„DIE ZEIT“ verbreitet Legenden und Fake News zur Kirchengeschichte

Manfred Lütz und sein Skandalbuch „Skandal der Skandale“ wird von Jens Jessen (DIE ZEIT) verteidigt.

In der Ausgabe DIE Zeit vom 6. September 2018, Seite 40.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Nun verbreitet auch die eigentlich ja oft geschätzte Wochenzeitung „DIE ZEIT“ theologische und kirchenhistorische Legenden, fake news: Offenbar nämlich durfte, so meine Vermutung, der angeblich „prominente Psychiater und Theologe“ Manfred Lütz, so diese Einschätzung durch „Die Zeit“, dort dem Redakteur Jens Jessen seine eigene Buchkritik fürs Feuilleton dieser Wochenzeitung vorlegen. Auf andere Weise kann ich als Theologe und Kritiker des Skandalbuches „Der Skandal der Skandale“, verfasst von Manfred Lütz, nicht verstehen, dass so viel Unsinn auf einer Spalte verbreitet wird, unterschrieben von Jens Jessen. Man hat den starken Eindruck, dass der Rezensent Jessen das Buch selbst nicht gelesen hat. Denn dann wäre dem Kulturjournalisten wenigstens aufgefallen, dass das Lütz Buch, das sich ja als wissenschaftliches Buch und nicht als Märchen – Buch versteht, keinen einzigen Quellenverweis bei den vielen Zitaten enthält. Wenigstens ein kleines Zitat aus dem Lützbuch hätte ein lesender Rezensent doch mal einfügen können, macht Jessen aber nicht. Zu den Quellenangaben: Lütz redet sich da raus und sagt, dann sollen die LeserInnen eben das umfangreiche Buch des Kirchenhistorikers Angenendt lesen, auf das sich Lütz ja bezieht. Wie nett.

Es ist schon komisch, dass die sonst auf Aktuelles auch im Feuilleton so fixierte ZEIT dieses Lütz Buch erst 6 Monate nach Erscheinen publiziert. Meine Vermutung ist: Offenbar ist aus dem von Anfang an als Bestseller hoch gejubelten Buch doch nicht so viel geworden an Auflagen, so dass nun kurz vor der Buchmesse in Frankfurt mit Hilfe dieser Werbung der ZEIT noch mal das Geschäft befeuert werden soll.

Der Gesamttendenz des ärgerlichen Textes:

Diese Buchbesprechung in DIE ZEIT ist eine Reinwaschung des Skandalbuches von Lütz.

Jessen (bzw. Lütz, wenn man so will) unterstellt, der Philosoph Herbert Schnädelbach würde „landläufigen Urteilen“ folgen in seiner Buchkritik zu Lütz. Was für eine Unverschämtheit, einem renommierten Philosophen eine unreflektierte Folgsamkeit zu „landläufigen Urteilen“ zu unterstellen….Die Rezenten tut weiter so, als sei der Historiker Prof. Angenendt völlig einverstanden mit diesem Lütz Opus. Ich höre von Insidern, dass Prof. Angenendt selbst gar nicht so glücklich ist mit der Reinwascherei, genannt Popularisierung, seines umfangreichen Buches, die Herr Lütz da liefert. Wusste Arnold Angendt, em. Prof. in Münster, Jahrgang 1934, überhaupt vor Drucklegung von dem Lützbuch? Das ist alles nie geklärt worden. Man frage doch mal bei Angenendt nach, wie zufrieden er denn als Wissenschaftler ist mit der Popularisierung seiner umfassend wissenschaftlichen Studie. Das wäre Aufgabe eines Recherche-Journalismus in DIE ZEIT etwa..

Selbst der erzkatholische Politologe und einstige ZK Chef der Laien in Deutschland kritisierte das Skandalbuch von Lütz in „Christ in der Gegenwart“, Ausgabe 8.4.2018.

Mir unterstellte Lütz in einem Leserbrief für PUBLIK FORUM (Heft 7/2018) „böse Absichten der Manipulation“, nur weil ich erwähnte, dass zweifelsfrei zustimmend Lütz den amerikanischen Politologen Gary Remer in seinem Skandal Buch zitiert. Remer schreibt: „Hätte im Mittelalter ein jüdischer Staat bestanden, dürften manche Heiden der Verfolgung ausgesetzt worden sein“… In einem Interview mit Joachim Frank, Frankfurter Rundschau, 28. März 2018, Seite 32, hat Lütz immerhin einen gravierenden Fehler seinerseits eingestanden, als er in dem Skandal Buch schrieb: „Manches“, was die Christen den Juden antaten, „mag skandalös gewesen sein“. Manches, und mag gewesen sein, behauptet Lütz. Gegenüber Frank sagte Lütz, er wolle diese Formulierung korrigieren…

Aber darum geht es jetzt nicht primär:

Die Rezension in DIE Zeit verfälscht die Tatsachen: Die Liste der kirchlich verursachten und von der Kirche in Gang gebrachten Verfolgungen und Tötungen ist grenzenlos. Kirchen und Staaten waren damals, bis ins 18. Jahrhundert, ideologisch eins, es ist darum nur „Weißwäscherei“ zu sagen: Die Verfolgung und Tötung hätte der Staat übernommen. Er musste es in gutem Einvernehmen mit der Kirche tun. Kirche und Staat wollten beide keine „Abweichler“ in ihrem Territorium, darum töteten sie in gutem Einvernehmen (!) die Abweichler…

Es ist auch die Kirchenführung selbst, die eine grausame Verfolgung aller Häretiker einführt, etwa im Verdammungsdekret gegen Petrus Valdès und seine Freunde, siehe dazu den nun einmal wirklich prominenten Historiker Jacques Le Goff, „Die Geburt Europas im Mittelalter“, 2004, Seite 119. Auch die tötende Gewalt der Kirche gegen Homosexuelle seit der Frühzeit der Kirche schreit förmlich zum Himmel.. “Bei den Mächtigen wurde die Sodomie mehr oder weniger (von der Kirche) geduldet“ (S. 126, ebd.) Eine interessante Parallele zur Jahrzehnte, Jahrhunderte langen kirchenoffiziellen Verschleierung des Kindesmissbrauchs durch Priester, Bischöfe, Kardinäle.

Die Hexenverfolgungen sind von den Kirchenleuten eingeleitet worden: „Eine führende Rolle bei der Einstimmung auf die Hexenjagd übernahm das Buch, der so genante Hexenhammer, der beiden Dominikaner Mönche, Jacob Sprenger und Heinrich Institoris,“ so Le Goff, ebd. 215….

Kaum Hinrichtungen habe es in Spanien gegeben, meinen Jessen/Lütz in ihrer Rezension. Welch ein Blödsinn! Wird es wirklich erst unerträglich fürs kirchliche Selbstbild, wenn keine Hinrichtungen geschehen. Sind Verfolgungen, Folter usw. noch kirchlich hinnehmbar? Man studiere nur die Geschichte der frühen Protestanten in Spanien, man studiere, wie dort Juden und selbst konvertierte Juden aufs übelste belästigt, verfolgt (Teresa von Avila, etc.) und z. T. auch getötet wurden.

Der größte Skandal in der ZEIT Rezension ist die unsägliche Behauptung: Die Kritiker, die die Verbrechen der Kirche freilegen, seien Geschichtsklitterer oder schlimmer noch, so wörtlich, moderne Religionsfeinde. Lütz wird doch wohl noch Religionskritik als Kritik von Feindschaft unterscheiden können. Hat der fromme Herr Lütz den Satz Jesu vergessen: „Die Wahrheit wird euch frei machen“?

Wenn Philosophen und kritische Theologen umfassend und ohne Apologetik die furchtbaren Seiten der Kirchen freilegen, sind sie heute in bester Gesellschaft mit Papst Franziskus, der ja wohl kein Religionsfeind ist, nur weil er die furchtbaren, tausendfachen Verbrechen des höheren und niederen Klerus im sexuellen Umgang mit Kindern und Jugendlichen offenbar langsam aber sicher freilegen will?

Ich habe in meiner ausführlichen Rezension gleich nach Erscheinen des Skandal Buches von Lütz gezeigt, in welchen theologischen Kreisen sich der angeblich prominente Herr bewegt, es ist das Gebiet des katholischen Rechtsaußen, aus dem Umfeld des Opus Dei, das ja bekanntlich gern Apologetik betreibt.

Man lese bitte anstelle der Zeit Rezension die ausführlichen Besprechungen zum Skandal-Buch von Manfred Lütz, verfasst von Christian Modehn, Herbert Schnädelbach und des Historikers Josef Breinbauer.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Weisheit – biblisch und griechisch (philosophisch)

Hinweise von Christian Modehn,  geschrieben für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 24.8. 2018

Weisheit ist der Inbegriff griechischer Philosophie, die sich, wie der Name sagt, als Liebe, als Freundschaft zur Weisheit definiert. Der Weisheit strebt der Mensch nach, das ist für Aristoteles wichtig. Aber für Platon gilt: Erreichen können Menschen die Weisheit in vollem Umfang nie. Nur Gott ist weise.

In der Neuzeit wird Philosophie als Weltweisheit verstanden: Dann wird Weisheit noch einmal eingeschränkt auf Lebensweisheit. Die Philosophie entwickelt dann zwei Wege: Die der Lebenslehre verpflichtete Weisheit außerhalb der Universitäten, man denke an Montaigne und seine Essays, vielleicht auch an Blaise Pascal, an Kierkegaard oder auch an den späten Schopenhauer: „Aphorismen zur Lebensweisheit“ von 1851. Dieses Buch hat Schopenhauer populär gemacht. Die an der Universität etablierten Philosophen seit dem 18. Jahrhundert verstehen diese als Wissenschaft, oft in Konkurrenz zu anderen Wissenschaften. Der Aspekt der Lebenshilfe durch Weisheit entfällt dann meist. Auch (den späten) Wittgenstein kann man wohl eher als Weisheitslehrer ansehen.

1.Kohelet (auch genannt der „Prediger Salomo)

Es gibt heute viele Übersetzungen ins Deutsche, man vergleiche, wie unterschiedlich die Übersetzungen gestaltet sind. Ich bevorzuge die Züricher Bibel.

Es ist erstaunlich, dass es im 3. Jahrhundert (vor Christus) in dem kleinen Tempelstaat, genannt Judaia mit der Hauptstadt Jerusalem, einen jüdischen Lehrer gab, der sich der umgebenden, allmächtig erscheinenden griechischen Kultur annäherte und von dieser kulturell vorherrschenden Kultur etwas für den eigenen Glauben lernen wollte. Die Oberschicht in Jerusalem sprach Griechisch. Das Buch Kohelet ist also ein Dokument eines gewissen Lernens einer Religion von den damaligen griechischen Popular – Philosophen aus dem Kreis der Kyniker und Skeptiker vor allem, aber auch von der Stoa und Epikur. Es gab schon vor Kohelet Weisheitslehren in der jüdischen Kultur, später dann auch in der hebräischen Bibel versammelt, wie etwa das „Buch der Sprüche“. Es enthält viele kurze Sprüche zur Alltagsgestaltung in einem bäuerlich geprägten Milieu. Es geht um Fleiß, Sparsamkeit, Redlichkeit. Alles Handeln soll auf der Gottes- Furcht gründen: Gottesfurcht ist das zentrale Ziel alles von Weisheit geprägten Denkens und Verhaltens. Also wohl Furcht vor diesem allmächtigen Gott! Wobei es interessant idt, dass der Alttestamentler Prof. Bernhard Lang darauf hinweist, dass viele Mahnungen im 22. und 3. Kapitel des „Buches der Sprüche“ Nachbildungen sind ägyptischer Lehren, etwa aus der Lehre für Amenemope, eines altägyptischen Königs. (in Die Weisheit des Alten Testaments, DTV, C. H. Beck, 2007, S. 138)

Also es gab immer schon einen gewissen Kulturaustausch und eine gewisse Lernbereitschaft zwischen der Jahwe- Religion und der „heidnischen“ Kultur, aber immer so, dass der Rahmen vom Glauben an Jahwe beherrschend bleibt, bei aller Freiheit der Lernbereitschaft. Das sieht man am Beispiel des Buches Kohelet.

Der Autor des Kohelet Buches: Kohelet ist ein „Deckname“ (wie auch der Hinweis auf König Salomo, dies soll der Aufwertung des Textes dienen). Kohelet bedeutet „Versammlungsleiter“ in einer ekklesia, wie man auf Griechisch sagt. Der Alttestamentler Norbert Lohfink schreibt: „Ekklesia bezeichnete auch philosophische Zirkel, und ein Kohelet, ein ekklesiastés, könnte dann auch Gründer und Leiter eines solchen Kreises gewesen sein“ (S. 11).

„Kohelet hat seine Lehre auf dem Marktplatz gegen Bezahlung öffentlich angeboten, das war neu in Jerusalem und hat Aufsehen erregt, von seinem Schülerkreis bekam der Marktplatz-Philosoph seinen Namen“ (Lohfink, S 12.) Nebenbei: Man bedenke, dass auch Paulus auf einem berühmten Platz sprach und mit dortigen Philosophen argumentierte, auf der Agora in Athen, und dort eine der schönsten Reden des Neuen Testaments überhaupt gehalten hat, etwa mit der Weisheit: „In Gott bewegen wir uns, leben wir und sind wir“… (Apg., Kap. 17, Verse 16 bis 34). Und noch etwas: Als Paulus in Ephesus wegen seiner Predigten dort aus der Synagoge geworfen wurde, fand er Zuflucht bei einem toleranten Philosophen (!). Paulus wohnte 2 Jahre bei ihm und lehre in seinem „Salon“, der Philosoph hatte den für ihn gar nicht zutreffenden Namen Tyrannus, Apostelgeschichte, 19, Vers 9.

Der Autor des Kohelet Buches verfasste seinen Text auf Hebräisch, aber eben in einem zeitgemäßen, umgangssprachlichen Hebräisch (gesprochen wurde Aramäisch).

Zum Buch selbst: Es wurde von vielen herrschenden Kreisen als störend wahrgenommen. Sicher auch vom Establishment im damalige Jerusalem. Denn die großen Themen jüdischen Glaubens, der Bund Gottes mit dem Volk Israel, das Einhalten der vielen Gebote, die prophetischen Lehren, auch die heftige Gesellschaftskritik, die Psalmen, das Gebet, all das kommt im Kohelet-Buch nicht vor. Viele Leser sehen eine gewisse Eintönigkeit im Text, in dem alles darauf hinausläuft, dass das Leben der Menschen, aller Menschen, in allen nur denkbaren Zuständen, Reiche, Arme usw. letztlich zum Tod führt. Alles, aber auch alles,  ist Windhauch, es verschwindet, führt ins Nichts.

Nebenbei: Die absoluten Herrscher im ancien régime ließen die Übersetzung des Kohelet, geschaffen vom Philosophen Voltaire, verbrennen, im September 1759 in Paris: Denn in der Sicht der Zensur zersetze dieses Buch Kohelet die Grundlagen der Moral. („Récits de l Ecclesiaste et Précis du Cantique des Cantiques“1759, die Urteilsschrift vom 3.9.1759. Arrest de la cour de Paralement). Wahrscheinlich waren die damaligen Machthaber entsetzt über Kritik an der Beamtenherrschaft im Buch Kohelet, im Kapitel 5, Verse 5 ff. ist die Rede von der Ausbeutung der Armen und noch aktueller geradezu die Erkenntnis: „Ein Mächtiger deckt den anderen, hinter beiden stehen noch Mächtigere“.

Zum Zentralen Begriff Häwäl: Alles ist Häwäl. Meint Windhauch, auch etwas Windiges, etwas Nichtiges, vielleicht auch Absurdes, meint der protestantische Alttestamentler Jürgen Ebach in einem Vortrag für den Evangelischen Kirchentag 2015 in Stuttgart. Interessant wäre eine genaue Untersuchung zu dem anderen hebräischen Begriff für Geist und Wind eben für RUACH. Er wird später ein Begriff für Rettung und Heiliges…Der heilige Geist kommt in der Beschreibung des Pfingstereignisses in der Apostelgeschichte als Brausen vom Himmel wie ein gewaltiger Wind. Dadurch wurde die Gemeinde vom heiligen Geist erfüllt.

Ich will auf den allgemeinen Rahmen des Textes aufmerksam machen, der die einzelnen Verse verständlicher werden lässt. Der Autor geht als gläubiger Jude im 3. Jahrhundert zur Zeit der hellenistischen Herrschaft in Jerusalem (die Herrschaft der Ptolemäer) davon aus: Es muss förmlich in dieser Kultur der Philosophien auch eine philosophisch erscheinende Lehre aus gläubiger, jüdischer Sicht geschrieben werden.

Dennoch ist für ihn gültig, und das wird im Text deutlich:  Gott ist und bleibt im Bekenntnis der Herr der Welt, derjenige, der alles vorweg bestimmt (dies ist eine Art personaler Ausdruck für den Glauben an die Macht des Schicksals). Und dieser Gott verfügt alles im voraus, alles ist sozusagen vorherbestimmt. Die Vorstellung, Gott als den allseits liebenden Vater zu denken, kommt nicht vor.

Und das ist das Neue im ganzen Alten Testament: Weisheit im Sinne Kohelets ist mit Erkenntnis identisch. Und dieser Weise im Sinne Kohelets weiß eben: Dieser unser alles verfügende und alle schon vorher bestimmende Gott ist nicht umfassend erkennbar. Einzelne „Wesens“-Aspekte Gottes werden nicht genannt. Bei Kohelet ist Gott nur die unbekannte alles bestimmende Urmacht.

Aber auch dieses gilt für Kohelet: Gott ist der Schöpfer dieser Welt und der Menschen. Und dieser Gott „hat die Ewigkeit in das Herz der Menschen gelegt“ (…“ohne dass sie herausfinden können , was Gott von Anfang bis Ende gewirkt hat“, Kap. 3, Vers 9 ff). .

Das heißt: Gott als der Ewige hat das, was er ist, was ihn auszeichnet, nämlich der Ewige zu sein, ewig zu sein, in die innerste Mitte der Menschen gelegt. Das heißt Gott und Mensch sind letztlich verbunden und eins. Auch wenn es eine wesentliche Differenz zwischen Gott und Mensch gibt…“Gott ist im Himmel und der Menschen ist hier“, sagt Kohelet.

Aber die alte Glaubenslehre bleibt: Gott ist der Richter über Weise und Törichte. Aber mehr kann der weise Mensch nicht über Gott sagen. Gott ist nicht  zu durchschauen. Er ist ein Geheimnis für den Menschen.  Aber wäre ein durchschaubarer Gott noch Gott?

Interessant bzw. höchst ungewöhnlich sind die weisheitlichen Mahnungen Kohelets in Kap. 7, Vers. 16 (in der Lutherübersetzung) „Sei nicht allzu gerecht und allzu weise. Damit du dich nicht zugrunde richtest“ )Also sehr viel Weisheit richtet zugrunde? Vers 17: „Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht sterbest vor deiner Zeit“. Also: Etwas gottlos, etwas religionskritisch soll der Weise durchaus sein. In der Katholische Einheitsübersetzung heißt Vers 17 viel milder und moderater: „Entferne dich nicht zu weit vom Gesetz…“ Auch die Züricher Bibel ist da radikal: „Sei nicht überfromm und gebärde dich nicht gar zu weise. Warum willst du dich zugrunde richten?“ Vers 17: „Sei auch nicht zu gottlos und sein kein Tor…“ Das muss erst noch theologisch bearbeitet werden: Ein biblischer Autor, dessen Buch als kanonische Schrift in der Bibel (Altes Testament) versammelt ist, gibt den Rat: „Sei nicht zu gottlos…“ Also: „Ein bisschen gottlos solltest du sein“ Aber was heißt ein bisschen?

