Pfingsten, Christi Himmelfahrt, Ostern: Das EINE Gedenken, das eine Fest.

Ein Hinweis von Christian Modehn.
Der Hinweis vom 29.5.2017 wurde am 6.5.2021 überarbeitet.
1.
Was bedeuten die alten, überlieferten christlichen Glaubensbilder und Erzählungen, die unter den immer noch üblichen Namen der Feiertage „Pfingsten“, „Himmelfahrt Jesu Christi“ und „Auferstehung Jesu von Nazareth“ (Ostern) in der Alltagssprache und im alltäglichen Leben („Feiertage sind nicht mehr als freie Tage“ ?) eine Rolle spielen. Zum nachvollziehbaren Verständnis dürfen nicht alte Formeln wiederholt werden.
2.
Entscheidend ist: Man sollte mit einer Besinnung auf Pfingsten beginnen. Der theologische und religionsphilosophische Inhalt des Pfingstfestes ist also die Basis, um auch die Bedeutung von „Christi Himmelfahrt“ und „Ostern“ zu erkennen. Pfingsten ist zwar chronologisch, also in der Abfolge des so genannten „Kirchen- Jahres“ betrachtet, das letzte dieser drei Feste. Aber Pfingsten als Ereignis des „neuen, geweiteten kritischen Geistes“ steht sozusagen sachlich der Anfang. Das Pfingst – Fest hat diese Erzählung: Die Gemeinschaft der Jesus-Jünger war nach Jesu Tod überzeugt: Wir haben „plötzlich“, wie in einem Ereignis, als Überraschung, als Geschenk, ein neues, ein tiefes Verständnis gewonnen über Jesus von Nazareth. Im Blick auf diese Person gab es also eine Art neuen Ansatz des Verstehens. Die Gemeinschaft erkannte – nach langem Zweifeln und ihrer Verzweiflung über Jesus Tod – plötzlich eine neue bleibende geistige Lebendigkeit dieses Jesus.
Ihr Geist war also kritisch geworden: Kritisch im Sinne von Unterscheidenkönnen, kritisch im Sinne von Abstand nehmen von üblichen bisherigen Selbstverständlichkeiten, Ängsten und Begrenzungen. Und genau mit diesem neuen, geweiteten Geist konnten sie die Erfahrung in Worte fassen: Jesus von Nazareth ist auf geistige Art weiter zugegen, er ist präsent, hat Teil an der Ewigkeit des Ewigen, Gottes. Die Freunde Jesu konnten also von Jesus als dem Präsenten, dem Ewigen, sprechen. Diesen ihren Geist erlebten sie als Geschenk, sie sprachen vom Heiligen Geist, als einer bislang kaum bemerkten besonderen Qualität des menschlichen Geistes: Er wird sich seiner selbst als Gabe des Ewigen bewusst, er ist kritisch gegenüber einer Verschließung im Endlichen. Und aufgrund dieser Erfahrung verstärkte sich ihr Zusammenhalt als Gemeinschaft. Die katholische Kirche sieht in diesem Pfingstereignis förmlich die Gründung von „Kirche“ überhaupt.
3.
Was aber ist am wichtigsten im Erleben des neuen, des kritischen und geweiteten Geistes zu Pfingsten? Der göttliche, der heilige Geist, lebt in den Menschen, in allen Menschen. Alle sind mit dem göttlichen Geist, „begabt“. Und gefeiert wird der zumindest damals gelungene Versuch, die unterschiedlichen Menschen zu einer pluralen Gemeinschaft, einer Gemeinde der gleichberechtigt Verschiedenen, Vielfältigen, zu versammeln. Diese Erzählung ist von bleibender Aktualität: Kirche kann nur Gemeinschaft der Verschiedenen sein, und alle Verschiedenen haben die gleichen Rechte und die gleiche Würde.
4.
Und warum dann noch ein eigenes Fest Christi Himmelfahrt? Dieses seltsame Wort „Himmelfahrt“ ist eine Metapher für den Mythos, also die Erzählung: Dieser Jesus von Nazareth ist nicht im Nichts verschwunden. Jesu Leichnam liegt zwar – wie der Leichnam jedes Menschen – in einem Grab! Aber Jesu Geist als ewiger Geist ist „woanders“, er ist – bildlich gesprochen – an dem Ort, den man üblicherweise den „Ort“ des Ewigen, des Göttlichen nennt, den „Himmel“.
Die Gemeinde will mit dem Fest Christi Himmelfahrt“ also noch einmal explizit feiern, dass dieser geliebte Mensch und Prophet Jesus von Nazareth nicht mehr zur Erde, nicht mehr nur zur Welt der Menschen, gehört. Er ist leiblich entschwunden, aber nicht geistig verschwunden. Jesus ist in den Bereich des Ewigen eingetreten, den man „Himmel“ nennen kann oder „Sein beim Ewigen“.
In gewisser Weise benennt also der unbeholfene Begriff Himmelfahrt Jesu das Fest der öffentlichen und feierlichen Bestattung Jesu, verstanden als Abschied von dieser Welt und als Übergang in den Bereich des Bleibenden, Ewigen
5.
Zur vernünftigen Interpretation der Auferstehung Jesu von Nazareth, also zu Ostern, habe ich schon einige Hinweise veröffentlicht. Zentral ist der Gedanke: Wenn die Welt und die Menschen als Evolution, als sich entwickelnde Schöpfung Gottes zu verstehen sind, dann ist in der Welt und in den Menschen göttlicher, schöpferischer Geist lebendig anwesend. Dieses Göttliche in jedem Menschen kann, als Göttliches, Ewiges, nicht untergehen im Tod. Der Tod kann also auch Jesu Geist nicht vernichten und auch nicht den Geist, die Seele, der Menschen. Sie können aus der Präsenz des Ewigen sozusagen nicht herausfallen. In der Erkenntnis, dass Jesus von Nazareth, zwar im Grab als Leichnam liegend, auferstanden ist und lebt- im geistigen Sinne – ist also eine Wirkung des Geistes, des heiligen, zu sehen. Also ist schon zu Ostern „Pfingsten“ geschehen.
6.
Warum werden in den christlichen Kirchen drei Gedenktage und drei Feste (Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten) in so kurzer Zeit hintereinander gefeiert? Diese drei christlichen Feste haben ja, wie gezeigt, alle einen grundlegend gleichen Inhalt: Sie feiern den Übergang Jesu (und damit aller Menschen) vom Tod in den Bereich des Ewigen.
Dass die Kirchen dreimal eigentlich das Gleiche, in kurzem zeitlichen Abstand feiern, also Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten, hängt einzig mit der sehr menschlichen Begeisterung zusammen, möglichst viele Feste gleichen Inhalts– mit unterschiedlichen Akzenten – zu feiern.
7.
Noch einmal zurück zu Pfingsten – um daran zu erinnern, dass das Gedenken an diese Feste und das Feiern dieser Feste nichts esoterisch- Merkwürdiges und Spinöses ist: Pfingsten betrifft förmlich das Selbstverständnis der Menschen. Als Fest des Geistes als des heiligen, kritischen Geistes ist Pfingsten das Fest der Dimension, die den Menschen, alle Menschen, auszeichnet. Im Geist als der Vernunft erschließt sich die Menschenwürde, erschließen sich die Menschenrechte. Pfingsten ist das Fest der Menschenwürde, der Menschenrechte, der wesentlichen Gleichheit aller Menschen, der universalen Gerechtigkeit also.
8.
Was hat das alles mit unserer Gegenwart 2021, was hat das mit der Corona-Pandemie zu tun?
Pfingsten bedeutet, wie gesagt: Alle Menschen haben die gleiche Würde. Dies ist eine evidente Einsicht, die gerade im Zusammenhang der medizinischen Versorgung der Corona-Patienten zentral ist! Nationalistischer Ehrgeiz hat jetzt keinen Platz.
Wer ist in Deutschland/Europa praktisch-solidarisch mit den vielen Tausend Corona Patienten in den armen Ländern, in Lateinamerika, Asien oder Afrika? Können wir hier stolz auf unsere „Erfolge“ sein, wenn in diesen Ländern die Kranken ohne medizinische Hilfe förmlich krepieren? Nach langen Debatten scheint jetzt etwas Bewegung in die Köpfe der Besitzenden (der Impfstoff Besitzenden) Europäer und Amerikaner zu kommen. Die permanente Kritik der Aktivisten in dieser Hinsicht war also nicht nur geistvoll, sondern sogar einmal wirksam, hoffentlich, falls nicht noch irgendein neoliberaler Politiker dazwischen geht!
9.
Die politischen Perspektiven „Pfingsten als Fest der Menschenrechte“ sprengt die enge kirchliche Welt und deren Fixiertheit auf Dogmen. Entscheidend ist im Pfingstfest die geistvolle, demokratische, menschenwürdige, gerechte Neu-und Um-Gestaltung unserer Welt. Und die Rettung der Welt – angesichts der ökologischen Katastrophen. „Eine andere, eine bessere, gerechtere Welt ist möglich“: Das ist – eigentlich – die Botschaft der uralten, aber modernen Pfingsterzählung.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Über die Verbindung der Philosophie Hegels mit Pfingsten: LINK

