Thomas Müntzer: Der Theologe, der eine materiell erfahrbare Erlösung fordert.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Einige LeserInnen haben gefragt: Was ist denn, kurz gesagt, das Besondere, das Unterscheidende, der Theologie des Reformators Thomas Müntzer gegenüber dem anderen „großen“ Reformator Martin Luther?

Thomas Müntzer will politisch, gesellschaftlich und „leiblich“, also ganzheitlich, aber in dieser Ganzheit auch seelisch, für die Menschen, für die Armen zumal, Erlösung auch „materiell“ erfahrbar machen: Dass Müntzer Bibelverse nicht im Sinne der heutigen historisch-kritischen Bibelwissenschaft deutet, ist klar, wie auch Luther noch nicht auf der Höhe kritischer Bibelforschung dachte bzw. denken konnte. Insofern waren beide in gewisser Hinsicht „Fundamentalisten“ und befangen in spätmittelalterlichen apokalyptischen Vorstellungen.

Zu Müntzers Profil: Wegen dieses ganzheitlichen, materiell erfahrbaren Erlösungs-Verständnisses wird Thomas Müntzer auch von lateinamerikanischen Theologen der Befreiung gut verstanden. Eine Vorstellung von „Erlösung in Christus“, die sich nur in einer Form des neuen, seelischen und dann auch therapeutisch geheilten Bewusstseins abspielt und nur innerlich, nur seelisch allein wahrgenommen wird, trifft nicht die Fülle der biblischen Botschaft. Das Schlechtreden des „Materiellen“ und gesellschaftlich „Erfahrbaren“ (also angeblich „Linken“) durch die Kirchenführungen ist nichts als die Angst vor politischen (und kirchlichen) Umwälzungen. Seelische Heilung ist nur in Gleichzeitigkeit mit der Verbesserung politischer Verhältnisse möglich.

Luther sah vor allem die innere Verfassung der Seele, das Gerechtfertigtsein, das als inneres Hoffen und Bangen das Primäre ist. Die Veränderung der Gesellschaft und der Staaten in Richtung Gerechtigkeit war nicht sein Thema. Dies überließ er den Fürsten. Und die handelten … gewalttätig. Also noch unerlöst!

Thomas Müntzer hätte die Reformation zu einem ganzheitlichen Ereignis gestalten können im oben beschriebenen Sinn. Aber Luther und sein „Club“ ließen das nicht zu. So radikalisierte sich Müntzer bis hin zur (eigentlich abzulehnenden)  Gewalt…Dabei ist klar: Alle tötende Gewalt ging von den Fürsten, den Herren, als Erst-Ursache aus!

Aber war Luther so friedlich in seiner Theologie, die den Fürsten das Regieren überließ?

Das ist in unserer Sicht geradezu tragisch: Luther hat eine halbierte Reformation befördert. Er wollte nur die neue Seele, nicht aber eine neue Gesellschaft, die von der neuen („gerechtfertigten“) Seele gleichzeitig gestaltet wird. Luther hat von daher bis heute den Weg gewiesen zu einer Kirche und Theologie der „schönen Innerlichkeit“, die auch noch im ungerechtesten System geistlich leben kann, ohne überhaupt auf den Gedanken des Widerstands oder etwa des Tyrannenmordes zu kommen. Dass diese Entwicklung in der katholischen Kirche – bei der anderen Kirchenverfassung – ähnlich verlief, ist klar. Man denke daran, wie schwach der katholische Protest gegen die Sklaverei war; wie stark die Nähe von Bischöfen und Päpsten zum Faschismus (Pius XI.) war usw… Die Abhängigkeit der Herren der Kirchen von den Herren in Politik und Ökonomie bis heute ist evident. Und dieses Thema wird von einer Theologie kaum bearbeitet, die sich an den deutschen Fakultäten als staatstragend etabliert hat…

Insofern ist es ein großer Makel, auch eine bewusste Kalkulation Luthers, seinen ursprünglichen Mitreformator Thomas Müntzer schlecht gemacht, verworfen und sozusagen zum Töten durch die Herrscher ausdrücklich (historisch belegt) freigegeben zu haben. Luther der Machtmensch – wird darüber 2017 gesprochen werden? Ich vermute nicht. Wäre ja auch blamabel, wo man schon den Antisemiten Luther eingestehen muss…

Der größte Makel Luthers aber ist für uns im Religionsphilosophischen Salon seine polemische und wahnhafte Ablehnung der wirkmächtigen menschlichen Vernunft, die auch in den theologischen Debatten die Vorherrschaft hätte behalten sollen. Die Verteufelung der Philosophie und des Humanismus durch Luther ist eine bleibende Anklage gegen ihn, von der auch heute wenig gesprochen wird. So bedeutend Luthers reformatorische Tat auch bleibt, als Widerstand gegen die korrupte katholische Kirche damals: Ein umfassend-denkwürdiger „Held“ oder ein großer umfassender Denker, auch des Sozialen und vor allem des Humanismus, war er überhaupt nicht.

Den Religionsphilosophischen Salon beschäftigt ein anderes Thema noch viel mehr: Vielleicht sollte man 2017 und beim Kirchentag von anderen Themen und aktuellen Problemen viel mehr sprechen, etwa von der Überwindung der Gewalt überall, dem Rassismus, im Kernland Luthers, also im heutigen Sachsen und Sachsen-Anhalt. Es gibt sehr viel Dringenderes für Christen und andere spirituelle Menschen, als jetzt so extrem oft über Luther zu reden und alle möglichen Orte Luthers als Pilgerstätten auszubauen und anzupreisen.

Umfassende Menschlichkeit muss heute zuallererst gefördert werden. Danach dann auch eine vernünftige Religion, also eine von der kritischen Vernunft gereinigte Religion, die auch die soziale Veränderung/Verbesserung als Kern der Religion selbst anerkennt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Das Kulturradio des MDR hat zu Beginn des Jahres 2017 darauf hingewiesen, wie marginal der Theologe Thomas Müntzer in dem allgemeinen Reformationsgedenken 2017 vertreten ist … und dazu eine interessante Diskussion gesendet, klicken Sie hier.

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