„Märchen haben eine ungeheure Ressource“. Ein Interview mit Dr. Angelika B. Hirsch über „Jugra geht“

6. Jul 2016 | von | Themenbereich: Denkbar, Philosophische Bücher

Sie sind als Religionswissenschaftlerin auch seit langem als Märchen-Forscherin und Märchen-Erzählerin (für Erwachsene) tätig. Nun haben Sie ein sibirisches Märchen unter dem Titel „Jugra geht“ aus dem Osjakischen übersetzen lassen und selbst in bewegender Sprache nacherzählt. Die Geschichte ist uralt, wie Sie schreiben, sie soll bis in die Altsteinzeit reichen. Warum ist dieses Märchen über das literarische Interesse hinaus wichtig für uns in Europa heute?

Ich beschäftige mich seit Jahren sehr viel mit mündlicher Überlieferung. Man kann für die Schublade schreiben, erzählen kann man nur, was im Augenblick gehört werden will, was behalten und weitergegeben wird. Diese Stoffe werden in der Weitergabe geschliffen und verallgemeinert, es bleibt nur das übrig, was alle, oder zumindest viele Menschen angeht. Ein paar Stoffe sind offenbar unverwüstlich, weil sie Themen, mit denen jeder Mensch irgendwann konfrontiert ist, auf den Punkt bringen. Ich vergleiche das mit dem „goldenen Schnitt“ bei Formen – man kommt immer wieder darauf zurück, weil es eine Idealform ist.

In dem chantischen Märchen „Die Mosfrau“, das „Jugra geht“ zugrunde liegt, sind solche elementaren Themen verdichtet, auf die wir bis heute Antworten suchen, zum Beispiel: Wie hängen Leben und Tod zusammen? Wie können Menschen damit leben, dass sie töten müssen, um zu leben? In welchem Verhältnis stehen Mensch, Tier und Kosmos zueinander?

Auch das sibirische Märchen „Jugra geht“ handelt von den immer wiederkehrenden Märchen-Motiven: „Etwas verlieren“, sterben, sich wandeln und in neues Leben eintreten. Ist es diese, offenbar allgemeine, Grundstruktur „der“ Märchen, die auch heute kritische Menschen zu Freunden der Märchen-Welt macht?

Ja, das Verlieren gehört wirklich zur Grundstruktur der Märchen. Selbst in dem harmlosestenKindermärchen geht es darum. Das ist so, weil wir von klein auf mit dem Tod konfrontiert sind. Es muss längst nicht immer der „große Tod“ sein, der ins Leben einbricht, es gibt viel „kleine Tode“: den Schlaf, den Abschied, ein Verbot, ein Nichtverstandenwerden, der Verlust einer Liebe…

Haben Märchen meist eine harmonisch wirkende Erzähl-Struktur am Ende?

Wie das Verlieren gehört auch das gute Ende zum Märchen! Ich finde das auch nicht naiv, sondern es steckt der fester Glaube dahinter, dass die Welt im Grund gut ist, auch wenn sehr viel Böses geschieht. Der Glaube an das gute Ende kann ein ganzes Leben lang tragen. Es gibt allerdings auch einige Märchen, die nicht gut enden, eines davon (ein besonders böses) erzähle ich sogar liebend gerne: „Frau Trude“. Ich empfinde diese Märchen als „Salz in der Suppe“. Märchen gehen davon aus, dass fast alles möglich ist, dass „Helden“ jeden nur erdenklichen Fehler machen dürfen – und dann gibt es da plötzlich eine Schwelle, die nicht ein einziges Mal übertreten werden darf, sonst ist tatsächlich alles verloren. Mir scheint, dass auch dies eine Lebenswahrheit ist, die in den Märchen abgebildet wird.

Ist es zu funktional gedacht, wenn ich frage: Sind Märchen sind Lebenshilfe, wenn ja, in welchem Sinne können sie es sein?

Märchen sind vielleicht die elementarste Form von Lebenshilfe. Aber das beste ist: Die Wirkung dieser „Medizin“ ist nicht wirklich zu steuern. Jeder, der mit Märchen arbeitet, macht die Erfahrung, dass man oft genug ein Märchen in einer bestimmten Absicht erzählt und beim Gegenüber etwas ankommt, an das man selbst gar nicht gedacht hat. Gott sei Dank entziehen sich Märchen immer wieder ihrer Verzweckung.

Märchen haben eine ungeheure Ressource, den Lebensmut zu stärken, auf Ideen zu bringen, Lösungswege aller Art kennenzulernen. Am besten ist es, wenn Menschen von Anfang an möglichst viele Märchen kennenlernen. Dann wächst die Phantasie, die Imagination, das Gerechtigkeitsgefühl, der Mut zum Guten, unorthodoxes und flexibles Denken und vieles mehr.
Kann das Märchen „Jugra geht“ auch zu philosophischen Reflexionen führen, etwa zur Frage: Wie kommt es, dass wir Menschen Natur und Tiere um unseres eigenen Überlebens willen verzehren und töten müssen? Sind wir dabei die Herren der Schöpfung oder gibt es auch die Erfahrung, dass wir Menschen füreinander zur (geistigen) Nahrung werden bzw. immer schon sind, wenn man an das ständige „Verzehren“ von Kulturgütern denkt?

Ja, Märchen führen zu Reflexionen. Aber sie haben einen anderen Ansatz als die Philosophie, sie geben uns Bilder, große Bilder, die wir beim Hören (oder Lesen) innerlich schauen und intuitiv wissen: „So ist es! Das ist wahr! So ist es mir auch schon ergangen! Genau so müsste es in der Welt zugehen!“

Diese Bilder erfassen zuerst die Seele, den Körper, das Herz, dann erst beginnen wir (manchmal) auch nachzudenken. Ich hoffe sehr, dass das bei „Jugra“ geschieht, weil ich genau die Themen unserer Zeit, die Sie ansprechen, in diesem archaischen Märchen finde: Wie gehen wir mit den Ressourcen unserer kleinen Erde um?

Aber ich wäre auch schon zufrieden, wenn jemand nach dem Lesen und Betrachten dieses Buches nur sagt: „Was für eine großartige Geschichte!“ Denn auch das wäre ja durchaus nicht wirkungslos…

Das Märchen „Jugra geht“, neu erzählt von Angelika B. Hirsch mit wunderbaren Gemälden des Künstlers Jorge Lopes (Berlin) ist im „Hospiz Verlag“ in Esslingen erschienen, mit einem Begleitheft von Angelika B. Hirsch. Zu empfehlen für Menschen ab 8 Jahren. Das Buch kostet 19, 90 Euro.

Hier kann man mehr zum Buch erfahren: www.jugra-geht.de

Copyright: Angelika B. Hirsch und Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

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