Ordentliche Orden? Neue sehr konservative Ordensgemeinschaften im Katholizismus

Ordentliche Orden? Es gibt immer mehr Ordensgemeinschaften, die kritische Theologie ablehnen.

Hinweise von Christian Modehn, zuerst veröffentlicht am 27.3. 2015. Im Jahr 2019 weiter aktualisiert, weil die reaktionären Ordensgemeinschaften weiterhin blühen und Anlass bieten für religionskritische Hinweise…

Ergänzung am 24.1.2019: Das neue Buch von Doris Wagner, „Spiritueller Missbrauch“ (Herder Verlag 2019) lenkt das allgemeine Interesse wieder einmal auf die Welt der katholischen Ordensgemeinschaften und so genannten „geistlichen Gemeinschafen“ innerhalb der römischen Kirche.

In dem Zusammenhang ist es wichtig wahrzunehmen, wie viele sehr konservative Orden und geistliche Gemeinschaften in den letzten Jahrzehnten tatsächlich entstanden sind. Von einem „Aussterben der Orden“ kann also nur differenziert berichtet werden: Viele Orden sterben in Westeuropa aus, neue werden gegründet mit einem theologischen Background, den man schlicht reaktionär nennen muss. Die Kirchenführung stört das weiter nicht: Sie ist froh, dass wieder Menschen zölibatär leben wollen und als Männer dann auch die klerikale Priesterkirche weiter stützen. Ich habe auf dieser website ausführlich über die Legionäre Christi berichtet, die Neokatechumenalen, dem Engelwerk mit seinem „Kreuzorden“, dem Instititut des Inkarnierten Wortes usw… andere haben das Opus Dei dokumentiert. Man vergesse nicht, dass Kardinal Joseph Ratzinger als Chef der Glaubenskongregation eng mit den Schwestern der Gemeinschaft DAS WERK verbandelt war, die Damen führten ihm den Haushalt… Diese Dokumentation biete ich an, um der immer notwendigen Religionskritik heute ein greifbares Format zu geben. Damit ist freilich nicht gesagt, dass sich reaktionäres Denken nur in den „neu gegründeten Orden“ etc. finden lässt. In den mit Rom versöhnten Klöstern der Traditionalisten wird die sehr konservative Theologie gepflegt, wie in Le Barroux, bei Avignon,  oder in den nach Benedikt XVI. benannten theologischen Hochschule der Zisterzienser in Heiligenkreuz im Wiener Wald…Zur ausführlichen Dokumentation des „rechtslastigen Benedikt XVI.“ klicken Sie„Sodalitium christianae vitae“, also mit dem neutral klingenden Titel „Vereinigung des christlichen Lebens“. Ihr Gründer ist der Peruaner Luis Fernando Figari, in kirchenrechtlicher Sicht ein Laie, der jetzt wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt wird. Gegründet wurde diese Gemeinschaft 1971 von Mitgliedern der peruanischen Mittel – und Oberschicht mit dem erklärten Ziel, die Theologie der Befreiung und alle linken „Basisgemeinden“ zu bekämpfen, vor allem aber, um die Inkulturation des christlichen Glaubens unter den Indigenas im Süden Perus zu bekämpfen. Es ist bezeichnend, dass diese „Soladicio“, wie man auf Spanisch sagt, von dem nicht gerade linkslastigen polnischen Papst Johannes Paul II. offiziell anerkannt wurde! Er fand bekanntermaßen alle Katholiken toll und heiligmäßig, die theologisch–reaktionär und ebenso politisch absolut anti-links waren. Dafür gibt es tausend Belege…Aber er ist ein „heiliger Papst“…
Aber schon 2016, nach dem Tod des polnischen Papstes, wurde dieser konservative „Club“ von vatikanischen Sonderbeauftragten untersucht. Einzelne intensive Recherchen zu den Soladicio – Leuten haben Parellelen zu sektenähnlichen, stramm autoritären Gruppen gesehen, etwa zu „colonia Dignidad“ in Chile.
Der des sexuellen Missbrauchs beschuldigte Herr Figari versteckt sich wohl zur Zeit in Rom. „Peruanische Abgeordnete und mit dem Fall befasste Journalisten fordern die peruanische Regierung auf, darauf zu bestehen, dass der Vatikan die Rückkehr von Figari nach Peru anordnet, damit er der peruanischen Justiz und einer Untersuchungskommission des Parlaments Rede und Antwort stehen müsse. Ein Aspekt dabei sei auch die Untersuchung wirtschaftlicher Machenschaften; das Vermögen von Sodalicio wird auf ca. 800 Millionen US-Dollar geschätzt“, so der empfehlenswerte Bericht von Heinz Schulze, den die Infostelle Peru in Freiburg im Breisgau herausgegegen hat: : http://www.infostelle-peru.de/web/die-unheiligen-machenschaften-des-sodalicio-in-peru/
……..

Sie prägen das Gesicht der katholischen Kirche, die 1 Million Ordensfrauen und Ordenmänner. (a). Unter 1,2 Milliarden Katholiken bilden sie eine Minderheit. Aber sie sind Avantgarde, wenn es etwa um Menschenrechte oder theologische Forschung geht. Heute haben die Orden vor allem in Europa und Nordamerika Mühe, ihre radikale „Ganzhingabe an Jesus Christus“, wie sie sagen, verständlich zu machen. Manch eine Nonne fragt, gar nicht so witzig, wer denn als Letzte im Kloster das Licht ausmacht. 2013 bereiteten sich in Deutschland insgesamt 62 Novizinnen auf ihren Dienst in einem „aktiven Frauenorden“ vor. 60 Jahre zuvor gab es noch 3.500 Novizinnen (1). Das Durchschnittsalter der Jesuiten in den deutschsprachigen Ordens-Provinzen beträgt 65 Jahre (2) Die meisten anderen Gemeinschaften haben einen noch höheren Altersdurchschnitt. Einige Orden, wie die Unbeschuhten Karmeliter, können in Deutschland nur durch den Zuzug von Mönchen aus Indien bestehen. Die Augustiner haben in den letzten 20 Jahren 11 Klöster in Deutschland aufgegeben … und einen Konvent neu gegründet (3). Der Theologe Ulrich Engel OP fasst die Stimmung zusammen: „Die Lage scheint hoffnungslos und die Zeit der Orden hierzulande vorbei. So zumindest macht der statistische Überblick glauben“ (4)

Papst Franziskus hat 2015 zum „Jahr der Orden“ erklärt. In Deutschland werden die üblichen Veranstaltungen organisiert: Tage der Offenen Tür, Wochenenden der Besinnung, spirituelle Kurse usw. (5) Ein öffentlicher Kongress rund um das Ordensleben hätte im Mai in Berlin eine kritische Bestandsaufnahme leisten können. Die Tagung wurde unvermittelt abgesagt, aus „organisatorischen Gründen“ sagen die Oberen. Aber sie „haben Angst vor der eigenen Courage bekommen“, meint der Dominikaner Pater Ulrich Engel (6). Denn bei dem Kongress wäre mehr Transparenz, mehr Aufklärung, eingefordert worden. Große Orden, wie die Jesuiten, Franziskaner oder Steyler Missionare, können insgesamt nur noch ihr zahlenmäßig hohes Niveau halten, weil viele hundert Inder, Philippinos oder Indonesier in diese Gemeinschaften eintreten. Drängend ist die Frage, welche Bedeutung das Armutsgelübde in einer Umgebung hat, in der Millionen Einwohner bettelarm sind. Wird das Armutsgelübde in den Ländern des Elends zur Farce? Ist das Ordensleben – wie in Europa im 19. Jahrhundert – ein Sprung in die „Mittelklasse? Durchaus, meint heute der Benediktiner Pater Ghislain Lafont aus Frankreich „Unser Leben als Mönch ist doch sehr auf dem Niveau der Mittelklasse, von einer wirklich armen Kirche sind wir weit entfernt“.(c)

Viele traditionell fromme Katholiken lehnen die „bürgerlichen Orden“ ab und wenden sich neu gegründeten Reformorden zu. Dieses Thema ist für die anderen peinlich, es wird theologisch nicht bearbeitet. Da gibt es die „Franciscan Friars of the renewal“: Sie spalteten sich 1987 vom Kapuzinerorden ab und sind mit 120 Mitgliedern bereits weltweit tätig. Sie vertreten eine sehr konservative Theologie und legen allen Wert darauf, stets das Ordensgewand zu tragen. (d). Von den Minoriten hat sich 1970 der Orden der „Franziskaner-Immakulaten“ abgespalten, heute mit über 300 Mitgliedern. Päpstlich anerkannt, sind diese Franziskaner stark ins traditionalistische Milieu abgedriftet. Diese Mentalität findet sich bei vielen anderen neuen, stark wachsenden Orden, wie dem „Institut vom inkarnierten Wort“ (400 Priester weltweit) oder dem „Institut Christus König und Hoher Priester“, 1990 gegründet, heute 150 Mitgliedern. Die Titel dieser und vieler anderer so genannter neuer Reformorden drücken eine Spiritualität aus, die aus dem 19. Jahrhundert stammt.. Mit diesen Gemeinschaften wächst ein extrem konservativer Klerus heran, der nur darauf wartet, den progressiven Konzils-Klerus zu ersetzen. Diese Gemeinschaften verändern das Gesicht des Katholizismus. Richtung Fundamentalismus eigener Art?

Verdrängt wird insgesamt die Frage: Können die drei klassischen Ordensgelübde überhaupt heute noch gelebt werden, sind sie eine seelische Überforderung?

Über das Gelübde der Keuschheit wird seit vor 5 Jahren diskutiert, seit zahlreiche Missbrauchsfälle in Ordensschulen und Internaten offen gelegt wurden. Das römische Verbot, offen homosexuelle Männer in die Orden aufzunehmen, besteht immer noch. Einzelne Orden gehen –aus Angst stillschweigend – einen anderen Weg. Und noch nie wurde offen besprochen, ob lesbische Frauen in den Klöstern ausdrücklich willkommen sind.

Relativ harmlos erscheint heute das Ordensgelübde des Gehorsams. Bei dem Mangel an Personal kann sich heute jedes Ordensmitglied die Arbeit aussuchen, die ihm gefällt und zu ihm passt. Fordert ein Ordensoberer ein Mitglied auf, eine bestimmte Arbeit zu übernehmen, „dann ist der einzelne so frei, sich ganz oder teilweise oder auch gar nicht darauf einzulassen“, schreibt Pater Thomas Eggensperger OP (7). Aus dem Gehorsamsgelübde wird also eine Art „freie Wahl“.

Wirklich brisant wird es beim Ordensgelübde der Armut. Da bieten die Orden keine Transparenz, sie sind nicht bereit, präzise Auskunft zu geben zum Vermögen einer Ordensprovinz oder eines selbständigen Klosters. Arnulf Salmen von der Zentrale der Deutschen Ordensoberen (Bonn) begründet diese Haltung: „Ordensgemeinschaften erhalten keine eigenen Kirchensteuermittel und müssen für ihren Lebensunterhalt, ihre Altersversorgung sowie für die Finanzierung ihrer sozialen und pastoralen Projekte Sorge tragen. Der Deutschen Ordensobernkonferenz liegen keine Erkenntnisse über die Etats ihrer Mitglieder vor“. (13)

Tatsache aber ist: Die Orden profitieren von der Kirchensteuer: „Etwa 70 Prozent der Ordenspriester sind mit so genannten Gestellungsverträgen in den Diensten der Diözesen tätig“, berichtet Pater Ulrich Engel. (8) Das heißt: Ordensprovinzen sind Nutznießer der von Laien bezahlten Kirchensteuern! Hinzukommt: Die Ordensprovinzen sind „Körperschaften des öffentlichen Rechts“, genießen also einige Steuervorteile. Warum ist dann Aufklärung unerwünscht? Sind Orden also doch eine „Familie“, wie sie gern sagen, die sich abschottet? Wer etwa bei der deutschen Jesuitenprovinz nachfragt, erhält die Auskunft: „Die Jesuiten wissen selbst nicht genau, wie viel Vermögen der ganze Orden in Deutschland hat“ (e). Da stellt sich die Frage: Weil die Orden nun einmal offiziell als arm gelten wollen, haben sie Angst, ihre reale Armut bzw. ihren realen Reichtum zu dokumentieren. Dabei hatte der oberste Leiter des vatikanischen „Ordensministeriums“ Kardinal Joao de Aviz, 2014 gefordert: „Das Zeugnis des Evangeliums verlangt eine absolut transparente Verwaltung der Werke…“ (9).

Einen Hauch von Transparenz bieten einige der großen Klöster in Österreich. Die Prämonstratenser in Schlägl beziffern ihren Waldbesitz mit 6.500 Hektar (also 65 Quadratkilometer). Einnahmen bietet ihnen auch die Brauerei, ein Hotel, und die Produktion von Ökostrom in Wasserkraftwerken usw.(9b) Das Augustiner-Chorherren-Stift Klosterneuburg nennt selbst als Eigentum 8000 Hektar Wald! Es hat 108 Hektar Weinanbau, 700 Wohnungen und 4.000 Pachtverträge für Immobilien. Natürlich kostet der Erhalt des prachtvollen Kloster-Palastes viel Geld, allerdings hilft bei Renovationen kräftig der österreichische Staat. Das sehr wohlhabende Klosterneuburg hat 2013 15.000 Euro für Hochwasseropfer gespendet, auch der Armen in Rumänien wird mit Spenden gedacht (9a).

Wie kann ein einzelnes Ordensmitglied arm sein in finanziell gut ausgestatteten Klöstern und Ordensprovinzen? Wenn der Orden reich ist, warum kann sich ein armer Ordensmann nicht sein Privatauto leisten oder eine eigene Kreditkarte? Jeder Mönch und jede Nonne lebt in einem finanziell absolut sicheren Netz. „Wir geloben die Armut“, sagt mir ein Ordensmann, „aber die Armut leben die anderen, etwa die allein erziehenden Mütter“.

Aber manchmal können die Ordensleitungen nicht mehr verheimlichen, über welches Vermögen sie verfügten. So musste der Generalobere der Franziskaner, P. Anthony Perry, Ende 2014 zugeben (10): Die Ordenszentrale der Franziskaner in Rom sei pleite, weil sich ihr Ökonom, P. Giancarlo Lati, mit vielen Millionen Euro, verspekuliert hat: Er hat in das luxuriöse Hotelprojekt „Il Cantico“ in Rom fehl investiert und in der Schweiz dubiose Anlagen, zum Teil im Rüstungsbereich, gemacht. Aus gesundheitlichen Gründen, so wörtlich, wurde der Mitbruder entlassen. Nicht erwähnt wurde von dem obersten Chef der „Minderbrüder“, aus welchen Quellen den Bettelmönchen diese (nicht genau bezifferten) Millionen überhaupt zur Verfügung stehen.

Seine guten Geschäftsbeziehungen zu dubiosen Managern, wie die italienische Presse vorsichtig sagt, wollte sich der Generalobere des Kamillianerordens, Pater Renato Salvatore, nicht nehmen lassen. Um sein Neubauprojekt bei Neapel mit dem Geschäftspartner Paolo Oliveiro durchzuziehen, ließ er einfach zwei kritische Mitbrüder im Orden verhaften, von falschen Polizisten. So hoffte er ohne deren Stimme noch einmal zum Ordensgeneral wiedergewählt zu werden. Pater Salvatore war gern gesehener Teilnehmer auf Synoden und vatikanischen Tagungen. Diese Schmierenkomödie ums Geld eines „armen Ordens“ endete zunächst mit der Verhaftung des Ordenschefs. Auch die „Ordensgemeinschaft der Armen-Brüder des heiligen Franziskus“ in Düsseldorf hat 7, 2 Millionen – Spenden durch Spekulation verloren (12) Und der ohnehin steinreiche Orden der Legionäre Christi hat Teile seines Vermögens in der Finanzoase Panama bei einer fingierten Briefkastenfirma plaziert, wurde auf einem Kongress lateinamerikanischer Journalisten von berichtet. (14)

Selbst wenn diese Beispiele zur gelebten Ordensarmut die Ausnahmen sein sollten: Die Orden können ihr Ansehen nur wiedererlangen, wenn sie Transparenz zu einer ihrer höchsten Tugenden machen. Vielleicht wäre ein viertes Gelübde, das der Transparenz, angebracht?

