Pfingsten, Christi Himmelfahrt, Ostern: Das EINE Gedenken, das eine Fest.

Ein Hinweis von Christian Modehn.
Der Hinweis vom 29.5.2017 wurde am 6.5.2021 überarbeitet.
1.
Was bedeuten die alten, überlieferten christlichen Glaubensbilder und Erzählungen, die unter den immer noch üblichen Namen der Feiertage „Pfingsten“, „Himmelfahrt Jesu Christi“ und „Auferstehung Jesu von Nazareth“ (Ostern) in der Alltagssprache und im alltäglichen Leben („Feiertage sind nicht mehr als freie Tage“ ?) eine Rolle spielen. Zum nachvollziehbaren Verständnis dürfen nicht alte Formeln wiederholt werden.
2.
Entscheidend ist: Man sollte mit einer Besinnung auf Pfingsten beginnen. Der theologische und religionsphilosophische Inhalt des Pfingstfestes ist also die Basis, um auch die Bedeutung von „Christi Himmelfahrt“ und „Ostern“ zu erkennen. Pfingsten ist zwar chronologisch, also in der Abfolge des so genannten „Kirchen- Jahres“ betrachtet, das letzte dieser drei Feste. Aber Pfingsten als Ereignis des „neuen, geweiteten kritischen Geistes“ steht sozusagen sachlich der Anfang. Das Pfingst – Fest hat diese Erzählung: Die Gemeinschaft der Jesus-Jünger war nach Jesu Tod überzeugt: Wir haben „plötzlich“, wie in einem Ereignis, als Überraschung, als Geschenk, ein neues, ein tiefes Verständnis gewonnen über Jesus von Nazareth. Im Blick auf diese Person gab es also eine Art neuen Ansatz des Verstehens. Die Gemeinschaft erkannte – nach langem Zweifeln und ihrer Verzweiflung über Jesus Tod – plötzlich eine neue bleibende geistige Lebendigkeit dieses Jesus.
Ihr Geist war also kritisch geworden: Kritisch im Sinne von Unterscheidenkönnen, kritisch im Sinne von Abstand nehmen von üblichen bisherigen Selbstverständlichkeiten, Ängsten und Begrenzungen. Und genau mit diesem neuen, geweiteten Geist konnten sie die Erfahrung in Worte fassen: Jesus von Nazareth ist auf geistige Art weiter zugegen, er ist präsent, hat Teil an der Ewigkeit des Ewigen, Gottes. Die Freunde Jesu konnten also von Jesus als dem Präsenten, dem Ewigen, sprechen. Diesen ihren Geist erlebten sie als Geschenk, sie sprachen vom Heiligen Geist, als einer bislang kaum bemerkten besonderen Qualität des menschlichen Geistes: Er wird sich seiner selbst als Gabe des Ewigen bewusst, er ist kritisch gegenüber einer Verschließung im Endlichen. Und aufgrund dieser Erfahrung verstärkte sich ihr Zusammenhalt als Gemeinschaft. Die katholische Kirche sieht in diesem Pfingstereignis förmlich die Gründung von „Kirche“ überhaupt.
3.
Was aber ist am wichtigsten im Erleben des neuen, des kritischen und geweiteten Geistes zu Pfingsten? Der göttliche, der heilige Geist, lebt in den Menschen, in allen Menschen. Alle sind mit dem göttlichen Geist, „begabt“. Und gefeiert wird der zumindest damals gelungene Versuch, die unterschiedlichen Menschen zu einer pluralen Gemeinschaft, einer Gemeinde der gleichberechtigt Verschiedenen, Vielfältigen, zu versammeln. Diese Erzählung ist von bleibender Aktualität: Kirche kann nur Gemeinschaft der Verschiedenen sein, und alle Verschiedenen haben die gleichen Rechte und die gleiche Würde.
4.
Und warum dann noch ein eigenes Fest Christi Himmelfahrt? Dieses seltsame Wort „Himmelfahrt“ ist eine Metapher für den Mythos, also die Erzählung: Dieser Jesus von Nazareth ist nicht im Nichts verschwunden. Jesu Leichnam liegt zwar – wie der Leichnam jedes Menschen – in einem Grab! Aber Jesu Geist als ewiger Geist ist „woanders“, er ist – bildlich gesprochen – an dem Ort, den man üblicherweise den „Ort“ des Ewigen, des Göttlichen nennt, den „Himmel“.
