Über die Unendlichkeit. Zum neuen Film von Roy Andersson.

Zugleich auch Hinweise zum Unendlichen, das die Endlichkeit und das Endliche in sich umfasst. Inspiriert von Hegel und (am Schluss) mit einem Zitat des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy.

Von Christian Modehn, zuerst publiziert am 21.9.2020. Überarbeitet publiziert am 29.3.2021.

1.
Der neue Film von Roy Andersson „Über die Unendlichkeit“ liegt nun endlich als DVD, auch auf Deutsch, vor. Andersson zeigt wie in früheren Filmen wieder Denk-Bilder, vielfältige Szenen, die ins Philosophieren führen. Ein großartiger, gelungener Versuch! Denkbilder entstehen nur, wenn die Bilder wirklich stehen, wenn keine Schnitte geschehen, wennalles ruht, sich darbietet zum Schauen, Betrachten und Verweilen. Und diese Bilder Anderssons prägen sich dem Gedächtnis ein, so werden sie Denkbilder. Und man schaut dann wütend auf die Flut der rasanten Schnitte der schnellsten action, die uns heute in den meisten Filmen das Zuschauen verderben.
2.
Der Titel „Über die Unendlichkeit“ lässt keinen Zweifel, dass es Andresson entschieden um die Frage nach dem Ewigen, dem Göttlichen und Gott geht. Auch die Fragen nach einem echten Leben in freundlicher Achtsamkeit und Solidarität führt ja bekanntlich als ethische Frage ins Religiöse. Ein lutherischer Pfarrer hat in dem Film ein Problem: „Wenn man den Glauben verloren hat, was kann man dann noch tun?“ fragt der Pfarrer, der Hilfe bei einem hilflosen Psychiater sucht. Wenn er in seiner Not am Ende der Sprechstunde erneut Beratung sucht, wird er rausgeschmissen. Der Arzt darf seinen Bus nicht verpassen…
3.
Die vielfältigen Bilder werden durch eine Kommentatorin eingeleitet bzw. begeleitet, die OFF-Stimme beginnt immer mit den Worten: „Ich sah einen Mann“…bzw. „Ich sah eine Frau“. Wer das Neue Testament kennt, wird dabei deutlich an das Buch „Apokalypse des Johannes“ (Offenbarung des Johannes) erinnert. Die allermeisten Kapitel dieses Buches werden mit den Worten „Und ich sah…“ eingeleitet. Andersson bindet seinen Film also an apokalyptische Erfahrungen. Das macht schon die eindrucksvolle Szene deutlich, in der ein eng umschlungenes Liebespaar über die zerstörte Stadt Köln schwebt. Man denke auch an die lange Einstellung, die Gefangene zeigt auf dem Weg ins Straflager Sibiriens. und das Ewige und Bleibende wird sozusagen naturwissenschaftlich angesprochen in einem Bild: Studenten unterhalten sich über die Gesetze der Thermodynamik, über das Erhaltenbleiben der Energie…Die Studentin möchte dann lieber als Tomate denn als Kartoffel nach Millionen Jahren wieder auftreten, auf Witz und Ironie kann Roy Andersson niemals verzichten.
4,
Der Film ermuntert natürlich, philosophisch weiter über das Unendliche nachzudenken. Bei dem Thema kann ich auf Hinweise zu Hegel nicht verzichten. Hegel ist DER Denker des Verbundenseins von Endlichem und Unendlichem.
5.
Zum Phänomen des Endlichen: Das Endliche ist das Geschaffene, Begrenzte, Sterbliche, Zerstörbare, auf andere Verwiesene und von Anderen Abhängige. Der Mensch fühlt sich manchmal autonom; dabei weiß der endliche Mensch, dass er nicht aus eigener Kraft entstanden ist, dass er etwa die körperlichen Funktionen im eigenen Leib nicht wirklich selbst bestimmen und steuern kann, dass er nicht nur nicht sein Geborenwerden bestimmt hat noch – wahrscheinlich – die Stunde des eigenen Sterbens kennen wird.
Menschliche Autonomie gibt es, „Gott sei Dank“, aber sie ist doch sehr begrenzt. Und dennoch erleben wir und wissen wir endliche Wesen manchmal, dass wir über das Endliche hinausreichen, in einer Art geistigen Dynamik, die uns Grenzen und Begrenzungen, also Endliches, überschreiten lässt.
6.
Schon in der „Differenzschrift“ Hegels, verfasst in jungen Jahren, 1801 in Jena, geht es in dem ersten Kapitel um die Überwindung des üblichen „alltäglich geglaubten“ Gegeneinanders von Endlichem und Unendlichem, ein Thema, das Hegel sein ganzes Leben beschäftigt. In der „Differenzschrift“ heißt es (zitiert nach der Suhrkamp Ausgabe, Band 2, Seite 21): “Das Unendliche, insofern es dem Endlichen entgegengesetzt wird, …drückt für sich nur das Negieren des Endlichen aus“.
Damit will Hegel sagen: Ein Unendliches, das sich nur im permanenten Negieren des Endlichen zeigt, ist das, wie er sagt, „unwahre Unendliche“. Wie kommt Hegel zu dieser Erkenntnis?
Wir überscheiten im Denken ständig das Endliche, „negieren“ es, schreiten von einem Endlichen zum nächsten Endlichen, das wir dann auch wieder als Endliches überwinden. Das ist gerade in den Naturwissenschaften ein normaler Vorgang, der grenzenlos erscheinende, deswegen unendlich genannte Weg von einem Endlichen zum anderen.
Wie auf einer Linie ohne Ende schreitet förmlich das Denken von einem zum anderen, dem besser Erkannten. Gerade jetzt, in Zeiten der Corona-Pandemie, erleben wir, wie die Forschung sich langsam von einer Erkenntnis zu nächsten vortastet. Diese Forschung ist, indem sie immer alte endliche Erkenntnisse negiert, ein unendlicher Prozess, und es ist gut, dass ihn Forscher betreiben.
7.
Aber ist dieser unendliche Weg der Überwindung einer Endlichkeit zu einer anderen Endlichkeit schon eine Erfahrung der Unendlichkeit? Ist Unendlichkeit Grenzenlosigkeit auf einer horizontalen Linie, auf der wir von einer endlichen Erfahrung zur nächsten gehen?
Hegel sagt dazu entschieden Nein, so sehr er auch die oben beschriebene Forschung als Fortgang von einem Endlichen zum nächsten schätzt und für notwendig hält.
8.
Die wahre Unendlichkeit zeigt sich erst, wenn der Mensch in seinem Geist diese gerade beschriebene ständige Überwindung des Endlichen noch einmal reflektiert und fragt, wie ist sie eigentlich möglich? Welche innere geistige Kraft treibt mich über jedes Endliche hinweg zum nächsten Endlichen?
Und dabei wird entdeckt: Es lebt eine Kraft im menschlichen Geist, die diese Dynamik des Lebens im Endlichen (auch im Forschen des Endlichen) sozusagen ständig belebt und ermöglicht. Schon 1801 in der genannten „Differenzschrift“ (S. 25) schreibt Hegel: „Die Aufgabe der Philosophie besteht darin, das Endliche IN das Unendliche als Leben zu setzen“.
Das heißt: Das Endliche, also auch der Mensch, ist in das Unendliche hineingesetzt, als Bedingung der Möglichkeit seines geistigen Lebens.
9.
Das wahre Unendliche im Sinne Hegels ist die im Inneren des menschlichen Geistes anwesende, sozusagen „vertikal“ ins Innere gelagerte Unendlichkeit, dies ist für Hegel der unendliche Geist, man könnte im Sinne Hegels sagen: Das Göttliche, Gott.
Diese Erkenntnis mag für einige heute ungewöhnlich sein:
Hegel betont: Es ist die Anwesenheit des unendlichen Geistes (als des Geistes des Unendlichen, also Gottes), die das geistvolle Leben, dieses ständige Suchen nach dem Unendlichen ermöglicht. DIESE Unendlichkeit drückt sich in der Wirklichkeit aus, wenn der Mensch, künstlerisch, schöpferisch tätig ist, voller Phantasie, die den Alltag überschreitet. Der Mensch formt sich dann auch Religionen, schafft sich in bunten Erzählungen die heiligen Schriften (Bibel, Koran usw.). Der endliche Mensch liebt den und die anderen, dabei schwingt er manchmal aus sich heraus; er steigert sein Selbstgefühl.
10.
Der Mensch ist das transzendierende, d.h. die eigene Endlichkeit überschreitende Wesen.

Das (schöpferische) Unendliche umfängt förmlich als innere Struktur im Endlichen das Endliche, ohne dieses in seiner Freiheit und Tätigkeit einzuschränken. So wird das Endliche, also der endliche Mensch, nicht nur zum Überschreiten jeglicher Endlichkeit aufgefordert. Das Endliche weiß zudem, dass er gleichzeitig mit dem unendlichen Geist verbunden ist. So gibt es also eine wahre Einheit von Endlichem und Unendlichem.

11.
Was hat das alles mit dem Film „Über die Unendlichkeit“ zu tun? Die vielen Beispiele des Verstricktseins in die Endlichkeit, in das Leiden der Menschen, werden wenigstens gedanklich versöhnt, weil im Nein zu diesen endlichen Situationen ein Licht der Anwesenheit des Unendlichen aufleuchtet. Dieses Licht bleibt, es kann von Menschen übersehen, totgeschwiegen, aber nicht „abgeschaltet“ werden. Der Geist lässt sich nicht töten!
Diese Erfahrung der wahren Unendlichkeit inmitten des (Schreckens des) Endlichen kann man ein Aufleuchten von Transzendenz nennen.
Insofern ist der neue Film von Roy Andersson „Von der Unendlichkeit“ nicht nur ein philosophischer, sondern ein leiser Film schwacher religiöser Sehnsucht.
Aber diese Sehnsucht nach dem Unendlichen ist nicht ein Spleen, schon gar nicht ein Wahn, diese Sehnsucht ist vielmehr selbst „geistgewirkt“, sie weckt eine begründete Hoffnung, nicht in der Endlichkeit zu versinken.

12.
Das ist der praktische Sinn, wenn Hegel auf die wahre Unendlichkeit hinweist: Die unwahre, also die bloß horizontale und immer endliche Unendlichkeit bleibt ja bestehen, und sie muss zum Beispiel als Gestalt der endlosen Forschung bestehen bleiben.

Aber erst wenn auch die wahre Unendlichkeit erkannt und bewusst erlebt wird, auch als die innere Ermöglichung der endlosen, horizontalen Unendlichkeit, findet der menschliche Geist seine Erfüllung. Man möchte sagen seine seelische Harmonie und lebendige Beruhigung, ja auch dies: seinen Frieden, trotz aller Katastrophen, die nun einmal in den vielen Endlichkeiten auftreten.

Ein Zitat von Jean-Luc Nancy: „Wir sind unendlich. Unendlich sein heißt nicht, unendlich lange zu leben. Es heißt, dass es etwas in uns gibt, was nicht von der Zeit abhängig ist. Etwas, das über die Zeiten trägt, das uns nicht auf unsere kurze Lebenszeit reduzieren lässt„. (Aus einem Gespräch, das Michael Magercord mit Jean-Luc Nancy geführt hat).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Auferstehung? Zu einem neuen Buch des Theologen Hans Kessler.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die Überzeugung von der Auferstehung Jesu von Nazareth ist umstritten, ungewöhnlich, sie sprengt Grenzen des Verstandes. Für einige ist sie berauschend, für andere lächerlich. Immer aber wird zur Auferstehung Jesu von Nazareth dann doch sprachlich Stellung genommen, also mit dem Anspruch zu argumentieren. Es gibt auch Versuche der kritischen Vernunft, für die Möglichkeit der Auferstehung zu plädieren. Diese Versuche verdienen genauso viel Aufmerksamkeit wie manchmal übereilt erscheinende Abweisungen.

1,
Der katholische Theologe Hans Kessler (Prof. em. für systematische Theologie an der Uni in Frankfurt/M.) publiziert seit vielen Jahren zu einem ziemlich wichtigen Thema, bei dem es um den Umgang mit Leben und Tod und dem „Danach“ geht, also zur Auferstehung Jesu von Nazareth bzw. zum Thema Ostern in den christlichen Kirchen. Vor allem seine umfangreiche Studie „Sucht den Lebenden nicht bei den Toten“, zuerst 1985 erschienen, dann später sehr stark erweitert, hat ihn als katholischen „Auferstehungs-Spezialisten“ in Deutschland bekannt gemacht. Kessler versucht, das umstrittene, heftig debattierte Thema Auferstehung argumentativ zu erschließen. Also nicht, wie oft in Predigten üblich, die Worte aus den Evangelien bloß zu wiederholen oder in frommem Jubel zu rezitieren. Kessler nennt Gründe, warum die Überzeugung von der Auferstehung Jesu und der Auferstehung der Menschen vernünftig plausibel sein kann. Wer mathematische Beweise in Philosophien und Religionen verlangt, ist sowieso falsch beraten… Kessler zeigt zudem, dass dieser Glaube eine Lebensdeutung, eine Art Lebensphilosophie sein kann, die selbstverständlich im Sinne der Auferstehung als „politischer Aufstand für die Gerechtigkeit“ auch politische Dimensionen hat. Darum werden auch die bekannten Gedichte von Kurt Marti und Marie Luis Kaschnitz gewürdigt.
Das neue Buch ist also zu empfehlen, als Einstieg zum Thema.
2.
Das vom Umfang her eher knappe Buch (170 Seiten eigener Text, 26 Seiten Quellenangaben!) hat den Titel: „Auferstehung?“ (mit Fragezeichen), das ist wichtig, um die Offenheit der Reflexionen gleich zu Beginn anzudeuten! Der Untertitel ist: „Der Weg Jesu, das Kreuz und der Osterglaube“. So wird von vornherein betont: Die Auferstehung Jesu kann überhaupt nur im Zusammengang seines ganzen Lebens und dann seiner Verurteilung und seines Sterbens verstanden werden. Denn um ein vernünftiges Verstehen geht es ja.
3.
Das Buch präsentiert sich systematisch, und darin zeigt sich es fast als kleines gut zugängliches „Lehrbuch“, auch für Studenten und Arbeitskreise geeignet. Es beginnt also mit Erläuterungen zu den unterschiedlichen Quellen zum Leben Jesu von Nazareth, das Buch betont Jesu „Schlüsselerfahrung und Grund-Botschaft“. Dann folgen längere Erklärungen zu den Gründen für Jesu Verurteilung und Kreuzigung. Sehr deutlich sagt Kessler, dass sich Jesus durch sein ungewöhnliches Leben und seine Botschaft „in Gegensatz zu maßgeblichen Kreisen seines Volkes“ stellte (40). Und: „Jesus geriet in Gegensatz zur geltenden Doktrin und ihren Hütern“ (ebd). Man dürfte dann konsequenterweise beschreibend und nicht bewertend sagen: „Jesus der Jude ist in gewisser Weise aus der herrschenden Theologie seines Volkes herausgewachsen“. (Das ist meine Hypothese, C.M.)
4.
Mit Nachdruck weist Kessler darauf hin: Die vier Oster-Berichte der Evangelisten sind sehr reichhaltig ausgeschmückte und phantasievolle Predigten, sie sind selbstverständlich absolut KEINE historischen Berichte. Wer sie als Tatsachenberichte liest und so noch heute mit einzelnen Sätzen zitiert, irrt gewaltig! Und fördert eher die religiöse Naivität, wenn nicht Dummheit. Hingegen muss beachtet werden: Kurze Sätze, Bekenntnisse, die von der Auferweckung Jesu sprechen, gibt es schon sehr früh mündlich überliefert, dann vor allem in vielen Paulus-Briefen, etwa schon im Jahre 50 im 1. Brief an die Thessalonicher: 1. Thess 1, 10, auch 4,14 usw.
Die Auferstehung Jesu als Ereignis im Bewusstsein der Jünger Jesu hat selbstverständlich kein präzises Datum. Leider, das gibt Kessler zu, haben viele „wunderschöne“ Gemälde großer Künstler das direkte, materiell greifbare Auferstehungsgeschehen übertrieben viel zu sachlich sachlich – drastisch geschildert, wie etwa Caravaggios bekanntes Gemälde vom „Ungläubigen Thomas“ von 1601: Thomas greift förmlich, von Jesu unterstützt, in dessen Seitenwunde der Kreuzigung. Kessler hält dieses „künstlerisch großartige Gemälde“ aber theologisch für irreführend und missverständlich (95). Solche Bilder, naiv interpretiert, haben den Glauben an das geistige Auferstehungsgeschehen als Bewusstseinsgeschehen eher gestört, wenn nicht ins Infantile geschoben. Die so genannte christliche, eigentlich „katholische Kunst“ des überschwänglichen Barocks hat meiner Meinung nach den Glauben oft verfälscht, man denke auch an die vielen maßlosen Mariendarstellungen oder an den „Gott Vater“ als alten Mann mit Bart. Man versteht in dem Zusammenhang vielleicht die Abwehr reformierter Christen gegenüber „religiöser Kunst“.
5.
Das ist zentral also in den Erfahrungen der Jünger und FreundInnen Jesu: Sie erlebten nach Jesu Tod einmal mehr, aus welcher spirituellen Mitte Jesus lebte: Es ist „seine ureigene Gotteserfahrung“ (49), seine Gottunmittelbarkeit. So wird er als „der Gott ganz entsprechende Mensch“ erlebt.Diese Erinnerung ist dann prägend und bestimmend.
6.
Damit sind wir bei dem, was Auferstehung Jesu genannt wird. Die Jünger erinnern sich nach Jesu Tod (um das Jahr 30) weiter an diesen ungewöhnlichen Menschen, „der ganz Gott entsprach“. Dieser gottverbundene Mensch mit seiner Botschaft von der Herrschaft Gottes, kann nicht im Tod versinken. Denn in ihm „lebt Gott“. Die Jünger „produzieren“ also in gewisser Weise den Glauben an die Auferstehung, wie es der Bibelwissenschaftler Ulrich B. Müller in seinen Studien zeigt. Aber, und das wird leider meines Erachtens nicht deutlich gesagt: Dieses menschliche „Produzieren“ der Auferstehung ist dialektisch gesehen ZUGLEICH ein Werk des göttlichen Geistes, der ja auch in den „produzierenden“ Menschen lebt, zu dem sie frei Stellung nehmen können.
7.
Der im Bewusstsein der Gemeinde lebendige, auferstandene Jesus kann also durchaus als menschliche Leiche im Grab liegen. Wo sollte auch ein Leichnam hin? Und wenn Jesu leibhaftig wieder da wäre als der „Alte“, dann müsste er ja erneut irgendwo sterben, dann beginnt die Frage der Auferstehung von neuem… Die Frage, was aus dem Grab Jesu „eigentlich“ dann wurde, interessiert die Gemeinde derer, die an die Auferstehung glauben nicht mehr. Erst später, im 4.Jahrhundert, wurde der Kult um Jesu Grab inszeniert, im Rahmen des Wallfahrtswesens.
Hans Kessler betont darum wie in früheren Publikationen schon eigentlich die Selbstverständlichkeit: Nach damaliger auch schon jüdischer und dann christlicher Auffassung musste das Grab nicht leer sein“ (87).“Das leere Grab ist kein notwendiger Bestandteil des christlichen Auferstehungsglaubens“ (ebd.)
8.
Die Auferstehung verstehen – das ist für einige vielleicht doch noch ein zentrales Thema zu Ostern! Dies erfordert einen anspruchsvollen Prozess des Nachdenkens und Forschens, der Befreiung von der üblichen immer noch praktizierten infantilen Bibellektüre. Also die Korrektur so schön überlieferter, aber banaler Denk-Bilder. Sehr schön zeigt Kessel auch in philosophischen Reflexionen, etwa mit Verweis auf Boethius, was eigentlich der Begriff „Ewigkeit“ bzw. „ewiges Leben“ bedeutet, der ja entscheidend ist für ein christliches Verstehen der Auferstehung aller Menschen: Denn das ist ja die Bedeutung der Auferstehung Jesu: Alle Menschen sind als „Geschöpfe Gottes“ zur Auferstehung als Todesüberwindung berufen und befähigt. „Ewiges Leben könnte, vorsichtig formuliert, darin bestehen, dass endliche vergängliche Geschöpfe an Gottes unvergänglicher (ewiger) Lebendigkeit Anteil bekommen“ (159). Man beachte also immer wieder: Jesu Auferstehung zeigt die grundsätzliche Auferstehung (als „Übergang“ in Gottes Ewigkeit) ALLER Menschen. Das ist förmlich der Sinn von Jesu Auferstehung: Zeigen, dass alle Menschen auferstehen.
9.
Gerade an der Stelle hätte ich mir eine Ausbreitung dieses Gedankens gewünscht: Wenn von Gott oder dem schöpferischen göttlichen Prinzip die Rede ist: Dann muss auch davon gesprochen werden, dass dieser allseits schöpferische Gott (und als Gott der Ewige) Welt und Menschen „erschaffen“ hat (in einer evolutiven Entwicklung). Und dass dann aber dieser schöpferische Gott als göttlicher Geist IN der Welt und IN den Menschen immer schon anwesend ist. Eine von Gott dem Schöpfer getrennt bestehende Welt der Menschen ist undenkbar, wenn man an dem Gottesbegriff festhalten will.
Das bedeutet: Nur weil der ewige Gott als Geist (Seele) in jedem Menschen ist, natürlich auch im Menschen Jesus, kann es überhaupt Auferstehung geben als die Erfahrung: Der Mensch hat kraft seines Geistes am Ewigen Anteil. Und dieses Ewige ist im Leben erfahrbar, etwa in der Liebe oder dem Tun des Gerechten. Leider erwähnt Hans Kessler nicht die in dem Zusammenhang wichtige Studie des protestantischen Bibelwissenschaftlers, Prof. Stefan Alkier (Uni Frankfurt.M) „Die Realität der Auferstehung“ (2009): „Die Welt, alles Leben und auch das je meinige Leben entspringen […] nicht einem blinden Zufall, sondern der intentionalen Kreativität des sich liebevoll in Beziehung setzenden Gottes.“ „Wer diese Hypothese nicht teilt, kann auch nicht mit den Schriften des Neuen Testaments […] von der Auferweckung Jesu Christi und der Hoffnung auf die Auferweckung der Toten sprechen“ (S. 238).
10.
Diese Erkenntnis hat Jesus von Nazareth offenbart und dadurch allen Menschen zugänglich gemacht. Dies ist also der entscheidende Vorschlag der christlichen Religion und der biblischen Überlieferung: Das menschliche Leben ist im Zusammenhang des schöpferischen (ewigen) Gottes zu verstehen. Nur weil das menschliche Leben immer schon in das Leben des Ewigen einbezogen ist, „gibt“ es die Auferstehung Jesu und die Auferstehung aller anderen Menschen.
Diese Erkenntnis wurde bekanntlich auch vom Philosophen G.W.F. Hegel vorgetragen und begründet.

Siehe auch den ausführlichen Beitrag von Christian Modehn, „Die Auferstehung Jesu von Nazareth vernünftig verstehehen“, LINK

Hans Kessler, Auferstehung? Matthias Grünewald Verlag Mainz, 2021, 203 Seiten, 22 Euro.

