Die Auferstehung Jesu von Nazareth verstehen, die Auferstehung der Menschen verstehen…

Ein Hinweis zum Verstehen von Karfreitag und Ostern
Von Christian Modehn

1. Diese Hinweise sind ein Vorschlag, selbstständig nachzudenken über eines der wichtigen Themen unseres Lebens: Sterben und Tod und dann…? Es wird hier ein Vorschlag gemacht, besonderer Art, die Oster-Texte des Neuen Testaments zu verstehen, also auch denkend und damit in einer gewissen Weise vernünftig zu deuten. Die Sprache hier ist nüchtern. Es gilt die Überzeugung: Auch die Klarheit der Worte, ohne Überschwang, kann spirituelle Wirkungen haben, sogar tröstend sein…Ohne klares Verstehen kein Verstehen des Daseins. Und wohl auch kein Trost, der bleibt.
2. Diese Hinweise sind wichtig in diesen Zeiten, in denen sich immer mehr Menschen von den Kirchen abwenden, sei es aus Frustration über den immer noch vorherrschenden Dogmatismus in evangelikalen und katholischen Kreisen. Sei es, weil so viele Menschen, die sich irgendwie als Christen verstehen, ohne anregende argumentierende Denk-Hilfe allein gelassen sind in ihrer Suche nach einer nachvollziehbaren, also vernünftigen Antwort zu Leben, Sterben und Tod…
3. Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist zweifellos die zentrale, alles bestimmende Überzeugung der Christen. Von dieser Überzeugung leben sie ja, oder zumindest einige, die sich Christen nennen. Aber sie ist für die meisten wohl eine Überzeugung, die sich nur schwierig argumentativ erschließen lässt. Hier gilt: Kein phantasiegeleitetes Reden von mysteriösen Wundern im Zusammenhang der Auferstehung! Sie lässt sich begründet darstellen. Diese Erkenntnis hat nichts mit „Gnosis“ zu tun, dem üblichen Vorwurf der so genannten „Orthodoxen“ aller Konfessionen, die sich je nach Laune an Wunder halten und den blinden „Sprung in mysteriösen Glauben“ wider alle Vernunft propagieren.

Wer kurz und bündig den KERN der Osterbotschaft hier lesen will: Jesus von Nazareth hat wie alle Menschen das „Ewige“, das Göttliche, in seiner Petrson, seiner Seele. Dies erkennen seine Freunde, die Apostel, nach seinem Tod noch deutlicher als schon zu Jesu Lebzeiten. Und sie wissen: Dieser großartige menschliche Mensch Jesus kann gar nicht tot sein. Er ist, weil das Ewige in ihm ist, wie in jedem Menschen als Geschöpf Gottes, nach dem Tod in die Ewigkeit Gottes gelangt. Dabei ist sein Grab selbstverständlich NICHT leer, wie das Grab aller anderen Menschen auch nicht leer ist. Jesus von Nazareth offenbart das Ewige im Menschen, in allen Menschen, dies gibt Trost und Hoffnung über den je eigenen Tod hinaus: Das Göttliche ist IN der Welt, IN den Menschen. In allen Menschen, anders kann das Göttliche nicht gedacht werden. Die Begeisterung für die heftige mysteriöse Ausschmückung der Ostererzählungen in den Evangelien ist dem literarischen und sehr phantasievollen Geist der damaligen Menschen geschuldet. Wer also heute – etwa in Kirchenblättern – wider alle Vernunft behauptet, Jesus sei leibhaftig auferstanden, sein Grab sei leer, ist leider ein gedankenloser Fundamentalist, der, oft als Theologieprofessor sogar, wider besseren Wissens wortwörtlich Phantasiegeschichten wiedergibt. Und die Leute zu einem Glauben wider alle Vernunft verführt, zu einem Aberglauben, möchte man sagen. Seien wir also vernünftig und bescheiden: Die Auferstehung Jesu heißt: Das Ewige, das Göttliche, ist IN den Menschen, in allen Menschen. Dies zu erkennen, ist Erlösung im christlichen Sinne. Mehr kann in einer vernünftigen Theologie nicht gesagt werden.
Dennoch sollte man nach dieser Zusammenfassung noch den ganzen Text hier lesen…

4. Dabei ist angesichts der Bedeutung des Themas klar, dass sich viele verführen lassen, in Enthusiasmus oder im frommen Wahn, mysteriöse Auferstehungs-Erzählungen – im wortwörtlichen Nachsprechen der Erzählungen der vier Evangelien- zu verbreiten: Etwa: Jesus sei leibhaftig aus dem Grab auferstanden. Sein Grab müsse leer gewesen sein. Er sei leibhaftig der Gemeinde erschienen. Oder er sei gar nicht am Kreuz gestorben, sondern nach der Kreuzigung noch irgendwohin geflüchtet… Der religiösen Phantasie sind bei dem Thema keine Grenzen gesetzt, zumal, wenn man die Auferstehungsberichte der Evangelisten liest wie Informationen über ein historisches, greifbares Ereignis. Diese Lektüre ist falsch.
Die vielfachen und unterschiedlichen Erzählungen über den Auferstandenen in den vier Evangelien sind nur ausschmückende Bilder für eine Erfahrung und damit für eine neue Einsicht, die den Jüngern Jesu nach dessen Tod geschenkt wurde. Und diese aus der Einsicht folgende Überzeugung ist für eine christliche Lebenshaltung, die man auch „Lebensphilosophie“ nennen könnte, sehr einfach:
5. Wer in aller Kürze den Inhalt der Überzeugung der Jünger Jesu wissen will: Dieser Jesus von Nazareth hatte in seinem Leben schon eine tiefe Verbundenheit mit dem, was er die göttliche Wirklichkeit („Vater“) nannte; er hatte Anteil an diesem göttlichen, ewigen Leben. Und die Auferstehung Jesu bedeutet: Diese innige Verbundenheit mit Gott führt ihn über den Tod hinaus in die ewige Gegenwart Gottes. Diese entscheidende Überzeugung wird in der Gemeinde der Jünger wach. Sie sprechen dann ihre Überzeugung aus: „Dieser am Kreuz gestorbene Jesus lebt“. Weil er das Ewige schon immer „in sich“ hatte. Die Freunde Jesu entdecken also in der Erinnerung an Jesus: Auch wir Menschen haben Anteil an dieser ewigen göttlichen Präsenz, die unser inneres geistiges, seelisches Wesen bestimmt. Diese Erkenntnis der Verbindung der Menschen mit dem Ewigen wird den Jüngern einige Zeit nach dem Tod Jesu geschenkt, förmlich wach gerufen durch die Begegnung mit Jesus von Nazareth.
Auferstehung bedeutet also: Das Ewige, Göttliche, im Menschen überwindet den Tod. Das war bei dem Propheten und „Gottessohn“ Jesus von Nazareth so! Das ist so bei allen Menschen, weil alle Menschen „Kinder Gottes“ sind. Jesus offenbart in seinem Leben und Sterben diese allgemeine menschliche Wirklichkeit.
Der Gedanke ist also zentral: Wenn die Welt und die Menschen so etwas wie eine „Schöpfung“ durch Gott bzw. Göttliches sind: Dann ist deswegen diese Welt und mit ihr die Menschen niemals Gott-fern. Gott als kreative schöpferische Kraft ist vielmehr das innere Lebensprinzip von Welt und Mensch, ein Lebensprinzip, das alle Endlichkeit überdauert. Wenn dann von „leiblicher“ Auferstehung die Rede ist, dann nur, um anzudeuten: Dieses Ewige, Göttliche im einzelnen Menschen, ist eine Art einmalige Prägung, so wie jedes menschliche Geschöpf auch eine einmalige Prägung hat.
6. Aber spätestens, als die Kirchen im 20. Jahrhundert nach langen theologischen Reflexionsprozessen offiziell die Kremation erlaubten, wussten sie: Der irdische Leib dieses irdischen Menschen ist vergänglich, ist Staub. Lebendig bleibt das Ewige im Menschen, und dieses ist, wie der Geist und die Seele etwas Unsichtbares. Der Geist als Geist der Menschen, die Seele als Seele im Menschen, sind als solche unsichtbar, aber dennoch wirklich. Und deswegen auch verstehbar und in vernünftigen Worten sagbar.
7. Manchmal sind es Arbeiten von Künstlern, die an ein vernünftiges, deswegen weitgehend nachvollziehbares Verstehen der Auferstehung Jesu erinnern: Zur Zeit (vom 1.3. bis 30.6. 2019) wird in der „Gemäldegalerie der staatlichen Museen zu Berlin“ die Ausstellung der Renaissance-Künstler „Mantegna und Bellini“ gezeigt. Ich möchte auf ein vom Format her eher kleines, aber religionsphilosophisch und theologisch sehr wichtiges Bild von Andrea Mantegna (1431-1506) hinweisen; es hängt leider eher am Rande der Ausstellung, im Umfeld der Darstellungen vom Tod Marias, der Mutter Jesu. Die Frage ist für Mantegna: Wie wird die verstorbene Mutter Jesu Anteil haben an dem, was in christlicher Lehre „das ewige Leben“ genannt wird? Der italienische Meister Andrea Mantegna hat darauf eine ungewöhnliche Antwort: Er zeigt auf einem kleinen Gemälde auf Holz (aus dem Jahr 1461): Christus steht im Himmel, von Engeln umgeben, und hält in seinen Händen so etwas wie eine Art kleine Statue: Sie steht senkrecht, eine kleine Gestalt, weiß gekleidet: Dies ist die sinnliche Anschaulichkeit der Seele Marias. Darum wählte Mantegna auch als Titel für seine Arbeit: „Christus mit der Seele Marias“: Mantegna will sagen: Die Seele Marias ist nach ihrem Tod im „Himmel“, in der ewigen Präsenz. Christus hält diese Seele eng bei sich. Die Seele der verstorbenen Maria lebt weiter: Dies ist die Auferstehungsbotschaft des Malers Andrea Mantegna. Warum hören spirituelle Menschen nicht so oft auf die spirituellen Einsichten der Künstler? Darin ist Mantegna als Künstler der Renaissance – zweifellos inspiriert von klassischen philosophischen Vorstellungen.
8. Die Auferstehung wird also gedeutet als ewiges, „himmlisches“ Sein der jeweils individuellen Seele: Mehr lässt sich vernünftig über Auferstehung nicht sagen! Es gibt ja die populäre Vorstellung eines himmlischen Wiedersehen der Verstorbenen im Himmel: Sie findet noch heute ihren Ausdruck etwa in Todesanzeigen in katholischen Wochenblättern, etwa, wenn es in der Todesanzeige eines Katholiken in Berlin- Reinickendorf heißt: „Wir freuen uns auf ein Wiedersehen im Himmel“. Wird da die fromme Spekulation nicht übertrieben?
9. Bescheidener und nachvollziehbarer ist die Überzeugung von einer ewigen Seele, die den Tod überlebt. Aber diese bescheidene Auskunft ist schon viel. Vorausgesetzt wird lediglich, wie schon angedeutet, dass die Welt und damit die Menschheit Ausdruck und „Werk“ einer unendlich schöpferischen Kraft sind, die man mit dem alten Symbol – Begriff Gott nannte und nennt. Gott wird in diesem Bild als eine eher personal zu deutende Wirklichkeit gesehen, als Schöpfer des Himmels und der Erde. Alle Bilder, welche die schöpferische ewige „Urquelle“ als Baumeister, Handwerker usw. deuten, sind zu banal, sie missachten den Grundsatz der Analogie in allem Reden vom Göttlichen. Wenn Gott als „Schöpfer der Welt“ handelt, dann muss jeder Anthropomorphismus vermieden werden. Dieses Thema kann hier nicht umfassend diskutiert werden, dass dabei selbstverständlich die Evolution eine entscheidende Rolle spielt, ist klar: „Gott“ schafft eine in einer Evolution sich entfaltende Welt. Eine theologische Einsicht zur „Schöpfung der Welt“ ist darum der zentrale Mittelpunkt aller Auferstehungstheologie! Das Bekenntnis zum Schöpferott stellt das Fundament aller weiteren Glaubensaussagen dar„, schreiben Karl Löning und Erich Zenger in ihrem Buch „Als Anfang schuf Gott“(Patmos Verlag, 1997, S. 13). Der katholische Theologe Leonardo Boff nennt den Gott, der die Welt als seine Schöpfung will, „die Urquelle, aus der alle Wesen stammen„. (in: Theologie in gefährdeter Welt, Münster, 2019, S. 47).
10. Es ist religionsphilosophisch wichtig, dass dieses Verstehen der Auferstehung Jesu von dem Philosophen Hegel unterstützt wird. In den „Vorlesungen über die Philosophie der Religion“ (Band II dieser Vorlesungen in der Suhrkamp Werkausgabe 1969) heißt es auf Seite 291: “Gott erhält sich in diesem Prozess (des Sterbens Jesu). Und dieser Prozess ist nur der Tod des Todes. Gott steht wieder auf zum Leben: Es (das Sterben, der Tod) wendet sich somit zum Gegenteil“. Damit wehrt sich Hegel gegen eine auch in Kirchenliedern verbreitete Überzeugung, am Karfreitag sei „Gott selbst tot“. Dieses sie „der höchste Schmerz, dass alles Ewige, alles Wahre nicht ist“.
11. Darauf legt Hegel in der Deutung der Auferstehung Jesu Christi allen Nachdruck: „Der Verlauf bleibt aber hier nicht stehen, sondern es tritt eine Umkehrung ein, Gott erhält sich selbst in diesem Prozess…“ Nebenbei: Die häufig geäußerte Meinung, Hegel sei mit dem Zitat „Gott selbst ist tot“ aus dem Kirchenlied „O Traurigkeit, o Herzeleid“ (von Johann Rist, 1607-1667) zu einer Art Verkünder des Todes Gottes geworden im Sinne einer nihilistischen Auslöschung des Gottesgedankens, ist falsch. Hegel ist kein Nihilist! Sondern: Mit dem Tode Jesu Christi, so Hegel, wird zwar die göttliche Dimension des Gottmenschen Jesus Christus in den Tod zwar hineingezogen, aber das Göttliche übersteht den Tod, besiegt den Tod. In den Gemälden von Bellini und Mantegna wird zudem deutlich, wie Jesus Christus nach seinem Tod („Karsamstag“) in die Vorhölle hinabsteigt und dort die Toten zum Leben erweckt. Der verstorbene Christus ist also aktiv, das Göttliche lebt weiter ihn.
12. Aber das ist für Hegel nur die eine Seite: Denn durch die Auferstehung Jesu Christi wird den Menschen bewusst, dass sie alle (und nicht nur die Kirchenmitglieder, die Getauften) „Kinder Gottes sind“: Und das ist die Erkenntnis: Wegen dieser universalen „Kindschaft Gottes“ in jedem Menschen ist die „Versöhnung an und für sich vollbracht“ (S. 318). Mit Versöhnung meint Hegel die Erlösung, die eben darin besteht, Gott, den Ewigen, nicht als etwas Fremdes, sondern als Teil der eigenen Seele und des eigenen Geistes zu begreifen. Nun muss der Mensch diese „an und für sich vollbrachte Versöhnung“ für sich selbst setzen und gestalten: Das heißt, er muss die versöhnte Welt fördern und befördern. Hegel meinte zu seiner Zeit um 1830, die wahre Versöhnung als Folge der Auferstehung realisiere sich „im Feld der Wirklichkeit“, d.h. für ihn in dem sittlichen und rechtlichen Staatsleben. (S. 332).
13. Man ist geneigt, angesichts dieser Überlegungen, die eine weitere Unterstützung etwa in der Mystik Meister Eckarts findet oder sogar in einigen Aspekten der Theologie Karl Rahners, zu sagen: „Die Erkenntnis von der Auferstehung Jesu und der Auferstehung aller Menschen ist eigentlich etwas einfaches, wenn man sich denn der Überzeugung von der Schöpferkraft Gottes anschließt: Gott setzt die Welt sich gegenüber, sagt Hegel, aber diese Welt bleibt nicht außerhalb Gottes: Diese Welt und die Menschen sind selbständig, aber im Innern, in der Seele, im Geist, ist doch der Unendliche und Ewige anwesend. Damit wird ein neuer nachvollziehbarer Weg vorgeschlagen, die Auferstehung und damit den Tod zu verstehen: Wenn die Seele das Ewige im Menschen ist, dann ist der Tod, wie man früher treffend sagte, die „Heimkehr“ der individuellen Seele in die göttlichen Wirklichkeit. Mehr lässt sich denkend und vernünftig nicht sagen.
14. Man könnte diese Überlegungen als spekulative Metaphysik abtun. Dies gilt nur dann, wenn man irrtümlich meint: Wirklichkeit sei nur das Greifbare, Manipulierbare, Bezahlbare. Aber jeder Gedanke, der sich mit der Frage „Was ist mit dem Menschen nach seinem Tod?“ befasst, ist immer spekulativ und metaphysisch. Selbst die atheistische Meinung: „Nach dem Tod alles aus, da könnt ihr meine Asche in die Mülltonne werfen,“ wie dies berühmte Modemacher Karl Lagerfeld einmal sagte, ist eben auch eine metaphysische Aussage; ob sie vernünftig oder gar dem Gedenken der Toten würdig ist, bleibt eine Frage.
15. Diese hier entwickelte Lehre von der Auferstehung ist tatsächlich politisch, weil sie eindeutig den absoluten und damit den bleibenden unendlichen und zu respektierenden göttlichen Wert eines jeden Menschen hervorhebt. Diese Überzeugung ist politisch auch deswegen, weil sie die Erkenntnis des „Ewigen, des Göttlichen“ im Menschen gerade zum Handeln auffordert: Etwa einzutreten für die Unterdrückten, denen die Menschenwürde entzogen wird. „Wer an die Auferstehung glaubt, ist außer Stande, zu einer Gesellschaft, die die Armen zum Tode verurteilt (also vor Hunger sterben lässt) Ja zu sagen“. Protest und Widerstand sind also die politische Haltung derer, die die Auferstehung Jesu von Nazareth verstehen. (Siehe dazu etwa den Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez, „Aus der eigenen Quelle trinken. Spiritualität der Befreiung“, 1986, S. 131).
16. Dieser Text ist der Versuch, das wichtigste Thema der christlichen Religion, und dies ist die „Auferstehung der Toten“, aus dem Bereich des üblicherweise nur als wunderbar, wenn nicht nebulös, spinös Bewerteten, zu befreien. Auferstehung der Toten gehört, als Grundaussage einer religiösen Lebensphilosophie, in die vernünftige (!) Auseinandersetzung. Es gibt in dem Zusammenhang nur ein einziges „Wunder“: Und dies ist: Dass diese Welt mit den Menschen hinein genommen ist in die ewige Wirklichkeit des Göttlichen, der schöpferischen Urkraft. Aus dieser ewigen Welt fällt kein Mensch heraus. Die Verbrecher haben dann aber das Ewige in sich selbst, in der Stimme des Gewissens vernehmbar, gelöscht! Und die vielen Milliarden leidender Menschen, zum Leiden verurteilt von dem Egoismus der Reichen, haben selbstverständlich Anteil an diesem Ewigen. Das klingt wie ein frommer Trost, ist aber alles andere als eine Vertröstung! Tatsächlich ist diese Aussage aber Ausdruck des politischen Protests: Die Armen müssen wie alle anderen endlich gleichberechtigt, gerecht leben, als Anbeginn einer humanen Welt, dies ist die Welt der Gerechtigkeit und des Friedens. Das Tun der Gerechtigkeit ist der Ausdruck des Auferstehungsglaubens.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

Buchmesse Leipzig 2019: An den Philosophen Milan Machovec erinnern

„Es gibt Jesus ähnliche Menschen unter den Marxisten“ (Machovec)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Hat er sich dem Marxismus zugewandt, weil er die Lehren der katholischen Kirche ablehnte? Sicherlich. Hat er als Marxist die Herrschafts-Ideologie der Kommunisten abgelehnt und dann die Bedeutung Jesu von Nazareth für unersetzlich gehalten: Wahrscheinlich ist auch das so!
Die dialektische Spannung hat das Leben des Prager Philosophen Milan Machovec ausgezeichnet. Es wird Zeit, sich an ihn wieder zu erinnern. Nicht (nur) deswegen, weil er sich seit dem Prager Frühling 1968 entschieden von der herrschenden Marx-Ideologie der Kommunisten abwandte. Und auch nicht (nur) deswegen, weil er dann die Jesus-Gestalt schätzte: Es ist vielmehr diese Bewegtheit in seinem Leben selbst, sein dauerndes Unzufriedensein mit fix und fertigen Ideologien, heißen sie nun Kommunismus oder Katholizismus, die den Philosophen Machovec so wertvoll machen. Seine Bücher sind Ausdruck für dieses Suchen nach einem möglichst herrschaftsfreien Menschsein in Freiheit und Gerechtigkeit. Machovec ist ein Humanist im umfassenden Sinn. Darum sollten philosophisch und religiös Interessierte ihn wieder beachten. Denn die Zeit der alles erklärdenden, „totalen“ Ideologien ist vorbei: Der marxistisch sich nennende Kommunismus ist vorbei, und die dogmatische Institution der katholischen Kirche besteht zwar noch als (üppiges) Gerippe. Aber wer würde nicht auch sagen: Diese Institution in der jetzigen Form ist am Verschwinden? Falls sie sich nicht zu einer Refomration (nicht bloß Reform !) entschließt.

