Der „Dreifaltige“, der schwierige Gott der meisten Christen: Über die Last mit dem „Trinitäts-Dogma“ aus dem 5. Jahrhundert.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Für die meisten Christen ist das Bekenntnis zur Trinität, zur „Dreifaltigkeit Gottes“, einerseits irgendwie selbstverständlich, weil sie sich in den meisten Gottesdiensten, den katholischen Messen und den orthodoxen Liturgien zumal, immer zur Trinität bekennen: Sie bekennen sich zu dem einen Gott in „drei Personen“, wie die christliche Dogmatik lehrt: Also zu Gott „dem Vater, dem Allmächtigen…“, dann zu Jesus Christus , „aus dem Vater geboren vor aller Zeit, gezeugt nicht geschaffen…“und schließlich zum heiligen Geist, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht…“. Die Orthodoxen wissen vom heiligen Geist hingegen noch etwas anderes, nämlich dass er NUR aus dem Vater hervorgeht. Eine tatsächlich wichtige „innergöttliche“ Nuance, die bei der Spaltung in westliche und östliche Christenheit im Jahr 1054 eine Rolle spielte. Ist damit eine Unterordnung des Logos, des Sohnes, unter den Vater gemeint? Ich erinnere mich in dem Zusammenhang an eine Szene eine Luis Bunuels wunderbarem Film „Die Milchstraße“: Als Kellner in einem französischen Luxus-Restaurant beim Einrichten der Tische genau diese Frage debattieren. Dann stören arme Pilger diese trinitarische Debatte und bitten um Brot. Von den trinitarisch debattierenden Kellnern werden sie abgewiesen…

Die beiden folgenden Hinweise beziehen sich im ersten Beitrag auf die klassischen trinitarischen Formeln und Begriffe. Und diese Reflexionen führen weiter, um in einem bisher unterbliebenen Weiterdenken zu einer überraschenden Erkenntnis zu kommen: Dass nämlich in gewisser Weise nach der Auferstehung und „Himmelfahrt“ des Logos, also des Gott- Menschen Jesus Christus, eben auch der Mensch in die Trinität gehört. Der Mensch Teil des innergöttlichen Lebens? Das ist das beachtlich und in gewisser Weise neu. Dass diese Erkenntnis spekulativen Charakter hat, ist klar.

Dass nicht auch noch der sehr interessanten Frage nachgegangen wird, was denn in der Trinität sozusagen lebendig war zu dem Zeitpunkt, als der Logos den Himmel verließ und zu „Weihnachten“ Mensch wurde, ist für spekulativ Interessierte eine bleibende Aufgabe, die für orthodox Glaubende selbstverständlich blasphemischen Charakter hat. Aber diese genannten Themen zeigen für mich bereits etwas von dem Wahn, wenn Menschen viel zu viel von Gott wissen wollten und auch heute in den Kirchen immer noch wollen und dieses inntertrinitarische Leben behaupten. Es geht also bei dem Thema auch um die Grenzen der Erkenntnis des Menschen.

Der zweite Beitrag (weiter unten) ist nicht weniger interessant und brisant: Er will die Perspektive eröffnen: Wie sich der EIN-Gott-Glaube der Christen und die Monarchie-Herrschaft des EINEN Kaisers in Rom (seit Konstantin, 4. Jh.) einander unterstützten und einander ideologisch „brauchten“. Dabei wird die dominierende Rolle der Kaiser bei der Formulierung der katholischen Dogmen noch gar nicht berücksichtigt, sie ist ein genau so interessantes Thema, das der Abhängigkeit der offiziellen Glaubenslehre von den Herrschern. Heute würde man solche Theorien Ideologien nennen.

In dem hier vorliegenden Beirag wird auch auf den großen katholischen Theologen Edward Schillebeeck (gest. 2009) verwiesen, der freimütig erklärte, dass er sich als Theologe wie ein Agnostiker zur offiziellen Trinitätslehre verhält.
Und zum Schluss empfehle ich nachdenklichen, kritischen, christlich interessierten LeserInnen das Glaubensbekenntnis der protestantischen Remonstranten Kirche in Holland zu lesen, ein Glaubensbekenntnis, das ohne die schwere und unverständliche Last der Trinitäts-Lehre aus dem 5. Jahrhundert auskommt.

