Kirchenaustritte in Deutschland: Die Kirchen sind daran selbst schuld.

Kirchenaustritte in Deutschland: Die Kirchen selbst sind daran „schuld“

Ein Kommentar von Christian Modehn

Der Religionsphilosophische Salon beobachtet und kommentiert auch die faktische Entwicklung der Religionen in der Moderne. Darum dieser Beitrag.

So viele Mitglieder wie im Jahr 2014 hat die katholische Kirche in Deutschland noch nie durch Austritte, also durch bürokratisches Sich-Abmelden im Standesamt bzw. Amtsgericht, verloren: Es sind 217.716. Diese Zahl entspricht fast genau der Anzahl der Einwohner von Freiburg im Breisgau oder Oberhausen in NRW. Zum ersten Mal wurde damit die Marke „200.000 Austritte“ überschritten. Seit 1992 bewegen sich die Austrittszahlen zwischen knapp 100.000 und 180.00 pro Jahr (klicken Sie hier). Zur evangelischen Kirche in Deutschland liegen für das Jahr 2014 noch keine exakten Austrittszahlen vor. Unser Kommentar bezieht sich auf die katholische Kirche.

Die Herren der Kirche bedauern selbstverständlich in offiziellen Stellungnahmen diese Austritte. Aber, so mein Eindruck, sie werden noch nicht richtig nervös, sind nicht eigentlich zutiefst verunsichert und verstört. Sie fragen sich nicht: Welche „Schuld“ haben eigentlich die Kirchenführung und ihre amtliche Theologie und Moral an diesem Exodus hinaus aus der Kirche in die spirituelle Privatheit oder in eine andere Kirche und Religion? Die Herren der Kirche könnten ja mit gutem Grund Angst bekommen: Wenn dieser Trend anhält (und er hält seit 1990 ungebrochen an!) und wenn also in jedem Jahr eine mittelgroße Stadt „austritt“, was ist denn dann in 20 Jahren mit der Kirche, zumal, wenn man an die natürlichen Sterbezahlen der immer älter werdenden Gemeindemitglieder und die geringer werdenden Taufzahlen denkt? Dann wird die Kirche in 20 Jahren mindestens 5 bis 6 Millionen Mitglieder weniger zählen. Für religionsphilosophisch Interessierte ist diese Entwicklung natürlich kein Weltuntergang oder gar eine „Gottesfinsternis“, weil ja philosophisch gesehen die Bindung des einzelnen an „seinen Gott“, sein Göttliches oder Transzendentes unabhängig von der Kirchenbindung wichtig und richtig ist. Vielleicht gelingt die persönliche Gottesbeziehung sogar intensiver und authentischer, wenn sie außerhalb einer dogmatisch fixierten und klerikalen Machtinstitution stattfindet. Bedauerlich sind die Kirchenaustritte wahrscheinlich aus sozialen und kommunikativen Gesichtspunkten: Kirchengemeinden könnten immerhin Treffpunkte sein für Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Kulturen usw., also Orte des Dialogs und der Solidarität, des Austauschs über die je eigene Spiritualität usw., Orte, die sonst in dieser geistigen Weite und Toleranz kaum noch bestehen. Andererseits ist eine zahlenmäßig schwach gewordene Kirche und damit sicher auch finanziell schwach gewordene Kirche durchaus theologisch gesehen ein wünschenswertes Ziel, weil nur so Abschied genommen wird, de facto, sozusagen „erzwungen“, von der klerikalen Allmacht, die trotz aller Gremien usw. immer noch Kennzeichen ist des Katholizismus.

Bedauerlich ist angesichts der Überfülle gut ausgestatteter theologischer Fakultäten das Schweigen dieser (von allen ! Steuerzahlern, also auch den „Ausgetretenen“ und Atheisten bezahlten  staatlichen Institutionen) zum Thema: Eine detaillierte (und vor allem nicht der Kirchenführung verpflichtete) seriöse multidisziplinäre Forschung zu den Kirchenaustritten in Deutschland (oder Österreich) gibt es meines Wissens noch nicht. Falls dies der Fall ist, würde mich diese Forschung sehr interessieren, also bitte melden! Diese Forschung kann selbstverständlich nicht soziologisch allein orientiert sein, sondern müsste Psychologie, kritische Theologie, Bildungsforschung usw. einbeziehen.

