In dieser Rubrik sind Beiträge und Hinweise von Christian Modehn versammelt, die sich auf die Religionen (und Philosophien) in Frankreich, besonders auf den Katholizismus dort, beziehen. Und die Entwicklung bzw. den aktuellen Niedergang dieser Kirche dokumentieren. “Gott in Frankreich” war auch der Titel einer Sendereihe im Saarländischen Runfunk, gestaltet von Christian Modehn, Red. Norbert Sommer. Diese Sendungen (jeweils 30 Minuten) wurden von Herbst 1989 bis 2005 jeweils 4 bis 5 mal pro Jahr ausgestrahlt (SR2). Und dann von der nachfolgenden Redaktion “ohne weiteres” abgeschafft. Es wird auch auf das Buch “Religion in Frankreich” von Christian Modehn (1993) hingewiesen.
Ich lösche meinen Beitrag vom 18.7.2024 bzw 2.8.2024 über Abbé Pierre als Missbrauchstäter.
2.
Mein Hinweis war von der Hoffnung geleitet, Abbé Pierre habe sich “bloß” “leichte” sexuelle Übergriffe erlaubt…Ich war zudem sehr bewegt von seinem offenen und öffentlichen Bekenntnis: Er habe dem sexuellen Verlangen nachgegeben… Welcher “Missbrauchstäter” ist so offen und wahrhaftig? Siehe das Buch: Abbé Pierre, “Mein Gott, warum?” (DTV 2007), Seite 32f.
Am 25.1.2025 notiert:
Will man es genau wissen: Abbé Pierre ist als junger Mann von 17 Jahren, wie üblich damals (und bis ca 1970 üblich),in den Orden der Kapuziner eingetreten, der damals sehr strenge Orden hat diesen zweifellos – auch sexuell – unreifen jungen Mann sehr gern aufgenommen (unbedingt will jeder Orden “Nachwuchs”!), und über Sexualiät wurde selbstverständlich im Kloster wie in allen anderen Klöstern und Priesterseminaren nicht gesprochen. So begann der Leidensweg eines sexuell stark interessierten, aber auch fürs Ordensleben, Priestertum ebenso heftig interessierten sehr jungen Mannes. Mit anderen Worten. Es ist auch die klerikale Kirchenführung schuld am “Fall Abbé Perre”, es ist eine klerikale Clique, die nach wie vor sehr junge Männer zu einer angeblich zölibatären Lebensweise auffordert.
Damit wird die subjekive Schuld Abbé Pierres nicht geleugnet, aber sie wird deutlich eingebunden in das klerikale System der “Rekrutierung des Priester – Nachwuches”. Das heißt: Auch das Kirchensystem ist schuld am “Fall Abbé Pierre”. Abbé Pierre war offenbar nicht in der Lage, wie sonst alle zölibatär lebenden katholischen Ordensleute und Priester, sich mit der üblichen Onanie zu begnügen, als der Form von einsamer Sexualität, der sich sonst die meisten anderen katholischen Seminaristen und Priester usw. hingeben (müssen). Dabei sagt der Katechismus von 1993 deutlich: Onanie ist Sünde (§ 2352 dieses Katechismus). Das heißt: Die zölibatäre Lebensweise treibt aufgrund der Zölibatsgesetze die Priester in die Sünde, wenn sie denn noch die Weisungen des Katechismus überhaupt noch ernst nehmen. Dieses Thema wird auch unabhängig vom “Fall Abbé Pierre” nicht in der Katholischen Kirche besprochen: Onanie als Klerus – Sexualität wäre aber ein neues (peinliches) Forschungsthema…
Abbé Pierre, der damals sehr hoch geschätzte “Sozialapostel”, ist eines der Opfer dieses Systems. An dem die Kirchenführung festhielt, weil sein Renommé in der Öffentlichkeit (es ist das Spenden – Geld, das er einspielte) wichtiger war als seine damals schon bischöflich bekannten sexuellen Verirrungen. Dass Abbé Pierre den offen und explizit Homosexuellen Priester Jacques Perotti als seinen Sekretär für viele Jahre ausdrücklich wählte, wird bei all den dramatischen Verirrungen Abbé Pierres mit Frauen vergessen. Komisch. Darauf haben wir immer hingewiesen. Siehe das Buch: Jacques Perotti, “Un pretre parle”. Filipacchi edition, Levallois, 1995. Christian Modehn hat in seinem Buch “Religion in Frankreich” (1993) in einem Kapitel über Jacques Perotti berichtet (S. 114-116).
3.
Mich wundert es, dass auf dieses offene und öffentliche Bekenntnis Abbé Pierres in dem genannten, auf Französisch selbstverständlich auch erschienen, Buch jetzt so selten Bezug genommen wird.
4.
Aber: Die Fakten gegen ihn sind jetzt, Mitte September 2024, in dieser Hinsicht offenbar sehr gravierend. Deswegen lesen Sie bitte weiter unten einen Hinweis zur Erklärung der französischen Bischofskonferenz vom 12.9.2024. Sie will ihr gut behütetes (?) auf Abbé Pierre bezogenes Archiv vorzeitig schon zugänglich machen. Wenn solches in katholischen offiziellen Kreisen geschieht, ist das schon außergewöhnlich.
5.
Und es wird weiter eine Art Beben geben nicht nur in katholischen Kreisen, sondern in weiten Kreisen der französischen Gesellschaft, wenn nun auch dieser einst so hoch verehrte Priester in die Kategorie der Verbrecher einsortiert wird und man seinen Namen aus der Öffentlichkeit entfernen wird. Eine Abbé Pierre Säuberung also.
6.
Und nun ist das ohnehin schon absolut angeschlagene Renommée der katholischen Kirche in Frankreich weiter zutiefst beschädigt. Die bekannte und geschätzte linke katholische Wochenzeitung “Témoignage Chrétien (T.C.) ” (jetzt leider nur noch erreichbar im Internet) hat am 12.9.2024 darauf hingewiesen, und das ist ein großer Skandal: Bestimmte Kardinäle (Feltin und Spellmann) und französische Bischöfe Alexandre Renard und André Fourgerat, wussten schon sehr früh, seit Mitte der fünfziger Jahre, von Abbé Pierres sexuellen Übergriffen. Ich zitiere aus T.C.: “Il apparaît en effet, selon des informations concordantes, que l’inconduite – au minimum – de l’abbé Pierre envers les femmes était connue des cercles de ses proches à Emmaüs dès le milieu des années 1950. Étaient également au courant des membres éminents de la hiérarchie catholique, tels que le cardinal Maurice Feltin, alors archevêque de Paris, et le cardinal Francis Spellman, son homologue de New York, ou encore les évêques de Versailles Alexandre Renard, ou de Grenoble André-Jacques Fougerat. Ces prélats ont été alertés après un voyage désastreux de l’abbé Pierre aux États-Unis en avril-mai 1955, au cours duquel au moins deux femmes se sont plaintes de sa conduite, d’après les carnets inédits du philosophe catholique Jacques Maritain. ” Quelle: https://www.temoignagechretien.fr/laffaire-de-labbe-pierre/) Die genannten “Oberhirten” wussten also sehr früh schon Bescheid über Abbé Pierres “inconduite”, harmlos genannt ungewöhnliches Verhalten… und diese Herren der Kirche unternahmen nichts. Denn am Ruhm eines nun endlich mal katholischen “Helden” im “laizistischen” Frankreich (der “große Sozialapostel”,”Helfer der Menschheit” etc…) wollten die Oberhirten nicht “kratzen”… Vielleicht gab es andere “Fälle” im Klerus, dier auch verschwiegen wurden… Dabei ist es andererseits unzweifelhaft, dass Abbé Pierre ein bedeutendes internationales Sozial-Werk aufgebaut hat .. trotz seines Doppellebens” als “Abbé”.
7.
Das ist das Schlimme an den Debatten um Abbé Pierre: Es findet keine freie und offene Diskussion statt zum Thema Zölibatsgesetz für Priester: Man denke bitte daran, dass der junge Henri Grouès, so der bürgerliche Name Abbé Pierres, als 17 Jähriger (sic) in ein Kapuiner – Kloster eintrat, weil er in dem damals bis heute üblichen katholischen Wahn auch von sich selbst überzeugt war, dem “lieben Gott” und der “Mutter Kirche” auf diese Weise dienen zu können.
Nebenbei: Es ist bis heute in aller Welt, in Indien, Indonesien, auf den Philippinen und soweiter, allüberall, offiziell üblich, junge Männer ab 17 Jahren schon ins Kloster oder ins Priesterseminar als “Novizen ” oder “Seminaristen” aufzunehmen. In den “armen Ländern” der Armen ist die katholische Priester – Karriere eine gute “Laufbahn”, die zudem immer öfter ins europäische Ausland führt (weil es dort keine “einheimischen” deutschen, französischen Priester mehr gibt). in Europa haben die vielen tausend afrikanischen oder indischen Priester als Afrikaner oder als Inder oder Philippinos keine Probleme, Aufenthaltsgenehmigingen zu erhalten. Priester sind eben aufgrund bester Kirche- Staat- Beziehungen “etwas Besonderes”..
8.
Und man diskutiert bis heute nicht offen und öffentlich in der Kirche die streng -katholische Ideologie, die da meint: Wunderbar, wenn sich so junge Männer, “schon so wunderbar fromm”, mit 17, 18 oder 19 Jahren fürs Kloster oder Priesterseminar entscheiden. Der Klerus freut sich, wenn er “Nachwuchs” bekommt, wie es heißt, zur Stablisierung der ewigen Klerus – Kirche.
9.
Und man diskutiert bis heute nicht offen und öffentlich in der Kirche die Tatsache, dass die kirchlichen Zöibats-Gesetze junge Männer in der emotionalen Einsamkeit von Kloster und Priesterseminar zur Selbstbefriedigung (manchmal mit anderen) förmlich treiben. Über die Masturbation im Kloster und im Priesterseminar und später nach der Priesterweihe wird selbstverstädnlich überhaupt nicht offen und öffentlich in katholischen Kreisen gesprochen. Was um so dramatischer ist, weil im offizielen katholischen Katechismus (von 1993) immer noch Masturbation “als schwere ordnungswidrige Handlung gebrandmarkt wird” (so wörtlich in Paragraph 2352 dieses offiziellen Texte, an den sich doch wenigstens Seminaristen und Kosterbürder halten sollen)?
10.
In diesem kletrikal vergifteten Milieu wurde Abbé Pierre zum Täter, in gewisser Weise auch ein Opfer des klerikalen Systems mit seinem Zwangszölibat für Priester. Und Abbé Pierre selbst hat unter diesem menschlich so grausamen System gelitten, siehe bitte das Buch “Mein Gott, warum?”, “Mon Dieu, pourquoi ?” Warum wird das Buch nicht intensiver gelesen, nicht zitiert??? Darin wird deutlich: Abbé Pierre hat unter dem unmenschlichen Zölibatsgesestz gelitten, er konnte (und wollte?) sich daraus nicht befreien. Deswegen hat er Frauen missbraucht. Es ist die Klerus – Kirche, die eigentlich bei den Frauen um Verzeihung bitten müsste angesichts des Missbrauchs. Dies tut die Klerus Kirche eben ALS Klerus Kirche aber nicht. Und das ist die Schande.
11.
Es bleibt die entscheidende Frage: Ein Missbrauchstäter kann ein umfangreiches, hoch geschätztes internationales Sozialwerk (“Emmaus”) aufbauen, kann die Menschen zur sozialen Hilfe bewegen, als Sozialkritiker in der Öffentlichkeit sprechen, zum “Beliebtesten” aller Franzosen aufsteigen und trotzdem – in einer verschwiegenen Welt des Missbrauchs – sexuellen Missbrauch begehen. Und einige Kirchenführer wussten von diesem Missbrauch, griffen aber nicht ein, weil der “angesehene Priester – Star” in hellem Licht erscheinen musste. Er spielte aufgrund seines Renommes schließlich auch viel Geld, Spenden etc. ein… Auf diese Ikone des Klerus wollte die Klerus – Kirche nicht verzichten…
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Frankreichs Bischöfe öffnen Archive zu Abbé Pierre Veröffentlicht am 12.09.2024 um 12:44 Uhr –
Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/55962-vorzeitig-frankreichs-bischoefe-oeffnen-archive-zu-abbe-pierre
Paris ‐ Die Vorwürfe gegen den französischen Armenpriester Abbé Pierre wiegen schwer. Nun öffnet die Kirche vorzeitig ihre Archive, um den Anschuldigungen gegen die einstige nationale Ikone auf den Grund zu gehen.
Nach schweren Vorwürfen gegen den als “Vater der Obdachlosen” bekanntgewordenen Armenpriester Abbé Pierre (1912-2007) haben die französischen Bischöfe entsprechendes Archivmaterial freigegeben. Es werde ab sofort allen berechtigten Personen zur Verfügung gestellt, insbesondere Forschern und Journalisten, heißt es in einer Mitteilung der Französischen Bischofskonferenz (Donnerstag). Ohne die Freigabe wären die Dokumente erst 75 Jahre nach dem Tod Abbé Pierres – also 2082 – einsehbar gewesen.
Dem Ordensmann werden sexuelle Übergriffe gegen Frauen und Minderjährige vorgeworfen. Erst kürzlich veröffentlichte die von ihm gegründete Emmaus-Bewegung weitere belastende Zeugenaussagen. Eine Expertenkommission soll den Vorwürfen auf den Grund gehen.
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Siehe auch die offizielle Erklärung der französischen Bischofskonferenz:
Le Vatican était au courant des agressions sexuelles commises par l’abbé Pierre depuis des années, selon le pape François
De retour d’un voyage en Asie, le chef de l’Eglise catholique a reconnu que Rome était au courant des violences sexuelles perpétrées par le fondateur d’Emmaüs, au moins après sa mort. Il a appelé à la transparence et condamné des faits « démoniaques »…
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“Libération” am 14.9.2024: “Abbé Pierre: Comment le silence a-t-il tenu aussi langtemps autour du fondateur d REmmaus?”
Décédé en 2007, l’abbé Pierre est depuis juillet visé par des accusations de violences sexuelles commises entre les années 50 et 2000, avec début septembre une nouvelle salve de témoignages sur des faits gravissimes pouvant pour certains s’apparenter à des viols ou concernant des mineures. Vendredi soir, le pape François a fait savoir que le Vatican avait été informé, a minima après la mort de l’abbé Pierre, des accusations visant le prêtre français qu’il a qualifié «de terrible pécheur».
Pour la présidente de la Conférence des religieux et religieuses de France (Corref), Véronique Margron, «on ne peut sérieusement imaginer une seconde que cela s’est fait à l’insu de tout le monde. Sur une figure aussi connue, aussi publique, aussi repérée, c’est impossible». Mais il fallait sans doute «protéger la naissance de ce qui allait s’appeler Emmaüs», considère auprès de l’AFP la religieuse, selon qui «la figure de l’abbé Pierre était trop forte et le mouvement trop important pour aller au-delà de décisions de conscience personnelle».
Témoignage
Le délégué général d’Emmaüs International, Adrien Chaboche, estimait le 9 septembre sur RTL que «forcément il y a des gens qui ont su ce qui se passait, dans l’Eglise», «le mouvement Emmaüs». Mais quoi exactement, «ça, je ne le sais pas». Emmaüs a depuis ces révélations lancé une commission d’enquête et l’Eglise ouvert ses archives.
«Une machine à cash»
L’ancienne présidente du Secours catholique Véronique Fayet rappelle que l’abbé Pierre rendait bien service à l’institution. «C’était la machine à cash, pour dire les choses crûment» et «sans l’abbé Pierre, les collectes auraient été un peu plus compliquées», ajoute-t-elle. Car le prêtre est au fil du temps devenu une icône de la lutte contre la pauvreté, identifiable immédiatement avec sa cape et son béret. Député dans les années 50, pendant seize ans personnalité préférée des Français, il a même été en 1989 au cœur du film à succès Hiver 54, l’abbé Pierre.
Véronique Fayet, qui fut elle-même «chiffonnière d’Emmaüs» dans les années 70, se souvient : «On avait 18-20 ans, et c’est vrai qu’il nous fascinait, il avait une parole forte, qui nous faisait rêver d’une société juste, fraternelle, généreuse.» Elle n’a pas personnellement souvenir de scènes exaltées à son passage, telles que décrites dans certains ouvrages dès les années 60. Mais elle dépeint un personnage devenu peu à peu «intouchable», voire «quasi-saint de son vivant».«Pour une victime, porter plainte contre un saint, c’est impossible. Elle est quasiment sûre que ça va se retourner contre elle, parce qu’elle dit du mal d’une personne qui est quasiment béatifiée», explique-t-elle.
