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Biophilie und Nekrophilie. Perspektiven von Erich Fromm

22. April 2012 | Von | Kategorie: Denkbar

Biophilie und Nekrophilie

Perspektiven von  Erich Fromm

Anlässlich des „Religions –  philosophischen Salons“ am 20.4.12.

Von Hartmut Wiebus, Berlin

Der Beitrag von Hartmut Wiebus (Dipl. Päd.) führt in einigen systematischen Überlegungen hin zum Verständnis der grundlegenden Kategorien „biophil“ und „nekrophil“, die treffend die psychische und kulturelle/politische Situation unserer Zeit analysieren. CM.

Um den Hintergrund seines wissenschaftlichen Ansatzes zu verdeutlichen, möchte ich kurz die Lebensdaten sowie die Studiumsrichtungen und die beruflichen Tätigkeiten von Erich Fromm skizzieren:

Erich Fromm wurde am 23.März 1900 als einziges Kind orthodoxer jüdischer Eltern in Frankfurt am Main geboren.

Seine wissenschaftliche Laufbahn begann mit dem Studium der Fächer Psychologie, Philosophie und Soziologie in Frankfurt und Heidelberg. Nach seiner Promotion folgten noch weitere Studien in Psychiatrie und Psychologie an der Universität in München. Ein psychoanalytisches Training absolvierte er von 1926  – 1929 in München und Berlin. 1930 gründete er mit anderen das „Süddeutsche Institut für Psychoanalyse“ in Frankfurt am Main. Dort war er auch Mitglied und Dozent des Institutes für Sozialforschung der Universität, aus dem die „Frankfurter Schule“ hervorging. Die empirische Untersuchung über die autoritäre Charakterstruktur der deutschen Arbeiter und Angestellten vor Hitler (in der Weimarer Republik) war die bedeutendste Tätigkeit, die Fromm neben seiner psychoanalytischen Praxis und Lehre am Institut für Sozialforschung abschloss.  Wegen der Nationalsozialisten emigrierte Erich Fromm 1933 über die Schweiz, 1934 in die USA. Dort hielt er eine Reihe von Vorlesungen am Institut für Psychoanalytik in Chicago. Auch das Institut für Sozialforschung musste wegen der Nationalsozialisten an die Columbia Universität New York verlegt werden.

E. Fromm zog deswegen nach New York um. Ende der dreißiger Jahre nahm er seine Arbeit am „Institut für Sozialforschung“ neben seiner psychoanalytischen Praxis wieder auf. Bis 1949 arbeitete er im den USA an verschiedenen Instituten und Universitäten. In Mexiko übernahm er 1949 eine Professur an der Autonomen Nationalen Universität von Mexiko – Stadt und eröffnete dort eine Abteilung Psychoanalyse der Medical School. Hier lehrte er bis zu seiner Emeritierung im Jahr l965. Neben all dieser Lehrtätigkeiten betrieb er seine psychoanalytische Praxis  weiter (insgesamt über 45 Jahre), auch war er als Supervisor und Lehranalytiker tätig. Von l957 bis 1963 leitete er eine Feldforschung in Mexiko, die er mit Michael Maccoby 1970 unter dem Titel: „Psychoanalytische Charakterologie in Theorie und Praxis. Der Gesellschafts-Charakter eines mexikanischen Dorfes“ veröffentlichte.

Die Theorie vom Wesen des Menschen und der existentiellen Bedürfnisse

E. Fromms Definition des Wesen oder der Natur des Menschen geht vom Vergleich mit dem Tier aus. Das, was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist das Bewusstsein seiner selbst, und dies ist die konstante Natur, die allen Menschen gemeinsam ist. Im Menschen ist die Einheit mit der Natur zerbrochen, in der sich das Tier noch befindet. Der Mensch ist sich seiner Vergangenheit und seiner Zukunft und damit auch seines Todes bewusst, also auch seiner Ohnmacht gegenüber seinem natürlichen Schicksal.

