Martin Heidegger vor 50 Jahren gestorben: Und seine Philosophie? Eher tot als lebendig!

Ein Hinweis von Christian Modehn anläßlich des Todestages Martin Heideggers am 26. Mai 1976.

ERSTES KAPITEL:
Der Ausgangspunkt:
Heideggers „noch frühe“ Philosophie (etwa „Sein und und Zeit“ von 1927) , vor allem sein spätes „Denken“ seit Mitte der dreißiger Jahre können keine inspirierende Orientierung bieten zu den großen Problemen unserer Gegenwart. PhilosophInnen leben und denken nicht in esoterischen, weltfernen Zirkeln. Sondern inmitten der Krisen der Welt wollen sie helfen, unsere Gegenwart „auf den Begriff zu bringen“ Und da ist bei Heidegger für die philosophisch Interessierten, die LeserInnen, nichts Weiterführendes, nichts Hilfreiches, zu entdecken: Da kann man sich bestenfalls abarbeiten an der Frage` Wie können wir seine Aussagen ganz anders denken und überwinden?
Es ist schon klar, dass direkte politische Ratschläge von PhilosophInnen nicht zu erwarten sind. Aber bei Heidegger ist die Situation besonders irritierend: Hat er doch eine ausgearbeitete Ethik oder „praktische Philosophie“ nicht denken können und wollen. Aber selbst zwischen den Zeilen seiner dann – nach der Wende, Kehre seines Denkens in den dreißiger Jahren – schwer nachvollziehbaren Texte gibt es keine Perspektiven, die als Orientierung zu jetzt aktuellen Problemen zu deuten wären.

Zu den seit Jahrzehnten besprochenen, aber nicht gelösten Umweltkatastrophen, zur globalen Ungerechtigkeit gegenüber den Armen, zum Neoliberalismus, Neokolonialismus, zur Umverteilung des Reichtums der Milliardäre, zum Neofaschismus in allen Ländern Europas, zur Krise der Demokratie, Verachtung der Menschenrechte weltweit… und so weiter hat Heidegger nichts gesagt und heute nichts zu sagen. Wer auch nur ansatzweise die Philosophie und das Denken Heideggers kennt, muss das erkennen! Es sei denn, man zieht noch einzelne Sätze, einzelne Aspekte, aus seinem Werk heraus, etwa zu seiner Technik – Kritik oder zur „Verfallenheit“ der Menschen an das „Man“. Aber wer etwa Hölderlin oder Nietzsche als solche verstehen will, braucht nicht Heideggers absonderliche Interpretationen; wer die Geschichte der Metaphysik verstehen will, muss sich nicht auf die totale Ablehnung der (klassischen) Metaphysik durch Heidegger einlassen und nur noch die Vorsokratiker hochschätzen.

Es muss von Anfang an deutlich sein: Heideggers umfangreiches Werk liegt nun zwar vor, aber lediglich als so genannte „Gesamtausgabe“. Sie kann den Anspruch einer für wissenschaftliche Forschung übliche kritische Werkausgabe nicht erfüllen. Deswegen werden sich selbstverständlich Philosophen, Politologen, Historiker und vor allem auch Psychologen wegen seines extremen egozentrischen „Sendungsbewusstseins“ weiter Heidegger wissenschaftlich – kritisch befassen müssen. So wie es ja auch selbstverständlich ist, eine kritische wissenschaftliche Forschung zu Ernst Jünger, Carl Schmitt, Arnold Gehlen oder Céline und vielen anderen zu leisten, die sich wie Heidegger in einem rechtsextremen Denken verirrten. Der Philosoph Hans Jörg Sandkühler hat in seinem Beitrag „Kaum einer, der sich nicht angepasst hätte“ über in Deutschland verbliebenen deutschen Philosophen in der Nazi-Zeit geschrieben: Fast alle waren, wenn nicht überzeugte Nazis, so doch Mitläufer und Sympathisanten. Dieser wichtige Beitrag zeigt die Verführbarkeit der Philosophen durch rechtsextremes, antisemitisches Denken, siehe unten den Literaturhinweis.
Die immer wiederkehrende, stereotype „allgemeine“ Einschätzung Heideggers als eines „Philosophen von Weltrang“ wird man also neu bestimmen müssen … und als globale „Ehrenbezeichnung“ wohl beiseite legen: Das sind die grundlegenden Perspektiven zum 50. Todestag Martin Heideggers. Sein Werk muss weitererforscht werden, es ist aber für die Probleme der Gegenwart irrelevant, nicht weiterführend, kurz: nicht hilfreich. Das gilt für die LeserInnen seiner Werke, es sei denn man will In der reflektieren Ablehnung Heideggers auf eigene Gedanken der Kritik kommen…

Diese hier nur skizzierte Erkenntnis ist schmerzlich für die vielen „alten“, also ehemaligen Heidegger – Fans, Schüler Heideggers , die einen großen Teil ihrer Lebenszeit mit dem Entziffern, Hin – und Her-Wenden, dem Durchkauen und Nachbeten von Heidegger Texten verbracht haben. Sie fragen sich: Wohin hat uns unser Heidegger – Studium geführt? Ist unsere Existenz, unser Dasein, durch seine Ausführungen heller, klarer, lebendiger geworden?
Im zweiten Kapitel unseres Hinweises – aus aktuellem Anlass – einige zentrale Erkenntnisse zu Leben und Werk Martin Heideggers, wieder in gebotener Kürze und in nachvollziehbarer, nicht im esoterischem Jargon des späten Heidegger. Es wird also auf elementare Erkenntnisse zu Leben und Werk Heidegger hingewiesen, so wird deutlicher, was in unseren Thesen des ersten Teils aufgezeigt wurde. Die Hinweise des Zweiten Kapitels sind bei dem umfangreichen Werk selbstverständlich kleine, fragmentarische Essays. Sie können die weitere Auseinandersetzung für „Nicht – Fach – Philosophen“ fördern. Aber: Wer darf sich schon „Fachphilosoph“ nennen, wenn man nur an die allgemeine Verführbarkeit der allermeisten in Deutschland verbliebenen Philosophen durch die Nazi – Ideologie denkt? Karl Jaspers gehört sicher zu den wenigen Aufrechten in dieser Zeit…

ZWEITES KAPITEL:

1.
Zur Gesamtausgabe:
Zur sogenannten „Gesamtausgabe“ muss beachtet werden: „Es existiert kein unabhängiges wissenschaftliches Herausgeber-Gremium, sondern es ist die Familie Heideggers, die die Herausgeber bestimmt, als ersten den letzten persönlichen Assistenten Heideggers Friedrich Wilhelm von Herrmann, der dann zum ‚leitenden Herausgeber‘ aufstieg.“ Quelle: Anton M. Fischer: Späte Götterdämmerung. In: Marion Heinz, Sidonie Kellerer (Hrsg.): Martin Heideggers ‚Schwarze Hefte‘, Berlin 2016, S. 416–439. hier: S. 423.
Der us-amerikanische Philosoph und Heidegger – Spezialist Richard Wolin betont, „dass die Hüter von Heideggers Nachlass ebenso wie die Editoren systematisch pro-nazistische und antisemitische Äußerungen aus den veröffentlichten Versionen von Heideggers Texten getilgt haben. Was die oft vorgebrachte Behauptung, es handele sich um eine Ausgabe ‚letzter Hand‘, Lügen straft“. Solange es keine Kritische Ausgabe von Heideggers Werken gebe, habe man keine Gewissheit über das, was Heidegger seinerzeit geschrieben hat, betont Richard Wolin. Quelle: Richard Wolin: Heideggers „Schwarze Hefte“: Nationalsozialismus, Weltjudentum und Seinsgeschichte. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (Heft 3-2015). de Gruyter, München. Wolin hat kürzlich das grundlegende Buch veröffentlicht: „Heidegger in Ruins: Between Philosophy and Ideology“ (2022).
Der Journalist Eggert Blum erklärt vor dem Hintergrund der Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“, warum „Heideggers Judenfeindschaft“ nicht schon früher in der Gesamtausgabe sichtbar geworden sei. Blum erhebt den Vorwurf, dass Heideggers Erben über viele Jahre antisemitische Spuren „mit Eifer verwischt“ hätten, beispielsweise im Band 69 der Gesamtausgabe „Geschichte des Seyns“ den Satz mit der „Vorbestimmung der Judenschaft für das planetarische Verbrechertum“, den der junge Herausgeber Peter Trawny 1998 auf Geheiß von Friedrich-Wilhelm von Herrmann eliminiert hatte. Quelle. Eggert Blum, Schwarze Hefte, geschönte Werke, „SWR2“, 12. November 2014.

2. Zu den „Schwarzen Heften. …..
Die in weiten Kreisen übliche Qualifizierung Heideggers als eines Denkers von Weltrang wurde definitiv erschüttert durch die Veröffentlichung der so genannten „Schwarzen Hefte“. Es handelt sich dabei im Original um 33 schwarze Wachstuch-Hefte, die Heidegger als seine „Denk-Tage-Bücher“ verwahrte und deren Veröffentlichung er erst post mortem gestattete. Im dritten Band dieser Hefte, im März 2014 publiziert, zeigt sich Heidegger mit antisemitischen Äußerungen und seiner Verbundenheit mit der Nazi – Ideologie. „Mit der Veröffentlichung von Heideggers „Schwarzen Heften“ im Jahr 2014 wurde deutlich, dass er eine weitaus radikalere Vision der `konservativen Revolution` vertrat, als zuvor vermutet. Wie sich herausstellt, bestand seine Unzufriedenheit mit dem Nationalsozialismus hauptsächlich darin, dass dieser nicht weit genug ging. Die Hefte zeigen, dass Heideggers Philosophie keineswegs vom Nationalsozialismus getrennt war, sondern vielmehr von ihm durchdrungen war,“ so Richard Wolin in „Heidegger in Ruins: Between Philosophy and Ideology“ 2023. In diesen persönlichen Notizen der „Schwarzen Hefte“ behauptet Heidegger, das Judentum zeichne sich durch „rechnendes Denken“ aus, zudem sei das Weltjudentum Schuld am 2.Weltkrieg.
Dabei hatten kritische Heidegger Forscher schon viele Jahre zuvor Heideggers Bindung an die Ideologie des Nationalsozialismus herausgearbeitet, etwa Studien über „Philosophie und Politik bei Heidegger“ von Otto Pöggeler (1972) oder schon 1965 Alexander Schwan. Der Philosoph und Politologe Prof. Alexander Schwan betonte erneut in seinem Beitrag in dem Band „Heidegger und die praktische Philosophie“ (1989): „Heidegger bietet nichts, was zur Überwindung des Nationalsozialismus beitragen könnte.“ (S. 100). Zudem hat Heidegger, so Alexander Schwan, „das Auftreten von Rassengedanken und Rassenzüchtung als seinsgeschichtliche Notwendigkeit anerkannt.“ (ebd.) Heidegger wird also nun deutlich gesehen als politisch gebundener rechtsextremer Philosoph, der nicht nur die Demokratie verachtete und das Führer-Prinzip fördern wollte, sondern dessen „schablonenhaften Analysen zum gegenwärtigen Zeitalter und zu den politischen Vorgängen gänzlich unzureichend sind. Sie sind darüber hinaus in ihrer Apodiktik gefährlich… Das damit von Heidegger eingeschlagene philosophische Vorgehen ist unzumutbar und inakzeptabel.“ Quelle: Alexander Schwan, „Heidegger und die praktische Philosophie“, Suhrkamp, 1989, S. 105). Und der US-amerikanische Historiker und Philosoph Richard Wolin zeigt, „dass Heideggers gesamter vernunftkritischer Ansatz und seine verstörenden antisemitischen Bekundungen eng verknüpft sind“.
In seiner großen Heidegger Biografie schreibt der Philosophie-Historiker Guillaume Payen : „Heideggers Volk bestand aus einheitlichem Blut , das die Juden ausschloss“ (S. 602). Und: „Seine Überzeugung ist, dass Deutschlands Heil Adolf Hitler heißt, das stand vor Januar 1933 für ihn fest“, schreibt der Philosoph Jean-Paul Bled, in Payen, S. 11.
Zu dem Buch „Martin Heideggers Schwarze Hefte“ (hg. von Marion Heinz und Sidonie Kellerer, Suhrkamp 2016), schreibt Sabine Hollewedde zusammenfassend: „Bis in postmoderne Positionen hinein zieht sich das Erbe der Heideggerschen Subjekt- und Vernunftkritik sein ‚fatalistischer Kern‘, der den Menschen jede Fähigkeit zur Emanzipation abspricht und gar noch fordert, sie mögen sich in das (Seins-)Geschick fügen. Dass ein solches Denken nicht bloß Affinität zu einem faschistischen Politikverständnis besitzt, sondern diesem seinem Kern nach entspricht, macht die Lektüre der Beiträge dieses Bandes deutlich.“ (zit. in https://www.socialnet.de/rezensionen/21684.php)
Direkt zum Antisemitismus Heideggers in den „Schwarzen“ Heften“, oft schwer genau zu entschlüsseln, hat der Jurist Alfred J.Noll in seiner Heidegger – Kritik Einges Wesentliche gesagt, er fasst Äußerungen Heidegger in den Schwarzen Heften, veröffentlicht in der „Gesamtausgabe“ Band 96, zusammen: “Die Juden sind unfähig, und sie sind unwert – und sie werden, können und sollen in Hinkunft keine Bedeutung mehr haben“ (S. 188 in Noll). In Band 97 der „Gesamtausgabe heißt es: „ Die modernen Systeme der totalen Diktatur entstammen dem jüdisch-christlichen Monotheismus“ (S. 1189 in Noll).

