Wenn Europa islamisch wird: Die Ängste der jüdischen Forscherin Bat Ye´Or

Zur neu erschienenen Autobiographie der umstrittenen Islam – Forscherin

Ein Hinweis von Christian Modehn

Bat Ye´or , die inzwischen 84 jährige Forscherin zum Islam und zur Rolle des Judentums und Christentums in islamischen Ländern einst und heute, hat auch außerhalb der Kreise interessierter Spezialisten, nicht nur in Deutschland, Aufmerksamkeit gefunden: Und zwar als bekannt wurde, dass der rassistische Massenmörder Anders Breivik aus Norwegen in seinen Schriften mehrfach Verweise und Namensnennungen auf Bat Yeor niedergeschrieben hatte. Über diese Verbindungen ist viel diskutiert worden. Wichtig ist auch das lebhafte Interesse an Bat Yeors Schriften in rechtsextremen Kreisen. Sie finden dort Argumente für ihre eigene pauschale Islam – Verurteilung bzw. Bekämpfung. Darum ist für demokratische Kriese die Auseinandersetzung mit Bat Yeors Büchern nach wie vor dringend. Jetzt hat die Forscherin ihre Autobiographie in Paris veröffentlicht.

Deutlich ist tatsächlich, dass die Forscherin Bat Yeor bzw. Gisèle Littmann, eigentlich aber wohl Gisèle Orebi, mit ihren zahlreichen Büchern (einige sind auch auf Deutsch publiziert worden) zum Thema Islam die These vertritt: In den Zeiten eines machtvollen Islams haben Juden und Christen praktisch keine menschenwürdigen Lebenschancen gehabt, sie waren und sind Menschen zweiter Klasse, meist sind sie aus den islamischen Ländern geflohen. So auch Bat Yeor, die aus einer jüdischen Familie in Ägypten stammt und aus Angst um Leib und Leben diese Heimat 1957 Richtung England verließ. Diese Erfahrung mag prägend sein für das Denken von Bat Yeor. Heute lebt sie in der Nähe von Genf. Biographie wird also zur Perspektive der Forschung!

Bat Yeor hat auch dadurch eine geradezu weltweit Bedeutung erlangt, als der Schriftsteller Michel Houellebecq in seinem letzten Roman „Unterwerfung“ explizit die Forscherin erwähnt, in der französischen Ausgabe von „Soumission“ auf Seite 157. Da sagte einer der dort erwähnten Gestalten: „In einem gewissen Sinne hat die alte Bat Yeor nicht Unrecht mit ihren Wunsch – bzw. Wahnvorstellungen eines Komplottes in Eurabia“: Damit bezieht sich Houellebecq auf einen Begriff, den Frau Bat Yeor für ihre Prognose benutzt: Dass Europa eines Tages bald arabisch –muslimisch beherrscht werden könnte, wenn denn die Menschen in Europa, so wörtlich, die jüdisch – christliche Kultur, als ihre Kultur, vernachlässigen…

Als Buch erschien Eurabia 2005. Daraus haben viele Leser die von ihnen stillschweigend geradezu ersehnte und so oft propagierte Konsequenz gezogen: Der Islam als solcher ist gefährlich für Europa. Man muss sich erinnern, dass die rechtsextremen Parteien Front National, FPÖ oder AFD heute nicht etwa antisemitisch gegen die Juden sind, sondern die jüdisch- christliche Kultur (scheinheilig) verteidigen gegen die Gefahr „des“ Islams. Aus alten Antisemiten wurden nun Anti-Islam-Kämpfer und Freunde von Judentum und Christentum. Was für ein „Witz“, aber das nebenbei.

Die Rezeption Forschungen und Interpretationen von Bat Yeor ist heute besonders heftig in rechten und rechtsextremen Kreisen in der westlichen Welt, gerade in Frankreich ist sie heute eine Art „Vordenkerin“. Dies ist wohl die Grund, dass Le Monde vom 16.2. 2018 gleich zwei ganze volle Seiten der Veröffentlichung der Autobiographie der jüdischen Islam-Forscherin widmet, mit einem langen Beitrag des für diese Fragen sehr kompetenten Journalisten Jean Birnbaum. Das Buch „Politische Autobiographie“ ist Ende Januar 2018 in den éditions „Les Provinciales“ erschienen. Und es ist bezeichnend: Wer dieses Buch im Netz sucht, gelangt schnell bei Bestellungswünschen zu Verlagen der Rechtsextremen. Einen Hinweis auf die Bücher der Autorin in französischer Sprache finden Sie am Ende des Beitrags. „Bat Yeor ist zur Stütze des Hasses auf den Islam geworden“, sagt jetzt Ivan Jablonka, der in Frankreich schon vor einigen Jahren eine ausführliche Studie über die islamfeindliche jüdische Forscherin geschrieben hat. Diese Zusammenhänge werden in Le Monde dokumentiert!

Es gibt bei einigen kritischen Beobachtern in Frankreich bereits eine gewisse Scheu, die Thesen von Bat Yeor grundsätzlich abzuweisen, das ist interessant in der politischen Szenerie Europas: Aufgeklärte Islamkenner fürchten sich bereits, für eine gewisse Berechtigung der Thesen von Frau Bat Yeor einzutreten, weil sie fürchten, dadurch ins rechtsextreme Lager gesteckt zu werden. Aber sind diese Thesen überhaupt berechtigt? Entsprechen sie dem Niveau hermeneutischer Arbeit? Sicher NICHT. Wer wirklich kompetent ist als Islam-Forscher, auch das zeigt Le Monde, sagt: Diese Dame denkt in ihren „Pamphleten“, so die Qualifizierung in Frankreich, unhistorisch, sie vergisst, dass in der von ihr beschriebenen mittelalterlichen Welt der Islam-Herrschaft überall sonst auch die herrschende Konfession intolerant war. Wie tolerant waren denn die Katholiken gegenüber den „Indianern“ in Amerika usw…Le Monde zeigt ferner eine gewisse Inkompetenz der Forscherin, wenn sie etwa im Interview gefragt wird: Welche heutigen Islam-Forscher sie denn tolerant und wichtig finde. Da fällt Frau Bat Yeor nur ein einziger Name ein, der Name des aus dem Islam konvertierten Algerier Boualem Sanal. Unreflektiert und pauschal und angstbestimmt auch ihre Aussagen zur Vorliebe des Massenmörders Breivik für ihre Werke: „Ich habe mit dem Mörder Breivik nichts zu tun… Mich in dem Zusammenhang zu erwähnen ist nur eine Rache der linken (!) norwegischen Regierung. Ich habe deren Nachsicht gegenüber dem Islamismus angeklagt. Für die Regierung ist dies ein Grund, mich zum Schweigen zu bringen“.

Kein Wunder auch, dass Madame Bat Yeor sehr den Roman „Unterwerfung“ von Houellebecq schätzt. Gegenüber Le Monde sagt sie: „Houellebecq hat einen großen Roman geschrieben, sehr einfach, genial, wie eine pointillistische Malerei. Er zeichnet letztendlich Eurabia. Ja, der Roman ist sympathisch“.

Interessant ist, dass in Frankreich zumindest einige Katholiken in Deutschland Bat Yeor schätzen, weil sie auch auf die miserable Behandlungvder Christen, etwa der Kopten, in islamischen Staaten aufmerksam macht. Man wird gespannt sein, wie sich der auch theologich sehr konservative Autor Martin Mosebach nach seiner Reise zu den koptischen Märtyrern von Ägypten zu Frau Bat Yeor äußert… In konservativen Kreisen des deutschen Katholizismus, wie in der Zeitschrift „NEUE Ordnung“, hg. von dem Dominikaner Pater Wolfgang Ockenfels, wird eher zustimmend über Bat Yeor geschrieben, so etwa im Jahrgang 2012 von Hans Peter Raddatz. Die umfassende und umfassend kritische Debatte über die Thesen von Frau Bat Yeor alias Gisèle Orebi oder auch Gisèle Littmann könnte in Deutschland eigentlich beginnen. Vielleicht mit einem Blick nach Norwegen (Breivik) und in die sehr heftige Szene der rechtsextremen französischen katholischen Sympathisanten dieser Forscherin. Die Rezeptionsgeschichte eines Denkens sagt doch schon vieles..

Eine Liste der Bücher in französischer Sprache: https://www.amazon.fr/s/ref=dp_byline_sr_book_1?ie=UTF8&text=Bat+Ye%27or&search-alias=books-fr&field-author=Bat+Ye%27or&sort=relevancerank

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Bischof Laun: Segen für Homosexuelle ist wie Segen für KZs.

Ein Freund von Papst Benedikt XVI. dreht durch

Ein Hinweis von Christian Modehn

… Und wieder einmal zeigt sich: Religions/Kirchenkritik ist eine Hauptaufgabe der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie…

Der Segen für katholische Homosexuelle –Paare „ist ein Segen für die Sünde. So, wie man auch kein KZ segnen darf“: Mit diesen Worten hat der seit Oktober 2017 im altersbedingten Ruhestand (also mit 75 Jahren) lebende Weihbischof Andreas Laun von Salzburg sich gegen jegliches Ansinnen gewehrt, Bischöfe, wie Kardinal Marx, könnten in Ausnahmefällen den Segen für homosexuelle Paare zulassen, weitere Details hier lesen.

Dieser Vergleich des Theologen Laun: „Segen für Homosexuelle ist wie Segen für KZs oder Bordelle“ ist ein Riesen – Skandal für die Kirche insgesamt. Laun zeigt, welche Typen in der Hierarchie sitzen! Eine Schande für die römische Kirche, denn Bischof Laun, geboren 1942, hatte zahlreiche hohe Funktionen im Vatikan und in Salzburg (dort für die Arbeitsgruppe Familie !) inne. Er wurde 1995 vom polnischen Papst zum Weihbischof von Salzburg ernannt und war seither über Österreich hinaus tätig in Sachen „Verteidigung der uralten Moral und Dogmatik“. Schon früher hat er mit heftigen Verurteilungen um sich geschlagen, so noch 2017, als er öffentlich betonte, Homosexuelle seien gestörte und kranke Menschen. Gegen die katholische Konfliktberatung für Schwangere hat er polemisiert; er konnte förmlich tun und lassen und sagen, was er in seinem Hass von sich geben wollte: Niemand in der römischen Kirche hat ihn gebremst und abgesetzt und in ein Altersheim versetzt. Auch im deutschen Fernsehen war er Gast bei Talk Shows. Aufgrund dieser infamen Äußerungen werden ihm wieder die Talk-Show-Türen offen stehen?

Zweierlei zeigt sich, typisch, für den geistigen Zustand der römischen Kirche:

1. Solch ein Mann wie Laun kann Jahre lang Bischof sein. Er hatte also Freunde und Unterstützer im klerikalen Milieu bis in den Vatikan.

2. Es ist weiter hoch interessant, dass sich Kardinal Ratzinger als Chef der obersten Glaubenskongregation noch kurz vor seiner Wahl zum Papst 2015 lobend über das reaktionäre Kirchenblatt „Kirche heute“ aus Altötting geäußert hat, dort ist Laun als maßgeblihcer Herausgeber tätig. Darin lobt Kardinal Ratzinger nicht nur einen der Finanziers, Albert Graf von Brandenstein-Zeppelin, der durch ein Buch unter dem aktuellen Titel „Die Stellung der Gottesmutter in der Welt – und Heilsgeschichte“ hervorgetreten ist (ein Buch aus der auch Joseph Ratzinger freundlichen reaktionären Gustav Siewerth – Akademie). Mit dieser Siewerth Akademie war der Theologe Ratzinger auch verbunden, aber das ist ein anderes Thema…

Kardinal Ratzinger lobt also im Januar 2005 dieses Blatt „Kirche heute“ , auch den dort als Herausgeber wirkenden Weihbischof Laun, dessen theologisches Profil Ratzinger zweifellos gut kannte: Der oberste Glaubenswächter sagte also: „KIRCHE heute erhebt zu brennenden und unbequemen Themen die Stimme. Dies gilt etwa für Fragen des Lebensschutzes und der Förderung von Ehe und Familie. Hier hat sich vor allem Weihbischof Dr. Andreas Laun aus Salzburg mit seinen Beiträgen große Verdienste erworben“. Quelle: http://www.kath.net/news/mobile/10634

Bischof Laun war als Lebensschützer auch bei den Pro – Life Demos in Berlin dabei, in freundlicher Gesellschaft mit AFD Leuten! Später hat dann Erzbischof Koch von Berlin den Pro Life Leuten mit einem Grußwort beigestanden. Für weitere Infos zur bischöflichen Leidenschaft fürs UNgeborene Leben, hier klicken.Über die Beziehungen Launs zur FPÖ wäre weiter zu sprechen….

Man sieht also: Das ungeborene Leben ist „absoluter“ Mittelpunkt dieser Theologen, das geborene Leben, etwa der Homosexuellen darf aber nicht eigens gesegnet werden, es ist ja Sünde. Wie kann nur Gott so viel Sünde schaffen auf dieser Welt, dürfte man fragen. Nebenbei: Gesegnet werden von Priestern selbstverständlich Autos,  Handys, Pferde und allerhand Getier. Selbstverständlich macht man das! Tiergottesgottesdienste füllen die Kirchen…Der Hamburger Erzbischof hat vor kurzem das Walross Raissa im Zoo gesegtnet.

Später hat dann Bischof Laun Papst Benedikt – wie einen Freund – verteidigt, als Benedikt XVI. sich in Regensburg (am 12.9.2006) inhaltlich und formal völlig vergriffen hatte in der Einschätzung (Verurteilung) des Islams. Der ORF berichtete von der sturen, man möchte sagen auch dort schon offensichtlichen verkalkten Denkhaltung Launs:

„Bischof Laun zu Papstrede in Regensburg über bzw. gegen Muslime:
Der Salzburger Weihbischof Andreas Laun reagiert auf den jüngsten Konflikt mit einer Maßregelung des Islam. Dieser müsse als Dialogpartner “noch lernen, ruhig und sachlich zu reagieren und genau hinzuhören”, so Laun im Interview mit der Zeitung “Österreich” (Sonntag-Ausgabe). Die Reaktionen aus der islamischen Welt nach den Äußerungen des Papstes sind für Laun “unangemessen”. Er verstehe nicht, warum “der Islam mit Aggression auf einen interessanten Vortrag antwortet”. “In Kenntnis der Geschichte” seien die nunmehrigen “Behauptungen” der Muslime “merkwürdig”. Man müsse auch über manche Stellen im Koran diskutieren dürfen, so Laun. Und weiter: “Den Kreuzzügen vorausgegangen ist eine gewaltige militärische Expansion des Islam auf Kosten der Christenheit. In diesem Sinne waren die Kreuzzüge eine Reaktion und nicht ein Willkürakt.” Quelle ORF .

Der Skandal ist: Es wird deutlich und freigelegt, welche Männer die römische Kirche prägen. Es ist dieser unkontrollierte Klerikalismus, der die römische Kirche kaputt gemacht hat und kaputt macht. Es gab Proteste gegen Bischof Laun, aber es waren mutige Laien, auf die der Klerus selbstverständlich nicht hört. Das ist der Zustand der römischen Kirchen 2018! Ein Skandal folgt dem nächsten. Aber der Klerikalismus (also auch die Abwehr von Demokratie in dieser Kirche) ist und bleibt oberste, unverzichtbare Herrschaftsform.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Zum Thema Fortschritt: Vieles muss besser werden.

