„Ich selbst bin auch der andere“. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

„Ich selbst bin auch der andere“

Ein Interview mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Die Fragen stellte Christian Modehn

„Andere“ Menschen – als „die Fremden“ vor allem – werden heute in vielen Staaten und Gesellschaften als Bedrohung erlebt. Dies kann man durchaus als die tiefste geistige Krise der Gegenwart betrachten: Man möchte „die anderen“ ausgrenzen und vertreiben. Populismus, „mein Land zuerst“ und Rassismus sind der politische Ausdruck dieser Haltung. Sie hat gewiss auch ökonomische Ursachen. Wie aber lässt sich argumentativ zeigen, dass die Zurückweisung der anderen und Fremden unser eigenes Leben selbst beschädigt?

Im Sommer 2015 waren wir positiv überrascht, angesichts der verbreiteten „Willkommenskultur“ in Deutschland. Wir beide haben damals auch einige Gespräche geführt und in der Reihe „Weiterdenken“ publiziert. Dabei ging es uns vor allem um 2 Dinge. Zum einen, dass die große Bereitschaft zur Aufnahme der Flüchtlinge und Asylsuchenden ein Gebot der Menschlichkeit ist. Wir haben uns dessen versichert, dass in einer Weltlage, in der so viele Menschen vor Krieg, Hunger und Perspektivlosigkeit über die Balkanrute bzw. das Mittelmeer ins wohlhabende und politisch gefestigte Europa fliehen, es die Menschenrechte verlangen, Aufenthalts- und nach positivem Ausgang des Asylverfahrens auch Bleiberecht zu gewähren.

Inzwischen haben sich die positive Stimmung und die große Aufnahmebereitschaft vom Sommer 2015 verflüchtigt oder fast gar in ihr Gegenteil verkehrt. Die „Willkommenskultur“ wurde durch eine Politik der Abschottung ersetzt. Der zunächst vorherrschenden Aufnahmebereitschaft treten die Angst vor den Fremden, den ethnisch, kulturell und religiös anderen entgegen. Statt den Migranten mit offenen Händen und Herzen zu begegnen, greifen in vielen Ländern des „Westens“ Kulturrassismus, Xenophobie, Islamophobie und Homophobie um sich. Es scheint eine Wende auch im Innern sich zu vollziehen, ein erneuter Wertewandel, der von den liberalen Freiheitswerten einer offenen Gesellschaft wegführt.

Wie soll man sich das erklären? Plötzlich diese verbreitete Akzeptanz einer Rhetorik der Abgrenzung und Ausgrenzung, der Verunglimpfung von Minderheiten, der Missachtung anderer Ethnien, Religionen und Kulturen! Wie kommt es, dass dies alles auf einmal wieder so viel Zustimmung findet, in allen Schichten der Bevölkerung?

Soziologische Studien haben herausgefunden, dass es nicht stimmt, was zunächst vielfach behauptet wurde, dass die sozial Benachteiligten und Abgehängten den – beschönigend „Populisten“ genannten – Rechtsradikalen auf den Leim gehen. Fremdenhass und rassistische Vorurteile stoßen bis in die bürgerliche Mitte hinein auf Resonanz. Ich erlebe es im eigenen Bekanntenkreis. Der Kulturrassismus ist gewissermaßen hoffähig geworden. Selbst einige ansonsten durchaus seriöse Politiker, Journalisten und Intellektuelle suchen nicht nur Erklärungen für dieses Phänomen, sondern liebäugeln mit dessen Rechtfertigung.

Dabei müsste eigentlich allen klar sein, dass die Ausgrenzung der Fremden und erst Recht die pauschale Zurückweisung von Asylsuchenden einer eklatanten Verleugnung des aufgeklärten Menschenrechtsdenkens gleichkommt. Viele glaubten, auch ich, dass das Wissen um die ungeheuren Verbrechen, zu denen der antisemitische Rassismus geführt hat, ähnlichen Entwicklungen für immer Einhalt zu gebieten in der Lage sei. Schließlich ist die UN-Charta von 1948 mit ihrer Erklärung der Menschenrechte unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Gräuel auf den Weg gebracht worden.

Doch offensichtlich ist das schon wieder zu lange her oder es ist die Rede von der „Einzigartigkeit“ dieses Verbrechens zu oft und unbedacht wiederholt worden, so dass eine gewisse Blindheit gegenüber ähnlichen Entwicklungen, die längst wieder weltweit in Gang sind, eintreten konnte. Dabei haben hierzulande die liberalen Freiheitswerte für die meisten, nicht nur für Minderheiten, enorme Steigerungen an Lebensqualität bewirkt. Aber vielleicht sind auch diese Werte, wie die freie Selbstentfaltung in politischer, ökonomischer, religiöser und sexueller Hinsicht, wie die Gleichheit aller vor dem Gesetz, inzwischen schlicht zu selbstverständlich geworden.