Geboren wurde Milan Machovec am 23.8.1925 in einer streng -katholischen Familie in Prag, er besuchte das Gymnasium der Benediktiner Mönche, studierte, noch kurz vor der Herrschaft der KP, von 1945 bis 1948 Philosophie und katholische Theologie, obwohl ihn eigentlich auch die Musik sehr faszinierte. Er wendet sich dem Marxismus zu, wird 1953 Dozent für Philosophie an der Prager Karls-Universität, 1968 wird er zum Professor ernannt, aber wegen kritischer Äußerungen zum Kommunismus seines Amtes enthoben. Er engagiert sich zuvor schon im christlich – marxistischen Gespräch, unter anderen mit dem katholischen Theologen Karl Rahner. Danach, als „Dissident“, lebt er unter sehr bescheidenen und bedrückenden Verhältnissen. Als Organist in einer katholischen Kirche Prags kann er etwas Geld verdienen, er gehört zur Charta 77. Erst nach der Wende 1989 kann er frei als Philosophie-Professor arbeiten.
Über sein Leben und seine auch auf Deutsch noch vorliegenden antiquarisch erreichbaren Bücher kann man sich detaillierter informieren.
Ich will hier an den Aufsatz „Die Sache Jesu und marxistische Selbstreflexion“ erinnern, an einen Beitrag, den Machovec für das Buch „Marxisten und die Sache Jesu“ geschrieben hat, das er zusammen mit Iring Fetscher 1974 auf Deutsch (Kaiser-Verlag, Grünewald-Verlag) veröffentlichte.

Warum lohnt es sich, diesen Aufsatz von 17 Seiten noch einmal zu lesen und mit anderen zu diskutieren? Weil da ein Philosoph das Faszinierende des Denkens von Marx (das ja, noch einmal, etwas anderes ist die bolschewistische Ideologie) und das Faszinierende der „Sache Jesu“ (die ja bekanntlich etwas anderes ist als die offizielle Kirchenlehre) konfrontiert. Und zwar auch so, wie sie lebensmäßig von den jeweils Gläubigen „umgesetzt“ werden.
In dem Aufsatz von 1974 sieht sich Machovec immer noch als Marxisten, vom Kommunismus ist keine Rede. Er ist Marxist geworden und geblieben, um es einmal auf eine Formel zu bringen, weil ihm das nette Almosengeben der Christen als Hilfe für die Leidenden absolut nicht ausreicht. Dieser ins „Strukturelle“ reichende, humane Impuls ist bei ihm entscheiden! Er sieht im Marxismus eine Art Leitidee, für die Unterdrückten auf Dauer Humanität zu erreichen. Dabei meint Machovec provozierend: Marxisten seien eigentlich überzeugt, die humanen Forderungen Jesu „besser zu verwirklichen“ (S. 86). Also: Nicht spirituelles kirchliches Schwärmen von der Barmherzigkeit, sondern alles tun, dass die klassenlose Gesellschaft Gestalt annimmt. Man bedauert in dem Zusammenhang, dass Machovec offenbar die lateinamerikanische Theologie der Befreiung nicht kannte.
Machovec kritisiert das kommunistische System, die Kleinkariertheit der Bürokraten, die Verlogenheiten, die Zensur, die Unterdrückung, die Inquisition: Und er zeigt, wie bekannt, wie ähnlich manche Verhältnisse in der katholischen Kirche, und nicht nur in dieser Kirche, sind.
Einen Ausweg aus der inneren Krise des Marxismus als Staats-Kommunismus sieht Machovec kaum: Es sind die „geschlossenen Herrschaftskreise“ (S.97), die im Kommunismus wie im Katholizismus das freie geistige Leben ersticken, so sah das Machovec im Jahr 1974. Ob das heute in der Kirche besser ist?
Aber Machovec schreibt, als ein authentischer Marxist, darin genauso wie ein authentischer Christ oder ein Philosoph (Sokrates): „Lieber sterben, als den Sinn für die Wahrheit und seine Brüder zu verraten“ (S. 100).
Es ist keine Frage: In dem Beitrag zeigt der marxistische (nicht kommunistische!) Philosoph Machovec seine tiefe Sympathie für die Jesus-Gestalt, und das ist bemerkenswert. Die letzten Sätze in dem genannten Aufsatz heißen: „Aber falls ich in einer Welt leben sollte, die die Sache Jesu absolut vergessen könnte, dann möchte ich gar nicht mehr leben…Es scheint mir, dass in einer solchen Welt ohne die Sache Jesu auch der richtig verstandene Sieg der Sache von Karl Marx unmöglich wäre“ (S. 102).
Also: Ohne die Pflege jesuanischer Traditionen wird es auch heute keinen Gedanken mehr geben, dass eigentlich diese verrückte Welt mehr Gerechtigkeit, vielleicht eine klassenlose Gesellschaft als Ziel bräuchte. Für eine humane Revolution brauchen wir also den jesuanischen Geist. Und dies ist, nebenbei gesagt, wiederum ein Gedanke, der heute von Jürgen Habermas auf mildere Weise formuliert wird („Ohne das Christentum entgleist die Gesellschaft“ usw.)… Schon 1972 hatte Machovev ähnliche Gedanken in seinem Buch „Jesus für Atheisten“ vorgelegt. Mit einem präzisen,auch theologisch kenntnisreichen Verständnis der Gestalt Jesu will der Marxist Machovec zeigen: Jesus ist nicht etwa (nur) ein Sozialrevolutionär, sondern seine umfassende Forderung heißt:“Der ganze Mensch soll sich wandeln“: „Jesus reißt den Menschen mit, weil er die gelebte Zukunft (des umfassend menschlichen Reiches Gottes) mit seinem ganzen Wesen verkörpert“ (S. 103). Sogar über das Gebet Jesu schreibt Machovev:“Es ist das Vermögen ganz bei sich selbst, bei seinem eigenen Ich, zu sein“ (S. 104). Auch eine Philosophie des Dialogs hat Machovec vorgelegt: In seinem Buch „Vom Sinn des menschlichen Lebens“ (1971) erklärt er: Der Dialog mehr ist als ein oberflächlicher Meinungsaustausch, sondern ein Geschehen, in dem sich die Gesprächspartner voll und ganz selbst einbringen, also auch Menschen zum existentiellen Wandel bereit sind. Es ist traurig, dass die Bücher von Machovec in den Antiquariaten allein noch erreichbar sind. Liegt dies daran, dass den Verlegern die Beziehungen dieser Texte auf den Marxismus obsolet erscheinen? Aber wer sagt denn, dass nicht wichtige Grundideen von Marx (wie Machovec sie präsentiert) „vorbei“ und nicht aktuell mehr hilfreich sind? Dann müssten ja auch die neutestamentlichen Texte über Jesus vorbei und wenig hilfreich sein, bloß weil sich die Kirchen(führer) in ihrer Geschichte bis heute total blamieren, was die Lebensgestaltung und Kirchengestaltung aus dem Geiste Jesu angeht…

Ist dieser zentrale Gedanke Machovecs von der humanen Notwendigkeit der Sache Jesu heute verloren gegangen? Man könnte das sicher meinen. In der Tschechischen Republik (und nicht nur dort) verschwindet der jesuanische Geist wahrscheinlich auch mit dem Niedergang und Tod der kirchlichen Institutionen, die diese Sache Jesu eigentlich noch aussagen sollten. Und selbst der kritische Marxismus ist ebenfalls total marginal. Ist es die totale flache Mentalität der Konsumenten, die in Tschechien nach der Samtenen Revolution von 1989 sich durchgesetzt hat? Wo sind die Bewegungen für ein anderes, „alternatives“ Leben?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Ideologie der rassistischen Mörder: Tarrant, Breivik…

Ein Hinweis von Christian Modehn
Siehe auch am Ende dieses Beitrags einen „Zwischenruf“ von Herrn Kleist.

1.Der rassistische Massenmörder Anders Breivik, Norwegen, und der immer noch „mutmaßlich“ genannte Massenmörder und Terrorist Brenton Tarrant (aus Australien, Mörder in Neuseeland) haben explizite ideologische Hintergründe. Diese Terroristen zehren förmlich – auch in ihren Aktionen – von Ideologen, deren Werke sie studiert haben: Vor allem ist da der Franzose Renaud Camus zu nennen und die Autorin Bat Ye or:
Renaud Camus hat schon 2011 in einem Buch die Ideologie verbreitet, das christlich geprägte Europa werde bald von Muslims beherrscht, d.h. für ihn: die europäische Bevölkerung werde „ausgetauscht“, remplacé. Auf das Buch von Renaud Camus „Remplacement“ bezieht sich Brenton Tarrant in seinem 74 Seiten umfassenden Pamphlet. Diese „Replacement Ideologie“ hat auch im englischen Sprachraum Aufmerksamkeit gefunden. Und die jüdische Autorin Bat Ye or hat eine ähnliche Ideologie der muslimischen Machtübernahme in Europa schon früher in zahlreichen Büchern verbreitet. „Selbstverständlich“ lehnen die Autoren jeden Zusammenhang ihrer ideologischen Behauptungen mit den schrecklichen Taten ab. Aber es ist ja bekannt, dass die „Neue Rechte“ auf die „kulturelle Revolution“ setzt: Also auch auf Ideologien, etwa in Büchern verbreitet, die dann von „Praktikern“ der „Szene“ „umgesetzt“ werden. So läuft die neurechte Revolution, also die Zerstörung der Restbestände demokratischer Ordnung in Europa: Erst Ideologien verbreiten, bis einige „Mutige“ zur tötenden, umwälzenden Tat schreiten. Es wird Zeit, dass sich Demokraten über diese gefährlichen Zusammenhänge viel mehr aktiv verständigen…
2. Bemerkenswert ist auch: Seit 2017 ist Luc Ravel Erzbischof von Strasbourg. In einem Interview mit der Tageszeitung „Dernières nouvelles d Alsace“ vom Juli 2017 hat er sich als Kenner der rassistischen remplacement – Ideologie geoutet: Der Erzbischof sagte etwas stammelnd, das dann auch so gedruckt wurde: „Les croyants musulmans le savent très bien que leur fécondité est telle qu’aujourd’hui, comment ils appellent ça ?… le Grand Remplacement. Ils vous le disent de façon très calme, très positive, ‘mais de toute façon, un jour tout ça, ça sera à nous…’. (Die gläubigen Muslime wissen sehr sehr gut, das ihre Fruchtbarkeit derartig ist, dass heute, wie nennen sie das? Das große Ersetzen (der hiesigen Bevölkerung) (kommt). Die Muslime sagen Ihnen das auf sehr ruhige Art, sehr positiv! Aber trotzdem, wenn das eines Tages so ist, dann wird das etwas für uns sein…“ Mir ist nicht bekannt, dass der Erzbischof von Straßburg sich von diesen Worten öffentlich distanziert hat.
3. Das Buch des rechtsextremen Autors Renaud Camus über den großen Bevölkerungsaustausch wird nun hoch gepriesen von dem wieder im rechten katholisch-theologischen Lager gelandeten Ex-Gay-Aktivisten David Berger: Ausgerechnet einen Monat vor dem großen „Abschlachten“ hilfloser Menschen muslimischen Glaubens durch den australischen Terroristen publizierte Berger diese Lobeshymne auf den Kampf gegen den „Austausch“, wer sich diesen Text zur Lektüre antun will…
David Berger ist zudem offenbar freundschaftlich vereint mit dem Dominikanerpater und Theologen Wolfgang Ockenfels für die AFD nahe politische Stiftung Erasmus tätig.
4.Die rassistischen Ideologien, wie die „Remplacement-Ideologie“ bzw. dieser Wahn, setzen sich immer mehr in katholischen Kreisen durch. Kann man diese Menschen noch gesprächsweise zur Vernunft, zur Humanität und Toleranz bringen? Man muss es hoffen! Sonst fliegt uns der demokratische Staat und die noch demokratisch sein wollende Gesellschaft um die Ihren. Die Nazi-Wehsportgruppen üben schon für den Ernstfall in Deutschland.
5.Es ist Zeit, dass die Christen und die Kirchen viel stärker auf die muslimischen Mitbürger zugehen, mit ihnen gemeinsam Gottesdienste feiern, mystische islamische Texte in christlichen Gottesdiensten vorlesen etc. Um endlich eine christlich-muslimische Ökumene zu leben, die den Namen verdient. Warum werden leerstehende christliche Kirchen (in Deutschland) nicht den Muslims zum Umbau als Moschee übergeben? Warum verkauft man leerstehende Kirchen lieber an Geschäftsleute als dass man sie Muslims überlässt? Versteckt sich da bei den Christen eine anti-islamische Hatung? Wahrscheinlich! Christen dürfen nicht zulassen, dass immer mehr pauschal „die“ Muslime zu Gewalttätern gestempelt werden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin
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Der Zwischenruf von Herrn Kleist:
Was haben der AFD-Erasmus-Stiftungs-Kurator,
Rechtsextremist und Verschwörungstheoretiker
David Berger und der 50fache Mörder von
Neuseeland/Christchurch, Brenton Tarrant, gemeinsam?

Beide beziehen sich auf den Wahnideologen Renaud Camus.
Der behauptet gegen jede wissenschaftliche-statistische
Vernunft-, dass 15 Jahrhunderte ein stabiles Volk [sic] (das eigene Land, Frankreich) besiedelt hätte [Ernest
Renan (1823-1892) würde sich im Grab halb tot lachen] und dass nun (in Deutschland und Europa) Merkel und
Juncker (sowieso an allem schuld), dieses stabile Volk
gegen ein oder mehrere andere Völker austauschen würden.

Der Massenmörder Brenton Tarrant nahm diesen strunzenden
Blödsinn und rassistischen Appel an die Trottel zum Anlass,
wahllos (nicht etwa in Frankreich oder Deutschland
sondern in Neuseeland) Muslime zu ermorden.

50 unschuldige Menschen hat Tarrant mutmaßlich
umgebracht. Überschrieben hat der Mörder sein 70
seitiges Rechtfertigungs-Pamphlet mit Camus‘ Begriff des
„The Great Replacement“, jener Verschwörungstheorie,
mit der Renaud Camus in seinem Buch
populistisch an
Xenophobien aus der Steinzeit appelliert. Jene
Verschwörungstheorie (frz. remplacement), die David Berger
samt ihrem Urheber über den Klee auf seiner Blogseite (siehe
den letzten Hyperlink unten) lobt. Man kann nur froh sein,
dass Rechtsextremisten wie David Berger oder Bernd Höcke
keine Kinder mehr unterrichten (dürfen) und dass der Mörder
Brenton Tarrant hinter Schloss und Riegel sitzt.

Aus wissenschaftlicher Sicht befindet sich David Berger
auf dem wissenschaftlichen Stand des 13ten Jahrhunderts,
alle drei trinken aus der schon im 19ten Jahrhundert ver-
sumpften, schmutzigen Quelle des Vorurteils und des
Chauvinismus.

Was macht eigentlich der Verfassungsschutz gegen die
Hassideologen wie Höcke, Berger, Tarrant oder andere
Adepten des Renauld Camus‘? Jener Dummkopf, der
-wie seinerzeit der Despot Ruhollah Chomeini-
stolz darauf ist, niemals zu lachen.

Es ist grotesk, dass Veranstaltungen an denen sich der
Rechtsextremist Berger beteiligt, wie die AFD-Sumpfblume
,,Erasmus-Stiftung“ (der polyglott-multikulturelle Erasmus
von Rotterdamm würde sich im Grabe totlachen, welche
Toren sich auf ihn berufen), von Steuergeldern finanziert
wird.

https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/attentaeter-von-christchurch-wer-ist-brenton-tarrant,RKrjOZq
http://www.staff.uni-giessen.de/~g31130/PDF/Nationalismus/Was_ist_eine_nation.pdf

Wenn Europa islamisch wird: Die Ängste der jüdischen Forscherin Bat Ye´Or


http://archive.is/F3uPp#Bergers-Blödsinn—Zugriff-ohne-Datenfluss-an-Berger
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Geheimnis ein Thema der Philosophie und Theologie: Ein Kapitel philosophischer (Über)Lebenskunst

Hinweise von Christian Modehn

Es folgt, am Ende dieses Beitrags, eine Ergänzung der Künstlerin Ursula SAX, Berlin, die oft an unseren religionsphilosophischen Gesprächen teilnimmt.

Geheimnis ist nichts Mysteriöses. Manche Menschen tun aber geheimnisvoll, um ihre eigene Leere oder „Besonderheit“ zu betonen. Wer ein Geheimnis für sich beansprucht, fühlt sich wichtig. Geheimnisträger gibt es in der Diplomatie. Wie oft haben sie ihre Funktion missbraucht?
Es gilt, den sinnvollen Gebrauch der Rede vom Geheimnis zu erkennen. Da muss man wieder differenzieren: Was sind echte, bleibende Geheimnisse oder bloß neurotisch aufgeladene mysteriöse Dinge? Etwa Spuk oder fliegende Untertassen oder Geister, die in spiritistischen Sitzungen sprechen…
Mit jeder neuen Erkenntnis (der Natur) gibt es neue Fragen. Es gibt neue Probleme, die „gelöst“ werden müssen. Man nennt diese Probleme auch Rätsel. Naturwissenschaftler lösen nicht Geheimnisse, sondern Rätsel. Aber dann entstehen neue Rätsel.
Rätselhaftes ist nichts Geheimnisvolles. Diese Unterscheidung ist für mich grundlegend.
Geheimnisse entziehen sich dem verfügenden Durchblick, der alles umgreifenden Definition. Geheimnis ist etwas, das nie total durchschaut werden kann. Geheimnis berührt die Qualität unserer Beziehung zur Frage: Gibt es etwas Gründendes, Tragendes, Göttliches? Geheimnis ist ein Thema der Philosophie, der Kunst, der Literatur.
Wer vom Geheimnis spricht, der weiß also mit Ludwig Wittgenstein: Auch wenn alle unseren wissenschaftlichen Probleme gelöst sind, bleiben doch die existentiellen Fragen. Und diese kann man nicht endgültig und ein für alle mal begreifend durchschauen: Dass es etwas gibt, ist (nicht nur für Wittgenstein) das entscheidende Geheimnis.
Drei Fragen stehen im Mittelpunkt unseres Salon-Gespräches am 15. 3.2019:
A)Was ist mein eignes, individuelles Lebensgeheimnis?
-Es ist über den Begriff der Intimität zu sprechen. Intimität nicht (nur) auf den erotischen, sexuellen Bereich bezogen. Es gibt eine personale Intimität.
Wir erleben heute total den Verlust der Intimität. Dies ist die freiwillige Preisgabe dessen, was mein Ich ausmacht. Man denke an bestimmte populäre Fernsehshows der „Privatsender“: Diese Shows zielen auf Verlust jeder Intimität: Etwa: „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ (oft als Dschungelcamp bezeichnet). Im Januar 2019: 37 % Marktanteil der 19 bis 49 Jährigen. Und ca. 2,7 Millionen Zuschauer.
-Unsere Gesellschaft, regiert von Politikern, die sich auch oft gern „entblössen“, lässt kaum noch Intimität zu: Man denke auch an die Wohnverhältnisse. Man vergesse nicht die Millionen Hütten der Slums, dort kennen die Menschen keine Intimität. Die vielen Kinder schlafen im gleichen Raum wie die Eltern. Das betrifft viele tausend Millionen Menschen.
In Japan weichen Liebenspaare in „Liebeshotels“ aus. Weil die Wohnungen keine Intimität zulassen, es sind die „Love Hotels“. Diese sind nicht Orte der Prostitution.
-Es gibt andererseits eine falsche Tendenz im Verschweigen der Identität. Männer sprechen nicht von sich selbst und ihren „tiefen, verborgenen“ Problemen. Diese Sprechunfähigkeit hat nichts mit der Bewahrung eines Geheimnisses zu tun. Es ist oft schlicht die Unfähigkeit, aus sich herauszugehen, sich zu äußern.
Wann ist die Öffnung meines „Lebensgeheimnisses“ gegenüber Partnern, Freunden, Bekannten sinnvoll, wann eher für mich destruktiv?
Hinzu kommt: Der einzelne kann sich selbst auch nicht total durchschauen. Wir wissen nicht umfassend und total klar, wer wir eigentlich sind.
Aber: Die falsche Zurückhaltung, das je eigene Lebensgeheimnis wenigstens ansatzweise mitzuteilen, führt zu Spannungen und Krisen: Man denke an das Verschweigen der Nazi-Vergangenheit durch die Eltern. Das Verschweigen ist für betroffene Eltern selbst ein Leidensweg.
Dennoch lebt die Kommunikation gerade in der Liebe von einem Sich – Offenbaren, Sich Anvertrauen, das persönliche und je einmalige Gesicht zeigen.
Das Maß der Öffnung und des Verschweigens des je eigenen Geheimnisses zu erkennen, ist die große Lebenskunst. Das Maß der Öffnung des Geheimnisses zu erkennen, ist die große Lebenskunst.
Das Thema führt in die Ambivalenz der reflektierten Daseinsgestaltung im ganzen.
Der total für andere durchsichtige Mensch jedenfalls ist geheimnislos, er kann wie eine durchschaute Maschine benutzt werden. Und wird auch benutzt, etwa bei Wahlen, siehe Trumps Wahlkampf in den USA.
Der Umgang mit dem je eigenen Lebensgeheimnis ist ein ständiges Abwägen, ein Differenzieren, eine Suche nach dem Gleichgewicht.
B: Geheimnis und der Schutz meiner Privatsphäre heute.
Wir leben im Zeitalter der totaler werdenden Transparenz. Wir werden allmählich in der digitalen Welt total durchschaut, in Zeiten der Big Data. Der Imperativ lautet: „Alles muss Daten und Information werden“, so der Philosoph Byung-Chul Han. (in: “Psychopolitik“, S. 80) Er spricht von Dataismus: „Diese digitale Aufklärung, Dataismus, kann in Knechtschaft umschlagen“. D.h. Ich hinterlasse überall Spuren im Netz. Die digitale Welt weiß mehr von meiner Geschichte als Konsument als ich selbst (in meiner Erinnerung). Ich werde so total verfügbar. Dataismus verzichtet auf jeden Sinnzusammenhang. (81) Alle meine Daten werden vermessen und gesammelt und eingesetzt von der Industrie/Werbung/Politik als Diktatur…
Aber: Wir brauchen den Kampf um Transparenz, um die Restbestände von Demokratie zu schützen. Transparenz ist ein hoher politischer Wert.
Es ist soweit gekommen, dass demokratische Organe, etwa Justiz und Polizei, die umfassende Transparenz bereits behindern. Weil sie die Restbestände der Demokratie zerstören wollen.
Sehr beliebt ist in den sozialen Netzwerken, facebook, e-mail usw. die Verwendung der Pseudonyme. Man entscheidet sich – auch aus Angst – gegen die Klarnamen. Dann kann auch alles schreiben, was man will, dumme, gemeine Behauptungen etc. Man will sich verstecken. Aber: Geheimnisse erzeugen kann lebensrettend sein. Die geheime Wahl ist ein absoluter Wert.
Die Fake-News haben ihren festen Platz in der privaten Welt der Geheimnistuerei. Wir leben in einer Welt, in der der Grundsatz gilt: Der Schein trügt. Was du siehst und hörst von anderen, etwa im email Verkehr, stimmt oft wahrscheinlich nicht.
Diktaturen neigen zu Attacken auf die Anonymität, auf das Geheimnis. Aber Diktaturen machen aus diesen ihren eigenen Attacken wiederum ein Geheimnis.
Sie wollen Zensur durchsetzen, damit die Staatsgeheimnisse nicht öffentlich werden.
In China gibt es Zensurfabriken, eine große Mauer der Zensur wird um google, facebook in China gezogen. Es gilt dort nur noch das „innere Netz“.
C: Ein Hinweis zur Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und Theologie:
Geheimnis als der einzig treffende Begriff, wenn wir von einem letzten Grund in unserem Dasein sprechen, einem Nichts oder einem Gott, je nach eigener Weltanschauung: Dieses Letzte, alles Gründende, das wir im Denken und Fühlen berühren, können wir, weil es das Letzte ist, niemals fassen, niemals be—greifen, nie definieren. Aber im konsequenten Denken sind wir dieser Wirklichkeit ausgesetzt. Was ist der tragende Sinn-Grund von allem? Mit dieser Frage erreichen wir das alles gründende Geheimnis.
Es gab einmal die Überzeugung, als würde die Menschheit einer geheimnislosen Zeit entgegen gehen. Der Soziologe Max Weber sprach von der „Entzauberung der Welt,“ in seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ von 1919. Darin erklärte er „dass es also prinzipiell keine geheimnisvollen, unberechenbaren Mächte gebe, dass man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet die Entzauberung der Welt. ….Und er fährt fort: Man muss nicht mehr, wie der Wilde einst, zu magischen Kräften greifen, um die Geister zu beherrschen…“sondern technische Mittel und Berechnung leisten das“, das heißt, Max Weber verwechselt wissenschaftlich immer zu durchschauendes Rätsel und Geheimnis.
Eine total entzauberte Welt wird es nicht geben. Kann es nicht geben, so lange nach dem alles gründenden Sinn oder je nach Weltanschauung Unsinn gefragt wird. Bloß viele Leute plappern die These von der „entzauberten Welt“ gedankenlos nach.
Und die tiefste und wohl letzte philosophische Frage, die ohne Antwort bleibt, heißt: “Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr Nichts?“ (Später dann auch bei Heidegger, Was ist Metaphysik, 1929)
Leibniz hat sich mit dieser Frage befasst, in seiner Schrift „Auf Vernunft gegründete Prinzipien der Natur und der Gnade“ (1714, 1716 ist Leibniz gestorben)

