Der Advent – philosophisch betrachtet

1. Dez 2012 | von | Themenbereich: Denkbar, Denken und Glauben

Wozu der Advent inspirieren kann

Eine philosophische Meditation

Von Christian Modehn

Advent – ein Begriff, der sich über christliche und religiöse Zusammenhänge hinaus längst in die populäre (Kommerz-) Kultur des Westens fest eingeschrieben hat. Advent ist dann meist das eilige Besorgen von Gegenständen (Geschenken, Austausch von Geld) auf den erwarteten Tag (Weihnachten) hin.

D.h.: Nichts wirklich Neues wird in diesem „Advent“ dann erwartet, alles ist schon der kommerziellen Nivellierung unterworfen: „Alle Jahre wieder immer das selbe“.

Ich weise hier auf den ursprünglichen Wortsinn von Advent hin:  Es kommt etwas/jemand ungeahnt Neues auf uns zu. Wichtig ist: Es kommt etwas/jemand von sich selbst her auf uns zu. Es kann etwas Neues eintreten.

D.h.: Es ist nicht das von uns Gemachte, Geplante, Gestaltete, das da auf uns zukommt. Es ist das andere, der/die andere.

Diese „adventliche“ Erfahrung  machen wir aber immer schon auch mitten im Leben, außerhalb der sogen. Adventszeit. Etwa im Sehnen und Warten auf den /die Geliebte(n) oder auf die gelungene, weil schon nicht mehr machbare Kommunikation der Verständigung, dem „großen“ Fest, der unvorsehbaren schönen Reise, dem Ende von Konflikten unvernünftiger, verbissener Parteien, Staaten usw….

Dieser „Advent“ des unbekannten und endlich Licht bringenden, d.h. für uns Sinn bringenden Kommenden widerspricht unserer gängigen Vorstellung, dass wir es sind, die immer die Zukunft machen und gestalten, etwa der Art: Wir wissen heute schon, was morgen und übermorgen sein wird, weil wir es sind, die da planen. Zukunft wird auf dieser Weise eher zur langweiligen, weil bloß verlängerten Gegenwart, „unserer Gegenwart“.

Natürlich rechnen wir, so planend, auch mit den Zufällen oder mit den unbekannten Eingriffen anderer in unsere Zukunftsprojekte. „Es kommt immer alles anders als man denkt“, heißt ein Sprichwort, das den Wahn des alles Gestaltenkönnen bereits korrigiert. Das Wort könnte aber eine eher resignative Aufforderung sein, dann besser erst gar nicht zu denken, also zu planen und in einen Defätismus zu fallen. Aber das Sprichwort ist eher bloß daher geredet, es stört überhaupt nicht den Trend, möglichst alles Zukünftige selbst zu planen.

Jedoch: Diese Vorstellung von Zukunft als dem von uns Gemachten lässt sich mit einem eigentlichen Verständnis von Advent nicht verbinden: In einem ersten Vorverständnis von Advent schwingt schon mit: Da kommt etwas Anders, Neues, noch nicht Erlebtes auf uns zu, das nicht dem Durcheinander von Zufällen ausgesetzt ist. Die alten mythischen und religiösen Bilder des Advent sprechen von Zeiten des Heils, der Befreiung, der Erlösung. Diese Bilder haben Menschen früher einmal für sich formuliert (in der Bibel usw.)  Aber alte Bilder (alte Texte) müssen nicht von vornherein irrelevant sein für ein heutiges Selbstverständnis. Diese alten Bilder (etwa: umfassende Befreiung) hielten die damaligen Autoren wohl etwas naiv noch „vom Himmel gefallen“, so hätte Gott als Gott sie in die Welt gesetzt. Kritische Philosophie muss sagen: Auch diese großen Advent – „Visionen“ (wenn dieses Wort erlaubt ist) sind aus dem menschlichen Geist entstanden, werden aber als Geschenk und damit als das Nicht – Gemachtes erfahren. Der menschliche Geist ist befähigt, das Ungeahnte auszudrücken. Das heißt: Die in den Advent Bildern ausgedrückte Sehnsucht sind Symbole umfassenden Friedens, Gerechtigkeit für alle, Hoffnung auf den definitiven Sieg der Menschlichkeit über Gewalt und Hass usw. sind Bilder und Symbole, die aus der unendlichen Kraft des menschlichen Geistes geschaffen wurden. Sie werden als Geschenk (!) des Geistes, als überraschende Gabe, erlebt und zugleich als Ausdruck der menschlichen individuellen schöpferischen Freiheit.

