Das mexikanische Füllhorn: Reichtum geht, Armut bleibt. Ein Beitrag von Alfons Vietmeier, Mexiko – Stadt

30. Dez 2012 | von | Themenbereich: Befreiung, Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko, Theologische Bücher

Alfons Vietmeier hat im Herbst 2013 ein Buch veröffentlicht, das die Beiträge unserer Serie: „Der andere Blick – Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko“ enthält, aber auch weitere Aufsätze, die ein recht umfassendes Bild zur sozialen, politischen und vor allem religiösen Situation in Mexiko heute bieten. Das Buch „Mexiko tiefer verstehen“ ist im Dialog Verlag Münster erschienen, es hat 192 Seiten mit zahlreichen Fotos. Das Buch eignet sich gut als Einführung in die vielschichtige mexikanische Lebenswelt. Alfons Vietmeier lebt seit vielen Jahren in Mexiko Stadt, er ist als Theologe und als Berater für neue kommunikative Formen in Großstädten vor allem.

Vor kurzem hat unser Freund Alfons Vietmeier regelmäßig für den religionsphilosophischen Salon aus Mexiko berichtet. Jetzt schickt er uns einen Vortrag, den er kürzlich in Emsdetten gehalten hat.

 

Gold und Silber lieb ich sehr: Das mexikanische Füllhorn: Reichtum geht, Armut bleibt.

Von Alfons Vietmeier,  Mexiko – Stadt

Es gibt keinen der zahlreichen Besucher aus Deutschland in Mexiko, der nicht nachdenklich auf das Thema der weltweiten Finanzkrise und konkret auf die Krise des Euro zu sprechen kommt. Auch die Medien sind voll davon, wenn ich im Internet Nachrichten aus Deutschland checke. Die Meinungen gehen weit auseinander über Ursachen und Konsequenzen. Bei den –zig Milliarden, die hin und her geschoben werden, wird es einfachen Menschen schwindelig, die schon wegen eines fehlenden Tausenders schlaflose Nächte haben. Sind solche Mega-Summen was für Zirkus – Jongleure, Spielmarken beim Monopoly oder Seifenblasen, die dann platzen? Allgemeine Ratlosigkeit und oft die Problemverschiebung auf Sündenböcke wie: “Die Griechen, die haben halt nur auf Pump gelebt!” Und wer von uns nicht auch? Mehr als Einer sagt dann, das Sicherste sei, in Gold und Silber anzulegen.

Bei diesem Punkt erzähle ich gerne etwas aus der Geschichte, das mich nachdenklich macht und lade ein, ebenfalls nach- und weiterzudenken.

Das mexikanische Füllhorn.

1803 war das Allroundgenie Alexander von Humboldt über ein Jahr in Mexiko. Er forschte wie wild, unter anderem über die vorhandenen und nicht ausgebeuteten Edelmetalle. Seine Erkenntnis: Mexiko ist wie ein Füllhorn, voll von Silber und Gold. Es muss nur mit moderner Technologie ausgebeutet werden.

In jener Zeit begann im südlichen Ruhrgebiet die deutsche Industrialisierung. Einige Industrielle lasen von Humboldts Forschungsbericht und waren fasziniert: In Mexiko ist schnell und leicht riesiger Gewinn zu machen; der vorhandene Bergbau muss nur modernisiert werden! Dazu werden Geld und damit Inversionisten benötigt! 1824 wurde in Elberfeld (jetzt Stadtteil von Wuppertal) eine “Deutsch – Mexikanische Bergwerksgesellschaft” gegründet, und Aktien wurden ausgegeben; unter anderem kaufte auch Goethe. Mit diesem Kapital wurden in Mexiko soweit wie möglich lokale Minen aufgekauft, die seit Jahrhunderten unter den Spaniern sehr rustikal etwas Bergbau betrieben und insbesondere Silber abbauten. Die anfängliche Euphorie war so groß, dass bis 1827 etwa 30 Silber- und Goldgruben, sowie drei Schmelzhütten erworben wurden, heißt es in einem zeitgenössischen Bericht.

