Ostern als Auferstehung der Menschen vernünftig verstehen.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 26.3.2026

Ein Vorwort, erster Teil:
Wir haben im religionsphilosphischen-salon.de schon mehrfach Ostern, die Auferstehung des Menschen Jesus von Nazareth und damit die Auferstehung der Menschen insgesamt zu erklären versucht, jenseits aller üblichen Floskeln in Oster – Predigten, jenseits aller bloß gedankenlosen Zitiererei aus den Evangelien. Verstehen in Worten, in Begriffen, eben mit der Vernunft ist etwas anderes als das routinierte Predigen. „Wunderbare“ Einsichten in frohlockenden Worten gelten für uns nicht. Auch nicht esoterisches Gestammel. Wir wollen ein behutsames, vernünftiges Erklären von Ostern und der Auferstehung Jesu zeigen. Es geht bei dem Thema um eine mögliche Orientierung im Leben wie im Sterben, angesichts des Todes.

Ein Vorwort, zweiter Teil:
Ostern, die Auferstehung des Menschen Jesus von Nazareth beziehen sich auf existentielle Erinnerungen und Erfahrungen. Sie gehören also in eine allgemeine, eine nachvollziehbare vernünftige Sprache. Aussagen können bei dem Thema selbstverständlich keine evidenten Beweise liefern, schon gar nicht mathematische Eindeutigkeit. Was hätten Mathematik und Beweise bei diesem Thema existentieller Erfahrungen und Erinnerungen auch an Orientierung zu bieten? Hier sind nur plausible Hinweise und vernünftige Vorschläge relevant … fürs Weiterdenken, Weiterforschen und meditatives Vertiefen und für weiterführende Ergänzungen.

Wir haben schon mehrfach ausführlichere Hinweise zum Thema publiziert.
Wegen verschiedener Nachfragen bieten wir nun noch einmal nur einige zentrale Erkenntnisse … in einer ebenso gewünschten überschaubaren Länge. Wir zeigen: Eine Spiritualität zu Ostern und zur Auferstehung ist nicht auf die klassischen, bekannten und meist fundamentalischen Predigten der dogmatischen Klerus-Kirchen angewiesen. Eine vernünftige Oster/Auferstehungsspiritualität kann jeder für sich entdecken: Das Neue Testament ist überall zur Lektüre verfügbar, ebenso historisch-kritische Erläuterungen zu den Erzählungen über die Auferstehung Jesu im Neuen Testament… 

Bitte beachten Sie das Kapitel Nr. 10:  Die Reflexionen zur Auferstehung sind alle andere als philosophische, metaphysische Überlegungen oder bloß-spirituelle Hinweise. Unsere Reflexion über ein vernünftoges Verstehen der Auferstehung  sollen unseren Widerstand stärken gegen die üblen Machthaber und Kriegsherren, gegen die Rechtsextremen alleroren, gegen die Herrscher der neoliberalen Welt- Unordnung. Ohne spirituelle Kraft ist dieser Widerstand überhaupt nicht zu leisten…

1.
Ostern ist bis heute als Festtag und Feiertag eine ziemlich ungewöhnliche, durchaus verstörende wie überraschende Erinnerung, eine Erinnerung an die Erkenntnis einiger Freundinnen Jesu von Nazareth: „Dieser Jesus, der den Tod am Kreuz erlitt, der lebt – mit seinem Geist – weiter über den Tod hinaus, er ist geistig unter uns. Denn: Geistige Präsenz ist genauso stark und bedeutend wie körperliche Anwesenheit.

2.
Diese Einsicht der Freundinnen Jesu heißt also „Auferstehung bzw. Auferweckung Jesu“. Die Freundinnen und Jünger Jesu waren einige Wochen und Monate nach dem Tod Jesu (etwa im Jahr 30 oder 33) sprachlos und schockiert, aber sie haben ihr Entsetzen über Jesu Tod überwinden können und in überschwänglichen Worten und Bildern später vom „auferstandenen Jesus“ in den vier Evangelien erzählt. Eine durchaus übertriebene Begeisterung, wie sie in den Auferstehungserzählungen deutlich ist, war üblich in den Erzählungen der damaligen Kultur. Die Autoren der Evangelien haben also in bilderreichen Sprache ziemlich übertrieben, etwa indem sie erzählten, der Auferstandene habe mit ihnen zusammen gespeist. Oder wenn erzählt wird, der Apostel Thomas habe dem auferstandenen Gekreuzigten in dessen Wunde gefasst… Die vier Evangelisten – im Abstand von ca. 30 – 50 Jahren nach Jesu Tod – ihre Erzählungen verfasst.

3.
Wichtig ist: Die in den Evangelien erzählten Erlebnisse der Freundinnen Jesu mit dem auferstandenen Jesus sind keine historischen Berichte. Es lässt sich auch kein Datum der „Auferstehung“ angeben, es war kein neutraler journalistischer Beobachter dabei, der irgendwelche Ereignisse im und am Grab Jesu notierte. Die Erzählungen der Evangelien sind in existentieller Erfahrung geschriebene persönliche Bekenntnisse, und diese merkwürdigen Texte, fast 2000 Jahre alt, müssen übersetzt und neu erzählt werden in nachvollziehbarer, selbstverständlich vernünftiger Sprache. Was denn auch sonst ? Sogar Poesie wird in allgemein-zugänglichen Worten geschrieben und kann nur deswegen verstanden werden.

4.
Jesus wurde verurteilt, weil er die Menschenfreundlichkeit Gottes lebte, eines Gottes, also – übersetzt – eines letzten bergenden Sinn-Grundes, und den sprach Jesus an als „Abba“, also sehr herzlich und intim als „lieber Vater“. Jesus kritisierte die rigorose Gesetzes-Religion der herrschenden jüdischen Eliten – um der Menschlichkeit willen und auch um die Güte Gottes, des Ewigen, zu bezeugen. Jesu JüngerInnen und Freundinnen hatten also einen außergewöhnlichen Menschen erlebt. Ein solcher Mensch darf eigentlich nicht sterben, das ist ja allgemeine Erfahrung im Erleben herausragender Menschlichkeit.

5.
Die Erkenntnis heißt: Jesus, der Gekreuzigte, „lebt geistig unter uns“, traditionell gesprochen: Er ist „auferstanden“, er ist geistig unter uns lebendig. Diese Einsicht, so betonen die Freundinnen Jesu, sei für sie erstaunlich und überraschend: So ungewöhnlich, dass dieser Geist mit seiner Erkenntnis der Auferstehung nur heilig genannt werden kann. Dieser göttliche Geist ist die bestimmende Lebenskraft der Menschen seit der Schöpfung. Und es ist derselbe heilige, göttliche Geist, der auch den Menschen Jesus zu seinem außergewöhnlichen Leben der Liebe und Solidarität bewegte. In diesem Sinne kann diese Gemeinde also sagen: Der Mensch Jesus von Nazareth wurde in der Kraft des ewigen göttlichen Geistes aus dem Tod befreit. Und in eine bleibende geistige Präsenz geführt.

6.
Ostern ist also das Fest, an dem Christen sich der Bedeutung des göttlichen Geistes in allen Menschen vergewissern; es ist der Geist des Ewigen, Gottes, der in der Menschheit leben will, wenn es die Menschen in ihrer Begrenztheit, in ihren Fehlern und falschen Entscheidungen ihrer Freiheit zulassen. Die Freundinnen Jesu sind frei und ohne Angst vor Repressalien der herrschenden Eliten der Einsicht ihres Geistes gefolgt. Sie erkannten: Jesus als geisterfüllter Mensch lebt – „auferstanden“- in bleibender geistiger Präsenz..

7.
Die ersten Christen wussten: Alle Menschen haben Anteil an diesem Geist des Ewigen, am Geist Gottes. Der Apostel Paulus verfasste den zeitlich frühesten Text im Neuen Testament, im Jahre 50 schon, 20 Jahre nach Jesu Tod, es ist der 1. Brief man die Gemeinde in Thessaloniki. Im 4. Kapitel, Vers 14, spricht Paulus die schon damals erkannte universelle Bedeutung der Auferstehung Jesu aus: „Wenn Jesus gestorben ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zu Herrlichkeit führen“. Und etwas später schreibt Paulus im 1. Brief an die Gemeinde in Korinth: Jesus sei als der „Erstling“ (der Erste) von den Toten auferstanden, so im 15. Kapitel, Vers 20. Die Gemeinde weiß also: Jesu Auferstehung hat universelle Bedeutung: Er ist „der Erste“, an dem die Auferstehung deutlich wird, Jesus ist also „nur“ der erste Auferstandene… alle anderen Menschen werden diese Auferstehung erfahren können.

8.Die einzige philosophische Voraussetzung für unseren Vorschlag, die Auferstehung Jesu und der aller anderen Menschen zu verstehen: Die Überzeugung von einer „Schöpfung“ durch eine göttliche schöpferische  Wirklichkeit. Der evangelische Theologe Prof. Stefan Alkier (Uni Frankfurt.M) schreibt in seinem Buch „Die Realität der Auferstehung“ (2009, Seite 238) diese entscheidenden Sätze: „Die Welt, alles Leben und auch das je meinige Leben entspringen […] nicht einem blinden Zufall, sondern der intentionalen Kreativität des sich liebevoll in Beziehung setzenden Gottes…Wer diese Hypothese nicht teilt, kann auch nicht mit den Schriften des Neuen Testaments von der Auferweckung Jesu Christi und der Hoffnung auf die Auferweckung der Toten sprechen“. Denn die schöpferische göttliche Wirklichkeit als eine selbstverständlich geistige Wirklichkeit verbindet sich mit seinen Geschöpfen, indem er ihnen an seinem Geist seinen Geschöpfen Anteil gibt. Hegel hat mit überzeugenden Gründen daraufhin gewiesen: Wenn der schöpferische Gott seine Schöpfung ohne geistige Verbindung mit ihm, sozusagen parallel, neben ihm, ohne Verbindung mit ihm gestaltet hätte, dann wäre Gott also, klassisch verstanden, nicht mehr der unversale Gott. Das sind philosophische Spekulationen, gewiss…Dass die Geschöpfe als Wesen der Freiheit erschaffen wurden, versteht sich von selbst.