Philosophie schlägt darum vor: Diese Sehnsucht nach einer „heilen (Advent -) Welt“ ist kein kindlicher Wunsch nach dem Schlaraffenland. Sehnsucht, in dieser grundlegenden Art, gehört vielmehr „zum Wesen“ des Geistes und sollte nicht als illusorischer Wahn diskreditiert werden. (Advent-) Sehnsucht ist Ausdruck des immer über alles Gegebene hinausgehenden, transzendierenden Geistes („metaphysische Unruhe“, nannte man das früher).

Es ist paradox, aber sollte zur Kenntnis genommen werden: Diese grundlegende Sehnsucht als Haltung des Advent drückt sich bereits schon jetzt aus in der Kunst, der Musik, der Poesie, der Philosophie und den religiösen Bildern. Die Symbole des Advents sind sozusagen schon unter uns, als „Gabe“ ! Wir müssen sie nur wahrnehmen. In den schöpferischen (als Gabe, Geschenk erlebten Werken der Kunst usw.) wird symbolisch ausgedrückt, dass das erwartete und ersehnte „Ganz Andere“ bereits unter uns sichtbar ist. Darin zeigt sich einmal mehr, unser Geist ist immer schon über das Gegebene und Faktische hinaus. Er ist wesentlich „unzufrieden“, wie Maurice Blondel sagt

Advent ist also nichts „Skurilles“ oder gar nur Ausdruck für eine auf drei, vier Wochen bezogene Konsum – Welt.

Advent ist, siehe oben, ein symbolischer Ausdruck für „Es wird etwas ganz Neues kommen“ und wir können es symbolisch bereits – als Geschenk an uns – ausdrücken.

Wenn die Philosophie einen Rat gibt, was sie selten tut: Halten wir uns doch an diese Symbole. Diese Symbole sind lebensfördernd, sie steigern sozusagen unser Befinden, deswegen kann man sie philosophisch auch „erlösend“ und befreiend nennen. Der Begriff der Erlösung ist keineswegs für die Religionen und Konfessionen reserviert!

So sind also auch die großen religiösen Verheißungen Ausdruck des menschlichen Geistes. Aber was ist der menschliche Geist? Ist er bloß (banal) „menschlich“ oder gar bloß „natürlich“?

Wir schlagen vor: Im menschlichen Geist selbst bereits ist die Fähigkeit angelegt, das ersehnte „Ganz Andere“ auszudrücken und zwar kraft „des Anderen“ selbst, das IN UNS ist, dies ist das „Ewige“, wie einige Philosophen sagen. „Der Mensch übersteigt unendlich den Menschen“ heißt die entsprechende Einsicht des Mathematikers und Philosophen Blaise Pascal (Fragment 434 in den Pensées).

Advent wäre also die Feier der kreativen Kraft des allgemeinen menschlichen Geistes.  Dieser Geist kann sich selbst nur als „Gabe“ verstehen, als Geschenk, als „Schickung“ oder wie auch immer.

Aber als Geschenk und Gabe von wem? Da kommt die philosophische Meditation an ihre Grenzen: Es ist – vielleicht – eine Gabe des alles gründenden göttlichen Geheimnisses, sagen Philosophen und philosophische Mystiker vieler religiöser Traditionen.

Offenbart also der Advent ein Menschenbild, das in die Tiefe des göttlichen Geheimnisses reicht? Wahrscheinlich ist das so. Dieses Geheimnis kann vom Menschen nur berührt, aber niemals umfasst und schon gar nicht definitiv (etwa in Dogmen) ausgesagt werden. Aber das ist schon viel. Was wären das auch für Menschen, die sich anmaßen, das Göttliche zu umgreifen?

copyright: Christian Modehn, Berlin, 30.11.2012.

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