Hier finden Sie einen link zur Ra­dio­sen­dung über den Fortschritt von Christian Modehn im Programm NDR Kultur vom 21.1.2018.  Der Beitrag mit dem Titel “Vieles muss besser werden” enthält einige Thesen, die zur Diskussion anregen zur Frage: Welchen Sinn hat es heute noch, die Idee des Fortschritts weiterzudenken?

Ist es zu spät für Reformen im Katholizismus?

Ein neues Buch von Martin Werlen, Benediktiner im Kloster Einsiedeln, Schweiz

Ein Hinweis von Christian Modehn

Martin Werlen ist in katholischen Kreisen ein bekannter und von der Auflagenzahl seiner Bücher her auch ein erfolgreicher theologischer Autor. Er befasst sich mit der Frage, wie die katholische Kirche aus der allseits bekannten vielfältigen Krise herausfinden kann. Dass Martin Werlen an grundlegende Reformen glaubt und nicht die immer selben Traditionen als Ausweg beschwört, macht ihn sympathisch auch für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon, der aus der kritischen Ferne das Geschehen der Religionen, auch des Katholizismus, beobachtet.

Das neueste Buch von Werlen, es ist wohl das vierte aus dem Herder Verlag, hat den Titel „Zu Spät“, im Untertitel treten zwei Präzisierungen auf „Eine Provokation für die Kirche“ sowie „Hoffnung für alle“.

Tatsächlich ist Martin Werlen förmlich fixiert auf das beliebte Bild: “Es ist fünf vor zwölf“, mit dem in Gesellschaft und Kirche bevorstehendes Ende angedeutet werden soll. Noch ist einiges zu retten, in letzter Minute, das will diese Metapher wohl sagen. Der Theologe Martin Werlen trifft nach einigen sicher zutreffenden Analysen zum Zustand der katholischen Kirche, vor allem wohl in der Schweiz und in Westeuropa, die überraschende Entscheidung: “Es ist schon fünf nach zwölf“. Das heißt, wir sind schon über den entscheidenden Punkt, nämlich die Uhrzeit 12, hinaus. Die Katastrophe hat also begonnen, um im Bild zu bleiben. Aber gerade diese Erfahrung des “Zu spät” sieht Werlen als Chance für die Kirche. Es entsteht nämlich förmlich eine Leere, ein Abbau der Strukturen, eine neue Freiheit ohne die Last der störenden Traditionen, diese Situation fünf NACH zwölf findet Werlen gut und erfreulich. „Das entlastet“, sagt er auf Seite 139 kurz und bündig. Und er zeigt, wie in seiner Sicht die Bibel dieses „Zu spät“ als Chance beschreibt.

Man kann darüber streiten, ob diesem Bild “fünf vor oder fünf nach Zwölf” nicht zu viel Ehre angetan wird. Ich bin der Überzeugung, dies ist der Fall. Denn bei dem Bild ist ja nicht klar, ob die Zwölf Uhr Marke sich auf den Mittag oder die Nacht bezieht. Ist es kurz vor oder kurz nach 12 Uhr mittags, ist also auch nach guter Mönchstradition (Kampf gegen die acedia) die belastende Zeit des Mittagsdämons überschritten. Ist 12 Uhr Mitternacht, “Null-Uhr”,  gemeint, geht es ja danach schon wieder weiter Richtung Sonnenaufgang. Die Nacht ist zur Hälfte vorbei. Fünf nach Mitternacht ist also eher ein Lichtblick und in gewisser Weise erfreulicher als fünf vor zwölf Uhr nachts. Aber das meint Werlen vielleicht auch, spielt dann aber doch noch zu wenig mit dem Zeit-Bild…

Aber lassen wir das: Das Buch ist in 77 eher locker aneinander gereihte Kapitel unterteilt. Diese sind stark geprägt von einem höchst merkwürdigen Ereignis, das dem Mönch im Hotel einer namentlich nicht genannten Großstadt passierte: Dort ging des Nachts um drei Uhr (!) „mit großem Knall“ (Seite 62 und öfter) das Glas im Badezimmer total zu Bruch. Wie dies passierte wird – mir jedenfalls – nicht deutlich beschrieben, es haftet diesem “großen Knall” etwas Mysteriöses, man möchte sagen Wunderbares, an: Denn dieser Scheiben-Bruch zwingt den Mönch in ein anderes Zimmer im Hotel umzuziehen. Dieser Ortswechsel wird wiederum mit den Erfahrungen des Propheten Jona in Verbindung gebracht. Eine merkwürdige, wenn nicht verstörende Beziehung, so als wäre Martin Werlen eine Art neuer Jona…

Wie bei so vielen theologischen Büchern von Theologen, die sehr zurecht den Zustand der römischen Kirche beklagen und Reformen einfordern, werden auch von Werlen keine Namen, keine Orte, keine präzisen und kontrollierbaren Angaben gemacht. So klagt er über einen – in meiner Sicht – verkalkten Nuntius in der Schweiz, nennt aber nicht den Namen. Er nennt nicht den Namen der Großstadt, wo der große Knall passierte. Er spricht kurz von der katholischen Kirche in Holland. Dort haben tatsächlich sehr viele Katholiken die Kirche verlassen, sicher auch, weil Rom mit den demokratischen Katholiken der Niederlande eben sehr undemokratisch umging und umgeht. Das ist für Demokraten unerträglich! Aber hat Rom damit dort „Totenstille“ (S. 75) geschaffen? Von wegen: Man kann doch nicht behaupten, die vielen tausend katholischen Holländer, die sich von Rom zurecht verabschiedeten, seien in eine „Totenstille“ eingetreten. Diese Menschen haben aber doch auch ihre eigene, private Spiritualität bewahrt und fühlen sich nun frei, vielleicht auch im Aufbau unabhängiger ökumenischer Gemeinden, wie dies Huub Oosterhuis oder die Dominikus Kirche in Amsterdam versuchen. Überhaupt wird ein Austritt aus der römischen Kirche von dem Mönch Werlen an keiner Stelle auch nur erwähnt, er denkt eher daran, in die totale Einsamkeit einer Kartause zu ziehen…

Wie so oft wird leider nicht thematisiert, dass es die Lehre, das Dogma, die frauenfeindliche und homosexuellen feindliche Moral –Ideologie ist, die die Menschen aus der römischen Kirche treibt. Diese Lehren müssen weg um der Menschen(rechte) willen. Das heißt für die Reformer: Die Lehre müsste reduziert und modernisiert werden. Die Glaubensbekenntnisse müssten von der Sprache des 4. Jahrhunderts befreit werden, die Kirchenlieder müssten entstaubt werden, das sind Aufgaben, die natürlich das starre römische System nicht leisten kann. Weil es sich nicht von alten, einmal formulierten Dogmen verabschieden kann. Es ist der vatikanische Wahn, dass einmal dogmatisch Formuliertes so auf ewig bestehen bleiben muss. Erich Fromm nannte diese Haltung “nekrophil”… Diese Fixierung treibt die Leute aus der Kirche. Insofern ist es wirklich viel zu spät, auf eine von alten Lehren und Ideologien befreite römische Kirche zu hoffen.

PS:  Ich habe leider den leichten Eindruck, dass dieses Buch in einem enormen Tempo geschrieben wurde. Hat der Verlag auf einen weiteren Bestseller gedrängt? Denn sonst wäre diese Melange aus eher schlichten Bibel-Meditationen und theologischem Essay anders gestaltet worden. Wie kommt sonst mit einem einzigen Satz dieser (von sehr vielen Scharlatan genannte) Pater Pio ins Buch, gleich danach wird komischerweise Dietrich Bonhoeffer erwähnt (Seite 148)? Vom Zölibatsgesetz meint Werlen zurecht, es sein kein Dogma, übersetzt Dogma aber als „Glaubensfrage“ (Seite 93). Dogma ist hingegen keine Frage, sondern eine definierte Lehre. Ziemlich unvermittelt wird auf Seite 78 f. plötzlich die Kolonial – Geschichte des Kongo innerhalb einer theologischen Reflexion eingebaut. Interessant ist Pater Werlens Idee, der ja selbst lange Abt im Barock Kloster Einsiedeln war, dieses monumentale „Gebäude abzureißen   und etwas Modernes zu errichten – in aller Schlichtheit, wie es dem Evangelium entsprechen würde“ (S. 90). Muss man aber deswegen ein barockes Gebäude abreißen? Ein Museum wäre doch hübsch… Sollen doch die Mönche nach Zürich ziehen in eine Mietswohnung oder in Berlin Pankow oder Hamburg Sankt Pauli ein Klösterchen eröffnen….Und ich finde es alles andere als mutig, wenn Werlen (s. 67 f.) schreibt, er hätte “gern” ein homosexuelles Paar in einem Restaurant nach der Unterzeichung des Partnerschaftsvertrages gesegnet. Ein Kirchengebäude als Gemeindekirche oder gar die schöne Klosterkirche inmitten der anwesenden und interessiert dreinschauenden Mönche wäre in aller Öffentlichkeit meines Erachtens die theologisch richtige Lösung gewesen, auch für die offenbar verschüchterten beiden katholischen Schwulen, die bloß keinen Ärger machen wollten und die Segnung der Partnerschaft (Ehe) in der Kneipe diskret vorzogen.

Mich erinnert diese Beschreibung an die Segnung von Hetero-Ehen in der dunklen Sakristei einer katholischen Kirche, bloß weil ein Ehepartner evangelisch war. Das passierte früher in Berlin. Oder ich denke an die diskriminierende Bestattung von Suizid-Toten am Rande eines Friedhofes. Das ist alles Diskriminierung, wenn nicht Rassismus, das gilt vielleicht auch für die so gemütliche Kneipen- Segnung homosexuell Liebender.

Pferde und Autos und Handys werden bekanntermaßen öffentlich vor den Kirchen von römischen Priestern gesegnet, nicht aber alle Liebende..

Was nach der Lektüre dieses Buches bleibt: Die Idee, dass erst die Leere (fünf NACH zwölf) die Freiheit der Spiritualität schenkt. Und: Ich nehme diese Überzeugung wieder einmal mit: Wer sich in der römischen Kirche als Reformer outet, ist und bleibt doch noch sehr gebremst in seinen Vorschlägen. Er hat immer noch Angst, die viel besprochene „Provokation“ (so der Untertitel) umfassend kritisch und faktengestützt zu beschreiben. Trotz aller Bezüge zum Propheten Jona.

Martin Werlen, Zu Spät. Herder Verlag, 2018. 192 Seiten. 18€.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Mit Schopenhauer glücklich leben?

Hinweise auf das Buch „Die Kunst, glücklich zu sein“ von Arthur Schopenhauer

Von Christian Modehn

Ausgerechnet auch noch dieses: „Schopenhauer und das Glück“. Der alte Pessimist: Hatte der denn überhaupt ein gewisses Verständnis fürs glückliche Leben? Offenbar ein bißchen! Nur sind leider seine Hinweise dazu erst post mortem gefunden und dann nach mühevoller Recherche zusammengestellt worden. „Ein echtes Kleinod“ nennt der Philosoph Franco Volpi den nun vorliegenden Schopenhauerschen Glückstext, „ein Kleinod, das bisher im Nachlass verborgen und unbeachtet geblieben ist“.

Der italienische Philosoph Volpi hatte zuerst die Ergebnisse der mühevollen Suche nach Quellen und Notizen in Italien publiziert, sie liegen auch auf Deutsch (C. H. Beck Verlag) vor – in einer bemerkenswerten Auflagenhöhe. Die Leute suchen offenbar immer wieder theoretische Glückserkenntnis – ausgerechnet bei Schopenhauer. Warum bloß?

Der Text selbst ist auch in der Beck-Broschüre als wissenschaftlicher Quellentext publiziert mit entsprechenden Fußnoten etc. Deutlich wird zudem, wie sehr der gut Spanisch lesende Schopenhauer auf das ziemlich berühmt (– berüchtigte) Buch des natürlich umstrittenen Jesuiten Baltasar Gracian „Oraculo manual“ zugriff und sich von diesem Meister der kurzen, sehr pragmatischen und manchmal egozentrischen Lebensregeln beeinflussen ließ. Ausgerechnet einen Jesuiten nennt Schopenhauer seinen „Lieblingsschriftsteller“, so in dem Text S. 4. Es sind wie bei dem Spanier 50 „Lebensregeln“ unterschiedlicher Länge und unterschiedlicher Qualität sowie Quantität und unterschiedlicher Verständlichkeit versammelt. Aber diese intime Bindung Schopenhauers an einen Jesuiten ist der einzige Verweis auf „Christliches“ bzw. „Katholisches“. Er spricht in dem Text stets von „Schicksal“, offenbar eher antik-griechisch gemeint und nicht in Bezug zu einem Gott oder dem Gott der Bibel. Darin gibt es ja bekanntlich, in den Weisheitsbüchern des AT oder in der Bergpredigt Jesu etwa, auch radikale inspirierende Beiträge zur Glücksphilosophie. Aber das war dem Herrn Schopenhauer wohl alles zu fern und fremd und beschwerlich.

Eudämonologie nennt Schopenhauer seinen knappen Text, also Glückslehre, eudaimonia ist ja bekanntlich Glück im Griechischen.

Was fällt in diesen Notizen auf? Was ist bemerkenswert?

Der Autor bietet Empfehlungen, wie ein Leben gelingen könnte, wenn es nicht nach dem schnellen, materiellen Glück strebt. Sondern sich ganz um die Vermeidung von Schmerzen kümmert. Die Vermeidung von Schmerzen ist sozusagen der Mittelpunkt dieses Denkens. Das ist sozusagen ein materialistischer Aspekt seines Denkens, der freilich nicht ausgeführt in die Richtung einer politisch-sozialen Überwindung der Schmerzen der Elenden. Davon sprach dann später Marx. Schopenhauer ist ein biederer, reicher Bürger.

Und damit zusammenhängend: Ganz zentral ist für Schopenhauer die Pflege der Gesundheit. Sie ist für ihn die alles entscheidende Basis und Voraussetzung für ein glückliches Leben.

„Wir sollen bestrebt sein, den hohen Grad vollkommener Gesundheit zu erhalten, dessen Blüte die Heiterkeit ist“ (Seite 48 in der Lebensregel Nr. 13) Die radikalen Freunde der Sportstudios werden vielleicht Schopenhauer zu ihrem Patron erklären, jene Leute also die nach vollkommener Gesundheit permanent streben und dafür alles tun und alles andere aufgeben.

Gesundheit als oberstes Glück also. Von rauschhaften Erfahrungen des Sich Fallenlassens ist selbstverständlich keine Rede. Von Ekstasen in der Erotik oder möglicherweise in der Mystik ebenso wenig. Es sind trockene Empfehlungen für ein trockenes Dasein in aller akzeptierten Begrenztheit der Bescheidenheit.

Als Gewährsmänner gelten ihm nur antike Philosophen, die Stoa und geschätzte 10 mal Aristoteles, aus der „Nikomachischen Ethik“: „Nicht nach Lust, sondern nach Schmerzlosigkeit strebt der Kluge“ (zit. S. 51) „Indien“ und Buddha werden explizit nicht erwähnt, sind aber vielleicht eine Melodie im Hintergrund.