9.
Jesus ist als Mensch wie alle Menschen gestorben und seine Körper lag bis zum endgültigen Verfall im Grab. Es erscheint als albern, wenn ungebildete Theologen die Bildersprache der Evangelisten fundamentalistisch „einfach so“ übernehmen und behaupten: Jesus sei leiblich auferstanden… Aber dann hätte er noch ein zweites Mal sterben müssen oder als Alternative behaupten diese Kreise: Jesus sei leiblich in den Himmel aufgefahren: Ein hübsches Bild, in der Ikonographie seit Jahrhunderten verbreitet, aber ein Bild, das wir heute nicht mehr akzeptieren können. Jesu Grab ist nicht leer! Das ist die entscheidende Aussage zum auferstanden Menschen Jesus von Nazareth, auferstanden in eine bleibende geistige Präsenz nach dem Tod.

10.
Dieser Hinweis konzentrierte sich bisher auf einige zentrale Aspekte eines nachvollziehbaren, vernünftigen Verständnisses der Auferstehung. Dieser Hinweis kann zur Meditation anregen, zur Kritik, zur Zustimmung, der Hinweis ist jedenfalls als Möglichkeit der Lebens-Orientierung gemeint.

Wird diese Lebensorientierung in der Lebenspraxis angenommen, wird die christliche „Lebens-Philosophie“ also gelebt, dann zeigen sich Konsequenzen auch inmitten des politischen Lebens. Ostern ist insofern alles andere als ein Fest, das sich nur mit dem „Weiterleben nach dem Tod“ befasst.
Die Auferstehung Jesu und der Menschen hat politische Konsequenzen, wir nennen hier nur ein Beispiel: Ein Gedicht von Kurt Marti (1970).

Kurt Marti
ANDERES OSTERLIED

Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
wenn erst nach dem Tode Gerechtigkeit käme,
erst dann die Herrschaft der Herren,
erst dann die Knechtschaft der Knechte
vergessen wäre für immer, vergessen wäre für immer.
Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
wenn hier auf der Erde stets alles so bliebe,
wenn hier die Herrschaft der Herren,
wenn hier die Knechtschaft der Knechte
so weiterginge wie immer, so weiterginge wie immer.
Doch ist der Befreier vom Tod auferstanden,
ist schon auferstanden und ruft uns jetzt alle
zur Auferstehung auf Erden,
zum Aufstand gegen die Herren,
die mit dem Tod uns regieren, die mit dem Tod uns regieren.

Wir weisen noch auf unsere Publikation zu einem wichtigen Buch des katholischen Theologen Prof. Hans Kessler hin: LINK.

Und wir weisen auf unsere Publikation hin, dass sich auch Immanuel Kant mit dem Thema Ostern befasste: LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ein Glaubensbekenntnis eines Atheisten: Über Julian Barnes

Ein Hinweis von Christian Modehn am 25.3.2026

1.
Bei der Lektüre des Buches von Julian Barnes „Abschied(e)“ (englischer Originaltitel „Departure(s)! “) stolpert der Leser über das Glaubensbekenntnis des Autors. Auf Seite 111 heißt es: “Wir kommen aus dem ewigen Nichts, und dorthin kehren wir zurück.“

2.
Eine starke Behauptung, das Glaubensbekenntnis eines Autors, der sich in dem Buch meist Atheist, manchmal nur Agnostiker nennt (S. 237 ). In diesem seinen Bekenntnis zeigt sich Barnes als Atheist, der offensichtlich sehr genau weiß, woher er kommt und wohin er nach dem Tod geht.

3.
Wer sich philosophisch – kritisch mit diesem Bekenntnis befasst, muss feststellen: Der Satz: “Wir kommen aus dem ewigen Nichts, und dorthin kehren wir zurück“ ist eine von vielen existentiellen Überzeugungen. Der Satz ist nichts als ein Ausdruck eines Glaubens, den heute viele Leute, nicht ohne Stolz, als „meine Lebensweisheit“ daher sagen, oft mit dem Anspruch: „Dies ist doch wohl auch eine wissenschaftliche Wahrheit“.

4.
Jeder kann natürlich sagen und behaupten, was er will, solange andere existentiell nicht gefährdet sind. Für letzte metaphysische Wahrheiten gibt es in Demokratien stets freie Rede. Aber jeder und jede muss selbstverständlich bereit sein, das eigene Glaubensbekenntnis kritisch zu befragen oder von anderen befragen zu lassen. Das gilt selbstverständlich auch für die christlichen Glaubensbekenntnisse und Überzeugungen, aber die sind hier nicht unser Thema.
Hier geht es darum, mit philosophischen Argumenten zu dem Bekenntnis “Wir kommen aus dem ewigen Nichts, und dorthin kehren wir zurück“ kritisch Stellung zu nehmen. Dabei ist klar: Dieses atheistische Glaubensbekenntnis öffnet weite philosophische und religionsphilosophische Horizonte für ausführliche Reflexionen. Hier sollen nur einige, wesentliche Anmerkungen mitgeteilt werden.

5.
„Wir kommen aus dem ewigen Nichts“ ist der Teil des Barnes – Bekenntnisses. Woher weiß der Autor, dass wir aus einem Nichts kommen? Es ist faktisch, auch wissenschaftlich eviden, dass wir Menschen aus der Verschmelzung einer Eizelle unserer Mutter und der Samenzelle unseres Vaters „kommen“, also nicht aus dem Nichts in die Welt gesetzt wurden. Und diese unsere Eltern haben selbstverständlich ihre Eltern und diese Eltern wieder ihre Eltern und so weiter: Unsere Geburt und unsere Existenz führt uns in eine endlose Linie der Evolution. Sicher sind wir Menschen auch Nachfahren der Affen, aber auch diese haben Nachfahren usw..

6.
Der erste Teil des Glaubensbekenntnisses von Julian Barnes und der vielen anderen, die diesen Spruch dahersagen, führt uns in die Evolution, die sicher nicht als „ewiges Nichts“ bezeichnet werden kann. Und von der Evolution aus stellt sich die Frage: Wie kommt diese Evolution zustanden? Und da gibt es die eine Erkenntnis: Die Evolution kann ein ewiger und nur erstaunlich zu nennender Prozess sein, dessen Ursprung wir nicht kennen. Oder auch, wie etliche Philosophen und Wissenschaftler sagen: Es gibt durchaus eine andere ernsthaft zu diskutierende Erkenntnis: Irgendwie ist durch einen „Urknall“ das Ganze entstanden. Das ist eine naturwissenschaftliche Erklärung zu der Frage, WIE das Universum entstanden ist. Warum und wodurch das Universum (und damit auch „wir“) entstanden ist, darüber kann und will Naturwissenschaft selbstverständlich keine Erkenntnis mitteilen.

7.
Die sehr relevante Frage „Warum und durch welche Kräfte ist das Universum und mit ihm die Evolution entstanden?“ führt also notwendigerweise in die Philosophie oder auch die Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie. Sie hat die Aufgabe, das klassische wie auch aktuell – moderne Thema „Schöpfung durch eine göttliche Wirklichkeit“ zu reflektieren. Auch diese weiter zu bedenkende Hypothese einer „Schöpfung“ ist angesichts dieses globalen Themas Ausdruck eines Glaubens, der als Glaube selbstverständlich die gleiche Würde und Wertung hat wie der erste Teil des Glaubens – Satzes von Julian Barnes “Wir kommen aus dem ewigen Nichts“…

8.
Man muss weiterfragen: Mit welcher Erkenntnis begründet Barnes sein Bekenntnis, das Nichts wäre seiner Behauptung nach „ewig“? Damit bedient er sich einer Qualifizierung des Nichts, nämlich des „ewigen Nichts“, das führt in die von ihm als Atheisten eigentlich gar nicht verwendbare oder relevante Metaphysik. Kommt eine Atheist also ohne Metaphysik („ewig“) vielleicht nicht aus?

9.
Wir sind philosophisch überzeugt: Der erste Teil des Satzes “Wir kommen aus dem ewigen Nichts“ ist angesichts der sehr lebendigen, alles andere als „nichtigen“ Evolution schlicht und einfach falsch. Er könnte unsrer Überzeugung nach nur Ausdruck eines beliebten, weit verbreiteten Geredes, vielleicht einer bequemen Ideologie heute sein.

10.
Was bedeutet der zweite Teile des Barnes Satzes: „Und dorthin (also ins Nichts) kehren wir zurück.“ Auch hier wird ein Glaubensbekenntnis ausgesprochen. Denn woher weiß der jetzt noch lebendige Julian Barnes, dass er im Tod ins ewige Nichts geht bzw. „zurückkehrt“ wie Barnes sagt? Berichte von Verstorbenen über eine postmortale „Seinsweise“ liegen Barnes und allen anderen Menschen nicht vor, um allen Ernstes und als Ausdruck von gedanklicher Reife behaupten zu können: Wir versinken mit dem Tod in einem „ewigen Nichts“…Das ist pure Glaubenssache.