«Un sentiment de toute-puissance»
Le premier rapport du cabinet spécialisé Egae, en juillet, expose un tel témoignage : «J’ai l’habitude de me défendre. Mais là, c’était Dieu. Comment vous faites quand c’est Dieu qui vous fait ça ?» Dans son essai «Emmaüs et l’abbé Pierre» (2009), l’historienne au CNRS Axelle Brodiez-Dolino explique que le prêtre était «perçu à l’extérieur comme un leader charismatique» et «sans conteste en interne une icône et une figure tutélaire».
L’abbé avait lui-même évoqué en 2005 des expériences sexuelles dans son livre Mon Dieu… pourquoi ?. «Consacrer sa vie à Dieu n’enlève rien à la force du désir, et il m’est arrivé d’y céder de manière passagère», y écrivait-il. Un aveu au goût amer, rétrospectivement : ce qui passait alors pour une allusion au vœu de chasteté évoque immanquablement aujourd’hui des abus plus graves.
Mais le silence a prévalu. Ainsi «vous renforcez le sentiment de toute-puissance, puisque malgré des actes au minimum répréhensibles, pour prendre un euphémisme, il ne se passe absolument rien», souligne Véronique Margron. Exemple de cette «toute-puissance» : des courriers révélés par la cellule investigation de Radio France montrent un abbé Pierre menaçant dans des lettres ceux qui l’accusaient d’agressions sexuelles. Personne n’a alors parlé, «par peur du scandale», disait Axelle Brodiez-Dolino dans le Monde du 1er août. Elle résume ainsi le problème : «L’icône rendait davantage service sur son piédestal.»
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La Croix (Paris) am 19.9.2024: LINK https://www.la-croix.com/religion/affaire-abbe-pierre-ce-que-revelent-les-archives-de-l-eglise-de-france-20240919?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=NEWSLETTER__CRX_ESSENTIEL_SOIR_EDITO&utm_content=20240919
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Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de
1.
Wenn mehr als 40 Prozent der praktizierenden Katholiken die rechtsextreme Partei von Marine Le Pen („Rassemblement National“, RN) zur Europawahl am 9. Juni 2024 gewählt haben, muss man fragen:
Ist denn Madame Le Pen eine so überzeugende Katholikin, dass praktizierende Katholiken sie so gern wählen?
2.
Über ihren Glauben, auch über ihre Bindung an den Katholizismus, hat Marine Le Pen mehrfach kurz gesprochen.
Dabei war die Partei „Front National“ (FN) unter ihrem Vater Jean-Marie Le Pen deutlich geprägt von einem sich katholisch nennenden, traditionalistischen Flügel, zu dem etwa der extrem militante Bernard Antony gehörte. Aber im Jahr 2008 wurde Bernard Antony, Führer des katholisch – reaktionären Flügels, aus dem FN ausgeschlossen. Das wird als Vorspiel gedeutet für den Aufstieg von Marine Le Pen: 2011 wurde sie Vorsitzende der Partei. Sie sorgte dafür, dass ihr offen rechtsextremer Vater 2015 aus der Partei ausgeschlossen wurde. Im Juni 2018 erhielt die Partei unter ihrer Führung den Namen „Rassemblement National“ (RN). Das Nationale und Nationalistische blieb erhalten, aber „Versammlung, Rassemblement, klingt etwas freundlicher als „Front.“ Mit der Ausgrenzung des katholisch – traditionalistischen Einflusses von einst wollte sie zeigen: Die „neue“ Partei will vor allem auch die sehr vielen kirchenfernen Wähler gewinnen. Madame Le Pen nennt diesen nach außen hin etwas freundlicheren Namen der Partei „dédiablisation“, Entdiabolisietung, will sagen: dass die Partei nach außen vor allem nicht mehr antisemitisch ist. Das jüdische Ehepaar Klarsfeld, die „Nazijäger“ von einst, glaubt das so einfach und betont jetzt, Marine Le Pen zu wählen. Darf man das eine Schande nennen oder nur „Alters-Schwäche“… Feinde sind für Marine Le Pen nicht mehr, wie es zur französischen Tradition auch ihres Vaters gehört, „die Juden“, sondern die „Islamisten“ und eigentlich alle Fremden…
Anläßlich der Präsidentschaftswahlen 2017 sagte Marine Le Pen in Reims bei einem Besuch der berühmten Kathedrale, sie wird als „Geburtsort“ des katholischen Frankreich hoch gepriesen: „Frankreich muss sich an die Versprechen seiner Taufe erinnern. Es gibt Menschen, die glauben an den Himmel, und solche, die daran nicht glauben. Aber ich glaube!“
Die Mitarbeiter Madame Le Pens ergänzten: „Ganz evident, sie ist katholisch“. Von der Erinnerung an das Taufversprechen Frankreichs sprach in ähnlichen Worten („Erinnert euch an die Taufe Frankreichs“!) übrigens Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Reims im Jahr 1996.
Madame Le Pen wurde in Reims von vielen nicht willkommen geheißen, und ausgepfiffen: (Quelle: “Le Monde”. LINK )
Trotzdem sagte sie dort über ihren katholischen Glauben: „Ich habe meine Kinder in der Kirche (der so genannten “Pius-Brüder” des schismatischen Erzbischofs Marcel Lefèbvre, CM) St. Niocolas du Chardonnet (Paris) taufen lassen. Ich habe also nicht traditionalistische Katholiken zu kritisieren. Aber ich wünsche nicht, dass sie wie in einer Art abgeschlossenen `Kapelle`, ihre religiösen Überzeugungen über die politischen Überzeugungen stellen“.
So gibt sich Madame Le Pen nach außen hin als treue Verteidigung der französischen laicité, also der Überordnung staatlicher, aber vernünftiger Gesetze über religiöse Weisungen.
Aus taktischen Gründen ist in dem RN offiziell keine kritische Rede mehr von Kritik an der Homosexuellen – Ehe oder zum Schwangerschaftsabbruch zu vernehmen. Die rechtsextremen Führer haben erkannt: Diese Themen spalten die Gesellschaft, man will die Mehrheit gewinnen…
4.
Im April 2017 bekannte sich Madame Le Pen in einem Interview mit „La Croix“ sogar als „extrem gläubig, aber verärgert mit der Kirche.”
Dieselben Worte sagte sie schon in einem Interview mit der katholischen Zeitschrift „La Vie“ (Paris) im Jahr 2011: Und damals fügte sie hinzu: „Glücklicherweise aber berührt (stört) der Klerus nicht meinen Glauben“ (Quelle. Pierre Jova in „La Vie“, 3.10.2022. Publié et mis à jour le 05/10/2022 à 11h37). Madame Le Pen fühlt sich verletzt, so heißt es in ihren Kreisen, weil die katholischen Bischöfe einst ihren Vater, den reaktionären Chef des Front National, heftigst kritisieren. Gegenüber Marine Le Pen ist die Bischofskonferenz sehr viel moderater, sehr viel schweigsamer geworden. Vor den Wahlen am 30.6.2024 fiel den Bischöfen nichts anderes ein, als aufzufordern zur Wahl zu gehen und… zu beten. LINK.
5.
Madame Le Pen äußert Kritik auch zu Papst Franziskus, weil er sich stark für die Offenheit gegenüber Migranten einsetze. Marine Le Pens dauerndes Statement: „Der Papst sollte sich nicht politisch einmischen.“ Damit zeigt sie sich wiederum als Anhängerin der laicité, der Trennung von Kirche und Staat. Und damit kann sie Mehrheiten finden!
6.
2021 schrieb die Zeitung „Le Parisien“, Marine Le Pen verstehe sich nun eher als „Catholique du Parvis“, als „Katholiken auf dem Vorplatz der Kirche“. (Quelle: Alexandre Sulzer in der Tageszeitung „Le Parisien“, am 18.März 2021.)
7.
2022: Madame Le Pen polemisiert gegen ihren politischen Feind von sehr extrem Rechtsaußen, gegen Eric Zemmour und seine Partei Reconquete: In einen Zusammenhang nannte sie Zemmour – Wähler „katholische Traditionalisten“, „Heiden“ und „Nazis“. „Eine Ungeschicklichkeit“ nennen sogleich Mitarbeiter diese Äußerung der Parteichefin und sie selbst versucht die Wogen zu glätten. „Ich hätte eher „Integristen“ sagen sollen“, meint Madame Le Pen später. „Integristen“ sind eigentlich noch radikaler als Traditionalisten: Sie wollen die Herrschaft der Kirche über den Staat. Traditionalisten fordern hingegen den Stop jeglicher Kirchenreform und die Wiederkehr der alten lateinischen Messe des 16. Jahrhunderts.
8.
Warum also wählen so viele praktizierende Katholiken die nach wie vor rechtsextreme, nach außen sich etwas freundlich gebende Partei Marine Le Pens? Viele Gründe sind zu nennen: Etwa: Die Inhalte der Partei “Rassemblement National” sind den Katholiken sympathisch, weil sie selbst politisch sehr konservativ, sehr national, manchmal reaktionär denken … und immer nur eine Minderheit der französischen Katholiken politisch links war. Weil sie die Demokratie als schwierige Lebensform (“zu viele Diskussionen” etc.) nicht auf Dauer gestalten und auch ertragen wollen. Weil die Demokratie ohnehin in der katholischen Kirche selbst keine “heilige Institution” ist und sich diese katholische Kirche selbst so oft auch poffiziell und so gern “nicht – demokratisch” nennt. Und: Die geheime Liebe der Katholiken zu einem “Führer”, etwa zu Marschall Pétain in den Jahren der Nazi-Besetzung Frankreichs, ist bekannt. Die Ergebenheit vieler Laien für den Papst und den Klerus war immer auch eine Treue zu “Führern”…
9.
Der neue Trend unter konservativen und reaktionären Katholiken in Frankreich, der auch zur Sympathie für die Partei Marine Le Pens führt: Diese Katholiken nennen sich “tradis”, also eher sanfte Traditionalisten: Sie beteiligen sich an dem jährlichen Pilgermarsch von Paris nach Chartres, 18.000 Teilnehmer 2024; sie sind mit offiziell römisch – katholischen Vereinen und Orden verbunden, die aber de facto auch theologisch reaktionär sind, wie das “Instiutut du Bon Pasteur” in Bordeaux, dort ist Mitglied der populäre, äußerst konservative Priester Matthieu Raffray. Oder auch die viele Mitglieder zählende äußerst konservative Gemeinschaft der Priester von “Christ-Roi Souverain Pretre”.
10.
Der neue Parteichef des Rassemblement National ist Jordan Bardella (geb. 1995 in Drancy), er besuchte als Katholik in der Banlieue, in Saint Denis, die katholische Schule “Jean-Baptist de la Salle”.
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin
Ein Freund aus Frankreich sagte mir: “Es gibt im Augenblick zwar politisch gesehen wichtigere Themen für uns Franzosen als dein Thema hier. Aber die so starke Verbundenheit der praktizierenden Katholiken mit den Rechtsextremen, dokumentiert nach der Europawahl am 9. Juni, ist schon erschütternd.”
Ich antwortete ihm: “Weil die katholische Kirche nicht im entferntesten demokratisch strukturiert und organisiert ist, also auch von offizieller Seite keine demokratischen Werte als “göttlich”, als “absolut wertvoll” vertreten kann und so auch predigt, ist die starke Nähe der praktizierenden Katholiken zu Rechtsextremen durchaus verständlich... ”
…
Anläßlich der Wahlen zum Europaparlament und zu den Parlamentswahlen Ende Juni 2024 sollte sich das Interesse auch auf den Zustand der Religionen in Frankreich richten, etwa auf die katholische Kirche. Und dies nicht nur, weil bei den Europawahlen am 9.Juni 42 Prozent der „praktizierenden Katholiken“ für die rechtsextreme Partei „Rassemblement National” und die noch rechts-extremere Partei „Reconquete“ stimmten. Wichtig ist, dass sich im Jahr 2023 nur eine Minderheit von 29 Prozent der Franzosen „katholisch“ nennt, und: die meisten dieser Katholiken gehören der älteren Generation an…
1.
Die katholische Kirche in Frankreich, als die „älteste Tochter der römischen Kirche“ gepriesen, ist tatsächlich uralt. Seit dem 1. Jahrhundert gibt es in Gallien christliche Präsenz, etwa in Lyon. Und bis heute ist der Katholizismus sichtbar durch zahlreiche gotische Kathedralen, romanische Kirchen und große, zum Teil noch bewohnte Abteien oder auch durch die vielen tausend christlich geprägten, auf Heilige bezogenen Straßen – und Ortsnamen.
2.
An der populären Verehrung der gotischen Kathedrale „Notre Dame in Paris“ gibt es keinen Zweifel. Das uralte Gebäude schätzen die meisten, zumal die 12 Millionen touristischen Besucher etwa im Jahr 2017.
Aber, die permanente „Fotografier – Sucht“ der durch die Kirche Eilenden zeigt: Die Kathedrale wird als Museum, als Monument des Mittelalters und der nationalen Identität wahrgenommen. Von plötzlichen Bekehrungen zum Katholizismus durch einen Besuch in „Notre Dame“ – wie es einst dem Schriftsteller Paul Claudel geschah – wird nichts mehr berichtet. Immerhin, die Kirchenfernen, zumal die materiell stark Begüterten, spendeten für den Wiederaufbau der Kathedrale nach dem verheerenden Brand am 15. Juli 2019. Staatspräsident Macron versprach sofort in seiner übereilten Art, der Wiederaufbau werde etwa ein Jahr dauern, jetzt wird Ende 2024 die Kathedrale feierlich eröffnet.
Nebenbei: Hoffentlich wird dann NICHT im Jahr 2027 Marine Le Pen („Rassemblement National“) als neue Präsidentin um den Segen des Erzbischofs in “Notre – Dame” bitten. Vom katholischen Glauben, so sagte Madame Le Pen bisher, halte sie nicht viel, bestenfalls in der traditionalistischen Variante der Pius-Brüder. Mit denen war ihr Vater Jean-Marie Le Pen als Rassist und Antisemit sehr eng verbunden. Zu Marine Le Pens Beziehung zum katholischen Glauben: LINK
3.
Diese äußere Sichtbarkeit der katholischen Kirche darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die katholische Kirche in Frankreich – wie in anderen westeuropäischen Ländern – am Verschwinden ist. 1950 nannten sich 90 Prozent aller Franzosen katholisch, 1998 waren es 53 Prozent; 2023 waren es nur noch 29 Prozent der Franzosen, die sich katholisch nannten. (Quelle: https://www.insee.fr/fr/statistiques/6793308?sommaire=6793391)
Nebenbei: Immer waren und handelt es sich um repräsentative Umfragen zur Religion der Franzosen, denn die Republik („laique“!) verbietet sich selbst seit dem 19. Jahrhundert, nach der konfessionellen Bindung seiner Bürger zu fragen.
Auch die Zahlen zur Beteiligung der Katholiken an der Sonntagsmesse sind deutlich:
1946: 37 Prozent regelmäßige Teilnehmer an der Sonntagsmesse,
1969: 25 Prozent,
1975: 16 Prozent. (Quelle: Delumeau, „Stirbt das Christentum?“, Seite 21).
2023: 8 Prozent Katholiken, die mindestens einmal im Monat an der Sonntagsmesse teilnehmen. (Quelle: https://www.insee.fr/fr/statistiques/6793308?sommaire=6793391
Die Zahl der Priester in Frankreich geht ständig zurück: Ein wichtiges Thema, denn ohne immer nur männliche Priester, so die offizielle Lehre, kann die katholische Kirche nicht bestehen.
1965: 40.000 Priester in Frankreich
1984: waren es 30.000.
(Quelle: „Les Francais sont-ils encore catholiques“, S. 41.)
2000: 25.353
2022: 11.644 (Quelle: https://eglise.catholique.fr/guide-eglise-catholique-france/statistiques-de-leglise-catholique-france-monde/statistiques-de-leglise-catholique-france/ministres-ordonnes-religieux/) Der Altersdurchschnitt des französischen Klerus liegt heute bei 70 Jahre. Selbst viele 75 Jährige Pfarrer sind noch „im Einsatz“. Mindestens 1000 Priester aus dem Französisch sprechenden Afrika sind in Frankreich wie „Gastarbeiter“ im Einsatz, sie sind in machen Bistümern, die einzigen, die noch nicht 60 Jahre alt sind. Diese „Gastarbeiter“ ersetzen den aussterbenden französischen Klerus und verlängern so noch einmal um ein paar Jahre die Klerus – Herrschaft.
