Neues zur Erbsünde: Muss der christliche Glaube Angst machen?

Einige weiter führende Thesen von Christian Modehn am 20.7. 2017

Meinen zuerst veröffentlichten Beitrag, in der empfehlenswerten Zeitschrift Publik Forum, Heft 11/2017, lesen Sie hier mit einem weiteren Thesenpapier, das aus einer Diskussion hervor gegangen ist. Dass selbst Mitglieder des Augustinerordens heute wenigstens leise, aber deutliche Kritik an Augustins Erbsündenlehre äußern, lesen Sie bitte am Ende dieses Beitrags!

Die Diskussion über Sinn und Unsinn der christlichen Erbsünden-Lehre geht weiter, das zeigen die vielen Leserbriefe in Publik Forum, Heft 14/2017. Die LeserInnen sind meist positiv angetan von meinem Vorschlag, sich von der Erbsündenlehre zu befreien. Das hatte ich in aller Kürze in Heft 11/2017 begründet.

Das Thema berührt viele glaubende, suchende und spirituelle Menschen, weil sie spüren: Mit dieser alten Erbsündenlehre wird ihnen eine Art sich religiös/fromm nennende Ideologie aufgedrückt, die objektiv überflüssig ist für ihr eigenes spirituelles und christliches Leben. Selbst wenn viele Christen an die Erbsünde schon gar nicht mehr denken: Es geht an diesem Beispiel auch um die Frage, wie sich Christen und Kirchen von alten, jetzt aber als veraltet empfundenen Dogmen, lösen und befreien können. Nicht aus subjektivistischer Willkür, sondern um einen freien, humanen Glauben erleben zu können. Um dieses große Projekt geht es, also gegen das versteinerte Festhalten an angeblich ewigen, tatsächlich aber sehr zeitgebundenen Lehren, wie der Erbsünde z.B. Es geht also wirklich um eine moderne Kirche, um einen modernen, je eigenen Glauben, „meinen Glauben“und diese Bezeichnung ist kein Schimpfwort, wie viele alte, versteinert Denkende Römer vielleicht meinen. „Glauben beginnt immer bei mir“ heißt eine große, auch in der Öffentlichkeit verbreitete treffende und richtige Empfehlung der protestantischen Remonstranten – Kirche in Holland.

Diese alte Erbsündenlehre ist, in einer gründlichen historischen Studie selbstverständlich nachweisbar und längst nachgewiesen, ein Konstrukt, also ein „Machwerk“, das in der zentralen Botschaft des Evangeliums Jesu Christi keinen Anhalt hat.

Die Erbsündenlehre wurde vor allem von Augustinus aber vorangetrieben und von ihm mit allerhand Tricks dogmatisch durchgesetzt. Sein hoch intelligenter Gegenspieler, der katholische Bischof Julian von Eclanum, wurde dabei auch von ihm unterdrückt. Das ist historisch nachweisbar und sollte von Dogmatikern nicht ignoriert werden, selbst wenn die kritischen Studien zur Erbsünde von Wissenschaftlern stammen, die von Theologen nicht so hoch geschätzt werden, wie etwa von Prof. Kurt Flasch oder dem katholischen Theologen Prof. Thomas Pröpper.

Die zentrale Angst der Dogmatiker und aller an die alten Dogmen gebundenen Christen ist: Fällt die Erbsündenlehre, dann ist die Notwendigkeit der Erlösung in Jesus Christus nicht mehr vermittelbar. Das wird auch im katholischen Katechismus so gesehen. Diese Behauptung gilt aber nur, wenn man das, was Erlösung in Jesus Christus bedeutet, aufs aller engste mit der alten Erbsündenlehre verbindet. Ohne Erbsünde keine Erlösung, heißt es. Oder anders gesagt: „Macht die Menschen, und zwar alle (!), erst mal richtig schlecht, dann könnt ihr mit eurer Erlösungslehre kommen“. Oder man behauptet gar wie Eugen Drewermann – in einer Stellungnahme zu meinem Beitrag in PUBLIK FORUM „Von der Erbsünde befreien“ – „Der Mensch ist nicht frei“, so der Titel des Drewermann Beitrags in Heft 13/2017, Seite 35. „Der Mensch ist also nicht frei“…So viel gelinde gesagt Seltsames und für ein vernünftiges und humanes Menschenbild eigentlich Furchtbares habe ich lange von einem Theologen und Therapeuten (!) nicht mehr gelesen. Immerhin war Drewermann noch so frei, diesen Beitrag offenbar im Gefühl der Freiheit noch zu schreiben…

Und dann folgt Drewermann dieser klassischen katholischen Katechismus – Lehre, wenn er behauptet: Wer diese alte Bindung von Gnade und Erbsünde leugnet, „ist auf dem Weg zum Nihilismus oder zum Atheismus oder zum sozialpolitischen Aktionismus“ (Publik Forum, Heft 13/2017, Seite 35) Eigentlich ist dies eine beleidigende Aussage, wenn nicht eine persönliche Verurteilung, wie man sie eher aus der Glaubenskongregation im Vatikan gewöhnt ist. Im offiziellen „Katechismus der katholischen Kirche“ (veröffentlicht in allen großen Sprachen 1993) heißt es im § 389: „Die Kirche, die den Sinn Christi hat (d.h.: also wie Christus selbst denkt, so das „bescheidene“ Selbstverständnis der Herren im Vatikan, C.M.) ist sich klar bewusst, dass man nicht an der Offenbarung der Erbsünde rühren kann, ohne das Mysterium Christi anzutasten“. Da wird also allen Ernstes behauptet, dass die Erbsünde eine Offenbarung Gottes ist! Ein von Augustin mit allerlei Tricks durchgesetztes Dogma und wider besseren Wissens noch mit einer falschen Übersetzung im Römerbrief begründet, diese Lehre soll also göttliche Offenbarung sein, also etwa denselben Rang haben wie die Offenbarung von der Trinität usw…

Noch einmal: Augustins Erbsündenlehre brauchte als zentrale Struktur eine Anthropologie, die den Menschen als Menschen erst einmal von Grund auf schlecht und böse hinstellt. In Augustins und der anderen Dogmatiker Sicht bedeutet das: Nur wenn der Mensch als Mensch, also auch als Geschöpf Gottes, vom Wesen her böse ist und zu keiner positiven Leistung der Vernunft in der Lage ist (wie Luther, der Feind der menschlichen Vernunft, sagte), also von der Erbsünde belastet ist, dann wird die absolute Dringlichkeit der Erlösung in Jesus Christus einsichtig. Dass heute selbstverständlich ein christlicher Glaube ohne die Erbsündenlehre möglich ist, wird unten gezeigt.

