Sünde kann so wertvoll sein, behauptet der Philosoph Georges Bataille

Über eine elitäre Veranstaltung im Paris des Jahres 1944.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 1.9.2026

Einführung in ein schwieriges Thema:

Dieser Hinweis gilt dem Vorschlag des Schriftstellers und Philosophen Georges Bataille (1897-1962), die Sünde als Erfahrung wie als Begriff der christlichen Welt und ihrer Dogmen zu entnehmen und Sünde sehr persönlich grundlegend neu zu bestimmen: Als bewusst gewählte Übertretung soll sie wertvoll sein, weil sie das menschliche Leben bereichert, lehrt Bataille. Die Sünde als Vollzug, nicht als Theorie, führe, zu einem neuen Verständnis vor allem der Erotik und Sexualität. Noch mehr: Sünde als Überschreiten und Tabubruch führt sogar ins Sakrale.
Die Sünde als das Übertreten der üblichen Moral ist der Abschied aus der bürgerlichen Welt und ihren Normen. Bataille geht so weit, Sünde und Mystik in Beziehung zu setzen: Auch Mystik – als exzentrische Erfahrung des Göttlichen jenseits der Dogmen – sei ein Überschreiten vorgegebener kirchlicher Üblichkeiten und Normen.
Der Bataille Kenner Gerd Berfleth bringt es wohl auf den Punkt: Batailles Publikationen sind „das Werk eines Mannes, der sich in einem Maß von erotischen Obsessionen heimsuchen ließ, dass er mit seinem exzessiv gelebten Leben einsteht für sein exzessives Denken.“ (Fußnote 1).

Zu unseremThema ist das Buch „Die Sünde. Eine Diskussion“ im Verlag Matthes und Seitz jetzt (2026) erschienen. Einiges bleibt erstaunlich, das zeigen wir, selbst wenn der sorgsam editierte Text eher für Bataille- Fans und Bataille – Spezialisten von Bedeutung ist. Batailles vielfältige und umfangreiche Arbeiten werden von den meisten philosophisch Interessierten wohl eher mit großer Anstrengung gelesen und verstanden. Michel Foucault lobte Bataille noch „als einen der wichtigsten Schriftsteller seines Jahrhunderts“… (Fußnote 2).

Unser knappe Hinweis auf das Buch macht also auf einige erstaunliche sowie irritierende Aspekte dieses Buches „Die Sünde. Eine Diskussion“ aufmerksam. Und das kann vielleicht eine Einladung sein, tiefer und weiter nachzudenken über unseren etwas provozierenden Titel „Sünde kann so wertvoll sein.“ Man denke in dem Zusammenhang an die Sünde Evas und Adams im Paradies: Hätten sie nicht gesündigt, als sie vom „Baum der Erkenntnis aßen“, dann wäre sie im Paradies als Wesen geblieben, die eigentlich keine Vernunft, keine Erkenntnis haben. Diese Sünde im Paradies hat die Menschen erst zu Menschen gemacht. Wunderbar! Und wenn dann die Kirche dieses „sündige Geschehen“ im Paradies als schreckliche Erbsünde bezeichnet, an der, so Augustinus alle Menschen durch die Zeugung Anteil haben, dann will dieses Erbsünden-Dogma suggerieren: Wären die Menschen im Paradies doch bloß ohne Gebrauch ihrer Vernunft und Erkenntnis geblieben ….aber das ist diese seltsame Erbsündenlehre der Kirche, darüber habe ich schon mehrfach geschrieben: LINK

1.
Der Philosoph und Schriftsteller Georges Bataille hat am 5. März 1944 in Paris vor einer Gruppe schon damals bekannter französischer Intellektueller einen Vortrag über seine persönliche Sicht der Sünde gehalten. Der Titel des Vortrags: „Der Gipfel und der Niedergang.“ Anschließend kommentierte der Jesuit Pater Danielou den Vortrag, dann folgte eine ausführliche Diskussion. Diese Texte sind in dem genannten Buch versammelt, zusätzlich gibt es eine ausführliche Einführung und ein ausführliches Nachwort. `
Der Vortrag fand im Umfeld des damals viel beachteten Buches von Bataille „L` Expérience interieure“ („Die innere Erfahrung“) statt, es wurde im März 1943 veröffentlicht. Unter „innere Erfahrung“ versteht Bataille seelische Zustände, wie Ekstase, Angst, Erotik: Sie bewirken als Erlebnis eine Überschreitung üblicher moralisch gesetzter Grenzen, sie sind eine Erschütterung des bisherigen alltäglichen Lebens.

2.
In dem Zusammenhang stellt Bataille sein Verständnis von Sünde vor.

3.
Die Veranstaltung hatte Marcel MORÉ (1887 – 1969) bei sich zu Hause in Paris organisiert. Er war ab 1945 als katholischer Laie (Beruf: Finanzexperte) der Herausgeber der Zeitschrift „Dieu Vivant“ („Lebendiger Gott“), dort wurden die Vorträge und die Diskussion vom 5. März 1944 im Heft 4 des Jahres 1945 veröffentlicht. Die heute fast vergessenen Zeitschrift „Dieu Vivant“ erschien im angesehenen Verlag Editions du Seuil, Paris: Die eher dem theologisch konservativen Lager verpflichteten Autoren wollten die Schrecken des 2. Weltkrieges, die Shoah, bedenken. Zur Redaktion gehört ein pluralistischer Kreis aus katholischen Theologen (Daniélou), katholischen Philosophen (Gabriel Marcel), auch Protestanten (Pierre Bürgerin) und Orthodoxe (Vladimir Lossky) waren dabei sowie der kirchlich nicht gebundene Philosoph Jean Hyppolite.

4.
Etwa 27 Personen nahmen an dieser durchaus Salon zu nennenden Veranstaltung am 5. März 1944 teil. Die starke Beteiligung von Theologen, vor allem katholischen, ist bemerkenswert, zumal Bataille schon damals nicht gerade als Freund des christlichen – dogmatischen Glaubens bekannt war. Pater Daniélou wurde als maßgeblicher Teilnehmer schon erwähnt, außerdem müssen die Dominikaner Patres Dubarle und Maydieu erwähnt werden, auch die Katholiken Pierre Klossowski und Louis Massignon sowie der katholische Philosoph Gabriel Marcel. Eher „linke Katholiken“, wie der Philosoph Emmanuel Mounier oder Pater Chenu waren nicht dabei. Von „weltlicher“ Seite sollen hier nur die Philosophen Sartre und Simone de Beauvoir genannt werden, sowie Blanchot, Camus, Hyppolite, Merleau – Ponty, Leiris …

5.
Es ist aus heutiger Sicht sehr bemerkenswert, dass es möglich war, in Paris, März 1944, eine solche konfessionell plurale Gruppe zum intensiven Gespräch zusammenzuführen. Jörg Altwegg schreibt in seinem Buch „Die Republik des Geistes“ (1986, S. 69), Angst vor der Zukunft hatten die Intellektuellen in Paris im März 1944 nicht mehr. „Mit der immer schwieriger werdenden Gegenwart kommt man offenbar ganz gut zurecht.“
Und man fragt sich aus heutiger Sicht: Käme heute, 2026, eine solche sehr plurale Gesprächsrunde unter dem „Dach“ eines katholischen Veranstalters zustande, in Frankreich wie auch in Deutschland? Ich vermute eher nicht. Das liegt daran, dass es in Frankreich wie vor allem in in Deutschland so viele zum kritischen Dialog bereite katholische Intellektuelle heute nicht gibt. Das Niveau der in der Kirche verbliebenen Katholiken hat sich heute weitgehend auf ein eher (klein)bürgerliches Niveau abgesenkt, weitreichende Kritik, Skepsis, Fragen als Grundhaltung, Selbstkritik, Korrektur bisheriger Überzeugungen etc. sind in einem solchen dominanten Milieu als christliche Tugenden nicht so üblich…

6.
Erstaunlich ist auch das Thema dieser philosophisch – theologischen Salon Runde im März 1944: Paris war noch von Deutschen, den Nazis, besetzt. Das nazifreundliche, von Rechtsextremen bestimmte Pétain – Regime herrschte noch, die Verfolgung der Juden war an der Tagesordnung und die Résistance versuchte, Juden zu retten. Das Sammellager für die Judentransporte in die KZs, also das Lager in Drancy, lag nur ca 10 Kilometer vom Pariser Stadtzentrum entfernt. Von dieser realen politischen Gegenwart im März 1944 ist in den Vorträgen und in den Diskussionsbeiträgen im Haus von Monsieur Moré überhaupt keine Rede. Und man fragt sich: Wie war es bei dieser Gegenwart möglich, über die hoch komplexen Ausführungen Batailles zur Sünde im allgemeinen ein paar Stunden zu debattieren? Sah man die Verbrechen, theologisch gesprochen, diese Sünde des Antisemitismus nicht, sah nicht man den sündhaften Wahn, dass sich so viele Franzosen, Katholiken zumal, dem faschistoiden Pétain -Regime hingaben? In dem Text ist davon keine Rede. Brauchten diese Intellektuellen im Paris des März 1944 vielleicht diese Flucht ins Abstrakt – Philosophische?

7.
Georges Bataille wird heute – wegen seines äußerst umfassenden, vielfach provozierenden Werkes – als eine besondere Art, etwa als „Außenseiter-Philosoph“ betrachtet: In Deutschland ist er nicht so bekannt wie seine Zeitgenossen Sartre oder Camus. Im Leben Georges Batailles ist wohl wichtig und prägend: Eine höchst unerfreuliche, belastende Kindheit mit einem dahinsiechenden an Syphilis erkrankten Vater; dann der Tod Lauras, der viel Geliebten, im März 1938. Und sicher auch in dem Zusammenhang ein anhaltendes kritisches Interesse Batailles am Katholizismus, am Ordensleben, an der katholischen Theologie, vor allem an der Mystik, selbst noch zu Zeiten, als er sich — nach 1920 – vom katholischen Glauben – explizit lossagte und in Nietzsche seinen wichtigsten „Bezugspunkt“ fand. Schließlich wollte Bataille ausdrücklich den hoch verehrten Nietzsche „wiederholen“… und in der Veranstaltung am 5. März 1944 bezeichnete sich Bataille als „antichristlich.“ Der Philosoph Bernhard Taureck schreibt über https://www.remonstranten.nl/blog/de/die Nietzsche-Bindung Batailles. „Die einzig authentische Lektüre Nietzsches besteht für Bataille darin, Nietzsche zu werden. Und: Das authentische Sein Nietzsches liege in der Weigerung zu dienen, d.h. nützlich zu sein“ . (Fußnote 3).

8.
Erstaunlich bleibt: Bataille hält es für wichtig, von einem anti-christlichen und außer-theologischen Standpunkt aus von Sünde zu sprechen. Und diese Stellungnahmen Bataille erschließen sich nur in einer sehr geduldigen Lektüre, es sei, man gehört zu dem kleinen Kreis der Bataille – Fans und Spezialisten…Bataille will zeigen: Es gibt einen Gipfel, einen existentielle Höhepunkt, der in der Ekstase, im Tabu-Bruch, also auch im Vollzug der Sünde erreicht wird. Im Tun der Sünde kann eine Art rauschhafter Zustand erreicht werden, der das Sakrale berührt. Und immer geht es, wie bei Bataille, um das Verstehen der Sexualität als Praxis: Das Heilige meint Bataille erreichen zu können gerade durch das Sakrileg. Diese Überzeugung bestätigt Bataille noch einmal im Jahr 1945, im Rückblick auf dieses Gespräch im März 1944, in einem Brief an die Redaktion “Dieu Vivant“: „ Ich denke noch heute, dass ich das Fundament der gewohnten Moral untergraben habe, was ich ausdrücklich denen darlegen wollte, die die Last dieser Moral auf sich genommen hatten, die ihr den Sinn einer Verzweiflung gaben und deren Verzweiflung mir zufolge gegen die Moral spricht… Ich kann nicht stark genug betonen: Wir wollen, wie Nietzsche sagt, alles Christliche durch ein Überchristliches überwinden und nicht nur von uns abtun. Was Nietzsche behauptete, behaupte ich unverändert nach ihm.“ (S. 196).