Die Auferstehung Jesu von Nazareth verstehen, die Auferstehung der Menschen verstehen…

Ein Hinweis zum Verstehen von Karfreitag und Ostern.
Von Christian Modehn

1.
Diese Hinweise sind ein Vorschlag, selbstständig nachzudenken über eines der wichtigen Themen unseres Lebens: Sterben und Tod und dann…? Es wird hier ein Vorschlag gemacht, besonderer Art, die Oster-Texte des Neuen Testaments zu verstehen, also auch denkend und damit in einer gewissen Weise vernünftig zu deuten. Die Sprache hier ist nüchtern. Es gilt die Überzeugung: Auch die Klarheit der Worte, ohne Überschwang, kann spirituelle Wirkungen haben, sogar tröstend sein…Ohne klares Verstehen kein Verstehen des Daseins. Und wohl auch keinen Trost, der bleibt.

2.
Diese Hinweise sind wichtig in diesen Zeiten, in denen sich immer mehr Menschen von den Kirchen abwenden, sei es aus Frustration über den immer noch vorherrschenden Dogmatismus in evangelikalen und katholischen Kreisen. Sei es, weil so viele Menschen, die sich irgendwie als Christen verstehen, ohne anregende argumentierende Denk-Hilfe allein gelassen sind in ihrer Suche nach einer nachvollziehbaren, also vernünftigen Antwort zu Leben, Sterben und Tod…
3. Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist zweifellos die zentrale, alles bestimmende Überzeugung der Christen. Von dieser Überzeugung leben sie ja, oder zumindest einige, die sich Christen nennen. Aber sie ist für die meisten wohl eine Überzeugung, die sich nur schwierig argumentativ erschließen lässt. Hier gilt: Kein phantasiegeleitetes Reden von mysteriösen Wundern im Zusammenhang der Auferstehung! Sie lässt sich begründet darstellen. Diese Erkenntnis hat nichts mit „Gnosis“ zu tun, dem üblichen Vorwurf der so genannten „Orthodoxen“ aller Konfessionen, die sich je nach Laune an Wunder halten und den blinden „Sprung in mysteriösen Glauben“ wider alle Vernunft propagieren.

3.
Wer kurz und bündig den KERN der Osterbotschaft hier lesen will: Jesus von Nazareth hat wie alle Menschen das „Ewige“, das Göttliche, in seiner Petrson, seiner Seele. Dies erkennen seine Freunde, die Apostel, nach seinem Tod noch deutlicher als schon zu Jesu Lebzeiten. Und sie wissen: Dieser großartige menschliche Mensch Jesus kann gar nicht tot sein. Er ist, weil das Ewige in ihm ist, wie in jedem Menschen als Geschöpf Gottes, nach dem Tod in die Ewigkeit Gottes gelangt. Dabei ist sein Grab selbstverständlich NICHT leer, wie das Grab aller anderen Menschen auch nicht leer ist. Jesus von Nazareth offenbart das Ewige im Menschen, in allen Menschen, dies gibt Trost und Hoffnung über den je eigenen Tod hinaus: Das Göttliche ist IN der Welt, IN den Menschen. In allen Menschen, anders kann das Göttliche nicht gedacht werden. Die Begeisterung für die heftige mysteriöse Ausschmückung der Ostererzählungen in den Evangelien ist dem literarischen und sehr phantasievollen Geist der damaligen Menschen geschuldet. Wer also heute – etwa in Kirchenblättern – wider alle Vernunft behauptet, Jesus sei leibhaftig auferstanden, sein Grab sei leer, ist ein gedankenloser Fundamentalist, der, oft als Theologieprofessor sogar, wider besseren Wissens wortwörtlich Phantasiegeschichten wiedergibt. Und die Leute zu einem Glauben wider alle Vernunft verführt, zu einem Aberglauben, möchte man sagen. Seien wir also vernünftig und bescheiden: Die Auferstehung Jesu heißt: Das Ewige, das Göttliche, ist IN den Menschen, in allen Menschen. Dies zu erkennen, ist Erlösung im christlichen Sinne. Mehr kann in einer vernünftigen Theologie nicht gesagt werden.

