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	<title>Weiter Denken Archive &#8211; Religionsphilosophischer Salon</title>
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	<description>... eine Einladung zum Mitdenken und Mitdiskutieren</description>
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		<title>Der christliche Glaube ist einfach &#8211; Auch das Bekenntnis ist einfach!</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/21344_der-christliche-glaube-ist-einfach-auch-das-bekenntnis-ist-einfach_befreiung</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 24 Dec 2025 11:41:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Befreiung]]></category>
		<category><![CDATA[Denken und Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Karl RAHNER]]></category>
		<category><![CDATA[Theologische Bücher]]></category>
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		<category><![CDATA[christliches Glaubensbekenntnis ist einfach]]></category>
		<category><![CDATA[das Bekenntnis von Nizäa überwinden]]></category>
		<category><![CDATA[Glauben ist einfach]]></category>
		<category><![CDATA[Heiner Wilmer für ein einfaches Glaubensbekenntnis]]></category>
		<category><![CDATA[Karl RAHNER plädiert für ein einfaches Glaubensbekenntnis]]></category>
		<category><![CDATA[Pater Frido Pflüger über das Wesentliche des Glaubens]]></category>
		<category><![CDATA[was ist Beten für Pater Frido Pflüger]]></category>
		<category><![CDATA[Wilhelm Gräb über das Wesen des christlichen Glaubens]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der christliche Glaube ist keine komplizierte Theorie. Das Glaubensbekenntnis der Christen ist einfach, in wenigen Worten auszusagen. Das muss angesichts des komplizierten Glaubensbekenntnisses von Nizäa (im Jahr 325!) gesagt werden. Dazu äußern sich Karl RAHNER, der Jesuit Frido Pflüger, Pater Heiner Wilmer und der Protestant Prof Wilhelm Gräb. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/21344_der-christliche-glaube-ist-einfach-auch-das-bekenntnis-ist-einfach_befreiung">Der christliche Glaube ist einfach &#8211; Auch das Bekenntnis ist einfach!</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.12.2025 &#8230; nicht nur zum Weihnachtsfest aktuell&#8230;</p>
<p>1.</p>
<p>Anläßlich des Gedenkens an das Konzil von Nizäa vor 1.700 Jahren wurde viel über das dort formulierte christliche Glaubensbekenntnis gesprochen, es wurde später noch ausführlicher propagiert … gegen allerlei Ketzer … immer in einer Sprache der griechischen Philosophie: Für die meisten Menschen &#8211; zumal außerhalb Europas &#8211; sind dies eher unverständliche, existentiell nicht berührende Thesen. Aber die Kirchenführer und die ihnen ergebenen Theologen wärmen förmlich diese alten Texte immer wieder auf … um ihre klerikale Macht zu beweisen. Alte Dokumente haben bekanntlich nur Bedeutung, wenn sie zu neuen Interpretationen auffordern…</p>
<p>2.</p>
<p>In den zahlreichen Ra&shy;dio&shy;sen&shy;dungen von Christian Modehn können immer wieder wichtige Hinweise entnommen werden, die eine moderne und vernünftige christliche Spiritualität inspirieren.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p>3.</p>
<p>Im März 2014 sendete der Hessische Rundfunk in seiner Reihe „Camino“ (Red. Klaus Hofmeister) das Feature von Christian Modehn mit dem Titel „Glauben ist einfach“.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p>Wir dokumentieren einige O Töne zum Thema „Glauben ist einfach“: Gemeint ist: Der christliche Glaube lässt sich auch heute in wenigen Worten nachvollziehbar sagen, er braucht nicht das ständige Beschwören und Wiederholen der uralten Bekenntnisse vor 1.700 Jahren. Damals hatten diese Christen den Mut, in ihrer Sprache der Philosophie den Glauben zu sagen, heute haben Theologen selbstverständlich die Freiheit, auf ihre Art, in ihrer Sprache, ihre christliche Spiritualität zu sagen.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p>3.</p>
<p>Der katholische Theologe Karl Rahner ist sicher einer der wegweisenden Denker des Christelichen, er ist 1984 im Alter von 80 Jahren verstorben. Er legte in seinen zahlreichen Publikationen allen Nachdruck auf<span class="Apple-converted-space">  </span>den einen, entscheidenden Mittelpunkt des Glaubens:<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p><b><span class="Apple-converted-space"> </span>O TON Karl RAHNER:<span class="Apple-converted-space"> </span></b></p>
<p><b>„</b>Weil wir alle Religionsunterricht gehabt haben, kann es vielleicht so aussehen, als ob das Christentum, gerade das katholisch- kirchliche Christentum, eine ungeheure Menge von Dingen sagt, einen indoktriniert und zu glauben befiehlt. In Wirklichkeit sagt das Christentum das Selbstverständlichste, das gleichzeitig unbegreiflich ist: In deinem Leben ist immer schweigend,<span class="Apple-converted-space">  </span>umfassend bergend, liebend das namenlose Geheimnis am Werk, ein Christentum, das eigentlich sehr einfach ist.<b><span class="Apple-converted-space"> </span></b></p>
<p>Alle subtile Theologie, alles Dogma, alles Kirchenrecht, alle Institution, alles Amt und alle seine Vollmacht; alle heiligen Liturgie und alle mutige Mission, haben nur das einzige Ziel: Glaube und Hoffnung und Liebe zu Gott und dem Menschen. Alle anderen Pläne und Taten der Kirche aber würden absurd und pervers, wollten sie sich dieser Aufgabe entziehen und allein sich selbst suchen.“</p>
<p><b>4.</b></p>
<p>Dem Projekt, auf neue Art einen einfachen, insofern armen Glauben zu formulieren, folgte etwa auch der Theologe Pater Heiner Wilmer, ihn konnten wir 2014 als Provinzial seines Ordens interviewen, inzwischen ist Wilmer Bischof von Hildesheim.</p>
<p><b>O TON, Heiner Wilmer,</b></p>
<p><b>„</b>Ich bin fest davon überzeugt, dass der Glaube der Zukunft nur ein armer Glaube sein kann in einer armen Kirche. Und arm verstehe ich hier als Selbstbescheidung, als Konzentration auf das Wesentliche, und ich verstehe darunter ein Zurückdrängen von Nebensächlichkeiten. Auch nebensächlichen Schauplätzen, auf die wir uns immer zu sehr getummelt haben.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p>Also Glaube ist Vertrauen. Und der Gegenbegriff von Glaube ist nicht Unglaube, sondern Angst. Der gläubige Mensch ist jemand, der ein tiefes Vertrauen hat ins Leben, das Geheimnis seines eigenen Lebens. Zur Ethik:<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p>Wenn du dich um andere kümmerst, wirst du selbst groß. Wenn du auf andere zugehst, wächst du innerlich. Wenn du deinen eigenen Horizont sprengst und die Welt offen siehst, und auch auf Unbekanntes mutig zugehst, wirst du selbst in ungeahnter Weise wachsen und zu einer erstaunlichen Größe gelangen, die dich selbst verblüfft.</p>
<p>5.</p>
<p>Der protestantische Theologe Professor an der Humboldt Universität in Berlin war als „liberaler Theologe“ immer offen für neue Formulierungen des Glaubens. Er sagt uns in einem Interview 2013: Wilhelm Gräb von der Berliner Humboldt Universität betont: <span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p><b>O TON, Wilhelm Gräb:</b></p>
<p>Das Wesen des christlichen Glaubens ist, dass das Christentum die Menschwerdung Gottes behauptet, in dem Sinne, dass wir die Entgrenzung dieser Aussage verstehen: Nicht nur in dem einen Individuum des Jesus von Nazareth ist Gott Mensch geworden. Er wird es in jedem Menschen. Jedem Menschen wohnt eine göttliche Dimension inne, dass jeder Mensch in sich selbst unendlich wichtig ist, das<b> </b>ist das Wesen des Christlichen.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p>Wilhelm Gräb ist leider 2023 gestorben im <a href="http://www.religionsphilosophischer-salon.de">www.religionsphilosophischer-salon.de</a> sind zahlreiche Interviews mit Prof. Gräb nachzulesen, die Fragen stellte Christian Modehn.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p>6.</p>
<p>Frido Pflüger hat als Jesuit viele Jahre in Uganda und Kenia gearbeitet. Im Rahmen des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes hat er dort für ein menschenwürdiges Leben ausgehungerter, sterbenskranker Flüchtlinge aus den benachbarten Krisengebieten gekämpft. Inzwischen leitet Pater Pflüger den Jesuitenflüchtlingsdienst in Berlin. Pater Pflüger ist 2021 an Covid in Uganda gestorben.<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p>Inmitten eines aufreibenden politischen Engagements hat Frido Pflüger das Grundlegende, das Wesentliche des christlichen Glaubens entdeckt:<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p><b>O TON</b>, <b>Frido Pflüger.<span class="Apple-converted-space"> </span></b></p>
<p>Das erste Wesentliche ist für mich in meinem eigenen Leben,<span class="Apple-converted-space">  </span>dass ich diese Grundüberzeugung habe, dass mein Leben sinnvoll ist, dass mein Leben getragen oder gegründet ist auf einen Ursprung, der hält. Und das ist das Wesentlichste am christlichen Glauben, dass ich davon auch Sicherheit für mein eigenes Leben verspüre. Das heißt, das ist die Basis dafür, dass ich auch ausgreifen kann, dass ich was tun kann, dass ich einfach keine Angst haben muss um mein Leben. Egal, was ich mache. Ich sag es mal einfach so: Ich kann mein Leben auch in die Pfanne hauen für andere. Ich mach mir auch nicht viel Gedanken über das Spätere. Ich hab einfach so große Zuversicht, dass mein Leben nicht scheitern wird, dass mir das eine große Lebensgewissheit ist und Sicherheit für jetzt gibt.<span class="Apple-converted-space">  </span>Was mir diese Sicherheit dann gibt, ist mein Glaube an die Auferstehung. <span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p><b>O TON, </b>Für<b> Frido Pflüger</b> ist in dem Zusammenhang das Thema Beten wichtig:<span class="Apple-converted-space"> </span></p>
<p>Auf der einen Seite kommt natürlich durch die Erfahrung von Leid und Not, auch Tod, andere Dimension ins Gebet. Weil das einfach Anliegen meines Gebets wird.<span class="Apple-converted-space">  </span>Dass ich die Menschen, die ich kenne und die in diesen Situationen leben, dass ich für sie bete. Das Beten heißt: Dass sie in meinem Herzen sind, in meinem Herzen mit Gott verbunden. Und auf der anderen Seite gibt das Gebet natürlich trotzdem dann auch für mich Bestärkung, meinen Weg weiterzugehen. Und den Sinn für mein Leben zu bestärken, dass ich diese Dinge zugunsten der Armen mit den Armen tun kann. Denn manchmal ist man auch einfach müde, und da brauche ich diese Kraft, dass ich mein Herz öffne für die Leute.</p>
<p>Copyright: Christian Modehn, <a href="http://www.religionsphilosophischer-salon.de">www.religionsphilosophischer-salon.de</a></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/21344_der-christliche-glaube-ist-einfach-auch-das-bekenntnis-ist-einfach_befreiung">Der christliche Glaube ist einfach &#8211; Auch das Bekenntnis ist einfach!</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Unmoralische Rechtsextreme: Gegen die Verachtung der universell geltenden Moral</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/20581_unmoralische-rechtsextreme-gegen-die-verachtung-der-universell-geltenden-moral_befreiung</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 19 Aug 2025 20:15:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Alternativen für eine humane Zukunft]]></category>
		<category><![CDATA[Befreiung]]></category>
		<category><![CDATA[Forschungsprojekte]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophische Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Weiter Denken]]></category>
		<category><![CDATA[Anne Rabe]]></category>
		<category><![CDATA[Anne Rabe "Das M Wort"]]></category>
		<category><![CDATA[die Bedrohung durch die AFD]]></category>
		<category><![CDATA[die Menschenrechte verteidigen]]></category>
		<category><![CDATA[Gegen die Verachtung der Motral]]></category>
		<category><![CDATA[Moral ist mehr als Sexualmoral]]></category>
		<category><![CDATA[Moral rettet die Menschen]]></category>
		<category><![CDATA[Verlag Klett - Cotta]]></category>
		<category><![CDATA[Widerstand gegen die AFD]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Moral ist die entscheidende haltung, die den Menschen zum Menschen macht. Moral als universelle Gelung der Menschenrechte fordert die Gleichheit aller Menschen. Die AFD ist gegen die Gleichheit der Menschen. Sie ist deswegen eine unmoralische Partei, für die in einer Demokratie kein Platz sein sollte. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/20581_unmoralische-rechtsextreme-gegen-die-verachtung-der-universell-geltenden-moral_befreiung">Unmoralische Rechtsextreme: Gegen die Verachtung der universell geltenden Moral</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Das Buch „Das M Wort“ von Anne Rabe<br />
Ein Hinweis von Christian Modehn am 20.8.2025</p>
<p>1.<br />
„Moral hat nichts mit Realitätsferne oder Ideologie zu tun“, betont die Schriftstellerin und Essayisten Anne Rabe in ihrem neuen Buch „Das M Wort. Gegen die Verachtung der Moral“. Ein wichtiges Buch, das zur richtigen Zeit veröffentlicht wird, da sich in Deutschland rechtsextremes Denken und Handeln mit einer weithin offiziell als rechtsextrem bewerteten Partei immer schärfer und aggressiver durchsetzen. Und konservative Parteien, wie die CDU/CSU, nichts Dringenderes zu tun haben, als möglichst viel ideologisches Material dieser Rechtsextremen zu übernehmen. Anne Rabes Buch ist eine deutliche Analyse der Gefahren von rechtsaußen. Sie kann sich zur AFD und ihrer Verbündeten kompetent äußern: Denn nicht nur politische Analysen sind für sie wichtig, sie unterstützt den demokratischen Widerstand gegen Rechtsaußen in kleinen und großen Städten, vor allem in Sachsen, sie ist mit den wenigen mutigen Menschen dort so verbunden, dass deren Einsatz ein Hoffnungsschimmer in dunklen Zeiten ist. Wir wünschen dem Buch viele LeserInnen.</p>
<p>2.<br />
In einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ (9.August 2025, Seite 24) antwortet Anne Rabe sehr deutlich auf die Frage: „Ist es unmoralisch, AFD zu wählen?“: „Diese Partei stellt die Grundsätze unserer Gesellschaft infrage. Als demokratischer Mensch darüber hinwegzusehen, ist unmoralisch… Wenn jemand auf Dauer die Gleichwertigkeit aller Menschen infrage stellt (wie die AFD), dann bedroht solch ein Menschenbild am Ende auch meine Existenz. Wenn man zur AFD schweigt, rutschen uns im Hintergrund all unsere Grundsätze weg. Wir müssen offen sagen, wer unsere Werte angreift. Und etwas dagegen tun.“</p>
<p>3.<br />
In ihrem neuen Buch „Das M Wort. Gegen die Verachtung der Moral“ entfaltet Anne Rabe diese Erkenntnis faktenreich ausführlich, durchaus „spannend“ zu lesen. Wenn Moral als zentrale Orientierung für humanes menschliches Leben ignoriert wird, setzen sich Nationalismus, ökonomischer Egoismus, Bereitschaft zum Krieg, Frauenverachtung, Queer &#8211; Feindlichkeit usw… durch, es herrscht dann das Gesetz des Stärkeren bzw. der stärksten Partei und ihres Führers. In einem solchen Chaos werden dann z. B. kritsch gewordene Parteigänger dieser Ideologie wehrlos zugrunde gehen. Sie haben ja keinen Anspruch auf universell geltende Menschenrechte&#8230;<br />
Leider begrenzt Anne Rabe ihre Reflexionen auf Deutschland. Der Niedergang eines eigentlich einmal durchaus demokratischen Staates wie der USA wird nicht thematisiert, dabei ist Trump jetzt wie ein Alleinherrscher ein deutlicher Beweis dafür, das ein eigentlich demokratischer Staat sich zu einer Art Diktatur entwickelt! Und dies, weil der nun (fast) absolute Herrscher und seine Clique moralisches Bewusstsein ignorieren bzw., falls einst vorhanden, verloren haben.</p>
<p>4.<br />
Die LeserInnen in Deutschland werden im Buch auch an „längst vergangene“ und vielleicht schon längst vergessene politische Ereignisse erinnert, etwa im Umgang mit den Fremden, den so genannten „Asylanten“, den Flüchtenden. Dabei ist es nur gut 30 Jahre her, dass die CDU/CSU „eine gravierende Beschränkung des Asylrechts“ (S. 170) durchsetzte: CDU Generalsekratär Volker Rühe hatte damals per Rundschreiben an alle Gliederungen seiner Partei zugunsten dieses Projekts aufgefordert, für die starke Einschränkung des Asylrechts mit allen Mitteln der Propaganda einzutreten „Die CSU übernahm sogar die Parole der rechtsextremen Republikaner und titelte „Das Boot ist voll“ (S. 171, mit Hinweis auf eine Studie zu diesem Thema). Besonders Unmoralisches wird von Anne Rabe benannt: „ Keine extremistische Bewegung hat in Deutschland so viele Todesopfer und Verletzte gefordert wie der Rechtsextremismus. Und für keine andere Bewegung wurde so oft die Schuld nicht bei den Tätern selbst, sondern vorrangig bei den Opfern gesucht“ (S. 172).</p>
<p>5.<br />
Anne Rabe weiß, dass ihre Erkenntnisse zu den von Rechtsextremen schon dominierten Verhältnissen eher zu Resignation und Ohnmacht führen können, auch unter den noch demokratischen LeserInnen, denen die Menschenrechte der unbestreitbare Ausdruck humaner Moral ist.</p>
<p>6.<br />
Deswegen zitiert die Autorin zum Schluß Erich Kästner: „Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät…Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf.“ (S. 200). Und in ihren Worten sagt Anne Rabe: „ Das, was die Rechtsextremen bekämpfen, muss uns das Heiligste sein &#8211; eine Gesellschaft , deren höchstes Ziel die Freiheit und Gleichheit aller ihrer Mitglieder ist. Die Herausforderungen unserer unserer Zeit, wie die globale Erwärmung, die Verknappung der Ressourcen, die Verteilung von Macht und Reichtum aber auch der Versuch vieler Menschen, Armut und Gewalt zu entkommen, kennen keine einfachen Lösungen… Aber die Gewissheit, dass alle Menschen gleich sind, muss der Anker sein für unser Denken und Handeln.“ (S. 201)</p>
<p>7.<br />
Und dann der entscheidende Satz: „Die Moral ist keine Last, sie befreit uns von unseren niederen Instinkten. Sie gibt uns die Freiheit zu hoffen, weil wir wissen: Dass eine humane Welt, die wir denken können, auch eine Welt ist, die es wirklich geben kann.“</p>
<p>8.<br />
Philosophisch könnte dieser Gedanke weiter vertieft werden: Denn Moral als zentrale, entscheidende Lebensorientierung der Menschen ist das zentrale Kriterium, unmenschliches Verhalten von menschlichem, also vernünftigem Leben zu unterscheiden. Menschliches Leben als moralisches Leben ist in der treffenden Sicht Anne Rabes der praktische Respekt vor der wesentlichen Gleichheit aller Menschen. Wer darauf hinweist, folgt nicht einer bestimmten politischen Laune, er respektiert das, was in der Vernunft eines jeden Menschen sozusagen &#8222;eingeschrieben&#8220; ist. Selbst der unmoralisch Handelnde entkommt nicht dem Grundsatz der Moral: Er muss sein Tun für sich selbst als &#8222;gut&#8220; empfinden&#8230;</p>
<p>Legen wir also endlich das populär gemachte Missverständnis beiseite, Moral habe nur etwas mit „sexuellem Leben oder dergleichen“ zu tun, gelte aber nicht in der Politik, der Ökonomie, der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung.</p>
<p>Humane und universell geltende Moral findet ihren besten Ausdruck in den Menschenrechten, formuliert von der UN 1948, sie formulieren zwar Rechte, haben aber als Basis eine universell geltende Idee, eine MORAL vom Menschen. Es war der Philosoph Immanuel Kant, der mit der <em>Entdeckung des universell geltenden &#8222;Kategorischen Imperativs&#8220;</em> (siehe Fußnote) ein Kriterium formuliert hat, mit dem Menschen ihre persönlichen und politischen und ökonomischen Maximen hinsichtlich ihrer ethischen Gültigkeit überprüfen können und sollen. Also überprüfen, ob sie mit diesen ihren Maximen moralisch, also menschlich handeln oder nicht.</p>
<p>Fußnote:<br />
Den &#8222;Kategorische Imperativ&#8220; hat Immanuel Kants unterschiedlich, aber mit gleichem Ziel, formuliert: Etwa: &#8222;Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“  Oder: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“</p>
<p><em>Anne Rabe, Das M Wort. Gegen die Verachtung der Moral. Klett-Cotta Verlag, 2025, 218 Seiten, 20€.</em></p>
<p>Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/20581_unmoralische-rechtsextreme-gegen-die-verachtung-der-universell-geltenden-moral_befreiung">Unmoralische Rechtsextreme: Gegen die Verachtung der universell geltenden Moral</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Die Autobiografie des Papstes: Aus Rom nicht viel Neues: &#8222;Hoffe&#8220;.</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/19418_19418_befreiung</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Jan 2025 19:01:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
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		<category><![CDATA[Autobiografie Papst Franziskus]]></category>
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		<category><![CDATA[HOFFE die Autobiografie von Papst Franzikus]]></category>
		<category><![CDATA[HOFFE ist keine Autobiografie]]></category>
		<category><![CDATA[Institut des fleischgewordenen Wortes]]></category>
		<category><![CDATA[Instituto del verbo encarnado]]></category>
		<category><![CDATA[Kardinal Cipriani Peru]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit und Jugend von Papst Franziskus]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik an Autobiografie von Papst Franziskus]]></category>
		<category><![CDATA[Papst Franziskus liebt die Volksreligion]]></category>
		<category><![CDATA[reaktioonäre neue geistliche Gemeinschaften]]></category>
		<category><![CDATA[reaktipnäre Orden]]></category>
		<category><![CDATA[Soldalicio]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Autobiografie von Papst Franziskus HOFFE, Autobiografisches zur Familie Bergoglio, Die Jugend von Papst Franziskus, Ppst Franziskus kritisiert den Klerus, der Klerus ist das Übel, Bergoglio der Peronist, </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/19418_19418_befreiung">Die Autobiografie des Papstes: Aus Rom nicht viel Neues: &#8222;Hoffe&#8220;.</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.1.2025</p>
<p>Bitte unbedingt beachten: Dieses Thema wird jetzt völlig ausgeblendet: Die Rolle Bergoglios im Umfeld der Militärdiktatur in Argentinien <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/3421_das-argentinische-gesicht-von-kard-bergoglio-jetzt-papst-franziskus_religionskritik">LINK</a>.</p>
<p>Genauso wichtig ist, dass Bergoglio als junger Mann Mitglied der Jugendorganisation der Peronisten war. Diese Verbindung verschweigt Papst Franziskus in seiner  Autobiografie HOFFE: Details zu Bergoglio als Peronist: Siehe FUßNOTE 1. Es handelt sich um einen Beitrag von Christian Modehn von 2022 <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/14424_papst-franziskus-ein-papst-der-widersprueche-versuch-einer-erklaerung_religionskritik">LINK</a>.</p>
<p>Am 2.2.2025 ergänzt: Die große Nachsicht und Geduld des Papstes mit theologisch wie politisch reaktionören Bischöfen und neuen sich &#8222;geistliche Gemeinschaft&#8220; nennenden Gruppen. Siehe dazu die Hinweise hier in Nr.10.</p>
<p>1.<br />
Papst Franziskus läßt jetzt weltweit sein neues Buch (384 Seiten in der deutschen Ausgabe) verbreiten, der Titel: „Hoffe. Die Autobiografie“, gemeint ist also „die“ (maßgebliche) Autobiografie. Bekanntlich hat Papst Franziskus erst 2024 sein ebenfalls autobiografisches Buch „Leben“ veröffentlicht mit dem Untertitel „Meine Geschichte in der Geschichte“. Historiker werden diese und viele andere autobiografische Äußerungen (in den zahlreichen Papst &#8211; Interviews in Büchern und Zeitschriften) kritisch zusammentragen und vergleichen… „Hoffe“ jedenfalls erscheint zeitgleich in 80 Ländern! Zum Buch LEBEN (2024) des Papstes:<a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/17830_papst-franziskus-erzaehlt-einiges-aus-seinem-leben-und-erwaehnt-vieles-nicht_benediktxvi"> LINK . </a></p>