Die Zahl der neu geweihten Priester ist seit 60 Jahren minimal geworden.
1965: waren es noch 646 Neupriester
1974: nur noch 170. (Quelle Delumeau, Stirbt das Christentum, S. 22):
2010: 96 Neupriester
2022: 114 Neupriester. (Quelle: https://eglise.catholique.fr/guide-eglise-catholique-france/). Die Zahl der Sterbefälle im Klerus ist sechsmal höher als die Zahl der „Neupriester“.
Hinweise zum Ende der Klerus – Kirche werden vertieft in FUßNOTE 2:
Die Zahl der Taufen von Babys und Kindern geht ständig zurück.
2000: 400.000 Taufen
2022: 198.000 Taufen
Quelle: https://eglise.catholique.fr/guide-eglise-catholique-france/statistiques-de-leglise-catholique-france-monde/statistiques-de-leglise-catholique-france/les-sacrements-en-france/)
(Bekannte französische Historiker der religiösen Mentalitäten wie Prof. Jacques Delumeau haben in ihren Studiendarauf hingewiesen: Die Bindung der sich kathaolisch nennenden Franzosen an die Lehren des Evangeliums, etwa seit dem 17. Jahrhundert, war alles andere als vorbildlich. Siehe dazu am Ende dieses Hinweises die Fußnote 1. )
4.
Diese aktuelle Situation sollte man religionsphilosophisch und religionssoziologisch „auf den Begriff bringen“:
In Frankreich ist in der Philosophie der Begriff „postmodern“ für den Zustand der Gesellschaft und der Mentalitäten des 20.Jahrhunderts entstanden. Anderswo spricht man von „post-kolonial“ oder „post-demokratisch“, um den politischen Umbruch der Gegenwart zu bestimmen. Auch wenn das „Post-Moderne“ allmählich an Akzeptanz wegen „allzu heftiger subjektiver Beliebigkeit“ verloren hat: An dem Wort „Post- “, „Nach-“ , steckt ja auch die Einladung, den geistigen Zustand einer Gesellschaft kurz und bündig zu beschreiben.
5. Nun könnte also für Frankreich ein neuer „Post“ – Begriff gebräuchlich werden: Es ist das Wort „Post – Katholisch“.
Das heißt: Frankreich ist – schon vor einigen Jahren – in eine neue religiöse Epoche eingetreten. Sie ist bestimmt vom stetigen Abschied von katholischen Glaubenswelten und vom Abschied von der Bindung an die katholische Kirche als Institution. Frankreich lebt in Zeiten, in denen Katholisches als gelebte Orientierung weithin Vergangenheit ist: „Post – katholisch“ eben, selbst wenn die französische Kirche noch über ein großes Gerüst an Institutionen verfügt und viele Kathedralen und Abteien Zeugnisse sind für den Glauben „von einst“.
6.
Wer Verantwortung oder gar Schuld hat an diesem „post-katholischen Zustand“, ist eine wichtige Frage. Unsere These: Es ist die klerikale Herrschaftsform dieser Kirche selbst und ihre absolute Unbeweglichkeit, die auf nicht mehr nachvollziehbare Dogmen nicht verzichten kann und die Menschen aus der Kirche treibt… Es ist also die starre Herrschaft erstarrter Kleriker, die diese „post – katholische Epoche“ hervorgebracht hat. Kleriker nennen gern als „schuldig“ für diesen Zustand diffus „die Säkularisierung“, den fehlenden “Respekt vor den Werten“, die „Konsumgesellschaft”, früher sagte man auch gern „das Fernsehen“… Wenn die Kleriker dann heute vornehm „Reformen“ vorschlagen, dann sind es, wie üblich, immer nur solche, die ihre eigene Macht nicht gefährden.
7.
Es ist dabei interessant zu sehen, dass mit diesem post – katholischen Zustand Frankreichs jetzt eine „post – demokratische Zeitenwende“ gleichzeitig korrespondiert, also die wahrscheinliche Machtübernahme durch die nur nach außen hin gemäßigte, nicht-rechtsradikale Partei von Marine Le Pen, das „Rassemblement National“. Das zentrale Motto dieser Partei ist der egoistische Nationalismus, „La France d abord.“ Egoismus zuerst also. Und deswegen die Forderung: Flüchtlinge und Fremde: Raus…
Weil die Katholiken wahrscheinlich besser die Paragraphen des römischen Katechismus kennen als die Menschenrechte und die Werte der Demokratie, haben gerade die „praktizierenden Katholiken“ am 9.Juni bei den Europa-Wahlen sehr heftig die beiden rechtsradikalen Parteien gewählt (42 % aller praktizierenden Katholiken). Die französischen Bischöfe haben nicht explizit die Katholiken vor den Rechtsextremen gewarnt, sie schweigen sich auch jetzt aus, nach den Ergebnissen der Europawahl. Manche kompetente Beobachter meinen: Vielleicht denken ja auch einige Bischöfe so wie die Führer der Rechtsextremen, die Bischöfe sind wie diese Politiker gegen die „Ehe für alle“, für den absoluten Schutz der heteronormativen Familie, der Liebe zum „alten Frankreich“ usw… Von den Bischöfen Rey (Toulon) oder Aillet (Bayonne) kann man das gewiss sagen.
8. Ob dieser Zustand des „Post-Katholischen“, also der katholischen Minderheit, sich in Zukunft weiter bestätigt, hängt von vielen Faktoren ab: Gibt es Kräfte, die zur grundlegenden Reformation (nicht zur „Reform”, diese ist viel zu bescheiden angesichts der Probleme) in der Lage sind? Sind die engagierten Laien in den Gemeinden in der Lage, eine Präsenz des Katholischen zu garantieren? Bekanntlich sind sie nur HelferInnen des Klerus, die Eucharistie leiten dürfen sie nicht. Die Feier der Eucharistie wird offiziell vom Klerus als der absoluteste aller Mittelpunkte katholischen Lebens behauptet, aber die Eucharistie dürfen nur zölibatäre Priester leiten, so behalten die Priester nach wie vor die Macht in der absolut wichtigsten aller katholischen „Ereignisse“… Wenn der Klerus ausstirbt, sterben also auch die Gemeinden. Das weiß der Klerus, und er akzeptiert diesen Weg ins Ende des Katholizismus.
Und die eigentlich irgendwann einmal etwas prophetisch gesinnten Ordensleute fallen auch in Frankreich weithin aus, nicht nur weil die Orden, männliche wie weibliche, am Aussterben sind in Frankreich, sondern weil auch das Renommee der neu gegründeten, oft charismatischen Ordensgemeinschaften einfach miserabel ist, wegen der vielen Fälle sexuellen Missbrauchs vor allem durch männliche Ordensleute.
9.
Wer heute noch in dieser Kirche mitwirkt, ist meistens dem konservativen Lager zuzurechnen: Und diese Kreise sind froh, dass auch heute alles der Tradition und den angeblich unwandelbaren Dogmen entsprechen… alles Katholische soll also so bleiben, wie es – angeblich – immer schon war.
In dieser versteinerten Haltung wird die katholische Kirche zur sehr „kleinen Herde“, wie man kirchenintern gern voller Trost im Blick auf ein Jesus-Wort sagt, also zur abgeschotteten Sekte in einer „post – katholischen Gesellschaft“.
Noch einmal: Jetzt nennen sich noch 29 Prozent aller Franzosen, vor allem ältere Menschen, katholisch. Die stärkste „Konfession“ sind heute die Religionslosen, mit über 50 Prozent. Und ihr Anteil wächst. Sind diese Religionslosen aber wirklich ohne Religion? Wenn nein, welche Religion haben sie, suchen sie, das sind offene Fragen, die bisher kaum religionsphilosophisch bearbeitet werden.
10. Mit den Menschen „sans religion“ , „ohne Religion“, sowie den 5 Millionen Muslims sowie den einigen hunderttausend Evangelikalen und 500.000 Juden und den zahlreichen Buddhisten wird sich also der Minderheiten – Katholizismus irgendwie verständigen müssen, in einer Zeit alsbald, die man dann allgemein nur „post-katholisch“ nennen wird. Nietzsche fragte einst: Wird die Kirche zum Grab Gottes? In Frankreich ist man geneigt, diese frage mit Ja zu beantworten. Man lasse sich nur vom schönen Schein der so schönen Kathedralen etc. täuschen oder von den Wallfahrtsorten und Pilgerrouten, die selbst für „Religionslose“ wichtig geworden sind, als Formen des „Besonderen“, „Anregenden“ und durchaus „Unterhaltsamen“…
………………………
FUßNOTE 1:
Man studiere die Katholizismus-Geschichte etwa seit König Ludwig XIV.: Auch wenn es im seit dem 18. Jahrhundert zahlreiche katholische Ordensgründungen und mystische Bewegungen auch volkstümlicher Art (Pascal, Jansenisten etc.) gab: Eine tiefere, reflektierte und bewusst gelebte Orientierung am Evangelium Jesu gab es weithin nicht.
Darauf hat unter anderen der bekannte Historiker der religiösen Mentalitäten Prof. Jacques Delumeau in seinen zahlreichen Studien seit Mitte der 1970er Jahre hingewiesen. Etwa in dem Buch „Stirbt das Christentum?“ (Walter Verlag Olten, 1978).
Delumeaus wichtige Erkenntnis: Die Katholiken der viel gerühmten früheren Zeiten, etwa des Barock und danach, waren nicht vorbildlich christlich oder katholisch-fromm, selbst wenn sie noch in vielen Regionen sehr oft an der Messe teilnahmen.
Man lese in dem Zusammenhang auch die empirischen, schön geschriebenen journalistischen Beobachtungen und Studien von Sébastian Mercier (geb. 1740 – 1814) „Mein Bild von Paris“ (Insel-Verlag, 1979). Darin etwa das Kapitel „Messen“ (s. 134 ff.) „Sonn-und Feiertage“ (235 ff) oder „Beichtväter“: Deutlich wird die Oberflächlichkeit des Glaubens der meisten Katholiken in Paris kurz vor der Revolution (1789). Deutlicher kann der Glaube der „ältesten Tochter der römischen Kirche“ in Paris nicht beschrieben werden.
Bekannt ist auch, dass etliche französische Bischöfe schon seit 1930 deutlich sahen: Frankreich ist wieder Missionsland geworden, weil trotz der formellen Bindung an die Kirche durch die übliche Taufe die wichtige innere Verbundenheit mit dem Glauben fehlt. Das waren und sind religions-soziologische Feststellungen, die das Äußere der „religiösen Praxis“ betreffen, was aber bekanntlich nichts aussagt über den „inneren Glauben“ des einzelnen Menschen.
Jedenfalls wurden dann durch die Bischöfe Initiativen erlaubt, die ein neues Gesicht der Kirche in Frankreich zeigen sollten: Es waren seit 1940 etwa die Arbeiterpriester, die als Pfarrer und Ordensleute als „normale“ Arbeiter in den Fabriken vor allem tätig waren und keine Verantwortung in Pfarrgemeinden hatten. Die Arbeiterpriester und die entsprechenden katholischen Laienbewegungen der Arbeiter (ACO und JOC) wollten durch ihre solidarische Präsenz mit den Arbeitern zeigen: Christen sind nicht nur (groß)bürgerlich, sie stehen an der Seite des Proletariates, bis hin zur Mitgliedschaft von Arbeiterpriestern und Theologen in der Kommunistischen Partei oder der Gewerkschaft CGT, dies als Ausdruck der echten Verbundenheit mit dem Proletariat. Auch aus politischen Gründen wurde es 1954 von Papst Pius XII.Priestern untersagt, in der Fabrik zu arbeite. (das übliche vatikanische Nein zum Kommunismus und Sozialismus mit dem bekannten Ja und milden Nein zum Faschismus (Mussolini-Konkordat usw. )
Erst nach dem 2. Vatikanischen Konzil 1965 erlaubte Rom wieder das „Experiment der Arbeiterpriester“, heute sind nur 20 Priester als Arbeiter tätig, weil es zu wenige Priester heute gibt… Und die wenigen jungen Priester sich in gut ausgestatteten bürgerlichen Pfarreien mit lateinischen Messen möglichst noch am wohlsten fühlen. Dass die jungen französischen Priester eher sehr rechts stehen und konservative Theologien vertreten, wurde in den letzten Monaten oft dokumentiert.
FUßNOTE 2:
Hinweise zum Ende der Klerus – Kirche:
Der Klerus in Frankreich ist noch stärker überaltert als etwa in Deutschland: In Paris und Versailles, dort, wie es schön und bequem ist, arbeiten noch etliche junge Priester. Aber in den kleinen Bistümern in der Provinz ist die Ausstattung mit den im Katholizismus immer noch für unersetzlich gehaltenen Klerikern äußerst prekär. Und dies schon seit Jahrzehnten.
Nur ein Beispiel: Die aktuelle Website des Erzbistums Sens-Auxerre in Burgund nennt in seiner aktuellen Website, gelesen am 26.6.2024, noch 64 Priester. Schaut man aber genauer hin, dann sind 2 Priester in anderen Bistümern tätig, 11 meist noch jüngere Priester stammen aus Afrika, und von den anderen, in Frankreich geborenen, sind nach meiner Recherche mindestens 20 über 70 Jahre. Die Website erwähnt sogar im Bistum tätige Priester im Alter von 94 Jahren oder 85 Jahren oder 92 Jahren.
Ich habe 1998 in dem Bistum Sens – Auxerre einen Film für die ARD realisiert, „In letzter Minute“ war der Titel, der schon das bevorstehende Ende der Kirchenstrukturen im Bistum andeuten sollte. Damals führte das Jahrbuch des Bistums „Eglise dans l Yonne“ (1998) noch etwa 100 Priester auf, wobei viele auch sehr vorgerückten Alters waren.damals lebten 320.000 Menschen im Bistum bzw.im Département. Heute, laut website des Bistum, leben dort 340.000 Menschen. Der Anteil der „praktizierenden, d.h. an der Sonntagsmesse teilnehmenden Katholiken in den ingesamt 30 Pfarreien ist minimal. Manche sprechen von 2 Prozent „praktizierender Katholiken“ in diesen Gegenden Burgunds , oft sind es Pariser mit einer Ferienwohnung dort, die an der Messe teilnehmen. Die absolut minimalen Zahlen der „praktizierenden Katholiken“ ist ähnlich in den Bistümern Troyes, Nevers, Moulins, Limoges (Guéret), Perigeux usw. usw. und es sind ganz überwiegend ältere Menschen, die sich noch in die leeren Kirchen sonntags zur Messe setzen, und es sind ältere Frauen, die in den Dörfern als „Ansprechpartner der Kirche“ noch eine gewisse Präsenz der Kirche zeigen…
Aber wer durchs Land fährt, sieht überall verfallene Kirchen, oft schon Ruinen seit 100 Jahren. LINK.
Eine gewisse Melancholie stellt sich ein: Denn die Frage nach der Schuld an diesem Zustand stellt sich ein. Es evident, dass die Herren der Kirche auch für diesen Niedergang Verantwortung tragen, weil sie katholisches Gemeinde – Leben ohne den zölibatären Klerus für unmöglich halten, also Laien nicht Verantwortung geben, die Eucharistie in neuer Form zu feiern. Selbst wenn das heute ab sofort möglich wäre, diese Reform käme zu spät. Es gibt nur wenige Laien, die diese Reformen – schon altersmäßig – mittragen können und wollen. Es ist also vorbei, mit dem Katholizismus in Frankreich, selbst wenn er nach außen hin noch als alte kulturelle Tradition sichtbar ist.
……
Einige Bücher, die für diesen Hinweis wichtig sind:
Céline Béraud et Philipe Portier, Metamorphosen catholiques. Editions de la Maison des sciences de l` homme, Paris, 2015.
Patrick Cabanel, „Le droit de croire. La France et ses minorités religieuses 16.-21. siècle“. Edition Passés Composés, Paris, 2023.
Guillaume Cuchet, „Comment notre monde a cessé d être chrétien“. Ed.du Seuil, Paris, 2018.
Ders., Le catholicisme a-t-il de l avenir en France?“ Ed. du Seuil, 2021.
Jérome Fourquet, „Á la Droite de Dieu“. Ed. du Cerf., Paris, 2018.
Danièle Hervieu – Léger, „Catholicisme, Fin d` un Monde, Ed. Bayard, Paris, 2003.
Danièle Hervieu – Léger, Jean Louis Schlegel, „Vers l `implosion? L` avenir du catholicisme“. Ed. du Seuil, 2022.