Fußnoten.

(a) http://www.k-l-j.de/katholische_kirche_zahlen.htm

 

  1. In HK 2015, Seite 66.

2 (https://www.jesuiten.org/wir-jesuiten/der-orden/zahlen.html;)

3 eigene Recherche: Es handelt sich um die Augustinerklöster:

Messelhausen, Walldürn, Weiden, Regensburg, München Maria v. g. Rat in München; Neu Ulm, Bielefeld, Würzburg Pfarrgemeinde, Dülmen, Zwiesel, Stuttgart,

neu gegründet: Erfurt.

4. HK 2015, 66).

www.orden.de

c: http://www.la-croix.com/Religion/Actualite/P.-Ghislain-Lafont-et-F.-Jacques-Benoit-Rauscher-L-un-des-maitres-mots-de-la-vie-religieuse-c-est-l-humanite-2015-02-02-1275830,   2.2.2015

d: http://franciscanfriars.com/

6 HK S 68

7 Pater Eggensperger OP in: Kontakt, Miteilungen der Dominikaner, 2013, Seite 59.

8 HK s 66.

( e) Mitgeteilt an Modehn vom Pressesprecher der Jesuiten Thomas Busch.

9.

Zu Transparenz: Quelle http://www.dbk-shop.de/media/files_public/mntyhcpvoyq/DBK_2198.pdf

9a Klosterneuburg:

Spenden des Klosterneuburg:

http://www.stift-klosterneuburg.at/suche/

9b

Schlägl: Der Waldbesitz beträgt derzeit ca. 6500 ha. Damit liegt das Stift auf dem 6. Rang der Stifte Österreichs.

In: http://www.stift-schlaegl.at/prodon.asp?peco=&Seite=373&UID=&Lg=1&Cy=1

10-

http://www.ilfattoquotidiano.it/2014/12/19/crac-ordine-francescani-investimenti-in-societa-legate-traffici-droga-armi/1288136/

 

Quelle: http://www.panorama.it/news/urbi-et-orbi/francescani-sullorlo-bancarotta/

 

11.

Zu kamillianer [Esplora il significato del termine: confratelli, padre Rosario Messina e padre Puca] confratelli, padre Rosario Messina e padre Puca http://www.corriere.it/cronache/14_gennaio_07/parlamentari-boss-prelati-nell-archivio-segreto-fiscalista-a567a07e-7763-11e3-823d-1c8d3dcfa3d8.shtml

Mit Mafia:

In realtà – come accerta il Ros – si tratta di Paolo Oliverio. Un tipo che di mestiere fa il commercialista, traffica con l’ordine dei Camilliani, e che ha come clienti, tra gli altri, uomini della P3 e che verrà arrestato dalla Finanza nel gennaio scorso. Mettendogli le manette, il Gico scoprirà che

Quelle: http://www.repubblica.it/cronaca/2014/12/08/news/mafia_capitale_diotallevi-102386631/ 8.Dez. 2014.

 

http://www.giornalettismo.com/archives/1204773/padre-renato-salvatore-il-superiore-dei-camilliani-arrestato/

 

Arme Brüder:

 

http://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article124742300/Arme-Brueder-verlieren-wohl-7-2-Millionen-Euro.html

 

13 Arnulf Salmen in einer mail an Christian Modehn

14

http://www.lenversdudecor.org/Legionnaires-du-Christ-Panama-la-route-de-l-argent.html

COPYRIGHT: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rosa Luxemburg – die Philosophin

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der Philosoph Volker Caysa (Leipzig, 1957 – 2017) hat ein wichtiges und empfehlensertes Buch über Rosa Luxemburg geschrieben, zu einem Thema, das bisher eher am Rande dargestellt wurde: „Rosa Luxemburg – die Philosophin“. (Erschienen in der Rosa Luxemburg Stiftung in Sachsen 2018. (Harkortstr. 10, 04107 Leipzig.106 Seiten, 2, 50 Euro).

Caysa zeigt, wie das konkrete Leben Rosa Luxemburgs von einer menschlichen Grundhaltung geprägt ist, die Ausdruck ist für eine Lebensphilosophie. Ich biete nur einige Hinweise für die Einheit von Lebensphilosophie und Leben bei Rosa Luxemburg:

Ein Kapitel ist der „Lebenskünstlerin“ gewidmet. Beschrieben wird die „heitere Gelassenheit“, die Rosa Luxemburg auszeichnete, trotz der vielen Gefängnisaufenthalte und Diffamierungen, auch vonseiten der SPD.

Sie schreibt: „Menschsein ist vor allem die Hauptsache. Und das heißt: Fest und klar und heiter sein, ja, heiter sein trotz alledem…(Brief vom 28.12. 1916). Heiterkeit verhindert eine Lähmung im Handeln. Es gibt für Rosa Luxemburg eine Anerkennung dessen, dass nichts Wirksames mehr getan werden in einem bestimmten Moment. Sie denkt an den Begriff „amor fati“, Liebe zum Unausweichlichen. „Das kann auch bedeuten, die blinde Grausamkeit, die Unvernunft des Lebens anerkennen zu müssen, durchleiden zu müssen, damit die Erlösung vom Leid für alle, damit die Vernunft in der Geschichte in Zukunft Wirklichkeit werden kann“ (Caysa, S. 55). (Man beachte, dass von „Erlösung vom Leid“ die Rede ist; von der „Vernunft in der Geschichte“, einem Begriff Hegels, der damit die göttliche Vorsehung in der Welt-Geschichte meinte).

Rosa Luxemburg anerkennt die amor fati, sie lebt die Akzeptanz des Unausweichlichen. Dies bedeutet, „sich mit dem grimmigen Gedanken zu trösten, dass man vielleicht bald ins Jenseits befördert wird – vielleicht durch eine Kugel der Gegenrevolution, die von allen Seiten lauert. Aber so lange man lebt, heißt amor fati auch, seinen Freunden in wärmster, treuester, innigster Liebe verbunden zu bleiben und mit ihnen jedes Leid, jeden Schmerz zu teilen“( zit. in Caysa, S. 55, mit Verweis auf Luxemburg, „Gesammelte Briefe“, Bd , S. 405).

„Rosa Luxemburg hat ein bejahenswertes, schönes Leben geführt, insofern sie ein bis in Tod konsequentes, wahrhaftiges Lebe geführt hat…Dieses Leben kann als Vorbild neuer Lebensform dienen“ (Caysa, S. 57).

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Brauchen wir ein „Fest der Beschneidung Jesu“ im Kampf gegen den Antisemitismus?

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die Beilage der Wochenzeitung DIE ZEIT mit dem Titel „Christ und Welt“ bietet in der Ausgabe vom 1. Januar 2018, Seite 1 und 2, ein Plädoyer für die Wiedereinführung des „Festes der Beschneidung des Herrn“ (Jesus)  am 1. Januar unter DIESEM Titel. Die Forderung wird damit begründet: Wenn wieder in der ganzen Kirche die Beschneidung des Juden Jesus gefeiert würde, könnte dies den zunehmenden Antisemitismus weltweit zurückdrängen. Soll das ernst gemeint sein? Ein katholischer Beschneidungsfeiertag als Beitrag zum Kampf gegen den Antisemitismus?

Ich muss gestehen, ich empfinde diesen Beitrag eher als Satire. Denn wie kann man heute im Ernst meinen, ein solches Fest unter diesem Namen könnte den Antisemitismus eindämmen?

Antisemitismus wird überwunden durch umfassende Bildung aller; durch Begegnungen mit Menschen jüdischen Glaubens; durch Erinnerung an den von Deutschen begangenen Massenmord an Juden; durch Widerstand gegen neofaschistische und rechtspopulistische Parteien und Gruppen; durch eine vernünftige Erklärung, was die hebräische Bibel bedeutet; durch gesetzliche Regelungen, die Antisemiten wirksam bestrafen; durch das Schuldeingeständnis der Kirchen, mit-schuldig zu sein an dem Jahrhunderte dauernden tödlichen Antisemitismus  etc…

Aber doch bitte nicht durch Messen am 1. Januar, als dem neuen Festtag der Beschneidung des Herrn, also in Messen mit frommen Worten vor wenigen Gottesdienstbesuchern einen Tag nach Silvester…

Das ist doch lächerlich.

Der Kampf gegen den Antisemitismus auch in katholischen Kreisen muss doch wohl wirksamer gestaltet werden.

Das weiß der Autor wohl auch, trotzdem werden 2 lange schöne Druckseiten für ein in meiner Sicht satirisches Plädoyer verwendet. Diese Druckseiten hätte man mit wichtigeren Themen „füllen“ können, etwa mit einer Auseinandersetzung über das irritierende Motto des Weltjugendtages in Panama und den Einfluss des Opus Dei dabei oder mit einer klaren und endlich einmal objektiven Analysen auch zur spirituellen Gestalt von Rosa Luxemburg, um einmal Beispiele aus dem aktuellen Umfeld des Januar 2019 zu nennen…

Wenn schon wieder ein Fest der Beschneidung am 1. Januar, dann bitte auch mit Einbeziehung der muslimischen Mitbürger, die ja auch heute noch fleißig (und schmerzhaft) beschneiden, leider. Sozusagen als interreligiöses Beschneidungsfest, um einmal die Satire fortzuführen.

Gott sei Dank sagt der Autor selbst, dass Paulus absolut zurecht betonte: Für Christen aus den „heidnischen Völkern“ gibt es keine Beschneidung. Von daher löst sich der Vorschlag wieder in Wohlgefallen auf. Nebenbei: Vielleicht finden sich einige Katholiken, die sich aus Solidarität mit Juden und Muslims ehrenhalber beschneiden lassen…Vielleicht in einer gemeinsamen Beschneidungsfeier im Vatikan?

Die Satire will ich zu Ihrer Ermunterung gern fortführen:

Also: Das Fest „Mariä Lichtmess“ am 2. Februar sollte wieder den uralten Titel „Maria Reinigung“ erhalten. Auch dieser Titel wurde ja mit gutem Grund im Rahmen der Reformen des 2. Vatikanischen Konzils abgeschafft…. Nun sollte man allen Frauen, so die Satire,  doch wieder zeigen, dass Geburt etc. doch etwas „Schmutziges“ etc. ist. Das Fest unter dem alten „Reinigungstitel“ wäre vielleicht auch ein Beitrag gegen den Feminismus usw. Passt ja heute für die Fundamentalisten…

Und vor allem: das „Fest der unschuldigen Kinder“ am 28.12. sollte aktuell als internationaler katholischer Trauertag der Erinnerung an die vielen Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester gestaltet werden. Und das wäre schon kein satirischer Vorschlag mehr…

Der Phantasie zur Aktualisierung der katholischen Feste sind keine Grenzen gesetzt: Das Fest des heiligen Pater Pio könnte etwa als Gedenktag aller Priester gefeiert werden, die wie Pater Pio (Kapuziner) dumm und seelisch sehr angeschlagen waren (und sind), aber dann doch glaubhaft machten, Wunder wirken zu können und sich deswegen blutige Hände verschafften. Und das Volk, das an Gott nicht glauben kann, glaubt wenigstens an den Heiligen Scharlatan Pater Pio mit den Stigmata. Immerhin hat diese Scharlatanerie dem Kapuzinerorden und seinem Wohnort viel Geld eingebracht.

Vielleicht sollte auch das „Fest des heiligen Josefs des Arbeiters“ am 1. Mai wieder stärker doch das eigentlich Handwerkliche des heiligen Josefs akzentuieren: Selbst kleine Handwerksbetriebe bleiben unter dem Segen Gottes mit einem göttlichen Kind (Jesus).

Ich hatte übrigens zusammen mit dem protestantischen Theologie Professor Wilhelm Gräb, Berlin, das angekündigte Verbot der Beschneidungen (von Jungen) in Deutschland im Sommer 2012 damals verteidigt. Weil Menschenrechte nun einmal in unserem allgemeinen demokratischen Rechtsempfinden ÜBER religiösen Traditionen stehen und stehen müssen. Wo kämen wir denn hin, wenn auch die Scharia oder das katholische Kirchenrecht in demokratischen Staaten Geltung hätten? (Das katholische Kirchenrecht hat diese Geltung ja manchmal immer noch aufgrund der Konkordate…) Leider haben die obersten Gerichte aus welchen (auch ungenannten) Gründen auch immer dieses Verbot der Beschneidung nicht eingesehen. Trotzdem gilt weiter: Menschenrechte sind wichtiger als religiöse Sondertraditionen, die sich fromme Menschen vor langer Zeit einmal ausgedacht haben…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die „gelben Westen“ und die katholische Kirche in Frankreich

Ein Hinweis von Christian Modehn am 20.1.2019

Die Bewegung der „gelben (Warn-)Westen“, im Oktober 2018 entstanden, hat sich zu einer breiten Protestbewegung gegen die Regierung von Staatspräsident Emmanuel Macron entwickelt. Zu den Aktivisten der „gelben Westen“ gehören politisch sehr unterschiedliche Gruppierungen, von rechtsextrem bis linksextrem, aber auch klassisch – bürgerliche Kreise machen da mit. So richtig zu „greifen“ für Soziologen ist diese pluralistische Bewegung bisher nicht.

Bisher wurde in Deutschland nicht dokumentiert, inwiefern sich die katholische Kirche in Frankreich gegenüber dieser radikalen Protestbewegung positioniert.

1.Am 11. Dezember 2018 hat die Katholische Bischofskonferenz zum Thema ein Papier veröffentlicht. Die Bischöfe sprechen in allgemeinen Worten „von einer Krise, die eine sehr tiefe und sehr alte Krankheit offenbart. Diese Krise erzeugt ein tiefes Misstrauen gegenüber den politisch Verantwortlichen“. Die Bischöfe meinen, dass offene Gesprächskreise für alle Bürger eine Hilfe sein könnten: „Deswegen sollen in den Pfarrgemeinden Möglichkeiten des Austauschs geschaffen werden“ . Da und dort finden solche Gespräche statt, etwa in Caen, Normandie. Aber das Ansehen der katholischen Kirche in Frankreich ist nach der Freilegung so vieler sexueller Missbrauchsuntaten durch Priester so schlecht, dass die Bereitschaft nicht katholischer Kreise Gemeinderäume zu betreten, eher begrenzt ist. Viele Gerichts-Prozesse wurden gegen Bischöfe geführt wegen Verschleierung der Untaten.

Siehe: https://eglise.catholique.fr/conference-des-eveques-de-france/textes-et-declarations/468109-appel-aux-catholiques-de-france-a-nos-concitoyens/

2.Ein Bischof will sich nicht mit Worten begnügen: Der Bischof von Montauban (Département Tarn-et-Garonne), Bernard Ginoux, hat sich schon Anfang Dezember eine gelbe Weste übergezogen, „um zu zeigen: Ich bin zwar kein militanter Kämpfer, aber ich komme als Freund“). Seitdem ist er immer wieder an den Aktionen am Rond-point d Aussonne von Montauban bei den „Gelben Westen“. Am 5. Januar 2019 schrieb er: „Was ich hier sehe, sind sehr belastete Menschen, die ihr Leiden heraus schreien“. Und er ist so mutig, öffentlich einzugestehen: „Ich habe einfache, bescheidene Menschen gesehen, denen ich zuvor keine Aufmerksamkeit schenkte“. Nebenbei; Wie „abgehoben“ ein Bischof also leben kann.

Der Bischof erscheint mit seiner gelben Warnweste und einem großen Kreuz auf der Brust, damit jeder weiß: Aha, da ist der Bischof. Und der hat inmitten dieser Menschen auch ein „pastorales Anliegen“. „Ich habe bei der Demonstration Personen entdeckt, die gar nicht entchristlicht waren, sondern ein religiöses Gefühl haben. Viele von ihnen machen auch Pilgerfahrten. Diese Menschen zeigen mir ihre Medaillen der Jungfrau Maria. Meine Entscheidung ist: Wenn die Leute nicht zur Kirche gehen, muss die Kirche zu ihnen gehen“. Mit einer gelben Weste also missionieren? Wahrscheinlich. Politische Analysen wären da wohl noch einfacher und zunächst sinnvoller.

