26.3.2026

Ein Vorwort, erster Teil:
Wir haben im religionsphilosphischen-salon.de  schon mehrfach Ostern, die Auferstehung des Menschen Jesus von Nazareth und damit die Auferstehung der Menschen insgesamt zu erklären versucht, jenseits aller üblichen Floskeln in Oster – Predigten, jenseits aller bloß gedankenlosen Zitiererei aus den Evangelien. Verstehen in Worten, in Begriffen, eben mit der Vernunft ist etwas anderes als das routinierte Predigen. „Wunderbare“ Einsichten in frohlockenden Worten gelten für uns nicht. Auch nicht esoterisches Gestammel. Wir wollen ein behutsames, vernünftiges Erklären von Ostern und der Auferstehung Jesu zeigen. Es geht bei dem Thema um eine mögliche Orientierung im Leben wie im Sterben, angesichts des Todes.

Ein Vorwort, zweiter Teil:
Ostern, die Auferstehung des Menschen Jesus von Nazareth beziehen sich auf existentielle Erinnerungen und Erfahrungen. Sie gehören also in eine allgemeine, eine nachvollziehbare vernünftige Sprache. Aussagen können bei dem Thema selbstverständlich keine evidenten Beweise liefern, schon gar nicht mathematische Eindeutigkeit. Was hätten Mathematik und Beweise bei diesem Thema existentieller Erfahrungen und Erinnerungen auch an Orientierung zu bieten? Hier sind nur plausible Hinweise und vernünftige Vorschläge relevant … fürs Weiterdenken, Weiterforschen und meditatives Vertiefen und für weiterführende Ergänzungen.

Wir haben schon mehrfach ausführlichere Hinweise zum Thema publiziert.
Wegen verschiedener Nachfragen bieten wir nun noch einmal nur einige zentrale Erkenntnisse … in einer ebenso gewünschten überschaubaren Länge. Wir zeigen: Eine Spiritualität zu Ostern und zur Auferstehung ist nicht auf die klassischen, bekannten und meist fundamentalischen Predigten der dogmatischen Klerus-Kirchen angewiesen. Eine vernünftige Oster/Auferstehungsspiritualität kann jeder für sich entdecken: Das Neue Testament ist überall zur Lektüre verfügbar, ebenso historisch-kritische Erläuterungen zu den Erzählungen über die Auferstehung Jesu im Neuen Testament… 

Bitte beachten Sie das Kapitel Nr. 10:  Die Reflexionen zur Auferstehung sind alle andere als philosophische, metaphysische Überlegungen oder bloß-spirituelle Hinweise. Unsere Reflexion über ein vernünftoges Verstehen der Auferstehung  sollen unseren Widerstand stärken gegen die üblen Machthaber und Kriegsherren, gegen die Rechtsextremen alleroren, gegen die Herrscher der neoliberalen Welt- Unordnung. Ohne spirituelle Kraft ist dieser Widerstand überhaupt nicht zu leisten…

1.
Ostern ist bis heute als Festtag und Feiertag eine ziemlich ungewöhnliche, durchaus verstörende wie überraschende Erinnerung, eine Erinnerung an die Erkenntnis einiger Freundinnen Jesu von Nazareth: „Dieser Jesus, der den Tod am Kreuz erlitt, der lebt – mit seinem Geist – weiter über den Tod hinaus, er ist geistig unter uns. Denn: Geistige Präsenz ist genauso stark und bedeutend wie körperliche Anwesenheit.

2.
Diese Einsicht der Freundinnen Jesu heißt also „Auferstehung bzw. Auferweckung Jesu“. Die Freundinnen und Jünger Jesu waren einige Wochen und Monate nach dem Tod Jesu (etwa im Jahr 30 oder 33) sprachlos und schockiert, aber sie haben ihr Entsetzen über Jesu Tod überwinden können und in überschwänglichen Worten und Bildern später vom „auferstandenen Jesus“ in den vier Evangelien erzählt. Eine durchaus übertriebene Begeisterung, wie sie in den Auferstehungserzählungen deutlich ist, war üblich in den Erzählungen der damaligen Kultur. Die Autoren der Evangelien haben also in bilderreichen Sprache ziemlich übertrieben, etwa indem sie erzählten, der Auferstandene habe mit ihnen zusammen gespeist. Oder wenn erzählt wird, der Apostel Thomas habe dem auferstandenen Gekreuzigten in dessen Wunde gefasst… Die vier Evangelisten – im Abstand von ca. 30 – 50 Jahren nach Jesu Tod – ihre Erzählungen verfasst.