3. Die Briefe an seinen Bruder Fritz
Auch in den Briefen Martin Heideggers an seinen Bruder Fritz aus den Jahren 1930 bis 1949 wird die Verbundenheit Martin Heideggers mit der Nazi-Ideologie und dem Antisemitismus deutlich. Oft spricht der Philosoph von der Sorge um seine „Kisten“ (also eigene Bücher- und Manuskript-Kisten), die doch bitte schön irgendwo gut versteckt und vergraben werden sollen – angesichts der Bombardements. Von den verfolgten und vernichteten Juden ist hingegen an keiner Stelle des Briefwechsels die Rede. Mitfühlende Äußerungen wurden von den Herausgebern gewiss nicht weggelassen. Denn solche Worte hätten ja wenigstens ansatzweise einen menschlichen, für die Juden und die anderen Verfolgten des Nazi-Regime mitfühlenden Heidegger gezeigt. Das war er aber nicht! Briefe sind enthüllender als Buchpublikationen eines Autors.
Es wird in den Briefen auch die maßlose, durchaus in Lächerliche gehende Selbsteinschätzung Martin Heideggers dokumentiert. So schreibt er am 10. Mai 1944, er müsse „hinauf“ in die Hütte von Todtnauberg. Denn er „spüre, dass das Seyn ihm etwas zu sagen habe“: „Ich fühle das Erwachen eines Denkens, dem ich mich jetzt einfach hinhalte, umweht von einem weither kommenden Atem der Geschichte des Seyns…“ Tausende Menschen sterben, Soldaten erfrieren, Juden werden systematisch umgebracht, und Heidegger „hält sich dem Seyn hin“ und fühlt sich „umweht“…. Dann folgt die maßlose Überhöhung seiner eigenen Rolle: „Zumal ist dies: Dass durch einen einzigen Menschen das Geheimnis spricht und in mir die Kühnheit des Denkens dem entgegenkommt und es befreien darf ins klare Wort“ (S. 101). Heidegger maßt sich eine geradezu prophetische Rolle an: „Durch einen einzigen Menschen spricht das Geheimnis“, also das göttliche Geheimnis? Heidegger sieht sich als diesen „einzigen Menschen“, durch ihn wird förmlich die Erlösung vermittelt, durch die ihm gewährte Gnade der Seyns-Hörigkeit.
Einige zentrale Sätze aus den „Briefen“ Martin Heidegger an seinen Bruder Fritz in Meßkirch:
Am 18. Dezember 1931:
„Es sieht so aus, als ob Deutschland erwacht und sein Schicksal begreift und erfasst. Ich wünsche sehr, dass du dich mit dem Hitlerbuch („Mein Kampf“) auseinandersetzt. Dass dieser Mensch einen außergewöhnlichen und sicheren politischen Instinkt hat… das darf kein Einsichtiger bestreiten. Es geht nicht um kleine Parteipolitik mehr, sondern um Rettung oder Untergang Europas und der abendländischen Kultur. Wer das auch jetzt nicht begreift, der ist wert, im Chaos zerrieben zu werden.“ (S. 21, 22)
Am 27.Juli 1933, S. 29:
„Ich nehme an, dass du nicht zu den Brüning Bewunderern (Brüning war Politiker der katholischen Zentrumspartei, CM) gehörst und das Zentrum den Weibern und den Juden als Zufluchtsstätte überlässt.“(S. 29). Der tiefsitzende Hass Heideggers auf alles Katholische kommt da erneut zum Ausdruck, CM.
Im Brief vom 3. 4. 1933 spricht Heidegger von der „internationalen jüdischen Hochfinanz.“
Am 12.2. 1945:
„Vermutlich ist jetzt trotz des Elends wenig Schmerz in der Welt“.
Am 23. Juli 1945, nach Kriegsende und dem Beginn der Überprüfungen der Nazi-Täter::
„ Alles ist übel und schlimmer als zur Nazizeit. (S 127).
Am 23. Juli 1945: „Hier (zu Hause, In Freiburg) ist es wenig schön, wir müssen KZ-Leute in die Wohnung nehmen… (bei den „KZ-Leuten“ handelt es sich wohl nicht um KZ Aufseher, sondern um überlebende Juden, dieses irritierende Wort „KZ – Leute wird in den langen Kommentaren zu den Briefen von den Herausgebern, dem Rabbiner Walter Homolka und dem Enkel Arnulf Heidegger, nicht kommentiert!), S. 126.
Am 31. Juli 1945: „Der Gesinnungsterror der (von Nazis nun etwas befreiten Fakultät) wird noch stärker als in der Zeit des Nationalsozialismus.“ (S.129).

4. Biografische Hinweise
Es darf nicht vergessen werden, dass Martin Heidegger als Kandidat fürs Priesteramt von 1909 bis 1911 katholische Theologie in Freiburg studierte, aus „gesundheitlichen Gründen“ dann dieses Studium aufgab zugunsten von Philosophie, Geschichte und Mathematik. (Vgl. Johannes Schaber, in Heidegger und die christliche Tradition, S.93. ). Am 30.9. 1909 war Heidegger sogar in das Noviziat der Jesuiten in Tipis bei Feldkirch eingetreten, wurde er aber schon am 13.10. 1909 wegen „schwacher physischer Konstitution“ entlassen. Daraufhin entschied er sich fürs Priesteramt in der Diözese Freiburg, dieses Projekt gab es 1911 auf, weil ihn Philosophie sehr viel mehr interessierte. (Quelle: Heidegger Handbuch, hg. Dieter Thomä, 2003, S. 517).
Kein biografischer Hinweis darf die Charakterstruktur Heideggers außer Acht lassen: Heidegger wollte schon als junger Philosoph ein ganz Besonderer sein, als eine Ausnahmegestalt gelten, spätestens seit „Sein und Zeit“ bis zum Tod und darüber hinaus durch die von ihm als posthum verfügten Schriften. Nur wer diesen exzessiven Drang zum Außergewöhnlichen bei Heidegger wahrnimmt, mit einer ganz besonderen Sendung ausgestattet und damit zur Führung berufen, kann verstehen, dass Heidegger so viele Leute tatsächlich über so viele Jahre auch seit 1950 etwa als eine Art Führergestalt faszinieren konnte. Heidegger als früheres Mitglied der Nazi-Partei passte seit den 1950 Jahren genau in eine bürgerliche politische Kultur der Bundesrepublik (und Frankreichs), die schon wieder einen weisen Führer verlangte, der zwar für die meisten Hörer und Leser viel Unverständliches-Esoterisches sagte und schrieb, der sich aber als ein hochbegabter philosophischer „Führer“ selbst von persönlicher Schuld in der Nazi – Herrschaft freisprach und damit anderen Mitläufern und Partei-Mitgliedern auch die Möglichkeit eines guten Gewissens bot: Denn Heidegger lehrte: Auch die Täter und Mitläufer der Nazi-Zeit folgten einer Art Schicksal, von ihm vornehm „Schickung“ genannt, dem bzw. der sie nicht entkommen, geschweige denn Widerstand leisten konnten. Heidegger hatte keine Scheu, sich als gehorsamer Hirte des Seins bzw. Seyns zu verstehen, der nur den Winken des Seins, Seyns, hörend und gehorsam folgen musste. „Oft danke ich dem Seyn, dass es mir Triebe zum Namenlosen des unscheinbaren Denkens zugeboren und durch Herkunft und Erziehungsgang festgegründet hat.“ , (Brief an Fritz, vom 21.2. 1946, S. 134).

5.Jugend und katholische Studentenzeit
Die sehr umfangreiche, sehr gründliche und um Objektivität bemühte Studie des französischen Historiker Guillaume Payen, in Frankreich unter dem Titel „ Martin Heidegger. Catholicisme, Révolution, Nazisme“ im Jahr 2016 veröffentlicht, in Deutschland erst 2022 publiziert unter dem allgemeineren Titel „Heidegger. Eine Biographie“ (Übersetzung von Walther Fekl). Die deutsche Ausgabe hat 703 Seiten, davon werden der Jugend und der frühen Dozentenzeit bis 1923 ca. 150 Seiten gewidmet. Mit anderen Worten: Auch für Pschologen, die sich mit Heideggers Charakter befassen werden, ist diese Jugendzeit im erzkatholischen Messkirch für Heidegger entscheidend und prägend. Hier nur so viel: Martin Heidegger wurde von seiner Familie (der Vater war Messner) in einem „brennenden katholischen Glauben erzogen“, betont der Philosoph Jean- Paul Bled in seinem Geleitwort zu Payens Studie. „Der Katholizismus seiner Familie war konservativ geprägt und lehnte die gottlose Moderne ab. Tradition, Demut und Gehorsams gegenüber dem Schöpfer waren die alles beherrschenden Begriffe ..“ So Guillaume Payen, Seite 47. Heidegger hatte sich, wie gesagt, fürs katholische Priesteramt entschieden, studierte von 1909 -1911 katholischeTheologie, wandte sich dann aber 1917 von der Kirche ab und wurde zum heftigen Gegner der Katholischen Kirche. Heideggers Begründung: Die Bindung an die Katholische Kirche und ihre Dogmen würde seine Freiheit als Philosoph zu sehr einschränken. Seine vielseitig gebildete Frau Elfride (sic) war Protestantin und sehr früh schon überzeugte NSDAP-Sympathisantin, sie bestärkte ihren Freund, späteren Mann in der Ablehnung des Katholizismus. Diese Haltung schloß für Heideger nicht aus, sich in seiner frühen Dozentenzeit sehr für Paulus und seine Briefe sowie für den Augustinus der „Confessiones“ zu interessieren sowie auch für Luther. Immer geht es dabei Heidegger um die Freilegung der frühchristlichen Lebenshaltung, dabei spricht er viel von Paulus, aber nicht von Jesus von Nazareth. Dieses Desinteresse an Jesus von Nazareth und seiner Botschaft zieht sich bis ins Spätwerk hin, wenn es um die Frage nach Gott bzw. den Göttern und dem Seyn geht. Trotzdem ist das heftige Interesse des „frühen Heidegger“ an der urchristlichen Lebenshaltung bemerkenswert, zumal er dabei für eine christliche Theologien plädiert, die sich von allen griechischen, d.h. metaphysischen Einflüssen freihält! (Constantino Esposito, „Von der Faktizität der Religion zu Religion der Faktizitäten“,S. 54 ff.)
Heidegger war seit 1927 „weltberühmt“ geworden wegen seines Buches „Sein und Zeit“, ein Versuch über die Analysen des faktisch gelebten „Daseins“ und dessen Bindung an die Zeit („Dasein“ nennt Heidegger den Menschen) die Frage nach dem Sein klären zu können. Dieses Projekt aber scheitert, trotz mancher vielfach zitierter Analysen des Daseins sieht Heidegger sein Werk „Sein und Zeit“ eher als Fragment an. Deswegen die „Kehre“ im Denken Heideggers: Da wird der Denker zum Hörer der Offenbarungen des Seins… Das umfangreiche „Sein und Zeit“ wurde als philosophische Sensation wahrgenommen und hatte Heidegger berühmt gemacht .. und er konnte glauben: Er sei als Philosoph zu Höherem berufen, so auch später zum philosophischen Führer selbst unter dem Führer Hitler…Über die Begrenztheit der Analysen des Menschen („Dasein“) in „Sein und Zeit“ gibt es zahlreiche Studien. Der Philosoph und Heidegger – Spezialist Jacques Taminiaux sagt in dem genannten Heft „Die Philosophen und der Nationalsozialismus“ (S. 67): Heidegger denke in „Sein und Zeit“ nur den radikal isolierten Menschen. „Für Heidegger dreht sich alles um die Konfrontation des einzelnen mit seiner eigenen Sterblichkeit, mit seiner endlichen Existenz… Weil er auf den Tod zuläuft, das heißt auf das Nichts. Zu keinem Zeitpunkt scheint ihm, wie der Philosoph Lévinas betont, der Tod eines anderen etwas anzugehen. Auf das Dasein eines Volkes übertragen, führt dieser Solpsismus Heidegger geradewegs in einen übersteigerten Nationalismus.“