Guy Michelat und andere, „Les Francais sont – ils encore Catholiques?“, Ed. Du Cerf, 1991.
Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de
Ergänzung zum Wahlverhalten des Ehepaars Klarsfeld: Veröffentlicht am 24.6.2024:
Unsere Hinweise zur Zustimmung zu den rechtsextremen Parteien in Frankreich (vor den Parlamentswahlen am 30.6. und am 7.7.2024) bezieht sich, unseren Schwerpunkten folgend, vor allem auf Katholiken und deren Führer.
Um der Objektivität und der umfassenden Information willen:
Wir finden es skandalös, dass jetzt das bekannte Ehepaar Serge und Beate Klarsfeld (Paris), geehrt wegen ihrer langjährigen Verfolgung von Nazi-Tätern, ihr Wahlverhalten zur Parlamentswahl 2024 öffentlich erklärt:
Sie wollen die Partei Marine Le Pens wählen, also den „Rassemblement National“ (RN). Dies ist die Nachfolgepartei des rechtsextremen „Front National“ des offen antisemitischen Vaters von Marine, also Jean-Marie Le Pen.
Man kann nur hoffen, dass dieses skandalöse Statement nicht Nachfolger findet, denn „die Klarsfeld“ sind doch „wer“…
Unsere Frage: Warum entscheiden sich Juden, die nach außen hin normalisierte, nach außen hin also nicht mehr antisemitische, hingegen immer noch explizit überaus muslimkritiische und sehr ausländerkritische Partei „Rassemblement National“ zu wählen?
Die Antwort des Ehepaars Klarsfeld: Sie wählen diese rechtsradikale, europafeindliche Partei RN aus dem einen Grund: Weil dieser Rassemblment National nicht explizit antisemitisch sein soll.
Das heißt: Für die beiden Klarsfeld wird ihre eigene Identität, also die Verbundenheit mit Israel und das Jüdischsein, zum entscheidenden und alleinigen Kriterium, eine insgesamt demokratie-feindliche Partei zu wählen.
Die beiden Klarsfeld halten ihre begrenzte jüdische Identität für wichtiger als die universalen Werte der Demokratie.
Wir haben im Zusammenhang der wichtigen Bücher des Philosophen Omri Boehm (Israel/USA) zum Thema mehrfach darauf hingewiesen. LINK.
Zurecht wurde wohl auch von den Klarsfeld früher einmal kritisiert, dass sehr viele Katholiken den Nazi-Freund, Général Pétain einst unterstützten, aus einem formal gleichen Motiv: Der Pétain förderte und unterstützte die katholische, die konfessionell Sache, die katholischen Schulen, die katholischen Werte der katholischen Familie etc. Er förderte die nun einmal begrenzte katholische Identität, die viele Katholiken (auch Bischöfe) wichtiger fanden, als für die Menschenrechte und die Demokratie in Frankreich einzutreten…
So haben sich Fixierungen auf begrenzte Identitäten gegen universalen demokratischen Werten am Leben gehalten und fortgesetzt, auch beim Ehepaar Klarsfeld.
Man muss diese Statements wohl eine Schande nennen. Juden in Frankreich urteilen ähnlich darüber, so befinden sich Kritiker in Deutschland in guter Gesellschaft. Siehe: LINK
Ein Vorschlag: Das Ehepaar Klarsfeld könnte alles tun, um ihren jüdischen Mitbürger Erich Zemmour davon abzuhalten, seine rechtsextreme Partei „Reconquete“ weiter auszubauen.
Zur Vertiefung: siehe die verschiedenen lesenswerten Beiträge der TAZ etwa. LINK. https://taz.de/Ehepaar-Klarsfeld-ueber-Frankreich/!6016087/
Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de
………………….. DER BEITRAG VOM 21.6.2024:
1.
Sie haben lange geschwiegen, die katholischen Bischöfe Frankreichs nach dem starken Rutsch ins Rechtsextreme auch unter den so genannten praktizierenden Katholiken, also nach den Europawahlen am 9. Juni 2024.
Im Unterschied zu den Verantwortlichen der protestantischen Kirche Frankreichs, die haben sofort präzise vor den Rechtsextremen gewarnt! (Siehe Fußnote 1)
2.
Am 20.6. hat sich nun die französische Bischofskonferenz aufgerafft, eine Stellungnahme zu den bevorstehenden Parlamentswahlen zu veröffentlichen, nachdem zahlreiche katholische Medien und einige katholische Laiengruppen das Schweigen der Hirten zum Sieg der Rechtsextremen am 9.6. 2024 öffentlich kritisiert hatten.
Am 23.6.versammelten sich doch noch einige Christen in Paris, um zu erklären: Die Rechtsextremen sind mit dem christlichen Gkauben nicht zu vereinbaren. (Quelle, Tageszeutung La Croix, Pars, 23.6.2024): “Un rassemblement de chrétiens « contre l’extrême droite » a été organisé, dimanche 23 juin, devant les Invalides à Paris. Un événement qui fait suite à la parution d’une tribune de 6 000 chrétiens expliquant refuser le Rassemblement national au nom de leur foi. Zur “christlichen Protest – Demo” am 23.6. selbst schreibt diese Zeitung: « “Nous sommes ici car nous voulons montrer que nos valeurs chrétiennes sont incompatibles avec celles prônées par l’extrême droite. » C’est le mot d’ordre que reprennent participants et organisateurs du rassemblement de chrétiens « contre l’extrême droite », dimanche 23 juin. Ils sont plus de 200 à s’être réunis, devant les Invalides à Paris.” Immerhin, einige politisch Vernünftige gibt es noch unter Frankreichs Christen vor der Wahl, sie raffen sich auf und demonstrieren. (CM)
3.
Im Mittelpunkt der Erklärung der Bischofskonferenz LINK steht die Aufforderung, vor den Wahlen ein bestimmtes, neu formuliertes Gebet zu sprechen, siehe dazu Nr. 6. Von politischen Debatten jetzt in den Kirchen und Gemeindehäusern keine Rede, ebenfalls keine Rede, an den großen Demonstrationen gegen Rechtsextreme sollten Katholiken teilnehmen (das machen einige wenige Laien trotzdem). Kurz: Die Bischöfe sind eingeschlossen in ein ängstliches, nur frommes Weltbild.
4.
Zuvor ein Hinweis zu der Erklärung, die die Bischöfe als eine Art „Begleitung“ zu dem Gebet vor den Wahlen verstehen.
In dieser Erklärung ist deutlich: Die Bischöfe sehen durchaus, dass die Auflösung der Nationalversammlung das Land in unerwartete Unruhe („trouble“) führt.
Die Bischöfe fordern die Katholiken auf, verantwortungsbewusste Bürger zu sein, nicht etwa, weil sich diese Katholiken auf die Werte der Demokratie und der Menschenrechte zu allererst stützen. Sondern weil die katholische citoyens an „das Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu“ glauben und daraus ihre politische Hoffnung beziehen… Schuld an dem aktuellen „Malaise“ (Not) seien, so die Bischöfe, Individualismus und Egoismus, die Schwächung des Sinns für den Respekt für das menschliche Leben und die „Auslöschung Gottes im allgemeinen Bewusstsein und Gewissen.“ Außerdem sollen die Franzosen doch bitte die Meinungen der anderen Mitbürger respektieren, fordern die Oberhirten…
Es fällt auf. Mit keinem einzigen Wort werden die rechtsradikalen Parteien als Gefahr für die Demokratie und für den europäischen Zusammenhalt genannt. Die Bischöfe geben sich irgendwie neutral, sie geben – angesichts des langsamen Untergangs der Demokratie – keine konkrete Warnung oder gar konkrete Wahl – Empfehlung. Sie äußern sich jetzt vornehm neutral, als ob die Wähler es nur mit demokratischen Parteien zu tun hätten, bei denen Katholiken natürlich unterschiedliche Meinungen haben dürfen. Aber jetzt ist die Demokratie, ist Europa, bedroht. Irgendwie wirken die französischen Bischöfe, als wären sie aus der Gegenwart gefallen, als hätten sie die vielen hundert Skandale um ihre Priester (Sexueller Missbrauch) in tiefe Depressionen geführt.
5.
Dieses Schweigen der Bischöfe über die rechtsextremen Parteien, diese Angst, konkret Namen der problematischen Führer zu nennen, den Rassismus der rechtsextremen Parteien als solchen zu nennen sowie die Abwehr der Fremden… dieses Schweigen, diese klerikale Angst, sind ein Skandal.
Man kann also interpretieren:
Nicht nur die praktizierenden Katholiken, auch ihre klerikalen Führer, die Bischöfe, glauben nun an Marine Le Pens neues „moderates“ Programm der „dédiabolisation“ ihres Rassemblement National (RN). Madame Le Pen nannte ja ihr nach außen hin moderates Programm eine „Dédiabolisation“, eine „Entteufelung“ dieser Partei.
Wie naiv dürfen eigentlich Bischöfe sein? Oder haben diese Kleriker gar – wie ihre Vorgänger im 20. Jahrhundert – eine meist verstecke, manchmal offene Liebe gegenüber autoritären Politik-Entwürfen und rechtsextremen Politikern? Man denke nur an die Ergebenheit vieler französischer Bischöfe gegenüber dem autoritären Nazi – Freund Marschall Pétain…Oder sind die Bischöfe erfreut, dass der neue Parteichef des RN mal auf einer katholischen Schule war und deswegen so einbrechen katholisch angehaucht ist, oder dass die graue Eminenz des RN, Renaud Labane eifriger Katholik sein will, wenn auch im schismatischen Lager der Pius-Brüder, aber das muss ja nicht sooo schlimm sein, Hauptsache katholisch .. und Kämpfer für die Rechte der hetero-normativen Familie, für PRO LIFE und gegen den – angeblichen – Gender – Wahnsinn. Denn diese Kämpfe sind doch jetzt identisch mit katholisch!
6.
Jetzt hilft nur noch beten: Das bedeutet für klassischen katholischen Theologen: Gott wird schon vom Himmel aus das Flehen seiner Leute auf Erden erhören: Nur, er weiß selbst wahrscheinlich NICHT, was denn nun dieses Gebet seiner Leute in Frankreich konkret für ihn im Himmel bedeutet: Wo soll er denn nun mit seinem heiligen Geist eingreifen? Vielleicht Marine Le Pen zur Demokratin machen? Die Aufforderung zu beten, ist in den letzten Monaten unter Katholiken geradezu inflationär geworden, das nennt man Wunderglauben alter Art.
Gebet hat nur nachvollziehbaren Sinn, wenn mit diesem Wort „kritische Selbstreflexion“ mit dem Ziel demokratischen politischen Handelns gemeint ist. Daran denken die Herren der Kirche offenbar nicht im entferntesten. Sie glauben wider alle von Gott gegebene, deswegen heilige Vernunft, dass Gott im Himmel hört und erhört…Und die armen Katholiken hier jammern und leiden… und je nach Laune entscheidet.
7.
Das Gebet vor der Parlamentswahl:
« Dieu de vérité et de bonté, en ces temps de décisions fortes pour notre pays la France, aide-nous à discerner correctement ce qui est juste.
Renouvelle en nous, chaque matin, le goût de servir, pour que nous accomplissions nos tâches avec cœur et garde-nous de mépriser quelque être humain que ce soit.
Viens, Esprit-Saint, éclairer ceux et celles qui seront choisis comme députés ou auront à gouverner notre pays.
Qu’ils puissent ensemble chercher le meilleur pour nous tous. Imprime en eux un grand sens du service du bien commun.
Sainte Vierge Marie, sainte Jeanne d’Arc, sainte Thérèse de l’Enfant Jésus, patronnes de la France, veillez sur notre pays. Qu’il soit une terre de liberté, de justice, de fraternité et se tienne à la hauteur de son rôle dans l’histoire.
Aidez-nous à y être, à notre modeste place mais selon toute notre responsabilité, des disciples de l’Évangile.
Amen. »
Die Übersetzung kann jeder und jede leicht über die Übersetzungsdienste erhalten.
Es fällt mir in dem Gebet auf, wieder werden in totaler unpolitischer Haltung floskelhaft einige Sätzchen daher gesagt. Und vor allem: Die heilige Jungfrau Maria, die heilige Jeanne d Arc (sic, die kämpferische Heilige, die England besiegte!) und die heilige Theresia vom Kinde Jesu aus Lisieux, sie sind die Patroninnen Frankreichs … diese himmlischen heiligen Damen sollen „veillez sur Notre pays“, also „über unser Land wachen“.
Auch im Gebet wird kein Name, keine rechtsextreme oder antisemitische Partei genannt, die der liebe Gott doch bitte einschränken möge…
Ein Text, der heute schon Geschichte macht, ist eine Blamage, eine theologisch – politische Dummheit der Kirchenführer.
Fußnote 1:
Les instances de „l’Église protestante unie de France“ ont réagi dès le 13 juin 2024:
« Les résultats français des élections au Parlement européen nous accablent […] L’Église protestante unie de France ne peut pas se taire. […] Se tenir à l’écoute de l’Évangile a nécessairement des conséquences politiques qui s’opposent au programme du Rassemblement national. » (Quelle. Internet Zeitschrift „Témoignage Chretien“, Paris, 20.6.2024, LINK
Übersetzung:
„Die französischen Resultate der Wahlen zum Europaparlament bedrücken uns. Die Vereinigte Protestantische Kirche Frankreichs (also die Reformierten und die Lutheraner, CM) kann nicht schweigen. Wenn man auf das Evangelium hört, hat dies notwendigerweise politische Konsequenzen, die sich dem Programm des Rassemblement Nation (RN) widersetzen“.
Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de
Das Motto: „Gott ist nicht konservativ“ erklärte der Pariser Kardinal Francois Marty in einem Interview mit Christian Modehn für „Publik – Forum“ 1980.
„Gott ist konservativ, sogar sehr rechtslastig“.
Das glauben heute die meisten Katholiken Frankreichs.
Zur Vertiefung: Der katholische Medien-Mogul und praktizierende Katholik, der Milliardär Vincent Bolloré, hat sich für die Zusammenarbeit der rechten mit den rechtsextremen Parteien ausgesprochen. LINK:
1.
Bis zum 13.6.2024 (gelesen um 23.00), hat die Französische Bischofskonferenz noch keine Erklärung, keine Stellungnahme, keinen Kommentar zu den Ergebnissen der Europawahl in Frankreich am 9.6.2024 auf Ihrer Website publiziert LINK
Hingegen hat die Bischofskonferenz am 12.Juni 2024, drei Tage nach der Wahl, drei Dokumente zu Fragen der Ehe und Heirat veröffentlicht. Man darf sich fragen: Wie weltfremd sind diese Oberhirten eigentlich! Oder: Bereitet sich die Kirche auf eine „Ehe“ von Katholizismus mit den rechten bzw. rechtsaußen Parteien vor?
2.
Lediglich drei Bischöfe aus Nordfrankreich, aus Lille, Arras, Cambrai, wo die Le Pen Partei RN sehr starke Erfolge erzielte, zum Teil über 50 Prozent, haben einen Text publiziert. Und sie haben sehr weise und milde ihre Landsleute „zu politischer Weisheit“ („sagesse politique“) aufgefordert.
3.
Die katholische Kirche in Frankreich ist jetzt de facto schon eine Minderheit: 29 Prozent der Franzosen bezeichneten sich 2023 als Katholiken.LINK (Quelle: https://www.insee.fr/fr/statistiques/6793308?sommaire=6793391), gelesen 14. Juni 2024. Die Religionsstatistiken werden durch repräsentative Umfragen erzeugt, offizielle Religionsstatistiken gibt es in Frankreich nicht… wegen der Trennung von Kirchen und Staat seit 1905.
Zum Vergleich: Im Jahr 1950 nannten sich 90 Prozent der Franzosen katholisch. Der starke Mitgliederschwund der katholischen Kirche ist sicher auch den sexuellen Missbrauch von zahlreichen französischen Priestern und Bischöfen bedingt!
1965 wurden noch 87% aller Kinder – bis zu drei Monate nach der Geburt – katholisch getauft. Heute wird nur ein Viertel der Kinder katholisch getauft … in den ersten sieben Lebensjahren.
Und eine wichtige Zahl zum langsamen Verschwinden des Katholizismus in Frankreich: Im Jahr 2000 lebten und arbeiteten 25.300 Priester in Frankreich, im Jahr 2022 sind es noch 11.600, über das Durchschnittsalter schweigen sich die offiziellen Kirchenstatistiken aus, nur ca. 20 Prozent sind nach zuverlässigen Schätzungen jünger als 65! LINK (Quelle: https://eglise.catholique.fr/guide-eglise-catholique-france/statistiques-de-leglise-catholique-france-monde/statistiques-de-leglise-catholique-france/ministres-ordonnes-religieux/)
50.000 Ordensfrauen, Nonnen, lebten im Jahr 2000 in Frankreich, 17.300 sind es 2022. Die Klöster sind jetzt de facto meist Heime für alte und sehr alte Nonnen.