Nach Leibniz muss es also einen Grund geben, warum es etwas und nicht vielmehr nichts gibt, doch muss dies ein Grund sehr spezieller Art sein, „der keines andren Grundes bedarf“ oder der „den Grund seiner Existenz in sich selbst trägt“. „Leibniz nimmt hier eine weit ältere Tradition der westlichen Philosophie wieder auf, denn seit frühester Zeit hat das Rätsel der Existenz die Menschheit zu einem Schöpfer hingetrieben, einem Wesen außerhalb dieser Welt, dessen Handlungen die Welt als Ganzes entstehen ließen“ (Blackburn S. (2011) Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?. In: Die großen Fragen Philosophie. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg)

Bei Wittgenstein sollte man vor allem das Spätwerk beachten.
Etwa die „Vermischten Bemerkungen“: Dort ist ein „tiefer Ernst und überzeugende Ehrlichkeit“ zu finden, so Friedo Ricken in „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie“, S. 29.
Es geht nun Wittgenstein um das Durchbrechen der engen Sprachwelt der Wissenshaften. Ricken spricht in dem Zusammenhang, im Sinne von Wittgenstein, von Klaustrophobie: D.h. Wir können in einem engen Raum der Wissenschaften nicht leben. (S. 33 Ricken).

Der späte Wittgenstein bringt uns zu der Einsicht, dass es etwas gibt, das nicht gesagt werden kann. Aber dies wird verstanden: Im Sinne des klaren und eindeutigen Sprechens.
In den „Philosophischen Untersuchungen“ schreibt Wittgenstein, dass es für ihn unmöglich ist, auch nur ein einziges Wort zu sagen, „was die Musik für mich in meinem Leben bedeutet“.
Aber: Er weiß auch: Wir berühren das Unaussprechbare. Und sagen auch, dass es auch unaussprechbar ist. Dann können wir also doch andeutend etwas von dem Unaussprechbaren sagen?
„Das Unaussprechbare, /das, was mir geheimnisvoll erscheint und ich nicht auszusprechen vermag/, gibt vielleicht den Hintergrund, auf dem das, was ich aussprechen konnte, Bedeutung bekommt“ (in Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen, Nr. 472).

D: Zur Theologie:

Die katholische Kirche als dogmatische Institution ist die große Geheimnis-Erzeugerin und Geheimnis–Propagandistin: Sie ist die Förderin der Vorstellung, überall gebe es Mysteriöses, Verzaubertes, Zauberhaftes, Grauenhaft – Teuflisches. Aber viele sehen auch heute darin den „Charme“ des Katholizismus…

Die Lehre vom Teufel wird wieder zur Begründung von Verbrechen herangezogen (wie jetzt durch Papst Franziskus im Fall des sexuellen Mißbrauchs durch Priester).

Der Status des Klerikers gilt als erhoben über den anderen Gläubigen, auch dies ist etwas Mysteriöses, also von der Macht der Kirche gemacht. Ähnliches gilt von der Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes.

Es gibt den mysteriösen Kult um Wallfahrtsorte, wo Maria persönlich erschienen ist usw.

E: Einige katholische Theologen zeigen den eigentlichen Geheimnis-Begriff:
Darum: Erinnerung an Karl Rahner. Er ist DER Theologe, der die Rede vom göttlichen Geheimnis im Christentum in den absoluten Mittelpunkt stellte: „Was sagt das Christentum? Was verkündet es? Es sagt trotz des Anscheins einer komplizierten Dogmatik und Moral eigentlich doch nur etwas ganz Einfaches. Ein Einfaches, als dessen Artikulation alle einzelnen Dogmen erscheinen.
Was sagt das Christentum eigentlich? Doch nichts anderes als: Das Geheimnis bleibt ewig Geheimnis. Dieses Geheimnis will sich aber als das Unendliche, Unbegreifliche, als das Unaussagbare, Gott genannt, als sich schenkende Nähe in absoluter Selbstmitteilung dem menschlichen Geist mitten in der Erfahrung seiner endlichen Leere mitteilen.“ (In: Karl Rahner, Lesebuch, S. 20).

Das Göttliche ist IM Menschen, die Konsequenz ist: dann „Wer sich selbst als Mensch annimmt, nimmt das ihn gründende Geheimnis seines Lebens auch schon mit an, er nimmt also indirekt und unthematisch Gott, mit an“. (S. 21).

Rahner: „Gott ist der, hinter den man prinzipiell nicht kommt“. (Lesebuch, S 143). Man kann von Gott nicht „exakt“ reden. Nur stammeln, nur indirekt reden.
Aber man darf von ihm nicht darum schweigen, weil man von ihm nicht „eigentlich“ und exakt reden kann.
Ein Auszug aus „Gott ist keine naturwissenschaftliche Formel,“ (https://www.einjahrzitate.de/?p=787) „Gott ist nicht „etwas„ neben anderem, das mit diesem anderen in ein gemeinsames, homogenes System einbegriffen werden kann. „Gott” sagen wir und meinen das Ganze, aber nicht als nachträgliche Summe der Phänomene, die wir untersuchen, sondern das Ganze in seinem unverfügbaren Ursprung und Grund, der unumfasslich, unumgreiflich, unsagbar hinter, vor und über jenem Ganzen liegt, zu dem wir selbst und auch unser experimentierendes Erkennen gehören. Und in jedem Leben, auch des exakten Naturwissenschaftlers und Technikers, kommen in die Mitte des Daseins zielende Augenblicke, in denen ihn die Unendlichkeit anblickt und anruft. Man kann das Leben, insofern man zwischen diesem und jenem hindurchfinden muss, mit Formeln der Wissenschaft meistern. Wenigstens auf weite Strecken mag das gelingen, und man greift glücklicherweise morgen noch ein gutes Stück weiter. Der Mensch selbst aber gründet im Abgrund, den keine Formel mehr auslotet. Man kann den Mut haben, diesen Abgrund zu erfahren als das heilige Geheimnis der Liebe. Dann kann man es Gott nennen“.
F: Auch der katholische Theologe Edward Schillebeeckx (1914-2009) spricht theologisch vom Geheimnis: Etwa in: Edward Schillebeeckx, „Im Gespräch“, Luzern 1994, S.112).
„Man kann nicht die Existenz Gottes beweisen…SONDERN: „Es geht nur darum zu beweisen, dass es rational begründet ist, von Gott zu sprechen. Man kann nur beweisen, dass es vernünftig sein kann, von Gott zu reden“ (112)
Es gibt ein rationales Fundament für die Beziehung des Menschen zu Gott. Die Rede von Gott ist nicht absurd.
„Der Mensch, der an Gott glaubt, weiß, dass Gottes Schweigen nicht seine Abwesenheit bedeutet“. 112.
Die absolute Gegenwart Gottes ist schweigende Gegenwart. 113. (Man kann also auch das Schweigen Gottes als Gottes Nichtexistenz deuten, so Schillebeeckx, S. 113.)
„Weder der Theismus noch der Theismus können bewiesen werden. Beide sind INTERPRETIERNDE Erfahrung der Wirklichkeit, (S. 113).
„Auch Atheisten sind Glaubende“ (nämlich an das Nichts Glaubende, CM) (S. 114.)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der Beitrag von URSULA SAX:
Wie wir das Wort Geheimnis landläufig benutzen, ist nicht sehr geheimnisvoll. Es hat doch etwas Verborgenes, hat eine größere Dimension, als wir es kürzlich in den Fokus nahmen.
Wir sprachen von Familiengeheimnissen, z. B., die sind oft verhängnisvoll, für den einzelnen, doch sie sind von der Familie selbst gemacht, aus Scham oder anderen Gründen, sie wollen Umstände / Vorkommnisse verschleiern, zum Beispiel, um einen Image-Verlust zu vermeiden, wenn da etwas bekannt würde, das dem Ansehen der Beteiligten schaden würde.

Ich sehe das Geheimnis unpersönlicher – Universeller. Ist nicht unsere ganze Existenz ein Wunder und ein Geheimnis? Sind wir uns nicht selbst Geheimnis? Es ist mir selbst ein Geheimnis, dass sich bei mir künstlerische Ideen einstellen.
Manchmal völlig fertig, so dass ich sie nur noch zu machen brauche, manchmal schwer erarbeitet, Annäherung über längere, oder lange Zeit. Wir, unser ICH, ist völlig identifiziert mit unserem Körper und kritisiert ihn lieblos oder schämt sich seiner.
Wir behandeln uns oft schlecht, als ob wir uns selbst zu verantworten hätten – vor wem ? Vor den andern, die sich genauso irren in ihrer Person.

Ich war jetzt ein paar Tage lange schwer erkältet und hatte Zeit zum Nachdenken / Nachspüren: Wer bin ich ? Die uralte Frage. Die Antwort: Alles ist Geheimnis!
Ursula Sax am 1.4. 2019.

Der Klerus ist etwas ganz Besonderes: „Kleider machen Priester“

Ein Hinweis von Christian Modehn … zur Absonderung des Klerus durch die „Soutane“

1.Der katholische Klerus ist eine von den übrigen Mitgliedern der Kirche herausgehobene Gruppe. Das wissen wir seit langer Zeit. Diese Erkenntnis wird verstärkt durch die Freilegung des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker: Bischöfe haben die klerikalen Täter geschützt und vor den staatlichen Gerichten bewahrt. Warum? Weil die klerikalen Täter Kleriker sind. Und aufgrund ihres Standes eine Sonderrolle spielen in dieser Kirche und ihren Gesetzen. Kleriker stehen an der Spitze der Hierarchie und verdienen deshalb privilegiert zu werden: So leb(t)en sie förmlich in einem rechtsfreien Raum, der nur von der Eigenwilligkeit des Kirchenrechts bestimmt wird. Dieses Kirchen-Recht ist ja ein Werk, das die Kleriker ohne jede auswärtige Kontrolle oder Mitarbeit für sich selbst geschaffen haben.
Es wird Zeit, die Sonderstellung des Klerus auch in ihrer besonderen Kleidung im Alltag herauszustellen. Dabei sind nicht die Gewänder gemeint, die der Klerus für die rituellen Feiern, etwa der Messe, in der ganzen bunten Pracht verwendet. Man denke bitte bei unserem Thema NICHT an die roten Schuhchen von Papst Benedikt XVI.
Es geht also um die „Kleidung des Klerus im Alltag“, dies ist ein spannendes, meines Wissens leider kaum bearbeitetes historisches oder theologisches Thema, zumindest in Deutschland. Es dient der Aufklärung über den ungebrochenen Sonderstatus des Klerus bis heute. Und die immer deutlicher werdende Bevorzugung der Priesterkleidung (Soutane) auch in der Öffentlichkeit heute ist ein eindringliches Zeichen für die kirchliche Ablehnung des Weltlichen, der Moderne im ganzen: „Wir Kleriker demonstrieren mit der aus Vorzeiten stammenden Kleidung der Soutane unseren Abstand zur laizistischen modernen Welt“. Der französische Theologe und Priester im Dominikanerorden Christian Duquoc schreibt entsprechend 1985: „Das Grundübel, das all dem zugrunde liegt,(für die allgemeinen Probleme des Klerus), besteht in der Trennung des Priesters vom Volk. Der Klerus lebt und erlebt diese Trennung wie eine ekelerregende Krankheit: Sie ist schimpflich und ungerecht“(in: „Die Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils“, Patmos Vl. Düsseldorf, 1986, S. 374).

2.Das Thema ist also mehrfach aktuell: Die konservativen Klerus – Gemeinschaften verlangen seit Jahren schon wieder, dass ihre Mitglieder die Soutane oder die Ordensgewänder immer auch in der Öffentlichkeit tragen, selbst in Frankreich ist das üblich. Während etwa ältere, eher liberal gesinnte Welt – und Ordenspriester im grauen Anzug mit Krawatte in der Öffentlichkeit auftreten, oft mit einem kleinen Kreuz am Revers, sehnen sich förmlich die jüngeren Priester nach dem Talar oder dem Ordensgewand. Sie wollen herausgehoben sein, sie wollen auffallen, als „ehrwürdige Brüder“ etc. angesprochen und besonders behandelt werden. Ich erinnere mich noch ein Gespräch mit dem damaligen Bischof von Amiens, Jacques Noyer: Er trug um 1998 einen Anzug und eine Krawatte. Keinen Talar! Unvorstellbar heute! Das Gespräch war von großer Nähe und Freundlichkeit geprägt, man möchte sagen, man konnte mit ihm auf „Augenhöhe“ sprechen. Es ist natürlich klar, dass die von den jeweiligen Vorgesetzten und „Oberen“ festgelegte Kleidergesetzgebung auch ein Schutz sein soll für die jungen Priester, wenn nicht gar eine Art Zwang: Die Priester sollen sich in der Öffentlichkeit nicht an zu „weltliche“, gar verrufene Orte begeben: Welcher Bettelmönch würde in Paris als solcher gekleidet in ein feines Restaurant gehen oder in einem Kino sich einen Film mit allerhand Sex-Szenen ansehen? Jedenfalls haben die Oberen zu ihren Priestern so viel (Miss)trauen, dass sie diese in erkennbar klerikale Gewänder zwängen. Die „Legionäre Christi“ sieht man in Rom immer nur in „Kohorten“, in Soutanen gekleidet, durch Rom eilen, ebenso die vielen jungen sehr konservativen Priester aus dem „Neokatechumenat“ oder die ebnso sehr konservativen Kleriker des Instituts „Christus König und Hoherpriester“ etc.. Es gibt bekanntlich Bilder, auf denen junge Priester Fußball spielen in Soutane oder gar in Polen etwa mit der Soutane Ski fahren…
Dabei ist klar, dass selbst diese konservativen Priester über weltliche Kleidung verfügen: Man denke daran, in welchen prächtigen Anzügen sich der Generalobere des katholischen Ordens „Legionäre Christi“, Pater Marcial Maciel, mit seinen Liebhaberinnen, meist älteren sehr reichen Damen traf. Dazu gibt es hübsche Fotos. Er gab sich bei seinen von Finanzinteressen gesteuerten Liebesbekundungen als „Manager“ aus etc. Und dieser weltliche konservative Klerikale ist alles andere als eine Ausnahme. Klar ist auch: Die Kleriker ziehen ihre Soutane auch gern aus, etwa wenn es zum sexuellen Missbrauch kommt: Da lassen sie selbst ihre klerikalen Gewänder in der Sakristei, neben der Kirche, fallen, wie etwa der australische Kardinal Pell: Er forderte in der Sakristei die Knaben zum Oralverkehr auf. Allerdings, wie er im Prozess kürzlich vor seiner Verurteilung betonte, nur sechs Minuten lang…Und der Ordenschef, im Orden nur „Generaldirektor“ genannt, Pater Marcial Maciel, empfing seine Knaben aus den Schulen oder dem Noviziat gern bereits ausgezogen im Bett und dort um bestimmte Massagen bittend. Das berichteten Betroffene und Opfer des obersten Ordenschefs schon um 1985 dem Vatikan, der darauf selbstverständlich gar nicht reagierte! (Wer sich für Details interessiert, lese das Buch „Marcial Maciel, Historia de un Crimnal“, von Carmen Aristegui, Grijalbo Verlag, 2010, etwa den Beitrag des damals 12 jährigen Maciel-Opfers Alberto Athié, in dem Buch Seite 48).
Jedenfalls zeigen schon die wenigen Beispiele, die endlos verlängert werden könnten: „Der Habit macht noch keinen Mönch“.

3. Ich will hier nur an einige Forschungsergebnisse erinnern, die der Historiker und Kirchenrechter Louis Trichet in seiner Studie „Le Costume du Clergé“ (Paris 1986) vorgelegt hat. Dieses Buch verdient immer noch viel Beachtung, wenn es um ein Verstehen der exklusiven Sonderrolle des Klerus geht. Trichet bezieht sich fast ausschließlich auf Frankreich und dabei auch fast nur auf die Kleidung des Weltklerus. Die Studie basiert vor allem auf ausführlichen Recherchen zum Kirchenrecht zu dem Thema.
Im ersten Teil wird deutlich, dass in den Jahrhunderten vom 300 bis etwa 400 sich der Klerus wie die allgemeine Bevölkerung kleidete.
Vom 6. Bis zum 7. Jahrhundert setzt die Tendenz ein, den Klerus schon durch die Kleidung herauszuheben.
Klar ist, dass in den kleinen Gemeinden in den ersten Jahrzehnten, nach Jesu Tod, die Gemeindeleiter, die Presbyter, sich NICHT von den anderen Gläubigen durch ihre Kleidung unterschieden. Unvorstellbar sich den –angeblich – ersten „Papst“, also den Fischer und Analphabten Petrus, mit einer Soutane zu denken. „Wir Kleriker müssen uns nicht durch unsere Kleidung, sondern durch unseren Lebenswandel unterscheiden“, schrieb Papst Coelistin I. noch im Jahr 428.
Der zweite Teil des Buches bezieht sich auf die Zeit von 1050 bis 1589: Der „ordo“, der Stand des Klerikers, unterscheidet sich von nun an von den anderen Ständen in der Kirche und dem Staat. Das bedeutet noch nicht, dass eine eigene „Klerus“ – Mode etabliert wird, sondern dass nur Empfehlungen von Papst und Bischöfen gelten, bestimmte auffällige Farben (besonders verboten sind die Farben rot und grün) der Kleidung zu meiden. Das Konzil von Milano verfügt dann als einzig gültige Farbe das Schwarze. Aber es gibt schon viele offizielle Regelungen zur klerikalen Kleiderordnung. Damit haben sich die Bischöfe und die Kirchenversammlungen lang und breit befasst.

Der dritte Teil des Buches gilt der Zeit von 1589 bis 1984. Jetzt wird die schwarze Soutane (sotana, in der italienischen Volkssprache, eine Bezeichnung für Unterwäsche für Männer wie für Frauen!) für Priester in der Öffentlichkeit verpflichtend. Das verfügte Papst Sixtus V.: Die Soutane ist ein langes, den Erdboden fast berührendes Gewand. Papst Sixtus V. lehrte explizit, die Priester gehörten ganz dem Herren (Christus) und deswegen müssten sie sich vom Rest des Gottesvolkes, der Kirche, durch eine besondere Kleidung unterscheiden. Wer die Soutane als Priester nicht trägt, dem werden strenge Strafen angedroht (S. 159). Mit der Tonsur wurde dann auch die Soutane überreicht. Die Würde des Priesters wurde die äußerliche Gewandung unterstrichen, wenn nicht gar erst erzeugt. Es war eine Welt des Misstrauens, dass man dem Priester ein nach außen hin moralisches Leben ohne die besondere Soutane nicht zutraute. “Wer die Kleidung des Klerus nicht trägt, hat nicht den Geist Gottes“, so etwa eine Bestimmung aus dem Bistum Alet in Südfrankreich (S. 156).
Die Französische Revolution schaffte –im Rahmen der égalité – das spezielle Klerus-Gewand ab, so wurde in der „Assemblée constituante“ entschieden: Die Priester mussten sich „a la francaise“ kleiden (S. 167). Diese Entscheidung wurde von der nachfolgenden Restauration wieder aufgehoben, und der Klerus musste sich wieder in die Soutane hüllen. Wer damals für die Priesterausbildung zuständig war, wie Pater Olier oder der heilige Vinzens von Paul, sprach sogar von der „heiligen Soutane! Die von Vinzenz von Paul ausgebildeten Priester wurden förmlich gezwungen, die Soutane zu tragen (S. 153).
Gegen den allgemeinen Zwang, diese (immer auch feminin wirkende) Soutane zu tragen, protestierten einige Priester, wie etwa Abbé Maret um 1840. Später wurde Abbé Maret Dekan der theologischen Fakultät der Sorbonne. Er schrieb: „Die Soutane ist nicht zu ertragen! Nicht wegen des Straßenschmutzes und der Beleidigungen, die die Soutane bei der kritischen Bevölkerung hervorruft. Diese Kleidung isoliert den Priester, trennt ihn von der Bevölkerung, sie ist eines der größten Übel der modernen Zeiten“ (S. 11, auch S.180 ). Aber Maret setzte sich – natürlich – nicht durch.
4. Erst Mitte der 1960 Jahre wird offiziell vom Papst der so genannte „Clergyman-Anzug“ erlaubt, also der Anzug mit dem weißen römischen Colar und dem obligaten Kreuz am Revers des Sakkos. Die französischen Arbeiterpriester in den neunzehnhundertfünfziger Jahren waren wie ihre Kollegen gekleidet.
Nebenbei: Es gab und gibt auch Frauenorden, die ihren Schwestern die zivile Kleidung gestatten, aber das ist ein anderes Thema. Heute erlauben Frauen – Ordensgemeinschaften, die theologisch progressiv nennen kann, ihren Schwestern die zivile Kleidung.