6.Rektorat der Universität Freiburg
Die Diskussion um Heideggers Verstrickung in den Nationalsozialismus bezieht sich auch auf die Zeit seines Amtes als Rektor der Universität Freiburg. Im April 1933 wurde Heidegger Rektor der Freiburger Universität. Am 1. Mai 1933 war er in die NSDAP eingetreten. Seine Antrittsrede am 27.Mai 1933 hatte den Titel „Die Selbstbehauptung der deutschen Universität“. Am 3. November 1933 veröffentlichte Heidegger in der Freiburger Studentenzeitung einen Artikel mit dem Titel „Deutsche Studenten!“, darin schreibt er: „Lasst nicht Theoreme und Ideen die Regeln eures Lebens sein. Der Führer selbst und er allein ist die deutsche Wirklichkeit von heute und morgen und ihr Gesetz“; er schloss seine offizielle Rede mit dem Satz des nationalsozialistischen Grußes ‚Heil Hitler‘. (Quelle: www.information-philosophie.de/heidegger-nationalsozialismus.html)
Im April 1934 legte er jedoch das Amt des Rektors nieder, aber er lehrte weiter an dieser Universität. Als Rektor der Universität Freiburg will er ausdrücklich die Universität im Sinne der nationalsozialistischen Politik umgestalten. Er führt einen unerbittlichen Kampf, um zum philosophischen Vordenker der Bewegung der Nationalsozialisten zu werden, er ist so selbstbewusst, „den Führer zu führen“. Er muss erkennen, dass ihm das nicht gelingt und nennt später die Einschätzung seiner politischen Rolle seine Dummheit. Freilich sieht es Heidegger selbst nicht als Dummheit an, überhaupt Mitglied der NSDAP gewesen zu sein. Vom 1.Mai 1933 bis zum Ende des Hitler Regimes 1945 blieb er NSDAP-Parteimitglied.
Die französische Militärregierung, zuständig auch für die Universität Freiburg, verfügte Ende 1946, im Rahmen des „Entnazifizierungs-Verfahrens“ ein Lehrverbot „auf Dauer“ und den Ausschluss Heideggers aus der Universität. 1949 durfte Heidegger in Deutschland aber wieder veröffentlichen, und 1949 wurde das Lehrverbot aufgehoben, Heidegger blieb zwar offiziell emeritiert, seit dem Wintersemester 1950/51 durfte er wieder an der Universität als Lehrbeauftragter lehren. (Vgl. Nachwort zu „Was heißt Denken, Stuttgart 1992, s. 73.). Im Wintersemester 1951 hielt Heidegger die Vorlesung „Was heißt Denken?“, die Hauptthese: „Wir denken (noch) nicht“. Und Heidegger dachte in dieser Vorlesungen nicht im entferntesten daran, ein Wort zu seinem „Dasein“ in der Nazi – Zeit zu sagen. Und er dachte auch nicht daran, sich von seiner berühmten Rektoratsrede von 1933 zu distanzieren. Natürlich meinte Heidegger mit Denken nicht das selbstkritische, politische Denken, sondern wie immer bei ihm: Das Denken des Seins (Seyns)…Das war sein einer und einziger Gedanke…

7. Zur Gottesfrage
Seit 1919 ist Heidegger ein entschiedener Feind des Katholizismus, nicht aber des Christentums, wie er in einem Brief an Engelbert Krebs vom 9.1.1919 betont. Das Christentum erforscht Heidegger in den Briefen des Apostels Paulus, dabei geht es ihm nicht um den dogmatischen Inhalt, sondern um die formale Lebenshaltung der ersten Christen in der „Urkirche“, zumal ihr Umgang mit der Zeit ist ihm wichtig, vor allem mit der Erwartung der „Endzeit“. Dabei lässt Heidegger auch die Erörterung über Jesus als Messias beiseite. Mit der Abwendung Heideggers von der für die katholische Theologie damals grundlegenden Scholastik wird Luther für ihn wichtig, wobei es auffällt, dass Heidegger dabei das zentrale Luther-Thema der Rechtfertigung aus dem Glauben ignoriert (vgl.Karl Lehmann, Heideggers Beziehung zu Luther, in „Heidegger und die christliche Tradition“, s. 161).
In seiner Spätphilosophie seit Mitte der 1930 Jahre geht es Heidegger um eine Gottesfrage, die einerseits stark an die griechische Erfahrung im Sinne seines Verständnisses von Hölderlins gebunden ist, also an die Erfahrung der „Schickung“ von Einsichten durch das Sein, in gewisser Weise um privilegierte Offenbarungs- Erfahrungen für den Denker. An dieser Stelle fällt Heidegger ins esoterische Sprechen, das nur einige Erwählte verstehen können. Heidegger wehrt sich gegen das objektivierende Verfügbarmachen Gottes in der klassischen Metaphysik und Religion. „Wenn es überhaupt menschenmöglich ist, das Göttliche zu denken, dann nicht mehr als vorhandenes Etwas… Die Dimension des Göttlichen soll das Andere bleiben, das Andere des Seins, denn nur als das Andere des Seins erlangt die Dimension des Göttlichen ihre eigene Würde.“( Paola-Ludovica Coriando, in „Die Gottesfrage im Denken Martin Heideggers“, s. 94). Nur wenige können diesen „anderen“ Gott erfahren, es sind „die großen und verborgenen Einzelnen“, die `Reifen`, die den „Vorbeigang“ dieses Gottes würdigen können.
Jürgen Habermas urteilt sehr klar über das Gottes-Denken des späten Heidegger, er zeigt, dass Heidegger „von einem Ort jenseits des Logos spricht“, also außerhalb der allgemein zugänglichen Vernunft und ihrer Begriffe. Habermas meint, Heidegger gebe sich, so wörtlich, „neuheidnischen Spekulationen über die Flucht oder Ankunft der Götter hin. Dabei gebe er sich einer Rhetorik hin, „die die Kraft des überzeugenden Arguments hinter sich gelassen hat und durch die beschwörende Selbstinszenierung der großen und verborgenen Einzelnen ersetzt. (Habermas in „Zwischen Naturalismus und Religion“, 2005, S. 256. ). Habermas weist darauf hin, dass sich der späte Heidegger eines Wortschatzes bedient, der letztlich dann doch aus der von ihm abgelehnten Herrschaft der Kirchen herkommt: Etwa: Wagnis und Sprung, Entschlossenheit und Gelassenheit, Hingabe und Geschenk, Ereignis usw.
Und letztlich blieb Heidegger an die uralte katholischeWelt seiner Kindheit gebunden, als er sich in seinem ganzen Leben gegen Demokratie und liberalen Rechtsstaat stellte und so dann doch Positionen des Papstes Pius IX. akzeptiere, als dieser in seinen Enzykliken die Demokratie und die Menschenrechte ablehnte. Heidegger ist also sehr indirekt, aber wirksam-intensiv im Sinne der katholischen Theologie des 19. Jahrhunderts doch katholisch geblieben. „Heideggers erste Bestimmung, die katholische, blieb ausschlaggebend für seine politische Beziehung zur Modernität, auch in Bezug auf den Antisemitismus“, (S. 614 Payen.)
Aber es ist sehr die Frage, wie dieser vom späten Heidegger letztlich im Rahmen griechischer Begriffe gedachte Gott etwas mit dem biblischen Gott zu tun hat. Man beachte, dass der junge Heidegger, vor „Sein und Zeit“, ausdrücklich das christliche Denken von der Rezeption griechischer Begriffe befreien wollte und explizit für ein nicht-griechisches, also nicht – metaphysisches Denken des christlichen Glaubens eintrat. Man denke etwa an Martin Heideggers Vorlesung Einleitung in die Phänomenologie der Religion, gehalten im WS 1920/21,.

8. Das Sein (Seyn) Heideggers
Dies ist die entscheidende und schwierige Frage, die aber außerhalb der esoterischen Begriffe Heideggers beantwortet werden muss! Was ist das Sein bzw. in der Spätphilosophie das Seyn?
Ein Versuch des nicht esoterischen Verstehens. Das Sein ist das alles Seiende in seinem Sein Einsetzende, sozusagen die übergeordnete Macht und Kraft. Das Sein ist also durchaus dem Gott verwandt, vielleicht mit Anklang an den biblischen Schöpfer-Gott, aber Sein meint Gott sozusagen in säkularisierter Begrifflichkeit… vielleicht ist also Gott doch mit Sein, Seyn, sehr verwandt?
Und wenn über Heidegger und die christliche Religion nachgedacht wird, bitte noch einmal beachten: Heideggers Gott steht nicht mit Jesus von Nazareth und seinem Evangelium in irgendeiner Verbindung. Es wäre ein Forschungsthema für Unentwegte noch einmal zu fragen: Spricht der Philosoph Heidegger von Jesus und seinem Evangelium vielleicht irgendwo „zwischen den Zeilen? Etwa von der Bergpredigt? In dem 574 Seiten umfassenden Buch „Heidegger Handbuch“ kommt im Sachregister das Stichwort Evangelium , Bibel oder gar Bergpredigt nicht vor, im Personenregister kein Hinweis auf Jesus von Nazareth, hingegen 4 Hinweise auf den Apostel Paulus und seine Briefe.
Zur Beisetzung Heideggers am 28. Mai 1976 hielt der katholische Theologe und Priester sowie auch Philosoph Bernhard Welte – auch er stammte aus Meßkirch – eine Ansprache: Heidegger hatte von Welte, seinem Freund, möchte man fast sagen, ausdrücklich eine christliche Beerdigung gewünscht, eine übliche katholische Trauerliturgie fand allerdings nicht statt. Welte behauptete dabei u.a.: „Heidegger hat auch sonst seine Verbindung zur Gemeinschaft der Glaubenden nie unterbrochen. Er ist freilich seinen eigenen Weg gegangen, und er hat ihn wohl gehen müssen (sic!), seinem Geheiß (sic!) folgend und man wird diesen Weg nicht ohne weiteres einen christlichen im üblichen Sinne des Worte nennen können“. (zit. in: „Martin Heidegger – Bernhard Welte. Briefe und Begegnungen“, hg. Alfred Denker und Holger Zaborowski, Stuttgart 2003, dort S. 127). Man beachte, dass Welte damals den Lebens- und Denkweg Heideggers als Schicksal interpretierte, so , wie Heidegger es selbst tat, wenn er an seine politischen Verirrungen in der Nazizeit und danach dachte…Zur Beisetzung wurden übrigens von Heidegger ausgesuchte Verse von Hölderlin vorgetragen, ein deutlicher Hinweis: „Mein Glaube ist wesentlichen Hölderlin inspiriert.
Kardinal Karl Lehmann, auch er ein Kenner der Philosophie Heideggers, schrieb anläßlich des 30. Todestages von Heidegger sehr versöhnend und sehr wohlwollend: “Wer vor dem Grab von Martin Heidegger steht, wird entdecken, dass da statt des – in Meßkircher Gegend – üblichen Kreuzes ein Stern auf dem Grabstein zu finden ist. Vielleicht hat er bei diesem `großen Suchenden` Martin Heidegger mehr mit dem Stern von Bethlehem zu tun, als viele denken mögen. Vielleicht auch mehr als er selbst.“ Über Heidegger und den „Stern von Bethlehem“ gibt es meines Wissens noch keine Doktorarbeit, aber: eine ziemlich gewagte These verbreitet da der Heidegger Versteher Kardinal Lehmann… (zit. In „Feldweg und Glockenturm“, Festschrift anläßlich des 30. Todestages von Martin Heidegger“, Gmeiner Verlag 2007, s. 28).
Heidegger hatte zweifellos kein Interesse an der Jesus Gestalt, dessen Ethik hätte ihn vielleicht auf den Gedanken gebracht, selbst eine Ethik zu denken. Heidegger hielt sich in seinem Größenwahn hätte ich fast gesagt ausschließlich an die Seinsfrage oder Seynsfrage, mit der er die ihn Lesenden fesselte. Im Rahmen seiner Vorliebe für Griechenland und seine frühen Denker war er mehr am Geschick interessiert, wohl einem anderen Wort für Schicksal, als einer waltenden Macht des Seyns, der er sich hingab, auf die er gehorsam hörte als „Hirt des Seins“. So konnte er sich unschuldig fühlen in seinen Verstrickungen in der Nazi-Zeit und sein rechtsradikales Denken insgesamt. An seinen Bruder Fritz schrieb er am 3. Dezember 1944, welche Gefühle bei ihm aufkommen angesichts der zerstörten Straßen in Freiburg: “Trotz allem rührt es nicht an das Innerste und an das Vertrauen und Wissen, das sich geborgen gibt in das Unzerstörbare und im Innersten huldvolle GESCHICK:“ (S. 113, „Heidegger und der Antisemitismus). Und ein Beispiel für Heideggers esoterische „Spiritualität“, ebenfalls in einem Brief an seinen Bruder Fritz am 22.2. 1945: „In der Verdüsterung des Seienden ist das helle Licht des Seyns um mich. Ich wünsche sehr, dass du daran Anteil hast“. (S. 123).

9 .Mit Heidegger hoffen lernen?
Zu Beginn dieses Hinweises haben wir erklärt: Heidegger hat zu den drängenden aktuellen Fragen der Menschheit „eigentlich“ nicht viel zu sagen, z.B., elementar: wie Menschen Hoffnung entwickeln können in dieser jetzt offenbar besonders verrückten kriegerischen Welt. In einem seiner neuen Bücher „Der Geist der Hoffnung“ (Berlin 2024) hat der Philosoph Byung-Chul Han (er hat über Heidegger seines philosophische Doktorarbeit verfasst) seinen Gesamteindruck geschrieben: „Heideggers Denken besitzt keine Sensibilität für das Mögliche, für das Kommende… Er ist unterwegs zum Gewesenen, zum Wesen… Das Denken der Hoffnung orientiert sich nicht am Tod, sondern an der Geburt, nicht am In-der-Welt-Sein, sondern am In-die- Welt-Kommen… Hoffnung hofft über den Tod hinaus.“ (S. 112)… „Wer hofft, rechnet mit Unberechenbarem, mit Möglichkeiten gegen alle Wahrscheinlichkeit.“ (S. 93).

