Böhmen – Ein Land der Ketzer: Anläßlich der Buchmesse 2026 in Frankfurt

Böhmen – Ein Land der Ketzer: Anläßlich der Buchmesse 2026 in Frankfurt.

Ein Hinweis auf Tschechien, Ehrengast der Buchmesse
Von Christian Modehn

Dieser Hinweis hat zwei Teile:
Erstens: Eine allgemeine Reflexion über Ketzer
Zweitens: Ketzer in Böhmen

ERSTER TEIL: Eine allgemeine Reflexion über Ketzer

1.
Anläßlich der Buchmesse 2026 in Frankfurt unser Hinweis zum Thema „Religionen und Philosophien in Tschechien“. Das Motto der Buchmesse: „Tschechien: „Ein Land an der Küste“ ist inspiriert von einem Spruch in Shakespeares „Das Wintermärchen“ oder auch von Ingeborg Bachmanns Gedicht „Böhmen liegt am Meer“. Durchaus ein treffender Titel für „die“ ironische, skurrile, surrealistische, manchmal absurde (siehe die Erzählungen von Bohumil Hrabal, „Die Bafler“) Mentalität in Böhmen und Tschechien insgesamt. Eine etwas gewagte These, gewiss, aber ein Beitrag zu einer umfassenderen Reflexion…

2.
Wir konzentrieren uns hier auf Böhmen und lassen Mähren und Tschechisch-Schlesien, also die zweite und dritte Region Tschechiens, beiseite.
Und folgen einer für Böhmens Geschichte und Gegenwart typischen Perspektive: Böhmen ist für uns ein Land der (vielfältigen) Ketzer. Auf diese Spur brachte uns die Studie des tschechischen Philosophen Jan Patocka „Ketzerische Essays zur Philosophie der Geschichte“. Patocka war ein wichtiger Gegner des Kommunistischen Regimes, er war einer der Sprecher der „Charta 77“. Sein Text wurde 1975 als Samisdat, im Selbstverlag im Untergrund, veröffentlicht; es liegt in einer Neu – Übersetzung bei Suhrkamp vor (2010).

3.
Für uns gilt das Wort „Ketzer“ über das übliche Verständnis eines religiösen, kirchlichen „Abweichlers“ („Häretikers“) hinaus. Wenn Diktaturen ihrer Ideologie („die heilige Parteilinie“) religiöse, unantastbare Werte zusprechen, dann sind die Oppositionellen durchaus Ketzer zu nennen. Oder wenn sich Minderheiten gegen einen absolut vorherrschenden kulturellen , künstlerischen, sozialen Trend wenden, kann man sie Ketzer (gemeint als Metapher, als bildhaften Vergleich) nennen. Insofern kann man etwa Künstler der „Berliner Sezession“ (Max Liebermann) oder der „Wiener Sezession“ (Gustav Klimt) Ketzer gegen den damals für selbstverständlich gehaltenen Trend nennen. Sezession heißt bekanntlich Abspaltung.
Mit anderen Worten: Das Wort Ketzer sollte nicht nur für explizit religiöse Abweichler, „Häretiker“, „Schismatiker“ usw. gebraucht werden.
Manche religiösen Reformer beginnen als sehr radikale Reformer, wenn nicht als Ketzer ihres kirchlichen Systems, wie etwa Franz von Assisi. Sie lassen sich dann aber von den Herrschern des Systems, im Fall von Franz von Assisi von den Päpsten (etwa Innozens III.) wieder auf die offizielle Linie kirchlicher Dogmatik zurückbringen. Hingegen ließ sich etwa der Prediger Petrus Valdes (gestorben 1218), ein Zeitgenosse von Franz von Assisi), nicht auf einen Kompromiss mit den Päpsten ein. Seine ketzerische Waldenserkirche besteht bis heute als eigenständige, sehr angesehene Konfession ins Italien.

4.
Bei aller Pluralität ihrer Forderungen sagen die zu Ketzern erklärten Minderheiten laut und explizit Nein zur herrschenden Ideologie: Sie denken und fordern Neues, suchen leidenschaftlich und radikal die universell geltende Wahrheit oder die Wahrheit des Ursprungs einer humanen oder religiösen Idee…
Auch wenn sich Ketzer und KetzerInnen zunächst noch auf eine vorherrschend – bestehende, überlieferte Ideologie beziehen, sie haben diese vertraute Welt überschritten, transzendiert. Dadurch leben KetzerInnen in einer Art Niemandsland: Sie befinden sich nicht mehr in ihrer alten geistigen „Heimat“ und sind noch nicht in einer neuen „Welt“ angekommen. Für die Herrscher bedrohlich werden die KetzerInnen, wenn sie eine breite Bewegung von Sympathisanten und Anhängern versammeln und die angebliche „Einheit“ des Herrschaft – Systems zu überwinden suchen.

ZWEITER TEIL: Ketzer in Böhmen

5.  JAN HUS
Böhmen als Land der Ketzer: Mit unserer These leugnen wir nicht: Auch andere Länder, Frankreich, Italien, Deutschland, sogar Spanien haben ihre eigene Ketzergeschichte.
Böhmen ist aber seit Jahrhunderten durch eine herausragende, international bekannte und bis heute geschätzte Ketzer – Gestalt bestimmt, durch den katholischen Priester und Theologen Jan Hus (1370-1415). Er hat in Prag für eine grundlegende Kirchenreform geworben – mit dem Maßstab des Evangeliums, der Urkirche. Er verurteilte den herrschenden, dekadenten Klerus und die Machtstruktur der Papst – Kirche. Jan Hus predigte auf Tschechisch, so fand er viele Anhänger für sein Projekt der Kirchenreform. Er glaubte, auf dem Konzil in Konstanz die Herren der Kirche von seiner Theologie überzeugen zu können: Aber, der ideologische Machterhalt war den Bischöfen und Kardinälen wichtiger: Jan Hus wurde am 6.Juli 1415 während des Konzils in Konstanz verbrannt. „Was die Konzilsväter in Konstanz wirklich in Angst versetzte war der breite gesellschaftliche Widerhall der aufrührerischen Lehren“, schreibt der Hus – Spezialist Pavel Soukoup in seinem Buch „Jan Hus“, Kohlhammer Verlag, 2014, Seite 202. Der Märtyrertod von Jan Hus verstärkte nur die Zustimmung zu seiner Lehre: Der „Hussitismus“ wurde zur prägenden Bewegung in Böhmen, sie wirkte über Jahrhunderte. (S. 211).

6.
Eine zentrale Forderung von Jan Hus: Auch Laien müssen an der Kelch – Kommunion teilhaben, bis heute kein nebensächliches Thema: Das Privileg der Priester, die Kelchkommunion zu praktizieren, sollte aufgehoben werden. Die Kleriker ie wollten sich auf diese Weis als „Besondere“, „Höhergestellte“ gegenüber den zweitklassigen Laien definieren.
Es war die umfassende Kirchenkritik von Hus, die in Böhmen leidenschaftlich begrüßt wurde: Und einen Erfolg – trotz aller Verfolgung – hatten die Hussiten: In Böhmen standen sich bis ins 17. Jahrhundert zwei Katholische Kirchen gegenüber: Die Kirche des Reformators Jan Hus verstand sich als katholische Landeskirche, sie hatte eine eigene Kirchenverwaltung … und daneben die offizielle, vom Haus Habsburg beherrschte römische – katholische Kirche mit ihrer eigenen Kirchenorganisation. „Die Hussiten führten bewusst und mit Absicht eine von Rom praktisch unabhängige Existenz. Sie betrachteten sich als einen Teil der katholischen Kirche, doch als den momentan einzig rechtmäßigen Teil.“ (Soukup, S. 217)
Eine breite Bewegung der Hussiten nannte sich „Utraquisten“, ein Titel wegen ihres Insistierens auf den Empfang des Abendmahls in beiden Gestalten der Kommunion, Brot UND Wein. Der Begriff Utraquisten bezieht sich auf das lateinische Wort utraque, was „beide“ (Gestalten) bedeutet. „Bei den Hussiten spielte die entscheidende Rolle, dass sie das Lehramt der institutionellen Kirche anzweifelten“ (ebd.). Das heißt: Die vom Papst geführte Kirche war für die Hussiten nicht mehr fürs „Seelenheil“ zuständig.

7. Hussiten – eine Landeskirche 
Die ersten böhmischen Ketzer, die Hussiten, konnten zunächst nur überleben, weil sie sich auch militärisch und politisch behaupten konnte: Der niedere wie der höhere tschechische Adel sowie auch die Bürger der Städte unterstützten die „Ketzer.“ So wurde diese Reformkirche zunächst nicht in den Untergrund gedrängt. „Im Gegenteil, die Hussiten konnten die öffentliche Ausübung ihrer Religion behaupten und entwickelten ihre Form der Kirchenreform letztendlich zu einer eigenständigen Konfession“, so Pavel Soukup (S. 217).
Nach der Niederlage der protestantischen und hussitischen Stände gegen die katholische Macht der Habsburger unter Kaiser Ferdinand II. in der Schlacht am Weißen Berg 1620 wird die hussitischen Kirche zerschlagen, die katholische – habsburgische, von Jesuiten betriebene Gegen – Reformation hatte sich brutal durchgesetzt. Die hussitischen Geistlichen mussten auf kaiserlichen Befehl Böhmen verlassen.
Nach der Schlacht auf dem Weißen Berg bei Prag errichteten die habsburgischen Sieger dort eine Kirche zu Ehren der Jungfrau Maria, deutlicher Ausdruck für den Sieg der triumphierenden Kirche…, darauf weist der katholische Theologe Tomas Halik hin in seinem Buch „Geduld mit Gott, Freiburg i.Br. 2007, S. 120: Und : „In den von Habsburgern beherrschten Ländern fraß der Holzwurm des Formalismus, der Äußerlichkeit und der Scheinheiligkeit still und unauffällig am Gebäude des alten (katholischen) Glaubens (S. 92).
Historiker der „Nationalen Wiedergeburt“ im 19. Jahrhundert bezeichneten die der Schlacht am Weißen Berg folgende Ära – nach einem Roman von Alois Jirásek – als „dunkle Zeit“, der Zeit des „Austro – Katholizismus“ als Herrschaft des Klerikalismus. So wurde die Bindung der Böhmen an die katholische Kirche ausgelöscht…
Auch wenn die Päpste Johannes Paul II und Franziskus ihr tiefes Bedauern über das Schicksal Jan Hus` in Konstanz geäußert haben: Eine Rehabilitierung hat es nicht gegeben. So bleibt also in der Sicht der römischen Kirchen Jan Hus doch ein Ketzer…

8. Die „Tschechoslowakisch – Hussitische Kirche“
Die sich von Jan Hus inspirierte Kirche wurde im 17. Jahrhundert ausgelöscht. Aber die Erinnerung an den „Ketzer“ des 15. Jahrhunderts blieb lebendig: 1920 hat sich wieder eine neu gegründete Kirche auf Hus bezogen: Die „Tschechoslowakisch – Hussitischen Kirche“ ist ein eigener Weg aus der offiziellen katholischen Kirche in Tschechien, sie ist eine Initiative römisch – katholischer Priester, vor allem Karel Farsky muss erwähnt werden: Diese hussitische Kirche feiert seit 1920 ihre Gottesdienste nicht mehr auf Latein, sondern auf Tschechisch, das Zölibatsgesetz gilt nicht mehr, auch die Frauenordination wird dann selbstverständlich… Schon 1921 hatte diese Hussistische Kirche 525.000 Mitglieder, 1930 waren es 793.000. „Die Tschechoslowakisch – Hussitische Kirche konnte sich durch das Wahlprinzip für geistliche Ämter und die Laienbeteiligung an der Kirchenverwaltung sehr plausibel als Kirche der neuen Zeit (also der Tschechischen REPUBLIK) darstellen.. Sie war von dem Anspruch geprägt, eine Kirche der Demokratie zu sein.“ (Prof. Martin Schulze Wessel, in: „Handbuch der Religions – und Kirchengeschichte der böhmischen Länder und Tschechiens im 20.Jahrhundert“, München 2009, S. 139.) Als ein richtungweisender Interpret des Evangeliums wurde von dieser Kirche ausdrücklich Jan Hus erwähnt. Für die katholische Kirche hat die Tschechoslowakisch – Hussitische Kirche einen „ketzerischen Charakter“ (S. 145).
Was als ketzerische Tat gegen Rom und die katholischen Herrscher in Wien begann, wurde vom kommunistischen Staat ausgenutzt und führte mit der kommunistischen Herrschaft zu einer Nähe etlicher Mitglieder der Hussitischen Kirche an die herrschende Partei. Heute ist diese gegen Rom rebellische Hus – Kirche leider nur eine Minderheit unter den ebenfalls zahlenmäßig schwach dastehenden anderen Konfessionen. Die „Tschechoslowakische Hussitische Kirche“ ist Mitglied im ökumenischen Weltrat der Rat in Genf. Die offizielle Website der Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche (auf Tschechisch: Církev československá husitská): ccsh.cz
Zur aktuellen Religionsstatistik der gesamten Republik Tschechien: Die aktuellsten und offiziellen Daten zur Religionsstatistik in Tschechien stammen aus der Volkszählung (Zensus 2021), die vom Tschechischen Statistischen Amt (CZSO) durchgeführt wurde:
„Nicht gläubig / Konfessionslos“: 47,8 %. „Keine Angabe“ 30,1. „Gläubig, aber keiner Kirche zugehörig“: 9,1 %: Ein interessantes Bekenntnis!
…„Gläubig und Mitglied einer Religionsgemeinschaft“: 13,1 %. Und da gilt es die Unterschiede zu beachten:
Zur Römisch-katholischen Kirche wollen 9,3 % (ca. 741.000 Mitglieder) gehören. Die katholische Kirche ist trotz Verluste die mit Abstand größte Glaubensgemeinschaft im Land.
Die Orthodoxe Kirche hat ca. 40.000 Mitglieder,
die Evangelische Kirche hat 33.000 Mitglieder,
die Tschechoslowakisch – Hussitischen Kirche ca. 23.000.
Zum Islam bekennen sich ca. 10. 000 Menschen, zum Judentum 3.000…
Die nächste Volkszählung (mit Veröffentlichung der entsprechenden Religionsstatistik) soll 2031 stattfinden.

9. Die spirituellen Oppositionellen der Samtenen Revolution
„Samtene Revolution“ ist der Name für die Überwindung der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei im November und Dezember 1989. Der Prager katholische Theologe, Philosoph und Autor Tomas Halik weist nachdrücklich daraufhin: Diese „Samtene Revolution“ in Prag wurde von Intellektuellen vorangebracht, die selbst individuell einzelne Weisheiten des Evangeliums wichtig fanden, aber diese Demokraten waren kirchlich – amtlich nicht gebunden, also in gewisser Weise – aus Sicht der offiziellen Kirche – waren sie auch Ketzer: „In den letzten Jahren des kommunistischen Regimes wuchs die Zahl der Sympathisanten für die katholische Kirche besonders unter den jungen Leuten, den Künstlern, der Intelligenz des Landes. Sie identifizierten sich zum Großteil nicht zu hundert Prozent mit der Lehre und den Inhalten der kirchlichen Dogmatik, aber für sie bot das Christentum eine politische wie philosophische Alternative zur herrschenden kommunistischen Macht“. (Tomas Halik, in “ Postsäkular“, „Kunst und Kirche“, 01/2013, S. 5.). Siehe auch unseren Hinweis: LINK https://religionsphilosophischer-salon.de/12118_die-samtene-revolution-1989-in-der-tschechoslowakei-nur-noch-eine-ferne-erinnerung_denkbar
Wichtig ist: Menschen, die außerhalb der Kirche stehen, aber Weisheiten des Evangeliums sehr wichtig finden, können eine „Samtene Revolution“ vollbringen!

10.
Tomas Halik geht also mit guten Gründen so weit zu betonen: „Das Lebendigste der tschechischen Kultur der letzten zwei Jahrhunderte fand außerhalb des traditionellen, offiziellen und institutionellen Raums der Kirche statt“, (Tomas Halik: „Geduld mit Gott“. Herder Verlag, 2007, S. 93). Die führenden Intellektuellen nannten sich Atheisten oder Agnostiker, aber Halik legt allen Wert darauf zu differenzieren: „Unter der Etikette von Agnostizismus und Atheismus findet man eine sehr große Bandbreite sehr differenzierter Meinungen und Überzeugungen. Atheisten wenden sich oft von einem Bild Gottes ab, an das auch ich nicht glauben würde, weil es nur eine Karikatur Gottes ist“ (Tomas Halik, S. 7, in „Kunst und Kirche“, Heft 1/2013.
Die politischen Ketzer Böhmens zugunsten der Demokratie 1989 waren also auch religiöse Ketzer: Weder der erste Staatspräsident der tschechischen Republik Tomas Masaryk noch Václav Havel waren Atheisten: „Jeder ist auf seine Art und Weise sehr offen für die transzendente Dimension des Lebens, insbesonders für deren ethische Konsequenzen. Aber niemand war bereit, ihre Erfahrung der Transzendenz in der traditionellen Sprache der Kirche auszusprechen. Vaclav Havel spricht etwa über den Horizont der Horizonte statt von Gott“, (in Geduld mit Gott, S. 94. ) Halik nennt diese – für die offizielle Kirche – ketzerische Spiritualität hochschätzend: „scheue Frömmigkeit“( ebd.). Ein Begriff, den man sich merken muss, wenn über Säkularisierung und „Atheismus“ in Europa gesprochen wird.

