Heidegger und das Nazi „Recht“: Zu Martin Heideggers Mitarbeit in der Nazi „Kommission für Rechtsphilosophie“

Ein Hinweis von Christian Modehn am 3. 11. 2017

Die Pariser Tageszeitung „Le Monde“ (27.10.2017) bietet auf Seite 18 einen Beitrag der in Köln lehrenden Philosophin Sidonie Kellerer über Martin Heideggers Mitarbeit in der Nazi – „Kommission für die Rechtsphilosophie“. Der Titel des Beitrags „Heidegger hat niemals aufgehört, die Nazis (le nazisme) zu unterstützen“. Diese Kommission war integriert in die Nazi – „Akademie für deutsches Recht“. Führender Vertreter dieser Institution war Hans Frank, ein Jurist, der den Auftrag hatte, das bestehende Recht nach Vorgaben der Nazis umzubiegen.

Heidegger war Mitglied dieser Kommission für Rechtsphilosophie seit dem Frühling 1934. Hans Frank, der Nazi-Jurist, war Präsident dieser Kommission, schreibt Sidonie Kellerer. Frank wurde 1939 zudem Generalgouverneur für Polen, wo er die Ausrottung der Juden und der politischen Opposition organisierte; Frank hatte dort den Titel „der Schlächter von Polen“.

Unter Hans Frank arbeitete also Heidegger ab 1934 in der Kommission, bis Juli 1942 war Heidegger dort Mitglied. Dieses Datum, also bezogen auf die Mitgliedschaft in der Nazikommission für Rechtsphilosophie, hat jetzt die Philosophin Miriam Wildenauer von der Universität Heidelberg, herausgefunden. Sie arbeitete in den Archiven der „Akademie für deutsches Recht“, berichtet Sidonie Kellerer in Le Monde. Heidegger war also bis Juli 1942 Mitglied in dieser Nazi – Kommission. Er wusste, dass im Januar 1942 die „Endlösung“, also die totale Ausrottung der Juden, von den Nazis beschlossen wurde. Mit anderen Worten: Der Rücktritt Heideggers als Rektor der Universität Freiburg ist selbstverständlich kein Beleg für den Abschied Heideggers aus Nazi-Gruppierungen.

Noch muss weiter geforscht werden, warum die rechtsphilosophische Kommission von den Nazis eher verheimlicht wurde.“Die Protokolle der Sitzungen bleiben unauffindbar. Alfred Rosenberg spricht darüber kein Wort in seinem Tagebuch“, so le Monde.

Sidonie Kellerer schreibt: “Heidegger gab einen Beweis für seine große Gewandtheit, nach dem Krieg seine aktive Teilnahme im Nazi – Regime auszulöschen“…

Jedenfalls bietet das Buch „Heidegger und der Antisemitismus“ aus dem Herder Verlag (2016) mit ausgewählten Auszügen (!) aus Briefen Martin Heideggers an seinen Bruder Fritz in den Nazi – Jahren keine Hinweise auf die Mitarbeit in der rechtsphilosophischen Kommission der Nazis. Auch sonst sucht man etwa den Namen Hans Frank in Studien zu Heidegger  und die Nazis aus dem deutschen Sprachraum, verfasst von Heidegger nahestehenden Philosophen,  vergeblich. Oder irre ich mich? Oder wurde die Beziehung Martin Heidegger – Hans Frank bisher (bewusst) verschwiegen?

Copyright: Christian Modehn

 

Grenzen der Heidegger Forschung

Es gibt keine historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke Martin Heideggers

Über die Grenzen der Heidegger Forschung

Ein Hinweis von Christian Modehn

Am 13. 11. 2014 (Nr. 47) veröffentlichte DIE ZEIT einen wichtigen Beitrag von Eggert Blum über neue Erkenntnisse einer kritischen Heidegger-Forschung. Der Titel „Die Marke Heidegger“. Der Untertitel „Wie die Familie des Philosophen jahrzehntelang versuchte, das Image des umstrittenen Denkers zu kontrollieren und kritische Studien klein zu halten“.

Eggert Blum arbeitet als Journalist vor allem für SWR 2.

Sein Beitrag für DIE ZEIT findet unseres Erachtens leider nicht eine breitere Rezeption in der Öffentlichkeit. Dabei bietet er einige wichtige Erkenntnisse aus neuester Forschung über den Philosophen Martin Heidegger. Um zu weiteren Recherchen – wenn möglich – zu ermuntern, nur einige zentrale Fakten aus dem Beitrag von Eggert Blum.

– Die Familie Heideggers, allen voran der Sohn Hermann Heidegger, „üben eine strikte Kontrolle über die Gesamtausgabe aus, sie beanspruchen Deutungshoheit über das Heideggerbild in der Öffentlichkeit und versuchen, kritische Stimmen klein zu halten“. Tatsache ist also, trotz der allmählich abgeschlossenen „Gesamtausgabe“: „Es gibt keine historisch-kritische Gesamtausgabe, die Änderungen des Autors kenntlich und so die Textgeschichte überprüfbar mache“. Damit sind vor allem die Äußerungen des NSDAP Mitglieds Martin Heideggers (Mitglied bis 1945) zur Rolle der Juden gemeint, etwa: „Über die Vorbestimmung der Judenschaft zum planetarischen Verbrechertum“ (so ein Zitat Heideggers in DIE ZEIT vom 13.11.2014).