Auch wenn immer wieder betont wird: Wie sinnlos, wie verhauchend und verschwindend alles ist: Dennoch wird da keine Sinnlosigkeit verbreitet, weil eben alles umrahmt und verbunden ist mit dem ewigen Gott. Der Gott Kohelets ist kein deistischer Gott, kein „Uhrmacher – Gott“ des 17. Jahrhunderts…

Zentral ist dann doch: Angesichts der totalen Windhauch- Struktur allen Lebens empfiehlt Kohelet der Jugend doch eine ausgelassene Freude am Leben, mit üppigem Essen und Trinken. Nirgendwo wird sonst in der Bibel so deutlich der üppige Lebensgenuss geradezu empfohlen, allerdings nur für die Jugend. Wo bleibt der Genuss für die Alten?

Aber diese kleinen Freuden des Lebens gönnen sich die Menschen in einem Bewusstsein, dass sie eigentlich nicht wissen, was das Ganze, was das Leben sinnvoll macht; nur der Glaube bleibt: dass Gott alles geschaffen hat und er alles vorherbestimmt. (Ob da Anklänge an Gnade und Prädestination – also bei Paulus im Römerbrief – durch scheinen, ist ein anderes Thema) „Wir sind Gottes Hand aufgehoben“: Das ist das zentrale Bekenntnis, „auch wenn wir mehr nicht wissen“.

Oft ist von Furcht Gottes“ die Rede. Dies ist eine Haltung, die im Alten Testament oft beschrieben wird, denn Jahwe hat in der Geschichte furchtbare Taten vollbracht, etwa die Ägypter vernichtet und wunderbar sein Volk erwählt und gerettet. Die Gottesfürchtigen sind die Frommen. Der Gottesfürchtige fühlt sich geborgen. Gottes Furcht ist Gehorsam gegenüber Gottes unergründlichem Willen. „Gottesfurcht ist der Weisheit Beginn“. Und ist eine Form der Unterwerfung unter die Allmacht Gottes. Gibt es im Neuen Testament noch diese Gottesfurcht?

2.Weisheit in der griechischen Philosophie. Ein knapper Hinweis fürs Weiterstudium.

Die griechische Philosophie in der Antike war in viele unterschiedliche Schulen gespalten. Wer in eine Schule eintrat, musste die Lehre des Meisters verinnerlichen, d.h. auswendig lernen, darauf weisen die Studien von Pierre Hadot immer wieder hin. Jeder Schüler einer Schule sollte die zentralen Lebensweisheiten immer „griffbereit“ für alle (schwierigen) Lebenslagen zur Verfügung haben.

Das wussten auch die frühen christlichen Theologen, indem sie den kirchlichen Glauben auch als SCHULE bezeichneten und ihn der Konkurrenz zu den anderen Schulen aussetzen. Durch die Kirchenpolitik der Kaiser setzte sich dann diese christliche Schule (eigentlich schon immer schon in sich selbst in Vielfalt) dann machtvoll durch und zerstörte die anderen philosophischen Schulen.

Ich will zu diesem komplexen Thema nur einige Hinweise geben:

Etwa in der Stoa und bei Epikur: Es geht beiden Schulen um die Erlangung der Ataraxia, der Ruhe im Leben, durch konkrete Übungen und Weisungen. Und man kann fragen: Ist diese ganze Windhauch Lehre von Kohelet nicht auch ein Einüben der Atarxia, der Unerschütterlichkeit? Ich denke, so ist es. Gerade dies hat Kohelet von den griechischen Philosophen gelernt!

Wenn man nur den Text „Selbstbetrachtungen“ (am Ende seines Lebens, um 172 nach Chr. geschrieben)   von Marc Aurel betrachtet, gibt es durchaus inhaltliche Anklänge an Kohelet: Etwa im 6. Buch, Nr. 15: Da ist vom ständigen Werden und Vergehen die Rede, also gewissermaßen vom Windhauch. „In diesem Strom kann man keinen festen Fuß fassen..“

Und doch ist Marc Aurel konkreter in seinen Hinweisen zum Umgang mit dieser Situation, in Nr. 16 schreibt er: „Was bleibt aber wirklich Achtungswertes übrig? Ich glaube dieses: Dich nach den dir innewohnenden Fähigkeiten zu rühren (tätig zu sein) und Zweckentsprechendes zu schaffen…“   Also in einer Situation des „Windhauches“ bzw. des ständigen Fließens kann der Mensch doch etwas konkret „aus sich machen und Gutes für die Welt tun“. Irgendwie wird der Gedanke einer verbesserlichen Welt, einer Weltgestaltung durch den einzelnen, bei den Griechen besser ausgesagt. Von einem expliziten Willen zur Weltgestaltung sehe ich bei Kohelet nicht so viele Anregungen.

Angesichts der vielen belastenden Erfahrungen, in denen so vieles, wörtlich „eitel, modernd, nichtig ist“ (N. 33 im 5. Buch, gib Marc Aurel den Ratschlag: Alles, was außerhalb deiner geistigen und körperlichen Sphäre ist, „ist nicht dein und hängt nicht von dir ab“, also kümmere und sorge dich nicht darum (Nr. 33). „Bedrückend sein kann für den Menschen nicht das Vergangene und Zukünftige, sondern nur das, was ist, was jetzt ist. (N. 36 im 8. Buch).

Nebenbei: Philosophie muss von „Sophismus“ unterschieden werden: Dies nur am Rande: Sophismus kommt vom Verb sophitestai, also ausklügeln, sich etwas ausdenken, kluge Worte machen, auch als Propaganda, auch als Irreführung: “Es gibt ja sowieso keine Wahrheit“… Ein Sophist kann jede noch so abwegige Theorie logisch scheinbar begründen und verteidigen. Darum waren sie oft auch glänzende Rhetoriker. Sie sind die „Relativisten“, die Sokrates als Ethiker verschmähte… Sokrates setzte sich mit Sophisten auseinander, etwa Kritias und Alkibiades… Sophisten arbeiteten philosophisch für Geld. Philosophen taten es gratis, wie Sokrates… Sophisten sind heute wohl viele Rechtsanwälte.

3.Welche Weisheit ist hilfreicher? Kohelet oder Marc Aurel „Selbstbetrachtungen“?

Diese Frage kann jeder für sich beantworten natürlich.

Der Eindruck ist wohl gültig: Schon aufgrund seines größeren Umfangs sind die Selbstbetrachtungen wesentlich differenzierter und konkreter als das Buch Kohelet. Das wird etwa deutlich, wenn Kohelet der Jugend empfiehlt: „Wandle, wie es deinem Herzen gelüstet und genieße, was deine Augen schauen“ (11. Kap. Ende)

Essen und Trinken als Lust wird auch in Kap. 5 empfohlen als Gabe Gottes. Aber alles wird auf die Jugend bezogen. Aber im Unterschied etwa zu Epikur wird nicht eine Lehre des reflektierten Maßhaltens geboten! Und der junge Genießer in Jerusalem soll auch schon wissen, „dass um alle diese genussvollen Dinge wird Gott dich vor Gericht ziehen“. (Ende 11. Kap.) Der Gedanke an Gottes Gericht soll vor allzu großer Üppigkeit warnen.

Da sind mir die griechischen Philosophen sympathischer und reflektierter: Sie wollen den Genuss in seinen Exzessen dadurch eingrenzen, dass sie auf das Wohl, auch das körperliche, des Genießenden acht geben. Sie argumentieren, aber drohen nicht mit einem rächenden Gott. Etwa bei Epikur ist das deutlich. Die Bibel bietet keine argumentative Weisheitslehre zur Ataraxia, zur lernbaren Unerschütterlichkeit, oder zum Gleichmut und zur Ausgeglichenheit! Dies tun die griechischen Philosophen. „Erwache und finde dich selbst wieder“, sagt Marc Aurel, Nr. 16 in Buch 6. „Erwache zu dir selbst“: Dieses Ernstnehmen der Entwicklung des eigenen Lebens fehlt mir im Buch Kohelet.

Ich meine: Kohelet spricht von einem sehr überlegenen, endgültigen Status aus, wie in einem Blick aus der Ewigkeit heraus spricht er und muss dann, sub specie aeternitatis, fast alles auf der Welt und im begrenzten Leben des Menschen, eben NICHTIG zu finden. Er sieht in dieser Sicht von oben alle Menschen eingesperrt in ein Leben zwischen (eigentlich abzulehnender) Geburt und dem Versinken in ein Nichts im Tod. Diese Beurteilung alles Lebendigen und Konkreten aus der Ewigkeit heraus ist problematisch: Dieser Standpunkt ist nur in der HINSICHT des Überblicks auf das gesamte Leben formal gültig. Es fehlt „trotzdem“ die Lust, Details zu entwickeln.

Ich finde die Aussage in Kohelet auch falsch: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“. Natürlich, alle Menschen sterben. Dennoch gibt es auch positive Entwicklungen, vielleicht sogar doch Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit. Dass heute sehr viele Menschen die universal geltenden Menschenrechte richtig finden, ist ein Fortschritt, selbst wenn sich sogar demokratische Politiker aus Egoismus etc nicht daran halten.

Ich finde die Aussage Kohelet falsch: Je mehr Wissen, desto mehr Schmerz.

Heute gar nicht annehmbar ist das Denken, auch der Krieg habe seine Zeit, also seinen Kairos. Gewöhnung an den Krieg als etwas weisheitlich Normalem ist grundlegend falsch.

Ende von Kap. 3 dieser furchtbare Satz: Der Mensch hat vor dem Tier keinen Vorzug.

Kurz und gut: Man lese manchmal das Buch Kohelet, kehre dann aber zum eigenständigen, umfassend slebstkritischen Denken der Philosophie zurück.

Wie viel seelisches (Un)Heil dieses Buch Kohelet unter den Frommen angerichtet im Laufe der Jahrhunderte der immer wiederholten Lesung im Gottesdienst und der privaten Lektüre, wäre eine interessante Studie.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Literaturhinweis:

Norbert Lohfink, Kohelet, Ein Kommentar, Echter Verlag, 3. Aufl. 1986, 86 Seiten. Antiquarisch preiswert zu haben!

Die Weisheit des Alten Testaments. DTV und C.H. Beck Verlag, 2007 (hg. Bernhard Lang) . 6 Euro.  Aus der empfehlenswerten preiswerten Kleinen BibliothekBibliothek der Weltweisheit. Nebenbei: Dort auch von Baltasar Gracian, Handorakel und Kunst der Weltklugheit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hedwigskathedrale in Berlin: Der Umbau, der eine Schande ist.

Eine Religionskritik zum Umbau der St. Hedwigskathedrale in Berlin

Ein Hinweis von Christian Modehn

Diese Zeilen, Kommentar und Protest, sind natürlich wirkungslos, wie so viele andere Stellungnahmen, die sich schon früher gegen den jetzt beginnenden Umbau der Hedwigskathedrale gewandt haben, siehe Tagesspiegel vom 2.9.2018, Seite 10.

Was wir im Kommentar versuchen, ist also sinnloses Tun, das noch einmal geleistet wird gegen alle Hoffnung auf Einsicht. Sisyphus wurde von Camus bekanntlich ein Heiliger genannt. Vielleicht wird ihm, dem heiligen Sisyphus, einmal ein Altar geweiht, eine Statue errichtet, wo doch so viele kritische Leute seinem Vorbild folgten und folgen in einer Zeit der totalen Bürokratisierung auch in der römischen Kirche: Darum vorweg: „Heiliger Sisyphus, bitte für sie alle“.

Diese Kirchenführung zeigt, wie so oft, totale Phantasielosigkeit, totale Unfähigkeit zur Aufgabe von klerikalen Lieblingsprojekten.

Sie zeigt vor allem einen Verlust der Einsicht, was HEUTE dringend geboten ist zugunsten der Menschen in dieser Stadt Berlin. Die Führer der Kirche dokumentieren nur wieder ihre Lust am Bauen, ihre Freude am Stein und Erstarrten und an der Abwehr der leisesesten Vorstellung, dass mit vielen „Bau-Geld“ sich doch so viele Menschen in Not auferbauen ließen. Das ethische Gebot der Stunde heißt doch: Geben wir als Kirche, die doch irgendwas noch mit dem armen Jesus von Nazareth zu tun haben will, die geplanten 60 Millionen Euro (für den Umbau in Steinen) lieber für Menschen in Not aus.

60 Millionen also: 20 Millionen kommen vom Erzbistum Berlin, bekanntlich alles andere als reich; 20 Millionen spenden die deutschen Bischöfe, die haben nun wirklich viele Milliarden; 12 Millionen spendiert der Bund, schließlich leben wir ja außerhalb einer Trennung von Kirche und Staat, und der Berliner Senat kann 8 Millionen locker machen. Man braucht ja in Berlin bekanntlich kein Geld für marode Schulen oder unhaltbare Zustände in Kliniken und Altenheimen. Läuft ja alles bestens, da kann man doch guten Gewissens in Steine investieren und in ein hoch umstrittenes Projekt der Zerstörung eines Kunstwerks… Eigentlich ist dies alles pervers… Bei den 60 Millionen Euroa wird es natürlich nicht bleiben, man denke bloß an die Umbauten des Palais des Bischofs von Limburg, des Herrn Tebartz van Elst, der jetzt im Vatikan sein gutes Auskommen hat…

Für die zweifelsfreie elementar notwendige Grundsanierung der Hedwigskathedrale hätten 5 Millionen ausgereicht. Und die Menschen in Berlin und anderswo hätten gesagt: „Bravo, dass die Kirche nur sehr bescheiden nur in Steine investiert und stattdessen viel Geld und damit viel Hilfe den Menschen in Not anbietet“.

Aus religionskritischer Sicht also nur der Hinweis:

Kirchliches Handeln ist immer auf die Situation der Gegenwart bezogen. Und diese Gegenwart in Deutschland und in Berlin besonders heißt: Das demokratische Leben droht auseinander zu brechen, Rassismus und Faschismus nehmen zu, die Kluft zwischen Reichen und Armen wird größer, ein enormer Bedarf an Kommunikation besteht, die Leute wollen miteinander reden, in Gruppen, unter kompetenter Moderation, aber es fehlen die geeigneten Räume und Moderatoren; Jugendliche suchen Perspektiven, Flüchtlinge brauchen eine gerechte Lebenschance, der Zustand der Altenpflege ist katastrophal, der Zustand vieler öffentlicher Schulen miserabel und so weiter und so weiter.In einer solchen dramatischen Situation können die Kirche einfach nicht weiter handeln und weiter theologisieren wie bisher. Das muss eine Unterbrechung geschehen. Etwas Neues sollte passieren in einem erneuerten, radikaleren Geist. Ist die Kirche wirklich auf repräsentative Gebäude angewiesen, muss sie ästhetisch „mithalten“ in der Konkurrenz der Opernhäusern, Bibliotheken und Luxus- Restaurants? Nein, natürlich nicht. Aber sie tut es wider besseren Wissens.

Kann man und darf man ethisch, also vom Gewissen her gesehen, in einer solchen Situation 60 Millionen Euro (mindestens) für einen überflüssigen Umbau eines Kirchengebäudes ausgeben? Bloß damit die Kleriker angemessener in der Mitte der Kirche an ihrem Altar stehen und „zelebrieren“? Abgesehen von allen kunsthistorischen und architektonischen Erwägungen bleibt die Erkenntnis, die sich ohnehin in Berlin schon herumgesprochen hat:

Dieser unnötige umfassende Umbau der Hedwigskathedrale für mindestens 60 Millionen ist in der heutigen Situation eine Schande für die Kirche, die sich natürlich als solche herumspricht.

Bleibt abzuwarten, ob sich einige Freunde des heiligen Sisyphus noch zu gelegentlichen Protesten aufraffen können. Sie werden von den Herren der Kirche natürlich ausgelacht…

Christian Modehn, Journalist und Theologe. Leiter des:  www.re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er-salon.de

 

Am Zweifel zweifeln!

Ein Hinweis zu Tomas Halik anlässlich der Erinnerung an den 21.8.2018, also der Erinnerung an die Zerstörung des „Prager Frühlings“.

Der Philosoph und Theologe Tomas Halik in Prag: Im Mittelpunkt seines Denkens steht die Reflexion auf den Zweifel.

Es lohnt sich, die Erinnerungen von Tomas Halik an diese Zeit eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, auch an Jan Patocka, zu lesen,: Und zwar in dem Buch „All meine Wege sind DIR anvertraut“, Herder Verlag, 2014, vor allem die Seiten 54 bis 87. Dort auch Erinnerungen an den Studenten Jan Palach, der sich am 16. Januar 1969 öffentlich auf dem Prager Wenzelsplatz verbrannte … als Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings…

Ich habe mit Tomas Halik 2012 für den Hörfunk ein Interview gestaltet, anlässlich seines Buches „Nachtgedanken eines Beichtvaters“. Glauben in Zeiten der Ungewissheit. Herder Verlag, 2012, 320 Seiten.

Aus dem Interview:  „Ich möchte diese suchenden Menschen in der Salvator Kirche in Prag begleiten auch selbst als ein Suchender; auch mein Glaube ist immer ein Weg. Und ich versuche, immer tiefer und tiefer zu gehen. Christentum, das ist keine billige Sicherheitslehre. Das ist eine Herausforderung, mit dem Geheimnis zu leben, das ist nicht leicht. Und auch durch die Krisen und Nächte durchgehen, das ist immer ein Weg zur Reife.
Ich kann mich mit einigen so genannten Ungläubigen sehr gut verstehen und mit einigen Gläubigen nicht!

Also Glaube ist etwas tiefer als eine Überzeugung, eine Ideologie. Und es mag so sein, für einige sitzt ihr Glaube nur in diesem Bewusstsein! Wenn sie Menschen besser kennen, dann spüren sie, dass sie ein verschlossenes Herz haben und ihr Glaube nur oberflächlich ist“.

Tomas Halik beruft sich auf eine Weisheit des Apostels Paulus. Von ihm überliefert die Apostelgeschichte diese Worte: “Gott ist derjenige, der allen Menschen das Leben und den Atem und alles gibt. Er, der Schöpfer, will, dass die Menschen Gott suchen, ob sie ihn ertasten oder finden könnten“.
Für Tomas Halik ist dieser Text so entscheidend, dass er in seinem Buch „Geduld mit Gott“ mit einem dicken Ausrufezeichen noch hinzufügt: „Das ist eine starke Behauptung: Der Sinn der Schöpfung ist das religiöse Suchen!“

Und Halik fährt im Interview fort:
„Ich bin überzeugt, dass heute die Grenze ist nicht zwischen den Gläubigen und Nichtgläubigen. Aber zwischen Suchenden und Verbleibenden. Es gibt die Gläubigen, die sind ganz zufrieden mit ihrer Situation und Weg. Es gibt auch die Atheisten, die sind ganz zufrieden. Es gibt auch die Zweifelnden, die sind mit den Zweifeln zufrieden, und die sind nicht imstande, über ihre Zweifel zu zweifeln. Wir sollten lernen, an unseren Zweifeln zu zweifeln“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Schweden und die Kirche. Ein Ra­dio­sen­dung im Deutschlandfunk 2007

Ich wurde mehrfach gebeten, das Manuskript meiner Ra­dio­sen­dung über einige Aspekte der Lutherischen Kirche in Schweden zugänglich machen kann. Der Beitrag wurde 2007 im Deutschlandfunk, Studiozeit, Red. Hartmut Kriege, gesendet. Das hier nun veröffentlichte Manuskript hat ein Layout, wie es für Hörfunk Produktionen üblich ist. Christian Modehn am 1. 8.2018.