Die Kämpfe, die deren Durchsetzung verlangt haben, werden vergessen und die Schätzung des Gewinns, der darin liegt, dass Menschen nicht mehr wegen ihrer politischen, religiösen oder sexuellen Orientierung diskriminiert werden dürfen, geht verloren. Die Anstrengungen vor allem, deren es nach wie vor bedürfte, um diese Freiheits- und Gleichberechtigungsrechte zu bewahren und fortschreitend durchzusetzen, geraten aus dem Blick.

Stattdessen fordern viele jetzt wieder die Stärkung angeblich ererbter ethnischer, religiöser und kultureller Zugehörigkeitsgefühle, gilt ihnen die Nation wieder etwas, missbrauchen sie sogar das Christentum als kultureuropäischen Identitätsmarker. Damit befördern sie zugleich die Abgrenzung gegenüber den anderen, denen, die aufgrund ihrer kulturellen Herkunft, ihrer Religion, ihrer ethnischen Einweisung nicht dazugehören und nicht dazugehören sollen – es sei denn, sie „integrieren“ sich, sie passen sich an, sich lassen sich „uns“ gleich machen. Das Fremde jedenfalls, das andere gegenüber dem eigenen, es soll verschwinden, und wenn es sich schon nicht wieder vertreiben lässt, möglichst unsichtbar werden. Man hält es nicht aus mit ihm. Dann passiert auch noch ein Terroranschlag und es wird die Angst „vor allen diesen Flüchtlingen“ immer größer. Was aber verbirgt sich hinter dieser Angst? Vom Nationalismus sprach ich schon. Sicher spielt auch ein elementarer Egoismus eine Rolle, verbunden mit der Furcht, den eigenen Wohlstand zu verlieren und die Unfähigkeit, die Freude im Miteinander Teilen zu erleben. Diese Fragen der Ethik sind ein eigenes, dringendes Thema.

Wir möchten an die philosophische Erkenntnis erinnern, die Hannah Arendt formuliert hat: „Ich selbst bin auch der andere!“ Das heißt: Ich erlebe mich in der Reflexion selbst als den anderen, den Befremdlichen, der sich gegenüber seinem Jetzt-Zustand noch anders, besser, entwickeln sollte. Wo aber gibt es noch Raum für diesen inneren Dialog?

Vielleicht ist für diesen inneren Dialog und damit die Verständigung über die eigenen Gefühle deshalb so wenig Raum, weil uns die Freiheitsgewinne zu selbstverständlich geworden sind. Die universalistischen Werte, wie Freiheit, Gleichheit, Menschwürde, wir betrachten sie gewissermaßen als unseren fraglosen Besitz. Sie sind für uns weithin nicht mehr das, was es durch uns selbst zu erkämpfen und zu verteidigen gilt, zudem für die meisten Menschen auf dieser Erde noch längst nicht eingelöst ist. Vergessen scheint, dass es die Werte sind, die für alle Menschen gelten, unabhängig von Ethnie, Rasse, Religion, Sexualität und Gender. Übersehen wird, dass sie uns verpflichten, andauernd, den Anderen und Fremden gegenüber, den Migranten, Flüchtlingen und Asylsuchenden.

Sich selbst an der Stelle der anderen zu erkennen, den anderen als Teil von sich selbst zu sehen, diese Fähigkeit scheint uns in der Tat weithin verloren gegangen zu sein. Die Erinnerung an die verheerenden Folgen des rassistischen Antisemitismus ist verblasst, ebenso die an Flucht und Vertreibung, wie sie nach 1945 Millionen Deutscher zu Fremden im eigenen Land gemacht haben.

Bei meinem letzten Besuch in Südafrika, im Februar 2017, bin ich auf eine große, vom ANC und der von ihm getragenen Regierung beförderte, von Rundfunk und Fernsehen, dem Internet und den sozialen Medien betriebene Öffentlichkeitskampagne aufmerksam geworden. Unter Berufung auf die sog. UN-Durban-Declaration von 2002 hat die südafrikanische Regierung einen mehr als 60-seitigen „National Action Plan“ (2016-2022) aufgelegt, der dazu aufruft, Rassismus, die Xenophobie und die Diskriminierung von Minderheiten, energisch zu bekämpfen. (http://www.gov.za/sites/www.gov.za/files/NAP-Draft-2015-12-14.pdf)

Detailliert wird dargelegt, was in den Jahren bis 2022 in den Schulen, Universitäten und Kirchen, den NGOs und durch alle aktiven Kräfte der Zivilgesellschaft unternommen werden sollte, um dem in der Gesellschaft nach wie vor herrschenden Rassismus, dann aber auch dem zuletzt besonders gewalttätig gegenüber Migranten aus dem ärmeren Norden Afrikas ausbrechenden Fremdenhass entgegenzutreten.

