Trump ist gewählt: Philosophische Hinweise zu einer Niederlage der Vernunft

9. Nov 2016 | von | Themenbereich: Befreiung, Religionskritik, Termine

Ein Hinweis von Christian Modehn am 9. November 2016.

Aktualisierung am 21.November 2016: Einige LeserInnen fanden die Stellungnahme des „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ vom 9.11. 2016 (siehe weiter unten) zur Wahl von Mister Trump zum Präsidenten der USA mit dem Titel „Philosophische Hinweise zu einer Niederlage der Vernunft“ zu heftig. Zumal wir die richtigen philosophischen-ethischen Erkenntnisse von Kant und Hannah Arendt tatsächlich aus dem allgemein Gültigen befreiten und einmal anwandten und dann eben zeigten: Das Sprechen und das Tun des Präsidentschaftskandidaten Trump kann nur mit dem moralischen Prädikat „böse“ bezeichnet werden.

Was von einigen als Ausdruck radikaler philosophischer und ethischer „Spekulation“ missverstanden wurde, bestätigt nun David Cay Johnston historisch und faktisch. Er ist angesehener Investigationsjournalist (unter anderem bei der „New York Times“), Autor zahlreicher Studien und jetzt auch Verfasser des aktuellen Buches „Die Akte Trump“, auf Deutsch erschienen bei ECOWIN, Salzburg 2016, 352 Seiten.

Im TAGESSPIEGEL vom 21. November 2016, Seite 19, bietet Johnston in einem Interview mit Gerrit Bartels in einer Art Kurzfassung ein Charakterporträt des neuen US Präsidenten. Dieses Interview halten wir sozusagen für eine Art „Pflichtlektüre“. Der Titel des Beitrags ist ein Zitat von Johnston „Der Umgang mit ihm (Trump) ist extrem gefährlich“. Die Erkenntnis von Johnston, so wörtlich: „Trump hat keine Moral“

Nur einige weitere zentrale Aussagen von Johnston aus dem TAGESSPIEGEL Interview: „Trump ist emotional unterbelichtet. Er denkt nur in den Kategorien von Rache, von Auge um Auge, Zahn um Zahn; ihm geht es um nichts anderes als Geld, Macht, Ruhm….Dieser Mann ist ein Hochstapler. Er ist nicht der, der er vorgibt zu sein. Man muss ihn trotzdem höchst vorsichtig behandeln, weil der Umgang mit ihm extrem gefährlich ist. Er versucht immer wieder die Leute zu kompromittieren und mit Klagen zu überziehen…Er ist ein Manipulator. Und ich versuche, die Dinge ans Licht zu bringen, die er nicht erzählt, seine Verfehlungen…Trump hat seine Biographie geschönt…Allein die geschäftlichen Verbindungen Trumps zu russischen Oligarchen werfen viele Fragen auf…. Wir hatten schon einen Paranoiker wie Richard Nixon als Präsidenten, aber einen, der mit Kriminellen Geschäfte macht? Nein!… Donald Trump denkt nur an sich, nicht an die, die ihn gewählt haben. Er ist nicht intelligent. Er ist nicht fleißig. Er hat kein historisches Verständnis. Er ist unglaublich ignorant. Er ist nicht selbstreflektiert„…  Wir erinnern jetzt an die Erkenntnis von Hannah Arendt: „Ohne Selbstreflexion kann kein Mensch ein moralisch wertvoller, ein guter Mensch sein“ (Hannah Arendt dachte dabei an die Nazis).  Zum Text des Interviews mit Johnston im Tagesspiegel klicken Sie hier.