9.
Erstaunlich bleibt die Ehrlichkeit Batailles: In der Diskussion am 5. März 1944 muss Bataille zugeben, dass etliche seiner Aussagen zur Sünde noch „unausgegoren“ sind. „Es ist mir sehr schlecht gelungen, mich auszudrücken,“, bekannt Bataille im Verlauf der Diskussion (S . 169). Und noch einmal 1945 im Rückblick auf die Diskussion vom März 1944: „Ich bedaure, dass ich mich in der Diskussion ziemlich schlecht ausgedrückt habe.“ (S. 196).

10.
Es ist erstaunlich, dass der Vortrag des Jesuiten – Theologen Jean Daniélou als Interpretation Batailles auch für das Christentum und die katholische Theologie positive Aspekte herausstellt. Vor allem die Mystik biete eine Brücke zwischen Bataille und der katholischen Lehre. Der Jesuit deutet die Mystik als Haltung des „Risikos“ (S. 101), als Überwindung einer bloß üblichen moralischen Haltung. Mystik ist „ein Appell, neuartige, umbetretene Wege zu gehen.“ Daniélou meint sogar, die Hierarchie der Werte zeige sich für Bataille nicht durch die übliche Anwendung von Gut und Böse, sondern „im Hinblick auf das Mystische und Nichtmystische.“ (S 192). Mystik ist deswegen so hochgeschützt, weil sie die üblichen dogmatisch engen Glaubensbegriffe sprengt, also einen Übertritt in die Weite – im Sinne Batailles – erlaubt. Aber Pater Daniélou bleibt dann doch bei allem Verständnis für Bataille dabei: Sünde beleidigt Gott, sie ist ein Sakrileg“: (S. 106).

11.
Man fragt sich: Was ist die aktuelle Bedeutung dieses Vortrags Bataille? Warum sollten nicht nur die wenigen Bataille Fans und Bataille Kenner dieses Buch lesen? Das Buch erinnert daran, aufmerksamer zu sehen: dass christliche Begriffe (Sünde, Gnade…) in eine säkulare, auch bewusst antichristliche Ebene rücken und dabei vom ursprünglichen christlichen Inhalt das meiste verschwindet. Das ist die Freiheit des Denkens. Aber bedenklich bleibt: Universell geltende Werte von Gut und Böse läßt Bataille nicht gelten. Anstelle von Gut und Böse setzt er „Gipfel“ und „Niedergang“. De Sade war für Bataille ein durchaus akzeptabler Denker der „Entgrenzung“, also im Sande Batailles der Sünde…
Kant („Kategorischer Imperativ“…) ist für Bataille obsolet, veraltet, heute ungültig. Wir betonen, das ist ein durchaus gefährliches Denken. Menschen leben mit dieser universellen Vernunft, um für das Überleben dieser Welt und der Menschheit noch etwas zu sorgen.

12.
So ist dieses Plädoyer Batailles für die Sünde unserer Meinung nach wenig inspirierend angesichts der tiefen Krise der Moral, die nicht nur die Herrschenden, sondern sehr viele Menschen unserer Zeit bestimmt. Diese Krisen und die daraus sich entwickelnden, heute sichtbaren Katastrophen sind ja immer auch auch Krisen der Moral. Bekanntlich ist Moral Ausdruck der freien Entscheidung von Menschen. Da soll das Plädoyer Batailles für die transzendierende Kraft der Sünde als Überwindung der Kategorie des Bösen weiterhelfen?
Unsere Position darf nicht des Reaktionären verdächtigt werden (weil Bataille – Kritik nichts Reaktionäres ist.)

Über zahlreiche kirchliche, sich christlich nennende Moral – Vorstellungen muss selbstverständlich gerade heute debattiert un korrigiert werden, etwa angesichts der reaktionären evangelikalen Kirchen in den USA als Teil der MAGA – Bewegung. Und für einen freien Umgang mit Erotik und die berechtigte Vielfalt der sexuellen Orientierungen müssen TheologInnen selbstverständlich deutlich eintreten. Ob man für diese Debatten Batailles Sünden – Plädoyer als Überwindung von Gut und Böse braucht, wage ich zu bezweifeln.

So bleibt das Buch „Die Sünde“  eher für die Bataille – Forschung wichtig. Es gehört zur umfassenden wissenschaftlichen Edition der Werke Batailles im Verlag Matthes und Seitz in Berlin.

Fußnote 1:
 Gerd Bergfleth, „Bataille, Georges“ in „Metzler Philosophen Lexikon“, Stuttgart 2003, Seite 64.

Fußnote 2: Zit: ebd. S.60.

Fußnote 3: Bernhard Taureck, Französische Philosophie im 20. Jahrhundert“, Reinbek bei Hamburg, 1988, S. 196.

Copyright: Christian Modehn, ReligionsphilosophischertSalon Berlin.

 

 

Wenn Lügen Leben zerstören

Ein kurzes Plädoyer für die Wahrhaftigkeit in Zeiten der Herrschaft der Lüge
Ein Hinweis von Christian Modehn am 3.8.2026

Ein aktuelle Vorwort:
Jetzt verbrennen riesige Flächen von Wäldern in Europa. Im wissenschaftlichen Vergleich: Immer öfter, immer stärker. Wasser wird in vielen Regionen sehr knapp, Flüsse trocknen aus, die Hitze tötet Tausende (alte und kranke Menschen sowie auch Tiere) und Pflanzen. Der CO2 Ausstoß wurde seit Jahrzehnten nicht wirksam reduziert, Politiker und die Herren der Ökonomie haben die wissenschaftlich begründete Wahrheit „Reduziert den CO2 Ausstoß“ sehr sehr oft ignoriert. Die meisten Menschen haben ihre üblichen Lebensgewohnheiten (Flugzeuge nutzen, Benzin – Autos fahren etc.) fortgesetzt. Die Wahrheit über die Rettung unserer Erde wurde also seit ca. 50 Jahren weithin ignoriert. Daraus folgt: Wer, wie etwa Mister Trump und Konsorten, die Wahrheit über den Klimawandel als eine Klimakatastrophe ignoriert, also weg – lügt, zerstört die Welt, zerstört das Zusammenleben, zerstört die Demokratie. Und ein offenbar ignoranter Kanzler Merz sprach am 15.Juli 2026 in der Bundespressekonferenz davon, er werde sich um die „Probleme des Wetters“ (sic) kümmern. Die Wahrheit der Klimakatastrophe ist Herrn Merz offenbar noch nicht vertraut. (Quelle: Etwa: ZDF, Heute Journal, 2.8.2026). Und die ganz den Interessen des Kapitals ergebene Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) meint sogar: Naturschutz sei im Zweifel als Hemmschuh für die Wirtschaft anzusehen.“ (Quelle Tagesspiegel, 3. 8.2026, Seite 5. Der vernünftige Umweltminister Carsten Schneider (SPD) betont: 25 Milliarden Euro betrage der jährliche Schaden durch die Trockenheit, wenn keine Gegenmaßnahmen getroffen werden“ (Tagesspiegel, 3.8.2026, S. 5)., Mit anderen Worten: Schon der finanzielle Schaden ist immens, wenn weiterhin die Wahrheit der Umweltkrise als Umweltkatastrophe ignoriert wird…

1. Auch Lügner beanspruchen die Wahrheit
Denken Sie diesen Gedanken: Die universell geltende, faktisch aber selten respektierte Forderung an alle Menschen: „Du sollst nicht lügen“, „Du sollst die Wahrheit sagen“ gilt nicht mehr, diese Wahrheit ist abgeschafft worden. Dann können alle Menschen je nach Belieben lügen, z.B. heute dieses und morgen anderes als Erkenntnis der gleichen Sache behaupten. Jeder und jede erfindet also – bei der Ignoranz gegenüber der Vernunfterkenntnis oder auch der Ignoranz gegenüber der „Stimme des Gewissens“ – je nach Laune immer neue Thesen: Die aber dann doch, um Aufmerksamkeit zu finden, als Wahrheit, als „meine Wahrheit“, propagiert werden müssen. Die nicht total zu vernichtende Idee der Wahrhaftigkeit können also die Lügner nicht auslöschen. Sie müssen für sich selbst und für andere ihre lügenhaften Behauptungen als ihre Wahrheit darstellen. Schon hier zeigt sich eine unauflösbare Verbindung von Wahrhaftigkeit und Lüge.
Lüge und Wahrheit bleiben selbst noch in einer umfassenden Lügen – Welt eng verbunden. Die Idee der Wahrheit lässt sich nicht kleinkriegen.

2. Richtig ist etwas anderes als wahr
Mathematische Wahrheiten können nicht außer Kraft gesetzt werden, sie gelten immer und überall. Die Leugnung mathematischer Wahrheiten würde die gesamte technisch – industrielle Wirklichkeit zerstören und damit Wohlstand und physisches Überleben unmöglich machen. Es wäre absolut unrealistisch, eine alternative Gemeinschaft aufzubauen, die zum obersten Dogma erklärt: Eins und Eins addiert ergibt Eineinhalb. Und eine andere alternative Gemeinschaft könnte aus purer Laune behaupten: Null plus Null ergibt zusammen eins.
Aber, wie gesagt: Schon aus technisch – praktischen Gründen muss mathematische Wahrheit gelten. Und wer dann in dieser mathematischen Welt korrekt, den Gesetzen entsprechend rechnet, der rechnet richtig, nicht etwa „wahr“. Richtig ist das korrekte Verhalten in einer gegebenen, in dem Fall mathematischen Wirklichkeit. Man wird im technischen Bereich niemals sagen: „Diese Autoreparatur ist nicht wahr,“ sondern: „Sie ist falsch“ oder auch: „Sie ist richtig.“

3. Faktencheck, weil so viele lügen
Wahrheit und Wahrsein sind umfassender als technische Richtigkeit. Wahrheit ist bezogen auf die geistige Sphäre, auf die Wahrnehmung von Welt, der menschlichen Gesellschaft, der Politik. Ist aber dort die Bindung an die Wahrheit abgeschafft, gilt Wahrhaftigkeit nichts mehr, dann kann es nur noch millionenfach Lügen geben, die alle in Konkurrenz und im Kampf um Vorherrschaft zu einander stehen. Diese Erfinder ihrer jeweiligen Lügen werden Kriege gegeneinander führen. Und es wird keinen Friede, kein humanes Zusammenleben, mehr geben: Denn nur die Bindung an die Verpflichtung, die Wahrheit zu sagen, kann als als Kriterium entscheiden, welche unter den vielen Thesen den Fakten entspricht und welche nicht. Dieser „Faktencheck“ ist das Eingeständnis, dass es doch Wahrheit gibt in der verwirrenden Vielfalt der Meinungen und „Wahrheiten“. Es gibt also in einer schon jetzt von der Herrschaft der Lüge vergifteten Welt das starke Bedürfnis zu wissen, was ist denn nun Wahrheit. Und die ist, wie gezeigt, mehr als rechnerisch – technisch korrekte Richtigkeit.