Festgestellt wird, dass Rassismus, Xenophobie und die Diskriminierung von Minderheiten ein Problem aller Gesellschaften sei. Es sei jedoch, so heißt es weiter, nun eine ganz besondere Verpflichtung der jungen südafrikanischen Demokratie, für die Verteidigung der universalen Menschenrechte, die Anerkennung der unverletzlichen Würde und die rechtliche Gleichheit aller Menschen, unabhängig von rassischen, ethnischen, religiösen Zugehörigkeiten und sexuellen Orientierungen zu kämpfen.

Ungeheuer lebendig ist in Südafrika immer noch das Wissen um die kaum wieder gut zu machenden Schäden, die der Rassismus und die Angst vor dem kulturell und ethnisch anderen und Fremden in der Gesellschaft angerichtet haben, gipfelnd schließlich in der Politik der Apartheit. Fortdauernd sind die verheerende ökonomische Ungerechtigkeit und die ungleiche Verteilung der Bildungs- und Aufstiegschancen im Land. Dass eine von rassistischen Vorurteilen und der Angst vor dem anderen und Fremden gesteuerte Gesellschaft sich am Ende selbst zerstört, ist in Südafrika so sehr im öffentlichen Bewusstsein präsent, dass eine von der Regierung gestartete Initiative zur Bekämpfung des nach wie vor existierenden Rassismus und der zunehmenden Angst vor den Fremden, auf breite Zustimmung bei vielen Akteuren in den Kirchen und der Zivilgesellschaft stößt.

Die größte Südafrikanische Kirche, die der Methodisten, hat in ihrem theologischen Ausbildungsseminar in Pietermaritzburg gerade ein Forschungs- und Fortbildungsinstitut zur Bekämpfung von Rassismus, Xenophobie und sexueller Diskriminierung eingerichtet: Das „Khoza Mhojo Centre For Social Justice And Transformation“ (http://www.smms.ac.za/khoza-mgojo-centre/)

Nach den konfliktreichen kulturellen Debatten in Europa ist klar: Der aufgeklärte Mensch muss überhaupt keine Angst haben vor Gesprächen mit anderen, Fremden und Befremdlichen. Dialog und Geduld gehören dabei wohl zusammen. Grenzen der Gesprächsbereitschaft sollte man nicht zu schnell ziehen. Wann aber können sie, förmlich als letztes Mittel, hilfreich sein?

Angst vor dem Fremden ist völlig fehl am Platz, das ist klar. Denn die Wahrung und Verteidigung der eigenen kulturellen Identität westlicher Gesellschaften, die die universalistischen Werte von Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde in sich aufgenommen haben, ist nur möglich, wenn eben diese Werte nicht verleugnet oder gar missachtet werden. Allerdings bringt die Behauptung dieser vom Menschenrechtsdenken bestimmten kulturellen Identität auch Verpflichtungen mit sich, für alle, die sich in die von ihm bestimmte Praxis der Anerkennung einbezogenen finden. Das Menschrechtsdenken und seine universalistischen Werte verpflichten auch die, die zunächst als die „Fremden“ begegnen. Ihnen gilt das „Willkommen“. Wir brauchen das Gespräch mit ihnen, ohne das keine Begegnung, kein Kennenlernen stattfinden können. Das führt immer auch zu Auseinandersetzungen und Streit. Nicht alles will uns verständlich oder gar akzeptabel erscheinen. Doch es gilt die Anerkennung der anderen gerade in ihrem Anderssein zu lernen.

Dabei darf die Gesprächsbereitschaft, wie ich meine, so schnell kein Ende finden. Doch es gibt Grenzen. Diese sehe ich erst dort, wo diese Gesprächsbereitschaft von den anderen verweigert wird. Denn dann haben wir es mit einer Haltung zu tun, die die Bedingungen untergräbt, unter denen Offenheit für andere und Fremde möglich wird, die Liberalität im Umgang sogar mit dem uns Unverständlichen gewahrt bleiben kann. Die Grenzen der Freiheit liegen dort, wo diese anfängt, ihre Realisationsbedingungen selbst zu zerstören.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Berlin und Religionsphilosophischer Salon Berlin.

„Ich bin der andere“ Hinweise zum Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 16. Januar 2015

„Ich bin der andere“

Hinweise zum Gespräch im „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ am 16. 1. 2015

Von Christian Modehn

„Ich bin der andere“: Ein „klassisches“ Thema der Philosophie. Es wird immer dann debattiert, wenn es um die Beziehung eines Individuums zu einem anderen geht: Was verbindet uns, was macht den Unterschied aus zwischen dem Ich und dem anderen?

Das Thema haben wir gewählt auch angesichts der Diskussionen über die so genannten Pegida-Demonstrationen in Deutschland. Da wird der „andere“ als der Muslim gesehen, gegen den man sich wehren muss, weil er, so die Behauptung, unser angeblich christliches Abendland bedroht.