4.
Dabei ist angesichts der Bedeutung des Themas klar, dass sich viele verführen lassen, in Enthusiasmus oder im frommen Wahn, mysteriöse Auferstehungs-Erzählungen – im wortwörtlichen Nachsprechen der Erzählungen der vier Evangelien – zu verbreiten: Etwa: Jesus sei leibhaftig aus dem Grab auferstanden. Sein Grab müsse leer gewesen sein. Er sei leibhaftig der Gemeinde erschienen. Oder er sei gar nicht am Kreuz gestorben, sondern nach der Kreuzigung noch irgendwohin geflüchtet… Der religiösen Phantasie sind bei dem Thema keine Grenzen gesetzt, zumal, wenn man die Auferstehungsberichte der Evangelisten liest wie Informationen über ein historisches, greifbares Ereignis. Diese Lektüre ist falsch.
Die vielfachen und unterschiedlichen Erzählungen über den Auferstandenen in den vier Evangelien sind nur ausschmückende Bilder für eine Erfahrung und damit für eine neue Einsicht, die den Jüngern Jesu nach dessen Tod geschenkt wurde. Und diese aus der Einsicht folgende Überzeugung ist für eine christliche Lebenshaltung, die man auch „Lebensphilosophie“ nennen könnte, sehr einfach:

5.
Wer in aller Kürze den Inhalt der Überzeugung der Jünger Jesu wissen will: Dieser Jesus von Nazareth hatte in seinem Leben schon eine tiefe Verbundenheit mit dem, was er die göttliche Wirklichkeit („Vater“) nannte; er hatte Anteil an diesem göttlichen, ewigen Leben. Und die Auferstehung Jesu bedeutet: Diese innige Verbundenheit mit Gott führt ihn über den Tod hinaus in die ewige Gegenwart Gottes. Diese entscheidende Überzeugung wird in der Gemeinde der Jünger wach. Sie sprechen dann ihre Überzeugung aus: „Dieser am Kreuz gestorbene Jesus lebt“. Weil er das Ewige schon immer „in sich“ hatte. Die Freunde Jesu entdecken also in der Erinnerung an Jesus: Auch wir Menschen haben Anteil an dieser ewigen göttlichen Präsenz, die unser inneres geistiges, seelisches Wesen bestimmt. Diese Erkenntnis der Verbindung der Menschen mit dem Ewigen wird den Jüngern einige Zeit nach dem Tod Jesu geschenkt, förmlich wach gerufen durch die Begegnung mit Jesus von Nazareth.
Auferstehung bedeutet also: Das Ewige, Göttliche, im Menschen überwindet den Tod. Das war bei dem Propheten und „Gottessohn“ Jesus von Nazareth so! Das ist so bei allen Menschen, weil alle Menschen „Kinder Gottes“ sind. Jesus offenbart in seinem Leben und Sterben diese allgemeine menschliche Wirklichkeit.
Der Gedanke ist also zentral: Wenn die Welt und die Menschen so etwas wie eine „Schöpfung“ durch Gott bzw. Göttliches sind: Dann ist deswegen diese Welt und mit ihr die Menschen niemals Gott-fern. Gott als kreative schöpferische Kraft ist vielmehr das innere Lebensprinzip von Welt und Mensch, ein Lebensprinzip, das alle Endlichkeit überdauert. Wenn dann von „leiblicher“ Auferstehung die Rede ist, dann nur, um anzudeuten: Dieses Ewige, Göttliche im einzelnen Menschen, ist eine Art einmalige Prägung, so wie jedes menschliche Geschöpf auch eine einmalige Prägung hat.

6.
Aber spätestens, als die Kirchen im 20. Jahrhundert nach langen theologischen Reflexionsprozessen offiziell die Kremation erlaubten, wussten sie: Der irdische Leib dieses irdischen Menschen ist vergänglich, ist Staub. Lebendig bleibt das Ewige im Menschen, und dieses ist, wie der Geist und die Seele etwas Unsichtbares. Der Geist als Geist der Menschen, die Seele als Seele im Menschen, sind als solche unsichtbar, aber dennoch wirklich. Und deswegen auch verstehbar und in vernünftigen Worten sagbar.

7.
Manchmal sind es Arbeiten von Künstlern, die an ein vernünftiges, deswegen weitgehend nachvollziehbares Verstehen der Auferstehung Jesu erinnern: Zur Zeit (vom 1.3. bis 30.6. 2019) wird in der „Gemäldegalerie der staatlichen Museen zu Berlin“ die Ausstellung der Renaissance-Künstler „Mantegna und Bellini“ gezeigt. Ich möchte auf ein vom Format her eher kleines, aber religionsphilosophisch und theologisch sehr wichtiges Bild von Andrea Mantegna (1431-1506) hinweisen; es hängt leider eher am Rande der Ausstellung, im Umfeld der Darstellungen vom Tod Marias, der Mutter Jesu. Die Frage ist für Mantegna: Wie wird die verstorbene Mutter Jesu Anteil haben an dem, was in christlicher Lehre „das ewige Leben“ genannt wird? Der italienische Meister Andrea Mantegna hat darauf eine ungewöhnliche Antwort: Er zeigt auf einem kleinen Gemälde auf Holz (aus dem Jahr 1461): Christus steht im Himmel, von Engeln umgeben, und hält in seinen Händen so etwas wie eine Art kleine Statue: Sie steht senkrecht, eine kleine Gestalt, weiß gekleidet: Dies ist die sinnliche Anschaulichkeit der Seele Marias. Darum wählte Mantegna auch als Titel für seine Arbeit: „Christus mit der Seele Marias“: Mantegna will sagen: Die Seele Marias ist nach ihrem Tod im „Himmel“, in der ewigen Präsenz. Christus hält diese Seele eng bei sich. Die Seele der verstorbenen Maria lebt weiter: Dies ist die Auferstehungsbotschaft des Malers Andrea Mantegna. Warum hören spirituelle Menschen nicht so oft auf die spirituellen Einsichten der Künstler? Darin ist Mantegna als Künstler der Renaissance – zweifellos inspiriert von klassischen philosophischen Vorstellungen.