11.
Barnes will wohl seinen LeserInnen beweisen, so möchte ich vermuten, dass auch er sich als Atheist den populären Sprüchen seiner weithin sich säkular nennenden Umgebung anschließt. Der Autor, der zweifellos viele körperliche Leiden und manche seelische Schmerzen erlebt hat, bekennt in dem Buch selbst, „dass ich mit meiner Lebenszeit Glück gehabt habe….und in der zweiten Hälfte meines Lebens beruflich erfolgreich war.“ (S. 237). Dann sagt er noch freundlicherweise: „Ich sage Ihnen nicht, was sie denken und wie sie leben sollen. Ich schreibe nicht ex cathedra“. Barnes betont also: Es ist nur sein privates atheistisches Glaubensbekenntnis, das er da mitteilt. Auf Seite 235 bekennt Barnes: Er habe „den Verfall seines Körpers akzeptiert“. Also ist sein Abschied dann doch von der Stoa geprägt? Immerhin lehrten aber die meisten Stoiker: Wir Menschen sind ein Bestandteil des Kosmos, dem wir entstammen und in den wir zurückkehren, als kleiner Teil eines ewigen Kreislaufs…

12.
Barnes nennt sein Glaubensbekenntnis, das zu kritischen Nachfragen führt. Und auch Christen haben ihre eigene Philosophie zur Frage „Woher kommen wir – wohin gehen wir.“ Dieses Thema wird leider sehr oft durch Dogmen und uralte, verstaubte Überzeugungen der Klerus-Kirchenleitungen irritierend und sogar falsch gelehrt. Man denke nur an die fundamentalistischen Vorstellung einer „leiblichen Auferstehung eines toten Menschen“… Das ist ein anderes Thema.

13.
Ein kritischer Schöpfungsbegriff, der die Evolution einbezieht, kann zeigen: Mit der Schöpfung von allem und allen durch eine „göttliche Wirklichkeit“ ist der göttliche „Geist“, die „Vernunft“, also die ewige göttliche Wirklichkeit in allem und allen lebendig. Und dieser „ewige“ Geist, diese „ewige Vernunft“ in allem und allen, bedeutet: Dieser göttliche Geist in allen wird auch den Tod des einzelnen menschlichen Körpers überleben, weil der Mensch in seinem Geist Teil des Ewigen selbst ist. Man lese den Philosophen Hegel in dem Zusammenhang. Es gibt also für diese christliche Glaubenshaltung kein Verschwinden des Toten in einem Nichts. Es sei denn, man ist philosophisch so gebildet, und kann sich das „Nichts“ auch als göttlich denken. Dieses Nichts ist für Mystiker (Meister Eckhart) und einige Religionsphilosophen als das „göttliche Nichts“ das letztlich bergende helle Licht, um es in der Sprache der (westlichen) Mystik zu sagen.

14.
Natürlich hat niemand etwas dagegen, dass Julian Barnes an seiner atheistischen Überzeugung festhält. Er will ja auch gar nicht „ex cathedra“ sprechen, ist also offenbar froh und dankbar für kritische Anfragen; nur dies haben wir hier in aller Kürze versucht.

15.
In seinem – angeblich letzten – Buch „Abschied(e)“ erinnert er sich an einige offenbar für ihn entscheidende Stationen seines Lebens, es sind sehr persönliche und dann auch stolz erzählte literarische Erinnerungen. Politische Erinnerungen oder gar Erinnerungen an seine (möglichen?) Hilfen und Leistungen für die bedrohte Menschen auch in der Ferne (Stichwort: Solidarität) sucht man allerdings vergebens. Ein gewisser Egozentrismus wird sichtbar. Es verabschiedet sich in dem Buch – in unserer Sicht – ein ziemlich egozentrischer, aber berühmter alter Mann, der vor allem als Autor gelten will. Und der nun gern und offenbar angstfrei (?) ins „ewige Nichts“ schreitet…

16.
In einigen Gegenden Deutschlands und der Schweiz sagte man früher oft: „Adieu“ bei der Verabschiedung: „A – Dieu“ also, d.h. zu Gott. Und in Spanien gibt es noch heute die gängige Abschieds-Formel „Adios“, „zu Gott“ wörtlich, aber mit der Bedeutung. „Leb wohl“…weil das Wohlleben doch irgendwas mit Gott (dem Schöpfer von allem) zu tun hat.

17.

2022 hat sich Julian Barnes mal zur Abwechslung zum „Polytheismus“ bekannt, der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ hat das dokumentiert:LINK 

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

 

 

Ein christlicher Glaube, der befreit. Denn die Kirchendogmen sind relativ!

Das neue Buch des Theologen Peter Trummer
Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.3.2026

Das Motto: „ Religionen können ihre Qualität einzig damit ausweisen, ob und wie weit sie Menschen helfen, ihre endliche, begrenzte Existenz mit Sinn zu füllen, Mitgefühl für einander zu empfinden und Solidarität mit allen zu leben.“ (S. 21 in dem genannten Buch).

1.
Peter Trummer zeigt in seinem Buch sehr treffend: Die entscheidende humane Basis der Religionen wird sehr oft, auch im Katholizismus, ignoriert und verraten: wegen der nicht zu überwindenden Klerusherrschaft und des Festhaltens an Dogmen, die verstaubt sind und nicht den Weisungen des Weisheitslehrers Jesus Christus entsprechen.

2.
Es ist eher selten, dass ich ein Buch eines katholischen Theologen aus dem deutschsprachigen Raum sehr dringend empfehle. Peter Trümmer, emerit. Theologieprofessor an der Uni Graz, Spezialist für Studien des Neuen Testaments, legt ein neues Buch vor: Der Titel ist provokativ gemeint: „Jesus ohne Opfer“. Diese Forderung will sagen: Katholiken und ihre klerikalen Führer sollen Jesus nicht länger als den „Sohn Gottes“ der Trinität lehren und propagieren, der als „Opferlamm“ von einem grausamen Gott – Vater in den blutigen Kreuzestod auf Erden geschickt wird: Um so leidend und blutig die Erlösung der Menschen zu bewirken. Erlösung bedeutet aber offiziell-klerikal: Überwindung der „Erbsünde“! Diese „Erbsünde“ ist eine auch biblisch gesehen eine abwegige, nur mit Macht und Gewalt durchgesetzte Behauptung des heiligen Augustinus. Der Witz sozusagen Die Erbsünde wird – im Unterschied zu den vielen anderen Sünden, Fehlern, Verbrechen, als solche von Menschen gar nicht erlebt und als solche erfahren…

3.
Jedenfalls steht fest: „Solange Opfer-Ideologien (sic !) den Glauben verdunkeln, kann sich keine Einsicht einstellen, dass Gott sehr viel anders ist als wir bisher dachten und gelehrt bekommen haben, er gar keine beamtete Vermittlung und rituelle Manipulationen braucht, weil alle Menschen ausnahmslos und unmittelbar seine `Töchter und Söhne` sind, um die sich Gott mit hingebungsvoller Elternliebe kümmert.“ (S. 184).

Zu dieser Aussage wünscht man sich nähere Differenzierungen: Ist die „hingebungsvolle Elterliebe Gottes“ letztlich für die leidenden und ungerecht behandelten Menschen eine Art letzter metyphysischer Trost? Kommen eigentlich die Menschen insgesamt, auch die wohlernährten und gesunden und lange Lebenden, ohne metaphysischen Trost aus? Dabei übersetze ich  „die hingebungsvolle Elterliebe Gotttes“ mit metyphysischem Trost…

4.
Der bis heute in Predigten und Vorlesungen propagierte und auch besungene (Karfreitags-Lieder, bitte Fußnote 1 beachten) Wille Gott-Vaters zur Hinrichtung seines Sohnes hat trotz aller heiligen mittelalterlicher Kirchenlehrer nichts mit dem Neuen Testament zu tun. Das zeigt der Spezialist für ein historisch – kritisches Verstehen des Neuen Testaments sehr deutlich. Hilfreich, befreiend, zum Leben ermunternd sind allein Leben und Lehren des Weisheitslehrers Jesus von Nazareth: Jesus wird hingerichtet, weil er konsequent die unendliche Liebe Gottes zu allen lebte und predigte. Ebenso ließ Jesus nicht ab von seiner radikalen Kritik an der Übermacht des jüdischen religiösen Gesetzes, verteidigt von der Elite damals … Jesus wurde als ein religiöser Erneuerer in Zusammenarbeit mit den römischen Machthabern hingerichtet.

5.
Der katholische Theologe Peter Trümmer versteht zurecht die herausragende und bis heute inspirierende Gestalt Jesu als WEISHEITSLEHRER. Dies ist auch der Sinn des Untertitels, den ich fast wie einen Schrei wahrnehme angesichts einer nach wie vor sturen klerikalen Dogmen – Kirche. „Glaube, der befreit“ heißt der Untertitel. Wovon befreit der hier vorgestellte christliche Glaube: Von Aberglauben, von unsinnigen, verstaubten Dogmen und auch von der Macht des Klerus: „Im traditionellen, zu überwindenden Kirchenbild geht es fast ausschließlich um die Selbstdarstellung des eigenen (Klerus-) Amtes, das sich mithilfe der Gottheit Jesu erheblich àufwertet`.“ (S. 182).