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DLF

Studiozeit 2007

Glaube in Schweden heute. Von Christian Modehn

-Eine Sendung VOR der Feier zum 60. Gründungstag des Lutherischen Weltbundes, in Lund, Schweden, gegründet; in Lund auch die Feier ab 20. März 2007. Auf den LWB wurde wunschgemäß auch wegen der aktuellen Berichterstattung nicht eingegangen, sondern ausschließlich wunschgemäß auf die (lutherische) „Schwedische Kirche“.

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  1. O TON : 0 25 « 

Spuren Gottes gibt es für die Schweden immer schon in der Natur. Und wenn man Natur sagt, meint man in Schweden ja was anderes, als wenn man in Deutschland Natur sagt. In Schweden meint man die Berge, d.h. die unberührte Natur, die es in dieser Weise ja in Deutschland gar nicht mehr gibt. Wenn die Schweden von Natur sprechen, meinen sie, dass der Mensch allein in der Natur den Naturgewalten ausgesetzt ist, den Schönheiten, den Schrecken, und dort Gott neu entdeckt.

 

1.SPR.:

Werner Jeanrond untersucht die Bedeutung der Gottesfrage in der schwedischen Gesellschaft von heute. Er arbeitet als Professor für Religionswissenschaften an der Universität von Lund. Seit 13 Jahren lebt er in Schweden, vorher war der aus Deutschland stammende Theologe in den USA und in Irland tätig.

Wer nach Schweden geht, so hatte er dort gehört, begibt sich in eine Kultur ohne Frömmigkeit und ohne Spiritualität. Tatsache ist: In Schweden spielt die Bindung an die Kirche keine große Rolle mehr. Die Menschen seien sehr säkularisiert, heißt es. Aber diese Verweltlichung hat doch Nuancen, hat Professor Jeanrond beobachtet:

  1. O TON, 0 17“

Viele Schweden, auch in meinem Bekanntenkreis, wenn ich sonntags morgens in die Kirche wandere, wandern die in die Natur. Und wenn wir uns dann mittags beim Kaffe treffen, dann vergleichen wir, was wir gefunden haben, welche Spuren Gottes es wo gibt. Wobei das überhaupt nicht ein Gegeneinander ist, sondern ein Miteinander.

 

1.SPR.:

In der Natur das Geheimnis der Schöpfung erleben …oder im Gottesdienst den Schöpfer des Universums verehren: Für Werner Jeanrond bilden beide Glaubenshaltungen eine Einheit. Davon sind die meisten protestantischen Theologen in Schweden überzeugt. Sie unterstützen ihre Landsleute in ihrer Sehnsucht nach einer Naturmystik. Denn gerade da äußert sich die spezifisch „schwedische Spiritualität“. Gelegentlich laden Bischöfe in ihre mittelalterlichen Domkirchen zu besonderen Gottesdiensten ein. Darin wollen sie das Wunder des Lebens, die Freude über die Einheit von Natur und Mensch feiern, musikalisch, meditativ, im Tanz. GAIA nennen sie den Zusammenhang alles Lebendigen. Der Theologie Professor Reinhold Brakenhielm hat kürzlich dieses Fest der Schöpfung vorbereitet:

 

  1. O TON, 0 39″

In der Kathedrale von Uppsala haben wir einen Gaia – Gottesdienst gehabt von großem Interesse. Gaia ist eine Inspiration, von einem englischen Biologen, der die ganze Welt beschrieben hat als eine lebendige Wirklichkeit, wo man die Biosphäre als lebendig ansehen kann. Es gibt eine Art spiritualistische Ökologie. Ich glaube, es ist eine Religion, die ihre Wurzeln in schwedischer Tradition haben.

 

  1. Zusp., Chormusik, ca. 0 05“ freistehend: dann etwas herunterziehen:

 

  1. SPR.:

In der neuen Kirchenmusik wird die „ökologische Spiritualität“ gepflegt, eine Neufassung des berühmten „Sonnengesangs“ des Heiligen Franziskus findet viel Zustimmung:

 

  1. Zusp., Chormusik,

 

  1. SPR.:

Heute gehen die Schweden sehr frei mit den Traditionen der christlichen Religion um. Sie wollen ihrem eigenen, individuellen Glauben selbständig Form und Inhalt geben. 80 Prozent der Bewohner, also 7 Millionen Menschen, sind Mitglieder der „Schwedischen Kirche“. So nennt sich offiziell die evangelisch-lutherische Kirche des Landes. Professor Brakenhielm hat die religiöse Mentalität seiner Landsleute genauer untersucht:

 

  1. O TON: 0 20″

Die große Majorität hat nicht einen aktiven Atheismus, aber sie sind nicht überzeugt von der ganzen Lehre des Christentums. Vielleicht glauben sie an Gott oder in eine transzendente Wirklichkeit, aber sie haben nicht eine präzise Dogmatik.

 

  1. SPR.:
    Darin sind sich Religionssoziologen einig: Nirgendwo sonst in Europa hat sich innerhalb einer protestantisch geprägten Kultur so viel „frei schwebende“, individuell geprägte Spiritualität entwickelt wie in Schweden. Das bleibt nicht ohne Konsequenzen für die Kirche. Professor Brakenhielm:

 

1.O TON, 0 23″

Jedes Jahr werden die Taufen ein oder zwei Prozent weniger, so ist es auch mit Gottesdienste im allgemeinen, so ist auch, wenn man die Statistik von Mitgliedern ansieht. Wir haben ein Problem hier in der Schwedischen Kirche, auch für die Zukunft.

 

  1. SPR.:
    Aber die meisten Theologen und Bischöfe der Schwedischen Kirche reagieren darauf nicht in einer defensiven Haltung; sie entwerfen keine umfassenden Strategien für eine neue Evangelisierung. Vor allem: Sie wollen ihre religiös interessierten Landsleute nicht mit schwer verständlichen dogmatischen Lehren konfrontieren. Deswegen verhalten sie sich großzügig, manche sagen liberal, weil sie jeden einzelnen unterstützen, den eigenen religiösen Weg zu finden. Diese theologische Position vertritt unter anderen Karl Gustav Hammar. Er arbeitet jetzt wieder als Theologieprofessor, bis vor einem Jahr war er als Erzbischof von Uppsala auch das Oberhaupt der Schwedischen Kirche.

 

  1. O TON, 1 10“
  2. SPR.:

Ich denke, eine der wichtigen Aufgaben der Schwedischen Kirche heute besteht darin, den Schweden helfen. Damit sie verstehen: Die Menschen sind gar nicht so distanziert von der Kirche, wie sie selbst denken. Sie sind gar nicht so säkularisiert, wie sie meinen. Es gibt in Schweden eine Spiritualität, die sehr eng verbunden ist mit der Natur, es gibt eine Verbindung mit dem Ganzen der Schöpfung, ähnlich der keltischen Spiritualität. Sicherlich, diese Spiritualität ist nicht kirchlich geprägt, die Leute sind nicht kirchlich gebunden, aber sie sind doch spirituell. Ich würde sie auch nicht religiös nennen. Aber die Kirche ihrerseits muss betonen: Nicht die Beziehung zur Kirche als einer Institution ist wichtig. Entscheidend ist die Verbindung mit der Tiefe unserer Wirklichkeit. Darüber muss man öffentlich sprechen: Die Kirche muss in dieser Situation ein Partner sein, nicht jemand, der die Lösungen und die Antworten parat hat. Wir müssen die Leute nicht „erwecken“, sondern mit ihnen zusammen unterwegs sein.

 

1.SPR.:

Kirche und Volk bzw. Kirche und Staat waren über mehrere Jahrhunderte aufs engste verbunden. Im Jahr 1527 schloss sich König Gustav I. Vasa dem Lutherischen Glauben an. Nachdem er den Kirchenbesitz in staatliches Eigentum überführt hatte, ernannte er sich zum Oberhaupt der lutherischen Kirche. Seit dem 16. Jahrhundert war die Kirche wichtigste geistige Stütze des Staates, sie war ganz offiziell „Staats-Kirche“: Die Bischöfe z.B. wurden vom König eingesetzt. Erst im Jahr 2000 wurde diese enge Verquickung von Staat und Kirche aufgegeben. Mit großer Mehrheit unterstützte nicht nur das Parlament, sondern auch die oberste Kirchensynode diese Veränderung der schwedischen Verfassung: Altbischof Hammar:

 

  1. O TON, 0 37“
  2. SPR.:

Die wichtigste Veränderung betrifft die Mentalität des schwedischen Volkes. Denn früher war die Kirche in gewisser

Weise die offizielle staatliche Stimme, sie war Teil des Establishments. In dieser Situation wurde alles entwertet, was unsere Kirche sagte. Darum war es für Freikirchen oder staatlich unabhängige Kirchen einfacher, sich zu äußern als für uns. Jetzt aber denken die Leute: Wir sind frei, wir sind ein Teil der schwedischen Zivilgesellschaft. Wir haben eine bedeutende Stimme, deswegen ist die Kirche heute interessanter für die Menschen geworden.

 

  1. SPR.:
    Die Kirche ist nicht mehr der verlängerte Arm des Staates, sie kann, vom Geist der Bibel inspiriert, kritisch Stellung beziehen, etwa zum Lebensstil der schwedischen Gesellschaft:

 

 

  1. O TON, 0 31“
  2. SPR.:

Im positiven Sinne versuchen wir für eine erträgliche Zukunft und für eine erträgliche Gesellschaft zu arbeiten. Das verlangt von uns, dass wir einen anderen Lebensstil finden, der mit weniger Energie und weniger Konsum auskommt. In diesem Sinne ist es wichtig für uns, dass wir Teil der Zivilgesellschaft sind. Mit uns gibt es viele andere Stimmen, etwa im Umweltschutz oder in politischen Bewegungen, Befreiungsbewegungen usw. Sie alle sprechen dieselbe Sprache, wir gehören zu dieser Bewegung.

 

1.SPR.:

Endlich frei sein: Schwedische Theologen diskutieren die Auflösung der engen Verquickung von Kirche und Staat seit über 100 Jahren. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts wurde kritisiert, dass es eigentlich keine Religionsfreiheit gibt, daran erinnert der Theologe Michael Persson aus Uppsala:

 

  1. O TON: 0 23″

Wenn man in Schweden wohnte, dann war man evangelischer Christ. Automatisch. Dann gab es ein Kirchengesetz von 1686. D.h.: Jeder, der in Schweden geboren ist, muss getauft innerhalb 8 Tagen. Also es war eine Kontrollgesellschaft. Bis 1851 durfte man kein anderes Bekenntnis haben als evangelisch-lutherisch.

 

  1. SPR.:

Wer wenigstens einen schwedischen Elternteil hatte, war also automatisch und ungefragt Mitglied der Schwedischen Staats – Kirche. Die Taufe war dann eher ein zusätzlicher religiöser Ritus. Erst seit 1851 ist ein Übertritt in eine Freikirche, etwa der Baptisten, oder auch in die Katholische Kirche gesetzlich erlaubt. Aber Christ musste ein Schwede in jedem Fall bleiben, Unglaube galt als „gefährlich“. Michael Persson:

11.O TON: 0 09″

Bis 1951 konnte man nicht als Atheist eingeschätzt werden. Ohne Glauben, das ging nicht! Entweder Kirche von Schweden oder eine von den anderen.

 

  1. 1. :
    Der Staat wollte durch die Bindung aller seiner Bürger ans Christentum für die eigene Stabilität sorgen und die innere Sicherheit fördern. Nur der christliche Untertan könne dem christlichen Königreich dienen, war die Überzeugung. Als dann seit 1950 immer mehr Ausländer ins Land kamen, darunter auch Flüchtlinge aus muslimischen Staaten sowie Juden und auch Buddhisten aus Asien, musste eine andere, eine säkulare Ideologie die Einheit unter allen Menschen in Schweden stiften. Darum bemühten sich die viele Jahre regierenden Sozialdemokraten, berichtet Professor Werner Jeanrond :

 

  1. O TON 0 23″

Der Volkheimgedanke, schwedisch Volkhem, bedeutet ja, dass diese Volksheimat, die aufgebaut werden soll, alle Bedürfnisse und alle Beziehungen der Menschen regeln wollte. D.h. sie hat natürlich einen vom Glauben aus gesehen totalitären Anspruch, totalitär in der Weise, dass sie alle Beziehungen des Menschen von der Wiege bis zur Bahre lenken und leiten wollte, auch die Religion.

 

1.SPR.:

Im Rückblick hatte die Bindung der Kirche an den sozialdemokratisch regierten Staat auch positive Aspekte, betonen Theologen heute. Denn der sich fortschrittlich verstehende Staat versuchte von sich aus, progressive theologische Auffassungen in der Kirche zu unterstützen. Professor Jeanrond:

 

13.O TON: 0 20″

Es gibt ja viele Sachen, die zwischen Kirche und Staat in den letzten Jahren erfolgreich in Schweden ausgehandelt wurden, z.B. die Rolle der Frau. Die Rolle der Frau in der schwedischen Kirche ist gleichgestellt. Es gibt vermutlich jetzt in Lund bald wieder zum zweiten Mal eine Frau als Bischöfin, und da haben Staat und Kirche zusammengewirkt gegen konservative Elemente in der Kirche.

 

  1. SPR.:

Als das Parlament die völlige Gleichstellung der Geschlechter beschloss und in den neunziger Jahren auch die Gleichberechtigung homosexueller Menschen, hat sich die Schwedische Kirche dieser Entwicklung angepasst. Kürzlich gestattete die oberste Synode die kirchliche Segnung homosexueller Paare. Diese Position ist allerdings nicht unumstritten, betont Michael Persson:

 

  1. O TON, 0 16″

Die Synode hat gesagt, das ist in Ordnung, ein Drittel hat gesagt, nein, wir wollen das nicht. Aber zwei Drittel von Synode hat gesagt: Wenn Leute zusammenleben wollen in Treue und in Liebe, dann segnet die Kirche das ein.

 

  1. SPR.:
    Innerhalb der Schwedischen Kirche gibt es unterschiedliche geistliche Strömungen. Aber nur eine kleine Minderheit geht einen eigenen, streng lutherischen oder evangelikalen Sonderweg, wie etwa die sogenannte „Schwedische Missionsprovinz“ konservativer Lutheraner. Ihr Führer, Pfarrer Arne Olsson, wurde von einem ebenfalls konservativen lutherischen Bischof aus Kenia zum Bischof geweiht. Die überwiegende Mehrheit wünscht sich einen modernen Glauben, also eine Verbindung von Moderne mit der biblischen Tradition. Dafür setzt sich Altbischof Hammar ein:

 

  1. O TON, 0 36“.
  2. SPR.:
    Mein theologischer Kampf als Kirchenführer hier geht nicht darum, undogmatisch zu sein. Mir geht es eher darum, wieder zu verstehen, was das Dogma heute bedeutet. Für mich ist das Dogma keine Lehre, die perfekte Antworten enthält, man begegnet nicht einer statischen Wahrheit. So missachtet man nur den historischen Sinn des Dogmas. Ich sehe das Dogma als den Ausdruck einer Erfahrung des Glaubens zu einer bestimmten Zeit, als Deutung, was Christsein in einem bestimmten Augenblick bedeutet. Unter diesen Bedingungen können für heute die alten Dogmen hilfreich sein. Man kann mit ihnen ins Gespräch kommen, aber sie begrenzen sie nicht die eigene Freiheit.

 

  1. SPR.:
    Die Gesprächsbereitschaft ihrer Kirche können die Schweden ständig im Alltag erleben: Alle Gotteshäuser sind täglich viele Stunden geöffnet, meist ist ein Pfarrer oder ein Gemeindemitglied dort erreichbar. Regelmäßig werden Kirchenführungen angeboten. Pfarrerin Veronica Helm erläutert zum Beispiel auch Schulklassen die Architektur der mittelalterlichen Kathedrale von Lund:

 

  1. O TON, Führung in Dom zu Lund, insges. 0 41″.

bleibt ca. 0 05″ freistehen.

 

1.SPR.:

Bei den Kirchenführungen werden immer auch kleine Einführungen in die christliche Glaubenswelt geboten. Die meisten Schweden haben nur oberflächliche Kenntnisse der kirchlichen Traditionen. In den staatlichen Schulen wird kein konfessionell geprägter Religionsunterricht gelehrt.

Jeder Besuch einer Kirche wird zur Glaubensunterweisung.

 

  1. Zusp., MUSIK: ORGEL,  

 

  1. SPR.:

An jedem Sonntag kann man überall im Land in einer der mehr als 3000 Kirchen ein Chor- oder Orgelkonzert erleben. Da zeigt sich die „Volkskirche“ von ihrer besten Seite! Die Schwedische Kirche beschäftigt über 2000 Musiker, eine ungewöhnlich hohe Zahl! Eric Boström ist Organist an der Oscar-Kirche von Stockholm:

 

  1. Zusp., MUSIK: ORGEL,

 

  1. SPR.:
    Die Schwedische Kirche will „allen Schweden behilflich sein bei der Suche nach dem Sinn des Lebens“: So wird der offizielle kirchliche Auftrag immer wieder umschrieben. Für Gottesdienst und Seelsorge zahlen die Mitglieder den Kirchenbeitrag, ein Prozent von der Einkommenssteuer wird vom Finanzamt als Kirchgeld abgezogen. Ihre kulturelle Aktivitäten muss die Kirche jetzt ohne staatliche Hilfe selbst finanzieren, etwa ihre Präsenz beim größten kulturellen Ereignis in Schweden, der Internationalen Buchmesse von Göteborg:

 

  1. O TON ATMO, 0 26″, bleibt ca. 0 05″ freistehen, dann herunterziehen:

 

  1. SPR.:
    Die Kirche hat in einer Ausstellungshalle ein weites Areal gemietet für Vorträge und Diskussionen. Den vielen tausend Besuchern stehen kleine Meditationsräume zur Verfügung, auch für seelsorgerliche Beratung ist genug Platz. Jonas Eck, ein junger Pfarrer, gehört zum Kirchenteam der Buchmesse:

 

 

  1. O TON, 0 39“.
  2. 2. SPR.:

Ich denke, das wichtigste Ziel für die Kirche besteht ja darin, aktiver Teil in der Gesellschaft zu sein. Die Kirche soll nicht hinter verschlossenen Kirchen-Türen sitzen, sondern dort sein, wo die Leute sind. Bei der Buchmesse kommen alle möglichen Menschen zusammen. Deswegen ist es für die Kirche eine wichtige Aufgabe, aktiv im kulturellen Leben zu sein. Einige Leute sind sehr religiös, andere gar nicht. Alle möglichen Leute kommen hierher, und hier kann die Kirche mit allen unterschiedlichen Menschen ins Gespräch kommen.