Zunächst aber: Die Erlösung wird dem alten Denken folgend zentral vermittelt in der Taufe, möglichst schon der gerade geborenen Kleinkinder.

Taufe und Erbsünden-Befreiung sind also in diesem Denken aufs engste verbunden. Taufe ist dabei ein sakramentales Geschehen, das einzig dem Klerus vorbehalten ist, also den Herren der Kirchenordnung. Sie haben als Täufer letztlich die Gewalt, Erbsünde zu nehmen oder zu belassen (für den Fall, dass nicht getauft wird).

Die Erbsündenlehre ist also eine zentrale klerikale Theologie als Macht-Theologie. Sie redet den Menschen ein: Ohne die (klerikal bediente) Taufe sind Menschen eigentlich nichts. Die Botschaft ist klar: Ihr Menschen müsst euch ängstigen, als Nicht-Getaufte in die ewige Verdammnis zu gelangen. Dies wurde historisch gesehen unzweifelhaft kirchlicherseits behauptet, dies kann hier nicht weiter ausgebreitet werden. Man lese nur die Studien von Jean Delumeau und anderen Historikern… Dogmatiker alter Art sollten also die Geschichte eines Dogmas wahrnehmen, um auch dessen inneren Gehalt zu spüren und diesen Gehalt dann wenigstens als Last zu empfinden und nicht weiter zu verbreiten.

Der Drang zu taufen und zu missionieren und alle Völker mit dem abendländischen Christentum zu beglücken, ist also von der Erbsündenlehre auch mit – bedingt. Weil Missionsgeschichte bis 1960 immer auch Kolonialgeschichte war und ist, kann man also sagen: Auch die Kolonialgeschichte als rassistische Geschichte gegenüber anderen Kulturen hat letztlich im Erbsünden- Denken der alten Dogmatiker eine gewisse Verstärkung erhalte. Über den grauenhaften Zusammenhang von allgemeiner Erbsünden – Verbreitung durch den „Geschlechtsverkehr“ und in der Zeugung, wie es der heilige Augustinus ohne rot zu werden lehrte und dogmatisch durchsetzte, wurde schon mehrfach, auch von mir, hingewiesen.

Es ist für dieses alte Denken aber doch eigentlich konsequent, wenn es heißt: Alle Menschen sind als Menschen sofort bei der Geburt, also auch als Kleinstkinder, eben Erbsünder. Darum war der Gedanke, einen Limbus Pueroum zu schaffen in dieser verqueren Theologie, gar nicht so falsch. Um so merkwürdiger ist, dass Benedikt XVI. diesen Limbus Puerorum – ein bisschen – als Lehre aufgab. Dachte er offenbar: So total kann die Verderbtheit der Menschen als Menschen und schon als Kleinstkinder also doch nicht sein! Deswegen verfügen wir nun als Herren der Lehre: Kein Katholik muss an den Limbus Pueroum noch glauben. Kann er aber, wenn er möchte. So viel Freiheit, mit Ängsten umzugehen, ließ Benedikt XVI. seinen Getreuen.

Mit der Relativierung bzw. der Abschaffung der Limbus Puerorum Lehre aber fällt nun auch, ein bisschen, die übliche Erbsünden- Lehre: Der Mensch als Kleinstes Kind sei eben a priori doch nicht schon Erbsünder. Erbsünde habe dann doch etwas mit der dann doch angenommen Freiheit zu tun, sich für das Böse frei zu entscheiden. Das heißt. Mit der Abschaffung des Glaubenszwanges an den Limbus Puerorum „wackelt“ auch der Kern der total wirksamen Erbsünde.

Es wäre weiter darauf hinzuweisen, dass die Erbsünde als Erbsünde sich jeglicher innerer Erfahrung im glaubenden Menschen entzieht. Und kaum ein Erwachsener, der sich taufen lässt und unter das Wasser dabei getaucht wird, erinnert sich: Nun ist die Erbsünde weg! Wozu also die Erbsünde als Erklärungsmodell? Furchtbar negative Ereignisse, etwa die KZs damals oder die Brutalität des Westens heute im Umgang mit Armen in Afrika oder im unmenschlichen Sterbenlassen der Flüchtlinge im Mittelmeer usw. sind doch nicht durch die Erbsünde zu erklären oder zu begründen. Mit solchen Argumenten macht sich die Theologie heute auch lächerlich, als esoterische Geheimlehre vielleicht brauchbar…

Diese vielen Untaten der Menschen, und der Herrschenden vor allem, sind doch bedingt durch den Egoismus der Menschen, durch das Versagen, humanistischen und ethischen Impulsen zu folgen, bloß um des eigenen Vorteils willen. Wer da von Erbsünde redet, meint ein diffuses, eben mythisches Bild, weil er den Ursprung bösen Tuns in der Freiheit der Menschen nicht erkennen kann. Und nicht argumentativ, durch eine bessere Politik, bekämpfen will.

Im übrigen: Alle getauften Christen und auch die getauften Allchristlichen Herrscher haben sich im Laufe ihres Lebens oft, obwohl von der Erbsünde ja durch die Taufe befreit, höchst unmenschlich verhalten. Das heißt: Die Kraft der Taufe als Befreiung von der Erbsünde ist offensichtlich total irrelevant. DieTtaufe macht die Menschen, also die Christen, nicht besser. Das heißt einmal mehr: Die Erbsündenlehre ist nichts als Behauptung, als Ideologie sogar. Man könnte als alter Metaphysiker sagen: Die Erbsünde sei eine unsichtbare ontologische Struktur. Verstehe dies, wer will.