Der Traum vom “Füllhorn” war jedoch ein Schuss in den Ofen. 15 Jahre später (1838) ging die Bergwerksgesellschaft in Konkurs. Was war passiert? Die Instandsetzung der verfallenen Gruben kostete wesentlich mehr Geld als erwartet, ausgebildete Arbeiter fehlten und der Ertrag blieb weit hinter den Erwartungen zurück, so der betriebswirtschaftliche Bericht. Zu unterstreichen ist jedoch, dass die Inversionisten, d.h. die Aktionäre die das Geld bereitstellten, vor allem nicht die sozialen und politischen Rahmenbedingungen studiert hatten: es ging ihnen damals (wie heute) nur  um rasche und grosse Gewinne!

Auch über diese Rahmenbedingungen  hatte Humboldt eine Studie verfasst. Darin unterstrich er, dass er bei all seinen Reisen noch nie in einem Land war mit so dramatischer Kluft zwischen einer im üppigen Überfluss lebenden Oberschicht auf Kosten der schrecklich verelendeten großen Bevölkerungsmehrheit. Sieben Jahre nach seinem Aufenthalt in Mexiko begann der Volksaufstand gegen die spanische Kolonialherrschaft, der in einen langen und blutigen Unabhängigkeitskrieg mündete. Erst 11 Jahre später (1821) wurde die mexikanische Unabhängigkeit ratifiziert.

Kolping und Marx-Engels.

Als das deutsch mexikanische Bergwerksabenteuer Pleite ging, war in Barmen (jetzt Stadtteil von Wuppertal wie Elberfeld) die Familie Engels, religiös im protestantischen Radikalpietismus beheimatet, wirtschaftlich sehr erfolgreich in der Textilbranche. Ihr Sohn Friedrich wurde 1820 geboren und war 25 Jahre alt, als der sieben Jahre ältere Adolf Kolping als junger Kaplan zur katholischen Kirchengemeinde nach Elberfeld kam und dort seine ersten Erfahrungen mit der Arbeiterproblematik in der aufkommenden Industrialisierung machte, insbesondere mit der dort streunenden Jugend auf Suche nach Arbeit. Adolf Kolping hat wohl den jungen Friedrich Engels nicht persönlich  kennengelernt, da dieser inzwischen in verschiedenen Orten seine kaufmännische Ausbildung machte und dann in die elterliche Fabrik in London einstieg. Dort lernte er Karl Marx genauer kennen. Flüchtig kannten sie sich bereits aus Köln, wo Karl Marx bei der Rheinischen Zeitung arbeitete. Gemeinsam machten sie sich ans Werk über “Das Kapital”. 1847 wurde von Beiden das “Kommunistische Manifest” verfasst, das sich wie ein Lauffeuer verbreitete: Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus! , so beginnt das Manifest und schließt mit dem Aufruf:  Proletarier aller Länder, vereinigt Euch! Ein Jahr später (1848) wurde Adolf Kolping nach Köln versetzt und begann, seine Gesellenvereine zu gründen.

Mit ganz wenigen Ausnahmen (Bischof von Ketteler in Mainz und Adolf Kolping in Köln) war die katholische Kirche damals mit eigenen Problemen beschäftigt. Erst rd. 45 Jahre später, 1891, schrieb Papst Leo XIII. die erste Sozialenzyklika Rerum Novarum, „Neue Ereignisse“. Diese waren nicht mehr so neu, und der Zug war abgefahren für eine innovative Präsenz von Christsein und Kirchesein in der Arbeiterschaft. Kolping und Ketteler waren gute und wichtige, wenn auch begrenzte Ausnahmen.

Alles für Alle! Die bleibende Frage nach einer gerechten Wirtschaftsordnung.