Also: Heiterkeit mit der Basis „Gesundheit“ wird vom Eudämonologen Schopenhauer empfohlen, ein „Gut“ (Wert , CM ??), das man erwerben kann (S. 48). Heiterkeit als Lebenshaltung des Glücklichen wird gebunden an „den hohen Grad vollkommener Gesundheit“, die es „zu erhalten“ gilt. Ohne Gesundheit kein Glück: Ein ziemlich maßlose und dumme Behauptung des Glücksphilosophen: Natürlich will jeder und jede immer und ewig gesund sein. Aber welcher Gesunde ist schon total (auch geistig) gesund und nicht vielmehr halb krank? Und die Kranken selbst? Kennen die nicht oft den Sinn des Lebens besser als die Gesunden? Schopenhauer fällt es nicht ein, die Erfahrung des Sinns des Lebens als das höchste Glück zu sehen, schon gar nicht die Liebe, das Liebe-   Geben und das Liebe Empfangen. Insofern ist unser so genannter Eudämologe Schopenhauer höchst oberflächlich. Seine Glückslehre ist keine Hilfe, die sie ja eigentlich sein will.

Interessant und bedenkenswert sind sicher seine Hinweise: Dass wir nicht dem oberflächlichen Erfolg nachstreben sollten, sondern eher mit Wenigem zufrieden sein sollten. Aber wer weiss das nicht schon ohnehin? Schopenhauer nennt diese Haltung die „Jagd nach dem positiven Glück“ (S. 59, 61 usw.) Zynisch der Hinweis: Wem es schlecht geht, sollte öfter die „betrachten, welche schlimmer dran als wir“ (S. 64). Man soll die Armseligen also betrachten, anschauen, vielleicht fixieren, aber nicht etwa ihnen politisch oder sozial beistehen. Auf den Gedanken kommt unser Eudämonologe nicht.

Alles in allem ist dies ein nur für Historiker und Schopenhauer Historiker interessantes Buch. Sonst ist es höchst überflüssig. Man wundert sich, dass so viele diese problematischen, z.T. falschen Einsichten kaufen und offenbar lesen. Wer heute Philosophie mit dem Thema Glück verbinden möchte, sollte Menschen befragen, Menschen, die ihr Leben hingeben in der Hilfe für andere, in den Altersheimen und Asylen, in den Bahnhofsmissionen und Obdachlosenunterkünften, in der Hilfe für die Krepierenden in Afrika und anderswo. Dort sind Auskünfte, auch philosophische, zu holen, was denn Glück in diesem kurzen elenden Leben bedeuten könnte. Lassen wir philosophisch Schopenhauer als Meister des Glücks beiseite. Es gibt bessere. Die Philosophen sollten sie nur endlich einmal suchen in der Welt der Aktivisten und Engagierten. „Philosophen verlasst auch mal eure Unis und geht in die problematische Welt, also dahin, wo das Leben lebt, möchte man sagen, nach dieser geistig frustrierenden Lektüre dieses für heute eher überflüssigen Schopenhauer Textes. Natürlich muss Schopenhauer Forschung sein. Dank ihrer erleben wir ja diese Texte. Aber Philosophie und philosophische Publikationen dürfen nicht stagnieren und nur für Historiker interessante Texte unters Volk bringen. Es gibt auch philosophisch Wichtigeres und Hilfreicheres heute! „Philosophen macht endlich was Neues, was der heutigen Welt entspricht und hilft“, möchte man nicht ganz unzornig rufen…

Arthur Schopenhauer, Die Kunst glücklich zu sein. Hg von FrancoVolpi. C.H. Beck Verlag München. 5. Aufl. 2013. 105 Seiten. 7.95€.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Wolfgang Ullrich: “Werte muss man sich leisten können”.

Wolfgang Ullrich war in unserem reigionsphilosophischen Salonam 26.1.2018 unser Gast. Er hat am 3.1.2018 in der NZZ einen Beitrag über Werte veröffentlicht, der in gewisser Weise viele Aspekte seines Buches “Wahre Meistewerte” (Wagenbach Verlag) zusammenfasst. Lesen Sie bitte über den Link diesen wichtigen Text … und danach sicher das Buch. CM.

Woher kommt das Neue?

Das Februar Heft des Philosophie Magazins

Ein Hinweis von Christian Modehn

In einer Zeit politischer Stagnation in Deutschland, also der Abwehr, qualitativ Neues als das Bessere, d.h. das Gerechtere politisch zu gestalten, ist die Reflexion auf das Neue in unserem Leben vielleicht ein Impuls, mindestens weiterzudenken… Wir leben bekanntlich in einer Epoche des Stillstands und des Verdrängens von Neuem, sozial Besseren,  in der das politische Dogma von Frau Merkel „Ich kann nicht erkennen, was wir jetzt anders machen müssten“ offenbar ungebrochen durchgesetzt werden soll.

Das „Philosophie Magazin“, dieses alle zwei Monate erscheinende, 100 Seiten starke Heft, hat seit Jahresbeginn eine neue Chefredakteurin, Svenja Flaßpöhler. Da lag es nahe, einmal nach Ansätzen für eine Philosophie des Neuen zu fragen. Diesem Thema sind etliche Beiträge gewidmet.

Ich hätte mir gewünscht, anstelle des uns ohnehin ständig in allen Medien begleitenden Interviews mit Reinhold Messner sehr viel mehr zu lesen von dem jungen Philosophen Christian Neuhäuser zu seinem uns bedrängenden Thema „Sich gegen Armut einzusetzen, ist eine Bürgerpflicht“. Richtig, es ist aber auch eine Staatspflicht, falls die herrschenden Parteien mit einem C und einem S (=sozial) im Titel es ernst meinen in ihrer Verantwortung für alle Menschen, die sich in unserem Land aufhalten.

Sehr schön, dass auch einmal ein Philosoph eingeladen wurde,  eine Reportage zu schreiben: Hartmut Rosa (Jena) berichtet ausführlich von seiner Studienfahrt nach China, ein gelungener und schön geschriebener Essay, der die natürlich immer nur partiell wahrnehmbaren kommunistisch – kapitalistischen Realitäten in China heute spiegelt. Ich würde mir solche Reportagen von Philosophen regelmäßig wünschen: Warum nicht auch als Stadt – bzw. Städte-Erkundung, es muss ja nicht immer die Distanz des Flaneurs vorherrschen.

Zum Hauptthema. Sehr inspirierend die Gegenüberstellung kontroverser Meinungen etwa zu den Fragen „Gibt es überhaupt etwas Neues?“ oder „Ist das Neue immer das Gute?“. Bekannt ist sicher ist die Meinung von David Edgerton, dass etliche aktuelle technische Innovationen schon zu Beginn des 20. Jahrhundert gedacht und z. T. entwickelt wurden. Edgerton beklagt zurecht, dass die Welt des Neuen heute fast immer neue technische Welt heißt und dadurch zu „eindimensionalen Vorstellungen von der Zukunft“ führt. Dass der Zufall eine große Rolle in der Naturwissenschaft spielt, wenn sie nach Neuem sucht, betont Hans Jörg Rheinberger. Naturwissenschaftler wollen Bedingungen schaffen, dass „der Zufall wirksam werden kann“. Die Liebe, wenn nicht die Sucht nach Neuem fördert die Mode – Industrie, ob nun für arme Massen gemacht oder als Einzelstück für Menschen mit exklusiven Ansprüchen. In der Mode, auch dieses Thema wird im Heft angesprochen, ist wohl die „Neophilie“, von der Sloterdijk spricht, also die (krankhafte ?) Liebe zu allem Neuen entscheidend. Im Interview mit dem Philosophen Markus Gabriel betont der Unternehmer Frank Thelen, der besonders in junge Technologie – Unternehmen investiert: Angesichts der nicht mehr zu stoppenden Entwicklung immer neuer, hochintelligenter Roboter werden sehr bald äußerst viele Menschen arbeitslos werden: „Das bedeutet, dass wir in den nächsten 10 Jahren krasse ethische Entscheidungen zu treffen haben“. Was er mit „krass“ meint, wird im Interview versäumt durch Nachfrage zu erläutern. Thelen fährt dann fort: „ Das bedeutet aber auch, dass wir uns als Menschheit neu erfinden müssen. Dazu benötigen wir zum Beispiel ein bedingungsloses Grundeinkommen“ (Seite 62). Die neue lange Freizeit, in die dann wohl bald die bisher Tätigen gestürzt werden, zu gestalten, wäre auch ein philosophisch – praktisches Thema für angehende Philosophen etwa, die dann in Gesprächskreisen zu sinnvollen Diskussionen mit den von Robotern Freigesetzen einladen. Ob dabei Roboter den Wein und das Wasser in diesen Runden servieren, wird man sehen.

Merkwürdig abrupt und in sich stehend, d.h. nicht weiter befragt, ist das höchst verstörende Bekenntnis des Unternehmers Frank Thelen „Die Diktatur ist viel besser als Demokratie“ (S. 63, Spalte 3). Was soll dieser wahnwitzige Satz, ist meine kommentierende Frage, selbst wenn Thelen diesen Satz dann kurz erläutert, dass in China, (einer Diktatur, CM), „alles ganz schnell geht, weil man das einfach durchsetzen kann“, so Thelen. Kommt es also vor allem darauf an, „alles (also wohl auch alles ökonomisch viel Profit Bringende) schnell durchzusetzen”? Zum Schluss dieses Statements mildert Thelen sein Bekenntnis etwas ab, in dem utopischen Wunsch, dass es doch gute Diktatoren geben sollte. Ist das alles vielleicht nur Ironie? Der Textlage entsprechend sicher nicht! Der Philosoph Markus Gabriel (Bonn) hält ultra-kurz, aber treffend dagegen: „Einen benevolenten Diktator gibt es nicht“. An dem Punkt ist es wieder bedauerlich, dass nicht weiter nachgefragt wurde. Jedenfalls ist es für mich ein ziemliches Problem, von einem offenbar erfolgreichen Unternehmer zu lesen „Die Diktatur ist viel besser als die Demokratie“, um neue Technologien durchzusetzen.

Dass mich persönlich die Art und der Inhalt stören, wie einige Philosophen und Psychologen –auch in den Heften von Philosophie Magazin – mit der Gottesfrage umgehen, gehört zur philosophischen Debatte, selbstverständlich. Da wird doch nun im vorliegenden Heft im Ernst gefragt, ob sich der Psychologe Steven Pinker „im Alter von 13 Jahren zum Atheismus konvertiert habe?“ (Seite 69). Kann man sich im Alter von 13 Jahren bewusst und reflektiert, das ist ja wohl Konversion, für den Atheismus entscheiden?  Und Herr Pinker antwortet schlicht und ergreifend nur: „Ja“. Danach erläutert er noch die Religion als eine „biologische Notwendigkeit“, eine Behauptung, die auch einfach so stehenbleibt… Die Spuren des Göttlichen, Gottes, der Transzendenz, in unserer nun einmal postsäkularen Gesellschaft zu suchen, in den heutigen Philosophien, aber auch in der heutigen Kunst, Musik, Poesie, in der politischen Aktion usw. wäre ein Thema für viele Hefte des Philosophie Magazin. Denn bekanntlich lebt Philosophieren als lebendiger Vollzug von Philosophie nicht nur dort, wo Philosophie draufsteht. Dieses Thema nun mit einer neuen Chefredakteurin aufzugreifen, wäre etwas Neues für das Philosophie – Magazin.

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Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin!

Marx ohne Marxismus. Und Jesus ohne Kirchen?

Ein Hinweis von Christian Modehn im „Marx Jahr 2018“: .

Es ist nicht nur eine Art philosophischer Spekulation, Jesus von Nazareth als den (angeblichen) Begründer etwa der katholischen Kirche bzw. des Christentums zu deuten im Vergleich mit der üblichen Vorstellung: Karl Marx sei der Begründer “des“ Marxismus bzw. der Marxismen: Leninismus, Trotzkismus, Stalinismus mit Ulbricht, dann Honecker, Mielke und Co: Sie alle beriefen sich ja „irgendwie“ (notgedrungen) auf Marx. Am 5.2.2018 wurde unten noch ein Hinweis auf die Forschungen des Marx – Spezialisten Gerd Koenen zum selben Thema publiziert.

Jesus von Nazareth hat nichts Schriftliches hinterlassen. Es ist bekanntermaßen nicht einfach, aus den vier Evangelien – Texten (verfasst etwa 40 Jahre nach Jesu Tod) einen historischen Jesus zu rekonstrieren. Aber ein Profil und eine Sammlung ursprünglicher Worte und Taten Jesu zeigen sich doch. Auch das ist klar für eine historisch – kritische Bibelwissenschaft! Aber: Das ist der Unterschied zu Karl Marx, dessen Schriften einer unmittelbaren Lektüre eines jeden zur Verfügung stehen, ohne Rücksichtnahme auf entstellende Deutungen der Marxisten, Stalinisten etc. Meine These ist also – hermeneutisch etwas ungewöhnlich – den unmittelbaren Blick zu üben, also ohne die übliche “Brille” der dogmatischen Marxisten und dogmatischen Kirchen – Deuter Marx und Jesus zu sehen. Um so wieder einen frischen, lebendigen Blick auf das Originelle im Denken wiederzuerlangen. Dogmatische katholische Theologie auch an den Universitäten vollzieht sich ja immer mit der “Brille” des Verstehens, die die Kirchenführung den Theologen aufsetzt. Wer sich von dieser “Brille” befreit, wird bestraft, siehe Küng, Boff, Schillebeeckx usw…

Zur Erinnerung: Jesus von Nazareth wurde von der Gemeinde post mortem zum gott-menschlichen Christus erklärt. Allen voran und zuerst publizistisch wirksam geschah dies in den „Paulus – Briefen“ seit dem Jahre 50, verfasst von dem Apostel Paulus, der ja bekanntlich den historischen Jesus von Nazareth gar nicht erlebt hatte. Paulus ist insofern einer der wichtigsten Begründer des kirchlichen Christentums als einer eigenständigen Religion. Andere Theologien der frühen Kirche, etwa die Evangelisten, kamen später hinzu, in dem Bemühen, aus Jesus von Nazareth den Kirchengründer mit einer dogmatischen und hierarchischen Kirchenstruktur zu machen.

Dieses Phänomen ist wichtig und bedenkenswert: Wie aus Jesus von Nazareth als einer radikalen, prophetischen Gestalt, die noch eine, wie sich später herausstellte, irrtümliche Annahme zum Weltende hatte, wie also aus einer nur schwer greifbaren, schon gar nicht kirchen-gründerfreundlichen Gestalt eine überragende welthistorische religiöse Figur wurde. Aus bestimmten religionspolitischen und machtpolitischen Prämissen wurde Jesus also zur „Gründergestalt“ von Institutionen. Diese Gestalt wurde dann im Laufe von 2000 Jahren zu einer gottmenschlichen Gestalt der vielfältigsten Interpretationen in mehreren hundert christlichen Kirchen.

Warum sage ich das alles? Ähnlich ist es auch Karl Marx ergangen. Auch er dachte gar nicht so systematisch und auch er dachte nicht an eine Weltordnung „Marxismus“ genannt unter Führung einer autoritären, also nicht-demokratischen Partei, wie dies jetzt Gareth Stedman Jones in seiner großen Marx-Studie zeigt. Auch er wurde als “göttliche” Figur in den kommunistischen Staaten ausgestellt und aufgestellt. Von ihm durfte man nicht zu viel wissen, als braver Sozialist, siehe etwa die Unterdrückung der Frühschriften von Marx im Kommunismus…Auch der historische Jesus von Nazareth wurde als Herausforderung an die Kirchen-Führer erlebt. Die “Ketzer – Geschichte” ist ein Beweis für die Unfähigkeit, den historischen Jesus als Anspruch und Kritik zuzulassen.