8.
Die Auferstehung wird also gedeutet als ewiges, „himmlisches“ Sein der jeweils individuellen Seele: Mehr lässt sich vernünftig über Auferstehung nicht sagen! Es gibt ja die populäre Vorstellung eines himmlischen Wiedersehen der Verstorbenen im Himmel: Sie findet noch heute ihren Ausdruck etwa in Todesanzeigen in katholischen Wochenblättern, etwa, wenn es in der Todesanzeige eines Katholiken in Berlin- Reinickendorf heißt: „Wir freuen uns auf ein Wiedersehen im Himmel“. Wird da die fromme Spekulation nicht übertrieben?

9.
Bescheidener und nachvollziehbarer ist die Überzeugung von einer ewigen Seele, die den Tod überlebt. Aber diese bescheidene Auskunft ist schon viel. Vorausgesetzt wird lediglich, wie schon angedeutet, dass die Welt und damit die Menschheit Ausdruck und „Werk“ einer unendlich schöpferischen Kraft sind, die man mit dem alten Symbol – Begriff Gott nannte und nennt. Gott wird in diesem Bild als eine eher personal zu deutende Wirklichkeit gesehen, als Schöpfer des Himmels und der Erde. Alle Bilder, welche die schöpferische ewige „Urquelle“ als Baumeister, Handwerker usw. deuten, sind zu banal, sie missachten den Grundsatz der Analogie in allem Reden vom Göttlichen. Wenn Gott als „Schöpfer der Welt“ handelt, dann muss jeder Anthropomorphismus vermieden werden. Dieses Thema kann hier nicht umfassend diskutiert werden, dass dabei selbstverständlich die Evolution eine entscheidende Rolle spielt, ist klar: „Gott“ schafft eine in einer Evolution sich entfaltende Welt. Eine theologische Einsicht zur „Schöpfung der Welt“ ist darum der zentrale Mittelpunkt aller Auferstehungstheologie!
„Das Bekenntnis zum Schöpferott stellt das Fundament aller weiteren Glaubensaussagen“, schreiben Karl Löning und Erich Zenger in ihrem Buch „Als Anfang schuf Gott“(Patmos Verlag, 1997, S. 13). Der katholische Theologe Leonardo Boff nennt den Gott, der die Welt als seine Schöpfung will, „die Urquelle, aus der alle Wesen stammen„. (in: Theologie in gefährdeter Welt, Münster, 2019, S. 47).

10.
Es ist religionsphilosophisch wichtig, dass dieses Verstehen der Auferstehung Jesu von dem Philosophen Hegel unterstützt wird. In den „Vorlesungen über die Philosophie der Religion“ (Band II dieser Vorlesungen in der Suhrkamp Werkausgabe 1969) heißt es auf Seite 291: “Gott erhält sich in diesem Prozess (des Sterbens Jesu). Und dieser Prozess ist nur der Tod des Todes. Gott steht wieder auf zum Leben: Es (das Sterben, der Tod) wendet sich somit zum Gegenteil“. Damit wehrt sich Hegel gegen eine auch in Kirchenliedern verbreitete Überzeugung, am Karfreitag sei „Gott selbst tot“. Dieses sie „der höchste Schmerz, dass alles Ewige, alles Wahre nicht ist“.

11.
Darauf legt Hegel in der Deutung der Auferstehung Jesu Christi allen Nachdruck: „Der Verlauf bleibt aber hier nicht stehen, sondern es tritt eine Umkehrung ein, Gott erhält sich selbst in diesem Prozess…“ Nebenbei: Die häufig geäußerte Meinung, Hegel sei mit dem Zitat „Gott selbst ist tot“ aus dem Kirchenlied „O Traurigkeit, o Herzeleid“ (von Johann Rist, 1607-1667) zu einer Art Verkünder des Todes Gottes geworden im Sinne einer nihilistischen Auslöschung des Gottesgedankens, ist falsch. Hegel ist kein Nihilist! Sondern: Mit dem Tode Jesu Christi, so Hegel, wird zwar die göttliche Dimension des Gottmenschen Jesus Christus in den Tod zwar hineingezogen, aber das Göttliche übersteht den Tod, besiegt den Tod. In den Gemälden von Bellini und Mantegna wird zudem deutlich, wie Jesus Christus nach seinem Tod („Karsamstag“) in die Vorhölle hinabsteigt und dort die Toten zum Leben erweckt. Der verstorbene Christus ist also aktiv, das Göttliche lebt weiter ihn.

12.
Aber das ist für Hegel nur die eine Seite: Denn durch die Auferstehung Jesu Christi wird den Menschen bewusst, dass sie alle (und nicht nur die Kirchenmitglieder, die Getauften) „Kinder Gottes sind“: Und das ist die Erkenntnis: Wegen dieser universalen „Kindschaft Gottes“ in jedem Menschen ist die „Versöhnung an und für sich vollbracht“ (S. 318). Mit Versöhnung meint Hegel die Erlösung, die eben darin besteht, Gott, den Ewigen, nicht als etwas Fremdes, sondern als Teil der eigenen Seele und des eigenen Geistes zu begreifen. Nun muss der Mensch diese „an und für sich vollbrachte Versöhnung“ für sich selbst setzen und gestalten: Das heißt, er muss die versöhnte Welt fördern und befördern. Hegel meinte zu seiner Zeit um 1830, die wahre Versöhnung als Folge der Auferstehung realisiere sich „im Feld der Wirklichkeit“, d.h. für ihn in dem sittlichen und rechtlichen Staatsleben. (S. 332).

13.
Man ist geneigt, angesichts dieser Überlegungen, die eine weitere Unterstützung etwa in der Mystik Meister Eckarts findet oder sogar in einigen Aspekten der Theologie Karl Rahners, zu sagen: „Die Erkenntnis von der Auferstehung Jesu und der Auferstehung aller Menschen ist eigentlich etwas einfaches, wenn man sich denn der Überzeugung von der Schöpferkraft Gottes anschließt: Gott setzt die Welt sich gegenüber, sagt Hegel, aber diese Welt bleibt nicht außerhalb Gottes: Diese Welt und die Menschen sind selbständig, aber im Innern, in der Seele, im Geist, ist doch der Unendliche und Ewige anwesend. Damit wird ein neuer nachvollziehbarer Weg vorgeschlagen, die Auferstehung und damit den Tod zu verstehen: Wenn die Seele das Ewige im Menschen ist, dann ist der Tod, wie man früher treffend sagte, die „Heimkehr“ der individuellen Seele in die göttlichen Wirklichkeit. Mehr lässt sich denkend und vernünftig nicht sagen.