E. Fromm beschränkt sich aber nicht darauf, das Wesen des Menschen in diesem Konflikt zu sehen. Erst im Zusammenhang mit der Frage und dem Bedürfnis nach einer Antwort, die aus dem oben genannten „Zerbrechen der Einheit“ resultieren, ist das Wesen des Menschen ganz erfasst. Dieser Zusammenhang ist für E. Fromm die Ursache für die von ihm festgestellten existentiellen Bedürfnisse. Sie sind als psychische Bedürfnisse zu verstehen, deren Befriedigung für E. Fromm genauso lebensnotwendig sind wie die physiologischen Bedürfnisse (Hunger, Durst, Schlaf, Sexualtrieb). Es wurden von ihm 6 existentielle Bedürfnisse definiert:

1. Das Bedürfnis nach Bezogenheit

Dieses Bedürfnis ist bedingt durch das Abgeschnittensein von der primären oder so genannten instinktiven Einheit mit der Natur. „Der Mensch ist von der ursprünglichen Einheit mit Natur, welche die tierische Existenz kennzeichnet, weggerissen. Da er zugleich mit Vernunft und Vorstellungskraft begabt ist, kommen ihm seine Vereinsamung und sein Abgetrenntsein, seine Ohnmacht und sein Unwissen und die Zufälligkeit seiner Geburt und seines Todes zu Bewusstsein. Er könnte diesen Zustand nicht einen Augenblick ertragen, fände er nicht neue Bindungen an seine Mitmenschen, welche die einst von Instinkten gelenkten ersetzen“ (Der moderne Mensch und seine Zukunft, Frankfurt am Main, 1978, S.31(DmMusZ)

2. Das Bedürfnis nach Transzendenz

Dieses Bedürfnis betrifft den Erwerb der spezifisch menschlichen Qualität (Vernunft, Bewusstsein). Dadurch bedingt ist das Bedürfnis, die passive Kreatürlichkeit zu überwinden, also selbst die Rolle des Schöpfers zu übernehmen. „Transzendenz soll andeuten, dass der Mensch die egozentrische und narzisstische Bezogenheit aufheben kann, also die Gefangenschaft des eigenen Ichs überwinden kann“ (Anatomie der menschlichen Destruktivität, Reinbek bei Hamburg, 1978, S.260 Fußnote (AdmD)

3. Das Bedürfnis nach Verwurzelt – Sein

Dieses Bedürfnis ist bedingt durch den Verlust der Geborgenheit bei der Geburt und damit des Verwurzelt – Seins in der Natur.

„Nie sind wir frei von zwei einander widerstreitenden Strebungen: uns aus dem Mutterleib, aus der tierischen Form unserer Existenz zu einer humaneren Gestaltung unseres Dasein zu erheben, von der Gebundenheit zur Freiheit aufzusteigen – und der andern: in den Mutterschoß, zur Natur, zur Gewissheit und Sicherheit heimzukehren……. Hier liegt auch der Schlüssel zur humanistischen Psychoanalyse“ (DmMusZ, 28/29).

4. Das Bedürfnis nach einem Identitätserlebnis oder Einheitserlebnis

Dadurch, dass die Einheit mit der Natur zerbrochen ist, ist es für den Menschen unerträglich, „wenn er sich nicht ein Gefühl der Einheit in sich selbst und mit der natürlichen und menschlichen Welt außerhalb erstellen könnte.“ (AdmD, 262) Die Lösungsmöglichkeiten des Problems sind aber vielfältig, wobei die Determination durch sozioökonomischen Umstände den „Weg“ des Menschen entscheidend beeinflussen. Allerdings sieht E. Fromm  auch den subjektiven Freiraum des Einzelnen:

„Die Alternative, zwischen dem regressiven und dem progressiven Weg, Erlösung zu finden, ist nicht nur ein sozial-historische. Jeder einzelne Mensch ist mit derselben Alternative konfrontiert. Sein Spielraum an Freiheit, die regressive Lösung in einer Gesellschaft, die sich für sie entschieden hat, abzulehnen, ist bestimmt klein – doch er existiert. Aber große Anstrengung, klares Denken und die Anleitung durch die Lehren der großen Humanisten sind dabei unentbehrlich“ (AdmD, 264).