Aktualisierung am 12.11.2016: Dieser weiter unten publizierte Diskussionsbeitrag hat erfreulicherweise einige Nachfragen gebracht. Zum Beispiel: „Sollen Politiker moralisch handeln und den Grundsätzen der Moral entsprechend auch reden“,  fragt ein Leser. Eine philosophische Antwort heißt: Ja, natürlich, auch ein Politiker darf sich wie jeder andere Mensch nicht, darf sich niemals, über die Gesetze der – im Sinne Kants universalen und allgemeinen – Moral (Kategorischer Imperativ) erheben. Selbst die Verantwortungsethik lässt nicht zu, dass ein Politiker ständig lügt, rassistische Sprüche verbreitet, Ausländer offenbar als minderwertige Menschen betrachtet usw., um sein Ziel, die Herrschaft, die Präsidentschaft, zu erlangen.

Es gibt ab sofort ständig bedenkenswerte und leider traurig stimmende Kommentare von kompetenten Kennern der USA. Dabei nennen selbst moderate Beobachter immer wieder die mit Trump nun gegebene Gefahr eines US-Faschismus oder zumindest eines extremen Fremdenhasses, mit der Gefahr eines Bürgerkriegs; in den USA gab es schon einmal zwischen 1900 und 1920 entsprechende „Spannungen“.

Für uns als Religionskritiker ist wichtig: Es bedarf der dringenden Analyse, warum mehr als 80 Prozent aller Evangelikalen Protestanten – das sind viele Millionen – Trump gewählt haben. Man liest immer wieder als entscheidende Begründung: Weil Trump für „pro life“ ist. Kann dies aber das wichtigste Kriterium sein für Christen, einen solchen Typen zu wählen? Man hat den Eindruck: Bei vielen Evangelikalen hat der Glaube an pro-life den Glauben an eine befreiende und humane christliche Botschaft ersetzt. Und man darf gespannt sein, ob und wie sich evangelikale Organisationen in Deutschland von ihren evangelikalen TRUMP-Freunden distanzieren.

Wichtig ist und inspirierend ein Beitrag desPublizisten und Kulturpolitikers Michael Naumann zu Trump. Einige Hinweise dazu am Ende dieses Beitrags.

Am 9.11. 2016 hat der Religionsphilosophische Salon Berlin publiziert:

Was lässt sich in aller Kürze, als Diskussionsbeitrag, philosophisch sagen über einen Mann, der nun, am 8.Oktober 2016, zum „mächtigsten Mann der Welt“ gewählt geworden ist? Der eigentlich keine Ahnung hat von dem Geschäft des Politischen? Der in seinen Propaganda-Aussagen schonungslos seinen Launen folgte und nicht den Fakten traute; der etwa angesichts unzweifelhafter Tatsachen, wie etwa dem Atlas zu den folgenreichen Klimaschäden, nur wie ein Dummkopf sagen konnnte: „Ist mir egal“. Ein Mann, der von wütendem und wildem Hass auf „andere“ nicht nur geprägt ist, sondern diesen auch öffentlich und stolz aussprach. Und das alles in einer Nation, die über die besten Universitäten der Welt verfügt, in der es intellektuelle Debatten ständig gibt, in der über bessere Formen der Demokratie wenigstens diskutiert wird, über Gewaltfreiheit und Mitgefühl: In einer solchen Kultur erscheint Trump wie ein Beispiel einer Regression, wie eine Mischung aus Ignornanz und Dummheit. Trumps Erfolg ist ein Beweis, dass die intellektuelle Kultur nur eine Sache der größeren Minderheiten war.

Es ist philosophisch klar: Diese Person weigert sich umfassend und selbstkritisch zu denken. Einen Immobilienbetrieb zu führen setzt nicht unbedingt kritisches Nachdenken im umfassenden Sinne der Humanität voraus. Beim Handel mit Immobilien geht es meist um trickreiches Geldraffen, da ist kein Nachdenken im umfassenden Sinne dabei.