4. Lügen sind Nihilismus
Lügen zerstören humanes Leben: Nihilismus ist die Vorstellung, dass nichts gilt, dass Wahrheit nicht gilt, alles gleich -gültig ist, dass Gutes vom Bösen nicht unterschieden werden kann. Nihilismus ist das Resultat einer Herrschaft der Lüge und Lügner. Vaclav Havel, der tschechische Widerstandskämpfer, Literat und nach 1989 Staatspräsident in seiner Heimat, hatte seinen Überlegungen zur Lügen – Welt des Kommunismus/Stalinismus den Titel gegeben: „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ (1978). Inmitten des Verbrecher Regimes der kommunistischen Partei hat Havel gewusst, was Wahrheit, was wahres humanes Leben ist. Havel passte sich nicht an, wurde nicht zum Mitläufer, er wählte nicht den bequemen Weg wie die meisten in diktatorischen Regimen. Der Wahrheit folgen, in der Wahrheit leben: dies ist gefährlich, manchmal lebensgefährlich, das wusste Havel. Das wissen alle, die niemals auf Wahrhaftigkeit verzichten und in den Gulag der russischen Diktatoren damals und heute ums Überleben ringen, das wissen kritische Intellektuelle in dem Regime des Herrschers Trump, das wissen die Oppositionellen in der totalen Herrschaft Netanjahus und seiner faschistischen Minister oder im Regime der Mullahs usw…

5. Die Wahrheit immer und überall sagen?
Der Philosoph Immanuel Kant ist bei manchen Leuten in Verruf geraten, weil er in seinem Beitrag „Über ein vermeintliches Recht, aus Menschenliebe zu lügen“ (1797) sehr streng betonte: Niemals, unter keinen Umständen, ist Lügen moralisch zu rechtfertigen. Unser Zitat bezieht sich auf diesen Text (Fußnote 1): “Es ist also ein heiliges, unbedingt gebietendes, durch keine Conveniencen (Üblichkeiten) einzuschränkendes Vernunftgebot: In allen Erklärungen wahrhaft (ehrlich) zu sein.“ S. 227 f.). In seinem Beitrag will Kant nur das Eine sagen: Menschen dürfen um ihrer Menschlichkeit niemals darauf verzichten, an der Idee der Wahrheit und Wahrhaftigkeit festzuhalten. Diese Idee der Verpflichtung auf Wahrheit muss bestimmend sein, wenn die Gesellschaft, der Staat, wenn das Zusammenleben nicht durch die Herrschaft der Lüge völlig zerfallen und ausgelöscht werden soll.
Der Idee der Wahrheit kann der einzelne niemals vollständig und total entsprechen, aber er braucht diese Leit-Idee, um im Leben, im Suchen, im Forschen und Fragen ein Kriterium zur Verfügung zu haben, das wahre Erkenntnis von falscher trennen kann. Diese Leit – Idee der Wahrheit steht neben den anderen ähnlich strukturierten Leit – Ideen, dem Guten und dem Schönen: Auch sie sind Kriterien für ein humanes Leben: Niemand wird jemals absolut gut sein, vollkommene Schönheit wird niemals erreichbar sein: Aber niemand wird auf die Bindung an die Idee der Schönheit oder des Gutsein verzichten: Selbst ein Mörder kann sein – zum Beispiel fundamentalistisch – religiös motiviertes- Morden für sich als Gehorsam gegenüber seinem Gott irrigerweise sogar gut und wahr finden. Und selbst ein Fan von Kitsch – Gemälden wird noch unterscheiden können zwischen dem für ihn schönen Kitsch und dem unerträglich grellem Farben – Geschmiere anders orientierter Kitsch – Freunde…

6. Lügen als Ausnahme retten Leben
Man hat Kants Position weiter gedacht und behauptet: Er würde sogar für die Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit eintreten, wenn etwa die Nazis von einem Antifaschisten wissen wollen: „Haben Sie einem Juden in ihrer Wohnung Schutz gewährt?“ Natürlich darf dieser hilfsbereite Mensch NICHT die Wahrheit sagen, er darf nicht den Gesuchten der SS ausliefern. Denn der hilfsbereite Mensch kennt eine gegenüber der formellen Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit noch größere Wahrheit und sie reicht über die Konformität mit den geltenden Gesetzen hinaus: Das Leben eines Unschuldigen in einem Verbrecher – Regime zu schützen ist die höhere Wahrheit. Der Kant – Forscher Marcus Willaschek schreibt in seinem empfehlenswerten Buch „Kant. Die Revolution des Denkens“ passend zu unserem Beispiel: Der hilfsbereite Mensch habe mit der Lüge gegenüber dem SS Mann seiner richtigen Lebens – Maxime entsprochen und die heißt: „Ich will nicht lügen, es sei denn die Lüge ist das einzige Mittel, um ein großes Unrecht zu verhindern und verletzt keine berechtigten Interessen anderer Menschen.“ (Fußnote 2).
Moralisch ausschlaggebend ist in dem Beispiel, so Willlaschek, „die Verallgemeinerbarkeit dieser Maxime. Tatsächlich spricht nichts dagegen, dass diese Maxime (in unserem Beispiel die des hilfsbereiten Menschen) ein allgemeines Gesetz sein könnte.“ Und Willaschek betont: Es gibt also kein uneingeschränktes Lügenverbot.

7. Politiker als Lügner
Lügen kann – als reflektierte Ausnahme – DAS EINZIGE MITTEL sein, „um ein größeres Unrecht zu verhindern“. Diese sehr begrenzte, stets kritisch zu reflektierende Möglichkeit zu Lügen haben die zahllosen Lügen – Politiker und die einflußreichen Tech – Milliardäre total vergessen: Sie lügen und lügen, wie es ihnen gerade passt … und finanziell Vorteile bringt. Vorbild aller Lügen – Herren ist Mister Donald Trump, dessen Lügen innerhalb seiner Amtszeit schon gar nicht mehr gezählt werden können. Trump steht in einer Reihe mit den größten Lügner – Politikern der Gegenwart in Russland, China, Nord-Korea usw…Rechtsradikale PolitikerInnen in ganz Europa sind die MeisterInnen im Lügen, Im Verfälschen der Vergangenheit, im Einsatz falscher Behauptungen zur ökonomischen und politischen Entwicklung, zur Situation der Flüchtlinge und Ausländer.

8. Verlogenheit, Heuchelei, Sich-Verstellen….
Schwierig wird das Thema Lüge und Wahrheit, wenn man das Verschweigen der vollständigen Wahrheit betrachtet, also auch die Formen der Heuchelei, der Verstellung und der Verlogenheit. Gelegentlich kann das Verschweigen der vollständigen Wahrheit not -wendig sein, etwa im Rahmen diplomatischer Verhandlungen. Verschweigen bewegt sich in einer Art moralischen „Grauzone“, Verschweigen und Verleugnen wird ins Unmoralische abgleiten, wenn Verstellung und Verlogenheit zu einer Art Gewohnheit im Leben werden: Dann weiß der Betreffende nicht mehr, wer er selbst eigentlich ist. Auch Verlogenheit und Verstellung sind der Kritik der Leitidee Wahrhaftigkeit ausgesetzt.

9. Wissenschaftliche Wahrheiten verändern sich
Wenn wir von Wahrheit sprechen, ist die Bindung an die Wahrhaftigkeit gemeint und, wenn Wahrheit inhaltlich gemeint ist, dann meinen wir die universell geltenden Grundsätze, etwa die Menschenrechte.
Auch in Geisteswissenschaften gibt es Wahrheiten, die durch weitere Forschungen später ergänzt oder ersetzt werden. (Aber wir können uns heute nur an die inhaltlichen Wahrheiten halten, die heute wissenschaftlich plausibel sind, wir können uns natürlich nicht an die Wahrheiten halten, die nach weiteren Forschungen in 20 Jahren vielleicht gelten.

10. Wenn Religionen, wenn Kirchen lügen
Lügen und Wahrheit sind nach wie vor dringendes Thema der Religionskritik und Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie: Um nur bei einer der vorherrschenden Religionen, dem Katholizismus, zu bleiben: Da werden sogar noch von den heute herrschenden Klerikern bestimmte Bibelstellen gegen alle wissenschaftlich erwiesene Wahrheit fundamentalistisch gedeutet und in dogmatisch geltende Wahrheit überführt: Diese Ignoranz ist eine Form der Lüge, sie steht im Dienst der hierarchischen, angeblich von Gott höchstpersönlich gewünschten Klerus-Herrschaft. Beispiele dafür gibt es in großer Fülle: Man denke etwa an den angeblichen Befehl des historischen Jesus von Nazareth an seinen „Jünger“, den später Apostel genannten Petrus: Er sei der Fels, auf dem sich seine Kirche gründe (im Matthäus Evangelium, Kap. 16, Vers 8). Dabei weiß jeder, dass Jesus von Nazareth nicht im entferntesten daran dachte, eine Kirche zu gründen. Da wurde im Neuen Testament dem historischen Jesus eine Aussage unterschoben, die eigentlich als Lüge der Autoren des Neuen Testaments zu bewerten ist. Oder: Die Zulassung von Frauen zum Priesteramt wird damit von den Päpsten und ihren Theologen so begründet: Jesus habe nur 12 Männer zu Aposteln erwählt. Dabei werden im Neuen Testament selbst schon viele Frauen als JüngerInnen Jesu genannt. Trotz aller wissenschaftlichen Forschung, die Frauen als Priesterinnen auch in der katholischen Kirche für möglich und geboten halten, wollen die Kleriker auf ihre männliche Alleinherrschaft nicht verzichten. Und die Kleriker im Vatikan sagen: Na ja, es gibt doch einige Frauen in hohen Verwaltungsposten sogar im Vatikan…
Wie überhaupt der Vatikanstaat – historisch betrachtet – auf einer großen Lüge beruht: Man denke daran, dass die Päpste an die „Constantinische Schenkung“ glaubten, also an die Schenkung großer Gebiete Italiens durch den Kaiser, auch dann noch, als im 15. Jahrhundert der hoch gebildete Theologe und Historiker Lorenzo Valla nachweisen konnte, dass dieses angebliche Schenkung – Dokument Kaiser Constantins eine Fälschung aus dem 8. oder 9. Jahrhundert ist. Aber nur im Festhalten an dieser Lüge kann der Staat Vatikan überhaupt ein Existenzrecht haben. Bekanntlich war der Faschist Mussolini 1929 so freundlich, dem Papst wieder einen (winzigen) Staat zu gewähren.
So kann der Papst eben auch Staatsmann sein, mit allen Privilegien, man denke an das umfassende System der Vatikan- Botschafter, der Nuntien. Sie kontrollieren die Ortskirchen und melden etwa progressive Irrtümer und „Irrlehrer“ der jeweiligen Ortskirchen den Vatikanischen Behörden…
Es ist schon erstaunlich, dass eine Kirche, die, vernünftig betrachtet, auf Lügen beruht, selbst einen solchen Furor entwickelt hat und pflegt, ihre eigene Wahrheit gegenüber den „Ketzern“ auch mit Gewalt durchzusetzen…

11.Für die katholische Kirche (um nur von ihr zu sprechen) gehört die Lüge zur Ideologie, bei allem Furor der Durchsetzung der eigenen „Wahrheiten“

Es ist ein endloses, letztlich immer verstörendes Thema: Die katholische Kirche und ihre Bindung an dogmatische Lügen und politische Lügen. Aber die verbliebenen Katholiken stört das nicht so sehr, sie freuen sich, ihren Wunderglauben, auch ihren Glauben an die göttliche Erhörung ihrer Bittgebete usw… weiter pflegen zu dürfen. Wer wagt es noch, hier von praktiziertem Aberglauben in der katholischen Kirche zu sprechen? Aberglaube ist eine Lüge. Auch von der bewussten Ignoranz gegenüber Missbrauchstätern durch Bischöfe wäre zu sprechen, sie haben die Wahrheit verachtet zugunsten einer Kumpanei mit den Mitbürgern“, also ihre Kleriker als Missbrauchstäter gedeckt und verteidigt…

Fußnote 1: Immanuel Kant, „Zum ewigen Frieden und andere Schriften.“ Fischer Taschenbuch, 2008, S. 225- 231).

Fußnote 2: Marcus Willaschek, „Kant“. C.H. Beck Verlag, 2023, S. 106.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophisches Salon, Berlin.