Nebenbei: Ginoux gehört zum sehr konservativen Flügel in der Bischofskonferenz, er unterstützt auch den „Marsch für das Leben“, der am 20. Januar 2019 stattfand.

3.Auch die katholischen Laien und ihre Organisationen schalten sich in die Debatte ein, in der ganzen politischen Vielfalt, die Frankreichs Kirche eben auch auszeichnet.

Einige haben einen „Appell für einen neuen sozialen Katholizismus“ Anfang Januar 2019 veröffentlicht. Die 17 Unterzeichner dieses Dokuments wollen die alte katholische Soziallehre wieder neu beleben. „Und was wir wollen, ist eine beruhigte, befriedete Gesellschaft (une société apaisée)“. Zu den Initiatoren gehört Joseph Thouvenel von der (kleinen) Christlichen Gewerkschaft CFDC. Er bekennt, bei seinen Begegnungen mit den „Gelben Westen“ im Département Val-de-Marne, „braves gens“, brave Leute, getroffen zu haben. Nette Typen also? Den Ausdruck von Macron, es handele sich um eine von Hass getriebene Masse, findet er schockierend.

Was einigen gar nicht so gut gefiel, dass in diesem Dokument die konservativen Autoren explizit von Volk und Nation sprechen: “Der Zusammenhalt des Volkes und der Nation sind bedroht“, sagen sie. Beide Begriffe, so abstrakt verwendet, werden heute in Frankreich sehr oft mit rechtsextremen Organisationen assoziiert…

Darum haben auch die eher kritischen Verantwortlichen der Caritas und der katholischen Studiengruppen „Semaines sociales“ sich von diese Text distanziert, vor allem auch, weil dort die wirklichen sozialen Probleme, die Ungleichheit in der Gesellschaft, nicht deutlich formuliert werden.

4.Deutlich ist für viele Beobachter auch, dass ultrakonservative Kreise des Katholizismus sich unter die “Gelben Westen-Bewegung“ mischen. Sie haben eine eigene Website: www.giletsjaunescatholiques.fr, da wird im Ernst behauptet: Gilets jaunes und Pro Vie, bzew. „Marche pour la vie“ seien „le meme combat“, derselbe Kampf.

Das sind auch finanziell oft starke Gruppen, die schon die Massenproteste gegen die „Ehe für alle“, also die „Homo Ehe“, organisierten. Jetzt demonstrieren sie fromm und wütend „aufs Establesment“ mit gelben Westen, zeigen Banderolen mit dem Wort des katholischen Schriftsteller Charles Peguy „Es gibt ungerechte Ordnungen, die nur noch schlimmere Unordnungen verbergen“. Das heißt: Macrons Regierung ist von Übel, meinen diese sehr konservativen Katholiken. Bei ihren Demonstrationen gegen die Homoehe wurden sie immer von der rechtsextremen Partei Front National von Marine Le Pen unterstützt. Diese frommen Katholiken wagen es, so die katholische Wochenzeitung La Vie, die Orte und Plätze der Demonstrationen zu segnen, dabei wollen sie auch „evangelisieren“. Einer der Wortführer ist Guillaume de Prémare, einst Präsident der Demos gegen die Homoehe.

Im ganzen hat man den Eindruck: Konservative Katholiken benutzen die gilets jaunes, um ihre eigenen klerikalen Ziele durchzusetzen: Das ist Forderung nach einer Ablösung der liberalen Demokratie zugunsten einer autoritären Führung unter der Rechtsextremen Madame Le Pen. Und dann diese weltweit katholischerseits soübliche totale Fixierung auf das ungeborene Leben: Diese Katholiken tun so, als seien alle sozialen Probleme letztlich durch die Abtreibungsgesetze verursacht. Einmal mehr wird deutlich, wie dieser totalen Pro Life Wahn der Katholiken weltweit alles kritische Denken bei ihnen vergiftet hat. Anstatt für eine neue Sozialpolitik zugunsten der Armen zu streiten, zeigen sie auf ihren websites breit lachende schwangere Frauen. Man könnte glauben: In konservativen Kreisen ersetzt der Glaube an das ungeborene Leben seit der ersten Sekunde der „Empfängnis“ den Glauben an einen Gott, der befreit…

5.Einen dringenden Appell hat der katholische Publizist Michel Cool publiziert: Er verlangt. Dass bald mindestens 100.000 “Gelbe Westen“ gemeinsam demonstrieren: Vor allem Christen sollten dabei sein: Um für die Demokratie und die Solidarität mit den Migranten einzutreten. Denn Frankreich so der Publizist Cool, ist in Gefahr….Vielleicht herrschen bald „italienische Verhältnisse“.

Dieser Beitrag verdankt viele Informationen der Wochenzeitung LA VIE: http://www.lavie.fr/religion/catholicisme/les-chretiens-face-aux-gilets-jaunes-16-01-2019-95741_16.php

Copyrigt: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Philosophisches Denken könnte die vielen verfeindeten Religionen versöhnen

Philosophische Hinweise zum „Welttag der Religionen“ am 20.1.2019

Von Christian Modehn

Der Welttag der Religionen fand 1950 zum ersten Mal statt, auf Initiative der Bahaii Religion. Mit gutem Grund setz(t)en sich die Bahaiis für diesen „Welttag“ ein, ist doch ihre aus dem Iran stammende Konfession immer wieder Verfolgungen und Diskriminierungen durch andere Religionen ausgesetzt (gewesen).

Am 20. Januar 2019 wird nun wieder der Weltreligionen „gedacht“.

Aber was sollte gedacht und in Gruppen besprochen werden im Jahr 2019, in einer Zeit, in der sich viele tausend Menschen unterschiedlicher Religionen bekämpfen und ermorden? Tatsache ist: Der jeweilige „Gott“, der dieses ewige Gemetzel angeblich „will“, ist nichts als ein Tyrann, der keinerlei Anspruch hat, als Gott verehrt zu werden. Ist das religiöse Gemetzel religiös bedingt oder auch (oder nur) sozial und politisch, wäre ein schönes Thema. Sind die Selbstmordattentäter wirklich so sehnsüchtig nach den „Jungfrauen“ im Paradies? Oder ist das alles nur ideologisch verbrämter Vorwand?

Religionen als etablierte Institutionen zeigen heute immer mehr ihr machtvolles Gesicht, jede Religion will stärker sein als die andere, die meisten Mitglieder vorweisen (Milliarden Christen contra viele Millionen Muslime). Fast alle Religionen und Konfessionen sind auch heute noch dogmatisch oder ultradogmatisch fixiert und klammern sich an so genannte Offenbarungen Gottes, die nur ihnen der himmlische Vater  zukommen ließ. Was ist da alles bloße Behauptung, Willkür, Wahn? Manche glauben, in einem bestimmten Buch spreche Gott selbst und direkt und so nehmen sie jeden Vers wörtlich wie einen Zeitungsbericht im Jahr 2019. Könnte der Bruch zwischen Moderne und diesen Religionen sichtbarer sein? Die meisten Religionen bekennen sich zu alten Weltbildern, die heute für Erleben der Menschen bedeutungslos geworden sind, man denke an die religiöse Einschätzung der Frauen, an die exklusive Hochschätzung des Klerus usw.

Der allgemeine Religionsfriede als friedliches Miteinander oder wenigstens Nebeneinander der Religionen bleibt ein fernes Ideal. Wer hofft, dass die weitesten Kreise des Islams eine umfassende Reformation ihrer Lehren wirklich vollziehen? Wer kann ihnen dabei helfen? Ist die langsam voranschreitende Säkularisierung des Bewusstsein auch in muslimischen Kreisen eine Lösung des Problems? Werden die Evangelikalen und Pfingstler noch einmal zur theologischen Vernunft kommen und nicht länger rechtsextreme Politiker wie in Brasilien unterstützen? Aber der Religionsfriede sollte ein Ideal bleiben, eine orientierende Idee für alle Zukunft. Wir können doch nicht im Ernst den verblendeten Fundamentalisten in allen Religionen das (Schlacht)Feld überlassen. Die Fundamentalisten haben gebildeten Menschen jedes tiefere, persönliche Interesse an Religionen genommen. 

Dringender ist, immer wieder auch in politischen Zusammenhängen und in internationalen Organisationen die völlige Religionsfreiheit (selbstverständlich auch Freiheit zum Atheismus) in jedem Staat als völlig normal zu fordern und bei allen Gelegenheiten fundamentalistische Führer mit dieser Erkenntnis zu konfrontieren. Schließlich leben viele arabische Herrscher auch von den geistigen Errungenschaften Europas, die nur möglich wurden in einer pluralistischen Gesellschaft der Religionsfreiheit. Wer in der arabischen Welt zum Beispiel Zeitschriften und Bücher nutzt, profitiert von der Entwicklung des Buchdrucks in einem konfessionell pluralistischen christlichen Europa… Religionsfreiheit „lohnt“ sich also, ein sehr „pragmatisches“ Argument.

Die wichtigste Frage ist: Wo liegen die Reform-„Ressourcen“ einer jeden Religion? Kann sie sich umfassend reformieren und entwickeln, wenn sie selbst nur auf ihre eigenen Traditionen schaut, die zudem noch von einem herrschenden „Klerus“ definitiv interpretiert werden.

Philosophisch ist klar: Reformen und sinnvolle „Modernisierungen“ einer jeden Religion können nur von philosophischen Maximen und Einsichten gefördert und inszeniert werden. Philosophisches Denken hat den Überblick, steht förmlich über den Religionen, erkennt ihre Strukturen, den Sinn und Unsinn ihrer Lehren. Philosophisches Denken tritt für die Menschenrechte ein als Maßstab und Kriterium auch dogmatischer Lehren: Wie sollen Religionen etwa jemals aus der dummen Befangenheit herauskommen, wenn sie rigoros die völlige Gleichberechtigung homosexueller Menschen und deren Normalität ablehnen? Wer nur ein paar anti-homosexuelle Bibelverse oder Koranverse hin und herdreht, wird zu keiner Klarheit kommen. Einzig das philosophische Denken als Instanz der allgemeinen und universalen Menschenrechte kann hier (und in vielen anderen dogmatischen Fragen) weiter helfen.

Wie werden etwa die christlichen Kirchen sich jemals von der Last der uralten Dogmen befreien und viele(s) beiseite lassen, wenn sie nicht historisch-kritisch, also auch philosophisch, die Genese dieser alten, aber heute unbrauchbaren, irrelevant gewordenen, versteinerten Dogmen und Formulierungen anerkennen. Und die Philosophie führt auf den Boden des modernen Bewussteins zurück: Welcher Katholik versteht schon im Ernst das Dogma und Bekenntnis, dass „der Heilige Geist vom Vater und vom Sohne ausgeht“?

Philosophie wird sozusagen zum Advokaten des modernen Bewussteins auch beim Thema Religionen; Philosophie klagt das Recht des einzelnen, heute und hier lebenden Frommen ein. Denn der will das Wesentliche jetzt glauben, etwas, das ihm nachvollziehbar in einfachen Wort Lebens-Sinn eröffnet in dieser verrückten Welt.

Sind die Religionen, so wie sich jetzt als dogmatische Burgen zeigen, also eine Last für die Menschheit? So, wie sie jetzt sind, bestimmt. Dennoch sollte man nicht auf Religionen (oder den atheistischen Glauben) verzichten: Denn in ihnen drückt sich eine tiefe Sehnsucht des menschlichen Geistes nach einer letzten Geborgenheit, einem tragenden Sinn, aus.

Das suchen meines Erachtens auch die angeblich so wenig frommen jungen Menschen in Europa: Sie wollen eine einfachen, eine humanen Glauben und nicht so viel „Brimborium“ in Kultus, Dogma, Institution.

Mit anderen Worten: Religionsfriede und Kooperation der verschiedenen Religionen kann es wirksam nur dann geben, wenn übergeordnete Instanzen, wie die Philosophie, die Religionen an einem Tisch oder an vielen Tischen versammeln. Und sich vernünftig austauschen und sich vernünftig korrigieren. Die jeweilige Theologie der jeweiligen Religionen ist viel zu sehr institutionell gebunden und begrenzt, um diese Aufgabe der Versöhnung der Religionen zu leisten. Es ist also in gewisser Weise die Welt, das weltliche selbstkritische vernünftige Denken, das über den Religionen steht. Wobei sich dieses weltliche, also philosophische Denken stets selbstkritisch erneuert und entwickelt.

Unter diesen Bedingungen kann dann jeder Fromme jeder Religion seinen Glauben leben, aber immer in dem Bewusstsein: Ich habe mit meiner Religion nicht „die“ Wahrheit, denn alle Religionen sind irgendwie Ausdrucksformen des menschlichen Geistes. Und alle heiligen Bücher sind ebenfalls Ausdruck des religiösen Bewusstseins bestimmter Menschen. Vom göttlichen Himmel heruntergefallen ist ja bekanntlich noch kein religiöses Buch.

Das einzige WUNDER, das es in philosophischer Sicht wohl gibt, ist die Frage: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr Nichts? Alle anderen so genannten Wunder sind in vernünftiger Sicht frommer Wahn und psychologisch gesehen vielleicht sogar nachvollziehbare Wünsche.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Panama: Weltjugendtage des Papstes. Kritische Hinweise

Hinweise von Christian Modehn zum Weltjugendtag in Panama vom 22. – 27.1.2019

Wer weiß: Vielleicht werden bald neue „Panama Papers“ veröffentlicht. Diesmal geht es um theologisch – politische (und dann auch finanzielle) Enthüllungen. Die so schwer eigentlich gar nicht freigelegt werden können. Sie werden in aller Ausführlichkeit im Umfeld der katholischen „Weltjugendtage in Panama“ veröffentlicht, falls es Journalisten gibt, die sich bei dem Kirchen-Thema für objektive, also kirchenunabhängige Recherche und umfassende Investigation interessieren. Dass die äußerst wohlhabende katholische Ordensgemeingemeinschaft „Legionäre Christi“ schon im Dezember 1984 drei OFF-shore Unternehmen in Panama gründete, kann hier nur zum vertiefenden Studium empfohlen werden (8).

Die katholischen, vom Papst und den Bischöfen inspirierten und offiziell vom „Amt“ auch geleiteten internationalen „Weltjugend-Tage“ finden zum 34. Mal in Panama statt. Es war der polnische Papst, der diese Weltjugendtage „erfand“, wohl auch, um zu demonstrieren: Die katholische Kirche hat zumal in den neuen geistlichen, aber sehr konservativen Bewegungen wie den Neokatechumenalen, den Focolarini, dem Opus Dei, dem Regnum Christi etc. doch noch junge Leute vorzuweisen. Sie kann also noch die Jugend „mobilisieren“, die sich von der männlichen Kirchenführung gern leiten lässt. Beim letzten Treffen in Krakau (im Juli 2016) kamen etwa 3 Millionen junge Katholiken zusammen. In Panama rechnen die Veranstalter mit 200.000 TeilnehmerInnen aus etwa 150 Ländern.

Welche Themen müssen in den neuen „Panama –Papers“ kritisch untersucht werden?

Zunächst die neuerbaute luxuriöse Residenz des Botschafters des Vatikans in Panama, dort wohnt der Papst. Man kann sich den Palast des Nuntius im Link ansehen,in einem Land, in dem die überwiegende Zahl der Menschen in Armut lebt, jeder Vierte sogar  „unterhalb der Armutsgrenze“… An dem Beispiel  zeigt sich, was das päpstliche Reden von der „Kirche für die Armen“ bedeutet: Sie ist bloß für die Armen, zynisch gesagt: Sollen sich diese noch an den Luxustempeln des Klerus erfreuen…

Es ist das offizielle Motto dieses Welt- Jugendtreffens in Lateinamerika, das tiefe Irritationen hervorruft, selbst unter fest- angestellten Mitarbeitern der Kirche. Die ihre Kritik natürlich nicht, wie üblich, nach außen hin öffentlich machen können/wollen.