5. Das Bedürfnis nach Wirkmächtigkeit (Das Bestreben, etwas zu bewirken)

Aus der spezifischen Situation des Menschen entspringt das Gefühl der Ohnmacht. Dieser Zustand zwingt den Menschen, etwas zu tun bzw. zu wirken, um das Gefühl seiner Identität und seines eigenen Willen zu erhalten, um sich nicht nur als Objekt der Natur zu empfinden, der „physischen Gesetzen“ (DmMusZ, S.25) er unterworfen ist. In der Wirkmächtigkeit erlebt der Mensch sich nicht als Objekt, sondern als schöpferisches Subjekt.

6. Das Bedürfnis nach einen Rahmen der Orientierung und nach  einem Objekt der Hingabe

Analog zu seiner Wesensbestimmung hat E. Fromm hier ein Bedürfnis benannt, das den Menschen als intellektuelles Wesen fasst.

„Bewusstsein seiner selbst, Vernunft und Phantasie – jene neuen Eigenschaften des Menschen, die weit über die Fähigkeiten selbst der klügsten Tiere zum instrumentalen Denken hinausgehen – erfordern ein Bild von der Welt und ein Bild vom Platz des Menschen in dieser Welt, das strukturiert ist und einen inneren Zusammenhang besitzt. Der Mensch braucht eine Landkarte seiner natürlichen und sozialen Welt, ohne die er in Verwirrung geraten würde und unfähig wäre, zielgerichtet und konsequent zu handeln“ .(AdmD, S.259)

Der Charakter

Die Antworten auf diese existentiellen Bedürfnisse äußern sich als verschiedene Charakterzüge oder menschliche Leidenschaften. Sie resultieren aus der Charakterorientierung, weil sie im Charakter des Menschen integriert sind.

Für die unterschiedlichen Antworten auf die existentiellen Bedürfnisse werden von E. Fromm weitgehend die sozialen Verhältnisse verantwortlich gemacht. Natürlich berücksichtigt der Psychoanalytiker E. Fromm auch die ererbten Dispositionen, wie das Temperament und die vorgeburtliche Ereignisse und die Geburt selbst. Sie begünstigen aber für ihn lediglich eine bestimmte Charakterorientierung vor anderen.

Ferner übersieht E. Fromm auch nicht die physischen Bedürfnisse des Menschen. Für ihn sind sie die dem Menschen noch verbliebenen Instinkte, d.h. seine organischen Triebe wie Hunger, Durst, Schlaf und Sexualtrieb. E. Fromm hält ihre Befriedigung für lebenswichtig, denn sie liegen in der Beschaffenheit des menschlichen Körpers begründet. Die Intensität der physischen Bedürfnisse ist für ihn aber geringer als die der Charakterzüge:

„Das dramatische Element im menschlichen Leben wurzelt in den nichtbiologischen Leidenschaften und nicht in Hunger und Sexualität. Kaum jemand begeht Selbstmord, weil er in Bezug auf seine sexuellen Wünsche nicht auf seine Kosten kommt, aber viele nehmen sich das Leben, weil sie ihren Ehrgeiz oder ihren Hass nicht befriedigen konnten.“ (Sigmund Freuds Psychoanalyse – Größe und Grenzen, Stuttgart, 1979 ( Ps + Grenzen)

– Gesellschaftscharakter

Mit dem Gesellschaftscharakter erklärt E. Fromm die Übereinstimmung der psychischen Haltung der einzelnen Individuen einer Gesellschaft oder Kultur. Im Gegensatz zum individuellen Charakter, durch den sich die Menschen eines Kulturkreises unterscheiden, ist der Gesellschaftscharakter der gemeinsame Kern der Charakterstruktur aller Mitglieder einer Gesellschaft bzw. einer Kultur.

E. Fromm betont zwar  bei der Formung des Gesellschaftscharakters den dominierenden Einfluss der sozioökonomischen Verhältnisse, berücksichtigt aber auch die ideologischen Einflüsse durch Ideen und Ideale (religiöse, politische und philosophische Ideen), die in einer gewissen Wechselwirkung mit der sozioökonomischen Struktur einer Gesellschaft stehen.