Und hier könnte auch an einen Vergleich von Paulus mit Friedrich Engels erinnert werden: Er formte nach dem Tode seines Freundes Karl Marx aus dessen vielen Texten und Fragmenten eine relativ geschlossene Ideologie. Also kann man wohl sagen: Ohne Engels hätte es wohl keinen Marxismus gegeben, so wie es ohne Paulus keine Kirche gäbe.

Und dann haben alle die vielen Marx Nachfolger sich ihren Marx geformt. So wie alle Jesus-Nachfolger sich ihren Jesus formten. Was hat etwa der Jesus des Franz von Assisi mit dem Jesus des Papstes Innozens III. oder des Papstes Bonifaz VIII. zu tun? Gar nichts. Was haben die Mormonen oder die Zeugen Jehovas mit Jesus von Nazareth zu tun? Was hat der nordkoreanische Diktator mit Marx zu tun? Oder Ceausescu mit Marx? Was haben der heilig gesprochene Franco – Freund José de Balaguer und sein Opus Dei mit Jesus von Nazareth zu tun? Sie berufen sich auf ihn. Sie bekennen sich verbal zu ihm. So, wie es der Orden der Legionäre Christi praktiziert, der als superreicher “Millionärs-Orden” mit dem armen Jesus von Nazareth nicht so viel zu tun hat.

So werden im Laufe der Geschichte eigentlich respektable Gestalten wie Jesus oder Marx verfälscht. Man macht aus ihnen, was „man“ will, d.h. was die jeweiligen Herrscher und ihre Ideologen wollen.

Und die Frage ist: Kann es heute noch eine Rückkehr geben zu dem armen Propheten Jesus von Nazareth und dem leidenschaftlich an der Befreiung der Unterrückten interessierten Denker Karl Marx? Wenn das möglich wäre: Was wäre dann ein Bekenntnis zu diesem Marx ohne den meist verbrecherischen Marxismus/Stalinismus usw. Und was wäre ein Bekenntnis zu dem armen Propheten Jesus von Nazareth jenseits der machtvollen Konfessionen und ihren Dogmen, Klerikern, Palästen, Bürokratien, Kirchensteuern usw.? Und: Wie würde also ein Marx-Gedenken 2018 aussehen? Wie würde ein frischer Marx ohne Marxismus 2018 aussehen?

Früher, etwa ab 1965, gab es große Debatten (in der so genannten “Paulus – Gesellschaft”) von mehr oder weniger dogmatischen Theologen mit mehr oder weniger dogmatischen Marxisten, also etwa Rahner, Metz, Moltmann auf der einen Seite gegen Garaudy, Gardavsky, Lombardo Radice, Ernst Fischer usw. auf der kommunistischen Seite. Diese Gegenüberstellung zweier machtvoller Weltanschauungen ist total überholt.

Heute könnte man etwa einen Jesus ohne Kirche mit einem Marx ohne Marxisten/Marxismus (Leninismus etc.) konfrontieren. Das würde eine gewisse, nicht nur intellektuelle Bewegung wach – rufen. Und Neues im Denken (und Handeln ?) bescheren.

Ergänzung am 5.2.2018: Im Zusammenhag unserer durchaus spekulativen Parallele “Jesus – Marx”, bzw. “Kirche – Marxismus” (Kommunismus im Plural), ist es interessant, dass der Historiker und Marx – Spezialist Gerd Koenen in einem Interview mit der Beilage der ZEIT, genannt „Christ und Welt”, in einem Interview, publiziert am 1.2.2018, betont: Aus den Schriften von Marx wurden nach seinem Tod „Gründungsdokumente einer neuen politischen Bewegung“ gemacht; dabei arbeitete Engels als eine Art Nachlassverwalter von Marx. Karl Marx wäre nie auf die Idee gekommen, eine Art unfehlbarer Lehrer zu sein, als der er dann in den kommunistischen Staaten galt. Er hatte etwas dagegen, wenn sich Menschen „Marxisten“ nannten. Marx schätzte die ständige (Selbst-) Kritik über alles. Er war gegen Dogmen. „Er bekämpfte alle Versuche, seine Lehren katechetisch auszumünzen“, so Koenen.

Es ist im MARX- JAHR 2018 eine große Chance, den undogmatischen, man möchte sagen: kommunismuskritischen Karl Marx herauszustellen. Er ist ein origineller, leidenschaftlicher humanistischer Denker, der für die Armen eintritt und Gerechtigkeit durchsetzen will. Über die Verwandtschaft dieses ethischen Denkens mit dem Denken und der Praxis des authentischen historischen Jesus von Nazareth ist weiter zu forschen. Die Parallelen jedenfalls können kaum geleugnet werden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Räume, wo wir SCHREIEN können

Ein Vorschlag von Christian Modehn

Zu diesem Vorschlag, einer Utopie (?) hat Clara F. Janning am 19.1.2018 einen Kommentar geschickt, den Sie unten lesen können. CM.

“Räume des Schreiens” habe ich in San Francisco (USA) Mitte der neunzehnhundertachtziger Jahre erlebt. Sie waren in Kliniken und Hospizen eingerichtet worden. Hier konnten Menschen laut schreien und heulen und klagen in ihrer seelischen Qual, in den Stunden, wo sie gerade Freunde verloren hatten. Sie waren als Schwule an AIDS gestorben. Da kann wohl niemand stumm bleiben. Diese Räume waren „ehrlich“, das heißt: Sie hatten nichts von der vornehmen Verschwiegenheit der Abschiedsräume in Krematorien und auf Friedhöfen. Wer schreit denn da schon? „Darf man doch nicht“. In den Schrei-Räumen von San Francisco durfte wirklich gebrüllt werden. Schreien ist auch die Sprache der Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit. Und die Sprache des Gebets, man lese bitte mal wieder die allgemein zugängliche Poesie der Psalmen.

Diese Räume des Schreiens hatten gepolsterte Wände, so dass die Außenwelt nicht gestört wurde. Sie hätte ruhig gestört werden können, aber die USA sind nun mal so. Die Schreienden blieben meist unter sich, wenn nicht einige mitfühlende Freunde das Schwererträgliche mit ertragen und mit hören wollten.

Immer wieder, wenn ich in den letzten Monaten Nachrichten vom niemals verhinderten Abschlachten in Syrien, von den Mörderbanden dort, die sich Politiker nennen, sowie vom Morden im Iran, im Irak, auf dem Mittelmeer mit den krepierenden Afrikanern, in Libyen, in Nordkorea und in fast allen Ländern dieser Welt höre und im Fernsehen sehe: Dann ist doch evident und bedarf keiner Diskussion: Eigentlich sind alle Länder dieser Welt mörderische Länder. Das möge bitte einmal der “Fischer Weltalmanach” als allgemeine Dimension berücksichtigen. Und die Bewohner aller dieser Länder sind entweder direkt oder indirekt Mörder (wir sind irgendwie Mörder) und Opfer. Die so genannten Demokratien des Westens lassen es gern zu, dass ihre Waffen an die Mörderbanden weltweit geliefert werden. Schließlich sichern Rüstungskonzerne auch Arbeitsplätze, wie diese wahnhafte Entschuldigung der dummen Politiker heißt. In solchen Momenten einer entsetzlichen Erkenntnis möchte ich oft schreien. Brüllen. Heulen. Dabei hilflos in unermesslicher Wut. Revolutionen gibt es ja nicht mehr. Will auch kaum noch einer. Alle haben Angst davor. Man sagt: Revolutionen verändern auch nichts. Mag sein, zumal: Wer an den verbrecherischen Stalinismus denkt. ABER: Der Kapitalismus ist auch verbrecherisch. Weil tödlich für so viele Arm-Gemachte. Siehe Welthandel usw.

Zurück: Das Schreien ist wohl in einem Mietshaus mitten in der Stadt kaum möglich. Da rufen dann Nachbarn die Feuerwehr oder den Rettungsdienst. Aber wer könnte die vielen Schreienden retten?

Ich empfehle daher, in allen Städten, möglichst in Parkanlagen, Häuser des Schreiens einzurichten. Vielleicht kleine Rundbauten, kahl die Wände, eher dunkel der Raum. Ohne Schmuck. Eher ein Raum des Nichts. Und da können die Menschen, die das Unerträgliche der Politik, den Hass in der Welt, nicht länger runterschlucken können, nicht länger ersaufen können, wenigstens laut schreien. Das kann ohne Worte, sozusagen musikalisch, geschehen, vielleicht schreit  man nur „Hilfe“ oder „Es ist genug“ oder „Ihr verdammten Mörder“ oder nur das flehentliche Gebet „Hört auf“. Psychotherapeuten werden den heilenden Sinn dieses Vorhabens bestätigen!

Der Raum sollte so groß sein, dass mehrere Menschen, selbstverständlich in unterschiedlichen Sprachen, dort schreien können. Vielleicht treffen sich diese schreienden Rebellen danach, seelisch ein wenig erleichtert, vor dem Haus des Schreiens wieder und verabreden sich zum Gespräch. Vielleicht auch zu einer kleinen Aktion zugunsten der besonders Leidenden. Zugunsten der Menscherechte. Dieser einzigen vernünftigen Religion der Menschheit. Auch wenn Menschenrechte tausendmal missbraucht werden von verlogenen Politikern…

Vielleicht sollte ein Bild, als schöne große Kopie, in diesem sonst bildlosen Schrei – Raum hängen: Ein Gemälde, das Francis Bacon geschaffen hat und das in verschiedenen Formen Papst Innozenz den Zehnten (gestorben 1655) zeigt, nach einem Vorbild von Velasquez gemalt. Dieser Papst sitzt wie gefesselt auf einem Stuhl und brüllt. So wie,  Papst Franziskus in seinen so prophetischen Weihnachtsansprachen vor den Kardinälen der Kurie auch am liebsten brüllen würde. … Natürlich war Innozenz der X. wie so viele Kirchenfürsten und Vatikan-Prälaten damals völlig haltlos. Also jähzornig brüllend. Aber dieses großartige Gemälde eines brüllenden Papstes geht tiefer: Weil selbst der so genannte Stellvertreter Christi und die Kirchen insgesamt absolut hilflos sind, bestenfalls noch schreien und brüllen: Sie können den Mörderbanden weltweit keinen Einhalt gebieten. Der Glaube ist absolut schwach. ein Nichts? Den Päpsten und den Kirchen gelingt es nicht, mit Ethos und Glauben die Mörderbanden zu besiegen. Da können die einzelnen nur noch schreien … und danach, seelisch erleichtert, auf die eigene Art Gutes tun. Vielleicht werden nur in kleinen Schritten Revolutionen vorbereitet.

Diese „Räume des Schreiens“ wären in gewisser Weise eine christliche Variante zu der Klagemauer der Juden in Jerusalem. Da gibt es ja bekanntlich sehr sehr vieles zu beklagen. Auch von den geschundenen Palästinensern.

“Räume des Schreiens” sind überall möglich. Vielleicht könnten viele in Europa leer stehende Kirchen als Orte des Schreiens und des schreienden Betens eingerichtet werden. Eine Aufgabe für Architekten. Die Kirchenbürokraten werden das nicht verstehen…

Copyright: CHRISTIAN MODEHN, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

…….

Clara F. Janning schreibt:

Der Text „Räume wo wir schreien können“ ist mir aus dem Herzen gesprochen! Und dann wäre da ja, zur gedanklich-therapeutischen Unterfütterung, auch noch Arthur Janov mit seiner “Urschrei”-Therapie zu lesen – wobei ich meine, dass ein solches Zu-seinem-Schmerz-Gehen der professionellen, zumindest aber emotional intelligenten bzw. kompetenten Begleitung bedarf.

Goethes Tasso begnügt sich übrigens mit Wort und Träne, dank der von “einem Gott” gegebenen Gabe, “zu  s a g e n, was [er] leide[t.

Das sei mit Dank für Ihre inspirierenden Gedanken (das utopische Denkmodell) hier zur Sache noch zitiert, mit besten Grüßen an den und in den Philosophischen Salon von Clara F. Janning

Ja, du erinnerst mich zur rechten Zeit! –

Hilft denn kein Beispiel der Geschichte mehr?

Stellt sich kein edler Mann mir vor die Augen,

Der mehr gelitten als ich jemals litt,

Damit ich mich mit ihm vergleichend fasse?

Nein, alles ist dahin! – Nur eines bleibt:

Die Träne hat uns die Natur verliehen,

Den Schrei des Schmerzens, wenn der Mensch [im Original: Mann] zuletzt

Es nicht mehr trägt – Und mir noch über alles –

Sie ließ im Schmerz mir Melodie und Rede,

Die tiefste Fülle meiner Not zu klagen:

Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,

Gab mir ein Gott zu sagen, wie ich leide.

 

Diktatoren werden von Deutschland und Europa unterstützt

„Wie die EU ihre Grenzen nach Afrika verlagert“:

Über das Buch „Diktatoren als Türsteher Europas”. Von Christian Jakob und Simone Schlindwein (Ch. Links Verlag, Berlin)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Für unseren religionsphilosophischen Salon ist das Studium und die Verteidigung der universal geltenden Menschenrechte ein Schwerpunkt. Dieses Thema führt in die Politik, in politische Stellungnahmen und selbstverständlich zur Kritik der Politik(er), auch in Europa. Zu unserem Thema gehört die Warnung vor einem Ende der offenen, der demokratischen Gesellschaft in Europa. Die Trauer über diesen kulturellen und humanen Niedergang ist die bestimmende „Melodie“ dieser Überlegungen. Oder, wenig poetisch gesagt: Wie Europa, wie Deutschland, seine Seele verkauft. Oder: Wie “demokratische” Politiker in Europa und Deutschland Vernunft und Menschlichkeit aus ihrem Denken streichen…

Bevor auf einige zentrale Aspekte des wichtigen Buches „Diktatoren als Türsteher Europas“ hingewiesen wird: einige Überlegungen zur Einstimmu.

1. Die rigide Abwehr von Flüchtlingen bestimmt längst alles Denken und Tun der meisten Politiker in Europa, auch in Deutschland. Die „Willkommenskultur“ war nur eine Art momentaner „Ausrutscher“ einer irritierten, sich menschenfreundlich gebenden Kanzlerin. Nur kurzfristig zeigte sie sich Flüchtlings-freundlich. Seitdem rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien in fast allen Ländern Europas ihren Hass gegen Fremde und Flüchtlinge in der Öffentlichkeit einpeitschen und diffuse Ängste erzeugen sowie den etablierten Parteien Stimmen „wegnehmen“, folgen auch sehr viele demokratisch sich nennende Politiker den Parolen der Populisten und Rechtsextremen. Sie wollen ihre eigenen Parteien retten und stark machen, die politische demokratische Kultur zu retten ist hingegen vielleicht erst der zweite Gesichtspunkt…Politiker demokratischer Parteien lassen sich förmlich die Handlungsanweisungen aus den Kreisen der Populisten geben. Sie vertrauen nicht mehr auf die Kraft der Vernunft und der Argumente zugunsten umfassender Humanität. Sie halten die Bürger für so blöd, als könnten differenziertere Argumente schon gar nicht mehr verstehen. So werden demokratische Politiker selbst zu populistischen Akteuren. Sie machen ihre demokratische Arbeit der Flüchtlingsabwehr nur etwas elegant und diplomatisch – versteckt und in tausend bürokratischen Bestimmungen oft nicht so schnell durchschaubar.

2. Es ist jedenfalls evident und bedarf überhaupt keines Beweises mehr: Europa schottet sich ab, es baut rings um den Kontinent nicht nur Mauern, sondern errichtet tötende Schutzzäune und fördert die Abwehr der Flüchtlinge schon im unmittelbaren Umfeld Afrikas. Der Nachbarkontinent Afrika ist in dieser paranoiden Sicht Europas zur Ansammlung feindseliger Elemente geworden, die es wie die Pest fernzuhalten gilt. Trumps Mauerbau an der mexikanischen Grenze und seine Vertreibung der in den USA lebenden Flüchtlinge etwa aus El Salvador ist nur eine Variante europäischer Ängste und Identitäts-Sehnsüchte. Die rassistischen Ausfälle zu Beginn von 2018 dieses Politikers der USA sind nur ein Beleg, welche Mentalität sich hinter der Ausländer – und Flüchtlingspolitik oft verbirgt.

Was haben doch BRD Politiker einst über den Spruch des SED Führers Walter Ulbricht gelacht, als er 1961 noch sagte: „Niemand hat die Absicht eine Mauer (in Berlin) zu bauen“. Jetzt sind demokratische Politiker in ihrem angstbestimmten Denken selbst die besten und größten Mauer-Bauer und Stacheldraht Spezialisten geworden. Sie folgen also ihrem großen „Vorbild“ Walter Ulbricht. Er ist einer der ihren. Nur darf man nicht vergessen: Die eingemauerte DDR ist 28 Jahre später (1989) implodiert und zusammengebrochen. Wird dies mit dem eingemauerten demokratischen Europa auch passieren? Wohin würde dann dieser Zusammenbruch des eingemauerten Europa führen? Wahrscheinlich in Richtung eines dann expliziten Faschismus der „besseren“ Menschen, der „wertvollen und weißen Rasse“?

3. Diese Überlegungen sind Teil der Überlegungen vieler Menschen, die der umfassenden und prinzipiellen Humanität verpflichtet sind sowie der sich so mühsam und abstrampelnden, von Spenden lebenden Solidaritäts-Vereine und Assoziationen, die ziemlich hilflos, weil politisch schwach, an der Seite der Flüchtlinge stehen: Sie stehen diesen flüchtenden Menschen bei, nicht weil alle Flüchtlinge automatisch Heilige sind, sondern weil sich in der Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge die Humanität zeigt, die ja Europa gern in Sonntagsreden beschwört. Und die viele populistische Politiker etwa in der CSU auch gern als „abendländische“ oder gar anmaßend als „ihre“ christliche Gesinnung hoch jubeln.

4. Wer sich mit den grundlegenden Fakten vertraut machen will, und das sollten sehr viele, was heute Europa ins kulturelle und ethische Abrutschen bringt, sollte das neue Buch der Politologen und Journalisten Christian Jakob und Simone Schlindwein lesen: Nun liegt es schon in der 3. Auflage vor, offenbar haben alle Abgeordneten des Bundestages und alle Landtagsabgeordneten und alle Bürgermeister dieses Buch gekauft und werden es lesen. Bei der AFD wird es wahrscheinlich „verschlungen“…

Lassen wir diese Utopie der Vernunft: Dieses Buch ist eine sehr gründliche Studie, objektiv in der Sprache, nicht so zuspitzend wie mein Kommentar. Das Buch enthält ca. 240 Seiten TEXT und fast 40 Seiten klein gedruckte Quellenangaben. Eine Meisterleistung der Recherche, eine Ehre für diese Journalisten. Aber die Autoren sind klar und deutlich in ihrer elementaren Erkenntnis, die evident ist und die niemand ignorieren darf, der bei Verstand ist: Europas Politiker bedienen sich der übelsten Diktatoren in Afrika, dies tun die Europäer, nur um ihre eigene rigide Abwehr der Flüchtlinge aus Afrika zum Erfolg zu bringen.

5. Es sind etwa die Diktatoren in Eritrea und Sudan, sowie die Regime in Libyen und Ägypten, die zu den besten Helfern europäischer Flüchtlingspolitik ausersehen sind; diese brutalen Herrschaften werden für ihre mörderische Abwehr von afrikanischen Flüchtlingen von Europa reichlich belohnt, mit Millionen Euros, mit Waffenhilfe, die sich diplomatisch geschickt als Entwicklungshilfe tarnt. Bundesentwicklungsminister Müller etwa reiste nach 20 Jahren diplomatischer Verachtung für dieses Regime nach Asmara, Eritrea und sagte: „Wir Deutsche können Eritrea unterstützen, den Exodus der Jugend zu stoppen“ (S. 34). Als würde die Jugend aus Eritrea aus Langeweile nach Europa ausweichen, und nicht, um dem widerwärtigen diktatorischen Regime zu entkommen. Natürlich fügte Müller die Floskel an, Eritrea „möge die Menschenrechtslage verbessern“ (ebd).

Wichtig ist die Darstellung, wie Spanien durch den Beitritt zum Schengener Abkommen 1991 die spanischen Enklaven auf algerischem Boden Ceuta und Melilla zu Festungen ausbaute und die Freizügigkeit beendete. „Verbaut wurde in dem Zaun rund um Melilla und Ceura Klingendraht des Typs Concertina 22, gedacht zum Schutz von Atomkraftwerken, Munitionslagern und Flughäfen. Im Abstand von 38 Millimeter sind daran scharfe Klingen angebracht; 22 Millimeter lang, 15 Millimeter hoch“ (41). Man braucht einige Nerven, um die weitere objektive Darstellung dieser Abwehr Europas vor den Afrikanern weiter zu lesen: Viele Afrikaner haben sich in den Klingen verfangen, wer springt, verfängt sich in Drahtseilen usw. Als es 2013 im spanischen Parlament eine Debatte darüber gab, entschied der sehr katholische Ministerpräsident Rajoy: „Die Klingen bleiben“ (42).

6. Das Buch ist systematisch gegliedert: In einer Dokumentation über die Schließung der Grenzen (zu Afrika) werden so genannte „Vorbilder“ für Europas Politiker genannt, darunter sehr erhellend die unmenschliche Flüchtlingspolitik des Staates Israel (89 ff). 45.000 Flüchtlinge, meist aus Eritrea, halten sich in dem jüdischen Staat auf. Weil Abschiebungen nach Eritrea aus humaner Einsicht nicht möglich sind, entscheidet sich Israel, massiven Druck auf die Flüchtlinge auszuüben, dass sie in andere Länder ausreisen. Sie werden in Flugzeuge gesetzt und praktisch zu Staatenlosen ohne Pässe gemacht, werden also ausgeflogen und landen dann wie „Nichtse“ in Gefängnissen etwa in Ruanda oder Uganda. Es war ja die von Nazis verfolgte Jüdin Hannah Arendt, die das grausame Schicksal der staatenlosen jüdischen Flüchtlinge etwa in den USA beklagte. Nun setzt Israel diese Politik fort. Als Belohung für die Aufnahme gestrandeter staatenloser eriträischer Flüchtlinge belohnt Israel die aufnehmenden Staaten. “Nach Informationen von Militärangehörigen beider Armeen profitieren Ruanda und Uganda seither von Trainings ihre Spezialeinheiten an Drohnen und hoch auflösenden Kameras aus Israel… Der Waffenexport nach Afrika hat 2014 um 40 Prozent zugenommen“ (98). Es gibt also einen Handel angesichts der abgeschobenen Flüchtlinge. Menschen werden zur Ware. Dies ist nur ein Beispiel für die globale Tendenz, dass zu den großen Gewinnern in der „Flüchtlingskrise“ auch die westlichen Waffenhändler sind. Netanjahu, der Präsident, hat übrigens die Abschiebungen aus Israel keineswegs bestritten, als er so scheinbar gutmütig erklärte: “Diese Menschen sind arbeit suchende Migranten. Es sind gesunde junge Männer, das sind keine Flüchtlinge“ (99). Jetzt sitzen diese jungen Männer schutzlos in Gefängnissen fremder Staaten. Dabei sind die meisten Flüchtlinge in Israel keineswegs die immer angeblich bedrohlichen Muslime, sondern Christen aus Eritrea. Aber selbst diese will der jüdische Staat nicht aufnehmen oder gar „integrieren“…

7. Das 3. Kapitel in dem Buch widmet sich dem Menschenhandel als dem Milliardengeschäft, es handelt also vom Schlepperwesen. Aber indem die europäische Politik die kriminellen Schlepper ausrotten will, möchte sie vor allem auch die Flüchtlinge von Europa fernhalten. Auf den Gedanken, eine humane Form der Einreise von Bedrohten und Schutzsuchenden zu gestalten, kommen nur wenige Politiker.

8. Sehr lesenswert sind die Hinweise zu der im ganzen gesehen durchaus humanen Flüchtlingspolitik des bettelarmen Staates UGANDA (S. 116 ff). „Das kleine Land in Ostafrika hat eine der weltweit liberalsten Flüchtlingspolitiken. Rund 1,3 Millionen Menschen suchen derzeit Schutz in Uganda…Mittlerweile steht in dem kleinen Land, das selbst nur 39 Millionen Einwohner zählt, das größte Flüchtlingslager der Welt“ (116). Das Bruttonationaleinkommen in Uganda betrug 2014 tatsächlich nur 660 US Dollar, zum Vergleich: Deutschland hatte 2014 ein Bruttonationaleinkommen von 47.640 US Dollar. Das „bettelarme“ Deutschland aber ist total überfordert…

9. Besonders perfide ist die europäische Flüchtlingsabwehr in der Zusammenarbeit mit dem Wüstenstaat Niger: Dort hat die EU usw. Militär und Polizei technisch so gut ausgestattet, dass die Flüchtlingsbusse von Agadez aus auf den eher befestigten Hauptstraßen abgefangen werden. Aus Angst, dass der Weg durch die Wüste nach Libyen also versperrt ist, nutzen die Schlepper – Busse nun Nebenwege, die oft keine Wasserstellen kennen. Etliche Menschen sind in der Wüste verdurstet wegen der durch Europa forcierten Kontrolle der Hauptstraße. Merkel war im Oktober 2016 in dem ultraarmen Staat Niger und „hatte dem Land umfassende Hilfe gegen illegale Migration angekündigt“ (132). Die Autoren verwenden in dem Zusammenhang wieder ihren Begriff „Türsteher“, der an die Willkür etwa der Wächter vor den Berliner Nacht – Clubs erinnert: Dort entscheiden die Türsteher, wer nach langem Warten den Club betreten darf und wer abgewiesen wird. Die Türsteher in Afrika haben hingegen die Aufgabe, prinzipiell alle Bewerber abzuwehren und zwar mit Gewalt. „Albert Chaibou, Journalist aus Niger und Gründer einer Migranten-Notruf-Hotline“ klagt: Unser Land ist im Dienst Europas zum Friedhof verkommen“ (133).

Die weiteren Kapitel präsentieren die Härte, mit der FRONTEX durchgreift, sehr traurig zu lesen: “Das Mittelmeer: Sterben, wo andere Urlaub machen“ (207 ff).

10. Das Buch muss von jedem Leser gründlich durchgearbeitet werden. Ein Studienbuch für Gesprächskreise! Sehr gut gelungen ist das „Faszit: Europas Träume, Afrikas Träume“ (251 bis 262). Dieses Schlusskapitel könnte auch am Anfang gelesen werden, zur Einstimmung, es allein schon lohnt aufgrund der treffenden Zusammenfassung den Kauf dieses Buches. „Einem Land wie Niger, wo Menschen verhungern, Kinder chronisch unterernährt sind und nicht zur Schule gehen, einen Hightech-Zaun (gegen Flüchtlinge) zu schenken, das ist so, als ob man einem nackten frierenden Kind nur eine Mütze schenkt“ (260). Es ist eine zynische europäische Politik, die einzig das absolut egoistische und absolut nationalistische und damit kriegerische Interesse hat, keine Fremden, keine Flüchtlinge, erst recht keine Afrikaner, nach Europa zu lassen; diese oft von so genannten Christen und so genannten Christ-Sozialen oder Sozial -Demokraten gestaltete Politik bedient sich der ärmsten Staaten und deren oft korrupter Herrscher bzw. Diktatoren und überschüttet diese mit Geld, bloß damit Europa als die hübsche WohlstandsInsel und Idylle bleiben kann. Die Autoren bringen es noch einmal auf den Punkt: “Von geschützten Grenzen und der Öffnung der Märkte träumt die EU. Von geschützten Märkten und offenen Grenzen träumt Afrika. Solange dieses Interessendilemma nicht gelöst ist, wird es keine echte Partnerschaft geben“ (261). Und keinen Frieden.

Der Kampf gegen Terroristen fixiert das gesamte europäische Denken und lässt es erstarren. Die Versagen in der europäischen Terroristen-Abwehr werden kaum eingestanden, statt dessen wird der pauschale Verdacht gegen „die“ Afrikaner ungestüm verbreitet…

Das empfehlenswerte Buch: Christian Jakob und Simone Schlindwein, Diktatoren als Türsteher Europas. Wie die EU ihre Grenzen nach Afrika verlagert. Erschienen im Ch. Links Verlag, Berlin 2018, 317 Seiten, 18 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ein Hinweis zum Schluss:

Als re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er Salon gilt unser Interesse der Gegenwart der Religion und Kirchen im politischen Zusammenhang. In dem Buch ist von Kirchen und Religionen auch als Förderern der Menschenrechte in Afrika erstaunlich sehr wenig die Rede. Ich könnte mir wünschen, dass dieses Thema einmal bei einer weiteren Auflage erwähnt wird. Tatsache ist ja, dass die allermeisten helfenden NGOs säkularen Ursprungs sind. Haben sich religiöse Organisationen aus dem Zusammenhang verabschiedet. Sind die Bischöfe nur noch Sonntagsredner? Konkret: Was sagen und tun (die zahlenmäßig schwachen) christlichen Kreise und muslimischen Organisation etwa heute in Niger für oder gegen die neue „Türsteher-Funktion“ ihres Staates?

„Fragen geben Halt im Leben“: Zur Theologie der Remonstranten

Das Jahresthema der protestantischen Remonstranten Kirche in Holland.

Ein Hinweis zum neuen Buch von Koen Holtzapffel (Rotterdam) mit dem Titel „Houvast“ („Halt“)

Von Christian Modehn

 

Die Bibel ist kein Kompendium, in dem endgültige Antworten zu finden sind. Diese Erkenntnis breitet der Remonstranten – Theologe und Pastor in Rotterdam Koen Holtzapffel in seinem neuen Buch aus, es hat den Titel „Houvast aan de vraagzijde van het bestaan“ („Haltfinden an der Fragedimension der Existenz“). „Ich nehme Abstand von dem Vorschlag („suggestie“), dass die gläubigen Menschen sozusagen auf der Antwortseite des Daseins stehen und die Nicht-Gläubigen auf der Seite des Fragens… Das will ich überwinden und sowieso den bekannten Unterschied zwischen Glauben und Unglauben“.

Diese hierzulande hoch interessante Position muss erläutert werden: Der christliche Glaube ist keine Bindung des einzelnen an vorgegebene Dogmen aus alten Zeiten. Die Kirchengemeinden (der freisinnigen, theologisch liberalen) Remonstranten sind Orte, in denen der einzelne seinen eigenen Glauben entdecken, als einen solchen leben kann … und mit anderen besprechen und vertiefen kann.