1.
Mensch in Gott: Eine neue Perspektive zur Trinität

Die Dreifaltigkeit, Trinität, will das eigentlich Unmögliche über Gott aussagen: Der Gott der Christen ist aufgrund der Erfahrungen mit Jesus von Nazareth als dem Christus (also dem Logos, dem „Sohn“ „im Himmel“, in Gott) eins, einer, ein einziger, und auch in gewisser ein Gott, auf den die Zahl „drei“ zutrifft. Der alte Theologe Tertullian aus Karthago (155 bis 220) fasste diese „Unmöglichkeit“ in die Formel: „Tres personae, una substantia“, also drei Personen und ein gemeinsames Wesen, das ist Gott. Wobei klar ist, dass „Person“ nur sehr analog zu verwenden ist im Blick auf das, was wir unter Menschen Personen nennen.
Ich will in einem ersten Teil auf ein spannendes Thema aufmerksam machen:
Es ist im Johannes Evangelium klar: Dieser Jesus von Nazareth als Christus ist der LOGOS, also die zweite Person aus der Trinität, um es mal etwas plastisch und sehr bildhaft zu sagen. Dieser Logos aus der Trinität lebte in der Welt zu einem bestimmten Zeitpunkt. Dieser Jesus ist also der himmlische, göttliche LOGOS: So „entsteht“ dann er, Christus, als eine Einheit von Gott (Logos-Aspekt, wenn man so will) und von Mensch (Jesus von Nazareth, geboren zu einer bestimmten Zeit, an enem bestimmten etc. als ganzer Mensch, Mann usw.)

Diese Person, LOGOS und Mensch als Einheit, stirbt am Kreuz und erlebt eine Auferstehung und dann eine Himmelfahrt. Ich verwende jetzt die klassischen und populären Begriffe, die ja bekanntlich auch den Erzählungen der Evangelien und der Apostelgeschichte entnommen sind.
Was bisher meines Erachtens nicht gesehen wurde in dem Zusammenhang:
Wenn wirklich der gekreuzigte und auferstandene Jesus Christus in den Himmel „auffährt“, also in gewisser Weise in die Trinität zurückkehrt: Dann ist von nun an, wenn man das zeitlich verstehen will, denn der Tod Jesu Christi fand ja noch in der historischen Zeit „unter Pontius Pilatus“ statt: Dann ist nun innerhalb der Trinität, also im Innern des Wesens Gottes, auch das Menschliche, repräsentiert durch den ganzen Menschen Jesus von Nazareth präsent. Denn bekanntlich wird immer wieder betont: Dass der Auferstandene Jesus eine Leiblichkeit hatte, eine verwandelte, auferstandene Leiblichkeit. Aber eben eine Leiblichkeit. Und diese ist nun als menschliche IN Gott.
Diese theologische – spekulative Erkenntnis verändert das Gottesbild: In Gott selbst ist der Mensch, das Menschliche, das Irdische, enthalten, bewahrt, gegenwärtig.
Bisher erkannten Theologen und Religionsphilosophen (wie Hegel): Gott ist in der Welt. Gott ist in seiner Schöpfung anwesend, und zwar in der „Gestalt“ des Geistes: Alle Menschen haben Anteil am göttlichen Geist. Denn es ist eher undenkbar, dass Gott eine Welt schafft, die dann als eigenständige aber doch total außerhalb des Göttlichen sich entwickelt, wie eine Art Gegen-Gott.
Also: Gott in Welt ist eine alte und vertraute Erkenntnis.
Aber nun auch. Mensch IN Gott. Das sprengt den (üblichen?) Gottesbegriff, stiftet eine Ergänzung zu Gott in Welt, zeigt also eine enge wechselseitige Verbundenheit und Einssein von Gott und Welt/Menschen.
Die weitere Frage ist natürlich: Wenn durch Jesus Christus als dem auferstandenen Menschen eben der Mensch in Gott ist, dann ist alles Menschliche in Gott: Das heißt: Alle Menschen als „Auferstandene“ sind dann in Gott. Vielleicht ist dies der wahre Kern eines christlichen Verstehens von „Erlösung“. Freilich für die, die an der Idee Gottes festhalten wollen und den Begriff Erlösung auch mit dem Tod und der Frage „Was kommt nach dem Tod“ verbinden wollen.
Dass diese Thesen hier natürlich sehr spekulativ sind und von den üblichen, aber orthodoxen Bildern der Dreifaltigkeit ausgehen, ist klar. Man kann zurecht sagen: Es gibt in der heutigen Welt Dringenderes. Aber die Erkenntnis, dass der Mensch IN Gott ist, dort lebt kann spirituelle Menschen bewegen.
Und vor allem: das wurde hier noch gar nicht entwickelt: Hat denn Gott als ewige Trinität mit der Menschwerdung des Logos aus der trinität selbst eine Geschichte? Verändert sich Gott in sich selbst? Ist die Menschwerdung des Logos und damit zusammenhängend das Menschliche IN Gott eine Veränderung Gottes? Das kann nur jene Theologen stören, die immer noch an das antike Bild Gottes als eines unbeweglichen (!) Bewegers glauben. Nicht aber einen Gott denken können, der selbst Geschichte hat, also irgendwie auch zur Zeit gehört. Das passt ja gut, denn mit der Aufnahme des Menschen (Jesus Christus) IN die Trinität kommt ja auch die Zeit ins Göttliche.

