Reliquien, alte Knochen, des heiligen Franziskus von Assisi werden jetzt in Assisi öffentlich ausgestellt

Die Verehrung des Toten im Katholizismus findet kein Ende
Ein Hinweis von Christian Modehn am 18.2.2026

1.
Nun werden also auch die Knochen des heiligen Franziskus von Assisi, gestorben vor 800 Jahren, öffentlich der Verehrung feilgeboten. Uraltes Gebein und sicher auch mittelalterlicher Staub können ab kommendem Wochenende in Assisi bestaunt, bewundert, verehrt werden. 350.000 Menschen haben sich bereits zur „Knochen-Show“ angemeldet, sie werden dann in der Basilika San Francesco zu Assisi angesichts der Reliquien ihre Bittgebete in den Himmel senden. (Siehe “Tagesspiegel”, 18.2.2026) Die offizielle päpstliche Mitteilung zur Knochenverehrung  des h. Franziskus von Assisi: LINK

2.
Keine Frage: Franziskus von Assisi ist eine der ganz großen Gestalten der christlichen Geschichte; seine Biografie zu studieren, ist immer inspirierend, zumal sein freundschaftliches Interesse für islamische Gläubige. Wichtig auch seine Kritik an einer viel zu reichen und viel zu mächtigen, gewaltigen Kirche der Päpste. Franziskus wollte arm sein, er lebte in seiner Person und mit der ersten radikalen Brüder-Gemeinschaft eine Kirche der Armen. Er musste sich dann aber dem päpstlichen Druck ergeben und integrierte sich als Ordensgründer offizieller Art ins päpstliche System…Nur die Waldenser hielten gegen die Päpste stand und wurden selbstverständlich verfolgt, aber ihre radikale Kirche lebt bis heute!
Franziskus jedenfalls hat auch als Poet einen Namen, man denke an seinen „Sonnengesang“.

3.
Dieser äußerst ungewöhnliche Mensch verdient also wirklich viel Beachtung. Aber nun, wieder, wie üblich im Katholizismus, werden Knochen und Staub-Reste, genannt Reliquien, den Neugierigen feilgeboten. Dieser Kult bringt kirchlichen und staatlichen Behörden viel Geld ein, man denke etwa auch an die Millionen Euro, die in San Giovanni Rotondo gespendet werden, am Grab, am offenen Sarg, des heiligen Scharlatans Padre Pio, des angeblich Stigmatisierten, der so gern seine angeblich blutigen Hände der verzückten Öffentlichkeit zeigte…LINK 

4.
Die katholische Kirche kann vom Folklorekult der Reliquien – Zurschaustellung genauso wenig lassen wie vom immer noch üblichen Ablass-UnWesen. Im Heiligen Jahr 2025 gab es den immer nich begehrten Ablass, im Jahr des Franziskus – Jubiläums 2026 wird es ihn ebenso wieder geben… Der etwas ramponierte Petersdom soll alsbald repariert werden, tatsächlich!

5.
Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) führt ausführlich ins kritische Nachdenken über den Katholizismus! Wir haben mehrfach auf die sehr richtige und nach wie vor gültige Katholizismus-Kritik Hegels hingewiesen. Einige Zitate aus einem unserem Hegel-Beiträge zum Thema bieten wir in Nr. 7.

6.
Unsere kritischen Hinweise sind natürlich innerhalb des Katholizismus wirkungslos, also eigentlich ziemlich sinnlos. Albert Camus tröstet mit seinem Wort: „Man muss sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen“…
Die Päpste und Prälaten machen also den alten blöden Zauber weiter, weil er immer noch Geld einspielt. Anstatt sich als Kirche und Kirchenführung, als Klerus, öffentlich intensiv zu fragen: Wie kann die Kirche im Sinne des Franz von Assisi heute arm werden, also sich kritisch aus den Klammern des Kapitalismus und Neoliberalismus auch in ihren eigenen Reihen befreien… da werden uralte Knochen feilgeboten, wie einfallslos und intellektuell erbärmlich ist das alles. Natürlich später werden, im Laufe des langen Franziskus – Jubeljahres, wie üblich viele sehr feierliche Messen gelesen und erbauliche Worte gesprochen, „wie immer“…

7..
Nun aber ein Auszug aus unserem Beitrag: Hegel und der Katholizismus:

Zentral ist für Hegel die Erkenntnis: Der Katholizismus ist für Hegel „stehen geblieben“. Er ist noch immer machtvoll vorhanden, aber er ist nicht „wirklich“, im emphatischen, im Hegelschen Sinn von Vernünftigsein! Der Katholizismus ist also durchaus „veraltet“, überholt, weil noch eingebunden in eine vom Geist und der Vernunft längst überwundene Erfahrung von Gott, Mensch und Freiheit.