4. Das Wahlverhalten der Katholiken im Juni 2024:
Das Meinungsforschungsinstitut IFOP (Paris) hat für die angesehene katholische Tageszeitung LA CROIX (Paris) festgestellt: 42 Prozent der sogenannten praktizierenden Katholiken (d.h. sie nehmen gelegentlich an der Messe teil…) haben bei der Europawahl 2024 für die beiden rechtsextremen Parteien gestimmt: 32 Prozent für Marine Le Pens Partei „Rassemblement National“ (RN) (Von ALLEN Wählern erhielt RN „NUR“ 31 Prozent!) und 10 Prozent der praktizierenden Katholiken stimmten für die noch rechtsextremere Partei „Reconquete“ von Eric Zemmour und der Nichte Marine Le Pens, Madame Maréchal. (Von allen Wählern erhielt Reconquete „NUR” 5,5 Prozent).
5.
Die Entschiedenheit der praktizierenden Katholiken für linke und sehr linke Parteien bei der Europa-Wahl 2024 ist eher unbedeutend. Eine aktuelle Begründung: Weil für die meisten Katholiken (auch weltweit) der Glaube an Gott und Jesus immer mit dem Glauben an den höchsten moralischen Wert „Pro LIFE“ verbunden ist, wurde Staatspräsident Macrons Politik abgelehnt: Er hat sich bemüht,
Gesetzesvorlagen zum „Ende des Lebens“ vorzulegen, also zur aktiven Sterbehilfe. Da hat sich eine ideologisch moralische Einheit gebildet von rechten, rechtsextremen Parteien mit den katholischen Bischöfen und konservativen katholischen Laienorganisationen. Wir nennen nur die „Alliance Vita“, sie führt auch seit Jahren einen Kampf auch gegen die Abtreibung, zusammen mit „Associations Familiales Catholiques“ (AFC). Noch wichtiger im Kampf gegen die individuelle Freiheit, über das eigene Lebensende selbst zu bestimmen, ist die „Société française d’accompagnement et de soins palliatifs (SFAP)“. Sie wehrt sich gegen die Selbstbestimmung im Sterben, sie verfügt über viele finanziellen Mittel und ist verantwortlich für die Ausbildung der Pflegekräfte im Palliativ – Bereich. Die Präsidentin diese Vereins, Claire Fourcade, ist eng mit den katholischen Universitäten verbunden, sie hat sich auch gegen die Gültigkeit der objektiven Forschungsergebnisse einer neutralen Studiengruppe zum sexuellen Missbrauch durch Priester (die Studie hat den Namen „Commission Sauvé) ausgesprochen. Sie ist mit dem sehr konservativen Bistum Versailles verbunden.
6.
Eine kurze Erinnerung: In Frankreich gibt es seit 1789 (Beginn der Großen Revolution) eine sehr enge Verbindung der allermeisten Katholiken Frankreichs und auch ihrer Führer, der Priester und Bischöfe, mit rechten und rechtsextremen Parteien. Antirevolutionär sein bedeutet immer: Die Werte der Demokratie und der Republik ablehnen, in Frage zu stellen, die Bindung an Autoritäten mehr zu schätzen als die Autonomie des einzelnen; Sympathien für den Antisemitismus zu haben, die klassischen Werte der Familie und der Frauen (als Mütter und Hausfrauen) zu verteidigen, gegen die „Ehe für alle“ öffentlich zu kämpfen…
7.
Diese Kreise sind auch im 20.Jahrhundert immer aktiv gewesen, und sie sind auch heute aktiv. Selbst wenn sie zahlenmäßig eher von bescheidenem Umfang sind, haben sie doch eine breite, auch öffentliche Wirkung in der Kirche und der Gesellschaft. Diese konservativen, reaktionären, rechtsextremen katholischen Gruppen sind im Vergleich zu Deutschland sehr viel zahlreicher, sie können auf eine lange Tradition seit 1789 verweisen. Diese Gruppen prägen auch heute das Profil des französischen Katholizismus. Bedeutende linke, theologisch – reformerische Kreise gab es einmal im französischen Katholizismus in einem beträchtlichen Umfang, man denke nur an die vielen hundert Arbeiterpriester in Frankreich einst. Nur noch 15 Priester sind aktiv als „Arbeiterpriester“ tätig. 1976 waren 800 Priester „Arbeiterpriester“…Heute sind die linken katholischen Kreise und ihre Zentren und ihre einst bedeutenden Zeitschriften („Témoignage Chrétien“ etc.) marginal.
8. Le Pen…
Die Le Pen Partei, von Jean – Marie Le Pen gegründet und bis 2011 von ihm geführt, hatte immer eine enge Verbindung mit den traditionalistischen Pius – Brüdern. Diese von dem reaktionären katholischen Erzbischof Marcel Lefèbvre gegründete Protestbewegung (d.h. Ablehnung des 2. Vatikanischen Konzils) ist in Frankreich von einer zahlenmäßig bedeutenden Stärke.
Die Le Pen – Partei „Front National“ hat damals mit diesen Priestern immer zusammengearbeitet und sie betrachtete förmlich die Hauptkirche der Lefèbvre Leute, St. Nicolas du Chardonnet in Paris, als ihr spirituell – politisches Zentrum. Le Pen Tochter Marine Le Pen, hat dem „Front National“ ein neues Äußeres gegeben und auch einige rechtsradikale Elemente aus ihrer Partei ausgeschlossen, wie den Antisemitismus. Diese neue Le Pen Partei heißt seit einigen Jahren „Rassemblement National“, Nationale Sammlung. Die Nation zuerst steht nach wie vor im Mittelpunkt. „Frankreich zuerst“ ist das Motto, das sich vor allem gegen muslimische Einwanderer und besonders Flüchtlinge richtet.
9.
Der traditionalistische Katholik Renaud Labaye, die „graue Eminenz“ des Rassemblemnet National.
Der wichtigste Mann „im Hintergrund“ der Le Pen Partei, des Rassemblement National (RN), ist Renaud Labaye (39 Jahre alt). Er ist offiziell zwar nicht Mitglied des RN, aber „er fühlt sich der Nationalen Rechten immer nah“, wie er gegenüber dem „Spiegel“ (15.6.2024, Seite 61) bekennt, und zwar seit 2014, wie die Zeitung Journal du Dimanche betont, LINK .
Labaye ist Generalsekretär der Partei RN und gehört zum Kreis der so genannten “Horaces“, des geheimen Beratergremiums von Marine Le Pen.
Renaud Labaye bekennt sich offen zum Katholizismus, allerdings in der Form des Traditionalismus: Er sei regelmäßiger Teilnehmer der traditionalistischen Wallfahrt Paris – Chartres unter dem Zeichen der militanten Organisation „Chrétienté“, also der alten, abgeschotteten katholisch zu verstehenden „Christenheit“, berichtet das politische Magazin EXPRESS am 23.6.2022.
10. Römisch-katholische Traditionalisten!
Schon Papst Johannes Paul II. und mit ihm sein „rechter starker Arm“, Kardinal Ratzinger, gaben sich alle Mühe, die politisch rechtsextreme Lefèbvre Bewegung zu spalten und traditionalistische Organisationen im Innern der offiziellen römisch – katholischen Kirche zuzulassen. Das ist den beiden auch gelungen. Papst Benedikt XVI. setzte diese Spaltung der Pius – Brüder – Kreise fort. Diese einstigen Papstfeinde und Traditionalisten haben aber ihre reaktionäre Theologie beibehalten dürfen, dem Vatikan kam es nur auf die Anerkennung des Papstes als des obersten Chefs an!
Darüber wurde auch auf der website des Religionsphilosophischen Salon Berlin ausführlich berichtet. LINK.
11.
Wichtig ist in dem Zusammenhang, an die von einem ehemaligen Lefèbvre Priester, Philippe Laguerie, gegründete Priester – Gemeinschaft „Institut du Bon Pasteur“ mit dem Zentrum in Bordeaux zu erinnern. Diese traditionalistische, aber mit dem Papst versöhnte Gemeinschaft ist inzwischen international aktiv.
12.
Mit dem traditionalistisch – römisch katholischen „Institut du Bon Pasteur“ ist der in Frankreich in rechten und rechtsextremen Kreisen sehr bekannte Priester Matthieu Raffray als Mitglied verbunden. 1979 geboren, hat er als Philosoph alle Vorliebe fürs Mittelalter entwickelt und deswegen die Metaphysik des heiligen Thomas von Aquin studiert, auch in Rom, an der Universität des Dominikaner Ordens! Er ist jetzt mit mehreren Organisationen der „katholischen Identitären“ verbunden. Und ist attraktiv bei jungen Leuten, auch wegen seiner heftigen Worte und Prinzipien wie etwa: «Bagarre, bagarre, prière.» , also: „Schlägerei, Streit, Gebet“, wie die Tageszeitung Liberation (Paris) berichtet.
13. Pater Raffrays “männliche Katholiken”
Der Priester Matthieu Raffray ist eine zentrale Gestalt im rechten und rechtsextremen katholischen Milieu, also bei praktizierenden Katholiken, die Marine Le Pens Partei „Rassemblement National“ (RN) gewählt haben. Raffray ist im Internet äußerst aktiv, er fordert dort einen „spirituellen Kreuzzug“, er verlangt, alter rechter Ideologie folgend, die Stärkung “männlicher Katholiken“, er sagt explizit: „former des catholiques virils ». Auf seiner You – Tube Seite sammelt er 800.000 Leute, die sich seine Predigten anschauen, 74.000 folgen ihm auf Instagram.
Nebenbei darf er auch an der Päpstlichen Universität Sankt Thomas von Aquin in Rom lehren sowie am Katholischen Institut in Toulouse, er ist also auch fest integriert in den offiziellen, sich moderat nennenden Katholizismus.
Die Ministerin Aurore Bergé, verantwortlich im staatlichen Kampf gegen Diskriminierungen, hat Pater Raffray angeklagt wegen öffentlicher Diskriminierung Homosexueller. In einem Interview sagte Raffray, Homosexualität solle durch Therapie überwunden werden. Schließlich sei für ihn Homosexualität nichts als eine Schwäche, eine Krankheit, die „weg – therapiert“ werden sollte.
14.
Eine Art Demonstration der sehr konservativen und traditionalistischen, politisch meist rechtsextremen Katholiken ist – seit 1983 – die jährliche Wallfahrt zu Pfingsten von Paris nach Chartres LINK . Diese sehr populäre Wallfahrt wird von jenen katholischen Organisationen organisiert und begleitet, die zwar traditionalistisch sind, aber mit dem Papst – pro forma möchte man sagen – versöhnt und verbunden sind. Diese Kreise sind also offiziell „traditionalistisch – römisch katholisch“. Man sehe sich sich die Website an, wie viele Gemeinschaften und Ordensgemeinschaften mit dieser Organisation mit dem Titel „Notre Dame de Chrétienté“ verbunden sind. Siehe LINK oben. In diesem Jahr (2024) waren 18.000 TeilnehmerInnen, also Wallfahrer, dabei, meist jüngere Leute. Die Messe am Zielort Chartres wurde in lateinischer Sprache gefeiert, ausgerechnet von Kardinal Gerhard Ludwig Müller, dem heftigsten Gegner von Papst Franziskus.
Die inzwischen sehr bekannten, gut besuchten jährlichen „Wallfahrten Paris – Chartres“ wurden 1982 gegründet, vom rechtsextremen, der Le Pen Partei nahestehendem Zentrum „Henri et André-Charlier“ (wenn man diesen rechtsextremen Club näher studieren muss: LINK). Der damalige traditionalistische Benediktiner-Abt von Le Barroux, Dom Gérard Calvet, war auch an der Gründung beteiligt (später wurde er ohne weiteres in die offizielle römisch – katholische Kirche aufgenommen.)
Diese Wallfahrten sollten, so wörtlich im Sinne der Initiatoren, ein Zeichen des christlichen und nationalen Widerstandes sein … mit dem Ziel der christlichen Rückeroberung (reconquete chrétienne). Rückeroberung also schon damals das entscheidende Stichwort, berichtet die offiziell-katholische Wochenzeitung „Pèlerin“ am 17.5.2024.
15.
Auch Pater Matthieu Raffray predigte bei dieser Wallfahrt. Schon 2023 polemisierte er in seiner Predigt vor 16.000 Teilnehmern während der Wallfahrt nach Chartres: Zuerst das französische Zitat, das die katholische Tageszeitung La Croix (Paris am 16.5. 2024 dokumentiert) « Une foule d’ennemis voudront vous faire taire (…). Les communistes, les francs-maçons, les mondialistes, les wokistes, les libéraux, les progressistes, les sans-Dieu et ceux qui adorent de faux dieux, les hérétiques et les schismatiques, les socialistes, de droite comme de gauche. » Also: „Eine Menge von Feinden wird euch zum Schweigen bringen: Die Kommunisten, die Freimaurer, die Freunde der Dritten Welt -Solidarität, die woke-Leute, die Liberalen, die Progressisten, die Häretiker, die Schismatiker, die Sozialisten von rechts wie von links“… Paul Colrat, katholischer Philosoph und Autor, über die Aktivitäten des rechtslastigen Priesters Raffray: „Seine Rolle ist es, offiziell die Jugend der extremen Rechten zu evangelisieren. Aber ich fürchte, aber er versteht es eher, eine Art seelische Bestätigung für diese rechtsextreme Strömung in Frankreich zu geben, die in Frankreich stärker wird“ ( La Croix, 16.5.2024). Den TeilnehmerInnen und den klerikalen Organisatoren dieser Wallfahrt geht es jedenfalls, wie der Titel der Wallfahrt ja sagt, um die Chrétienté, die alte stolze, herrschende Christenheit von einst, und das bedeutet theologisch: Christus soll als König herrschen, d.h. Christus (das Neue Testament) soll die Politik bestimmen. Das darf man mit gutem Grund Fundamentalismus nennen. Extreme Muslim-Kreise wollen in Europa ein Kalifat errichten, der Koran soll herrschen, was ist da der Unterschied?
16.
Es gibt viele weitere rechtslastige katholische Organisationen aus dem Umfeld der Traditionalisten, kritische Katholizismus-Forscher und Theologen sollten sich um das Thema kümmern: Die Organisation „Civitas“ muss genannt werden, genauso die „Academia Christiana“ mit ihren „Sommeruniversitäten“ in der Normandie mit etwa 400 Teilnehmern. Dort wurde schon 2021 für die „Remigration“ geworben, und sehr rechte Rockgruppen gehörten zum Programm, berichtet die Tageszeitung Libération, Paris, 11.Dez 2023. Innenminister Gerald Darmanin plant, diese „academia“ zu verbieten.
Die rechtsextremen katholischen Kreise versöhnen sich jetzt mit ihren einstigen Gegnern, den explizit heidnisch sich nennenden rechtsextremen Kreisen, die oft einer speziellen Rassen – Ideologie anhängen: Aber diese Differenzen seien jetzt nicht mehr wichtig, heißt es, es gelte, die rechtsextremen Kräfte für den Sieg zu bündeln. Und das ist diesen militanten katholischen Kreisen ja auch bei der Europawahl 2024 schon mal gelungen. Wie werden die Wahlergebnisse zur vorgezogenen Parlamentswahl Anfang Juli 2024 aussehen?
17. Nichts verstehen – aber “Sinn fürs Heilige”
Auch viele der „klassischen“ „normalen“ Katholiken französischen Katholiken schätzen immer entschiedener die alten theologischen Lehren und die Bevorzugung der alten lateinischen Messe. In der alten lateinischen Messe werde der Sinn fürs Heilige erlebt und geschärft, sagen diese Gläubigen. Der Sinn fürs Heilige besteht für sie also im Nicht-Verstehen der Sprache und der Riten in diesen lateinischen Messen. Selbstverständlich wird die Kommunion von ihnen gern noch kniend empfangen, der Priester legt die Hostie nach alter Art auf die Zunge des Gläubigen, das alles stärke den „Sinn fürs Heilige“…
18.