Louis Trichet fasst seine Studien zusammen: „Als sich der Klerus zu einer bestimmten Zeit anders als die Laien kleidete, hat er sich wie die „anderen“ sozialen Kategorien verhalten: Denn der Klerus war nun ein organisierter „Corpus“, verschiedenen von den anderen. Die Entscheidung für die Soutane wurde die Regel, sie ist ein „Unfall“ der Geschichte, der von der Institution Kirche erzeugt wurde. (S. 214)

Literaturhinweis: Louis Trichet, Le Costume du Clergé. 243 Seiten, Paris 1986, Editions du Cerf. Das Buch ist antiquarisch für ca. 44 Euro zu haben.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Vom Menschsein und der Religion“: Ein neues Buch von Wilhelm Gräb

WEITER DENKEN: Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb
Die Fragen stellte Christian Modehn
1.Frage:
Ihr neues Buch „Vom Menschen und der Religion“ vermittelt eine zentrale Er-kenntnis von einer geradezu universalen Bedeutung: Jeder Mensch befasst sich auf seine Art mit der Sinnfrage, mit der Frage nach dem Sinn des eigenen Le-bens und „des Ganzen“. Und diese Sinnfrage, so schreiben Sie immer wieder in dem Buch, sollte auch der Mittelpunkt der Theologie, der christlichen Theolo-gie, sein. Das ist eine ungewöhnliche, über alles Kirchliche hinaus in die Weite des Menschlichen führende Aussage. Warum ist gerade diese in meiner Sicht „universale Basis-Theologie“, unter den Bedingungen der „Säkularisierung“ jetzt so entscheidend für Sie?
Dass wir die Zukunft nicht bestehen und die drängenden ökonomischen und vor allem ökologischen Probleme einer stetig wachsenden Weltbevölkerung ohne weitere Fortschritte in Wissenschaft und Technik nicht werden lösen können, scheint allen klar. Auch die Kunst und die Künste gehören selbstverständlich zu den entscheidenden Möglichkeiten, die wir Menschen haben, um unsere kreati-ven Fähigkeiten in die Gestaltung einer lebensdienlichen und entwicklungsoffe-nen Welt einzubringen. Nur die Religion, die doch seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte nicht nur die Basis von Wissenschaft und Kunst war, sondern auch sich mit diesen fortschreitend entfaltet hat, erscheint vielen heute als entbehrlich. Sie wird mit den institutionalisierten Religionen und mit den Glaubens- und Morallehren der Kirchen identifiziert. Es wird die gefährliche politische Macht, die die ihre Repräsentanten durch die Berufung auf göttliche Autorität gewinnen können, angeprangert.
Viel zu wenig gesehen wird jedoch, dass die Zukunftsfragen einer das Überle-ben der Menschheit sichernden nachhaltigen Entwicklung eine alles entschei-dende religiöse Dimension bei sich haben. Was das Leben jedes einzelnen letzt-lich trägt, der Glaube an den Sinn des Ganzen, das hält auch die Anstrengungen in Wissenschaft und Technik, Politik, Recht und Bildung in Gang. Gerade dort, wo die Probleme immer drängender werden und globale Fehlentwicklungen, in die wir durch kollektives Versagen hineingeraten sind und die das Zutrauen in die Kräfte lebensdienlicher Zukunftsgestaltung rauben, ist das trotzige Dennoch eines religiösen Glaubens, der Inspiration, Kreativität und Gemeinsinn freisetzen sowie einen hoffungsvollen Lebensmut stärken kann, wichtiger denn je.
Doch dass Religion diese Bedeutung für unser Menschsein hat, dass sie es ist, die uns die Möglichkeiten entdecken lässt, mit denen wir über uns hinauswach-sen, weil sie größer sind als wir selbst um sie und uns in ihnen wissen, ist kaum im Blick. Die Religion ist kein öffentliches Thema in den so dringenden Debat-ten darüber, wie wir leben wollen, wie wir leben sollen, noch gar, was recht ei-gentlich ins Zentrum der Religion gehört, wie wir mit der offenkundigen Tatsa-che zurecht kommen können, dass wir des Insgesamt der Bedingungen unseres Daseins nicht mächtig sind, wir das Gelingen unserer noch so guten Absichten letztlich nie in der Hand haben.
Religion wird als Angelegenheit lediglich der hierzulande offensichtlich immer weniger werdenden „Gläubigen“, der Kirchen- und Religionsangehörigen aufge-fasst. Die anderen, die „Säkularen“, Konfessionslosen, Freigeister, Humanisten, Agnostiker geht sie nicht an. Doch in Wahrheit ist es so, dass wir alle in unserer Vorstellungkraft sehr viel ärmer werden, wenn wir das Bewusstsein von den Grenzen, die unserer Erkenntnis und unserm Wissen gesetzt sind, verkümmern lassen und die Möglichkeiten einer transzendenzoffenen, spirituellen Weltsicht und Sinneinstellung verspielen.
Deshalb habe ich dieses Buch geschrieben, weil ich meine, dass es dringend an der Zeit ist, in der Religion, wir können auch sagen: Religiosität bzw. Spirituali-tät, eine Haltung dem Leben gegenüber zu sehen, aus der immer wieder neu In-spiration, Mut, Trost und Gemeinsinn erwachsen. Es verdankt sich dieses Reli-gionsverständnis den entscheidenden Impulsen protestantischer (Kultur-)-Theologie, wie sie von Friedrich Schleiermacher über Ernst Troeltsch bis zu Paul Tillich gesetzt wurden.
Ich habe der Rekonstruktion der Gegenwartsbedeutung dieser Theologietraditi-on in meinem Buch breiten Raum gegeben, stelle mich selbst in diese Tradition und führe sie fort, um – heute nun in transreligiöser und transkultureller Absicht – zu diesem anderen Reden über die Religion beizutragen. Religiös zu sein, ist eine der besten Möglichkeiten, die wir Menschen haben, um einen verlässlichen Halt in unserem je individuellen Leben zu haben und dann auch den enormen Herausforderungen begegnen zu können, vor die wir uns im Zeitalter der ökolo-gischen Lebensgefahr gestellt sehen.
2. Frage:
Nun gibt es die bunte Vielfalt von Religionen. Diese aber sind nicht immer und nicht automatisch konstruktiv im Sinne der Menschlichkeit und des Respekts der universalen Menschenrechte. Welches Kriterium haben Sie, um humane Religi-onen von den de facto ins Inhumane abgleitenden Religionen, „Sekten“, Ideolo-gien, zu unterscheiden?

Die Religion, von der ich spreche, ist, um mit Johann Gottlieb Herder zu reden, „in aller Menschen Herz nur eine“. Sie gehört zu unserem vernunftbegabten Menschsein. Zu ihr können alle finden, die einiger Selbstachtung fähig sind. Dann merken sie, dass die schon von den Theologen der Aufklärung als „Ange-legenheit des Menschen“ entdeckte Religion eine transzendenzoffene Sinnein-stellung ist, die aus dem tröstlichen Gefühl einer Gründung unseres Ichs im Göttlichen erwächst.
Mit dem Glauben an Heilige Schriften, kirchliche Dogmen, gar einem Gehorsam religiösen Führern gegenüber hat diese Religion der Humanität, wie ich sie nen-ne, nichts zu tun. Das heißt aber nicht, dass diese Religion der Humanität nicht auch in den Religionen, wie sie als mehr oder weniger verfasste Institutionen, mit ihren Traditionen, ihren Lehren und Ritualen, Symbolen und Lebensregeln existieren, gefunden und praktiziert werden kann. Genau dies dürfte vielmehr weithin der Fall sein, schon deshalb, weil eine gesellschaftliche Kommunikation über diese Religion der Humanität noch nicht entwickelt ist. Das Anregungspo-tential, das die Heiligen Texte der Religionen, ihre Kunstschätze, ihre Theolo-gien und ethischen Reflexionen in sich bergen, ist außerdem immens. Es wäre töricht, wenn die Religion der Humanität, die ich in meinem Buch auch als eine transversalen Religion der Menschenwürde und Menschrechte beschrieben habe, ihre Inspiration nicht auch aus Quellen der großen geschichtlichen Religionen schöpfen würde.
Dennoch ist das Verhältnis der Religion der Humanität zu den religiösen Insti-tutionen, Traditionen und Gemeinschaften ein durchaus kritisches. Ich argumen-tiere entschieden gegen jede Vorweggeltung eines kirchlichen und religionsinsti-tutionellen Autoritätsanspruchs. Es ist nicht schon deshalb etwas heilig und den gläubigen Gehorsam gebietend, weil ein Klerus sich auf höhere Offenbarung, geheiligte Traditionen und göttliche Einsetzung beruft. Ob eine Religion bzw. Elemente in ihr gut oder schlecht sind, entscheidet sich daran, ob dort unsere menschliche Fähigkeit, aus freier Einsicht „glauben“ zu können gefördert wird, oder auf blinden Glaubensgehorsam verpflichtet werden.
Glauben zu können, will dann als Realisierung einer unserer besten menschli-chen Möglichkeiten verstanden sein. Wer aus freier Einsicht glaubt, tut dies im Wissen um die Unverfügbarkeit der Zukunft wie unseres Daseins überhaupt, ein Wissen, das in Glauben übergeht und das den Kern im Grunde jeder Religion darstellt.
3. Frage:
Wichtig ist für sie der „Lebensglaube“, also die Gewissheit, dass mein und unser Leben „im letzten“ einen Sinn hat. Diesen Lebensglauben können, so sagen Sie, auch Kunst, Literatur, Film und Musik vermitteln. Aber warum, wie Sie dann schreiben (S. 318), „befriedigen diese dann doch nicht unsere Sinnbedürfnisse“?
Dieser Lebensglauben, der ein unbedingtes Vertrauen in den Sinn des Ganzen ist, muss immer wieder dem Wissen um die Unbegreiflichkeit dieses Sinns ab-gerungen werden. Sonst wäre es ja kein Glauben, kein grundloses, ins Wagende hinein sich vollziehendes Grundsinnvertrauen. Das eben macht den Unterschied wahren religiösen Glaubens von Ideologien und totalitären religiösen Lehren aus. Doch wer schafft das, so zu glauben?
Letztlich ist dieses sich auf der Grenze bewegende und das menschliche Maß wahrende Glauben, zu dem die Religion der Humanität ermutigt, eine unmögli-che menschliche Möglichkeit. Das hat vernünftig Theologie seit jeher dadurch zum Ausdruck gebracht, dass sie vom Glauben als Gottesgeschenk sprach, als Tat Gottes, mit der dieser den Glauben in uns hervorbringt. Viele religiöse Den-ker sprechen zudem vom Glauben als einem Widerfahrnis, zu dem wir uns nicht entschließen können, sondern das an uns geschieht, so freilich, dass es nur dann für uns wirksam wird, wenn wir es annehmen und uns bewusst dazu verhalten.
Was ich an der von Ihnen zitierten Stelle von der Kunst und den Künsten sage, gilt insofern auch von der Religion. Auch sie befriedigt nicht unsere Sinnbe-dürfnisse, jedenfalls nicht so wie das gemeinhin verstanden wird, als hielte sie eine friedigende Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens bereit. So ist es gerade nicht. Dennoch erweckt die traditionelle Religion oft genau diesen Anschein, als habe sie sie verbindliche Antworten auf die großen Fragen nach dem Woher und Wohin unseres Daseins. Anders die Kunst. Ich sehe ihren Vor-zug und das, was sie für die Religion bedeutet, genau darin, wie ich an anderer Stelle sage, dass „sie die Wunde des Sinns offenhält“.
Gerhard Richter sagt es so: „Die Kunst ist die reine Verwirklichung der Religio-sität, der Glaubensfähigkeit, Sehnsucht nach ,Gott‘. […] Die Fähigkeit zu glau-ben ist unsere erheblichste Eigenschaft, und sie wird nur durch die Kunst ange-messen verwirklicht. Wenn wir dagegen unser Glaubensbedürfnis in einer Ideo-logie stillen, richten wir nur Unheil an.“ (Notizen 1988)
Und früher schon notierte Richter, der einer der bedeutendsten Bildermacher unserer Zeit ist: „Die Kunst ist nicht Religionsersatz, sondern Religion (im Sin-ne des Wortes, ,Rückbindung‘, ,Bindung‘ an das nicht Erkennbare, Übervernünf-tige, Über-Seiende). Das heißt nicht, dass die Kunst der Kirche ähnlich wurde und ihre Funktion übernahm (die Erziehung, Bildung, Deutung und Sinnge-bung). Sondern weil die Kirche als Mittel, Transzendenz erfahrbar zu machen und Religion zu verwirklichen, nicht mehr ausreicht, ist die Kunst, als veränder-tes Mittel, einzige Vollzieherin der Religion, das heißt Religion selbst.“ (Noti-zen 1964-65)
Kunst ist Religion und Religion ist Kunst, ohne dass wir eine Kunstreligion er-finden müssten. Die für die Erfahrung der Kunst offene Religion ist die Religion, die zu uns unruhigen Menschen passt, weil sie unser Verlangen nach dem Voll-kommenen wachhält. Sie befriedigt nicht unsere Sinnbedürfnisse, sondern hält unsere Sehnsucht nach Sinn wach – nach einem Sinn, der endlich verstanden werden kann, sodass wir vielleicht das Gefühl bekommen, doch in diese Welt zu passen, obwohl wir nie ganz in ihr zuhause sind.
Hinweis auf die Neuerscheinung: Wilhelm Gräb, Vom Menschsein und der Religion. Eine praktische Kulturtheologie. 2019.
https://www.mohrsiebeck.com/buch/vom-menschsein-und-der-religion-9783161565649
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin und Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Ein Philosoph als Staatspräsident

Ein Hinweis auf Tomas Garrigue Masaryk
Von Christian Modehn

1. Die Buchmesse in Leipzig (21. – 24. März 2019) stellt diesmal Tschechien als „Gastland“ in den Mittelpunkt.
Für philosophisch Interessierte kann dies auch eine Aufforderung sein, sich mit einem der wenigen „Philosophen als Staatspräsidenten“ zu befassen, mit Tomas Garrigue Masaryk. In seiner Heimat wird er oft durchaus anerkennend, wenn nicht liebevoll bloß „TGM“ genannt: Er war von 1918 bis 1935 Staatpräsident der 1. Tschechoslowakischen Republik. 1850 in Mähren geboren, ist er 1937 auf Schloss Lana bei Prag gestorben. Es gibt eine unüberschaubare Fülle von Masaryk-Studien in der Tschechischen Republik, einer breiteren Öffentlichkeit in Deutschland, so scheint es, ist er eher eine unbekannte Größe.
2. Zuerst studierte Tomas Masaryk Sprachen, dann wandte er sich ganz der Philosophie zu. 1876 wurde er zum Dr.phil. promoviert. Drei Jahre später habilitierte er sich an der Universität Wien für Philosophie. 1882 wurde er Professor für Philosophie und Soziologie an der neu gegründeten „Tschechischen Universität“ in Prag. Wichtig wurde, auch für seine religiöse Entwicklung, seine Begegnung mit dem Philosophen Franz Brentano in Wien: Brentano (1838-1917) suchte eine Verbindung von Psychologie und Philosophie, auch Sigmund Freud studierte bei ihm. 1881 legte Masaryk seine Studie „Der Selbstmord als sociale Massenerscheinung der modernen Civilisation“ vor, verfasst während seines Studienaufenthaltes in Leipzig.
Spätere Publikationen befassen sich u.a. mit der „Sozialfrage“, „der tschechischen Frage“, mit dem Marxismus; der Philosophie in Russland: Masaryk kritisiert die dortige Einheit von politischer und religiöser/kirchlicher Herrschaft, sie sei eine totalitäre Herrschaft! 1935 erscheint „Ideale der Humanität“…
Der in Wien lehrende Philosoph Franz Brentano hatte sein Priesteramt aufgegeben aus Protest gegen das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes. Er war 1879 aus der katholischen Kirche ausgetreten. Masaryk tat 1880 das Gleiche und wandte sich der Reformierten Kirche zu: Die Reformation war für ihn ein grundlegender Umbruch im europäischen Denken: Ohne Reformation gibt es für Masaryk keine frei gestaltete Individualität. Im Katholizismus, so meint er, kann es keine Demokratie geben. Für Masaryk wird eine persönliche Form eines humanistischen Theismus entscheidend. Durch seine Frau, die US-Amerikanerin Charlotte Garrigue, lernte er auch die liberal-theologische Unitarische Kirche kennen.
3. Wesentlich sind für Masaryks persönliche Spiritualität auch als Politiker und Staatspräsident nicht die vielen kirchlichen Dogmen, sondern die Humanität, vor allem der Respekt der Gewissensentscheidungen der einzelnen Bürger. In dieser offenen religiös-philosophischen Haltung war Masaryk als Politiker und Staatspräsident tätig. Er wollte kraft seiner Autorität die Werte des Humanismus stärken. Eine bloß formal bestehende, nur äußerlich die Gesetze respektierende Demokratie galt für ihn nicht. Dass er dabei eine Verbindung von Hegel und Comte suchte, Pascal schätzte und Platon zeigt seinen Willen, aus verschiedenen philosophischen Quellen etwas „Eigenes“ für die tschechische Situation zu formulieren.
Darin zeigte sich seine lebenspraktische Orientierung als Philosoph, der zugleich Präsident ist. Als Staatspräsident beweist er, dass „Demokratie eine Lebensauffassung“ ist! Er wandte sich gegen den Nationalismus, den Klerikalismus, den Antisemitismus: Die Macht des Adels und Großgrundbesitz wurden stark einschränkt, seine Vorbilder waren Jan Hus und der Pädagoge Comenius. Masaryk war ein Intellektueller, eine intellektuelle Persönlichkeit, er wird noch heute sogar ein „idealer Politiker“ genannt, „den wir uns heute noch sehr wünschen“, heißt es in dem 2017 erschienen offiziellen „Reisefüher durch das tschechische Jahrhundert“ , herausgegeben von Czech Touurism, S. 73. Und Zwi Batscha, Professor für „Politische Theorie“ an der Universität Haifa, schreibt in seiner umfangreichen Studie über Thomas Masaryk mit dem Titel „Eine Philosophie der Demokratie“ (Suhrkamp,1994, S. 235): „ Durch den philosophisch-politischen Philosophiebegriff revolutionierte Masaryk das Bewusstsein seiner Landsleute und verhalf ihnen zu den ersten Schritten in Richtung auf eine Verwirklichung der Demokratie“. Und dies in einer Zeit, als –während seiner Regierung – die Tschechoslowakei tatsächlich eine Demokratie war, neigten in der europäischen Nachbarschaft etliche Staaten zu einem antidemokratischen Autoritarismus, wie Italien oder Österreich („klerikaler Austrofaschismus“) oder Spanien. Aber bald wurde die junge tschechoslowakische Demokratie zerstört, zuerst die Nazis, dann durch die Kommunisten. Die Wirkungen des Geistes der Aufklärung waren – wie so oft – begrenzt, in einer Gesellschaft, die erst 1918 ein paar Jahre der Demokratie erleben konnte und nach der „Samtenen Revolution“ 1989 viele demokratische Hoffnungen hatte. Sind diese noch heute lebendig und wirksam?
4. Unter kritischen marxistischen Philosophen und Literaten wurde Masaryk Mitte der sechziger Jahren öffentlich gewürdigt, etwa von dem Philosophen Karel Kosik und dem wichtigen, jetzt leider nicht mehr so bekannten Philosophen Milan Machovec: Er hat eine vielbeachtete Masaryk-Biographie verfasst.
5. Masaryk verhielt sich gegenüber dem damals zahlenmäßig starken tschechischen Katholizismus korrekt, auch wenn er aufgrund seiner persönlichen humanistisch-christlich-undogmatischen Überzeugung eher ein Gegner des Katholizismus und des mit ihm verbundenen Klerikalismus war. Mit der katholisch geprägten „Volkspartei“ musste man immer Koalitionen bilden! Auch die diplomatischen Beziehungen zum Papst wurden letztlich beibehalten, auch wenn aufseiten Masaryks dafür keine persönlichen Sympathien zu spüren waren. Die tiefe Distanz, eher noch die heftige Kritik, gegenüber dem (habsburgischen) Katholizismus saß in den intellektuellen Kreisen tief, zumal in der Bevölkerung Böhmens: Die Verehrung für den Reformator Jan Hus (von den Katholiken 1415 während des Konzils von Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt) war prägend. Als am 6. Juli 1925, dem 510. Jahrestag der Verbrennung von Jan Hus, eine große staatliche Feier zu Ehren des großen Patrioten Jan Hus gestaltet wurde, fühlte sich der Vatikan beleidigt. Masaryk ließ aus tiefer Überzeugung sogar die schwarze hussitische Flagge mit dem roten Kelch auf der Prager Burg, seinem Regierunsgssitz, aufziehen. “Am folgenden Tag reiste der päpstliche Nuntius Francesco Maramaggi unter Protest aus Prag ab“ (so im „Handbuch der Religions-und Kirchengeschichte der böhmischen Länder und Tschechiens im 20. Jahrhundert“, Oldenbourg Verlag, München, 2009, s. 283, ein Beitrag von Frantisek X. Halas). Der Hus-Gedenktag, der 6. Juli, ist auch heute gesetzlicher Feiertag!
6. Masaryk war Staatspräsident in einem wichtigen historischen Moment, als sich die Tschechen (und die Slowaken) von der Herrschaft Österreichs befreit sahen. Diese neue Freiheit spielte auch in der kirchlichen Szene vor allem Böhmens eine wichtige Rolle. Denn zum ersten Mal im 20. Jahrhundert sagten sich sehr zahlreiche römisch-katholische Katholiken von Rom los, der Befreiung von Wien sollte eine Befreiung von Rom entsprechen, wobei der tschechische Katholizismus in seinen führenden Vertretern, den Bischöfen, immer eng mit dem sehr katholischen Habsburger System verbunden war. 1920 kam es also zur großen Abspaltung von der römisch-katholischen Kirche: 140 katholische Priester votierten am 8. 1. 1920 für die Trennung: Sie gründeten die „Tschechoslowakische Kirche“ (die sich später „Tschechoslowakisch Hussitische Kirche“ nannte). Diese Kirche entsprach durchaus der Sehnsucht nach einer „anderen“, demokratisch geformten Kirche: Sie hatte schon 1921 525.333 Mitglieder, 1939 waren es 793 385 (Handbuch…S. 135, Beitrag von Martin Schulze-Wessel). Die Gründe der Konversionen waren vielfältig: Etwa die Kritik am der Bindung römisch-katholischer Bischöfe an die Habsburger. „Andere Gründe bezogen sich auf die Standesmoral des katholischen Klerus“ (Handbuch… S. 138). Die „Tschechoslowakische Kirche“ schaffte den Zölibat ab, die Priester feierten die Gottesdienste in tschechischer Sprache, Laien gestalteten kirchliches Leben entscheidend mit: Zum „leitenden Ausschuss“ gehörten neben 6 Geistlichen, darunter der führende Theologe Karel Farsky, auch 6 Laien… dies sind unvorstellbare Leitungs-Strukturen für die römische Kirche bis heute. „Diese Kirche konnte sich sehr plausibel als die Kirche der neuen Zeit darstellen“ (Handbuch S. 139,). Es gab immer wieder Konflikte, wenn diese Kirche eigene Gebäude und Räumlichkeiten, also auch Kirchengebäude von der römischen Kirche beanspruchte. Nach der atheistischen Propaganda des Kommunismus und der heutigen „Säkularisierung“ zählte die „Tschechoslowakische Hussitisch Kirche“ , die protestantischen Traditionen nahe steht, im Jahr 2001 99.103 Mitglieder. Im Jahr 2011 waren es nur ca. 39.000 Mitglieder in Tschechien. (Zum Vergleich auch der Niedergang der die Mitgliederzahlen in der Katholischen Kirche in Tschechien: 1930: 5.316 448 Mitglieder. Im Jahr 1991 waren es noch 402.385; 2001 nur noch 206.039.
Tschechien wird heute treffend das am meisten „entkirchlichte Land“ Europas genannt. Der Prager katholische Theologe (und Priester) sowie Soziologe Tomas Halik ist einer der wenigen, die in Tschechien den lernbereiten Dialog mit den „entkirchlichen Menschen“ kreativ gestalten.
In seinem Buch „Alle meine Wege sind dir vertraut“ (Herder Verlag, 2014), erwähnt Tomas Halik auch Tomas Garrigue Masaryk (S. 10 f.) als den „wichtigsten Erzieher der Nation für mindestens zwei Generationen“… Dann fährt Halik fort: „Ich habe mich mit der Spiritualität jener Persönlichkeiten beschäftigt, die der tschechischen Kultur im 19. und 20. Jahrhundert ihr Profil gaben, sei es mit Palacky, Masaryk, Salda, Capek, Patocka oder Havel. Keiner von ihnen war Atheist, im Gegenteil, sie hatten eine tiefe Beziehung zu „dem, was uns übersteigt“. Nichts desto weniger wahrte jeder von ihnen Abstand zur tradierten religiösen Terminologie“ (S. 11).
7. Der Philosophen-Präsident Tomas Garrigue Masaryk bleibt auch deswegen aktuell: Er ist ein Vordenker einer von Dogmatismen befreiten humanen Form des Christentums. Zudem: Masaryk zeigte, dass „Demokratie eine Lebensauffassung“ ist, mehr als ein bürokratisches „Funktionieren“ oder bloß äußerliches Respektieren der Gesetze: Ethische Grundsätze sollten eine Demokratie bestimmen. Und diese aus der philosophischen Reflexion stammenden Grundsätze sind natürlich nicht konfessionelle Dogmen, sondern Überzeugungen eines reflektierten Humanismus, den alle Bürger teilen können und sollten. Voraussetzung einer Demokratie ist für Masaryk die Trennung von Kirche und Staat! Sie ist – leider – bis heute auch in demokratischen Staaten Europas nicht umfassend vollzogen!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Das Böckenförde-Diktum: Aktuell noch heute?