Trump hat jedenfalls aus taktischen Gründen, um seine Kandidatur stark zu machen, selbst öffentlich bekundet, dass er nicht kritisch nachdenken will, etwa über absolut geltende humane Menschenrechte, über den Respekt und die Rechte von Frauen, Ausländern usw. usw. Er hat die Spaltung des Landes USA weiter vertieft und unzählige tiefe Wunden geschlagen. Er hat die Errungenschaften der Menschlichkeit, die Menschenrechte, lächerlich gemacht. Solches Verhalten ist philosophisch gesehen böse.

Schlimm ist weiter, dass er mit seiner öffentlich bekundeten Ablehnung, selbst umfassend kritisch zu denken, bei seinen Fans Zustimmung findet: Entweder denken sie selbst auch schon lange nicht mehr kritisch-umfassend. Oder sie werden nun von ihrem Präsidentschafts-Kandidaten als Vorbild eingeladen, ebenfalls mit dem Denken aufzuhören und nur Sprüchen zu folgen, dem Bauch, dem Nationalismus als Gefühl usw. Diese Menschen sind außerstande oder haben es nie gelernt, die eigenen Maximen, etwa den eigenen blinden Nationalismus und Fremdenhass, mit dem Kategorischen Imperativ zu konfrontieren. Sie vertrauen mehr auf die Kraft der eigenen privaten Waffen als dem kritischen Nachdenken.

Diese Entwicklung kann philosophisch gesehen nur als schlimm bewertet werden. Denn das Nicht-Selber-Denken- wollen ist der Ursprung des Bösen: So einfach und so richtig ist diese Erkenntnis, die Hannah Arendt ausführlich begründet hat und hier nicht wiederholt werden muss. Aber man sollte sie immer studieren, auch in Deutschland, auch in Frankreich, auch in Österreich usw…Wer philosophisch betrachtet böses Denken bestimmt, leugnet ja nicht  die Mißstände auf der „anderen Seite“, der „anderen Partei“.  Es geht jetzt nur um den speziellen Focus, um die Bestimmung dessen, was nach dem 8. November 2016 „auf uns“ möglicherweise zukommt…

Kant sagt: Jede Lebenseinstellung, er spricht von „Maximen“, muss vom einzelnen Menschen immer auf ihren auch für alle anderen gültigen Wert überprüft werden. Und zwar mit dem Kriterium des kategorischen Imperativs: D.h., kurz gesagt: Kann meine Maxime allgemeines Gesetz werden? Klar ist: Die Reden Trumps können vor dem Kategorischen Imperativ überhaupt nicht bestehen. Also sind sie philosophisch gesehen schlicht und einfach böse. Wer wagt das zu sagen? Die Philosophen. Kritische Propheten, wie einst in Israel, gibt es ja in den Kirchen bekanntermaßen nicht mehr; vielleicht melden sie sich, wie üblich, wenn es zu spät ist. Und die Maximen der nationalistischen Wähler sind ebenso, philosophisch betrachtet, ebenso böse.  Nationalismus als Maxime ist tödlich für „die anderen“, die zu Feinden erklärt werden: Nationalismus ist also philosophisch gesehen böse, ist eine dumme Flucht in eine (alte) Ideologie, die nur Mord und Totschlag der Menschheit gebracht hat. Sind denn alle Veranstaltungen der Erinnerung an den 1. oder 2. Weltkrieg nichts als Spielerei gewesen?

Trump sagt: America zuerst. Diese Sprüche kennt man. Sie hat der Rassist und Antisemit Jean-Marie Le Pen in Frankreich als erster auf seine Art vor vielen Jahren schon verwendet: „La France d` abord“, „Frankreich zuerst“. Nun also sagt auch trump: „Die USA zuerst“.  Trump schämt sich offenbar nicht, dass ihm die rechtsradikalen Parteien, ihre Führer, Madame Le Pen, Wilders und die FPÖ Leute so schnell zu seinem Sieg gratulierten. Werden die Europäer diese nationalistischen Typen noch stoppen können?