10. Immer wieder „Sein und Zeit“: Die Tagung End Mai 2026
Im Schloß Meßkirch findet vom 29. bis 31. Mai 2026 eine von der großen Anzahl der Referate und Arbeitsgruppen äußerst anspruchsvolle Tagung der Heidegger Gesellschaft statt, aber es geht nicht etwa um den politischen Heidegger oder gar über seine Nazi-Bindung, sondern über „Sein und Zeit“. Ist da nicht alles vielfach schon gesagt? Unter den ReferentInnen der Tagung habe ich keinen prominenten Heidegger – Kritiker entdeckt.
Am Donnerstag, 28.05.2026, um 19:00 Uhr findet dort jedenfalls ein Festakt zum Gedenken an Heideggers 50. Todestag statt. Den Festvortrag hält Prof. Dr. Dr. Holger Zaborowski, Universität Erfurt: „Warum Heidegger weltweit fasziniert – und was der uns heute noch zu sagen hat“. Prof. Zaborowski setzt sich durchaus kritisch, aber immer auch wohlwollend seit Jahren mit Heidegger auseinander, er ist jetzt Vorsitzender der Heidegger – Gesellschaft. Zaboroski hat also Prof. Harald Seubert offenbar als Vorsitzenden dieser Gesellschaftabgelöst, Seubert war vor einigen Jahren durch Publikationen und rechtsradikalen Blättern aufgefallen, siehe: https://religionsphilosophischer-salon.de/keys/harald-seubert-vorsitzender-der-heidegger-gesellschaft
Das esoterisch wirkende Motto der Heidegger Gesellschaft heißt: „Winke, die Zugewunkenes weiterwinken.“ Von Heidegger stammt dieses „winke Winke“ – Zitat. Vielleicht meint das Motto aber auch: Reflektiert kritisch ein Abschiednehmen von oberflächlichen, verherrlichenden Interpretationen von Heideggers Werk … also „winke Winke“…??

11. Neue Projekte 
Einige kritische Historiker sollen selbstverständlich den „Ober-Hirten“ des Seins (Seyns) untersuchen. Und nach wie vor fragen: Wie geriet ein eigentlich kluger Philosoph in die Nazi – Ideologie? Das schon genannte Problem ist nur: Eine kritische (!) Gesamtausgabe inklusive aller Briefe Heideggers werden wir wohl nicht mehr erleben. So werden wir wohl noch viele deswegen immer unpräzise Heidegger Tagungen erleben. Vielleicht mal was Neues: Eine Tagung über Elfride Heidegger, die Gattin und sehr frühe und leidenschaftliche Nazi – Anhängerin.

Trotzdem bleibt es dringend weiter zu untersuchen, in welcher Weise Heideggers Bindungen an die Nazi -Ideologie, seine Rassenlehre usw., heute in rechtsextreme Parteien eindringen und dort rezipiert und zitiert werden. Die neuen Rechtsextremen setzen auf eine rechte „Kulturrevolution“, und da wird Heidegger als ein Meisterdenker hoch bewertet. Man studiere aufmerksam, in welcher Weise in der rechtslastigen Presse Heideggers 50. Todestag „gewürdigt“ wird. Heideggers Assistent Friedrich – Wilhelm von Herrmann hatte sich 2013 dem rechtsextremen russischen Philosophen Alexander Dugin zum mehr als einstündigen TV Gespräch zur Verfügung gestellt.
Zur Nähe der „Neuen Rechten“, auch der AfD, zu Heidegger: siehe den wichtigen Beitrag von Micha Brumlik mit dem Titel: „Mit Heidegger und Evola gegen die offene Gesellschaft“: https://www.blaetter.de/ausgabe/2016/maerz/das-alte-denken-der-neuen-rechten

Hinweise zur hier erwähnten Literatur:
Guillaume Payen, „Heidegger. Die Biographie“, WBG Theiss Verlag, 2022.
Dieter Thomä (HG), „Heidegger Handbuch“, Metzler Verlag, 2005
Walter Homolka und Arnulf Heidegger, „Heidegger und der Antisemitismus“, Mit Briefen von Martin und Fritz Heidegger, Herder Verlag, 2016.
Jürgen Habermas, „Zwischen Naturalismus und Religion“, Suhrkamp Verlag, 2005
Norbert Fischer und Friedrich-Wilhelm von Herrmann, Heidegger und die christliche Tradition“, Hamburg 2007
Dies., „Die Gottesfrage im Denken Martin Heideggers“, Hamburg, 2011.
Richard Wolin: „Heideggers „Schwarze Hefte“: Nationalsozialismus, Weltjudentum und Seinsgeschichte“. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (Heft 3-2015)

Byung-Chul Han, Der Geist der Hoffnung“, Ullstein Verlag, 2024.

„Heidegger und die praktische Philosophie“, Suhrkamp Verlag 1989, dort vor allem der Beitrag von Alexander Schwan, aber auch die Beiträge von Hugo Ott und Otto Pöggeler.

Sehr wichtig das Interview (von Catherine Newmark) mit dem Philosophen und Philosophiehistoriker Hans Jörg Sandkühler über deutsche Philosophen in der Nazi – Zeit: In der Sonderausgabe des „Philosophie -Magazin“ (2014) mit dem Titel „Die Philosophen und der Nationalsozialismus“, dort die Seiten 57 – 62, grundlegend auch die Studien zum Thema von Wolfgang Fritz Haug.

Micha Brumlik: „Mit Heidegger und Evola gegen die offene Gesellschaft“: https://www.blaetter.de/ausgabe/2016/maerz/das-alte-denken-der-neuen-rechten

Unter unseren zahlreichen Hinweisen auf Heidegger im Laufe der Jahre weisen wir nur hin auf „Heideggers esoterische Philosophie“: LINK : https://religionsphilosophischer-salon.de/5689_heidegger-ein-esoterischer-philosoph-hinweise-auf-ein-buch-von-peter-trawny_buchhinweise/philosophische-buecher

Alfred J. Noll, „Der rechte Werkmeister, Martin Heidegger nach den schwarzen Heften“, PapyRossa Verlag, Köln 2016, zu Heideggers Antisemitismus: S. 186 ff.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

Hannah Arendt: Fünfzig Jahre tot … Ihr Denken lebt

Ein Hinweis anlässlich ihres Todestages am 4. Dezember 1975
Von Christian Modehn am 22.11.2025

1.
Über Hannah Arendt ist jetzt eine umfangreiche Biographie erschienen: Willi Winkler, Autor und Journalist, erschließt mit wissenschaftlicher Klarheit (bei einem 50 Seiten umfassenden Anhang mit Belegen und Fußnoten und Register sowie zahlreichen Fotos), angenehm zu lesen, durchaus mit kurzen, ironischen Kommentaren am Rande, das Leben Hannah Arendts: Ihr 50. Todestag am 4. Dezember 2025 könnte ein Anlass sein, mit ihren Büchern ins philosophische Fragen, auch zur Notwendigkeit des politischen Handelns zu gelangen. Viele einzelne Erkenntnisse Hannah Arendts könnten schon fast als „Denksprüche“ gelten: „Niemand hat das Recht zu gehorchen“ (ursprünglich von Kant) oder „Jeder hat die Fähigkeit, einen neuen Anfang zu setzen“ oder „Denken ohne Geländer“ oder: „Macht beginnt immer dort, wo die Öffentlichkeit aufhört.“ Sogar PolitikerInnen (Angela Merkel, Robert Habeck, Frank Walter Steinmeier, Winfried Kretschmann…) loben heute Hannah Arendt, sie haben offenbar einige ihrer Bücher gelesen.

2.
Natürlich wollen wir hier in wenigen Sätzen nicht das ganze Leben Hannah Arendts zusammenfassen: Hannah Arendt ist eine unabhängige philosophisch -politische Autorin, die sich nicht in „Schubladen“ einsortieren lässt. Sie ist Jüdin, kritisiert aber heftig den Staat Israel und die damalige Regierung. Sie hat als Jüdin bei dem katholischen Religionsphilosophen Romano Guardini in Berlin studiert und später bei Karl Jaspers eine Promotion über den heiligen Augustinus geschrieben. Sie kennt die Philosophie von Karl Marx, ist aber keine Marxistin. Sie setzt sich leidenschaftlich für die Menschenrechte (Gleichheit!) ein, ist aber keine Feministin. Sie irrt auch bei politischen Stellungnahmen, etwa zu den Rassenauseinandersetzungen in „Little Rock“ (USA) im Jahr 1958 (siehe „Denken ohne Geländer“, S. 157.) Sie bekämpft antisemitische Mentalitäten, muss aber – um veröffentlichen zu können – in den Verlagshäusern der BRD mit alten Nazis zusammenarbeiten.

3.
Die Frage ist alles andere als „bloß akademisch“: In welcher Weise ist Hannah Arendt Philosophin? Sie ist sicherlich nicht „nur“ Philosophin, ihre Promotion 1928 in Philosophie bei Karl Jaspers und ihre Heidegger – Lektüren und – Vorlieben sind bekannt. Sie verstand sich explizit als Jüdin nach ihrer Flucht aus Nazi – Deutschland, also seit ihrer Zeit in den USA, als eine auch publizistisch – journalistisch arbeitende „Theoretikerin“ des Politischen, immer mit philosophischem „Background“. Willi Winkler schreibt zwar gleich zu Beginn: „Zweifellos ist an ihr (Hanna Arendt) eine Philosophin verloren gegangen“ (Seite 10), weil sie ihre philosophische Karriere in Deutschland als Jüdin in der Nazi – Zeit nicht fortführen konnte. Und Winkler zitiert Arendt: „Der Philosophie habe sie (in den USA) endgültig Valet gesagt“ (S. 258)… Immerhin betont Hannah Arendt auch: „Sie sei aus der deutschen Philosophie hervorgegangen“ (S. 263). Beweis dafür sind ihre Bücher „Vita aktiva“ (1958 ), „Vom Leben des Geistes (posthum 1978) oder „Über das Böse“ (posthum 2003: Dies sind philosophische Studien. Insgesamt gilt: Hannah Arendts Bücher, Aufsätze und Stellungnahmen handeln von Politik, vom politischen Leben und politischem Kämpfen, aber verbunden mit philosophischen Perspektiven.

4.
Das Buch von Willi Winkler ist also eine ausführliche Biographie, über Arendts Ehemann Heinrich Blücher wird detailliert berichtet wie auch über ihre erste Ehe mit Günter Anders (bzw. Günter Stern)… Zu ihrer Verbundenheit mit ihrem Liebhaber Martin Heidegger siehe Nr. 8 in diesem Hinweis.
Die Stellungnahmen Winklers zu Arendts Veröffentlichungen sind eingebunden in die kritische Würdigung ihres intellektuellen, philosophischen und vor allem politischen Umfeldes zumal in den USA (dort seit 1941.) Es ist ein Leben, das sich die eigene Freiheit im Denken und Handeln und im – subjektiv gestalteten – Umgang mit Freunden und Gegnern (man denke an ihre Abgrenzung von Theodor W. Adorno) förmlich erkämpft und dann verteidigt.
Uns erscheint es bemerkenswert und wichtig: In dieser Arendt – Biographie werden ihre vielfältigen Begegnungen in Deutschland (BRD) und mit den Deutschen seit 1949 dargestellt. Willi Winkler beschreibt treffend die wirklichen Verhältnisse: „Die alten Nazis sind weiter und wieder nicht bloß im Amt, sondern überall… Hannah Arendt hat kein Problem damit, das Land der Mörder zu besuchen, sie hat ein weites Herz… aber sie traut ihnen (den Deutschen) nicht, sie hält die Deutschen auf Abstand.“ (S. 173).
Und viele LeserInnen werden noch „neue“ Informationen finden: Über die Nazi – Verbindungen etlicher verantwortlichen Lektoren des Piper – Verlages (in diesem Verlag erschienen/erscheinen die Bücher Arendts), etwa ab S. 175 ff.. Oder: Informationen über den im Piper Verlag tätigen Germanisten Hans Rössner, SA -, NSDAP – und SS-Mitglied, mit ihm hatte die Autorin Arendt zu tun, ohne von dessen Nazi- Verstrickungen zu wissen. Willi Winkler schreibt: „Nach dem Krieg wurde Rössner von der Spruchkammer als `Mitläufer` eingestuft, kam mit einer Geldstrafe davon und bewies seine Läuterung durch einen `prononcierten Philosemitismus´. Beim Antikommunismus musste er nicht umlernen“ (S. 180). Der knappe Satz „Beim Antikommunismus musste er nicht umlernen“ ist nur ein Beispiel für die zahlreichen sehr treffenden ironischen Kommentare Willi Winklers, die er nebenbei in seinen objektiven Bericht einfügt…
Die Studie Willi Winklers wird, wie gesagt, dadurch auch wertvoll, weil ausführlich an die „braune Vergangenheit“ der Menschen in Deutschland und etlicher BRD Politiker und BRD „Kulturschaffender“ erinnert wird – immer, um Hannah Arendts Auseinandersetzungen und Entscheidungen besser zu verstehen.
Auf die Nazi – Vergangenheit des ehemaligen bayerischen Kulturministers Theodor Maunz (CSU, Minister von 1957 -1964) wird deswegen hingewiesen (S. 284, aber auch 174 f.) Maunz ist ein berühmter Verfasser juristischer Standardwerke … und nach seinem Rausschmiss als Minister war der CSU Mann noch Mitarbeiter der „Deutschen Nationalzeitung“… Oder man muss an den rechtsextremen (SS – Mitglied) Armin Mohler erinnern: Er war in der BRD Redenschreiber für Bayerns Ministerpräsident Franz – Josef Strauß (CSU) und er hatte als „Leiter der Carl Friedrich von Siemens Stiftung ein eigenes rechtsnationales Netzwerk aufgebaut“ (S. 99). Mohler propagierte in der BRD die „Revolution von rechts“…