<p>Manche Ausführungen im Buch &#8222;Leben&#8220; (2024) wurden in das Buch &#8222;Hoffe&#8220; (fast) wörtlich übernommen, siehe &#8222;Leben&#8220; S. 216 f. und &#8222;Hoffe&#8220; S. 245 f.,  wobei &#8222;Leben&#8220; präziser etwa Namen einzelner Kardinäle nennt. Man hat den Eindruck, weite Teile des Buches &#8222;Hoffe&#8220; seien unter einem  starken Zeitdruck (mit dem Co &#8211; Autor Carlo Musso) und sehr in Eile geschrieben worden. Sonst wäre die Argumentationen eines doch so gewichtig als &#8222;Die Autobiografie&#8220;  herkommenden Buches sorgfältiger und zusammenhängender.</p>
<p>2. <em>HOFFE!</em><br />
Erstaunlich an der neuesten und wohl auch letzten Autobiografie des Papstes ist der Titel „Hoffe“ (im italienischen Original „SPERA“.) „Hoffe“ meint eine Aufforderung, wenn nicht einen Befehl, es fehlt bloß noch ein Ausrufungszeichen im Titel: Vielleicht sagt es Papst Franziskus zu sich selbst: Hoffe, und er würde wohl ergänzen: Hoffe trotz der vielen Franziskusfeinde im (höheren) Klerus. “Hoffe“ gilt aber auch den LeserInnen, und sie können prüfen, ob die spirituellen und theologischen Vorschläge zugunsten der Hoffnung in dem Buch weiterführen. „Hoffe“ als Buch-Titel passt auch kommerziell bestens ins &#8222;Heilige Jahr 2025“, es steht unter dem Motto „Pilger der Hoffnung“. Bei so viel verbaler Hoffnung werden dann doch auch einige tausend der 35 Millionen Rom &#8211; Pilger 2025 das Buch kaufen. <a href="https://www.la-croix.com/Religion/Pape/Le-pape-Francois-peur-ennemis-2016-10-17-1200796866">LINK</a> zu einigen Feinden von Papst Franziskus.</p>
<p>3. <em>Wenig Auto-Biografisches</em><br />
Erstaunlich ist aber vor allem, dass der Papst sein Buch „Die Autobiografie“ nennt. Denn objektiv und literarisch betrachtet, erzählt er nur auf den ersten ca. 170 Seiten wirklich Autobiografisches. Auf den übrigen 200 Seiten, die in die sehr interessante Zeit seines Papstamtes führen, geht es um eine Art Melange von autobiografischen Erinnerungs &#8211; Elementen und eher erbaulichen spirituellen Fragmenten.</p>
<p>4.<br />
Auf den ersten 120 Seiten erfahren die LeserInnen viele Details aus der großen Familie Bergoglio mit allen Omas und Opas und Tanten und Verwandten auch in der alten Heimat im Piemont (Italien.) Es sind ja Migranten aus dem Piemont, die sich da in Argentinien niederließen. Diese eigene familiäre Migrationsgeschichte hat der Papst nie vergessen: Sein erster Besuch als Franziskus galt bekanntlich der Flüchtlings -Insel Lampedusa. Man liest also im ersten Drittel der Autobiografie viel über vorbildliche und sehr hilfsbereite Priestern (vor allem aus dem Salesianerorden Don Boscos, den der Papst wohl auch jetzt besonders schätzt). Lang und breit wird von Vater und Mutter und den Geschwistern in Buenos Aires erzählt. Diese ausführlich ausgebreitete familiäre und nachbarschaftliche Nähe der Menschen damals in Buenos Aires läßt ahnen, wie sehr auch Papst Franziskus ein Mensch der Gemeinschaft, der Freundschaft, ist. Alleinsein ist ein Horror für ihn, darum weigerte er sich auch, als Papst abgeschirmt von den Menschen, im Apostolischen Palast zu leben. Allein (wo möglich noch mit einem Assistenten Georg Gänswein) im apostolischen Palast zu wohnen … das hätte ihn in die Psychiatrie geführt, sagte er….(Zitat in &#8222;Leben&#8220; (2024), S. 221.</p>
<p>5. <em>Theologische Elemente</em><br />
Es ist nicht falsch, in einer Autobiografie des Papstes, etwas ausführliche Beschreibungen und Bewertungen von Ereignissen und Begegnungen während seines so genannten „Pontifikats“ (seit 2013, immerhin seit 12 Jahren) zu erwarten. Aber diese Erwartungen werden nicht erfüllt . Die LeserInnen werden in den letzten etwa 12 Kapiteln mit hübschen poetischen Titeln („Mit den tiefinnersten Schwingungen gehen“, „Die Wanderung durch dunkel Täler“, „Nach dem Ebenbild eines lächelnden Gottes“ usw…) immer wieder einzelne theologische Erkenntnisse und Beurteilungen finden oder auch pastorale Prinzipien. Manches ist radikal: „Eine der größten Sünden, die wir Kleriker begangen haben , ist es, diese Kirche zu maskulinisieren“ (S. 232). Oder „Die Kirche muss hinausgehen und sich schmutzig machen“ (S. 235). Radikal erscheint auch: „Die Kirche ist eine Frau. Wir Kleriker sind Männer, aber wir sind nicht die Kirche“. Und anschließend ins Mystische abrutschend: „Die Kirche ist eine Frau, weil sie eine Braut ist“ (S. 232). Man denke also weiter: Kleriker als Männer mit dem Zölibatsgesetz haben dann doch eine Braut: Die Kirche. Und die Kinder dieser Verbindung dürfen selbstverständlich nur geistliche Kinder sein, bei leiblicher Liebe zahlt dann der Bischof Alimente. „Christen sind nicht rückwärtsgewandt“ heißt es richtig auf Seite 264. Und noch einmal eine Seite weiter: „Tradition bedeutet vorwärts zu gehen… Die Kirche ist nicht die Gemeinschaft der `guten alten Zeit`.“ Tatsächlich zeigt Papst Franziskus überhaupt äußerst wenig Toleranz gegenüber den Traditionalisten oder den vielen jungen Priestern, die so gern nur die alte lateinische Messe feiern wollen. Und in reaktionären, eigentlich obskuren Gemeinschaften („Verbum incarnatum“, „Soldalicio“) räumt er nach vielen Jahren großer Geduld auf. Aber es sind immer nur die knappen Hinweise, die verstören, wo die LeserInnen inhaltlich mehr erwarten, etwa zur Frage eines neuen, III. Vatikanischen Konzils. Da sagt der Papst: &#8222;Wir müssen erst noch vollständig das Zweite Vatikanische Konzil umsetzen und dass wir noch entschiedener die höfische Kultur in der Kurie (im Vatikan usw.) hinwegfegen müssen… Die Kirche ist keineswegs der letzte europäische Hofstaat einer absoluten Monarchie“ (S. 266).<br />
In dem schon genannten Buch „Papst Franziskus: Leben“ (aus dem Jahr 2024) heißt es hingegen auf Seite 255: „Es stimmt, dass der Vatikan die letzte absolute Monarchie in Europa ist…“ Dies nur als ein Beispiel für die gedankliche Entwicklung von Papst Franziskus… <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/17830_papst-franziskus-erzaehlt-einiges-aus-seinem-leben-und-erwaehnt-vieles-nicht_benediktxvi">LINK </a><br />
Natürlich kann Papst Franziskus seine Zeit als Jesuit und Kardinal von Buenos Aires unter der Militärdiktatur nicht übergehen. Aber Neues erfährt man auf den wenigen Seiten (S. 163) auch nicht, erneut bestätigt der Papst, als Erzbischof eine Messe in der Residenz des Junta-Oberhauptes gelesen zu haben, um zwei Jesuiten auf diese Weise zu retten… Erzbischof Bergoglio litt in dieser Zeit enorm, er schreibt: „Deswegen bekam ich fast ein Jahr lang Unterstützung durch eine Psychiaterin, eine sehr kluge und fähige Jüdin…“ (S. 165).</p>
<p>6. <em>Zwei Schritte vor, ein Schritt zurück</em><br />
In der Autobiografie „Hoffe“ sucht man vergeblich Beurteilungen zum Stand der Ökumene mit Protestanten, man sucht vergeblich weiterführende theologische Gedanken, etwa: ob nicht das Papsttum heute ganz neu gestaltet werden müsste, etwa mit fünf oder sechs „Regional &#8211; Päpsten“ auf allen Kontinenten; man findet nichts zur Abschaffung des Zölibatsgesetzes, nichts zur Reduzierung der umfassenden Dogmen &#8211; Berge. Im Gegenteil: &#8222;Wir müssen aus der Starre heraustreten. Und das bedeutet nicht, dass wir einen Weg gehen, der Glaubenswahrheiten relativiert“ (S. 373). Aber gleich danach die Einschränkung: „Dabei müssen wir der Versuchung entsagen, den Glauben zu kontrollieren, denn der Herr Jesus lässt sich nicht kontrollieren“ (ebd.). Das ist typisch Franziskus: Die ganze alte Lehre mitschleppen, ein bißchen an ihr kratze… Aber dann doch nicht die Reformer (denn das sind ja Dogmen &#8211; Kritiker) „kontrollieren“, wobei Papst Franziskus behauptet: Die Glaubenswahrheiten der Kirche wären mit dem „Herrn Jesus“ identisch…Lang und breit wiederholt Papst Franziskus seine totale Ablehnung des Krieges, jedes Kriegs. Aber dass anstelle des Katechismus &#8211; Unterrichts bei Katholiken nun umfassende Friedenserziehung zur Gewaltlosigkeit erfolgen sollte, liest man nicht…In den letzten Monaten fällt auf: Das einzige, was dem Papst noch zum Frieden in der Welt einfällt, ist das Bittgebet: Man lese die vatikan-news, sie dokumentieren die vielen täglich wechselnden Bitt &#8211; Gebete des Papstes, für Haiti oder Gaza, für die Ukraine oder Myanmar, für Opfer von Gewalt oder von Waldbränden und so weiter: Bittgebete als letzte Rettung päpstlicher Macht?</p>
<p>7. <strong>Eine <em>Bilanz</em></strong><br />
Wer wird Bilanz ziehen und dabei realistisch fragen: Was hat die Regierungszeit von Papst Franziskus nachweislich, sichtbar, spürbar, „gebracht“? Ich meine: Die Bilanz fällt mager aus: Innerkirchlich ist der Papst manchmal ein paar Schritte vorwärtsgegangen, hat etwa Frauen als oberste Büroleiterinnen in vatikanischen Behörden zugelassen, aber eben nicht Frauen als Diakoninnen und Priesterinnen. Er hat aufs heftigste den Klerus kritisiert, aber das Grundübel des Klerus, den verpflichtenden Zölibat, nicht abgeschafft, obwohl er das von heute auf morgen als Papst hätte tun können. Er hat sehr häufig verständnisvoll von Homosexuellen gesprochen, so wie man über Schwerkranke spricht. Aber die gleichberechtigte Ehe von Homosexuellen und dann auch die entsprechende kirchliche Hochzeitsfeier total abgelehnt. Afrikas reaktionäre Bischöfe und mit ihnen die Politiker bestimmten als explizite Feinde von Homosexuellen sozusagen die offizielle katholische Moral.</p>
<p>Papst Franziskus hat sich stark gemacht für die katholische Volksreligion, die er in Argentinien schon sehr hoch schätzte, also den Kult rund um die Heiligen, den Reliquienkult, das Ablasswesen, die Wallfahrten und vor allem die völlig Hingabe an Maria, die er Mutter Gottes nennt oder in seiner kindlichen Frömmigkeit als „Knotenlöserin“ verehrt. Mit dieser mittelalterlichen Volksfrömmigkeit, die oft an Aberglauben grenzt, wird der Klerus die jungen gebildeten Menschen in Europa nicht mehr für die katholische Kirche gewinnen. Es liegen unterschiedliche geistige Welten zwischen dem Vatikan und Europa, möchte man sagen. Der Katholizismus als dominante Konfession ist in Europa vorbei, verantwortlich dafür sind auch die vielen Priester, die sich sexuellem Missbrauch hingaben. Papst Franzikus betont in seinem Buch &#8222;HOFFE&#8220; mehrfach, an der Seite der Opfe zu stehen!</p>
<p>Man wird in einer Bilanz sagen müssen: Ein moderner Theologe ist Papst Franziskus nicht, selbst wenn er nach außen sympathisch &#8211; „so menschlich“ wirkt. Hat der Theologe Bergoglio Werke seines Jesuiten und Theologen Karl Rahner gelesen, kennt er wenigstens den Namen Hans Küng, hat er  Bücher der Befreiungstheologen Gustavo Gutierrez oder Leonardo Boff gelesen und nicht nur die argentinischen Vertreter der Volksreligiosität?<br />
So sind die Leserinnen nicht erstaunt, dass in der Liste der in „Hoffe“ erwähnten Bücher nur zwei explizit theologische Titel auftauchen, ein Titel stammt von Romano Guardini (1965) und eines vom französischen Jesuiten de Lubac („Betrachtungen über die Kirche von 1954). Natürlich freut man sich, dass ein Papst überhaupt mal einen den Soziologen, nämlich Zygmunt Bauman, erwähnt oder sogar Bert Brecht oder Songs aus Opern oder unter den für ihn wichtigen Filmen nicht nur Don Camillo und Peppone nennt, sondern auch Arbeiten Federico Fellinis. Aber hat säkulare Kunst auch den Papst etwas säkularer gemacht? Hat er von er Säkularität (bzw. der Laizität) etwas gelernt? Eine offene Frage… <em>Einige deutsche LeserInnen werden sich freuen, dass Papst Franziskus in „Hoffe“ die ökumenische (protestantische) Theologin Dorothee Sölle erwähnt (S. 106f.).</em></p>
<p>Die Bilanz des Pontificates fällt noch bescheidener aus, wenn man an die außenpolitische Wirkung des Staatschefs Papst Franziskus (er ist ja Chef des Staates „Heiliger Stuhl“) denkt. Frieden kann ein Papst weder als spirituelles Oberhaupt noch als Staatschef schaffen. Wer danach fragt, wird auf hilfreiche Friedens &#8211; Gespräche der päpstlichen Diplomaten verwiesen, aber nachweisbare Ergebnisse können nicht genannt werden, bestenfalls die übliche caritative Hilfe, und das ist schon etwas. Den Hunger in der Welt konnte auch er nicht relevant reduzieren. Katholiken sollen ja für Arme Geld spenden, nicht aber umfassend informiert auch ungerechte Strukturen verändern… Die praktische Gültigkeit der Menschenrechte weltweit konnte der Papst auch nicht durchsetzen, kein Wunder, möchte man sagen, denn der Vatikan hat zur UNO Erklärung der Menschenrechte von 1949 eher nicht ein distanziertes Verhältnis.</p>
<p>8.<br />
Was also bleibt abgesehen von dem diffusen Befehl „Hoffe“? Es gibt viel „Wind“ auch unter diesem Papst, viel innerkirchlicher Reformeifer ohne durchgreifende Reformen, es ging immer um innerkirchliche Querelen, die nicht vorankommen. Wir erleben also letztlich eine Fortsetzung katholischer Stagnation mit einem durchaus ja netten und zugewandten Papst Franziskus. Ob so viel nach außen gezeigte Freundlichkeit in Person noch einmal auf dem Papstthron wiederkehrt, ist sehr die Frage, wenn man bedenkt, dass 1,5 Milliarden Katholiken nach den uralten Regeln zu führen, eher hartes Durchgreifen erfordert. Und: Die klerikale Männerwelt wird ad aeternum fortbestehen. Ihr Frauen, lasst alle Hoffnung auf Priestertum der Frauen fahren. Papst und Klerus glauben nach wie vor eisern: Gott selbst in der Gestalt Jesu Christi habe die katholische Kirche als Klerus &#8211; Kirche begründet und so, wie sie ist, auch gewollt. Gegen solche steilen Thesen kommt selbst der heilige Geist nicht an.</p>
<p>9.<br />
Papst Franziskus hat es mit persönlichem Einsatz bis ins höchste Alter gewagt, diesen korrupten Klüngel des Klerus im Vatikan etwas aufzulösen und „in die Wüste zu schicken“; er hat versucht, die Kirche &#8211; in seiner Sicht &#8211; wieder stärker an die Vision des Jesus von Nazareth zu binden.  Ob er zu einer wirklich grundlegenden Reformation der katholischen Kirche auch theologisch in der Lage gewesen wäre, ist sehr die Frage. Meine Antwort : Eher NEIN: Denn Papst Franziskus wollte auf die Vorherrschaft seiner eigenen volkstümlichen (naiven) Frömmigkeit mir den ständigen Bitt -Gebeten für alle(s) und jedes nicht verzichten. Er sah nicht, dass es die vielen unsäglichen und unverständlichen Dogmen sind, die den Zugang zum Glauben heute versperren. Aber im Unterschied zum unterkühlten theologischen Verwalter und Ketzer &#8211; Verfolger Ratzinger/Benedikt XVI. und im Unterschied zum Dogmen besessenen, alle Menschen &#8222;neu&#8220; missionierenden Polen Johannes Paul II. ist Papst Franziskus doch ein gewisser Lichtblick der Nächstenliebe, für die Armen zumal… und dies gilt zumal in der ohnehin sehr trüben und eigentlich abzulehnenden Reihe derer, die sich einst &#8222;Stellvertreter Christi auf Erden&#8220; nannten, ohne dabei vor Scham im Boden zu versinken. Sie haben etwa im 19. Jahrhundert den Katholizismus geistig und theologisch auf Dauer zerstört, indem sie ihn als absolut anti-modern (und antisemitisch) definierten! Das ist evident: Zerstörerisch waren nicht etwa die wenigen klugen aufklärerischen Philosophen. Papst Franziskus wollte da  auf seine popläre Art, etwas &#8222;heilend&#8220; zu wirken. Mit sehr mäßigem Erfolg. Die gebildeten Katholiken in Europa und Amerika können mit diesem autoritären Katholizismus nichts mehr anfangen. Papst Franziskus setzt deswegen auf die, wie er lobend sagt, kinderreichen katholischen Familien, in Afrika und auf den Philippinen, in Indien, Indonesien, Neu -Guinea usw&#8230; So bleibt der Katholizismus trotz der in Europa verschwindenden Kirche immerhin eine &#8222;Kirche mit mehr als einer Milliarde Mitglieder&#8220;.</p>
<p>10. <strong>Am 2.2.2025 ergänzt: Die große Geduld des Papstes mit theologisch und politisch reaktionären Bischöfen und neuen &#8222;geistlichen Gemeinschaften&#8220;:</strong></p>
<p>Zu dem offensichtlichen großen Versagen des „Reformpapstes“ Franziskus gehört seine langandauernde Duldsamkeit gegenüber theologisch reaktionären Bischöfen und Kardinälen sowie auch die langandauernde Duldsamkeit bzw. Nachlässigkeit gegenüber den entsprechenden relativ neu gegründeten, sich „geistliche Gemeinschaften“ nennenden, auch politisch reaktionären Bewegungen und Gruppen. Sie sind stark von sexuellem Missbrauch ihrer Mitglieder betroffen.</p>
<p>Es wird hoffentlich kritische und kirchenunabhängige HistorikerInnen geben, die alle Fakten in dem Zusammenhang ausführlich darstellen und die Liste der hier nur fragmentarisch genannten Personen und Gruppierungen weiter ergänzen und studieren. Dadurch wird die reaktionäre Wende der katholischen Kirche insgesamt sichtbar.</p>
<p>Diese hoffentlich alsbald realisierten kritischen und kirchlich unabhängigen Studien werden auch das Gesamtbild des sich volkstümlich gebenden Papstes Franziskus deutlicher machen.</p>
<p>Hier werden nur einige hohe „Würdenträger“, Exzellenzen und Eminenzen, genannt, die viele Jahre als theologisch reaktionäre Herrscher das Leben der katholischen Kirche nicht nur vor Ort beherrschten, wenn nicht zerstörten. Proteste gegen die klerikalen Herrscher gab es schon Jahre lang, sie waren natürlich vergeblich. Papst Franziskus setzte diese von vielen Theologen und Gläubigen immer schon heftigst kritisierten Herrscher nicht rechtzeitig ab, sondern erst in letzter Minute, möchte man sagen, bis zum Erreichen der für eine „Pensionierung“ nötigen Altersgrenze von 75 bzw. 80 Jahren…</p>
<p>Der Hintergrund: Der Klerus hält zusammen und deckt und schätzt sich untereinander, solange bis die „Situation“ der Kritisierten öffentlich weithin bekannt und sozusagen unerträglich wird.</p>
<p><em>Eminenzen und Exzellenzen</em>:<br />
<em>Kardinal Juan Luis Cipriani von Lima Peru,</em> ganz offen Mitglied des „Opus Dei“, vor dieser Organisation hatten und haben eigentlich alle immer Angst, wohl auch Papst Franziskus: Cipriani war als Kardinal von Lima u.a. der heftigste Feind der authentischen lateinamerikanischen Theologie. Quelle: https://www.religiondigital.org/america/. Und: https://www.eldiario.es/sociedad/caida-cipriani-cardenal-opus-dei-acusado-abusos-convirtio-peru-laboratorio-iglesia-ultra_1_12010508.html</p>
<p><em>Bischof Dominique Rey von Toulon -Fréjus, Frankreich</em>. Mitglied der internationalen, konservariten charismatischen Bewegung Emmanuel. Theologisch heftigst reaktionär, Sympathisant der Le &#8211; Pen &#8211; Partei, erst im Januar 2025 wurde sein vorzeitiger „Rücktritt“ als Bischof bekannt. Quelle: Le Monde: https://www.lemonde.fr/societe/article/2025/01/07/l-eveque-conservateur-de-frejus-toulon-demissionne-apres-deux-ans-de-crise_6486624_3224.html<br />
Die Tageszeitung La Croix: https://www.la-croix.com/religion/sous-la-pression-du-vatican-mgr-dominique-rey-demissionne-de-sa-charge-d-eveque-de-frejus-toulon-20250107</p>
<p><em>Bischof Marc Aillet von Bayonne,Frankreich,</em> extrem theologisch reaktionär, vergasst von vielen Katholiken im Bistum, bisjetzt noch an der Macht. quelle: https://www.20minutes.fr/societe/4098789-20240629-bayonne-pourquoi-vatican-ordonne-mission-inspection-diocese-gouverne-marc-aillet</p>
<p>Siehe auch die Studie von Christian Modehn <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/14786_katholischer-bischof-als-putin-freund_religionskritik">LINK</a> https://religionsphilosophischer-salon.de/14786_katholischer-bischof-als-putin-freund_religionskritik</p>
<p><em>Bischof Athanasius Schneider in Kasachtan,</em> Mitglied des Kreuzordens, mit dem obskuren Engelwerk verbunden. Ein expliziter Feind von Papst Franziskus.</p>
<p><em>Bischof Andreas Laun, Salzburg.</em> Ein FPÖ Freund. Quelle: https://www.diepresse.com/19216787/weihbischof-laun-hardliner-in-der-katholischen-kirche-ist-tot</p>
<p>„Politisch engagierte sich Laun für die rechtsextreme FPÖ. So sprach er 2016 eine Wahlempfehlung für den FPÖ-Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer aus …Sogar Nazi-Vergleiche führte Laun an: Die Segnung homosexueller Paare in der Kirche lehnte er etwa nach seinem Rückzug aus dem Kirchenamt 2018 mit dem Argument ab, man könne ja auch kein KZ segnen. Quelle: https://www.queer.de/detail.php?article_id=52147</p>
<p><em>Neue Ordensgemeinschaften:</em></p>
<p><em>„Sodalicio“</em> eine extrem theologisch/politisch reaktionäre Bewegung von (sehr wohlhabenden) Priestern und Laien in ganz Lateinamerika, mit Missbrauchstätern, seit Jahren objektiv kritisiert, wird erst jetzt, 2025, aufgelöst. Warum das lange Zögern des Papstes??? : https://www.katholisch.de/artikel/59264-laienbewegung-sodalicio-bestaetigt-aufloesung-durch-den-papst</p>
<p><em>Institut del verbo encarnado</em>. offizielle Website: https://ive.org/<br />
Erst seit Januar 2025 unter päpstlicher Aufsicht.</p>
<p>Es gibt nur sehr wenige kritische Studien zu diesem Verein in deutscher Sprache LINK. https://religionsphilosophischer-salon.de/keys/institut-vom-inkarnierten-wort<br />
Zur Förderung reaktionärer neuer Orden durch Papst Johannes Paul II. und Ratzinger/Benedikt XIV.: LINK: https://religionsphilosophischer-salon.de/1382_benedikt-xvi-ist-politisch-rechtslastig-religionskritische-perspektiven-zu-joseph-ratzinger_benediktxvi</p>
<p><strong>Fußnote 1: Quelle: <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/14424_papst-franziskus-ein-papst-der-widersprueche-versuch-einer-erklaerung_religionskritik">LINK</a><br />
</strong></p>
<p><em>In diesem Beitrag von 2022 das Kapitel: &#8222;Bergoglio – der Peronist.&#8220;</em></p>
<p>Es wurde in der theologischen und religionskritischen Forschung bis jetzt leider der wichtige Aufsatz von Colm Tóibín übersehen, den der irische Journalist und Literaturwissenschafter, Lehrbeauftragter an der Stanford University usw., in der Zeitschrift „Lettre International“, Ausgabe Frühjahr 2021, S. 68 -75, veröffentlichte.</p>
<p>Der Titel von Tóibíns Studie: „Das Lächeln Bergoglios. Vom peronistischen Jesuiten zum Heiligen Vater im Vatikan – Eine Karriere“.</p>
<p>Tatsache ist, dass Bergoglio von 1972 bis 1974 der peronistischen Bewegung „Guardia de Hierro“ („Eiserne Garde“) nahestand, das wird von Historikern überhaupt nicht bestritten. Wie sich daraus eine Nähe UND Distanz des Provinzials der argentinischen Jesuiten Bergoglio zu den mordenden Militärs in Argentinien (von 1976-1983) entwickelte, wird noch weiterhin hoffentlich umfassend studiert und diskutiert. Der Sozialist und Ökonom Roberto Pizarro H. entschuldigt förmlich die bekannte damalige „Schwäche“ („debilidad“) des führenden Jesuiten Bergoglio in dieser Zeit damit, dass Bergoglio nun als Papst so viel Gutes tut zugunsten der Armen. So kann man auch politische Fehler eines Jesuitenprovinzials reinwaschen. Quelle: <a href="https://www.eldesconcierto.cl/opinion/2018/01/13/el-papa-francisco-la-guardia-de-hierro-y-el-genocida-massera.html">https://www.eldesconcierto.cl/opinion/2018/01/13/el-papa-francisco-la-guardia-de-hierro-y-el-genocida-massera.html</a>.</p>
<p>Über die undeutliche Haltung des Jesuitenprovinzials Bergoglio während der Militärdiktatur spricht auch Tóibín in seinem Artikel. Auch seine spirituelle Praxis, volkstümlicher Art („Verehrung von Heiligenbildern und der Kultus der Madonna“, S. 70) wird ausführlich behandelt. Wichtig ist die innere Verbundenheit mit „dem“ Peronismus: „Bergoglio ist ein Peronist, und die Pointe des Peronismus ist es, dass er sich niemals definieren lässt. Die Montoneros, die in den siebziger Jahren Argentinien mit einer Terrorismuskampagne überzogen, waren Peronisten. Und die Eiserne Garde, die rechte Gruppe, mit der Bergoglio in Verbindung stand, bestand ebenfalls aus Peronisten. Präsident Carlos Menem war Peronist und die Präsidenten Kirchner waren es auch. <strong>Ein Peronist zu sein, heißt alles und nichts. Es heißt, dass man zeitweise mit genau den Dingen einverstanden sein kann, die man ansonsten ablehnt.</strong> Man kann sowohl Reformer sein wie gleichzeitig ein Konservativer“ (S. 74). …“Bergoglio konnte in einem Augenblick den Anarchisten spielen und im nächsten in seine autoritäre Rolle zurückfallen“ (S. 73).</p>