Anlässlich des Todes von Ernst-Wolfgang Böckenförde (19.9.1930-24.2.2019)
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.Es gibt wahrscheinlich kaum ein anderes so häufig zitiertes „Diktum“ wie das von Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“.
Dieser Satz wurde von dem Professor für Öffentliches Recht und späteren Richter des Bundesverfassungsgerichts 1967 publiziert. Seitdem wird dieses „Böckenförde-Diktum“ immer wieder, auch bei Sonntagsreden, zitiert, wenn über die geistigen, auch die religiösen Grundlagen, „Voraussetzungen“, des modernen freiheitlichen und säkularisierten demokratischen Staates debattiert werden soll. Böckenförde wandte sich damals vor allem an Katholiken: Sie sollten seiner Meinung nach den säkularisierten Staat akzeptieren, einen Staat, in dem nicht mehr die Kirche alles bestimmend sein kann wie einst… Aber das ist ein anderes Thema…
2.Oft wird das berühmte „Diktum“ aus dem Gedächtnis zitiert, soweit reicht seine Wirkung. Dann wird gesagt: Der demokratische Staat lebt von Voraussetzungen, welche die Demokratie nicht schaffen kann. Von „Schaffen“ ist aber bei Böckenförde keine Rede, sondern von geistigen, kulturellen, vor allem religiösen Voraussetzungen, die der freiheitliche, säkularisierte Staat nicht GARANTIEREN kann. Das heißt: Der freiheitliche Staat kann diese Voraussetzungen in ihrer Existenz und Entfaltung nicht schaffen und nicht erhalten; er kann das Fortdauern, etwa der Religionen, nicht gewährleisten, nicht durch staatliche Hilfe „garantieren“. Der Staat kann auch Religion nicht hervorbringen. Aber für „den Bestand und die Lebenskraft des säkularisierten Staates“ braucht der Staat diese Voraussetzungen, so Böckenförde in einem Vortrag im Jahr 2006 im Rückblick auf seine Aussage von 1967 (in: Der säkularisierte Staat; Vortrag in der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, publiziert in München 2007, Seite 9).
3.Aber auch 2006 ist Böckenförde überzeugt: Der demokratische Rechtsstaat braucht förmlich zu seinem „inneren“ Zusammenhalt mehr als das bloß formale und von (gerechten!) staatlichen Gesetzen der Demokratie erzwungene gesetzeskonforme Verhalten der Bürger. Aber 2006 konkretisiert Böckenförde diese Einsicht angesichts der zunehmenden Präsenz von islamischen Mitbürgern in Deutschland. Er meint: Der demokratische Staat (Deutschland) könnte sich auch damit begnügen, wenn Muslime diese hier geltenden demokratischen Gesetze rein äußerlich befolgen. Der demokratische Staat kann und darf nicht die Gesinnung der einzelnen Bürger prüfen (S. 38). Trotzdem: Böckenförde behauptet: „Ein solches Konzept (der bloß äußerlichen Zustimmung zur Demokratie, CM) erscheint nicht von vornherein utopisch“ (ebd). Heute ist es aber mehr als fraglich, ob eine solche bloß formale, vielleicht sogar in gewisser Weise „verlogene“ Loyalität den (tatsächlichen!) demokratischen Gesetzen gegenüber zu einer „Integration“ muslimischer Bürger ausreichend ist.
4.Man sieht an diesen Beispielen, dass es Böckenförde wohl mehr um eine Problemanzeige geht als um eine Problemlösung.
Böckenförde hat in seinem Vortrag von 2006 die veränderten konfessionellen Verhältnisse in Deutschland für seine These respektiert. 1967 sprach er noch unter den Bedingungen der „alten“ Bundesrepublik, mit einer fast absoluten Mehrheit christlicher Bürger. 2006 gibt es nicht nur viele Konfessionslose, sondern eben auch muslimische Mitbürger. Dabei ist interessant, dass Böckenförde 2006 von einer gewissen Angst geplagt ist, wenn er andeutet: Eines Tages könnten die muslimischen Menschen in Deutschland sogar die Mehrheit bilden, so behauptet er. Böckenförde formuliert da eine Angst, die in ultra-konservativen Kreisen immer wieder reflektiert wurde und wird, etwa von der jüdischen Kulturwissenschaftlerin Bat Ye Or.Ausführlicher dazu: Klicken Sie hier.
5.Angesichts dieser doch eher diffus zu nennenden Angst vertritt Böckenförde im Jahr 2006 die merkwürdige Auffassung: Wenn es soweit kommen sollte, dass Muslime den freiheitlichen Staat hier, wie er schreibt, „von innen her aufrollen“, also auflösen wollen, dann soll dieser freiheitliche Staat dafür sorgen, „dass diese Religion beziehungsweise ihre Anhänger in einer Minderheitsposition verbleiben“. Das heißt doch wohl für ihn: Grenzen dicht machen. Er fährt fort: „Das würde gegebenenfalls entsprechende politische Gestaltungen im Bereich der Freizügigkeit, Migration und Einbürgerung notwendig machen“ (S. 39). Äußerst vorsichtig und diplomatisch unklar formuliert er, könnte man sagen. Denn diese „entsprechenden Gestaltungen“ der Begrenzung so genannter muslimischer Ausländer (Einwanderer/Flüchtlinge) sind ja jetzt in ganz Europa bereits üblich. Man nennt das im Klartext die Abschottung des Abendlandes vor den Fremden, den „anderen“.
6.Man sieht, wie problematisch einzelne Vorschläge des so viel zitierten katholischen Rechtswissenschaftlers tatsächlich sind.
Böckenförde kam es darüberhinaus offenbar nicht in den Sinn, dass der sich demokratisch nennende Staat sich soweit von den Grundlagen demokratischer Prinzipien entfernt, etwa in seiner Sozialpolitik. Wirtschaftspolitik, Beziehung zu Lobbyisten usw., dass dieser demokratische Staat selbst nur noch mit Mühe demokratisch genannt werden kann, zumal wenn sich die Korruption immer mehr durchsetzt. Dann wird die Bindung der Bürger an den Staat, ja, auch der “Glaube“ an den Sinn demokratischen Zusammenlebens, erschüttert. Und mit diesem „Glaubensschwund“ geht oft einher eine Grunderschütterung in anderen Bindungen an Glaubensdinge, etwa gegenüber den Führungsgruppen einer Religion.
Hinzukommt, dass bei den freundlichen Beziehungen des Staates zu den Kirchen in Deutschland der Staat oft zu nachsichtig die besondere Rolle der Kirchenführungen innerhalb der Gesellschaft einschätzt: Wenn etwa vor dem Bundesverfassungsgericht zugunsten der Kirchengebote und nicht im Sinne eines demokratischen Dienst-Rechtes entschieden wird. Etwa im Falle von Ärzten, die ihren Job an katholischen Kliniken verloren hatten, nur weil sie ein 2. Mal eine Ehe eingegangen waren. Oder wenn der Staat es respektiert, dass die katholische Kirche allein entscheidet, ob ein katholischer Theologe als Wissenschaftler an einer staatlichen Universität lehren darf, etwa wenn der Theologe Priester ist und heiratet. In solchen Fällen erzeugt die große Freundlichkeit des Staates gegenüber der Kirchenführung nur sehr viel Kritik unter den nachdenklichen Gläubigen und sehr viel Abstandnehmen von der Kirche. Das heißt: Der demokratische Staat kann selbst auch zur „Entkonfessionalisierung“ beitragen. Das heißt, der Staat zerstört in gewisser Weise „die Voraussetzungen“, von denen er lebt. Natürlich, der Staat respektiert dabei oft die Konkordatsbestimmungen, aber die bis jetzt in der Bundesrepublik geltenden Konkordatsbestimmungen stammen aus Verträgen mit Nazi-Deutschland, mit Hitler. Das ist philosophisch gesehen nicht gerade ein idealer Zustand, für die rechtlich bevorzugte Kirche vielleicht schon…
Und wenn jetzt die Kirchen immer mehr an Glaubwürdigkeit verlieren, etwa angesichts der vielen freigelegten Untaten von Priestern an Kindern usw: Die Voraussetzungen, von denen der freiheitlich säkularisierte Staat lebt, schwinden also heute dahin. In der Sicht Böckenfördes wäre also der innere Zusammenbruch kirchlichen Lebens für den Staat eine Katastrophe.
7.Böckenförde weist allerdings auch darauf hin, wie schwierig es ist zu verhindern, dass auch die Bürger in Deutschland politisch „umkippen“ und die offene demokratische Ordnung bei den üblichen Wahlen etwa abwählen. Der sanfte Umsturz zur Diktatur also durch demokratische Mehrheits-Entscheidungen und Wahlen: Das ist die eigentliche Gefahr für die freiheitlichen Demokratien heute. Man denken an Trump, an Ungarn, an Polen, wo überall Autokraten und Diktatoren durch Mehrheitsentscheidungen an die Macht gekommen sind.
Was hält denn nun die Demokratien heute in der religiösen Pluralität zusammen? Die vielen Gesetze allein können dies nicht leisten.
Noch einmal: Es ist der demokratische Geist, der Demokratien leben lässt. Aber was ist heute der allen (!) vermittelbare demokratische Geist? In den Menschenrechten ist er objektiv formuliert. Sie werden aber selbst von so genannten Demokratien eher selten respektiert. Böckenförde sieht selbst die Möglichkeit, dass die Menschenrechte die „Grundlage aller menschlichen Gemeinschaft“ sein sollten (S. 18f.) Aber wie sollen die Menschenrechte wirksam Vernunft und Seele der Menschen, aller Menschen, auch der Politiker und der Kirchenführer bestimmen? Das ist die große Frage!

Copyright: Christan Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Die Katholische Kirche ist am Ende“: Nicht nur wegen des „Missbrauchs“. Sie klammert sich an ein vergangenes Weltbild

Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.2.2019

Am 1.3. 2019: Die zentrale Erkenntnis dieses etwas ausführlicher geschriebenen Hinweises ist: Die Verfassung, also die Gesetzgebung (Codex Juris Canonici) wie die dogmatischen Lehren der katholischen Kirche erlauben es nicht, dass der allherrschende Klerus selbst grundlegend kritisch mit den eigenen Untaten umgehen kann. Gelegentlich veranstalten diese Herren eine gewisse „Show“, um die Gemüter etwas zu besänftigen. Man sollte deswegen keinerlei tiefgreifende Reformen, schon gar nicht eine einzig hilfreiche grundlegende Reformation von den de facto und dejure allherrschenden Klerikern erwarten. Alles Reden von „Mitbestimmung der Laien“ gilt ja bekanntlich nur für belanglose Fragen, diese „Mitbestimmung der Laien“ ist eine Geste der Besänftigung. Und die lassen sich immer noch besänftigen!
Also, lasst -nur in der Hinsicht – alle Hoffnung fahren, auch in dem Zusammenhang einer wirklichen Neuorientierung, Umkehr der Kirchenleitung zugunsten der Opfer sexueller Gewalt durch Priester: Diese Neuorientierung, Umkehr, Reformation bestände vor allem darin: Den unseligen Zölibat endlich abzuschaffen und Frauen zu Priestern zu weihen sowie eine synodale, demokratische Kirchenordnung zu schaffen. Aber das wäre ein Machtverzicht des Klerus. Welche Herrscher verzichten schon freiwillig auf absolute Macht? Auch der angeblich progressive, aber bekanntermaßen sehr Teufels-gläubige Papst Franziskus wird es nicht tun wollen und tun können.
Wer noch einen vertiefenden, aber immer noch gültigen Beitrag zum Thema Hierarchie (aus dem Jahr 2009) lesen möchte: Dann verweise ich auf meinen Beitrag für den WDR mit vielen O Tönen, vor allem von dem großen Theologen Otto Hermann Pesch. Hier klicken.

Der Hinweis:
Es kam so, wie es kritische Beobachter erwarteten: Die alles entscheidende Rede des Papstes am Ende des „Gipfels“ über den sexuellen Missbrauch durch Priester und Bischöfe ist eher eine allgemein gehaltene kulturkritische Predigt über das furchtbare Geschehen des Missbrauchs von Kindern im allgemeinen, mit dem unverbindlich und unkonkret gegebenen Versprechen, dass sich die Kirche in dieser Sache „reinigen“ will.
Im ganzen also: Diese in finanzieller Hinsicht aufwändige, in medialer Hinsicht von Erwartungen überladene, in einigen Statements (besonders der Opfer und von Frauen,Nonnen) doch noch denkwürdige Konferenz ist insgesamt ein Fiasko. Denn das letzte Wort hat nun einmal der Papst in den Strukturen der Kirche. Und der denkt gar nicht daran, mögliche Ursachen des Missbrauchs zu bekämpfen, wie den Pflicht-Zölibat abzuschaffen oder auch Frauen ins Priesteramt zu lassen…Alles wie gehabt, also. Was soll nur dieser Aufwand? Man wollte ein gutes Image der Kleruskirche wiederherstellen. Selbst diese pure Äußerlichkeit der „Schminke“ ist nicht gelungen.
Und das für mich erstaunlich: Dieser „Gipfel“, manche sprachen gar von „Synode“, wird nun im Titel der Papst-Predigt zum allgemeinen „Kinderschutz-Gipfel“ umbenannt wurde: Diese allgemein kulturelle Öffnung des Themas erlaubt es dem Papst, relativ wenig vom kirchlichen Missbrauch und den nötigen Veränderungen IN der Kirche zu sprechen.
Diese frommen Worte des Papstes Franziskus (manche nannten ihn ja einst progressiv) zeigen ihn befangen in der klerikalen Sonderwelt. Dieser Papst, das zeigt sich immer mehr, ist nun den Konservativen verpflichtet. Er will, kann und darf aus der Welt der Privilegien der Kleriker nicht heraustreten. Man bedenke: Der Klerus glaubt bis heute allen ernstes „in der Person Christi des Hauptes der Kirche zu handeln“ (Katechismus, § 1549). Der katholische Priester ist förmlich der zweite Christus. Und in diesem all-verbindlichen Katechismus von 1993 ist sogar „der Bischof Abbild des Vaters (Gott-Vaters)“. Wer so in der Nähe Gottes lebt, kommt da nicht mehr raus und will das auch nicht: Was für ein Vorteil, auf der Seite Gotteszu stehen. Dies sind maßlose Ansprüche, die keine Reform, sondern nur eine neue Reformation abwenden könnte.
Im ganzen gesehen haben sich angesichts dieser frommen – im letzten belanglosen – Worte des Papstes die reaktionären Kräfte im Vatikan durchgesetzt, jene machtvollen Kleriker, die sich ständig gegen Aufklärung, Vernunft und tief greifende Reformen aussprechen.
Nach diesen frommen Worten des Papstes bleibt die katholische Kirche also in der selbst gewählten Sackgasse. Und wer sich aus ihr noch befreien kann, wird es nach Kräften tun. Gerade jetzt.

Aber: Eine weiter in die Tiefe gehende Reflexion ist nötig:
Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist jetzt oft Religionskritik, d.h. auch Kirchenkritik. Soziologen kommen in ihren Studien und Interviews in Rom zu dem Ergebnis: „Der Vatikan ist eine verrückte Welt“ oder: „Die Kirche ist eine Organisation der Lüge, ihre Repräsentanten lügen pausenlos über alles“, so der Soziologe Frédéric Martel in einem Interview mit der Wochenzeitung „Christ und Welt“ (21.2. 2019, S.5). Martel ist als Soziologe Autor der großen, jetzt international verbreiteten Studie „Sodoma“. Entscheidend ist Martels Einsicht: „Wir erleben das Ende eines Systems“ (ebd.)

Die Frage, die dann auch philosophisch interessant ist: Welches System, welches geistige System, das die römische Kirche darstellt, ist denn am Ende? Vom Ende des Katholizismus ist bekanntlich nicht nur in einer kritischen Theologie, sondern in der Religionssoziologie die Rede, man denke unter vielen Beispielen an Danièle Hervieu-Légers Werk „Catholicisme, La Fin d un Monde“(Paris 2003), die Autorin ist eine der bekanntesten religionssoziologischen Wissenschaftlerinnen.