 

Denken oder beten?

Wie wir in Gedanken andere in unser Leben rufen
Ein Hinweis von Christian Modehn am 25.6.2026

1.
„Ich werde an dich denken“. Anläßlich einer Bestattung, einer schweren Krankheit, einer Hochzeit, einer problematischen Reise, wann auch immer…: Es ist unter christlich geprägten Menschen auch in Deutschland üblich zu sagen: „Ich denke an dich“. Als Ausdruck der Verbundenheit, vielleicht als Trost.
Bis vor einigen Jahren sagten christlich geprägte Menschen noch, nicht nur im privaten Flüsterton: „Ich bete für dich“.

2.
Sich offen zum Beten für andere zu bekennen, ist in einer zunehmend säkularen Gesellschaft das Wagnis, als Frommer oder Frömmler dazustehen. Also als obsolet zu gelten. Zumal gebildete Christen heute ihre Probleme haben, den Sinn des Bittgebetes zu verstehen: „Ich bitte für dich bei Gott.“

3.
Dies ist also kein abseitiges Thema einiger spiritueller Menschen: Wir fragen: Was macht den Unterschied aus zwischen „Ich denke an dich“ und „Ich bete für dich“? Vielleicht meinen beide Zusagen, richtig verstanden, sogar das Gleiche?

4.
Wie gesagt: „Ich bete für dich“ hat man früher auch schnell gesagt, daher – geredet. .Wie eine Floskel. Heute hingegen wird das „Ich denke an dich“ ständig gesprochen in den genannten Fällen von Krisen oder auch besonders schönen Erlebnissen. Die Adressaten können die Zusage des anderen, des Freundes, er werde an mich denken, nur glauben. Und hoffen: dann hat man mich also doch nicht ganz vergessen, ich bin nicht ganz allein, man denkt an mich. Früher haben abergläubische Menschen diese Zusage angeblich „empirisch“ aber hilflos überprüfen wollen, wenn sie sagten: „Mir klingt nun das rechte Ohr“.

5.
Schauen wir auf die Zusage: „Ich bete für dich“ . Diese betende, bittende Person verspricht, sich an an Gott zu wenden und ihn zu bitten, Gott (oder Jesus Christus oder sogar Maria) möge sich um die betreffende Person, entweder leidend oder auch glücklich, vom Himmel aus „kümmern. Der Betende übergibt also sein Anliegen der göttlichen Wirklichkeit. Wer sagt: „Ich bete für dich“ entlastet sich: „Soll Gott sich doch kümmern. ER wird es in seiner Allmacht schon richten.“ „Für andere beten“ kann die Bedeutung haben: Für andere persönlich nicht eintreten, nicht handeln zu müssen. Es ist die Bequemlichkeit der Frommen…

6.
Nebenbei: Papst Leo XIV., so berichtet der „Vatikan Newsletter“ täglich, bekennt öffentlich ständig, für andere in der weiten Welt zu beten, für einzelne oder Gruppen oder ganze Länder, für Leidende, Hungernde, Frierende, Soldaten, Friedensstifter usw. Wenn der Papst für all diese Menschen täglich mindestens ein „Vater Unser“ und ein „Ave Maria“ betet, ist der halbe Vormittag um, möchte man ironisch sagen. Aber der Papst kann durch so viel öffentlich erklärte Fürbitt – Gebete seinen Anspruch beweisen, „Heiliger Vater“ zu sein … Vielleicht hört Gott auf päpstliches Beten besonders aufmerksam?

7.
Wer sagt „Ich denke an dich“ lebt in einer anderen Dimension, man kann sie „weltlich“ nennen: Aber wenn diese Zusage für den Sprechenden wirklich mehr ist als eine Floskel, dann führt sie in tiefere, man möchte sagen, philosophische Erfahrungen des menschlichen Lebens. Denn das „Denken an dich“ berührt den Geist, die Seele: Die andere Person wird wachgerufen, man sieht sie vor sich, fragt: Was war, was ist das Besondere dieses Menschen? Hat sie mir (noch) etwas zu sagen, bedeutet sie mir etwas? So entsteht eine Form der Kommunikation zwischen dem Denkenden und dem Menschen, dem das „Denken an…“ gilt. Man kann dies auch „Wechselseitigkeit“ (Jan Patocka) nennen. Durchaus mit dem Aufruf: Was kann ich für Dich tun, wenn ich so an dich denke. Und es kann die Erkenntnis gelingen: Wir beide haben die Voraussetzung: In unserem Geist verbunden zu sein!

8.
Wer sagt „Ich bete für dich“ und diese Zusage wirklich ernst meint und die Tiefe der Aussage versteht, der weiß: Gott im Himmel wird nicht eingreifen und wie in einem Wunder mit heiligen Blitz genau diese eine Person, für die ich bete, dann heilen, trösten, sich mit ihr freuen usw. Sondern im (Bitt-)Gebet erschließt sich für christliche Menschen die Erkenntnis: Gott, das Göttliche, der Ewige, wie auch immer sein Name unbeholfen genannt sein mag, ist immer schon anwesend: In mir, in den anderen, in der Welt. Anwesend als die nur geheimnisvoll, niemals zu definierende schöpferische Kraft, die in allem und allen lebt. Dies ist eine bleibende Erkenntnis christlicher Mystik.
Und was ist die Konsequenz? Ich stehe auf diese Weise mit dem anderen, den anderen, auch in einer Kommunikation: Ich denke also auch an den anderen, sehe ihn, frage mich: Was ist sein besonderes Profil, wo ist der andere wichtig für mich, herausfordernd, verstörend: Wo kann er/sie anregend sein für mich? Wo kann ich ihn, sie, begleiten, unterstützen…

9.
Also: Es sind die gleichen Erfahrungen und Erkenntnisse, die sich beim vernünftig nachdenkenden Beter einstellen wie bei dem, der sagt: „Ich denke an dich“. Es ist also in beiden Formen des Gedenkens die in die Praxis führende Dimension entscheidend, und wenn verantwortliche Denk – oder Gebets – Kommunikation: Dann auch mein Tun „in seinem Sinne“.

10.
Der angesehene tschechische Philosoph Jan Patocka (1907 – 1979) LINK https://religionsphilosophischer-salon.de/12573_ich-denke-an-dich-denken-in-zeiten-der-krise-5-teil_denkbar.
hat einen bedeutenden Essay geschrieben zum ungewöhnlichen Thema: „Phänomenologie des Lebens nach dem Tod“. Er reflektiert also unser Thema speziell im Hinblick auf den Tod eines geliebten Menschen.
Das Buch ist 2026 im Verlag Matthes und Seitz erschienen. Darin geht er auch der Frage nach: In welcher Form lebt der geliebte Verstorbene mit mir weiter: Die von Platon stammende metaphysische Antwort eines Weiterlebens der Seele in der Ewigkeit lehnt Patocka ab. Der Herausgeber dieses Buches, der Philosoph Tobias Keiling, schreibt in seiner ausführlichen Hinführung zur These Patockas: „Auch wenn der Verstorbene `die Zukunft (mit mir) nicht mehr aktuell mitgestalten`, also nicht mehr direkt aktuell am gemeinsamen Handeln Anteil haben kann, so kann sein vergangenes Leben mein Handeln doch weiterhin beeinflussen und bereichern… Das Sein des Verstorbenen könne `für mich zum Impuls für immer Neues werden, indem ich tiefer realisiere, was seine Existenz bedeutet hat und weiterhin bedeutet.` Dies ist ein bisher noch nicht berührtes Phänomen des Lebens nach dem Tod, das meinen eigenen Lebensentwurf mit dem des Verstorbenen verbindet.“ (S. 41,42).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Kirchen und Religionen sollten nicht die Demokratie bestimmen, auch nicht in den USA!

„Mit Gott gegen die Demokratie“ – Das neue wichtige Buch von Arnd Henze über die USA
Ein Hinweis von Christian Modehn am 20.6. 2026

1.
Der 4. Juli 2026 ist der 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung in den USA. Ein ganz großer Feiertag, hoffentlich dort auch ein Gedenk-Tag. Der 4. Juli ist für die Trump – Regierung und seine nationalistische MAGA-Bewegung von höchster Bedeutung. Sie werden den tiefgreifenden Umbruch in der Geschichte der USA feiern, also die neue antidemokratische „Ordnung“, die sie in den Jahren der Trump Herrschaft durchgesetzt haben. Seinen Sieg verdanken Trump und die Seinen vor allem auch den extrem wütenden „white evangelikal Christians“. „Sie lieben Trump nicht trotz, sondern wegen seiner tiefen Verachtung für alle Grenzen des Rechts und des Anstands“, schreibt Arnd Henze in seinem wichtigen Buch (S.10).

2.
Es ist also nicht nur naheliegend, sondern geboten, die für Europäer kaum vorstellbar große Bedeutung des Christentums in den USA heute zur Kenntnis zu nehmen, auch die kaum zu überblickende Vielfalt der Konfessionen dort – oder der Vereine, die sich Kirchen nennen. Auch wenn die Zahl der Konfessionslosen und Atheisten sogar in den USA stetig steigt, 2026 nennen sich etwa 29 Prozent der US-Bürger „Konfessionslos“ („Nones“): Die nationalistischen Politiker brauchen auch heute den sich christlich nennenden religiösen Fundamentalismus als ideologisches Schmiermittel für ihre menschenverachtenden Politik. Nur mit ihrem diffusen und jeglicher Rationalität entbehrenden christlich genannten Glauben können sie den Nebel erzeugen, den sie für ihre menschenverachtende Innen – wie Außen – und Kriegs-Politik benötigen.

3.
Man achte darauf, dass Präsident Trump als oberster Chef der viel gerühmten US-Demokratie von Friedensforschern heute als ein neuer Warlord, als „Kriegsherren“, eingereiht wird in die lange Liste ähnlicher Machthaber, wie Putin, Netanyahu und viele Herrscher im Nahen Osten oder in Afrika. Das entsprechende „Friedensgutachten“ der Friedensforscher wurde im Juni 2026 veröffentlicht, pünktlich als wissenschaftliche Einschätzung des Krieges von Netanjahu und Trump gegen den Iran, ein Krieg, der minimale Erfolge für die USA und Israel „gebracht“ hat. Diese werden aber von Trump in seinem Größenwahn als Siege verkündet, bloß weil das Benzin wieder billiger ist. Warlords sind kriegerische Herrscher, sie inszenieren ihre Kriege, wie es ihnen gerade nach Laune in den Kram passt, um es drastisch zu sagen. Der menschliche Schaden ihrer zudem noch schlecht vorbereiteten Kriege ist ihnen egal. Warlords wie Trump sind die Zerstörer der internationalen Ordnung, ein Kommentar: .LINK …  Der Text der Friedensforscher: LINK 
Dieser Warlord, US – Präsident Donald Trump, wird, wie gesagt, von evangelikalen und anderen rechtsextremen Christen wie ein Heilsbringer verehrt.

4.
Das Buch von Arnd Henze „Mit Gott gegen die Demokratie“ zeigt nicht etwa nur ein begrenztes religionskritisches oder theologiewissenschaftliches Problem, es bewegt nicht nur Fachleute: Der Untertitel heißt: „Warum der christliche Nationalismus alle angeht“. Erschienen ist das Buch im Gütersloher Verlagshaus, 2. Auflage auch im Jahr 2026.
Zur Ermunterung: Das Buch ist sehr gut geschrieben, sehr gut zugänglich, es hat 218 Seiten und kostet nur 20 Euro.