14.
Man könnte diese Überlegungen als spekulative Metaphysik abtun. Dies gilt nur dann, wenn man irrtümlich meint: Wirklichkeit sei nur das Greifbare, Manipulierbare, Bezahlbare. Aber jeder Gedanke, der sich mit der Frage „Was ist mit dem Menschen nach seinem Tod?“ befasst, ist immer spekulativ und metaphysisch. Selbst die atheistische Meinung: „Nach dem Tod alles aus, da könnt ihr meine Asche in die Mülltonne werfen,“ wie dies berühmte Modemacher Karl Lagerfeld einmal sagte, ist eben auch eine metaphysische Aussage; ob sie vernünftig oder gar dem Gedenken der Toten würdig ist, bleibt eine Frage.

15.
Diese hier entwickelte Lehre von der Auferstehung ist tatsächlich politisch, weil sie eindeutig den absoluten und damit den bleibenden unendlichen und zu respektierenden göttlichen Wert eines jeden Menschen hervorhebt. Diese Überzeugung ist politisch auch deswegen, weil sie die Erkenntnis des „Ewigen, des Göttlichen“ im Menschen gerade zum Handeln auffordert: Etwa einzutreten für die Unterdrückten, denen die Menschenwürde entzogen wird. „Wer an die Auferstehung glaubt, ist außer Stande, zu einer Gesellschaft, die die Armen zum Tode verurteilt (also vor Hunger sterben lässt) Ja zu sagen“. Protest und Widerstand sind also die politische Haltung derer, die die Auferstehung Jesu von Nazareth verstehen. (Siehe dazu etwa den Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez, „Aus der eigenen Quelle trinken. Spiritualität der Befreiung“, 1986, S. 131).

16.
Dieser Text ist der Versuch, das wichtigste Thema der christlichen Religion, und dies ist die „Auferstehung der Toten“, aus dem Bereich des üblicherweise nur als wunderbar, wenn nicht nebulös, spinös Bewerteten, zu befreien. Auferstehung der Toten gehört, als Grundaussage einer religiösen Lebensphilosophie, in die vernünftige (!) Auseinandersetzung. Es gibt in dem Zusammenhang nur ein einziges „Wunder“: Und dies ist: Dass diese Welt mit den Menschen hinein genommen ist in die ewige Wirklichkeit des Göttlichen, der schöpferischen Urkraft. Aus dieser ewigen Welt fällt kein Mensch heraus. Die Verbrecher haben dann aber das Ewige in sich selbst, in der Stimme des Gewissens vernehmbar, gelöscht! Und die vielen Milliarden leidender Menschen, zum Leiden verurteilt von dem Egoismus der Reichen, haben selbstverständlich Anteil an diesem Ewigen. Das klingt wie ein frommer Trost, ist aber alles andere als eine Vertröstung! Tatsächlich ist diese Aussage aber Ausdruck des politischen Protests: Die Armen müssen wie alle anderen endlich gleichberechtigt, gerecht leben, als Anbeginn einer humanen Welt, dies ist die Welt der Gerechtigkeit und des Friedens. Das Tun der Gerechtigkeit ist der Ausdruck des Auferstehungsglaubens.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

Auferstehung: Das Ewige im Menschen erkennen und leben

Ein Hinweis von Christian Modehn.  Am Ende dieses Beitrags finden Sie ein Gedicht von Clara F. Janning.

Die Kirchen feiern eine lange Osterzeit bis Pfingsten: Von daher gibt es Wochen lang Gelegenheit, sich über die Auferstehung des Lebens Gedanken zu machen…

Man könnte den folgenden Text nur als TROST mißverstehen; dies ist er vielleicht auch, zumal möglicherweise für die Milliarden Menschen, die im Laufe der Geschichte immer als Untermenschen, als Unwichtige, Überflüssige, als „Menschenmaterial“ mißhandelt wurden und werden. Etwas „Ewiges“ hatten und haben sie trotzdem! Über das „Ewige im Menschen“ auch in Verbrechern (auch Verbrechern als „Politiker“, Stalin, Hitler usw.) kann sich jeder Leser, wie bei allen Vorschlägen hier, selbst Gedanken machen.

Wie die Emmaus -Erzählung heute neu – im Horizont gegenwärtiger Politik – verstanden werden kann, habe ich zu erklären versucht.

Über Ostern und die Auferstehung Jesu von Nazareth und damit unsere menschliche „Auferstehung“ können wir und sollten wir nur in nachvollziehbaren, des gemeinsamen nachdenklichen Gesprächs würdigen Formulierungen reden. Und nicht, wie so oft (in Predigten) üblich, einfach nur eine der Geschichten von Jesu Auferstehung bilderreich aus dem Neuen Testament nacherzählen. Dann können wir nichts verstehen. Oder wir glauben nur, dass die Bilder des Neuen Testaments irgendwie doch „historische Wunder“ sind, die uns zwar zum Verzicht auf jegliche Vernunft verpflichten, aber doch das (falsche) Gefühl geben, irgendwie etwas Mysteriöses berührt zu haben. Es gibt zweifelsfrei das Geheimnis im Leben, aber es nicht gebunden an Bilder und Vorstellungen des 1. Jahrhunderts und an Sprachen, die wir heute nicht mehr nachvollziehen können. Die förmlich einen Riss in unser Leben bringen und uns zur gläubigen Dummheit verdonnern. Das wollen bekanntlich immer weniger Menschen. Gott sei Dank.

Wie also von Ostern und der Auferstehung Jesu Christi sprechen?

Entscheidend ist, meine ich, die vielen bunten und hübschen Bilder und mysteriösen Ereignisse (der Auferstandene erscheint leiblich, verschwindet dann wieder unleiblich etc…) auf etwas zugänglich Menschliches zurückzubeziehen. Sie also nicht historisch ernst zu nehmen. Von der Auferstehung Jesus gibt es keinen Zeitungsbericht. Wie sollte das auch gehen?

Ostern und die Auferstehung Jesu sind als Angebot einer Daseinsdeutung zu verstehen, die eine menschliche Qualität erschließt, über die aber man sprechen kann. Ostern macht also eine besondere Qualität des Menschen offenbar, die man „Auferstehung“ nennt. Indem Jesus schon sehr früh „der Erste der Auferstandenen“ genannt wurde, offenbart er nur, was alle anderen Menschen an bleibender, „auferstandener“ Qualität, also ewiger Qualität „haben“. Dieses „Haben“ ist kein von Menschen Gemachtes, sondern etwas mit der „Schöpfung“ der Welt und der Menschen Gegebenes. Über die Schöpfung also muss man reden, wenn man von der Auferstehung als der Erkenntnis des Ewigen im Menschen spricht. Dies ist die Grundlage.