Am Dienstag, den 13. 1. 2015, wurde in Dresden der eritreische Asylbewerber Khaled Idris Bahray (20) durch Messerstiche ermordet aufgefunden. Wer wollte den nicht willkommenen Gast in Dresdens Metropole nicht ertragen?

„Ich bin der andere“: Diese philosophische These hat noch größere Aktualität gewonnen durch die Parole, nicht nur in Frankreich millionenfach verbreitet: „Je suis Charlie“, „Ich bin Charlie“, ich bin also die Zeitschrift „Charlie Hebdo“. Nach der Tötung der Journalisten und Künstler (Zeichner sind Künstler) von „Charlie“ ist eine weltweite Bewegung entstanden, die dieses zentrale Bekenntnis enthält: „Ich bin Charlie“, d.h. „Ich identifiziere mich mit dem Inhalt der Zeitschrift Charlie Hebdo“.

Philosophieren lebt in unserem Verständnis immer auch von den aktuellen Ereignissen. Aber Philosophie leistet darin den ihr eigenen und nur von ihr zu leistenden Beitrag: Sie bietet deswegen nicht weitere historisch-politische Fakten. Sie analysiert eher die allgemeinen Strukturen, die in der gegenwärtigen Konstellation enthalten sind. Sie legt diese allgemeinen Strukturen frei, in dem sie zeigt: Jeder einzelne hat daran Anteil. Dadurch bringt sie mehr Licht und Aufklärung in den Lebenszusammenhang, der von einzelnen oft nicht in Deutlichkeit wahrgenommen wird. Unter dieser Hinsicht kann man durchaus davon sprechen, dass Philosophie dann auch „Lebensorientierung“ anbietet, eben etwas mehr Klarheit. Wer tappt schon gern im Nebel herum?

„Ich bin der andere“. In welcher Hinsicht gilt das? Es geht ja bei der Frage auch um die Einheit der einen Menschheit trotz aller individuellen Ausprägungen. Dabei geht es um die Erinnerung an allen gemeinsame geistige „Strukturen“.

Man denke an die von allen Menschen gemein geteilte Mathematik. Wir alle gehen weltweit davon aus zu wissen: 2 plus 2 ergibt 4. Wer das leugnet, und das kann man grundsätzlich, stellt sich aber außerhalb der Wissensgesellschaft auf.

Wir bewegen uns alle in einer allgemeinen Struktur des Sprechens, der Sprachlichkeit. Wir sind elementar alle sprechfähige Wesen, die sich in unterschiedlichen historischen und konkreten Sprachen ausdrücken. Es gibt also unter uns Menschen eine formale Sprachbegabtheit bei jedem. Wer aus physischen Gründen nicht verbal sprechen kann, bedient sich der Zeichen-Sprache. Und dann gibt es durchaus eine gemeinsame Weltsprache bereits, das ist das Englische. Darin verstehen wir uns heute alle wenigstens elementar, ob wir uns in Kambodscha oder in Patagonien aufhalten. Früher war das Lateinische in gewisser Weise diese „lingua franca“.

Auch das Musikalische, die Begabung zur Musik, zum Singen, ist allgemein menschlich. Etwas „trällern“ kann jeder und will jeder.

Das weitere Beispiel mag für manche Philosophen vielleicht provozierend sein. Aber ich bin überzeugt: Es gibt sehr elementare all-gemeine, also allen gemeinsame ethische Verhaltensweisen. Es gibt einen ethischen, d.h. das Gute meinenden Impuls, der sich in der Praxis ausdrückt. Vor aller theoretischen ethischen Reflexion gibt es eine spontane, oft noch unreflektierte ethische Praxis, die hier gemeint ist. Der Anspruch, der sich etwa im Gewissen meldet, gut zu sein, ist niemals absolut „abschaltbar“, zerstörbar:

Ein drastisches Beispiel: Selbst der größte Mörder behauptet noch (für sich selbst), es wäre (für ihn) gut, diese Untat vollzogen zu haben. Wenn von zwei Verbrechern während der Untat der eine etwa verunglückt, wird der andere, der „Verbrecher-Kumpel“, versuchen, den Verunglückten zu retten. Selbst wenn er ihn zur eigenen Rettung erschießt, glaubt er dabei, das Beste getan zu haben. Wenn es nicht heftige Missbildungen im Gehirn gibt bei einzelnen, und diese seltenen Störungen gibt es, so sind doch offenbar alle Menschen als auch geistige Wesen (sollen wir sagen: geistvolle Tiere ?) doch an den Ruf des Guten gebunden. Dieses „Unabwerfbare“, mit dem Geist als Geist Gegebene, bleibt erhalten, auch noch im Modus der Leugnung.

„Ich bin der andere“: Das heißt: Ich bin durch „allgemeine geistige Strukturen“ mit dem anderen und den anderen (Menschen) „immer schon zutiefst verbunden. Es gibt eine gewisse Einheit der Menschheit. Ich bin in dieser Hinsicht der andere.