Untersuchungen haben gezeigt: Junge Priester sehen es jetzt für sich selbst am wichtigsten an, die Messe als „schöne Zelebration” zu feiern und die Sakramente zu spenden. Dies halten viele auch für wichtiger als die Predigt. Junge Priester und schon die Priesterstudenten, Seminaristen genannt, bevorzugen ganz überwiegend die klassische schwarze Priester – Soutane, berichtet La Croix am 21.12.2023. Und aus der sehr konservativen Gemeinschaft St. Martin hießt es deutlich: „Durch das Tragen der Soutane werden die Priester identifizierbar… Soutane ist ein Zeichen dafür, dass es noch eine andere Welt gibt.“
Äußerlichkeiten wie Gewänder und Soutanen als Wegweiser zu Gott? Das ist eine gewagte These. Wahrscheinlich sollten diese Priester ehrlich sagen: Wir wollen mit unseren Soutanen nur auffallen, als besondere Gestalten angesehen und geachtet werden, eben als Kleriker, die dem Volk, den Laien, gegenüber stehen. Und wichtiger sind als die Laien.
19. Das Ende des französischen Katholizismus ist absehbar
Die französische katholische Kirche wird zahlenmäßig immer kleiner, im Denken und politischen Handeln immer rechter, und die wichtigsten Akteure dieser Kirche, das sind die Priester, die Kleriker, sie sterben langsam aber sicher aus. So viele Priester aus dem Französisch sprechenden Afrika können als Ersatz auch nicht mehr einspringen, einige Hundert tun dies bereits! Und Klöster werden immer mehr zu Museen, wenn man sie nicht abreißt: Einige konservative Gruppen übernehmen diese Klöster, wie etwa in Lagrasse, im Süden Frankreichs. Aber so viel Personal haben die Reaktionären auch nicht…
Der kulturelle Bruch, der sich in Frankreich abspielt, ist unübersehbar. Und man kann bedauern, wie gering die Phantasie der verbliebenen Katholiken ist, noch an einer modernen, von „Laien“ geprägten Kirche zu arbeiten. Oder endlich ökumenisch mit den Reformierten und den Lutheranern in großem Umfang zusammenzuarbeiten…
Kritische Beobachter glauben manchmal, der immer noch allmächtige Klerus stolpert bewusst in einen Suizid dieser Kirche. Oder der Klerus will, dass die katholische Kirche definitiv auf Sekten – Niveau landet.
Wer nur die Pariser Kirchenszene betrachtet, wird noch immer viele z.T. neue Kirchengebäude treffen und Gemeinden. Aber man sehe ich in Limoges um, in Guéret, in Sens-Auxerre, in Nevers, in Troyes, in Verdun usw. … Dort und in anderen Provinzbistümern kann man das Ende des französischen Katholizismus schon jetzt erleben… Aber eine seriöse umfassende Reflexion über das Ende findet kirchlicherseits nicht statt. Offizielle Ignoranz kann man das nennen.
20.
Wer noch Sinn für moderne kritische Theologie hat, muss wohl sagen: Was ist das alles für eine Schande der Unvernunft. Haben für diesen miserablen Zustand die modernen kritischen Theologen Frankreichs (Chenu, Congar…) einst gekämpft? Schließlich haben sie das 2. Vatikanische Reform-Konzil entscheidend mit gestaltet.
PS: 1993 hat Christian Modehn das Buch “Religion in Frankreich” (GTB, Gütersloher Verlagshaus, 160 Seiten) veröffentlicht, “Darstellung und Daten zu Geschichte und Gegenwart” war der Untertitel. 1993 gab es noch, trotz der sehr rigiden, konservativen Theologie von Kardinal Lustiger, Paris, einige progressive, wegweisende Versuche, eine moderne katholische Kirche zu gestalten. Das Buch ist noch in Antiquariaten verfügbar.
21.
Über die Frage: Wer ist Schuld an diesem Zustand ? wäre lange zu debattieren: Es ist auch die Kirchenführung in ihrem Dogmatismus, die die nachdenklichen, progressiven Katholiken in Scharen aus der Kirche getrieben hat. Die entscheidende theologische Einsicht heißt: Dogmatismus und Klerikalismus machen nicht nur in Frankreich die katholische Kirche allmählich zur Sekte. Mit sehr rechtslastigem, rechtsextremen Einschlag, wie in Frankreich jetzt.
Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de
Am 7.Februar 2024 ist der Politologe und Förderer der deutsch-französischen Beziehungen in Paris gestorben.
Ein Hinweis von Christian Modehn.
1.
Ein viel zu kurzer Hinweis auf einen Denker der Weite, der Toleranz, der Freundschaft: Alfred Grosser, Politologe und Förderer deutsch – französischer Begegnungen, ist am 7. Februar 2024 in Paris im Alter von 99 Jahren gestorben. Er ist einer der wichtigen Brückenbauer im deutsch-französischen Gespräch: Professor Alfred Grosser arbeitete als Politologe an der berühmten Fakultät für Politologie in Paris, in Frankreich nur „Science Po“ genannt. 1925 wurde Grosser in Frankfurt am Main geboren, als Jude musste er 1933 nach Frankreich flüchten.
Über Details zu seinem Leben und Arbeiten kann man sich etwa bei wikipedia weiter informieren und seine Bücher – auch auf Deutsch – wieder einmal lesen.
2.
Für uns im Religionsphilosophischen Salon Berlin ist es besonders wichtig, noch einmal an das große Interesse zu erinnern, das Grosser am Dialog mit religiös Glaubenden hatte, vor allem mit Christen. Alfred Grosser war mit einer Katholikin verheiratet, eine sozusagen auch inter – religiös fruchtbare Mischehe. Dabei sagte Grosser immer klar, was ihn an den Christen stört, etwa in seinem Buch “Les Fruits de leur arbre”, “Die Früchte von ihrem Baum“. Das Buch hat den Untertitel: „Ein atheistischer Blick auf die Christen“ ( Presses de la Renaissance, 2001).
3.
Humanistische Moral am wichtigsten!
In dem genannten Buch geht es Grosser auch positiv um eine Verbindung von humanistisch – atheistischer Moral mit christlicher Moral: Die Begegnung kann fruchtbar werden, wenn beide ethischen Entwürfe absolute Sicherheiten und absolute Dogmen zurückweisen und den Respekt für den anderen, den Fremden, als absoluten Mittelpunkt sehen. In dieser Haltung wird jeglicher ethische Relativismus überwunden, meinte Grosser. Darum unterstützte er auch die soziale Arbeit des katholischen Priesters Abbé Pierre und seines Hilfswerkes EMMAUS: Grosser schreibt: „In den Augen der Nicht – Gläubigen vertrat Abbé Pierre ein wirklich gelebtes Christentum“, so in dem Buch „Wie anders ist Frankreich?“ (C.H.Beck Verlag , 2005, S. 135). In diesem Buch spricht Grosser, freimütig und kenntnisreich, vom Zustand der Katholischen Kirche in Frankreich: „Sie scheint in mancher Hinsicht dem Untergang nahe“ (S. 185), er denkt dabei vor allem an den Mangel an qualifiziertem, aufgeschlossenen Personal, also an Priestern. Und Grosser hat selbstverständlich den Mut, auch den damaligen Pariser Kardinal Lustiger zu kritisieren, hinsichtlich seines sehr konservativen autoritären, so wörtlich von Grosser „überheblichen“ Herrschens in der Pariser Kirche (S. 186).
Aber es ist auch ein Beispiel für die Weite eines Teils der katholischen Presse in Frankreich, dass Alfred Grosser regelmäßig Kommentare für die katholische Tageszeitung „LA CROIX“ in Paris schrieb.
4.Kritik am Staat Israel:
In seinem Buch „Wie anders ist Frankreich? “ spricht Alfred Grosser auch von der Beziehung zu den Palästinensern: „Wenn Christen ihre Nächstenliebe auf die hungernden und hoffnungslosen Palästinenser ausdehnen, werden sie da zu Antisemiten? Wie in Deutschland der Rat der Juden, so erliegen in Frankreich die zentralen jüdischen Organisationen ständig der Versuchung, diese Frage zu bejahen. Als sei der Zionismus die einzige Verkörperung des Judentums…“
Und der SPIEGEL schreibt am 8.2.2024: LINK„: In den letzten Jahrzehnten positionierte sich Grosser vor allem als streitbarer Israelkritiker. Immer wieder mahnte er scharf die Haltung deutscher Regierungen mit Israel an, die er als zu unkritisch in Bezug auf Israels Umgang mit den Palästinensern empfand. Eine Rede Grossers zu einer Gedenkfeier an die Pogromnacht in der Frankfurter Paulskirche drohte 2010 zum Eklat zu werden. Mitglieder des Zentralrats der Juden hatten gedroht, den Raum zu verlassen, falls Grosser »ausfallend gegenüber Israel« werden würde. Der Skandal fiel dann aus, der Zentralrat blieb im Raum. Trotzdem forderte Grosser die »Anerkennung des Leidens der anderen« und konkretisierte, was er damit meinte: Man müsse – auch von jüdischer Seite – ein Minimum von echtem Mitgefühl zeigen »für das große Leiden in Gaza“.
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.
Über Vincent Bolloré, Frankreich
Ein Hinweis von Christian Modehn, am 25.1.2024.
Am 20.12.2025 ergänzt: Der Medienexperte Prof. Patrick Eveno sagte dem “Tagesspiegel” (6.12.2025, S. 9): “Der dem Milliardär Vincent Bolloré gehörende Fernsehsender CNews “ist ein Sprachrohr der extremen Rechten geworden.”!
Am 4.2.2025 ergänzt: Die Sonntags – Zeitung “Le Journal du Dimanche” ist Vinvent Bollorés Eigentum, CNews ebenso, beides Stimmen der Rechtsextremen in Frankreich: “Das Medienimperium von Bolloré umfasst auch die Fernsehsender der Gruppe Canal+, die Radiosender Europe1, und RFM sowie zahlreiche Magazine, die bekannte Werbeagentur Havas und die Verlagshäuser Editis und Fayard” (Tagesspiegel, 4.2.2025, Seite 7). Vincent Bolloré, Milliardär und ganz offen reaktionär-katholisch, setzt auf Stimmungsmache, vergleichbar dem reaktionären Sender FOX News in den USA. Bolloré weiß: Wenn die Rechtsetxreme Marine Le Pen demnächst Präsidentin wird, kann Bolloré die dann von ihr – wie angekündigt – zerschlagenen öffentlich – rechtlichen Sender kaufen und zu Stimmen der Reaktion, vielleicht auch der in Frankreich immer stärkeren katholischen Reaktion machen. Siehe Tagesspiegel vom 4.2.2025, Seite 7.
Am 5.8.2024:
Dem extrem konservativen katholischen Milliardär Vincent Bolloré gehören das Bezahlfernsehen Canal+, dessen Sendergruppe und Streaminsgplattformen, der Nachrichtensender CNews, die Sonntagszeitung “Journal du Dimanche”, das Magazin “Paris Match” und der Radiosender Europe 1. (vgl.SZ, 29.7.2024, Seite 19). Nun verliert der Sender Bollorés C8 seine öffentliche Sendelizenz für das terrestrische Fernsehen, und zwar erst ab Ende Februar 2025: Der Bolloré Sender C8 habe über Monate eine faire und pluralistische Berichterstattung missachtet, heißt es bei der Aufsichtsbehörde ARCOM. C8 ist in Frankreich wegen seiner heftigen krawalligen Sendung bekannt, schreibt die SZ, der Titel “Touche pas à mon poste”, “Rühr mein Fernsehgerät nicht an”. Zwei bis drei Millionen Zuschauer sehen das tägliche Programm, es ist sehr extrem rechtslastig unter Führung von Cyril Hanouna, er entstammt einer jüdischen Familie tunesischer Herkunft. Marine Le Pen hat sich bedauernd zur Schließung von C8 geäußert. Wikipedia France über Hanouna erwähnt, dass auch Macrons Leute öfter in Hanounas Sendung aufgetreten sind…. “Hanouna entgleist oft in der Sendung, die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo nannte er eine “Vollidiotin”, so die SZ. Leute aus der rechtsextremen Szene gehören zu den Stammgästen seiner Sendung. Aber der Katholik Bolloré will Hanouna mit weiteren Aufträgen in seinem Medienimperium betrauen. Wer es noch nicht weiß: Auch in Frankreich erobern die Rechtsextremen die Medien…
….
Unten ein Beitrag von Jean-Louis Schlegel, Religionssoziologe, in der angesehenen Zeitschrift ESPRIT, Paris, März 2024.
Ergänzung am 16.6.2024: Nach den Europawahlen 2024 und den Parlamentswahlen am 30. 6 und am 6.7.2024 hat sich der Medien – Mogul und praktizierende Katholik, der Milliardär Vincent Bolloré für eine Zusammenarbeit aller Rechten und Rechtsextremen Parteien ausgesprochen … und damit erneut bewiesen, wo wer politisch steht. (Quelle: https://www.liberation.fr/economie/medias/les-medias-bollore-plateforme-de-lunion-des-droites-20240615_ROPJPEBMLBBMFLX36YHV5OEETY/)
………
Ein Vorwort:
Dies ist ein Hinweis auf einen der vielen politisch sehr rechten und rechtsextremen Katholiken in ihrem „Stammland“, in Frankreich.
Diese rechten und rechtsextremen KatholikInnen von heute sind, meist seit ihrer Kindheit, mit der traditionellen katholischen Glaubenspraxis und Dogmatik aufs engste verbunden. Ihnen wurde die offizielle Lehre eingeschärft: Die katholische Kirche ist in ihrer Regierungsform und Lebensform undemokratisch. Und die Herren der Kirche sind stolz darauf, ihre Kirche ganz offiziell als undemokratisch zu qualifizieren.
Oder Weil nun diese Kirche von Gott in dieser undemokratischen Form gewollt ist, darum ist es nur eine Art logischer Schluss zu verkünden: Also ist die Demokratie als Staatsform und Lebensform nicht gottgewollt. Also können dann auch diese KatholikInnen sagen: Wir brauchen keine Demokratie, sondern eine autoritäre Regierung, mit entsprechenden Parteien, die dem System zum Durchbruch verhelfen.
Mit anderen Worten: Diese Katholiken zerstören die Demokratie und vernichten die universell geltenden Menschenrechte. Diese Zusammenhänge wurden bislang kaum dokumentiert. Es sind also nicht allein die fundamentalistisch glaubenden Evangelikalen, als verrückt gewordene Trump-Fans, die die Demokratie zerstören, es sind auch bestimmte sehr rechtslastige Katholiken, die für die Demokratie gefährlich sind.
1.
Ihre Herrschaft wollen Rechtsextreme auch in Frankreich in einem „combat culturell“, einem Kulturkampf, erringen. Die Strategie: Über möglichst viele „klassische Medien“ (Radio, Fernsehen, Zeitungen) wollen sie nicht nur als ihr Eigentum verfügen, sie wollen selbstverständlich auch mit ihrer eigenen Ideologie die Bürger (bei den Wahlen) beeinflussen.
2.
So etwa Vincent Bolloré: Er wird üblicherweise als ein Magnat oder Medienmogul bewertet, unter den französischen Milliardären nimmt er Platz 14 ein (6,8 Milliarden Euro beträgt sein Vermögen, LINK
Bolloré gilt als „gefürchteter Investor“, er wird „Corporate Rider“ genannt, also als „Unternehmensplünderer“, der börsennotierte Unternehmen kauft, um sie dann mit Gewinn weiterzuverkaufen. Die Tageszeitung „Welt“ nennt ihn„skrupellos“: In der Presse wird er oft „Parrain“, Pate, genannt.
Uns interessiert hier besonders:
Zu seinem breit gestreuten Eigentum gehören die Fernsehsendern „CNEWS“ und „C8“, ihm gehört auch der Radiosender Europe 1 und die Illustrierte „Paris Match“ sowie die Zeitung „Journal du Dimanche“ (JDD), auch die katholisch-traditionalistische Wochenzeitung „La France Catholique“ hat er gekauft. Sie liegt ihm wohl sehr am „Herzen“, denn er ist ein sehr traditionell fühlender Katholik. Vincent Beaufils nennt ihn in seinem Buch einen „ultra-tradionell katholischen Patron“. (siehe Fußnote 1, dort s. 20). „Ich bediene mich meiner Medien, um einen Kampf um die Zivilisation zu führen“, zitiert Vincent Beaufils den Medienmogul (S. 68). Gemeint ist immer die christliche Zivilisation, wobei „christlich“ in einem sehr konservativen, reaktionären Sinn verstanden wird.
3.