Das Motto dieses Weltjugendtreffens ist ein Zitat, das wie immer bei solchen Treffen dem Neuen Testament entnommen ist. Diesmal ist es ein Wort der Jungfrau Maria, wie es das Lukas – Evangelium übermittelt: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lukas, 1, 38).

Das heißt: Der biblischen Erzählung, dem „Mythos“, folgend, wird das Mädchen Maria von einem Engel besucht. Und der kündigt ihr als Jungfrau eine Jungfrauengeburt an, also die Geburt ihres Sohnes Jesus, der nicht von ihrem Gatten bzw. Lebenspartner Josef gezeugt ist. Maria ist vorbildlich gehorsam, sie sieht sich ausdrücklich als Magd „des Herrn“, und sie stimmt dieser „wunderbaren“ Empfängnis zu („unbefleckte Empfängnis“ sagte früher die katholische Theologie !, der Titel auch ein Hinweis zum Umgang mit Sexualität in der Kirche: „Befleckung“…)

Ich halte dieses Motto der Weltjugendtage in der Lebenswelt heutiger (junger) Menschen zumal in Lateinamerika und der arm gemachten Bevölkerung weltweit für eine „ideologische Katastrophe“. Denn wer als jugendlicher „Nicht-Theologe“ nur diesen Satz des gehorsamen Mädchens Maria hört und liest, wird förmlich ermuntert, den Gehorsam als entscheidend zu deuten. Gehorsam wird also von der Kirche verlangt! Und vor allem Frauen und Mädchen mögen doch bitte wie Maria gehorsam sein. Also konkret: Den Männern gehorchen.

Die Unterdrückung der meisten Frauen und Mädchen in Lateinamerika ist himmelschreiend: In den meisten lateinamerikanischen Ländern sind dank des politischen Einflusses der römischen Kirche fast alle Formen der Geburtenregelung und des Schwangerschaftsabbruchs gesetzlich verboten. Wie viele tausend Mädchen sterben bei „Kurpfuschern“, die reichen Damen fliegen nach Nordamerika zur medizinisch korrekten Abtreibung. Lediglich Uruguay ist in Lateinamerika eine vorbildliche Ausnahme. Warum? Weil die römische Kirche dort wenig Einfluss hat. Eben ein laizistischer Staat.

Hinzu kommt die ständige Bedrohung junger Menschen, vor allem der Mädchen, die wie Objekte für Vergewaltigungen missbraucht werden, in Zentralamerika, aber letztlich in ganz Lateinamerika: In Zentralamerika herrscht, abgesehen von Costa Rica, die totale Gewalt der Jugendbanden, der so genannten Maras. Diese rekrutieren als brutale männliche Verbrecher eben auch Mädchen. (1) Und die finden nur die Mitgliedschaft bei einer der „Familien“ der Maras, wenn sie sich vorher vergewaltigen lassen. Warum ist es dem so genannten Heiligen Vater nicht bekannt, dass beim Frauenmord, den Femiziden, die Gewalt gegenüber Frauen in ganz Lateinamerika erschreckend hoch ist? (2) Was soll in einer solchen Misere der Mythos von der gehorsamen Maria, die dem HERRN (!) gehorsam folgt und alles annimmt, was der HERR über einen Engel vermittelt ihr da zumutet.

Noch einmal: Diesen Satz aus dem Mythos des Lukas Evangeliums als Motto zu wählen, ist ein skandalöser Fehlgriff.

Die Entscheidung für das Motto soll der angeblich progressive Papst Franziskus selbst getroffen haben: Er und die anderen Herren im Vatikan hätten nur ein paar Verse im Lukas-Evangelium weiter lesen müssen, dann hätten sie DAS wegweisende Motto für die arm gemachten Millionen Menschen gefunden. Da spricht Maria in dem berühmten, sehr politischen Gebet, Magnificat genannt, diese revolutionären Worte:

„Gott stürzt die Mächtigen vom Thron, und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen“. (Verse 52 und 53).

Hätte man diese Worte als Motto gewählt, würden vielleicht ganz andere Jugendliche in Scharen zu den Weltjugendtagen in Panama kommen, nicht unbedingt Mitglieder frommer, eher fundamentalischer Gruppen, sondern eben politisch wache Leute, die Gerechtigkeit fordern und nicht Gehorsam gegenüber den „Herren“. Aber auch für den Vatikan und den Papst selbst wäre dieses Motto gefährlich, möchte er wirklich als Mächtiger im Sinne Marias „vom Thron gestürzt“ werden? Das hat Luther leider vergeblich schon versucht…Das fromme Motto zugunsten der gehorsamen Frau in einer brutalen Macho-Kultur gefällt sicher auch dem Präsidenten Panamas, dem Herrn Juan Carlos Varela Rodriguez (3). Er bekennt von sich selbst, in enger Verbundenheit mit der katholischen Geheimorganisation OPUS DEI zu leben.

Er ist nach außen hin ein sehr eifriger Katholik, er reist gern in den Vatikan mit seiner Familie, er folgt unmittelbar den Reisen des Papstes, wie etwa nach Krakau, zum letzten Weltjugendtreffen der Katholiken. Als engster Freund des Opus Dei hat er sich sogar seine Wahlkampagne vom Opus Dei mitfinanzieren lassen, mindestens 3 Millionen US Dollar hat er von dieser katholischen Geheimorganisation erhalten (4).

Der Opus Dei Staatspräsident Varela und sein Stab mit Verbindungen zur römischen Opus Die Zentrale üben eine großen Einfluss aus, was die Gestaltung der Weltjugendtage im Januar 2019 betrifft. Bei einem seiner Besuche in Rom hat Varela in einem Opus Dei Zentrum förmlich die Leitlinien des Weltjugendtreffens im Januar besprochen (5).

Staatspräsident Varela ist zudem mit dem Erzbischof von Panama Stadt eng befreundet und auch eng liiert mit dem Kardinal Jose Luiz Lacunza, Bischof der Stadt David in Panama. Beide sind mit einem Augustiner Orden verbunden. Sie haben sich zu feierlichen Pontifikal-Ämtern mit Opus Dei Leuten bereit gefunden und dem Staatspräsidenten dadurch viel Freude gemacht. Zahlreiche Dokumente aus der Presse belegen dies!

Über weitere Details wäre zu berichten, über die die noch halbwegs freie Presse Panamas berichtet:So wurde etwa ein roter Teppich für die Begrüßung des Papstes am Flughafen angefertigt, Kostenpunkt: 14.000 US Dollar.

Die Regierung hat in den ersten 19 Monaten ihrer Amtszeit mehr als 16,7 Millionen Dollar für die Kirchen, vor allem die katholische, ausgegeben. Selbst wenn dabei Renovierungen alter Kirchengebäude eingeplant waren: Die Bevorzugung der katholischen Kirche durch den Staat ist schon auffällig, meint etwa der Historiker Ricardo Rios Torres (6):

Die „Neue Panama Papers“ hätten also genug Material, etwa auch zur neu erbauten und luxuoriös ausgestatteten Nuntiatur in Panama – Stadt, wo ja bekanntlich der Reichtum nur in den wenigen monumentalen Türmen der Neoliberalen sichtbar ist und in den entsprechenden Wohnvierteln. Denn die meisten Menschen in Panama leben in Armut, da passt ein luxuriöses Gebäude des päpstlichen „Botschafters“ gut ins Bild: Die Leute wissen, wo Papst und Kirche sich wohlfühlen… Ob Papst Franziskus dort wohnen wird, ist noch unbekannt. (7). Sogar eine offizielle Publikation des katholischen Hifswerkes ADVENIAT erwähnt in „Blickpunkt Latenamerika“, Ausgabe 4, 2018, auf Seite 16, die neue Residenz des päpstlichen Botschafters in Panama, also des Nuntius: „Dieser moderne Prachtbau wurde gerade für mehrere Millionen US Dollar luxuriös saniert und steht deswegen stark in der Kritik“. Ob der Papst als Verkünder der Option FÜR die Armen in der Residenz wohnen wird, ist laut offiziellen Meldungen wahrscheinlich. Über die vorherrschende Gewalt im Land, zumal in der Stadt Colon, berichtet in dem Heft Gaby Herzog: „Kriminaliät gehört bei uns in Panama zum Alltag… Die Straßen werden in Colón von Banden regiert. Die Regierung hat keinen richtigen Plan, wie sie der Gewalt begegnen kann“, sagt der Interviewpartner Yithzak Gonzalez, ein Mitarbeiter von Adveniat in Panama. „Und zu oft schlägt sich die Regierung auf die falsche Seite, lässt Wohnungen abreißen und an die Stelle moderne Wohn – und Geschäftshäuser bauen“….(ebd.)

Panama wird ständig von Korruptionsskandalen erschüttert: 2015 wurden mehrere Ex – Minister verhaftet, der ehemalige Vorsitzende des Obersten Gerichtshofes wurde wegen Urkundenfälschung zu 5 Jahren Haft verurteilt usw.

Man wird in diesem „Sumpf“ den Eindruck nicht los: Das bewusst gewählte,tatsächlich bei den Macho – Verhältnissen  verrückte Motto dieses Weltjugendtages und das Zusammenspiel von Papst Franziskus und dem Opus Dei Staatspräsidenten wecken schlimme Ahnungen … in diesem seit langem bekannten Land der Korruption. Hoffentlich kommen die 200.000 frommen Jugendlichen wie Maria „unbefleckt“ daraus wieder nach Hause.

Zudem werden sich die kritischen Beobachter fragen:

Wie progressiv, um diese etwas abgegriffene Bezeichnung noch mal zu verwenden, ist Papst Franziskus wirklich, wenn er ein solches absurdes Motto für den Weltjugendtag in der von Gewalt geprägten katholischen Kultur Lateinamerikas durchsetzt?

Wie verbunden ist Papst Franziskus, um des eigenen Überlebens willen, mit dem Opus Dei?

Ich meine: Papst Franziskus jongliert hin und her, aber wesentlich ist: Im Grunde aber ist er ein sehr konservativer Theologe. Man lese nur seine Predigten im Haus Santa Marta! Und ein Befreiungstheologe ist er schon gar nicht, auch wenn er von der „Option FÜR (!) die Armen spricht, also von der caritativen Geste „der“ Kirche FÜR die Armen. Und eben nicht MIT ihnen in gleichberechtigter demokratischer Partnerschaft.

–Wie wird des 1971 ermordeten Sozialpriesters Hector Gallego gedacht? Er wurde verschleppt, gefoltert und von Militärs aus einem Hubschrauber  ins Meer geworfen. Gallego organisierte – sozusagen als einer der ersten Begreiungstheologen – arme Landarbeiter. Staat und Kirche nannten ihn in ihrer gemeinsamen Verblendung wie üblich einen Kommunisten. Eine ideologische Redeweise, der sich auch Papst Johannes Paul II. und Ratzinger gern bedienten, um Befreiungstheologen mundtot und dann auch mit staatlicher, d.h. rechtsextremer diktatorischer Hilfe, „tot zu machen“… Siehe Erzbischof Romero etc…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Quellenangaben:

(1)https://de.globalvoices.org/2016/02/14/die-gefahrliche-und-komplexe-wirklichkeit-der-frauen-in-banden-in-zentralamerika/

(2)

https://www.boell.de/sites/default/files/geschlechtergerechtigkeit_in_zentralamerika_2014.

(3)

http://elpostantillano.net/politica/17912-2016-08-08-15-56-08.html

(4)

https://www.panamaamerica.com.pa/nacion/campana-de-varela-recibe-financiamiento-del-opus-dei-911321

(5) https://www.prensa.com/mundo/Varela-todavia-entendido-impacto-JMJ_0_4996000362.html

(6)

Gobierno de Panamá dona millones de dólares a la Iglesia católica

(7)

http://laestrella.com.pa/panama/nacional/bella-residencia-donde-hospedara-papa-francisco/23965851

(8)

En Panamá, por ejemplo, el propio Marcial Maciel estableció el 6 de diciembre de 1984 tres empresas offshore: First Fountain, Dawn Development Company y Southwest International, Inc., con el auxilio del despacho International Legal Advisors, competidor con Mossack Fonseca en la creación de compañías ‘fachada’ en paraísos fiscales.

Quelle: https://contralacorrupcion.mx/web/paradisepapers/legionarios/      Von   RAÚL OLMOS

 

 

Die Spiritualität von Rosa Luxemburg

Von Christian Modehn am 14. 1.2019

Die Frage „Welche Spiritualität war lebendig in Rosa Luxemburgs Praxis und Denken?“ wird meines Erachtens bisher nicht explizit und ausführlich diskutiert. Dabei kann man mit guten Gründen davon ausgehen, dass eine bestimmte Spiritualität, auch eine atheistisch sich nennende, alle Menschen (als Wesen, die Geist, also spirit, ésprit usw. haben) irgendwie bestimmt. Dass diese philosophische Überzeugung nichts mit einer Vereinnahmung einer Person in eine bestimmte Konfession und Religion bedeutet, ist auch klar.

In dem kritisch informierenden Heft „Luxemburg“ 3/2018 der Rosa-Luxemburg Stiftung werden in verschiedenen Beiträgen einige Hinweise gegeben, die Ansätze bieten können für ein „spirituelles Profil“ von Rosa Luxemburg.

Allgemeiner Ausgangspunkt ist die Tatsache, die noch längst nicht alle heute zur Kenntnis genommen haben: Rosa Luxemburg war keine „bolschewistische Abenteuerin“. Sie wollte keinen blutigen Bürgerkrieg in Deutschland (wie die Rechten und die SPD, Noske usw., damals lautstark behaupteten und direkt/indirekt ihre Ermordung zuließen bzw. förderten). Rosa Luxemburg wollte keine Diktatur des Proletariats, etwa nach dem Beispiel Lenins. Sie wollte um der Menschheit willen eine bessere, gerechte Welt – Gesellschaft, den sie Sozialismus nannte. Dieses globale Projekt entspricht einer Revolution.

Alex Demirovic nennt in seinem Beitrag „Eine neue Zivilisation“ einige Begriffe, die bei der Darstellung des spirituellen Profils von Rosa Luxemburgs hilfreich sein können. Sie ist immer bereit, den Zauber des Lebens (S.21) zu spüren und in ihrer poetischen Sprache auch zu benennen. Und da gelingen ihr wunderbare Sätze!

Sie will die „äußerste Achtsamkeit für das (und den) einzelne(n)“ auch politisch leben, sie will also nicht hinnehmen, dass die einzelnen Menschen für das „große Ganze“ geopfert werden. „Gefühlskälte“ (S. 20) kommt für sie gar nicht in Frage. Sie liebt die Natur, alle Geschöpfe, die Tiere. In der Natur erlebt sie Erhabenderes als auf Parteikongressen. „Sie bewegt sich im Spannungsfeld des Widerspruchs von Ganzem und einzelnen“ (S. 21). Aber sie wehrt den Zugriff der Macht auf den einzelnen Menschen entschieden ab.

Im Leben und politischen Alltag ist Geduld (S. 22) für sie entscheidend. Sie will den „Sinn für die großen Linien“ bewahren.

Wichtig ist ihr Vertrauen in die demokratisch aktiven „Massen“.

Sie schätzt absolut die Freiheit des Menschen. Freiheit ist für sie kein exklusives Privileg einer herrschenden (ökonomisch alles bestimmenden) Klasse in der Gesellschaft, sondern Freiheit gehört wie eine „Wesensbestimmung“ allen Menschen. „Freiheit ist immer auch die Freiheit des anders Denkenden“: Das sagt sie gegenüber den Herrschenden in Deutschland zugunsten der unterdrückten Armen. Das sagt sie auch und vor allem zur so genannten Partei – Elite in der Sowjetunion, also gegen Lenin. Es sind die „Macho-Männer“, die mit Gewehren herumstolzieren“, so beschreibt Drucilla Cornell die Haltung dieser Clique, die sich „Avantgarde“ nennt (S. 30).