5.
Innerhalb der Biographie Willi Winklers sind uns einige Erkenntnisse besonders aufgefallen zu wichtigen Themen, an denen sich Hannah Arendt abarbeitete.
Zu Eichmann:
Hannah Arendt wurde 1961 von der Kultur – Zeitschrift „New Yorker“ als Reporterin nach Jerusalem geschickt zum Prozess gegen den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann. Willi Winkler meint: Sie sei dort „eine schlechte Reporterin gewesen, sie hält es nur für wenige Tage dort aus“ (S. 225)
Für einige LeserInnen ist es vielleicht neu: Der BND hatte wegen des Chefs des Kanzleramtes (des einst führenden Nazis) Hans Globke in der Adenauer – Regierung alles Interesse daran: Dass Eichmann im Jerusalem Prozess bloß nicht zu viel plaudert, etwa von der Bedeutung Globkes für ihn und sein Amt. BND Chef Reinhard Gehlen versorgte über Mittelsmänner in Jerusalem Globke mit den neusten Nachrichten, damit er sich nicht beunruhige (S. 230). Die Bundesregierung hatte ohnehin mit der Regierung Israels abgesprochen: Im Eichmann Prozess gehe es nur um Eichmann und dessen „satanischem Plan der Endlösung der Judenfrage.“ Eichmanns Anwalt war der deutsche Robert Servatius, er war wie sein Assistent Dieter Wechtenberg in den Prozess als „Close associate“ des BND in den Prozess eingeschleust. Der Prozess gegen Eichmann war also sehr sorgsam von der BRD für die „deutsche Sache“ inszeniert (S. 227). Als auch der DDR – Anwalt Friedrich Karl Kaul als Prozessbeobachter in Jerusalem auftauchte, wurden ein BND Mitarbeiter und ein Journalist der Springer-Presse sehr nervös: Denn Kaul hatte offenbar Namen von Nazis im Umfeld der BRD Regierung sozusagen im Gepäck. BND und BILD Reporter, bestürzt und verängstigt, drangen in Kauls Zimmer im „King David Hotel“ ein und entnahmen dort die entsprechenden Unterlagen, die sofort nach Bonn weitergeleitet wurden. (S. 233)… Aber davon konnte Hannah Arendt nichts wissen (S. 233).
Selbstverständlich fehlt nicht eine Auseinandersetzung mit der Einschätzung Arendts, Eichmann sei eine Art Repräsentant der „Banalität des Bösen“. Der Autor ist sehr kritisch gegenüber Arendts fast schon populärer These von der „Banalität des Bösen“, das in Eichmann sichtbar werde. Leider erwähnt Winkler nicht die Studie von Irmtrud Wojak „Eichmanns Memoiren“ (2001). Darin wird gezeigt, dass sich Hanna Arendt in Jerusalem von der Verteidigungskonzeption Eichmanns sehr täuschen ließ, sie hat Eichmanns Aussagen vor Gericht dann doch Glauben geschenkt. „Sie war in Jerusalem (beim Eichmann – Prozess) intellektuell überfordert,“ schreibt Winkler (S. 240). In den Protokollen der Gespräche Eichmanns mit dem ehemaligen SS Offizier Willem Sassen hätte Arendt erfahren können, Eichmann war alles andere als ein bloß total gehorsamer, ziemlich dummer Deutscher Nazi, also eigentlich banal… Die Philosophin Bettina Stangneth hat die Dialoge Sassen – Eichmann in Argentinien dokumentiert und treffend bewertet. (Bettina Stangneth: „Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders“, Zürich 2011)
Willi Winkler schreibt: „Zum Skandal wurden vor allem aber Arendts Bemerkungen über die Judenräte und damit über die Juden insgesamt. Sie hatten, das war ihr Vorwurf, keinen Widerstand geleistet, als sie nach Auschwitz deportiert wurden…Sie hatten sich gleichschalten lassen und, noch schlimmer, mit den Nazis kollaboriert.“ (S. 256). Aus dem Befremden über die Aussagen Arendts sei offene Feindschaft vieler Juden gegen Arendt geworden… (S. 257).

6. Zum Staat und zu der Regierung in Israel:
Auf Seite 223 schreibt Willi Winkler. „Die Konfrontation mit dem zum Staat gewordenen Zionismus schockiert Hannah Arendt. Sie rebelliert gegen das Völkische (dort).“ Winkler kommt zu dem Schluss: „Hannah Arendt hasste die Regierung Ben Gurions …und die Adenauer Regierung auch.“ (S. 234). Und weiter: „Hannah Arendt ist entschlossen, den Juden in Israel und der Welt zu sagen, was ihr an Israel missfällt.“ (S. 224). Und beim Eichmann Prozess sah sie so viele Deutsche, die „so philosemitisch waren, dass einen das Kotzen ankommt.“ (S.224.) Arendt spricht – bezogen auf den Eichmann – Prozess in Jerusalem von der Deutschen „schwerster Krankheit“, so wörtlich weiter, der „Israelitis“ (S. 228.)

7. Zu Theodor W. Adorno:
In ihrer heftigen Kritik an dem Philosophen Theodor W. Adorno (und den ersten Mitgliedern der marxistisch geprägten „Frankfurter Schule“) ist Hannah Arendt geleitet von ihrer Zuneigung zu Walter Benjamin, den sie im Pariser Exil kennenlernte. Dessen wichtiges Manuskript zur Geschichtsphilosophie rettete sie auf der Flucht in die USA. Hannah Arendt beansprucht förmlich, gegen den Marxisten Adorno die authentische und beste Benjamin – Interpretin zu sein. Sie deutete Benjamin als einen Dichter (S. 64), nicht als einen marxistischen Philosophen. Die Frankfurter Schule nennt sie eine „Schweinebande“ (S. 344.), Adorno ist für sie „einer der widerlichen Menschen, die ich kenne.“ (S. 344). Von Adorno wird Arendt „ein altes altes Waschweib“ genannt. Philosophen-Gezänk der sich total wichtig nehmenden Denker…

8. Zu Martin Heidegger:
Willi Winkler bietet sehr ausgebreitet und ausführlich offenbar die meisten der bis jetzt erreichbaren Details zu Hannah Arendts Bemühen, gerade nach dem Krieg, nach dem Holocaust, mit ihrem alten Liebhaber aus Marburger Zeiten, dem Philosophen Martin Heidegger, in Freiburg wieder Kontakt aufzunehmen. Über dieses starke Insistieren Arendts auf Begegnungen mit Heidegger ist ohnehin schon viel geschrieben und über ihre vielfältigen Motive auch viel nachgedacht worden: Wie kann eine Jüdin, nach dem Krieg, nach dem Holocausst, noch so leidenschaftlich interessiert sein, mit Heidegger zusammenzutreffen? Dessen starke Bindungen an die Nazi – Ideologie damals schon bekannt waren. Willi Winkler hat diese Einschätzung: „Hannah Arendt arbeitet an der Rehabilitierung Heideggers.“ (S. 368) Und auf S. 372: „Sie will ihn verstehen und will ihn in dieser Lebensphase besser verstehen als je zuvor.“ Und auf S. 381 „Hannah Arendt hatte ihm längst verziehen. Sie muss nicht aussprechen, wie sehr sie dem Wiedersehen entgegenfiebert.“ Am 26. Juli 1967 dann eine Begegnung mit dem Heidegger, dem Geliebten der Jugend. Im August 1975 eine letzte Begegnung mit dem Greis.

PS1: In der Sammlung vieler (kurzer) Texte und Zitate aus dem Werk Arendts „Denken ohne Geländer“, Piper Verlag 2013, (S. 69) ist auch Arendts Beitrag zu Heideggers 80. Geburtstag 1969 abgedruckt. Darin bewertet sie in kaum präzisen Aussagen Heideggers parteipolitische Verbundenheit mit den Nazis als ein „Nachgeben der Versuchung.“ (S.69)Und sie meint, er wäre „nach zehn kurzen hektischen (sic) Monaten“ (gemeint ist mit dieser wohlwollenden Formulierung tatsächlich Heideggers explizite Nazi-Bindung), wieder „auf seinen angestammten Wohnsitz“ zurückgetrieben worden… Gemeint ist damit wohl, das für Heidegger übliche, angeblich politisch neutrale Seins- Denken, zu dem er wieder gelangte….Merkwürdige, dunkle Formulierungen schreibt da Hannah Arendt, offenbar voller Liebe zu Heidegger, indem sie sie dessen Sprachwelt des Dunklen, des Nebels, übernimmt.
PS2: Am 26. Mai 1976 ist Heidegger gestorben, ob es anläßlich seines 50. Todestages auch sehr viel Aufmerksamkeit geben wird? Wird man Heidegger im Rahmen der aktuellen, auch intellektuellen Zeitenwende nach rechts(außen) Heidegger neu schätzen lernen?

9.
Willi Winkler zeigt in seinem Buch, wie in den Auseinandersetzungen Hannah Arendts nach 1945 sehr viele Nazis in der BRD Politik und BRD Kultur nicht nur präsent, sondern bestimmend waren.
Dies ist heute ein bleibende Herausforderung, eine aktuelle Aufgabe: Rechtsradikale und Rechtsradikalismus in Deutschland, in Europa, den USA usw. öffentlich zu machen und vor den Vernichtern der Demokratie zu warnen. Zumal Rechtsradikale heute unter vielen ideologischen Gewändern auftreten („MAGA“, Nationalismus, religiöser Fundamentalismus, Anti-Islam-Ideologie und Philo-Semitismus als Ersatz für den in diesen Kreisen bisher üblichen Antisemitismus…)
Wichtig bleibt Hannah Arendts Lehre, dass der Mensch als geistiges Wesen sich dadurch auszeichnet, dass er reflektieren kann, dass er also sein eigenes Handeln und Denken nicht nur stets beobachten und wahrnehmen muss, sondern auch bewerten soll … um überhaupt als Mensch gelten und bestehen zu können. Diese eindringliche, philosophisch bestens begründete Lehre Arendts bleibt dringend aktuell: Der Mensch soll sich selbst beurteilen an dem normativen und universellen Maßstab des Kategorischen Imperativs (Kant) und damit auch der Menschenrechte. Mit diesem normativen Wissen werden die USA von Arendt kritisiert, siehe etwa das Buch „Denken ohne Geländer“. Sie spricht dort von „einer grundsätzlichen Ungeistigkeit des Landes“ (S.244)… Und: „Jeder Intellektuelle ist hier (USA) aufgrund der Tatsache, dass er ein Intellektueller ist, in Opposition“ (ebd., geschrieben 1946 in einem Brief an ihren Freund, den Philosophen Karl Jaspers).

10.
Heute werden auch Grenzen im Denken Arendts genannt, wie sollte es bei seriöser Forschung auch anders sein, immer im Wissen, dass Arendt, vor 50 Jahren gestorben, doch nicht zu allen Themen als unsere Zeitgenossin gelten kann. Vom Desinteresse Arendts an speziellen Themen der Befreiung der Frauen wäre zu sprechen und damit auch davon, dass von ihr keine positiven Aufschlüsse zur Gender – Theorien zu erwarten sind oder auch keine Hinweise, wie wir mit dem Kolonialismus umgehen sollten.
Zur Ökologie und der von Menschen gemachten Zerstörung der Umwelt hat sich Hannah Arendt – soweit ich sehe – nicht geäußert.
Zu ihrer eigenen spirituellen, religiösen Haltung müßte wohl ausführlicher studiert werden. Ich finden ihre Äußerungen in einem Brief an Karl Jaspers im Jahr 1951 wichtig: „Alle überlieferte Religion, jüdische oder christliche, sagt mir als solche gar nichts mehr. Ich glaube auch nicht, dass sie irgendwo und irgendwie noch ein Fundament für etwas so unmittelbar Politisches wie Gesetze hergeben können“ (S. 236). Die Macht des Islamismus sah sie nicht oder den hinduistischen Fundamentalismus konnte sie offenbar nicht studieren, auch nicht die reaktionären Tendenzen im Katholizismus oder bei den Evangelikalen… Für Hannah Arendt ist, wie sie an Jaspers schreibt, „ein kindliches, weil nie bezweifeltes Gottvertrauen wichtig… „im Unterschied zum (dogmatischen)Glauben, der ja doch immer zu wissen glaubt und dadurch in Zweifel und Paradoxien gerät.“(S. 236 in „Denken ohne Geländer“).

