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Der erste Lutheraner in den Niederlanden: Der Augustiner Hendrik van Zutphen

5. Mai 2017 | Von | Kategorie: Religionskritik, Theologische Bücher

Der erste Lutheraner in den Niederlanden: Der Augustiner Hendrik van Zutphen, später der „Bremer Reformator“ genannt.

Von Christian Modehn am 4.5.2017. (Dieser Beitrag erschien am 28. April 2017 in kürzerer Form in der Zeitschrift Publik – Forum).

Über die Bedeutung und Wirkung des Augustinermönches Martin Luther für seine usprüngliche spirituelle „Familie“, also die Mitglieder seines Ordens (O.E.S.A. ist die damalige lateinische Abkürzung, also Augustiner-Eremiten, wie der Orden mit dem Zusatz „Eremiten“ bis ca. 1970 noch hieß) ist meines Wissens insgesamt, auch in diesem Jahr des Reformations – und Luther-Gedenkens sehr wenig publiziert worden. Dabei macht schon diese sehr kleine Studie zu den Niederlanden und den dortigen Augustinern deutlich, dass der Einfluss des Reformators und Augustiners Luther schon sehr früh sehr für den AugustinerOrden bedeutend war.

In den Niederlanden hatten sich die Lehren Martin Luthers schon 1518 herumgesprochen. Seine Schriften wurden 1519 in Antwerpen und Leiden veröffentlicht. Schon im gleichen Jahr befahl Kaiser Karl V., „alle lutherischen Bücher in den Niederlanden zu verbrennen“. Es waren vor allem Augustiner, die sich nicht einschüchtern ließen und sehr früh, von ihrem Mitbruder in Wittenberg inspiriert, mit der Reform kirchlichen Lebens begannen. Ein Zentrum war das Kloster in Dordrecht (bei Rotterdam) mit ihrem Prior Hendrik van Zutphen, der den Ordensnamen Pater Johannes hatte. 1489 in Zutphen geboren, wurde er schon 1516 Leiter des Klosters. Er setzte sich sofort für die Wiederherstellung der strengen Ordenszucht ein. Der katholischen Stadtverwaltung missfielen seine „evangelischen“ Predigten, sie vertrieb ihn und vier weitere Mönche. Sie fanden 1519 Zuflucht in Antwerpen: Aber selbst dort, der eher liberalen Stadt, wurden große Gruppen reformgesinnter Augustiner verhaftet. Hendrik van Zutphen konnte nach Wittenberg fliehen, in eine Stadt, die er schon kannte: Er hatte dort schon von 1508 bis 1512 studiert und Luther kennen gelernt.

Hendrik erlebte nun, wie sich Luther der päpstlichen Androhung des Bannes widersetzte und das päpstliche Schreiben, die „Bulle“, öffentlich verbrannte: So kam es zum definitiven Bruch mit Rom. Hendrik studierte in dieser turbulenten Zeit vor allem die Theologie des Römerbriefes, sein Studium schloss er mit dem Lizenziat ab. In „73 Thesen“ entwickelte er 1521 seine eigene Theologie: Er wandte sich etwa gegen die „stille Privatmesse“, die man für Geld zum Heil der Seelen bestellen konnte. Für ihn galt: „Die Eucharistiefeier kann niemals als ein neues unblutiges Opfer Christi verstanden werden. Die Messe ist vielmehr eine zeichenhafte Mahlzeit von Glaube und Liebe“.

Luther müssen diese Thesen gefallen haben: Er ließ Hendrik von der Wartburg aus grüßen. Als Hendrik hörte, dass in den Niederlanden immer mehr Evangelische verfolgt werden, kehrte er zur Unterstützung nach Antwerpen zurück. Dort wurde er als Prediger vom Volk gefeiert: Aber die katholische Obrigkeit wollte keine religiöse Vielfalt dulden: Sie ließ die Augustiner verhaften. Hendrik wurde allerdings in höchster Not vom empörten Volk befreit. Seine Mitbrüder Johannes van Esschen und Hendrik Vos werden 1523 auf dem Scheiterhaufen in Brüssel verbrannt. Hendrik gelangte über Enkhuizen und seine Heimatstadt Zutphen nach Bremen: Dort traf er Bekannte aus Studienzeiten in Wittenberg. Seine Predigten in der St. Ansgarii Kapelle fanden viel Zuspruch, sogar die Zustimmung des Stadtrates, aber den Widerspruch des Klerus. Hendrik wurde „zum Bremer Reformator“. Dort setzte er sich für Jacobus Probst ein, den Prior des Antwerpener Augustiner Klosters: Er hatte geheiratet und suchte nun in Bremen eine neue Stelle.