<p>Das heißt: Es ist dieses taktische Lavieren, dieses Schwanken je nach der machtpolitischen Situation zwischen Ja und Nein, es ist diese Dialektik von Zustimmung und Widerspruch ohne zu einer neuen höheren Ebene zu führen, die den – in Deutschland weithin unbekannten – Peronismus auszeichnet…und die, wie Colm Tóibín schreibt, auch den peronistischen Jesuiten Bergoglio und Papst Franziskus prägt. So wird eine Antwort gegeben auf das widersprüchliche Verhalten dieses Papstes etwa zum Zölibat – angesichts der „Amazonas-Synode“ – oder zur konsequenten Bestrafung von sexuellen Missbrauchstätern im Klerus. Oder zum äußerst verständnisvollen und geduldigen Umgang mit den in dem Zusammenhang hoch belasteten Kardinälen (wie Woelki in Köln). Andererseits: Der rasante Rausschmiss des Pariser Erzbischofs Aupetit, der den „furchtbaren“ Makel hat, sich in eine Frau ein bisschen verliebt zu haben und das auch noch dummerweise veröffentlichte. Aber solche heterosexuellen  Makel werden wohl immer seltener, mangels heterosexueller Priester…</p>
<p><em>Papst Franziskus, „Hoffe. Die Autobiografie“, 384 Seiten inkl.Bildteil, Kösel Verlag, München. 24€.</em></p>
<p>Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/19418_19418_befreiung">Die Autobiografie des Papstes: Aus Rom nicht viel Neues: &#8222;Hoffe&#8220;.</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Theologe Wilhelm Gräb gestorben. Seine Vorschläge zur Reformation der Kirchen!</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/15786_der-theologe-prof-wilhelm-graeb-gestorben_denken-und-glauben</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Mar 2023 09:42:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Denken und Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Forschungsprojekte]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb (✝ 2023)]]></category>
		<category><![CDATA[Weiter Denken]]></category>
		<category><![CDATA[aktuelle Interviews mit Prof. Wilhelm im Religionsphilosophischen Salon]]></category>
		<category><![CDATA[am 23.1.2023 Wilhelm Gräb gestorben]]></category>
		<category><![CDATA[Interview mit Wilhelm Gräb]]></category>
		<category><![CDATA[liberaler Theologe Wilhelm Gräb gestorben]]></category>
		<category><![CDATA[Prof. Wilhelm Gräb gestorben]]></category>
		<category><![CDATA[Theologe der Humboldt Universität gestorben]]></category>
		<category><![CDATA[Theologe Wilhelm Gräb gestorben]]></category>
		<category><![CDATA[Wilhelm Gräb 65 Interviews]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://religionsphilosophischer-salon.de/?p=15786</guid>

					<description><![CDATA[<p>Wilhelm Gräb, der "liberale Theologe" Wilhelm Gräb, die Dogmen beiseitelegen, Wilhelm Gräb gestorben, Wilhelm Gräb ein radikaler Reformer, Christian Modehn Interviews mit Wilhelm Gräb, Interviews mit Wilhelm Gräb, </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/15786_der-theologe-prof-wilhelm-graeb-gestorben_denken-und-glauben">Theologe Wilhelm Gräb gestorben. Seine Vorschläge zur Reformation der Kirchen!</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em><strong>Am 25.1.2023 notiert und am 10.2.2025 ergänzt:</strong> </em></p>
<p><em>Eine traurige Nachricht, ein großer Verlust für eine moderne “liberale Theologie”: Prof. Wilhelm Gräb, Prof. em. für praktische Theologie an der Humboldt-Universität Berlin,  ist am 23. Januar 2023 in Berlin nach langer Krankheit gestorben. Der Religionsphilosophische Salon Berlin verdankt ihm viele wichtige Anregungen und dankt nochmals auf diese Weise für insgesamt 65 Beiträge und Interviews, die Wilhelm Gräb in mehr als zehn Jahren für diese website gab. <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/topics/interviews-mit-prof-wilhelm-graeb">LINK.</a><br />
</em></p>
<p><em>Ich darf sagen, wir haben einen Freund verloren, der als ein Theologe der heutigen Moderne ungewöhnliche, aber richtige Perspektiven zeigte in seiner großen Aufgeschlossenheit und Freundlichkeit. Für ihn war die religiöse Glaubensform eines jeden Menschen wichtiger als die fixierenden, dogmatischen Lehren der Kirche. Diese theologische Freiheit, alle dogmatische Engstirnigkeit, allen Fundamentalismus auch in der evangelischen Kirche zu überwinden, “beiseite zu tun”, wie Wilhelm gern sagte, ist in ihrem radikalen Mut schon ziemlich einmalig. Ob diese Vorschläge und Ansätze zu einer Reformation der Kirchen noch ernstgenommen werden, gerade in dieser “Kirchenkrise” ist eine offene Frage… </em></p>
<p><em>Wilhelm Gräb hatte begriffen: <strong>Die Krise der Kirchen heute ist eine Krise ihrer Dogmen, ihrer Lehren, sie gilt es zu korrigieren und in großem Umfang „beiseitezulegen“.</strong> Um den elementaren religiösen Glauben zu bewahren. Das verstehen nur die Kirchenführer nicht oder wollen es nicht verstehen, sie debattieren ewig über Strukturen und deren Reformen. Siehe jetzt die Debatten um das Konzil von Nizäa.<br />
</em></p>
<p><em>Interessant in dem Zusammenhang das Interview, das uns Wilhelm Gräb 2012 zum Thema TOD und Sterben gab: LINK<br />
</em></p>
<p><em>Zur theologischen Besinnung empfehle ich auch unser Interview mit Wilhelm Gräb &#8222;Der Gott der Liebe&#8220;. LINK:<br />
Über vierzig viel beachtete Interviews mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb (Berlin, Humboldt – Universität) sind auf unserer Website publiziert. LINK.<br />
</em></p>
<p><em>Fest steht: Wilhelm Gräb war ein Theologe, der über die allmählich verschwindende Macht der Kirchen hinausdachte, damit auch über die so genannte Säkularisierung. Und der in der SINN-Frage, die jeden Menschen bewegt, die entscheidende Dimension geistvollen Lebens entdeckte und reflektierte. Letztlich kam es ihm auf die Pflege der SINN-Frage an, was für eine richtige Radikalität.<br />
</em></p>
<p>Die Vorlesung Wilhelm Gräbs beim offiziellen Abschied (Emeritierung) von der Humboldt &#8211; Universität hat der Re&shy;li&shy;gi&shy;ons&shy;phi&shy;lo&shy;so&shy;phie Salon als erster publiziert. <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/7991_lebenssinndeutung-als-aufgabe-der-theologie-abschiedsvorlesung-von-prof-wilhelm-graeb-berlin_denken-und-glauben">LINK.</a></p>
<p><em>Interessant in dem Zusammenhang das Interview, das uns Wilhelm Gräb 2012 zum Thema TOD und Sterben gab: <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/2983_meinen-tod-annehmen-meinen-tod-sterben-duerfen-ein-interview-mit-prof-wilhelm-graeb-humboldt-universitaet_weiter-denken">LINK </a></em></p>
<p>Zur theologischen Besinnung empfehle ich auch unser Interview mit Wilhelm Gräb “Der Gott der Liebe”.<a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/13752_der-gott-der-liebe-drei-fragen-an-den-theologen-prof-wilhelm-graeb-berlin_denken-und-glauben"> LINK</a>:</p>
<p>Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin, führte insgesamt 65 Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb, die auf der website des Re&shy;li&shy;gi&shy;ons&shy;phi&shy;lo&shy;so&shy;phi&shy;sch&shy;en-salon.de   nachzulesen sind. <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/topics/interviews-mit-prof-wilhelm-graeb">LINK. </a></p>
<p>Siehe auch den Hinweis der Theologischen Fakultät der HU, in englischer Sprache, die schön in einigen Worten auch die menschlichen Qualitäten Wilhelm Gräbs deutlich machen. <a href="https://www.rcsd.hu-berlin.de/de">LINK.</a></p>
<p>Copyright: Christian Modehn. Berlin.   Religionsphilosophischer-salon.de</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/15786_der-theologe-prof-wilhelm-graeb-gestorben_denken-und-glauben">Theologe Wilhelm Gräb gestorben. Seine Vorschläge zur Reformation der Kirchen!</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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		<title>Hässliches begehren, Hässliches teuer bezahlen…</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/15580_haessliches-begehren-haessliches-teuer-bezahlen_denkbar</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 Dec 2022 21:39:12 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Obdachlsoe erreichen neue Schuhe]]></category>
		<category><![CDATA[Reiche schenken Obdachlosen Schuhe]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Philosophisch betrachtet“: Eine neue Initiative im Re&shy;li&shy;gi&shy;ons&shy;phi&shy;lo&shy;so&shy;phi&shy;sch&shy;en Salon Berlin. Ein Hinweis von Christian Modehn am 20.12.2022 Oft führt das „Vermischte“ in der Zeitung ins Nachdenken, auch ins philosophische. 1. Dass Hässliches beliebt ist, wissen wir schon lange, wenn man nur die vielen Neubauprojekte &#8211; etwa in Berlin „die Europacity“ am Hauptbahnhof &#8211; anschaut. Und dass [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>„Philosophisch betrachtet“: Eine neue Initiative im Re&shy;li&shy;gi&shy;ons&shy;phi&shy;lo&shy;so&shy;phi&shy;sch&shy;en Salon Berlin.</p>
<p>Ein Hinweis von Christian Modehn am 20.12.2022</p>
<p>Oft führt das „Vermischte“ in der Zeitung ins Nachdenken, auch ins philosophische.</p>
<p>1.</p>
<p>Dass Hässliches beliebt ist, wissen wir schon lange, wenn man nur die vielen Neubauprojekte &#8211; etwa in Berlin „die Europacity“ am Hauptbahnhof &#8211; anschaut. Und dass viele Leute, äußerlich nicht zu den Schönsten gehörend, sich mutig im „Club der Hässlichen“ versammelten, ist ja bekannt.<br />
Hässliches wie Schönes sind meist Geschmacksache.<br />
Dennoch wird kein Nachdenklicher jemals auf einen normativen Aspekt verzichten wollen. Und etwa ein gräßliches Kitschbild eines röhrenden Hirschen mit einem Gemälde Rembrandts gleichsetzen. Es gibt also objektiv Hässliches. Soweit die eher abstrakte philosophische Einsicht.</p>
<p>2.</p>
<p>Nun haben Gutbetuchte, Leute also, die alles schon eingefahren haben an Klamotten, die begehbaren Schränke haben sie voller Hemden und Pullis, Hosen und Jackets, ganze Zimmer sind voller unbenutzter Schuhe:<br />
Diese „Ärmsten“ entdecken nun das Hässliche. Nicht etwa den häßlichen Partner, die häßliche Partnerin. Die müssen schon vom Feinsten (Adel) sein. Nein, sie lieben plötzlich häßliche Pullover und ihre neuerworbenen häßlichen Schuhe. So können sich diese Leute, moralisch in ihrer Borniertheit oft häßlich, mit Häßlich-Außergewöhnlichem schmücken. Adel durch Hässlichkeit also!</p>
<p>Eine Studie in den USA ist unter Leitung von Ludovica Cesareo der neuen Lust an der hässlichen Mode nachgegangen. Der Tagesspiegel hat am 19.12. 2022 darüber kurz informiert.</p>
<p><em>3.</em></p>
<p><em>Es handelt sich etwa um die Begeisterung für kaputte, farblich entstellte, eher abstoßende Schuhe.</em> Die Modefirma Balenciaga bietet als neue Kollektion häßliche Sneaker mit Löchern für den bescheidenen Preis von 1850 Euro an. Sie haben den Charme, Risse im gesamten Stoff zu haben, auch viele Dreckflecke, die Baumwolle ist bereits ziemlich zerstört. Ein edles Produkt also, das den vielen nicht ganz Armen gerade in ihrer Sammlung noch fehlt. Und diese hässlichen Schuhe sind begehrt, werden gern gekauft, genauso wie extrem gewöhnungsbedürftige Pullover: Wer sie trägt, hat mindestens 10 bissige Tiger, mit weit aufgerissenem Maul, auf der Brust. Über Geschmack lässt sich streiten, vielleicht haben wenigstens die Tiger einen eigenen Geschmack. Die „Tiger embroidered sweater“ Pullover sind immerhin schon für 425 Euro zu haben, Produzent ist die schöne Firma Gucci.</p>
<p>Damit ich nicht noch Werbung mache für diese häßlichen Produkte:<br />
<strong><em>Es ist, philosophisch betrachtet, kein Zufall, dass Hässliches als „Garderobe“ (sagte man früher) von den Reichen und sehr Reichen jetzt geliebt und teuer bezahlt wird. Zerfranste, aufgerissene und verfärbte Jeans kennt man seit Jahren schon als „Alternative“. Keine Frage: Wir leben in einer Epoche, die eine extreme Vorliebe für alles Hässliche hat.</em></strong></p>
<p>4.</p>
<p>Die hässliche Mode passt also gut in die Zeiten moralisch häßlicher Politiker, genannt „korrupte Politiker“, die allüberall ihr Unwesen treiben.<br />
Die hässliche Mode passt gut in Zeiten der sozialen Ungerechtigkeit, wo wir guten Bürger an den Bettelnden auf der Straße mit einem freundlichen Lächeln vorbei gehen.<br />
Die hässliche Mode passt gut in Zeiten, in denen die Kirchen als Konfessions-Gemeinschaften moralisch so häßlich werden, wegen des massenhaften sexuellen Missbrauchs durch Priester und der bewussten Verschleierung durch Bischöfe.<br />
Die hässliche Mode passt gut in unsere Gegenwart, in der die politische Lüge dominiert,<br />
Sie passt gut in die hässliche, die mörderische Gewalt, das heißt das Hässliche passt gut zum totalen Krieg des Verbrechers Putin gegen die Ukraine und die anderen Demokratien.<br />
Hässlichkeit ist also üblich und alltäglich geworden, warum dann nicht auch in der Mode?</p>
<p><em>5.</em></p>
<p><em>Mein Tipp: Die reichen Herren und Damen, die sich zerstörte teure Schuhe voller Löcher und kaputter Sohlen kaufen: Sie sollen doch bitte den Obdachlosen auf der Straße deren Schuhe ausziehen</em> und ihnen ein Paar aus der eigenen großen Sammlung anbieten. Und die reichen Damen und Herren mögen dann bitte die Schuhe der Obdachlosen tragen.Das wollen sie doch! Ist doch chic. So sparen diese Damen und Herren etliche hundert Euro. Und vor allem: Sie haben den authentischen Schweiß-Geruch der Obdachlosen an ihren eigenen Füßen. Wenn sie den nicht ertragen können nach einigen Stunden, werden sie ihre begehbaren Schränke öffnen und von Obdachlosem zu Obdachlosen gehen und ihnen die eigenen, unbenutzte Schuhe anbieten. Sozusagen als Weihnachtsgeschenk. Und auf teures Häßliches verzichten. Das Leben ist insgesamt hässlich genug!</p>
<p>6.</p>
<p>U<em>nd vergessen wir nicht: &#8222;Hässlich&#8220; hat auch  mit &#8222;Hass&#8220; zu tun. Hässliches sollte also &#8211; oft &#8211; gehasst werden. Falls man Normen und Werte noch respektiert. Sollte man aber,  des eigenen und unseres Überlebens willen.<br />
</em></p>
<p>Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Spiritualität oder Religion? Drei Fragen an den protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin.</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/14102_spiritualitaet-oder-religion-drei-fragen-an-den-protestantischen-theologen-prof-wilhelm-graeb-berlin_alternativen-fuer-eine-humane-zukunft</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Sep 2021 14:44:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Alternativen für eine humane Zukunft]]></category>
		<category><![CDATA[Denken und Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Dringende philosophische Fragen]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb (✝ 2023)]]></category>
		<category><![CDATA[Weiter Denken]]></category>
		<category><![CDATA[die Spiritualität der Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[drei fragen an Wilhelm gräb]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität oder Religion?]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität und Religion von Wilhelm Gräb]]></category>
		<category><![CDATA[was ist der Unterschied von Religion und Spiritualität]]></category>
		<category><![CDATA[Wilhelm Gräb über Spiritualität und Religion]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Fragen stellte Christian Modehn 1. Wenn heute von Religionen und Kirchen gesprochen wird, auch vom persönlichen Glauben, wird sehr oft der Begriff Spiritualität verwendet. Selbst Menschen, die sich Veganer, Astrologen, Yoga-Praktizierende usw. nennen, verwenden für ihre eigene Lebensphilosophie den Begriff Spiritualität. Wie beurteilen Sie diesen Trend? Ich nehme diesen Spiritualitätstrend schon seit längerem wahr. [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/14102_spiritualitaet-oder-religion-drei-fragen-an-den-protestantischen-theologen-prof-wilhelm-graeb-berlin_alternativen-fuer-eine-humane-zukunft">Spiritualität oder Religion? Drei Fragen an den protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin.</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Fragen stellte Christian Modehn</p>
<p><strong><em>1.</em></strong></p>
<p><em>Wenn heute von Religionen und Kirchen gesprochen wird, auch vom persönlichen Glauben, wird sehr oft der Begriff Spiritualität verwendet. Selbst Menschen, die sich Veganer, Astrologen, Yoga-Praktizierende usw. nennen, verwenden für ihre eigene Lebensphilosophie den Begriff Spiritualität. Wie beurteilen Sie diesen Trend?</em></p>
<p>Ich nehme diesen Spiritualitätstrend schon seit längerem wahr. Die Rede von Spiritualität schimmert merkwürdig. Für die einen, die vor allem, die Sie in Ihrer Frage anführen, steht Spiritualität für ein breites Spektrum an Praktiken, die Ausdruck eines bewussten, alternativen Lebensstils sind, bis hin zur Kontaktaufnahme mit einer anderen übersinnlichen Wirklichkeit. Andere wiederum verbinden mit Spiritualität den subjektiven, persönlichen Zugang zum Göttlichen. Diese Rede von Spiritualität, die auf die katholische Ordenstheologie zurückweist, findet sich inzwischen zunehmend auch in den evangelischen Kirchen. Spiritualität hat den Begriff der Frömmigkeit, der einst für die Praxis gelebten Glaubens stand, ersetzt.</p>
<p>Dass Menschen heute, wenn sie auf Religion angesprochen werden, sich eher als spirituell oder spirituell interessiert bezeichnen, hängt, so denke ich, mit zwei Dingen zusammen. Spiritualität bindet zum einen nicht an eine Kirche oder Religionsgemeinschaft. Sie verlangt keine Verpflichtung auf ein vorgegebenes Bekenntnis. Spiritualität weckt die eigene Neugier nach Erklärungen des Unerklärlichen. Zum anderen bieten die gängigen Formen der Spiritualität erlernbare Praktiken an. Sie ermächtigen zum Handeln, auch dort noch, wo wir vor Unerklärlichem und Unverfügbarem stehen. Sie stellen über die Erklärung des Unerklärlichen hinaus, auch noch die Verfügung über das Unverfügbare in Aussicht. Oft verschwimmen dabei die Grenzen zwischen der Religion, zu der die Anerkennung der Transzendenz und damit des Unverfügbaren gehört, und der Magie, die das Unverfügbare durch menschliches Handeln in den Griff bekommen will.</p>
<p>Praktiken der Spiritualität zielen darauf, auf außergewöhnliche Weise handlungsfähig zu bleiben. Ihre Attraktivität gewinnen sie aus dem Versprechen, sein Leben auch noch angesichts der ungewissen Zukunft deuten zu können, sogar selbst etwas tun zu können, um es grundlegend zu ändern.</p>
<p>Im Spiritualitätstrend zeigt sich, bei aller Ambivalenz wie sie der Religion immer eigen ist, dass Menschen auf die Dimension des Religiösen ansprechbar sind, weit über die Kirchen und Religionen hinaus. Bei aller Ambivalenz und auch Gefährlichkeit, der Spiritualitätstrend ist für mich doch der deutlichste Beleg dafür, wie sehr die quantitative Religionsforschung, die nur noch einem Drittel der deutschen Bevölkerung ein Interesse an Religion meint bescheinigen zu können, in die Irre führt. Die Sehnsucht der Menschen nach Lebensdeutungen, die das Unbestimmbare (z.B. Geburt, Krankheit, Liebe, Glück, Verlust, Gelingen, Scheitern, Katastrophen, Tod) bestimmbar machen, ist enorm groß. Die Menschen suchen nach Praktiken, die ein Verhalten zum Unverfügbaren möglich machen (Horoskop, Yoga, Veganismus, Mediation, Gebet). Diese Praktiken sind deshalb sehr viel weiter verbreitet als die Zugehörigkeit zu Kirchen und Religionsgemeinschaften erahnen lässt.</p>
<p>Religionskulturdiagnostisch ist der Spiritualitätstrend deshalb für mich ein ungeheuer interessantes Phänomen.</p>
<p>Neben die Kirchen und verfassten Religionen ist heute eine Fülle anderer Anbieter auf dem religiösen Markt getreten, wobei auch recht obskure Geschäftemacher ihre Dienste anbieten. Es ist dennoch schwierig, Kritik wirksam vorzubringen, da diese sehr schnell sich mit der Frage konfrontiert sieht, ob sie nicht nur der Deutungsmacht der traditionellen Religionsinstitutionen Vorschub leisten möchte. Gibt es auf dem religiösen Markt noch funktionierende Regulierungsinstanzen? Die Kirchen haben diesen Kredit verspielt, aus verschiedenen Gründen, aber auch deshalb, weil sie selbst kein frei zugänglicher und die Menschen eigenaktiv einbeziehender Ort religiöser Erfahrungs- und Deutungskultur mehr sind.</p>
<p><strong>2.</strong></p>
<p><em>Es fällt in Europa auf, dass politische Praxis zugunsten der Menschenrechte gerade nicht mit dem Begriff Spiritualität beschrieben wird. Dabei haben Menschen, die sich bei „Amnesty International“ oder den „Ärzten ohne Grenzen“ oder den Flüchtlingsrettern engagieren, zweifelsfrei eine „menschenfreundliche Spiritualität“. Falls Sie das bejahen, wie würden sie diese „weltliche“ Spiritualität deuten?</em></p>
<p>Das wäre eine interessante Weiterführung des Spiritualitätstrends. Ich wäre froh, wenn er sich auch in dieser Richtung durchsetzen würde. Verschiedentlich habe ich von einer universalen Religion der Menschenrechte gesprochen. Dies deshalb, weil sich ja doch Menschen aus den verschiedenen Religion, zusammen mit solchen, die gar keiner Religion angehören, für die Menschenrechte und notwendige Maßnahmen zu ihrer Durchsetzung engagieren.</p>
<p>Die religiöse Dimension im Kampf für die Menschenrechte liegt für mich darin, dass sie auf der Anerkennung der unverletzlichen Würde jedes Menschen aufruhen. Mit den Menschenrechten, so kann man sagen, verschafft sich die Selbsttranszendenz und damit die menschliche Unverfügbarkeit des Menschen Geltung. Die Menschenrechte verlangen anzuerkennen, dass kein Mensch in seinen natürlichen, sozialen, politischen, religiösen, ökologischen und sonstigen Verhältnissen aufgeht. Jeder Mensch ist Zweck an sich selbst (Kant) und darf deshalb nicht zum Mittel der Durchsetzung sozialer, politischer, religiöser, ökologischer oder sonstiger Absichten, und seien sie noch so dringlich, gemacht werden.</p>
<p>Wer sich für die Menschenrechte einsetzt, lebt insofern auch eine Form der Spiritualität. Es wäre besser von der Spiritualität statt von der Religion der Menschenrechte zu sprechen. Damit hätte man die ihnen innewohnende religiöse Dimension zum Ausdruck gebracht, aber sich nicht zugleich dem Verdacht ausgesetzt, man wolle sie letztlich doch für das Christentum vereinnahmen.</p>
<p><strong>3.</strong></p>
<p><em>Gibt es für Theologen, die sich, wie Sie, der „liberalen Theologie“ verpflichtet wissen, eine Norm, die bei der Fülle der Spiritualitäten innerhalb der weiten Ökumene eine befreiende und eine unterdrückende Spiritualität unterscheidet? Oder sind alle christlichen Spiritualitäten etwa gleichwertig? </em></p>
<p>Natürlich tun nicht alle Formen der Spiritualität gleich gut. Wir versuchen deshalb ethische Kriterien zu berücksichtigen. Für mich ist die Frage nach der Lebensdienlichkeit ganz wichtig, ob die Spiritualität, die Menschen praktizieren, ihnen und letztlich auch der Gesellschaft und dem Planeten guttut oder eher nicht.</p>
<p>Als Theologe bin ich dennoch vorsichtig, mich zum Richter über gute oder schlechte Spiritualität zu machen. Denn mit dem Spiritualitätstrend verbindet sich zunächst einmal ein großes Freiheitsversprechen. Nicht mehr Theologie und Kirche sollen bestimmen dürfen, welcher Glaube zu leben ist, sondern jeder und jede soll das Recht auf Selbstbestimmung in religiösen Angelegenheiten haben.</p>