11.
Was bleibt heute von Hannah Arendt – ein Fazit vermisst man in dem Buch von Willi Winkler, einer sehr umfangreichen Biographie („Ein Leben“)… Spätestens, wenn die „Kritische Gesamtausgabe“ (16 Bände) der Werke Arendts vollständig vorliegt, kann vielleicht mehr zum „Bleibenden“, Bedeutenden, nach wie vor Aktuellen im Werk Hannah Arndts gesagt werden. Leider ist in diesem anspruchsvollen Projekt der Gesamtausgabe keine vollständige Publikation ihrer Briefe vorgesehen, schreibt Willi Winkler (S. 439.) Zur Gesamtausgabe im Wallstein Verlag: LINK https://www.wallstein-verlag.de/reihen/hannah-arendt-kritische-gesamtausgabe.html

Willi Winkler, „Hannah Arendt – ein Leben, Rowohlt Verlag Berlin, 2025, 509 Seiten, 32 €.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat früher schon einige – z.T. ausführliche Hinweise zu Hannah Arendt veröffentlicht.
Wir nennen hier nur eine Beispiele:

— Über ein neues Buch von Lyndsey Stonebridge
Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.5.2024. LINK

— “Die größten Übeltäter sind jene, die sich nicht erinnern”: Hannah Arendt, verstorben am 4.12.1975.
Geschrieben am 20. November 2016.  LINK

— Hannah Arendt: Die Banalität des Bösen, die “lebenden Leichname” und die Überflüssigen.
Geschrieben am 29. Dezember 2012.  LINK

— Hannah Arendt – eine Propagandistin von Martin Heideggers “braunem Denken” ?
Geschrieben am 20. Oktober 2016
Ist Hannah Arendt gebunden an Heideggers eher braunen Denkweg?
Ein Hinweis auf ein verstörendes und inspirierendes Buch von Emmanuel Faye, verfasst 2016  LINK 

— Hannah Arendt: Pluralität und Erfahrung des anderen. Sie haben ihre Wurzeln im Selbstgespräch des einzelnen.
Geschrieben am 4. September 2016.  LINK

Erhellend zum Thema Nazis in der BRD ist in unserem Zusammenhang eine Studie über den Eichmann Verteidiger Robert Servatius: Dirk Stolper: „Eichmanns Anwalt. Robert Servatius als Verteidiger in NS-Verfahren“, Frankfurt a. M./New York 2025, Campus, 498 Seiten, gebundene Ausgabe,  49 €. Siehe dazu die Rezension: https://rsw.beck.de/aktuell/daily/meldung/detail/robert-servatius-anwalt-nazis-eichmann-prozess und auch:  https://www.arendt-research-center.de/team/index.html

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

Heidegger und das Nazi „Recht“: Zu Martin Heideggers Mitarbeit in der Nazi „Kommission für Rechtsphilosophie“

Ein Hinweis von Christian Modehn am 3. 11. 2017

Die Pariser Tageszeitung „Le Monde“ (27.10.2017) bietet auf Seite 18 einen Beitrag der in Köln lehrenden Philosophin Sidonie Kellerer über Martin Heideggers Mitarbeit in der Nazi – „Kommission für die Rechtsphilosophie“. Der Titel des Beitrags „Heidegger hat niemals aufgehört, die Nazis (le nazisme) zu unterstützen“. Diese Kommission war integriert in die Nazi – „Akademie für deutsches Recht“. Führender Vertreter dieser Institution war Hans Frank, ein Jurist, der den Auftrag hatte, das bestehende Recht nach Vorgaben der Nazis umzubiegen.

Heidegger war Mitglied dieser Kommission für Rechtsphilosophie seit dem Frühling 1934. Hans Frank, der Nazi-Jurist, war Präsident dieser Kommission, schreibt Sidonie Kellerer. Frank wurde 1939 zudem Generalgouverneur für Polen, wo er die Ausrottung der Juden und der politischen Opposition organisierte; Frank hatte dort den Titel „der Schlächter von Polen“.

Unter Hans Frank arbeitete also Heidegger ab 1934 in der Kommission, bis Juli 1942 war Heidegger dort Mitglied. Dieses Datum, also bezogen auf die Mitgliedschaft in der Nazikommission für Rechtsphilosophie, hat jetzt die Philosophin Miriam Wildenauer von der Universität Heidelberg, herausgefunden. Sie arbeitete in den Archiven der „Akademie für deutsches Recht“, berichtet Sidonie Kellerer in Le Monde. Heidegger war also bis Juli 1942 Mitglied in dieser Nazi – Kommission. Er wusste, dass im Januar 1942 die „Endlösung“, also die totale Ausrottung der Juden, von den Nazis beschlossen wurde. Mit anderen Worten: Der Rücktritt Heideggers als Rektor der Universität Freiburg ist selbstverständlich kein Beleg für den Abschied Heideggers aus Nazi-Gruppierungen.

Noch muss weiter geforscht werden, warum die rechtsphilosophische Kommission von den Nazis eher verheimlicht wurde.“Die Protokolle der Sitzungen bleiben unauffindbar. Alfred Rosenberg spricht darüber kein Wort in seinem Tagebuch“, so le Monde.

Sidonie Kellerer schreibt: “Heidegger gab einen Beweis für seine große Gewandtheit, nach dem Krieg seine aktive Teilnahme im Nazi – Regime auszulöschen“…

Jedenfalls bietet das Buch „Heidegger und der Antisemitismus“ aus dem Herder Verlag (2016) mit ausgewählten Auszügen (!) aus Briefen Martin Heideggers an seinen Bruder Fritz in den Nazi – Jahren keine Hinweise auf die Mitarbeit in der rechtsphilosophischen Kommission der Nazis. Auch sonst sucht man etwa den Namen Hans Frank in Studien zu Heidegger  und die Nazis aus dem deutschen Sprachraum, verfasst von Heidegger nahestehenden Philosophen,  vergeblich. Oder irre ich mich? Oder wurde die Beziehung Martin Heidegger – Hans Frank bisher (bewusst) verschwiegen?

Copyright: Christian Modehn

 

Heidegger, der politische Mensch…

Martin Heidegger – nicht nur ein „Denker“, sondern ein politischer Mensch.

Von Christian Modehn

Eine weitere Fortsetzung (am 15. 3. 2015) zu unserem Thema, unserer Rubrik „Heidegger und die Nazis“:

Wir empfehlen die Lektüre des Interviews mit der Philosophin, Prof. Marion Heinz, Siegen, in „Die Zeit“ vom 12. März 2015 Seite 50f. Die Fragen stellte Thomas Assheuer.

Einige Hinweise zu uns zentral erscheinenden Erkenntnissen von Marion Heinz, die auch von anderen Forschern schon erwähnt wurden, nun aber noch einmal eine Bestätigung finden:

– „Die (jetzt fast vorliegende) Heidegger Gesamt-Ausgabe genügt den Prinzipien kritischer Editionen nicht; wir Forscher tappen im Dunkeln. Keiner weiß, wo Passagen gestrichen wurden….“   Gestrichen von den sich allmächtig aufführenden Erben Martin Heideggers…

-Es gibt die Jahre lang verbreitete These, Heidegger sei letztlich ein a-politischer, ein einsamer Denker in seiner weltfernen Hütte gewesen, der nur auf das Sein selbst lauschte etc… Dagegen betont Prof. Marion Heinz: „Das Bild vom politisch desinteressierten Philosophen Heidegger … ist das Ergebnis dessen, wie Heidegger sich selbst in der Nachkriegszeit inszeniert hat“. Mit anderen Worten: Viele Heidegger – Forscher haben seit 1945 diese Selbstinszenierung geglaubt und brav übernommen und verbreitet.

-Es wird in dem Zusammenhang behauptet, der weltferne Seins-Philosoph sei eigentlich gar nicht am Tagesgeschehen, etwa an der Zeitungslektüre, dem Radiohören etc. interessiert gewesen: „Die Briefe Heideggers zeigen, was für ein wacher und aufmerksamer Beobachter auch der Tagespolitik Heidegger war.. Er ist immer bestens informiert,….er verfolgt die Geschehnisse am Ende der Weimarer Republik überaus interessiert“.

-Martin Heidegger empfiehlt seinem Bruder Fritz in einem Weihnachtsbrief 1931, Hitlers „Mein Kampf“ zu lesen, „begleitet von einer Einschätzung Hitlers, die überaus positiv ist“.

-Martin Heidegger glaubt, zu Hitler gebe es keine Alternative, “er sei ein Erfordernis des geschichtlichen Augenblicks“.

Bezeichnenderweise spricht Heidegger – wie heute andere Kreise – ständig vom Abendland, das es zu retten gelte.

-Auch die oft noch zur „Rettung der Aktualität von Heideggers Denken“ vorgebrachteten Argumente zählen nach Meinung von Marion Heinz nicht: Heideggers Kritik an der Technik wird da oft lobend vorgebracht. Marion Heinz hält diese Lobeshymnen für abwegig: „Es kann ja nicht sein, dass man Heidegger für unverzichtbar hält, bloß weil wir jemanden brauchen, der uns auf die Gefahren unserer Zeit aufmerksam macht“. (Das hat zur gleichen Zeit viel besser etwa Theodor W. Adorno gemacht, CM).

Dann bleibt die Hauptsache, auf die wir schon mehrfach hingewiesen haben: Was bleibt dann eigentlich noch von Heidegger? Ist sein Denken insgesamt „verdorben“, vergiftet“? Aus welchen auch psychischen Motiven hat sich Heidegger nach dem offensichtlichen Scheitern seines „großen“ Projekts „Sein und Zeit“ in die andere Seins-Philosophie gestürzt mit ihren Schickungen und Weisungen? Wollte er sich als der ganz Große, der Allein-Wissende, auf diese Weise etablieren? Diese Frage wäre doch recht spannend. Und: Warum sind so viele Philosophen auf Heidegger „reingefallen“ und haben Jahrzehnte lang seine Weisungen in tausend Büchern hin und her gedreht? Passte Heidegger in die Kultur des Nachkriegszeit, weil er das kritische Denken in das ewige Dunkel der Seinsgeschichte führte und damit ein Alibi schuf, sich mit der realen politischen Geschichte zu befassen, mit dem Krieg, dem Rassismus, mit Auschwitz, mit dem Kolonialismus, dem Anti-Kommunismus usw… Heidegger, so eine These, legte das Material bereit, philosophisch im Dunklen zu tappen und sich philosophisch der Auseinandersetzung mit der Gegenwaert – auch empirisch- zu entziehen. Nebenbei: Es ist doch bezeichnend, dass meines Wissens kaum ein Heideggerianer etwas zur Friedensbewegung, zur Anti-Atom-Bewegung, zur feministischen Bewegung sagte oder jetzt zu dem Massensterben von Flüchtlingen im Mittelmeer sagt. Hat Heidegger das Denken im schlechten Sinne beruhigt? Wahrscheinlich. Das wäre eine spannende Frage. Marion Heinz sagt sehr treffend: „Die ernsthafte Auseinandersetzung darüber, was von der weithin behaupteten  Weltgeltung von Heideggers Denken (nach der Veröffentlichugn der Schwarzen Hefte) bleibt, STEHT ERST AM ANFANG“.

In „Die Zeit“ vom 12. März 2015 findet sich ein weiterer interessanter Hinweis des Heidegger-Schülers Prof. Rainer Marten mit dem Untertitel. „Seit Jahren nehmen die Herausgeber Martin Heideggers Werk in Beschlag. Das ist ein Skandal, der endlich ein Ende haben muss“. Marten ist empört, dass sich die Heidegger Familie anmaßt, über den Nachlass eigenmächtig zu verfügen. Er weist darauf hin, dass Heideggers Sohn es sich nicht nehmen ließ, der sehr rechtslastigen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ (Nr. 45(02) ein Interview zu geben. Wie schon sein Vater Martin, sagt der Sohn Hermann: „Mein Vater wollte nicht, dass sich die neugierige Journaille auf den unveröffentlichten Nachlass stürzt…“ Journalismus gab es für Martin Heidegger immer nur in der Form der hässlichen „Journaille“… Die Junge Freiheit ist für Hermann Heidegger offenbar seriös, in dem gleichen Geist, in dem Friedrich Wilhelm von Hermann, der treue Heidegger-Deuter, ein Interview dem sehr rechtslastigen russischen Politiker und Putin-Freund Alexander Dugin ein Fernseh-Interview gab. Klicken Sie hier.

Copyright: Christian Modehn

 

 

Die große Irre – oder: Wie Heidegger sich philosophisch für schuldlos erklärt. Zur „Irrnis-Fuge“ von Peter Trawny

Die große Irre – oder: Wie Heidegger sich philosophisch für schuldlos erklärt

Zur Broschüre „Irrnis-Fuge“ von Peter Trawny

Von Christian Modehn, am 22.2.2015

1,

In den „berühmten“ „Schwarzen Heften“ dokumentiert Martin Heidegger seit den neunzehnhundertdreißiger Jahren selbst ganz offen seinen Antisemitismus. Der Philosoph Peter Trawny, Professor an der UNI-Wuppertal und Leiter des dortigen, von Martin Heideggers Erben mit-finanzierten (siehe Fußnote 1)) „Martin-Heidegger-Instituts“, ist der Herausgeber dieser erst vor einem Jahr publizierten sehr umfangreichen und ausführlichen Notizen Heideggers. In seinem Buch „Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“ (Klostermann Verlag, 2014) nennt Trawny die „Schwarzen Hefte“ den „wahrscheinlich intimsten Text Heideggers“ (S. 98). Von der Shoa ist in den Heften keine Rede, betont der Kenner der Schwarzen Hefte, Peter Trawny. In seinen Bremer Vorträgen (1949) deutet Heidegger an, dass er selbst sich „schmerzlos“ fühlt angesichts des maßlosen Leidens der Shoa. „Schuld“ an dieser Unbetroffenheit und Unberührtheit sei aber nicht er selbst, seine Person also, sondern schuld seien die objektiven Zusammenhänge der Seinsgeschichte, vor allem in der Macht der modernen Technik, die wiederum nur „objektiv“, also nur seinsgeschichtlich, zu verstehen sei.