Kardinal Joachim Meisner duldete als „Marienkind“ sexuellen Missbrauch. Er war selbst ein „Bruder im Nebel“.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 19.3.2021

Ein Vorwort:
Kardinal Meisner hatte als Erzbischof von Köln (1989 – 2014) einen eigenen Aktenordner angelegt mit dem Titel „Brüder im Nebel“. Darin sammelte er fleißig alle Vorwürfe sexuellen Missbrauchs gegen seine Priester. Diese wurden dann nicht bestraft. Er konnte doch seine „Mitbrüder“ nicht verraten!
„Brüder im Nebel“ – auf diesen Titel konnte Kardinal Meisner nur kommen, weil er selbst spirituell und theologisch im Nebel lebte. Das zeigen die folgenden Hinweise. Erzbistum Köln also im Nebel?
—-2017 habe ich einen Beitrag geschrieben: Kardinal Meisner – Ein Kirchenfürst ist tot. LINK

1.
Kardinal Meisner kann nach den Erkenntnissen des 18. März 2021 nicht mehr zurücktreten. Er ist im Himmel, wahrscheinlich. Umbetten, also sein Grab aus dem Kölner Dom entfernen, wird Kardinal Woelki nicht planen. Wo sollte „Eminenz“ denn dann hin? Zurück in seine schlesische (polnische) Heimat Breslau? Ins Land seines intimen Freundes, Papst Johannes Paul II.? Würde der Eminenz sicher gefallen, wo er doch in Köln nie so richtig „warm wurde“…

2.
Die beste Strafe für den „Pflicht verletzenden“ Kardinal Meisner könnte es sein, wenn sich kritische Journalisten und kritische Theologen intensiver mit Meisners „Theologie“ auseinanderzusetzen. Und diese Theologie bzw. Spiritualität hat einen zentralen Mittelpunkt in mythologischen, ausschweifenden Bildern zur Gestalt MARIAs, der Mutter Jesu von Nazareth.

3.
Die These könnte also sein: Kardinal Meisner verehrte Maria wie eine Art Göttin. Und neben dem sanften und bei Meisner ins Spinöse abrutschenden weiblichen göttlichen Prinzip „Maria“ stand das streng männliche, das inquisitorische Prinzip des männlich gedachten Gottes. Ihn setzte Kardinal Meisner mit Macht durch. Gegenüber anders Denkenden, etwa Progressiven, aber nicht gegenüber seinen „Mitbrüdern“, die Untaten begangen hatten im sexuellen Missbrauch. Im Fall des Klerus, der „familiären Mitbrüder“, galt für ihn das marianische Prinzip, des alles Verstehens und Verschweigens.

4.
Ich kann diese Hypothese nur kurz belegen:
Das Argument beginnt am 18.3.2021 in Köln:
„Herrn Dr. Meisner trifft ein Drittel der von uns festgestellten Pflichtverletzungen,“ betont der Strafrechtler Björn Gercke bei der Vorstellung seines Gutachtens zum Umgang des Erzbistums Köln mit sexuellem Missbrauch am 18.3.2021.
Bei Erzbischof Meisner seien 24 Pflichtverletzungen in Zusammenhang mit Missbrauch festgestellt worden. Dabei gehe es größtenteils um die Aufklärungs- und Meldepflicht, aber auch um die Sanktionierungspflicht, die Verhinderungspflicht und um die Opferfürsorge.

5.
Also: Meisner, auf der Seite der alles liebenden Muttergottheit stehend, verzeiht alles, was den Klerus betrifft. Schließlich muss Meisner das alte, angeblich schöne Gesicht der katholischen „Mutter Kirche“ bewahren. Und dieses makellose Gesicht der römischen Kirche wird durch wenigstens nach außen hin makellose Priester garantiert.

6.
Vielleicht dachte Kardinal Meisner beim Verschleiern und Verschweigen der Untaten an seinen Wahlspruch als Bischof und Kardinal: „Spes nostra firma est pro vobis“, „Unsere Hoffnung steht fest für euch“. Das heißt übersetzt: „Ich hoffe für euch Kleriker das Beste, wenn ich eure Untaten verschweige…“ Dieses Zitat hat Meisner dem 2. Korintherbrief Kapitel 1, Vers 7 entnommen. Der vollständige Satz heißt: „Unsere Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: Wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben“. Sah Meisner die sexuellen Missbrauch vollziehenden Priester vielleicht als „Leidende“? Wollte er sie mit seinem Schweigen und Übersehen „trösten“.

7.
Jeder, der Meisner etwas näher kannte, erlebte ihn als weitschweifenden Prediger, er hielt Ansprachen, die immer leicht mysteriös waren und zu abwegigen spirituellen Bonmots neigten, er war halt ein schwadronierender Redner.
Etwa: „Wir werden keinem anderen Stern (gemeint ist der rote Stern der Kommunisten) folgen als dem Stern von Bethlehem“. So Meisner im Jahre 1987 (Siehe etwa: https://www.fr.de/politik/abschied-kantigen-kardinal-meisner-11022873.html)
Dieser Spruch aus der DDR Zeit ist wohl bekannt, aber er zeigt seine Bindung an mythische Bilder als einer Form der Realitätsbeschreibung. Wie soll jemand dem Stern von Bethlehem folgen, wo dieser Stern als solcher bestenfalls den Heiligen Drei Königen bekannt war, diese drei Könige aber sind ihrerseits nur Legende!

8.
Es ist diese Verschiebung des religiösen und (am Beispiel dieses in der DDR geäußerten Spruches) auch des politischen Bewusstseins ins Mythische – Irreale und Spinöse: Am schlimmsten ist wohl die Deutung der Rolle des Priesters durch Meisner: „Wer den Priester berührt, berührt Christus“. Dies sagte Meisner im Rahmen von Priesterweihen, Joachim Frank weist in dem oben genannten Artikel darauf hin. Siehe dazu noch als Ergänzung NR. 15. vom 20.3.2021 weitere Argumente, CM.

9.
Es ist zynisch im Sinne Meisners zu sagen: Wenn ein missbrauchtes Kind gezwungenermaßen einen Priester an bestimmten „Stellen“ berührte, dann hat dieses Kind sicher auch Christus berührt? Vielleicht tröstete sich Meisner mit diesem Gedanken in seinem Verschweigen und Vertuschen?

10.
Diese totale klerikale Meisner Welt wurde abgestützt durch seine spinöse Marien-Frömmigkeit. Theologen, zumal solche im kirchlichen Dienst, würden das Wort spinöse Frömmigkeit sicher nicht verwenden. Religionskritiker und Religionsphilosophen werden niemals darauf verzichten können, es trifft die Sache. Am Beispiel Meisners wird abermals deutlich, wie schnell Religion zum Opium, also zum Stillstand der Vernunft, führen kann.

11.
Kardinal Meisner wollte allen Ernstes ein „Marienkind“ sein. Ja, ein Kind wollte er sein. Behütet und geführt von der Himmelsgöttin Maria. Und er war geradezu ein fanatischer Verehrer der Gestalt Marias, der Mutter Jesu von Nazareth, das verband ihn ganz eng mit dem polnischen Marien-Fanatiker, Papst Johannes Paul II. Und über diese dicke Freundschaft mit dem Papst (Meisner soll mehrfach im Monat bei seinem päpstlichen Freund geweilt haben, auch um Geldspenden abzuliefern) wurde es ihm ermöglicht, allen seinen Einfluss bei der Ernennung von Bischöfen in Deutschland durchzusetzen: Woelki ist ein Meisner „Produkt“, Erzbischof Koch ebenso usw.
Bei unserem Thema ist entscheidend: Die Liebe zur Jungfrau Maria hat förmlich das klare Denken Meisners blockiert im Umgang mit den Verbrechern unter den Priestern. Er sagte am 31. 5. 2009: „Maria bringt uns den Heiligen Geist ins Haus“….Aber es war der heiige Geist des Klerikalismus.

12.
Meisner bekannte ganz offen, dass sein allerliebstes Kirchenlied das Marienlied „Segne du Maria, segne mich dein Kind“ ist. (Quelle: Zeitschrift „Tag des Herrn“, 13.12.2013)

Es lohnt sich, dieses urlalte Lied zu analysieren:
Die liebende Mutter der Kirche beruhigt mit ihrem Segen den erwachsenen Mann Meisner, alles zu tun, um seine eigenen Priester vor der Bestrafung ihrer Untaten zu schützen. Meisner wollte die Opfer des Missbrauchs nicht hören und unterstützen, sondern er vertraute, sozusagen in einem transzendenten Sprung, diese armen Menschen, die Opfer des Missbrauchs, Maria an, wenn er dann in der dritten Strophe des Liedes voller Inbrunst singen konnte:
„Segne du, Maria, alle die voll Schmerz,
gieße Trost und Frieden in ihr wundes Herz.
Sei mit deiner Hilfe nimmer ihnen fern;
sei durch Nacht und Dunkel stets ein lichter Stern“.
Nicht mehr der Mensch, etwa der verantwortliche Kardinal, muss die wunden Herzen trösten, sondern eine imaginierte Maria als Himmelskönigin. Als ein verträumtes spinöses frommes Marien – Kind fühlte sich Meisner, als er am Ende der 1. Strophe singen durfte:
„Laß in Deinem Segen Tag und Nacht mich ruhn!“
Um eine Kirche, die Gerechtigkeit für die Opfer schafft, brauchte sich Meisner dann selbst nicht zu kümmern, er durfte und konnte ja singen: „Deine Mutterhände breit auf alle aus,
„ Segne alle Herzen, segne jedes Haus!“

13.
Seine Eminenz Meisner, das müssen Psychologen (die selbstverständlich nicht kirchenabhängig sind) weiter prüfen, war letztlich ein spinöser und naiv erscheinender mystizierender Frommer, der einfach „abschwebte“. Mit schriller Stimme konnte er predigen, mit vielen Gesten und immer voller Rührung über seine eigenen Worte, mit Tränen in den Augen…
Andererseits war er ein launischer, herrischer Machtmensch, der alle Progressiven vergraulte, wie es ja auch sein päpstlicher Intimus Johannes Paul II., mit Leidenschaft tat. Ich erinnere mich nur an den medialen Aufstand, den Bischof Meisner in West – Berlin anzettelte nach der Sendung meines kritischen Beitrags zum Katholikentag 1980 in Berlin.LINK
Meisner verwandelte Berlin (vor allem West – Berlin) in eine theologische Wüste, alle vernünftigen Priester hatten Angst, es war ein Klima der Einschüchterung. Der bekannte progressive Pfarrer in Berlin – Kreuzberg, Dr. theol. Klaus Kliesch, wurde willkürlich aus seiner Gemeinde vertrieben, Protest nützte selbstverständlich gar nichts.

14.
Mit dem Marienkind Kardinal Meisner war es in Berlin ein Graus. In Köln ja auch. Das müsste nun detailliert aufgebarbeitet werden – bevor Meisners Sarg vielleicht nun doch in seine geliebte schlesische Heimat, auch ein „Marien -Land“, zurückkehrt.

15.
In dem empfehlenswerten Buch „Mythos Maria“ der Germanisten Herman Kurzke und Christiane Schäfer (C.H.Beck Verlag 2014) werden etliche alte Marienlieder historisch – kritisch und literarisch untersucht, darunter auch „Segne du Maria…“(S. 123 – 146). Wichtig ist: Es gibt eine Textfassung, die als „Lied für die Priester“ gesungen wurde (S. 144f.) Die Autoren des genannten Buches schreiben, dieser Text sei „eine mit einer konservativen Priesterideologie parfümierte Version“ (S. 144). In dem Lied aus drei Strophen werden die Priesterhand, das Priesterwort und das Priesterherz beschworen. Vor allem die Priesterhand soll rein bleiben, und die Autoren erinnern daran, dass bei der Priesterweihe die Priesterhand eigens gesegnet wird, sie „sollen stets heilig und ehrfürchtig sein“ (S. 145)… Die Perspektiven, die sich zum sexuellen Missbrauch durch Priester ergeben, sind offensichtlich.

16.
Das liebste Lied Kardinal Meisners, des Marienkindes, in voller Länge:

Segne Du Maria, segne mich Dein Kind.
Daß ich hier den Frieden, dort den Himmel find!
Segne all mein Denken, segne all mein Tun,
Laß in Deinem Segen Tag und Nacht mich ruhn!
– Segne Du Maria, alle die mir lieb,
Deinen Muttersegen ihnen täglich gib!
Deine Mutterhände breit auf alle aus,
Segne alle Herzen, segne jedes Haus!
– Segne du, Maria, alle die voll Schmerz,
gieße Trost und Frieden in ihr wundes Herz.
Sei mit deiner Hilfe nimmer ihnen fern;
sei durch Nacht und Dunkel stets ein lichter Stern.
– Segne Du Maria, unsre letzte Stund!
Süße Trostesworte flüstre dann Dein Mund.
Deine Hand, die linde, drück das Aug uns zu,
Bleib im Tod und Leben unser Segen Du!

Den Text verfasste die Konvertitin Cordula Wöhler (1845 – 1916) am 31. Mai 1870. Karl Kindsmüller (1876 – 1955) hat diese „Poesie“ vertont. Er war ein niederbayerischer Lehrer, Kirchenmusiker und Komponist zahlreicher geistlicher Lieder…
In einigen Bistümern ist dieses Lied noch im offiziellen katholischen Gesangbuch „Gotteslob“ vertreten.

17.
Vielleicht ließe sich mit protestantischen Theologen beim Ökumenischen Kirchentag demnächst ein ökumenischer Workshop zu diesem Lied veranstalten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Das Desaster in Köln – ein Desaster des Opus Dei.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 18.3.2021. Über den hoch belasteten Kardinal Meisner, das „Marienkind“, der in seinem marianischen Wahn die Täter deckte: LINK
1.
Es muss für weitere Recherchen und Studien festgehalten werden:
Das große Desaster der Kirchenführung im Erzbistums Köln ist eng verbunden mit dem Opus Dei:
2.
Weihbischof Dominikus Schwaderlapp (Köln) hat nach der Veröffentlichung der Kanzlei Gercke & Wollschläger am 18.3.2021 dem Papst seinen Rücktritt angeboten.
Schwaderlapp, so berichteten die Medien übereinstimmend, steht dem Opus Dei sehr nahe. Das gleiche gilt sicher auch für Kardinal Woelki, der zwar betont, dem Opus Dei als Mitglied nicht anzugehören. Aber seine Studien an der Opus Dei Universität in Rom haben ihn zweifelsfrei entsprechend sehr konservativ geprägt, an diese Universität hatte ihn ja sein Freund und Förderer Kardinal Meisner geschickt. Und merke: Man muss diesem Geheimclub Oous Dei nicht als Mitglied angehören, um wie das Opus Dei zu denken und zu handeln.
3.
Daran sollte weiter recherchiert werden, weil das Opus Dei sich stets als ultra-gehorsame Kampftruppe des Papstes und der katholischen Gesetze bzw. Gebote verstanden hat.
Aber das stimmt nicht.
Erneut wird nun aber öffentlich, dass einzelne Opus Dei Mitglieder dieser geforderten strengen Beobachtung der kirchlichen Gesetze nicht gefolgt sind. Sie haben kritische Theologen verfolgt und drangsaliert, wie unter vielen anderen Beispielen das Opus Dei Mitglied Kardinal Cipriani in Lima, Peru.
Opus Dei Leute haben sich eigenmächtig und verantwortungslos verhalten, wenn es um den Schutz klerikaler Eigenwelten und der „Mitbrüder“ ging. Bekanntlich sind Priester untereinander immer „MITBRÜDER“. Darin liegt vielleicht ein Schlüssel für alles Vertuschen und Verdecken von sexuellem Missbrauch der „Mitbrüder“…
Es ist diese bekannte Verlogenheit, diese Scheinheiligkeit, die immer wieder bei Opus Dei Mitgliedern und Sympathisanten festgestellt wird. Papst Franziskus hat früher schon Opus Dei Bischöfe abgesetzt. LINK.
4.
Und noch ein Hinweis. Kardinal Woelki, im Geist des Opus Die denkend, hat zum Generalvikar im Erzbistum Köln den bekannten Opus Dei Priester Markus Hoffmann ernannt. So etwas tut man doch nicht, wenn man nicht selbst Sympathisant dieses mächtigen katholischen Geheimclubs ist, das Opus Dei hat bekanntlich seine deutsche Zentrale im „heiligen Köln“.
5.
Weil aber das Opus Dei allein Kardinal Woelki für die Führung des Erzbistums nicht ausreichte, ernannte er ein Mitglied der ebenso konservativen und militant katholischen Bewegung der „Neokatechumenalen“ zu einem weiteren Weihbischof, dies ist Ansgar Puff.Auch er hat inzwischen (am 19.3.2021) gebeten, seine weihbiscjöfliche Funktion ruhen zu lassen. Eine Chance für alle, sich mit seinem „Club“, den reaktionären Leuten vom mächtigen und einflussreichen „Neokatechumenat“ kritisch zu befassen. Ich habe seit Jahren kritisch über diese Leute berichtet. Ein Link z.B. zur Präsenz dieser Gruppe in Berlin: LINK.
6.
Summa summarum: Die Leitung des Erzbistums ist ein theologisch gesehen reaktionäres Konsortium. Das ist das entscheidende Problem im Hintergrund zu den „Fällen“ sexuellen Missbrauchs. Es ist dieser klerikale Mief, möchte man sagen, einer uralten Theologie, der unerträglich ist. Der Mief wird wohl bleiben, weil die katholische Kirche eben Klerus – Kirche bleiben wird … ad aeternum.
7.
Und diesen klerikalen Mief können jetzt viele (Kölner) Katholiken nicht mehr ertragen. Sie befreien sich. Atheisten sind sie gewiss nicht. Aber sie sind nun spirituell befreit, eigene Wege zu gehen…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Homosexuell Liebende erhalten nicht den Segen Gottes!

Die Glaubensbehörde im Vatikan weiß genau, wen Gott segnet und wen nicht.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 15.3.2021 anläßlich eines vatikanischen Papiers vom 15.3.2021

Ein Vorwort:
Die katholische Kirche diskriminiert durch ein offizielles, von Papst Franziskus unterzeichnetes Dokument wieder einmal Homosexuelle in ihrem Leben und in ihrem Lieben. Das erläutere ich in dem folgenden Text. Hier erst mal zur Einstimmung eine interessante Statistik, in welchem Umfeld weltweit sich der Vatikan und der Papst bewegen, in einer Welt voller Diskriminerung und Hass auf „den anderen“. Julius Thesing schreibt in seinem neuen Buch „You don`t look gay“ (Bohem Press, Münster):
In 73 Staaten der Welt wird Homosexualität als Straftat behandelt und verurteilt.In 12 der 73 Staaten steht gleichgeschlechtliche Aktvität unter Androhung oder Garantie der Todesstrafe“.
Der Vatikan als Papststaat hatte einst auch sehr gern Homosexuelle verbrannt.Jetzt entwürdigt er vornehm, vom Schreibtisch aus, auf der Basis einer abstrusen Theologie, erneut Homosexuelle. Der Vatikan und der Papst machen in ihrem neuesten Papier – nach dem eigentlich niemand verlangt oder gefragt hat – Homosexuelle zu Menschen zweiter Klasse. Warum: „Diese Menschen sind nicht geeignet, den Segen Gottes für ihr Lieben und Leben zu erhalten“.
Gott höchstpersönlich will „die“ nicht segnen, unter seine Liebe stellen: Das ist die verletzende, wenn nicht seelisch tötende Botschaft dieser Kleriker. Die Frage bleibt, was können etwa Journalisten und mutige Menschen tun angesichts dieser Degradierung bestimmter Menschen? Dazu unten, Nr.15, eine Frage, vielleicht ein Vorschlag! CM.

1.
Zunächst das „Erfreuliche“: Die oberste Glaubensbehörde der katholischen Kirche im Vatikan erklärt NICHT: Dass die üblichen und seit langem beliebten katholischen Segnungen von Autos, Handys, Kühen, Hunden und Häusern unterbleiben sollen. Vielmehr: Segnungen von Autos, Motorrädern, Handys, Kühen, Häusern und Wohnungen sind nach wie vor guter und Gott gefälliger Ritus in dieser Kirche. Waffen wurden bekanntlich immer schon gesegnet, katholische Kirchengebäude mit den Knochen der Heiligen, Reliquien genannt, ebenso, auch Altäre und Orgeln wurden gesegnet und so weiter. Diese Liebe zur Segnung von Objekten nennt der große Psychotherapeut Erich Fromm treffend und richtig die „Liebe zu toten Dingen“ (Nekrophilie). Tote Dinge segnen, so betont er, nur Menschen und Organisationen, die selbst seelisch längst tot sind und den lebendigen Wandel als das entscheidende Prinzip des Lebens erstickt haben. In dem Sinne gilt: Aus den toten Mauern des Vatikans kommt erneut ein Lehr-Schreiben, zum gefühlten 10. Mal zum Thema „Katholische Homosexuelle“.
2.
Weite Teile der Menschheit leben jetzt in Diktaturen, in ständigen Kriegen, werden vertrieben, Flüchtlinge finden keine Aufnahme in sich Demokratien nennenden Staaten, Millionen Menschen müssen hungern und verhungern, das Klima wird zur Katastrophe, das Impfen klappt nur partiell, Politiker in sich christlich nennenden Parteien offenbaren ihre Korruptheit: All das interessiert die alten Herren, die Kardinäle und Bischöfe und Substituten und Patres in der Glaubensbehörde nicht. Sie arbeiten sich ab, wälzen alte Dokumente hin und her zum Thema: Segnungen ja und nein für bestimmte ausgewählte Menschengruppen, für homosexuell Liebende.

Wer sich weiter für das Thema der Tiersegnungen, Handysegnungen, Waffensegnungen und Autosegnungen usw. durch die katholische Kirche interessiert, sollte den spannenden, das Gesicht dieses so „volkstümlichen“ Katholizismus offenbarenden Bericht lesen. LINK.
3.
Nun also das Nicht-Erfreuliche, die Nicht-frohe Botschaft aus dem Vatikan: Sie gilt für die wenigen, in Europa noch katholisch interessierten Homosexuellen. Die unfrohe Botschaft vom 15.März 2021 also lautet: Katholische Homosexuelle werden NICHT und NIEMALS und Nirgendwo für ihre Liebe und Partnerschaft den Segen Gottes erhalten. Die alten Herren im Vatikan setzen sich also unbescheiden an die Stelle Gottes und verfügen: Diese Leute, diese Schwulen und Lesben, werden nicht von mir, dem lieben Gott, gesegnet. Der große Menschenfreund, Papst Franziskus, hat dieser anmaßenden Verfügung der Vatikanischen alten Herren zugestimmt.

