Meister Eckhart

7. Apr 2009 | von | Themenbereich: Was hat Mystik mit Atheismus zu tun?

Mystik ist Lebenshilfe

Über Meister Eckhart

Von Christian Modehn

Er war viel unterwegs, fast möchte man ihn einen Manager nennen. Er pendelte zwischen Paris, Köln und Straßburg. Acht Jahre lang unternahm er von Erfurt aus strapazierende Reisen, über Brandenburg, die Altmark und Hamburg zog es ihn bis in die Niederlande. Im 13. Jahrhundert war das kein Vergnügen.  Aber er musste sich um den Aufbau von 47 Klöstern kümmern; er predigte, hielt Vorlesungen und Vorträge: „Meister Eckart“ wurde er genannt, der „Lese- und Lebe-Meister“: Nicht nur die Bildung („Lesen“) war ihm wichtig, er wollte die Menschen anregen, glücklich zu leben: Man sprach im ganzen nord- und westdeutschen Land von ihm, dem Dominikaner, dem philosophischen Theologen. Im kritischen, radikalen Denken fühlte er sich Gott besonders nahe. Vor 700 Jahren wurde er in Erfurt zum Provinzial seines Ordens gewählt. Bei aller Betriebsamkeit interessierte ihn nur eine einzige zentrale Frage: Wie kann Gott im Menschen „geboren“ werden? Wie kann der Mensch erkennen und wahrnehmen, dass er in Wahrheit Gottes Sohn, Gottes Tochter, ist und deswegen unmittelbar ins Leben Gottes hineingehört?

„Mystik“ heißt dieses Innewerden des Göttlichen. Meister Eckart ist ein Mystiker, das ist keine Frage. Aber er hält nichts von Versenkung, vom „Augen schließen“, das meint ja das für „Mystik“ grundlegende griechische Verb „myein“: Meister Eckart dämmerte nicht in „dunkler Nacht“; er hatte keine Visionen, keine ungewöhnlichen Erlebnisse, keine Entrückungen und keine göttlichen Verzückungen, wunderbare Heilungen werden von ihm nicht berichtet. Er ist ein Mystiker des Denkens: Mit Argumenten will er die Tiefe der Wirklichkeit beschreiben: Wenn Gott diese Welt geschaffen hat und Jesus als göttlicher Mensch verehrt wird, dann muss das konsequent zuende gedacht werden. Dann kann Gott seiner Schöpfung nicht fern sein. Im Gegenteil: „Gott ist in mir und in dir“. Alles andere war ihm zweitrangig, von Sakramenten, Gemeinden oder der kirchlichen Hierarchie sprach er sehr selten. Bischöfe und Päpste sind nicht Thema seiner Ausführungen. Günter Stachel, als katholischer Theologe einer der Interpreten des mittelalterlichen philosophischen Mystikers, schreibt in seinem Buch „Gottesgeburt“: „Bei einem Überdruss an Formulierungen von Dogmen, die lediglich die Machtfülle der Kircheninstitution steigern, erscheint die dogmatische Abstinenz der Mystik Eckarts als etwas sehr Wohltuendes“.

„Das Buch der göttlichen Tröstung“ hat Eckart geschrieben und „Die Reden der Unterweisung“, mehr als hundert deutsche Predigten sind überliefert und andere, auch lateinische Vorlesungen und Predigten. Der Grundtenor dieser Arbeiten ist klar: „Gottes Anwesenheit ist die unendlich belebende Quelle im Menschen, in jedem Menschen“. Nur wer das erkennt und auch in der Kraft des Göttlichen lebt, kann glücklich werden.