„Etwas hat sich in der französischen Gesellschaft beschleunigt: Die Durchdringung der Ideen der extremen Rechten hinein ins Herz der französischen Gesellschaft“, schreibt die Chefredakteurin der angesehenen Kulturzeitschrift ESPRIT (Paris), Anne – Lorraine Bujon, in ihrem Leitartikel zu Jahresbeginn 2024: „Die Schwierigkeit der linken Kräfte ist vorhanden, sich dem wirksam entgegenzustellen. Das Ganze wird erleichtert durch die Konsolidierung eines ultrakonservativen Medien-Imperiums in den Händen eines Unternehmers, es ist Vincent Bollore, dessen politische Absichten immer deutlicher zur Schau gestellt werden“.
4.
Vincent Vollere stammt aus einer alteingesessenen Unternehmerfamilie in der Bretagne, die Väter und Großväter waren eher noch politisch – religiös liberal und sozial etwas aufgeschlossener gestimmt. Vincent Bolloré wurde am 1. April 1952 in Boulogne – Billancourt bei Paris geboren. Er entwickelt den Familienbetrieb zu einem international agierenden Groß – Unternehmen, auch mit sehr zweifelhaften Aktivitäten in Afrika…Weitere Details auch zur Karriere des Milliardärs:LINK
5. Remigration: Auch in Frankreich das Thema der Rechtsextremen
Vincent Bolloré hat jetzt konkrete politische Ambitionen. Er will, berichtet die Tageszeitung „Le Monde“ (22. Dez. 2023, S 10), eine ganz enge Zusammenarbeit der noch demokratischen, aber sehr rechten Konservativen Partei (LR) mit den rechtsextremen Parteien von Martine Le Pen (RN) und „Reconquete“ herbeiführen. Mit dem noch weiter extrem rechts stehenden Gründer der Partei „Reconquete“ (d.h. „Wiedereroberung“), dem jüdischen Journalisten Eric Zemmour, ist Bolloré eng verbunden. Im Parteiprogramm der “Reconquete” von 2021 wird ausdrücklich Remigration von Ausländern gefordert. Das ist ja auch der Sinn des Titels Reconquete: “Rückeroberung” des chrstlichen Abendlandes aus den Händen der Muslime, wie damals schon im 15. Jahrhundert inSpanien.
Es wird nicht ausgeschlossen, so „Le Monde“, dass Bolloré zu den Europa-Wahlen die rechtsextreme Katholikin Marion Maréchal (von der Reconquete – Partei) unterstützen wird, Maréchal ist die Nichte der rechtsextremen Führerin Marine Le Pen (einst Front National, jetzt Rassemblement National, RN).
6.
Den Religionsphilosophischen Salon Berlin interessiert besonders die Verbindung des sich explizit streng traditionell – katholisch nennenden Vincent Bolloré mit der katholischen Kirche und dem katholischen „Wählervolk“. Angesichts der Europa – Wahlen (aber auch schon im Blick auf die kommenden Präsidentschaftswahlen im Jahr 2027) will Bolloré unter den katholischen Wählern die Bereitschaft, rechts und rechtsextrem zu wählen noch weiter stärken. Denn beim ersten Wahlgang zur Präsidentschaftswahl 2022 stimmten schon 40 Prozent der praktizierenden Katholiken für die extreme Rechte, der nationale Durchschnitt war 32 % für die Rechtsradikalen.
So schwach die enge Verbundenheit der Franzosen mit der katholischen Kirche heute auch ist (nicht zuletzt aufgrund der zahllosen Sex-Skandale der Priester ist die Kirche moralisch diskreditiert), so deutlich hat sich doch eine Art militanter katholischer Rest gebildet: Es sind die so genannten „Tradis“, also die eher milde gestimmten traditionalistischen Gläubigen, oft sind es jüngere, wohlhabende Leute (aus Versailles, den westlichen Arrondissements von Paris…). Sie haben den Bruch mit Rom nicht vollzogen, wie die extrem traditionalistischen Pius Brüder. Aber sie sind Fans der alten lateinischen Messe und heftige Kritiker von Papst Franziskus … und der „Ehe für alle“ oder dem Recht auf Abtreibung.
7.
Der Bolloré – Fernsehsender CNEWS (Abkürzung für Canal News) gilt als französischer „Fox-News“ (USA, Mr. Trump überaus zugeneigt). Pluralität der Meinungen ist im TV Sender CNEWS eine Rarität, die meisten Autoren und Kommentatoren stehen rechtsextremen Parteien nahe. Auch der Chef der rechtsextremen Partei „Reconquete“ Eric Zemmour ist mit dem Sender eng verbunden. Nicht alle Journalisten von CNEWS sind kirchlich engagiert oder gar katholisch – gläubig, aber sie sind, wie Bolloré, überzeugt: Frankreich muss seine christlichen Wurzeln wieder herausstellen. Das Christentum (und das heißt hier: der traditionelle Katholizismus) wird zum wesentlichen Element der Identität Frankreichs deklariert. Darum sind auch Sendungen über kirchliches Leben, etwa Wallfahrten, wichtiger Programmschwerpunkt von CNEWS.
Am 12. Januar 2024 wurde ein Beitrag „Bienvenue au Monastère (Willkommen im Kloster) in Bollorés Sender C8 ausgestrahlt: Das Kloster gehört einer Gemeinschaft in Corbara, Korsika: In dem Kloster spielen die Mitglieder der hoch umstrittenen „neuen geistlichen Gemeinschaften“ die zentrale Rolle, es sind Mitglieder aus der Gemeinschaft St. Jean und „Béatitudes“. In beiden Gemeinschaften wurde sexueller Missbrauch nachgewiesen. Aber davon war in dem Film keine Rede! Der Film „Bienvenue au Monastère“ könnte ein Zeichen dafür sein, dass mächtige katholische Kreise unter Druck stehen, den Skandal des sexuellen Missbrauchs in Klöstern beiseite zu tun“, schreibt Bernadette Sauvaget in der Zeitschrift Témoignage Chrétien am 25.1.2024.
8.
Pap Ndiaye, der Historiker und kurzzeitige „Minister für Bildung und Jugend“ im Kabinett der Premierministerin Borne (Mai 2022 – Juli 2023), ist ein deutlicher Kritiker des TV Senders CNEWS. Ndiaye hatte die „Black Studies“ in Frankreich bekannt gemacht, er versuchte bei den Unruhen in Frankreichs Banlieus auch Verständnis für die dort lebenden maginalisierten Jugendlichen auszudrücken. Als er das Ministeramt aufgeben musste (sicher auf Druck rechtsextremer Kreise) sagte er: „Wenn man sich „CNEWS“ anschaut und auch das hört, was im Radiosender Bollorés „Europe 1“ gesendet wird, wenn man das zusammenfasst, gibt es nur eine Schlussfolgerung: Das spricht klar die extreme Rechte (…) die Sender verletzen die Demokratie, es besteht daran kein Zweifel.“ (https://www.lemonde.fr/idees/article/2023/07/17/apres-les-propos-de-pap-ndiaye-sur-cnews-face-a-la-culture-de-haine-que-diffuse-l-extreme-droite-il-faut-defendre-avec-energie-les-valeurs-humanistes-et-democratiques_6182341_3232.html).
Einige Politiker und Intellektuelle (wie der ehem. Minister Jack Lang) bedauerten öffentlich, wie wenig Unterstützung Pap Ndiaye mit seiner Kritik an CNEWS vonseiten aktueller demokratischer Politiker erhalten habe.
9.
Bolloré hat auch die im ganzen Land verbreitete Sonntagszeitung „Journal du Dimanche“ (JDD) gekauft (Auflage etwa 136.000) und sogleich mit dem Abbau der Meinungsvielfalt begonnen. Etliche Journalisten verließen wegen der Übernahme des Blattes durch Bolloré das Blatt, Bolloré setzte den rechtsradikalen Journalisten Geoffroy Lejeune als Chefredakteur ein: Er arbeitete zuvor für die explizit rechtsradikal einzuordnende Wochenzeitschrift „Valeurs Actuelles“ (115.000 Auflage). Dieses Blatt wurde gegründet von Raymond Bourgine, einem Journalisten und Freund zahlreicher konservativer Politiker, er war Vorsitzender des „Vereins zur Verteidigung der Erinnerung an Marschall Pétain“… Geoffroy Lejeune, der von Bolloré geförderte neue Chefredakteur der Sonntagszeitung JDD, ist ein enger Freund von Marion Maréchal, der Nichte von Marine Le Pen (Chefin der rechtsextremen Partei RN). Marion Maréchal wiederum ist eng verbunden mit dem sehr rechtsextremen Politiker Eric Zemmour. Beide bilden förmlich eine neuen Ökumene von traditionalistisch – katholisch und jüdisch.
Nebenbei: Geoffroy Lejeune wurde in einem katholischen Collège ausgebildelt, das der traditionalistischen Piusbruderschaft nahesteht. (Quelle: Wiki France)
10.
Auch die traditionsreiche Illustrierte „Paris Match“ (Auflage 525.00) steht unter der Herrschaft Bollorés: Das Titelbild der Ausgabe zu Weihnachten 2023 zeigte eine klassische, aber wie so oft kitschige Krippe: Sie gehört zum frommen Mobiliar des von Bolloré geschaffenen katholischen Studentenwohnheimes Don Bosco in Paris: Aus einem Kloster der „Kleinen Schwestern der Armen“ ließ der Milliardär, um seine (als Milliardär gar nicht so üppige) Großzügigkeit zu dokumentieren, dieses Wohnheim errichten.
11.
Jeder Mensch, auch jeder Unternehmer, kann selbstverständlich seine Spiritualität und Konfession pflegen. Bei Bolloré aber ist diese Situation eine ungewöhnliche, besondere: Er will über seine Medien seine private katholische Meinung der Öffentlichkeit aufdrängen, das zeigt sich schon in der Auswahl der Programme seiner Sender und der Auswahl seiner maßgeblichen Journalisten. Zudem leistet ercsich den Luxus eines eigenen Haus-Kaplans, so wie einst die Fürsten und Könige ihre Seelsorger und Beichtväter am Hofe hatten. Der Hofkaplan ist Abbé Gabriel Grimaud, zum Priester geweiht 1977, er war in verschiedenen Pariser Pfarreien tätig und ist jetzt am rechten Rand theologisch zu Hause. Grimaud wohnt in Nähe des Domizils von Bolloré im 16.Arrondissement (Villa Montmorency), Grimaud ist Bollorés Beichtvater.
Die Tageszeitung „Le Monde“ berichtet: Bolloré hält die katholische Religion geradewegs für wunderbar: „Wenn ich sündige, ich beichte, und ich kann wieder beginnen“. Der Hofkaplan Grimaud wird auch im letzten Buch „(La France n a pas dit son dernier mot“) des rechtsextremen Parteichefs Eric Zemmour erwähnt: „Der Priester fürchtet nicht den Kommunismus, sondern den Islam, dies ist eine Komplitzenhaftigkeit zwischen uns beiden, die spontan im gemeinsamen Kampf entsteht. Wir beide sind engagiert im Kampf für das Überleben jenes Frankreich, so, wie wir es kennen“.
12.
Bolloré zeigt sich auch gern etwas als Wohltäter: Er har das alte Kloster der „Kleinen Schwestern der Armen“ gekauft und zu einem Studentenwohnheim nach seinem katholischen Geschmack (mit Hauskapelle!) ausgebaut, das Foyer ist dem heiligen Don Bosco geweiht: Ihm zu Ehren ließ Bolloré sogar Reliquien des italienischen Heiligen herbeischaffen und ausstellen. Eine Lourdes – Madonna soll sich in seinem Büro befinden und mit Bischof Dominique Rey (von Toulon – Fréjus) verbindet ihn vieles: Nicht nur, weil Bolloré in St. Tropez (im Bistum von Bischof Rey) ein Haus besitzt: Rey liebt alles katholisch Traditionelle.Er hat auch die rechtsextreme Politikerin Maréchal in seinem Bistum zu Wort kommen lassen. Der Bischof ist allmählich auch theologisch so weit rechtsaußen gelandet innerhalb der französischen Bischofskonferenz, dass ihm Papst Franziskus jetzt einen Koadjutor zur Seite stellte.
13,
Die Ideologie der Rechtsextremen in Frankreich und Europa wurde und wird seit Jahren gefördert von der Ideologie der “Invasion der Araber ins heutige Europa”, eine Wahnidee, die vor allem von der jüdischen Autorin Bat Ye Or verbreitet wurde und wird. LINK.
Fußnote 1:
Vincent Beaufils, „Bolloré. L Homme qui inquiète“. Editions de l Observatoire, Paris, Sept. 2023. 247 Seiten.
Das Buch enthält Informationen vor allem zur Familie und zum Wirtschaftsimperium der Bollorés. Auf 14 Seiten (S. 229 fff.) wird in einem eigenen kleinen Kapitel auch der „Catho“ Bolloré etwas analysiert … in seiner eher kindlichen Verbundenheit mit dem traditionellen Volkskatholizismus.
Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin
Le catholicisme enchanté de la France d’autrefois par Jean-Louis Schlegel mars 2024 esprit
#Médias #France #Religion
Dans « En quête d’esprit » sur CNews, le catholicisme enchanté d’autrefois, avec ses anges luttant contre les démons, est pris au premier degré et mis au service du traditionalisme politique de Vincent Bolloré.
Le 3 mars 2024, le spectateur de CNews désireux de prendre de la hauteur pouvait s’élever pendant son déjeuner dominical en regardant l’émission « En quête d’esprit ». Autour d’une table et de l’animateur Aymeric Pourbaix, directeur de l’hebdomadaire traditionnaliste La France catholique, au titre si évocateur, propriété (comme CNews) de Vincent Bolloré depuis 2018, on discutait ce jour-là des « mystères de la messe » en compagnie de Véronique Jacquier, journaliste à la même France catholique, d’un grand abbé ensoutané (d’une soutane à trente-trois boutons, en souvenir de l’âge du Christ lors de sa mort ?), d’une religieuse membre des franciscaines réparatrices de Jésus-Hostie et d’une dame, convertie du protestantisme, qui venait d’organiser quarante heures d’adoration eucharistique « dans une situation périlleuse pour la France et l’Église ». Dans sa présentation, Aymeric Pourbaix a rappelé l’importance de la messe pour les catholiques, les polémiques « féroces » qu’elle a suscitées par le passé, la force procurée par le sacrifice du Christ, renouvelé lors de chaque messe, « pour lutter contre le mal et s’engager au service des autres ». Même si « les mystères » du titre sacrifiaient plutôt à la mode actuelle de la curiosité pour les secrets et les arrière-mondes, il n’y avait pas là de quoi sauter en l’air et encore moins tomber de sa chaise. On a eu droit à une présentation sans doute un peu traditionnelle, mais surtout pieuse, avec quelques rappels historiques, du sens de la messe.
Le dimanche précédent, une déclaration d’Aymeric Pourbaix avait provoqué un tollé : à propos de l’inscription dans la Constitution du droit à l’interruption volontaire de grossesse, il avait affirmé que l’avortement était, avec 73 millions de décès annuels, la première cause de mortalité dans le monde (affirmation comparée, dans une infographie, aux 10 millions de morts dues au cancer et aux 6, 2 millions par le tabac). Laurence Ferrari, une des journalistes vedettes de la chaîne, ayant très vite fait savoir son désaccord avec cette déclaration (et son soutien à l’inscription de la liberté d’avorter dans la Constitution), CNews a fait ensuite bloc derrière elle en plaidant l’erreur. Mais la réputation d’« En quête d’esprit » était faite – grâce au scandale.
Un esprit pieux
En réalité, l’émission existe depuis 2020, même si elle est restée quelque peu dans l’ombre par rapport aux talk shows politiques dont CNews entretient en permanence les controverses et où il arrive qu’on se crie dessus copieusement. Elle a fait l’objet de plusieurs enquêtes dans les médias qui se sont intéressés à la religion de Vincent Bolloré. Lors de sa création, les invités (souvent un religieux en habit et une personne laïque traditionnaliste) étaient censés « aborder l’actualité d’un point de vue spirituel et philosophique » – autrement dit, si l’on comprend bien, éclairer les événements politiques et sociaux à la lumière de la foi chrétienne.
Or la réalité est très différente : il s’agit d’une émission proprement religieuse, sans disputes, qui promeut le retour à la piété catholique de jadis, ses dévotions pour lutter contre les forces du mal, ses saints et ses anges (luttant contre le Diable et ses démons), sa vénération de Marie et ses pèlerinages, sa lecture miraculeuse de l’histoire de France et de son « blanc manteau d’églises ». Pour retrouver de la « spiritualité », ce mot-fétiche qui a remplacé la « foi au Christ », on préfère le retour à la vieille chrétienté (bretonne), aux racines chrétiennes de la France, dont Vincent Bolloré est apparemment nostalgique. Cela implique aussi, très naturellement, la résistance à l’islam conquérant, et l’adhésion aux idées politiques d’Éric Zemmour.