11. Frauen als katholische PriesterInnen in Tschechien
Auf ungewöhnliche KetzerInnen in der katholischen Kirche Tschechiens im 20.Jahrhundert muss hingewiesen werden: Es gab in der Zeit der Kommunistischen Herrschaft katholische Frauen, die sich von dem gültig geweihten römisch – katholischen Bischof Felix Maria Davidek (1921-1988) heimlich und von den Päpsten unerlaubt zu Priesterinnen weihen ließen. Sie wollten im Untergrund tätig die katholische Kirche vor der Auslöschung bewahren: Die bekannteste Priesterin ist Ludmila Javorová, sie ist am 17. September 2026 im Alter von 94 Jahren in Brno (Brünn) gestorben. Die katholische Priesterin Javorová (geweiht 1970) setzte ihr Leben ein für das Überleben der Kirche: Aber ihr Einsatz wurde vom Vatikan nicht anerkannt: Nach der Wende erklärte der Vatikan ihre Priesterweihe für ungültig. Wenn diese hilfreichen KetzerInnen nicht mehr gebraucht werden, lässt der Vatikan sie halt fallen. Denn die Allherrschaft des männlichen Klerus darf nicht gebrochen werden. Frau Javorová akzeptierte – treu katholisch – ihre Degradierung und arbeitete dann als Religions-Lehrerin weiter…

12. Hasek und Hrabal sind spirituelle Dichter
Auch zwei sehr beliebte und hoch – geschätzte Schriftsteller sind auf ihre besondere Art von Ketzerei betroffen: Wir weisen hier nur auf die beiden Dichter Jaroslav Hasek (1883 – 1923) und Bohumil Hrabal: 1914 – 1997) hin, zwei Klassiker der tschechischen Literatur im 20. Jahrhundert.

Jaroslav Haseks Roman „Der brave Soldat Schwejk“ (in 58 Sprachen übersetzt) gilt einem außergewöhnlichen Ketzer. Einem Mann, der auf seine Art Nein sagt zu den herrschenden Mächten: Militarismus, Krieg und Bürokratie. Schwejk sagt Nein gerade auch mit seiner offensiven, gespielten Dummheit: „Melde gehorsamst, ich bin so blöd“. Schwejk, der Mensch inmitten von Unmenschlichkeit, will das System von Krieg und Ungerechtigkeit von Innen sprengen.

Die sehr persönliche, individuelle Spiritualität Bohumil Hrabals entspricht
nicht den dogmatischen Lehren der katholischen oder evangelischen Kirche, betont der Religionswissenschaftler Prof. Paul Hosek (Prag): Er zeigt aber: Hrabal war mit einem evangelischen Pfarrer in Libice nad Cidlinou befreundet, und er hielt in dieser Kirche seit 1980 am 4.Adventssonntag regelmäßig Predigten. Pavel Hošeks interessante Studie hat den ins Englische übertragenen Titel: „The Gospel according to Bohumil Hrabal“. Brno, Centre for the Study of Democracy and Culture 2024, 218 p.  (Siehe Fußnote 1)

13. Die Prager Kneipe als spiritueller Ort
Auch das ist eine Gestalt religiöser Ketzerei auf böhmische Art: Hasek wie auch Hrabal sind als begeisterte Freunde und Stammgäste ihrer Gasthäuser, Kneipen. Sie gehen soweit der Kneipe den Rang heiliger Orte zuzusprechen, Orte der offenen Kommunikation als Konkurrenz zu den immer gleichen Liturgien in den Kirchen und ihren Gemeinden. Es gibt in Prag an der Akademie der Wissenschaften tatsächlich eine Ort für spezielle Studien zur Bedeutung der Kneipen in Böhmen und Prag besonders: In den Studien des Soziologischen Instituts der Tschechischen Akademie der Wissenschaften wird der Kneipenwirt (hospodský) oft in einer Rolle beschrieben, die dem eines Seelsorgers gleicht. Er hört zu, bewahrt Geheimnisse und gibt Ratschläge. Und der Gast des Stammtisches hält sich in seiner Kneipe wie in einem geschützten Bereich auf. Hrabal meint: In der Kneipe kann man für sich allein meditieren oder … wie auch mit der Menge der Gäste förmlich verschmelzen: Das frisch gezapfte Bier hat für Hrabal geradezu eine religiöse Bedeutung. In seinem Werk „Vita nuova“ beschreibt er eine Kneipe mit fast sakralen Worten: „Herr Ober, diese Ihre Gaststätte, das ist keine Spelunke, dieses Ihr Wirtshaus, das ist die (in Prag berühmte, CM) Betlehem-Kapelle, in der jeder Gast zu dem wird, was er einmal war oder sein wollte…“

14.
Man sollte eine Dialektik erkennen:
In diesem Hinweis werden die vom System zu Ketzern herabgewürdigten Menschen ihrerseits in gewisser Weise zu geistig bestimmenden Herrschern: Sie erklären für sich und ihre Gemeinden die Mehrheit der Herrscher des Systems zu Ketzern, zu Ketzern, die die Menschenrechte verraten und verachten. Es waren katholische Dissidenten, verfolgte Priester und Theologen, vom kommunistischen Regime Inhaftierte, die über die Zukunft des christlichen Glaubens nachdachten und geheim ihre Überlegungen als Samisdat (im Selbstverlag) publizierten. Wir erinnern hier nur Oto Madr, auch Josef Zverina würde viel Aufmerksamkeit verdienen. Diese vom Kommunistischen System zu Feinden, zu Ketzern, erklärten Intellektuellen, können ihrerseits die all-herrschenden Parteifunktionäre als Ketzer, nämlich als Feinde der Humanität, erkennen.

14. Die sterbende Kirche…
Der katholische Pfarrer Oto Mádr (1917 – 2011) wurde 1951 von den Kommunisten wegen „Spionage für den Vatikan“ verhaftet, bis 1966 saß er in Haft, danach organisierte er die geheime katholische Untergrund – Kirche. Er entwarf schon im Gefängnis das Bild einer Kirche, die sich unter den Bedingungen der Verfolgung nur auf das Wesentliche konzentriert. Berühmt wurde sein Zitat: „Die Kirche braucht wahrhaft geistliche Menschen, wenn sie in einer Situation der Bedrohung bestehen will. Sie kommt ohne Konsistorien (Kirchenbürokratien) aus, ja sogar ohne Bischöfe, ohne Schulen, Krankenhäuser und Presse…“ aus dem theologischen Essay „Ein Wort über diese Zeit“ (Slovo o této době) von Oto Mádr.. Den Text hatte er 1950 im Untergrund der Tschechoslowakei verfasste. https://www.oto-madr.cz/_d/01/struct/Oto-Madr_Wie-Kirche-nicht-stirbt.pdf
Oto Madr gründete 1978 die geheime Zeitschrift Teologické texty („Theologische Texte“) und war der wichtigste theologische Berater des Prager Kardinals František Tomášek.
Der weltweit bekannte katholische Theologe und Philosoph Tomas Halik in Prag hat sich in seinem Buch „Die Zeit der leeren Kirchen“ (Herder – Verlag, 2021) erneut mit seinem „großen Lehrer im Glauben“ Oto Madr (S. 97) auseinandergesetzt. Halik hat die provozierende These Madrs vom „Modus moriendi der Kirche“, von der Art und Weise des Sterbens der Kirche, aufgegriffen. Tomas Halik schreibt: „Ich bin davon überzeugt, dass nur ein Glaube, der stirbt und von den Toten aufersteht, tatsächlich ein christlicher Glaube ist. Ich bin davon überzeug, dass nur eine Kirche, die stirbt und von den Toten aufersteht, tatsächlich eine christliche Kirche ist. Ich bin davon davon überzeugt, dass nur eine Theologien die stirbt und von den Toten aufersteht, tatsächlich eine christliche Theologie ist.“ (S. 96 f.).
Es wäre ein interessantes theologisches Thema: die Gefängnistheologie Dietrich Bonhoeffers („Widerstand und Ergebung“) und die Theologie der sterbenden Kirche Oto Madrs zu vergleichen. Das Thema Bonhoeffer und Madr wäre sehr „spannend“, Katharina Kunter schreibt in dem genannten Buch: In den evangelischen Kirchen“fand das von dem deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906 -1945) in Fragmenten überlieferte Konzept eines religionslosen Christentums und einer weltlichen Interpretation des Evangeliums große Resonanz. Bonhoeffers Briefe wurden sogar von der von Vaclav Havel gegründeten Samsidat- Reihe „Edition Expedition, (Edie Expedite) herausgegeben.“ (S. 733).
Wir können hier nur das sehr marginale Interesse in Deutschland an den vielfältigen Formen kirchlichen Überlebens unter der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei feststellen. Das gründliche „Handbuch der Religions – und Kirchengeschichte der böhmischen Länder und Tschechiens im 20.Jahrhundert“, München, 2009, bietet dazu ausführliche Informationen, die Studien sind aber eher für Spezialisten wichtig.

15. Die einsamen Trappisten von Novy Dvur
Angesichts der religiösen Desinteresses in weitesten Kreisen Böhmens werden christliche Minderheiten heute ihrerseits zu Ketzern gegenüber der herrschenden a – religiösen Kultur. Deutliches und sichtbares Zeichen dieser Form christlicher Ketzerei ist das Trappisten – Kloster in Novy Dvúr im Bezirk Karlovy Vary, Karlsbad. Es wurde 2011 feierlich eingeweiht: Die Trappisten sind Mitglieder des sehr strengen, absolut zurückgezogenen „Schweige – Ordens“, sie leisten keine Seelsorge in den Gemeinden, sie predigen nicht außerhalb des Klosters, ihnen ist die soziale Umgebung nicht wichtig. Von 3.15 Uhr nachts bis 19.30 abends beten die 20 Mönche alle drei bis vier Stunden in ihrer neu erbauten Kirche (Architekt: John Pawson). Zur bewussten radikalen Abgrenzung des Klosters von der Umgebung siehe Fußnote 2.
Das Trappisten Kloster befindet sich im Bistum Pilsen, von den dort 117.000 sich katholisch nennenden BewohnerInnen, nehmen weniger als 10.000 Katholiken an den Sonntagsmessen teil. Der Bischof Dr. Tomas Holub nennt etwa 15 bis 18 noch lebendige Pfarreien (von insgesamt 68) im Bistum, überall scheint Kirche, vielleicht auch das Christentum, zu sterben… LINK https://bistum-regensburg.de/news/schwierig-mit-der-kluft-zwischen-glaeubigen-und-nichtglaeubigen-zu-leben-der-pilsener-bischof-dr-tom-holub-ueber-die-katholische-kirche-in-tschechien-6389

Unsere ketzerische Frage ist also: Wenn die 20 Trappisten – Mönche in Novy Dvur völlig abgeschottet In der Einsamkeit leben: Ist das in gewisser Hinsicht eine Ketzerei .. angesichts der Situation im Bistum Pilsen? Dort könnten ja Theologen gebraucht werden, die in einen spirituellen Dialog mit den vielen Atheisten und Agnostikern der Umgebung eintreten…

16. Der demokratrische Widerstand durch Mikulas Minar 
Wir müssen bei unserem Thema auch vom jetzt wieder machtvollen rechtsradikalen Populismus in Tschechien sprechen und dabei an Mikulas Minar (geb. 1993) erinnern, an einen der wichtigen demokratischen Aktivisten mit seiner starken Organisation „Eine Million Augenblicke für Demokratie“…: Mikulas Minar sagt Nein zur Herrschaft des rechten Populismus – im Namen der Demokratie und der Menschenrechte. Von diesem normativen Standpunkt aus erscheinen diese Parteiführer als Ketzer, als Häretiker im Umgang mit den Menschenrechten… Auf der Buchmesse in Frankfurt wird Minar nicht vertreten sein (Stand 29.9.2026).

Die demokratische Bewegung „Eine Million Augenblicke für Demokratie“ organisiert Massen-Demonstrationen, sie setzt sich für Rechtsstaatlichkeit, Freiheit der Medien und die Integration Tschechiens in Europa ein. Schon einmal, 2020, hatte Minar Massen – Proteste gegen den sehr rechten Populisten Andrej Babis organisiert. Bei den Parlamentswahlen 2025 hatte Babis und seine rechtspopulistische ANO – Partei fast 35 Prozent der Stimmen erhalten. Der bekannte, explizite rassistische Politiker Timo Okamura von der rechtsextremen Partei (SPD) wurde Parlaments-Präsident.
Im Jahr 2025 gab Mikulas Minar ein Interview für eine Veröffentlichung des Goethe – Instituts in Prag: https://www.goethe.de/prj/jad/de/ges/26983 , es ging um Umfeld der damals bevorstehenden Wahlen um die Frage: Was würde es bedeuten, wenn ANO, die Partei von Babis, die Wahl gewinne: Minar antwortet u.a.:
„Der erste und vielleicht wichtigste Punkt ist, dass der Premierminister eines Landes ein Vorbild dafür ist, was als normal gilt. Aber ich halte es nicht für normal, dass ein Land von jemandem geführt wird, der falsche Schwüre auf das Wohlergehen seiner Kinder ablegt, wiederholt lügt, seine Meinung nach Bedarf ändert und dabei seine eigene Vergangenheit als Agent der Staatssicherheit leugnet. Das vermittelt den Leuten den Eindruck, es wäre in Ordnung so; das Leben wäre ein Dschungel, wo derjenige gewinnt, der die anderen überlisten kann. Das verzerrt den Charakter der Gesamtgesellschaft und die Seele der Nation.
Der zweite Punkt betrifft das System. Ich fürchte, dass Babiš wieder darum bemüht sein wird, die öffentlich-rechtlichen Medien zu kontrollieren und seinen Einfluss auf die öffentlichen Gelder zu erweitern. Es kann auch passieren, dass er erneut versuchen wird, Macht zu kumulieren und die demokratischen Institutionen zu schwächen – wie er es früher schon getan hat. Ich habe jedoch die Hoffnung, dass die tschechische Zivilgesellschaft ihm das nicht erlauben wird.“ Nun regiert der rechtsextreme Milliardär Babis….

17.
„Böhmen – das Land der Ketzer“: Wir haben gesehen: Es gibt Ketzer, die vom herrschenden politischen und kirchlichen System ausgegrenzt und verfolgt werden, weil sie für die ursprünglich einmal vorhandene Humanität dieser Systeme (etwa: das Evangelium Jesu Christi) eintreten. Und es gibt andererseits Ketzer, die mit Gewalt ihr ideologisches System durchsetzen, das bewusst und ganz offen gegen die universellen Menschenrechte gerichtet ist. Diese Leute und ihre Parteien gelten also auch als Ketzer … für Demokraten. Die Demokraten folgen für ihr Urteil der universellen Norm der Menschenrechte: Diese wahre Norm lehrt das Unterscheiden.

Fußnote 1:
Pavel Hošek: The Gospel according to Bohumil Hrabal. Übersetzung eines Pressetextes aus dem Englischen:
„Das literarische Werk von Bohumil Hrabal zählt zu den bedeutendsten Errungenschaften der tschechischen Kultur des 20. Jahrhunderts. Es wurde in Dutzende Sprachen übersetzt und diente als Vorlage für eine lange Reihe von Spielfilmen und Theateradaptionen. In vielen Ländern der Welt ist Hrabal der bekannteste tschechische Schriftsteller. Seine Bücher wurden aus vielen verschiedenen Blickwinkeln interpretiert, doch die spirituelle Dimension von Hrabals Denken und Werk wurde bislang noch nicht gründlich erforscht. Dabei bilden spirituelle Motive und heilige Symbole einen wichtigen Bestandteil von Hrabals literarischer Spiegelung der Welt. Kürzlich wurden Aufnahmen von Hrabals Adventspredigten in Libice nad Cidlinou entdeckt. Diese Aufnahmen werfen ein völlig neues Licht auf die spirituelle Dimension seines Denkens und Schaffens. Das Buch „Das Evangelium nach Bohumil Hrabal“ basiert auf diesen neu gefundenen Materialien und bietet eine umfassende Deutung der spirituellen Dimension des literarischen Schaffens eines der größten tschechischen Schriftsteller.“

Fußnote 2:
Die rigorose Abwendung von der Welt durch die Mönche eines Klosters in Böhmen: Aus der Website: https://www.novydvur.cz/de/p-167/p-332/. Gelesen am 16.9.2026:
„Die Abtei Nový Dvůr ist nicht für jedermann zugänglich. Das wäre mit dem Klosterleben unvereinbar. Das Geschäft an der Pforte ist für einige Stunden pro Woche, und zwar am Wochenende, geöffnet. Die Kirche ist während der Gottesdient für alle geöffnet, die mit den Mönchen beten möchten. Mit Ausnahme des Bereichs beim Gästehaus sind die Bereiche um das Kloster den Mönchen vorbehalten. Das Kloster steht weder Touristen noch Architekturstudenten offen. Die Touristen kommen, um zu „sehen“, aber das Wesentliche unseres Lebens zählt nicht zu den Dingen, die man „sehen“ kann.
„Die Klöster des kontemplativen Lebens bieten sich als »Oasen« an. […] Diese scheinbar nutzlosen Orte sind daher im Gegenteil so unentbehrlich wie die »grüne Lunge« einer Stadt: Sie tun allen gut, auch denen, die sie nicht besuchen oder nicht einmal etwas von ihrer Existenz wissen.“
Selbst wenn kein Zeuge von unserer Gegenwart Kenntnis nimmt, so dämmen die Mönche durch die Bekräftigung der Transzendenz Gottes mittels einfacher Handlungen wie dem persönlichen Gebet und dem Gottesdienst die Gleichgültigkeit und den Atheismus ein, lassen die Verfolgung verstummen, kämpfen gegen Gewalt jeder Art, bringen Frieden in die gemarterten Herzen, lassen zerrissene Familien zu neuer Einheit finden; die Liste ist endlos. Wer an die Mauern eines Klosters stößt, ohne es betreten zu dürfen, wird bisweilen beeindruckt von der Existenz dieser Mönche, die er nicht „sehen“ konnte, wieder scheiden. Er wird den Wert ihres einsamen Lebens und ihrer inneren Sammlung erahnen.
Indem wir davon absehen, uns gehetzten Besuchern zu zeigen, helfen wir ihnen durch unsere bewusste Zurückhaltung mehr, als wenn wir ihre Neugier befriedigen würden. Wenn jemand sich schwertut, den Sinn dieser Überlegungen zu begreifen, der möge sich davon überzeugen, dass unsere Berufung auch für uns selbst bisweilen schwer zu verstehen und zu akzeptieren ist.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Spiritueller Missbrauch: Eine neue Dimension des Missbrauchs durch Priester, Ordensleute in Frankreich

Ein Hinweis von Christian Modehn am 12.9.2026

1.
In Frankreich haben am 7. September 2026 215 Opfer von ihrem „spirituellen Missbrauch“ Papst Leo einen Brief geschrieben: Sie  fordern den Papst auf, wirksame Mittel zur Überwindung dieser Form kleriker Herrschaft  zu veranlassen.