<p>Das Recht auf religiöse Autonomie möchte ich als liberaler Theologe anerkennen. Dann, so hoffe ich, eröffnet sich die Gelegenheit zum Gespräch über das, was auf diesem Gebiet guttut, was sinnvoll ist oder wo wir eher auf Abwege und in dunkle oder gar absurde Machenschaften geraten.</p>
<p>Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin</p>
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		<title>Der Gott der Liebe. Drei Fragen an den Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/13752_der-gott-der-liebe-drei-fragen-an-den-theologen-prof-wilhelm-graeb-berlin_denken-und-glauben</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 04 Jul 2021 12:40:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Denken und Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb (✝ 2023)]]></category>
		<category><![CDATA[Weiter Denken]]></category>
		<category><![CDATA[Der Gott der Liebe]]></category>
		<category><![CDATA[Gott und die Liebe]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb]]></category>
		<category><![CDATA[ohne Liebe keine Gottesbeziehung]]></category>
		<category><![CDATA[wer liebt ist in Gott]]></category>
		<category><![CDATA[Wilhelm Gräb]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Über Glauben und Hoffen haben wir theologische Meditationen mit dem protestantischen Theologen Wilhelm Gräb (Berlin) schon kürzlich publiziert.Nun drei Fragen zum &#8222;Gott der Liebe&#8220;. Glauben, Hoffen, Lieben gelten als Grundhaltungen (Tugenden) von Menschen, nicht nur von Christen. Die Fragen stellte Christian Modehn. 1. Ein komplexes Thema: „Der Gott der Liebe“. Die ersten Christen teilen im [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/13752_der-gott-der-liebe-drei-fragen-an-den-theologen-prof-wilhelm-graeb-berlin_denken-und-glauben">Der Gott der Liebe. Drei Fragen an den Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Über Glauben und Hoffen haben wir theologische Meditationen mit dem protestantischen Theologen Wilhelm Gräb (Berlin) schon kürzlich publiziert.Nun drei Fragen zum &#8222;Gott der Liebe&#8220;. Glauben, Hoffen, Lieben gelten als Grundhaltungen (Tugenden) von Menschen, nicht nur von Christen.</p>
<p>Die Fragen stellte Christian Modehn.</p>
<p>1.<br />
<em>Ein komplexes Thema: „Der Gott der Liebe“. Die ersten Christen teilen im „1. Brief des Johannes“ ihre Überzeugung mit: „Gott ist die Liebe“ (4. Kap., Vers 8). Angesichts der Lebenserfahrungen im Laufe der Geschichte (Krieg, Gewalt, Krankheit) meinen aber viele, den Ge-danken an einen liebenden Gott aufgeben zu müssen. Ist das Thema „Der Gott der Liebe“ bzw. „Der Gott, der Liebe IST“, de facto also ob-solet und nur noch eine Art Ballast kirchlicher Sprache? </em></p>
<p>Mit dem Gott der Liebe, so denke ich, verhält es sich nicht anders als mit dem Gott des Glaubens und der Hoffnung. Immer geht es um un-sere Beziehung zu Gott und Gottes Beziehung zu uns. Das Beziehungs-verhältnis zwischen Gott und uns Menschen bildet sich im Glauben, den wir ein Grundvertrauen genannt haben. Es wird zum Grund einer Hoffnung, mit der wir unser Handeln auch noch in scheinbar ausweg-loser Situation mutig nach vorne ausrichten. Wenn wir nun von Gott auch als dem Gott der Liebe sprechen, so sagen wir damit aus, dass Gott derjenige ist, der uns und die Welt im Innersten zusammenhält. Über alle Gegensätze und Widersprüche hinweg tut er das, trotz der Grausamkeiten, dem Hass und der Gewalt, den Kriegen und Katastro-phen, den Erfahrungen von Krankheit, Sterben und Tod.</p>
<p>Nur weil Gott voll Liebe ist, ist überhaupt vorstellbar, dass er es ist, der diese Welt, so wie sie ist, in seinen Händen hält, er als ein leben-diger Gott in der Welt wirksam ist. Wäre das Handeln Gottes vom Zorn über die Bosheit der Menschen bestimmt und darauf ausgerichtet, Vergeltung zu üben und mit Gewalt gegen das Unrecht, das ge-schieht, vorzugehen, dann würde durch seine Interventionen ja alles noch viel schlimmer. Ist Gott hingegen der, der aus Liebe handelt, dann ist er der Grund dafür, weshalb wir allen schlimmen Erfahrun-gen zum Trotz, nichts und niemanden je ganz verloren geben müssen.</p>
<p>Es ist wichtig, die biblische Aussage, dass Gott die Liebe ist, von dem her zu verstehen, was mit „Liebe“ gemeint ist, was es heißt, aus Liebe zu handeln und Liebe zu erfahren. Auch da hilft uns das Neue Testa-ment weiter, vor allem die Hymne auf die Liebe, die Paulus im 13. Kap. des Korintherbriefes angestimmt hat. Dort setzt Paulus die Liebe nicht nur neben den Glauben und die Hoffnung, sondern er meint so-gar, sie sei die größte und stärkste Kraft unter diesen dreien, dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe, denen gleichermaßen Ewig-keitswert, eine göttliche Qualität also, zukomme.</p>
<p>Die Liebe aber ist deshalb die größte und stärkste unter den göttli-chen Wirkkräften in der Welt, weil sie, wie Paulus ausführt, „alles verträgt, alles glaubt, alles hofft und alles duldet“ (1. Kor 13, 7), weil sie „das Ihre nicht sucht und … das Böse nicht zurechnet“ (13, 5).</p>
<p>Was die Liebe so stark macht und sie zum primären Qualitätsmerk-mal der Wirksamkeit Gottes in der Welt werden lässt, das ist ihre enorme Fähigkeit zum gewaltlosen Widerstand. Die negativen Erfah-rungen, die Sie, lieber Herr Modehn, nennen (Kriege, Gewalt, Krank-heit) und die uns ja in der Tat immer wieder fragen lassen, wie Gott, wenn er denn ein liebender Gott ist, all das Schreckliche in der Welt und im menschlichen Leben zulassen kann, sind recht verstanden kein Einwand gegen Gott. Sie sprechen weder gegen Gottes Liebe noch gegen seine Allmacht.</p>
<p>Liebe bedeutet Partnerschaft, wechselseitige Anerkennung, Rück-sichtnahme, Vertrauen, ein Selbst sein können, in der Beziehung zum, ja am Ort des anderen. Ein liebevoller Gott ist so in der von ihm ge-schaffenen Welt wirksam: Partnerschaftlich, in Anerkennung der Selbständigkeit der Welt und der in Freiheit – und nicht nur mit ihrer Liebe, sondern auch mit all ihrer Bosheit – in ihr tätigen Menschen. So ist Gott in der Welt wirksam, dass er das Böse nicht mit Bösem vergilt und dem Hass nicht mit Hass begegnet. Letztendlich ist es die Feindesliebe, wie sie Jesus empfohlen hat, mit der Gott in der Welt am Werke ist.</p>
<p>Spektakulär ist die Wirksamkeit dieser göttlichen Liebe, die nicht nach dem Motto wie du mir, so ich dir, verfährt, sondern das Böse durch das Tun des Guten überwindet, selten. Aber ohne diese Liebe, mit der Gott in der Welt da ist, dessen bin ich gewiss, müssten wir al-le Hoffnung auf Besserung und erst recht die auf einen guten Aus-gang aller Dinge gänzlich fahren lassen.</p>
<p>2.<br />
<em>Nun hat das Thema Liebe unter den Menschen, auch die erotische Liebe, in allen kulturellen Traditionen trotzdem die höchste Achtung. Und viele neigen dazu, die Liebe selbst als etwas Göttliches zu bewer-ten. Das passt gut zu der Aussage der frühen Christen im 1. Johannes-brief: „Wir wollen einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott“ (4. Kap., Vers 7). Können wir daraus schließen: „Die Liebe der Menschen selbst ist göttlich?“</em></p>
<p>Die Liebe ist etwas Göttliches. Sie macht die Wirksamkeit Gottes in der Welt aus. Sie ist der Grund dafür, dass die Welt und der Men-schen Leben in ihr trotz Hass und Gewalt, trotz der Kriege und Kata-strophen, der Krankheiten und Epidemien nicht nur fortbesteht, son-dern wir uns Hoffnung darauf machen können, dass es Triebkräfte in der Welt gibt, die uns zumindest auf einen moralischen Fortschritt hoffen lassen.</p>
<p>Wir setzten darauf und kämpfen dafür, dass Kriege geächtet werden, die Würde jedes einzelnen Menschen anerkannt, die Menschrechte (ohne Gewalt) durchgesetzt, Hunger, Not und Krankheiten besiegt werden, und – die Liebe stärker bleibt als der Tod! Dies alles aus Liebe zum Leben!</p>
<p>Die Liebe, so könnte man daher auch sagen, ist das göttliche Welt-prinzip. Nicht in dem Sinne, dass man damit eine Weltformel hätte, mit der der faktische und zumeist immer noch viel zu grausame Gang der Dinge sich (weg-)erklären ließe. Eine solche Weltformel wird nie gefunden werden, weil es die Welt als objektiven, abgeschlossenen Tatbestand nicht gibt.</p>
<p>Die Liebe ist das göttliche Weltprinzip in genau dem Sinne, den die Stelle aus dem 1. Johannesbrief, den Sie, lieber Herr Modehn, zitie-ren, zum Ausdruck bringt. Gott ist mit seiner das Böse im Tun des Gu-ten überwindenden Liebe in der Welt wirksam, indem er Menschen unablässig und auch noch, wo es vergeblich erscheint, zu Taten der Liebe ermutigt und befähigt.</p>
<p>Ja, die Liebe, die wir Menschen füreinander empfinden, sie ist göttli-chen Ursprungs. Die Liebe, die uns, weiß nicht wie, überkommt, die uns ineinander verschmelzen und zugleich doch selbständige Wesen bleiben lässt, sie ist göttlich. Die Liebe gar, die die Feindschaft über-windet, sie ist göttlich. Überall, wo geliebt wird, ist das göttliche Weltprinzip wirksam.</p>
<p>Wie trostlos wäre es in der Welt, wenn es die Liebe nicht gäbe! Die Taten und Erfahrungen der Liebe sind der beste Gottesbeweis.</p>
<p>3.<br />
<em>Wird durch die Praxis des Lebens und die Praxis der Liebe eine Spur des Göttlichen in der Menschenwelt erfahrbar? Erhalten die üblichen philosophischen und theologischen Debatten über Sinn und Unsinn des Atheismus nicht eine ganz neue Dimension, wenn man in dem „1.Brief des Johannes“ liest: „Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt“ (4., 8). Kann man diese Erkenntnis auch so formulieren: „Wer liebt, hat Gott erkannt“? Und zwar jeder und jede, die lieben, egal, ob sie nun ein kirchliches Bekenntnis haben oder nicht?“</em></p>
<p>Die Taten und Erfahrungen der Liebe zeichnen die Spuren des Göttlichen in unser Leben und die Welt. Gott ist da, wo Menschen sich in Liebe begegnen, erst recht da, wo es dazu kommt, dass die Liebe Hass und Feindschaft überwindet.</p>
<p>Aber es liegt natürlich Gottes Wirken nicht offen zutage. Es ist unsere auf Symbole ausgreifende Deutung, die uns davon sprechen lässt, dass Gott uns zu Taten der Liebe ermutigt und er dort erfahren wird, wo Menschen einander, trotz allem was sie trennt, in Liebe begegnen.</p>
<p>Wie kommen wir dazu, die Liebe, die uns Menschen miteinander und mit den Dingen, die uns wichtig sind, auf elementare Weise verbin-det, auf Gottes Handeln in der Welt zurückzuführen? Nirgendwo sonst sind wir doch so sehr mit unserem Fühlen, Denken und Wollen selbst beteiligt wie eben dort, wo wir aus Liebe handeln und wir die Liebe anderer erfahren.</p>
<p>Wahr ist aber auch, dass die Liebe etwas ist, das über uns kommt, uns ergreift, uns widerfährt. Einen anderen Menschen oder auch eine Sache, die uns wichtig ist, zu lieben, dazu können wir uns schwerlich aus eigener Kraft entschließen. Die Liebe verwickelt uns in Erfahrungen, in denen wir auf beglückende Weise von Anderwärts her bestimmt, angefasst, angetrieben und erfüllt sind.</p>
<p>So verweist die Liebe uns auf Erfahrungen, in denen wir über uns selbst hinausgeführt werden. Wollen wir diesem uns selbst transzen-dierenden Von-Woher der alles verwandelnden Kraft der Liebe einen Namen geben, der sich mit einer personalen Vorstellung verbindet, dann legt es sich nahe, von Gott als dem Gott der Liebe zu sprechen.</p>
<p>Selbstverständlich ist Gott in den Taten und Erfahrungen der Liebe auch dann wirksam, wenn wir ihn nicht bei diesem Namen nennen und keine Vorstellung von ihm entwickeln. Er ist auf unser Bekenntnis zu ihm nicht angewiesen. Aber uns kann es helfen, ihn und nicht uns selbst als den Quellgrund der Liebe, die uns und alle Welt im Inners-ten zusammenhält, zu wissen.</p>
<p>An den Gott der Liebe zu glauben und auf seine Kraft zu hoffen, macht das eigene Bemühen um Taten der Liebe und das eigene Ver-langen nach Erfahrungen der Liebe nicht überflüssig – im Gegenteil. Aber es befreit uns von der hybriden Vorstellung, wir selbst müssten in unserer Liebe von göttlicher Vollkommenheit sein.</p>
<p><em>Copyright:</em> Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/13752_der-gott-der-liebe-drei-fragen-an-den-theologen-prof-wilhelm-graeb-berlin_denken-und-glauben">Der Gott der Liebe. Drei Fragen an den Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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		<title>Der Gott des Glaubens &#8211; Drei Fragen an den Theologen Prof. Wilhelm Gräb</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/13586_der-gott-des-glaubens-drei-fragen-an-den-theologen-prof-wilhelm-graeb_denken-und-glauben</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 May 2021 11:34:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Denken und Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb (✝ 2023)]]></category>
		<category><![CDATA[Weiter Denken]]></category>
		<category><![CDATA[der Gott des Glaubens]]></category>
		<category><![CDATA[Glauben entspringt dem Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Glauben ist Vertrauen]]></category>
		<category><![CDATA[Grundvertrauen]]></category>
		<category><![CDATA[Interview mit Wilhelm Gräb]]></category>
		<category><![CDATA[kann man Gott wissen?]]></category>
		<category><![CDATA[Wilhelm Gräb über den Glauben]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Fragen stellte Christian Modehn 1. Wenn es eine „typische Haltung“ der Menschen Gott gegenüber gibt, dann sprechen sicher die meisten vom Glauben: Gott, den viele den Unendlichen und Ewigen nennen, ist also (nur) im Glauben „erreichbar“. Aber was Glauben als Tat der Menschen bedeutet, muss ja noch geklärt werden: Wer auf die biblische Weisheit [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Fragen stellte Christian Modehn </p>
<p>1.<br />
<em>Wenn es eine „typische Haltung“ der Menschen Gott gegenüber gibt, dann sprechen sicher die meisten vom Glauben: Gott, den viele den Unendlichen und Ewigen nennen, ist also (nur) im Glauben „erreichbar“. Aber was Glauben als Tat der Menschen bedeutet, muss ja noch geklärt werden: Wer auf die biblische Weisheit schaut, entdeckt: Glauben wird dort vor allem als Vertrauen gelebt. Ist diese „Definition“ auch heute ein guter Einstieg, um sich auf den „Gott des Glaubens“ zu besinnen?</em></p>
<p>Ja, so sehe ich das auch: Glauben bedeutet Vertrauen. Und sofern in diesem Vertrauen die Beziehung zu Gott sich aufbaut, bedeutet glauben zu können, aus Grundvertrauen zu leben. Der Begriff des Grundvertrauens gefällt mir zur Beschreibung der Beziehung zu Gott deshalb besonders gut, weil er das Woher des Vertrauens benennt, ohne es zu seinem Gegenstand zu machen. Der Begriff des Grundvertrauens stammt ja ursprünglich aus der Psychologie und wurde von Erik Erikson eingeführt, um die lebensgeschichtlich tragende Bedeutung der Mutter-Kind-Beziehung zu beschreiben. </p>
<p>Was mit dem Begriff des Grundvertrauens ausgedrückt werden soll, ist dann aber eine auch religiös bedeutsame Erfahrung. An der innigen Mutter-Kind-Beziehung zeigt sich, gewissermaßen exemplarisch, dass all den Gegensätzen, in denen wir uns vorfinden und an denen wir uns ein Leben lang abarbeiten müssen, eine abgrundtiefe Verbundenheit, ja eine unvordenkliche Einheit aller Gegensätze vorausliegt. Aus ihr heraus nur gewinnen wir von früh auf die Zuversicht, dass wir uns die Welt erschließen und sie unseren Absichten entsprechend gestalten können. </p>
<p>Das Merkwürdige ist nun jedoch gerade, dass wir den Grund des Vertrauens auf unsere Fähigkeiten im Umgang mit uns selbst und mit der Welt nicht objektiv vor uns bringen können. Wir können diesen gründenden Grund nicht zum Gegenstand unseres Wissens machen. Sobald wir das versuchen, setzen wir uns ins Gegenüber zu ihm und verfehlen so gerade das uns und alle Welt Tragende und Gründende. </p>
<p>Insofern bringt für mich die Rede vom Grundvertrauen, wenn wir damit die Beziehung zu Gott oder dem Göttlichen meinen, am besten zum Ausdruck, warum diese Beziehung keine solche des Wissens ist. Das als Vertrauen verstandene Glauben ist eine menschliche Tätigkeit. Ich bevorzuge deshalb das Verb und spreche am liebsten vom Glauben als einem existentiellen Vollzug. Das finde ich dann auch noch besser als von einer Haltung zu sprechen. Eine Haltung nehme ich ein, im Tun des Glaubens hingegen kann ich immer nur versuchen, mich zu halten. Und es ist eben so, dass es Situationen gibt, in denen es mir leichtfällt, Grundvertrauen zu haben und mich in meinem Tun und Lassen von ihm tragen zu lassen. Dann wieder fällt solches Vertrauen mir unheimlich schwer oder will mir gar nicht gelingen. So ist es, deshalb gefallen mir die Bibelstellen am besten, in denen Menschen in ihrer Not ausrufen: &#8222;Ich glaube, hilf meinem Unglauben&#8220;. (Markus 9, 24).</p>
<p>2.<br />
<em>Was wir vom Glauben sagen, ist ja schon aufgrund der sprachlichen Form auch ein Ausdruck von Wissen: Wir wissen eben, dass Gott gegenüber nicht Mathematik und Physik weiterhelfen, wohl aber Philosophien, die Literatur und die Künste aussagekräftig sind. Wie gehen Sie also mit diesem Paradox um: Wir wissen, dass Glauben die richtige Haltung des begrenzten Menschen Gott gegenüber ist? Also: Ohne philosophisches Wissen kann es also gar keinen authentischen Glauben an Gott geben? An den Glauben zu glauben macht ja keinen Sinn. </em></p>
<p>Wenn wir den Glauben als Gottvertrauen verstehen, hat dies den Vorzug, dass wir der Gefahr entgehen, von einem Glauben an Gott zu sprechen. Denn damit würde die Subjekt-Objekt-Differenz doch wieder in die Gottesbeziehung eintreten und das Glauben könnte als eine verkappte Form des Wissens erscheinen. Gott ist nicht der Gegenstand des Glaubens, sondern der Grund des Vertrauens, das wir in uns selbst, in die anderen und die Welt setzen. Dann nur, wenn wir ihn nicht vergegenständlichen, bleibt der Gott des Glaubens davor bewahrt, zu einem Ding unter Dingen zu werden. Die Vergegenständlichung im Wissen von ihm würde Gott zu einer endlichen Größe machen. Mit dem Wort Gott meinen wir jedoch gerade, wie Sie auch sagen, den einen, den einigenden Grund der Wirklichkeit im Ganzen, das Unendliche, das Universum.</p>
<p>Von Gott können wir nicht wissen. Wenn wir von ihm wissen könnten, wäre er ein Gegenstand unserer Erfahrung und damit nicht mehr das, was wir mit dem Wort Gott meinen. Er wäre nicht der dem Wissen transzendente Grund dafür, dass wir überhaupt Erfahrungen machen können, wir uns selbst zugänglich und die Welt uns erschlossen ist.</p>
<p>Wenn ich das so sage, hängt das natürlich mit meinem Nachdenken über Gott und unsere Rede von ihm zusammen. Ich würde aber nicht behaupten wollen, dass das Glauben als menschliche Tätigkeit dem philosophischen oder theologischen Nachdenken entspringt. Das Glauben, das ein Gottvertrauen ist, kommt auf in den Erfahrungen des Lebens. Es wird in den Erfahrungen des Lebens ebenso auf harte Proben gestellt oder kann in ihnen verloren gehen. Diese Erfahrungen sind keine Gotteserfahrungen, aber sie können so gedeutet werden. Die Bibel bietet eine unendliche Fülle solcher Deutungen.</p>
<p>Es ist zudem so, dass ein Grundmisstrauen diesen Glauben, der ein Gottvertrauen ist, permanent gefährdet und bedrängt. Denn die bedrückenden und belastenden Erfahrungen, gerade auch des Sinnwidrigen und Sinnlosen, verschwinden nicht. Die bösen Erfahrungen und die bösen Taten, die uns an Gott und der Welt irremachen, an einer guten Zukunft für die Menschheit auf unserem Planeten zweifeln lassen, sie geschehen. Aber wer auf Gott sein Vertrauen setzt, der riskiert immer wieder ein trotziges Dennoch, der widersteht dem Überschlag des Zweifels in die Verzweiflung, der bleibt dabei, auf einen guten Ausgang zu hoffen – selbst dann noch, wenn keine Tatsachen dafürsprechen, dass solche Hoffnung sich erfüllen wird. </p>
<p>Insofern ist auch ersichtlich, warum diejenigen, die glauben können und ein Gottvertrauen aufbringen, alle Erfahrungen, auch die negativen, die schrecklichen und desaströsen Erfahrungen auf Gott und sein Handeln beziehen. Das sehen wir ja gerade auch in den biblischen Texten, in den Psalmen vor allem. Dort bringen Menschen ebenso ihre Erfahrungen der Not wie des Glücks vor Gott. In allem, was ihnen widerfährt, ist Gott ihnen gegenwärtig und das nicht allein mit seiner Liebe, sondern auch mit seinem Zorn, seiner Enttäuschung, seiner Wut. Mit Bitten, Klagen und Danken wenden sich die Psalmbeter deshalb an Gott. Und indem sie ihm gegenüber zum Ausdruck bringen, was sie bedrückt und belastet, erfreut und glücklich macht, gelingt es ihnen, was ihnen widerfährt, nicht nur zu erleiden, sondern auf standhafte Weise sich zu ihren Erfahrungen, auch den schrecklichen, zu verhalten und sie in ihr Leben zu integrieren.</p>
<p>Glauben hilft uns, das Unverfügbare anzuerkennen, das Schicksalshafte, und dennoch den Lebensmut nicht zu verlieren, handlungsfähig zu bleiben, das Beste aus der Situation zu machen, an der Hoffnung festzuhalten.</p>
<p>3.<br />
<em>Wir wissen also, dass wir an Gott sozusagen glauben „müssen“, wenn wir mit ihm, den Ewigen, verbunden sein wollen. Wer aber den Ewigen ablehnt, sich als „Atheist“ versteht, befindet der sich dann auch in einer Glaubenshaltung in seiner Suche nach dem Nicht – Endlichen? Atheismus wäre dann nicht „wissenschaftlich“, nicht „evident“, sondern ebenfalls eine Form des Glaubens? Könnte dies nicht eine enorme und neue Perspektive sein für die eine Menschheit, die eben unterschiedlich glaubt angesichts des Gründenden, des Nicht &#8211; Endlichen? </em></p>
<p>Wenn wir nicht wissen können, ob es Gott gibt, dann können wir selbstverständlich auch nicht wissen, dass es Gott nicht gibt. Ein Theismus, der auf Gott als gegenständliche Wirklichkeit setzt, ist insofern genauso wenig überzeugend wie ein Atheismus, der diese Wirklichkeit bestreitet. Ein wissenschaftlich begründeter Atheismus ist genauso zum Scheitern verurteilt wie es die Gottesbeweise sind.</p>
<p>Das bedeutet nun aber nicht, dass die, die sich Atheisten nennen, nicht eine ernst zu nehmende Kritik an dem verfolgen, was wir hier Glauben bzw. Gottvertrauen nennen. Nur wäre eine solche Position dann eher eine nihilistische als eine atheistische zu nennen. Ich denke dabei an den kritischen Einwand, dass die alles gründende Wirklichkeit, die wir mit dem Wort Gott meinen, auch ins Leere auslaufen könnte und wir trotz unseres Gottvertrauens letztlich in ein Nichts hineingestellt sind. Es könnte sein, dass das Vertrauen, das wir auf den transzendenten Grund der Wirklichkeit setzen, trügerisch ist. Es könnte sein, dass wir uns lediglich etwas vormachen und einer Illusion nachhängen, wenn wir meinen, im transzendenten Grund der Wirklichkeit uns bergen und in Hoffen und Bangen von ihm tragen lassen zu können. Vielleicht warten wir vergeblich darauf, dass schließlich das Rettende sich zeigt.</p>
<p>Die nihilistische Position ist die stärkste Anfechtung des Glaubens. Aber sie gehört ihm gewissermaßen als das andere seiner selbst zu. Nicht in der Form eines dem Glauben überlegenen Wissens, sondern als Einspruch gegen sich selbst. Mit diesem Einspruch, dass auch der alles gründende Grund, den wir uns und aller Wirklichkeit voraussetzen, doch nur unserem sehnsuchtsvollen Setzen entspringt, sieht sich das Glauben immer wieder konfrontiert. Es ist ein Einspruch, den unser Glauben, sofern es weiß, dass es kein Wissen ist, sich selbst immer wieder macht. </p>
<p>Nur solange das Glauben sich das Nicht-Wissen eingesteht, das Glauben insofern ein angefochtenes Glauben ist, bleibt es ein Glauben, das zu uns Menschen als endlichen und begrenzten Wissen passt. Nur dann auch ist es ein Glauben, das uns Menschen guttut. Denn ein solch angefochtenes Glauben bleibt davor bewahrt, absolute Wahrheitsansprüche geltend zu machen. Es verliebt sich geradezu in die Vielfalt des Glaubens. Es treten Verhältnisse ein, in denen niemandem mehr sein eigenes Glauben abgesprochen wird und niemandem mehr ein ihm fremdes Glauben aufgezwungen wird. Es kommt zu einem Glauben aus je eigener, freier Einsicht in seine dem Leben dienliche Wahrheit.</p>