Unter allen Orden waren die Augustiner am deutlichsten von der Reformbewegung Luthers betroffen. Allein in Deutschland sind 69 von 160 Augustinerklöstern aufgelöst worden. (Weitere aktuelle Hinweise zu dem Aspekt, am Ende des Beitrags).

Hendrik van Zutphen war im Oktober 1524 aus dem Orden ausgetreten. Aber „er wolle niemals vom Evangelium schweigen… solange, bis ich den Lauf dieses Lebens vollendet habe.“ Darum folgte er im November 1524 einer Einladung, in Meldorf, Dithmarschen, zu predigen. Das Volk war wiederum begeistert, aber der dortige Klerus, vor allem der Dominikaner Pater Augustinus Torneborch, sorgte schon im Dezember 1524 für seine Verhaftung: Hendrik wurde nach Heide geschleppt, dort erst halb totgeschlagen, dann ins Feuer geworfen: Weil der Körper aber nur etwas verkohlte, wurden Kopf, Hände, Füße abgeschnitten und der Rumpf unter Spottgesängen verscharrt. Am 10.Dezember 1524 wurde das Leben des ersten niederländischen Lutheraners und „Bremer Reformators“ beendet.

Luther war entsetzt, als er davon hörte. Er verfasste die Erinnerungsschrift „Historie von Bruder Heinrich von Zutphens Märtyrtode“.

Im ganzen gesehen konnte sich die lutherische Reformation in Holland nicht durchsetzen. Luther selbst hatte 1530 den Evangelischen dort empfohlen, entweder in aller Stille außerhalb der Öffentlichkeit Gottesdienste zu feiern oder zu jenen Fürsten auszuwandern, die reformfreundlich sind. „Dieser Standpunkt schließt ganz an seine Neigung an, Unterstützung bei der Obrigkeit zu suchen. Das niederländische Volk mochte das nicht. Es wandte sich eher der radikalen Bewegung der Wiedertäufer zu und dann dem militanten Calvinismus“, so der Historiker Johan Decavele.

In den Niederlanden selbst gilt als der erste, also dort getötete, lutherische Märtyrer Jan de Bakker, am 15.9.1525 wurde er verbrannt. Und, interessanterweise möchte man fast sagen, gab es eine lutherische Märtyrerin, Wendelmoet Claesdochter, sie wurde am 20. November 1527 von Katholiken verbrannt.

Nebenbei: Wer diese Geschichte konfessionell bedingter Grausamkeit, etwa im 16. Jahrhundert, bedenkt, kommt schnell zu Vergleichen der Brutalität und des Sich – Abschlachtens, die sich heute Sunniten und Schiiten antun. Man bedenke nur: Noch vor 70 Jahren haben sich Katholiken und Protestanten in Deutschland verachtet und ignoriert und bekämpft. Die ökumenische Bewegung unter den Christen gilt es auch als Friedensbewegung zu interpretieren. Gibt es eigentlich eine ökumenische Bewegung unter den verfeindeten muslimischen Konfessionen?

Ein aktueller Hinweis:

Wie stark die Mentalität des Augustinerordens davon bestimmt ist, dass in katholischer Sicht der Ketzer und Kirchengründer und Kritiker des Mönchswesens Martin Luther einmal zum Orden gehörte, ist eine offene Frage. Tatsache ist, dass der Augustinerorden seitdem nicht gerade besonders theologisch Mutige hervorgebracht hat, von den Augustinern in den Niederlanden vielleicht abgesehen. Offenbar wollte der Orden nicht beim Papst „auffallen“, mutig war hingegen der Augustiner Gregory Baum (geboren 1923 in Berlin): Er hat als Theologe das Zweite Vatikanische Konzil geprägt. Aber Gregory Baum hat später den Augustinerorden verlassen und das Priesteramt aufgegeben. Im französischen Augustinerorden, den Assumptionisten, gab es in den achtziger Jahren Professor Daniel Olivier, er war ein großer Luther-Spezialist, in meiner Erinnerung an persönliche Begegnungen war er förmlich ein Lutheraner geworden. Entsprechend groß war die Rezeption seines Denkens in der katholischen Kirche. Solche intimen Luther-Kenner wie Pater Olivier hat der Augustinerorden (OSA) nie hervorgebracht. Wie überhaupt alle Orden im Reformationsgedenken 2017 schweigen zu der Frage: Wie kann man heute trotz Luther noch Mönch und Nonne sein. Da ist absolut nichts zu vernehmen.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