Noch ein weiteres konkretes Beispiel, das hier nur angedeutet werden kann: Es geht um die Wahrnehmung des Gesichtes, besser noch des Antlitzes, des anderen. Ich sehe das Antlitz des anderen, das mir trotz aller Differenz in der Hautfarbe oder der Größe usw. doch sehr verwandt ist, mit der Identität zwischen ihm und mir, etwa im Blick auf die zwei Augen, eine Nase usw. Entscheidender noch: Die grundlegende Fähigkeit zu lächeln, zu weinen, zu schreien, all das bin ich –formal gesehen – auch! Das Erstaunliche ist: Ich sehe das Antlitz des anderen als ein menschliches Gesicht. Das gilt für den mongoliden Menschen, für den vor Hunger Krepierenden in einem Dorf im Südsudan, oder den Millionär irgendwo an einem üppigen Buffet.

In eines jeden Antlitz sehen wir uns alle als Menschen. Abstoßend, liebend, gelangweilt, aber immer als Menschen. Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762 – 1814) sagte: „Gleich sei alles, was Menschenantlitz trägt“. Man fragt sich, welche soziale Gerechtigkeit wir hätten, wenn man dieser Maxime auch politisch folgen würde.

Es ist das Antlitz, in dem wir einander als Menschen erkennen, in dem wir unsere elementare, nicht mehr überbietbare Gleichheit erleben. Wir werden ein Schwein nicht für einen Menschen halten.

Ich möchte hier nur daran erinnern, dass ein Philosoph das Antlitz des anderen in den Mittepunkt seines Denkens gestellt hat: Es ist Emmanuel Levinas, er stammt aus Litauen, seine Familie kam im KZ um, er lebte in Paris bis zu seinem Tod 1995. Der Philosoph Emmanuel Lévinas hat seine Philosophie ganz auf das Berührtsein des Ich durch den anderen konzentriert. Levinas zeigt: „Ich bin nur, insofern ich für andere da bin“. Das bedeutet: Der andere ruft mich in mein Sein. In der Beziehung und der Verantwortung für den anderen entsteht mein Ich erst. Mein Ich ist nie fertig vorgegeben, es wächst und entwickelt sich in der Begegnung mit dem anderen.

Ein aktuelles Beispiel: Im Tagesspiegel vom 16.1.2015 wird von der Libyerin Jamila Aun in Dresden berichtet, auch von ihrer Erfahrung des „Gemustertwerden“ durch die anderen. Wie sie in der Straßenbahn in Dresden abschätzig betrachtet wird, vom grauen Kopftuch bis zum Wintermantel. Die Blicke signalisieren in Sekundenschnelle, berichtet Jamila Sun, dass sie unerwünscht ist. Sie weiß: „Die Augen reden, und das tut weh“.

Hier könnte das Thema Toleranz weiter vertieft werden. Zur Erinnerung: Toleranz bezieht sich auf tolerare, ertragen. Es geht in der Toleranz tatsächlich zuerst und vor allem darum, den anderen zu ertragen, zu erdulden, gerade deswegen, weil ich ihn nicht mag, weil er so fremd ist, so anders, so abwegig und zuwider. Dennoch habe ich aufgrund der allgemeinen menschlichen Verbundenheit allen Grund, den anderen zu ertragen, d.h. nicht zu töten nicht zu erschlagen usw. Wobei klar ist, es geht bei im Leben der Toleranz zunächst um das leibliche Unversehrtsein, das soll dann weiter entwickelt werden zu Respekt und Mitgefühl und Miteinander.

Unternimmt der andere hingegen alles, mich und meine Freunde totzuschlagen, dann endet die Toleranz meinerseits. Und was ist das Ende der Toleranz? Das sollte man sich immer wieder klar machen: Das ist der Krieg. Darum ist die Schule der Toleranz, das Ertragen des anderen, die elementare Form der Abwehr von Krieg.

Trotz der zentralen Einsicht: „Ich bin der andere, weil auch der andere Menschenantlitz hat,“ folgt aber auch: Es gibt die bleibende elementare Verschiedenheit. Der andere bleibt der individuell andere und Einmalige. Und ich bin für den anderen immer auch der individuell einmalig andere.

Der andere ist für mich zunächst grundlegend zwiespältig: Er kann der Freund sein oder der Feind oder der Fremde. Alle drei Wirklichkeiten sind mit dem Begriff „der andere“ gemeint.