<p>Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin</p>
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		<title>Der Gott der Hoffnung. Drei Fragen an den protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb (Berlin)</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/13504_der-gott-der-hoffnung-drei-fragen-an-den-protestantischen-theologen-prof-wilhelm-graeb-berlin_weiter-denken</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 16 Apr 2021 14:38:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb (✝ 2023)]]></category>
		<category><![CDATA[Weiter Denken]]></category>
		<category><![CDATA[das ewige Trotzdem]]></category>
		<category><![CDATA[der Gott der Hoffnung]]></category>
		<category><![CDATA[die Hoffnung stirbt zuletzt]]></category>
		<category><![CDATA[Hoffnung als Widerstandskraft]]></category>
		<category><![CDATA[Interview mit Wilhelm Gräb über die Hoffnung]]></category>
		<category><![CDATA[Negatives in Positives wenden]]></category>
		<category><![CDATA[Wilhelm Gräb über die Hoffnung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Fragen stellte Christian Modehn 1. Menschen sprechen Gott (oder dem Göttlichen) aufgrund ihrer Lebenserfahrungen unterschiedliche Qualitäten zu: Gott wird oft mit Hoffnung verbunden, sogar als Hoffnung verstanden. Erkenntnisse der Bibel weisen auch darauf hin. Man denke an den Apostel Paulus. Er spricht in seinem Römerbrief vom „Gott der Hoffnung“ (15,13). Gibt es von dort [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/13504_der-gott-der-hoffnung-drei-fragen-an-den-protestantischen-theologen-prof-wilhelm-graeb-berlin_weiter-denken">Der Gott der Hoffnung. Drei Fragen an den protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb (Berlin)</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Fragen stellte Christian Modehn</p>
<p>1.<br />
<em>Menschen sprechen Gott (oder dem Göttlichen) aufgrund ihrer Lebenserfahrungen unterschiedliche Qualitäten zu: Gott wird oft mit Hoffnung verbunden, sogar als Hoffnung verstanden. Erkenntnisse der Bibel weisen auch darauf hin. Man denke an den Apostel Paulus. Er spricht in seinem Römerbrief vom „Gott der Hoffnung“ (15,13). Gibt es von dort aus eine Verbindung zu dem immer wieder zitierten Spruch, der Lebensweisheit, „Die Hoffnung stirbt zuletzt“? </em></p>
<p>„Bleiben sie zuversichtlich“ – so beendet einer der Sprecher der Tagesthemen inzwischen die spätabendliche Sendung. Angesichts der enormen psychischen, sozialen und ökonomischen Belastungen durch die Pandemie, denen alle, wenn auch in unterschiedlichem Maß, ausgesetzt sind, appelliert dieser Zuspruch an unsere Lebenserfahrung. Nicht aufgeben! Es wird sich eine Lösung finden lassen! Nur jetzt nicht den Mut verlieren! Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben!</p>
<p>Wir wissen aus Erfahrung, wie wichtig es auch noch in scheinbar auswegloser Situation ist, die Hoffnung nicht fahren zu lassen. Dann nur mobilisieren wir die letzten Kräfte. Dann nur geben wir uns und die anderen nicht verloren. Dann nur, wenn wir daran glauben, dass eine Lösung gefunden werden kann, dass Rettung möglich ist, dass ein guter Ausgang gefunden werden kann.</p>
<p>Insofern deckt sich der oft mit leicht sarkastischem Unterton so dahingesagte Spruch, „die Hoffnung stirbt zuletzt“, tatsächlich mit unserer Lebenserfahrung. Wir können ohne Hoffnung und die mit ihr verbundene Zuversicht nicht aktiv und zielgerichtet leben. Aus der Hoffnung, dass ein gangbarer Weg doch noch gefunden werden kann, erwächst die Energie, auch noch im Desaster neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. </p>
<p>Für mich hat solche Hoffnung gerade dann, wenn ich sie am Nötigsten brauche, viel mit Gott und dem Vertrauen auf ihn zu tun. Ich sehe, dass es auf uns Menschen und unser Handeln ganz und gar ankommt. Genauso aber auch, dass wir ohne Hoffnung die Kraft zum Handeln verlieren würden.</p>
<p>Was ist der Grund für diese Hoffnung? Was berechtigt zur Hoffnung, auch dann noch, wenn die Situation aussichtslos erscheint? </p>
<p>Das Gefühl dafür, so denke ich, dass wir letztlich keine Fremden in einer Welt sind, die uns gleichgültig gegenübersteht, sondern wir mit der Welt in einer uns letztlich zum Guten dienenden Verbindung stehen. So wenig wir uns selbst in unser Weltdasein gebracht haben, so wenig verdanken wir dieses Passungsverhältnis zur Welt aber uns selbst. </p>
<p>Erst die Rede von Gott, als dem unverfügbaren Grund alles Seins, fügt der Welt und meiner Stellung in ihr einen Sinn hinzu. Es ist die Rede von Gott als einem Gott der Hoffnung, der den „Mut zum Sein“ (Paul Tillich) immer wieder neu anfacht. </p>
<p>Das Christentum hat die Rede von diesem Gott der Hoffnung auf die Spitze getrieben. Paulus deutete die Botschaft von Auferweckung des am Kreuz gestorbenen Christus durch Gottes schöpferisches Handeln so, dass er sie mit der Behauptung einer endgültigen Überwindung des Todes und damit aller lebensfeindlichen Mächte verbunden hat. Der Gott der Hoffnung, christlich verstanden, ermutigt alle, die auf ihn vertrauen, auch dann noch für das Leben zu kämpfen, wenn nach menschlichem Ermessen, alles verloren ist. </p>
<p>Christlich verstanden stirbt zuletzt auch die Hoffnung nicht. Dieser Gemeinspruch wird ja nicht nur mit sarkastischem Unterton gesagt, er drückt schon auch so etwas wie eine verzweifelte Hoffnung aus. Wer auf einen Gott der Hoffnung setzt, der kann hingegen eher in so etwas wie eine getröstete Hoffnung finden. Das wäre für mich eine Hoffnung, die ihren sie tragenden Grund in dem Gott weiß, von dem ich dann auch sagen würde, dass er mich und alle Welt unendlich in seinen Händen hält.</p>
<p>2.<br />
<em>In uns Menschen gibt es offenbar eine gar nicht auszulöschende Kraft des Hoffens, der Erwartung einer guten Welt, einer Situation globaler Gerechtigkeit. Das hat nichts mit einem naiven Optimismus zu tun. Könnte man in dieser Dynamik des zu niemals zu vernichtenden Hoffens, des „ewigen Trotzdem“, das Leben des Geistes, des göttlichen, erfahren?</em></p>
<p>Die Hoffnung, von der wir sprechen, berechtigt, so denke ich, durchaus zu einer optimistischen Grundhaltung, schließt aber unsere eigene Anstrengung im Kampf für eine Besserung der Verhältnisse im persönlichen und gesellschaftlichen Bereich immer ein. Die Hoffnung, von der wir reden, ist kein naives Vertrauen darauf, dass alles schon irgendwie gut ausgehen wird. </p>
<p>Die Hoffnung, die in Gott gründet und die wir Menschen im Vertrauen auf ihn gewinnen, ist vor allem mehr als eine optimistische, positive Haltung oder ein positives Denken. Diese Hoffnung macht Anspruch darauf, behaupten zu können, dass ein gelingendes Leben für alle, Gerechtigkeit und Glück in dieser Welt möglich sind. Nicht ohne unser Zutun, ganz gewiss nicht. Aber, indem wir uns für eine bessere Welt einsetzen, macht die in Gott sich gründende Hoffnung dessen gewiss, dass unser eigener Einsatz für das, worauf die Hoffnung sich richtet, auch Erfolg haben wird. Es lohnt sich. Unser Engagement wird Früchte tragen. Denn gibt keine Negativität, nicht einmal durch Sterben und Tod, die der Gott der Hoffnung durch seine Negation nicht ins Positive wenden könnte.</p>
<p>Alle, die auch noch in der größten Enttäuschung doch nicht aufhören, gegen das Negative, Lebensfeindliche und Vernichtende anzukämpfen, zehren, so meine ich, zumindest insgeheim von der Kraft dieser Hoffnung, die in Gott gründet. Sie handeln im „trotzigen Dennoch“, das vom Mut der Verzweiflung unterschieden bleibt, weil es aus einer göttlichen Geistesgegenwart kommt, die unendlich erfinderisch macht.</p>
<p>3.<br />
<em>Wer sagt, „die Hoffnung stirbt zuletzt“ oder, weitergehend betont: „Die Hoffnung ist etwas Göttliches“, meint man dann – vielleicht noch unreflektiert &#8211; eine universale Hoffnung? Also eine durchaus globale politische Hoffnung, die mehr verlangt als das individuelle Wohlbefinden?</em></p>
<p>Die Vorstellung, dass die Hoffnung etwas Göttliches ist, dass sie die Wirksamkeit des Geistes Gottes in der kreativen Schaffenskraft unseres menschlichen Geistes garantiert, gefällt mir. Diese Vorstellung verbindet sich mit dem Gedanken, dass die Hoffnung nicht auf eine positive Haltung oder Einstellung der Welt gegenüber beschränkt ist. Die Hoffnung, von der wir reden, ist zwar in uns Individuen die Widerstandskraft, die es macht, dass wir nichts und niemanden je ganz verloren geben. Aber als Quelle eines unversieglichen Lebensmutes ist sie zugleich eine öffentliche, politische Macht.</p>
<p>Die göttliche Hoffnung hat mit Schönfärberei ebenfalls nichts zu tun. Sie erlaubt noch weniger, so zu tun, als würde alles immer schlimmer, Armut und Ungerechtigkeit auf dieser Welt immer weiter zunehmen, Ausbeutung und Unterdrückung ungehindert fortschreiten, Rassismus und Sexismus ungebremst sich ausbreiten und vor allem der Klimawandel ins absehbare apokalyptische Desaster führen. </p>
<p>Ein Quäntchen Optimismus begleitet die göttliche Hoffnung durchaus. Dies aber so, dass der eigene, energische Einsatz im Kampf gegen als das, was nicht sein soll, dazu gehört. Die göttliche Hoffnung ist nicht faul. Sie bewahrt vor Resignation, aber ebenso vor Panik. Der Gott der Hoffnung setzt sich zuletzt mit dem Gott der Vernunft zusammen. Für eine verbesserliche Welt tun wir dann mit der nötigen Entschlossenheit und Klugheit, aber immer auch fröhlich, was wir tun können.</p>
<p>Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer-salon.de</p>
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		<title>Was hält uns am Leben? Ein Interview in Zeiten der Krise mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/13068_was-haelt-uns-am-leben-ein-interview-mit-dem-theologen-prof-wilhelm-graeb_denken-und-glauben</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 28 Oct 2020 14:36:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Denken und Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb (✝ 2023)]]></category>
		<category><![CDATA[Weiter Denken]]></category>
		<category><![CDATA[Das neue Interview mit Wilhelm Gräb Oktober 2020]]></category>
		<category><![CDATA[der Geist ist stärker]]></category>
		<category><![CDATA[der Geist schafft Verbundenheit]]></category>
		<category><![CDATA[der Geist und der Leib]]></category>
		<category><![CDATA[der Verlust der körperlichen Nähe]]></category>
		<category><![CDATA[die geistige Nähe stärken]]></category>
		<category><![CDATA[die Kommunikation ist geistig]]></category>
		<category><![CDATA[ersetzt der Geist den Körperkontakt?]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews mit Wilhelm Gräb]]></category>
		<category><![CDATA[Kommunikation und Geist]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie in Corona-Zeiten]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie in Zeiten der Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Theologie und Corona]]></category>
		<category><![CDATA[was hält uns am Leben]]></category>
		<category><![CDATA[was hält uns am Leben? was lässt uns leben?]]></category>
		<category><![CDATA[was hat Christentum zu Corona zu sagen]]></category>
		<category><![CDATA[Weiterdenken mit Prof. Wilhelm Gräb]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Berlin Von Christian Modehn 1. Manche meinen mit vielen Gründen zurecht: Die Krise der Mensch-heit sei heute ziemlich total: Um nur krasse Beispiele zu nennen: Die Klimakatastrophe, die Zunahme autoritärer Systeme, Kriege, Flücht-lingselend … und Corona. Bleiben wir bei der Corona-Pandemie: Da wird Abstandhalten, also körperliche Distanz, „bloß nicht [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/13068_was-haelt-uns-am-leben-ein-interview-mit-dem-theologen-prof-wilhelm-graeb_denken-und-glauben">Was hält uns am Leben? Ein Interview in Zeiten der Krise mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Berlin<br />
Von Christian Modehn</p>
<p>1.<br />
Manche meinen mit vielen Gründen zurecht: Die Krise der Mensch-heit sei heute ziemlich total: Um nur krasse Beispiele zu nennen: Die Klimakatastrophe, die Zunahme autoritärer Systeme, Kriege, Flücht-lingselend … und Corona. Bleiben wir bei der Corona-Pandemie: Da wird Abstandhalten, also körperliche Distanz, „bloß nicht berühren oder umarmen“, als Schutz vor Ansteckungen – zurecht &#8211; genannt. Das bedeutet: „Meidet die leibliche Nähe!“ Sollte man daraus sinn-vollerweise schließen: Steigern wir unsere geistigen Kräfte, Sprache, Vernunft, Mitgefühl?  Sollte man sich und anderen förmlich als Trost sagen: Auch wenn die körperliche Kommunikation momentan sehr reduziert sein muss, fördern wir um so mehr unser geistiges Mitei-nander? Und: Wie kann das gelingen? </p>
<p>Natürlich ist es für alle eine große Belastung, dass wir jetzt schon so lange diese Kontaktbeschränkungen erleiden müssen. Im Moment werden die Maßnahmen, die uns voneinander fernhalten, erneut ver-schärft. Die Politik bereitet uns bereits auf ein „einsames Weihnach-ten“ vor. Da fällt es gewiss nicht leicht, aus dieser Not eine Tugend zu machen und darauf zu verweisen, dass wir ja doch die fehlende kör-perliche Nähe durch gesteigerte geistige Verbundenheit ersetzen könnten. Gerade wenn wir an die Menschen in den Krankenhäusern und Seniorenheimen denken, aber auch an die vielen Menschen, die allein leben und sich jetzt vielleicht in besonderer Weise einsam und verlassen fühlen!</p>
<p>Und doch, so denke ich, haben Sie Recht, dass wir dieser Pandemie ebenso wenig hilflos ausgeliefert sind, wie all den anderen Bedro-hungen, Krisen und moralischen Katastrophen, die Sie ansprechen. Das genau ist es, was für uns Menschen den Unterschied ausmacht, angesichts unserer natürlich-organischen Verfassung, die wir mit al-len anderen Lebewesen teilen. Es ist das, was wir „Geist“ nennen. Mit „Geist“ meinen wir die Fähigkeit, die uns von anderen Tieren unter-scheidet, obwohl sie uns nur in Verbindung mit unserer natürlich-organischen Verfassung zur Verfügung steht. Aber unsere Geistbega-bung sorgt dafür, dass wir auf überlegte Weise, sinn- und zielorien-tiert, damit auch ethisch verantwortlich, mit den Herausforderungen, vor die wir uns gestellt sehen und mit den Krisen, in die wir geraten, umgehen können. Wir können uns auf bewusste Weise zu dem ver-halten, was uns betrifft, bewegt und belastet, herausfordert und nie-derdrückt, erfreut oder traurig macht, ängstigt oder gar in die Ver-zweiflung treibt. </p>
<p>Statt vom Geist, der uns Menschen in besonderer Weise qualifiziert, kann man auch davon sprechen, dass es die Vernunft ist, die uns aus-zeichnet. Aber die Rede vom Geist bringt besser die transzendente Dimension zum Ausdruck, in die unsere Geistbegabung uns versetzt. Die Vernunft ist ein unseren Selbst- und Weltumgang qualifizierendes Vermögen. Der Geist ist eine Kraft, die uns zwar auch individuell zu-kommt, aber doch nur dann, wenn sie über uns kommt und uns, von jenseits unserer selbst her, ergreift. </p>
<p>Wo der Geist uns erfüllt, sind wir voll Begeisterung bei einer Sache und zugleich bei denen, die unsere Begeisterung mit uns teilen. Geis-tesgegenwärtig sind wir ganz bei uns selbst wie bei der Aufgabe, die unseren Einsatz fordert. Zugleich fühlen wir die Verbundenheit mit anderen, die unser Engagement teilen. Wir suchen die Nähe zu de-nen, die desselben Geistes sind, mit denen wir uns verstehen, die für die gemeinsame Sache streiten. Das gilt, so möchte man schnell hin-zufügen, leider in jeder Hinsicht. Auch für Hassbotschaften, Ver-schwörungsmythen und faschistische Ideologien. Auch der Ungeist menschenverachtender Bewegungen sucht in diesen Zeiten, in denen wir weitgehend auf soziale Kontakte in leiblicher Präsenz verzichten müssen, gesteigert danach, sich weltweit zu vernetzen.</p>
<p>Die internetbasierte Kommunikation durch die „sozialen Medien“ schafft Verbundenheit und soziale Nähe, was eine ambivalente Ange-legenheit bleibt. Aber auch viele gute Erfahrungen können gerade jetzt durch die virtuelle Kommunikation gemacht werden. Menschen teilen z.B. ihre Trauer über Twitter oder Facebook mit. Sie bekom-men daraufhin viel mehr Anteilnahme selbst von entfernten Bekann-ten als dies sonst zu erwarten gewesen wäre. Die weltweite Jugend-bewegung zur Durchsetzung der Klimawende „Fridays for Future“ wäre ohne das Internet ebenfalls nicht vorstellbar.</p>
<p>Die Digitalisierung schafft die Voraussetzungen für virtuelle und d. h. eben von körperlicher Präsenz unabhängige Kommunikation. Wir se-hen, dass technische Mittel zur Verfügung stehen, die helfen, die Kommunikation, in die der uns erfüllende Geist drängt, auch zu ver-wirklichen. Der Geist schafft Verbundenheit! Und bei Licht besehen ist alles, was Verbundenheit schafft, geistiger Natur: Liebe und Ver-trauen, Glauben und Wissen, Angst und Hoffnung. Allerdings auch Hass und Hybris, Egoismus und Feindschaft.</p>
<p>Deshalb ist, sofern wir auf die Steigerung der Verbundenheit im Geist setzen, zugleich die Unterscheidung der Geister so wichtig! Auch sie aber setzt Kommunikation voraus und ist nur durch diese möglich. Die Verbundenheit im Geist ist nie nur eine private Angelegenheit. Sie sucht die Öffentlichkeit – und sie geschieht heute vor allem durch die sozialen Medien, durch Podcasts oder auch Internetauftritte wie sie der „Religionsphilosophische Salon“ und viele Initiativen zur Er-möglichung von Kommunikation über das uns als Zeitgenossen gleichermaßen Betreffende und zum Handeln Herausfordernde reali-sieren. Sobald wir an dieser virtuellen Kommunikation teilnehmen, sehen wir, wie sehr wir einander brauchen, gerade in der Suche nach Lösungen für die Probleme, die Sie zu Beginn ihrer Frage angespro-chen haben. </p>
<p>Es ist vollkommen klar, dass uns viel Lebensqualität verloren geht durch die Kontaktbeschränkungen, die wir pandemiebedingt in Kauf nehmen müssen. Aber richtig ist auch, wie Sie sagen, dass wir gestei-gert die Kräfte zum Einsatz bringen können, die uns als Menschen zur Verfügung stehen – und das ist nicht zuletzt die Offenheit und Emp-fänglichkeit für die Geistbegabung. </p>
<p>2.<br />
Wenn man also den Krisen zum Trotz auf die „Trotzmacht“ des Geis-tes“ setzt (wie der Therapeut Viktor E.  Frankl sagt), muss man ja nicht in die uralte Falle des Dualismus stolpern, der da vorgibt: Das Materielle, Leibliche, sei bedeutungslos gegenüber dem Geist. So sind doch wohl auch nicht die Weisheiten im Neuen Testament zu verstehen, wo es heißt: „Der Geist macht lebendig“ (Joh. 6.63) oder „Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig“ (2 Kor.3,6)? Die Fra-ge ist entscheidend: Wie können wir dieses lebendig machenden Geistes innewerden? </p>
<p>Viktor Frankls treffliche Rede von der „Trotzmacht des Geistes“ weist darauf hin, dass der uns Menschen ergreifende und in glücklichen Momenten ganz erfüllende Geist höher ist als unsere menschliche Vernunft. Der Geist ist es, der uns dazu befähigt, auch noch gegen ei-ne bedrückende und niederschlagende Wirklichkeit anzugehen, im Glauben daran, dass sie nie schon das Ganze und nicht unsere Be-stimmung ist. Der Geist bewahrt uns davor, in eine letzte Verzweif-lung zu geraten, er lässt uns immer noch auf eine Wende zum Guten hoffen. Der Geist macht es, dass die Liebe nicht aufhört, selbst dort nicht, wo der Hass und die Bosheit unter den Menschen uns den Glauben an die Menschlichkeit rauben wollen. Der Geist ist die uns Menschen über alles Trennende hinweg verbindende Kraft. Das ist er, weil er uns Menschen nicht nur untereinander, sondern zugleich mit dem göttlichen Ursprung unseres Daseins verbindet. In der Sprache des christlichen Glaubens ist dies so ausgedrückt, dass alle Menschen Gottes Geschöpfe, ja, seine geliebten Kinder sind.</p>
<p>Wir können die über uns Menschen hinausreichende und ins Dasein rufende Macht des Göttlichen selbst nur als geistig verfasst denken. So ist dann Gott der unendliche Geist, der uns Menschen an seinem Geist Anteil gibt. Die Bibel redet immer wieder, wie Sie schon zitiert haben, von dem uns lebendig machenden und lebendig erhaltenden Geist Gottes. Der Geist, der es macht, dass wir uns zu uns selbst, zu unseresgleichen wie zur Welt auf verantwortliche, sinn- und zielori-entierte Weise verhalten können, ist Geist von Gottes Geist.<br />
Gottes Geist ist umfassender und höher als unser menschlicher Geist, aber gerade deshalb befähigt uns unsere Teilhabe an Gottes Geist zu dieser „Trotzmacht“ unseres menschlichen Geistes. Dazu, dass wir in der Kraft unseres Geistes uns einsetzen für das Gelingen des Lebens, das Gott mit der Schöpfung der Welt im Sinn hatte – auch dann und dort noch, wo wir angesichts der Größe der Aufgabe und der Wider-stände, die sich in den Weg stellen, resignieren möchten.</p>
<p>Die Frage bleibt jedoch, wie das zugeht, dass wir mit dieser Geistes-kraft erfüllt werden. Dazu braucht es ganz offensichtlich dies, wie Sie selbst sagen, dass wir der uns erfüllenden Kraft des göttlichen Geistes innewerden. Wir müssen zur Einsicht finden, dass unser endlicher, begrenzter menschlicher Geist tatsächlich Geist von Gottes Geist ist, wir an Gottes unendlichem Geist teilhaben. Genau daraus erwächst uns die Fähigkeit, unserer Begrenztheit und Endlichkeit, unserem Versagen und allen Widerständen zum Trotz, doch im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe zu bleiben – und, ja, das auch, nach univer-sal geltenden, alle Menschen gleichermaßen in ihrer unverletzlichen Würde anerkennenden und ihnen gerecht werdenden Prinzipien zu handeln. </p>
<p>Ich will den Bibelstellen, die Sie schon genannt haben, noch ein mir sehr wichtiges Wort aus dem Johannesevangelium hinzufügen: „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Joh 4, 24) Hier ist dies zum Ausdruck gebracht, nicht nur, dass wir uns Gott als Geist zu denken haben, auch nicht nur, dass er uns an seinem Geist Anteil gibt, sondern auch, dass wir, um in dieses Geistgeschehen aktiv einbezogen zu werden, uns zu diesem ins Verhältnis setzen müssen. In der Wahrheit erst, im Eingeständnis also dessen, wie es um uns in Wirklichkeit steht, im Eingeständnis unserer Endlichkeit und Begrenztheit, unserer Schwachheit und Bedürftigkeit, unserer Fehlbarkeit und unseres Versagens, gewinnt die Bitte um den Geist ihre Kraft. Dann erst, wenn wir selbst leer werden, will und kann der Geist uns ganz erfüllen. Dann erst gewinnen wir den Mut, aus der Kraft des Geistes zu leben. Dann erst finden wir in diese an-dere Einstellung dem Leben gegenüber. Dann erst geben wir das ei-gene Leben und er recht die krisengeschüttelte Welt auf keinen Fall verloren.   </p>
<p>3.<br />
Wenn man also in Krisenzeiten besonders auf den Geist, die Vernunft, setzt, sollte dann nicht immer auch der kritische politische Geist ge-meint sein, den es zu pflegen gilt? Also der Geist im emphatischen Sinne, der sich den universalen Menschenrechten verpflichtet weiß? Wie kann es gelingen, dass wir in diesen „Corona – Zeiten“ nicht nur auf uns (in Deutschland, Europa) schauen, sondern die Weite des Mitgefühls finden mit den Leidenden weltweit?</p>
<p>Ja, „der Geist hilft unserer Schwachheit auf“ (Römer 8, 26), um noch einmal den Apostel Paulus zu zitieren (und die wunderbare Mottete von Johann Sebastian Bach zu assoziieren). Die Pandemie fordert alle unsere Kräfte. Sie ist nicht nur mit Kontaktbeschränkungen, sondern für viele auch mit harten ökonomischen Verlusten verbunden. Da kommt es leider viel zu oft vor,  dass die Not derer, die in den Flücht-lingslagern, an den Rändern Europas oder in den Kriegs- und Krisen-gebieten des Nahen und Mittleren Ostens und in vielen Ländern Afri-kas um ihre Existenz kämpfen, aus unserem Blick gerät.</p>