5.
Arnd Henze ist ein herausragender Kenner der Kirchen in den USA, seit vielen Jahren recherchiert er regelmäßig in den Vereinigten Staaten, er ist Journalist beim WDR. Ihm liegt auch als protestantischen Theologen daran, die Welt der vielen evangelikalen Kirchen n den USA verständlich zu machen, aber er lädt die Leserinnen auch ein wahrzunehmen, dass immer noch der Demokratie und den Menschenrechten verpflichtete Konfessionen in den USA aktiv sind – auch im Widerstand gegen das Trump -Regime.
Wie meinen auch nach der Lektüre des Buches: Das Christentum ist in den USA so tief gespalten, dass die Idee einer christlichen Einheit aller Kirchen wie eine absolut ferne Utopie erscheinen muss. Diese Einheit könnte nur entstehen, wenn die Evangelikalen und ihre Netzwerke zur theologischen Vernunft kommen UND ihre reaktionäre nationalistische, und das ist immer auch egoistische Präferenz zugunsten der Menschenrechte aufgeben. Es ist bei den „white evangelikal Christians“ diese Verklammerung von reaktionär – fundamentalistisch christlich mit reaktionär – nationalistisch politisch, die wenig Hoffnung macht auf eine Wiederkehr der Demokratie in den USA. Dass auch etwa 60 Prozent der „white catholics“ für Trump gestimmt haben, betont Arnd Henze, aber viele von ihnen sind wohl durch ihre Bindung an die Autorität des Papstes in ihrer totalen Hingabe an Trump und CO. gebremst…

6.
Das Buch von Arnd Henze „Mit Gott gegen die Demokratie“ hat drei Kapitel: Im ersten Kapitel „Die Zeit der Rache“ wird der christlich nationalistische Glaube einiger führender Mitarbeiter im unmittelbaren Umfeld von Trump analysiert. Im 2. Kapitel wird die auch für Deutschland heute wichtige Frage gestellt „Wiederholt sich die Geschichte?“, werden also die Rechtsradikalen schon wieder siegen? Und dann das genauso wichtige dritte Kapitel: „Wie sich Demokratie retten lässt“. Da kann Arnd Henze einen gewissen Optimismus nicht verbergen, wenn denn die Midterms – Wahlen im November 2026 einen großen Aufschwung und Sieg der Demokraten bringen und der Widerstand der kritischen und demokratisch gesinnten Gemeinden nicht nachlässt… (Siehe LINK https://www.fr.de/politik/midterms-2026-umfragen-setzen-trump-im-kongress-unter-druck-94343892.html)

7.
Wir können hier nicht die ausführlichen Analysen des Buches zusammenfassen. Als Inspiration zugunsten einer ausführlichen Buch – Lektüre nennen wir nur einige unserer Erkenntnisse im Werk Arnd Henzes.
Im ganzen gilt: Wie ideologisch leer und erbärmlich würden diese engsten Mitarbeiter Trumps dastehen, etwa Pete Hegseth, Stephen Miller, Russel Vought: Wenn es die Bibel nicht gäbe, dieses von ihnen ideologisch mißbrauchte Buch, das in sich nur in historisch-kritischer Lektüre erschließt, von den christlichen Trump – Ergebenen aber nur als Fundgrube für einige Zitate benutzt wird, die ihre menschenverachtende Politik verzieren.

8.
„Wir stehen auf der Seite Gottes“, sagt Stephen Miller, stellvertretender Stabschef im Weißen Haus. Und zu seinen Feinden, den demokratisch Engagierten sagt er: „Ihr seid nichts. Ihr seid Bosheit. Ihr seid Hass… Wir werden die Kräfte der Finsternis und des Bösen besiegen..“ (S. 47). Stephen Miller ist allerdings kein Christ, wie alle engen Mitarbeiter in Trumps unmittelbaren Regime, er gehört zur jüdischen Gemeinschaft. Arnd Henze nennt ihn treffend. „Technokrat des Ausnahmezustandes“ (S. 43).
Dem Kapitel über den Verteidigungsminister Pete Hegeseth gibt Henze den treffenden Titel „ Der Posterboy des Christian Warriors“, des „Christlichen Kriegers.

9.
Für Peter Thiel, dem Tech – Milliardär und Investor im Silicon Valley sowie dem Mitbegründer des Datenanalyse-Unternehmens Palantir, ist kein eigenes Kapitel gewidmet. Thiel wird allerdings im Kapitel über J.D.Vance erwähnt. Freiheit und Demokratie sind für Thiel nicht kompatibel. Der Milliardär unterstützte Trump mit Millionen, für Vance spendierte der Milliardär 15 MIllionen im Wahlkampf 2022. Thiel ist auch bekannt geworden wegen seiner heftigen apokalyptischen Fantasien zu einer bevorstehenden „End-Zeit“, die durch das Auftreten des Anti – Christen bestimmt sein wird, wenn nicht Widerstand geleistet wird. In Trump sieht Thiel den entscheidenden Kämpfer gegen den Antichristen…Denn er kann die Tech-Konzerne als Organisationen des Widerstandes gegen den Antichristenn „von allen regulatorischen Hürden befreien“ (S. 54), also die Monopol – Stellung der Tech – Konzerne definitiv durchsetzen.
Peter Thiel und Vizepräsident J.D. Vance kennen sich seit etlichen Jahren. Die entscheidende Begegnung fand 2011 statt. Thiel wurde der „berufliche, religiöse und politischer Mentor“ von Vance, betont Henze (S. 53). Vance entwickelte eine „bedingungslose Loyalität zum Tech -Milliardär“(ebd.) .
Konkurrenz in der Wirtschaft lehnt Thiel ab: „Nur Monopole seien erfolgreich“(S. 54), d.h. sie bringen den gewünschten großen Gewinn fürs eigene Konto.
Zur Glaubenshaltung des zum Katholizismus konvertierten Vizepräsidenten J.D. Vance schreibt Henze: J.D. Vance glaubt an einen „Identitäten Katholizismus“. Seltsamerweise lebt er aber mit seiner Ehefrau eine gar nicht so katholisch-identitäre Ehe: Denn Usha Chilukuri Vance ist überzeugte Hinduistin… Immerhin: Die Kinder sind katholisch getauft, die klassische päpstliche Forderung in Mischehen wird also befolgt!

Ende Juni 2026 hat Vance sein neues Buch vorgelegt mit dem Titel „Communion – Finding my way back to faith“ (Harper, New York). Eine Art Bekenntnisbuch, ein klein bißchen auch selbstkritisch, es erzählt von seiner Konversion, aber „man sollte das Buch weniger als Auseinandersetzung mit dem Katholizismus lesen“ statt dessen mehr als ein moralisch gefärbtes Bewerbungsschreiben um das Amt des Präsidenten verstehen, bewertet Christiane Lutz in einer ausführlichen Rezension in der Süddeutschen Zeitung (20./21. Juni 2026, S. 19) das Opus von 304 Seiten. Aber eins steht nach wie vor fest für Vance: „Das Fehlen christlicher Werte ist einer der Gründe, warum es mit der westlichen Welt bergab geht“ (Christiane Lutz). Er sorgt ja mit Trump und Seinen für diese „Werte“…
Aus aktuellem Anlass nebenbei: Es gibt offensichtlich eine Verbindung des CDU Politikers Jens Spahn mit dem privaten Netzwerk von Peter Thiel siehe: Tagesspiegel, 18.Juni 2026, LINK.

10.
Im Kapitel über Trump ist wichtig: Mit Trump geschieht die „finale Absage an den demokratischen Rechtsstaat“ (S.162). ..„In all dem sehe ich wesentliche Merkmale eines autoritären und faschistischen Staates“ (ebd.) . Wichtig ist: Trump und seine nationalistischen engen Mitarbeiter glauben an das „wirkungsmächtige Narrativ der religiösen rechten, dem Seven Mountains Mandat“ (S. 13). Das heißt: Die Leute meinen, in sieben Bereichen („Mountains“, Bergen) müsse das Christentum herrschen: In der Religion, der Familie, der Bildung, der Regierung, in den Medien, der Wirtschaft und in Kunst und Kultur. (S. 13) Also: In allen Bereichen sollen die Grundsätze des Christentums (so, wie es de Nationalisten verstehen) herrschen. Christus soll als der „oberste König“ über dem Staat stehen: „Ein solches totalitäres Gesellschaftsbild kann nur in einer Diktatur verwirklicht werden…dahinter steht der Ruf nach einer Theokratie als Herrschaftsinstrumentarium des 21. Jahrhunderts“ (S. 13).

11.
Arnd Henze erinnert daran, dass der international geschätzte Historiker Timothy Snyder schon 2017 einen neuen, durchaus originellen wie treffenden Begriff für das Trump -Regime wählte, der das ganze Verstörende dieser Herrschaft – besonders in den Innenpolitik – gültig und treffend zusammenfasst: Es ist der Begriff „Sadopopulismus“. Das heißt: Der rechtsextreme Populismus im Trump Regime und der MAGA Bewegung ist sadistisch bestimmt: Also: Diese regierenden Herren wollen mit ihrer Politik bewusst und gezielt die Schwachen quälen: Arme, Ausländer, Eingewanderte, Farbige, die weite Gemeinschaft der Queers usw. und auch die Millionen Armen in der sogenannten Dritten Welt, die auf Befehl Trumps keine Hilfe mehr von USAID erhalten und so bewusst von Trump und den Seinen in den Hungertod geschickt werden.
Die von Trump und Co. inszenierte sadistische Qual bedeutet für die Menschen in den USA: Das Regime will die genannten Armen weiter tief unten halten im Elend, am liebsten viele aus den USA mit brutaler Gewalt (siehe die Untaten der Grenzschutzbehörde ICE) rausschmeißen. Und statt de facto wird aller Reichtum für die bisher schon Reichen, die Millionäre und Milliardäre, durch eine „Steuerpolitik“ vermehrt.

12.
Der Begriff Sadopopulismus hat – dem Tool folgend – eine perverse Nuance: Denn dieser Sadismus setzt eine Hierarchie von Grausamkeiten gegenüber den vielen Armen voraus: „Die eigenen Schmerzen werden erträglich, weil man anderen zusehen kann, die es viel heftiger trifft. Die Regierung lässt dich zwar (ökonomisch) leiden, etwa die schlecht bezahlten Arbeiter, also möchtest du sadistisch, dass andere noch mehr leiden als du“ (S. 155). Diese gezielt eingesetzten, abgestuften Leidenserfahrungen in der Gesellschaft der USA führen „zur Zerstörung jeder Vorstellung von Gesellschaft als einem sozialen Raum, und in dem es um eine bessere Zukunft für uns alle geht“ (ebd.)

13.
Einige unserer FRAGEN, angestoßen durch das Buch „Mit Gott gegen die Demokratie“:
Wie verhalten sich evangelikale Kreise in der EKD, wie evangelikale, selbständige Kirchen in der BRD, etwa die Baptisten, zu ihren nationalistischen rechtsextremen „Mitchristen“ in den USA? Welche Distanzierungen als öffentliche Stellungnahmen liegen da schon vor?

Warum gibt es offenbar wenig Solidarität der protestantischen Gemeinden etwa in Deutschland mit den Trump – widerstehenden KirchenGemeinden und Organisationen (etwa die unterreligiöse Gruppe „Poor People´s Campaign“) in den USA?