Bei der Vermittlung auf den Individualcharakter spielt die Familie die entscheidende Rolle: „Die Familie ist das Medium, durch das die Gesellschaft bzw. die Klasse die ihr entsprechende, für sie spezifische Struktur dem Kind und damit dem Erwachsenen aufprägt; die Familie ist die psychologische Agentur der Gesellschaft.“ (Über Methoden und Aufgaben einer Analytischen Sozialpsychologie, GA I, S.42)

Um mit dem Dilemma fertig zu werden, das seiner Existenz mitgegeben ist, gibt es für den Menschen nur eine regressive oder progressive Lösung. Es existiert für E. Fromm aber kein angeborener Trieb zum Guten oder zum Bösen. ( Die Seele des Menschen, Stuttgart, 1979, S 121 (Seele)

Progressiv bedeutet bei E. Fromm soviel wie fortschreiten, dem Leben dienen. Progressiv entspricht seinen Begriffen produktiv und biophil. Regressiv entspricht seinen Begriffen nichtproduktiv, nekrophil, d.h., das Leben eleminieren, zur vormenschlichen Form der Existenz regredieren. (Sigmund Freuds Psychoanalyse – Größe und Grenzen. Stuttgart, 1979,S.152 (Ps u. Grenzen) Die biophile Antwort resultiert nach seiner Theorie aus der zerbrochenen Einheit des Menschen mit  der Natur, während die nekrophile Lösung in den historischen, von Menschen selbst geschaffenen soziologisch-ökonomischen Dichotomien begründet ist. Darum können sie auch vom Menschen selbst verändert werden.

„Gleichzeitig ist noch hinzuzufügen, dass, wenn ich sage, dass die gesellschaftlichen Umstände für die Entwicklung des Menschen verantwortlich sind, ich damit nicht unterstellen möchte, er sei das hilflose Objekt der äußeren Umstände. Die Umweltfaktoren fördern oder hindern die Entwicklung bestimmter Charakterzüge und bestimmen die Grenzen, innerhalb derer der Mensch handelt. Trotzdem sind des Menschern Vernunft und Wille sowohl individuell als auch sozial machtvolle Faktoren in seinem Entwicklungsprozess. Nicht die Geschichte macht den Menschen, der Mensch erschafft sich selbst im Prozess der Geschichte“ (,AdmD S.299)

Das Hauptanliegen E. Fromms ist diese Förderung der produktiven Kräfte, der lebensfördernden Leidenschaften: „In Wahrheit sind alle menschlichen Leidenschaften, die ´guten´ wie die ´schlechten´, nur als Versuch des Menschen zu verstehen, die banale Existenz der reinen Fristung des Lebens zu transzendieren. Wandel der Persönlichkeit ist nur dann möglich, wenn es ihm gelingt, sich zu einer neuen Art, dem Leben Sinn zu geben, zu ´bekehren´, indem er seine lebensfördernden Leidenschaften mobilisiert und auf diese Weise eine stärkere Vitalität und Integration erfährt, als er sie zuvor besaß.“ (AdmDA, S.26)

Die folgenden kurzen Beschreibungen der Grundformen des Charakters sind idealtypisch gefasst, obwohl der Charakter eines bestimmten Individuums meist eine Mischung einiger dieser Orientierungen darstellt, wobei allerdings eine Orientierung dominiert.

Ferner sind sie nach Assimilations- und Sozialisationsprozess unterschieden, also durch Aneignung und Assimilierung der Dinge und indem der einzelne Mensch sich zu den Menschen und zu sich selbst in Beziehung setzt.

Die Differenzierungen der Charakterorientierungen und die Zusammenfassung in biophil und nekrophil, sind das Resultat der Beobachtungen E. Fromms, in seiner psychoanalytischen Praxis (AdmD, 373, Seele, 7 u. Illusion, 16).

Die nekrophilen oder nicht-produktiven Charakterorientierungen im Assimilierungsprozess

Die durch unser Gesellschaftssystem bedingte Machtlosigkeit, Objekthaftigkeit und Ohnmacht des einzelnen, sind nach E. Fromm hauptsächlich verantwortlich für die regressiven Tendenzen der Menschen. Die Möglichkeit der Veränderung zu den produktiven Orientierungen hin ist demnach ein gesellschaftliches Problem.