Die Gemeinde will mit dem Fest Christi Himmelfahrt“ also noch einmal explizit feiern, dass dieser geliebte Mensch und Prophet Jesus von Nazareth nicht mehr zur Erde, nicht mehr nur zur Welt der Menschen, gehört. Er ist leiblich entschwunden, aber nicht geistig verschwunden. Jesus ist in den Bereich des Ewigen eingetreten, den man „Himmel“ nennen kann oder „Sein beim Ewigen“.
In gewisser Weise benennt also der unbeholfene Begriff Himmelfahrt Jesu das Fest der öffentlichen und feierlichen Bestattung Jesu, verstanden als Abschied von dieser Welt und als Übergang in den Bereich des Bleibenden, Ewigen
5.
Zur vernünftigen Interpretation der Auferstehung Jesu von Nazareth, also zu Ostern, habe ich schon einige Hinweise veröffentlicht. Zentral ist der Gedanke: Wenn die Welt und die Menschen als Evolution, als sich entwickelnde Schöpfung Gottes zu verstehen sind, dann ist in der Welt und in den Menschen göttlicher, schöpferischer Geist lebendig anwesend. Dieses Göttliche in jedem Menschen kann, als Göttliches, Ewiges, nicht untergehen im Tod. Der Tod kann also auch Jesu Geist nicht vernichten und auch nicht den Geist, die Seele, der Menschen. Sie können aus der Präsenz des Ewigen sozusagen nicht herausfallen. In der Erkenntnis, dass Jesus von Nazareth, zwar im Grab als Leichnam liegend, auferstanden ist und lebt- im geistigen Sinne – ist also eine Wirkung des Geistes, des heiligen, zu sehen. Also ist schon zu Ostern „Pfingsten“ geschehen.
6.
Warum werden in den christlichen Kirchen drei Gedenktage und drei Feste (Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten) in so kurzer Zeit hintereinander gefeiert? Diese drei christlichen Feste haben ja, wie gezeigt, alle einen grundlegend gleichen Inhalt: Sie feiern den Übergang Jesu (und damit aller Menschen) vom Tod in den Bereich des Ewigen.
Dass die Kirchen dreimal eigentlich das Gleiche, in kurzem zeitlichen Abstand feiern, also Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten, hängt einzig mit der sehr menschlichen Begeisterung zusammen, möglichst viele Feste gleichen Inhalts– mit unterschiedlichen Akzenten – zu feiern.
7.
Noch einmal zurück zu Pfingsten – um daran zu erinnern, dass das Gedenken an diese Feste und das Feiern dieser Feste nichts esoterisch- Merkwürdiges und Spinöses ist: Pfingsten betrifft förmlich das Selbstverständnis der Menschen. Als Fest des Geistes als des heiligen, kritischen Geistes ist Pfingsten das Fest der Dimension, die den Menschen, alle Menschen, auszeichnet. Im Geist als der Vernunft erschließt sich die Menschenwürde, erschließen sich die Menschenrechte. Pfingsten ist das Fest der Menschenwürde, der Menschenrechte, der wesentlichen Gleichheit aller Menschen, der universalen Gerechtigkeit also.
8.
Was hat das alles mit unserer Gegenwart 2021, was hat das mit der Corona-Pandemie zu tun?
Pfingsten bedeutet, wie gesagt: Alle Menschen haben die gleiche Würde. Dies ist eine evidente Einsicht, die gerade im Zusammenhang der medizinischen Versorgung der Corona-Patienten zentral ist! Nationalistischer Ehrgeiz hat jetzt keinen Platz.
Wer ist in Deutschland/Europa praktisch-solidarisch mit den vielen Tausend Corona Patienten in den armen Ländern, in Lateinamerika, Asien oder Afrika? Können wir hier stolz auf unsere „Erfolge“ sein, wenn in diesen Ländern die Kranken ohne medizinische Hilfe förmlich krepieren? Nach langen Debatten scheint jetzt etwas Bewegung in die Köpfe der Besitzenden (der Impfstoff Besitzenden) Europäer und Amerikaner zu kommen. Die permanente Kritik der Aktivisten in dieser Hinsicht war also nicht nur geistvoll, sondern sogar einmal wirksam, hoffentlich, falls nicht noch irgendein neoliberaler Politiker dazwischen geht!
9.
Die politischen Perspektiven „Pfingsten als Fest der Menschenrechte“ sprengt die enge kirchliche Welt und deren Fixiertheit auf Dogmen. Entscheidend ist im Pfingstfest die geistvolle, demokratische, menschenwürdige, gerechte Neu-und Um-Gestaltung unserer Welt. Und die Rettung der Welt – angesichts der ökologischen Katastrophen. „Eine andere, eine bessere, gerechtere Welt ist möglich“: Das ist – eigentlich – die Botschaft der uralten, aber modernen Pfingsterzählung.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

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