3.
Wichtig ist: Die in den Evangelien erzählten Erlebnisse der Freundinnen Jesu mit dem auferstandenen Jesus sind keine historischen Berichte. Es lässt sich auch kein Datum der „Auferstehung“ angeben, es war kein neutraler journalistischer Beobachter dabei, der irgendwelche Ereignisse im und am Grab Jesu notierte. Die Erzählungen der Evangelien sind in existentieller Erfahrung geschriebene persönliche Bekenntnisse, und diese merkwürdigen Texte, fast 2000 Jahre alt, müssen übersetzt und neu erzählt werden in nachvollziehbarer, selbstverständlich vernünftiger Sprache. Was denn auch sonst ? Sogar Poesie wird in allgemein-zugänglichen Worten geschrieben und kann nur deswegen verstanden werden.

4.
Jesus wurde verurteilt, weil er die Menschenfreundlichkeit Gottes lebte, eines Gottes, also – übersetzt – eines letzten bergenden Sinn-Grundes, und den sprach Jesus an als „Abba“, also sehr herzlich und intim als „lieber Vater“. Jesus kritisierte die rigorose Gesetzes-Religion der herrschenden jüdischen Eliten – um der Menschlichkeit willen und auch um die Güte Gottes, des Ewigen, zu bezeugen. Jesu JüngerInnen und Freundinnen hatten also einen außergewöhnlichen Menschen erlebt. Ein solcher Mensch darf eigentlich nicht sterben, das ist ja allgemeine Erfahrung im Erleben herausragender Menschlichkeit.

5.
Die Erkenntnis heißt: Jesus, der Gekreuzigte, „lebt geistig unter uns“, traditionell gesprochen: Er ist „auferstanden“, er ist geistig unter uns lebendig. Diese Einsicht, so betonen die Freundinnen Jesu, sei für sie erstaunlich und überraschend: So ungewöhnlich, dass dieser Geist mit seiner Erkenntnis der Auferstehung nur heilig genannt werden kann. Dieser göttliche Geist ist die bestimmende Lebenskraft der Menschen seit der Schöpfung. Und es ist derselbe heilige, göttliche Geist, der auch den Menschen Jesus zu seinem außergewöhnlichen Leben der Liebe und Solidarität bewegte. In diesem Sinne kann diese Gemeinde also sagen: Der Mensch Jesus von Nazareth wurde in der Kraft des ewigen göttlichen Geistes aus dem Tod befreit. Und in eine bleibende geistige Präsenz geführt.

6.
Ostern ist also das Fest, an dem Christen sich der Bedeutung des göttlichen Geistes in allen Menschen vergewissern; es ist der Geist des Ewigen, Gottes, der in der Menschheit leben will, wenn es die Menschen in ihrer Begrenztheit, in ihren Fehlern und falschen Entscheidungen ihrer Freiheit zulassen. Die Freundinnen Jesu sind frei und ohne Angst vor Repressalien der herrschenden Eliten der Einsicht ihres Geistes gefolgt. Sie erkannten: Jesus als geisterfüllter Mensch lebt – „auferstanden“- in bleibender geistiger Präsenz..

7.
Die ersten Christen wussten: Alle Menschen haben Anteil an diesem Geist des Ewigen, am Geist Gottes. Der Apostel Paulus verfasste den zeitlich frühesten Text im Neuen Testament, im Jahre 50 schon, 20 Jahre nach Jesu Tod, es ist der 1. Brief man die Gemeinde in Thessaloniki. Im 4. Kapitel, Vers 14, spricht Paulus die schon damals erkannte universelle Bedeutung der Auferstehung Jesu aus: „Wenn Jesus gestorben ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zu Herrlichkeit führen“. Und etwas später schreibt Paulus im 1. Brief an die Gemeinde in Korinth: Jesus sei als der „Erstling“ (der Erste) von den Toten auferstanden, so im 15. Kapitel, Vers 20. Die Gemeinde weiß also: Jesu Auferstehung hat universelle Bedeutung: Er ist „der Erste“, an dem die Auferstehung deutlich wird, Jesus ist also „nur“ der erste Auferstandene… alle anderen Menschen werden diese Auferstehung erfahren können.