2.

Heidegger zieht sich also, umgangssprachlich formuliert, „aus der Affäre“. Er möchte, von seiner eigenen Philosophie geschützt und freigesprochen, sozusagen ungerührt die ermordeten 6 Millionen Juden und die anderen von Nazis ermordeten Menschen bloß zur Kenntnis nehmen.

3.

In dem Buch „Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“ spricht Trawny klar und nachvollziehbar davon, „dass nicht wenige Dimensionen Heideggers Denken kontaminiert erscheinen“ (S. 99). Er geht sogar, richtig und treffend in unserer Sicht, so weit zu behaupten, dass eine institutionelle Krise von Heideggers Denken bevorsteht“ (100)! Mit anderen Worten: Dass das Studium der Schriften Heideggers ab sofort unter ganz neuen und ganz anderen Voraussetzungen stattfinden muss. Was das heißt, haben Trawny und andere Heidegger-Deuter bisher nicht weiter vertieft, von einem neuen hermeneutischen Ansatz „nach den Schwarzen Heften“ nichts zu spüren, geschweige denn, dass die große Heidegger Gemeinde in irgendeine Form der Selbstkritik und des Abstandnehmens gerät. Günter Figal, Freiburg, ist da wohl die Ausnahme.

Mit um so größerem Interesse wendet man sich der offenbar zeitlich nach „Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“ verfassten kleinen Studie Peter Trawnys zu, sie hat den sehr heideggerianischen, d.h. dem Insider verpflichteten Titel „Irrnisfuge. Heideggers An-archie“, erschienen 2014 bei Matthes und Seitz. Da rutscht Trawny in die von ihm früher schon einmal kritisierte esoterische Sprache zurück. Er schreibt, das deutet schon der Titel an, für den kleinen Kreis der „Eingeweihten“. Mit einer solchen Engführung ist aber angesichts der Probleme rund um die „Schwarzen Hefte“ fast keinem gedient, vielleicht der Familie Heidegger und dem Kreis um Friedrich Wilhelm von Herrmann, die jegliche kritische ( !) Edition der Heidegger Werke bekanntlich unterbinden!

Esoterischen Nebel zu verbreiten verbietet sich für jede ernstzunehmende Philosophie.

4.

Diese Broschüre Trawnys ist in unserer Sicht eine große Enttäuschung. Man muss bereits Heidegger vorwärts und rückwärts gelesen haben, um die Äußerungen Trawnys zum Thema zu verstehen. Es geht ja, noch einmal, grundsätzlich um die Frage, wie in der eigenen Philosophie Heideggers, besonders in seiner Interpretation von Wahrheit und Irrtum, selbst die Wurzel liegen kann für sein völliges DES-Interesse an der Auslöschung des Judentums bzw. noch vorausliegend für sein bis 1945 ausdauerndes Gebundensein an die NSDAP.

Unserer Meinung werden Irrnis und Fuge etwa, schon der Titel, nicht in allgemein nachvollziehbarer, also in NICHT- esoterischer Sprach erklärt. Es geht bei den Begriffen um das eigenartige Verständnis von Wahrheit bei Heidegger, das nichts mit Richtigkeit im logischen Sinn gemeinsam hat. Vielmehr meint Heidegger dem Logischen vorausliegend Wahrheit als Unverborgenheit verstehen zu können. Wenn etwas aber un-verborgen ist, dann, so folgert er dann doch irgendwie noch logisch, muss es auch Verborgenes geben. Wahrheit spielt sich also in einem Gegeneinander von Verborgenem und Unverborgenen ab. Mit dem Respekt vor dem Verborgenen muss dann aber eingestanden werden: Es gibt ein „Gegenwesen,“ sagt Heidegger, also eine Art lebendige (Irrtums) Macht gegenüber der Wahrheit. Das heißt noch einmal: Dieses Gegenwesen ist der Irrtum, die Irre, wie der Schwarzwälder Meister sagt, daraus folgert er dann: „Der Mensch ist der Irre unterworfen“, so heißt es kurz und bündig im „Heidegger Handbuch“ (Hg. von Dieter Thomä u.a., Stuttgart 2005, Seite 131). In dieser gar nicht esoterischen Sprache, sondern in deutlicher Sprache haben wir eine Art nachvollziehbare Definition der Irre bei Trawny nicht gefunden.

Trawny bietet fast nur den großen Meister immer wieder repetierende Sätze, also in einer Sprache, die so dicht unmittelbar Heidegger, dem Meister, folgt, dass weite Strecken des Trawny Textes wie eine zusammenfassende Paraphrase erscheinen. Wem ist damit gedient?

Die Broschüre Trawnys kennt keine Kapitelgliederung, was unangenehm auffällt, denn Kapitelgliederungen sollten doch einem ca. 80 Seiten umfassenden Texte üblich sein.

5.

Aber, noch einmal, am schwersten wiegt die – eben Heidegger repetierend – verschleiernde Sprache. So schreibt Trawny auf Seite 45 über das auch Heidegger bekannte Buch „Der Untergang des Abendlandes“ von Oswald Spengler: „Der Untergang ist in der Geschichte des Seyns (sic!) nie ein Ende, sondern der Beginn. Das aber könne nur dort sein, wo das Aufgehen, ereignishaft entsprungen, in die Huld der Wahr-heit (sic) des Seyns (sic) reiche“. Man kann doch nicht im Ernst Heidegger nicht mit Heideggers Worten erklären, das gilt wohl allgemein für alle Interpretationen. Die enge sprachliche (und damit im Denken gegebene) Verbundenheit mit Heidegger wird auch deutlich, wenn Trawny schreibt: „Die Orientierung an der Dichtung, natürlich zuerst an Hölderlin, hat Heidegger soweit getrieben, dass ihm nur die Wenigsten gefolgt sind und folgen werden“. Darauf folgt der entscheidende Satz Trawnys: „Doch sie bleiben weit zurück“. Also: Diese Leute sind, Verzeihung, also eigentlich die Blöden. (S 61).

 

6.

Wichtig bleibt hingegen der Hinweis Trawny, dass Heidegger als Philosoph offenbar alles Empirische, Historische für sich als „Denker“ irrelevant fand. Trawny schreibt: „Will Heidegger etwas über Russland erfahren, liest er keine statistischen Erhebungen über Stadt und Land, sondern Dostojewski. Dasselbe gilt natürlich auch für Deutschland: Was deutsch ist, dichtet Hölderin. (S. 44). Man könnte also in diesem Sinne weiter fortfahren: Was Demokratie ist, sagt uns Platon. Was Mathematik ist, sagt uns Euklid…. So viel Abweisung alles auch aktuell Empirisch-Faktischen blamiert wohl eher einen Denker, der sich für groß hielt. Wer so Philosophie betreibt, schadet der Sache der Philosophie! Hätte sich Heidegger auch ethisch, auch politisch, mit den Fakten rund um die NSDAP auseinandergesetzt, anstatt, mitten im 2. Weltkrieg, als die Öfen in Auschwitz nie ausgingen, etwa permament mit dem Dichter Hölderlin oder den Vorsokratikern, vielleicht wären die Schwarzen Hefte weniger schwarz, d.h. katastrophal für ihn als Menschen ausgefallen. Im Rahmen der Irrnis bzw der Irre hat Heidegger auch den Untergang gedacht: Er hielt es für möglich in der technischen Welt, wenn sich die Erde selbst in die Luft sprengt und dass das jetzige Menschentum verschwinde. Aber das sind ja weithin geteilte Überzeugungen. Heidegger hingegen sagt ergänzend: „Das sei kein Unglück, sondern die Reinigung des Seins durch die Vormacht des Seienden“. Kommentar von Trawny: „Eine Sintflut muss kommen, um den Dreck der Geschichte wegzuspülen“. Aber diese Auslassungen Heideggers findet selbst Trawny „philosophisch nicht der Rede wert“ (47). Er will seinen Meister überhaupt aus dem Bereich der Philosophie befreien und eher in der Dichtung ansiedeln, offenbar, weil dort ungeschützter vieles einfach so gesehen, so erfahren, geahnt und behauptet werden kann…Der esoterische Poet (Heidegger) entzieht sich einfach der in seiner Sicht banalen, logischen Kritik. Er ist ja der Große, „der groß denkt“ und deswegen, so Heidegger, „auch groß irren muss“ und wohl auch irren darf. Dem Poeten verzeihen wir alles, vermutet wohl der Schwarzwälder Dichter-Denker…

7.

Aber der entscheidende Trick Heideggers muss wohl als solcher benannt werden: Er baut sich selbst eine Philosophie, die ihn rundherum schuldlos erscheinen lässt. Heidegger hat sich seit 1930 bis zum Lebensende eine Philosophie erdacht, „zusammengebaut“, in der er selbst als der selbst ernannte „Hüter des Seins /Seyns/“ in der Unverborgenheit die Wahrheit spürt, dabei aber auch die Irrnis, also den Fehler, die Unwahrheit erlebt und ihr ausgesetzt ist: Das Irren gehört dann entschuldbar, weil schicksalhaft und unabwerfbar gegeben, wesentlich zum Philosophieren. Heidegger entkommt der Irre nicht, er muss förmlich irren.

Der arme Heidegger konnte also nichts dafür, dass er Antisemit werden musste, es war doch ein Seins/Seyns Geschick. Da hilft doch keine Logik und schon gar keine Ethik. Denn die Ethik ist doch auch durch die Irre verdorben… Heidegger entzieht sich mit seiner Philosophie der Verantwortung. Er tritt förmlich aus der allgemeinen Geschichte der (meisten) Menschen heraus. Er ist ein „Sonderfall“.

Ab Seite 65 folgen bei Trawny einige wenige weiter inspirierende und sicher wichtige Sätze, die sich alle immer noch verbliebenen absoluten Heidegger Fans hinter die Ohren schreiben werden: „Heidegger hat an keiner Stelle (der Schwarzen Hefte) signalisiert, er habe sich in jenen antisemitischen Passagen getäuscht“…“ Heidegger hat sich ohne Gewissensbisse zur unveränderten Veröffentlichung entschieden“: (67)

8.

Merkwürdig hingegen wieder die daran anschließende Äußerung Trawnys: „Der Irrende ist ohne Schuld. Der Gedanke, Heidegger hätte sich irgendwie für sein Denken entschuldigen könne, ist schwach“ (68). Warum ist dieser Gedanke schwach? Hatte denn Heidegger denn kein Gewissen? Hatte er denn kein Denken und Erkennen, das nicht einbezogen war in sein Seins-Denken? Gab es für ihn wirklich absolut und nirgendwo keine allgemeine Logik mehr? Oder hat er Logik und Ethik nur an den Stellen ausgesetzt, wo es ihm in seinen (politischen) Kram passte?

Diese neue Broschüre von Trawny „Irrnis Fuge. Heideggers Anarchie“ ist, von einigen exoterisch nachvollziehbaren Sätzen abgesehen, kein Buch, das Aufklärung, also Licht, bringt in die verworrene Situation der Philosophie Heideggers seit der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte.

Peter Trawny, Irrnisfuge. Heideggers An-archie“. Matthes und Seitz-Verlag, Berlin, 2014, 90 Seiten.

Zu Fußnote 1: WZ am 20. Jan. 2013 und Solinger Tageblatt 26.9.2014.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin. Christian Modehn

Heidegger – ein Nazi. Aktuelle Diskussion in Paris, Januar 2015

Heidegger – der Nazi: Aktuelle Diskussionen in Frankreich

Von Christian Modehn

Das Thema „Heidegger und der Nationalsozialismus“ werden wir weiter dokumentieren und besprechen. Nun eine nächste Etappe:

Vom 22. bis 25. Januar 2015 fand in Paris ein Heidegger-Kolloquium statt unter dem Titel „Heidegger und die Juden“. Das Thema war schon seit vielen Jahren festgelegt, heißt es. Finanziert von ARTE, Radio France Culture, Libération und der BNF, waren als Teilnehmer dabei u.a. Peter Sloterdijk, Alain Finkielkraut, Peter Trawny, Barbara Cassin, Luc Dardenne…

Die Tageszeitung „Le Monde“ brachte am 30. Januar in der Rubrik „Le Monde des Livres“, Seite 9, eine Zusammenfassung von Marianne Dautrey. Ich habe einige zentrale Aussagen übersetzt, damit auch diese Etappe der Auseinandersetzungen nicht vergessen wird:

„Heideggers Antisemitismus war keine Tatsache eines Ungedachten (eines der Lieblingswörter Heideggers CM) noch eines Schweigens, sondern die Tatsache einer Negation. Und man kann nicht mehr sagen, dass seine Philosophie davon schadlos/schadenfrei ist“….“Heidegger war kein normaler Nazi, sondern ein überzeugter Nazi“… „Heidegger bedauerte 1934, dass die Nazis nicht radikal genug, sondern zu bürgerlich sind“.