Das 2. Vatikanische Konzil und die Juden: Perspektiven des Konzilstheologen Gregory Baum

26. September 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Das 2. Vatikanische Konzil und die Juden: Perspektiven des Konzilstheologen Gregory Baum: „Judenmission darf es nicht mehr geben“

Ein Interview von Christian Modehn

Viele Freunde des Religionsphilosophischen Salons fragen – anlässlich des „Konzilsjubiläums, d.h. Konzilbeginn vor 50 Jahren – nach einem Gespräch, das ich mit Gregory Baum in Montréal, Kanada, führte über das 2. Vatikanische Konzil und die Juden.

Gregory Baum, Professor em. für Theologie und Religionssoziologie an der Mc Gill University in Montréal, ist auch als Autor zahlreicher Bücher und als Mitherausgeber der Zeitschrift CONCILIUM international geachtet. Er wurde 1923 in Berlin in einer jüdisch geprägten Familie geboren, die Großeltern waren vom Judentum zum Protestantismus konvertiert. Für die Nazis galt Gregory Baum als „Jude“. So musste er 1939 als junger Mann über England nach Kanada fliehen. Dort konvertierte er zum Katholizismus, er trat in den Augustinerorden ein (den er 1976 wegen seiner Heirat verließ). In Fribourg, Schweiz, hatte er 1956 seine theologische Doktorarbeit der ökumenischen Bewegung gewidmet. Der für Ökumene im Vatikan zuständige Kardinal Augustin Bea wurde auf ihn aufmerksam, als er 1960 begann, die ökumenischen Themen des II. Vatikanischen Konzils vorzubereiten. Als Augustiner Pater hat Gregory Baum als „peritus“, als „Fachtheologe“, am 2. Vatikanischen Konzil und schon an dessen Vorbereitungen teilgenommen. Das Interview stammt aus dem Jahr 2001, es fand in Montréal statt.

Gregory Baum:

Bei der ersten Versammlung des so genannten „Einheitssekretariates“ am 14. November 1960 war ich schon dabei. Dabei betonte dessen Leiter, Kardinal Bea, dass Papst Johannes XXIII. ausdrücklich eine Klärung des Verhältnisses von Kirche zum Judentum wünsche. Wenige Tage zuvor hatte der Papst den jüdischen Historiker Jules Isaac aus Frankreich empfangen, er hatte 1948 in seinem Buch „Jésus et Israel“ sehr sachlich gezeigt, dass die Judenfeindlichkeit schon in den Evangelien ihre Wurzeln hat. Johannes XXIII. war gegenüber diesem Thema sehr sensibel, er hatte selbst im 2. Weltkrieg Juden hilfreich beigestanden. Offenbar hat Jules Isaac den Wunsch beim Papst verstärkt, ein Konzils-Dokument über das Judentum zu verfassen. Ich konnte auf Vorschlag Kardinal Beas weitere theologische Mitarbeiter empfehlen; er beauftragte mich, einen ersten Text „de judaeis“ vorzubereiten für die Versammlung seines „Einheits – Sekretariates“ vom 6. bis 9. Februar 1961. Einer der wichtigster Mitarbeiter im Einheitssekretariat war damals Prof. John Österreicher, ein Jude, der aus Wien stammt. Er war auch Konvertit und Leiter eines theologischen Institutes in den USA. .

Christian Modehn:

Welche Themen hatten Sie in diesem ersten Entwurf für ein Konzilsdokument über das Judentum angesprochen?

Gregory Baum:

Die Kirche, die sich selbst verstehen will, muss sich an ihre  Verwurzelung in der Geschichte des Volkes Israel erinnern und diese Verbindung anerkennen. Die Kirche muss sich zweitens absetzen von den populären Vorurteilen, z.B.: „Die Juden hätten in der Geschichte immer wieder leiden müssen, weil sie Jesus abgelehnt haben“. Dann sagte ich: Das Judentum bleibt nach wie vor „das auserwählte Volk Gottes“. Deswegen muss die Kirche den Juden mit Respekt und Liebe begegnen. Jeglicher Antisemitismus ist nicht christlich.

Christian Modehn:

Aber Antisemitismus gab es doch damals selbst unter Bischöfen, auch während des Konzils?

Gregory Baum:

Wir merkten im Laufe unserer Arbeit im Einheitssekretariat, dass es eine Gruppe von Bischöfen gab, die den traditionellen katholischen Antisemitismus offen vertrat. Jahrhunderte lang wurde ja in der Kirche gelehrt: Die Juden haben Jesus nicht angenommen, sie haben ihn gekreuzigt usw…Es gab zum Beispiel während der Verhandlungen über unser Dokument Eingaben von Konzilsvätern, die da schrieben: “Die Juden waren immer die Feinde des Evangeliums, und sie sind es noch heute“. Diese Bischöfe beriefen sich dabei auf Texte aus dem Neuen Testament. Diese Kirchenführer hingen einer Mentalität an, die im kirchlichen Milieu damals sehr verbreitet war. Sie betonten: Was früher galt, kann heute nicht falsch sein. Sie hatten keinen Sinn für Entwicklung der Lehre. Noch Ende der dreißiger Jahre beispielsweise konnte man in einem vatikanischen Text lesen, dass sich die Gesellschaft Europas vor dem negativen Einfluss der Juden schützen sollte; Juden würden den Materialismus fördern in seiner kapitalistischen wie in seiner kommunistischen Form: In der damals nicht veröffentlichten Enzyklika Pius XI. von 1938 (nun ist sie öffentlich zugänglich) sind solche Sätze zu lesen, in einem Text übrigens, der eigentlich den Antisemitismus verurteilte.

Christian Modehn:

Aber es gab auch politisch motivierten Widerstand gegen Ihre Arbeit beim Konzil?

Gregory Baum:

Der Widerstand gegen einen offiziellen Konzils-Text, der auf Dialog und Verständigung mit dem Judentum setzt, gab es vor allem von Bischöfen aus dem Nahen Osten. Diese Bischöfe wollten Rücksicht nehmen auf die muslimischen Araber; diese Bischöfe glaubten, ein Text, der das Judentum positiv würdigt, könne zu einer Art Anerkennung des Staates Israel durch die Katholische Kirche führen. Und das wollten sie verhindern!  Schließlich wollte man auch die Entwicklung der katholischen Kirche nicht gefährden in den Ländern des Nahen Ostens! Der damalige Kardinal Staats-Sekretär im Vatikan, Kardinal Cicognani, hatte sich den Argumenten dieser Bischöfe aus dem Nahen Osten angeschlossen: Er hatte sich in einer entscheidenden Sitzung der „Zentralkommission“ des Konzils 1962 dafür eingesetzt, dass unser erster Entwurf eines Konzils-Dekrets über das Judentum abgelehnt wurde!. Aber Kardinal Bea liess sich das nicht bieten! So konnten wir an weiteren, insgesamt 4 Entwürfen, arbeiten.

Christian Modehn:

Es war also ein ziemlich heftiges Ringen voller Widerstände? Das Konzil war also alles andere als einheitlich geprägt?
Gregory Baum:

Das Sekretariat für die Einheit der Christen hatte ja ohnehin die in vieler Hinsicht problematischsten Konzilstexte vorzubereiten: Das Dokument über die Ökumene, das Dokument über die Religionsfreiheit und das Dokument über die Beziehung zu den Juden.

Am 9. Oktober 1964 verkündete der Generalsekretär des Konzils, Msgr. Felici, dass „aufgrund  des Willens einer höheren Autorität, also offenbar des Papstes, „das Dokument über die Beziehung zu den Juden“ auf wenige Sätze reduziert werden sollte. Diese wenigen Zeilen sollten einfach in die grosse „Konzilskonstitution über die Kirche“ integriert werden. 14 Kardinäle, darunter die ganz bekannten aus Europa und den USA, wandten sich sofort an Papst Paul VI. Sie wiesen darauf hin, welche verheerenden Konsequenzen die Unterdrückung eines eigenen Dokuments über die Beziehungen zu den Juden habe. Dabei wurde deutlich, dass „die höhere Autorität“, die Bischof  Felici zitierte, nicht der Papst, sondern wieder der einflussreiche Kardinal Cicognani war. Das „Sekretariat für die Einheit der Christen“ setzte nach dieser Enthüllung die Arbeit an dem Dokument fort, nur sollte jeder politische Aspekt vermieden werden: Die katholischen Gemeinden im Nahen Osten sollten keine Repressalien erwarten dürfen von der Mehrheit der islamischen Bevölkerung, wenn jetzt im Vatikan ein „judenfreundliches Dokument“ veröffentlicht wurde. So wurde also auf das Wohl der Kirche in Nahost entschieden Rücksicht genommen bei der Formulierung dieses historischen, bahnbrechenden Textes! Es ging primär auch um das Wohl der Kirche! In dem neu erarbeiteten, vierten Entwurf des Dokuments über die Juden durfte dann auch nicht mehr die Rede davon sein, die „Juden seien ein Volk“. Der Text über das Judentum wurde dann eingegliedert in die Erklärung der Kirche zum Verhältnis mit den nicht-christlichen Religionen! Das muss man sich vorstellen! Das Judentum wurde also lediglich als eine religiöse Dimension gesehen, vom Staat Israel war keine Rede. Die judenfeindliche Haltung der Kirche in der Vergangenheit wurde lediglich „bedauert“, von Eingeständnis eigener Schuld der Kirche konnte noch keine Rede sein. Das Judentum jedenfalls fand sich also in einem Dokument wieder, das auch die Beziehung zum Buddhismus oder dem Islam klärt… Dabei war damals schon klar: Dass die Wurzeln des Glaubens aus dem Judentum stammen! Dass es also ein sehr dichtes Verhältnis der Kirche zum Judentum gibt….

Christian Modehn:

Wie verlief denn die Abstimmung zu diesem Dokument?
Gregory Baum:

Das Kapitel über das Judentum im Text über die nichtchristlichen Religionen erhielt am Tag der Abstimmung, am 20. November 1964, 1770 positive Stimmen gegen 185 ablehnende. Die ablehnenden Bischöfe durften noch einmal ihre Bedenken vorbringen, und so sind in den tatsächlichen Abschlusstext noch einmal Veränderungen der ablehnenden Seite eingeflossen.

Christian Modehn:

Haben die Aussagen des Konzils über das Judentum eine bleibende Bedeutung?

Gregory Baum:

Das Verhalten der Kirche zum Judentum hat sich durch den Text doch noch um 180 Grad gedreht. Ich denke, die Worte des Konzils über das Judentum sind von höchster Bedeutung. Auch die Juden in Amerika beispielsweise haben den Text sehr geschätzt. Denn deutlich ist: Mit diesem Text ist keine Missionierung von Juden mehr zu vertreten! Der „Alte Bund“ besteht nach wie vor weiter. Die Kirche ist aus dem Judentum entstanden, beide haben ein gemeinsames religiöses Erbe. Die Kirche darf nicht meinen, das Judentum „ersetzen“ oder „ablösen“ zu können. Diese und viele anderen theologischen Erkenntnisse sind heute in katholischen Kreisen fast eine Selbstverständlichkeit. Diese Erkenntnisse wurden im Konzil grundgelegt. Für mich war es einer der wichtigsten Ereignisse in meinem Leben, an diesem theologischen Durchbruch mitgewirkt zu haben. Ich habe damals sozusagen Tag und Nacht an diesen Texten in Rom gearbeitet. Erst später erfuhr ich, dass sich während dieser Arbeiten auch jüdische Gelehrte in einem direkten regen Austausch mit Kardinal Bea befanden. Es wurde also nicht nur über Juden gesprochen, sondern – wenigstens im Hintergrund – mit ihnen!

Copyright! Christian Modehn, Berlin, Religionsphilosophischer Salon.