Die leitende Maxime heißt: Wer Halt sucht in seinem Leben, sollte sich nicht festklammern an Ideologien und offizielle Wahrheiten. Er (oder sie) sollte das Fragen aushalten, die eigenen Fragen! Natürlich zeigen sich dann Antworten. Aber diese rufen nur wieder weitere Fragen hervor: Das ist das Leben des Geistes. Und diese Lebendigkeit des Geistes ist sicher das einzige, was Halt gibt und fest ist in unserem Leben: Getragen sein, belebt sein, von der ewigen Fragebewegung des Geistes und von den immer relativen Antworten, die zu neuen, aber wieder nur vorläufigen Antworten leiten: Das ist die Größe des Menschen, auch des religiösen Menschen.

Klar ist auch, dass ein Leben in dieser Fragebewegung nicht immer bequem ist. Deswegen klammern sich so viele voller Angst dann doch an vorläufige Antworten und erklären das Vorläufige zum Endgültigen. Und dann beginnt – fundamentalistisch – der Streit um die einzige Wahrheit, diese kann nur jemand behaupten, der irgendwann in der Fragebewegung stehen und stecken bleibt. Und mit der einzigen Wahrheit (in Religionen, Nationen, Kulturen usw.) zieht die kriegerische Haltung in die Gesellschaft ein. Das erleben wir heute global. Das heißt ja nicht, dass es einige wenige universale humane Antworten der Vernunft gibt, die für alle Menschen und alle Staaten gelten: Dies sind die für alle Menschen geltenden Menschenrechte, aber auch diese Menschenrechte entwickeln sich durch Fragebewegungen stets weiter. Der Kategorische Imperativ von Kant ja nicht entdeckt, sondern nur formuliert, gehört auch dazu. 

Die Remonstranten sind wahrscheinlich die einzige christliche Kirche, in der das Fragen heilig ist; weil das Fragen das Leben des Geistes (und der Seele) selbst ist und der Geist (und die Seele) nun heilig sind; was bedeutet, dass das Leben als leibliches, aber immer doch notwendigerweise Geist geprägtes leibliches und materielles Leben auch heilig ist.  

Es ist für mich eine gute Entscheidung, dass die Remonstranten in Holland das für sie immer übliche Jahresthema diesmal, für 2018, der Frage als einem – auch spirituellen, religiösen Vollzug – alle Aufmerksamkeit widmen. Bei dem „Tag der Beratung“ miteinander („Beraadsdag“) am 10. März 2018 in Hengelo geht es auch um das Thema: Wie kann das Fragen tatsächlich Halt, vielleicht einen ersehnten letzten und tiefsten Halt bieten? Es ist wohl so, meint Koen Holtzapffel, dass zu der Fragebewegung auch ein Vertrauen gehört, ein Vertrauen, dass in der Fragebewegung ein möglicher Sinn sich für mich erschließen kann. Dieser tragende Lebenssinn, dieser Halt, erschließt sich, so der Autor,  gerade dann, wenn alle Bilder Gottes, die man als den Lebenssinn deutete, verschwinden und nach diesem (persönlichen) „Bildersturm“, wie Holtzapffel sagt (S. 120) eigentlich nur Leere bleibt. „Man kann es Leere nennen, aber dann vielleicht als eine wohlltuende Leere, als Flüstern einer sanften Brise, die man genießen kann als Schönheit einer leeren Landschaft“ (ebd.) Der Autor zitiert dann zustimmend den Philosophen Cornelis Verhoeven (1928 – 2001): „Gerade in der Frage besteht Gott und nirgendwo anders. Gottes Existenz wird in der Frage förmlich festgehalten“. Und Koen Holtzapffel beschließt sein sehr inspirierendes Buch: „Leere ist leer, aber sie schafft auch einen mystischen Raum, ohne einen vorstellbaren und voraussagbaren Gott.  

Aber ein Gott, von dem man nie etwas bemerkt, wird irrelevant. Bisweilen gibt sich mein Gott doch gründlich zu erkennen, lässt sich verstehen mit Herz und Seele. In Liebe und Licht, in Friede und Anteilnahme für einander. Auch in dem Menschen Jesus gibt er sich zu erkennen. Wo Nächstenliebe und (erotische) Liebe ist, da ist Gott: Ubi caritas et amor, Deus ibi est“ (S. 122)

In einem Beitrag für die Monatszeitschrift ADREM  vom Juni 2017 sagt Holtzapffel: „Ich hoffe, das unsere Gemeinden Orte sind, wo über Lebensfragen nachgedacht wird. Als Pastor (Prediger) habe ich keine direkten Antworten, aber ich sehe mich als jemanden, der den Frageprozess beobachtet. Und ich sehe mich als jemanden, der die Lebensfrage hinter den Fragen entdecken kann und auch mit der Tradition verbindet… Aus der großen soziologischen Untersuchung „God in Nederland“ geht jetzt hervor, dass sehr viele Menschen meinen, dass die Sinnfragen nicht mehr in der Kirche behandelt werden. Bei uns Remonstranten ist das anders, da haben diese Fragen ihren Raum“.   Und er nennt über die Remonstranten Gemeinden hinaus in dem Buch mehrere, in ganz Holland bekannte Beispiele: Etwa das Kulturzentrum de  „Rode Hoed“  in Amsterdam oder das „Uytenbogaertcentrum“ in Den Haag, das der Theologe und Philosoph Johan Goud aufgebaut hat.

Houvast. Aan de vraagzijde van het bestaan”. Von Koen Holtzapffel. 144 Seiten. ISBN 978 90 211 4491 7). Dieses Buch ist im August 2017 erschienen im Verlag Meinema, Utrecht.

 

 

 

 

 

Beatrix von Storch und ihr Christentum.

Aus aktuellem Anlass: Wir weisen noch einmal auf einen viel beachteten, schon vor einigen Monaten von uns publizierten Hinweis auf den “christlichen Hintergrund” der führenden AFD Politikerin Beatrix von Storch hin. Klicken Sie hier.

Das Heilige ist umgezogen: Zur Situation der Kirchen und des Glaubens in den Niederlanden heute

Zur Situation der Kirchen und des Glaubens in den Niederlanden heute

Ein Hinweis von Christian Modehn

Ich denke manchmal, die religiöse Situation in Holland entspricht auch der dortigen Landschaft, den weiten, flachen Ebenen, auf denen sich Erde, Wolken und Himmel berühren und manchmal verschmelzen, wenn denn der Blick freigegeben ist und nicht – wie in der Randstad heute so oft – von Häusern und Fabriken, Autobahnen und Schnellzügen verstellt wird  Es gibt aber, von alters her möchte ich sagen, in den Niederlanden eine besondere Transzendenz, die man die horizontale Transzendenz nennen könnte. Und das macht die Religionsgeschichte der Niederlande auch für religionsphilosophisch Interessierte so wichtig: In Holland ist der religiöse Blick nicht zuerst nach oben, in die Höhen möglicher Hierarchien gerichtet, sondern in die Weite der Erde, in der es um den Menschen geht und die individuell so vielfältigen Formen des Transzendierens mitten im Leben, in der Menschlichkeit, der Kunst, der Stille. Es ist damit das klare Licht, das die Niederländer (und ihre Freundelieben), die hellen Fenster in den Kathedralen und Kirchen, da ist nichts schummrig, vom Weihrauch verdüstert…

Dieses Transzendieren in die Weite kann eine geistige Bewegung sein, die eher selten bei einem transzendenten Ziel, etwa beim Göttlichen oder bei Gott, ankommt. Wer wird diese Perspektiven nicht entdecken, schon in den vielen wunderbaren Gemälden aus dem 17. und 18. Jahrhundert? Sie präsentieren leibhaftige Individuen (!)  mit einer eigenen Geschichte, aber normale Menschen, sehr selten Heilige. Es ist die Freude am Menschen, am Mitmenschen, die diese Transzendenz auszeichnet.

Daran muss ich denken, wenn ich die neueste Statistik zur Kirchenbindung der Niederländer lese: Da zeigt sich wieder ein Abschied von der vertikalen Transzendenz: Konkret: Im Jahre 2015 waren noch 11,7 Prozent aller Holländer Mitglieder der römisch –katholischen Kirche. Zum Vergleich: Im Jahre 1960 waren es 35 Prozent, im Jahr 2006 noch 16 Prozent.

Heute sind noch 8,6 Prozent Mitglieder der Protestantischen Kirche der Niederlande (PKN genannt, ein Zusammenschluss großer reformierter, calvinistischer Kirchen und der Lutheraner). Zum Vergleich: 1966 waren es 25 Prozent und 2006 noch 14 Prozent. Gewachsen bzw. zahlenmäßig stabil geblieben sind sehr kleine evangelische Kirchen, streng calvinistische und evangelikal – pfingstlerische Gemeinden. Dieser Exodus aus den Kirchen hat mindestens auch soziale Nachteile: Orte der Kommunikation verschwinden, gerade die Gezelligheid ist Niederländern so wichtig.  Gemeinden sind, das sagte doch der Theologe Schleiermacher, sollten Orte des geselligen Miteinanders sein, in aller Vielfalt natürlich, nicht nur als Treffpunkte biederer Kleinbürgerlichkeit, wie in Deutschland jetzt….

Der Philosoph Taede A. Smedes hat in seinem neuesten Buch „God iets of niets“ („Gott etwas oder nichts“) diesen Weg der einst großen Kirchen in die Minderheiten-Positionen bewertet: „Besonders junge Menschen haben nichts mehr mit der Römisch – katholischen und der PKN Kirche zu tun. Die Kirchen haben damit auch definitiv keine Bedeutung mehr in unserem Zusammenleben“ (S. 49). Aber das heißt ja nicht, dass damit jegliches spirituelle Interesse verloren gegangen ist. Aber die dogmatisch starren Kirchen mit ihrer gewissen amtlichen Bürokratie wirken auf heutige Niederländer einfach befremdlich, man erwartet von diesen Kirchen offenbar eher sehr selten noch Orientierung im Leben. Beim Katholizismus spielt die konservative Wende (vom polnischen Papst immer unterstützt) durch reaktionäre Bischöfe (Gijsen und co) seit 1971 sicher eine große Rolle, dass so viele Holländer der römischen Kirche den Rücken gekehrt haben. Soziologen sprechen also bereits von einem „nach – christlichen Land“, Taede A. Smedes nennt diese Bewertung „revolutionär“ (S. 50). Auch die Leiter der neuesten Untersuchung „God in Nederland“ nennen diese Situation neu, als „ohne histroisches Vorbild“ („zonder precedent“).

Unter allen europäischen Ländern werden die Kirchen in den Niederlanden sicherlich am gründlichsten (und schon am längsten) von Religionssoziologen erforscht. Die umfassenden Studien „God in Nederland“ begannen 1966, seit der Zeit wird alle 10 Jahre ein ausführliches Ergebnis der repräsentativen Umfragen veröffentlicht, 2016 erschien wieder im Verlag Ten Have ( Utrecht) die neueste Studie, sozusagen zum 50 jährigen Jubiläum, diesmal auch mit Interviews mit Vertretern der unterschiedlichen Glaubensorientierungen. Es ist schade, dass dieser Band nicht ins Deutsche übersetzt wurde. So wie es ein ziemlicher Skandal ist, dass sich keine Akademie der Kirchen in Deutschland mit der Entwicklung in Holland befasst: Was da passiert, passiert bald auch hier…

Der Trend hat sich fortgesetzt: Die Mitglieder der Kirchen verlassen sozusagen scharenweise ihre Kirchengemeinden, indem sie einfach den jährlich geforderten freiwilligen Kirchenbeitrag nicht mehr zahlen. Sie gelten damit in der Sprache der Religionssoziologen als „außerkirchlich“, und diese Beschreibung der spirituellen Befindlichkeit bedeutet in Holland eben nicht automatisch „atheistisch“ oder ungläubig. Zur Gruppe der „Außerkirchlichen“ gehören „ungebunden gläubige“ und auch „ungebunden spirituelle“. Allerdings verstehen sich 41 % der „Außerkirchlichen“ als „säkular“, was einer atheistischen Orientierung schon nahe kommt. Aber der Kirchenferne ist in Holland eben anders als in der ehemaligen DDR oder in Tschechien!

Bemerkenswert ist auch, wenn man die Glaubensinhalte der Kirchenmitglieder betrachtet: Als Theisten, also als Gläubige an einen persönlichen Gott, bezeichnen sich 51 Prozent der Mitglieder der vereinigten protestantischen Kirche PKN, 34 % sagen, sie würden an „etwas Höheres“ glauben. Allerdings nennen sich nur 17 Prozent der Katholiken theistisch, hingegen sagen 46 %, sie würden nur an eine höhere Macht oder „etwas über uns“ glauben, 30 Prozent der Katholiken nennen sich Agnostiker. Es ist überraschend, dass sogar 7 Prozent der Katholiken, also der zahlenden Mitglieder der römischen Kirche in Holland, sich „Atheisten“ nennen (vgl. dazu Smedes, S. 51). Der Kommentar von Taede Smedes, (ein angesehener Religionsphilosoph übrigens, der auch lange Zeit im Studienzentrum des Dominikanerordens in Holland mitarbeitete) ist sehr klar:“ Heute scheint in den Niederlanden der theistische Gottesglaube seine längste Zeit schon hinter sich zu haben. In 50 Jahren ist der Theismus immer marginaler geworden, auch unter Gläubigen“ (S. 62).

Zu den Teilnehmern am Sonntagsgottesdienst unter Katholiken: 2003 nahmen bei 4,5 Millionen Katholiken 385.000 Gläubige an der Sonntagsmesse teil; 2015 sind es bei 3,88 Millionen Katholiken noch 186.000, also etwa 5 Prozent sind regelmäßige Teilnehmer der Messe. Diese sehr geringe Anzahl so genannter „praktizierender“ Katholiken hat sicher einen Grund: Die Zahl der Pfarrgemeinden wird – wie in Deutschland und überall in Europa – immer mehr reduziert, aus dem einfachen Grund einer klerikalen Kiche: es fehlen die Priester, ohne die in römischer Sicht einfach „nichts Wesentliche“ geht. Also: 2003 gab es in Holland noch 1.525 Pfarreien, 2015 waren nur noch 726, also nur noch die Hälfte. (Quelle: http://www.ru.nl/kaski/onderzoek/cijfers-rooms/virtuele_map/kerkgebouwen_en/ ). Meine These ist: Der absolute Klerikalismus der römischen Kirche verursacht den Exodus der  -nachdenklichen – Gläubigen aus dieser Kirche. Ein Ende dieses Exodus ist in Holland und in Europa nicht absehbar, trotz aller aus Indien oder Nigeria eingeflogener Priester nach Holland oder Deutschland…Diese sind wie im Mittelalter die Leutpriester, die Herren, die die Messe lesen können, jetzt auf Holländisch, was kaum ein Holländer versteht…

Die Abwendung der Holländer von den klassischen Gottesbildern, sehr persönlicher Art und oft in einer schlichten Lehre verbreitet, ist ja auch theologisch und religionsphilosophisch gesehen von Vorteil. Die Menschen in den Kirchen haben sich spirituell weiterentwickelt, nur die kirchlichen Lehren und Dogmen sind in der Entwicklung nicht mit gegangen, so kam es zur unüberbrückbaren Differenz von persönlichem Glauben und offizieller Lehre. Nebenbei: Nur die protestantische Kirche der Remonstranten ist mit der religiösen Entwicklung der Menschen mit gegangen, sie sagt ausdrücklich „Der Glaube beginnt bei dir“ und sie respektiert diese persönliche Glaubensentwicklung … bis dahin, dass sie als Kirche selbst die Bindung an offizielle Dogmen eher gering schätzt und auf das wesentliche reduziert hat.