Die rezeptive Orientierung

„Bei der rezeptiven Orientierung hat der Mensch das Empfinden, die „Quelle alles Guten“ läge außerhalb seines Selbst. Er glaubt das Wünschenswerte (gleichgültig, ob es sich um etwas Materielles handelt oder um Zuneigung, Liebe, Wissen und Vergnügen) nur von diesem außer ihm Liegenden empfangen zu können. (Psychoanalyse und Ethik, Frankfurt am Main l978 (Ethik, 77)

Mit der Marktorientierung vermischt, bildet sie den heute vorherrschenden Konsumcharakter.

Die ausbeuterische Orientierung

Parallel zur rezeptiven Orientierung wird auch hier die „Quelle alles Guten“ außerhalb des eigenen Selbst vermutet. Nur besteht hier nicht die Passivität, sondern die Aktivität in Form von Stehlen. An sich reißen, Wegnehmen, Ausbeuten ist für diese Orientierung symptomatisch. Das mangelnde Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten führt im geistigen Bereich zum Plagiat.

Zu den Orientierungen im Sozialisationsprozess besteht die größte Affinität zu den verschiedenen Formen des Sadismus.

Die Hamsterorientierung (hortende Orientierung oder auch analer Charakter)

Im Gegensatz zu den beiden vorhergehenden Orientierungen zeichnet sie sich durch große Distanz aus, die aus der Angst gegenüber der Umwelt resultiert. Nähe ist nur durch totales Beherrschen des anderen zu ertragen. Charakteristisch ist hier übertriebene Sauberkeit, Pünktlichkeit, sterile Ordnungsliebe. „Der hortende Mensch hat leicht das Gefühl, dass er eine begrenzte Menge an Kraft, Energie und geistiger Kapazität besitzt……….Für ihn besitzt Tod und Zerstörung mehr Realität als Leben und Wachstum“ (AdmD 332)

Die Marktorientierung

Diese Orientierung ist für E. Fromm die dominanteste Orientierung unserer Zeit. Sie ist ein Resultat unserer westlichen Industriegesellschaft, deren Markt auf Angebot und Nachfrage basiert. Nicht der Gebrauchswert einer Ware ist entscheidend, sondern das Verhältnis von Angebot und Nachfrage bestimmt den Wert der Ware.

Diese Regulation des Marktes beeinflusst stark die Persönlichkeitsstruktur des Menschen dieser Gesellschaft. „Ihr wirkliches Wesen besteht darin, dass kein spezifisches und ständiges Bezugssystem entwickelt wird, die Auswechselbarkeit der Haltung ist das einzige Beständige einer solchen Orientierung. Es werden nur diejenigen Eigenschaften entwickelt, die sich am besten verkaufen lassen.“ (Ethik, 92)  Im Sozialisationsprozess besteht die größte Affinität zum konformistischen Charakter.

Die nekrophil-destruktive Orientierung

Seit l964 (in „Seele“ und noch deutlicher 1973 in „AdmD“)  hat E. Fromm noch eine weitere Orientierung zu den Orientierungen von 1947 (in „Ethik“)  herausgearbeitet. Die Möglichkeit der atomaren Vernichtung der Menschheit und der daraus resultierenden Frage, wie der Mensch selbst diese grauenhafte Massenvernichtung erdenken konnte und das Problem, wie der Mensch im Namen des Fortschritts die Welt so verpestet, dass es „zweifelhaft geworden ist, ob die Erde in hundert Jahren  noch bewohnbar ist“ (AdmD, 394), waren wohl die wichtigsten Voraussetzungen, die E. Fromm zu der Formulierung der nekrophil – destruktiven Orientierung führten. „Dabei macht es kaum einen Unterschied, ob er das absichtlich tut oder nicht. Wenn er die drohende Gefahr nicht kennen würde, könnte man ihn vielleicht von der Verantwortung freisprechen. Aber es ist das nekrophile Element in seinem Charakter, das ihn hindert, aus dem was er weiß, die Konsequenz zu ziehen.“ (AdmD, 395)

Bei der nekrophil – destruktiven Orientierung im Assimilierungsprozess handelt es sich um eine „bösartige Form“ der Legierung von hortender bzw. Analer und der Markt-Orientierung.