2.
In einem zweiten Teil will ich auf einen anderen Aspekt der Trinitätslehre aufmerksam machen, einen politischen Aspekt:

Dieses offizielle „Nizäno-Konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis“ ist selbstverständlich viel ausführlicher. Es stammt aus dem Jahr 451 (!), und die schon hier nur kurz zitierten Worte und Begriffe hinterlassen bei neu-platonisch nicht Vorgebildeten einen gewissen mysteriösen Eindruck des Unverständlichen. Da sollen also religiöse Menschen weltweit heute, im 21. Jahrhundert, ihren Glauben mit Worten aus dem zu Ende gehenden „Altertum“ nachsprechen. Und sie werden nur dann etwas verstehen, wenn sie stundenlang vorher sich in die antike philosophische Begriffswelt eingearbeitet haben. Das Beharren auf dieser Formulierung und diesen Formeln seitens der Kirchenleitungen, des Papstes usw. für die heutigen Menschen ist schon – vornehm gesagt – eine beträchtliche Herausforderung. Andere nennen es dogmatische Sturheit und Verblendung, in diesen Worten zur Trinität universal für die ganze Welt festzuhalten. Soll so der Glaube als verstehender Glaube gefördert werden?

Ich habe als Journalist, der sich mit Themen der Kirchen befasste, immer wieder erlebt, dass selbst Christen, die regelmäßig die Gottesdienste/Messen besuchen, eigentlich mit der „Trinität“ nicht viel anzufangen wissen, diese eigentlich nicht verstehen und deswegen auch anderen nicht erklären können. Ich kann mich an peinliche Situationen erinnern, in denen muslimische Gläubige die Katholiken fragten, ob sie denn 3 Götter verehren und manche eher verlegen und sprachlos zustimmten. „Warum nicht?“, sagte einer. Der Polytheismus ist ja ohnehin unterschwellig im Katholizismus anwesend durch die sehr oft total übertriebene Verehrung Marias, der Mutter Jesu von Nazareth. Sie wurde gar zur Gottes-Mutter erklärt und ist im Himmel thronend die wirksame Hilfe, Gnadenhilfe, de Frommen. Wenn da nicht der Weg zur weiblichen Gottheit eröffnet wurde, aber das ist ein anderes Thema.