Kolping einerseits und Marx-Engels andererseits bilden eine interessante zeitliche und räumliche Überlappung von sehr verschiedenen Persönlichkeiten und Vorstellungen, wie man bezüglich der dramatischen sozialen Realität reagieren solle. Denn die soziale Realität Europas stand damals in Flammen: die „industrielle Revolution“ beinhaltete einerseits enorme Gewinne („Kapital“) und damit auch Gewinner („Industriebarone“) anderseits und vor allem ungezählte Opfer (z.B. Kinder – Jugendliche, ausgebeutet in Bergwerken und Fabriken). Diese harte Realität provozierte zudem organizative Gegenkräfte wie Streiks und regionale, nationale und internationale solidarische Vernetzungen. Als Beispiel diene die „Internationale Arbeiterassociation“ (IAA), 1864 in London gegründet.

Die offizielle Kirche verschloss sich damals vor den Veränderungen und Umbrüchen der Industriellen Revolution; wenn überhaupt, dann war sie nur zu karitativen Maßnahmen bereit, die das Sozialgefüge jedoch nicht antasteten. Eine staatskonforme und obrigkeitshörige ‚Theologie der Ordnung‘ und eine uminterpretierte Zwei-Reiche-Lehre heiligten den Fürst von Gottes Gnaden und die bestehende Gesellschaftsordnung. Ursachen für das soziale Elend sah die hierarchische Kirche lange Zeit in der Revolution, dem Kommunismus, mangelndem Kirchgang und dem allgemeinen Werteverfall. Es trug sehr zur antikirchlichen Wendung der Arbeiterschaft bei, daß sie erst spät anfing, sich sozialpolitisch zu engagieren.

Sind die jeweiligen Antworten von Kolping – Solidargemeinschaften schaffen – und von Marx-Engels – für Systemveränderung kämpfen mittels Revolution – so unversöhnlich wie Wasser und Feuer? Oder ergänzen sie sich? Es sind spannende Fragen für heute und lösen komplexes Nachdenken aus über Ursachen und Lösungsstrategien in der heutigen Wirtschafts-, Finanz- und damit auch Sozialkrise.

Sind Geiz und Gier, Abzocken, wo und wie immer möglich, ein menschliches Selbstverwirklichungsrecht, dessen freie Ausübung der Staat zu garantieren hat und deren “sozialen Nebenkosten” dann zivile und kirchliche Solidarinitiativen so weit wie eben möglich auffangen? Ist eine andere, solidarische Wirtschaft notwendig und möglich, in der die Gewinnmaximierung klaren Regeln unterworfen ist?  Ist die nach der Kriegskatastrophe in Westdeutschland geschaffene “soziale Marktwirtschaft” genau diese und einzig richtige Wirtschaftsordnung? Ist das Gesellschaftsleitbild “Wohlstand” (mehr Haben) das einzig richtige? Müsste nicht optiert werden für “Wohlsein” Aller in einer solidarischen Gesellschaft? Alles für Alle! Solche Fragen stehen heute im Zentrum vieler Diskussionen, und es ist wichtig, gründlicher darüber nachzudenken, in Mexiko und in Deutschland.

Meine persönliche Position dazu ist eindeutig: Wenn es brennt, muss zuerst und vor allen das Feuer gelöscht werden: es müssen soweit wie eben möglich Solidargemeinschaften geschaffen, gefördert und begleitet werden. Hier hat die Kirche viel Erfahrung angesammelt. Aber zugleich und untrennbar ist Ursachenbekämpfung unabdingbar und deshalb gehört die Schaffung einer gerechteren Gesellschaft (= Gesellschafts- und damit auch Systemveränderung) zur integralen Aufgabe christlichen und kirchlichen Engagement. Kolping und Marx-Engels können und sollten sich ergänzen!

Gold und Silber lieb ich sehr …

Bei solchem Nachdenken komme ich dann häufig auf die brutale Realität vom dramatisch wachsenden Tagebergbau in Mexiko und insgesamt in Lateinamerika: Gold und Silber lieb ich sehr, könnt es auch gebrauchen, heißt es im Volkslied vom Anfang des 19. Jahrhunderts, dem Beginn der Industrialisierung in Deutschland. Das haben Viele wörtlich genommen – im Lied ist es allegorisch gemeint – und dann mit immer mehr und immer schlimmeren Folgen.

Internationale Konzerne haben staatliche Konzessionen bekommen, um z.B. in den nördlichen Mittelgebirgen Mexikos großräumig Gold und Silber abzubauen. In den letzten zehn Jahren ist die doppelte Menge Gold aus mexikanischen Minen herausgeholt worden als in den 300 Jahren der spanischen Herrschaft. In diesen zehn Jahren wurde auch gleich die Hälfte des gesamten noch vorhandenen Silberschatzes abgebaut. Und so ist es auch die ganzen Anden hinunter, insbesondere in Panamá, Ecuador, Bolivien, Peru und jetzt auch in Argentinien und Chile.

Goldgeschenke stehen hoch im Kurs, so wird in Deutschland geworben. Gold ist nicht irgendein wertfreies Spekulationsmetall, Gold lässt sich nämlich nur mit Quecksilber oder Zyanid fördern. Und das ist hochgiftig für Mensch und Natur. Zudem werden bei der Goldgewinnung ungeheure Mengen kostbaren Trinkwassers verbraucht und anschließend als hochgiftiges Abwasser in Flüsse geleitet, oder Giftseen entstehen, die ins Grundwasser einsickern. Fische sterben, Vieh erkrankt oder verendet, Menschen werden kontaminiert. Riesenkrater, mehrere hundert Meter tief und kilometerlang, entstehen durch den Tagebau. Landschaft wird „verbraucht“, Landwirtschaft ist dort dann nicht mehr möglich. Gewaltige Giftmüllhalden entstehen und werden durch Wind oder Regen weiter verbreitet. Selbst noch für drei GrammGold in einer Tonne Gestein werden ganze Berge abgetragen und zermahlen – ein Gehalt, den man übrigens auch in den Alpen findet. (Warum wohl wird das dort nicht abgebaut?) Menschen werden mit lächerlichen Summen um ihr Land gebracht und verlieren ihre Lebensgrundlage; teils werden sie vertrieben. Auch für die Minenarbeiter gibt es meist keinen Schutz vor den Giften und ihren Folgen, geschweige denn Anerkennung als Berufskrankheit.

Gut drei Viertel der Welt-Goldproduktion gehen in Schmuck und private Barren – was kein Mensch zum Leben braucht. Näheres dazu auf: www.kampagne-bergwerk-peru.de,getragen von kirchlichen, ökologischen und Menschenrechts-Initiativen.Ich habe aus dieser Initiative zitiert.

Die Bevölkerung beginnt zu kämpfen gegen diese doppelte Ausbeutung von Natur und Menschen. So gibt es derzeit Land für Land wachsende Konfliktherde: Widerstände und gewaltsame Auseinandersetzungen und zugleich Repression gegen solche “subversive Gruppen”.

Am 18. Februar 2006 gab es im Norden Mexikos, in Pasta de Conchos, ein schreckliches Grubenunglück mit 65 Toten. Relativ rasch wurde die Bergung der Toten eingestellt als “zu gefährlich”, so die Begründung der Bergwerksgesellschaft, die in den Händen von “Grupo Mexiko” ist, spezialisiert auf Kupfer- und Silbergewinnung. Ihr Besitzer ist der Multimilliardär German Larrea, der viertreichste Mexikaner. Es gibt gegen diese Entscheidung heftige Proteste und Auseinandersetzungen. Die Arbeiterpastoral solidarisiert sich mit den betroffenen Familien und den Streikenden und mit ihnen Bischof Raúl Vera von Saltillo. Die Protestbewegung weitet sich aus und die Polizei bekommt sie nicht unter Kontrolle. Der Gouverneur erklärt, es seien “subversive Gruppen” am Werk. Das öffnet Tür und Tor für massive Unterdrückungsmaßnahmen. Bis heute (2012) schwelt der Konflikt, die Leichen wurden nicht geborgen. Und “Grupo Mexico” hat seine Gewinne erheblich gesteigert in diesen Jahren.