6.
Es wird also erneut sehr energisch und mutig für einen christlichen, speziell katholischen Glauben plädiert, der auch heute für reife, vernünftige, kritische Menschen hilfreich ist. An dem Thema haben sich bekanntlich sehr viele kritische katholische Theologen schon seit vielen Jahren die Finger – erfolglos – „wundgeschrieben“.. Ich nenne nur die Kritik von Hans Küng, Hermann Häring oder Hermann Baum (dessen wichtiges Buch „Die Verfremdung Jesu“ ist leider nur antiquarisch zu haben)…Nun also reiht sich Peter Trummer in die Riege der an Sisyphus erinnernden Theologen ein…

7.
Diese überaus anregende Buch „Jesu ohne Opfer“ aus dem Herder – Verlag stellt Jesus von Nazareth als Norm katholischen Lebens in den Mittelpunkt, als bestimmenden Maßstab für die Lehren und Theologie der (katholischen) Kirche. Aber für Peter Trümmer ist auch die universell geltende Vernunft (bekanntlich eine Schöpfung Gottes!) das zweite entscheidende Kriterium, um bisherige Kirchenlehren zu korrigieren. Ein Beispiel für den Zusammenhang des normativen Jesus – Gestalt und der universellen Vernunft: Peter Trummer deutet das “Kreuzesopfer“: „Der Abba, der liebe Vater Jesu, fordert kein Kreuzesopfer, denn ein Gott, der strafen muss (nämlich den grauenvollen Tod seines „Sohnes“ ans Kreuz will, CM), um lieben zu können, wäre ein Widerspruch in sich.“ (S. 147). Weil dieser Gott einem menschlich immer gebotenen vernünftigen Verstehen der göttlichen Wirklichkeit, die diesen Namen verdient, total widerspricht…
Noch deutlicher zum selben Thema schreibt Trummer: „Würde ein irdischer Vater so abwegig handeln (also den eigenen Sohn zum grauenvollen Tod ans Kreuz schicken, CM), er könnte als Vater nur in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher landen. Für eine solche ver – rückte Glaubensdeutung können wir bei unseren Gesprächspartnerinnen wenig Verständnis erwarten, auch nicht dafür, dass wir dies mit unseren Mess-Opfern auch noch so oft feiern wollen.“ (S. 157.)
Damit wird sehr richtig deutlich gesagt: Auch Gott selbst untersteht als absolute geistige Wirklichkeit dem universell geltenden Vernunft – Prinzip der Liebe und Gerechtigkeit, eine Erkenntnis, die der israelisch -deutsche Philosoph Omri Boehm für das Alte Testament beschrieben hat. LINK. https://religionsphilosophischer-salon.de/15297_auch-gott-untersteht-dem-recht-und-der-gerechtigkeit_buchhinweise/philosophische-buecher

8.
Unter den viele anregenden Themen des Buches ein Hinweis: Peter Trummer kritisiert mit guten Gründen sehr treffend die bis heute üblichen, ausschließlich vom männlichen Klerus zelebrierten „Mess- Opfer – Feiern“. Den wahren und den Intentionen Jesu entsprechenden katholischen Gottesdienst sieht er eher in schlichten Mahl-feiern. Wer das Neue Testament sehr gut kennt, wie Trummer, weiß: Das Miteinanderspeisen in einer offenen, schlichten Tischgemeinschaft ,mit der Erinnerung an Jesus von Nazareth, ist das „Wesen des Christentums“, was ja schon der katholische Theologe Franz Mußner um 1970 betonte.

9.
Peter Trummer weist mehrfach in diesem Buch auf die Mängel der ersten Einheitsübersetzung des Neuen Testaments unter Leitung der katholischen Bischöfe hin. Viele Beispiele werden genannt, dabei geht es um grundlegende Übersetzungsfehler, die sich in scheinbaren „Nuancen“ verstecken. (S. 105, 167, 183 usw..) Nur ein Beispiel: Die Übersetzung des Verses im Galaterbrief des Apostels Paulus (Gal. 1,15f.) heißt in der Ausgabe der „Einheitsübersetzung“ von 1980: „Es gefiel Gott mir seinen Sohn zu offenbaren“. Richtig heißt es in der Ausgabe von 2018: „ Es gefiel Gott… IN MIR seinen Sohn zu offenbaren“. (S. 167). Durch dieses „in mir“ wird der innere, unmittelbare Vorgang der Offenbarung betont. Welch ein wichtiger Unterschied!

10.
Es fehlt mir in dem Buch eine ausführliche Auseinandersetzung mit der unsinnigen Erbsünden-Lehre als Dogma, sie ist direkt oder als immer präsenter Hintergrund entscheidend verantwortlich für die Irrwege der (nicht nur katholischen, sondern auch reformierten, lutherischen) Kirchenlehre und Kirchenpraxis. Die Erbsünden-Ideologie bestimmt bis heute die meisten Kirchen. Und weil ein Dogma nun einmal angeblich für ewige Zeiten umkorrigierbar besteht, so will es der diese Dogmen erfindende Klerus, gibt es also wenig Aussichten, dass sich die Kirchen von dieser Ideologie des Augustinus befreien.

11.
Einer weiteren Klärung bedürftig finde ich Peter Trummers Aussage, der Apostel Paulus „ist … der älteste Zeuge der Ostererfahrung…“ (S. 141). Ich möchte meinen, die ältesten Zeugen der Osterfahrung sind die Apostel und JüngerInnen, die nach dem Schock des Todes Jesu nach einiger (längerer) Zeit wieder Hoffnung fanden und erkannten: Jesus liegt wie alle anderen Menschen als Körper zwar im Grab, aber sein Geist lebt, ist „auferstanden“, so wie der Geist, die Seele aller Menschen – in irgendeiner Weise – aufersteht.

12.
Man freut sich angesichts dieses Buches, dass es die „Kirchliche Druckerlaubnis“ (meist durch „General – Vikare“ ausgesprochen) nicht mehr gibt, und auch der Index ist abgeschafft, so kann Peter Trummer seine richtigen Vorschläge unters Volk bringen. Wie viele herzliche Dankesbriefe er von katholischen Bischöfen schon erhalten hat, wird er uns in seinem nächsten Buch mittteilen, hoffen wir.

Fußnote 1:
  Ich erinnere an das grausige ideologische Karfreitags – Lied des eigentlich manchmal noch nachvollziehbaren Theologen und Poeten Paul Gerhardt, aus dem Jahr 1647:

„Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt ..“, Evangelisches Gesangbuch, 1993, dort die Nr. 83).

Dort heißt es in den ersten drei Strophen ziemlich brutal:

1. Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld
der Welt und ihrer Kinder;
es geht und büßet in Geduld
die Sünden aller Sünder;
es geht dahin, wird matt und krank,
ergibt sich auf die Würgebank,
entsaget allen Freuden;
es nimmet an Schmach, Hohn und Spott,
Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod
und spricht: „Ich will’s gern leiden.“

2. Das Lämmlein ist der große Freund
und Heiland meiner Seelen;
den, den hat Gott zum Sündenfeind
und Sühner wollen wählen:
“Geh hin, mein Kind, und nimm dich an
der Kinder, die ich ausgetan
zur Straf und Zornesruten;
die Straf ist schwer, der Zorn ist groß,
du kannst und sollst sie machen los
durch Sterben und durch Bluten.“

3. „Ja, Vater, ja von Herzensgrund,
leg auf, ich will dir’s tragen;
mein Wollen hängt an deinem Mund,
mein Wirken ist dein Sagen.“
O Wunderlieb, o Liebesmacht,
du kannst – was nie kein Mensch gedacht –
Gott seinen Sohn abzwingen.
O Liebe, Liebe, du bist stark,
du streckest den in Grab und Sarg,
vor dem die Felsen springen…..

Wann wird sich die Evangelische Kirche dafür entschuldigen, dass sie diesen theologischen Schrott noch heute in den Gemeinden singen lässt, am evangelischen Hochfest, dem Karfreitag! Wann wird dieses Lied aus dem Gesangbuch verschwinden?

Auch die Katholische Kirche hat zahllose Kirchen-Lieder „im Einsatz“, die Jesus als Opferlamm, als „Agnus Dei“usw. ständig ansprechen und preisen.

Sehr drastisch ist das Schlusslied aus der Messe von Michael Haydn, sein Schlusslied hat den Titel: „Nun ist das Lamm geschlachtet, das Opfer ist vollbracht„. Der katholische Priester hat förmlich – geistig, symbolisch,  real wie auch immer – am Altar in der Messe das Lamm Christus „geschlachtet und das Opfer (Christi) noch mal vollbracht…“. Welch ein Wahn eines Klerikalismus, eines  Priester-Verständnisses, das an uralte jüdische oder heidnisch – römische Priester in den jeweiligen Tempeln mit allerhand Schlachtereien erinnert…PS: Vegetarier damals sollen sich geweigert haben, diesen Unsinn zu singen…

Die erste Stophe:

Nun ist das Lamm geschlachtet,
das Opfer ist vollbracht.
Wir haben jetzt betrachtet,
Gott, deine Lieb’ und Macht.
Du bist bei uns zugegegen;
aus deinem Gnadenmeer
ström’ uns dein Vatersegen
durch dieses Opfer hier…. (Michael Haydn).

.

Peter Trummer, Jesus ohne Opfer. Glaube, der befreit. Herder Verlag, 2026, 192 Seiten, gebundene Ausgabe 22 €, eBook 16,99 €.

In der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ hat sich Peter Trummer im Februar 2026 zum Thema des Buches zusammenfassend geäußert. LINK 

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

 

 

Warum besucht Papst Leo XIV. am 28. März 2026 ausgerechnet das Fürstentum Monaco? Die 29. der „Unerhörten Fragen“

Von Christian Modehn am 17.3.2026

Eine religionskritische Satire zu einer problematischen „apostolischen Reise“

Auf diese Frage sind mehrere richtige Antworten möglich, eine Antwort ist wahrscheinlich die besonders treffende. (Unsere Antwort am Ende des Beitrags)

Papst Leo XIV. besucht also am 28. März das Fürstentum Monaco…

1 …weil er sich mit Fürst Albert II. nach dessen Privataudienz im „Apostolischen Palast“ so blendend und herzlich versteht? (Der Fürst verfügt nach Schätzungen über ein Vermögen von 1 Milliarde US Dollar).

2 …weil der Papst gern drei Stunden im Helikopter sitzt, der ihn von „Heiligen Stuhl“ nach Monaco transportiert? Also: Ein päpstlicher Beitrag für einen hohen CO2 Ausstoß…

3 …weil er hofft, dort mit einer der vielen Superluxus-Yachten im Mittelmeer etwas herumkurven zu können und dabei als Dank allen Superluxus-Yachten seinen apostolischen Segen erteilt?

4 … weil er in Monaco ein Augustinerkloster gründen will oder nach Spuren seines absolut höchst geliebten „Vater“ Augustin dort sucht? Der erste Teil dieser Frage ist schon jetzt ausgeschlossen, weil der Augustinerorden in Europa fast nur noch alte Herren als Mitglieder zählt und an Kloster – Neugründungen gar nicht zu denken ist.

Papst Leo XIV. besucht also am 28. März das Fürstentum Monaco…

5 … weil der Papst sich freundschaftliche Beratungen und vor allem Hilfen finanzieller Art vom Fürsten und den Seinen verspricht – für den nicht gerade finanziell glänzend dastehenden Heiligen Stuhl?

6… weil er diesen Winzling von Staat Monaco liebt, denn dort ist noch wie einst die uralte katholische, päpstliche Moral staatliches Gesetz: Gegen Abtreibung, gegen gesetzlich mögliche Sterbehilfe…Darum muss doch sonst, weltweit, der Papst nur – erfolglos – kämpfen.

7… weil er zeigen will: Papst Franziskus unternahm seine erste Reise innerhalb Italiens nach Lampusa zu den Flüchtlingen.. Aber er als Leo und „Sohn des heiligen Augustinus“ macht genau das Gegenteil: Er besucht die Superreichen..

Papst Leo XIV. besucht also am 28. März das Fürstentum Monaco…

8… weil er die an dieser Reise Interessierten auffordert, die Papstpredigt in der Kathedrale von Monaco schon jetzt zu schreiben! Das ist doch bei allen üblichen Floskeln nicht schwer. Die päpstliche Predigt sollte also diese Worte enthalten: „Friede ist zentral“; „wir danken dem Fürsten und seiner Familie Grimaldi für ihre Treue zum katholischen Glauben“; „auch Superreiche gehen selbstverständlich ins Himmelreich ein, bei dem Thema irrte Jesus von Nazareth ein bißchen, als er lehrte: Reiche gehen NICHT ins Himmelreich ein“; „nicht nur Monaco, alle demokratischen Staaten sollen den katholischen Moralvorstellungen folgen“; Eheschließungen für Homosexuelle sind Monaco ausgeschlossen, Bravo sage ich als Stellvertreter Christi; Frankreich als Nachbar Monacos ist mit seinem „Laizismus“ kein gutes Vorbild für Katholiken; die Kirche hat nicht nur eine „Option für die Armen“, sondern muss immer auch ihre Liebe zu den Reichen und Superreichen zeigen, nur das zahlt sich wirklich für den Vatikan aus; ….Dies sind einige zu erwartende Floskeln der Papstansprache in Monaco…(Wir wären überrascht, wenn Leo XIV. den Mut hätte, genau das Gegenteil zu verkünden).

9… weil unter den Superreichen viele Depressionen und Sinnkrisen bestehen; der Bischof von Monaco nannte dies jetzt bereits die furchtbare „Armut“ der Bewohner Monacos; die seelische Krankheit dieser „Armen“ könne durch eine päpstliche Botschaft wenn nicht geheilt, so doch gemindert werden. Also: Bitte mehr Seelsorge für die Superreichen, die haben dies bitter nötig. Zum Teilen ihres Reichtums wird der Papst sie selbstverständlich nicht explizit oder gar prophetisch auffordern, das wäre doch ein bißchen undiplomatisch und zu unfreundlich gegenüber dem Milliardär – Fürsten…

Papst Leo XIV. besucht also am 28. März das Fürstentum Monaco…

10… weil er (mit einem Pass des lateinamerikanischen Staates Peru ausgestattet) die Superreichen von Monaco auffordern will, sich für die Theologie der vom Kapitalismus arm Gemachten, also die „Theologie der Befreiung“ in Lateinamerika einzusetzen. Denn in Peru ist bekanntlich die Theologie der Befreiung entstanden (Gustavo Gutiérrez als Initiator).

11… weil der Papst Einladungen der gegen die Mafia kämpfenden Priester und Staatsanwälte in Italien bisher nicht beachtet hat, ebenso die Einladung in Neapels Elendsviertel, deswegen fliegt er im Helikopter ins schöne Monaco… Dies kann doch eine (spirituell ???) reiche Vorbereitung sein für den dann folgenden Palmsonntag, am 29. März. Dann starten wieder die Floskeln in den Predigten…

12…weil er weiß: Kein anderer Papst hat jemals eine solche, dermaßen vööig überflüssig erscheinende Reise unternommen? (Fehlt bloß noch, dass der Papst diese seine Monaco – Exkursion als „apostolische Pilgerfahrt“ deklariert.)

13… weil er weiß, dass einige Journalisten den päpstlichen Hofstaat und seine Diplomatie immer noch beobachten bzw. aus beruflichen Gründen selbst die absurdesten Papst-Reisen beobachten müssen.Dabei hätten sie Wichtigeres zu tun. Und ein Papst wohl auch. An eine Reise in die Ukraine denkt Papst Leo offenbar nicht. Er betet ja, wie nett,  für die Ukraine. Betet er für den Sieg der Ukraine gegen die Russland?

PS: Wir halten die Antwort Nr. 5 für die „besonders treffende“.

Siehe auch unseren Hinweis vom 11.2.2026 zur Reise des Papstes ausgerechnet nach Monaco mit Informationen über das Fürstentum: LINK:

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon.de

Wenn die Philosophie schläft. Ein kritischer Hinweis des Philosophen Wolfram Eilenberger

Ein Beitrag von Christian Modehn am 18.3.2026

1.
Der Philosoph und Buchautor Wolfram Eilenberger hat in der „ZEIT“ vom 12.3.2026, Seite 49, eine kurze provozierende Analyse zum Zustand der Philosophie in Deutschland verfasst. Der sehr ausführliche Titel seines Beitrags: „Ist da jemand noch wach? Das Jahrhundert bebt, doch die zeitgenössische Philosophie scheint zu schlafen. Eine Ermunterung zur Geistesgegenwart“. Die Ausführungen Eilenbergers sind provozierend gemeint. Er ist wohl überzeugt, nur auf diese Weise, die PhilosophInnen (denn nur durch PhilosophInnen gibt es „die“ Philosophien) aus dem Schlaf aufwecken zu können. Philosophen schlafen in der Sicht Eilenbergers, weil sie sich zu wenig mit dringenden und drängenden Problemen und Katastrophen der Gegenwart befassen.

2.
Zum Mittelpunkt der Kritik an der mangelnden kritischen Präsenz der Philosophie in der heutigen Welt nennen wir nur einige zentrale Stichworte Eilenbergers:
Die „analytische Philosophie“ hat die klassischen Philosophien, also die „Liebe zur Weisheit“, wie der Name sagt, verdrängt; die „analytische Philosophie“ ist für Eilenberger „eine reine – nicht zuletzt gegenwartsgereinigte – Begriffswissenschaft. Man glänzt durch öffentliche Abwesenheit.“
Diese analytische Philosophie dominiert, sie ist hoch spezialisiert, extrem ausdifferenziert, es gibt bei ihr „kein geteiltes Fundament, nirgendwo“, so Eilenberger.

3.
Er kritisiert auch die „scheußliche Art“ der PhilosophInnen in ihrer traditionell arroganten Art zu schreiben, in dieser wohl sehr oft zutreffenden Erkenntnis schließt sich Eilenberger dem Urteil der us-amerikanischen Philosophin Christine Korsgaard an.

4.
Eilenberger kritisiert die Publikationsfluten zumal der analytischen PhilosophInnen; viele dieser hoch spezialisierten Publikationen werden „auch fünf Jahre nach ihrer Veröffentlichung kein einziges Mal zitiert.“ Dass die analytische Philosophie ein Versuch ist, an den Universitäten sozusagen wissenschaftlich mit den anderen Wissenschaften „mithalten“ zu können, erwähnt Eilenberger nicht.
Es ist bekanntlich eine lange Geschichte, dass die Philosophen sich mit ihrem Auftrag, die Liebe, die Freundschaft, zur Weisheit zu verbreiten, nur abfinden konnten, indem sie ins Mathematische, Begriffliche, Logische allein abdrifteten. Über Husserl wäre in dem Zusammenhang zu sprechen.

Unsere Mweinung: Das Eigene, Einmalige der Philosophie als „Liebe zur Weisheit“ könnte und sollte zu Kooperationen mit Literaturwissenschaften, Kunstwissenschaften, Theologien, Religionswissenschaften, Sozialwissenschaften, Biologie, Medizin führen. Philosophie wird es wohl nur in Kooperation mit diesen Wissensformen geben. Jürgen Habermas, der jetzt hoch gerühmte „große Philosoph“, war ja auch Soziologe und politisch, politologisch hoch gebildet, das machte die exzellente Qualität seines Denkens aus. Darauf weist Eilenberger nicht hin, aber gerade das wäre wichtig: Philosophie sollte bei diesen Kooperation niemals auf sich selbst verzichten, sie sollte sozusagen „tonangebend“ auch normativ bleiben!