2.
Spiritueller Missbrauch ist eine Instrumentalisierung Gottes durch die Herrschaft von kirchlichen Vorgesetzten. Diese meinen, förmlich an der Stelle Gottes stehend, ihre Untergebenen seelisch belasten und quälen zu dürfen und zu Gehorsam und Unterwürfigkeit zwingen zu können. Das Motto dieser spirituellen HerscherInnen“: Wer den OberInnen folgt, folgt Jesus Christus. Totaler Gehorsam also. „Dieses Verhalten zerstört fundamental die Seele der betroffenen Menschen“, sagt die Psychologin und Spezialistin für diese „Fälle“ Isabelle Chartier – Siben der Tageszeitung La Croix. Der spirituelle Missbrauch darf angesichts der vielen tausend Fälle des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker nicht länger ignoriert werden, zumal der spirituelle Missbrauch oft auch in einem sexuellen Missbrauch führt, betonen die Betroffenen.

3.
Eine erstaunlich große Anzahl: 215 Laien, Priester und Nonnen, gehen in die Öffentlichkeit: Den Brief an den Papst haben alle unterschrieben, in die große Öffentlichkeit (der französischen Presse) gehen drei Opfer: Fabio Barber, Priester der „monastischen Familie von Bethlehem“, Gabriel Laguarigue de Survilliers, ehemaliger Mönch der „Gemeinschaft Saint Jean“ sowie die Theologin Benedicte Nolte de Brauwere aus der „Kommunität des Lammes“.
Die übrigen Unterzeichner des Briefes an den Papst haben nach wie vor Angst vor Repressalien seitens der Chefs ihrer Gemeinschaften, und meiden deswegen die große Öffentlichkeit, berichtet die Tageszeitung La Croix. Sie hat diesen Missbrauch am 7.9.2026 publiziert. Die Autorin des Berichtes in „La Croix“ schreibt: „Warum gerade jetzt an den Papst schreiben? Die Initiative der Unterzeichner erfolgt zu einem Zeitpunkt, zu dem Rom bereits im Jahr 2024 die Auseinandersetzung mit dem Thema „geistlicher Missbrauch“ in Angriff genommen hat. Seit zwei Jahren arbeitet eine kleine gemeinsame Arbeitsgruppe des `Dikasteriums für die Glaubenslehre` und des `Dikasteriums für Gesetzestexte` daran, spirituellen Missbrauch im kanonischen Recht anzuerkennen. Dabei soll insbesondere geklärt werden, ob ein spezifischer Straftatbestand geschaffen oder bestehende Straftatbestände präzisiert werden müssen, um diese Situationen besser zu erfassen.
Gerade weil diese Überlegungen im Gange sind, wollen sich die Unterzeichner Gehör verschaffen: Soe sagen:  „In diesen Studienkreisen sind die Opfer kaum vertreten. Man betrachtet sie weiterhin als Menschen, denen man Mitgefühl entgegenbringt, aber nicht als Experten, die in der Lage sind, über das, was sie erlebt haben, nachzudenken und es zu entschlüsseln“, bedauert Fabio Barbero. Der ehemalige Ordensbruder fordert „mehr Transparenz“ und vor allem, dass die Opfer wirklich in die Arbeit einbezogen werden, „nicht nur, um eine Statistenrolle zu spielen.“ 
…Doch der Weg scheint lang und heikel zu sein, wie aus einem Interview hervorgeht, das Kardinal Victor Manuel Fernandez, Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre, im Januar 2025 der spanischen katholischen Wochenzeitung „Alfa y Omega“ gewährte.(Übersetzt durch deepl.com)

4.
Wichtig ist auch die Veröffentlichung der Namen der der betroffenen Gemeinschaften, siehe die aus La Croix übernommene Liste in Fußnote 1.

Dabei ist auffällig, dass als `Täter – Organisationen` viele offiziell so genannte „neue geistliche Gemeinschaften“ vertreten sind. Diese haben durchaus befremdliche, mysteriös – fromme Titel. Aber man unterschätze nicht den Einfluß dieser Gruppen auf die französische Kirche: Diese Gemeinschaften leiten Pfarr – Gemeinden, betreuen Wallfahrsorte, haben Priesterseminare, bieten allerlei Besinnungstage für Laien an usw… Auch etliche französische Bischöfe gehören etwa zur sehr konservativen Gemeinschaft `Emmanuel`. Zum Beispiel Bischof Dominique Rey, der von Papst Franziskus wegen allzu reaktionären Regierens „seines“ Bistums als Bischof von Toulon abgesetzt wurde. Diese genannten Gruppen, in den bisher spiritueller Missbrauch bekannt wurde, sind meist sehr konservativen, sehr papsttreuen, sehr charismatisch: Sie wurden wurden – wen wundert es – von Papst Johannes Paul II. aufs höchste gelobt: Sie seine die wahren Missionare Europas, sie seien so zuverlässig katholisch usw…

Kardinal Joseph Ratzinger sagte 2005 ganz enthusiastisch (naiv): „Diese kirchlichen Bewegungen (die neuen geistlichen Gemeinschafte)  verheißen neue Möglichkeiten: Hier kommt ein Suchen nach der Mitte zum Vorschein, das die Diagnose vom Ende des Religiösen Lügen straft und Wege neuen Lebens aus dem Glauben anbahnt, in denen sich die unerschöpfliche Fruchtbarkeit des Glaubens erneut bewährt.“ (Quelle: Joseph Ratzinger, „Theologische Prinzipienlehre“, 2005, S. 394.

„Gezeigt hat sich“ hingegen, de facto, „die unerschöpfliche Fruchtbarkeit“ sexuellen und spirituellen Missbrauchs in den meisten dieser Gemeinschaften..

Seit etwa 10 Jahren sind viele Fälle heftigen sexuellen Missbrauchs in diesen so hoch gelobten Gemeinschaften öffentlich bekannt. Diese Freilegung dieser Verbrechen führte zu einer tiefen Krise der (Glaubwürdigkeit der) katholischen Kirche in Frankreich.  Zum Niedergang der katholischen Kirche in Frankreich: LINK https://religionsphilosophischer-salon.de/16606_wenn-der-klerus-die-glaeubigen-vertreibt-der-zusammenbruch-der-katholischen-kirche-in-frankreich-heute_aktuelles

5.
Und das alles wird öffentlich wenige Tage vor dem Besuch Papst Leos in Frankreich: Vom 25. bis 28. September 2026 wird er Lourdes, Paris und Metz besuchen: Die Anmeldungen zur Teilnahme an seinen vielen Messen und Gottesdiensten dort gehen in die vielen tausend. Auf der riesigen Place de la Concorde wird es eine Messe für die 500.000 bis 600.000 frommen Massen geben… 27 Millionen Euro wird die drei-tägige so genannte “Pilgerfahrt“ kosten.

Kann mit einer halben Million Teilnehmer die Eucharistie, die Erinnerung an das Abendmahl Jesu von Nazareth, gefeiert werden? Oder wird da die Eucharistie zur Demonstration der Macht und Herrschaft der katholischen Kirche in einem weltlichen („laique“) Staat? Als Kult eines „Führers“, des Papstes?
6.
Ob der Papst einige Opfer des spirituellen Missbrauchs in Frankreich trifft, ist offen.
Das aber steht fest: Die Freilegung des spirituellen, man sollte eher sagen seelischen Missbrauchs in diesen einst offiziell so vorbildlich gepriesenen Gemeinschaften ist eine Katastrophe nicht nur für die französische Kirche. Aber die frommen Massen, offenbar die dogmatisch stabilen „Hardliner“, lassen sich davon nicht beeindrucken. „Es menschelt halt bis zu Gott“, heißt ihre tröstende (?) Weisheit.

7.

Spiritueller, geistlicher Missbrauch ist nicht nur ein Problem der Kirche in Frankreich, im Bistum Münster wird  eine entsprechende Studie veröffentlicht: LINK: https://katholisch.de/artikel/70293-studie-zu-geistlichem-missbrauch-in-muenster-wird-vorgestellt

Fußnote 1: Die Betroffenen Gemeinschaften des spirituellen Missbrauchs, entnommen von la Croix am 7.9.2026:

Alliance des Cœurs unis, Bénédictines de Montmartre, Carmel de Simacourbe, Carmel du Reposoir, Carmel de Toulouse, Carmel,
Cisterciens de Sept-Fons,
Les Communautés de L’ Agneau, de l’Emmanuel, des Béatitudes, du Chemin Neuf, du Pain de vie, du Verbe de Vie,
consacrées du Regnum Christi (Laien der Legionäre Christi),
Communautés Saint-Jean, Communauté Saint-Martin,
Communion et libération, Compagnie de Jésus province de France (Jesuiten),
Famille de Marie Œuvre de Jésus Souverain Prêtre, Religieuses de l’Assomption,
Famille missionnaire de Notre-Dame, Famille monastique de Bethléem, Focolari, Fondacio, Foyers de Charité, Fraternité Eucharistein, Fraternité de Marie Reine Immaculée,
Fraternités monastiques de Jérusalem (St. Gervais, Paris), Fraternité Verbum Spei, Institut du Christ Roi Souverain Prêtre, Institut Notre-Dame de Vie,
Légionnaires du Christ,
Maria Stella Matutina,
Opus Dei,
Point Cœur, Sœurs Missionnaires de la Charité, Séminaire Saint-Luc d’Aix-en-Provence.

Quelle: https://www.la-croix.com/religion/abus-spirituels-d-anciens-membres-de-communautes-demandent-au-pape-des-reponses-fortes-20260907

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

 

 

Berlin: Hat die katholische Kirche etwa noch eine Zukunftsperspektiven ?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 10.9.2026

Ergänzt am 15.9.2026: Die Führung der evangelischen und der katholischen Kirche in Berlin hat am 15.9.2026 einen „Aufruf“ zur Wahl am 20.9. 2026 veröffentlicht: Allgemeine Floskeln: Bitte Demokratie wählen und die von Gott gegebene Menschenwürde beachten und so weiter und so weiter.

Über irgendwie gefährliche Parteien wird schwadroniert; aber, wie üblich, die für die Demokratie gefährlichen rechtsextremen Parteien werden nicht beim Namen genannt, also kein Wort, kein expliziter Hinweis zur AFD …Die Kirchenführung geniert sich, präzise zu werden, die Zerstörer der Demokratie beim Namen zu nennen.

Kein Wort zu den sehr großen Problemen der meisten Menschen in Berlin: Wohnen, Miete, Bildungsrückstand, Gewalt, multikulturelles Zusammenleben, Überwindung des Gegensatzes sehr reiche Bürger-sehr arme Bürger in einer Stadt… Floskeln also werden verbreitet; wer wird sie lesen, hören, ernst nehmen? Inspirierend ist nichts in diesem abgedroschenen Aufruf…. Der Text dieses „Aufrufs“: siehe unten, als Fußnote.

Ein Vorwort:
Dieser Beitrag zeigt faktenreich: Die katholische Kirche in Berlin als eine heute (2026) noch etwas bedeutende gesellschaftliche Organisation wird zunehmend zur verschwindenden Minderheit in Berlin: Diese Kirche baut ab, schließt und verkauft Kirchen mit den Gemeindehäusern, also den Orten der dringend gebotenen Kommunikation: Warum? Weil die katholische Kirche nach wie vor Klerus – fixiert ist, unbeweglich an Dogmen festhält, eine esoterisch-unverständliche Sprache in der Messe praktiziert usw…Zu den sehr belastenden Themen der BerlinerInnen hat die Kirche wenig zu sagen: Vor allem zum drängenden Problem, noch bezahlbare Mietwohnungen zu erhalten.
Und vor allem: Die katholische Kirche hat ganz offiziell und explizit den Papst als Chef einer „absoluten Wahl – Monarchie“. Und diese Kirche ist deswegen noch stolz darauf, explizit nicht demokratisch strukturiert und explizit nicht demokratisch organisiert zu sein.
Eine ihrem Wesen nach undemokratische Kirche kann auch in Berlin kaum glaubwürdig Demokratie fördern und helfen, zusammen mit demokratischen Organisationen und demokratischen Parteien, die bevorstehende Herrschaft der Rechtsextremen in Deutschland zu überwinden.

1.
Vor der Wahl in Berlin am 20.9.2026 sprechen viele PolitikerInnen aller Parteien von (neuen ?) Perspektiven für Berlin. Manche Politiker meinen sogar, „Visionen“ für Berlin in den nächsten Jahren propagieren zu können. „Visionen“ sind der milde Begriff für jene, die das Wort Utopie scheuen. Utopie hat durchaus den Charakter, „Handlungsalternativen und Möglichkeitsspielräume zu erschließen, die über die geschichtliche Kontinuität hinausschießen.“ (Jürgen Habermas, „Die neue Unübersichtlichkeit“, Frankfurt 1985, S. 142). Utopien sind also wichtig zum Überleben. Auch die Kirche hat eine Utopie, leider wird diese Utopie („Reich Gottes“) oft verdrängt und vergessen…

2.
Das Thema führt zu der Frage: Hat eine bestimmte gesellschaftliche Organisation, die katholische Kirche in Berlin, jetzt eine Zukunfts-Perspektive für Berlin, also ein reflektiertes Projekt für die ca. 4 Millionen BerlinerInnen und auch für die Kirche selbst in der Hauptstadt?
Der Ausgangspunkt ist die Erkenntnis eines Mangels: Es gibt keine theologisch-kritischen, religionswissenschaftlichen oder religionssoziologischen Studien zu Gegenwart und Zukunft der Religionen in Berlin. Es gibt auch keine konfessionsunabhängigen, also objektiven Studien zu Gegenwart und Zukunft der katholischen Kirche in Berlin. Das Thema „Religion bzw. Kirche in der Stadt“ scheint Wissenschaftler nicht zum kritischen Studium zu inspirieren. Ein Grund: An den Universitäten in Deutschland gibt es eine Überfülle theologischer Fakultäten mit immer weniger StudenTinnen, aber sehr wenig religionssoziologische Forschung. Dies ist, nur nebenbei, ein deutlicher Unterschied etwa zu Frankreich oder den Niederlanden. Über die Zukunftsperspektiven der Evangelische Kirche, des Islam, der jüdischen Gemeinden in Berlin sollen andere forschen, spannend ist auch dieses Thema.
Wir bieten hier einige nüchterne, aber auch ernüchternde Daten und Fakten, sie sind unersetzlich zum Verstehen unseres Hinweises und alles andere als „langweilig“.

3.
Unser knapper Hinweis um Thema ist von allgemeinem Interesse: Wie eine Kirche, die sich gern „Global Player“ nennt, in dieser multikulturellen europäischen Metropole in einem säkularisierten Europa lebt bzw. überlebt, ist bedeutsam für die ganze Gesellschaft. Verschwindet langsam die katholische Kirche, denkt sie selbst – uninspiriert und theologisch armselig – nur an Abbauen, Schließen, Abreißen, Schrumpfen usw… verschwindet eine Dimension europäischer Kultur.
Tatsache ist: Die katholische Kirche in Berlin schrumpft vor sich hin, hat keine kreative Energie mehr für die eigene Zukunft, legt aber gleichzeitig noch allen Wert auf teure repräsentative Neu-Bauten (St. Hedwig-Kathedrale, Bernhard Lichtenberg Haus ) in Mitte, „Unter den Linden“. Über das zunehmende finanzielle Vermögen der katholischen Kirche in Berlin siehe den ausführlichen Bericht von Roberto Jurkschat in RBB24: LINK

4.
Globale humane Perspektiven für Berlin und ihre BewohnerInnen sind eher für die Caritas von Bedeutung. Die Caritas ist am wenigsten Klerus – bestimmt, dort arbeiten – Gott sei dank -Menschen verschiedener Spiritualitäten.
Die Kirchenleitung und die von ihr abhängigen Laien-Gremien konzentrieren sich hingegen auf das innerkirchliche Leben. Unter dem Stichwort „Wo Glauben Raum gewinnt“ wird administrativ die Zukunft des Erzbistums gestaltet, also das Schrumpfen und langsame Verschwinden praktiziert: Viele kleine Pfarrgemeinden mit ihren Kirchen und Gemeindehäusern wurden amtlich bereits aufgelöst und in größere Verbände, „Großpfarreien“ genannt, überführt. Insgesamt soll es im ganzen Erzbistum noch 36 Großpfarreien geben.

5.
Der wichtige Grund dafür: Es gibt nicht ausreichend Priester. Würden nicht polnische, indische, ghanaische, nigerianische, spanische, lateinamerikanische Priester usw. als „Gastarbeiter“ den weithin alt gewordenen „deutschstämmigen“ Klerus in Berlin ersetzen, wäre es mit der Klerus- Kirche vorbei. Aber diese genannten klerikalen „Gastarbeiter“ sorgen dafür, dass das Gesetz nach wie vor gilt: „Nur der Klerus kann Gemeinden leiten: Gibt es keinen Klerus, gibt es keine Gemeinden.“ Dies ist das oberste Prinzip überall in der Kirche, durchgesetzt vom Vatikan, vom Papst. Es geht tatsächlich um den Machterhalt der Klerus auf Kosten des Gemeindelebens. Diese Entwicklung nimmt der Klerus in Kauf. Aber man weiß: Eines Tages werden auch die „Gastarbeiter – Priester“ aus aller Welt nicht mehr nach Berlin strömen, weil sie selbst in ihren Heimatländern dringend gebraucht werden. Wenn in zwanzig Jahren auch die Gastarbeiter – Priester ausfallen, dann fällt alles aus, weil die Kirchenführung es nicht geschafft hat, Frauen und Männer zu befähigen, Verantwortung in den Gemeinden zu übernehmen, selbstverständlich, dass sie dann auch Eucharistie feiern…Aber das ist die gute und richtige Utopie, die der Klerus gar nicht hoch schätzt… Utopien sind für ihn gefährlich, auch wenn die Utopie von der Gleichheit und Gleichberechtigung aller Gläubigen spricht…

6.
In Berlin lebten im Jahre 2025 258.000 KatholikInnen als zahlende Mitglieder der Kirche. Im Jahr 2022 waren es noch 281.000.
Aus der Kirche sind im Stadtgebiet Berlin beispielsweise zwischen 2018 und 2025 insgesamt 52.270 KatholikInnen ausgetreten. Diese Zahlen beziehen sich nur auf die Stadt Berlin, nicht auf Brandenburg und Vorpommern, Gebiete, die ebenfalls zum Erzbistum „gehören“.
Im Jahr 2025 nahmen -laut Zählung durch die Kirche – von den 258.00 KatholikInnen in Berlin etwa 31.000 an der Sonntagsmesse teil. Wie viele von ihnen jeden Sonntag teilnehmen, wird nicht berichtet. Nebenbei: Befragungen in Frankreich differenzieren: „Teilnahme an der Messe regelmässig“, oder nur „einmal im Monat“ usw. Auch wurde in der Berliner Statistik nicht berichtet: Wie viele TeilnehmerInnen der Messe in Berlin etwa aus Polen oder den spanisch sprechenden Ländern usw. stammen. Auch vom Altersdurchschnitt der TeilnehmerInnen ist keine Rede.
Wenn also nur noch 31.000 KatholikInnen durch ihre Teilnahme an der Messe ein stärkeres religiöses Interesse haben, dann überrascht doch die relative finanzielle Stabilität dieses Erzbistums Berlin: Über 171 Millionen Euro Kirchensteuereinnahmen konnte das Erzbistum Berlin im Jahr 2025 verfügen. Eine erstaunliche Summe trotz der vielen tausend Kirchenaustritte.

7.
Abgesehen davon, dass die allermeisten katholischen (wie die evangelischen Kirchen sowieso) während der Woche außerhalb der seltenen Wochentags-Gottesdienste geschlossen sind: Die äußere Sichtbarkeit dieser Kirche im „Stadtbild“ verschwindet. Die als überflüssig oder als einsturzgefährdet eingeschätzten Kirchen und Gemeindehäuser stehen dann lange Zeit leer, werden irgendwann verkauft oder dann profaniert oder auch abgerissen. Alte Menschen, oft noch die einzigen, die ein sehr lebhaftes Interesse an den katholischen Messen haben, müssen weite Wege zurücklegen, um ihre „Sonntagspflicht“ zu erfüllen…Und die Gemeindehäuser, die noch bestehen, sind während der Woche – über die Sekretärinnen dort – nur ein paar Stunden geöffnet…

8.
Aktuelle Beispiele für Schließungen, Verkäufe, Abrisse:
Die Kirche St. Albertus Magnus am Kurfürstendamm, im Stadtteil Halensee, wurde 2025 entwidmet, seitdem steht sie leer und verfällt.
Die Kirche im “Katharinenstift“ in der Greifswalder Str. in der Nähe des Alexander-Platzes wurde im Februar 2026 profaniert.
Die Kirche und das Kloster der polnischen Kamillianer – Priester St. Kamillus in Charlottenburg wurde 2026 aufgelöst; das Gebäude soll verkauft werden, weil die offenbar bettelarmen polnischen Kamillianer Geld für die Pflege ihrer alten Ordensmitglieder brauchen. Bis jetzt (August 2026) steht dieser Gebäudekomplex am Klausener Platz leer… es gab einige ergebnislose Proteste der betroffenen Gemeindemitglieder.
Von vielen weiteren Beispielen wäre zu reden, etwa vom Abriss der schönen Kirche St. Raphael in Berlin – Gatow an der Havel schon im Jahr 2005 unter der Herrschaft von Kardinal Sterzinsky. Dort gab es heftigen, aber bei der Allmacht des Klerus erfolglosen Protest gegen diesen sinnlosen Verkauf und Abriss…
Vom Abriss der Kirche St. Johannes Capristran in Tempelhof nach der Profanierung im Jahr 2004 müsste gesprochen werden … inclusive der merkwürdigen Verkaufs-Details..
Im Osten Berlins, in Biesdorf, wurde die Herz Jesu Kirche 2013 entwidmet und verkauft.
In Moabit wurde die St.Laurentius Kirche 2007 an eine evangelikale Kirche verpachtet…
In Lichtenrade wurde im Jahr 2008 die Kirche „Zu den heiligen Märtyrern von Afrika“ im Jahr 2008 aufgegeben.
Viele spirituell Interessierte haben heftig bedauert den Verkauf des katholischen Meditations – Zentrums, „Exerzitien-Haus“ genannt, in Berlin – Kladow, an der Havel gelegen. Dies geschah unter der Herrschaft von Erzbischof Georg Sterzinsky:
Dieser beliebte Ort der Stille und Meditation für die gestreßten BerlinerInnen lag nach dem Verkauf (der finanzielle Gewinn fürs Bistum wurde nie publiziert) Jahre lang ungenutzt brach, die Gebäude wurden 2013 schließlich abgerissen. Heute gibt es noch ein kleines, gut besuchtes Exerzitienhaus des Karmeliter-Ordens in Birkenwerder bei Berlin.

9.
Die vielen Verkäufe von Kirchen und Gemeindehäusern in Berlin sollen die Bistumskasse füllen, also auch die beträchtlichen Gehälter der Priester und Prälaten garantieren. Das ist das Ziel. Ein katholischer Erz-Bischof in Berlin erhält die Besoldungsgruppe B 10, also mindestens das Grundgehalt, das sind ca. 16.530 Euro brutto pro Monat….
Ältere Priester, so um die 50, erreichen die Besoldungsgruppe A 14, also etwa 6.000 Euro im Monat. Netto bleiben dann mindestens 4.000 Euro monatlich für diesen allein lebenden „Junggesellen“. Es ist nicht bekannt, dass diese bestens bezahlten Herren der Kirche etwa 10 Prozent ihres Gehaltes spenden etwa für eine Stiftung armer Familien oder für Flüchtlinge oder für die Opfer von rassistischer Gewalt in Berlin. Das wäre eine kleine, bescheidene Perspektive der Kirche für Berlin und BerlinerINnen…

10.
Von den aufgegeben katholischen Kirchen im Land Brandenburg nennen wir hier nur: Die katholischen Kirchen in Buckow, Friesack, Großbeeren, Hohen Neuendorf, Seelow, Stahnsdorf usw… Dort gab es von Gemeindemitgliedern Widerstand gegen diese Entwicklung, aber er war – wie immer – vergeblich.
Theologisch wichtiger: Es wurden auch keine Alternativen von der katholischen Kirchenführung vorgeschlagen: Etwa: Den wenigen Katholiken in diesen Orten, Dörfern, Städtchen, die Teilnahme an den evangelischen Sonntags-Gottesdiensten zu empfehlen. Das wäre eine Entscheidung, die endlich mal das so selten erlebte Prädikat „theologisch – kreativ“ verdient, eine bahnbrechende Entscheidung der viel besprochenen, aber nie faktisch gelebten Ökumene.
Aber nein, Kreativität, Mut zum Neuen, gibt es nicht im Rahmen des theologischen Stillstands und klerikalen Prinzips: Gemäß dem offiziellen katholischen Projekt „Wo der Glaube Raum gewinnt“ wächst das Gebiet katholischer Pfarreien im Land Brandenburg manchmal ins Monströse: Etwa: Die katholische Großpartei Stralsund im Erzbistum Berlin: Diese Pfarrei mit ca. 6.400 Mitgliedern umfasst jetzt große Teile Vorpommerns, etwa Demmin und Barth, ebenfalls die Hansestadt Stralsund sowie die gesamte Insel Rügen. Die Gesamtfläche dieser Pfarrei beträgt 3.200 Quadratkilometer, diese Pfarrei ist also etwas größer als das Saarland und etwas kleiner als die Insel Mallorca. Fünf Priester müssen durch dieses Land reisen, um in den verbliebenen Kirchengebäuden der kleine Städte für die wenigen Messbesucher die Messen zu lesen.
Wie schon gesagt: Kein Bischof, kein Theologe, kein Pfarrer kommt auch nur auf den Gedanken, den Katholiken in den Dörfern und Städtchen zu empfehlen: Nehmt bitte an den evangelischen Sonntagsgottesdiensten teil… (Zu Stralsunds „Groß-Pfarrei“ siehe etwa: LINK

11.
Die genannten Abrisse, Leerstände der Kirchen und Gemeindehäuser in Berlin stehen in Kontrast zu den Ausgaben der Katholischen Kirchenführung, die sie für das (neben der St. Hedwigskathedrale gelegene) Prestige – Objekt „Bernhard Lichtenberg-Haus“ einsetzt. Die aktuelle Prognose der Kosten: 33,8 Millionen Euro, bei der Planung im Jahr 2017 waren 17 Millionen Euro veranschlagt. Über den 44 Millionen Euro teuern Umbau der St.Hedwigs-Kathedrale haben wir berichtet, etwa am 2.11.2024: LINK

12.
In den Analysen der Finanzsituation der katholischen Kirche in Berlin wird oft vergessen, dass der Bodenbesitz des Erz – Bistum Berlin beträchtlich ist: „Der kirchliche Bodenbesitz der katholischen Kirche in Berlin beläuft sich auf rund 1206 Hektar, was etwa 1,3 Prozent der Stadtfläche ausmacht.“ LINK: Quelle: Tagesspiegel: https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/wie-viel-berlin-gehoert-der-kirche/.

Siehe auch zur Vertiefung: LINK https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/unchristliche-immobilien-geschaefte-wie-die-katholische-kirche-mit-grundstuecken-geschaefte-macht/

13.
In einer Kirche, für die Abbau oder Abbruch sozusagen normal, wenn nicht sogar üblich geworden ist, bleibt es überhaupt nicht verwunderlich, dass angesichts der vielen neuen Berliner Stadtviertel, etwa im Umfeld des Hauptbahnhofs, offenbar kein Gedanke auftaucht: In den neuen Stadtvierteln einen (ökumenischen) Raum der Stille, etwa eine bescheidene Ladenkirche, eine Krypta oder ähnliches zu mieten: Also „Orte des Zwecklosen“, der Ruhe, der Einkehr, des Dialogs, der Begegnung, der Transzendenz zu schaffen.
Hier wollen wir nur auf den sehr lesenswerten, erstaunlich kritischen Beitrag des katholischen Theologen und Kunsthistorikers Konstantin Manthey, Berlin, hinweisen. Er spricht von „Schockstarre“ und von der Obsession der „Besitzstandswahrung“ als Leitidee dieser Berliner Kirche: Manthey schreibt: Es werden in Berlin keine neuen Kirchen oder wenigstens kleine Gemeindezentren gebaut in Berlins 23 (!) neuen Stadtquartieren mit vielen tausend Bewohnern: „Nirgendwo ist dort bisher ein kirchlicher Ort vorgesehen, ein christlicher Raum für Zusammensein und ähnliches…“ (S. 127). Siehe das Buch:„Leben statt Leere“, Hg. Klaus – Martin Bresgott u.a. vom Kulturbüro der EKD.
In solchen Projekten könnte sich Ökumene endlich mal realisieren und sicher auch inter-religiöse Zusammenarbeit mit Juden und Moslems und warum nicht auch mit Buddhisten? Das sehr teure und auch architektonisch anspruchsvolle Projekt „Haus of One“ in Berlin kann hier nur erwähnt werden: Es soll ein Gotteshaus (mit getrennten Gebetsräumen!) werden, in dem wenigstens unter einem Dach ein ganz bißchen gemeinsam evangelische Christen sich versammeln sowie Mitglieder einer progressiven Gruppe des Islam und einer progressiven Gruppe im Judentum… Ob man das „House of One“ mutig im Sinne einer größeren Ökumene nennen kann, wage ich zu bezweifeln…

14.
Aber theologischer Mut hat Berliner Katholiken und die Bischöfe dort nie ausgezeichnet. Davon hat schon der große Kritiker der Berliner Kirche in den zwanziger Jahren des 20 Jahrhunderts, Dr. Carl. Sonnenschein, gesprochen: Er urteilte über den Berliner Katholizismus des 20. Jahrhunderts: „Der Berliner Katholizismus ist verdammt kleinstädtisch“. Siehe den Beitrag über Carl Sonnenschein von Christian Modehn vom 31. 1. 1979: LINK:
Die unmittelbar nach der Wende als Ort des Dialogs großzügig errichtete „Katholische Akademie“ in Berlin-Mitte ist angesichts ihres Angebotes seit einigen Jahren eine Nischen – Institution in der Stadtgesellschaft. Mit den in Berlin sehr zahlreichen, zum Tiel bedeutenden „weltlichen“ kulturellen Institutionen, Theater, Verlagen, Forschungszentren usw. besteht offensichtlich keine Vernetzung. Katholische Intellektuelle, Künstler, Schriftsteller gibt es in Berlin ohnehin nicht. Auch das „Zentralinstitut für Katholische Theologie“ an der Humboldt – Universität mit 60 Studentinnen und sechs ProfessorInnen spielt in Berlin keine öffentlich spürbare Rolle.
Nebenbei: Warum ist es in Deutschland immer noch nicht möglich eine gemeinsame christliche, theologisch – kritische Fakultät zu errichten?
Auch das Forschungsinstitut einiger progressiver Dominikaner-Theologen, das „Institut Chenu“ im Stadtteil Prenzlauer Berg, hat keine für die kulturellen Debatten Berlins öffentlich wahrnehmbare Relevanz. Die kulturelle Monatszeitschrift „Stimmen der Zeit“ (Auflage 6.000 Exemplare) der Jesuiten hat in Berlin ihre bescheidene Redaktion. Ihr gelingt es nicht, eigene theologische, kulturelle Veranstaltungen zu organisieren, übrigens fast eine Selbstverständlichkeit für christlich inspirierte oder katholische Kulturzeitschriften etwa in Frankreich, etwa Esprit oder Etudes.
Auch das noch: Alle 14 Tage erscheint in Berlin, an den Kiosken gar nicht wahrnehmbar, eine katholische Wochenzeitung, Bistumsblatt genannt, mit dem nur der Tradition verpflichteten Titel „Tag des Herrn“, 7.000 Exemplare sollen in Berlin im Abonnement noch verkauft werden:Das Blatt bedient alle Bistümer m Osten Deutschlands.

15.
Und auch das noch zum „intellektuellen katholischen in Berlin“: Es gibt im Ost – Berliner Stadtteil Biesdorf ein Priesterseminar der weltweiten neokatechumenalen Gemeinschaft. Diese klerikale Ausbildungsstätte stellt auch dem Erzbistum Berlin seit Jahren einige junge Priestern zur Verfügung, sie stammen aus aller Welt, aus Polen, Mexiko, Spanien, Dominikanische Republik usw…
Die Priester, dem Geist des Neokatechumenates absolut verpflichtet, bringen ihn im Seminar eingetrichterten sehr konservativen Geist in die Gemeinden.

16.
Die Katholische Kirche in Berlin und in ganz Deutschland wird zweifellos wegen der gleichbleibend hohen Austritte aus der Kirche eine Minderheit. Die viel besprochenen Erwachsenentaufen sind von der Anzahl her bewertet ein marginales Phänomen. Also: Über den Weg der Kirche in Berlin und in vielen anderen Metropolen Europas wird diskutiert. Und fast immer werden seit Jahren die gleichen Gründe für diese Entwicklung genannt: Säkularisierung, Verlust der Transzendenz-Erfahrung, Ende der Metaphysik, Individualismus, Streß im Alltag, Frustration über den Zustand der Welt und so weiter. Auch der sexuelle Missbrauch durch Priester hat viele Gläubige aus der Kirche getrieben, Katholiken also, die Priester allen Ernstes für „Hochwürden“ hielten und auch so anredeten und die noch lernten, Bischöfe seien „Exzellenzen“ oder gar als Kardinäle „Eminenzen“. Jetzt werden etwa in Essen Denkmäler abgerissen, einst errichtet zu Ehren Kardinal Franz Hengsbach, dem Opus Dei sehr affin und theologisch reaktionär in seinem Kamogf gegen die Befreiungstheologie als Chef des Hilfswerks „Adveniat“…. und…das Vertuschen sexuellen Missbrauchs durch Priester. Zum sexuellen Missbrauch durch Priester im Erzbistum Berlin siehe einen Beitrag aus dem Jahr 2023. LINK https://katholisch.de/artikel/45851-betroffene-schildern-erstmals-details-zu-berliner-missbrauchsfaellen
Auch der Tagesspiegel hat 2023 über heftigen sexuellen Missbrauch durch den Pfarrer der Gemeinde St. Ludwig in Wilmersdorf., Benno Fahlbusch, berichtet: LINK https://www.tagesspiegel.de/berlin/in-neukolln-und-wilmersdorf-priester-und-ordensschwestern-sollen-berliner-kinder-zu-sexuellen-handlungen-gezwungen-haben-9702752.html. Siehe auch den Bericht von Thomas Klatt im Deutschlandfunk 2021!: LINK

17.
Ein entscheidender Grund fürs anhaltende Schrumpfen und damit langsame Verschwinden der katholische Kirche ist auch das sture Festhalten an den Dogmen und Kirchengesetzen und Kirchengeboten; auch an Glaubensbekenntnissen, die in den Messen gesprochen, gesungen werden, deren Formeln und Floskeln aus dem 5. Jahrhundert niemand versteht. Dogmen dürfen dem sturen Gesetz der katholischen Kirche entsprechend nicht korrigiert, geschweige denn aufgehoben werden, selbst wenn sie im 4. Jahrhundert unter völlig anderen Kulturellen Bedingungen formuliert wurden. Das verstörende Erbsündendogma des heiligen Augustinus wird heute von kritischen und noch objektiv denkenden TheologInnen eindeutig abgewiesen, die Kirche hält stur an diesem Erbsündenwahn fest…

18.
So steht sich die katholische Kirche – nicht nur in Berlin – selbst im Wege. Sie wird – klerus-fixiert – keine Möglichkeit realisieren, den Weg ins Getto zu beenden. Es ist also auch die dogmatisch fixierte klerikale Welt, die die Menschen aus den Kirche treibt. Die Kirche und ihre Lehre wird zu einer fernen Welt der fernen Mythen und kaum nachvollziehbaren Geschichten, zum Ort, wo noch infantil, wenn nicht abergläubisch anmutende Kirchenliedern aus Zeiten der frühen Kindheit gesungen werden, von denen man sich bestenfalls noch am Heiligabend im Gottesdienst verführen lässt.

19.
Damit sind wir beim Ausgangspunkt unseres Hinweises: Diese Kirche hat den Geist der Utopie verraten, er gehört absolut zentral zur Botschaft Jesu! Die Kirche, zumal ihre Führung, hat vergessen, dass sie nicht für sich selbst, schon gar zur Stärke und Macht des Klerus, geschaffen ist, sondern… Ja, warum denn? Um die Utopie des Reiches Gottes als praktische Leitlinie ihres Handels zu gestalten. Und was ist der Inhalt der Utopie des Reiches Gottes? Friede, Gerechtigkeit, wesentliche Gleichheit aller Menschen, Brüderlichkeit: Christen sind also FreundInnen der humanen Utopie: Jesus fordert von den Menschen um der Menschlichkeit willen eine Umkehr der bisherigen Machtverhältnisse … im Umgang der Menschen untereinander, zumal in den Kreisen der Frommen, also der Kirche.

20.
Die katholische Kirche in Berlin hat – wie jede Kirche – , „das Beste der Stadt“ zu suchen und zu fördern. Das ist der Respekt vor der Utopie des Reiches Gottes… Also: Die Kirche muss sich konstruktiv in konkreten Projekten für eine gerechte Wohn/Miet-Politik einsetzen, sie sollte leerstehende Kirchen und Gemeindehäuser nur dann verkaufen, wenn Wohnungen entstehen… Es fehlt hier die Bereitschaft und auch intellektuelle Kapazität, regelmäßige Gespräche mit Menschen zu gestalten, die sich Atheisten oder Ungläubige nennen. Und wann haben von antisemitischer Gewalt bedrohte jüdische Theologen in katholischen Kirchen über ihre Lebensbedingungen, ihren Glauben, gepredigt: Auch spirituelle Gespräche mit Muslims finden nicht in den katholischen Gemeinden statt.

21.
Die katholische Theologin Prof. Martha Zechmeister (El Salvador) sagte kürzlich auf den Salzburger Hochschulwochen: „Eine Theologie, die überall und zu jeder Zeit dasselbe wiederholt, bleibt wirklichkeitsleer und vermag Gott nicht zur Sprache zu bringen“. Eine treffende Aussage, auch gültig für die katholische Kirche in Berlin. LINK:

Erst wenn Kreativität und Mut, „nicht immer dasselbe sagen“, kirchliches Überleben bestimmen, hat Kirche eine Chance, hilfreich zu sein für die Menschen.

22.
Immerhin: Erzbischof Heiner Koch von Berlin machte in einem Interview am 3. 9. 2026 eine bemerkenswert mutige Aussage zum Umgang mit AfD Wählern innerhalb der katholischen Gemeinden:
Frage: Muss Kirche das Risiko eingehen, dass sich AfD-Wähler innerhalb der Gemeinde abwenden?
Koch: Ja, wir müssen dieses Risiko eingehen. Denn es geht um viel mehr als um Wahlergebnisse, es geht um Werte und inhaltliche Grundfragen. Die Liebe Gottes ist mit völkischem Nationalismus nicht vereinbar, dabei bleibe ich! Es geht um Themen, die für uns als Christen nicht verhandelbar sind, wesentlich um die unveräußerliche Menschenwürde eines jeden Einzelnen, unabhängig von Herkunft, Begabung oder Geschlecht. Man kann dann unterschiedlicher Meinung sein, welche Maßnahmen konkret politisch zu ergreifen sind und welche nicht. Doch die Grundoption ist nicht verhandelbar. LINK

23.
Immerhin: Menschenrechte und Menschenwürde sind auch beim Erstarken der rechtsextremen Partei AfD für einen katholischen Bischof – und damit für Katholiken insgesamt – nicht verhandelbar. Man wird Erzbischof Koch mit dieser Aussage hoffentlich noch oft zitieren.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.
Über Christian Modehn siehe: LINK.

 

FUßNOTE:

Der  „Aufruf“ der Kirchenführungen Berlins, publiziert als Pressemitteilung am 15.9.2026:

Gemeinsamer Aufruf der Kirchen zu den Berliner Wahlen am 20. September 2026
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
am 20. September 2026 können wir durch die Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin und zu den Bezirksverordnetenversammlungen mitbestimmen, wie die Zukunft für die Menschen in unserer Stadt gestaltet wird.
Demokratie ist eine große Errungenschaft, die durch die Kraft vieler Menschen erreicht wurde. Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, für sie einzustehen, wenn sie in Gefahr gerät. Demokratie bedeutet Auseinandersetzung in Sachfragen mit Respekt und Achtung voreinander, Demut vor der auf Zeit verliehenen Macht sowie Gewaltenteilung. Sie lebt von Kompromissen und der Fähigkeit, andere Meinungen auszuhalten.
Wir treten für eine freie, weltoffene, vielfältige und demokratische Gesellschaft ein. Nur diese garantiert, dass wir in unserer Unterschiedlichkeit in Freiheit und in Frieden miteinander leben können. Die Stärke einer demokratischen Gesellschaft bemisst sich auch daran, dass sie Schwache und Minderheiten schützt.
Bei allem Ringen um eine bessere Lösung in Sachfragen muss im Mittelpunkt immer der Mensch stehen: Menschenwürde, Menschenrechte und Religionsfreiheit sind unverzichtbar für alle Menschen. Genau das macht Berlin aus: Die Vielfalt der Menschen in dieser Stadt. Menschen, die unterschiedlich denken, glauben, leben, lieben und ihr Leben gestalten. Wir glauben, dass Gott jedem Menschen die Menschenwürde verliehen hat. Sie gilt unverbrüchlich und kann niemandem genommen werden.
Gemeinsam rufen wir dazu auf: Unterstützen Sie diejenigen politischen Kräfte, die Zusammenhalt fördern, statt Menschengruppen gegeneinander auszuspielen. Geben Sie jenen Ihre Stimme, die sich uneingeschränkt zur Würde jedes und jeder Einzelnen bekennen und danach handeln. Prüfen Sie, ob und wie der Schutz von Minderheiten und Schutzbedürftigen garantiert wird.
Insbesondere richten wir diesen Apell auch an die jungen Menschen, die in diesem Jahr erstmals ab 16 Jahren wahlberechtigt sind. Gestalten Sie Ihre eigene Zukunft mit!
Wir, das Erzbistum Berlin und die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, suchen stets der Stadt Bestes und stehen gemeinsam ein für die Würde aller Mitmenschen und für eine friedliches Zusammenleben.
„Ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben“, heißt es in der Bibel. Das wünschen wir uns für unsere Stadt Berlin. Wir rufen Sie auf, unsere demokratische Gesellschaft mit Ihrer Stimme stark zu machen!

Im September 2026

Dr. Karlies Abmeier                                                    Harald Geywitz
Vorsitzende des Diözesanrats                                    Präses der Landessynode der EKBO

Dr. Heiner Koch                                                          Dr. Christian Stäblein
Erzbischof von Berlin                                                 Bischof der EKBO
 

 

 

 

 

Sünde kann so wertvoll sein, behauptet der Philosoph Georges Bataille

Über eine elitäre Veranstaltung im Paris des Jahres 1944.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 1.9.2026

Einführung in ein schwieriges Thema:

Dieser Hinweis gilt dem Vorschlag des Schriftstellers und Philosophen Georges Bataille (1897-1962), die Sünde als Erfahrung wie als Begriff der christlichen Welt und ihrer Dogmen zu entnehmen und Sünde sehr persönlich grundlegend neu zu bestimmen: Als bewusst gewählte Übertretung soll sie wertvoll sein, weil sie das menschliche Leben bereichert, lehrt Bataille. Die Sünde als Vollzug, nicht als Theorie, führe, zu einem neuen Verständnis vor allem der Erotik und Sexualität. Noch mehr: Sünde als Überschreiten und Tabubruch führt sogar ins Sakrale.
Die Sünde als das Übertreten der üblichen Moral ist der Abschied aus der bürgerlichen Welt und ihren Normen. Bataille geht so weit, Sünde und Mystik in Beziehung zu setzen: Auch Mystik – als exzentrische Erfahrung des Göttlichen jenseits der Dogmen – sei ein Überschreiten vorgegebener kirchlicher Üblichkeiten und Normen.
Der Bataille Kenner Gerd Berfleth bringt es wohl auf den Punkt: Batailles Publikationen sind „das Werk eines Mannes, der sich in einem Maß von erotischen Obsessionen heimsuchen ließ, dass er mit seinem exzessiv gelebten Leben einsteht für sein exzessives Denken.“ (Fußnote 1).

Zu unseremThema ist das Buch „Die Sünde. Eine Diskussion“ im Verlag Matthes und Seitz jetzt (2026) erschienen. Einiges bleibt erstaunlich, das zeigen wir, selbst wenn der sorgsam editierte Text eher für Bataille- Fans und Bataille – Spezialisten von Bedeutung ist. Batailles vielfältige und umfangreiche Arbeiten werden von den meisten philosophisch Interessierten wohl eher mit großer Anstrengung gelesen und verstanden. Michel Foucault lobte Bataille noch „als einen der wichtigsten Schriftsteller seines Jahrhunderts“… (Fußnote 2).

Unser knappe Hinweis auf das Buch macht also auf einige erstaunliche sowie irritierende Aspekte dieses Buches „Die Sünde. Eine Diskussion“ aufmerksam. Und das kann vielleicht eine Einladung sein, tiefer und weiter nachzudenken über unseren etwas provozierenden Titel „Sünde kann so wertvoll sein.“ Man denke in dem Zusammenhang an die Sünde Evas und Adams im Paradies: Hätten sie nicht gesündigt, als sie vom „Baum der Erkenntnis aßen“, dann wäre sie im Paradies als Wesen geblieben, die eigentlich keine Vernunft, keine Erkenntnis haben. Diese Sünde im Paradies hat die Menschen erst zu Menschen gemacht. Wunderbar! Und wenn dann die Kirche dieses „sündige Geschehen“ im Paradies als schreckliche Erbsünde bezeichnet, an der, so Augustinus alle Menschen durch die Zeugung Anteil haben, dann will dieses Erbsünden-Dogma suggerieren: Wären die Menschen im Paradies doch bloß ohne Gebrauch ihrer Vernunft und Erkenntnis geblieben ….aber das ist diese seltsame Erbsündenlehre der Kirche, darüber habe ich schon mehrfach geschrieben: LINK …

1.
Der Philosoph und Schriftsteller Georges Bataille hat am 5. März 1944 in Paris vor einer Gruppe schon damals bekannter französischer Intellektueller einen Vortrag über seine persönliche Sicht der Sünde gehalten. Der Titel des Vortrags: „Der Gipfel und der Niedergang.“ Anschließend kommentierte der Jesuit Pater Danielou den Vortrag, dann folgte eine ausführliche Diskussion. Diese Texte sind in dem genannten Buch versammelt, zusätzlich gibt es eine ausführliche Einführung und ein ausführliches Nachwort. `
Der Vortrag fand im Umfeld des damals viel beachteten Buches von Bataille „L` Expérience interieure“ („Die innere Erfahrung“) statt, es wurde im März 1943 veröffentlicht. Unter „innere Erfahrung“ versteht Bataille seelische Zustände, wie Ekstase, Angst, Erotik: Sie bewirken als Erlebnis eine Überschreitung üblicher moralisch gesetzter Grenzen, sie sind eine Erschütterung des bisherigen alltäglichen Lebens.

2.
In dem Zusammenhang stellt Bataille sein Verständnis von Sünde vor.

3.
Die Veranstaltung hatte Marcel MORÉ (1887 – 1969) bei sich zu Hause in Paris organisiert. Er war ab 1945 als katholischer Laie (Beruf: Finanzexperte) der Herausgeber der Zeitschrift „Dieu Vivant“ („Lebendiger Gott“), dort wurden die Vorträge und die Diskussion vom 5. März 1944 im Heft 4 des Jahres 1945 veröffentlicht. Die heute fast vergessenen Zeitschrift „Dieu Vivant“ erschien im angesehenen Verlag Editions du Seuil, Paris: Die eher dem theologisch konservativen Lager verpflichteten Autoren wollten die Schrecken des 2. Weltkrieges, die Shoah, bedenken. Zur Redaktion gehört ein pluralistischer Kreis aus katholischen Theologen (Daniélou), katholischen Philosophen (Gabriel Marcel), auch Protestanten (Pierre Bürgerin) und Orthodoxe (Vladimir Lossky) waren dabei sowie der kirchlich nicht gebundene Philosoph Jean Hyppolite.

4.
Etwa 27 Personen nahmen an dieser durchaus Salon zu nennenden Veranstaltung am 5. März 1944 teil. Die starke Beteiligung von Theologen, vor allem katholischen, ist bemerkenswert, zumal Bataille schon damals nicht gerade als Freund des christlichen – dogmatischen Glaubens bekannt war. Pater Daniélou wurde als maßgeblicher Teilnehmer schon erwähnt, außerdem müssen die Dominikaner Patres Dubarle und Maydieu erwähnt werden, auch die Katholiken Pierre Klossowski und Louis Massignon sowie der katholische Philosoph Gabriel Marcel. Eher „linke Katholiken“, wie der Philosoph Emmanuel Mounier oder Pater Marie D. Chenu waren nicht dabei. Von „weltlicher“ Seite sollen hier nur die Philosophen Sartre und Simone de Beauvoir genannt werden, sowie Blanchot, Camus, Hyppolite, Merleau – Ponty, Leiris …

5.
Es ist aus heutiger Sicht sehr bemerkenswert, dass es möglich war, in Paris, März 1944, eine solche konfessionell plurale Gruppe zum intensiven Gespräch zusammenzuführen. Jörg Altwegg schreibt in seinem Buch „Die Republik des Geistes“ (1986, S. 69), Angst vor der Zukunft hatten die Intellektuellen in Paris im März 1944 nicht mehr. „Mit der immer schwieriger werdenden Gegenwart kommt man offenbar ganz gut zurecht.“
Und man fragt sich aus heutiger Sicht: Käme heute, 2026, eine solche sehr plurale Gesprächsrunde unter dem „Dach“ eines katholischen Veranstalters zustande, in Frankreich wie auch in Deutschland? Ich vermute eher nicht. Das liegt daran, dass es in Frankreich wie vor allem in in Deutschland so viele zum kritischen Dialog bereite katholische Intellektuelle heute nicht gibt. Das Niveau der in der Kirche verbliebenen Katholiken hat sich heute weitgehend auf ein eher (klein)bürgerliches Niveau abgesenkt, weitreichende Kritik, Skepsis, Fragen als Grundhaltung, Selbstkritik, Korrektur bisheriger Überzeugungen etc. sind in einem solchen dominanten Milieu als christliche Tugenden nicht so üblich…

6.
Erstaunlich ist auch das Thema dieser philosophisch – theologischen Salon Runde im März 1944: Paris war noch von Deutschen, den Nazis, besetzt. Das nazifreundliche, von Rechtsextremen bestimmte Pétain – Regime herrschte noch, die Verfolgung der Juden war an der Tagesordnung und die Résistance versuchte, Juden zu retten. Das Sammellager für die Judentransporte in die KZs, also das Lager in Drancy, lag nur ca 10 Kilometer vom Pariser Stadtzentrum entfernt. Von dieser realen politischen Gegenwart im März 1944 ist in den Vorträgen und in den Diskussionsbeiträgen im Haus von Monsieur Moré überhaupt keine Rede. Und man fragt sich: Wie war es bei dieser Gegenwart möglich, über die hoch komplexen Ausführungen Batailles zur Sünde im allgemeinen ein paar Stunden zu debattieren? Sah man die Verbrechen, theologisch gesprochen, diese Sünde des Antisemitismus nicht, sah nicht man den sündhaften Wahn, dass sich so viele Franzosen, Katholiken zumal, dem faschistoiden Pétain -Regime hingaben? In dem Text ist davon keine Rede. Brauchten diese Intellektuellen im Paris des März 1944 vielleicht diese Flucht ins Abstrakt – Philosophische?

7.
Georges Bataille wird heute – wegen seines äußerst umfassenden, vielfach provozierenden Werkes – als eine besondere Art, etwa als „Außenseiter-Philosoph“ betrachtet: In Deutschland ist er nicht so bekannt wie seine Zeitgenossen Sartre oder Camus. Im Leben Georges Batailles ist wohl wichtig und prägend: Eine höchst unerfreuliche, belastende Kindheit mit einem dahinsiechenden an Syphilis erkrankten Vater; dann der Tod Lauras, der viel Geliebten, im März 1938. Und sicher auch in dem Zusammenhang ein anhaltendes kritisches Interesse Batailles am Katholizismus, am Ordensleben, an der katholischen Theologie, vor allem an der Mystik, selbst noch zu Zeiten, als er sich — nach 1920 – vom katholischen Glauben – explizit lossagte und in Nietzsche seinen wichtigsten „Bezugspunkt“ fand. Schließlich wollte Bataille ausdrücklich den hoch verehrten Nietzsche „wiederholen“… und in der Veranstaltung am 5. März 1944 bezeichnete sich Bataille als „antichristlich.“ Der Philosoph Bernhard Taureck schreibt über die Nietzsche-Bindung Batailles. „Die einzig authentische Lektüre Nietzsches besteht für Bataille darin, Nietzsche zu werden. Und: Das authentische Sein Nietzsches liege in der Weigerung zu dienen, d.h. nützlich zu sein“ . (Fußnote 3).

8.
Erstaunlich bleibt: Bataille hält es für wichtig, von einem explizit anti-christlichen und außer-theologischen Standpunkt aus von Sünde zu sprechen. Und diese Stellungnahmen Bataille erschließen sich nur in einer sehr geduldigen Lektüre, es sei, man gehört zu dem kleinen Kreis der Bataille – Fans und Spezialisten…Bataille will zeigen: Es gibt einen Gipfel, einen existentielle Höhepunkt, der in der Ekstase, im Tabu-Bruch, also auch im Vollzug der Sünde erreicht wird. Im Tun der Sünde kann eine Art rauschhafter Zustand erreicht werden, der das Sakrale berührt. Und immer geht es, wie bei Bataille, um das Verstehen der Sexualität als Praxis: Das Heilige meint Bataille erreichen zu können gerade durch das Sakrileg. Diese Überzeugung bestätigt Bataille noch einmal im Jahr 1945, im Rückblick auf dieses Gespräch im März 1944, in einem Brief an die Redaktion “Dieu Vivant“: „ Ich denke noch heute, dass ich das Fundament der gewohnten Moral untergraben habe, was ich ausdrücklich denen darlegen wollte, die die Last dieser Moral auf sich genommen hatten, die ihr den Sinn einer Verzweiflung gaben und deren Verzweiflung mir zufolge gegen die Moral spricht… Ich kann nicht stark genug betonen: Wir wollen, wie Nietzsche sagt, alles Christliche durch ein Überchristliches überwinden und nicht nur von uns abtun. Was Nietzsche behauptete, behaupte ich unverändert nach ihm.“ (S. 196).

9.
Erstaunlich bleibt die Ehrlichkeit Batailles: In der Diskussion am 5. März 1944 muss Bataille zugeben, dass etliche seiner Aussagen zur Sünde noch „unausgegoren“ sind. „Es ist mir sehr schlecht gelungen, mich auszudrücken,“, bekannt Bataille im Verlauf der Diskussion (S . 169). Und noch einmal 1945 im Rückblick auf die Diskussion vom März 1944: „Ich bedaure, dass ich mich in der Diskussion ziemlich schlecht ausgedrückt habe.“ (S. 196).

10.
Es ist erstaunlich, dass der Vortrag des Jesuiten – Theologen Jean Daniélou als Interpretation Batailles auch für das Christentum und die katholische Theologie positive Aspekte herausstellt. Vor allem die Mystik biete eine Brücke zwischen Bataille und der katholischen Lehre. Der Jesuit deutet die Mystik als Haltung des „Risikos“ (S. 101), als Überwindung einer bloß üblichen moralischen Haltung. Mystik ist „ein Appell, neuartige, umbetretene Wege zu gehen.“ Daniélou meint sogar, die Hierarchie der Werte zeige sich für Bataille nicht durch die übliche Anwendung von Gut und Böse, sondern „im Hinblick auf das Mystische und Nichtmystische.“ (S 192). Mystik ist deswegen so hochgeschützt, weil sie die üblichen dogmatisch engen Glaubensbegriffe sprengt, also einen Übertritt in die Weite – im Sinne Batailles – erlaubt. Aber Pater Daniélou bleibt dann doch bei allem Verständnis für Bataille dabei: Sünde beleidigt Gott, sie ist ein Sakrileg“: (S. 106).

11.
Man fragt sich: Was ist die aktuelle Bedeutung dieses Vortrags Bataille? Warum sollten nicht nur die wenigen Bataille Fans und Bataille Kenner dieses Buch lesen? Das Buch erinnert daran, aufmerksamer zu sehen: dass christliche Begriffe (Sünde, Gnade…) in eine säkulare, auch bewusst antichristliche Ebene rücken und dabei vom ursprünglichen christlichen Inhalt das meiste verschwindet. Das ist die Freiheit des Denkens. Aber bedenklich bleibt: Universell geltende Werte von Gut und Böse läßt Bataille nicht gelten. Anstelle von Gut und Böse setzt er „Gipfel“ und „Niedergang“. De Sade war für Bataille ein durchaus akzeptabler Denker der „Entgrenzung“, also im Sande Batailles der Sünde…
Kant („Kategorischer Imperativ“…) ist für Bataille obsolet, veraltet, heute ungültig. Wir betonen, das ist ein durchaus gefährliches Denken. Menschen leben mit dieser universellen Vernunft, um für das Überleben dieser Welt und der Menschheit noch etwas zu sorgen.

12.
So ist dieses Plädoyer Batailles für die Sünde unserer Meinung nach wenig inspirierend angesichts der tiefen Krise der Moral, die nicht nur die Herrschenden, sondern sehr viele Menschen unserer Zeit bestimmt. Diese Krisen und die daraus sich entwickelnden, heute sichtbaren Katastrophen sind ja immer auch auch Krisen der Moral. Bekanntlich ist Moral Ausdruck der freien Entscheidung von Menschen. Da soll das Plädoyer Batailles für die transzendierende Kraft der Sünde als Überwindung der Kategorie des Bösen weiterhelfen?
Unsere Position darf nicht des Reaktionären verdächtigt werden (weil Bataille – Kritik nichts Reaktionäres ist.)

Über zahlreiche kirchliche, sich christlich nennende Moral – Vorstellungen muss selbstverständlich gerade heute debattiert werden, etwa angesichts der reaktionären evangelikalen Kirchen in den USA als Teil der MAGA – Bewegung. Und für einen freien Umgang mit Erotik und die berechtigte Vielfalt der sexuellen Orientierungen müssen TheologInnen selbstverständlich deutlich eintreten.

Ob man für diese Debatten Batailles Sünden – Plädoyer als Überwindung von Gut und Böse braucht, wage ich zu bezweifeln. Offenbar kannten die im März 1944 in Paris mit Bataille versammelten Intellektuellen das Werk von Soren Kierkegaard nicht, speziell dessen Hinweise zur Sünde, etwa in „Philosophische Brocken“ oder „Entweder -Oder“. Eine Auseinandersetzung „Kierkegaard – Bataille “ fände ich interessant, es liegen wohl ganze „Welten“ zwischen beiden Philosophen.Und gerade diese Differenz herauszuarbeiten, wäre „spannend“.

So bleibt das Buch „Die Sünde“  eher für die Bataille – Forschung wichtig. Es gehört zur umfassenden wissenschaftlichen Edition der Werke Batailles im Verlag Matthes und Seitz in Berlin.

Fußnote 1:
 Gerd Bergfleth, „Bataille, Georges“ in „Metzler Philosophen Lexikon“, Stuttgart 2003, Seite 64.

Fußnote 2: Zit: ebd. S.60.

Fußnote 3: Bernhard Taureck, Französische Philosophie im 20. Jahrhundert“, Reinbek bei Hamburg, 1988, S. 196.

Copyright: Christian Modehn, ReligionsphilosophischertSalon Berlin.

 

 

Wenn Lügen Leben zerstören

Ein kurzes Plädoyer für die Wahrhaftigkeit in Zeiten der Herrschaft der Lüge
Ein Hinweis von Christian Modehn am 3.8.2026

Ein aktuelle Vorwort:
Jetzt verbrennen riesige Flächen von Wäldern in Europa. Im wissenschaftlichen Vergleich: Immer öfter, immer stärker. Wasser wird in vielen Regionen sehr knapp, Flüsse trocknen aus, die Hitze tötet Tausende (alte und kranke Menschen sowie auch Tiere) und Pflanzen. Der CO2 Ausstoß wurde seit Jahrzehnten nicht wirksam reduziert, Politiker und die Herren der Ökonomie haben die wissenschaftlich begründete Wahrheit „Reduziert den CO2 Ausstoß“ sehr sehr oft ignoriert. Die meisten Menschen haben ihre üblichen Lebensgewohnheiten (Flugzeuge nutzen, Benzin – Autos fahren etc.) fortgesetzt. Die Wahrheit über die Rettung unserer Erde wurde also seit ca. 50 Jahren weithin ignoriert. Daraus folgt: Wer, wie etwa Mister Trump und Konsorten, die Wahrheit über den Klimawandel als eine Klimakatastrophe ignoriert, also weg – lügt, zerstört die Welt, zerstört das Zusammenleben, zerstört die Demokratie. Und ein offenbar ignoranter Kanzler Merz sprach am 15.Juli 2026 in der Bundespressekonferenz davon, er werde sich um die „Probleme des Wetters“ (sic) kümmern. Die Wahrheit der Klimakatastrophe ist Herrn Merz offenbar noch nicht vertraut. (Quelle: Etwa: ZDF, Heute Journal, 2.8.2026). Und die ganz den Interessen des Kapitals ergebene Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) meint sogar: Naturschutz sei im Zweifel als Hemmschuh für die Wirtschaft anzusehen.“ (Quelle Tagesspiegel, 3. 8.2026, Seite 5. Der vernünftige Umweltminister Carsten Schneider (SPD) betont: 25 Milliarden Euro betrage der jährliche Schaden durch die Trockenheit, wenn keine Gegenmaßnahmen getroffen werden“ (Tagesspiegel, 3.8.2026, S. 5)., Mit anderen Worten: Schon der finanzielle Schaden ist immens, wenn weiterhin die Wahrheit der Umweltkrise als Umweltkatastrophe ignoriert wird…

1. Auch Lügner beanspruchen die Wahrheit
Denken Sie diesen Gedanken: Die universell geltende, faktisch aber selten respektierte Forderung an alle Menschen: „Du sollst nicht lügen“, „Du sollst die Wahrheit sagen“ gilt nicht mehr, diese Wahrheit ist abgeschafft worden. Dann können alle Menschen je nach Belieben lügen, z.B. heute dieses und morgen anderes als Erkenntnis der gleichen Sache behaupten. Jeder und jede erfindet also – bei der Ignoranz gegenüber der Vernunfterkenntnis oder auch der Ignoranz gegenüber der „Stimme des Gewissens“ – je nach Laune immer neue Thesen: Die aber dann doch, um Aufmerksamkeit zu finden, als Wahrheit, als „meine Wahrheit“, propagiert werden müssen. Die nicht total zu vernichtende Idee der Wahrhaftigkeit können also die Lügner nicht auslöschen. Sie müssen für sich selbst und für andere ihre lügenhaften Behauptungen als ihre Wahrheit darstellen. Schon hier zeigt sich eine unauflösbare Verbindung von Wahrhaftigkeit und Lüge.
Lüge und Wahrheit bleiben selbst noch in einer umfassenden Lügen – Welt eng verbunden. Die Idee der Wahrheit lässt sich nicht kleinkriegen.

2. Richtig ist etwas anderes als wahr
Mathematische Wahrheiten können nicht außer Kraft gesetzt werden, sie gelten immer und überall. Die Leugnung mathematischer Wahrheiten würde die gesamte technisch – industrielle Wirklichkeit zerstören und damit Wohlstand und physisches Überleben unmöglich machen. Es wäre absolut unrealistisch, eine alternative Gemeinschaft aufzubauen, die zum obersten Dogma erklärt: Eins und Eins addiert ergibt Eineinhalb. Und eine andere alternative Gemeinschaft könnte aus purer Laune behaupten: Null plus Null ergibt zusammen eins.
Aber, wie gesagt: Schon aus technisch – praktischen Gründen muss mathematische Wahrheit gelten. Und wer dann in dieser mathematischen Welt korrekt, den Gesetzen entsprechend rechnet, der rechnet richtig, nicht etwa „wahr“. Richtig ist das korrekte Verhalten in einer gegebenen, in dem Fall mathematischen Wirklichkeit. Man wird im technischen Bereich niemals sagen: „Diese Autoreparatur ist nicht wahr,“ sondern: „Sie ist falsch“ oder auch: „Sie ist richtig.“

3. Faktencheck, weil so viele lügen
Wahrheit und Wahrsein sind umfassender als technische Richtigkeit. Wahrheit ist bezogen auf die geistige Sphäre, auf die Wahrnehmung von Welt, der menschlichen Gesellschaft, der Politik. Ist aber dort die Bindung an die Wahrheit abgeschafft, gilt Wahrhaftigkeit nichts mehr, dann kann es nur noch millionenfach Lügen geben, die alle in Konkurrenz und im Kampf um Vorherrschaft zu einander stehen. Diese Erfinder ihrer jeweiligen Lügen werden Kriege gegeneinander führen. Und es wird keinen Friede, kein humanes Zusammenleben, mehr geben: Denn nur die Bindung an die Verpflichtung, die Wahrheit zu sagen, kann als als Kriterium entscheiden, welche unter den vielen Thesen den Fakten entspricht und welche nicht. Dieser „Faktencheck“ ist das Eingeständnis, dass es doch Wahrheit gibt in der verwirrenden Vielfalt der Meinungen und „Wahrheiten“. Es gibt also in einer schon jetzt von der Herrschaft der Lüge vergifteten Welt das starke Bedürfnis zu wissen, was ist denn nun Wahrheit. Und die ist, wie gezeigt, mehr als rechnerisch – technisch korrekte Richtigkeit.

4. Lügen sind Nihilismus
Lügen zerstören humanes Leben: Nihilismus ist die Vorstellung, dass nichts gilt, dass Wahrheit nicht gilt, alles gleich -gültig ist, dass Gutes vom Bösen nicht unterschieden werden kann. Nihilismus ist das Resultat einer Herrschaft der Lüge und Lügner. Vaclav Havel, der tschechische Widerstandskämpfer, Literat und nach 1989 Staatspräsident in seiner Heimat, hatte seinen Überlegungen zur Lügen – Welt des Kommunismus/Stalinismus den Titel gegeben: „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ (1978). Inmitten des Verbrecher Regimes der kommunistischen Partei hat Havel gewusst, was Wahrheit, was wahres humanes Leben ist. Havel passte sich nicht an, wurde nicht zum Mitläufer, er wählte nicht den bequemen Weg wie die meisten in diktatorischen Regimen. Der Wahrheit folgen, in der Wahrheit leben: dies ist gefährlich, manchmal lebensgefährlich, das wusste Havel. Das wissen alle, die niemals auf Wahrhaftigkeit verzichten und in den Gulag der russischen Diktatoren damals und heute ums Überleben ringen, das wissen kritische Intellektuelle in dem Regime des Herrschers Trump, das wissen die Oppositionellen in der totalen Herrschaft Netanjahus und seiner faschistischen Minister oder im Regime der Mullahs usw…

5. Die Wahrheit immer und überall sagen?
Der Philosoph Immanuel Kant ist bei manchen Leuten in Verruf geraten, weil er in seinem Beitrag „Über ein vermeintliches Recht, aus Menschenliebe zu lügen“ (1797) sehr streng betonte: Niemals, unter keinen Umständen, ist Lügen moralisch zu rechtfertigen. Unser Zitat bezieht sich auf diesen Text (Fußnote 1): “Es ist also ein heiliges, unbedingt gebietendes, durch keine Conveniencen (Üblichkeiten) einzuschränkendes Vernunftgebot: In allen Erklärungen wahrhaft (ehrlich) zu sein.“ S. 227 f.). In seinem Beitrag will Kant nur das Eine sagen: Menschen dürfen um ihrer Menschlichkeit niemals darauf verzichten, an der Idee der Wahrheit und Wahrhaftigkeit festzuhalten. Diese Idee der Verpflichtung auf Wahrheit muss bestimmend sein, wenn die Gesellschaft, der Staat, wenn das Zusammenleben nicht durch die Herrschaft der Lüge völlig zerfallen und ausgelöscht werden soll.
Der Idee der Wahrheit kann der einzelne niemals vollständig und total entsprechen, aber er braucht diese Leit-Idee, um im Leben, im Suchen, im Forschen und Fragen ein Kriterium zur Verfügung zu haben, das wahre Erkenntnis von falscher trennen kann. Diese Leit – Idee der Wahrheit steht neben den anderen ähnlich strukturierten Leit – Ideen, dem Guten und dem Schönen: Auch sie sind Kriterien für ein humanes Leben: Niemand wird jemals absolut gut sein, vollkommene Schönheit wird niemals erreichbar sein: Aber niemand wird auf die Bindung an die Idee der Schönheit oder des Gutsein verzichten: Selbst ein Mörder kann sein – zum Beispiel fundamentalistisch – religiös motiviertes- Morden für sich als Gehorsam gegenüber seinem Gott irrigerweise sogar gut und wahr finden. Und selbst ein Fan von Kitsch – Gemälden wird noch unterscheiden können zwischen dem für ihn schönen Kitsch und dem unerträglich grellem Farben – Geschmiere anders orientierter Kitsch – Freunde…

6. Lügen als Ausnahme retten Leben
Man hat Kants Position weiter gedacht und behauptet: Er würde sogar für die Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit eintreten, wenn etwa die Nazis von einem Antifaschisten wissen wollen: „Haben Sie einem Juden in ihrer Wohnung Schutz gewährt?“ Natürlich darf dieser hilfsbereite Mensch NICHT die Wahrheit sagen, er darf nicht den Gesuchten der SS ausliefern. Denn der hilfsbereite Mensch kennt eine gegenüber der formellen Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit noch größere Wahrheit und sie reicht über die Konformität mit den geltenden Gesetzen hinaus: Das Leben eines Unschuldigen in einem Verbrecher – Regime zu schützen ist die höhere Wahrheit. Der Kant – Forscher Marcus Willaschek schreibt in seinem empfehlenswerten Buch „Kant. Die Revolution des Denkens“ passend zu unserem Beispiel: Der hilfsbereite Mensch habe mit der Lüge gegenüber dem SS Mann seiner richtigen Lebens – Maxime entsprochen und die heißt: „Ich will nicht lügen, es sei denn die Lüge ist das einzige Mittel, um ein großes Unrecht zu verhindern und verletzt keine berechtigten Interessen anderer Menschen.“ (Fußnote 2).
Moralisch ausschlaggebend ist in dem Beispiel, so Willlaschek, „die Verallgemeinerbarkeit dieser Maxime. Tatsächlich spricht nichts dagegen, dass diese Maxime (in unserem Beispiel die des hilfsbereiten Menschen) ein allgemeines Gesetz sein könnte.“ Und Willaschek betont: Es gibt also kein uneingeschränktes Lügenverbot.

