Edvard Munch: 150. Geburtstag. Der Angst ins Gesicht sehen

9. Dez 2013 | von | Themenbereich: Denken und Glauben, Religionskritik, Termine

Edvard Munch: Anläßlich seines 150. Geburtstages:
Der Angst ins Gesicht sehen
Von Christian Modehn

Im „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ denken wir anlässlich seines 150. Geburtstages (am 12. Dezember 2013) gern an den großen Edvard Munch. Zur kunsthistorischen Interpretation seiner vielfältigen Arbeiten wollen wir uns hier nicht äußern. Interessant ist für uns die ursprüngliche Verbundenheit mit einem pietistisch genannten, fromm evangelischen Elternhaus in Norwegen und der weiteren spirituellen Entwicklung; sie findet Ausdruck in seinen Arbeiten, aber wohl immer verbunden mit dem Angst erzeugenden pietistischen Glauben. Es gibt wie bei allen Künstlern immer auch eine philosophische Interpretation der Werke, vielleicht könnte dabei auch eine existentiale Interpretation hilfreich sein. Dabei wird unter anderen Dimensionen deutlich, wie Edvard Munch einer der vielen Künstler ist, die sich seit Ende des 19. Jahrhunderts von den klassischen orthodoxen christlichen Lehren der Kindheit lösen und den eigenen spirituellen Weg gehen.Mehr als einen Hinweis, eine Einladung zum Weiterforschen, können wir hier nicht bieten.
Bekannt sind die fünf um 1894 entstandenen Gemälde, die unter dem Titel „Madonna“ beachtet werden. Diese Madonna, wenn sie denn auch auf Maria, die Mutter Jesu, bezogen ist, könnte auch als eine Pietá interpretiert werden; sie ist vom Leiden, vom Tod, gezeichnet, hat dabei aber auch eine erotische Ausstrahlung bewahrt. Auch die Madonna der Renaissance hat in ihrer blühenden Leiblichkeit erotische Züge. „Liebendes Weib“ nannte Munch diese Madonna, vielleicht ein Titel, der die Spannung zwischen Hingabe bis zum Tod andeuten will. Viermal hat Munch das Motiv „Der Schrei“ gemalt, inzwischen längst eine Ikone, weltweit verbreitet und wie ein Kultbild verehrt und als Massenware missbraucht. Um einmal fast einen Kalauer auszusprechen: Ein ziemlich großer Schrei ist die Tatsache, dass ein „Schrei“ von Edvard Munch im Mai 2012 für 120 Millionen Dollar von einem Milliardär ersteigert wurde. Dieser „Schrei“ schreit jetzt einsam in einem gepanzerten Keller einer Villa, oder?
Allein schon die Motive, die rund um den „Schrei“ geschaffen wurden, zeigen einsame Menschen in tiefster Not der Verzweiflung, im Geworfensein in einer völlig fremde, bedrohliche Welt. Gibt es Gemälde, die treffender die seelische Verfasstheit vieler moderner Menschen deutlich machen? Man denke etwa auch an das Gemälde „Der Tod im Krankenzimmer“ von 1893.
Edvard Munch wurde in eine streng religiöse evangelische Familie hineingeboren, das Kind wurde, wie man sagte, „notgetauft“, aus Angst, es könne sterben, ohne rituell von der Erbsünde befreit zu sein, also die Taufe empfangen zu haben. Ohne Taufe droht selbst den Neugeborenen nach ihrem plötzlichen Tod eine Art Hölle. „Krankheit, Wahnsinn und Tod hielten wie schwarze Engel Wache an meiner Wiege. Sie haben mich mein ganzes Leben begleitet“, schreibt Edvard Munch. Die Mutter stirbt früh an Tuberkulose, sie hat einen Abschiedsbrief geschrieben, aus dem immer wieder den Kindern vorgelesen wird mit den schauerlichen Kommentaren: „Mutti hört im Himmel zu und beobachtet uns“.
Edvard Munch wächst in einem Christentum auf, in dem das ganze Leben von Angst zerfressen ist. Er selbst bleibt sein Leben lang davon seelisch belastet. Ein Mittel, die Angst zu bearbeiten, wird für ihn die Kunst. „Ebenso musste er den Tod malen, um persönliche böse Erinnerungen loszuwerden“, schreibt Ragna Stang in ihrem großen Buch „Edvard Munch – der Mensch und der Künstler“ (1979, Königstein im Taunus, S. 121). Andererseits: wer den krankmachenden christlichen Glauben studieren und kritisiere möchte, wende sich bitte an Edvard Munch. Aber wieder einmal ist es auch die Krankheit, die sehend macht, die Dinge spürt, die angeblich Immer-Gesunde in ihrer Fitness gar nicht entdecken. „Ich ging die Straße hinunter, als die Sonne unterging. Und sich der Himmel plötzlich blutrot färbte. Ich blieb stehen, lehnte mich todmüde an das Geländer… und ich fühlte, dass ein unendlicher Schrei durch die Natur ging.“ Der Freund Munchs, der Dichter August Strindberg, meint: Der Maler hörte den Schrei der Natur, „und des Entsetzens vor der Natur, die vor Zorn errötet und sich anschickt durch Sturm und Donner zu den törichten kleinen Wesen zu sprechen, die sich einbilden, Götter zu sein, ohne ihnen zu gleichen“. Den Schrei als akustische Äußerung malen, das ist wohl (nur?) Munch gelungen!
Sein seelisches Erleben und Erschaudern bleibt inspirierend bis heute, es darf angesichts der vielen Reproduktionen nicht banalisiert werden. Sein Freund Janes Thiis hielt Munch für einen metaphysisch begabten Menschen: „Er gab in seiner Kunst Ausdruck vom Wunder des Lebens“. Munch selbst bekannte: „Gott ist in uns und wir leben innerhalb von Gott, einem ursprünglichen und originalen Licht von überall her“. Munch betonte: „Aus allen (meinen) Reden wird man sehen, dass ich ein Zweifler bin, aber niemals die Religion verleugne oder verspotte“ (ebd. S 123).Diese alle Dogmen des Christlichen überwindende, sagen wir: mystische oder „pantheistische“ Spiritualität spricht in Munchs Werken. Sie ist ein Hoffnungsschimmer, auch in den Bildern der Verzweiflung.
1909 war Munch nach längeren Aufenthalten etwa in Deutschland, vor allem Berlin, nach Norwegen zurückgekehrt,er hat dort eine Fülle von Werken geschaffen, die auch der Zuversicht im Leben Ausdruck geben.

Edvard Munch ist am 23. Januar 1944 auf Ekely gestorben.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin.

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