Es gilt meiner Meinung nach: Böses tun die Menschen, weil sie endliche Wesen sind, denen die Einsicht fehlt, dass das Gutes Tun tatsächlich auch für sie selbst (wie für die anderen) gut ist. Je mehr tatsächlich die Einsicht, die Vernunft, die seelische Reife, das Mitgefühl gefördert würden unter allen Menschen, je mehr auch eine wirkliche Demokratie erfahrbar würde, um so mehr würde auch das Böse in der Welt eingeschränkt werden. Wer sagt, das Böse sei doch immer herrschend und bestimmend da, der will nur die bestehenden Herrschaftsverhältnisse als ungerechte belassen. Und man sage mir jetzt nicht, meine Sicht sei “hoffnungslos optimistisch”: Das sagen nur die, die an dem “bösen Menschen” – aus Faulheit, aus Pessimismus ? – festhalten wollen…

Sind die Menschen also in meiner Sicht bloß noch Sünder und nicht mehr Erbsünder? Sie sind tatsächlich nur noch Sünder, sofern man sich religiös versteht und die ethischen Gebote als Gottes Gebote interpretiert. Nur unter diesen Bedingungen hat die Rede von Sünde Sinn. Aber nicht alle religiösen Gebote (in der Bibel, im Koran) können ohne weiteres heute noch als gute und hilfreiche Gebote Gottes verstanden werden. Die Prüfung, welches Gebot Gottes eben noch aktuell gültiges Gebot ist und welches nicht, leistet allein die sich stets weiter entwickelnde kritische und selbstkritische Vernunft. Die Vernunft ist das Kriterium, nicht eine Glaubenslehre bei der Entscheidung, was als Glaubenslehre gilt und was nicht. Den selbst wenn eine Glaubenslehre eine andere kritisiert, tut sie dies kraft der Vernunft!

Sünde ist also in einer modernen Theologie ein Sich – Verfehlen des Menschen, eine freiwillig geleistete Abkehr des einzelnen von den guten Möglichkeiten, die eigentlich in ihm „stecken“. Sünde ist also eine Art Blockade humaner Möglichkeiten. Wer ein Sündenbekenntnis spricht, meint eigentlich: Ich habe die guten Seiten des Menschseins ignoriert. Dieses Eingeständnis hat nichts mit Leistungsdenken zu tun. Es kann in Gelassenheit gesprochen werden: Weil sich der absolute Lebenssinn, Gott, ja nicht entzieht und ich zu meiner Begrenzung und Endlichkeit stehen kann.

Gott wird selbstverständlich nicht durch unsere Sünden beleidigt. Wer an einen personalen Gott in dem Zusammenhang glaubt, könnte sagen: Dieser Gott als Schöpfer ist traurig, dass sich Menschen verirren. Aber sie können prinzipiell wieder auf den Weg des Humanen zurück, wenn sie ihre eigene Vernunft, ihr reflektiertes Ethos und ihr Mitgefühl zur Geltung bringen…und die Menschenrechte, die sich immer weiter entwickeln, als tatsächliche Orientierung anerkennen.

Die zentrale Frage ist: Welche Bedeutung hat Jesus Christus als Erlöser? Jesus ist nicht das Opferlamm, das auf den zornigen Gott Vater reagiert und sich blutig hinschlachten lässt, weil Jesus meint: Dieser Kreuzestod würde das Gott-Mensch-Verhältnis wieder in die richtige göttliche Ordnung bringen. Von diesem Sühne und Opfergedanken befreien sich Christen. Diesen zornigen Gott, der seinen eigenen Sohn opfert, halten sie für eine Erzählung, ein Mythos, den man hin und her drehen kann in langatmigen mythenfreundlichen Studien. Besser ist es: Man sollte etwa den Sündenfall Mythos lesen, aber dann als interessantes historisches Stück beiseite legen. Entmythologisierung verstand Bultmann so: Entdecken des Sinns im Mythos. Wenn aber ein Mythos beim besten Willen keinen aktuellen hilfreichen Sinn mehr hergibt, wie der Opfermythos des Sohnes Gottes, dann lasse man eben den Mythos beiseite. Die Bibel ist ein Buch voller hübscher und meist dramatischer Geschichten, da gibt es wichtige und unwichtige. Das müsste heute klar sein.

Welche Bedeutung hat also Jesus Christus heute?

Er ist tatsächlich das entscheidende oder für viele ein Vorbild, das tröstet, das man durchaus ehren und verehren kann. Das Vorbild ermuntert, seinen Weg auf eigene Weise nachzugehen, dies ist der Weg der Liebe und des Mitgefühls, des Friedenstiftens und des Verzeihens. Dies ist theologisch gesprochen, eine Wirkung des Geistes, des heiligen Geistes. Der Geist als der heilige ist tatsächlich die Gabe Jesu Christi an die Menschen. Wenn man also fragt, was ist die Erlösung, könnte die Antwort heißen: die Gabe des heiligen Geistes.

Jetzt sage man nicht: Jesus wird dann bloß zum Meister eines wahren humanen Ethos! Natürlich wird er das. Und das wahre ethische Leben hat ja Jesus selbst als den Kern der Religion dargestellt. Man lese seine Lehre zur Liebe, Nächstenliebe, seine Lehre zu den Werken der Barmherzigkeit.

Christlicher Glaube ist wesentlich Ethos, weil gerade im ethischen Leben, der entscheidenden PRAXIS, Gottes Spuren erfahren werden. Gott wird, wie Jesus sagt, nicht in den Tempeln, also in den Kirchen primär erfahren; schon gar nicht in der gehorsamen Verehrung so hoch gestellter Kleriker und Kardinäle oder Päpste, nicht in Wallfahrtsorten, wo man als sündiger Mensch auf Knien leidend auf den Treppen herumrutscht, um seine Sünden dadurch loszuwerden. Natürlich gibt es die Freude an Transzendenz – Erfahrungen in der Natur, auch in der Kunst, auch in der Musik, auch im Eros: Aber dies sind Erfahrungen, die ja keineswegs eine l art pour l art Haltung fördern, sondern Wege weisen in ein gutes (d.h. auch ethisch gutes) Leben.