Finanziell ist diese katholische Kirche allerdings noch nicht am Ende. Allein der Immobilienbesitz des Vatikans könnte, in Geld umgewandelt, ganze Hungersnöte in Afrika auf Dauer abwenden. Und auch personell ist diese Kirche nicht ganz am Ende, in Europa hingegen gewiss, wenn man an das Fehlen so genannt zölibatär lebender Priester denkt. Aber in Afrika und Asien ist die „Priesterkarriere“ immer noch sehr beliebt bei jungen Männern, die darin auch den sozialen Aufstieg erleben! Und etliche Laien auch in Europa halten formal nach außen hin noch treu zur Kirche, sprechen fleißig die kaum verständlichen apostolischen Glaubensbekenntnisse in der Messe nach. Sie sind noch Kirchenmitglieder, so wie einst „unerschütterliche“ Kommunisten/Stalinisten zur KP hielten…Schließlich sind viele tausend Katholiken auch heute in katholischen Strukturen (Schulen, Caritas usw.) angestellt, also finanziell von der sich „Mutter“ nennenden Kirche abhängig. Am Rande: In Frankreich sagte man um das Jahr 2000: „Die KP Frankreichs wird nur noch von Angestellten der Parteiorganisationen gewählt…“
Die katholische Kirche ist aber de facto am Ende, also innerlich gelähmt, todkrank. Sie kann sich kaum noch kreativ bewegen, kann sich nicht grundlegend strukturell erneuern. Die Rede des Papstes am Ende des großen „Missbrauchsgipfels“ am 23.2.2019 zeigt dies in aller Deutlichkeit. Um den sexuellen Missbrauch in der Kirche und der Gesellschaft zu erklären, verwendet der Papst noch einen Begriff wie „Teufel“, dies nur ein Hinweis auf die Bindung des klerikalen Denkens bis heute an eine uralte Welt des Mythos. Die Kirche könnte sich nur erneuern, wenn sie sich von dieser Bindung befreit. Nur in diesem mythischen Denken kann von der exklusiven, gottnahen Sonderrolle des Priesters überhaupt die Rede sein.
Diese Kirche kann sich aufgrund des eigenen Selbstverständnisses nicht grundlegend erneuern. Denn etwa im Fall des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker müssten sich die Täter bei diesem Kirchenrecht selbst bestrafen. Wer macht das schon? Das Kirchenrecht kennt keine Gewaltenteilung, nicht einmal den Ansatz von Demokratie, bemerkenswert für eine weltweit agierende Organisation. Nebenbei: Die Ähnlichkeiten kommunistischer Diktaturen mit den Strukturen bzw. den Jahrhunderte alten Unterdrückungsmechanismen der Kirche (wie Zensur, Kontrolle, Bestrafung der Dissidenten, Unterdrückung der freien Meinungsäußerung, keine Gewaltenteilung etc.) sind evident und allseits bekannt.

Aber es wäre zu oberflächlich, wie so viele Journalisten es tun, bei diesen strukturellen Äußerlichkeiten stehen zu bleiben. Und es ist eher naiv zu meinen, die Probleme dieser Kirche könnten mit strukturellen Veränderungen allein gelöst werden. Eine Reformation, die nötig wäre für die römische Kirche, ist nie nur eine Strukturfrage. Denn diese Strukturen werden vom Klerus deswegen nicht geändert, (sie sind ja die einzigen, die tatsächlich „ändern“ könnten, wenn sie es denn wollten), weil diese Strukturen eben in den großen geistigen, theologischen bzw. ideologischen Rahmen eingebunden sind, die das Selbstverständnis der katholischen Kirche bestimmen. Es ist also die alles beherrschende Ideologie, die verstanden werden muss, um zu begreifen, warum diese „Kirche am Ende ist“, wie Frédéric Martel und andere erkannt haben.
Es handelt sich darum, endlich wahrzunehmen: Die Kirche ist in ihrer zentralen Lehre von Gott und der Deutung der Offenbarung, der Lehre von der Kirche noch in einer durch die Moderne längst überwundenen Kultur zu Hause ist. Man könnte sagen: Sie steckt noch fest im mittelalterlichen geozentrischem Weltbild. Sie ignoriert die bleibenden, die guten Errungenschaften der Moderne. Für konservative und reaktionäre Kreise ist es ja üblich, „die“ Aufklärung, „die“ Moderne pauschal zu verurteilen.
Diese tiefe ideologische Bindung an ein uraltes Weltbild ließe sich an vielen Beispielen festmachen: Am Ausschluss von Frauen vom Priesteramt; an der Missachtung elementarer Menschenrechte INNERHALB der Kirche; an der unbezweifelt vom Klerus hingenommenen Überordnung des Klerus über die Laien; an der Unfähigkeit, die historisch-kritische wissenschaftliche Forschung auch in der eigenen Dogmatik anzuwenden; an der Abwehr, Theologie als freie, d.h. von der Kirchenleitung unabhängige Wissenschaft zu betreiben. Überhaupt der ganze Lebensstil des Klerus in der Kurie, in den Palästen, in den Privatgemächern der Kardinäle, mit dem Prunk in den Büroräumen, all das erschlägt förmlich schon jeden modernen Gedanken.
Das ist allseits bekannt. Und es muss nur noch einmal gesagt werden: Dass die Reformen oder Reförmchen, die sich der Klerus etwa im 2. Vatikanischen Konzil (1961-65) gönnte, nur oberflächliche Veränderungen sind: Selbst wenn die lateinische Sprache aus der Messe weithin verschwand: Die lateinische Sprache und ihre herrschaftliche antike Redeweise des 4. Jahrhunderts wie „Der Herr sei mit euch“, „Erhebet die Herzen“ usw. wurde eins zu eins, also wortwörtlich in die jeweiligen aktuellen Sprachen übersetzt: Aber wer versteht schon heute in Berlin oder Kinshasa oder Kyoto diese aus dem Lateinische stammende eher esoterische Sprache? Vor dem Kommunionempfang heißt es etwa: „Herr ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach…“ Unter welches Dach geht eigentlich die Hostie ein?
Das 2.Vatikansche Konzil ALS Konzil des Klerus (!) hat den katholischen Laien eine gewisse Mitsprache erlaubt, aber keine wesentlich neuen Rechte zugestanden, als Laien in kirchlich – zentralen Belangen tatsächlich mit zu entscheiden. Das letzte Wort hat nach wie vor immer der Klerus. Auch am Missionsgedanken („Bekehrung aller Völker“) wird ungebrochen festgehalten ebenso an der besonderen herausragenden Stellung der römischen Kirche über allen anderen christlichen Kirchen usw…

Diese Hinweise genügen, um zum Kern der Problematik zu kommen:
Die Hierarchie gehört in die längst überwundene, sagen wir „geozentrische Welt“ des Mittelalters. Natürlich gibt es auch Hierarchien in der Wirtschaft noch heute, aber es sind solche, die stets demokratisch verändert werden können und müssen. Der Gedanke an eine absolut in der Hierarchie-Spitze unkontrolliert agierende Herrschaft ist für die Moderne ausgeschlossen, selbst wenn solche Herrschaftsformen de facto noch vorkommen. Der Klerus als Spitze der Hierarchie ist in gewisser Weise der kirchliche Adel, der in der Kirche besteht; bekanntlich war es den Päpsten im frühen Mittelalter nicht gelungen, den Adel und dessen Bevorzugung im Staat abzuschaffen. Das war wohl der furchtbare Preis, den Päpste und Bischöfe zahlen mussten, damit die einst „heidnischen Stämme“ dem Christentum, d.h. der Kirche beitraten. Die von Jesus von Nazareth überlieferte Lehre der Gleichheit und Brüderlichkeit wurde abermals verraten.
Es ist also der anti-moderne und vor-moderne Geist, der die römische Kirche zutiefst durchdringt.
Zentrum ist aus dieser vormodernen Zeit stammende unbefragte Anerkennung der Hierarchie: Die da oben, der Klerus, haben ihre eigenen Gesetze, die ihnen niemand in der Kirche nehmen kann.
Und auch die Gesellschaft und der moderne Staat werden von diesen Hierarchen eigentlich verachtet. Man denke nur an die Verurteilungen des politischen Liberalismus, verstanden als Idee der Demokratie und der Menschenrechte, durch den polnischen Papst Johannes Paul II. Man denke daran, dass die Kirchen-Hierarchie immer noch meint, nicht nur für die Interpretation des Evangeliums absolut zuständig zu sein, sondern eben auch für das, was sie Naturrecht nennt: Was sich für den Menschen als Menschen gehört im ethischen Bereich, das will die Hierarchie bestimmen. Die katholische Kirche sieht sich förmlich als Verteidigerin des alten Naturrechts: und das heißt: Abwehr und Verachtung der gelebten Homosexualität, das Verbot der künstlichen Geburtenregelung, das Verbot jeglicher Form einer Suidzidhilfe für Schwerstkranke, die absolute Liebe zum ungeborenen Leben: Katholisch sein heißt ja oft „Pro-Life“ sein. „Pro-Life“ in der militanten Form ist das ethische Grunddogma der katholisch-konservativen Kirche! Aber dieses „Reinreden“ der Kirche auch in Sachen Naturrecht wird allmählich von demokratischen Staaten in Frage gestellt. Nach dieser Konferenz in Rom sicher noch mehr. Der Klerus tobt zwar, dass ihm dieser Teil seiner „Mission“ genommen wird. Aber nur noch autoritäre Regime folgen in der Hinsicht dem Vatikan, leider auch viele konservativ geführte Staaten in Lateinamerika.
Dies alles ist der Geist des Mittelalters, den ich mit dem Bild des „geozentrischen Weltbildes“ umschreibe, wobei jeder Kleriker stolz erwidert, dass die Kirche doch vor etwa 50 Jahren auch Galilei anerkennt habe. Wie hübsch! Aber diese unglaublich verspätete Anerkennung ist äußerlich, der Gedanke der Evolution der Schöpfung ist auch nicht gerade beliebt im Klerus.
Aber mit dieser Bindung an das überholte und als falsch zurückgewiesene Weltbild des Mittelalters ist auch eine ideologische Bindung gemeint:
Die Bibel wird vom Klerus und dem Papst allein letztgültig interpretiert. Und da werden Bibelverse, die dem Klerus gut ins Geschäft passen, zugunsten des Klerus wortwörtlich übernommen. Andere Worte Jesu etwa, „Nennt euch nicht Meister“ etc. werden als bloß historisch relativiert. Weil der herrschende Klerus glaubt, von Jesus und letztlich von Gott berufen zu sein, entscheidend die Bibel zu deuten. Das ist sozusagen ein „circulus vitiosus“ der klerikalen Hermeneutik: Die Herrschenden haben sich den Text förmlich angeeignet. Solange dies so bleibt, wird sich klerikale Macht fortsetzen.
Weil der Klerus hinsichtlich der Theologie allein entscheidend ist und Querdenker eben bestraft, mundtot macht, einst verbrannte, deswegen kann sich die römische Kirche auch nicht von der erdrückenden Fülle von dogmatischen Aussagen befreien. Es wäre ja ein Eingeständnis, dass es Überholtes, historisch Überwundenes, Relatives gibt in der Lehre der Kirche. Aber der Klerus, vom Heiligen Geist geleitet, macht bekanntlich keine Fehler. Der offizielle römische Katechismus, der für alle Katholiken die zu respektierende Lehre aufführt, umfasst mehr als 800 Seiten.
In dem Opus, Katechismus genannt, wird der Klerus in himmlische Höhen gehoben: Denn der Priester vollzieht mit seinen sauberen Händen (Lavabo!) immer wieder das unblutige Opfer Jesu Christi am Altar: Der Priester steht förmlich auf Gottes Seite. Und da kann in dem uralten Denken nur ein Mann stehen, denn die Frauen sind diesem Denken entsprechend unrein und minderwertig.
Und so werden höchst widersprüchliche, überholte Lehren noch eingeschärft, wie etwa das Dogma von der Erbsünde: Diese „Erbsünde“ wird im sexuellen Akt (der wesentlich schmutzig ist in diesem uralten Denken) übertragen: Und nur die Kirche kann durch ihre Taufe die Menschen von dieser ewig übertragenen Erbsünde befreien. Die Macht der Kirche über das Böse soll sich da zeigen, bis heute werden übrigens Teufelsaustreibungen praktiziert, selbstverständlich durch Priester…Das uralte mythische Denken hat im Katholizismus völlig überlebt, man denke an den Glauben, dass Maria höchstpersönlich erscheinen kann, in Lourdes, Fatima und anderswo. Man denke an die Zumutun, dass einzelne Fromme an ihren Händen die Wundmale Jesu, zeigen, wie Pater Pio oder Therese Neumann von Konnersreuth; allen Ernstes glaubt auch der angeblich progressive Papst Franziskus an den Ablass. Es ist ein Gott, mit dem man rechnen kann, über den die Kirche verfügt, was für eine Schande. An der Realität von Wundern wird festgehalten, so, als ob Gott persönlich mal die von ihm geschaffenen Naturgesetze unterbricht zugunsten einiger Erwählter und zu Ungunsten der meisten „normalen Gläubigen“.
Es ist der Glaube an eine „verzauberte Welt“, die dem Katholizismus noch Zuspruch bietet; ein Glaube, dass „Gott im Himmel“ diese katholische Kirche, so, wie sie de facto ist, will; dass also Gott im Himmel diesen Klerus so will. Nur wer das glaubt, hat Chancen, katholisch zu bleiben.
Wer jetzt noch von einer Reformation der katholischen Kirche heute träumt, sich sogar für Reformen einsetzt, hat für mich etwas „Masoschistisches“. Kann man ja aus einer gewissen Lust machen, ist aber wahrscheinlich Zeitverschwendung.

Was bleibt heute für religiöse Menschen zu tun? Die Religionskritik fortsetzen. Und eine individuelle Gestaltung der je persönlichen Beziehung zum Unendlichen weiter entwickeln. Das kann z. B. auch in den wenigen tatsächlich protestanisch-progressiven Kirchen geschehen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Wie Karl Lagerfeld, der „Halbgott“ der Mode, enden wollte: „Und dann ab in die Mülltone“!

Ein Hinweis von Christian Modehn zum Thema Nihilismus

Es ist für einige sicher etwas verstörend zu lesen, was Tanja Rest in der Süddeutschen Zeitung (20.2.2018, Seite 3) über den, so wörtlich, „erfolgreichsten Modeschöpfer“ Karl Lagerfeld schreibt: „An Gott hat Karl Lagerfeld nicht geglaubt, auch zu seinem Tod hatte er ein Bonmot parat: `Verbrennen, Asche und ab in die Mülltonne“.
Gehen wir davon aus, dass korrekt zitiert wurde…
Wenn ein Bonmot mehr ist als ein Scherz, sondern tatsächlich ein Stück „Lebensweisheit“: Dann gibt dieses Bekenntnis Lagerfelds doch zu denken:
Wer den Glauben an Gott ablehnt (welchen Gott eigentlich? An den Gott der Haute Couture hat Lagerfeld ja heftig geglaubt und damit auch an das große Geld), muss ja nicht gleich zu dieser „Mülltonnen-Lebensweisheit“ gelangen. In der Mülltonne landen, im Dreck, Gestank und Abfall: Ist dies ein würdiges Begräbnis für einen Menschen? Ob dieser nun Karl Lagerfeld heißt oder etwa Charles Champs, ein Verhungerter in Afrika.
Bei diesem Bonmot des „so wunderbaren Modeschöpfers“ kann man also auf dessen Bestattung alsbald gespannt sein: Wahrscheinlich versammelt sich die prominente Trauergemeinde um eine Mülltonne herum, die nach stillem Betrachten des stinkenden Kübels dann – wie in Paris üblich – von afrikanischen Müllmännern abtransportiert wird zur Entsorgung in der Müllverbrennungsanlage.
Ich muss aus philosophischer Perspektive gestehen: Dieses Bonmot Karl Lagerfelds ist, ohne ihm zu nahe zu treten, nichts anderes als die Lebensweisheit eines Nihilisten, eines Modemachers, der im Leben zwar so viel Anerkennung fand, dem aber „letztlich“ dann doch alles scheißegal ist, selbst das Landen der Asche in der Mülltonne. An eine „Seele“, also etwas „Ewiges im Menschen“, hat der bekennende Atheist Lagerfeld ja ohnehin nicht geglaubt oder glauben wollen…Aber was für eine Botschaft hat er für unsere Gesellschaft, die sich mit dem menschenwürdigen Umgang mit dem Tod auseinandersetzt…
Wie hat Nietzsche, sensibel für Veränderungen der Mentalitäten in Europa, den Nihilismus umschrieben? „Nihilismus: Es fehlt das Ziel. Es fehlt die Antwort auf das ´Warum?` Was bedeutet Nihilismus? Dass die obersten Werte sich entwerten.“( Friedrich Nietzsche, Werke, Achte Abteilung, Zweiter Band, Nachgelassene Fragmente Herbst 1887 bis März 1888, Giorgio Colli/Mazzino Montinari (Hrsg.), Berlin 1970, S. 14.).Es ist sicher kein Zufall, dass Wolfgang Joop im Tagesspiegel (20.2.2019, S.3) sich auf Carine Roithfeld bezieht. Sie sagt: „Lagerfeld war ein ÜBERMENSCH“. Schon wieder ein Begriff Nietzsches! Also hatte Lagerfeld im Sinne Nietzsches dann doch als „Übermensch“ den Nihilismus überwunden ? Aber: Die Reste eines Übermenschen im Müll? Das passt auch nicht.
Der „erfolgreichste Modeschöpfer“ und Halbgott der Haute Couture – ein Repräsentant des heute ohnehin weit verbreiteten Nihilismus? Kein undenkbarer Gedanke. Darf man dann etwa sagen: Es lebe der Nihilismus?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Christian Wolff – zur Aktualität eines Philosophen der Aufklärung

Eine Biographie von Hans-Joachim Kertscher
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.Wir leben bekanntlich noch nicht in „aufgeklärten“ Zeiten, sondern immer noch in einer „modernen“ Welt, die um Aufklärung als Prinzip der Gestaltung von Gesellschaft, Staat, Religionen, Kirchen usw. ringt. Das heißt: Die universale Vernunft der Menschenrechte ist noch immer ein fernes Ideal, kein dauerhafter „Zustand“. Wir leben in einem 21. Jahrhundert, das von wahnhaftem Nationalismus bestimmt ist, geführt von wahnhaften Politikern und Präsidenten, die so verrückt sein könnten, die Menschheit ins Verderben zu stürzen.
Darum ist es vielleicht ein kleiner Trost, sich immer wieder mit Gründergestalten der Aufklärung, auch der mühsamen Aufklärung in Deutschland, zu befassen. Wahrscheinlich ist die Geschichte der Aufklärung in Deutschland eine Geschichte des immer wieder neuen Scheiterns der Aufklärung…
2.Seit November 2018 liegt endlich eine ausführliche, vom Autor durchaus als zugänglich, d.h. „populär-wissenschaftlich“ verstandene Biographie des großen Philosophen der Aufklärung (und Universalgelehrten) Christian Wolff vor. Er lehrte in Halle und Marburg. Riesig ist der Umfang seiner Schriften. Wichtig ist auch, dass Wolff einer der ersten war, der die deutsche Sprache in seinen Vorlesungen und Publikationen verwendete und nicht mehr, wie damals üblich, der lateinischen Sprache unbedingt folgte! Viele philosophische Begriffe der deutschen Sprache wie Bewusstsein, Wesen, Eigenschaft, Wirklichkeit usw. hat Wolff in die deutsche Philosophie eingeführt. Eine großartige Leistung, darin folgte er Christian Thomasius! Später hat Wolff noch lateinische Werke verfasst, nur so konnte ein Philosoph damals international bekannt werden und außerordentliche Wirkung erzielen. „Wolff hat den Deutschen die Möglichkeit verschafft, sich ihrer Muttersprache in philosophischen Fragestellungen zu bedienen“, so der Autor des Buches, der Literaturwissenschaftler Prof. Hans-Joachim Kertscher in seiner umfangreichen, 312 Seiten umfassenden Biographie (das Zitat auf S. 104). Das Buch hat den Titel „Er brachte Licht und Ordnung in die Welt. Christian Wolff- eine Biographie“, erschienen im “Mitteldeutschen Verlag“.
3.In dem Buch werden exakt, mit vielen Zitaten (diese sind zum großen Teil leider oft, eher schwer lesbar, in der „alten“ deutschen Sprache des frühen 18. Jahrhunderts wiedergegeben) die verschiedenen Etappen in Wolffs Leben chronologisch beschrieben: Seine Kindheit und Jugend in Breslau (geboren 27.1.1679), sein Studium u.a. der Theologie in Jena. Danach hielt er Vorlesungen in Leipzig… Leibniz lernte Wolff 1707 kennen (S. 98)
Ab 1706 lehrte der Philosoph an Halles Universität vor allem Mathematik und eine Vielzahl anderer Gebiete (wie Meteorologie, Medizin, Ernährung). In Halle kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen mit den sehr frommen Pietisten, die Wolff dann pauschal und unberechtigt des Atheismus beschuldigen. Sie sehen darin wie so oft eine Bedrohung der politischen Ordnung. Kein Wunder, dass der preußische König Friedrich Wilhelm I. den Verleumdern glaubt. Er verfügt brutal, wie er ist, die schnellst mögliche Ausweisung von Christian Wolff aus Halle, ein Skandal ohne Gleichen, der in der damaligen Welt der Intellektuellen entsprechend kommentiert wird. Die Vertreibung Wolffs ist ein Sieg der Pietisten, der Frommen, die eine vernünftige Philosophie und Theologie nicht akzeptieren wollen… Wolf schrieb „Vernünftige Gedanken über Gott“, natürlich wie alle Philosophie ein begrenztes Unternehmen, aber eben nicht falsch, sondern immer gültig, dass man über Gott eben vernünftig reden sollte. Selbst unvernünftige Charismatiker bedienen sich ja für ihre Schilderungen noch der vernünftigen Grammatik… Leider werden entsprechende Verbindungen zur Gegenwart (Muslimische Fundamentalisten, Macht der Evangelikalen in der Politik der USA und in Brasilien usw.) vom Autor nicht gezogen. Gerade solche aktuellen Beziehungen hätten die Leser erfreut und dem Buch und damit Wolff einen großen „Schub an Aktualität“ verliehen….
So wurde also Wolff 1723 aus Halle vertrieben. Er lebte und lehrte dann bis 1740 in Marburg. Friedrich II., der „Alte Fritz“, rief Wolff nach Halle zurück. Dort starb am 9.4. 1754.
Als wichtiger Aufklärungsphilosoph in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird er später von Kant gelobt, von Hegel positiv erwähnt, wenn auch mit entsprechenden Einschränkungen, Wolff sei doch noch einer oberflächlichen „Verstandesmetaphysik“ verhaftet geblieben. Die Beziehungen zu Leibniz bleiben bedeutend, vor allem schließt sich Wolff auf seine Weise der Leibnizschen Überzeugung an, Gott habe als Gott die beste aller möglichen Welten erschaffen.
4.Für unsere Interessen im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin ist die Auseinandersetzung Christians Wolffs mit der chinesischen Philosophie, vor allem mit Konfuzius, sehr wichtig. Dieses Thema wird meiner Meinung nach viel zu kurz von Hans-Joachim Kertscher dargestellt: Er erwähnt zwar die so genannte „Sineser-Rede“ (also die China – Rede Wolffs) aus dem Jahr 1721: Darin lobt Wolff die Sittlichkeits-Idee der Philosophie des Konfuzius, durchaus auch als ein „Muster für das christliche Europa“ (S. 135), solche religiöse Lernbereitschaft von einer „heidnischen Philosophie“ war den frommen Pietisten natürlich unerträglich. Sie wollten die absolute Sonderstellung des Christentums und der Kirche und ihrer Ethik festhalten. Ich meine, diese Konfuzius Rezeption ist eine der zentralen Leistungen von Wolff, darin durchaus einer gewissen „China-Mode“ (etwa in der Kunst, Tapeten etc. ) folgend! Ich empfehle zum Thema Christian „Wolff und China bzw. der autonomen Moral“ den Beitrag der chinesischen Religionswissenschaftlerin Julia Ching (Toronto, Kanada, gestorben 2001) in dem Hans Küng gewidmeten Buch „Gegenentwürfe“ (Piper Verlag, 1988, S. 187 bis 196), sie zeigt u.a. auch, wie durch die Lektüre der Übersetzungen des Jesuiten Francois Noel (1651 – 1729) der Philosoph Christian Wolff schon 1711 mit chinesischer Philosophie vertraut wurde, Julia Ching zeigt, wie die beiden Werke Wolffs über China viel Aufmerksamkeit in katholischen Kreisen fanden (dort S. 194), sogar die strenge Inquisition des Papstes veröffentlichte einen China-Text von Wolff, dies geschah ohne Zustimmung von Wolff, um so größer war die Aufregung! „Die Literatur, die im Laufe der lang anhaltenden Kontroverse (wegen Konfuzius!) zwischen Wolff und den Pietisten entstand, ist wirklich voluminös“, so Julia Ching, S. 194.
5.Der Gesamteindruck: Hans-Joachim Kertscher zeichnet das Bild des Philosophen Christian Wolff, der im Vertrauen auf die Wirkungen der Vernunft lebte, durchaus in einem elementaren Optimismus. Er war überzeugt, dass die Philosophie doch vieles beitragen kann für die Gewinnung der „Glückseligkeit“ in dieser Welt für alle Menschen.