Theologisch ist diese erneute Stellungnahme ein Skandal:
-Bestimmte Herren maßen sich an zu wissen, wen Gott liebt. Ein solches Denken und Verhalten nennt man Gotteslästerung.
-Wenn Gott als „Schöpfer“ der Menschen gedacht wird: Dann hat er auch Homosexuelle erschaffen. Und Homosexuelle haben als Menschen das Recht zu lieben, erotisch und sexuell natürlich auch. Und wenn diese Menschen als Katholiken um den Segen bitten, den die Kirche in einer Zeremonie feiert, auch im Sakrament der Ehe, dann hat kein Kleriker das Recht, diese Segnung, diese Eheschließung, zu verweigern. Die Pfarrer, selbst die Herren im Vatikan, sind doch nur Diener Gottes, nicht aber die verfügenden allmächtigen Männer direkt neben Gott.
-Mit diesem Schreiben zeigen die Autoren, dass sie mit ihrem perversen Denken offenbar ablenken wollen von sexuellem Missbrauch durch Priester und der entsprechenden Ignoranz der „Herren der Kirche“.
4.
Man bedenke die Konsequenzen: In fast allen Staaten Afrikas werden homosexuell Lebende und Liebende verfolgt, diskriminiert, getötet, sogar in Staaten, in denen so genannte Katholiken als Präsidenten bzw. Diktaturen herrschen. Kardinal Sarah aus Guinea, inzwischen ohne offizielle vatikanische Funktionen, wird sich als oberster afrikanischer Schwulen – Feind freuen. Mit anderen Worten: Die Herren im Vatikan wissen genau, welchen Schaden sie anrichten mit solch einem Schreiben, es zerstört weiter die Menschenwürde, zerstört die Menschenrechte einer Gruppe von Menschen. Eigentlich könnte ja mal jemand auf die Idee kommen und den Vatikan und diesen Klub der greisen Kardinäle und Bischöfe vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu bringen – wegen Volksverhetzung und Aufruf zu Diskriminierung und Verfolgung Homosexueller. Mein Freund, der katholische Priester und „Grün-Links“ Politiker Herman Verbeek aus den Niederlanden hatte das vor Jahren schon vorgeschlagen. Es ist meiner Meinung nach sehr bedenkenswert: Ob die Diskriminierung homosexuell Liebender („Gott segnet sie nicht, sie sind unwürdig“) eine Form des Rassismus ist.
5.
Man sollte also diesen Schrieb oberster klerikaler Bürokraten des Vatikans nicht so schnell nach einem kurzen Lachkrampf beiseite legen. Am schimmsten ist – noch einmal muss daran erinnert werden – das furchtbare Gottesbild der Vatikan -Bürokraten und dieses Papstes, der ja eigentlich viel von Barmherzigkeit erzählt hat früher. Also: Diese Herren, vielleicht sind selbst homosexuell, glauben allen Ernstes zu wissen: Wen ihr so oft zitierter „lieber Gott“ Gott segnen will und wen nicht. Man möchte wie Luther zornig schreien und diesen Kleriker Club zum Verschwinden bringen. Aber das hat ja selbst Luther leider nicht geschafft.
6.
Die spirituelle Unterdrückung durch die römische Kirche ist bekanntlich so groß, dass es immer noch katholische Homosexuelle in Europa gibt, die betteln und jammern bei diesen alten Hierarchen: „Seid doch mal nett zu uns armen Sündern, segnet doch bitte, bitte unsere Liebe“. Solange diese eingeschüchterten katholischen Homosexuellen noch betteln, haben die Vatikan Bürokraten noch Adressaten für ihre Papierchen.
7.
Über das Papierchen, dürftig in den theologischen Argumenten wie gewohnt, ließe sich eigentlich kein weiteres Wort verlieren. Nur so viel: Der offizielle Text wurde von Kardinal Luis Francisco Ladaria Ferrer – auch er, wie der Papst, ein Jesuit – und von einem Monsignore Giacomo Morandi unterzeichnet. Mittelpunkt der alten Leier der Uralt – Argumente ist: Die römische Kirche dürfe nur „Vereinigungen segnen von Mann und Frau, weil diese offen sind für die Weitergabe des Lebens“. Leben weitergeben, eine banale biologistische Auffassung von Ehe wird da wieder verbreitet, als käme es nicht auf die Liebe der Partner, die humane Erziehung der Kinder usw. an. Und diese gute liebevolle Erziehung können nachweislich viele Homo-Ehepaare mit Kindern genauso gut, wenn nicht besser als die katholischerseits oft „intakt“ genannten, tatsächlich aber manchmal öden katholischen Hetero-Ehen. Dann noch ein Zitat aus dem Vatikan – Papierchen, der die Menschheit für dumm hält: Die Segnung homosexueller Paare könnte, so wörtlich, „verwechselt werden mit einer Ehe-Schließung“. Man könne also nicht mehr so genau erkennen, ob vorn am Altar Mann und Frau oder Mann und Mann oder Frau und Frau stehen…
8.
Zusammenfassend: Wer als homosexueller Mann oder als homosexuelle Frau nach diesem jüngsten Dokument der Vatikan Bürokraten immer noch Mitglied der katholischen Kirche ist und diese auch noch finanziell unterstützt, dem und der ist nicht mehr zu helfen.
9.
Eine lebendige christliche Spiritualität kann bekanntlich jeder und jede auch für sich selbst allein oder in kleinem Kreis entwickeln oder sie in den wenigen noch verbliebenen progressiven und undogmatischen protestantischen Kirchen leben.
10..
Diese katholische Kirche, die sich an die Stelle Gottes setzt und lieber Autos und Waffen segnet als sich liebende Menschen, hat die Unterstützung durch demokratisch gesinnte und jesuanisch empfindende Menschen nicht verdient. Das Motto könnte nun sein: “Ecclesia catholica – causa finita“. Das sagen ohnehin schon viele Frauen, viele Opfer von sexueller Gewalt durch Priester, viele Priester, die nicht mehr als Priester arbeiten können, nur weil sie das Zwangszölibats – Gesetz nicht leben können oder auch die vielen wiederverheiratet Geschiedenen, die von der Kommunion ausgeschlossen sind und so weiter und so weiter.
11.
Man glaubt bei dieser Aufzählung, dass eigentlich die Bürokraten im Vatikan bald allein in der Kirche rumhocken und ab und zu Papierchen in die Welt loslassen… zur Freude der afrikanischen Diktatoren und anderer Menschen – Verächter.
12.
Es gibt also für die vatikanische katholische Kirche eine neue Ökumene: Der Vatikan ist mit diesem Papier in die ökumenische Bruderschaft mit anderen Verächtern homosexuellen Lebens und Liebens eingetreten: Mit den reaktionären muslimischen Kreisen; mit den Homohassern in evangelikalen Kirchen und Pfingstkirchen; mit den Bischöfen vieler orthodoxer Kirchen, etwa in Moskau oder schlimmer noch in Georgien; mit der PIs Partei in Polen und den verkalkten katholischen Bischöfen, mit dem antisemitischen riesigen Radio Marya in Polen unter Leitung des Redemptoristenpaters Rydzyk,auch er ein Menschenverachter, der immer noch Schrott und Schund verbreiten darf mit Zustimmung der Bischöfe und des Papstes(wenn das anders wäre, hätte ihn der allmächtige Papst längst in die Südsee versetzen können und so weiter.
13.
Wir gratulieren dem Vatikan: Jetzt wissen wir, wo die wahre katholische Ökumene ist. Es ist der Verein der Reaktionären weltweit!
14.
Und auf Deutschlands Katholiken, etwa auf das ZK der Katholiken, bezogen: „Hört auf, eure Energie noch in Ökumenische Kirchentage etc. zu stecken. Das lohnt sich nicht, der Vatikan und auch der Papst ticken längst ganz anders. Es wird Zeit zu erkennen: Es ist vorbei, die katholische Kirche bleibt steinhart und lebensfeindlich, die wenigen anders denkenden Bischöfe setzen sich nicht durch, jammern und klagen. Aber keiner hat den Mut, diesen Herren in Rom ein Nein entgegen zu halten. Der letzte, der den Mut dazu hatte, war Bischof Jacques Gaillot. Er wurde vom Vatikan rausgeschmissen. Welcher deutsche Bischof hat den Mut, sich vom Vatikan rausschmeißen zu lassen? Das kann besser sein, als eines Tages mit allen anderen Bischöfen vom Amt zurückzutreten, wegen des Missbrauchs…
15.
Bekanntlich hat der französische Journalist und Soziologe Frédèric Martel eine große Studie über homosexuelles Leben unter katholischen Priestern kürzlich veröffentlicht, sie wurde in viele Sprachen übersetzt (auf Deutsch im S. Fischer Verlag 2019). Der Titel: „Sodom. Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan“. LINK
Angesichts dieses aktuellen aggressiven Papiers des Vatikans wäre doch die Frage der Notwehr zu debattieren, ob nicht anders als im Buch von Martel nun im Team-work Klarnamen genannt werden von homosexuellen Priestern, Patres, Bischöfen, Kardinälen und Päpsten, einst und heute. Das könnte vielleicht weitere entsprechende Papiere aus dem Vatikan verhindern.
16.
Natürlich ist Homosexualität, gelebte Homosexualität, etwas völlig Normales für die Menschenrechte, für Demokratien und in einer vernünftigen, säkularen Ethik.

Im Falle des vatikanischen Papiers aber geht es erneut um die sich bewusst abschließende Sonderwelt der katholischen Kirche mit eigenen Gesetzen und eigener Moral. Und darin sind laut offiziellem Katechismus (1993) homosexuelle Handlungen „in keinem Fall zu billigen“ (§ 2357).
Was aber ist, wenn Priester und Bischöfe diese in keinem Fall zu billigenden Handlungen bekanntermaßen und dokumentierbar begehen? Und gleichzeitig, wie jetzt wieder in Rom, gegen die völlig normale Gleichberechtigung der Homosexuellen hetzen? Oder als homosexuelle Priester und Bischöfe NICHTS, aber auch gar nichts für den Respekt der Homosexuellen tun? Wer darüber informiert, verletzt nicht staatliches, demokratisches Recht, sondern macht nur auf Widersprüche in dem abgeschlossen, aber scheinheiligen System der Kirche aufmerksam. Dieses zu tun ist wohl doch Aufgabe der Religionskritik und eine kritischen Journalismus, oder nicht?
17:
Eine weitere Frge ist: Warum dürfen sich eigentlich Homosexuelle nicht wehren, wenn so viel Verletzendes und Verrücktes vom Vatikan und vom Papst verbreitet wird? Denn diejenigen, die da als Kleriker die Homosexuellen verachten und hassen, sind selbst meist homosexuell, leiden aber unter ihrem Verstecktsein, unter ihrer verklemmten Angst. Darauf weisen alle Psychologen hin, auch Frédéric Martel zeigt dies in seinem nach wie empfehlenswerten Buch.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Beichtväter“ plaudern: Ein Skandal zur Schweigepflicht der Priester.

Das absolut geltende Beichtgeheimnis wird „ein bisschen“ gebrochen
Die Neuerscheinung „Je vous pardonne tous vos péchés“ von Vincent Mongaillard

Ein Hinweis von Christian Modehn am 13.3.2021. Am Ende dieses Beitrages siehe auch eine von vielen Stellungnahmen in Frankreich.

1.
Ein Skandal: 40 katholische Priester in Frankreich berichten jetzt vom Inhalt der Beichten, die sie von Frommen und weniger Frommen „gehört“ haben. Und diese Plaudereien sind so umfassend, dass sich daraus ein Buch von 480 Seiten machen ließ, das sehr preiswert für 14,90 € im Verlag „Edition de l Opportun“ (Paris) am 12.März 2021 veröffentlicht wurde, also im „Verlag des Günstigen“, der seinen interessanten Untertitel auf der Website mitteilt: „Découvrir, rire et surprendre“, also “Entdecken, Lachen, Überraschen bzw. Überrumpeln“. Ein Verlag, der durchaus seriös ist, auch wenn er in der intellektuellen Szene nicht so bekannt ist; zum Verlag gehört auch der auf Studenten spezialisierte Verlag „L Etudiant éditions“.

2.
Zum Lachen (rire) ist das Buch für die Katholiken und ihre Bischöfe und Theologen ganz und gar nicht. Denn es ist das Dokument eines ungeheuerlichen Tabubruches: Erst im Juli 2019 hatte Papst Franziskus eindringlichst gelehrt: „Das Beichtgeheimnis betrifft das Wesen der Kirche und des Christentums. Das Beichtgeheimnis muss durch den Priester absolut bewahrt werden“. Auch der offizielle Katechismus von 1993 betont im § 1467, „dass jeder Priester unter strengsten Strafen verpflichtet ist, über die Sünden, die seine Pönitenten ihm gebeichtet haben, Stillschweigen zu wahren…Dieses Beichtgeheimnis lässt keine Ausnahmen zu…“

3.
40 Priester haben sich jetzt diese Ausnahme erlaubt: Sie sprechen von den Sünden ihrer Pönitenten (Beichtenden), aber sie nennen keine Namen, die Priester wie die Beichtenden bleiben im Nebel des Anonymen. So entsteht trotzdem ein soziologisch interessantes Bild: Welche Sünden heute und in den letzten Jahren im Beichtstuhl einem Priester anvertraut wurden.

4.
Aber so 100 prozentig anonym sind dann doch die Berichte der Priester nicht: Die katholische Tageszeitung La Croix weist etwa darauf hin, dass auch Namen von Städten genannt werden, auch die Namen von weiteren Orten, „so dass gewisse Leute sich wiedererkennen oder erkannt werden“. Einer der plaudernden Priester berichtet etwa von Beichten, die er „gehört“ hat, bei großen Pfadfindertreffen im Wallfahrtsort Paray-le-Monial. Die Pfadfinder werden wohl in Zukunft nicht mehr so begeistert ihre Pfade zu einem Beichtstuhl finden…

5.
Das Buch von Vincent Mongaillard ist systematisch gegliedert, je nach der „Natur“, d.h. der Schwere und Bedeutung der Sünde. Der Autor ist als Journalist auf religiöse Themen spezialisiert in der eher populären Tageszeitung „Le Parisien“ (Auflage 2020 ca. 180.000 Exemplare) seit mehr als 20 Jahren tätig. Er betont in seinem Vorwort, die Bekenntnisse der Beichtenden seien präzise wiedergegeben. „Wir haben darauf geachtet, dass kein Sünden – Bekenntnis das hochheilige Geheimnis der Beichte verrät. Denn wir wollen nicht, dass wir, die „Wohltäter der Information“, nun förmlich entblößt dastehen aufgrund unseres profanen Werkes (Buches).“

6.
In jedem Fall ist das Vertrauen der Katholiken erschüttert, sie werden kaum noch den Drang verspüren, überhaupt noch zur Beichte gehen. Tatsächlich hat die Praxis des „Bußsakramentes“ in den Beichtstühlen seit Jahren rapide abgenommen. Während sich noch vor 50 Jahren lange Schlangen vor den Beichtstühlen bildeten, zumal vor Ostern, sind die Beichtzeiten in den Kirchen heute auf ein halbes Stündchen pro Woche geschrumpft.

7.
Insofern fördert dieses Buch den weiteren Niedergang der Beichte. War dies vielleicht auch die Absicht der 40 Priester, die da den Tabubruch begehen? Weil sie wissen, wie wenig seelische Hilfe tatsächlich eine Beichte im Beichtstuhl bieten kann, die meistens nicht länger als 3 Minuten dauert. Vielleicht sehen die anonym bleibenden Priester auch das Defizit der Beichte: Denn die Priester können dem Sünder nur empfehlen, die Schuld, die er gegenüber anderen Menschen auf sich geladen hat, zu korrigieren. Über die Motive der Priester, an dem Buch mitzuarbeiten, wird man noch weiter forschen, falls die Priester überhaupt noch einmal etwas sagen.

8.
Papst und Bischöfe werden die 40 Priester nicht zwingen können,ihre Identität preiszugeben. Die kirchlichen Autoritäten stehen also sehr hilflos da. Strafe ist aufgrund der Anonymität unmöglich. Und auch der Staat wird nicht eingreifen können, er lässt die Kirche doch ohnehin nach eigenen Gesetzen im Staat gewähren. Und dass sich ein Beichtender so präzise wiedererkennt, ist unwahrscheinlich.

9.
Warum also dieses Buch? Weil das Thema förmlich in der „Luft liegt“ bei all den nicht enden wollenden Affären zum sexuellen Missbrauch durch Priester. Im Tagesspiegel vom 13.3.2021, Seite 3, wird berichtet, dass ein Beichtvater einer jungen Frau die Abtreibung empfohlen hat, der Vater war ein anderer Priester. Im Beichtstuhl „brennt“ es, wenn ein Priester dort das schlimmste aller Übel in der Sicht katholischer Moral empfiehlt: die Abreibung, eine Empfehlung, die übrigens schon der Priester – Vater der jungen schwangeren Frau gegeben hatte. Wieder einmal: Der gute Ruf des Klerus ist sogar wichtiger als der viel beschworene Lebensschutz. Wahrscheinlich geht de Beichtvater nach dieser Beicht – Empfehlung zu einer „Pro – Life – Demo….“

10.
Das Buch „Ich vergebe euch alle eure Sünden“ wird die letzten Phasen der Debatte über die Beichte erneut noch einmal beleben, das Buch wird zu der Frage führen: Wie kommt der Klerus eigentlich dazu, als Mittler zwischen dem einzelnen und Gott, zwischen dem Sünder und Gott, aufzutreten und bindend und lösend zu agieren? Zumal der Verdacht des sexuellen Missbrauchs jegliches Ansehen des Priesters verdorben hat. Und nun auch die 40 französischen Priester, die etwas aus dem Beichtstuhl plaudern…Das ist sozusagen ein weiterer „Gau“ im Katholizismus.
Die Debatte wird also noch mal über die anmaßenden Rechte des Klerus gehen, ein Thema, das seit der Reformation virulent ist. In ihrer wissenschaftlichen Studie. „Pratiques de la Confession“ (Praxis der Beichte), Edition du Cerf, Paris, 1983, weisen die Autoren darauf hin, dass über die Beichte bis dahin wenig studiert und publiziert wurde. Das Detailwissen ist im allgemeinen gering. Erst im 7. Jahrhundert wurde in Irland die individuelle Beichte eingeführt (S.17). Die Studie weist auch auf die klerikale Macht hin, denn bis ins 19.Jahrhundert war der Beichtvater meist der Gemeindepfarrer. Er kannte also viele seelischen Aspekte seiner Mitbewohner, hatte ein geheimes Herrschaftswissen. Er kannte die Familien, wusste, welche Kinder aus welchen „guten“ Familien vielleicht mit einem kirchlichen Stipendium zu fördern seien und welche nicht. Zu Ostern mussten ohnehin alle Angehörigen einer Pfarrei zur Beichte gehen, sie erhielten nach der Beichte ein Zettelchen oder ein Heiligenbild, das die erfolgte Beichte dokumenterte. Nur wer dieses Dokument vorweisen konnte, durfte an der Osterkommunion teilnehmen.

11.
Einem Bekannten kommt diese Buchpublikation etwas mysteriös vor. Ich will gern den – wahrscheinlich doch wohl unbegründeten – Verdacht eines auch mal anonym bleibenden Bekannten weitergeben: Nichts ist leichter für einen Autor, der etwas Aufsehen erregen und Geld verdienen will, als ein Buch zu schreiben, in dem anonym Priester von der Beichte plaudern und von den Süden der Beichtenden erzählen. Niemals wird bewiesen werden können, ob die Stories authentisch sind oder der Phantasie eines Kenners entsprungen sind.
Wie gesagt: Die Kirchenführung hat kein Mittel, die 40 Priester, falls es sie gibt, zum Sprechen zu bringen. Und der Staat auch nicht. Und auch den Autor kann wohl kein Staat zwingen, Namen zu nennen. Die Kirche kann höchstens die Zeitungsredaktion so lange bearbeiten, bis der Journalist seinen Job verliert…
Aus diesem Stoff ließe sich gut ein „Tatort“ oder ein ähnliches Krimi-Stück realisieren. Die Geschichte: Erst wenn der erste plaudernde Priester identifiziert ist und stirbt und dann auch der Journalist angeschossen wird, kommt die Sache „ins Rollen“. Diese Idee hat Christian Modehn am 13.3.2021 formuliert.

12.
„Ins Rollen“ ist die Beichte in jedem Fall gekommen, sie wird wohl „fortrollen“. Die Beichte wird als flüsterndes Gespräch bzw. Getuschel in eher unbequemen, manchmal etwas muffigen Beichtstühlen mindestens in Europa verschwinden.Weil auch das Bewusstsein schwindet, ob der Mensch nun Sünden begangen oder schwere Fehler gemacht hat. Der Gott mit dem drohenden Zeigefinger ist verschwunden.
Leider sind die besseren Seelsorger, also die Psychotherapeuten, absolut ausgebucht.

13.
In einigen Staaten wird darüber debattiert, ob das Beichtgeheimnis der Priester bei „schweren Verbrechen“ gelten kann, so in Australien (Vicoria) oder im Bundesstaat Louisiana, USA.
Nach kirchlichem Recht hat der „Beichtvater“, wenn ihm ein schweres Verbrechen gebeichtet wird, nur die Pflicht, den Übeltäter aufzufordern (!), sich den staatlichen Justiz – Behörden zu stellen. Eine sehr vornehme Art der Kirche, mit beichtenden Schwerverbrechern umzugehen. Dies gilt besonders auch fürs süditalienische Mafia-Milieu, die Maffia Bosse haben ja bekanntlich ihre eigenen Wallfahrtsorte und damit Orte des Beichtens, wie etwa die Kirche Notre Dame de Polsi in Calabrien. „Le Monde“ berichtete darüber am 12.2.2021, Seite 19.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

…………………………………………….
Ein Beitrag des Radio – Senders Europe1 am 11.3.2021:

Dans „Je vous pardonne tous vos péchés“, Vincent Mongaillard a recueilli les confidences de 40 prêtres qui, tout en préservant l’anonymat des fidèles, ont accepté de lever le voile sur ce qu’ils entendent en confession. Si certains aveux prêtent à sourire, d’autres relèvent du Code pénal.
C’est une règle d’or depuis des siècles : face aux fidèles venus faire pénitence de leurs péchés, les prêtres sont tenus au secret. Les paroles chuchotées dans la petite alcôve d’un confessionnal sont protégées par le silence du clerc, quelle que soit la gravité du crime avoué. Dans Je vous pardonne tous vos péchés, publié ce jeudi par Vincent Mongaillard aux Éditions de l’Opportun, 40 prêtres dévoilent ce qu’ils ont pu entendre en confession au fil des années, tout en préservant l’anonymat de leurs ouailles.

Un travail de longue haleine pour le journaliste du Parisien, à qui il a fallu trois ans pour arriver à bout de ce livre.“On a établi un rapport de confiance avec ces prêtres et on a gardé que le prénom. Qu’ils se rassurent, ils ne seront pas excommuniés puisqu’ils ne brisent pas le secret de la confession. On ne peut pas identifier les pénitents“, assure-t-il au micro d’Europe 1. Mais comme il l’écrit, certains secrets sont plus lourds à porter que d’autres.

Un crime confessé devant le prêtre

Il y a en effet les petits péchés, comme ce chauffeur de taxi qui confesse prendre des chemins plus longs pour faire payer plus cher ses clients, ou encore ce septuagénaire qui raconte, 60 ans plus tard, avoir bu du vin de messe lorsqu’il était enfant. Il y a également ce jeune scout qui a tué une fourmi. Mais le livre évoque aussi des secrets très lourds. Ainsi, cet homme en détention provisoire qui a confessé son crime à un prêtre. Quelques mois plus tard, il plaide non coupable devant la justice des hommes et se voit acquitté. De quoi placer un énorme poids sur les épaules du prêtre, mais qui assume, comme tous les autres, le secret absolu de la confession.
Les prêtres encaissent en confession beaucoup de souffrance et doivent parfois improviser des solutions pour empêcher le pire. Vincent Montgaillard raconte comment l’un d’eux décide de récupérer l’arme d’un jeune homme de 20 ans qui vit en roulotte avec sa mère… dont il veut se débarrasser. Le prêtre finira par déposer le revolver au commissariat sans donner l’identité de son propriétaire.