 

1.SPR.:

Viele Besucher fragen nach Möglichkeiten, ehrenamtlich mit der Kirche zusammenzuarbeiten. Vor allem die Evangelische Stadtmission, ein Sozialwerk für Arme, ist für Helfer dankbar: Denn auch in Schweden nimmt die Zahl der Obdachlosen zu, 10 Prozent der Bevölkerung gelten als arm. Die Stadtmission bietet nicht nur Unterkunft und Speisungen an. Gabriel Lind af Hageby, ein Anwalt in Stockholm, engagiert sich ehrenamtlich für die Stadtmission:

 

  1. O TON, 0 25″

Sie versucht auch Obdachlose in das normale Leben zu integrieren. Es gibt neuerdings auch ein Projekt, wo Obdachlose trainiert werden, um in das Berufsleben zurückzufinden. Sie können auf die Volkshochschule der Stadtmission kommen. Das ist eine Volkshochschule der Stadtmission, dort können Leute die Grund-Schule und Gymnasium nachholen, wie sie wollen.

 

  1. SPR.:
    Gabriel Lind af Hageby ist einer von 300 ehrenamtlichen Mitarbeitern der Stockholmer Stadtmission. Für ihn ist dieser Einsatz kein „Opfer“, erst recht kein Zeitverlust, denn im Team der Ehrenamtlichen gibt es viele Diskussionen, dort kommen Menschen unterschiedlicher Weltanschauung zusammen: engagiert sich als „kirchenferner Humanist“ in dem evangelischen Projekt!

 

  1. O TON: 0 28″

Es gibt auch viele, die konfessionslos sind, das ist kein Problem. Ich bin in einer Kulturaktivität, und wir essen mit den Gästen, den Besuchern der Stadtmission zusammen, und machen dann etwas Kulturelles. Das kann Theater sein oder Konzerte, Wanderungen oder Museumsbesuche sein. Es gibt sehr viele Leute, die in Stockholm allein leben. Und man kann sagen, dass die Vereinsamung ein großes Problem ist.

 

1.SPR.:

Bei der Vereinsamung der Menschen vor allem in den großen Städten haben die Kirchengemeinden als Treffpunkte und offene Orte der Kommunikation neue Aktualität bekommen. Mit dem Rückzug in die eigenen vier Wände gibt es zunehmend Kommunikationsprobleme; da übernehmen auch Christen eine Art ehrenamtliche Seelsorge im Alltag, wie Werner Jeanrond berichtet:

 

  1. O TON: 0 36″

Mein langjähriger Nachbar, der nie einen Schlips trägt, ist mir vor nicht so langer Zeit, in einem schwarzen Schlips begegnet. Was mich erschreckt hat, ich hab ihn gefragt, warum hast du heute einen Schlips an? Da hat er gesagt: Ich bin dabei, meine Mutter zu begraben. Die ist 4 Wochen vorher schon gestorben, das hat er mir nie mitgeteilt. Dann bin ich abends, nachdem er seine Mutter begraben hat, mit einem Strauß Blumen zu ihm gegangen. Ich wollte diese Blumen als Zeichen meiner Anteilnahme überreichen. Und musste damit rechnen, dass ich abgewiesen wurde, das bin ich aber nicht. Ganz im Gegenteil. Das hat uns über diese Blumen zu einem Gespräch über Tod und Leben und Trauer geführt. Das, wie es mir schien, ihm sehr wohl getan hat.

 

  1. SPR.:
    Die Trennung der Kirche vom Staat hat dem kirchlichen Leben gut getan, auch wenn jetzt etliche die Möglichkeit nutzen, aus der Kirche auszutreten, nicht zuletzt, um das Kirchgeld zu sparen. Aber keine andere Organisation in Schweden bietet eine solche bunte kulturelle, spirituelle und politische Vielfalt wie die Schwedische Kirche. Die kleineren Glaubensgemeinschaften, wie die Katholische Kirche mit 150.000 Mitgliedern, sind dem gegenüber wesentlich geschlossener und „eindeutiger“, bemerkt Professor Jeanrond:

 

  1. O TON 0 52″

In der evangelischen Kirche in Schweden gibt es einen neuen Entdeckungsgeist, der die verschiedenen Formen, die uns traditionell oder aus anderen Lebensbereichen zur Verfügung stehen, neu testen möchte. In der katholischen Kirche in Schweden gibt es genau die umgekehrte Bestrebung, dass man eine Form hat, die uns genau von diesen Abenteuerformen entlastet, die uns die Sicherheit gleich schon gibt. Es gibt natürlich verschiedene Motivationen, warum Schweden zum katholischen Glauben übertreten. Aber es gibt sicherlich auch eine große Zahl derer, die das tun, weil sie eine Sicherheit suchen aus diesem Abenteuergeist der schwedischen Kirche heraus in den sicheren Hafen Rom. Um dann dort zu entdecken, dass der Petersplatz sogar anders gestaltet ist als man sich das gedacht hat. Und dann entsteht eine große Enttäuschung, die von manchen dann ästhetisiert wird, die sie dann in die orthodoxe Kirche treibt.

 

 

  1. SPR.:
    Mit dem Ende der Staatskirche hat eine neue Epoche für die Schwedische Kirche begonnen: Auch wenn sie von der Anzahl her schwächer wird: Die Zahl der mehr als 100.000 ehramtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder der 3.400 Pfarrerinnen und Pfarrer wird in den nächsten Jahren stabil bleiben. Gerade junge Pfarrer sind vom bleibenden Interesse der Schweden an „ihrer“ Kirche überzeugt: Jonas Eck:

 

  1. O TON, 0 24“

Sie befragen die Kirche und sie akzeptieren sie auch als einen Partner innerhalb des kulturellen Lebens. So ist die Schwedische Kirche zu einem respektierten Partner geworden bei kulturellen Fragen oder philosophischen Themen der Gesellschaft. Die Kirche ist zu einem neuen Treffpunkt geworden, um Menschen zu versammeln.

 

STOP

 

 

 

Gegen das Entgleisen der Moderne und das Verschwinden des demokratischen Rechtsstaates

Ein Salonabend zur Aktualität von Jürgen Habermas am 20.7. 2018

Hinweise von Christian Modehn

Diese Hinweise sind bestimmt für Menschen, die sich bisher eher beiläufig oder fast gar nicht mit dem Denken von Jürgen Habermas befasst haben. Es werden hier sozusagen elementare Verstehenshilfen zu zwei zentralen Begriffen vorgeschlagen, mit dem Zweck: Selbst Habermas zu lesen und die Habermas Texte zu bedenken.

Jürgen Habermas (geb.1929) ist Philosoph und Sozialwissenschaftler.

Sein leidenschaftliches Interesse gilt einer Philosophie, die Kants Erkenntnisse neu formuliert und die dabei die Ethik in den Mittelpunkt stellt. Moralphilosophie, Ethik, wird deutlich durch vernünftiges, allen Denkenden zugängliches Argumentieren.

Habermas hält sich gegen die postmodernen Philosophen an eine universal geltende Ethik: Diese hat nichts mit willkürlichen Entschlüssen, nichts mit Befolgung von Machtsprüchen oder mit unreflektierter Realisierung religiöser Weisheiten zu tun. Die Vernunft prüft – wie Kant – alle inhaltlichen ethischen Weisungen auf ihre vernünftige formale Geltung (siehe „Kategorischer Imperativ“). Die Vernunft will dann jeweils historisch – konkret inhaltliche vernünftige Normen erzeugen. Dabei stellt Habermas Mythos gegen Philosophie. Die Wahrheiten der Mythen müssen, falls sie – auch weltlich, politisch, relevant sein sollen – in Vernunft-Sätze übersetzt werden.

Das ist grundlegend: Die Vernunft steht im Dienst der Bewahrung und Rettung des menschlichen Miteinanders in demokratischen Rechtsstaaten. Nur in einer „Mobilisierung“ der Vernunft, zu der auch Empathie, Gefühle gehören, kann die Moderne vor der „Entgleisung“ bewahrt werden.

Habermas prangert gerade in seinen Stellungnahmen der letzten Jahre den „unverfrorenen Wirtschaftsegoismus“ an, er fürchtet den „Zerfall Europas“, will die Solidarität mit vernünftigen Gründen in den Mittelpunkt stellen.

Habermas ist ein politischer Philosoph, ein engagierter Philosoph. Er weiß: Der Mensch ist nicht ein in sich verkapseltes (egoistisches) Individuum, sondern zuerst „Sein mit anderen“, also inter-subjektitiv von vornherein bestimmt. Nur durch das Mitsein mit anderen entsteht individuelles Selbstbewusstsein. Es ist also auch vernünftig, solidarisch zu sein. Wer unsolidarisch ist und nur das Ego pflegt, widerspricht der Struktur seines eigenen Menschseins.

Dabei darf man das persönliche Profil von Jürgen Habermas nicht vergessen: Er ist ein aufmerksamer Dialog – Partner, er versucht, den anderen vorbehaltlos zu verstehen, er äußert sich gern in der Öffentlichkeit: Sein philosophisches Profil begann wohl damit, als er 1953 die bruchlose Ausgabe von Heideggers Vorlesungen „Einführung in die Metaphysik“ von 1935 kritisierte, die Veröffentlichung nach dem Krieg war bruchlos deswegen, weil Heidegger ohne jeden Hinweis einen in der Nazizeit veröffentlichten Text „einfach so“ publizierte. Habermas zeigte, wie in dem Text versteckt Nazi – Ideologie enthalten ist. Überhaupt reagierte der junge Habermas sehr früh empört über die Tatsache, wie sich in den frühen Jahre der BRD unter Adenauer Nazi – „Größen“ in führender Stellung etablieren konnten.

Ein Hinweis zur Diskursethik:

Hier wäre vom Einfluss des mit Habermas befreundeten Philosophen Karl-Otto Apel zu sprechen.

Die These ist: Durch den Diskurs, d.h. das vernünftige Gespräch möglichst mit allen, kann die Demokratie gerettet werden. Weil der Diskurs von der Erkenntnis ausgeht, dass im Sprechen und Miteinander Diskutieren implizit eine (formale) Wahrheit anerkannt wird: Eben, dass wir einander verstehen können (wenn wir die gleiche Sprache sprechen…) Zum Diskurs selbst: „Alle relevanten Stimmen finden Gehör“. Alle „beim gegenwärtigen Wissensstand besten Argumente gelangen ins Gespräch und damit zu einer Geltung“.

Wenn es Ja und Nein Stellungnahmen, also Entscheidungen, der Teilnehmer gibt, dann unter dem „zwanglosen Zwang (Habermas) des besseren Arguments“.(J.H., Diskursethik, Studienausgabe, S. 162). Es zählt nur das Argument, unabhängig von sozialen Status etc. Es geht um die Vorrangstellung des kommunikativen Handelns (anders als das instrumentelle Handeln, also Arbeit). Kommunikatives Handeln ist vor aller Arbeit das durch gemeinsames Sprechen ermöglichte Schaffen einer gemeinsamen vernünftigen Welt.

Sprechen IST Handeln.

Sprechen ist nicht nur faktischer Informationsaustausch („es ist 10 Uhr“), sondern eine Tathandlung, die in der Zusage den anderen verändert („Ich wünsche dir gute Gesundheit“)

Noch einmal: Allem Sprechen „wohnt“ als implizites, nicht abzuschaffendes Ziel die Verständigung mit anderen inne. Wir sind im Sprechen a priori auf Verständigung mit anderen aus. Auch auf die Erzeugung von einem gemeinsamen Projekt. Etwa ist das Urteil „Alles ist sinnlos“ ein Selbstwiderspruch, denn dieses Urteil ist dann selbst sinnlos. Wer dies leugnet, lebt in einem Selbst-Widerspruch. Wie ein jeder mit Selbstwidersprüchen umgeht, ist ein anderes Thema. Mit der eigenen (Lebens)Lüge (bequem) leben, wäre ein Ansatz dafür, welche Krankheitsbilder sich dabei zeigen, ein anderes Thema.

Jeder Gesprächsteilnehmer sieht sich genötigt im Diskurs, die Perspektive des anderen zu übernehmen, um zu prüfen, wie dadurch ein vernünftiges Miteinander gefunden werden kann. Diese Vernunft findet – sehr schnell verkürzt gesagt -in ihren Ausdruck in gerechten Gesetzen.

Zum wechselseitigen Lernen von säkularen (also explizit nicht-religiösen) Menschen und religiös/konfessionell gebundenen Menschen.

Habermas geht davon aus, dass in den Lehren, Weisheiten, der (meist uralten) Religionen Erkenntnisse enthalten sind, die heute wichtig sein können auch für die Rettung der Demokratie. Habermas spricht oft von der Gefahr der „Entgleisung der Moderne“, die nur durch die vernünftige Einbeziehung religiöser Ideen und religiöser Energien verhindert werden kann.

Für Habermas sind Religionen Ausdruck des „objektiven Geistes“, darin folgt er Hegel: Kunst, Religionen, Philosophien sind Ausdruck (Aussage), je unterschiedlich, des einen universalen Geistes. Auch Religionen haben auf ihre Art Wesentliches zu sagen. Ein Beispiel für eine Übersetzung religiöser Weisheit von der Sicht von Habermas: „Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative.’ (Jürgen Habermas, Zeit der Übergänge, Suhrkamp, 173 ff)

Habermas sieht heute „knapper werdende Sinn -, Solidaritäts- und Gerechtigkeitsressourcen“ (S. 99) Darum sein Interesse an der vernünftigen Pflege religiöser Weisheiten und deren reflektierte Einbeziehung ins gesellschaftliche Miteinander. Diese Weisheiten will er aktuell retten, dadurch, dass er die religiösen Menschen auffordert, ihre eigenen religiösen Weisheiten allgemein verständlich, vernünftig, auszudrücken.

Dies ist wichtig, um das Entgleisen der Moderne zu verhindern: Denn die Philosophie selbst zeigt, auch in der Bindung an Kant, „es gibt eine motivationale Schwäche der Vernunftmoral“ (J.H.: „Ein Bewusstsein von dem, was fehlt“, Suhrkamp, S. 97). „Die säkulare Moral ist nicht von Haus aus in gemeinsame Praktiken eingebettet. Demgegenüber bleibt das religiöse Bewusstsein wesentlich mit der fortdauernden Praxis des Lebens in einer Gemeinde verbunden und mit der im Ritus vereinigten Glaubensgenossen“ (ebd.). (Meine Frage: Wenn Kirchengemeinden verschwinden, verschwindet auch die hilfreiche solidarische Praxis? Und: Sind pauschal alle sich Religion nennenden Religionen in der Hinsicht relevant ? Wer unterscheidet die religiöses Qualität von Mystikern von Scientology oder den Zeugen Jehovas? Das kann nur die mit eigenen Massstäben argumentierende, allen Religionen übergeordnete Philosophie. Diesem Satz würde Habermas nicht zustimmen.

Aber darüber hinaus: Schon Kant sah ein Defizit der praktischen Vernunft. Er sah, dass kollektive Ziele etwa in der Gesellschaft mit der Kraft der Vernunft eher schwach nur verwirklicht werden (Die Religion, meinte er, habe kräftige Begriffe der Sittlichkeit… Kritik der Urteilskraft, S 603). Ob diese Einschätzung heute noch so stimmt, ist die Frage…

Habermas fordert jedenfalls von den säkularen Menschen Respekt vor den religiösen Weisheitslehren. Der barmherzige Samariter praktiziert als Fremder die Fernsten/Fremden Liebe, indem er spontan einen Fremden umfassend pflegt. Das heißt: Nächstenliebe ist immer Fernsten/Fremdenliebe. So viel Verständnis für Religiöses haben säkulare Kritiker dem erklärtermaßen „religiös unmusikalischen“ Habermas übel genommen. Habermas verteidigte sich angesichts seiner Dialoge mit Kardinal Ratzinger und den Jesuiten, es sind ja Exempel gelebter Dialgpraxis und zudem sagte er: Er sei nicht im Alter auch noch fromm geworden. Obwohl er bekennt, manches doch in seiner Herkunft aus einer liberal – protestantischen Familie gelernt zu haben. Nach meinem Eindruck hat sich Habermas zu diesem wechselseitigen Lernen zwischen muslimisch Frommen und säkularen Menschen nicht sehr ausführlich geäußert.

Wichtig ist jedenfalls: Religiöse Menschen übersetzen ihre religiösen Glaubensweisheiten nur für die und in der Gesellschaft! Um ein besseres Verstehen in der pluralen Gesellschaft zu erzeugen. Sollten aber religiöse Menschen in den Dienst des säkularen Staates treten, und Rechtsstaaten sind immer säkular !, dann müssen sie sich strikt an die allgemeinen säkularen Überzeugungen halten. Religiöse Menschen dürfen also nicht ihre religiösen Weisungen als solche etwa zum staatlichen Gesetz machen wollen. Ein religiöser Staatsbeamter handelt insofern als säkularer Bürger wie alle anderen Beamten. Dass das gerade sehr schwierig ist gerade in der ideologischen Bindung so vieler Richter in Deutschland ist klar. Darum fallen ja auch Urteile so unterschiedlich aus, weil die Richter eben doch bestimmte Vorlieben haben… Das heißt grundsätzlich: Der religiöse Bürger muss seine religiösen Weisheiten im staatlichen Bereich als sekundär wahrnehmen und entsprechend säkular handeln.

Habermas ist überzeugt: Entgegen früherer Prognosen von Soziologen: Religionen verschwinden nicht. Darum nennt er sein Denken „post—säkular“, also einer Zeit zugehörig, die die Dominanz des Säkularen überwunden hat.

Gleichzeitig nennt er sein Denken nach–metaphysisch, um den Abschied von der alten metaphysischen Traditionen und Systemen deutlich zu machen. Dabei hält an der Qualität philosophischer Reflexion selbstverständlich fest.

Es gibt also eine neue gemeinsame Basis in der zersplitterten Gesellschaft von säkularen und religiösen Menschen: Säkulare Menschen lernen von religiösen Weisheiten, SOFERN diese in allgemein zugängliche vernünftige Sprache übersetzt werden und praktisch fruchtbar gemacht werden: Man denke etwa auch an praktisches Tun religiöser Menschen, etwa an die Praxis des Kirchenasyls, dies ist eine moderne, säkulare Form der biblischen Forderung, den Fremdling als Nächsten zu behandeln… Man denke aber auch andererseits an die Lernschritte einiger fundamentalistischer Christen, Homosexuelle zu respektieren bis hin zur entsprechenden Ehe: Dies haben diese Christen gelernt durch die von säkularen Wissenschaftlern vorgetragenen Argumente, dass zum Thema der modernen Homosexualität die Bibel nichts, aber auch gar nichts zu sagen hat, das selbe gilt für den Koran etc.)