Der christliche Glaube ist also kein Angst machendes System, kein Lehrgebäude, keine gehorsame Haltung gegenüber alten Dogmen, christlicher Glaube ist das Ernstnehmen der eigenen subjektiven Erfahrung jetzt. Von der aus man mit der Vernunft und der reifenden Seele eben ethisch gut lebt. Dieses ethisch – gute Leben, die „Arbeit“ daran, ist der wahre Gottesdienst, das sagte Jesus Christus, das Vorbild für uns, schon.

Christlicher Glaube ist also zuerst Praxis, ethische Praxis, auch mit der Lust an entsprechenden kulturellen Erfahrungen. Aber vor allem in der Praxis zeigt sich Gott, darin zeigt sich Transzendenz, darin entsteht Poesie, die den Namen Gebet verdient.

Der christliche Gaube wird also wieder „einfach“, selbstverständlich nicht im Sinne von „schlicht“, sondern im Sinne von elementar und überschaubar und kritisch und deswegen auch eine Einladung zum guten Leben.

Ein Hinweis, geschrieben am 18.8.2017: Der niederländische Theologe Tarcisius van Bavel aus dem Augustinerorden äußert vorsichtige, aber deutliche Kritik an Augustins Erbsündenlehre in dem Buch “Christ in dieser Welt”, Würzburg o.J., offenbar um 1975. Van Bavel schreibt u.a. (S. 44 f.). “Augustinus scheint den Menschen viel eher (als sein Gegner Pelagius, CM) zu Unsicherheit und Angst zu verurteilen. Ohne behaupten zu wollen, Augstinus habe in allen Punkten gegen Pelagius Recht gehabt, muss man doch fragen, wer von beiden am dichtesten bei der Wirklichkeit geblieben ist”. (Was ist “Wirklichkeit”, fragt CM)… Der Augustinerpater van Bavel fährt dann fort: “Für Augustinus ist gewiss die ganze Menschheit in eine Situation der Unfreiheit hineingezogen und befindet sich noch immer in dieser Situation. Man braucht Augustinus auch nicht in allen Einzelheiten zu folgen: z.B. in seiner Ansicht, wie die Sündhaftigkeit im Menschengeschlecht übertragen wird, nämlich durch die geschlechtliche Vereinigung”. Dann nennt Prof. van Bavel noch die irrige Lehre von der Vorhölle für ungetaufte Kinder… Aber er meint, trotz dieser erheblichen Einwände gegen Augustin: Der Mensch finde sich immer schon in einer Welt vor, in der “das Böse”  schon da ist (S. 45). Das  “das Böse” aber ist doch keine unangreifbare metaphysische Qualität (kein Gegengott), sondern etwas, das sozusagen die Komprimierung falscher Entscheidungen vieler Menschen im Laufe der Geschichte ist. Das Böse, wenn man denn den Begriff überhaupt will, ist sozusagen eine strukturelle Sünde, also von Menschen gemachte Anhäufung von Falschem. “Das Böse” ist also eine von Menschen gemachte, in der Freiheit gemachte Objektivierung falscher, ethisch nicht vertretbarer Entscheidungen. Nur weil “das Böse” Ausdruck von Freiheit ist, kann es ja auch bekämpft werden! Vor dieser Erkenntnis weicht Prof. van Bavel wie so viele andere katholische Theologen zurück:  Augustinus, der heilige Kirchenlehrer, muss eben unter allen Umständen eben recht behalten! Schließlich dürfen auch Erbsünden-Dogmen nicht revidiert werden, meint das oberste katholische Lehramt in seiner Erstarrung. Das ist der Stil katholischer Theologie: Bloß nicht Fehler großer Theologen von einst zugeben und sich von diesen Denkfehlern und der ideologischen Verbissenheit, bei Augustins Erbsündenlehre evident, befreien.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

Glauben und Wissen: Getrennt und doch verbunden. Zum Religionsphilosophischen Salon am 31. 3. 2017

Hinweise und Thesen von Christian Modehn, vorgetragen im Religionsphilosophischen Salon am 31.3.2017.

1. Wer sich mit dem Verhältnis von Glauben und Wissen philosophisch befasst, verirrt sich nicht etwa in „abstrakte Reflexionen“, die man gern irrelevant und lebensfern nennt.

Wir reden vielmehr vom Zusammenhang von Glauben und Wissen aus lebens-praktischen Interessen. Denn es geht bei dem Thema um die Frage: Wie gelangen wir in ein Leben, das möglichst frei ist von „inneren“, also geistigen Widersprüchen, etwa zwischen einer Praxis des Wissens und einer Praxis des Glaubens.

Im Blick auf die Geschichte ist klar: Viele religiös Glaubende haben diesen Widerspruch zwischen ihrem Glauben und ihrem wissenschaftlichen Wissen förmlich gesucht und gepflegt. Zu ihnen gehört etwa der Mathematiker und hochbegabte Erfinder Blaise Pascal (1623 – 1662), der seine Wissenschaft total von seinem Glauben trennte; der von einer Art Privatoffenbarung überzeugt war (am 23. Nov. 1654, passierte sein mystisches Ereignis; das „Memorial“ nähte er sich in seine Jacke ein). Pascal glaubte an einen Gott jenseits aller Vernunft, nur dieser Gott zeige sich „als Gott der Liebe und des Trostes“. Er betonte einen totalen Bruch zwischen dem Gott der Philosophen und dem Gott des christlichen Glaubens.

Diesen Bruch halte ich philosophisch (und theologisch) gesehen für falsch. Der Mensch ist nicht gespalten in Denken (Gott denken) und Fühlen (Gott fühlen).

2. Wenn wir Glauben als eine allgemeine, menschliche Haltung verstehen, wird deutlich:

Wir bewegen uns ständig in Glaubensformen, im vor-religiösen Sinne gemeint, etwa: “Ich glaube, mein Freund besucht mich morgen“. Das ist auch eine schwache Form von Wissen. Oder die Wissensform, noch vor-wissenschaftlicher, unbewiesener Art, etwa: „Ich weiß nach zwei Konsultationen, dass dieser Arzt kompetent ist“. Handelt es sich dabei nicht auch um den Glauben, dass dies in Zukunft auch so bleibt? Glauben und Wissen gehen ineinander über in der Alltagspraxis.