Ich biete jetzt noch einmal den Text an, den ich den Abonnenten des newsletters zu Ostern 2018 geschickt hatte:

Ich wurde kürzlich gefragt, ob ich für Zweifelnde und Skeptiker, zu denen auch ich gehöre, zum Weiterdenken inspirierend, Hinweise für ein kritisches Verstehen der Auferstehung und damit zu Ostern vorschlagen kann. Was jetzt folgt, sind einige Thesen… Vielleicht nehmen Sie sich die Zeit, diese Zeilen zu lesen. Heute wird gern im Internet die Lesedauer eines Beitrags genannt: Gelesen also ca. 10 Minuten. Bedacht ca. 1 Stunde. Klingt arrogant, ist aber wahr. Wer keine Denkzeit hat, lese bitte etwas anderes!

Tatsache ist: Nichts ist schwieriger als in Begriffen über eine ungewöhnliche Erfahrung zu sprechen, die einige Menschen nach dem Tod Jesu hatten: Sie sprachen von der Auferstehung Jesu von Nazareth, sein Befreitsein aus dem Tod in eine andere Form des Bleibens, des unanschaulichen Daseins und der Lebendigkeit.

Nichts ist schwieriger, als über die vielfältigen (!) Auferstehungs-Erzählungen im Neuen Testament zu sprechen, die alltägliches Denken und Sprechen sprengen. Denn wir sind auch heute (leider) gewöhnt, in unserer Konsumgesellschaft, uns ganz aufs Gegenständliche und Greifbare zu beziehen und von daher unser Denken und unseren ganzen, umfassenden Lebensentwurf bestimmen zu lassen. Wir leben in gewisser Weise in eindimensionalem Denken.

Andererseits: Es gibt nichts Dringenderes, als tatsächlich von dem zu sprechen und sprachlich darum zu ringen, was unser Dasein betrifft im Blick auf die Endlichkeit und Begrenztheit unseres Lebens. Der Tod ist ja immer mein Tod, der mich vor die Frage stellt: Und die Frage nach dem Tod ist eine andere als die des guten Sterbens, diese steht heute völlig im Mittelpunkt. Zurecht, aber nur in gewisser Hinsicht. Die Frage bleibt irgendwie doch bei einigen: War es mit dem Tod dann alles? Die Asche wird verstreut. Ende. Aus. Basta. ?

So sehr ich materialistische Lebensentwürfe versuche zu verstehen: Ich bleibe doch immer auch der sehr Tiefes sehenden metaphysischen Denk – Tradition verpflichtet. Weil sie eben gerade heute inspiriert! „Alt“ in der Philosophie bedeutet ja niemals vergangen und passé!

Es wäre in diesem Sinne zu sprechen über zentrale Lebens – Erfahrungen, die wiederum schwer in Worte zu bringen sind, nichts desto weniger aber in jedem Leben real sind und deswegen wachgerufen werden können. Es sind dies Lebenserfahungen, die zeigen: Es „gibt“ Ewiges in unserem Leben.

Viele Menschen erleben unerwartet Augenblicke des grundlegenden Getragenseins und Geborgenseins als ein Geschenk. Viele erleben einen kürzeren schönen, aber gar nicht „opium – mäßigen“ Ausstieg aus der Alltäglichkeit, etwa im Hören von verschiedenen Formen der Musik, immer wieder: Bach. Beim Hören der Matthäus Passion weinen ja bekanntlich auch Atheisten, aus welchen Gründen auch immer. Wir erleben Momente des absolut Sich Verpflichtetfühlens, also im ethischen Leben. Es gibt Ekstasen in der Erotik, wo Menschen spüren, sich selbst zu überschreiten. Es gibt Einsichten, dass wir mit allen Menschen das Hineingestelltsein teilen in die von uns unabwerfbare Erfahrung, dass es Gutes als Gutes gibt, Wahres als Wahres, Schönes als Schönes. Dies ist eine nicht zu tötende formale Erfahrung im Lebendigsein. Es gibt Erfahrungen des solidarischen Handelns, in den wir über die engen Grenzen unseres Ich hinauswachsen. Dieses „Mehr“ ist gemeint, das nicht von uns manipuliert werden kann, das da ist und nur mit Gewalt zum Schweigen gebracht werden kann.

Die Liste der Erfahrungen, die auf Unbedingtes und allen Menschen Gemeinsames hinweisen, auf allgemeine und bleibende Strukturen des Geistes, möge jeder und jede fortsetzen: Es gibt in einer bestimmten Form der Daseinsinterpretation die Einsicht: Es gibt in mir etwas Bleibendes, Nicht Zerstörbares, man könnte sagen: Ewiges IM MENSCHEN, das nicht aus dem individuellen Leben entspring!

Warum sage ich das alles? Gerade das erschließt das Verständnis von Auferstehung.

Genau diese Erfahrung des Ewigen, des Bleibenden, des Tragenden, des Wesentlichen wie auch immer: Genau diese Erfahrung ist philosophisch gesehen ein Kennzeichen der Menschen: Sie haben Ewiges, Bleibendes, Erhebendes in sich selbst, in ihrem Geist oder in der Seele sprechen. Schließlich sind wir Menschen sicher nicht ein plumper Klumpen purer Materie.