In den Träumen von nekrophilen Klienten E. Fromms (AdmD, 376), erscheint neben der Freudschen Symbolik des Todes, wie Exkremente und verwesende Körper, häufig mächtige Maschinen und andere Materialien aus Metall und Glas.

Die nicht-produktiven Orientierungen im Sozialisationsprozess

Diese Orientierungen stellen die unterschiedliche Art und Weise der nichtproduktiven zwischenmenschlichen Beziehungen dar. Sie sind auch wieder idealtypisch gefasst.

E. Fromm unterscheidet zwei Gruppen der unproduktiven menschlichen Beziehungen, die eine ist durch Distanz und Zerstörungssucht gekennzeichnet und die andere ist die symbiotische Verbindung. Unter Symbiose versteht er den Verlust der eigenen Integrität durch eine abhängige Beziehung.

Die Orientierung der Distanz und Zerstörungssucht ist der Versuch, die Ohnmacht und Isoliertheit der spezifisch menschlichen Situation, durch Zerstörung des möglichen Bezugsobjektes aufzulösen.

Die symbiotischen Orientierungen

Der Masochismus

Passivität und Unterwerfung sind die dominierenden Kennzeichen dieser Orientierung.

„Die Macht jener Person, der man sich unterwirft, ist übersteigert, mag sie nun ein Mensch oder ein Gott sein. Sie ist alles, ich selbst bin nichts, abgesehen allein davon, dass ich ein Teil von ihr bin. Denn damit bin ich auch ein Teil ihrer Größe, ihrer Macht, ihrer Sicherheit. Der  Masochist hat selbst keine Entscheidungen zu treffen, hat kein Risiko auf sich zu nehmen, er ist niemals allein.“ (Die Kunst des Liebens, Frankfurt am Main l977, S. 38(Liebe)

Mit Rationalisierungen begründet der Masochist sein Verhalten gegenüber Kritikern und sich selbst. Abhängigkeit wird als Liebe, Minderwertigkeitsgefühle als vernünftige Einschätzung der Unterlegenheit und Leid als Schicksal erklärt.

Die Affinität dieser Orientierung zu der rezeptiven Orientierung im Assimilationsprozess ist durch die nach außen gerichtete Erwartungshaltung deutlich.

Unter der symbiotischen Beziehung des Masochismus und des Sadismus ist nicht primär als sexuelle Perversion zu verstehen. Das so bezeichnete sexuelle Verhalten ist nur eine der vielen Ausdrucksformen dieser Orientierung.

Der Sadismus

Während der Masochist sich selbst als Erweiterung eines anderen Wesens empfindet und formen lässt, dominiert der Sadist in der symbiotischen Beziehung als aktiver Teil, der ein anderes Wesen als Erweiterung seiner selbst einbezieht.

E. Fromm unterscheidet drei Arten des Sadismus:

1. die absolute Beherrschung des anderen,

2. die Ausbeutung Aushöhlung des anderen

3. das Quälen, Demütigen, Erniedrigen (körperlich, seelisch oder geistig)

Die erste und zweite Form des Sadismus hat eine Affinität zum ausbeuterischen Charakter im Assimilierungsprozess; während die dritte Form des Sadismus eine starke Affinität zum hortenden Charakter im Assimilierungsprozess besitzt. (AdmD S. 331)

Die Orientierungen der Distanz und Zerstörungssucht

– Die konformistische Orientierung

Die Entstehungsbedingungen dieser Orientierung sind in der Marktorientierung beschrieben, ihrem Pendant im Assimilierungsprozess. Die dort aufgeführte Wertkonzeption führt zu einer Persönlichkeit, die sich „anonymen Autoritäten“ des Marktes unterordnet. Diese Ausrichtung nach den anonymen Autoritäten führt zur total entfremdeten Persönlichkeit.