Von daher ist eine philosophische Analyse und dadurch eine tiefere Bestimmung von Glauben und Wissen geboten, als Lebensformen, in denen wir uns ständig, immer schon, bewegen. Philosophie zeigt sich bei diesem Thema einmal mehr als Reflexion des von uns „Immer-Schon- (unthematisch) Gelebten und eben dann als sprachliche Thematisierung dieser Inhalte und Strukturen.

3. Philosophie kann niemals populäre, also fest verwurzelte Gegensätze auf sich beruhen lassen, etwa den geglaubten Gegensatz von „Frieden und Krieg“ (aber: „Wie viele Kriege gibt es im Frieden ?“) oder „Liebe und Hass“ oder „Leben und Tod“ (wie viele Abschiede aller Art, Formen des Todes, haben wir im Leben nicht erfahren?) usw.

So kann Philosophie auch nicht den angeblichen Gegensatz von Glauben und Wissen einfach erhalten wollen. Philosophie muss zudem fragen: Wer hat Interesse daran, dass dieser abstrakte Gegensatz fortbesteht, bei dem heutzutage oft unterstellt wird: Wissen ist doch viel besser und wertvoller als Glauben. Das meinen bestimmte Kreise eines zweifellos heute vorhandenen militanten Atheismus, über den sehr viel weniger gesprochen wird als über den genau so unsinnigen militanten unreflektierten religiösen Glauben.

Es gibt jedenfalls auch die oft akzeptierte Behauptung: Religiöser Glauben ist viel besser als Wissen. Das meinen bestimmte Kreise des dogmatischen Fundamentalismus in den drei monotheistischen Religionen. Sie folgen unmittelbar den religiösen Weisungen ihrer religiösen Bücher, verfasst etwa 650 nach Chr. (Koran) bzw. 80 nach Christus (NT) und 600 vor Christus (Hebräische Bibel).

4. Wir leben also immer schon in allgemeinen, also in noch-nicht-religiösen Formen des Glaubens. Diese von uns oft selbstverständlich hingenommene und unreflektierte Glaubensform lebt ständig im Alltag. Dieser Glaube wird als Vertrauen erlebt, also etwa als unbegründete und beinahe selbstverständliche Zuversicht gegenüber einem Menschen, den man als gut erlebt und ihm deswegen glaubt. Als Zuversicht, dass der nächste Tag gelingt und vielleicht das ganze weitere Leben. Vertrauen und Zuversicht als oft unreflektierte Annahme von gründendem Sinn im ganzen ist als Glaube im Alltag vorhanden. Das ist die Basis des menschlichen Zusammenseins in der Gesellschaft. Dieser allgemeine Glaube (dieses Ur-Vertrauen) kann erschüttert werden, kann aber auch wieder „aufgebaut“ werden.

5. Ist im Wissen und in der Wissenschaft eine Glaubens-Haltung immer schon anwesend? Tatsache ist:

Glauben bzw. zuversichtliches Vertrauen halten das forschende Wissen auf Dauer lebendig. Sie sind so etwas wie die innere Dynamik, der geistige Atem, im Forschen, ohne die Forschen nicht gelingt. Wir glauben als Forscher, dass wir später durch die Forschung mehr und besser sehen und verstehen. Man denke an den Glauben innerhalb der medizinischen/pharmakologischen Forschung, tatsächlich nach langen Mühen ein besseres Medikament zu finden usw. Darin zeigt sich unthematisch auch ein Glauben an eine gute und bessere Zukunft der Menschen, wenn nicht der Menschheit. Mit diesem universalen humanen Glauben ist kein dummer Fortschrittsglaube gemeint, der da behauptet: Alles (man meint die Technik) wird immer weiter entwickelt und damit alles immer besser. D.h. zusammenfassend: Ohne eine Art zuversichtlichen Glauben gibt es kein geistvolles wissenschaftliches Leben. „Der allgemeine Glauben ist die Generalbedingung bewussten Lebens“, (Gerhardt, Glauben und Wissen, Reclam 2016, S. 45).

6. Auch im Glauben ist Wissen immer anwesend. Dabei verstehen wir Wissen immer als Vernunft, also als Kritik, als kritisches und selbstkritisches Reflektieren, als Aufklärung im philosophischen Sinne. Auch schon der allgemeine und alltägliche Glaube hat eine bestimmte Wissens-Form, er sagt sich in Sätzen aus, er sucht Kommunikation, er will den Widerspruch, will sich begründen. Die Alltagspraxis ist nie sprachlos, auch wenn oft unvernünftige ideologisch verblendete Thesen behauptet werden.

7. Zur wechselseitigen Beziehung von religiösen Glauben und dem Wissen. Es gibt Formen des Wissens, die sich als Wissen selbst deuten und so propagieren, tatsächlich aber Glaubensformen sind. Man denke an den Marxismus-Leninismus, als von den kommunistischen Herrschern definierte Wissenschaft, die zum Kommunismus führt durch die Lehre von der Dialektik oder der führenden Rolle der KP als dem Inbegriff des Wissens usw. In dieser sich wissenschaftlich gebenden Ideologie wurde letztlich ein Glaube (an den Weg zu Sozialismus und Kommunismus, durch die Partei geführt) als Wissenschaft ausgegeben und durch diesen Glaube wurden andere religiöse Glaubenshaltungen (etwa Kirchen) verdrängt und verfolgt. (Siehe etwa Michail Ryklin, Kommunismus als Religion, Frankfurt am Main, 2008). Auch der Positivismus eines Auguste Comte gab sich als Wissenschaft, mit der zu glaubenden Behauptung, dass Religion und Metaphysik als Haltungen von einst überwunden und beiseite gelegt sind und nun die positive Wissenschaft siegreich alles bestimmt. Ideologien geben sich gern als Wissenschaft. Auch der Faschismus hat mit einer angeblichen „Rassenlehre“ sich wissenschaftlich gegeben. Warum? Sicher auch, weil die Ideologen meinten, mit der Behauptung Wissenschaft zu sein, mehr Erfolg bei den Menschen zu haben. Diese glauben eben den angeblichen Wissenschaften eher…