C’est très dur pour eux parce qu’ils portent sur leurs épaules tous les vices, toute la misère de notre société. Certains vont vous dire que c’est le Seigneur qui fait le travail mais après une journée de confessions, ils sont épuisés. C’est extrêmement éreintant“, reconnaît l’auteur.
Des confessions plus cocasses
„Certains prêtres m’ont confessé que deux tiers des pêchés étaient liés au-dessous de la ceinture, à des histoires d’adultère, d’addiction“, a encore expliqué Vincent Montgaillard. Comme cette confession cocasse d’un couple : la femme raconte tromper son mari avec un ami du couple, mais juste après, le mari confesse lui aussi tromper sa femme avec un ami. Le prêtre comprend vite qu’il s’agit de la même personne. Mais l’avantage, c’est que tout, devant Dieu, est pardonnable.

Ostern: Die Auferstehung Jesu von Nazareth vernünftig verstehen!

Ein Essay von Christian Modehn.

Ich weise auch auf weitere Beiträge hin von Christian Modehn zu der Frage: „Was bedeutet Ostern,was bedeutet die Auferstehung?“:
A) Der Beitrag „Die Macht des Todes überwinden“ wurde im RBB Kulturadio 2016 gesendet. LINK
B) Der Artikel „Die Auferstehung Jesu verstehen“ geht auf einen Vortrag von Christian Modehn zurück: LINK
c) Der Beitrag „Auferstehung, das Ewige im Menschen erkennen und leben“ geht auf einen Vortrag von Christian Modehn am 3.4.2018 zurück. LINK

Aus dem Inhalt dieses hier vorliegenden Essays:
Nr.2: Die eine entscheidende Hypothese; Nr.9: Die schöpferische Tat der Hinterbliebenen;
11: Jesu Grab war nicht leer; 14: Karfreitag: Das Ende eines Propheten;
18: Die Gemeinde „setzt“ die Auferstehung Jesu; 20: Politische Auferstehungsgedichte von Kurt Marti; 25: Joseph Ratzingers banale Deutung der Auferstehung.

1.
Über die Auferstehung Jesu von Nazareth haben die Kirchen eine bunte Welt von Bildern, Symbolen, Metaphern, Mythen und Erzählungen erzeugt sowie, damit eng verbunden, über das „ewige Leben“ der Menschen … im „Himmel“. Bei allem Respekt, auch für die Leistungen der Künstler und Schriftsteller zum Thema in all den Jahrhunderten: Es wurden viel zu viele Glaubensinhalte, auch viel zu viele Dogmen, verbreitet. Sie setzten sich förmlich als „Auferstehungs – Bilder“ durch. Aber zeigen sie das Wesentliche?
Ich denke: Sie verdecken vielmehr den klaren, den einfachen und vernünftigen Gedanken zur Bedeutung der Auferstehung Jesu von Nazareth. Warum soll denn bei diesem Thema das klare, vernünftige Denken ausgeschaltet werden?
Hier also wird zur Auferstehung Jesu von Nazareth ein einfacher Gedanke vorgestellt, der aber gerade, weil er einfach ist, ausführlicher erläutert werden muss. Er ist nachvollziehbar.
2.
Es gilt hier nur eine Hypothese als Voraussetzung: Wenn die Welt mit den Menschen im schöpferischen Handeln einer unendlichen ewigen geistigen „Energie“ (Gott genannt) ihren Grund hat, dann ist diese Welt, sind die Menschen, mit dieser „Energie“ (Gott) bleibend – geistig – verbunden. Das Ganze ist Ergebnis der Evolution. Der biblische Schöpfungsbericht ist ein Mythos und hat philosophisch und theologisch nur Bedeutung, wenn man ihn in kritisches Denken übersetzt (das meint „Entmythologisierung)“.
Wenn man einen schöpferischen, ewigen Gott annimmt, kann seine Welt nicht von ihm getrennt sein. Denn bei einer von Gott völlig getrennten Welt ist ein einziger ewiger Gott als Gott undenkbar. Die Welt und die Menschen haben also Anteil am Ewigen, aber in dieser Verbundenheit sind die Menschen frei und autonom. Dies ist ein Thema, das hier nur angedeutet werden kann.
Noch einmal:
Dieser Zusammenhang von göttlichem Geist als Gott selbst und göttlichem, damit ewigen Geist im Menschen (als dem „anderen“ Gottes), ist die Voraussetzung dafür, dass es die Auferstehung Jesu von Nazareth „gibt“ wie damit auch die Auferstehung von allen anderen Menschen. Ohne die Annahme einer schöpferischen göttlichen „Energie“ ist Auferstehung nicht denkbar. Und sie ist vernünftig – denkbar, gehört zum menschlichen Selbstbewusstseins (des Geistes). Auferstehung ist eben nicht irgendein erratischer Klotz, der im Bewusstsein einiger Menschen schwebt, befremdlich und unverstanden.
Meine Grundthese im Anschluss an das Denken G.W.F. Hegels ist: Der Glaube an Gott kann sich der Vernunft erschließen. Auch die Erfahrung des auferstanden Jesus durch seine Jünger kann und soll sich der Vernunft erschließen, also in Worten ausgesagt werden. Der Geist des Menschen ist von Gott selbst in die Lage versetzt worden, Gott zu denken: Im 1. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth heißt von der Weisheit Gottes: „Uns aber hat diese Weisheit Gott enthüllt durch den Geist. Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes“ (Kap. 2, 9f.)
3.
Dass es Welt und Menschen gibt als Geschaffene, ist also das eine und einzige Wunder sozusagen. Diese Einsicht kann sich dem naturwissenschaftlichen Wissen gar nicht erschließen, weil es um den Grund des Ganzen der Wirklichkeit geht.
4.
Jeder Mensch hat seine eigene Meinung über Sterben und Tod nicht nur im allgemeinen, sondern auch eine Meinung über das eigene Sterben und den eigenen Tod. Zur Gestaltung eines menschenwürdigen Sterbens gibt es gute Argumente. Beim Thema Tod (und der oft gestellten Frage „Was ist danach?“) sind wir auf Überzeugungen angewiesen. Diese Überzeugungen drängen sich beim Menschen als einem geistvollen Wesen auf. Epikurs bekannte und viel zitierte radikale Abwehr dieser Frage hat kein philosophisches Niveau. Er verdrängt nur den Tod im Leben, empfiehlt förmlich den Kopf in den Sand zu stecken. Nur wenigen wird das gefallen.
Heute sagen die einen: „Mit dem Tod, ist alles zu Ende, Basta“, „Ich falle ins Nichts“. Oder die anderen: „Eine Form des Danach wird es geben“. Jeder wird sich letztlich einer dieser Meinungen anschließen und sie im Laufe seines Lebens vielleicht auch ändern. Man ist als Mensch förmlich von eigenen Fragen gezwungen, zur Bedeutung des Todes, des eigenen Todes, Stellung zu. nehmen! Auch die Abwehr, Ignoranz, gegenüber dieser sich aufdrängenden Frage ist de facto eine Antwort.
5.
Die traditionellen christlichen Lehren über den Tod und das mögliche „Danach“ sind gebunden an die neutestamentlichen Erzählungen von der Auferstehung des Menschen Jesus von Nazareth. Aber die kirchlichen Predigten waren über all die Jahrhunderte meist fixiert auf die Wiederholung, also die Nacherzählung der äußeren Ereignisse. Und viele Predigten, viele spirituelle Aufsätze der Theologen tun das noch heute.
6.
In diesem Essay wird gezeigt: Die zweifellos auch poetisch schönen, anrührenden Erzählungen von der Auferstehung Jesu von Nazareth sind als Ausdruck der Erfahrungen der Hinterbliebenen zu verstehen!
Das heißt: Es ist die Gemeinde der FreundInnen Jesu, die nach einer tiefen Depression über den Verlust des Geliebten zu der Überzeugung kommt: Der am Kreuz gestorbene Jesus von Nazareth wurde in eine bleibende, ewige geistige Präsenz gesetzt. Die Freunde, Freundinnen Jesu haben also diese Überzeugung – kraft des Geistes – förmlich „geschaffen“: Unser „Meister“ und „Lehrer“ und innig geliebte Freund lebt geistig über seinen Tod hinaus! Er ist nach seinem Tod unter uns, aber ganz anders als zuvor: Als bleibende geistige Präsenz.
7.
Diese Erweckung Jesu aus dem Tod geschieht kraft des Geistes, des universalen göttlichen, der in der Welt, in den Menschen, in der Gemeinde wirkt. Deswegen kann die Gemeinde der Hinterbliebenen auch die Überzeugung aussprechen: Diese Erweckung Jesu zu einer bleibenden, ewigen geistigen Präsenz gilt nicht nur für Jesus, sie gilt nicht nur der Gemeinde, sie gilt allen anderen Menschen, weil alle im Geist Gottes leben können.
8.
Die Gemeinde also setzt nicht nur den Glauben an den auferstandenen Jesus. Sie nimmt ihn auch als Auferstandenen wahr. Denn, noch einmal, Jesus hat teil am ewigen Geist Gottes, genauso wie die Gemeinde teil hat am ewigen Geist Gottes. Wegen dieser Korrespondenz kann es dann heißen: Jesus ist vom Tod auferstanden, so wie die anderen Menschen auch vom Tod auferstehen. Das Neue Testament nennt Jesus den „Ersten der Entschlafenen“, der durch seine Auferstehung allen zeigt: Es „gibt“ die Auferstehung – als Eintritt des menschlichen Geistes ins Ewige.
9.
Wer also die Auferstehung Jesu von Nazareth verstehen will, muss auf die Hinterbliebenen schauen, auf Jesu Angehörige, Freundinnen und Freunde. Sie haben sich nach seinem Tod wieder gefasst, aus der Verzweiflung befreit und aufgerafft, neuen Lebenssinn, auch ohne einen leibhaftig anwesenden Jesus, zu entdecken. Sie fragen inmitten der langen Trauer: „Inwiefern bedeutet Jesus von Nazareth über seinen Tod hinaus, uns und anderen Menschen etwas für unser eigenes Leben und Sterben“?
Die Antworten der Freunde Jesu, der Gemeinde, sind dokumentiert: Die erste uns vorliegende Antwort hat der Apostel Paulus in seinem „1. Brief an die Thessalonicher“ gegeben. Verfasst wurde dieser Brief im Jahr 51, also etwa 17 Jahre nach Jesu Tod am Kreuz. Im Kapitel 1, Vers 10, schreibt Paulus ganz lapidar und sehr knapp von „Jesus, den Gott von den Toten auferweckt hat und der uns dem kommenden Gericht entreißt“. Lassen wir hier eine ausführliche Erläuterung der alten Vorstellung von einem Gericht beiseite, die angedeutet wird in diesen Worten: Die Auferstehung Jesu befreie von der Angst vor dem definitiven Ende, vor dem Gericht Gottes über das Leben der Menschen… Wichtiger ist: Die Überzeugung von der Auferstehung Jesu von Nazareth war schon ca. 17 Jahre nach seinem Tod selbstverständlich für die Gemeinde, sie wurde vor allem mündlich verbreitet.
Darauf bezieht sich Paulus. Und gleichzeitig betont er schon: Das Auferstehen betrifft nicht nur Jesus allein, es betrifft alle Menschen. Im Kapitel 4, Vers 14 heißt es: „Wenn Jesus gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen“. Ein paar Jahre später werden Paulus und die 4 Evangelisten ausführlicher ihre Überzeugungen von der Auferstehung beschreiben.
10.
Die Erzählungen von der Auferstehung Jesu sind bekanntlich keine Reportagen, keine objektiven Berichte über einen historischen Vorgang, den Zeitzeugen beobachteten. Die Auferstehung Jesu ist eine Überzeugung, also als ein innerer, geistiger, seelischer Prozess, der sich langsam bildet. Für das Entstehen einer inneren Überzeugung gibt es kein fixes Datum. In den Texten spiegelt sich diese innere Überzeugung. Und die heißt: Unser lieber Freund Jesus von Nazareth ist unter uns nach seinem Tod am Kreuz geistig präsent. Und weil der Geist eine lebendige Wirklichkeit ist, kann man sagen: Jesus „lebt“.
11.
Die historisch – kritische, die wissenschaftliche Erforschung der Bibel bietet ein dem Menschen würdiges, also ein vernünftiges Verstehen auch der Texte, die von Jesu Tod und Auferstehung sprechen. Diese Forschung wird intensiv mindestens schon seit 100 Jahren an den Universitäten gelehrt. Aber viele Kirchenführer haben diesen Gebrauch der Vernunft im Umgang mit der Bibel verteufelt. So haben sich viele Leute geistig eingemauert in eine fundamentalistische Lektüre und sich allzu bescheiden auf ein bloßes Nachsprechen der Auferstehungstexte im NT begrenzt. Im Nacherzählen der Mythen von Jesu wunderbarer Auferstehung aus dem Grab, von den Engeln, den leibhaftigen Erscheinungen des Auferstandenen usw. ist ein gar nicht mehr zu bremsender, unkontrollierter Wunder – Glaube entstanden. Er hält schlechterdings alles für möglich: Etwa auch „das leere Grab“. Es wird dann als das größte aller Wunder gepriesen. Dabei ist das leere Grab völlig bedeutungslos für den Glauben an den Auferstanden und für den Glauben an die allgemeine Auferstehung: Der katholische Theologe Hans Kessler betont: „Wenn vom leeren Grab gesprochen wird, so ist dies nur eine Veranschaulichung der Auferstehung Jesu. Das leere Grab ist ein Bild, ein Symbol, das die Erzählung farbiger machen soll. Der Osterglaube wird nicht vom leeren Grab begründet. Der Gedanke des leeren Grabes ist kein notwendiger Bestandteil des christlichen Auferstehungsglaubens. Eine im Grab aufgestellte Video-Kamera hätte den Auferstehungsvorgang nicht aufgenommen. Wer als religiöser Mensch auf einem leeren Grab besteht, leugnet, dass Jesus von Nazareth auch ganz Mensch war, also körperlich sterben musste“.
Zur Erinnerung: In den Gebeten am Grab auf den Friedhöfen wird unter Christen immer schon betont: Auch wenn dieser Mensch nun als Leichnam im Sarg oder in der Urne ruht, so ist er dennoch auferstanden.
12..
Was bedeutet nun Auferstehung Jesu in einer vernünftigen, argumentierenden Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und auch Theologie: Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist in gewisser Hinsicht eine Tat, eine Handlung der Gemeinde, seiner Freunde. Sie rufen kraft ihres Geistes, der am göttlichen Geist Anteil hat, den verstorbenen Jesus für uns ins Leben. Unbeholfen und kulturell – zeitbedingt können die Freunde Jesu diese Erfahrungen nur als äußere wiederum „wunderbare“ Ereignisse aussprechen und in ihren Evangelien darstellen: Da läuft der Auferstandene in den Mythen der Evangelisten wieder in der Welt herum, er tritt plötzlich in die Wohnungen der Gemeinde ein, verschwindet aber wieder schnell, lässt aber sogar seine Wunden berühren. Dies alles sind poetische Bilder, aber eben nur Bilder, um die geistige Präsenz des Auferstandenen darzustellen.
13.
Diese starke, lebendig, präsent machende Energie der Freunde Jesu zu betonen, hat nichts mit einer Form von menschlicher Hybris zu tun. Denn das Setzen der Auferstehung durch die Gemeinde ist nur ermöglicht durch den göttlichen Geist, der in der Gemeinde lebt, aufgrund der göttlichen Schöpfung dieser Welt, wie ich oben sagte.
14..
Karfreitag, den Todestag Jesu von Nazareth, kann man nur von Jesu Lebensgeschichte her verstehen. Jesus ist keine mythische Gestalt ohne reales, weltliches, gesellschaftliches Leben. Er ist – trotz der eher geringen historischen, faktischen Überlieferungen – keine Konstruktion frommer Phantasien.
Karfreitag ist das brutale, von anderen, von den religiösen wie politischen Machthabern verfügte Ende dieses Propheten, der sich ganz der Menschlichkeit, der Menschenwürde, verpflichtet wusste. Der die Menschlichkeit als den besten Ausdruck des Vereintseins mit dem Unendlichen, mit Gott, ansah. Und der dies auch laut sagte gegenüber frommen Leuten, die auf die Einhaltung uralter religiöser Gesetze absolut allen Wert legten.
Diese wenigen Worte können nur summarisch die Lebensmitte Jesu, sein „Projekt“, andeuten. Dabei wird von mir nicht geleugnet, dass einzelne Sätze der Evangelisten, die sich als Zitate Jesu ausgeben, durchaus irritieren und weitere Fragen aufwerfen. Hier aber kommt es jetzt nur auf die große Linie an im Leben des Jesus von Nazareth. Als gläubiger Jude hatte Jesus radikal neue, man möchte sagen rebellische Auffassungen von dem, was er Gott und den richtigen Glauben als ethische Lebenspraxis nannte.
Seine Verurteilung und sein Tod am Kreuz sind kein blindes Schicksal, sondern Konsequenz seines in vielerlei Hinsicht rebellischen Lebens.
Jesus wird vom römischen Besatzungsregime verhaftet. Dann wird er von seinen Landsleuten, also etlichen führenden Theologen, verklagt. Und nach römischem Recht von Pontius Pilatus verurteilt. Jesus stirbt am Kreuz. Elend. Furchtbar. Auf den manchmal schon üblich gewordenen Hinweis auf viel schlimmere Erlebnisse beim Sterben und Hinrichtungen will ich mich hier nicht einlassen. Jesu Tod war in damaligen Zeiten sehr grausam. Was nützen Vergleiche?
15.
Wir wissen heute dank der historisch – kritischen Bibel-Wissenschaft: Jesus von Nazareth will mit seinem ungerechten Tod, mit seinem Leiden, seiner Qual, nicht irgendwelche Schuld der Menschen, gar der ganzen Menschheit seit der so genannten „Erbsünde“ bei Gott wieder gut machen. Er will überhaupt nicht, wie ein Bild sagt, mit seinem Blut die Schuld der Welt oder die Erbsünde auslöschen. Er will sich also nicht aufopfern für ein imaginäres, der Phantasie entsprungenes Projekt eines Gottes, den Jesus doch bekanntlich voller Vertrauen Vater, lieber Vater, nannte. Das Bild von Jesus als dem Lamm, das sich opfert, führt in die Irre, auch wenn es sich leider bis heute populär durchgesetzt hat. Es gibt irrige und dumme Lehren, die von den offiziellen Kirchen bis heute nicht korrigiert werden, wider besseren Wissens durch die absolute Mehrheit der Theologen. Und wie viele Karfreitagslieder besingen noch immer dieses „Lämmlein“, das sich opfert. Ist die Kirche im 21. Jahrhundert unfähig, so arm im Geiste oder nicht willens, wenigstens unsinnige, irrige Kirchenlieder beiseite zu legen? Sie verderben das religiöse Bewusstsein.
Diese verstörende „Sühne-Opfertheologie“ hat sich seit dem Mittelalter durchgesetzt. Gott ist grausam, so brutal, dass er seinen Sohn dahinschlachtet. Was für ein Wahn! Er hat mit Karfreitag nichts zu tun.
Die Wahrheit für den Menschen Jesus von Nazareth ist doch: Er weiß bei seinem Prozess, bei seiner Hinrichtung, er weiß am Kreuz hängend nur: „Mein Leben bricht ab, es wird beendet“. Und mit letzter Kraft schreit er in den für ihn leeren Himmel: “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Jesus spürte also, wie der Philosoph und Theologe Gonsalv Mainberger treffend sagte, dass nun alles „umsonst“ ist, vergeblich, vorbei. Nur ein letztes Vertrauen in einen Sinngrund bleibt ihm, er nennt ihn nach wie vor Gott, nennt ihn Vater.
Aber Jesus will seine Lehre, seine Menschenfreundlichkeit, nicht verraten, er will sich nicht aus der Affäre ziehen. Er weiß: Was ich tat und was ich lehrte, war und ist richtig, ist human, ist wahr auch im religiösen Sinne. Nicht auf religiösen Kultus kommt es ihm an, sondern auf ein Zeugnis der Menschlichkeit. Und genau daran erinnern sich später seine Hinterbliebenen, seine Freunde und Freundinnen, seine Jünger.
16.
Die offizielle dogmatische Kichen-Lehre hat sich förmlich versteift auf die Behauptungen einer „Auferstehung des Fleisches“. Mit dieser immer noch – auch in der Kunst – verbreiteten Vorstellung ist gemeint: Das „Fleisch“ ist ein Bild für die individuelle leibhaftige Person, sozusagen für ihre einmalige Identität. Und dieser präzisen Person wird eine Auferstehung verheißen. Mit allen Konsequenzen, die sich die Frömmigkeit dann ausmalte: Der Mensch muss leibhaftig vor Gottes Richterstuhl treten, muss erleben, wie der Gerichtsspruch lautet: Man denke an die schrecklichen Endgerichts – und Höllenbilder… Aber das sind Bilder, mehr nicht. Von dem Bild der leibhaftigen individuellen Auferstehung muss sich eine vernünftige Theologie verabschieden. Denn da weiß die alte Theologie einfach viel zu viel, dass es peinlich wird: Wie viele Milliarden Leibhaftiger werden sich dann im Himmel oder der Hölle tummeln? Den privaten Glauben vieler frommer Leute wird man als „Volksglauben“ respektieren, wenn Katholiken etwa auf Todesanzeigen schreiben: „Unser liebes Gemeindemitglied X.Y. ist gestorben. Wir freuen uns auf ein frohes Wiedersehen mit ihm im Himmel“. Das ist für mich Ausdruck einer hilflosen Spekulation, man könnte auch sagen eines diffusen Wunderglaubens.
17.
Es ist schon genug und anspruchsvoll genug, von der Auferstehung als einer bleibenden (!) geistigen Präsenz zu sprechen. Dabei kann sich – nach dem Tod – das individuell Geistige mit dem allgemeinen Geist, dem ewigen Geist, also Gott, vereinen. Aber auch das ist auch schon wieder eine sehr weit reichende Überlegung, weiter sollte man eigentlich bei einer intellektuellen Redlichkeit nicht gehen.
18.
Die frühen, die ersten Gemeinden, die Jesus förmlich als den Auferstandenen „setzten“, wussten: Seine Auferstehung ist nicht auf ihn allein begrenzt. Vielmehr macht Jesus bewusst, dass alle Menschen „Kinder“ des „göttlichen Vaters“ sind, also im Geist mit dem Göttlichen verbunden sind. Insofern ist etwa schon für den Apostel Paulus klar, dass die Auferstehung eine universale Bedeutung hat, allen Menschen gilt. An der Gestalt Jesu wird diese universale Auferstehung „nur“ für andere deutlich. In seinem Ersten Brief an die Korinther (Kapitel 15, Ver 12ff, bes. 16) schreibt Paulus: „Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, dann ist auch Christus nicht auferweckt worden. Und noch einmal: Wenn Tote nicht auferweckt werden, ist auch Christus nicht auferweckt worden“. Giuseppe Barbaglio, Theologe an der Universität Mailand, setzt diesen Gedanken fort: „Jesus Christus ist als der Auferstandene unser älterer Bruder. Was ihm widerfuhr, wird uns widerfahren. Seine Auferstehung ist das Anheben unseres neuen Lebens … und unserer Auferstehung“.
19.
Wie gesagt: Tatsächlich ist jeder Mensch mit dem Geist, verstanden als Geist Gottes ausgestattet und damit sozusagen von vornherein mit dem „Ewigen“ verbunden. Insofern können Menschen, deren überragende Menschlichkeit allgemein geschätzt wird, wie Gandhi oder Martin Luther King oder Bischof Oscar Romero oder Bischof Helder Camara, einen ausgezeichneten Platz haben, wenn es um die Erkenntnis der Auferstehung geht. Sie können durchaus auch erlösend wirken, wenn sich Menschen von ihnen inspirieren lassen zu einem humanen Leben. Jeder wird da weitere eigene Beispiele nennen können. Auferstehung und Auferstandene gibt es immer, weltweit. Aber es gibt auch Menschen, die ihre Seele, auch ihren göttlichen Geist in sich selbst offenbar abtöteten … und zu Lebzeiten wie in einer „Hölle“ lebten. Und anderen das Leben zur Hölle machten. Weiteres wird sich zur „Hölle“ religionsphilosophisch und kritisch-theologisch nicht sagen lassen.
20.
Diese Überlegungen sind alles andere als eine spielerische Spekulation, sie sind keine Form der „l art pour l art“. Sie haben auch politische Bedeutung. Um dies wahrzunehmen, sind auch (zeitgenössische) Dichter hilfreich. Ich denke etwa an Kurt Martis viel zitiertes Auferstehungsgedicht:
„Ihr fragt
wie ist die auferstehung der toten?
ich weiß es nicht….“ (dann folgt eine Reihe an Versen mit dem Kontinuum: ich weiß es nicht….und zum Schluss schreibt Marti)
„Ich weiß
nur
wonach ihr nicht fragt:
die auferstehung derer die leben
ich weiß
nur
wozu Er uns ruft:
zur auferstehung heute und jetzt“. (Kurt Marti, Leichenreden, 1976, S. 25)