Die Verteidigung der klassischen Trinitätslehre aus dem 4./5. Jahrhundert ist also üblich geworden bis heute…

Da trifft es sich aber gut, dass ein prominenter, international geschätzter katholischer Theologieprofessor sich freimütig zu Schwierigkeiten mit der Trinität bekannte: Edward Schillebeexk (1912 – 2009) von der Universität in Nijmegen. In dem Buch „Edward Schillebeeckx im Gespräch“ mit Francesco Strazzari“ (Luzern 1994) sagt er: „Ich bin im Hinblick auf eine Trinitäts – Theologie fast ein Agnostiker“. Dieser Satz ist sehr bemerkenswert. Schillebeeckx fährt er fort: „Ich bekenne die Trinität, aber ich übe gleichzeitig eine gewisse Zurückhaltung gegenüber Anstrengungen, die Beziehungen zwischen den drei (göttlichen) Personen rational zu erfassen“ (S. 107). Vorher hatte Schillebeeckx schon gesagt: Die Spekulationen über die Trinität „geben nichts her für meine Spiritualität. Man spekuliert zuviel über die Trinität.“ (Seite 105). Dann fährt er fort: “Gott ist dreifaltig, (das ist Dogma!). Aber er ist nicht drei Personen. Das wäre Tri-Theismus (drei Götterglaube). Aus Scheu habe ich zu dem Thema nichts publiziert“ (Seite 106).

Ein anderer prominenter Theologe des Dominikaner Ordens, der ebenfalls international sehr beachtete Yves Congar (1904 – 1995), hat u.a. eine erhellende kleine Studie über den Zusammenhang von Politik und dem Entstehen des christlichen Monotheismus (Trinität) verfasst, und zwar in der internationalen theologischen Zeitchrift CONCIILUM, im Jahr 1981, Seite 195 ff.
Für Congar gibt es einen engen Zusammenhang der Verteidigung der einen und einzigen Herrschaft des Monarchen seit Kaiser Konstantin und der Entwicklung des christlichen Monotheismus, der dann zur Trinität führt. Sagen wir mal salopp als einer Variante des allgemeinen (jüdischen, später muslimischen) Monotheismus. Congar belegt seine leider viel zu knappe Studie, gelehrt wie er war, mit zahlreichen Quellen der so genannten Kirchenväter, also der Theologen vom 1. bis 6. Jahrhundert.

Die These ist also: Weil es zu Zeiten Kaiser Konstantins den Glauben der Christen an den einen Gott gab, der bereits wie ein Monarch verehrt wurde, konnte -bei dieser selbstverständlichen Mentalität- Konstantin auch “auf Erden“ durchsetzen, dass es nur einen Monarchen politisch geben sollte. Congar erinnert an den Kirchenvater Eusebius und schreibt: „Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Monotheismus der Christen und der Reichseinheit unter der Monarchie Konstantins“, (S. 196).
Dabei ist es interessant zu beobachten, dass etliche Kirchenväter unter dem „einen und einzigen“ Gott ganz den Gott Vater verstanden. „Er ist der eine und einzige Pantokrator, er allein ist Gott aus eigener Kraft“ (196).Und: „Er herrscht nach Art des persischen Großkönigs, der in seinem Palast verborgen bleibt“, schreibt Congar unter Bezug auf Eusebius (ebd.)

Bei diesem Verständnis der Trinität konnte Christus als Wesen des Himmels, also seines Seins beim Gott – Vater verstanden werden: Christus ist der Logos, in Abhängigkeit von Gott Vater, „so wie der Fluss von seiner verborgenen Quelle abhängt“ (196).

Diese Spekulationen über das innergöttliche Leben haben also willkommene politische Auswirkungen: In Nachahmung des Logos, also des Christus, der als spiritueller „König“ auf Erden lebte, reproduziert nun „der christliche Kaiser auf Erden das Bild des Gottes als Vater“.
Das heißt: So wie Christus in seinem Leben auf Erden auf den Gott als Vater verwies, so verweist der Kaiser als treuer Nachfolger Christi ebenso, wie Jesus Christus selbst einst, auf den Gott Vater. Der Kaiser rückt dadurch in die göttliche Sphäre der Trinität ein. Es ist der göttliche Kaiser, den es zu verehren gilt, und der sich auch anmaßt, innertheologische Fragen, etwa auf Synoden und Konzilien, zu beeinflussen und zu entscheiden.
Diese Form der politischen Theologie geht noch weiter: Weil Christus auf Erden und dann sowieso als Logos im Himmel eben nur ein einziger ist, so kann es auch nur einen Kaiser, als Nachfolger und „Reproduzent“ Christi, geben.