8. Es gibt auch heute die Tendenz, Naturwissenschaft so zu verstehen, als ersetze sie als Naturwissenschaft eine in dieser Sicht völlig überholte religiöse Glaubenshaltung. Somit wird eine neue Ideologie geschaffen, die freilich nichts anderes ist als eine bestimmte Glaubens-Haltung. Da wird etwa durch Richard Dawkins und andere argumentiert: Naturwissenschaftliche Erkenntnis von heute widerlege als solche den (angeblich immer alten und deswegen veralteten) religiösen Glauben an Gott. Diese These ist als Ideologie zurecht zurückgewiesen worden, schon aufgrund der schlichten Erkenntnis, auf die schon Wittgenstein und andere umfassender als Dawkins reflektierende Denker hinweisen: Naturwissenschaft als Naturwissenschaft kann niemals letzte Sinnfragen, also auch religiöse Fragen, beantworten. Das ist einfach nicht ihr Thema. Ein Beispiel: Von Maschinenbauern als Maschinenbauern erwartet man auch nicht die Schaffung von Kunst-Skulpturen. Also: Atheismus lässt sich rein -naturwissenschaftlich weder beweisen noch widerlegen.

Hingegen stellen sich Naturwissenschaftler als denkende Menschen, also ansatzweise dann als Philosophen, durchaus manchmal noch die Frage: Was darf ich –ethisch betrachtet – als Naturwissenschaftler erforschen? Ist etwa die Verbesserung der Atombomben auch ethisch noch vertretbar? Naturwissenschaftler, dann als umfassend denkende Menschen verstanden, gelangen also ins ethische Philosophieren, das bekanntlich nach Kant durchaus in Dimensionen eines vernünftigen religiösen Glaubens führen kann. Aber es ist nicht die Naturwissenschaft als Naturwissenschaft, die für oder gegen den religiösen Glauben spricht.

Heute erleben wir wieder die Sprüche: „Wenn die naturwissenschaftliche Forschung einmal begonnen hat, ist sie nicht zu stoppen“, jetzt etwa im Blick auf radikale Verlängerungen der Lebenszeit der (sehr wohlhabenden) Menschen formuliert. Diese wollen gern 150 Jahre und mehr gesund leben, die Forscher setzen alles dran, dies technisch-pharmakologisch zu erreichen. Angeblich weil „die Forschung“ (ist diese ein handelndes Subjekt, doch wohl nicht) nicht zu stoppen ist. Solche Sätze sind die Ideologie der Konzerne, die diese Forschung als Profit betreiben. Forschung lässt sich durchaus stoppen, wenn sich herausstellt, dass es für die Menschheit dringendere Aufgaben gibt: Etwa das Hungersterben von Millionen Jahr für Jahr zu stoppen, also strukturell zu überwinden. Hinter der totalen Freiheit der Forschung verbirgt sich eine Ideologie der reichen Welt, die sich nur um sich selbst kümmert, aber das gerechte humane Projekt völlig aus den Augen verliert…

Heute wird von verblendeten Machthabern, wie etwa von Mister Trump, aller wissenschaftlichen Erkenntnis zuwider behauptet: Der zunehmende CO2 Ausstoß gefährde das weltweite Klima nicht. Man sieht: Aus einer ideologischen, politisch bedingten Haltung wird auch heute ein irriger Glaube als Wissen propagiert. Wie etwa auch das Grundbekenntnis der neoliberalen Wirtschaftsunordnung: „Der so genannte freie Markt reguliert sich selbst, und wie von unsichtbarer Hand, an die man glauben soll, wird alles zum Besten aller geregelt“. Dass dabei zunächst die Reichen immer reicher werden, möge man glauben. Genauso wie: Die Gerechtigkeit für die Armen kommt später, viel später. Vielleicht. Es muss also die Glaubenshaltung (als Ideologie) inmitten des Wissens und der Wissenschaft freigelegt und geistig bekämpft werden.

9. Wie steht es mit dem Übergang vom religiösen Glauben ins Wissen? Religiöser Glaube, etwa im Judentum, Christentum und Islam stellt sich immer in Sätzen dar, als sprachliche Formulierung, als von religiösen und politischen Herrschern vorgegebene Dogmen. Dabei bezieht man sich auf mündliche Offenbarungen und heilige Bücher, diese werden dann als angeblich ewige Dogmen fixiert.

Nur ein sich selbst NICHT reflektierender Glaube kann die Inhalte dieser Offenbarungen und der heiligen Bücher als gültiges Wissen ungeprüft und ohne weiteres annehmen.

Es ist hingegen unvernünftig und damit für eine selbstkritische und reife Lebensgestaltung ausgeschlossen, wenn etwa aus der Lehre der Bibel von der Weltschöpfung in sechs Tagen als Wissen gefolgert wird: Also halten wir uns auch als Wissenschaft an diese religiöse Mitteilung, dass Welt und Mensch in sechs Tagen geschaffen wurden.

Hingegen gilt: Die besondere Qualität der religiösen Texte als Poesie (!) muss anerkannt werden. Es ist immer notwendig, diese Texte wissenschaftlich, also historisch-kritisch, zu lesen und zu verstehen und dadurch den Inhalt zu relativieren. Das Wissen und die Vernunft erkennt die besondere Qualität der religiösen Texte.

Nebenbei, aber sehr wichtig: Es gibt in den christlichen Konfessionen immer noch die Anerkennung wortwörtlich übernommener Bibel-Sprüche, etwa im Vatikan das Wort Jesu „Du bist Petrus der Fels und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen…“, aus diesem Spruch wird im Vatikan abgeleitet, dass alle Päpste Nachfolger Petri sind, also dem ausdrücklichen Willen Jesu entsprechen. So wird Jesus von Nazareth zum Kirchengründer und Förderer des Papsttums, inklusive der vatikanischen Paläste und der Glaubensbehörden (Inquisition). Andere Sprüche dieses Jesus von Nazareth werden im Vatikan hingegen niemals wortwörtlich übernommen, weil sie den vatikanischen Machttrieb stören, etwa der Spruch „Nennt euch nicht Meister… Der erste sei der Diener aller usw.“

Der Glaube bleibt also nur lebendig und menschlich „vertretbar“, wenn er vernünftige Kritik fördert und zulässt.

Man denke an die Hexenverfolgungen. Diese wurden nur beendet durch die Durchsetzungskraft der Vernunft! Der authentische religiöse Glaube etwa des Christentums wurde immer von der Vernunft gerettet. Friedrich von Spee SJ, der große Feind der Hexenverfolgungen, sagte: „Dienen wir der Gerechtigkeit, folgen wir der Vernunft. So haben wir keine Hexen mehr zu verbrennen“. Friedrich von Spee kämpfte gegen verrückte staatliche und kirchliche Lehren seiner Zeit. Er hat allein aus seinem Gewissen heraus gehandelt.

10. Wenn also im Wissen Glaubenshaltungen anwesend sind und der religiöse Glaube sich selbst als Wissen präsentiert: Die entscheidende Frage ist, noch einmal formuliert: Was ist das Kriterium, um im Wissen den möglicherweise berechtigten Glauben und im religiösen Glauben das möglicherweise berechtigte Wissen zu erkennen?

Diese Leistung der Unterscheidung kann selbstverständlich nur das Wissen sein, also die Kritik, die Aufklärung, die Reflexion. Wenn der religiöse Glaube sich selbst korrigiert, ist dies tatsächlich eine Leistung des Wissens, der Kritik, des Nachdenkens. Alle Glaubens-Reformation ist also Ergebnis des Wissens, der Kritik, des Nachdenkens, also handelt es sich nicht etwa um eine wunderbare Einsicht! Ohne Vernunft kein menschenwürdiger religiöser Glaube, das ist das gültige Prinzip auch für religiöse Menschen.

11. Ist Kritik und Wissen das entscheidende Kriterium, das auch im Feld des Religiösen tätig ist: Dann gilt das auch im Bereich der Esoterik. Also der subjektiven inneren Erlebnisse, in denen etwa jemand meint: Dieser oder jener Quarzstein mit seiner Ausstrahlung sei gut, um schlanker zu werden. Das kann man als einzelner zweifellos glauben, obwohl der Übergang in Wahnzustände überprüft werden sollte; die Vernunft wird nur dann zum Einsatz kommen, wenn nun der einzelne Quarz-Stein-Freund in der Öffentlichkeit überall (auf Kosten des Steuerzahlers) Quarzsteine aufstellen möchte oder so. Ich hätte viel heftigere Beispiele eines in meiner Sicht religiös esoterischen Wahns bringen können, die kennt jeder aus seinem Umfeld. Esoterik kann auch die großen Religionen bestimmen: Man denke an den Wunderglauben in der katholischen Kirche bis heute, wenn man etwa Marien-Erscheinungen in Fatima (1917 !) verehrt werden und die Gips-Madonna von dort durch die Straßen geschleppt werden, wie kürzlich in Berlin-Spandau geschehen. Die Präsenz der Madonna soll wirken und helfen. Glaube wird da zum offiziell geförderten Aber-Glauben. Und diesen Aberglauben als Aberglauben erkennt nur die freie Vernunft.

12. Ohne Vernunftkritik auch im religiösen Glauben ist alles im religiösen Glauben beliebig und verschwommen und deswegen nicht relevant. Ohne Vernunftkritik ist alles, auch im Glauben, nichts.

Aber Vernunft ist auch nicht alles, sie ist nicht das ganze Leben. Sie ist nicht Musik, Kunst, Liebe usw. Das Leben ist als Erleben mehr als Vernunft. Keine Frage! Aber Musik, Kunst, Liebe, Engagement, Mitgefühl usw. haben in sich selbst, förmlich wie eine immer begleitende Hintergrund-Musik, die stets unthematisch anwesende Vernunft. Sie allein ist in der Lage, Musik, Kunst, Liebe, Engagement usw. für einen selbst und für andere zu mehr Klarheit zu bringen und mit anderen darüber ins Gespräch zu treten. Bekanntlich sprechen wir hilflos oft von Erlebnissen der Musik, Kunst, Liebe, aber wir sprechen und bedienen uns dabei der Sprache, die alle verstehen, also in der Sprache der Vernunft.

13. Mir ist es wichtig, in dem Zusammenhang eine grundsätzliche Korrektur am üblichen Glaubens-Begriff innerhalb der christlichen Theologie vorzuschlagen.

Der religiöse Glaube findet bekanntermaßen auch deswegen im Augenblick wenig Respekt, weil religiös Glaubende zu viel religiösen Unsinn verbreiten und weil Religionen als fundamentalistisch-gewalttätige Organisationen sich machtvoll gebärden. Viele erleben Religionen und Kirchen einfach als unsympathisch.

Entscheidend ist: Der größte Fehler ist, wenn religiöser Glaube von Theologen, vor allem aus dem klassischen, „orthodoxen“ evangelischen Umfeld, als so genannter blinder und mutiger „Sprung“ in die göttliche Wirklichkeit hinein verstanden und propagiert wird. Dieses stark dominierende Erbe der dialektischen Theologie („Glauben heißt Augen zumachen und den Verstand stilllegen, also Springen) halte ich für verheerend. So wird der religiöse Glaube zur Sache einiger dummer Mutiger, der Unreflektierten oder der besonders Begnadeten: Sie haben halt die Gnade, in Gott hinein zu springen. Dadurch wird der religiöse Glaube zu einer Sache, die den selbstkritischen Menschen gar nicht mehr berührt. Gott wird zum Thema für einige Erwählte, eine Tradition, die beim alt gewordenen Augustinus ihren Ursprung hat, wahrscheinlich schon im Glaubensbegriff des Paulus.

Unsere Meinung ist: Wenn Gott zum Menschen „gehört“, muss er sich auch im menschlichen und das heißt beim Menschen eben im geistvollen, also vernünftigen, Leben zeigen. Gott gehört zum Menschen als Menschen, selbst wenn faktisch viele Menschen keinen religiösen Glauben „haben“. Sie sind „Atheisten“ in Anführungszeichen, weil sie ganz entscheidend nur Kirchen und religiöse Organisationen erleben, die schlicht und einfach eher abstoßend sind, und darin haben diese „Atheisten“ recht. Sie sind aber keine Atheisten, weil sie selbstverständlich wie alle Menschen einen absoluten Mittelpunkt in ihrem Leben haben, dem sie alles opfern, Zeit, Geld, Energie, etwa Sport, Musik, Geldverdienen. Dies sind alltägliche Götter nicht nur der „Atheisten“.

14. Ich schlage dringend vor, gerade im Reformationsgedenken: Wir sollten, viel stärker das Johannes Evangelium und die johanneische Theologie respektieren. Diese Position von Glauben als einer Form des Wissens wird meines Erachtens von der in den Kirchen, besonders der protestantischen Kirche, nicht viel beachteten Tradition des JOHANES gepflegt. Bisher folgen die Kirchen viel zu sehr dem Modell des paulinischen Denkens, auch Luther dachte offenbar sehr paulinisch.

Ich nenne nur einige schöne Zitate aus dem Kreis der „Johannes Schule“, die ansatzweise deutlich machen, das Glauben an Gott und Glauben an Christus WISSEN ist:

1 Joh. Brief 3, 14. „Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben“.

1 Joh 5, 19: Wir wissen, wir sind aus Gott. Wir wissen, der Sohn Gottes ist in die Welt gekommen…“

Auch im Joh Ev 3,2 Nikodemus: Wir wissen, du bist ein Lehrer, der von Gott gekommen ist“.

Der religiöse Glaube muss also auch im Sinne des Johannes Evangeliums definiert werden.

Glauben ist dann kein bloßes Fürwahrhalten von irgendwelchen möglicherweise obskuren Sätzen und Behauptungen. Glauben ist: Ein vertrauensvolles Wissen, ein Wissen ganz eigener Art, ein bewusstes Bezogensein auf einen Sinn stiftenden transzendenten Grund; also das Wissen von einem absoluten Sinnhorizont, in dem wir immer schon stehen. In dieser Haltung ist kein naiver Glaube mehr enthalten, sondern ein wirkliches Wissen. Es ist natürlich kein naturwissenschaftliches Wissen, aber ein Wissen, wie wir es im geistvollen Miteinander kennen, ein Wissen, das wir im Erleben der Kunst, der Liebe, in der Empathie usw. spüren und zu Wort bringen.

Damit plädiere ich für eine VIELFALT der Formen des Wissens. Wissen ist niemals nur naturwissenschaftliches Wissen. Wissen ist auch Bezogensein auf das Unendliche.

Aber der Mensch ist immer frei, sich zu dieser Erkenntnis auf eigene Art, frei, zu verhalten. Ich kann ja auch in einer aus dem Vertrauen gewonnenen Erkenntnis, dass mich dieser Mensch liebt, mich frei, zustimmend oder ablehnend, verhalten.

Es wird oft behauptet: Wenn Glaube auch eine bestimmte vertrauende Wissens-Form ist, dann verliert er seinen freien und möglicherweise gnadenhaften Charakter. Das ist in meiner Sicht nicht so: Ich kann mich zu meinem wissenden Glauben, immer kritisch reflektiert, auch frei verhalten. Ich kann die Annahme dieser anderen Wirklichkeit (Gott) als Geschenk, Gnade, erleben, die aber niemals ohne mein eigenes Bemühen, auch im Nachdenken, erreicht wird.

15. Wird der Glaube selbst als eine selbstkritische Wissensform erlebt und auch so bestimmt: Dann ist es nicht mehr möglich, alles Beliebig-Mögliche und Unwahrscheinliche dann noch „Glauben an Gott“ zu nennen. Denn dann kritisiert und korrigiert meine selbstkritisch reflektierende Vernunft meinen eigenen Glauben: Ich kann nicht mehr Wahnhaftes (Glauben an Hexen etwa) behaupten, von Jungfrauen schwärmen, die mich im Paradies erwarten; nicht mehr an Marienerscheinungen glauben, die in Fatima nur sichtbar waren den drei Hirtenkindern usw.

Der Glaube als Wissensform verliert dann seinen mysteriösen und esoterischen Charakter. Er wird inhaltlich einfach, man könnte sagen nackt, er legt immer mehr Kleider ab, um sich ganz auf das Wesentliche zu beziehen: Die Bindung und Verbindung an eine göttliche Wirklichkeit. Und das Wissen als vertrauendes Wissen gilt: Wenn die Welt und die Menschen von einer absoluten Wirklichkeit her stammen, die die Evolution in Gang setzte und als solche schöpferisch ist: Dann ist diese göttliche Wirklichkeit in mir und in jedem Menschen auch lebendig.

16. Daraus ergibt sich eine enge innere (!) Verbindung von Mensch und Gott, von Ich und Gott. Es ist dieses Erlebnis der Einheit, die allein wichtig ist. Da wird dann die Kirche nicht mehr so wichtig, sie ist ein Ort, in dem religiöse Menschen in der Unterschiedlichkeit miteinander sprechen und sich ermuntern, weiter zu wachsen auf diesem Weg.

17. Zusammenfassung der These: Es gilt, den religiösen Glauben der Christen zu befreien von der engen, bloß gläubigen, also nicht auch wissenden, also nicht auch selbst-kritischen Haltung. Christlicher Glaube an Gott ist eine Form des Wissens, des kritisches Wissen, des kritischen vertrauenden Wissens! Es gilt die verschiedenen Wissens-Formen zu entwickeln. Die göttliche Wirklichkeit ist als göttliche Wirklichkeit niemals zu umgreifen und zu definieren. Das heißt: Menschen können Gott nur berühren. Mehr nicht. Und Gott berührt dabei den Menschen. Das ist, wenn man das Wort will, das Geheimnis des Lebens.

Mehr brauchen die Menschen nicht. Die Kirchen haben das zu pflegen und zu feiern, im Fest, im Mahl und in der Solidarität. Und immer wieder zu besprechen. Mehr ist nicht not-wendig.

Einige Anregungen verdanke ich der Studie von Volker Gerhardt, „Glauben und Wissen“, Reclam 2016.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.