Sie hätte etwa das Alter der Ausgetretenen, ihr Geschlecht, ihre Bildung, ihre frühere kirchliche Einbindung zu erforschen bis hin zu der spannenden Frage, wie viele studierte (Laien)-Theologen, jetzt in anderen Berufen, etwa aus der katholischen Kirche ausgetreten sind. In manchen Städten könnte man mit solchen (oft „ausgetretenen“  oder protestantisch gewordenen katholischen Theologen einen ganzen Gemeindesaal füllen. Mit allen diesen „Ausgetretenen“ hat meines Wissens bisher kaum ein kirchlich-katholischer Austausch stattgefunden. Mit anderen Worten: Die „Ausgetretenen“ werden amts-kirchlicherseits als Personen mit ihrer Geschichte nicht wahrgenommen, geschweige denn ernst genommen.

Es wäre weiter im Rahmen dieser Forschung zu untersuchen, ob sich die Ausgetretenen ein weiteres spirituelles Engagement wünschen, ob sie es vielleicht längst leben und wie stark Konversionen in andere christliche Kirchen sind oder andere Religionen. Die häufig zu hörende Behauptung, Ausgetretene seien Atheisten, wäre genau zu diskutieren und wahrscheinlich zu widerlegen usw. Ich kenne aus dem Berliner Umfeld keinen „Ausgetretenen“, der Atheist geworden ist. Im Gegenteil!

Dass die Kirchenführung relativ gelassen damit umgeht, dass sozusagen ganze Großstädte pro Jahr aus der katholischen Kirche austreten, hängt wohl vor allem damit zusammen, dass TROTZDEM das Geld weiterhin bestens in die Kirchenkassen fließt. Die Kirchen und ihre Festangestellten leben materiell von denen, die einst im Wörterbuch des Unmenschen „Karteileichen“ genannt wurden. Nur wachen eben viele dieser „Leichen“ auf, springen aus dem büorkratischen Karteikasten und verlassen die Kirche…Und sind frei!

Die Kirche verliert viele tausend Mitgliedern und sie hat bis jetzt nach wie vor ihren üblichen 500 Millionen Euro Haushalt und kann Pfarrer und Prälaten, aber auch Laientheologen usw. bestens bezahlen. Die ca. 10.000 Euro Monatsgehalt für die Bischöfe zahlt meistens der Staat, also der Steuerzahler. Das alte Kirchensteuer-System läuft also (noch) wie geschmiert.

Interessant ist jedenfalls, dass mit der Zunahme der Kirchenaustritte sehr bezeichnend gleichzeitig und parallel der Rückgang in der Anzahl der Teilnehmer an der Sonntagsmesse ist: 1990 nahmen noch 5,2 Millionen Mitglieder der Kirche an der Sonntagsmesse teil. Im Jahr 2014 waren es genau die Hälfte, nämlich 2,6 Millionen in ganz Deutschland. In Berlin gehen 2014 sonntags 42.000 Katholiken zur Messe (von 332.000 Katholiken in Berlin). Diese Zahl 42.000 dürfte unter der Anzahl der Besucher von Discos und Musikclubs (und Sexclubs) am Wochenende in Berlin liegen, denn ein Drittel der zwei Millionen Berlin Touristen monatlich kommt wegen der genannten Orte in die Hauptstadt…Aber das nur nebenbei.

Dabei ist auch nicht klar, wie viele dieser Teilnehmer an der Sonntags-Messe regelmäßig dabei sind, ob jede Woche oder einmal im Monat. In Frankreich haben sich die Kirchenleute seit langem angewöhnt, einen „praktizierenden“ Katholiken jenen zu nennen, der wenigstens einmal im Monat an der Messe teilnimmt. Inzwischen wird die Anzahl der „Messbesucher“ (ein theologisch furchtbarer Begriff, der selbst in theologisch gebildeten Kreisen verwendet wird)  in Frankreich auf etwa 4 Prozent der Gesamtzahl der ohnehin immer mehr dahinschwindenden Katholikenzahl genannt. Dabei sind in der Statistik die Bistümer mit einem relativ hohem Anteil an „Messbesuchern“ am Sonntag, wie Paris oder Versailles, genauso vertreten wie solche, wo nur noch eine tatsächliche „Handvoll“ Katholiken zur Sonntagsmesse geht, wie etwa in den Bistümern Moulins, Nevers oder Sens-Auxerre. Ich habe in Burgund Dorfkirchen erlebt, wo selbst zu Weihnachten niemand zur Messe erschien…Die uralten Pfarrer hatten sich umsonst auf den Weg in die eiskalten Kirchen gemacht…In diesen Bistümern liegt das Durchschnittsalter des so genannten „aktiven“ Klerus bei 75 Jahren. In zehn Jahren machen dort die letzten das Licht aus, und schuld daran sind die rigiden Gesetze aus Rom, die eben nur einem möglicherweise senilen Pfarrer die Leitung der Messe gestatten, nicht aber einem gut ausgebildeten jungen Laientheologen. „Wird die Kirche zum Grab Gottes ?“, hieß vor 50 Jahren das wichtige Buch des holländischen Augustiners Robert Adolfs; in den genannten Bistümern wird diese Frage von ehrlichen und mutigen Leuten selbstverständlich oft mit Ja beantwortet…. Aber das nur nebenbei.