Laien wurden im katholischen Mittelalters minderwertig betrachtet! Zentral für Hegels Katholizismus Kritik ist auch die Verehrung bzw. Anbetung der Hostie: Diese ist der verwandelte, trans-substituierte Jesus Christus, verwandelt in ein winziges Stückchen Brot. Und diese Hostie ist in eine goldene Monstranz gesetzt. Die Hostie als äußere und äußerliche also veräußerlichte Präsenz des Göttlichen hat für Hegel weit reichende Bedeutung: “Wenn aber einmal zugegeben ist, dass Gott in äußerlicher Gegenwart ist, so wird zugleich dieses Äußerliche zu einer unendlichen Mannigfaltigkeit…dass Christus da und dort, in diesem und jenen, erschienen ist…Allerorten werden also in höher begnadeten Erscheinungen, Bluteindrücken von Christus sich Vergegenwärtigungen des Himmlischen begeben…Die Kirche ist daher eine Welt voller Wunder… Das Göttliche erschient als ein vereinzeltes Dieses, also ein Ding, eine Reliquie etwa“. („Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte“, Meiner Verlag, Hamburg, 1968, Seite 823 f.).

Die Konsequenzen dieser veräußerlichten Frömmigkeit, die sich an wundersame Dinge, heilige Gegenstände, heilige Orte, heilige Personen, heilige Leichen, Reliquien usw. hält, sind für Hegel gravierend: Es gibt dann die entzückten, aber ungebildeten, dumm gehaltenen Laien, die sich an diese heiligen Dinge gewöhnen sollen. Und es sind die Kleriker, die diese veräußerlichte Form der Frömmigkeit fördern. Damals, im 19. Jahrhundert, begannen die umstrittenen Wallfahrten zum „Heiligen Rock“, der angeblichen Kleidung Jesu Christi.
Es wird also in der Sicht Hegels den Laien verwehrt, im eigenen Geist die unmittelbare Verbindung mit Gott zu leben. In seinen „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ sagt Hegel in dem Zusammenhang die durchaus bis heute aktuellen Worte: „Die Menschen sind keine Laien“ (S. 297), „die Laien sind (im Katholizismus) aber dem Göttlichen fremd“ (S. 454) und vor allem: “Denkende Menschen als Laien behandeln ist das Härteste“ (S. 297). („Theorie Werkausgabe“, Band 20, Suhrkamp, 1970). Großartige, aktuell relevante Wirte, man denke an das Hin und Her, an die bescheidenen Erfolge und die vielen Frustrationen des „Synodalen Weges“. Diese Katholiken laufen in ihrer Forderung nach einer wenigstens etwas demokratischen Kirche gegen die allerdicksten Mauern seit Jahrzehnten…

In der katholischen Frömmigkeit erscheint für Hegel „das Verderben, der Aberglauben überhaupt“ in der Verehrung von heiligen Orten, von heiligen Knochen. „Das ist Wunderglaube der ungereimtesten und läppischsten Art. Denn das Göttliche wird auf eine ganz vereinzelte und endliche Weise für ganz endliche und besonders Zwecke da zu sein gemeint…“ (S. 873). Hegels richtige Reliquien – Kritik – Erich Fromms Erkenntnis zur „Nekrophilie“ vorausgreifend – findet förmlich Unterstützung durch Jesus Christus selbst: Der Philosoph zitiert die Frage des „Auferstandenen“: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten“? („Vorlesung über die Philosophie der Geschichte“, S. 471, bezogen auf Lukas Kap. 24).

Das Geistvolle, das Lebendige, ist einzig eben nur beim Geistigen, beim Vernünftigen, zu suchen und auch zu finden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Heilige Knochen und Verehrung heiliger Leichen: Die katholische Kirche ist auch heute vom Aberglauben bestimmt.