Dans « En quête d’esprit », il est donc question d’histoires devenues étrangères, folkloriques, inconnues de la plupart de nos contemporains, même quand elles sont dans la Bible. Ainsi, dans une émission sur l’archange saint Michel, Pourbaix a fait rire en évoquant une « guerre civile » entre les anges : Satan/Lucifer, que son orgueil et sa tentative de se rendre l’égal de Dieu, a été précipité par saint Michel et l’armée des bons anges dans les profondeurs de l’Enfer, en compagnie des démons qui le suivaient. Cette histoire est évoquée par les prophètes Isaïe en 14, 12-15, et Ezéchiel en 28, 12-19, ainsi qu’au chapitre 20 du livre de l’Apocalypse. En parler comme d’une « guerre civile entre les anges fidèles et anges rebelles » pour l’actualiser était peut-être suggestif, mais surtout non crédible voire cocasse dès lors qu’on la présentait comme ayant réellement eu lieu. Dans cette émission pieuse, le catholicisme enchanté d’autrefois est pris au premier degré.
Bolloré à la manœuvre
L’émission aurait été décidée par Vincent Bolloré lui-même, « Bolloré le catholique », selon une excellente enquête réalisée par La Croix dès 20211. Il voulait qu’on « parle de Dieu » après la crise sanitaire, où l’on n’avait parlé « que de souffrance et de mort ». Dans le portrait nuancé que les journalistes dressent de lui, Bolloré apparaît « pétri de convictions, de contradictions et d’intérêts multiples », et comme un catholique à la foi « un peu enfantine » : « Il aime les reliques. Les images de saints qui épaississent son portefeuille (son préféré serait Antoine de Padoue). Les médailles miraculeuses – celle qu’il porte au cou, celles qu’il peut offrir à des collaborateurs en marge d’un conseil d’administration. » Comment l’intelligence de la foi qu’aime à prôner l’Église actuelle serait-elle sa tasse de thé ?
Pour autant, ce n’est pas un niais, et il ne manque ni de flair ni d’opportunisme, ni de faire savoir qu’il est le patron qui décide et ne plaisante pas. L’enquête de La Croix rapporte qu’il a répondu en 2021 au préfet des Yvelines, qui se plaignait de ce qu’animateurs et participants aux débats ne parlent qu’insécurité et péril islamiste, en diffusant sur CNews la messe de la nuit de Noël à Trappes. La réputation (d’ailleurs contestable) d’emprise islamiste de cette ville n’est plus à faire, mais la réputation du curé de la commune, « rassembleur des communautés », faisait aussi l’objet de grands éloges. CNews a aussi diffusé en direct la messe de l’Assomption, depuis Lourdes en 2021 et depuis Marseille en 2023 : on rappelle désormais chaque année, à cette occasion, la consécration de la France à la Vierge par Louis XIII pour la remercier de la naissance d’un fils.
Pour diffuser ses préférences en matière religieuse, Bolloré dispose en fait de plusieurs médias, et la question se pose : où est vraiment Bolloré le catholique ? Du côté de la spiritualité pieuse ou de celui du traditionalisme politique ? Début juillet 2022, quand il a imposé pour la couverture de Paris-Match la photo du cardinal guinéen Robert Sarah, connu pour ses positions conservatrices et adversaire notoire du pape François, il était difficile de ne pas y voir une prise de position politique. La rédaction du magazine s’en est indignée, et le rédacteur en chef, Bruno Jeudy, qui avait mené la fronde, a été licencié. Vincent Bolloré n’était pas encore officiellement propriétaire de l’hebdomadaire, mais il ne fait guère de doute qu’il tirait déjà les ficelles. Et on ne peut manquer de replacer cette initiative dans ses choix politiques d’ensemble : sa complicité avec Éric Zemmour, dont il avait favorisé l’ascension sur CNews ; son inébranlable soutien à Cyril Hanouna, animateur d’émissions populistes sur la chaîne C8 (« Touche pas à mon poste » et « Balance ton post ») ; sa décision inflexible de placer à la tête du Journal du Dimanche le journaliste d’extrême droite Geoffroy Lejeune, ancien directeur de la rédaction de Valeurs actuelles (qui l’avait licencié pour extrémisme !) ; le renvoi sanctionnant toute prise de distance d’un journaliste par rapport au propriétaire.
Le centriste chrétien-démocrate qui’l était s’est fortement raidi sur l’immigration et l’identité française, Éric Zemmour est devenu un de ses proches, il en veut beaucoup à Macron qui aurait limité ses ambitions de rachat (et de contrôle) des médias, et pour des raisons éditoriales, semble-t-il, s’est récemment rapproché de Jordan Bardella.
Trouvera-t-il aussi le complément philosophique d’« En quête d’esprit » auprès d’une nouvelle recrue de CNews ? Le samedi 2 mars 2024, à 12 heures, c’était en effet la première d’une nouvelle émission, « Face à Michel Onfray », destinée, selon son animatrice, Laurence Ferrari, à « prendre de la hauteur » dans l’analyse des « mouvements qui traversent la société, en France et dans le monde ». Durant ce premier face-à-face, les propos d’Onfray – que Ferrari présente avec déférence comme un perdreau de l’année quasi inconnu, qu’elle serait la première à inviter sur un plateau (« docteur en philosophie », « libre penseur parmi les plus lus à l’étranger » et « issu d’un milieu modeste ») – ont été prometteurs : demandant qu’on « arrête de faire du commentaire idéologique », Onfray aimerait qu’on cesse de classer Marine Le Pen à l’extrême droite et qu’on prenne enfin conscience que Macron a pour projet d’« euthanasier la paysannerie française ».
Ainsi vont les émissions censées donner de la hauteur spirituelle et de la profondeur philosophique sur les chaînes de M. Bolloré, avec les talk-shows politiques virulents, artificiellement mis en scène par Pascal Praud et consorts ou l’émission de divertissement de Cyril Hanouna, d’une vulgarité sans nom. Mais, comme pour le Journal du Dimanche, force est de convenir que se prêtent et s’empressent désormais à ces émissions toutes sortes d’honorables et distinguées personnalités politiques, intellectuelles, littéraires, artistiques, religieuses, emportés par le vertige des plateaux – ou malades de ne pas en être assez.
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Lors de son audition par les députés, le 13 mars, par la commission d’enquête sur l’attribution, le contenu et le contrôle des autorisations de services de télévision numérique terrestre, Vincent Bolloré, la fleur au fusil, n’a pas eu de mal à envoyer fâcheux et grincheux se faire voir ailleurs. Il n’intervient sur rien, il n’est au courant de rien. Le succès de CNews ? « Elle dit la vérité et c’est un espace de liberté […] ce n’est pas une chaîne d’opinion, mais d’information. » Ses convictions ? « Je suis démocrate-chrétien, pour la démocratie et la vie de la nation. “Chrétien”, ce n’est pas un vilain mot, cela fait référence à la charité et l’espérance, cela coule dans mes veines. ». Et d’ailleurs, n’est-ce pas, « les plus grands saints pèchent sept fois par jour ». À propos de l’« erreur technique » sur l’IVG, saint Vincent Bolloré se permet même une réflexion profonde : « Se heurtent dans cette affaire deux libertés : il y a la liberté des gens à disposer d’eux-mêmes et la liberté des enfants à vivre. » Où l’on voit surtout que ces auditions, où les questions et les réponses sont connues d’avance, ne remplaceront jamais une enquête précise sur ce qui se dit et se pratique réellement dans l’univers des grandes entreprises, médiatiques et autres.
1. Héloïse de Neuville et Mikael Corre, « Vincent Bolloré, un industriel que rien n’arrête », La Croix, 12 novembre 2021.
Médias LIBERATION, Paris.
Extrême droite : les moines soldats cathodiques de Bolloré
Dans ses émissions «En quête d’esprit» et «Face à Philippe de Villiers», CNews voit défiler des intervenants radicaux issus des mouvances identitaire et catholique. Bien loin du mea culpa de la chaîne sur l’IVG. par Maxime Macé et Pierre Plottu
publié le 6 mars 2024 à 7h46
Sur CNews, on a le droit aux deux faces de la médaille de baptême. Côté pile, la chaîne d’info de Bolloré s’est répandue en excuses après que l’avortement a été présenté, le 25 février dans l’émission religieuse En quête d’esprit, comme «la première cause de mortalité dans le monde». Côté face, vendredi 1er mars dans l’émission Face à Philippe de Villiers, ce dernier a pu dire tout le mal qu’il pensait de la constitutionnalisation de l’IVG, qualifié de «fin du serment d’Hippocrate» et de «course à l’abîme d’une civilisation en perdition». Avant de se lancer dans une tirade délirante sur le rôle prétendu de l’avortement dans… la chute de l’empire romain face aux armées barbares. Mariage osé de deux obsessions : l’opposition à l’avortement et le prétendu «grand remplacement» des Français blancs.
L’émission dédiée à l’ancien secrétaire d’Etat à la Culture illustre la croisade lancée par les médias du groupe Bolloré. Retiré de la politique, le héraut du Puy-du-Fou a repris du service pour la chaîne du milliardaire ultraconservateur. Dans son émission, il commente chaque semaine l’actualité, devant parfois plus de 700 000 téléspectateurs selon Médiamétrie, complaisamment relancé par Eliot Deval et Geoffroy Lejeune – patron du JDD nouvelle formule. L’occasion de diverses considérations sur l’islam «conquérant» et son «entrisme par le voile et la nourriture hallal», opposés à la France «des cathédrales». Un prêche hebdomadaire déclamé, logiquement, sur le ton d’un curé en chaire.
La place de ce catholicisme réactionnaire et identitaire, sur la chaîne d’opinion, reflète son revival des dernières années dans l’extrême droite en général. Le référent religieux est central pour la génération de militants forgée dans les «manifs pour tous» de 2012-2013, puis sur les bancs des séminaires identitaires. Conjuguant un catholicisme de combat avec un logiciel radical, ces nouveaux croisés pullulent dans les médias bollorisés.
Aymeric Pourbaix, vieux routier du journalisme religieux
L’exemple le plus parlant est sans doute celui d’Aymeric Pourbaix, «le visage de l’évangélisation active sur le CNews de Bolloré», selon les mots d’une observatrice attentive du milieu. Ce quinquagénaire, qui n’a pas donné suite à nos sollicitations, anime l’émission En quête d’esprit, à l’origine de la récente polémique sur l’IVG. Celle-ci a suscité le rétropédalage de la chaîne et de plusieurs de ses stars… mais pas de l’intéressé. «Il est droit dans ses bottes et a toujours été sur cette ligne, poursuit notre source. Son objectif est d’œuvrer au rayonnement de l’Eglise… Il refusait par exemple de traiter les sujets de violences sexuelles au sein de l’institution, considérant que c’était l’attaquer.»
Dans son émission, racontait déjà Libé en octobre 2022, les invités dissertent sur «l’influence des forces du mal» ou s’interrogent sur la possibilité d’une «guerre civile au paradis», thèmes qui semblent tirés d’une parodie de catéchisme new age. Ce qui pourrait prêter à sourire si les intervenants n’étaient pas d’un sérieux à toute épreuve. Il y aurait presque tromperie sur la marchandise, le concept officiel de l’émission étant ainsi formulé : «Aymeric Pourbaix et ses invités abordent l’actualité d’un point de vue spirituel et philosophique.» En pratique l’ensemble des débats tournent autour du catholicisme.
Pourbaix ? Un vieux routier du journalisme religieux, passé par l’agence de presse vaticane I.Média et toujours directeur de la publication du canard catho-réac France catholique. Mais aussi un habitué des cercles d’extrême droite. Il fréquente sans soucis l’antenne de Radio courtoisie, la «radio de toutes les droites» (surtout extrêmes). Tout comme le plateau de TV Libertés, une web-télé animée par d’anciennes figures du FN et des milieux identitaires, où, en 2019, il venait promouvoir son journal France catholique. En 2013, il intervenait à l’université d’été du mouvement Renaissance catholique, un rendez-vous prisé des sphères radicales qui a vu passer aussi bien Bruno Gollnisch, figure du FN pré-mariniste, que les antisémites Pierre Hillard et Henry de Lesquen.
L’Algérie n’était «rien du tout» avant la colonisation
Une certaine idée du catholicisme, donc, qui se reflète dans la composition de l’équipe d’En quête d’esprit. Clothilde Payet, une jeune journaliste passée par l’Issep, l’école lyonnaise de Marion Maréchal, et qui fricote avec les militants radicaux lyonnais. Eloi Roche-Bruyn, un jeune journaliste qui a fait ses armes chez Valeurs actuelles. Une chroniqueuse, Véronique Jacquier, qui multiplie les dérapages quand elle est «prêtée» au programme-phare l’Heure des pros, par exemple lorsqu’elle appelle à ne pas trop «s’émouvoir» du bombardement de la maternité de Marioupol par l’armée russe en mars 2022. Ou lorsqu’elle assure, en juillet 2020, que l’Algérie n’était «rien du tout» avant la colonisation, déclenchant un incident diplomatique…
En quête d’esprit est coproduite avec France catholique, dont Pourbaix est donc le patron et où écrit aussi sa femme. Un petit journal de tendance radicale, foncièrement anti-IVG et où sévit toujours le maurrassien Gérard Leclerc. Un satellite du système Bolloré, aussi, puisqu’il a été racheté en 2018 par le magnat et installé dans les locaux de son foyer Jean-Bosco, centre d’accueil pour étudiants dans le XVIe arrondissement de Paris, où se mêlent les valeurs de travail, de partage et de «spiritualité» avec «des moments de prière régulièrement organisés». Concomitamment à l’opération d’acquisition de France catholique, Pourbaix a été propulsé président de deux sociétés d’édition visiblement créées pour l’occasion, la Société des éditions du point du jour et 2eme Regard, dont Bolloré SA est actionnaire majoritaire. C’était avant son apparition sur CNews. Et si à l’origine, à la tête de la seconde, lui avait été accolé un «comité stratégique» où siégeaient son père, Marc Pourbaix, et un fidèle lieutenant du milliardaire breton, Jean-Christophe Thiery de Bercegol du Moulin, Aymeric Pourbaix est désormais seul à la barre.
L’homme ne sévit pas que dans En quête d’esprit. Depuis février 2021, il anime aussi une case dédiée à l’histoire, les Belles Figures de l’histoire. Pas les «grandes», mais bien les «belles». Sous l’influence du quinquagénaire, ce rendez-vous tourne presque exclusivement autour de saints chrétiens ou de personnages rattachés à l’Eglise, religieux ou laïcs.
Christine Kelly, Charlotte d’Ornellas…
A Aymeric Pourbaix et Philippe de Villiers, il faut encore ajouter Christine Kelly : l’animatrice-vedette de la chaîne est aussi une star dans les milieux chrétiens évangéliques, habituée des envolées mystiques. Mais aussi Gabrielle Cluzel, chroniqueuse régulière de la chaîne, qui dirige en parallèle le site d’extrême droite Boulevard Voltaire. Encore une anti-IVG obsédée par l’immigration et l’islam, par ailleurs proche des intégristes de la Fraternité Saint-Pie-X. Ou encore Charlotte d’Ornellas, amie de Marion Maréchal, qui a fait ses débuts dans le journalisme religieux. La tendance gagne aussi le JDD, où la nouvelle spécialiste de la religion, Elisabeth Caillemer, se fendait par exemple en octobre d’un article-brûlot contre ce qu’elle qualifie ironiquement de «cours d’éducation à la pudeur». Des séances où serait selon elle enseigné aux enfants de primaire «comment se masturber, l’éjaculation, les rapports sexuels par l’anus et le vagin».
La croisade des bollorisés prend aussi des atours plus lisses. Par exemple avec l’émission Bienvenue au monastère sur C8, télé-réalité mettant en scène une poignée de people dans le couvent corse de Corbara, en occultant le lourd passé de dérives sectaires et de violences sexuelles des deux communautés catholiques mises en avant. L’émission est produite par Chantal Barry, «amie de trente ans» du milliardaire breton. Une évangélique qui a fait fortune dans l’audiovisuel et se trouve à la tête de ZeWatchers, fondation qui veut répandre la parole de l’Evangile dans les médias français. Dans l’orbite de celle-ci gravitent aussi l’importateur français du film complotiste américain Sound of Freedom, ou Progressif Média, une agence de communication tenue par des entrepreneurs chrétiens, proches des milieux identitaires. Une certaine idée de la passion du Christ.