Über die Bedeutung des Wortes „religiöse Praxis“ (als Teilnahme an der Messe) wäre lang und breit zu debattieren, zumal, wenn man sich ein wenig am historischen Jesus doch noch orientiert. Er hielt ja bekanntlich die Menschlichkeit, das Helfen usw. für absolut vorrangig vor jedem Tempel-Besuch. Aber solche Jesus-Worte werden kirchenamtlich nicht wortwörtlich genommen, hingegen das Wort „Du bist Petrus der Fels….“ wird selbstverständlich von den Herren der Kirche seit jeher wortwörtlich verstanden…Wahrscheinlich sind die wirklich und de facto praktizierenden Christen heute jene, die als Atheisten Flüchtlinge im Mittelmeer retten, Boote kaufen, ihr Leben riskieren bei einer grausamen Politik. Oder die der brutalen, menschenfeindlichen Griechenland Politik der beiden christlichen Politiker Schäuble und Merkel noch wirdersprechen.

Kardinal Reinhard Marx (München) sagte zu den neuesten Austrittszahlen, dieses Faktum „mache schmerzlich bewusst, dass wir (also die Kirchenführer und -mitarbeiter) die Menschen mit unserer Botschaft nicht erreichen“. Er setzt also voraus, dass er die Botschaft hat und dass diese Botschaft unverändlich ad aeternum dieselbe bleibt. Freundlicher Weise sagte er noch, dass „wir“ (also er) „die freie Entscheidung der Austretenden respektieren“.

Aber es geht nicht um freundlichen Respekt. Es geht um Dialog und Lernbereitschaft bei den Bischöfen und Kirchenmitabeitern: Solange die Bischöfe usw. ihre Botschaft als eine vorgegebene ewige und unveränderbare Botschaft betrachten, über die sie allein verfügen und die sie allein aus Gottes Gnaden authentisch interpretieren dürfen, solange werden tausende eben aus den Kirchen austreten. Soll man das bedauern? Denn diese Katholiken ertragen nicht mehr dieses autoritäre Gehabe; sie spüren den nicht mehr heilbaren Bruch zwischen dieser Kirchenwelt und ihrer Lebenswelt. Sie wollen sich selbst mit allem Recht als Mensch treu bleiben, deswegen verlassen sie eine Organisation, die sie als vorgestrig erleben, mit der sie sich, bei dieser Lehre, nicht mehr wiederfinden. Den Kirchenaustritt vollziehen die getauften Gläubigen ja nicht nur, um Kirchensteuern zu sparen, wie oft behauptet wird. Das tun sie, weil sie die Botschaft, diese festgelegte Lehre und Moral zumal in dieser alten Sprache nicht mehr berührt. Weil sie die immer selben Formen der Messe in der alten Sprache (das Lateinische wurde ja nur eins zu eins ins Deutsche übersetzt, etwa:  „Der Herr sei mit euch“, „… dass du eingehst unter mein Dach“ beim Empfang der Kommunion usw., wer spricht im Alltag noch so ???) einfach nicht mehr mit vollziehen können und nicht mehr als die Sprache ihrer Spiritualität akzeptieren wollen. Der Abstand zwischen Alltagssprache und so genannter Sakralsprache (was ist das eigentlich?) ist unüberwindbar groß geworden. Die Bischöfe könnten im Gespräch lernen, dass die Ausgetretenen möglicherweise spirituell sehr interessiert sind, Orientierung in Lebensfragen suchen, ja sogar eine Gemeinde in bunter toleranter Vielfalt wünschen, aber beim besten Willen diese in 45 Minuten sich abspulende so genannte Feier, Messe, nicht mehr ertragen. Und auch keine moralische Belehrung wünschen, weil sie etwa Homosexualität längst als eine ganz normale Variante der Sexualität sehen und die ausgetüftelten Debatten um die Zulassung zur Eucharistie bei Wiederverheiratet-Geschiedenen geradezu lächerlich, geradezu absurd und überflüssig finden. Wer interessiert sich wirklich noch brennend für diese Fragen? Abgesehen vielleicht von den weltweit anreisenden, d.h. anfliegenden Bischöfen zur Weltbischofssynode im Herbst 2015. Wer möchte nicht eher mit der gleichen Intensität über den Sinn des Lebens, das Ertragen großer Verelendung in der Welt, die Kriege, das Morden, die Vielfalt der Religionen, die Armut im eigenen Land, die Flüchtlinge, die Sprachlosigkeit zwischen den Generationen, die Suche nach einer eigenen Poesie, Gebet genannt, usw. sprechen, also Fragen, die dringend sind und uns mit allen anderen Menschen verbinden!