Viele “Außer-Kirchliche” haben auch keine esoterische Überzeugungen wie Astrologie oder new-age, das war noch vor 20 Jahren stärker. Heute verstehen sich diese Menschen vor allem als Fragende und Zweifler, Suchende, unterwegs zu einem tragenden Lebenssinn. Aber immer unter der Voraussetzung: Spiritualität und Religion bestimme ich! Religion ist absolut Privatsache. Die religiöse Orientierung ist zudem fließend geworden. Es gibt Katholiken, die sich gleichzeitig als Buddhisten verstehen…

Aufgeschlossene christliche Theologen können den Abschied von einer oberflächlichen Kirchen – Bindung sogar gut verstehen. Sie wissen: Nur die freie persönliche Entscheidung für Gott und eine Kirchengemeinde ist wertvoll. Vor allem evangelischen Gemeinden lassen sich nicht entmutigen und gestalten in neuer Form und mit neuen Inhalten kirchliches Leben. So wird die protestantische Kirche der Remonstranten in den kommenden Wochen einige Gemeinden ausdrücklich als offener Ort präsentieren und Menschen einladen, die am Zustand dieser Welt zweifeln und verzweifeln und gemeinsam, in kleinen Gruppen, nach einem Sinn im Leben fragen. Typisch für den religiösen Umbruch in Holland ist auch, dass regelmäßig ein Monat der Spiritualität und auch ein Monat der Philosophie veranstaltet werden. Ein großer einflussreicher Fernsehsender nennt sich Evangelischer Rundfunk. Fernsehbeiträge etwa zur Leidensgeschichte Jesu erleben am Gründonnerstag einen absoluten Rekord der Einschaltquoten. Pilgerfahrten werden immer beliebter, die Gastfreundschaft in den wenigen verbliebenen Klöstern wird gern angenommen. Das Verschwinden der Klöster ist schon vom Kommunikativen und Spirituellen her betrachtet ein großer Verlust: In 20 Jahren wird es vielleicht noch fünf Klöster geben. Die Orden sterben aus, nur wenige sind in der Lage, interessierte Laien mit der Fortführung der einst (klerikal bestimmten) Traditionen zu beauftragen. Auch diese Entwicklung wird in Holland genau studiert und auch veröffentlicht, etwa in dem religionssoziologischen Studienzentrum KASKI an der Radbout Universität in Nijmegen: http://www.ru.nl/kaski/onderzoek/cijfers-rooms/

Man könnte sagen: Das Heilige ist heute in Holland sozusagen umgezogen. Gott wird auch in der Kultur, in der Kunst, der Musik, der Natur gesucht. Ein Benediktinerpater sagte mir: „Wer sich Atheist nennt, stellt oft die besten religiösen Fragen“.

Wichtige Literaturhinweise:

„God in Nederland“. Herausgegeben von Ton Bernts und Joantine Berghuijs. Ten Have Uitgeverij, Utrecht, 2016, 222 Seiten, 20 Euro.

Taede A. Smedes, „God iets of Niets“. (Gott – Etwas oder Nichts). De postseculiere maatschappij tussen Geloof en ongeloof. 2. Auflage 2016, Amsterdam University Press, 312 Seiten, 19,95 Euro.

Copyright: Christian Modehn Berlin

Wo bleiben die Emotionen in den Kirchen Deutschlands? Zugleich ein Hinweis auf Weihnachten!

Ein neuer Beitrag der Reihe “Weiterdenken”: Drei Fragen an den Theologen Prof.  Wilhelm Gräb, Berlin

Die Fragen stellte Christian Modehn

1. Sie haben sich kürzlich zu Studien in Ghana aufgehalten und dort auch die zahlreichen und lebendigen Pfingstgemeinen kennen gelernt und deren Profil untersucht. Emotionen, Gefühle, körperlicher Ausdruck im Gottesdienst sind dort selbstverständlich. Ohne ein Klischee zu verbreiten: Liegt das daran, dass die Menschen in Ghana ohnehin kulturell immer viel mehr Wert auf emotionalen Ausdruck legen? Oder ist es auch der christliche Glaube selbst, der sich bei diesen Christen in Afrika eben nicht auf „karge“ Worte und begrifflich feine Predigten begrenzen lässt?

Ja, die Emotionen spielen in der afrikanischen Kultur und ganz besonders in afrikanischen Pfingstgemeinden, wie ich sie besucht habe, ein große Rolle. Das ist auch schon vielfach beschrieben worden. Pfingstgemeinden, auch hierzulande, zeigen eine stärkere emotionale Beteiligung, mit Zwischenrufen, erhobenen Händen, spontanen Gebeten und einer mitreißenden Musik.

Ich frage mich jedoch, ob die Unterscheidung emotional/rational die Sache trifft. Die Predigten, die ich in den Gottesdiensten einiger Pfingstkirchen in Ghana gehört habe, waren weniger durch Emotionalität als vielmehr durch eine sehr direkte Ansprache und ein sehr konkretes Eingehen auf praktische Probleme des täglichen Lebens gekennzeichnet. Gewiss, ich habe auch exaltierte Lobpreisgesänge erlebt, unverständliches Zungenreden und redundante Beschwörungen des Jesus-Namens. Wenn ich anschließend mit den Predigern sprach, dann konnten sie jedoch ganz nüchtern davon reden, dass ihre Gottesdienste auf genau diese Weise innere Beteiligung schaffen und ein intensives Gemeinschaftserleben hervorrufen.

In diesen Gottesdienste geschieht, dass sich den einzelnen mitteilt: Du bist gemeint, die göttliche Botschaft gilt dir, du gehörst mit allen anderen, die jetzt hier sind, zu einer großen christlichen Gemeinschaft. Ihr seid untereinander und mit dem Herrn Jesus verbundenen. Dies alles kraft des Heiligen Geistes, der jeden einzelnen von euch und die ganze Gemeinde mit seiner Energie erfüllt und antreibt. So auch die theologische Erklärung, die die charismatischen Prediger mir für die uns fremd erscheinende Art, Gottesdienst zu feiern, gaben.

Es gilt der Vorrang der Erfahrung vor der Reflexion, vielleicht muss man auch sagen, des Emotionalen vor dem Rationalen. Aber, was bedeutet das?

Inzwischen gibt es auch bei uns Anstrengungen, die Emotionen als ein Vermögen zur Erkenntnis und Bewältigung von Wirklichkeit neu in den Blick zu nehmen. In der Psychologie betreibt man Emotionsforschung. Es werden neue Wege zu einer Philosophie und auch einer Theologie der Gefühle beschritten. Es wird zwar bestritten, dass es besondere religiöse Gefühle gibt. Dennoch hat auch ein energisches Nachdenken über den Zusammenhang von Religion und Emotion begonnen – unter dem Vorzeichen allerdings der Rationalität der Emotionen. Die Emotion wird nicht gegen die Rationalität gestellt, sondern als eine eigene Form der Rationalität ausgewiesen. Sie gilt als eine spezifische und unverzichtbare Weise unseres Zugangs zur Wirklichkeit.

Unsere Emotionen machen es, dass wir uns bestimmten Gegenständen gegenüber auf präreflexive Weise angemessen verhalten, etwa, indem wir besonders vorsichtig werden, sobald wir eine Schlange sich im Gestrüpp bewegen sehen. Gefühle erschließen uns unmittelbar die Zustände unseres Daseins, obwohl diese durch wechselnde innere und äußere Umstände vermittelt sind. Gefühle machen es, dass wir vor Angst erstarren oder von Freude erfüllt sind, dass wir unser Glück kaum fassen können oder der Schmerz uns zu Boden drückt.

Unsere Emotionen sind es, die uns ganz bei einer Sache und zugleich ganz bei uns selbst sein lassen. Deshalb lebt in ihnen auch die Religion. Sie kommen in uns auf, dort wo wir vom Göttlichen ergriffen und zugleich in uns selbst vertieft werden.

Die vernünftige Rechenschaftsgabe folgt nach. Das ist dann die Reflexion auf solche Erfahrung des Ergriffenseins. Sie wird in den Pfingstkirchen im Anschluss an die Erzählung des ersten Pfingsten in Apostelgeschichte 2 eine Geisterfahrung genannt und auf diese Weise auch biblisch-theologisch begründet.

Entscheidend für mich war jedoch, zu sehen, welche Begeisterung der Gottesdienst in Menschen wecken kann. Das ist das eine. Das andere, was mich noch stärker beeindruckt hat, war, dass sich die religiöse Begeisterung in diesen Menschen in ein Engagement umsetzt, aus dem heraus sie unter den schwierigsten ökonomischen und politischen Bedingungen ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, sie als einzelne den beruflichen Erfolg suchen und als Gemeinde ein soziales Netz zur gegenseitigen Unterstützung knüpfen. Der christliche Glaube wirkt hier als energische Lebenskraft.

2. Das führt uns zu der Frage: Warum sind eigentlich die meisten Gottesdienste in Deutschland, ja in Europa vielleicht insgesamt, so verkopft und damit oft so wenig bewegend, also langweilig? Das Kloster Taizé wird ja als einzige Ausnahme ständig zitiert… Ist der christliche Glaube also hier mehr Doktrin als eine emotionale Lebenshaltung? Könnte man hier also einiges von Ghana “lernen”?

Ich weiß gar nicht, ob unsere Gottesdienste so verkopft sind. Sie pflegen einen anderen Stil der Kommunikation und der ästhetischen Darstellung. Das muss auch so sein, wollen sie die Menschen in unserem kulturellen Kontext erreichen und emotional einbeziehen. Die Emotionen spielen aber auch in unseren Gottesdiensten eine ganz entscheidende Rolle, weil es nur so zu innerer Beteiligung, zu eigenem Dabeisein und zum Erleben von Gemeinschaft kommt.

Eine Predigt, die einen biblischen Text so auslegt, so, dass deutlich wird, was er uns über die Gegenwart Gottes in der Welt und in unserem eigenen Leben zu verstehen gibt, wird ihre Hörer doch nur dann erreichen, wenn sie sich zugleich innerlich angesprochen fühlen. Der gedankliche Nachvollzug der Rede muss begleitet sein davon, dass ich auch emotional ergriffen werde. Deshalb sind auch ästhetische Kategorien zur Beurteilung einer Predigt ganz angemessen. Dass eine Predigt schön war und sie mir gut getan hat, ist zugleich ihr höchstes Lob.

Was so von der Predigt gilt, gilt natürlich erst recht für die übrigen Elemente des Gottesdienstes, dass sie uns emotional ansprechen müssen, wenn wir uns durch sie zum Leben ermutigt und zu neuer Hoffnung angestiftet finden wollen.

In erster Linie schafft das natürlich die Musik, in unseren Kulturzusammenhängen am ehesten die Musik Johann Sebastian Bachs. Gerade jetzt wieder in der Advents- und Weihnachtszeit. Was wäre diese Zeit ohne die Musik Bachs oder Händels? Es ist diese Musik, die die Botschaft von der Geburt des göttlichen Kindes auch heute vielen, der Kirche ansonsten entfremdeten Menschen in die Seele schreibt, sodass sie etwas vom Glück der Gotteskindschaft empfinden.

Weihnachten überhaupt, dass dies ein solch mächtiges Fest ist, erklärt sich nicht aus Kommerz und Konsum allein, auch nicht daraus, dass die Familie zusammenkommt – was oft ja auch viele Probleme schafft. Die ungebrochene Attraktivität von Weihnachten, so meine ich, besteht darin, etwas von dem Wunder spüren, fühlen, erahnen zu können, dass es einen vollkommenen Neuanfang, doch noch ein Glücken der Menschheitsgeschichte geben könnte: Frieden auf Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen. Wie das sollte wirklich werden können, wird kein Verstand erfassen. Aber kaum jemand kann sich dem Gefühl entziehen, dass genau dahin doch aller Menschen Sehnsucht geht.

3.Der von Ihnen sehr erforschte Theologe Friedrich Schleiermacher sprach vom Gefühl, wenn er die Bindung des Menschen an die göttliche Wirklichkeit ansprach. Was meinte er eigentlich mit Gefühl, und warum ist dieses Gefühl im Sinne Schleiermachers offenbar so unbeachtet und im Allgemeinen als Kirchenpraxis verloren gegangen?

Schleiermacher war der Theologe, der die Bedeutung des Gefühls für die Religion erkannt hat. Dies aber genau deshalb, weil er als Theologe auf die grundlegende anthropo-theologische Bedeutung des Gefühls gestoßen ist. Er hat zunächst das Gefühl im Singular von den Gefühlen bzw. Emotionen im Plural unterschieden. Das Gefühl im Singular war für ihn gleichbedeutend der prä-reflexiven, also unmittelbaren Selbstbeziehung. Er konnte statt vom Gefühl auch vom „unmittelbaren Selbstbewusstsein“ sprechen. Was er damit meinte, war die Erfahrung von Präsenz, dessen, dass mir mein Dasein in der Welt gegenwärtig ist, erschlossen in seinem unbedingten Sinn.

Das, so Schleiermachers Theologie, ist zugleich die Gegenwart Gottes in der Welt. Gott ist da, sobald ich den ersten Atemzug tue und die Augen aufschlage. Er ist mir näher als ich mir selbst nahe kommen kann. Er ist das Licht, in dem ich sehe und die Luft, in der ich atme. Nicht zu sehen, nicht gegenständlich vorzubringen, aber da, als die Kraft, die mich überhaupt erst zu mir selbst und in die Welt bringt.

Suchen wir nach der Erfahrung, in der uns diese Präsenz Gottes in der Welt aufgeht, dann, so Schleiermacher, finden wir sie in unserem Selbstgefühl. Jeder Mensch, davon war er überzeugt, kann diese Erfahrung machen, aus einer nicht reflexiv erzeugten, sondern unmittelbar aufkommenden Selbstvertrautheit zu leben. Sie ist die Quelle unseres Lebensmutes. Benennen wir ihr „Woher“, so Schleiermacher, dann ist es angemessen, von Gott zu reden. An ihn wenden wir uns besonders dann, wenn der Lebensmut auf brüchigem Lebensgelände zu schwinden droht. Er ist das „Woher“ dessen, dass wir die uns zur Präsenz kommende Lebensenergie dennoch fühlen, dann aber auch auf den Höhen des Glücks und in den ganz alltäglichen Dingen.

Beweisen lässt sich diese Gottespräsenz nicht, auch niemandem mit noch so guten Argumenten andemonstrieren. Aber jeder, der einiger Selbstbeobachtung fähig ist, kennt doch dieses Selbstgefühl, eine jeden Selbstreflexion immer schon vorauslaufende Vertrautheit mit sich. Mit ihr ist Gott da, im Leben eines jeden Menschen, da als Kraft, die jeden und jede zu sich und zur Welt bringt.

Kinder leben diese Selbstvertrautheit und den Lebensmut, der aus ihr erwächst, ohne sie reflexiv zu brechen. Später müssen wir sie mühsam immer wieder zu erneuern versuchen, um angesichts all des Absurden und Schrecklichen, das diese Welt durchzieht und uns zerreißt, nicht ins Elend zu fallen.