1260 wurde „Eckhart von Hochheim“ in Thüringen geboren. Er tritt in den Dominikanerorden ein und wird als begabter Student zum Studium an die Sorbonne nach Paris geschickt; so „europäisch“ lebten die Mönche bereits im 13. Jahrhundert! In Paris kann Eckhart seine theologischen, vor allem aber seine philosophischen Interessen voll entfalten. Er wird Professor in Köln und in Paris. Seinen vielen tausend Hörern bietet er keine leichte Kost: Seine Erkenntnisse formuliert er in paradoxen, alltägliche Vorstellungen sprengenden Formulierungen. Er ist ein Meister der Sprache, die es niemandem leicht macht. Seine Thesen erschüttern die Frommen: „Der himmlische Vater ist wahrhaftig MEIN Vater, weil ich sein Sohn bin und alles von ihm habe. Ich bin derselbe Sohn Gottes wie Jesus Christus. Er hat auch mich als seinen eingeborenen Sohn geschaffen. Ich bin eins mit Gott. Das Auge, mit dem ich Gott sehe, ist dasselbe Auge, mit dem Gott mich sieht. Zwischen Gott und mir gibt es EIN Auge, EINE Sehkraft, EIN Erkennen und EIN Lieben“.

Er ist ein Denker der Einheit, des „Gottes-in-allen-Wesen“. Nur so glaubt er sinnvoll leben zu können. Eckarts Angebot: Wer sich ins göttliche Leben einbezogen weiß, ist Teil des Unendlichen, ist Teil der göttlichen Energie. Er hat trotz allen Leidens eine unzerstörbare, ewige Substanz. Der Tod kann dem vergöttlichten Menschen nichts anhaben.

Aber bevor diese Erkenntnis gelten kann, müssen alte Gottesbilder zertrümmert werden: Die mittelalterliche Welt will den fernen Gott ins Irdische hineinziehen: Wunderbare Ereignisse werden gesucht und überschwänglich gefeiert. Heilige Stätten und Wallfahrts -Orte sind die Mittelpunkte des Lebens, Heiligenverehrung bestimmt die Frömmigkeit des Volkes. Mit Büßen und Fasten soll Gott gnädig gestimmt werden. ER ist der machtvolle Herrscher und manchmal wütende Gebieter. Ihm, der im fernen Himmel thront, gilt es zu gehorchen, sich zu unterwerfen. Das ist ein Gott, mit dem der Mensch zu „rechnen“ glaubt, der mit menschlichen Namen und Attributen ausgestattet wird, den man ständig herbeizitieren und in ein theologisches System einbauen kann: Ein solcher Gott wird zu einem verfügbaren Gegenstand, zu einem Götzen, meint Eckart. Und genau in dieser Religions-Kritik „um Gottes und der Menschen willen“ bleibt er ein moderner Denker, betont Dietmar Mieth. Er ist Professor für Ethik in Tübingen und zugleich einer der bedeutenden Eckart Forscher, kürzlich erschien sein Buch „Einheit mit Gott“. Dietmar Mieth betont: „Es gibt ja die berühmten Wort von Eckart, wo er Gott bittet, ihn um Gottes willen gottlos zu machen. Dahinter steht die Einsicht, dass wir alle Bilder von Gott ständig relativieren müssen“.

Bevor aber angemessene Bilder vom göttlichen Gott, von Gott „über“ Gott wirksam werden können, möchte Eckart erst einmal das religiöse Bewusstsein befreien, es „leer machen“, wie er sagt, und entrümpeln. Dabei geht es ihm um die seelische Gesundheit. Denn mit ihren infantilen Gottesvorstellungen folgen die Menschen nur Wahnideen; etwa wenn sie meinen, so mächtig zu sein, um Gott – etwa im Bittgebet – manipulieren zu können. Eckarts Therapie ist radikal: Der Mensch muss alle eigenen Vorstellungen loslassen, er muss „arm“ werden, oder, wie er sagt, „abgeschieden“ leben, losgelöst von allen Wünschen. Eckhart betont: „Das ist ein armer Mensch, der nichts WILL und nichts WEISS und nichts HAT“.

Der Psychotherapeut Erich Fromm hat in seinem Buch „Haben oder Sein“ gezeigt, wie aktuell diese Lehre Meister Eckarts ist: „Der Mensch, der nichts will, ist der Mensch, der keine Begierde nach irgendetwas noch hat. Das Ziel des Menschen ist, dass wir uns von der Egozentrik und Ich-Bindung befreien, das heißt von der Existenzweise des Habens befreien, um zum vollen Sein zu gelangen. Sein bedeutet Leben, Tätigsein, Lieben, Sich – Verströmen“.

Aber Eckart radikalisiert dieses grundlegende Leersein des Bewusstseins noch weiter: „Der Glaubende, der arm sein will, soll so frei werden, dass auch kein Wissen von Gott in ihm mehr existiert“. Erst in der Leere des Nichts wird Raum geschaffen für den göttlichen Gott.

Der Dominikaner-Mystiker schlägt auf der Kanzel die Bibel auf und findet darin etwa den Satz: „Gott wird Mensch in Jesus“. Dieses kurze Wort ist für ihn ein Anlass, ausführlich philosophisch über das Verhältnis Gottes zu jedem einzelnen Menschen zu sprechen: „Gott begehrt nichts mehr von dir, als dass du aus dir selbst ausgehst, deine natürliche Seinsweise überschreitest und Gott wirklich Gott in dir sein lässt. Lieber Mensch, geh also völlig aus dir heraus, verzichte auf deine eigenen Wünsche, dann geht auch Gott völlig aus sich heraus, er verlässt den Himmel um deinetwillen. Du und Gott, ihr formt dann in dir selbst zusammen eine Einheit“.

In der Einheit mit Gott leben, ohne grosse Worte zu machen, ohne das ewige verzückte Lächeln der Frommen aufzusetzen: Eckart zielt auf eine alltägliche, man möchte sagen, nüchterne Mystik. Er macht beim Beten nicht mehr viele Worte: „Man soll eigentlich um gar nichts bitten im Sinne Eckarts, vor allem nicht plappern und grosse Worte machen. Gott weiss, was der Mensch braucht, in diesem Grundvertrauen ist das beste Beten das Schweigen“, sagt Pater Lambert Schmitz, ein Eckart Spezialist im Dominikaner-Orden.

Sich der Einheit mit Gott versichern hat auch Auswirkungen auf die Lebenspraxis: Nicht Gebote und Verbote bestimmen dann das Ethos. Nicht die Pflichten stehen im Mittelpunkt: „Was du BIST zählt allein, nicht was du hast oder du tust oder wirkst. Ein gutes Werk kann dich niemals gut machen. Bist du aber gut, dann tust du immer gute Werke. Um wen es recht steht und wer richtig IST, dem ist es allen Orten und bei allen Menschen recht“. Wer nur ethisch handelt, um Gebote und Pflichten zu erfüllen, vielleicht aus Angst vor Strafe, ist noch fremdbestimmt, er tut eigentlich „nichts Gutes“. Gut handeln kann nur, wer gut IST. Hütet euch, würde Eckart sagen, noch so fromme Menschen voreilig gut zu nennen, bloss weil sie nach aussen gut und moralisch erscheinen.

Eckarts Ethik ist keineswegs nur individualistisch geprägt: Er schreibt: „Die Liebe kennt keinen Vorzug gegenüber Verwandten und Freunden. Solange du deinen Freunden mehr Gutes gönnst als jenem, der jenseits des Meeres wohnt, solange steht es nicht recht um dich“. Perspektiven für die globale Welt von heute…

Meister Eckarts Texte werden heute nicht nur in Europa gelesen. In Indien z.B. leiten zahlreiche Jesuiten zum Beispiel Zentren des Dialogs mit den Hindus. Pater Sebastian Painadath hat einen Ashram in Kalady gegründet: „Mit Hindus lesen wir dort regelmässig Texte Meister Eckarts. Es gibt dort ein spontanes Verständnis seines Denkens, denn er will die Einheit denken, den Seinsgrund, der IN allem ist. Bei solchen Ideen fühlen sich Hindus sehr wohl, sie staunen, dass das Christentum nicht immer nur in der üblichen Entgegensetzung von Welt und Gott gedacht werden muss. Gott ist eine trans-personale Wirklichkeit, diese Einsicht verbindet Eckart und meine Hindu-Freunde. Beide wissen: das Reich Gottes ist in uns, jetzt und hier, es ist nicht eine jenseitig-ferne Wirklichkeit“.

Auch in zen-buddhistischen Klöstern Japans ist Meister Eckart hoch angesehen. Das Loslassen und das Leerwerden, das Nicht-Klammern und Nicht-Haben ist für Zenmönche der zentrale Auftrag des Menschen. Wie der christliche Mystiker wehren sich die Zen-Buddhisten gegen das Festhalten an Bildern, sie wehren sich wie er gegen die angeblich so klaren und so griffigen Formel, wenn es um die Beschreibung des Wesentlichen im Leben geht. Wie Eckart betonen sie gern: das Entscheidende sei „eigentlich Nichts“.

Freilich wollen die Buddhisten bei aller Sympathie für Meister Eckart nicht vergessen, dass der christliche Mystiker letztlich doch an Gott, dem göttlichen Gott oder der Gottheit festhält. Hingegen wollen die Freunde des Erleuchteten, des Buddha, jegliche göttliche Wesenheit ausschliessen. Aber auf praktischer Ebene können sich religiöse Menschen aus dem asiatischen Raum und Christen von Eckart inspirieren lassen, meint der indische Theologe Sebastian Painadath:

„Das größte Werk für Eckart ist die Barmherzigkeit, das ist mehr als Mitleidhaben. Der barmherzige Mensch strömt aus sich selbst aus in seiner Güte, er hofft auf die verwandelnde Kraft der Gewaltlosigkeit, die einzig dem Frieden dienen kann“.

Die Kirchenführung in Rom hat sich mit dem Denken Meister Eckarts immer sehr schwer getan; sie konnte schon im Mittelalter die Zuspitzung des Glaubens auf die Gottmenschheit eines jeden Menschen nicht nachvollziehen. Sie bangte um ihren Einfluss und ihre Macht, wenn die Gnade Gottes sozusagen überall lebendig sein kann, auch außerhalb der Kirche. Einige Sätze Meister Eckarts wurden vom Papst im Rahmen eines Prozesses in Avignon verworfen. Dabei hatten der Papst und die Inquisition nicht dessen ganzes Lehrsystem untersuchen können. Meister Eckart hat sich persönlich immer als treues Mitglied der Kirche betrachtet. Während seines Prozesses starb er in Avignon im Jahr 1328. „Ob Eckart sich nicht nur allgemein zu seiner Irrtumsmöglichkeit bekannt, sondern inhaltlich widerrufen hat, ist nicht mehr zu ermessen“, so Dietmar Mieth.

Nach seinem Tod wurde von offizieller Seite alles versucht, sein Werk auszulöschen. Aber längst hatten Eckarts Freunde sein Werk abgeschrieben, unter anderem Namen wurden es weiter publiziert.

Heute betonen Eckart Forscher: Der umstrittene Mystiker lehrte keine Ketzerei, sondern eine originelle Interpretation der zentraler Glaubensauffassung. Die römische Kurie will sich nicht zu einer Rehabilitierung des immer wieder aktuellen „Lese – und Lebemeisters“ aufraffen, trotz aller Schuldbekenntnisse von Papst Johannes Paul II. Der Dominikanerorden hat in den vergangenen Jahren ausdrücklich eine Rehabilitierung seines Ordensbruders verlangt.

Trotz allem wird Eckart weiterhin das religiöse Denken inspirieren; zumal in einer Zeit, in der die alten kirchlichen Bindungen zerbrechen und viele Christen vor allem eins suchen, den ureigenen, den persönlichen, „inneren“ Glauben. Sie wollen an dieser Gottes-Verbundenheit festhalten, unabhängig davon, wie frustrierend und verstörend sich z.B. die von Rom geführte katholische Kirche auch entwickelt. Auf diesem Weg zu einem gelassenen, will sagen durchaus auch kirchenamtlich-fernen, aber „wesentlichen“ Glauben ist der Dominikaner-Mönch Eckart einer der wichtigsten Begleiter.

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