Wie wird die richtige Erkenntnis von Arnd Henze in kirchlichen und theologischen Kreisen in Deutschland aufgenommen: „Religionen, auch die Kirchen, tun der Förderung und für den Bestand der Demokratien NICHT gut“? Wie äußert sich Hartmut Rosa zu dieser richtigen Erkenntnis von Arnd Henze, die er ja nicht allein vertritt, siehe etwa Horst Dreier, Prof. u.a. für Rechtsphilosophie, in seinem Buch: „Staat ohne Gott“ (2018). Der bekannte Soziologe Hartmut Rosa hat ja dafür plädiert, dass Demokratie zum eigenen Bestand die Kirchen braucht. LINK
In der „Süddeutschen Zeitung“ vom 7. April 2026, Seite 16, hingegen betont Henze: „Es fehlt jede empirische Evidenz dafür, dass Religion mit ihrem inhärenten Absolutheits – und Machtanspruch einer Demokratie guttut.“

Wie können demokratische Politiker in Europa, in Deutschland, den Umgang mit Trump und seinen engsten Mitarbeitern überhaupt ertragen, wenn sie wissen, was Arnd Henze ausführlich beweist: Eigentlich sind diese Trump – Leute erklärte Feinde der universell geltenden Menschenrechte? Sie sind, wie Henze treffend schreibt, „ohne moralische Maßstäbe“ (S. 161). Werden totale Selbstverleugnung und Schmeichelei gegenüber den angeblich allmächtigen Herrschern im Trump Regime zu Voraussetzungen für Menschen, die in den Demokratien Europas noch als Politiker handeln wollen? Sollten nicht auch demokratische Politiker wie Propheten der Demokratie zu Trump sagen, das was Bischöfin Mariann Edgar Budde direkt zu Trump in der „Washington National Cathedral „am 21.1.2025 betonte: „Haben Sie Erbarmen, Mr. President“ (S. 178).

Arnd Henze weist in seinem Buch ausführlich auf den Theologen Dietrich Bonhoeffer (1945 von den Nazis ermordet) hin, der – nach allen Mahnungen und Warnungen gegenüber einem Unrechtsregime – die Möglichkeit empfiehlt, diesem Unrechtsregime, so wörtlich, „in die Speichen zu greifen“, also diese Herrschaft zum Stehen – und damit vielleicht zum Verschwinden – zu bringen?

Was bedeutet diese kluge Erkenntnis Dietrich Bonhoeffers auch für Europa, auch für Deutschland, wenn Rechtsextreme immer deutlicher die Macht übernehmen wollen oder Politiker der rechten, sich christlich nennenden Parteien die Forderungen der Rechtsradikalen – etwa hinsichtlich der Flüchtlingspolitik – übernehmen, und mit dieser nachweislich erfolglosen Strategie keine Stimme etwa der AfD in die eigene Partei CDU/CSU ziehen.

Es wird oft – zumal in Deutschland – darüber diskutiert, ob man das Trump Regime faschistisch nennen darf oder nennen sollte. Arnd Henze argumentiert in der Frage differenziert.
Auch die Verwendung des Begriffs „Konzentrationslager“ für die entstehenden Massenunterbringungen von Guantanamo Bay bis Alligator Alcatraz muss neu überdacht werden und die KZs in Nazi – Deutschland haben nicht „die Ehre“ einzigartig zu sein“, auch darauf weist Henze hin und erinnert an die zehn USA „Relocation Center“ für Japaner im 2. Weltkrieg oder an die Lager in den afrikanischen Kolonien der Europäer usw…

Eine interessante Parallele: In den USA fordern und fördern die rechtsextremen evangelikalen Kreise die von ihnen geleiteten Privatschulen sowie auch den Unterricht zuhause bei den eigenenEltern, „außerhalb staatlicher Strukuen und Kontrolle“ (S. 76). Auch mit den Millionen – Spenden – Einnahmen der evangelikalen Mega-Churches ist es gelungen, „ein Parallelimperium christlich – nationalistischer Bildungseinrichtungen zu schaffen, wo inzwischen zwei Generationen rechter Kulturkämpfer ausgebildet wurden – eine weiße `Untergrundarmee christlicher Krieger`, wie es der heutige Verteidigungs- (und Kriegs-) Minister Pete Hegseth martialisch auf den Punkt bringt“: (Arnd Henze in „Publik -Forum, Nr. 11, Juni 2026, S. 14).
Die AfD in Sachsen – Anhalt fordert auch die Stärkung des Unterrichts der Kinder durch die Eltern (Mütter) zu Hause… Die AfD behauptet, öffentliche Schulen verhindern die optimale Leistungsfähigkeit. In den öffentlichen Schulen würden vor allem den Kindern “fragwürdige Lebensansichten“ vermittelt. Eine Position, die sich mit den Evangelikalen und Rechtsradikalen in den USA deckt. Die AfD übernimmt bereits inhaltlich Ideologien der nationalistisch – christlichen Trump – Regierung.

Arnd Henze, Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht.“ Gütersloher Verlagshaus, 2026, 2. Auflage 2026, 224 Seiten, 20 €. Mit QR-Codes wird auf weiterführende audiovisuelle Quellen verwiesen!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon.de. in Berlin.

 

 

„Zwischen“: Ein Wort, das eine Philosophie der Existenz inspiriert.

Ein Hinweis von Christian Modehn, geschrieben am 29.5.2026

Der Anlass
Freundinnen fragten mich: Wie kann ein Einstieg ins Philosophieren gelingen? Eine Möglichkeit: Beginnen wir, auf unsere Wörter und Begriffe des Alltags zu achten. Suchen wir den Inhalt, der über das oberflächliche, schnelle Sprechen hinausweist. Das ist ein erster Schritt. In unserer Sprache zeigt sich faktisch unsere Existenz:

Menschen leben zwischen den Räumen und zwischen den Zeiten. Dieses Zwischen zeigt: Menschen sind selten irgendwo „zu Hause“,  selten ganz „da“ oder definitiv „angekommen“. Wer aber meint, einen festen Platz ohne Zwischen gefunden zu haben, irrt, wird zum Ideologen. Die Existenz im „Zwischen“ ist der  „feste Platz“.

Das Motto
Es gilt also der Vermutung nachzugehen, dass Worte und Begriffe der Alltagssprache unsere schon faktisch gelebte „Philosophien unseres Lebens“ erschließen können.
Wir zeigen an einem Beispiel, die Vielschichtigkeit eines Wortes, selbst einer Präposition: Das „ZWISCHEN“.
Wer auf sein Leben reflektierend „im Ganzen“ schaut, kann nicht darauf verzichten, seine Existenz im ganzen als ein Zwischen zu verstehen. Dahin führen die hier vorgestellten, nicht vollständigen Reflexionen zu unserem Umgang mit der Vielfalt des Zwischen. Was auf den ersten Blick eher schlicht – für „Fachphilosophen zumal – erscheinen mag, führt in ein tieferes, wahres Verständnis der Existenz. Weiteres dazu siehe Nr. 4 in diesem Hinweis.

1.
Der Zwischenraum
Ich warte, gerade in einem Haus angekommen, auf den Einlass in den Behandlungsraum oder das Speisezimmer oder den Festsaal. Im Zwischenraum denke ich an zuvor Erlebtes, etwa den formellen oder freundschaftlichen Einlass ins Haus und warte auf das Zukünftige, das Ziel meines Besuches. Im Zwischenraum fällt die Konzentration und das Nachdenken über diesen Zwischenraum selbst eher schwer. Der Zwischenraum ist ein Wartezimmer, oft von Langeweile bestimmt.
Im Zwischenraum gibt es etwa auch die Schwelle zu bedenken, die ich überschreiten musste, um von der Eingangstür in das Wartezimmer zu gelangen und über die nächste Schwelle dann in weitere Räume, alles Zwischenräume…
Der Philosoph Dieter Thomä weist in seinem Buch „Post – Nachruf auf eine Vorsilbe“ (Berlin, 2025) auf die Schwelle hin, als dem Ort des Übergangs von einem Raum in den anderen (S. 326 ff.). „Die Schwellenlust richtet sich auf die Schwelle selbst. Die Schwelle lädt dazu ein, dass ich innehalte und eine Situation auskoste, die, so Baudelaire „transitoire und fugitive“, „vergänglich und flüchtig,“ ist. …Ich kann auf ihr nicht bleiben, aber kurz verweilen, um die Kunst des Übergangs zwischen Welt und zwischen Zeiten zu üben.“ (S. 329).

Das Zwischenarchiv
Ein Gegenstand wird aus der Ferne zugesandt, an, aber er ist noch nicht beim eigentlichen Empfänger angekommen: Er ruht also zur Abholung im Zwischenlager, im Zwischenarchiv, etwa in Rundfunkanstalten ein üblicher Begriff. Briefkästen sind auch Zwischenlager. Ein Computer voller ungelesener e – mails ist auch ein Zwischenarchiv. Wird die Information im Gehirn gespeichert, entsteht dann schon wieder ein Zwischenarchiv, ein Wissen wird dort gelagert, das irgendwann „abgeholt“ und aktualisiert wird.

Das Zwischenlager
Flüchtlinge, Asylsuchende – etwa aus Afrika – werden nach dem Willen der Demokraten zunächst in Zwischenlagern untergebracht, den sogenannten „Erstaufnahmeeinrichtungen“, welch ein Ungetüm von Wort des büroktatischen Ungeistes. Von diesen „ Erstaufnahmeeinrichtungen“ werden dann die Flüchtlinge wieder vorläufig auf andere Unterkünfte verteilt. Und dann beginnt eine Leben von der staatlicher Duldung bis hin zu einem deutschen Pass in ständigen existentiellen Zwischenräumen. Immer leben diese Menschen existentiell in irgendeinem „Zwischenlager“, sie sind nie angekommen, nie zu Hause, Menschenrechte gelten für sie nur eingeschränkt.. „Zu Hause sein“ – diesen Begriff reservieren sich viele in Deutschland geborene Deutsche und dieses „ihr von Fremden angeblich bedrohte Zuhause“ schotten sie ab, extremistisch-politisch (siehe AfD und die sich gut fühlende, bürgerliche Mitte…).
Die Zwischen-Lager als die speziellen „Einrichtungen“ für „spezielle“ („andere“) Menschen (Flüchtlinge, Gefangene, Dissidenten, Juden ….) sind Ausdruck von Nationalismus, Rassismus, von Herrschaft, die ins Totalitäre umkippen kann. Und in jüngster Vergangenheit umgekippt ist.

Die Zwischenlandung
Hier geht es um die nur hinzunehmende, eher unangenehme, weil zeitverzögernde Unterbrechung auf dem Weg zum Ziel. Die Zwischenlandung führt mich in einen Transitraum: Stilles und oft nervöses Warten und Hin -und Herlaufen in beengten Verhältnissen, Hoffen, dass der Weiterflug pünktlich gelingt. Im Transitraum spielt sich unser Leben wie auf einer abgeschlossenen Insel ab, einer Sonderwelt, die wir nicht verlassen dürfen.

Die Zwischenetage, auch Mezzanin genannt
In dem Wort ist enthalten das italienische Wort „mezzo“, „halb“. Die Zwischenetage befindet sich meist zwischen Erdgeschoss und Beletage, dem ersten repräsentativen Stockwerk. Die Zwischenetage hat niedrige, kleine, eher dunkle Zimmer, sie wurden in Gründerzeiten von den Bedientesten der Beletage bewohnt. Die Herrschaften waren etabliert, sie kannten architektonisch kein „Zwischen“-, während die aus der Fremde stammenden Bedientesten des Mezzanin auch existentiell im Zwischen lebten, zwischen dem Datum ihrer Anstellung und der oft willkürlichen Entlassung.

Die Zwischengrößen
Haben Sie eine ungewöhnliche Figur, lange Arme und kurze Beine, dicken Bauch und schmale Beine, dann brauchen Sie eine Zwischengröße. Der Kommerz der Bekleidungsindustrie denkt an alles und fördert auf seine Weise das Zwischen. Wer Zwischengrößen trägt, kann hoffen, alsbald wieder „normal“, also schlank, zu sein …oder er muss sich mit seinem Schicksal abfinden, modisch in das Normal nicht zu passen, also (da)zwischen zu sein.
Zum Zwischen in der Mode-Branche gehört auch der „Übergang“, in der Form des Übergangsmantels oder der Übergangsjacke: Wenn der Sommer vorbei ist und der Winter noch keine Kälte mit sich bringt, flüchtet man sich in Übergangs-Mode. Diese ist förmlich ein „Wartezimmer“ der Bekleidung, das überbrückende Warten auf die „richtige“ und typische Jahreszeit Winter oder Sommer…

3.
Zwischen den Zeiten
Dazu gehört die übliche Floskel „zwischen den Jahren“: Weihnachten haben Leute schon fast als Jahresende erlebt, aber es steht noch das eigentliche End-Datum Silvester, bevor:
Das Ende des Jahres erzeugt oft Irritationen, unbewusst auch Ängste vor dem Ende überhaupt. Diese Angst überspielen viele mit dem angeblich fröhlichen Silvesterspektakel wieder zu. Aber es gibt die fünf Tage „zwischen den Jahren“, die irgendwie ortlos sind, sie müssen ausgefüllt werden mit allerlei ablenkenden Aktivitäten, mit meditativen (Verdauungs-)Pausen, in der Gestaltung langweiliger Besuche. Es ist eine träge Zeit einer diffusen Erwartung: Neujahr!