Ethisch ist es zudem verwerflich, wenn Trump Versprechungen machte, von denen man weiß, dass er sie nicht einhalten kann und auch nicht einhalten will. Solche falschen Versprechungen sind letztlich Lügen, sie zerstören den menschlichen Zusammenhalt einer Gesellschaft und eines Staates. Jetzt, am 9. November 2016,  zu sagen: „Ich bin der Präsident aller Amerikaner“, ist nur verlogen und kann nicht geglaubt werden, wenn man vorher schon seine falschen Versprechungen als solche wahrgenommen hat. Wie werden die Getäuschten damit umgehen?

Nun können und sollen Trump-Wähler als Personen natürlich nicht verteufelt werden und als personifizierte Beispiele des Bösen hingestellt werden. Eher sind sie bedauern. Sie tun einem leid, angesichts der vielen Tubulenzen, die sich selbst und anderen angerichtet haben. Aber wenn Philosophie eine aktuelle Bedeutung hat, kann sie nur sagen: Da entwickelt sich seit den Wahl-Polemiken und dem Sieg von Trump in den USA wirklich Böses. Da geht in einem Staat eine ungute Entwicklung weiter, die natürlich in der exzessiven und perversen Spaltung von (Ultra) Reichen und Armen, in dem dem Militarismus usw. schon eine lange Vorgeschichte hat. Ob es zu Korrekturen kommen kann? Ob die Menschen wieder selber denken lernen? Wenn sie das tun, müssten sie sich von Trump sehr bald verabschieden. Ist es dafür zu spät? Wie heftig werden die Auseinandersetzungen in den total zerrissenen USA alsbald sein? Vielleicht geschieht ein Wunder? Könnte es nicht sein, dass sich Trump auch zu einem „lupenreinen Demokraten“ (Gerhard Schröder, immer noch SPD, über Putin) entwickelt? Putin, der „Lupenreine“, hat ja Trump als erster herzlich zum überwältigenden Sieg gratuliert….Nun ist es so: Philosophen glauben trotz aller Verirrungen in den USA und anderswo an die Kraft der Vernunft. Aber nicht an Wunder.

Die Vernunft ist oft schwach, manchmal aber noch wirksam. Und davon lassen sich Philosophen – gerade auf den Spuren Kants – leiten: Kant hatte die richtige Einsicht: Die Aufforderung im Gewissen, dem Kategorischen Imperativ zu entsprechen und die eigenen egoistischen Maximen am Kategorischen Imperativ kritisch zu messen, wäre sinnlos, wenn dieser Aufforderung als einem Geschehen der Freiheit keine Antwort des Menschen entsprechen könnte. Mit anderen Worten: Der Mensch kann in seiner Freiheit das Böse in sich selbst überwinden. Er kann gut sein, wenn er sich dazu nur entschließt,  seinem Gewissen folgend und auf es hörend! Diese Möglichkeit hat natürlich auch Mister Trump. Er kann seine dummen nationalistischen Sprüche beenden und politisch die Menschenrechte respektieren. Wenn er den Willen dazu hat.

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Einige Hinweise zur Persönlichkeit TRUMPS durch Michael Naumann: Er ist Publizist und Kulturpolitiker, Kenner der USA, er schreibt im „Tagespiegel“ vom 11. November 2016 zu den zentralen Aussagen Trumps während des Wahlkampfes:

„So viel gelogen wie Trump hat noch kein amerikanischer Präsidentschaftskandidat in der jüngsten Geschichte“

„Es ist sein Siegeszug, der eines zweifellos rassistischen und außerordentlich ungebildeten Immobilien-Moguls“

„Er pflegte die vulgäre sexistische Sprache eines Schauermanns der fünfziger Jahre“.

„Dass er die unmittelbaren ökonomischen Folgen auf dem Arbeitsmarkt, etwa Kohle fördernder US-Staaten, revidieren kann, wird er selbst nicht glauben“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

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