Relativ übersichtlich ist mein Umgang mit einem Menschen, den ich aus der mich umgebenden, aber prägenden Kultur als meinen Feind definiere. Dies kann zurecht oder zu unrecht geschehen, diese Zuweisung: “Dies ist ein Feind“. Im Nationalismus kennen wir den Titel Feind, etwa der so genannte Erbfeind Frankreich im 19. Jahrhundert usw. Der Nationalismus ist Gift für das Verständnis des Menschlichen wie für die Politik im ganzen. Er zieht Grenzen, markiert das Eigene, verteidigt nur das Eigene, sieht sich bedroht. Die EU ist in dem Sinne wieder unsere Art große, neue Nation, die wir unbedingt verteidigen müssen, heißt es. Und innerhalb der EU gibt es noch einmal wichtigere und weniger wichtige Staaten, sagen die Regierenden in den wichtigen Staaten…

Auch der Begriff Freund, verwendet für den anderen, ist relativ leicht zu überschauen: Liebe Menschen, die wir oft schon seit langem mögen, denen wir uns anvertrauen usw.: diese sind als „andere“ dann unsere Freunde.

Schwer zu verstehen ist der andere, wenn er der FREMDE ist.

Dabei lege ich Wert darauf anzuerkennen, dass der Fremde und damit auch das Fremde (an Kultur), das der andere mitbringt, uns selbst immer schon nahe steht, mehr noch: Mit uns verbunden ist. Ich möchte zugespitzt sagen: Der Fremde und das Fremde ist in uns. Von daher haben wir eigentlich schon durch uns selbst einen leichteren Zugang zum Fremden insgesamt. Wir müssen den Fremden nicht nur außerhalb von uns sehen, wir müssen ihn auch in uns selbst sehen. Dann können wir auch mit dem außer uns lebenden Fremden gerechter und freier umgehen.

Für diese Fremdheit in mir einige Hinweise:

Ich bin mir selbst fremd: Ich erlebe, wie Befremdliches in mir selbst aufbricht, nach vorne drängt, zum körperlichen Ausdruck kommt. Das kann mich beunruhigen, weil ich mich etwa befremdlicherweise plötzlich und unerwartet als unduldsam oder gar gewalttätig erlebe. Das kann mir Angst machen, weil es sich um negative Aspekte meines Daseins handelt. Was ich aber nicht abspalten darf, sondern bearbeiten sollte, integrieren sollte.

Ich kann plötzlich meine eigene Heimat fremd finden, ich bin da nicht mehr zu Hause. Oder meine Kirche, meine Gemeinde, alles wird mir fremd. Meine eigene Stadt ist mir fremd: Welcher Berliner aus Dahlem besucht schon freiwillig Berlin-Marzahn, frage ich mal etwas zynisch. Meine Stadt ist also auch meine fremde Stadt.

Ich kann aber auch erfreuliches Befremdliches erleben: Etwa, wenn ich plötzlich Gedichte schreiben kann oder wenn ich überraschenderweise Menschen des gleichen Geschlechts (oder umgekehrt auch Heterosexuelle) erotisch attraktiv finden kann, was mich überrascht. Und bin oft positiv erstaunt, welche bislang fremden „Möglichkeiten“ in mir sind.

Wir haben das Fremde und den Fremden, der wir selbst uns manchmal sind, in unserer vertrauten, „eigenen“ Umgebung.

Etwa am Beispiel der Kunst: Erst nach Wochen geht mir genauer auf, was ich mir da für ein Bild in mein Wohnzimmer hänge, sagen wir eine Kopie von Picasso, ein Frauengesicht, oder ein japanisches Bild, das viel Leere zeigt mit minimalen figurativen Elementen.

Oder der befremdliche Roman, dessen fremde Welt dann unsere Welt wird: Da sind durch die Kunst fremde Welten bei mir, da sind fremde Welten in mir. Die führen mich ins Weite. Das kann auch für Religionen gelten: Wenn ich mich mit dem Buddhismus etwa befasse und plötzlich auch Lao Tse lese, fremd, aber doch so nahe. Dann beginnen wir, manche, in ihrer eigene Spiritualität bislang fremde Erfahrungen, bislang fremde religiöse Texte inspirierend zu finden. Es gibt längst die multireligiösen Menschen; Leute, die mit mehreren, bislang ihnen fremden Religionen verbunden sind.

Das Fremde in der Kunst oder der Religion weitet uns, prägt uns, bereichert uns im geistigen Sinne.

Kann diese Erkenntnis nicht wichtig sein, wenn wir uns mit den Fremden um uns herum befassen?

Fremde Menschen leben unter uns. Menschen, die wir oft nicht verstehen, Flüchtlinge oder Asylsuchende.

Ich werde den Fremden, den Flüchtling, als Menschen, als gleichen Menschen, als Antlitz, wahrnehmen, anerkennen und schützen. Er ist ein Mensch wie ich. Er ist als dieser eine Mensch nicht zuerst Repräsentant einer Religion oder einer Nation oder einer Ideologie. Er ist zu erst elementar ein Mensch. Der ärztliche Notfall in Europa handelt ja wohl nach diesem Prinzip: Da wird jedes menschliche Antlitz – hoffentlich -gleichwertig versorgt. Kein Notarzt fragt, war dieser Verletzte vielleicht ein Moslem oder ein Zeuge Jehovas oder ein Atheist?