Doch wiederum, deshalb ist Weihnachten ein so mächtiges Fest: Im Anblick des göttlichen Kindes und im Hören auf die Botschaft der Engel über den Feldern Bethlehems kann sich uns das Gefühl der Selbstvertrautheit und des aus ihr erwachsenden Lebens- und Hoffnungsmutes immer wieder erneuern. Dieses Gefühl entspringt unserer Geborgenheit im Göttlichen. Und es streckt sich aus, hinein in unsere Sehnsucht nach Frieden auf Erden und einem allen Menschen verheißenen Wohlgefallen.

Ob dieses Gefühl der Verbundenheit mit dem Göttlichen in der allgemeinen Kirchenpraxis zu wenig angesprochen wird, vermag ich gar nicht recht zu beurteilen. Ich jedenfalls kann mir eine pastorale kirchliche Praxis, vor allem die der Gottesdienste und Predigten, ohne die Absicht, genau dieses Gefühl anzusprechen, überhaupt nicht vorstellen. Ich setzte dieses Gefühl in jedem voraus und für mich hat alle religiöse Mitteilung nur dann einen Sinn, wenn es in ihr darum geht, Menschen tiefer über dieses Gefühl, das in ihnen ist, zu verständigen.

Darum jedenfalls sollte es m.E. in jedem Gottesdienst gehen, und ganz besonders an Weihnachten, darum, dass wir – alle Jahre wieder – die Geburt des Gottes auf dem Grund der eigenen Seele fühlen.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Eine kleine Philosophie der Sehnsucht.

Thesen und Hinweise von Christian Modehn. Vorgestellt im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 15.12. 2017.

Es handelt sich um einige Elemente für eine kleine Phänomenologie der Sehnsucht:

Zuerst möchte ich den Gebrüdern Grimm widersprechen. Sie definierten Sehnsucht, im Rückgang auf mittelhochdeutschen Gebrauch, als „sensuht“, das heißt dann bei Ihnen: Als „Krankheit des schmerzlichen Verlangens“[, so in ihrem „Deutschen Wörterbuch“.

Für mich ist Sehnsucht nicht immer, eher selten, eine Krankheit. Sondern der Grundvollzug geistiger, seelischer und vernünftig-kritischer Lebendigkeit.

Sehnsucht ist ein ständiges Verlangen nach einem „Mehr im Leben“, als Überwindung alles Banalen und Flachen, des jeweiligen persönlichen wie gesellschaftlichen Status Quo. Diese Überwindung gelingt nicht immer. Aber diese Sehnsuchts – Bewegung und Suche ist unverzichtbar. Darin steckt auch Hoffnung, die freilich nie eine Garantie des Gelingens ist.

Unser geistiges Leben ist von einer ständigen Unzufriedenheit bestimmt: Alles, was wir erreichen, ist nicht das Endziel. Alles, was wir meinen verstanden zu haben, enthüllt weitere Probleme. Kein Mensch ist zu durchschauen. Jeder bleibt (Gott sei Dank) geheimnisvoll, um jeden und jede muss man sich weiter bemühen…Das Gelingen ist so selten. Aber es soll gelingen, obwohl man weiß, dass es nicht jetzt „ganz“ gelingen wird. Das ist Sehnsucht.

Einmal im Jahr gibt es ein Fest, etwas rundum Schönes und gute Stimmung Förderndes: Weihnachten. Aber wie oft erlebt man oft auch eine Enttäuschung, und das große Fest ist wieder vorbei. Ist es nur der Kommerz, der uns dazu treibt, irgendwie uns doch weiterhin auf Weihnachten (oder einen Geburtstag etc.) zu beziehen und da obligatorisch zu feiern? Warum feiern nicht unser Leben an einem jeden beliebigen Tag im Regen oder bei Sonnenschein?

Es ist normal angesichts der unerfüllten Sehnsucht zu wissen: Wir Menschen sind gebrochene, zerrissene Wesen. Wir finden kaum zur Einheit. Ganzheit ist ein Traum. Sehnsucht nach dem Schlaraffenland ist idiotisch. Also: Immer stellt sich das Gefühl ein: „Etwas fehlt“. Das ist gut so, es ist dies die Offenbarung unseres Wesens. Die Suche geht weiter, das Hoffen als tätiges Suchen geht weiter. Beim nächsten Mal wird vieles besser, hoffen wir. Letzter Hintergrund ist die Suche nach dem Friedensreich. Bloch nennt das „Heimat“. Ein „Land“, wo noch niemand war, nach dem wir aber verlangen, wenn wir nicht ganz abgestumpft sind. Diese Spannung ist bester Ausdruck des Menschen.

Ernst Bloch sagt in dem Ergänzungsband zur Gesamtausgabe, S. 367, aus einem Gespräch mit Adorno, moderiert von dem bekannten Horst Krüger: „Jede Kritik an Unvollkommenheit, an Unvollendetem, Unerträglichen, nicht zu Duldenden, setzt zweifellos schon die Vorstellung von einer möglichen Vollkommenheit und die SEHNSUCHT nach einer möglichen Vollkommenheit voraus. Es gäbe sonst gar keine Unvollkommenheit, wenn in dem Prozess nicht etwas wäre, das nicht sein sollte – wenn in dem Prozess die Vollkommenheit nicht umginge (also anwesend wäre, CM), und zwar als kritisches Moment. Aber diese Hoffnung ist das Gegenteil von Sicherheit und naivem Optimismus…“

Die Romantik als eine vielschichtige geistige Bewegung von ca. 1790 bis ca. 1840 hat die Sehnsucht energisch als Zentrum geistigen Lebens thematisiert, vor allem als Sehnsucht nach dem Unendlichen, dieses Unendliche muss nicht immer Gott oder das Göttliche sein, dieses ist eher das Nicht-Endliche oder „Über-Endliche“. Diese Sehnsucht findet für die Romantiker Ausdruck im Gefühl, das sie oft stark abgrenzen von der (bei ihnen) eher verachteten Vernunft und Aufklärung.

Da setzt die Romantik bzw. Sehnsuchts-Kritik an, etwa bei HEGEL, in seiner Kritik an Novalis etwa, in Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, III, Werkausgabe, S. 418. Diese Sehnsucht bei ihm habe keine „Substanz, sie verglimmt in sich und hält sich auf diesem Standpunkt fest“. Hegel spricht von der Extravaganz der Subjektivität, die „häufig zum Verrücktsein führt“ (ebd.) Diese Kritik Hegels ist sicher aus den polemischen Zusammenhängen damals zu erklären.

Die Sehnsucht nach Gott ist offenbar bei allen Menschen vorhanden, wird selbstverständlich je verschieden artikuliert. Aber wenn sich im Erleben des einzelnen diese Sehnsucht nicht erfüllt, kommt dies zur Ablehnung des Göttlichen. In jedem Fall: Auch der Atheismus hat seine Basis in der Sehnsucht nach dem Unendlichen oder auch Nicht-Endlichen.

Weil Sehnsucht als geistiges und auch körperliches Unterwegssein gilt, als unaufhörliches Fragen nach dem Gründenden und Tragenden, wird das erreichte Ziel eigentlich eher wie Stillstand wahrgenommen. Stillstand will die Sehnsucht nicht. Kann sie meditieren?

In jedem Fall: Sehnsucht ist der Widerstand gegen das Erlahmen. Leben wir aber schon in einer Welt, die das Erlahmen bereits fördert und die Sehnsucht gar nicht mehr aufkommen lässt? Andererseits: Ist das Planen und Vollziehen des Bösen auch eine Form von „umgelenkter Sehnsucht“?

Wird Gott als Ziel erreicht, „hat“ man „ihn“ in Formeln und Dogmen, ist eher der Abgott. Die Suche nach dem göttlichen Gott ist wichtiger, als Verlangen, Gott zu haben, zu besitzen etc…Dies ist heute noch in vielen Religionen Realität. Religionen fördern nicht das Fragen, nicht das Suchen, nicht die ständige Sehnsucht. Sie wollen Gehorsam und Stillstand. Darum ist aller Fundamentalismus und Dogmatismus ein Irrtum und eine Schaden für die Seele, weil die geistige Lebendigkeit gestört wird. Stille stehen kann nur sinnvoll sein als Unterbrechung einer Sehnsuchts/Frage-Bewegung.

Im Verlangen der Sehnsucht nach Gott, dem “tragenden Sinn” etc., ist das Gesuchte unthematisch schon (fragmentarisch) anwesend. Sehnsucht nach Gott lebt vom Vorverständnis des Göttlichen, das in uns ist. Der katholische Theologe und Philosoph Karl Rahner spricht von der Offenheit des Geistes für Gott. Also förmlich vom Vorverständnis „des“ Menschen von Gott. Es gibt dieses Ahnen, diese Vermutung: “Das muss doch etwas sein, das mehr ist als der banale Alltag. Weil wir dieses Darüber hinaus über den Alltag in uns haben, sind wir Wesen des Transzendierens“….

Thomas von Aquin, 14. Jahrhundert, sprach vom desiderium naturale, der natürlichen, also der allgemein menschlichen Sehnsucht nach Gott. Ist dies ein fremder Gedanke heute? Er will sagen: Der Mensch ist ständige Sehnsucht nach Sinn. So als, würden sich alle unterschiedlichen Sehnsüchte in einer großen zentrale Sehnsucht bündeln.

Der Begriff Vorverständnis ist die zentrale Kategorie in der Hermeneutik, in der Lehre vom verstehen, wie sie etwa Hans Georg Gadamer („Wahrheit und Methode“) entwickelt hat. Wir können uns nur fragend auf die vielen Phänomene der Welt einlassen, wenn wir immer schon eine Ahnung, ein noch unthematisches Verstehen der gesuchten Sache haben. Alles was wir kennen und lieben und wissen, das hat sich schon in einem Vorverständnis in uns vorgefunden. Die Frage: Gibt es noch das Neue, das „total Überraschende“? Sofern wir dieses „umwerfend Plötzliche“ verstehen und aussagen, ist es doch nicht total neu. Total Neues gibt es nicht, es gibt nur die Korrektur des Vorverständnisses….

Der kanadische Philosoph Carles Taylor, Montréal, sagt: „Man verkürzt heute das Nachdenken über den Menschen um den metaphysischen Hunger (ich sage: Sehnsucht). Dieser Hunger, diese Sehnsucht, nach etwas Größerem, Höherem, kurz nach Transzendenz kann die Ausrichtung eines Lebens gänzlich verändern. Es gibt das tiefe Unbehagen zu artikulieren gegen eine Welt, die sich selbst abschließt. Die tiefste Aufgabe der Philosophie ist, gegen die Verflachung der Welt vorzugehen“. (Interview in: Herder Korrespondenz, 20014, Seite 397.

Es ist interessant, dass Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, von den Leuten, die in den Orden aufgenommen werden wollte, vor allem verlangte: Ob sie eine Sehnsucht nach der Sehnsucht haben, sich auf Jesus Christus zu beziehen. Abgesehen davon: Sehr schön wird von der Sehnsucht nach der Sehnsucht gesprochen.

Im Stundenbuch von Rilke, Bd I, 1975, S. 294 lässt Rilke Gott zum Menschen sagen:

Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte, sind:
Von deinen Sinnen hinaus gesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gib mir Gewand. (geschrieben am 4.10.1899 in Berlin-Schmargendorf !)

Ein Kommentar: Der Mensch soll Gott ein Gewand geben, das heißt der Mensch soll Gott sichtbar machen in der Welt. Aber Gott will, dass wir bis an den Rand unserer Sehnsucht gehen.

Heinrich Böll denkt an die Gebrochenheit des Menschen in der Welt und die Sehnsucht, dass der einzelne wahr – genommen wird und sagt: : „Die Tatsache, dass wir eigentlich alle wissen, auch wenn wir es nicht zugeben, dass wir hier auf der Erde nicht zuhause sind, nicht ganz zuhause sind. Dass wir also noch woanders hingehören und von woanders herkommen. Ich kann mir keinen Menschen vorstellen, der sich nicht, jedenfalls zeitweise, tageweise oder auch nur augenblicksweise, klar darüber wird, dass er nicht ganz auf diese Erde gehört. Und das hat nicht nur soziale und gesellschaftliche Gründe. Es sind auch die Schwierigkeiten, sich mitzuteilen, sich darzustellen…. Der Wunsch, die Sehnsucht, erkannt zu werden, (also grundsätzlich bejaht zu werden CM) führt in eine andere Welt“ …(Karl – Josef Kuschel, Weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen“ (Piper, 1986, S. 65 f).

Zu Erich FROMM:

Der Mensch sucht danach, Machtlosigkeit, Verlorenheit, Isoliertsein zu überwinden. Er will sich zu Hause fühlen. Dies ist das Bedürfnis nach Bezogenheit und nach Transzendenz. Dies sind existentielle, psychische Bedürfnisse. Sie können sich als Sehnsucht äußern. Der Mensch hat physiologische Bedürfnisse und existentielle Bedürfnisse. Es gibt menschliche und unmenschliche Bedürfnisse.

Das Problem ist: Gibt es außer dem angeborenen Wunsch nach Freiheit auch eine instinktive Sehnsucht nach Unterwerfung? Und wenn es diese nicht gibt, wie ist dann die Anziehungskraft zu erklären, welche die Unterwerfung unter einen Führer heute auf so viele ausübt? Unterwirft man sich nur einer offenen Autorität, oder gibt es auch eine Unterwerfung unter internalisierte Autoritäten, wie die Pflicht oder das Gewissen, unter innere Zwänge oder anonyme Autoritäten wie die öffentliche Meinung?

Die politische Sehnsucht: Niemals darf die politische Dimension der Sehnsucht vergessen werden. Sie ist wohl die Basis aller Reflexionen zur Sehnsucht. Auch die Frühromantik hatte explizit progressive politische Ziele! Die Sehnsucht nach der besseren und gerechteren Gesellschaft (siehe Bloch) lebt immer auch von religiösen Motiven. Ohne die Sehnsucht nach einem besseren Leben würden die Verarmten in den Ländern Afrikas und Lateinamerikas kaum überleben. Religionen, Kirchen, können diese revolutionäre Sehnsucht beruhigen und stilllegen! Stichwort: “Opium des Volkes“.

Die 300.000 Menschen etwa in den riesigen Slums von Nairobi, Kenia, die dort vom Land hin geflüchtet waren, haben die Sehnsucht nach der Heimat, ihrer Heimat, der Natur, bewahrt. Sie sehnen sich nach einem Leben außerhalb der Müllberge und der Krankheiten. Aber wahrscheinlich verhungern sie vorher schon im Dreck.

Diese total inhumanen Zustände weltweit, mit dem Schrei der Sehnsucht nach Menschenwürde und Menschenrechten, darf niemand vergessen, der sich hier im reichen Europa der schönen Sehnsucht in gemütlichen Weihnachtsstuben und dem Sing Sang von „Stille Nacht“ hingibt, und eben auch singt: „Alles schläft“… Aufwachen kann nur, wer Weihnachten aus dem eher regressiven und theologisch dumm machenden Sing Sang der Weihnachtssongs befreit und Weihnachten als Fest der Menschenrechte feiert. „Gott wird Mensch“, heißt es klassisch theologisch zu Weihnachten. Das heißt: Jeder Mensch ist von göttlichem, absoluten Wert! Daran müssen wir … politisch arbeiten. Die innere Kraft dazu, um es mal pathetisch zu sagen, finden Menschen, die sich an den vernünftigen Kern der Weihnachtserzählung halten, im Glauben, im Glauben daran, dass eine gerechte Welt möglich ist. Und dies kann man je mal denkend feiern, etwa am 25. 12. , ohne Regression, ohne das vom Konsumrausch verdorbene Trallala der banalen “Weihnachten”.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.