In einem anderen Gedicht sagt Kurt Marti:
„Das könnte manchen herren so passen
wenn mit dem tode alles beglichen
die herrschaft der herren
die knechtschaft der knechte
bestätigt wäre für immer
das könnte manchen herren so passen
wenn sie in ewigkeit
herren blieben im teuren privatgrab
und ihre knechte
knechte in billigen reihengräbern
aber es kommt eine auferstehung
die anders ganz anders wird als wir dachten
es kommt ein auferstehung die ist
der aufstand gottes gegen die herren“
21.
Die Auferstehung fördert also eine Lebensphilosophie und damit eine bestimmte Lebenspraxis. Die Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel scheibt: „Wenn wir aufmerksam werden auf die verwandelnden Kräfte, die schon hier unser Leben verändern, die uns anders sehen, fühlen, hören, schmecken lassen, dann können wir auch erwarten: Solche Kräfte werden nicht mit unserem biologischen Leben zu Ende sind. Wir können dem Schöpfersein Gottes zutrauen, dass es Energien gibt, die über unseren eigenen Lebenshorizont hinausreichen“.
22.
Aufgrund der Schöpfung Gottes sind die Menschen von göttlichem Geist erfüllt, sie setzen als Gemeinde also die Auferstehung Jesu von Nazareth. Dadurch wird auch ein neues, anspruchsvolles „Bild“ vom Menschen geschaffen: Dass es Ewiges im Menschen gibt, Göttliches. Meister Eckart, der viel zitierte Philosoph des 14. Jahrhunderts, spricht bildhaft vom „göttlichen Funken in der Seele“ eines jeden Menschen. Wie viele Philosophen haben diesen Satz zurecht wiederholt, interpretiert.
Auf Hegels Philosophie haben ich anderer Stelle hingewiesen.
23.
„Der göttliche, der ewige Funken lebt im Menschen über den Tod hinaus“: Mehr brauchen wir zum Verständnis des Osterfestes eigentlich gar nicht zu wissen. Dies ist eine Erkenntnis, die tröstet, aber nicht vertröstet
24.
An zwei Beispielen heutiger Theologie zeige ich, wie sehr sich prominente Theologen heute immer noch scheuen, ein nachvollziehbares, vernünftiges Verstehen der Auferstehung Jesu von Nazareth öffentlich zu vertreten.
Joseph Ratzinger, also der spätere Benedikt XVI., widerspricht als einer von vielen „Offiziellen“ in seiner viel gelesenen „Einführung in das Christentum“ (1968) einem vernünftigen Verstehen der Auferstehung Jesu Christi: Die Jünger hätten nicht einen von ihnen selbst kommenden, eigenen Gedanken entwickelt, meint Ratzinger, dass Jesus lebe und seine Sache weitergehe. Es ist kein Gedanke, der „aus dem Herzen der Jünger aufstieg“ (S. 256). Nein, so weiß Ratzinger, der Auferstandene trat höchstpersönlich an die Jünger „von außen“ heran. Und er hat sie als von außen kommend „übermächtigt“ und er hat sie dadurch gewiss werden lassen: Der Herr (Jesus) ist wahrhaft auferstanden. Und das heißt für Ratzinger, wie üblich mysteriös – aber orthodox, wörtlich: „Der im Grabe lag, ist nicht mehr dort, sondern er – wirklich er selber – lebt…. Er steht den Jünger handgreiflich (sic!) gegenüber“, so Ratzinger S. 256 f. Auf diese Weise glaubt Ratzinger den Glauben an die Auferstehung zu erklären, im Grunde wiederholt er nur die Worte des Neuen Testaments. Wiederholungen des Textes sind bekanntlich keine Theologie. Aber so wurde und wird Theologie leider immer noch betrieben, von den entsprechenden ahnungslosen Predigten einmal angesehen.
Ratzinger sieht also nicht, dass Gott bereits in der Welt, auch in Jesus von Nazareth als das/der Ewige lebt. Dies allein ist die entscheidende „Ursache“ für die Möglichkeit einer Auferstehung überhaupt. Gott muss also gar nicht von außen noch mal extra in der leibhaftigen Gestalt des Auferstandenen an die Jünger herantreten, um sie von außen als der „handgreiflich Lebendige“ zu belehren. Jesus „hat“ das Ewige in sich, deswegen kann er „auferstehen“.
Es ist also die Scheu, die Angst, die Mutlosigkeit, die rechtgläubig erscheinende Theologen hindern, neue Gedanken und neue Vorschläge zu machen. In dieser sturen Haltung vertreiben sie nur nachdenkliche Menschen aus der Kirche. Die Krise der Kirchen heute ist nicht zuerst eine Krise der Institution. Die Krise der Kirche wird erzeugt durch den Unwillen, alte dogmatische Lehren beiseite zu lassen, und das Wesen der christlichen Religion in neuer Sprache auszusagen.
25.
Wie wenig kreativ und wie mutlos auch heute Theologieprofessoren mit führender Rolle in der „EKD Kammer für Theologie“ sein können, zeigt ein Beitrag von Prof. Christoph Markschies, Berlin, in der populären Berliner evangelischen Kirchenzeitung „Die Kirche“ vom 21. 4. 2019: Prof. Markschies beteuert bzw. behauptet erneut: „Das Grab Jesu war leer“. Also sollen wir dem leeren Grab glauben? Und dann heißt es weiter: „Der Herr ist wahrhaft auferstanden und einer größeren Zahl von Menschen nach der Auferstehung erschienen“. Das nennt Markschies dann eine historische Betrachtung des Ostereignisses. Und schummelt sozusagen einen Gedanken rein, als sei Jesus als der Auferstandene tatsächlich einer „größeren Zahl von Menschen“ erschienen, also auch irgendwelchen Zeitgenossen der Kreuzigung, etwa Römern, Heiden, Juden, wie auch immer. Dabei ist der Auferstandene doch, wenn man schon in diesen Kategorien denkt, den Evangelien folgend ausschließlich den Jüngern erschienen! So werden die braven Leser belogen und ihnen wird die alte Lehre bloß erneut vorgekaut. Damit wird ein vernünftiger Glaube nicht gefördert. Wer dem nicht folgt, gilt als „kirchenfern“ oder sogar als „Atheist“ oder als „Häretiker“.
Aber wer Häretiker und Abweichler ist, das bestimmen bekanntlich immer die Machthaber. Und die haben eher selten recht. Ihre Wahrheit beruft sich nur auf Macht, nicht auf Argumente, nicht auf den Mut, heute Neues, Nachvollziehbares, zu einem alten, aber tatsächlich „letztlich“ bewegenden Thema zu sagen.
26.
Es müsste weiter gezeigt werden, wie diese vernünftige Auferstehungstheologie auch spirituell vertieft werden kann. Von den dogmatisch geprägten Gemeinden ist da kaum Hilfe zu erwarten, diese werden ihre Osterlieder, die wenn nicht aus dem 17. Jahrhundert, so doch mehrheitlich aus dem begrenzten theologischen Denken des 19. Jahrhunderts stammen, weiterhin singen: „Das Grab ist leer, der Held erwacht“ oder „Freu dich du Himmelskönig, freu dich Maria“ und so weiter. Das kann man ja machen, wenn man die Lieder wie Chorsätze aus mythischen Opern vergangener Zeiten deutet. Aber es ist etwas anderes, sich über die Gesänge der „Zauberflöte“ zu erfreuen als sich in mythische Osterlieder zu vertiefen. „Verzauberte Stimmungen“ oder Emotionen können kurzfristig (ver)trösten, auf Dauer gibt uns vor allem die Vernunft sicheren Boden, also eine tragende Sinnerfahrung. Die Erkenntnis der Auferstehung Jesu und aller Menschen Auferstehung kann ein solcher sicherer Boden sein, der sich der Vernunft erschließt und …“im Letzten“ auch tröstet.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Es gelten, wie immer auf dieser Website, die Regeln des copyright.

LITERATURHINWEISE:

Stefan Alkier, Die Realität der Auferstehung. Tübingen 2009.

Concilium, Internationale Zeitschrift für Theologie, Themenheft Auferstehung, Dezember 2006.

Hans Kessler, Sucht den Lebenden nicht bei den Toten. Die Auferstehung Jesu Christi, 2011, Topos Taschenbücher. 2011, 526 Seiten.

Hildegund Keul, Auferstehung als Lebenskunst. Was das Christentum auszeichnet. Herder Verlag 2014.

Elisabeth Moltmann-Wendel, Mit allen Sinnen glauben. Stimmen der Zeit, 2005.

Karl Rahner Lesebuch. Herder 2014. 475 Seiten.

Dorothee Sölle, Es muss doch mehr als alles geben.1992, DTV.

Christoph Türcke, Kassensturz. Zur Lage der Theologie, darin der Beitrag Tod, Fischer Taschenbuch 1992.

Die leeren Kirchen und die Fülle der Theologie. Über Tomás Halík.

Hinweise auf das neue Buch von Tomás Halík „Die Zeit der leeren Kirchen“ (Herder Verlag 2021)
Von Christian Modeh am 7.3.2021

1.
Tomás Halík (Jahrgang 1948) ist inzwischen zu einem der bekanntesten katholischen Priester und Theologen in Europa geworden. Er lebt in Prag und ist seit vielen Jahren für die von ihm gegründete „Akademische Gemeinde“ in der St. Salvatorkirche verantwortlich. Auch die „Christliche Akademie“ in Prag leitet er als ihr Gründer. In den letzten Jahren hat Halík immer wieder über seine Schwerpunkt – Themen publiziert. Darin wehrt er sich gegen die Ausgrenzung „unkirchlicher Menschen“ durch den Titel „Atheisten“. Für Halik sind „Atheisten“ meistens „Suchende“. Und er warnt immer wieder und immer heftiger vor dem endgültigen Niedergang der katholischen Kirche, etwa in der Tschechischen Republik, wenn nicht endlich der Klerikalismus, der Moralismus und der Dogmatismus überwunden werden. Ob dazu die sehr konservativen tschechischen Bischöfe noch die Kraft haben, bezweifelt Halik wie viele andere Theologen. Er sieht den Weg des Katholizismus in Europa zur zahlenmäßig kleinen wie theologisch schwachen Sekte. Reformen bzw. Reförmchen der Kirchenleiung heute nennt Halik „nur das Hin und Herschieben der Liegestühle auf der Titanic“ (S. 98). Welch treffendes Bild, auch Ausdruck des feinen tschechischen Humors!
Dass sich Halík in dieser durchaus provozierenden Haltung sozusagen vor dem Zorn der Hierarchie schützen muss, ist ihm klar. Aber Halik kann sich doch etwas sicher fühlen: Er hat inzwischen den international hoch angesehenen und bestens dotierten (mehr als eine Million Euro) Templeton-Preis erhalten. Und zudem kann er sich einer gewissen Sympathie vonseiten Papst Benedikt XVI. erfreuen: Der ernannte Halik nicht nur zum „Päpstlichen Prälaten“, sondern hat ihn auch in seinen eigentlich konservativ geprägten Schülerkreis – mit Treffen in Castelgandolfo – einbezogen. Unter diesen sicheren Bedingungen ist es dann doch für Halík eher ungefährlich,kritisch zu werden, wenn er natürlich auch nicht zu eigenwillig handeln darf: Er folgte etwa dem Verbot des konservativen Prager Kardinals Duka, in der St. Salvator Kirche wie schon angekündigt einen Gottesdienst mit und für Homosexuelle zu gestalten, das war im Jahr 2015. Heute regt sich Halik allerdings auf, wenn „Homosexuellen und Migranten“, so wörtlich, „von faschistischen Kampfgruppen attackiert werden“ Dies schreibt er in einem Beitrag, der sich mit der Pseudoreligion des Fundamentalismus und des Fanatismus befasst. Der Artikel wurde am 14.11.2020 auf der Website des „Münsteraner Forum Theologie und Kirche“ veröffentlicht (gelesen am 7.3.2021).
2.
Nun hat der Herder-Verlag im Februar 2021 ein neues Buch Haliks herausgebracht, erschienen ist es in Prag 2020. Es hat den Titel „Die Zeit der leeren Kirchen“, der Untertitel ist „Von der Krise zur Vertiefung des Glaubens“. Mit „leere Kirchen“ meint Halik die aufgrund der Corona-Epidemie 2020 auch in Tschechien geschlossenen Kirchen. Und in einer leeren Kirche, „seiner“ St. Salvatorkirche, hat denn auch Halik Predigten bzw. kurze theologische Vorträge gehalten. Sie wurden als Video-Aufnahmen life gesendet und fanden viel Beachtung auch außerhalb Tschechiens.
3.
Das neue Buch „Die Zeit der leeren Kirchen“ ist also vor allem ein Buch der Predigten. Dies wird in der Verlagswerbung allerdings nicht gesagt. Und dies ist für viele erst einmal eine Überraschung, die das Buch in der Hand haben. Predigten als Titel verkaufen sich wahrscheinlich nicht so gut. In einem Vorwort von 20 Seiten fasst er noch einmal seine Grundideen zusammen, erinnert an die jüngste Geschichte der katholischen Kirche in Tschechien und erläutert die äußeren Umstände, die zu diesen Video-Predigten/Vorträgen führten. Die Leser können nun überprüfen, welche speziellen theologischen Ideen in der Corona-Pandemie (gemeint ist hier die Zeit vom Dritten Fastensonntag bis zu Pfingsten) von Halík verbreitet werden.
Auch in den Predigten werden die seit langem bekannten „Halík“ – Themen angesprochen:
Er unterscheidet wieder zwischen dem vulgärem Atheismus der „primitiven Vorstellungen von Gott“ und dem suchenden Atheismus derer, die zwar kirchenfern, aber doch irgendwie insgeheim vielleicht sogar Mystiker sind. Glauben und Nichtglauben spielt sich für Halik eher auf der bewusstseinsmäßigen Ebene ab, in der Theorie sozusagen. Der Gedanke Jesu, dass fromm jener ist, der die Nächstenliebe tätig tut, wird nicht so stark akzentuiert. Dann wird oft auch die Haltung der offiziellen katholischen Kirchenführung beklagt: Wenn Ehepaaren, die „geschieden, aber – nach staatlichem Recht – wiederverheiratet sind, der Empfang der Eucharistie/des Abendmahles verweigert wird.
Deutlich wird in den Predigten erneut, wie eindringlich Halik die Leistungen seiner Gemeinde beschreibt bzw. lobt, die tatsächlich in großer Offenheit für Kultur, Diakonie und Mystik eigentlich alles richtig macht. Und auch viel Erfolg hat, was die Anzahl der Taufen in der Gemeinde betrifft. Und nun hat die Gemeinde, Halik spricht auch von „Salvator-Gemeinschaft“, sogar in der Stadt Kolin (bei Prag) ein eigenes Meditationshaus.
4.
Aber es wird in den Predigten / Kurzvorträgen nicht recht deutlich, was denn nun diese Gemeinde, vor allem die jüngeren Leute, an elementarer praktischer Hilfe etwa für alte und kranke Menschen in der Not der Pandemie geleistet haben. Konnten die Gemeindemitglieder wenigstens Lebensmittel den Alten vor die Tür stellen, gab es telefonische Beratung, wie wurden Bestattungen gefeiert: Dazu erfährt der Leser nichts.
5.
Und ein weiterer Mangel in meiner Sicht ist: In diesen Predigten in Prag im Jahr 2020 soll ja wohl Elementares des christlichen Glaubens in einer neuen, also nicht verbrauchten und angestaubten formelhaften Sprache mitgeteilt werden. Aber der schöpferische Mut, aus dem Alten und Angestaubten wirklich zu neuen Einsichten und neuen Worten zu kommen, also alte Begriffe mutig in neuen Bildern zu formulieren, das fehlt, nicht nur mir.
Nur ein Beispiel: Warum kann Halík die Bedeutung Jesu von Nazareth nicht als erlösendes Vorbild darstellen? Und warum muss er schreiben: “Es war nicht der Glaube der Jünger, der Jesus zum Leben auferweckte“ (S. 139). Warum eigentlich nicht? Was denn sonst, war es wieder mal ein Wunder, ein völlig unverständliches Eingreifen des himmlischen Gottes nun mal auf dem Kalvarienberg? Die theologische Lösung ist doch einfach: Die Jünger vom Heiligen Geist geprägt, erkennen nach Jesu Tod: Derselbe Geist Gottes, der uns zur Erkenntnis bringt, hat auch den verstorbenen Jesus in eine ganz neue Lebendigkeit geführt, in die Ewigkeit Gottes geführt. Der ewige, göttliche Geist ist lebendig, ist auferweckend, bei den Jüngern wie im Fall des verstorbenen Jesus von Nazareth. Im ewigen göttlichen Geist wird deutlich: Dass alle Menschen kraft des Geistes auferstehen. Ich vermute, wenn man solche oder ähnliche Worte fände, wären sie verständlich in einem „atheistischen Milieu“. Halík hingegen hält sich viel zu oft an die Dogmatik des offiziellen Katechismus (von Ratzinger!) und spricht auch vom Abstieg Jesu in die Hölle (S. 121). Und er sogar, der Hinweis eines japanischen Jesuiten sei für Euripa hilfreich: Der Jesuit, Pater Kadowaki sagt: „Auf dem Weg in die Tiefe des Geheimnisses wird dir das Licht der westlichen Rationalität nicht helfen“ (S. 123). Warum das so ist, also warum der Vernunft wieder einmal die totale Unfähigkeit zum Verstehen Jesu von Nazareth und seines Lebens und Auferstehens bescheinigt wird, bleibt ohne Erklärung. Schade.
6.
In Pandemie Zeiten mit den Lock-Downs muss natürlich auch über Politik und Politiker gesprochen werden. Das macht Halik äußerst sparsam in seinen Predigten, er erwähnt den von vielen kritischen Beobachtern letztlich unfähigen populistischen tschechischen Präsidenten Zéman in einer Fußnote auf Seite 206. Das ist alles explizit Politische.
Da ist Halík in dem genannten Aufsatz „Pseudeoreligion“ vom November 2020 schon etwas weiter, aber da gilt die politische Kritik dem Nachbarn Polen, Kaczynskis Regime nennt Halík einen „autoritären Staat“.
7..
Interessant ist, dass Haliks Predigen nicht Teil einer tatsächlichen, aber virtuellen Eucharistiefeier waren. Für den Prager Theologen kann es Eucharistiefeiern nur mit leibhaftig anwesenden Gläubigen geben (S. 61). Ein diskutabler Gedanke. Aber andererseits berichtet Halik, wie er als Priester in der Zeit der Kommunismus für sich ganz allein – offenbar trotz aller Gefährdungen gern – ganz privat die Messe feierte. War die Not im Kommunismus größer als in der Corona Pandemie? (vgl. die Darstellung auf S. 90: „ich selbst habe – im Kommunismus – Tag für Tag elf Jahre lang, meistens allein oder mit eine paar getreuen, die Messe gefeiert)
8.
Halik deutet die Unmöglichkeit (für ihn) alleine in der St. Salvatorkirche Eucharistie zu feiern als eine Art göttlichen Eingriff: „Das erzwungene Fasten von der Eucharistiefeier und anderen Sakramenten hielt ich für einen wertvollen Ausdruck der göttlichen Pädagogik“… eben tiefer im „Fasten“ als Verzicht auf Eucharistiefeier nachdenken zu können, S. 14f. Auf der anderen Seite aber wehrt sich Halik dagegen, die Pandemie irgendwie mit dem Handeln Gottes, etwa eines strafenden Gottes, in Verbindung zu bringen (S. 25). Gilt also: Strafender Gott: Nein, pädagogischer Gott: Ja?
9.
Auch die Deutung der atheistischen Lebensformen in Tschechien scheinen mir zwiespältig zu sein: „Die tschechische Gesellschaft ist stark entkirchlicht, aber nicht atheistisch“ (S. 23) Die größte Gruppe derer, die sich nicht zu den Kirchen bekennen, seien die Menschen „die gleichgültig sind gegenüber der Religion“ (S.23)
Andererseits meint Halik, die große Mehrheit ´der Tschechen hat Ostern schon lange als Feiertag des Frühlings erlebt, freie Tage, die höchstens durch die folkloristische Nachahmung der heidnischen (! sic) Bräuche farbenfroh gemacht wurden.“ (S. 27)
10.
Mich freut, dass Halik wenigsten in einer knappen Formulierung das Grundprinzip der neuen protestantischen liberale Theologie für sich akzeptiert: „Jeder Mensch hat eine geistige Dimension seiner Persönlichkeit, jeder Mensch fragt auf irgendeine Weise nach dem Sind seines Lebens“ (S 23). Das ist die Grundlage für eine ökumenische Theologie, die alle Menschen bewegen kann.