„Freiheit als Freiheit des anders Denkenden“ war ja auch in der Geschichte der christlichen Kirchen alles andere als selbstverständlich. Wie Kirchen und Theologen auf Rosa Luxemburg reagierten, zu Lebzeiten, zur Ermordung und in den folgenden Jahren des sich aufbauenden Faschismus wäre ein Thema auch für Kirchenhistoriker…

Es gibt eine zentrale („spirituelle“) Leidenschaft Rosa Luxemburgs: Die Politologin Drucilla Cornell spricht von ihrer Sanftheit, (S. 32.) Man könnte wohl auch sagen „Zärtlichkeit“. Theologen werden sich erinnern, dass der Prophet Jesus von Nazareth ebenfalls immer wieder „sanft“ genannt wurde.

Es ist also bei Rosa Luxemburg, noch einmal, die Liebe zu allen Kreaturen, zu Pflanzen, zu Tieren, zum Kosmos, auch und gerade in den Zeiten ihrer Gefängnis-Aufenthalte: Da war das intensive Erleben des Einssein mit der Natur (der Schöpfung?) förmlich lebensrettend für sie. Man lese ihre Briefe aus dem Gefängnis, etwa den Brief an Sophie Liebknecht, aus dem Breslauer Gefängnis im Dezember 1917 (S. 56 ff). Wäre es nicht spannend, einmal diese Gefängnis-Briefe mit den Gefängnisbriefen von Dietrich Bonhoeffer synchron und vergleichend zu lesen?

Drucilla Cornell nennt auch das entscheidende spirituelle Stichwort Luxemburgs: Es geht um die Transformation, „radikale Transformation jedes Einzelnen (S. 29) als Voraussetzung einer „sozialistischen Revolution“, also einer neuen, in Luxemburgs Verständnis besseren, weil gerechten Gesellschaft. Transformation ist ein seelisches, auch therapeutisches Geschehen!

Die Autorin, Professorin u.a. für Gender Studies und Politikwissenschaften, zitiert eine weitere zentrale Kategorie der Spiritualität: Luxemburg schreibt in ihren Überlegungen zur weltweiten Unterdrückung: „Eine Welt weiblichen Jammers wartet auf Erlösung...“ (S. 28). Erlösung wurde von einer dogmatisch eng denkenden Kirche als fast immer als jenseitiges oder nur seelisches Geschehen gedeutet. Dabei ist Erlösung als konkrete, auch materielle Erfahrung einer gerechteren Welt notwendiger Bestandteil eines sich selbst kritisch verstehenden Christentums.

Es wäre hier wichtig, die ausdrücklichen und auch unbewusst lebendigen Verbindungen Rosa Luxemburgs zum Judentum ausführlich zu entwickeln. Michael Löwy, Professor für Philosophie in Paris, gibt einen entscheidenden Hinweis: Er spricht von Luxemburgs Warnungen vor der Allmacht des Imperialismus, Nationalismus und Militarismus. „Diese Warnungen waren nicht im Sinne einer wunderbaren Vorhersage der Zukunft (zu verstehen), sondern im Sinne der biblischen Propheten Amos und Jesaja, die die Menschen vor bevorstehenden Katastrophen warnen, die es gemeinsam zu verhindern gilt“ (S. 38). Welche biblischen Propheten kannte die Jüdin Rosa Luxemburg tatsächlich? Ist der blinde Hass der Rechtsextremen damals wie heute auf Rosa Luxemburg und andere Sozialisten auch und entscheidend antisemitisch bedingt? Das wird fraglos so sein, sollte aber ausführlicher noch dargestellt werden.

Zusammenfassend: Wenn man sich die zentrale Haltung und Lebensform von Rosa Luxemburg vergegenwärtigt, wird man ihr eine spirituelle Grundhaltung, als Gestalt einer humanistisch-sozialistischen – (biblischen, prophetischen) Spiritualität, zusprechen müssen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

Das genannte Heft „Luxemburg 3/2018“, kann kostenlos bestellt werden: Franz Mehring Platz 1, 10243 Berlin.

Nebenbei: Ein weiteres Thema für religionskritische Untersuchungen wäre die äußerst geringe Lernbereitschaft christlicher und theologischer Kreise, etwa im Blick auf ein differenziertes Bild von Rosa Luxemburg.

Dabei müsste berücksichtigt werden, wie gerade Kirchenleute, Päpste, Bischöfe usw. der allgemeinen Ideologie folgten, dass „der“ Sozialismus und „der“ Kommunismus viel schlimmer ist als der Faschismus. Schließlich konnte die römische Kirche mit faschistischen Regimen ind Italien und Deutschland noch Konkordate abschließen, also die Existenz der Kirche „sichern“, was dabei mit den anderen, den Juden, den Kommunisten, den Homosexuellen, den Sintis/Roma, geschah, war dabei nicht zentral für die Kirchenleute. Der blinde Antikommunismus war die Ideologie der USA, ihr folgten die Päpste, wie Johannes Paul II., zusammen mit Präsident Reagan in seinem Kampf gegen „revolutionäre Priester“ und Befreiungstheologen in Lateinamerika: So unterstützte die Kirchenführung die Diktatoren in Argentinien oder Chile (Pinochet), vorher schon in Spanien: Diktator Franco oder Trujillo, Dominikanische Republik, und so weiter…

Die Ehe für alle ist selbstverständlich! Nicht aber für „evangelikale Christen“. Der Nashville-Erklärung widerstehen!

Gegen die „Nashville-Erklärung“ protestieren die Remonstranten

Von Christian Modehn

Die Remonstranten sind eine freisinnige, liberal-theologische protestantische Kirche in Holland. Sie sind die einzige christliche Kirche weltweit, die als solche kein verpflichtendes dogmatisches Bekenntnis von ihren Freunden und Mitgliedern verlangt.

Die für Toleranz eintretenden Remonstranten lassen sich von konservativen Kirchen nicht alles bieten. Theologisch liberal sein heißt auch widersprechen, wenn die Freiheit der Menschen und ihre Würde bedroht sind.

Darum widersprechen jetzt die Remonstranten offiziell, wenn in diesen Tagen von den zunehmend mächtiger werdenden Kreisen der konservativen Kirchen der USA ein theologisches Dokument auch in Holland verbreitet wird, mit entsprechenden Unterschriftensammlungen: Es handelt sich um die so genannte Nashville-Erklärung aus dem Jahr 2017, die weltweit schon Irritationen auslöste. In dem Text wenden sich zahlreiche evangelikale US-Theologen (unter ihnen Pastor John Piper, auch in den entsprechenden Kreisen in Deutschland bekannt) gegen die Gleichwertigkeit von Homosexualität und gegen die Rechte von Transsexuellen. Die Autoren der „Nashville Erklärung“ lesen wie üblich und unbelehrbar die Mythen der Bibel wortwörtlich, was Sexualität betrifft. Was die Worte Jesu gegen die Herrschaft des „Klerus“ betrifft, bekanntlich nicht, die werden je nach Laune evangelikal interpretiert. Der ehemalige Generalsekretär der Remonstranten und Theologe Tom Mikkers hat zusammen mit der Politikerin Mirjam Sterk (CDA) in der Amsterdamer Tageszeitung „de Volkskrant“ der Nashville Erklärung widersprochen.

Diese immer mächtiger werdenden evangelikalen Kreise (man denke an ihre aktuelle Unterstützung des brasilianischen rechtsextremen Präsidenten Bolsonaro) wollen damit die Muster einer für Europa längst vergangenen Kultur der absoluten Dominanz der „Hetero-Ehe“ fortschreiben und damit auch an einem entsprechenden Familien- und Frauenbild festhalten. Insofern ist das Nashville Dokument auch ein politisches Pamphlet. Und ein Dokument einer in der aufgeklärten, gebildeten westlichen Welt längst untergegangen Kultur. Es ist förmlich ein Kulturkampf um die Bibelinterpretation entstanden!

Darum haben jetzt, am 7.1. 2019, die Remonstranten gegen die sogen. Nashville Erklärung protestiert. Diese Kirche war bekanntlich die erste, die schon 1986 als christliche Kirche die Segnung von Paaren des gleichen Geschlechts in ihren Kirchen gestaltete und damit diese Lebensform als normale Alternative zur Hetero-Ehe ansieht.

Es scheint, als hätten die Evangelikalen in dieser unserer Gegenwart der politischen Verwirrung (Nationalismus, Kriege, Rechtsradikalismus, Öko-Krise, Armut, Ungerechtigkeit weltweit) keine anderen Sorgen, als dieses uralte Thema der absoluten Geltung der Hetero-Ehe wieder zu propagieren. Als solle ein letztes Gefecht dieser Kirchen stattfinden um eine Kultur, die mit dem 20. Jahrhundert de facto, aber noch nicht in allen Köpfen, überwunden wurde. In Afrika sind die Kirchen die heftigsten Feinde des Respekts für Homosexuelle. Der Kardinal von Tanzania sagte kürzlich noch, besser sollten die Menschen in Tanzania verhungern, als Hilfen anzunehmen, die irgendwie mit „Gay“ (Schwul) etwas zu tun haben.

Man mache sich nur keine Illusionen: Wer heute noch christlich sein will, bindet sich oft an diese dogmatisch starren Kirchen. Diese Menschen suchen Sicherheit, Führung, sie wollen von anderen hören, was Gott will. Sie fragen nicht selbst, suchen nicht selbst. Alte Antworten in alten Floskeln und Sprüchen werden nachgesprochen…

Und vor allem: Die Nashville Erklärung könnte der Vatikan auch jetzt nicht besser formulieren. Selbst Papst Franziskus ist alles andere als ein Verteidiger der Gleichberechtigung der Homosexualität und der Homosexuellen. Er ist theologisch sehr konservativ, das hören die wenigen progressiven Katholiken nicht gern, aber es die Wahrheit. Man lese bitte auch den offiziellen, immer noch gültigen römischen Katholizismus von 1996, dort gibt es beste inhaltliche Übereinstimmungen mit der Nashville Erklärung!

Und man vergesse nicht: Die Nashville Erklärung können die meisten Muslime mit Begeisterung unterschreiben, jedenfalls solche, die in den Herrschaftsgebieten der arabischen Diktatoren leben.

Die Nashville Erklärung ist insofern leider ein ökumenisches, man möchte fast sagen, interreligiöses Dokument.

Man darf gespannt sein, wie etwa in Deutschland sich die Evangelische Kirche offiziell von diesem theologischen Unsinn aus Nashville distanziert. Kaum zu erwarten, wenn man nur an die Macht evangelikaler Kreise etwa in der Württembergischen Landeskirche denkt…Die offizielle katholische Kirche in Deutschland wird – nicht nur stillschweigend – jubeln. Das ist ja das richtige Thema für die katholischen, d.h. päpstlichen Weltjugendtage in Panama im Januar 2019. Sie haben das Motto: “Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem Worte“. Haben auf solch eine antifeministische Theologie die jungen (armen) Frauen in Lateinamerika gewartet, die in dieser Macho-Gewalt-Unkultur um Überleben kämpfen müssen?

Die Nashville Erklärung richtet viel Schaden an: Sie weckt den Eindruck bei vielen LeserInnen: Ja, so denken halt „die“ Kirchen. Ist ja leider nicht ganz falsch! Die Menschen haben also einen Grund mehr, sich von den Kirchen zu verabschieden.

Die Remonstranten feiern in Holland in diesem Jahr 2019 ihr 400 Jahre dauerndes Bestehen. Ein Thema der aktuellen Auseinandersetzungen wurde ihnen nun mit der niederländischen Nashville-Erklärung vorgelegt, ein Thema, das in den Gedenk- und Denkfeiern jetzt nicht fehlen wird.

Die Remonstranten sind eine zahlenmäßig sehr kleine Kirche, aber sie sind ein Ort der Zuflucht für jene, die eine Verbindung von Moderne, Vernunft, Menschenrechten UND christlichem Glauben erleben und gestalten wollen.

Copyright: Christian Modehn, Forum der Remonstranten Berlin.

Thomas Merton gegen die abgehobenen „engelgleichen“ Kleriker

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der bekannte spirituelle „Meister“ und Trappistenmönch Thomas Merton (USA) kritisierte 1965 die abgehobene Welt des „engelgleichen Klerus“… Vielleicht braucht ein Bischof, ein Theologe, im Rahmen der Debatten um den sexuellen Missbrauch durch Priester, ein sehr treffendes Zitat von einem Mönch, der auch ein guter Kenner der klerikalen Psychologie war.

„Der Begriff Trennung von der Welt, in den wir im Kloster haben, erweist sich allzu leicht als eine vollständige Illusion. Als die Illusion, dass wir durch die Tatsache, Gelübde abzulegen, zu einer besonderen Art von Wesen werden, zu Pseudo-Engeln, zu „geistlichen Menschen“, Menschen des inneren Lebens oder was immer dergleichen“.

Siehe: Thomas Merton, Zeiten der Stille. Herder Verlag, 1992, S. 80. Eine Übersetzung – von Bernardin Schellenberger – aus dem Buch von Merton: „Conjectures of a Guilty Bystander“, 1965

Sexueller Missbrauch: Pater Marcial Maciel: Schon seit 1943 waren seine Untaten im Vatikan bekannt

Der sexuelle Missbrauch durch Kleriker wird immer umfassender

Von Christian Modehn

Über Pater Marcial Maciel, den Gründer des katholischen Ordens „Legionäre Christi“ und der Laienbewegung „Regnum Christi“ wurde ausführlich berichtet, seit etwa 12 Jahren vor allem auf dieser website. Die deutschen Theologen an den Universitäten hielten sich bis jetzt bei dem Thema angstvoll zurück. Denn die Legionäre Christi sind immer noch sehr mächtig und sie haben sehr (!) viel Geld…

Hier kann nur an einige Tatsachen erinnert werden: Den ständigen sexuellen Missbrauch an Minderjährigen und jungen Erwachsenen durch den Ordenspriester und tatsächlich so genannten „Generaldirektor“ seines Ordens Pater Maciel; sein zölibatäres Doppelleben mit Frauen und die Zeugung von Kindern; die maßlose finanzielle Gier, die Verlogenheit, sein frommes Gehabe, “Christus ist mein Leben“, heißt eines seiner Bücher; seine tiefe und innige Freundschaft mit dem jetzt Heiligen polnischen Papst Johannes Paul II, dieser Papst war sich nicht zu schade, öffentlich Pater Maciel „ein Vorbild der Jugend“ zu nennen, auch mit Kardinälen im Vatikan, in Mexiko, in Spanien hatte Maciel innige „reiche“ Beziehungen usw.

Doch nun gibt es etwas Neues: Der für das Ordensleben weltweit zuständige Kardinal Joao Braz de Aviz im Vatikan muss nun öffentlich zugeben: Schon seit 1943 war es dem Vatikan, den dortigen Behörden, also auch wohl dem damaligen Papst (Pius XII.) bekannt, welche Untaten Pater Marcial Maciel praktizierte, für weitere aktuelle Informationen klicken Sie hier. Der Vatikan schwieg, nur von 1956 bis 1959 wurde er aus Rom entfernt, vor allem wegen eklatanter Drogenabhängigkeit; man „untersuchte“ seinen „Fall“, fand aber – wie zu erwarten – nichts Schlimmes. Schlimm waren für den Vatikan und die Bischöfe nur die wenigen so genannten linken Priester und die Arbeiterpriester. Ein sexueller Verbrecher aber wurde, weil sehr wohlhabend, und nach außen sehr dogmatisch orthodox, geschont. So konnte Maciel 1959 zurück nach Rom und sein Treiben fortsetzen. Es gab etliche sehr deutliche Stellungnahmen von Opfern der sexuellen Gewalt durch Pater Maciel, vor allem von ehemaligen Ordensmitgliedern; aber nichts geschah. Und erst kurz nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. konnte Papst Benedikt XVI. den alten Priester, den er nach einigen Recherchen öffentlich einen Verbrecher nannte, höflich bitten, sich doch bitte bitte zurückzuziehen und den Mund zu halten.

Von einem Prozess gegen ihn, von einem Ernstnehmen der Opfer keine Spur. Der Klerus regelt alles „unter sich“. Die Opfer des Missbrauchs sind eigentlich egal.

Selbstverständlich ist davon auszugehen, dass die Ordensmitglieder, die Legionäre, die ja in seiner unmittelbaren Nähe wohnten und ihn von Besuchen direkt kannten, von dem Treiben ihres so hoch verehrten Ordensgründers Maciel wussten. Man plante ja schon eine Heiligsprechung… Aber nach der Freilegung der verbrecherischen Taten durch Maciel wurde der Orden nicht etwa aufgelöst: Nein, er besteht munter weiter, schließlich braucht die Kirche diese vielen jungen „Legionäre“ und auch ihr Geld. Und so reisen die jungen Legionäre durch die Welt, predigen, betteln als Millionäre um Geld bei den Armen, halten Vorträge, wie kürzlich in Berlin ausgerechnet zum Gedenken an Romano Guardini. Wann werden sie eine von vielen neuen „Großgemeinden“ übernehmen?

Was am wichtigsten ist: Kardinal Joao Braz de Aviz muss nun zugeben: Seit 1943 hat der Vatikan die Verbrechen Maciels verheimlicht und geschützt. Kein Papst, kein Kardinal kam auf die Idee, diesen Herrn der staatlichen Justiz zu übergeben. Alles wurde „unter dem großen vatikanischen Deckel gehalten“. Der Klerus hält eben zusammen! Die Klerus-Gesetze sind wichtiger als die Menschenrechte. Bis heute! Voltaire würde in dem Zusammenhang vielleicht sagen: „Ecrasez l infame“…

Jetzt beginnt aber auch – hoffentlich – die Zeit der historischen Forschungen zum Dauerthema „Zölibatärer Klerus und sexueller Missbrauch“, diese Forschungen aber müssen weit über das 20. Jahrhundert hinausgehen: Es gilt, den sexuellen Missbrauch durch Priester in Orden und Gemeinden freizulegen, als fundamentalen Teil, als Struktur der Klerus-Geschichte. Aber Klerus-Geschichte ist weithin im Katholizismus identisch mit „allgemeiner“ Kirchengeschichte.

Für Kardinal Joao Braz de Aviz ist es jedenfalls „ein furchtbarer Irrtum“, so wörtlich, zu glauben, der sexuelle Missbrauch durch Priester sei ein zeitgenössisches Phänomen. „Wir stehen eigentlich erst am Anfang der Erkenntnisse“. Und wie lange die Geduld der Mitglieder dieser Kirche noch reicht mit diesem Klerus, ist eine andere Frage. Es könnte ja sein, dass sehr bald gebildete Katholiken entdecken: Die göttliche Wirklichkeit ist in mir, wie Meister Eckart lehrt und viele andere. Wofür dann noch diese Klerus-Kirche?

Wie die Kirche früher, im 17. Jahrhundert, mit dem sexuellen Missbrauch durch Priester umging, kann man am Beispiel des Ordens der Schulpriester, auch Piaristen, genannt, nachlesen. Ich habe darüber berichtet, bisher ohne größere Aufmerksamkeit etwa der Medien. Jedenfalls gab es einmal eine Zeit, als ein Orden des sexuellen Missbrauchs wenigstens zeitweise aufgelöst wurde. Dieser Beitrag enthält auch eine Stellungnahme von Matthias Katsch, vom „Eckigen Tisch“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht: Vor 100 Jahren ermordet.

„Freiheit ist immer Freiheit des anders Denkenden“
Nachtrag am 22.2.2019: Ein Hinweis auf das wichtige Buch von Sebastian Haffner. Am Ende dieses Beitrags.

Hinweise von Christian Modehn

1.Die so genannten „bürgerlichen, liberalen Kreise“ sollten jetzt Korrekturen ihrer Denkmuster vornehmen. Und am 15.1. 2019, ein hundert Jahre nach der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu einem Buch greifen und es lesen. Es ist eine Studie, die von einem auch in bürgerlichen Kreisen anerkannten Historiker und Publizisten geschrieben wurde: Sebastian Hafner hat in sein Buch (252 Seiten) „Die deutsche Revolution 1918/19“ schon 1969 unter dem Titel „Die verratene Revolution“ veröffentlicht, darin das ausführliche Kapitel über die Zusammenhänge der Ermordung von Luxemburg und Liebknecht. Die Ermordung der beiden Sozialisten sei bereits „spätestens Anfang Dezember 1918 geplant und systematisch betrieben worden“ (S. 174, in der Ausgabe des Rowohlt Verlages 2018): Von wem? Von Mitarbeitern des offiziellen „Stadtkommandanten Wels“ (SPD). Auch der für Bürgerkriegs –Belange zuständige Gustav Noske (SPD), enger Mitarbeiter von Friedrich Ebert (SPD, war in der Verfolgung und Ermordung Luxemburgs und Liebknechts sehr engagiert (S. 176). Warum wurden diese beiden Sozialisten, Gegner der staatstragenden Mehrheits-SPD, ermordet? Sebastian Hafner schreibt: Luxemburg und Liebknecht „verkörperten in den Augen von Freund und Feind die deutsche Revolution. Sie waren ihre Symbole. Und mit ihnen erschlug man die Revolution“ (S. 180). Beide erkannten das „Spiel“, das von Anfang an mit der deutsche Revolution von ihren angeblichen Führern (der SPD, C.M.) getrieben wurde, und sie schrieen ihre Erkenntnis täglich laut heraus. Sie waren sachverständige Zeugen, die man erschlug, weil man ihrem Zeugnis nichts entgegenzusetzen hatte“ (ebd.) „Die „Mordhetze wurde auch und gerade von der sozialdemokratischen Presse betrieben“ (S. 181). Ein brisantes Thema und man ist gespannt, wie die SPD am 15. 1. 2019 sich zu einer Stellungnahme aufrafft. Dass im Hintergrund die reaktionären Kräfte um General Erich Ludendorff agierten und die Republik von vornherein kaputt machen wollten, ist auch klar.

Über Ebert und Noske schreibt Otto Friedrich in „Morgen ist Weltuntergang“, Berlin in den Zwanziger Jahren, Berlin 1998, S. 55.: „Wie für Ebert bedeutete Sozialismus auch für Noske, aus der Armut aufzusteigen und am Glanz des Kaiserreiches teilzuhaben…“

2.Den Interessen des religionsphilosophischen Salons entsprechend ein Wort zur „Spiritualität“ bzw. „religiösen Dimension“ von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Denn „religiöse Dimensionen“ sind wohl in jedem lebendigen Menschen lebendig, selbst wenn oder gerade weil er/sie NICHT an die Dogmen einer bestimmten Konfession gebunden ist. Bei Rosa Luxemburg wird der Gedanke der Revolution sozusagen mit einer transzendenten Aura beschrieben. In ihrem letzten Beitrag, am 15.1. 1919, schrieb Rosa Luxemburg als Redakteurin der „Roten Fahne“: „Ihr stumpfen Schergen! Die Revolution wird sich morgen schon rasselnd wieder in die Höhe richten und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: „Ich war, ich bin, ich werde sein“. Revolution also als Ewigkeit, am Ende der Zeiten (?) siegreich gedacht. Seinen Glauben drückte Karl Liebknecht am gleichen Tag mit den Worten aus: “Leben wird unser Programm. Es wird die Welt der erlösten Menschheit beherrschen, trotz alledem“. (Von Sebastian Hafner zitiert auf der Seite 177). Hafner schildert auch, mit welcher bestialischen Brutalität Luxemburg und Liebknecht von den Mördern, die von den SPD-Führern engagiert, hingerichtet wurden. Die SPD, überglücklich, parlamentarisch reagieren zu dürfen, fühlte sich als Repräsentantin der alten Ordnung, zu der nun einmal eine blinde Wut auf alles gehörte, was Revolution sich nannte. Und Hafner zeigt weiter: Der Mord an Luxemburg und Liebknecht war „der Auftakt zu den tausendfachen Morden in den folgenden Monaten der Noske Zeit, zu den millionenfachen Morden in den folgenden Jahren der Hitler Zeit“ (S. 182).

3.Auch das berühmte Zitat Rosa Luxemburgs „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ sollte heute ausführlich reflektiert werde, es bezieht sich auf die Zustände der bolschewistischen Herrschaft Lenins. Geschrieben hat dieses Wort Luxemburg im September/Oktober 1918, also wenige Monate vor ihrer Ermordung. Dieser berühmte Luxemburg Satz gehört zu ihrer größeren Studie „Zur russischen Revolution“, die erst 1922 von Paul Levi aus dem Nachlass veröffentlicht wurde. Welche Bedeutung hat dieser viel zitierte, so gar nicht „kommunistische Satz“ heute angesichts der Zunahme von rechtsradikalen Untaten in ganz Europa und weltweit? Wie weit können die Feinde der Demokratie sich der demokratischen Grundsätze bedienen, um gegen die Demokratie zu agieren? Rosa Luxemburg schrieb also die „berühmten Worte“: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei– mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit des anders Denkenden. Nicht wegen des Fanatismus der »Gerechtigkeit«, sondern weil all das Belehrende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die »Freiheit« zum Privilegium wird.“ (Die Russische Revolution, Hrsg. Paul Levi, Verlag Gesellschaft und Erziehung G.m.b.H., 1922, S. 109 ).

André Brie ergänzt: „Luxemburg kritisiert auch, dass die Bolschewiki den Kapitalisten die Pressefreiheit verweigerten, denn „ohne eine freie, ungehemmte Presse, ohne ungehindertes Vereins- und Versammlungsleben“ sei „gerade die Herrschaft breiter Volksmassen völlig undenkbar“. Ihre Vorstellung ist offenbar, dass die „politische Schulung und Erziehung der ganzen Volksmasse“ nicht anders als im offenen Streit zwischen ihr und den Kapitalisten erfolgen kann. An dieser Schulung aber, und das ist der Kern ihrer Kritik, hätten Lenin und Trotzki gar kein Interesse: Es sei die „stillschweigende Voraussetzung“ ihrer Diktaturtheorie, „dass die sozialistische Umwälzung eine Sache sei, für die ein fertiges Rezept in der Tasche der Revolutionspartei liege, das dann nur mit Energie verwirklicht zu werden brauche“ (in „Standpunkte“, 10/2011)

4.Es ist eine historische Katastrophe, dass sich Kommunisten später nie an diese grundlegende Einsicht der Sozialistin Rosa Luxemburg hielten. Sie veranstalteten ihr zu Ehren Jubelfeiern, etwa in der DDR; diese grundlegende Einsicht Luxemburgs wollte man schon gar nicht wahr –nehmen, … angesichts der Diktatur der alles bestimmenden Partei. Und: Welche Rolle spielt Rosa Luxemburg heute in den sich noch kommunistisch nennenden Regimen Chinas und Nord-Koreas? Gar keine! Ist damit aber Luxemburgs Erkenntnis „Freiheit ist immer die Freiheit der anders Denkenden“ hinfällig? Überhaupt nicht. Wie könnten wir Menschen denn noch menschlich leben, wenn wir dieses „Ideal“ aufgäben.

5.Die Organisationen im „bürgerlichen Bereich“ waren auch nicht gerade Vorbilder in der Gewährung der Freiheit der anders Denkenden. Man erinnere sich an die frühe Geschichte der Bundesrepublik, an den Nazi –Freund Hans Globke, von Adenauer gefördert; an die Dominanz der alten, aus NS Zeiten stammenden Richter und Beamten, an die Hetzjagden auf Linke damals etc. Man denke auch an die Kirchen und ihre Verfolgung der Ketzer, der Abweichler bis heute, an die Exkommunikationen usw. bis heute..

6.Im Jahr 2014 erschien Band 6 der „Gesammelten Werke“ Rosa Luxemburgs, er bezieht sich auf die Jahre 1893 bis 1906. Darin wird auch das Thema „Luxemburg und die Religion“ dokumentiert. Der Kulturwissenschaftler Horst Groschopp schreibt zu diesem Band 6: „Rosa Luxemburg, selbst säkularisierte Jüdin, ist eine humanistisch gebildete und religionsgeschichtlich kundige Autorin. Ihre Gegnerschaft trifft nicht Kirche und Religion schlechthin, schon gar nicht religiöse Menschen (“niemals … Kampf gegen religiöse Überzeugungen”), sondern den Klerikalismus und die “Kirche als geistige[n] Generalstab der herrschenden Klassen”. Kirche und Religion verklären die kapitalistische Weltordnung, meinte Rosa Luxemburg. (Quelle: https://hpd.de/node/17915). Wer würde leugnen, dass diese Erkenntnis Luxemburgs bis heute Gültigkeit hat? Wie viele Veranstaltungen in kirchlichen Akademien Deutschlands wird es zur Ermordung von Rosa Luxemburg geben? Wie viele (selbst-)kritische Gedenkartikel in kirchlichen und theologischen Zeitschriften? Wir werden uns in dieser Sache wieder melden…Wird es möglich sein, endlich der Erkenntnis zu folgen: Rosa Luxemburg war KEINE „Bolschewistin“! Viele Jahre haben bürgerlich-konservative wie auch kommunistische Interpretationen – je auf ihre Weise – Rosa Luxemburg als Bolschewistin entweder verurteilt oder verklärt.

Eine Ergänzung am 22.2.2019:

Ein Hinweis von Christian Modehn zur Mitschuld der SPD am Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ hat auf die Bedeutung von Rosa Luxemburg, auch auf ihre selten explizit thematisierte „humanistische Spiritualität“, hingewiesen. Und anlässlich des Gedenkens an die Ermordung von Rosa Luxemburg auf das große Werk von Sebastian Haffner empfehlend verwiesen: Haffner hatte schon 1969 sein Buch zum Thema Revolution in Deutschland 1918/19 unter dem Titel „Die verratene Revolution“ publiziert. Diese maßgebliche Studie erscheint nun unter dem Titel „Die deutsche Revolution 1918/1919“ (Rowohlt Verlag).
Der Tagesspiegel (19.2.2019) macht in einem Beitrag von Uwe Soukup darauf aufmerksam: Entgegen vieler polemischer Äußerungen stimmt die grundlegende Einsicht des (nicht-kommunistischen) Autors Haffner nach wie vor, nämlich: „Die Teilhabe der SPD an unfassbaren historischen Verbrechen wie den Morden an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht“. Uwe Soukoup berichtet von dem letzten Pressegespräch Haffners für DIE ZEIT. Er sagte: „Ebert und Noske haben die Revolution verraten, sie sind schuld an der Ermordung von Liebknecht und Luxemburg, ohne sie (die SPD) wäre Hitler nicht an die Macht gekommen“.
In seiner Kritik an der vor allem an Regierungsgewalt interessierten SPD sagte Haffner: „Ich habe es immer als sehr unangenehm empfunden, dass die Parteistiftung der SPD `Friedrich Ebert Stiftung heißt“.
Die SPD Vorsitzende Andrea Nahles musste am 9.11. 2018 einräumen, dass der SPD Politiker Gustav Noske „bei den Morden an Luxemburg und Liebknecht seine Hände im Spiel gehabt hatte“. Aber aus dieser noch vorsichtig formulierten Einsicht folgte keine Neuorientierung der SPD gegenüber Noske und seinem Meister: Ebert.
Ich hatte der Friedrich Ebert Stiftung geschrieben und an die im Hintergrund laufende Verquickung der SPD mit den Rechtsradikalen seit 1919 hingewiesen. Darauf erhielt ich am 18.1.2019 diese Antwort von Dr. Peter Beule, Mitarbeiter der Friedrich Ebert Stiftung in Bonn, Projekt Netzwerk Demokratie/Geschichte: Diese Antwort kann ich gegenüber dem nun auch aktuell im „Tagesspiegel“ Freigelegten nur als Ausrede bezeichnen, Beule schreibt: „Der Forschungsstand macht deutlich, dass die Rede von einem Mittun Friedrich Eberts bei der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, so Ihre Formulierung, jedweder Quellenbasis entbehrt. Auf die Ermordung der ehemaligen Sozialdemokrat“_innen durch rechtsradikale Freikorps am 15. Januar 1919 reagierte Ebert mit Abscheu und Bestürzung“. Was heißt schon „Mittun“? Jemand, der eine Tat inszeniert und bewusst zulässt, „tut auch mit“…
Peter Beule, SPD, meint also, Sebastian Haffners Studie sei veraltet. Das Gegenteil ist ja der Fall. Und: Keine Frage, Ebert musste nach außen hin mit Abscheu über den Mord reagieren. Hätte er öffentlich jubeln sollen, dass die in seiner Sicht „Bolschewistin/Revolutionärin“ Rosa Luxemburg endlich ermordet wurde?
Ebert hatte doch keine größere Angst als die vor einer revolutionären demokratischen Wandlung Deutschlands.
Und nebenbei: In meiner Mail hatte ich auch eine Änderung des Namens der SPD nahen Stiftung vorgeschlagen, wie Sebastian Haffner schon. Aber dazu nahm Herr Beule gar nicht Stellung. Aber wenn die SPD noch einmal selbstkritisch mit ihrer Vergangenheit umgeht: Dann darf ihre Stiftung sich nicht mehr mit dem Namen Ebert „zieren“. „Willy Brandt Stiftung“ wäre treffender!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Nichtrechthabenwollen. Viel Sinn und weniger Sinn