7. Politiker als Lügner
Lügen kann – als reflektierte Ausnahme – DAS EINZIGE MITTEL sein, „um ein größeres Unrecht zu verhindern“. Diese sehr begrenzte, stets kritisch zu reflektierende Möglichkeit zu Lügen haben die zahllosen Lügen – Politiker und die einflußreichen Tech – Milliardäre total vergessen: Sie lügen und lügen, wie es ihnen gerade passt … und finanziell Vorteile bringt. Vorbild aller Lügen – Herren ist Mister Donald Trump, dessen Lügen innerhalb seiner Amtszeit schon gar nicht mehr gezählt werden können. Trump steht in einer Reihe mit den größten Lügner – Politikern der Gegenwart in Russland, China, Nord-Korea usw…Rechtsradikale PolitikerInnen in ganz Europa sind die MeisterInnen im Lügen, Im Verfälschen der Vergangenheit, im Einsatz falscher Behauptungen zur ökonomischen und politischen Entwicklung, zur Situation der Flüchtlinge und Ausländer.

8. Verlogenheit, Heuchelei, Sich-Verstellen….
Schwierig wird das Thema Lüge und Wahrheit, wenn man das Verschweigen der vollständigen Wahrheit betrachtet, also auch die Formen der Heuchelei, der Verstellung und der Verlogenheit. Gelegentlich kann das Verschweigen der vollständigen Wahrheit not -wendig sein, etwa im Rahmen diplomatischer Verhandlungen. Verschweigen bewegt sich in einer Art moralischen „Grauzone“, Verschweigen und Verleugnen wird ins Unmoralische abgleiten, wenn Verstellung und Verlogenheit zu einer Art Gewohnheit im Leben werden: Dann weiß der Betreffende nicht mehr, wer er selbst eigentlich ist. Auch Verlogenheit und Verstellung sind der Kritik der Leitidee Wahrhaftigkeit ausgesetzt.

9. Wissenschaftliche Wahrheiten verändern sich
Wenn wir von Wahrheit sprechen, ist die Bindung an die Wahrhaftigkeit gemeint und, wenn Wahrheit inhaltlich gemeint ist, dann meinen wir die universell geltenden Grundsätze, etwa die Menschenrechte.
Auch in Geisteswissenschaften gibt es Wahrheiten, die durch weitere Forschungen später ergänzt oder ersetzt werden. (Aber wir können uns heute nur an die inhaltlichen Wahrheiten halten, die heute wissenschaftlich plausibel sind, wir können uns natürlich nicht an die Wahrheiten halten, die nach weiteren Forschungen in 20 Jahren vielleicht gelten.

10. Wenn Religionen, wenn Kirchen lügen
Lügen und Wahrheit sind nach wie vor dringendes Thema der Religionskritik und Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie: Um nur bei einer der vorherrschenden Religionen, dem Katholizismus, zu bleiben: Da werden sogar noch von den heute herrschenden Klerikern bestimmte Bibelstellen gegen alle wissenschaftlich erwiesene Wahrheit fundamentalistisch gedeutet und in dogmatisch geltende Wahrheit überführt: Diese Ignoranz ist eine Form der Lüge, sie steht im Dienst der hierarchischen, angeblich von Gott höchstpersönlich gewünschten Klerus-Herrschaft. Beispiele dafür gibt es in großer Fülle: Man denke etwa an den angeblichen Befehl des historischen Jesus von Nazareth an seinen „Jünger“, den später Apostel genannten Petrus: Er sei der Fels, auf dem sich seine Kirche gründe (im Matthäus Evangelium, Kap. 16, Vers 8). Dabei weiß jeder, dass Jesus von Nazareth nicht im entferntesten daran dachte, eine Kirche zu gründen. Da wurde im Neuen Testament dem historischen Jesus eine Aussage unterschoben, die eigentlich als Lüge der Autoren des Neuen Testaments zu bewerten ist. Oder: Die Zulassung von Frauen zum Priesteramt wird damit von den Päpsten und ihren Theologen so begründet: Jesus habe nur 12 Männer zu Aposteln erwählt. Dabei werden im Neuen Testament selbst schon viele Frauen als JüngerInnen Jesu genannt. Trotz aller wissenschaftlichen Forschung, die Frauen als Priesterinnen auch in der katholischen Kirche für möglich und geboten halten, wollen die Kleriker auf ihre männliche Alleinherrschaft nicht verzichten. Und die Kleriker im Vatikan sagen: Na ja, es gibt doch einige Frauen in hohen Verwaltungsposten sogar im Vatikan…
Wie überhaupt der Vatikanstaat – historisch betrachtet – auf einer großen Lüge beruht: Man denke daran, dass die Päpste an die „Constantinische Schenkung“ glaubten, also an die Schenkung großer Gebiete Italiens durch den Kaiser, auch dann noch, als im 15. Jahrhundert der hoch gebildete Theologe und Historiker Lorenzo Valla nachweisen konnte, dass dieses angebliche Schenkung – Dokument Kaiser Constantins eine Fälschung aus dem 8. oder 9. Jahrhundert ist. Aber nur im Festhalten an dieser Lüge kann der Staat Vatikan überhaupt ein Existenzrecht haben. Bekanntlich war der Faschist Mussolini 1929 so freundlich, dem Papst wieder einen (winzigen) Staat zu gewähren.
So kann der Papst eben auch Staatsmann sein, mit allen Privilegien, man denke an das umfassende System der Vatikan- Botschafter, der Nuntien. Sie kontrollieren die Ortskirchen und melden etwa progressive Irrtümer und „Irrlehrer“ der jeweiligen Ortskirchen den Vatikanischen Behörden…
Es ist schon erstaunlich, dass eine Kirche, die, vernünftig betrachtet, auf Lügen beruht, selbst einen solchen Furor entwickelt hat und pflegt, ihre eigene Wahrheit gegenüber den „Ketzern“ auch mit Gewalt durchzusetzen…

11.Für die katholische Kirche (um nur von ihr zu sprechen) gehört die Lüge zur Ideologie, bei allem Furor der Durchsetzung der eigenen „Wahrheiten“

Es ist ein endloses, letztlich immer verstörendes Thema: Die katholische Kirche und ihre Bindung an dogmatische Lügen und politische Lügen. Aber die verbliebenen Katholiken stört das nicht so sehr, sie freuen sich, ihren Wunderglauben, auch ihren Glauben an die göttliche Erhörung ihrer Bittgebete usw… weiter pflegen zu dürfen. Wer wagt es noch, hier von praktiziertem Aberglauben in der katholischen Kirche zu sprechen? Aberglaube ist eine Lüge. Auch von der bewussten Ignoranz gegenüber Missbrauchstätern durch Bischöfe wäre zu sprechen, sie haben die Wahrheit verachtet zugunsten einer Kumpanei mit den Mitbürgern“, also ihre Kleriker als Missbrauchstäter gedeckt und verteidigt…

Fußnote 1: Immanuel Kant, „Zum ewigen Frieden und andere Schriften.“ Fischer Taschenbuch, 2008, S. 225- 231).

Fußnote 2: Marcus Willaschek, „Kant“. C.H. Beck Verlag, 2023, S. 106.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophisches Salon, Berlin.

 

Denken oder beten?

Wie wir in Gedanken andere in unser Leben rufen
Ein Hinweis von Christian Modehn am 25.6.2026

1.
„Ich werde an dich denken“. Anläßlich einer Bestattung, einer schweren Krankheit, einer Hochzeit, einer problematischen Reise, wann auch immer…: Es ist unter christlich geprägten Menschen auch in Deutschland üblich zu sagen: „Ich denke an dich“. Als Ausdruck der Verbundenheit, vielleicht als Trost.
Bis vor einigen Jahren sagten christlich geprägte Menschen noch, nicht nur im privaten Flüsterton: „Ich bete für dich“.

2.
Sich offen zum Beten für andere zu bekennen, ist in einer zunehmend säkularen Gesellschaft das Wagnis, als Frommer oder Frömmler dazustehen. Also als obsolet zu gelten. Zumal gebildete Christen heute ihre Probleme haben, den Sinn des Bittgebetes zu verstehen: „Ich bitte für dich bei Gott.“

3.
Dies ist also kein abseitiges Thema einiger spiritueller Menschen: Wir fragen: Was macht den Unterschied aus zwischen „Ich denke an dich“ und „Ich bete für dich“? Vielleicht meinen beide Zusagen, richtig verstanden, sogar das Gleiche?

4.
Wie gesagt: „Ich bete für dich“ hat man früher auch schnell gesagt, daher – geredet. .Wie eine Floskel. Heute hingegen wird das „Ich denke an dich“ ständig gesprochen in den genannten Fällen von Krisen oder auch besonders schönen Erlebnissen. Die Adressaten können die Zusage des anderen, des Freundes, er werde an mich denken, nur glauben. Und hoffen: dann hat man mich also doch nicht ganz vergessen, ich bin nicht ganz allein, man denkt an mich. Früher haben abergläubische Menschen diese Zusage angeblich „empirisch“ aber hilflos überprüfen wollen, wenn sie sagten: „Mir klingt nun das rechte Ohr“.

5.
Schauen wir auf die Zusage: „Ich bete für dich“ . Diese betende, bittende Person verspricht, sich an an Gott zu wenden und ihn zu bitten, Gott (oder Jesus Christus oder sogar Maria) möge sich um die betreffende Person, entweder leidend oder auch glücklich, vom Himmel aus „kümmern. Der Betende übergibt also sein Anliegen der göttlichen Wirklichkeit. Wer sagt: „Ich bete für dich“ entlastet sich: „Soll Gott sich doch kümmern. ER wird es in seiner Allmacht schon richten.“ „Für andere beten“ kann die Bedeutung haben: Für andere persönlich nicht eintreten, nicht handeln zu müssen. Es ist die Bequemlichkeit der Frommen…

6.
Nebenbei: Papst Leo XIV., so berichtet der „Vatikan Newsletter“ täglich, bekennt öffentlich ständig, für andere in der weiten Welt zu beten, für einzelne oder Gruppen oder ganze Länder, für Leidende, Hungernde, Frierende, Soldaten, Friedensstifter usw. Wenn der Papst für all diese Menschen täglich mindestens ein „Vater Unser“ und ein „Ave Maria“ betet, ist der halbe Vormittag um, möchte man ironisch sagen. Aber der Papst kann durch so viel öffentlich erklärte Fürbitt – Gebete seinen Anspruch beweisen, „Heiliger Vater“ zu sein … Vielleicht hört Gott auf päpstliches Beten besonders aufmerksam?

7.
Wer sagt „Ich denke an dich“ lebt in einer anderen Dimension, man kann sie „weltlich“ nennen: Aber wenn diese Zusage für den Sprechenden wirklich mehr ist als eine Floskel, dann führt sie in tiefere, man möchte sagen, philosophische Erfahrungen des menschlichen Lebens. Denn das „Denken an dich“ berührt den Geist, die Seele: Die andere Person wird wachgerufen, man sieht sie vor sich, fragt: Was war, was ist das Besondere dieses Menschen? Hat sie mir (noch) etwas zu sagen, bedeutet sie mir etwas? So entsteht eine Form der Kommunikation zwischen dem Denkenden und dem Menschen, dem das „Denken an…“ gilt. Man kann dies auch „Wechselseitigkeit“ (Jan Patocka) nennen. Durchaus mit dem Aufruf: Was kann ich für Dich tun, wenn ich so an dich denke. Und es kann die Erkenntnis gelingen: Wir beide haben die Voraussetzung: In unserem Geist verbunden zu sein!

8.
Wer sagt „Ich bete für dich“ und diese Zusage wirklich ernst meint und die Tiefe der Aussage versteht, der weiß: Gott im Himmel wird nicht eingreifen und wie in einem Wunder mit heiligen Blitz genau diese eine Person, für die ich bete, dann heilen, trösten, sich mit ihr freuen usw. Sondern im (Bitt-)Gebet erschließt sich für christliche Menschen die Erkenntnis: Gott, das Göttliche, der Ewige, wie auch immer sein Name unbeholfen genannt sein mag, ist immer schon anwesend: In mir, in den anderen, in der Welt. Anwesend als die nur geheimnisvoll, niemals zu definierende schöpferische Kraft, die in allem und allen lebt. Dies ist eine bleibende Erkenntnis christlicher Mystik.
Und was ist die Konsequenz? Ich stehe auf diese Weise mit dem anderen, den anderen, auch in einer Kommunikation: Ich denke also auch an den anderen, sehe ihn, frage mich: Was ist sein besonderes Profil, wo ist der andere wichtig für mich, herausfordernd, verstörend: Wo kann er/sie anregend sein für mich? Wo kann ich ihn, sie, begleiten, unterstützen…

9.
Also: Es sind die gleichen Erfahrungen und Erkenntnisse, die sich beim vernünftig nachdenkenden Beter einstellen wie bei dem, der sagt: „Ich denke an dich“. Es ist also in beiden Formen des Gedenkens die in die Praxis führende Dimension entscheidend, und wenn verantwortliche Denk – oder Gebets – Kommunikation: Dann auch mein Tun „in seinem Sinne“.

10.
Der angesehene tschechische Philosoph Jan Patocka (1907 – 1979) LINK https://religionsphilosophischer-salon.de/12573_ich-denke-an-dich-denken-in-zeiten-der-krise-5-teil_denkbar.
hat einen bedeutenden Essay geschrieben zum ungewöhnlichen Thema: „Phänomenologie des Lebens nach dem Tod“. Er reflektiert also unser Thema speziell im Hinblick auf den Tod eines geliebten Menschen.
Das Buch ist 2026 im Verlag Matthes und Seitz erschienen. Darin geht er auch der Frage nach: In welcher Form lebt der geliebte Verstorbene mit mir weiter: Die von Platon stammende metaphysische Antwort eines Weiterlebens der Seele in der Ewigkeit lehnt Patocka ab. Der Herausgeber dieses Buches, der Philosoph Tobias Keiling, schreibt in seiner ausführlichen Hinführung zur These Patockas: „Auch wenn der Verstorbene `die Zukunft (mit mir) nicht mehr aktuell mitgestalten`, also nicht mehr direkt aktuell am gemeinsamen Handeln Anteil haben kann, so kann sein vergangenes Leben mein Handeln doch weiterhin beeinflussen und bereichern… Das Sein des Verstorbenen könne `für mich zum Impuls für immer Neues werden, indem ich tiefer realisiere, was seine Existenz bedeutet hat und weiterhin bedeutet.` Dies ist ein bisher noch nicht berührtes Phänomen des Lebens nach dem Tod, das meinen eigenen Lebensentwurf mit dem des Verstorbenen verbindet.“ (S. 41,42).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Kirchen und Religionen sollten nicht die Demokratie bestimmen, auch nicht in den USA!

„Mit Gott gegen die Demokratie“ – Das neue wichtige Buch von Arnd Henze über die USA
Ein Hinweis von Christian Modehn am 20.6. 2026

1.
Der 4. Juli 2026 ist der 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung in den USA. Ein ganz großer Feiertag, hoffentlich dort auch ein Gedenk-Tag. Der 4. Juli ist für die Trump – Regierung und seine nationalistische MAGA-Bewegung von höchster Bedeutung. Sie werden den tiefgreifenden Umbruch in der Geschichte der USA feiern, also die neue antidemokratische „Ordnung“, die sie in den Jahren der Trump Herrschaft durchgesetzt haben. Seinen Sieg verdanken Trump und die Seinen vor allem auch den extrem wütenden „white evangelikal Christians“. „Sie lieben Trump nicht trotz, sondern wegen seiner tiefen Verachtung für alle Grenzen des Rechts und des Anstands“, schreibt Arnd Henze in seinem wichtigen Buch (S.10).

2.
Es ist also nicht nur naheliegend, sondern geboten, die für Europäer kaum vorstellbar große Bedeutung des Christentums in den USA heute zur Kenntnis zu nehmen, auch die kaum zu überblickende Vielfalt der Konfessionen dort – oder der Vereine, die sich Kirchen nennen. Auch wenn die Zahl der Konfessionslosen und Atheisten sogar in den USA stetig steigt, 2026 nennen sich etwa 29 Prozent der US-Bürger „Konfessionslos“ („Nones“): Die nationalistischen Politiker brauchen auch heute den sich christlich nennenden religiösen Fundamentalismus als ideologisches Schmiermittel für ihre menschenverachtenden Politik. Nur mit ihrem diffusen und jeglicher Rationalität entbehrenden christlich genannten Glauben können sie den Nebel erzeugen, den sie für ihre menschenverachtende Innen – wie Außen – und Kriegs-Politik benötigen.