Tomás Halìk, Die Zeit der leeren Kirchen. Von der Krise zur Vertiefung des Glaubens. Herder Verlag, 2020, 207 Seiten, 20 Euro. Übersetzt aus dem Tschechischen von Markéta Barth und Benedikt Barth.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ein Theologe der Poesie und Literatur: Jean-Pierre Jossua, Paris. Gestorben am 1.2.2021

Ein Hinweis von Christian Modehn

Geschieben am 3.2.2021:
Pater Jean-Pierre Jossua ist am 1. Februar 2021 gestorben, an den Folgen der Corona-Pandemie, er wurde 90 Jahre alt, die Impfung kam wohl zu spät?

Der Dominikaner Theologe Jossua war ein außergewöhnlicher Theologe, darauf habe ich früher schon hingewiesen (siehe unten meinen Beitrag vom 24.9.2020).

Außergewöhnlich, weil er seit ca. 40 Jahren kein Interesse mehr darin sah, über Kircheninterna viel zu reden und zu schreiben. Er hatte erkannt, dass es sehr viel Wichtigeres gibt. Etwas, das nachdenkliche Menschen bewegt, die spirituell interessiert, aber un-kirchlich sind im Sinne von „nicht mehr römisch – katholisch“.
Jossua widmete sich der Literatur, selbstverständlich auch der unkirchlichen, „atheistischen“. Er nannte seine Theologie „théologie littéraire“. Ein großartiger Titel. Allein vier Bände umfasst seine Studie „Für eine religiöse Geschichte der literarischen Erfahrung“, erschienen bei Beauchesne, Paris. Sehr viel mehr Bücher hat Jossua verfasst.

Von Jean-Pierre Jossua wissen in Deutschland vielleicht noch einige, die die progressive katholische theologische Zeitschrift CONCILUM noch kennen, zu deren „Direktoren“ er einst gehörte, als er sich mit den Kircheninterna abgeben musste. Aber auf Deutsch liegt meines Wissens kein größeres Werk von ihm vor, auch die deutschen Dominikaner haben ihn wohl vergessen?

Wie früher schon von mir geschrieben: Jean Pierre Jossua stammte aus einer jüdischen Familie, sein Vater wurde in Auschwitz 1943 von Deutschen ermordet. Er selbst rettete sich nach Argentinien und trat als Konvertit 1953 in den Dominikanerorden in Frankreich ein, der damals für viele kritische Intellektuelle ein spirituelles Obdach bot.
Jossua sah seine Aufgabe darin, das Religiöse, auch das Christliche, ins Gespräch mit der gegenwärtigen Kultur zu bringen, auch und gerade der kirchenfernen, der „laique“ Kultur. Solche gebildeten Theologen mit diesen weiten, vernünftigen Ansätzen und Zielen sind sehr sehr selten geworden. Es herrscht heute bekanntlich und überall zu spüren der kleinkarierte, ungebildete Klerikalismus vor.
Katholische, kritische Intellektuelle gibt es nicht mehr, auch nicht in den Orden. Oder?
Man möchte Jean-Pierre Jossua danken.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Dieser Hinweis wurde verfasst anlässlich des 90. Geburtstages von Jean-Pierre Jossua am 24. 9. 2020.

Ein französischer Theologe hat sich viele Jahre seines akademischen Lebens und Lehrens mit der Suche nach dem Unendlichen, dem Sinnvollen, dem Göttlichen befasst, aber, eben anders als die vielen anderen, gewöhnlichen, möchte man fast sagen. Jean Pierre Jossua hat das Unendliche, Gott, das Göttliche, in der modernen Literatur gesucht und auf ungeahnte Weise gefunden. Pater Jossua ist Dialogpartner für Dichter und Schriftsteller, er will sie nicht belehren, nicht bekehren, sondern das Gesagte verstehen und mit ihnen das Ungesagte entziffern
Der Dominikaner Pater Jean – Pierre Jossua (Jahrgang 1930) ist also eine Ausnahme-Gestalt, die leider in Deutschland weithin unbekannt ist: Und das gibt zu denken: Wie weit ist Theologie in Frankreich selbst unter deutschen Theologen „entfernt“ uns fremd? Lediglich in der internationalen theologischen Zeitschrift CONCILIUM hat Jean Pierre Jossua einige auf Deutsch erreichbare Aufsätze publizieren können. Die Liste seiner Arbeiten auf Französisch ist lang. Eine ausführliche biographische und theologische Würdigung wäre angebracht und dringend geboten, man fragt sich: Warum machen das eigentlich die Dominikaner in Deutschland nicht?
Jossuas Motto heißt: „Als Theologe die Literatur lesen. Und als Theologe literarisch schreiben…“ Beide Forderungen hat er in seinem umfangreichen Werk erfüllt.
Jean Pierre Jossua wurde am 24.9. 1930 in Paris in einer jüdischen Familie geboren, die ursprünglich aus Saloniki, Griechenland, stammt. Jean Pierre Jossua gelingt unter der Naziherrschaft die Flucht nach Argentinien, sein Vater wird in Auschwitz von Deutschen ermordet.
Nach einem Medizinstudium konvertiert Jean Pierre Jossua zum Katholizismus und tritt 1953 in den Orden der Dominikaner ein, der sich damals in Frankreich vieler theologisch progressiver Mitglieder rühmen konnte (konservativer auch), erwähnt seien nur die progressiven Patres Chenu oder Pater Congar, die beim 2. Vatikanischen Konzil von Bedeutung waren. Sie hatten eine Leidensgeschichte hinter sich, etwa wegen ihres mutigen Eintretens für die Arbeiterpriester, dieses „Experiment“ hat Papst Pius XII. dann verboten. Den üblichen vatikanischen geistigen Terror mussten sie aushalten, mit Schreibverboten etc. Wie und warum haben das Intellektuelle damals nur mit sich geschehen lassen? Vielleicht, weil sie die an katholische Kirche doch noch als eine „göttliche Stuftung“ glaubten?
Pater Jossua hat sich als Theologe UND Kenner der Literatur und Poesie vor allem dem Dialog mit den Schriftstellern und Poeten gewidmet. Sozusagen innerhalb der Theologie eine Art Nischenthema,leider.
Ich konnte 2011 mit Pater Jossua in Paris, im Dominikanerkloster St. Jacques im 13. Arrondissement führen. Das große Kloster und die einstige renommierte theologische Fakultät „Le Saulchoir“ ist heute eine bescheidene theologische Bildungsstätte des Ordens.
Pater Jossua hat auf die enge Verbindung von Poesie und Spiritualität hingewiesen: „Die Poesie ist für unglaublich viele Menschen, und darunter sicher die besten, eine Form spiritueller Bewegung geworden. Poesie könnte für sie sogar die Religion ersetzen, die ihnen sonst wie tot vorkommt. Poesie könnte als ein Weg zu Gott, zum Absoluten, erscheinen. Tatsächlich möchte ich sagen: Die Poesie hat die Funktion des Gebets angenommen. Und das Gebet kann nur gewinnen, wenn es wieder die Form poetischer Qualität entdeckt“.
Schon 1970, beim internationalen Kongress der internationalen Zeitschrift „Concilium“ deutetd Pater Jossua seine besonderen, vom „Üblichen“ abweichenden theologischen Interessen an: „Streng genommen ist die Idee von einem Berufstheologen eine Blasphemie, steckt doch hinter dieser Idee der Gedanke, dass es im Christentum Fachmänner für Gott gibt“ (S. 54)… Am Ende seiner Vortrags in Brüssel zeigte der damals noch junge Theologen Jossua, welche Interessen ihn bewegen: Er sprach hochschätzend von „Charismatikern“ (geisterfüllten Menschen) „der Schwelle“, von Schriftstellern und Philosophen, die von außen das theologische Leben beobachten. Diese nannte Jossua durchaus auch Theologen,, „die“, so wörtlich, „kein kirchlicher Maßstab messen kann. Ich denke an Menschen wie Bergson, Simone Weil und viele andere“. (in: „CONCILIUM. Die Zukunft der Kirche“. S. 59, Benziger und Grünewald Verlag 1970).
Über diese Theologen der Schwelle“ hat Jossua seine „théologie littéraire“ entwickelt und regelmäßig davon über viele Jahre berichtet, abgesehen von zahlreichen eigenen Studien zum Thema. (https://www.cairn.info/revue-des-sciences-philosophiques-et-theologiques-2016-2-page-313.htm)
Von den zahlreichen Studien Jossuas soll hier nur erwähnt werden: „La passion de l infini: Littérature et théologie“. Nouvelles recherches. Paris 2011, Editions du Cerf.
Eines seiner letzten Bücher hat den für Jossua bezeichnenden Titel: „Chercher jusqu à la fin“, „Suchen bis zum Ende“.
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Jérome Lejeune: Abtreibung nannte er einen „Genozid“. Und seine Stiftung verteufelt die Homoehe. Aber von Papst Franziskus wird er bald „selig gesprochen“.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
Bald können Katholiken einen militanten Wissenschaftler als einen Seligen verehren: Er hat jegliche Abtreibung verurteilt, er war gegen die Gleichberechtigung von Homosexuellen… und ein bekennendes Opus Dei Mitglied. Ausgerechnet Papst Franziskus wird ihn bald selig sprechen. Ein Papst, der es „allen recht machen will“.
2.
Wieder hat es der Papst es eilig mit einer Seligsprechung: Der Franzose, Professor Jérome Lejeune (1926 bis 1994), gehörte als Genetiker zu dem Team, das 1959 die Trisomie 21 entdeckte. Seit der Zeit wurde Lejeune international geehrt. Zuletzt auch von seinem engsten Freund Papst Johannes Paul II., der Lejeune zum Präsidenten der „Päpstlichen Akademie für das Leben“ ernannte.
3.
Papst Franziskus ist nun fest entschlossen, Lejeune selig zu sprechen, als erster Schritt wurde ihm „der heroische Tugendgrad“ zuerkannt, eine Voraussetzung für eine Seligsprechung und die dann folgende Heiligsprechung. Die erforderlichen Akten für den Prozess der Seligsprechung wurden bei den Vatikanischen Behörden übrigens erst 2012 eingereicht, es überrascht also das Tempo im Vatikan, diesen Herren letztlich zur Verehrung aller Katholiken auf die Altäre zu erheben. „Heiliger Professor Lejeune“, bitte für uns, kann man dann beten. Auch der Gründer des Opus Dei, José Maria Escriva, wurde im Eiltempo gegen alle Üblichkeiten heiliggesprochen. Tatsächlich spielt auch Geld immer eine Rolle, was das Tempo von Selig und Heiligsprechungen angeht. Und: Die möglichst konservative theologische Orientierung.
4.
Aber es waren nicht nur wissenschaftliche Qualitäten, die dem Papst gefallen: Jérome Lejeune war bekanntermaßen Opus Dei Mitglied. Er war zudem ein leidenschaftlicher Feind jeglicher Abtreibung. Er nannte Abtreibung einen Genozid und gründete den Verein „Laissez les vivre“, „Lasst sie leben“, der eng verbunden war mit der rechtsextremen Partei Front National von Jean Marie Le Pen.
5.
Nach dem Tod von Lejeune wurde die gemeinnützige „Stiftung Lejeune“ gegründet, die seitdem vor allem gegen die Homoehe auftritt und auch entsprechende Demonstrationen mit organisiert hat. Siehe den Protest von Wissenschaftlern gegen die politischen Verquickungen der Stiftung Lejeune, die zudem staatlich gefördert wird: https://www.numerama.com/sciences/244921-146-scientifiques-denoncent-une-fondation-reactionnaire-qui-entrave-la-recherche-sur-les-embryons.html
6.
Die alsbaldige Seligsprechung des Antiabtreibungs-Professors passt gut in die (kirchen-)politische Szene heute:In den USA predigen viele katholische Bischöfe ihren Widerwillen gegen Präsident Joe Biden, weil er die Abtreibung in einem bestimmten rechtlichen Rahmen zulassen wird. Ein seliger Jérome Lejeune passt gut in die reaktionäre Politik Polens und die Anti-Abtreibungspolitik so genannter katholischer Staaten in Lateinamerika, wie Nicaragua, El Salvador, Guatemala und so weiter.
7.
Die letzte politische Bastion der katholische Kirche, dies ist ihr moralischer Einspruch zugunsten von absolutem Abtreibungsverbot und ihr radikaler Widerstand gegen Homoehe oder Sterbehilfe, muss von ihr absolut verteidigt werden. In diesen Fragen will die Kirche noch einmal, wie im Mittelalter, das staatliche Leben auch in der Gesetzgebung bestimmen. Es ist freilich ein verlorener Kampf, weil selbst die noch verbliebenen Katholiken etwa in Europa und Amerika mehrheitlich die vernünftigen moralischen Positionen übernommen haben. Die rigiden moralischen Gesetze der Kirche sind nicht vernünftig, sie haben einen esoterischen Charakter.
7.
Papst Franziskus zeigt mit dieser baldigen Seligsprechung von Prof. Jérome Lejeune, Opus-Dei, dass er in seiner Haltung theologisch zerrissen ist. Er will es offenbar (um des eigenen Überlebens willen?) allen recht machen im Vatikan, auch dem Opus Dei und den reaktionären Kräften in Frankreichs Kirche.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

„Ignorant katholisch“.

Populäre Variationen im aktuellen Katholizismus
Beiträge zum Thema: Mit welchen „dringenden“ Themen sich heute einige katholische Theologen befassen…
Hinweise von Christian Modehn

Das Motto:
“Man denke ja nicht, dass ein Kirchenkritiker ein Atheist ist“ (Voltaire)

Das Vorwort:
Natürlich kann jeder glauben, was er will, so lange er in seiner Glaubenspraxis andere nicht gefährdet.
Aber unsere Frage ist theologisch gesehen doch wohl üblich und normal: Kann man im Katholizismus alle nur denkbaren, auch dummen, bloß populären Inhalte als „Glaubensgut“ propagieren? Darf man das tun, wenn einem die seelische und spirituelle Gesundheit, die eigene wie die der anderen Glaubenden, wichtig ist?
Mit dieser Frage wird selbstverständlich nicht für eine Wiederkehr der Zensur plädiert. Pluralität der Glaubensinhalte muss auch im Katholizismus gelten. Aber nicht alles offiziell Verkündete kann vor dem Anspruch der Vernunft bestehen. Und sollte freimütig kritisiert werden. Welchen Maßstab für die Unterscheidung aller nur denkbaren Glaubensinhalte gibt es denn, wenn nicht die selbstkritische Vernunft? Die kritische Vernunft entscheidet, nicht irgendeine der vielen theologisch – dogmatischen Traditionen.

1.
Ein erstes Beispiel für unsere Rubrik „Ignorant katholisch“: Das Jahr 2021 soll das“ Jahr des heiligen Josef“ sein!

So will es ausdrücklich Papst Franziskus: Josef, den der Papst, wie in offizieller Dogmatik üblich, nicht etwa den Vater Jesu nennt, sondern als den „Ziehvater“ Jesu bezeichnet. Früher sprach man vom „Nährvater“ Josef, um auch so jeglichen sexuellen Kontakt mit seiner Verlobten Maria auszuschließen. Maria wurde bekanntlich dadurch Mutter Jesu, weil sie „vom heiligen Geist empfangen hat“. Dabei aber spricht das Johannes-Evangelium, knallhart möchte man sagen, (Joh. 1, 46), von „Jesus als dem Sohn Josefs“. Aber die leib- und sexfeindliche Theologie machte in ihrer Angst aus Josef den asexuellen Ziehvater. Was für ein Titel! Und dieser „Ziehvater“ soll nun, so wörtlich Papst Franziskus, als „Vorbild“ heute in Corona- Zeiten gelten. Ausgerechnet wegen, so wörtlich, „seines kreativen Mutes, seiner Bescheidenheit, wegen seines Gehorsams und der Zärtlichkeit sowie der Verantwortung“. Dieses Vorbild des heiligen Josef sei gerade in Pandemie – Zeiten relevant. Darf man fragen: Was soll dieses fromme Schwadronieren? Ich kann diese Verkündigung des Papstes Franziskus nur als einen Beitrag für eine Theologie des Absurden bezeichnen: Weil wir allen Ernstes von diesem Mann Josef fast gar nichts wissen. Josef ist nämlich eine Art Phantom. Der aber dann doch, versehentlich möchte man meinen, im Neuen Testament Vater einer größeren Familie genannt wird. Wobei dann Jesu Brüder (vgl. die Namen der vier Brüder Jesu bei Markus, 6,3) zu nahen Verwandten heruntergestuft werden, bloß damit Maria die total unberührte sexuell Reine bleiben kann.
Und auch dieses noch: Kein einziges Wort wird von diesem Familienvaters Josef in den vier Evangelien überliefert, von seinem Tod oder Weiterleben nach der Hinrichtung Jesu ist im Neuen Testament nichts bekannt. Lediglich über seinen Beruf wird ein Wort verloren, er soll den damals angesehenen Beruf des „Bauhandwerkers“ ausgeübt haben, ein Job, den sein Sohn offenbar auch lernte, so überliefern es viele Künstler in ihren Bildern.
Kurzum:
Wie kann eine Phantomgestalt, oder ein Protagonist eines Mythos, heute Vorbild sein für Katholiken im Jahr 2021? Oder werden die Gläubigen schlicht nur aufgefordert, ihrer Phantasie freien Raum zu lassen und sich ihren ganz persönlichen Josef zu imaginieren? Lebt der Glaube etwa von wunderbaren Legenden? Vielleicht wird dann sogar die von Josef mit seiner Gattin (?) Maria gelebte „Josefsehe“ wieder attraktiv in diesen Corona – Zeiten, wo wir leibliche Kontakte möglichst meiden und alle anderen Menschen auf Distanz halten sollen.
Katholiken können bekanntlich Heilige als Fürsprecher im Himmel anflehen: Sie mögen sich doch bitte bei Gott einschalten und dem Betenden hilfreich sein. So wird Josef traditionell als Schutzpatron der Sterbenden verehrt. Meinte dies etwa Papst Franziskus, als er das „Jahr des heiligen Josef“ in dieser Pandemie ausrief? Welche Form von Spiritualität wird dann aber gefördert? Sollte man diese Spiritualität nicht allen Ernstes eine Form des Aberglaubens nennen: Ein heiliger Josef, im Himmel wandelnd, bittet den Ewigen Gott um Erbarmen in einem ganz konkreten Fall eines hoffentlich braven Menschen? Was soll das? Hat das etwas mit christlichem Glauben zu tun?
Wenn schon der Papst dem Jahr 2021 ein besonderes Motto geben will, das für nachdenkliche Menschen nachvollziehbar ist und nicht absurd wirkt: Warum sagt er dann nicht: Das ist ein Jahr der Solidarität, der Hilfsbereitschaft auch der katholischen Gemeinden und ihrer Priester. Sie sind bereit, mit einzelnen, unter Beachtung aller geltenden Schutz-Regeln, zu sprechen; sie öffnen ihre Kirchen tagsüber zum stillen Gebet oder der Meditation für einzelne oder ganz kleine Gruppen, sie sind als Priester in diesen Kirchen anzutreffen, denn in diesen Corona-Zeiten haben die Pfarrer ja so furchtbar viel nicht zu tun, weil alle Gruppen, Bibelkreise etc. ausfallen. Diese Pfarrer und ihre Gemeinden beschenken dann die Pflegenden, trösten die Trauernden. Und verschanzen sich nicht in den hübschen Pfarrhäusern und Klöstern oder katholischen Akademien. Was haben die Akademie Direktoren eigentlich in Corona – Zeiten gemacht? Wahrscheinlich haben sie in der langen Freizeit Bücher geschrieben…
Wie auch immer: Nur praktische Hilfe ist sinnvoll und frei von jeglichem absurden Aberglauben. Ein offizielles Jahr des heiligen Josef weltweit, verführt angesichts der Phantom-Gestalt dieses Mannes nur zu spinösen Ideen … und ist insofern absurd. Lassen wir den heiligen Josef also ruhen oder im Himmel sich erfreuen…

2.
Ein zweites aktuelles Beispiel: Die katholische Kirche soll doch bitte das „Fest der Beschneidung Jesu“ wieder einführen.

Der 1. Januar war bis 1969 das Hochfest der Beschneidung Jesu. Irgendwann aber war den Theologen doch klar, dass für Christen die Beschneidung Jesu aktuell keine Bedeutung mehr hat. Dass Jesus als Jude beschnitten wurde, ist ja klar, bedarf aber wohl keines eigenen christlichen Festes. Nun gibt es im heutigen Katholizismus prominente Stimmen, die das Fest der Beschneidung Jesu wieder einführen wollen. Dadurch soll der „Relativierung des Mann-Seins (sic!) Jesu“ Widerstand geleistet werden (man ahnt, das hat etwas mit der Abwehr des Frauenpriestertums zu tun) und der „Marginalisierung des Jude-Seins Jesu“ sollwidersprochen werden, so etwa wörtlich der katholische Theologe und Universitätsprofessor (Wien) Jan-Heiner Tück in der „Herder-Korrespondenz“ Januar 2021, S. 25. Inzwischen will sich auch Kardinal Marx für die Wiederbelebung des Festes der Beschneidung Jesu einsetzen. Der Provinzial der Jesuiten in der Schweiz, Pater Christian Rutishauser, macht sich schon seit längerer Zeit für das „Beschneidungsfest“ stark. Ein entscheidendes Motiv dafür ist, der jüdischen Gemeinschaft den guten Willen zu zeigen und Jesus als vollständigen Juden auch in christlicher Sicht herauszustellen. Diese Idee ist sehr löblich, man muss sich aber auch mit der Abwehr der Beschneidung durch den Apostel Paulus noch befassen. Und sich fragen, wie der Jude Jesus nicht vielleicht doch aufgrund seiner Kritik an jüdischen Gelehrten dich etwas über das Judentum hinausgewachsen ist. Das wäre ein spannendes religionswissenschaftliches Thema…Diese Wiederbelebung einer katholisch zu feiernden Beschneidung Jesu ist aber sicher kein wirksamer Beitrag, um den auch in katholischen Kreisen immer noch und immer wieder vorhandenen Antisemitismus zu bekämpfen. Judenfeindschaft heute, propagiert von Rechtsextremen, überwinden Katholiken nur, wenn sie gegen den Antisemitismus der Rechtsextremen kämpfen. Und wenn sie in den christlichen Gemeinden die Kenntnis des jüdischen Lebens vertiefen, Begegnungen ermöglichen und vor allem auch die hebräische Bibel studieren. Damit machen sie wohl der jüdischen Gemeinschaft mehr Freude als mit der Wiedereinführung des Festes der Beschneidung Jesu.