Hinweis auf ein neues Buch von Martin Seel

Von Christian Modehn

Martin Seel, Philosophieprofessor an der Frankfurter Uni, will versuchen, das Philosophieren etwas aus der Strenge des Rechthaben- Wollens zu befreien. Sehr löblich! Denn bekanntermaßen sind Philosophen oft die wahren „Streithähne“. So ganz kann der Befreier aber auch selbst nicht auf die Berechtigung des Rechthabenwollens und damit auch auf einen Wahrheitsanspruch verzichten (S. 24, auch S. 40). Seels Position will ja ernst genommen werden, also als berechtigt, wenn nicht als recht und wahr gelten können. Es geht also gar nicht darum, auf die für den einzelnen unabwerfbare Einbindung des eigenen Denkens ins Rechthaben-Wollen bzw. in die Wahrheit zu verzichten. Denn wer für sich selbst darauf verzichtet, in seinem nun einmal immer satzhaften Denken für sein eigenes (!) Leben recht zu haben und eben auf der Seite des Wahren zu leben, gibt sich selbst auf. Darauf weist Seel in seinem Buch auch selbst hin.

Aber er wagt es dennoch, Gedankenspiele vorzustellen: Und dies ist der für alles Verstehen dieses ersten Kapitels des Buches entscheidende Untertitel: „Gedankenspiele“. Es sind Spiele, es ist also durchaus etwas Unterhaltsames, was da geboten wird, förmlich eine Art philosophische Lockerungsübung, aber nicht nur für die „Freizeit“ im Denken: Denn das Sich Versteifen aufs Rechthaben ist ein Grundübel der offenen Kommunikation. Menschen mit „absolutem Wahrheitsbesitz“ werden zurecht gemieden. Aber, so Seel, „es geht mir nicht um die Kritik der Rechthaberei“ (S.22). Aber was dann? Es geht um die Akzeptanz der freien Erzählung in der Philosophie. Denn das Erzählen hält die Möglichkeit bereit, „ohne alles Rechthabenwollen auszukommen“ (S. 29).

Der Philosoph Martin Seel, der so viele interessante Essays geschrieben hat, in denen er selbstverständlich für sichere Erkenntnis, also fürs Rechthaben(wollen) eintritt, will nun nicht länger, so wörtlich, „an EIN Genre gebunden sein“. In dem Essay „Wie phänomenal ist die Welt ?“ (in „Paradoxien der Erfüllung“) schreibt er: „Kenntnis wird zur Erkenntnis, wo wir das, womit wir bekannt geworden sind, mit begrifflicher Bestimmtheit ansprechen können“ (S. 175), also mit unserer Erkenntnis dann doch recht haben dürfen! Sind die Zeiten dieser Erkenntnis vorbei?

Nun also ein Plädoyer fürs Erzählen, als dem Spielerischen. „Ich möchte ungehemmt schreiben können“, so in dem neuen Buch (S. 33).

Wer darf es ihm verbieten, „ungehemmt“ zu schreiben? Niemand. Nur: Die philosophische Reflexion, die ja doch auch in einem Gedankenspiel fürs Spielen übliche Gesetze hat, fragt dann: Was hat man davon, wenn man zum Beispiel „ungehemmt schreiben würde“: „Im Himmel ist Jahrmarkt“. Und was haben andere, LeserInnen, davon, wenn sie diese meine ungehemmte „Erkenntnis“ zur Kenntnis nehmen: „Im Himmel ist Jahrmarkt“. Bestenfalls Theologen mit der Spezialisierung in Eschatologie (d.i. die Lehre von den letzten Dingen im Jenseits) könnten sich für diese ungehemmte Erkenntnis erwärmen…

Martin Seel erwähnt dieses Beispiel nicht, wie er überhaupt kein Beispiel für seine Gedankenspiele bietet, leider. Denn dann wäre zumindest aufgefallen, dass man doch unterscheiden sollte zwischen meinem eigenen, nur auf mich selbst bezogenen Nichtrechthabenwollen. Und der Dimension, wenn ich meine Sätze, immer mit der Qualität des Nichtrechthabenwollens, den anderen, der Gesellschaft, mitteile. Was haben die anderen denn dann von diesen nichtrechthabenwollenden Sätzen? Sie können sie als Poesie subjektiver Art deuten oder als hübsche (Märchen)-Erzählung, aber das wars dann auch.

Leider finden die Gedankenspiele Martin Seels außerhalb jeder politischen Dimension statt. Wie nett wäre es doch, wenn Pegida-Anhänger sagen würden: „Mit meinen brutalen Beleidigungen demokratischer Politiker und Journalisten will ich nicht recht haben. Sie sind nur meine kleinen, lieblichen Gedankenspiele“. Wunderbar wäre dies. Nur, wenn dann die Demokraten und die Verteidiger der universalen Menschenrechte, etwa von „Amnesty International“ oder „Ärzte ohne Grenzen“, kommen und sagen: „Auch unsere universalen Menschenrechte sind nur ein Gedankenspiel. Wir haben gar nicht recht, wie sprechen keine universal gültige Wahrheit aus!“

Das wäre eine Katastrophe. Oder würden sich Pegida Fanatiker und Menscherechtler um den Hals fallen und sagen: „Wir alle sind so liebe Brüder, gerade weil wir alle nicht recht haben wollen“. Bloß: Wie ging es dann weiter in der Politik? Die starke Hand würde sich schon durchsetzen, denn immer gibt es Leute, die leider extrem politisch fanatisch recht haben wollen..

Ich denke, dieses erste Kapitel des Buches „Nichtrechthabenwollen“ ist, sorry, nette, aber nicht sehr ins Weite führende Unterhaltung, es ist ein kurzes Lese-Spiel, das man dann aber auch wieder beiseite legt. Dieses Spiel führt nicht wirklich weiter in neue Erkenntnisse, wenn man denn die (noch) sucht: Denn dass Philosophen erzählen müssten ist vielen doch klar. Hat nicht deswegen der Philosophieprofessor Peter Bieri seinen Job an der FU Berlin aufgegeben und dann begonnen, zum Teil sehr beachtliche Romane zu schreiben? Und dass andererseits in Erzählungen der „Literaten“ sehr viel mehr Philosophie enthalten ist, als in expliziter Philosophie, ist völlig klar. Philosophie findet nicht nur dort statt, wo an den Universitäten Philosophie drauf steht. Gott sei Dank ist das so.

Martin Seel hat das erste Kapitel nach Ziffern gegliedert, er erinnert damit entfernt an die bravouröse Bezifferung im „Tractatus Logico-Philosophicus“ von Ludwig Wittgenstein. Für Seel scheint mir die Ziffer 42 (S. 38) besonders wichtig zu sein (Seel bietet nur 67 Ziffern, die z.T.den Charakter von knappen Aphorismen haben). Wir sollen „auf Abstand zu unseren Ansichten und Absichten“ (Ziffer 43) gehen. Wenn das die Summe des ersten Kapitels ist? Wahrscheinlich! Diese Wahrheit musste doch mal von kompetenter Seite gesagt werden. Es kommt zudem, so Seel, darauf an, „alles in der Schwebe zu halten“. (Nr. 48). Die Problematik dieses Satzes, bezogen auf „die Welt“ und die Politik, ist, wie vorher von mir gezeigt, sehr erheblich!  Ich persönlich halte den Satz für falsch. Man kann nur kurzfristog etwas in der Schwebe halten. In dieser verrückten Welt dürfen Demokraten eben nur sehr sehr wenig in der Schwebe lassen…

Ich bin bei dem Gedankenspiel des ersten Kapitels förmlich hängen geblieben, und schreibe also nichts zu den Kapiteln 2 und 3. Aber ich denke, dieser Stil, nur ein Kapitel zu „besprechen“, passt gut zum spielerischen Anspruch des Buches. Ich habe dann doch noch etwas weiter, ins 2. Kapitel, hinein geblättert und bin auf Seite 99 hängen geblieben: „Meine Religion ist das Schreiben“, betont Seel, „näher komme ich dem Numinosen nicht“. Vielleicht gibt es für Martin Seel doch noch mal Momente, wo er als Philosoph versucht, diesen Gedanken sehr ausführlich zu entfalten; und vielleicht dem Numinosen auch auf andere Art, dann durchaus etwas recht haben wollend, näher zu kommen. Ich würde mich darüber sehr freuen und warte förmlich schon auf sein längeres Essay zum Thema Religion, weil ich doch etwas recht haben will mit meiner unverschämten Frage: Kann ein so interessanter Philosoph im Ernst darauf verzichten, etwas Ausführliches zum Thema Numinoses, sagen wir unverschämterweise auch „Gott, Göttliches“ zu schreiben? Irgendwie hat er ja de facto schon seine religiöse „Startbasis“: das Scheiben…Ohne einen säkularen Ansatz für Numinoses kommt auch Martin Seel nicht aus… Mit dieser Aussage will ich natürlich nicht recht haben.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.  Auf dieser website kann ein sehr interessantes Interview mit Martin Seel nachgelesen werden über sein 2012 erschienenes wichtiges Buch „Tugenden und Laster“.

Martin Seel, Nichtrechthabenwollen. Gedankenspiele. S. Fischer Verlag, 158 Seiten. 2018, 18€.

Wie könnten Christen Weihnachten noch feiern? Abschied von der „Stillen Nacht“: Weil „alles schläft“!

Ein Kommentar und Diskussions-Beitrag

Von Christian Modehn am 29.Dezember 2018

Einige Freundinnen haben mich gefragt: Was denn der „Hintergrund“ für diesen Kommentar sei.

Meine Antwort: Weihnachten ist weltweit so ein zentrales Ereignis, dass man sich auch außerhalb der Weihnachtstage mit dem Ereignis befassen sollte. Und vor allem: Weil die bisher üblichen Weihnachtsfeiern/Gottesdienste der Kirchen nicht den gewünschten „Erfolg“ zeigen, und dies seit Jahrhunderten: Weihnachten als viel besprochenes „Fest des Friedens“ etwa ist eine reine Farce. Wer Jahre lang an Weihnachtsgottesdiensten teilnahm, der ist, soweit man das empirisch feststellen kann, eben nicht friedlicher geworden: D.h.:Die Welt ist trotz der üblichen vielen Weihnachtsgottesdienste eben nicht besser, „erlöster“, „geretteter“ geworden. Man denke nur daran, dass in dem „katholischen Kontinent“ Lateinamerika die tötende Gewalt, die Korruption, die Verbrechen gegen die Menschenwürde alltäglich sind und immer mehr zunehmen. Haben diese Verbrecher nicht oft an (Weihnachts-)Messen, die so hübsche Krippe verehrt und an Wallfahrten und Prozessionen teilgenommen? Haben sie nicht die „heilige Jungfrau“ so oft singend gepriesen, bevor sie zu Massenvergewaltigungen sich entschieden haben? Kann eine Kirche so viele „spirituelle Erfolglosigkeit“ auf Dauer ertragen? Ist das nicht alles für die Kirche furchtbar blamabel? Warum sollte man angesichts dieses spirituellen wie politischen Desasters nicht fragen: Dann sollen die Christen und Kirchen z.B. endlich beginnen, radikal anders Weihnachten zu feiern. In unserem religionsphilosophischen Salon am 14. Dezember 2018 hatten wir uns auch schon auf dieses Thema eingelassen. Zu wenig Beachtung findet auch in diesem Text leider die totale Ökonomisierung des Weihnachtsfestes. Weihnachten ist eben total Weihnachts-MARKT geworden. Und die Kirchen machen diesen Trubel und Konsumrausch mit.

Es ist naturgemäß verwegen, die Kirchen in Europa, auch in Deutschland, aufzufordern: Weihnachten in der bisherigen Form nicht mehr zu feiern. Das wäre ein dringendes Thema für die nächsten 12 Monate in 2019.

Denn, so sagen die zahllosen kirchlichen Weihnachtsfreunde: Die Gottesdienste sind doch gut besucht, wenn nicht überfüllt. Die Leute singen halt so furchtbar gern „Stille Nacht“ und „Zu Bethlehem geboren“ in den Kirchen bei Kerzenschein usw. Die Kindern staunen dann auch über die (meist kitschigen) Krippen. Einige gute Summen an Spenden werden gesammelt, für „Brot für die Welt“ und „Adveniat“. Wobei niemand wagt, diese ca. 70 Millionen Spenden in ein Verhältnis zu setzen zu den Milliarden Ausgaben zu Weihnachten für Geschenke. (Von den sinnlos verschleuderten, die Umwelt schädigenden Millionen fürs Herumballern zu Silvester ganz zu schweigen). Hinzu kommt: Die Predigten der Bischöfe und Pfarrer zu Weihnachten werden auch nicht kritisch – theologisch untersucht auf einen nachvollziehbaren Inhalt hin für die heutigen, weithin säkularisierten Weihnachtsgottesdienst-Besucher. Viele Predigten sind nur eine Wiederholung der Weihnachtsmythen der Evangelien. Und wenn es politisch wird, dann immer staatstragend moderat: Dass zu der Zeit, wo „Stille Nacht“ gesungen wird, viele Flüchtlinge in der stillen Nacht des Mittelmeeres herumirren auf ihren Kähnen, wird kaum gesagt, genauso wenig, dass so viele Menschen hierzulande eben keinen Gänsebraten verzehrten, weil die Ungerechtigkeit, d.h. die Armut, so groß ist. Nur Tierschützer können sich über diesen aufgezwungenen Gänsebraten- Verzicht freuen.

Wenn Weihnachtspredigten einen Hauch von Politik, und das heißt Politik-Kritik haben, dann sind sie allgemein, unverbindlich, in den Aussagen eben nicht „hart“ formuliert. Dass Geldspenden nur eine äußerst hilflose Art der Solidarität mit den arm gemachten Menschen in Afrika usw. ist, wagt kein Prediger zu sagen: Er müsste nämlich von einem Umbau unseres kapitalistischen Wirtschaftssystem sprechen. Wer will das schon hören?

Die Menschen verlassen die Gottesdienste der überbeschäftigten Weihnachtspastoren in dem schon von der Großmutter überlieferten kindlichen Wissen: „Christus ist erschienen, uns zu versühnen“, wie es im Lied altmodisch heißt. Oder: „Der Erlöser, der Retter, ist da. Alleluja“. Aber keiner weiß, was das bedeutet: Der Erlöser ist da? Wie bitte? Hier bei uns, in Afrika, bei Mister Trump und Putin und den übrigen so furchtbaren inhumanen Politikern wie in Syrien, Brasilien oder auf den Philippinen. Weihnachten, so der Gesamteindruck, bestätigt nur unverstandenes Geraune: „Der Erlöser ist da“, „Maria geht durch einen Dornwald“, „Tochter Zion freue dich…“ Und so weiter.