„Ich sollte tun, was jederman tut – also muss ich mich anpassen, nicht verschieden von den anderen sein, nicht auffallen; ich muss bereit und willens sein, mich zu wandeln, wenn das Schema sich wandelt ; ich darf nicht fragen, ob ich recht oder unrecht habe, sondern nur, ob ich angepasst bin, nicht eigenartig, nicht unterschieden von der Umwelt.“ (DmMusZ, S.138)

Die Gefahr der anonymen Autorität für die Entwicklung des Menschen bzw. des Wandelns der „offenen Autorität“ (Vater, Lehrer, Chef, Priester, Gott….) in die unsichtbare Autorität, liegt in deren unbewussten Verinnerlichung und dem daraus entstehenden Trugbild der Individualität. Diese Täuschung verhindert die kritische Auseinandersetzung oder Auflehnung gegenüber Verhältnisse, die für Entfremdung und Unterdrückung verantwortlich sind.

– Die nekrophil-destruktive Orientierung

Es handelt sich hier um die bösartige Form der sadistischen Orientierung, die auf Zerstörung abzielt.

Im Gegensatz zur sadistischen Orientierung, in der die Bezugsperson beherrscht und ausgebeutet, aber nicht zerstört wird, ist das Kennzeichen der nekrophil – destruktiven Orientierung, die totale Bezugslosigkeit dem Menschen, den Dingen und sich selbst gegenüber, die in der Faszination des Todes gipfelt.

„Aber selbst die Sadisten leben noch mit anderen; sie wollen sie zwar kontrollieren, aber nicht vernichten. Diejenigen, den selbst diese perverse Art der Bezogenheit abgeht, die noch narzisstischer und noch feindseliger sind, das sind die Nekrophilen. Ihr Ziel ist, alles Lebendige in tote Materie zu verwandeln; sie wollen alles und jeden zerstören, oft sogar sich selbst; ihr Feind ist das Leben selbst“ (AdmD 392)

Der Geist der Industriegesellschaft, wie er in der gleichnamigen Orientierung des Assimilationsprozesses beschrieben wurde, führt auch in der zwischenmenschlichen Beziehung zu dieser Leidenschaft der Zerstörung und der negativen Bezogenheit.

– Die narzisstische Orientierung

Ist die nekrophil – destruktive Orientierung aufgrund ihrer Zerstörungssucht die sozial gefährlichste, so ist die narzisstische die am meisten unbezogene Orientierung, die sich durch größte Distanz auszeichnet. In ihr wird nur die eigene Welt als real anerkannt, während die Umwelt verzerrt beurteilt wird. Da die Selbstüberschätzung der Kernpunkt dieser Orientierung ist, wird Kritik an der eigenen Person als feindselige Attacke aufgefasst.

„Wenn er die Welt ist, so gibt es keine Außenwelt, die ihm Angst einflößen kann; wenn er alles ist, so ist er nicht allein. Daher fühlt er sich in seiner ganzen Existenz bedroht, wenn sein Narzissmus verwundet wird.“ (Seele 75)

Die Wut kann zur Zerstörung des Kritikers führen, aber auch zur Depression, wenn durch die Kritik die Selbstaufblähung unhaltbar geworden ist. Die extremste Ausformung des Narzissmus ist die Psychose, in der keine Beziehung mehr zur äußeren Realität besteht, die durch die eigene Person ersetzt wurde.

– Gruppennarzissmus

E. Fromm sieht im Gruppennarzissmus die häufiger auftretende Form des Narzissmus beim Durchschnittsmenschen, bei dem die Entwicklung eines intensiven, auf die eigene Person bezogenen Narzissmus durch seine soziale Lage (z.B. geringer sozialer Prestige), eingeschränkt ist. „Er ist ein Nichts. Wenn er sich jedoch mit seiner Nation identifizieren oder wenn er seinen persönlichen Narzissmus auf die Nation übertragen kann, dann ist er alles.“  (Ps u. Grenzen,71)

Der Narzissmus der nationalen, politischen und religiösen Gruppen, ist für E. Fromm die Wurzel eines jeden Fanatismus. Durch die Identifikation mit der Gruppe, wird jede Kritik an diese Gemeinschaft, als persönlicher Angriff erlebt und dementsprechend bekämpft.

Die produktiven Orientierungen

Hier handelt es sich um die Beschreibung der Qualität des Fühlens und des Denkens, die bei den Menschen vorherrscht und nicht um einzelne Charaktere, wie bei den nicht-produktiven Orientierungen.

Eine kurze Zusammenfassung der Ausdrucksformen der produktiver Orientierung ist im folgenden Zitat enthalten.