Aber der Fremde ist natürlich auch nicht a priori der Heilige, ich bin ja auch nicht ein Heiliger, ein rundum Guter.

Aber ich muss doch wahrnehmen: Niemand verlässt freiwillig seine afrikanische Heimat, um in einem Fischerboot das Mittelmeer zu überqueren, um dann dort von den bewaffneten Streitkräften von FRONTEX wieder zurückgeschickt zu werden. Das etwas humanere „Schutz“ Programm für das angeblich überforderte und bedrohte Europa mit dem schönen Titel „Mare Nostrum“ hat die EU ja wieder aufgegeben und im Rahmen von Frontex den anderen, den Fremden, von vornherein als Bedrohung interpretiert.

Da müssen wir doch politisch werden: Ziel wäre meiner Meinung: Eine Kultur der Vielfalt, die aber in elementaren Überzeugungen und elementaren politischen Haltungen eins ist: Ein konkretes Beispiel: Muslimische Frauen dürfen selbstverständlich in Deutschland ihre Kopftücher tragen. Aber sie sind als Mütter in Deutschland verpflichtet, ihre Kinder zur Schule zu schicken, damit sie auch mit den Werten ihrer neuen Heimat vertraut gemacht werden.

Muslime müssen, aber auch Buddhisten oder Anhänger der Santeria-Religion, das steht nicht zur Disposition, unsere Verteidigung unserer Pressefreiheit akzeptieren.

Es bleibt aber bei allen Bemühungen sicher eine Ambivalenz in meinem Erleben meiner selbst und des Fremden.

Wie kann ich mit dieser Ambivalenz leben, gibt es da einen Vorschlag der Philosophie?

Zunächst ist die Erkenntnis zunächst hilfreich: Die Ambivalenz bestimmt immer schon unser ganzes Dasein und damit auch unser Erkennen. Ja und Nein ist oft die beste Auskunft, das „JEIN“ hat einen gewissen Wert, wenn nicht eine Notwendigkeit. Aber nur unter der Voraussetzung, dass es von uns als den Erkennenden unterschiedliche Standpunkte gibt. Zum Beispiel: Ist der Andere, der Fremde, hilfreich für unsere Gesellschaft? Ja, wenn er denn – wie der „Einheimische“ auch! – gewaltfrei lebt. Nein, wenn er gewalttätig agiert. Also gilt hier wieder das „JEIN“, dieses ambivalente Wort, als Antwort auf eine Frage, die unterschiedliche Rücksicht und Hinsicht voraussetzt.

Müssen wir uns aber mit der offenbar allumfassenden Ambivalenz abfinden? Gibt es einen Ausweg aus der Ambivalenz? Gibt es also keine Eindeutigkeit?

Ein Beispiel: Wie ist es nun mit dem Fremden? Ist er der mögliche Freund oder der mögliche Feind? Kann ich die Ambivalenz des Fremden gedanklich überwinden?

Ein Hinweis: Ich muss mich immer in dieser gedanklichen Verbundenheit mit dem Fremden sehen. Ich denke den Fremden im Moment der Begegnung. Indem ich ihn denke, weiß ich aber auch, dass er mich auch denkt, ich bin auch für ihn in seinem Denken und Fühlen der Fremde.

Das heißt, es gibt eine geistige Wechselbeziehung zwischen uns zwei einander Fremden. Jeder ist dem anderen eigentlich fremd, aber doch erlebt er die geistige und vom Antlitz her leibliche Verbundenheit mit dem jeweils anderen. Der andere sieht mich möglicherweise genauso als Bedrohung wie ich ihn als Bedrohung ansehe. Oder eben auch – wechselseitig – als Freund.

Indem wir einander als Fremde wahr-nehmen, nehmen wir uns darüber hinaus aber auch als Menschen wahr: Denn der andere, der ich selber bin, wird von dem anderen als FREIES Wesen eingeschätzt. Der andere denkt z.B., er kann mich umbringen oder er kann mich einladen und freundlich sein. Dieselben Gedanken habe ich auch. Der andere, also der Fremde, kann sich freundlich oder unfreundlich verhalten, wobei die freien Entfaltungsmöglichkeiten des Fremden hier bei uns schon vom geltenden Recht her sehr eingeschränkt sind.

Darauf kommt es offensichtlich an: Es ist das GEMEINSAME in der Beziehung „Ich und der andere“, „ich und der Fremde“. Es ist wichtig, die immer schon implizit geleistete gemeinsame Anerkennung der Freiheit des je anderen anzuerkennen.