Mit anderen Worten: Diese verquere Spekulation hat den Sinn, den Kaiser als den einzigen Herrscher zu etablieren. Denn er verweist als Christus-Nachfolger wie Christus selbst auf den einen Gott. Die politische Monarchie und himmlische Monarchie des einen Gottes kommen also in bestes Einvernehmen, sie verhalten sich zueinander harmonisch.

Professor Congar ist sich bewusst, dass diese Hinweise den Charakter von Theorien haben, er ist noch zu vorsichtig, um nicht von Ideologien zu sprechen.

An diesem kurzen Beispiel kann man sehen, wie die Lehre von Trinität förmlich auch politisch „gebraucht wurde“ , um Herrschaft durchzusetzen. Und es wäre eine weitere Frage, wie sich das Bedingungsverhältnis mit dem monarchischen, monotheistischen Gottes sowie dem Logos (beide verbindet der Geist) und dem politischen Monarchismus gegenseitig bedingt und gegenseitig entwickelt haben. Von göttlicher Monarchie spricht noch der Kirchenvater Basilius im Jahr 375, und er verwendet für das Verhältnis des Vaters zum Sohn das Bild des Spiegels, darin „sieht man (jedoch) nur eine einzige Gestalt, die sich in der Gottheit, die keinen Unterschied (zwischen Gott Vater und Gott Sohn) kennt, wie in einem Spiegel widerspiegelt“. Verstehe das innertrinitarische Sich-Bespiegeln wer kann und will und wer genügend Lebenszeit zum qualvollen Verstehen zur Verfügung hat.

Mit diesen Themen also schlugen sich Theologen Jahrhunderte lang herum. Und das gilt prinzipiell bis heute! Anstatt die Menschen friedlicher zu machen, haben sie sich mit „Spiegelungen“ innerhalb der Trinität usw. befasst und viele weniger dicke theologische Doktorarbeiten geschrieben… Darf man das Verirrung nennen?

In jedem Fall ist das Dogma der Trinität kein reiner und feiner Ausdruck einer wunderbaren Spiritualität. Das Dogma der Trinität ist auch und vor allem politisch erwünscht, selbst wenn der Kirchenlehrer Gregor von Nazianz (329 – 390) etwas „zurückrudert“ und sagt: „Die göttliche Monarchie hat in den irdischen Wirklichkeiten keine Entsprechung“ (S. 197). Ob damit die höchste Bedeutung des Kaisers sozusagen innertrinitarisch relativiert wird, wäre weiter zu fragen.

Was auffällt: Der Vater zeugt den Sohn, der wird also auch mal irgendwie „geboren“, aber nicht von einer Frau. Das passiert erst später, irdisch, mit Maria als Mutter, die unbefleckt allerdings empfängt.

Innertrinitarisch kommen trotz der Väterlichen Zeugung des logos keine Frauen vor.

Wenn schon diese offizielle Trinität ohne Frauen trotz aller Zeugung auskommt, um so mehr können auch die Priester der römischen Kirche ohne Frauen auskommen. Das Zölibats – Gesetz der Kirche entspricht bestens inner-trinitarischen Vorgängen. Die Verteidiger des Zölibatsgesetzes könnten sagen: Gäbe es denn etwas Wertvolleres?

Diese Freilegung der wechselseitigen Abhängigkeit der Trinitäts – Lehre und der kaiserlichen Monarchie ab Konstantin muss ja nicht dazu führen, die Vorstellung und den Begriff einer göttlichen „Wirklichkeit“ grundsätzlich abzulehnen. Es bleibt bei der Erfahrung und der Erkenntnis: Eine göttlich zu nennende alles gründende „Wirklichkeit“ ist nur als ein Geheimnis zu deuten, Geheimnis ist dabei nichts Spinöses, Verworrenes, nichts Mysteriöses, sondern etwas, das wir denkend berühren, aber niemals umgreifend fassen und damit niemals definieren.