Hinweise zum Reliquienkult
Von Christian Modehn am 6.9.2025

1.
Ein Jugendlicher wird von Papst Leo XIV. heilig gesprochen: Am 7. September 2025 wird der Italiener Carlo Acutis, 2006 im Alter von 15 Jahren gestorben, nicht nur als Vorbild empfohlen. Er kann nun, als Heiliger, so die katholische Lehre, als Fürsprecher bei Gott angefleht werden. Genauso wichtig: Die Leiche des Jugendlichen Carlo darf, mit Silikon hübsch – frisch hergerichtet und frisiert, in einem Sarkophag aus Glas, wie eine steife Puppe ruhend, bewundert werden: Das schenkt der Kirche sicher reichlich Spenden der frommen Seelen. Details zum Leben dieses nun als „Cyber-Apostel“ propagierten Jugendlichen Carlo kann man im Internet finden, kritische Hinweise sogar bei katholisch.de LINK

Und sehr viel bessere, ausführlichere und kritische Hinweise zu Carlo Acutis bietet der Theologe und Publizist Michael Meier, Zürich, LINK

2.
Uns geht es hier um Grundsätzliches: Es geht darum zu begreifen, dass der Katholizismus auch im 21. Jahrhundert mittelalterlicher oder sogar antiquer Frömmigkeit verpflichtet ist. Nicht im entferntesten denken die Kirchenführer, etwa der Papst, daran, dieses Mittelalter aus der Kirchen zu verabschieden. Über den Ursprung des Reliquienkultes: Fußnote 1:

3.
Der katholische Hochschätzung einbalsamierter Leichen besteht also nach wie vor. Es ist etwa auch der Kult um den im offenen Sarg liegenden, hoch umstrittenen Scharlatan, den italienischen Heiligen Pater Pio, LINK.
Oder es ist der Kult, der sich mit Knochenresten oder bloß mit Herzen, „Reliquien“ genannt, von so genannten Heiligen begnügt. Der 2024 verstorbene Prälat Ewald Nacke, Mitarbeiter der päpstlichen Nuntiatur in Berlin, sagte mir 2004 in einem Interview für mein Radiofeature im RBB (Sendedatum 21.11.2004): “Es gibt etwa Reliquien von Mutter Theresa, zum Beispiel Tropfen ihres Blutes, die auf einem Kleidungsstück dann erhalten sind.“ Und dieses Kleidungsstückchen gilt dann als Reliquie. In Rom wurden sogar Blut-Reliquien des seligen Papstes Johannes Paul II. ausgestellt. LINK:

Selbst Papst Franziskus sorgte  dafür, dass der Glassarg des heiligen Scharlatans Padre Pio ausgerechnet im Petersdom 2016 ausgestellt wurde: LINK 

Wer Fotos der sichtbaren heiligen Leiche Padre Pios sehen will, etwa: LINK.

Die Verehrung der angeblichen Überreste der Heiligen Drei Könige im Kölner Dom wurde z.B. den jungen Leuten beim Weltjugendtag in Köln nahegelegt. Im großen und ganzen ist der Kult um tote heilige Leiber oder fragmentarische Reliquien bzw. Reliquienfetzen ein einträgliches Geschäft, etwa in Trier, wenn da gelegentlich der – angeblich- heilige Rock, die Tunica, Jesu von Nazareth, ausgestellt, bestaunt und verehrt werden kann. Fußnote 2

4.
Das sture Festhalten am Reliquienkult und der Verehrung toter Körper durch die katholische Kirch hat natürlich auch finanzielle Gründe, ist aber vor allem Ausdruck einer Volksfrömmigkeit, die den Aberglauben der einfachen, schlicht denkenden Gläubigen nur fördert. Dumme Leute glauben gern, dürfte man sagen… Das unbeirrte Festhalten am Reliquienkult ist entschieden Ausdruck einer Ignoranz der katholischen Kirchenführung und ihrer Theologen, die unbedingt mittelalterlich bleiben will (anders könnte sie auch das Papsttum gar nicht verteidigen und beibehalten, denn kein vernünftiger Christ glaubt, dass Jesus auch nur im entferntesten ans Papsttum dachte). Die Ignoranz betrifft auch die Verachtung philosophischer Einsichten zum Reliquienkult etwa durch Philosophen wie Kant und Hegel, sie haben gezeigt: Der Reliquienkult ist bester Ausdruck einer total veräußerlichten katholischen Frrömmigkeit. Zu Kant: Link:     Zu Hegel, LINK:       Hegel betont in seinen „Vorlesungen über die Weltgeschichte“, (Band IV, Die germanische Welt, Meiner Verlag, 1968, S. 826) wie durch den„Reliquiendienst“ „eine förmliche Auferstehung der Toten erfolgte in den Zeiten des Mittelalters: Jeder fromme Christ wollte im Besitz solcher heiligen irdischen Überreste sein… Das Vermittelnde zwischen Gott und dem Menschen ist also etwas Äußerliches (die Reliquie).“