Zu „Zwischen den Zeiten“ gehört auch die „Pause“ , die zu als Freiraum zu genießen bekanntlich schwerfällt: Weil man inmitten der Pause doch oft daran denken muss, dass die „Pflicht“ der Arbeit, des Lernens, des Studiums alsbald und sehr schnell wieder das Leben bestimmt. Die Pause in der Opernaufführung ist dann wieder ein ganz kurzer Moment des alltäglichen Lebens – nach der „Verzauberung“ durch Musik und mit der Vorfreude auf die weitere Musik als „Entführung in „andere Welten“. Und nach dem „Opern – Erlebnis“? Wieder der Alltag mit seinen Zwischen-Stationen.

Zu „Zwischen den Zeiten“ gehören auch „Ferien“, oft auch eher bürokratisch Urlaub genannt. Ferien sollten Festtage und Ruhetage sein. Sie werden aber oft nur als etwas längere Pause im Arbeitsalltag erlebt: Er hat eine solche Macht, dass die Ferien nur als Fortsetzung und Variationen des Arbeitsalltags gestaltet werden. Nicht nur in Japan soll es Menschen geben, die aus Liebe zur Arbeit auf die Ferien verzichten… Diese Menschen wollen offenbar ständig die Einförmigkeit, die Monotonie ihres Lebens, sie haben Angst vor Brüchen in ihrer zeitlichen Existenz. Das monotone Leben haben auch Menschen, die sind so arm, dass sie sich keine Ferien-Zeit leisten können. Sie leben in der Monotonie des Immer-(bettel-)arm-Seins, zu der sie die neoliberale Ökonomie getrieben hat.

Der Zwischenbescheid
Die Behörden sind freundlich und bestätigen den Eingang des Briefes, der Beschwerde usw. und fordern uns auf, zu warten, bis der endgültige Bescheid irgendwann eintrudelt. Zwischenbescheide beruhigen eigentlich nicht. Sie suggerieren uns: Die Bürokratie in Deutschland meint es mit dir gut und sie ist noch nicht ganz tot. Und die nächsten Anträge müssen ausgefüllt und auf Zwischenbescheide gewartet werden.

Das Zwischengericht
In guten französischen oder spanischen Restaurants wird nach dem Hors d` Oeuvre das Zwischengericht gereicht, es ist der kulinarische Abschied von der kleinen Vorspeise in Erwartung der Präsentation des großen Haupt – Gerichtes. Diese Erwartungsspannung auf das „Eigentliche“ kann vom gegenwärtigen Genuss ablenken.
Nebenbei: Oft machen Zwischengerichte ihrem Namen alle Ehre, weil sie selbst von der Temperatur her „dazwischen“ sind: Weder heiß noch kalt, sondern eben lauwarm. Lau ist eine Zwischentemperatur, aber auch die charakterliche Eigenschaft von Menschen, die sich nie entscheiden können. Sollen sie nun zum Beispiel leidenschaftliche Kämpfer sein oder stille meditative Mönche: Beide Lebensformen wollen „laue Menschen“ nicht, sie erfinden ihr Lausein und sehen es als eine normale, übliche Lebensform ohne Höhen und Tiefen und Verpflichtungen.

Das Zwischenurteil
In den Behörden der Gerichte gibt es oft die Zwischenurteile: Das Landgericht spricht ein Urteil, aber es wird die nächste Instanz eingeschaltet, vielleicht sogar dann auch das Bundesverfassungsgericht. Das Gerichtswesen mit den stets noch zu korrigierenden Urteilen ist eigentlich selbst ein Zwischen-Wesen. Gegen ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes kann man nur den lieben Gott direkt – oder durch die Zwischen-Instanz Kirche ? – anrufen als den letzten und definitiven Richter.

Die Zwischenhölle
Aber auch der liebe Gott kennt – in der katholischen Version- sein Zwischen: Es gibt die Vor- Hölle, erfunden als Ort zwischen Tod und ewiger Verdammnis in der Hölle: Es gibt auch einen speziellen Zwischen – Ort, den Limbus puerorum, die Zwischenhölle der Kinder, erdacht von katholischen Theologen. Im Limbus befinden sich die ungetauft verstorbenen Babies. Sie sind verdammt, weil sie keine Taufe erlebten, also nicht von der total für alle Wesen geltenden Erbsünde befreit werden konnten. Papst Benedikt XVI. hat allerdings eine Zwischenlösung verordnet, indem er diese Zwischenhölle der ungetauften Kinder als ein nicht mehr als zum Glauben verpflichtendes Dogma definierte. Wie reformbereit doch dieser Papst war! Aber ganz abschaffen wollte Papst Ratzinger diesen himmlisch – höllischen Zwischenraum nicht. Er nahm Rücksicht auf die vielen naiv – reaktionären Katholiken, die gern an dieser Vorhölle – als Zwischenraum vor der endgültigen Verdammnis – festhalten…

4.
Unsere unvollständigen Hinweise zum vielfältigen alltäglichen Gebrauch des Wortes „Zwischen“ zeigen: Wir sind – nicht nur sprachlich – ständig umgeben und bestimmt von „Zwischen“ .Und diese Reflexionen auf das „Zwischen“ sind alles andere als philosophische Spielereien, sie können die Existenz insgesamt erhellen:
Denn mit jedem Gebrauch des Wortes Zwischen werden wir an die Übergänge mitten in unserem Leben erinnert.
Die Geburt ist ein entscheidender Übergang: Vom schützenden, nährenden Leib der Mutter treten wir in die sich langsam gestaltende Freiheit der individuellen Selbständigkeit ein. Aber auch der Prozess des „Erwachsenwerdens“ und das Leben als „Erwachsener“ ist immer von Übergängen bestimmt, von dem Zwischen des Abschieds von einer Lebensphase und dem Eintritt in eine neue.
Für uns ist die Erkenntnis wichtig: Die menschliche Existenz selbst selbst ist ein „Zwischen“, eine ständige Bewegtheit – zwischen einem ständigen Abschied und einem ständigen „Neustart“. Jeglicher Glaube an ein definitives Angekommensein, an ein endgültiges Etabliertsein auf dieser Lebenslinie wird zurückgewiesen.
Das lineare Zeitverständnis allerdings sollte aufgehoben werden von einer vertikalen Dimension, die als Transzendentes „in uns“ immer schon anwesend ist, in unserem Geist, in der Vernunft: Dieses innere Transzendieren reicht in eine größere, „ewige“ Transzendenz. Sie kann und soll die existentielle Unruhe des Lebens in den vielen Zwischenräumen zwar nicht aufheben, aber sie kann sie mit einem besonderen Sinn erfüllen.

5.
Wichtig bleibt: Ein lineares Zeitverständnis mit den vielen Zwischen – Zeiten und Zwischen – Räumen in unserem Leben führt zur Frage nach der Ganzheit unserer Existenz: Wir stammen von Eltern, die selbst erzeugt wurden, alle sind Geschöpfe, die ihre schöpferische Kraft weitergeben. Wir sind also nicht von unseren Eltern „erschaffen“, weil diese ja selbst Erschaffene sind.

6.
Um nicht nur vom Anfang unseres Lebens zu sprechen: Wir gehen auf ein definitives Ende unseres Lebens zu, das heißt auf das Verschwinden unseres Körpers …Etliche Philosophen lassen, wie es sich philosophisch gehört, diese Frage offen: Was denn „danach“ kommt für unseren Geist oder unsere Seele. Unser Körper wird in der Bestattung zu Asche verbrannt. Und einige fragen: Aber wird dabei auch Geist und Seele verbrannt? Oder sind sie als etwas Ewiges IM Menschen zu verstehen?

7.
In diesem Hinweis auf eine Philosophie anläßlich unserer Erfahrungen mit dem Zwischen fehlen noch gewisse Alltags – Sprüche, vielleicht „Weisheitssprüche“.
Zwei Beispiele:

Unsere LeserInnen müssen nicht die Kunst beherrschen, „zwischen den Zeilen“ zu lesen: Wir wollen klar und eindeutig sprechen. Wer zum Lesen „zwischen den Zeilen“ neigt oder wegen der politischen Verhältnisse dazu gedrängt wird, weiß: Im Text selbst wird Wichtiges verschwiegen: Etwa aus Angst vor der Zensur. Zwischen den Zeilen lesen, diese kaum zu lehrende Kunst des Verstehens, entwickeln Dissidenten. Und sie schreiben auch oft „zwischen den Zeilen“, verständlich für Eingeweihte, von der dummen Zensur übersehen. Man denke an Christa Wolfs großen Roman, in der DDR verfasst, „Kassandra“. Wer nur zwischen den Zeilen schreiben darf, verschleiert auch sein eigenes Elend im Unrechtsregime. Lebst nicht gesund…Also: „Zwischen“ kann auch auf die stets gefährdete Existenz aufmerksam machen.

Oder: Zwischen zwei Stühlen sitzen: Wer eine besondere politische, kulturelle oder religiöse Meinung hat, etwa: wer links ist, aber aus guten Gründen weder zur SPD noch zur KPD neigt, der sitzt zwischen zwei Stühlen. Wird als Rebell bezeichnet etc.. Manche Literaten schreiben so ungewöhnlich, dass sie „zwischen allen Stühlen der literarischen Formen sitzen“, vielleicht gilt das für DADA oder den Surrealismus.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Wie verstehen wir unsere Gegenwart?

Über den massiven Trend, viele Begriffe der gegenwärtigen Kultur mit „post“ = „nach“, auszustatten…

Ein Hinweis von Christian Modehn am 18. 5. 2026.

Zu unserem Vorschlag, angesichts der vielen Post-Identitätenauch den Begriff Post – Katholisch einzuführen, siehe Fußnote 11.

1.
Wir leben in einer Welt, die unfähig ist, ihren aktuellen Zustand von Kultur, Politik, Ökonomie, Religionen mit eigenen, neuen, adäquaten Begriffen zu bestimmen.

2.
Bei dieser Schwäche, die eigene Gegenwart adäquat auf den Begriff zu bringen, setzt sich der Gebrauch der Vorsilbe POST deutlich durch: POST wird den Begriffen vorangestellt, um durch die Vorsilbe POST etwas Klarheit zu schaffen, etwa über den jetzigen Zustand des heutigen Feminismus als Post-Feminismus, der heutiger Romantik als Post – Romantik, der Moderne als Post – Moderne und so weiter. Dieses „post“, dieses „nach“ bzw. „danach“ kettet das Verstehen heutiger Erfahrungen mit Feminismus, Romantik, Moderne usw. an frühere, vergangene, überholte Inhalte: So kann ein adäquates Verstehen der Gegenwart verhindert werden.

3.
Der Philosoph Dieter Thomä (UNI St. Gallen) hat sich intensiv und kritisch mit dieser offenkundigen Schwäche des von ihm „Postismus“ genannten Phänomens auseinandergesetzt, einem Versagen, mit neuen Worten die heutige Lebenswelt, die Gesellschaft usw. auf den Begriff zu bringen: Die komplexe Lebenswelt des Feminismus in seiner Vielfalt, im Plural; oder: die Realität des Kolonialismus heute usw. lassen sich niemals mit einem einzigen „Post“- Begriff fassen. Auf diese Weise wird das Einsortieren von komplexen Wirklichkeiten in Schubladen nur gefördert.

4.
Dieter Thomä nennt in dem von ihm herausgegebenen Sammelband „Postismen“, Suhrkamp, 2026, in lexikalisch – enzyklopädischer Kürze tatsächlich 52 Postismen, auf den Seiten 336 – 393. Wer diese 52, immer mit Literaturangaben ausgestatteten, „POST“ Beiträge gelesen hat, wartet förmlich darauf, dass nun alsbald auch von „Post -EU“  oder „Pst – Nato“ die Rede ist oder auch – angesichts der Distanz vom katholischen Glauben in Europa – auch von „Post – Katholizismus“ . Oder: Aangesichts der hohen Benzinpreise wird alsbald auch auch von „Post – Tourismus“ die Rede sein oder auch von „Post – Journalismus“ sollte man wohl sprechen bei der geringen Bedeutung von Recherche – Journalismus heute.
Nebenbei: Bei der miserablen Briefzustellung durch die Bundespost wird man sicher auch bald von der „Post-Briefzustellung“ sprechen müssen. Auf das von manchen Reformkatholiken erwartete „Post – Papsttum“ wird man allerdings noch eine Ewigkeit hoffen müssen.

5.
Man möchte also angesichts dieser hier nur angedeuteten Post – Phantasie meinen, es war vielleicht ein bißchen voreilig, als Dieter Thomä 2025 seine Studie über das POST – Phänomen im Titel mit dem Stichwort „Nachruf auf eine Vorsilbe“ verbunden hat. Noch wird weiter ge-`postet`. Und sicher wird es bald auch einen Post —Post-Feminismus geben, und auch wenn der überwunden kommt dann ein dritte Vorsilbe post hinzu? Ist das „Posten“ also eine unendlicher Prozess?

6.
Das Probleme bei den vielen „Postismen“ ist: Der eine Begriff, mit Post – ausgestattet, markiert etwa einen gewissen Abschied von dem ursprünglich Gemeinten, etwa „Post – Kolonialismus“. Andere „Post – Begriffe“, wie „post- säkular“  beschreiben nur den Wandel der Religiosität hin zu neuen Formen des Religiösen. Sehr viel mehr ist eigentlich dann nicht gesagt. Diesen Zwiespalt der inhaltlichen Bestimmung gilt es zu beachten!

7.
Mit der ausufernden Verwendung des Post – Vorsilbe zeigt sich eine globale Hilflosigkeit, die heutige Lebenswelt in allen Bereichen mit eigenständigen, durchaus die Zukunft mit formulierenden Definitionen zu bestimmen. Die schon sprachlich dominante Fixierung im Postismus auf das „Nach“ und „Danach“ „bleibt im Bann dessen, an das sich die Nachzeit nun hängt“ (S. 8 in „Postismen“, Suhrkamp Verlag). Dabei wäre das Denken der Zukunft unter den heutigen Bedingungen allein hilfreich: Wer eine Zukunft der Demokratie denken will, sollte erkennen: Eine starre Parteien – Demokratie ist zu überwinden. Der Einfluss der Lobby-Gruppen muss sehr eingeschränkt werden. Eine Demokratie, die Gerechtigkeit und gleiche Chancen für alle tatsächlich durchsetzen will, kann nicht auf neue Formen von Steuer, etwa Reichensteuer („Milliardärs-steuer“) verzichten usw. Eine solche noch zu gestaltende demokratischere Demokratie lässt sich selbstverständlich nicht mit dem einen kurzen Begriff „Post-Demokratie“ beschreiben.

8.
Die von Dieter Thomä angestoßene Debatte um die kleine Vorsilbe „Post“ ist von großer Bedeutung: Es wird erinnert, wie vergangenheits-bezogen heutige Lebensformen bleiben, wie sich darin sogar eine gewisse Erstarrung zeigt, durchaus als Angst vor der Zukunft zu interpretieren. Trotz aller Unsicherheiten und Gefährdungen unserer Welt heute lässt sich dringend ein Denken empfehlen, das mehr vorausschaut, also das „PRAE“ bevorzugt.

9.
Es wird oft behauptet, Philosophieren und Philosophien hätten zur Gestaltung von Zukunft wenig oder gar nichts zu sagen. Weil die Sache der PhilosophInnen sei das Re-flektieren, also das Zurück-denken und Zurück-schauen auf das Erlebte, das der Philosoph dann, nachträglich, im zeitlichen Abstand, auf den Begriff bringt. Dieser Gedanke ist zwar richtig, ist aber unserer Meinung zu einseitig: Denn gerade in der Philosophie des Handelns, der Ethik, gibt es Erkenntnisse, sozusagen aufleuchtend unmittelbar in der Gegenwart, wo der Mensch im Ereignis selbst dann handelt: Die spontane Handlung, etwa: Hilflose durch eigenes Handeln zu retten. Oder inmitten politischer Krisen, ausgelöst durch Rechtsextreme, diese Rechtsextremen sofort einzuschränken, öffentlich zu kritisieren usw. Das spontane ethische Handeln ist dann Ausdruck einer gewissen ethischen Bildung, die sich auch durch die Erkenntnis des gültigen Kategorischen Imperativs bildet. Wird dieses ethische Handeln dann im zeitlichen Abstand reflektiert, erkennt man Chancen einer schon gegebenen ethischen, philosophischen Grundhaltung.

10.
Es wäre eine eigene Überlegung, warum heute angesichts von neuen Erfahrungen in fast allen Lebensbereichen der Begriff POST so durchgehend verwendet wird und nicht, wie einst, die „Vorsilbe“ NEO, als Neo-Gotik, Neo-Romanik, Neo-Klassizismus. Zeigt diese „Vorsilbe“ Neo vielleicht eine größere kreative Freiheit an im Umgang mit dem Vorgegebenen als das „Post“? Wir vermuten das.

11.

Wer aufmerksam und kritisch die Entwicklung der katholischen Kirche in Frankreich heute beobachtet und dokumentiert, kann nicht darauf verzichten – bei einer „allgemeinen Tendenz, durch das `Post` die heutigen Realitäten zu identifizieren“- auch von Post – Katholisch zu sprechen. Der Politologe Alfred Grosser zeigte schon 2005, gut belegt und gute begründet: Die katholische Kirche in Frankreich scheint in mancher Beziehung dem Untergang nahe. (S. 185, in: `Wie anders ist Frankreich?`, C.H.Beck Verlag). Die französischen Bischöfe selbst sehen das in ihren offiziellen Stellungnahmen sicher anders und verweisen stolz auf einige Tausend Erwachsenen – Taufen jährlich, sie verschweigen dabei aber den rasanten Rückgang von vielen tausenden Kindertaufen pro Jahr und die Tatsache, dass der in Frankreich geborene Klerus ausstirbt und immer weniger Katholiken sonntags an der Messe teilnehmen, dass die Klöster allmählich verschwinden und so weiter. Wann werden erste theologische und religionssoziologische Studien zum Post – Katholischen in Europa erscheinen?

Dieter Thomä, „Post – Nachruf auf eine Vorsilbe“, Suhrkamp Verlag 2025, 399 Seiten.

„Postismen. Vom Nutzen und Nachteil eines Denkmusters für die Wissenschaften“. Hg. von Dieter Thomä, Suhrkamp Verlag, 2026, 387 Seiten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

Über den Egoismus der Bürger und betrügerische Kaufleute in Amerika: Der Philosoph Hegel blickt auf die USA.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 6.5.2026

Was die Menschen in den USA, was deren  politische und religiöse Mentalität prägt und bestimmt, hat der Philosoph Hegel schon 1822 erkannt. Seine Erkenntis gilt bis heute. 

1.
Anläßlich der Feierlichkeiten „250 Jahre Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten“ am 4. Juli 2026 ist es sicher interessant wahrzunehmen, wie schon wenige Jahrzehnte nach der „Unterzeichnung der Unabhängigkeits-Erklärung“ 1776 der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich HEGEL das Wesentliche und Typische dieses Amerika (USA) analysierte und bewertete.
Seine „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“ hat Hegel in Berlins Universität seit 1822 insgesamt fünf mal gehalten, posthum wurden die Vorlesungen 1837 veröffentlicht. In dieser seiner Philosophie der Geschichte spricht HEGEL auch von „Nordamerika“, seine Aussagen beziehen sich, wie er sagt, auf die „nordamerikanischen Freistaaten“ (S. 111), also auf das, was wir heute USA nennen.

2.
Hegel hat allen Wert darauf gelegt, die empirischen historischen Fakten mit seinem philosophischen Begriff der Geschichte zu verbinden, also die empirische Geschichte mit der für ihn grundlegenden Einsicht zu harmonisieren: Dass in der Geschichte die Vernunft in eine greifbare, weltliche, politische Existenz tritt. Diese Einsicht kann hier nicht vertieft werden. Hier geht es um einige Erkenntnisse zum „Wesen“ des nordamerikanischen Menschen durch Hegel.
Dazu bieten wir einige Zitate aus Band 12 der „Theorie Werkausgabe“ des Suhrkamp Verlages (1970):

3.
Puritaner und Mitglieder anderer Glaubensgemeinschaften „wanderten nach Nordamerika aus, um die Freiheit der Religion zu suchen“ (S. 111)

Sie bauten dort ein Gemeinwesen auf, „das von den Atomen (isolierten einzelnen) der Individuen ausging, so dass der Staat nur ein Äußerliches zum Schutz des Eigentums war“ (S. 112).
Hegel erwähnt die republikanische Verfassung: „Allgemeiner Schutz des Eigentums und beinahe Abgabenlosigkeit sind Tatsachen, die beständig angepriesen werden“ (ebd.). „Abgabenlosigkeit“, also vergleichsweise geringe Steuern, bestimmen auch heute die USA.
Wichtig auch Hegels Insistieren auf dem ganz zentralen Schutz des Privateigentums in Amerika ..
Der „Grundcharakter der amerikanischen Republik“ besteht für Hegel „in der Richtung (Hauptinteresse) des Privatmannes auf Erwerb und Gewinn, in dem Überwiegen des partikulären Interesses, das sich dem Allgemeinen nur zum Behufe des eignen Genusses zuwendet.“(S. 112).
Also: Egoismus der Privatleute, Unternehmer, wird schon 1822 angesprochen, gilt bis heute
Und, auch das betont Hegel, zum Respekt der Händler und Unternehmer vor den Gesetzen in Nordamerika (USA): Hegel schreibt: „Diese Rechtlichkeit ist eine Rechtlichkeit ohne (persönliche) Rechtschaffenheit, und so stehen denn die amerikanischen Kaufleute in dem üblen Rufe, durch das Recht geschützt zu betrügen.“ (ebd.) Sehr treffend erkannt, bis heute gültig…

4.
Weil für Hegel alle politische Organisation immer auch mit der Religion, bzw. hier mit dem Christentum, zu tun hat, schreibt er: „In Amerika kann jeder seine eigene Kirche haben“… „Das Zerfallen in so viele Sekten, die sich bis zum Extrem der Verrücktheit steigern und deren viele einen Gottesdienst haben, der sich in Verzückungen und mitunter in den sinnlosesten Ausgelassenheiten kundgibt…“ (S. 113). Gültige Erkenntnis bis heute, siehe die Evangelikalen, Pfingstler, die Megachurches usw…

5.

Hegel betont also: Die vielen, nicht von Vernunft bestimmten Kirchen und Sekten in den USA sind auch mitverantwortlich für die allgemeine politische Verwirrung in den USA hinsichtlich einer humanen, vernünftigen, den Menschenrechten verpflichteten Gesellschaft und Rechtsstaatlichkeit..

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.