Die Bibel und die Philosophen. Ein neues Sonderheft des „Philosophie Magazin“

Ein Hinweis von Christian Modehn

Seit einigen Tagen sind wir eingeladen, uns erneut in das Verhältnis von Bibel und Philosophie zu vertiefen. Die Philosophin Catherine Newmark hat jetzt ein Sonderheft der Zeitschrift „Philosophie Magazin“ herausgegeben. Sie folgt in der Gestaltung der Anordnung der biblischen Texte in der hebräischen Bibel, einer Anordnung, die ja nicht der Entstehungsgeschichte der einzelnen biblischen Bücher entspricht. Bekanntlich wurde vom Exodus viel früher gesprochen und geschrieben als von der Erschaffung der Welt. Aber diese hier gewählte Form ist für den Leser auch praktisch, weil zu jedem Themenkomplex der biblischen, d.h. hier immer „alttestamtlichen“ Bücher zahlreiche Zitate von Philosophen gesetzt sind, sozusagen als Impuls, weiterzudenken und zu forschen. Um nur einige Philosophen zu nennen: Peter Sloterdijk mit einem sehr lesenswerten Kurzbeitrag zur „Erbsünde“ (die ja als Lehre nicht mit dem Judentum verbunden ist), vertreten sind weiter unter anderen Kant, Buber, Rosenzweig, Herder… Man wundert sich und bedauert es sehr, dass nicht wenigstens ein Zitat von Emmanuel Lévinas zu finden ist. Der Philosophie-Begriff wird dabei von der Herausgeberin durchaus zu recht ein bisschen großzügig verstanden, wenn sie etwa auch Sigmund Freud, Umberto Eco oder Heinrich Heine zu Wort kommen lässt. Es hätte dem Heft gut getan, auch Künstler zu zitieren; denn die äußern sich ja bekanntermaßen oft auch philosophisch, also etwa Marc Chagall oder Vincent van Gogh, um nur zwei (allzu sehr) prominente Maler zu nennen.

Wertvoll und weiterführend sind die Interviews, besonders wichtig für mich das Gespräch mit der Philosophin Susan Neiman, Potsdam. Treffend und aktuell ihr Plädoyer für den Vorrang der Vernunft vor den religiösen Weisungen: “Letztlich geht Ethik vor Religion“ (S. 7). Die katholische Theologin Saskia Wendel (Köln) betont zur Schöpfung der Welt: „Zentral für die Bibel ist die Schöpfung aus dem Nichts, also eine Initiation von Sein aus Gott selbst heraus“ (S.12). Und Gott lässt die Welt nicht “allein“: „Er ist ein geschichtsmächtig handelnder Gott, er interagiert mit dem Volk Israel, und er interveniert in das Weltgeschehen“ (S. 12). An dem Punkt hätte man sich weitere Klärungen gewünscht: Handelt Gott also durch Wunder, greift er mal hier und mal dort ein? Wann hat er „nachweislich“ in das Weltgeschehen eingegriffen? Oder sind solche vernünftigen Fragen infam? Ist solch ein sehr personales Gottesbild, das hier einfach den Aussagen der Bibel wörtlich folgt, noch vermittelbar? Bei solchen nur knapp angedeuteten Fragen plädiere ich doch eher für einen philosophischen. d.h kritischen Gottesbegriff, von dem sich Saskia Wendel – sie ist auch Philosophin – abgrenzt. Da kann ich eher den Aussagen des jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig folgen: “Vergänglichkeit ist das Wesen des Menschen. Es ist das Wesen Gottes, unsterblich und unbedingt, das Wesen der Welt, allgemein und notwendig (!) zu sein“ (S.89)

Sehr lesenswert, weil zu weiteren Fragen führend, ist das Interview mit dem Berliner Philosophen Wilhelm Schmidt-Biggemann. Er sagt im Blick auf die Verbesserungsfähigkeit der Welt sicher treffend, trotz aller Katastrophen: “Wir denken Geschichte immer noch weitestgehend als Fortschrittsgeschichte, als Geschichte der Verbesserung der Welt“ (S.65). Über die anthropomorphen Bilder hinsichtlich der Körperlichkeit Gottes im AT bietet das Heft ein etwas längeres Gespräch mit dem Berliner Theologen und Historiker Christoph Markschies, zugleich wohl als Ermunterung gemeint, dessen neues Buch „Gottes Körper. Jüdische,, christliche und pagane Vorstellungen in der Antike“ (2016) zu lesen.

Im ganzen ist in meiner Sicht das Heft für Einsteiger zum Thema gut geeignet. Es werden schwierige Fragen aber nicht ausführlicher entfaltet: Wie entwickelte sich das Gottesbild in Israel selbst? Und was sagen Philosophen zu einem sich immer weiter entwickelnden Gottesbild? Ist für Philosophen der Gott des AT „ein lieber Gott“? Ist die historisch-kritische Bibelforschung, auch zum AT, ein Resultat philosophischer (!) Aufklärung? Natürlich, heißt die Antwort! Da haben Philosophen die Welt befreit von fundamentalistischen Bibelinterpretationen. Nicht immer hat diese kritische Leistung der Philosophen etwas bewirkt, Fromme wollen halt unkritisch-fromm bleiben… Sind die ethischen Weisungen des AT oft nicht zu sehr aufs eigene Volk und nicht universal bezogen? Wie steht es dann philosophisch mit der fast selbstverständlichen These, das AT sei universalistisch in seiner Ethik? Wie sieht die kritische Philosophie im „Land der Bibel“, in Israel selbst aus? Was meinen dort Philosophen zu der herrschenden politisch-religiösen Ideologie, dieses Land sei DAS Land DES auserwählten Volkes, im bewussten Ausschluss des palästinensischen Volkes? Wie steht es dann aber aktuell mit dem viel besprochenen Respekt vor „dem/den anderen“ als Kern des biblischen Glaubens? Solche Fragen kann nur die freie Philosophie stellen.

Es wird wahrscheinlich und hoffentlich ein zweites Heft folgen über den 2. Teil der Bibel, den Christen das Neue Testament nennen. Und da darf man besonders gespannt sein auf die Auseinandersetzung der Philosophen seit dem 1. Jahrhundert mit dem Johannes-Evangelium.

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