5.
Der katholische Kirchenhistoriker Prof.Arnold Angenendt (Münster) schreibt in seiner großen Studie „Heilige und Reliquien“, C.H. Beck Verlag, 1997, S. 264 im Zusammenhang der Reliquienkritik durch Immanuel Kant diese bemerkenswerten Worte: „Des Heiligen -und Reliquienkultes begann man sich jetzt zu schämen; er war zu dumm zugleich ekelhaft“.

6.
Diese Worte möchte man dem Papst (und allen für dumm gehaltenen Katholiken) zurufen, wenn er am 7. September 2025 einen Menschen zum verehrungswürdigen Heiligen erklärt und die Begeisterung für einen hübsch gemachten Leichnams empfiehlt: „Des Heiligen-und Reliquienkultes begann man sich jetzt zu schämen; er war zu dumm zugleich ekelhaft“.   Aber diese Hoffnung auf Vernunft im Katholizismus (man könnte auch sagen „Hoffnung auf heiligen Geist“) hat fast niemand mehr für den Katholizismus (von der Orthodoxie und den Evangelikalen ganz zu schweigen).

7.
Diese Heiligsprechung und die damit verbundene Zurschaustellung einer hübsch frisierten jugendlichen Leiche sind ein neuer Tiefpunkt in der spirituellen Entwicklung des Katholizismus. Aber die Reise “heiliger Knochen” durch die weite Welt geht weiter: In der kommenden Woche (15. und 16. September 2025) weilen gewisse Körperteile der heiligen Theresa von Lisieux – in einem prächtigen Reliquienschrein – auf ihrer Tournee durch Deutschland in Berlin und Frankfurt/Oder. In einer säkularen und eher atheistischen Umgebung wird also der Aberglaube ganz offiziell offenbar mit bischöflicher Zustimmung verbreitet. Noch einmal Kant in leichter Aktualisierung: “Des Heiligen-und Reliquienkultes beginnt man sich in der römisch-katholischen Kirche leider NICHT zu schämen; obwohl er zu dumm zugleich zu ekelhaft ist. Vielleicht ist die Kirchenführung selbst zu dumm, was ihren Kult mit heiligen Knochen und hübsch frisierten Leichen angeht”…

Fußnote 1:
Schon im Jahre 167 begannen z.B. die ersten Christen, Reste und Überbleibsel ihres hoch geschätzten Heiligen Polykarp zu sammeln; sie wurden wie “Edelsteine verehrt”, heisst es in einem Brief aus dieser Zeit. Seit dem 2. Jahrhundert gibt es den christlichen Reliquienkult, er hat im Hochmittelalter seine Blüte erlebt; bis heute prägt er die Frömmigkeit der katholischen Kirche.Der Kult der toten Gebeine hatte sich längst zum internationalen Handel entwickelt, anders können seriöse Historiker dieses Phänomen nicht beschreiben! LINK https://www.kath.ch/newsd/handel-mit-heiligen-ueberbleibseln-boomt-obwohl-die-kirche-dies-streng-verbietet/

Fußnote 2:
Wir weisen auf eine heute wenig beachtete Entwicklung rund um den Kult des “Heiligen Rock” hin: Im Jahr 1844 gab es eine große Wallfahrt zum “Heiligen Rock” nach Trier mit einer halben Million Pilger. Gegen die dort offenkundige  Veräusserlichung des Glaubens protestierte Johannes Ronge, ein ursprünglich römisch – katholischer Priester, der ein Jahr zuvor wegen seiner Kirchenkritik als römisch -katholischer Priester suspendiert wurde. Ronge kritisierte 1844 den Kult um dieses Stück Stoff als “Götzenfest”, was ihm vielerlei Anfeindungen und Verfolgungen einbrachte. Ronge stand dann lange Jahre an der Spitze der neu gegrüpndeten “Deutsch – katholischen Kirche”, die viele tausend Mitglieder zählte, sozial sehr aktiv war, dogmatisch aber freisinnig blieb.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin