Die „heilige Familie“: Ein katholischer Kult, eine katholische Ideologie

Ein Hinweis,  anläßlich der Reise Papst Leos nach Barcelona
Von Christian Modehn

Es gibt religionsphilosophisch Dringenderes als diese ewigen religionskritischen Hinweise. Aber die Papst Gestalt als weltpolitischer Akteur zwingt uns leider zu dieser Auseinandersetzung, die in anderen Medien oft sehr moderat und diplomatisch – „klug“ verhandelt wird.

Die „Heilige Familie“ steht jetzt wieder einmal im Mittelpunkt des Interesses, nicht nur der Katholiken.
Ganz kurz die wichtigen Fakten:

1.
Am 10. Juni 2026 wird Papst Leo XIV. in Barcelona den höchsten Kirchturm der Welt segnen, jetzt fertiggestellt in der prächtigen, manche sagen monströsen Kirche „Sagrada Familia“, „Heilige Familie“, des Architekten Antonio Gaudí.

2.
Steine segnet der katholische Klerus üblicherweise schon immer gern und ohne Vorbehalt. Bei bestimmten Menschen, etwa Homosexuellen, hat der Klerus auch jetzt noch große Bedenken bei offiziellen Segnungsfeiern: Wenn es noch katholische Homosexuelle geben sollte, die den Segen für ihre Liebe in einer Partnerschaft oder – in einigen Demokratien möglichen – in der Ehe wünschen, dann daef das nur in einer bescheidenen Zeremonie geschehen, irgendwo in einem unscheinbaren Raum, bloß nicht öffentlich in einer Kirche: Denn die katholische Kirche will unbedingt den Eindruck verhindern: Eine Segnung von Homosexuellen habe auch nur entfernt etwas mit einer sakramentalen Eheschließung von Heterosexuellen zu tun. Allein Heterosexuelle sind „ehewürdig“…

3.
Damit sind wir wieder direkt beim Thema: Mit dem Papst- Besuch des unter Touristen und Spaniern sehr beliebten riesigen Bauprojektes „Sagrada Familia“ („Heilige Familie“) in Barcelona wird erneut von päpstlicher Seite betont: Heilig ist nur die Hetero-Ehe, nur sie ist Sakrament, nur sie verdient alle Achtung nicht nur der Kirche, sondern vonseiten der Menschheit. Bekanntlich hat die katholische Kirche die „Ehe für alle“ auf schärfste mit riesigen Demonstrationen bekämpft, in Frankreich etwa, und auch dort vergeblich. In Afrika zum Beispiel kämpfen Homosexuelle noch gar nicht um die Anerkennung ihrer Partnerschaft, sondern schlicht ums Überleben: Auch katholische Bischöfe verweigen ihnen dort die Menschenrechte, Homosexuelle werden in Uganda, Kenia usw. mit Zustimmung der Kirchenführer verfolgt: Diese Verachtung der Menschenrechte vereint dort die katholische Kirche – und nicht nur sie – mit den fundamentalistischen Muslims auch in Afrika

4.
Es ist treffend, die katholische Lehre der „heiligen Familie in Nazareth“ eine Ideologie zu nennen. Die offizielle katholische Theologie konstruiert etwas,  wider besseren Wissens muss man sagen: Sie behauptet, Jesus von Nazareth wäre als Einzelkind von Maria und Josef in Nazareth aufgewachsen. Das ist falsch: Im Neuen Testament wird mehrfach betont: Jesus hatte Brüder und wohl auch Schwestern. Wir nennen nur einige der vielen deutlichen Belege zu den Brüdern Jesu in der Familie zu Nazareth: Matthäus 12, 46 ff; und vor allem: Matthäus 13,55; Markus 3,31; Apostelgeschichte 1,14; 1. Korintherbrief, 9, 5 und so weiter… Die im Neuen Testament überlieferten Namen der Brüder Jesu: Jakobus, Josef, Judas, Simon…Die katholische Theologie zieht es vor, diese Brüder immer noch „Neffen“ oder „nahe Verwandte“ zu nennen.

5.
Die Brüder, oft auch Geschwister Jesu genannt (die Namen der Schwestern sind nicht überliefert),  ignoriert die Kirche: Aufgrund ihrer dogmatischen Befangenheit muss die Kirche diese Fakten auch beiseitelegen und so produziert sie das, was man zurecht Ideologie nennt.

6.
Die katholische Lehre will unbedingt daran festhalten: Maria ist zwar die Mutter Jesu, aber sie selbst wurde schon „unbefleckt“ (ein nicht sehr hübscher, bis heute üblicher katholischer Begriff für die Abwesenheit von männlichem Sperma bei der „Zeugung“) empfangen. Und sie selbst als die selbst schon Unbefleckte hat ihr Kind Jesus vom heiligen Geist, auch unbefleckt empfangen. Maria ist also in dieser katholischen Ideologie immer Jungfrau, ewige Jungfrau, wie es in so vielen Gebeten und Liedern heißt: Maria muss für die katholische Kirche auch Jungfrau auf ewig  sein, weil nur auf diese Weise die katholische Kirche die Jungfräulichkeit über alles stellen kann: Deswegen die Keuschheits – Gelübde in den Ordensgemeinschaften, deswegen das Zölibatsgesetz für Priester, deswegen die Abwehr von Frauen im Priesteramt, Frauen könnten befleck sein, also zu schmutzig,  für den heiligen und reinen Dienst am Altar… …:

Diese Jungfrau Maria darf nach der Geburt Jesu nicht noch weitere Kinder geboren haben. Denn dann wäre auch ihr Mann, Josef, der Zimmermann, wahrlich Vater: Für Jesus, den angeblich ohne Sperma empfangenen, ist dieser Josef offiziell sozusagen nur platonischer Nährvater, eine Art guter Onkel also. Ein Vorbild für Männer, die bekanntlich auch Sexualität haben, kann dieser gute Onkel natürlich nicht sein.

7.
Dies also ist die höchst mysteriöse, geradezu märchenhafte heilige Familie: Sie besteht aus einem göttlichen Kind, einer Mutter als Jungfrau und einem sexuell-erotisch nicht-aktiven Vater. Und diese seltsame Familie wird als DAS einzige wichtige Vorbild für die Familien heute propagiert: Papst Benedikt XV. hat das „Fest der Heiligen Familie“ 1920 verbindlich festgelegt, es sollte in den Zeiten nach dem 1. Weltkrieg die Familien stützen und fördern: Aber eben mit dieser mythologischen, märchenhaft – zauberhaften Heiligen Familie aus Maria, Josef und Jesus…

8.

Die Jungfrau Maris wird als diese höchst ungewöhnliche „unbefleckte Mutter“ den Frauen, also den wirklichen Müttern bis heute als höchstes Vorbild empfohlen: Denn diese Jungfrau – Mutter war gehorsam, fürsorglich, Gott-ergeben. Und der asexuelle Vater Josef wird seit Papst Pius XII. (1955) den Männern am 1. Mai als vorbildlicher Arbeiter an der Hobelbank empfohlen, als Fest „Josef der Arbeiter“. Auch dies ist eine Unwahrheit: Josef war Handwerker, kein (proletarischer) Arbeiter, das katholische Alternativ – Fest am 1. Mai ist Ausdruck der Kirche, irgendwie kritisch, aber doch ein bißchen anschlussfähig an die Moderne und die Arbeiterbewegung zu bleiben.

8.
Zur aktuellen Bedeutung: Familie kann für die katholische Kirche also nur eine Hetero – Familie sein. Die katholische Kirche versteift sich mit dieser Ideologie der Kleinfamilie von Nazareth auf das hetero – normative System, das noch in fast allen Ländern, zumal in den vielen autoritär regierten Staaten gilt. Eine Regenbogenfamilie ist für die katholische keine Familie, deswegen setzt sie sich auch nicht für die volle gesetzliche Gleichberechtigung der Regenbogenfamilien in den Staaten ein.

9.

Papst Leo XIV. wird oft als ein etwas progressiver Papst erwähnt, der doch ein bißchen das Interesse hat, die katholische Kirche an das, was vernünftig und human ist in der Morderne, anzuschließen. Der Kult um die heilige Familie, so wie er jetzt als hetero – normatives Fest gefeiert wird, beweist das Gegenteil.

Copyright: Chrosztian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

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