5.
Der zentrale, uns sehr wichtig und treffend erscheinende Vorschlag Wolfram Eilenbergers: Die Philosophie sollte wieder ganz deutlich und stark „Liebe zur Weisheit“ werden. Eilenberger kann bei diesem seinen Plädoyer leider nicht auf ein Wort-Ungetüm verzichten und spricht also von, so wörtlich, „mündigkeitserhöhender Daseinstransformation“.
Nebenbei: Da wird also die aufklärerische Mündigkeit mit dem an Heidegger erinnernden „Dasein“ verbunden. Also arbeiten wir bitte an „mündigkeitserhöhender Daseinstransformation“. Das heißt: Denken wir, treffender gesagt, nach, was Philosophien jenseits der analytischen Begriffswissenschaft sein könnten und sein sollten. Vor allem doch wohl auch Orientierung im Leben, „Daseinstransformation“ ist da noch weitreichender, das Wort erinnert an Rilkes „Du musst dein Leben ändern“… Und das kann nur eine Philosophie, die sich als Liebe zur Weisheit versteht. Pure Logik oder Begriffsanalysen sind da nicht kompetent.

6.
Eilenberger deutet am Schluß seines provozierenden, aus dem „Schlaf der Vernunft“ (aus dem bekanntlich Ungeheuer hervorgehen, siehe Goya) heraus-weisenden Beitrags auf das in unserer Sicht Wichtige hin:
Es ist die „wache Sorge um das eigenen Selbst sowie das der Mitwesen“. Dieser Satz klingt ein bißchen nach dem Populärphilosophen Wilhelm Schmid. Eilenberger plädiert im Sinne der Philosophie für die meditative Lektüre der alten philosophischen „Gründungstexte“, auf die niemals verzichtet werden darf. Und auch das ist wichtig: Die knappe Andeutung wenigstens, dass es auf eine Öffnung „für außerweltliche Weisheitstraditionen ankomme.“ In dieser Rezeption asiatischer, afrikanischer und lateinamerikanischer Philosophien erhielte die neue Aufklärung – verbunden mit Weisheit – einen wichtigen Durchbruch. Aber wo wird in Deutschland asiatische oder afrikanische Philosophie gelehrt und entsprechend unters Volk gebracht? Philosophie in Deutschland ist doch sehr deutsch und manchmal europäisch bzw. us-amerikanisch….

7.
Die eigene philosophische Meinung für eine „wache Philosophen heute“ teilt uns leider Eilenberger nicht ausführlich mit, also wie Philosophie sich verhält zu dieser gegenwärtigen Welt der Kriege, der Gewaltherrscher, der Diktatoren, des total unbeherrschten, moderat gesagt „unklugen“ Präsidenten der USA, der reaktionären permanent nur ans Töten der Feinde denkenden Politiker in Israel, der Verirrungen der Religionen in Richtung Fundamentalismus, der Abwehr der rettenden Klimapolitik durch neoliberale Politiker etwa in der CDU, die Zunahme des Faschismus in ganz Europa usw. Erst wenn diese Themen sehr gut nachvollziehbar philosophisch gedacht und entsprechend publiziert werden, kann die Philosophie aus dem Schlafzustand befreit werden. Insofern ist dann Eilenbergeres Beitrag etwas „verschlafen“. 

8.
Die Frage ist natürlich, ob es nicht auch PhilosophInnen heute auch in Deutschland gibt, die diese in Nr. 7 genannten Themen nachvollziehbar bearbeiten und publizieren. Ich habe den Eindruck, diese gibt es. Eilenberger nennt leider keine Beispiele. Ich nenne nur: Lea Ypi oder Rahel Jaeggi oder Bettina Stangneth oder Eva von Redecker….

9.
Absolut wichtig für uns im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon ist:
Von Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie oder Metaphysik spricht Eilenberger nicht! dDes sind aber die klassischen Themen der Philosophien, die sich als Liebe zur Weisheit verstehen. Angesichts der viel besprochenen Säkularisierung in Europa und dem rasanten Niedergang der Kirchen in Europa ist doch Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie (auch im Plural natürlich) dringend, auch dringend als Orientierung not – wendig.

Leider gibt es nicht in allen Städten religionsphilosophische Salons, also kleine Schulen der Liebe zur Weisheit. Das Interesse der etablierten Universitätsphilosophie an dem Projekt praktischer Philosophie ist überhaupt nicht dokumentiert, also wohl nicht vorhanden. PhilosophInnen bleiben in ihren Seminarbibliotheken hocken… Die schrumpfenden Kirchen könnten erkennen, dass sie noch hilfreich sein können, wenn sie mit ihrme immer noch reichlich vorhandenen ihrerseits freie Orte des philosophischen und theologischen Austauschs schaffen und wieder mehr offene, undogmatische geistige Präsenz zeigen, gerade in Gegenden, in denen sich der kritische Geist verabschiedet, wie in vielen Bundesländern im Osten Deutschlands. ….Abschied von den Kirchen wird dann das philosophische Thema einer philosophischen Zeitanalyse.

10.
Warum spricht Eilenberger, warum sprechen Uni – Philosophen, nicht von neuen philosophischen Studiengängen: Etwa den Beruf der philosophischen Praktiker, die in freien philosophischen Salons, in der Erwachsenenbildung, in den Schulen, in Galerien, in den Medien usw. diese Liebe zur Weisheit lehren und verbreiten?

11.
Der Beitrag von Wolfram Eilenberger in der „ZEIT“ ist nach unserem Eindruck  inspirierend und – wie gezeigt – weiter führend. Wirklich ins Weite führend wäre eine sehr breite Diskussion über Hegels Verständnis von Philosophie als „Erkenntnis, die ihre Zeit in Begriffen aussagt“. Also: Geschichtsphilosophie wäre doch wohl auch hilfreich. Anläßlich des 150. Geburtstages von Martin Heidegger könnte man die ins Weite führende Frage erörtern: Was gewinnt Philosophie, wenn sie sich intensiv mit Dichtung, Poesie und Kunst befasst?

Vielleicht haben Philosophie  eine Zwischenstellung: Zwischen Wissenschaften und Kunst und Religion? Und trotzdem gehört sie an die Universitäten… wegen ihrer „besonderen Bedeutung“ als Verteidigerin der universell geltenden Vernunft (Kant).

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

Reliquien, alte Knochen, des heiligen Franziskus von Assisi werden jetzt in Assisi öffentlich ausgestellt

Die Verehrung des Toten im Katholizismus findet kein Ende
Ein Hinweis von Christian Modehn am 18.2.2026

1.
Nun werden also auch die Knochen des heiligen Franziskus von Assisi, gestorben vor 800 Jahren, öffentlich der Verehrung feilgeboten. Uraltes Gebein und sicher auch mittelalterlicher Staub können ab kommendem Wochenende in Assisi bestaunt, bewundert, verehrt werden. 350.000 Menschen haben sich bereits zur „Knochen-Show“ angemeldet, sie werden dann in der Basilika San Francesco zu Assisi angesichts der Reliquien ihre Bittgebete in den Himmel senden. (Siehe „Tagesspiegel“, 18.2.2026) Die offizielle päpstliche Mitteilung zur Knochenverehrung  des h. Franziskus von Assisi: LINK

2.
Keine Frage: Franziskus von Assisi ist eine der ganz großen Gestalten der christlichen Geschichte; seine Biografie zu studieren, ist immer inspirierend, zumal sein freundschaftliches Interesse für islamische Gläubige. Wichtig auch seine Kritik an einer viel zu reichen und viel zu mächtigen, gewaltigen Kirche der Päpste. Franziskus wollte arm sein, er lebte in seiner Person und mit der ersten radikalen Brüder-Gemeinschaft eine Kirche der Armen. Er musste sich dann aber dem päpstlichen Druck ergeben und integrierte sich als Ordensgründer offizieller Art ins päpstliche System…Nur die Waldenser hielten gegen die Päpste stand und wurden selbstverständlich verfolgt, aber ihre radikale Kirche lebt bis heute!
Franziskus jedenfalls hat auch als Poet einen Namen, man denke an seinen „Sonnengesang“.

3.
Dieser äußerst ungewöhnliche Mensch verdient also wirklich viel Beachtung. Aber nun, wieder, wie üblich im Katholizismus, werden Knochen und Staub-Reste, genannt Reliquien, den Neugierigen feilgeboten. Dieser Kult bringt kirchlichen und staatlichen Behörden viel Geld ein, man denke etwa auch an die Millionen Euro, die in San Giovanni Rotondo gespendet werden, am Grab, am offenen Sarg, des heiligen Scharlatans Padre Pio, des angeblich Stigmatisierten, der so gern seine angeblich blutigen Hände der verzückten Öffentlichkeit zeigte…LINK 

4.
Die katholische Kirche kann vom Folklorekult der Reliquien – Zurschaustellung genauso wenig lassen wie vom immer noch üblichen Ablass-UnWesen. Im Heiligen Jahr 2025 gab es den immer nich begehrten Ablass, im Jahr des Franziskus – Jubiläums 2026 wird es ihn ebenso wieder geben… Der etwas ramponierte Petersdom soll alsbald repariert werden, tatsächlich!

5.
Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) führt ausführlich ins kritische Nachdenken über den Katholizismus! Wir haben mehrfach auf die sehr richtige und nach wie vor gültige Katholizismus-Kritik Hegels hingewiesen. Einige Zitate aus einem unserem Hegel-Beiträge zum Thema bieten wir in Nr. 7.