Diese Erkenntnis (des Ewigen im Menschen) gilt nicht nur für die guten reichen Bürger im satten Europa. Diese Erfahrung trägt letztlich auch die Lebensenergie der Armen weltweit. Die natürlich einen absoluten Anspruch auf menschenwürdige Verhältnisse haben. Aber nur aus der genannten inneren Erfahrung können Sie überhaupt um Gerechtigkeit kämpfen, auf Gerechtigkeit hoffen, auf die Bekehrung der Reichen zur Solidarität mit den Armen. Man denke an die Spiritualität Gandhis oder des heiligen Erzbischof Oscar Romero El Salvador…

Was hat das mit der Auferstehung zu tun? Genau diese Erfahrung des Ewigen, Bleibenden, im Menschen IST Auferstehung: Es gibt etwas, das nicht vergeht von mir und von keinem Menschen. Nicht das Ich als konkrete Gestalt bleibt ewig; aber ein Funke, ein Glanz, der mich im Dasein beschenkt hat, ist unzerstörbar und ewig. Ob darin etwas Persönliches bewahrt ist? Darüber kann man nur spekulieren. Mystiker und philosophische Mystiker sprachen jedenfalls vom ewigen göttlichen Funken. Dies ist eine Erkenntnis aus einer Theologie der Schöpfung der Welt und damit des Menschen durch Gott(Göttliches). Das kann hier nur angedeutet werden. Und die Sprache ist hilflos, weil wir Dimensionen berühren, die da sind, aber die wir selten artikulieren in unser aufs Platte und Pragmatische eingeschränkten Sprache…

Genau dieser ewige göttliche Funken in jedem Menschen wird zu Ostern gefeiert. Man merkt, wie schwer sich die Sprache tut, diese Dimension überhaupt in Worte zu bringen. Aber: Diese Einsicht ist Ostern. Das ist unglaublich viel. Eine universale menschliche Botschaft, ein Vorschlag zur Daseinsdeutung. Das heißt: Jesus von Nazareth hat als der gerechte Mensch nach seinem grausamen Tod diese Erkenntnis unter seinen Freundinnen und Freunden wachgerufen: Sie haben erkannt: Dieser geliebte Jesus von Nazareth, ein Mensch wie wir, lebt in gewisser Weise nach seinem Tod. Denn er hatte diesen göttlichen Funken, den auch wir haben. Das hat er uns offenbart! Mit ihm sind wir auferstanden, weil wir den göttlichen Funken als Gabe des Göttlichen in uns nun wissen.

Natürlich lag der tote Mensch Jesus von Nazareth nach seinem Tod im Grab. Seine Leiche verweste. Aber er lebte, das wussten die Menschen um ihn, die mit ihm den göttlichen Funken als das Ewige in jedem Menschen entdeckt hatten. Diese Ewigkeit im Menschen lebt selbstverständlich in allen Menschen aller Religionen.

Das Drama ist: Die Kirchen haben die bildhaften Erzählungen des Neuen Testaments von der Auferstehung Jesu ebenso anschaulich und in gewisser Weise naiv permanent weiter – und nacherzählt, die Bilderwelten nur nach – gesprochen, aber dadurch kaum tiefes Verstehen des Auferstehungsgeschehens bewirkt. Die Texte des Neuen Testaments sind Bilder. Nicht mehr und nicht weniger. Sie sagen das Eine: Das Ewige im Menschen ist unzerstörbar. Wie konkret dann dieses Ewige post mortem bewahrt bleibt, muss naturgemäß offen bleiben.

Wer diesen Hinweis mit – gedacht hat, kann gern noch über ein Wort von Plotin nachdenken: Auf dem Sterbebett  sagte Plotin: „Ich versuche gerade, das Göttliche in mir zum Göttlichen im Universum zu bringen“ (Porphyrius, Das Leben des Plotin).

——-Wer sich mit dem Thema weiter befassen will, kann meine 24 Minuten dauernde Ra­dio­sen­dung hören: Am Ostersonntag um 9.04 RBB KULTUR oder nachlesen im Programm RBB. Der Titel: Auferstehung für Aufgeklärte. (Siehe auch: https://www.kulturradio.de/programm/schema/sendungen/gott_und_die_welt/archiv/20180401_0904.html

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ich hatte die LeserInnen des newsletters eingeladen, Ihre eigene Weise der Auferstehungs – Erfahrung mitzuteilen für eine Publikation auf dieser website. Clara F. Janning schickte mir ein Gedicht, geeignet als Gesang, eine Poesie, die sie schrieb, inspiriert von Willigis Jäger, auch Hermann Hesse und musikalischen Gedanken aus dem ABBA Song „arrival“:

Komm, komm, wenn die Zeit zur Ankunft gekommen ist, dann komm.

Scheu die Mühe nicht, wir warten voll Freude, darum komm.

Mit dem, was du mitbringst, ist für dich ein Platz bei uns bereit.

Komm und teil‘ ein Stück von deinem Weg und ein Stück von deiner Zeit. ://

Woher kommen wir, wer sind wir, wohin führt unser Weg?

All dies fragen wir, indem wir ihn gehen, unsern Weg,

fließen mit im Strom des Lebens und „verbringen“ unsre Zeit,

sind ein Teil der Sinfonie des Lebens in aller Jahreszeiten Kleid. ://

Geh, geh, wenn die Zeit zum Abschied gekommen ist, dann geh.

Trauer hält dich nicht, der Fluss fließt zum Meer, und dahin geh.

Geh in Liebe, und geh im Vertrau’n auf eine Wiederkehr.

Allem Ende wohnt ein Zauber inne, der Anfang ist, ein Mehr. ://

Clara F. Janning

 

 

 

 

 

Ostern – Karfreitag – Karsamstag: „Der ohnmächtige Gott der Liebe“. Von Prof. Wilhelm Gräb

„Der ohnmächtige Gott der Liebe“

Ostern – Karfreitag – Karsamstag: Ein Interview mit Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität zu Berlin.

Die Fragen stellte Christian Modehn. Das Interview wurde 2013 veröffentlicht. Wir meinen, es ist nach wie vor wichtig für alle, die nach dem Sinn von Karfreitag, Karsamstag und Ostern fragen. CM am 2. April 2015

Das Osterfest wird in der christlichen Tradition als Ereignis der Auferstehung Jesu begangen. Wie kann die Erfahrung der ersten Christen „Jesus ist lebendig über den Tod hinaus“ heute im Blick auf Jesus selbst verstanden werden. Und welche Bedeutung hat dieser Auferstehungsglaube für die religiösen Menschen heute?

Sie formulieren ja selbst schon so, dass das Missverständnis vermieden wird, die Auferstehung Jesus sei ein beobachtbares Faktum gewesen, in dem Sinne, dass der zuvor gekreuzigte Jesus am Ostermorgen seinen Jüngern und Jüngerinnen erschienen und das Grab, in das man den Leichnam gelegt hatte, leer gewesen sei. Es mag sogar alles tatsächlich so gewesen sein wie die neutestamentlichen Texte berichten. Die Behauptung der Tatsächlichkeit des Geschehens sagt aber über dessen religiöse Bedeutung gar nichts aus. Darauf machen die neutestamentlichen Texte selbst aufmerksam, insbesondere Paulus. Das Neue Testament ist im Wesentlichen eine Sammlung von Deutungen des Todes und der Auferstehung Jesu. Nie geben sich die Texte mit der Behauptung des Faktischen zufrieden, immer geht es ihnen um die existentiell-religiöse Bedeutung der Worte und Taten, des Lebens und Sterbens Jesu.