„Die Säkularisten haben das Verdienst, energisch auf der Unverzichtbarkeit der gleichmäßigen zivilgesellschaftlichen Inklusion aller Bürger zu bestehen. Weil eine demokratische Ordnung ihren Trägern nicht einfach auferlegt werden kann, konfrontiert der Verfassungsstaat seine Bürger mit Erwartungen eines Staatsbürgerethos, das über bloßen Gesetzesgehorsam hinauszielt. Auch religiöse Bürger und Religionsgemeinschaften dürfen sich nicht nur äußerlich anpassen. Sie müssen sich die säkulare Legitimation des Gemeinwesens unter den Prämissen ihres eigenen Glaubens zu eigen machen“. (Jürgen Habermas, 2007, in: Blätter für deutsche und intern. Politik…)

In der Einleitung seines Bandes „Zwischen Naturalismus und Religion“ (Frankfurt 2005) nennt Habermas wichtige Ressourcen und Potenziale von Religionen: „Religiöse Überlieferungen leisten bis heute die Artikulation eines Bewusstseins von dem, was fehlt. Sie halten eine Sensibilität für Versagtes wach. Sie bewahren die Dimensionen unseres gesellschaftlichen und persönlichen Zusammenlebens, in denen noch die Fortschritte der kulturellen und gesellschaftlichen Rationalisierung abgründige Zerstörungen angerichtet haben, vor dem Vergessen. Warum sollten sie nicht immer noch verschlüsselte semantische Potenziale enthalten, die, wenn sie in begründende Rede verwandelt und ihres profanen Wahrheitsgehaltes entbunden werden, eine inspirierende Kraft entfalten können? Religion verfügt offenbar über eine Sprache, welche zum Ausdruck zu bringen vermag, was einerseits noch fehlt, weil es noch nicht realisiert beziehungsweise was fehlt, weil es verschwunden, verdrängt oder verloren ist. Mit dem Bewusstsein für das Unabgegoltene, Unrealisierte oder Unversöhnte verbindet sich eine Sensibilität für das Vorenthaltene. Religion hält Intuitionen für verweigertes Recht, verwehrte Solidarität sowie vorenthaltene Lebensmöglichkeiten wach. Religiöse Überlieferungen bewahren elementare Erfahrungen und Perspektiven des persönlichen Lebens und gesellschaftlichen Zusammenlebens, welche durch „entgleisende“ Modernisierungs- und Rationalisierungsprozesse bedroht sind, vor dem Vergessen und Verschwinden“.

Zur weiteren Lektüre von einigen Habermas-Texten:

Zur politischen Krise Deutschlands und Europas heute: Rede am 5. 7. 2018 in Berlin (Die ZEIT hat den Text veröffentlicht!)

„Dass sich eine Bundesregierung, die mit dem Rücken zur Wand steht, ihren zähen Widerstand gegen jeden einzelnen Integrationsschritt scheibchenweise abkaufen lässt, ist skurril. Ich kann mir nicht erklären, warum die deutsche Regierung glaubt, die Partner zur Gemeinsamkeit in Fragen der für uns wichtigen Flüchtlings-, Außen- und Außenhandelspolitik gewinnen zu können, während sie gleichzeitig in der zentralen Überlebensfrage des politischen Ausbaus der Euro-Zone mauert… Die Bundesregierung steckt ihren Kopf in den Sand, während der französische Präsident den Willen deutlich macht, Europa zu einem globalen Mitspieler im Ringen um eine liberale und gerechtere Weltordnung zu machen….

Heute werden die nationalen Bevölkerungen von politisch unbeherrschten funktionalen Imperativen eines weltweiten, von unregulierten Finanzmärkten angetriebenen Kapitalismus überwältigt. Darauf kann der erschrockene Rückzug hinter nationale Grenzen nicht die richtige Antwort sein“.

Eine Einschätzung des Theologen und Habermas Kenners Edmund Arens, Prof. in Luzern „Habermas bleibt bei aller respektvollen Annäherung an Religion ein auf Abstand bedachter Beobachter, der sich gegen Vereinnahmung wehrt. Er bleibt ein scharfsinniger Diagnostiker der postsäkularen Gesellschaft, der gegen religiös-fundamentalistische Selbstabkapselung ebenso dezidiert Stellung bezieht wie gegen säkularistisch-bornierte Selbstgewissheit. Er bleibt ein verständigungsorientierter Anwalt der öffentlichen Vernunft, der sich dafür stark macht, dass die Religion in die gesellschaftliche und politische Öffentlichkeit gehört, dass sie darin ihre Beiträge einzubringen und im Diskurs zu prüfen, zu präzisieren und nötigenfalls zu korrigieren hat. Er bleibt ein nachmetaphysischer Denker, der der Theologie hilft, sich ihres eigenen Vernunftpotenzials ohne metaphysische Aufblähung einerseits und postmoderne Schwächung andererseits zu vergewissern. Er bleibt ein zugleich lernbereiter und herausfordernder Gesprächspartner, der in seinem der Wahrheit und Gerechtigkeit, der Solidarität und Gleichheit verpflichteten Denken unberechtigte Macht- und unbegründete Geltungsansprüche einschließlich religiöser, kirchlicher und theologischer kritisiert und gleichzeitig zur wechselseitigen Verständigung über begründete und gerechtfertigte Geltungsansprüche aufruft“. (Herder – Korrespondenz, 2009)

Habermas unterstützt den zivilen Ungehorsam:

Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas hat zivilen Ungehorsam folgendermaßen definiert:

„Ziviler Ungehorsam ist ein moralisch begründeter Protest, dem nicht nur private Glaubensüberzeugungen oder Eigeninteressen zugrunde liegen dürfen; er ist ein öffentlicher Akt, der in der Regel angekündigt ist und von der Polizei in seinem Ablauf kalkuliert werden kann; er schließt die vorsätzliche Verletzung einzelner Rechtsnormen ein, ohne den Gehorsam gegenüber der Rechtsordnung im Ganzen zu affizieren; er verlangt die Bereitschaft, für die rechtlichen Folgen der Normverletzung einzustehen; die Regelverletzung, in der sich ziviler Ungehorsam äußert, hat ausschließlich symbolischen Charakter – daraus ergibt sich schon die Begrenzung auf gewaltfreie Mittel des Protests.“ (Jürgen Habermas, Ziviler Ungehorsam – Testfall für den demokratischen Rechtsstaat, in: Peter Glotz (Hrsg.), Ziviler Ungehorsam im Rechtsstaat, Frankfurt/M. 1983, S. 35.)

Quelle: http://www.bpb.de/apuz/138281/ziviler-ungehorsam-ein-umkaempfter-begriff?p=all

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Die alten Glaubensbekenntnisse der Christen (4. Jh.) sind nur noch historische dogmatische Erinnerungen und sollen dies bleiben!

Ein Hinweis von Christian Modehn zu einem Beitrag von Thies Gundlach (EKD) in PUBLIK FORUM, Heft 13/2018

Welcher Christ versteht auch nur ansatzweise, wenn er etwa in katholischen Messfeiern oder lutherischen Gottesdiensten aufgefordert wird zu beten und als seinen eigenen, persönlichen Glauben zu bekennen: „Christus ist aus dem Vater geboren“. Seit wann gebären Väter? fragen sich nicht nur Kenner der Gender – Studies. Und wer hat denn den Vater geboren? Soll ich solche Esoterik neoplatonischer Art nachsprechen und etwa als meinen Glauben an Jesus von Nazareth bekennen? Außerdem sei Jesus von Nazareth, dann als Christus in höherer Bedeutung, „gezeugt, aber nicht geschaffen“ worden. Eine Zeugung, die nicht „schafft“, ist auch esoterisch und nur nach zwanzigmaligen Nachdenken irgendwie nachvollziehbar. Männer, etwa in großen Kirchen-Behörden, werden etwa gesprächsweise von wohlgesinnten Obrigkeiten gezeugt, also dann angestellt, ohne dass sie als Menschenwesen damit geschaffen werden. Ist das gemeint?

Im Ernst: Kann man diese Formeln (heute nichts als leere, bestenfalls esoterisch interessante Floskeln) verstehen? Ist der Glaube als nun einmal menschlicher, je – meiniger Glaube nicht immer und stets absolut verstehender Glaube? Haben Protestanten ihren Bultmann vergessen oder Tillich?

Es ist für viele ein Skandal, ein Glaubensbekenntnis zu sprechen, wenn man nach dem gesprochenen Glaubensbekenntnis noch eine halbe Stunde mit einem kritisch gebildeten Theologen über den im Bekenntnis gesagten Neuplatonismus sprechen muss. Nichts gegen religiöse Poesie: Sie hat ihren Platz, auch im Gottesdienst. Aber ein Glaubensbekenntnis darf nicht esoterisch – poetisch sein. Eine fünfstündige Wagner – oder Mozart Oper, die nun einmal voller mysteriöser Gestalten und esoterischer Sprache ist, die ist doch etwas anderes als ein christlicher Gottesdienst mit christlichem Bekenntnis. Dieses ist immer reflektierte Deutung meines Lebens.

Und weiter: „Am dritten Tage auferstanden“? Heutige Zeiterfahrung kennt nicht die esoterische Qualität des dritten Tages, deswegen sollte sich das Auferstehungserleben nicht an einen bestimmten, dritten Tag binden…, eine Vorstellung, die vielleicht tiefe Wurzeln im alten jüdischen Denken hat. Diese Vorstellung ist aber spätestens seit dem 10. Jahrhundert kein allgemeines Wissen mehr. Von der Jungfrauengeburt in diesem Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis wäre zu sprechen. Oder von der Tatsache, dass ich beim Heiligen Geist als Christ der Westkirche glauben soll: Dieser Heilige Geist geht vom Vater UND vom Sohne aus (und bitte nicht nur, wie in der Ostkirche, vom Vater!) Was ist das auch für ein „unverschämter Gedanke“, nur vom Vater soll der heilige Geist „ausgehen“ (was heißt ausgehen, und wohin geht der Geist eigentlich dann hin, auch in die Kirchen heute?) Wegen dieses Ausgehens des Geistes haben sich Ostkirche und Westkirche einst die Köpfe eingeschlagen…

Man stelle sich heute katholische Messen oder lutherische Gottesdienste in Tokio oder Ouagadougou oder in Mexiko Stadt vor, wo diese Christen diese genannten Formeln und Floskeln nachsprechen müssen als ihr ureigenes persönliches Glaubensbekenntnis. Denn ein Glaubensbekenntnis hat nur Sinn, wenn es wirklich mein ureigenes, mein von mir kommendes Bekenntnis ist! Das ist doch wohl selbst in der EKD Grundüberzeugung. Es geht doch um meine Erlösung, mein „Heil“, um die klassischen Begriffe zu verwenden. Was wäre, wenn ein heilender Arzt mir sagen würde, ich soll meinen Krankheitsbefund in den Worten von Parcelsus (16. Jh.) mit ihm nachsprechen…

Ich kann nur dringend hoffen, dass die Christen in Tokio, Ouagadougou oder Mexiko Stadt diesen Neoplatonismus nicht nachplappern, und wenn, dann wohl nur unter der Bedingung, dass die Obrigkeiten diesen Christen eingeschärft haben: Ihr müsst unverständlichen Neoplatonismus nachplappern. Nur die vielen Evangelikalen oder Pfingstler tun das vielleicht? Oder das Opus Dei und die katholischen Neokatechumenalen.

Thies Gundlach, als Theologe Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD in Hannover, bekannt für seine theologisch sehr konservativen, oft militanten Positionen und, wie er sagt, Schüler des „dialektischen“ (d.h. für Barth dann auch vernunftfeindlichen) Theologen Karl Barth, versucht noch einmal die alten Glaubensbekenntnisse, auch das Nizäno-Konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis, uns schmackhaft zu machen. Und zwar sogar in PUBLIK FORUM Heft 13/2018 vom 6.7.2018.

Aber die Argumente von Herrn Thies sind leider sehr wirr und widersprüchlich in sich selbst.

Herr Thies ist gegen neu formulierte Glaubensbekenntnisse. Das ist am wichtigsten. Er verteidigt die alten (neoplanonisch gefärbten) Glaubensbekenntisse aus dem 4. Jahrhundert, komischerweise aber nicht eines der ältesten und kürzesten und sympathischsten alten Bekenntnis des Paulus aus dem Römerbrief Kapitel 10, Vers 9. Immerhin gesteht Gundlach ein, dass mit den alten Glaubensbekenntnissen Missbrauch – etwa durch die Inquisitoren – betrieben wurde. Immerhin, aber er führt den Gedanken nicht weiter…

Dann behauptet er: Diese alten Glaubensbekenntnise, so wörtlich, „gehören der unsichtbaren Kirche“. Was ist denn damit gemeint? Eigentlich ist per definitionem die unsichtbare Kirche jene, die auch Ungetaufte, „Heiden“, möglicherweise Atheisten usw. auch umfasst. Also der Begriff stimmt hier nun wohl kaum.

Dann warnt Gundlach davor, dass wir uns Glaubensbekenntnisse, so wörtlich, „zurechtschneidern“, damit sie „heute leichter von den Lippen gehen“. Was für eine Unverschämtheit diese Behauptung, darf ich wohl sagen. Als würden sich moderne Christen Glaubensbekenntnisse sozusagen nach Lust und Laune zurecht „schneidern“, damit sie leichter von den Lippen gehen: Als wären neue Glaubensbekenntnisse nur Ausdruck von Bequemlichkeit. Was für eine Beleidigung derer, die sich um neue, d.h.meinen Glauben weckende Bekenntnisse heute mühen.

Dann nennt der theologische Chef der EKD (!) die alten Glaubensbekenntnisse ein „riesiges Dach“, dem gegenüber, so wörtlich, die neuen Glaubensbekenntnisse so klein und zerbrechlich sind „wie das Dach einer Hundehütte„.

Gundlach verachtet, milde gesagt, als eingefleischter Dogmatiker die subjektive Freiheit des Glaubens, deswegen kann er persönliche Glaubensbekenntnisse nur mit Stichworten wie „zurechtzimmern“ , „zurechtschneidern“ beschreiben. Moderne Christen unter einer Hundehütte also. Reaktionäre Dogmatiker unter dem riesigen Dach, sollte man sagen. Da kann man nur hoffen, dass dieses riesige Dach nicht morsch geworden ist. Manche haben angesichts des Schwundes an Kirchenbindung in Deutschland diese starken Überzeugung!

Man hat also den Eindruck, Thies Gundlach bastelt sich seine untergegangene Bekenntnis – Welt noch mal nach eigenem konservativen Gusto zusammen. Und ist froh, sich in einem unverständlichen Glauben zu bewegen: Der von einst her Antworten gibt, wie er sagt, zu dem man sich erst mal die Fragen überlegen muss.

Ganz schlimm wird es für einen Menschen heutiger Zeit, wenn der oberste Theologe der EKD schreibt. „Ich soll, kann und muss nicht jedes Detail (des alten Glaubensbekenntnisses) als meinen höchsteigenen Glauben verstehen“. Plötzlich wird Gundlach großzügig, er nennt diese Haltung sogar liberal. Dabei hat er von der bewährten und bekannten liberaler Theologie keine große Meinung!

Er will suggerieren: Ich muss als Mensch des 21. Jahrhunderts meinen Glauben gar nicht verstehen. Hat der EKD Theologe Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis von dem Satz des Mittelalters (Anselm von Canterbury) gehört: „Fides quaerens intellectum“ (Das heißt: Der Glaube sucht, verlangt, den Intellekt, das Verstehen)? Oder ist Gundlach so total Lutheraner, dass er die bekannte Vernunftverachtung des Reformators völlig internalisiert hat? Manche würden das fundamentalistisch und schlimm finden.

Fakt ist: Mein Glaubensbekenntnis will ich als Mensch mit Vernunft eben auch verstehen, das ist menschlich normal so. Und muss so sein, wenn der Glaube nicht herabsinken soll in ein esoterisches dumpfes Gerede.

Aber der Herr der EKD Theologie entwickelt sich sogar noch zu einer Art Aufforderer zur Häresie: Es reicht ihm nämlich, „wenn ich nur zu einer Aussage des alten Glaubensbekenntnisses Zugang habe, …. Häresis ist, wenn man mal streng ist, subjektive Auswahl aus dem Bekenntnis bekanntlich. Das zu propagieren ist schon komisch aus dem Haus der EKD.

Und dann noch dies: Zur Verteidigung, dass wir die alten Bekenntnisse nachsprechen müssen, meint Gundlach: Diese, so wörtlich, seien „in ihrer Fremdheit wunderbar vieldeutig“. Wohl wahr! Jeder stellt sich unter der Jungfrauengeburt etwas anderes vor, Augustinus sprach wohl von einer Zeugung durch das Ohr der Jungfrau; andere mögen beim Bekennen der Jungfrauengeburt an eine unsagbaren, „heiligen“ Eingriff eines dann doch männlichen Engels denken…

Herr Gundlach wirft denen, die sich mit viel Mühe um ein heutiges und morgen eben um ein morgiges Glaubensbekenntnis mühen, vor: Sie wollten mit den neuen Bekenntnissen zu eindeutig sein. Das Gegenteil ist der Fall: Wer überhaupt noch von Jesus Christus, von Erlösung, von Rettung, von ewigem Frieden etc. spricht, kann von den Symbol – Begriffen her niemals eindeutig sein. Auch moderne Glaubensbekenntnisse sind poetisch, Gundlach sollte die Bekenntnis von Dorothee Sölle, Huub Oosterhuis, Kurt Marti oder der Remonstranten Kirche in Holland lesen…Das sind doch keine Plattitüden… Das ist nachvollziehbare moderne theologische Poesie!

Am schlimmsten nun, und das zeigt den bei vielen doch bekannten reaktionären und autoritären Geist des EKD Theologen Gundlach: „Kirchenleitungen müssen eine alte Sprache verteidigen“, so wörtlich in Publik Forum. Das könnte das Opus Dei nicht besser formulieren. Welch hübsche Ökumene!  Gundlach nennt „freundlicherweise“ die Erneuerer „penetrante Rationalisten und radikale Fundamentalisten“. Man könnte Theologen wie Gundlach penetrante Bestatter der heutigen Kirche und des lebendigen Glaubens nennen. Er nennt sich „strikter Lutheraner“. Wenn das Lutheraner sind, dann armer Martin Luther, was hast du da noch bewirkt…

Ich empfehle, einmal das Glaubensbekenntnis der niederländischen Remonstranten Kirche in Holland ausführlich zu lesen. Es ist 2006 von remonstrantischen Theologen formuliert worden. Natürlich ist es in remonstrantischem Geist für die Mitglieder selbst NICHT bindend, sondern nur als Impuls zum Denken und Glauben gemeint. Lebendiger Glaube ist auf dem Weg sein, nichts nachplappern… Zum Beispiel: Wer der Remonstranten Kirche beitreten will, schreibt sein eigenes Glaubensbekenntnis auf. Und dieses wird selbstverständlich von der Kirche respektiert und besprochen. Und in den letzten Monaten haben die Remonstranten einige Informationen öffentlich verbreitet mit dem richtigen Titel: „Glauben beginnt mit dir“. Also: Sag deinen eigenen Glauben (oder Unglauben oder Suchen) uns, und wir freuen uns darüber und sprechen darüber und erleben deinen Glauben als Bereicherung für uns. Das 4. Jahrhundert des Neoplatonismus ist für diese modernen Christen definitiv vorbei. Lebendigsein heißt: Sich wandeln. Das heißt: Auch alte dogmatische Formeln beiseite lassen, wenn sie meinem und unserem Glauben heute nicht entsprechen. Der christliche Glaube ist doch keine intellektuelle Last oder Qual! Der christliche Glaube und das je eigene und sich stets wandelnde und von keiner Kirchenbehörde einzuschränkende je meinige Bekenntnis ist etwas, was Freude bereitet, was freien Raum schafft eben unter einem weiten ökumenischen Dach der Vielfalt. Aber dieses weite, stets erneuerte Dach ist wohl nicht das uralte (vielleicht längst morsche) Dogmen – Dach von Herrn Gundlach.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Vor 30 Jahren (am 30.6.1988) spaltete Erzbischof Marcel Lefèbvre die katholische Kirche

Warum sollen eigentlich Mitglieder einer in jeder Hinsicht reaktionären traditionalistischen Kirche wieder  „katholisch“ werden?