6.
Unsere kritischen Hinweise sind natürlich innerhalb des Katholizismus wirkungslos, also eigentlich ziemlich sinnlos. Albert Camus tröstet mit seinem Wort: „Man muss sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen“…
Die Päpste und Prälaten machen also den alten blöden Zauber weiter, weil er immer noch Geld einspielt. Anstatt sich als Kirche und Kirchenführung, als Klerus, öffentlich intensiv zu fragen: Wie kann die Kirche im Sinne des Franz von Assisi heute arm werden, also sich kritisch aus den Klammern des Kapitalismus und Neoliberalismus auch in ihren eigenen Reihen befreien… da werden uralte Knochen feilgeboten, wie einfallslos und intellektuell erbärmlich ist das alles. Natürlich später werden, im Laufe des langen Franziskus – Jubeljahres, wie üblich viele sehr feierliche Messen gelesen und erbauliche Worte gesprochen, „wie immer“…

7..
Nun aber ein Auszug aus unserem Beitrag: Hegel und der Katholizismus:

Zentral ist für Hegel die Erkenntnis: Der Katholizismus ist für Hegel „stehen geblieben“. Er ist noch immer machtvoll vorhanden, aber er ist nicht „wirklich“, im emphatischen, im Hegelschen Sinn von Vernünftigsein! Der Katholizismus ist also durchaus „veraltet“, überholt, weil noch eingebunden in eine vom Geist und der Vernunft längst überwundene Erfahrung von Gott, Mensch und Freiheit.

Laien wurden im katholischen Mittelalters minderwertig betrachtet! Zentral für Hegels Katholizismus Kritik ist auch die Verehrung bzw. Anbetung der Hostie: Diese ist der verwandelte, trans-substituierte Jesus Christus, verwandelt in ein winziges Stückchen Brot. Und diese Hostie ist in eine goldene Monstranz gesetzt. Die Hostie als äußere und äußerliche also veräußerlichte Präsenz des Göttlichen hat für Hegel weit reichende Bedeutung: “Wenn aber einmal zugegeben ist, dass Gott in äußerlicher Gegenwart ist, so wird zugleich dieses Äußerliche zu einer unendlichen Mannigfaltigkeit…dass Christus da und dort, in diesem und jenen, erschienen ist…Allerorten werden also in höher begnadeten Erscheinungen, Bluteindrücken von Christus sich Vergegenwärtigungen des Himmlischen begeben…Die Kirche ist daher eine Welt voller Wunder… Das Göttliche erschient als ein vereinzeltes Dieses, also ein Ding, eine Reliquie etwa“. („Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte“, Meiner Verlag, Hamburg, 1968, Seite 823 f.).

Die Konsequenzen dieser veräußerlichten Frömmigkeit, die sich an wundersame Dinge, heilige Gegenstände, heilige Orte, heilige Personen, heilige Leichen, Reliquien usw. hält, sind für Hegel gravierend: Es gibt dann die entzückten, aber ungebildeten, dumm gehaltenen Laien, die sich an diese heiligen Dinge gewöhnen sollen. Und es sind die Kleriker, die diese veräußerlichte Form der Frömmigkeit fördern. Damals, im 19. Jahrhundert, begannen die umstrittenen Wallfahrten zum „Heiligen Rock“, der angeblichen Kleidung Jesu Christi.
Es wird also in der Sicht Hegels den Laien verwehrt, im eigenen Geist die unmittelbare Verbindung mit Gott zu leben. In seinen „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ sagt Hegel in dem Zusammenhang die durchaus bis heute aktuellen Worte: „Die Menschen sind keine Laien“ (S. 297), „die Laien sind (im Katholizismus) aber dem Göttlichen fremd“ (S. 454) und vor allem: “Denkende Menschen als Laien behandeln ist das Härteste“ (S. 297). („Theorie Werkausgabe“, Band 20, Suhrkamp, 1970). Großartige, aktuell relevante Wirte, man denke an das Hin und Her, an die bescheidenen Erfolge und die vielen Frustrationen des „Synodalen Weges“. Diese Katholiken laufen in ihrer Forderung nach einer wenigstens etwas demokratischen Kirche gegen die allerdicksten Mauern seit Jahrzehnten…

In der katholischen Frömmigkeit erscheint für Hegel „das Verderben, der Aberglauben überhaupt“ in der Verehrung von heiligen Orten, von heiligen Knochen. „Das ist Wunderglaube der ungereimtesten und läppischsten Art. Denn das Göttliche wird auf eine ganz vereinzelte und endliche Weise für ganz endliche und besonders Zwecke da zu sein gemeint…“ (S. 873). Hegels richtige Reliquien – Kritik – Erich Fromms Erkenntnis zur „Nekrophilie“ vorausgreifend – findet förmlich Unterstützung durch Jesus Christus selbst: Der Philosoph zitiert die Frage des „Auferstandenen“: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten“? („Vorlesung über die Philosophie der Geschichte“, S. 471, bezogen auf Lukas Kap. 24).

Das Geistvolle, das Lebendige, ist einzig eben nur beim Geistigen, beim Vernünftigen, zu suchen und auch zu finden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Gerechtigkeit ist etwas Göttliches: Wenn ein katholischer Theologe den Kirchenfeind Proudhon lobt.

Ein Hinweis auf ein Buch von Henri de Lubac über Proudhon
Von Christian Modehn am 2.2.2026

„Revolution und Gerechtigkeit“: Für diese Ziele kämpft der radikale Philosoph Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) in seinem sehr umfangreichen Werk. Mit diesem rebellischen, heftig kirchenkritischen Denker beschäftigt sich objektiv, aber durchaus auch voller Sympathie der katholische Theologe Henri de Lubac in seinem Buch „Proudhon et le christianisme“.
Warum ist es wichtig, daran zu erinnern? Der Theologe veröffentlicht sein Buch unmittelbar nach dem Zusammenbruch der rechtsradikalen, faschistoiden Pétain-Diktatur. Eine denkwürdige Konstellation. Der prominente katholische Theologe zeigt den (französischen) Christen nach dem Ende des Pétain – Regimes: Die meisten Katholiken haben das Regime unterstützt. Hätten sie die Gerechtigkeit für alle als etwas Göttliches angesehen, wäre der Zusammenbruch der Republik, die Verfolgung der Juden und der Linken nicht möglich geworden. Also: Hätten sie den verschmähten antiklerikalen Philosophen Proudhon gelesen, was er über die Gerechtigkeit schreibt…

1.
Das Buch „Proudhon et le christianisme“ wird 1945 in den „Editions du Seuil“, Paris, veröffentlicht, ein Jahr nach der Überwindung der Herrschaft des Vichy-Regimes. De Gaulle ist am 26. 8.1944 in das befreite Paris einmarschiert.

Die Studie des katholischen Theologen de Lubac erscheint unmittelbar nach der Überwindung des antisemitischen, menschenfeindlichen, anti-demokratischen Pétain-Regimes. Aber die LeserInnen werden erstaunt sein, dass es nur einen einzigen winzigen Hinweis auf die Zeit dieses Nazi-ergebenen Regimes Pétain im Buch gibt: De Lubac widmet seine Studie einem Priester, einem Jesuiten, der in der Résistance aktiv war und von der Gestapo am 10.8.1944 ermordet wurde. Sein Name:  Yves de Montcheuil. Da veröffentlicht also der schon damals berühmte Theologe de Lubac ein Buch 1945 und verbindet das Thema nicht mit der politischen Aktualität. Das Buch „Proudhon et le christianisme“ ist trotz dieser „politischen Abgehobenheit“ wichtig. 