Hans-Joachim Kertscher, „Er brachte Licht und Ordnung in die Welt: Christian Wolff – eine Biographie“. Mitteldeutscher Verlag Halle, 2018, 312 S., zahlreiche Fotos, 25€. (Herausgegeben von der Christian-Wolff-Gesellschaft für die Philosophie der Aufklärung in Halle/Saale)
Sehr empfehlenswert ist auch die so interessant gestaltete Ausstellung im „Wolff-Haus“ von Halle: Große Märkerstraße 10, 06108 Halle (Saale)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Sexueller Missbrauch durch Priester wird viel milder bestraft als die Missachtung der Kirchengesetze

Ein Hinweis von Christian Modehn anlässlich des „Sonder-Gipfels“ der Bischöfe im Vatikan vom 21.bis 24.Februar 2019
Siehe auch den Beitrag: Auf Bittschriften reagiert der Vatikan nicht. LINK

Was hat dieser folgende Bericht mit dem sexuellen Missbrauch durch Kleriker zun tun? Schärfer werden vom Vatikan Priester bestraft, die gegen die formalen Kirchengebote des Vatikans verstoßen, als solche, die gegen die Menschlichkeit verstoßen. Diese werden „nur“ laisiert; die anderen, die sich vom Vatikan absetzen und vom Papst, werden mit der schlimmsten Strafe bestraft, der Exkommunikation. Das sagt alles über das klerikale System.

Erzbischof und Kardinal Edgar McCarrick (emerit. Erzbischof von Washington DC) wurde nach einem Strafprozess im Vatikan jetzt in den Laienstand versetzt. Ihm werden und wurden schon vielfache „Verstöße gegen das 6. Gebot“ vorgeworfen…Die entsprechenden Einzelheiten wurden und werden in der Presse verbreitet.
Diese Bestrafung eines sehr hohen Klerikers soll ein Signal sein zum Auftakt der großen Beratungen über sexuellen Missbrauch durch Kleriker. Der Papst will förmlich „urbi et orbi“ zeigen, wie ernst er es meint im Umgang mit „Tätern“ in der Kirche. Diese Beratung der Leiter der Bischofkonferenzen aller Länder vom 21.bis 24. Februar 2019 im Vatikan soll Klarheit schaffen hinsichtlich des zahlreichen sexuellen Missbrauchs durch Kleriker. Noch ist kein Ende abzusehen, in welchen Ländern von den Belästigungen und Untaten noch ausführlich berichtet wird, vielleicht endlich in Polen etwa oder Indien oder auf den Philippinen usw. Auch die Tatsache, dass dieser „bischöfliche Sonder-Gipfel“ im Vatikan weitgehend eher eine interne Sache der Kleriker bleibt unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit, soll hier nicht weiter vertieft werden. Auch von den immensen Kosten dieser bloßen Debatten-Veranstaltung, alle Bischöfe reisen mit dem Flugzeug an, soll nicht weiter erläutert werden…

Hier geht es um eine entscheidende Nuance im katholischen Kirchenrecht, die zu verstehen alles andere als esoterisches Wissen ist.

1.Erzbischof McCarrick wird also als Kleriker in den Laienstand versetzt. Und dies gilt für den Papst und die Bischöfe als Strafe, also als Degradierung, als Verlust hervorragender klerikaler Auszeichnungen und Privilegien.
Diese Strafe ist Ausdruck des hierarchischen Denkens der katholischen Kirche: Kleriker sind „auserwählte“ Amtsträger in Leitungsfunktionen, eigentlich von Christus persönlich gerufen und ausgewählt.
Aber die Frage muss gestellt werden: Warum ist es schlimm, Laie zu werden? Warum gilt das als Strafe, Laie zu sein? Dies wird nur verständlich, wenn man das immer noch gültige Konzept der Hierarchie, die Überordnung des Klerus über den Laien, berücksichtigt. Die Strafe, als Ex-Kleriker nun Laie zu sein, bedeutet vor allem auch oft eine Verschlechterung der äußeren, materiellen Lebensumstände. Ein Laie muss meistens von seiner Hände Arbeit leben, also auch ein in den Laienstand versetzter Kleriker. Für den 88 Jährigen – jetzt Mister – McCarrick wird diese Form der „Handarbeit“ wohl jetzt nicht mehr in Frage kommen. Aber er bleibt eben in der Kirche und der kirchlich denkenden Gesellschaft ein „Gezeichneter“, einer, den man eher meidet.
Es ist also das immer noch vorhandene hierarchische Denken, das in dem Falle wieder deutlich wird, also das Zweiklassensystem, hier die auserwählten und privilegierten Kleriker, dort die minderen Laien. Diese innerkirchliche Klassenspaltung ist prinzipiell, nicht immer faktisch, in protestantischen Kirchen aufgehoben.

2.Genauso wichtig ist die Erkenntnis: Kleriker, die gegen Kirchengebote und Kirchengesetze verstoßen, werden vom Vatikan viel drakonischer bestraft: Sie werden exkommuniziert, also aus der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen. Das ist für die Betreffenden viel heftiger, als in den Laienstand versetzt zu werden. Wer exkommuniziert ist, darf nicht mehr an den Sakramenten der römischen Kirche teilnehmen, falls er dies noch wünschen sollte.
Aber entscheidend ist: Exkommuniziert werden Kleriker, nicht etwa, wenn sie gegen die Menschenwürde von Kindern und Jugendlichen verstoßen haben. Also etwa sexuellen Missbrauch begangen haben. Die Attacken gegen das Humane sind eher zweitrangig. Da urteilt die Kirchenführung milder. Sehr viel verbrecherischer ist es in vatikanischer Sicht, wenn diese Kleriker etwa unerlaubt Bischöfe weihen, wie dies der traditionalistische, aber zu dem Zeitpunkt immer noch römisch-katholische Erzbischof Marcel Lefèbvre 1988 tat und sich die Freiheit nahm, 1988 vier von ihm ausgebildete Priester OHNE ERLAUBNIS des Papstes zu Bischöfen zu weihen. Diese Weihen sind ja nach dem Kirchenrecht gültig, wenn auch unerlaubt. Die Konsequenz in Rom war: Lefèbvre wurde exkommuniziert. An der obersten Autorität der Kirche zu rütteln ist ein viel schlimmeres Verbrechen, als Kinder sexuell zu missbrauchen, was das Strafmaß angeht.
Darum merke: Vergehen gegen die Kirchengebote werden bei Klerikern stärker bestraft als Vergehen gegen die Menschlichkeit.
Man denke auch daran, dass der katholische Theologe Gotthold Hasenhüttl vom Bischof von Trier exkommuniziert wurde, weil Hasenhüttl aus der Kirche als gesellschaftlicher Organisation (nicht als Glaubensgemeinschaft) ausgetreten war.
Kürzlich wurde noch ein Priester in Palermo (Alessandro Minutella) exkommuniziert, weil er im Rahmen seiner traditionalistischen Theologie Papst Franziskus heftigst kritisierte.
Schon in den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts hatten die französischen Arbeiterpriester unter heftigsten Schikanen zu leiden: Der Papst wollte nicht, dass Priester in den Fabriken als Arbeiter unter Arbeitern tätig sind, er drohte mit der Exkommunikation, wenn diese Tätigkeit nicht eingestellt wird. Warum? Weil die Arbeiterpriester die strikte Trennung von Klerus und Laie verwischten. Priester sollten etwas ganz Besonderes, Herausgehobenes, bleiben.

3.Heute erlebt die Welt, wie schon früher auch, dass so viele dieser „herausgehobenen“ Kleriker alles andere als herausgehobene Vorbilder der Heiligkeit sind.
Das Image des Klerus ist definitiv dahin. Da kann auch keine „Sondersynode“ wie jetzt in Rom Abhilfe schaffen.
Die einzige Abhilfe wäre, die bevorzugte und privilegierte Sonderstellung des Klerus abzuschaffen und nur noch gleichgestellte und gleich wertvolle Christen in der Kirche zu haben, mit unterschiedlichen Aufgaben zwar, aber eben ohne Hierarchie.

4.Aber um dahin zu kommen (äußerst unwahrscheinlich bei der Macht im Vatikan), muss die Bibel kritisch gelesen werden. Vor allem muss die Ideologie abgebaut werden, Jesus von Nazareth, ja selbst der liebe Gott, hätte den Klerikerstand gewollt. Auch der offizielle universelle Katechismus müsste umgeschrieben werden, wird doch da –entgegen aller theologisch-kritischen Forschung- in § 874 noch betont: “Christus selbst ist der Urheber des Amtes in der Kirche“ . Und alle Reformations – Hoffnungen werden zu Schanden, wenn man in § 765 lesen muss: “Der Herr Jesus gab seiner Gemeinschaft eine Struktur, die bis zur Vollendung des Reiches (sic) bleiben wird. An erster Stelle steht die Wahl der Zwölf (Apostel) mit Petrus als ihrem Haupt (sic), sie repräsentieren die zwölf Stämme Israels ….usw. usw. Der Katechismus geht noch weiter und versteigt sich dann zu der These, in § 760: „Die Kirche – schon seit dem Ursprung der Welt vorausgestaltet“ (Man könnte also denken: Adam der erste Priester und Eva, die erste verführerische Laiin) Und in § 761 f. heißt es sehr christlich – herrscherlich: „Die Kirche – im Alten Bund vorbereitet“, unter Kirche ist selbstverständlich immer die römische zu verstehen. Also gab es die ersten Katholiken schon (heimlich ?) unter den Juden im Volk Israel?
Aus dieser klerikalen (und im Blick auf die ganze Weltgeschichte und Israel durchaus imperialen!) Theologie gibt es kein Entkommen mit Reformen und Reförmchen. Da hilft vielleicht nur eine neue Reformation… Aber – siehe Luther –der Klerus klammert sich mit aller Gewalt gegen Reformationen…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Auf Bittschriften reagiert der Vatikan nicht. Eingaben der Gläubigen sind sinnlos!

Ein Hinweis von Christian Modehn. am 10.2.2019

Gibt es eine Petition, eine Eingabe, einen Aufruf, eine Unterschriftensammlung usw. von katholischen Laien, Priestern und Theologen, die auch nur den leisesten Schimmer von Erfolg hatten bei den höchsten amtlichen Leitern der katholischen Kirche, also dem Papst und seinem Bischofskollegium.

Wie viele Unterschriftensammlungen („Wir sind Kirche“), wie viele Bittbriefe, wie viele Reformvorschläge wurden von der „Basis“ der herrschenden Kleriker-Spitze übergeben: Alles war vergeblich. Und es musste vergeblich sein, und wird vergeblich sein. Das ist eine nüchterne Einsicht, der sich aber alle Unterschriftensammler und „Eingaben-Schreiber“ widersetzen. Sie wissen es, aber ignorieren die Erkenntnis: Die katholische Kirche in ihren gottgewollten, ewigen Strukturen und Gesetzen wird einzig von den bestimmenden herrschenden Klerikern definiert. Wenn diese nicht eine noch so geringe Veränderung wollen, passiert gar nichts! Da können millionenfach Bittschriften im Vatikan landen. Denn einzig Papst und Bischöfe verfügen über die Interpretation der Texte des Neuen Testaments, und behaupten dabei sehr machtbewusst, Jesus Christus persönlich habe dies so gewollt. Sie lesen also diese neu-testamentlichen Texte in der Form, als hätten letztlich nur sie, Papst und Bischöfe, von Christus den Auftrag erhalten, „in seinem Namen und in seiner Vollmacht zu lehren, zu heiligen und zu leiten“ (so der offizielle, weltweit für alle Katholiken geltende „Katechismus der katholischen Kirche“, 1993, § 873).

Noch einmal: „Der Klerus allein lehrt, heiligt“ (was immer das aktuell in den Skandalen um den sexuellen Missbrauch durch Priester bedeuten mag) „und leitet“. Wer diese angeblich gottgewollten Verhältnisse als Laie, als „Basis“ der Kirche, nicht akzeptiert, läuft gegen die viele Meter hohen Mauern, die den Vatikan von der Welt trennen.

Ist das für die Petitionsschreiber so schwer zu verstehen? Offenbar! Sie vergeuden ihre wertvolle Lebenszeit mit solchen Bittbriefen, Bettelbriefen: „Lieber Herr Kardinal, seien Sie doch mal treu dem Evangelium und nicht den Kirchengeboten, hören Sie uns doch bitte mal…“ Das ist der ewige Grundtenor der Bettelbriefe. Sie wirken irgendwie kindlich. Es sind die „Schäfchen, die ihre Hirten anbetteln“. Sie können bestenfalls das Gewissen von Päpsten und Bischöfen etwas ankratzen. Aber Reformen sind von Päpsten und Bischöfen nicht zu erwarten, geschweige denn eine wahrlich Reformation! Denn das würde ihre Macht reduzieren und sicher auch ihren finanzielle guten Status.

Selbst das so genannte Reformkonzil des 20. Jahrhundertes, also das 2. Vatikanische Konzil, hat an der Allmacht des Klerus nichts geändert. Diese ist eine Art feste und fixe DNA-Struktur des Katholizismus, sagte sehr treffend der Bischof von Hildesheim, Dr. theol. Heiner Wilmer.

Papst und Bischöfe sind, was die Kirchenstrukturen und die dogmatischen Lehren angeht, also allmächtig. Sie können de facto ungeniert machen, was sie wollen: Etwa Pfarr-Gemeinden gegen den Widerspruch der Gläubigen zusammenlegen, einzig deswegen, weil der Klerus fehlt. Auf den Gedanken, Laien, Nonnen oder verheirateten Priestern diese Gemeinden als Leiterinnen anzuvertrauen, wollen die Herren nicht kommen. Und wenn im Februar 2019 in Rom diese führenden Herren Bischöfe über sexuellen Missbrauch ihrer lieben, so oft vor den Gerichten geschützten Mitbrüder debattieren, bleiben diese Herren weitgehend unter sich, ohne die ständige Anwesenheit und Mitsprache der Vertreter von Organisationen der Opfer. Selbst die Beschlüsse von Synoden der katholischen „Landes“-Kirchen, etwa einst in Holland oder der Bundesrepublik usw. haben überhaupt keine Bedeutung, sie sind für die Herren der Kirche bestenfalls interessante Hinweise. Diese Synoden waren und sind immer wieder im Blick der römischen Prälaten nette Beschäftigungstherapien und Papierfluterzeugungen…

Freundlicherweise hat der genannte offizielle Katechismus in § 907 aber dann doch (klein gedruckt ) nicht auf den Hinweis einer gewissen Mitwirkung der Laien verzichten wollen. Denn in diesem Paragraphen wird den Laien das „Recht und bisweilen die Pflicht“ zugestanden, ihre Meinung zu dem, was das Wohl der Kirche angeht, den geistlichen Hirten mitzuteilen“. Über die tatsächliche Bedeutung oder gar Wirkung dieser Mitteilungen (manche Laien sind ja froh, wenn ihre Bittschriften überhaupt gelesen werden, wie etwa die vielen Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester) bei den „geistlichen Hirten“ wird im Katechismus gar nichts gesagt. Hingegen werden dort, im § 907, die mitteilenden Laien ermahnt, bei diesen ihren Schreiben auf die „Unversehrtheit des Glaubens und der Sitten und der Ehrfurcht (sic) gegenüber den Hirten“ zu achten! Also bitte nett und höflich bleiben und immer brav-gehorsam…

Außerdem sollen die mitteilenden Laien den „allgemeinen Nutzen“ ihrer Schreiben beachten und die Würde der Personen achten“… Was soll dieser § mit allen seinen Einschränkungen? „Haltet den Mund ihr Laien, eure Schreiben sind so wieso irrelevant für uns Herren der Kirche“. Das ist belegbare historische Erfahrung seit Jahrhunderten. Und auch der jetzige Text der wenigen Petitionsschreiber um Pater Mertes (von Anfang Februar 2019) hat doch eher noch den milden Bittsteller Ton. So reden Verängstigte und Gehorsame gegenüber ihren hohen Autoritäten. Warum schreiben sie nicht: Wir werden uns gewaltfrei, aber wirksam Einlass suchen bei euren Bischofsdebatten zum sexuellen Missbrauch. Wir werden die Eingangstüren des Versammlungsraumes blockieren, so wie einst Wiener Katholiken dem reaktionären Weihbischof und Ratzinger Intimus Kurt Krenn den Zugang in den Wiener Stephansdom versperrten“. So sieht geistlicher Widerstand aus, er hat mit den ewigen netten Petitionen nichts zu tun.

Aber: Warum werden dennoch Petitionen etc. von Laien, von Priestern und Theologen der „Basis“ nach Rom oder an Leiter von Bischofskonferenzen permanent geschrieben: Weil diese armen Laien und Priester der Basis offenbar keine andere Möglichkeit sehen, überhaupt noch ihre Wut irgendwohin zu kanalisieren. Austreten wollen sie nicht, können sie nicht, dazu sind sie zu gehemmt, zu gehorsam. Das Hauptproblem ist ein Glaubensproblem: Tatsächlich wird der Glaube bei Katholiken immer auf den Glauben an diese vorgegebene Kirchenordnung umgelenkt. ABER: Die Kirche ist ein weltlich Ding, das wagt kaum ein Katholik zu denken, geschweige denn danach zu leben. Gerade den Priestern wurde es eingeimpft, dass diese Kirche des allen herrschenden Klerus der liebe Gott so will! Was für eine Gotteslästerung. Oder ist man immer noch so naiv und hofft auf bessere Zeiten, „bei diesem Papst Franziskus“, sagt man dann mit schwärmerischem Blick in ferne Zukunft.

Auf andere Gedanken kommen diese zornig – hilflosen Katholiken der Basis nicht: Ist diese Frage wirklich so abwegig: Man könnte ja durch eine Konversion von sehr vielen Tausend Katholiken in die Lutherische Kirche oder die Reformierte oder progressive liberale und freisinnige (natürlich nicht die evangelikalen oder pfingstlerischen Gemeinschaften) protestantische Kirchen spirituell bereichern! Oder die ewig unzufriedenenKatholiken könnten unabhängige progressive christliche Gemeinden gründen, siehe etwa die Gemeinde Dominikus oder Studentenecclesia (Huub Oosterhuis) in Amsterdam

Dann würde dieses katholische Syndrom aufhören, dass der Glaube sich letztlich erschöpft in einem Sichärgern über die Kircheninstitution.

Christentum gibt es ohnehin nur in Pluralität! Und diese katholische Kirche mit 1,3 Milliarden Mitgliedern kann ohnehin nicht länger auf allen Kontinenten das gleiche Gesicht, die gleiche Liturgie, die gleichen Ämter haben. Warum soll man nicht eine katholische Kirche Afrikas, eine katholische Kirche Lateinamerikas mit eigenen Ordnungen etc. haben. Der alte römische Zentralismus passte vielleicht noch ins 19. Jahrhundert. Er ist heute in der Praxis eine Katastrophe. Das würde selbstverständlich zu einem Ende der jetzigen Form des Papsttums führen, es gäbe dann mehrere „Ober-BischöfInnen“ auf allen Kontinenten, die synodal – demokratisch diese plurale katholische Kirche leiten. Erst dann hätte diese Kirche angesichts der kulturellen Vielfalt den Namen „katholisch“ verdient…Aber das ist absoluteste Zukunftsmusik, ein ferner Traum, denn eher werden die klerikalen Greise in Rom an allem Bestehenden festhalten und dies mit ihrer dogmatischen Gewalt verteidigen.