<p>Umso dringender brauchen wir den Geist, diese unwahrscheinliche Kraft, die uns untereinander und mit dem Göttlichen über alles Tren-nende hinweg verbindet, ja, der recht eigentlich diese zerrissene Welt doch immer noch im Innersten zusammenhält. Unsere Bitte um diesen Geist, unser Ruf „Veni Creator Spiritus!“, dass er doch unsere Schwachheit vertreiben und über uns kommen möge, der schöpferi-sche, uns zum Handeln befähigende Geist, er verbindet uns zugleich mit all denen, die um ihr Lebensrecht betrogen werden. Er treibt uns dazu, ein europäisches Grenzregime anzuklagen, dass die Menschen-rechte allenfalls für diejenigen, die über einen europäischen Pass verfügen, gelten lässt. </p>
<p>Dieser Geist, der unserer Schwachheit aufhilft, ist politisch, eine öf-fentlich wirksame Kraft des Protestes gegen die Missachtung der für alle gleichermaßen geltenden Menschenrechte – in der Sprache des Geistes genau deshalb für alle geltend, weil alle Geschöpfe Gottes und seine geliebten Kinder sind. </p>
<p>Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/13068_was-haelt-uns-am-leben-ein-interview-mit-dem-theologen-prof-wilhelm-graeb_denken-und-glauben">Was hält uns am Leben? Ein Interview in Zeiten der Krise mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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		<title>Über den &#8222;Gott der Vernunft&#8220; &#8211; in Zeiten der Krise: Interview mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/12481_ueber-den-gott-der-vernunft-in-zeiten-der-krise-interview-mit-dem-theologen-prof-wilhelm-graeb_buchhinweise/theologische-buecher</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 Mar 2020 10:35:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Denken und Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb (✝ 2023)]]></category>
		<category><![CDATA[Theologische Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Weiter Denken]]></category>
		<category><![CDATA[Beziehung Corona Epidemie und Gottesfrage]]></category>
		<category><![CDATA[Corona Virus und Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Corona Virus und Spiritualität]]></category>
		<category><![CDATA[der Gott der Vernunft in zeiten der Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Glaube und Corona Virus]]></category>
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		<category><![CDATA[gott und Epidemie]]></category>
		<category><![CDATA[Gott und Virus]]></category>
		<category><![CDATA[Gottesfrage und Corona]]></category>
		<category><![CDATA[gubt es vernünftigen Glauben?]]></category>
		<category><![CDATA[Krise Corona Epidemie]]></category>
		<category><![CDATA[was hat Glaube mit Corona Virus zu tun?]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Fragen stellte Christian Modehn 1. Wir wollen über den Zusammenhang nachdenken, der zwischen der persönli-chen Bindung der Menschen an Gott und der fragenden, reflektierenden Ver-nunft besteht. Und da haben viele gleich zu Beginn schon die Schwierigkeit an-gesichts der aktuellen „Coronavirus“ – Epidemie: Zeigt sich in dieser heftigen Krankheit nicht schon, dass wir mit vernünftigen [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/12481_ueber-den-gott-der-vernunft-in-zeiten-der-krise-interview-mit-dem-theologen-prof-wilhelm-graeb_buchhinweise/theologische-buecher">Über den &#8222;Gott der Vernunft&#8220; &#8211; in Zeiten der Krise: Interview mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Fragen stellte Christian Modehn </p>
<p>1.<br />
<em>Wir wollen über den Zusammenhang nachdenken, der zwischen der persönli-chen Bindung der Menschen an Gott und der fragenden, reflektierenden Ver-nunft besteht. Und da haben viele gleich zu Beginn schon die Schwierigkeit an-gesichts der aktuellen „Coronavirus“ – Epidemie: Zeigt sich in dieser heftigen Krankheit nicht schon, dass wir mit vernünftigen Argumenten offenbar kaum verstehen können, dass diese unsere Lebens-Welt eine gute Schöpfung eines gu-ten Gottes sein soll?</em> </p>
<p>Lieber Herr Modehn, Sie sprechen in ihrer Frage von der Vereinbarkeit des per-sönlichen Glaubens an Gott mit der reflektierenden Vernunft. Und bei dem Thema kann es keine kurz gefaßten, bloß &#8222;formel-hafte&#8220; knappe Antworten geben!<br />
Wenn wir einen vernünftigen, also auf Verstehen setzenden Zugang zur Gottes-frage suchen, dann müssen wir, so denke ich auch, vom Glauben von Menschen an Gott den Ausgang nehmen. Nur wenn wir in der Frage nach Gott vom Glau-ben an ihn ausgehen, ist deutlich, dass wir nicht von einer objektiven metaphysi-schen Größe sprechen, wenn wir „Gott“ sagen. Ebenso ist dann klar, dass wir unter Gott nicht eine Ursache im naturwissenschaftlichen, physikalischen, bio-logischen oder evolutionstheoretischen Sinn verstehen, auf die der Ursprung des Universums sowie dann auch alles, was in der Welt geschieht, zurückgeführt werden könnte. Gott lässt sich nicht als Operator, auch nicht im Sinne eines Erstverursachers, einsetzen, um damit zu kausalen Erklärungen für das, was in und mit der Welt geschieht, zu kommen. </p>
<p>Gott ist die Referenz im Glauben von Menschen an ihn als den Ursprung des Universums, der Welt und alles dessen, was mit ihr und in ihr geschieht. Dieser Glaube, den der christliche Glaube als Glaube an Gott den Schöpfer aussagt, geht zusammen mit den Fragen nach Sinn und Bedeutung unseres eigenen Da-seins in der Unendlichkeit des Universums. Die Vernunft, sofern sie die Ideen von Gott und Welt ausbildet und nach Sinn und Zweck fragt, geht insofern wi-derspruchsfrei zusammen mit dem Schöpfungsglauben, insofern dieser gerade keine Welterklärung beansprucht, sondern auf eine religiöse Weltsinndeutung ausgeht.</p>
<p>Ein Konflikt tut sich nicht zwischen Vernunft und Glaube auf, sondern er ent-steht dort, wo verkannt wird, dass der Glaube es nicht mit Tatsachenbehauptun-gen und die Vernunft nicht mit Verstandeserklärungen zu tun hat. Gott, das Uni-versum, die Welt, das sind Vernunftideen, die keine Wirklichkeit beschreiben, auf die wir zeigen könnten. Mit ihnen geht es um Deutungen, die zu Aussagen über die Bedeutung und den Sinn unseres Daseins in der Welt kommen wollen.</p>
<p>Vernunft und Glaube vertragen sich durchaus, was jedoch nicht heißt, dass dem Glauben, der rational nachvollziehbar sein will, nicht genau dadurch auch immer wieder erhebliche Schwierigkeiten entstehen. Eine der elementarsten Schwierig-keiten ist die, die Sie, lieber Herr Modehn, ansprechen. Es ist die Frage, wie mit der Existenz Gottes, gerade dann, wenn wir ihn als Ursprung des Seins und Grund alles Sinns denken und im Glauben unser Vertrauen auf ihn setzen, zugleich die vielen Übel in der Welt, – so jetzt auch die Corona-Epidemie, ver-einbar sein können.</p>
<p>Wie ist mit dieser Schwierigkeit, die Theologen seit jeher sich den Kopf zerbre-chen lässt, umzugehen? Ich meine so, dass wir erstens uns eben dies noch ein-mal klarmachen: Gott ist kein verursachendes Prinzip, mit dem unser nach kau-salen Erklärungen suchender (wissenschaftlicher) Verstand arbeiten kann. Auf die Frage, „warum kann Gott das zulassen?“, gibt es keine ebenso einfache wie plausible Antwort. Zweitens führt uns diese Schwierigkeit aber auch dazu, die Transzendenz Gottes als des Urhebers von allem, streng und groß genug und d.h. ins Unendliche hinein zu denken. Gott ist als der Schöpfer von Himmels und Erde der unbedingte Grund des Universums und damit der Einheit von al-lem. Als solcher steht er aber nicht unter den Bedingungen, unter denen wir ihn denken und seine Allwirksamkeit auf die Erfahrungen, die wir mit uns selbst und mit der Welt machen, zu beziehen versuchen. Das bringen wir zum Aus-druck, wenn wir von der „Unerforschlichkeit“ der Wege Gottes sprechen oder mit Jesaja 55,8f. uns an das Gotteswort erinnern: „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege hö-her als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“</p>
<p>Wenn wir also Gott mit den Übeln in dieser Welt in Zusammenhang bringen, so jetzt z.B. mit dem Corona-Virus, dann sollten wir das nicht mit dem Anspruch verbinden, eine Antwort auf die Warum-Frage zu bekommen. Das würde ja nur bedeuten, dass wir uns Gott und die Motive seines Handelns nach unseren Vor-stellungen und Erklärungsmöglichkeiten zurechtlegen. Vielfach ist man ja so verfahren und tut das manchmal heute noch. Dann wird z.B. gesagt, dass das Übel, eine Krankheit, ein Erdbeben usw. Gottes Strafe für ein sündhaftes Fehl-verhalten der Menschen seien. Das geht so aber nicht, weil es Gott unseren be-grenzten Maßstäben des Denkens und Urteilen unterwirft.</p>
<p>Von Gott zu reden, heißt, vom Glauben an ihn zu reden. Damit bewegen wir uns in einer religiösen Weltdeutung, die ebenso zu unserem vernünftigen Weltzu-gang gehört, aber von dem der Naturwissenschaft, des Recht, der Wirtschaft, der Kunst usw. verschieden ist. Die religiöse Weltdeutung erklärt uns die Welt nicht, aber sie öffnet uns die Augen dafür, dass die Wirklichkeit im Vorhandenen nicht aufgeht, dass wir nach dem Sinn fragen, ihn aber nie ganz zu fassen be-kommen.</p>
<p>Gott ist kein Prinzip, um die Welt zu erklären, sondern eine gute Idee, mit der wir Menschen unser vernunftbegabtes menschliches Leben in dieser Welt gera-de in seiner Kontingenzanfälligkeit und Unbegreiflichkeit verstehen, uns dazu verhalten können, dass wir des Insgesamt der Bedingungen unseres Daseins nicht selbst mächtig sind. Dennoch sind wir immer schon auf Verstehen ausge-richtet, auf ein Verstehen unserer selbst, ein Verstehen der Welt und unseres Da-seins in ihr. Keiner lebt einfach so dahin. Jeder hat zumindest die Möglichkeit, hin und wieder innezuhalten, einen Schritt zurückzutreten und sich zu fragen: Wo will ich eigentlich hin? Was ist der Sinn meines Lebens?</p>
<p>Hier hat die Gottesfrage ihren Sitz im Leben, bei der Frage nach dessen Sinn. Zur Erklärung der Welt brauchen wir Gott schon lange nicht mehr. Diese Auf-gabe haben die Wissenschaften übernommen, die, wenn sie vernünftig sind, dar-auf verzichten, hypothetisch Gott dort einzusetzen, wo eine rationale Erklärung (noch) nicht möglich ist. Auch für das Corona Virus wird ein Impfstoff gefun-den werden, mit dem dann auch die durch dieses Virus verursachte Krankheit erfolgreich bekämpft werden kann.</p>
<p>Was aber bleibt und seit jeher so war, das ist zum einen die Angst vor der unbe-rechenbaren Lebensgefahr, zum anderen aber auch der unerschütterliche Mut, ihr zu widerstehen. Beides resultiert aus unserer Vernunft. Die Angst kommt daher, dass wir uns unserer Begrenztheit, Endlichkeit und Kontingenzanfällig-keit bewusstwerden. Der Mut wiederum kommt aus dem Vertrauen darauf, dass das Leben seinen Sinn – trotz alles Bösen und Schlimmen, das dagegenspricht – in sich selbst trägt. Dieser „Mut zum Sein“, von dem auch Paul Tillich sprach, stellt sich der Angst entgegen und mobilisiert alle verfügbaren Kräfte, für die Förderung des allgemeinen Wohls zu arbeiten.</p>
<p>Dass unser Leben einen Sinn hat, ist nichts, wovon wir ein Wissen haben. Aber die Ahnung, dass es so sein könnte, kommt in uns auf, sobald wir merken, dass wir nach dem Sinn gar nicht fragen würden, wenn wir nicht schon im Sinn wä-ren und ihn mit allen unseren Sinnen, mit jedem Atemzug gleichsam, erfahren würden. Diesen Sinn, in dem wir immer schon sind und den wir doch nicht zu fassen bekommen, nennen wir Gott. Gott ist der unbegreifliche Sinn des Gan-zen, Sinngrund wie Sinnabgrund. </p>
<p>Wir sehen immer noch fassungslos auf das Schreckliche, das geschieht und er-schrecken vor den Übeln und dem Bösen in der Welt. Aber im Vertrauen auf Gott wird zugleich doch immer auch das andere möglich, dem Zweifel und der Verzweiflung ein trotziges Dennoch des Mutes und der Hoffnung entgegenzu-setzen.</p>
<p>2.<br />
<em>Wenn man durch vernünftige Überlegungen „trotzdem“ an der Überzeugung festhält: Diese unsere Welt ist zwar unvollkommen, aber die Frage nach Gott lässt sich nicht verdrängen, „totkriegen“, könnte man drastisch sagen: Dann müssen wohl aufgrund dieser unabweisbaren Frage „Spuren“ des Göttlichen, des Ewigen, in der Seele und der Vernunft der Menschen doch „vorhanden“ sein. Und dann bleibt die Frage richtig und sinnvoll: Bietet auch die Vernunft einen Weg, Gott wahrzunehmen und zu verehren? </em></p>
<p>Die Spuren des Göttlichen sind in uns vorhanden. Vorhanden in uns ist der gött-liche Sinngrund unseres Lebens, als Ahnung gewissermaßen. Vernünftige Ein-sicht kann uns insofern durchaus dazu bringen, auch den Gottesgedanken als vernünftig zu betrachten. Dazu können Menschen sogar dann bereit sein – und sind es häufig –, die sich als Atheisten betrachten. Auch ohne selbst an Gott zu glauben, ist es möglich, dessen wichtige Bedeutung für das menschliche Leben einzusehen. An Gott zu glauben ist demgegenüber ein existentieller Vollzug, mit dem ein Mensch bewusst sich dazu bekennt, dass er auf den Sinn des Ganzen vertraut – auch noch gegen den Augenschein und alle Erfahrung. </p>
<p>Vielleicht kann man es aber auch so sagen: Durch vernünftiges Nachdenken kommt man dahin, zu sagen, es ist durchaus sinnvoll, einen Gott als den unbe-greiflichen Sinn des Ganzen von Welt und Leben zu setzen, weil nur dann, wenn das Ganze überhaupt einen Sinn hat (über unser Verstehen hinaus), auch allem anderen, um das wir uns bemühen und für das wir uns einsetzen, ein Sinn zu-kommt, d.h. den Einsatz wirklich lohnt. Etwas Anderes ist es demgegenüber, dem Gott sich persönlich anzuvertrauen, von ihm alles zu erwarten (auch dann, wenn ich es nicht verstehe und mit seiner Liebe nicht zusammenbringe, wie jetzt gerade die Corona-Epidemie) – und gerade daraus die Energie zum vernünftigen Denken und Handeln zu gewinnen.</p>
<p>3.<br />
<em>Nun werden verschiedene Menschen eben auch verschiedene Begriffe und Bil-der von ihrem Gott entwickeln und darstellen. Welchen Sinn macht es dann, sich bei dieser Vielfalt zwischen „wahren“ und „falschen“ Gottesbegriffen und Got-tesbildern zu unterscheiden? Kann das Kriterium für eine Unterscheidung aus einer bestimmten Theologie stammen? Oder sollte das Kriterium nicht aus einem emphatischen Begriff der Vernunft &#8211; im Sinne der umfassenden Menschlichkeit – kommen? </em></p>
<p>Da wir Menschen es sind, die Gott setzen, Gott denken, sich Gott vorstellen, an Gott glauben, sind wir insofern immer mit unserer Individualität im Spiel. Ent-sprechend differieren die Gottesbilder. Vernünftigerweise müssen wir uns aller-dings auch klarmachen, dass Bilder von Gott Bilder von dem sind, wovon wir uns im Grunde kein Bild machen können. Bilder zeigen immer etwas im Unter-schied zu anderem, das sie nicht zeigen. Das passt insofern nicht zu Gott, mit dem wir den unbegreiflichen Sinn des Ganzen, das Unbedingten, Unendliche, das Allumfassende, Alleine meinen.</p>
<p>Im Wissen um die Uneigentlichkeit unseres gegenständlichen Redens von Gott kommen wir dennoch nicht umhin, dabei immer auch Vorstellungen von ihm aufzurufen. Außerdem ist es die Leistung der Religionen, Erzählungen von ih-rem Gott zu überliefern und so sein Bild im Wandel dieser Überlieferungen in dessen ganzer Vielfältigkeit zu entwerfen.</p>
<p>Eine vernünftige, rationale Theologie, die die religiösen Überlieferungen histo-risch-kritisch zu verstehen versucht und zudem alle Gottesbilder als menschliche Konstruktionen aus ihrem „Sitz im Leben“ heraus rekonstruiert, braucht ein transreligiöses Kriterium, um über deren „Wahrheit“ zu entscheiden. So ist es heute auch, dass wir, wie Sie richtig sagen, es nicht mehr einer bestimmten posi-tionellen Theologie überlassen, über richtig oder falsch in den Angelegenheiten von Gottesbildern zu entscheiden. Maßgeblich ist jetzt, ob sich Gottesbilder als lebensdienlich erweisen und mit dem übereinstimmen, woran sich die vernünfti-ge, d.h. universal gültige Moral der „Menschenrechte“ orientiert. Entscheidend sind ethische Kriterien, oder eben die Frage, ob es sich um einen Gott handelt, der Menschen guttut, ihrer begründeten Existenzangst zum Trotz, den „Mut zum Sein“ (Tillich) stärkt, ihnen hilft, sich „zu bejahen als bejaht“ (Tillich).</p>
<p>4.<br />
<em>Ist der lebenspraktische Ort der Vernunft des Menschen vorrangig im Gewissen zu finden? Was wahr und falsch ist, gut und böse, „spricht“ doch dort? </em></p>
<p>Wenn es um wahr oder falsch, um gut oder böse geht, ist rationale Begründung bzw. unser moralisches Urteil gefordert. Die Entscheidungsmacht fällt insofern in unsere menschliche Vernunft. Ebenso gilt für ethische Normen: Wenn sie uns nicht von außen auferlegt sind, wir insofern ihnen nur folgen, weil wir dazu ge-zwungen werden, dürften wir dies kaum als ein moralisches Verhalten bezeich-nen. Im guten Willen hat das gute und verantwortliche Tun seinen anthropologischen Ort. Im Wollen des Guten hören wir auch das Gewissen sprechen. Es sagt uns, was wir, sofern wir zu uns selbst sollen stehen können, wollen sollen. Wenn wir es dann doch nicht tun, befällt uns daher das schlechte Gewissen.</p>
<p>Insofern ist es richtig zu sagen, dass der praktische, die je eigene Lebenspraxis mitbestimmende Ort der Vernunft das Gewissen ist – auch wenn natürlich eben-so zu sehen ist, dass wir keineswegs ständig in ethisch relevanten Gewissensent-scheidungen stehen. </p>
<p>5.<br />
<em>Wenn im Gewissen und seiner vernünftigen Prüfung sozusagen auch Gott spricht und das Handeln bestimmt wird: Dann ist alle Ethik, die sich unmittel-bar aus dem Buch der Bibel ableiten will, doch eher an eine zweite Position zu setzen. Mit anderen Worten: Ist auch die Ethik der Christen zuerst und vor allem vernünftige, allgemein menschliche Ethik? </em></p>
<p>Ob Gott aus unserem Gewissen spricht ist noch einmal eine andere Frage. Zu-nächst einmal ist, wie gesagt, das Gewissen die Stimme unserer praktischen Vernunft. Die Stimme des Gewissens spricht auch dort, wo einem Menschen weder die vernunftgeleitete Gottesahnung aufkommt, noch gar an Gott geglaubt wird. Zu behaupten, ohne Gott gebe es keine Moral, ist unsinnig. </p>
<p>Lieber Herr Modehn, Sie nehmen mit ihrer Frage bezeichnenderweise auch auf das manchmal geübte Verfahren Bezug, ethische Kriterien aus der Bibel abzu-leiten. Es verweist auf diese andere Spur, die ebenfalls zur Religion gehört und der zu folgen ist, wenn wir verstehen wollen, wie die Religion zu einer bestimmten Moral führt, auf die ihre Anhänger sich verpflichtet wissen. Eine Religions-gemeinschaft lebt nie nur von der Vernunft der Religion, sondern immer auch von der Autorität Heiliger Schriften, von den darin von Gott offenbarten Ver-heißungen und Geboten.</p>
<p>Eine rationale Theologie, der wir hier gefolgt sind, betrachtet die der Heiligen Schrift der Christen zugehörenden Gottesgebote als moralische Intuitionen, de-ren Geltungsanspruch sich daran bemisst, inwieweit sie uns als lebensdienlich einleuchten bzw. mit den auf der Achtung vor der Menschenwürde jedes Einzel-nen aufbauenden „Menschenrechten“ übereinstimmen. Sie müssen sich als sinn-volle Normen einer für alle Menschen gültigen Ethik darstellen lassen – was zumeist aber auch möglich ist.</p>
<p>Copyright: Prof. Dr. Wilhelm Gräb, Theologe in Berlin und Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/12481_ueber-den-gott-der-vernunft-in-zeiten-der-krise-interview-mit-dem-theologen-prof-wilhelm-graeb_buchhinweise/theologische-buecher">Über den &#8222;Gott der Vernunft&#8220; &#8211; in Zeiten der Krise: Interview mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Die heutige liberale Theologie: „Ein Appell zum Selberdenken“</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/12160_die-heutige-liberale-theologie-ein-appell-zum-selberdenken_buchhinweise/theologische-buecher</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 27 Nov 2019 14:33:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Denken und Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb (✝ 2023)]]></category>
		<category><![CDATA[Remonstranten Forum Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Theologische Bücher]]></category>
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		<category><![CDATA[40 Interviews mit Wilhelm Gräb]]></category>
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		<category><![CDATA[Glaubensaussagen sind Aussagen des eigenen Selbstverständnisses]]></category>
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		<category><![CDATA[warum ist liberale Theologie in der Kirche nicht geschätzt]]></category>
		<category><![CDATA[was bedeutet "Jesus ist Erlöser" für liberale Theologen]]></category>
		<category><![CDATA[was ist heutige liberale Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[Weiterdenken mit Wilhelm Gräb]]></category>
		<category><![CDATA[welche Theologie vertritt Wilhelm Gräb]]></category>
		<category><![CDATA[Wilhelm Gräb im Religionsphilosophischen Salon Berlin]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Interview mit dem protestantischen Theologen Wilhelm Gräb Die Fragen stellte Christian Modehn Sie haben kürzlich als einer der wichtigen Theologen, die die heutige „liberale Theologie“ vertreten, gesagt: „Die liberale Theologie hat es heute besonders schwer“. Bevor ich nach den Gründen für diese Aussage frage: Was ist denn – kurz gefasst &#8211; eine heutige, moderne [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/12160_die-heutige-liberale-theologie-ein-appell-zum-selberdenken_buchhinweise/theologische-buecher">Die heutige liberale Theologie: „Ein Appell zum Selberdenken“</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Interview mit dem protestantischen Theologen Wilhelm Gräb<br />
Die Fragen stellte Christian Modehn</p>
<p><em>Sie haben kürzlich als einer der wichtigen Theologen, die die heutige „liberale Theologie“ vertreten, gesagt: „Die liberale Theologie hat es heute besonders schwer“.<br />
Bevor ich nach den Gründen für diese Aussage frage: Was ist denn – kurz gefasst &#8211; eine heutige, moderne liberale Theologie? </em></p>
<p>Liberale Theologie denkt von der Religion der Menschen her. Sie ist die Explikation eines Denkens, das ein Sich &#8211; Befassen mit den existentiellen, letztlich auf den Sinn des Ganzen gehenden Grundfragen des Lebens ist. Liberale Theologie behauptet jedoch gerade nicht, auf diese Fragen eine abschließende Antwort zu haben. Sie beruft sich weder auf das biblische Offenbarungszeugnis, noch auf die Lehren und das Bekenntnis der Kirche. Sie appelliert an die Fähigkeit zum Selbst-Denken in Verbindung mit dem Empfinden, dass das Leben immer wieder dazu nötigt, zu fragen, was ihm Bedeutung gibt, wie ich mich selbst und mein Dasein in der Welt verstehe.<br />
Diese Sinnfragen sind religiöse Fragen, die zur Theologie, d.h. in ein Gott-Denken führen. Nichts in dieser Welt ist von der Art, dass es nicht auch erschüttert werden und zerbrechen könnte. Auch mit der Rede von Gott und seinem Handeln in der Welt verbindet liberale Theologie dann aber nicht das Versprechen einer unerschütterlichen Sinn- und Heilsgewissheit. Genau dadurch steht sie im Gegensatz zu einer fundamentalistischen Denkungsart. Sie gibt die Vorläufigkeit, Relativität, Endlichkeit menschlichen Seins und Denkens, auch dann und dort zu, wo es sich auf Gott bezieht. Gott steht der liberalen Theologie für den Unbegreiflichen Sinn des Ganzen und der Glaube, bzw. das Vertrauen auf ihn für die menschliche Fähigkeit, diese Unbegreiflichkeit aushalten und in Lebensenergie umsetzen zu können.<br />