Was soll angesichts dieser zerrissenen Welt bitte noch das völlig selbstverständliche Thema wie Homo-Ehe oder Kommunion bei Wiederheiratet-Geschiedenen? Solche Themen noch lang und breit zu diskutieren sind aus unserer Sicht im Religionsphilosophischen Salon Berlin unter dem Niveau eines freien und kritischen christlichen Glaubens.

Deutlich ist auch: Die meisten aktiven Pfarrer (also die Priester unter 75) sind so sehr mit Verwaltungsarbeiten in den so Groß-Pfarreien belastet, dass kein Mensch, auch kein Katholik im Ernst noch erwartet, sie seien kompetente Seelsorger, sie seien nachdenkliche und kritische Theologen, mit denen man auch einmal über Gott und den Sinn des Lebens sprechen könnte. Weil diese kirchliche Leistung ausfällt, die viele suchen, braucht man doch nicht länger sich an Orte zu begeben, die nur noch vorgeben, spirituell hilfreich zu sein.

Unseres Erachtens kann nur eine radikale (ein Grundwort des Neuen Testaments) Vereinfachung der Kirchenlehre weiterhelfen und eine neue Kirchenordnung ohne die klerikale Macht, die sich die Kleriker selbst gegeben haben ( das kirchliche Gesetzbuch ist ja keineswegs ein Gesetzbuch, das ein repräsentatives Gremium aus Laien und Priestern erarbeitet hat). Eine neue liberale Theologie mit einer liberaler gewordenen Kirche wäre hilfreich;  sie hat Sinn für das persönliche spirituelle Suchen des einzelnen, für die Reduzierung der alten Wahrheiten und Dogmen. Ohne das Abwerfen alten dogmatischen Ballast wird wohl keine tiefgreifende Reformation gelingen. Ein römischer Katechismus, der mehr als 800 Seiten umfasst, ist schlicht ein „Unding“ oder ein philosophischer Witz: Kann „man“ in Rom so viel über Gott wissen?

Aber die Aussichten auf eine solche Reformation des so genannten modernen Katholizismus sind praktisch null. Nicht im entferntesten wird ja über eine grundlegende Reform des Katholizismus im Blick auf das Lutherjahr 2017 diskutiert. Dass auch die Evangelische Kirche in Deutschland der Reformation bedarf, ist klar, aber ein anderes Thema.

Zum Schluss: Merkwürdig bleibt, dass von den hohen Austrittszahlen 2014 ausgerechnet zu Zeiten der Regierung von Papst Franziskus berichtet wird. Dies wäre ein eigenes Thema! Vielleicht liegt es daran, dass auch Papst Franziskus entschieden als dogmatisch präziser Papst auftritt, also nicht im entferntesten daran denkt, unglaubliche Traditionen, wie den Ablass, die Verehrung des Schweißtuches Jesu in Turin, den maßlosen Marienkult an manchen Orten, den Kult um den Scharlatan Pater Pio usw. usw. zurückzustellen. Eine etwas progressivere päpstliche Politik zugunsten der Ausländer oder radikale Appelle zur Ökologie binden also nicht unbedingt an die alte, unverändert autoritäre Kirche.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.