Was die Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ angeht: Sie liegen auf französisch noch nicht vor, die Übersetzungen werden offenbar von dem immer noch äußerst Heidegger begeisterten Francois Fédier betreut/kontrolliert. Er hielt bei dem Pariser Kolloquium einen Vortrag, in dem er versuchte, die zentralen (antisemitischen) Begriffe Heideggers ziemlich gewunden in eine eher harmlose französische Begrifflichkeit zu übersetzen. Auch das dokumentiert Le Monde. Die junge Philosophin Sidonie Kellerer hat, so wird auch in Le Monde berichtet, in minutiösen Studien herausgefunden, wie Heidegger etwa seinen Vortrag „Die Zeit des Weltbildes“ aus der Nazizeit dann in den fünfziger Jahren von allen Bezügen auf Hitler usw. befreit hat, ohne dass er die Veränderungen des Textes vermerkte. Das empfehlenswerte Sonderheft von „Philosophie Magazine“ über Philosophie und Nazis (Januar 2015) berichtet ebenfalls ausführlich darüber! Frau Kellerer hat sich bei dem Pariser Kolloquium nicht geäußert.

Gar nicht erst nach Paris gereist ist der Philosoph Emmanuel Faye aus Rouen, er hat als einer der ersten auf die Verstrickungen Heideggers mit dem Naziunwesen hingewiesen. Er sieht, wie bei dem der Organisatoren, Gérard Bensussan, der Antisemitismus Heideggers relativiert wird, indem er sagt: „Das ganze westliche (europäische) Denken ist antisemitisch“. Emmanuel Faye weist diese banale Aussage entschieden, argumentativ, zurück.

Offen bleibt nach wie vor die Frage, welche Ideen, Perspektiven, „Werke“ (etwa aus den früheren Jahren, wie „Sein und Zeit“) bleibend gültig sind, also vom Ungeist des Rassismus nicht erfasst ist. Das wäre ein Thema für mehrere internationale Kolloquien und Sammelbände, so hätten die frustrierten Heideggerianer etwas Neues zu denken und sich zu bekennen zu der Frage: Wie sinnvoll war und ist all unser Jahre langes Interpretieren und Verstehenwollen dieser so dunklen Heideggertexte. Zugespitzt und etwaa polemisch gefragt: Hätten wir nicht besser andere Philosophen durchbuchstabieren sollen? Ob Heideggerianer so viel Mut und Selbstkritik aufbringen, einen Sammelband zu veröffentlichen unter dem durchaus Heideggerschen Titel: „Auch wir waren in der Irre“?

Copyright: Christian Modehn.

Heidegger – wie antisemitisch ist sein Werk?

Heidegger – wie antisemitisch ist sein Werk?

Fortsetzung folgt

Von Christian Modehn

Mit Heidegger kommt kein Philosophierender wohl jemals an ein Ende, dafür ist sein Denken weithin z.B. zu „esoterisch“, d.h. verschlüsselt, dunkel, nebelig, d.h. bewusst der allen gemeinsamen Vernunft entzogen, wie auch der Spezialist Peter Trawny deutlich nachweist, zur Lektüre unseres Beitrags dazu klicken Sie bitte hier.

Auch die Klärung, seiner Verstrickung in Naziunwesen und Antisemitismus kommt zumal durch die Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ so schnell an kein Ende.

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ hat sich mirt dem „Fall Heidegger“ beschäftigt, weil wir selbst durchaus etliche „Aspekte“ des Denkens Heideggers wichtig fanden und sicher noch auch finden. Die Gottesfrage „bei“ Heidegger hat uns immer beschäftigt.

Mehr noch bewegt jetzt die Frage, die ebenfalls nicht auf die Schnelle beantwortet werden kann: Ist das ganze Denken Heideggers, also spätestens seit Anfang der Dreißiger Jahre, vom Naziunwesen „verdorben“? Wer will bei der Fülle des Werkes darauf eine scchnelle Antwort geben? Sind alle diese riesigen Bücherberge, die über Heidegger geschrieben wurden, etwa zweitrangig, wenn nicht überflüssig geworden angesichts der Verblendetheit dieses Denkers? Karl Popper, eigentlich ein klarer Denker, war ja wohl explizit dieser Meinung. Und die ewig zitierte Hannah Arendt? War sie aus Liebe letztlich blind in diesem „Fall“

Vielleicht könnte man sich im kritischen Klären anfangs auf den Begriff der Schickung und der vom Meister empfohlenen gehorsamen.d.h hörenden Haltung dieser Seins-Schickung gegenüber konzentrieren, um das vielfach besprochene und immer deutlicher hervortretende anti-, zumindest a-ethisch Denken des Schwarzwälders zu dokumentieren. Wenn Heidegger nur auf die (mysteriöse) Seinsschickung hörte, sich vielleicht sogar „verhörte“, was er explizit nicht ausschließt, dann ist er eigentlich als diese einzelne Person Martin Heidegger für die eigenen politische Verirrungen und Antisemitismus nicht verantwortlich. D.h. er ist dann eigentlich nicht mehr ethisch „zurechnungsfähig“.

Am 16. Dezember 2014 haben wir auf dieser website auf die Grenzen, d.h. die von Heidegger selbst gesetzten Begrenzungen der Heidegger Forschung hingewiesen und dabei an die Tatsache erinnert, dass die „Gesamtausgabe“ von Heideggers Werken alles andere ist als eine kritische Gesamtausgabe.

Zur Lektüre dieses Beitrags klicken Sie bitte hier.

Nun geht die Diskussion weiter: Nach der Lektüre der Schwarzen Hefte ist der Vorsitzende der Martin-Heidegger-Gesellschaft, Prof. Günter Figal, Freiburg i.Br., von diesem Posten zurückgetreten. Bei einer Lektüre der website dieser Gesellschaft am 22. 1. 2015 um 17.30 Uhr wird immer noch Günter Figal als Vorsitzender erwähnt, obwohl Günter Figal schon am 15. 1. 2015 auf SWR2 seinen Rücktritt besprochen hat. Nebenbei: Zum Kuratorium dieser Gesellschaft gehört als Vorsitzender Martin Heideggers Sohn Herrmann. Zur Heidegger Gesellschaft klicken Sie bitte hier.

Das Heft „Information Philosophie berichtet von der Ra­dio­sen­dung am 15.1. 2015: „ Figal wörtlich: „Die Verstrickung Heideggers in den Nationalsozialismus ist viel größer, als wir bisher wissen konnten, und das heißt, man muss unter diesem Gesichtspunkt die 30er-Jahre-Phase überhaupt erst mal gründlich erforschen. Und das kann man, sobald hinreichend Material dafür da ist“. Zu „Information Philosophie“ klicken Sie bitte hier.

Nun, das „Material“ ist ja eigentlich seit einiger Zeit, also auch schon VOR der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte, hinreichend da. Erstaunlich ist, dass offenbar die Last antisemitischen Denkens jetzt selbst für Günter Figal so unerträglich wurde, dass er jetzt eine Art Schlussstrich gezogen hat, immer offen lassend, was denn vielleicht noch „bleibt“ von Heideggers Denken.

Empfehlen möchten wir dringend das Sonderheft des „Philosophie Magazines“, das im Januar 2015 erschienen ist zum Thema „Die Philosophen und der Nationalsozialismus“, 2015, 98 Seiten, 9,90 Euro. Wir zitieren aus einem empfehlenswerten Beitrag von Dirk Pilz in der Frankfurter Rundschau zu diesem Sonderheft: „Dem Fall Heidegger ist darin ein eigener Schwerpunkt gewidmet. In einem aufschlussreichen Interview berichtet Jacques Taminiaux, der Heidegger ins Französische übersetzte, von seiner Teilnahme an privaten Seminaren des meistgelesenen deutschen Philosophen im 20. Jahrhundert, von dem „Gebaren eines Propheten“ und der Arroganz Heideggers. Heidegger habe sich gewünscht, so Taminiaux, der philosophische Berater Hitlers zu werden, um die Nazi-Bewegung zu zähmen und über sich selbst hinauszuheben – das zeuge von seiner tiefen Verwurzlung im NS-Denken und „wahnhafter Selbstüberschätzung“. Und zu der von uns in einem früheren Beitrag erwähnten Heidegger Forscherin Sidonie Kellerer schreibt Dirk Pilz zusammenfassend: „In einem prägnanten Aufsatz zeigt die Philosophin Sidonie Kellerer zudem, dass er sich auch nach Kriegsende nicht von der NS-Ideologie entfernt hat“.

Sidonie Kellerer hat freigelegt, unter welchen makabren Bedingungen die Gesamtausgabe Heideggers veröffentlicht wird, wie etwa das Deutsche Literaturarchiv in Marbach Handschriften des „Meisters“ nur mit Genehmigung der Erben, also Hermann Heideggers, zur Einsicht freigeben darf usw. Sieht so Forschung in Deutschland aus?

Dabei ist uns aufgefallen, dass die Zeitschrift „Information Philosophie“ schon 1999 (!, offenbar von vielen unbemerkt) auf den Seiten 84 bis 87 ein Interview mit Friedrich-Wilhelm von Herrmann gedruckt hat über die Gesamtausgabe mit dem typischen heideggerisch schwammigen Titel „Wege nicht Werke“. Darin betont der Intimus Martin Heideggers, also der herausgebende Philosoph Friedrich-Wilhelm von Herrmann, dabei den Meister zitierend: „Das denkerische Werk im Zeitalter des Übergangs kann nur und muss ein Gang sein in der Zweideutigkeit dieses Wortes: Ein Gehen und ein Weg zumal, somit ein Weg, der selbst geht“.

Frage am Rande: „Welcher Weg geht selbst??“ Weiß jemand eine nachvollziehbare Antwirt? Man lese dazu in der Gesamtausgabe im Band „Beiträge…“ S. 83.

Jedenfalls ist das Interview mit von Herrmann in „Information Philosophie“ von 1999 heute noch lesenswert. Heidegger selbst hat demzufolge Anweisungen gegeben, wie man sein Opus bearbeiten soll. Und daran halten sich selbstverständlich die treuen Forscher. Dabei wurden von den Herausgebern viele Fehler begangen, die der Heidegger Übersetzer Theodore Kisiel öffentlich beklagte. Jedenfalls sagte von Herrmann, sozusagen der oberste aller oberen Heidegger Deuter: „Heidegger wünschte eine Werkausgabe letzter Hand, NICHT ABER EINE HISTORISCH KRITISCHE AUSGABE“. Das schafft Klarheit. Darf so Wissenschaft betreiben, geht Treue zum Meister über den Anspruch der Wissenschaft hinaus? Wie lange haben wir Heidegger Leser das eigentlich implizit hingenommen und erst recht die vielen Heidegger Spezialisten? Warum gab es keinen Aufschrei schon damals, als von Herrmann dieses gutmütige Bekenntnis von sich gab?

Nebenbei: Auf das TV Interview von Herrmann durch den Putin Freund Alexandre Dugin (den manche seriöse Beobachter nicht gerade für einen Demokraten halten, um es milde auszudrücken) für das Russische Fernsehen gab, haben wir schon früher hingewiesen, als ein Beispiel für die Vernetzung rechtsradikalen Denkens mit Heideggerscher Philosophie. Siehe: http://www.4pt.su/de/content/prof-alexandre-dugin-mit-prof-friedrich-wilhelm-von-herrmann. Noch mal gelesen am 22. 1. 2015.

Die lang andauernde Nähe Heideggers (treffender wäre wohl Freundschaft) zu eher sehr rechtslastigen Denkern wurde schon von dem Philosophen Emmanuel Levinas dokumentiert. Dabei handelt es sich um die seit 1946 lange anhaltende Freundschaft mit dem Franzosen Jean Beaufret (1907 – 1982), dem er sogar seinen Humanisms Brief in gewisser Weise widmete. In seiner Levinas Studie schreibt Salomon Malka (Beck Verlag, 2003) auf Seite 170, dass auch Derrida wusste, dass „Beaufret ein Antisemit war“.

Malka schreibt: „Nach Beaufrtes Tod stellte sich heraus, dass er Robert Faurisson unterstürzt hatte, jenen Historiker in Lyon, der die Schule der Auschwitzleugner anführt. Bedenkt man, dass er Heideggers Rauchfassträger war, ihn einführte und räumte, wo er nur konnte, dass er (Beaufret) Gespräche mit Heidegger führte und diese veröffentlichte, so erhält dieser späte Revisionismus symptomatische Bedeutung. … Die Antwort darauf liegt möglicherweise in der hymnischen Verehrung des Griechen – und Heidentums der Antike, die Beaufret Jugend geprägt und ihn zum bedingungslosen Anhänger Heideggers hat werden lassen“…. Von daher auch Beaufrets Sympathien für die Neue Rechte in Frankreich. „In Beaufrets vielleicht wichtigstem Werk „Dialog mit Martin Heidegger“ findet sich keinerlei Erwähnung der jüdischen Thematik“, so Malka in dem genannten Buchg (s. 170f.).

Fortsetzung folgt…

Copyright: Christian Modehn