Mit liberaler Theologie müssen wir keine absoluten Wahrheitsbehauptungen aufstellen, nicht unbedingt auf unserem Recht beharren. Dann können wir die Vielfalt der Meinungen und die Unterschiedlichkeit der Lebensformen wie auch der religiösen Tradition und Positionen ohne Gefahr eines Verlustes der eigenen Identität anerkennen und aushalten. Darin liegt der Freiheitsgewinn liberaler Theologie. Das macht sie allerdings auch unbequem. Sie verlässt sich nicht auf kirchliche oder staatliche Autoritäten. Sie ist kritisch gegenüber Machtansprüchen, die von dort ausgehen. Sie bietet damit allerdings auch keine absolute Sicherheit.</p>
<p><em>Was hat denn heutige liberale Theologie zu sagen, wenn Gläubige bekennen: „Jesus Christus ist der Erlöser“. Dies ist ja eine Formel, die etwa im Umfeld von Weihnachten oft gesprochen wird&#8230;</em></p>
<p>Das Bekenntnis des christlichen Glaubens, zu dem die Aussage gehört: dass von dem Menschen Jesus ein erlösender, von der Sünde befreiender, d.h. die Trennung von Gott überwindender Impuls ausgegangen ist und ausgeht, versteht liberale Theologie nicht als einen Inhalt bzw. Gegenstand des Glaubens – wie es in der kirchlichen Theologie der Fall ist. Liberale Theologie versteht die Aussagen des christlichen Bekenntnisses bzw. Dogmas als Anregung zur religiösen Selbstdeutung. Von Jesus, so sagt die liberale Theologie, kann deshalb eine erlösende Wirkung ausgehen, weil er Gott auf die Erde geholt hat. Gott, so wie Jesus ihn von Anfang an zeigt, in seinem Leben, bis hin zum Tod am Kreuz, ist nicht der machtvolle Herrschergott. Er ist die Kraft, die in den Schwachen mächtig ist. Gott ist der, der als der Abwesende anwesend ist, die ohnmächtige Macht der Liebe.<br />
Wenn ich mich zu dem in Christus Mensch gewordenen Gott bekenne, heißt das also, dass ich mich selbst als zur Freiheit bestimmt verstehe, keiner höheren Autoritäten verpflichtet als dem Anspruch, den ich an mich selbst stelle: Nämlich ein Mensch zu sein, ein menschlicher Mensch, d.h. der „Menschheit“ in mir, also der Idee der Humanität verpflichtet. So ist Gott da, so ist er in allen da, sofern sie sich nur der Kraft bewusst werden, die in ihnen ist – und sich auf diese Kraft verstehen. Ein Kinderlied zu Weihnachten bringt diese liberaltheologische Deutung von Weihnachten gut zum Ausdruck: „Alle Jahre wieder kommt das Christuskind…“, wo es in der letzten Strophe heißt: „ist auch dir zur Seite, still und unerkannt, dass es treu dich leite an der lieben Hand“.</p>
<p><em>Auch in Ihrem neuen Buch „Vom Menschsein und der Religion“ haben Sie betont: Für eine heutige liberale Theologie ist die Verbindung der Menschen mit der grund-legenden Sinnfrage entscheidend. Da öffnen Sie einen weiten Raum, der über die dogmatische Gottesfrage hinausführt: So dass auch Menschen ihre religiöse Spiritualität wahrnehmen können, die gar nicht kirchlich sind, aber nach dem grundlegenden Sinn suchen. Ist dieses Denken nicht ein großes weites, durchaus „ökumenisches“ Angebot?</em></p>
<p>Die dogmatischen Inhalte des christlichen Glaubens sagen nichts über eine andere Wirklichkeit aus, sondern über andere Möglichkeiten des uns selbst Verstehens, was für uns unser Leben bedeutet, worin wir seinen Sinn finden und was uns darauf hoffen lässt, nicht vergeblich zu leben. Liberale Theologie zeigt diese Möglichkeit des Umgangs mit der Verschiedenheit der Konfessionen und Religionen auf. Sie weist darauf hin, dass mit und in den Konfessionen und Religionen andere Möglichkeiten unseres Selbstverständnisses gefunden werden können, und damit andere Möglichkeiten auch zu einer Deutung des Sinns unseres Lebens, dessen Unbegreiflichkeit zum Trotz.</p>
<p><em>Wäre diese theologische Weite nicht auch eine Basis für ein inter-religiöses Gespräch etwa mit Buddhisten und auch für ein Gespräch mit Humanisten, die von der Sinnfrage bewegt sind?</em></p>
<p>Natürlich, die Gegenstände bzw. Inhalte des Glaubens beschreiben ja keine objektive, unabhängig von uns Menschen, unserem Selbst- und Weltverständnis, gegebene Wirklichkeit. Die Inhalte des christlichen Glaubensbekenntnisses drücken aus, wie ein Christ sich in seinem Verhältnis zu sich, zu anderen und zur Welt versteht. Die Lehren des Buddha tun das auf ihre Weise. Ein Humanist entfaltet heute sein Selbst &#8211; und Weltverständnis am ehesten, indem er auf Formulierungen der Menschenrechtserklärungen Bezug nimmt. Das legt sich heute auch einem Christen nahe, dem es bei manchen Aussagen des christlichen Glaubensbekenntnisses schwer fällt, diese als Ausdruck seines Selbstverständnisses zu lesen.</p>
<p><em>Nun dann doch zu der zentralen Frage: Warum wird diese große Weite liberal &#8211; theologischen Denkens heute nicht wahrgenommen, nicht geschätzt und auch „offiziell“ kirchlich nicht empfohlen und gefördert?</em></p>
<p>Den Kirchen-Institutionen geht es zumeist nicht um das Christentum, nicht um den religiösen Sinn, den das Christentum den Menschen anbietet. Den Kirchen geht es um ihre Selbsterhaltung. Die, so meinen sie, hängt an der Geltung der Lehren, Bekenntnisse und moralischen Appelle, für die sie eintreten. Diese Auffassung von kirchlicher Autorität führt dazu, dass die liberaltheologische Freiheit zum Selbst-Denken, auch in religiösen Fragen, sowie auch die Reduktion des Bekenntnisses auf einen Ausdruck menschlichen Selbstverständnisses, als Bedrohung eben dieser Autorität erscheinen. Deshalb wird diese liberal-theologische Freiheit nicht geduldet, sondern sie wird abgelehnt und als Weg in die Beliebigkeit denunziert.</p>
<p><em>Ist also die Ablehnung der heutigen liberalen Theologie auch ein Hinweis auf die tief sitzende Angst vieler Menschen, die nur Sicherheit suchen, auch hundertprozentige eindeutige Sicherheit in ihrer Religiosität?</em></p>
<p>Das wird man so sehen müssen. Nur, so denke ich, es ist den meisten Menschen bewusst, dass es keine absolute Sicherheit gibt und auch die Religion ihr Konto heillos überzieht, wenn sie diese verspricht. Worauf es doch ankommt, ist, angesichts all der Unsicherheiten und permanenter Kontingenzanfälligkeit dennoch den Lebensmut nicht zu verlieren und hoffnungsfroh bleiben zu können. Lebensmut und hoffnungsfrohe Zuversicht entstehen aber nicht aus fundamentalistischer Rechthaberei. Die macht lediglich borniert. Sie entstehen und erneuern sich immer wieder z.B. dadurch, dass Menschen sich selbst nicht nur als ein Zufallsprodukt der Natur, sondern inmitten allen Lebens, das leben will, sich als ebenso absichtsvolle wie unendlich geliebte Geschöpfe Gottes verstehen.</p>
<p><em>Sollte man als liberaler Theologie heute diese falsche Sicherheit, manche sprechen von Sicherheitswahn, kritisieren und dabei helfen, diese Mentalität zu überwinden?</em></p>
<p>Ja, gerade die Theologie sollte es als eine ihrer wichtigsten Aufgaben begreifen, deutlich zu machen, dass der religiöse Glaube keine Sicherheit schafft, sondern dazu befähigt, mit den unvermeidlichen Unsicherheiten besser, d. h. rational und zugleich mutig, die Angst ernst nehmend, aber zugleich hoffnungsstark umzugehen. Gerade im Zeitalter der ökologischen Lebensgefahr ist diese Aufgabe von der Theologie energisch wahrzunehmen. Weder eine religiös-fundamentalistische Leugnung der Gefahr hilft weiter, noch sind hysterische Panikreaktionen angebracht. Was es braucht, sind langfristig wirksame Strategien des Umbaus der Industriegesellschaft wie auch gravierende Änderungen des Konsumverhaltens. Dazu ist ein langer Atem nötig, wie er vielleicht doch am ehesten auch aus einem risikosensiblen und zur Selbstzurücknahme ermutigenden Gottvertrauen kommt.</p>
<p><em>Zum Schluss: Hat es dieser liberalen Theologie und ihren wenigen Gemeinden bzw. Kirchen an einer Emotionalität und Gemeinschaftserfahrung gefehlt? Wie lässt sich die nun einmal rationale liberale Theologie und Emotionalität versöhnen?</em></p>
<p>Es mag sein, dass dort, wo eine liberale Theologie gesucht und betrieben wird, eine Theologie, die aufs Selbst-Denken auch in den Fragen der Religion und des Glaubens ausgeht, die emotionale und affektive Dimension der Religion manchmal zu kurz kommt. Im Grund ist das aber ein Missverständnis. Denn, da es liberaler Theologie gerade nicht um die Anerkenntnis der objektiven „Wahrheit“ von Glaubensinhalten ankommt, sondern um deren das je eigene Selbstverständnis transformierende Bedeutung, zielt sie nicht nur auf den Verstand, sondern immer auch auf Herz und Gemüt. Vielleicht sind aber auch Gemeinden, die eine liberale Theologie betreiben, was die Praxis ihrer Gottesdienste anbelangt, in ästhetischen Formen gefangen, die heutige Menschen emotional nicht mehr ansprechen.</p>
<p><em>Ist die Kritik am heutigen „Niedergang“ der vom Ursprung her „liberalen Demokratie“ auch ein Thema heutiger liberaler Theologie?</em></p>
<p>Ich weiß gar nicht, ob wir vom Niedergang „liberaler Demokratien“ sprechen sollten. <strong>Der Begriff des Liberalen, so wie ich ihn jetzt in Bezug auf die liberale Theologie gebraucht habe, verträgt sich ja weder mit Parteiungen, noch beschreibt er einen Vorgang, den man historisch als irgendwann einmal gegeben oder erreicht bezeichnen könnte. Ob in der Religion oder der Politik, Liberalität beschreibt sowohl eine Haltung wie eine Aufgabe, die solange nicht erledigt sind, als es sich der Fundamentalisten und Extremisten von Rechts wie von Links zu erwehren gilt.</strong></p>
<p><em>Sollte man vielleicht in Zukunft eher von liberal-sozial oder sozial-liberal sprechen?</em></p>
<p>Es hat in Deutschland bekanntlich mal eine „sozial-liberale Koalition“ gegeben. Das war nicht das schlechteste. Aber weil diese Bezeichnung an Parteien denken lässt, würde ich sie eher vermeiden wollen. Das Liberale ist sozial, allein schon deshalb, weil das Selbstdenken, zu dem es den Einzelnen auffordert, immer in sozialen Beziehungen verortet, kommunikativ ist und ausgerichtet auf das Wohl aller.</p>
<p>Zur Vertiefung wird noch einmal auf das neue Buch von Wilhelm Gräb empfehlend hingewiesen: &#8222;Vom Menschsein und der Religion&#8220;, dazu auch das einführende <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/11525_vom-menschsein-und-der-religion-ein-neues-buch-von-wilhelm-graeb_aktuelle-buchhinweise/theologische-buecher">Interview </a>auf dieser website!</p>
<p>Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Theologe in Berlin<br />
Und Religionsphilosophischer Salon Berlin. Veröffentlicht am 27.11.2019</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/12160_die-heutige-liberale-theologie-ein-appell-zum-selberdenken_buchhinweise/theologische-buecher">Die heutige liberale Theologie: „Ein Appell zum Selberdenken“</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>&#8222;Vom Menschsein und der Religion&#8220;: Ein neues Buch von Wilhelm Gräb</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/11525_vom-menschsein-und-der-religion-ein-neues-buch-von-wilhelm-graeb_buchhinweise/theologische-buecher</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 14 Mar 2019 14:10:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb (✝ 2023)]]></category>
		<category><![CDATA[Liberale Theologie heute: Literarische und künstlerische Zeugnisse]]></category>
		<category><![CDATA[Remonstranten Forum Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Theologische Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Weiter Denken]]></category>
		<category><![CDATA[alle Menschen glauben]]></category>
		<category><![CDATA[die eine gemeinsame Religion in aller Menschen Herz]]></category>
		<category><![CDATA[die Religion der Humanität ist universal]]></category>
		<category><![CDATA[die Sinnfrage als Basis der humanen Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Kunst und Religion]]></category>
		<category><![CDATA[neues Buch von Wilhelm Gräb]]></category>
		<category><![CDATA[Religion und Sinnfrag]]></category>
		<category><![CDATA[Religionsphilosophischer Salon und Wilhelm Gräb]]></category>
		<category><![CDATA[Vom Menschsein und der Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Weiter denken]]></category>
		<category><![CDATA[Weiterdenken]]></category>
		<category><![CDATA[Wilhelm Gräb im Religionsphilosophischen Salon Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Wilhelm Gräb über Kunst und Religion]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://religionsphilosophischer-salon.de/?p=11525</guid>

					<description><![CDATA[<p>WEITER DENKEN: Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb Die Fragen stellte Christian Modehn Ihr neues Buch „Vom Menschen und der Religion“ vermittelt eine zentrale Er-kenntnis von einer geradezu universalen Bedeutung: Jeder Mensch befasst sich auf seine Art mit der Sinnfrage, mit der Frage nach dem Sinn des eigenen Le-bens und „des Ganzen“. Und diese Sinnfrage, [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/11525_vom-menschsein-und-der-religion-ein-neues-buch-von-wilhelm-graeb_buchhinweise/theologische-buecher">&#8222;Vom Menschsein und der Religion&#8220;: Ein neues Buch von Wilhelm Gräb</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>WEITER DENKEN: Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb<br />
Die Fragen stellte Christian Modehn </p>
<p><em><br />
Ihr neues Buch „Vom Menschen und der Religion“ vermittelt eine zentrale Er-kenntnis von einer geradezu universalen Bedeutung: Jeder Mensch befasst sich auf seine Art mit der Sinnfrage, mit der Frage nach dem Sinn des eigenen Le-bens und „des Ganzen“. Und diese Sinnfrage, so schreiben Sie immer wieder in dem Buch, sollte auch der Mittelpunkt der Theologie, der christlichen Theolo-gie, sein. Das ist eine ungewöhnliche, über alles Kirchliche hinaus in die Weite des Menschlichen führende Aussage. Warum ist gerade diese in meiner Sicht „universale Basis-Theologie“, unter den Bedingungen der „Säkularisierung“ jetzt so entscheidend für Sie</em>?</p>
<p>Dass wir die Zukunft nicht bestehen und die drängenden ökonomischen und vor allem ökologischen Probleme einer stetig wachsenden Weltbevölkerung ohne weitere Fortschritte in Wissenschaft und Technik nicht werden lösen können, scheint allen klar. Auch die Kunst und die Künste gehören selbstverständlich zu den entscheidenden Möglichkeiten, die wir Menschen haben, um unsere kreati-ven Fähigkeiten in die Gestaltung einer lebensdienlichen und entwicklungsoffe-nen Welt einzubringen. Nur die Religion, die doch seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte nicht nur die Basis von Wissenschaft und Kunst war, sondern auch sich mit diesen fortschreitend entfaltet hat, erscheint vielen heute als entbehrlich. Sie wird mit den institutionalisierten Religionen und mit den Glaubens- und Morallehren der Kirchen identifiziert. Es wird die gefährliche politische Macht, die die ihre Repräsentanten durch die Berufung auf göttliche Autorität gewinnen können, angeprangert.<br />
Viel zu wenig gesehen wird jedoch, dass die Zukunftsfragen einer das Überleben der Menschheit sichernden nachhaltigen Entwicklung eine alles entschei-dende religiöse Dimension bei sich haben. Was das Leben jedes einzelnen letzt-lich trägt, der Glaube an den Sinn des Ganzen, das hält auch die Anstrengungen in Wissenschaft und Technik, Politik, Recht und Bildung in Gang. Gerade dort, wo die Probleme immer drängender werden und globale Fehlentwicklungen, in die wir durch kollektives Versagen hineingeraten sind und die das Zutrauen in die Kräfte lebensdienlicher Zukunftsgestaltung rauben, ist das trotzige Dennoch eines religiösen Glaubens, der Inspiration, Kreativität und Gemeinsinn freisetzen sowie einen hoffungsvollen Lebensmut stärken kann, wichtiger denn je.<br />
Doch dass Religion diese Bedeutung für unser Menschsein hat, dass sie es ist, die uns die Möglichkeiten entdecken lässt, mit denen wir über uns hinauswach-sen, weil sie größer sind als wir selbst um sie und uns in ihnen wissen, ist kaum im Blick. Die Religion ist kein öffentliches Thema in den so dringenden Debat-ten darüber, wie wir leben wollen, wie wir leben sollen, noch gar, was recht ei-gentlich ins Zentrum der Religion gehört, wie wir mit der offenkundigen Tatsa-che zurecht kommen können, dass wir des Insgesamt der Bedingungen unseres Daseins nicht mächtig sind, wir das Gelingen unserer noch so guten Absichten letztlich nie in der Hand haben.<br />
Religion wird als Angelegenheit lediglich der hierzulande offensichtlich immer weniger werdenden „Gläubigen“, der Kirchen- und Religionsangehörigen aufge-fasst. Die anderen, die „Säkularen“, Konfessionslosen, Freigeister, Humanisten, Agnostiker geht sie nicht an. Doch in Wahrheit ist es so, dass wir alle in unserer Vorstellungkraft sehr viel ärmer werden, wenn wir das Bewusstsein von den Grenzen, die unserer Erkenntnis und unserm Wissen gesetzt sind, verkümmern lassen und die Möglichkeiten einer transzendenzoffenen, spirituellen Weltsicht und Sinneinstellung verspielen.<br />
Deshalb habe ich dieses Buch geschrieben, weil ich meine, dass es dringend an der Zeit ist, in der Religion, wir können auch sagen: Religiosität bzw. Spirituali-tät, eine Haltung dem Leben gegenüber zu sehen, aus der immer wieder neu In-spiration, Mut, Trost und Gemeinsinn erwachsen. Es verdankt sich dieses Reli-gionsverständnis den entscheidenden Impulsen protestantischer (Kultur-)-Theologie, wie sie von Friedrich Schleiermacher über Ernst Troeltsch bis zu Paul Tillich gesetzt wurden.<br />
Ich habe der Rekonstruktion der Gegenwartsbedeutung dieser Theologietraditi-on in meinem Buch breiten Raum gegeben, stelle mich selbst in diese Tradition und führe sie fort, um – heute nun in transreligiöser und transkultureller Absicht – zu diesem anderen Reden über die Religion beizutragen. Religiös zu sein, ist eine der besten Möglichkeiten, die wir Menschen haben, um einen verlässlichen Halt in unserem je individuellen Leben zu haben und dann auch den enormen Herausforderungen begegnen zu können, vor die wir uns im Zeitalter der ökolo-gischen Lebensgefahr gestellt sehen.</p>
<p><em><br />
Nun gibt es die bunte Vielfalt von Religionen. Diese aber sind nicht immer und nicht automatisch konstruktiv im Sinne der Menschlichkeit und des Respekts der universalen Menschenrechte. Welches Kriterium haben Sie, um humane Religi-onen von den de facto ins Inhumane abgleitenden Religionen, „Sekten“, Ideolo-gien, zu unterscheiden? </em></p>
<p>Die Religion, von der ich spreche, ist, um mit Johann Gottlieb Herder zu reden, „in aller Menschen Herz nur eine“. Sie gehört zu unserem vernunftbegabten Menschsein. Zu ihr können alle finden, die einiger Selbstachtung fähig sind. Dann merken sie, dass die schon von den Theologen der Aufklärung als „Ange-legenheit des Menschen“ entdeckte Religion eine transzendenzoffene Sinnein-stellung ist, die aus dem tröstlichen Gefühl einer Gründung unseres Ichs im Göttlichen erwächst.<br />
Mit dem Glauben an Heilige Schriften, kirchliche Dogmen, gar einem Gehorsam religiösen Führern gegenüber hat diese Religion der Humanität, wie ich sie nen-ne, nichts zu tun. Das heißt aber nicht, dass diese Religion der Humanität nicht auch in den Religionen, wie sie als mehr oder weniger verfasste Institutionen, mit ihren Traditionen, ihren Lehren und Ritualen, Symbolen und Lebensregeln existieren, gefunden und praktiziert werden kann. Genau dies dürfte vielmehr weithin der Fall sein, schon deshalb, weil eine gesellschaftliche Kommunikation über diese Religion der Humanität noch nicht entwickelt ist. Das Anregungspo-tential, das die Heiligen Texte der Religionen, ihre Kunstschätze, ihre Theolo-gien und ethischen Reflexionen in sich bergen, ist außerdem immens. Es wäre töricht, wenn die Religion der Humanität, die ich in meinem Buch auch als eine transversalen Religion der Menschenwürde und Menschrechte beschrieben habe, ihre Inspiration nicht auch aus Quellen der großen geschichtlichen Religionen schöpfen würde.<br />
Dennoch ist das Verhältnis der Religion der Humanität zu den religiösen Insti-tutionen, Traditionen und Gemeinschaften ein durchaus kritisches. Ich argumen-tiere entschieden gegen jede Vorweggeltung eines kirchlichen und religionsinsti-tutionellen Autoritätsanspruchs. Es ist nicht schon deshalb etwas heilig und den gläubigen Gehorsam gebietend, weil ein Klerus sich auf höhere Offenbarung, geheiligte Traditionen und göttliche Einsetzung beruft. Ob eine Religion bzw. Elemente in ihr gut oder schlecht sind, entscheidet sich daran, ob dort unsere menschliche Fähigkeit, aus freier Einsicht „glauben“ zu können gefördert wird, oder auf blinden Glaubensgehorsam verpflichtet werden.<br />
Glauben zu können, will dann als Realisierung einer unserer besten menschli-chen Möglichkeiten verstanden sein. Wer aus freier Einsicht glaubt, tut dies im Wissen um die Unverfügbarkeit der Zukunft wie unseres Daseins überhaupt, ein Wissen, das in Glauben übergeht und das den Kern im Grunde jeder Religion darstellt. </p>
<p><em><br />
Wichtig ist für sie der „Lebensglaube“, also die Gewissheit, dass mein und unser Leben „im letzten“ einen Sinn hat. Diesen Lebensglauben können, so sagen Sie,  auch Kunst, Literatur, Film und Musik vermitteln. Aber warum, wie Sie dann schreiben (S. 318), „befriedigen diese dann doch nicht unsere Sinnbedürfnisse“?<br />
Dieser Lebensglauben, der ein unbedingtes Vertrauen in den Sinn des Ganzen ist, muss immer wieder dem Wissen um die Unbegreiflichkeit dieses Sinns ab-gerungen werden. Sonst wäre es ja kein Glauben, kein grundloses, ins Wagende hinein sich vollziehendes Grundsinnvertrauen. Das eben macht den Unterschied wahren religiösen Glaubens von Ideologien und totalitären religiösen Lehren aus. Doch wer schafft das, so zu glauben? </em></p>
<p>Letztlich ist dieses sich auf der Grenze bewegende und das menschliche Maß wahrende Glauben, zu dem die Religion der Humanität ermutigt, eine unmögliche menschliche Möglichkeit. Das hat vernünftig Theologie seit jeher dadurch zum Ausdruck gebracht, dass sie vom Glauben als Gottesgeschenk sprach, als Tat Gottes, mit der dieser den Glauben in uns hervorbringt. Viele religiöse Den-ker sprechen zudem vom Glauben als einem Widerfahrnis, zu dem wir uns nicht entschließen können, sondern das an uns geschieht, so freilich, dass es nur dann für uns wirksam wird, wenn wir es annehmen und uns bewusst dazu verhalten.<br />
Was ich an der von Ihnen zitierten Stelle von der Kunst und den Künsten sage, gilt insofern auch von der Religion. Auch sie befriedigt nicht unsere Sinnbe-dürfnisse, jedenfalls nicht so wie das gemeinhin verstanden wird, als hielte sie eine friedigende Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens bereit. So ist es gerade nicht. Dennoch erweckt die traditionelle Religion oft genau diesen Anschein, als habe sie sie verbindliche Antworten auf die großen Fragen nach dem Woher und Wohin unseres Daseins. Anders die Kunst. Ich sehe ihren Vor-zug und das, was sie für die Religion bedeutet, genau darin, wie ich an anderer Stelle sage, dass „sie die Wunde des Sinns offenhält“.<br />
Gerhard Richter sagt es so: „Die Kunst ist die reine Verwirklichung der Religiosität, der Glaubensfähigkeit, Sehnsucht nach ,Gott‘. […] Die Fähigkeit zu glauben ist unsere erheblichste Eigenschaft, und sie wird nur durch die Kunst ange-messen verwirklicht. Wenn wir dagegen unser Glaubensbedürfnis in einer Ideo-logie stillen, richten wir nur Unheil an.“ (Notizen 1988)<br />
Und früher schon notierte Richter, der einer der bedeutendsten Bildermacher unserer Zeit ist: „Die Kunst ist nicht Religionsersatz, sondern Religion (im Sinne des Wortes, ,Rückbindung&#8216;, ,Bindung&#8216; an das nicht Erkennbare, Übervernünftige, Über-Seiende). Das heißt nicht, dass die Kunst der Kirche ähnlich wurde und ihre Funktion übernahm (die Erziehung, Bildung, Deutung und Sinngebung). Sondern weil die Kirche als Mittel, Transzendenz erfahrbar zu machen und Religion zu verwirklichen, nicht mehr ausreicht, ist die Kunst, als veränder-tes Mittel, einzige Vollzieherin der Religion, das heißt Religion selbst.“ (Notizen 1964-65)<br />
