Spiritualität oder Religion? Drei Fragen an den protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin.

Die Fragen stellte Christian Modehn

1.

Wenn heute von Religionen und Kirchen gesprochen wird, auch vom persönlichen Glauben, wird sehr oft der Begriff Spiritualität verwendet. Selbst Menschen, die sich Veganer, Astrologen, Yoga-Praktizierende usw. nennen, verwenden für ihre eigene Lebensphilosophie den Begriff Spiritualität. Wie beurteilen Sie diesen Trend?

Ich nehme diesen Spiritualitätstrend schon seit längerem wahr. Die Rede von Spiritualität schimmert merkwürdig. Für die einen, die vor allem, die Sie in Ihrer Frage anführen, steht Spiritualität für ein breites Spektrum an Praktiken, die Ausdruck eines bewussten, alternativen Lebensstils sind, bis hin zur Kontaktaufnahme mit einer anderen übersinnlichen Wirklichkeit. Andere wiederum verbinden mit Spiritualität den subjektiven, persönlichen Zugang zum Göttlichen. Diese Rede von Spiritualität, die auf die katholische Ordenstheologie zurückweist, findet sich inzwischen zunehmend auch in den evangelischen Kirchen. Spiritualität hat den Begriff der Frömmigkeit, der einst für die Praxis gelebten Glaubens stand, ersetzt.

Dass Menschen heute, wenn sie auf Religion angesprochen werden, sich eher als spirituell oder spirituell interessiert bezeichnen, hängt, so denke ich, mit zwei Dingen zusammen. Spiritualität bindet zum einen nicht an eine Kirche oder Religionsgemeinschaft. Sie verlangt keine Verpflichtung auf ein vorgegebenes Bekenntnis. Spiritualität weckt die eigene Neugier nach Erklärungen des Unerklärlichen. Zum anderen bieten die gängigen Formen der Spiritualität erlernbare Praktiken an. Sie ermächtigen zum Handeln, auch dort noch, wo wir vor Unerklärlichem und Unverfügbarem stehen. Sie stellen über die Erklärung des Unerklärlichen hinaus, auch noch die Verfügung über das Unverfügbare in Aussicht. Oft verschwimmen dabei die Grenzen zwischen der Religion, zu der die Anerkennung der Transzendenz und damit des Unverfügbaren gehört, und der Magie, die das Unverfügbare durch menschliches Handeln in den Griff bekommen will.

Praktiken der Spiritualität zielen darauf, auf außergewöhnliche Weise handlungsfähig zu bleiben. Ihre Attraktivität gewinnen sie aus dem Versprechen, sein Leben auch noch angesichts der ungewissen Zukunft deuten zu können, sogar selbst etwas tun zu können, um es grundlegend zu ändern.

Im Spiritualitätstrend zeigt sich, bei aller Ambivalenz wie sie der Religion immer eigen ist, dass Menschen auf die Dimension des Religiösen ansprechbar sind, weit über die Kirchen und Religionen hinaus. Bei aller Ambivalenz und auch Gefährlichkeit, der Spiritualitätstrend ist für mich doch der deutlichste Beleg dafür, wie sehr die quantitative Religionsforschung, die nur noch einem Drittel der deutschen Bevölkerung ein Interesse an Religion meint bescheinigen zu können, in die Irre führt. Die Sehnsucht der Menschen nach Lebensdeutungen, die das Unbestimmbare (z.B. Geburt, Krankheit, Liebe, Glück, Verlust, Gelingen, Scheitern, Katastrophen, Tod) bestimmbar machen, ist enorm groß. Die Menschen suchen nach Praktiken, die ein Verhalten zum Unverfügbaren möglich machen (Horoskop, Yoga, Veganismus, Mediation, Gebet). Diese Praktiken sind deshalb sehr viel weiter verbreitet als die Zugehörigkeit zu Kirchen und Religionsgemeinschaften erahnen lässt.

Religionskulturdiagnostisch ist der Spiritualitätstrend deshalb für mich ein ungeheuer interessantes Phänomen.

