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300 Jahre Jean – Jacques Rousseau

28. Juni 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Eckige Gedenktage, Philosophenkalender

300 Jahre Jean – Jacques Rousseau

Von Christian Modehn

Zum 300. Geburtstag des vielseitigen Philosophen am 28. 6. möchten wir noch einmal kurz auf die Aktualität seiner Religionsphilosophie hinweisen. Dabei ist entscheidend:

Rousseau nimmt teil am Kampf der Aufklärung gegen die „betrügerischen Priester“  und den Aberglauben (in) der Kirche.  Die Gestalt Jesu sieht er als Vorbild eines Erziehers der Menschlichkeit, seine Worte erreichen direkt das Herz des Menschen. Jesu brutaler Tod am Kreuz ist der Tod eines Einzelgängers, von allen Seiten verleumdet. Irgendwie „erlösend“, sozusagen automatisch für alle Menschen aller Zeiten, ist dieser Tod aber nicht. Wer Jesus nachfolgen will, muss einzig auf die Stimme seines Gewissens hören. Das Gewissen ist die Quelle der Wahrheit. „Darin zeigt sich die göttliche Dimension, die unsterbliche und himmlische Stimme“, so Rousseau im „Emile“. Für Rousseau haben die christlichen Kirchen den wahren Geist des Christentums verloren. „Die Herrschaft, die die Theologen ausüben, geschieht über einen priesterlichen Despotismus in der Auslegung der Heiligen Schrift. Dabei wird das Wesentliche vergessen, das Hören auf das Wort Gottes und die die Praxis seiner Gebote“, schreibt Dominique Julia in dem Buch „Histoire de la France religieuse“, Band 3, Seite 153. Für Rousseau ist die bestehende Kirche nicht in der Lage, humanistische Ethik in der Welt zu verbreiten und zu fördern, weil ihre Prinzipien auf Willkür und Macht beruhen. „Die Kirche und ihre Lehre dient nur dazu, unter den Menschen Spannungen zu erzeugen, Kriege aller Art“, so Rousseau in einem Brief an Christophe de Beaumont, Erzbischof von Paris. Von daher wird der Wunsch Rousseaus immer stärker, das „Glaubensbekenntnis des Vikars aus Savoyen“ zu fördern, für den sich Gott in der Vernunft zeigt und im Gewissen. „Und wenn Gott sich für Rousseau zeigt, dann nicht über kirchliche Vermittler. =Jean Jacques=, wie er von sich selbst schreibt, versteht sich so nicht als Schüler der Priester, sondern als Schüler Jesu Christi“.  (ebd. S. 154.) In der Kritik der bestehenden Religion in Frankreich damals stimmt Rousseau weithin mit – seinem Gegner –  Voltaire überein. Diese Philosophen waren die ersten, die für die Freiheit und Selbständigkeit der Glaubenden gegenüber den – als willkürllich – autoritär erscheinenden – kirchlichen Institutionen eintraten; deren Überzeugung, so bestätigen Religionssoziologen heute aus Umfragen, setzt sich jetzt immer mehr durch. Wir leben also in einer Gesellschaft, in der die Menschen mit ihrer Vernunft und ihrem Gewissen entscheiden, was sie selbst religiös für wirklich entscheidend halten. Ist das Ende der Institutionen also absehbar, selbst wenn sie faktisch und äußerlich noch bestehen, fragt Rousseau. In jedem Fall: Rousseau lebt, auch sein Denken über Religionen… und lädt ein zum Disput.