Mein Vorschlag: Die Kirchen wissen in ihrer uralten Dogmatik, die sie mit sich herumschleppen und nicht abschütteln, diese Kirchen wissen also zu viel von Gott. Und sie belasten das Denken und Fühlen heutiger Christen, wenn sie immer noch diese Worte dieses Glaubensbekenntnisses vom Konzil im Jahr 450 einpauken. Lernen wir also das Geheimnis des Lebens, das auch auf ein göttliches Geheimnis verweist, kennen. Versuchen wir es, von diesem Geheimnis poetisch zu sprechen. Es könnte also durchaus von einer gründenden göttlichen Wirklichkeit die Rede sein, die man früher „Vater“ nannte. Und auch von Jesus von Nazareth, der sich von diesem Lebensgrund bestimmen ließ und heiliges Vorbild bleibt. Und auch vom Geist, der uns Menschen inspiriert, immer wieder zum Guten einlädt, zur Kunst, zur Solidarität, zum Friedenstiften.

Aber wie nun dieser Gott und dieses Vorbild Jesus von Nazareth und unser Geist, der heilige, miteinander in Beziehung stehen, ist offen. Die klassische Trinitätstheologie wird nicht wieder auferstehen.

Irgendwann wird man sich fragen, ob die pauschale Abwehr des „Unitarischen“-Glaubens einst durch die machtvollen „trinitarischen“ Kirchen und ihre Theologen richtig war und heute noch richtig ist. Wer weiß denn so viel Genaues vom Innenleben Gottes? Hegel vielleicht, aber seine Dialektik hat auch Gültigkeit ohne seine Verbundenheit mit der Trinität als göttlicher Form der Dialektik.

Lernbereitschaft ist angesagt, gerade wenn man an die hier nur angedeuteten großen Probleme mit der Trinität denkt. Warum kann nicht auch einmal neu und allgemein objektiv über den „Ketzer“, den unitarischen Theologen Fausto Sozzini reden?

Aber die Kirchen, zumal die römische und die orthodoxen, sind so erstarrt, dass sie außerstande sind, ein einmal früher formuliertes Dogma ad acta zu legen. So schleppen sie uralte Theorien mit sich herum und drängen diese den Gläubigen heute als unverständliches Bekenntnis („Steine statt Brot“, würde Jesus sagen) noch auf, obwohl so viele Theologen wissen, dass sie dies überhaupt nicht mehr tun sollten. Es ist so, wie wenn Ärzte heute Knoblauchessenzen nach Rezepten des Mittelalters als „das“ universale Heilmittel anwenden würden….

Aber katholische Theologen sind so befangen und finanziell von der Kirchenführung abhängig, dass sie lieber tausend mal das trinitarische Dogma aus dem 5., Jahrhundert hin- und herdrehen und tausendmal darüber an päpstlichen Universitäten in Rom promovieren, als einen Schlussstrich zu ziehen und Neues zu sagen.

Die religionswissenschaftliche Forschung hat längst über die Formulierungen der alten Trinitäts – Dogmen hinaus geführt – ins Freie und Lebendige neuer Gottesfragen und neuer Gotteserfahrungen.

Wenn die Kirchen Gott/Göttliches“ das Ewige zurecht als bleibendes Geheimnis bekennen, können sie nicht darauf beharren, „Details“ vom inneren Leben Gottes „im Himmel“ zu wissen und zu lehren.

PS.: Mir persönlich als Theologen und Religionsphilosophen ist das Glaubensbekenntnis der niederländischen protestantischen Kirche der Remonstranten von 2006 sehr sympathisch und treffend für heutige menschliche und spirituelle Erfahrung. Es spricht vom Geist, von Jesus und von Gott, ohne dabei in die alten trinitarischen Formulierungen hinzuführen.
Klicken Sie hier.
https://forum.remonstranten-berlin.de/94/ein-neues-glaubensbekenntnis-ein-ausdruck-der-freiheit/

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.