Entscheidend für das Verständnis des Auferstehungsglaubens scheint mir eben diese Unterscheidung zwischen dem Ereignis und seiner Deutung zu sein. Indem Sie, lieber Herr Modehn, davon sprechen, dass es die „Erfahrung der ersten Christen“ war, dass Jesus „über den Tod hinaus lebendig“ sei, nehmen sie diese Unterscheidung ebenfalls vor. Die Überzeugung, die sich den Jüngern und Jüngerinnen Jesu in der Begegnung mit dem irdischen Jesus gebildet hat, war die: Dieser Mensch ist unzertrennbar mit Gott verbunden. Er kann und wird aus dieser Verbundenheit nicht herausfallen. In der Lebensgemeinschaft mit ihm, als die an ihn Glaubenden, kann auch uns nichts von der Liebe Gottes trennen. So die Interpretation des Kreuzes Jesu, explizit durch Paulus: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben… kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn“ (Röm 8, 38f.)

Der Glaube an die Auferstehung Jesu ist kein Fürwahrhalten eines Wunders, eines Mirakels, also der Wiederbelebung eines Leichnams. Sondern es ist eine persönliche Überzeugung, die ihren biblischen Anhalt an dieser Deutung des Kreuzestodes Jesus hat. Wer zu der Überzeugung kommt, zu der die ersten Jünger und Jüngerinnen und seither viele Christen gefunden haben, dass Jesus lebt, ja, dass er mit seiner Hoffnungsbotschaft in uns selbst lebendig ist, in dem keimt dann möglicherweise auch die Hoffnung auf die eigene Auferstehung. Dann setze ich darauf (was kein Wissen ist und niemals sein kann), dass es nicht unsere menschliche Bestimmung ist, letztlich nur eine „Krankheit zum Tode“ zu sein, sondern Gott uns ewig in seinen „Händen“ hält.

Vor der Auferstehung gedenken Christen am Karfreitag der Kreuzigung und des Todes Jesu. Welchen Sinn hat es heute noch zu sagen: Durch Jesu Blut wurden wir erlöst? Gibt es zugänglichere Aussagen, die andeuten: Dieser Tod hat eine große Bedeutung, weil er auf einen bedeutenden, vielleicht einmaligen Menschen bezogen bleibt?

Die Vorstellung vom erlösenden Opferblut Jesu sollten wir in der Tat ablegen. Sie entspricht auch nicht dem Grundsinn der Deutung des Todes Jesu, die das Neue Testament gibt. Dieser geht selbst dort, wo die Opfervorstellung angesprochen wird, dahin, in Jesu Gang ans Kreuz das Ende aller Opfer zu sehen. Jesus wurde ja nicht zum Opfer gemacht, sondern er hat sein Leben gegeben, sein Leben zum Einsatz gebracht – damit alle, die darauf schauen, das ewige Leben haben.

Diese Bedeutung des Todes Jesu geht aus seinem Leben hervor. Mit seinem Leben hat Jesus gezeigt, was unbedingt wichtig ist und dieser Welt eine gute Zukunft eröffnet: Dass dies die Gottes- und Nächstenliebe ist, dass nur die Liebe zählt, die vorbehaltlose Verbundenheit mit Gott und der Menschen untereinander – unbedingt und radikal, über alles uns Trennende hinweg, unabhängig von unseren religiösen, nationalen, kulturellen Zugehörigkeiten, unserer Hautfarbe und unserem Geschlecht. Diese universale Gottes- und Menschenliebe hat Jesus gelebt. Sie aber vertrug sich nicht mit den Gesetzen und Herrschaftsinteressen in dieser Welt. Sie tut es bis heute nicht. Deshalb musste Jesus sterben. Die Bedeutung seines Todes liegt insofern darin, dass wir die Unbedingtheit seiner liebenden Selbsthingabe erkennen. Sie war für ihn selbst nicht ohne Schmerzen, nicht ohne den tiefsten Schmerz der Gottverlassenheit.

Zwischen Karfreitag und Ostersonntag liegt der „Karsamstag“, ein traditioneller kirchlicher Feiertag, dessen Bedeutung so schwer zu fassen ist. Hegel hat ja in seiner Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie so eine Art Karsamstagsphilosophie angedeutet, indem er auf den alten Liedvers (von 1628) verwies: „O große Not, Gott selbst ist tot“. Ist also der Karsamstag das Fest des – zumindest vorübergehend – toten Gottes?

Blicken wir auf den Menschen Jesus, dann erkennen wir die Bedeutung seines Lebens und seines Sterbens darin, dass er die völlige Verbundenheit mit Gott und der Menschen untereinander gelebt hat, ja, dass er an dieser Verbundenheit festgehalten hat, auch noch als ihn in der Stunde seines Todes das Gefühl überkam, jetzt doch von Gott und aller Welt verlassen zu sein. Gerade im Lichte des Schreis der Gottverlassenheit am Kreuz kann – von Gott aus betrachtet – der Tod des die Einheit mit Gott lebenden Jesus auch als der Tod Gottes gedeutet werden. Das meinte Hegel mit dem „spekulativen Karfreitag“, dass Gott, der das Leben, lebendiger Geist ist, in sein Gegenteil eingeht. Doch nicht um in der bloßen Negativität zu verharren, sondern um sie ihrerseits zu negieren, den Tod in den ihn überwindenden absoluten Geist, in das ewige, alles einigende Leben der Liebe aufzuheben.

So ist Jesus derjenige, der Gott uns als den bekannt gemacht hat, der mit hineingeht in unsere menschliche Situation, auch noch in unser Sterben und unseren Tod, der sogar die Verzweiflung der Gottverlassenheit mit erleidet. Doch nicht, um uns darin allein zu lassen, sondern mit der Hoffnung auf den Sieg der Liebe über den Tod zu erfüllen. Der Gott, der am Kreuz stirbt, ist Gott der Allmächtige. Der Gott, der seit Ostern der Grund unserer Hoffnung ist, ist der ohnmächtige Gott der Liebe, der Gott, der in den Schwachen mächtig ist und den wir in der Kraft eines unwahrscheinlichen Lebensmutes jetzt schon in uns wirksam fühlen. Dieser Gott lässt uns nicht allein, auch wenn wir sterben müssen.

Copyright: Prof. Wihelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin