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Papst Franziskus zeigt einige Knochen, die Reliquien, des heiligen Petrus.

22. November 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Die angeblichen Knochen des Heiligen Petrus (Reliquien) können nun in Rom verehrt werden
Was Papst Franziskus so alles vorhat
von Christian Modehn

Zum ersten Mal in der Geschichte der katholischen Kirche werden die Überbleibsel, die Knochen oder die „Gebeine“, des heiligen Petrus öffentlich ausgestellt, am Sonntag, dem 24. 11. 2013, ist es soweit: So hat es Papst Franziskus angeordnet. Dabei wird die Frage wieder aktuell: Sind die Knochen wirklich echt? Kann das jemand entscheiden? Oder ist die Knochenverehrung überhaupt viel wichtiger als die „Authentizität“ er Gebeine?
Petrus, der Fischer, einer der Zwölf Apostel, (Ultra – Kurzbiographie: Analphabet, verheiratet) soll der erste Pontifex Maximus gewesen sein. Also ein Vorgänger der Päpste und der einst oft korrupten Kirchenfürsten (Medici und Co.), also der Herren der Kirche, die heute im Vatikan mit ihrem Hof (Curie!) residieren. Und er soll in Rom gestorben sein als Märtyrer, Genaus weiß man nicht…
Nun gab es 1942 bei Bauarbeiten in den sogenannten Heiligen Grotten einen Fund, den man zuerst für Hundeknochen hielt, aber in einem Karton dann doch aufbewahrte. Dann wurden diese staubigen Reste einem sehr alten Herrn zugeschrieben, aus der Zeit um das Jahr 60, meinte man später. In diesen Jahren, Genaues weiß man nicht, soll sich der Fischer Petrus, nun Papst, in Rom aufgehalten haben. Angeblich soll es sogar Übereinstimmungen geben im Gewebe dieser Knochenreste mit einer schon vorhandenen Reliquie des ersten Papstes, die in der Kirche San Giovanni im Lateran bereits verehet wird.
Nun also sollen die Knochen aus dem Schuhkarten von 1942 der katholischen Öffentlichkeit zur Verehrung und Erbauung vorgeführt werden. Das hat Papst Franziskus beschlossen, so berichtet die Presse, etwa der Spiegel, am 22.11. 2013. Mit dieser Knochenpräsentation soll auch das „Jahr des Glaubens“ abgeschlossen werden (und fromme, zahlungskräftige Pilger in die Heilige Stadt gelockt werden). Bei der Gelegenheit, nur nebenbei, fragt man sich, wie progressiv im theologischen Denken der angeblich so progressive Papst Franziskus wirklich ist. Offenbar muss er mit solchen Maßnahmen der Knochenverehrung hefige reaktionär – fromme und abergläubische Kreise bedienen und beruhigen?
Wir haben schon mehrfach als religionskritischer Salon auf den Reliquienkult hingewiesen. Aus aktuellem Anlaß bieten wir noch einmal die Lektüre eines Beitrags an zur kritischen Erbauung und zur Einstimmung auf die Frage: Was hat die römische Kirche bis heute tatsächlich von der Reformation gelernt? Luther war bekanntlich, theologisch wohl sehr zu recht, gegen die Verehrung von Knochen und alten Kleidern und Röcken. Das wäre ein hübsches Thema im Umfeld von 2017.Wird man so viel Mut haben, das Thema aufzugreifen, vielleicht passenderweise gleich mit einer Diskussion über den immer noch praktizierten Ablass…

Schon vor kurzem auf die Verehrung heiliger Kleider hingewiesen:
Anläßlich der Wallfahrten zum sogen. Heiligen Rock in Trier baten einige Leser um einen eher kulturellen – religionsgeschichtlichen Zugang zum Thema Reliquien.

Wir weisen vorweg auf eine heute wenig beachtete Entwicklung rund um den Kult des „Heiligen Rock“ hin: Im Jahr 1844 gab es eine gr0ße Wallfahrt zum „Heiligen Rock“ nach Trier mit einer halben Million Pilger. Gegen die dort offenkundige  Veräußerlichung des Glaubens protestierte Johannes Ronge, ein ursprünglich römisch – katholischer Priester, der ein Jahr zuvor wegen seiner Kirchenkritik suspendiert wurde. Ronge kritisierte 1844 den Kult um dieses Stück Stoff als „Götzenfest“, was ihm vierlerlei Anfeindungen und Verfolgungen einbrachte. Ronge stand dann lange Jahre an der Spitze der „Deutsch – katholischen Kirche“, die viele tausend Mitglieder zählte, sozial sehr aktiv war, dogmatisch aber freisinnig blieb.
Tomas Halik, der berühmte Prager katholische Theologe, hat übrigens in Trier einen denkwürdigen Vortrag zum Thema Kleiderverehrung gehalten….

Wir bieten zum Nachlesen – in der Form einer für Hörfunkzwecke üblichen Gestalt – den Beitrag, der im Kulturradio des RBB gesendet wurde. Der Beitrag bietet u.a. O TÖNE des Spezialisten Prof. Arnold Angenendt.

GOTT UND DIE WELT, Sendedatum:         21.11.2004

Etwas, das bleibt – alte und neue Reliquien

Eine Sendung von Christian Modehn

 

1. SPR.: Berichterstatter

2.  Zitator und Übersetzer

26 O TON Zuspielungen, u.a. von Prof. Arnold Angenendt, Historiker

Mittelalterliche Musik

O TON,

Ich denke es gibt sehr viele Leute, die eine Locke von ihrem Kind in der Brieftasche mit sich herumtragen oder den ersten Milchzahn und dergleichen.

O TON,

In der Vitrine befinden sich einige Gegenstände, derer Theresa sich bedient hat.  ein Tonbecher, Holzlöffel, ein Wasserkrug, ein Brotkorb….

O TON

In den Gebeinen steckt die Kraft der von Gott geheiligten Seele im Himmel. Wenn man die Gebeine anrührt, dann holt man die Kraft in sich hinein.

Musik 

Etwas, das bleibt  – alte und neue Reliquien

Eine Sendung von Christian Modehn

O TON:  0 45″.

„Es war ja schließlich unser einziger Sohn, der verstorben ist. Und wir haben ihn bis zum Schluss gepflegt. Ich habe zuhause in der Wohnung eine Gedenkecke aufgebaut. Und zwar er war Hobbybastler, Modell-Bahner. Und ich habe einige Modellsachen, die er selber gebaut hat, dort hin gestellt. Dann habe ich von ihm in dieser Ecke Bilder stehen; ich habe seine gesamten CDs. Und  dann habe ich einige Sachen zuhause, die er bei der Bundeswehr getragen hat. Er war bei der Luftwaffe und noch von German Airforce. Also, das sind Sachen, die ich zuhause habe.

1. SPR.:

Für Friedrich Pagel ist Erinnerung mehr als ein stilles Ge-Denken. Er will von seinem verstorbenen Sohn etwas sehen, er möchte etwas von ihm greifen, spüren, riechen. Nur so kann der Verstorbene lebendig bleiben. Der kleine Hausaltar ist der Mittelpunkt der Wohnung. Wenn Friedrich Pagel auf die Fotos schaut und die Kleidungsstücke berührt, dann weiß er: Peter, sein Sohn, ist ganz nahe:

O TON, 0 50″.

Und ich muss ganz ehrlich gestehen: Meine Frau ist sehr schwer krank. Ich hab ein schweres Los zu Haus aufgrund der Erkrankung meiner Frau. Und manches Mal stehe ich vor dem Bild von unserem Sohn, und rede mit ihm. Und dann unterhalten wir beide uns. Ich habe folgendes gehabt: Aufgrund der Erkrankung von meiner Frau  ging es mir auch nicht so gut, also da hatte ich innerlich das Gefühl gehabt: Jetzt machst du Schluss. Ich wollte Schluss machen. Und in dem Moment, wo ich diesen Entschluss hatte: Da habe ich in Gedanken meinen Sohn vor mir gesehen, und da hat er  gesagt: Mach es nicht, die Mutter braucht dich.

1.SPR.:
Lebende sind mit den Toten verbunden: Eine Weisheit, die schon den Menschen in sehr alter Zeit, etwa in Ägypten, vertraut war. Für die Mehrheit der Menschen, gleich welcher Religion und Weltanschauung, ist eines klar:   Der Geist strebt über das Irdische hinaus; er reicht ins Unendliche hinein, in den Bereich, wo die Toten gut aufgehoben sind. Es muss also nicht Ausdruck magischen Denkens sein, wenn sich auch heute Menschen mit „ihren“ Verstorbenen innig verbunden fühlen. Nicht nur auf dem Friedhof. Sie wollen zum Beispiel Urnengefäße mit der Asche ihrer Lieben bei sich zu Hause bewahren und pflegen. Zahlreiche Bestatter werden immer wieder mit diesem Wunsch konfrontiert. Wolfgang Litzenroth ist Geschäftsführer im Großhamburger Bestattungsinstitut GBI:

O TON, 0 38″.

Grundsätzlich ist das aus meiner persönlichen Sicht etwas, was ich befürworte.  Wenn jemand im Umgang in dieser Form mit den Verstorbenen, mit der Asche, einen persönlichen Weg glaubt zu finden, Trauer zu bewältigen, finde ich es richtig. Ich stelle mir den Fall, wo die Kinder beispielsweise durch berufliche Mobilität über ganz Deutschland oder wohin auch immer verstreut sind, hätte man theoretisch die Chance, die Urne mitzunehmen. Was man nicht unbedingt machen muss, aber die Möglichkeit wäre gegeben. Wer glaubt auf diesem Wege individuell so umzugehen zu wollen, der soll es tun dürfen.

1. SPR.:
Auch wenn es bislang nicht erlaubt ist, eine Urne mit der Asche eines Angehörigen zuhause aufzustellen:  Die Sehnsucht nach irgendeiner  körperlichen Nähe zu Verstorbenen, und sei es nur zu einem Kleiderfetzen, ist ungebrochen.Und: immer mehr Menschen wollen heute auch von den Lebenden, den heimlichen Geliebten z.B., dem besonders nahestehenden Verwandten oder dem angebeteten Star  persönliche Gegenstände bei sich haben und besitzen. Ein neues Thema auch für Kulturwissenschaftler, betont Jörg Richter, Museums-Kurator in Halberstadt:

O TON, 0 45″.

Das Versteigern von Kleidungsstücken berühmter Sänger, von Rockgruppen. Das Werfen von T-Shirts von Fußballstars in die Menge, das Weitergeben von Haarlocken. Ich denke es gibt sehr viele Leute, die eine Locke von ihrem Kind in der Brieftasche mit sich herumtragen oder den ersten Milchzahn und dergleichen. Das ist wieder so ein Punkt, wo die Erinnerung allein nicht reicht. Ich möchte ein Dinge haben von einem Idol. Und mir genügt nicht, von diesem Idol zu wissen oder von ihm zu lesen. Sondern ich möchte das Idol wirklich vertreten haben durch eine Sache.

1. SPR.:

So werde ich selbst durch die materielle Gegenwart des anderen bestärkt und erbaut, könnte man fortfahren…Und vor allem: Ich werte mich selbst auf, wenn ich wertvolle Gegenstände meines angebeteten Idols in der Wohnung habe. Und ich kann die Haare, die Milchzähne meiner Kinder wie  schützende Amulette erleben. Wer rechtzeitig zu sammeln beginnt und die Überreste von Berühmtheiten erwirbt, macht zudem eine gute Kapitalanlage: Der Theologe und Historiker Professor Arnold Angenendt erinnert sich an eine Begegnung mit dem Künstler Joseph Beuys:

O TON, 0 21″.

Ich war mal in Kassel bei der Dokumenta. Und da hat Beuys einen Box-Kampf gemacht, natürlich nur zur Show, und anschliessend wurden die Box Handhandschuhe verkauft. Die lagen bei 50 Mark. Hätte ich da geschrieen: „Hier!“ – Ich hätte heute eine Reliquie von unendlichem Wert.

1. SPR.:
Die bekannte Photo-Galerie „Camera-Work“  in Berlin-Charlottenburg  präsentierte kürzlich eine Ausstellung über John F.Kennedy und Jackie . Die Besucher wurden schon draußen, im Hofdurchgang in die Welt des immer noch hoch verehrten amerikanischen Präsidenten eingestimmt:

O TON, ATMO,

1. SPR.:
Die vielen Schwarz-Weiss-Fotos von der Kindheit bis zur Ermordung John F. Kennedys fanden eine leibliche, eine materielle Ergänzung: Denn zu bewundern waren auch ein alter Lederkoffer, an dem die Spuren der vielen Reisen noch deutlich sichtbar sind sowie Briefe, Postkarten, Unterschriften. Auch ein schwarzer Hut aus persischem Lammfell, ein Lieblingsstück von Jackie Kennedy , stand in einer Vitrine – Reliquien einer Großmacht-Dynastie. Weil der Begriff „Reliquien“ auf religiöse Vorbilder, auf Heilige, festgelegt ist, sprechen Kulturwissenschaftler   und Auktionshäuser eher von „Memorabilien“, von weltlichen Erinnerungsstücken. Loredana Nemes ist Mitarbeiterin bei „Camera-Work“:

O TON, 0 54″.

All diese Fülle von Fotografien wird ergänzt von den Memorabilien, den persönlichen Objekten von John F Kennedy und Jackie, die Einblick in private Bereiche geben, wie die Kleidung von Jackie, die Mode. Dann aber auch Politisches vom Wahlkampf, die Aktentasche, die sehr viel für John F Kennedy bedeutet hat, die er bis zum letzten Tag dabei hatte. Es aktiviert alle Sinne: Man kann sie riechen, das Alter ist zu sehen und zu riechen. Man kann sie anfassen. Es sind moderne Reliquien, denn sie weisen auf Augenblicke hin, die vergangen sind, deren Form aber aktiviert werden kann.

1. SPR.:
Aber die Faszination hat ihren Preis: Grosse Auktionshäuser wie Sotheby’s haben längst Memorabilien im Programm,  etwa die Gitarre von Jimmy Hendrix. Auch das Leichtuch von Eva bzw. „Evita“  Peron fand einen potenten Käufer: Für 130.000 Euro hängt die letzte Hülle der  argentinischen Staatsfrau  jetzt in der Wohnstube irgendeines deutschen Millionärs!  Bescheiden hatte das Geschäft begonnen – im Jahr 1988 war  der Frisier-Mantel von Kaiserin Sissi noch für ganze 5000 Mark zu haben.  Für Stücke von John F Kennedy werden hingegen astronomische Summen geboten.

Die Leidenschaft des Sammelns ist offenbar wie jede andere Leidenschaft von der Vernunft nicht zu zügeln. Denn niemand kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass das ersteigerte Objekt, die Memorabilie, wirklich von dem verehrten Star selbst stammt. Im Falle Kennedys sind die Käufer vor allem auf die Zuverlässigkeit der Privatsekretärin des ermordeten Präsidenten verwiesen: Auf Evelyn Lincoln. Lorena Nemes:

O TON, 0 27″.

Gewiss können auch alle diese Papiere, die Zettel zum Beispiel auf denen J.F. Kennedy seine Unterschrift übt, um beste Weihnachtsgrüsse zu übersenden. All das kann gefälscht sein. ( Da war) In Evenlyn Lincolns Besitz haben sich viele dieser Objekte befunden, und man muss denke an einer Stelle anfangen zu glauben, sonst ist es schwer, in diese Bereiche einzutauchen.

 

O TON, Lied aus Frühmittelalter zu Ehren der Märytrer.

1. SPR.:
Auf den Glauben kommt es an… Schon im Mittelalter, als der Handel mit Reliquien florierte, beruhigten die französischen Bischöfe ihre besorgten Gläubigen:

Zitator:
Selbst wenn die verehrten Reliquien, etwa der Knochen des Heiligen Martin oder der Stofffetzen aus der Kutte des Heiligen Franziskus, nicht echt sein sollten: Ihr Gläubigen könnt auch diese mutmasslich unechten Reliquien verehren. Denn die Verehrung der Heiligen fördert allemal eure Frömmigkeit!

Lied aus Frühmittelalter zu Ehren der Märytrer.

1. SPR.:
Mit  Gesängen wie diesem forderten mittelalterliche Mönche zur Verehrung der Märtyrer auf. Die Geschichte der Verehrung und der Suche nach christlichen Reliquien beginnt allerdings noch viel früher:   Im Jahre 167 begannen die ersten Christen, Reste und Überbleibsel des hochverehrten Heiligen Polykarp zu sammeln;  sie wurden wie „Edelsteine verehrt“, heisst es in einem Brief aus dieser Zeit. Seit dem 2. Jahrhundert gibt es also den christlichen Reliquienkult, er hat im Hochmittelalter seine Blüte erlebt; bis heute prägt er die Frömmigkeit der katholischen Kirche. Die Knochen der Heiligen, vor allem der Märtyrer, zu berühren – das war für das ewige Seelenheil genauso wichtig wie die regelmässige Teilnahme an den Sakramenten. Der Theologe und Historiker Professor Arnold Angenendt aus Münster ist Deutschlands „Reliquien-Spezialist“:

O TON, 0 23″

In den Gebeinen steckt die Kraft der von Gott geheiligten Seele im Himmel. Wenn man die Gebeine anrührt, dann holt man die Kraft in sich hinein. Das ist das theologische Konstrukt. Das ist gar nicht ur- christlich, das irgendwann da, das ist menschlich sehr gut verständlich. Aber eine Sonderform dessen, was allgemein unter Menschen mit Reliquien ist.

1. SPR.:
Die Christen haben den Kult der Reliquien weltweit gefördert und einen florierenden Handel mit den heiligen Überresten entwickelt: Bis zum 10. Jahrhundert wurde nur der unversehrte Leichnam verehrt, danach begann  die konsequente Zerstückelung der toten Gebeine. Jede Kirche, die etwas auf sich hielt, wollte im Besitz einer Reliquie sein. Mangels Masse an heiligen Skeletten blieb also nur die Zerlegung.  Von Bischof Bernward von Hildesheim wird berichtet, wie er im Jahr 996  bei einem Besuch in Rom einfach den Sarkophag des Heiligen Timotheus öffnete und in aller Eile einen Arm des Heiligen heraus brach. Er folgte damit allerdings nur der Tradition anderer Bischöfe, die vor allem in den römischen Katakomben Leichenteile plünderten und raubten. Seit dem 11. Jahrhundert werden mit grosser Selbstverständlichkeit die Häupter der Heiligen abgetrennt, Beine abgehackt oder bloss  Füsse und Hände: Der angesehene Theologe Thomas von Aquin wollte unbedingt einige Zähne der geistvollen Nonne Liutgard von Tongern besitzen: 16 Zähne wurden nach deren Tod herausgebrochen und dem Theologen zur Verehrung übergeben. Später wurde Liutgard heilig gesprochen.

Mittelalterliche geistliche Musik, darüber

Zitator:

Selbst in noch kleinen körperlichen Bruchstücken ist der Heilige GANZ anwesend.

1. SPR.:

So rechtfertigten die Bischöfe ihre Praxis der Leichenzerstückelung:  Schwierig wurde es nur, wenn jemand  wagte, in diesem Zusammenhang an ein Grund-Dogma, nämlich die leibliche Auferstehung eines jeden Christen, zu erinnern: Dennn wie finden die vielen in alle Welt verteilten Körperteile im Moment der Auferstehung zueinander? Eine Frage, die leider unbeantwortet blieb. Aber das störte die Reliquien-Euphorie keineswegs im Zuge der  Kreuzzüge ergoß sich ein wahrer Strom von Reliquien aus dem Nahen Osten nach Mitteleuropa. Seit dem 16. Jahrhundert kursierte landauf, landab der Scherz:

Zitator:
Es gibt so viele Splitter vom Kreuze Christi, dass man damit ein grosses Segelboot bauen könnte.

1. SPR.:
Mühsam war es, Reliquien von Maria, der Mutter Jesu, zu finden: Nach dem Glauben der Katholiken wurde sie ja leiblich in den Himmel aufgenommen. Der katholische Theologe und Historiker Arnold Angenendt schreibt:

Zitator:
Weil es also keine eigentlichen Körper-Reliquien gab, musste man sich mit Haaren, Zähnen und Nägeln Mariens begnügen. Sogar angebliche Muttermilch Mariens wurde verehrt. Gleich in vier verschiedenen Kirchen Europass wurde ihr Hemd und ihr Gürtel den Gläubigen dargeboten.
Die Reliquien bedeutender Heiliger galten als das größte Schmuckstück einer Stadt: Wallfahrten wurden organisiert, Herbergen errichtet,  und das Geschäft mit frommen Andenken, den Devotionalien,  florierte. Auch  Halberstadt – im heute gar nicht mehr so frommen Land Sachsen-Anhalt – profitierte von den Besuchen der Reliquien-Freunde. Im dortigen Domschatz gibt es zahlreiche heilige Überbleibsel, die in „Reliquiaren“, in eigens gestalteten Kästen, aufbewahrt werden: Jörg Richter ist dort Kustos:

O TON, 0 57″.

Diese Reliquiare wurden spätestens seit dem 15. Jahrhundert in einem grossen Schrank auf dem Hauptaltar des Doms aufbewahrt. Dieser Schrank war die längste Zeit des Jahres geschlossen. An wenigen hohen Feiertagen im Jahr wurde dieser Schrank dann geöffnet. Die Reliquiare heraus genommen, dem Volk gezeigt. Teilweise wurden die Reliquiare auch durch die Stadt getragen noch zu anderen markanten Punkten oder in andere Kirchen hinein. Das ist also wirklich noch bis in die Neuzeit gepflegt worden, diese Praxis. Weil es neben den katholischen Domherren immer weiter einen katholischen Bevölkerungsanteil hier in Halberstadt gegeben hat.

ATMO in LISIEUX

1. SPR.:
Nach Turin zieht es die frommen Toursiten bis heute wegen des „Leichtuches Jesu“, wegen des „Heiligen Rocks“ pilgern sie nach  Trier. Auch nach Lisieux in der Normandie strömen alljährlich 800.000 Wallfahrer. Sie verehren die Heilige Thérèse, die als junge Ordensfrau hier im Jahre 1897 starb und schon 1925 heiliggesprochen wurde. Sie gilt als die Mystikerin für das 20. Jahrhundert. Auch auf Deutsch werden den Pilgern die Reliquien in den Vitrinen erläutert:

O TON, 0 22″.

Am 10. Januar 1889,  vor der Einkleidung mit dem Habit des Karmels, trug sie ein weisses Kleid und diese Schuhe. Die Stola des Priesters ist aus dem Stoff ihres Kleides gefertigt. Nach dem Brauch des Karmels wurden Theresa die Haare geschnitten, und,  wie es manches mal geschah, aufbewahrt.

1. SPR.:

Reliquien gibt es in unterschiedlichen Bedeutungs-Graden: Am wertvollsten sind die Körper-Reliquien, Knochen zumeist. Gegenstände, die ein Heiliger irgendwann einmal anfasste, gelten als die eher zweitklassigen „Berührungsreliquien“:

O TON,  033″. 

Um Bilder zu malen, hat Theresa die Palette und den Malkasten benutzt, die auf dem Tisch stehen. Das kleine Gemälde in der Vitrine ist von Theresas gemalt worden, die sich von einem Bild inspirieren liess, das sie in ihrer Zelle hatte.

O TON, Musik zu Therese von Lisieux

1. SPR.:
Ein Lied, das zu Ehren der heiligen Nonne Thérèse von Lisieux weltweit verbreitet wird. Teile ihres toten Körpers werden seit 50 Jahren immer wieder auf Tournee geschickt: Von Russland über Indien, von Brasilien bis nach Deutschland wurden Reliquien der Nonne transportiert, damit die Frommen direkten Zugang zur Heiligen haben. Direktor des Pilgerzentrums in Lisieux ist Prälat Bernard Lagoutte

O TON, 0 39″

Zitator.:

Die Reliquien von Theresa gehen in die ganze Welt. Und das ist eine einmalige Erfahrung. Gerade heute landen die Reliquien auf dem Pariser Flughafen Roissy; sie kommen gerade aus Kolumbien zurück. In Kolumbien ist Theresa in die eher friedlichen Regionen gegangen, aber auch in die gefährlichen Gebiete. Wir haben Berichte, dass auch Guerilleros zu den Reliquien Theresas gekommen sind, um sie zu verehren. Also das ist schon erstaunlich: Eine bescheidene fromme Frau, im Alter von 24 Jahren gestorben. kann noch immer eine Inspiration sein zur Liebe, zur Solidarität und zur Friedensstiftung.

1. SPR.:
In Afrika haben selbst katholische Bischöfe ihre Probleme mit den herum-reisenden Reliquien. Ihr Argument:  die Knochenreste könnten bei den neugetauften Christen wieder die alten, die heidnischen und magischen Vorstellungen wachrufen. Prälat Lagoutte aus Lisieux  wurde  kürzlich in Westafrika damit konfrontiert – doch er berichtet, er habe dort andere Erfahrungen gemacht:

O TON, 0 42″.

Die Leute sind gekommen, um die Reliquien zu berühren. Sehr schnell verliert man dabei eine magische Mentalität. Es ist im Letzten das Herz von Theresa, das berührt: Es ist nicht eine physische Masse, nicht der Knochen rührt uns an. In Afrika ist das allerdingsso. In diesem Jahr waren die Reliquien in Benin. In einem Dorf kamen die Leute, um die Reliquien zu berühren: Der Bischof hatte seine Bedenken. Tatsächlich ist es aber anders: Nicht die Knochen interessieren, sondern Theresa spricht in ihrer Seele zu uns.

O TON, frühmittelalterl. Gesang

1. SPR.:
Angesichts des Reliquienkultes ist es gar keine Frage: Das Mittelalter lebt in der Katholischen Kirche ungebrochen fort. Erst vor wenigen Tagen hat z.B. Papst Johannes Paul II. voller Stolz verkündet, dass er in seiner Privatkapelle die Urne mit den sterblichen Überresten des Heiligen Augustinus aufstellen will: Die Knochenreste des grossen Kirchenlehrers aus dem 4. Jahrhundert werden mit einer eigens gecharterten Militärmaschine vom alten Standort Pavia direkt in die Heilige Stadt geflogen. Wer Reliquien sucht, muss allerdings weder nach Rom,  noch nach Trier oder zum Kölner Dom reisen: Sie sind unter jedem Altar in jedem grösseren katholischen Gotteshaus zu finden. Das habe seinen guten Grund, erläutert Prälat Ewald Nacke von der Päpstlichen Nuntiatur in Berlin:

O TON, 0 40″.

In der Apokalypse gibt es eine Stelle, an der es heisst: dass die Seelen der Märtyrer eintreten für die Kirche, für die Gemeinde. Unter dem Altar, wo jetzt das Opfer Christi gefeiert wird, da sind sie gegenwärtig. Und von da aus diese Verbindung. Das ist nicht zwingend, aber so eine uralte Tradition, von Anfang praktisch. Und das wird auch hier dann fortgesetzt. Das schließt nicht aus, dass auch an einer anderen Stelle die Eucharistie gefeiert werden kann. Nur da, wo ein fester Altar da ist, sind auch Reliquien von Heiligen, besonders von Märtyrern.

1. SPR.:
In der privaten Hauskapelle der Nuntiatur in Berlin-Kreuzberg gibt es neben zwei Überbleibseln römischer Märtyrer auch eine ganz besonders wertvolle Reliquie:

O TON, 0 19″.

Die dritte Reliquie, die wir hier haben, ist eine Reliquie des Heiligen Bonitatius, des ersten Apostels Deutschlands, vor 1250 Jahren war sein Todesjahr. Und er soll deutlich machen, dass wir für dieses Land hier arbeiten und tätig sind.

1. SPR.:
Die Echtheit einer Reliquie wurde früher durch die sogenannte Feuerprobe erwiesen: Authentische Reliquien widersetzten sich der Feuersbrunst und gingen unversehrt aus den Flammen hervor. Bei den Knochenresten des Heiligen Bonifatius ist diese Feuerprobe allerdings überflüssig:

O TON, 0 17″.