2.
Der Autor ist ein schon damals bekannter Theologe im Jesuitenorden: Henri de Lubac wurde geboren 20.2.1896, gestorben ist er am 4.9.1991. Im Jahr 1929 wurde er Professor für „Fundamentaltheologie“ an der Hochschule der Jesuiten in Lyon. 1938 hatte er das viel beachtete Buch „Catholicisme“ veröffentlicht. Darin plädiert er für ein großzügiges, weites Konzept des Katholischen in der heutigen Welt, „alles Menschliche in höchstmöglicher Liebe einschließend“, schreibt der Theologe Herbert Vorgrimler. (Quelle: FUßNOTE 1)
3.
Aber Liebe zu allen Menschen erfordert auch den Widerstand gegen Rechtsradikale, Antisemiten, Faschisten: De Lubac gehörte während des Vichy-Regimes des Marschall Pétain und seiner Nazi – Freunde zur Résistance in Lyon. Besonders zum „intellektuellen Widerstand“ derer, die den unmittelbar politisch Handelnden im Widerstand helfen, durch persönliche Unterstützung, auch durch theoretische Arbeiten: De Lubac war eng verbunden mit den eher kleinen Kreisen der katholischen Résistance, die sich in Lyon um die geheimen Widerstandszeitschrift „Cahiers du Témoignage Chrétien“ sammelten. Das Motto dieser – bis heute bestehenden – Zeitschrift: „Vérité et Justice quoi qu il en coute“, „Wahrheit und Gerechtigkeit, koste es, was es wolle“.
4.
De Lubac weiß aus eigener Erfahrung, dass nur ein kleiner Teil des Klerus und der „praktizierenden katholischen Laien“ das Vichy Regime aktiv bekämpfte. Die mehrheitlich „braven Christen“ (Mitläufer, Nazi-Freunde etc.) will er durch sein Buch daran erinnern: Der Philosoph Proudhon, zwar ein heftiger Feind der Kirche, stellt auf vorbildliche Weise das Thema der Gerechtigkeit für alle Menschen (zumal für die Menschen im Elend, in Armut) in den Mittelpunkt. Proudhon bewertet die Gerechtigkeit für alle Menschen so hoch ein, dass er ihr sehr deutlich in seinen zahlreichen Publikationen göttliche Qualitäten zuspricht. Die Christen haben also nach Meinung de Lubacs von einem antiklerikalen Gegner der Kirche zu lernen! Man möchte sagen: Trotz dieser Aussagen erhielt diese Proudhon-freundliche Studie des Jesuiten de Lubac die damals erforderliche „kirchliche Druckerlaubnis“.
5.
De Lubac arbeitete an seiner – übrigens leicht lesbaren – wissenschaftlichen Studie über Proudhon (316 Seiten mit zahllosen Belegen und wissenschaftlichen Verweisen) natürlich schon einige Jahre, also zu Zeiten der Herrschaft des Pétain Regimes. De Lubacs Erkenntnis ist eine Provokation für alle Katholiken, die Proudhon bisher als Feind Nr. 1, als Anarchisten, Kommunisten usw. bewerteten. Proudhon hingegen, in der Sicht de Lubacs, will die Religion keineswegs zerstören, sondern auf neue Weise retten, aber er will nicht die bestehende Kirche unterstützen: „Um die Religion wiederherzustellen, muss man die Kirche verurteilen.“ (S. 85).Und die Religion? Sie ist für Proudhon vor allem die Verehrung der göttlichen Gerechtigkeit! De Lubac schreibt ein eigenes Kapitel mit dem Titel: „Proudhon der Theologe.“ Das heißt: Er ist zwar antiklerikal, aber er verdient den Titel Theologe (S.112).
6.
Proudhon neu zu bewerten, ihn aus der üblichen oberflächlichen Interpretation eines „Anarchisten“ oder Atheisten und Kommunisten usw. zu befreien, ist für de Lubac eine theologische Verpflichtung. Denn durch die Hochschätzung der Gerechtigkeit für alle entsteht eine Art neue, große Ökumene: Sogenannte Antiklerikale haben eine tiefe, eine radikale Hochachtung für die Gerechtigkeit, das beweist die Résistance der Sozialisten, Kommunisten, Freidenker. Mit ihnen zusammen haben einige Christen in der Résistance gekämpft, warum sollte diese Gemeinschaft nicht weitergehen? Die „göttliche Gerechtigkeit“ verbindet doch unterschiedliche Menschen! Aber diese Gedanken wurden auch von einer auf sich selbst fixierten Kirche nach 1945 nicht weiter gedacht, schließlich waren ja nun die Kommunisten Feind Nr.1 der Kirche….
7.
Gerechtigkeit steht als Prinzip der Gestaltung von Welt und Gesellschaft an oberster, „göttlicher“ Stelle, betont also Proudhon. Und er zieht daraus die Konsequenz: Ein Christ, der sich nicht für die umfassende soziale Gerechtigkeit interessiert und einsetzt, handelt nicht entsprechend der Logik seines Glaubens (S. 221). De Lubac ist überzeugt: Diese Hochschätzung der Gerechtigkeit „kann man nicht anders als religiös qualifizieren“ (S.297). De Lubac meint sogar: Proudhon erlebe der Gerechtigkeit gegenüber sogar einen „Schauder des Heiligen“ (ebd.) Proudhon ist überzeugt: „Das Gerechte, das Schöne, das Wahre ist die Religion der Zukunft“ (ebd.). Letztlich will er das kirchliche Christentum in der modernen Welt durch die Idee der heiligen Gerechtigkeit ersetzen. De Lubac widmet darum ein eignes Kapitel der Bindung Proudhons an die Gerechtigkeit: „Adoration de la Justice“, „Anbetung der Gerechtigkeit“ ist der Titel (S. 294ff).
8.
De Lubac hat als Theologe durchaus Anfragen an dieses Konzept der göttlichen Gerechtigkeit. Etwa: Sollte nicht doch ein transzendenter Gott mit – bedacht werden, weil er diese Idee der Gerechtigkeit, die in allen Menschen letztlich lebt, „geschaffen“ hat? Denn Proudhon denkt selbst an den Schöpfer: „Gerechtigkeit als das Wesen der Menschheit ist förmlich etwas Angeborenes in der Seele der Menschen“ (S. 302). Angesichts dieser Erkenntnis muss Proudhon betonen: „Diese starke Idee der `angeborenen Gerechtigkeit im Menschen` bleibt ein Geheimnis“ (S. 313).
9.
Bis heute fällt auf: Katholische Autoren erwähnen NICHT in ihren Studien zu dem inzwischen offiziellen vatikanischen Theologen de Lubac dessen Buch „Proudhon et le Christianisme“: Nur ein Beispiel: LINK.
Hingegen war nicht-katholische Presse unmittelbar nach Erscheinen voller Lob: LINK.  www.persee.fr/issue/r1848_1155-8792_1946_num_37_172
10.
Die weitere theologische Entwicklung de Lubacs kann hier nicht dargestellt werden: Er hatte sich seit 1950 zu einem progressiven theologischen Störenfried entwickelt mit entsprechenden Bestrafungen durch den Vatikan (Lehrverbot etc..). Allerdings wurde er durch Papst Johannes XXIII. als theologischer Berater in das 2. Vatikanische (Reform-) Konzil berufen. Seit der Zeit allerdings verbreitete de Lubac eher offizielle, papstfreundliche akzeptable Positionen, wobei seine Interessen etwa für den Buddhismus etwas Besonderes bleiben. Papst Benedikt XVI. auch Papst Franziskus schätzten de Lubac, im hohen Alter wurde er noch zum Kardinal durch Papst Johannes Paul II. ernannt. Heute sind es eher konservative Theologen und Bischöfe, die den nun offiziell katholischen Theologen de Lubac verehren, von Auseinandersetzungen mit Proudhon und dessen Maxime „Eigentum ist Diebstahl“ ist von diesen konservativen Theologen nichts zu hören. Darum merke: Selbst anfänglich progressive Theologen (wie de Lubac anfänglich) werden zu Vertretern des offiziellen Lehr – Systems, wenn sie von Papst und Bischöfen integriert und belohnt werden…
Nun soll der Mann, der 1945 den Kirchenkritiker und Agnostiker Proudhon so sympathisch fand, auch noch „selig gesprochen“ werden, also als Fürsprecher im Himmel von Katholiken hier auf Erden angefleht werden, so beschloß es die Konferenz der französischen Bischöfe 2023. Ob dadurch auch Proudhon etwas in den Stand des Seligen gerät? Eher unwahrscheinlich!
11.
Posthum erschien eine Studie Proudhons über Jesus: „Jésus et les Origines du christianisme”, „Jesus und die Ursprünge des Christentums“. Darin interessiert sich der theologische Agnostiker und Kirchenfeind vor allem für die menschliche Person Jesu im historischen Umfeld. Schon seit seiner Jugend hat sich Proudhon für die Jesusgestalt interessiert. Ausführliche Darstellungen über Jesus bietet auch das Buch „De la justice dans la Révolution et dans l’Église” („Über die Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche“). Die Arbeiten über Jesus zeigen Proudhon als Bibelwissenschaftler, Soziologen und Philosophen. Der Theologe Gérard Bessière hat zu dem Thema ein wichtiges Buch veröffentlicht, das leider auch – in Deutschland – wenig Beachtung fand. (Fußnote 2)
12.
Unsere, von de Lubac inspirierte Erinnerung an Proudhon, an dessen Hochschätzung der Gerechtigkeit, ist natürlich keine „Seligsprechung“ Proudhons.
Wir wissen, dass er ein damals übliches, sehr enges Bild von Familie hatte, dass er die Homosexualität ablehnte und auch antisemitische Äußerungen in die Welt setzte.
Trotz dieser Begrenztheiten: Über die göttliche Gerechtigkeit lässt sich weiter nachdenken. Der Philosoph Omri Boehm zeigt in einer Interpretation des alttestamentlichen Mythos vom Untergang Sodoms: Gott ist selbst an die Gerechtigkeit gebunden, Gott steht nicht über der Gerechtigkeit: Darauf wird im Mythos Gott selbst von Abraham belehrt (etwa: Genesis 18).
In einer Besprechung des Buches „Radikaler Universalismus“ von Omri Boehm hat Christian Modehn geschrieben: „Da die Gerechtigkeit universell ist, steht sie auch über der Autorität der einen wahren Gottheit“ (zit. S. 53 in Boehms Buch). Diese über allem und allen stehende Gerechtigkeit ist entscheidender noch als Gott! Das in dieser Deutlichkeit zu sagen, ist sensationell, weil dann Gott nicht mehr der „Aller-Oberste“ ist. Es gibt eine Art „Gott über Gott“, und dies ist die universale Gerechtigkeit. Aber die zeigt sich in der Erfahrung der Menschen als eine nicht von Menschen gemachte und von Menschen verfügbare Wirklichkeit.“ Quelle: LINK
13.
Proudhon und sein Interpret de Lubac (1945) hätten sich über diese Erkenntnis des (an Kants Philosophie geschulten) Philosophen Omri Boehm sehr gefreut. Wir freuen uns, dass offenbar manche Erkenntnisse der Philosophie Proudhons doch nicht ganz verschwinden und aktuell eine Bestätigung finden.

Fußnote 1: Orientierung, Zeitschrift der Jesuiten, Zürich, 1970, S. 107
Fußnote 2: Gérard Bessière, Jésus selon Proudhon. La « messianose » et la naissance du christianisme, Paris, Éditions du Cerf, 2007, 484 p.

Fußnote 3: Zum Thema „Eigentum ist Diebstahl“ (Proudhon) LINK

Fußnote 4: zum Thema: Superyachten – die obszönen Kapitalisten und Milliardäre, Hinweis auf ein wichtiges Buch:  LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.