Nebenbei: Ich wäre den LeserInnen sehr dankbar, die mir verraten könnten, wo denn überall die kleinen Fetzen der Vorhaut Jesu als bis heute übliche Reliquien in katholischen Kirchen verehrt werden, Hautfetzen, die nach der Beschneidung Jesu übriggeblieben und – angeblich wie immer bei Reliquien – wohl erhalten sind. Nur darf es so viele Hautfetzen eigentlich gar nicht geben….Ich kann nur daran erinnern, dass sich vor etlichen Zeit die Vorhaut Jesu in Antwerpen befunden haben soll. Aber es kommt noch anders: „Am intensivsten war die Vorhautverehrung in Frankreich, wo man sich auch im Besitz einiger Nabelschnüre des Heilands glaubte: „Praeputia Christi“,Vorhäute Jesu, gab es in vielen Städten, wie Besançon, Boulogne, Compiegne, Langres, Nancy, Paris
doch die berühmteste Vorhaut nannte die Abtei von Charroux bei Poitiers ihr Eigen..“ (Quelle: https://www.sonntagsblatt.de/artikel/kirche/die-vorhaut-christi-vom-niedergang-einer-reliquie).
Für mich ist die Überlegung zu einer Wiedereinführung des Festes der Beschneidung Jesu ein weiterer Beitrag zum Thema „Ignorant –„ oder sollte man schon sagen „absurd – katholisch“.
PS.: Wer sich für eine Ausweitung dieses Themas interessiert, also die Widereinführung alter, Gott sei Dank abgeschaffter Feiertage, möge sich bitte für eine Wiederbelebung des Titels „Fest Mariä Reinigung“ einsetzen oder auch des Festes „Sieben Schmerzen Mariens“. Auch ein großes Fest zu Ehren des imaginären, also „legendär“ genannten heiligen Georg wäre dann sinnvoll. Als siegreicher Ritter gegen allerhand fremde Feinde, auch aus dem Ausland, könnte er doch himmlischer Fürsprecher sein. Vielleicht ist dieser mythische Georg der ideale Schutzpatron der AFD? Die prominenten katholischen Freunde in der AFD, wie Pater Ockenfels OP, sollten sich bitte mal darum kümmern. „AFD -Georgs -Bund“ klingt doch nicht schlecht.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Fortsetzung folgt, leider.

Der religiöse Beethoven – ein Meister für heute und morgen.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.12.2020

Die Geburtstagsfeiern zu Ehren Ludwig van Beethovens werden ins kommende Jahr 2021 verlängert. Das steht fest angesichts der Corona – Beschränkungen in diesem Jahr. Also können sich auch alle philosophisch und theologisch Interessierten weiterhin auf den „religiösen Menschen“ Beethoven beziehen. Im „Blick zurück“ ist eine heutige Perspektive leitend: Beim geistigen Zusammenbruch der alten christlichen Konfessionen in Europa (der sich als Zusammenbruch aber noch lange hinziehen kann) gilt es, sich religiöser Gestalten zu erinnern, die sich als „freie Geister“ in religiösen Fragen zeigten. Da muss Ludwig van Beethoven genannt werden! Als selbstbewusster Überwinder konfessioneller Üblichkeiten, zugunsten einer Spiritualität, die Musik als Weg zur Transzendenz entdeckt. Genau deswegen ist die philosophische und theologische Auseinandersetzung mit Beethoven und seinem Werk ( 772 Werke sind es!) so wichtig. Er gehört als „freier Geist“ in unsere Zeit.

Dieser Hinweis kann nur ein bescheidener Impuls sein für jene, die in der Musik und durch die Musik die Tiefe ihres Daseins erleben und, gelegentlich wohl, im Hören (oder im schöpferischen „Nach“-Schaffen der Musik), das Göttliche als das gleichermaßen Tragende und Bergende sowie als das Herausfordernde und Unheimliche erleben.

1.
Auf ausführliche biographische Hinweise will ich hier verzichten.Nur so viel: Schon mit 13 Jahren spielt Beethoven die Orgel in der Bonner Hofkirche. Dort hört er („berufsbedingt“, möchte man sagen) viele Predigten, auch von Universitätsprofessoren, er lernt also die populären Darstellungen katholischer Dogmatik und Moral kennen. Angesichts der vielen Messen an vielen Orten in Bonn und sogar in Siegburg ist er als Organist ausgelastet und muß sich wohl gegen die religiöse Routine wehren, die alle überkommt, die berufsmäßig mehrfach am Sonntag Orgel spielen müssen oder, im Falle der Priester, beten und lesen und predigen müssen, eben in der Routine der immer selben liturgischen Formen der Messe. Das führt bekanntlich zu spirituellen „Abnutzungserscheinungen“. Hat die Routine der vielen Messen, an denen der junge Beethoven teilnehmen musste, hoch oben, an der Orgel, seinen Abstand vom offiziellen Katholizismus befördertet? Das ist wohl so.

2.
Mit 22 Jahren zieht Beethoven als freier Musiker und Komponist nach Wien. Dort geht er auch religiös seinen eigenen Weg! Er entwickelt sich allmählich zu einem „multireligiös denkenden und empfinden“ Musiker, lässt sich also nicht auf eine einzige Glaubenshaltung und auf die angestammte (katholische) Konfession festlegen. Es gibt eine Notiz in einem seiner „Konversationshefte“, die er wegen seiner Ertaubung nutzen musste: „Sokrates und Jesus waren mir Muster“. Und er bezieht sich dabei auf seine große Messe, an der er viele Jahre arbeitete…
Auch Sokrates war für ihn ein Vorbild in spirituellen Fragen. Genauso wie Kant. Und Jesus schätzte Beethoven mehr als die ferne und nur erhabene Christus-Gestalt.Jesus war für ihn ein Mensch, leiblich, greifbar, voller Emotionen. In seinem Oratorium „Christus am Ölberge“ will Beethoven Jesus als Menschen näherbringen …und wahrscheinlich das eigene Leiden an der Taubheit mit dem Leiden Jesu von Nazareth vor seinem Tod zu verbinden.

3.
Explizit religiöse Kompositionen hat Beethoven in nur geringer Zahl geschaffen. Er hat etwa neben dem Oratorium „Der Sieg des Kreuzes“ eine „kleine Messe“ in C Dur als Auftragsarbeit 1807 geschrieben: Dies ist keine Messe, die der volkstümlichen Frömmigkeit in „bewährter Manier“ dienen soll, also in einer Gestalt, wie sie noch Haydn pflegte. Vielmehr zeigt Beethoven in der Komposition dieser Messe seinen eigenen individuellen Glauben, er lässt hören, was ihm persönlich wichtig ist. Glaube kann also sehr treffend nur als Wechselspiel zwischen dem einzelnen und den objektiv vorgegebenen Texten bzw. Organisationsformen verstanden werden. Bei Beethoven kommt meines Erachtens sein einzelnes Fühlen und Denken in gebührender und starker Weise zum Ausdruck. So soll es ja sein, weil Glauben nur als „mein Glauben“ überhaupt möglich ist, diesen Imperativ hat die offizielle Kirche in ihrer Bevorzugung des Objektiven, „Amtlichen“, „Dogmatischen“ allzu oft vergessen. Jan Assmann, der bekannte Ägyptologe, den als Protestanten die Theologie „am meisten interessiert“, hat eine große Studie über Beethovens Missa solemnis geschrieben „Kult und Kunst“ (C.H. Beck Verlag). In einem Interview mit der Zeitung Christ und Welt, Heft 53/2020, Seite 3 sagt Assmann kurz und bündig, aber sicher treffend, bezogen auf das Benedictus der missa solemnis:„Beethoven schwelgt in der Präsenz Gottes. Das zeigt mir, dass er den Gottesdienst nur noch musikalisch feiern will. Er braucht keine Priester mehr“.

4.
Ein Wort zur Vielfalt der Bedeutungen, die für Beethoven das Wort Gott hat: Beethoven spricht auch von Gottheit, von dem Vater oder dem Allerhöchsten, dem Himmel oder dem Schöpfer. Diese transzendente, aber gleichermaßen in der Seele lebendige Wirklichkeit kann für Beethoven nicht nur in der Musik, sondern auch in der Natur vor allem erfahren werden.
Auf seine Krankheiten hat Beethoven musikalisch geantwortet. Man denke an das Opus 132, das späte Streichquartett aus dem Jahr 1825, der 3. Satz hat den Titel „Heiliger Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit, in der lydischen Tonart“, also in der Oktavgattung des altgriechischen Systems. Theologisch gesehen beachte man: Beethoven nennt diesen Satz eine Dankgesang an die „Gottheit“. Im Jahr 1825 war der Komponist von einer schweren Krankheit heimgesucht worden.
Seine Verzweiflung inmitten des Lebens hat er auf Gott bezogen: „Ich habe schon oft den Schöpfer und mein Dasein verflucht“ (Brief vom 29. Juni 1801). Er war auch empört über die groben Missverständnisse seiner Verwandten: Davon schreibt er in dem „Heiligenstädter Testament“, das er allerdings niemals als Brief absandte. Angesichts der Feindseligkeit und der Verletzungen gesteht er: „Es fehlte wenig und ich endigte selbst mein Leben.. Nur die Kunst, sie hielt mich zurück“.

5.
Für unser Interesse ist die „Missa solemnis“ wichtig: Sie ist eigentlich als eine wirkliche Konkurrenz zu einer Messe gemeint, die in einer Kirche während des katholischen Gottesdienstes, der Messe, aufgeführt wird. Im 19. Jahrhundert entstanden die Konzerthallen in Berlin und Wien, in denen auch religiöse Musik aufgeführt wurde, etwa in der „Singakademie“, dem heutigen Gorki Theater in Berlin. Die christliche Musik wurde aus den Kirchenräumen befreit und erreichte dadurch ein anderes Publikum, das die Messe eher als religiöses Ereignis der individuellen Gefühlswelt wahrnahm denn als Vertiefung in die vorgegebene dogmatische Lehre der Kirche. Die große Weitung der Spiritualität gelingt dann Beethoven in seiner 9. Symphonie, vor allem im Schlusschor, der Ode „An die Freude“ von Friedrich Schiller. Ein Bekenntnis zur Freundschaft unter den Menschen, ein Bekenntnis zur Menschlichkeit, das über alle konfessionellen (und ideologisch – politischen) Bekenntnisse als gemeinsame und universale humane Basis hinausweisen kann. Und sollte. Aber was hat die Musik „bewirkt“? Darf man so fragen? Was haben alle die vielen tausend, wenn nicht Millionen Hörer „gemacht“ mit ihrem Erleben der Ode „An die Freude“. Hier wird die Beziehung von ästhetischem Erleben zur ethischen Praxis berührt. Wie wird ein Ästhet zum Ethiker? Eine grundlegende Frage.

6.
Beethoven bleibt für spirituell Interessierte gegenwärtig. Er ermuntert durch sein Beispiel, den eigenen spirituellen Weg zu gehen. Die so „eigene“ errungene Spiritualität zu leben und zu denken und dann auch anderen zu sagen, darauf kommt es wohl an. Wer die eigene Spiritualität sagt, sucht den Dialog, nimmt teil an der Lebendigkeit des Geistes, der sich überall „Ausdruck schafft“ und damit die Kultur belebt. So könnte die Kirche eine große Gesprächsgemeinschaft werden, die den spirituellen Austausch lebt und alle bequeme Routine von sich weist. Die Hörer der Ode „An die Freude“ in aller Welt hätten sich viel zu sagen. Sie müssten nur die starre Haltung des „Kulturkonsumenten“ aufgeben.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Weihnachten: „Christus, der Retter, ist da…“ Oder: „Jesus der Retter ist da?

….alles andere als eine subtile theologische Frage
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
In Krisenzeiten, auch heute, neigen Menschen dazu, sich in (angeblich) altbewährte Traditionen zu flüchten, wenn sie sich denn gleich irren Wahnvorstellungen und Verschwörungstheorien hingeben.
Um beim Weihnachtsfest zu bleiben: Es gibt das Bedürfnis in unserer „durchrationalisierten“ und digitalisierten Welt der totalen Ernüchterung, in die „verzauberte“ Welt der Kindheit, der Märchen und Legenden einzutauchen, um dort – wie im Traum – etwas Halt und seelische Wärme zu empfinden: Weihnachten ist der Inbegriff der Ergriffenheit, der Traditionspflege, des „Einst war es so schön“. Der ganze Kommerz – Wahn zu Weihnachten hat diese Wunschvorstellung nicht nur nicht kleingekriegt, der Kommerz hat diffuse Sehnsüchte wohl noch beflügelt…
2.
Also bleiben wir realistisch: Man kann wirklich nicht sagen, dass die Weihnachtsgefühle inklusive der obligaten Weihnachtslieder tatsächlich eine spürbare Verbesserung der Lebensverhältnisse gebracht haben. Man hat „Christus der Retter ist da“, gesungen, vielleicht mit Tränen in den Augen voller Wehmut der Kindheit gedenkend und ist dann drei Tage später wieder in die übliche Alltagsroutine zurückgefallen, die Alltagsroutine aus Egoismus, Hass, Neid, Gier. Weihnachten und seine humane Botschaft hat zu keiner Neuorientierung, zur Abkehr vom üblich gewordenen Inhumanen geführt. Das über alle die Jahrzehnte und Jahrhunderte empirisch zu belegen, wäre eine tolle Aufgabe. Die Kirchen würden solche Forschungen bestimmt nicht unterstützen…Also: Wer will im Ernst der Erkenntnis widersprechen, dass Weihnachten gefeiert und Weihnachtslieder gesungen hat nicht spürbar zu einer menschlicheren Welt beigetragen. Das ist die traurige Bilanz einer Religion, die sich als Heil, als Rettung selbst versteht. Bestenfalls fand diese Erlösung, Rettung, dann im Innern der privaten Seele statt. Man denke an die christlichen Soldaten in den Weltkriegen, die kurz bevor sie erschossen wurden, durch christlichen Soldaten von der feindlichen Nation, noch ein „Stoßgebet“ zum Himmel stammelten. Immerhin. Aber ist dieses Beispiel eine praktische Konsequenz aus der Botschaft von „Christus, der Retter ist da“.
3.
Manche „Optimisten“ werden auf die Bereitschaft zum Spenden für die hinweisen, die gerade in den Kirchen seit den sechziger Jahren praktiziert werden, von „Brot für die Welt“ oder „Adveniat“. Aber Spenden für die Armen sind nun einmal der hilflose Ausdruck dafür, dass „wir Erlöste“ strukturell die Welt nicht verbessern können: Der Hunger besteht weiter weltweit seit Jahren, die Kriege sind Alltagsrealität, die Rüstungsindustrie floriert, die Zahl der Milliardäre nimmt zu, die der Armgemachten ebenso.. Da sind Spenden ein Alibi für die Hilflosigkeit der Kirche, wirklich praktisch und politisch und sozial spürbar durchzusetzen, dass „Christus der Retter da ist“. Es blieb und bliebt also beim Singsang. Wirkungslos. „Ohne Resonanz“ würde der Soziologe Hartmut Rosa treffend sagen.
4.
Mein Vorschlag zu einer wirklichen wirksamen Resonanz von Weihnachten zu kommen: Singen wir zum Beispiel nicht länger „Christus, der Retter ist da“, sondern „Jesus, der Retter ist da“. Das ist mehr als eine theologische Spitzfindigkeit. Da geht es um Wesentliches. Aber das muss erklärt werden.
5.
Wie sich tragender und gründender Sinn auch in dieser Corona-Pandemie zu Weihnachten erschließt, ist eine offene Frage.
Mir geht es um ein Thema, das nicht nur religionsphilosophisch Interessierte bewegt: Wenn der christliche Glaube, auch im Falle von Weihnachten im Leben des einzelnen noch eine Rolle spielen soll, dann ist Glaube sinnvoll nur zu definieren als eine Form der Lebensorientierung, als eine Gestalt einer bestimmten Lebensphilosophie. Der christliche Glaube als Lebensphilosophie mit der entsprechenden Lebenspraxis: Dann ist immer – wie bei jeder Philosophie – gemeint das vernünftige Verstehen, das Reflektieren, also auch logischerweise die Kritik der „Inhalte“ dieser Lebensphilosophie, die da als kirchlicher Glaube verbreitet wird.
6.
Wer die uralten Weihnachtslieder betrachtet oder singt und eben darin einen hilfreichen Ausdruck seiner Lebensphilosophie sehen will, sollte sich also fragen: Was singe ich da eigentlich, welche Inhalte singe ich und summe ich dann mit? Wenn es mir auf den Inhalt, den „Text“ der Lieder gar nicht mehr ankommt und diese für mich verständlicherweise veraltet wirken, dann reicht es, einige Weihnachtslieder einzig instrumental zu inszenieren. Und ich kann beim Hören der Melodie mir meine eigenen Gedanken machen jenseits von „O Kindelein von Herzen“ und den „himmlischen Heeren, die Ehre jauchzen“ usw. Nebenbei: Eines der wenigen, auch vom Inhalt her noch singbare alte Weihnachtslied ist das von Paul Gerhardt: „Ich steh an deiner Krippen hier“…
7.
Das beliebte Lied „Stille Nacht…“ verdient eine besondere kritische Aufmerksamkeit. Da heißt es in der 2. Strophe: „Christus der Retter ist da“? Christus ist der Retter. Und er soll also „da“ sein.
Wer das singt, hat irgendwie verschwommen einen oder seinen „Christus“ vor Augen, eine Art hoheitlicher Heilsgestalt, einen Gottessohn, der sich am Ende seines Lebens blutend und leidend für die Sünden der Menschen hingibt und dadurch seinen zornigen Vater(gott) versöhnt. Ist diese Überzeugung von Christen aus dem Mittelalter heute noch glaubwürdig und nachvollziehbar? Wie viele andere Theologen und Religionsphilosophen sage ich Nein. Es geht Weihnachten um Jesus von Nazareth, geboren als Kind von Obdachlosen in der Krippe zu Bethlehem, im Stall, inmitten seiner Eltern Maria und Josef. Dann war Jesus in Nazareth als Tischler tätig, später als Prophet und Prediger. Und er wurde umgebracht und später wussten seine Freunde: „Er ist der „Auferstandene“.
8
Und jetzt kommt in meiner Sicht – ein theologisches Ereignis! Ein spiritueller Umbruch. Dabei geht es nur dem Schein nach um etwas Subtiles für „Spezialisten“: Es geht um den Unterschied zwischen „Christus“ und „Jesus“. Christus ist der himmlische Herr oder der Sühne leistende Sohn Gottes. Dies gilt, selbst wenn oft von „Jesus Christus“ die Rede ist: Da tritt aber die Gestalt des Jesus immer in den Hintergrund gegenüber dem allmächtigen Christus. Jesus von Nazareth hingegen ist eben der Mann mit einer bestimmten Geschichte, mit einem Lebensentwurf, einer bestimmten Lebensphilosophie. Er ist ein Mensch mit einem Gesicht, einer Geschichte, er wird zum Propheten, den viele für einen Lehrer, einen Weisen halte.
9.
Und was ist das „theologische Ereignis“? In der heute üblichen katholischen Version heißt es seit 1975 im Lied „Stille Nacht“ sehr treffend: „Jesus der Retter ist da“. Im katholischen Gesangbuch „Gotteslob“, (Lied Nr. 145, in „Gotteslob“, Berlin, Morus-Verlag, 1975, Seite 219) rettet also Jesus. Die Evangelische Kirche in Deutschland und alle volkstümlichen Songs singen hingegen nach wie vor: „Christ(us) der Retter ist da“. In einer kritischen heutigen Theologie hat die katholische Version zweifellos recht: Jesus ist der Retter, Jesus ist da ALS Retter: Warum ist Jesus für uns der Retter? Und nicht die abgehobene Christus-Gestalt?
10..
Natürlich kann diese einzelne, konkrete Person aus Nazareth nicht die Welt, nicht alle Menschen dieser Welt seit Anbeginn der Welt, retten, umkrempeln, zum Besten führen, allen Schmerz und alles Leiden auslöschen. Aber er als Person, mit einem Gesicht, einer Geschichte, mit seiner Liebe zur Gemeinschaft, zum gemeinsamen Speisen, seiner Praxis der Meditation und des gelegentlichen Rückzugs in die Wüste, seine Liebe zu den Frauen, seine Liebe zu seinem Lieblingsjünger Johannes usw.: Dieser Mann Jesus weckt eine Resonanz! Da wird Leben geweckt – anders als bei der abstrakten Christusgestalt, dem Himmelherrn, dem Logos, dem sich aufopfernden Gottessohn etc.
11.
Jesus von Nazareth kann Welt und Menschen nur insofern als „Retter“ angesprochen werden, als sich Menschen einigen Aspekten seiner Lebensphilosophie, der des Menschen und Propheten Jesus von Nazareth im Geist, in der Seele, in der Praxis anschließen. Also: Nächstenliebe, Solidarität, Gerechtigkeit, Freundlichkeit als oberste Werte anerkennen. Wie bei jedem Menschen können wir einiges von dem, was er lehrte, problematisch finden und heute zurückweisen: Wie etwa Jesu Vorstellung seiner alsbaldigen Wiederkunft…
Jesus, der Retter ist da: Aber bitte differenziert betrachtet, als Vorbild und damit als Einladung, den Weg der Humanität mit ihm zu gehen. Diese humane Praxis war für Jesus von Nazareth der einzig wahre Gottesdienst, wie alle wissen, die das Neue Testament lesen (vgl. Matthäus, Kap. 25, Verse 31-46).
12.
Jesus von Nazareth als Vorbild für eine individuelle, aber auch politische Lebensgestaltung, die allen Wert auf Dialog, Versöhnung, Gerechtigkeit legt: Aber für das soziale und politische Zusammenleben bleibt das entscheidende Kriterium unsere Bindung an die universalen Menschenrechte, die in mancher Hinsicht auch einiges den Lehren des Jesus von Nazareth verdanken.
13.
Man denke daran, dass der große katholische Theologe Edward Schilllebeeckx (Nijmgen, NL) von Jesus als dem erlösenden Vorbild sprach. Insofern befinde ich mich hier in bester theologischer Gesellschaft. Und Jesus als Vorbild führt weiter zu der argumentierenden Frage: Wo sind heute weitere Vorbilder? Wahrscheinlich Gandhi oder Martin Luther King? Oder Bonhoeffer? Oder Erzbischof Romero aus El Salvador? Oder bestimmte Werke der Musik, vielleicht die Missa Solemnis von Beethoven? Oder manches von Literaten oder von Malern, etwa von van Gogh? Wie auch immer: „Jesus der Retter ist -in gewisser Hinsicht – da“. Rettung erhält so ein Angesicht, eine historische Konkretheit. Rettung ist dann etwas anderes als ein transzendentes, als ein nur innerliches Geschehen der Versöhnung, das sich abstrakt „himmlisch-irdisch“ zwischen Gott – Vater und seinem „eingeborenen“ Sohn „abspielt“.
14.
Rettung der Welt, auch ökologisch, auch friedenspolitisch… wird zur Aufgabe der Menschen, die Weihnachten feiern. Nicht als Last, nicht als Fremdbestimmung, sondern als Form, das eigene Wesen zu leben, lebendig zu sein. Vorbilder und ethische Reflexionen stehen uns zur Verfügung.
Weihnachten hat also nichts mit Nostalgie zu tun, sondern mit Lebensenergie. Weihnachten ist das „Eingedenken“ an Jesus von Nazareth, den Lehrer der Weisheit, den Propheten. Das „Eingedenken“ an diesen Menschen kann inspirieren und „Resonanz erzeugen“.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Verlassene Kirchen: Aufgegeben. Verfallen. Christentum im Übergang