Die Authentizität steht nicht in Frage. Der Leichnam des Heiligen Bonifatius wurde nach seiner Ermordung zurückgebracht in das Kloster Fulda, das er sich als Ort seines Begräbnisses gewünscht hat. Und die Authentizität steht nicht Frage.

1. SPR.:
Weltweit werden ständig neue katholische Kirchen gebaut, schliesslich sollen die mehr als eine Milliarde Katholiken geistlich versorgt werden. Werden die  Reliquien also nicht irgendwann knapp? Weit gefehlt, erwidert Prälat Ewald Nacke:

O TON, 0 17″.

Es gibt ja immer auch Heilige, die neu heilig gesprochen werden. Und auch von ihnen gibt es ja Reliquien. Es gibt etwa Reliquien von Mutter Theresa, zum Beispiel Tropfen Blut, die auf einem Kleidungsstück dann erhalten sind.

O TON, aktuelle Kirchenmusik aus Lateinamerika

1. SPR.:

Es gibt heute auch einen politisch gefärbten Reliquienkult: Er steht im Dienst der Befreiung der Armen! Wenn Katholiken in El Salvador ihre Kirchenlieder singen, denken sie an Erzbischof Oscar Roméro oder den Jesuitenpater Ignacio Ellacuría: Sie wurden von den Militärs erschossen, weil sie sich für die liberación, die politische Befreiung, einsetzten. Von diesen Vorbildern werden auch Reliquien bewahrt und verehrt, betont der Theologe Ludger Weckel aus Münster. Er hat mehrmals El Salvador besucht:

O TON,  1 12″.

Also das offensichtlichste Phänomen ist, dass es viele Orte gibt, die nach diesen  Märtyrern benannt werden, nach diesen aktuellen Märtyrern der letzten 20 30 Jahre. Es gibt  dann eine weitere Form der jährlichen Erinnerung, es gibt die Jahrestage. Der Romero Tag ist nach wie vor ein Erinnerungstag und ein Tag des Protestes gegen die Ungerechtigkeit. Ich denke, das ist so die Form der offensichtlichen Erinnerung. Die Bücher und die Handschriften werden dann an speziellen Orten aufbewahrt, zum Beispiel  gibt es ein kleines Museum in der Jesuiten Universität in San Salvador, wo Gegenstände der ermordeten Jesuiten aufbewahrt werden, auch Gegenstände Romeros. Es gibt kaum ein katholisches Haus, und die Mehrheit ist immer noch katholisch, die Hütten mögen noch so klein sei, es gibt überall ein Bild von Romero oder einen Spruch, einen Satz von Romero.

1. SPR.:

Wahrscheinlich ist die Verehrung stofflicher Überreste so tief in die Seelen vieler Menschen eingeschrieben, dass der Kult der Reliquien noch lange fortbestehen wird. Für viele protestantisch geprägte Theologen aber ist klar: Die Verehrung von heiligen Knochen ist Ausdruck einer veräusserlichten Form des Glaubens: Nicht die heiligen Gebeine sollen verehrt werden, sondern einzig und allein Gott, der Unendliche und Unsichtbare. In einer eher modernen katholischen Theologie zeichnet sich heute hingegen ein typisches und sanftes „Ja-Aber“  den Reliquienkulten gegenüber ab. Professor Arnold Angenendt:

O TON, 0 40″

Die grosse Versuchung etwa aller Sachen-Orientierten Religionen besteht in Folgendem: Ich nehme die Sache und bin geheilt.. Ich berühre den Heiligen Knochen, und brauche  anschliessend nichts mehr zu tun. Ich hab das Himmelreich sicher. Das ist das Problem, dagegen hat sich die Reformation immens und mit Recht gewendet. Die Aufklärer haben das dann lächerlich gemacht, die Naturwissenschaftler haben gesagt: „Da steckt doch keine Seel drin, keine heilige Kraft, tot ist tot.“ Das löst das Problem ja auch nicht.  Solange eine Reliquie dann dazu führt, dass man die Erinnerung an eine Person wach hält, dann wird einem diese Person noch mal wieder mehr deutlich. Nur so ist das eine gute Reliquie.

copyright: christian modehn