Ein Hinweis von Christian Modehn

Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist kirchlich nicht gebunden, im Unterschied zur Theologie. Darum können religionsphilosophisch Fragen erörtert und Erkenntnisse angstfrei präsentiert und verbreitet werden, die nicht in den von Bischöfen und Päpsten kontrollierten katholisch theologischen Betrieb passen. Am Ende dieses Beitrags wird darauf verwiesen, dass in Buenos Aires, wo Papst Franziskus als Erzbischof einst wirkte, die Traditionalisten inzwischen offiziell als Teil des Bistums anerkannt sind. Mit Zustimmung von Papst Franziskus! ….

Seit 30 Jahren will der Vatikan die in jeder Hinsicht reaktionären Pius-Brüder (Traditionalisten) in die Papstkirche zurückholen. Warum bloß? Warum lässt man diese Leute nicht ihren eigenen Weg weiter gehen und kümmert sich nicht weiter von Rom aus um sie? Warum braucht der Papst diese reaktionären Leute? Warum interpretiert Rom den wunderbaren Satz Jesu von Nazareth „Ich will, dass alle eins seien“ (Joh., 17,21) in dem römischen Sinne, als dachte Jesus von Nazareth auch nur im entferntesten daran: „Alle sollten wieder unter die Kontrolle Roms kommen und so „eins“ sein? Dabei wollte doch Jesus nur die Verbundenheit aller Menschen mit dem Göttlichen bezeugen…

Also: Anlässlich der Erinnerung an die 30 jährige Kirchenspaltung müssen endlich einmal ganz andere Fragen diskutiert werden: Fragen nach der religiösen, klerikalen Macht, Fragen zur „Einheit“ und: Ob etwa die noch in dieser Kirche verbliebenen Katholiken wirklich die Einheit mit den allseits reaktionären Lefèbvre Leuten wollen und diese Einheiten wünschen oder sogar „brauchen“.

Vor 30 Jahren spaltete der katholische Erzbischof Marcel Lefèbvre die katholische Kirche: Er weihte vier seiner traditionalistischen, aber römisch–katholischen Priester zu Bischöfen seiner „Bewegung“, und dies ohne Erlaubnis des Papstes! So sind nun einmal die Regeln des katholischen Kirchenrechts in Fragen der Bischofsweihe: Der Papst muss alles im Griff haben, weltweit und immer…. Erzbischof Lefèbvre, der sich stets für einen Erzkatholiken, für einen Ultra–Treuen, hielt, ignorierte also mit vollem Bewusstsein das Recht der Kirche. Er wollte unbedingt über seinen Tod hinaus durch vier Bischöfe seine eigene Kirche, die Traditionalisten, fortleben lassen. Ohne Bischöfe gibt es nun mal keine katholische Kirche. Diese wollte Lefèbvre auf seine Art fördern, aber eben bewusst außerhalb des päpstlichen Einflussbereiches. Also wollte Lefèbvre eine eigene Kirche, eine neue, eine explizit traditionalistische Kirche. Diese Bischofsweihe war ein schismatischer Akt, also eine Abspaltung von „der“ Kirche, später wurden die vier traditonalistischen Bischöfe auch exkommunziert!

Im theologischen Zentrum dieser traditonalistischen Kirche steht: Keine Anerkennung der Beschlüsse des 2. Vatikanischen Reformkonzils. Lefèbvre und die Seinen träumen von einer angeblich „ewigen Kirche“, die wegen historischer Unkenntnis Lefèbvres für ihn tatsächlich mit den Strukturen, Lehren und Liturgien des 16. Jahrhunderts bis hin zu Papst Pius X. identisch ist. Kirchliche Entwicklung endet also für Lefèbvre genau im Jahr 1922: Da erstirbt alles Lebendige für ihn. (Ich empfehle für ein psychologisches Verstehen der Lefèbvre Kirche das Buch von Rainer FUNK, „Frömmigkeit zwischen Haben und Sein“, Benziger verlag, 1977, antiquarisch hoffentlich noch zu haben).

Als eigene Traditionalistenkirche (so bezeichnen sie sich selbst nicht, sie sind es aber de facto) verfügen die Piusbrüder mit Bischöfen, Priestern, Klöstern, Priesterseminaren, Schulen, Altenheimen über ein weltweites Netz von über 160 Prioraten und 750 Kirchen, wo die Messe im Stil des 16. Jahrhundert gelesen wird: Der Priester flüstert ein paar Worte am Altar, die Gemeinde betet dabei den Rosenkranz. Etwa 640 Priester gehören zur Bruderschaft, die Zahl der Anhänger wird nie exakt mitgeteilt, sie liegt zwischen 600.000 und 150.000 weltweit.

Philosophisch und in meiner liberal-theologischen Sicht ist es zunächst ja überhaupt nicht schlimm, eine eigene, auch eine traditionalistische katholische Kirche zu begründen. Warum sollte man das verbieten, wenn der Glaube einiger Leute in diese Richtung geht? Problematisch ist es ja nur, wenn, wie nachweislich, Lefèbvre und seine Leute äußerst rechtslastige politische Vorlieben dokumentiert haben, etwa für den chilenischen Diktator Augusto Pinochet oder den spanischen Diktator Franco oder für Jean Marie le Pen und sein Front National..

Problematisch ist zweierlei:
Bis heute behaupten die Traditionalisten, also die bekannten Pius–Brüder, die einzig wahre katholische Kirche zu sein. Auch das können sie ja behaupten. Nur: Sie wollen eben: Der Rest, also die jetzige römische Kirche mit ca 1,2 Milliarden Mitgliedern, sollte eigentlich genauso traditionalistisch werden wie sie selbst.

Noch erstaunlicher ist: Seit der Gründung einer eigenen traditionalistisch-katholischen Kirche ist der Vatikan, der gesamte Hofstaat, die Kurie, sind also die Päpste und alle Kardinäle, in höchster Alarmstufe: Sie sagen: Es darf doch nicht sein, dass da jemand ein katholisches Konkurrenz-Unternehmen gründet. Kirchengründungen innerhalb des eigenen Feldes duldet der römische Katholizismus überhaupt nicht. Man begründet dies –exegetisch sind diese Herren dabei höchst ungebildet – mit dem Spruch Jesu „Ich will, dass alle eins seien“. Das heißt in Rom: Alle sollen eins sein in der Folgsamkeit gegenüber dem Papst.

Katholische Kirchengründer katholischer Alternativkirchen sind in Rom „das letzte“, höchst unwillkommen: Jedenfalls hatte der Papst ja auch mit dem sehr exzentrischen Erzbischof Emmanuel Milingo (heutiges Zimbabwe) zu kämpfen, der 2006 exkommuniziert wurde. Zu reden wäre von anderen Spaltungen, wie der Gründung der unabhängigen katholischen „Aglipaykirche“ auf den Philippinen mit 3 Millionen Mitgliedern heute; selbst in Lateinamerika gibt es katholische eigenständige katholische Kirchen, wie etwa die Iglesia Catolica Apostolica Columbiana! Oder man denke an die Spaltung in der Römisch – Katholischen Kirche in der Tschechoslowakei, die 1920 zur Gründung der bis heute bestehenden „Tschechoslowakischen hussitischen Kirche“ führte, diese Kirche kennt keinen Zölibatszwang, dafür aber das Priestertum der Frauen…Auch in Polen gibt es unabhängige katholische Kirchen. Das ist philosophischen oder gar protestantisch theologischem Standpunkt überhaupt nicht schlimm.

Die Liste der Spaltungen von der römisch-katholischen Kirche nach der Reformation Luthers ist lang: Darüber wird aber kaum theologisch und historisch gearbeitet: Aber es gab immer einige, die sich dem Machtanspruch Roms widersetzten! Erwähnt werden müssen auch die verschiedenen Formen der „Altkatholischen Kirche“ (in Holland seit dem 18. Jahrhundert, in Deutschland nach dem 1. Vatikanischen Konzil) usw…Sie kennen nicht das Zölibatsgesetz und rekrutieren ihre Pfarrer oft aus römisch – katholischen Priestern, die mit dem Zölibatsgesetz nicht einverstanden sind.

Das Problem ist, dass jetzt im Umfeld der Kirchengründung durch Lefèbvre wieder eine Abspaltung von Rom sichtbar wird und damit eine Schwäche in der römischen Kirche deutlich wird, kurz, dass die Macht Roms irgendwie weiter bröckelt. Und das darf nun gar nicht sein. Wobei die römischen Behörden ja auch gar nicht fragen, ob denn alle, die sich römisch katholisch heute noch in Alaska Ghana oder Indien, nennen, wirklich alle die Dogmen der Kirche so exakt glauben, wie Rom es will. Die innere Verschiedenheit des Glaubens innerhalb der 1,3 Milliarden Katholiken wird gern ignoriert. Nur die „harten Fälle“, also die schismatischen Kirchengründer, werden verfolgt.

Rom will jedenfalls ganz entschieden die Rückkehr der Traditionalisten in die offizielle Papstkirche. Dabei werden durch die Piusbrüder selbst und auch durch die vatikanischen Kirchen die Tatsachen verschleiert: Man spricht nicht offiziell von einer „traditionalistischen Kirche“. Man tut auf beiden Seiten so, als wäre man doch prinzipiell einer Meinung, speziell hinsichtlich des Papsttums im allgemeinen…

Und so sind auch seit 1988 ständig und mit viel Aufwand Versuche vom Vatikan unternommen worden, diese Traditionalistenkirche wieder mit dem jetzigen Papst zu versöhnen. Da wurden einerseits Spaltungsversuche innerhalb der Traditionalistenszene durch Rom gemacht, indem der Papst eine päpstliche Traditionalistenbruderschaft gründete mit dem Titel St. Petrus Bruderschaft; einzelne Traditionalistenklöster, wie das reaktionäre Benediktinerkloster Le Barroux in Frankreich, wurden mit dem Papst versöhnt. Die rechtsextreme Haltung der Mönche blieb davon unberührt.

Auch (manche würden noch sagen sogar) Papst Franziskus tut vieles, um diese Brüder wieder in den Schoß von Mutterkirche zurückzuholen.

Warum gibt sich der Vatikan so unglaublich viel Mühe, diese Traditionalisten wieder mit dem Papst und der gesamten Kurie zu versöhnen?

Dafür gibt es mehrere Gründe, scheinbare und reale.

Scheinbar ist: Man will in Rom unbedingt die Einheit. Und man weint in Vatikanischen Palästen förmlich, dass der so fromme Marcel Lefèbvre den Mutterschoß Rom faktisch verlassen har.

Wichtiger ist: Die katholische Kirche ist nun einmal entschieden klerikal. Jeder Orden, jede Organisation, die heute noch viele junge (zölibatäre) Priester hat, ist zunächst einmal hoch geschätzt im Vatikan. Das gilt für den obskuren Orden der Legionäre Christi, für die Neokatechumenalen, das gilt ebenso für die Piusbrüder. Wer auch immer mit welchen klerikalen Gestalten (schon im Abstand von 100 Metern in der Kleidung als Priester erkennbar) das katholische Priestertum fördert, ist absolut willkommen im Vatikan.

Um die Piusbrüder für den Papst zu gewinnen, wird alles unternommen, da gibt es eigene Kommissionen, Reisen, Beratungen, diplomatische und theologische Gesten: So erlaubte Papst Franziskus seinen römischen Katholiken, auch bei Piusbrüdern zur Beichte zu gehen oder das Sakrament der Ehe zu feiern. Man sollte einmal probeweise bei einem Piusbruder beichten, dass man als Homosexueller mit einem homosexuellen Priester sexuellen Kontakt hatte, wahrscheinlich würde der Beichtstuhl dann explodieren.

In Argentinien sind diese Piusbrüder schon so weit in das offizielle römische System einbezogen, dass sie in Buenos Aires als offizielle katholische „Vereinigung diözesanen Rechts“ gelten dürfen. Papst Franziskus hat dem zugestimmt. Was soll das? Sind das die Vorläufer der künftigen Totalen Integration dieser Leute? Warum lässt man sie nicht in Ruhe und kümmert sich selbst um Wichtigeres?

Diese ganze Versöhnungsgeschichte der Lefèbvre Kirche mit Rom hat einen neurotischen Charakter! (Quelle zu Argentinien Kathweb. Katholische Presseagentur Österreichs Kathpress, 14. April 2015, abgerufen am 19. April 2015)

Und Papst Benedikt XVI. hat sogar am 21. Januar 2009 das Exkommunikationsdekret der vier von Lefèbvre geweihten Bischöfe aufgehoben, dabei wusste Papst Ratzinger längst, dass einer der vier, Bischof Richard Williamson, seit Jahren schon die Gaskammern und den Holocaust leugnete. Diese Aufhebung der Exkommunikation der vier Traditionalistenbischöfe ist wohl nur aus der tiefen Liebe Papst Benedikts zu diesen theologisch reaktionär denkenden Kreisen zu erklären. So, wie es viele im Vatikan gibt, die die Tradition auch im Sinne Lefèbvres über alles hoch schätzen. Denn da gelten die Priester noch als die Herren der Kirche…

Die Frage ist nur: Wer will wirklich (unter den römisch – katholischen Laien und den wenigen progressiven Priestern) die Rückkehr dieser Piusbrüder in die römische Kirche?

Warum kann Rom diese in jeder Hinsicht reaktionäre Kirche Lefèbvres nicht auf sich beruhen lassen und zu anderen, dringenderen Themen kommen? Und diese vernünftig entscheiden, etwa das Priestertum der Frauen. Aber das wurde unter dem angeblich progressiven Papst Franziskus jetzt auf ewig zurückgewiesen. Diese Leute (Kardinäle etc) in Rom sind bereits von der Traditionalisten Kirche vergiftet! Sie wollen vielleicht so werden wie sie: Eine engstirnige klerikale Sekte, selbst wenn diese noch Millionen Mitglieder zählt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Jürgen Habermas: Ein Salonabend über den „religiös unmusikalischen“ Philosophen

Unser Salon am Freitag, den 20.Juli 2018, um 19 Uhr, will sich dem religionsphilosophischen Denken von Jürgen Habermas (89) annähern und zugleich ermuntern, sich weiter in seine Studien zu vertiefen.

Am 4. Juli 2018 erhält Jürgen Habermas den bekannten „Deutsch – französischen Medienpreis“.

Für unseren religionsphilosophischen Salon ist es förmlich höchste Zeit, das differenzierte Denken von Habermas in einer säkularen Welt zur Rolle der Religionen, vor allem des Christentums, zu verstehen und kritisch zu bedenken.

Herzliche Einladung also in die Kunst Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Berlin Wilmersdorf.

Anmeldungen an: christian.modehn@berlin.de

Aus der Fülle der Arbeiten von Habermas zum Thema kann als erster Einstieg immer noch die knappe Broschüre „Glauben und Wissen“ empfohlen werden; dies ist die Rede zur Verleihung es Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2001, erschienen im Suhrkamp Verlag als Sonderdruck 2001.

Pfingsten: Der Geist ist heilig. Der Leib natürlich auch…

Pfingsten ist leider ein philosophisch und theologisch weithin unbekanntes Fest. Es sollte darum in nachvollziehbaren Worten erklärt werden. Dabei wird an den zwei Pfingstfeiertagen die Erfahrung und die Einsicht gefeiert: Der Geist  (also auch die Vernunft) ist ein göttliches Geschenk. Etwas Heiliges. Und der Geist weiß: Der ganze Mensch, die ganze Person, jeder und jede, ist von sakraler Würde: „Unanstastbar“, sagen die Menschenrechts – Erklärungen. Und: Ostern und Pfingsten gehören inhaltlich zusammen: Weil zu Ostern die Gemeinde nach Jesu Tod entdeckte:  Es gibt das Ewige und über den Tod Bleibende im Menschen. Auch Jesus hatte dieses Ewige, Unzerstörbare, „in sich“, deswegen lebt er auf unbekannte Art weiter. Wie alle anderen Menschen auch wissen können: Auch wir haben wie Jesus das Ewige „in uns“. Diese Erkenntnis wird zu  Pfingsten gefeiert. Und Gemeinde ist jene weite und immer internationale Gruppe, die aus dieser Überzeugung frei leben kann…Und hoffentlich das Feiern nicht verlernt hat…

Ich habe einige Beiträge zu dem zentralen philosophischen und religiösen Fest notiert, klicken Sie hier.

Die AFD und der Front National, Frankreich

Hinweise von Christian Modehn nicht nur anläßlich des Katholikentages in Münster

Dieser Beitrag zeigt:

Die Verbindungen zwischen Katholiken und rechtsextremen Gruppierungen und deren Ideologien sind in Frankreich sehr viel ausgeprägter als in Deutschland. Das ist hier kein Grund zum Jubeln, sondern nur eine Art Mahnung: Was in Frankreich heute in weit verzweigten rechtsextrem – katholischen Netzwerken geschieht, kann bald auch in Deutschland (oder Österreich, der Schweiz usw.) bestimmend werden. Dabei ist historisch vorausgesetzt: Rechtslastiges und rechtsextremes Denken spielt im französischen Katholizismus seit der Französischen Revolution eine ungebrochen große Rolle. Der Kollaborateur Marschall Pétain etwa verstand sich als praktizierender Katholik. Und viele Bischöfe standen an der Seite Pétains. Die Résistance war bekanntlich nur die Sache einer Minderheit, von linken Katholiken, Sozialisten und Kommunisten.

Die freundschaftlichen Verbindungen zwischen der AFD und der rechtspopulistischen, rechtsradikalen Partei Front National sind spätestens seit dem Treffen dieser Parteien in Koblenz im Januar 2017 evident. Deutschland ist anders als Frankreich. Aber leidenschaftliche Verteidiger der Demokratie mit aller Hingabe zugunsten der Menschenrechte sind bekanntlich hier eher die Ausnahme.

Im Umfeld des Katholikentages von Münster im Mai 2018 wird viel über die „Christlichkeit“ der AFD und ihrer Grundsätze diskutiert. Immerhin haben bei der Bundestagswahl 2017 zehn Prozent der Christen in Deutschland die AFD gewählt; sie glaubten also, in der AFD auch ihrer Kirchlichkeit Ausdruck geben zu können. Viele kritische Beobachter sprechen hingegen treffend vom Verachten explizit christlicher Grundsätze im Parteiprogramm der AFD. Vor allem im verbalen Umgang dieser Politiker (und deren oft rabiater Anhänger) mit politischen Gegnern bzw. Feinden ist wenig von Toleranz und selten etwas von vernunftgesteuerter Debatte zu spüren. Toleranz und Vernunft sind bekanntlich die ins Weltliche, in Humanistische, übersetzten Prinzipien einiger Weisheits – Lehren Jesu von Nazareth. Menschenrechte als unantastbare Basis des Zusammenlebens haben humanistische Wurzeln, sind aber auch christlich inspiriert, aber das nur nebenbei.

Diese Debatten über die (Un)Christlichkeit der AFD wirken relativ“ milde“, wenn man an die Bindung von Katholiken an rechtsradikales Denken und rechtsradikale Parteien in Frankreich denkt.

Ich nenne einige Aspekte im weiten Netzwerk rechtsextremer Katholiken und deren Ideologien.