Kunst ist Religion und Religion ist Kunst, ohne dass wir eine Kunstreligion erfinden müssten. Die für die Erfahrung der Kunst offene Religion ist die Religion, die zu uns unruhigen Menschen passt, weil sie unser Verlangen nach dem Vollkommenen wachhält. Sie befriedigt nicht unsere Sinnbedürfnisse, sondern hält unsere Sehnsucht nach Sinn wach – nach einem Sinn, der endlich verstanden werden kann, so dass wir vielleicht das Gefühl bekommen, doch in diese Welt zu passen, obwohl wir nie ganz in ihr zuhause sind.</p>
<p>Hinweis auf die Neuerscheinung: <em>Wilhelm Gräb, Vom Menschsein und der Religion. Eine praktische Kulturtheologie. 2019. </em><br />
https://www.mohrsiebeck.com/buch/vom-menschsein-und-der-religion-9783161565649</p>
<p>Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin und Prof. Wilhelm Gräb, Berlin </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/11525_vom-menschsein-und-der-religion-ein-neues-buch-von-wilhelm-graeb_buchhinweise/theologische-buecher">&#8222;Vom Menschsein und der Religion&#8220;: Ein neues Buch von Wilhelm Gräb</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>&#8222;Religion: Gefährlich UND unentbehrlich&#8220;. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/11035_religion-gefaehrlich-und-unenbehrlich-drei-fragen-an-prof-wilhelm-graeb_weiter-denken</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 18 Nov 2018 13:24:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb (✝ 2023)]]></category>
		<category><![CDATA[Weiter Denken]]></category>
		<category><![CDATA[21. November Schleiermacher]]></category>
		<category><![CDATA[250. Geburtstag Schleiermacher]]></category>
		<category><![CDATA[aktuelles Interview mit Wilhelm Gräb November 2018]]></category>
		<category><![CDATA[deutscher Nationalfeiertag sollte der 9. November sein]]></category>
		<category><![CDATA[ein anderer Name für die Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche]]></category>
		<category><![CDATA[Gedenktag Schleiermacher]]></category>
		<category><![CDATA[Interview mit Prof. Wilhelm Gräb November 2918]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur des Gedenkens]]></category>
		<category><![CDATA[KWG in Berlin umbenennen]]></category>
		<category><![CDATA[Schleiermacher aktuell meint Wilhelm Gräb]]></category>
		<category><![CDATA[Schleiermacher ist in der Kirche heuze nicht rezipiert]]></category>
		<category><![CDATA[soll man die Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche umbenennen?]]></category>
		<category><![CDATA[Wilhelm Gräb liberale Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[Wilhelm Gräb über Kultur der Erinnerung]]></category>
		<category><![CDATA[Wilhelm Gräb über Schleiermacher]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://religionsphilosophischer-salon.de/?p=11035</guid>

					<description><![CDATA[<p>Die Fragen stellte Christian Modehn: 1. Zur Kultur des Gedenkens. 2. Zur Aktualität Schleiermachers. 3. Zu den Namen berühmter Kirchen, wie der &#8222;Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche&#8220;. 1.Dieser Monat November ist von vielen „großen Gedenktagen“ bestimmt. Wie können wir verhindern, dass diese vielen Tage der Erinnerung, etwa an die Pogromnacht, den schwierigen Start der Republik 1918 usw. von der [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/11035_religion-gefaehrlich-und-unenbehrlich-drei-fragen-an-prof-wilhelm-graeb_weiter-denken">&#8222;Religion: Gefährlich UND unentbehrlich&#8220;. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Fragen stellte Christian Modehn: 1. Zur Kultur des Gedenkens. 2. Zur Aktualität Schleiermachers. 3. Zu den Namen berühmter Kirchen, wie der &#8222;Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche&#8220;.</p>
<p><em>1.Dieser Monat November ist von vielen „großen Gedenktagen“ bestimmt. Wie können wir verhindern, dass diese vielen Tage der Erinnerung, etwa an die Pogromnacht, den schwierigen Start der Republik 1918 usw. von der oft wirkungslosen Routine der Kulturveranstaltungen überdeckt werden. Mit anderen Worten: Wie kann das eigene kritische Nach- und Vorwärts &#8211; Denken inmitten der Ge-Denktage neu bewegt wird? </em></p>
<p>Ich bedauere es jedes Jahr wieder aufs Neue, dass in den 1990er Jahren aufgrund einer Entscheidung der Regierung Kohl der 3. Oktober, der Tag des Beitritts der neuen Länder auf dem Gebiet der DDR zur Bundesrepublik Deutschland, und nicht der 9. November, der Tag des Mauerfalls durch die friedliche Revolution der Menschen in der DDR, zum Feiertag erklärt wurde. Der 9. November ist das richtige Datum für einen deutschen Nationalfeiertag – wenn es einen solchen Tag überhaupt geben soll. Wenn schon, dann dieser Gedenktag, mit diesen Erinnerungen, die widersprüchlicher nicht sein könnten.</p>
<p>Die Novemberrevolution von 1918, die Ausrufung der Republik und dann der Unwille weiter Teile des Bürgertums, der ganz großen Mehrheit auch in den Kirchen, die junge deutsche Demokratie zu wollen! Viel zu eng war gerade in den evangelischen Landeskirchen die Bindung an die Monarchie und das landesherrliche Kirchentum. Thron und Altar gehört für die meisten Protestanten zusammen. Der 9. November gibt daher mit seiner Erinnerung an die Ausrufung der Republik in Deutschland eine Veranlassung, für die Demokratie als die beste aller Staatsformen einzutreten und sich klarzumachen, dass sie die Mitbeteiligung aller braucht, ebenso die parlamentarische Kontrolle, die Gewaltenteilung und eine freie Presse. Angesichts des weltweiten und auch bei uns aufkommenden Populismus von rechts, durch den Minderheiten für sich in Anspruch nehmen, Volkes Wille auszusprechen, sind die Stärkung des demokratischen Bewusstseins und die Aufklärung darüber, wie Demokratie funktioniert, ungemein wichtig.</p>
<p>Gedenktage bieten immer die Chance, nicht nur des Vergangenen zu gedenken, sondern sich zu fragen, ob wir heute nicht vor vergleichbaren Herausforderungen stehen.</p>
<p>Der 9. November 1938 kann nicht bei dem Entsetzen über die Judenpogrome und die Ermordung der europäischen Juden durch die Deutschen stehen bleiben. Denn wir erleben erneut Anschläge auf Synagogen und andere jüdische Einrichtungen. Ebenso schlimm finde ich die bis in die bürgerliche Mitte unserer Gesellschaft reichende Islamfeindlichkeit, wie sie sich im Widerstand gegen die Errichtung von Moschen in unseren Städten ausdrückt und in der Angst vor fremden Religionen und Kulturen, die Geflüchtete und Migranten seit langem zu uns bringen, sich zeigt. Der 9. November ist kein Tag nur der Erinnerung an den Nazi-Mob, der vor 80 Jahren die Synagogen anzündende und jüdische Geschäfte plünderte. Er ist ein Tag, der uns zur Stellungnahme herausfordert, wie es um unser Verhältnis bestellt ist zu den 5 Millionen Muslimen, die in unserem Land wohnen und arbeiten und auch zu dem glücklicherweise wieder neu aufblühenden jüdischen Leben in unseren Städten.</p>
<p>Gedenktage sind eine gute Gelegenheit, die Probleme anzusprechen, vor denen unser Gemeinwesen heute steht. Alle Gedenktage halten, wenn sie sinnvoll begangen werden, sich in der Widerspannung zwischen einer gefährlichen Erinnerung und einer problembewussten Erwartung. Der 9. November 1989 erinnert an die unfassliche Freude über den Fall der Mauer. Jeder, der damals dabei war, weiß, was er gerade getan hat, als ihn die Nachricht erreichte. Eine Revolution ohne Blutvergießen ist möglich! Zugleich sehen wir heute aber auch das Problem, dass viele in den neuen Ländern das Empfinden haben, nicht anerkannt, bis heute Bürger zweiter Klasse zu sein. Da ist psychologische vieles ganz schwierig. Es gibt keine einfachen Lösungen. Aber der 9. November als Tag des Gedenkens an eine friedliche Revolution in Deutschland ist eine große Ermutigung für alle, die den Glauben daran festhalten, dass Menschen, die guten Willens sind, ohne Waffen, ja ohne Androhung von Gewalt, die Welt zum Guten verändern können.</p>
<p><em>2.Auch an einen der viel zitierten und immer studierten protestantischen Theologen wird im November erinnert: An den 250. Geburtstag von Friedrich Schleiermacher am 21. November. Manche Beobachter stellen sich bei solchen immer wieder kehrenden Gedenktagen die provozierende Frage: Ist nicht auch über Schleiermacher alles gesagt? Und ist nicht das Gedenken an ihn mit entsprechenden Feierstunden, Festschriften etc. auch Ausdruck „kultureller“ Gedenk-Routine? Und vielleicht Verschleierung der Tatsache, dass man kirchlicherseits einige Aspekte seines Denkens nicht realisieren kann und will? Etwa seine aktuelle Lehre von der christlichen Gemeinde</em>?</p>
<p>Schleiermacher wird von Theologen und Kirchenleitungen gern der „Kirchenvater des 19. Jahrhunderts“ genannt. Es gibt jetzt sogar eine Sonderbriefmarke zu Ehren seines 250.Geburtstages. Als diese im Berliner Dom vor kurzem der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, ist auch wieder an diesen angeblichen „Kirchenvater des 19. Jahrhunderts“ erinnert worden. Doch er wurde dies leider nicht und auch heute müsste sich in unseren Kirchen erst noch enorm viel ändern, bevor Schleiermacher seine Ideen zu einer Kirche, die in die moderne Zeit passt, auch nur einigermaßen verwirklicht sähe.</p>
<p>Gewiss, Schleiermacher ist seiner Zeit selbst auch Kompromisse mit der dem landesherrlichen Kirchenregiment unterstehenden preußischen Kirche eingegangen. Aber er hat sich doch mit dem König, Friedrich Wilhelm III., aufs heftigste angelegt als dieser im sog. Agendenstreit auch noch über die gottesdienstlichen Ordnungen bestimmen wollte. Schleiermachers Ideal war eine sich von unten, durch die Selbsttätigkeit der Gemeinden aufbauende Kirche, die radikale Trennung von Thron und Altar, Kirche und Staat. Er wollte eine christliche Gemeinde, die ihre Angelegenheiten selbst regelt, weil sie durch die Mitbeteiligung aller an einer Verständigung über die alle gleichermaßen betreffenden Belange des Lebens zusammengehalten wird. Die Religion gehörte für ihn essentiell zum Menschsein, weil ihm das Bewusstsein der Gottesbeziehung zugleich der Grund menschlicher Freiheit war. Den religiösen Glauben verstand er als eine unerschöpfliche Quelle der Lebenskraft, als Grund einer allen Menschen mitgegebenen Befähigung zu Autonomie, zur Selbstbestimmung in den religiösen wie in allen anderen Dingen des Daseins.</p>
<p>In seinen „Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ (1799), 10 Jahre nach der französischen Revolution, entwickelte Schleiermacher sein bis heute inspirierendes Kirchenideal. Er sprach von der Kirche als einer „vollkommenen Republik“, in der alle wechselseitig aufeinander wirken, Geben und Nehmen allen gleichermaßen eigen, die Unterscheidung zwischen Priestern und Laien aufgehoben ist. Eine Kirche, die dennoch nicht nur ein frommer Zirkel ist, sich nicht aus der Welt zurückzieht, sondern die „Anschauung des Universums“ betreibt, die Suche nach dem Sinn des Ganzen und unseres eigens Dasein zu ihrer Sache macht.</p>
<p>Es braucht Orte und Gelegenheiten in der Gesellschaft, wo wir uns über die existentiellen Fragen des eigenen Lebens und wie über das, was die Gesellschaft im Innersten zusammenhält, verständigen können. Dass die Kirche ein solcher Ort in der Gesellschaft sein könnte, das war Schleiermachers Traum. Ich meine seine Impulse sind aktueller denn je!</p>
<p><em>3.Im Jahr 1918 wurde das Kaiserreich in Deutschland beendet. Kaiser Wilhelm II. zog ins Exil. Er ist der Enkel von Kaiser Wilhelm I., der nun wahrhaftig nicht als Friedensfreund und Anti-Kolonialherr (bezogen auf seine Afrika-Politik) gelten kann. Warum hat die evangelische Kirche heute nicht die Courage, die nach Kaiser Wilhelm I. benannte „Gedächtniskirche“ endlich mit einem neuen, dem biblischen Glauben entsprechenden Namen auszustatten? Das gleiche gilt für die Kirchennamen „Kaiser Friedrich Gedächtniskirche“ oder „Königin Luise Gedächtniskirche“? Was soll diese offenkundige Bindung der Kirche an ihre alten Herren und Herrinnen der Staatskirche? </em></p>
<p>Was wäre gewonnen, würden diese Kirchen umbenannt in „Christuskirche“ oder „Johanneskirche“? Es würde doch die gefährliche Erinnerung, die die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche oder auch die anderen, die Sie nennen, potentiell wachhalten, um die Chance ihrer öffentlichen Aktualisierung gebracht. Es ist sicher richtig, darauf hinzuweisen, dass das zu wenig geschieht. Aber dass diese Kirchen immer noch die Namen wahrhaft unrühmlicher deutscher Kaiser und Königinnen tragen, gibt doch wenigstens die Chance, bei Gelegenheit öffentlich anzusprechen, wie gefährlich es wird und welch ruinöse Folgen es hat, wenn die Religion politisch vereinnahmt wird und die Kirche dies um eigener Vorteile willen auch noch willfährig unterstützt.</p>
<p>Gerade die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ist eine der wenigen Kirchen, die für weit mehr als nur kirchliche Belange stehen. Sie repräsentiert als Ruine zugleich ein Mahnmal und wird als solches durchaus wahrgenommen. Daran lässt sich anknüpfen und das riskante Verhältnis von Kirche und Staat in die öffentliche Debatte ziehen. Diese Chance würde mit einer Namensänderung vertan. Die Kirche hätte vielleicht ein besseres Gewissen, aber sie hätte sich zugleich aus der Öffentlichkeit nur noch weiter auf ein vermeintlich moralisch einwandfreies Ruhekissen zurückgezogen.</p>
<p>Wir hatten im Frühjahr mit dem sog. Bayrischen Kreuzerlass auch die Situation, dass die CSU sich vom Aufhängen des Kreuzes in bayrischen Amtsstuben politische Vorteile versprach. Anders als zu Zeiten der Kaiser Wilhelm I und II haben sich die Kirchen, die katholische vor allem, dagegen gewehrt. Das war sicher auch richtig so. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass sie nicht nur darauf bestanden hätten, dass das Kreuz ein religiöses und kein kulturelles Symbol ist, sondern sie in die Offensive gegangen wären – etwa so: Wenn ihr schon das Kreuz als Symbol unserer kulturellen Identität anerkannt wissen wollt, dann müsste das ganz massive Konsequenzen für eure Politik haben. Dann verträgt sich das überhaupt nicht damit, dass ihr gerade in Bayern diese inhumane Rhetorik gegenüber Flüchtlingen betreibt und für eine immer rigorosere Abschottung Deutschlands und Europas gegenüber Migranten eintretet.</p>
<p>Ich finde, angesichts der immer offenkundigeren gesellschaftlichen Randständigkeit, um nicht zu sagen Belanglosigkeit der Kirchen, sollten sie jedem Versuch eines weiteren Rückzugs auf sich selbst und ihre rein religiösen Belange widerstehen. Ihre Aufgabe ist es, die kulturelle und politische Ambivalenz der Religion, damit ihre Gefährlichkeit wie ihre Unentbehrlichkeit zum öffentlichen Thema zu machen.</p>
<p>copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin</p>
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		<title>Was kann, was sollte Europa von Afrika lernen?</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/10711_was-kann-was-sollte-europa-von-afrika-lernen_weiter-denken</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Jul 2018 07:43:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Alternativen für eine humane Zukunft]]></category>
		<category><![CDATA[Weiter Denken]]></category>
		<category><![CDATA[Die Stärker Afrika]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge in Afrika]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb]]></category>
		<category><![CDATA[Kirchen in Südafrika]]></category>
		<category><![CDATA[Ökumene in Südafrika]]></category>
		<category><![CDATA[Prof. Wilhelm Gräb über Afrika]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus in Afrika]]></category>
		<category><![CDATA[Ubuntu]]></category>
		<category><![CDATA[Von Afrika lernen]]></category>
		<category><![CDATA[Weiterdenken]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Berlin Die Fragen stellte Christian Modehn im Juli 2018 &#160; Sie hatten sich im Frühjahr wieder zur Vorlesungen in Südafrika aufgehalten. Je länger man dort lebt, umso größer wird sicher der Abstand zu Europa und zu Deutschland in der Hinsicht, vermute ich mal: Also, dass man sich wundert, welche [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Berlin</p>
<p>Die Fragen stellte Christian Modehn im Juli 2018</p>
<p>&nbsp;</p>
<ol>
<li><em> Sie hatten sich im Frühjahr wieder zur Vorlesungen in Südafrika aufgehalten. Je länger man dort lebt, umso größer wird sicher der Abstand zu Europa und zu Deutschland in der Hinsicht, vermute ich mal: Also, dass man sich wundert, welche Themen uns in Europa so wichtig sind und welche dann vor Ort in Afrika entscheidend sind. Ein Beispiel nur: In der europäischen Presse wird Afrika pauschal als Problemkontinent dargestellt; vieles Wertvolle wird hier wohl nicht gesehen, trotz aller politischen Korruption auch in (Süd) Afrika. Welche positiven Eindrücke sind für sie in Afrika entscheidend geworden?</em></li>
</ol>
<p>Was mich jedes Mal wieder begeistert, wenn ich in Afrika bin, das ist die Lebensenergie der Menschen. Die sozialen und politischen Probleme sind ungleich größer als in Europa, aber die deprimierende Stimmung, die hier so schnell über uns kommt, kennt man dort nicht. Dass es sich um überwiegend junge Gesellschaften handelt spielt dabei gewiss eine Rolle. Aber ein ebenso großes, wenn nicht sehr viel größeres Gewicht kommt einem eigentümlichen Merkmal afrikanischer Kultur zu.</p>
<p>Verallgemeinerungen sind immer schwierig, auch hier. Dennoch kann man sagen, dass die afrikanische Kultur kommunal und sogar kosmologisch in ein größeres Ganzes einbindet. Der einzelne fühlt sich immer als lebendiger und unverzichtbarer Teil einer Gemeinschaft und mit dieser in das Universum seiner sozialen Welt eingebunden. Das meint ja der zentrale Begriff „Ubuntu“. Blicken wir auf die ökonomischen Erfolgsbedingungen, so hat diese kulturelle Formation, die im südlichen Afrika mit dem Xhosa-Wort „Ubuntu“ beschrieben wird, natürlich auch Nachteile. Aber wir schrecken inzwischen ja doch eher davor zurück, unser Modell sozio-ökonomischer Entwicklung, das nach wie vor auf Wachstum und Profitsteigerung ausgelegt ist, als nachhaltig und zukunftsfähig auszugeben.</p>
<p>Demgegenüber stellt die Sinneinstellung, die es macht, dass der einzelne sich als ein unverzichtbares Element im großen Ganzen eines sozialen Organismus versteht, ein attraktives Element afrikanischer Kultur dar. Aus dieser Sinneinstellung entspringen ein unwahrscheinliche Lebensfreude und ein ungebrochener Lebensmut. Es liegt mir fern, die sozialen und erst recht die politischen Verhältnisse in den Ländern Afrikas zu romantisieren. Die Probleme, vor denen sie stehen, sind riesig und die politischen Eliten sind weithin korrupt. Aber ich kann von diesen Problemen keine Erwähnung machen, ohne zugleich zu betonen, dass die Staatsgrenzen überall in Afrika von den Kolonialmächten hinterlassen wurden. Die künstlich geschaffenen politischen Einheiten umschließen in einem Land wie Nigeria über hundert verschiedene Ethnien und Sprachen. Insofern kommt es eher einem Wunder gleich, als dass es Anlass sein kann, mit besorgter Miene auf Afrikas zu blicken, wie viel doch zusammenspielt, wie viel unternehmerischer Geist am Werk ist, wie lebendig die Kunstszene und die Musikkultur in allen Ländern Afrikas ist. Wenn es nur noch besser gelänge, Good Leadership and Good Governance – wovon in den Medien im südlichen Afrika permanent die Rede ist, weil das Wissen da ist, dass es das am dringendsten braucht – entstehen zu lassen, dann bräuchte niemand um die Zukunft Afrikas besorgt zu sein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<ol start="2">
<li><em> Gelingt es den so vielfältigen, auch in kirchlicher Lehre und Liturgie unterschiedlichen Kirchen in Afrika einen gewissen Zusammenhalt und gemeinsame Praxis zu finden? Falls es da noch Probleme gibt, sind diese eher theologischer oder eher politisch – sozialer Prägung?</em></li>
</ol>
<p>Die Kirchen stellen in nahezu allen Ländern Afrikas (südlich der Sahara) einen enorm wichtigen Faktor im öffentlichen Leben dar, allein schon deshalb, weil ihnen die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung angehört, in den Ländern des südlichen Afrika sind es fast 90 %, in den Ländern West- und Ostafrikas ist demgegenüber auch der Islam relativ stark vertreten, was bekanntlich immer wieder auch zu religiös aufgeladenen, gewaltsamen Konflikten führt.</p>
<p>Was den Zusammenhalt und die Zusammenarbeit der Kirchen anbelangt, so suchen die Kirchenleitungen sie energisch, aber ihre Bemühungen werden von der Basis kaum mitgetragen. Hier zeigt sich eine Kehrseite der „Ubuntu“-Kultur. Sie stärkt enorm die Bindungskräfte in der Social Community, auch die in der eigenen Kirchengemeinschaft. Sie setzt aber kaum Bridging-Forces frei. Die „Ubuntu“-Kultur trägt kaum dazu bei, die Markierungen zwischen den Kirchen zu überbrücken. Und diese Markierungen werden nach wie vor durch die sozialen und kulturellen Unterschiede (wozu die überkommenen Race-Issues gehören) als durch theologische gezogen. Auch die liturgischen Differenzen, die Stile der gottesdienstlichen Feiern, sind höchst unterschiedlich, spiegeln dabei aber die sozialen und kulturellen Zugehörigkeiten.</p>
<p>Das macht für mich immer noch eine der besonders enttäuschenden Erfahrungen in Südafrika aus, dass die südafrikanische Gesellschaft nie mehr so sehr getrennt ist, wie sonntagmorgens zwischen 10 und 11 Uhr, also zu den Zeiten der unterschiedlichen Gottesdienste.</p>
<p>&nbsp;</p>
<ol start="3">
<li><em> In Südafrika halten sich auch viele Flüchtlinge aus anderen afrikanischen Staaten auf. Auch da, so hört man in Europa, gibt es Probleme: Die „reichen“ Südafrikaner wollen nicht mit den ärmeren Leuten aus Zimbabwe usw. teilen. Gibt es auch Projekte des Miteinanders von Südafrikanern und „anderen“ Afrikanern? Könnten die für deutsche Flüchtlingsarbeit interessant sein, man spricht ja so viel von inter-kulturellem Austausch&#8230;.</em></li>
</ol>
<p>Es gab vor drei Jahre gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Einheimischen und Wirtschaftsmigranten aus den ärmeren Ländern im nördlichen Sub-Sahara-Afrika. Aber in Südafrika hat man daraufhin nicht angefangen Grenzzäune zu errichten und eine Politik der Abschottung zu betreiben. Im Gegenteil die südafrikanische Regierung legte einen National Action Plan vor, zu dem auch der Kampf gegen Racism and Xenophobia gehört: <a href="http://www.opengovpartnership.org/documents/south-africas-third-national-action-plan-2016-2018">www.opengovpartnership.org/documents/south-africas-third-national-action-plan-2016-2018</a></p>
<p>Die Aufnahme von Flüchtlingen und Migranten ist politisch gewollt und wird von den Kirchen tatkräftig unterstützt. De facto sind es die Kirchen, vor allem die African Initiated Churches und die pentekostalen Kirchen, in denen die Geflüchteten und Migranten Aufnahme finden. Staatliche Sozialhilfe gibt es für sie nicht. In den Kirchen finden sie Anschluss, sodass sie nicht ins Bodenlose fallen.</p>
<p><em>Wenn ich gegenwärtig das Gerede verfolge, das sich nur noch darum dreht, wie Europa seine Außengrenzen schützen und die wenigen, die es noch schaffen durchzukommen, wieder auf offene Meer hinaustreiben kann, nötigt mir der Umgang mit Geflüchteten und Migranten in Südafrika eher Bewunderung ab. Natürlich gibt es an der Basis harte soziale Verteilungskämpfe. Aber die Politik dort scheint mir nie zu vergessen, dass es um Menschen geht, die in Not sind.</em></p>
<p>Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/10711_was-kann-was-sollte-europa-von-afrika-lernen_weiter-denken">Was kann, was sollte Europa von Afrika lernen?</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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