„Im Bereich des Denkens drückt sich die produktive Orientierung in der richtigen Erfassung der Welt durch die Vernunft aus. Im Bereich des Handelns findet sich ihr Ausdruck in schöpferischer Tätigkeit, deren Prototyp Kunst und Handwerk sind. Im Bereich des Gefühlslebens ist die Liebe der Ausdruck der produktiven Orientierung als das Erlebnis des Einswerden mit einem andern, mit allen Menschen und mit der Natur unter Beibehaltung der Integrität und Unabhängigkeit.“ (DmMusZ, S,33)

Die Vernunft hat für E. Fromm im Gegensatz zum Verstand (Intelligenz) diese Aufgabe:

„Etwas zu wissen, zu verstehen, zu erfassen und den Menschen durch dieses Begreifen zu den Dingen in Beziehung zusetzen. Die Vernunft durchdringt das Außen der Dinge, um deren Wesen zu entdecken, ihre verdeckten Zusammenhänge, ihren tieferen Sinn.“ (Ethik, 117)

Liebe ist in erster Linie nicht Bindung an eine bestimmte Person; sie ist vielmehr eine Haltung, eine Orientierung des Charakters, die das Verhältnis einer Person zur Welt als Ganzes, nicht aber zu einen einzigen Objekt der Liebe bestimmt. Wenn ein Mensch nur eine einzige  andere Person liebt und seinen übrigen Mitmenschen gegenüber Gleichgültigkeit empfindet, ist seine Liebe nicht Liebe, sondern eine symbiotische Bindung oder gesteigerter Egoismus.“(Die Kunst des Liebens, Frankfurt am Main 1977, S. 69 (Liebe)

In seinen letzten Buch „Haben oder Sein,“ Stuttgart 1977, schuf  E. Fromm mit den beiden Modi des Habens und des Seins Abstraktionen zur Wertung menschlicher Wirklichkeit.

Sein Verständnis von Charakter, der für ihn jeden Ausdruck menschlicher Existenz bestimmt und der von eben diesen zwei entgegengesetzten Grundorientierungen des Habens und des Seins beherrscht wird, wobei die jeweilige dominierende Orientierung das Denken, Fühlen und Handeln des Menschen grundlegend prägt, ist das Ergebnis seiner sozialpsychologischen Erfahrung und Einsicht.

Die subjektive Möglichkeit, sich aus der Habenstruktur zu lösen, um dem Sein zu folgen, sieht E. Fromm nur gegeben, wenn wir „aufhören Sicherheit und Identität zu suchen, indem wir uns an das anklammern was wir haben, indem wir es besitzen, indem wir an unserem Ich und unserem Besitz festhalten.“(ebd. S. 91)

Da das Sein sich für ihn auf die Wirklichkeit bezieht im Gegensatz zum verfälschenden illusionären Bild, ist für ihn unbedingt vermehrte Einsicht in die Realität des eigenen Selbst, der anderen und unserer Umwelt erforderlich. Dabei muss uns bewusst sein, dass die Gesellschaftsstruktur und deren Werte und Normen weitgehend unsere Entscheidung zu einer der beiden Tendenzen bestimmt.

Aber wir sollten auch die Tatsache berücksichtigen, dass das Sein durch die Praxis wächst. Das heißt, dass Solidaritäts- und Kooperationsfähigkeit, Liebe, Vernunft, das künstlerische und intellektuelle Schaffen in der Praxis wachsen, allerdings nicht als losgelöste Verkehrsform einzelner Menschen, sondern nur auf dem Hintergrund des Bewusstseins, dass das durch die Habenorientierung determinierte Gegeneinander den Interessen aller Menschen widerspricht.

In der Diskussion im Religionsphilosophischen Salon wurde auch auf die nekrophil/schädlichen Strukturen von religiösen Institutionen hingewiesen. Dazu folgt demnächst eine eigene Stellungnahme.

—-Empfehlend weisen wir ausdrücklich auf ein grundlegendes Buch des sehr angesehenen Kenners des Werkes von Erich Fromm hin, auf Rainer Funks Buch „Mut zum Menschen“.

 

—-Copyright: Hartmut Wiebus, Berlin.