Sexueller Missbrauch: Pater Marcial Maciel: Schon seit 1943 waren seine Untaten im Vatikan bekannt

Der sexuelle Missbrauch durch Kleriker wird immer umfassender

Von Christian Modehn

Über Pater Marcial Maciel, den Gründer des katholischen Ordens „Legionäre Christi“ und der Laienbewegung „Regnum Christi“ wurde ausführlich berichtet, seit etwa 12 Jahren vor allem auf dieser website. Die deutschen Theologen an den Universitäten hielten sich bis jetzt bei dem Thema angstvoll zurück. Denn die Legionäre Christi sind immer noch sehr mächtig und sie haben sehr (!) viel Geld…

Hier kann nur an einige Tatsachen erinnert werden: Den ständigen sexuellen Missbrauch an Minderjährigen und jungen Erwachsenen durch den Ordenspriester und tatsächlich so genannten „Generaldirektor“ seines Ordens Pater Maciel; sein zölibatäres Doppelleben mit Frauen und die Zeugung von Kindern; die maßlose finanzielle Gier, die Verlogenheit, sein frommes Gehabe, “Christus ist mein Leben“, heißt eines seiner Bücher; seine tiefe und innige Freundschaft mit dem jetzt Heiligen polnischen Papst Johannes Paul II, dieser Papst war sich nicht zu schade, öffentlich Pater Maciel „ein Vorbild der Jugend“ zu nennen, auch mit Kardinälen im Vatikan, in Mexiko, in Spanien hatte Maciel innige „reiche“ Beziehungen usw.

Doch nun gibt es etwas Neues: Der für das Ordensleben weltweit zuständige Kardinal Joao Braz de Aviz im Vatikan muss nun öffentlich zugeben: Schon seit 1943 war es dem Vatikan, den dortigen Behörden, also auch wohl dem damaligen Papst (Pius XII.) bekannt, welche Untaten Pater Marcial Maciel praktizierte, für weitere aktuelle Informationen klicken Sie hier. Der Vatikan schwieg, nur von 1956 bis 1959 wurde er aus Rom entfernt, vor allem wegen eklatanter Drogenabhängigkeit; man „untersuchte“ seinen „Fall“, fand aber – wie zu erwarten – nichts Schlimmes. Schlimm waren für den Vatikan und die Bischöfe nur die wenigen so genannten linken Priester und die Arbeiterpriester. Ein sexueller Verbrecher aber wurde, weil sehr wohlhabend, und nach außen sehr dogmatisch orthodox, geschont. So konnte Maciel 1959 zurück nach Rom und sein Treiben fortsetzen. Es gab etliche sehr deutliche Stellungnahmen von Opfern der sexuellen Gewalt durch Pater Maciel, vor allem von ehemaligen Ordensmitgliedern; aber nichts geschah. Und erst kurz nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. konnte Papst Benedikt XVI. den alten Priester, den er nach einigen Recherchen öffentlich einen Verbrecher nannte, höflich bitten, sich doch bitte bitte zurückzuziehen und den Mund zu halten.

Von einem Prozess gegen ihn, von einem Ernstnehmen der Opfer keine Spur. Der Klerus regelt alles „unter sich“. Die Opfer des Missbrauchs sind eigentlich egal.

Selbstverständlich ist davon auszugehen, dass die Ordensmitglieder, die Legionäre, die ja in seiner unmittelbaren Nähe wohnten und ihn von Besuchen direkt kannten, von dem Treiben ihres so hoch verehrten Ordensgründers Maciel wussten. Man plante ja schon eine Heiligsprechung… Aber nach der Freilegung der verbrecherischen Taten durch Maciel wurde der Orden nicht etwa aufgelöst: Nein, er besteht munter weiter, schließlich braucht die Kirche diese vielen jungen „Legionäre“ und auch ihr Geld. Und so reisen die jungen Legionäre durch die Welt, predigen, betteln als Millionäre um Geld bei den Armen, halten Vorträge, wie kürzlich in Berlin ausgerechnet zum Gedenken an Romano Guardini. Wann werden sie eine von vielen neuen „Großgemeinden“ übernehmen?

Was am wichtigsten ist: Kardinal Joao Braz de Aviz muss nun zugeben: Seit 1943 hat der Vatikan die Verbrechen Maciels verheimlicht und geschützt. Kein Papst, kein Kardinal kam auf die Idee, diesen Herrn der staatlichen Justiz zu übergeben. Alles wurde „unter dem großen vatikanischen Deckel gehalten“. Der Klerus hält eben zusammen! Die Klerus-Gesetze sind wichtiger als die Menschenrechte. Bis heute! Voltaire würde in dem Zusammenhang vielleicht sagen: „Ecrasez l infame“…

Jetzt beginnt aber auch – hoffentlich – die Zeit der historischen Forschungen zum Dauerthema „Zölibatärer Klerus und sexueller Missbrauch“, diese Forschungen aber müssen weit über das 20. Jahrhundert hinausgehen: Es gilt, den sexuellen Missbrauch durch Priester in Orden und Gemeinden freizulegen, als fundamentalen Teil, als Struktur der Klerus-Geschichte. Aber Klerus-Geschichte ist weithin im Katholizismus identisch mit „allgemeiner“ Kirchengeschichte.

Für Kardinal Joao Braz de Aviz ist es jedenfalls „ein furchtbarer Irrtum“, so wörtlich, zu glauben, der sexuelle Missbrauch durch Priester sei ein zeitgenössisches Phänomen. „Wir stehen eigentlich erst am Anfang der Erkenntnisse“. Und wie lange die Geduld der Mitglieder dieser Kirche noch reicht mit diesem Klerus, ist eine andere Frage. Es könnte ja sein, dass sehr bald gebildete Katholiken entdecken: Die göttliche Wirklichkeit ist in mir, wie Meister Eckart lehrt und viele andere. Wofür dann noch diese Klerus-Kirche?

Wie die Kirche früher, im 17. Jahrhundert, mit dem sexuellen Missbrauch durch Priester umging, kann man am Beispiel des Ordens der Schulpriester, auch Piaristen, genannt, nachlesen. Ich habe darüber berichtet, bisher ohne größere Aufmerksamkeit etwa der Medien. Jedenfalls gab es einmal eine Zeit, als ein Orden des sexuellen Missbrauchs wenigstens zeitweise aufgelöst wurde. Dieser Beitrag enthält auch eine Stellungnahme von Matthias Katsch, vom „Eckigen Tisch“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

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