3.
Man achte darauf, dass Präsident Trump als oberster Chef der viel gerühmten US-Demokratie von Friedensforschern heute als ein neuer Warlord, als „Kriegsherren“, eingereiht wird in die lange Liste ähnlicher Machthaber, wie Putin, Netanyahu und viele Herrscher im Nahen Osten oder in Afrika. Das entsprechende „Friedensgutachten“ der Friedensforscher wurde im Juni 2026 veröffentlicht, pünktlich als wissenschaftliche Einschätzung des Krieges von Netanjahu und Trump gegen den Iran, ein Krieg, der minimale Erfolge für die USA und Israel „gebracht“ hat. Diese werden aber von Trump in seinem Größenwahn als Siege verkündet, bloß weil das Benzin wieder billiger ist. Warlords sind kriegerische Herrscher, sie inszenieren ihre Kriege, wie es ihnen gerade nach Laune in den Kram passt, um es drastisch zu sagen. Der menschliche Schaden ihrer zudem noch schlecht vorbereiteten Kriege ist ihnen egal. Warlords wie Trump sind die Zerstörer der internationalen Ordnung, ein Kommentar: .LINK …  Der Text der Friedensforscher: LINK 
Dieser Warlord, US – Präsident Donald Trump, wird, wie gesagt, von evangelikalen und anderen rechtsextremen Christen wie ein Heilsbringer verehrt.

4.
Das Buch von Arnd Henze „Mit Gott gegen die Demokratie“ zeigt nicht etwa nur ein begrenztes religionskritisches oder theologiewissenschaftliches Problem, es bewegt nicht nur Fachleute: Der Untertitel heißt: „Warum der christliche Nationalismus alle angeht“. Erschienen ist das Buch im Gütersloher Verlagshaus, 2. Auflage auch im Jahr 2026.
Zur Ermunterung: Das Buch ist sehr gut geschrieben, sehr gut zugänglich, es hat 218 Seiten und kostet nur 20 Euro.

5.
Arnd Henze ist ein herausragender Kenner der Kirchen in den USA, seit vielen Jahren recherchiert er regelmäßig in den Vereinigten Staaten, er ist Journalist beim WDR. Ihm liegt auch als protestantischen Theologen daran, die Welt der vielen evangelikalen Kirchen n den USA verständlich zu machen, aber er lädt die Leserinnen auch ein wahrzunehmen, dass immer noch der Demokratie und den Menschenrechten verpflichtete Konfessionen in den USA aktiv sind – auch im Widerstand gegen das Trump -Regime.
Wie meinen auch nach der Lektüre des Buches: Das Christentum ist in den USA so tief gespalten, dass die Idee einer christlichen Einheit aller Kirchen wie eine absolut ferne Utopie erscheinen muss. Diese Einheit könnte nur entstehen, wenn die Evangelikalen und ihre Netzwerke zur theologischen Vernunft kommen UND ihre reaktionäre nationalistische, und das ist immer auch egoistische Präferenz zugunsten der Menschenrechte aufgeben. Es ist bei den „white evangelikal Christians“ diese Verklammerung von reaktionär – fundamentalistisch christlich mit reaktionär – nationalistisch politisch, die wenig Hoffnung macht auf eine Wiederkehr der Demokratie in den USA. Dass auch etwa 60 Prozent der „white catholics“ für Trump gestimmt haben, betont Arnd Henze, aber viele von ihnen sind wohl durch ihre Bindung an die Autorität des Papstes in ihrer totalen Hingabe an Trump und CO. gebremst…

6.
Das Buch von Arnd Henze „Mit Gott gegen die Demokratie“ hat drei Kapitel: Im ersten Kapitel „Die Zeit der Rache“ wird der christlich nationalistische Glaube einiger führender Mitarbeiter im unmittelbaren Umfeld von Trump analysiert. Im 2. Kapitel wird die auch für Deutschland heute wichtige Frage gestellt „Wiederholt sich die Geschichte?“, werden also die Rechtsradikalen schon wieder siegen? Und dann das genauso wichtige dritte Kapitel: „Wie sich Demokratie retten lässt“. Da kann Arnd Henze einen gewissen Optimismus nicht verbergen, wenn denn die Midterms – Wahlen im November 2026 einen großen Aufschwung und Sieg der Demokraten bringen und der Widerstand der kritischen und demokratisch gesinnten Gemeinden nicht nachlässt… (Siehe LINK https://www.fr.de/politik/midterms-2026-umfragen-setzen-trump-im-kongress-unter-druck-94343892.html)

7.
Wir können hier nicht die ausführlichen Analysen des Buches zusammenfassen. Als Inspiration zugunsten einer ausführlichen Buch – Lektüre nennen wir nur einige unserer Erkenntnisse im Werk Arnd Henzes.
Im ganzen gilt: Wie ideologisch leer und erbärmlich würden diese engsten Mitarbeiter Trumps dastehen, etwa Pete Hegseth, Stephen Miller, Russel Vought: Wenn es die Bibel nicht gäbe, dieses von ihnen ideologisch mißbrauchte Buch, das in sich nur in historisch-kritischer Lektüre erschließt, von den christlichen Trump – Ergebenen aber nur als Fundgrube für einige Zitate benutzt wird, die ihre menschenverachtende Politik verzieren.

8.
„Wir stehen auf der Seite Gottes“, sagt Stephen Miller, stellvertretender Stabschef im Weißen Haus. Und zu seinen Feinden, den demokratisch Engagierten sagt er: „Ihr seid nichts. Ihr seid Bosheit. Ihr seid Hass… Wir werden die Kräfte der Finsternis und des Bösen besiegen..“ (S. 47). Stephen Miller ist allerdings kein Christ, wie alle engen Mitarbeiter in Trumps unmittelbaren Regime, er gehört zur jüdischen Gemeinschaft. Arnd Henze nennt ihn treffend. „Technokrat des Ausnahmezustandes“ (S. 43).
Dem Kapitel über den Verteidigungsminister Pete Hegeseth gibt Henze den treffenden Titel „ Der Posterboy des Christian Warriors“, des „Christlichen Kriegers.

9.
Für Peter Thiel, dem Tech – Milliardär und Investor im Silicon Valley sowie dem Mitbegründer des Datenanalyse-Unternehmens Palantir, ist kein eigenes Kapitel gewidmet. Thiel wird allerdings im Kapitel über J.D.Vance erwähnt. Freiheit und Demokratie sind für Thiel nicht kompatibel. Der Milliardär unterstützte Trump mit Millionen, für Vance spendierte der Milliardär 15 MIllionen im Wahlkampf 2022. Thiel ist auch bekannt geworden wegen seiner heftigen apokalyptischen Fantasien zu einer bevorstehenden „End-Zeit“, die durch das Auftreten des Anti – Christen bestimmt sein wird, wenn nicht Widerstand geleistet wird. In Trump sieht Thiel den entscheidenden Kämpfer gegen den Antichristen…Denn er kann die Tech-Konzerne als Organisationen des Widerstandes gegen den Antichristenn „von allen regulatorischen Hürden befreien“ (S. 54), also die Monopol – Stellung der Tech – Konzerne definitiv durchsetzen.
Peter Thiel und Vizepräsident J.D. Vance kennen sich seit etlichen Jahren. Die entscheidende Begegnung fand 2011 statt. Thiel wurde der „berufliche, religiöse und politischer Mentor“ von Vance, betont Henze (S. 53). Vance entwickelte eine „bedingungslose Loyalität zum Tech -Milliardär“(ebd.) .
Konkurrenz in der Wirtschaft lehnt Thiel ab: „Nur Monopole seien erfolgreich“(S. 54), d.h. sie bringen den gewünschten großen Gewinn fürs eigene Konto.
Zur Glaubenshaltung des zum Katholizismus konvertierten Vizepräsidenten J.D. Vance schreibt Henze: J.D. Vance glaubt an einen „Identitäten Katholizismus“. Seltsamerweise lebt er aber mit seiner Ehefrau eine gar nicht so katholisch-identitäre Ehe: Denn Usha Chilukuri Vance ist überzeugte Hinduistin… Immerhin: Die Kinder sind katholisch getauft, die klassische päpstliche Forderung in Mischehen wird also befolgt!

Ende Juni 2026 hat Vance sein neues Buch vorgelegt mit dem Titel „Communion – Finding my way back to faith“ (Harper, New York). Eine Art Bekenntnisbuch, ein klein bißchen auch selbstkritisch, es erzählt von seiner Konversion, aber „man sollte das Buch weniger als Auseinandersetzung mit dem Katholizismus lesen“ statt dessen mehr als ein moralisch gefärbtes Bewerbungsschreiben um das Amt des Präsidenten verstehen, bewertet Christiane Lutz in einer ausführlichen Rezension in der Süddeutschen Zeitung (20./21. Juni 2026, S. 19) das Opus von 304 Seiten. Aber eins steht nach wie vor fest für Vance: „Das Fehlen christlicher Werte ist einer der Gründe, warum es mit der westlichen Welt bergab geht“ (Christiane Lutz). Er sorgt ja mit Trump und Seinen für diese „Werte“…
Aus aktuellem Anlass nebenbei: Es gibt offensichtlich eine Verbindung des CDU Politikers Jens Spahn mit dem privaten Netzwerk von Peter Thiel siehe: Tagesspiegel, 18.Juni 2026, LINK.

10.
Im Kapitel über Trump ist wichtig: Mit Trump geschieht die „finale Absage an den demokratischen Rechtsstaat“ (S.162). ..„In all dem sehe ich wesentliche Merkmale eines autoritären und faschistischen Staates“ (ebd.) . Wichtig ist: Trump und seine nationalistischen engen Mitarbeiter glauben an das „wirkungsmächtige Narrativ der religiösen rechten, dem Seven Mountains Mandat“ (S. 13). Das heißt: Die Leute meinen, in sieben Bereichen („Mountains“, Bergen) müsse das Christentum herrschen: In der Religion, der Familie, der Bildung, der Regierung, in den Medien, der Wirtschaft und in Kunst und Kultur. (S. 13) Also: In allen Bereichen sollen die Grundsätze des Christentums (so, wie es de Nationalisten verstehen) herrschen. Christus soll als der „oberste König“ über dem Staat stehen: „Ein solches totalitäres Gesellschaftsbild kann nur in einer Diktatur verwirklicht werden…dahinter steht der Ruf nach einer Theokratie als Herrschaftsinstrumentarium des 21. Jahrhunderts“ (S. 13).

11.
Arnd Henze erinnert daran, dass der international geschätzte Historiker Timothy Snyder schon 2017 einen neuen, durchaus originellen wie treffenden Begriff für das Trump -Regime wählte, der das ganze Verstörende dieser Herrschaft – besonders in den Innenpolitik – gültig und treffend zusammenfasst: Es ist der Begriff „Sadopopulismus“. Das heißt: Der rechtsextreme Populismus im Trump Regime und der MAGA Bewegung ist sadistisch bestimmt: Also: Diese regierenden Herren wollen mit ihrer Politik bewusst und gezielt die Schwachen quälen: Arme, Ausländer, Eingewanderte, Farbige, die weite Gemeinschaft der Queers usw. und auch die Millionen Armen in der sogenannten Dritten Welt, die auf Befehl Trumps keine Hilfe mehr von USAID erhalten und so bewusst von Trump und den Seinen in den Hungertod geschickt werden.
Die von Trump und Co. inszenierte sadistische Qual bedeutet für die Menschen in den USA: Das Regime will die genannten Armen weiter tief unten halten im Elend, am liebsten viele aus den USA mit brutaler Gewalt (siehe die Untaten der Grenzschutzbehörde ICE) rausschmeißen. Und statt de facto wird aller Reichtum für die bisher schon Reichen, die Millionäre und Milliardäre, durch eine „Steuerpolitik“ vermehrt.

12.
Der Begriff Sadopopulismus hat – dem Tool folgend – eine perverse Nuance: Denn dieser Sadismus setzt eine Hierarchie von Grausamkeiten gegenüber den vielen Armen voraus: „Die eigenen Schmerzen werden erträglich, weil man anderen zusehen kann, die es viel heftiger trifft. Die Regierung lässt dich zwar (ökonomisch) leiden, etwa die schlecht bezahlten Arbeiter, also möchtest du sadistisch, dass andere noch mehr leiden als du“ (S. 155). Diese gezielt eingesetzten, abgestuften Leidenserfahrungen in der Gesellschaft der USA führen „zur Zerstörung jeder Vorstellung von Gesellschaft als einem sozialen Raum, und in dem es um eine bessere Zukunft für uns alle geht“ (ebd.)

13.
Einige unserer FRAGEN, angestoßen durch das Buch „Mit Gott gegen die Demokratie“:
Wie verhalten sich evangelikale Kreise in der EKD, wie evangelikale, selbständige Kirchen in der BRD, etwa die Baptisten, zu ihren nationalistischen rechtsextremen „Mitchristen“ in den USA? Welche Distanzierungen als öffentliche Stellungnahmen liegen da schon vor?

Warum gibt es offenbar wenig Solidarität der protestantischen Gemeinden etwa in Deutschland mit den Trump – widerstehenden KirchenGemeinden und Organisationen (etwa die unterreligiöse Gruppe „Poor People´s Campaign“) in den USA?

Wie wird die richtige Erkenntnis von Arnd Henze in kirchlichen und theologischen Kreisen in Deutschland aufgenommen: „Religionen, auch die Kirchen, tun der Förderung und für den Bestand der Demokratien NICHT gut“? Wie äußert sich Hartmut Rosa zu dieser richtigen Erkenntnis von Arnd Henze, die er ja nicht allein vertritt, siehe etwa Horst Dreier, Prof. u.a. für Rechtsphilosophie, in seinem Buch: „Staat ohne Gott“ (2018). Der bekannte Soziologe Hartmut Rosa hat ja dafür plädiert, dass Demokratie zum eigenen Bestand die Kirchen braucht. LINK
In der „Süddeutschen Zeitung“ vom 7. April 2026, Seite 16, hingegen betont Henze: „Es fehlt jede empirische Evidenz dafür, dass Religion mit ihrem inhärenten Absolutheits – und Machtanspruch einer Demokratie guttut.“

Wie können demokratische Politiker in Europa, in Deutschland, den Umgang mit Trump und seinen engsten Mitarbeitern überhaupt ertragen, wenn sie wissen, was Arnd Henze ausführlich beweist: Eigentlich sind diese Trump – Leute erklärte Feinde der universell geltenden Menschenrechte? Sie sind, wie Henze treffend schreibt, „ohne moralische Maßstäbe“ (S. 161). Werden totale Selbstverleugnung und Schmeichelei gegenüber den angeblich allmächtigen Herrschern im Trump Regime zu Voraussetzungen für Menschen, die in den Demokratien Europas noch als Politiker handeln wollen? Sollten nicht auch demokratische Politiker wie Propheten der Demokratie zu Trump sagen, das was Bischöfin Mariann Edgar Budde direkt zu Trump in der „Washington National Cathedral „am 21.1.2025 betonte: „Haben Sie Erbarmen, Mr. President“ (S. 178).

Arnd Henze weist in seinem Buch ausführlich auf den Theologen Dietrich Bonhoeffer (1945 von den Nazis ermordet) hin, der – nach allen Mahnungen und Warnungen gegenüber einem Unrechtsregime – die Möglichkeit empfiehlt, diesem Unrechtsregime, so wörtlich, „in die Speichen zu greifen“, also diese Herrschaft zum Stehen – und damit vielleicht zum Verschwinden – zu bringen?

Was bedeutet diese kluge Erkenntnis Dietrich Bonhoeffers auch für Europa, auch für Deutschland, wenn Rechtsextreme immer deutlicher die Macht übernehmen wollen oder Politiker der rechten, sich christlich nennenden Parteien die Forderungen der Rechtsradikalen – etwa hinsichtlich der Flüchtlingspolitik – übernehmen, und mit dieser nachweislich erfolglosen Strategie keine Stimme etwa der AfD in die eigene Partei CDU/CSU ziehen.

Es wird oft – zumal in Deutschland – darüber diskutiert, ob man das Trump Regime faschistisch nennen darf oder nennen sollte. Arnd Henze argumentiert in der Frage differenziert.
Auch die Verwendung des Begriffs „Konzentrationslager“ für die entstehenden Massenunterbringungen von Guantanamo Bay bis Alligator Alcatraz muss neu überdacht werden und die KZs in Nazi – Deutschland haben nicht „die Ehre“ einzigartig zu sein“, auch darauf weist Henze hin und erinnert an die zehn USA „Relocation Center“ für Japaner im 2. Weltkrieg oder an die Lager in den afrikanischen Kolonien der Europäer usw…

Eine interessante Parallele: In den USA fordern und fördern die rechtsextremen evangelikalen Kreise die von ihnen geleiteten Privatschulen sowie auch den Unterricht zuhause bei den eigenenEltern, „außerhalb staatlicher Strukuen und Kontrolle“ (S. 76). Auch mit den Millionen – Spenden – Einnahmen der evangelikalen Mega-Churches ist es gelungen, „ein Parallelimperium christlich – nationalistischer Bildungseinrichtungen zu schaffen, wo inzwischen zwei Generationen rechter Kulturkämpfer ausgebildet wurden – eine weiße `Untergrundarmee christlicher Krieger`, wie es der heutige Verteidigungs- (und Kriegs-) Minister Pete Hegseth martialisch auf den Punkt bringt“: (Arnd Henze in „Publik -Forum, Nr. 11, Juni 2026, S. 14).
Die AfD in Sachsen – Anhalt fordert auch die Stärkung des Unterrichts der Kinder durch die Eltern (Mütter) zu Hause… Die AfD behauptet, öffentliche Schulen verhindern die optimale Leistungsfähigkeit. In den öffentlichen Schulen würden vor allem den Kindern “fragwürdige Lebensansichten“ vermittelt. Eine Position, die sich mit den Evangelikalen und Rechtsradikalen in den USA deckt. Die AfD übernimmt bereits inhaltlich Ideologien der nationalistisch – christlichen Trump – Regierung.

Arnd Henze, Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht.“ Gütersloher Verlagshaus, 2026, 2. Auflage 2026, 224 Seiten, 20 €. Mit QR-Codes wird auf weiterführende audiovisuelle Quellen verwiesen!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon.de. in Berlin.