Und das wäre am wichtigsten: Nicht nur die Amtsstrukturen müssen dringend Richtung Demokratie, Synode etc. verändert werden. Vor allem muss die dogmatische Lehre seit Jahrhunderten mit den ewig selben Formeln und Floskeln entrümpelt werden. So viele dogmatische Sprüche versteht kein Mensch mehr. Gott sei Dank! Ein einfacher, jesuanischer Glaube in Offenheit für andere Religionen und Spiritualitäten, in politischer Verantwortung für diese zerrissene Welt wäre dann lebendig. Also: Entrümpelt auch die Dogmen, schreibt einen Katechismus, der nicht wie der jetzige 816 Seiten umfasst, sondern nur 8 bis 10 Seiten. Der ganze christliche Glaube ließe sich auf den wenigen Seiten als VORSCHLAG und EINLADUNG formulieren. Die katholischen Theologen sollten es doch mal probieren. Oder haben sie als gehorsame Schäfchen auch noch Angst, dass ihnen die vatikanische Lehrerlaubnis entzogen wird. Aber das wäre in der Tat eine Befreiung für eine freie katholische Theologie-Wissenschaft. Weiterarbeiten ohne vatikanische Kontrolle, welch ein Gewinn für die Theologie, die freie Wissenschaft sein will.

Zusammenfassend: Nicht ein paar freundlich gewährte Reformen sind nötig, sondern eine neue Reformation der römischen Kirche ist geboten! Und: Jeder religiöse und fragende und zweifelnde Mensch sollte wissen: Um die je eigene Beziehung zu Gott, zum Göttlichen, zu leben, braucht man nicht autoritäre Kirchen. Die je eigene Mystik wird die Antwort der Zukunft sein, für Menschen, die, trotz der Kirchenmisere, ihren je eigenen Glauben pflegen und in kleinen Kreisen besprechen und feiern.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Katastrophen abwenden: Zur Aktualität des russischen Philosophen Nikolaj Berdjajew

Ein Hinweis von Christian Modehn
In diesen Monaten wird der Revolutionen gedacht, der russischen, sowie jetzt der Revolution in Deutschland 1918/1919.
1.An einen aus Russland stammenden Philosophen sollte man sich in dem Zusammenhang erinnern, an Nikolaj Berdjajew. Er lebte nach seiner Vertreibung durch die Kommunisten 1922 etwa zwei Jahre in Berlin, danach bis zu seinem Tod am 23. März 1948 in Frankreich, vor allem in Paris.
2.Russische Philosophen in der Mitte des 20. Jahrhunderts – das ist ein Thema, das in Deutschland wenig beachtet wird. Alles Interesse galt (und gilt ?) dem Marxismus, dem Leninismus, Stalinismus in diesen Jahrzehnten. Dabei werden die auch dem Zarenregime oppositionellen Philosophen eher vergessen.
3.Dabei ist eine Gestalt wie Nikolaj Berdjajew herausragend, zweifellos ein „Russe im westlichen Exil“. Aber er ist keineswegs wie so andere „Russen im westlichen Exil“ ein Reaktionär, er ist kein Philosoph, der den radikalen sozialen und politischen Wandel überflüssig und falsch findet.
4.Man sollte sich an Berdjajew erinnern, weil er einen anderen Stil von Philosophie pflegte: Der die Philosophie in kleineren „Kreisen“, in „Zirkeln“, lebendig werden ließ, also in Orten, die sich außerhalb des (staatlich reglementierten) Universitätsbetriebes befanden. Zu diesen eher privaten „Kreisen“, schon seit etwa 1840 eine Realität, gehörten auch Dichter und Schriftsteller, im 19. Jahrhundert etwa auch Dostojewski. Dichtung, Poesie, und Philosophie waren eng verbunden! Wilhelm Goerdt nennt diese „Kreise“ in seiner großen empfehlenswerten Studie „Russische Philosophie“ (Freiburg/München 2002, S. 63) „Laboratorien des Geistes“. „Hier pulsiert das philosophische Leben“.
Diese „Kreise“ existierten in Russland zum Teil, immer bedroht, sogar nach dem Sieg der Bolschewisten bis 1922. Berdjajew gründete eine „Freie Geisteskultur“ im Jahr 1918 in Moskau, Treffpunkte waren zu der Zeit manchmal sogar noch offizielle (staatliche) Bildungsstätten, “weil in diesen Jahren der Totalitarismus des Sowjetstaates noch nicht endgültig vom ganzen Leben Besitz ergriffen hatte“ (schreibt Wilhelm Goerdt, S. 78).
Nach der Niederwerfung des Ungarnaufstandes 1956 gab es in Leningrad sogar einen „Kreis“, der sich auf den inzwischen in Paris verstorbenen Berdjajew berief und sein Werk studieren wollte! Mit viel Mühe gelang es einigen Mutigen, die von den Kommunisten unter strengem Verschluss gehaltenen Werke Berdjajews zu erreichen und einiges mit der Hand abzuschreiben (vgl. Goerdt, S. 91). Dieser freie philosophische Lesekreis wurde „selbstverständlich“ vom KGB aufgelöst und verboten. Unter Stalin wurde selbst ein minimaler Pluralismus innerhalb der parteilichen Sowjetphilosophie verboten.
5.Es ist also diese bis 1922 gültige „Doppelstruktur“ russischer Philosophie, ihre Präsenz in „Kreisen“ UND an Universitäten, die wichtig und „typisch“ ist. In wieweit die philosophischen Salons (Diderot usw.) im Vorfeld der Französischen Revolution als Vorbild dienten, wäre zu untersuchen.
6.Nikolaj Berdjajew – aus „aristokratischem“ Hause stammend, geboren am 6.3.1874 in Kiew, Russisches Kaiserreich – bekannte sich schon in den 1890 Jahren zum Marxismus, er wurde deswegen vom alten Regime deswegen verhaftet und verbannt. Als sich radikale Kräfte in der revolutionären Bewegung, die Bolschewiki, mit Gewalt durchsetzen, geht er auf Distanz zum parteipolitisch organisierten Marxismus. Nikolaj Berdjajew wird 1922 von Kommunisten des Landes verwiesen. Die Revolution hält er nach wie vor für notwendig. Auch unter den russischen Emigranten hält er daran fest.
In Berlin und dann in Paris gründet er wieder philosophische Gesprächskreise, „Kreise“, philosophische „Salons“. In Berlin ist dies die „russische religionsphilosophische bzw. religiös –philosophische Akademie“. In Paris lädt er in seiner Wohnung zu einem philosophischen Gesprächskreis ein.
7.Zum philosophischen Denken Berdjajews nur einige Hinweise: Er stellt den Gedanken der Krise und der sich aus Krisen entwickelnden Katastrophen in den Mittelpunkt. Das Ende der Welt der Menschen ist möglich, aber auch abzuwenden: Inmitten der Krise, so Berdjajew, können schöpferische, positive Kräfte wach werden.
Freiheit und Nonkonformismus bestimmen sein geschichtsphilosophisches Denken. Östliches (russisches) und westliches Denken sollten sich angesichts der Krise versöhnen und vereinen: Eine geistige Grundlage für ein versöhntes Europa sieht er in einer neuen, universalen, ökumenischen Kirche. Deswegen sein Interesse am Austausch mit katholischen und protestantischen Theologen und Philosophen.
8.Die kritische Auseinandersetzung mit dem Sowjet-Kommunismus bleibt Berdjajews Thema: Nicht das Kollektiv, sondern der freie Mensch, die Persönlichkeit, muss gefördert werden, betont er. Nur eine freie Persönlichkeit kann die Gesellschaft menschlich gestalten. Persönlichkeit, so schreibt er, ist der Sieg des Geistes über die Natur, der Freiheit über die Notwendigkeit. Knechtschaft darf es niemals geben, auch nicht in der Beziehung zu Gott. Das ist Berdjajews spekulative Leistung: „Freiheit gründet im Urgrund“, „uranfänglich“, eine Vorstellung, die an Jacob Böhme erinnert.
Die wahre klassenlose Gesellschaft achtet jeden Menschen als Persönlichkeit, sie hat Respekt vor der Gewissensentscheidung eines jeden. Der in der Sowjetunion etablierte Kommunismus ist für Berdjajew eine (falsche) „politische Religion“, also der Glaube an die Machbarkeit einer vollkommen gerechten Gesellschaft in der Zukunft. Dieser Glaube ersetzt förmlich den alten russisch-orthodoxen Glauben. Berdjajew sieht in der Begeisterung vieler Russen für den Kommunismus eine Aktualisierung des alten Glaubens an eine messianische Sendung des orthodoxen Russlands (Moskau als 3. Rom).
9.Mit dem sozialistischen Theologen und Slavisten Fritz Lieb aus der Schweiz verbindet Berdjajew eine intensive Freundschaft, Lieb besucht Berdjajew 1933 nach Clamart, bei Paris. Sie geben unter vielen Schwierigkeiten eine neue Folge der Zeitschrift „Orient und Occident“ heraus. Beide interessieren sich für die geistige Verbindung von biblischer Weisheit und den Lehren von Karl Marx.
10.In seinem wichtigsten Buch gegen Ende seines Lebens: „Selbsterkenntnis. Versuch einer philosophischen Autobiographie“, Paris 1949) schildert Berdjajew seine menschliche, seine philosophische Entwicklung. Leider ist auch dieses Buch in deutscher Sprache schwer erreichbar!
Philosophie war für ihn stets mit den eigenen Lebens-Erfahrungen verbunden, nie bloß akademische Lehre von Philosophen für Berufsphilosophen. Autobiographie ist “ein Akt existentieller philosophischer Selbsterkenntnis“.
Berdjajew – ein Denker, der stets Außenseiter sein wollte, der niemals einen Konformismus unterstützte, der deswegen auch seine Konflikte mit der orthodoxen Kirchenleitung hatte: So war für ihn (gar nicht der orthodoxen Lehre gemäß !) göttliche Gnade bzw. göttliche Erlösung keine einseitige Tat Gottes, sondern immer auch aktive Tat, freie Entscheidung, des Menschen. Eine weiter zu bedenkende moderne Theologie!
11.Als Motto für Berdjajew könnte seine Aussage gelten:
„Den allergrößten Wert lege ich auf Unabhängigkeit und auf meine Freiheit als Denker. Und so passe ich in kein Lager hinein“ (zit. in Goerdt, S. 79)

Und vor allem: Er glaubte daran, „dass sich der freie Gedanke unterirdisch in Russland (während des Stalinismus) verbreitet und dass er lebendig bleibt“ (ebd.)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

“Gläubige sind keine freien Geister”. Anlässlich des 30. Todestages von Thomas Bernhard am 12. Februar 2019

„Gläubige sind keine freien Geister“
Dieser Beitrag wurde in kürzerer Form schon anlässlich des 80. Geburtstages von Thomas Bernhard am 9. Februar 2011 veröffentlicht.
Von Christian Modehn

Inspirierende Religionskritik findet sich „naturgemäß“ nicht nur in explizit philosophischen Texten. Einer der wichtigsten religionskritischen Literaten und Dichter ist zweifellos der Österreicher Thomas Bernhard. Anlässlich seines 80. Geburtstages gilt es, sich einmal mehr zu vergewissern: Sein Denken lebt, auch wenn seine Texte, auch die religionskritischen Passagen, nicht einem bestimmten „Programm“ dienen, nicht auf „Weltverbesserung“ aus sind. Seine Arbeiten „sind allesamt Bruchstücke einer Rebellion…diese Rebellion war sich selbst genug, sein Werk ist enragiert, jedoch niemals engagiert“ (so Marcel Reich Ranicki, in der Rede „Sein Heim war unheimlich“, FAZ vom 24. 2. 1990).

Thomas Bernhard wurde am 9. Februar 1931 im niederländischen Heerlen geboren, weil nur dort seine Mutter das uneheliche Kind zur Welt bringen konnte.
Die Liste seiner großen Romane und Theaterstücke muss hier nicht wiedergegeben werden. Gestorben ist Thomas Bernhard am 12. Februar 1989 in Gmunden, er wurde am 16. Februar 1989 auf dem Grinzinger Friedhof bestattet (neben einer seiner ganz wenigen langjährigen Vertrauten, seiner freundlichen Begleiterin Hedwig Stavianicek: Er nannte sie liebevoll einen „Lebensmenschen“). Ein wunderbarer Titel, wo so viele Menschen eher nicht hilfreiche Lebens-Menschen sind…

Deutlich ist, dass die Arbeiten von Thomas Bernhard nicht „allzu biographisch“ gelesen werden dürfen. Dennoch ist es auch keine Frage, dass seine Romane vieles persönliche Erlebte reflektieren, eben auch Erfahrungen mit der katholischen Kirche vor allem in Österreich. Joachim Hoell spricht in „Thomas Bernhard- ein Porträt“, DTV) etwa im Blick auf den Roman „Holzfällen“ von einer „fiktional-biografischen“ Dimensionen, vieles sei „autobigrafisch“ (S. 135) geprägt.  Nur nebenbei: Die häufige Verwendung von Ortsnamen z.B. in seinem Werk hat doch wohl das Ziel, seinen Texten viel Authentizität zu geben, der Leser soll und kann auch kaum an der Faktizität des Gesagten zweifeln. Bestimmend ist für Bernhard die schon frühe Erfahrung schwerer, unheilbarer Krankheit. „Er konnte nicht existieren, ohne zu schreiben, und er wollte nicht existieren, ohne sich gegen das Elend seiner und unserer Existenz zu empören„. (M. Reich – Ranicki, ebd.)
Religionskritik ist sicher nicht das Hauptthema Bernhards. Wahrscheinlich geht es ihm zentral um die Suche nach Vollkommenheit, vor allem nach einer Vollkommenheit im Leben, die in der Kunst vermittelt wird. In „Holzfällen“ wird deutlich, wo „wahres Leben“ gesucht werden sollte: Nicht in der Verlogenheit der städtischen, intellektuellen Gesellschaften! In „Holzfällen“ sagt der Burgschauspieler: „In die Natur hineingehen und in dieser Natur ein – und ausatmen und in dieser Natur nichts als tatsächlich und für immer Zuhause zu sein, das empfände er als das höchste Glück…Der Gedanke, nichts anderes als Natur zu sein. Wald, Hochwald Holzfällen, das ist es immer gewesen…“ (S. 302, Holzfällen, Suhrkamp, 1984). Nicht die dogmatischen Lehren und Ideologien haben höchsten Rang in der Sehnsucht nach Vollkommenem, sondern: das Leben mit der Natur!

Aber diese Erfahrungen und Einsichten werden für Bernhar völlig überdeckt von Verfall und Zerstörung. Zu den destruktiven gesellschaftlichen Kräften zählte Bernhard u.a. die österreichische Staatsbürokratie und die katholische Kirche. Aber es ist ein LEIDEN an einer (persönlich erlebten!) Kirche, das er deutlich und provozierend beschreibt. Die Kirche bewertet Bernhard nach seiner vertrauten Art eher pauschal und kategorisch, das ist sein „Stil“, durchaus in einer von ihm selbst auch so gewollten „Kunst der Übertreibung“. Bernhard meinte, nur in der Übertreibung erschließe sich bei einer „stumpfsinnigen Masse“ noch die Wahrheit. „Um etwas begreiflich zu machen, müssen wir übertreiben“, so in dem Roman „Auslöschung“.

Der philosophischen (und hoffentlich auch theologischen) Religionskritik steht es gut an, sich mit Thomas Bernhard sehr genau zu befassen und nach der Wahrheit seiner Erkenntnis zu fragen. Und diese kann und soll für manche eher irritierend sein; hilfreich ist sie in jedem Fall!
Was sagt Bernard über die Religion, die bei ihm vor allem als Katholizismus erscheint?
Nur einige Hinweise:
Der 13 Jährige Thomas Bernhard kam 1944 in ein „Schulknaben-Asyl“ in Salzburg; 1945 wurde das von Nazis geprägte Heim in das streng katholische „Johanneum“ umgewandelt. In seinem Buch „Die Ursache“ beschreibt Bernhard, wie geringfügig der Übergang von einem Naziheim in ein katholisches Heim war. Die Züchtigung der Insassen blieb, die rigide Hausordnung ebenso, Bernard spricht von einer schwarz-braun-schwarzen Kontinuität…Ein heutiges Thema, in Zeiten des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker.
Mit besonderer Ausführlichkeit wird der österreichische Katholizismus der Nachkriegszeit bis Ende der 1980 Jahre in dem letzten großen Roman „Auslöschung. Ein Zerfall“ (1986) gewürdigt. Der Protagonist Franz Josef Murau versucht, sich von der von der Last der Vergangenheit seiner familiären, katholisch dominierten Heimat Wolfsegg zu lösen, einem Ort, an dem immer noch ehemalige Gauleiter und katholische Würdenträger vereint und versöhnt auftreten. Murau wendet sich an seinen Freund Gambetti, wenn er sagt: “Wir sind katholisch erzogen worden, hat geheißen, wir sind von Grund auf zerstört worden, Gambetti. Der Katholizismus ist der große Angsteinjager, der große Charaktervernichter des Kindes…Die katholische Kirche hat den zerstörten Menschen auf dem Gewissen, den chaotisierten, den letzten Endes durch und durch unglücklichen, das ist die Wahrheit…Die katholische Kirche duldet nur den katholischen Menschen, keinen anderen… Sie macht aus Menschen stumpfsinnige Kreaturen, die das selbständige Denken vergessen… Die Katholiken lassen die katholische Kirche für sich denken und dadurch auch für sich handeln, weil es ihnen bequemer ist, weil es ihnen anders nicht möglich ist“. (Auslöschung, Suhrkamp Verlag, 1. Aufl., 1986, S. 141 f.).
Das ist für Bernard der Skandal: Die Kirche macht aus Menschen nur noch „Gläubige“, ideologisch indoktrinierte Wesen, denen die Ganzheit des Lebendigen abhanden kommt. „Gläubige sind keine freien Geister“; für Bernhard besteht das Ziel des Lebens, wenn man das überhaupt bei ihm so sagen darf, „ein freier Geist“ zu werden.
Zur ewigen Zölibatsdiskussion hat Bernhard auch etwas beigetragen, als er (in „Auslöschung“) Erzbischof Spadoloni (Rom) als den intimen Freund der Mutter seines Protagonisten darstellt (siehe ebd. etwa S. 282f.). Und, als hätte er z.B. den Umgang der Kirche mit pädophilen Verbrechen durch Kleriker zu Beginn des 21. Jahrhunderts geahnt, schreibt Bernhard: Die Katholische Kirche handelt immer nur zu ihrem eigenen Vorteil, schweigt dort, wo zu reden ist, verschanzt sich, wenn es ihr zu gefährlich ist hinter dem jahrtausendelang ausgenutzten Jesus Christus“ (ebd. S. 460).
Auch in anderen Texten wird immer wieder das Thema Religion/Katholizismus thematisiert, etwa in „Der Kulterer“. Dort verbindet Bernhard die Vorstellung von Gefängnis mit dem Begriff Kloster. In „Beton“ wird der Präsident der Caritas als ein Priester beschrieben, der „ein Partyfuchs ist, der galant die Hand küsst und weinerliche Caritasbettelei betreibt“.

In dem Roman “Holzfällen. Eine Erregung“ (1984) wird nicht nur ein seelisch ungerührter, dummer Klerus beschrieben. Die große Vision einer menschenfreundlichen Hoffnungsbotschaft hat diese Kirche, so Bernhard, längst verraten. Bernhard zeigt zwar leise Hoffnungsschimmer, wenn er von einem „Zufluchtsmenschen“ (einem „Laien“) spricht, einer Person, bei der sich die vielen Leidgeprüften aufgehoben fühlen. Sie bietet sozusagen „Seelsorge“. Aber diese Hoffnungsschimmer, auch repräsentiert durch die wenigen „Geistesmenschen“ , werden letztlich von den zerstörerischen Kräften der Welt „ausgelöscht“.
Es müsste einmal untersucht werden, wie Thomas Bernhard in seiner heftigen Kirchen/Religionskritik eng verbunden ist mit dem großen österreichischen Historiker, Publizisten und Dramaturgen des Wiener Burgtheaters (!) Friedrich Heer (gestorben 1983).
Man denke ferner daran, dass Thomas Bernhard noch erlebte, wie der Theologe Kurt Krenn, der Liebling des damaligen Kardinals Ratzinger (Rom), am 3. März 1987 zum Weihbischof der Erzdiözese Wien ernannt wurde mit der speziellen Mission, sich um Kunst, Kultur und Wissenschaft zu kümmern. Krenn war damals sozusagen Inbegriff eines reaktionären Klerus in Österreich. Bei der Bischofsweihe Krenns am 26. April 1987 gab es heftige Proteste. Nicht mehr erlebt hat Thomas Bernhard, wie Papst Johannes Paul II. im Jahr 1994 den als äußerst rechtslastig bekannten einstigen österreichischen Präsidenten Kurt Waldheim ehrte und ihm den „Pius Orden“ verlieh.
Eine auch katholische geprägte Widerstandsszene gegen diesen Katholizismus, der nur auf Macht setzt, hat Bernhard nicht wahrnehmen (wollen?). Er verblieb, um es hegelianisch auszudrücken, in der „Position des Negativen“. Aber selbst auf diesem relativen Standpunkt zu verweilen, kann Wahres erschließen und insofern sehr inspirierend sein. Es gilt sich der Erkenntnis zu stellen, die Marcel Reich Ranicki einmal schön formulierte: „Bernhards Werk kennt keine Sieger, alle Meutereien sind gänzlich nutzlos, stets werden nur Niederlagen gezeigt“ (ebd). Und doch bleibt die „Botschaft“ des Stückes“Heldenplatz“ (von 1989): „Heldenplatz ist der Abgesang auf ein Land, das aus der Geschichte nichts gelernt hat“ (Joachim Hoell, S 145).

PS:
Im Jahr 1995 veröffentlichte ich in der Zeitschrift PUBLIK FORUM einen längeren Beitrag vor allem über die Religionskritik von Thomas Bernhard unter dem Titel: „Wenig Sinn“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.