Meditative Foto – Studien von Francis Meslet.
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Ein kultureller Bruch ist in ganz Europa sichtbar: Immer mehr „Gotteshäuser“, wie Katholiken sagen, in denen noch gebetet und Gottesdienste gefeiert werden, verschwinden allmählich. Eine alt gewordene Kirche und Konfession zeigt auf diese Weise ihre Altersschwäche, im Verfall von Kirchengebäuden, Kapellen, Klöstern. Noch stehen diese verlassenen Gebäude, noch. Es ist jetzt die Zeit des Übergangs, vom einst Lebendigen zum Verschwindenden, dann zu Verschwundenen, zum Toten.
2.
Der Enthusiasmus der Frommen einst schuf „heilige Gebäude“ in Hülle und Fülle, in strahlender Schönheit oder in merkwürdigem Kitsch. Seit Jahrzehnten ist dieser Enthusiasmus in Europa dahin, entschwunden, aufgegeben. Neue Kirchen werden nur selten gebaut, manchmal von so genannten Stararchitekten, wie Mario Botta. Aber in wie vielen neuen Stadtvierteln werden heute noch Kirchen gebaut? Äußerst selten, man sehe sich nur einmal in Berlins Neubauvierteln um.
Verlassene Kirchen als Zeugnisse des Übergangs. Spiritualität lebt (wahrscheinlich) anderswo. Aber die alten und nun ehemaligen christlichen „Gotteshäuser“ bleiben noch in der Landschaft stehen, Ruinen sind es ja nicht, die Mauern sind noch stabil. Nur der Schutt und Dreck überall im Raum, die zerstörten Heiligenfiguren, die zertrümmerten Sitz-Bänke, die verwahrloste Orgel deuten an: Bald werden die verlassenen Kirchengebäude verschwunden sein, zerfallen als Ruinen oder sie werden abgerissen. So wird auch das kulturelle Gedächtnis eingegrenzt. Das kulturelle und religiöse Gedächtnis braucht Sichtbarkeiten. Noch sind die verlassenen und langsam verfallenden Kirchen da. Schauen wir sie an, als Zeugen einer untergehenden Epoche. Auch einer untergehenden religiösen und kirchlichen Kultur? Wahrscheinlich ist das so. Die heutigen vielen katholischen Ultra – Mega-großen – Pfarreien werden sich um eine oder zwei große Kirchen gruppieren, so wollen es die Bischöfe, die sich nur mit einem (hoffentlich zölibatären) Priester eine Gemeinde und damit eine gepflegte Kirche vorstellen können. So werden die Bischöfe und ihr mittelalterliches Kirchenrecht mit der Klerus–Fixierung mittelfristig dafür verantwortlich sein, dass es immer mehr verlassene und dann abgerissene Kirchen geben wird.
3.
Es ist ein großes Verdienst des französischen Fotografen und Fotokünstlers Francis Meslet, dass er in einem neuen Buch sein Können zeigt und sich die Mühe machte, verlassene, aufgegebene Kirchen vor dem definitiven Verschwinden und Einebnen zu fotografieren. Er hat zu seinem umfangreichen Fotobuch (das in mehreren Sprachen erschienen ist) eine Einführung geschrieben über seinen persönlichen Weg zu dem Thema. Er betont ausdrücklich, dass die vielen fotografisch dokumentierten verfallenen Kirchen nicht mit Ortsangaben ausgestattet sind. So soll ein möglicher „Ansturm“ von interessierten Touristen verhindert werden, sie könnten den Verfall beschleunigen…Francis Meslet hat einige französische Autoren eingeladen, anlässlich der Fotos zu jeweils einer verlassenen Kirche Meditationen oder Beobachtungen oder poetische Bemerkungen zu verfassen. Die Titel zu den einzelnen Fotos regen die Phantasie an, manche sind verstörend, viele sehr treffend. Religionssoziologische Studien oder theologische Reflexionen darf man in dem Buch nicht erwarten. Francis Meslet weist aber (S.7) darauf hin, dass es in Frankreich eine staatliche „Beobachtungsinstitution für das religiöse Erbe“ gibt, das „Observatoire du Patrimonie religieux“, OPR, in Paris. Auf dessen Website werden ständig lange Listen aktuell bedrohter Kirchen genannt, also alte Gotteshäuser, die als ganze oder hinsichtlich bestimmter Bauteile vom Verfall oder Einsturz bedroht sind. Allein für den Monat Oktober 2020 werden 20 Kirchen genannt, darunter auch 2 protestantische, die als „édifices menacés/fermés“ genannt werden. Für Kirchengebäude, die vor dem Jahr 1905 errichtet wurden, ist der französische Staat verantwortlich, jedenfalls für das äußere Mauerwerk, nicht aber für Gestaltung im Innern, so schreibt es das Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat vor.
Francis Meslet weist darauf, dass auch Kirchen von aktuellen Vandalismus angegriffen und zerstört wurden und werden. Vandalismus gegen Kirchen ist bekanntlich vor allem in Frankreich ein weit verbreitetes Vergehen extrem fundamentalistischer oder krimineller Kreise. Der Fotograf erinnert auch an Gemälde, die den Kirchenabriss vor langer Zeit dokumentieren, etwa ein Gemälde aus dem Jahr 1800 mit dem Titel „Abriss der Kirche von Saint-Jean-en-Grève“, gemalt von Hubert Robert, es ist im Pariser Musée Carnavalet zu sehen. Dieser Hinweis ist wichtig: Viele Kirchen wurden im Umfeld der sich radikalisierenden Französischen Revolution, der „Entkirchlichung“, geplündert und zerstört.
4.
Die Fotoserien in dem Buch „Verlassene Kirchen“ beziehen sich auf 37 verschiedene Kirchengebäude aus unterschiedlichen Epochen (vom 11. bis in 19. und sogar 20. Jahrhundert: Diese verlassenen „Gotteshäuser“ – nun, in diesem Zustand, auch von Gott verlassen? – entdeckte Francis Meslet vor allem in Frankreich, aber auch in Italien, Portugal, Belgien und 2 Kirchen sogar in Deutschland.
Oft sind bis zu 10 verschiedene Fotos auf ein Gebäude bezogen. Und wie gesagt, die manchmal poetischen Texte der Einstimmung lassen der Phantasie der Leser freien Raum. Abgesehen von den zahlreichen Texten von Francis Meslet schätze ich besonders die Beiträge des Historikers und Autors Christian Montesinos: Sie sind oft auf aktuelle, letztlich auch religiöse oder sogar theologische Fragen bezogen. Nebenbei: Es ist schon bemerkenswert, dass Francis Meslet keinen Theologen als „Kommentator“ zu seinem Buch eingeladen hat, ist das etwa „typisch französisch“ für die „laicité“?
In seinem Hinweis zu einer Kirche aus dem 16. Jahrhundert in Burgund erinnert Christian Montesinos eher nebenbei daran, dass im 19. Jahrhundert in Frankreich mehr Kirchen neu gebaut wurden „als in allen Jahrhunderten zuvor“. Ich ergänze: In der politischen Restauration nach der Revolution blühte förmlich der katholische Glaube wie eine Art Volksreligion auf, er zeigte förmlich eine Leidenschaft fürs Bauen und fürs Klosterleben.
5.
Die Betrachtung der großen, ganzseitigen Fotos (im Querformat) weckt die Stimmung der Melancholie, besonders bei denen, die den Verfall nur als Verlust deuten. Wichtig sind die Bemerkungen von Sylvie Robic zu einer verlassenen Kirche in Okzitanien aus dem 19.Jahrhundert: „Mit Blick auf das Meer“ ist der Titel. Diese Kirche kannte die Autorin persönlich gut, selbst nachdem gar keine Gottesdienste mehr stattfanden zog es sie dorthin. „Wenn ich mich recht erinnere, ging das so bis zu dem großen Sturm 1977, als so viele Boote nicht zurückkehrten. Wir fühlten uns verraten. Ja, es muss 1977 gewesen sein, als das Dorf die Kapelle aufgab“ (S. 72). Mit anderen Worten: Die Fischer sind mit ihren Booten im Meer versunken. Und die Gemeinde, die Pfarrer, fanden keine passenden Worte des Trostes. Auch deswegen verfallen Kirchengebäude! Die Fotos bestätigen die Aussage: Der kleine 2. Altartisch steht noch, den man nach dem 2. Vatikanischen Konzil brauchte, damit der Priester die Messe dem Volk zugewandt lesen konnte. Voller Staub und Spinnweben zwar stehen auch noch die Bänke. Dazu die ironische (?) Bildunterschrift „Es ist nie zu spät“… Wird diese Kirche noch einmal genutzt werden für Gottesdienste? Wohl kaum. Sie ist wie viele andere Kirchen in diesem Buch aufgegeben worden – auch weil die Gemeinde den Glauben verlor, weil ihnen eine religiöse Lehre vorgesetzt wurde, die kaum noch jemand verstand, die auch das Herz nicht berührte. Mein Eindruck: An den verlassenen Kirchen ist auch die Kirchenführung schuld.
6.
Jetzt stehen die beschädigten Gipsfiguren der Heiligen wie kleine banale Ruinen da, Zeugnisse einer Zeit, als die Kirche mit allerlei Volksfrömmigkeit und Kitsch und grellen Wandgemälden meinte, religiöses Bewusstsein zu fördern, das den Geist der Menschen prägt.
7.
Über dieses Buch, seine hervorragenden Fotos, seine inspirierenden Texte, sollten theologische Debatten und Vorlesungen veranstaltet werden, auch in Kirchengebäuden bzw. katholischen oder evangelischen Akademien. Immer auch unter der Frage: Sind die Gebäude, in denen wir jetzt noch sitzen, in einigen Jahren auch verlassene Kirchen und verlassene Kirchengebäude? Die Antwort heißt wohl mit JA – mindestens sehr wahrscheinlich. Werden die Kirchen heute zu solchen Debatten, etwa anlässlich des Buches „Verlassene Kirchen. Kultstätten im Verfall“, den Mut haben?

Francis Meslet, „Verlassene Kirchen. Kultstätten im Verfall“. Editions Jonglez, Versailles. 2020. 224 Seiten, viele ganzseitige meisterhafte Fotos. 35 Euro. In Deutschland erreichbar unter Mairdumont in Ostfildern bzw.:buchcontact@buchcontact.de
Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Theologisches Denken gelingt nur im Miteinander

„Theologie aus Beziehung“ – ein neues Buch der Theologin Hadwig Müller
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
So war es Jahrhunderte lang: Die (Lehr)Bücher der katholischen Dogmatik, der Moraltheologie oder des Kirchenrechts usw. wurden an Schreibtischen verfasst, in Klöstern oder in Studierstuben von Priesterseminaren oder bischöflichen oder vatikanischen Palästen. Theologie, als Rede von dem Gott der Kirchen, entstand auf diese Weise in Europa. Und Europa war absolut, für alle Welt, maßgebend! Und es waren Männer, die „den“ Glauben „der“ Kirche den anderen „zum persönlichen Glauben“ vorsetzten. Katholische Theologie hatte, global betrachtet, im monologischen Denken einzelner oder gleichgesinnter Kleriker- Gruppen, ihren Ursprung und ihre Mitte. Das änderte sich nach 1970, also nach dem Ende des 2. Vatikanischen Konzils. Da fühlten sich auch Laientheologen berufen, ihre Ethikbücher oder ihre Fundamentaltheologie zu schreiben, meist aber auch als einzelne am Schreibtisch. Oft hatten die Autoren die Fragen ihrer Studenten noch im Hinterkopf.
Ich erinnere mich noch an eine zufällige Begegnung unterwegs in München – Schwabing mit dem mir bekannten ökumenisch aufgeschlossenen, also dialogfreudigen katholischen Laientheologen (und Ex-Dominikaner) Otto Hermann Pesch. Er erklärte mir stolz, er schreibe gerade an seiner katholischen Dogmatik. Als ich fragte, ob diese Dogmatik denn von München oder Bayern und den Menschen dort geprägt sei, sagte er mir eher verlegen: „Na ja, irgendwie schon“.
Die Bindung ans Universelle und die Methode des Monologischen überwiegt bei Theologen bis heute. Da und dort gab es früher wenigstens Vorbesprechungen der Sonntagspredigt von Pfarrern mit den Laien. Aber dafür haben die wenigen verbliebenen Priester keine Zeit mehr. Die Beispiele monologischer Theologie sind uferlos. Den nur mit einer monologischen Theologie glaubte die katholische Kirche viele Jahrhunderte lang ihre „Einheit“ zu retten.
Aber, wie gesagt, allmählich ändern sich die Verhältnisse – seit etwa 1970: Katholische TheologInnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien melden sich mit eigenen Studien zu Wort, nicht immer zur Zufriedenheit der vatikanischen Glaubens-Behörde. Die Liste der Bestrafungen und Schreibverbote von TheologInnen aus den genannten Kontinenten ist lang. Einheit kann also Rom nur als Einheitlichkeit verstehen.
2.
Nur wenn man diese Situation vor Augen hat, kann man verstehen, welche Bedeutung die theologische Arbeit von Hadwig Müller hat, gerade dann, wenn sie ihrem neusten Buch den sehr knappen, wie ein Programm gemeinten Titel gibt „Theologie aus Beziehung“. Also, einmal ausführlicher formuliert heißt das: „Theologie als Versuch, von Gott zu sprechen, aber erlebt, erfahren, gedacht und formuliert aus Begegnungen und Dialogen … und nach Begegnungen und Dialogen und Auseinandersetzungen. Und erst danach geschrieben, aber voller Verunsicherung und Infragestellung des eigenen Lebens. Theologie also geprägt von der Anwesenheit der oft befremdlich Anderen“.
3.
Hadwig Müller meint in ihrem Buch immer die konstruktiven theologischen Beziehungen, die zwar auch konfliktreich sein können, die aber nicht in ein Verhältnis der Herrschaft und Willkür ausarten. Schließlich hatten die viele Priester, die des sexuellen Missbrauchs angeklagt wurden und werden, auch „Beziehungen“. Und auch die Beziehungen sind nicht gemeint, wenn Posten an theologischen Fakultäten oder Akademien nur aufgrund von „Beziehungen“ erreicht werden können.
4.
Theologie aus Beziehung also, entstanden im Dialog, im Hinhören und auch im emotionalen „Miteinanderschweigen“: Dies ist das Motto und wie ein Programm eigentlich für alle, die aus dem anstudierten und angelernten, dogmatisch exakten Floskelhaften des Sprechens von dem Göttlichen, von Gott, dem Ewigen, herausfinden wollen. 20 Aufsätze aus zwei Jahrzehnten hat Hadwig Müller unter diesem Titel versammelt. Wer genau in der Bibliographie (S. 327 – 342) hinschaut, wird auf viele weitere, aktuelle Aufsätze, Studien und Bücher verwiesen. Die meisten Beiträge in dem Buch „Theologie aus Beziehung“ sind aus Begegnungen als Lernprozessen in Brasilien entstanden oder in Frankreich. Nach ihrer theologischen Promotion über Lacan zog es Hadwig Müller erst einmal vor, Deutschland zu verlassen, und sich den Fremden, den anderen, auszusetzen, eben in Brasilien, dort lebte sie von 1983 – 1993 vor allem in Basisgemeinden. Sie wird förmlich hineingestoßen in die reale Lebenserfahrung, wie die Armen ihren Gott erleben, als eine Wirklichkeit, die allem Elend zum Trotz Sinn stiftet und Mut macht, die Misere der totalen Ungerechtigkeit zu überwinden. Hadwig Müller sagt von ihren brasilianischen Freunden und Freundinnen, es seien „Menschen, die mich leben lehrten“ (49). Die Gemeinschaft der Unterdrückten – also eine Schule des Lebens: Nicht, um sich in diesem Zustand zu fixieren, sondern um die Gerechtigkeit für alle Wirklichkeit werden zu lassen. Die Autorin erkennt während ihrer Gespräche mit Ausgegrenzten und Armen in Sao Paulo und in Crateus (Nordostbrasilien) in Gemeinschaft mit dem wegweisenden Bischof Antonio Fragoso: „Armut ist geraubtes Leben – und ich war nicht auf der Seite der Beraubten“ (29). Das führt zu weiteren Fragen, die eigentlich das herrschende System einer reichen Kirche erschüttern: „Die Kirche ruft Gläubige dazu auf, die Lebensbedingungen de Armen zu verbessern. Aber sie schweigt meistens darüber, wie sich ihre Beziehung zu den Armen auf ihre Identität als Kirche Jesu Christi auswirkt“ (51f.). Ein Bischof, der als single in einem Palast lebt (wie so viele „Oberhirten“ in Deutschland usw.) und dann von der kirchlichen Solidarität mit Armen schwafelt, ist natürlich aprioi unglaubwürdig. Zu einem solchen Satz kann sich Hadwig Müller allerdings nicht aufraffen… Sie schreibt eleganter, aber nicht minder radikal: „Die Option für die Armen verlangt von den Reichen selbst ein anderes Bewusstsein: sich als Bedürftige zu wissen, die selbst aufs Empfangen angewiesen sind und die um nichts anderes als die Armut der Armen“ (55). Was das nun wieder in einer katholischen Kirche in Deutschland bedeutet, die ein Kirchensteueraufkommen im Jahr 2018 von 6,25 MILLIARDEN Euro hat, wird leider nicht erwähnt oder gar ausgebreitet. Dabei hatte ich immer geglaubt, dass durch die Befreiungstheologie sozusagen die Aufmerksamkeit auf die Gelder und Reichtümer der Kirche geschärft wird auch hierzulande…
Sehr eindringlich ist ihr Essay „Der Hunger nach Brot – das Begehren des anderen“. Im Hungern wie im Begehren äußert sich die gleiche Sehnsucht und Angewiesenheit, “nicht ohne andere“ leben zu können. Die viel besprochene Option der Kirche für die Armen ist für die Autorin das „Herzstück der Befreiungstheologie“ (58), aber sicher auch der Mittelpunkt jeder Theologie.
5.
Es wäre für ein weiterführendes Gespräch vielleicht interessant, wenn man auch kritisch die Befreiungstheologen befragen könnte, inwieweit sie in vielen ihrer Aussagen die Bibel fundamentalistisch, im Sinne von wortwörtlich, verstehen. Und inwieweit die einzelnen Verhaltensweisen und Lebensregeln Jesu von Nazareth zu unmittelbar als relevant für die (auch politische) Gegenwart eingesetzt werden. Diese Kritik wird nicht vorgebracht, um die Theologien der Befreiung zu diskreditieren, sondern um andere befreiungstheologische Möglichkeiten aufzuzeigen, die weniger im Verdacht des biblischen Fundamentalismus stehen. Alternativ wäre zu denken und mit den Betroffenen zu besprechen: etwa die Erfahrung und die daraus entstehende Weisheit, dass Gott Mensch wird in Jesus von Nazareth, wie er erlebt wird, dass nun alle Menschen göttliche Würde erhalten! Das ist – ultrakurz gefasst – auch ein Gedanke Hegels und der christlichen Mystiker, etwa Meister Eckarts. Von da aus ließe es sich auch sehr gut eintreten für eine politische Neu-Ordnung, die die Menschenrechte als oberstes „göttliches“ Gestaltungsprinzip anerkennt. Da wäre mehr vernünftige Argumentation möglich als im unvermittelten Verweis darauf, dass Jesus ein armer Handwerker war „wie wir“, dass er solidarisch war und die Frauen und die Armen liebte…Aus solchen biographischen Elemente wird dann unmittelbar geschlossen: „Also sollten wir auch solidarisch sein etc…“. Wenn hingegen jeder Mensch von unendlichem göttlichen Wert ist, kann viel besser argumentativ und vernünftig auch eine mögliche „Revolution“ zugunsten und mit den Armen eingeleitet werden.
6.
Nach Deutschland zurückgekehrt, konnte sich Hadwig Müller u.a dem deutsch-französischen Dialog widmen, aber immer unter der kaum beachteten, aber wichtigen Perspektive der Religion und der katholischen Kirche. Die Autorin hat u.a. die hochinteressanten und durchaus – leider – einmaligen Entwicklungen im Erzbistum Poitiers genau kennengelernt. Sie erlebte dort eine Kirche, die, wie bekannt, auch von dem zunehmenden Mangel an Priestern bestimmt ist. Die aber daraus, geleitet von ihrem mutigen Bischof Albert Rouet, neue Konsequenzen zog: Teams von Laien werden in den Dörfern – und Stadt-Gemeinden ohne Priester zu verantwortlichen Animateuren der Gemeinde. Deutsche Pfarreien, das weiß ich, haben sich das Projekt in Poitiers angeschaut, aber meines Wissens nichts davon als Modell für Deutschland „übernommen“. Die Fixierung auf den Klerus ist also in Deutschland nicht zu brechen. Und das Modell von Poitiers macht eben auch viel Arbeit – bei den Hauptamtlichen…
7.
Diese hier besprochenen Themen erscheinen sicher vielen philosophisch Interessierten, etwa in Berlin, der säkularen Stadt, wie Einblicke in eine ferne noch kirchlich bestimmte Welt. Aber deutlich wird: Wenn sich TheologInnen auf das Zuhören, das geduldige Mitsein, den Dialog einlassen, und sich dabei in Frage stellen lassen: Dann gibt es neue, ungeahnte Einsichten. Das gilt ja auch für die Philosophien.
8.
Ein gewisses Hemmnis für säkular, „bloß“ philosophisch Interessierte ist sicher der Untertitel des Buches: „Missionstheologische und pastoraltheologische Beiträge“. Diese speziellen Zuordnungen gelten wohl dem zweifellos begrenzten Lesepublikum innerhalb der Kirchenorganisation, die mit diesen Begriffen noch etwas anfangen kann. So aber werden mit diesen Begriffen förmlich sprachliche Barrieren aufgerichtet, die verhindern, dass säkulare und „bloß“ philosophisch Interessierte dieses Buch aufschlagen und einiges lesen. Aber das Thema „Theologie aus Beziehung“ ist bleibend inspirierend: Eine ganze Buchserie könnte unter diesem Titel erscheinen aus Beziehungen von Theologen mit Arm-Gemachten hierzulande oder mit Schwulen und Lesben und deren neuen Familien oder mit Flüchtlingen oder mit Opfern rechtsextremer Gewalt. In jedem Fall werden nun vermehrt Menschen fragen: Spricht da ein Bischof aus Beziehung mit anderen Menschen, spricht er aus dem Leben als Begegnung, der Verantwortung, der Irritation durch andere? Und man wird sicher in Zukunft noch mehr theologische Bücher beiseite legen, die nur altbekannte Begriffe dreimal hin- und herwenden und den Eindruck bestärken, vom einsamen Schreibtisch aus eine zeitgemäße Spiritualität oder Theologie entwickeln zu können. Falls diesen meinen Hinweis Theologinnen lesen, bin ich gespannt, wie sie mir plausibel machen, dass nicht allein Hadwig Müller Theologie aus wirklichen Beziehungen, Begegnungen und Lernbereitschaft gestaltet…

Hadwig Ana Maria Müller, „Theologie aus Beziehung. Missionstheologische und pastoraltheologische Beiträge“. 351 Seiten. Grünewald-Verlag, Ostfildern, 2020, 38 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

(Nebenbei: Das Thema Befreiungstheologie bewegt mich seit vielen Jahren: Ich habe 1973 in der Philos.-Theolog. Hochschule St. Augustin bei Bonn die erste große Tagung über die Befreiungstheologie in Deutschland organisiert. 1975, also zu Beginn der Debatten über die Befreiungstheologie in Deutschland, habe ich einen kleinen Essay als Broschüre veröffentlicht „Der Gott, der befreit“. 1977 habe ich zusammen mit Karl Rahner und Hans Zwiefelhofer das Buch „Befreiende Theologie“ herausgegeben…)