Neben die Kirchen und verfassten Religionen ist heute eine Fülle anderer Anbieter auf dem religiösen Markt getreten, wobei auch recht obskure Geschäftemacher ihre Dienste anbieten. Es ist dennoch schwierig, Kritik wirksam vorzubringen, da diese sehr schnell sich mit der Frage konfrontiert sieht, ob sie nicht nur der Deutungsmacht der traditionellen Religionsinstitutionen Vorschub leisten möchte. Gibt es auf dem religiösen Markt noch funktionierende Regulierungsinstanzen? Die Kirchen haben diesen Kredit verspielt, aus verschiedenen Gründen, aber auch deshalb, weil sie selbst kein frei zugänglicher und die Menschen eigenaktiv einbeziehender Ort religiöser Erfahrungs- und Deutungskultur mehr sind.

2.

Es fällt in Europa auf, dass politische Praxis zugunsten der Menschenrechte gerade nicht mit dem Begriff Spiritualität beschrieben wird. Dabei haben Menschen, die sich bei „Amnesty International“ oder den „Ärzten ohne Grenzen“ oder den Flüchtlingsrettern engagieren, zweifelsfrei eine „menschenfreundliche Spiritualität“. Falls Sie das bejahen, wie würden sie diese „weltliche“ Spiritualität deuten?

Das wäre eine interessante Weiterführung des Spiritualitätstrends. Ich wäre froh, wenn er sich auch in dieser Richtung durchsetzen würde. Verschiedentlich habe ich von einer universalen Religion der Menschenrechte gesprochen. Dies deshalb, weil sich ja doch Menschen aus den verschiedenen Religion, zusammen mit solchen, die gar keiner Religion angehören, für die Menschenrechte und notwendige Maßnahmen zu ihrer Durchsetzung engagieren.

Die religiöse Dimension im Kampf für die Menschenrechte liegt für mich darin, dass sie auf der Anerkennung der unverletzlichen Würde jedes Menschen aufruhen. Mit den Menschenrechten, so kann man sagen, verschafft sich die Selbsttranszendenz und damit die menschliche Unverfügbarkeit des Menschen Geltung. Die Menschenrechte verlangen anzuerkennen, dass kein Mensch in seinen natürlichen, sozialen, politischen, religiösen, ökologischen und sonstigen Verhältnissen aufgeht. Jeder Mensch ist Zweck an sich selbst (Kant) und darf deshalb nicht zum Mittel der Durchsetzung sozialer, politischer, religiöser, ökologischer oder sonstiger Absichten, und seien sie noch so dringlich, gemacht werden.

Wer sich für die Menschenrechte einsetzt, lebt insofern auch eine Form der Spiritualität. Es wäre besser von der Spiritualität statt von der Religion der Menschenrechte zu sprechen. Damit hätte man die ihnen innewohnende religiöse Dimension zum Ausdruck gebracht, aber sich nicht zugleich dem Verdacht ausgesetzt, man wolle sie letztlich doch für das Christentum vereinnahmen.

3.

Gibt es für Theologen, die sich, wie Sie, der „liberalen Theologie“ verpflichtet wissen, eine Norm, die bei der Fülle der Spiritualitäten innerhalb der weiten Ökumene eine befreiende und eine unterdrückende Spiritualität unterscheidet? Oder sind alle christlichen Spiritualitäten etwa gleichwertig?

Natürlich tun nicht alle Formen der Spiritualität gleich gut. Wir versuchen deshalb ethische Kriterien zu berücksichtigen. Für mich ist die Frage nach der Lebensdienlichkeit ganz wichtig, ob die Spiritualität, die Menschen praktizieren, ihnen und letztlich auch der Gesellschaft und dem Planeten guttut oder eher nicht.

Als Theologe bin ich dennoch vorsichtig, mich zum Richter über gute oder schlechte Spiritualität zu machen. Denn mit dem Spiritualitätstrend verbindet sich zunächst einmal ein großes Freiheitsversprechen. Nicht mehr Theologie und Kirche sollen bestimmen dürfen, welcher Glaube zu leben ist, sondern jeder und jede soll das Recht auf Selbstbestimmung in religiösen Angelegenheiten haben.

Das Recht auf religiöse Autonomie möchte ich als liberaler Theologe anerkennen. Dann, so hoffe ich, eröffnet sich die Gelegenheit zum Gespräch über das, was auf diesem Gebiet guttut, was sinnvoll ist oder wo wir eher auf Abwege und in dunkle oder gar absurde Machenschaften geraten.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

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