Wer aber die Freiheit anerkennt, erkennt auch den Geist an, die Vernunft, denn Freiheit und Geist (Vernunft) sind ein und dasselbe in der Philosophie von Kant, über Fichte und Hegel. Im Geist liegt sozusagen die unabwerfbare Möglichkeit, dass ich mich geistig spontan, frei, auf mich beziehe

So kann also die Ambivalenz in der Erfahrung des Fremden in der Form überwunden: Der „Einheimische“ und der „Fremde“ nehmen einander als vom gemeinsamen Geist (Vernunft) geprägte freie Wesen wahr.

Daraus folgt Wesentliches und Politisches: Ich erwarte geistvolles Verhalten vom Fremden. Genauso entscheidend ist: Der Fremde darf von mir (und dem demokratischen Staat, in dem ich lebe) geistvolles Verhalten erwarten. Geistvolle Gesetze vor allem. Und was wären geistvolle Gesetze? Die den Fremden nicht als Gegenstand, nicht als Bedrohung sehen, ihn bestenfalls für kurze Zeit hier als billige Arbeitskraft ausnutzen, sondern ihn eben als Menschen behandeln, Chancen eröffnen, Zukunft gewähren.

Wenn der Fremde sich als gewaltbereiter Fundamentalist zeigt: Dann kann noch das Gespräch versucht werden: Indem man zeigt: Wenn Sie so von Ihrer persönlichen absoluten Wahrheit überzeugt sind, warum müssen sie dann andere töten, die dieser Überzeugung nicht folgen. Lassen Sie sie leben und treten in ein Gespräch ein, vielleicht kann man den anderen unter dieser geistvollen Bedingung überzeugen.

Oder ist die Bereitschaft zu Gewalt und zum Töten vielleicht mehr Ausdruck von Schwäche? Der Philosoph Slovoj Zizek schreibt in DIE ZEIT vom 15. Januar 2015, Seite 43 treffend: „Das Problem mit den Fundamentalisten besteht darin, dass sie selbst insgeheim für unterlegen halten. Deshalb macht sie unsere herablassende, politisch korrekte Zusicherung, wir hegten ihnen gegenüber keinerlei Überlegenheitsgefühle, nur noch wütender und ressentimentgeladener. Das Problem ist, dass die Fundamentalisten bereits sind wie wir, dass sie unsere Standards insgeheim verinnerlicht haben und sich an ihnen messen“.

Geistvolles Verhalten, das ist der schwere Weg im Umgang mit dem Fremden: Geistvolles Verhalten gegenüber dem Fremden ist jedenfalls nicht: Ihn verdächtigen, ihn ausgrenzen, ihn rausschmeißen, ihn verteufeln, ihm keine Rechte zubilligen etc.

Philosophieren, das haben diese kurzen Hinweise gezeigt, ist also alles andere als ein abstraktes Spielen mit Worten und Begriffen. Philosophie ist in ihrer Analyse ein Beitrag zur Klarheit und Selbstkritik, ohne die kein menschliches Leben als geistvolles Leben auskommt.

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Zur Vertiefung:

Die Philosophin Ute Guzzoni paraphrasiert eine Einsicht von Theodor W. Adorno zum Umgang mit dem „Nichtidentischen, dem Fremden“: „Erst wenn die Menschen die Kommunikation des Unterschiedenen gelernt hätten, bräuchten sie das Fremde nicht mehr zu fürchten, eben weil sie gelernt hätten, es als Unterschiedenes zu achten und sich von ihm etwas sagen zu lassen – und sei es auch etwas Fremdes und Fremdartiges, vielleicht Befremdliches. Seiner Nichtidentität würde mit Aufmerksamkeit und zugleich Anteilnahme begegnet“: (Ute Guzzoni, „erstaunlich und fremd“, Verlag Karl Alber,, 2012, S.30)

In seinem Buch „Minima Moralia, Nr. 54, schreibt Adorno wie das Ich dem Fremden begegnen kann:

„Gewaltlose Betrachtung, von der alles Glück der Wahrheit kommt, ist gebunden daran, dass der Betrachtende nicht das Objekt sich einverleibt: Nähe an Distanz“ (zit. in Guzzoni, s 53).

In der „Negativen Dialektik“ schreibt Adorno: Der versöhnte Zustand annektiere nicht mit philosophischem Imperialismus das Fremde, sondern hätte sein Glück daran, dass es in der gewährten Nähe das Ferne und Verschiedene bleibt, jenseits des Heterogenen wie des Eigenen“ (zit in Guzzoni, s 54).

Und Ute Guzzoni fährt fort: „Der gewaltlose Blick begibt sich in die Nähe zu seinem Gegenstand (und dem anderen, CM), aber der Blick wahrt zugleich den Abstand, der jenem Fremden ein eigens Sprechen und Sich-Bewegen erlaubt. Es geht im Denken nicht darum, die fremde Nichtidentität zu tilgen, sondern darum, den Raum zwischen beiden, zwischen Denken und (fremder) Sache (Fremden), auszuloten und fruchtbar zu machen“. Den Raum des Dazwischen fruchtbar machen: Das ist das Ziel.

Copyright: Christian Modehn