Ähnliches kann berichtet werden vom Widerstand in Peru gegen dortige Mega-Bergwerksprojekte. Die Protestierenden und der sich solidarisierende Don Pedro Barreto, Erzbischof von Huancayo, prangern “brutales Gewinnstreben” und dessen Folgen für die Bevölkerung an. In Folge werden sie der „Subversion“ bezichtigt und mit Mord bedroht. Das passiert im März 2012. Und das hat System; denn das kapitalistische System der totalen Gewinnmaximierung, auch auf Kosten von Mensch und Natur, fühlt sich angegriffen und greift deshalb seinerseits an.

Aber es geht nicht nur um Ausbeutung von Edelmetallen. Genau das Gleiche kann festgestellt werden bei der Gewinnung von Erdöl, dem schwarzen Gold, noch für vielleicht 20 weitere Jahre ein zentraler Schatz Mexikos. Er kann nur durch immer risikoreichere Tiefbohrungen im Golf von Mexiko gehoben werden. Im April 2010 gab es eine Explosion auf der Ölbohrplattform Deepwater Horizon des Megakonzerns BP, dem auch in Deutschland Raffinerien und Marken wie Aral und Castrol gehören und der 2011 einen Nettogewinn von rd. 29 Milliarden US-Dollar erwirtschaftete. Bei dem Unglück traten über 600 Millionen Liter Erdöl aus und bewirkten die größte Ölpest aller Zeiten mit Jahrzehnte anhaltenden schweren Schäden am Ökosystem. Ist es damit getan, dass Entschädigungen gezahlt wurden, und kamen sie wirklich in die Hände der –zigtausenden Fischer und ihrer Familien, die noch heute unter den Nachwirkungen der Katastrophe leiden? Natürlich nicht! Vielmehr wurden die Tiefbohrungen technisch verbessert, und der Konzern schichtete Börsenverluste betriebswirtschaftlich um. Wann sind die verantwortbaren Grenzen von Naturausbeutung erreicht? Sind sie derzeitigen Grenzen überhaupt noch verantwortbar?

Die Kirche trägt Verantwortung für die Schöpfung und ist sich bewusst, dass sie diese auch auf politischer Ebene ausüben muss, um die Erde, das Wasser und die Luft als Gaben Gottes, des Schöpfers, für alle zu bewahren und vor allem um den Menschen vor der Gefahr der Selbstzerstörung zu schützen. Die Schädigung der Natur hängt nämlich eng mit der Kultur zusammen, die das Zusammenleben der Menschen prägt; denn wenn in der Gesellschaft die ‚Humanökologie‘  respektiert wird, profitiert davon auch die ‚Umweltökologie‘. Das ist ein Zitat aus der Botschaft des Papstes zum Weltfriedenstag 2010. “Willst Du den Frieden fördern, so bewahre die Schöpfung”, ist der Titel dieser Botschaft. Bekehrung dazu und damit verantwortliches Handeln auf allen Ebenen ist eine zentrale Aufgabe von Christsein und Kirchesein heute und morgen.

Tanz ums goldene Kalb: Geld oder Gott?

Unsere Realität ist immer untrennbar verwoben mit Ökologie und Ökonomie und zugleich immer auch mit Menschenrechten, mit politischen Rahmenbedingungen und Bürgerbeteiligung. Gott ist nicht außerhalb des realen Lebens mit seinen Nöten und Hoffnungen. Das sich immer mehr verschärfende “Gesetz der totalen Gewinnmaximierung” als Systemregel und Grundstruktur wirtschaftlichen Handelns ist Götzendienst, ist der heutige Tanz ums goldene Kalb. “In God We Trust”, steht auf der Dollarnote. “Nein, an diesen Götzen glauben wir nicht, davon müssen wir uns befreien!”, ist einhellige Meinung, wenn wir bei Workshops über “Gold oder Gott” arbeiten.