1.Rechtsextreme Katholiken in Frankreich sind – seit langem – sehr zahlreich. Soziologen unterscheiden in Umfragen zwischen den so genannten praktizierenden und den nicht mehr an Gottesdiensten teilnehmenden Katholiken: Beim 2. Wahlgang zur Präsidentenwahl 2017 haben 38 Prozent der praktizierenden (!) Katholiken für die rechtsextreme Kandidatin Marine Le Pen gestimmt! (Quelle:http://www.lemonde.fr/election-presidentielle-2017/article/2017/05/09/les-catholiques-pratiquants-ont-vote-le-pen-a-38_5124530_4854003.html).

Diese Kreise benutzen jetzt die Ermordung des greisen Priester Jacques Hamel während der Messe in St. Etiénne du Rouvray bei Rouen am 26. Juli 2016 durch zwei islamistische Mörder des IS als Beweis für die Schwäche des französischen Christentums: Das Bild wird verbreitet: Der uralte Priester inmitten einer winzigen Gemeinde alter Menschen, die dem bedrohten Pfarrer nicht beistehen konnten. Es gibt eine katholische Gruppe mit dem Titel „Optimum“, die der katholischen charismatischen Bewegung Emmanuel nahe steht (sie ist auch in Deutschland sehr aktiv). Der „Optimum“ Gründer Gabriel Morin sagte im Zusammenhang der Ermordung des greisen Priesters: „Der Islam entwickelt sich bei uns, weil uns die Männlichkeit (virilité) fehlt. Die Muslime fragen uns: Warum sei ihr Christen nicht stärker? Sie können unsere Resignation/Schwäche nicht verstehen“. Dahinter verbirgt Gabriel Morin die Behauptung: Die Katholiken „müssen die Weichheit und Weiblichkeit aufgeben und männlicher und stärker werden, um dem Werben des Islams in Frankreich zu widerstehen“, so deutet der Politologe Jérome Fourquet in seiner neuesten Studie „à la droite de Dieu“, Paris 2018, S. 46, diese Aussage des „Optimum“ – Gründers. Er organisiert für Männer eine Art Sommerlager, damit diese wieder die Stärke ihrer (selbstverständlich) heterosexuellen Männlichkeit entdecken und pflegen. Diese Sommerlager mit der Männlichkeitsschulung stammen ursprünglich aus evangelikalen Kreisen der USA, aber sie finden in Frankreichs rechtslastiger katholischer Kirche Zuspruch (siehe: https://psyzoom.blogspot.de/2016/12/des-catholiques-veulent-rendre-leglise.html)

2. Die „starken katholischen Männer“ sollen sich gegen die sehr männlichen, aber als aggressiv wahrgenommenen islamischen Männer und ihr missionarisches Werben behaupten: Dies ist auch das Ziel des Vereins „Pater“, gegründet von Pfarrer Simon Chouanard: „Gott (der katholische Gott, CM) will nicht freundliche Knaben; er will (echte) Männer“. Dies ist das Motto seines Vereins. Selbstverständlich tritt der Verein „Pater“ (Vater) für die Trennung der Geschlechter in der Erziehung ein. In entsprechenden „Lagern“ (camps-retraites) werden junge Männer den Initiationsriten unterzogen. Von dieser Idee ließ sich der allgemein als reaktionär eingeschätzte Bischof von Toulon, Dominique Rey, Mitglied der in Frankreich mächtigen charismatischen Bewegung Emmanuel, begeistern: Er veranstaltet „Sommerlager der Virilität“ seit 2014 in seinem Bildungshaus in Sainte Baume, Département Var. Nebenbei: Über Bischof Rey wurde schon vieles publiziert: Ich habe kürzlich geschrieben: Dem Front National eher zugeneigt ist neben anderen Bischöfen vor allem Dominique Rey vom Bistum Fréjus-Toulon: Im August 2015 hatte er die FN Politikerin Marion Maréchal-Le Pen zu einer Akademieveranstaltung nach Sainte-Baume eingeladen. Dort konnte sie ungehindert ihre Ideologie kurz vor den Regionalwahlen verbreiten: Für den FN stimmten dann in der Provence und Umgebung 45 % aller Wähler. „Bischof Rey hat auch zur Banalisierung des FN beigetragen“, schreibt treffend der Theologe Christian Terras Quelle: https://re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er-salon.de/9039_die-rechtsradikale-partei-front-national-und-marine-le-pen-sprechen-von-christlichen-wurzeln-europas-hinweise-auf-gefaehrliche-propaganda_religionskritik

3.Diese katholischen Initiativen zur Stärkung einer militanten katholischen Männlichkeit sind eng verbunden mit der seit Jahren bestehenden katholisch geprägten Massenbewegung „La Manif pour tous“, also der landesweiten Massen – Demonstrationen gegen die so genannte Homo-Ehe. Das Gesetz für die Homo-Ehe wurde vom Parlament im Mai 2013 beschlossen; aber die Proteste gehen weiter und haben das ganze Land aufgewühlt und gezeigt: Wie viele Massen von rechtslastigen katholischen Organisationen auf die Straße zur Demo gebracht werden können. Auf diese Weise wurde die Hetero- Ehe sozusagen neben Gott und der Kirche zum obersten Wertund Halbgott für Katholiken. Mit all der üblichen Abwehr von Gender – Akzeptanz! Die „heilige Hetero – Familie“ mit der Frau in der Küche erlebt nicht nur unter Frankreichs Katholiken einen Boom.

4.Selbstverständlich gibt es auch eigene katholische Vereine und Ordensgemeinschaften, die sich ausdrücklich um die Bekehrung der Muslims zum katholischen Glauben bemühen. Am 4. Februar 2017 fand etwa in der Gemeinde Notre Dame de Bellecombe von Lyon ein noch eher geheimes Treffen statt unter dem Thema: „Jesus der Messias. Wie kann man sich bilden, um die Frohe Botschaft Christi den Muslims zu verkünden“. Dabei waren Konvertiten aus dem Islam, wie etwa der bekannte Mohammed Christophe Bilek, 66 Jahre alt, er stammt aus Algerien und ist der Gründer des Vereins „Unsere liebe Frau von Kabylien und die Mutter Quabel“. Ausdrücklich wird angesichts der angeblichen totalen Bedrohung durch den Islam in Frankreich das Recht verteidigt, dass Muslime Christen werden sollten. Gegen Religionsfreiheit und freie Wahl der Konfession ist überhaupt nichts zu sagen! Auffällig ist nur der Rahmen, in dem für Konversionen aus dem Islam geworben wird! (vgl. die entsprechende Werbung: http://www.eleutheros.eu/prier/priere-du-dimanche-de-la-communion).

Und es bilden sich immer mehr Gruppen, die speziell die Muslims bekehren wollen, wie die „Kleinen Brüder und kleinen Schwestern vom Lamm“ (sic!) oder die Gemeinschaft Rocher, die betont: „Die Banlieue (mit ihren zahlreichen islamischen Bewohnern) ist eine unglaubliche Chance für die Evangelisierung“, so Cyrill Tisserand, Gründer von „Le Rocher“. Mit anderen Worten: Es setzt sich unter Katholiken die Meinung durch: Nur ein bekehrter Muslim ist ein akzeptabler Muslim, weil er dann „ungefährlich“ ist.

5.Auf der Linie der Werbung für Konversionen liegt auch der Orden „Missionare des göttlichen Erbarmens“, von Pfarrer Loiseau vor 12 Jahre gegründet, bezeichnenderweise hat dieser Orden mit vielen jungen Mitgliedern sein Zentrum im Bistum von Bischof Rey von Toulon. Pfarrer Loiseau betont: „Der Islam hat immer von Situationen profitiert, in denen das Christentum sehr schwach und gespalten war. Deswegen ist es eine Pflicht für Katholiken, den Islam als eine missionarische Priorität anzusehen“ (zit. aus dem Buch von Fourquet, Seite 50). Dieser Ideologie folgend will „der“ Islam will also wieder Europa erobern, eine Ideologie, die vor allem von der viel schreibenden jüdischen Autorin Bat Ye Or (Pseudonym für Gisèle Littmann) in zahlreichen Publikationen verbreitet wird, diese finden in reaktionären Kreisen heftige Begeisterung. Der norwegische Massenmörder Anders Breivik war, nebenbei gesagt, ein eifriger Leser von Bat Ye Or. Einige ihrer Bücher sind auch auf Deutsch erschienen. Ich habe über die Ideologie von Bat Ye Or schon mehrfach publiziert (https://re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er-salon.de/?s=bat+ye+or).

6.Von daher gibt es ein leidenschaftliches Interesse rechtslastiger und rechtsextremer Christen für die heute verfolgten Christen in den islamischen Ländern. Dabei wird unterstellt: Wenn die Katholiken nicht aufpassen, wird auch bald in Frankreich und in Europa das Christentum von Muslims verfolgt. Die Ermordung des greisen Priesters Hamel dient dabei als Beleg. Komisch nur, dass Katholiken und Kirchenführer darauf reinfallen und Pater Hamel am liebsten im Schnellverfahren selig und heilig sprechen wollen. Selbst Papst Franziskus nennt den greisen Priester Hamel sehr vorschnell, bloß weil er von Islamisten ermordet wurde, einen Seligen (Quelle: http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/franziskus-nennt-jacques-hamel-einen-seligen). Es wird nun eine neue rechtsextreme Ideologie verbreitet: In der Gesellschaft würde, durch Muslims vor allem eine „Christianophobie“ erzeugt, gegen die es sich katholischerseits zu wehren gilt. Es erstaunt darum nicht, dass Bernard Antony, ein rechtsextremer Politiker, lange Jahre führendes Mitglied in der Partei Front National, nun eine „Allgemeine Allianz gegen den Rassismus (gemeint ist der Rassismus gegen die Christen!) und für den Respekt der französischen und christlichen Identität“ (AGRIF abgekürzt) gegründet hat. Dieser rechtsextreme katholische Verein steht wiederum in enger Verbundenheit mit dem katholischen Club „Civitas“ von Alain Escada, er ist mit den erz-katholischen Traditionalisten nahe. Escada hat die Demos gegen die Homo- Ehe heftig mit organisiert. Seit 2007 gibt es sogar ein „Observatorium der Christianophobie“, finanziert von Guillaume de Thieulloy, einem Philosophen, der in seinem eigenen rechtsextremen Verlag die „Erinnerungen“ des Gründers des rechtsextremen Front National, Jean Marie Le Pen, als Buch herausgegeben hat. Ein toller Verkaufserfolg übrigens! De Thieulloy ist zudem mit dem ebenfalls rechtsextremen und sehr mobilen Club dem „Salon beige“ (also hell braun) verbunden.

7.Es ist evident: Es bildet sich in Frankreich ein breiter Strom rechtsradikalen Denkens und Agierens unter den Katholiken. Man spricht etwas zu milde von einem „christlichen Populismus“ (siehe das Buch von Fourquet, Seite 54).

8.Die Rechtsextremen und mit ihnen die rechtsextremen Katholiken instrumentalisieren das tatsächliche Leiden vieler Christen in der islamischen Welt für ihre eigenen innenpolitischen Zwecke. An vorderster Stelle ist da die Organisation „SOS Chrétiens d Orient“ zu nennen, gegründet von Leuten, die aus dem Umfeld der Partei Front National stammen, wie die objektive katholische Wochenzeitung La Vie, Paris, am 4. Januar 2017 nachgewiesen hat (zum Ganzen: https://fr.wikipedia.org/wiki/SOS_Chr%C3%A9tiens_d%27Orient). Mit dieser rechtslastigen SOS Organisation arbeitet auch das sehr katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ (vom „Speckpater“ gegründet) in Frankreich zusammen. Man veranstaltete gemeinsam eine Nacht des Gebets (ausgerechnet) im „Invalidendom“ zu Paris, berichtete die Tageszeitung La Croix am 23.6.2016. Dieses SOS – Hilfswerk arbeitet in mehreren Ländern, etwa in Syrien, im Irak…und entsendet auch Freiwillige. Selbst der offizielle Vertreter des offiziellen bischöflichen Hilfswerkes für die Kirche im Orient, Prälat Pascal Gollnisch, beschwerte sich über diese rechtsextremen SOS – Leute, er warnte ausdrücklich vor den Verbindungen zur Partei Front National und zu ihrer Verteidigung mit Bachar el Assad.

9.Es wäre weiter zu berichten über die Publikationen, die die hier genannten Ideen/Ideologien verbreiten, etwa die Wochenzeitungen „Valeurs actuelles“ (Auflage 163.000) oder sogar „Famille Chrétienne“ (Auflage 55.000). Es ist bezeichnend, dass der Chefredakteur von „Famille Chrétienne“, Samuel Pruvot, am 5. 6. 2017 in „Figarovox“ schrieb: „Das Gefühl herrscht vor, dass das Christentum dabei ist zu verschwinden. Dann kommt zweitens hinzu: Die wachsende Religion ist von nun an der politische Islam unter seiner radikalsten Gestalt“. Angst machen vor „dem“ Islam: Darin kommen rechte Katholiken und rechtsextreme Parteigenossen und Wähler überein.

10.Es wäre weiter zu sprechen über Bischöfe, die explizit politische wie theologisch reaktionäre Positionen beziehen, von Bischof Rey von Toulon war die Rede, über ihn habe ich vielfach publiziert. Interessant ist auch die Position des einstigen Militärbischofs und jetzigen Erzbischofs von Straßburg, Luc Ravel, der Positionen vertritt, die denen von Bat Ye Or nahe stehen (Quelle: https://re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er-salon.de/?s=Bischof+in+Stra%C3%9Fburg+)

11.Es wäre weiter zu berichten von den Klöstern, die ursprünglich traditionalistisch orientiert waren und damit der Le Pen Partei nahe standen. Die nun aber mit Rom offiziell versöhnt sind, aber die uralte Theologie und die Vorliebe fürs politisch Rechtsextreme bewahrt haben, man denke nur an Le Barroux, dessen heutige Abt Dom Louis Marie de Geyer d Orth explizit den bekannten rechtsextremen Journalisten Jean Madiran lobte. Und er erklärte: „Der Islam kann an sich nicht eine Chance für Frankreich sein. Der Islam ist in Frankreich zu integrieren“. (Quelle: https://www.lesalonbeige.fr/pere-abbe-du-barroux-la-montee-de-lislam-ne-peut-pas-etre-une-chance-en-soi-pour-la-france/). Sein Vorgänger, Dom Calvet, war tief verwurzelt in rechtsextremen Kreisen, auch noch nachdem ihn Kardinal Ratzinger wieder von den Lefèbvre Bindungen befreite und offiziell mit Rom versöhnte…

12.Zusammenfassend: Es gibt bis heute auch unter Frankreichs praktizierenden Katholiken eine breite, offenbar stabile sehr rechtslastige und meist rechtsextreme Bewegung: Sie tritt ein für die Nation, den Stolz auf Frankreich als Nation, die Abwehr der Fremden, vor allem der Muslims und der Flüchtlinge. Sie tritt ein für das alte klassische römisch katholische Kirchenmodell mit der Führung durch die Bischöfe, sie tritt ein für das alte Familienmodell. Und es sind sogar junge Leute, vor allem aus wohlhabenden Kreisen in Paris und Versailles, die diesen Ideologien folgen. Ob diese Kreise (immerhin haben ja, wie oben erwähnt, 38 Prozent der praktizierenden Katholiken 2017 Marine Le Pen als Präsidentin gewünscht) nun durch Präsident Emmanuel Macron eines besseren belehrt werden ist, fraglich.

13.Die Bindung an (anti-muslimische und fremdenfeindliche) Ideologien unter rechten und rechtsextremen Katholiken ist auch eine Flucht vor der Realität der eigenen Kirche, d.h. die zunehmende Schwäche des Katholizismus selbst: Es ist bezeichnend, dass 2018 (wie schon so oft vorher, man denke an die viel beachteten Studien der Religionssoziologin Prof. Danièle Hervieu- Léger) wieder eine große Studie erschien über den zahlenmäßigen Niedergang des französischen Katholizismus: „Comment notre Monde a cessé d etre chrétien“, erschienen im Verlag du Seuil, Paris. Verfasst von dem Historiker Prof. Guillaume Cuchet. Nur ein Beispiel: Im Jahr 1961 nahmen 25 Prozent der Katholiken jeden Sonntag an der Messe teil; 2012 waren es noch 5 Prozent. Heute sind es noch viel weniger angesichts der Altersstruktur der „praktizierenden Katholiken“. Etwa 55 Prozent der Franzosen nennen sich noch katholisch. Vor 50 Jahren waren es 90 Prozent. Die Zahl der sich „atheistisch, agnostisch“ nennenden Franzosen steigt stetig.

14.Wenn die Kirche in Frankreich also in wenigen Jahren so klein geworden ist wie eine „Sekte“, liegt das vor allem an der bis dahin geltenden All-Macht des Klerus, am Fehlen ernstzunehmender demokratischer Strukturen und an der mangelnden Bereitschaft, auf überholte Dogmen und moralische Prinzipien zu verzichten. Solange die katholische Kirche an allen, auch sprachlich kaum noch nachvollziehbaren Dogmen festhält, die irgendwann einmal definiert wurden, ist und bleibt sie eine starre, leblose, nicht der Kritik und Korrektur fähige Organisation. „Lebendigsein heißt Sich Korrigieren können“, sagt der Psychologe Erich Fromm. Auf die Reduzierung der dogmatischen„Inhalte“ also kommt es an, auf mehr Jesuanisches und weniger Dogmatisches: Diese Rückkehr zur einfachen, nur wesentlichen Lehre ist nicht nur in Frankreich am wichtigsten. Sonst werden die Kirche zu Gräbern Gottes, wie Friedrich Nietzsche voraussah…

15.Ich verdanke viele Informationen dem wichtigen Buch des Politologen Jérome Fourquet, à la droite de Dieu. Erschienen in den Editions du Cerf, Paris, 2ß18. 174 Seiten, 18 Euro. Dieser Verlag wird vom Dominikaner Orden geleitet.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

Die Irrtümer des Manfred Lütz in seinem Buch „Skandal der Skandale“: „Auf hohem Ross reitend und besserwisserisch“…

Ein Beitrag des Historikers Dr. phil. Josef Breinbauer.

Das von einigen Stellen mit viel Lorbeeren bedachte Buch von Manfred Lütz, kann nicht unwidersprochen bleiben. Sein durch fromme Scheuklappen eingeengter Blick lässt ihn viel, was er mit seiner Argumentation nicht als kompatibel empfindet, unter den Teppich kehren.

Im Lob von Toleranz und Gewaltlosigkeit der Christen (S. 35 ff.) kann sich Lütz kaum eingrenzen. Doch nicht einmal untereinander kamen die Christen ohne Gewalt aus. Natürlich bleibt daher bei ihm unerwähnt, dass bei der Papstwahl im Jahre 366 die Leute des dann erfolgreichen Damasus eine Kirche stürmten und darin 137 Anhänger seines Rivalen Ursinus umbrachten. Auch die sog. „Räubersynode“ von Ephesos (449) kann nicht gerade als Muster des respektvollen Umgangs der Christen miteinander gewertet werden. Skandale gibt es für Lütz aber erst nach der Jahrtausendwende. „Und wenn das Ende der Welt damals gekommen wäre, müssten wir uns bei der Bilanz des Christentums nicht mit den klassischen Skandalen aufhalten, denn es gab sie nicht. Es gab in den ersten tausend Jahren des Christentums weder Kreuzzüge noch Inquisition oder Hexenverfolgungen, auch keine Pogrome und eben so wenig eine dauerhafte Kirchenspaltung mit der Ostkirche. Man erwarb sich Verdienste bei der Humanisierung der Barbarei…..“( S.63 f.). Allein schon das frevelhafte Handeln von Papst Stephan VI. gegen seinen Vorgänger Formosus auf der Leichensynode von 896/97 macht eine solche Behauptung unglaubwürdig. Fehlanzeige auch der kirchliche Rangstreit 1062/63, als sich in Goslar die Leute des Bischofs von Hildesheim und die des Abtes von Fulda in der Kirche gegenseitig die Köpfe einschlugen, bis feststand, wer neben dem Mainzer Erzbischof sitzen darf. Lampert von Hersfeld, Annalen a. 1063: …multi utrimque vulnerati, multi occisi sunt…Mit der Solidarität der Glaubensbrüder untereinander war es also noch nicht so gut bestellt wie es uns Lütz glaubhaft machen will. Und wenn es ums Geld geht, hört die Friedensliebe der Christen auch gegenüber anderen Christen rasch auf: Siehe Eroberung von Zara beim Kreuzzug (1202).