Weihnachten ist das Fest der Christen, das einerseits viel populäre Beliebtheit hat und andererseits in seinem Inhalt kaum verstanden wird.

Es ist populär beliebt, weil es mit dem Kaufrausch verbunden ist. Darum wird es auch in Japan gefeiert: Dort sagt man sich: Endlich irgend so ein europäisches Fest, das uns mit bestem Gewissen maßlos konsumieren lässt.

Aber: Der Inhalt wird auch hier in einem einst kirchlichen Europa nicht verstanden: Und der wesentliche Inhalt lässt sich in drei Worten sagen: „Weihnachten ist das Fest der „Vergöttlichung der Menschen“. Man denke an den Mystiker Angelus Silesius: „Wäre Jesus Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest dann verloren“. Weihnachten also heißt: Alle Menschen sind absolut wertvoll, das Ewige wohnt in ihnen; alle Menschen, aber auch alle, haben deswegen ein göttliches Anrecht, umfassend – menschlich zu leben. Weihnachten ist also ganz modern, sehr säkulär und nachvollziehbar für alle Vernünftigen gesagt: Das Fest der Menschenrechte.

Natürlich mag es in dieser zerrissenen Welt für einige hübsch und beruhigend sein, zu Weihnachten in infantile Phasen zurück zu gleiten, Kindheitserinnerungen zu pflegen, „vom Himmel hoch“ zu singen, zu Tränen gerührt zu sein über die sympathischen Heiligen Drei Könige etc. Aber alles das hat mit Weihnachten als dem göttlichen Fest der Menschenrechte nichts zu tun. Wobei Menschenrechte als ideale, aber bindende Forderung verstanden wird, viele verbrecherische Politiker, die Waffenhändler, die „Reformer“ der neoliberalen Wirtschaft usw. berufen sich schamlos auf die Menschenrechte, das ist leider Realität, spricht aber nicht gegen die absolute Geltung der Menschenrechte.

Fordern wir also –aussichtslos, aber deutlich – eine Unterbrechung kirchlicher Weihnachtsgottesdienste der alten, „ewig“ wiederholten Art? Ja! Eindeutig!

Warum also nicht zu Weihnachten Alternativen pflegen: die Kirchen öffnen, dort nachvollziehbare Dialoge führen mit Menschen, die auf der Suche nach einem Lebenssinn sind, vernünftig von Jesus von Nazareth sprechen, von seiner Familie, von seinen Geschwistern, seiner späteren Rebellion; dann etwas Musik hören, still sitzen, Kunst betrachten, miteinander Kleinigkeiten essen, Wein trinken, einander kennenlernen, Freundschaften bei solch einem Weihnachtsfest in den Kirchen schließen, Verabredungen treffen, also endlich mal in einer Kirche lebendig werden…

Mal sehen, wie dann die alten Weihnachtsfreunde reagieren, wie sie an den Kirchentüren klopfen und bitten: Erklärt uns doch endlich mal, was Weihnachten wirklich ist. Was die Geburt dieses armen Propheten Jesus von Nazareth eigentlich bedeutet? Gibt es für uns Erlösung, Heil, Rettung? Wenn ja: Wo und wie? Und die Antwort heißt: Erlösung gibt es nur, wenn wir den Vorschlägen und Vorschriften der Menschenrechte praktisch folgen. Und nur das ist der wahre Gottesdienst (im Sinne Jesu). Und dann kann man noch manchmal, aber sehr leise, ein bisschen schamhaft, „Stille Nacht“ singen, dann, wenn die Flüchtlinge im Mittelmeer gerettet sind und die vielen tausend Menschen im Jemen nicht mehr krepieren und die Milliardäre weltweit endlich angemessene, also gerechte Steuern zahlen müssen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Philosophie ist kein Beruf, keine Disziplin, sondern ein schöpferischer Akt“

Den georgischen Philosophen Merab Mamardaschwili entdecken:

Ein Hinweis von Christian Modehn auf das Buch „Die Metaphysik Antonin Artauds“

Das Erstaunen ist in Deutschland sicher noch groß: Es gab einmal im Sowjet-Imperium einen ziemlich frei denkenden, eigenständigen Philosophen. Sein Überleben dort war nicht einfach, er nutzte aber die geringen Ausweichmöglichkeiten der Freiheit, er studierte u.a. französische Autoren. Seine Wirkung auf die damals Studierenden war wohl groß: Auch Michail Ryklin zählt zu den Philosophen, die von ihm beeinflusst sind: Von dem aus Georgien stammenden Philosophen Merab Mamardaschwili (1930-1990). Anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2018 habe ich schon einige Hinweise zum Denken Mamardaschwilis veröffentlicht.

Nun liegen (endlich) zwei kleinere Essays vor, es sind Vortrags – Mitschriften von Studenten: Denn Mamardaschwili bevorzugte als Philosoph die freie Rede. Und das ist auch in den Essays deutlich zu spüren, es ist der freie Denkstil, der sich da äußert. Das macht die Lektüre nicht immer einfach. Aber die Breite seiner öffentlichen Auseinandersetzungen etwa mit Artaud, Proust, Kafka, aber auch Descartes und Kant ist erstaunlich.

Vielleicht sollte man zuerst das Nachwort von Zaal Andronikashvili lesen, dort wird auf Mamardaschwilis Kritik an der kommunistischen Gewaltherrschaft hingewiesen, er nannte das Regime eine „Hölle“ (S. 47), ein Urteil, das vielen „Links-Intellektuellen“ im Westen gar nicht gefiel (S. 94). Mamardaschwili hat sich als Philosoph der philosophisch reflektierten, kritischen und „klassischen“ Metaphysik verpflichtet gewusst. Was ja äußerst schwer war in einem Sowjetsystem, das seine eigene primitiv- materialistische „Metaphysik“ als Staatsideologie durchsetzte. Mamardaschwili verstand Philosophie nicht als ausgegrenzten Beruf einiger weniger Spezialisten an der Universität.Philosophie war für ihn Grundvollzug des menschlichen, d.h. personalen, kritisch sich selbst reflektierenden Lebens (vgl. S. 97 ff).

Der Essay bzw. abgedruckte Vortrag erfordert große Konzentration. Und man wünscht sich, dass nachvollziehbarere Texte des georgischen Philosophen bald auf Deutsch zugänglich werden. Die Art des freien Denkens und des freien Vortrags macht neugierig. Vielleicht ließe sich eine Übersetzung des auf Französisch erschienenen Interviews „La pensée empechée“ (Paris 1991) ermöglichen. Zu einer Weitung der hiesigen philosophischen Perspektiven kann dieser, auch gegenüber Georgien, kritische Denker sicher beitragen.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Merab Mamardaschwili, „Die Metaphysik Antonin Artauds“ (1988), mit einem weiteren Essay „Wien vor der Jahrhundertwende“ (1990) und einem Nachwort von Zaal Andronikashvili. Aus dem Russischen übersetzt von Roman Widder und Maria Rajer.   Matthes und Seitz Verlag Berlin, 2018, 110 Seiten, 16 €.

Religions-philosophischer Salon Berlin: Ein Rückblick.

Ein Jahresrückblick: 

Was haben wir im Jahr 2018 unternommen? Die Salon-Gespräche fanden 2018 in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9 statt. Für die Gastfreundschaft besten Dank. Ich habe etliche mails erhalten von den (insgesamt 480) Abonnenten meines newsletters, die unsere Initiative beachtlich finden und leider nicht teilnehmen können: Sie wohnen zu weit entfernt von Berlin… Weitere Informationen, auch über die Notwendigkeit weiterer kleiner philosophisch-religionswissenschaftlich und auch (liberal)-theologischer Salons finden Sie auf meiner website. Auf die Salonabende wird auch auf meiner webiste www.remonstranten-berlin.de hingewiesen. Zu allen Veranstaltungen stehen kurze  inspirierende Hinweise und Einführungen von Christian Modehn auf der website bereit. Alle Veranstaltungen wurden gemeinsam mit Hartmut Wiebus geplant und gestaltet.

Eine Übersicht: Zusammengestellt von Christian Modehn am 22.12. 2018:

Am 28.12.2018 eine kleine (private) philosophisch-poetische „Weihnachtsfeier“ mit einigen TeilnehmerInnen des Salons.

Am 14. 12. 2018: Eine kleine Philosophie des (Weihnachts-) Festes: Mit einem Hinweis auf einen Weihnachtstext aus dem Philipperbrief des Apostels Paulus: Gott unterbricht sich selbst (Kenosis). Zugleich einige Hinweise auf Denken des Philosophen Gianni Vattimo. Es waren 12 TeilnehmerInnen dabei.

Am 23. 11. 2018: „Tod-Sterben-Abschied“. Ein Salonabend mit Prof. Johan Goud, Pastor der Remonstrantenkirche, Den Haag. Mit 23 TeilnehmerInnen.

Am 18.10.2018: Gespräche (und gemeinsames Speisen) im algerischen Bistro „Chez Zola“ in Berlin, Gespräche über Algerien, islamische Philosophie, interreligiösen Dialog. Mit 12 TeilnehmerInnen.

Am 28. 9. 2018: „Monotheismus und Gewalt. Hinweise zu Jan Assmann“ (14 TeilnehmerInnen)

Am 24. 8. 2018: „Die Weisheit der Bibel und die philosophische Weisheit“ (14 TeilnehmerInnen)

Am 10.8. 2018: Sommerausflug des Salons nach Erkner (Gerhart Hauptmann Museum) und Friedrichshagen (Friedrichshagener Dichterkreis). Mit 10 TeilnehmerInnen.

Am 20. 7. 2018: „Jürgen Habermas und die Religion“ (18 TeilnehmerInnen)

Am  22. 6. 2018: „Der alltägliche Rassismus“  (13 TeilnehmerInnen)

Am 5. 2018: „Warum wir Europa fördern“. Zus. mit Jungen Remonstranten aus Holland (20 TeilnehmerInnen)

Am 23.3.2018 sprachen wir (mit 17 TeilnehmerInnen) über „Was gibt uns Halt im Leben?“

Am 23.2.2018 sprachen wir (mit 19 TeilnehmerInnen) über „Gibt es Fortschritt in meinem Leben“?

Am 26.1.2018 (mit 21 TeilnehmerInnen) sprachen wir mit Prof. Wolfgang Ullrich über das Thema „Wahre Meisterwerte“. So auch der Buchtitel im Wagenbach – Verlag.

2017:

Am 15. Dezember 2017 (mit 15 TeilnehmerInnen) sprachen wir über das Thema: „Eine kleine Philosophie der Sehnsucht“.

Am 23.11.2017 (mit 19 TeilnehmerInnen) sprachen wir über das Thema: „Vanitas, die Vergeblichkeit von allem?“

Am 25. 10. 2017 (mit 8 TeilnehmerInnen) sprachen wir – angesichts des Reformationsjubiläums – über das Thema : „An welchen Gott können wir und wollen wir heute (noch) glauben?“

Am 15. September 2017 (mit 17 TeilnehmerInnen) sprachen wir über das Thema: Was tun? Über den MUT, diese schwierige Tugend in düsteren politischen Zeiten!“

Am 4. August 2017 machten wir mit 10 TeilnehmerInnen den Sommerausflug, diesmal nach Frohnau, u.a. mit Gesprächen mit Pfarrerin Gräb, dem Künstler Moegelin und einer Begegnung im Buddhistischen Haus…

Am 14. Juli 2017, sprachen wir mit 19 TeilnehmerInnen – anlässlich des 125. Geburtstages des Philosophen Walter Benjamin (am 15.Juli) vor allem über dessen „Geschichtsphilosophische Thesen“.

Am 26. Mai 2017 sprachen wir mit 15 TeilnehmerInnen über das Thema „Ist Religion Opium? Wann ist Religion kein Opium?“ (Anlässlich des Geburtstages von Karl Marx).

Am 21. April 2017 sprachen wir mit 17 TeilnehmerInnen über das Thema: „Postfaktische Untaten – Ein Salonabend über das Lügen und die Suche nach Wahrheit“.

Am 31.März 2017 sprachen wir mit 17 TeilnehmerInnen über das Thema: „Glauben und Wissen. Getrennt und doch verbunden“.

Am 24. Februar 2017 sprachen wir mit 14 TeilnehmerInnen über das Thema: „Bei Verstand bleiben. Philosophie als Lebenshilfe in Zeiten politischer Verwirrung“.

Am 29. Januar 2017 sprachen wir mit 22 TeilnehmerInnen über das Thema: „Die Heimat des Weltbürgers. Ein Versuch, dem Wahn des Nationalismus und Dogmatismus zu widerstehen“.

2016:

Ende Dezember 2016 machten wir wieder eine kl. philosophische Weihnachtsfeier.

Am 16. Dezember 2016 sprachen wir mit 22 TeilnehmerInnen über das Thema: „Was ist uns heute (noch) HEILIG?“

Am 18. November 2016 sprachen wir mir 20 TeilnehmerInnen über die aktuelle Bedeutung des Philosophen LEIBNIZ, anlässlich seines 300. Todestages.

Am 26. Oktober 2016 sprachen wir mir 20 TeilnehmerInnen über das Thema „Der Mensch ist böse? Und von Gott geschaffen?“ (Zur so gen. „Erbsünde“)

Am 23. September 2016 sprachen wir mir 13 TeilnehmerInnen über das Buch des Philosophen Michel Serres: „Erfindet euch neu“. Mit einem Beitrag von Hans Blersch.

Am 26. August 2016 machten wir wieder unseren Sommerausflug, diesmal nach Karlshorst mit dem dortigen Pfarrer Edgar Dusdal.

Am 15.Juli 2016 sprachen wir mit 19 TeilnehmerInnen – anlässlich der großen Ausstellung „El siglo de Oro“ (Spanien im 17. Jahrhundert und die spanischen Künstler) über die religiösen und philosophischen Hintergründe des „Goldenen Zeitalters“.

Am 24. Juni 2016 sprachen wir mit 21 TeilnehmerInnen in der Weinhandlung „Sinnesfreude“ anlässlich des vorgegebenen Themas der Neuköllner Kulturtage über das Thema „Sattsein ….Übersättigtsein …..Hungern“.

Am 20. Mai 2016 sprachen wir mit 23 TeilnehmerInnen über den Philosophen Emil Cioran, mit dem Berliner Philosophen Dr. Jürgen Große.

Am 29. April 2016 sprachen wir mit 18 TeilnehmerInnen über das Thema „Alle Menschen sind Grenzgänger“.

Am 18. März 2016 gab es ein sehr großes Interesse mit 25 TeilnehmerInnen zum Thema „Für eine Philosophie der Auferstehung“.

Am 26. Februar 2016 sprachen wir mit 22 TeilnehmerInnen über das Thema „Privateigentum und Gemeinwohl“. Mit einem Beitrag von Elisabeth Hoffmann..

Am 22. Januar 2016 sprachen wir mir 18 TeilneherInnen über das Thema: „Was ist wichtiger: Freiheit oder Sicherheit?

Zu 2015 nur diese wenigen Hinweise:

Wieder fand eine kl. eher private philos. Weihnachtsfeier statt.

Am 11. Dezember 2015 sprachen wir mit 17 TeilnehmerInnen (in der Weinhandlung „Sinnesfreude“, Neukölln, über „Der schöne Schein, Wahrhaftigkeit und Authentizität“.

Am 27. November 2015 sprachen wir mit 26 TeilnehmerInnen mit dem remonstrantischen Theologen Prof. Johan Goud aus Den Haag über das Thema: „Theologie und Autobiographie“. 

….. die Liste ab Oktober 2015 wird demnächst fortgesetzt und auf der website veröffentlicht….

Der Religionsphilosophische Salon wurde 2007 gegründet und hat seit der Zeit meistens einmal im Monat eine Veranstaltung angeboten. Der Religionsphilosophische Salon wird seit der Zeit von Christian Modehn geleitet, sozusagen „ehrenamtlich“ und ohne jede finanzielle Unterstützung von irgendeiner Seite.