Für alle Religionen ist es deshalb notwendig, deutlich zu machen, wo konkret ihr Gott beheimatet ist: Bei den Mächtigen oder bei den Ohnmächtigen? Gott verkörpert im ägyptischen Pharao? Nein! Jahwe hörte den Schrei der Sklaven und begleitete sie auf dem Weg der Befreiung! Gott verkörpert im römischen Kaiser? Nein, sagten die Christinnen und Christen, auch wenn es ungezählte Märtyrer kostete. Macht und Besitz dürfen nicht vergöttlicht werden. Gott selbst ist ein armer Machtloser geworden in Jesus von Nazareth. Wegen seiner Parteilichkeit (s. Bergpredigt) oder seines Durchbrechens von Systemregeln, z.B. beim Sabbat oder beim Umgang mit Frauen, Zöllnern ist er selbst Opfer geworden. Ostern ist das neue Leben, trotz allem…  Von unten, von und mit den Verarmten und Opfern, wächst die andere Art von Sinn und Zukunft als Gerechtigkeit für Alle!

Wege aus einer kranken Gesellschaft.

Gold und Silber lieb ich sehr, könnt es auch gebrauchen…, dieses bekannte und oft gesungene Volkslied setzt den Akzent nicht auf den Besitz von Edelmetall, sondern auf immaterielle Werte: … sei’s des Mondes Silberschein, sei’s das Gold der Sterne!

Auch wenn Mexiko zur Enttäuschung der Eroberer nie das ersehnte “Eldorado”, das “Goldland”, war, gab es natürlich auch Gold, gefunden als kleine Kügelchen (Nuggets) in bestimmten Flüssen. Die einheimischen Völker nannten sie die “Kacke der Sonnengottheit”, vergleichbar den Kotkügelchen der Kaninchen (Symboltier der Mondgottheit, die Fruchtbarkeit schenkte). Der bedeutende deutschstämmige Psychoanalytiker Erich Fromm, der im mexikanischen Cuernavaca (eine Autostunde von Mexiko – Stadt entfernt) lebte, ging der Frage nach, ob nur einzelne Personen psychisch krank werden können, die dann halt eine Therapie benötigen oder ob auch eine ganze Gesellschaft psychisch krank werden kann. 1956 veröffentlichte er dazu eine umfangreiche Studie, die Psychoanalyse der gegenwärtigen Gesellschaft, in der er differenziert diese Frage bejaht. Er diagnostiziert auch Narzissmus als eine gesellschaftliche Erkrankung: die Unfähigkeit in Beziehungen zu treten, solidarisch zu leben und miteinander Sinn zu schaffen. Als Freudschüler, auch wenn er sich in verschiedenen Aspekten von ihm absetzt,  kommt er z.B. in der Frage nach dem obsessiven “Haben wollen” zum Ergebnis, dass Einzelne und eine ganze Gesellschaft in der Analphase verharren können: Sie können einfach nicht den Kot (= Besitz von Gold und Silber) loslassen und schaffen es deshalb auch nicht, zu solidarisch – sinnvollem Leben zu reifen. Genau daraufhin müssen sich die Wege aus einer kranken Gesellschaft ausrichten, so der Untertitel seiner Studie. Erich Fromm hält der heutigen Gesellschaft den Spiegel vor: Auf Gold und Silber fixiertes Besitzbürgertum ist pathologisches Verharren in der Analphase! Haben oder Sein?, that’s the question!

Für Jesus war die Antwort klar: Sammelt Euch nicht Schätze hier auf der Erde….. wo Diebe einbrechen und sie stehlen. ….. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. …. Niemand kann zwei Herren dienen. …. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon. (Mt 6, 19ff)

Wir leben in einer immer herzloseren Welt. Resignieren oder ändern? Wieso das überhaupt fragen, wo die Antwort so offensichtlich ist. Der Weg der Veränderung beginnt bei sich selbst und mit dem ersten Schritt, erklärte schon der Weise Lao Tse.

Copyright: Alfons Vietmeier

 

 

 

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