Auf Seite 44 unterstellt Lütz dem Kaiser Konstantin, der sich erst am Ende seines Lebens taufen ließ, dass dieser im Sinne der Gewaltlosigkeit des Christentums handeln wollte. Ob das Licinius, Fausta und Crispus, denen er zu einem vorzeitigen Tod verholfen hat, auch so sehen, dürfte fraglich sein. Nicht zu vergessen, dass der Christengott für Konstantin zunächst ein Schlachtenhelfer war. Bei der Regelung der Osterfrage hatte Konstantin auch ein paar „Streicheleinheiten“ für die Juden übrig: „Nichts sei uns gemein mit dem feindlichen Volk der Juden!“

Bei der Ketzer- und Hexenverfolgung (Kapitel IV bzw. VI) hält Lütz den Anteil der Päpste möglichst gering, obwohl diese den Inquisitoren die gewünschte Autorität verliehen. Konrad von Marburg (S. 109 f.) wütete demnach eigenmächtig gegen Ketzer und sei auf die geschlossene Gegenwehr der Bischöfe gestoßen. Nach Konrads Ermordung 1233 sei Papst Gregor entsetzt gewesen, auch über das Vorgehen des Inquisitors. Dass ihm der Papst zuvor am 11.10.1231 die volle Gewalt, ohne Zulassung einer Appellation mit Prozessen gegen die Häretiker in Deutschland vorzugehen, übertrug, fällt bei Lütz unter den Tisch. Vgl. NDB, Bd.12, S. 545. Auch die päpstlichen litterae „Vox in Rama audita est“ von 1233, in denen die „luziferianischen“ Initiationsriten geschildert werden, bleiben unerwähnt. Konrad hatte die Phantasiekonstruktionen dem Papst übermittelt. Dem Handeln nach muss Gregor IX. diese für wahr gehalten haben. Ähnlich sparsam mit Informationen geht Lütz (S. 153) beim Hexenhammer (1487) um. Heinrich Kramer, „ein windiger deutscher Dominikaner“ habe sich vorher geschickt bei der päpstlichen Bürokratie ein „routinemäßiges Dekret“ besorgt und dann sein Machwerk gebastelt. Jetzt darf der Leser raten. War das nicht die berüchtigte Bulle „Summis desiderantes affectibus“ des Papstes Innozenz VIII., der sich zum Eingreifen verpflichtet fühlte ? Die in diesem Dokument von 1484 aufgeführten Untaten erklärte Innozenz als Tatsachen, deren Realität man nicht bezweifeln durfte. Für Lütz ist all das keinen Federstrich wert.

Sicherlich ist de Las Casas ein rühmliches Beispiel für die kath. Kirche. Gerne habe ich schon als Schüler Reinhold Schneider, Las Casas vor Karl V. gelesen. Stolz schreibt Lütz auf S. 188: „Die Päpste blieben bei ihrer strikten Verurteilung der Sklaverei.“ Er nennt dabei Urban VIII. (1568-1644) als seinen ersten Gewährsmann. Kein Wort fällt allerdings zu Nikolaus V, der gut hundert Jahre früher dem König von Portugal in der Bulle „Dum diversas“ (leicht im Internet zugänglich) die Vollmacht verlieh, heidnische, ungläubige Reiche, Ländereien… anzugreifen, zu erobern oder zu unterjochen, die Personen für immer in Knechtschaft zu halten…“ Erwähnen können hätte man in diesem Zusammenhang auch den römischen, also nichtchristlichen Philosophen Seneca, der in seinen Epistolae morales 47 entgegen dem damaligen mainstream die Sklaven als Menschen ansah (servi sunt, immo homines).

Das Kapitel um die Unfehlbarkeit des Papstes wird ziemlich flach abgehandelt (S. 198-202). Lütz kommt dabei aus ohne Konstantinische Schenkung, ohne Honorius-Frage, ohne Sutri (1046) und ohne Konziliarismus, welcher 1417 mit Martin V. dem Papsttum einen Neustart ermöglichte. Dieses war dann bedacht, konziliare Fesseln alsbald abzustreifen. Nach katholischer Lehre könne ein Papst nicht eine neue Lehre, die ihm irgendwie gefällt, zum Dogma erheben (S. 200). Da wäre nun eine Erläuterung fällig zu Kapitel IV der dogmatischen Constitution „Pastor aeternus“, wo es heißt: „..ideoque ejusmodi Romani Pontificis definitiones ex sese, non autem ex consensu Ecclesiae, irreformabiles esse“. In diese Zeit von Pius IX. gehört auch dies hinein: Der Skandal um die Nonnen von Sant‘ Ambrogio. Was Hubert Wolf ausführlich beschrieben hat, kann natürlich bei Lütz keine Erwähnung finden. Der Gipfel von Heuchelei aber ist es, wenn Joseph Kleutgen, der sich als Beichtvater der Nonnen zu deren hübschesten ins Bett gelegt hatte, sich später in einer Predigt an die studierende Jugend wendet und die Unkeuschheit als Weg zur Hölle anprangert (Predigten von Joseph Kleutgen, Zweite Abtheilung, Pustet Verlag 1874, S. 99-117). Unbequemen Wahrheiten muss man einfach aus dem Weg gehen.

Beim Thema „Frau“ ist der Autor voll des Lobes für die emanzipatorischen Leistungen der kath. Kirche. Zunächst heißt es auf S. 29 ganz allgemein : „Noch ein anderer Keim ist im Monotheismus angelegt. In den kosmologischen Religionen der Vorzeit entspricht der Mann gewöhnlich der Sonne und die Frau dem Mond, womit Letztere immer nur ein Abglanz ist und nie Gleichberechtigung erhält. Hingegen spricht ihr der Monotheismus dieselbe Menschenwürde zu.“  Gegen Frauen im Dienst am Altar schritten Papst Gelasius (ep. 14,26) und später das Konzil von Paris (829) vehement ein. Logischerweise übergeht Lütz bei seiner Zitation von Paulusstellen jene in 1Kor11,7, wonach der Mann Abglanz Gottes ist, die Frau aber nur Abglanz des Mannes. Dementsprechend heißt es im maßgebenden Decretum Gratiani C.XIII. …ideoque mulier non est facta ad Dei imaginem…Diese nachgeordnete Gottebenbildlichkeit begegnet auch noch beim Brautsegen im Schott/ Das vollständige Römische Meßbuch, mit imprimatur von 1958, [125]. Was der heilige Abt Odo von Cluny, gest. 942, in diffamierender Weise über das weibliche Geschlecht sagt, ist schon mehr als skandalös. Könnte man unter die Haut sehen, würde man sich ekeln, da man nur Schmutz und Schleim vorfände (PL 133, Sp. 556). Nach Lütz sei aber die Kirche keineswegs sexualfeindlich (S. 261) und habe immer wieder prüde Sexualitätsgegner bekämpft (S. 263). Ob für ihn Abt Odo und Petrus Damiani zu diesen gehörten, erfahren wir leider nicht. Letzteren vermisst der kundige Leser auf S. 259. Dieser Heilige und auch Kirchenlehrer war energischer Vertreter der Kirchenreform und gestrenger Verfechter einer restriktiven Sexualmoral, nicht nur im Sinne der Durchsetzung des Zölibats für Priester. Mit seinen putzigen, am Tierreich orientierten Vorstellungen von Sexualität ( PL 145, Sp.777:…admiremur fecundam in vulturibus virginitatem. Perhibentur enim vultures caeterum avium more concubitui nullatenus indulgere, sed absque ulla prorsus masculini sexus admistione concipere…) passt er nicht in die Behauptung von Lütz. Auf S. 266 gelangt der Autor zu der erstaunlichen Feststellung, der hl. Alphons von Liguori, der Patron der Beichtväter, habe dazu geraten, „dass die Priester bei der Beichte in sexuellen Dingen nicht weiter nachfragen sollten.“ Wozu aber hat dieser dann sein großes Werk, die „Theologia moralis“, geschrieben? 1748 erstmals erschienen und dann über 70mal wieder aufgelegt! Sein Ziel war es, gute Beichtväter heranzubilden, die den Grad der Sündhaftigkeit aller möglichen sexuellen Handlungen beurteilen können. Mit Details wird bei Liguori nicht gespart. Seine Einstellung zum Sextum wird schon im ersten Band deutlich: „Nur mit Widerwillen schreiten wir jetzt zur Behandlung jenes Gegenstandes, dessen Name schon die Geister der Menschen unangenehm berührt….Doch diese Sünde muss nur allzu häufig und allzu reichlich Gegenstand der Beichten werden. Gerade ihretwegen wird der größte Teil der Verdammten in die Hölle gestürzt.“(zitiert nach Karl-Heinz Kleber, De parvitate materiae in sexto, S. 275). Dass die Kirche keineswegs sexualfeindlich und prüde sei, lässt sich nach Lütz (S. 261) an Papst Johannes XXI. aus dem 13. Jahrhundert ablesen, der für das Edelste, was es in der Ehe gebe, den Geschlechtsverkehr, offen ins Detail geht. Etwa 400 Jahre später verurteilt aber Innozenz XI. folgenden Satz: Opus conjugii ob solam voluptetem exercitum omni penitus caret culpa ac defectu veniali.“ Inwieweit das nun eine lässliche oder schwere Sünde ist, auch darüber muss Alphons von Liguori Rat geben.

Was Lütz zum Nationalsozialismus schreibt, bleibt ebenfalls geschönt. Von Brückenbauern wie Karl Adam, Joseph Lortz oder Michael Schmaus nimmt er natürlich Abstand. Um sein Bild des Katholizismus in der NS-Zeit nicht trüben zu müssen, liest man bei ihm weder vom „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“, welches die Philosophisch – Theologischen Hochschulen Bayerns 1933 unterzeichneten, noch vom „Handbuch der religiösen Gegenwartsfragen“, hrsg. mit Empfehlung des deutschen Gesamtepiskopats von Erzbischof Conrad Gröber (1937). Vom kath. Feldgesangbuch von 1939 und diversen Hirtenbriefen deutscher (Erz-)Bischöfe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs hat Lütz offensichtlich keine Ahnung Am Erscheinungsort seines Buches hat 1940 der damalige Erzbischof ein Hirtenwort an die Soldaten im Feld gerichtet unter dem Motto: „Arbeite als ein guter Kriegsmann Christi“. Dessen Paderborner Amtskollege stellt zu Beginn der Fastenzeit 1942 in einem Hirtenwort die rhetorische Frage, ob nicht das arme, unglückliche Russland Tummelplatz von Menschen sei, „die durch ihre Gottfeindlichkeit und durch ihren Christenhaß fast zu Tieren entartet sind.“ Das liest sich konträr zu dem, was Lütz auf S. 213 hervorhebt: „Den Christen verbot die Überzeugung von der Gottebenbildlichkeit jedes Menschen den Gedanken „minderwertiger Rassen:“ “

Fazit: Manchmal fragt man sich schon, wie klar oder unklar der Kenntnisstand von Herrn Lütz ist. Es ist tröstlich, dass sich viele seiner Aussagen problemlos zurechtstutzen lassen. Von dem hohen Ross, auf dem er besserwisserisch durch die Kirchengeschichte reitet, kann man ihn leicht herunterholen.

Manfred Lütz, Der Skandal der Skandale Die geheime Geschichte des Christentums, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2018, 286 S. , ISBN 978-3451-37915-4, gebundene Ausgabe 22 €.

COPYRIGHT: Dr. phil. Josef Breinbauer

Manfred Lütz und die Juden in seinem Buch „Skandal der Skandale“

Ein Hinweis von Christian Modehn am 16. 4. 2018

Einige LeserInnen meines Beitrags auf dieser website haben mich gefragt, was denn eigentlich der problematisch wirkende Satz von Lütz auf Seite 31 in seinem Buch „Skandal der Skandale“ bedeuten könnte.

Sie zitierten dann diesen Satz: „Der amerikanische Politologe Gary Remer ist sogar der Meinung, hätte im Mittelalter ein jüdischer Staat bestanden, dürften manche Heiden der Verfolgung ausgesetzt worden sein“. Nur das von mir kursiv Gesetzte stammt von Gary Remer. Der erste Teil des Satzes, der Hauptsatz, stammt von Herrn Lütz.

Mein Hinweis: Die Interpretation dieses Satzes erschließt sich wie so oft nur aus dem Kontext: ENTSCHEIDEND ist der Gesamtzusammenhang, in dem das Zitat von Gary Remer steht:

Denn einige Zeilen vor dem Zitat von Gary Remer spricht Lütz von der politischen Rolle des Judentums in der Geschichte: Das Judentum war als Minderheit nirgendwo eine dominante Religion, schreibt Lütz. Dann schreibt er wörtlich „Wie aber die jüdische Existenz stets eine geschlagene war, so blieb sie doch lange vor einer Herausforderung bewahrt: Der Toleranz-Gewährung“. Das heißt also: Die Juden kamen historisch nie in die Lage, anderen Toleranz zu gewähren… Diesen Hauptgedanken variiert Lütz noch einmal wörtlich: „Nicht weniger absolut als die beiden anderen Monotheismen, musste das Judentum den Rahmen einer „Erlaubten Religion“ nie selbst aktiv bestimmen.“ Das Judentum hat in der Sicht von Lütz also keinen Beweis seiner eigenen Toleranzpolitik vorgelegt. Das schwache Judentum brauchte nie und konnte nicht als Minderheit politisch die Grenzen der Toleranz in den Staaten bestimmen. Das Judentum hat also keine Ahnung und keine praktische Vorstellung von Toleranz. Diese Behauptung will dann Lütz durch eine spekulative Frage verschärfen, indem er fragt: Hätten denn unter anderen Bedingungen die Juden etwa den Heiden gegenüber sich tolerant verhalten? Diese Frage verneint Lütz selbst, lässt aber diese Verneinung einen Juden sagen, den amerikanischen Juden Gary Remer.  Wo genau Herr Remer diesen Halbsatz in welchem Buch sagt, verrät uns der angeblich wissenschaftlich arbeitende Herr Lütz nicht. Ob Herr Remer und jüdische Freunde von Lütz über diese seine Inszenierung eines möglichen intoleranten Judentums froh sind, ist die Frage…

Noch einmal: ERST nachdem Lütz die mögliche Intoleranz der Juden freigelegt hat, schließt Lütz den ominösen halben (!) Satz an, der in dem Gesamtzusammenhang eindeutig als Fortführung des eigenen, Lützschen Denkens zu verstehen ist, also als spekulative Interpretion der These von Lütz: Dass Juden politisch keine Ahnung von Toleranzgesetzen haben können.

Und dann folgt der Halbsatz, als Bruchstück, von Gary Remer, in den Lützschen Gedanken eingebau. Er ist in der Funktion des Halbsatzes eindeutig eine Verdeutlichung des Lützschen Denkens. Den Nebensatz von Remer baut Lütz also evident in seine eigene Interpretation ein. Es ist also förmlich Lütz selbst, der das sagt, was Remer in den acht Worten sagen darf.

Lütz schreibt also: „Der amerikanische Politologe Gary Remer ist sogar der Meinung, hätte im Mittelalter ein jüdischer Staat bestanden…., UND JETZT erst beginnt das Remer Zitat: “dürften manche Heiden der Verfolgung ausgesetzt worden sein“.

Lütz hätte in einem anschließenden Satz diesen Halbsatz von Remer kritisch kommentieren können. Macht er aber nicht. Stattdessen springt er sofort in die Gegenwart. Er schreibt: „Erst heute steht der Staat Israel vor der Aufgabe der Regelung religiöser Vielfalt“. Ob der Staat Israel als Staat der Juden nun endlich mal politisch Toleranz lebt (etwa gegenüber den Palästinensern) oder nicht, lässt Lütz offen.

Im ganzen ist dieser Gedanke von Lütz eigentlich auch skandalträchtig: Mit dem ins eigene Argumentieren eingebauten halben Satz von Remer suggeriert Lütz: Juden wären auch intolerant gewesen, wenn sie denn politsch über andere hätten herrschen können.

Damit wird das intolerante Bild „der“ Christen relativiert. Das nennt man christliche Apologie, sogar noch mit den Mitteln einer spekulativen Frage nach der Gewalt durch Juden gegenüber Heiden. Auch dieses Beispiel zeigt: Lütz hat oberflächlich und polemisch gearbeitet. Einmal musste er sich schon, ebenfalls im jüdischen Zusammenhang, öffentlich einen gravierenden Fehler eingestehen: In der Frankfurter Rundschau vom 28.3. 2018, Seite 32. Der FR  Journalist zitiert Lütz aus seinem Buch zum Thema Holocaust: „Manches im christlichen Verhalten (im Holocaust) mag skandalös gewesen sein“. Joachim  Frank weist auf dieses unpräzise Gerede hin. Darauf Lütz: „So steht das? Oh! Da bin ich für Ihren Hinweis dankbar. Da muss –ist- stehen. Wird in der 2. Auflage nach gebessert“.

Ich bleibe dabei und bitte den Herder Verlag um öffentliche Auskunft, warum gerade er als doch etwas theologisch ambitionierter Verlag dieses Buch von Lütz herausgebracht hat. Und so viele Käufer fallen offenbar auf dieses „“Opus“  rein. Geht es wirklich nur ums Geld?

Vor allem: Haben die sechs im Buch genannten hochkarätigen Theologieprofessoren wirklich dieses Opus vorweg gelesen?  Falls Ja, wäre auch diese eine Blamage.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

Glauben als Lebenskraft: Ein Vortrag von Wilhelm Gräb über Paul Tillich

Vom 23.bis 25.März 2018 fand in der evangelischen Akademie von Hofgeismar eine Tagung statt über einen der wichtigsten Texte des Theologen und Religionsphilosophen PAUL TILLICH (1886 – 1965). „Der Mut zum Sein“ erschien 1952, das Buch fand und findet vielfache Beachtung. Denn, so Tillich, Glaube ist keine Bindung an Dogmen, sondern eher der existentiell erlebte und vollzogene MUT, das eigene Leben anzunehmen, trotz aller Widrigkeiten dieses Lebens.

Der protestantische Theologe Prof.Wilhelm Gräb hielt in Hofgeismar den Abschlussvortrag mit dem Titel „Glaube als Lebenskraft“. Sie können den Vortrag nachlesen:  Glauben-als-Lebenskraft-Tillich-Hofgeismar-Gräb.pdf

Das Buch „Der Mut zum Sein“ ist bei de Gruyter erschienen mit einem Vorwort des Theologieprofessors Christian Danz (Wien)