– Die Philosophin Sidonie Kellerer hat sich große Verdienste erworben, im Detail nach zu weisen, wie Martin Heidegger nach 1945 höchst peinliche Äußerungen (um es mal moderat zu sagen) über Juden ausgelöscht hat. Der Beitrag zeigt diese sehr genaue Recherche am Beispiel des Aufsatzes „Zeit des Weltbildes“, den Heidegger 1938 in Freiburg gehalten hat. In der Veröffentlichung dieses Aufsatzes in dem Sammelband „Holzwege“ 1950 streicht Heidegger Äußerungen dieses Vortrags, die er 1938 zugunsten der NSDAP Ideologie gemacht hatte.

– Nachschriften aus Universitätsseminaren, etwa aus dem Wintersemester 1933 /34, in denen Heidegger den Führerstaat, Nationalismus und Antisemitismus propagiert, fehlen in der Gesamtausgabe. Sie ist ja auch keine kritische Gesamtausgabe … und somit eigentlich nur sehr begrenzt für die Forschung verwendbar. Dies ist wohl die am meisten schockierende Erkenntnis, die der Artikel vermittelt.

– „Teile des Nachlasses befinden sich weiter in Familienhand“, also bei Hermann Heidegger und dessen Sohn.

– Hermann Heidegger, der Sohn,  publiziert seine Erinnerungen an die Kriegsgefangenschaft im Verlag ANTAIOS, wo sich vor allem Autoren der so genannten Neuen Rechten (Nouvelle Droite, etwa der Meisterdenker Alain de Benoist tummeln). Der ANTAIOS Verlag stellt Hermann Heidegger auf der Verlagswebsite – zweifellos mit dessen Einverständnis – vor: „Seit 1976 ist Hermann Heidegger verantwortlich für die Gesamtausgabe der Werke seines Vaters Martin Heideggers“.

– Der von Heidegger selbst geschätzte Interpret und Herausgeber einiger Werke der Gesamtausgabe, der Philosoph Friedrich Wilhelm von Herrmann, hat dem russischen Nationalisten Alexander Dugin (er gehört zu Putins Beraterkreis) ein zweistündiges Filminterview gegeben. Der Journalist und Philosoph Thomas Assheuer schreibt über Alexander Dugin in „Die Zeit“ vom 17. Dezember 2014, Seite 4: „Von der inneren Unterwanderung des Westens träumt auch der russische Philosoph Alexander Dugin. Im Mai (2014) war Dugin in Wien Stargast eines =Geheimtreffens=, an dem neben dem FPÖ Chef Heinz Christian Strache auch die Ekelin Jean-Marie Le Pens teilnahm, also eine Abgeordnete des /französischen/ Front National… Dugin wird nicht beleidigt sein, wenn man ihn eine Neofaschisten nennt… Dugin entwirft  eine Blaupause für eine postliberale Gesellschaft, die auf den Ruinen des Westens errichtet werden soll…“

Uns ist nicht bekannt, ob sich der „hervorragende Heidegger Spezialist“, Prof. Friedrich Wilhelm von Herrmann, zur Bedeutung und zum Sinn seinwa ausführlichen Fernsehgesprächwa mit Dugin geäussert hat. Die Hauptfrage bleibt also: Welche philosophische Nähe zwischen Dugins explizitem Abweisen des demokratischen Liberalismus und der expliziten Kritik Heideggers an der „Macht des westlichen Imperalismus“ gibt es? Ist es also purer Zufall, dass sich der Neofaschist Dugin für Heidegger interessiert und sich alles hübsch von Heideggers Sekretär und Oberinterpreten erläutern lässt?

– Eggert Blum stellt am  Ende seines Beitrags die Frage: „Man mag fragen, warum man sich heute noch mit Heidegger beschäftigen soll. Ist über den NS Philosophen nicht alles Entscheidende gesagt? Kann man den ernst zu nehmenden Teil seiner Philosophie nicht einfach den Spezialisten überlassen?“ Der Autor fährt fort: „Das könnte ein Irrtum sein. Denn für Nationalisten und radikale Rechte ist dieses Denken attraktiver denn je“.

Der Beitrag in DIE ZEIT: http://www.zeit.de/2014/47/philosoph-heidegger-antisemitismus

Zum Interview Friedrich W. von Herrmann mit dem russischen Nationalisten Alexander Dugin:

http://www.4pt.su/de/content/prof-alexandre-dugin-mit-prof-friedrich-wilhelm-von-herrmann

Die angesehene Monatszeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ veröffentlichte 2007 einen Beitrag über Dugin mit dem Titel „Faschismus a la Dugin“. Zur Lektüre klicken Sie bitte hier.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.