8.Die einzige philosophische Voraussetzung für unseren Vorschlag, die Auferstehung Jesu und der aller anderen Menschen zu verstehen: Die Überzeugung von einer „Schöpfung“ durch eine göttliche schöpferische  Wirklichkeit. Der evangelische Theologe Prof. Stefan Alkier (Uni Frankfurt.M) schreibt in seinem Buch „Die Realität der Auferstehung“ (2009, Seite 238) diese entscheidenden Sätze: „Die Welt, alles Leben und auch das je meinige Leben entspringen […] nicht einem blinden Zufall, sondern der intentionalen Kreativität des sich liebevoll in Beziehung setzenden Gottes…Wer diese Hypothese nicht teilt, kann auch nicht mit den Schriften des Neuen Testaments von der Auferweckung Jesu Christi und der Hoffnung auf die Auferweckung der Toten sprechen“. Denn die schöpferische göttliche Wirklichkeit als eine selbstverständlich geistige Wirklichkeit verbindet sich mit seinen Geschöpfen, indem er ihnen an seinem Geist seinen Geschöpfen Anteil gibt. Hegel hat mit überzeugenden Gründen daraufhin gewiesen: Wenn der schöpferische Gott seine Schöpfung ohne geistige Verbindung mit ihm, sozusagen parallel, neben ihm, ohne Verbindung mit ihm gestaltet hätte, dann wäre Gott also, klassisch verstanden, nicht mehr der unversale Gott. Das sind philosophische Spekulationen, gewiss…Dass die Geschöpfe als Wesen der Freiheit erschaffen wurden, versteht sich von selbst.

9.
Jesus ist als Mensch wie alle Menschen gestorben und seine Körper lag bis zum endgültigen Verfall im Grab. Es erscheint als albern, wenn ungebildete Theologen die Bildersprache der Evangelisten fundamentalistisch „einfach so“ übernehmen und behaupten: Jesus sei leiblich auferstanden… Aber dann hätte er noch ein zweites Mal sterben müssen oder als Alternative behaupten diese Kreise: Jesus sei leiblich in den Himmel aufgefahren: Ein hübsches Bild, in der Ikonographie seit Jahrhunderten verbreitet, aber ein Bild, das wir heute nicht mehr akzeptieren können. Jesu Grab ist nicht leer! Das ist die entscheidende Aussage zum auferstanden Menschen Jesus von Nazareth, auferstanden in eine bleibende geistige Präsenz nach dem Tod.

10.
Dieser Hinweis konzentrierte sich bisher auf einige zentrale Aspekte eines nachvollziehbaren, vernünftigen Verständnisses der Auferstehung. Dieser Hinweis kann zur Meditation anregen, zur Kritik, zur Zustimmung, der Hinweis ist jedenfalls als Möglichkeit der Lebens-Orientierung gemeint.

Wird diese Lebensorientierung in der Lebenspraxis angenommen, wird die christliche „Lebens-Philosophie“ also gelebt, dann zeigen sich Konsequenzen auch inmitten des politischen Lebens. Ostern ist insofern alles andere als ein Fest, das sich nur mit dem „Weiterleben nach dem Tod“ befasst. Auferstehung bedeutet immer auch Aufstand für ein Leben in Gerechtigkeit und Frieden, für alle natürlich, nicht nur für einige Privilegierte….
Die Auferstehung Jesu und der Menschen hat politische Konsequenzen, wir nennen hier nur ein Beispiel: Ein Gedicht von Kurt Marti (1970).

Kurt Marti
ANDERES OSTERLIED

Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
wenn erst nach dem Tode Gerechtigkeit käme,
erst dann die Herrschaft der Herren,
erst dann die Knechtschaft der Knechte
vergessen wäre für immer, vergessen wäre für immer.
Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
wenn hier auf der Erde stets alles so bliebe,
wenn hier die Herrschaft der Herren,
wenn hier die Knechtschaft der Knechte
so weiterginge wie immer, so weiterginge wie immer.
Doch ist der Befreier vom Tod auferstanden,
ist schon auferstanden und ruft uns jetzt alle
zur Auferstehung auf Erden,
zum Aufstand gegen die Herren,
die mit dem Tod uns regieren, die mit dem Tod uns regieren.

Wir weisen noch auf unsere Publikation zu einem wichtigen Buch des katholischen Theologen Prof. Hans Kessler hin: LINK.

Und wir weisen auf unsere Publikation hin, dass sich auch Immanuel Kant mit dem Thema Ostern befasste: LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.